Julia Friedrichs

Gestatten:
E ite
Auf den Spuren der
Mächtigen von morgen
I Hoffmann und Campe I
Meinen Eltern
In einer Reihe von Fällen wurden Namen und
charakteristische Merkmale von Personen zum
Schutz Von deren Persönlichkeitsrechten geändert.
1. Auflage 2008
Copyright © 2008 by
Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg
WWw.hoca.de
Satz: Dörlemann Satz, Lemförde
gesetzt aus der Minion Pro und der !Tc Bookman
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN 978-3-455-50051_6
Ein Untmlt!a1lletr. der
GANSKE VERLAGSGRUPPE
Ich lerne die Elite kennen
Wollen wir wieder Elite?
Die »Top-Adresse für die
Führungselite von morgen«
In der Parallelwelt
Nur kein Niedrigleister sein!
EDEKA - Ende der Karriere
Heiße Luft
Das große Umdenken
Die Elitisierung
Die Besten oder die Reichsten?
Der Chef der Elite
Gewinner und Verlierer
Der Lebenslaufforscher
Die Elite-Akademie
INHALT
9
14
16
21
26
31
33
35
39
46
54
68
71
78
Der Stolz des Freistaats
97
Differenzierung
105
Der Kampf um die vorderen Plätze
107
Elite mit Migrationshintergrund
116
Schwarzekarte
127
Die Schulen der Elite
136
Mathe: ausreichend. Elite: sehr gut
138
Tradition zu verkaufen
161
Die Politiker von Salem
165
Karrierecoach für Teenager
174
Der Maulwurf
184
Die alternative Elite
195
Looking for Harvard
218
Die Elite feiert
229
Unter Gewinnern
234
Abschied Von der Elite
241
Dank
249
Die Stationen der Reise im Überblick
251
Literatur
255
You'll never live like common people.
You'll never do whatever common people do.
You'll never faillike common people.
You'll never watch your life slide out of view.
PULP, COMMON PEOPLE
ICH LERNE DIE ELITE KENNEN
Die Elite trat in einem griechischen Luxushotel in mein
Leben. Sie hieß Mario und war knapp dreißig, also nur
wenig älter als ich. Außer demselben Geburtsjahrzehnt
hatten wir nicht viel gemeinsam. Mario kannte solche
Abende. Er trank, redete, lachte - gleichzeitig. Ohne inne-
zuhalten. Er war makellos, ohne Selbstzweifel, siegessicher.
Ich saß in einem Karo-Rock, der ständig verrutschte,
neben ihm. An den Füßen Stiefel, die ich mir geliehen
hatte. Während unseres Gesprächs drehte ich eine Haar-
strähne um den Zeigefinger. Wie immer, wenn ich nervös
bin. Im Gegensatz zu ihm gehörte ich nicht hierher.
Nicht in diese Fünf-Sterne-Idylle. Unterhalb unseres
Tisches brannten Fackeln, junge Menschen saßen am
Hotelpool, dahinter leuchtete der angestrahlte Poseidon-
Tempel. Direkt darunter lag das Meer. Dieser Ort war
einer der schönsten, die ich seit Langem gesehen hatte,
und dennoch fühlte ich mich unwohl wie selten.
Ich war in Griechenland, weil ich mich bei McKinsey,
der weltgrößten Unternehmensberatung, beworben hatte.
McKinseygehört zu den Mächtigen der neuen Wirtschafts-
welt. Die Firma hatte im Dezember 2006 vierzehntausend
Mitarbeiter weltweit, machte 600 Millionen Euro Umsatz
9
allein in Deutschland. McKinsey baut Unternehmen um.
Behörden. Staaten. Zehntausend junge Deutsche wollen je-
des Jahr dazugehören und schicken ihre Bewerbung. Ein
bis zwei Prozent davon bekommen einen Job. Das McKin-
sey-Auswahlverfahren gilt als das härteste der Welt.
Und an diesem Auswahlverfahren nahm auch ich teil.
Nicht weil ich bei McKinsey anfangen wollte, sondern zur
Recherche. Ich arbeitete als freie Journalistin und war kurz
davor, mein Studium zu beenden. Ich war fünfundzwan-
zig, also genau in dem Alter, das für McKinsey interessant
ist. Die Berater der Firma sind nicht nur mächtig, sondern
auch diskret. Sie wickeln ihre Aufträge im Stillen ab, selbst
wenn es darum geht, Arbeitsämter, Krankenhäuser und
Universitäten umzubauen. Aufkritische Fragen antworten
sie ungern. Deshalb wollte ich mir das Unternehmen von
innen ansehen. Ich wollte wissen, wer diese Menschen sind,
wie sie ausgewählt werden. Deshalb hatte ich mich bewor-
ben. Ich hatte nie gedacht, dass ich genommen würde.
Und dann saß ich in diesem Hochglanzhotel am Meer.
McKinsey hatte mich und hundertzwanzig andere Studen-
ten aus Europa zu einer Segeltour eingeladen. Das Ganze
war ein Edel-Assessment-Center. Unsere große Chance
zum in die Welt der Berater, sagten die meisten.
McKinseyzeIgte uns in Griechenland das schöne Leben. Je-
der in einem eigenen Bungalow mit Blick aufs
segelten zu siebt aufkleinen Jachten in der Ägais.
WIr feIerten eine rauschende Party. M Kin b h .
D . c sey uc teemen
. J Athen und Barmänner, die mit Cocktailshakern
Vier Tage lang liefVor unseren Augen ein Wer-
efilm für das schöne und coole Leben der Berater ab.
Außerdem wurde u . d'
D
. ns m lesen vier Tagen in kleinen
osen dIe McKin Phil .
sey- OSOphle verabreicht. Uns wurde
10
gesagt, wir seien brillant. Wir seien die Besten. Die, die
das Potenzial hätten, Europas neue Führungsgenera-
tion zu werden. Wer es schaffe, zu ihnen zu gehören, sagte
McKinsey, sei ein Gewinner. Elite.
Mario war einer von vierzig Beratern, die mit uns im
Hotel wohnten. Immer wieder setzten sie sich zu uns, um
uns von der Welt der Mächtigen und Erfolgreichen zu be-
richten, die auf uns wartete. Mario war kein Date. McKin-
sey bezahlte ihn dafür, dass er mit mir Wein trank, dass er
mir Heldengeschichten erzählte, wie ich sie noch nie zuvor
gehört hatte. Er erklärte mir das Leben der Elite.
Er habe gerade eine große europäische Fluglinie sa-
niert, sagte er. Kosten reduziert, Leute entlassen. Die hätten
sich ganz schön gesperrt. Aber er hätte alle Widerstände
gebrochen. Jetzt sei der Laden wieder fit. Und wieder trank
er, lachte und gestikulierte. Er war so beschäftigt mit sich
selbst, dass er erst sehr spät merkte, dass ich seine Ge-
schichte nicht mochte. Dann verstand er und schaute mich
an, als hätte er erkannt, dass ihm kein »High Potential« ge-
genübersaß.
»Es gibt Menschen«, sagte er, »die sind oben - das sind
Gewinner. Und Menschen, die sind unten - die Verlierer.
Pass auf«, riet er mir, »dass du im Leben zu den Gewin-
nern gehörst.«
Ich hätte eine von ihnen werden können. Zurück aus
Griechenland, lud mich McKinsey zu einem Auswahltag
am Berliner Kurfürstendamm ein. Ich rechnete mich
durch Tests und löste Case Studies, wie die Berater ihre
Beispie1f<ille nennen. Ich musste mir sagen lassen, dass ich
gern bluffe und manchmal etwas aggressiv sei. Obwohl es
ja nur eine Recherche war, entwickelte ich plötzlich den
11
Ehrgeiz, diesen Auswahltest um jeden Preis zu schaffen.
Am Ende hielt ich einen Vertrag in der Hand. McKinsey
bot mir 67000 Euro Einstiegsgehalt und einen Dienstwa-
gen - meine Eintrittskarte in die Welt der Elite. Als ich das
schicke Büro verließ, das Papier, das so viel Geld bedeuten
könnte, in der Hand, war ich drauf und dran zuzusagen,
mich vom Journalismus zu verabschieden und das zu
werden, was McKinsey unter Elite versteht. Ich zögerte
und zauderte, aber ich sagte Nein.
Ich verließ MCKinsey, ohne eine von ihnen geworden
zu sein. »Gerade noch rechtzeitig«, sagten meine Freunde.
Aber zu spät, um Mario vergessen zu können.
Aus dem griechischen Luxushotel kehrte ich in meine
Wohngemeinschaft nach Berlin zurück. Hier hatte sich
nichts verändert. Links der Plattenladen, rechts der Wohn-
wagen, in dem man Hamburger kaufen kann, dazwi-
schen, im Hinterhof, in einem roten Backsteinbau in
demvor einemJahrhundert Tortenböden hergestellt
de.n, unsere WG. Seit drei Jahren lebe ich hier. Zusammen
mit den vier anderen. Theo hat die Wohnung vor fast
zehn Jahren entdeckt. Er hat sich Ende der Achtziger in
der Kommunikationsbranche selbstständig gemacht Ge-
sundheitliche Probleme warfen ihn d d B' h
. .. ann aus er a n.
Zeit versucht er, Wieder Fuß zu fassen. Vorne
mM: direkt neben der Eingangstür, lebt Jan. Vielleicht ist
edr ZWanZig, Vielleicht schon dreißig. So genau weiß
as memand Jan ti· t .
. . . eier semen Geburtstag nicht. Er sagt
es sei keIn Festtag D' E d . '
11
J h
. le r e sei auch ohne ihn schon zu
vo . an at Mathem tik d'
ist e T h a stu lert, sogar in Singapur. Jetzt
. r tler und politischer Aktivist. Mal organi-
siert er eIne Kampa '.
gne gegen die Pnvatisierung der Bahn,
12
mal plant er eine Aktion gegen den Klimawandel oder
Genmais.
Gegenüber von Theos Tür wohnt Hanna. Sie ist blond,
klug und ziemlich ehrgeizig. Hanna will Juristin werden.
Spezialistin für Völkerrecht. Sie träumt davon, eines Ta-
ges als Delegierte des Roten Kreuzes im Kongo für die
Menschenrechte einzutreten. Dafür braucht sie - die Welt
der Juristen ist eine eigentümliche - unbedingt neun
Punkte im Examen. Weil das im ersten Anlauf nicht ge-
klappt hat, lernt sie jetzt alles noch einmal. Seit einem
Jahr. Und hinten links wohnt Tom. Mein Freund. Auch er
hat mal Jura studiert. Bis ihm nach vier Jahren einfiel,
dass das die falsche Wahl war, und er sich für ein Journa-
listikstudium entschied. Er arbeitete im Bundestag, dann
beim Radio. Jetzt ist er an der Uni, allerdings in Hamburg.
Drei Tage pro Woche verlässt er uns und wohnt in einer
anderen WG. Mit zwei Mädels in St. Georg, direkt hin-
term Hauptbahnhof.
Als ich von meiner Absage erzählte, atmeten die ande-
ren auf. Für sie wäre eine Unterschrift so etwas wie mein
Einverständnis zu einer feindlichen Übernahme gewesen.
Tom wollte sogar schon besorgniserregende Charakter-
veränderungen an mir festgestellt haben. Ich sei so betont
cool geworden, sagte er. Würde mich sogar bemühen, tie-
fer zu sprechen.
Als diese Gefahr gebannt war, wendete sich die WG
wieder ernsteren Problemen zu. Wir hatten Mäuse, seit
Wochen schon. Wieder einmal diskutierten wir über
mögliche Lösungen: Genickschlag oder Lebendfalle? Wie-
der einmal konnten sich Pragmatiker und Tierfreunde
nicht einigen. Wir berieten über Alternativrnöglichkeiten
der Mäusebekämpfung, wir recherchierten im Internet,
13
wir vertagten das Problem. Und ich merkte, dass der Flirt
mit McKinsey doch seine Spuren hinterlassen hatte. In
meinem Kopf marschierten Kompanien von Fünfund-
zwanzigjährigen auf, angeführt von General Mario. Ihre
Mission: Gewinner zu finden, zu Eliten zu küren; Ver-
lierer zu entlarven, zu isolieren. Gemessen werden der
Leistungswille, die Einsatzbereitschaft und die Effizienz.
Unter »WG Kreuzberg« müssten sie notieren: »Drei Mee-
tings Zur Klärung des Mäuseproblems. Kein Ergebnis.«
Auf einmal sah ich meine Welt bedroht. »Denn Mario
hatte mir in der Nacht noch viel mehr erklärt: »Verlierer«,
hatte er gesagt, »sind meist unbeweglich.« Zum Wohle der
Allgemeinheit sei es die Aufgabe der Gewinner, die Ver-
lierer anzutreiben, Zur Not auch auszusortieren.
WOLLEN WIR WIEDER ELITE?
»Elite« - das Wort ließ mich nicht los. War es nicht mit
»Führer« und »Rasse« untergegangen? Hieß es nicht ein-
mal, .es passe nicht in einen demokratischen Wortschatz?
GewInner und Verlierer, Auserwählte und Masse, oben
und unten. Waren das nur für Mario Begriffspaare mit
denen man eine Gesellschaft strukturieren kann? '
Ich sitze in meinem Z' d .
Immer, en BlIckaufdie Frau im ro-
!ogginganzug gerichtet, die aus dem Vorderhaus stän-
dIg Richtung schaut. »Faul, wür-
Vie wohl sagen. Die Elite ist inzwischen überall
or mIr auf dem Boden l' . .
ten Artik In d" legt eIn Stapel aus Zeitschrif-
, e un Buchern d d .
Hocker ". ' er gera e von eInem kleinen
gesturzt 1St. Darin verbergen sich Hunderte Elite-
14
Zitate, die ich abgeschrieben oder ausgerissen habe. Meine
Sammlung ist beachtlich. Sie umfasst das Etikett eines
Beutels, der einmal ein Kilo »Elite-Tomaten« aus dem Kai-
ser's-Supermarkt enthielt, genauso wie ein Erinnerungs-
foto an Elite-Toiletten auf dem Feld vor dem Berliner
Olympiastadion.
Ich habe Bücher über die »Neue Elite«, »Eliten in einer
egalitären Welt«, ein »Plädoyer für eine Elite der Exzellenz«
gelesen. Ich kann ganze Elite-Bildungswege durchdekli-
nieren: Elite-Kindergarten, Elite-Schule, Elite-Uni. Dazwi-
schen immer wieder Politikerzitate. Ex-Kanzler Gerhard
Schröder forderte in seiner ersten Regierungserklärung:
»Auch unsere demokratische Gesellschaft braucht Eliten.«
Die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bul-
mahn (SPD) verlangte nach »Leistungseliten«. Und die
heutige Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte
stolz: »Ich habe schon von Elite gesprochen, als das andere
noch ganz schlimm fanden.« Da kann man nur gratulie-
ren. Auch ich bestehe stets darauf, schon Gola-Sneaker ge-
tragen zu haben, als andere die Marke noch nicht kannten.
Annette Schavan und ich hatten, jede auf ihrem Gebiet,
den richtigen Riecher. Fast jeder hat inzwischen ein Paar
Gola-Sneaker im Schrank, und mein Stapel beweist, dass
auch der Elite in den vergangenen fünf Jahren ein Sieges-
zug gelungen ist.
Als ich Mario traf, dachte ich, er sei nichts weiter als ein
selbstverliebter Karrierist. Einer, der alle mit »Leistung-
muss-sich-wieder-Iohnen«-Phrasen langweilt. Aber was
ist, wenn das nicht stimmt? Wenn er, ganz im Gegenteil,
Zur Avantgarde eines neuen Denkens gehört? Eines, das
Leistung lobt, Ehrgeiz und Selektion. Eines, das nach Elite
15
verlangt. Als Wunderwaffe gegen die deutsche Ratlosigkeit
und Resignation. Vielleicht ist er einfach angekommen in
einer neuen Zeit, und wir sitzen in unserer WG-Küche,
träumen von Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit
und haben nichts begriffen. Kämpft ein Teil meiner Ge-
neration schon längst für eine Renaissance der Eliten?
Wer soll dazugehören? Und wie will diese junge Elite
das Land verändern? Will sie, wie Mario, die Menschen
aufteilen: die Gewinner ins Töpfchen, die Verlierer ins
Kröpfchen?
Ich überlasse meine Sammlung zum Elitebegriff den
st.eten Blicken der Frau im Jogginganzug. Ich habe den
dass mich die bloße Lektüre nicht weiterbringt.
Ich will raus, will selbst sehen und hören ob eine neue
Elitegeneration heranwächst. Ich will was
das schillernde Wort tatsächlich bedeutet. Für die Elite.
Und damit f' I' h h"
na ur lC auc für uns. Ich recherchiere die
Standorte von Elite-Unis, Elite-Akademien, Elite-Stiftun-
gen und baue mir eine Reiseroute zusammen. Die Suche
kann beginnen.
DIE lITOP-ADRESSE F'OR DIE
F'OURUNGSELITE VON MORGEN«
Gleich die erste Etap fü' h ' .
. Z. pe rt mIch In die Provinz. Ich sitze
: ttl
ug
. Richtung Wiesbaden, von dort soll mich ein
u e In die Weinberg d Rh
Winkel d' e es eingaus fahren. Oestrich-
, as SIch stolz die PI' Rh
ist nämlich s .» er e 1m eingau« nennt,
Hauptstadt ; WIe Deutschlands heimliche Elite-
. Wo ausend Mensch 1b h'
achthundertf" f' . , en e en ler, davon
un Zlg mIt Ehteambitionen. Es sind die
16
Studenten der European Business Schoo!. Die private
Hochschule gibt sich selbst das Label »unternehmerische
Elitehochschule« und wirbt: Sie sei die »Top-Adresse für
die Führungselite von morgen«. Auch in Rankings oder
der Zeitschrift Karriere, dem Leitmedium der zukünftigen
Wirtschaftslenker, schneidet die »EBS« immer hervor-
ragend ab. Zwar klingt die Aufzählung Harvard, Oxford,
Oestrich-Winkel noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber
im Gegensatz zu den USA oder England hat Deutschland
ja mit der Elitepflege gerade erst begonnen. Die Absolven-
ten der EBS machen in der Welt, der ich gerade den Rü-
cken gekehrt habe, Karriere. Ein Drittel von ihnen geht in
die Beratung, ein Drittel in die Finanzbranche, davon viele
ins Investmentbanking. Glaubt man den Wirtschaftszei-
tungen, sind das die neuen Schaltstellen der Macht.
Bernd hatte mich ins Rheingau eingeladen. Er ist Studen-
tensprecher der EBS und immer beschäftigt. Als ich ihn
zum ersten Mal anrief, machte er gerade ein Praktikum bei
einer großen Investmentbank. Er meldete sich, und ich
war sicher, mich verwählt zu haben. Bernd klang, als wäre
er Mitte dreißig. Er sprach überlegt und kontrolliert, mit
tiefer Stimme, die früh gealtert zu sein schien. Vielleicht
geht sein Körper das hohe Tempo einfach mit, denn Bernd
lebt schneller als andere, »intensiver« nannte er das. Zwölf
bis vierzehn Stunden dauern seine Arbeitstage. Auch an
der Uni. »Es gibt während der Woche selten Phasen, in de-
nen ich nichts mache«, sagte Bernd, und ich schämte mich,
mit ihm nur ein wenig plaudern zu wollen. über Elite.
Bernd hatte ein recht klares Bild von der Elite. Elite,
sagte er in unserem Gespräch, das seien Menschen, die
vordenken, die Entscheidungen treffen, die alles ein biss-
17
chen besser machen. Nicht für sich, sondern für die All-
gemeinheit, schob er nach. »Elite tut jedem Land gut.«
Bernd plante, Karriere in einer Investmentbank oder
einer Unternehmensberatung zu machen.
Wie genau wollte er damit der Gesellschaft nützen?
Bernd sprach lange von den Besten, die die ande-
ren mitziehen könnten, von Leistung, die anspornt, von
Gleichmacherei, die das lange verhindert habe. »Wenn
wir in Deutschland vorankommen wollen, dann geht das
nur, wenn wir eine starke Spitze haben.« Deshalb müsse
man die Starken auch fördern. »Denn nur, wenn man die
Starken noch stärker macht, kommen irgendwann Ideen
raus, die vielleicht eine ganze Gesellschaft weiterbringen,
was wir dringend nötig haben.« Dann sagte er: »Einmal
mit Schinken, Paprika und Peperoni.« Ich lachte _ viel zu
laut, weil mir dieser Satz so viel besser gefiel als die zuvor.
»Wer länger als bis acht Uhr bleibt, darf sich Essen auf
Kosten der Bank bestellen«, erklärte mir Bernd. »Ich bin
fast immer dabei.«
Kurz vor diesem Telefonat war Bernd einundzwanzig
zwei Jahren arbeitete er akribisch, ehrgei-
ZIg, dlSzlplimert an seinem Weg nach oben. »Ich war
schon immer ein Mensch, der sich sehr gern dem Druck
gestellt und immer mehr Druck auf sich genommen hat
als er sagte er. »Und die Schlagzahl, die ich jetz;
fahre, :ahre Ich, weil sie mir Spaß macht und für mich ge-
1St.« Bernd leistete sich nichts von dem, was für
mIch selbstverständlich war: keine Selbstfindung kein
Zaudern k' L fth '
, em u oIen. Brauchte er nie Pausen? Zeit
zum Nachdenken? U F hl
Piz' . meer zu korrigieren? Um seine
BW
za
zu essen oder mit der Süßen aus der
L-Emführung?
18
»Mach dir keine Sorgen(, sagte Bernd amüsiert. »Ich
lebe schon. Nur zielstrebiger. Ich gammle selten. Meine
Familie ist mir sehr wichtig, für die plane ich Zeit ein.
Und wenn ich feiere, dann richtig.( Er erzählte von einer
Party. Seine besten Freunde von der Uni. Ein Wochen-
ende. Viel Alkohol. »Geschlafen haben wir kaum. Und
wenn ich ausruhe«, sagt Bernd, »dann ebenso bewusst.«
Vier Tage pro Jahr zieht er sich in ein Kloster zurück, im-
mer wieder reserviert er sich komplette Wochenenden,
um Sport zu treiben.
Bernd machte mir ein schlechtes Gewissen. Ich ging
im Kopf die vergangene Woche durch und hatte plötzlich
das Gefühl, viel Zeit mit Nichtstun zu verbringen. Ich
fragte mich, wie seine Freunde damit umgehen. Verglei-
chen sie sich mit ihm und fühlen sich dann faul? Oder
sind sie eh alle gleich? Seine Freunde seien völlig unter-
schiedlich, antwortete Bernd. Nur an die Frau an seiner
Seite stelle er höhere Anforderungen. »Ich könnte nie
eine Freundin haben, die nicht ähnlich tickt. Sie sollte
zielstrebig sein, aber auch ein Bedürfnis nach Familie
haben.« Kinder zu haben sei neben der Karriere sein
größtes Ziel.
Ich bin mir sicher, dass sich Mario und Bernd mögen
würden. Ob sich alle Gewinner so ähnlich sind wie die
beiden? In Griechenland wirkten die Berater zum Teil wie
Klone. Sie hatten dieselbe Art, sich zu bewegen. Schnell,
aber nicht hektisch, selbstsicher, an der Grenze zur Arro-
ganz. Mit ihnen zu reden war meist vergnüglich. Sie spra-
chen geschliffen, ohne steif zu sein, waren freundlich,
ohne sich wirklich zu öffnen, lieferten Anekdoten und
Witze in Serie. Genau wie Bernd. Ich wünsche mir heim-
lich, ihn auch mal tanzen zu sehen.
19
Bernd redete da schon weiter. Er sprach von den Stu-
denten in Frankfurt, die aus Protest gegen Studienge-
bühren die Autobahnen blockiert und so seinen Heim-
weg gestört hatten, Ich begriff, dass Bernd und Mario
sich noch in einer weiteren wesentlichen Frage einig
waren: Sie mögen keine Menschen, die in ihren Augen
Bremser sind, langsam und »arbeitsscheu«. »Die meisten
scheitern doch nicht, weil sie blöd, sondern weil sie
faul sind«, sagte Bernd entschieden. Mitleid habe er
da nicht.
Dann musste er auflegen. Der Terminplan drängte. Ich
mochte Bernd, aber leider konnte er mich bei meinem
ersten Besuch bei der Elite nicht begleiten. Drei Tage nach
unserem Gespräch ging sein Praktikum bei der Bank zu
Ende. Dann flog er nach München, um sich bei einer gro-
ßen Unternehmensberatung für ein neues Praktikum zu
bewerben EI'n n 11 .. ß
. e ag spater sa er wieder im Flugzeug.
Diesmal auf dem Weg nach Melbourne, wo er sein Aus-
landssemester "e b ' 11 ' .
y r nngen wo te. Als WIr telefomerten,
wusste er noch nI'cht . M Ib ..
, ' wo er In e ourne wohnen wurde.
~ I : . W ~ c h e war keine außergewöhnliche. Bernds Leben
IODIerte so. »Und ich bin noch nicht am Limit«,
sagte er zum Schluss. »Da geht noch was,«
Trotz des Umzu h A '
" gs nac ustrahen schaffte er es noch,
mIr dIe Eintrittskart fü d
O
' e r as Ereignis des Jahres in
estrICh-Winkel zu b E'
d
' esorgen. Inmal pro Jahr organisie-
ren Ie Studenten ei S .
d
n ymposlUm. Dann kommen Mana-
ger un halten Vi rt ..
.. horage, Personaler führen Auswahlge-
sprac e, und andere Studenten, die sich für die Teilnahme
bewerben mussten 1 ut
S
. al ' a en staunend über den Campus
»UfVIv of th fi .
e Ittest?«, las ich in der Einladung Ich war
gespannt. .
20
-- W-t'
IN DER PARALLELWELT
Kaum merklich dreht er seinen Körper in meinen Weg.
»Hier geht es nicht weiter. Nicht für dich«, signalisiert
seine Haltung. Wir stehen uns gegenüber. Er, gerade
zwanzig Jahre alt, mit schwarzem Anzug und Funkknopf
im Ohr. Ich in einer marineblauen Seidenbluse, einem
weißen Jackett und - dem Problem - einer blauen Jeans.
In wenigen Minuten beginnt der Eröffnungsabend. Ich
habe eine Einladung, bin über fünfhundert Kilometer
Zug gefahren, habe zwei Österreicher in einem Audi A3
angequatscht, weil der versprochene Shuttle Wiesbaden
nie erreichte. Ich habe mein Namensschild umgehängt
und meine Tasche durchsuchen lassen. Trotz allem soll
meine Erkundung der Elite hier schon zu Ende sein?
»Das passt heute nicht zum Dresscode«, sagt er und
zeigt zum wiederholten Mal abschätzig auf meine Jeans.
Umdrehen und gehen, schreit mein Stolz. »Ich konnte
mich leider nicht umziehen, da die von euch organisierte
Reservierung in der Jugendherberge nicht funktioniert
hat«, höre ich mich verhandeln. Er bleibt hart. »Es tut mir
wirklich leid«, bettele ich um Einlass. »Das mit der Ju-
gendherberge stimmt«, sagt ein zweiter Security-Student
gönnerhaft. Nun mustern mich beide. Nach endlosen
Sekunden empfange ich mein Urteil: »Okay. Ausnahms-
weise. Aber morgen bitte anders.«
Warum Menschen von »Parallelwelt« sprechen, sobald sich
zwei Dönerbuden und ein türkischer Kulturverein in einer
Straße ballen, habe ich nie verstanden. Jetzt gerade halte
ich den Begriff dagegen für angebracht. Die Studenten der
EBS studieren in einem alten Schloss. Rechts der alte ge-
21
.
..
mauerte Burgturm, links das Haupthaus, ein klassisch
schöner Bau, Über das sanft in Richtung Rhein abfallende
Gelände führen gepflasterte Wege, über die heute grüne
Teppiche gelegt sind, Auf der großen Terrasse stehen Dut-
zende Stehtische mit strahlend weißen Decken, um die sich
Hunderte junge Anzugträger drängen. Ihre teuren Krawat-
ten sind perfekt gebunden, ihre Haltung verrät, dass sie
Auftritte wie diesen gewohnt sind. Die eine Hand lässig in
Hosentasche, stehen sie leicht breitbeinigda und halten
m der anderen Hand das Glas, gefüllt mit Sekt der Marke
Vaux. »Vaux ist Deutschland exklusiv?«, wirbt die Firma.
Mit jedem Detail antwortet das Bild, das sich mir bietet:
Hier.
Ich habe in Dortmu d' , . . ,
n m emem grauen Slebz1gefjahre-
Aus Löchern über unseren Köpfen rieselte
stand1g Material, das sicher nicht gesundheitsfördernd
war. Sekt gab es nie.
In Oestrich-Wink I' t 11
e 1S a es anders. Das mag daran lie-
gen, dass ich 126 Eu Vi al ..
" ro erw tungsgebuhr pro Semester
asn dIe Um Dortmund überwiesen habe. Die Eltern der
tudenten hier zahl 10
b' en 000 pro Jahr, Knapp 45000 Euro
d
IS zum Master, Klar, dass da mehr für das Wohlbefinden
er Herren und D S
h
', amen tudenten getan wird. Die Häme
Inter dIesen Wort
sollte I d .en nennt man übrigens Sozialneid. Ich
ernen, en m de .. h '
n nac sten ZWeI Tagen zu zügeln,
Es war zwar schwieri Z '
m' d b" g, utntt zu bekommen, aber zu-
m est In Ich hier richt' ,
S h I 19. »DIe European Business
c 00 «, sagt Rektor Ch '
eine Elitehoch hul nstopher Jahns entschieden, »ist
sc e« W· ,
reihen, Vorn ein Ir in Dutzenden Stuhl-
rpult, uberall Security-Studenten,
22
die in ihre Headsets flüstern. Eine Art Hauptversamm-
lung des Elite-Nachwuchses. Über uns hängt ein Banner
mit dem Motto der Veranstaltung: Survival 01the fittest?
Ich balanciere mein Notizheft auf den Knien, lausche,
warte, bereit, die erste Definition des Elitebegriffs notie-
ren zu können. Was kommt, ist dürftig. Elite sei kein Pri-
vileg, sagt der Rektor. »Elite ist eine Herausforderung.«
Präziser wird er heute nicht mehr. Auf meinem Notiz-
block stehen jede Menge Fragezeichen.
Rektor Jahns ist inzwischen im Anekdotenteil seiner
Rede angelangt. Wenige Tage vor Beginn des Symposiums
seien zwei Studenten zu ihm gekommen. Nächtelang hät-
ten sie geplant und organisiert. übermüdet und überarbei-
tet hätten sie sich ins Rektorat geschleppt. »Wie sollen wir
es schaffen, am Donnerstag noch eine Klausur zu schrei-
ben? Können wir die nicht verschieben?« Er habe gelächelt,
sagt Jahns, und sie an ihr eigenes Motto erinnert: Survival 01
the fittest. Applaus, Händeschütteln, noch mehr Applaus.
Ich blicke mich um. Wir sitzen im neuesten Gebäude
auf dem Campus, dem Kiep-Center, benannt nach Walter
Leisler Kiep, Er war mal Direktor der EBS, und er war mal
Schatzmeister der CDU. Heute ist er beides nicht mehr.
Denn Walter Leisler Kiep war eine der Hauptfiguren der
eDU-Schwarzgeldaffäre. »Gab es danach nie Diskussio-
nen darüber, das Center umzubenennen?«, will ich später
von ehemaligen EBS-Studenten wissen. »Wieso?«, fragt
einer. »Überhaupt keinen Grund«, meint ein anderer. »Es
ist ihm nie endgültig etwas bewiesen worden«, erklärt mir
ein Dritter.
Ich war noch nie an einer privaten Universität. Dass
hier alles nach irgendwem heißt, verwundert mich. In fast
allen Fällen soll die Taufe aber kein Denkmal begründen,
23

sondern Geld bringen. Mein Namensschild haben die
Wirtschaftsprüfer von KPMG gesponsert, der Empfangs-
bereich entstand mit »freundlicher Unterstützung« einer
Möbelfirma, und die Seminare werden im »Deutsche-
Bank-Hörsaal« gehalten oder in dem der Holtzbrinck
Verlagsgruppe. Verkauft eine Hochschule dadurch ihre
Unabhängigkeit? Oder ist Sponsoring ein legitimer Weg,
an Geld zu kommen, auch für Bildungseinrichtungen?
Eine Stimme, die sonst aus dem Fernsehen schallt, reißt
meinen Gedanken. »Es ist doch putzig, wie sich
die DIskussion entwickelt hat. Es war vielen früher lieber,
in einer vergammelten Johann-Wolfgang-von-Goethe-
Aula zu sitzen als in einem gut ausgestatteten Daimler-
Lachen, Klatschen, ein Mädchen hinter mir
kreIscht gar Vor Vergnügen. Die Studenten haben Guido
Westerwelle als Eröffn dn fü' , .'
ungsre er r ihr SymposIUm em-
und sie lieben ihn. Er hat sie mit»Exzellenzen« be-
grußt. Er hat geklagt d Le" .
_ ' ass Istung für manche eme Art
Korperverletzung . E h
seI. r at gemahnt: »Sie können nicht
dass Sie dasselbe haben wie andere, wenn Sie sich
emen lauen Lenz m ch U
a en.« m sofort kokett hinzuzufü-
gen: »Aber das w' S'
h
Issen Ie, sonst wären Sie nicht hier.« Er
at gespottet, dass s' h
sit-t IC nun auch der Staat an Elite-Univer-
a en versuchen W II d
klein M' 0 e, un gerufen: »So stellt sich der
e amst Elite vor b
S
· L h ' evor er das Studium abbricht.«
eIn 0 n sind A 1
Westerw 11 'll' pp aus und brave Fragen. »Herr
e e«, W1 eIn St d .
Politiker d . u ent WIssen, »wie kriegen wir
azu, leIstung zu bringen
»FDP wählen!« .«
»AberdashabenWi d h
Student. Später ::1.1 r oc schon alle gemacht!«, sagt der
e· utmir· b'
Semester sei die FDP b' eIner, el Testwahlen im dritten
el 80 Prozent gelandet. Es ist wie bei
24

einem Familientreffen. Herr Westerwelle straWt. Die Elite
hängt an seinen Lippen, ist dankbar, dass er da ist.
Aber dann wird Vater Westerwelle streng. Mit dem
Motto Survival of the fittest? seien sie weit übers Ziel
hinausgeschossen. Der Sieg des Stärkeren - das sei kein
Modell für eine Gesellschaft. Menschen hätten sich zu
Gemeinschaften zusammengeschlossen, sich Gesetze ge-
geben, um nicht nach den Regeln des Darwinismus leben
zu müssen. »Nicht nur der Stärkste soll überleben«,
scWießt Westerwelle, »sondern auch der Schwache und
Schwächste.« Ich blicke in fragende Gesichter. Dass Guido
Westerwelle sich gezwungen sieht, an das soziale Gewis-
sen der Studenten zu appellieren, scheint sie genauso zu
überraschen wie mich.
Auf der anschließenden Feier frage ich mich durch die
Reihen. Immer wieder sage ich, dass ich ein Buch über
Elite schreibe. Fast alle finden das toll. »Wir brauchen
endlich wieder Eliten«, sagen sie. »Es wird wieder Zeit in
DeutscWand.« Viel mehr erfahre ich an diesem Abend
nicht. Es gibt Wein und Fingerfood. Es ist nicht der Ort
für lange Gespräche.
In der Jugendherberge haben sie eine ganze Etage für uns,
die Teilnehmer des Kongresses, gemietet. Ich bin doch
noch untergekommen. Im Mädchenzimmer für Nach-
rücker. Zwei Doppelstockbetten links, eins rechts, dazwi-
schen Schränke, in denen sicherlich selten zuvor so viele
Blusen und Kostüme hingen wie in dieser Nacht.
Ich komme in einem ganzen Pulk von Anzugträgern
aus Oestrich-Winkel zurück. In einer Ecke im ersten Stock
hockt eine Gruppe Teenager. Sie haben sich irgendwoher
Bier organisiert. Sie trinken, sie starren und lachen uns aus.
25

I-------------------------------------------...........
Zu Hause werden sie erzählen können, dass ihnen Aliens
begegnet sind. Denn in ihren Augen sind wir woW genau
das. Eine Horde Mittzwanziger, mehr oder weniger passge-
nau in Business-Klamotten gesteckt, die tagsüber auf dem
Campus einer teuren Privatuni Elite spielt und nachts die
Sechserzimmer in der Jugendherberge belegt.
NUR KEIN NIEDRIGLEISTER SEINI
. Am nächsten Morgen passiere ich problemlos die Einlass-
kontrolle. Mein Hosenanzug ist genehm, meiner Teil-
nahme an knapp einem Dutzend Seminaren zum Thema
Wirtschaftselite steht kein Security-Student im Wege.
Mein erster Workshop »Leadership Culture: Heraus-
forderungen für eine neue Managementgeneration« wird
einem hochrangigen Siemens-Manager gehalten.
SeIn Chef Klaus Kleinfeld ist Schirmherr des Symposi-
Bislang ist er aber noch nicht aufgetaucht. Vielleicht
1st er beschäftigt. Gerade ist bekannt geworden, dass sein
gut 3,2-Millionen-Euro-Jahresgehalt um 30 Prozent er-
höht würde. Die Entrüstung über die BenQ-Pleite
und dIe Schwarzgeldaffäre sollte in den nächsten Wochen
folgen M' h "d ' ,
. IC WUr e IntereSSIeren, ob den Siemens-Mana-
ger beschäftigt da Kl' r ld
' ss eInie auf dem besten Wege war,
zum zweiten Ackermann zu werden _ ein Symbol für die
angeblich fehlend M al d
e or er Manager-Elite. Aber darum
geht es heute nicht.
Stattdessen spr' ht d
t I IC er Manager von einem global
aent pool, den Siemens aufbauen WI'U Kl Kl' r ld
erkla"rt d . aus emie,
uns er Redner b' .
H" h tl . ,ar elte an emer »Kultur, die auf
oc s elstung ausge . ht .
nc et 1St«, Er selbst werde sich um
26
die »begabtesten und leistungsfähigsten« jungen Men-
schen im Konzern, die zukünftigen Siemens-Leader küm-
mern. Dazu gehöre auch, dass er die Besten aus dem glo-
bal talent pool regelmäßig zum Frühstück treffen wolle.
Der Siemens-Manager will uns nun das Muster erklären,
nach dem diese Nachwuchselite gekürt wird. Jetzt wird es
gleich so weit sein, denke ich. Die erste Antwort auf
meine Frage: Was ist Elite?
Four Es and one P nennt er sein Modell - Vier E
und ein P also. Ein wenig verwirrt schreibe ich mit: Edge
(grenzenloses Denken), Energy (Initiative zeigen), Ener-
gize (Mitarbeiter führen), Execute (Dinge mit maximaler
Wirkung umsetzen) und Passion (emotionale Begeiste-
rung). Könnte in der deutschen Übersetzung also auch als
fünftes E durchgehen. Ich schaue auf die Liste, auf den
Topmanager und wieder auf die Liste.
Edge, Energy, Energize ... Nach diesem Raster soll tat-
sächlich die Wirtschaftselite ausgewählt werden? Und was
bedeutet das für meine Suche nach einer tauglichen Elite-
Definition? Nicht viel. Es wird nichts bringen, wenn ich
mit einer solchen Liste durchs Land reise und alle, die ich
treffe, auf die Kriterien edge, energy und execute überprüfe.
Zwei Reihen weiter wird schon lange ein Finger in die Luft
gehalten. Ein Finger, der alle Erklärungen zu E, P und
Leadership überdauert. Er sei der Sohn eines Siemens-
M't b'
.1 ar .elters, sagt ein Junge leise. Sein Vater habe gerade
selD VIerZigstes Dienstjubiläum gefeiert. Er sei in dem
Glauben groß geworden, dass Siemens sichere Stellen
böte. Sein Vater habe Urlaubsreisen auf Firmenkosten be-
eine Betriebsrente. Jetzt gelte das alles plötzlich
DIcht mehr W' kl" S' d
.» Ie er aren Ie as Ihren Mitarbeitern?«
27
»Das ist Globalisierung«, antwortet der Manager. Er
spricht von Anpassungsdruck, von tschechischen Niedrig-
löhnen und von »Cosy-Verhältnissen«, in denen wir zu
lange gelebt hätten. »Es ist im Einzelschicksal immer bit-
ter. Aber der Block Personalkosten darf nicht unermess-
lich werden.« Der Junge sagt nichts mehr. Immerhin weiß
er nun, dass er Sohn eines Personalkostenblocks ist. Vorn
sehe ich die goldenen Manschettenknöpfe am blauen
Jackett des Siemens-Managers auf und nieder wippen. Er
gestikuliert entschieden. Er wird grundsätzlich: »Wir le-
ben in Deutschland immer noch in einem sozialistischen
Kollektiv«, sagt er. »Wir ziehen Minderleister immer mit,
halten ihnen die Karotte vor bis zur Frühpension. Das ist
deutsche Gleichmacherei. Damit muss jetzt Schluss sein.«
»Minderleister« - das Wort habe ich noch nie gehört.
In einem späteren Vortrag werde ich als Synonym noch
den »Niedrigleister« kennenlernen. Das Wort klingt ver-
ächtlich, Niedrigleister fordern 38,S-Stunden-Wochen,
einen sicheren Job und Urlaubsreisen auf Betriebskosten.
Vielleicht sind es aber auch die, die viel Schlaf brauchen
und halbe Tage mit Fernsehsoaps oder Fußballübertra-
gungen vertrödeln, so wie ich.
Die Lektion »Bloß kein Niedrigleister werden!« wird in
den folgenden zwei Tagen ständig wiederholt. Wir lernen,
dass wir niemals a h h ""
" usru en, nac lassen, entspannen dur-
fen. WIr müssen den M' d I'
In er elster in uns unterdrücken
wegen der Konk d'
" urrenz, le nur darauf wartet. 60 Millio-
nen ChInesen spi I Kl .
'. e en aVler, erklärt uns ein anderer Se-
mmarlelter »Wie ß f
ke" d ' gro «, ragt er, »ist die Wahrscheinlich-
lt, ass der nächste M
Ö
" Ozart aus China kommt statt aus
sterrelch(<< Fü d" d'
.' r le, le da noch nicht den Atem der Chi-
nesen, dIe uns jage ' N
n, 1m acken spüren, hat er noch eine
28
Geschichte parat: »Jeden Morgen wacht in Afrika eine
Antilope auf und weiß, sie muss schneller laufen als jeder
Löwe, um zu überleben. Jeden Morgen wacht in Afrika ein
Löwe auf und weiß, er muss schneller laufen als die lang-
samste Antilope.« Nach einer Kunstpause sagt er dann:
»Wir müssen schnell laufen. Denken Sie darüber nach!«
Mario erzählte in Griechenland stolz von seinen 70-Stun-
den-Wochen, Bernd geht selten vor acht Uhr abends nach
Hause. Er ist Meister des Zeitmanagements. In seinem
Rechner hat jede Viertelstunde des Tages ein Feld, das far-
big markiert und mit Aufgaben versehen ist. Bernds und
Marios Ziel ist es, eine hohe Schlagzahl zu erreichen, bis
an die körperliche Belastungsgrenze zu gehen. In den Ge-
sprächen bekomme ich den Eindruck, dass die Wochen-
arbeitszeit in der Welt des Wirtschaftsnachwuchses ein
Fetisch ist, der fast noch mehr zählt als das dicke Auto
oder die schöne Wohnung. Es ist wie beim Pokern: siebzig
Stunden, achtzig - damals, als das Projekt auf der Kippe
stand, hundertdreißig. Das bringt Respekt ein.
Der Terminkalender vieler Topmanager ist auf bis zu
eineinhalb Jahre im Voraus gefüllt. Josef Ackermann, der
Chef der Deutschen Bank, hat in London und New York
eine Wohnung, in der Anzüge und Schuhe bereitliegen.
»Ein Tagestrip Zur Arbeit nach New York«, schreibt die
Zeit, »ist für viele Manager so selbstverständlich wie für
andere Menschen die Fahrt mit der S-Bahn.« Eine Freun-
din, die wie Mario als Berater arbeitet, erzählte mir dass
jeden Montag um fünf Uhr morgens in ihrer Straße ~ e n ­
schen mit Rollkoffern auf dem Bürgersteig stehen. Taxen
fahren vor, sammeln Koffer und Menschen ein, fahren sie
zum Flughafen. Von dort werden sie für die Woche aufdie
29
Hilton- und Sheraton-Hotels dieser Welt verteilt. Als das
manager magazin Jungmanager nach ihrer durchschnitt-
lichen Arbeitszeit fragte, gaben 61 Prozent an, eine Wo-
chenarbeitszeit von mehr als fünfzig Stunden sei der
Regelfall. Sie werden nicht übertrieben haben. Alle, mit
denen ich hier in Oestrich-Winkel spreche, beschreiben
die Bereitschaft, mehr zu leisten als andere, den Willen zu
funktionieren, bedingungslos flexibel zu sein als Grund-
voraussetzung, um dazugehören zu können.
Ich stehe in der Schlange am Büfett. Vor mir sprudelt ein
prächtiger Schokoladenbrunnen. Kaum jemand tunkt
Fruchte hinein. Auch ich traue mich nicht, aus Angst,
meine Bluse zu ruinieren. Ich lausche dem Gemurmel.
»Was mit der PDS an geistigem Müll in die Parlamente
gespült wurde, hätte bei einer Firma nicht mal ein Be-
werbungs " h b k
gesprac e ommen.« - »Erstklassiges Line-up
hier. Und fast umsonst, Für andere Symposien zaWst du
15.000. Euro.« - »Deine Schuhe«, fragt ein Junge hinter
mir seInen Freund »w . t d fü' d ..
, as IS as r Le er?« - »Kanguru.«
Ich blicke an mi h M . . .
r erunter. eIne Schuhe SInd alt und em
wenig spießig I h h b' .
'. . c a e sie von memer Mutter geliehen,
weil mir Stunden vo . b'
. . r meIner A reise eingefallen ist, dass
Ich In Schwarz S ak h
.. nur ne er abe. Wo zum Teufel kauft
man Kangurulederschuhe?
Auch beim E se kan .
M
o S' s n n Ich mich nicht entspannen.
eIn Itznachba ab' b'
kn
.. ~ S' r reitet el Montblanc. Manschetten-
Opie, legelring all 0h
r S . ' es an I m zeugt von langer Tradi-
Ion. ogar die Haare h
doseen aus wie ein Fliegerhelm aus
en zwanziger Jahren E . h .
»Montbl h . . r zle t eInen Füller aus der Tasche:
anc at die Sch l ~ d h
u le er alter aus dem Programm
genommen.« Das sei n 0 .
Un eIner mit Carbon-Einspritzun-
30
gen. Koste knappe 600 Euro. Die Jungs am Tisch, Studen-
ten der Uni, sind begeistert. »Dabei kostet die Herstellung
doch nicht mehr als ein paar Euro, ode!?«, fragt einer.
»Diese Gewinnmarge ist doch fantastisch!«, freut sich ein
anderer. »Das ist optimales Pricing, das lernen wir ge-
rade«, sagt ein Dritter.
Es ist der zweite Tag meiner Elite-Erkundung, und
schon zweifle ich an meinem Plan. Ich fiiWe mich fremd,
traue mich kaum, meine Fragen zu stellen. Meine ganze
Energie geht dafiir drauf, nicht unnötig unangenehm auf-
zufallen. Ich gehe ständig zur Toilette. Um meine Frisur zu
kontrollieren, um mir Notizen zu machen oder um ein-
fach nur still dazusitzen. Sobald ich die Tür öffne, strömt
das Stimmengewirr wieder auf mich ein. »Wir müssen
endlich die Löhne liberalisieren«, sagt einer. »Wenn einer
für drei Euro putzen will, warum lassen wir ihn dann
nicht?«, ein anderer. Am liebsten möchte ich gleich wieder
aufs Klo. Aber ich muss ins nächste Seminar.
EDEKA - ENDE DER KARRIERE
»Wir wollen«, ruft er, »unsere Mitmenschen lenken, füh-
ren und begeistern.« Sein Bauch wippt, Schweißtropfen
rinnen ihm über die Wangen, verschwinden in seinem
Vollbart. »Wir sind nimmermüde Garanten für Wachs-
tum und Wohlstand.« Ich sitze ganz hinten, neben ein
paar Gaststudenten aus Indien. Ich überlege, ob es glaub-
haft wäre, so zu tun, als spräche ich nur Hindi.
Der Mann vorn ist unser Rhetorikcoach. Er will uns
beibringen, wie echte Führungskräfte zu sprechen. Elf
Studenten stehen schon vorn. Sie haben weiße Laubsäge-
31
arbeiten in der Hand, halten sie hoch, formen das Wort
»Kreativität«. Seit einer halben Stunde fürchte ich, auch ein
I oder Äzu werden. Denn die Studenten müssen nicht nur
Buchstaben halten, sondern auch Sätze imitieren, die ihnen
vorgesprochen werden: »Ich fühle mich wie ein Fels in der
Brandung. Nichts haut mich um.« Applaus. »Bietet dir das
Leben eine Zitrone, mach Limonade daraus.« Noch mehr
Applaus. »Froh zu sein bedarf es wenig. Und wer froh ist,
ist ein König.« Alle sollen klatschen. Motivationsspielchen
wie diese scheinen zum Standardprogramm zu gehören.
Als wir mit McKinsey in Griechenland waren, wurde uns
das Video eines Basketballspiels gezeigt. Wir sollten zählen,
wie oft sich die zwei Teams den Ball zupassen. Während-
lief ein Gorilla durchs Bild. »Hat jemand einen Go-
rilla gesehen?«, fragte der Coach. Viele hatten sich nur auf
die Bälle konzentriert und den Affen verpasst. Sie seien zu
leicht ablenkbar, lautete das Fazit, und damit fehle ihnen
eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft.
lernten wir damals, is about seeing the gorilla.
Ich uberlege, ob ich mir ein Heft mit dem Titel »So werde
ich ein Leader« anlegen sollte. Denn dann könnte ich heute
bereits meinen zw't M ks .
el en er atz eintragen. Unter »Ich
muss den Gorilla sehen« könnte ich schreiben: »Ich muss
andere Zum Lachen bringen.«
»Wir müssen« mah d .
.. ,nt er Coach, »dIe seelische Lohn-
tute unserer Angest llt .. . ..
. . e en UPplg füllen. Und wenn Sie nur
dIe Blld-Zeitungle h d'
sen, auc le hat eine Schmunzelecke«,
sagt er, um uns fi
so ort wohlartikuliert einen Witz zu er-
.....uen: »Warum darf . P I
t? elO 0 arforscher keine blaue Brille
ragen. - Daml't er di E' b
e IS ären nicht fü' BI b" häl't I
Ich sch fi r au aren .<
rump eweiter' . .
J
'etzt 11· In meinem SItz zusammen. Denn
so en Wlrnoch' al .
elOm Motlvationssätze wiederholen.
32
Einer muss immer wieder sagen: »Ich schaffe es. Ich errei-
che mein gesetztes Ziel.« Am Ende stimmt die ganze Bank-
reihe mit ein. »Ich schaffe es. Ich erreiche mein gesetztes
Ziel.« - »Wer seine Mitmenschen lenken, führen und be-
geistern will, braucht Rhetorik«, sagt der Coach. Gut, dass
er der Chefdes ersten deutschen Rhetorik-Instituts ist und
geeignete Kurse anbietet. Fünf Tage kosten 2450 Euro plus
Mehrwertsteuer. Und wenn man sich weigert? Wenn man
im Sitz verkrampft, statt eifrig Erbauungssätze zu dekla-
mieren? »Dann«, sagt der Coach »heißt es ganz schnell
EDEKA: Ende der Karriere.« So einfach ist das.
Verwirrt laufe ich über das Schlossgelände. Ich sehe
eine Studentin in einem getigerten Designerkostüm, die
sich die auf dem Campus ausgestellten Sportwagenmo-
delle anschaut. Neben mir gehen ein paar Erstsemester,
die den Rhetorik-Vortrag extrem inspirierend fanden.
»Und du?«, wollen sie wissen. Ich mag nichts mehr sagen.
Hinter uns auf dem Parkplatz knallt es plötzlich. Ein Stu-
dent, der das Taxi für die VIPs fährt, ist mit dem gemiete-
ten Rolls-Royce gegen einen Stehtisch gefahren.
HEISSE LUFT
Ich glaube, man tritt Michi nicht zu nahe, wenn man ihm
einen Hang zum ständigen und ausdauernden Flirten un-
terstellt. Im Gegensatz zu so vielen anderen hat er mich
nicht einfach ignoriert. Wahrscheinlich, weil er sich
grundsätzlich erst einmal für alle Frauen interessiert. Mi-
chi studiert hier. Auch er trägt Armani und fährt Audi,
viele hier. Sogar ein Cabrio hat er. Selbst ausgewählt
In Ingolstadt, ganz in der Nähe seiner Heimat.
33
DAS GROSSE UMDENKEN
Dafür gibt es die Kirche, den Glauben. Das ist mein
Rahmen.«
Auf den Glauben wollte ich mich nie verlassen. Aber
während ich an Stehtischen mit weißen Tischdecken vor-
beilaufe, mir die getönten Scheiben der parkenden Autos
anschaue und einem Dreijährigen mit zurückgegeltem
Haar ausweiche, der in der Hand die Promotion-Tüte einer
großen Investmentbank hält, finde ich es plötzlich auf
seltsame Weise beruhigend, dass einer hier, wenn er dann
irgendwann vielleicht zur Wirtschaftselite gehört, an die
Gebote seines Gottes glauben wird, statt an E, P und
Leadership-Versprechen.
Ich bekomme noch den letzten Zug nach Berlin. In
Hannover stehe ich ewig auf dem Bahnsteig. Schließlich
rufe ich meine Eltern an, um ihnen von meiner Verwir-
rung nach den Tagen mit der jungen Wirtschaftselite zu
erzählen. Mein Vater sagt: »Da kannst du ja viel schrei-
ben.« In Gedanken unterstelle ich ihm den Zusatz: »Gut
für deine Karriere.« Mein Vater hat Phasen, in denen er
sich mindestens im Drei-Tage-Takt nach meinem beruf-
lichen Fortkommen erkundigt. Meine Mutter fragt, ob sie
mir Zu Weihnachten auch eine Armani-Jeans schenken
soll. »Nein danke«, sage ich und lege auf.
Zurück in der WG, verfalle ich in das, was Tom eine
»Nachdenkst
arre« nennt. Ich verlasse mein Zimmer
schaue fast so lange aus dem Fenster wie die Frau
1mVorderhaus. Lege mich auf den Teppich. Setze mich an
den Computer und öffne alle fünf Minuten stupide mein
Aber Michi ist anders als die, die ich bisher hier traf. Er
will weder Berater noch Investmentbanker werden.
»Heiße Luft«, sagt er. »Die schaffen keinen Wert, die kos-
ten viel Geld. Das kann aufDauer nicht gut gehen.« Er sei,
erzählt er mir, über eine Karrieremesse geschlendert, habe
an den Ständen der Investmentbanker und der großen
Berater gestoppt und gefragt: »Mein Vater schwört, wenn
ich bei Ihnen anfange, enterbt er mich. Was halten Sie da-
gegen?« - Schweigen, Stottern, mehr sei von denen nicht
gekommen, sagt Michi. Nur heiße Luft eben. Die grund-
sätzlichen Dinge, findet er, haben die Berater nicht durch-
blickt. Dass Angestellte genug Geld verdienen müssen,
um sich Autos, Urlaube und Häuser leisten zu können,
die andere für sie produzieren. Sein Vater verkauft schlüs-
selfertige Bauten. Und Michi ist direkt nach der Schule
mit eingestiegen. »Meine Studiengebühren, mein Auto,
das zahl ich alles selber. Neid ist trotzdem da. Die Leute
sagen, das kauft alles der Papa. Die sehen nicht, dass ich
von Montag bis Sonntag schufte.«
Wie anscheinend alle hier lebt auch Michi ohne Ru-
hepausen. Er erzählt mir von einem Sonntag. Er war ge-
rade neu im Rh . D .
. emgau. en Kirchgang hatte er schon
hmte . h d .
r SIC, as MIttagessen auch, die Arbeit war weit
weg. Plötzlich wurde ihm langweilig. »Schlimm fand ich
das«, sagt er. So schlimm, dass er seine Mutter anrief.
Die riet den F h
' ernse er anzuschalten. »Selber drauf ge-
kommen wä . h .
. . re IC nie.« - »Fürchtest du dich davor, mit
dreißIg müde und k t. .. .
eh
" apu t zu sem?«, frage Ich. MIch!
s uttelt den Kopf 1 h' .
I h b
· ' ac t sem breItes fränkisches Lachen.
)) c m ausge l' h
'eh . g IC en«, verspricht er, und ich solle mir
m t so VIele Ged k
an en machen. »Es gibt immer Fra-
gen«, sagt Michi» f d'
, au Ie man keine Antwort findet.
-
--------------------_iiliiiiiiiiiliiiiiiiiliiiiiiiiiil_.. .._.. .. ..----;·
--
34 35
Mailfach, als würde ich irgendwelche erlösenden Bot-
schaften erwarten. Erst McKinsey, jetzt die Tage an der
EBS. Ich kann nicht sagen, dass die zwei Treffen mit der
selbst ernannten Wirtschaftselite zu einer Klärung des
Begriffs und Zur Beruhigung meiner Ängste beigetragen
haben. Und dann noch dieses seltsame Gespräch mit mei-
nen Eltern. Warum waren sie eigentlich überhaupt nicht
empört über das Gebaren der Studenten an der EBS?
Meine Eltern sind Lehrer. Mein Vater ist Sozialdemo-
krat. Er trägt Bart, wir fahren Saab, klassischer geht es
kaum. Schon als Kleinkind habe ich sonntags die Uran-
anreicherungsanlage in unserer Heimatstadt umrundet,
um auf den Schultern meines Vaters gegen Atomkraft zu
protestieren. An jedem 9. November bin ich mit meiner
Mutter mit Fackeln durch die Fußgängerzone gelaufen,
und wir haben uns Vor dem Gedenkstein für die ermor-
deten Juden versammelt.·Mein Vater hat für verkehrsbe-
ruhigte Straßen gekämpft. Meine Mutter war mal bei Pro
Asyl und mal in einer Gruppe, in der viele Frauen Latzho-
sen trugen und gegen Machos kämpften. Ich bin also in
der bundesrepublikanischen linken Mittelschicht aufge-
wachsen di ZW d'
h
,e ar Ie großen Ideologiekämpfe beendet
atte aber fü . h b
: r SIC eanspruchte, sich im Kleinen überall
Und Immer für d' S h
I le c wachen einzusetzen.
ch habe gelernt, dass Gleichheit und Gerechtigkeit
wesentliche Wert . d J
al
'. e SIn . eder, egal wo er herkommt und
eg WIe VIel . Vi
h b seIn ater verdient, sollte gleiche Chancen
a en. Und damit d l'
muss di as ge Ingt, so wurde mir beigebracht,
man e Schwache t"
denen' n s utzen und nicht jene fördern,
SOWIeso Vi 1 l' h .
hatte . e es eIC tfällt. »Anfang der Achtziger
man Bildungsz' 1 ' .
derten Ie e WIe die Integration von Behin-
,man Wollte d' Ki d
le n er zum Umweltschutz erzie-
pt
hen«, erzählt mir ein Freund, der ein paar Jahre älter ist
und sich an die frühen Achtziger besser erinnern kann.
Dieses Denken war zumindest in unserer Umgebung
lange Konsens. Ein Konsens, der aus Überzeugung gelebt
wurde. Dachte ich jedenfalls bislang.
Denn langsam zweifle ich an der Haltbarkeit dieser
Überzeugungen, Meinen Eltern und all den Lehrern, Be-
amten und Ingenieuren unter ihren Freunden ging es re-
lativ früh wirtschaftlich ziemlich gut. Echte Angst um die
materielle Existenz habe ich damals nie erlebt. Ich bin
dazu erzogen worden, selbstbestimmt zu leben, gleichzei-
tig aber auch tolerant zu sein und Rücksicht zu nehmen.
Wie ich mich im Kampf um knapper werdende Stellen
benehmen soll, trainierten wir nicht.
Vielleicht war diese Erziehung ja weltfremd. Vielleicht,
so würden wahrscheinlich viele, die ich in Oestrich-Win-
kel traf, argumentieren, war sie der Nährboden für eine
Wohlfühlgesellschaft, in der jeder nur auf sein Recht auf
Selbstverwirklichung, auf Arbeit und soziale Sicherung
pocht. Haben wir dadurch unsere Chancen auf dem Welt-
markt verspielt? Hätten unsere Eltern und Lehrer uns
besser auf den Kampf von Löwen und Antilopen vorbe-
reiten müssen?
Meine Eltern haben nie darüber gesprochen, ob sie sich
diese Fragen gestellt haben. Als ich von ihnen wissen will,
warum sie nicht mehr demonstrieren, was aus ihren Mit-
in zahlreichen Bürgerinitiativen geworden
1st, meint mein Vater nur, er hätte keine konkreten Ziele
mehr, für die er sich einsetzen wolle. Immer häufiger sagt
;r, dass man aus der SPD eigentlich austreten müsse.
chon lange fahren meine Eltern zu Antiquitätenauktio-
nen, anstatt zu den Anti-Atomkraft-Treffen zu gehen.
;; 57
36 37
Dass das nicht alles ist, merkte ich, als es um meine
»berufliche Zukunft« ging. Journalistin passte vor allem
meinem Vater nicht. Er, der stets gegen die Konservativen
wetterte, war plötzlich für Anwältin oder Ärztin. »Du
hast doch so ein gutes Abitur«, sagte er oft. Dass ich Auf-
träge abarbeite, statt einen festen Vertrag zu haben, er-
trägt er bis heute nur schwer. Es ist ihm zu unsicher.
Immer wieder fragt er, ob ich nicht irgendwann mal
irgendwo eine Festanstellung bekommen könnte. Als ich
meinen Eltern erzählte, dass ich den mit 67000 Euro
dotierten McKinsey-Vertrag abgelehnt hatte, waren sie
nicht gerade glücklich. Für den Traum von der festen
Stelle hätte mein Vater, der Sozialdemokrat, offensicht-
lich nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn seine
Tochter sogar bei den Turbokapitalisten, die auch er stets
kritisiert, angeheuert hätte.
Ich glaube, seit die Angst vor der Arbeitslosigkeit auch
bei ihnen im Münsterland angekommen ist, haben sich
ihre Maßstäbe verschoben. Marios Kategorien scheinen
ihnen nicht so fremd zu sein, wie ich immer dachte. Aus
Sorge um meine Zukunft möchten sie um jeden Preis,
dass ihre Tochter zu den Gewinnern gehört. Würden sie
dass Ideale verleugne, die sie mir in
. emer KindheIt als wIchtig beigebracht haben? Haben
SIe schneller als ich begriffen, dass man in einer Zeit, in
der man wieder mehr um die materielle Existenz bangt,
solche Ideale verg II '"
. essen so te, sobald SIe dIe KarrIere be-
hmdern? Aber I h H1 •
. we c en vvert haben Ideale, die man sich Je
nach Lage der Di I .
._ nge eIstet oder nicht, als wären sie luxu-
nose Accessoires? H1 d .
d
. h . vvar er Wunsch nach Gerechtigkeit,
eniC fü K .
Ze' di onsens hIelt, vielleicht nur Attitüde in einer
It, e dies zuließ?
38
Um die Nachdenkstarre zu überwinden, fange ich wie-
der an zu lesen. Bücher über Eliten, Hunderte von Zei-
tungsartikeln. Dabei stoße ich auf einen Bericht über ein
Fest der neuen Präsidentin der Universität Hamburg. Als
Studenten im Februar 2007 die Inthronisierungsfeier mit
ihren Protesten störten, rief BiIdungsministerin Annette
Schavan: »Deutschland braucht Eliten. keine Schreihälse.«
Es scheint einen neuen Konsens zu geben. Ich habe den
Eindruck, dass nicht nur meine Eltern umdenken.
DIE ELITISIERUNG
Die Renaissance des Elitebegriffs fällt in die Schröder-Ära
und in die Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs. Es
begann damit, dass die Zahl der Diskussionen, in denen
man Nachkriegstabus brach, zunahm. Es ging um »Leit-
kultur«. um Patriotismus, um Deutschlandflaggen und
eben um Eliten. Es war ein »Wir-sind-wieder-wer«-, ein
»Das-wird-man-doch-mal-Iangsam-wieder_sagen_dürfen«_
Gefühl. Gleichzeitig packte die deutsche Mittelschicht
seit dem Zweiten Weltkrieg die Angst vor dem
AbstIeg. von dem in Hartz-IV-Zeiten jeder betroffen sein
.. Ich glaube, dass das Erstarken des Elitebegriffs
em Kind der Verbindung beider Entwicklungen ist. Was
Franzosen. Engländer und US-Amerikaner haben dem
dürften sich die Deutschen in Zeiten des globalen w'ettbe-
nicht verweigern, lautete eine Grundthese. Gleich-
die Unschuld des Begriffs betont. War »Elite«
ru er ein Reizwort, in dem Standesdünkel. Machtmiss-
brauch und Viett . h ft .
ernwlrtsc a mItschwangen, wurde in
der Debatt h .
e versuc t, es umzudefimeren als bloße »Aus-
39
wahl der Besten«. So wurde aus einem Tabu ein Ziel, un-
problematisch und auf jeden Fall erstrebenswert.
Ursprünglich war der Begriff »Elite« tatsächlich nicht
mehr als ein Premiumstempel. 1755 definierte Denis
Diderot in seiner Enzyklopädie »Elite« als Gütesiegel für
auserlesene Spitzenprodukte. Es waren wohl französische
Händler, die das Wort erfunden hatten, Elire heißt »aus-
wählen«, und auserwählte Waren ließen sich besonders gut
anpreisen. So fand man Ende des 18. Jahrhunderts auf al-
len französischen Märkten Elite-Garne, Elite-Tücher und
Elite-Gänselebern. Erst später bezeichneten sich auch
Menschen als Elite. Den Anfang machte das französische
Bürgertum, das den Begriffim Kampfgegen Adel und Kle-
rus erstmals politisierte. Macht und Geld, so die Forde-
rung, sollten nicht an die mit der edelsten familiären
Abstammung gehen, sondern an die mit der größten indi-
viduellen Leistungsfahigkeit. An die Elite eben.
Daran orientieren sich auch heute noch die gängigen
Definitionen. Für den Brockhaus ist »Elite« eine Gruppe,
»die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie durch
eine besondere Leistungsf<ihigkeit und Leistungsbereit-
schaft auszeichnet«. Meyers Enzyklopädie ergänzt, die
An h'" d
ge ongen er Elite hätten zudem einen »besonderen
Wert« und bestimmten maßgeblich die gesellschaftliche
Entwicklung.
Dass Leistung und Einfluss in einer Gesellschaft stets
verteilt sind, ist unstrittig. Doch der Begriff
»Elite« erzählt ge d . h "b '
ra e DIC ts u er dIe vielstufige kom-
I S h' ,
P exe c Ichtung einer Gesellschaft. Die kargen Definitio-
nen der beiden L xika hl .
E
· e versc eIern eine konstituierende
Igenschaft· Elit '
D
' kl' . e setzt Immer eine Nicht-Elite voraus.
le eIDe Grup d b
pe er esonders Leistungsbereiten und
40
Einflussreichen existiert nur imZusammenspiel mit ihrem
Gegenteil: den vielen »Normalen«, der Menge also. Dieser
Gegensatz erst macht den Reiz des Elitebegriffs aus, be-
gründete seinen ruhmreichen Aufstieg zu einem Konzept,
das Soziologen erstmals Ende des 19. Jahrhunderts massiv
beschäftigte und faszinierte.
In der »Psychologie der Massen« beschreibt Gustave Le
Bon die Sehnsucht nach Eliten als eine Art Grundreflex des
Menschen, Die Masse, so schreibt er, sei »eine Herde, die
sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß«. Sie sehne sich nach
wenigen, die über einen starken Willen verfügen. Seine
Zeitgenossen sahen das ähnlich. So schreibt Gaetano
Mosca, ein anderer Klassiker der Eliteforschung: »In allen
Gesellschaften, von den primitivsten im Aufgang der Zivi-
lisation bis zu den vorgeschrittensten und mächtigsten,
gibt es zwei Klassen: eine, die herrscht, und eine, die be-
herrscht wird, Die erste ist immer die weniger zahlreiche,
sie versieht alle politischen Funktionen, monopolisiert die
Macht und genießt die Vorteile, während die zweite zahl-
reichere Klasse Von der ersten befehligt und geleitet
Trotz mancher Differenzen einte die Klassiker der Elite-
forschung de GI b d' Ub"
r au e an Ie erlegenheit einer auser-
wählten Minderh 't D . I' ,
el. amIt egten sie den theoretischen
Grundstein für den aufkommenden Faschismus dem sie
zum Teil auch persönlich sehr nahe standen. Die faschiSti-
Herrschaftssysteme, allen voran die deutschen Na-
honals . r
OZIa Isten, setzten den Gedanken, dass es in Gesell-
schaften' .. b I
eIne u er egene Minderheit geben darf und soll,
ahuf Weise in Politik um, Das Elitekonzept war
t eorehscher Dnt b d L b
, er au es» e ensborn«-Programms der
SS, dIe »rassisch II
wertvo es Menschenmaterial« züchten
Wollte. Es an" d' ,
Imlerte Ie NaZIS Zur Gründung der Natio-
41
__iiiliiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiii5iö
l
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii_iili_•••• ilillli'Ilii·...IIIllIIlIilII"1l·
1IIlII1tIlIIl
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nalpolitischen Bildungsanstalten, der »Napolas«, in de-
nen eine »Elite für den Führer« herangezogen werden
sollte. Das Führerprinzip selbst war Ausdruck des Glau-
bens daran, dass ein Hirte die Herde zu leiten hat, ein
Auserwählter, dem die Masse folgt.
Als alles vorbei war, galt der Elitebegriff zunächst als
tot als auf ' , d
' eWIg mIt en Taten der Faschisten verbunden,
durch sie verseucht. Die Eliten hatten versagt. Angetrie-
ben durch eine unmenschliche Ideologie und durch die
Gier nach grenzenloser Macht, töteten sie Millionen von
vernichteten den Glauben an die Kraft der Zi-
VillsatIon machten e " l' h '
, s unmog IC ,Jemals wieder von Hir-
ten, von Führern "on A "hl
' • userwa ten zu sprechen. Dachte
man zumindest.
Die wissenschaftl' h W' d
b
' IC e le erentdeckung des Elite-
egnffs begann b 't k
E
erel s urz nach seinem vermeintlichen
nde. Die Soziol' d'
ogle wan te sIch vom beschmutzten Ge-
gensatzpaar »Elitel d M
I
, , h <un » asse« ab und gebar die »plura-
IStIsc en Funktio I'
, nse !ten«. Damit waren mehrere Grup-
pen m der Gesellsch ft '
Syste F"h a gememt, die in ihrem jeweiligen
dorf u rungsaufgaben übernahmen. Ralf Dahren-
, emer der Väter d B 'ff!
1979 ' es egn s »Funktionseliten«, sprach
von SIeben fu kr 1
»großen" n lOna en Eliten, entsprechend den
mstItutionell 0 d
Wirtschaft P I' , r nungen« der Gesellschaft:
und Recht' sO,.ltik, ErZiehung, Religion, Kultur, Militär
. pater reduzi t d'
aufvier D Ke er e er le Zahl der Kategorien
. er rngedank bl 'b d
tastet: Elite II ' , e el t avon natürlich unange-
so te m eme D kr
deuten, Macht d' d r emo atie geteilte Macht be-
, le en Beste ' , d
Auch Hans P n m Je em Bereich zusteht.
eter Dreit 1 d
Freien Universität B ' ,ze , er als Professor an der
Eliten nachdacht erhn m den sechziger Jahren über
e, sprach von einer »Vervielfältigung der
42
Eliten«. Elite seien schlicht Personen, die in Spitzenposi-
tionen gelangt seien. Grundsätzlich käme jeder Bereich
persönlicher Leistung dafür infrage, letztlich aber doch
nur Leistungen, die für die Gesellschaft von Interesse und
Bedeutung seien. Dreitzel charakterisierte die demokrati-
sche Gesellschaft als »Elitengesellschaft«, in der die Aus-
wahl für die Elitepositionen nach Leistung erfolge und
damit für alle Bürger erreichbar sei.
Damit war das neue soziologische Label des Elitebe-
griffs perfekt und die funktionale Leistungselite geboren.
Elite, suggeriert dieser Ausdruck, kann jeder werden, der
strebsam und klug ist, jeder also, der viel leistet. Durch
diese Neudefinition galt Elite vielen als demokratisiert,
entproblematisiert und von der Schande der Nazis fast
völlig reingewaschen. Und so fand die Elite über die So-
ziologiebücher ihren Weg zurück in die Gesellschaft. Jür-
gen Rüttgers, mittlerweile Ministerpräsident des Landes
Nordrhein-Westfalen, sagte schon 1998: »Vom Tabuwort
ist der Elitenbegriffinzwischen fast zu einem Schlüsselbe-
griff in der Bildungsdiskussion aufgestiegen,« Der sächsi-
sche Kultusminister Matthias Rößler stellte im August
2001 anlässlich der Wiedereröffnung der früheren Fürs-
tenschule Sankt Afra in Meißen als Elite-Gymnaisum für
Hochbegabte fest: »Wir bekennen uns zum Begriff der
Elite.« An dieser Schule werde die künftige Elite Sachsens
geformt.
Ihren Ursprung hatte die Begeisterung für die Leis-
tungselite aber in den Chefetagen der Wirtschaft. Hier
wird der Mythos gepflegt, in der Wirtschaft zähle im Ge-
gensatz zur Politik, in der man durch Kungelei nach oben
komme, allein die Leistung. über 90 Prozent der Top-
manager nennen Leistung und Fleiß, wenn sie nach den
43
entscheidenden Gründen für ihren Aufstieg gefragt wer-
den. Mit 80 Prozent folgen Eigeninitiative und Durchset-
zungsvermögen sowie Bildung und Ausbildung. Kaum
einer nennt Geld, Vermögen oder Beziehungen. Da
scheint es folgerichtig, dass die Manager das Konzept,
dem. sie ihren eigenen Erfolg zu verdanken glauben,
als Maßstab für die gesamte Gesellschaft wünschen. Ma-
thias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Springer-
fordert eine »durchlässige, demokra-
Leistungselite. Hans Tietmeyer, der frühere
Prasldent der Bundesbank, will »den Begriff der Elite als
Leistungselite verstehen und ihn so enttabuisieren«. Und
Hein.rich von Pierer, ehemaliger Vorstands- und späterer
der Siemens AG, glaubt, dass
die von einer »Leistungselite« bewegt wird.
DIe Anstrengungen von Politik und Wirtschaft zei-
gen Folgen. Es gab nur leisen Widerspruch, aber ziemlich
laute Begeisterun al d' B
g, s le undesregierung beschloss,
mit ihrer »Exzelle '" .
nZInlhahve« das Hochschulsystem um-
zubauen »Der Wi ttb b
. e ewer soll das deutsche Hochschul-
system neu polen' GI . hh .
Z
. . . von eIe eIt auf Elite«, schrieb die
elt 1m Oktober 2006 M' I '
R
. Itt erwede sind die ersten beiden
unden des Exzell b
. _ enzwett ewerbs entschieden. Die Uni-
verSltaten in Aach B I' .
b en, er In, Freiburg, Göttingen, Heidel-
erg, Karlsruhe Ko t d"
EU
,ns anz un Munchen dürfen sich jetzt
» te-Universität« n S'
und 21 Mill' ennen. le bekommen Ruhm, Ehre
Ionen Euro.
Erstmals seit End d .
Elit 100 e es ZweIten Weltkriegs wird das
e nzept zudem 'd
der Bev"lk WIe er von einer breiten Mehrheit
o erung akz .
fuTter All . ephert und gelebt. Laut der Frank-
gemeInen Zeitu . d
dafür begabt S h" ngsIn 54 Prozent der Menschen
, e c üler i EI' kl
n Ite assen oder an Eliteschu-
44
len zu fördern - nur 33 Prozent sind dagegen. Eine klare
Mehrheit für die Elite, zum ersten Mal, seit die Zeitung
diese Frage stellt. Die Menschen scheinen begriffen zu ha-
ben, dass nun wieder in Gewinner und Verlierer eingeteilt
werden soll, und merkwürdigerweise fragt fast niemand
nach, warum und nach welchem Schlüssel. »Wir brau-
chen wieder Eliten« - dieser Satz regt nach einigen Jahren
der aufgeregten Darf-man-das-wieder-sagen?-Diskus-
sion kaum einen mehr auf.
Damit ist die Debatte etliche Schritte weiter als ich.
Mich interessiert nicht, ob man das Wort trotz des Drit-
ten Reiches gebrauchen darf. Erst einmal ist es wie jeder
Begriff eine Hülle. Zwar eine, die in der Vergangenheit so
sehr beschädigt wurde, dass man sie eigentlich schon ent-
sorgt hatte, die aber offenbar noch nicht ganz kaputt war.
Viel wichtiger als die Frage, ob man das Wort wieder aus-
sprechen darf, ist meiner Meinung nach, mit welchem In-
halt man die Hülle füllt. Ich möchte wissen, was genau die
meinen, die »Elite« sagen. Und vor allem möchte ich er-
fahren, nach welchen Kriterien entschieden wird, wer da-
zugehört und wer nicht.
»Den Besten muss man das Beste bieten, aber das kann
man nicht zum Standard für alle machen«, sagt Ernst-
Ludwig Winnacker, der ehemalige Präsident der Deut-
schen Forschungsgemeinschaft, stellvertretend für alle,
die die Einrichtung von Elitestudiengängen, in denen die
Studenten im Vergleich zu ihren Kommilitonen an den
Massenuniversitäten traumhafte Bedingungen vorfinden,
vorantreiben. Wenn Geld, Chancen und Förderung nicht
mehr möglichst gerecht verteilt werden, sondern eine
Nachwuchselite aus diesen Töpfen per se mehr erhalten
soll als andere, müsste dann nicht allen klar sein, nach
45
welchen Regeln diese Plätze in der ersten Klasse verteilt
werden? Wie wird man Elite? Muss man auf bestimmte
Schulen gehen? Spezielle Universitäten besuchen? Ent-
scheidet das Talent? Geben Fleiß und Ehrgeiz den Aus-
schlag? Oder vielleicht doch das Geld der Eltern? Und wie
misst man das alles?
Die European Business School in Oestrich-Winkel be-
hauptet, jedes Jahr die »200 Top-Studenten in Deutsch-
land« aufzunehmen und dadurch eine »unternehmeri-
sche Elitehochschule« zu sein. Wie finden sie diese
zweihundert Top-Leute? Wer löst die Eintrittskarte in die
WeIt der zukünftigen Wirtschaftselite? Und wer bleibt
draußen? Es ist Zeit, die Nachdenkstarre zu lösen. Ich
fahre noch einmal in den Rheingau.
DIE BESTEN ODER DIE REICHSTEN?
Ich kann die Augen kaum offen halten, denn es ist früh,
U ~ d die Deutsche Bahn hatte es gut gemeint und den Re-
gIonalexpress 514 Richtung Koblenz auf gefühlte dreißig
Grad geheizt M't ' , .
. 1 eIner ReIsetasche in der Hand laufe Ich
durch die nach .
b elllem warmen Herbst noch gelben Wein-
d
~ r g e . Ich blicke auf den Rhein, über die Nebelfelder,
le an diesem Mo 'd .. ..
d k ' rgen In en Talern hangen. »Idyllisch«,
1
en e Ich, als mich der BMW-Mini überholt und in der
angen Schlang S
t
. e am traßenrand parkt. Eine Studentin
s elgt aus Sch ..
. rag Vor mir steht ein BMW-Cabrio Sport-
wagen mit do eIt '
fü d 11" pp em Auspuff - vermutlich das Modell
r en n.errn Es ist k
EBS b' U' .. unver ennbar, dass ich zurück an der
In. ngewoh r h '
schen d h" n 1C 1st allerdings, dass heute zwi-
en sc lllttlge A
n utos auch gediegene Familienkut-
46
schen parken. Aus einer steigen gerade Vater und Sohn.
Sie kommen aus der Nähe von Bremen, sind über vier-
hundert Kilometer gefahren, um hier dabei sein zu kön-
nen. Denn heute lädt die European Business School zum
»Campus Day«. Heute sollen die Oberstufenschüler ler-
nen, dass ein Studium hier »die richtige Karriere-Ent-
scheidung« ist.
In meiner Erinnerung sind Tage der offenen Tür an
Universitäten lustige Veranstaltungen. Ich war an der ehr-
würdigen Wilhelms-Universität in Münster. Wir sind erst
ein wenig eingeschüchtert, dann immer vergnügter durch
die Gänge gelaufen, haben in einer Linguistik-Vorlesung
Menschen zugesehen, die mit abenteuerlichen Verformun-
gen der Lippen die Entstehungsgeschichte von Wörtern
veranschaulichen wollten, und haben akzeptiert, dass dies
die geheimnisvolle Welt der Akademiker sein muss. Da-
nach haben wir uns in die Cafeteria abgesetzt und fühlten
uns unendlich cool und studentisch, als wir einen Milch-
kaffee tranken, der damals in unserer Kleinstadt noch
eine echte Rarität war.
Hier ist das anders. Schulklassen suche ich vergeblich.
Vor mir laufen Gespanne, die dem aus Bremen ähneln:
Vater und Sohn, ganz selten Vater und Tochter. Der Nach-
wuchs läuft fast bei allen Duos ein wenig schüchtern hin-
ter dem alten Herrn, der forsch voranschreitet. Er prüft
die zum Kauf gebotene Ware. Schließlich wird er hier, bis
das Kind den Master hat, knapp 45000 Euro lassen - nur
für die Gebühren. Ich überschlage, dass selbst ein relativ
sparsames fünfjähriges Studentenleben- mit monatlichem
700-Euro-Budget - ohnehin schon über 37000 Euro kos-
tet. 80000 Euro also, und damit hat der Sohn noch keinen
BMW-Cabrio vor dem Campus parken.
47
Die Studienberater sind gute Verkäufer. Sie wissen,
dass es ihre Aufgabe ist, diese Investition schmackhaft zu
machen. Sie schwärmen von hundertvierzig Partneruni-
versitäten, natürlich auch in attraktiven Wachstumsre-
gionen, in Hongkong, Schanghai oder Seoul. Sie berich-
ten von Studenten aus dem dritten Semester, die bereits
Traumpraktika in Investmentbanken ergattern konnten,
und erzählen von Kontaktabenden, zu denen Firmenver-
treter in den hochschuleigenen Weinkeller geladen wer-
den. Sie preisen »Lerneffektivität«, »Effizienz« und das
tolle Betreuungsverhältnis. Vierunddreißig reguläre und
elf Juniorprofessoren sorgen sich hier um das Wohl der
tausendzweihundert Studenten - also gut einundzwanzig
Studenten pro Lehrkraft. An einer führenden öffentlichen
Unive "f"t" .
rSI a selen es emundzwanzig Professoren für vier-
tausend Studenten, also einer für hundertneunzig Stu-
denten.
Damit liegt das Angebot auf dem Tisch. 10000 Euro
pro Jahr. Im Gegenzug wird das Kind vor den Zuständen
an der überfüllten Massenuniversität bewahrt. Das beein-
dbruckt. Ihren größten Trumpf haben die Studienberater
a er noch gar n' ht. .
. IC ausgespIelt. Per Beamer werfen SIe
WeUlg .. S . "
" spater tatlstiken an die Wand, die auch die letzten
ZweIfler vom S" d'
I h I
IOn leser Investition überzeugen sollen.
c ese:
Durchschnittli hAlb "
E
", c es ter el Abschluss des Studiums: 24,
lOstlegsgehalt " b
emes A solventen: 50752 Euro.
Noch Fragen? E t al .
Nachd d" . rs m keme. Oder doch. Eine noch.
em le Eltern be 'fL" h b
tition I h . gn len a en, dass sich die Inves-
o nen WIrd t 'b '
wird d' ' rel t SIe nun um, was zu tun sein
, amlt das eigen Kind
unter die '"r e die Aufnahme, den Sprung
»lOP 200« schafft D'
, . le Eltern interessiert, was
48
auch ich wissen will: Wie wählt die EBS die zukünftige
unternehmerische Elite aus?
Bei der Auswahl der besten zweihundert spielt die Abi-
turnote der Bewerber keine Rolle. Die Hochschule stellt
einen Mathe-, einen Englisch- und einen Intelligenztest.
Zum Üben bekommen wir Beispielaufgaben in die Hand
gedrückt. »Wie lauten die nächsten beiden Glieder der
Folge 2, 7, 17, 32 ... ? Das geht, denke ich und notiere:
52 und 77. Nr. 2: Anja und Sven sind zusammen achtzehn
Jahre alt. Verdreifacht man Svens Alter und addiert noch
zwei Jahre hinzu, so erhält man das Fünffache von Anjas
Alter. Wie alt sind Anja und Sven?«
Ich schreibe zum ersten Mal seit Langem wieder Glei-
chungen, addiere zu drei x die fünf Negativen der Gegen-
seite und erinnere mich an das schöne Gefühl, das man
hat, wenn eine Rechnung glatt aufgeht. Sven ist also elf
Jahre alt und Anja sieben. Bei Binomen und Logarithmen
muss ich aber passen. Dieses Mathematikunterrichtswis-
sen habe ich, falls jemals vorhanden, gründlich verdrängt.
Ich blättere weiter zum Englischtest. Hier muss man
ankreuzen, was der Satz It would be Jar better bedeuten
könnte. Ich entscheide mich für That would be a great im-
provement und sehe, dass auch die anderen »Fragetypen«,
wie es heißt, zu schaffen wären.
In den Tests bräuchte man die Note 2,7, sagt die Studi-
enberaterin. Damit qualifiziere man sich für die Einzelge-
spräche und eine Diskussionsrunde, in der man seine Per-
sönlichkeit beweisen müsse. Wer nach den schriftlichen
und mündlichen Tests zwischen Platz 1 und 200 gerankt
wird, darfdas Studium an der EBS beginnen. »Den münd-
lichen Teil schaffen fast alle«, erklärt die Studienberate-
rin. Der Knackpunkt seien die schriftlichen Prüfungen. Da
49
schnellt die Hand eines Vaters aus der ersten Reihe hoch.
»Sie steht in Mathe zwischen Zwei und Drei«, sagt er und
zeigt auf seine Tochter. »Wir haben uns die Beispielaufga-
ben im Internet durchgelesen. Da sagt sie: >Papa, das kann
ich gleich vergessen.< Das kann doch nicht Ihr Ziel sein,
dass die Bewerber hier an Mathe scheitern, wo Soft Skills
in der Wirtschaft doch immer wichtiger werden.«
Die Studienberaterin redet beruhigend auf ihn ein.
Schlechter als 2,7, das bedeute nicht automatisch das Aus.
Es gäbe immer Grauzonen. Und wer in denen lande, wer
Ergebnisse zwischen 2,7 und 3,7 habe, der könne Vorbe-
reitungskurse an der Hochschule belegen. 475 Euro kostet
der Mathekurs, 1450 der Englischkurs, plus Anreise, Un-
terkunft und Verpflegung. »Das belastet nur den Geld-
beutel Ihrer Eltern, Sie sollte das aber weniger belasten«,
erklärt sie der Tochter des aufgeregten Vaters lächelnd.
Aber wer im M th hl . b
a etest sc echter als ausreIchend a -
schneide den k··· h
' onne man leIder wirklich nicht anne -
men. »Wir suchen Studenten mit überdurchschnittlicher
Lern- und L . t b .
. eIS ungs ereltschaft«, schließt sie.
Bel 3 7 liegt d· H" d d
d ' le ur e, ie man auf keinen Fall reißen
arf. Ich bin über h I h h·· .
. rasc t. c atte es mir weitaus SChWIe-
rIger vorgestellt d T' k
d
. ' as lC et zu lösen, das zu einem Stu-
lUm an einer lb
.. se st ernannten Elitehochschule berech-
tigt. VIele sta tl· h .
h d
a lC e Umversitäten wählen ihre Studenten
nac er Abitu
U
" rnote aus. Wer Betriebswirtschaft an der
mversltät Mün .
ster studIeren will brauchte im Winter-
semester 2006/200 . '
schen U. '" 7 eInen Schnitt von 1,7, an der Techni-
lllverSltat M" h
der Fre' U. unc en war eine 1,6 nötig, sogar an
len mversität B l' d· . . 1
mäß· I . er In, le m Rankings eher mItte -
19 P atZlert ist
mindest . ' mussten Studienanfänger im Abitur
ens eIne 2,3 geschafft haben.
50
Es melden sich erste Zweifel. Die Tests, die uns die Stu-
dienberaterin vorgelegt hat, sind zwar nicht banal, aber
auch nicht nur für intellektuelle Cracks zu schaffen. Ist
für eine Aufnahme an der European Business School die
allergrößte Hürde vielleicht eher, ob man die 10000 Euro
pro Semester zahlen kann und will? Schließlich scheitern
die allermeisten Eliteanwärter nicht am Test der EBS, son-
dern bewerben sich gar nicht erst. Nach Angabe des Sta-
tistischen Bundesamts gab es 2006 in Deutschland rund
400000 Abiturienten. 23500 von ihnen schrieben sich für
ein BWL-Studium ein. Aus diesem Pool wollen gerade
einmal achthundert zur EBS. Jeder vierte Bewerber wird
also angenommen. Diese Quote deutet nicht auf ein be-
sonders hartes Auswahlverfahren hin.
Wahrend der Präsentation haben sich hinter uns
Studenten aus dem ersten Semester versammelt. Sie wer-
den uns gleich den Campus zeigen. Eine Führung von
Deutschlands zukünftigen Führungskräften, denke ich -
und bin sofort still. Vor mir steht ein riesiger, durchtrai-
nierter Junge, der es mit ein wenig Glück auch in der
Kategorie »Aussehen« unter die »200 Top-Studenten in
Deutschland« schaffen könnte. Seine exakt geschnitte-
nen Haare kräuseln sich im Nacken, die wie angegossen
sitzende Boss-Jacke kleidet seinen mindestens zwei Meter
langen Körper ausgezeichnet. »Sebastian«, stellt er sich
vor. »Julia«, sage ich. Sebastian zeigt uns das Kiep-Center
und einen ziemlich großen chinesischen Tempel, den
man nicht betreten kann. »Was der soll, weiß ich auch
nicht«, sagt Sebastian. »Es heißt, dass den der Vater
eines Studenten von der Expo hat herbringen lassen. Wa-
rum, kann ich auch nicht erklären.« Dann führt er uns
über den Parkplatz. »Haben alle hier Autos?«, frage ich.
51
»Neunzig Prozent«, antwortet er und nährt damit meine
Zweifel daran, dass Leistung hier tatsächlich ein rele-
vanteres Auswahlkriterium ist als Wohlstand. Viele hier,
erzäWt Sebastian, wüssten gar nicht, dass man für Geld
arbeiten müsse. »Manche sind von oben bis unten in
Gucci gekleidet. Andere sind immer bemüht, dass man
das kleine Pferdchen oder das Krokodil auf dem Pullover
auch sieht. Und den Kragen am Poloshirt stellen alle hier
hoch. Keine Ahnung, was das soll.« Später wird mir einer
der Studenten erklären, wieso die Ecken am Kragen nach
oben zeigen müssen. Das würde für Entschlossenheit ste-
hen, sagt er, dafür, dass man auch Widerstände überwin-
det. »Kragen hoch und durch!« - das sei ihr Motto.
Auch der Vater aus Bremen möchte gern über Geld spre-
c h ~ n . »Wie teuer ist denn hier eine Wohnung?«, fragt er.
»Funfhundert Euro sollte man schon rechnen«, schockt
Sebastian den Bremer. Es gebe auch billige Zimmer, die
von Rheingauern angeboten würden. »Ich habe mir die
angeguckt. Das war alles nichts. Letzten Endes muss man
scho .ob .
nu er eInen Makler gehen. Manche kaufen auch ein-
fach eine Wohnung.«
»Macht es denn Spaß, hier zu studieren?«, will der
Bremer Vater w· E .
. ISsen.» s geht«, sagt Sebastian. »Es gIbt
Viele Tiefs Es ist hiP 0
. a t rOVinz. Zu Hause brauche ich zum
Burger Kin fü f .
g n MInuten, hier eine halbe Stunde.« Im
Gegensatz zu de u .
m vater finde Ich es beruhigend dass
auch Leute in d0 '
t k ' le man Zehntausende Euro pro Jahr
s ec t, scWießlich d h b . d
o oc el en grundsätzlichen Proble-
men eInes Student I b
w 11 en e ens landen. »Wenn wir weggehen
o en oder ins Ki ..
Stadt ~ h no, mussen wir in Kolonnen in die
la ren«, redet Sb', .
e astlan weIter, während er uns 10
52
die Mensa führt und gleichzeitig einer Mitstudentin hin-
terherstarrt.
»Ich geh sonst nie in die Mensa«, sagt er, während wir
unsere Nudeln auf die Gabel drehen. Nett, dass er heute
hier ist, denke ich und werde gleich enttäuscht. An der
European Business School regiert der Markt. Er regelt
auch zwischenmenschliche Beziehungen. Sebastian sitzt
vor mir und dem Bremer Gespann, weil er dadurch seine
Chancen steigert, sein Auslandssemester in den USA oder
Australien verbringen zu dürfen. Nach zwei Semestern
werden die Studenten nämlich gerankt - von Platz 1 bis
Platz 200. Wer oben landet, darf sich die begehrtesten
Auslandsuniversitäten aussuchen, wer unten steht, »der
muss nach Polen oder in die Ukraine«, sagt Sebastian. Ins
Ranking fließen nicht nur die Studienleistungen, sondern
auch die Sozialpunkte ein. »Drei Punkte gibt es, wenn
man bei Veranstaltungen auf- oder abbaut. Fünfzehn,
wenn man an seiner alten Schule einen Vortrag über die
EBS hält, achtzig, wenn man in einer studentischen Ini-
tiative ist.«
Deshalb ist Sebastian in der studentischen Öffentlich-
keitsarbeit und führt uns über den Campus. »Die wollen
halt fördern, dass man sich engagiert«, sagt er. Ich staune.
Mein erster Reflex ist, dieses System zynisch zu finden.
Dann überlege ich, ob es nicht vielleicht fairer ist als eine
informelle Einteilung in engagierte und faule Studenten.
Ob es gar sinnvoll ist, auf diese Weise Studenten zu ani-
mieren, nicht nur an die Seminare zu denken.
»Die meisten sind in der Initiative Finanzen oder im
Investment-Club«, sagt Sebastian. Und ich ziehe meinen
Gedanken mit dem sinnvollen, vielleicht sogar sozialen
Engagement wieder zurück. »Letzte Woche«, erzählt er
53
weiter, »haben wir von der Initiative >Studenten helfen<
einen Blutspendetermin organisiert. Wir wollten, dass es
für eine Blutspende zwanzig Sozialpunkte gibt. Aber das
wurde nicht genehmigt. Jeder sollte aus Überzeugung
spenden. Es ist kaum einer gekommen. Hier tut keiner
was aus Überzeugung. Nur wegen der Sozialpunkte.« Die
seien schließlich die einzige Möglichkeit, um im Ranking
die Streber zu überholen.
»Was machst du, wenn das nicht klappt?«
»Dann bewerbe ich mich selber um einen Platz im
Ausland. Auch wenn ich dann zahlen muss. Hawaii wäre
schön«, sagt Sebastian und meint das ernst.
Der Bremer Vater schaut etwas angespannt. Vermut-
l i ~ hat er gerade endgültig begriffen, dass er für die
nachsten Jahre noch etwas mehr Geld beiseitelegen muss.
~ N i m m t die EBS die Reichsten oder die Besten?«, schreibe
Ich auf meinen Block mit den Fragen, die ich dem Direk-
tor der European Business School stellen will.
DER CHEF DER ELITE
Christopher Jah ' .
ns 1st gerade eInmal achtunddreißig Jahre
alt; also in einem Alt ' d
, .. er, In em sich das Gros der univer-
sl
ch
tare
ftl
n, Nachwuchskräfte als schlecht bezahlte wissen-
s a 1che Mitarb 't
J
ah d e1 er von Semester zu Semester hangelt.
ns agegen ist sch
'" on ganz oben angekommen. Als
Jungster Rektor den d' E .
der H h h ' 1e BS Je hatte, ist er an die Spitze
» oc sc ule für d' Füh'
er sagt h I 1e rungselite von morgen«, wie
,ge 0 t worden Al . h
mir Vorst II . s er seIn Büro betritt, kann ic
een,dasser' hh .
Jahns stü t " eIn 0 es Tempo gewohnt 1st.
rz mIt WIndschnittigem kurzem Haar in Hemd
54
und Krawatte in den Raum, läuft mir mit langen Schritten
entgegen, löst seine Uhr vom Handgelenk und legt sie vor
sich auf den Tisch. Er wird sie während unseres Gesprächs
kaum aus den Augen lassen. Eine halbe Stunde habe ich,
um mit ihm über Eliten zu sprechen. Die Uhr zwischen
uns signalisiert: Meine Zeit läuft jetzt. Die Zeit unseres
deutschen Bildungssystems, sagt er direkt zu Beginn, sei
quasi schon abgelaufen. Die deutschen Unis seien ver-
krustete Massenbetriebe. Sie setzten auf »völlig veraltete
Methoden«, würden ihre Studienplätze nach Abiturnoten
vergeben, schimpft Jahns.
»Das ist doch eigentlich auch ein nachvollziehbares
Kriterium. Was finden Sie daran so schlecht?«
»Es gibt diesen Spruch: Die Klassenbesten gehen wo-
andershin, und die Klassensprecher sind bei uns an der
EBS. Ich weiß nicht, ob sich Kompetenz immer in der
Abiturnote widerspiegelt. Vielleicht wäre ich an dieser
Hochschule als Rektor gar nicht zugelassen worden. Ich
habe damals mein Abitur nur mit 1,8 gemacht. Es gibt su-
per Leute, deren Fähigkeiten finden sich nicht immer in
einem Notenspektrum wieder.«
Bevor in Auswahlgesprächen die letzte Entscheidung
für oder gegen einen Bewerber fiele, würde die EBS die
Studenten in Zukunft vor allem auf der Grundlage eines
internationalen Auswahltests wie dem Graduate Manage-
ment Admission Test, kurz GMAT, ranken. Von einem
Rat von Wirtschaftswissenschaftlern entwickelt, wird der
GMAT in den USA, England und auch in Asien schon
lange eingesetzt. Die Bewerber müssen auf Englisch Es-
says verfassen und standardisierte Mathe- und Logikauf-
gaben lösen. Hunderttausend Bewerber pro Jahr testen
sich weltweit mit dem GMAT, jeder zahlt dafür 250 Dollar
55
IVl;
Gebühr an die Entwickler. In Frankfurt bereiten Manage-
menttrainer in zweitägigen Crashkursen auch deutsche
Studenten gezielt auf den Test vor. Sie werben damit, dass
die teuren Kurse die Punktzahl steigern. Wer mit dem Er-
g ~ b n i s nicht zufrieden ist und das nötige Geld hat, kann
eInen weiteren Kurs belegen und den Test wiederholen,
maximal fünf Mal pro Jahr.
Jahns hält viel von dem GMAT. Er ist für ihn ein ver-
lässlicher Vergleichsmaßstab ein Mittel des weltweiten
R . '
ankings, »Das Maximum sind da 800 Punkte - das er-
reicht kaumjemand. Unsere Besten schaffen 750, mal 760,
dann sind sie b . d' b 1 .
", el uns le a so uten Topstars, Im Schmtt,
wurde Ich sagen, sind unsere Studenten bei 650 bis 680.
Und damit sind ' , h '
. WIr SlC er In Deutschland führend.« An
Indischen Spitzenu' '" I' . . h
mversltaten lege der durchschmtthc e
GMAT der Stud t b'
en en el 740. »740« wiederholt Jahns
noch einmal und . h d .' .
, spnc t rel Ausrufezeichen. Als er m
IndIen zu Besu h h b
. c war, a e er gefragt, was mit Studenten
paSSIere, die nur 710 erreichten. »Da bekam ich die Ant-
wort: >Die schicke . .. k
n WIr zuruc zu unseren Gründungs-
partnern, nach Harva d B'" .'
h b' r zum elspie!.< DIe wollen SIe mcht
a en. MIt ander W
fü di en orten: Wer >nur< 710 Punkte hat, ist
r ese indischen U' , "
mversltaten nicht gut genug. Das
War ernst gemeint «J h' .
I d b' . a ns 1St beeIndruckt, wie rigoros die
n er el der Au hl'h
hu d swa 1 rer Studenten vorgehen. Zwei-
n erttausend Stud "
bei einer 11 U. enten, erzählt er mir, bewerben sich
op- m Z 'h d
men. »Ganz . C • Wel un ertvierzig werden genom-
eInlach per GMAT
aus der M d" «, sagt er, »flltern die Inder
asse le wukl' h B
seien eben z' I' h lC esten heraus.« Diese Inder
lern lC gut f
DeutSchen im V. .' seu zt er. Kein Wunder, dass die
E
erglelch zu di . d' h
üte hundert Jah R" eser In lSC en Manager-
re uckstand hätten.
-, 11M'
Damit leitet Christopher Jahns übergangslos zu sei-
nem Lieblingsthema über: die scharfe Kritik an Deutsch-
lands staatlichen Universitäten. Die Massenuniversitäten,
schimpft er, seien zu arrogant, um zu begreifen, dass
andere Länder vorbeizögen. Sie würden nicht einsehen,
dass Deutschland im internationalen Wettbewerb längst
abgehängt sei. »Das, was wir dort erleben«, sagt Jahns sar-
kastisch, »ist eine organisierte Unverantwortlichkeit, ge-
paart mit einer fatalen wirtschaftsfeindlichen Attitüde.
An staatlichen Universitäten ist es zum Beispiel verpönt,
einen Daimler-Chrysler-Hörsaal zu haben. Das ist bei uns
natürlich normal. Und da sagen mir die Kollegen von den
öffentlichen Hochschulen: >Ja, nimmt denn da die Wirt-
schaft Einfluss bei euch?< Da kann ich nur sagen: Wir sind
stolz auf unsere engen Kontakte zur Wirtschaft. Natürlich
soll die Wirtschaft mit ihren Topthemen bei uns vertreten
sein, damit wir nicht total an der Unternehmenspraxis
vorbei Ausbildung gestalten und forschen.«
Nur durch enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft,
nur durch die Nähe zu den ehemaligen Studenten, den
Alumni, sei es zum Beispiel einer Universität wie Harvard
möglich, auf ein Stiftungsvermögen von weit über 20 Mil-
liarden US-Dollar zu kommen. Dagegen sei das Vermö-
gen der deutschen Privatuniversitäten, auch das der EBS,
schlicht lächerlich.
»Trotzdem sagen Sie, dass Ihre Uni eine unternehme-
risch handelnde Elitehochschule sei. Wie kommen Sie
dann zu dieser Aussage?«
»Elite sind wir hier in unserem Sprachgebiet, auf den
Märkten in Zentraleuropa. Und zwar weil unsere Studen-
ten im Schnitt 2,4 Jobangebote kriegen. Weil wir von den
über dreitausend Alumni wissen, dass unsere Leute sich.
.
56
157
auch vier, fünf Jahre nachdem sie das Studium bei uns
absolviert haben, in tollen Positionen befinden, sei es
in mittelständischen Betrieben, in Beratungsfirmen oder
in Großkonzernen.« Er glaube nicht, sagt Jahns, dass sich
das beste Drittel seiner Studenten massiv von dem besten
Drittel der Studenten an staatlichen Universitäten unter-
scheide, aber an der EBS gebe es nun einmal sehr viel bes-
sere Lehr- und Lernbedingungen. Mein Block liegt bereit.
Mein Diktiergerät zählt die Sekunden bis zur ersten offi-
ziellen Elite-Definition.
»Elite-Uni«, frage ich, »heißt für Sie also nicht, dass
Ihre Studenten Elite sind, sondern dass Ihre Studenten
gut sind und Sie Ihnen optimale Studienbedingungen
bieten?«
»Elite heißt für mich schon, dass wir besonders talen-
tierte Studenten als Elite von morgen ausbilden. Damit
meine ich Menschen, die zum einen umfassende wissen-
schaftliche Kenntnisse haben, also fachlich nicht zu schla-
sind. Management-Kompetenz ist für mich aber eher
eIn Handwerk. Elite zu sein bedeutet mehr. Wir wollen,
dass sich die Studenten persönlich fortbilden, Fertigkei-
ten, und soziale Kompetenz
entwIckeln, so dass sie später in der Wirtschaft und Gesell-
Führungspositionen ausfüllen können, in denen
leiten, führen und ihnen Vorbild sind. Das ist
für m.lch mit dem Elitebegriff verbunden.«
»Sle definieren al EI' . h .
. so Ite mc tals Lelstungselite?((
»NeIn, sondern al Vi bild .
D
' . s or elIte, wenn Sie so wollen.
amlt SInd immer Le' t b .
I
· h IS ungs ereltschaft und gesellschaft-
lC es Engageme t b
, n ver unden.« Seine Studenten, ver-
sprIcht mir Jahns d
>lIeh gl b : wer en Verantwortung übernehmen.
au e, dass Jeder d h'
, er ler rausgeht, nicht nur ein-
58
fach heiß darauf ist, Karriere zu machen, sondern auch
bereit ist, Verantwortung zu übernehmen für andere, in
seinem Job oder privat.(( Seine Studenten würden schnell
begreifen, dass man die Zugehörigkeit zu einer Elite nicht
geschenkt bekomme, sondern dass diese hart erarbeitet
werden müsse. »Es gibt ja den Vorwurf, hier würden sich
die Unternehmersöhnchen einen Abschluss erkaufen.
Das ist üble Nachrede, das können Sie total vergessen.
EBSler lernen ganz schnell: Das Studium bei uns ist tat-
sächlich harte Arbeit.(
Ich erinnere mich an Bernds durchgetaktete Tage, an
seine Leistungsbereitschaft und seinen Fleiß und be-
zweifle nicht, dass er sich seinen Abschluss hier erarbeitet
hat. Ich denke aber auch an die Autos, die Anzüge und
die Kängurulederschuhe der Studenten, die ich hier
bisher getroffen habe, an die 10000 Euro pro Jahr, die
das Studium kostet. Aus meiner Sicht können dies keine
Kriterien sein, die bei der Vergabe der Plätze unter einer
Leistungselite, gar einer Vorbildelite, eine Rolle spielen
dürften. Es sind aber elementare Kriterien bei der Ent-
scheidung, ob aus einem Abiturienten ein Student der
EBS wird.
Jahns bestreitet nicht, dass an seiner Hochschule mehr
Unternehmerkinder sind als üblich. Er beziffert ihren
Anteil auf rund 30 Prozent im Vergleich zu knapp 20 Pro-
zent an einer staatlichen Universität. Er bekäme aber im-
mer mehr Anrufe, Schreiben und E-Mails aus der, wie
er sagt, »aufgewachten und enttäuschten Mittelschichk
Auch Lehrerfamilien zum Beispiel wollten ihre Kinder in-
zwischen zur EBS schicken.
Mein Bruder hat gerade sein Referendariat begonnen.
Er schätzt, dass einem jungen Lehrer mit Kind im Jahr
59
etwa 30000 Euro netto bleiben. Die EBS-Studienge-
bühren fräßen also ein Drittel des Familiengehalts auf.
Dass das ohne finanzielle Reserven oder reiche Groß-
eltern finanzierbar sein soll, bezweifle ich. Jahns emp-
fiehlt dennoch auch den Kindern aus diesen Familien
eine Bewerbung und eine Teilnahme am Auswahlverfah-
ren. Zuerst soll geklärt werden, wer für die Uni geeignet
ist, danach erst will die Hochschulleitung wissen, ob der
Kandidat die Gebühren zahlen kann.
Eine andere deutsche Privatuniversität, die Interna-
tional University Bremen (!UB), leistet sich ein Verfah-
ren, in dem Bewerber nur nach Leistung und ohne
Kenntnis ihrer Finanzen ausgewählt werden, bereits seit
ihrer Gründung. Als Resultat der sogenannten need blind
admission zahlen nur acht Prozent der Studenten die
Gebühren. Die !UB verzichtet nach Angaben der
Suddeutschen Zeitung damit auf etwa die Hälfte ihrer
Einnahmen aus Studiengebühren und stand Ende 2006
vor der Pleite. Die 106 Millionen Euro, die das ohnehin
Land Bremen in die private Uni steckte, reichten
nicht aus. Die Rettung kam schließlich in Gestalt
emer Kaffeerösterei. Die Jacobs Foundation kündigte an,
b'
IS zum Jahr 2011 insgesamt 200 Millionen Euro in die
Bremer Privatuniversität zu stecken. Die opferte als Dank
das. im Namen und heißt jetzt Jacobs
Umverslty.
U
Rdektor Jahns kennt die Geschichte dieser Fast-Pleite.
n so werden auch' Zuk ft .
d
m
un dIe meisten seiner Stu-
enten ihre Geb"h ah1
ledi . uren z en müssen. Jahns verspricht
ghch, dass seine Hochschule mehr Stipendien einfüh-
ren und dafür sorg . d d
A f:
ahm
en WIr, ass Banken J' edem der die
une "fu '
pm ng bestanden hat, einen Kredit anbieten.
60
Er schätzt, dass manche Studenten dann beim Abschluss
bis zu 50000 Euro Schulden haben. Trotzdem halte er das
Risiko einer Kreditaufuahme für gering, sagt er, da die
Absolventen ja in gute Positionen kämen.
Im Oktober 1999 habe ich an der Universität Dort-
mund angefangen. Wir waren fünfzig Erstsemester am
Institut für Journalistik. Fast alle hatten gerade ein sehr
gutes Abitur gemacht. Ein Professor begrüßte uns und
versprach uns eine goldene Zukunft. Das Institut böte
nicht nur eine sehr gute Ausbildung, sondern hätte in der
Branche auch einen erstklassigen Namen. 96 Prozent der
Absolventen hätten unmittelbar nach dem Studium eine
Anstellung als Redakteur gefunden und somit einen gut
bezahlten, sicheren Job.
Wir hatten gerade die Mappen mit den ersten
selbst moderierten Sendungen im Uni-Radio und den
Übungsmeldungen abgegeben, als die Medienkrise über
uns hereinbrach. Zeitungen und Nachrichtenagenturen
schmissen Hunderte gut ausgebildeter Redakteure raus,
auch Rundfunksender und Internetanbieter entdeckten
den Charme des freien Mitarbeiters, den man tageweise
entlohnt und nicht als festen »Personalkostenblock« an
sich bindet. Wir lernten, dass auch Professoren unrecht
haben und dass ein Job, sobald er vom Arbeitgeber in
»Praktikum« umbenannt wird, wenn es gut läuft, 50 Euro
pro Woche bringt. Auch lange nach dem Abschluss
manövrieren viele zwischen Zeitvertrag und Teilzeitjob.
Wir wissen, welche Zeitungen Hungerlöhne von 130 Euro
für komplette Artikel zahlen und von welchen Aufträgen
man leben kann. Gut, dass der Professor uns damals nicht
auch noch ermutigt hat, Kredite aufzunehmen - risiko-
frei, wegen der nahenden Festanstellung.
61
--;-----------__iiiliiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil -----...........---...
Man müsse sich daran gewöhnen, dass Bildung etwas
kostet, sagt Rektor Christopher Jahns. Was umsonst sei,
sei oft auch nichts wert.
Nachdem etliche staatliche Universitäten in Nordrhein-
Westfalen eine im Vergleich zur EBS geradezu läppische
Studiengebühr von 1000 Euro pro Jahr eingeführt hat-
ten, sank die Zahl der Studienanfänger zu Beginn des Win-
tersemesters 2006/2007 um zehn Prozent. Dass zwischen
Gebühren und der Zahl der Studenten ein kausaler Zu-
sammenhang besteht, bestreiten die Bildungspolitiker und
verweisen darauf, dass die Zahl der Studenten nach einem
ersten Gebührenschock meist wieder ansteigt. Fakt ist:
Seit 2004 schreiben sich in Deutschland jedes Jahr weni-
ger Erstsemester ein. Dabei steht im Koalitionsvertrag der
dass der Anteil der jungen Menschen,
dIe studieren, auf 40 Prozent pro Geburtsjahrgang steigen
soll. Im Wintersemester 2006/2007 fiel man auf 35,5 Pro-
zent .. k E'
zuruc. In Debakel. Im Herbst 2007 gab es ftir
sogar offiZiell Ohrfeigen: Die Organisation
fiir wIrtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit
(?ECD) rügte die Bundesregierung in ihrem Bildungsbe-
ncht. Deutschland " R nki '
sellm a ng der Industriestaaten bel
Quote der Hochschulabsolventen innerhalb von drei-
ßIg Jahren von Platz h f PI ' .
ze n au atz zweIUndzwanzIg abge-
rutscht, so der Bericht I S h . "
.. . m c mtt studIere In den anderen
Ländern über die Hälfte jedes Jahrgangs.
Noch. Denn in Eng! d "
E h
"h an zum BeIspIel brachen nach der
r 0 ung der G b" h
al1
euren auf über 4500 Euro pro Jahr vor
emStudenten au d M' I
d' s er Itte .. und Unterschicht ihr Stu-
lUmab. Diejenige d' d .
t. n, Ie urchhlelten, versuchen die Kos-
en mIt Jobs zu decke Üb '
d . n. er 80 Prozent der englischen Stu-
enten arbeIten neb nh
e er, trotzdem haben viele am Ende
62
Schulden in Höhe von über 30000 Euro. Auch den USA
hat eine Studie des Education Trust gerade attestiert, dass
die Universitäten des Landes stetig »reicher und weißer«
würden, weil die Gebühren, die mittlerweile auch an staat-
lichen Universitäten im Schnitt auf 12000 Dollar pro Jahr
gestiegen sind, ärmere Studenten vom Studium abhielten,
Vielleicht hilft auch in diesem Punkt der von der Wirt-
schaft so oft geforderte Blick nach Asien, nach China zum
Beispiel. Dort ist die Zeit nach den Aufnahmeprüfungen
für die Universitäten die Zeit des Sterbens. Xuefei cuiming
heißen sie - die »Schulgebühr-Selbstmorde«. Die Opfer,
schreibt die Süddeutsche Zeitung, seien die Eltern erfolg-
reicher Schüler, die kein Geld für die hohen Hochschul-
gebühren haben. Mindestens 8000 Yuan, gut 800 Euro,
verlangen chinesische Universitäten pro Jahr. Das ist das
Jahreseinkommen eines Durchschnittsverdieners in der
Stadt. Auf dem Land haben die Menschen im Schnitt
nicht mehr als 3000 Yuan.
Li Haiming, ein Bauer, hat sich in einem Türrahmen
erhängt, nachdem seine Tochter Lingling die Prüfung an
einem Kolleg bestanden hatte. Er sei ein »nutzloser Va-
ter«, weil er die Gebühren nicht zahlen könne, sagte er vor
seinem Tod. Nachdem Chen Li seinen Vater aus der Stadt
angerufen hatte, um ihm überglücklich zu erzählen, dass
er die Uni-Aufnahmeprüfung geschafft hatte, trank der
Vater eine Flasche giftigen Chemiedünger. Auch die
neunzehnjährige Wang Jingna trank Düngemittel, um zu
sterben. Sie hatte die Aufnahmeprüfung für eine Hoch-
schule in der Provinzhauptstadt bestanden. Rund 1300
Euro hätte sie an Gebühren zahlen müssen. Das Mädchen
hatte die Dorfverwaltung um einen Kredit gebeten, ihn
aber nicht bekommen.
63
__,------------------------iiiiiiiii-------..........----------.......--------..
I
i
i
Natürlich habe ich diesen Exkurs in dem Gespräch mit
Rektor Christopher Jahns nicht unterbringen können.
Die Uhr lag schließlich zwischen uns, die halbe Stunde
lief. Er hätte die Geschichten aus China sicher zu Recht
für etwas radikal gehalten. Und Nordrhein-Westfalen,
England und die USA?
Christopher Jahns weiß, dass die Gebühren seiner
Hochschule Studenten aus ärmeren Familien abschre-
Er will noch mehr Stipendien organisieren und
sich, dass das deutsche Fördersystem umgebaut
WIrd. BIslang können Studenten, deren Eltern wenig Geld
haben, BAföG beantragen. Da der Bund diese Hilfe seit
Jahren nicht erhöht hat, liegt der Maximalsatz bei mage-
ren 585 Euro. Davon kann kein Student leben. Im teuren
Oestrich-Winkel schon gar nicht. Deshalb will Jahns das
Geld b·· d I 0
un e n und dIe Zahl der Empfänger reduzieren.
kriegt ja eigentlich jeder. BAföG ist ja nun kein
Leistungsförderungssystem. Das wird Joe nach finanzieller
Bedo·rft° k
u Ig eit bezahlt. Überlegen Sie mal, wie viel Geld da
pauschal ausgegeben wird. Es wäre besser nach Leistung
'
1 .erenzieren und gestaffelt zu fördern. So könnte
man die Wirklich B t d·· 0
ch
es en er BAfoG-Berechhgten raussu-
en d
O
b
k ,le esten zehn Prozent etwa, und deren Studium
omplett fördern.«
die anderen dann gar nicht?«
»DIe müssen d
al
f
0 ann versuchen, ihr Studium anders,
so au eIgenes Ri ik .
ruf ISO,zu finanZIeren, oder erst einen Be-
er ernen.«
Mehr Wettbe b . 0
von P c wer 1st seme Kernidee. Jahns hält wenig
rOlessoren die Vert - oOb
Jahre hab ' rage u er zwanzig oder dreißig
en wollen Se· W··
und chan'" th . me unsche: change the system
oe e culture A fD 0
. u eutsch: eme komplette Ent-
64
bürokratisierung der Hochschule. Leistungsgedanke statt
Besitzstandswahrung, nennt Jahns das. »Ich finde es so
traurig, dass »Elite« in Deutschland so lange ein Schimpf-
wort waro Klar, wir haben unsere Vergangenheit. Ich
wohne in der Schweizo Und obwohl die Schweizer eher re-
serviert sind, ist bei denen ganz klar, dass sie stolz darauf
sind, dass einige ihrer Hochschulen Elite ausbilden. Dass
die Wirtschaftselite, die Politikelite, die Literaturelite dort
an diesen Universitäten entsteht. Das ist hier so lange ver-
pönt gewesen. Und das stimmt mich echt traurig. Wir ha-
ben uns hier einfach nur am Mittelmaß ausgerichtet und
hatten ein total falsches Verständnis von Gerechtigkeit.«
»Was war das für ein Verständnis?«
»Unser Verständnis ist, dass der Schwache - ich spre-
che von weniger Begabten, nicht von weniger Betuchten -
immer mitgenommen werden musso Dadurch richtet sich
automatisch viel am Mittelmaß aus. Man hat hier viel
mehr den Willen, dem Schwachen zum Mittelmaß zu hel-
fen, als den Guten weiterzubringen. Und das empfindet
man auch als gerechter. Für mich ist das ein falsches Ver-
ständnis. Gerechtigkeit heißt, jeden nach seinen Fähigkei-
ten, also auch den Guten besonders zu fördern, wie den
Schwachen auf ein Mittelmaß zu bringen. Wenn ein Sys-
tem dem Schwachen die Chance gibt, zurechtzukommen,
finde ich das sozial richtig. Die Frage ist, ob das so orga-
nisiert werden muss, wie wir das machen - ohne Diffe-
renzierung von Angeboten. Damit habe ich ein echtes
Problem. Was passiert denn heute? Die richtig guten
Leute, die wählen vielleicht ein, zwei, vielleicht noch drei
Hochschulen hier, die sich anders organisiert haben, und
die anderen, die gehen einfach ins Ausland. Das ist eine
Katastrophe. Das ist eine Bankrotterklärung. Und deshalb
65
müssen wir einfach auch mit der Förderung der Guten
richtig Gas geben und denen sehr, sehr gute Bedingungen
liefern.«
»Aber was ist«, frage ich ihn, »wenn sich DeutscWand
dann drastisch verändert, wenn es dann zwar mehr Ge-
winner, aber auch mehr Verlierer gibt?«
»Da kann ich nur provokant sagen: Pech gehabt! Es
gibt eben Unterschiede. Wir müssen die Leistungsträger
heraussuchen, die es übrigens in allen sozialen Schichten
gibt. Um die müssen wir uns auch intensiv kümmern. Das
sind die, die eine Gesellschaft voranbringen.«
Am Abend sitzen wir in der »Krone«, der guten Stube von
Oestrich. Vier von Jahns Studenten und ich. Sie sehen
nicht so aus wie die Jungs, mit denen ich sonst abends weg-
gehe. AmNebentisch empfängt einer ihrer Freunde gerade
sein Date und raucht Zigarre. Auch ansonsten ist hier alles
etwas gediegener als in den Bars in meinem Viertel. Einer
der Jungs trägt ZWar eine Sportjacke, aber die ist nicht von
H&M, sondern aus der Kollektion des amerikanischen De-
signers Hilfiger. Trotzdem ist schon nach der ersten Runde
zweierlei klar' DI'e' . d ih . rnli h
. Vler sm trotz rer Klamotten Zie c
normale Jungs, und ihre Sicht auf die Welt ist nicht so
schwarz-weiß wie die ihres Rektors.
E i ~ e r finanZiert sein Studium über einen Kredit. Zwei
Praktika bei Inve t b nk
s ment a en hat er bislang gemacht
und dort gem kt d d
er , ass as Gerede von den 16-Stunden-
Tagen Realität ud' h
. n mc t Aufschneiderei ist. Es sei nicht
so, dass dle Arbe't . ...
kl 1 Immer nottg und sinnvoll gewesen sei,
agt er. Es gehe oft s W' h d
d' c IC t arum, bis nach Mitternacht
azusltzen. »Sechzeh St d
1- ft h n un en pro Tag arbeiten, wenn es
au , underttausend Jah
pro r verdienen, und mit drei-
66
ßig Jahren stirbt man an Herzinfarkt«, fasst sein Freund
das Leben, das einen jungen Investmentbanker erwarten
kann, zusammen. »Aber wenn ich es nicht mache, wie soll
ich dann den Kredit zurückzahlen?«, fragt der andere.
Dann erzählt er, dass er so ein Investmentbanker-Leben
nicht will. Er will Familie, sagt er, und seine Kinder auch
mal sehen. Der Student, der neben mir sitzt, im Rauten-
pullunder und mit zurückgegelten Haaren, sagt, man
müsse das ganze Gerede von wegen Topstudenten und
Elite mal ganz gelassen betrachten. »Ich bin durchschnitt-
lich intelligent und überdurchschnittlich ehrgeizig und
fleißig«, sagt er. »Aber wenn meine Eltern sich das hier
nicht leisten könnten, wäre ich nicht hier.«
Kurz nach diesem klugen Satz springen wir beide in
sein schnelles Auto, das vor der Kneipe parkt. Er rast in
den Nachbarort, damit ich meinen Zug noch bekomme.
Er lässt mich raus. Ich renne die Treppen hoch, die Tür
fällt hinter mir zu, und sofort bin ich in einer anderen
Welt. Dieses Gebäude gehört zur Bahnhofsunterschicht.
Es ist kein Glas- und StaWtempel wie der Berliner Haupt-
bahnhof, kein schmucker mit Metallgewölbe wie der
Frankfurter. Es ist ein stinkendes, einsames Backstein-
haus, an dessen Wände Jugendliche mit Edding ihre Lie-
besschwüre geschmiert haben. Ich will zum Gleis, rüttle
an der Tür, doch die ist verschlossen. »Öffnung erst vor
Ankunft der Züge« lese ich. Laut Plan fährt der Zug in
dieser Minute ab. Ich renne ums Gebäude, stehe vor einem
Zaun, laufe zurück, rüttle wieder an der Tür. Sackgasse,
schreit der Bahnhof. Ich werde nervös. Dann ertönt die
Durchsage, dass mein Zug sich verspäten wird. Ich füge
mich, akzeptiere die verschlossene Tür und starre sie
während der nächsten Viertelstunde an.
67
, "----------__- .....-.......-IHW'i_----....__IIIIIIIIIIII............... .....
Was ist, überlege ich, wenn sich so ein ganzes Leben
anfühlt? Wenn man irgendwie am falschen Ort landet, die
falsche Tür benutzt und plötzlich nicht mehr weiß, wie
man wieder rauskommt? Können die, denen es besser
geht, da einfach sagen: Verlierer - Pech gehabt, es gibt
eben Unterschiede? In diesem Moment surrt die Tür. Es
geht weiter. Ich darf aufs Gleis, in den Zug, der mich nach
Hause fährt.
GEWINNER UND VERLIERER
Es ist zwei Uhr nachmittags. Ich sitze in unserem WG-
Wohnzimmer an dem langen Holztisch, den Theo vor
Jahren auf einem Flohmarkt gefunden hat. Die hintere
Hälfte i t ' , ,
s WIe Immer mit Toms und meinen Zeitungen be-
deckt. Statt aufzuräumen, setze ich mich mit Rechner und
Kaffee lieber an das etwas wacklige vordere Ende. Abgese-
hen von den knarzenden Holzdielen ist es ruhig. Hanna
lernt in der Biblioth k d' J " . ,
, e, Ie ungs smd seIt gestern m Ihren
Zlffimern. Theo w d f' ,
ar gera e au emer Konferenz m Bonn
zum Thema Gr d' k
un em ommen. Seit ein paar Monaten

er sich in mehreren Gruppen, die eine solche
aSIsversorgung fü 'd B"
"b 1 r Je en urger durchsetzen wollen. Jan
u er egt, wo er ' F' h

. em ISC erboot mieten kann, das er
r eme Protestakt' b h
. , Ion rauc t. Mit dem Boot wollen Ak-
tiVIsten - als G W
kl
'd eorge . Bush und Angela Merkel ver-
el et - durch d R
SchI as ostocker Hafenbecken fahren. Im
eppnetz soll ein E dk I
F" , e r uge zappeln, »Die Welt in den
angen WellIger M" h '
t
M
ac tiger«, so wird ihre Botschaft lau-
en. anchmal fühl' , ,
Eindri gl' e Ich mIch hIer wie ein neoliberaler
n mg. Ich arbe't
1 e gerne. Wenn es sinnvoll ist, auch
68
nachts oder am Wochenende. Immer wieder kommt es
vor, dass meine Arbeitstage ähnlich viele Stunden haben
wie die eines Investmentbankers. Ich habe nichts gegen
Leistung und auch nichts gegen ein System, das im Gro-
ßen und Ganzen nach den kapitalistischen Regeln des
Marktes funktioniert.
Kurz nach meinemfünfzehnten Geburtstag habe ich im
Kino unserer Stadt angeheuert. Dort konnten die Zu-
schauer während der Vorstellung über eine Telefontastatur
Popcorn und Getränke ordern. Wir mussten die Bestellung
in einem Korb ins dunkle Kino tragen, gebückt von Reihe
zu Reihe laufen, ohne zu stören abrechnen und kassieren.
Wir bekamen keinen festen Stundenlohn, sondern wurden
nach Leistung bezahlt. Zehn Prozent unseres Umsatzes
durften wir behalten. Im Lauf des Abends habe ich das
Geld in meinem Portemonnaie immer wieder durchge-
zählt und am Ende meine Scheine entgegengenommen.
Wenig später strich ich in unserer Lokalzeitung meine Ar-
tikel an und addierte ähnlich zufrieden das Zeilengeld, das
ich bekommen würde. Als ich meinen ersten Fernsehbei-
trag fertig hatte, verkündete ich meinen Eltern nicht nur
den Sendetermin, sondern vermeldete auch stolz meinen
Kontostand, nachdem das Honorar eingegangen war.
Trotzdem reagiere ich reflexartig abwehrend, wenn ich
höre, dass wir mehr Wettbewerb brauchen, dass wir die
Spitze fördern und Verlierer in Kaufnehmen müssen. Au-
tomatisch versuche ich, eine Art Grundrecht auf Gleich-
heit, auf Selbstverwirklichung und sicher auch auf ein
bisschen Faulheit zu verteidigen. Bernd hatte gesagt, dass
er unverkrampft in den Wettbewerb um Leistung ein-
steige. »Es ist eine Sache, die ist da, und die nehme ich an«,
meinte er. »Und da gibt es Gewinner und Verlierer- mal
69
ist man Gewinner, mal ist man Verlierer. Wobei man na-
türlich häufiger Gewinner sein will.«
Als ich meinen Freunden von den Menschen erzähle,
die ich bislang getroffen habe, spotten die meisten. Über
die Schnösel im Anzug, über Marios platte Sprüche, über
Bernds Ehrgeiz. Keiner glaubt, dass solche Hochleistungs-
leben glücklich machen. »Aber was ist«, fragt mein Freund,
»wenn das irgendwann die Standards sind? Wenn wir
dann gar keine Chance mehr haben?«
Tom hat so lange studiert, dass er für die letzten Se-
mester bezahlen musste. Mein Bruder auch. Ein Freund
weiß nicht, was nach seinem Praktikum kommt. Ein an-
d ~ r e r erzieht sein Kind und hat lange gebraucht, um
eInen Job zu finden. Sind sie Verlierer? Für mich nicht.
Der Mann, mit dem ich lebe, mein cooler großer Bruder,
der intelligente, nachdenkliche Vater: Wieso sollten sie
Verlierer sein? Ausbildung beendet, Liebe gefunden, Kind
erzogen: Als meine Eltern jung waren, reichte das, um
ganz zufrieden irgendwo im Mittelfeld leben zu dürfen.
Heute haben viele meiner Freunde Angst, dass ihre An-
strengungen nicht mehr reichen, dass sie durchrutschen
werden, nach unten. Schuld, darin sind wir uns an unse-
rem WG-Tisch stet " .. d
. s eInIg, waren ann nicht wir, sondern
dI: Umstände, die Ungerechtigkeit, der neoliberale Zeit-
geIst, den viele, die ich bisher getroffen habe so mühelos
und überzeugend ve k" S" ' .
. r orpern. 0 uberzeugend allerdIngs,
dass mIt ihnen auch d' Z '1: I
. . Ie welle an solchen Rechtfertigun-
gen für dIe eigene B' afi' . .
d
IOgr e In meIn Leben getreten SInd,
er ungute Verdacht· d '.
. ' ass WIr VIelleicht selber schuld
SInd, wenn wir scheitern.
Vielleicht mü t .
t. ss en WIr alle umdenken. Vielleicht soll-
en Wir akzeptieren d .
, ass eIn Wettbewerb begonnen hat,
70
in dem die Regeln nicht mehr ausdiskutiert, sondern von
anonymen Globalisierungskräften diktiert werden. Viel-
leicht braucht ein Land wirklich eine Art Auswahl, eine
Elite also, die es in diesen Wettbewerb entsendet, um im
Kampf um Anteile an der Weltwirtschaft punkten zu kön-
nen. Aber selbst wenn ich diesen Bedarf, eine Leistungs-
elite zu formen und zu fordern, akzeptiere, bleibt die alles
entscheidende Frage: Wem soll dieses Privileg zugute-
kommen? Für welche Leistung bekommt man im Leben
Punkte gutgeschrieben? Und wer maßt sich an, Schieds-
richter zu sein? Wer rechnet am Ende ab und schickt viel-
leicht Bemd und Mario in die Champions League und
uns in den UI-Cup?
DER LEBENSLAUFFORSCHER
Ich bin spät dran. Als ich mein Fahrrad anschließe,
fürchte ich, dass der Mann, der mir heute diese Fragen be-
antworten könnte, schon gegangen ist. Denn jemanden,
der nach Professor aussieht, finde ich weder vor noch in
dem als Treffpunkt vereinbarten Berliner Cafe.
Glücklicherweise ist Michael Hartmann noch da. Er
steht neben einer kleinen abgewetzten Ledertasche auf
dem Bürgersteig. Er ist so unmodisch gekleidet, dass es
fast wie ein Statement aussieht. Sein blaues T-Shirt ist zer-
knittert, sein Schnauzer ignoriert jeden Trend. Hartmann
ist Professor, Altachtundsechziger, bekennender Linker.
Ungewöhnlich ist, dass er in der Wissenschaftswelt fast
unumstritten ist, dass seine Forschungsergebnisse auch
von der Wirtschaft akzeptiert sind. Hartmann hat sich
anders verhalten als viele andere Linke. Er hat nicht, wie
71
diese, im sicheren Glauben, auf der richtigen, der guten
Seite zu stehen, jahrzehntelang seine Thesen wiederholt,
sondern er hat die Zeit genutzt, um Beweise zu finden.
Hartmann ist ein Sammler, ein ganz hartnäckiger so-
gar. Er hat Tausende Lebensläufe Hochqualifizierter aus-
gewertet und gilt als der einzige Eliteforscher des Landes.
Ein Titel, den er stolz trägt, obwohl er den Begriff »Elite«
»Ich will von dem Begriff weg. Ich kann mir das
reIne Einzelperson alles wunderschön zurechtlegen,
aber wenn ich von Elite rede, rede ich von einer sozialen
Gruppe. Dann rede ich von Herrschaft und Machtver-
hältnis.sen. Sonst macht das keinen Sinn. Der Begriff ist
von s:Iner Herkunft und Verwendung her eindeutig. Es
muss Immer die anderen geben. Das ist das Konzept, das
Deshalb sage ich immer, wenn versucht
wIrd,. diesen Begriff sozial passförmiger zu machen, dass
das eInfach nicht geht. Mit dem Begriff >Elite< ist aus vie-
len G .. d
run en ein Konzept verbunden, das eine Spaltung
der Gesellschaft . hEl. .
vorSIe t. > lte< heIßt >Masse< auf der an-
deren Anders lässt sich das nicht denken.«
»Wl . d
e Wir versucht, den Begriff sozial verträglich zu
machen?«
»Indem man d fh·
1
.. arau Inweist, dass das alles Leistungs-
e lten SInd L . t d
5t
·. k f· eIS ung, as heißt ja, man steigt Stück für
uc au Es ·b .
1
. h . gl t eIne große Pyramide. Alle haben ähn-
lC e Startvoraus t
tisch haf'" zungen, und jeder kann es theore-
sc len DIese P ·d
g
ibt 1.· P . . s yraml enbild ist aber falsch. Es
J\.eIne yramlde E· h .
k1
. . s 1St e er eIne Sanduhr mit einem
ganz eInen Kopf d.
man de ··b . - un eInem ganz engen Hals, und ob
n u erwIndet d h
nicht auss hl· ßl. ,as at auch mit Leistung, aber
c le Ich und . h
tun.« nlC t mal vorrangig damit zu
72
Michael Hartmann ist überzeugt, dass die Leistungs-
elite ein Mythos ist. Ein Mythos, der bewusst geschaffen
wurde, weil Leistung das einzige Kriterium ist, das die
Masse für die Auswahl einer Elite akzeptieren würde.
Heißt es doch, dass jeder, der talentiert, strebsam und
fleißig ist, dazugehören kann. Dieser Glaube, sagt Hart-
mann, sei ein Trugschluss. Das Gerede vom Wettbewerb
der Besten sei vorgeschoben. Er hat sich mit seinem Team
6500 Lebensläufe von promovierten Ingenieuren, Juristen
und Wirtschaftswissenschaftlern angeschaut. Der Dok-
tortitel ist der höchste Bildungsabschluss, der in Deutsch-
land zu erreichen ist. »Daher sollten Kinder aus Arbeiter-
und Angestelltenfamilien mit der Promotion dasselbe Maß
an Eignung und Mühe bewiesen haben wie ihre Mitstu-
denten aus bürgerlichen Familien«, beschreibt Hartmann
seine Versuchsanordnung.
Sein Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Qualifikation,
sondern die soziale Herkunft entscheidet über die Auf-
stiegschancen. Mittelschichtkinder machen trotz des Dok-
tortitels vor allem in der Wirtschaft wesentlich seltener
Karriere als ihre Konkurrenten aus besseren Familien.
»Wir haben festgestellt, dass von den Vorstandsvorsit-
zenden der hundert größten deutschen Unternehmen
85 Prozent aus dem gehobenen Bürgertum und dem
Großbürgertum stammen«, sagt Hartmann. Eine enorme
Quote, vor allem weil gerade einmal 3,5 Prozent der
Deutschen dieser Oberschicht angehören. Nur 15 Pro-
zent der Vorstände seien in Mittelschicht- oder Arbeiter-
familien geboren, Schichten, aus denen die übrigen
96,5 Prozent der Bevölkerung stammen. Die Oberschich-
ten stellten zudem fast zwei Drittel der oberen Verwal-
tungsbeamten, und auch in der Politik, früher die »Elite
73
der Aufsteiger«, ließe sich ein Prozess der »Verbürgerli-
chung« beobachten, meint Hartmann. »Selbst durch den
Erwerb des höchsten Bildungstitels ist es also nicht mög-
lich, das Handicap einer nichtbürgerlichen Herkunft
auch nur annähernd auszugleichen. Das Elternhaus be-
einflusst den Zugang zur deutschen Elite ganz direkt.«
Im direkten Vergleich ganzer Promotionsjahrgänge hat
er festgestellt: Bei gleichem Abschluss ist die Chance ei-
nes Kindes aus großbürgerlichem Elternhaus, einen Vor-
standsposten in einem Großkonzern zu ergattern,zwei-
einhalb Mal so groß wie die der Mitstudenten aus der
Arbeiterklasse oder der Mittelschicht. Statt einer Aus-
wahl der Besten träfen die Entscheider eine Auswahl der
sozial Ähnlichen. Hartmann erzählt stolz von führenden
Vertretern der Wirtschaft, die ihm gestanden hätten, wie
sehr diese Ergebnisse sie schockiert hätten. Die meisten,
sagt er, seien tatsächlich von ihren Auswahlverfahren
überzeugt gewesen.
Der Aufstieg in die Elite funktioniert nicht nach for-
malisierten und nachvollziehbaren Regeln. Es gibt keine
Punktetabellen, keine Ranglisten, an denen man die eige-
nen Chancen ablesen kann. Die Auswahl der Privilegier-
ten erfolgt in G "h
. esprac en. In Gesprächen, die meist die
amherende Elite 't 'h '" ..
ml I ren moghchen Nachfolgern fuhrt.
»Dabei wird seh 'I ' .
r Vle wemger nach rationalen Kritenen
entschieden als . .
, man gememhm vermutet«, stellt Hart-
mann fest. »Der D k ' .
E ruc ,unter dem Topmanager bel Ihren
ntscheidungen steh d d' .... .
I
r. en, un le haufig außerst unsichere
nlOrmahonsbas' r
IS, aUlgrund derer sie diese Entscheidun-
gen treffen müsse I .
. n, assen SIe nach Männern suchen, de-
nen SIe vertrauen d d
gu
t. h" 0 er eren Persönlichkeit sie zumindest
emsc atzen können.«
74
Manche Manager begründen ihre Auswahl mit dem
Satz: »Die Chemie hat gestimmt«, andere erkennen sich
selbst in dem Bewerber wieder und sagen: »Mit dem
könnte ich ein Bier trinken gehen.« Wissenschaftler spre-
chen von Habitus, die despektierliche Variante heißt
»Stallgeruch«. Letzten Endes beschreibt ,alles dasselbe
Prinzip: Je ähnlicher ein Bewerber dem, der entschei-
det, ist, desto besser. Kinder aus gutem Hause haben
in diesem Spiel einfach die besseren Karten, sagt Hart-
mann. Sie seien mit den in Vorstandsetagen gültigen
Dress- und Verhaltenscodes vertraut, hätten meist eine
breite, bildungsbürgerlich ausgerichtete Allgemeinbil-
dung, eine ausgeprägte unternehmerische, risikofreudige
Einstellung und seien in der Regel souveräner und selbst-
sicherer. »Aufsteigern fehlt diese Souveränität. Sie ha-
ben Angst davor, wieder dorthin zu müssen, wo sie her-
kommen.«
»Und wie könnte man es hinbekommen, dass Leistung
doch mehr zählt als die soziale Herkunft?«
»Obwohl ich eigentlich für individuelle Lösungen bin
und es mir völlig widerstrebt, verteidige ich alle Verfah-
ren, die formalisiert sind. Wenn man zum Beispiel nach
Noten geht, gibt es auch schon eine soziale Schieflage,
weil die Notengebung in der Schule sozial nicht gerecht
ist. Aber alles, was an Auswahlverfahren noch dazukommt,
macht es nur noch schlimmer.« Leadership, Persönlich-
keit, Auftreten - das sind für Michael Hartmann höchst
ungeeignete Auswahlkriterien, da sie formbar und schlecht
überprüfbar seien. Es sei wie ein Wettbewerb, sagt er, der
nach Regeln funktioniere, die nur Eingeweihte kennen
könnten. Ein unfaires Rennen, das die, die von oben kom-
men' geWinnen müssten.
75
Deshalb sei das mit der Leistungselite eben Unsinn,
sagt er, als er mit seiner Ledertasche zur U-Bahn läuft. Zu
Hause lese ich seine Studie und bleibe lange vor seinem
Fazit sitzen. Er schreibt: »Wenn Manager und Politi-
ker ein Ende der Gleichmacherei fordern und ein Mehr
an Leistungsgerechtigkeit, lässt sich aus der Studie nur
eine Schlussfolgerung ziehen: Es geht gar nicht um Leis-
tungsgerechtigkeit, sondern um die Bewahrung und den
Ausbau ihrer privilegierten Position. Mit dem ständi-
gen Verweis auf das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit
werden nicht nur die entscheidenden Karrierevorteile,
die B·· ki
urger nder aufgrund ihrer Herkunft besitzen, voll-
komm . .
en Ignonert, sondern es wird zugleich versucht,
die daraus resultierenden, immer krasser werdenden Un-
terschiede in Macht und Einkommen öffentlichkeitswirk-
sam zu legitimieren.«
Das ~ i n g t nach Klassenkampf, ein bisschen sogar nach
Verschworungstheorie. Aber was ist, wenn es stimmt?
4? Prozent der Deutschen, schreibt die Zeit imMärz 2007,
smd überzeugt d d· . I .
, ass Ie SOZIa e HIerarchie in Deutsch-
land zementiert ist. In Hamburg begleitet ein Forscher-
team seit über zw . J h
anzIg a ren das Leben von Menschen,
die die Schulen d St d .
er a t 1m Jahr 1979 verlassen haben.
Das Fazit der Fors h . . d .
. . c er 1st em euhg: »Früher haben wir
wIrklIch gegla bt d
u , ass man durch Bildung aufsteigen
kann«, schreiben si I . h
I
. e.» nZWISC en wissen wir: In Deutsch-
and 1st das eine 111' N
S h
· h USIon. ach wie vor ist die soziale
c IC t, aus der J' e d k
man ommt, entscheidend für den ge-
samten Lebenswe 101
F
h
g.« nenn Hartmann, die Hamburger
orsc er und die 49 P
. rozent recht haben, dann produzie-
ren WIr unter dem D km
EI
. ec antel der Leistungsauswahl brav
neue Iten, die de al .
n ten gleIchen. Dann nehmen wir in
76
einem von Beginn an unfairen Wettbewerb Verlierer in
Kauf, damit die Gewinner weiter ungestört Macht und
Privilegien unter sich aufteilen können. Dann wäre es
höchste Zeit, Gräben zu ziehen und in Gefechtsstellung zu
gehen: Ihr da oben, wir hier unten.
Aber wo würde ich dann überhaupt hingehören?
Nach unten, weil mein Vater eine Schlosserlehre gemacht
hat und mein Habitus nicht immer astrein ist? Oder
nach oben, weil mein Vater inzwischen studiert hat, ge-
nau wie meine Mutter, mein Bruder und ich, und weil
ich mich bislang auch in persönlichen Auswahlgesprä-
chen oft gut verkaufen konnte? Sieht Hartmann die Welt
vielleicht ähnlich schwarz-weiß wie Rektor Jahns? Nur
eben andersherum? Trotzdem: Warum spielt in der Elite-
Diskussion die Frage, wer dazugehören soll und wer
darüber entscheidet, eine so untergeordnete Rolle? Hart-
mann würde wohl sagen: Weil die Menschen, die die Dis-
kussion vorantreiben, die Privilegierten in der Gesell-
schaft, kein Interesse daran haben, dass über die Regeln
der Eliteauswahl debattiert wird. Denn dann könnte
auffallen, dass sie diese Regeln in ihrem Sinne gestal-
tet haben. Das kann nicht sein, denke ich. Es klingt zu
sehr nach Verschwörungstheorie. Gleich ballst du die
Faust und singst die Internationale, ermahne ich mich
selbst. Außerdem ist es für solche Schlussfolgerungen
nach Recherchen bei McKinsey und der EBS viel zu früh.
Ich schaue auf meinen Reiseplan: Westerham. Elite-Aka-
demie, steht da. Neun Stunden Zugfahrt sollten reichen,
um die Verschwörungstheorien wieder vergessen zu
können.
77
DIE ELITE-AKADEMIE
Bayern ist in puncto Elite das, was es im Fußball mal war:
unangefochtene Spitze, das Maß aller Dinge. Gut sechs-
hundert Kilometer liegen zwischen Berlin und Wester-
ham, einemDorfin der Nähe von München. Und doch ist
es, als würde ich in ein anderes Land reisen. Überall sehe
ich Dirndl und Lederhosen. Es ist das erste Oktoberfest-
Wochenende. Bayern München hat gegen Arminia Biele-
feld verloren. Draußen sind 25 Grad. Ich bin vergnügt, als
ich meinen Koffer zu Carls Auto ziehe.
»Willkommen im Schullandheim«, sagt Carl, als wir
wenig später aus seinemalten grauen Golfsteigen. Wir sind
durch kleine Straßendörfer gefahren, vorbei an Zwiebel-
türmen, bis zum Waldrand, wo nur noch ein paar Lichter
leuchten.
Meine Reise nach Bayern ist an diesem Punkt der logi-
sche nächste Schritt auf der Suche nach der Elite. Man
könnte den Freistaat die Heimat der Eliten nennen. Bay-
ern war schon im t I d .
. mer s 0 zarauf, eIn Schulsystem zu ha-
ben, In dem Leist äh°I
. ung z t. Auslese gilt als wichtig und
sInnvoll und ist ZI·el d El·t c·· d d .
. es» I elor erungsgesetzes«, as In
Bayern Im Mai 2005 in Kraft getreten ist und für das sich
alle bayerischen Ab·t .
I unenten bewerben können die min-
destens die Note 1 3 hafft '
, gesc haben. Das Land leistet sich
zudem ein teures Eh N
EI
. I e- etzwerk, zu dem einundzwanzig
Itestudiengänge d h
un ze n Doktorandenkollegs gehö-
ren. Und schon v J h o. •
. or aren grundete der Freistaat eIne
eigene Elite-Akad . . .
ku H
ernie, Wie mir Akademie-Sprecher Mar-
s uber amTelef, . b .
h b . on In reitern Bayerisch erklärte. »Wir
a en provoziert da al .
hat sich ·a k . m s mit dem Begriff, denn von Elite
J emer zu sprechen getraut.«
78
Ich bin gespannt, habe vorher extra mein weißes
Cordjackett in die Reinigung gebracht. »Musst dich schon
ein bisschen schick machen, wenn du die Elite besuchst«,
hatte mein Freund gesagt. Und nun bin ich overdressed.
Denn Carl, der erste Vertreter der bayerischen Elite, den
ich kennenlerne, trägt ein Sweatshirt mit Aufdruck.
Vielleicht liegt es an seinem Pulli, dass Carl, der gerade
siebenundzwanzig Jahre alt geworden ist, viel jünger aus-
sieht. Vielleicht sind es auch die blonden Haare, die im
typischen Kleinjungenschnitt in gerader Linie kurz über
den Ohren enden. Vielleicht ist es die Harry-Potter-Narbe
zwischen den Augenbrauen. Oder es ist die Stimme, die
noch längst nicht so erwachsen klingt wie Bernds.
Carl ist einer der Auserwählten, die die Elite-Akademie
besuchen. Der Junge mit dem Sweatshirt ist einer mit
»Führungsanspruch«, wenn es stimmt, was Huber mir
vorher über die Studenten erzählt hat. Parallel zum Stu-
dium soll ihnen hier beigebracht werden, wie sie ein
Unternehmen zu leiten haben. »Führen, Sich-Führen und
Sich-fuhren-Lassen - Der Weg zur Leadership-Excel-
lence« oder »Führung mit christlichen Tugenden« heißen
die Seminare, die Carl und die anderen besuchen. Sech-
zehn Wochen, auf zwei Jahre verteilt, sind sie hier im klei-
nen Westerham, vierzig Kilometer von München entfernt.
2600 Euro bezahlen sie dafür. »Gestern hättest du da sein
sollen«, sagt Carl. »Da ist der siebte Jahrgang mit einer
großen Party verabschiedet worden.« Ich rechne: dreißig
Studenten pro Jahr, sieben Durchgänge bislang. Die baye-
rische Elite hat also durch die Akademie zweihundertzehn
neue Mitglieder empfangen können. Respekt.
»Nimm ihren Koffer, Carl«, unterbricht Alexa meine
Gedanken. Sie zeigt mir mein Zimmer, erklärt mir, wann
79
und wo es Abendessen gibt, und ermahnt mich, bloß mit
allen Fragen zu ihr zu kommen. Carl und Alexa sind wie
fast alle Studenten, die ich in den nächsten Stunden treffe,
nicht nur nett, sie sind herzlich. Wenn das die christlichen
Tugenden sind und sie später ihre Mitarbeiter ähnlich be-
handeln, unterstütze ich ab sofort die Inhalte der Akade-
mie, denke ich.
Auch das »Schullandheim« gefeHlt mir sofort. Bayeri-
sche Elite-Akademie - da hatte ich prunkvollen Barock
erwartet. Dieses Haus aber ist schlicht und stilvoll. Durch
riesige Glasfenster blickt man in Richtung Wald. In mei-
nem Zimmer finde ich lasierte Holzmöbel und Wäsche,
die weißer und weicher ist, als es der WG-Waschmaschine
je gelang. Ich fühle mich wie in einem Landhotel. »Eigent-
lich ist das hier viel schicker, als es für uns nötig wäre«,
sagt ein Student, als wir gemeinsam zum Restaurant ge-
hen. Bescheiden sind sie also auch, denke ich beein-
druckt.
Carl, Jahrgangssprecher und charmanter Chauffeur. ist
schon d H"fl' h
a. 0 lC macht er mich mit den anderen be-
~ n t . Carl prescht nicht nach vorn wie Mario. Er ist zu-
ruckhaltend und überlegt, trotzdem widerspricht er sich
manchmal in zwei Sätzen drei Mal. Das gefällt mir. Beson-
ders schwer tut er SI' h d . d' fü" .
c amlt, le r mIch entscheIdenden
~ r a g e n zu beantworten: »Was ist Elite? Und warum gehört
ihr dazu?«
»Elite sein das h 'ßt Vi
' el, erantwortung zu überneh-
men, sich für and, ,
fi d
ere zu engagIeren«, sagt er, »Aber Ich
m e es nicht gut d d'
, ass le Akademie sich selbst so
nennt. Besser wä
.. d re es, wenn andere das über uns sagen
WUr en.«
Von wem Ca I d' ,
rIese Emschätzung wohl akzeptieren
80
würde? Denn die anderen, die gern über Elite reden, die
Berater, die Absolventen der privaten Wirtschaftsunis, die
mag er nicht so sehr. Ihm graust vor Menschen, denen
es nur um die eigene Karriere geht - Karriere ohne eine
große Idee dahinter, wie er sagt.
»Was ist deine Idee?«, frage ich.
»Ich möchte christliche Ideale vertreten, möchte, dass
Nächstenliebe auch in der Wirtschaft und Politik zählt.
Wer Geld verdient, soll Stiftungen gründen, Gutes tun,
dafür möchte ich kämpfen.« Carl will als Trainee bei der
Deutschen Bank einsteigen, der Ackermann-Bank »Da
hast du dann ja viel zu tun«, lache ich.
»Ja«, sagt Carl ernst. »Aber soll man deshalb aufgeben?«
Wie billig von mir, seine Ziele sofort als vorgeschoben.
als naiv abzuqualifizieren. So kontert man Idealisten doch
immer aus. Stiftungen also, der große Trend aus den USA.
Warum nicht? Carls Stiftungwäre die »Von-Tippelskirch-
Foundation«, denn so heißt Carl, der Spross eines alten
Adelsgeschlechts. Ihm ging es nie schlecht. Sein Jurastu-
dium an einer Privatuni kostete über 30000 Euro. Jetzt
promoviert er in München. Ihm geht es darum, zu unter-
suchen, ob man nicht Straf- und Zivilprozesse in vielen
Fällen zusammenziehen könnte. Das spare Zeit und Geld,
sagt er und wäre gut für die Opfer. Die bekämen nicht nur
zügig recht, sondern auch schnell Entschädigungen oder
Schmerzensgeld.
Carl ist einer, der Ungerechtigkeiten schlecht erträgt,
der sich für andere einsetzt, sich um sie kümmert. Wäh-
rend seines Studiums hat er in St. Pauli bei einer kirch-
lichen Rechtsberatung geholfen. Früher hat er Pfadfinder
durch die Wälder geführt, jetzt betreut er im Sommer
junge Menschen mit geistigen und körperlichen Behinde-
81
rungen. Einer, ein geistig behinderter Junge, ist sein Pa-
tenkind. »Alle hier engagieren sich«, sagt Carl. »Das muss
man, um aufgenommen zu werden.«
FIT FOR MORE? Qualify! Enter! Was klingt wie das Intro
zum nächsten Level eines Videospiels, ist der Text des
neonfarbenen Flyers der Akademie. Da steht, dass der,
der reinwill, neben gesellschaftlichem Engagement auch
überdurchschnittliche Leistungen in der Schule und an
der Uni vorweisen muss. Was aus klugen, motivierten
Menschen gleich eine Elite macht, steht hier nicht. Nicht
einmal, wie die Leitung den Begriff definiert, ist erklärt.
Ich frage also weiter. Alle, die ich anspreche, kichern.
Gerade hat der Pressesprecher eines großen bayerischen
Unternehmens, dessen Namen ich nicht nennen darf, den
Studenten beigebracht, dass sie niemals allein mit Journa-
listen reden und aufkeinen Fall ihre Visitenkarte abgeben
s ~ l l e n . »Im besten Fall haben Sie später im Unternehmen
eme Kultur, die negativ sanktioniert, wenn jemand an die
Medien geht«, sagte er. Als Merksatz schärfte er den Stu-
denten ein: »Journalisten sind brandgefährlich.« Endlich
erfahre ich wi k .
, e onsequent Pressesprecher Managern dIe
Lust an einem offenen Interview austreiben. Zum Glück
~ ~ b e n earl und die anderen diese undemokratischen Lehr-
satze noch nicht verinnerlicht. Das Mauern und Schwei-
gih
en
, das viele Führungskräfte so unerträglich macht, ist
nen bislangfremd M' F . .
. . eme rage »Was heIßt denn Ebte?«
darf Ich noch jedem von ihnen stellen.
Anne, die gerade d . d . h .'
D
relUn zwanzIg Ja re alt 1st lß
eutschland d d '
- b un en USA aber schon mehr Studien-
gange elegte als' h . h .
Ab hl .' lC mltsc reIben kann, und gerade ihren
sc uss m »Inter t' al
na Ion em Kapitalrecht« macht, die
82
=
sich gleichzeitig bei der Jungen Union engagiert und eine
Computer-Community für sozial benachteiligte Jugend-
liche organisiert, die außerdem begeisterte Tangotänzerin
und -lehrerin ist, meint, Elite unterscheide sich von ande-
ren durch eine höhere Leistungsfähigkeit, eine höhere
Leistungsbereitschaft. Das glaube ich ihr auf der Stelle.
An der Uni habe sie schon oft erlebt, dass manche sich
bei Gruppenprojekten mitziehen lassen, nichts tun, faul
dabeisitzen, das gäbe es hier nicht. »Ich kann auch in
Debatten ein viel breiteres Wissen voraussetzen«, sagt
sie. »Wenn ich zum Beispiel >Five-Forces-Modell< in den
Raum werfe, versteht es jeder. An der Uni nicht.«
Ich denke daran, dass ich schon Gruppenreferate gehal-
ten habe, bei denen andere die Arbeit gemacht haben. Ich
erinnere mich, dass ich gern die Letzte in der Reihe der
Vortragenden war, in der Hoffnung, die anderen würden
so lange reden, dass ich nicht mehr drankäme. Da ist es
wieder, das mulmige Gefiihl bei dem Gedanken an einen
ständigen Wettbewerb. Lass den anderen doch das biss-
chen Faulheit, will ich sagen. Aber Anne ist schon sieben
Themen weiter. Sie erklärt mir gerade, dass die Studenten
hier auch zu einer »Elite der Menschlichkeit« erzogen wür-
den. »Wir haben schon einen Grundkonsens an Werten.«
Höflichkeit, Respekt und Bescheidenheit habe ich ja
schon genießen dürfen. »Eher wirtschaftsnah und sehr
brav«, würden wohl Leute sagen, die es schlecht mit ihnen
meinen, erzählt mir ein Student. Brav und bescheiden,
fleißig und vernünftig. Die Elite des Freistaats scheint die
»pragmatische Generation«, wie die Macher der Studie
»Jugend 2006« die bis Fünfundzwanzigjährigen getauft
hat, gut zu repräsentieren. Seit 1968 habe die Jugend Werte
wie »Selbstverwirklichung« und »Engagement« hoch-
83
...
gehalten. Das sei jetzt vorbei, schreiben die Forscher.
Stattdessen erlebten Werte wie Leistung, Sicherheit und
Macht, Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz nun eine Renais-
sance. Die Zeitschrift Karriere hat im Jahr 2006 über sie-
benhundert Oberstufenschüler nach ihren Träumen und
Zielen befragt. Revoluzzer, Rambos und Jammerlappen
suche man unter den Jugendlichen vergebens, lobt die
Zeitschrift. »Die Erwachsenen von morgen sind leis-
tungsbereit, pragmatisch und optimistisch.« Auch mein
Fast-Arbeitgeber, die Unternehmensberatung McKinsey,
gemeinsam mit dem manager magazin die Ansichten
Junger Menschen untersucht. McKinsey werden die Er-
gebnisse gefallen haben: 73 Prozent sagen, ihr Traumjob
sei ein sicherer Job. Im Schnitt erwarten die Studenten,
achtundvierzig Stunden pro Woche arbeiten zu müssen,
nur 22 Prozent glauben, schon mit fünfundsechzig in
gehen zu können. Wer im Job so viel leistet, sehnt
sich privat offenbar nach ein bisschen Ruhe. Werte wie
Treue oder Religion sind der »pragmatischen Ge-
neration« so wichtig wie kaum einer vor ihr.
An diesem Abend wird in Berlin und in Mecklenburg-
Vorpommern gewählt. Ich liebe Wahlen: den Countdown
Vor der ersten Pro d·
gnose, le Hochrechnungen mit im bes-
ten Fall f" d
o
s an Ig wechselnden Mehrheiten das amtliche
Endergebnis und t O. 1· h '
° na ur IC meine LieblingsgrafIk, die zur
Wählerwanderung Ich °ß d· ..
d
. wel, ass meme Freunde Jetzt 1ll
erWG vor dem B h
Ka
eamer ocken. Vielleicht servieren sie
napees und Sekt ° b· d
Wie el er letzten Bundestagswahl.
An der Elite-Akad . k
. h do emle ann von Wahlbegeisterung
DlC t le Rede sei U k
J
·au h t il. n. m urz nach sechs hatte einer ge-
c z, We die G o. •
in d L d runen m Mecklenburg den Einzug
en an tag verp t h b
ass a en. Aber schon jetzt, um
84
18 Uhr 11 bei der ersten Hochrechnung, hocke ich allein
vorm Fernseher. Nur 39 Prozent der »pragmatischen
Generation« interessieren sich überhaupt für Politik,
schreiben die Jugendforscher. Auch in diesem Punkt
scheint die Elite nichts weiter zu sein als Repräsentant des
Durchschnitts, nur eben mit besseren Leistungen. Ich ver-
mute, es werden fleißige, moralisch integre und verant-
wortungsbewusste zukünftige Führungskräfte sein, die
hier in einem Jahr ihr Abschlusszeugnis, ihr Elite-Zerti-
fIkat, erhalten werden. Aber reicht das? In dem Wort
»Elite« schwingt so viel mehr mit als in der funktionalen
Beschreibung »die besten zehn Prozent jedes Jahrgangs«.
Wer »Elite« sagt, meint doch auch Vorbild, Orientierung
und Avantgarde, oder? Der Nationalökonom Wilhelm
Röpke hat gesagt: »Eine wahre Elite würde eine Stellung
über den Klassen, Interessen, Leidenschaften, Bosheiten
und Torheiten der Menschen einnehmen. Sie würde sich
auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam rei-
fendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das
Ganze, der unantastbaren Integrität und (... ) durch uner-
schütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und
Rechte.« Sicher, das ist viel verlangt. Aber es wird ja auch
niemand dazu gezwungen, sich Elite zu nennen.
Beim Abendessen ist das große Thema die Bayern-
Reise von Papst Benedikt. Einige Studenten haben ihn
getroffen. »Mit dem Wolfgang«, erzählen sie mir, »hat er
sogar zwei Minuten geredet. Das Hemd, das der anhatte,
hängt er jetzt hinter Glas.(( Die niedlichste Geschichte
über Werte erzählt mir ein Student abends, als wir neben-
einander auf einem der Cordsofas sitzen. »Es gibt hier
gerade nur zwei Paare(, sagt er. »Zwei Paare bei sechzig
jungen Menschen. Das fInde ich schön.« Ich schaue über-
85
.
rascht - und meine, dass das eine extrem schlechte Aus-
beute sei. Er sagt, dass ich wissen müsse dass seine Freun-
din Sozialwissenschaften studiere und 'ihm erklärt habe,
dass sich genau I'n dem Alt . d .. . .
er, m em SIe Jetzt selen, mIt
Anfang zwanzig eben, die meisten Paare fanden. »Trotz-
dem sind hier all b . 'h I
e eIl ren a ten Partnern geblieben und
haben sich kein . d
e neuen m er Akademie gesucht. Das
finde ich sehr gut D' b . h " ,
.« Ie ayensc e ElIte 1St also eme treue,
»Ich werde nl' ht Ka . .
c rrlere um Jeden Preis machen«,
sagt Anne Sie . h "
, seI e rgelzlg. »Aber hundertzwanzig Stun-
den ~ ~ o Woche zu arbeiten würde mich stören.« Sie will
FamilIe. Und das bed t kl" " ..,
eu e, er aren mIr ihre mannlIchen
Kollegen dass d' F
. ' Ie rau nun mal eine Zeit lang nicht ar-
beIten könne »D 't d'
. as IS Ie Natur«, sagen sie. »Wie willst
du das denn sonst h? .
mac en.« - »Knppenplatz die Groß-
eltern kümmern . h d '
'. SIC, er Mann bleibt zu Hause«, be-
gInne Ich aufzuzähl S·
. en. Ie starren mich an, ich sie. Wir
SInd uns in diese M '.
. t d moment zIemlIch fremd. »Vielleicht
IS as Bayern« hl"
, sc agt mein Freund am Telefon vor.
Dann fragt er »Wo
. ? . as erwartest du an solch einer Akade-
mIe. Protestler und R I ' "
evo uhonare?« - »Ware schön ge-
wesen«, sage· ich Wo h .
h" . arschemIich hat er recht. Die Elite
Ier WIrd von Gre' k" ..
W
· h mlen ge urt, m denen Menschen aus
Issensc aft und W' h
nach Le Irtsc aft sitzen. Die werden kaum
uten suchen d' B"
Macht d' ' Ie zum elsplel die Verteilung von
un EInfluss g d" I'
holt . h" run satz Ich infrage stellen. Man
SIC Ja mcht die .
Dachte ich B' . h ,eIgenen Grabschaufler ins Haus.
. IS IC mIt Pr fi F
tine H d 0 essor ranz Durst und Chris-
agen, en akadem' h L'
sammensitze. ISC en eltern der Akademie, zu-
»Ich hätte gern ein bis h
fessor Franz D sc en mehr Rebellen«, sagt Pro-
urst, ohne da . h ihn
ss IC auf meine Zweifel
86
5
angesprochen habe. Man versuche, die Juryzu ermuntern,
auch anderen, vielleicht auch schwierigen Kandidaten
eine Chance zu geben. Aber das sei nicht so einfach. »Ich
habe das Gefühl«, sagt er, »dass die deutsche Wirtschaft
die Smoothlinge möchte. Nicht die, die anecken. Ich kann
mir vorstellen, dass das problematische Leute sind. Aber
ich bin der Auffassung, wenn ein Vorstandsvorsitzender
als seinen Assistenten den einstellen würde, der ihn vom
Stuhl fegen kann, dann würde die deutsche Wirtschaft
funktionieren.« - »Und mehr Frauen wären schön«, fügt
seine Kollegin Hagen hinzu. Wie an der European Busi-
ness School liegt auch hier der Anteil der Studentinnen
bei etwa einem Drittel. Die deutsche Nachwuchselite ist
noch immer männlich dominiert. »Man muss das konser-
vative Familienbild verändern«, sagt Christine Hagen,
selbst Mutter zweier Kinder. »Vor allem hier in Bayern.«
Ich blicke auf Franz Durst, den sechsundsechzigjährigen
Professor im schwarzen Anzug, und auf Christine Hagen,
die achtundvierzigjährige Juristin im strengen blauen
Rock. Ich ahne, dass ich meine Rebellen gefunden habe,
Wenn man sich viele privatschulen oder teure Univer-
sitäten anschaue, sagt Christine Hagen, müsse man den
Eindruck gewinnen, dass es nicht mehr darum gehe, die
»wirkliche Elite, die Potenziale hat«, zu fordern, sondern
eine Art neuen Adel zu begründen. Dies widerspräche der
ursprünglichen Bedeutung des Begriffs »Elite«, wie er zur
Zeit der Französischen Revolution geprägt worden sei.
Elite, Menschen, die sich ihre gesellschaftliche Rolle durch
Begabung und Leistung selbst verdient hätten, hätte im
Gegensatz zu Adel und Klerus gestanden, die ihre soziale
Position nur geerbt hätten. »Auch heute werden Geld und
Einfluss vererbt«, sagt Christine Hagen. »Eine Gesellschaft
87
r
aber, in der nur Erben und nicht Leistungsträger an der
Spitze stehen, wäre eine Katastrophe.« Sie hoffe, dass ihre
Studenten zu solch einer Gesellschaft Nein sagen.
Ziel dürfe nicht allein der persönliche Machterhalt
sein, sondern die Verantwortung für die Gemeinschaft.
»Die Elite-Akademie will junge Menschen mit großem
Pot . Ir·· d .
enZIa lOr ern und ihr Wertebewusstsein schärfen.
Wir suchen Menschen, die langfristigdenken, die nachhal-
tig wirtschaften wollen, die nicht kurzfristig den Share-
holder-Value steigern wollen, sondern an alle Beteiligten
denken.« Immer wieder betont sie, dass es ihr Wunsch sei,
den Studenten mitzugeben, dass es wichtigere Ziele im
gibt als den schnellen Erfolg. Sie plädiert für Mit-
gefühl statt Ellenbogen, für Menschlichkeit statt profit.
Man solle selbst viel leisten, fordert sie, aber den Blick für
nicht verlieren. »Wir wollen nicht die Leute,
dIe sagen' Men h . L .
. sc ,WIe Komme Ich in der Firma voran?
Wie bin ich in der Ka' . ..
. rnere spItze?«, fugt Professor Durst
hmzu. - »Sondern? f: . h
.«, rage IC . »Die Studenten sollten
Vorbild sein Elit al Vi fl'
, e s erp Ichtung erleben Verantwor-
tung übernehmen«, antwortet Durst. '
Dennoch hat sich fast ein Drittel der Absolventen zu-
letzt für eine Ka' . .
b
rnere III elller der großen Unternehmens-
eratungen ent h· d .
h
. sc Ie en. SIe haben bei McKinsey unter-
sc neben oder bei B .
vi I G ld oston Consultlllg. Sie verdienen jetzt
ih
e
e ,fahren ein schickes Auto und müssen sich über
ren Aufstieg in d W· h
h '. er lrtsc aftswelt kaum Sorgen ma-
c en. Chnshne Ha b . .
fi" • I gen estreitet mcht, dass diese Firmen
ur Vle es stehen w . bl
Preis fü' Effi" as SIe a ehnt: für Profit um fast jeden
, r !ZIenz d K
dass ihre St d un ostenoptimierung. Sie hofft,
kann auch .u enten dennoch resistent bleiben. »Man
emen Beratun . b d
gSJo an ers machen, als er nor-
88
*
... -.
malerweise durchgeführt wird. Man kann auch integer
und menschlich bleiben.« - »Wir sind verärgert über den
hohen Zulauf dort«, sagt Franz Durst offen. Und Chris-
tine Hagen meint, immer noch freundlich, aber fast fata-
listisch: »Wir können nur hoffen und sie begleiten.«
Am Abend treffe ich zwei Studenten, die vor drei und
vor fünfJahren ihren Abschluss an der Akademie gemacht
haben. Sie sind also ausgebildete Elite. Ich hatte gehofft,
mit ihnen darüber reden zu können, was sie konkret
anders machen als Nicht-Elite-Studenten. Wie genau es
ihnen gelingt, beruflichen Erfolg und ethische Ansprüche
zu verbinden. Aber Oliver studiert noch, und Thomas
arbeitet inzwischen bei Marios Firma, bei McKinsey also,
und darf mit mir weder über seine Aufträge noch über
seine Arbeitsweise sprechen. Daher bleibt unser Gespräch
abstrakt.
»Handelt ihr anders als die, die nicht an der Akademie
waren?(, frage ich.
»Das Dumme ist, dass man das nicht klar messen
kann«, sagt Thomas. »Das ist keine physikalische Funk-
tion, bei der man sagen kann: Da kommt so viel rein und
so viel wieder raus.(( - »Vielleicht kann man erwarten,
dass wir die richtigen Fragen stellen, nicht unbedingt,
dass wir immer die richtigen Antworten haben((, findet
Oliver. »Ich glaube, es wäre auch vermessen zu denken,
nur weil man zwei Jahre vermeintlich Elite studiert hat,
kann man alles besser und alles ethisch super korrekt und
wasserdicht und faiN, meint Thomas. »Ich glaube, das ist
nicht leistbar. Ich hoffe, wir sind nach unserer Ausbil-
dung durch die Bayerische Elite-Akademie auf alle Fälle
sensibler als andere«, sagt er. Das klingt wesentlich be-
scheidener als der Dreiklang Vorbild, Verpflichtung und
89

-- liiiiiiiii.-iililii•• ..- ..-alII------..
Verantwortung, den die Akademieleitung immer wieder
betont. Reicht das, um den Elitebegriff zu rechtfertigen?
Mal ein bisschen sensibler sein? Ein paarmal häufiger
nachfragen? »Wir können nur einen Kern legen und dann
auf die Vorbildwirkung hoffen«, hatte Christine Hagen
gesagt. »Ich glaube, Wenn jeder die Welt ein bisschen ver-
ändert, verändert sie sich insgesamt schon.«
Es ist noch dunkel, als wir am Morgen in den Bus steigen.
Die Studenten haben sich schick gemacht. Die Herren
tragen Anzüge, die Damen Kostüme, nur drei von dreißig
in Jeans. Wir fahren nach München zum Baye-
fischen Rundfunk. Die Studenten absolvieren heute ein
»Talkshow-Training«. Während die ersten in der Maske
sitzen, sehe ich die Bilder der Wahl-Nachberichterstat-
tung. NPD-Funktionäre greifen Kameraleute an, blonde
tragen schwarz-rot-goldene Kerzen. Was pas-
SIert da draußen? Ich schaue aufdie Studenten, die neben-
an gepudert werden. Werden sie sich dem entgegen-
stellen?
Jetzt muss die Elite erst mal in die Sendung. Steif
stehen . . Halb . 0
SIe Im kreIS hmter ihren Glaspulten. Zehn Stu-
denten die J' etzt gl . h 'T' lks
' eiC .La how-Gäste mimen werden.
Idn herrscht Hektik. Der Grafiker, der den Titel
er DISkUSSion auf d M 0 0
ot 0 h en OnItor 1m Studio bringen sollte,
IS nIc t da Zwar 0 d d
O
• Wir le Sendung niemals ausgestraWt
werden, aber es s II t d
Und d halb ka 0 rotz em alles so aussehen, als ob.
lrieass.est t O nn es ohne Grafik nicht losgehen. Eine Re-
D' IS en In erbarmt . h hlo 0
Wir EI ? SIC sc Ießhcho »Wofür brauchen
tippt sie e' 10 0 h
fen ge d b m. gISC er Titel, wenn ein Hau-
ra ee enErw h
mal di kut' ac sener vor ihr steht. Könnte man
SIeren. »'tschuld' ..
19ung«, tont es entnervt auS
90
dem Studio. »Das Thema ist eigentlich: Wozu brauchen
wir Eliten?« Die Eltern fliegen also raus.
Wenig später ertönt endlich der Jingle, der die Sen-
dung eröffnet. Die Kamera schwenkt vom Moderator auf
die zehn Studenten. Und schon nach wenigen Minuten ist
klar, dass die ihre Talkshow-Vorbilder sehr gut kopieren.
Die meisten reihen inhaltsleere Luftblasensätze und poli-
tisch korrekte Floskeln aneinander. »Es geht einem an der
Elite-Akademie nicht darum, Karriereoptimierung für
sich selbst vorzunehmen, sondern um ein Verantwor-
tungsgefühl für Gesellschaft und Wirtschaft.« Oder: »Für
mich war es nicht relevant, besser zu sein als andere, für
mich war es relevant, gut zu sein.« Das klingt schon wie
ein Generalsekretärsstatement. Ein anderer sagt: »Wichtig
ist, mir Mut zum Handeln durch eigenes Handeln zu ma-
chen. Solche Menschen braucht das Land, damit es nicht
stehen bleibt.« Die Frage, die dieses Geschwurbel auslöste,
war eine simple. Es war die, die auch mich in den letzten
Tagen umgetrieben hat: »Was«, fragte der Moderator die
Studenten, »macht aus Ihnen Elite? Warum haben Sie ge-
sagt, Bayerische Elite-Akademie, da gehöre ich hin?«
Die meisten weichen aus, erzählen, dass sie den inter-
disziplinären Ansatz an der Akademie schätzen, die guten
Ethik-Kurse oder dass sie nette Leute aus den Vorgänger-
jahrgängen kannten. »Das ist ja schön«, sagt der Modera-
tor. »Aber warum sind Sie Elite?« Anne sagt zögernd: »Ich
habe ein sehr, sehr gutes Vordiplom und engagiere mich
im parteipolitischen Bereich. Das macht mich zu einem
guten Teil der Gruppe.« Einer meint, hier zu sein, weil er
mehr tue als das absolut Notwendige, den Pflichtteil. Carl
sagt, genau dieses Engagement gefalle ihman der
Und einer meint: »Es geht darum, eine gute Stimmung m
91
unserem Land zu verbreiten. Daraufbereitet uns die Aka-
demievor.«
Will diese junge Elite den Deutschen etwa Party-
hütchen aufsetzen und aus dem Land eine Feiermeile
machen? Oder wollen sie sich mit Megafonen auf den
Straßen postieren und schreien: »Ärmel hochkrempeln!
Dann klappt es auch mit dem Aufschwung!« Hoffentlich
nicht. Kollektive gute Laune konnte ich noch nie leiden,
und ich fand es schon immer vermessen, Arbeitslosigkeit
als eine Folge mangelnden Willens zu bezeichnen.
Viele in der Runde sagen, sie wollten später Verant-
wortung übernehmen, Verpflichtungen eingehen und
der Gesellschaft etwas zurückgeben. »Und wie?«, fragt
der Moderator. »Vielleicht ist es schon etwas, wenn man
im Kleinen Vorbild ist, in der Familie«, meint einer. Die
anderen flüchten sich wieder in abstrakte Statements:
»Die Menschlichkeit ist der einzige Weg, um in der glo-
balisierten Welt zurechtzukommen«, meint eine Stu-
dentin. Ihr Kollege glaubt, durch die Akademie für die
»Versuchung der Macht ethisch gerüstet zu sein«. Der
Moderator scheint ähnlich unzufrieden wie ich auf mei-
nem Logenplatz in der Regie. Er will konkrete Beispiele.
sind Manager bei der Deutschen Bank. Was würden
anders machen als die aktuellen Eliten?«,
lllSlshert er. »Würden Sie keine sechstausend Arbeitneh-
mer entlassen?«
. Wenn das für den Fortbestand der Bank nötig sei, sagt
elll Student wü d
, r e er genauso handeln. »Ich würde auch
sechstausend entl b
assen, a er dabei den einzelnen Men-
schen im Blick hab S .
E
. en.« elll Nebenmann assistiert: »Die
ntscheldung w' d . h
I
lf lllC t anders ausfallen, aber wir haben
ge ernt, es besser z k ..
u ommunlZleren.« Mein Stift stockt.
92
Ich fürchte, dass das absolut nicht ironisch gemeint war.
Da zieht ja eine rosige Zukunft heran. Im Land der Gute-
Laune-Eliten werden Massenendassungen den Menschen
richtig gut rübergebracht. Wieso zögere ich da überhaupt
noch, die Eliten auf ihren Thron zu heben und ihnen
zuzujubeln? Währenddessen hat im Studio wieder die
Gruppe die Wortführerschaft übernommen, die offen-
sichtlich die Mehrheit stellt. Das Gespräch driftet jetzt
wieder in die »Wir-sind-gar-keine-Eliten«-Richtung. »Der
Begriff Elite hat mich eher abgeschreckt«, sagt einer. »Ich
würde den Begriff meiden«, sagt ein anderer. »Mir ist bei
dem Wort Elite unwohl. Ich möchte mich nicht mit dem
Status schmücken.« Und eine Studentin meint, dass sie
ihren Freunden immer erst lange erzählt, was sie in der
Akademie Gutes und Schönes unternimmt. »Erst am Ende
sage ich dann: Es heißt übrigens Elite-Akademie, aber wir
meinen's nicht so.«
Irritiert fahre ich danach mit der U-Bahn durch Mün-
chen und weiß partout nicht, was ich von dieser institu-
tionalisierten Elite-Ausbildung halten soll. Die Akademie
ist längst nicht in dem Maße sozial selektiv, wie ich es
in Oestrich-Winkel erlebt habe. »Manche kommen aus
wohlhabenderen Familien, und die Eltern von manchen
sind Beamte. Wir sind bunt gemischt«, hatte eine Studen-
tin etwas ungeschickt formuliert. Aber im Grunde hat sie
recht. Die Studenten werden vor allem nach Leistung aus-
gewählt.
Die Akademie hat ein aufwendiges Punktesystem ent-
wickelt, das helfen soll, aus denen mit den besten Vor-
diplomnoten in ganz Bayern die dreißig Allerbesten
herauszuflltern. Wenn der Naturwissenschaftler Professor
Franz Durst das Verfahren erläutert, klingt es ein wenig
93
wie eine Elitebauanleitung. Um in der Kategorie Intelli-
genz zu punkten, bräuchte man gute Noten in Fächern
wie Mathematik, Physik oder Latein, hatte mir Durst er-
klärt. »Es gibt aber Leute, die sind blitzgescheit, können
jedoch mit ihrer Gescheitheit nichts anfangen. Denen
fehlt es an ,Kreativität.« Deshalb gibt es auch Punkte für
gute Noten in Kunst oder Deutsch. »Aber wenn die Intel-
ligenten und Kreativen stinkfaul sind, geht es auch nicht
gut«, erklärte mir Durst. »Deswegen haben wir die Akti-
ven gesucht. Die mehr machen, als sie von der Schule auf-
er!egt bekommen. Das hat natürlich dazu geführt, dass
WIr dann eine gute Gruppe beisammenhatten.«
.~ i e s . e Gruppe eint, dass die Studenten fleißig und ehr-
geIzIg SInd, nicht, dass ihre Eltern viel Geld haben. Es gibt
natürlich viele Akademikerkinder, aber auch Söhne von
Landwirten, Töchter von Angestellten. Einer der Studen-
ten, Michael, ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter die
bei der US-Armee arbeitet. Seine Großeltern h a t t e ~ ein
kleines Textil h"ft Al
gesc a. s er studieren wollte konnte die
Familie d "t' I' '
as no Ige Ge d mchtauftreiben. Er begann eine
Ausbildung bei Z II d d '
. m 0 un ann, mIt dem Beamtengehalt
1m R" k d
uc en, och noch ein Studium. Er hat sich hoch-
gearbeitet. Seine Tage waren vierzehn, fünfzehn Stun-
den lang Die Akad . h d
, ' emle at as honoriert und auch ihn,
der keInen glatten St d'
u lUm-Praktika-Auslandssemester-
Lebenslauf hat ~
, aUlgenommen. Seine Großmutter war
stolz zu lesen d ih Enk
d
. ' ass r el einer von dreißig Elitestu-
enten In ganz Ba '
yern 1St. Auch Michael hat sich gefreut,
es geschafft zu hab E h b .
. en. s a e ihn aber auch massiv ver-
unsIchert, dass er d '
Umf,
ld
' er aus eInem völlig anderen »sozialen
e « stammt . .. ,
Und
h
' WIe er sagt, plotzhch Elite sein sollte.
auc nach üb .
er eInem Jahr an der Akademie hat er
94
mit dem Begriffnoch keinen Frieden geschlossen. Er wolle
ein »Leistungsträger dieser Gesellschaft« sein, sagt er lie-
ber. Nach der Ausbildung will er in die Verwaltung und
wieder dem Staat dienen. Aber er will noch mehr ma-
chen. Er will etwas zurückgeben, sich für Schwächere ein-
setzen, für die, die nicht so viel Glück hatten wie er.
Zur Ausbildung an der Akademie gehört auch ein So-
zialtag. Die Studenten waren in Kindergärten, bei der
Bahnhofsmission oder im Gefängnis. Es waren die Tage,
in denen viel über das Schmiergeldsystembei Siemens ge-
schrieben wurde, und der Seelsorger in einer Justizvoll-
zugsanstalt, in der auch Wirtschaftskriminelle einsitzen,
hatte gescherzt, die zukünftige Elite wolle wohl sehen, wo
sie mal lande. Aber tatsächlich ging es natürlich darum,
zu erleben, wie es denen geht, die es nicht so gut haben.
Michael war bei der Aids-Hilfe. Er hat sich zeigen lassen,
wo die Fixer die Spritzen tauschen, er saß einem Mitar-
beiter gegenüber, der selbst seit über zwanzig Jahren HIV-
positiv war und der ungerührt erzählte, dass er längst tot
wäre, wenn nicht die Medikamente so viel besser gewor-
den wären. Michael beschließt, hier ehrenamtlich zu
arbeiten. Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung. Die Ar-
beit sei sinnvoll, sagt er. Er könne helfen. Sein wirtschaft-
liches Wissen könne dort vielleicht wirklich nützen. So
wie Michael denken viele an der Akademie.
Die meisten der Studenten sagen, dass sie später Ver-
antwortung übernehmen und der Gesellschaft etwas zu-
rückgeben wollen. Klar, es gibt auch die, die Michael hart
und absolut zielorientiert nennt, »Managertypen«, wie er
sagt, die Karriere machen wollen und sonst nichts. Aber
den meisten nehme ich. ab, dass sie mehr wollen. Man
spürt, dass sie sich schon häufig gefragt haben, wie die
95
Welt besser werden könnte, und dass sie den Wunsch ha-
ben, daran mitzuarbeiten. Dagegen habe ich überhaupt
nichts einzuwenden.
Aber die Fragen bleiben: Wie viele junge Menschen
gibt es, die gleichermaßen ehrgeizig und engagiert sind?
Warum belastet man gerade diese dreißig mit dem Begriff
»Elite«? Sie sträuben sich doch, so genannt zu werden. Sie
zieren sich, klar zu sagen, was sie über die Nicht-Elite er-
hebt. Weil sie ahnen, dass jede Begründung falsch klänge?
Warum schreibt Bayern nicht einfach fest, dass gute Stu-
denten gefördert werden? Meinetwegen die besten zehn
Prozent eines jeden Jahrgangs. Warum Elite? Warum die-
ses Wort, das spaltet, das von Privilegien und Macht er-
zählt, aber auch von Vorbildern, von Menschen, zu denen
man aufschaut. Ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, Anfang-
Zwanzigjährigen dieses Label per Akademie, per Zeugnis
aufzukleben.
»Der Begriff soll ins positive Licht gerückt und wieder
gemacht werden«, hatte ein Student gesagt. Und
Ich glaube, dass es genau darum geht. Es ist politisches
des Freistaats, um den Begriff zu pushen.
»Lelstungsel"t . S· b
I en wie le rauchen wir in Bayern«, hatte
Edmund Stoiber stolz verkündet, als er dem sechsten
Jahrgang der Akademie das Zeugnis Gern
kommen Land "
esmmlster Zum Kamingespräch in die
Akademie. Fast J' d S d .
. e er tu ent ISt von der Lokalzeitung
semer Heimatstadt rt'"
EU
po ratIert worden. »Kemptnerin in
teakademie auf
11
h
·· genommen«, »Zwei Oberpfälzer auf
uc fühlung m't dEI'
'. I er He« oder »Bayerns Elite-Akade-
mie weist Dessauer d Ur '.
ih
en neg«. Sie smd Aushängeschilder
rer Region und Wt b fi ".
k F . er e guren für emen leistungsstar-
en relstaat, der si h .
c gegen Jede Gleichmacherei sträubt.
96
Auch wenn das pathetisch klingt, wünsche ich den Stu-
denten, dass sie nicht unter der Last dieses Begriffs zu-
sammenbrechen. Sie sind zielstrebig, freundlich und alle
mehr oder weniger dem Gedanken verpflichtet, ein guter
Mensch werden zu wollen. Vielleicht gelingt ihnen das im
Lauf ihres Lebens. Ich werde sie fragen, ob wir uns wie-
dertreffen wollen, wenn wir alt sind. Dann können wir
darüber diskutieren, ob das mit der Elite geklappt hat.
Die Elite-Akademie-Studenten sind Anfang zwanzig,
wenn eine Kommission entscheidet, dass aus dreißig be-
gabten, fleißigen Studenten ab sofort die zukünftige Elite
Bayerns werden soll. Als ich earl fragte, ob das nicht viel
zu früh sei, zuckte er mit den Schultern und erklärte mir,
dass man in Bayern das Elite-Ticket noch Jahre früher
lösen könne. An der Akademie braucht man ein Vor-
diplom, es gebe aber noch etwas für Leute, die direkt von
der Schule kommen. »Kennst du das Maximilianeum?«,
hatte er gefragt und mir dann von einer Art Luxuswohn-
heim mit Vollpension für ausgewählte Abiturienten er-
zählt. Deshalb sitze ich jetzt hier und warte auf Maria.
DER STOLZ DES FREISTAATS
Als sie um die Ecke biegt, denke ich, im Filmwäre nun der
Moment für eine Slow Motion gekommen: Mit wiegen-
dem Schritt kommt sie mir entgegen, setzt ihre hellen
Schuhe voreinander. Ihr schwarzer Rock wippt, die klei-
nen weißen Punkte verschwimmen im Gegenlicht. Aber
scWießlich, das wird sie gewohnt sein, bleibt der Blick
doch an den Haaren hängen: Blond und glatt fallen sie bis
zur Hüfte. Ich starre, als Maria mir die Hand schüttelt.
97
..... ,
. I
I
I
. I
.: ..·.1
-
Maria ist so eine ausgewählte Abiturientin, der Stolz
des Freistaats. Sie lebt in einem Gebäude, das König
Max II. einst als bayerische Akropolis errichten ließ. Ich
stelle mir vor, wie sie Freunden, die sie zum ersten Mal
besuchen, den Weg beschreibt: »Du überquerst die Isar
auf der Maximiliansbrücke. Dann ragt direkt vor dir ein
riesiges ummauertes Gebäude auf. Da sitzt auch der
bayerische Landtag drin. Aber du kannst einfach zum
Pförtner gehen und sagen, du willst zu mir, ins Maximi-
lianeum.«
Eine lustige Vorstellung, ungefähr so, als würde man in
Berlin in der Reichstagskuppelleben. Leider finden solche
Gespräche sehr selten statt, denn Maria lädt fast nie
Freunde zu sich ein. Neid ist ein großes, fast das einzige
Problem in ihrem Leben. Maria hatte im Abitur einen
I,O-Schnitt »und keinen Zweier auf dem Zeugnis«, wie sie
betont. Damit galt für sie das bayerische Eliteförderungs-
gesetz. Der Hauptpreis ist der Einzug ins Maximilianeum,
das der K" . fü'
. OnIg r »talentvolle bayrische Jünglinge« er-
nchten ließ.
Carl hatte recht: Fünfzig Schüler dürfen hier gratis
wohnen und werd fü' d' D .
" en r Ie auer Ihres Studiums ver-
wohnt. Morgens ist ein Frühstücksbüfett aufgebaut mit-
tags .wird ihnen um »Schlag eins« ein
servtert. Sie haben eine Bibliothek fi" . . d PI"t e
. .d h ' ur SIe sm a z
m er P ilharmo' d b .
. . nIe un elm Oktoberfest reserviert.
DIe Ztmmer putzt d P
Wo
. as ersonal, das auch die schmutzige
asche mitnimmt F" d
S d
· . » or erungsziel ist ein sorgenfreies
tu tUrn«, erklärt . M .
. d' mIr ana. Dafür müssen sie Szenen
WIe Ie beim I t t .
D" e z en Neu)ahrsempfang in Kauf nehmen.
a sturmte der d al' . .
Sto'b f am Ige MInIsterpräsident Edmund
I erau dieStud t .
en en zu und heß sich mit ihnen foto-
98
grafieren. »Die Politiker zeigen sich gern mit uns. Dann
heißt es schon mal: Unsere Elite, unsere Hochbegabten.«
»Und seid ihr Elite?«
»Man scheut sich, sich selbst so zu benennen. Im Ma-
ximilianeum gibt es welche, die sind offensichtlich hoch-
begabt. So krasse Mathematiker zum Beispiel. Die lösen
Aufgaben, für die andere eine Woche brauchen, sofort.«
Maria lacht und sagt, sie selbst sei normal, sie koche auch
nur mit Wasser. Sie rührt in ihrem Cappuccino und er-
zählt, wie sie während der Fußball-WM jubelnd über die
Leopoldstraße gerannt sei. Ich bin versucht, ihr das mit
dem Normalsein zu glauben. »Ich bin Fußballfan, seit ich
klein war«, sagt sie. Außerdem schwimmt sie gerne. Im
hauseigenen Schwimmbad. Wie normal kann so ein pri-
vilegiertes Leben sein?
Maria ist in einem kleinen Ort bei Augsburg aufge-
wachsen. Ihre Eltern sind Lehrer, ihr kleiner Bruder baut
gern Roboter nach. Maria war immer die Musikerin. Sie
spielte Klavier und vor allem Kontrabass, in insgesamt
vier Orchestern. Das sollte auch ihr Beruf werden. Bis sie
irgendwann aufgeben musste, weil eine chronische Seh-
nenscheidenentzündung das Spielen unmöglich machte.
Maria entschied sich dann wie so viele gute Schülerinnen
für Jura. Ihr Vater hatte gespart und hätte seiner Tochter
die Studienjahre finanziert. Und hier endet die Ge-
schichte vom normalen, behüteten, Leben eines klugen
Mädchens, und es beginnt die Erzählung von einer, die zu
den Besten eines Landes gehört, in dem Leistung schon
immer wichtig war.
Denn ihre Schule, ein Franziskanerinnen-Gymnasium,
schlug Maria für die Begabtenförderung vor, weil sie die
strengen Kriterien erfüllte, die seit 1876 fast unverändert
99
-
gültig sind und die heute ausgesprochen angestaubt klin-
gen. Kandidaten müssen von »tadelloser sittlicher Füh-
rung« sein, sie müssen das christliche Glaubensbekenntnis
abgelegt haben und im Besitz des »bayerischen Indige-
nats« sein. Das heißt, man muss im Bayern Maximilians II.
geboren worden sein. Auch Saarländer oder Pfalzer sind
deshalb nach den Statuten echte Bayern. Maria hat zudem
davon profitiert, dass auch Bayern trotz dieses Traditions-
bewusstseins langsam liberaler wird. Im Jahr 1980, kurz
vor ihrer Geburt, wurde nach langem Ringen die erste
Frau aufgenommen. Mittlerweile sind knapp 30 Prozent
der »talentvollen Jünglinge« Mädchen.
Maria fuhr also von dem kleinen Dorfbei Augsburg in
die Landeshauptstadt. Hier, im Münchner Zentrum, wo
alles alt und stolz aussieht, hatte sie einen Termin im
Kultusministerium. Dreizehn Beamte prüften sie in fast
~ b e n s o vielen Fächern. Mathe, Englisch, Latein, Physik-
lIll Schnelldurchlaufging es durch das gesamte Schulwis-
sen. »Am Ende kommt immer noch eine Todesfrage, eine,
die man gar nicht lösen kann«, sagt Maria und erzählt mir
von der Mutter aller »Todesfragen«, der Wiesenblumen-
Bestimmung. »Sie geben dir einen Strauß und du sollst
die Namen der Blumen nennen. Am best;n auf Latein.«
Ich schlucke. Wer zum Teufel kann das? Und vor allem:
Inwi:fern ist das eine sinnvolle Elite-Rekrutierung?
Die Prüfung zu schaffi . t fü' .
en IS r Junge Bayern eine ge-
waltige Ehre Med ill
. a en aus Jugend-forscht- -musiziert-
oder -treibt-Sport ur t b b' '
. - vve t ewer en smd nichts dagegen.
Vierhundert Sch"l I .
'. u er ver assen Jeden Sommer die Gymna-
sien lIll Bayern M . ili
S hs b
· axun ans des 11. mit einem 1,0-Schnitt.
ec IS acht von ihn d
. en wer en angenommen. Maria hat
eme Woche gefeiert al di Z
, s e usage kam. Jetzt ist sie Maxi-
100
milianeerin, was ihren ohnehin schon großen Ehrgeiz noch
weiter anstachelt. Um sechs Uhr klingelt ihr Wecker, dann
lernt sie den Stoff, den sie am Vortag noch nicht geschafft
hat. Wenn sie nicht zur Universität muss, setzt sie sich in
die Bibliothek und lernt weiter, mindestens bis 18 Uhr.
Sechs Tage pro Woche lebt sie nach diesem Rhythmus, am
siebten Tag ist frei, wenn nicht, wie im Moment, Prüfungen
anstehen. »Seit knapp drei Monaten lerne ich durch«, sagt
Maria. Sie ist eben Maximilianeerin und damit Erbin einer
langen Tradition. Der Physiknobelpreisträger Werner Hei-
senberg war ihr Vorgänger, der Schlagerschreiber Michael
Kunze, dem vielleicht hinter den Mauern die Idee für sei-
nen Hit »Ein Bett im Kornfeld« kam, auch und natürlich
FIS, der ewige Landesvater Strauß.
Wie viele hier hat auch Maria sich in einen Mit-Maxi-
milianeer verliebt. Er, auch werdender Jurist, studiert ge-
rade in Oxford. Die Fernbeziehung werden sie überste-
hen, beide wollen sie Familie, auch wenn es Maria Sorgen
macht, wie sich das mit der Karriere vereinbaren ließe.
Eine schöne Geschichte, wenn nur der Neid nicht wäre. Es
fing schon in der Schule an. Die Eltern ihrer besten
Freundin waren sauer, weil Maria vorgeschlagen wurde,
nicht die Tochter, die fast genauso gut war. Sie hat ein
kleines Computerspiel programmiert, bei dem Teenager
virtuelle Pferde pflegen können. »Auch da im Forum
werde ich oft als arrogant beschimpft, weil ich mich
anders ausdrücke als die meisten.« Manche Mitschüler
dagegen wollten plötzlich unbedingt mit ihr befreundet
sein, um sich in ihrem Glanz zu sonnen, wie sie vermutet.
Deshalb ist sie vorsichtig geworden. An der Uni erzählt sie
kaum jemandem, wo sie wohnt, und sagt lieber, sie habe
ein Zimmer in einem Wohnheim am Max-Weber-Platz.
101
Glaubt man Maria, steht sie über diesen Neidern. »Witzig
ist, dass es einige gibt, die damit angeben, dass sie die Prü-
fung auch geschafft haben, dass sie das Stipendium aber
nicht annehmen wollten. Das kann ja gar nicht stimmen.«
Diese Geschichten gehören zum Standardwitzrepertoire
im Maximilianeum, erzählt Maria.
Ich erinnere mich daran, wie schlecht es mir ging, als
ich eine Absage von der Studienstiftung des Deutschen
Volkes bekam. Sofort fing ich an, mir einzureden, die
ganze Auswahl quasi unterlaufen zu haben. »Uns war die
Party am Auswahlwochenende wichtiger«, erzählte ich
cool, obwohl ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich habe
über die Spießer geschimpft, die angenommen wurden,
und über die Sexisten in der Auswahlkommission. Nie
habe ich gesagt, gedacht oder akzeptiert, dass es vielleicht
an mir gelegen haben könnte. Wie unfair kann man sein,
schäme ich mich, als ich jetzt Maria gegenübersitze. Sind
wir, die Ausgeschlossenen, schuld an dieser Trennung in
»wir« und »ihr«? Bleibt einem, der besser ist, vielleicht gar
nichts anderes übrig, als sich abzukapseln, um sich nicht
ständig wehren zu müssen?
Während ich denke, ist Maria schon weiter, beantwor-
tet genau und geduldig meine Fragen. Was hält sie von der
Welt außerhalb der Stiftung? Wie erlebt sie die großen
deutschen Debatten über Arbeitslose, Sozialsysteme und
mehr Wettbewerb?
. »Ich kenne niemanden in der Stiftung, der arbeitslos
1st oder Angst dan h t . ..,
.or a «, sagt Mana. Und wemg spater-
das hat in unserem G " h . h d
esprac mc ts mehr miteinan er
zu tun, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich doch _ be-
schwert sie sich d"b d
. . aru er, ass manche an der Uni oder
elmge der Mäd h .
c en, ffilt denen sie im Forum ihres Pfer-
102
despiels rede, bequem seien, aber trotzdem Ansprüche
hätten. »Die sagen: Ich bin toll, so wie ich bin, und mir
soll alles in den Mund fallen.« Sie erinnert sich daran,
dass das schon in der Schule so war. Immer wenn die
Klasse Arbeitsgruppen bilden sollte, seien die Faulen zu
ihrer Freundin und ihr gekommen, um von deren guten
Leistungen zu profitieren. »Trittbrettfahrer« nennt Maria
solche Menschen, und sie mag sie nicht sonderlich. Wer
viel leistet, soll eine Anerkennung bekommen, findet sie.
Deshalb sei das Prinzip der Stiftung fair.
Der Cappuccino ist fast ausgetrunken. Ich frage nach
ihren Plänen für die Zukunft. Sie möchte ein gutes
Examen machen und dann eine erfolgreiche Juristin wer-
den, im Staatsdienst, in einer Kanzlei oder in der Wirt-
schaft, wie ihre Cousine es gerade vorgelebt hat. Genaues
wisse sie noch nicht, entschuldigt sie sich. Ich habe ver-
gessen, dass sie gerade erst neunzehn ist. Und ihre Träume?
»Willst du etwas verändern im Land?«, will ich wissen.
Maria schaut, zögert, dann schüttelt sie den Kopf. »Ich
konzentriere mich auf den Bereich, in dem ich mit mei-
nen jetzigen Mitteln etwas verändern kann: Das bin ich
selber. Mit mir bin ich ziemlich streng.« .
Kurz darauf verabschieden wir uns wieder. Maria
kehrt in die bayerische Akropolis zurück, in ilir kleines
Apartment. Ihre Privilegien, das weiß ich jetzt, hat sich
die bayerische Elite hart erarbeitet. Sie alle werden wohl
ähnlich fleißig, ähnlich intelligent sein wie Maria. Nur
dass sich die Stipendiaten auch in einem dritten Punkt
auffallend ähnlich sind, lässt mich am Sinn der Förderung
zweifeln: »Wir sind viele Lehrer- und Professorenkinder«,
hatte Maria mir gesagt. Maximilianeer, deren Eltern aus
der Unterschicht kämen, gebe es nicht.
103
Als ich durch München laufe, frage ich mich, ob dieser
Satz für die ganze Stadt gilt. Die gewohnten Spuren urba-
ner Armut suche ich vergeblich. Stellt hier niemand leere
Bierflaschen auf die Mülleimer, um den Sammlern das
Leben zu erleichtern? Wo sind hier die Penner, die zu
Hause allein vor dem Supermarkt in meiner Straße in
Handballmannschaftsstärke leben? Und warum will nie-
mand mein U-Bahn-Ticket haben, um es für die Hälfte
weiterzuverkaufen? Wer ist Kunde all dieser Seifenläden,
dieser Geschäfte mit Heizstangen für Handtücher, dieser
mit Kinderkleidung, die versprechen, den
Jungsten in einen »Dolce & Gabbana Junior« zu verwan-
deln? Ich tue, was mir in München natürlich erscheint,
und setze mich in einen Biergarten, der aussieht wie in
der Werbung, und bin überrascht, wie wohl ich mich
fühle. Bierflaschen auf Mülleimern zu vermissen kann
nur ein Symptom idiotischer Sozialromantik sein. Ver-
mutlich finden alle Menschen saubere Straßen auf Dauer
Wahrscheinlich lebt es sich wirklich ganz gut in
emer wohlhabenden Stadt. Ganz sicher ist die Arm-aber-
sexy-Logik ein schwacher Trost.
mir findet gerade ein großes Boule-Turnier
statt. Hmter mir hat d· S d fü° 0 • d
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amter 1st? Sch·t d '
. el ert er Cousin in der Schule, weil er düm-
104
mer ist? Warum werden die Söhne von Türken, Arbeits-
losen oder Bauarbeitern so selten Einser-Abiturienten und
nie Maximilianeer?
Ich denke an Michael Hartmann, den Eliteforscher,
und seine Zweifel an der Leistungselite. Er meinte: »Aus
Sicht des Bürgertums ist die derzeitige Struktur des
Bildungswesens ein entscheidendes Problem.« Der Nach-
wuchs der Reichen und Erfolgreichen werde dort schließ-
lich mit den Mängeln des öffentlichen Systems konfron-
tiert. Oft komme als einziger Ausweg ein Schulwechsel
ins Ausland infrage. »Bei einer verstärkten Binnendiffe-
renzierung sähe das aber anders aus. Dann könnte das
Bürgertum die eigenen Kinder in Bildungseinrichtungen
schicken, die aufgrund einer wesentlich besseren finan-
ziellen Ausstattung und selektiver Aufnahmeregelung das
gewünschte Niveau aufweisen, und dem Rest der Bevöl-
kerung das zunehmend marode Restsystem überlassen.«
Verstärkte Binnendifferenzierung - das meint wohl, dass
es nicht mehr den Kindergarten, die Schule, die Uni für
alle gibt, sondern ein Parallelsystem. »Der Vorsprung der
Bürgerkinder, den sie aufgrund ihrer familiären Bedin-
gungen schon mitbringen«, sagt Hartmann »würde da-
durch ausgebaut und verfestigt.«
DIFFERENZIERUNG
Ich sitze wieder in meinem Zimmer. Über mir wird seit
zwei Wochen der Dielenboden herausgerissen. Es hört
sich an, als stünde ein Zahnarztbohrer kurz vor dem
Durchbruch in meinen Gehörgang. Das Bürgertum habe
ein Interesse an einer Differenzierung des Bildungssys-
105
tems, hatte Hartmann gesagt. Nur so könne es seinen
Kindern die Nachteile des öffentlichen Systems ersparen,
Nur so sei gewährleistet, dass die Kinder der Elite früh
selbst das Eliteticket lösen.
Johann Comenius, einer der bedeutendsten Pädago-
gen des 17. Jahrhunderts, empfahl, wer eine gute Bildung
wolle, solle die »Langsamen unter die Geschwinden, die
Schwerfälligen unter die Wendigen, die Hartnäckigen un-
ter die Folgsamen mischen«. Das wäre das Gegenteil von
Ausdifferenzierung. Das wären Finnland und Schweden,
die Sieger aller Schulstudien. Was aber ist, wenn die Ge-
schwinden, die Klugen und die Wohlhabenden entschei-
den da . I' b "
, ss SIe le er unter sIch sem wollen? Was ist, wenn
sie am liebsten vergessen wollen, dass es auch Langsame,
Dumme und Arme gibt?
Seit der Bohrer lärmt, habe ich mir selbst Beschäfti-
gungstherapien auferlegt und meinen Stapel zum Thema
»Elite« in Akteno d" ,,,
r ner gezwangt. Immer wIeder blattere
ich die Texte dur h B' d'f:'I: .
C .» m n ~ n 1lerenzlerung« - das Wort
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Ich m Bayern h' .
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ec en. Die Binnend'f" .
ku 1lerenZlerung beginnt mittlerweile
rz nach der Geburt.
106
DER KAMPF UM DIE VORDEREN PLÄTZE
Als ich vier war, konnte ich lesen und schreiben. »APAP
OLLAH«, haben meine Eltern stolz aufbewahrt. »Hallo
Papa«. Ich habe falsch herum geschrieben, weil das für
Linkshänder einfacher ist, aber immerhin. Mit viel gutem
Willen hätte man daraus eine besondere Begabung und
damit einen besonderen Förderbedarfkonstruieren kön-
nen. Hat man aber nicht. Ich bin in den städtischen Kin-
dergarten gegangen, in die Grundschule unseres Viertels,
aufs Gymnasium, dann zu einer Uni, die das angeboten
hat, was ich studieren wollte. Ganz normal - wie alle
eben. Etwas anderes stand überhaupt nicht zur Diskus-
sion. Ich habe den Eindruck, dass es dieses »ganz normal«
seit einigen Jahren nicht mehr gibt. Der Druck, möglichst
früh möglichst viel zu leisten, wächst.
In Hamburgbietet eine private Sprachschule Englisch-
kurse für Schüler an, die nicht einmal sitzen, geschweige
denn sprechen können. Sie sind erst drei Monate alt. Sie
lauschen also den Englischstunden wie andere Säuglinge
ihrer Spieluhr. In München können Eltern ihre Kinder-
gartenkinder in den Chinesischkurs schicken, und in Pas-
sau bietet eine Firma Word-, Excel- und Powerpoint-
Kurse für Kinder ab vier an.
In Berlin hat Anfang 2007 eine Filiale der amerikani-
schen Bildungskette »FasTracKids« eröffnet. FasTracKids,
das heißt frei übersetzt »Überholspurkinder«. In einer
schicken Altbauwohnung in Steglitz sitzen Zwei- bis
Sechsjährige vor einer Tafel, aus der eine Computer-
stimme dröhnt. »Stellt euch vor«, sagt die Stimme, »ihr
wollt eure Freunde zum Insektensammeln einladen. Was
müsst ihr auf die Postkarte schreiben?« Da sie noch nicht
107
schreiben können, tippen die Kinder Symbole auf der Ta-
fel an. »Richtig«, freut sich die Tafel. Oder sie sagt, als ein
Junge auf das Bild eines Fisches zeigt: »Meinst du wirk-
lich, dass ein Fisch auf die Einladung muss?« Die Kinder
haben heute das Fach Kommunikation, ein Wort, das die
der kleinen Schüler nicht einmal aussprechen
konnen. Mathematik und Biologie standen in den Wo-
chen davor auf dem Stundenplan. Literatur, Astronomie
und sogar ein Block zum Thema Lebensstrategien werden
noch folgen.
, müssen Dreijährige das können?«, frage ich,
DIe VerbIndungen im Gehirn der Kinder seien jetzt be-
sonders verknüpfungsWillig, heißt es bei »FasTracKids«.
So schnell wie in diesem Alter, sagt die Leiterin, würden
die Kind ' . d
er me WIe er lernen. Während Deutschland bei
Frühförderung hinterherhinke, sei das Programm in
wie Russland, Mexiko oder Portugal längst ein
nesiger Erfolg.
Im Werbeprospekt der Kleinkindschule lese ich das
Protokoll eines G -, h' . ,
esprac s zweIer FasTracKids aus Mexiko:
»Wusstest du, dass Leonardo da Vinci die Mona Lisa
gemalt hat?« fragt de . "'h'
. , r vierJa nge Diego. »Ja, natürlich«,
antwortet sein s h 'äh' ,
ec sJ nger Klassenkamerad Fernando.
»Wusstest du d 11
' ass er vor a em das Lächeln der Mona Lisa
malen wollte?« Und d' fü' fiooh '
. Ie n Ja nge Julia aus Denver die
gefragt wird waru . d' '
k
" m SIe Ie Namen aller neun Planeten
enne, wIrd mit dA' ,
. . er ntwort ZItIert: »Ich habe sie behal-
ten, weil Ich ein FasTracKid bin.«
Diese Art de Wb'
d
Kl
r er ung wIrkt. In Berlin steigt die Zahl
er assen stetig Fil'al . 00
II
. I en In Dusseldorf und Hamburg
so en folgen Bildun fü .
W
eh
d
· g r KleInstkinder ist ein neuer ein
a sen er Markt D ' '
. enn Bildung ist zum Statussymbol
108
geworden, Vor allem Eltern aus der Mittelschicht haben
Angst, dass ihr Kind zum Verlierer werden könnte, wenn
es den ganz normalen Weg geht. Und so statten sie ihr
Kind schon im Windelalter mit Zusatzqualifikationen
aus. »Hier werden die Kinder auch rhetorisch fit ge-
macht«, erzählt mir eine Mutter, die ihre Söhne zu »Fa-
strackids« schickt. »Sie lernen Präsentationsformen, die
ihnen später nützen werden.«
Hört man sich um, hat man das Gefühl, dass sich viele
Eltern in eine Art Wettrüsten um den beeindruckendsten
Kleinkindlebenslauf gestürzt haben. Die Söhne der Fas-
TracKids-Mutter gehen in einen englischsprachigen Kin-
dergarten, Englisch, erklärt sie mir, sei in Zeiten der Glo-
balisierung eben wie Zähneputzen. »Wir haben gemerkt,
dass die große Schwester, die erst mit fünf angefangen hat
mit Englisch, einfach zu spät dran war. Deshalb haben wir
entschieden, dass die Jungs gleich mit zwei anfangen.«
über 1000 Euro kostet die Förderung ihrer beiden Söhne
pro Monat. Geld, das gut investiert sein soll.
Also wird der ältere der beiden Jungs im Herbst nicht
auf eine normale Grundschule wechseln. Er könne sein
Englisch wieder verlernen, fürchtet die Mutter. Ihr Sohn
soll auf eine bilinguale Grundschule. Doch die sind be-
gehrt, die Wartelisten lang. Die Familie nahm einen An-
walt und war bereit, für den Platz an der Schule zu klagen.
Aber dann zog ein Zwillingspaar aus Berlin weg, der Sohn
der FasTracKids-Mutter rückte nach. »Die richtige Schule
zu finden dauert Monate«, sagt sie. »Aber es ist eine so
wichtige Entscheidung.« Sie hat ihren Sohn zu Probe-
stunden geschickt. Er hat Einstufungstests absolviert. Zur
Sicherheit hat die Familie schon früh einen Vertrag mit
einer Privatschule unterschrieben, falls es mit der begehr-
109
ten Europaschule doch nicht geklappt hätte. »Das ist si-
cherlich ein Trend- dass die Leute, die es sich leisten kön-
nen' sehr genau hingucken und sich fragen: Wo kann ich
für mein Kind das Optimum rausholen?«, sagt sie.
Als ich eingeschult werden sollte, sind wir vorher ein-
mal den Weg abgegangen. Durch unsere Straße, dann
rechts, über die Ampel, noch ein bissehen geradeaus, am
Friedhof vorbei. Ich habe gelernt, dass ich links, rechts,
links gucken soll. Dann haben wir eine hellblaue Uhr und
einen roten Ranzen gekauft, und alle fanden, ich sei nun
fit für die Schule.
Heute gilt schon die Wahl des Kindergartens als beruf-
liche Weichenstellung. Jeder kennt Leute, die vor der Ein-
schulung in einen schickeren Stadtteil zogen. Einer er-
zäWt von Bekannten, deren Tochter schon in der ersten
Klasse mit Chinesisch beginnt. Eine Erzieherin, deren
Kindergarten in einem bürgerlichen Berliner Stadtteil
liegt und als pädagogischer Modellkindergarten gilt, be-
richtet mir, dass die Eltern nervös werden, weil die Klei-
nen basteln, Experimente machen und spielen - aber kein
Englisch lernen. »Die Eltern«, sagt sie, »haben Angst, dass
ihre Kinder dadurch den Anschluss verlieren.« Im Maga-
zin der Süddeutschen Zeitung erzählt Karina Lübke von
einem Volkshochschulkurs für Achtjährige. »Und? Was
machst du so?«, fragt einer der kleinen Schüler seinen
»Ich bin hochbegabt«, sagt der. Was wie ein
klinge, schreibt die Autorin, sei in Bildungsbürger-
kreisen Normalität, »ebenso die Gesprächseröffnung
Kinder-Small-Ta1k«: »Bist du getestet?«, fragen sich
die Kleinen und red "b I 11' .'
. . en u er nte igenztestergebmsse Wie
Wir, die ungetestete Generation, vielleicht über die An-
zahl unserer Legosteine oder Schlümpfe.
110
Der Zeit-Autor Bartholomäus Grill erlebte dieses neue
Denken, das er als »Bildungsdarwinismus« bezeichnet,
am ersten Schultag seines Sohnes Leo an einer Steglitzer
Privatschule. Leos Schulzeit begann nicht mit Schultüte
und Familienfoto, sondern mit einer Eröffnungsgala.
»Die Familienclans, Opa und Oma inklusive«, schreibt
Grill, »umtanzten die verunsichert dreinschauenden Kan-
didaten wie Filmsternchen. Man hatte gleich das Gefühl,
dass in dieser Anstalt die Nachzucht für die Globalisie-
rung zugerüstet wird.« An den Klassenzimmertüren las
der verunsicherte Vater Grill: Gur subject is our success -
»Unser Lernziel ist unser Erfolg«. An dieser Schule wollte
Leo nicht bleiben. Grill meldete ihn ab. Der Steglitzer
Schule dürfte das egal sein. Die Warteliste ist lang. Privat-
schulen boomen. 2007 wurden pro Woche ein bis zwei
private Schulen gegründet. Die Zahl der Schüler ist seit
dem Jahr 2000 um fast zwanzig Prozent gestiegen. Immer
mehr Eltern wollen, dass ihre Kleinen schon früh zu den
Gewinnern gehören, und man ist bereit, dafür zu zahlen.
40 Euro im Monat kostet der Englischkurs für Säuglinge.
100 Euro bezahlen die Eltern bei »FasTracKids«, zwischen
300 und 800 Euro pro Monat kostet ein Platz in einer Pri-
vatschule, 600 einer in einem guten privaten Kindergarten.
Mindestens.
Ich steige in der »Berliner Vorstadt« aus der Straßen-
bahn. Was nach Problemkiez klingt, ist die neue Nobel-
meile am Rand der Hauptstadt. Hier, direkt hinter dem
Ortsschild Potsdam, am Ufer des Heiligen Sees wohnen
Prominente und Superreiche, und hier sollen ihre Kinder
auch bald angemessen betreut werden. Deshalb haben
Privatleute das ehemalige Standesamt der Stadt gepach-
tet. Sie haben 700000 Euro investiert, damit aus dem klas-
111
sizistischen Bau aus dem Jahre 1800 die »Villa Ritz« wird:
eine Fünf-Sterne-Kita mit dreitausend Quadratmetern
Grundstück. Bis zu fünfzig Kinder sollen hier bald jeden
vorstellbaren Luxus genießen. 980 Euro wird die Betreu-
ung pro Monat kosten. Allerdings ist das der Basissatz.
Die Eltern können einen Chauffeur oder einen Body-
guard buchen, einen Geigen- oder Chinesischlehrer oder
den Villa-Ritz-Dokumentarfilmer, der dann die Party
zum dritten oder vierten Geburtstag aufzeichnet. Das
alles kostet aber extra.
»Fast tausend Euro ist ja schon ziemlich viel«, sage ich,
als ich hinter Raymond Wagner, dem Geschäftsführer der
Villa, durch die Eingangshalle laufe, eine Kuppel über uns,
ein roter Teppich unter uns. Mein Freund hat gerade einen
neuen Vertrag an der Uni unterschrieben. Der öffentliche
Dienst spart. Deshalb verdient er jetzt 300 Euro weniger als
Zuvor. Als wissenschaftlichemMitarbeiter mit halber Stelle
bleiben ihm rund 1000 Euro netto. Er müsste sich dann
wohl entscheiden, ob er den Kita-Platz für sein Kind oder
die Miete seiner Wohnung und seine Einkäufe bezahlt.
Man konkurriere um die Eltern, die sich auch eine Kinder-
frau leisten könnten, unterbricht Wagner meine Kalkula-
tion. Außerdem müsse man den Preis in Relation zumAn-
gebot sehen. Eine Erzieherin müsse sich hier um nur sechs
Kinder kümmern. In der normalen Welt sind es je nach
Bundesland bis zu zwanzig. Die Kinder lernen Englisch. Ih-
nen wird mittags ein dreigängiges Vollwertmenü gekocht,
morgens und abends können sie sich am Büfett bedienen.
Wer wichtige Termine hat, kann sein Kind auch mal über
Nacht dalassen. Das allerdings kostet wieder extra.
»Buchen können die Eltern die Übernachtung hier«,
sagt Raymond Wagner. Wir stehen an einem Tresen, aus
112
dem die Rezeption des Kindergartens werden soll. Wenn
die Eltern ihr Kind bringen oder holen, sollen sie nicht
lange suchen müssen. An diesem Empfangstresen sollen
sie ihr Kind und alle nötigen Infos erhalten. »Das ist unser
Komfort«, freut sich Wagner. Und das ist verrückt, denke
ich, denn jetzt stehen wir im Wellnessbereich der Kita.
Noch ist dort, wo ein großes Aquarium entstehen soll, ein
Loch in der Wand. Die Sauna ist aber schon gut zu erken-
nen. Im Nebenraum werden die Masseure und Physio-
therapeuten arbeiten. Auch deren Leistungen können die
Eltern dazubuchen. Genau wie Yoga, Ballett oder Medi-
tation. »Manche Dreijährigen haben schon Rückenpro-
bleme«, erklärt mir Wagner, während wir durchs Trep-
penhaus laufen. »Uns wird ja stets der Vorwurf gemacht,
wir zögen hier eine Geldelite heran«, sagt er. »Aber uns
geht es um eine Bildungselite, eine geistige Elite.«
»Zu der können dann aber doch nur die gehören, die
pro Kind und Monat tausend Euro zahlen«, entgegne ich
und animiere Wagner damit zu einem Vortrag über unser
»schreckliches System« der Gleichmacherei. »Der Sozial-
staat«, erklärt er mir, »orientiert sich stets am Schwäche-
ren. Aber was ist mit dem Stärkeren?« Seit den achtziger
Jahren sei es nur darum gegangen, diese Starken schwach
zu halten, damit niemand aus einer Gruppe herausragt.
So habe Deutschland Ressourcen verschwendet und den
Anschluss im internationalen Wettbewerb verloren, fin-
det er. »Wir müssen von der Idee weg, dass der Ernst des
Lebens erst in der Schule beginnt.« Schon Kleinstkinder
seien zu erstaunlichen Leistungen fähig. Und wenn ein
Kind schon mit drei Jahren multiplizieren könne oder
mit vier Jahren Englisch spreche, dann werde er dieses
Kind nicht bremsen, sondern fördern und fordern.
113
»Werden sich denn Kinder, die mit sechs die Villa Ritz
verlassen, die rechnen können, Englisch und vielleicht
auch Chinesisch sprechen, in der Grundschule nicht
langweilen?«, frage ich.
»Da gibt es eine Diskrepanz. Aber das ist nicht unser
Problem«, sagt Wagner. Schließlich hätten die Kunden
der Villa Ritz sowieso kein Interesse daran, ihr Kind auf
eine Regelschule zu schicken. Die Villa werde bald mit
Privatschulen kooperieren, um den Eltern zu helfen, einen
geeigneten Platz zu finden.
Gewinner hier, Normale und Verlierer dort: Diese Ein-
teilung soll also künftig schon im Kindergarten vorge-
nommen werden. Darauf setzt nicht nur die Villa Ritz. In
Stuttgart eröffneten im Jahr 2006 die »Litde Giants«.
Auch hier kostet der Platz knapp 1000 Euro im Monat.
Trotzdem ist die Kita ausgebucht, die Warteliste lang. Die
»Litde Giants« haben bereits Filialen in Frankfurt und
München. Jetzt sucht die Firma Franchise-Nehmer in
achtzehn anderen Städten. »Mir wäre es auch lieb, wenn
alle Kinder optimal gefördert würden«, sagt Raymond
Wagner. Aber das sei nicht bezahlbar. Ob ich fordere, dass
Menschen, die sich eine teure Betreuung leisten
konnen, verzichten sollen, will er wissen. »Wollen wir alle
der untersten Stufe zugrunde gehen?«, fragt er. Gerecht
sei da t" l' h . h
s na ur IC nIC t. »Aber wo gibt es eine gerechte
Welt?«
.. In Deutschland aufjeden Fall nicht. In zweiunddreißig
Ländern untersuchten Wissenschaftler für die PISA-Stu-
die den Abstand zwischen der Leistung von Schülern auS
und armen Familien. Nirgendwo war er so groß
WIe .In Deutschland. Das brachte Platz 32. Die für ihre
Zweiklassengesellschaft viel geschmähten Vereinigten Staa-
114
ten belegten Platz 8. Die Zahl der armen Kinder steigt in
Deutschland seit Jahren - Anfang 2007 waren es 17 Pro-
zent, fast zwei Millionen. 208 Euro pro Kind, ein Fünftel
der Gebühr, die die Villa Ritz verlangt, überweist der Staat
Hartz-IV-Familien. Das sind 6,80 Euro pro Tag. Damit
müssen sie das Kind ernähren, kleiden und bilden.
Melina ist eines dieser Kinder. Sie ist elf Monate alt. Ihr
Großvater lebt von Hartz IV, ihre Eltern auch. Kevin und
Mike, ihre Onkel, sind sieben und neun Jahre alt und ge-
hen aufdie Wattenscheider Förderschule. Eine Schule, die
sagt, dass sie die Kinder nicht auf den Beruf, sondern auf
ein Leben von der Stütze vorbereite. Man wolle keine fal-
schen Hoffnungen machen. Bisher begann die Förder-
schule mit der vierten Klasse. Das ist seit Kurzem anders.
Eine erste, zweite und dritte Klasse sind dazugekommen.
Der Weg in Richtung Hartz IV beginnt also schon für
Sechsjährige. Oder noch früher. Melina hat kaum Spiel-
zeug. Schon morgens sitzt sie oft auf der schwarzen Le-
dercouch, während das Frühstücksfernsehen läuft. Sie hat
kein Stühlchen, in das sie zum Füttern gesetzt werden
kann, und in ihren ersten Lebensmonaten hat sie wahr-
scheinlich mehr Zigarettenqualm eingeatmet als andere
in ihrem Leben. Oft fehlt ihren Eltern am Ende des Mo-
nats das Geld für Windeln, manchmal auch fürs Essen.
Weil sie wenig haben und weil sie mit dem wenigen
schlecht umgehen können.
Vielleicht ist Melina sehr klug. Vielleicht könnte sie
auch mit drei Jahren schon multiplizieren oder mit vier
schon Englisch sprechen. Vielleicht hätte sie Spaß an Yoga
oder am Geigenunterricht. Erfahren wird man das wohl
nicht. Melina ist ein Kind der Unterschicht, keines der
Villa Ritz. »Gerecht ist das nicht. Aber wo gibt es eine
115
gerechte Welt?« Melinas Schicksal mit diesem Satz fast
achselzuckend hinzunehmen ist zynisch. Es gab mal die
Idee der Solidarität. Dass die, die viel haben, auch viel
dazu beitragen, dass es allen besser geht. Wenn die einen
erst in die Luxus-Kita und dann in die Privatschule gehen,
während die anderen erst vor dem Fernseher sitzen und
dann die Förderschule besuchen, ist von dieser Idee
nichts mehr übrig. Dann sollte aber auch jemand den
Mut haben, Melina das zu sagen.
ELITE MIT MIGRATIONSHINTERGRUND
Es ist gerade dunkel geworden. Ich stehe in Brüssel, am
Place Schumann, blicke auf das Berlaymont-Gebäude,
das vielstöckige Verwaltungszentrum Europas. Wäre heute
nicht Samstag, würden fünfundzwanzigtausend Europa-
Beamte, Hunderte Parlamentarier und unzählige Interes-
senvertreter hier verwalten, verhandeln und dinieren, im
Takt der vollen Terminkalender. Hier, wo ich stehe, wür-
den Menschen aus der Metro-Station quellen, Autos wür-
den sich stauen. Jetzt ist um mich herum alles leer. Kein
Mensch, keine fahrenden Autos, nur ein einsam warten-
des Taxi. Das Europaviertel rund um den Place Schu-
mann führt an Werktagen ein hektisches Leben, das am
Wochenende fast völlig erlischt.
Dies hier ist einer der Orte, an denen deutlich wird,
wie konsequent sich die Elite manchmal von der Masse
abwendet IR·· k d
.. . m uc en er dreckigen, aber lebendigen
Stadt Brussel hat sich Europa ein eigenes Reich errichtet.
Normale Menschen trifft man hier nur als Dienstleister in
Hotels, Restaurants und Kiosken an. Am Wochenende,
116
wenn Europa nach Hause gefahren ist, essen, feiern und
scWafen diese Menschen unten in der Stadt. Das Europa-
viertel bleibt verlassen zurück.
Glücklicherweise muss ich hier nicht bleiben, sondern
habe in dem Teil von Brüssel, der auch an Samstagen exis-
tiert, eine Verabredung. Ich werde zehn junge Menschen
treffen, deren Lebenslauf sie eigentlich zu geborenen Ver-
lierern macht. Sie sind zwischen neunzehn und einund-
zwanzig Jahren alt, in China, dem Iran oder der Türkei
geboren. Die erste Erinnerung, die einige von ihnen an
Deutschland haben, ist die an den ScWagbaum eines Auf-
fanglagers für Flüchtlinge. Nur drei der Studenten sind in
Deutschland geboren, in keiner der Familien ist Deutsch
die Muttersprache. Problemkinder, sagt die Bildungssta-
tistik. Studenten, sagt ihr Lebenslauf, und allein das ist
schon eine Sensation. Denn nur sieben Prozent der über
zwei Millionen Studenten in Deutschland sind Migran-
tenkinder. Eine Mehrheit stellen sie dagegen in den Kate-
gorien »Hauptschüler« und »Schulabbrecher«.
Rund die Hälfte der Fünfzehnjährigen aus Migranten-
familien konnte bei Tests gerade einmal simpelste Texte
lesen. Betrachtete man nur die Jugendlichen, in deren Fa-
milien türkisch gesprochen wird, sackte die durchschnitt-
liche Lesefähigkeit auf Grundschulniveau. Und wenn es
doch einmal einer schafft, schnappt offensichtlich im
Kopf vieler Lehrer die Rassismusfalle zu: Selbst bei glei-
cher Leistung werden Migranten oft scWechter bewertet.
Während sie zur Hauptschule geschickt werden, kann
sich der gleich starke deutsche Mitschüler oft über eine
GymnasialempfeWung freuen. Diese Schieflage ist woW
das Resultat einer nicht existierenden Integrationspolitik.
Deutschland hat sich nie sonderlich bemüht, die Kinder
117
---
derer, die einwanderten, zu fördern. Das Schulsystem, das
früh sortiert und Kindern, die einen schweren Start hat-
ten, kaum Chancen bietet, aufzuholen, besorgte den Rest.
Kinder, deren Eltern nach Schweden, Norwegen, Öster-
reich oder in die Schweiz gingen, haben weitaus bessere
Karten als die, deren Eltern nach Deutschland kamen.
Aadish, Gülsah, Nawid, Edward, Waldemar, Jakob,
Alexander, Jin-Kyu, Helen und Fatos haben es trotzdem
geschafft. Sie sind ein lebendes »Es geht doch«. Und des-
halb hat der Mobilfunkkonzern Vodafone die erstklassi-
gen Abiturienten zur Elite gekürt, zur Elite mit Migra-
tionshintergrund. Aufgereiht sitzen sie an einer langen
Tafel. Vodafone hat gerade einen Kir royal ausgegeben.
Gülsah und Fatos, die zwei Muslima in der Runde, bitten
um Saft. Es ist das perfekte Werbefoto für ein neues, offe-
nes Deutschland. Vodafone preist die zehn als »Aufstei-
gergruppe«, als »Bildungselite«, als »positives Beispiel für
die Gesellschaft und Mitmigranten« und lässt sich ihre
Unterstützung einiges kosten. Das »Chancen«-Stipen-
dium, das die firmeneigene Stiftung im Jahr 2006 aufge-
legt hat, ist eine der umfangreichsten Förderungen, die es
in Deutschland gibt: Vodafone zahlt den Stipendiaten
knapp 600 Euro für den Lebensunterhalt, dazu Bücher-
geld, Reisen, Sprachkurse und, das größte Schmankerl,
~ i ~ . Gebühren für ein Studium an einer privaten Univer-
sItat. Insgesamt investiert Vodafone in jeden Studenten
gut 80000 Euro.
M· .
eme vorurteilgeschulten Augen bleiben sofort an
Fatos hängen. Sie trägt Kopftuch und ein langes Gewand.
Frauen wie sie bl d F h . d·
en en emse sender gern em, um le
Themen »Verlierer« oder »Islamismus« zu illustrieren.
Fatos aber Wa ß . d
r au er m er Grundschule stets die Klas-
118
senbeste. Sie wurde in der Türkei geboren. Als sie ein Jahr
alt war, kamen ihre Eltern nach Berlin, weil ihr Vater bei
Siemens arbeiten konnte. Die Mutter, die Fatos, die große
Schwester und den kleinen Bruder erzog, sprach türkisch
mit den Kindern. Deutsch lernte Fatos erst im Kindergar-
ten. Ein klassischer Einwandererlebenslauf, der nur für
acht Prozent der Schüler auf dem Gymnasium endet. Fa-
tos aber schaffte es. Sie übersprang sogar die elfte Klasse
und machte dann ein sehr gutes Abitur: Über ihren
Schnitt von 1,7 sei sie ein bisschen enttäuscht gewesen,
sagt sie, hätte es doch die gesamte Oberstufe, bis sie vier
Monate lang krank ausfiel, nach einem I,O-Schnitt ausge-
sehen. »Ich habe immer viel gelernt. Um es als Ausländer
in der Schule zu schaffen«, erklärt sie mir, »ist man besser
fleißiger als alle anderen.«
»Habt ihr Angst, dass man euch als Alibi-Ausländer
benutzt?«, frage ich. »Um zu zeigen: Es geht doch, in
Deutschland als Ausländer erfolgreich zu sein?«
»Ich fühle mich schon manchmal als Vorzeigetürkin«,
antwortet Fatos. »Aber irgendwer muss schließlich anfan-
gen. Ich möchte Vorbild sein. Und vielleicht werden aus
uns zehnen dann bald tausend.« - »Aber nur vielleicht«,
sagt sie noch einmal. Denn Diskriminierung sei für aus-
ländische Schüler Alltag. Fatos hat erlebt, dass Ausländer
trotz guter Klausuren bei manchen Lehrern stets schlechte
Zeugnisnoten bekamen. Ihre Freundin hatte einen Lehrer,
der sie ein Jahr lang nicht drannahm. »Bei dem stand kein
Ausländer besser als vier«, sagt sie. Während ihrer Schul-
zeit musste sie sich laufend von einem ihrer türkischen
Freunde verabschieden: »In der siebten Klasse waren wir
noch so viele Türken, dass es für eine eigene Klasse gereicht
hätte. Am Ende, beim Abi, waren es nur noch zwei.«
119
Fatos blieb. Ihre Noten hätten sie unantastbar ge-
macht, glaubt sie. Kein Lehrer hätte ihr, die stets Einsen
schrieb, ernsthafte Probleme machen können. Heute leitet
sie eine Gruppe für muslimische Mädchen und trichtert
ihnen die Lehren ihrer Schulzeit ein: »Seid besser. Lernt.
Nur wenn ihr in der Schule gut seid, kommt ihr voran.«
Und trotzdem. Als Fatos gemeinsam mit ihrer Freundin
und zwei guten AbscWüssen in der Tasche vor einer
Kreuzberger Berufsberaterin saß, meinte die: »Ihr seid
doch Türkinnen, wieso wollt ihr studieren? Ihr werdet
früh heiraten, dann Hausfrau werden. Da ist das doch
Zeitverschwendung.« Erst hätten sie ungläubig, aber den-
noch getroffen, gelacht, sagt Fatos. »Aber die hörte nicht
aufdamit. Die wollte uns nicht einmal konkrete Fragen zu
Universitäten beantworten. Da haben wir das Gespräch
abgebrochen.« Seit dem 11. September 2001 kämen noch
die täglichen Anfeindungen auf der Straße dazu, erzählt
sie. Unter der Hand in der Uni, offen auf der Straße, in der
U-Bahn. Leute setzten sich weg. Andere schrien sie an:
»Islamistenschwein! Raus aus Deutschland!« Aber man
könne lernen wegzuhören, zu ignorieren, sagt Fatos.
Sie studiert, wie Bernd, an einer Privatuniversität. Die
Bucerius Law School in Hamburg gilt als Kaderschmiede
für junge Juristen. Auch hier kostet das Studium insge-
samt mindestens 30000 Euro. Fatos' Vater, der nach einem
Unfall nicht mehr arbeiten kann, könnte die Gebühr unter
keinen Umständen zaWen. Aber die Kosten übernimmt ja
j e ~ t Vodafone, denn das Stipendium gilt nur, wenn die
Mlgranten an einer privaten Hochschule studieren. Ein
Studium an einer staatlichen Universität fördert Voda-
fone nicht, egal wie groß Migrationshintergrund und
Talent des Bewerbers auch sein mögen.
120
»Ein erfolgreiches Studium an einer anerkannten Pri-
vathochschule bietet Studierenden nachweislich bessere
Voraussetzungen für den Berufseinstieg und Karrierever-
lauf. Diese Chance möchten wir auch begabten jungen
Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen«, beant-
wortet Vodafone meine Frage nach dem Warum in bes-
tem Konzerndeutsch. Das heißt, das Unternehmen hält
vor allem die Privatuniversitäten für einen Karrierekata-
lysator und möchte, dass auch Kinder von Einwanderern
an diesen selbst ernannten Elite-Universitäten studieren
können.
Eins wäre für die Berufsberaterin aus Kreuzberg viel-
leicht noch interessant: Heiraten will Fatos erst nach
dem Studium. Und sie will nicht Hausfrau werden, son-
dern bei der EU oder bei Amnesty International anfan-
gen. Um dieses Ziel zu erreichen, folgt sie weiter ihrem
alten Plan: Besser sein. Sie schläft fünf Stunden pro
Nacht. Um acht Uhr morgens sitzt sie in der Bibliothek
und lernt meist, bis die Sonne untergeht. Nur dienstags
macht sie früher Schluss, da hat sie einen Kurs in arabi-
scher Kalligrafie belegt, »zur Entspannung«, sagt Fatos.
Das klingt nach Bernd mit türkischem Hintergrund. Ich
frage mich weiter durch die Runde und habe schnell den
Eindruck, dass Fatos' Vierzehn-Stunden-Tage auch hier
normal sind. Seid fleißiger, arbeitet mehr, dann habt ihr
Chancen, es zu etwas zu bringen. Auch wenn ihr von
ganz unten kommt. Das ist die Botschaft der Runde. Eine
Botschaft, die glaubwürdig ist, die durch Geschichten,
die ich so schnell nicht wieder vergesse, mit Leben gefüllt
wird. Eine Botschaft, die auch Mario und Bernd gefal-
len würde. Denn keiner hier fordert, dass man rassisti-
schen Lehrern an den Kragen müsse, dass die Politik sich
121
--
gefalligst besser um sie, die Kinder derer, die sie einst
einlud, kümmern müsse. Es sind Geschichten über Ehr-
geiz, Fleiß und Willen. Eigenschaften, die auch den, der
die schlechtesten Startchancen hat, zum Sieger werden
lassen.
Zwei in der Runde allerdings sind anders. Der eine, ein
junger Iraner namens Aadish, hatte still zugehört, als ich
erzählte, dass ich zum Thema »Elite« recherchiere, und
mir seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben. »Lass uns spä-
ter in Ruhe treffen!«, sagte er.
Der andere, Alexander, rückt seinen Stuhl neben mich.
Er streicht die blonden Haare hinters Ohr und sagt: »Ein
Buch über das Thema Elite - das interessiert mich sehr.
Das Thema ist prickelnd.« Er selbst schreibe auch, seit
frühester Jugend. Allerdings Gedichte, vor allem Liebes-
lyrik. Alexander spricht Deutsch mit reizendem französi-
schem Akzent. Er lächelt, als ich ihn darauf anspreche.
Alle sehen in ihmden Franzosen. Das mag am Akzent l i e ~
gen, an den langen blonden, nach hinten geföhnten Haa-
ren und sicher auch an seinem fast aristokratischen Auf-
treten. Alexander sitzt kerzengerade am Tisch, bewahrt
Haltung beim Essen, beim Sprechen, beim Rauchen.
Manchmal muss er hüsteln. Dann dreht er den Kopf zur
Seite h·'lt d'
. '. a le gestreckten Finger vor den Mund, entschul-
digt sIch. Alexander würde wohl jeden Türsteher jedes
noch so r t ikt' .
. . es r lven Soclety-Clubs passieren können.
Seme feme karierte Stofthose steckt in wadenhohen Rei-
terstiefeln se' . H d d .
, m em urchzlehen dünne rosafarbene
Streifen sein Hand I nk' .
, ge e ZIert eme Armani-Uhr. In einem
Steckbrief hat e D' H
r lor omme als Lieblingsmodemarke
angegeben. Über sich selbst sagt er: »Ich bin wie Effi Briest.
Ich verzichte auf das Zweitbeste.«
122
Ganz offensichtlich kommt Alexander aus sehr gutem
Hause. Er ist Sohn einer Familie, die zu den Obersten in
Georgien gehörte. Alexander ist in dem Bewusstsein auf-
gewachsen, ein Kind der oberen Eintausend zu sein. Ein
Privilegierter in einem ansonsten armen Land. Gott, so
lernte Alexander, habe Intelligenz, Einfluss und Wohl-
stand eben nicht gleich verteilt. »Sei dankbar, dass es dir
gut geht«, habe der Vater immer gemahnt. »Lass die, de-
nen es scWechter geht, nie deine überlegenheit spüren.«
Aber irgendwann wurde das Leben in Georgien zu ge-
fahrlich. Die Familie entschied, nach Deutschland zu flie-
hen. Schon drei Wochen später landeten sie am Frankfur-
ter Flughafen. »Ich konnte nicht mehr als Buchstaben
erkennen und so Kleinigkeiten sagen wie >Hallo< oder
>Wie geht'sk Aber das war es dann auch.« Georgisch,
Russisch, Englisch - diese Sprachen beherrschte er, hatte
seine Familie doch stets auf die Bildung der Kinder geach-
tet. Aber jetzt hatte die Flucht ihn in ein Land geführt,
dessen Sprache er nicht kannte. Sie landeten im Dezem-
ber. Alexander erinnert sich an den deutschen Schnee
und daran, dass die Häuser so schön weihnachtlich deko-
riert waren.
Er erinnert sich auch an. die Enge im Auffanglanger
Unna-Massen, an die Schule, die er dort mit vielen Rus-
sen und Polen, die alle in ihrer Muttersprache redeten,
besuchte, und an die Lehrerin, die auf den georgischen
Jungen, der so gut Englisch sprach, aufmerksam wurde.
Sie ließ ihn Figuren bauen und Muster legen und testete
so seine Intelligenz.
Als das Ergebnis vorlag, habe eines der angesehensten
und teuersten Internate des Landes ihm ein Vollstipen-
dium angeboten. Er lehnte ab. »Wegen meiner Mutter«,
123
( ,,'\
1'/1
; ~ ,
sagt Alexander. Sie habe ihren Sohn nicht ziehen lassen
wollen. Gerade fünfzehn, und dann weg von zu Hause, in
ein Internat, in dem reiche Kinder der Legende nach gern
ausschweifende Feste feiern. Das Nein der Mutter war für
Alexander Gesetz, und man suchte nach einer angemesse-
nen Alternative. Alexander kam auf ein Gymnasium an
der Königsallee in Düsseldorf, obwohl er die Sprache der
Mitschüler noch immer nicht beherrschte. Aber in die-
sem Moment, sagt er, sei ihm klar geworden, dass er noch
lange in Deutschland bleiben würde. Und weil er Wör-
terbüchern nicht traut, begann er seinen ganz eigenen
Deutschkurs. »Ein Buch, das ich zu der Zeit sehr mochte,
war >Lolita< von Nabokov. Ich habe eine Ausgabe aufRus-
sisch und eine auf Deutsch vor mich gelegt und die Sei-
ten parallel gelesen. Und so habe ich mit vielen Büchern,
die ich aus Georgien schon kannte, Deutsch gelernt.« Am
Anfang fiel er in der Schule ständig auf, zum Beispiel, weil
er aufsprang, wenn der Lehrer den Raum betrat, oder weil
er das Schnipsen mit den Fingern, mit dem die Mitschü-
ler nach Aufmerksamkeit heischten, verachtete. »Das
kenne ich nur bei Kellnern, dass man so etwas tut. Es ist
einfach eine schlechte Erziehung, einen Lehrer so anzu-
schnipsen.«
Aber dann schaute er sich seine Umgebung immer ge-
nauer an. Er bekam einen Job im Exklusivhaus der Mode-
marke Breuniger, verdiente relativ bald ziemlich viel Geld
und lernte das kennen, was er ehrfurchtsvoll das Düssel-
dorfer Leben nennt. »Kennst du Düsseldorf?«, fragt Ale-
xander.
»Nicht wirklich«, bekenne ich.
»Weißt du, wie Düsseldorf sich anfühlt?«
»Nein.«
124
»Kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn man an der
Kö die Schule besucht, dort nebenher arbeitet, dort aus-
geht?«
»Nein«, sage ich wieder. »Überhaupt nicht.« Ich sehe,
dass ich ihn enttäusche.
Düsseldorfer zu sein erfüllt ihn mit Stolz. Sein Pass ist
georgisch, gerade mal seit fünf Jahren wohnt er in der
Stadt. Trotzdem identifiziert er sich mit Düsseldorf. Die
Stadt steht für das Leben, das er liebt und von dem er mir
lange erzählt, in der Hoffnung, dass ich doch noch be-
greife, wie Düsseldorf sich anfühlt. Seine Clique stehe auf
fast jeder Gästeliste, sagt er. Sie feiern in Clubs an der Kö,
in denen Kinder reicher Eltern Champagnerflaschen be-
stellen, die sechs Liter fassen. »Wenn die die Flaschen vor
sich stehen haben, glauben sie übrigens, Elite zu sein«, sagt
Alexander. »Sie haben mehr als andere und glauben, bes-
ser zu sein.« Alexander hält diesen Glauben für einen
Trugschluss. »Das Geld ist von den Eltern, und sie selber
haben nicht viel erreicht. Manche denken, jeder, der Golf
spielt, ist Elite.« In Georgien, sagt er, sei die Sache klar: »Da
bedeutet Elite Oberschicht - oder im bösen Sinne: Bon-
zen.« Hier in Deutschland sei der Begriffweniger greifbar,
werde missverstanden und von vielen missbraucht.
»Was ist denn Elite für dich?«
»Für mich gehören zur Elite Leute, die überdurch-
schnittliche Leistungen vollbringen, eine entsprechende
Kultur haben und ein entsprechendes Benehmen. Elite
wird man, wenn man viel im Leben erreicht hat, wenn
man finanziell, aber auch geistig weiter ist als andere.«
Deshalb, sagt Alexander, sei ausgeschlossen, dass Düssel-
dorfer Jugendliche im Alter von zwanzig Jahren Elite
seien. Eine gute Familie, sagt er, sei eine gute Ausgangs-
125
j
i·,
basis. Aber die Ambitionen, etwas zu werden, die müsse
man schon selber haben. Unter seinen Freunden sind
einige, die überzeugt sind, schon durch die Geburt etwas
zu sein. In seiner Clique sind »Doppel-Vons«, Menschen
also, deren Eltern jeweils einen Adelstitel in die Ehe ein-
brachten. Oft hätten die Kinder dann nicht nur zwei Titel,
sondern auch noch fünf Vornamen. Eigentlich auch un-
nötig, sagt Alexander. Das habe schon Shakespeare be-
griffen. Oder sei sein berühmtes Whats in the name? nicht
so zu verstehen? Außerdem kenne er Mädchen, die tag-
ein, tagaus ihre Schönheit pflegen, weil es ihr Plan sei,
reich zu heiraten und damit dem Beispiel der Mutter und
der Tanten zu folgen. .
Ich frage mich, warum ich solche Menschen nicht
kenne. Es zögen einen immer die Leute an, die aussähen
wie man selbst, sagt Alexander. »Wenn du Rapper bist,
wählst du Rapper. Wenn du Technomusik hörst, suchst
du die Leute aus, die dementsprechend aussehen. Und
wohlhabende Leute aus guter Familie mit guter Erzie-
hung, die haben Pläne für die Zukunft, die wollen etwas
werden im Leben. Das sind auch meine Interessen.«
Klingt logisch, erklärt aber nichts. Ich habe diese Men-
schen ja nicht ignoriert, weil ich andere Interessen habe.
Ich bin ihnen noch nie begegnet, ehrlich gesagt habe ich
ihre Existenz bislang bezweifelt. Menschen wie Alexan-
ders Freunde und ich haben woW völlig unterschiedliche
Leben geführt. . .
Ich bin in einer Kleinstadt im Münsterland groß ge-
~ o r d e n , dort auf die städtischen Schulen gegangen. Stu-
diert habe ich im Ruhrgebiet, wo sich die High Society
weitestgehend auf Fußballer beschränkt. Sprich, ich habe
mich mein Leben lang an Orten herumgetrieben, an de-
nen diese Kreise nicht verkehren. Aber wie findet man die
richtigen Orte, die Clubs, in denen man feiern muss, die
Schulen, die man besuchen muss, um dazuzugehören?
Durchs Internet sei das ziemlich einfach geworden, er-
klärt Alexander. Man vernetze sich in exklusiven Foren.
Der Zugang sei passwortgeschützt, rein käme man nur
auf Einladung, nur mit glaubwürdiger Empfehlung. Rei-
cher-als-du.de, sei eine bekannte Adresse und vor allem
Schwarzekarte.de. Das sei lange die entscheidende Com-
munitiy gewesen, sagt er. Aber inzwischen habe sie das
Schicksal vieler solcher Zirkel ereilt: Irgendwann würde
solch eine Adresse zu bekannt und sei dann überlaufen.
Auch hier scheint zu gelten, dass Elite und Masse sich ge-
nerell nicht vertragen. Trotzdemwürde ich die Menschen,
von denen er mir erzählt, noch immer bei der schwarzen
Karte finden, sagt Alexander.
»Meinst du«, frage ich schüchtern, »du könntest mich
einladen? Gar empfehlen?«
»Klar«, sagt Alexander, und tatsächlich erhalte ich
zwei Tage später meinen Zugang.
SCHWARZEKARTE
Das Wappen von Schwarzekarte ist ein schwarz-weißer
Schild, der eine kleine Krone trägt. Heute um 17 Uhr 45
hat mich Schwarzekarte offiziell willkommen geheißen,
seitdem ist es auch mein Wappen. Für 9 Euro könnte ich
es mir sogar kaufen, in Silber oder Schwarz, um es mir,
wie vorgeschlagen, ans »Hemdrevers« zu heften. Für sol-
che Insignien ist es mir noch zu früh. Als ich mich zum
ersten Mal einlogge, ertönt eine Begrüßungsmusik. Dann
126
127
lichten lassen. Der Botschafter für Heidelberg trägt ein ro-
safarbenes Ralph-Lauren-Hemd und auch eine schwarze
Sonnenbrille. Die ist üblich, genau wie die langen, zu-
rückgegelten Haare. Einer der Hamburger Botschafter
trägt nichts - außer der schwarzen Sonnenbrille, einer
Boxershorts und einem Whiskeyglas. Schließlich steht er
unter Palmen. Sein Lebensmotto: »Stil ist eine Fähigkeit,
Entscheidungen zu treffen.«
Regel zwei: Man heißt anders als meine alten Freunde,
und man besucht andere Orte. Durchsucht man das
Netzwerk zum Beispiel nach den Vornamen Konstantin,
Theresa oder Maximilian erhält man Hunderte von Tref-
fern. Die Häufung von Adelstiteln ist erstaunlich, und
wer keinen Titel hat, schmückt seinen schnöden Namen
wenigstens mit den Initialen der Zweit- oder Drittvor-
namen. Man nennt sich Benedikt M., Frederik H. C. oder
Benjamin C. K.
Kurz nach meinem Eintritt ins Netzwerk lädt mich
Louis Sayn-Wittgenstein-Sayn zum Schwarzekarte-Ski-
wochenende nach Garmisch ein. Zu den Orten, in denen
die Schwarzekarte-Mitglieder leben, gehören Sylt, St. Mo-
ritz und New York. Im Forum wird diskutiert, ob Dubai
neue Netzwerk-Stadt werden soll. Ein Mitglied, dessen Le-
bensmotto »Niveau ist keine Handcreme« lautet, ärgert
sich, dass die arabische Geldmetropole noch feWt. Seine
Wut ist er übrigens in nacWässiger Rechtschreibung losge-
worden, wie viele, die das Schwarzekarte-Forum nutzen.
»Es gibt z. Zeit kaum eine andere Stadt((, schreibt er, »die so
viel Potenzial hat. In puncto Lifestyle, Wirtschaft, Sport,
Clubbing und Kultur hat Dubai so dermaßen viel zu bie-
ten.(( Noch wartet Dubai auf die Aufnahme, Saint-Tropez
dagegen hat es geschafft. Etliche Netzwerkmitglieder
129
128
sehe ich Bilder von schneebedeckten Bergen. »Freund-
schaften erweitern den Horizont«, lese ich. »Diese muss
man nicht dem Zufall überlassen.« Nochmals werde ich
darauf hingewiesen, dass eine Einladung nötig ist, um
Zutritt zum Netzwerk zu erhalten. Nur so könne Schwar-
zekarte möglichst privat und familiär gehalten werden,
schreiben die Organisatoren.
Ich fühle mich wie ein Eindringling, als ich meinen
Namen und das Passwort eintippe. Ich soll ein Profil an-
legen, meine Lieblingschampagnermarke angeben, die fa-
vorisierte Automarke und mein bevorzugtes Modelabel.
Habe ich alles nicht. Ich starre auf die Liste, aus der ich
meine liebsten Freizeitinteressen wählen soll. Golf oder
Polo? Jagd oder Fechten? Fußball und Musik kreuze ich
an und hoffe, mich damit nicht sofort zu disqualifizieren.
Ich werde angenommen und klicke mich die nächsten
zwei Tage völlig fasziniert durch die Parallelwelt meiner
»neuen Freunde«. Ich erfahre, dass der Name Schwarze-
karte an eine Premiumkreditkarte erinnern soll, und bin
froh da . h· P fiil .
. ' SS IC Im ro nicht angeben musste, dass ich nur
em Volksbankkonto habe. Ich lerne schnell, dass das Le-
d:r im Schnitt Anfang-zwanzigjährigen Mitglieder
hier nicht nur, was die Art, seine Einkäufe zu bezaWen,
angeht, nach eigenen Regeln funktioniert.
Regel eins: Man sieht anders aus als in meiner Welt.
Sportjäckchen, Sneaker und Jeans scheinen hier kaum zu
existieren. In eine F '"
. m orum werde Ich spater lesen, dass
diese Kleidun S .
g » ozen-Mode« sei. Das Schwarzekarte-
M·tgl· d
I le, das zum Netzwerkbotschafter für New York
berufen wurde h t . h b' .
, a SIC el emem Sommerfest in weißer
und maritimem Jackett, mit Sonnenbrille,
Wiesen" Kr
gruner awatte und passendem Einstecktuch ab-
schreiben, dass sie jeden Sommer »unten an der Cöte
seien«, und diskutieren über Abende im Palais in Cannes:
»Eine unglaubliche Location. Das Problem ist die Anord-
nung der Tische und VIP-Tische.« Ein anderer hält die
Preise im Byblos in Saint-Tropez für übertrieben. »Man
muss dort für 'ne Flasche Moet so um die 500 € hinblät-
tern. Aber«, fügt er resigniert hinzu, »das ist Saint-Tropez.(;
Regel Nummer drei lautet schließlich: Man protzt
durchaus mit seinem Reichtum. Viele Mitglieder lassen
sich mit einer riesigen Champagnerflasche am Mund und
ein, zwei sonnengebräunten, designerdekorierten Mäd-
chen im Arm fotografieren. Der Botschafter für Lancaster
posiert auf einer Jacht, an deren Heck die Ortsmarke
Saint-Tropez gut zu lesen ist; außerdem hat er sich neben
der Motorhaube eines alten Bentleys knipsen lassen. Ein
Junge hat in seiner Bildergalerie ein Foto von sich, auf
dem er im Gras sitzt, in seinem Arm ein frisch geschosse-
~ ~ s Reh. Der Hals des Tieres ist noch blutig, der Blick des
Jagers triumphal. Den Tag bei der Jagd oder auf dem
Golfplatz lässt man offenbar gern bei einem guten Wein
aus. dem heimischen Keller ausklingen. Auch wenn die
meIsten der Schwarzekarte-Nutzer gerade erst zwanzig ge-
worden sind, debattieren sie im Forum über teure Fla-
schen. Zur Vorabinformation: Die Hauptdarsteller im
folgenden Dialog kosten nach Angaben eines renommier-
ten deutschen Weinkellers zwischen 250 und 600 Euro.
»Ich habe eine Magnum-Flasche Chateau Mouton
Rothschild würd d . tli . .
, e en eIgen ch gern noch em blsschen
behalten nur da D' . .
. ' s mg 1st em 87er-Jahrgang. Denkst du,
Ich sollte den t . k,
rm en, wegen dem schlechten Jahrgang,
b
Oder
meinst du, ich könnte den noch ein bis zwei Jahre
ehalten?«
130
»WOW! Mouton Rothschild aus der Magnum ist
wahrlich ein Schatz in Deinem Keller. Nur kann der 87 bei
Weitem nicht mit 82 und 86 mithalten. ScWage vor, Du
lädst Freunde ein, die einen guten Wein schätzen, kochst
was Feines (oder lässt was Feines kochen) und genießt
diese wunderbare Flasche.«
»Mit was man mich auch locken kann: Marques de Ca-
ceres Grand Reserva 1985 aus der Rioja Alta. An dieser
Stelle: Danke, Papa!«
Diese Themen möchte man allerdings im exklusiven
Kreis diskutieren. Und gerade diese Exklusivität sehen
viele Mitglieder gefahrdet. Über hunderttausend junge
Menschen sind im Sommer 2007 bei Schwarzekarte ange-
meldet. über eine Million Mal pro Monat rufen sie die
Seite auf. Viele, aber nicht alle, sind reich und aus gutem
Haus. In den Club dringen immer mehr Spanner ein, so
wie ich. Damit teilt Schwarzekarte das Schicksal ähnlicher
exklusiver Internetforen.
2004 gründete der Sohn eines schwedischen Diploma-
ten aSmallWorld, das Rolemodel der Bewegung. Seine
Seite sei ein Club für junge Banker, Berühmtheiten und
Models, sagte der Gründer. Ein Club, in den nur Eingela-
dene gelangen. ASW, wie Insider sagen, galt schnell als die
Plattform der Reichen und Schönen. Wie teuer ist ein Pri-
vatjet? Wo bekomme ich ein Loft in New York? Wer geht
zum Dinner mit Al Gore? Bei ASW fand sich garantiert
jemand, der Tipps geben konnte. Aber dann wurde be-
kannt, dass auch Paris Hilton, Quentin Tarantino oder
Naomi Campbell bei ASW verkehrten. Die berühmten
Namen zogen Gaffer an. Das Netzwerk w u c ~ s ~ u s Sicht
des Gründers unkontrolliert. Die ZugangskrItenen wur-
den verschärft, die ZaW der Mitglieder auf 250000 welt-
131
<,j
!
I
weit begrenzt. Im vergangenen Sommer wurde ein Ein-
ladestopp verhängt.
Bei reicher-als-du.de, dem selbst ernannten »exklusi-
veren Forum« für eine Elitegesellschaft, die sich nur über
Luxus und Reichtum definiert, werde ich abgelehnt.
A.uch bei Schwarzekarte wird seit Langem über einen
EInladungsstopp diskutiert. Im Forum mahnt einer, dass
es an der Zeit sei, offen auszusprechen, dass viele »der in
den letzten Monaten (massenhaft) neu akkreditierten
Mitglieder kein positiver Zugewinn sind«. Wenn es so
weiterginge, klagt ein anderer, würde aus einem »exklu-
siven Lifestyleportal immer mehr ein ganz normales«.
Dass sie zumindest hier unter Gleichen sind ist den
meisten sehr Wichtig. Denn draußen, in der wirklichen
fühlen sich viele ungerecht behandelt. Sie glauben,
dIskriminiert zu werden, von den anderen, die sie »Pro-
los« nennen.
»Kann es sein«, fragt einer, der Düsseldorf, Sylt und
Porsche Carrera GT liebt, im Forum, »dass der Neid
In immer schlimmer wird? Aufgefallen ist
es mIr erst so rI·cht· 1· h d· .. . .
Ig, a s IC Ieses Jahr langere Zelt In
den Staaten war tAT d.. ..
. nenn man ort mIt eInem schonen
Auto vorfährt ode . t h . .
. r eIne eure Uranhat, wIrd man mcht
schIef angesch t d
. au , son ern gefragt, wie toll dieses oder
Jenes ist und was b . .
man ar eltet, um sIch so etwas leisten
zu können « In D t hl d
. . eu sc an dagegen, beklagt er, müsse
eIner, der seinen tAT hl d .
nO stan zeIgt, mit ständiger Ableh-
nung rechnen M h al .
. h .» anc m gIng es schon so weit dass
IC extra weiter w k h '
d
eg gepar tabe, damit man nicht wie-
er erklären mu
fl.h ss, warum man dieses oder jenes Auto
art.« Er beendet· .
h
. seInen EIntrag mit einem patheti-
sc en ZItat· »Wa D
. rum eutschland keine Heimat ist?
132
Weil Neid und Missgunst in Deutschland keinen Platz
für Helden lassen.«
»Neid ist in Deutschland die höchste Anerkennung,
die man bekommen kann«, tröstet ein Netzwerkfreund
den Porsche-Liebhaber.
»Irgendwie gewöhnt man sich ja dran«, schreibt ein
anderer. »Ich find halt nur extrem schade, dass Neid nicht
dazu benutzt wird, an sich selbst zu arbeiten.« Die meis-
ten Deutschen, schimpft er, würden »ihren Arsch nicht
hochbekommen, sondern nur meckern, dabei Frauen-
tausch gucken und warten, bis Vater Staat ihnen das Geld
aufs Konto überweist.«
Ein Mädchen, das ihr Taschengeld mit Vorliebe in die
Nobellabels Ralph Lauren, Burberry oder Hugo Boss in-
vestiert, klagt, dass sie sich früher in der Schule oft blöde
Sprüche wegen ihrer teuren Kleidung hätten anhören
müssen. Ihre Eltern hätten sie dann immer mit einem
Satz getröstet, den sie jetzt auch den anderen Netz-
werkern mitgeben möchte: »Mitleid bekommt man ge-
schenkt, Neid muss man sich erarbeiten.«
2437 Schwarzekarte-Mitglieder haben sich die Neid-
Diskussion angeschaut, über sechzig haben sich beteiligt,
und einer, ein Chemiestudent aus Köln, wagt tatsächlich,
ganz entschieden zu widersprechen. »Es wundert euch tat-
sächlich, dass Neid aufkommt, wenn die große Masse der
Bevölkerung bei vier Millionen Arbeitslosen und gigan-
tischen Haushaltslöchern in Staat und Land sieht, wie
andere Leute das Geld mit beiden Händen zum Fenster
rauswerfen?«, fragt er und fügt hinzu: »Und diesen Blöd-
sinn von wegen >Der hat es sich eben verdient< könnt ihr
gleich wieder einpacken. Dass sich jemand von ganz unten
nach oben gearbeitet hat, ist ja wohl eher die Ausnahme.«
133
cr
I
I
fi
I
l
. t
Keiner geht auf seine Argumente ein. Der Chemie-
student ist hier offenbar Exot. Immerhin wird er nur
Erschreckend häufig aber vergessen die Kinder
ihre sicherlich gute Erziehung. Wer sich
verdachtlg macht, mit gefälschten Hermes-Gürteln oder
Breitling-Uhren zu protzen, wird als »Opfer« oder »Prolo«
beschimpft. Im Forum eines Freiburger Stadtmagazins,
das einen Artikel über die geschlossenen Netzwerke des
»Net-Jetsets« veröffentlicht hat, tobt zwischen einigen
Schwarzekarte-Mitgliedern und den Lesern der Zeit-
schrift ein wahrer Klassenkampf.
Schickimicki-Bourgeoisie gehört verboten«,
ein Leser. »Ihr einfachen Arbeiterkinder«, schlägt
em Schwarzekarte-Mitglied zurück, »ihr seid doch nur
eifersüchtig. Ein Leben in Armut ... Muss das scheiße
sein!« Ein ander 'dm .
er WI et seme Botschaft »dem Pöbel«,
der sich über Schwarzekarte beschwert: »Weil wir für euch
arbeitslose, links orientierte Proleten so viel Steuern zah-
lenm" k" .
ussen, onnen WIr nur drei Porsche fahren Also geht
gefälligst ARBEITEN!!!« .
Ein Dritter droht. v .
. . »l'..ommen von Eurer SeIte noch
ugendwelche un al'fiz'
. .. qu I lerten Bemerkungen gegenüber
ehtaren Netzwerk h .
'. en, so mac e Ich einen Anruf, und eure
Vater smd arbeitslo '.
. s, wenn SIe es mcht schon sind. Vergesst
me: Wenn wir w II ka" .
o en, ulen WIr Euch auf!« Ein anderer
sagt, er fände es gut d . .
, ass er wemgstens bei Schwarzekarte
unter »Gleichge' t .
Anh
.. smn en(( seI. »Arbeitslose und SPD/PDS-
anger((, schlägt er k" .
. vor,» onnen Ja ihre eigenen Com-
mumtys gründen (( A h .
eh . uc emen Namensvorschlag hätte er
s on: »Asoziales Netzwerk
'
.((
Sicher, vieles dav II
b on so nur provozieren, ist übertrie-
en, gewollt zum Kl' h .. b .
ISC ee u erspltzt. Dennoch scheint es
134
unter den reichen Kindern normal zu sein, über Sozial-
demokraten, Arbeitslose und Arme herzuziehen. Als die
Angriffe gar nicht enden wollen, schaltet sich Louis Sayn-
Wittgenstein-Sayn ein und bittet alle Mitglieder, das
Netzwerk nicht durch unqualifizierte Aussagen zu diskre-
ditieren. »Für das Fehlverhalten der anderen(, schreibt er,
möchte er sich bei all denen, die als »Pöbel« oder »links
gerichtet« bezeichnet wurden, entschuldigen. »Leider gibt
es diese Art von Menschen, die das Geld ihrer Eltern aus
dem Fenster werfen, immer wieder!«
Immerhin der Adel scheint noch zu Respekt und Tole-
ranz erzogen zu sein. Aber die anderen? Wie viel von dem
arroganten Gehabe ist echt? Wie denken sie tatsächlich
über die, denen es schlechter geht? Ist das Gerede vom
faulen und neidischen Pack wirklich nur gespielt? Die Er-
mahnung des Chefs zumindest zeigt wenig Wirkung. Die
Beschimpfungen setzen sich noch über Seiten fort. Ein
Schwarzekarte-Mitglied beschreibt den Kampf als Elite
versus Unterschicht.
Ich laufe dreimal von meinem Computer in die Küche
und wieder zurück. Dann entscheide ich, mich zum ers-
ten Mal im Netzwerk zu Wort zu melden. Im Forum stelle
ich die Frage: »Was ist Elite für Euch? Was macht sie aus?
Wer gehört dazu?( Die erste Antwortenrunde bewegt sich
auf dem Niveau der Linken-Beschimpfung. »David Cop-
perfield«(, scherzt einer. »Der mit dem meisten Geld«,
meint ein anderer. Die meisten schreiben: »Ich!( Nach ein
paar Tagen löschen die Administratoren meinen Eintrag.
Ich versuche es noch einmal und bekomme tatsächlich
ernst zu nehmende Antworten. Ein Mädchen vermutet:
»Elite zeichnet sich durch Leistung aus.«( Einer schreibt:
»Mein englisches Internat schafft es, Elite hervorzubrin-
135
-
gen.« Ein anderer geht auf ein Internat im Schwarzwald,
über das gesagt werde: »Der Birkelhof ist die inoffizielle
Kaderschmiede der geistigen Elite.«
DIE SCHULEN DER ELITE
Internate als Heimat der Elite. Daran hatte ich gar nicht
gedacht, so fern waren mir bislang die Bezahlschulen. In
meiner Welt existierten sie nur als Heimat von Harry
Potter, Hanni und Nanni oder der schüchternen Dolly,
die ich achtzehn Bände lang auf die Burg Möwenfels
begleitete.
Für die Schwarzekarte-Nutzer hingegen sind Internate
real. Schon in der Begrüßung hatte ich gelesen, Ziel des
Netzwerkes sei auch, dass man verschollen geglaubte
Freunde aus der Internatszeit wiederfinden könne. Für
sie scheinen die Worte »Schule« und »Internat« Syn-
onyme zu sein, genau wie die Worte »Elite<, und »Inter-
nat«. Die Kategorie »Internate« ist in den Diskussions-
foren eine der beliebtesten. In über fünfunddreißigtausend
B 't ..
el ragen streiten die Nutzer darüber, welches das beste
sei, sie empfehlen Schulberatungen und gute Adressen in
England. Man wolle sich gegenseitig helfen, das Wunsch-
Internat zu finden, steht da, und wieder füWe ich mich
fremd. Keiner meiner Freunde stand irgendwann in sei-
nem Leben vor dem Problem, sein Wunsch-Internat fin-
den zu müssen H' d '.
.. . ler agegen urteilen Junge Menschen
uber Schulen d' . OOb
" ' le welt u er 20000 Euro pro Jahr kosten,
als gmge es um neue Jeanskollektionen. Den Birkelhof
gut tausend Schwarzekarte-Mitglieder. Andere
schworen auf d" S h I '
le c u e Manenau, ein Internat, das zu
136
einem »ökologischen HUIIlanismus« erziehen will. »Eine
Elite für sich«, schreiben die Bhemaligen. Die Luxuslie-
benden zieht es in die Schweiz, inS Lyceum AlpiIlum,
1850 Meter über dem Meer, keine zwanzig Minuten von
St. Moritz entfernt. Die FreUnde des LYceums werben mit
den Namen der prominenten A.bsolventen: Ferdinand
Pieeh, Graf von Faber-Castell tlnd Gunter Sachs sind hier
zur Schule gegangen. Und dann sind da noch die Schlös-
ser. Idyllisch an Seen oder atlf Bergen gelegen, locken
Schloss Louisenlund im Norden, SchloSS Torgelow im
Osten, Schloss NeubeuerIl im Süden und natürlich der
Platzhirsch, Schloss Salem.
Ich kenne die Bilder atlS England, die die rotbackigen
Sprösslinge wohlhabender zeigen, die in Unifor-
men, die schon ihre Ahnen trugen, über die liockeyplätze
der Internate rennen. SeiIl kind nach Et0n, Winchester
oder Harrow zu schicken leostet so viel, wie ein Durch-
schnittsbrite pro Jahr verdient. Stipendien gibt es kaum,
die Upperclass ist unter sich und bleibt es. Die Absolven-
ten der Privatschulen führen die britischen Banken und
Versicherungen, sie leiteten im Jahr 2005 über die Hälfte
der größten britischen Unternehmen. Die Internatsnetz-
werke helfen und halten ein Leben lang. Wenn eine Fami-
lie ihre Söhne nach Eton schickt, gehÖrt sie zur Elite des
Landes. Das war in meinen j\ugen eine urbritische Ge-
setzmäßigkeit. Schließlich Sind die ßriten Von jeher für
ihren Klassendünkel bekannt.
Aber Schwarzekarte ist ein deutsches :Netzwerk. »Elite
wächst auf Internaten heran." Noch einmal lese ich die
Antworten der Nutzer auf tneine Frage. Gibt es diese Tra-
d
"t' d" h b' I g fü"" b l,tisch hielt in bestimmten
1 Ion, le 1C IS an • r ' I
Kreisen auch hier? Schicken die, die sich zur Elite zäh en,
137
I
......
ihre Kinder auf Internate? Und wie wählen die Internate
die Schüler aus? Gibt es Wissenstests? Müssen die Eltern
nachweisen, dass sie aus einer guten Familie kommen?
Ich schreibe Schlösser und Burgen in ganz Deutsch-
land an. Ich erkläre mein Anliegen und merke schnell,
dass es nicht ganz einfach werden wird, von außen einen
Fuß in die Internatswelt zu bekommen. Schließlich sagen
doch zwei Schulen zu. Schloss Neubeuern bei Rosenheim
und Salem, der Hort der Tradition. Schulen, an denen
die Elite erzogen wird. Ich packe die Elite-Recherche-Gar-
derobe, die ich mir nach dem Desaster beim Symposium
gekauft habe, in einen Koffer und fahre los. Eine Woche
zu Gast in den Internaten. Dort werde ich hoffentlich
neue Antworten bekommen.
MATHE: AUSREICHEND.
ELITE: SEHR GUT
Der Junge sitzt auf der Rückbank des weißen Saab hinter
seinen Eltern. Er sieht die Reifen von Lastwagen, starrt
auf den Scheibenwischer. Die Häuser des Münchner
Stadtrandgebiets fliegen an ihm vorbei. Er wird seine Fa-
milie und seine Stadt verlassen, weil er eine Sechs in Ma-
the hat. Weil er schon vier Schulen ausprobiert hat und
gescheitert ist. Jetzt wollen seine Eltern, dass er es in der
Schloss Neubeuern versucht. Sie werden
für diese letzte Chance des Jungen viel Geld bezahlen.
»Ohne Abitur bist du nichts in dieser Welt« sagt der Va-
ter. Für die Famili' d J ..,'
e es ungen ware em Hauptschulab-
schluss peinlich H' t R' .
. m er osenhelm nehmen sie dIe Aus-
fahrt. Hier cribt es k' H"
D" eme auser mehr. Nur Wiesen, Berge,
Seen und kleine Kinder, die brav ihre Fahrradhelme tra-
gen. Bald werden sie das Schloss erreicht haben.
14 Uhr 41. Ich steige in Raubling aus dem Zug. Es ist
ein Regionalexpress, der halbe Schulklassen aus Rosen-
heim zurück in ihre Dörfer fährt. Ein Lehrer holt mich am
Bahnhof ab. Ich sinke in die schwarzen Ledersitze seines
Volvo und werde den Berg hochgefahren zum Schloss.
Die Alpen leuchten heute. Der Himmel ist grau, aber ge-
nau über den schneebedeckten Gipfeln ist ein Loch. Von
der Terrasse hinter dem Schloss blicke ich auf fünfzehn
Gipfel. Später wird hinter ihnen tieforange die Sonne
untergehen. »In die Schule gehen, wo andere Urlaub ma-
chen«, wirbt der Prospekt des Internats Neubeuern.
»Die Luft ist so gut«, sagt die Mutter des Jungen, als sie
vor dem Schloss aus dem Auto steigt. Der Vater lobt die
tolle Aussicht. Der Junge ist still. Er weiß nicht, wie sein
Leben hier werden wird. Er weiß nur, dass er Angst hat,
dass er zu Hause bleiben will. Alle hier wollen eigentlich
lieber nach Hause, wird sein neuer bester Freund ihm
später erklären. Der Saab fährt an. Die Mutter springt
noch einmal aus dem Auto, nimmt den Jungen in den
Arm. »Du wirst sehen, nach ein paar Tagen wird es dir
hier gefallen«, sagt sie, bevor sie sich losreißt. Dann steht
der Junge allein vor dem Schloss und winkt. .
Als ich vor dem Eingang stehe, fühle ich mIch fremd.
• • C Ki der auf deren Brust
Em Burgturm ragt vor mIr aUI, n , .
. c' bei Erst vor wem-
em Wappen prangt, laulen an mll vor. ,
gen Monaten hat das Internat die em,ge-
führt. Vorher, erzählt mir der Schulleiter, seien Viele
. I C die so tief hmgen,
m zerschlissenen Jeans herumge aUlen,
h k
nte Die Mädchen,
dass man die Boxershorts se en on .
. . ." kn pe Tops und so enge
sagt eme Erzleherm, hatten so ap
138 139
Jeans getragen, dass mancher Lehrer nicht wusste, wo er
hingucken sollte. Vorher sahen die Kinder also aus wie an
jeder Schule. Das ist jetzt vorbei. Es gibt vorgeschriebene
Kleidungsstücke, festgelegte »Kombinationsmöglichkei-
ten«, die Schülermodels vorführen. Die Schüler können
wählen, ob sie den dunkelblauen Pullover oder den Pull-
under mit Wappen tragen oder lieber das weiße Polo-
hemd. Dazu müssen sie beige oder dunkelgraue Stoff-
hosen oder Röcke anziehen. Keine Jeans oder Cordhosen,
mahnt die Schulleitung. Wer möchte, darf sich ein Hals-
tuch der Marke Windsor umbinden. Die übrige Kleidung
wurde in Zusammenarbeit mit den Edelmarken Marc
O'Polo und Aigner entwickelt. Aufgrund der Kontakte zu
Schülereltern und Altschülern haben diese Firmen be-
sonders günstige Angebote gemacht. Die Erstausstattung
kostet trotzdem 400 Euro.
, Eine Investition, die Disziplin und· Zusammengehö-
stärken soll, wie der Schulleiter sagt. Absurd und
teil:velse hart geführt werde der Streit um die richtige
KleIdung, berichten mir später die Schüler »UT
er
die
• VVI
Sockenfarbe hat, wird aus dem Unterricht ge-
SChICkt«, erzählt ein Zehntklässler. »Wir haben in der
letzten Woche im Grundkurs eine halbe Stunde damit
verbracht da . d . I
' ss Je er emze n rausmusste und man Noten
bekommen hat für das, was man anhatte. Meine Hose
war eine Eins meI' S h h ' ..
, ne c u e waren eme DreI mmus und
somit bin ich n h f" '
oc au eme ZweI gekommen« Später
werde ich in e' S h I .
" mer c u versammlung erleben, wie ein
Madchen aus der 'bt d
" SIe en 0 er achten Klasse auf die
Buhne gebeten w' d UT' •
. Ir . »vvas 1St an Ihrer Uniform falsch?«,
fragt em Erzieher .. d . h'
d
' T' pa agoglsc ms Plenum. »Die Nase«,
»Ie Itten« brüll d' J .
, en Ie ungs hmter mir. Es ist die erste
140
von Dutzenden Situationen, in denen mir klar wird, dass
Schüler auch auf Nobelinternaten vor allem Teenager
sind. Kein Luxus der Welt schützt Eltern und Lehrer vor
der Pubertät.
Das müssen auch die Eltern des Jungen begreifen.
Nachdem sie nach München zu ihren Eheproblemen zu-
rückgekehrt sind, wird der Junge vier Monate im Schloss
verbringen. Er wird es nicht schaffen, sich in Mathe zu
verbessern. Aber er wird Freunde finden, sich in ein Mäd-
chen verlieben und sich von einem anderen auf der Schul-
toilette entjungfern lassen. Er wird trinken, rauchen, in
ein Striplokal gehen und lernen, zielsicher auf einen Keks
zu wichsen. Nachdem der Junge das Internat verlassen
hatte, schrieb er seine Erfahrungen auf. »Crazy« von Ben-
jamin Lebert wurde ein Bestseller; kurz nach seinem Er-
scheinen wurde das Buch verfilmt.
Der Lehrer, der mich abgeholt hat, war schon da, als
Benjamin Lebert Schüler in Neubeuern war. 1988 fing
Reinhard Käsinger hier an. Das Internat suchte einen Ten-
nislehrer, weil Boris Becker und Steffi Graf gerade trium-
phale Erfolge feierten. »Das wollten die Kunden damals«,
sagt Käsinger. Mittlerweile haben sich die Vorlieben
Kunden, der Eltern also, und der Schüler gewandelt. Ka-
singer hat eine Golfausbildung absolviert. Seit Kurzem hat
Neubeuern einen eigenen Abschlagplatz und einen Golf-
simulator für die Turnhalle.
h
. I 'r am Wochen-
»Wenn mein Vater Zeit at, spie en WI
ende Golf. Das ist so das, was wir unternehmen«, wird
mir ein Elftklässler später erzählen. Er will dann gu,t
bereitet sein für die paar Stunden, die der für ihn
hat. Auch wenn die Eltern vom Schloss, der schonen Aus-
sicht und dem Golfplatz begeistert sind, zieht hier wohl
141
r
I
I
I
kaum einer deswegen ein. Bei den meisten erzählen mir
die Schüler, ist es wie bei Benjamin Leber;, dem Jungen
aus dem Buch. »Schulische Probleme. Weil man es an der
staatlichen nicht schafft.« - »Oder weil es zu Hause nicht
mehr geht«, sagt ein anderer. »Weil sich die Eltern tren-
nen oder nie da sind, weil sie nur arbeiten.«
, Das Internat, schreibt Benjamin Lebert, sei ein Käfig
mIt goldenen Stäben. Ich gehe in die Eingangshalle des
Schlosses. Karaffen mit Wasser und Kannen mit Kakao
stehen da für Sch"l d' "h
' u er, Ie wa rend der Pause Durst be-
kommen. Es gibt ke' Ki k ' b ' "
men os WIe el uns, wo man dran-
geln musste um eI' N k b"
, neger uss rotchen zu ergattern. Im
Essenssaal sind die UT:' d 'h
"an e mIt ellroten Seidentapeten
verkleidet Goldb t t S h' ,
, ese z e c mtzerelen, riesige Spiegel
und aufwendige Engelskulpturen schmücken den Raum.
An der Wand hä gt . P ..
n em ortrat der letzten Schlossherrin
der Ba 'J r '
. ronm u Ie von Wendelstadt, die 1925 aus ihrer Re-
SIdenz eine Internat h 1 fü' d'
ssc u erleKinder der gehobenen
Gesellschaft machte H' , d'
. Ier sItzen Ie Schüler zum Essen an
runden Tischen na hd K" h '
, ' c em oc e Ihnen zuvor die Mahl-
z e l t e ~ , gereicht haben. Das sind die goldenen Stäbe. Und
der Kafig?
In der Eingangshall d' ,
S h
e, Ie SIe Stachus nennen, hängt das
c warze Brett de S hul d '
ali r c e, as seIt der Spende eines Ehe-
rn k l g e ~ ganz modern ein flacher Monitor ist. Die Bilder
von emen Skirennfah
1
rern werden als Erinnerung an die
etzte gemeinsame Fah '
Schül' d' rt emgeblendet. Die Namen der
er, Ie gerade z P b
d
um ro ewohnen einquartiert sind,
aus eren Eltern also K d
ein Nachrichtenb .. un en werden könnten, laufen wie
and uber den Schirm. Und links ist für .e-
den nachzulesen, wer heut. J
tägli hExtenachsItzen muss, Die nachmit-
c e rastund 'td' h
e IS Ie arrnloseste Strafe. Bei Verstö-
142
ßen gegen die Internatsregeln gibt es einen Verweis, wer
drei Verweise gesammelt hat, wird suspendiert, also für ei-
nige Tage nach Hause geschickt, und wer sich ganz und gar
uneinsichtig zeigt, wird hinausgeworfen. Einen der hun-
dertzwanzig Internatsschüler trafdas imvergangenen Jahr.
Drei Jungs aus der Abiturklasse sind gerade suspendiert
worden. Sie waren mit Alkohol auf dem Schulgelände er-
wischt worden. Die Erzieher picken sich regelmäßig Schü-
ler heraus, die zum Pusten antreten müssen. Wie bei Ver-
kehrskontrollen wird ihr Atem auf Alkohol überprüft, ihr
Urin auf Rückstände von Drogen getestet.
Alle vier bis fünf Wochen bekommen die Eltern Post
von der Schule. Ausführlich berichtet ihnen das Internat
über schriftliche und mündliche Noten der Kinder, über
besondere Vorkommnisse, Defizite in Ordnung und Be-
tragen. Vom nächsten Jahr an sollen die Eltern diese Daten
ständig über das Internet abrufen können. Per Wireless-
LAN können die Gestressten dann erst die Börsenkurse
checken und danach den Leistungsstand des Kindes. Das
sei nötig, sagt Jörg Müller, der Vorstand der Internatsstif-
tung, der mit Frau und Kindern imSchloss lebt. Er bedau-
ert, dass die Schüler »vor dem Hintergrund von finanziel-
ler und sozialer Sicherheit häufig den gewünschten Antrieb
und Ehrgeiz vermissen lassen«, und wünscht sich von sei-
nen Schülern mehr Engagement und die Bereitschaft, sich
für ein Thema wirklich einzusetzen. Einer aus dem Kol-
legium, der nicht genannt werden möchte, formuliert es
drastischer: »Viele unserer Schüler leiden an der Wohl-
standskrankheit.«
»Was ist das die Wohlstandskrankheit?«
»Dieses Verhalten, das aus dem Gefühl entsteht: Mir
fehlt es an nichts. Mir geht es gut. Macht ihr mal. Und
143
Dazu kommen das Taschengeld, die Kosten für Ausflüge
nach München zum Skifahren oder zum Golfen. Plus
, d "f Nachhilfe-
Wäscheservice, Heimfahrten un ,wenn no 19,
unterricht. Macht insgesamt weit über 30000 Euro
Jahr rur den Schulbesuch eines Kindes. Jeder fünfte Schu-
ler erhält ein Stipendium, das aber Hälfte
der Gebühren deckt. Vollstipendien existieren mcht. »D,a
• 00 d G boohren von 15000 bIS
bleIben dann trotz For erung e u
20000«, rechnet der Stiftungsvorstand Jörg Müller vor.
»Unsere Schüler wissen, dass Papas Chefsessel wartet«,
beschwert sich ein Lehrer. Im Prospekt der Schule finde
ich eine Tabelle der Schul- und Internatsgebühren, und
plötzlich begreife ich. Nach Neubeuern kommen nicht
die, die in meiner Welt reich waren. Die Arzttöchter, die
zum Abitur einen Golfbekamen, oder die, die mit der Fa-
milie jedes Jahr zum Skifahren reisten. Neubeuern kann
sich nur leisten, wer richtig viel Geld hat - ein paar Adlige,
Kinder aus traditionellen Unternehmerfamilien, neuer-
dings auch welche, deren Väter mit Aktien viel Geld ge-
macht haben. Und zwei Prominente sind auch da: ein
Kind und ein Enkel zweier Schlagerstars. Die ZaW der
Menschen, die sich die Internatsgebühren leisten können,
ist begrenzt. Im Schuljahr 2006/2007 sah die Jahres-
rechung eines Schülers der Mittelstufe so aus:
«'.
I
25980 Euro
900 Euro
2000 Euro
400 Euro
200 Euro
29480 Euro
Jahresgebühr:
Aufnahmegebühr:
Nebenkostenvorauszahlung:
Schulkleidung:
Schulbücher:
wenn es mir gefällt, mache ich vielleicht mit, und wenn
nicht, dann nicht. Die kommen aus einem Hintergrund,
wo immer Geld da ist. Die haben sich meistens noch nie
in ihrem Leben rur irgendetwas anstrengen müssen, für
irgendetwas kämpfen müssen. Und denen zu vermitteln,
dass es sich lohnt, Ziele zu setzen, die losgelöst sind vom
finanziellen Umfeld und vom Ansehen in der Gesell-
schaft, das ist wahnsinnig schwer. Die dazu zu bringen,
dass sie sagen: Ich möchte dies oder jenes erreichen. Der
Sache wegen. Um mir zu beweisen, dass ich das kann. Das
ist sehr schwer.«
. Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres.
DIe Lehrer unterrichten bei geöffneten Fenstern. Im Erd-
geschoss hat die Disziplinoffensive des Internats noch
wenig Wirkung gezeigt. »In Mathematik ist das erste
Gebot: Es wird gerechnet«, schreit eine Lehrerin, »Das
zweite Gebot ist: Es herrscht Ruhe. Strengt euch an!
Schaut zur Tafel!«
. Vielen seiner Schüler, klagt jemand aus dem Kolle-
gIUm, fehlten der Schwung und die Motivation für eine
ganz normale schulische Arbeit. »Die haben das Gefühl,
dass nach dem Abitur schon alles geebnet ist, dass Papas
Unternehmen wohl auch noch die nächsten dreißig Jahre
hat, dass Geld da ist und eigentlich gar nichts
paSSIeren kann Das . t . h I' h' .
. lS SlC er lC an emer staathchen
Schule wo ein Aui:st' ill . . .
, 1: legsw e motiVIerend wIrken kann,
anders.«
bin verwirrt. Erste Zweifel melden sich. Die Lehrer
erzahlen von antr' b 1 Ki
. . le s osen ndern, vom Kampfum Dis-
zlphn. Von Schulkarrieren, die es zu retten gilt. Das klingt
nach Hauptschuldi k' "
s USSlon. Bm Ich tatsächlich an einem
Internat, das von sich behauptet, Eliten auszubilden?
144
1415
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ji
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I;
»Da sind Sie natürlich weit von dem entfernt, was sich ein
normaler Durchschnittsmensch für seine Kinder leisten
kann.«
Müller träumt in seinem Büro davon, dass sein Inter-
nat reicher wäre. So reich, dass er die Kinder nicht nur
nach Konto auswäWen müsste. Er sitzt in einem Lederses-
sel, neben ihm auf dem Schlossboden liegt ein Kunstgras-
streifen mit Loch. Auch er trainiert offensichtlich sein
Golfspiel. »Ich hätte gern so viel Geld zur Verfügung, dass
wir uns die Kinder aussuchen können, die zu uns passen.
Da wäre das Niveau sicherlich deutlich höher, und es wäre
auch mehr Aktivität bei den Schülern spürbar.« In den
USA, erzäWt er mir, gebe es sechs oder sieben Internate,
die über ein so großes Vermögen verfügen, dass sie bei der
Auswahl der Schüler ausscWießlich nach der Qualität der
Bewerbung gehen könnten. »Die suchen sich die Schüler
aus, die sie wollen, und erst dann drehen sie das Blatt um
und schauen, wie es bei denen finanziell aussieht. Und
wenn die Mutter alleinstehend und arm ist, kriegt der Be-
werber halt ein Vollstipendium.«
Jetzt sitze ich mit diesen Luxuskindern in Miriams
Zimmer, und es ist alles ziemlich normal, gar nicht prot-
zig. Miriam geht in die Oberstufe, morgens muss sie des-
laut Schulordnung smart office wear, also Büro-
kleIdung, anhaben. In ihrem Zimmer trägt sie lieber
Jogginganzug und Hausschuhe. Ihr Vater sei in der Wirt-
schaft, sagt sie. Mehr möchte sie nicht erzählen. Sie sitzt
auf dem Boden. Ihre Freunde, Lisa, Benni, Max und Eric,
hocken auf Miriams Bett. Moritz klickt am Computer
rum. Zimmer stehen Schrank, Bett, Regal und
SchreIbtisch. ScWicht, fast karg. Es sieht aus wie in einer
guten Jugendherberge, mit Fünf-Sterne-Hotel hat das
146
hier gar nichts zu tun. Die Jüngeren schlafen sogar zu
zweit oder zu dritt in einem Zimmer. Miriam war zum
Probewohnen in vier Internaten, bevor sie sich für dieses
entschieden hat. Ein Freund ihrer Schwester war hier und
mochte den Zusammenhalt und die überschaubare
Größe der Schule. Deshalb Neubeuern. Vorher war sie auf
einer anderen Privatschule, dann in England. Beides hat
nicht funktioniert.
Die meisten haben ähnliche Lebensläufe. Zwei Jahre in
dieser Schule, ein Jahr in jener, dann der Versuch im Aus-
land. Viele hoffen, dass dies ihre letzte Station bis zum Abi
sein wird. »Ich bin eben kein Eierkopf«, sagt Miriam. So
nennen sie hier die Klugen, denen alles zufliegt. Die viel-
leicht sogar hier sind, weil sie an ihren Schulen unterfor-
dert waren, die sich abends im Turm des Schlosses treffen,
um über philosophische Fragen zu diskutieren. »Die dis-
kriminiert man nicht«, sagt Miriam. »Die beneidet man
eher.«
Sie selbst findet sich wie die meisten schulisch eher so
mittel. Dass ihre Eltern so viel zaWen, setzt sie ziemlich
unter Druck. Und weil sie weiß, dass sie in der Schule nicht
glänzen kann, engagiert sie sich sozial. Sie schiebt Schich-
ten im Schuleafe, sie betreut zwei Neue aus den unteren
Kl
. . . d S hül' 'tverwaltung »Dann kann
assen, SIe 1St m er c erml .
man zumindest sagen: Okay, sie war nicht die Beste, aber
" 'gt sagt Miriam. »Man
SIe hat hohes Engagement gezel «,
will
· Elt . etwas zurückzaWen.« Wenn man
semen ern Ja
scheitert hat man das Geld der Eltern aus dem Fenster ge-
, ill' tl" h keiner Der Abitur-
worfen, sagen sie. Das w eIgen lC .
schnitt in Neubeuern liegt bei knapp Drei. Da ahnt man,
dass viele am Scheitern vorbeischrammen. »Man muss
bei der Beurteilung dieses Durchschnitts berücksichtigen,
147
....
dass viele Schüler erst zur elften oder sogar zwölften Klasse
zu uns kommen und häufig große Defizite mitbringen«,
wird mir die Schulleitung später auf meine Nachfrage hin
erklären.
»Warumbezeichnet sich Neubeuern trotzdem als Elite-
wage ich schließlich Miriam zu fragen. »Passt
dieser Begriff?«
»Eliteschule«, sagt sie, »da erwartet man doch Schüler,
die gut sind und keine Probleme mit Alkohol oder Diszi-
plin haben. Aus schulischer Sicht ist das hier auf keinen
Fall Elite.«
»Elite kann man ja auch so sehen, dass es Kinder von
Leuten sind, die es zu etwas gebracht haben«, wendet einer
Jungs ein. »Viele hier hätten das Abi aufnormalemWeg
nIcht geschafft. Die wären an der staatlichen Schule einfach
aussortiert worden. Wenn die es J'etzt doch schaffen ist es
d '
och der Schule zu verdanken. Ich weiß nicht, ob man das
gleich Elite nennen muss, aber es steckt schon dahinter.«
»Wir haben kleine Klassen«, loben sie. »Jeder wird ein-
zeln fi"" d .
ge or ert. Bel den Hausaufgaben wird geholfen, wer
Schwächen hat, kann Einzelunterricht bekommen.«
besseren Bedingungen sind teuer. »Findet ihr
d.as In Ordnung, dass eure Eltern euch kleine Klassen und
gute Betreuung kaufen können und andere Eltern
konnen das nicht?«
»Vielleicht ist das ungerecht«, sagt einer.
»Man kann' . h
b
. Ja nIC t sagen, dass das generell für alle
esser Ist« entge t' d
I
. ' gne eIn an erer. »Manche haben es viel-
eIcht in einer groß Kl b
N h
. en asse esser. Das hat alles Vor- und
ac teile.«
Damit ist das Tb b d Üb
. h ema een et. er Geld sprechen sie
nIC t gern Es spiel h' k'
. eier eIne Rolle, sagen sie. Jeder wisse,
148
dass keiner in Neubeuern arm sei. Wenn einer Gucci trägt,
falle der weder positiv noch negativ auf. Über den Rest
werde geschwiegen. Nur die, die von außen kämen, klagen
sie, wollten immer über Geld reden. »Da heißt es immer
gleich >Bonzenschule<.« Da würde gelästert, nur weil einer
ein sehr teures Auto von seinen Eltern bekommen hätte.
»Anstatt zu sagen: >Das ist krass cool<, wird es ihm miss-
gönnt.« Sie erzählen von einem Porträt ihrer Schule in der
Süddeutschen Zeitung, das mit »Aristokratie der Bank-
auszüge« überschrieben war, und von einer Reportage
auf ProSieben, in der Neubeuern »Nobel-Penne« getauft
wurde. »So ist es hier nicht«, protestieren sie.
»Aber eure Eltern sind doch reich, oder?«
»Du hast gesagt, es geht um Elite, nicht um Geld«,
sagen sie.
Jetzt wollen die meisten nicht mehr reden, sondern
rauchen. Wir laufen ums Schloss zur hintersten Ecke der
Terrasse. Man blickt auf einen Fußballplatz, auf dem ein
paar Jungs kicken. Das Internat teilt sich den mit der Welt
dort unten, mit dem Dorf. »Spielt ihr auch mit denen?«,
frage ich.
»Nein.«
»Gegen die?«
»Nein. Eher gegen andere Internate.«
»Warum nicht? Gibt es Ärger mit denen aus dem
Dorf?«
»Nein. Die sind besser. Die haben eine größere Aus-
wahl.«
Mit dem Geld, sagen sie plötzlich, sei es gar nicht so
einfach. Einer ihrer Klassenkameraden sollte schon vor
dem Abitur die Firma seines Vaters übernehmen. »Der
wollte aber nicht. Der wollte unbedingt seinen Abschluss
149
I'
I
t
i
I'
I
,
....
machen. Irgendetwas in seinem Leben wollte er selbst ge-
schafft haben.«
Unten, weit hinter dem Dorf, steigt Rauch aus dem
Schornstein einer Fabrik. Auch wenn ich mich anstrenge,
kann ich mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, diese
Fabrik theoretisch kaufen zu können. Wie es ist, wenn
man 'ß d
wel , ass man nur den Reichtum der Eltern verwal-
ten muss, um gut zu leben.
»Klar ist es gut, dass Geld da ist«, sagt Miriam. »Als
Notausgang, als Netz, das einen fängt.«
. Dafür hätten die Schüler hier aber andere Sorgen, sagt
emer der Jungs. Die vielen Scheidungen, die ständigen
U " d' h
mzuge, Ie ohen Erwartungen. Und nie hätten die El-
tern Zeit. »Eigentlich möchte ich einfach mal von mei-
nem V; t . d
a er m en Arm genommen werden und in Ruhe
mit ihm über alles sprechen.«
Weil die Eltern so beschäftigt sind, gibt es in Neubeu-
ern Menschen w· N d' "
. Ie a me. SIe 1st gerade neunundzwan-
ZIg geworden, sieht aber nicht viel älter aus als die Ober-
stufe h"l
nsc u er. Das liegt an ihrem Sweatshirt, dem Zopf
und dem bunten S hal N d' .
c . a me 1st Erzieherin. Sie betreut
acht Jungs zw· h d . h
'. ISC en reIze n und sechzehn, »ihre Jungs«,
WIe SIe sagt S' k'
. . Ie wec t SIe morgens, sie sitzt mit ihnen am
MIttagstisch si h d .
, ' e sc aut, ass SIe nachmittags lernen. Und
wenn SIe mal e' h Ib
ill
me a e Stunde nicht nach ihnen sehen
w , klopft garant' t .
. Ier emer und möchte sein Taschengeld
oder eme Magn' bl
p'ck 1 eSlUmta ette, oder er fragt, was er gegen
1 e machen soll E . d
t il
' ' » S sm eben ganz normale Jungs,
e welse noch Ki d '.
richtl' . 1 n er«, sagt SIe. SIe weiß, dass ihre Jungs
g Vle Geld hab d d'
ager "b ll' en, ass Ie Kont.en mancher Teen-
u ervo smd d . F'
hat wäh' d . ' ass SIe Irmen erben werden. Nadine
ren ihres St d' .
u lUms m Kneipen gejobbt. »Wenn
150
ich mir etwas kaufen wollte, habe ich den Preis in Arbeits-
stunden umgerechnet«, erzählt sie. »Dann habe ich mich
gefragt, soll ich dafür wirklich siebzehn Arbeitsstunden
ausgeben?«
Jetzt hat sie Schüler, die vermutlich mehr Geld haben,
als sie je wird erarbeiten können. »Soll ich ihnen daraus
einen Vorwurf machen, dass sie viel Geld haben? Was soll
denn mit diesen Kindern passieren, wenn die Eltern acht-
zehn Stunden pro Tag arbeiten? Sollen wir sie zu Hause
sitzen lassen?« Nadine greift durch, wenn ihre Jungs den
reichen Macker raushängen lassen. Oft käme es nicht vor,
sagt sie. Manchmal schon. Dann sagt einer: »Mach das so,
wie ich will. Ich zahle dafür.« - »Du zahlst gar nichts«,
entgegnet sie dann. »Deine Eltern überweisen die Ge-
bühr. Du hast nämlich gar kein Geld,«
Einmal pro Woche hat sie mit ihren Jungs einen Grup-
penabend. Erst wollten alle nur Events, Kart fahren,
bowlen gehen, nach Rosenheim ins Multiplex-Kino. Na-
dine hat trotzdem in einer Woche Schokoladenfondue
mit ihnen gemacht, in der nächsten haben sie selbst Pizza
gebacken. »Hände dreckig machen, zusammen essen, da-
nach beim Aufräumen helfen. Das lieben die«, sagt sie.
Das klingt fast kitschig. Zuneigung schlägt Geld, Zeit
triumphiert über Konsum, denke ich, als wir durch die
Wolfsschlucht laufen, wo sie im Sommer mit ihrer Thea-
tergruppe den Sommernachtstraum aufführen will.
Nadine und ihre Jungs, Miriam und ihre Freunde, die
Scheidungen und die Schulprobleme. Das ist die eine
Realität in Neubeuern. Der anderen kommt man auf die
Spur, wenn man in Jörg Müllers Büro zurückkehrt. Die
kleine Golfbahn liegt in einem Erker aus, der den Blick
über die Alpen öffnet. Hier treffen sich Tradition und
151
j'i'
Anspruch der Schule. Auch von ihm will ich wissen, ob
Neubeuern eine Eliteschule sei.
»Intuitiv sage ich: Ja. Aber ich muss ein wenig weiter
ausholen und fragen, was >Elite< heißt. Eine akademische
an der nur Schüler aufgenommen werden,
dIe von morgens bis abends lernen und die Schule mit
Einserschnitt beenden, sind wir sicher nicht. Die Elite, die
wir uns wünschen, sind nicht in erster Linie akademische
Leister. Das ist mehr ein ganzheitlicher Elitebegriff.«
»Was entgegnen Sie dem Vorwurf Neubeuern sei eine
elitäre Schule, an der sich Elite nur über das Konto der El-
tern definiert?«
»Dem ,. d . h "
wur e IC zunachst gar nichts entgegnen, weil
man Geld haben muss, um auf diese Schule gehen zu kön-
nen. Allein diese Tatsache reicht jedoch bei Weitem noch
nicht aus, um dem Elitebegriffgerecht zu werden, den wir
uns vorstellen,«
Ich habe mehr und mehr den Eindruck dass der Elite-
begriff ziemlich dehnbar ist. Die die Verant-
wortungsvollsten und jetzt die aus den besten Verhältnis-
d
sen
. Alle kleben sich das Elitelabel auf, weil sie wissen,
ass sie sich da b
nn esser verkaufen lassen. Aber ist das
Wort »Elite d "b h
, « ann u er aupt sinnvoll? Was nützt ein Be-
griff, den J' eder n h B l' b
, ac e Ie en verwendet? Ich schlage eine
neue SeIte m' BI ks
t
' ellles oc auf, in dem ich die Elite-Defini-
Ionen sammle d h '
t gli
,un sc reIbe: Ist das Wort »Elite« un-
au 'ch?
Die Schüler d' N b
fi P " ,Ie eu euern verlassen, erreichen häu-
g OSItIonen di 'h G 1
Müll' d ,e1 nen e d und Einfluss sichern. Jörg
er, essen Offe h't . h
'eh' n el mlC beeindruckt sagt er wisse
111 t, WIe groß dA' ' ,
. er nteii der Schule an diesen Erfol-
gen seI. »Es ist im h . .
mer sc wleng, im Nachhinein fest-
152
zustellen, ob die Schüler so erfolgreich sind, weil sie ein-
flussreiche Eltern haben und Netzwerke aus Bekann-
ten und Freunden, Maßgeblich entscheidend für ihren
Erfolg sind in jedem Fall die Netzwerke, die sie in Neu-
beuern knüpfen, und der Zugriffauf das Altschüler-Netz-
werk der Schule.« Außerdem seien die Schüler aufgrund
ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung sehr fit, wenn es in
AuswaWgespräche ginge. Trotz ihrer mäßigen Leistungen
würden es viele an die privaten BWL-Hochschulen schaf-
fen. An die EBS in Oestrich-Winkel zum Beispiel, denke
ich und habe langsam das Gefühl, dass der Kreis sich
scWießt. »Kann das mit einem bestimmten Habitus zu
tun haben, dass Ihre Schüler gesellschaftstauglicher sind
als andere?«
»Sicherlich. Dass unsere Schüler gewandt sind, das
merken Sie natürlich sofort, wenn Sie zum Beispiel im
Rahmen eines Auswahlverfahrens mit acht Schülern an
einem Tisch ein Interview führen. Während der durch-
schnittliche I,G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium
auf seine Schuhe guckt und seinem Interviewpartner
nicht in die Augen schaut, weil er solche Situationen ein-
fach nicht gewohnt ist, gehen unsere Schüler mit einer
derartigen Situation selbstbewusst und souverän um. Und
weil jetzt immer mehr auf solche Soft Skills geachtet wird
und die Universitäten mehr Auswahlgespräche durchfüh-
ren und nicht mehr so zeugnisgläubig sind, kommen un-
sere Schüler in sehr gute Ausgangspositionen.«
I,G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium. Ich schlu-
cke. Das denkt also die Eliteschule vom staatlich gebilde-
ten Pöbel. Ich war aufdemWerner-von-Siemens-Gymna-
sium. Ein Gymnasium, wie es Tausende in DeutscWand
gibt. Der graue Siebzigerjahre-Bau war Teil eines Schul-
153
zentrums und lag zwischen Bahnlinie und Umspann-
werk. Jeden Morgen sind wir auf die blassblauen Fenster
zugeradelt, um Deutsch, Mathe und Englisch zu lernen.
Es war ein Platz, an dem sich strebsame Mittelschicht-
kinder ein glänzendes Abitur erarbeiten konnten. Das ge-
wisse Etwas aber nicht. Wir hatten keine Rhetorik-Kurse
wie die Neubeurer, keine Candle-Light-Abende, bei de-
nen wir den Umgang mit Besteck und Small Talk üben
konnten, und vor allem hatten wir keine prall gefüllten
Bücher, in denen die Namen von einflussreichen Altschü-
lern gesammelt werden. »Wenn man ein Praktikum ma-
chen will«, hatte Miriam erzählt, »schaut die Schulleitung
in das Buch, fragt, welche Branche, ob es im Ausland oder
in Deutschland sein soll, und dann bekommt man die
Nummer. Man ruft da einfach an, sagt, ich möchte ein
Praktikum machen. In zwei Wochen soll es losgehen.
Dann sagt der Altschüler: Passt zwar gerade nicht, aber es
ist natürlich kein Problem. Du kannst kommen.«
Die Altschüler geben eigene Zeitschriften heraus, sie
feiern ihre Hochzeiten auf dem Schloss, sie kommen jedes
Jahr zum Sommerfest. Die Neubeurer sind eine große Fa-
milie. Wer hier den Abschluss macht, gehört sein Leben
lang dazu. Das Netzwerk hält und hilft. Ich möchte von
Jörg Müller wissen, ob es ihm dabei so geht wie mir. »Be-
rührt das Ihr Gerechtigkeitsempfinden, dass Ihre Schüler
Chancen haben, die andere nicht haben?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Selbst wenn ich der Meinung wäre, was ich auf theo-
retischer Ebene bin, dass es schön wäre, wenn alle Men-
schen die gleichen Chancen hätten, wäre es natürlich
schon eine, um ein nettes Wort zu benutzen, naive Sozial-
154
fantasie, aber die widerspricht ja jeder Realität. Die Welt
ist weder gerecht, noch sind die Chancen gleich verteilt.
Was hätte also die Welt davon, wenn unsere Schüler dar-
auf verzichten würden, ihr Netzwerk und ihre Beziehun-
gen zu nutzen? Kann ich nicht sagen, dass ich da ein
schlechtes Gewissen habe.«
Naiv also. Das sagt später auch ein Freund, dem ich
von meinem Besuch in Neubeuern erzähle. »Was hast du
erwartet?«, fragt er. »So funktioniert die Welt. Was wirfst
du denen vor?«
In der Woche vor meinem Besuch in Neubeuern gab es
einen Mini-Eklat in der Kapelle. Nadines Theatergruppe
hatte ein Happening für die Abendansprache geplant.
Die Abendansprache ist eine Art Zusammengehörig-
keitsveranstaltung. Das Internat trifft sich, ein paar Schü-
ler und Lehrer bereiten ein Thema vor, über das gespro-
chen wird. Selten, erzählt mir ein Lehrer, würde da richtig
debattiert, die meisten hingen in ihren Stühlen und lie-
ßen das Ganze über sich ergehen. Deshalb setzten die
Schüler der Theatergruppe sich in eine Stuhlreihe, ließen
per Kassettenrekorder das Pfeifen aus dem Film »Kill
Bill« in einer Dauerschleife ablaufen und schwiegen. Eine
halbe Stunde. So wollte man die Konsumhaltung der an-
deren persiflieren.
Die Schüler reagierten eine endlos lang scheinende
Zeit gar nicht. »Irgendwann sprang einer aus der neunten
Klasse auf«, erzählt mir der Lehrer, »und zog den Stecker
des Rekorders raus.« Dann erst seien einige gegangen. Das
sei typisch für die Schüler hier, klagt der Lehrer. Sie seien
passiv, würden alles mit sich geschehen lassen. Der einzige
Protest kam von einigen religiösen Schülern. Die Aktion
hätte die Kapelle entweiht, sagten sie. Miriam und ihre
155
Freunde hatte ich gefragt, was sie in Deutschland gern än-
dern würden. »Da kennen wir uns nicht so aus«, hatten
sie geantwortet. »Vielleicht das Rauchverbot in Kneipen
wieder abschaffen?«, hatte einer schließlich gesagt. »Oder
Weltfrieden.« Dann haben alle gekichert, und ich fand die
Fragen, die ich noch auf meinem Zettel hatte, in denen es
um Gerechtigkeit ging, plötzlich weltfremd.
Im Unterricht der Oberstufe frage ich drei Abiturien-
ten, ob Politik in Neubeuern eine Rolle spiele. »Nein«,
sagen sie.
»Ihr seid politisch so homogen«, platzt es plötzlich aus
ihrem Lehrer heraus. »Konservativ und unpolitisch.«
»Es ist doch wohl normal, dass Kinder in diesen Fra-
gen ihren Eltern folgen«, protestiert einer der Schüler.
»Es gab mal eine Zeit, da war das anders.« Der Lehrer
klingt jetzt wie ein Märchenonkel. »Da haben sich die
Kinder gegen ihre Eltern aufgelehnt, opponiert. Da hat
die Jugend versucht, für eine bessere Welt zu kämpfen.«
Erzähl du mal schön von früher, sagen die Gesichter.
Zum Lehrerzimmer laufe ich über uralten Holzboden.
Jeder Schritt lärmt. Der Boden erzählt. Das Internat Neu-
beuern war Heimat liberaler Adliger. Im Dritten Reich
wurde die Schule deshalb geschlossen. Die Nazis errichte-
ten hier eine ihrer Kaderschmieden, eine »Napola« - Na-
tionalpolitische Erziehungsanstalt. Ein Neubeurer starb
im Widerstand. Er wollte Hitler töten. In den Siebzigern
kam ein antiautoritärer Direktor. Er ließ den Schülern
jede Freiheit und musste gehen, weil er selbst angeblich zu
freizügig war. Und heute?
Die Lehrer haben jetzt eigentlich gar keine Zeit zu re-
den S' ..
. le mussen zur Schulversammlung. Die Klassenbes-
ten bekommen heute Buchgeschenke. Aber eine Lehrerin
156
bleibt schließlich doch stehen. »Sind Ihre Schüler poli-
tisch?«, frage ich. Sie wird nicht aufhören zu sprechen, bis
wir im Festsaal der Schule angekommen sind.
»Das politische Denken, Gesellschaft zu verändern, zu
beeinflussen, das eigene Verhalten möglichen Idealen an-
zupassen, das sehe ich nicht oder zumindest nur bei den
allerwenigsten. Man denkt da eher an sich selbst, an das
eigene Leben, das man sehr wohl zu arrangieren und an-
zupassen weiß und wo man die Rahmenbedingungen für
sich so gestalten kann, dass das sehr gut passt und dass
man weiterkommt. Aber für sich selbst und nicht für
andere.«
»Ärgert Sie das nicht?«
»Ärgern ist immer so eine Sache.«
Ich sitze ganz hinten im Festsaal der Schule, blicke auf
die goldverzierten Spiegel, die Seidentapeten, raus in
Richtung Alpen und ärgere mich. »Müsste eine Elite nicht
Verantwortung für andere übernehmen?«, hatte ich die
Lehrerin zum Schluss gefragt. »Sicher«, hatte sie geant-
wortet und musste sich dann der Verleihung widmen.
Trotzdem werden sie auch in Zukunft an ihrem Elite-
Internat niemandem die Aufnahme wegen mangelnder
gesellschaftlicher Verantwortungsbereitschaft verwei-
gern, denke ich. Wer zahlen kann, darf dazugehören. Wer
dazugehört, auf den warten Einfluss, Erfolg und Geld.
Geld, mit dem auch die Internatsgebühren für die nächste
Generation gezahlt werden können. Und das Gerede von
der Leistungselite, die wir brauchen? Die sich über Kön-
nen, nicht über Herkunft und Beziehungen definiert? In
die jeder aufsteigen kann? Wer von Elite spricht, redet
immer auch von einer Teilung der Gesellschaft, hat der
Soziologe Michael Hartmann gesagt. Das mit der Leis-
157
tungselite, meinte er, sei ein Mythos, um die bestehenden
Zustände zu festigen und zu legitimieren.
Die Schulleitung erinnert gerade an den Fundraising-
Ball, der am nächsten Wochenende stattfinden soll. Das
Internat will Geld für ein Wireless-LAN-Netz sammeln.
Auch für die Schüler sei Abendgarderobe verpflichtend,
heißt es. »Black Tight wird verlangt. Ihr werdet Dienst am
Champagnerempfang haben. Tut das mit erkennbarer
Freude.«
Um acht Uhr wird an diesem Abend das Schülercafe auf-
gescWossen. Miriams Dienst beginnt. Erst verkauft sie
den Jungs eine Salami-Pizza. Danach bereitet sie eifrig
einen Käsetoast zu. »Ich mag das, wenn die Leute etwas
kaufen, was ich selber machen kann«, sagt sie. Benni und
Moritz gehen mit der Pizza in den Nebenraum. Per Bea-
mer wird hier gerade der Blockbuster »Fluch der Karibik«
gestartet. Die Jungs setzen sich in die erste Reihe aufs
Sofa. Hinter ihnen hält ein Paar Händchen. Miriam und
eine Freundin zeigen mir die Lehrerfotos imJahrbuch der
Schule. »Der ist ein Teufel. Der auch. Und der auch.«
Es ist ein Abend in einem ganz normalen Schülercafe.
Wenn nicht die beiden Portemonnaies auf dem Tresen wä-
ren. Das linke ist von Louis Vuitton, das rechte, das sil-
b ~ r n e , von Dolce & Gabbana. Da schnappt die Neidfalle
WIeder zu. Um 22 Uhr 30 werden die Schüler in ihren Flü-
geln eingescWossen. Ich steige die Treppe ins Dorf hinab
und denke über die Schweiz nach. »Fahren Sie mal dort-
hin« hattem" . . N b
' Ir emer m eu euern empfohlen. Zum Inter-
nat auf dem Rosenberg. Da seien die die ihren Reichtum
wirklich"" '
. zeIgen wurden. Extrem geld- und besitzorien-
tierte Schüler und Eltern, von oben bis unten mit Nobel-
158
Labels behängt. Dort kostet das Jahr 40000 Euro. Diener
decken morgens, mittags und abends die Essenstafeln.
Zum Fuhrpark gehören ein Bentley, ein Rolls-Royce und
ein Cadillac. Es sei hochwertige Luxusverwahrung, die
dort stattfinde, sagte der Neubeurer. Ganz anders als hier,
auf dem ScWoss. In einem Artikel lese ich, dass er offenbar
recht hat: Um 19 Uhr müssen die Kinder dort auf ihre
Zimmer. Ein Nachtwächter geht von Raum zu Raum. Vi-
deokameras sind allgegenwärtig und sorgen dafür, dass die
Kinder in ihren Zimmern bleiben. Reiche Kinder, die nur
noch per Videoüberwachung gebändigt werden können,
weil sie so sehr unter der »WoWstandskrankheit« leiden.
Ich fahre nicht zum Rosenberg, auch nicht zum Genfer
See, sondern kehre nach Kreuzberg zurück. Hier werden
seit drei Jahren ein paar Schulen per Kamera überwacht.
Offensichtlich ist das Vertrauen in die Jugendlichen ganz
oben und ganz unten so gering, dass die Erwachsenen
meinen, die Teenager kontrollieren zu müssen. Neben der
Antriebslosigkeit, der mangelnden Disziplin und dem
Wunsch nach Anerkennung ist dies eine weitere Erfah-
rung, die die Schüler an beiden Enden der Gesellschaft
teilen.
Ich glaube nur, dass manche Schüler in Neubeuern
diese Erkenntnis nicht akzeptieren würden. Ein Mädchen
aus der Oberstufe hatte beim Mittag verächtlich von einem
Ausflug in die Münchner Innenstadt erzählt. Wegen eines
Gutscheins habe sie zu Saturn gemusst, in die Kaufbeurer
Straße, wo sie sonst nie hinginge. »Wie in Istanbul ist es
da«, schimpfte sie. Selbst auf den Privatschulen in Mün-
chen seien ja schon Türken. Selbst die Internatsschüler
mit den idiotischsten Ansichten werden es wohl immer
nach oben schaffen. Nur weil sie dazugehören. Weil sie
159
sich Elite nennen. Und ihnen das vorzuwerfen, finde ich
alles andere als naiv.
Halt, ermahne ich mich selbst. Zum ersten Mal wäh-
rend meiner Recherche habe ich das Gefühl, dass meine
Neugier von einer ungeheuren Abneigung erdrückt wird.
Ich versuche, mich zu bremsen; die Wut herunterzuschlu-
cken und zurück zum Thema zu kommen. Die Suche
nach der Elite. »Ergebnis des Besuchs im Internat Neu-
beuern«, notiere ich betont sachlich: »England gibt es
auch in Deutschland, das heißt, auch hier findet sich eine
Elite, die sich durch den Besuch eines teuren Internats be-
gründet.«
Neubeuern ist Heimat der Reichen. Nirgendwo sonst
auf meiner Reise hatte ich das Gefühl, dass sich das Elite-
label so einfach kaufen lässt. Ich finde es falsch, dass sich
die Schule Elite nennt, dass die Abgänger Plätze in der
Gesellschaft einnehmen werden, die sie ohne das Geld
der Eltern und den Namen der Schule nie erlangt hätten.
Nachdem ich die Wut über das ausländerfeindliche
Mädchen bewältigt habe, denke ich abseits aller Elitefra-
gen noch lange an Miriam und die anderen. Richtig rei-
che Eltern zu haben, hatte ich mir bislang immer sehr
schön vorgestellt. Reich sein, das hieß für mich, Weih-
nachten in der Schweiz Ski zu fahren oder zum Familien-
urlaub nach San Francisco oder Sydney zu fliegen. Dass
richtig reich sein auch heißt, dass man die eigenen Eltern
wohl nie übertrumpfen wird, dass man kaum Antrieb
hat, sich etwas zu erarbeiten, dass man verglichen mit
den Erfolgen der Eltern oder Großeltern eigentlich nur
eine Enttäuschung werden kann, daran hatte ich nicht
gedacht.
160
TRADITION ZU VERKAUFEN
Ich stehe in überlingen am Bahnhof und versuche, mei-
nen Körper wieder auseinanderzufalten. Eine gefühlte
Ewigkeit habe ich im Regionalexpress gesessen. Knie an
Knie mit meinem Gegenüber in der Vierersitzgruppe,
froh über meine kurzen Beine. Mein Koffer versperrte
den Gang. Aber es gab im vollen Zug keinen geeigneten
Platz für ihn. »Mobilitätsproletariat« nennt ein Vielflieger
aus John von Düffels Theaterstück »Elite 1.1« die Bahn-
fahrer abfällig.
Seit die Bahn nicht mehr von Beamten verwaltet wird,
ist dieses Proletariat gespalten, ist die Gleichmacherei in
der Schienenwelt vorbei. Wie jede Reform teilte auch die
der Bahn in Verlierer und Gewinner. Die Verlierer leben
in der Provinz, wo das Netz ausgedünnt wurde, wo Bahn-
höfe geschlossen und Strecken stillgelegt wurden. Die Ge-
winner wohnen in Großstädten. Dort, wo die schicken
Hochgeschwindigkeitslinien zusammenlaufen. Ich bin
eine Reformprofiteurin. Im vergangenen Jahr bin ich
Tausende von Kilometern mit der Bahn gefahren. Ich mag
es, wenn die ICEs im Stundentakt durchs Land jagen,
wenn Flüsse, Felder und Windräder vorbeifliegen. Neben
meinem Knie die Dose für den Laptopstecker, die Füße
auf der Stütze am Sitz des Vordermanns. Jede Stunde
kommt der Kaffeemann vorbei. Würde ich für ein Zurück
in die Zeit vor der Reform, als noch alle Züge gleicher wa-
ren, die Eliteschnellstrecken aufgeben? Würde ich, damit
die Provinz bessere und häufigere Verbindungen erhält,
auf Köln-Berlin in gut vier Stunden verzichten wollen?
Bestimmt nicht. Auch ich kann Ungerechtigkeiten ganz
gut ertragen, wenn sie mir nützen.
161
Heute ist einer der ersten warmen Frühlingstage. Hin-
ter dem Bahnhof liegt die Überlinger Altstadt, dahinter
der Bodensee. Ich blinzle in Richtung Sonne, sehe glattes
Wasser, dahinter ein paar Berge. Es scheint ein unge-
schriebenes Gesetz zu sein: Dort, wo Deutschland richtig
schön ist, thront über Dörfern und Kleinstädten stets ein
Schloss, in dem Internatsschüler wohnen. So war es in
Neubeuern, so ist es auch in Überlingen.
Ich habe beschlossen, einen zweiten Versuch zu wagen.
Ich will die Internate als »Schule der Elite« nicht abhaken,
bevor ich nicht die Elite aller Elite-Internate gesehen
habe. Neubeuern mag vor allem ein Ort des Geldes sein,
aber Salem, das weiß ich aus etlichen Berichten in meiner
Elite-Artikelsammlung, verspricht vor allem Tradition
und höchste pädagogische Qualität.
Ich hatte meiner Mutter vorher den Prospekt von Sa-
lern gezeigt. Sie mochte das Kloster direkt am Bodensee.
Die Schuluniform fand sie schlicht und schön. Die Re-
formpädagogik, für die Salemsteht, begeisterte sie, schließ-
lich wurde sie in den siebziger Jahren zur Lehrerin ausge-
bildet. »Vielleicht hätte es dir dort gefallen«, sagte meine
Mutter. »Ein Monat kostet 2375 Euro«, wandte ich ein.
»Das sind fast 30000 pro Jahr.«
Auch mein Vater las den Prospekt. Danach fluchte er
über Apotheker und Unternehmer, die ihren Kindern
~ i n e heile Schulwelt kaufen könnten. Er empörte sich dar-
uber, dass die Eltern auch noch 30 Prozent des Schulgel-
des von den Steuern absetzen könnten. »Das bezahlen
dan ., . f .
n Wlf.«, ne er mit hochrotem Kopf. Dann schimpfte
er, dass bei kleinen Klassen und intensiver Betreuung je-
der Zum Abi gehievt würde - und überlegte, ob nicht der
Sohn des Inhabers unserer örtlichen Supermarktkette
162
dort war, nachdem er an allen anderen Schulen Schwie-
rigkeiten gehabt hatte. Mein Vater brauchte Stunden, um
sich von diesem Sozialneidanfall zu erholen.
Und jetzt bin ich hier im ehemaligen Kloster des Zis-
terzienserordens Salem, das Fluchen meines Vaters und
die vorsichtige Begeisterung meiner Mutter im Hinter-
kopf. Ein Schüler in Uniform hat mich in die Kapelle ge-
führt. Auf dem Weg kamen uns drei Jungs mit erhitzten
Köpfen entgegen. Sie trugen Hockeyschläger. Sie sahen
aus wie die Jungs auf den Fotos aus England. »Wir danken
Seiner Königlichen Hoheit, dem Markgrafen von Baden,
dafür, dass wir diesen Raum nutzen können«, sagt die Rek-
torin der Internatsschule Salem gerade. 1920 hat Prinz
Max von Baden dieses Internat eröffnet. In einem Pro-
spekt der Schule habe ich zwei Fotos gesehen. Darunter
stand geschrieben: »Der traditionelle Morgenlauf 1935
und heute.« Tradition eben.
Heute öffnet das Internat seine Türen, um Kunden für
die Zukunft zu werben. Neben mir auf der Bank sitzt ein
Vater im Joop-Mantel mit seiner Teenagertochter, vor mir
ein Ehepaar mit seinem Sohn. Er ist noch ein Kind, viel-
leicht zehn oder elf Jahre alt. Insgesamt sind etwa zwei-
hundert Familien in die Kapelle gekommen. An diesem
Tag werden sie hören, was Salem ihrem Nachwuchs zu
bieten hat. Sie werden sich durch das Kloster führen las-
sen, durch die Burg für die jüngeren Schüler und das
Schloss über dem Bodensee, in dem die Abiturienten
wohnen. Dann werden sie entscheiden, ob sie in die
Schule investieren. Der Kleine neben mir ist nervös. Sein
Vater checkt noch ein letztes Mal die E-Mails. Bestimmt
war es nicht einfach für ihn, sich diesen Samstag frei zu
halten. Als ich mich weiter umschaue, sehe ich, dass auch
163
f
I
I"
i
,
f'
der Vater neben mir noch mit seinem Blackberryhantiert.
Wenn er seinen Sohn hier anmeldet, wird der übrigens
auf dem Klostergelände kein Handy benutzen dürfen.
»Eine Trias von Tugenden - Wahrheitsliebe, Mut und
Verantwortung - steht als Leitbild über Salem«, lerne
ich. Schulleiterin Eva Marie Haberfellner verspricht den
Eltern gerade, dass man ihre Kinder mit Disziplin und
Leidenschaft erziehen wolle. »Plus est en vous«, sagt sie,
das sei der Wahlspruch der Schule - »in euch steckt
mehr«. Stolz erzählt sie, dass die jüngeren Schüler vor
zwei Wochen ein Stück auf Lateinisch aufgeführt hätten.
Die Ausbildung sei elitär, lobt der Schülersprecher, und
der Leiter der Mittelstufe zitiert den Reformpädagogen
Kurt Hahn, den Mitbegründer des Internats: »Es ist Ver-
gewaltigung, Kinder in Meinungen hineinzuzwingen.
Aber es ist Verwahrlosung, ihnen nicht zu Erlebnissen zu
verhelfen, durch die sie ihrer verborgenen Kräfte gewahr
werden können.« Das klingt nach den Träumen meiner
Mutter.
Nachdem zitiert und geworben wurde, sollen die
Schüler das Kloster zeigen. Eva ist gerade vierzehn gewor-
den. Sie hat lange dunkle Haare, auf den Arm hat sie mit
Kuli eine Matheformel geschrieben. Sie führt gleicherma-
ßen eifrig wie desinteressiert. Immer wieder blickt sie auf
den Zettel, den sie bekommen hat, bemüht, bei ihrer Füh-
rung nichts zu vergessen. Hier die alte Turnhalle. Die
Treppe rauf zum Speisesaal. Hinten ist der Krankentrakt,
links geht es zum Mädchenflügel. »Wie ist es, hier zur
Schule zu gehen?«, frage ich. »Gut«, sagt Eva. »Frag doch
auch etwas!«, sagt der Vater des Mädchens, das mit mir
rumgeführt wird. »Wir machen das alles für dich.« -
»Lass mich«, faucht sie und schweigt.
164
Ich weiß nach dieser Werbeveranstaltung nichts über
das Leben im Internat. Nicht, was Eva und der Schulspre-
cher tatsächlich über Eliten denken, nicht, was an den
schönen Sprüchen der Verantwortlichen dran ist, nicht,
ob mein Vater oder meine Mutter recht hat. Nur ein
dumpfer Zweifel bleibt, ob Versprechen und Realität in
dieser Schulform in Einklang zu bringen sind. Kurt Hahn,
der Reformpädagoge, hat sieben Salemer Gesetze formu-
liert. Das letzte lautet: »Erlöst die Söhne und Töchter rei-
cher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl
der Privilegiertheit.« Dass das in einem Internat, das fast
30000 Euro pro Jahr kostet und seine Schüler in Burgen
und Schlössern beherbergt, gelingt, glaube ich nicht.
Ich schreibe der Internatsleitung, dass auch nach dem
Tag der offenen Tür noch Fragen geblieben seien, und be-
komme einige Wochen später eine neue Einladung. Es
hätten sich zwei Schüler gefunden, die mit mir über Elite
reden wollten. Also kehre ich noch einmal ins Schloss zu-
rück.
DIE POLITIKER VON SALEM
Das Arrangement kenne ich schon. Vor dem Schloss, in
dem die Salemer Oberstufe lebt, schlagen sich zwei Mäd-
chen auf den schuleigenen Tennisplätzen ein paar Bälle
zu. Als ich am Tag der offenen Tür hier war, hingen ne-
ben einigen Zimmerfenstern des Jungentrakts Deutsch-
landflaggen. Auch heute haben Internatsschüler wieder
schwarz-rot-goldene Fahnen vor die hellgelbe ScWoss-
wand gehängt. Noch immer irritiert mich das. Vielleicht
liegt es an meiner Erziehung, an den ständigen »Nie-wie-
165
der«-Warnungen meiner Eltern und Lehrer, dass sich
beim Anblick schwarz-rot-goldener Fahnen sofort meine
Nase kräuselt und mein Gehirn »Nationalismusverdacht«
schreit. Es ist derselbe Reflex, der sich regte, als ich in
Griechenland zum ersten Mal hörte, dass sich jemand be-
wusst und stolz »Elite« nannte. Flaggen und Uniformen.
Patriotismus und Eliten. Wollen wir diese Traditionen
wiederbeleben? Oder war es gut und nötig, diese als Trä-
ger nationalistischer Keime zu meiden? Sind die Flaggen
neben den Fenstern der Schüler harmlose Zeichen eines
inzwischen wieder normalen Stolzes, oder sind sie der Be-
weis eines völlig falschen Traditionsverständnisses, das
jederzeit in Richtung Nationalismus kippen kann?
Oliver und Philipp können diese Fragen bestimmt be-
antworten. Die zwei sind die Politiker des Internats und
von den anderen Salemern ins Schülerparlament gewählt
worden. Wenn man Philipp, der die Haare streng zur Seite
gegeIt trägt und sich heute Morgen für ein rosafarbenes,
akkurat gebügeltes Hemd entschieden hat, von der Schul-
bank direkt in einen Bundestagsausschuss beamen würde,
fiele er sicher nicht weiter auf. Oliver ist eher der Charis-
matiker. Seine verstrubbelten braunen Haare, Zeichen
eines eher alternativen Stils, kombiniert er souverän mit
einem kunstvoll gebundenen Armani-Schal und einem
Paar Lederslipper, beides Insignien der Konservativen.
Oliver spricht lauter und selbstsicherer als Philipp. Er ist
Präsident des Schülerparlaments. Die beiden gehen in die
zwölfte Klasse. Sie wohnen genau in dem Trakt, wo die
Fahnen hängen.
Die Flaggen hätten nichts weiter zu bedeuten, sagen
sie. Sie seien Normalität, Zeichen eines normalen Natio-
nalstolzes. Damit ist das Thema für sie erledigt. Nur eins
166
noch, sagen sie: Die Salemer seien schon anders als die
eher linke Schülerschaft an vielen staatlichen Schulen. Sie
erzählen mir, dass CDU und FDP hier bei einer Testwahl
auf 80 Prozent gekommen seien. Und dass hier auch kei-
ner was davon hielte, sich zu zehnt auf einen Bahnhof zu
legen und zu schreien, dass man gegen Nazis sei. Sie woll-
ten sich nicht idiotisch benehmen, nur weil sie achtzehn
seien, sagen sie. Sie seien eben vernünftig und politisch
mit ihren Eltern auf einer Linie. Eher konservativ. »Wenn
mein Vater mir seit achtzehn Jahren predigen würde, die
PDS oder die NPD, die sind es, und ich sehe, es wird
nichts aus ihm und auch nicht aus seiner Ansicht, dann
stehe ich auch nicht dahinter«, erklärt mir Oliver. »Aber
ich kann die Einstellung, die mein Vater mir vermittelt,
nachvollziehen, und deswegen muss ich da nicht revolu-
tionär wirken.«
Im Jahr 2001 stritt das Internat Salem ein Jahr lang dar-
über, wie mit dieser neuen konservativen Schülerschaft
umzugehen sei. Damals wollten die Schüler, dass am
Eingang des Internats dauerhaft die Deutschlandflagge
gehisst werde. Die Schulleitung lehnte ab. Die Schüler
revoltierten auf ihre Art. Sie hängten an einem Morgen
im Februar aus allen Fenstern Schwarz-Rot-Gold.
Auch den Tag der Deutschen Einheit wollten die Schü-
ler feiern. Das lehnte die Leitung ebenfalls ab. Also trafen
sich dreißig Schüler, festlich gekleidet in Anzug und
Blazer, zu einer Privatfeier. Der Journalist Jan Christoph
Wiechmann rekonstruierte den Abend für den Stern nach
einer Reihe von Gesprächen mit Schülern. Die Feier be-
gann harmlos bei Würstchen mit Kartoffelsalat, bei Bier
und Jägermeister. Dann stimmten einige die National-
hymne an. Sie sangen alle drei Strophen, auch die Zeile
167
i
I
»Deutschland, DeutscWand über alles«. Die Schüler spiel-
ten eine selbst gebrannte CD mit einer Hitler-Rede ab. Sie
lachten über den Führer, einer persiflierte den Hitler-
Gruß. Nachher sagten die Schüler, vieles an diesem
Abend sei falsch gelaufen. Trotzdem hätten sie das Recht,
»endlich aus dem Schatten der Geschichte herauszutre-
ten«. Sie meinten, provokante Aktionen seien nötig, um
»die Gesellschaft wachzurütteln, um abzurechnen mit
den Achtundsechzigern und der Holocaust-Hysterie«.
Dr. Bernhard Bueb, der von 1974 bis 2005 Leiter der
Schule war und den Schrecken des Dritten Reichs noch
als Kind erlebt hatte, reagierte damals entsetzt auf diese
Wiederentdeckung des Nationalstolzes. Er entließ einen
der Anführer. Er mahnte, er strafte, er untersagte lange .
die Flaggen. Doch wer heute, sechs Jahre später, nach Sa-
lern kommt, merkt, dass die patriotische Rebellion nicht
folgenlos geblieben ist. Inzwischen feiert Salem den Tag
der Deutschen Einheit offiziell mit einem festlichen Es-
sen, formal dinner, nennen das die Schüler. Anzüge sind
an diesem Abend nun nicht mehr Provokation, sondern
. Pflicht. Und auch die Flaggen neben dem Zimmerfenster
scheinen niemanden mehr zu irritieren. Die Rückbesin-
nung auf alte Werte ist im Internat offenbar zu einem gu-
ten Teil vollzogen.
Dr. Bernhard Bueb ist inzwischen Pensionär und steht
den Internaten Salem und Neubeuern nur noch bera-
tend zur Seite. Er hat im Alter eine Mission gefunden, die
der der Rebellen von 2001 durchaus ähnelt. Auch Bueb
will mit einem der Prinzipien der Achtundsechziger
aufräumen. Er kämpft vor großem Publikum für eine
Renaissance der Disziplin. »Der Erziehung ist vor Jahr-
zehnten das Fundament weggebrochen: die vorbehalt-
168
lose Anerkennung von Autorität und Disziplin«, klagt
Bueb in seinem Bestseller »Lob der Disziplin«. Viele irr-
ten »ziel- und führungslos« durchs Land. Bueb fordert,
dass Kinder und Jugendliche wieder lernen müssten, Re-
geln nicht ständig zu diskutieren und zu hinterfragen,
sondern reflexartig zu befolgen. Er schreibt: »Wir müssen
wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren, dass nur der
den Weg zur Freiheit erfolgreich beschreitet, der bereit ist,
sich unterzuordnen.«
In einigen Bereichen, sagt Bueb, könne Kinderer-
ziehung sich daher durchaus an der Abrichtung eines
Hundes orientieren. »Wir müssen uns dazu durchrin-
gen, legitime Macht als Autorität anzuerkennen, die
Macht Gottes, die Macht des Staates und die Macht der
Erziehungsberechtigten.« Ein Mangel an Disziplin, meint
Bueb, könne »ein ganzes Leben aus dem Lot bringen, ja
ein Kind psychisch krank« machen, aus ihm einen liebes-
und arbeitsunfähigen, neurotischen und ichzentrierten
Menschen machen. »Disziplin wirkt heilend«, verkündet
Bueb.
Wie viele meiner Freunde bin auch ich dazu erzogen
worden, zu hinterfragen, statt zu folgen, zu diskutieren,
statt zu akzeptieren, selbst zu denken, statt blind zu ge-
horchen. Wenn ich Bernhard Buebs Buch lese, habe ich
den Eindruck, dass er viele Prinzipien, nach denen wir er-
zogen wurden, für grundsätzlich falsch hält, dass er das
Handeln unserer Eltern verurteilt, uns für relativ miss-
lungen hält. Das kränkt mich. Seine Forderung, wieder
eine Jugend zur Gefolgschaft zu erziehen, macht mir
Angst. In Salem wird, wie in Neubeuern, im Urin der
Schüler nach Drogenresten, in ihrem Atem nach Alko-
holrückständen gesucht. Wer Haschisch geraucht hat,
169
fliegt sofort. Wer trinkt, nur wenn er Wiederholungstäter
ist. »Und wer Kaugummi kaut, wird erschossen«, sagt
mein Freund sarkastisch. Ein disziplinierter Schüler
müsste schließlich auch diese Regel schlucken. Ein auf-
rechter würde sich auflehnen. Disziplin ist eben eine Se-
kundärtugend. Sie kann wunderbaren, aber auch grausa-
men Zielen dienen und sollte nie Selbstzweck sein. »Mit
Disziplin«, schreibt Matthias Altenburg in der Zeit, »kann
man ein Haus bauen, Geige spielen lernen und einen
Fünftausendmeterlaufgewinnen. Mit Disziplin kann man
den Regenwald abholzen, in den Krieg ziehen und, wie
Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formu-
lierte, >ein Konzentrationslager führen<.« Auch das, dachte
ich, sei Konsens. Stimmt aber nicht.
Bernhard Bueb bekommt für seine Thesen viel Ap-
plaus. Es ist dieselbe »Das-wird-man-doch-mittlerweile-
wieder-sagen-dürfen«-Begeisterung, die von Patriotis-
musdebatten, dem neuen Gefallen an den Farben Schwarz-
Rot-Gold und eben dem Wunsch nach Eliten hervorgeru-
fen wird. Bueb tourt durch Talkshows. Er, den Menschen,
die ihm begegnet sind, als höflich, feingeistig und klug
beschreiben, schaffte es, bei Sabine Christiansen eine
Stunde lang thesengemäß streng zu schauen, als er für
Führung und Gefolgschaft und - skurrilerweise - für eine
Rückbesinnung auf die Regeln der Pfadfinder warb. »Und
wo ist das geendet? Im Faschismus!«, rief ein anderer
Talkshowgast da erbost. »Kinder, besinnt euch auf die
Pfadfinder«, sagt mein Freund Tom mit knarzender
Stimme, als spräche er direkt aus einem Volksempfänger.
Und jedes Mal, wenn Bueb wieder loslegt, rufen wir:
»Und wo ist das geendet? Im Faschismus!« Aber was will
man von uns mit wenig Härte Erzogenen auch erwarten.
170
Ganz anders seine Salemer. Zumindest die, die mir ge-
rade gegenübersitzen, haben Buebs Thesen begriffen und
sind bereit, ihm zu folgen. Philipp und Oliver, die bei-
den Schulpolitiker, wollen jetzt ganz in Buebs Sinne
ihre Schulverfassung ändern und einen Teil der ihnen
in den siebziger Jahren übertragenen demokratischen
Rechte freiwillig zurückgeben. Bueb schreibt, dieses Sys-
tem »produziert eine Gewerkschaftsmentalität, es fördert
Egoismus und Spaßhaltung«, und Philipp, der Schulpoli-
tiker, gibt ihm recht. Philipp, der jetzt schon weiß, dass
er mal zu den Unternehmensberatern von McKinsey
möchte, erklärt mir, was Bueb mit »Gewerkschaftsmenta-
lität« meint.
»Die Schüler stehen wie so ein Haufen Arbeitnehmer
gegen den bösen Chef, in dem Falle die Schulleitung. Und
sind aus Prinzip immer gegen alles.« Statt dafür zu kämp-
fen, dass Salem in fünf Jahren international führend sei,
forderten die Schülervertreter stets höhere Promillegren-
zen, so wie Arbeitnehmer nach mehr Lohn schrien. Bei-
des sei verkehrt. Deshalb gäben sie also einen Teil ihrer
Selbstbestimmung ab. Und aus den Schülervertretern,
sagt Oliver, wollten sie »Führungspersönlichkeiten« ma-
chen. Schon bald solle es das erste Leadership-Training in
der Oberstufe geben. Oliver ist Sohn eines sehr reichen
Vaters, der sich, wie Oliver betont, »alles hart erarbeitet
hat«. Oliver, der später ins Marketing einer großen Firma
will, ist überzeugt, dass sich nicht nur Salem, sondern
auch das Land verändern muss. Endlich wirtschafts-
freundlicher muss es werden, sagt er. »Damit DeutscWand
wieder Perspektive hat. Das war schon immer mein Ziel.«
Dann haut mir Oliver ZaWen um die Ohren. Ein wil-
der Mix aus WaWprogrammen, den Positionen seines Va-
171
ters und liberalen Stammtischthesen. Alle zwanzig Tage,
klagt er, sei in Deutschland irgendwo eine Wahl. Deshalb
mache die Politik nur, was die Menschen hören wollten.
Wenn in Deutschland einer arbeitslos wird, braucht er,
laut Oliver, im Durchschnitt ein bis zwei Jahre, um eine
neue Stelle zu finden. In Amerika neunzehn Tage. Weil
Amerika keinen Kündigungsschutz habe. Mit den Ar-
beitslosen gehe Deutschland sehr großzügig um, zu groß-
zügig, meint er. »Ich finde, je mehr die Leute unterstützt
werden, wenn sie nichts machen, umso mehr machen sie
nichts. Stellen Sie sich vor, ich sitze hier mit meiner
Freundin und kriege 240 Euro pro Monat. Oder ich gehe
arbeiten und bekomme auch 240. Ist doch klar, dass jeder
hier sitzen bleibt. Kriege ich aber beim Sitzen mit mei-
ner Freundin nur 40 Euro pro Monat, kriege ich aber
240 Euro, wenn ich arbeiten gehe, dann bin ich doch beim
Arbeiten, auch wenn es Tellerwaschen ist.« Oliver lacht
und sagt, ich würde jetzt bestimmt denken, dass hier rei-
che Schüler schlecht über Arbeitslose reden würden. Dass
das alle Klischees und Vorurteile bestätigen würde. Aber
er betrachte die Lage objektiv, sagt Oliver.
Ich schaue ihn an, höre ihm zu und male Kringel auf
meinen Block. Nach Dutzenden Gesprächen mit der
Nachwuchselite habe ich langsam das Gefühl, die immer
gleichen Antworten auf meine Fragen mitsteppen zu kön-
nen. Die Deutschen seien neidisch und viel zu negativ und
unbeweglich, klagen auch Oliver und Philipp. Auch sie
sind Mitglieder bei Schwarzekarte, dem Internet-Netz-
werk, in das mich Alexander geschleust hat. Auch sie wer-
den, wenn sie das Internat verlassen, ein Büchlein mit den
Namen der Altschüler bekommen. Dreitausendsechshun-
dert seien das im Moment, sagt Philipp, alles Topleute,
172
findet er. »Da hat man dann ein Netzwerk von Freunden,
aber auch Erleichterungen beim Berufseinstieg.«
Und auch auf meine Frage, ob denn Salem eine Elite-
schule sei, höre ich die Erklärung, die ich schon aus Neu-
beuern kenne: »Wenn ich jetzt nur das Schulische be-
trachten würde«, sagt Oliver, »würde ich klipp und klar
sagen: Wir sind keine Eliteschule. Wir sind öfter unter
dem Durchschnitt hier. Im akademischen Sinne.«
»Und in welchem Sinne seid ihr Elite?«, frage ich
auch sie.
»Ich würde sagen, weil wir im Gegensatz zu anderen
Schulen versuchen, den ganzen Menschen zu bilden und
nicht nur fachlich. Ich denke, das macht das Elitäre hier
aus. Das bildet einfach eine Gesellschaftselite, diese Fä-
higkeit, Verantwortung zu übernehmen.« Mut, Verant-
wortung, Wahrheitsliebe, sagen sie - das seien die Tugen-
den, mit denen Menschen zur Elite würden.
»Wenn das gilt«, wende ich ein, »ist die Elite ja nicht
nur in Salem zu finden.« Menschen, die mutig, verant-
wortungsbewusst und ehrlich sind, träfe man schließlich
immer wieder und überall. Klar, sagt Oliver, gelte das
auch für die Krankenschwester, die am meisten arbeite
und Eigeninitiative zeige. Die sei schließlich am Ende
auch oft Chefkrankenschwester. In Salem, sagt er, würden
sie aber ganz besonders in diesen drei Tugenden, die am
Ende die Elite ausmachen, trainiert. »Und wenn wir einen
Jahrgang, der abgeht, sehen«, sagt Öliver, »können wir
wirklich sagen: Egal, in welchem Bereich, sind Salemer
tatsächlich in Spitzenpositionen. Ob es in der Wirtschaft
ist oder im Fischfang.«
Ich glaube allerdings, dass Oliver und Philipp ent-
täuscht wären, wenn sie es zum ehrlichsten Fischer oder
173
zum mutigsten Krankenpfleger brächten. Beide sind
schon Kunden der Salemer Berufsberatung, dem career
counceling.
KARRIERECOACH FÜR TEENAGER
Karriereberatung für Teenager scheint auch so ein Trend
zu sein. Während Oliver und Philipp von ihren Praktika
erzählen, denke ich an Matthias Trüper, den ich zu Be-
ginn meiner Recherche besuchte. Er, der einmal als Leh-
rer gearbeitet hat und danach Schulleiter war, verdient
sein Geld in Berlin als Karrierecoach. Auch seine Kunden
sind oft noch nicht volljährig, Oberstufenschüler, so alt
wie die beiden Salemer. Damals hatte meine Reise zur
jungen Elite noch nicht begonnen. Ich kannte die Inter-
nate und Privatunis, die Kindergärten und Stiftungen
noch nicht und wollte zunächst gar nicht glauben, dass es
Firmen wie seine gibt. Firmen, die tatsächlich davon le-
ben, Teenagern bei der Karriereplanung zu helfen. Aber
Trüpers Firma war nicht nur real, sondern schien auch
ganz gut zu laufen.
Aus ganz Deutschland reisen Eltern, die ihrem Nach-
wuchs die Poleposition im Kampf um die Plätze in der
Leistungselite verschaffen wollen, zu Trüper nach Berlin-
Mitte, in die Ackerstraße. Dort, wo Berlin so aussieht, als
hätte die Stadt Geld, wo die Hinterhöfe saniert sind und
Feinkost-Italiener Mittagsteller für 16 Euro anbieten,
scheinen sich auch Karrierepakete für Pubertierende
recht gut verkaufen zu lassen.
Als ich Trüper besuchte, musste ich trotz Termins war-
ten. Er gab gerade einem Vater Tipps für den richtigen
174
Umgang mit dem Sohn. Die Nachfrage sei gigantisch,
hatte er mir am Telefon gesagt. Vor allem wegen der
schlechten Lage am Arbeitsmarkt steige die Bereitschaft,
sich beraten zu lassen und auch Geld dafür zu zahlen,
ständig. Da schafft die Angst vor Arbeitslosigkeit ganz
neue Märkte, dachte ich und las die begeisterten Kom-
mentare der Eltern, die schon da waren. Ein Vater aus
Augsburg schrieb: »Die kompetente Beratung und der ex-
zellente Service haben uns geholfen, unseren Sohn auf die
richtige Bildungsschiene zu bringen. und haben ihn be-
reits zu sehr guten Erfolgen in seinem College geführt.«
Eine Münchner Unternehmerin lobte: »Wer beruflich
sehr angespannt ist und für die eigenen Kinder und deren
Ausbildung nur das Beste möchte, der ist bei Herrn Trü-
per an der richtigen Adresse.«
Als ich in der Oberstufe war, sind wir mit der ganzen
Klasse ins Berufsinformationszentrum des Arbeitsamts
gefahren. Dort gab es lange Regale, in denen Ordner mit
Folien standen, auf denen Berufe und Studiengänge er-
klärt wurden. Ermunternd war das alles nicht. Ich habe
wie fast alle in dem dunklen Raum gehockt und darauf
gehofft, schnell wieder nach draußen zu kommen. Höhe-
punkt des Ausflugs war ein Berufstest, an dessen Ende
mir geraten wurde, evangelische Pfarrerin zu werden. Ich
bin nicht einmal getauft. Aber auf solche Feinheiten
konnte der Standardtest keine Rücksicht nehmen. Dieses
System ist tatsächlich optimierungsbedürftig.
Trüper residiert in einem schicken Büro. Hohe Wände,
weinrot gestrichen. Vielleicht sollte es das Arbeits-
amt auch mal mit Farbe versuchen? Trüpers Beratung
ist nicht gratis, sondern kostet mindestens 1000 Euro.
Wenn ein Abiturient, der in Trüpers Büro stets »Kunde«
175
heißt, im Ausland studieren will, liegt die Rechnung
schnell bei 2000 Euro. Seine Kunden seien schon eher be-
tucht, verriet mir Trüper, als er endlich Zeit für mich
fand. »Aber«, fügte er sofort hinzu, »meinen Service kann
sich fast jede Familie leisten. Gehen Sie mal auf einen
Schulhof und schauen Sie sich die Schuhe der Kinder an!
Dort finden Sie Markenschuhe, bis zu 200 Euro das Paar.«
Das Geld sollten die Leute besser in Bildung investieren,
sagte Trüper. Außerdem sei eine gut durchdachte Strate-
gie in der Summe günstiger als eine falsche Studienent-
scheidung.
Trüper ist ein guter Redner. Er brauchte keine fünf-
zehn Minuten, um mir die Welt zu erklären. »Die Zeiten
langwieriger Selbstfindung sind vorbei«, sagte er. »In
Deutschland wollte man immer, dass alle aus demselben
Breitöpfchen essen. Das war eine sozialdemokratische
Wohlfühlgesellschaft, ein elitefeindlicher Ansatz. Wir
müssen uns dem Wettbewerb stellen. Denn Wettbewerb
macht Spaß. Wir müssen dann auch damit leben, dass es
Verlierer gibt.« - »Aber«, versuchte ich dazwischenzufra-
gen - ohne Erfolg. Er redete längst weiter. »Die deutschen
Schulen versagen bei der Berufsberatung völlig. Die stel-
len ein Produkt her, das Abitur, ohne sich darum zu küm-
mern, was dann daraus wird.« Danach schimpfte er auf
die Beamtenmentalität der Lehrer. Man müsse endlich
Wettbewerb zulassen und eine miserable Schule auch ein-
fach schließen können. »Wir brauchen vier, fünf Elite-
schulen pro Bundesland. Wettbewerb macht doch Spaß.
Auch Rütli kann Elite werden. Nur wer sich dem Wettbe-
werb sperrt, versagt.« - »Trotzdem: Ist eine Karrierebera-
tung für Teenager nicht ein bisschen pervers?«, fragte ich
schnell dazwischen.
176
»Der Markt ist da und wächst«, sagte Trüper lachend.
Es freue ihn, dass Deutschland sich ändere. Nachträglich
muss ich zugeben, dass er in diesem Punkt absolut richtig-
lag. Was ich bei meinem ersten Besuch als absurden Aus-
wuchs des Leistungswahns einordnete, ist ein wachsender
Markt, den Trüper längst nicht mehr allein versorgt. Das
sechsstündige »Einzelcoaching« der Kölner Firma »Ein-
stieg« kostet die Schüler 600 Euro. Das Münchner »geva-
institut« bietet gleich ein komplettes »Coaching-Paket
Studium und Berufsstart« für 750 Euro. »Das hätte es frü-
her nicht gegeben«, würde ein Rentner an dieser Stelle
vielleicht einwerfen und damit diesen nervigen Satz end-
lich einmal völlig zu Recht sagen.
Denn eine Karriereberatung für Teenager hätte es
früher wirklich nicht gegeben. Als ich beschlossen habe,
Journalistin zu werden, war ich siebzehn, also genauso alt
wie Trüpers Kunden. Die Entscheidung trafich nicht, weil
ich brav auf die Folien im grauen Arbeitsamt gestarrt
hatte. Ich glaube, dass sie eher das Ergebnis einer Mi-
schung aus je einem Drittel Instinkt, Willkür und Ah-
nungslosigkeit war. Ich wusste, dass ich das Münsterland
verlassen wollte, und Journalistin schien mir zu diesem
Zweck ein geeigneter Beruf zu sein. Der Beruf wirkte auf-
regender als Anwältin und Ärztin. Ich träumte davon,
zum Spiegel zu gehen, den ich damals zwar nie las, aber
für sehr wichtig hielt. Oder ich wollte die live-Kommen-
tare bei Bundesligaspielen sprechen oder vielleicht doch
bei der Lindenstraße arbeiten.
Also schrieb ich, als es nach dem Abitur ernst wurde,
meinem Vater eine Vollmacht und bat ihn, mich an der
Universität Dortmund einzuschreiben, während ich mit
meinen besten Freunden mit dem Zug durch Griechen-
177
land fuhr. Dass es geklappt hatte, erfuhr ich, als ich ihn
von einem Campingplatz am Isthmus von Korinth anrief.
1000 Mark haben unsere vier Wochen in Griechenland ge-
kostet. Dafür hätten wir nicht einmal das »Coaching-Pa-
ket Studium und Berufsstart« bekommen. Das klingt im
Nachhinein recht lässig, im Vergleich mit den peniblen
Karriereplanern, die zu TTÜpers Kunden zählen, sogar ab-
gezockt cool. War es aber nicht. Es war normal. Dennis
und Cornelius, die mit mir am Isthmus waren, und die
anderen aus meiner Stufe machten nichts anderes.
Auf diesen Sommer folgten Dutzende anderer Mo-
mente, in denen ich ähnlich diffus begründete Entschei-
dungen traf. Für welches Praktikum wollte ich mich be-
werben? In welcher Stadt wollte ich leben? Sollte ich noch
im Ausland studieren oder nicht? Ich stolperte entlang
dieser Fragen durch mein Studium und versuchte heraus-
zufinden, was ich mochte und konnte. Einen Teil der Ent-
scheidungen traf ich selbst, den großen Rest erledigte der
Zufall. Ich bezweifle, dass ein noch so guter Karrierebera-
ter mir dabei hätte helfen können.
Auf meiner Reise begegnet mir der Glaube an den
planbaren Lebensweg allerdings überall. Die Eltern, die
ihre Kinder für viel Geld in bilinguale Kitas stecken oder
teure Internate auswählen. Die Studenten, die bereitwillig
die teuren Gebühren für die privaten Hochschulen zah-
len, oder eben Oliver und Philipp, die Salemer. Sie alle ge-
ben viel Geld aus, um den Zufall aus ihrem Leben heraus-
zuhalten. Vielleicht ist das nötig, wenn man beschlossen
hat, Elite zu werden. Vielleicht ist es aber auch gefährlich,
seine Kinder auf einen vermeintlich planbaren Lebens-
weg zu trimmen. Denn wenn sie trotz aller Anstren-
gungen und Investitionen dennoch scheitern, werden sie
178
wohl nicht gelernt haben, dass es neben dem schnurge-
raden Weg auch noch etliche andere gibt, die vielleicht
sogar besser sind.
Philipp und Oliver, die beiden Salemer Schulpolitiker aus
der Oberstufe, erinnern mich an eine jüngere Ausgabe
von Bernd. Sie sind gerade achtzehn geworden. In diesem
Alter sammeln manche Jungs Mädchen, Highscore-Ein-
träge an der Playstation oder, wenn es ganz schlimm
kommt, leere Coladosen. Die beiden sammeln Einträge
für ihren Lebenslauf. Oliver hat in der zehnten Klasse ein
Praktikumbei Coca-Cola in Atlanta gemacht. Jetzt will er
noch eins in der »Chefetage der Bild-Zeitung« nachlegen.
Philipp hat mit McKinsey schon erste Sondierungsge-
spräche geführt. Beide haben ihr Ziel fest im Blick: die
Chefetagen der Wirtschaft. In die Politik zu gehen, kön-
nen sie sich nicht vorstellen, obwohl sie in Salem enga-
gierte Schulpolitiker sind und obwohl sie meinen, das
Land müsse sich ändern. Auch diese Einstellung scheint
die junge Elite zu einen. Wie alle, die ich bisher traf, zie-
hen auch sie die Wirtschaft der Politik vor. Warum ei-
gentlich?
»Die BezaWung ist in der Politik einfach miserabel«,
sagt Philipp. »Wenn man das vergleicht, was man für glei-
che Leistung in der Wirtschaft kriegt.« Außerdem habe
man nur das öffentliche Geld, kein eigenes, und sei des-
halb bei allem, was man ausprobieren wolle, streng an das
Gesetz gebunden. Oliver meint: »Wenn ich mich heute
entscWießen würde, in die Politik zu gehen, dann müsste
ich erst einmal zehn Jahre Plakate kleben.« Das kommt
für beide nicht infrage. Ihre Strategie ist eine andere.
»Erst mal in die Wirtschaft und die Verbindungen auf-
179
.
-
bauen. Und wenn man dann einen gewissen Status hat -
dann vielleicht in die Politik. Das dürfte ganz effektiv
sein.« Oliver sieht sich später in einem Interessenverband.
»Als Lobbyist«, findet er, »hat man ja auch einen großen
Einfluss auf die Politik. Aber einer«, räumt er dann selbst-
kritisch ein, »einer von der Elite inüsste sich mal aufraffen
und in die Politik gehen und da oben mal aufräumen.
Aber es will sich keiner aufraffen.«
Am Ende traue ich mich doch. Als wir zu Beginn
unseres Gesprächs über Neid redeten, sagte Philipp, er
selbst käme nicht aus den »vermögendsten Verhältnissen«.
Seine Eltern könnten die gut 30000 Euro Jahresgebühr
nicht bezahlen. Er würde deshalb über ein Teilstipendium
gefördert. Trotzdem, betont Phillip, gönne er seinen Mit-
schülern deren Reichtum. Während des Gesprächs hatte
ich immer wieder auf seine Uhr geschaut. Emporio Ar-
mani war da eingraviert. Eigentlich finde ich es albern,
die Schüler nach den Preisetiketten ihrer Kleidung zu
fragen. Jetzt tue ich es doch. »Philipp, du hast doch ähn-
lich teure Klamotten wie die anderen. Du kommst doch
ganz offensichtlich nicht aus Hartz-IV-Verhältnissen?«-
»Nein«, antwortet Philipp. »Aber nah dran. Mein Vater ist
Arzt.«
Ein Taxi fährt mich runter nach überlingen. Runter in die
Realität, in der Hartz-IV-Empfänger wirklich wenig Geld
haben. Weil sie 347 Euro pro Monat bekommen. Das sind
4164 Euro pro Jahr.
Knapp ein Drittel der Schüler in Salem bekommt ein
Teilstipendium, Vollstipendien werden gar nicht verge-
b ~ n . Auch wenn ein Schüler ein umfangreiches Stipen-
d . H"h
lUm In 0 e von 75 Prozent der Gebühren ergattern
180
kann, bleiben Kosten von knapp 8000 Euro. Das kann
kein Hartz-IV-Empfänger zahlen. Ich weiß nicht, ob man
Philipp und Oliver vorwerfen darf, dass ihnen in ihrer
Welt das Verständnis für das Leben hier unten verloren
gegangen ist. Aber ich halte es für eine falsche Strategie,
junge Menschen, die einmal in Beratungsunternehmen
über Arbeitsplätze entscheiden oder in Verbänden Wirt-
schaftspolitik machen wollen, in einem Schloss auf einem
Berg fernab des normalen Lebens zu erziehen. Sie fahren
ja runter in die Stadt, sagen die Schüler. Einmal pro Wo-
che machen manche mit Migrantenkindern Hausaufga-
ben. Sie haben auch schon einmal ein Asylbewerberheim
gestrichen. Oder sie arbeiten bei den Rettungsschwim-
mern unten am Bodensee. Ihr Engagement ist ehrenwert.
Aber nach zwei Stunden fahren sie wieder rauf. Statt Kin-
der von Ausländern oder Arbeitslosen als Mitschüler zu
haben, besuchen die Salemer einmal pro Woche deren Le-
ben. Ihr Schloss, den großen Namen und das Netzwerk
stets im Rücken.
»Na, haust du ab?«, fragt mich plötzlich der Taxifah-
rer. »Keine Lust mehr auf die Schule?« Ich sage, dass ich
keine Schülerin sei. Dass ich ein Buch über Eliten schrei-
ben würde. »Da bist du hier aber falsch«, sagt er. Dann
schimpft er über die Schnösel, über die Altsalemer, die
nach dem Sommerfest volltrunken und pöbelnd in sei-
nem Taxi sitzen, und über die Jungen, die ihn schlecht be-
handeln, von oben herab. »Aber eigentlich«, sagt er auf
einmal ganz mild, »kann ich denen noch nicht mal einen
Vorwurf machen. Woher sollen die es besser wissen? Die
leben da oben einfach in einer anderen Welt.«
Ich steige in den Regionalzug nach München und
quetsche mich neben einen Mann, der mit einer Plastik-
181
!
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tüte und ein paar Bierflaschen reist, neben zwei Mädchen,
die sich rosa Strähnen gefärbt haben und deren Deo nicht
hält. Wenn man nur leE fährt, denkt man bald, dass
alle Menschen Laptops besitzen. Wer in unserem Viertel
wohnt, könnte sogar glauben, dass die nur von Apple her-
gestellt werden. Und wer mal auf dem Spielplatz hinter
unserem Supermarkt war, ist überzeugt, dass das Eltern-
geld schon phänomenal eingeschlagen hat, weil so viele
junge Mütter Kleinkinder schieben und tragen und weil
mindestens jede dritte Mutter ein Mann ist. Den einen
prägt das Schloss, den anderen der Kiez.
Was mich an der zukünftigen Elite so stört, ist, dass sie
das Recht einfordert, für andere Verantwortung zu über-
nehmen. In andere Leben eingreifen zu dürfen. Zu wissen,
was für diese Menschen richtig ist. Ohne sie zu kennen.
Politikern billige ich dieses Recht zu. Sie sind gewählt.
Verlieren sie eine Abstimmung, werden sie ausgetauscht.
Auch andere haben durch ihren Job oder ihr Amt be-
stimmte Entscheidungskompetenzen. Bürgermeister, Ab-
teilungschefs, sogar Lehrer. Im Idealfall ist auch hier die
Legitimation für alle ersichtlich, und Zeitraum sowie Ein-
flussmöglichkeiten sind begrenzt. Auch Eltern und Freun-
den erlaubt man meist, über das eigene Leben mitzuent-
scheiden. Ihre Legitimation ist im besten Fall Liebe. Aber
Eliten?
Sie wollen Verantwortung für das Leben anderer über-
nehmen. Sie verlangen so etwas wie eine Entscheidungs-
kompetenz auf Lebenszeit und nennen als Legitimation
ihre besonderen Qualitäten. Wenn ich die Notizen in mei-
nen Blöcken durchgehe, kann ich daraus inzwischen ein
lustiges Begriffsquiz basteln. Frage: Was macht Elite aus?
Ist es a) Edge, energy und execute, wie die Wirtschaftler in
182
Oestrich-Winkel meinen? Ist es b) Verantwortung, Ver-
pflichtung und Vorbild, wie ich es an der Elite-Akademie
gelernt habe? Oder ist es c) Verantwortung, Mut und
Wahrheitsliebe, wie die Salemer meinen? Diese Antwor-
ten reichen mir nicht aus. Sie sind mir zu diffus. Meine
Stimme haben sie nicht, wenn es darum geht, ihnen auf
dieser Grundlage mehr Einfluss, mehr Macht und mehr
Verantwortung zuzugestehen.
Eigentlich würde ich gern selbst über mein Leben ent-
scheiden. Und wenn ich schon Einfluss delegieren muss,
dann bitte nach klaren Regeln und auf Zeit. Darauf, dass
selbst ernannte Eliten ungefragt Verantwortung für mich
übernehmen, kann ich gut verzichten. Vielleicht sollte ich
in mein Quiz noch die Antwort d) aufnehmen: Elite ist
ein willkürlicher, unscharfer und damit unbrauchbarer
Begriff, den Menschen benutzen, die für sich Sonder-
rechte fordern.
Ich besuche Deutschlands junge Elite jetzt seit neun
Monaten. Ich habe sieben Blöcke vollgeschrieben, fünf
Kassetten eines analogen und hundertachtundzwanzig
Megabyte eines digitalen Aufnahmegeräts vollgespielt.
Die Zweifel an der Tauglichkeit des Begriffs »Elite« sind
von Station zu Station gewachsen. Statt überzeugender
Antworten auf meine Frage »Warum brauchen wir Eli-
ten?« habe ich bislang vor allem Belege dafür gefunden,
dass Elite ein Konzept ist, das wenige über viele stellt. Ich
bin fast schon bereit, Wetten einzugehen und auf d) mein
Liebstes zu setzen, meinen Tischkicker. Aber nur fast.
Noch würde ich die zum Wettabschluss ausgestreckte
Hand ausschlagen. Was macht Elite aus? Ich habe immer
noch Fragen auf meiner Liste, die ich niemandem stel-
len konnte, noch ist der Reiseplan nicht abgearbeitet,
183
und noch habe ich die Hoffnung, dass ich abseits der
Lösungen a), b), c) und d) ein sinnvolles und über-
zeugendes e) finden werde.
DER MAULWURF
Es geht also weiter. Ganz oben auf meinem Elitestapel
liegt Aadishs E-Mail-Adresse. Aadish, der junge Iraner
und Mitglied der Vodafone-Elite mit Migrationshinter-
grund, hatte in Brüssel gesagt: »Wir sprechen besser spä-
ter in Ruhe über Elite.« Das klang spannend, fast ver-
schwörerisch, als wollte er mir geheime Akten in die Hand
drücken, die ich später triumphierend mit einem lässigen
»Ich-habe-meine-Informanten« der Öffentlichkeit prä-
sentieren würde.
Deshalb steige ich noch einmal in den Zug. Langsam
werde ich zur Provinzexpertin. Nach Oestrich-Winkel bei
Wiesbaden, Westerharn und Neubeuern bei Rosenheim
und Salem bei überlingen fahre ich nun nach Vallendar
bei Koblenz. Dort geht Aadish zur Uni. »Deine Elite-
Recherche hättest du dir auch glamouröser vorgestellt,
oder?«, spottet mein Freund, als ich ihn aus einem Gast-
hof an der Regionalzugstrecke, die durch Vallendar führt,
anrufe. Fast hätte ich es nicht mehr geschafft, mein Bett
rechtzeitig zu belegen. Ich hatte gesagt, ich sei zur »Tages-
schau«-Zeit da, hatte dann aber einen Zug verpasst und
war erst nach zehn Uhr angekommen. »Ausnahmsweise«,
schimpfte die Gastwirtin. Ich hatte also Glück, über den
Eingang der Pizzeria noch in die Pensionsetage im zwei-
t ~ n Stock des Hauses gelassen zu werden. Jetzt liege ich in
emem dunklen Zimmer. Die zweite Hälfte des Doppel-
184
bettes ist nackt. Die Wirtin hatte die zweite Decke und das
Kopfkissen mitgenommen, nachdem ich mich als »allein
reisend« geoutet hatte. Direkt neben der Zugstrecke ver-
läuft die Schnellstraße entlang des Rheins. Die Schein-
werfer der vorbeifahrenden Autos blenden mich durch
die dünne Gardine. Ich fühle mich wie bei einer perma-
nenten Polizeikontrolle. Ländliche Idylle sieht anders aus,
fluche ich im HalbscWaf.
Am nächsten Morgen meint Aadish, dass das mit der
Provinz kein Zufall sei. Er, mit dem ich mich um neun
Uhr im einzigen schon geöffneten Cafe der Stadt treffe,
studiert im zweiten Semester an der WHU, der Otto Beis-
heim School of Management. Die WHU ist das Pendant
zur EBS. Die beiden sind wie Schalke 04 und der BVB. Sie
sehen in dem jeweils anderen den größten Konkurrenten
um die Vorherrschaft in der Ausbildung der zukünftigen
Wirtschaftselite. Die jeweiligen Anhänger beäugen die
andere Hochschule genau und erklären, auf den Konkur-
renten angesprochen, wortreich die gravierenden Unter-
schiede. Die EBS sei snobbish, sagen die einen. Die WHU
steif, behaupten die anderen. An der EBS seien nur
Studenten mit hochgestelltem Polokragen. An der WHU
käme niemand ohne Anzug. Für Außenstehende sind
diese Scharmützel schwer nachvollziehbar, überwiegen
doch eindeutig die Gemeinsamkeiten: EBS und WHU be-
haupten, Elitehochschulen zu sein. Beide verlangen von
ihren Studenten pro Studienjahr 10000 Euro. Beide berei-
ten ihre Absolventen vor allem auf Karrieren in Bera-
tungsunternehmen und Investmentbanken vor, und beide
ermöglichen ein Studium in exquisiter Umgebung: Die
EBS residiert in einem Schloss, die WHU in der Marien-
burg. Und beide sitzen in Kleinstädten am Rhein.
185
»Es ist Absicht«, sagt Aadish, »dass das ein kleiner Ort
ist, dass die Leute hier zusammenbleiben müssen, dass es
keinen Einfluss von außen gibt.« Er meint, die Hoch-
schule wolle so ein extremes Zusammengehörigkeitsge-
fühl fördern. »Corpsgeist« nennen das die französischen
Eliteschulen. »Zucht«, wird einer, dem ich später davon
erzähle, sarkastisch sagen. Aadish sagt, ihn würde es noch
nach Koblenz ziehen, er hätte noch den Drang, andere
Leute kennenzulernen, die nichts mit Wirtschaft zu tun
haben. Aber die WHU überschütte die Studenten derma-
ßen mit Lernstoff, dass das nicht möglich sei. Bei vielen,
glaubt Aadish, schliefe das Interesse an der Welt außer-
halb der Uni im Lauf der Semester ein. Dann gibt es nur
noch das Studium und die Unternehmen, zu denen man
will. »Davor habe ich große Angst«, sagt er.
Aadish sitzt im dunklen Wollpullover mit Dreitagebart
vor mir. Er trinkt einen Cappuccino mit Sahne. Er ist
schüchtern und bestimmt zugleich. Die deutsche Sprache,
die er sich mithilfe des Hausmeisters imAsylbewerberheim
erarbeitet hat, beherrscht er fast perfekt. Nur manche For-
mulierungen sind etwas ungelenk. »Ich haue selten auf den
Putz«, sagt er, wenn er erzählt, dass er fast nie ausgeht. Nur
einmal war er in »so einem Schuppen« in Koblenz. Aadish
ist jetzt seit einem Jahr Student an der Hochschule, aber er
ist auch ein Fremder geblieben. Vielleicht, weil er, der 1996
als Elfjähriger mit seiner Mutter und den beiden Brüdern
aus dem Iran geflohen ist, der sich dann aus der über-
gangsschule der Sammelunterkunft über die Haupt- und
Realschule imwestfälischen Lengerich bis zu einem Abitur
in den Fächern Deutsch, Geschichte, Mathematik und So-
zialwissenschaften mit einem Schnitt von 1,3 hochgearbei-
tet hat, es gewohnt ist, nie ganz und gar dazuzugehören.
186
Vielleicht auch, weil er zu offensichtlich anders ist als
die, die mit ihm studieren. Es liegt nicht nur am deut-
schen Pass, den er nicht hat, nicht daran, dass seine erste
Adresse in Deutschland eine ehemalige Kaserne war, in
der die vierköpfige Familie einen Raum mit zwei Doppel-
stockbetten bewohnte. Es gäbe hier kaum Studenten, die
denselben finanziellen Hintergrund hätten wie er, sagt
Aadish. Er ist Stipendiat. »Meine Familie ist finanziell am
untersten Rand. Hier beginnt es so ab der oberen Mittel-
klasse, und viele geben sich dann auch vom Verhalten her
so. Beim Auswahltag hatte ich schon den Eindruck, dass
es eine ganz andere Welt ist. Es waren viele Leute da mit
richtig viel Kohle und so angezogen, dass man gedacht
hat, wollen die jetzt in die Bank? Total overdressed.«
Und dann sind da noch die politischen Differenzen.
Dass die Studentenschaft so homogen wäre, hätte er nicht
erwartet, als er sich beworben habe, sagt Aadish. Es sei
fast selbstverständlich, dass man die CDU oder die FDP
wähle. Lange habe es auf dem Campus auch nur Gruppen
dieser beiden Parteien gegeben. »Erst seit letzter Woche
hat sich auch eine winzige Juso-Gruppe eingenistet.«
Noch mehr erschreckt habe ihn allerdings, dass politi-
sches Denken an der WHU eine absolut untergeordnete
Rolle spiele. »Politikwird im Vergleich mit der Wirtschaft
meist als nachrangig gesehen. Ein Großteil hier denkt
nur: Was ist gut für die Wirtschaft? Aber wir müssten
doch eher fragen: Wie kann die Wirtschaft allem anderen
dienlich sein?«
Außerdemkann Aadish mit den Träumen seiner Kom-
militonen wenig anfangen. Er staunt, dass die anderen
schon jetzt im zweiten Semester planen, ihr erstes Prak-
tikum im Ausland zu machen, um dann das zweite bei
187
einer Investmentbank oder Beratung in Deutschland zu
absolvieren - in der Hoffnung, dass ihnen der »WHU-
Bonus«, wie Aadish das nennt, den direkten Einstieg bei
den Größten der Branche ermöglicht. »Es geht einfach
um den beruflichen Erfolg. Um mehr nicht. Sie integrie-
ren sich sofort in dieser Welt und bauen darauf ihr ganzes
Leben auf, sagen: Da ist unser Platz, und da wollen wir
auch hin.« Manche, sagt Aadish, gäben ganz offen zu,
dass es ihr Lebenstraum sei, möglichst reich zu werden.
»Aber gerade als junger Mensch hat man doch den
Traum, die Welt zu verbessern. Man hat doch selbstlose
Ziele. Man hat Vorbilder. Das vermisse ich hier alles.«
Aadish weiß noch nicht, was er will. Erst einmal lernen
und studieren. Nach der Wirtschaft vielleicht noch Ira-
nistik. Danach plant er, sich mit seinen Brüdern selbst-
ständig zu machen oder in die Politik zu gehen. In der
Ausländerpolitik würde er sich gern engagieren. Mehr,
sagt Aadish, wisse er noch nicht. Er sei ja erst im zweiten
Semester.
Seit einem Jahr ist er also hier in Vallendar. Es gab
knapp zehn Bewerber rur einen Platz, und er gehörte zu
den Auserwählten. Er hat den Englisch- und den Mathe-
test bestanden. Er hat ein Referat über Anglizismen in der
deutschen Sprachen gehalten und sich durch Einzelinter-
views gekämpft. Er ist mit den Worten begrüßt worden,
dass er nun zu den Besten gehöre. »Es wird einem von Be-
ginn an dieses GeruW vermittelt: Ihr habt es geschafft. Ihr
seid die Gewinner. Ihr seid die Leute, die diese Welt ruh-
ren werden.« Seine Mutter ist stolz darauf, dass er es so
weit gebracht hat. Die Uni. Das Stipendium. Er, als Aus-
länder, der noch bis vor Kurzem von der Abschiebung
bedroht war. »So sind halt Eltern«, sagt Aadish. »Das, was
188
von der Gesellschaft akzeptiert wird, ist rur sie der Grund,
stolz zu sein.«
Aadish und ich reden schon seit Stunden. Mittlerweile
glaube ich, ihn so gut zu kennen, dass ich weiß, dass jetzt
ein »aber« kommen wird, eine Einschränkung des müt-
terlichen Lobs. Und tatsächlich: »Ich persönlich«, sagt er
»bin nicht stolz auf das, was ich geschafft habe. Es heißt:
Ihr habt den Auswahltest bestanden. Ihr seid jetzt Elite.
Aber rur mich ist das überhaupt nicht Elite. Was hat denn
die Tatsache, dass ich irgendwelche Matheaufgaben ma-
chen kann, damit zu tun, ob ich Elite bin oder nicht? Nur
weil mein IQ vielleicht hoch ist, heißt es ja nicht, dass ich
meinen Verstand und mein Hirn auch einsetzen kann,
um daraus etwas Vernünftiges zu machen.«
Aadish arbeitet hart. Wie fast alle an der WHU schuftet
er zehn bis fünfzehn Stunden pro Tag. Im Gegensatz zu
den anderen ist er aber nicht nur von der Furcht getrie-
ben, die Klausuren nicht zu bestehen. Er hat Angst, sich zu
verändern, sich anzupassen an ein Denken, das er eigent-
lich ablehnt. An der Uni, sagt er, sei nur der Aadish, der
funktioniere. Fast wie eine Maschine. Den anderen, den
kritischen, den kämpferischen, den, der so leidenschaft-
lich reden kann, versteckt er vor seinen Kommilitonen.
»Es sind einfach so viele, die einer Meinung sind. Ich habe
mich eher zurückgezogen, als offensiv dagegen zu wet-
tern.« Er hofft, dass seine Freundin im nächsten Sommer
einen Studienplatz in Koblenz bekommt. Dann wird er
Vallendar verlassen, mit ihr zusammenziehen und nur mit
dem Bus zur WHU fahren, wenn er muss. Dann wird der
andere Aadish wieder mehr Raum bekommen, hofft er.
Aadish ist also einer, der im Eliteapparat drinsteckt,
ihn aber trotzdem von außen betrachtet. Und er ist der
189
Erste, den ich treffe, der die Eliteausbildung, die er ge-
nießt, offen kritisiert. »Elite bedeutet ja eigentlich: die
besten Leute. Aber ich sage mir: Was ist gut, und was
ist schlecht? >Elite< ist ja ein variables Wort. Ist man Elite,
wenn man in einen bestimmten Kreis hineingeboren
wurde? Wenn man eine ganz gute Bildung hat? Ist man
Elite, weil man sportlich ganz gut ist? Das ist ja eine
Definitionssache.« Oft, fügt er hinzu, liefe es so wie hier
an der Uni. Die Menschen, die selbst schon zur Elite ge-
hören, stellen die Kriterien auf, nach denen in Elite und
Nicht-Elite eingeteilt wird. Und dann analysiert er so klar
und sachlich das Verhältnis von Macht und Elite, dass ich
ihm sofort die Nummer von Eliteforscher Michael Hart-
mann geben, ihm vorschlagen will, als dessen Assistent
anzufangen.
Der Begriff »Elite«, sagt Aadish, werde immer dann
gebraucht, wenn es gelte, gesellschaftliche Macht zu legi-
timieren. Im Iran seien die Mullahs, die religiösen Führer,
Elite. In Europa waren es erst die Adligen, die glaubten,
etwas Besonderes im Blut zu haben. Und heute sage man,
Bildung oder Leistung seien entscheidend. »Aber sind das
klare Kriterien? Ich persönlich denke, dass >Elite< ein eu-
phemistisches Wort für Macht ist. Wer in der Elite ist, der
hat die Macht und legitimiert die Macht dadurch, dass er
Elite ist. Man sagt ja immer, Elite sei notwendig für eine
Gesellschaft, damit sie sich weiterentwickelt. Was man
nicht sagen will, ist: Es gibt Schichten, die haben die
Macht, die machen die Elite aus, und die wollen die
Macht auch behalten.«
Ich bin überrascht. Aadish ist kein Parteigänger, kein
Klassenkämpfer. Seine Sätze wirken nicht aufgesagt, her-
untergebetet wie so oft bei Linken. Sie laufen etwas un-
190
rund, wegen seines Akzents. Inhaltlich ist er aber so fit, als
habe er ein Hauptseminar zu dem Thema belegt. Er mache
sich schon länger Gedanken über Elite, sagt Aadish. Als
ich ihn um das Interview gebeten hätte, habe er einfach
noch einmal gründlich über den Begriff nachgedacht.
»Und was ist >Elite< für dich?«, will ich wissen.
»Elite sind für mich Leute, die außergewöhnliche
Ideen haben, die über die Grenzen hinausdenken und
nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten.
Wenn es wirklich so etwas geben würde, dass man sich ab-
hebt von der Masse, dass man nicht nachahmt, was einem
vorgegeben wird, dann könnte ich mir vorstellen, dass
man so etwas wie eine Aristokratie bildet. Aber so eine
Aristokratie im wirklich wahren Sinne. Dass diese Elite
das, was sie macht, wirklich für das Allgemeinwohl macht
und nicht für ihre eigenen persönlichen Ziele.«
Mittlerweile haben wir das Cafe verlassen. Aadish hat
mir den Campus gezeigt. Die Marienburg, die modernen
Glasanbauten, das Getränke-Büfett vor den Seminarräu-
men. Jedes Mal, wenn er mit seinem Ausweis die Tür-
schlösser öffnet, wundere ich mich, dass er tatsächlich hier
eingeschrieben ist. Schließlich muss er in eine Vorlesung.
Eine der ganz harten, wie er sagt. Sie lernen Arbeitsrecht,
erfahren, wie man Mitarbeiter am besten »freisetzen«
kann. Einen Sozialplan, der auf familiäre Verhältnisse
Rücksicht nimmt, halten viele seiner Kommilitonen für
Quatsch. »Die sagen: Man muss die Besten, die Fleißigsten
behalten und die anderen rausschmeißen.« Aber wahr-
scheinlich, sagt Aadish dann leise, gäbe es diese Gesetze
später, wenn sie alle arbeiten würden, sowieso gar nicht
mehr. »Und die Leute werden einfach mit einemArschtritt
rausgeschmissen.«
191
Aadish redet auch noch auf dem Weg zur Vorlesung,
auch vor der Tür beim Warten, nur leiser, damit die ande-
ren nichts hören. Er fände es angenehm, mal alles loswer-
den zu können, sagt er. Nicht immer zu schweigen oder
alles bis zu den wenigen Wochenenden aufzusparen, die
er zu Hause sei. Auf dem Campus gebe es genau ein
Mädchen, mit dem er mehr Kontakt hätte. Das war's. Er
spricht viel davon, wie es gewesen wäre, wenn sein Zwil-
lingsbruder, der sich auch beworben hatte, aber am Eng-
lischtest scheiterte, hier wäre. Dann wären sie ein Team
gewesen, sagt er. Es wäre nicht so hart, nicht so einsam ge-
worden. Zu zweit hätten sie vielleicht etwas ändern kön-
nen. Jetzt bleiben Aadish nur die Wut und der Frust und
der Wunsch, es trotzdem irgendwie durchzuziehen. »Für
viele Leute hier«, sagt er zum ScWuss, »besteht das Elite-
verständnis darin, dass sie das Gefühl von Elite haben.
Dass sie denken, sie sind etwas Gutes, und daraus folgt
auch eine gewisse Arroganz und Selbstgerechtigkeit. Aber
das ist verkehrt. Wir machen doch nichts Besonderes hier.
Das, was wir hier machen, machen Millionen von ande-
ren Menschen an anderen Hochschulen auch.«
Jede Stunde um neunundfünfzig hält ein Regionalex-
press in Vallendar und fährt den Rhein hoch in Richtung
Köln. Im Schnitt stoppt der Zug alle fünf Minuten. In En-
gers, in Neuwied, in Bad Hönningen. Hier leben die »Nor-
malen«, deren Kinder zur Raiffeisenschule, zur Heinrich-
Heine-Realschule oder zum Rhein-Wied-Gymnasium ge-
hen. Dann werden sie vielleicht Fleischfachverkäufer wie
meine Cousine, vielleicht Groß- und Einzelhandelskauf-
mann wie mein Cousin, oder sie ziehen nach Bonn zum
Studium. Aadish hatte gesagt, dass viele WHU-Studenten
in ihrem Elitekokon das Verständnis für die »Normalen«
192
verloren hätten. »Für die gibt es die Frage: Gehe ich in
die Beratung oder ins Investmentbanking? Bei meinen
Freunden zu Hause geht es darum: Was mache ich über-
haupt? Finde ich eine Arbeit oder keine? Die Leute hier an
der WHU haben keine Angst vor der Zukunft. Es wird ge-
sagt: Ihr werdet alle in große Unternehmen gehen. Es ist
kein Gefühl von Unsicherheit da.« Gleichzeitig seien viele
überzeugt davon, dass sie sich die komfortable Situation
durch eigene Leistung erarbeitet haben. Und dass im Um-
kehrscWuss die, die es nicht schaffen, auch selbst dafür
verantwortlich seien. Einige seiner Kommilitonen hätten
gesagt, Leute auf Hauptschulen seien faul oder einfach
nicht scWau genug. »Dieses Denken ist da. Und man geht
nicht den Schritt zurück und fragt: Wieso kann einer diese
Leistung nicht erbringen? Was müsste sich ändern, damit
er das kann?«
Je länger ich Aadish zuhöre, desto mehr ordnen sich
die zum Teil noch etwas diffusen Eindrücke, die ich auf
meiner Reise gesammelt habe, zu einem Gesamtbild. Er,
der im Elitesystem drinsteckt und doch nicht dazuge-
hören will, ist der Erste, der das Unwohlsein, das ich in
Salem und Neubeuern spürte, das sich breitrnachte, als
ich mich durch die Proftle des Netzwerks Schwarzekarte
klickte, kennt und klar benennt.
Viele Schwarzekarte-Nutzer und Aadishs Mitstuden-
ten sind Anfang zwanzig, die Schüler in Salem und Neu-
beuern, die ich getroffen habe, waren gerade volljährig.
Aber sie haben sich jetzt schon abgekapselt vom Leben
der Masse. Je länger ich recherchiere, desto offensicht-
licher wird, dass in den Einrichtungen, die »Elite« im
Namen tragen - vielleicht mit Ausnahme der Bayerischen
Elite-Akademie _, junge Menschen heranwachsen, die
193
sich erstaunlich einig sind. Sie wollen in Führungsposi-
tionen, sie halten ihren Anspruch für legitim, sie sind
politisch auf einer Linie, und sie eint ein Unverständnis
für die Probleme des Restes. Sie machen mir Angst, weil
ich befürchte, dass sie mit diesem Rest wenig zimperlich
umgehen werden.
Ich spule mich noch einmal durch Track sieben auf
meinem Aufnahmegerät, suche die Stellen, an denen Aa-
dish über Eliten spricht. »Elite sind für mich Leute, die
nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten«,
hatte er gesagt. Leute, die das, was sie tun, nicht für die
eigene Karriere machen, sondern sich in den Dienst der
Allgemeinheit stellen. Bei aller Kritik scheint Aadish also
noch Hoffnungen mit dem Begriff »Elite« zu verbinden.
Offenbar träumt er von einer altruistischen, kritischen
Elite.
Aber gibt es diese Leute, die er sich vorstellt, über-
haupt? Gibt es so etwas wie eine alternative Elite? Radika-
ler als die Studenten der Bayerischen Elite-Akademie, die
zwar verantwortlich handeln wollen, aber keinen grund-
legenden Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung for-
dern, keinen Feldzug für mehr Gerechtigkeit planen? Gibt
es eine Gruppe, die ein Gegengewicht bilden würde zu de-
nen, die ich bislang traf?
»Undeine linke Elite, die wäre dann weniger schlimm?«,
fragt ein Freund, der sichkonservativnennt, als ich ihmvon
Aadish und meiner Suche nach einer besseren Elite erzähle.
»Die fandest du dann cool und revolutionär, oder was?«
Ich fühle mich ertappt und muss zugeben, dass ich zu-
mindest ein wenig beruhigt wäre, wenn ich Aadishs Elite
fande. Menschen, die Visionen haben, in denen Karrie-
ren und Geld nicht die Hauptrolle spielen. Ob sie mich
194
mit dem Begriff »Elite« versöhnen können, weiß ich
nicht. Erst einmal bin ich gespannt, ob es diese andere,
linke Elite überhaupt gibt.
DIE ALTERNATIVE ELITE
Ich rufe Michael Hartmann, den Eliteforscher, an und
werde sofort enttäuscht. »Gegen-Eliten kann es eigentlich
nicht geben«, sagt er. »Elite hat immer mit Machtpositio-
nen zu tun.« Folglich kann jemand, der Macht infrage
stellt, schlecht Elite sein. Als ich schon kapitulieren will,
sagt er zum Glück »aber« und erklärt mir, dass es natür-
lich junge Leute gebe, die versuchen, den herrschenden
Eliten etwas entgegenzusetzen. »Und wo finde ich die?«,
will ich wissen. »In den Parteien eher nicht«, sagt Hart-
mann. Die Parteien hätten seit geraumer Zeit Probleme,
kritische junge Leute anzuziehen.
Da hat er wohl recht. Im 16. Deutschen Bundestag sit-
zen fünfzehn Abgeordnete unter dreißig Jahren. Gerade
einmal 2,4 Prozent der Gewählten. Der Altersdurch-
schnitt der Bundesregierung liegt im Herbst 2007 bei sie-
benundfünfzig Jahren, und von hundertsiebzig Ministern
und Regierungschefs in Bund und Ländern sind nach Re-
cherchen der Zeitschrift Capital gerade einmal fünf unter
vierZig.
Hubertus Heil, Generalsekretär der SPD, laut Pass
vierunddreißig, optisch wesentlich älter, sagt, seine Partei
sei >mnterjüngt«, und meint, überaltert. In der SPD-Bun-
destagsfraktion darf man sich noch bis zum vierzigsten
Geburtstag»Youngster« nennen - so wenige echte ~ u ~ g e
gibt es. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass alle, dIe Ich
195
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'\
traf, beim Thema »Karriere in der Politik« eher abweh-
rend reagierten. »Nachwuchssorgen« nennen die Parteien
die Tatsache, dass sie von unten austrocknen. Und viele
der wenigen, die den Aufstieg schaffen, wirken, wie Heil,
in ihren Aussagen und Anzügen schon verdammt ange-
kommen, scheinen ihrem wahren Lebensalter mindestens
ein Jahrzehnt voraus zu sein. Offenbar ist die Politik, seit
auch die Grünen etabliert sind, kein Umfeld, in dem le-
bendige alternative Eliten gedeihen. Jungpolitikern, sagt
der Göttinger Parteienforscher Peter Lösche, ginge es in
erster Linie »um die Karriere - aber es fehlt an Ideen, an
einem visionären Konzept für die künftige Gesellschaft«.
»Aber wo sonst finde ich eine Gegen-Elite?«, frage ich
Michael Hartmann. Greenpeace habe diese Leute früher
angezogen, antwortet er. Aber Greenpeace sei ebenfalls
»überaltert« und thematisch viel zu eingeschränkt. Wenn,
dann fände ich meine von mir etwas schief titulierte Ge-
gen-Elite bei den Globalisierungskritikern von Attac.
Deshalb laufe ich jetzt neben Chris durch Rostock-
Evershagen, eine Plattenbausiedlung südlich von Lichten-
hagen. Um 6 Uhr 41 haben wir uns am Bahnsteig in Ber-
lin getroffen. Die Fahrt nach Evershagen dauerte über
drei Stunden, und Chris musste pünktlich sein. Er wird
heute noch ein Seminar zum Thema »G8-Gipfel und
Klima« leiten.
Chris ist fünfundzwanzig. Er hat gerade sein Politik-
studium an der Uni Hamburg mit einer Diplomarbeit
»Zum Streitschlichtungsverfahren in der WTO am Bei-
spiel des Gentechnikstreitfalls aus Perspektive einer neo-
liberalen Theorie und einer poststrukturalistischen Theo-
rie« beendet. Er habe versucht zu belegen, dass Foucaults
Ansatz bei der Lösung internationaler Konflikte helfen
196
könne. »Aha«, sage ich. »Das ist doch schön.« - »Die Ar-
beit war todlangweilig«, wendet seine Freundin ein. Chris
sieht aus wie einer der Menschen, mit denen ich nor-
malerweise zu tun habe. Wie ein Politikstudent eben, der
Astra-Bier trinkt und Gitarrenmusik hört. Auf seinem
hellblauen Shirt steht Pretty girls make graves. Er trägt
immer eine abgewetzte schwarz-rote Lederjacke. »Tiefin
meinem Herzen bin ich eben doch ein Rocker«, sagt Chris
und lacht selbstironisch.
Er weiß wohl, dass er vieles ist, aber sicher kein Rocker.
Wenn er schweigt, wirkt Chris zunächst sehr schüchtern.
Er lässt meist den Mund ein bissehen offen stehen, die
blonden gelockten Haare hat er ein wenig unkontrolliert
wachsen lassen. Dass der erste Eindruck trügt, wird deut-
lich, sobald er spricht. Seine Analyse ist genau, seine Aus-
sagen sind präzise. Er weiß, wie er seine Botschaften in
kurze, zitierfähige Sätze verpacken kann. »Ich argumen-
tiere wie für ein Flugblatt, oder?«, sagt er und strahlt. Er
hat also auch Humor. Chris geht gelassen mit linken Kli-
schees um. Als ich ihn bei einer Attac-Akademie traf,
standen wir in der viel zu langen Schlange an der Essen-
ausgabe. »Simuliert ihr die sozialistische Mangelwirt-
schaft?«, fragte ich. »Ich wusste schon immer, dass der
Slogan >Genug für alle< nicht stimmt«, entgegnete er.
Das alles wird ihm bei seinem Weg nach oben genützt
haben. Denn Chris hat sich in den vergangenen Jahren
nicht nur mit Foucaults Theorien beschäftigt. Parallel zu
seinem Studium hat er sich in der linken Bewegung ziem-
lich weit hochgearbeitet. Seine Karriere begann im ersten
Semester. Er hat gegen Studiengebühren protestiert und
Parteizentralen besetzt. »Zielloser linksradikaler Aktio-
nismus«, sagt er heute. Danach war er bei einer Green-
197
I
!
peace-Gruppe in Hamburg. Gemeinsam mit Dutzenden
Hausfrauen, die gern Banner malten. »Aber dann hat eine
gesagt: >Das ist ein total tolles Gefühl, wenn dann am
nächsten Tag ein Banner am Ministerium hängt und man
hat das L gemalt.< Da habe ich gedacht, das ist nicht das,
wie ich mir meine politische Aktivistenkarriere so vor-
stelle.«
.. Er hat also auch Greenpeace den Rücken gekehrt.
Uber eine Dozentin, bei der er eine Hausarbeit über Bio-
Piraterie schrieb, ist er schließlich zu Attac gekommen.
Sie hatte gerade den Kongress »McPlanet« mitorganisiert,
der den Zusammenschluss von Umweltgruppen und
Globalisierungskritikern vorantreiben sollte. Der Kon-
gress war ein Erfolg, aber es gab niemanden, der die Fol-
geveranstaltung im Jahr darauf planen wollte. »Und so
bin ich halt zum Organisationsteam gekommen, und es
hieß sofort: >Mensch, Chris, mach doch mal.< Ich war
schon überfordert am Anfang, weil die mich so ins kalte
Wasser geschmissen haben.« Aber dann hat er eben sei-
nen ersten Kongress organisiert. über hundert Leute ka-
men im Herbst 2003 ins Hamburger Schauspielhaus. Der
damalige Held der Globalisierungskritiker, Sven Giegold,
saß auf dem Podium, und Chris war stolz, weil »es ein-
fach eine geile Veranstaltung war«. Seine Veranstaltung.
Danach war er kein engagierter Student mehr, sondern
hatte einen Namen in der linken Bewegung, und mittler-
weile ist er eine der Führungskräfte bei Attac.
Chris sitzt im Deutschland-Vorstand der Bewegung,
dem Machtzentrum. So würde er das natürlich nie for-
m ~ i e r e n .. »Koordinierungskreis« heißt das Spitzengre-
mlUm bel Attac, denn »Führungskraft« und »Machtzen-
trum« sind verbotene Worte. Bei Attac lieben sie den
198
Konsens. Im Idealfall sollen alle alles mitentscheiden dür-
fen. Autoritäre Machtausübung gilt als Kapitalverbre-
chen. Nur haben die Globalisierungskritiker in Deutsch-
land im Herbst 200718500 Mitglieder. Die Bewegung ist
rasant gewachsen, seitdem sie mit den Protesten gegen
den Genua-Gipfel, auf dem sich die Regierungschefs der
acht wichtigsten Industriestaaten trafen, bekannt wurde.
Da geht es nicht mehr ohne Leute, die Entscheidungen
treffen, ohne Leute wie Chris eben. »Willst du Karriere
machen?«, frage ich. »Ich glaube, im Endeffekt ja. Wobei
Karriere nicht heißt, dass ich bestimmte Posten erreichen
will. Aber ansonsten finde ich das mit der Karriere attrak-
tiv, und es bringt ja auch Spaß. Damit bin ich nicht reprä-
sentativ, bin keine Mehrheit bei Attac. Aber es ist schon
so, dass ich mir vorstelle, von dem, was ich mache, leben
zu können.«
Chris sagt, dass er die Welt verändern will. Er möchte
erreichen, dass die Leute aufstehen und sagen, was ihnen
nicht passt. Und er will ihnen helfen, entsprechende Kon-
sequenzen zu ziehen. Er sagt: »Wenn ich darüber nach-
denke, wie ich mir eine Gesellschaft vorstelle, dann ist die
nicht kapitalistisch. Ich weißt nicht, wie sie ist. Aber nicht
so, dass alles irgendwie marktgläubig organisiert ist. Das
finde ich Unsinn.« - »Wir können die Welt verändern.«
»Wir können den Unterschied machen.« »Eine andere
Welt ist möglich.« Chris sagt oft Sätze wie diese. Es sind
die Attac-Slogans. Gebote des gemeinsamen Glaubens.
Aber schnell wird mir klar, dass Chris sich nicht auf diese
Formeln beschränkt. Sie sind nicht mehr als sein Gerüst,
der Antrieb für seine Aktionen, für sein Engagement. So
grundsätzlich, wie er in seinen Parolen ist, so pragmatisch
ist er nämlich in seinem Handeln.
199
Als ich ihn zum ersten Mal traf, hatte er gerade eine
Aktion gegen die Privatisierung der Bahn mitorganisiert.
»Ich will, dass wir aus Themen einen Skandal machen,
der die Leute aufregt. Dafür muss man eine geschickte
Strategie finden.« Kletterer hatten sich vom Dach des glä-
sernen Berliner Hauptbahnhofs abgeseilt und ein Protest-
plakat entrollt. Die Aktion war teuer und aufwendig.
Während wir sprachen, bekam Chris einen Anruf. Der
Tagesspiegel hatte ein Bild der Aktion abgedruckt. Chris
war so euphorisiert, als hätte der Anrufer Rekordgewinne
vermeldet oder den erfolgreichen Verkauf eines Aktien-
pakets. Begeistert erzählte er mir von anderen Kampa-
gnen, die er geplant hatte. Von der gegen einen amerika-
nischen Genmaishersteller oder gegen die Preis- und
Lohndumpingpolitik des Discounters Lidl.
Mittlerweile haben wir das Kongresszentrum in Ros-
tock-Evershagen erreicht. Sagt Chris zumindest. Ich sehe
nur ein verlassenes Gebäude, das einmal eine Schule war.
»Convergence Center Rostock« steht auf einem Plakat.
Auf einem anderen: »Unser Haus könnt ihr zerstören,
aber nicht die Kraft, die es schuf.« Das Gebäude solle ab-
gerissen werden, erklärt Chris. Die Stadt Rostock habe es
den Globalisierungskritikern überlassen. An diesem Wo-
chenende werden hier knapp fünfhundert Konferenz-
teilnehmer versorgt. Es gibt nur ein paar notdürftig
hergerichtete Toiletten. Das Essen, wird mir erklärt, sei
»containert« - was ein Euphemismus für »aus dem Müll
geangelt« ist. Bin ich spießig, wenn ich das eklig finde?
Spätestens, als wir im Plenum sitzen, das in einer mit
Regenbogen verzierten Turnhalle abgehalten wird, fühle
ich mich, als hätte mich jemand in einen Dokumentarfilm
über linke Klischees hineingeschnitten. Vorn, zwischen
200
Handballtor und Basketballkorb, stellt sich nun schon die
siebte AG vor. Es gibt die Rechtshilfe-AG, die Camp-AG,
die Demo-AG, die Blockade-AG und ein Dutzend mehr.
Die Vorstellung läuft immer nach demselben Muster ab:
Einer aus der Gruppe trottet zum Mikro, informiert über
den Stand der Dinge, bittet um Mitarbeit und Spenden
und trottet wieder zurück. Chris wirkt gelangweilt. Er
scheint zu spüren, dass die Revolution gerade lahmt.
Ich habe die Chance, mich mit den fremden Verhal-
tensmustern vertraut zu machen. Ich lerne, dass man sich
hier in der Sprache um Geschlechterneutralität bemüht.
Das gesprochene große I ist Standard. Es heißt also: Teil-
nehmerInnen. AktivistInnen. SpenderInnen. »Nur bei
Tätern darf man die männliche Form wählen, weil Täter
stets Männer sind«, wird Tom mir später aus den Infor-
mationen der »antisexistischen Kontaktgruppe« vorlesen,
die auch in Rostock dabei ist. Ich lese, dass die interven-
tionistische Linke Mitorganisator ist, und stolpere über
Buchstabencodes, offenbar Abkürzungen irgendwelcher
Organisationen, von denen ich noch nie etwas gehört
habe. »Das ist die siebte Abspaltung der Abspaltung«, sagt
Chris' Freundin.
Als mir ganz langweiligwird, beginne ich, jeden Einzel-
nen in der Turnhalle zu mustern. Viele haben sich hinter
der taz oder der Jungle World verkrochen. »Kein Geld für
Krieg«, steht auf den Handgelenken, die umblättern. Es ist
der Eintrittsstempel. Ich sehe T-Shirts, auf die porn sucks
gedruckt wurde oder Block G8. Beim Thema Frisuren hat
sich seit meiner letzten Castor-Demo einiges getan. Statt
filziger Dreadlocks tragen die meisten die Haare nun kurz.
Nur am Hinterkopf lassen sie ein kleines Büschel wach-
sen. Wie beim Symposium der European Business School
201
'i
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,
....
scheint es auch hier klare Dresseodes zu geben - nur an-
dersherum. Wie zufällig lasse ich meine Jacke auf meine
Markensneaker fallen, um diese zu bedecken.
Chris wirkt ungeduldig. Schnell hat er das Gefühl, auf
dem Kongress seine Zeit zu vertrödeln. Ich begreife, dass
er das politische Engagement anders angeht als viele an-
dere hier. Es ist nicht sein Hobby. Es soll sein Beruf wer-
den. Deshalb sind ihm Marios Kriterien nicht völlig
fremd. Chris arbeitet viel, er sieht gern Ergebnisse. Er mag
es nicht, wenn Dinge völlig ineffizient organisiert sind.
über eineinhalb Jahre hat er sich in Wochenendsemina-
ren zum »Zukunftspiloten« ausbilden lassen. Er hat ge-
lernt, Kampagnen zu organisieren und Gespräche zu mo-
derieren. Er kennt die Grundsätze des Marketings und
des Fundraisings.
Er gehört jetzt zu einem Zirkel, den er »Karriere-Netz-
werk für junge aufstrebende Umweltbewegte« nennt. Und
im Gegensatz zu anderen Linken, die Berührungsängste
mit, wie sie sagen, »bürgerlichen Medien« haben, hat
Chris auch keine Probleme, sich und seine Ideen zu pro-
moten. Er hat der Zeit ein Interviewgegeben. Auf dem Ti-
telblatt des Szenemagazins blond wird der Bericht über
ihn gemeinsam mit dem über die Sängerin Sophie Ellis-
Baxter, die Schauspielerin Jessica Schwarz und den Re-
gisseur David Lynch angekündigt. Er war schon mehrfach
Gast einer Talksendung im Rundfunk BerUn Brandenburg,
und er war bei Frank Plasberg im WDR. Neunzig Minu-
ten stand er da im schwarzen Hemd bei »Hart, aber fair«
neben Klaus Töpfer, dem ehemaligen Umweltminister
und ehemaligen Leiter des Umweltprogramms der Ver-
einten Nationen, und Dagmar Wöhr!, der ehemaligen
Miss Germany, die für die CSU im Bundestag sitzt, unter
202
Angela Merkel zur parlamentarischen Staatssekretärin im
Wirtschaftsministerium berufen wurde und mit einem
Unternehmer verheiratet ist, der Anteile an Fluglinien be-
sitzt. Chris war in der Diskussion so etwas wie ein Alibi-
Jugendlicher. Er kam selten zu Wort. »Er könnte mein
Sohn sein«, sagte Klaus Töpfer gönnerhaft. Dagmar Wöhrl
verspottete ihn als naiven Jungen, der meint, mit Bahn-
fahren die Welt retten zu können. Chris war nervös,
parierte aber souverän. Er konnte sogar den Schlussgag
platzieren, als jeder in der Runde gefragt wurde, mit wem
er gern eine Runde auf dem Tandem drehen würde: »Ich
würde Frau Wöhrl mit aufs Tandem nehmen«, hatte er
gesagt. »Allerdings soll sie vorn sitzen. Ich glaube, man
muss sie ziemlich antreiben.« Es läuft gut. Aber das müsse
es auch, sagt Chris. Denn er will irgendwann davon leben.
Chris ist knapp dreihundert Kilometer westlich von
Rostock geboren, in Flensburg. Sein Vater ist gelernter
Kürschner, Pelzmacher also, und eher ein Konservativer.
Die Ökos haben ihm das Geschäft kaputt gemacht, sagt
Chris. »Ich bin also fern von jeglichen linken Bewegungen
aufgewachsen. Bei meiner ersten Kommunalwahl, als ich
sechzehn war, habe ich FDP gewählt. Die haben mir was
von Freiheit erzählt.« Mittlerweile Hinden seine Eltern
okay, was er tue, sagt er. Und solange es nicht anders geht,
zahlen sie ihm Geld, damit er Kampagnen machen und
Aktionen organisieren kann. »Meine Eltern sind großar-
tig«, sagt Chris. Aber er will nicht, dass sie ewig für ihn
zahlen.
Nun ist es aber so, dass die Zahl der anständig hono-
rierten Stellen in der politischen Linken begrenzt ist. Viel
Arbeit wird von unbezahlten Praktikanten erledigt. Und
um die paar Posten, die es gibt, wird durchaus mit Marios
203
,
J
Methoden gekämpft. »Ich befürchte. dass es auch in der
linken Szene eine gewisse Elite gibt. Das wird immer
schlimmer, weil die Voraussetzungen für solche Stellen
immer weiter hochgeschraubt werden.« Ein Bekannter
von ihm habe zwei Jahre lang bei der Naturschutzorgani-
sation BUND gearbeitet. Als er wegging. sei die Stelle neu
ausgeschrieben worden. »Plötzlich wurde verlangt, dass
es Leute sind, die mehrjährige Berufserfahrung haben,
Praktika gemacht haben, im Ausland waren, fließend
Englisch, Spanisch und Französisch sprechen, und das
war bei ihm damals überhaupt nicht so. Diese Kultur setzt
sich immer mehr durch.«
»Gibt es denn dann Karrieren in Nichtregierungsorga-
nisationen der Linken, genau wie es Wirtschaftskarrieren
gibt?«, frage ich.
»Genau. Und jetzt, wo ich darüber spreche, fällt mir
auf, dass das völlig absurd ist. Es ist so, dass es auch in der
Linken mittlerweile eine Leistungskultur gibt.«
Dieser Konkurrenz unter den Linken hat die Band
»Wir sind Helden« in ihrem letzten Album ein Lied ge-
widmet. Es erzählt von einem Hippiekind und einem
kleinen Punk, bereit, alles mit allen zu teilen. »Du pfeifst
und singst und fühlst dich frei«, singen die Helden, »da
zieht wer links an dir vorbei.« Die Konkurrenz schläft
nicht, verkünden sie im Refrain, auch nicht in der ver-
meintlich heilen linken Welt.
Gleichheit als Wert, sagt Chris, zähle doch gar nichts
mehr. Chancengleichheit würde manchmal noch als Poli-
tikziel formuliert, aber reale Gleichheit, diese Forderung
gelte als völlig weltfremd. Es scheint, als hätte auch die
Linke die Ellenbogen entdeckt. Zumindest, wenn es dar-
um geht, die Posten in den eigenen Reihen zu verteilen.
204
Das stört Chris, obwohl er davon profitiert. »Unangeneh-
merweise würde ich schon behaupten. dass ich in diesem
ganzen Kontext zur unteren Elite gehöre.« Es ist, als tue
ihm dieser Satz sofort leid. Er sei eher hochgestolpert,
schränkt Chris ein. »Ich habe mir das nicht alles selbst
erarbeitet«. sagt er, der in Attac so viele Stunden wie in
einen Vollzeitjob investiert. »Ich habe mich angestrengt,
aber vieles hat auch durch Beziehungen und Bekannt-
schaften geklappt. Also einfach, weil mich die richtigen
Leute unterstützt und gesagt haben: Den nehme ich mal
mit und zeige ihm, wie das geht.« Deshalb sitzt er nun in
Positionen. in denen er mehr entscheiden darf als andere.
»Ich würde es mir auf jeden Fall anders wünschen. Alle
Menschen sollten Elite sein. Man sollte Mechanismen fin-
den, die es allen ermöglichen, das Beste zu machen.«
Chris und seine Freunde. die mit ihm den Zukunftspi-
lotenkurs belegt haben, agieren in den Diskussionen. die
ich erlebe, anders als die meisten ihrer Mitstreiter. Sie
sind konzentrierter bei der Sache. Sie mühen sich. die De-
batte zu strukturieren. Sie versuchen, vorher Ziele festzu-
legen. Sie stellen Fragen wie: »Wollen wir eine Aufklä-
rungs- oder eine Druckkampagne planen?« oder »Wer ist
der Adressat unseres Boykotts?«. Sie haben einen eigenen
Code entwickelt, um Diskussionen zu straffen: Wenn sie
mit der Meinung eines Redners übereinstimmen, drehen
sie die nach oben gereckten Hände. Der Redner weiß
dann, dass dieser Punkt von den anderen akzeptiert wird.
Wenn einer ausschweift oder zu abstrakt ist. sagen sie:
»Ich möchte, dass du Ich-Botschaften formulierst.« Chris
weiß, dass dieses Verhalten auf Außenstehende seltsam
wirkt, für ihn ist es Teil einer »Professionalisierung«. Und
wenn die soziale Bewegung, als deren Teil er Attac sieht.
205
erfolgreich sein will, müsse sie professioneller werden,
sagt er.
Was er damit meint, erlebe ich nicht nur, als ich in der
Regenbogenturnhalle dem endlosen Plenum folge. Weil
Pünktlichsein vermutlich als von Faschisten hochgehal-
tene Tugend gilt, kommt in der ersten halben Stunde eines
Workshops, zu dem ich Chris begleite, im Schnitt jede Mi-
nute ein verspäteter Teilnehmer in den Raum. Ich sitze ne-
ben der Tür, die, weil das Schulgebäude ja nicht mehr be-
nutzt wird, nicht richtig schließt. Zehn, elf Mal versucht
jeder, die Tür zuzubekommen. Mal vorsichtig, mal mit
Gewalt. Ich habe keine Chance, dem Vortrag zu folgen.
Die jüngste Auflage des McPlanet-Umweltkongresses,
den Chris mitplant, fand in Berlin statt. Tausendfünf-
hundert Teilnehmer waren da. Für die Talkrunde zur
Primetime am Samstagabend hatten die Organisatoren
es geschafft, unter anderem den Bundesvorsitzenden der
Grünen, Reinhard Bütikofer, Sven Giegold von Attac, die
ehemalige Direktorin des Klimaprogramms des WWF,
Jennifer Morgan, und die taz-Journalistin Bettina Gaus
aufs Podium zu bekommen. Die Runde diskutierte dar-
über, ob eine Revolution nötig sei, um den Klimawande1
zu stoppen. Eine Stunde lang durften dann die Teilneh-
mer Fragen stellen. Wollten sie aber nicht. Sie wollten
Statements abgeben. Sie wollten loswerden, dass, wer die
Umwelt retten wolle, erst die Konzerne enteignen müsse.
Dass der Klimawandel endlich aus einer feministischen
Sicht zu diskutieren sei. Oder dass das Klima nur zu retten
sei, wenn man die Erdbevölkerung reduziere. Schnell war
klar, dass sich hier keine kraftvolle Protestbewegung sam-
meln wollte. Es war allenfalls eine verwirrende Freak-
show.
206
Hier in Rostock-Evershagen sollte es eigentlich darum
gehen, den Protest der verschiedenen Gruppierungen der
Linken gegen den G8-Gipfe1 in Heiligendamm zu koordi-
nieren und zu bündeln. Zu Chris' Workshop zum Thema
»Klima« sind allerdings nur vierzehn Teilnehmer gekom-
men. Zwei von ihnen gehen nach ein paar Minuten raus,
als ihnen auffällt, dass sie im falschen Raum sind. Weil
einer der Zuhörenden aus London kommt, schleppt sich
die Diskussion auf Englisch dahin. Chris erzählt, dass es
nach einem Protestkonzert in Rostock die Möglichkeit
gebe, vor Tausenden Menschen eine kurze Aktion gegen
den Klimawandel durchzuführen. Mit seinen nun noch
zwölf Mitdiskutanten versucht er, ein Konzept zu entwi-
ckeln. Nach einer Stunde ist klar, dass das schwierig wer-
den wird.
Deshalb gehe ich raus, durch den Flur, dorthin, wo die
Menge ist. Einer der Nebenräume ist so voll, dass die Luft
steht. Die Menschen sitzen auf dem Boden, drücken sich
an die Wände, quetschen sich in den Türrahmen. Aus-
löser des Massenandrangs ist die sogenannte Gewaltfrage.
Es geht darum, ob die Proteste friedlich bleiben müs-
sen. Ein Attac-Sprecher hatte sich in einem Interview mit
der taz von jeglicher Gewalt distanziert. Hier in Rostock
wurde zudem ein Flugblatt verteilt, das Chris und drei an-
dere Mitglieder des Koordinierungskreises unterzeichnet
haben. Auch sie verlangen, dass alles »Menschenmög-
liche« getan werden müsse, damit die Proteste gewaltfrei
bleiben. Den ganzen Tag schon sorgen diese Aussagen für
Aufregung. Seit zwei Stunden werden sie in diesem Raum
diskutiert.
Um die Debatte zu verstehen, muss ich das Schema,
'nach dem ich bislang die politische Landschaft ordnete,
207
I
......
neu denken. In diesem Raum steht Attac rechts außen.
Die Organisation sei zu autoritär, zu groß und verhandle
mit Politikern, die von vielen hier als illegitim bezeich-
net werden. Die taz, die das Interviewveröffentlichte, gilt
in diesem Kreis als reaktionäre, bürgerliche Zeitung.
Attac spalte mit der Absage an jede Gewalt die Bewegung,
heißt es. Attac verrate den gemeinsamen Kampf. Wenn
Attac militante Proteste schon nicht unterstützen wolle,
solle die Organisation zur »Gewaltfrage« wenigstens
schweigen. Die Debatte zieht sich hin. Die Redner disku-
tieren nicht miteinander, sondern reihen Monologe an-
einander. Ich weiß nicht, ob es eine Einigung geben kann,
ob sie überhaupt gewünscht ist oder ob nicht vielmehr
die Differenzen zelebriert werden sollen. Die Animositä-
ten zwischen Attac und den großen und kleinen Splitter-
gruppen scheinen im Moment zumindest wichtiger zu
sein als das Ziel, gemeinsam zu protestieren, zusammen
etwas zu erreichen.
Chris hatte gesagt, dass Debatten wie diese sehr viel
Energie kosten. Er meint, dass es in der Bewegung etliche
Leute gebe, die sich nicht freuen, wenn die Gesellschaft
weiter nach links rückt, sondern selbst schnell noch »lin-
ker« würden, aus »Angst, dass die Gesellschaft sie ein-
holt«, wie Chris sagt. Wenn Tage wie dieser in Rostock
ohne Resultate enden, stocken die Kampagnen, und
Chris' Bewegung verliert an Zeit und vermutlich auch an
Boden. Ich denke an Mario und die anderen Berater, de-
ren Religion die Effizienz ist. Ich denke an Bernd, den
Studentensprecher an der EBS, der von allen, mit denen
er zusammenarbeitet, »absolut hundertprozentigen Ein-
satz« fordert, der sagt: »Ich verlange von jedem, der me-
ckert, Leistung.« Und ich denke an die Schüler in Salem,
208
die schon jetzt in Leadership-Workshops für ihr Leben in
Führungspositionen trainieren.
Ich frage Chris, warum er sich das dennoch antut.
Warum er nicht versucht, seine politischen Ziele in einer
straffer organisierten Partei durchzusetzen. Er möge Par-
teien nicht, sagt er. Es sei ihm zuwider, dass Konzepte
oder Personen miteinander konkurrieren. Dass nur eine
Idee oder ein Kopf gewinnen könne. Dass nicht gemein-
sam nach Lösungen gesucht werde. Außerdem müsse
man sich in einer Partei hochdienen. »Und je entschei-
dungsbefugter man ist, desto weniger Spielraumhat man.
Ich glaube nicht, dass man in Parteien viel bewegen
kann.« Das Resultat seien dann Bundesregierungen wie
die amtierende. »Mittelmaß pur«, sagt Chris. Techno-
kraten und Beamte, keine klassischen politiker mehr.
die bereit seien, für Dinge zu kämpfen, die Menschen
mitzureißen.
»Aber ist es nicht schade, wenn die Parteien in einer
Demokratie so viele mittelmäßige Leute haben?«, frage
ich.
»Ja. stimmt schon.«
»Aber du willst das nicht rausreißen?«
»Nee. Warum soll ich mit diesen ganzen Mittelmäßi-
gen dasitzen? Ich fmde, dass unser Modell von Demokra-
tie überarbeitungsbedürftig ist. Die Menschen müssen
auch außerhalb von Parteien mitbestimmen können.
Zum Beispiel bei Volksentscheiden. Das finde ich sinnvol-
ler, als dass jetzt alle in die Parteien rennen.«
Deshalb wird Chris weiterhin Stunden, Tage, Monate
mit Diskussionen verbringen, an deren Ende hoffentlich
ein Konsens steht. Er wird den mühsamen Weg gehen und
hoffen, dass möglichst viele mitgehen. Auch wenn es
209
dann noch schwieriger wird, zu entscheiden, wohin. Und
er wird weiter mit den Widersprüchen leben, die jemand
aushalten muss, der in der linken Bewegung Karriere
macht. Er hat viel dafür getan, zur »unteren Elite« bei At-
tac zu gehören, in die entscheidenden Gremien zu kom-
men. Er will Verantwortung übernehmen. Er will mehr
tun als die meisten. Gleichzeitig sagt er inbrünstig: »Ich
möchte, dass es keine Elite mehr gibt, sondern nur noch
Masse. Die Masse kann man dann meinetwegen gern Elite
nennen.«
Ich habe große Zweifel, ob es Attac in diesem Ent-
scheidungstempo tatsächlich gelingen wird, ein ernstes
Gegengewicht zu Mario, Bernd und den anderen jungen
Leadern zu bilden. Mir fallt es wesentlich schwerer als
Chris, die teilweise offensichtlich fruchtlosen Debatten
als nötiges Mittel der Entscheidungsfindung zu akzeptie-
ren. Ich gehe raus auf eine Wiese, die vielleicht der Pau-
senplatz der Schüler war, als hier noch unterrichtet
wurde, und schaue mir den Rostocker Stadtteil Eversha-
gen an. Die Häuser sind etliche Stockwerke hoch. Damit
es nicht zu trist wirkt, sind sie bunt gestrichen. Manche
haben verspiegelte Fensterscheiben und sehen damit aus
wie gigantische Sonnenbrillentürme.
Auf der Suche nach Alternativen zum containerten Es-
sen laufe ich ein paar Meter zum Zentrum des Viertels.
Hier gibt es einen EDEKA-Markt, eine Bäckerei und einen
Parkplatz, auf dem ein kleiner Asia-Imbiss und ein paar
Bänke stehen. Zehn Männer sitzen hier und trinken ihr
Samstagnachmittagsbier. Die Flaschen unter der Bank
verraten, dass es vermutlich auch schon einige Mittags-
und Vormittagsgetränke gab. Die meisten aus der Gruppe
arbeiten, als Maler, als Monteure, sagen sie. Ich will wis-
210
sen, was sie davon halten, dass sich Chris und die anderen
hier treffen, teilweise über Wochen hier leben, um De-
monstrationen, Aktionen und Blockaden vorzubereiten.
»Zecken sind das«, sagt einer und zeigt auf ein paar Ju-
gendliche, die auf der Wiese sitzen. »Die sollte man zer-
quetschen.« Ein anderer schimpft: »Die hocken da und
verschwenden unsere Steuergelder.« Einer droht: »Das
wird hier noch ein zweites Lichtenhagen geben.«
Ich weiche zwei Schritte zurück. In Rostock-Lichten-
hagen hatten im Jahr 1992 ausländerfeindliche Anwohner
gemeinsam mit organisierten Neonazis tagelang Jagd auf
Asylbewerber gemacht. Nachdem diese in Sicherheit wa-
ren, zündete der Mob ein Wohnheim an, in dem über
hundertfünfzehn Vietnamesen und ein paar Journalisten
eingekesselt waren. Als sie sehen, dass ich gehen will, legt
mir einer der Männer seinen Arm um die Schulter. »Wir
sind doch auch gegen den Gipfel, nur anders«, sagt er.
Dann will er wissen: »Wie alt bist? Siebzehn, achtzehn?
Bist du noch zu haben?« - »Für euch nicht«, sage ich und
mache mich los. »Heil Hitler«, sagt da einer. Ich versuche,
schnell über die Wiese zu gehen, ohne zu rennen. Ich um-
runde die Schule und setze mich auf eine Bank in der
Sonne. Hinter mir ist ein Gitter, das einen FußballpIatz
einfasst, auf dem ein paar Jungs kicken. Immer wieder
schlägt der Ball auf Höhe meines Kopfes gegen den Zaun.
Ich drehe mich um. Auf dem Boden, versteckt unter einer
Jeansjacke, steht eine kleine Musikanlage. Der Sänger
grölt zur Melodie von »99 Luftballons«. Ich höre hin. Es
geht darum, »Kanaken« zu jagen. Im nächsten Titel sind
es Schwule, die gehetzt werden sollen.
Ich stehe auf - mit weichen Knien und wirren Gedan-
ken. Zwanzig Meter von der Bank und dem Fußballplatz
211
entfernt zerfleischen sich die Linken seit Stunden, debat-
tieren, ob die taz der Feind ist oder Attac. Umgeben ist die
linke Insel von der Evershagener Realität. Hitler-Freunde
auf der Bank vor dem EDEKA, Jungs, die rechte Hetz-
musik hören, auf dem Fußballplatz. Müsste man in der
Schule jetzt nicht eigentlich erkennen, dass man gemein-
same Ziele hat? Müsste man nicht rauskommen und sich
den rechten Meinungen entgegenstellen? Plötzlich er-
scheint mir alles so sinnlos.
Kurz nach Mitternacht bin ich wieder zurück in Ber-
lin. Bis zum frühen Morgen erzähle ich Tom und Theo
von Rostock. Von der verlassenen Hauptschule, den AGs
und den Nazis. »Sie ist ein bisschen verstört«, sagt Tom
denen, die am nächsten Tag Pläne fürs Wochenende ma-
chen wollen.
Einer der Männer, die vor EDEKA saßen, fuhr mir
später noch einmal mit dem Rad hinterher. Er wollte gern
über die Wende reden. Darüber, dass er den Westen
eigentlich mochte, weil ihm sein Onkel früher immer
Kaugummi aus Frankfurt am Main mitgebracht habe.
Aber es sei schnell klar geworden, dass es falsch war, an
den Westen zu glauben. Um ihn würde sich der Westen
nicht kümmern. Er gehöre zu den Verlierern, sagte er.
»Warum?«, wollte ich wissen. »Ich habe keine Heimat
mehr«, sagte er und war zurück in seiner irren rechten
Welt: »Wir haben den Krieg verloren. Seitdem haben wir
keine Heimat mehr.« Dann erzählte er mir noch, dass er
zwei Wochen später feiern wolle. »Am zwanzigsten. Da
wird Adolf hundertachtzehn.«
Die meisten Menschen, die ich bei meiner Recherche
traf, wollen den Wettbewerb um Leistung und Besitz ver-
schärfen. Sie wollen die potenziellen Gewinner fördern
212
und anspornen. Keiner von ihnen hat bestritten, dass es
dann auch mehr Verlierer geben wird. »Pech gehabt!«,
kommentierte dies Rektor Jahns von der EBS. »Um die,
die unverschuldet da reingerutscht sind, müssen wir uns
besser kümmern«, fand sein Student Bernd. Die Men-
schen, die nicht zum Wohl der Gesellschaft beitragen
wollten, obwohl sie es könnten, dürften allerdings vom
Staat auch nichts bekommen, fügte er hinzu. Die Inter-
nate wollen ein paar mehr Stipendien für die besonders
Klugen und Fleißigen unter den materiellen Verlierern or-
ganisieren. Und die Bayerische Elite-Akademie wird in ih-
rer Auswahl weiter darauf achten, dass auch die bisher Be-
nachteiligten ein paar Plätze bekommen. Das ist teilweise
sicherlich gut gemeint, teilweise absichtlich brutal. Aber
weder das eine noch das andere hat mich davon über-
zeugt, dass es denen, die unten stehen, besser gehen wird,
sobald die, die sich Elite nennen, mehr Einfluss haben.
Im Leben derer, die ich bisher traf, waren die Verlierer
hauptsächlich ein theoretisches Problem. Man weiß, dass
es andere schlechter haben, weil sie weniger können, we-
niger wollen, weniger besitzen. Aber Salem, Westerham
und Neubeuern sind Hunderte Kilometer von Rostock-
Evershagen entfernt. Hier gibt es keine Villa Ritz für die
Kleinsten, keine Internate für die Mittleren, keine Elite-
Akademie für die Großen. Hier gibt es manche Vorbilder,
die Schwachsinn reden, und Samstage, die in Bier er-
tränkt werden. 6,5 Millionen Deutsche leben einer Studie
der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge am unteren Rand.
Sie haben wenig Geld, sind meist arbeitslos, haben wenig
Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen
wird, und sie neigen zu radikalen politischen positionen.
Sie sind abgehängt. Unterschicht eben.
213
An den unterschiedlichsten Stationen meiner Elite-
Recherche empörten sich meist wohlhabende junge Men-
schen über die »deutsche Gleichmacherei«, als wäre sie
eine nationale Krankheit, eine Lähmung, Quell von Neid
und Missgunst. Sie saßen in Schlössern, als sie über die
Gleichmacherei schimpften, tippten ihre Kritik in ihr
Reiche-Kinder-Internet-Forum oder verkündeten sie auf
Karriere-Messen, wo ihnen Monatslöhne geboten wur-
den, die den Betrag, den ein Hartz-IV-Empfänger im Jahr
bekommt, übertrafen.
Das Gerede von der »deutschen Gleichmacherei« ist in
meinen Augen vollkommen absurd. Falls es diese Gleich-
macherei je gegeben haben sollte, ist sie schon lange
Vergangenheit. Vielleicht sollte der Elitenachwuchs mal
einen Ausflug nach Evershagen machen oder nach Wat-
tenscheid in die dortige Förderschule. Kein Kind dieser
Schule hat in den vergangenen Jahren einen AusbUdungs-
platz erhalten. Die Schule bereitet sie auf ein Leben mit
Hartz IV vor, von Anfang an. »Illusorisch«, sagen die
Lehrer, wenn diese Kinder von ihren Berufswünschen
erzählen. Und dabei träumt keines der Kinder davon, In-
vestmentbanker oder Unternehmensberater zu werden,
sondern allenfalls Verkäuferin im Kaufland. »So konnte
aus der einst nivellierten Mittelstandsgesellschaft ein Land
der scharfen Gegensätze werden«, schreibt der Spiegel im
Dezember 2006.
Die Deutschen sind reich, auf 7,5 BUlionen Euro wird
ihr Nettovermögen geschätzt. Aber die Hälfte dieses
Reichtums gehört ganz wenigen, nämlich den obersten
zehn Prozent der Bevölkerung. Im Schnitt bringt es ein
Haushalt in dieser Oberschicht auf ein Vermögen von
850000 Euro. Genug Geld, um den Nachwuchs in schicke
214
Kindergärten oder zu Privatunis zu schicken. Das Deut-
sche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass
das untere Zehntel der Bevölkerung in den letzten zehn
Jahren fünf Prozent seines Anteils am Gesamtvermö-
gen verloren hat, in Ostdeutschland beträgt der Verlust
sogar 14 Prozent. Gleichmacherei. Dieser Vorwurf geht
an der Realität vorbei.
»Deutschland wird zum Land der Extreme«, schreibt
der Spiegel. »Der Modehersteller Hugo Boss will eine Kol-
lektion für Kinder zwischen zwei und zwölf auflegen;
zugleich eröffnet an fast jedem Werktag eine neue Filiale
des Textildiscounters KiK, wo es Five-Pocket-Jeans für
Heranwachsende schon ab 4,99 gibt.« Und kaum einer
im Land fordert diese »Gleichmacherei«, vor der sich die
zukünftige Elite so fürchtet. Die Mehrheit der Deutschen
hat nichts dagegen, dass der, der mehr leistet, auch mehr
hat. Die meisten halten diese Formel für richtig. Sie ist
Motivation und Belohnung zugleich. Wenn also der, der
als Kind Discounter-Jeans trägt, gute Chancen hat, den
Weg nach oben zu schaffen, falls er klug und fleißig ist,
ist es für einen Großteil der Menschen akzeptabel, dass
nicht jeder im selben Laden kaufen kann. Aber hat er diese
Chancen?
Anfang 2007 waren nach Angabe des ARD-Deutsch-
landtrends zwei Drittel der Deutschen der Auffassung,
dass es im Land alles in allem eher ungerecht zugehe. Sie
trauten dem Versprechen nicht, dass allein Anstrengung
und Können bei der Verteilung des WoWstands entschei-
dend sind. Und nach allem, was ich gesehen habe, glaube
ich, dass sie recht haben. Deutschland ist undurchlässig,
stellen Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen fest. In
keinem anderen Land entscheidet die Herkunft so sehr
215
über den schulischen Erfolg. Nirgendwo sonst in Europa
ist es für Menschen, die einen Job im Niedriglohnsektor
haben, so schwer wie hier, eine besser bezahlte Stelle zu
finden.
Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es
selbstverständlich, dass seine Schüler trotz schlechterer
Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein,
wie er sagte, »I,O-Abiturient von einem staatlichen Gym-
nasium«. Chris, der Globalisierungskritiker, meinte, dass
es auch in der linken Szene diese Elite gebe, dass es Kinder
aus gutem Hause auch hier leichter hätten, weil sie souve-
rän im Auftreten seien, weil sie wüssten, wie das Spiel
funktioniere. An der Elite-Akademie, in den Internaten,
an den privaten Hochschulen preisen sie ihre Absol-
ventennetzwerke. Es sind liberale Nachfolger der immer
noch vielfach stramm rechten Burschenschaften, aber sie
funktionieren nach demselben Prinzip: Man kreiert eine
Gemeinschaft, einen Corpsgeist, und knüpft Seilschaften,
die ein Leben lang halten. Was den Burschenschaftlern
ihre »Alten Herren« sind, sind den Netzwerkern die
Alumni: Karrierekatalysatoren, die helfen, dass Einfluss
und Posten im Netzwerk, also in der Familie bleiben. Ma-
ria, die Maximilianeerin, hatte verwundert festgestellt:
»Wir sind viele Lehrer- und Professorenkinder.« Unter-
nehmerkinder, Ärztekinder, Anwaltskinder, könnte ich
noch hinzufügen. Die Menschen, die ich traf, kamen aus
ähnlichen Elternhäusern. Echte Aufsteiger wie Aadish
waren die absolute Ausnahme. Aber auch seine Eltern
waren Akademiker, als sie noch im Iran lebten.
»Dadurch, dass die Gesellschaft derart auseinander-
reißt, entwickelt sich bei den oberen Prozent eine Welt,
die mit dem Rest gar nichts mehr zu tun hat«, sagt Elite-
216
forscher Hartmann. »Das wird verstärkt durch Privat-
schulen oder auch die Selektion an den Unis. Das wird
richtig gepflegt, und die Leute denken in solchen Katego-
rien, und sowohl materiell als auch ideologisch entsteht
da eine homogene Oberschicht, eine herrschende Klasse,
wie es sie hier so lange nicht gegeben hat.«
In Deutschland gibt es offenbar tatsächlich die Gren-
zen, die Mario in Griechenland so eifrig beschworen
hatte. Hier die Gewinner, dort die Verlierer. Hier die, die
entscheiden, dort die, über die verfügt wird. Hier die
Elite, dort die Masse. Leistung und Talent spielen bei die-
ser Aufteilung sicher eine Rolle. Aber nicht die entschei-
dende. Denn aufgeteilt wird immer früher. Wenn sich
schon im Kindergarten die Wege gabeln, wenn es richtige
und falsche Schulen, anerkannte, aber teure Privatuni-
versitäten und belächelte Reste-Universitäten gibt, wer-
den wir wohl bald tatsächlich wieder Eliten haben. Eli-
ten, die ab der Geburt gepäppelt werden, deren Eltern
alles tun, damit das Elitelabel so früh wie möglich auf der
Stirn des Nachwuchses haftet und nie wieder verloren
geht. Wie rasant diese Entwicklung abläuft, hat mich
vollkommen überrascht. Ich, mit meiner Kleinstadt- und
Ruhrgebietserziehung, war wohl zu naiv, um darauf ge-
fasst zu sein, wie deutlich sich der Bildungsweg für einige
Privilegierte mittlerweile von dem der Masse unterschei-
det, wie früh die Netzwerke geknüpft werden, die dafür
sorgen, dass bestimmte Kinder immer weich fallen wer-
den. »Das sind ja fast amerikanische Verhältnisse«, sag-
ten manche, denen ich davon erzählte. »Ja, genau«, habe
ich dann immer gesagt, obwohl ich noch nie in den USA
war.
217
LOOKING FOR HARVARD
Amerikanische Verhältnisse. Zweiklassengesellschaft. Gute
Bildung für Reiche, eine Restbildung für den Rest. Ist das
unser Ziel?, frage ich mich, als meine Gedanken schlag-
artig stocken. Ich werde tiefer in den Sitz gepresst, klam-
mere mich an den Armlehnen fest und starre aus dem
Fenster. Die Air-France-Maschine schlingert beim Start
in Paris. In acht Stunden und fünfzehn Minuten soll sie in
New York landen, meinem Zwischenstopp in Richtung
Harvard. Es ist der letzte Versuch, doch noch eine schlüs-
sige Antwort auf meine Frage »Was heißt >Elite<?« zu fin-
den. Ich will meine Recherche nicht beenden, ohne im
Mekka der Eliten gewesen zu sein. Harvard sei der »Gold-
Standard der Bildungsindustrie«, schwärmt ein amerika-
nischer Marketing-Profi in der Süddeutschen Zeitung, der
Maßstab, den die bemühen, die zu den Besten gehören
wollen. Das Manipal Institute of Technology wirbt, es sei
das Harvard ofIndia, eine Universität in Israel tauft sich
Harvard ofHaredin, rund fünfzig US-amerikanische Uni-
versitäten sagen von sich, sie seien das Harvard des Wes-
tens, Nordens oder Südens. Die San Francisco Academy
for Dog Trainers meint, das »Harvard der Hundeschulen«
zu sein, und ein Yoga-Center in Colorado sieht sich als
»Harvard der Pilates-Lehrer-Ausbildung«. Werden die
US-Amerikaner gefragt, welche Marke weltweit das
größte Vertrauen genießt, antworten sie nicht Microsoft,
nicht Coca-Cola, nicht Disney, sondern Harvard. Har-
vard ist also Elite. Deshalb nehme ich in Manhattan den
Bus nach Boston, quartiere mich in einem Hostel ein und
gehe abends wieder und wieder meine Fragen durch, die
ich denen, die die Herzkammer der Elite von innen ken-
218
nen, stellen möchte. Ich bin mit einigen Deutschen verab-
redet, die in Harvard Politik studieren. Wenn es jeman-
den gibt, der mir doch noch das Prinzip »Elite« erklären
kann, denke ich, dann sie.
Am nächsten Morgen bin ich viel zu früh dran. Ich habe
eine Schale Haferschleim heruntergewürgt, mich mehr-
mals verlaufen und sitze nun in einer grauen, langsamen
und überfüllten U-Bahn, die mich hoffentlich zur elitärs-
ten aller Elite-Universitäten, zur einflussreichsten, be-
rühmtesten und mit 26 Milliarden Dollar Stiftungskapital
reichsten Uni von allen fahren wird. Ich fühle mich fremd
und denke an das, was mich in meinen ersten Stunden
in den USA am meisten irritiert hat: Ich habe Dutzende
Frauen gesehen, die Babys in Bugaboo-Buggys durch Parks
schoben. Oder auf Bänken saßen, während die etwas grö-
ßeren Kinder auf dem Spielplatz tobten. Oder vor den
schicken Privatschulen warteten, als die Großen um drei
Uhr in ihren Uniformen aus den Gebäuden strömten.
Beim ersten dieser Paare habe ich noch staunend und et-
was verschämt in den Kinderwagen geschielt. Beim zwei-
ten begann ich zu grübeln. Beim dritten hatte ich begrif-
fen: Während die Haut der Kleinen stets weiß oder zartrosa
ist, ist die der Nanny, die sich um das Kind kümmert, dun-
kel, meist schwarz. Die zweite Klasse, die in den USA of-
fensichtlich an ihrer Hautfarbe zu erkennen ist, betreut die
Kinder der Upperclass. Das müssen sie sein, die amerika-
nischen Verhältnisse, denke ich, als der Zug stoppt.
Ich bin da. »Harvard« heißt die U-Bahn-Station, zehn
Minuten von der Bostoner Innenstadt entfernt, auf der
anderen Seite des breiten Charles River. Zu dessen Ufer
müssen es laut Stadtplan nur wenige Meter sein, und dort
will ich hin. Wo die amerikanische Flagge vor einem Bil-
219
dungstempel weht. Wo die Ruderboote von synchronen
Schlägen der Studenten durchs Wasser gepeitscht werden.
Wo Studenten, die vor alten Herrenhäusern sitzen, durch
nichts in ihrer Lektüre gestört werden als durch das leise
Knirschen der Schritte ihrer Kommilitonen im Kies. Wo
Spaziergänger von John F. Kennedys Mahnung begrüßt
werden: And so, my fellow Americans: ask not what your
country can do for you - ask what you can do for your coun-
try. Ich suche das Harvard, das ich aus Büchern, Filmen
und von Fotos kenne.
Aber ich finde es nicht. Ich lese Namen auf Straßen-
schildern, die ich noch nie gehört habe. Berkeley Street.
Waterhouse Street, Garden Street. Fieberhaft versucht
mein Gehirn, einen Schnipsel Wirklichkeit zu erhaschen,
der sich mit den Bildern im Kopf deckt. Ich sehe normale
Straßen, normale Häuser, normale junge Menschen in
Jeans, Shirts und Flipflops, den Pappbecher mit dem
Morgen-Cappuccino in der Hand. Keiner trägt den brei-
ten, leicht gewölbten Harvard-Schriftzug auf der Brust,
den ich von in die Welt verkauften Sweatshirts und Kap-
pen kenne. Das hier kann nicht Harvard sein. »Sorry«,
wende ich mich an den nächsten Cappuccino-Trinker,
»I'm lookingfor Harvard. Can you help me?«
Wir starren uns ungläubig an. Er, weil er signalisiert:
Das ist hier. Ich, weil ich denke: Das kann nicht sein. Aber
er bleibt dabei: Einmal links und dann die Straße runter.
Und natürlich hat er recht. Harvard ist groß. Es gibt den
Klischee-Campus mit roten Backsteinbauten, der stolz
gehissten US-Flagge und einer Bibliothek, deren Eingang
von Säulen umrahmt wird. Es gibt aber ebenso den Be-
tonbau der Naturwissenschaften, der so hässlich ist, dass
er auch auf unserem Dortmunder Bausünden-Campus
220
m
nicht weiter aufgefallen wäre. Und es gibt, einmal links
und dann die Straße runter, die John F. Kennedy School of
Government. ein funktionales, aber nicht weiter aufre-
gendes Gebäude aus den siebziger Jahren. Hier studieren
die Deutschen.
45620 Dollar kosten Studienjahr und Wohnheimplatz
in Harvard normalerweise. Oliver. Mare, Thomas, Lars,
Matthias und Christina müssen die Gebühren nicht be-
zahlen und bekommen zudem einen monatlichen Unter-
halt von 1650 Dollar. Davon müssen sie zwar ein Zimmer
mieten. Aber das, was bleibt, reicht zum Leben. Das Geld
zahlt ihnen ein Finanzierungskonsortium, zu dem unter
anderem Harvard, das Bundeswirtschaftsministerium,
der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die
Haniel Stiftung eines Duisburger Konzerns gehören. Die
sechs Deutschen sind McCloy-Stipendiaten.
John Jay McCloy wurde 1949 von den USA als »Hoher
Kommissar« nach Deutschland geschickt. Er setzte sich
für den Marshallplan und Deutschlands Wiedergeburt
auf internationaler Bühne ein. Er war einer. der beide
Länder verband. Das soll auch ihnen einmal gelingen. den
»McCloys«, wie die deutschen Stipendiaten in Harvard
genannt werden. Preparing leaders for service to democra-
tic societies - »Führungskräfte rur den Dienst an demo-
kratischen Gesellschaften auszubilden«, das ist der nicht
gerade bescheidene Auftrag. dem sich die John F. Kennedy
School verschrieben hat. Die Deutschen werden geför-
dert, um sich hier den letzten Schliff rur ihre Karrieren als
Führungskräfte im öffentlichen Sektor, also dem Staat, zu
holen.
Hier, da bin ich sicher, werde ich eine junge Elite fin-
den, die den Staat gestalten, die dem Gemeinwohl, nicht
221
der Wirtschaft dienen will. die in Verwaltungen. Ministe-
rien oder der politischen Exekutive das umsetzen wird.
was sie hier. an Amerikas edelster Uni. gelernt hat. Eine
Elite. die sich vielleicht als Gegengewicht zu den Absol-
venten der EBS. zu den Investmentbankern und Beratern
sieht. quasi als Anwalt der Allgemeinheit. Eine Elite, die
mir hoffentlich erklären wird. dass es ihr Ziel ist. für an-
dere zu arbeiten. am großen Ganzen zu feilen. nicht nur
am eigenen Kontostand und dem einer Firma.
Getränkt mit so viel süffigem Pathos schreite ich ins
Forum der JFK-School. Dort sitzen sie. The Chosen. die
Auserwählten. die den Sprung nach Harvard geschafft ha-
ben. Sie sind Ende zwanzig. haben aber schon so prall ge-
füllte Lebensläufe. dass ich mich frage: Wann haben sie das
alles geschafft? Lars zum Beispiel. der dünne Blonde. der
im Gespräch am meisten reden wird. hat nicht nur Wirt-
schaftsgeografie. Politik und Volkswirtschaft studiert,
sondern auch schon bei zwei großen Beratungsfirmen.
der luxemburgischen Regierung. der Bertelsmann-Stif-
tung. dem Aspen-Institut und dem deutschen Außen-
ministerium gearbeitet. Oder Oliver. der Jahrgangsspre-
cher: Er hat in Bremen. Spanien. Brasilien und Uruguay
studiert. Dort hat er bei der Mercosur gearbeitet. der süd-
amerikanischen EU. Bei der richtigen EU in Brüssel war
er auch. Außerdem bei einer NGO in Indien und einer
Entwicklungshilfeorganisation im Südpazifik. Im Som-
mer will er zu einer Abenteuerreise aufbrechen und mit
Bus und Bahn von Deutschland nach China reisen. Lars
ist einunddreißig. Oliver gerade erst vierundzwanzig. Hut
ab. denke ich und freue mich auf ihre Visionen.
»Was wollt ihr ändern? Wo wollt ihr hin? Politik.
Ministerien. diplomatischer Dienst?«. frage ich.
222
»Unternehmensberatung«, sagt Oliver. Lars will eine
Politikberatung gründen. Bei vielen ihrer Mitstudenten
sehe es ähnlich aus: McKinsey und die anderen großen
Beraternamen stünden in den Charts der Arbeitgeber ganz
oben. Ihr Jahrgang sei da keine Ausnahme. sagt Oliver.
»Wenn man sich die Alumni-Listen anschaut, ist es ganz
klar so. dass unheimlich viele Leute in den Privatsektor
gehen und auch dort bleiben.«
Könnte man Gefühle hören, so gäbe es jetzt einen
dumpfen Knall. Die Pathosblasen, die auf dem Weg hier-
her immer dicker geworden sind. sind zerplatzt. Eine bei
dem Wort »Berater«. eine bei »keine Ausnahme«. eine bei
»Privatsektor«. Peng. peng. peng.
Der öffentliche Sektor mache es einem nicht leicht.
sagen sie. Während die großen Beratungsfirmen Topab-
solventen hofierten und mit astronomischen Gehältern
würben. müssten auch die Harvard-Studenten für eine
Karriere in den Ministerien - wie alle in der langen
Schlange, die durch das streng formalisierte Auswahlver-
fahren wollten - anstehen. Und dort würden dann eben
Juristen mit einem »Standardlebenslauf« bevorzugt. kla-
gen sie. »Die Leute. die diesen Standardlebenslauf nicht
haben. weil sie im Ausland waren. vielleicht auch. weil
sie etwas anderes gemacht haben. vorher in der Wirt-
schaft waren. die stören ja ein bissehen, die könnten ja
die eingespielten Prozesse verändern wollen«. sagt eine
Studentin.
»Und warum nicht in die Politik?«. frage ich.
»Wäre für mich denkbar gewesen«. sagt Oliver. »Aber
meine Schwierigkeit ist. auch wenn sich das nach Ent-
schuldigung anhört. dass das System in Deutschland ein-
fach so ist. dass eine Auszeit von zwei Jahren nicht gerade
223
förderlich für einen Aufstieg in einer Partei ist. Es gibt
hier ein paar Beispiele von Leuten, die vor der Entschei-
dung standen: weiter in der Partei aufsteigen oder nach
Harvard gehen. Es ist nicht so, dass das hier in Deutsch-
land als Sprungbrett zu einer politischen Karriere angese-
hen wird.«
Plötzlich sehe ich Mario und seine Kollegen von
McKinsey vor mir. Sie halten überdimensionale Sauger in
der Hand und positionieren sich vor allen Unis, Schulen
und Akademien, an denen man die junge Elite vermuten
könnte. Dann saugen sie die Talente ab und speisen mit ih-
nen ihren hochtourig laufenden Apparat. Ein Parallelsys-
tem der neuen Mächtigen, gegen das verstaubte Organisa-
tionsformen wie Staat oder Wissenschaft keine Chance zu
haben scheinen. Es mag nach Verschwörungstheorie klin-
gen, aber an allen Orten, die ich während meiner Recher-
che besuchte, hieß es: McKinsey und Co. waren schon da.
Manche der jungen Talente sträuben sich, manche suchen
nach anderen Wegen, aber letztlich unterschreiben die
meisten doch. Vielleicht hat Mario recht. Keiner scheint
die junge Elite so zu faszinieren und zu dominieren wie die
Beratungen. Sie bieten viel Geld, eine spannende Arbeit
und jedem ein bissehen Macht. Denn er darf mitentschei-
den, wie das Arbeitsleben anderer weitergeht.
Als ich mich bei McKinsey beworben hatte, war ich
überrascht, wie intensiv die großen Beratungsfirmen in-
zwischen mit dem Staat zusammenarbeiten. Dass die Be-
rater in den Vorstandsetagen der Dax-Unternehmen ein
und aus gehen, war mir klar. Dass sie aber auch vorschla-
gen, wie die Bundesagentur für Arbeit oder die Bundes-
w ~ h r auszusehen haben, dass sie Konzepte entwickeln,
WIe man U' 't" d
mverSI aten 0 er Krankenhäuser straffer orga-
224
nisieren kann, war mir neu. 1,4 Milliarden Euro zahlte der
Staat den Beratern nach Angaben der Branche im Jahr
2006. 1,4 Milliarden dafür, dass sie anstelle von Politikern
und Verwaltungen Konzepte dafür entwickeln, wie unser
Leben aussehen soll. Wenn das so weitergeht, wäre es viel-
leicht ehrlicher, bei Wahlen die Konzepte von McKinsey
oder Berger zur Abstimmung zu geben statt der Pro-
gramme von CDU oder SPD. »Wir bleiben nur zwei, drei
Jahre dort«, sagten die meisten der Schüler und Studen-
ten, mit denen ich über ihre Karriere als Berater sprach.
Aber selbst wenn das stimmt, sind die Beratungen die
Einheitsschule der zukünftigen jungen Elite.
»Man müsste den Begriff >soziale Gerechtigkeit< aus
allen Diskussionen, auch aus der über Elite, erst einmal
rauslassen«, reißt mich Lars, der zukünftige Politikbera-
ter, aus meinen Gedanken. »Nicht weil man sagt, es ist uns
egal, was passiert, sondern weil diese Phobie, vor allem,
was die Egalität gefährdet, im Grunde genommen ein
Mittelmaß schafft und uns die Möglichkeit nimmt, Dinge
zu verbessern.«
Es gibt einen in der Runde, der mehrmals »aber« sagt-
als die anderen Harvard-Stipendiaten über die deutschen
Universitäten schimpfen, als sie fordern, es müsse we-
sentlich verschulter werden, nur so könne man das Drit-
tel unter den deutschen Studenten, die »absolut nicht
studierfähig« und dazu noch ziemlich faul seien, aussor-
tieren. Als sie die Einführung von Studiengebühren ver-
langen, damit alle Bildung als »Investment in sich selbst«
erkennen.
Matthias heißt der »Aber«-Sager. Gelbes T-Shirt, Fünf-
tagebart, lange Haare. »Das sieht man ja, dass ich eher
linke Ansichten habe«, meint er. Er bleibt, als die anderen
225
längst in Richtung Seminar verschwunden sind, und er-
zählt von seinem Projekt in Indien. Er will dort ein Mi-
krokreditinstitut für Wohnungsbau mitentwickeln. Die
Ärmsten könnten dort Kleinstbeträge leihen, um sich
würdigen Wohnraum zu leisten. Schon jetzt pendelt Mat-
thias zwischen Harvard und Ahmedabad im Westen In-
diens hin und her. »Noch einmal zu den Beratern«, sagt
er. »Es ist nicht so, als hätten sich hier alle auf Dutzende
Stellen in den Ministerien beworben und sähen keine an-
dere Möglichkeit, als zu den Beratungsfirmen zu gehen.
Viele bekommen eine Absage vom Staat und denken
dann: Das Geld, das die Beratungen zahlen, ist auch nicht
schlecht.«
»Aber macht das Stipendium, das viel Geld, auch
staatliches Geld, kostet, dann überhaupt Sinn, wenn am
Ende doch alle zu Beratungen gehen und eben nicht beim
Staat arbeiten?«, frage ich.
»Es gab unter den Studenten Diskussionen«, sagt Mat-
thias, »sehr lange Diskussionen. Es ging darum, ob sich
die Absolventen verpflichten sollten, eine Zeit lang im öf-
fentlichen Sektor zu arbeiten. Oder ob diejenigen, die in
die private Wirtschaft gehen und deshalb sehr viel Geld
verdienen, einen Teil ihres Stipendiums zurückzahlen
sollten. Für diese Vorschläge gab es keine Mehrheit. Die
meisten Studenten wollten das nicht. Leider.«
Um sechs Uhr morgens landet die Boeing 777 in Paris.
Ich bin zurück aus den amerikanischen Verhältnissen, de-
nen die deutschen Verhältnisse immer ähnlicher werden.
Vier Tage hat meine Reise ins Mekka der Eliten gedauert.
Ich bin geflogen, stundenlang Bus gefahren, durch Har-
vard geirrt, um vielleicht doch noch neue, kluge Antwor-
ten auf meine Fragen zu hören. In meinem Rucksack habe
226
ich zwei Stunden Interview auf Band, dreiundzwanzig
eng betippte Seiten. Aber eine andere Elite, ein Gegenge-
wicht zu dem bislang Gehörten, habe ich nicht gefunden.
Stattdessen die immer gleichen Antworten: der Wunsch
nach einer Förderung der Eliten. Das Bekenntnis zu Leis-
tung, Ehrgeiz und Fleiß, gepaart mit einer mitleidlosen
Missachtung für die, die nicht ähnlich erfolgreich sind,
vielleicht sogar scheitern. Wie die »faulen« deutschen
Dauerstudenten zum Beispiel.
Im Interview hatten die Studenten erzählt, dass das
Faszinierende an Harvard sei, mit welch großem Einsatz
alle an ihren exzellenten Kontaktnetzen knüpfen würden.
Die akademische Qualität der Seminare sei nicht unbe-
dingt besser als in Deutschland. Aber jeden Abend seien
hochkarätige Gäste da. Der französische Premier, Made-
leine Albright, Joschka Fischer. Manchmal konkurrieren
mehrere Nobelpreisträger um ihr publikum. Man würde
in Harvard schnell begreifen, sagen sie, wie wertvoll Ver-
netzung sei. Und auch sie würden inzwischen eifrig
knüpfen.
Auch diesen Gedanken habe ich schon mehrmals ge-
hört. In Neubeuern und Salem, wo die Abiturienten dicke
Bücher mit wertvollen Adressen in die Hand gedrückt be-
kommen und ein Anruf den Einstieg in den Beruferleich-
tert. An der EBS und der Elite-Akademie, wo an funktio-
nierenden Absolventen-Netzwerken gearbeitet wird. Und
sogar von Chris, der meinte, dass es mittlerweile auch
Karrierenetzwerke für junge Linke gebe. Elite heißt Ver-
netzung. Ein Netz, das die, die dazugehören, auffängt und
die, die außen stehen, abhält. Die amerikanische Century
Foundation hat kürzlich die Studentenschaft der berühm-
testen US-Unis untersucht. Nur drei Prozent der Erstse-
227
,." ~ , -
mester kommen aus Familien, die zum ärmsten Viertel
der Bevölkerung gehören. 74 Prozent der Studenten sind
Kinder derer, die das reichste Viertel ausmachen. Dass
dieses Ergebnis nicht nur damit zu tun hat, dass Kinder
reicher Eltern bessere Schulen besuchen und besser geför-
dert werden, hat der Journalist und Pulitzerpreisträger
Daniel Golden beschrieben. 2006 veröffentlichte er sein
Buch The Price ofAdmission - »Der Preis der Zulassung«.
Untertitel: »Wie sich Amerikas herrschende Klasse in die
Elite-Colleges einkauft und wer draußen bleiben muss.«
Das Buch sorgte in den USA für heftige Debatten,
konnte Golden doch nachweisen, dass der amerikanische
Aufsteigermythos mit der Realität an den großen Univer-
sitäten nicht mehr viel zu tun hat. Seine aufwendige Re-
cherche zeigt, dass die berühmten Colleges, von Harvard
über Princeton bis Yale, bei der Auswahl ihrer Studenten
mindestens genauso auf den Reichtum und die Macht der
Eltern achten wie auf die Noten und Testergebnisse der
Schüler. So hat Harvard zum Beispiel den Sohn des ehe-
maligen Vizepräsidenten und heutigen Klimaschutzhel-
den und Nobelpreisträgers Al Gore angenommen, o b ~
wohl er schlechte Noten hatte. Im gleichen Jahr hat die
Uni einen asiatischstämmigen Studenten mit brillanten
Zeugnissen und einem exzellenten Lebenslauf abgelehnt.
Er war unhooked, wie es in der College-Sprache heißt.
stammte also nicht aus einer wohlhabenden Familie.
Golden belegt, dass die Aufnahmebüros in Harvard,
Duke und Co. bei Kindern von treuen Geldgebern, von
Absolventen der Unis, von Berühmten und Mächtigen
beide Augen zudrücken, dass sie Stipendien für Polospie-
ler, Golfer und Dressurreiter einrichten, während gleich-
zeitig die Förderprogramme für talentierte Basketballer
228
oder Läufer zusammengestrichen werden. So, meint Gol-
den, würden die Unis immer reicher und weißer. Das Ti-
cket für Harvard werde vererbt wie eine Firma, ein Pfer-
destall oder ein Fuhrpark. Die Elite versorgt ihre Kinder
mit den Abschlüssen der Elite-Unis, die nötig sind, damit
sie das Erbe ihrer Eltern antreten können. So bleibt man
unter sich. Ein Feudalsystem. das ohne die plumpen Me-
thoden seines geschichtlichen Vorgängers auskommt. Ein
Feudalsystem, an dem, wie mir meine Recherche gezeigt
hat, auch deutsche Privatschulen und -Universitäten bas-
teln. In der jüngsten PISA-Studie landeten die USA in
puncto Chancengleichheit vor Deutschland. Es gibt also
keinerlei Gründe, über das ach so ungerechte amerikani-
sche Zweiklassensystem zu spotten.
Dem nächsten meiner Freunde. der sagt: »Das sind ja
amerikanische Verhältnisse«, wenn ich ihm von meiner
Reise zur Oberschicht erzähle. werde ich nun guten Ge-
wissens erwidern: »Streich das >amerikanisch<. Es sind die
Verhältnisse.«
DIE ELITE FEIERT
Es ist kurz nach Mitternacht. Gleich wird es ernst. Ich
stehe vorm Spiegel und teste zum dritten Mal, welches
Paar Schuhe zu meinem gerade gekauften kurzen schwar-
zen Kleid passt. Noch etwas steif halte ich mich an der
kleinen, mit glänzenden Steinen besetzten Handtasche
fest, die mir eine Freundin geliehen hat. Meine Lippen
sind tiefrot. Zu rot? Das würde ich jetzt gern meinen
Freund fragen, doch der rennt seit einer Stunde zwischen
seinem Zimmer und dem Bad hin und her. Tom zieht das
229
Hemd aus der Hose, steckt es wieder rein, zieht doch ein
anderes an und verzweifelt fast bei der Erkenntnis, kei-
nen braunen Ledergürtel zu besitzen. »Ich will nicht, dass
die sagen: >Sozen-Mode, draußen bleiben<<<, jammert er.
»Dresscode: stylish und sexy« steht in der Einladung. Da-
hinter drei Ausrufezeichen. Was meinen die damit?«
»Die« sind die Kinder wohlhabender Eltern, zu deren
Internet-Netzwerk Schwarzekarte ich seit einigen Wochen
gehöre. Heute feiern sie eine, wie sie schreiben, »exklusive
und exzessive Party« im Berliner Dinnerclub Bangaluu,
und wir stehen auf der Gästeliste. Deshalb die Aufregung.
Ich hatte Tom aus einem Artikel in der Hamburger Mor-
genpost vorgelesen. Darin wurde die letzte Schwarzekarte-
Party als Champagnergelage von Kindern beschrieben,
von denen einige jeden Monat ein Taschengeld in Höhe
eines ordentlichen Nettogehalts, also um die 2000 Euro,
verprassen können.
Wenig später sitzen wir in Toms Polo. »Mit dem kannst
du da nicht vorfahren. Wir müssen ein paar Straßen wei-
ter parken«, sage ich. »Hätte ich eh nicht gemacht«, ant-
wortet er gereizt. Wir parken, stopfen aufgeregt viel zu
viele Scheine in die winzige Handtasche und laufen zu
demvon Strahlern in rosafarbenes Licht getauchten Club.
Taxis halten hier im Akkord und speien junge Menschen
aus, die sich hinter uns in die Reihe einordnen. Die
Schlange bewegt sich kaum. Es geht nur zentimeterweise
weiter. Eine unnötige Prozedur, wie wir später sehen
werden, denn der Club ist nur mäßig gefüllt. Exklusivität
scheint zu verlangen, dass man vorher ordentlich friert.
Eine halbe Stunde später ist zumindest klar, dass sich das
Ankleidetheater gelohnt hat. Ein Blick mustert unsere
Gesichter, einer prüft kurz die Kleidung, dann sind wir an
230
e
den Türstehern, die in schneeweißen Daunenjacken ste-
cken,vorbei.
Wir sind jetzt seit über einer Stunde auf der Party, es
ist kurz nach zwei, und ich fühle mich falsch. Alles um
mich herum ist weiß. Die Wände und der Boden, die Vor-
hänge und die Ledersitzgruppen, sogar die Kleidung der
Barkeeper und die Schürzen und Hauben der farbigen
Toilettenfrauen, die den Gästen die Türen öffnen, auf de-
nen »Prince« oder »Princess« steht. Hinter meinem Rü-
cken sind Samtkordeln gespannt. Hinter denen wiederum
hocken betrunkene, sehr junge Partygäste, die silberne,
mit Eis gefüllte Kübel vor sich stehen haben, in denen ein
paar halb leere Flaschen stecken. Wodka- und Champa-
gnerflaschen gibt es heute zum Schwarzekarte-Special-
Price von 50 Euro. Ab und an hebt einer der abgefüllten
Helden die Arme, als wolle er die Sängerin am Ende des
Saals dirigieren. Die Frau, die schon seit einer halben
Stunde in einer Dauerschleife zu irgendwelchen Beats
singt, steckt in einem gefährlich korsettierten Kleid. Ihre
Brüste, die ich auf jeweils zwei Kilogramm schätze, wer-
den bei jeder Bewegung aufs Neue gequetscht. Sie leckt
sich die Lippen und stöhnt. Dann schreit sie: »Berlin, do
you want House Music?« Danach stöhnt sie wieder und
singt schließlich weiter. Ich mustere sie lange und ent-
scheide, dass sie nicht der Grund für mein Unwohlsein ist.
»Was ist hier so falsch?«, schreie ich Tom zu. »Das ist so
seelenlos hier«, sagt er. »Keiner ist ausgelassen, keiner hat
richtig Spaß.«
Und, ehrlich gesagt, sonderlich exklusiv ist es auch
nicht. Klar, auch hier spazieren in Gestalt von Täschchen
und Stiefelchen die teuren Marken umher, die ich mittler-
weile so gut kenne. Und 50 Euro pro Flasche stemmt man
231
auch nicht mit einem Eckkneipen-Budget. Aber sonst?
Eine ehemalige Soap-Darstellerin haben wir gesichtet, und
Tom ist von einer Tussi angemacht worden, die einen »to-
tal exklusiven« Club am Ku'damm eröffnen will und jetzt
schon nach den richtigen Leuten fahndet. Das endete mit
einem billigen »Kann ich deine Nummer haben?«. Und
tatsächlich gibt es hier auch jede Menge Leute, die man
eher in Großraumdiscos erwarten würde. Die Sonnen-
studio-Gebräunten. Die Muskelshirt-Träger. Die Handy-
Fotografierer. Also nichts mit Elite. Denken wir erst mal.
Denn als wir die Treppen zum zweiten Obergeschoss
hochgehen wollen, merken wir, dass die Exklusivität im
Bangaluu mehrstufig organisiert ist. Unten auf der Tanz-
fläche steht das Volk. Hinter den Samtkordeln sitzen die,
die sich zumindest die 50-Euro-Flaschen leisten können.
Hier aber ist für sie alle und auch für uns Schluss. Eine
Frau, die hinter einem kleinen Pult steht, bewacht den
Aufgang zum »Private«-Bereich. »Wer hier hochwill,
braucht ein weißes Band«, erklärt sie uns.
»Wer hat das? Wir stehen auf der Gästeliste!«
»Das reicht nicht«, sagt sie. Man müsse den Besitzer
kennen oder den, der die Bänder verteilt. Das schwarze
Kleid, die edle Handtasche und die roten Lippen - das al-
les war also umsonst. Wir gehören nicht dazu. Strahlend
biegt kurz darauf ein Freund, der uns zur Party begleitet
hat, um die Ecke. Dennis hat sich extra für diesen Abend
einen bürgerlichen Seitenscheitel gekämmt und ihn mit
Daxwachs fixiert. »Braucht ihr so ein Band?«, fragt er und
wedelt mit seinem Handgelenk vor unserer Nase herum.
»Private« steht da. Er habe gelangweilt und frierend am
Eingang gewartet, erzählt er, als ein Typ gekommen sei
und gefragt habe: »Magst du ein Band? Für oben?( Die
232
Exklusivität scheint recht willkürlich verteilt zu werden.
Sie ist ein Lockmittel. Und es wirkt.
Plötzlich möchte ich um jeden Preis auch diese Treppe
hoch. Dennis redet auf die Dame am Pult ein. »Du hast es
doch gerade schon mal versucht«, motzt sie in meine
Richtung. Aber Dennis gehört jetzt dazu. In seinem Ge-
folge darf ich an ihr vorbei. Wir passieren einen Kühl-
schrank mit riesigen Champagnerflaschen, biegen um die
Ecke, gehen an der Bar vorbei und sehen in einem fast lee-
ren Raum vielleicht dreißig »Private«-Gäste, die meisten
noch halbe Kinder. Gerade kippt einer ein Glas Cola über
die weiße Ledersitzecke. Ein Mädchen starrt vor sich hin,
ein Junge fahrt ihr zwischen die Beine. Sie starrt weiter.
Vor dem DJ, der unermüdlich Plastikmusik auflegt, tan-
zen ein paar Gäste exzessiv, ergötzen sich an sich selbst.
Einer imitiert Schrittfolgen, die er wohl in irgendeinem
Video gesehen hat, zwei Mädchen reiben sich an einem
jungen Krawattenträger. Ein anderes setzt sich unter dem
Kreischen ihrer Freundinnen eine Sonnenbrille auf. Es
wirkt wie eine hohle Kopie einer reichen und schönen
Welt. Dabei hatten uns doch alle Zulasskontrollen sugge-
riert, dass wir hier auf einer echten Party der Elite landen
würden. Stattdessen sind wir auf einem Kindergeburts-
tag, bei dem die Gäste nicht im Stuhlkreis, sondern in
weißen Ledergarnituren sitzen. Wir stehen und starren.
»Lass uns gehen«, sage ich irgendwann.
Ob es am Cuba Libre liegt, den ich getrunken habe, an
der House-Music-Sängerin oder an den selbstverliebten
»Private«-Kindern, kann ich später nicht mehr sagen. Als
ich zu Hause bin, werde ich plötzlich so wütend, dass ich
meine Elite-Materialsammlung aus dem Regal reiße und
durchs Zimmer schleudere. »Ich habe genug von den
233
Eliten!«, fluche ich, als Tom irritiert aus dem Bad her-
beieilt. Am nächsten Morgen bin ich froh, nicht das
schwarze Kleid oder die Brillantentasche demoliert zu
haben. Noch glücklicher bin ich allerdings darüber, dass
ich beides nicht mehr brauchen werde. Denn das war es
mit der Elite. Endgültig.
UNTER GEWINNERN
Nach einem Jahr geht meine Suche nach der Elite jetzt zu
Ende. Ich glaube, es wäre sinnlos, weiterzusuchen. Ich
habe schon zu viele Bilder im Kopf, zu viele Antworten
im Ohr, zu viel Unwohlsein im Bauch, um weiter neugie-
rig, möglichst unvoreingenommen auf die zuzugehen,
die sich Elite nennen. Aus diffusen Eindrücken ist in die-
sem Jahr mehr und mehr ein stabiles Gedankengebäude
geworden.
Ich habe imvergangenen Jahr Tausende Bahnkilometer
gesammelt, Hunderte Artikel gestapelt, Dutzende Defini-
tionen des Begriffs »Elite« gehört und ebenso viele Recht-
fertigungen für sein plötzliches Wiederauftauchen. Mir ist
klar geworden, dass in Deutschland eine gewaltige Eliten-
Revitalisierungskampagne läuft. Der Satz »Wir brauchen
wieder Eliten« ist inzwischen so oft gesagt worden, dass
ihn fast niemand mehr hinterfragt. Inzwischen hat man
die zweite Phase der Kampagne gestartet. Die Phase der
Realisierung. Kindergärten, Schulen und Universitäten
versprechen, dass sie diese Eliten, die wir angeblich brau-
chen, ausbilden. Eltern überweisen Geld, damit ihre Klei-
nen dazugehören. Gebühren für den Kindergarten, für
die Schule, das Internat, den Karrierecoach und die Uni.
234
Wenn man die zusammenzählt, kommt man auf min-
destens 300000 Euro. Die sollte jedes Elternpaar für die
Finanzierung eines solchen Elitebildungswegs beiseite-
legen. Es wachsen Menschen heran, die vor allem eins ler-
nen: Euer Platz ist unter den Gewinnern. Ihr dürft die
wichtigen Posten in der Gesellschaft übernehmen. Ihr seid
Elite. Im Rennen um Macht und Geld ist für euch die Pole-
position reserviert.
Die erste so erzogene Elitegeneration steht bereit. In
den Internaten, in Akademien, an den Unis. Es sind junge
Menschen, die gelernt haben, dass Elitesein kein Tabu
mehr ist, sondern Tatsache. Junge Menschen, die wissen,
dass sie für sich mehr beanspruchen können als der
Durchschnitt. Manche zögern, diesen Anspruch zu for-
mulieren. Andere schreien ihn, vor Selbstbewusstsein
strotzend, heraus. Manche versprechen, auf ihrem Weg
nach oben die, die unten stehen, nicht zu vergessen. An-
dere haben für sie nur ein verächtliches »Strengt-euch-
halt-mehr-an« übrig. Auch die Begründungen, die sie auf
ihr Reservierungsschildchen für einen Platz in der Elite
schreiben, unterscheiden sich. »Leistung« steht aufvielen.
»Verantwortung« auf anderen. »Geld und Herkunft«
schreiben Dritte. Jeder so, wie er es braucht. Und das ist
das Grundproblem des Elitebegriffs. Er ist schillernd und
unscharf zugleich. Das macht es so leicht, ihn zu instru-
mentalisieren.
Das Wort »Elite« halte ich nach diesem Jahr nur für
bedingt brauchbar. Weil das Wort, mit dem ich jetzt.so
viel Zeit verbracht habe, ein echter Begleiter geworden 1st,
empfinde ich sogar so etwas wie Mitleid mit ihm. Als sei es
in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht schon
genug gequält worden, wird es nun wieder hervorgezerrt.
235
Wie ein altes Superman-Kostüm, das Politiker und Wirt-
schaftsbosse in den Tiefen ihrer Mottenkisten wiederent-
deckt haben. Es soll seine Träger als Helden der Effizienz-
gesellschaft verkleiden und ist dehnbar genug, um fast
alle Motive unter sich zu verbergen. Verpflichtung, Ver-
antwortung, Vorbild, Mut und Wahrheitsliebe. Sicher
auch edge und energy, was immer das auch heißen soll.
Das alles sei Elite, hörte ich. Ich sah, dass Elite aber auch
Ungerechtigkeit, Sonderrechte, Aufteilung und Macht-
streben meint.
Ich finde, es ist höchste Zeit, dieses Kostüm wieder
herunterzureißen. Das Wort »Elite« ist zu unscharf, um
zu definieren, wie man in seinem Sinne die Gesellschaft
verändern soll. Wenn gefordert wird: »Wir brauchen wie-
der mehr Eliten«, müsste die Antwort nicht »Ja« oder
»Nein« lauten, sondern: »Sagt, was ihr damit meint, und
versteckt euch nicht hinter diesem so oft missbrauchten
Wort.« Ich habe gesehen, dass »Elite« heißen kann, dass
schon die Kleinsten in Geförderte und Ungeförderte ge-
teilt werden, dass wenige Ausgewählte besser behandelt
werden als der große Rest und dass die Regeln für diese
Auswahl oft ziemlich undurchsichtig sind. Ich habe gese-
hen, dass »Elite« heißen kann, dass nur die, die zahlen,
eine besonders gute Ausbildung erhalten und als Bonus
Kontaktnetze, die eine schnelle Karriere sichern. Ich bin
sicher, »Elite« heißt für manche auch, dass sie Sonder-
rechte auf Lebenszeit fordern, dass sie hinnehmen, dass
sich Deutschland noch offensichtlicher in Gewinner und
Verlierer teilt.
Nach diesem Jahr fürchte ich mich davor, dass man-
che, die all das wollen, das Wort ))Elite« nutzen, um ihre
wahren Motive zu verbergen, um die nötigen Debatten
236
über die Frage »Wer bekommt wie viel und warum?« zu
ersticken, um schnell und geräuschlos das Land in eine
neue Richtung zu drehen. ))Wir wollen Eliten«, klingt sehr
viel freundlicher als »Wir wollen in Gewinner und Verlie-
rer teilen«, auch wenn manche mit beiden Sätzen dasselbe
meinen.
Ich bin mir fast sicher, dass die meisten von denen, die
ich traf, diese Welt in letzter Konsequenz gar nicht wollen.
Als Carllange nachdachte und die einfachen Antworten
scheute, weil er Sorge hatte, auf dem schwierigen Terrain
zwischen dem, was er unter ))Elite« versteht, und dem,
was andere mit dem Begriff verbinden, zwischen seiner
Karriere und seinen Idealen ins Straucheln zu geraten,
merkte ich, dass nicht nur ich mit dem Wort zu kämpfen
hatte. Als Oliver aus Harvard mir einen Link zu seinem
Internet-Tagebuch schickte, in dem er seine Reise von
Düsseldorf nach China beschreibt, sah ich, dass auch die
Elite Pausen braucht. Als Bernd erzählte, dass er durch die
Arbeit seines Vaters viel Kontakt zu Behinderten habe
und dass es ihm Sorgen mache, dass auf diese Menschen
so wenig Rücksicht genommen werde, begriff ich, dass
auch für ihn die Effizienz Grenzen hat.
Fast alle, die ich traf, waren klug, fleißig und freundlich.
Ich fände es schön, wenn ihnen die Last des Eliteseins er-
spart bliebe, wenn sie sich Fehler gönnen könnten, unnütze
Hobbys oder lange Ferien. Ich würde ihnen gern s a g e ~ ,
dass das Leben kein anstrengender Sprint sein muss, kem
. tli h
Wettkampf um noch mehr Leistung, und dass ~ ~ g e n c
kein Zwang besteht, zu funktionieren, schneller, hoher und
weiter zu kommen als andere.
Ob einen der Satz ))Du bist Elite« auf Dauer verändert?
. h d· L· irgendwann nicht
Vermutlich sperren SIC Ie Ippen
237
.. ', ....,'
mehr, diesen Satz zu sagen, wenn die Ohren ihn nur oft
genug gehört haben und das Gehirn ihn als wahr akzep-
tiert. Wer von sich behauptet, Elite zu sein, muss eigent-
lich fest davon überzeugt sein, besser zu sein als andere,
sonst würde er diesen Begriff kaum akzeptieren können.
Zur Selbstbestätigung wird dieses Bessersein zu allen
möglichen Anlässen beschworen. BeimMcKinsey-Wochen-
ende in Griechenland wurde uns gesagt, wir seien brillant.
Wer es an die EBS schaffe, stand in den bunten Prospekten,
die ich beim Campus-Day bekam, gehöre zu den zweihun-
dert Topstudenten Deutschlands.·An der Elite-Akademie,
hieß es, seien dreißig der talentiertesten jungen Menschen
Bayerns, im Maximilianeum die klügsten Abiturienten des
Freistaats. Die Klügsten, die Talentiertesten, die Brillantes-
ten: Solche Superlative muss man erst einmal verkraften.
Manche, wie Carl, reagieren mit betonter Bescheidenheit,
andere, wie Aadish, quälen sich mit Zweifeln. Viele aber
nehmen das Lob an. Es schmeichelt ja auch.
Je früher die Einteilung in Elite und Masse erfolgt,
desto absurder wird aber das Gerede von den Besten, Flei-
ßigsten, Klügsten. Denn eigene Leistungen, nicht Noten
oder Testergebnisse, sondern wirkliche Leistungen, die
der Gesellschaft genützt haben, können die Zwanzigjäh-
rigen logischerweise noch nicht vorweisen. »Leistung«
heißt in den meisten Fällen, dass die Schüler oder Studen-
ten besonders fleißig, besonders ehrgeizig, vielleicht auch
besonders angepasst waren. Sie sind exzellent in dem, was
man in Zeugnissen Kopfnoten nennt: schön schreiben,
pünktlich und diszipliniert sein, tun, was verlangt wird.
Rennen, klettern, kämpfen, um dorthin zu kommen, wo
oben sein soll. Ich denke an den Satz, den Bundesbil-
dungsministerin Schavan demonstrierenden Studenten
238
entgegengerufen hat: »Wir brauchen Eliten, keine Schrei-
hälse.« Dieser Satz sagt viel über das, was in Zeiten der
Elite von jungen Menschen erwartet wird.
Viel leisten, das heißt in dieser Elitenwelt: funktionie-
ren, nicht nachfragen. ~ n c h t an den Lerninhalten der
Unis rütteln, nicht an Streik denken, wenn der Tag in der
Beratung wieder sechzehn Stunden lang ist, keine Pausen
einfordern, kein Recht auf Fehler, auf Umwege, kein
Recht, auch mal zu scheitern. Ich wäre erleichtert gewe-
sen, wenn ich unter den Eliten mehr Schreihälse getroffen
hätte. Mehr Querdenker, Widersprecher, Neinsager. Aber
vermutlich fehlte ihnen dazu schlicht die Zeit. Denn wer
dem Ziel hinterhereilt, möglichst viel von dem, was an-
dere als Leistung defmiert haben, in möglichst wenig Le-
ben zu quetschen, dem bleibt fürs Grübeln, Denken und
Hinterfragen wohl wenig Raum.
Trotzdem ist dieses Mehr an Leistung die Hauptrecht-
fertigung fürs Elitesein. »Wer mehr leistet, hat mehr ver-
dient. Wer mehr leistet, darf mehr bestimmen.« Das, so
habe ich gelernt, sind die Glaubenssätze der jungen Elite.
Beim ersten Hören klingen diese Sätze pragmatisch und
vernünftig. Je häufiger ich ihnen aber lauschte, je vielfäl-
tiger die Begründungen und je eindeutiger die Forderun-
gen wurden, desto mehr haben mich diese Sätze abge-
schreckt. Konsequent zu Ende gedacht, heißt »Elite« dann
doch: Ich leiste, also bin ich mehr wert.
Viele, die an das Elitekonzept glauben, verknüpfen leis-
tung direkt mit dem Wert des Menschen. Das macht ~ i r
Angst. In solch einer Welt möchte ich nicht leben. VI.el-
leicht bin ich nach diesem Jahr so dünnhäutig, dass Ich
mich langsam in die Furcht vor der Elite hineinsteigere.
Aber meiner Ansicht nach muss, wer Elite fordert, auch
239
(" . ~
_____.... i'
Antworten auf die folgenden Fragen geben: Wer misst
diese Leistungen? Was ist wertvolle und was überflüssige
Leistung? Heißt Leistung stets Effizienz und Profit? Gibt
es Abkommen, Regeln, in denen ich nachlesen kann, wie
viel ich leisten muss, um als wertvoller Mensch zu gelten,
um das Recht zu haben, zu protestieren, zu fordern oder
einfach zu meckern?
Gestern habe ich hundert Seiten in einem Buch gele-
sen, ein Sachbuch, immerhin. Außerdem eine Tages- und
eine Wochenzeitung. Ich habe etwa zweieinhalb Stunden
lang diesen Text überarbeitet und für einen Reportage-
dreh, den ich in der nächsten Woche machen möchte, drei
Telefonate geführt. Außerdem habe ich zwei Wohnungen
besichtigt, weil unsere WG bald umziehen muss. Ich habe
eine Soap im Fernsehen gesehen und die Auslosung der
Champions-League-Gruppen auf Eurosport. Abends ha-
ben wir lange gekocht. Wie viele Leistungspunkte bringt
mir dieser Tag? Zählt nur das, womit man Geld verdient?
Das wären dann das Schreiben und die drei Telefonate.
Was ist mit einer Leistung, die man für andere erbracht
hat? Die Wohnungsbesichtigungen, vielleicht das Ko-
chen. Wie viel zählt Nachdenken? Und gibt es Punktab-
zug für die Soap und die Champions-League-Auslosung?
Plötzlich sehe ich meine WG und meine Freunde vor
einem Elite-Tribunal stehen. In einer langen Reihe müs-
sen wir alle vor der Elite antreten, um unsere Leistung be-
werten zu lassen: Gut. Okay, heißt es bei vielen. Andere
aber werden sehr, sehr lange gemustert, bewertet, noch
einmal geprüft. »Nichts geleistet«, lautet das Urteil. Dann
wird ihnen das Recht auf einen Job entzogen, das Recht,
ein Gehalt zu fordern, von dem sie leben können. Das
Recht zu meckern.
240
Schluss, stopp, aus!, denke ich. Paranoia, Neurose, Hys-
terie!, beschimpfe ich mich und beschließe, dass ich nun
endgültig aufhören sollte, meine Gedanken andauernd
um die Elite kreisen zu lassen. Vorher will ich aber noch
einmal Bahn fahren. Es soll eine Art Abschiedstour wer-
den. Ich will wissen, was aus denen, die ich im letzten Jahr
getroffen habe, geworden ist.
ABSCHIED VON DER ELITE
Ein allerletztes Mal sitze ich im Zug in Richtung Elite. Der
Rhein fliegt am Fenster vorbei, die Räder des Intercitys
rattern beruhigend. In wenigen Minuten werde ich in
Mainz sein. Dort feiern die Studenten der European Busi-
ness School ihren Studienabschluss. Bernd, der erste Elite-
anwärter, mit dem ich sprach, und die anderen seines
Jahrgangs haben deshalb zu einem großen Ball eingela-
den. Ein letztes Mal habe ich mich verkleidet. Ich bin von
der Arbeit zum Zug geeilt, habe in der Intercity-Toilette
die Jeans aus- und das schwarze Kleid angezogen. Glück-
lich darüber, dass ich mir bei dem Manöver keine Lauf-
masche eingefangen habe, dass Kleid, Strumpfhose, Schuhe
und ich schadlos überstanden haben, in jeder Kurve ge-
gen das Waschbecken zu knallen. Mein Zugnachbar starrt,
als ich völlig verändert zurückkomme. Aber egal. »Was ist
aus der Elite geworden?«, schreibe ich oben auf die erste
Seite meines letzten Blocks.
Bernd wird nach der Abschlussfeier bei einer großen
Unternehmensberatung in München anfangen. Er hat die
Durchschnittswerte, mit denen am Tag der offenen Tür
den Eltern die Investition in das Studium schmackhaft
241
gemacht wurde, noch getoppt. AbscWuss mit vierund-
zwanzig hieß es damals. Bernd ist gerade zweiundzwanzig
geworden. Sein Einstiegsgehalt wird höher als die durch-
schnittlichen 50752 Euro eines Absolventen sein. Die Be-
ratungen zahlen nicht nur mehr, sie bieten ihrem Nach-
wuchs auch Schmankerl wie Dienstwagen, Blackberry
und Laptop. In ein paar Wochen werden die Probleme,
die andere mit zweiundzwanzig haben, in Bernds Leben
keine Rolle mehr spielen. Verdiene ich genug? Wo kommt
die Miete her? Muss ich wirklich jeden Monat 100 Euro
für die Rente sparen und wenn ja, wovon? Diese Sorgen
wird er nicht kennenlernen. Er muss nur eines: hart ar-
beiten. Er muss funktionieren, auch wenn die Woche
hundert Arbeitsstunden hat. Grow or go heißt das Motto
der Beraterbranche - »Mach Karriere oder verschwinde«.
Bernd wird nicht verschwinden wollen. Er wird die
Viertelstundenfelder in seinem Kalender fleißig mit Auf-
gaben füllen, von den frühen Morgenstunden bis in die
Nacht. Er wird sich jetzt erst recht kein Luftholen mehr
erlauben. »Ich mache keine halben Sachen«, hatte er mir
gesagt. »Mir geht es schlecht, wenn ich feststelle: Hier hast
du nicht alles getan, was du hättest tun können.« Vermut-
lich wird es ihm dann noch schwerer fallen, zu akzeptie-
ren, dass andere weniger leisten. »Ich verlange von jedem,
der meckert, Leistung«, hatte er mir gesagt. »Wenn je-
mand sagt: Ich meckere auch gar nicht, ich beschwere
mich auch gar nicht, muss er auch keine Leistung brin-
gen. Aber dann muss er halt mit dem klarkommen, was er
ohne Leistung bekommt.«
An den Internaten hat gerade das neue Schuljahr be-
gonnen. Miriam, Oliver und Philipp sind jetzt in der Ab-
schlussklasse. Im nächsten Sommer werden sie endlich
242
die dicken Bücher mit den vielen Kontakten und Adres-
sen in der Hand halten, und ihr Leben im Kreise der Alt-
schüler wird beginnen.
Chris, den Globalisierungskritiker von Attac, habe ich
gerade in Hamburg getroffen, wo er immer noch für seine
Abschlussprüfung lernt. Er hat es nicht geschafft, den
G8-Gipfel, sein Großereignis des Jahres, zu blockieren.
Während es den anderen Demonstranten gelang, sich für
Tage am Zaun, der die Politiker vor den Demonstranten
schützen sollte, festzusetzen, musste Chris in Rostock im
Basiscamp bleiben. Er hat eine Woche durchgearbeitet,
kaum geschlafen. »Es war so viel, dass mir die Woche vor-
kam wie ein einziger langer Tag«, meinte er. Er hat, nach-
dem es bei der Eröffnungsdemo in Rostock zu dumpfer
Gewalt gekommen war, haufenweise Pressemitteilungen
geschrieben. Er war in Talkshows und hat eine Rede vor
fünftausend Menschen gehalten. Jetzt ist er ein wenig
müde. Aber er will noch mehr Verantwortung bei Attac
übernehmen, noch mehr Stunden pro Woche dort arbei-
ten, obwohl er weiß, dass er davon nicht leben kann. Weil
er nicht länger auf das Geld seiner Eltern angewiesen sein
will, muss er sich zusätzlich zu seinem Vollzeitjob bei
Attac noch etwas anderes suchen. »Ich musS irgendeinen
Teilzeitjob finden, zum Geldverdienen«, sagt er. Das bin-
det Kraft. »Es wäre schön, wenn es gelänge, die Elite abzu-
schaffen«, findet Chris. »Aber das geht wohl nur in einem
anderen Wirtschaftssystem. In einem, in dem nicht alle
dem Geld hinterherrennen müssen.«
Aadish, der junge Iraner, der Zweifler, der trotzdem an
einer privaten Wirtschaftsuni studiert, zieht gerade nach
Koblenz um. Er verlässt die kleine Stadt Vallendar, um
dem Corpsgeist der Uni zu entfliehen, um auch andere
243
," ' .. '.'!'t
Leute zu treffen, andere Meinungen zu hören. Er wird
mit seiner Freundin zusammenwohnen und die Welt der
zukünftigen Wirtschaftselite jeden Abend mit dem Bus
verlassen.
Alexander, der Georgier, der mich beim Internet-Netz-
werk Schwarzekarte eingeschleust hat, macht gerade Prak-
tika, erst in Antwerpen, dann in Paris. Vielleicht will er
jetzt auch ein Buch schreiben.
Die Schwarzekarte hat die Drohung mit dem Ein-
ladungsstopp übrigens wahr gemacht. Es waren wohl
zu viele Nichtreiche ins Netzwerk eingedrungen, Men-
schen wie ich. Seit einigen Wochen werden keine neuen
Mitglieder mehr zugelassen. Dafür werden die alten ver-
wöhnt. In einer der letzten Nachrichten des Netzwerks
wurde ich eingeladen, an einem Rolex-Gewinnspiel teil-
zunehmen. Mittlerweile hat die Schwarzekarte auch eine
Ecke für politische Diskussionen eingeführt. Dort zeigt
man sich zufrieden mit den jüngsten Entwicklungen in
Deutschland: Bei einer Abstimmung antworteten 79 Pro-
zent der Schwarzekarte-Nutzer, sie fänden es gut, dass es
hierzulande jetzt auch Elite-Universitäten gebe.
Maria ist vorübergehend aus dem Maximilianeum in
München ausgezogen. Sie verbringt den Sommer in Eng-
land aufWohnungssuche, denn die nächsten Monate will
sie in Oxford studieren. Eine Riesenchance sei das, sagt
sie, und wieder etwas, das sie vor allem der Stiftung ver-
danke.
Carl von Tippelskirch, der Student der bayerischen
Elite-Akademie, ist nicht an der Universität geblieben. Er
ist jetzt tatsächlich Trainee bei der Deutschen Bank und
betreut dort die Vermögen von Millionären. Er glaubt
noch immer, dass diese Arbeit mit seinen Idealen verein-
244
bar ist. Er helfe diesen Menschen, ihr Vermögen verant-
wortlich einzusetzen, sagt Carl. Einen Kunden hat er so-
gar, wie er es sich gewünscht hatte, bei der Gründung
einer Stiftung beraten.
Ich treffe Carl an einer Schülerakademie. Er gibt von
ihren Schulen als »hochbegabt« eingestuften Teenagern
einen Kurs zum Thema Wirtschaftskriminalität. Dort
geht es unter anderem auch um den Mannesmann-Pro-
zess, in dem Josef Ackermann die Finger zum Victory-
Zeichen spreizte und damit zum Symbol des abgehobe-
nen Kapitalisten wurde. Obwohl klar gewesen sei, dass
sich der Kurs auch mit diesem Prozess kritisch auseinan-
dersetzen würde, habe die Bank sein Engagement mit
einer Spende unterstützt, sagt Carl. »Auch dies bestätigt
mich darin, meinen Idealen in der Bank treu bleiben zu
können.«
»Fällt es dir jetzt leichter, den Satz >Ich bin Elite< zu sa-
gen?«, will ich wissen. Carl schaut nach links, rechts, oben
und unten und antwortet nicht. »Bist du mit dem Wort
im Reinen?«, frage ich.
»Ich kann den Begriff nur akzeptieren, wenn >Elite< die
Übernahme von Verantwortung heißt«, sagt er. »Und
wenn klar ist, dass die Bezeichnung >Elite< von anderen an
einen herangetragen wird und man sich nicht selber Elite
nennt.«
Und nun bin ich also auf dem Weg zu Bernd. Ich stehe an
der Garderobe der Rheingoldhallen in Mainz, gebe mei-
nen riesigen Rucksack ab und fühle mich wie ein Dorf-
mädchen beim Opernball. Hier feiert Bernds Jahrgang
das Ende von drei Jahren Studium. Für diesen Anlass sollte
ein kurzes, schlichtes schwarzes Kleid genügen, dachte
245
ich. Und liege falsch. Bernd kommt gerade in Smoking
und Fliege auf mich zu. Er trägt den Klassiker so souverän
wie fast alle seine Kommilitonen. Manche haben sich so-
gar eine rote Bauchbinde umgelegt und sehen aus wie
blutjunge Zirkusdirektoren.
Die Mädchen tragen die Kleider lang. Manche sogar so
lang, dass sie beim Gehen den Rock heben müssen. Als
wären sie Cinderella. Ein Satinkorsett, das in einen Tüll-
rock, bestickt mit kleinen Rosen, mündet, kreuzt meinen
Blick. Ich sehe aufwendig gesteckte Frisuren. Handta-
schen, die passend zum Kleid genäht wurden. Ich sehe sil-
berne, aprikotfarbene, tiefblaue Abendkleider. Ich sehe
Kellnerinnen, auf deren Poloshirts The German Hamp-
tons gedruckt ist, und Männer, die Dutzende von Zigar-
rensorten anbieten. Ich blicke auf weiße Lederwürfel, auf
denen sich festlich gekleidete Familien niedergelassen ha-
ben, die von einem Profifotografen umkreist werden.
Mädchen in gestreiften Blusen preisen die Tombola-Lose
an. Der Hauptpreis ist eine Südafrika-Rundreise in einem
Oldtimer. Ich denke abwechselnd an Flucht und den Not-
kauf eines Abendkleides. Dann atme ich tief durch, über-
gebe meinen Rucksack der Garderobenfrau, klemme
mein Notizheft unter den Arm und laufe durch die Ein-
gangshalle in den Ballsaal.
Bernd hatte mir von den Vorbereitungen für den Ball
erzählt. Er hatte gesagt, dass sie zu sechst extra eine Art
Firma, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, gegründet
hätten. Monatelang hätten sie geplant, gerechnet und ver-
handelt. Mit den Rheingoldhallen, den größten der Stadt,
mit dem Hilton-Hotel, das das Menü liefern soll, und mit
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort haben die Stu-
denten eine ganzseitige Anzeige geschaltet, um der Wirt-
246
schaftswelt mitzuteilen, dass sie nun ihren Abschluss in
der Tasche haben. Ein Fest in dieser Liga ist teuer: Die
Eintrittskarte kostet 109 Euro. »Wir haben alles getan, um
die Karten so günstig wie möglich zu halten«, sagten die
Studenten dazu. »Aber das Budget muss gedeckt werden.«
Deshalb waren die Kartenpreise nötig, obwohl die Spon-
soren Zehntausende Euro zuschossen. So viel Geld, um zu
feiern, dass man ein dreijähriges Studium beendet hat.
Die zukünftige Wirtschaftselite liebt es überdimensional.
Auch die Stühle und Tische im Ballsaal haben sie her-
ausgeputzt und in weißen Stoffgehüllt. über dem Eingang
steht auf einem Transparent das Motto des Abends: »Das
Außergewöhnliche geschieht nie aufglattem gewöhnlichen
Wege.« Johann Wolfgang von Goethe. Von der Bühne
grüßt der Dinnersponsor Ernst & Young. Eingerahmt von
großen Worten und gutem Geld - so scheinen die Studen-
ten sich sehen zu wollen. Der Abend kann beginnen.
Ich sitze vom rechts, bei Bernds Familie. Den Eltern
an unserem und den anderen Tischen scheint es so zu ge-
hen, wie es auch meinen Eltern ging, als uns in einer ehe-
maligen Zeche die Diplomzeugnisse überreicht wurden:
Sie sind sehr stolz. Manchen sieht man an, dass sie schon
einen langen Tag hinter sich haben. Schon um 8 Uhr 30
saßen sie im Gottesdienst, dann fuhren sie zur akademi-
schen Feier, bei der auch Marios Chef von McKinsey
sprach, in ein Kloster. Die Studenten hüllten sich in lange
Gewänder und warfen Hüte, wie man es aus amerikani-
schen Filmen kennt. Jetzt sind sie hier, zum vierten Akt:
Gereicht werden ein Gourmetmenü und Festreden.
Gerade stehen zwei Studentenvertreter auf der Bühne.
»Die EBS bildet Leader aus - nicht Manager«, sagen sie.
»Denkt zurück an die lustigen Momente in den Lern-
247
....
gruppen«, fordern sie ihre Kommilitonen auf. »Vergesst
nicht: Lernen macht Spaß!«, rufen sie, ohne es ironisch zu
meinen, und beenden ihren Vortrag mit den Worten:
»Wir stehen jetzt erhobenen Hauptes da.« Ich glaube
nicht, dass daran jemand gezweifelt hatte.
Der Starredner des Abends ist Klaus Evard, der die
EBS 1971 gründete und mit vier Studenten anfing. über
dreißig Jahre später habe der Satz »Ich studiere an der
EBS« einen guten Klang, sagt er, um die Studenten sofort
zu ermahnen, sich auf diesen Lorbeeren nicht auszuru-
hen. »Hungrige Osteuropäer«, Top-Inder und Top-Chi-
nesen stünden bereit, die besten Posten zu übernehmen.
»Sie müssen auf diese Konfrontation vorbereitet sein«,
sagt Evard. »Die Konkurrenz schläft nicht. Sie trainiert
nur!« - Da ist sie wieder, die Geschichte von den Antilo-
pen und dem Löwen. Schneller sein, besser sein, mehr
leisten: Das ist die Lehre, die die Studenten in ihr Leben
begleiten soll. Evard fordert die Absolventen auf, die alten
EBS-Eigenschaften zu pflegen. EBSler, sagt er, seien von
jeher dynamisch, braun gebrannt, flexibel und belastbar.
»Dieses Land wartet auf Sie. Dieses Land braucht Sie.«
Diese Vorstellung gefällt allen. Applaus brandet auf.
Und noch ist Evard nicht fertig: »Sie sind zu denen gehö-
rig, die dieses Land in zehn oder zwanzig Jahren bestim-
men und regieren«, ruft er den Studenten zu. »Was immer
Sie tun, tun Sie es mit dem Herzen, dann werden Sie es
gut tun. Und wenn Sie es tun, können Sie gar nicht ver-
hindern, dass Sie Geld verdienen. Und wenn Sie viel Gu-
tes tun, werden Sie viel Geld verdienen. Möge Gott Sie auf
Ihrem Wege begleiten!«
Nach allem, was ich gesehen habe, glaube ich nicht,
dass sie Gottes Hilfe brauchen werden.
DANK
Ich danke allen, die mich in ihr Leben gelassen haben; die
geduldig meine Fragen beantwortet haben, auch wenn sie
merkten, dass ich in vielen Punkten anderer Meinung
war. Vor allem vor den Schülern und Studenten, die im
Gegensatz zu manchem Direktor oder Sprecher auch im
Nachhinein zu ihren Aussagen standen, habe ich größten
Respekt.
Ich danke Kathrin Liedtke für das genaue Lektorat und
dem Verlag Hoffmann und Campe für sein Vertrauen.
Ich danke Florian Glässing, ohne den dieses Buch nie
gelungen wäre, und der Agentur Eggers & Landwehr für
die fabelhafte Betreuung.
Ich danke Eva, Juliane, Mathias und Mark fürs Bera-
ten, Lesen und Zuhören und dafür, dass sie die Frage
»Was macht das Buch?« unermüdlich stellten. Ich danke
Torsten dafür, dass er in diesen Text ein wenig seiner un-
ermesslichen Klugheit gesteckt hat. Ich danke Nicol für
die vielen Antworten auf noch mehr Fragen und Dennis
für die schnellen Finger.
Ingmar danke ich, weil er mir die grüne Vase s c h ~ n k t e
und oftmals für mich ins Archiv ging, Fips und memem
großen Bruder für die Verstärkung im Münsterland und
249
...
meiner WG für die vielen Geschichten, die ich aufschrei-
ben durfte.
Ich danke meinen Eltern dafür, dass sie aus mir nie
Elite machen wollten, auch wenn sie jetzt manchmal trau-
rig sind, dass ich's nicht bin.
Und vor allem danke ich Tom, ohne den wohl nichts so
schön wäre, wie es ist.
DIE STATIONEN DER
REISE IM ÜBERBLICK
EBS European Business School
Schloss Reichartshausen in Oestrich-Winkel
über 800 Studenten der Betriebswirtschaft
Kosten: 4950 Euro pro Semester
Auswahl: schriftliche Tests und Einzelinterviews
www.ebs.de
Bayerische Elite-Akademie
Westerham-Feldkirchen bei München
gut 30 Studenten pro Jahrgang
Kosten für die zweijährige Ausbildung: 2600 Euro
Auswahl: mehrstufiges Bewerbungsverfahren - Essay, dann
Diskussionen und Einzelinterviews
www.eliteakademie.de
Maximilianeum
München
sechs bis acht bayerische Abiturienten pro Jahr
Voraussetzung: I,O-Schnitt im Abitur
251
/ - ~ ; ~
/ ~ . ~ ~ 4 ______ ',' I
Auswahl: Vorprüfung, dann Maximsprüfung im Bayeri-
schen Kultusministerium
www.maximilianeum.de
FasTracKids
Berlin, Filialen in Düsseldorf und Hamburg sollen folgen
mehrere Klassen für Kinder ab zwei Jahren
Kosten: etwa 100 Euro pro Monat
www.fastrackids.de
Kindergarten Villa Ritz
Potsdam, weitere Kindergärten in Deutschland geplant
Betreuung von Babys und Kleinkindern
Basissatz: 980 Euro pro Monat
www.villa-ritz.de
Vodafone »Chancen«-Stipendium
Zehn Studenten pro Jahrgang
Auswahl: Das Stipendium richtet sich an sehr gute Abitu-
rienten mit Migrationshintergrund
Es gilt nur für ein Studiuman einer der vier privaten Part-
neruniversitäten: die EBS in Oestrich-Winkel, die WHU
in Vallendar, die Bucerius Law School in Hamburg und
die Jacobs University in Bremen
Förderung: etwa 80000 Euro pro Student (Lebensunter-
halt und Studiengebühren)
www.vodafone-stiftung.de
252
Schloss Neubeuern - Internatsschule}UrJungen undMädchen
Neubeuern bei Rosenheim
etwa 230 Schüler der Klassen 5-13
Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr, nach Alter gestaffelt
etwa 20 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien
(maximal 50 Prozent der Gebühren)
Ehemaligen-Netzwerk: Altneubeurer
www.schloss-neubeuern.de
Internat Schloss Salem
Salem bei Überlingen am Bodensee
etwa 700 Schüler der Klassen 5-13
Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr, nach Alter gestaffelt
etwa 30 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien
Ehemaligen-Netzwerk: Altsalemer Vereinigung
(3500 Mitglieder)
www.salemcollege.de
WHU - Otto Beisheim School ofManagement
Vallendar bei Koblenz
gut 500 Studenten der Betriebswirtschaft
Kosten: 5000 Euro pro Semester
Auswahl: Abiturnote und Einzelinterviews
www.whu.edu
Attac
Attac ist ein französisches Kürzel, übersetzt bedeutet der
Name »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztrans-
aktionen im Interesse der Bürger und Bürgerinnen«
Globalisierungskritiker
253
weltweit 90000 Mitglieder, davon 18500 in Deutschland
Mitgliedsbeitrag: 60 Euro pro Jahr, ermäßigt 15 Euro
www.attac.de
McCloy-Stipendium
Programmder Studienstiftung des Deutschen Volkes und
der Kennedy School of Government, Harvard University
6-8 Stipendiaten pro Jahrgang
Auswahlverfahren: zweitägiges Auswahlseminar, dort
Vorträge und Einzelinterviews
F ö r ~ e r ~ n g : 1650 Dollar Lebensunterhalt pro Monat
SOWIe Ubernahme der Studiengebühren
www.ksg.harvard.edu/mccloy
Stand: November 2007
LITERATUR
Alexander Bard, Jan Söderqvist, Die Netokraten. Die
neuen Leistungseliten und das Leben nach dem Kapitalismus,
Heidelberg 2006
Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin
2006
Daniel Golden, The Price of Admission. How America's
Ruling Class Buys Its Way Into Elite Colleges - and Who
Gets Left Outside the Gates, New York 2006
Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten.
Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Poli-
tik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt/Main 2002
Michael Hartmann, Elitesoziologie. Eine EinjUhrung,
Frankfurt/Main 2004
Michael Hartmann, Eliten und Macht in Europa. Ein in-
ternationaler Vergleich, Frankfurt/Main 2007
Malte Herwig, Eliten in einer egalitären Welt, Berlin 2005
255
Gunnar Hinck, Eliten in Ostdeutschland. Warum den
Managern der Aujbruch nicht gelingt, Berlin 2007
Kursbuch: Die neuen Eliten, Berlin 2000
Benjamin Lebert, Crazy, Köln 1999
Herfried Münkler, Grit Straßberger, Matthias Bohlender
(Hg.), Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt/Main
2006
22M

Meinen Eltern

INHALT

Ich lerne die Elite kennen Wollen wir wieder Elite? Die »Top-Adresse für die Führungselite von morgen« In der Parallelwelt
In einer Reihe von Fällen wurden Namen und charakteristische Merkmale von Personen zum Schutz Von deren Persönlichkeitsrechten geändert.
1. Auflage 2008 Copyright © 2008 by

9

14

16

21

Nur kein Niedrigleister sein! EDEKA - Ende der Karriere Heiße Luft Das große Umdenken Die Elitisierung Die Besten oder die Reichsten? Der Chef der Elite Gewinner und Verlierer

26
31 33 35 39

Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg WWw.hoca.de Satz: Dörlemann Satz, Lemförde gesetzt aus der Minion Pro und der !Tc Bookman Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 978-3-455-50051_6

46

54
68
71

Ein Untmlt!a1lletr. der

Der Lebenslaufforscher Die Elite-Akademie

GANSKE VERLAGSGRUPPE
78

Der Stolz des Freistaats Differenzierung Der Kampf um die vorderen Plätze Elite mit Migrationshintergrund Schwarzekarte Die Schulen der Elite Mathe: ausreichend. Elite: sehr gut Tradition zu verkaufen Die Politiker von Salem Karrierecoach für Teenager Der Maulwurf

97 105 107 116 127 136 138 161 165 174 184

You'll never live like common people. You'll never do whatever common people do. You'll never faillike common people. You'll never watch your life slide out of view.
PULP, COMMON PEOPLE

Die alternative Elite Looking for Harvard

195 218

Die Elite feiert
229

Unter Gewinnern
234

Abschied Von der Elite
241

Dank
249

Die Stationen der Reise im Überblick
251

Literatur
255

Nicht in diese Fünf-Sterne-Idylle. Unterhalb unseres Tisches brannten Fackeln. siegessicher. die ich seit Langem gesehen hatte. ohne Selbstzweifel. Direkt darunter lag das Meer. beworben hatte. weil ich mich bei McKinsey. Während unseres Gesprächs drehte ich eine Haarsträhne um den Zeigefinger. und dennoch fühlte ich mich unwohl wie selten. die ich mir geliehen hatte. Ohne innezuhalten. wenn ich nervös bin. Dieser Ort war einer der schönsten. also nur wenig älter als ich. An den Füßen Stiefel. Im Gegensatz zu ihm gehörte ich nicht hierher. dahinter leuchtete der angestrahlte PoseidonTempel. lachte . Die Firma hatte im Dezember 2006 vierzehntausend Mitarbeiter weltweit. machte 600 Millionen Euro Umsatz 9 . Mario kannte solche Abende. der weltgrößten Unternehmensberatung. Ich saß in einem Karo-Rock. redete. Er war makellos.ICH LERNE DIE ELITE KENNEN Die Elite trat in einem griechischen Luxushotel in mein Leben. Außer demselben Geburtsjahrzehnt hatten wir nicht viel gemeinsam. Wie immer. Ich war in Griechenland. neben ihm. McKinsey gehört zu den Mächtigen der neuen Wirtschaftswelt.gleichzeitig. der ständig verrutschte. junge Menschen saßen am Hotelpool. Sie hieß Mario und war knapp dreißig. Er trank.

Leute entlassen. selbst wenn es darum geht. das für McKinsey interessant ist. Uns wurde 10 gesagt. sagte er. dass er mir Heldengeschichten erzählte. Zehntausend junge Deutsche wollen jedes Jahr dazugehören und schicken ihre Bewerbung. Und Menschen. Und dann saß ich in diesem Hochglanzhotel am Meer. Kosten reduziert. d' . wie die Berater ihre Beispie1f<ille nennen. Das McKinsey-Auswahlverfahren gilt als das härteste der Welt.Einstie~ in die Welt der Berater. Sie wickeln ihre Aufträge im Stillen ab. dass ich genommen würde. Wir seien die Besten. McKinsey hatte mich und hundertzwanzig andere Studenten aus Europa zu einer Segeltour eingeladen. wer diese Menschen sind. Mario war einer von vierzig Beratern. die das Potenzial hätten. Die Berater der Firma sind nicht nur mächtig. wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. dass er erst sehr spät merkte. mein Studium zu beenden.das sind Gewinner. Jetzt sei der Laden wieder fit. riet er mir. Ein bis zwei Prozent davon bekommen einen Job. seyOSOphle verabreicht. als hätte er erkannt. »Es gibt Menschen«.die Verlierer. D . Wer es schaffe. Zurück aus Griechenland. ns m lesen vier Tagen in kleinen Dosen dIe McKin Phil . Mario war kein Date. McKinsey bezahlte ihn dafür. Nicht weil ich bei McKinsey anfangen wollte. sagte er. sondern auch diskret.allein in Deutschland. sagten die meisten. Obwohl es ja nur eine Recherche war. Und an diesem Auswahlverfahren nahm auch ich teil. Pass auf«. Arbeitsämter. Aufkritische Fragen antworten sie ungern. lachte und gestikulierte. Außerdem wurde u . lud mich McKinsey zu einem Auswahltag am Berliner Kurfürstendamm ein. »die sind oben . sondern zur Recherche. Krankenhäuser und Universitäten umzubauen. Und wieder trank er. die mit Cocktailshakern ~ongliert~n. Deshalb hatte ich mich beworben. Ich wollte wissen. Aber er hätte alle Widerstände gebrochen. Die hätten sich ganz schön gesperrt. Ich hatte nie gedacht. also genau in dem Alter. die mit uns im Hotel wohnten. die sind unten . wie sie ausgewählt werden. ~lr segelten zu siebt aufkleinen Jachten in der Ägais. Ich rechnete mich durch Tests und löste Case Studies. dass ihm kein »High Potential« gegenübersaß. zu ihnen zu gehören. »dass du im Leben zu den Gewinnern gehörst. Er erklärte mir das Leben der Elite. c sey uc teemen . M Kin b h . Jeder wo~nte in einem eigenen Bungalow mit Blick aufs M~er. Staaten. Vier Tage lang liefVor unseren Augen ein Werefilm für das schöne und coole Leben der Berater ab. dass er mit mir Wein trank. sagte McKinsey. Immer wieder setzten sie sich zu uns. Das Ganze war ein Edel-Assessment-Center.« Ich hätte eine von ihnen werden können. Er habe gerade eine große europäische Fluglinie saniert. WIr feIerten eine rauschende Party. Er war so beschäftigt mit sich selbst. Elite. Ich musste mir sagen lassen. um uns von der Welt der Mächtigen und Erfolgreichen zu berichten. McKinsey zeIgte uns in Griechenland das schöne Leben. sei ein Gewinner. Die. Deshalb wollte ich mir das Unternehmen von innen ansehen. die auf uns wartete. entwickelte ich plötzlich den 11 . Unsere große Chance zum . J a~s Athen und Barmänner. dass ich gern bluffe und manchmal etwas aggressiv sei. Ich war fünfundzwanzig. Europas neue Führungsgeneration zu werden. Dann verstand er und schaute mich an. dass ich seine Geschichte nicht mochte. Behörden. wir seien brillant. Ich arbeitete als freie Journalistin und war kurz davor. McKinsey baut Unternehmen um.

dann beim Radio. Er hat sich Ende der Achtziger in der Kommunikationsbranche selbstständig gemacht Gesundheitliche Probleme warfen ihn d d B' h ann aus er a n. Hier hatte sich nichts verändert. Wir hatten Mäuse. Spezialistin für Völkerrecht.unbedingt neun Punkte im Examen. unsere WG. . McKinsey bot mir 67000 Euro Einstiegsgehalt und einen Dienstwagen . Bis ihm nach vier Jahren einfiel. eier semen Geburtstag nicht. Vorne mM: direkt neben der Eingangstür. . Als diese Gefahr gebannt war. le r e sei auch ohne ihn schon zu 11. war ich drauf und dran zuzusagen. Am Ende hielt ich einen Vertrag in der Hand. allerdings in Hamburg. klug und ziemlich ehrgeizig. Tom wollte sogar schon besorgniserregende Charakterveränderungen an mir festgestellt haben. r I~rrec tler und politischer Aktivist. das so viel Geld bedeuten könnte. So genau weiß as memand Jan ti· t . um Mario vergessen zu können.meine Eintrittskarte in die Welt der Elite. Sie ist blond. Mal organisiert er eIne Kampa '. in einem roten Backsteinbau in dem vor einem Jahrhundert Tortenböden hergestellt ~r­ de. Als ich das schicke Büro verließ. Für sie wäre eine Unterschrift so etwas wie mein Einverständnis zu einer feindlichen Übernahme gewesen. Ich zögerte und zauderte. . eines Tages als Delegierte des Roten Kreuzes im Kongo für die Menschenrechte einzutreten. in der Hand. Mit zwei Mädels in St. Weil das im ersten Anlauf nicht geklappt hat. Und hinten links wohnt Tom. . was McKinsey unter Elite versteht. ~el~em~ger Zeit versucht er. Würde mich sogar bemühen. Jan hat Mathem tik d' vo ist e T h a stu lert.n. und er sich für ein Journalistikstudium entschied. mich vom Journalismus zu verabschieden und das zu werden. im Hinterhof. »Gerade noch rechtzeitig«. Theo hat die Wohnung vor fast zehn Jahren entdeckt. lebt Jan. Seit drei Jahren lebe ich hier. Sie träumt davon. Hanna will Juristin werden. Gegenüber von Theos Tür wohnt Hanna. sogar in Singapur. Er arbeitete im Bundestag. tiefer zu sprechen. in dem man Hamburger kaufen kann. Zusammen mit den vier anderen. Wieder einmal diskutierten wir über mögliche Lösungen: Genickschlag oder Lebendfalle? Wieder einmal konnten sich Pragmatiker und Tierfreunde nicht einigen. Jetzt . Mein Freund. das Papier. Drei Tage pro Woche verlässt er uns und wohnt in einer anderen WG. direkt hinterm Hauptbahnhof. ohne eine von ihnen geworden zu sein. wir recherchierten im Internet. wendete sich die WG wieder ernsteren Problemen zu.. Als ich von meiner Absage erzählte. 13 . Ich sei so betont cool geworden. gne gegen die Pnvatisierung der Bahn. Vielleicht ist edr I~te ZWanZig. Er sagt es sei keIn Festtag D' E d . atmeten die anderen auf. sagten meine Freunde. . aber ich sagte Nein. Wieder Fuß zu fassen. Vielleicht schon dreißig. lernt sie jetzt alles noch einmal. rechts der Wohnwagen. dass das die falsche Wahl war.die Welt der Juristen ist eine eigentümliche .Ehrgeiz. Ich verließ MCKinsey. Auch er hat mal Jura studiert. Aber zu spät. seit Wochen schon. ' . 12 mal plant er eine Aktion gegen den Klimawandel oder Genmais. Wir berieten über Alternativrnöglichkeiten der Mäusebekämpfung. Seit einem Jahr. sagte er. dazwischen. diesen Auswahltest um jeden Preis zu schaffen. Dafür braucht sie . Links der Plattenladen. Georg. Aus dem griechischen Luxushotel kehrte ich in meine Wohngemeinschaft nach Berlin zurück. Jetzt ist er an der Uni.

War es nicht mit »Führer« und »Rasse« untergegangen? Hieß es nicht einmal.es passe nicht in einen demokratischen Wortschatz? GewInner und Verlierer. »Eliten in einer egalitären Welt«. dachte ich. genauso wie ein Erinnerungsfoto an Elite-Toiletten auf dem Feld vor dem Berliner Olympiastadion. Unter »WG Kreuzberg« müssten sie notieren: »Drei Meetings Zur Klärung des Mäuseproblems. hatte er gesagt. Und die heutige Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte stolz: »Ich habe schon von Elite gesprochen. ten Artik In d" legt eIn Stapel aus Zeitschrif. das Leistung lobt.das Wort ließ mich nicht los. die aus dem Vorderhaus ständIg ~ u~sere Richtung schaut. WOLLEN WIR WIEDER ELITE? »Elite« . den richtigen Riecher. e un Buchern d d . Ehrgeiz und Selektion. als andere die Marke noch nicht kannten. die Verlierer anzutreiben. Darin verbergen sich Hunderte Elite14 Zitate. ' er gera e von eInem kleinen gesturzt 1St. In meinem Kopf marschierten Kompanien von Fünfundzwanzigjährigen auf. Einer. Gemessen werden der Leistungswille. oben und unten.« Zum Wohle der Allgemeinheit sei es die Aufgabe der Gewinner. Zur Not auch auszusortieren. Meine Sammlung ist beachtlich. jede auf ihrem Gebiet. das nach Elite 15 . ein »Plädoyer für eine Elite der Exzellenz« gelesen. angeführt von General Mario. Ihre Mission: Gewinner zu finden. die Einsatzbereitschaft und die Effizienz. »Denn Mario hatte mir in der Nacht noch viel mehr erklärt: »Verlierer«. dass der Flirt mit McKinsey doch seine Spuren hinterlassen hatte. Die Elite ist inzwischen überall or mIr auf dem Boden l' . zu isolieren. wenn das nicht stimmt? Wenn er. »Faul. Ich kann ganze Elite-Bildungswege durchdeklinieren: Elite-Kindergarten. . Ich habe Bücher über die »Neue Elite«. schon Gola-Sneaker getragen zu haben. unbeweglich~~. und mein Stapel beweist.« Da kann man nur gratulieren. der alle mit »Leistungmuss-sich-wieder-Iohnen«-Phrasen langweilt. Elite-Uni. Zur Avantgarde eines neuen Denkens gehört? Eines. ganz im Gegenteil. Eines. Verlierer zu entlarven. Auserwählte und Masse. Hocker ". Dazwischen immer wieder Politikerzitate. Sie umfasst das Etikett eines Beutels. Waren das nur für Mario Begriffspaare mit denen man eine Gesellschaft strukturieren kann? ' Ich sitze in meinem Z' d . dass auch der Elite in den vergangenen fünf Jahren ein Siegeszug gelungen ist. er sei nichts weiter als ein selbstverliebter Karrierist. Auch ich bestehe stets darauf.« Auf einmal sah ich meine Welt bedroht. Aber was ist. Und ich merkte. Immer. würVie a~lO wohl sagen. Als ich Mario traf. Kein Ergebnis. die ich abgeschrieben oder ausgerissen habe.wir vertagten das Problem. Elite-Schule. »sind meist unbeweglich. . zu Eliten zu küren. der einmal ein Kilo »Elite-Tomaten« aus dem Kaiser's-Supermarkt enthielt. Fast jeder hat inzwischen ein Paar Gola-Sneaker im Schrank. als das andere noch ganz schlimm fanden. Ex-Kanzler Gerhard Schröder forderte in seiner ersten Regierungserklärung: »Auch unsere demokratische Gesellschaft braucht Eliten. Annette Schavan und ich hatten. en BlIck aufdie Frau im ro~n !ogginganzug gerichtet.« Die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) verlangte nach »Leistungseliten«.

Bernd klang. h" Und damit f' I' h na ur lC auc für uns. als wäre er Mitte dreißig. Karriere. dass mich die bloße Lektüre nicht weiterbringt. und ich war sicher. dem Leitmedium der zukünftigen Wirtschaftslenker. und wir sitzen in unserer WG-Küche. Oestrich-Winkel noch etwas gewöhnungsbedürftig. über Elite. Er meldete sich. mich verwählt zu haben. Ich sitze . »intensiver« nannte er das. schneidet die »EBS« immer hervorragend ab. in denen ich nichts mache«. das seien Menschen. Auch in Rankings oder der Zeitschrift Karriere. » er e 1m eingau« nennt. Kämpft ein Teil meiner Generation schon längst für eine Renaissance der Eliten? Wer soll dazugehören? Und wie will diese junge Elite das Land verändern? Will sie. Ich will raus. Vielleicht geht sein Körper das hohe Tempo einfach mit. Bernd hatte ein recht klares Bild von der Elite. »Es gibt während der Woche selten Phasen. Z. Wo ausend Mensch 1 b h' achthundertf" f' . die Verlierer ins Kröpfchen? Ich überlasse meine Sammlung zum Elitebegriff den st. träumen von Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit und haben nichts begriffen. Glaubt man den Wirtschaftszeitungen. die Menschen aufteilen: die Gewinner ins Töpfchen. machte er gerade ein Praktikum bei einer großen Investmentbank. Oestrich. Als Wunderwaffe gegen die deutsche Ratlosigkeit und Resignation. Ein Drittel von ihnen geht in die Beratung. Richtung Wiesbaden. Elite-Stiftungen und baue mir eine Reiseroute zusammen. as SIch stolz die P I ' Rh ist nämlich s . Er sprach überlegt und kontrolliert. die vordenken. aber im Gegensatz zu den USA oder England hat Deutschland ja mit der Elitepflege gerade erst begonnen. Studenten der European Business Schoo!. Oxford. ein Drittel in die Finanzbranche. ~~lftas WIe Deutschlands heimliche Elite. mit ihm nur ein wenig plaudern zu wollen. Er ist Studentensprecher der EBS und immer beschäftigt.verlangt. Die Suche kann beginnen. pe rt mIch In die Provinz. sagte er in unserem Gespräch. der ich gerade den Rücken gekehrt habe. von dort soll mich ein u e In die Weinberg d Rh Winkel d ' e es eingaus fahren. die früh gealtert zu sein schien. davon un Zlg mIt Ehteambitionen. und ich schämte mich. Die private Hochschule gibt sich selbst das Label »unternehmerische Elitehochschule« und wirbt: Sie sei die »Top-Adresse für die Führungselite von morgen«. die alles ein biss17 DIE lITOP-ADRESSE F'OR DIE F'OURUNGSELITE VON MORGEN« Gleich die erste Etap fü'h ' . sind das die neuen Schaltstellen der Macht. Bernd hatte mich ins Rheingau eingeladen. wie Mario. Hauptstadt . Ich recherchiere die Standorte von Elite-Unis. Für die Elite. Vielleicht ist er einfach angekommen in einer neuen Zeit. Als ich ihn zum ersten Mal anrief. Auch an der Uni. Elite-Akademien. was das schillernde Wort tatsächlich bedeutet. will selbst sehen und hören ob eine neue Elitegeneration heranwächst. Zwar klingt die Aufzählung Harvard. . denn Bernd lebt schneller als andere. die Entscheidungen treffen. mit tiefer Stimme. Ich will her~usfinden. Es sind die 16 . Die Absolventen der EBS machen in der Welt. Zwölf bis vierzehn Stunden dauern seine Arbeitstage. Elite. sagte Bernd. ug : ttl .eten Blicken der Frau im Jogginganzug. Ich habe den EIndr~ck. davon viele ins Investmentbanking. en e en ler.

Paprika und Peperoni. ~e~t zwei Jahren arbeitete er akribisch. :ahre Ich. viel Zeit mit Nichtstun zu verbringen. die anspornt. selbstsicher. Ich fragte mich. 19 g~wor~e~. darf sich Essen auf Kosten der Bank bestellen«. aber nicht hektisch. ehrgei- Kurz vor diesem Telefonat war Bernd einundzwanzig ZIg. Seine besten Freunde von der Uni. Nicht für sich. von Gleichmacherei. an der Grenze zur Arroganz. wie seine Freunde damit umgehen. em u oIen. schob er nach. was für mIch selbstverständlich war: keine Selbstfindung kein Zaudern k' L fth ' .« Bernd plante. Nur zielstrebiger. Brauchte er nie Pausen? Zeit zum Nachdenken? U F hl P zaz ' i . lieferten Anekdoten und Witze in Serie. für die plane ich Zeit ein. Sie sprachen geschliffen. meer zu korrigieren? Um seine ~lt ~reunden zu essen oder mit der Süßen aus der BWL-Emführung? 18 . dann geht das nur. antwortete Bernd. sagt Bernd. Meine Familie ist mir sehr wichtig. die ich jetz.« Deshalb müsse man die Starken auch fördern. die das lange verhindert habe. Nur an die Frau an seiner Seite stelle er höhere Anforderungen. »Ich könnte nie eine Freundin haben. um Sport zu treiben. »Ich lebe schon. ohne steif zu sein. dann richtig. wenn wir eine starke Spitze haben.« Vier Tage pro Jahr zieht er sich in ein Kloster zurück. »Denn nur. kommen irgendwann Ideen raus. »Geschlafen haben wir kaum. »Und die Schlagzahl. waren freundlich. Schnell. ohne sich wirklich zu öffnen. Ich bin mir sicher. Karriere in einer Investmentbank oder einer Unternehmensberatung zu machen. Und wenn ich feiere. der sich sehr gern dem Druck gestellt und immer mehr Druck auf sich genommen hat als er müsst~((. Viel Alkohol. »Wenn wir in Deutschland vorankommen wollen. sich zu bewegen. Sie sollte zielstrebig sein. fahre. was wir dringend nötig haben. Bernd machte mir ein schlechtes Gewissen. sagte er. dlSzlplimert an seinem Weg nach oben. sondern für die Allgemeinheit. »dann ebenso bewusst. ihn auch mal tanzen zu sehen. die die anderen mitziehen könnten.« Bernd leistete sich nichts von dem. die nicht ähnlich tickt. Ich gammle selten. die vielleicht eine ganze Gesellschaft weiterbringen. von Leistung. Ich wünsche mir heimlich. weil sie mir Spaß macht und für mich gesU~d 1St. erklärte mir Bernd.« Ich lachte _ viel zu laut. Wie genau wollte er damit der Gesellschaft nützen? Bernd sprach lange von den Besten. Ich ging im Kopf die vergangene Woche durch und hatte plötzlich das Gefühl. Ein Wochenende.( Er erzählte von einer Party. Und wenn ich ausruhe«. Ob sich alle Gewinner so ähnlich sind wie die beiden? In Griechenland wirkten die Berater zum Teil wie Klone. »Ich war schon immer ein Mensch. weil mir dieser Satz so viel besser gefiel als die zuvor. Mit ihnen zu reden war meist vergnüglich.« »Mach dir keine Sorgen(. »Ich bin fast immer dabei. aber auch ein Bedürfnis nach Familie haben. immer wieder reserviert er sich komplette Wochenenden. Sie hatten dieselbe Art. »Elite tut jedem Land gut.« Dann sagte er: »Einmal mit Schinken. dass sich Mario und Bernd mögen würden. »Wer länger als bis acht Uhr bleibt. wenn man die Starken noch stärker macht. Genau wie Bernd.« Kinder zu haben sei neben der Karriere sein größtes Ziel.chen besser machen. sagte Bernd amüsiert. Vergleichen sie sich mit ihm und fühlen sich dann faul? Oder sind sie eh alle gleich? Seine Freunde seien völlig unterschiedlich.

Er. habe ich nie verstanden. mIr dIe Eintrittskart fü d ' e r as Ereignis des Jahres in O estrICh-Winkel zu b E' ' esorgen. um sich bei einer großen Unternehmensberatung für ein neues Praktikum zu bewerben. sobald sich zwei Dönerbuden und ein türkischer Kulturverein in einer Straße ballen. dass Bernd und Mario sich noch in einer weiteren wesentlichen Frage einig waren: Sie mögen keine Menschen. Bernd redete da schon weiter. Ausnahmsweise. las ich in der Einladung Ich war gespannt. wusste er noch nI'cht ' wo er In M eIb ourne wohnen wurde. aber leider konnte er mich bei meinem ersten Besuch bei der Elite nicht begleiten. gerade zwanzig Jahre alt. e Ittest?«. wo er sein Aus' ' .-. . höre ich mich verhandeln. »Und ich bin noch nicht am Limit«. mit schwarzem Anzug und Funkknopf im Ohr. Die Studenten der EBS studieren in einem alten Schloss. die sich für die Teilnahme bewerben mussten 1 ut ' a en staunend über den Campus S . Dann flog er nach München. Ich mochte Bernd. signalisiert seine Haltung. Trotz allem soll meine Erkundung der Elite hier schon zu Ende sein? »Das passt heute nicht zum Dresscode«. Er sprach von den Studenten in Frankfurt. . Ich in einer marineblauen Seidenbluse. bettele ich um Einlass.. Diesmal auf dem Weg nach Melbourne. Als WIr telefomerten. EI'n en 11ag spater saß er wieder im Flugzeug. Nicht für dich«. sagte Bernd entschieden. Aber morgen bitte anders. n ymposlUm. Umdrehen und gehen. die aus Protest gegen Studiengebühren die Autobahnen blockiert und so seinen Heimweg gestört hatten. Ich habe eine Einladung. .« Warum Menschen von »Parallelwelt« sprechen. da die von euch organisierte Reservierung in der Jugendherberge nicht funktioniert hat«. Kaum merklich dreht er seinen Körper in meinen Weg.. al »UfVIv of th fi . Nach endlosen Sekunden empfange ich mein Urteil: »Okay. landssemester "erb nngen wo11te. weil sie blöd. »Die meisten scheitern doch nicht. Nun mustern mich beide. Ich begriff. Mitleid habe er da nicht. ..einer blauen Jeans. Jetzt gerade halte ich den Begriff dagegen für angebracht. sagt er und zeigt zum wiederholten Mal abschätzig auf meine Jeans. Rechts der alte ge21 20 .W~che war keine außergewöhnliche. Wir stehen uns gegenüber. Der Terminplan drängte. . Dann kommen Manager un d halten Vi rt . Ich habe mein Namensschild umgehängt und meine Tasche durchsuchen lassen. »Es tut mir wirklich leid«.. schreit mein Stolz. h o r a g e . die in ihren Augen Bremser sind. . In wenigen Minuten beginnt der Eröffnungsabend. Inmal pro Jahr organisieren d Ie Studenten ei S . »Ich konnte mich leider nicht umziehen.W-t' .dem Problem . y IN DER PARALLELWELT ~I:. sondern weil sie faul sind«. »Das mit der Jugendherberge stimmt«. sagte er zum Schluss. »Da geht noch was. Dann musste er auflegen. Er bleibt hart.« ' "Trotz des Umzu gs nach Austrahen schaffte er es noch. Bernds Leben IODIerte so. langsam und »arbeitsscheu«. Drei Tage nach unserem Gespräch ging sein Praktikum bei der Bank zu Ende. bin über fünfhundert Kilometer Zug gefahren. . habe zwei Österreicher in einem Audi A3 angequatscht. Personaler führen Auswahlgesprac e. »Hier geht es nicht weiter. weil der versprochene Shuttle Wiesbaden nie erreichte. sagt ein zweiter Security-Student gönnerhaft. und andere Studenten. einem weißen Jackett und .

sagt Rektor Ch ' 19. warte. das Center umzubenennen?«. Ich habe in Dortmu d' . »Überhaupt keinen Grund«. Vorn ein Red~e Ir s~. dem Kiep-Center. stehen sie leicht breitbeinig da und halten m der anderen Hand das Glas. utntt zu bekommen. Eine Art Hauptversammlung des Elite-Nachwuchses. benannt nach Walter Leisler Kiep. Dass hier alles nach irgendwem heißt. aber zum est In Ich hier richt' . Über das sanft in Richtung Rhein abfallende Gelände führen gepflasterte Wege. dass sie Auftritte wie diesen gewohnt sind. und sie an ihr eigenes Motto erinnert: Survival 01 the fittest. Nächtelang hätten sie geplant und organisiert. Das mag daran liegen. Mit jedem Detail antwortet das Bild. lausche. Klar.tzen in Dutzenden Stuhlrpult. Sekt gab es nie. dass ich 126 Eu Vi al . um die sich Hunderte junge Anzugträger drängen. Ich war noch nie an einer privaten Universität. »Gab es danach nie Diskussionen darüber. Applaus. das sicher nicht gesundheitsfördernd war. 23 . noch mehr Applaus. sagt der Rektor.. Inter dIesen Wort sollte I d . Denn Walter Leisler Kiep war eine der Hauptfiguren der eDU-Schwarzgeldaffäre. Rektor Jahns ist inzwischen im Anekdotenteil seiner Rede angelangt. Wenige Tage vor Beginn des Symposiums seien zwei Studenten zu ihm gekommen. Heute ist er beides nicht mehr. das sich mir bietet: Hier. gefüllt mit Sekt der Marke Vaux. h ' n nac sten ZWeI Tagen zu zügeln. Was kommt. Ihre teuren Krawatten sind perfekt gebunden. 22 Es war zwar schwieri Z ' m' d b" g. dass da mehr für das Wohlbefinden d er Herren und D S amen tudenten getan wird. »ist sc e« W· . »Wieso?«. »Elite ist eine Herausforderung. reihen. erklärt mir ein Dritter. »DIe European Business eine Elitehoch hul nstopher Jahns entschieden. " ro erw tungsgebuhr pro Semester asn dIe Um Dortmund überwiesen habe. Auf der großen Terrasse stehen Dutzende Stehtische mit strahlend weißen Decken. verwundert mich. wirbt die Firma.en nennt man übrigens Sozialneid. Knapp 45000 Euro IS zum Master. Die eine Hand lässig in ~er Hosentasche. meint ein anderer.. über die heute grüne Teppiche gelegt sind. . Elite sei kein Privileg. Über uns hängt ein Banner mit dem Motto der Veranstaltung: Survival 01 the fittest? Ich balanciere mein Notizheft auf den Knien. die erste Definition des Elitebegriffs notieren zu können. . am Donnerstag noch eine Klausur zu schreiben? Können wir die nicht verschieben?« Er habe gelächelt. Er war mal Direktor der EBS. »Es ist ihm nie endgültig etwas bewiesen worden«. ein klassisch schöner Bau. übermüdet und überarbeitet hätten sie sich ins Rektorat geschleppt. ist dürftig. . n m emem grauen Slebz1gefjahreB~u s~udiert. Sch00I«. links das Haupthaus. fragt einer. Die Häme h' . ihre Haltung verrät. und er war mal Schatzmeister der CDU. sagt Jahns. Ich blicke mich um. bereit. In fast allen Fällen soll die Taufe aber kein Denkmal begründen. Auf meinem Notizblock stehen jede Menge Fragezeichen. Die Eltern der tudenten hier zahl 10 b' en 000 pro Jahr. en m de . Aus Löchern über unseren Köpfen rieselte stand1g Material. Ich ernen.mauerte Burgturm. In Oestrich-Wink I' t 11 e 1S a es anders.« Präziser wird er heute nicht mehr. will ich später von ehemaligen EBS-Studenten wissen. die in ihre Headsets flüstern. »Vaux ist Deutschland exklusiv?«. Wir sitzen im neuesten Gebäude auf dem Campus. uberall Security-Studenten. Händeschütteln. »Wie sollen wir es schaffen.

an Geld zu kommen. In einer Ecke im ersten Stock hockt eine Gruppe Teenager. Später ::1. W1 eIn St d . Aber dann wird Vater Westerwelle streng. Der Sieg des Stärkeren . u ent WIssen. Die Elite hängt an seinen Lippen. »sondern auch der Schwache und Schwächste. Ich komme in einem ganzen Pulk von Anzugträgern aus Oestrich-Winkel zurück. »wie kriegen wir azu. dass ich ein Buch über Elite schreibe. Sie haben sich irgendwoher Bier organisiert. und sie lieben ihn. um nicht nach den Regeln des Darwinismus leben zu müssen. . sich Gesetze gegeben. die Teilnehmer des Kongresses. 25 .« m sofort kokett hinzuzufügen: »Aber das w' S' Issen hat gespottet. Es ist wie bei 24 einem Familientreffen. die sonst aus dem Fernsehen schallt. der Empfangsbereich entstand mit »freundlicher Unterstützung« einer Möbelfirma. »Es ist doch putzig.« Lachen. Es ist nicht der Ort für lange Gespräche. sagen sie. in denen sicherlich selten zuvor so viele Blusen und Kostüme hingen wie in dieser Nacht. »Es wird wieder Zeit in DeutscWand. leIstung zu bringen ~ »FDP wählen!« . in einer vergammelten Johann-Wolfgang-von-GoetheAula zu sitzen als in einem gut ausgestatteten DaimlerCh~ler-Saal. em- ge~~den. Dass Guido Westerwelle sich gezwungen sieht. reißt ~ich ~us meinen Gedanken. dass s' h Ie. »Wir brauchen endlich wieder Eliten«. Fast alle finden das toll. E h seI. Mein Namensschild haben die Wirtschaftsprüfer von KPMG gesponsert.das sei kein Modell für eine Gesellschaft. eins rechts. dazwischen Schränke. Ich bin doch noch untergekommen. Es gibt Wein und Fingerfood.• WWWE7?P~- • sondern Geld bringen. scheint sie genauso zu überraschen wie mich. Klatschen. Er hat sie mit»Exzellenzen« be. In der Jugendherberge haben sie eine ganze Etage für uns. Immer wieder sage ich.1 r oc schon alle gemacht!«. »Herr e e«. Es war vielen früher lieber. sie starren und lachen uns aus.« »AberdashabenWi d h Student. Im Mädchenzimmer für Nachrücker. dass Sie dasselbe haben wie andere. Politiker d . Herr Westerwelle straWt. un gerufen: »So stellt sich der e amst Elite vor b · SeIn L0 h n sind A ' 1evor er das Studium abbricht. »Nicht nur der Stärkste soll überleben«. ein Mädchen hinter mir kreIscht gar Vor Vergnügen. gemietet. sonst wären Sie nicht hier. grußt. Er hat geklagt' dass Le" _ Istung für manche eme Art Korperverletzung . Verkauft eine Hochschule dadurch ihre Unabhängigkeit? Oder ist Sponsoring ein legitimer Weg.« Viel mehr erfahre ich an diesem Abend nicht. wenn Sie sich emen lauen Lenz m ch U a en. Menschen hätten sich zu Gemeinschaften zusammengeschlossen. scWießt Westerwelle. auch für Bildungseinrichtungen? Eine Stimme. el Testwahlen im dritten el 80 Prozent gelandet.« Westerw 11 'll' pp aus und brave Fragen. Mit dem Motto Survival of the fittest? seien sie weit übers Ziel hinausgeschossen. Die Studenten haben Guido Westerwelle als Eröffn ungsredner fü' r ihr SymposIUm' . sagt der e· utmir· b' Semester sei die FDP b' eIner. Sie trinken. Zwei Doppelstockbetten links. dass er da ist. an das soziale Gewissen der Studenten zu appellieren.« Er sit-t IC nun auch der Staat an Elite-Univerd a en versuchen W II klein M ' 0 e.« Ich blicke in fragende Gesichter. wie sich die DIskussion entwickelt hat. und die Seminare werden im »DeutscheBank-Hörsaal« gehalten oder in dem der Holtzbrinck Verlagsgruppe. Auf der anschließenden Feier frage ich mich durch die Reihen. ist dankbar. r at gemahnt: »Sie können nicht e~en.

Energy. Gerade ist bekannt geworden. Aber darum geht es heute nicht. Ein wenig verwirrt schreibe ich mit: Edge (grenzenloses Denken). IC WUr e IntereSSIeren. Jetzt wird es gleich so weit sein. . dass Siemens sichere Stellen böte.Vier E und ein P also. meiner Teilnahme an knapp einem Dutzend Seminaren zum Thema Wirtschaftselite steht kein Security-Student im Wege. . Edge..I-------------------------------------------. die zukünftigen Siemens-Leader kümmern... dass sein gut 3. dass ihnen Aliens begegnet sind. Ich schaue auf die Liste. Jetzt gelte das alles plötzlich DIcht mehr.2-Millionen-Euro-Jahresgehalt um 30 Prozent erhöht ~erden würde. uns er Redner b' . Es wird nichts bringen. Zwei Reihen weiter wird schon lange ein Finger in die Luft gehalten. wenn ich mit einer solchen Liste durchs Land reise und alle. Energize . aus emie. energy und execute überprüfe.. auf den Topmanager und wieder auf die Liste. P und Leadership überdauert.-----__=i= die »begabtesten und leistungsfähigsten« jungen Menschen im Konzern. Sein Vater habe Urlaubsreisen auf Firmenkosten bek~mmen. SeIn Chef Klaus Kleinfeld ist Schirmherr des Symposi~ms. Sein Vater habe gerade selD VIerZigstes Dienstjubiläum gefeiert... die auf oc s elstung ausge . Nach diesem Raster soll tatsächlich die Wirtschaftselite ausgewählt werden? Und was bedeutet das für meine Suche nach einer tauglichen EliteDefinition? Nicht viel. Mein Hosenanzug ist genehm. eine Betriebsrente. . die ich treffe. Eine Horde Mittzwanziger. Die Entrüstung über die BenQ-Pleite und dIe Schwarzgeldaffäre sollte in den nächsten Wochen folgen M' h "d ' .elters. Zu Hause werden sie erzählen können. sagt ein Junge leise. nc et 1St«. dass er die Besten aus dem global talent pool regelmäßig zum Frühstück treffen wolle. ob den Siemens-Manager beschäftigt da Kl' r ld ' ss eInie auf dem besten Wege war. Er sei in dem Glauben groß geworden. Könnte in der deutschen Übersetzung also auch als fünftes E durchgehen. Stattdessen spr' ht d t I IC er Manager von einem global a ent pool. Dazu gehöre auch. Er selbst werde sich um 26 Four Es and one P nennt er sein Modell . mehr oder weniger passgenau in Business-Klamotten gesteckt. . denke ich.»W'Ie erkl" aren S'Ie d as Ihren Mitarbeitern?« 27 . der alle Erklärungen zu E. den Siemens aufbauen WI'U Kl Kl' r ld erkla"rt d . nach dem diese Nachwuchselite gekürt wird. Die erste Antwort auf meine Frage: Was ist Elite? NUR KEIN NIEDRIGLEISTER SEINI . die tagsüber auf dem Campus einer teuren Privatuni Elite spielt und nachts die Sechserzimmer in der Jugendherberge belegt. ~. auf die Kriterien edge. Mein erster Workshop »Leadership Culture: Herausforderungen für eine neue Managementgeneration« wird vo~ einem hochrangigen Siemens-Manager gehalten. Energy (Initiative zeigen). . Ein Finger.. Vielleicht 1st er beschäftigt. zum zweiten Ackermann zu werden _ ein Symbol für die angeblich fehlend M al d e or er Manager-Elite. H" h tl .. Energize (Mitarbeiter führen). ht . Denn in ihren Augen sind wir woW genau das. Am nächsten Morgen passiere ich problemlos die Einlasskontrolle. Er sei der Sohn eines SiemensM't b' . Der Siemens-Manager will uns nun das Muster erklären. . Bislang ist er aber noch nicht aufgetaucht.ar elte an emer »Kultur. Execute (Dinge mit maximaler Wirkung umsetzen) und Passion (emotionale Begeisterung).1 ar .

bis an die körperliche Belastungsgrenze zu gehen. »ist für viele Manager so selbstverständlich wie für andere Menschen die Fahrt mit der S-Bahn. dass die Wochenarbeitszeit in der Welt des Wirtschaftsnachwuchses ein Fetisch ist. Vorn sehe ich die goldenen Manschettenknöpfe am blauen Jackett des Siemens-Managers auf und nieder wippen. Das bringt Respekt ein. schreibt die Zeit. Aber der Block Personalkosten darf nicht unermesslich werden. In seinem Rechner hat jede Viertelstunde des Tages ein Feld. In einem späteren Vortrag werde ich als Synonym noch den »Niedrigleister« kennenlernen. Der Terminkalender vieler Topmanager ist auf bis zu eineinhalb Jahre im Voraus gefüllt. der Chef der Deutschen Bank. Immerhin weiß er nun. Denken Sie darüber nach!« Mario erzählte in Griechenland stolz von seinen 70-Stunden-Wochen. Er spricht von Anpassungsdruck. sie muss schneller laufen als jeder Löwe. Niedrigleister fordern 38. Es ist wie beim Pokern: siebzig Stunden.« Eine Freundin. »ist die Wahrscheinlichlt. In den Gesprächen bekomme ich den Eindruck. le da noch nicht den Atem der Chinesen. »Wir ziehen Minderleister immer mit. Von dort werden sie für die Woche aufdie 29 . hat er noch eine 28 Geschichte parat: »Jeden Morgen wacht in Afrika eine Antilope auf und weiß. »Es ist im Einzelschicksal immer bitter. Josef Ackermann.« »Minderleister« . hundertdreißig.»Das ist Globalisierung«. hat in London und New York eine Wohnung. Die Lektion »Bloß kein Niedrigleister werden!« wird in den folgenden zwei Tagen ständig wiederholt.das Wort habe ich noch nie gehört. Bernd geht selten vor acht Uhr abends nach Hause. erzählte mir dass jeden Montag um fünf Uhr morgens in ihrer Straße ~en­ schen mit Rollkoffern auf dem Bürgersteig stehen. ass der nächste M " Österrelch(<< Fü d" d' Ozart aus China kommt statt aus . er muss schneller laufen als die langsamste Antilope. WIr müssen den M' d I' In er elster in uns unterdrücken wegen der Konk d' " urrenz. Er ist Meister des Zeitmanagements. Damit muss jetzt Schluss sein. »Ein Tagestrip Zur Arbeit nach New York«. ragt er. Er gestikuliert entschieden. erklärt uns ein anderer Semmarlelter »Wie ß f ke" d ' gro «. sammeln Koffer und Menschen ein. die viel Schlaf brauchen und halbe Tage mit Fernsehsoaps oder Fußballübertragungen vertrödeln. Jeden Morgen wacht in Afrika ein Löwe auf und weiß. e en aVler. halten ihnen die Karotte vor bis zur Frühpension. einen sicheren Job und Urlaubsreisen auf Betriebskosten. dIe uns jage ' N n. um zu überleben. Das Wort klingt verächtlich. antwortet der Manager. 1m acken spüren. Taxen fahren vor.« Der Junge sagt nichts mehr.S-Stunden-Wochen. nac lassen. le nur darauf wartet. der fast noch mehr zählt als das dicke Auto oder die schöne Wohnung. entspannen durfen. dass er Sohn eines Personalkostenblocks ist. 60 Millionen ChInesen spi I Kl . als das Projekt auf der Kippe stand. eine hohe Schlagzahl zu erreichen. Das ist deutsche Gleichmacherei.damals. von tschechischen Niedriglöhnen und von »Cosy-Verhältnissen«. das farbig markiert und mit Aufgaben versehen ist. Er wird grundsätzlich: » Wir leben in Deutschland immer noch in einem sozialistischen Kollektiv«.« Nach einer Kunstpause sagt er dann: »Wir müssen schnell laufen. so wie ich.' r le. achtzig . die wie Mario als Berater arbeitet. Bernds und Marios Ziel ist es. fahren sie zum Flughafen. in denen wir zu lange gelebt hätten. dass wir niemals a h h "" " usru en. '. sagt er. Vielleicht sind es aber auch die. in der Anzüge und Schuhe bereitliegen. Wir lernen.

aus Angst.ENDE DER KARRIERE »Wir wollen«. Sie werden nicht übertrieben haben. . c a e sie von memer Mutter geliehen. as IS as r Le er?« . Er will uns beibringen.»Deine Schuhe«. Auch ich traue mich nicht. Sogar die Haare es h I m zeugt von langer Tradi. genommen. r meIner A reise eingefallen ist.« Ich sitze ganz hinten. ode!?«. Vor mir sprudelt ein prächtiger Schokoladenbrunnen. warum lassen wir ihn dann nicht?«. EDEKA . . '. freut sich ein anderer. Sobald ich die Tür öffne. ein anderer. Euro.« Das sei n u le0 er alter aus dem Programm Un eIner mit Carbon-Einspritzun30 gen. »Wenn einer für drei Euro putzen will. als spräche ich nur Hindi. Der Mann vorn ist unser Rhetorikcoach. fragt einer. Für andere Symposien zaWst du 15. meine Fragen zu stellen. Alle. nicht unnötig unangenehm aufzufallen. . sind begeistert. Manschettenall rIon. . um mir Notizen zu machen oder um einfach nur still dazusitzen. Es ist der zweite Tag meiner Elite-Erkundung. weil mir Stunden vo . beschreiben die Bereitschaft. Koste knappe 600 Euro. verschwinden in seinem Vollbart. so zu tun. ruft er. .Hilton. Sie haben weiße Laubsäge31 .« . ~ r el kn Opie. dass Ich In Schwarz S ak h . b' . r zle t eInen Füller aus der Tasche: anc at die Sch l~ d h . Ich gehe ständig zur Toilette. Am liebsten möchte ich gleich wieder aufs Klo. Ich überlege. Meine ganze Energie geht dafiir drauf. Ich stehe in der Schlange am Büfett. Studenten der Uni. Wo zum Teufel kauft man Kangurulederschuhe? Auch beim E se kan .. fragt ein Junge hinter mir seInen Freund »w . Schweißtropfen rinnen ihm über die Wangen.»Erstklassiges Line-up hier. Als das manager magazin Jungmanager nach ihrer durchschnittlichen Arbeitszeit fragte. o n Ich MeIn S'Itznachbas ab' nb' mich nicht entspannen.000. »unsere Mitmenschen lenken. »Wir sind nimmermüde Garanten für Wachstum und Wohlstand. bedingungslos flexibel zu sein als Grundvoraussetzung. r erunter. t d fü' d . gaben 61 Prozent an. »Das ist optimales Pricing.« Ich blicke an mi h M . den Willen zu funktionieren. Elf Studenten stehen schon vorn. neben ein paar Gaststudenten aus Indien. »Wir müssen endlich die Löhne liberalisieren«. Um meine Frisur zu kontrollieren. Ich lausche dem Gemurmel. wie echte Führungskräfte zu sprechen. strömt das Stimmengewirr wieder auf mich ein. um dazugehören zu können. mehr zu leisten als andere.. sagt ein Dritter. traue mich kaum. das lernen wir gerade«. eIne Schuhe SInd alt und em wenig spießig I h h b ' . sagt einer. »Diese Gewinnmarge ist doch fantastisch!«.« Sein Bauch wippt. Und fast umsonst. »Was mit der PDS an geistigem Müll in die Parlamente gespült wurde. »Montbl h . mit denen ich hier in Oestrich-Winkel spreche. ob es glaubhaft wäre.. Kaum jemand tunkt Fruchte hinein. h . »Dabei kostet die Herstellung doch nicht mehr als ein paar Euro. S'legelring reitet 0h Montblanc. Die Jungs am Tisch. ' an d o s e en aus wie ein Fliegerhelm aus en zwanziger Jahren E .»Kanguru. .und Sheraton-Hotels dieser Welt verteilt. Ich fiiWe mich fremd. meine Bluse zu ruinieren. nur ne er abe. führen und begeistern. und schon zweifle ich an meinem Plan. hätte bei einer Firma nicht mal ein Bewerbungs " hb k gesprac e ommen.« . eine Wochenarbeitszeit von mehr als fünfzig Stunden sei der Regelfall. . Aber ich muss ins nächste Seminar.

Hinter uns auf dem Parkplatz knallt es plötzlich.« »Wir müssen« mah d .. dass er der Chefdes ersten deutschen Rhetorik-Instituts ist und geeignete Kurse anbietet. Viele hatten sich nur auf die Bälle konzentriert und den Affen verpasst.. Wir sollten zählen. weil er sich grundsätzlich erst einmal für alle Frauen interessiert. Denn die Studenten müssen nicht nur Buchstaben halten. Gut. und damit fehle ihnen eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft. Auch er trägt Armani und fährt Audi. Und wenn Sie nur dIe Blld-Zeitungle h d' sen. . Denn dann könnte ich heute bereits meinen zw't M ks . mach Limonade daraus. »Bietet dir das Leben eine Zitrone. HEISSE LUFT Ich glaube. sagt er. Und wenn man sich weigert? Wenn man im Sitz verkrampft. . »Hat jemand einen Gorilla gesehen?«. formen das Wort »Kreativität«. »Und du?«.arbeiten in der Hand. . die ihnen vorgesprochen werden: »Ich fühle mich wie ein Fels in der Brandung. e en UPplg füllen. Motivationsspielchen wie diese scheinen zum Standardprogramm zu gehören. Sie seien zu leicht ablenkbar. Selbst ausgewählt In Ingolstadt. el en er atz eintragen. 'etzt 11· J so en Wlrnoch' In meinem SItz zusammen. Wahrscheinlich. . braucht Rhetorik«. Lea~ership. 32 Einer muss immer wieder sagen: »Ich schaffe es. .« . wenn man ihm einen Hang zum ständigen und ausdauernden Flirten unterstellt. Sogar ein Cabrio hat er. ob ich mir ein Heft mit dem Titel »So werde ich ein Leader« anlegen sollte. »Ich schaffe es. fragte der Coach. elOm Motlvationssätze wiederholen.« Am Ende stimmt die ganze Bankreihe mit ein. n t er Coach.<I Ich sch fi rump e weiter' . . Fünf Tage kosten 2450 Euro plus Mehrwertsteuer. Neben mir gehen ein paar Erstsemester.« Noch mehr Applaus.« Applaus. . die sich die auf dem Campus ausgestellten Sportwagenmodelle anschaut. . Unter »Ich muss den Gorilla sehen« könnte ich schreiben: »Ich muss andere Zum Lachen bringen. statt eifrig Erbauungssätze zu deklamieren? »Dann«. Ich erreiche mein gesetztes Ziel. Während~essen lief ein Gorilla durchs Bild.Daml't er di E' b e IS ären nicht fü' r BIaub"aren häl't . wollen sie wissen...»Wer seine Mitmenschen lenken. 33 . sagt der Coach »heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere. die den Rhetorik-Vortrag extrem inspirierend fanden.« Alle sollen klatschen.. der das Taxi für die VIPs fährt. lernten wir damals. auch ein I oder Ä zu werden. Verwirrt laufe ich über das Schlossgelände. Und wer froh ist. wurde uns das Video eines Basketballspiels gezeigt. Ein Student. ist mit dem gemieteten Rolls-Royce gegen einen Stehtisch gefahren. Ich sehe eine Studentin in einem getigerten Designerkostüm. is about seeing the gorilla. man tritt Michi nicht zu nahe. Ich erreiche mein gesetztes Ziel. ganz in der Nähe seiner Heimat. Nichts haut mich um.uen: »Warum darf . auc le hat eine Schmunzelecke«. sondern auch Sätze imitieren. Seit einer halben Stunde fürchte ich. Ich uberlege. Als wir mit McKinsey in Griechenland waren. um uns fi ~. P I t? elO 0 arforscher keine blaue Brille ragen. Ich mag nichts mehr sagen. Im Gegensatz zu so vielen anderen hat er mich nicht einfach ignoriert. wie oft sich die zwei Teams den Ball zupassen. »dIe seelische Lohntute unserer Angest llt .« So einfach ist das. sagt der Coach. »Froh zu sein bedarf es wenig. Michi studiert hier. Denn al .. lautete das Fazit. führen und begeistern will. halten sie hoch..:LI so ort wohlartikuliert einen Witz zu er. ist ein König. ~ie viele hier.

über eine Karrieremesse geschlendert.« Wie anscheinend alle hier lebt auch Michi ohne Ruhepausen. )) Ich bm ausge l' h 'eh . was Tom eine »Nachdenkst arre« nennt. die Arbeit war weit weg. das kauft alles der Papa..« Mein Vater hat Phasen. In Hannover stehe ich ewig auf dem Bahnsteig. sage ich und lege auf. . mir die getönten Scheiben der parkenden Autos anschaue und einem Dreijährigen mit zurückgegeltem Haar ausweiche. verspricht er. Die grundsätzlichen Dinge.Schweigen.« In Gedanken unterstelle ich ihm den Zusatz: »Gut für deine Karriere.. Neid ist trotzdem da. · ' ac t sem breItes fränkisches Lachen.« Auf den Glauben wollte ich mich nie verlassen. Das ist mein Rahmen. 34 . haben die Berater nicht durchblickt. . Lege mich auf den Teppich. Schließlich rufe ich meine Eltern an. mit . Er war gerade neu im Rh .... »Heiße Luft«.. sagt er.. die ich bisher hier traf. Er erzählt mir von einem Sonntag. Die riet den F h ' ernse er anzuschalten. das zahl ich alles selber. Meine Mutter fragt. Und Michi ist direkt nach der Schule mit eingestiegen. Ich bekomme noch den letzten Zug nach Berlin. . enterbt er mich. .. emgau. finde ich es plötzlich auf seltsame Weise beruhigend. sagt Michi» f d' . dass ich von Montag bis Sonntag schufte. -. erzählt er mir. statt an E. Plötzlich wurde ihm langweilig.« Er sei. in denen er sich mindestens im Drei-Tage-Takt nach meinem beruflichen Fortkommen erkundigt. Mein Vater sagt: »Da kannst du ja viel schreiben. Sein Vater verkauft schlüsselfertige Bauten. und ich solle mir m t so VIele Ged k an en machen. as MIttagessen auch. verfalle ich in das. . DAS GROSSE UMDENKEN Zurück in der WG. wenn ich bei Ihnen anfange.»Fürchtest du dich davor. So schlimm. Die Leute sagen.. Er will weder Berater noch Investmentbanker werden. Stottern.. Dass Angestellte genug Geld verdienen müssen. h d . D . findet er. den Glauben. schaue fast so lange aus dem Fenster wie die Frau 1m Vorderhaus. Urlaube und Häuser leisten zu können. an die Gebote seines Gottes glauben wird. »Meine Studiengebühren.--------------------_iiliiiiiiiiiliiiiiiiiliiiiiiiiiil_. Nur heiße Luft eben. »Selber drauf gekommen wä . Setze mich an den Computer und öffne alle fünf Minuten stupide mein 35 . g IC en«. " apu t zu sem?«. ob sie mir Zu Weihnachten auch eine Armani-Jeans schenken soll. sagt Michi. MIch! sehuttelt den Kopf 1 h ' . der in der Hand die Promotion-Tüte einer großen Investmentbank hält. um ihnen von meiner Verwirrung nach den Tagen mit der jungen Wirtschaftselite zu erzählen. »Schlimm fand ich das«. habe an den Ständen der Investmentbanker und der großen Berater gestoppt und gefragt: »Mein Vater schwört. dass einer hier. um sich Autos. sagt er. en Kirchgang hatte er schon hmte . »Nein danke«. Aber während ich an Stehtischen mit weißen Tischdecken vorbeilaufe. Das kann aufDauer nicht gut gehen. au Ie man keine Antwort findet. P und Leadership-Versprechen. . dass er seine Mutter anrief. frage Ich.-l~IIIIIIII . h . Was halten Sie dagegen?« . IIII~~ . wenn er dann irgendwann vielleicht zur Wirtschaftselite gehört.Aber Michi ist anders als die. dreißIg müde und k t . · Dafür gibt es die Kirche._ . »Die schaffen keinen Wert. r SIC. mein Auto.« . die andere für sie produzieren. die kosten viel Geld. Die sehen nicht. »Es gibt immer Fragen«. re IC nie. Ich verlasse mein Zimmer ~aum. mehr sei von denen nicht gekommen.

dass Gleichheit und Gerechtigkeit wesentliche Wert .man Wollte d' Ki d le n er zum Umweltschutz erzie36 hen«. jetzt die Tage an der EBS. dass man aus der SPD eigentlich austreten müsse. Ich bin dazu erzogen worden.·Mein Vater hat für verkehrsberuhigte Straßen gekämpft. argumentieren. Wie ich mich im Kampf um knapper werdende Stellen benehmen soll. derten Ie e WIe die Integration von Behin. 37 . eVi . was aus ihren Mit~iedschaften in zahlreichen Bürgerinitiativen geworden 1st. für die er sich einsetzen wolle. Haben wir dadurch unsere Chancen auf dem Weltmarkt verspielt? Hätten unsere Eltern und Lehrer uns besser auf den Kampf von Löwen und Antilopen vorbereiten müssen? Meine Eltern haben nie darüber gesprochen. auf Arbeit und soziale Sicherung pocht. d J ' VIel . so würden wahrscheinlich viele. war sie der Nährboden für eine Wohlfühlgesellschaft. Meinen Eltern und all den Lehrern. Meine Mutter war mal bei Pro Asyl und mal in einer Gruppe. An jedem 9. Er trägt Bart. Schon als Kleinkind habe ich sonntags die Urananreicherungsanlage in unserer Heimatstadt umrundet. Ich bin also in der bundesrepublikanischen linken Mittelschicht aufgewachsen di ZW d' . Und damit d l' muss di as ge Ingt. Vielleicht war diese Erziehung ja weltfremd. sich im Kleinen überall Und Immer für d' S h I le c wachen einzusetzen. Vielleicht. Erst McKinsey. Dieses Denken war zumindest in unserer Umgebung lange Konsens. eder. wir fahren Saab. warum sie nicht mehr demonstrieren. hatte abere . der ein paar Jahre älter ist und sich an die frühen Achtziger besser erinnern kann. ar b Ie großen Ideologiekämpfe beendet fü h : r SIC eanspruchte. ch habe gelernt. hb seIn ater verdient. so wurde mir beigebracht. klassischer geht es kaum. Dachte ich jedenfalls bislang. Beamten und Ingenieuren unter ihren Freunden ging es relativ früh wirtschaftlich ziemlich gut. er hätte keine konkreten Ziele mehr. dass die zwei Treffen mit der selbst ernannten Wirtschaftselite zu einer Klärung des Begriffs und Zur Beruhigung meiner Ängste beigetragen haben. pt Mailfach. Denn langsam zweifle ich an der Haltbarkeit dieser Überzeugungen. egal wo er herkommt und SIn egal WIe . ob sie sich diese Fragen gestellt haben. Und dann noch dieses seltsame Gespräch mit meinen Eltern. November bin ich mit meiner Mutter mit Fackeln durch die Fußgängerzone gelaufen. um auf den Schultern meines Vaters gegen Atomkraft zu protestieren. die ich in Oestrich-Winkel traf. chon lange fahren meine Eltern zu Antiquitätenauktionen. Echte Angst um die materielle Existenz habe ich damals nie erlebt. in der viele Frauen Latzhosen trugen und gegen Machos kämpften. erzählt mir ein Freund. sollte gleiche Chancen a en. anstatt zu den Anti-Atomkraft-Treffen zu gehen. gleichzeitig aber auch tolerant zu sein und Rücksicht zu nehmen.. Mein Vater ist Sozialdemokrat.r. und wir haben uns Vor dem Gedenkstein für die ermordeten Juden versammelt. selbstbestimmt zu leben. als würde ich irgendwelche erlösenden Botschaften erwarten. hatte . e es eIC tfällt. Als ich von ihnen wissen will. SOWIeso Vi 1 l' h . trainierten wir nicht. Ich kann nicht sagen.57 . in der jeder nur auf sein Recht auf Selbstverwirklichung. Immer häufiger sagt . Warum waren sie eigentlich überhaupt nicht empört über das Gebaren der Studenten an der EBS? Meine Eltern sind Lehrer. man e Schwache t" denen' n s utzen und nicht jene fördern. »Anfang der Achtziger man Bildungsz' 1 ' . Ein Konsens. der aus Überzeugung gelebt wurde. meint mein Vater nur.

wie ich immer dachte. Ich glaube. dass die Zahl der Diskussionen. zunahm. Journalistin passte vor allem meinem Vater nicht. von dem in Hartz-IV-Zeiten jeder betroffen sein ~nn. dass ~ch Ideale verleugne. statt einen festen Vertrag zu haben. als es um meine »berufliche Zukunft« ging. dass ich den mit 67000 Euro dotierten McKinsey-Vertrag abgelehnt hatte. seit die Angst vor der Arbeitslosigkeit auch bei ihnen im Münsterland angekommen ist. fange ich wieder an zu lesen. als wären sie luxunose Accessoires? H1 d . keine Schreihälse. Hunderte von Zeitungsartikeln. Machtmissbrauch und Viett .« Es scheint einen neuen Konsens zu geben. es umzudefimeren als bloße »Aus39 38 . ein »Das-wird-man-doch-mal-Iangsam-wieder_sagen_dürfen«_ Gefühl. wurde in der Debatt h . der stets gegen die Konservativen wetterte. rief BiIdungsministerin Annette Schavan: »Deutschland braucht Eliten. . Für den Traum von der festen Stelle hätte mein Vater. we c en vvert haben Ideale. in der man wieder mehr um die materielle Existenz bangt. dass man in einer Zeit. Ze' di ~ onsens hIelt. DIE ELITISIERUNG Die Renaissance des Elitebegriffs fällt in die Schröder-Ära und in die Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs. Als ich meinen Eltern erzählte. Als Studenten im Februar 2007 die Inthronisierungsfeier mit ihren Protesten störten. erträgt er bis heute nur schwer. vielleicht nur Attitüde in einer It.~~gWUrde die Unschuld des Begriffs betont. angeheuert hätte. Es ist ihm zu unsicher. Bücher über Eliten. war plötzlich für Anwältin oder Ärztin. »Du hast doch so ein gutes Abitur«. Gleich~e. Dass ich Aufträge abarbeite. um Deutschlandflaggen und eben um Eliten. Es ging um »Leitkultur«. lautete eine Grundthese. emer KindheIt als wIchtig beigebracht haben? Haben SIe schneller als ich begriffen. der Sozialdemokrat. vvar er Wunsch nach Gerechtigkeit. Würden sie :g~r akz~Ptier~n. die man sich Je nach Lage der Di I. solche Ideale vergessen soII te. Dabei stoße ich auf einen Bericht über ein Fest der neuen Präsidentin der Universität Hamburg. War »Elite« ru er ein Reizwort. dass ihre Tochter zu den Gewinnern gehört. Es war ein »Wir-sind-wieder-wer«-.h deniC fü K . Aus Sorge um meine Zukunft möchten sie um jeden Preis. merkte ich._ nge eIstet oder nicht. ernwlrtsc a mItschwangen. sobald SIe" KarrIere be' dIe . hmdern? Aber I h H1 • . Ich glaube.. dass das Erstarken des Elitebegriffs em Kind der Verbindung beider Entwicklungen ist. Immer wieder fragt er. Ich habe den Eindruck. Engländer und US-Amerikaner haben dem dürften sich die Deutschen in Zeiten des globalen w'ettbew~r~s nicht verweigern. h ft . e dies zuließ? Um die Nachdenkstarre zu überwinden. dass nicht nur meine Eltern umdenken. Gleichzeitig packte die deutsche Mittelschicht erst~als seit dem Zweiten Weltkrieg die Angst vor dem AbstIeg. die auch er stets kritisiert. in denen man Nachkriegstabus brach. Es begann damit. . Marios Kategorien scheinen ihnen nicht so fremd zu sein. waren sie nicht gerade glücklich. e versuc t. ob ich nicht irgendwann mal irgendwo eine Festanstellung bekommen könnte. wenn seine Tochter sogar bei den Turbokapitalisten. offensichtlich nichts dagegen einzuwenden gehabt. Er. haben sich ihre Maßstäbe verschoben. die sie mir in . um Patriotismus. in dem Standesdünkel. sagte er oft. Was Franzosen. .Dass das nicht alles ist.

das Soziologen erstmals Ende des 19. So schreibt Gaetano Mosca. Seine Zeitgenossen sahen das ähnlich. das den Begriffim Kampfgegen Adel und Klerus erstmals politisierte. Dieser Gegensatz erst macht den Reiz des Elitebegriffs aus. unproblematisch und auf jeden Fall erstrebenswert. Den Anfang machte das französische Bürgertum. allen voran die deutschen Nahonals . In der »Psychologie der Massen« beschreibt Gustave Le Bon die Sehnsucht nach Eliten als eine Art Grundreflex des Menschen. Dle kl' Grup e setzt bImmer eine Nicht-Elite voraus. setzten den Gedanken. Das Elitekonzept war t eorehscher Dnt b d Lb . so die Forderung. Die faschiStis~hen Herrschaftssysteme. Ursprünglich war der Begriff »Elite« tatsächlich nicht mehr als ein Premiumstempel. Die kargen Definitionen der beiden L xika hl . Jahrhunderts auf allen französischen Märkten Elite-Garne. An die Elite eben. Einflussreichen existiert nur im Zusammenspiel mit ihrem Gegenteil: den vielen »Normalen«. Doch der Begriff »Elite« erzählt ge d . ahuf gra~same Weise in Politik um. die beherrscht wird. ein anderer Klassiker der Eliteforschung: »In allen Gesellschaften. Für den Brockhaus ist »Elite« eine Gruppe. Daran orientieren sich auch heute noch die gängigen Definitionen. amIt egten sie den theoretischen Grundstein für den aufkommenden Faschismus dem sie zum Teil auch persönlich sehr nahe standen. Es an" d' . eIDe d pe er esonders Leistungsbereiten und 40 . von den primitivsten im Aufgang der Zivilisation bis zu den vorgeschrittensten und mächtigsten. h "b ' ra e DIC ts u er dIe vielstufige. I ' . die herrscht. er au es» e ensborn«-Programms der SS. So fand man Ende des 18. und eine. »die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie durch eine besondere Leistungsf<ihigkeit und Leistungsbereitschaft auszeichnet«. Die Masse. der Menge also. begründete seinen ruhmreichen Aufstieg zu einem Konzept. Erst später bezeichneten sich auch Menschen als Elite. sie versieht alle politischen Funktionen. die über einen starken Willen verfügen. Die erste ist immer die weniger zahlreiche.. Meyers Enzyklopädie ergänzt. Macht und Geld. dIe »rassisch II wertvo es Menschenmaterial« züchten Wollte. ist unstrittig. dass es in Gesellschaften' . gibt es zwei Klassen: eine. Es waren wohl französische Händler. die das Wort erfunden hatten. Sie sehne sich nach wenigen.« Trotz mancher Differenzen einte die Klassiker der Elited' Ub" forschung de GI b r au e an Ie erlegenheit einer auserwählten Minderh 't D . während die zweite zahlreichere Klasse Von der ersten befehligt und geleitet ~ird. · versc eIern eine konstituierende EIgenschaft· Elit e ' ' . Elire heißt »auswählen«. b I eIne u er egene Minderheit geben darf und soll. 1755 definierte Denis Diderot in seiner Enzyklopädie »Elite« als Gütesiegel für auserlesene Spitzenprodukte. So wurde aus einem Tabu ein Ziel. so schreibt er. die An h'" d ge ongen er Elite hätten zudem einen »besonderen Wert« und bestimmten maßgeblich die gesellschaftliche Entwicklung. und auserwählte Waren ließen sich besonders gut anpreisen. r OZIa Isten. komI S h' P exe c Ichtung einer Gesellschaft. Imlerte Ie NaZIS Zur Gründung der Natio41 un~eich verteilt Dass Leistung und Einfluss in einer Gesellschaft stets sind. sondern an die mit der größten individuellen Leistungsfahigkeit. sollten nicht an die mit der edelsten familiären Abstammung gehen. sei »eine Herde. Elite-Tücher und Elite-Gänselebern. Jahrhunderts massiv beschäftigte und faszinierte. el.wahl der Besten«. die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß«. monopolisiert die Macht und genießt die Vorteile.

Dachte • man zumindest. Jürgen Rüttgers. von Führern' "on Auserwa ten zu sprechen. kann jeder werden. mittlerweile Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. sagte schon 1998: »Vom Tabuwort ist der Elitenbegriffinzwischen fast zu einem Schlüsselbegriff in der Bildungsdiskussion aufgestiegen. galt der Elitebegriff zunächst als tot als auf ' .~~---------_ _iiiliiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiii5iöiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii_iili_• • • •_lliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii~lilI·iii· 1iiI·~·iIii·ilillli'Ilii·. nalpolitischen Bildungsanstalten.. entsprechend den mstItutionell 0 d e~ r nungen« der Gesellschaft: Wirtschaft P I' . ' durch sie verseucht. Ihren Ursprung hatte die Begeisterung für die Leistungselite aber in den Chefetagen der Wirtschaft. suggeriert dieser Ausdruck. er als Professor an der Eliten nachdacht erhn m den sechziger Jahren über e.ltik. Durch diese Neudefinition galt Elite vielen als demokratisiert.IIIllIIlIilII" l 1l· --. Ralf Dahren. dass ein Hirte die Herde zu leiten hat. Die Eliten hatten versagt. Angetrieben durch eine unmenschliche Ideologie und durch die Gier nach grenzenloser Macht.« Der sächsische Kultusminister Matthias Rößler stellte im August 2001 anlässlich der Wiedereröffnung der früheren Fürstenschule Sankt Afra in Meißen als Elite-Gymnaisum für Hochbegabte fest: »Wir bekennen uns zum Begriff der Elite. letztlich aber doch nur Leistungen. ErZiehung. Religion. . der »Napolas«. vernichteten den Glauben an die Kraft der ZiVillsatIon. entproblematisiert und von der Schande der Nazis fast völlig reingewaschen. Das Führerprinzip selbst war Ausdruck des Glaubens daran. Kultur. die in Spitzenpositionen gelangt seien. der viel leistet. in der man durch Kungelei nach oben komme. Damit war das neue soziologische Label des Elitebegriffs perfekt und die funktionale Leistungselite geboren. ein Auserwählter. sprach 1 von SIeben fu kr »großen" n lOna en Eliten. sprach von einer »Vervielfältigung der 42 Eliten«. nse !ten«. pater reduzi t d' aufvier D Ke er e er le Zahl der Kategorien . Als alles vorbei war. d eWIg mIt en Taten der Faschisten verbunden. emer der Väter d B 'ff! 1979 ' es egn s »Funktionseliten«. in der die Auswahl für die Elitepositionen nach Leistung erfolge und damit für alle Bürger erreichbar sei. in denen eine »Elite für den Führer« herangezogen werden sollte. eter Dreit 1 d Freien Universität B ' . Dreitzel charakterisierte die demokratische Gesellschaft als »Elitengesellschaft«. machten es unmogl' h . über 90 Prozent der Topmanager nennen Leistung und Fleiß. in der Wirtschaft zähle im Gegensatz zur Politik.ze . Macht d' d r emo atie geteilte Macht be. d Auch Hans P n m Je em Bereich zusteht. le en Beste ' . Militär . Elite seien schlicht Personen.---------iII!7 1IIlII1tIlIIl. dem die Masse folgt. wenn sie nach den 43 . die für die Gesellschaft von Interesse und Bedeutung seien.Jemals wieder von Hir" IC ' "hl ten.« An dieser Schule werde die künftige Elite Sachsens geformt. und Recht' sO. er rngedank bl 'b d tastet: Elite II ' . die in ihrem jeweiligen dorf ~ u rungsaufgaben übernahmen. Damit waren mehrere Grup' pen m der Gesellsch ft Syste F"h a gememt. IIStIsch en Funktio < un » asse« ab und gebar die »pluraI' . allein die Leistung. jeder also. e el t avon natürlich unangeso te m eme D kr deuten. .. der strebsam und klug ist. Hier wird der Mythos gepflegt. Grundsätzlich käme jeder Bereich persönlicher Leistung dafür infrage. Die wissenschaftl' h W' d ' IC begnffs begann b 't ke le erentdeckung des Eliteerel s urz nach seinem vermeintlichen Ende. Und so fand die Elite über die Soziologiebücher ihren Weg zurück in die Gesellschaft. Elite. Die Soziol' d' ogle wan te sIch vom beschmutzten Gegensatzpaar »Elitel d M .. töteten sie Millionen von ~~ns~hen.

b en. die in der Vergangenheit so sehr beschädigt wurde. was genau die meinen. ephert und gelebt. ob man das Wort wieder aussprechen darf. die »Elite« sagen. der frühere Prasldent der Bundesbank.dieser Satz regt nach einigen Jahren der aufgeregten Darf-man-das-wieder-sagen?-Diskussion kaum einen mehr auf. die aber offenbar noch nicht ganz kaputt war. Die UniverSltaten in Aach B I' . schrieb die . al s d' Bundesregierung beschloss. warum und nach welchem Schlüssel. Mich interessiert nicht. sie ihren eigenen Erfolg zu verdanken glauben. nZInlhahve« das Hochschulsystem umzubauen »Der Wi ttb b . fordert eine »durchlässige. e ewer soll das deutsche Hochschulsystem neu polen'. zum ersten Mal. Mit 80 Prozent folgen Eigeninitiative und Durchsetzungsvermögen sowie Bildung und Ausbildung.entscheidenden Gründen für ihren Aufstieg gefragt werden. dass die ~esellschaft von einer »Leistungselite« bewegt wird. e c üler i EI' kl n Ite assen oder an Eliteschu44 len zu fördern . Eine klare Mehrheit für die Elite. Und Hein. der Vorstandsvorsitzende des Springer~edienkonzerns. aber das kann man nicht zum Standard für alle machen«. in denen die Studenten im Vergleich zu ihren Kommilitonen an den Massenuniversitäten traumhafte Bedingungen vorfinden. Viel wichtiger als die Frage. aber ziemlich laute Begeisterung. Vermögen oder Beziehungen._ enzwett ewerbs entschieden. Karlsruhe Ko t d" . Freiburg. Da scheint es folgerichtig. Und vor allem möchte ich erfahren. will »den Begriff der Elite als Leistungselite verstehen und ihn so enttabuisieren«. sondern eine Nachwuchselite aus diesen Töpfen per se mehr erhalten soll als andere. Zelt 1m Oktober 2006 M' I ' Runden des Exzell . Mathias Döpfner.und späterer A~fslchtsratsvorsitzender der Siemens AG. dass man sie eigentlich schon entsorgt hatte. die die Einrichtung von Elitestudiengängen. als Maßstab für die gesamte Gesellschaft wünschen. glaubt. . . und merkwürdigerweise fragt fast niemand nach. le bekommen Ruhm. ehemaliger Vorstands. »Wir brauchen wieder Eliten« . er In. Erst einmal ist es wie jeder Begriff eine Hülle. fuTter All .rich von Pierer. Damit ist die Debatte etliche Schritte weiter als ich. Ich möchte wissen. Laut der FrankgemeInen Zeitu . Die Menschen scheinen begriffen zu haben.nur 33 Prozent sind dagegen. seit die Zeitung diese Frage stellt. dass die Manager das Konzept. Erstmals seit End d . nach welchen Kriterien entschieden wird. sagt ErnstLudwig Winnacker. Hans Tietmeyer. dass nun wieder in Gewinner und Verlierer eingeteilt werden soll. Es gab nur leisen Widerspruch. Itt erwede sind die ersten beiden b . demokrahs~~e« Leistungselite. Heidelerg. der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. . vorantreiben. »Den Besten muss man das Beste bieten. d dafür begabt S h" ngsIn 54 Prozent der Menschen . Zwar eine. Chancen und Förderung nicht mehr möglichst gerecht verteilt werden. le mit ihrer »Exzelle '" . ob man das Wort trotz des Dritten Reiches gebrauchen darf. wer dazugehört und wer nicht. Ehre und 21 Mill' Ionen Euro. stellvertretend für alle. dem. Kaum einer nennt Geld. DIe Anstrengungen von Politik und Wirtschaft zeigen Folgen. mit welchem Inhalt man die Hülle füllt. von GI eIehh eIt auf Elite«. n s anz un Munchen dürfen sich jetzt »EUte-Universität« n S' ennen. ist meiner Meinung nach. müsste dann nicht allen klar sein. Wenn Geld. nach 45 . e es ZweIten Weltkriegs wird das Elit 100 e nzept zudem 'd der Bev"lk WIe er von einer breiten Mehrheit o erung akz . Göttingen.

. Wie finden sie diese zweihundert Top-Leute? Wer löst die Eintrittskarte in die WeIt der zukünftigen Wirtschaftselite? Und wer bleibt draußen? Es ist Zeit. Ich war an der ehrwürdigen Wilhelms-Universität in Münster. . als mich der BMW-Mini überholt und in der 1 angen Schlang S . der damals in unserer Kleinstadt noch eine echte Rarität war. dass ich zurück an der In. unver ennbar. Er prüft die zum Kauf gebotene Ware. dann immer vergnügter durch die Gänge gelaufen. Ich überschlage.ohnehin schon über 37000 Euro kostet. 1 eIner ReIsetasche in der Hand laufe Ich durch die nach . d k ' rgen In en Talern hangen. e am traßenrand parkt. le an diesem Mo 'd . »Idyllisch«. knapp 45000 Euro lassen . Wir sind erst ein wenig eingeschüchtert.. jedes Jahr die »200 Top-Studenten in Deutschland« aufzunehmen und dadurch eine »unternehmerische Elitehochschule« zu sein.. Eine Studentin stelgt aus Sch . Vor mir laufen Gespanne.. b elllem warmen Herbst noch gelben Wein~rge. 47 46 . Sie kommen aus der Nähe von Bremen. Ich blicke auf den Rhein.errn Es ist k EBS b' U' . haben in einer Linguistik-Vorlesung Menschen zugesehen. dass dies die geheimnisvolle Welt der Akademiker sein muss. Danach haben wir uns in die Cafeteria abgesetzt und fühlten uns unendlich cool und studentisch. ganz selten Vater und Tochter. bis das Kind den Master hat. der forsch voranschreitet. en e Ich. ngewoh r h ' schen d h" n 1C 1st allerdings.welchen Regeln diese Plätze in der ersten Klasse verteilt werden? Wie wird man Elite? Muss man auf bestimmte Schulen gehen? Spezielle Universitäten besuchen? Entscheidet das Talent? Geben Fleiß und Ehrgeiz den Ausschlag? Oder vielleicht doch das Geld der Eltern? Und wie misst man das alles? Die European Business School in Oestrich-Winkel behauptet. Heute sollen die Oberstufenschüler lernen. Schulklassen suche ich vergeblich. und haben akzeptiert. Schließlich wird er hier. dass heute zwien sc lllttlge A n utos auch gediegene Familienkut- d schen parken. die dem aus Bremen ähneln: Vater und Sohn. dass ein Studium hier »die richtige Karriere-Entscheidung« ist. In meiner Erinnerung sind Tage der offenen Tür an Universitäten lustige Veranstaltungen. Denn heute lädt die European Business School zum »Campus Day«. rag Vor mir steht ein BMW-Cabrio Sportwagen mit do eIt ' fü d 11" pp em Auspuff . denn es ist früh.. 80000 Euro also. über die Nebelfelder. U~d die Deutsche Bahn hatte es gut gemeint und den RegIonalexpress 514 Richtung Koblenz auf gefühlte dreißig Grad geheizt M't ' . .mit monatlichem 700-Euro-Budget . DIE BESTEN ODER DIE REICHSTEN? Ich kann die Augen kaum offen halten. und damit hat der Sohn noch keinen BMW-Cabrio vor dem Campus parken. als wir einen Milchkaffee tranken.nur für die Gebühren. Der Nachwuchs läuft fast bei allen Duos ein wenig schüchtern hinter dem alten Herrn. sind über vierhundert Kilometer gefahren.vermutlich das Modell r en n. die Nachdenkstarre zu lösen. . die mit abenteuerlichen Verformungen der Lippen die Entstehungsgeschichte von Wörtern veranschaulichen wollten. dass selbst ein relativ sparsames fünfjähriges Studentenleben . Ich fahre noch einmal in den Rheingau. Hier ist das anders. um hier dabei sein zu können. Aus einer steigen gerade Vater und Sohn.

natürlich auch in attraktiven Wachstumsregionen. dass auch die anderen »Fragetypen«. also einer für hundertneunzig Studenten. WeUlg . erklärt die Studienberaterin. falls jemals vorhanden. denke ich und notiere: 52 und 77. Da 49 . . Schanghai oder Seoul. das man hat. in Hongkong. IC ausgespIelt. Der Knackpunkt seien die schriftlichen Prüfungen. 7. »Wie lauten die nächsten beiden Glieder der Folge 2..und einen Intelligenztest. Die Hochschule stellt einen Mathe-. Ihren größten Trumpf haben die Studienberater a er noch gar n' h t . " " spater tatlstiken an die Wand. In den Tests bräuchte man die Note 2. S . wenn eine Rechnung glatt aufgeht. Dieses Mathematikunterrichtswissen habe ich. Wer nach den schriftlichen und mündlichen Tests zwischen Platz 1 und 200 gerankt wird. Damit liegt das Angebot auf dem Tisch. in der man seine Persönlichkeit beweisen müsse. le Eltern interessiert. Per Beamer werfen SIe . diese Investition schmackhaft zu machen. 17..7. An einer führenden öffentlichen UniverSI a selen es emundzwanzig Professoren für vier"f"t" . Sven ist also elf Jahre alt und Anja sieben. Noch Fragen? E t al ..also gut einundzwanzig Studenten pro Lehrkraft. 10000 Euro pro Jahr. einen Englisch. lOstlegsgehalt " b emes A solventen: 50752 Euro. was zu tun sein . Zum Üben bekommen wir Beispielaufgaben in die Hand gedrückt. die bereits Traumpraktika in Investmentbanken ergattern konnten. darfdas Studium an der EBS beginnen. Hier muss man ankreuzen. zu denen Firmenvertreter in den hochschuleigenen Weinkeller geladen werden. Verdreifacht man Svens Alter und addiert noch zwei Jahre hinzu. Nachd d" . Sie schwärmen von hundertvierzig Partneruniversitäten.Die Studienberater sind gute Verkäufer. Sie wissen. Sie berichten von Studenten aus dem dritten Semester. »Effizienz« und das tolle Betreuungsverhältnis. 32 . tausend Studenten. em le Eltern be 'fL" h b tition I h . 2: Anja und Sven sind zusammen achtzehn Jahre alt. Ich Iese: Durchschnittli hAlb " c es ter el Abschluss des Studiums: 24. gründlich verdrängt. Bei Binomen und Logarithmen muss ich aber passen. ? Das geht. dass es ihre Aufgabe ist. Sie preisen »Lerneffektivität«. rs m keme. so erhält man das Fünffache von Anjas Alter. E" . wie es heißt. . »Den mündlichen Teil schaffen fast alle«. dass sich die Inveso nen WIrd t 'b ' wird d ' ' rel t SIe nun um. was der Satz It would be Jar better bedeuten könnte. die auch die letzten ZweIfler vom S" d' IOn leser Investition überzeugen sollen. den Sprung »lOP 200« schafft D' . Das beeindbruckt. Damit qualifiziere man sich für die Einzelgespräche und eine Diskussionsrunde. Vierunddreißig reguläre und elf Juniorprofessoren sorgen sich hier um das Wohl der tausendzweihundert Studenten . addiere zu drei x die fünf Negativen der Gegenseite und erinnere mich an das schöne Gefühl. Ich entscheide mich für That would be a great improvement und sehe. Ich blättere weiter zum Englischtest. Oder doch. Wie alt sind Anja und Sven?« Ich schreibe zum ersten Mal seit Langem wieder Gleichungen. Nr. gn len a en. Im Gegenzug wird das Kind vor den Zuständen an der überfüllten Massenuniversität bewahrt. sagt die Studienberaterin. was 48 auch ich wissen will: Wie wählt die EBS die zukünftige unternehmerische Elite aus? Bei der Auswahl der besten zweihundert spielt die Abiturnote der Bewerber keine Rolle. und erzählen von Kontaktabenden. Eine noch. zu schaffen wären. amlt das eigen Kind unter die '"r e die Aufnahme.

an der TechnilllverSltat M" h unc en war eine 1. die uns die Studienberaterin vorgelegt hat. »Das belastet nur den Geldbeutel Ihrer Eltern. den man nicht betreten kann. sage ich. frage ich. Warum. Ist für eine Aufnahme an der European Business School die allergrößte Hürde vielleicht eher. Wer Betriebswirtschaft an der Umversltät Mün . sagt er und zeigt auf seine Tochter. . '" 7 eInen Schnitt von 1. Jeder vierte Bewerber wird also angenommen. . .3 geschafft haben. Da sagt sie: >Papa. Ich h·· es mir weitaus SChWIe.« Dann führt er uns über den Parkplatz.. Wahrend der Präsentation haben sich hinter uns Studenten aus dem ersten Semester versammelt. »Wir suchen Studenten mit überdurchschnittlicher Lern. atte rIger vorgestellt' das T' ket zu lösen. »Wir haben uns die Beispielaufgaben im Internet durchgelesen. Aber wer im Math etest schl echter als ausreIchend ab schneide' den k · · · onne man leIder wirklich nicht anneh men. lC dlUm an einer lb . Unterkunft und Verpflegung. das bedeute nicht automatisch das Aus. Aus diesem Pool wollen gerade einmal achthundert zur EBS. ster studIeren will brauchte im Wintersemester 2006/200 . sondern bewerben sich gar nicht erst. plus Anreise. ' schen U.und LeIS t ungsb ereltschaft«.7 und 3. Schlechter als 2. Seine exakt geschnittenen Haare kräuseln sich im Nacken. kann ich auch nicht erklären.. »Sie steht in Mathe zwischen Zwei und Drei«. »Es heißt. denke ich und bin sofort still. le m Rankings eher mItte 19 P atZlert ist mindest . se st ernannten Elitehochschule berechtigt. die wie angegossen sitzende Boss-Jacke kleidet seinen mindestens zwei Meter langen Körper ausgezeichnet. Und wer in denen lande. 475 Euro kostet der Mathekurs. 23500 von ihnen schrieben sich für ein BWL-Studium ein. wer Ergebnisse zwischen 2. VIele sta tl· h . Eine Führung von Deutschlands zukünftigen Führungskräften. Es gäbe immer Grauzonen. »Sebastian«. ob man die 10000 Euro pro Semester zahlen kann und will? Schließlich scheitern die allermeisten Eliteanwärter nicht am Test der EBS. Sie werden uns gleich den Campus zeigen. der es mit ein wenig Glück auch in der Kategorie »Aussehen« unter die »200 Top-Studenten in Deutschland« schaffen könnte.< Das kann doch nicht Ihr Ziel sein. Ich bin überrascht. »Haben alle hier Autos?«. a lC e Umversitäten wählen ihre Studenten nach der Abitu " rnote aus. . len mversität B l' d· . aber auch nicht nur für intellektuelle Cracks zu schaffen.7. das zu einem Stu. »Julia«. sind zwar nicht banal. der könne Vorbereitungskurse an der Hochschule belegen.7. d ie man auf keinen Fall reißen d ur arf. dass den der Vater eines Studenten von der Expo hat herbringen lassen. Vor mir steht ein riesiger. Sebastian zeigt uns das Kiep-Center und einen ziemlich großen chinesischen Tempel. »Was der soll. weiß ich auch nicht«. schließt sie.schnellt die Hand eines Vaters aus der ersten Reihe hoch.6 nötig. 1450 der Englischkurs.« Die Studienberaterin redet beruhigend auf ihn ein. ' mussten Studienanfänger im Abitur ens eIne 2. durchtrainierter Junge. 50 Es melden sich erste Zweifel. sagt Sebastian. 51 . sogar an der Fre' U. Sie sollte das aber weniger belasten«.7 habe. Bel 3' 7 liegt d·le H" de. . 1 mäß· I . dass die Bewerber hier an Mathe scheitern. wo Soft Skills in der Wirtschaft doch immer wichtiger werden. Die Tests. er In. das kann ich gleich vergessen. Nach Angabe des Statistischen Bundesamts gab es 2006 in Deutschland rund 400000 Abiturienten. Diese Quote deutet nicht auf ein besonders hartes Auswahlverfahren hin. stellt er sich vor. erklärt sie der Tochter des aufgeregten Vaters lächelnd.

Ob es gar sinnvoll ist. sagt er.» s geht«. »Manche sind von oben bis unten in Gucci gekleidet. Nach zwei Semestern werden die Studenten nämlich gerankt . »der muss nach Polen oder in die Ukraine«. Und ich ziehe meinen Gedanken mit dem sinnvollen. »Ich habe mir die angeguckt. ISsen. sein Auslandssemester in den USA oder Australien verbringen zu dürfen. dass man für Geld arbeiten müsse. dass man sich engagiert«.oder abbaut. »Wie teuer ist denn hier eine Wohnung?«. Mein erster Reflex ist. d o oc el en grundsätzlichen Problemen eInes Student I b w 11 en e ens landen. g n MInuten. weil er dadurch seine Chancen steigert. dafür. Viele hier. dass man das kleine Pferdchen oder das Krokodil auf dem Pullover auch sieht. Andere sind immer bemüht. Sebastian sitzt vor mir und dem Bremer Gespann. »Die wollen halt fördern. vielleicht sogar sozialen Engagement wieder zurück. . »Es gIbt Viele Tiefs Es ist hiP . darf sich die begehrtesten Auslandsuniversitäten aussuchen. wüssten gar nicht.« Deshalb ist Sebastian in der studentischen Öffentlichkeitsarbeit und führt uns über den Campus. Ich staune. »Kragen hoch und durch!« . Fünfzehn. Gegensatz zu de u m vater finde Ich es beruhigend dass auch Leute in d t k ' le man Zehntausende Euro pro Jahr s ec t. dass Leistung hier tatsächlich ein relevanteres Auswahlkriterium ist als Wohlstand.« Später wird mir einer der Studenten erklären. »Die meisten sind in der Initiative Finanzen oder im Investment-Club«.»Neunzig Prozent«. redet S b ' . wenn man bei Veranstaltungen auf. sagt Sebastian. dieses System zynisch zu finden. hier zu studieren?«. Und den Kragen am Poloshirt stellen alle hier hoch. Dann überlege ich. denke ich und werde gleich enttäuscht. Wer oben landet. hier eine halbe Stunde. will der Bremer Vater w· E . »Funfhundert Euro sollte man schon rechnen«. Stadt ~ h no. antwortet er und nährt damit meine Zweifel daran. Zu Hause brauche ich zum Burger Kin fü f . während er uns 10 0 0 ' die Mensa führt und gleichzeitig einer Mitstudentin hinterherstarrt. wer unten steht. auf diese Weise Studenten zu animieren.« Im . Auch der Vater aus Bremen möchte gern über Geld sprech~n. dass man auch Widerstände überwindet. sagt Sebastian. »Ich geh sonst nie in die Mensa«. nicht nur an die Seminare zu denken. erzäWt Sebastian. scWießlich d h b .ob . Ins Ranking fließen nicht nur die Studienleistungen. . ob es nicht vielleicht fairer ist als eine informelle Einteilung in engagierte und faule Studenten. sondern auch die Sozialpunkte ein.« »Macht es denn Spaß.. was das soll. sagt er. Nett. wenn man an seiner alten Schule einen Vortrag über die EBS hält. Letzten Endes muss man scho . erzählt er 53 52 . sagt Sebastian. »Drei Punkte gibt es. schockt Sebastian den Bremer. sagt er. mussen wir in Kolonnen in die la ren«. Keine Ahnung. die von Rheingauern angeboten würden. nu er eInen Makler gehen. dass er heute hier ist. während wir unsere Nudeln auf die Gabel drehen. An der European Business School regiert der Markt. wieso die Ecken am Kragen nach oben zeigen müssen. wenn man in einer studentischen Initiative ist. Es gebe auch billige Zimmer. fragt er.von Platz 1 bis Platz 200. Er regelt auch zwischenmenschliche Beziehungen. Manche kaufen auch einfach eine Wohnung. »Wenn wir weggehen o en oder ins Ki . Das war alles nichts. achtzig. »Letzte Woche«.das sei ihr Motto. a t rOVinz. Das würde für Entschlossenheit stehen. e astlan weIter.

um mit ihm über Eliten zu sprechen. ranken. Sie setzten auf »völlig veraltete Methoden«. Nur wegen der Sozialpunkte. und die Klassensprecher sind bei uns an der EBS. Hier tut keiner was aus Überzeugung. wenn das nicht klappt?« »Dann bewerbe ich mich selber um einen Platz im Ausland. deren Fähigkeiten finden sich nicht immer in einem Notenspektrum wieder. rz mIt WIndschnittigem kurzem Haar in Hemd 54 und Krawatte in den Raum. also in einem Alt ' d er. um im Ranking die Streber zu überholen. »Das ist doch eigentlich auch ein nachvollziehbares Kriterium. . England und auch in Asien schon lange eingesetzt. schreibe Ich auf meinen Block mit den Fragen. Der Bremer Vater schaut etwas angespannt. sagt er direkt zu Beginn. Er wird sie während unseres Gesprächs kaum aus den Augen lassen. s er seIn Büro betritt. Die Bewerber müssen auf Englisch Essays verfassen und standardisierte Mathe. Die Zeit unseres deutschen Bildungssystems.8 gemacht. wird der GMAT in den USA. Auch wenn ich dann zahlen muss. Jahns stü t " eIn 0 es Tempo gewohnt 1st.« Bevor in Auswahlgesprächen die letzte Entscheidung für oder gegen einen Bewerber fiele. sagt Sebastian und meint das ernst. sei quasi schon abgelaufen. dass er für die nachsten Jahre noch etwas mehr Geld beiseitelegen muss. jeder zahlt dafür 250 Dollar 55 . Als Jungster Rektor den d' E . dass es für eine Blutspende zwanzig Sozialpunkte gibt.ge 0 t worden Al . löst seine Uhr vom Handgelenk und legt sie vor sich auf den Tisch.. Aber das wurde nicht genehmigt. Wir wollten. würden ihre Studienplätze nach Abiturnoten vergeben.weiter. ist er an die Spitze » oc sc ule für d' Füh' er sagt h I 1e rungselite von morgen«. Die Uhr zwischen uns signalisiert: Meine Zeit läuft jetzt. Eine halbe Stunde habe ich. Vielleicht wäre ich an dieser Hochschule als Rektor gar nicht zugelassen worden. »Was machst du. ns 1st gerade eInmal achtunddreißig Jahre alt.dasser' hh . DER CHEF DER ELITE Christopher Jah ' . Hunderttausend Bewerber pro Jahr testen sich weltweit mit dem GMAT. In em sich das Gros der univer.« Die seien schließlich die einzige Möglichkeit. Ich weiß nicht. »haben wir von der Initiative >Studenten helfen< einen Blutspendetermin organisiert. Hawaii wäre schön«. Vermutli~ hat er gerade endgültig begriffen. würde die EBS die Studenten in Zukunft vor allem auf der Grundlage eines internationalen Auswahltests wie dem Graduate Management Admission Test. die ich dem Direktor der European Business School stellen will.und Logikaufgaben lösen. Es ist kaum einer gekommen. ~Nimmt die EBS die Reichsten oder die Besten?«. Ich habe damals mein Abitur nur mit 1. schimpft Jahns. Jeder sollte aus Überzeugung spenden. Es gibt super Leute. '" on ganz oben angekommen. Die deutschen Unis seien verkrustete Massenbetriebe. kann ic een. sltaren. ob sich Kompetenz immer in der Abiturnote widerspiegelt. der H h h ' 1e BS Je hatte. läuft mir mit langen Schritten entgegen. kurz GMAT. Nachwuchskräfte als schlecht bezahlte wissensch aftl1che Mitarb 't er Jah ns dagegen iste1sch von Semester zu Semester hangelt. wie . Von einem Rat von Wirtschaftswissenschaftlern entwickelt. Was finden Sie daran so schlecht?« »Es gibt diesen Spruch: Die Klassenbesten gehen woandershin. h mir Vorst II .

seien zu arrogant. nach Harvard zum B'" DIe wollen SIe mcht h b' elspie!. mversltaten I' lege der durchschmtthche GMAT der Student en b' 740. 56 Damit leitet Christopher Jahns übergangslos zu seinem Lieblingsthema über: die scharfe Kritik an Deutschlands staatlichen Universitäten. dass unsere Leute sich. Zwein erttausend Stud " bei einer 11 U. sind unsere Studenten bei 650 bis 680. »Da bekam ich die Antwort: >Die schicken WIr zuruck zu unseren Gründungs.« Diese Inder lern lC gut f DeutSchen im V. . um zu begreifen. paSSIere. Und zwar weil unsere Studenten im Schnitt 2. sie b el uns d' ab so1 . auf den Märkten in Zentraleuropa. sagt er. Und da sagen mir die Kollegen von den öffentlichen Hochschulen: >Ja. . »Das. auf ein Stiftungsvermögen von weit über 20 Milliarden US-Dollar zu kommen. »flltern die Inder asse le wukl' h B seien eben z' I' h lC esten heraus.m Z 'h d men. Natürlich soll die Wirtschaft mit ihren Topthemen bei uns vertreten sein. .' seu zt er. dass Deutschland im internationalen Wettbewerb längst abgehängt sei.4 Jobangebote kriegen. damit wir nicht total an der Unternehmenspraxis vorbei Ausbildung gestalten und forschen. nimmt denn da die Wirtschaft Einfluss bei euch?< Da kann ich nur sagen: Wir sind stolz auf unsere engen Kontakte zur Wirtschaft. 11M' .« Nur durch enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. ' . »740« wiederholt Jahns el . kann eInen weiteren Kurs belegen und den Test wiederholen. . a ns 1St beeIndruckt. was wir dort erleben«. maximal fünf Mal pro Jahr. den Alumni. »Das Maximum sind da 800 Punkte . MIt ander W fü di en orten: Wer >nur< 710 Punkte hat. Gebühr an die Entwickler. dass andere Länder vorbeizögen. ' ankings. 157 . h ab e er gefragt. nur durch die Nähe zu den ehemaligen Studenten. Dagegen sei das Vermögen der deutschen Privatuniversitäten. An staatlichen Universitäten ist es zum Beispiel verpönt. .« An ' . Das War ernst gemeint «J h ' . wie rigoros die n er el der Au hl'h hu d swa 1 rer Studenten vorgehen. sei es zum Beispiel einer Universität wie Harvard möglich. Unsere Besten schaffen 750. gepaart mit einer fatalen wirtschaftsfeindlichen Attitüde. Wer mit dem Erg~bnis nicht zufrieden ist und das nötige Geld hat. Er ist für ihn ein verlässlicher Vergleichsmaßstab ein Mittel des weltweiten R . Die Massenuniversitäten. Kein Wunder.. sagt Jahns sarkastisch. " sind le uten Topstars. erzählt er mir. ' . dann . »Ganz . Als er m . -. dass die teuren Kurse die Punktzahl steigern. auch das der EBS.das erreicht kaum jemand. schimpft er. Wie kommen Sie dann zu dieser Aussage?« »Elite sind wir hier in unserem Sprachgebiet. wurde Ich sagen. Weil wir von den über dreitausend Alumni wissen. . was mit Studenten . In Frankfurt bereiten Managementtrainer in zweitägigen Crashkursen auch deutsche Studenten gezielt auf den Test vor. ist r ese indischen U' . mal 760. Das ist bei uns natürlich normal. Im Schmtt." mversltaten nicht gut genug. Und damit sind WIr SlCh er In Deutschland führend. Indischen Spitzenu' '" . »Trotzdem sagen Sie. Sie würden nicht einsehen. d' h Eüte hundert Jah R" eser In lSC en Managerre uckstand hätten. enten. dass die erglelch zu di . Jahns hält viel von dem GMAT. dass Ihre Uni eine unternehmerisch handelnde Elitehochschule sei. »ist eine organisierte Unverantwortlichkeit. Sie werben damit. einen Daimler-Chrysler-Hörsaal zu haben. schlicht lächerlich.< a en. C • Wel un ertvierzig werden genomeInlach per GMAT aus der M d" «. noch einmal und spnch t d rel Ausrufezeichen.' partnern. I d b' . die nur 710 erreichten. IndIen zu Besuch war.IVl. bewerben sich op.

Das ist für m. die bei der Vergabe der Plätze unter einer Leistungselite. »Es gibt ja den Vorwurf. . Mein Bruder hat gerade sein Referendariat begonnen. führen und ihnen Vorbild sind. wie er sagt.( Ich erinnere mich an Bernds durchgetaktete Tage.« Er glaube nicht. dass sich die Studenten persönlich fortbilden. wenn Sie so wollen. Elite zu sein bedeutet mehr. an die 10000 Euro pro Jahr. dass einem jungen Lehrer mit Kind im Jahr 59 . au e. »heißt für Sie also nicht. »NeIn. in tollen Positionen befinden. in Beratungsfirmen oder in Großkonzernen. Jahns bestreitet nicht. Karriere zu machen. dass wir besonders talentierte Studenten als Elite von morgen ausbilden. Damlt SInd immer Le' t b . hier würden sich die Unternehmersöhnchen einen Abschluss erkaufen. Wir wollen. ~erantwortungsbewusstsein und soziale Kompetenz entwIckeln. fünf Jahre nachdem sie das Studium bei uns absolviert haben. dass Ihre Studenten Elite sind. in seinem Job oder privat. gar einer Vorbildelite. ·h IlC es Engageme t IS ungs ereltschaft und gesellschaftb . dass sich das beste Drittel seiner Studenten massiv von dem besten Drittel der Studenten an staatlichen Universitäten unterscheide. »aufgewachten und enttäuschten Mittelschichk Auch Lehrerfamilien zum Beispiel wollten ihre Kinder inzwischen zur EBS schicken.definieren al so EI'Ite mch tals Lelstungselite?(( . eine Rolle spielen dürften. Damit meine ich Menschen. dass man die Zugehörigkeit zu einer Elite nicht geschenkt bekomme. so dass sie später in der Wirtschaft und Gesells~haft Führungspositionen ausfüllen können. das können Sie total vergessen. sondern dass diese hart erarbeitet werden müsse. der h' rausgeht. sondern auch bereit ist. sondern dass Ihre Studenten gut sind und Sie Ihnen optimale Studienbedingungen bieten?« »Elite heißt für mich schon.lch mit dem Elitebegriff verbunden. sei es in mittelständischen Betrieben.(( Seine Studenten würden schnell begreifen. Mein Block liegt bereit. Ich denke aber auch an die Autos. n ver unden. Mein Diktiergerät zählt die Sekunden bis zur ersten offiziellen Elite-Definition. versprIcht mir Jahns d >lIeh gl b : wer en Verantwortung übernehmen. nicht nur einler 58 fach heiß darauf ist. dass Jeder. Das ist üble Nachrede. dass er sich seinen Abschluss hier erarbeitet hat. Er bekäme aber immer mehr Anrufe. frage ich. Verantwortung zu übernehmen für andere. Er schätzt. . Es sind aber elementare Kriterien bei der Entscheidung.auch vier. Er beziffert ihren Anteil auf rund 30 Prozent im Vergleich zu knapp 20 Prozent an einer staatlichen Universität. ob aus einem Abiturienten ein Student der EBS wird. die zum einen umfassende wissenschaftliche Kenntnisse haben. EBSler lernen ganz schnell: Das Studium bei uns ist tatsächlich harte Arbeit.und Lernbedingungen.« Seine Studenten. sagt Jahns. an seine Leistungsbereitschaft und seinen Fleiß und bezweifle nicht. die ich hier bisher getroffen habe. »Elite-Uni«. Management-Kompetenz ist für mich aber eher eIn Handwerk. in denen s~. sondern als ViorbildelIte.e an~ere leiten. Aus meiner Sicht können dies keine Kriterien sein. die Anzüge und die Kängurulederschuhe der Studenten. Schreiben und E-Mails aus der. also fachlich nicht zu schlag~n sind. aber an der EBS gebe es nun einmal sehr viel bessere Lehr. dass an seiner Hochschule mehr Unternehmerkinder sind als üblich. Fertigkeiten. die das Studium kostet. ' .« »Sle.

in dem Bewerber nur nach Leistung und ohne Kenntnis ihrer Finanzen ausgewählt werden.llen Gebühren. dass manche Studenten dann beim Abschluss bis zu 50000 Euro Schulden haben. Das Institut böte nicht nur eine sehr gute Ausbildung. sondern hätte in der Branche auch einen erstklassigen Namen. Fast alle hatten gerade ein sehr gutes Abitur gemacht. Dass das ohne finanzielle Reserven oder reiche Großeltern finanzierbar sein soll. »In~ernational« im Namen und heißt jetzt Jacobs Umverslty. Rdektor Jahns kennt die Geschichte dieser Fast-Pleite. die das ohnehin ~amme Land Bremen in die private Uni steckte. Jahns verspricht ghch. leistet sich ein Verfahren. uren z en müssen. bezweifle ich. Wir hatten gerade die Mappen mit den ersten selbst moderierten Sendungen im Uni-Radio und den Übungsmeldungen abgegeben. Die Rettung kam schließlich in Gestalt emer Kaffeerösterei. einen Kredit anbieten. Trotzdem halte er das Risiko einer Kreditaufuahme für gering. danach erst will die Hochschulleitung wissen. un dIe meisten seiner Studenten ihre Geb"h ah1 ledi . wegen der nahenden Festanstellung. 96 Prozent der Absolventen hätten unmittelbar nach dem Studium eine Anstellung als Redakteur gefunden und somit einen gut bezahlten. sicheren Job. sagt er. wer für die Uni geeignet ist. die International University Bremen (!UB). wenn es gut läuft. d ass Banken J' edem der die . Zuerst soll geklärt werden. 50 Euro pro Woche bringt.etwa 30000 Euro netto bleiben. da die Absolventen ja in gute Positionen kämen. 61 . Als Resultat der sogenannten need blind admission zahlen nur acht Prozent der Studenten die v~. Un so werden auch'm Zuk ft . Die opferte als Dank das. dass auch Professoren unrecht haben und dass ein Job.risikofrei. Die !UB verzichtet nach Angaben der Suddeutschen Zeitung damit auf etwa die Hälfte ihrer Einnahmen aus Studiengebühren und stand Ende 2006 vor der Pleite. Im Oktober 1999 habe ich an der Universität Dortmund angefangen. ob der Kandidat die Gebühren zahlen kann. als die Medienkrise über uns hereinbrach. Die 106 Millionen Euro. Wir lernten. b'IS zum Jahr 2011 insgesamt 200 Millionen Euro in die Bremer Privatuniversität zu stecken. reichten l~ngst nicht aus. auch Rundfunksender und Internetanbieter entdeckten den Charme des freien Mitarbeiters. Wir wissen. welche Zeitungen Hungerlöhne von 130 Euro für komplette Artikel zahlen und von welchen Aufträgen man leben kann. Gut. Ein Professor begrüßte uns und versprach uns eine goldene Zukunft. dass seine Hochschule mehr Stipendien einführen und dafür sorgen WIr. Die Jacobs Foundation kündigte an. bereits seit ihrer Gründung. Kredite aufzunehmen . Jahns empfiehlt dennoch auch den Kindern aus diesen Familien eine Bewerbung und eine Teilnahme am Auswahlverfahren. Eine andere deutsche Privatuniversität. 60 Er schätzt. den man tageweise entlohnt und nicht als festen »Personalkostenblock« an sich bindet. Wir waren fünfzig Erstsemester am Institut für Journalistik. dass der Professor uns damals nicht auch noch ermutigt hat. sobald er vom Arbeitgeber in »Praktikum« umbenannt wird. Auch lange nach dem Abschluss manövrieren viele zwischen Zeitvertrag und Teilzeitjob. Zeitungen und Nachrichtenagenturen schmissen Hunderte gut ausgebildeter Redakteure raus. Die EBS-Studiengebühren fräßen also ein Drittel des Familiengehalts auf.d Au n e "fu f: ahm ' pm ng bestanden hat.

sank die Zahl der Studienanfänger zu Beginn des Wintersemesters 2006/2007 um zehn Prozent.5 Pro. sagte er vor seinem Tod. gut 800 Euro. . ßIg Jahren von Platz zeh n au f PIatz zweIUndzwanzIg abgerutscht.-. Im Herbst 2007 gab es ftir ~euts~hland sogar offiZiell Ohrfeigen: Die Organisation fiir wIrtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (?ECD) rügte die Bundesregierung in ihrem Bildungsbencht. Auch die neunzehnjährige Wang Jingna trank Düngemittel.. Noch. Mindestens 8000 Yuan. . um ihm überglücklich zu erzählen.. Rund 1300 Euro hätte sie an Gebühren zahlen müssen. Was umsonst sei. . schreibt die Süddeutsche Zeitung. die kein Geld für die hohen Hochschulgebühren haben. Das ist das Jahreseinkommen eines Durchschnittsverdieners in der Stadt. Auf dem Land haben die Menschen im Schnitt nicht mehr als 3000 Yuan. . " .------~ Man müsse sich daran gewöhnen.-_ _iiiliiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil . ein Bauer. Im Wintersemester 2006/2007 fiel man auf 35. Die Opfer.. nach China zum Beispiel. 63 . dass die Universitäten des Landes stetig »reicher und weißer« würden. . dass er die Uni-Aufnahmeprüfung geschafft hatte. Vielleicht hilft auch in diesem Punkt der von der Wirtschaft so oft geforderte Blick nach Asien. weil er die Gebühren nicht zahlen könne.. . verlangen chinesische Universitäten pro Jahr. dass die Zahl der Studenten nach einem ersten Gebührenschock meist wieder ansteigt. .. versuchen die Kosen mIt Jobs zu decke Üb ' d . Ie urchhlelten. auf 40 Prozent pro Geburtsjahrgang steigen soll. Denn in Eng! d " "h Erh 0 ung der G b" h an zum BeIspIel brachen nach der auf al1em Studenten eurenM' über 4500 Euro pro Jahr vor au d I d' s er Itte ..-. die mittlerweile auch an staatlichen Universitäten im Schnitt auf 12000 Dollar pro Jahr gestiegen sind. Fakt ist: Seit 2004 schreiben sich in Deutschland jedes Jahr weniger Erstsemester ein. hat sich in einem Türrahmen erhängt. n. ärmere Studenten vom Studium abhielten... .. . . .. n. ihn aber nicht bekommen. um zu sterben.. Nachdem etliche staatliche Universitäten in NordrheinWestfalen eine im Vergleich zur EBS geradezu läppische Studiengebühr von 1000 Euro pro Jahr eingeführt hatten. trotzdem haben viele am Ende 62 Schulden in Höhe von über 30000 Euro.. weil die Gebühren. Diejenige d' d .. m c mtt studIere In den anderen Ländern über die Hälfte jedes Jahrgangs.. . t. sei oft auch nichts wert. so der Bericht I S h .... bestreiten die Bildungspolitiker und verweisen darauf. dass Bildung etwas kostet.. k E' zent zuruc. und Unterschicht ihr StulUm ab. In Debakel. Dort ist die Zeit nach den Aufnahmeprüfungen für die Universitäten die Zeit des Sterbens. seien die Eltern erfolgreicher Schüler. Das Mädchen hatte die Dorfverwaltung um einen Kredit gebeten. nachdem seine Tochter Lingling die Prüfung an einem Kolleg bestanden hatte. Xuefei cuiming heißen sie . Dass zwischen Gebühren und der Zahl der Studenten ein kausaler Zusammenhang besteht. sagt Rektor Christopher Jahns. Li Haiming. dass der Anteil der jungen Menschen. trank der Vater eine Flasche giftigen Chemiedünger.. . dIe studieren. Nachdem Chen Li seinen Vater aus der Stadt angerufen hatte. Dabei steht im Koalitionsvertrag der B~ndesregierung. Sie hatte die Aufnahmeprüfung für eine Hochschule in der Provinzhauptstadt bestanden. er 80 Prozent der englischen Stuenten arbeIten neb nh e er. . Er sei ein »nutzloser Vater«.die »Schulgebühr-Selbstmorde«. Deutschland sellm Ranking der Industriestaaten bel " ' d~r Quote der Hochschulabsolventen innerhalb von drei' . Auch den USA hat eine Studie des Education Trust gerade attestiert..

wir haben unsere Vergangenheit. Es wäre besser nach Leistung w~ffi ' 1 . finde ich das sozial richtig.ich spreche von weniger Begabten. Er will noch mehr Stipendien organisieren und ~nsc~t sich. wie den Schwachen auf ein Mittelmaß zu bringen.erenzieren und gestaffelt zu fördern. die Politikelite. zwei. Wenn ein System dem Schwachen die Chance gibt. Für mich ist das ein falsches Verständnis..oOb Jahre hab ' rage u er zwanzig oder dreißig en wollen Se· W·· und chan'" th . Dass die Wirtschaftselite. BAföG ist ja nun kein Leistungsförderungssystem. von P c wer 1st seme Kernidee. A u fD eutsch: eme komplette Ent0 0 0 bürokratisierung der Hochschule. Das ist eine Bankrotterklärung. BAföG beantragen.« 0 0 I ii O »U~d die anderen dann gar nicht?« »DIe müssen d ann versuchen. Das ist hier so lange verpönt gewesen. dem Schwachen zum Mittelmaß zu helfen.------------------------iiiiiiiii-------.. die gehen einfach ins Ausland.. Das wird Joe nach finanzieller Bedo·rft° keit bezahlt. England und die USA? Christopher Jahns weiß. un »B~föG kriegt ja eigentlich jeder. deren Eltern wenig Geld haben. Natürlich habe ich diesen Exkurs in dem Gespräch mit Rektor Christopher Jahns nicht unterbringen können. nicht von weniger Betuchten immer mitgenommen werden musso Dadurch richtet sich automatisch viel am Mittelmaß aus..--------... ruf I S O . Wir haben uns hier einfach nur am Mittelmaß ausgerichtet und hatten ein total falsches Verständnis von Gerechtigkeit. jeden nach seinen Fähigkeiten. zurechtzukommen. wie wir das machen . Und das empfindet man auch als gerechter. oder erst einen Beer ernen.----------.« »Was war das für ein Verständnis?« »Unser Verständnis ist. dass der Schwache . dass sie stolz darauf sind. al so au f eIgenes Ri ik . Da der Bund diese Hilfe seit Jahren nicht erhöht hat. Leistungsgedanke statt Besitzstandswahrung. Überlegen Sie mal. die wählen vielleicht ein. Davon kann kein Student leben. und deren Studium d k omplett fördern. Deshalb will Jahns das Geld b·· deIn und dIe Zahl der Empfänger reduzieren... nennt Jahns das. BIslang können Studenten. Die Frage ist. Im teuren Oestrich-Winkel schon gar nicht. ihr Studium anders. So könnte man die Wirklich Best en dBAfoG-Berechhgten raussuer · · chen..« Mehr Wettbe b . dass das deutsche Fördersystem umgebaut WIrd. Man hat hier viel mehr den Willen. Und Nordrhein-Westfalen. Und deshalb 65 64 . dass einige ihrer Hochschulen Elite ausbilden. ist bei denen ganz klar.. liegt der Maximalsatz bei mageren 585 Euro.. me unsche: change the system oe e culture. dass »Elite« in Deutschland so lange ein Schimpfwort waro Klar.__..le b esten zehn Prozent etwa. ob das so organisiert werden muss. Jahns hält wenig rOlessoren die Vert . und die anderen.ohne Differenzierung von Angeboten.. die halbe Stunde lief.. zu finanZIeren. Damit habe ich ein echtes Problem. die sich anders organisiert haben. dass die Gebühren seiner Hochschule Studenten aus ärmeren Familien abschrec~~n.. die Literaturelite dort an diesen Universitäten entsteht. »Ich finde es so traurig. vielleicht noch drei Hochschulen hier. also auch den Guten besonders zu fördern. Die Uhr lag schließlich zwischen uns. Was passiert denn heute? Die richtig guten Leute. als den Guten weiterzubringen. wie viel Geld da u Ig pauschal ausgegeben wird. Er hätte die Geschichten aus China sicher zu Recht für etwas radikal gehalten. Ich wohne in der Schweizo Und obwohl die Schweizer eher reserviert sind. Das ist eine Katastrophe. Gerechtigkeit heißt.. Und das stimmt mich echt traurig.

wenn es au . wie soll ich dann den Kredit zurückzahlen?«. sagt er. fasst sein Freund das Leben. und mit drei66 ßig Jahren stirbt man an Herzinfarkt«.« Am Abend sitzen wir in der »Krone«. sondern aus der Kollektion des amerikanischen Designers Hilfiger.« »Aber was ist«. Es ist ein stinkendes. stehe vor einem Zaun. »Öffnung erst vor Ankunft der Züge« lese ich. Wir müssen die Leistungsträger heraussuchen. Ich werde nervös. und seine Kinder auch mal sehen.« Kurz nach diesem klugen Satz springen wir beide in sein schnelles Auto. einsames Backsteinhaus. Der Student. Ich renne ums Gebäude. Es ist kein Glas. dass mein Zug sich verspäten wird. man müsse das ganze Gerede von wegen Topstudenten und Elite mal ganz gelassen betrachten. kein schmucker mit Metallgewölbe wie der Frankfurter. der guten Stube von Oestrich. im Rautenpullunder und mit zurückgegelten Haaren. Vler . 67 . der neben mir sitzt. doch die ist verschlossen. und sofort bin ich in einer anderen Welt. Trotzdem ist schon nach der ersten Runde zweierlei klar'. n mc t Aufschneiderei ist. Ich renne die Treppen hoch. Er rast in den Nachbarort.ft h n un en pro Tag arbeiten. wäre ich nicht hier. akzeptiere die verschlossene Tür und starre sie während der nächsten Viertelstunde an. »Aber wenn ich es nicht mache. Am Nebentisch empfängt einer ihrer Freunde gerade sein Date und raucht Zigarre. laufe zurück. dass dle Arbe't . damit ich meinen Zug noch bekomme. Ei~er finanZiert sein Studium über einen Kredit. bis nach Mitternacht azusltzen. Ich will zum Gleis. zusammen. mit denen ich sonst abends weggehe. . Dieses Gebäude gehört zur Bahnhofsunterschicht. »Ich bin durchschnittlich intelligent und überdurchschnittlich ehrgeizig und fleißig«. underttausend Jah pro r verdienen. Einer der Jungs trägt ZWar eine Sportjacke. Dann erzählt er. frage ich ihn. sehr gute Bedingungen liefern. sagt er. schreit der Bahnhof. und ihre Sicht auf die Welt ist nicht so schwarz-weiß wie die ihres Rektors. normale Jungs.. »Aber wenn meine Eltern sich das hier nicht leisten könnten. ass as Gerede von den 16-StundenTagen Realität u d ' h . Er will Familie. Er lässt mich raus. Es sei nicht so. DI'e' smd trotz ihrer Klamotten Ziernli ch . dass er so ein Investmentbanker-Leben nicht will. rüttle wieder an der Tür. die es übrigens in allen sozialen Schichten gibt. wenn es dann zwar mehr Gewinner. »wenn sich DeutscWand dann drastisch verändert. fragt der andere. Um die müssen wir uns auch intensiv kümmern.und StaWtempel wie der Berliner Hauptbahnhof. Zwei Praktika bei Invest mentb anken hat er bislang gemacht und dort gem kt d d er . Dann ertönt die Durchsage. das einen jungen Investmentbanker erwarten kann. Das sind die. Ich füge mich. aber die ist nicht von H&M.müssen wir einfach auch mit der Förderung der Guten richtig Gas geben und denen sehr. aber auch mehr Verlierer gibt?« »Da kann ich nur provokant sagen: Pech gehabt! Es gibt eben Unterschiede. »Sechzeh St d 1.. Laut Plan fährt der Zug in dieser Minute ab. Es gehe oft s W' h d d' c IC t arum. Auch ansonsten ist hier alles etwas gediegener als in den Bars in meinem Viertel. Vier von Jahns Studenten und ich. Sie sehen nicht so aus wie die Jungs. das vor der Kneipe parkt. agt er. die Tür fällt hinter mir zu. rüttle an der Tür. an dessen Wände Jugendliche mit Edding ihre Liebesschwüre geschmiert haben. sagt. die eine Gesellschaft voranbringen. Sackgasse. kl 1 Immer nottg und sinnvoll gewesen sei.

Wir bekamen keinen festen Stundenlohn. Bush und Angela Merkel verd R SchI as ostocker Hafenbecken fahren... Kurz nach meinem fünfzehnten Geburtstag habe ich im Kino unserer Stadt angeheuert.. . die falsche Tür benutzt und plötzlich nicht mehr weiß.. e r uge zappeln. Ich darf aufs Gleis. auch B nachts oder am Wochenende...__ Was ist. em ISC erboot mieten kann. Ich arbe't 1 e gerne.. Immer wieder kommt es vor. das er fü r eme Protestakt' b h . Seit ein paar Monaten em eng~giert er sich in mehreren Gruppen. Jan u er egt. das ich bekommen würde. Ich sitze in unserem WGWohnzimmer an dem langen Holztisch. nachdem das Honorar eingegangen war.. der mich nach Hause fährt..-IHW'i_----.. wenn sich so ein ganzes Leben anfühlt? Wenn man irgendwie am falschen Ort landet. wo er ' F' h . »Die Welt in den angen WellIger M" h ' ac tiger«. dass wir mehr Wettbewerb brauchen.. dass meine Arbeitstage ähnlich viele Stunden haben wie die eines Investmentbankers. . zum Thema Grun d' kommen. Wenn es sinnvoll ist. dass er unverkrampft in den Wettbewerb um Leistung einsteige. Dort konnten die Zuschauer während der Vorstellung über eine Telefontastatur Popcorn und Getränke ordern... . sondern wurden nach Leistung bezahlt. die eine solche aSIsversorgung fü 'd B" "b 1 r Je en urger durchsetzen wollen.Pech gehabt. .. sondern vermeldete auch stolz meinen Kontostand. auf Selbstverwirklichung und sicher auch auf ein bisschen Faulheit zu verteidigen. . überlege ich. Im Lauf des Abends habe ich das Geld in meinem Portemonnaie immer wieder durchgezählt und am Ende meine Scheine entgegengenommen. Es geht weiter. dass wir die Spitze fördern und Verlierer in Kaufnehmen müssen. Eindri gl' e Ich mIch hIer wie ein neoliberaler n mg. Hanna lernt in der Biblioth e.. ohne zu stören abrechnen und kassieren. in den Zug.. eine Art Grundrecht auf Gleichheit.. »Es ist eine Sache. Manchmal fühl' .durch eorge ..mal 69 68 .. Zehn Prozent unseres Umsatzes durften wir behalten. Im eppnetz soll ein E dk I F" . Bernd hatte gesagt. meinte er..als G W 'd klel et ... den Theo vor Jahren auf einem Flohmarkt gefunden hat. setze ich mich mit Rechner und Kaffee lieber an das etwas wacklige vordere Ende. Abgesehen von den knarzenden Holzdielen ist es ruhig. so wird ihre Botschaft laut en.~ GEWINNER UND VERLIERER Es ist zwei Uhr nachmittags. Mit dem Boot wollen AktiVIsten .. Automatisch versuche ich.~~_. und die nehme ich an«. wenn ich höre.. gebückt von Reihe zu Reihe laufen. Ion rauc t.. s WIe Immer mit Toms und meinen Zeitungen bedeckt. Zlffimern.. d'Ie Jungs smd seIt gestern m Ihren k " . . Trotzdem reagiere ich reflexartig abwehrend.. wie man wieder rauskommt? Können die.. .-. Wenig später strich ich in unserer Lokalzeitung meine Artikel an und addierte ähnlich zufrieden das Zeilengeld. Statt aufzuräumen. es gibt eben Unterschiede? In diesem Moment surrt die Tür. Als ich meinen ersten Fernsehbeitrag fertig hatte. Die hintere Hälfte i t ' ... »Und da gibt es Gewinner und Verlierer."----------__. da einfach sagen: Verlierer . verkündete ich meinen Eltern nicht nur den Sendetermin. denen es besser geht. das im Großen und Ganzen nach den kapitalistischen Regeln des Marktes funktioniert.. . Ich habe nichts gegen Leistung und auch nichts gegen ein System.. IIIIIIIIIIII. die ist da.. Wir mussten die Bestellung in einem Korb ins dunkle Kino tragen. Theo war gera de aufemer Konferenz m Bonn ' .

Schiedsrichter zu sein? Wer rechnet am Ende ab und schickt vielleicht Bemd und Mario in die Champions League und uns in den UI-Cup? DER LEBENSLAUFFORSCHER Ich bin spät dran. akzeptiere. spotten die meisten. dass seine Forschungsergebnisse auch von der Wirtschaft akzeptiert sind. Mein Bruder auch. dass solche Hochleistungsleben glücklich machen. »Aber was ist«. über Marios platte Sprüche. . der neoliberale ZeitgeIst.« Als ich meinen Freunden von den Menschen erzähle. eine Leistungselite zu formen und zu fordern. Kind erzogen: Als meine Eltern jung waren. Als ich mein Fahrrad anschließe. mein cooler großer Bruder. mit dem ich lebe. um im Kampf um Anteile an der Weltwirtschaft punkten zu können. Der Mann. Er steht neben einer kleinen abgewetzten Ledertasche auf dem Bürgersteig. sein Schnauzer ignoriert jeden Trend. Denn jemanden. Glücklicherweise ist Michael Hartmann noch da.. Ungewöhnlich ist. Ein Freund weiß nicht. dass es fast wie ein Statement aussieht. über Bernds Ehrgeiz. sondern von anonymen Globalisierungskräften diktiert werden. Wobei man natürlich häufiger Gewinner sein will. nachdenkliche Vater: Wieso sollten sie Verlierer sein? Ausbildung beendet. S" dass mIt ihnen auch d' Z '1: I . dass er in der Wissenschaftswelt fast unumstritten ist. Sind sie Verlierer? Für mich nicht. ' ass WIr VIelleicht selber schuld SInd. . Keiner glaubt. Vielleicht soll. en Wir akzeptieren d . der nach Professor aussieht. dass der Mann. um eInen Job zu finden. 70 in dem die Regeln nicht mehr ausdiskutiert. der intelligente. die ich bislang getroffen habe. wenn wir scheitern. fragt mein Freund. 0 uberzeugend allerdIngs. Er hat nicht. Ein and~rer erzieht sein Kind und hat lange gebraucht. die es in diesen Wettbewerb entsendet. den viele. schon gegangen ist. um ganz zufrieden irgendwo im Mittelfeld leben zu dürfen. . Heute haben viele meiner Freunde Angst. Über die Schnösel im Anzug. ass eIn Wettbewerb begonnen hat. Ie welle an solchen Rechtfertigungen für dIe eigene B' afi' . d er ungute Verdacht· d '. orpern. »wenn das irgendwann die Standards sind? Wenn wir dann gar keine Chance mehr haben?« Tom hat so lange studiert. bekennender Linker. wie 71 . mal ist man Verlierer. t. fürchte ich. dass sie durchrutschen werden. .ist man Gewinner. der mir heute diese Fragen beantworten könnte. Liebe gefunden. waren d ann nicht wir. was nach seinem Praktikum kommt. dI: Umstände. bleibt die alles entscheidende Frage: Wem soll dieses Privileg zugutekommen? Für welche Leistung bekommt man im Leben Punkte gutgeschrieben? Und wer maßt sich an. Sein blaues T-Shirt ist zerknittert. sondern . IOgr e In meIn Leben getreten SInd. dass ihre Anstrengungen nicht mehr reichen. eine Elite also. Vielleicht mü t . rem WG-Tisch stets eInIg. die Ungerechtigkeit. Altachtundsechziger. Hartmann hat sich anders verhalten als viele andere Linke. reichte das. darin sind wir uns an unse" . die ich bisher getroffen habe so mühelos und überzeugend ver k" ' . finde ich weder vor noch in dem als Treffpunkt vereinbarten Berliner Cafe. Schuld. Er ist so unmodisch gekleidet. nach unten. dass er für die letzten Semester bezahlen musste. Aber selbst wenn ich diesen Bedarf. ss en WIr alle umdenken. Vielleicht braucht ein Land wirklich eine Art Auswahl. Hartmann ist Professor.

»Wir haben festgestellt. · Pyramlde sE· h enbild ist aber falsch.sen. dass von den Vorstandsvorsitzenden der hundert größten deutschen Unternehmen 85 Prozent aus dem gehobenen Bürgertum und dem Großbürgertum stammen«. Hartmann ist ein Sammler. aber wenn ich von Elite rede. Es muss Immer die anderen geben. früher die »Elite 73 72 . sondern er hat die Zeit genutzt.as at auch mit Leistung. Er hat Tausende Lebensläufe Hochqualifizierter ausgewertet und gilt als der einzige Eliteforscher des Landes.5 Prozent der Bevölkerung stammen. diesen Begriff sozial passförmiger zu machen. Mit dem Begriff >Elite< ist aus vielen G . Sonst macht das keinen Sinn. rede ich von einer sozialen Gruppe. der in Deutschland zu erreichen ist. Anders lässt sich das nicht denken. das d~hintersteckt. c le Ich und . und jeder kann es theoresc len DIese P ·d . heIßt >Masse< auf der an.. Ich kann mir das reIne Einzelperson alles wunderschön zurechtlegen. sagt Hartmann.5 Prozent der Deutschen dieser Oberschicht angehören. »Daher sollten Kinder aus Arbeiterund Angestelltenfamilien mit der Promotion dasselbe Maß an Eignung und Mühe bewiesen haben wie ihre Mitstudenten aus bürgerlichen Familien«. Eine enorme Quote. . e1 lten SInd L . das die Masse für die Auswahl einer Elite akzeptieren würde. Nur 15 Prozent der Vorstände seien in Mittelschicht. Alle haben ähnlC t tisch haf'" ~e zungen. Dieser Glaube. Heißt es doch. Mittelschichtkinder machen trotz des Doktortitels vor allem in der Wirtschaft wesentlich seltener Karriere als ihre Konkurrenten aus besseren Familien. t. sondern die soziale Herkunft entscheidet über die Aufstiegschancen. Das ist das Konzept. das eine Spaltung der Gesellschaft vorSIehEl. yraml gibt 1 . man steigt Stück für ·b . weil Leistung das einzige Kriterium ist. Es J\. sei ein Trugschluss. dass die Leistungselite ein Mythos ist. gl t 1. Schichten. . aber nicht auss hl· ßl.oder Arbeiterfamilien geboren. der bewusst geschaffen wurde. und auch in der Politik. d run en ein Konzept verbunden. der talentiert. > lte< . strebsam und fleißig ist. im sicheren Glauben. auf der richtigen. man de ··b . deren ~eite. as heißt ja. h e Startvoraus eIne große Pyramide. Deshalb sage ich immer. Das Gerede vom Wettbewerb der Besten sei vorgeschoben.« nlC t mal vorrangig damit zu Michael Hartmann ist überzeugt. Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern angeschaut. dass jeder. und ob n u erwIndet d h .un eInem ganz engen Hals. obwohl er den Begriff »Elite« :leh~t. dass das eInfach nicht geht. Ein Titel. Der Doktortitel ist der höchste Bildungsabschluss. . Die Oberschichten stellten zudem fast zwei Drittel der oberen Verwaltungsbeamten.eIne . dazugehören kann. .. den Begriff sozial verträglich zu machen?« »Indem man d arau fh·Inweist. .. Er hat sich mit seinem Team 6500 Lebensläufe von promovierten Ingenieuren. Ein Mythos. jahrzehntelang seine Thesen wiederholt. um Beweise zu finden. Dann rede ich von Herrschaft und Machtverhältnis. »Ich will von dem Begriff weg. den er stolz trägt.diese. dass das alles Leistungs. h tun.« »Wl . sagt Hartmann. beschreibt Hartmann seine Versuchsanordnung. vor allem weil gerade einmal 3. wenn versucht wIrd. 5tuck auf·Es eIS ung. d e Wir versucht. s 1St e er eIne Sanduhr mit einem ganz k1eInen Kopf d. aus denen die übrigen 96. ein ganz hartnäckiger sogar. der guten Seite zu stehen. Der Begriff ist von s:Iner Herkunft und Verwendung her eindeutig. t d ·. Sein Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Qualifikation.

assen SIe nach Männern suchen. hätten meist eine breite. InlOrmahonsbas' en. Hartmann erzählt stolz von führenden Vertretern der Wirtschaft. die von oben kommen' geWinnen müssten. ließe sich ein Prozess der »Verbürgerlichung« beobachten. Persönlichkeit. die ihm gestanden hätten. sagt er. entschieden als .« Wissenschaftler sprechen von Habitus. . bildungsbürgerlich ausgerichtete Allgemeinbildung. das die. n. Wenn man zum Beispiel nach Noten geht. meint Hartmann. Der Aufstieg in die Elite funktioniert nicht nach formalisierten und nachvollziehbaren Regeln. Ein unfaires Rennen. wo sie herkommen. desto besser. E ruc . risikofreudige Einstellung und seien in der Regel souveräner und selbstsicherer.und Verhaltenscodes vertraut. die meist die "h amherende Elite ml't I ren moghchen Nachfolgern fuhrt. was an Auswahlverfahren noch dazukommt. das Handicap einer nichtbürgerlichen Herkunft auch nur annähernd auszugleichen. Letzten Endes beschreibt ..unter dem Topmanager bel Ihren ntscheidungen steh d d' . gibt es auch schon eine soziale Schieflage.« Leadership. andere erkennen sich selbst in dem Bewerber wieder und sagen: »Mit dem könnte ich ein Bier trinken gehen. In Gesprächen. weil die Notengebung in der Schule sozial nicht gerecht ist.« Im direkten Vergleich ganzer Promotionsjahrgänge hat er festgestellt: Bei gleichem Abschluss ist die Chance eines Kindes aus großbürgerlichem Elternhaus. Es sei wie ein Wettbewerb. »Der D k '. h" emsc atzen können. denen SIe vertrauen d d 0 er eren Persönlichkeit sie zumindest gut. »Aufsteigern fehlt diese Souveränität. man gememhm vermutet«. r. eine ausgeprägte unternehmerische. einen Vorstandsposten in einem Großkonzern zu ergattern.« »Und wie könnte man es hinbekommen. erfolgt in Gesprac en. 'h '" . un le haufig außerst unsichere r IS. Auftreten . sagt er. der nach Regeln funktioniere. Die meisten. . wie sehr diese Ergebnisse sie schockiert hätten. die formalisiert sind. der entscheidet.der Aufsteiger«.zweieinhalb Mal so groß wie die der Mitstudenten aus der Arbeiterklasse oder der Mittelschicht. . die nur Eingeweihte kennen könnten. Die Auswahl der Privilegierten .das sind für Michael Hartmann höchst ungeeignete Auswahlkriterien.« 74 Manche Manager begründen ihre Auswahl mit dem Satz: »Die Chemie hat gestimmt«. ist. macht es nur noch schlimmer. verteidige ich alle Verfahren. . Aber alles. . dass Leistung doch mehr zählt als die soziale Herkunft?« »Obwohl ich eigentlich für individuelle Lösungen bin und es mir völlig widerstrebt. »Dabei wird seh 'I ' . Es gibt keine Punktetabellen. Statt einer Auswahl der Besten träfen die Entscheider eine Auswahl der sozial Ähnlichen.alles dasselbe Prinzip: Je ähnlicher ein Bewerber dem. Das Elternhaus beeinflusst den Zugang zur deutschen Elite ganz direkt. Sie haben Angst davor. die despektierliche Variante heißt »Stallgeruch«. keine Ranglisten. 75 . stellt Hartmann fest. Sie seien mit den in Vorstandsetagen gültigen Dress. da sie formbar und schlecht überprüfbar seien. . Kinder aus gutem Hause haben in diesem Spiel einfach die besseren Karten. seien tatsächlich von ihren Auswahlverfahren überzeugt gewesen. aUlgrund derer sie diese Entscheidungen treffen müsse I . r Vle wemger nach rationalen Kritenen . sagt Hartmann. »Selbst durch den Erwerb des höchsten Bildungstitels ist es also nicht möglich. wieder dorthin zu müssen. an denen man die eigenen Chancen ablesen kann.

ach wie vor ist die soziale dk man ommt. .» InZWISCh en wissen wir: In Deutsch. d ass d·Ie SOZIaIe HIerarchie in Deutsch. steht da. Aber wo würde ich dann überhaupt hingehören? Nach unten. weil mein Vater inzwischen studiert hat. Neun Stunden Zugfahrt sollten reichen. Denn dann könnte auffallen. die daraus resultierenden. Es klingt zu sehr nach Verschwörungstheorie. weil mein Vater eine Schlosserlehre gemacht hat und mein Habitus nicht immer astrein ist? Oder nach oben. Gräben zu ziehen und in Gefechtsstellung zu gehen: Ihr da oben. Er schreibt: »Wenn Manager und Politiker ein Ende der Gleichmacherei fordern und ein Mehr an Leistungsgerechtigkeit. . . 77 . eine so untergeordnete Rolle? Hartmann würde wohl sagen: Weil die Menschen. die B·· urgerkinder aufgrund ihrer Herkunft besitzen. Iand 1st das eine 111' N · SchICh t. vollkomm . Das kann nicht sein. lässt sich aus der Studie nur eine Schlussfolgerung ziehen: Es geht gar nicht um Leistungsgerechtigkeit. . um die Verschwörungstheorien wieder vergessen zu können. dass sie diese Regeln in ihrem Sinne gestaltet haben. d . kann«. wenn es stimmt? 4? Prozent der Deutschen. immer krasser werdenden Unterschiede in Macht und Einkommen öffentlichkeitswirksam zu legitimieren.« Forsch er und die 49 P nenn Hartmann. sagt er. c er 1st em euhg: »Früher haben wir wIrklIch gegla bt d u . aus der J' e USIon. ein bisschen sogar nach Verschworungstheorie. rozent recht haben. die de al n ten gleIchen. . Gleich ballst du die Faust und singst die Internationale. und weil ich mich bislang auch in persönlichen Auswahlgesprächen oft gut verkaufen konnte? Sieht Hartmann die Welt vielleicht ähnlich schwarz-weiß wie Rektor Jahns? Nur eben andersherum? Trotzdem: Warum spielt in der EliteDiskussion die Frage. . schreibt die Zeit im März 2007. sondern es wird zugleich versucht. die Hamburger . Dann nehmen wir in 76 einem von Beginn an unfairen Wettbewerb Verlierer in Kauf. Dann wäre es höchste Zeit. dann produzieren WIr unter dem D km . en Ignonert. Ich schaue auf meinen Reiseplan: Westerham. land zementiert ist.« Das ~ingt nach Klassenkampf. wir hier unten. sondern um die Bewahrung und den Ausbau ihrer privilegierten Position. ermahne ich mich selbst. Mit dem ständigen Verweis auf das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit werden nicht nur die entscheidenden Karrierevorteile. Außerdem ist es für solche Schlussfolgerungen nach Recherchen bei McKinsey und der EBS viel zu früh. ass man durch Bildung aufsteigen . die die Schulen der Stadt 1m Jahr 1979 verlassen haben. kein Interesse daran haben. genau wie meine Mutter. neue EIIten.Deshalb sei das mit der Leistungselite eben Unsinn. entscheidend für den gesamten Lebenswe 101 g. Elite-Akademie. wer dazugehören soll und wer darüber entscheidet. smd überzeugt. Das Fazit der Fors h . die Privilegierten in der Gesellschaft. ec antel der Leistungsauswahl brav . dass über die Regeln der Eliteauswahl debattiert wird. die die Diskussion vorantreiben. mein Bruder und ich. Zu Hause lese ich seine Studie und bleibe lange vor seinem Fazit sitzen. . In Hamburg begleitet ein Forscherteam seit über zwanzIg Jah ren das Leben von Menschen. Aber was ist. denke ich. damit die Gewinner weiter ungestört Macht und Privilegien unter sich aufteilen können. schreiben sie. als er mit seiner Ledertasche zur U-Bahn läuft.

habe vorher extra mein weißes Cordjackett in die Reinigung gebracht. Oder es ist die Stimme.3 geschafft haben. »Nimm ihren Koffer. denn von Elite J emer zu sprechen getraut. . Denn Carl. Sie zeigt mir mein Zimmer. die im typischen Kleinjungenschnitt in gerader Linie kurz über den Ohren enden. die Carl und die anderen besuchen. wo nur noch ein paar Lichter leuchten. viel jünger aussieht. Vielleicht sind es auch die blonden Haare. Draußen sind 25 Grad. or aren grundete der Freistaat eIne eigene Elite-Akad . die die Elite-Akademie besuchen. zu dem einundzwanzig EIItestudiengänge d h un ze n Doktorandenkollegs gehöo. I unenten bewerben können die mindestens die Note 1. »Gestern hättest du da sein sollen«. was es im Fußball mal war: unangefochtene Spitze. den ich kennenlerne. Sich-Führen und Sich-fuhren-Lassen . unterbricht Alexa meine Gedanken. Wir sind durch kleine Straßendörfer gefahren. vorbei an Zwiebeltürmen. der gerade siebenundzwanzig Jahre alt geworden ist. »Musst dich schon ein bisschen schick machen. Vielleicht liegt es an seinem Pulli. Sechzehn Wochen. »Führen. »Wir a en provoziert da al . ku s H uber am Telef. • ren. wann 79 . Der Junge mit dem Sweatshirt ist einer mit »Führungsanspruch«. . Die bayerische Elite hat also durch die Akademie zweihundertzehn neue Mitglieder empfangen können. und ist ZI·el d es» El·telord erungsgesetzes«. als würde ich in ein anderes Land reisen. erklärt mir. Und nun bin ich overdressed. der erste Vertreter der bayerischen Elite. eIn Schulsystem zu had . sagt Carl. Überall sehe ich Dirndl und Lederhosen. wenn du die Elite besuchst«. Man könnte den Freistaat die Heimat der Eliten nennen. Wie mir Akademie-Sprecher Marb . Respekt. 2600 Euro bezahlen sie dafür. Und doch ist es. In dem Leistung zäh°It. I c·· Bayern Im Mai 2005 in Kraft getreten ist und für das sich alle bayerischen Ab·t .« Ich rechne: dreißig Studenten pro Jahr. Meine Reise nach Bayern ist an diesem Punkt der logische nächste Schritt auf der Suche nach der Elite. ernie. Carl«. ben. Carl ist einer der Auserwählten. Auslese gilt als wichtig und . sieben Durchgänge bislang. Parallel zum Studium soll ihnen hier beigebracht werden. sind sie hier im kleinen Westerham.DIE ELITE-AKADEMIE Bayern ist in puncto Elite das. I e. on In reitern Bayerisch erklärte. h b . wie sie ein Unternehmen zu leiten haben. Vielleicht ist es die Harry-Potter-Narbe zwischen den Augenbrauen. was Huber mir vorher über die Studenten erzählt hat. Es ist das erste OktoberfestWochenende.« 78 Ich bin gespannt. . sagt Carl. m s mit dem Begriff. bis zum Waldrand. die noch längst nicht so erwachsen klingt wie Bernds. einem Dorfin der Nähe von München. hatte mein Freund gesagt. sInnvoll. auf zwei Jahre verteilt. als wir wenig später aus seinem alten grauen Golfsteigen. Bayern München hat gegen Arminia Bielefeld verloren. Ich bin vergnügt.Der Weg zur Leadership-Excellence« oder »Führung mit christlichen Tugenden« heißen die Seminare. dass Carl. Gut sechshundert Kilometer liegen zwischen Berlin und Westerham. hat sich ·a k . wenn es stimmt. »Willkommen im Schullandheim«. das Maß aller Dinge. Und schon v J h . d as In . trägt ein Sweatshirt mit Aufdruck. . Das Land leistet sich ' zudem ein teures Eh N . »Da ist der siebte Jahrgang mit einer großen Party verabschiedet worden.etzwerk. Bayern war schon im mer st 0 Izarauf. als ich meinen Koffer zu Carls Auto ziehe. vierzig Kilometer von München entfernt.

Carl und Alexa sind wie fast alle Studenten. der Ackermann-Bank »Da hast du dann ja viel zu tun«. der Spross eines alten Adelsgeschlechts. d re es. die ich in den nächsten Stunden treffe.und wo es Abendessen gibt. sondern auch schnell Entschädigungen oder Schmerzensgeld. Bescheiden sind sie also auch. dass Nächstenliebe auch in der Wirtschaft und Politik zählt. sagt ein Student. le . frage ich. Carl ist einer. dafür möchte ich kämpfen. Pauli bei einer kirchlichen Rechtsberatung geholfen. der große Trend aus den USA.da hatte ich prunkvollen Barock erwartet. unterstütze ich ab sofort die Inhalte der Akademie. ~nt. Bayerische Elite-Akademie . Besonders schwer tut er SI'ch d amlt. Das spare Zeit und Geld. So kontert man Idealisten doch immer aus.« Von wem Ca I d' . »Aber Ich fim d e es nicht gut d d' Akademie sich selbst so . H"fl' h macht er mich mit den anderen be0 lC ruckhaltend und überlegt. Das gefällt mir. sagt Carl ernst. sagt er und wäre gut für die Opfer. Auch das »Schullandheim« gefeHlt mir sofort. »Aber soll man deshalb aufgeben?« Wie billig von mir. Jahrgangssprecher und charmanter Chauffeur. d' fü" r mIch entscheIdenden . ist schon d a. Carl. Gutes tun. Warum nicht? Carls Stiftung wäre die »Von-TippelskirchFoundation«. Stiftungen also. wenn andere das über uns sagen WUr en. ere zu engagIeren«. soll Stiftungen gründen. . lache ich. als es für uns nötig wäre«. Ich fühle mich wie in einem Landhotel. Ihm ging es nie schlecht. Wer Geld verdient. der sich für andere einsetzt. rIese Emschätzung wohl akzeptieren 80 würde? Denn die anderen. Während seines Studiums hat er in St. ob man nicht Straf. Besser wä . Vierantwortung zu überneh'ßt men. die Berater. wie er sagt..und Zivilprozesse in vielen Fällen zusammenziehen könnte. Sein Jurastudium an einer Privatuni kostete über 30000 Euro. nicht nur nett.Karriere ohne eine große Idee dahinter. Ihm graust vor Menschen. Früher hat er Pfadfinder durch die Wälder geführt. trotzdem widerspricht er sich manchmal in zwei Sätzen drei Mal. Die bekämen nicht nur zügig recht. bloß mit allen Fragen zu ihr zu kommen. Carl prescht nicht nach vorn wie Mario. denke ich beeindruckt. Ihm geht es darum. denn so heißt Carl. ass le nennt. sich für a n d . Jetzt promoviert er in München. möchte. der Ungerechtigkeiten schlecht erträgt. Er ist zu- ~ragen zu beantworten: »Was ist Elite? Und warum gehört ihr dazu?« »Elite sein' das h el. In meinem Zimmer finde ich lasierte Holzmöbel und Wäsche. seine Ziele sofort als vorgeschoben.« Carl will als Trainee bei der Deutschen Bank einsteigen. jetzt betreut er im Sommer junge Menschen mit geistigen und körperlichen Behinde81 . Wenn das die christlichen Tugenden sind und sie später ihre Mitarbeiter ähnlich behandeln. »Ja«. »Eigentlich ist das hier viel schicker. Durch riesige Glasfenster blickt man in Richtung Wald. sagt er. »Was ist deine Idee?«. sie sind herzlich. zu untersuchen. als es der WG-Waschmaschine je gelang. denke ich. die gern über Elite reden. Dieses Haus aber ist schlicht und stilvoll. denen es nur um die eigene Karriere geht . als naiv abzuqualifizieren. »Ich möchte christliche Ideale vertreten. die Absolventen der privaten Wirtschaftsunis. als wir gemeinsam zum Restaurant gehen. die weißer und weicher ist. die mag er nicht so sehr. und ermahnt mich. sich um sie kümmert.

will ich sagen. das gäbe es hier nicht. ' . Zum Glück ~~ben earl und die anderen diese undemokratischen Lehrsatze noch nicht verinnerlicht. Ich erinnere mich. An der Uni habe sie schon oft erlebt. Das glaube ich ihr auf der Stelle. Seit 1968 habe die Jugend Werte wie »Selbstverwirklichung« und »Engagement« hoch83 FIT FOR MORE? Qualify! Enter! Was klingt wie das Intro zum nächsten Level eines Videospiels. dass ich schon Gruppenreferate gehalten habe. die negativ sanktioniert. eme darf Ich noch jedem von ihnen stellen. die ich anspreche. die 82 . wie konsequent Pressesprecher Managern dIe . Elite unterscheide sich von anderen durch eine höhere Leistungsfähigkeit. »Im besten Fall haben Sie später im Unternehmen eme Kultur. die anderen würden so lange reden. Brav und bescheiden. Da steht. Gerade hat der Pressesprecher eines großen bayerischen Unternehmens. Lust an einem offenen Interview austreiben. nichts tun. und gerade ihren sc uss m »Inter t' al na Ion em Kapitalrecht« macht. neben gesellschaftlichem Engagement auch überdurchschnittliche Leistungen in der Schule und an der Uni vorweisen muss. . Sie erklärt mir gerade. »Alle hier engagieren sich«.. »Das muss man. sagt Carl. erzählt mir ein Student. in der Hoffnung. h . M' Frage »Was heIßt denn Ebte?« . dass manche sich bei Gruppenprojekten mitziehen lassen. dass ich gern die Letzte in der Reihe der Vortragenden war. sagt sie. »Eher wirtschaftsnah und sehr brav«. um aufgenommen zu werden. wie die Macher der Studie »Jugend 2006« die bis Fünfundzwanzigjährigen getauft hat. fleißig und vernünftig. Ab hl . »Ich kann auch in Debatten ein viel breiteres Wissen voraussetzen«. versteht es jeder. Lass den anderen doch das bisschen Faulheit. der reinwill.. Anne. den Studenten beigebracht. Ich frage also weiter. An der Uni nicht.« sich gleichzeitig bei der Jungen Union engagiert und eine Computer-Community für sozial benachteiligte Jugendliche organisiert. das mulmige Gefiihl bei dem Gedanken an einen ständigen Wettbewerb. . kichern. 1st lß Deutschland d d ' b un en USA aber schon mehr Studiengange elegte als' h . dessen Namen ich nicht nennen darf. motivierten Menschen gleich eine Elite macht. ist sein Patenkind. meint. Was aus klugen. bei denen andere die Arbeit gemacht haben. dass sie niemals allein mit Journalisten reden und aufkeinen Fall ihre Visitenkarte abgeben s~llen. die außerdem begeisterte Tangotänzerin und -lehrerin ist. ' lC mltsc reIben kann. Das Mauern und Schweien gih .« Ich denke daran. die gerade d relUn d zwanzIg Jah re alt . wenn jemand an die Medien geht«. Als Merksatz schärfte er den Studenten ein: »Journalisten sind brandgefährlich. das viele Führungskräfte so unerträglich macht. ist nen bislang fremd . dass die Studenten hier auch zu einer »Elite der Menschlichkeit« erzogen würden. sagte er. wie die Leitung den Begriff definiert. Aber Anne ist schon sieben Themen weiter. Respekt und Bescheidenheit habe ich ja schon genießen dürfen. steht hier nicht. Da ist es wieder. dass der. Die Elite des Freistaats scheint die »pragmatische Generation«. Nicht einmal.= rungen. würden wohl Leute sagen. dass ich nicht mehr drankäme. eine höhere Leistungsbereitschaft. ist der Text des neonfarbenen Flyers der Akademie. gut zu repräsentieren.« Endlich erfahre ich. Einer. . . Alle. die es schlecht mit ihnen meinen. »Wenn ich zum Beispiel >Five-Forces-Modell< in den Raum werfe. faul dabeisitzen. ein geistig behinderter Junge. ist erklärt.« Höflichkeit. »Wir haben schon einen Grundkonsens an Werten.

Sie würde sich auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam reifendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das Ganze. Die Zeitschrift Karriere hat im Jahr 2006 über siebenhundert Oberstufenschüler nach ihren Träumen und Zielen befragt.« Ich schaue über85 84 . ) durch unerschütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und Rechte. schon mit fünfundsechzig in ~ente gehen zu können.. pragmatisch und optimistisch. k emle ann von Wahlbegeisterung . »hat er sogar zwei Minuten geredet. es werden fleißige.h d DlC t le Rede sei U k ·au h t il. achtundvierzig Stunden pro Woche arbeiten zu müssen. m urz nach sechs hatte einer geJ c z. Beim Abendessen ist das große Thema die BayernReise von Papst Benedikt. Treue oder Religion sind der »pragmatischen Generation« so wichtig wie kaum einer vor ihr. • in d L d runen m Mecklenburg den Einzug en an tag verp asst h ab en.. Vielleicht servieren sie ° b· d er letzten Bundestagswahl.(( Die niedlichste Geschichte über Werte erzählt mir ein Student abends. Stattdessen erlebten Werte wie Leistung. die zur °ß ass · . Das Hemd..« Auch mein Fast-Arbeitgeber. nur eben mit besseren Leistungen. Das fInde ich schön. »Es gibt hier gerade nur zwei Paare(. sich Elite zu nennen. das der anhatte. die Unternehmensberatung McKinsey. Das sei jetzt vorbei. McKinsey werden die Ergebnisse gefallen haben: 73 Prozent sagen. Werte wie Fami~ie. nur 22 Prozent glauben. Aber es wird ja auch niemand dazu gezwungen. Wählerwanderung. erzählen sie mir. Ich vermute. hocke ich allein vorm Fernseher. Ich liebe Wahlen: den Countdown Vor der ersten Pro gnose. um o o 18 Uhr 11 bei der ersten Hochrechnung. schreiben die Forscher.. Wer im Job so viel leistet. Im Schnitt erwarten die Studenten. gehalten. Auch in diesem Punkt scheint die Elite nichts weiter zu sein als Repräsentant des Durchschnitts. schreiben die Jugendforscher. oder? Der Nationalökonom Wilhelm Röpke hat gesagt: »Eine wahre Elite würde eine Stellung über den Klassen. d·le Hochrechnungen mit im besten Fall f" d s an Ig wechselnden Mehrheiten das amtliche ' Endergebnis und t O. dmeme Freunde Jetzt 1ll derWG vor dem B h Kanapees und Sekteamer ocken. erhalten werden. Revoluzzer. ~at gemeinsam mit dem manager magazin die Ansichten Junger Menschen untersucht. »Zwei Paare bei sechzig jungen Menschen. Orientierung und Avantgarde. Interessen. Ich wel. ihr Traumjob sei ein sicherer Job. Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz nun eine Renaissance. meint doch auch Vorbild. moralisch integre und verantwortungsbewusste zukünftige Führungskräfte sein. »Mit dem Wolfgang«. We die G o. die hier in einem Jahr ihr Abschlusszeugnis. Wer »Elite« sagt. Aber reicht das? In dem Wort »Elite« schwingt so viel mehr mit als in der funktionalen Beschreibung »die besten zehn Prozent jedes Jahrgangs«. Wie el An der Elite-Akad . als wir nebeneinander auf einem der Cordsofas sitzen. hängt er jetzt hinter Glas. Bosheiten und Torheiten der Menschen einnehmen. Aber schon jetzt. Sicherheit und Macht. das ist viel verlangt. sehnt sich privat offenbar nach ein bisschen Ruhe.« Sicher. der unantastbaren Integrität und (. An diesem Abend wird in Berlin und in MecklenburgVorpommern gewählt. Einige Studenten haben ihn getroffen. Leidenschaften. »Die Erwachsenen von morgen sind leistungsbereit. lobt die Zeitschrift. Rambos und Jammerlappen suche man unter den Jugendlichen vergebens. n. Nur 39 Prozent der »pragmatischen Generation« interessieren sich überhaupt für Politik. 1· h ° na ur IC meine LieblingsgrafIk. ihr Elite-ZertifIkat. sagt er.

5 r rascht . müsse man den Eindruck gewinnen. Ie SInd uns in diese M '. wie er zur Zeit der Französischen Revolution geprägt worden sei. er Mann bleibt zu Hause«. dass ich meine Rebellen gefunden habe. 86 angesprochen habe. den sechsundsechzigjährigen Professor im schwarzen Anzug. sagt Christine Hagen. ich sie. Jetzt selen. Das .»Ware schön gewesen«. SIC. »Vor allem hier in Bayern.« Sie will FamilIe. fügt seine Kollegin Hagen hinzu. Nicht die. Die deutsche Nachwuchselite ist noch immer männlich dominiert. en akadem' h L' sammensitze. . vielleicht auch schwierigen Kandidaten eine Chance zu geben. erkl" " . sagt er. die anecken. und auf Christine Hagen. hätte im Gegensatz zu Adel und Klerus gestanden. »Man muss das konservative Familienbild verändern«. wenn ein Vorstandsvorsitzender als seinen Assistenten den einstellen würde. schl" mein Freund am Telefon vor. agt Dann fragt er »Wo . Dachte ich B' . Er sagt.. . sagt Prourst.und meine. die Jury zu ermuntern. sage· ich Wo h . . dass sich genau I'n dem Alt er. Menschen. . h d ' '. arschemIich hat er recht. Man holt . die »wirkliche Elite. Ich kann mir vorstellen. IS IC mIt Pr fi F 0 essor ranz Durst und Christine H d agen. . · WIssensch aft und mlen ge urt. h" . selbst Mutter zweier Kinder. auch anderen. dass es nicht mehr darum gehe. Elite. sagen sie. Die werden kaum nach Le uten suchen d' B" Macht d ' ' Ie zum elsplel die Verteilung von un EInfluss grun d" I' infrage stellen. Die Elite Ier WIrd von Gre' k" . 't beIten könne. sagt Anne. die achtundvierzigjährige Juristin im strengen blauen Rock. haben sich kein e neuen m d er Akademie gesucht. »dass die deutsche Wirtschaft die Smoothlinge möchte. sondern eine Art neuen Adel zu begründen. Ich ahne. " . ohne dass ICh ihn auf meine Zweifel . Anfang zwanzig eben. die sich ihre gesellschaftliche Rolle durch Begabung und Leistung selbst verdient hätten. dass ich wissen müsse dass seine Freundin Sozialwissenschaften studiere und 'ihm erklärt habe. as erwartest du an solch einer AkademIe. S· starren mich an. die meisten Paare fanden. Aber ich bin der Auffassung. finde ich sehr gut . zu fordern.. »Auch heute werden Geld und Einfluss vererbt«. Protestler und R I ' " evo uhonare?« . »Trotzdem sind hier all e beIl'h ren aIten Partnern geblieben und . h . sagt Christine Hagen.. Und das bedeu te. Sie seI eh rgelzlg. m denen Menschen aus W' h Irtsc aft sitzen. Ie »Ich werde nl' cht Karrlere um Jeden Preis machen«. die Potenziale hat«. »Aber hundertzwanzig Stun. zu»Ich hätte gern ein bis h fessor Franz D sc en mehr Rebellen«. Aber das sei nicht so einfach.« .eIgenen Grabschaufler ins Haus. Wenn man sich viele privatschulen oder teure Universitäten anschaue. sagt Christine Hagen.« Ich blicke auf Franz Durst. . Wie an der European Business School liegt auch hier der Anteil der Studentinnen bei etwa einem Drittel. »Das IS d'Ie Natur«. .»Und mehr Frauen wären schön«. mIt . Man versuche.« D' bayensch e ElIte 1St also eme treue.t d moment zIemlIch fremd. en. aren mIr ihre mannlIchen Kollegen ' dass d'Ie Frau nun mal eine Zeit lang nicht ar. h" satz Ich SIC Ja mcht die . »Ich habe das Gefühl«. »Vielleicht IS as Bayern« . dass das problematische Leute sind. »Wie willst du das denn sonst mach? . " den ~~o Woche zu arbeiten würde mich stören. dass das eine extrem schlechte Ausbeute sei. dann würde die deutsche Wirtschaft funktionieren. der ihn vom Stuhl fegen kann.»Knppenplatz die Groß. m d em SIe. Wir . ? . »Eine Gesellschaft 87 . Dies widerspräche der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs »Elite«. . ISC en eltern der Akademie.« eltern kümmern . die ihre soziale Position nur geerbt hätten. begInne Ich aufzuzähl en.

nicht unbedingt. . was sie konkret anders machen als Nicht-Elite-Studenten. Sie verdienen jetzt e . kann auch .u enten dennoch resistent bleiben. aber fast fatalistisch: »Wir können nur hoffen und sie begleiten. das ist nicht leistbar. Chnshne Ha b . findet Oliver. SIe haben bei McKinsey unter. fi" • I gen estreitet mcht. Elite als Vierpfl'Ichtung erleben Verantwortung übernehmen«. die nachhaltig wirtschaften wollen. Ir·· d enZIa lOr ern und ihr Wertebewusstsein schärfen. die langfristig denken. b eratungen ent rnere III elller der großen Unternehmensh· d . sagt er. meint Thomas. . wir sind nach unserer Ausbildung durch die Bayerische Elite-Akademie auf alle Fälle sensibler als andere«. . »Handelt ihr anders als die. Man kann auch integer und menschlich bleiben. dass es ihr Wunsch sei.. »Ich glaube.« .* aber. . sc Ie en. Das klingt wesentlich bescheidener als der Dreiklang Vorbild. b d gSJo an ers machen. Ziel dürfe nicht allein der persönliche Machterhalt sein. malerweise durchgeführt wird. bei der man sagen kann: Da kommt so viel rein und so viel wieder raus. immer noch freundlich. und darf mit mir weder über seine Aufträge noch über seine Arbeitsweise sprechen. beruflichen Erfolg und ethische Ansprüche zu verbinden. als er nor88 .WIe Komme Ich in der Firma voran? Wie bin ich in der Ka' . dass ihre Studenten zu solch einer Gesellschaft Nein sagen. »Das Dumme ist. Verpflichtung und 89 • . er lrtsc aftswelt kaum Sorgen mac en.« Am Abend treffe ich zwei Studenten. Pot . mit ihnen darüber reden zu können.« Immer wieder betont sie. wäre eine Katastrophe. kann man alles besser und alles ethisch super korrekt und wasserdicht und faiN. den Studenten mitzugeben. Man solle selbst viel leisten. Wir suchen Menschen. »Man emen Beratun . aber den Blick für S~hwächere nicht verlieren. sondern die Verantwortung für die Gemeinschaft. und Thomas arbeitet inzwischen bei Marios Firma.»Sondern? f:rage ICh . dass man das nicht klar messen kann«. »Wir wollen nicht die Leute. . nur weil man zwei Jahre vermeintlich Elite studiert hat. hmzu. Wie genau es ihnen gelingt. »Ich glaube.»Wir sind verärgert über den hohen Zulauf dort«. Daher bleibt unser Gespräch abstrakt. Vorbild sein. Und Christine Hagen meint. dass wir immer die richtigen Antworten haben((. dass es wichtigere Ziele im Le~~n gibt als den schnellen Erfolg. in der nur Erben und nicht Leistungsträger an der Spitze stehen.»Vielleicht kann man erwarten. r dass ihre St d un ostenoptimierung. L . dIe sagen' Men h . für Menschlichkeit statt profit. Sie plädiert für Mitgefühl statt Ellenbogen.. antwortet Durst. sch neben oder bei B . . die nicht an der Akademie waren?(. bei McKinsey also. sagt Franz Durst offen. bl Preis fü' Effi" as SIe a ehnt: für Profit um fast jeden !ZIenz d K . »Die Elite-Akademie will junge Menschen mit großem . frage ich. »Die Studenten sollten . rnere spItze?«. sondern an alle Beteiligten denken. ' Dennoch hat sich fast ein Drittel der Absolventen zuletzt für eine Ka' . dass wir die richtigen Fragen stellen. fugt Professor Durst . Sie sind also ausgebildete Elite. fordert sie. die vor drei und vor fünfJahren ihren Abschluss an der Akademie gemacht haben. »Das ist keine physikalische Funktion.« Sie hoffe. Sie hofft. die nicht kurzfristig den Shareholder-Value steigern wollen. sc . Ich hatte gehofft. vi eI G ld oston Consultlllg. Ich hoffe. sagt Thomas. -.«. es wäre auch vermessen zu denken.. dass diese Firmen ur Vle es stehen w .fahren ein schickes Auto und müssen sich über ih ren Aufstieg in d W· h h '.(( . Aber Oliver studiert noch.

Der Grafiker. die auch mich in den letzten Tagen umgetrieben hat: »Was«. Steif stehen . Was pasSIert da draußen? Ich schaue aufdie Studenten. der den Titel er DISkUSSion auf d M ot h en OnItor 1m Studio bringen sollte. Die meisten reihen inhaltsleere Luftblasensätze und politisch korrekte Floskeln aneinander. verändert sie sich insgesamt schon. Wenig später ertönt endlich der Jingle. den Pflichtteil. gISC er Titel. Und schon nach wenigen Minuten ist klar.. h hlo Wir EI ? SIC sc Ießhcho »Wofür brauchen tern. sehr gutes Vordiplom und engagiere mich im parteipolitischen Bereich. 19ung«. für mich war es relevant. »Es geht einem an der Elite-Akademie nicht darum. hier zu sein. »Ich glaube. um den Elitebegriff zu rechtfertigen? Mal ein bisschen sensibler sein? Ein paarmal häufiger nachfragen? »Wir können nur einen Kern legen und dann auf die Vorbildwirkung hoffen«.La how-Gäste mimen werden. Das macht mich zu einem guten Teil der Gruppe... »Das ist ja schön«..« Die Frage.!. die guten Ethik-Kurse oder dass sie nette Leute aus den Vorgängerjahrgängen kannten. Die Studenten haben sich schick gemacht.« Es ist noch dunkel. SIe Im kreIS hmter ihren Glaspulten. Die Studenten absolvieren heute ein »Talkshow-Training«. die nebenan gepudert werden. NPD-Funktionäre greifen Kameraleute an.· . Ein anderer sagt: »Wichtig ist. h 'T' lks ' eiC . Carl sagt. Zehn Studenten die J' etzt gl . Und einer meint: »Es geht darum. weil er mehr tue als das absolut Notwendige. war eine simple. nur drei von dreißig ~ommen in Jeans. Könnte man SIeren.. . IS nIc t da Zwar dd • Wir le Sendung niemals ausgestraWt d werden. als ob. lrieass.c---------------iiinvwrliiiiliiililllliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil_m~5üE liiiiiiiii. Karriereoptimierung für sich selbst vorzunehmen. den die Akademieleitung immer wieder betont. -alII------. fragte der Moderator die Studenten. wenn ein Haura ee enErw h mal di kut' ac sener vor ihr steht. Idn de~ Regi~ herrscht Hektik. eine gute Stimmung m 91 90 . dass sie den interdisziplinären Ansatz an der Akademie schätzen. tippt sie e' 10 h fen ge d b m.« Das klingt schon wie ein Generalsekretärsstatement.~<. hatte Christine Hagen gesagt. erzählen. Es war die. Wir fahren nach München zum Bayefischen Rundfunk. tont es entnervt auS 0 0 0 0 O 0 O 0 0 dem Studio. Bayerische Elite-Akademie. die dieses Geschwurbel auslöste. . »Das Thema ist eigentlich: Wozu brauchen wir Eliten?« Die Eltern fliegen also raus.est t nn es ohne Grafik nicht losgehen. Solche Menschen braucht das Land. Halb .« Einer meint. »macht aus Ihnen Elite? Warum haben Sie gesagt. genau dieses Engagement gefalle ihm an der Grup~e. da gehöre ich hin?« Die meisten weichen aus. Eine ReD' IS en In erbarmt .-iililii• • iii~·iiii·iiiiiiiiili·~iII71iii~·1iI~iII'ilii···iiii'. dass die ihre Talkshow-Vorbilder sehr gut kopieren.. sagt der Moderator. »'tschuld' . Die Kamera schwenkt vom Moderator auf die zehn Studenten. Die Herren tragen Anzüge. gut zu sein. »Aber warum sind Sie Elite?« Anne sagt zögernd: »Ich habe ein sehr. blonde ~rauen tragen schwarz-rot-goldene Kerzen.« Oder: »Für mich war es nicht relevant. als wir am Morgen in den Bus steigen. Während die ersten in der Maske sitzen.·1I Verantwortung. ---~. sehe ich die Bilder der Wahl-Nachberichterstattung. Wenn jeder die Welt ein bisschen verändert. mir Mut zum Handeln durch eigenes Handeln zu machen. der die Sendung eröffnet. Werden sie sich dem entgegenstellen? Jetzt muss die Elite erst mal in die Sendung. damit es nicht stehen bleibt. aber es s II t Und d halb ka 0 rotz em alles so aussehen. die Damen Kostüme. sondern um ein Verantwortungsgefühl für Gesellschaft und Wirtschaft. Reicht das. besser zu sein als andere.

Die Akademie ist längst nicht in dem Maße sozial selektiv. meint einer. aus denen mit den besten Vordiplomnoten in ganz Bayern die dreißig Allerbesten herauszuflltern. . Die anderen flüchten sich wieder in abstrakte Statements: »Die Menschlichkeit ist der einzige Weg. sagt elll Student wü d . »Ich würde den Begriff meiden«. h lf lllC t anders ausfallen. dass sie ihren Freunden immer erst lange erzählt. durch die Akademie für die »Versuchung der Macht ethisch gerüstet zu sein«. wenn man im Kleinen Vorbild ist. aber wir haben geIernt.unserem Land zu verbreiten. Daraufbereitet uns die Akademievor. aber wir meinen's nicht so. Ihr Kollege glaubt. was ich von dieser institutionalisierten Elite-Ausbildung halten soll. Er will konkrete Beispiele. Viele in der Runde sagen.« Mein Stift stockt. Die Akademie hat ein aufwendiges Punktesystem entwickelt. lllSlshert er. Wenn das für den Fortbestand der Bank nötig sei. sagt ein anderer. dass das absolut nicht ironisch gemeint war. meint eine Studentin. »Ich würde auch sechstausend entl b assen. »~ie sind Manager bei der Deutschen Bank. Aber im Grunde hat sie recht. Das Gespräch driftet jetzt wieder in die »Wir-sind-gar-keine-Eliten«-Richtung. »Manche kommen aus wohlhabenderen Familien. sie wollten später Verantwortung übernehmen. Der Moderator scheint ähnlich unzufrieden wie ich auf meinem Logenplatz in der Regie. Ich möchte mich nicht mit dem Status schmücken. fragt der Moderator. Was würden ~le. sagt einer. und ich fand es schon immer vermessen. u ommunlZleren.. k~nkret anders machen als die aktuellen Eliten?«. »Erst am Ende sage ich dann: Es heißt übrigens Elite-Akademie.« Will diese junge Elite den Deutschen etwa Partyhütchen aufsetzen und aus dem Land eine Feiermeile machen? Oder wollen sie sich mit Megafonen auf den Straßen postieren und schreien: »Ärmel hochkrempeln! Dann klappt es auch mit dem Aufschwung!« Hoffentlich nicht. »Vielleicht ist es schon etwas. Da zieht ja eine rosige Zukunft heran. die Eliten auf ihren Thron zu heben und ihnen zuzujubeln? Währenddessen hat im Studio wieder die Gruppe die Wortführerschaft übernommen. was sie in der Akademie Gutes und Schönes unternimmt. 92 Ich fürchte.« Irritiert fahre ich danach mit der U-Bahn durch München und weiß partout nicht. die offensichtlich die Mehrheit stellt.« elll Nebenmann assistiert: »Die Entscheldung w' d . Im Land der GuteLaune-Eliten werden Massenendassungen den Menschen richtig gut rübergebracht. Wir sind bunt gemischt«.« Und eine Studentin meint. Die Studenten werden vor allem nach Leistung ausgewählt. um in der globalisierten Welt zurechtzukommen«. hatte eine Studentin etwas ungeschickt formuliert. in der Familie«. es besser z k . Wieso zögere ich da überhaupt noch. a er dabei den einzelnen Menschen im Blick hab S . klingt es ein wenig 93 . Verpflichtungen eingehen und der Gesellschaft etwas zurückgeben. »Und wie?«. »Der Begriff Elite hat mich eher abgeschreckt«. Arbeitslosigkeit als eine Folge mangelnden Willens zu bezeichnen. r e er genauso handeln. Wenn der Naturwissenschaftler Professor Franz Durst das Verfahren erläutert. en. Kollektive gute Laune konnte ich noch nie leiden. »Mir ist bei dem Wort Elite unwohl. wie ich es in Oestrich-Winkel erlebt habe. »Würden Sie keine sechstausend Arbeitnehmer entlassen?« . und die Eltern von manchen sind Beamte. das helfen soll.

Seine Großeltern hatte~ ein kleines Textilgesch"ft Als er studieren wollte konnte die a.Kreativität. Michael beschließt. hatte mir Durst erklärt. der selbst seit über zwanzig Jahren HIVpositiv war und der ungerührt erzählte. Die mehr machen. Aber tatsächlich ging es natürlich darum. hatte gescherzt.eld« stammt ' er aus eInem völlig anderen »sozialen . er eInem Jahr an der Akademie hat er 94 mit dem Begriffnoch keinen Frieden geschlossen. Aber er will noch mehr machen.« Deshalb gibt es auch Punkte für gute Noten in Kunst oder Deutsch. die nicht so viel Glück hatten wie er. dass sie später Verantwortung übernehmen und der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen. nicht. wo die Fixer die Spritzen tauschen. dass sie sich schon häufig gefragt haben. . hier ehrenamtlich zu arbeiten. wie er sagt. »Managertypen«. Die Studenten waren in Kindergärten. sagt er. plotzhch Elite sein sollte. . Auch Michael hat sich gefreut. aber auch Söhne von Landwirten. en. Michael war bei der Aids-Hilfe. können jedoch mit ihrer Gescheitheit nichts anfangen. Er hat sich hochuc gearbeitet. . in denen viel über das Schmiergeldsystem bei Siemens geschrieben wurde.er sagt.. wo sie mal lande. Das hat natürlich dazu geführt. die Michael hart und absolut zielorientiert nennt. ' Und auch nach übWIe . Denen fehlt es an . dass er d ' Umf. wenn nicht die Medikamente so viel besser geworden wären. aUlgenommen. Nach der Ausbildung will er in die Verwaltung und wieder dem Staat dienen. fünfzehn Stunden lang' Die Akad emle h at das honoriert und auch ihn. sagt er lieber. ~ies. Er wolle ein »Leistungsträger dieser Gesellschaft« sein. Er könne helfen. er saß einem Mitarbeiter gegenüber.wie eine Elitebauanleitung. der keInen glatten St u d'lUm-Praktika-AuslandssemesterLebenslauf hat ~ . . als sie von der Schule aufer!egt bekommen. ab. bei der Bahnhofsmission oder im Gefängnis. Es waren die Tage. mIt dem Beamtengehalt ' . zu erleben. wie es denen geht. Physik oder Latein. Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung. Die Arbeit sei sinnvoll.e Gruppe eint. die zukünftige Elite wolle wohl sehen. es gibt auch die.« . Michael. »Deswegen haben wir die Aktiven gesucht. Er will etwas zurückgeben. Die meisten der Studenten sagen. dass die Studenten fleißig und ehrgeIzIg SInd. Um in der Kategorie Intelligenz zu punkten. in der auch Wirtschaftskriminelle einsitzen. ' Familie das no Ige GeI mchtauftreiben. 1m R" ken. Seine Großmutter war stolz zu lesen d ih Enk el einer von dreißig Elitestu. Einer der Studenten. ' ass r denten In ganz Ba ' yern 1St. »Aber wenn die Intelligenten und Kreativen stinkfaul sind. Töchter von Angestellten. Er begann eine "t' d ' Ausbildung beim Z0 II un d dann. Es gibt natürlich viele Akademikerkinder. »Es gibt aber Leute. . geht es auch nicht gut«. Zur Ausbildung an der Akademie gehört auch ein Sozialtag. s a e ihn aber auch massiv verunsIchert. dass er längst tot wäre. erklärte mir Durst. Seine Tage waren vierzehn. Sein wirtschaftliches Wissen könne dort vielleicht wirklich nützen. dass sie mehr wollen. ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter die bei der US-Armee arbeitet. bräuchte man gute Noten in Fächern wie Mathematik. Aber den meisten nehme ich. wie die 95 . für die. die sind blitzgescheit. dass ihre Eltern viel Geld haben. Klar. dass WIr dann eine gute Gruppe beisammenhatten. Man spürt. es geschafft zu hab E h b . sich für Schwächere einsetzen. und der Seelsorger in einer Justizvollzugsanstalt. So wie Michael denken viele an der Akademie. Er hat sich zeigen lassen. d och noch ein Studium. die es nicht so gut haben. die Karriere machen wollen und sonst nichts.

dass jede Begründung falsch klänge? Warum schreibt Bayern nicht einfach fest.. Ihr schwarzer Rock wippt. . »Der Begriff soll ins positive Licht gerückt und wieder ~offähig gemacht werden«. um den Begriff zu pushen. ein guter Mensch werden zu wollen. I I Welt besser werden könnte. dass aus dreißig begabten. dass gute Studenten gefördert werden? Meinetwegen die besten zehn Prozent eines jeden Jahrgangs. An der Akademie braucht man ein Vordiplom. Sie sind zielstrebig. freundlich und alle mehr oder weniger dem Gedanken verpflichtet. ob das mit der Elite geklappt hat. die direkt von der Schule kommen. das spaltet. AnfangZwanzigjährigen dieses Label per Akademie. als Maria mir die Hand schüttelt. Dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden. die gleichermaßen ehrgeizig und engagiert sind? Warum belastet man gerade diese dreißig mit dem Begriff »Elite«? Sie sträuben sich doch. wünsche ich den Studenten. e er tu ent ISt von der Lokalzeitung semer Heimatstadt rt'" EU teakademie auf po ratIert worden. Gern kommen Land " esmmlster Zum Kamingespräch in die Akademie. das wird sie gewohnt sein. DER STOLZ DES FREISTAATS Als sie um die Ecke biegt. Aber scWießlich. von Menschen. ·. als er dem sechsten Jahrgang der Akademie das Zeugnis üb~rreichte. im Film wäre nun der Moment für eine Slow Motion gekommen: Mit wiegendem Schritt kommt sie mir entgegen. Sie zieren sich. so genannt zu werden.. er e guren für emen leistungsstaren relstaat. Ich bezweifle.1 . . daran mitzuarbeiten. »Kemptnerin in ·· genommen«.I . zu denen man aufschaut. »Lelstungsel"t . hatte Edmund Stoiber stolz verkündet. per Zeugnis aufzukleben. wenn wir alt sind. Ich werde sie fragen. klar zu sagen. »Zwei Oberpfälzer auf 11uch fühlung m't dEI' '. Warum Elite? Warum dieses Wort. was sie über die Nicht-Elite erhebt. 96 Auch wenn das pathetisch klingt. aber auch von Vorbildern. Als ich earl fragte. ob das nicht viel zu früh sei. »Kennst du das Maximilianeum?«.~ . es gebe aber noch etwas für Leute. Sie " . wenn eine Kommission entscheidet. hatte ein Student gesagt. Vielleicht gelingt ihnen das im Lauf ihres Lebens. dass es sinnvoll ist. Deshalb sitze ich jetzt hier und warte auf Maria. hatte er gefragt und mir dann von einer Art Luxuswohnheim mit Vollpension für ausgewählte Abiturienten erzählt. Weil sie ahnen. I er He« oder »Bayerns Elite-Akade'. mie weist Dessauer d Ur smd ihrer Region und Wt en neg«. Die Elite-Akademie-Studenten sind Anfang zwanzig. Dann können wir darüber diskutieren. und dass sie den Wunsch haben. c gegen Jede Gleichmacherei sträubt. die kleinen weißen Punkte verschwimmen im Gegenlicht. Ich starre. dass sie nicht unter der Last dieses Begriffs zusammenbrechen. das von Privilegien und Macht erzählt. bleibt der Blick doch an den Haaren hängen: Blond und glatt fallen sie bis zur Hüfte. Und Ich glaube. dass es genau darum geht.. I .. denke ich. Aber die Fragen bleiben: Wie viele junge Menschen gibt es. 97 . setzt ihre hellen Schuhe voreinander. der si h . S· b I en wie le rauchen wir in Bayern«. Es ist politisches Pro~ramm des Freistaats. fleißigen Studenten ab sofort die zukünftige Elite Bayerns werden soll. Aushängeschilder b fi k F . Fast J' d S d . dass man in Bayern das Elite-Ticket noch Jahre früher lösen könne. ob wir uns wiedertreffen wollen. zuckte er mit den Schultern und erklärte mir.: .

Wie normal kann so ein privilegiertes Leben sein? Maria ist in einem kleinen Ort bei Augsburg aufgewachsen. d' mIr ana. Maria war immer die Musikerin. . Der Hauptpreis ist der Einzug ins Maximilianeum. nIe DIe Ztmmer putzt d as Personal. ihr das mit dem Normalsein zu glauben. Die lösen Aufgaben. seit ich klein war«. Im hauseigenen Schwimmbad. der Stolz des Freistaats. du willst zu mir. sich selbst so zu benennen. Dafür müssen sie Szenen WIe Ie beim I t t . das der K" .« Maria lacht und sagt. Ich stelle mir vor. Sie lebt in einem Gebäude. ihr kleiner Bruder baut gern Roboter nach. die sie zum ersten Mal besuchen. und es beginnt die Erzählung von einer. Dann ragt direkt vor dir ein riesiges ummauertes Gebäude auf. die zu den Besten eines Landes gehört. Dann heißt es schon mal: Unsere Elite. für die andere eine Woche brauchen. er P ilharmo' un d b elm Oktoberfest reserviert. »Die Politiker zeigen sich gern mit uns. en en zu und heß sich mit ihnen foto98 grafieren. ein Franziskanerinnen-Gymnasium. behüteten. »Ich bin Fußballfan. " wohnt.« »Und seid ihr Elite?« »Man scheut sich.Maria ist so eine ausgewählte Abiturientin. weil sie die strengen Kriterien erfüllte. Sie spielte Klavier und vor allem Kontrabass. a . Ich bin versucht.O-Schnitt »und keinen Zweier auf dem Zeugnis«. D" e z en Neu)ahrsempfang in Kauf nehmen. Das sollte auch ihr Beruf werden. in insgesamt vier Orchestern. Damit galt für sie das bayerische Eliteförderungsgesetz. sie koche auch nur mit Wasser. wie sie betont. . die seit 1876 fast unverändert 99 . unsere Hochbegabten. fast das einzige Problem in ihrem Leben. . So krasse Mathematiker zum Beispiel. Ihr Vater hatte gespart und hätte seiner Tochter die Studienjahre finanziert. Morgens ist ein Frühstücksbüfett aufgebaut mittags . Denn ihre Schule. Woasche mitnimmt F" d · . denn Maria lädt fast nie Freunde zu sich ein. Sto'b f am Ige MInIsterpräsident Edmund I erau dieStud t . h haben eine Bibliothek' fi" SIe sm d PI"tze Sie ur . Im Maximilianeum gibt es welche. sie selbst sei normal. fü' r »talentvolle bayrische Jünglinge« er. Außerdem schwimmt sie gerne. Maria hatte im Abitur einen I. weil eine chronische Sehnenscheidenentzündung das Spielen unmöglich machte. sofort. Carl hatte recht: Fünfzig Schüler dürfen hier gratis wohnen und werd en fü' r d'Ie Dauer Ihres Studiums ver. . » or erungsziel ist ein sorgenfreies Stu dtUrn«.wird ihnen um »Schlag eins« ein Drei-Gänge-~enü servtert. als würde man in Berlin in der Reichstagskuppelleben. schlug Maria für die Begabtenförderung vor. Bis sie irgendwann aufgeben musste. Sie rührt in ihrem Cappuccino und erzählt. . die sind offensichtlich hochbegabt. Maria entschied sich dann wie so viele gute Schülerinnen für Jura. Leider finden solche Gespräche sehr selten statt.« Eine lustige Vorstellung. a sturmte der d al' . ungefähr so. Und hier endet die Geschichte vom normalen. Neid ist ein großes. Leben eines klugen Mädchens. erklärt . Ihre Eltern sind Lehrer. in dem Leistung schon immer wichtig war. das König Max II. M . sagt sie. wie sie während der Fußball-WM jubelnd über die Leopoldstraße gerannt sei. . Aber du kannst einfach zum Pförtner gehen und sagen. wie sie Freunden. ins Maximilianeum.d m. einst als bayerische Akropolis errichten ließ. das auch die schmutzige . OnIg nchten ließ. Da sitzt auch der bayerische Landtag drin. den Weg beschreibt: »Du überquerst die Isar auf der Maximiliansbrücke.

sagt Maria und erzählt mir von der Mutter aller »Todesfragen«. sagt Maria. am siebten Tag ist frei. Kandidaten müssen von »tadelloser sittlicher Führung« sein. Maria hat zudem davon profitiert. wie sich das mit der Karriere vereinbaren ließe. »Am Ende kommt immer noch eine Todesfrage. Auch Saarländer oder Pfalzer sind deshalb nach den Statuten echte Bayern. Wie viele hier hat auch Maria sich in einen Mit-Maximilianeer verliebt. Er. der ewige Landesvater Strauß. auch wenn es Maria Sorgen macht. Jetzt ist sie Maxi100 milianeerin. wenn nicht.-musiziertoder -treibt-Sport-ur ttb ewerb ' ' vve en smd nichts dagegen. man muss im Bayern Maximilians II. Eine schöne Geschichte. hatte sie einen Termin im Kultusministerium. Mathe. Sechs Tage pro Woche lebt sie nach diesem Rhythmus. Um sechs Uhr klingelt ihr Wecker. An der Uni erzählt sie kaum jemandem. »Sie geben dir einen Strauß und du sollst die Namen der Blumen nennen. Die Eltern ihrer besten Freundin waren sauer. um sich in ihrem Glanz zu sonnen. auch werdender Jurist. der WiesenblumenBestimmung. Latein. nicht die Tochter.gültig sind und die heute ausgesprochen angestaubt klingen. Dreizehn Beamte prüften sie in fast ~benso vielen Fächern. Wer zum Teufel kann das? Und vor allem: Inwi:fern ist das eine sinnvolle Elite-Rekrutierung? . setzt sie sich in die Bibliothek und lernt weiter. Maria fuhr also von dem kleinen Dorfbei Augsburg in die Landeshauptstadt. dass auch Bayern trotz dieses Traditionsbewusstseins langsam liberaler wird. mindestens bis 18 Uhr. Englisch. sie habe ein Zimmer in einem Wohnheim am Max-Weber-Platz. PhysiklIll Schnelldurchlaufging es durch das gesamte Schulwissen. und sagt lieber. bei dem Teenager virtuelle Pferde pflegen können.« Manche Mitschüler dagegen wollten plötzlich unbedingt mit ihr befreundet sein. dem vielleicht hinter den Mauern die Idee für seinen Hit »Ein Bett im Kornfeld« kam. dann lernt sie den Stoff. wo sie wohnt. Das heißt. . geboren worden sein. weil Maria vorgeschlagen wurde. Sie ist eben Maximilianeerin und damit Erbin einer langen Tradition. Mittlerweile sind knapp 30 Prozent der »talentvollen Jünglinge« Mädchen. mit einem 1. Deshalb ist sie vorsichtig geworden. »Auch da im Forum werde ich oft als arrogant beschimpft. u er ver assen Jeden Sommer die Gymnasien lIll Bayern M . '. Die Prüfung zu schaffien ISt fü' r Junge Bayern eine ge. der Schlagerschreiber Michael Kunze. · Sechs b IS acht von ihn d . eine. den sie am Vortag noch nicht geschafft hat. sie müssen das christliche Glaubensbekenntnis abgelegt haben und im Besitz des »bayerischen Indigenats« sein. beide wollen sie Familie. wie im Moment. Vierhundert Sch"l I . Medaillen aus Jugend-forscht. Am best. en wer en angenommen. s e usage kam. Im Jahr 1980.n auf Latein. wo alles alt und stolz aussieht. »Seit knapp drei Monaten lerne ich durch«. Prüfungen anstehen. wenn nur der Neid nicht wäre. waltige Ehre. weil ich mich anders ausdrücke als die meisten. kurz vor ihrer Geburt. im Münchner Zentrum. 101 . Die Fernbeziehung werden sie überstehen. Hier.0-Schnitt. Es fing schon in der Schule an. Wenn sie nicht zur Universität muss. wurde nach langem Ringen die erste Frau aufgenommen. wie sie vermutet. auch und natürlich FIS. ili axun ans des 11. die man gar nicht lösen kann«. Sie hat ein kleines Computerspiel programmiert. Der Physiknobelpreisträger Werner Heisenberg war ihr Vorgänger. was ihren ohnehin schon großen Ehrgeiz noch weiter anstachelt. Maria hat eme Woche gefeiert al di Z . die fast genauso gut war. studiert gerade in Oxford.« Ich schlucke.

dass das nicht stimmte. Das kann ja gar nicht stimmen. ähnlich intelligent sein wie Maria. so wie ich bin. im Staatsdienst. und über die Sexisten in der Auswahlkommission. das weiß ich jetzt. Sind wir. Ich frage nach ihren Plänen für die Zukunft. zögert. Mit mir bin ich ziemlich streng. sagt Mana. erzählt Maria. Der Cappuccino ist fast ausgetrunken. will ich wissen. dass es vielleicht an mir gelegen haben könnte. deren Eltern aus der Unterschicht kämen. um sich nicht ständig wehren zu müssen? Während ich denke. die ganze Auswahl quasi unterlaufen zu haben. dann schüttelt sie den Kopf. Ich habe über die Spießer geschimpft. . vielleicht gar nichts anderes übrig.« . dass sie die Prüfung auch geschafft haben. wie schlecht es mir ging. ass manche an der Uni oder elmge der Mäd h . Wer viel leistet. Ich erinnere mich daran. Sie möchte ein gutes Examen machen und dann eine erfolgreiche Juristin werden. als sich abzukapseln. 103 . hat sich die bayerische Elite hart erarbeitet. spater. in dem ich mit meinen jetzigen Mitteln etwas verändern kann: Das bin ich selber. ffilt denen sie im Forum ihres Pfer102 despiels rede. und mir soll alles in den Mund fallen. obwohl ich wusste. Genaues wisse sie noch nicht. bequem seien. . Ihre Privilegien. »Trittbrettfahrer« nennt Maria solche Menschen. beantwortet genau und geduldig meine Fragen. Und ihre Träume? »Willst du etwas verändern im Land?«.« Sie erinnert sich daran. Kurz darauf verabschieden wir uns wieder. die angenommen wurden. Maximilianeer. aber trotzdem Ansprüche hätten. Wie unfair kann man sein. der arbeitslos 1st oder Angst dan h at «. gebe es nicht. »Ich konzentriere mich auf den Bereich. »Ich kenne niemanden in der Stiftung. »Uns war die Party am Auswahlwochenende wichtiger«. um von deren guten Leistungen zu profitieren. Sozialsysteme und mehr Wettbewerb? . als ich eine Absage von der Studienstiftung des Deutschen Volkes bekam. »Die sagen: Ich bin toll. dass sie gerade erst neunzehn ist. gedacht oder akzeptiert. die Ausgeschlossenen. schäme ich mich.« Diese Geschichten gehören zum Standardwitzrepertoire im Maximilianeum. in Wirklichkeit aber wahrscheinlich doch _ beschwert sie sich d"b d . als ich jetzt Maria gegenübersitze. aru er. in ilir kleines Apartment.or das hat in unserem Gesprach mch ts mehr miteinan der " . . Maria schaut. dass das schon in der Schule so war. erzählte ich cool. Nur dass sich die Stipendiaten auch in einem dritten Punkt auffallend ähnlich sind. seien die Faulen zu ihrer Freundin und ihr gekommen. c en. lässt mich am Sinn der Förderung zweifeln: »Wir sind viele Lehrer. Ich habe vergessen. zu tun. Was hält sie von der Welt außerhalb der Stiftung? Wie erlebt sie die großen deutschen Debatten über Arbeitslose.Glaubt man Maria. findet sie. dass sie das Stipendium aber nicht annehmen wollten. entschuldigt sie sich. Sofort fing ich an. Und wemg . Deshalb sei das Prinzip der Stiftung fair.und Professorenkinder«. wie ihre Cousine es gerade vorgelebt hat. »Witzig ist. steht sie über diesen Neidern. und sie mag sie nicht sonderlich. mir einzureden. hatte Maria mir gesagt. Sie alle werden wohl ähnlich fleißig. die damit angeben. dass es einige gibt. Nie habe ich gesagt. der besser ist. soll eine Anerkennung bekommen. Immer wenn die Klasse Arbeitsgruppen bilden sollte. schuld an dieser Trennung in »wir« und »ihr«? Bleibt einem. . ist Maria schon weiter. in einer Kanzlei oder in der Wirtschaft. Maria kehrt in die bayerische Akropolis zurück.

dem fallt es leichter. c ennt. Dann könnte das Bürgertum die eigenen Kinder in Bildungseinrichtungen schicken. den Jungsten in einen »Dolce & Gabbana Junior« zu verwandeln? Ich tue. Wier d Ie. Oft komme als einziger Ausweg ein Schulwechsel ins Ausland infrage. pnnzlp noch im Lb mer s lalr empfinden. den Eliteforscher. Vermutlich finden alle Menschen saubere Straßen auf Dauer b~sser. Hmter mir hat d·Ie Stadt fü° r emen BlOmarkt dIe Straßen gesperrt . Kleme Mood ch en im Kimono stolzieren . Über mir wird seit zwei Wochen der Dielenboden herausgerissen.das meint wohl. um es für die Hälfte weiterzuverkaufen? Wer ist Kunde all dieser Seifenläden. War der Onkel. Er meinte: »Aus Sicht des Bürgertums ist die derzeitige Struktur des Bildungswesens ein entscheidendes Problem. frage ich mich. die dränden Fragen a gen hal uszusc Hartz IV bekommt . dieser Geschäfte mit Heizstangen für Handtücher. Vielleicht ist es selbstverständlich dass die ' Menschen hier das von M· beschriebene Leistungsana al J::.« Verstärkte Binnendifferenzierung . und bin überrascht. Das Bürgertum habe ein Interesse an einer Differenzierung des Bildungssys105 104 . weil er düm. um den Sammlern das Leben zu erleichtern? Wo sind hier die Penner. »Der Vorsprung der Bürgerkinder. dieser ~~utiquen mit Kinderkleidung. und dem Rest der Bevölkerung das zunehmend marode Restsystem überlassen. und seine Zweifel an der Leistungselite. als stünde ein Zahnarztbohrer kurz vor dem Durchbruch in meinen Gehörgang. Bierflaschen auf Mülleimern zu vermissen kann nur ein Symptom idiotischer Sozialromantik sein. dass es nicht mehr den Kindergarten. kli ten. die aufgrund einer wesentlich besseren finanziellen Ausstattung und selektiver Aufnahmeregelung das gewünschte Niveau aufweisen. die Schule. wie wohl ich mich fühle. sondern ein Parallelsystem. sagt Hartmann »würde dadurch ausgebaut und verfestigt.« DIFFERENZIERUNG Ich sitze wieder in meinem Zimmer. die Uni für alle gibt. O 0 • 0 • 0 mer ist? Warum werden die Söhne von Türken. weil es für ihr o e en noch gilt. und setze mich in einen Biergarten. ob dieser Satz für die ganze Stadt gilt.Als ich durch München laufe. die versprechen. die zu Hause allein vor dem Supermarkt in meiner Straße in Handballmannschaftsstärke leben? Und warum will niemand mein U-Bahn-Ticket haben. d'Ie verloren haben. Neb~n mir findet gerade ein großes Boule-Turnier statt. Stellt hier niemand leere Bierflaschen auf die Mülleimer.« Der Nachwuchs der Reichen und Erfolgreichen werde dort schließlich mit den Mängeln des öffentlichen Systems konfrontiert. Es hört sich an. a an mIr vorbei. Die gewohnten Spuren urbaner Armut suche ich vergeblich. Wahrscheinlich lebt es sich wirklich ganz gut in emer wohlhabenden Stadt. der jetzt h • . »Bei einer verstärkten Binnendifferenzierung sähe das aber anders aus. den sie aufgrund ihrer familiären Bedingungen schon mitbringen«. Arbeitslosen oder Bauarbeitern so selten Einser-Abiturienten und nie Maximilianeer? Ich denke an Michael Hartmann. der aussieht wie in der Werbung.WIr C fauler als der Vater der Beamter 1st? Sch·t d ' el ert er Cousin in der Schule. was mir in München natürlich erscheint. Ganz sicher ist die Arm-abersexy-Logik ein schwacher Trost. nie sieht und sch on gar ni ht k .

was ich studieren wollte. Je häufiger ich meinen Ordner durchseh e. Ich habe den Eindruck. die Schwerfälligen unter die Wendigen. Ich habe falsch herum geschrieben. haben meine Eltern stolz aufbewahrt. die Hartnäckigen unter die Folgsamen mischen«. dann zu einer Uni. solle die »Langsamen unter die Geschwinden. sagt die Stimme. die nicht einmal sitzen. »ihr wollt eure Freunde zum Insektensammeln einladen. empfahl.. konnte ich lesen und schreiben. In Berlin hat Anfang 2007 eine Filiale der amerikanischen Bildungskette »FasTracKids« eröffnet. möglichst früh möglichst viel zu leisten. wenn . Sie sind erst drei Monate alt. Nur so sei gewährleistet. aber immerhin. dass SIe I'leb er unter sIch sem wollen? Was ist.das Wort legt' h'm meinem Kopflangsam über das Dröhnen.und PowerpointKurse für Kinder ab vier an. tionen von Drer"h ' . Sie lauschen also den Englischstunden wie andere Säuglinge ihrer Spieluhr. In Hamburg bietet eine private Sprachschule Englischkurse für Schüler an. einer der bedeutendsten Pädagogen des 17.» B' h . Johann Comenius. Die Binnend'f" 1lerenZlerung beginnt mittlerweile rz nach der Geburt. Abim .tems. Dumme und Arme gibt? Seit der Bohrer lärmt.. Das wäre das Gegenteil von Ausdifferenzierung. Das wären Finnland und Schweden. aus der eine Computerstimme dröhnt. In Deutschland. in die Grundschule unseres Viertels. Mit viel gutem Willen hätte man daraus eine besondere Begabung und damit einen besonderen Förderbedarfkonstruieren können. »Stellt euch vor«. Nur so könne es seinen Kindern die Nachteile des öffentlichen Systems ersparen. Was aber ist.. die Klugen und die Wohlhabenden entscheiden . Der Druck. In einer schicken Altbauwohnung in Steglitz sitzen Zwei. ner " ich die Texte durC . weil das für Linkshänder einfacher ist. aufs Gymnasium. Ich bin in den städtischen Kindergarten gegangen. Jahrhunderts. ersch' es mIr noch absurd früh. dass die Kinder der Elite früh selbst das Eliteticket lösen. DER KAMPF UM DIE VORDEREN PLÄTZE Als ich vier war. . »Hallo Papa«. ku en. wenn die Geschwinden. len tunentmnen w· Mana oder Studenten wie Carl per . Excel.bis Sechsjährige vor einer Tafel. wo Genera. wer eine gute Bildung wolle. Hat man aber nicht. wächst. Ganz normal . orrekten Einsatz von P' ·ft und Prickelnadellernten 1St urplötzlich ein Wi b " . " sie am liebsten vergessen wollen. die das angeboten hat. le Kommission Zur El'te zu k" 1 uren. hatte Hartmann gesagt. Als . das heißt frei übersetzt »Überholspurkinder«. d esto k1 arer wird ein Gedanke' Maria und Carl sind Spa erulene. habe ich mir selbst Beschäftigungstherapien auferlegt und meinen Stapel zum Thema »Elite« in Akteno rdgezwangt. die Sieger aller Schulstudien. Was müsst ihr auf die Postkarte schreiben?« Da sie noch nicht 107 106 . mn~nd'f:'I: 1 lerenzlerung« .tb " ' . geschweige denn sprechen können.wie alle eben. dass es dieses »ganz normal« seit einigen Jahren nicht mehr gibt. und in Passau bietet eine Firma Word-. In München können Eltern ihre Kindergartenkinder in den Chinesischkurs schicken. Ja ngen 1m Kindergarten allenfalls den k nttstI . FasTracKids. Immer wIeder blattere .SIC Ich " Bayern war. dass es auch Langsame. Etwas anderes stand überhaupt nicht zur Diskussion. ' ett ewerb zur Forderung einer ElIte entb rannt der '" st k ' en Jungste Mitglieder noch in den Windeln ec . »APAP OLLAH«.

Die Familie nahm einen Anwalt und war bereit. Protokoll eines Gesprach ' FasTracKids aus Mexiko: »Wusstest du.« Hört man sich um. Aber dann zog ein Zwillingspaar aus Berlin weg. antwortet sein s h 'äh' . sagt die Leiterin. die ihre Söhne zu »Fastrackids« schickt. »Hier werden die Kinder auch rhetorisch fit gemacht«. frage ich. Geld. würden die Kinder me WIe d er lernen. dass die große Schwester. sei das Programm in ~an~ern wie Russland. die Wartelisten lang. tippen die Kinder Symbole auf der Tafel an. In Berlin steigt die Zahl Fil'al .« Sie hat ihren Sohn zu Probestunden geschickt.« über 1000 Euro kostet die Förderung ihrer beiden Söhne pro Monat. Er könne sein Englisch wieder verlernen. einfach zu spät dran war. Im Werbeprospekt der Kleinkindschule lese ich das -. Er hat Einstufungstests absolviert. Die Söhne der FasTracKids-Mutter gehen in einen englischsprachigen Kindergarten. dass Leonardo da Vinci die Mona Lisa gemalt hat?« . gefragt wird waru . fürchtet die Mutter. d~r Frühförderung hinterherhinke. freut sich die Tafel. Deshalb haben wir entschieden. . Astronomie und sogar ein Block zum Thema Lebensstrategien werden noch folgen. I en In Dusseldorf und Hamburg so IIen folgen Bildun fü . Also wird der ältere der beiden Jungs im Herbst nicht auf eine normale Grundschule wechseln. er ntwort ZItIert: »Ich habe sie behalten. der Sohn der FasTracKids-Mutter rückte nach. Oder sie sagt. enn Bildung ist zum Statussymbol 00 geworden. »Sie lernen Präsentationsformen. Englisch. . sei in Zeiten der Globalisierung eben wie Zähneputzen. das die ~_eisten der kleinen Schüler nicht einmal aussprechen konnen. »Richtig«. Mathematik und Biologie standen in den Wochen davor auf dem Stundenplan. erklärt sie mir. wIrd mit d SIe Ie Namen aller neun Planeten A' . »Die richtige Schule zu finden dauert Monate«. dass sich viele Eltern in eine Art Wettrüsten um den beeindruckendsten Kleinkindlebenslauf gestürzt haben. dass ein Fisch auf die Einladung muss?« Die Kinder haben heute das Fach Kommunikation. . »War~m müssen Dreijährige das können?«. sagt sie. die erst mit fünf angefangen hat mit Englisch. ein Wort. »Wir haben gemerkt. »Ja. »Aber es ist eine so wichtige Entscheidung. s zweIer . die ihnen später nützen werden.« Diese Art de W b ' r der Kl assen stetig er ung wIrkt. "'h' . falls es mit der begehr109 108 . Mexiko oder Portugal längst ein nesiger Erfolg. . dass ihr Kind zum Verlierer werden könnte. für den Platz an der Schule zu klagen. · g W ehsender Markt D r KleInstkinder ist ein neuer' ein a ' . DIe VerbIndungen im Gehirn der Kinder seien jetzt besonders verknüpfungsWillig. ec sJ nger Klassenkamerad Fernando. »Wusstest du ' dass er vor a11em das Lächeln der Mona Lisa malen wollte?« Und d'Ie fü' n fiooh nge Julia aus Denver die Ja ' . wenn es den ganz normalen Weg geht. Doch die sind begehrt. .schreiben können. dass die Jungs gleich mit zwei anfangen. das gut investiert sein soll. Literatur. Vor allem Eltern aus der Mittelschicht haben Angst. So schnell wie in diesem Alter. hat man das Gefühl. Und so statten sie ihr Kind schon im Windelalter mit Zusatzqualifikationen aus. Zur Sicherheit hat die Familie schon früh einen Vertrag mit einer Privatschule unterschrieben. erzählt mir eine Mutter. Während Deutschland bei ' . Ihr Sohn soll auf eine bilinguale Grundschule. weil Ich ein FasTracKid bin. . als ein Junge auf das Bild eines Fisches zeigt: »Meinst du wirklich. heißt es bei »FasTracKids«. fragt der vierJa nge Diego. natürlich«. d' ' " m kenne.

Man hatte gleich das Gefühl. sagt der. Sie haben 700000 Euro investiert. 40 Euro im Monat kostet der Englischkurs für Säuglinge. sagt sie. damit aus dem klas111 . links gucken soll. »haben Angst. »umtanzten die verunsichert dreinschauenden Kandidaten wie Filmsternchen. fragen sich die Kleinen und red en u er Inte11' "b . die es sich leisten können' sehr genau hingucken und sich fragen: Wo kann ich für mein Kind das Optimum rausholen?«. schreibt die Autorin. ist die neue Nobelmeile am Rand der Hauptstadt. Einer erzäWt von Bekannten.' . und alle fanden. Grill meldete ihn ab. Die Warteliste ist lang. zwischen 300 und 800 Euro pro Monat kostet ein Platz in einer Privatschule. 2007 wurden pro Woche ein bis zwei private Schulen gegründet. »Ich bin hochbegabt«. fragt einer der kleinen Schüler seinen Si~znac~barn. ich sei nun fit für die Schule.ten Europaschule doch nicht geklappt hätte. sondern mit einer Eröffnungsgala. Jeder kennt Leute. 100 Euro bezahlen die Eltern bei »FasTracKids«. dass die Eltern nervös werden. sind wir vorher einmal den Weg abgegangen. An dieser Schule wollte Leo nicht bleiben. über die Ampel.« An den Klassenzimmertüren las der verunsicherte Vater Grill: Gur subject is our success »Unser Lernziel ist unser Erfolg«. »ebenso die Gesprächseröffnung b~im Kinder-Small-Ta1k«: »Bist du getestet?«. igenztestergebmsse Wie Wir. Experimente machen und spielen . Heute gilt schon die Wahl des Kindergartens als berufliche Weichenstellung.aber kein Englisch lernen. dass ihre Kinder dadurch den Anschluss verlieren. am Ufer des Heiligen Sees wohnen Prominente und Superreiche. sei in Bildungsbürgerkreisen Normalität. dafür zu zahlen. Opa und Oma inklusive«. sagt sie. Hier. dass ich links. Eine Erzieherin. dass in dieser Anstalt die Nachzucht für die Globalisierung zugerüstet wird. das er als »Bildungsdarwinismus« bezeichnet. Privatschulen boomen. die ungetestete Generation. 110 Der Zeit-Autor Bartholomäus Grill erlebte dieses neue Denken. Ich habe gelernt. deren Tochter schon in der ersten Klasse mit Chinesisch beginnt. am Friedhof vorbei. direkt hinter dem Ortsschild Potsdam. schreibt Grill. Was nach Problemkiez klingt. »Das ist sicherlich ein Trend . berichtet mir. Durch unsere Straße. Dann haben wir eine hellblaue Uhr und einen roten Ranzen gekauft. . Die Zahl der Schüler ist seit dem Jahr 2000 um fast zwanzig Prozent gestiegen. Mindestens. dann rechts. und hier sollen ihre Kinder auch bald angemessen betreut werden.« Im Magazin der Süddeutschen Zeitung erzählt Karina Lübke von einem Volkshochschulkurs für Achtjährige.dass die Leute. rechts. deren Kindergarten in einem bürgerlichen Berliner Stadtteil liegt und als pädagogischer Modellkindergarten gilt. Deshalb haben Privatleute das ehemalige Standesamt der Stadt gepachtet. Was wie ein Wi~ klinge. noch ein bissehen geradeaus. vielleicht über die Anzahl unserer Legosteine oder Schlümpfe. 600 einer in einem guten privaten Kindergarten. am ersten Schultag seines Sohnes Leo an einer Steglitzer Privatschule. Der Steglitzer Schule dürfte das egal sein. Immer mehr Eltern wollen. Als ich eingeschult werden sollte. »Und? Was machst du so?«. Ich steige in der »Berliner Vorstadt« aus der Straßenbahn. und man ist bereit. dass ihre Kleinen schon früh zu den Gewinnern gehören. die vor der Einschulung in einen schickeren Stadtteil zogen. Leos Schulzeit begann nicht mit Schultüte und Familienfoto. weil die Kleinen basteln. »Die Familienclans. »Die Eltern«.

An diesem Empfangstresen sollen sie ihr Kind und alle nötigen Infos erhalten. dass der Ernst des Lebens erst in der Schule beginnt. Man konkurriere um die Eltern. »Manche Dreijährigen haben schon Rückenprobleme«. Als wissenschaftlichem Mitarbeiter mit halber Stelle bleiben ihm rund 1000 Euro netto. einen Geigen. als ich hinter Raymond Wagner. Das alles kostet aber extra. Und das ist verrückt. Er müsste sich dann wohl entscheiden. Das allerdings kostet wieder extra. Mein Freund hat gerade einen neuen Vertrag an der Uni unterschrieben. Allerdings ist das der Basissatz. wir zögen hier eine Geldelite heran«. entgegne ich und animiere Wagner damit zu einem Vortrag über unser »schreckliches System« der Gleichmacherei. während wir durchs Treppenhaus laufen. 113 . erklärt er mir. Im Nebenraum werden die Masseure und Physiotherapeuten arbeiten. Wir stehen an einem Tresen. ein Loch in der Wand. »orientiert sich stets am Schwächeren. Deshalb verdient er jetzt 300 Euro weniger als Zuvor. damit niemand aus einer Gruppe herausragt. diese Starken schwach zu halten. sagt Raymond Wagner. erklärt mir Wagner. sagt er. Und wenn ein Kind schon mit drei Jahren multiplizieren könne oder mit vier Jahren Englisch spreche. durch die Eingangshalle laufe. freut sich Wagner. Bis zu fünfzig Kinder sollen hier bald jeden vorstellbaren Luxus genießen.sizistischen Bau aus dem Jahre 1800 die »Villa Ritz« wird: eine Fünf-Sterne-Kita mit dreitausend Quadratmetern Grundstück. eine geistige Elite. Auch deren Leistungen können die Eltern dazubuchen. die pro Kind und Monat tausend Euro zahlen«. wo ein großes Aquarium entstehen soll. Die Eltern können einen Chauffeur oder einen Bodyguard buchen. »Buchen können die Eltern die Übernachtung hier«. »Aber uns geht es um eine Bildungselite. kann sein Kind auch mal über Nacht dalassen. Wer wichtige Termine hat. Noch ist dort. Wenn die Eltern ihr Kind bringen oder holen. Der öffentliche Dienst spart. dem Geschäftsführer der Villa. Die Kinder lernen Englisch. der dann die Party zum dritten oder vierten Geburtstag aufzeichnet. sollen sie nicht lange suchen müssen.« »Zu der können dann aber doch nur die gehören. »Fast tausend Euro ist ja schon ziemlich viel«. aus 112 dem die Rezeption des Kindergartens werden soll. unterbricht Wagner meine Kalkulation. 980 Euro wird die Betreuung pro Monat kosten. Ihnen wird mittags ein dreigängiges Vollwertmenü gekocht. So habe Deutschland Ressourcen verschwendet und den Anschluss im internationalen Wettbewerb verloren. denke ich. In der normalen Welt sind es je nach Bundesland bis zu zwanzig. findet er. »Der Sozialstaat«. Eine Erzieherin müsse sich hier um nur sechs Kinder kümmern. ein roter Teppich unter uns. die sich auch eine Kinderfrau leisten könnten. eine Kuppel über uns.« Schon Kleinstkinder seien zu erstaunlichen Leistungen fähig. dann werde er dieses Kind nicht bremsen. sondern fördern und fordern. Genau wie Yoga. »Wir müssen von der Idee weg. ob er den Kita-Platz für sein Kind oder die Miete seiner Wohnung und seine Einkäufe bezahlt. Ballett oder Meditation. sage ich. Außerdem müsse man den Preis in Relation zum Angebot sehen. »Uns wird ja stets der Vorwurf gemacht. »Das ist unser Komfort«. morgens und abends können sie sich am Büfett bedienen. Die Sauna ist aber schon gut zu erkennen. Aber was ist mit dem Stärkeren?« Seit den achtziger Jahren sei es nur darum gegangen. denn jetzt stehen wir im Wellnessbereich der Kita.oder Chinesischlehrer oder den Villa-Ritz-Dokumentarfilmer.

um den Eltern zu helfen. Gerecht sei das nat" l' h nICh t. »Mir wäre es auch lieb. Aber das ist nicht unser Problem«. sagt Wagner. Darauf setzt nicht nur die Villa Ritz. zweite und dritte Klasse sind dazugekommen. wenn alle Kinder optimal gefördert würden«. überweist der Staat Hartz-IV-Familien. keines der Villa Ritz. Das ist seit Kurzem anders. in das sie zum Füttern gesetzt werden kann. Auch hier kostet der Platz knapp 1000 Euro im Monat. »Wollen wir alle a~f der untersten Stufe zugrunde gehen?«. Erfahren wird man das wohl nicht. ur IC Welt?« . die mit sechs die Villa Ritz verlassen. ein Fünftel der Gebühr. Gewinner hier. Vielleicht ist Melina sehr klug. In Deutschland aufjeden Fall nicht. Nirgendwo war er so groß WIe . »Da gibt es eine Diskrepanz. Die Zahl der armen Kinder steigt in Deutschland seit Jahren . ihre Onkel. verzichten sollen. Ihr Großvater lebt von Hartz IV. Oder noch früher. Eine erste. die sich eine teure Betreuung leisten konnen. Kevin und Mike. Ob ich fordere. sondern auf ein Leben von der Stütze vorbereite. die sagt. fast zwei Millionen. Sie hat kein Stühlchen. die die Villa Ritz verlangt. manchmal auch fürs Essen. Jetzt sucht die Firma Franchise-Nehmer in achtzehn anderen Städten. »Aber wo gibt es eine gerechte . Aber das sei nicht bezahlbar. ihre Eltern auch. während das Frühstücksfernsehen läuft. Schon morgens sitzt sie oft auf der schwarzen Ledercouch. Melina ist ein Kind der Unterschicht. Aber wo gibt es eine 115 . Die Villa werde bald mit Privatschulen kooperieren. ihr Kind auf eine Regelschule zu schicken. Melina ist eines dieser Kinder. In Stuttgart eröffneten im Jahr 2006 die »Litde Giants«.»Werden sich denn Kinder.80 Euro pro Tag. »Gerecht ist das nicht. Weil sie wenig haben und weil sie mit dem wenigen schlecht umgehen können. In zweiunddreißig Ländern untersuchten Wissenschaftler für die PISA-Studie den Abstand zwischen der Leistung von Schülern auS re~c~en und armen Familien. Schließlich hätten die Kunden der Villa Ritz sowieso kein Interesse daran. einen geeigneten Platz zu finden. Das sind 6. Die »Litde Giants« haben bereits Filialen in Frankfurt und München. Vielleicht hätte sie Spaß an Yoga oder am Geigenunterricht. Bisher begann die Förderschule mit der vierten Klasse. fragt er. will er wissen.In Deutschland. Trotzdem ist die Kita ausgebucht. Man wolle keine falschen Hoffnungen machen. Das brachte Platz 32. Vielleicht könnte sie auch mit drei Jahren schon multiplizieren oder mit vier schon Englisch sprechen. die rechnen können. Sie ist elf Monate alt. Normale und Verlierer dort: Diese Einteilung soll also künftig schon im Kindergarten vorgenommen werden. und in ihren ersten Lebensmonaten hat sie wahrscheinlich mehr Zigarettenqualm eingeatmet als andere in ihrem Leben. kleiden und bilden. Englisch und vielleicht auch Chinesisch sprechen. sagt Raymond Wagner. Melina hat kaum Spielzeug. Damit müssen sie das Kind ernähren. Die für ihre Zweiklassengesellschaft viel geschmähten Vereinigten Staa114 ten belegten Platz 8. 208 Euro pro Kind. die Warteliste lang. Eine Schule.Anfang 2007 waren es 17 Prozent. frage ich. Der Weg in Richtung Hartz IV beginnt also schon für Sechsjährige. Oft fehlt ihren Eltern am Ende des Monats das Geld für Windeln. in der Grundschule nicht langweilen?«.. sind sieben und neun Jahre alt und gehen aufdie Wattenscheider Förderschule. dass d~swegen Menschen. dass sie die Kinder nicht auf den Beruf.

Normale Menschen trifft man hier nur als Dienstleister in Hotels. Sie sind zwischen neunzehn und einundzwanzig Jahren alt. im Takt der vollen Terminkalender. Restaurants und Kiosken an. Kein Mensch. m uc Stadt Brussel hat sich Europa ein eigenes Reich errichtet. der auch an Samstagen existiert. Melina das zu sagen. und allein das ist schon eine Sensation. das am Wochenende fast völlig erlischt. würden fünfundzwanzigtausend EuropaBeamte. aber lebendigen . Diese Schieflage ist woW das Resultat einer nicht existierenden Integrationspolitik. in keiner der Familien ist Deutsch die Muttersprache. Das Europaviertel rund um den Place Schumann führt an Werktagen ein hektisches Leben. Das Europaviertel bleibt verlassen zurück. Hunderte Parlamentarier und unzählige Interessenvertreter hier verwalten. verhandeln und dinieren. IR·· ken d er dreckigen. sondern habe in dem Teil von Brüssel. Ich werde zehn junge Menschen treffen. das vielstöckige Verwaltungszentrum Europas. Deutschland hat sich nie sonderlich bemüht. deren Lebenslauf sie eigentlich zu geborenen Verlierern macht. Nur drei der Studenten sind in Deutschland geboren. am Place Schumann. dass es allen besser geht. Rund die Hälfte der Fünfzehnjährigen aus Migrantenfamilien konnte bei Tests gerade einmal simpelste Texte lesen. blicke auf das Berlaymont-Gebäude. Eine Mehrheit stellen sie dagegen in den Kategorien »Hauptschüler« und »Schulabbrecher«. ist die an den ScWagbaum eines Auffanglagers für Flüchtlinge. Jetzt ist um mich herum alles leer. Es gab mal die Idee der Solidarität. Glücklicherweise muss ich hier nicht bleiben. Während sie zur Hauptschule geschickt werden. Studenten. ist von dieser Idee nichts mehr übrig. sackte die durchschnittliche Lesefähigkeit auf Grundschulniveau. schnappt offensichtlich im Kopf vieler Lehrer die Rassismusfalle zu: Selbst bei gleicher Leistung werden Migranten oft scWechter bewertet. Ich stehe in Brüssel. in China. an denen deutlich wird.gerechte Welt?« Melinas Schicksal mit diesem Satz fast achselzuckend hinzunehmen ist zynisch. eine Verabredung. Dass die. feiern und scWafen diese Menschen unten in der Stadt. Wäre heute nicht Samstag. wie konsequent sich die Elite manchmal von der Masse abwendet. kann sich der gleich starke deutsche Mitschüler oft über eine GymnasialempfeWung freuen. Denn nur sieben Prozent der über zwei Millionen Studenten in Deutschland sind Migrantenkinder. Autos würden sich stauen. die einige von ihnen an Deutschland haben. Die erste Erinnerung. Dies hier ist einer der Orte. die viel haben. 116 wenn Europa nach Hause gefahren ist. auch viel dazu beitragen. Problemkinder. würden Menschen aus der Metro-Station quellen. Wenn die einen erst in die Luxus-Kita und dann in die Privatschule gehen.. sagt die Bildungsstatistik. keine fahrenden Autos. sagt ihr Lebenslauf. Dann sollte aber auch jemand den Mut haben. die Kinder 117 . dem Iran oder der Türkei geboren. in deren Familien türkisch gesprochen wird. Und wenn es doch einmal einer schafft. Am Wochenende. Hier. wo ich stehe. während die anderen erst vor dem Fernseher sitzen und dann die Förderschule besuchen. nur ein einsam wartendes Taxi. Betrachtete man nur die Jugendlichen. essen. ELITE MIT MIGRATIONSHINTERGRUND Es ist gerade dunkel geworden.

dass es für eine eigene Klasse gereicht hätte. Gebühren für ein Studium an einer privaten UniversItat. Sie sind ein lebendes »Es geht doch«. die einwanderten.7 sei sie ein bisschen enttäuscht gewesen.« 119 . erklärt sie mir. Sie trägt Kopftuch und ein langes Gewand. kamen ihre Eltern nach Berlin. Am Ende. ~i~. d Fatos aber Wa r au er m er Grundschule stets die Klas118 senbeste. als »Bildungselite«. dazu Büchergeld. der sie ein Jahr lang nicht drannahm. Jin-Kyu.« . Frauen wie sie blend en Femseh sender gern em. Fatos aber schaffte es. Edward. Die Mutter. aufzuholen. Jakob. Um es als Ausländer in der Schule zu schaffen«. bitten um Saft. kaum Chancen bietet. offenes Deutschland. M· . Reisen. haben weitaus bessere Karten als die. Gülsah. Sie wurde in der Türkei geboren. dass man euch als Alibi-Ausländer benutzt?«. sagt sie. sagt sie. Insgesamt investiert Vodafone in jeden Studenten gut 80000 Euro. waren es nur noch zwei.« »Habt ihr Angst. Und deshalb hat der Mobilfunkkonzern Vodafone die erstklassigen Abiturienten zur Elite gekürt. Während ihrer Schulzeit musste sie sich laufend von einem ihrer türkischen Freunde verabschieden: »In der siebten Klasse waren wir noch so viele Türken. »Bei dem stand kein Ausländer besser als vier«. deren Eltern nach Deutschland kamen. besorgte den Rest. ist eine der umfangreichsten Förderungen. Fatos hat erlebt. deren Eltern nach Schweden. »Aber irgendwer muss schließlich anfangen. das die firmeneigene Stiftung im Jahr 2006 aufgelegt hat. Sie übersprang sogar die elfte Klasse und machte dann ein sehr gutes Abitur: Über ihren Schnitt von 1. zu fördern. die einen schweren Start hatten. die Fatos. eme vorurteilgeschulten Augen bleiben sofort an Fatos hängen. Ihre Freundin hatte einen Lehrer. als »positives Beispiel für die Gesellschaft und Mitmigranten« und lässt sich ihre Unterstützung einiges kosten. die zwei Muslima in der Runde. zur Elite mit Migrationshintergrund. in Deutschland als Ausländer erfolgreich zu sein?« »Ich fühle mich schon manchmal als Vorzeigetürkin«. »ist man besser fleißiger als alle anderen. um d· . »Ich habe immer viel gelernt. Vodafone preist die zehn als »Aufsteigergruppe«. das größte Schmankerl. die es in Deutschland gibt: Vodafone zahlt den Stipendiaten knapp 600 Euro für den Lebensunterhalt. Aufgereiht sitzen sie an einer langen Tafel. antwortet Fatos. ß . Nawid. Das Schulsystem. Sprachkurse und. Kinder. hätte es doch die gesamte Oberstufe. Norwegen. weil ihr Vater bei Siemens arbeiten konnte. beim Abi. dass Ausländer trotz guter Klausuren bei manchen Lehrern stets schlechte Zeugnisnoten bekamen. Ich möchte Vorbild sein. Es ist das perfekte Werbefoto für ein neues.derer. Waldemar. Gülsah und Fatos. Alexander. Vodafone hat gerade einen Kir royal ausgegeben.»Aber nur vielleicht«. Und vielleicht werden aus uns zehnen dann bald tausend. der nur für acht Prozent der Schüler auf dem Gymnasium endet. Helen und Fatos haben es trotzdem geschafft. le Themen »Verlierer« oder »Islamismus« zu illustrieren. Aadish. Das »Chancen«-Stipendium. sagt sie noch einmal. Österreich oder in die Schweiz gingen. das früh sortiert und Kindern. Als sie ein Jahr alt war. die große Schwester und den kleinen Bruder erzog. nach einem I. Ein klassischer Einwandererlebenslauf. Denn Diskriminierung sei für ausländische Schüler Alltag. sprach türkisch mit den Kindern. Deutsch lernte Fatos erst im Kindergarten. bis sie vier Monate lang krank ausfiel. frage ich.O-Schnitt ausgesehen. »Um zu zeigen: Es geht doch.

dass auch Kinder von Einwanderern an diesen selbst ernannten Elite-Universitäten studieren können. kommt ihr voran. da hat sie einen Kurs in arabischer Kalligrafie belegt. Ihre Noten hätten sie unantastbar gemacht. beantwortet Vodafone meine Frage nach dem Warum in bestem Konzerndeutsch. dass man rassistischen Lehrern an den Kragen müsse. sagt Fatos. die stets Einsen schrieb. erzählt sie.« Und trotzdem. Eine Botschaft. bis die Sonne untergeht.Fatos blieb. Denn keiner hier fordert. Kein Lehrer hätte ihr. »zur Entspannung«. Die Bucerius Law School in Hamburg gilt als Kaderschmiede für junge Juristen. Heute leitet sie eine Gruppe für muslimische Mädchen und trichtert ihnen die Lehren ihrer Schulzeit ein: »Seid besser. Das ist die Botschaft der Runde. Eine Botschaft. offen auf der Straße. dann Hausfrau werden. Nur dienstags macht sie früher Schluss. das Unternehmen hält vor allem die Privatuniversitäten für einen Karrierekatalysator und möchte. könnte die Gebühr unter keinen Umständen zaWen. Sie schläft fünf Stunden pro Nacht. wie Bernd. Diese Chance möchten wir auch begabten jungen Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen«. 120 »Ein erfolgreiches Studium an einer anerkannten Privathochschule bietet Studierenden nachweislich bessere Voraussetzungen für den Berufseinstieg und Karriereverlauf. Um dieses Ziel zu erreichen. ernsthafte Probleme machen können. Um acht Uhr morgens sitzt sie in der Bibliothek und lernt meist. wenn die Mlgranten an einer privaten Hochschule studieren. die auch Mario und Bernd gefallen würde. zu ignorieren. aber dennoch getroffen. es zu etwas zu bringen. die ich so schnell nicht wieder vergesse. die glaubwürdig ist. der nach einem Unfall nicht mehr arbeiten kann. wieso wollt ihr studieren? Ihr werdet früh heiraten. Sie studiert. sagt Fatos. Das heißt. dass die Politik sich 121 . Fatos' Vater. Eins wäre für die Berufsberaterin aus Kreuzberg vielleicht noch interessant: Heiraten will Fatos erst nach dem Studium. denn das Stipendium gilt nur. dann habt ihr Chancen. »Aber die hörte nicht aufdamit. Ich frage mich weiter durch die Runde und habe schnell den Eindruck. Seid fleißiger.« Seit dem 11. September 2001 kämen noch die täglichen Anfeindungen auf der Straße dazu. sondern bei der EU oder bei Amnesty International anfangen. arbeitet mehr. Da ist das doch Zeitverschwendung. glaubt sie. gelacht. an einer Privatuniversität. Aber die Kosten übernimmt ja je~t Vodafone. meinte die: »Ihr seid doch Türkinnen. Da haben wir das Gespräch abgebrochen.« Erst hätten sie ungläubig. in der U-Bahn. Die wollte uns nicht einmal konkrete Fragen zu Universitäten beantworten. die durch Geschichten. folgt sie weiter ihrem alten Plan: Besser sein. Und sie will nicht Hausfrau werden. Ein Studium an einer staatlichen Universität fördert Vodafone nicht. Als Fatos gemeinsam mit ihrer Freundin und zwei guten AbscWüssen in der Tasche vor einer Kreuzberger Berufsberaterin saß. dass Fatos' Vierzehn-Stunden-Tage auch hier normal sind. mit Leben gefüllt wird. Andere schrien sie an: »Islamistenschwein! Raus aus Deutschland!« Aber man könne lernen wegzuhören. Auch hier kostet das Studium insgesamt mindestens 30000 Euro. egal wie groß Migrationshintergrund und Talent des Bewerbers auch sein mögen. sagt Fatos. Auch wenn ihr von ganz unten kommt. Lernt. Unter der Hand in der Uni. Nur wenn ihr in der Schule gut seid. Leute setzten sich weg. Das klingt nach Bernd mit türkischem Hintergrund.

Seme feme karierte Stofthose steckt in wadenhohen Reiterstiefeln. nach Deutschland zu fliehen. Steckbrief hat er D' H omme als Lieblingsmodemarke lor angegeben. »Wegen meiner Mutter«. aufmerksam wurde. Zwei in der Runde allerdings sind anders. Aber jetzt hatte die Flucht ihn in ein Land geführt. Er streicht die blonden Haare hinters Ohr und sagt: »Ein Buch über das Thema Elite . beim Sprechen. Fleiß und Willen. Alexander erinnert sich an den deutschen Schnee und daran. a d'le gestreckten Finger vor den Mund. als ich erzählte. der so gut Englisch sprach. Alexander.'\ gefalligst besser um sie. an die Schule. so lernte Alexander. . nach hinten geföhnten Haaren und sicher auch an seinem fast aristokratischen Auftreten. und an die Lehrerin. Er erinnert sich auch an. dass die Häuser so schön weihnachtlich dekoriert waren. beim Rauchen.( . Es sind Geschichten über Ehrgeiz. dass es dir gut geht«. ~.. habe der Vater immer gemahnt. Allerdings Gedichte. die Kinder derer. sein HandgeIenk' eme Armani-Uhr.das interessiert mich sehr. Einfluss und Wohlstand eben nicht gleich verteilt. Der andere. »Ich konnte nicht mehr als Buchstaben erkennen und so Kleinigkeiten sagen wie >Hallo< oder >Wie geht'sk Aber das war es dann auch. sagte er. die alle in ihrer Muttersprache redeten. Eigenschaften. die auch den. Russisch.« Er selbst schreibe auch. als ich ihn darauf anspreche. habe Intelligenz. Der eine.« Georgisch. dessen Sprache er nicht kannte. Gott. Alexander würde wohl jeden Türsteher jedes noch so rest r ikt'lven Soclety-Clubs passieren können. Das mag am Akzent lie~ gen. h·'lt digt sIch. an den langen blonden. Er lehnte ab. Ich verzichte auf das Zweitbeste. Er ist Sohn einer Familie. Dann dreht er den Kopf zur Seite'. nie deine überlegenheit spüren. Schon drei Wochen später landeten sie am Frankfurter Flughafen. Über sich selbst sagt er: »Ich bin wie Effi Briest. Alexander sitzt kerzengerade am Tisch. bewahrt Haltung beim Essen. . Die Familie entschied.« Aber irgendwann wurde das Leben in Georgien zu gefahrlich. die Enge im Auffanglanger Unna-Massen. »Sei dankbar. die er dort mit vielen Russen und Polen. vor allem Liebeslyrik. habe eines der angesehensten und teuersten Internate des Landes ihm ein Vollstipendium angeboten. entschul. Als das Ergebnis vorlag. 123 1'/1 . denen es scWechter geht. hatte seine Familie doch stets auf die Bildung der Kinder geachtet.« 122 Ganz offensichtlich kommt Alexander aus sehr gutem Hause. »Lass die. ein Kind der oberen Eintausend zu sein. besuchte. die auf den georgischen Jungen. Manchmal muss er hüsteln. Streifen. »Lass uns später in Ruhe treffen!«. ein junger Iraner namens Aadish. der die schlechtesten Startchancen hat. Alexander spricht Deutsch mit reizendem französischem Akzent. kümmern müsse. Hemd d urchzlehen dünne rosafarbene . hatte still zugehört. seit frühester Jugend. die sie einst einlud. Sie landeten im Dezember. Alle sehen in ihm den Franzosen. Ein Privilegierter in einem ansonsten armen Land. se'm . Das Thema ist prickelnd. . In einem ZIert . rückt seinen Stuhl neben mich. dass ich zum Thema »Elite« recherchiere. die zu den Obersten in Georgien gehörte. Englisch . zum Sieger werden lassen. Alexander ist in dem Bewusstsein aufgewachsen. Sie ließ ihn Figuren bauen und Muster legen und testete so seine Intelligenz.diese Sprachen beherrschte er. . Er lächelt. und mir seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben.

das er liebt und von dem er mir lange erzählt. in ein Internat. »Das kenne ich nur bei Kellnern. Sein Pass ist georgisch. sagt er. dort nebenher arbeitet. zum Beispiel.« Deshalb. Sie habe ihren Sohn nicht ziehen lassen wollen. in dem reiche Kinder der Legende nach gern ausschweifende Feste feiern. und dann weg von zu Hause. verachtete. dass man so etwas tut. dass er noch lange in Deutschland bleiben würde. Manche denken. Und weil er Wörterbüchern nicht traut. fragt Alexander. sagt er. wenn man viel im Leben erreicht hat. sagt Alexander. Elite zu sein«. weil er aufsprang. Das Nein der Mutter war für Alexander Gesetz.i·. sei ausgeschlossen. Elite wird man. was er ehrfurchtsvoll das Düsseldorfer Leben nennt. Gerade fünfzehn. dass ich doch noch begreife.« In Georgien. Und so habe ich mit vielen Büchern. glauben sie übrigens. jeder. dort ausgeht?« »Nein«. »Überhaupt nicht. Deutsch gelernt. und man suchte nach einer angemessenen Alternative.« Am Anfang fiel er in der Schule ständig auf.« Hier in Deutschland sei der Begriffweniger greifbar. ist Elite. obwohl er die Sprache der Mitschüler noch immer nicht beherrschte. Eine gute Familie. werde missverstanden und von vielen missbraucht. oder weil er das Schnipsen mit den Fingern. in der Hoffnung. wie Düsseldorf sich anfühlt.« Aber dann schaute er sich seine Umgebung immer genauer an. »Kennst du Düsseldorf?«.« 124 »Kannst du dir vorstellen. bekenne ich. »Sie haben mehr als andere und glauben. Düsseldorfer zu sein erfüllt ihn mit Stolz. begann er seinen ganz eigenen Deutschkurs. sage ich wieder. Sie feiern in Clubs an der Kö. war >Lolita< von Nabokov. Seine Clique stehe auf fast jeder Gästeliste. Aber in diesem Moment. mit dem die Mitschüler nach Aufmerksamkeit heischten. »Weißt du.oder im bösen Sinne: Bonzen. sei ihm klar geworden. und sie selber haben nicht viel erreicht. sagt Alexander. Ich habe eine Ausgabe aufRussisch und eine auf Deutsch vor mich gelegt und die Seiten parallel gelesen.« Ich sehe. verdiente relativ bald ziemlich viel Geld und lernte das kennen. wenn der Lehrer den Raum betrat. sagt er. sei eine gute Ausgangs125 . »Wenn die die Flaschen vor sich stehen haben. die sechs Liter fassen. die überdurchschnittliche Leistungen vollbringen. »Nicht wirklich«.« Alexander hält diesen Glauben für einen Trugschluss. aber auch geistig weiter ist als andere. in denen Kinder reicher Eltern Champagnerflaschen bestellen. einen Lehrer so anzuschnipsen. sagt er. Trotzdem identifiziert er sich mit Düsseldorf. wie Düsseldorf sich anfühlt?« »Nein. dass Düsseldorfer Jugendliche im Alter von zwanzig Jahren Elite seien. wenn man finanziell. »Das Geld ist von den Eltern. Die Stadt steht für das Leben. »Was ist denn Elite für dich?« »Für mich gehören zur Elite Leute. Er bekam einen Job im Exklusivhaus der Modemarke Breuniger. »Ein Buch. gerade mal seit fünf Jahren wohnt er in der Stadt. wenn man an der Kö die Schule besucht. Es ist einfach eine schlechte Erziehung. eine entsprechende Kultur haben und ein entsprechendes Benehmen. dass ich ihn enttäusche. sei die Sache klar: »Da bedeutet Elite Oberschicht . besser zu sein. die ich aus Georgien schon kannte. das ich zu der Zeit sehr mochte. Alexander kam auf ein Gymnasium an der Königsallee in Düsseldorf. wie es ist. der Golf spielt. j sagt Alexander.

dass Elite und Masse sich generell nicht vertragen. Sprich. nur mit glaubwürdiger Empfehlung. die Clubs. sagt Alexander. die müsse man schon selber haben. Ich bin in einer Kleinstadt im Münsterland groß ge~orden. Aber wie findet man die richtigen Orte. in Silber oder Schwarz. weil ich andere Interessen habe. in denen man feiern muss. ertönt eine Begrüßungsmusik.« Klingt logisch. etwas zu werden. »Meinst du«. und tatsächlich erhalte ich zwei Tage später meinen Zugang. deren Eltern jeweils einen Adelstitel in die Ehe einbrachten. »Wenn du Rapper bist. sei eine bekannte Adresse und vor allem Schwarzekarte. Oder sei sein berühmtes Whats in the name? nicht so zu verstehen? Außerdem kenne er Mädchen. die Schulen. Und wohlhabende Leute aus guter Familie mit guter Erziehung. Menschen wie Alexanders Freunde und ich haben woW völlig unterschiedliche Leben geführt. ich habe mich mein Leben lang an Orten herumgetrieben. Für solche Insignien ist es mir noch zu früh. Dann 127 . sagt Alexander. wie vorgeschlagen. weil es ihr Plan sei. Man vernetze sich in exklusiven Foren. die aussähen wie man selbst. . Es zögen einen immer die Leute an. Studiert habe ich im Ruhrgebiet. suchst du die Leute aus. um dazuzugehören? Durchs Internet sei das ziemlich einfach geworden. ans »Hemdrevers« zu heften. Für 9 Euro könnte ich es mir sogar kaufen. die tagein. die haben Pläne für die Zukunft. seitdem ist es auch mein Wappen.de. Als ich mich zum ersten Mal einlogge. schon durch die Geburt etwas zu sein. um es mir. Ich habe diese Menschen ja nicht ignoriert. SCHWARZE KARTE Das Wappen von Schwarzekarte ist ein schwarz-weißer Schild. ehrlich gesagt habe ich ihre Existenz bislang bezweifelt. die wollen etwas werden im Leben. der eine kleine Krone trägt. Heute um 17 Uhr 45 hat mich Schwarzekarte offiziell willkommen geheißen.de. »du könntest mich einladen? Gar empfehlen?« »Klar«. Aber inzwischen habe sie das Schicksal vieler solcher Zirkel ereilt: Irgendwann würde solch eine Adresse zu bekannt und sei dann überlaufen. sagt er. tagaus ihre Schönheit pflegen. Das sei lange die entscheidende Communitiy gewesen. Reicher-als-du.basis. noch immer bei der schwarzen Karte finden. sondern auch noch fünf Vornamen. . . wählst du Rapper. Menschen also. Trotzdem würde ich die Menschen. Auch hier scheint zu gelten. die überzeugt sind. von denen er mir erzählt. reich zu heiraten und damit dem Beispiel der Mutter und der Tanten zu folgen. sagt Alexander. erklärt Alexander. Aber die Ambitionen. warum ich solche Menschen nicht kenne. an de126 nen diese Kreise nicht verkehren. dort auf die städtischen Schulen gegangen. In seiner Clique sind »Doppel-Vons«. Wenn du Technomusik hörst. Das habe schon Shakespeare begriffen. erklärt aber nichts. Oft hätten die Kinder dann nicht nur zwei Titel. Eigentlich auch unnötig. Ich bin ihnen noch nie begegnet. sagt Alexander. frage ich schüchtern. wo sich die High Society weitestgehend auf Fußballer beschränkt. rein käme man nur auf Einladung. Ich frage mich. Das sind auch meine Interessen. die dementsprechend aussehen. die man besuchen muss. Unter seinen Freunden sind einige. Der Zugang sei passwortgeschützt.

Die ist üblich. ärgert sich. In puncto Lifestyle. gehören Sylt. Die Häufung von Adelstiteln ist erstaunlich. Golf oder Polo? Jagd oder Fechten? Fußball und Musik kreuze ich an und hoffe..(( Noch wartet Dubai auf die Aufnahme. . mich damit nicht sofort zu disqualifizieren. Ich lerne schnell. Im Forum wird diskutiert. Sportjäckchen. die favorisierte Automarke und mein bevorzugtes Modelabel. dass '" . die das Schwarzekarte-Forum nutzen.« Regel zwei: Man heißt anders als meine alten Freunde. dass das Leb~n d:r im Schnitt Anfang-zwanzigjährigen Mitglieder hier nicht nur. Nur so könne Schwarzekarte möglichst privat und familiär gehalten werden. el . h at SICh b' emem Sommerfest in weißer . um Zutritt zum Netzwerk zu erhalten. schreiben die Organisatoren. »Es gibt z. Wirtschaft. Zeit kaum eine andere Stadt((. Frederik H. in denen die Schwarzekarte-Mitglieder leben. das zum Netzwerkbotschafter für New York berufen wurde. Sein Lebensmotto: »Stil ist eine Fähigkeit. A~zughose und maritimem Jackett. und man besucht andere Orte. und bin froh ' daSS ICh· Pro fiil nicht angeben musste. genau wie die langen. K. mit Sonnenbrille. dass eine Einladung nötig ist. Zu den Orten. einer Boxershorts und einem Whiskeyglas. dessen Lebensmotto »Niveau ist keine Handcreme« lautet. Durchsucht man das Netzwerk zum Beispiel nach den Vornamen Konstantin. diese Kleidun g »Sozen-Mode« sei. dass der Name Schwarzekarte an eine Premiumkreditkarte erinnern soll. angeht. Ich fühle mich wie ein Eindringling. meine Lieblingschampagnermarke angeben.außer der schwarzen Sonnenbrille. Regel eins: Man sieht anders aus als in meiner Welt. wie viele. Seine Wut ist er übrigens in nacWässiger Rechtschreibung losgeworden. Wiesen" Kr gruner awatte und passendem Einstecktuch ab128 lichten lassen. dass ich nur . »Freundschaften erweitern den Horizont«. was die Art. seine Einkäufe zu bezaWen. lese ich. Saint-Tropez dagegen hat es geschafft. nach eigenen Regeln funktioniert. Sneaker und Jeans scheinen hier kaum zu existieren. schmückt seinen schnöden Namen wenigstens mit den Initialen der Zweit. Im . em Volksbankkonto habe. Theresa oder Maximilian erhält man Hunderte von Treffern. Entscheidungen zu treffen. Ein Mitglied. schreibt er. zurückgegelten Haare. In einem Forum werde Ich spater lesen. und wer keinen Titel hat. ob Dubai neue Netzwerk-Stadt werden soll. Moritz und New York. dass die arabische Geldmetropole noch feWt. Ich starre auf die Liste. St. »die so viel Potenzial hat. M·tgl· d I le. Das Schwarzekarte. Schließlich steht er unter Palmen. Man nennt sich Benedikt M. Einer der Hamburger Botschafter trägt nichts . Habe ich alles nicht. Sport. »Diese muss man nicht dem Zufall überlassen. Etliche Netzwerkmitglieder 129 . Ich soll ein Profil anlegen. aus der ich meine liebsten Freizeitinteressen wählen soll. Ich werde angenommen und klicke mich die nächsten zwei Tage völlig fasziniert durch die Parallelwelt meiner »neuen Freunde«. oder Benjamin C.sehe ich Bilder von schneebedeckten Bergen. Kurz nach meinem Eintritt ins Netzwerk lädt mich Louis Sayn-Wittgenstein-Sayn zum Schwarzekarte-Skiwochenende nach Garmisch ein. als ich meinen Namen und das Passwort eintippe. Ich erfahre. Der Botschafter für Heidelberg trägt ein rosafarbenes Ralph-Lauren-Hemd und auch eine schwarze Sonnenbrille. Clubbing und Kultur hat Dubai so dermaßen viel zu bieten.oder Drittvornamen. C.« Nochmals werde ich darauf hingewiesen.

galt schnell als die Plattform der Reichen und Schönen. Der Botschafter für Lancaster posiert auf einer Jacht. ScWage vor. Zur Vorabinformation: Die Hauptdarsteller im folgenden Dialog kosten nach Angaben eines renommierten deutschen Weinkellers zwischen 250 und 600 Euro. Quentin Tarantino oder Naomi Campbell bei ASW verkehrten. Viele. Aber«. debattieren sie im Forum über teure Flaschen. Regel Nummer drei lautet schließlich: Man protzt durchaus mit seinem Reichtum. . Seine Seite sei ein Club für junge Banker. »Man muss dort für 'ne Flasche Moet so um die 500 € hinblättern. über eine Million Mal pro Monat rufen sie die Seite auf. die einen guten Wein schätzen. k. aber nicht alle. .Nutzer gerade erst zwanzig geworden sind. Und gerade diese Exklusivität sehen viele Mitglieder gefahrdet. behalten nur da D' . Auch wenn die meIsten der Schwarzekarte. kochst was Feines (oder lässt was Feines kochen) und genießt diese wunderbare Flasche. Denkst du. designerdekorierten Mädchen im Arm fotografieren. das Rolemodel der Bewegung. Das Problem ist die Anordnung der Tische und VIP-Tische. rm en. Du lädst Freunde ein. Ein Junge hat in seiner Bildergalerie ein Foto von sich. Das Netzwerk wuc~s ~us Sicht des Gründers unkontrolliert. In den Club dringen immer mehr Spanner ein. so wie ich. Die berühmten Namen zogen Gaffer an. dem heimischen Keller ausklingen. ' s mg 1st em 87er-Jahrgang. sagte der Gründer. Nur kann der 87 bei Weitem nicht mit 82 und 86 mithalten.schreiben. in den nur Eingeladene gelangen. an deren Heck die Ortsmarke Saint-Tropez gut zu lesen ist. ich könnte den noch ein bis zwei Jahre behalten?« »WOW! Mouton Rothschild aus der Magnum ist wahrlich ein Schatz in Deinem Keller. Damit teilt Schwarzekarte das Schicksal ähnlicher exklusiver Internetforen. .« »Mit was man mich auch locken kann: Marques de Caceres Grand Reserva 1985 aus der Rioja Alta. fügt er resigniert hinzu. Berühmtheiten und Models. Der Hals des Tieres ist noch blutig. Ich sollte den t . »das ist Saint-Tropez. wie Insider sagen. dass sie jeden Sommer »unten an der Cöte seien«. würd e den eIgentli ch gern noch em blsschen . . Papa!« Diese Themen möchte man allerdings im exklusiven Kreis diskutieren.(. Den Tag bei der Jagd oder auf dem Golfplatz lässt man offenbar gern bei einem guten Wein aus. wegen dem schlechten Jahrgang. Die ZugangskrItenen wurden verschärft. in seinem Arm ein frisch geschosse~~s Reh. Ein Club. An dieser Stelle: Danke. Aber dann wurde bekannt. und diskutieren über Abende im Palais in Cannes: »Eine unglaubliche Location. 2004 gründete der Sohn eines schwedischen Diplomaten aSmallWorld.« Ein anderer hält die Preise im Byblos in Saint-Tropez für übertrieben. der Blick des Jagers triumphal. sind reich und aus gutem Haus. die ZaW der Mitglieder auf 250000 welt131 130 . außerdem hat er sich neben der Motorhaube eines alten Bentleys knipsen lassen. Viele Mitglieder lassen sich mit einer riesigen Champagnerflasche am Mund und ein. ASW. »Ich habe eine Magnum-Flasche Chateau Mouton Rothschild. dass auch Paris Hilton. der Tipps geben konnte. Oder meinst du. Über hunderttausend junge Menschen sind im Sommer 2007 bei Schwarzekarte angemeldet. zwei sonnengebräunten. auf dem er im Gras sitzt. Wie teuer ist ein Privatjet? Wo bekomme ich ein Loft in New York? Wer geht zum Dinner mit Al Gore? Bei ASW fand sich garantiert jemand.

rum eutschland keine Heimat ist? 132 ~en Porsche Carrera GT liebt.»Manch m al gIng es schon so weit dass . dIskriminiert zu werden. Burberry oder Hugo Boss investiert. bis Vater Staat ihnen das Geld aufs Konto überweist. Denn draußen. tAT d mIt. Im Forum mahnt einer. offen auszusprechen.t I In D~utschland immer schlimmer wird? Aufgefallen ist es mIr erst so rI·cht· a1· h d·Ieses Jahr langere Zelt In .« Die meisten Deutschen. Sylt und . . son dern gefragt. und einer.uch bei Schwarzekarte wird seit Langem über einen EInladungsstopp diskutiert. das ihr Taschengeld mit Vorliebe in die Nobellabels Ralph Lauren. um sIch so etwas leisten . »Es wundert euch tatsächlich. . Weil Neid und Missgunst in Deutschland keinen Platz für Helden lassen. schIef angesch au t . in der wirklichen ~elt. eInem schonen . dass es an der Zeit sei.« Er beendet· . damit man nicht wieh ' der erklären mu fl. A. sondern nur meckern.. wie andere Leute das Geld mit beiden Händen zum Fenster rauswerfen?«.« In Deu tschlan d dagegen. klagt. fragt er und fügt hinzu: »Und diesen Blödsinn von wegen >Der hat es sich eben verdient< könnt ihr gleich wieder einpacken. »Ich find halt nur extrem schade. Ig. müsse . dass Neid aufkommt. ganz entschieden zu widersprechen. würden »ihren Arsch nicht hochbekommen. s IC den Staaten war. beklagt er. der Düsseldorf. schreibt ein anderer. schimpft er. der seinen tAT hl d . seInen EIntrag mit einem pathetisch en ZItat· »Wa D .« 133 cr I I fi l . Dass sie zumindest hier unter Gleichen sind ist den meisten sehr Wichtig.j ! I weit begrenzt. . tröstet ein Netzwerkfreund den Porsche-Liebhaber. wie toll dieses oder . wagt tatsächlich. warum man dieses oder jenes Auto art. mit ständiger Ablehnung rechnen . nenn man ort Auto vorfährt oder eIne t eure Uranhat. fragt einer. dass Neid nicht dazu benutzt wird. »dass der Neid »Kann es sein«. wIrd man mcht .« Ein Mädchen. zu können . über sechzig haben sich beteiligt. eIner..« »Neid ist in Deutschland die höchste Anerkennung.<.h IC extra weiter weg geparktabe. Wenn es so weiterginge. dass sie sich früher in der Schule oft blöde Sprüche wegen ihrer teuren Kleidung hätten anhören müssen.h ss.de. die sich nur über Luxus und Reichtum definiert. im Forum. »Irgendwie gewöhnt man sich ja dran«. Im vergangenen Sommer wurde ein Einladestopp verhängt. klagt ein anderer. . wenn die große Masse der Bevölkerung bei vier Millionen Arbeitslosen und gigantischen Haushaltslöchern in Staat und Land sieht. Sie glauben. nO stan zeIgt. fühlen sich viele ungerecht behandelt. die sie »Prolos« nennen. den sie jetzt auch den anderen Netzwerkern mitgeben möchte: »Mitleid bekommt man geschenkt. . dem selbst ernannten »exklusiveren Forum« für eine Elitegesellschaft. werde ich abgelehnt. Dass sich jemand von ganz unten nach oben gearbeitet hat. von den anderen. dabei Frauentausch gucken und warten. Ihre Eltern hätten sie dann immer mit einem Satz getröstet. die man bekommen kann«. dass viele »der in den letzten Monaten (massenhaft) neu akkreditierten Mitglieder kein positiver Zugewinn sind«. . Bei reicher-als-du. ist ja wohl eher die Ausnahme.« 2437 Schwarzekarte-Mitglieder haben sich die NeidDiskussion angeschaut. Neid muss man sich erarbeiten. an sich selbst zu arbeiten. ein Chemiestudent aus Köln. . . würde aus einem »exklusiven Lifestyleportal immer mehr ein ganz normales«. h . Jenes ist und was man arb eltet.

ommen von Eurer SeIte noch ugendwelche un qu al'fiz' . die als »Pöbel« oder »links gerichtet« bezeichnet wurden. .(( Sicher. wenn SIe es mcht schon sind. s~hlffipft ein Leser. »Für das Fehlverhalten der anderen(. Im Forum stelle ich die Frage: »Was ist Elite für Euch? Was macht sie aus? Wer gehört dazu?( Die erste Antwortenrunde bewegt sich auf dem Niveau der Linken-Beschimpfung. Im Forum eines Freiburger Stadtmagazins. sagt. schlägt er . »Leider gibt es diese Art von Menschen. ISC ee u erspltzt. über Sozialdemokraten. . »ihr seid doch nur eifersüchtig. >~Diese Schickimicki-Bourgeoisie gehört verboten«. entschuldigen. denen es schlechter geht? Ist das Gerede vom faulen und neidischen Pack wirklich nur gespielt? Die Ermahnung des Chefs zumindest zeigt wenig Wirkung. und eure . scherzt einer.«( Einer schreibt: »Mein englisches Internat schafft es. k" onnen WIr nur drei Porsche fahren Also geht gefälligst ARBEITEN!!!« . Der Chemiestudent ist hier offenbar Exot. »Ihr einfachen Arbeiterkinder«. b .. wird als »Opfer« oder »Prolo« beschimpft. vor. Vergesst . Muss das scheiße sein!« Ein anderer WI et seme Botschaft »dem Pöbel«.. »l'. er fände es gut d . . so mach e Ich einen Anruf. Die meisten schreiben: »Ich!( Nach ein paar Tagen löschen die Administratoren meinen Eintrag. Erschreckend häufig aber vergessen die Kinder relc~~r ~ltern ihre sicherlich gute Erziehung.. Ich laufe dreimal von meinem Computer in die Küche und wieder zurück. Dann entscheide ich. eh . Aber die anderen? Wie viel von dem arroganten Gehabe ist echt? Wie denken sie tatsächlich über die. meint ein anderer. tobt zwischen einigen Schwarzekarte-Mitgliedern und den Lesern der Zeitschrift ein wahrer Klassenkampf. Ein Dritter droht. v . immer wieder!« Immerhin der Adel scheint noch zu Respekt und Toleranz erzogen zu sein. gewollt zum Kl' h . schaltet sich Louis SaynWittgenstein-Sayn ein und bittet alle Mitglieder. vieles dav II ' b on so nur provozieren. ka" WIr Euch auf!« Ein anderer ulen . links orientierte Proleten so viel Steuern zahlenm" . »Arbeitslose und SPD/PDS. uc emen Namensvorschlag hätte er s on: »Asoziales Netzwerk. »David Copperfield«(. . Ein Leben in Armut . ussen. die das Geld ihrer Eltern aus dem Fenster werfen. ist übertrieen. Wer sich verdachtlg macht. das Netzwerk nicht durch unqualifizierte Aussagen zu diskreditieren. Arbeitslose und Arme herzuziehen. Vater smd arbeitslo s. möchte er sich bei all denen. Dennoch scheint es 134 unter den reichen Kindern normal zu sein. smn Anh anger((. Immerhin wird er nur ig~oriert. Ein Mädchen vermutet: »Elite zeichnet sich durch Leistung aus.Keiner geht auf seine Argumente ein. I lerten Bemerkungen gegenüber ehtaren Netzwerken. Ich versuche es noch einmal und bekomme tatsächlich ernst zu nehmende Antworten. schreibt er. ass er wemgstens bei Schwarzekarte unter »Gleichge' t en(( seI. 'dm . . mit gefälschten Hermes-Gürteln oder Breitling-Uhren zu protzen.. Ein Schwarzekarte-Mitglied beschreibt den Kampf als Elite versus Unterschicht. .. mich zum ersten Mal im Netzwerk zu Wort zu melden. '. Elite hervorzubrin135 .. »Der mit dem meisten Geld«. Als die Angriffe gar nicht enden wollen. das einen Artikel über die geschlossenen Netzwerke des »Net-Jetsets« veröffentlicht hat. Die Beschimpfungen setzen sich noch über Seiten fort. '. der sich über Schwarzekarte beschwert: »Weil wir für euch arbeitslose. schlägt em Schwarzekarte-Mitglied zurück.»k" onnen Ja ihre eigenen Commumtys gründen (( A h .. me: Wenn wir woIIen.

" Noch einmal lese ich die Antworten der Nutzer auf tnein e Frage. gehÖrt sie zur Elite des Landes. el ragen streiten die Nutzer darüber. H' dagegen urteilen Junge Menschen '. ler uber Schulen d' .. Man wolle sich gegenseitig helfen. Aber Schwarzekarte ist ein deutsches :Netzwerk. SeiIl kind nach Et0n. d"le 1Ch b'ISI an g fü"" b rl. steht da. über die liockeyplätze der Internate rennen. die Upperclass ist unter sich und bleibt es. schreiben die Bhemaligen. Schließlich Sind die ßriten Von jeher für ihren Klassendünkel bekannt. die sich zur Elite zäh en.bsolventen: Ferdinand Pieeh. Winchester oder Harrow zu schicken leostet so viel. SchloSS Torgelow im Osten. »Eine Elite für sich«. Das war in meinen j\ugen eine urbritische Gesetzmäßigkeit. so fern waren mir bislang die Bezahlschulen.. Moritz entfernt. In über fünfunddreißigtausend B 't .. wie ein Durchschnittsbrite pro Jahr verdient. 137 . Und dann sind da noch die Schlösser. welches das beste sei. sie leiteten im Jahr 2005 über die Hälfte der größten britischen Unternehmen. das zu 136 einem »ökologischen HUIIlanismus« erziehen will. sein Wunsch-Internat finden zu müssen . das WunschInternat zu finden.« DIE SCHULEN DER ELITE Internate als Heimat der Elite. Die Kategorie »Internate« ist in den Diskussionsforen eine der beliebtesten. locken Schloss Louisenlund im Norden. Stipendien gibt es kaum. die die rotbackigen Sprösslinge wohlhabender ~amilien zeigen. Für die Schwarzekarte-Nutzer hingegen sind Internate real. Für sie scheinen die Worte »Schule« und »Internat« Synonyme zu sein.. die ich achtzehn Bände lang auf die Burg Möwenfels begleitete. Daran hatte ich gar nicht gedacht. inS Lyceum AlpiIlum. als gmge es um neue Jeanskollektionen..« Ein anderer geht auf ein Internat im Schwarzwald. dass man verschollen geglaubte Freunde aus der Internatszeit wiederfinden könne. Hanni und Nanni oder der schüchternen Dolly. Den Birkelhof empf~Wen gut tausend Schwarzekarte-Mitglieder. keine zwanzig Minuten von St.tisch hielt' in bestimmten • I Kreisen auch hier? Schicken die. Schloss Salem. Gibt es diese Tra"t' d 1 Ion. Keiner meiner Freunde stand irgendwann in seinem Leben vor dem Problem. OOb " ' le welt u er 20000 Euro pro Jahr kosten. Schloss NeubeuerIl im Süden und natürlich der Platzhirsch. Die Luxusliebenden zieht es in die Schweiz. Die FreUnde des LYceums werben mit den Namen der prominenten A. die schon ihre Ahnen trugen. Wenn eine Familie ihre Söhne nach Eton schickt. und »Internat«. Die Absolventen der Privatschulen führen die britischen Banken und Versicherungen. »Elite wächst auf Internaten heran. über das gesagt werde: »Der Birkelhof ist die inoffizielle Kaderschmiede der geistigen Elite. die in Uniformen. genau wie die Worte »Elite<. Graf von Faber-Castell tlnd Gunter Sachs sind hier zur Schule gegangen. ein Internat. Ziel des Netzwerkes sei auch. sie empfehlen Schulberatungen und gute Adressen in England. Andere schworen auf d" S h I ' le c u e Manenau. Ich kenne die Bilder atlS England.gen.I . und wieder füWe ich mich fremd. 1850 Meter über dem Meer. In meiner Welt existierten sie nur als Heimat von Harry Potter. Die Internatsnetzwerke helfen und halten ein Leben lang... Schon in der Begrüßung hatte ich gelesen. . Idyllisch an Seen oder atlf Bergen gelegen.

wird sein neuer bester Freund ihm später erklären. Schließlich sagen doch zwei Schulen zu.geführt. als sie vor dem Schloss aus dem Auto steigt. der halbe Schulklassen aus Rosenheim zurück in ihre Dörfer fährt. Er sieht die Reifen von Lastwagen. Der Vater lobt die tolle Aussicht. Vorher. dass es nicht ganz einfach werden wird. Nur Wiesen. nach ein paar Tagen wird es dir hier gefallen«. nimmt den Jungen in den Arm. m osenhelm fahrt. bevor sie sich losreißt. Als ich vor dem Eingang stehe. Alle hier wollen eigentlich lieber nach Hause. 14 Uhr 41.. Em Burgturm ragt vor mIr aUI. wie sein Leben hier werden wird. Bald werden sie das Schloss erreicht haben. laulen an mll vor. . fühle ich mIch fremd. auf deren Brust . »Du wirst sehen. Er wird seine Familie und seine Stadt verlassen. H' t er R ' nehmen sie dIe Aus. Der Saab fährt an. von außen einen Fuß in die Internatswelt zu bekommen. hatten so kn appe Tops und so enge sagt eme Erzleherm. Eine Woche zu Gast in den Internaten. Jetzt wollen seine Eltern. Dann steht der Junge allein vor dem Schloss und winkt. sagt sie. sagt die Mutter des Jungen. Hier cribt es k' H" D" eme auser mehr. gen Monaten hat das Internat die schulunifor~ em..' e es ungen ware em Hauptschulabschluss peinlich. »Die Luft ist so gut«. dass er Angst hat. Später wird hinter ihnen tieforange die Sonne untergehen. Die Alpen leuchten heute. Die Häuser des Münchner Stadtrandgebiets fliegen an ihm vorbei. MATHE: AUSREICHEND. der Hort der Tradition. die so tief hmgen. Erst vor wem. C m zerschlissenen Jeans herumgeIaUlen. die brav ihre Fahrradhelme tragen. Für die Famili' d J . Er weiß nur. weil er eine Sechs in Mathe hat. Es ist ein Regionalexpress. wirbt der Prospekt des Internats Neubeuern. Dort werde ich hoffentlich neue Antworten bekommen. Ich sinke in die schwarzen Ledersitze seines Volvo und werde den Berg hochgefahren zum Schloss. Ich packe die Elite-Recherche-Garderobe. dass man die Boxershorts seh en konnte. Von der Terrasse hinter dem Schloss blicke ich auf fünfzehn Gipfel. Die Mutter springt noch einmal aus dem Auto. Ich erkläre mein Anliegen und merke schnell. erzählt mir der Schulleiter. dass er zu Hause bleiben will. Sie werden für diese letzte Chance des Jungen viel Geld bezahlen. Die Mädchen. Er weiß nicht. »Ohne Abitur bist du nichts in dieser Welt« sagt der Vater. in einen Koffer und fahre los. " 139 . . c ' bei em Wappen prangt. die ich mir nach dem Desaster beim Symposium gekauft habe. Berge. dass er es in der I~ternatsschule Schloss Neubeuern versucht. Ein Lehrer holt mich am Bahnhof ab. . . »In die Schule gehen. starrt auf den Scheibenwischer. Weil er schon vier Schulen ausprobiert hat und gescheitert ist. Kin der. • • C . Schloss Neubeuern bei Rosenheim und Salem. ELITE: SEHR GUT Der Junge sitzt auf der Rückbank des weißen Saab hinter seinen Eltern. 138 Seen und kleine Kinder. an denen die Elite erzogen wird. wo andere Urlaub machen«. seien hle~ Viele . Der Junge ist still. aber genau über den schneebedeckten Gipfeln ist ein Loch. Schulen. Ich steige in Raubling aus dem Zug. dass sie aus einer guten Familie kommen? Ich schreibe Schlösser und Burgen in ganz Deutschland an.ihre Kinder auf Internate? Und wie wählen die Internate die Schüler aus? Gibt es Wissenstests? Müssen die Eltern nachweisen. Der Himmel ist grau.

. weil Boris Becker und Steffi Graf gerade triumphale Erfolge feierten. sagt Käsinger.. Dazu müssen sie beige oder dunkelgraue Stoffhosen oder Röcke anziehen.d ' T' pa agoglsc ms Plenum. und der Schüler gewandelt. »vvas ' an Ihrer Uniform falsch?«. Nachdem sie nach München zu ihren Eheproblemen zurückgekehrt sind. Das ist so das. was wir unternehmen«. Eine Investition. die Schülermodels vorführen. Mittlerweile haben sich die Vorlieben d~r Kunden. Nachdem der Junge das Internat verlassen hatte. der mich abgeholt hat. wird mir ein Elftklässler später erzählen. Seit Kurzem hat Neubeuern einen eigenen Abschlagplatz und einen Golfsimulator für die Turnhalle. Das ist jetzt vorbei. d »Ie Itten«.gebeten w' d . Meine Hose ' . wie der Schulleiter sagt. Die übrige Kleidung wurde in Zusammenarbeit mit den Edelmarken Marc O'Polo und Aigner entwickelt. Es ist die erste . Aber er wird Freunde finden. »Wir haben in der letzten Woche im Grundkurs eine halbe Stunde damit verbracht' dass Jed er emzeIn rausmusste und man Noten . Kein Luxus der Welt schützt Eltern und Lehrer vor der Pubertät. Kasinger hat eine Golfausbildung absolviert. der schonen Aussicht und dem Golfplatz begeistert sind. Aufgrund der Kontakte zu Schülereltern und Altschülern haben diese Firmen besonders günstige Angebote gemacht. 140 von Dutzenden Situationen. mahnt die Schulleitung. h' fragt em Erzieher . Die Erstausstattung kostet trotzdem 400 Euro. 1988 fing Reinhard Käsinger hier an. . brüllen d'Ie Jungs hmter mir. berichten mir später die Schüler• »UTer die ~ VVI s~he Sockenfarbe hat. Keine Jeans oder Cordhosen. Vorher sahen die Kinder also aus wie an jeder Schule. meI' ne Schu h e waren eme DreI mmus und somit bin ich n och auf" ' eme ZweI gekommen« Später werde ich in e' Sch uIversammlung erleben. als Benjamin Lebert Schüler in Neubeuern war. die Disziplin und· Zusammengehön~ei~ stärken soll. »Die Nase«. was man anhatte. festgelegte »Kombinationsmöglichkeiten«. . darf sich ein Halstuch der Marke Windsor umbinden. der Eltern also. zieht hier wohl 141 I I I r .. war schon da. zielsicher auf einen Keks zu wichsen. wird aus dem Unterricht geSChICkt«. . schrieb er seine Erfahrungen auf. Das Internat suchte einen Tennislehrer. ob sie den dunkelblauen Pullover oder den Pullunder mit Wappen tragen oder lieber das weiße Polohemd. 'r »Wenn mein Vater Zeit h at. Der Lehrer. Das müssen auch die Eltern des Jungen begreifen. • Ir U T 1St .t v~r­ bereitet sein für die paar Stunden. sich in ein Mädchen verlieben und sich von einem anderen auf der Schultoilette entjungfern lassen. war eine Eins. bekommen hat für das. dass mancher Lehrer nicht wusste. in ein Striplokal gehen und lernen. wie ein " mer Madchen aus der SIe en 0 d er achten Klasse auf die 'bt " Buhne . »Das wollten die Kunden damals«. spieIen WI am Wochenende Golf. dass Schüler auch auf Nobelinternaten vor allem Teenager sind. erzählt ein Zehntklässler. in denen mir klar wird. Absurd und teil:velse hart geführt werde der Streit um die richtige KleIdung. »Crazy« von Benjamin Lebert wurde ein Bestseller. sich in Mathe zu verbessern. Er wird es nicht schaffen. die der Vat. kurz nach seinem Erscheinen wurde das Buch verfilmt.Jeans getragen. wo er hingucken sollte. Die Schüler können wählen. wird der Junge vier Monate im Schloss verbringen. Auch wenn die Eltern vom Schloss. Es gibt vorgeschriebene Kleidungsstücke. Er will dann gu. Wer möchte. rauchen. Er wird trinken.~r für ihn hat.

aus deren Eltern also K d ein Nachrichtenb .« »Was ist das die Wohlstandskrankheit?« »Dieses Verhalten. Das sei nötig. Und der Kafig? In der Eingangshalle. Wie bei Verkehrskontrollen wird ihr Atem auf Alkohol überprüft. formuliert es drastischer: »Viele unserer Schüler leiden an der Wohlstandskrankheit. SIdenz eine Internatssch u1e r l e Kinder der gehobenen fü' d' Gesellschaft machte. Und links ist für . An der Wand hän gt em Portrat der letzten Schlossherrin . Es gibt ke'men Ki osk WIe b el' uns. der Vorstand der Internatsstiftung. Er bedauert. Macht ihr mal. Die nachmit'td' c e rastund e IS Ie h arrnloseste Strafe. Das Internat. wird suspendiert. Ich gehe in die Eingangshalle des Schlosses. riesige Spiegel und aufwendige Engelskulpturen schmücken den Raum.« . Schwarze Brett de S hul d ' ali r c e.rn klge~ ganz modern ein flacher Monitor ist. gereicht haben..eden nachzulesen. un en werden könnten. weil sie nur arbeiten. Bei Verstö142 kaum einer deswegen ein. Per WirelessLAN können die Gestressten dann erst die Börsenkurse checken und danach den Leistungsstand des Kindes. wer h e u t . über besondere Vorkommnisse. verkleidet. Vom nächsten Jahr an sollen die Eltern diese Daten ständig über das Internet abrufen können. wo man dran' " geln musste. . schreibt Benjamin Lebert. sagt ein anderer. ihr Urin auf Rückstände von Drogen getestet. runden Tischen ' na chd em K" h e Ihnen zuvor die Mahl. und wünscht sich von seinen Schülern mehr Engagement und die Bereitschaft. sich für ein Thema wirklich einzusetzen. Ie gerade zum Prob ewohnen einquartiert sind. die zum Pusten antreten müssen. wer drei Verweise gesammelt hat. as seIt der Spende eines Ehe- ßen gegen die Internatsregeln gibt es einen Verweis. d'Ie SIe Stachus nennen. 'J der Baronm urIe von Wendelstadt. Einer aus dem Kollegium. die 1925 aus ihrer Re-' . Bei den meisten erzählen mir die Schüler. der mit Frau und Kindern im Schloss lebt. Goldb esetzte Sch' mtzerelen. Die Bilder von emen Skirennfah rern werden als Erinnerung an die 1etzte gemeinsame Fah ' Schül' d' rt emgeblendet. dem Jungen aus dem Buch. »Weil sich die Eltern trennen oder nie da sind. Mir geht es gut. Alle vier bis fünf Wochen bekommen die Eltern Post von der Schule. Weil man es an der staatlichen nicht schafft. Ausführlich berichtet ihnen das Internat über schriftliche und mündliche Noten der Kinder. um eI'negerkussb" N rotchen zu ergattern.. Im Essenssaal sind die UT:' de mIthellroten Seidentapeten ' "an . d'Ie wa rend der Pause Durst be"h u kommen. sei ein Käfig mIt goldenen Stäben. oc ' zelte~. »Schulische Probleme. sagt Jörg Müller. laufen wie and uber den Schirm. Das sind die goldenen Stäbe. Einen der hundertzwanzig Internatsschüler trafdas im vergangenen Jahr. wird hinausgeworfen. dass die Schüler »vor dem Hintergrund von finanzieller und sozialer Sicherheit häufig den gewünschten Antrieb und Ehrgeiz vermissen lassen«. hängt das . Drei Jungs aus der Abiturklasse sind gerade suspendiert worden. Die Namen der er.»Oder weil es zu Hause nicht mehr geht«. J tägli h E x t e nachsItzen muss. das aus dem Gefühl entsteht: Mir fehlt es an nichts.. und wer sich ganz und gar uneinsichtig zeigt. Defizite in Ordnung und Betragen. Karaffen mit Wasser und Kannen mit Kakao stehen da ' für Sch"ler. Sie waren mit Alkohol auf dem Schulgelände erwischt worden.« . Und 143 . der nicht genannt werden möchte. also für einige Tage nach Hause geschickt. ist es wie bei Benjamin Leber. H' sItzen d'Ie Schüler zum Essen an Ier . Die Erzieher picken sich regelmäßig Schüler heraus.

Eliten auszubilden? 144 Dazu kommen das Taschengeld. dass ich das kann. dass Papas Chefsessel wartet«. I ~ch bin verwirrt. . ist begrenzt.wenn es mir gefällt. klagt jemand aus dem KollegIUm. Und zwei Prominente sind auch da: ein Kind und ein Enkel zweier Schlagerstars. Die Arzttöchter. . • 00 1415 . le osen Ki ndern. Macht insgesamt weit über 30000 Euro p~o Jahr rur den Schulbesuch eines Kindes. das von sich behauptet. dass nach dem Abitur schon alles geebnet ist. Das ist sehr schwer. und plötzlich begreife ich. Neubeuern kann sich nur leisten. wo immer Geld da ist. Plus . Um mir zu beweisen. die zum Abitur einen Golfbekamen. und wenn nicht. . für irgendetwas kämpfen müssen. oder die. Kinder aus traditionellen Unternehmerfamilien. die es zu retten gilt. Heimfahrten un d. die in meiner Welt reich waren. deren Väter mit Aktien viel Geld gemacht haben.und Internatsgebühren. Und denen zu vermitteln. dass Papas Unternehmen wohl auch noch die nächsten dreißig Jahre Best~nd hat. Bm Ich tatsächlich an einem Internat. Schule. Vielen seiner Schüler. Der Sache wegen. Jeder fünfte Schuler erhält ein Stipendium. dann nicht. Nach Neubeuern kommen nicht die. DIe Lehrer unterrichten bei geöffneten Fenstern. neuerdings auch welche. Im Prospekt der Schule finde ich eine Tabelle der Schul. Die Lehrer erzahlen von antr' b s1 . vom Kampfum Diszlphn. . dass es sich lohnt. »Die haben das Gefühl. Das klingt nach Hauptschuldi k ' " s USSlon. Die ZaW der Menschen.« »Unsere Schüler wissen.ein paar Adlige. schreit eine Lehrerin. die losgelöst sind vom finanziellen Umfeld und vom Ansehen in der Gesellschaft. das ist wahnsinnig schwer. die Kosten für Ausflüge nach München zum Skifahren oder zum Golfen. mache ich vielleicht mit. lC an emer staathchen ille motiVIerend wIrken kann. Das lSt SlCh erI' h ' . Ziele zu setzen. Erste Zweifel melden sich. Nachhilfeunterricht. Im Erdgeschoss hat die Disziplinoffensive des Internats noch wenig Wirkung gezeigt. Vollstipendien existieren mcht. »In Mathematik ist das erste Gebot: Es wird gerechnet«. Die haben sich meistens noch nie in ihrem Leben rur irgendetwas anstrengen müssen. . Die dazu zu bringen. »D. die sich die Internatsgebühren leisten können.« . rechnet der Stiftungsvorstand Jörg Müller vor. die mit der Familie jedes Jahr zum Skifahren reisten. Die kommen aus einem Hintergrund. das aber m~mal d~e Hälfte der Gebühren deckt.wenn no 19. wer richtig viel Geld hat . Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres. dass sie sagen: Ich möchte dies oder jenes erreichen. dass Geld da ist und eigentlich gar nichts paSSIeren kann .a bleIben dann trotz Forderung Geboohren von 15000 bIS u 20000«. Von Schulkarrieren. »Das zweite Gebot ist: Es herrscht Ruhe. wo ein Aui:st' 1: legsw anders. Im Schuljahr 2006/2007 sah die Jahresrechung eines Schülers der Mittelstufe so aus: Jahresgebühr: Aufnahmegebühr: Nebenkostenvorauszahlung: Schulkleidung: Schulbücher: 25980 Euro 900 Euro 2000 Euro 400 Euro 200 Euro 29480 Euro «'. beschwert sich ein Lehrer. . Strengt euch an! Schaut zur Tafel!« . fehlten der Schwung und die Motivation für eine ganz normale schulische Arbeit. "f Wäscheservice.

. neben ihm auf dem Schlossboden liegt ein Kunstgrasstreifen mit Loch. Max und Eric. .« Wenn man scheitert hat man das Geld der Eltern aus dem Fenster ge. Regal und SchreIbtisch. dass wir uns die Kinder aussuchen können. Moritz klickt am Computer rum. »Man muss bei der Beurteilung dieses Durchschnitts berücksichtigen. um über philosophische Fragen zu diskutieren. die sich abends im Turm des Schlosses treffen. kriegt der Bewerber halt ein Vollstipendium. Der AbitureIgen schnitt in Neubeuern liegt bei knapp Drei. wie es bei denen finanziell aussieht. und es wäre auch mehr Aktivität bei den Schülern spürbar. die über ein so großes Vermögen verfügen. Viele hoffen. Sie sitzt auf dem Boden.« Jetzt sitze ich mit diesen Luxuskindern in Miriams Zimmer. Und weil sie weiß. Mehr möchte sie nicht erzählen.« In den USA. So reich. Deshalb Neubeuern. worfen. 'tverwaltung. dass sein Internat reicher wäre. Bett. Auch er trainiert offensichtlich sein Golfspiel. und es ist alles ziemlich normal. Lisa. setzt sie ziemlich unter Druck. dass sie in der Schule nicht glänzen kann. Ihr Vater sei in der Wirtschaft. Das will' tl"lCh keiner. 147 . und erst dann drehen sie das Blatt um und schauen. Die Jüngeren schlafen sogar zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer. gebe es sechs oder sieben Internate. Die vielleicht sogar hier sind.« Müller träumt in seinem Büro davon. Beides hat nicht funktioniert. i hier gar nichts zu tun. die zu uns passen. engagiert sie sich sozial. erzäWt er mir. dass viele am Scheitern vorbeischrammen. Miriam geht in die Oberstufe. »Man · . sagt Miriam. Da wäre das Niveau sicherlich deutlich höher. dann der Versuch im Ausland. anhaben. bevor sie sich für dieses entschieden hat. sagt Miriam. denen alles zufliegt. dass dies ihre letzte Station bis zum Abi sein wird. »Ich hätte gern so viel Geld zur Verfügung. ein Jahr in jener. gar nicht protzig. Ein Freund ihrer Schwester war hier und mochte den Zusammenhalt und die überschaubare Größe der Schule. ScWicht. dass sie bei der Auswahl der Schüler ausscWießlich nach der Qualität der Bewerbung gehen könnten. Sie schiebt Schichten im Schuleafe. weil sie an ihren Schulen unterfordert waren.1 ~I 11 11 11 H il iI ': . Es sieht aus wie in einer guten Jugendherberge. also BürokleIdung. aber " 'gt SIe hat hohes Engagement gezel «. sie war nicht die Beste. »Die suchen sich die Schüler aus..« Sie selbst findet sich wie die meisten schulisch eher so mittel. sagt sie. Vorher war sie auf einer anderen Privatschule. hocken auf Miriams Bett.:1 I1 Ij il 11 l! 11 »Da sind Sie natürlich weit von dem entfernt.I ii j\ d !i 11 ji Ir 1I 1: I! ii It I: " I' j1 1 d 1I 1I 11 1 ji I. In ihrem Zimmer trägt sie lieber Jogginganzug und Hausschuhe. So nennen sie hier die Klugen. Da ahnt man. Ihre Freunde. fast karg.. sie betreut zwei Neue aus den unteren . . sagen sie. Zwei Jahre in dieser Schule. Benni. dann in England. dass er die Kinder nicht nur nach Konto auswäWen müsste.. »Dann kann Kl assen. Miriam war zum Probewohnen in vier Internaten. Und wenn die Mutter alleinstehend und arm ist. ~n ~iriams Zimmer stehen Schrank. will semen Eltern Ja etwas zurückzaWen. morgens muss sie deshal~ laut Schulordnung smart office wear. Er sitzt in einem Ledersessel. Dass ihre Eltern so viel zaWen. »Die beneidet man eher. was sich ein normaler Durchschnittsmensch für seine Kinder leisten kann.1 ii 1: . Die meisten haben ähnliche Lebensläufe. SIe 1St m d er Schül' erml man zumindest sagen: Okay. »Ich bin eben kein Eierkopf«. mit Fünf-Sterne-Hotel hat das 146 :1 . »Die diskriminiert man nicht«. sagt Miriam. die sie wollen.

das mit »Aristokratie der Bankauszüge« überschrieben war. »Findet ihr d. frage ich. Das hat alles Vor. Es spieleier k' Rolle.und Nach teile. »So ist es hier nicht«. »Passt dieser Begriff?« »Eliteschule«. Über den Rest werde geschwiegen. sagt sie. sagen sie. wage ich schließlich Miriam zu fragen. Einer ihrer Klassenkameraden sollte schon vor dem Abitur die Firma seines Vaters übernehmen. Wir laufen ums Schloss zur hintersten Ecke der Terrasse. »Nein. wird mir die Schulleitung später auf meine Nachfrage hin erklären. dass das generell für alle Ja .« ~iese besseren Bedingungen sind teuer. Der wollte unbedingt seinen Abschluss 149 I' I i I . mit dem Dorf. kann Einzelunterricht bekommen. Die wären an der staatlichen Schule einfach aussortiert worden. »Da heißt es immer gleich >Bonzenschule<. falle der weder positiv noch negativ auf. wollten immer über Geld reden. Wenn die es J'etzt doch schaffen ist es d ' och der Schule zu verdanken. »Jeder wird einzeln gefi"" d ert. die es zu etwas gebracht haben«. Nur die. »Warum bezeichnet sich Neubeuern trotzdem als Elite- s~hule?«. Die sind besser. die gut sind und keine Probleme mit Alkohol oder Disziplin haben. klagen sie. »da erwartet man doch Schüler. Damit ist das Tbema b eend et. or Schwächen hat. Jetzt wollen die meisten nicht mehr reden.as In Ordnung. protestieren sie. Bel den Hausaufgaben wird geholfen. nur weil einer ein sehr teures Auto von seinen Eltern bekommen hätte. »Man kann' nICh t sagen.« Da würde gelästert. »Spielt ihr auch mit denen?«. »Anstatt zu sagen: >Das ist krass cool<. nicht um Geld«. Eher gegen andere Internate. loben sie. b esser Ist« entge t ' . »Manche haben es vielIeIcht in einer groß Kl . »Aber eure Eltern sind doch reich. es geht um Elite.« »Warum nicht? Gibt es Ärger mit denen aus dem Dorf?« »Nein.« »Gegen die?« »Nein.« Mit dem Geld. sagen sie plötzlich. sondern rauchen. Die haben eine größere Auswahl. t I' . Aus schulischer Sicht ist das hier auf keinen Fall Elite. Man blickt auf einen Fußballplatz. auf dem ein paar Jungs kicken. .« Sie erzählen von einem Porträt ihrer Schule in der Süddeutschen Zeitung. sei es gar nicht so einfach. dass es Kinder von Leuten sind. wer . wendet einer d~r Jungs ein.« . dass eure Eltern euch kleine Klassen und e~~e gute Betreuung kaufen können und andere Eltern konnen das nicht?« »Vielleicht ist das ungerecht«. Das Internat teilt sich den mit der Welt dort unten. Üb er Geld sprechen sie h nIC t gern. Jeder wisse. »Viele hier hätten das Abi aufnormalem Weg nIcht geschafft. aber es steckt schon dahinter. en asse b esser. oder?« »Du hast gesagt. sagen sie. wird es ihm missgönnt. und von einer Reportage auf ProSieben. ' gne eIn an d erer. ob man das gleich Elite nennen muss.« »Wir haben kleine Klassen«.« »Elite kann man ja auch so sehen. Wenn einer Gucci trägt. die von außen kämen.dass viele Schüler erst zur elften oder sogar zwölften Klasse zu uns kommen und häufig große Defizite mitbringen«. in der Neubeuern »Nobel-Penne« getauft wurde. »Der wollte aber nicht. sagt einer. h' eIne 148 dass keiner in Neubeuern arm sei. Ich weiß nicht.

t eilwelse noch Ki d '. F' ' ass SIe Irmen erben werden. S' weckSIe morgens. ren ihres St u d'lUms m Kneipen gejobbt. richtl' . als wir durch die Wolfsschlucht laufen. danach beim Aufräumen helfen. Zuneigung schlägt Geld. wenn man wel . Die kleine Golfbahn liegt in einem Erker aus. in der nächsten haben sie selbst Pizza gebacken. oder er fragt. was er gegen 1 e ' machen soll' »ES smd eben ganz normale Jungs. das einen fängt. dass Geld da ist«. Wie es ist. »Hände dreckig machen. Ie t ' . um gut zu leben. sagt Miriam.« . wie ich will. soll ich dafür wirklich siebzehn Arbeitsstunden ausgeben?« Jetzt hat sie Schüler.. nach Rosenheim ins Multiplex-Kino. Auch wenn ich mich anstrenge. . Das liegt an ihrem Sweatshirt. sagt sie. dass ihre Jungs g ager "bVle Geld hab en. 1 n er«. . Ier . Hier treffen sich Tradition und 151 . weit hinter dem Dorf. als Netz. sie sitzt mit ihnen am . Miriam und ihre Freunde. Sie betreut . »Eigentlich möchte ich einfach mal von meinem V. wenn die Eltern achtzehn Stunden pro Tag arbeiten? Sollen wir sie zu Hause sitzen lassen?« Nadine greift durch.ater m d en Arm genommen werden und in Ruhe . »Deine Eltern überweisen die Gebühr. Nadine hat trotzdem in einer Woche Schokoladenfondue mit ihnen gemacht.j'i' machen. Ich zahle dafür. Nadine hat wäh' d . Nad'me 1st Erzieherin.« . wenn SIe mal e' h aIb e Stunde nicht nach ihnen sehen me will. die Scheidungen und die Schulprobleme. d ass man nur den Reichtum der Eltern verwal'ß ten muss. sagt sie. wo sie im Sommer mit ihrer Theatergruppe den Sommernachtstraum aufführen will. entgegnet sie dann. Erst wollten alle nur Events. Und . ZIg geworden. »ihre Jungs«. Kart fahren. »Als Notausgang. 150 ich mir etwas kaufen wollte. Dafür hätten die Schüler hier aber andere Sorgen. MIttagstisch' sie sch aut. dem Zopf u und dem bunten Schal. Und nie hätten die El" Ie tern Zeit. SIe 1st gerade neunundzwan" . wenn man in Jörg Müllers Büro zurückkehrt. steigt Rauch aus dem Schornstein einer Fabrik. sagt emer der Jungs. denke ich. zusammen essen. Das lieben die«. Die vielen Scheidungen. gibt es in Neubeuern Menschen w·Ie Nad'me. dass d'Ie Kont. die ständigen Umzuge. dass SIe nachmittags lernen. kann ich mir nicht vorstellen. oder 1 Magn' eme p'ck eSlUmtablette. »Soll ich ihnen daraus einen Vorwurf machen. Manchmal schon. Das ist die eine Realität in Neubeuern. dass sie viel Geld haben? Was soll denn mit diesen Kindern passieren. Irgendetwas in seinem Leben wollte er selbst geschafft haben. sagt SIe. »Klar ist es gut. diese Fabrik theoretisch kaufen zu können. Nadine und ihre Jungs. d' hohen Erwartungen. Du hast nämlich gar kein Geld.« Weil die Eltern so beschäftigt sind. Zeit triumphiert über Konsum.« Einmal pro Woche hat sie mit ihren Jungs einen Gruppenabend. Das klingt fast kitschig. die vermutlich mehr Geld haben. acht Jungs zw·ISCh en d reIzeh n und sechzehn. habe ich den Preis in Arbeitsstunden umgerechnet«. Der anderen kommt man auf die Spur. erzählt sie. mit ihm über alles sprechen. als sie je wird erarbeiten können.»Du zahlst gar nichts«. bowlen gehen. wenn ihre Jungs den reichen Macker raushängen lassen. Oft käme es nicht vor. klopft garant' t emer und möchte sein Taschengeld .« Unten. »Wenn . Dann sagt einer: »Mach das so.en mancher Teenll' u ervo smd d .. WIe SIe sagt . wie es sich anfühlt. »Dann habe ich mich gefragt. der den Blick über die Alpen öffnet. sieht aber nicht viel älter aus als die Oberstufensch"l er. '. . SIe weiß..

Eine akademische E~iteschmiede. dass der Kreis sich scWießt. WIe groß d A ' ' . 111 t. denke ich und habe langsam das Gefühl. um dem Elitebegriffgerecht zu werden. wenn es in AuswaWgespräche ginge. Alle kleben sich das Elitelabel auf. sind nicht in erster Linie akademische Leister. sind wir sicher nicht. ob die Schüler so erfolgreich sind. weil sie wissen. Ein Gymnasium. den wir uns vorstellen. dIe von morgens bis abends lernen und die Schule mit Einserschnitt beenden. dass sie sich da b nn esser verkaufen lassen. Ich schlucke. Allein diese Tatsache reicht jedoch bei Weitem noch nicht aus.« I. er nteii der Schule an diesen Erfolgen seI. den J' eder n ach Bel' b en verwendet? Ich schlage eine .di 1 nen Ge1 und Einfluss sichern.. in dem ich die Elite-Definit Ionen sammle ' . griff. was >Elite< heißt. Aber ich muss ein wenig weiter ausholen und fragen. die sie in Neubeuern knüpfen.G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium. Das ist mehr ein ganzheitlicher Elitebegriff. Aber ist das "b Wort »Elite « dann u erh aupt sinnvoll? Was nützt ein Be.und sch reIbe: Ist das Wort »Elite« unt augli 'ch? d' fi Die " P Schüler. mer sc wleng. wie es Tausende in DeutscWand gibt. die wir uns wünschen. gehen unsere Schüler mit einer derartigen Situation selbstbewusst und souverän um. Dass unsere Schüler gewandt sind. weil sie einflussreiche Eltern haben und Netzwerke aus Bekannten und Freunden.« Ich habe mehr und mehr den Eindruck dass der Elitebegriff ziemlich dehnbar ist.Ie Neub euern verlassen. An die EBS in Oestrich-Winkel zum Beispiel.« »Was entgegnen Sie dem Vorwurf Neubeuern sei eine elitäre Schule. »Es ist im h . " man Geld haben muss. . Maßgeblich entscheidend für ihren Erfolg sind in jedem Fall die Netzwerke. weil er solche Situationen einfach nicht gewohnt ist.Anspruch der Schule. . Der graue Siebzigerjahre-Bau war Teil eines Schul153 . dass Ihre Schüler gesellschaftstauglicher sind als andere?« »Sicherlich. 'eh' essen Offe nh't mlCh beeindruckt sagt er wisse el . an der sich Elite nur über das Konto der Eltern definiert?« »Dem wurde ICh zunachst gar nichts entgegnen. im Nachhinein fest152 zustellen. weil . Während der durchschnittliche I.G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium auf seine Schuhe guckt und seinem Interviewpartner nicht in die Augen schaut. an der nur Schüler aufgenommen werden. Die Elite. Und weil jetzt immer mehr auf solche Soft Skills geachtet wird und die Universitäten mehr Auswahlgespräche durchführen und nicht mehr so zeugnisgläubig sind. die Verantwortungsvollsten und jetzt die aus den besten Verhältnissen. und der Zugriffauf das Altschüler-Netzwerk der Schule. Das denkt also die Eliteschule vom staatlich gebildeten Pöbel. »Intuitiv sage ich: Ja. um auf diese Schule gehen zu können. wenn Sie zum Beispiel im Rahmen eines Auswahlverfahrens mit acht Schülern an einem Tisch ein Interview führen. Jörg Müll' d e 'h d er. Ich war aufdem Werner-von-Siemens-Gymnasium. erreichen häug OSItIonen. Auch von ihm will ich wissen. Trotz ihrer mäßigen Leistungen würden es viele an die privaten BWL-Hochschulen schaffen. kommen unsere Schüler in sehr gute Ausgangspositionen. das merken Sie natürlich sofort. ob Neubeuern eine Eliteschule sei. »Kann das mit einem bestimmten Habitus zu tun haben. . Die Fleißigst~n. Ie neue SeIte m' ' ellles BIocks auf.« Außerdem seien die Schüler aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung sehr fit.

Selten. die andere nicht haben?« »Nein. Mathe und Englisch zu lernen. Das sagt später auch ein Freund. und dann bekommt man die Nummer. wäre es natürlich schon eine. erzählt mir ein Lehrer. würde da richtig debattiert. »und zog den Stecker des Rekorders raus. dass Ihre Schüler Chancen haben. Was wirfst du denen vor?« In der Woche vor meinem Besuch in Neubeuern gab es einen Mini-Eklat in der Kapelle. wenn alle Menschen die gleichen Chancen hätten. aber die widerspricht ja jeder Realität. klagt der Lehrer. Wer hier den Abschluss macht. Miriam und ihre 155 . sie kommen jedes Jahr zum Sommerfest. Die Aktion hätte die Kapelle entweiht.« Dann erst seien einige gegangen. Wir hatten keine Rhetorik-Kurse wie die Neubeurer. hatte Miriam erzählt. Das gewisse Etwas aber nicht. aber es ist natürlich kein Problem. Das Internat trifft sich. In zwei Wochen soll es losgehen. ob es im Ausland oder in Deutschland sein soll. und vor allem hatten wir keine prall gefüllten Bücher. wenn unsere Schüler darauf verzichten würden. Das Netzwerk hält und hilft. um Deutsch. dass ich da ein schlechtes Gewissen habe. ein paar Schüler und Lehrer bereiten ein Thema vor. dem ich von meinem Besuch in Neubeuern erzähle. würden alles mit sich geschehen lassen. um ein nettes Wort zu benutzen. dass es schön wäre. »Irgendwann sprang einer aus der neunten Klasse auf«. erzählt mir der Lehrer. Die Abendansprache ist eine Art Zusammengehörigkeitsveranstaltung. Man ruft da einfach an. Dann sagt der Altschüler: Passt zwar gerade nicht. über das gesprochen wird. gehört sein Leben lang dazu. fragt er. sagt. Die Neubeurer sind eine große Familie. bei denen wir den Umgang mit Besteck und Small Talk üben konnten. an dem sich strebsame Mittelschichtkinder ein glänzendes Abitur erarbeiten konnten. ich möchte ein Praktikum machen. sagten sie. »Wenn man ein Praktikum machen will«. ihr Netzwerk und ihre Beziehungen zu nutzen? Kann ich nicht sagen.« Die Altschüler geben eigene Zeitschriften heraus. Ich möchte von Jörg Müller wissen. ob es ihm dabei so geht wie mir. fragt. Nadines Theatergruppe hatte ein Happening für die Abendansprache geplant. »Was hast du erwartet?«. Das sei typisch für die Schüler hier. Der einzige Protest kam von einigen religiösen Schülern. So wollte man die Konsumhaltung der anderen persiflieren. Eine halbe Stunde. Du kannst kommen. »Berührt das Ihr Gerechtigkeitsempfinden. die meisten hingen in ihren Stühlen und ließen das Ganze über sich ergehen. was ich auf theoretischer Ebene bin. Es war ein Platz. Die Schüler reagierten eine endlos lang scheinende Zeit gar nicht. naive Sozial154 fantasie.zentrums und lag zwischen Bahnlinie und Umspannwerk. »So funktioniert die Welt. Deshalb setzten die Schüler der Theatergruppe sich in eine Stuhlreihe.« Naiv also. keine Candle-Light-Abende. Die Welt ist weder gerecht. in denen die Namen von einflussreichen Altschülern gesammelt werden. ließen per Kassettenrekorder das Pfeifen aus dem Film »Kill Bill« in einer Dauerschleife ablaufen und schwiegen. Jeden Morgen sind wir auf die blassblauen Fenster zugeradelt. »schaut die Schulleitung in das Buch. welche Branche. sie feiern ihre Hochzeiten auf dem Schloss. Sie seien passiv. Was hätte also die Welt davon.« »Warum nicht?« »Selbst wenn ich der Meinung wäre. noch sind die Chancen gleich verteilt.

das eigene Verhalten möglichen Idealen anzupassen. Der Boden erzählt. das sehe ich nicht oder zumindest nur bei den allerwenigsten. raus in Richtung Alpen und ärgere mich. platzt es plötzlich aus ihrem Lehrer heraus. mit dem auch die Internatsgebühren für die nächste Generation gezahlt werden können. weil er selbst angeblich zu freizügig war. an das eigene Leben. frage ich. hatte ich die Lehrerin zum Schluss gefragt.« Der Lehrer klingt jetzt wie ein Märchenonkel. Die Nazis errichteten hier eine ihrer Kaderschmieden. dass das sehr gut passt und dass man weiterkommt.Nationalpolitische Erziehungsanstalt. »Müsste eine Elite nicht Verantwortung für andere übernehmen?«. »Es gab mal eine Zeit. Wer zahlen kann. In den Siebzigern kam ein antiautoritärer Direktor. Sie wird nicht aufhören zu sprechen. blicke auf die goldverzierten Spiegel. ten bekommen heute Buchgeschenke. »Konservativ und unpolitisch.Freunde hatte ich gefragt. »Das politische Denken. redet immer auch von einer Teilung der Gesellschaft. »Da kennen wir uns nicht so aus«. Im Unterricht der Oberstufe frage ich drei Abiturienten. Man denkt da eher an sich selbst.« »Ärgert Sie das nicht?« »Ärgern ist immer so eine Sache. Geld. die wir brauchen? Die sich über Können.« Dann haben alle gekichert. Jeder Schritt lärmt. Und das Gerede von der Leistungselite. was sie in Deutschland gern ändern würden. hatten sie geantwortet.. und ich fand die Fragen. Das Internat Neubeuern war Heimat liberaler Adliger. sagen die Gesichter. in denen es um Gerechtigkeit ging. »Oder Weltfrieden. bis wir im Festsaal der Schule angekommen sind. Aber eine Lehrerin 156 bleibt schließlich doch stehen. Erfolg und Geld. »Nein«. Aber für sich selbst und nicht für andere. Und heute? Die Lehrer haben jetzt eigentlich gar keine Zeit zu reden . Er wollte Hitler töten. auf den warten Einfluss. darf dazugehören. dass Kinder in diesen Fragen ihren Eltern folgen«. hatte einer schließlich gesagt. »Da haben sich die Kinder gegen ihre Eltern aufgelehnt. für eine bessere Welt zu kämpfen.« »Es ist doch wohl normal. hatte sie geantwortet und musste sich dann der Verleihung widmen.« Erzähl du mal schön von früher. das man sehr wohl zu arrangieren und anzupassen weiß und wo man die Rahmenbedingungen für sich so gestalten kann. Das mit der Leis157 . Wer dazugehört. ob Politik in Neubeuern eine Rolle spiele. »Vielleicht das Rauchverbot in Kneipen wieder abschaffen?«. S' mussen zur Schulversammlung. die Seidentapeten. Trotzdem werden sie auch in Zukunft an ihrem EliteInternat niemandem die Aufnahme wegen mangelnder gesellschaftlicher Verantwortungsbereitschaft verweigern. hat der Soziologe Michael Hartmann gesagt.« Ich sitze ganz hinten im Festsaal der Schule. Da hat die Jugend versucht. opponiert. »Ihr seid politisch so homogen«. Im Dritten Reich wurde die Schule deshalb geschlossen. »Sicher«. nicht über Herkunft und Beziehungen definiert? In die jeder aufsteigen kann? Wer von Elite spricht. zu beeinflussen. Er ließ den Schülern jede Freiheit und musste gehen. die ich noch auf meinem Zettel hatte. da war das anders. »Sind Ihre Schüler politisch?«. Zum Lehrerzimmer laufe ich über uralten Holzboden. protestiert einer der Schüler. Gesellschaft zu verändern. denke ich. eine »Napola« . Ein Neubeurer starb im Widerstand. Die Klassenbesle . sagen sie. plötzlich weltfremd.

In einem Artikel lese ich. von Dolce & Gabbana. Miriam und eine Freundin zeigen mir die Lehrerfotos im Jahrbuch der Schule. sondern kehre nach Kreuzberg zurück. Wenn nicht die beiden Portemonnaies auf dem Tresen wären. Das linke ist von Louis Vuitton. Benni und Moritz gehen mit der Pizza in den Nebenraum. Es sei hochwertige Luxusverwahrung. Ihr werdet Dienst am Champagnerempfang haben. Erst verkauft sie den Jungs eine Salami-Pizza. Reiche Kinder. Selbst die Internatsschüler mit den idiotischsten Ansichten werden es wohl immer nach oben schaffen. Um 22 Uhr 30 werden die Schüler in ihren Flügeln eingescWossen. die dort stattfinde. mittags und abends die Essenstafeln. Ich steige die Treppe ins Dorf hinab und denke über die Schweiz nach. die nur noch per Videoüberwachung gebändigt werden können. Per Beamer wird hier gerade der Blockbuster »Fluch der Karibik« gestartet. sagt sie. was ich selber machen kann«. Die Jungs setzen sich in die erste Reihe aufs Sofa. Ich glaube nur. Videokameras sind allgegenwärtig und sorgen dafür. Neben der Antriebslosigkeit. Ich fahre nicht zum Rosenberg. Das Internat will Geld für ein Wireless-LAN-Netz sammeln. dass die Erwachsenen meinen.« Um acht Uhr wird an diesem Abend das Schülercafe aufgescWossen. wo sie sonst nie hinginge. dass die Kinder in ihren Zimmern bleiben. Selbst auf den Privatschulen in München seien ja schon Türken. Der auch. die Teenager kontrollieren zu müssen. auf dem ScWoss. heißt es. Da schnappt die Neidfalle WIeder zu. Miriams Dienst beginnt. Auch für die Schüler sei Abendgarderobe verpflichtend. Hier werden seit drei Jahren ein paar Schulen per Kamera überwacht. Nur weil sie dazugehören. auch nicht zum Genfer See. schimpfte sie. »Der ist ein Teufel. »Fahren Sie mal dorthin« ' hattem"Ir emer m Neub euern empfohlen. wenn die Leute etwas kaufen. der am nächsten Wochenende stattfinden soll. Und der auch. das silb~rne. ein Rolls-Royce und ein Cadillac. zeIgen wurden. um die bestehenden Zustände zu festigen und zu legitimieren. der mangelnden Disziplin und dem Wunsch nach Anerkennung ist dies eine weitere Erfahrung. Wegen eines Gutscheins habe sie zu Saturn gemusst. Zum Fuhrpark gehören ein Bentley. .« Es ist ein Abend in einem ganz normalen Schülercafe. das rechte. von oben bis unten mit Nobel158 Labels behängt. Tut das mit erkennbarer Freude.tungselite. dass er offenbar recht hat: Um 19 Uhr müssen die Kinder dort auf ihre Zimmer. Da seien die die ihren Reichtum wirklich"" ' . Ein Mädchen aus der Oberstufe hatte beim Mittag verächtlich von einem Ausflug in die Münchner Innenstadt erzählt. in die Kaufbeurer Straße. Hinter ihnen hält ein Paar Händchen.und besitzorientierte Schüler und Eltern. »Wie in Istanbul ist es da«. »Black Tight wird verlangt. Danach bereitet sie eifrig einen Käsetoast zu. Zum Inter. Diener decken morgens. Offensichtlich ist das Vertrauen in die Jugendlichen ganz oben und ganz unten so gering. sei ein Mythos. meinte er. Ein Nachtwächter geht von Raum zu Raum. Extrem geld. Dort kostet das Jahr 40000 Euro. nat auf dem Rosenberg. weil sie so sehr unter der »WoWstandskrankheit« leiden. sagte der Neubeurer. Weil sie 159 . »Ich mag das. Die Schulleitung erinnert gerade an den FundraisingBall. die die Schüler an beiden Enden der Gesellschaft teilen. Ganz anders als hier. dass manche Schüler in Neubeuern diese Erkenntnis nicht akzeptieren würden.

wenn die ICEs im Stundentakt durchs Land jagen. die Eliteschnellstrecken aufgeben? Würde ich. wo das Netz ausgedünnt wurde. Würde ich für ein Zurück in die Zeit vor der Reform. Mein Koffer versperrte den Gang. Ich mag es. die sie ohne das Geld der Eltern und den Namen der Schule nie erlangt hätten. Seit die Bahn nicht mehr von Beamten verwaltet wird. Neben meinem Knie die Dose für den Laptopstecker. dass sich die Schule Elite nennt. wenn sie mir nützen. Felder und Windräder vorbeifliegen. Im vergangenen Jahr bin ich Tausende von Kilometern mit der Bahn gefahren. das hieß für mich. ist die Gleichmacherei in der Schienenwelt vorbei.1« die Bahnfahrer abfällig. mich zu bremsen. auch hier findet sich eine Elite. die Füße auf der Stütze am Sitz des Vordermanns. Richtig reiche Eltern zu haben. Die Suche nach der Elite. Zum ersten Mal während meiner Recherche habe ich das Gefühl. Ich bin eine Reformprofiteurin. die Wut herunterzuschlucken und zurück zum Thema zu kommen. notiere ich betont sachlich: »England gibt es auch in Deutschland. Reich sein. damit die Provinz bessere und häufigere Verbindungen erhält. Wie jede Reform teilte auch die der Bahn in Verlierer und Gewinner. meinen Körper wieder auseinanderzufalten. 161 160 . TRADITION ZU VERKAUFEN Ich stehe in überlingen am Bahnhof und versuche. wenn Flüsse. dass man kaum Antrieb hat. das heißt. Die Gewinner wohnen in Großstädten. Nirgendwo sonst auf meiner Reise hatte ich das Gefühl. »Ergebnis des Besuchs im Internat Neubeuern«. Weihnachten in der Schweiz Ski zu fahren oder zum Familienurlaub nach San Francisco oder Sydney zu fliegen. ist dieses Proletariat gespalten. denke ich abseits aller Elitefragen noch lange an Miriam und die anderen. dass man die eigenen Eltern wohl nie übertrumpfen wird. wo die schicken Hochgeschwindigkeitslinien zusammenlaufen. dass man verglichen mit den Erfolgen der Eltern oder Großeltern eigentlich nur eine Enttäuschung werden kann. hatte ich mir bislang immer sehr schön vorgestellt. Nachdem ich die Wut über das ausländerfeindliche Mädchen bewältigt habe. froh über meine kurzen Beine.« Neubeuern ist Heimat der Reichen. Knie an Knie mit meinem Gegenüber in der Vierersitzgruppe. Die Verlierer leben in der Provinz. Aber es gab im vollen Zug keinen geeigneten Platz für ihn. dass die Abgänger Plätze in der Gesellschaft einnehmen werden. ermahne ich mich selbst. Ich finde es falsch. die sich durch den Besuch eines teuren Internats begründet. Dort. sich etwas zu erarbeiten. Dass richtig reich sein auch heißt. wo Bahnhöfe geschlossen und Strecken stillgelegt wurden. Auch ich kann Ungerechtigkeiten ganz gut ertragen. Ich versuche. dass meine Neugier von einer ungeheuren Abneigung erdrückt wird. Jede Stunde kommt der Kaffeemann vorbei. »Mobilitätsproletariat« nennt ein Vielflieger aus John von Düffels Theaterstück »Elite 1. auf Köln-Berlin in gut vier Stunden verzichten wollen? Bestimmt nicht.sich Elite nennen. dass sich das Elitelabel so einfach kaufen lässt. daran hatte ich nicht gedacht. Eine gefühlte Ewigkeit habe ich im Regionalexpress gesessen. finde ich alles andere als naiv. Halt. Und ihnen das vorzuwerfen. als noch alle Züge gleicher waren.

begeisterte sie. sich diesen Samstag frei zu halten. f' . Dann schimpfte . Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Dort. Ich hatte meiner Mutter vorher den Prospekt von Salern gezeigt. was Salem ihrem Nachwuchs zu bieten hat. nachdem er an allen anderen Schulen Schwierigkeiten gehabt hatte. dahinter der Bodensee. Dann werden sie entscheiden. »Das bezahlen dann Wlf. 1920 hat Prinz Max von Baden dieses Internat eröffnet. ob nicht der Sohn des Inhabers unserer örtlichen Supermarktkette 162 dort war. vor mir ein Ehepaar mit seinem Sohn. Auf dem Weg kamen uns drei Jungs mit erhitzten Köpfen entgegen. »Das sind fast 30000 pro Jahr. einen zweiten Versuch zu wagen. dass die Eltern auch noch 30 Prozent des Schulgeldes von den Steuern absetzen könnten. vielleicht zehn oder elf Jahre alt. So war es in Neubeuern. »Ein Monat kostet 2375 Euro«. Sie sahen aus wie die Jungs auf den Fotos aus England. sagte meine Mutter. Die Schuluniform fand sie schlicht und schön. .und überlegte. dass wir diesen Raum nutzen können«. Darunter stand geschrieben: »Der traditionelle Morgenlauf 1935 und heute. Er ist noch ein Kind. durch die Burg für die jüngeren Schüler und das Schloss über dem Bodensee. wo Deutschland richtig schön ist. Mein Vater brauchte Stunden. Neubeuern mag vor allem ein Ort des Geldes sein. Danach fluchte er über Apotheker und Unternehmer. Sein Vater checkt noch ein letztes Mal die E-Mails. die ihren Kindern ~ine heile Schulwelt kaufen könnten. Sie trugen Hockeyschläger. so ist es auch in Überlingen. Neben mir auf der Bank sitzt ein Vater im Joop-Mantel mit seiner Teenagertochter. in dem Internatsschüler wohnen. Ich habe beschlossen. Heute öffnet das Internat seine Türen. Insgesamt sind etwa zweihundert Familien in die Kapelle gekommen. für die Salem steht. thront über Dörfern und Kleinstädten stets ein Schloss. .f Heute ist einer der ersten warmen Frühlingstage. um sich von diesem Sozialneidanfall zu erholen. Der Kleine neben mir ist nervös.«. schließlich wurde sie in den siebziger Jahren zur Lehrerin ausgebildet. »Vielleicht hätte es dir dort gefallen«. dass auch 163 I I" i . Und jetzt bin ich hier im ehemaligen Kloster des Zisterzienserordens Salem. dass bei kleinen Klassen und intensiver Betreuung jeder Zum Abi gehievt würde . dahinter ein paar Berge. Als ich mich weiter umschaue.« Auch mein Vater las den Prospekt. Hinter dem Bahnhof liegt die Überlinger Altstadt. Sie mochte das Kloster direkt am Bodensee. in dem die Abiturienten wohnen. aber Salem. An diesem Tag werden sie hören. ob sie in die Schule investieren. sehe ich. Er empörte sich daruber. sehe glattes Wasser. sagt die Rektorin der Internatsschule Salem gerade. »Wir danken Seiner Königlichen Hoheit.« Tradition eben. das weiß ich aus etlichen Berichten in meiner Elite-Artikelsammlung. Bestimmt war es nicht einfach für ihn. das Fluchen meines Vaters und die vorsichtige Begeisterung meiner Mutter im Hinterkopf. verspricht vor allem Tradition und höchste pädagogische Qualität. wandte ich ein. Ich blinzle in Richtung Sonne. dafür. nef er mit hochrotem Kopf. Die Reformpädagogik. dem Markgrafen von Baden. er.. um Kunden für die Zukunft zu werben. Sie werden sich durch das Kloster führen lassen. bevor ich nicht die Elite aller Elite-Internate gesehen habe. Ein Schüler in Uniform hat mich in die Kapelle geführt. Ich will die Internate als »Schule der Elite« nicht abhaken. In einem Prospekt der Schule habe ich zwei Fotos gesehen.

Kinder in Meinungen hineinzuzwingen. Als ich am Tag der offenen Tür hier war. Nicht. »Gut«. dass auch nach dem Tag der offenen Tür noch Fragen geblieben seien. »Wie ist es. wird der übrigens auf dem Klostergelände kein Handy benutzen dürfen. Vielleicht liegt es an meiner Erziehung. faucht sie und schweigt. hat sieben Salemer Gesetze formuliert. durch die sie ihrer verborgenen Kräfte gewahr werden können. Ich schreibe der Internatsleitung. in dem die Salemer Oberstufe lebt. Hier die alte Turnhalle. und der Leiter der Mittelstufe zitiert den Reformpädagogen Kurt Hahn. hingen neben einigen Zimmerfenstern des Jungentrakts Deutschlandflaggen. Auch heute haben Internatsschüler wieder schwarz-rot-goldene Fahnen vor die hellgelbe ScWosswand gehängt. Stolz erzählt sie. was Eva und der Schulsprecher tatsächlich über Eliten denken.Wahrheitsliebe. ob Versprechen und Realität in dieser Schulform in Einklang zu bringen sind. das mit mir rumgeführt wird. »Frag doch auch etwas!«. den Mitbegründer des Internats: »Es ist Vergewaltigung. Hinten ist der Krankentrakt. Aber es ist Verwahrlosung. 164 Ich weiß nach dieser Werbeveranstaltung nichts über das Leben im Internat. Mut und Verantwortung . auf den Arm hat sie mit Kuli eine Matheformel geschrieben.« Das klingt nach den Träumen meiner Mutter. bei ihrer Führung nichts zu vergessen. das sei der Wahlspruch der Schule . an den ständigen »Nie-wie165 . nicht. ihnen nicht zu Erlebnissen zu verhelfen. Eva ist gerade vierzehn geworden. lobt der Schülersprecher. frage ich.der Vater neben mir noch mit seinem Blackberry hantiert. Das letzte lautet: »Erlöst die Söhne und Töchter reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiertheit. der Reformpädagoge. Noch immer irritiert mich das. Sie führt gleichermaßen eifrig wie desinteressiert. glaube ich nicht. ob mein Vater oder meine Mutter recht hat. Die Treppe rauf zum Speisesaal. »Eine Trias von Tugenden . dass man ihre Kinder mit Disziplin und Leidenschaft erziehen wolle. Nachdem zitiert und geworben wurde.« »Lass mich«. bemüht. sagt sie. Sie hat lange dunkle Haare. schlagen sich zwei Mädchen auf den schuleigenen Tennisplätzen ein paar Bälle zu. hier zur Schule zu gehen?«.steht als Leitbild über Salem«. Nur ein dumpfer Zweifel bleibt. Wenn er seinen Sohn hier anmeldet. sollen die Schüler das Kloster zeigen. das fast 30000 Euro pro Jahr kostet und seine Schüler in Burgen und Schlössern beherbergt. gelingt. Vor dem Schloss. was an den schönen Sprüchen der Verantwortlichen dran ist. links geht es zum Mädchenflügel. Immer wieder blickt sie auf den Zettel. die mit mir über Elite reden wollten. DIE POLITIKER VON SALEM Das Arrangement kenne ich schon. nicht.»in euch steckt mehr«. dass die jüngeren Schüler vor zwei Wochen ein Stück auf Lateinisch aufgeführt hätten. Es hätten sich zwei Schüler gefunden. Die Ausbildung sei elitär. den sie bekommen hat. Kurt Hahn. Also kehre ich noch einmal ins Schloss zurück. »Wir machen das alles für dich. Schulleiterin Eva Marie Haberfellner verspricht den Eltern gerade. und bekomme einige Wochen später eine neue Einladung. lerne ich. »Plus est en vous«.« Dass das in einem Internat. sagt der Vater des Mädchens. sagt Eva.

Und dass hier auch keiner was davon hielte. Der Journalist Jan Christoph Wiechmann rekonstruierte den Abend für den Stern nach einer Reihe von Gesprächen mit Schülern. der sich regte. und deswegen muss ich da nicht revolutionär wirken. dass sich jemand bewusst und stolz »Elite« nannte. bei Bier und Jägermeister. dass sich beim Anblick schwarz-rot-goldener Fahnen sofort meine Nase kräuselt und mein Gehirn »Nationalismusverdacht« schreit. nachvollziehen. Flaggen und Uniformen. Dann stimmten einige die Nationalhymne an. die sind es. und ich sehe. Das lehnte die Leitung ebenfalls ab. als ich in Griechenland zum ersten Mal hörte. wo die Fahnen hängen. Auch den Tag der Deutschen Einheit wollten die Schüler feiern. das jederzeit in Richtung Nationalismus kippen kann? Oliver und Philipp können diese Fragen bestimmt beantworten. dass CDU und FDP hier bei einer Testwahl auf 80 Prozent gekommen seien. der die Haare streng zur Seite gegeIt trägt und sich heute Morgen für ein rosafarbenes. die PDS oder die NPD. wie mit dieser neuen konservativen Schülerschaft umzugehen sei. kombiniert er souverän mit einem kunstvoll gebundenen Armani-Schal und einem Paar Lederslipper. Sie erzählen mir. sagen sie. sagen sie. Die Schüler revoltierten auf ihre Art. Sie wohnen genau in dem Trakt. Oliver ist eher der Charismatiker. Eher konservativ. akkurat gebügeltes Hemd entschieden hat. Sie sangen alle drei Strophen. Seine verstrubbelten braunen Haare. sagen sie: Die Salemer seien schon anders als die eher linke Schülerschaft an vielen staatlichen Schulen. Sie seien eben vernünftig und politisch mit ihren Eltern auf einer Linie. dass man gegen Nazis sei. erklärt mir Oliver. oder sind sie der Beweis eines völlig falschen Traditionsverständnisses. Zeichen eines normalen Nationalstolzes. Sie hängten an einem Morgen im Februar aus allen Fenstern Schwarz-Rot-Gold. von der Schulbank direkt in einen Bundestagsausschuss beamen würde. sich zu zehnt auf einen Bahnhof zu legen und zu schreien. Die zwei sind die Politiker des Internats und von den anderen Salemern ins Schülerparlament gewählt worden. Damals wollten die Schüler. Die Feier begann harmlos bei Würstchen mit Kartoffelsalat. nur weil sie achtzehn seien. Patriotismus und Eliten. Es ist derselbe Reflex. zu einer Privatfeier. Zeichen eines eher alternativen Stils. es wird nichts aus ihm und auch nicht aus seiner Ansicht. Oliver spricht lauter und selbstsicherer als Philipp. »Wenn mein Vater mir seit achtzehn Jahren predigen würde. Er ist Präsident des Schülerparlaments.« Im Jahr 2001 stritt das Internat Salem ein Jahr lang darüber. beides Insignien der Konservativen. Wollen wir diese Traditionen wiederbeleben? Oder war es gut und nötig. dass am Eingang des Internats dauerhaft die Deutschlandflagge gehisst werde. auch die Zeile 167 . Nur eins 166 noch. Also trafen sich dreißig Schüler. Damit ist das Thema für sie erledigt. diese als Träger nationalistischer Keime zu meiden? Sind die Flaggen neben den Fenstern der Schüler harmlose Zeichen eines inzwischen wieder normalen Stolzes. die mein Vater mir vermittelt.I i der«-Warnungen meiner Eltern und Lehrer. Die Flaggen hätten nichts weiter zu bedeuten. festlich gekleidet in Anzug und Blazer. »Aber ich kann die Einstellung. Wenn man Philipp. Sie seien Normalität. Die beiden gehen in die zwölfte Klasse. Sie wollten sich nicht idiotisch benehmen. Die Schulleitung lehnte ab. fiele er sicher nicht weiter auf. dann stehe ich auch nicht dahinter«.

Er hat im Alter eine Mission gefunden. klagt Bueb in seinem Bestseller »Lob der Disziplin«. »Der Erziehung ist vor Jahrzehnten das Fundament weggebrochen: die vorbehalt168 lose Anerkennung von Autorität und Disziplin«. statt zu akzeptieren. sagt Bueb. zu diskutieren. die Macht Gottes. macht mir Angst. Viele irrten »ziel. der von 1974 bis 2005 Leiter der Schule war und den Schrecken des Dritten Reichs noch als Kind erlebt hatte. Seine Forderung. Und auch die Flaggen neben dem Zimmerfenster scheinen niemanden mehr zu irritieren. reagierte damals entsetzt auf diese Wiederentdeckung des Nationalstolzes. er strafte. merkt. Doch wer heute. Dr. ja ein Kind psychisch krank« machen. Er kämpft vor großem Publikum für eine Renaissance der Disziplin.und führungslos« durchs Land. wieder eine Jugend zur Gefolgschaft zu erziehen. sondern . provokante Aktionen seien nötig. Bueb fordert. Nachher sagten die Schüler. dass nur der den Weg zur Freiheit erfolgreich beschreitet. in ihrem Atem nach Alkoholrückständen gesucht. Wie viele meiner Freunde bin auch ich dazu erzogen worden. die der der Rebellen von 2001 durchaus ähnelt. sich unterzuordnen. Auch Bueb will mit einem der Prinzipien der Achtundsechziger aufräumen. aus ihm einen liebesund arbeitsunfähigen.« Ein Mangel an Disziplin. er untersagte lange . Wer Haschisch geraucht hat. statt blind zu gehorchen. 169 . Regeln nicht ständig zu diskutieren und zu hinterfragen. statt zu folgen. Die Rückbesinnung auf alte Werte ist im Internat offenbar zu einem guten Teil vollzogen. könne »ein ganzes Leben aus dem Lot bringen. Sie lachten über den Führer. In Salem wird. Er entließ einen der Anführer. im Urin der Schüler nach Drogenresten. Dr. die Flaggen. formal dinner. dass er viele Prinzipien. verkündet Bueb. habe ich den Eindruck.« In einigen Bereichen. Inzwischen feiert Salem den Tag der Deutschen Einheit offiziell mit einem festlichen Essen. dass er das Handeln unserer Eltern verurteilt. könne Kindererziehung sich daher durchaus an der Abrichtung eines Hundes orientieren. DeutscWand über alles«. Anzüge sind an diesem Abend nun nicht mehr Provokation. zu hinterfragen. »Disziplin wirkt heilend«. wie in Neubeuern. Bernhard Bueb ist inzwischen Pensionär und steht den Internaten Salem und Neubeuern nur noch beratend zur Seite.»Deutschland. uns für relativ misslungen hält. Trotzdem hätten sie das Recht. um abzurechnen mit den Achtundsechzigern und der Holocaust-Hysterie«. vieles an diesem Abend sei falsch gelaufen. selbst zu denken. »endlich aus dem Schatten der Geschichte herauszutreten«. Er schreibt: »Wir müssen wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren. Pflicht. Das kränkt mich. sechs Jahre später. nennen das die Schüler. Bernhard Bueb. sondern reflexartig zu befolgen. meint Bueb. dass die patriotische Rebellion nicht folgenlos geblieben ist. neurotischen und ichzentrierten Menschen machen. Wenn ich Bernhard Buebs Buch lese. Die Schüler spielten eine selbst gebrannte CD mit einer Hitler-Rede ab. »Wir müssen uns dazu durchringen. der bereit ist. einer persiflierte den HitlerGruß. die Macht des Staates und die Macht der Erziehungsberechtigten. Er mahnte. Sie meinten. um »die Gesellschaft wachzurütteln. dass Kinder und Jugendliche wieder lernen müssten. nach Salern kommt. legitime Macht als Autorität anzuerkennen. für grundsätzlich falsch hält. nach denen wir erzogen wurden.

ist überzeugt. wie Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formulierte. nur wenn er Wiederholungstäter ist. dem neuen Gefallen an den Farben SchwarzRot-Gold und eben dem Wunsch nach Eliten hervorgerufen wird.« Auch das. sagt mein Freund Tom mit knarzender Stimme. Oliver.skurrilerweise . dachte ich. die von Patriotismusdebatten. sondern auch das Land verändern muss. Ein wilder Mix aus WaWprogrammen. in den Krieg ziehen und. Er. so wie Arbeitnehmer nach mehr Lohn schrien. es fördert Egoismus und Spaßhaltung«. die beiden Schulpolitiker. sagt er. besinnt euch auf die Pfadfinder«. ihm zu folgen. in dem Falle die Schulleitung. 170 Ganz anders seine Salemer. Disziplin ist eben eine Sekundärtugend. Beides sei verkehrt. erklärt mir. Das war schon immer mein Ziel. »Und wer Kaugummi kaut. der später ins Marketing einer großen Firma will. Zumindest die. forderten die Schülervertreter stets höhere Promillegrenzen. wird erschossen«. feingeistig und klug beschreiben.für eine Rückbesinnung auf die Regeln der Pfadfinder warb. »Mit Disziplin«. rufen wir: »Und wo ist das geendet? Im Faschismus!« Aber was will man von uns mit wenig Härte Erzogenen auch erwarten. »alles hart erarbeitet hat«. als er für Führung und Gefolgschaft und . dass sich nicht nur Salem. Sie kann wunderbaren. wollen jetzt ganz in Buebs Sinne ihre Schulverfassung ändern und einen Teil der ihnen in den siebziger Jahren übertragenen demokratischen Rechte freiwillig zurückgeben. Philipp und Oliver. haben Buebs Thesen begriffen und sind bereit. bei Sabine Christiansen eine Stunde lang thesengemäß streng zu schauen. Schon bald solle es das erste Leadership-Training in der Oberstufe geben. die mir gerade gegenübersitzen. Und sind aus Prinzip immer gegen alles. Ein disziplinierter Schüler müsste schließlich auch diese Regel schlucken. wollten sie »Führungspersönlichkeiten« machen. Deshalb gäben sie also einen Teil ihrer Selbstbestimmung ab. wie Oliver betont. »Damit DeutscWand wieder Perspektive hat. Endlich wirtschaftsfreundlicher muss es werden. »Die Schüler stehen wie so ein Haufen Arbeitnehmer gegen den bösen Chef. rief ein anderer Talkshowgast da erbost. der sich. sagt Oliver. Philipp. Ein aufrechter würde sich auflehnen. Bueb tourt durch Talkshows. den Positionen seines Va171 . Mit Disziplin kann man den Regenwald abholzen. dass Salem in fünf Jahren international führend sei. schaffte es. »Und wo ist das geendet? Im Faschismus!«. und Philipp. sei Konsens. dieses System »produziert eine Gewerkschaftsmentalität. Oliver ist Sohn eines sehr reichen Vaters. schreibt Matthias Altenburg in der Zeit. »Kinder. >ein Konzentrationslager führen<. der jetzt schon weiß. wenn Bueb wieder loslegt. Es ist dieselbe »Das-wird-man-doch-mittlerweilewieder-sagen-dürfen«-Begeisterung. dass er mal zu den Unternehmensberatern von McKinsey möchte. als spräche er direkt aus einem Volksempfänger. gibt ihm recht. »kann man ein Haus bauen. Geige spielen lernen und einen Fünftausendmeterlaufgewinnen. den Menschen. Bueb schreibt.fliegt sofort. als höflich. Bernhard Bueb bekommt für seine Thesen viel Applaus. aber auch grausamen Zielen dienen und sollte nie Selbstzweck sein. Und aus den Schülervertretern. Stimmt aber nicht. die ihm begegnet sind.« Statt dafür zu kämpfen. Und jedes Mal. sagt mein Freund sarkastisch. was Bueb mit »Gewerkschaftsmentalität« meint. der Schulpolitiker.« Dann haut mir Oliver ZaWen um die Ohren. Wer trinkt.

ters und liberalen Stammtischthesen. Alle zwanzig Tage, klagt er, sei in Deutschland irgendwo eine Wahl. Deshalb mache die Politik nur, was die Menschen hören wollten. Wenn in Deutschland einer arbeitslos wird, braucht er, laut Oliver, im Durchschnitt ein bis zwei Jahre, um eine neue Stelle zu finden. In Amerika neunzehn Tage. Weil Amerika keinen Kündigungsschutz habe. Mit den Arbeitslosen gehe Deutschland sehr großzügig um, zu großzügig, meint er. »Ich finde, je mehr die Leute unterstützt werden, wenn sie nichts machen, umso mehr machen sie nichts. Stellen Sie sich vor, ich sitze hier mit meiner Freundin und kriege 240 Euro pro Monat. Oder ich gehe arbeiten und bekomme auch 240. Ist doch klar, dass jeder hier sitzen bleibt. Kriege ich aber beim Sitzen mit meiner Freundin nur 40 Euro pro Monat, kriege ich aber 240 Euro, wenn ich arbeiten gehe, dann bin ich doch beim Arbeiten, auch wenn es Tellerwaschen ist.« Oliver lacht und sagt, ich würde jetzt bestimmt denken, dass hier reiche Schüler schlecht über Arbeitslose reden würden. Dass das alle Klischees und Vorurteile bestätigen würde. Aber er betrachte die Lage objektiv, sagt Oliver. Ich schaue ihn an, höre ihm zu und male Kringel auf meinen Block. Nach Dutzenden Gesprächen mit der Nachwuchselite habe ich langsam das Gefühl, die immer gleichen Antworten auf meine Fragen mitsteppen zu können. Die Deutschen seien neidisch und viel zu negativ und unbeweglich, klagen auch Oliver und Philipp. Auch sie sind Mitglieder bei Schwarzekarte, dem Internet-Netzwerk, in das mich Alexander geschleust hat. Auch sie werden, wenn sie das Internat verlassen, ein Büchlein mit den Namen der Altschüler bekommen. Dreitausendsechshundert seien das im Moment, sagt Philipp, alles Topleute,
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findet er. »Da hat man dann ein Netzwerk von Freunden, aber auch Erleichterungen beim Berufseinstieg.« Und auch auf meine Frage, ob denn Salem eine Eliteschule sei, höre ich die Erklärung, die ich schon aus Neubeuern kenne: »Wenn ich jetzt nur das Schulische betrachten würde«, sagt Oliver, »würde ich klipp und klar sagen: Wir sind keine Eliteschule. Wir sind öfter unter dem Durchschnitt hier. Im akademischen Sinne.« »Und in welchem Sinne seid ihr Elite?«, frage ich auch sie. »Ich würde sagen, weil wir im Gegensatz zu anderen Schulen versuchen, den ganzen Menschen zu bilden und nicht nur fachlich. Ich denke, das macht das Elitäre hier aus. Das bildet einfach eine Gesellschaftselite, diese Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.« Mut, Verantwortung, Wahrheitsliebe, sagen sie - das seien die Tugenden, mit denen Menschen zur Elite würden. »Wenn das gilt«, wende ich ein, »ist die Elite ja nicht nur in Salem zu finden.« Menschen, die mutig, verantwortungsbewusst und ehrlich sind, träfe man schließlich immer wieder und überall. Klar, sagt Oliver, gelte das auch für die Krankenschwester, die am meisten arbeite und Eigeninitiative zeige. Die sei schließlich am Ende auch oft Chefkrankenschwester. In Salem, sagt er, würden sie aber ganz besonders in diesen drei Tugenden, die am Ende die Elite ausmachen, trainiert. »Und wenn wir einen Jahrgang, der abgeht, sehen«, sagt Öliver, »können wir wirklich sagen: Egal, in welchem Bereich, sind Salemer tatsächlich in Spitzenpositionen. Ob es in der Wirtschaft ist oder im Fischfang.« Ich glaube allerdings, dass Oliver und Philipp enttäuscht wären, wenn sie es zum ehrlichsten Fischer oder
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zum mutigsten Krankenpfleger brächten. Beide sind schon Kunden der Salemer Berufsberatung, dem career counceling.

KARRIERECOACH FÜR TEENAGER

Karriereberatung für Teenager scheint auch so ein Trend zu sein. Während Oliver und Philipp von ihren Praktika erzählen, denke ich an Matthias Trüper, den ich zu Beginn meiner Recherche besuchte. Er, der einmal als Lehrer gearbeitet hat und danach Schulleiter war, verdient sein Geld in Berlin als Karrierecoach. Auch seine Kunden sind oft noch nicht volljährig, Oberstufenschüler, so alt wie die beiden Salemer. Damals hatte meine Reise zur jungen Elite noch nicht begonnen. Ich kannte die Internate und Privatunis, die Kindergärten und Stiftungen noch nicht und wollte zunächst gar nicht glauben, dass es Firmen wie seine gibt. Firmen, die tatsächlich davon leben, Teenagern bei der Karriereplanung zu helfen. Aber Trüpers Firma war nicht nur real, sondern schien auch ganz gut zu laufen. Aus ganz Deutschland reisen Eltern, die ihrem Nachwuchs die Poleposition im Kampf um die Plätze in der Leistungselite verschaffen wollen, zu Trüper nach BerlinMitte, in die Ackerstraße. Dort, wo Berlin so aussieht, als hätte die Stadt Geld, wo die Hinterhöfe saniert sind und Feinkost-Italiener Mittagsteller für 16 Euro anbieten, scheinen sich auch Karrierepakete für Pubertierende recht gut verkaufen zu lassen. Als ich Trüper besuchte, musste ich trotz Termins warten. Er gab gerade einem Vater Tipps für den richtigen
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Umgang mit dem Sohn. Die Nachfrage sei gigantisch, hatte er mir am Telefon gesagt. Vor allem wegen der schlechten Lage am Arbeitsmarkt steige die Bereitschaft, sich beraten zu lassen und auch Geld dafür zu zahlen, ständig. Da schafft die Angst vor Arbeitslosigkeit ganz neue Märkte, dachte ich und las die begeisterten Kommentare der Eltern, die schon da waren. Ein Vater aus Augsburg schrieb: »Die kompetente Beratung und der exzellente Service haben uns geholfen, unseren Sohn auf die richtige Bildungsschiene zu bringen. und haben ihn bereits zu sehr guten Erfolgen in seinem College geführt.« Eine Münchner Unternehmerin lobte: »Wer beruflich sehr angespannt ist und für die eigenen Kinder und deren Ausbildung nur das Beste möchte, der ist bei Herrn Trüper an der richtigen Adresse.« Als ich in der Oberstufe war, sind wir mit der ganzen Klasse ins Berufsinformationszentrum des Arbeitsamts gefahren. Dort gab es lange Regale, in denen Ordner mit Folien standen, auf denen Berufe und Studiengänge erklärt wurden. Ermunternd war das alles nicht. Ich habe wie fast alle in dem dunklen Raum gehockt und darauf gehofft, schnell wieder nach draußen zu kommen. Höhepunkt des Ausflugs war ein Berufstest, an dessen Ende mir geraten wurde, evangelische Pfarrerin zu werden. Ich bin nicht einmal getauft. Aber auf solche Feinheiten konnte der Standardtest keine Rücksicht nehmen. Dieses System ist tatsächlich optimierungsbedürftig. Trüper residiert in einem schicken Büro. Hohe Wände, weinrot gestrichen. Vielleicht sollte es das Arbeitsamt auch mal mit Farbe versuchen? Trüpers Beratung ist nicht gratis, sondern kostet mindestens 1000 Euro. Wenn ein Abiturient, der in Trüpers Büro stets »Kunde«
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heißt, im Ausland studieren will, liegt die Rechnung schnell bei 2000 Euro. Seine Kunden seien schon eher betucht, verriet mir Trüper, als er endlich Zeit für mich fand. »Aber«, fügte er sofort hinzu, »meinen Service kann sich fast jede Familie leisten. Gehen Sie mal auf einen Schulhof und schauen Sie sich die Schuhe der Kinder an! Dort finden Sie Markenschuhe, bis zu 200 Euro das Paar.« Das Geld sollten die Leute besser in Bildung investieren, sagte Trüper. Außerdem sei eine gut durchdachte Strategie in der Summe günstiger als eine falsche Studienentscheidung. Trüper ist ein guter Redner. Er brauchte keine fünfzehn Minuten, um mir die Welt zu erklären. »Die Zeiten langwieriger Selbstfindung sind vorbei«, sagte er. »In Deutschland wollte man immer, dass alle aus demselben Breitöpfchen essen. Das war eine sozialdemokratische Wohlfühlgesellschaft, ein elitefeindlicher Ansatz. Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen. Denn Wettbewerb macht Spaß. Wir müssen dann auch damit leben, dass es Verlierer gibt.« - »Aber«, versuchte ich dazwischenzufragen - ohne Erfolg. Er redete längst weiter. »Die deutschen Schulen versagen bei der Berufsberatung völlig. Die stellen ein Produkt her, das Abitur, ohne sich darum zu kümmern, was dann daraus wird.« Danach schimpfte er auf die Beamtenmentalität der Lehrer. Man müsse endlich Wettbewerb zulassen und eine miserable Schule auch einfach schließen können. »Wir brauchen vier, fünf Eliteschulen pro Bundesland. Wettbewerb macht doch Spaß. Auch Rütli kann Elite werden. Nur wer sich dem Wettbewerb sperrt, versagt.« - »Trotzdem: Ist eine Karriereberatung für Teenager nicht ein bisschen pervers?«, fragte ich schnell dazwischen.
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»Der Markt ist da und wächst«, sagte Trüper lachend. Es freue ihn, dass Deutschland sich ändere. Nachträglich muss ich zugeben, dass er in diesem Punkt absolut richtiglag. Was ich bei meinem ersten Besuch als absurden Auswuchs des Leistungswahns einordnete, ist ein wachsender Markt, den Trüper längst nicht mehr allein versorgt. Das sechsstündige »Einzelcoaching« der Kölner Firma »Einstieg« kostet die Schüler 600 Euro. Das Münchner »gevainstitut« bietet gleich ein komplettes »Coaching-Paket Studium und Berufsstart« für 750 Euro. »Das hätte es früher nicht gegeben«, würde ein Rentner an dieser Stelle vielleicht einwerfen und damit diesen nervigen Satz endlich einmal völlig zu Recht sagen. Denn eine Karriereberatung für Teenager hätte es früher wirklich nicht gegeben. Als ich beschlossen habe, Journalistin zu werden, war ich siebzehn, also genauso alt wie Trüpers Kunden. Die Entscheidung trafich nicht, weil ich brav auf die Folien im grauen Arbeitsamt gestarrt hatte. Ich glaube, dass sie eher das Ergebnis einer Mischung aus je einem Drittel Instinkt, Willkür und Ahnungslosigkeit war. Ich wusste, dass ich das Münsterland verlassen wollte, und Journalistin schien mir zu diesem Zweck ein geeigneter Beruf zu sein. Der Beruf wirkte aufregender als Anwältin und Ärztin. Ich träumte davon, zum Spiegel zu gehen, den ich damals zwar nie las, aber für sehr wichtig hielt. Oder ich wollte die live-Kommentare bei Bundesligaspielen sprechen oder vielleicht doch bei der Lindenstraße arbeiten. Also schrieb ich, als es nach dem Abitur ernst wurde, meinem Vater eine Vollmacht und bat ihn, mich an der Universität Dortmund einzuschreiben, während ich mit meinen besten Freunden mit dem Zug durch Griechen177

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land fuhr. Dass es geklappt hatte, erfuhr ich, als ich ihn von einem Campingplatz am Isthmus von Korinth anrief. 1000 Mark haben unsere vier Wochen in Griechenland gekostet. Dafür hätten wir nicht einmal das »Coaching-Paket Studium und Berufsstart« bekommen. Das klingt im Nachhinein recht lässig, im Vergleich mit den peniblen Karriereplanern, die zu TTÜpers Kunden zählen, sogar abgezockt cool. War es aber nicht. Es war normal. Dennis und Cornelius, die mit mir am Isthmus waren, und die anderen aus meiner Stufe machten nichts anderes. Auf diesen Sommer folgten Dutzende anderer Momente, in denen ich ähnlich diffus begründete Entscheidungen traf. Für welches Praktikum wollte ich mich bewerben? In welcher Stadt wollte ich leben? Sollte ich noch im Ausland studieren oder nicht? Ich stolperte entlang dieser Fragen durch mein Studium und versuchte herauszufinden, was ich mochte und konnte. Einen Teil der Entscheidungen traf ich selbst, den großen Rest erledigte der Zufall. Ich bezweifle, dass ein noch so guter Karriereberater mir dabei hätte helfen können. Auf meiner Reise begegnet mir der Glaube an den planbaren Lebensweg allerdings überall. Die Eltern, die ihre Kinder für viel Geld in bilinguale Kitas stecken oder teure Internate auswählen. Die Studenten, die bereitwillig die teuren Gebühren für die privaten Hochschulen zahlen, oder eben Oliver und Philipp, die Salemer. Sie alle geben viel Geld aus, um den Zufall aus ihrem Leben herauszuhalten. Vielleicht ist das nötig, wenn man beschlossen hat, Elite zu werden. Vielleicht ist es aber auch gefährlich, seine Kinder auf einen vermeintlich planbaren Lebensweg zu trimmen. Denn wenn sie trotz aller Anstrengungen und Investitionen dennoch scheitern, werden sie
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wohl nicht gelernt haben, dass es neben dem schnurgeraden Weg auch noch etliche andere gibt, die vielleicht sogar besser sind. Philipp und Oliver, die beiden Salemer Schulpolitiker aus der Oberstufe, erinnern mich an eine jüngere Ausgabe von Bernd. Sie sind gerade achtzehn geworden. In diesem Alter sammeln manche Jungs Mädchen, Highscore-Einträge an der Playstation oder, wenn es ganz schlimm kommt, leere Coladosen. Die beiden sammeln Einträge für ihren Lebenslauf. Oliver hat in der zehnten Klasse ein Praktikum bei Coca-Cola in Atlanta gemacht. Jetzt will er noch eins in der »Chefetage der Bild-Zeitung« nachlegen. Philipp hat mit McKinsey schon erste Sondierungsgespräche geführt. Beide haben ihr Ziel fest im Blick: die Chefetagen der Wirtschaft. In die Politik zu gehen, können sie sich nicht vorstellen, obwohl sie in Salem engagierte Schulpolitiker sind und obwohl sie meinen, das Land müsse sich ändern. Auch diese Einstellung scheint die junge Elite zu einen. Wie alle, die ich bisher traf, ziehen auch sie die Wirtschaft der Politik vor. Warum eigentlich? »Die BezaWung ist in der Politik einfach miserabel«, sagt Philipp. »Wenn man das vergleicht, was man für gleiche Leistung in der Wirtschaft kriegt.« Außerdem habe man nur das öffentliche Geld, kein eigenes, und sei deshalb bei allem, was man ausprobieren wolle, streng an das Gesetz gebunden. Oliver meint: »Wenn ich mich heute entscWießen würde, in die Politik zu gehen, dann müsste ich erst einmal zehn Jahre Plakate kleben.« Das kommt für beide nicht infrage. Ihre Strategie ist eine andere. »Erst mal in die Wirtschaft und die Verbindungen auf179

Runter in die Realität. Er würde deshalb über ein Teilstipendium gefördert. Vollstipendien werden gar nicht vergeb~n. du hast doch ähnlich teure Klamotten wie die anderen. Jetzt tue ich es doch. dass ihnen in ihrer Welt das Verständnis für das Leben hier unten verloren gegangen ist. »hat man ja auch einen großen Einfluss auf die Politik. dass ich keine Schülerin sei. Während des Gesprächs hatte ich immer wieder auf seine Uhr geschaut. Aber nach zwei Stunden fahren sie wieder rauf. Das sind 4164 Euro pro Jahr.« Oliver sieht sich später in einem Interessenverband. sagte Philipp. haust du ab?«. Emporio Armani war da eingraviert. über die Altsalemer.bauen. Ihr Schloss. die ihn schlecht behandeln. Weil sie 347 Euro pro Monat bekommen. antwortet Philipp. betont Phillip. Eigentlich finde ich es albern. findet er. »Na. »Aber nah dran.« Am Ende traue ich mich doch. sagen die Schüler. sagt er auf einmal ganz mild. Dann schimpft er über die Schnösel. Das dürfte ganz effektiv sein. Knapp ein Drittel der Schüler in Salem bekommt ein Teilstipendium. den großen Namen und das Netzwerk stets im Rücken. Statt Kinder von Ausländern oder Arbeitslosen als Mitschüler zu haben. Das kann kein Hartz-IV-Empfänger zahlen. Auch wenn ein Schüler ein umfangreiches StipendlUm In H"h e von 75 Prozent der Gebühren ergattern . besuchen die Salemer einmal pro Woche deren Leben. Aber einer«. »Als Lobbyist«. Du kommst doch ganz offensichtlich nicht aus Hartz-IV-Verhältnissen?«»Nein«. von oben herab. »Da bist du hier aber falsch«. die nach dem Sommerfest volltrunken und pöbelnd in seinem Taxi sitzen. Dass ich ein Buch über Eliten schreiben würde. Und wenn man dann einen gewissen Status hat dann vielleicht in die Politik. »Keine Lust mehr auf die Schule?« Ich sage. Ich weiß nicht. »kann ich denen noch nicht mal einen Vorwurf machen. Sie haben auch schon einmal ein Asylbewerberheim gestrichen.« Ich steige in den Regionalzug nach München und quetsche mich neben einen Mann. gönne er seinen Mitschülern deren Reichtum. sagt er. Einmal pro Woche machen manche mit Migrantenkindern Hausaufgaben. die Schüler nach den Preisetiketten ihrer Kleidung zu fragen. junge Menschen. Woher sollen die es besser wissen? Die leben da oben einfach in einer anderen Welt.« Ein Taxi fährt mich runter nach überlingen. ob man Philipp und Oliver vorwerfen darf. und über die Jungen. der mit einer Plastik181 I< < ". er selbst käme nicht aus den »vermögendsten Verhältnissen«. Ihr Engagement ist ehrenwert. Mein Vater ist Arzt. bleiben Kosten von knapp 8000 Euro. fragt mich plötzlich der Taxifahrer. Als wir zu Beginn unseres Gesprächs über Neid redeten. Aber es will sich keiner aufraffen. Aber ich halte es für eine falsche Strategie. »Philipp. »Aber eigentlich«. Oder sie arbeiten bei den Rettungsschwimmern unten am Bodensee. räumt er dann selbstkritisch ein. »einer von der Elite inüsste sich mal aufraffen und in die Politik gehen und da oben mal aufräumen. 0 180 kann. Seine Eltern könnten die gut 30000 Euro Jahresgebühr nicht bezahlen. in der Hartz-IV-Empfänger wirklich wenig Geld haben. Trotzdem.' ! « I I I I I I I< I I I . Sie fahren ja runter in die Stadt. die einmal in Beratungsunternehmen über Arbeitsplätze entscheiden oder in Verbänden Wirtschaftspolitik machen wollen. in einem Schloss auf einem Berg fernab des normalen Lebens zu erziehen.

183 . kann ich daraus inzwischen ein lustiges Begriffsquiz basteln. fünf Kassetten eines analogen und hundertachtundzwanzig Megabyte eines digitalen Aufnahmegeräts vollgespielt. kann ich gut verzichten. könnte sogar glauben. werden sie ausgetauscht. Was mich an der zukünftigen Elite so stört. was für diese Menschen richtig ist. wie die Wirtschaftler in 182 Oestrich-Winkel meinen? Ist es b) Verantwortung. noch ist der Reiseplan nicht abgearbeitet. dass Elite ein Konzept ist. Aber nur fast. Politikern billige ich dieses Recht zu. Im Idealfall ist auch hier die Legitimation für alle ersichtlich. das wenige über viele stellt. denkt man bald. Abteilungschefs.tüte und ein paar Bierflaschen reist. dass die nur von Apple hergestellt werden. Bürgermeister. Meine Stimme haben sie nicht. Noch würde ich die zum Wettabschluss ausgestreckte Hand ausschlagen. die für sich Sonderrechte fordern. Sie verlangen so etwas wie eine Entscheidungskompetenz auf Lebenszeit und nennen als Legitimation ihre besonderen Qualitäten. Statt überzeugender Antworten auf meine Frage »Warum brauchen wir Eliten?« habe ich bislang vor allem Belege dafür gefunden. über das eigene Leben mitzuentscheiden. Verlieren sie eine Abstimmung. für andere Verantwortung zu übernehmen. Die Zweifel an der Tauglichkeit des Begriffs »Elite« sind von Station zu Station gewachsen. Was macht Elite aus? Ich habe immer noch Fragen auf meiner Liste. Ohne sie zu kennen. den Menschen benutzen. Eigentlich würde ich gern selbst über mein Leben entscheiden. unscharfer und damit unbrauchbarer Begriff. und Zeitraum sowie Einflussmöglichkeiten sind begrenzt. Darauf. weil so viele junge Mütter Kleinkinder schieben und tragen und weil mindestens jede dritte Mutter ein Mann ist. Wenn man nur leE fährt. Verpflichtung und Vorbild. Ich bin fast schon bereit. ihnen auf dieser Grundlage mehr Einfluss. Zu wissen. Wer in unserem Viertel wohnt. dass selbst ernannte Eliten ungefragt Verantwortung für mich übernehmen. wie die Salemer meinen? Diese Antworten reichen mir nicht aus. den anderen der Kiez. Wetten einzugehen und auf d) mein Liebstes zu setzen. ist. Vielleicht sollte ich in mein Quiz noch die Antwort d) aufnehmen: Elite ist ein willkürlicher. wie ich es an der Elite-Akademie gelernt habe? Oder ist es c) Verantwortung. neben zwei Mädchen. mehr Macht und mehr Verantwortung zuzugestehen. Wenn ich die Notizen in meinen Blöcken durchgehe. dass alle Menschen Laptops besitzen. Frage: Was macht Elite aus? Ist es a) Edge. Ich habe sieben Blöcke vollgeschrieben. Aber Eliten? Sie wollen Verantwortung für das Leben anderer übernehmen. Und wenn ich schon Einfluss delegieren muss. Den einen prägt das Schloss. energy und execute. Und wer mal auf dem Spielplatz hinter unserem Supermarkt war. ist überzeugt. dann bitte nach klaren Regeln und auf Zeit. dass sie das Recht einfordert. In andere Leben eingreifen zu dürfen. Auch andere haben durch ihren Job oder ihr Amt bestimmte Entscheidungskompetenzen. Ihre Legitimation ist im besten Fall Liebe. Ich besuche Deutschlands junge Elite jetzt seit neun Monaten. wenn es darum geht. Auch Eltern und Freunden erlaubt man meist. Sie sind gewählt. dass das Elterngeld schon phänomenal eingeschlagen hat. Sie sind mir zu diffus. sogar Lehrer. die sich rosa Strähnen gefärbt haben und deren Deo nicht hält. meinen Tischkicker. die ich niemandem stellen konnte. Mut und Wahrheitsliebe.

b). Ganz oben auf meinem Elitestapel liegt Aadishs E-Mail-Adresse. hatte dann aber einen Zug verpasst und war erst nach zehn Uhr angekommen. schimpfte die Gastwirtin. Er. dass ich abseits der Lösungen a). ich sei zur »Tagesschau«-Zeit da. Beide bereiten ihre Absolventen vor allem auf Karrieren in Beratungsunternehmen und Investmentbanken vor. der Otto Beisheim School of Management. spottet mein Freund. nachdem ich mich als »allein reisend« geoutet hatte. Direkt neben der Zugstrecke verläuft die Schnellstraße entlang des Rheins. An der EBS seien nur Studenten mit hochgestelltem Polokragen. und beide ermöglichen ein Studium in exquisiter Umgebung: Die EBS residiert in einem Schloss. 185 . Die zweite Hälfte des Doppel184 bettes ist nackt. mein Bett rechtzeitig zu belegen. Die Wirtin hatte die zweite Decke und das Kopfkissen mitgenommen. Und beide sitzen in Kleinstädten am Rhein. DER MAULWURF Es geht also weiter. auf den Konkurrenten angesprochen. oder?«. Ich fühle mich wie bei einer permanenten Polizeikontrolle. Westerharn und Neubeuern bei Rosenheim und Salem bei überlingen fahre ich nun nach Vallendar bei Koblenz. Für Außenstehende sind diese Scharmützel schwer nachvollziehbar. Langsam werde ich zur Provinzexpertin. Jetzt liege ich in emem dunklen Zimmer. Ich hatte also Glück. Elitehochschulen zu sein. Aadish. Deshalb steige ich noch einmal in den Zug. Dort geht Aadish zur Uni. anrufe. fluche ich im HalbscWaf. Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos blenden mich durch die dünne Gardine. Beide verlangen von ihren Studenten pro Studienjahr 10000 Euro. mit dem ich mich um neun Uhr im einzigen schon geöffneten Cafe der Stadt treffe. die durch Vallendar führt.« Das klang spannend. über den Eingang der Pizzeria noch in die Pensionsetage im zweit~n Stock des Hauses gelassen zu werden. studiert im zweiten Semester an der WHU. fast verschwörerisch. der junge Iraner und Mitglied der Vodafone-Elite mit Migrationshintergrund. c) und d) ein sinnvolles und überzeugendes e) finden werde. Ich hatte gesagt. überwiegen doch eindeutig die Gemeinsamkeiten: EBS und WHU behaupten.und noch habe ich die Hoffnung. Ländliche Idylle sieht anders aus. »Deine EliteRecherche hättest du dir auch glamouröser vorgestellt. die ich später triumphierend mit einem lässigen »Ich-habe-meine-Informanten« der Öffentlichkeit präsentieren würde. dass das mit der Provinz kein Zufall sei. als wollte er mir geheime Akten in die Hand drücken. sagen die einen. Nach Oestrich-Winkel bei Wiesbaden. die WHU in der Marienburg. Am nächsten Morgen meint Aadish. »Ausnahmsweise«. Die jeweiligen Anhänger beäugen die andere Hochschule genau und erklären. Die WHU steif. An der WHU käme niemand ohne Anzug. als ich ihn aus einem Gasthof an der Regionalzugstrecke. Die EBS sei snobbish. Sie sehen in dem jeweils anderen den größten Konkurrenten um die Vorherrschaft in der Ausbildung der zukünftigen Wirtschaftselite. behaupten die anderen. Die beiden sind wie Schalke 04 und der BVB. wortreich die gravierenden Unterschiede. Fast hätte ich es nicht mehr geschafft. hatte in Brüssel gesagt: »Wir sprechen besser später in Ruhe über Elite. Die WHU ist das Pendant zur EBS.

nie ganz und gar dazuzugehören. Beim Auswahltag hatte ich schon den Eindruck. beherrscht er fast perfekt. Es liegt nicht nur am deutschen Pass. schliefe das Interesse an der Welt außerhalb der Uni im Lauf der Semester ein. Mathematik und Sozialwissenschaften mit einem Schnitt von 1. die Hochschule wolle so ein extremes Zusammengehörigkeitsgefühl fördern. dass es keinen Einfluss von außen gibt. Nur einmal war er in »so einem Schuppen« in Koblenz. wenn er erzählt. weil er. »dass das ein kleiner Ort ist. Aadish sagt. in der die vierköpfige Familie einen Raum mit zwei Doppelstockbetten bewohnte. dem ich später davon erzähle.»Es ist Absicht«. der sich dann aus der übergangsschule der Sammelunterkunft über die Haupt. den er nicht hat. Hier beginnt es so ab der oberen Mittelklasse. dass er fast nie ausgeht. die mit ihm studieren. dass seine erste Adresse in Deutschland eine ehemalige Kaserne war.« Noch mehr erschreckt habe ihn allerdings. Er ist Stipendiat. »Davor habe ich große Angst«. Es gäbe hier kaum Studenten. sagt er. 186 Vielleicht auch. ihn würde es noch nach Koblenz ziehen. »Erst seit letzter Woche hat sich auch eine winzige Juso-Gruppe eingenistet. »Zucht«. ihr erstes Praktikum im Ausland zu machen. »Politik wird im Vergleich mit der Wirtschaft meist als nachrangig gesehen. »Meine Familie ist finanziell am untersten Rand. als er sich beworben habe. Er trinkt einen Cappuccino mit Sahne. und viele geben sich dann auch vom Verhalten her so. Es waren viele Leute da mit richtig viel Kohle und so angezogen. Dass die Studentenschaft so homogen wäre. Vielleicht. Die deutsche Sprache.« Und dann sind da noch die politischen Differenzen. Nur manche Formulierungen sind etwas ungelenk. sagt Aadish. aber er ist auch ein Fremder geblieben. wollen die jetzt in die Bank? Total overdressed.« Er meint.und Realschule im westfälischen Lengerich bis zu einem Abitur in den Fächern Deutsch. sagt Aadish. dass die anderen schon jetzt im zweiten Semester planen. die denselben finanziellen Hintergrund hätten wie er. andere Leute kennenzulernen. dass die Leute hier zusammenbleiben müssen. Lange habe es auf dem Campus auch nur Gruppen dieser beiden Parteien gegeben. sagt er. dass politisches Denken an der WHU eine absolut untergeordnete Rolle spiele. glaubt Aadish. Ein Großteil hier denkt nur: Was ist gut für die Wirtschaft? Aber wir müssten doch eher fragen: Wie kann die Wirtschaft allem anderen dienlich sein?« Außerdem kann Aadish mit den Träumen seiner Kommilitonen wenig anfangen. die nichts mit Wirtschaft zu tun haben. Er ist schüchtern und bestimmt zugleich. zu denen man will. Dann gibt es nur noch das Studium und die Unternehmen. wird einer. die er sich mithilfe des Hausmeisters im Asylbewerberheim erarbeitet hat. Geschichte. Aadish ist jetzt seit einem Jahr Student an der Hochschule. er hätte noch den Drang. dass es eine ganz andere Welt ist. Es sei fast selbstverständlich. weil er zu offensichtlich anders ist als die.3 hochgearbeitet hat. dass man die CDU oder die FDP wähle. es gewohnt ist. dass man gedacht hat. »Corpsgeist« nennen das die französischen Eliteschulen. hätte er nicht erwartet. dass das nicht möglich sei. »Ich haue selten auf den Putz«. Aber die WHU überschütte die Studenten dermaßen mit Lernstoff. Aadish sitzt im dunklen Wollpullover mit Dreitagebart vor mir. sarkastisch sagen. um dann das zweite bei 187 . sagt Aadish. Er staunt. der 1996 als Elfjähriger mit seiner Mutter und den beiden Brüdern aus dem Iran geflohen ist. nicht daran. Bei vielen.

Seit einem Jahr ist er also hier in Vallendar. dass seine Freundin im nächsten Sommer einen Studienplatz in Koblenz bekommt. sagt er »bin nicht stolz auf das. dass er nun zu den Besten gehöre.« Manche. Mehr. Er. Aadish ist also einer. Ihr seid jetzt Elite. sagt Aadish. möglichst reich zu werden. An der Uni.und den Mathetest bestanden. dass jetzt ein »aber« kommen wird. was 188 von der Gesellschaft akzeptiert wird. sagen: Da ist unser Platz. der funktioniere. sei nur der Aadish. sich mit seinen Brüdern selbstständig zu machen oder in die Politik zu gehen. um daraus etwas Vernünftiges zu machen. Danach plant er. Er hat ein Referat über Anglizismen in der deutschen Sprachen gehalten und sich durch Einzelinterviews gekämpft. Nach der Wirtschaft vielleicht noch Iranistik. dass er es so weit gebracht hat. Und er ist der 189 . »Es geht einfach um den beruflichen Erfolg. Dann wird der andere Aadish wieder mehr Raum bekommen. Ihr seid die Gewinner. dass ich weiß. Ihr seid die Leute. Und tatsächlich: »Ich persönlich«.« Aadish arbeitet hart. damit zu tun. sagt Aadish. hofft er. Fast wie eine Maschine. Wie fast alle an der WHU schuftet er zehn bis fünfzehn Stunden pro Tag. »Das. Den anderen. den direkten Einstieg bei den Größten der Branche ermöglicht. dass ich meinen Verstand und mein Hirn auch einsetzen kann. das er eigentlich ablehnt. als Ausländer. Es gab knapp zehn Bewerber rur einen Platz. Aber rur mich ist das überhaupt nicht Elite. ihn aber trotzdem von außen betrachtet. dass es ihr Lebenstraum sei. Er hat den Englisch. Die Uni. Man hat doch selbstlose Ziele. Ich habe mich eher zurückgezogen. Er ist mit den Worten begrüßt worden. der noch bis vor Kurzem von der Abschiebung bedroht war. wie Aadish das nennt. was er will. Was hat denn die Tatsache. sagt er. wisse er noch nicht. Erst einmal lernen und studieren. Um mehr nicht. versteckt er vor seinen Kommilitonen. In der Ausländerpolitik würde er sich gern engagieren. die diese Welt ruhren werden. dass ihnen der »WHUBonus«. Er sei ja erst im zweiten Semester. als offensiv dagegen zu wettern. Es heißt: Ihr habt den Auswahltest bestanden. »So sind halt Eltern«. Im Gegensatz zu den anderen ist er aber nicht nur von der Furcht getrieben.einer Investmentbank oder Beratung in Deutschland zu absolvieren . Sie integrieren sich sofort in dieser Welt und bauen darauf ihr ganzes Leben auf. dass ich irgendwelche Matheaufgaben machen kann. den kämpferischen.« Er hofft. heißt es ja nicht. Man hat Vorbilder. und er gehörte zu den Auserwählten. ob ich Elite bin oder nicht? Nur weil mein IQ vielleicht hoch ist. die Welt zu verbessern. den. den kritischen. Das vermisse ich hier alles. Das Stipendium. was ich geschafft habe. gäben ganz offen zu. mit ihr zusammenziehen und nur mit dem Bus zur WHU fahren. eine Einschränkung des mütterlichen Lobs. Er hat Angst. sich anzupassen an ein Denken. der im Eliteapparat drinsteckt.« Seine Mutter ist stolz darauf.« Aadish weiß noch nicht. sagt Aadish. stolz zu sein. ist rur sie der Grund. »Aber gerade als junger Mensch hat man doch den Traum. ihn so gut zu kennen. »Es wird einem von Beginn an dieses GeruW vermittelt: Ihr habt es geschafft. wenn er muss. die Klausuren nicht zu bestehen. die einer Meinung sind. »Es sind einfach so viele.« Aadish und ich reden schon seit Stunden. und da wollen wir auch hin. der so leidenschaftlich reden kann. Dann wird er Vallendar verlassen. Mittlerweile glaube ich. sich zu verändern.in der Hoffnung.

der die Eliteausbildung. was einem vorgegeben wird. und was ist schlecht? >Elite< ist ja ein variables Wort. die außergewöhnliche Ideen haben. »Elite sind für mich Leute. als habe er ein Hauptseminar zu dem Thema belegt. will ich wissen. dass man nicht nachahmt. dass >Elite< ein euphemistisches Wort für Macht ist. Aber so eine Aristokratie im wirklich wahren Sinne. die über die Grenzen hinausdenken und nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten. die religiösen Führer. Bildung oder Leistung seien entscheidend. damit sie sich weiterentwickelt. halten viele seiner Kommilitonen für Quatsch.« Ich bin überrascht. Und heute sage man. Wer in der Elite ist. Was man nicht sagen will. Im Iran seien die Mullahs. Als ich ihn um das Interview gebeten hätte. Elite sei notwendig für eine Gesellschaft.« 191 . dann könnte ich mir vorstellen. stellen die Kriterien auf. Der Begriff »Elite«. gesellschaftliche Macht zu legitimieren. »Elite bedeutet ja eigentlich: die besten Leute.« Oft. etwas Besonderes im Blut zu haben.« Mittlerweile haben wir das Cafe verlassen. Man sagt ja immer. wegen seines Akzents. ihm vorschlagen will. nach denen in Elite und Nicht-Elite eingeteilt wird. ist: Es gibt Schichten. sagt Aadish. wenn er mit seinem Ausweis die Türschlösser öffnet. Dass diese Elite das. wenn es gelte. sowieso gar nicht mehr. Ist man Elite. kein Klassenkämpfer. Und dann analysiert er so klar und sachlich das Verhältnis von Macht und Elite. Wenn es wirklich so etwas geben würde. dass ich ihm sofort die Nummer von Eliteforscher Michael Hartmann geben. das Getränke-Büfett vor den Seminarräumen. der hat die Macht und legitimiert die Macht dadurch. dass man sich abhebt von der Masse. dass er tatsächlich hier eingeschrieben ist. Jedes Mal. sagt Aadish dann leise. »Die sagen: Man muss die Besten. wie er sagt. habe er einfach noch einmal gründlich über den Begriff nachgedacht. die modernen Glasanbauten. Schließlich muss er in eine Vorlesung. offen kritisiert. der auf familiäre Verhältnisse Rücksicht nimmt. liefe es so wie hier an der Uni. werde immer dann gebraucht. Sie laufen etwas un190 rund. die haben die Macht. heruntergebetet wie so oft bei Linken. sagt Aadish. wirklich für das Allgemeinwohl macht und nicht für ihre eigenen persönlichen Ziele. Aadish ist kein Parteigänger. erfahren. dass er Elite ist. weil man sportlich ganz gut ist? Das ist ja eine Definitionssache. Aber ich sage mir: Was ist gut. Die Menschen. Einen Sozialplan. gäbe es diese Gesetze später. Aadish hat mir den Campus gezeigt. In Europa waren es erst die Adligen. die Fleißigsten behalten und die anderen rausschmeißen. wie man Mitarbeiter am besten »freisetzen« kann. »Aber sind das klare Kriterien? Ich persönlich denke. Sie lernen Arbeitsrecht. Die Marienburg. Elite. wenn man in einen bestimmten Kreis hineingeboren wurde? Wenn man eine ganz gute Bildung hat? Ist man Elite. Seine Sätze wirken nicht aufgesagt. was sie macht. die glaubten.« Aber wahrscheinlich. die selbst schon zur Elite gehören. als dessen Assistent anzufangen. Eine der ganz harten. wundere ich mich. »Und was ist >Elite< für dich?«. die machen die Elite aus. und die wollen die Macht auch behalten. die er genießt.Erste. fügt er hinzu. Inhaltlich ist er aber so fit. Er mache sich schon länger Gedanken über Elite. wenn sie alle arbeiten würden. »Und die Leute werden einfach mit einem Arschtritt rausgeschmissen. den ich treffe. dass man so etwas wie eine Aristokratie bildet.

Und man geht nicht den Schritt zurück und fragt: Wieso kann einer diese Leistung nicht erbringen? Was müsste sich ändern. waren gerade volljährig.und Einzelhandelskaufmann wie mein Cousin. die es nicht schaffen.« Jede Stunde um neunundfünfzig hält ein Regionalexpress in Vallendar und fährt den Rhein hoch in Richtung Köln. dass sie das Gefühl von Elite haben. wenn sein Zwillingsbruder. »besteht das Eliteverständnis darin. Es ist kein Gefühl von Unsicherheit da. auch vor der Tür beim Warten. Jetzt bleiben Aadish nur die Wut und der Frust und der Wunsch. dass sie sich die komfortable Situation durch eigene Leistung erarbeitet haben. zur HeinrichHeine-Realschule oder zum Rhein-Wied-Gymnasium gehen. Dann werden sie vielleicht Fleischfachverkäufer wie meine Cousine. machen Millionen von anderen Menschen an anderen Hochschulen auch. aber am Englischtest scheiterte. Es wäre nicht so hart. Je länger ich recherchiere. »Für viele Leute hier«. sie sind etwas Gutes. nicht so einsam geworden. in Neuwied. Leute auf Hauptschulen seien faul oder einfach nicht scWau genug. nur leiser.vielleicht mit Ausnahme der Bayerischen Elite-Akademie _. die 193 . »Für die gibt es die Frage: Gehe ich in die Beratung oder ins Investmentbanking? Bei meinen Freunden zu Hause geht es darum: Was mache ich überhaupt? Finde ich eine Arbeit oder keine? Die Leute hier an der WHU haben keine Angst vor der Zukunft. oder sie ziehen nach Bonn zum Studium. wie es gewesen wäre. dass viele WHU-Studenten in ihrem Elitekokon das Verständnis für die »Normalen« 192 verloren hätten. sagt er zum ScWuss. damit er das kann?« Je länger ich Aadish zuhöre. desto offensichtlicher wird. Zu zweit hätten sie vielleicht etwas ändern können. damit die anderen nichts hören. Auf dem Campus gebe es genau ein Mädchen.Aadish redet auch noch auf dem Weg zur Vorlesung. Nicht immer zu schweigen oder alles bis zu den wenigen Wochenenden aufzusparen. Er spricht viel davon. »Dieses Denken ist da. sagt er. Das war's. Wir machen doch nichts Besonderes hier. die er zu Hause sei. Es wird gesagt: Ihr werdet alle in große Unternehmen gehen. ist der Erste. der sich auch beworben hatte. Er. sagt er. Aadish hatte gesagt. das ich in Salem und Neubeuern spürte. kennt und klar benennt. Er fände es angenehm. als ich mich durch die Proftle des Netzwerks Schwarzekarte klickte. die »Elite« im Namen tragen . Dass sie denken. die ich getroffen habe. das sich breitrnachte. der im Elitesystem drinsteckt und doch nicht dazugehören will. der das Unwohlsein. in Bad Hönningen. mit dem er mehr Kontakt hätte. desto mehr ordnen sich die zum Teil noch etwas diffusen Eindrücke. und daraus folgt auch eine gewisse Arroganz und Selbstgerechtigkeit. Das.« Gleichzeitig seien viele überzeugt davon. die ich auf meiner Reise gesammelt habe. hier wäre. Viele Schwarzekarte-Nutzer und Aadishs Mitstudenten sind Anfang zwanzig. dass in den Einrichtungen. vielleicht Groß. Aber sie haben sich jetzt schon abgekapselt vom Leben der Masse. In Engers. Hier leben die »Normalen«. junge Menschen heranwachsen. Im Schnitt stoppt der Zug alle fünf Minuten. deren Kinder zur Raiffeisenschule. Dann wären sie ein Team gewesen. Einige seiner Kommilitonen hätten gesagt. mal alles loswerden zu können. Und dass im UmkehrscWuss die. was wir hier machen. es trotzdem irgendwie durchzuziehen. Aber das ist verkehrt. die Schüler in Salem und Neubeuern. auch selbst dafür verantwortlich seien. zu einem Gesamtbild.

sie halten ihren Anspruch für legitim. nicht für die eigene Karriere machen.so wenige echte ~u~ge gibt es. seine Partei sei >mnterjüngt«. '\ i DIE ALTERNATIVE ELITE Ich rufe Michael Hartmann. laut Pass vierunddreißig. die nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten«. dass alle. optisch wesentlich älter. Die Parteien hätten seit geraumer Zeit Probleme. und meint. kritischen Elite. Als ich schon kapitulieren will. den herrschenden Eliten etwas entgegenzusetzen. Ich spule mich noch einmal durch Track sieben auf meinem Aufnahmegerät. Hubertus Heil. hatte er gesagt. sagt. suche die Stellen. dass sie mit diesem Rest wenig zimperlich umgehen werden. Offenbar träumt er von einer altruistischen. Bei aller Kritik scheint Aadish also noch Hoffnungen mit dem Begriff »Elite« zu verbinden. sie sind politisch auf einer Linie. dIe Ich 195 . »Die fandest du dann cool und revolutionär. »Und wo finde ich die?«. wenn ich Aadishs Elite fande. und sie eint ein Unverständnis für die Probleme des Restes. kritische junge Leute anzuziehen. Leute. als ich ihm von Aadish und meiner Suche nach einer besseren Elite erzähle. will ich wissen. in denen Karrieren und Geld nicht die Hauptrolle spielen. Im 16. an und werde sofort enttäuscht.4 Prozent der Gewählten. überaltert. Der Altersdurchschnitt der Bundesregierung liegt im Herbst 2007 bei siebenundfünfzig Jahren. Vielleicht ist das ein Grund dafür. dass ich zumindest ein wenig beruhigt wäre.« Folglich kann jemand. sagt Hartmann. dass es natürlich junge Leute gebe. die zwar verantwortlich handeln wollen. Sie wollen in Führungspositionen. sagt er. linke Elite überhaupt gibt. schlecht Elite sein. sagt er zum Glück »aber« und erklärt mir. an denen Aadish über Eliten spricht. oder was?« Ich fühle mich ertappt und muss zugeben. die Visionen haben. Menschen. die wäre dann weniger schlimm?«. »Elite hat immer mit Machtpositionen zu tun. Deutschen Bundestag sitzen fünfzehn Abgeordnete unter dreißig Jahren. die ich bislang traf? »Und eine linke Elite. »In den Parteien eher nicht«. ob es diese andere. Erst einmal bin ich gespannt. aber keinen grundlegenden Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung fordern. Aber gibt es diese Leute. Generalsekretär der SPD. und von hundertsiebzig Ministern und Regierungschefs in Bund und Ländern sind nach Recherchen der Zeitschrift Capital gerade einmal fünf unter vierZig. die das. Gerade einmal 2. fragt ein Freund. die versuchen. die ein Gegengewicht bilden würde zu denen. der sich konservativ nennt. keinen Feldzug für mehr Gerechtigkeit planen? Gibt es eine Gruppe. was sie tun. weil ich befürchte. weiß ich nicht. »Gegen-Eliten kann es eigentlich nicht geben«. In der SPD-Bundestagsfraktion darf man sich noch bis zum vierzigsten Geburtstag»Youngster« nennen . Sie machen mir Angst. überhaupt? Gibt es so etwas wie eine alternative Elite? Radikaler als die Studenten der Bayerischen Elite-Akademie.I I sich erstaunlich einig sind. »Elite sind für mich Leute. Ob sie mich 194 mit dem Begriff »Elite« versöhnen können. den Eliteforscher. der Macht infrage stellt. die er sich vorstellt. Da hat er wohl recht. sondern sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen.

Er habe versucht zu belegen. frage ich Michael Hartmann. »Das ist doch schön. Er hat gegen Studiengebühren protestiert und Parteizentralen besetzt. antwortet er. mit denen ich normalerweise zu tun habe. »Ich argumentiere wie für ein Flugblatt. oder?«. aber sicher kein Rocker. »Nachwuchssorgen« nennen die Parteien die Tatsache. die blonden gelockten Haare hat er ein wenig unkontrolliert wachsen lassen. »Ich wusste schon immer. sage ich. ginge es in erster Linie »um die Karriere . seit auch die Grünen etabliert sind.aber es fehlt an Ideen. und Chris musste pünktlich sein. fragte ich. Parallel zu seinem Studium hat er sich in der linken Bewegung ziemlich weit hochgearbeitet. Wenn er schweigt. Er hat gerade sein Politikstudium an der Uni Hamburg mit einer Diplomarbeit »Zum Streitschlichtungsverfahren in der WTO am Beispiel des Gentechnikstreitfalls aus Perspektive einer neoliberalen Theorie und einer poststrukturalistischen Theorie« beendet. Er wird heute noch ein Seminar zum Thema »G8-Gipfel und Klima« leiten. dass er vieles ist. Wie ein Politikstudent eben. die den Aufstieg schaffen. wendet seine Freundin ein. Er trägt immer eine abgewetzte schwarz-rote Lederjacke. Und viele der wenigen. standen wir in der viel zu langen Schlange an der Essenausgabe. Seine Analyse ist genau. »Aha«. seine Aussagen sind präzise. Als ich ihn bei einer Attac-Akademie traf. Das alles wird ihm bei seinem Weg nach oben genützt haben. Um 6 Uhr 41 haben wir uns am Bahnsteig in Berlin getroffen. entgegnete er. eine Plattenbausiedlung südlich von Lichtenhagen. »Zielloser linksradikaler Aktionismus«. wie Heil. Greenpeace habe diese Leute früher angezogen. sagt der Göttinger Parteienforscher Peter Lösche. sagt er und strahlt.« . dass der Slogan >Genug für alle< nicht stimmt«. Dass der erste Eindruck trügt. sobald er spricht. Chris sieht aus wie einer der Menschen. »Aber wo sonst finde ich eine Gegen-Elite?«. an einem visionären Konzept für die künftige Gesellschaft«. Offenbar ist die Politik. Chris ist fünfundzwanzig. sagt er heute. »Simuliert ihr die sozialistische Mangelwirtschaft?«. Chris geht gelassen mit linken Klischees um. Er weiß. Wenn. kein Umfeld. Deshalb laufe ich jetzt neben Chris durch RostockEvershagen. zitierfähige Sätze verpacken kann. Er hat also auch Humor. Er lässt meist den Mund ein bissehen offen stehen. Auf seinem hellblauen Shirt steht Pretty girls make graves. wirken. Er weiß wohl. scheinen ihrem wahren Lebensalter mindestens ein Jahrzehnt voraus zu sein. wie er seine Botschaften in kurze. »Tiefin meinem Herzen bin ich eben doch ein Rocker«. der Astra-Bier trinkt und Gitarrenmusik hört. Jungpolitikern.»Die Arbeit war todlangweilig«. dass sie von unten austrocknen. sagt Chris und lacht selbstironisch. Danach war er bei einer Green197 I ! . Seine Karriere begann im ersten Semester. wird deutlich. Die Fahrt nach Evershagen dauerte über drei Stunden. dass Foucaults Ansatz bei der Lösung internationaler Konflikte helfen 196 könne. Denn Chris hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur mit Foucaults Theorien beschäftigt. beim Thema »Karriere in der Politik« eher abwehrend reagierten. dann fände ich meine von mir etwas schief titulierte Gegen-Elite bei den Globalisierungskritikern von Attac. in dem lebendige alternative Eliten gedeihen. wirkt Chris zunächst sehr schüchtern.traf. in ihren Aussagen und Anzügen schon verdammt angekommen. Aber Greenpeace sei ebenfalls »überaltert« und thematisch viel zu eingeschränkt.

peace-Gruppe in Hamburg. So würde er das natürlich nie form~ieren. Im Idealfall sollen alle alles mitentscheiden dürfen. bin keine Mehrheit bei Attac.. und mittlerweile ist er eine der Führungskräfte bei Attac. Sie sind nicht mehr als sein Gerüst. wie ich mir meine politische Aktivistenkarriere so vorstelle. dass die Leute aufstehen und sagen. Gebote des gemeinsamen Glaubens. So grundsätzlich. die gern Banner malten. Aber nicht so. Er hat also auch Greenpeace den Rücken gekehrt. die Entscheidungen treffen. dass alles irgendwie marktgläubig organisiert ist. ist er schließlich zu Attac gekommen. Chris. saß auf dem Podium. Uber eine Dozentin. leben zu können. bei der er eine Hausarbeit über BioPiraterie schrieb. Aber ansonsten finde ich das mit der Karriere attraktiv. Gemeinsam mit Dutzenden Hausfrauen. Da geht es nicht mehr ohne Leute. wie er in seinen Parolen ist. Der Kongress war ein Erfolg. dem Machtzentrum.« Aber dann hat er eben seinen ersten Kongress organisiert. Nur haben die Globalisierungskritiker in Deutschland im Herbst 200718500 Mitglieder. wie ich mir eine Gesellschaft vorstelle. der die Folgeveranstaltung im Jahr darauf planen wollte. Er sagt: »Wenn ich darüber nachdenke. »Koordinierungskreis« heißt das SpitzengremlUm bel Attac. bekannt wurde. »Und so bin ich halt zum Organisationsteam gekommen. seitdem sie mit den Protesten gegen den Genua-Gipfel.« »Eine andere Welt ist möglich. Und er will ihnen helfen. aber es gab niemanden. Chris sitzt im Deutschland-Vorstand der Bewegung. so pragmatisch ist er nämlich in seinem Handeln. Aber es ist schon so. der Antrieb für seine Aktionen. auf dem sich die Regierungschefs der acht wichtigsten Industriestaaten trafen. Seine Veranstaltung.< Da habe ich gedacht. und es hieß sofort: >Mensch. Danach war er kein engagierter Student mehr. Autoritäre Machtausübung gilt als Kapitalverbrechen.« .« . was ihnen nicht passt. und Chris war stolz. dass ich mir vorstelle. für sein Engagement. »Willst du Karriere machen?«. Ich weißt nicht. sondern hatte einen Namen in der linken Bewegung. Bei Attac lieben sie den 198 Konsens. dass er die Welt verändern will. der den Zusammenschluss von Umweltgruppen und Globalisierungskritikern vorantreiben sollte. dass ich bestimmte Posten erreichen will. dass Chris sich nicht auf diese Formeln beschränkt. dann ist die nicht kapitalistisch. ohne Leute wie Chris eben. weil »es einfach eine geile Veranstaltung war«.»Wir können die Welt verändern. Es sind die Attac-Slogans. das ist nicht das. Damit bin ich nicht repräsentativ. Wobei Karriere nicht heißt. Er möchte erreichen. entsprechende Konsequenzen zu ziehen. »Ich glaube.« Chris sagt. Die Bewegung ist rasant gewachsen.. 199 . im Endeffekt ja.< Ich war schon überfordert am Anfang. weil die mich so ins kalte Wasser geschmissen haben. wenn dann am nächsten Tag ein Banner am Ministerium hängt und man hat das L gemalt.« Chris sagt oft Sätze wie diese. »Aber dann hat eine gesagt: >Das ist ein total tolles Gefühl. Sven Giegold. Das finde ich Unsinn. mach doch mal.« »Wir können den Unterschied machen. von dem. was ich mache. wie sie ist. Aber schnell wird mir klar. frage ich. über hundert Leute kamen im Herbst 2003 ins Hamburger Schauspielhaus. denn »Führungskraft« und »Machtzentrum« sind verbotene Worte. Der damalige Held der Globalisierungskritiker. Sie hatte gerade den Kongress »McPlanet« mitorganisiert. und es bringt ja auch Spaß.

steht auf den Handgelenken. Auf einem anderen: »Unser Haus könnt ihr zerstören. Es gibt nur ein paar notdürftig hergerichtete Toiletten. das in einer mit Regenbogen verzierten Turnhalle abgehalten wird. als hätte mich jemand in einen Dokumentarfilm über linke Klischees hineingeschnitten. Ich habe die Chance. offenbar Abkürzungen irgendwelcher Organisationen. bittet um Mitarbeit und Spenden und trottet wieder zurück. die Demo-AG. Dafür muss man eine geschickte Strategie finden. fühle ich mich. bekam Chris einen Anruf. die umblättern. dass die Revolution gerade lahmt. Nur am Hinterkopf lassen sie ein kleines Büschel wachsen. Die Aktion war teuer und aufwendig. hatte er gerade eine Aktion gegen die Privatisierung der Bahn mitorganisiert. das einmal eine Schule war. Statt filziger Dreadlocks tragen die meisten die Haare nun kurz.und Lohndumpingpolitik des Discounters Lidl.« Kletterer hatten sich vom Dach des gläsernen Berliner Hauptbahnhofs abgeseilt und ein Protestplakat entrollt. die Blockade-AG und ein Dutzend mehr. die es schuf. dass die interventionistische Linke Mitorganisator ist. der die Leute aufregt. »Convergence Center Rostock« steht auf einem Plakat. Ich sehe T-Shirts. Beim Thema Frisuren hat sich seit meiner letzten Castor-Demo einiges getan.{ . Chris war so euphorisiert. die er geplant hatte. AktivistInnen. Es ist der Eintrittsstempel. Ich lese. wenn ich das eklig finde? Spätestens. und stolpere über Buchstabencodes. wird mir erklärt. Es gibt die Rechtshilfe-AG. Viele haben sich hinter der taz oder der Jungle World verkrochen. Mittlerweile haben wir das Kongresszentrum in Rostock-Evershagen erreicht. dass wir aus Themen einen Skandal machen. Während wir sprachen. mich mit den fremden Verhaltensmustern vertraut zu machen. Wie beim Symposium der European Business School 201 'i . Der Tagesspiegel hatte ein Bild der Aktion abgedruckt. weil Täter stets Männer sind«. »Nur bei Tätern darf man die männliche Form wählen. Sagt Chris zumindest. von denen ich noch nie etwas gehört habe. An diesem Wochenende werden hier knapp fünfhundert Konferenzteilnehmer versorgt. sei »containert« . Ich sehe nur ein verlassenes Gebäude. die Camp-AG. beginne ich. als wir im Plenum sitzen. Das Essen. Es heißt also: TeilnehmerInnen. Das gesprochene große I ist Standard. Ich lerne. Er scheint zu spüren. erklärt Chris. zwischen 200 Handballtor und Basketballkorb. Von der gegen einen amerikanischen Genmaishersteller oder gegen die Preis. Vorn. dass man sich hier in der Sprache um Geschlechterneutralität bemüht. Die Stadt Rostock habe es den Globalisierungskritikern überlassen. die auch in Rostock dabei ist.Als ich ihn zum ersten Mal traf. Als mir ganz langweilig wird. jeden Einzelnen in der Turnhalle zu mustern. »Das ist die siebte Abspaltung der Abspaltung«. »Kein Geld für Krieg«. »Ich will. SpenderInnen. wird Tom mir später aus den Informationen der »antisexistischen Kontaktgruppe« vorlesen. informiert über den Stand der Dinge. Die Vorstellung läuft immer nach demselben Muster ab: Einer aus der Gruppe trottet zum Mikro. Chris wirkt gelangweilt. auf die porn sucks gedruckt wurde oder Block G 8. Begeistert erzählte er mir von anderen Kampagnen. . Bin ich spießig. sagt Chris' Freundin. aber nicht die Kraft.was ein Euphemismus für »aus dem Müll geangelt« ist. stellt sich nun schon die siebte AG vor. als hätte der Anrufer Rekordgewinne vermeldet oder den erfolgreichen Verkauf eines Aktienpakets.« Das Gebäude solle abgerissen werden.

Und solange es nicht anders geht. sagt Chris. Chris war in der Diskussion so etwas wie ein AlibiJugendlicher. was er tue. Kampagnen zu organisieren und Gespräche zu moderieren. Dagmar Wöhrl verspottete ihn als naiven Jungen. der Anteile an Fluglinien besitzt. hatte er gesagt. dass er das politische Engagement anders angeht als viele andere hier. parierte aber souverän. der meint. die Berührungsängste mit. und eher ein Konservativer. dem ehemaligen Umweltminister und ehemaligen Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. . Es soll sein Beruf werden. habe ich FDP gewählt. als ich sechzehn war. sagt Chris. Er konnte sogar den Schlussgag platzieren. Es ist nicht sein Hobby. Bei meiner ersten Kommunalwahl.. dass die Zahl der anständig honorierten Stellen in der politischen Linken begrenzt ist. der ehemaligen Miss Germany. Denn er will irgendwann davon leben. Er mag es nicht. Viel Arbeit wird von unbezahlten Praktikanten erledigt. sich und seine Ideen zu promoten. »Allerdings soll sie vorn sitzen. Die Ökos haben ihm das Geschäft kaputt gemacht. Ich begreife.. Pelzmacher also. sagt er. Aber er will nicht. Er war schon mehrfach Gast einer Talksendung im Rundfunk BerUn Brandenburg. Aber das müsse es auch. Chris ist knapp dreihundert Kilometer westlich von Rostock geboren. er sieht gern Ergebnisse. Chris wirkt ungeduldig. dass sie ewig für ihn zahlen. Er hat der Zeit ein Interview gegeben. Er kam selten zu Wort. mit wem er gern eine Runde auf dem Tandem drehen würde: »Ich würde Frau Wöhrl mit aufs Tandem nehmen«. Chris war nervös. Er hat gelernt. Er gehört jetzt zu einem Zirkel. sagt Chris. Nun ist es aber so. die es gibt. Und im Gegensatz zu anderen Linken. aber fair« neben Klaus Töpfer. Deshalb sind ihm Marios Kriterien nicht völlig fremd. als jeder in der Runde gefragt wurde. unter 202 Angela Merkel zur parlamentarischen Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium berufen wurde und mit einem Unternehmer verheiratet ist.« Mittlerweile Hinden seine Eltern okay. Sein Vater ist gelernter Kürschner. über eineinhalb Jahre hat er sich in Wochenendseminaren zum »Zukunftspiloten« ausbilden lassen. Neunzig Minuten stand er da im schwarzen Hemd bei »Hart. die Schauspielerin Jessica Schwarz und den Regisseur David Lynch angekündigt. »Meine Eltern sind großartig«. man muss sie ziemlich antreiben. um diese zu bedecken. wird durchaus mit Marios 203 . damit er Kampagnen machen und Aktionen organisieren kann. hat Chris auch keine Probleme. »Er könnte mein Sohn sein«. zahlen sie ihm Geld. wie sie sagen. Er kennt die Grundsätze des Marketings und des Fundraisings. Schnell hat er das Gefühl.nur andersherum. und Dagmar Wöhr!. wenn Dinge völlig ineffizient organisiert sind. »bürgerlichen Medien« haben.« Es läuft gut. Wie zufällig lasse ich meine Jacke auf meine Markensneaker fallen. die für die CSU im Bundestag sitzt. »Ich bin also fern von jeglichen linken Bewegungen aufgewachsen. Ich glaube.. in Flensburg.. auf dem Kongress seine Zeit zu vertrödeln. den er »Karriere-Netzwerk für junge aufstrebende Umweltbewegte« nennt. und er war bei Frank Plasberg im WDR. Chris arbeitet viel. Und um die paar Posten. Auf dem Titelblatt des Szenemagazins blond wird der Bericht über ihn gemeinsam mit dem über die Sängerin Sophie EllisBaxter. Die haben mir was von Freiheit erzählt. sagte Klaus Töpfer gönnerhaft. J scheint es auch hier klare Dresseodes zu geben . mit Bahnfahren die Welt retten zu können.

genau wie es Wirtschaftskarrieren gibt?«. zähle doch gar nichts mehr. Der Redner weiß dann. Gleichheit als Wert. »da zieht wer links an dir vorbei. 204 Das stört Chris. dass ich in diesem ganzen Kontext zur unteren Elite gehöre. diese Forderung gelte als völlig weltfremd. Sie mühen sich. sagt er. weil die Voraussetzungen für solche Stellen immer weiter hochgeschraubt werden. »Ich habe mir das nicht alles selbst erarbeitet«. agieren in den Diskussionen. verkünden sie im Refrain. für ihn ist es Teil einer »Professionalisierung«. die ich erlebe. dass du Ich-Botschaften formulierst. und das war bei ihm damals überhaupt nicht so. dass es auch in der linken Szene eine gewisse Elite gibt. in denen er mehr entscheiden darf als andere.« Chris weiß. Also einfach. wo ich darüber spreche. wie das geht.« Deshalb sitzt er nun in Positionen. »Unangenehmerweise würde ich schon behaupten. dass es Leute sind. vorher Ziele festzulegen. frage ich.oder eine Druckkampagne planen?« oder »Wer ist der Adressat unseres Boykotts?«. der in Attac so viele Stunden wie in einen Vollzeitjob investiert. Und wenn die soziale Bewegung. schränkt Chris ein. als tue ihm dieser Satz sofort leid. alles mit allen zu teilen.« »Gibt es denn dann Karrieren in Nichtregierungsorganisationen der Linken. fließend Englisch. die mehrjährige Berufserfahrung haben. Spanisch und Französisch sprechen. um Diskussionen zu straffen: Wenn sie mit der Meinung eines Redners übereinstimmen. bereit.Methoden gekämpft. Zumindest. Es ist so. dass das völlig absurd ist. dass dieses Verhalten auf Außenstehende seltsam wirkt. die es allen ermöglichen. »Genau. drehen sie die nach oben gereckten Hände. die mit ihm den Zukunftspilotenkurs belegt haben. Alle Menschen sollten Elite sein. Chancengleichheit würde manchmal noch als Politikziel formuliert. Er sei eher hochgestolpert. aber vieles hat auch durch Beziehungen und Bekanntschaften geklappt. Und jetzt. im Ausland waren. sagen sie: »Ich möchte. obwohl er davon profitiert.« Chris und seine Freunde. Sie stellen Fragen wie: »Wollen wir eine Aufklärungs.« Die Konkurrenz schläft nicht. »Ich befürchte. Praktika gemacht haben. die Posten in den eigenen Reihen zu verteilen. sei die Stelle neu ausgeschrieben worden. »Ich würde es mir auf jeden Fall anders wünschen. sagt Chris. weil mich die richtigen Leute unterstützt und gesagt haben: Den nehme ich mal mit und zeige ihm.« Ein Bekannter von ihm habe zwei Jahre lang bei der Naturschutzorganisation BUND gearbeitet. auch nicht in der vermeintlich heilen linken Welt. als deren Teil er Attac sieht. Diese Kultur setzt sich immer mehr durch. »Ich habe mich angestrengt.« Dieser Konkurrenz unter den Linken hat die Band »Wir sind Helden« in ihrem letzten Album ein Lied gewidmet. Als er wegging. fällt mir auf.« Es ist. aber reale Gleichheit. Das wird immer schlimmer. Sie sind konzentrierter bei der Sache. die Debatte zu strukturieren. dass dieser Punkt von den anderen akzeptiert wird. Es erzählt von einem Hippiekind und einem kleinen Punk. 205 . dass es auch in der Linken mittlerweile eine Leistungskultur gibt. Es scheint. »Du pfeifst und singst und fühlst dich frei«. wenn es darum geht. Sie versuchen. singen die Helden. Man sollte Mechanismen finden. »Plötzlich wurde verlangt. als hätte auch die Linke die Ellenbogen entdeckt. anders als die meisten ihrer Mitstreiter. Wenn einer ausschweift oder zu abstrakt ist. Sie haben einen eigenen Code entwickelt. das Beste zu machen.

sagt er. muss ich das Schema. Für die Talkrunde zur Primetime am Samstagabend hatten die Organisatoren es geschafft. Wollten sie aber nicht. im Schnitt jede Minute ein verspäteter Teilnehmer in den Raum. Auch sie verlangen. erst die Konzerne enteignen müsse. elf Mal versucht jeder. Deshalb gehe ich raus. schleppt sich die Diskussion auf Englisch dahin. zu dem ich Chris begleite. Jennifer Morgan. das Chris und drei andere Mitglieder des Koordinierungskreises unterzeichnet haben. Zwei von ihnen gehen nach ein paar Minuten raus. Ich habe keine Chance. als ich in der Regenbogenturnhalle dem endlosen Plenum folge. vor Tausenden Menschen eine kurze Aktion gegen den Klimawandel durchzuführen. Auslöser des Massenandrangs ist die sogenannte Gewaltfrage. ob eine Revolution nötig sei. 207 . Ich sitze neben der Tür. durch den Flur. damit die Proteste gewaltfrei bleiben. Oder dass das Klima nur zu retten sei. Um die Debatte zu verstehen. Tausendfünfhundert Teilnehmer waren da. Chris erzählt. dass alles »Menschenmögliche« getan werden müsse. wo die Menge ist. Weil einer der Zuhörenden aus London kommt. 206 Hier in Rostock-Evershagen sollte es eigentlich darum gehen. Reinhard Bütikofer. ein Konzept zu entwickeln. weil das Schulgebäude ja nicht mehr benutzt wird. dass es nach einem Protestkonzert in Rostock die Möglichkeit gebe. Sven Giegold von Attac. die Tür zuzubekommen. müsse sie professioneller werden. Einer der Nebenräume ist so voll. ob die Proteste friedlich bleiben müssen. kommt in der ersten halben Stunde eines Workshops. quetschen sich in den Türrahmen. Schnell war klar. fand in Berlin statt. Den ganzen Tag schon sorgen diese Aussagen für Aufregung. dass die Luft steht. Sie wollten Statements abgeben. als ihnen auffällt. erlebe ich nicht nur. dass sich hier keine kraftvolle Protestbewegung sammeln wollte. Nach einer Stunde ist klar.erfolgreich sein will. mal mit Gewalt. Seit zwei Stunden werden sie in diesem Raum diskutiert. Zehn. Mal vorsichtig. und die taz-Journalistin Bettina Gaus aufs Podium zu bekommen. dass das schwierig werden wird. den Protest der verschiedenen Gruppierungen der Linken gegen den G8-Gipfe1 in Heiligendamm zu koordinieren und zu bündeln. wer die Umwelt retten wolle. Weil Pünktlichsein vermutlich als von Faschisten hochgehaltene Tugend gilt. nicht richtig schließt. dem Vortrag zu folgen. die. Mit seinen nun noch zwölf Mitdiskutanten versucht er. Zu Chris' Workshop zum Thema »Klima« sind allerdings nur vierzehn Teilnehmer gekommen. Eine Stunde lang durften dann die Teilnehmer Fragen stellen. die ehemalige Direktorin des Klimaprogramms des WWF. dorthin. wenn man die Erdbevölkerung reduziere. Was er damit meint. drücken sich an die Wände. Die Runde diskutierte darüber. Sie wollten loswerden. unter anderem den Bundesvorsitzenden der Grünen. Hier in Rostock wurde zudem ein Flugblatt verteilt. um den Klimawande1 zu stoppen. Es war allenfalls eine verwirrende Freakshow. Dass der Klimawandel endlich aus einer feministischen Sicht zu diskutieren sei. Ein Attac-Sprecher hatte sich in einem Interview mit der taz von jeglicher Gewalt distanziert. Es geht darum. 'nach dem ich bislang die politische Landschaft ordnete. dass sie im falschen Raum sind. Die jüngste Auflage des McPlanet-Umweltkongresses. Die Menschen sitzen auf dem Boden. den Chris mitplant. dass.

Ich glaube nicht. Attac spalte mit der Absage an jede Gewalt die Bewegung. dass es in der Bewegung etliche Leute gebe. wie Chris sagt. Technokraten und Beamte. die Menschen mitzureißen. dass die Gesellschaft sie einholt«. dass Konzepte oder Personen miteinander konkurrieren.« Das Resultat seien dann Bundesregierungen wie die amtierende. In diesem Raum steht Attac rechts außen. die von vielen hier als illegitim bezeichnet werden. Zum Beispiel bei Volksentscheiden. dass Debatten wie diese sehr viel Energie kosten. dass möglichst viele mitgehen.« Und ich denke an die Schüler in Salem. Außerdem müsse man sich in einer Partei hochdienen. Er möge Parteien nicht. »absolut hundertprozentigen Einsatz« fordert. dass man in Parteien viel bewegen kann. ob sie überhaupt gewünscht ist oder ob nicht vielmehr die Differenzen zelebriert werden sollen. Die Menschen müssen auch außerhalb von Parteien mitbestimmen können.. »Aber ist es nicht schade. der meckert. dass unser Modell von Demokratie überarbeitungsbedürftig ist.« »Aber du willst das nicht rausreißen?« »Nee. desto weniger Spielraum hat man.. Die Debatte zieht sich hin. Dass nur eine Idee oder ein Kopf gewinnen könne. »Und je entscheidungsbefugter man ist. gemeinsam zu protestieren. und Chris' Bewegung verliert an Zeit und vermutlich auch an Boden. Er wird den mühsamen Weg gehen und hoffen. aus »Angst. ob es eine Einigung geben kann. Warum soll ich mit diesen ganzen Mittelmäßigen dasitzen? Ich fmde. Die Animositäten zwischen Attac und den großen und kleinen Splittergruppen scheinen im Moment zumindest wichtiger zu sein als das Ziel. Die taz. keine klassischen politiker mehr. Ich frage Chris. sagt er. Es sei ihm zuwider. Auch wenn es 209 I . der von allen. Die Organisation sei zu autoritär. sondern selbst schnell noch »linker« würden. den Studentensprecher an der EBS. Er meint. warum er sich das dennoch antut.. der sagt: »Ich verlange von jedem. »Mittelmaß pur«. Das finde ich sinnvoller. Tage. sondern reihen Monologe aneinander. Dass nicht gemeinsam nach Lösungen gesucht werde. sagt Chris. Monate mit Diskussionen verbringen. Chris hatte gesagt. wenn die Parteien in einer Demokratie so viele mittelmäßige Leute haben?«. als dass jetzt alle in die Parteien rennen. die das Interview veröffentlichte. . solle die Organisation zur »Gewaltfrage« wenigstens schweigen. Wenn Attac militante Proteste schon nicht unterstützen wolle.. deren Religion die Effizienz ist. Attac verrate den gemeinsamen Kampf. heißt es. gilt in diesem Kreis als reaktionäre. Warum er nicht versucht.. bürgerliche Zeitung.neu denken. an deren Ende hoffentlich ein Konsens steht. 208 die schon jetzt in Leadership-Workshops für ihr Leben in Führungspositionen trainieren. mit denen er zusammenarbeitet. die sich nicht freuen. die bereit seien. seine politischen Ziele in einer straffer organisierten Partei durchzusetzen. Die Redner diskutieren nicht miteinander. Wenn Tage wie dieser in Rostock ohne Resultate enden. zu groß und verhandle mit Politikern. Leistung. stocken die Kampagnen. für Dinge zu kämpfen. frage ich. zusammen etwas zu erreichen. Ich denke an Mario und die anderen Berater. wenn die Gesellschaft weiter nach links rückt. Ich denke an Bernd.« Deshalb wird Chris weiterhin Stunden. stimmt schon. »Ja. Ich weiß nicht.

dann noch schwieriger wird, zu entscheiden, wohin. Und er wird weiter mit den Widersprüchen leben, die jemand aushalten muss, der in der linken Bewegung Karriere macht. Er hat viel dafür getan, zur »unteren Elite« bei Attac zu gehören, in die entscheidenden Gremien zu kommen. Er will Verantwortung übernehmen. Er will mehr tun als die meisten. Gleichzeitig sagt er inbrünstig: »Ich möchte, dass es keine Elite mehr gibt, sondern nur noch Masse. Die Masse kann man dann meinetwegen gern Elite nennen.« Ich habe große Zweifel, ob es Attac in diesem Entscheidungstempo tatsächlich gelingen wird, ein ernstes Gegengewicht zu Mario, Bernd und den anderen jungen Leadern zu bilden. Mir fallt es wesentlich schwerer als Chris, die teilweise offensichtlich fruchtlosen Debatten als nötiges Mittel der Entscheidungsfindung zu akzeptieren. Ich gehe raus auf eine Wiese, die vielleicht der Pausenplatz der Schüler war, als hier noch unterrichtet wurde, und schaue mir den Rostocker Stadtteil Evershagen an. Die Häuser sind etliche Stockwerke hoch. Damit es nicht zu trist wirkt, sind sie bunt gestrichen. Manche haben verspiegelte Fensterscheiben und sehen damit aus wie gigantische Sonnenbrillentürme. Auf der Suche nach Alternativen zum containerten Essen laufe ich ein paar Meter zum Zentrum des Viertels. Hier gibt es einen EDEKA-Markt, eine Bäckerei und einen Parkplatz, auf dem ein kleiner Asia-Imbiss und ein paar Bänke stehen. Zehn Männer sitzen hier und trinken ihr Samstagnachmittagsbier. Die Flaschen unter der Bank verraten, dass es vermutlich auch schon einige Mittagsund Vormittagsgetränke gab. Die meisten aus der Gruppe arbeiten, als Maler, als Monteure, sagen sie. Ich will wis210

sen, was sie davon halten, dass sich Chris und die anderen hier treffen, teilweise über Wochen hier leben, um Demonstrationen, Aktionen und Blockaden vorzubereiten. »Zecken sind das«, sagt einer und zeigt auf ein paar Jugendliche, die auf der Wiese sitzen. »Die sollte man zerquetschen.« Ein anderer schimpft: »Die hocken da und verschwenden unsere Steuergelder.« Einer droht: »Das wird hier noch ein zweites Lichtenhagen geben.« Ich weiche zwei Schritte zurück. In Rostock-Lichtenhagen hatten im Jahr 1992 ausländerfeindliche Anwohner gemeinsam mit organisierten Neonazis tagelang Jagd auf Asylbewerber gemacht. Nachdem diese in Sicherheit waren, zündete der Mob ein Wohnheim an, in dem über hundertfünfzehn Vietnamesen und ein paar Journalisten eingekesselt waren. Als sie sehen, dass ich gehen will, legt mir einer der Männer seinen Arm um die Schulter. »Wir sind doch auch gegen den Gipfel, nur anders«, sagt er. Dann will er wissen: »Wie alt bist? Siebzehn, achtzehn? Bist du noch zu haben?« - »Für euch nicht«, sage ich und mache mich los. »Heil Hitler«, sagt da einer. Ich versuche, schnell über die Wiese zu gehen, ohne zu rennen. Ich umrunde die Schule und setze mich auf eine Bank in der Sonne. Hinter mir ist ein Gitter, das einen FußballpIatz einfasst, auf dem ein paar Jungs kicken. Immer wieder schlägt der Ball auf Höhe meines Kopfes gegen den Zaun. Ich drehe mich um. Auf dem Boden, versteckt unter einer Jeansjacke, steht eine kleine Musikanlage. Der Sänger grölt zur Melodie von »99 Luftballons«. Ich höre hin. Es geht darum, »Kanaken« zu jagen. Im nächsten Titel sind es Schwule, die gehetzt werden sollen. Ich stehe auf - mit weichen Knien und wirren Gedanken. Zwanzig Meter von der Bank und dem Fußballplatz
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entfernt zerfleischen sich die Linken seit Stunden, debattieren, ob die taz der Feind ist oder Attac. Umgeben ist die linke Insel von der Evershagener Realität. Hitler-Freunde auf der Bank vor dem EDEKA, Jungs, die rechte Hetzmusik hören, auf dem Fußballplatz. Müsste man in der Schule jetzt nicht eigentlich erkennen, dass man gemeinsame Ziele hat? Müsste man nicht rauskommen und sich den rechten Meinungen entgegenstellen? Plötzlich erscheint mir alles so sinnlos. Kurz nach Mitternacht bin ich wieder zurück in Berlin. Bis zum frühen Morgen erzähle ich Tom und Theo von Rostock. Von der verlassenen Hauptschule, den AGs und den Nazis. »Sie ist ein bisschen verstört«, sagt Tom denen, die am nächsten Tag Pläne fürs Wochenende machen wollen. Einer der Männer, die vor EDEKA saßen, fuhr mir später noch einmal mit dem Rad hinterher. Er wollte gern über die Wende reden. Darüber, dass er den Westen eigentlich mochte, weil ihm sein Onkel früher immer Kaugummi aus Frankfurt am Main mitgebracht habe. Aber es sei schnell klar geworden, dass es falsch war, an den Westen zu glauben. Um ihn würde sich der Westen nicht kümmern. Er gehöre zu den Verlierern, sagte er. »Warum?«, wollte ich wissen. »Ich habe keine Heimat mehr«, sagte er und war zurück in seiner irren rechten Welt: »Wir haben den Krieg verloren. Seitdem haben wir keine Heimat mehr.« Dann erzählte er mir noch, dass er zwei Wochen später feiern wolle. »Am zwanzigsten. Da wird Adolf hundertachtzehn.« Die meisten Menschen, die ich bei meiner Recherche traf, wollen den Wettbewerb um Leistung und Besitz verschärfen. Sie wollen die potenziellen Gewinner fördern
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und anspornen. Keiner von ihnen hat bestritten, dass es dann auch mehr Verlierer geben wird. »Pech gehabt!«, kommentierte dies Rektor Jahns von der EBS. »Um die, die unverschuldet da reingerutscht sind, müssen wir uns besser kümmern«, fand sein Student Bernd. Die Menschen, die nicht zum Wohl der Gesellschaft beitragen wollten, obwohl sie es könnten, dürften allerdings vom Staat auch nichts bekommen, fügte er hinzu. Die Internate wollen ein paar mehr Stipendien für die besonders Klugen und Fleißigen unter den materiellen Verlierern organisieren. Und die Bayerische Elite-Akademie wird in ihrer Auswahl weiter darauf achten, dass auch die bisher Benachteiligten ein paar Plätze bekommen. Das ist teilweise sicherlich gut gemeint, teilweise absichtlich brutal. Aber weder das eine noch das andere hat mich davon überzeugt, dass es denen, die unten stehen, besser gehen wird, sobald die, die sich Elite nennen, mehr Einfluss haben. Im Leben derer, die ich bisher traf, waren die Verlierer hauptsächlich ein theoretisches Problem. Man weiß, dass es andere schlechter haben, weil sie weniger können, weniger wollen, weniger besitzen. Aber Salem, Westerham und Neubeuern sind Hunderte Kilometer von RostockEvershagen entfernt. Hier gibt es keine Villa Ritz für die Kleinsten, keine Internate für die Mittleren, keine EliteAkademie für die Großen. Hier gibt es manche Vorbilder, die Schwachsinn reden, und Samstage, die in Bier ertränkt werden. 6,5 Millionen Deutsche leben einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge am unteren Rand. Sie haben wenig Geld, sind meist arbeitslos, haben wenig Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird, und sie neigen zu radikalen politischen positionen. Sie sind abgehängt. Unterschicht eben.
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An den unterschiedlichsten Stationen meiner EliteRecherche empörten sich meist wohlhabende junge Menschen über die »deutsche Gleichmacherei«, als wäre sie eine nationale Krankheit, eine Lähmung, Quell von Neid und Missgunst. Sie saßen in Schlössern, als sie über die Gleichmacherei schimpften, tippten ihre Kritik in ihr Reiche-Kinder-Internet-Forum oder verkündeten sie auf Karriere-Messen, wo ihnen Monatslöhne geboten wurden, die den Betrag, den ein Hartz-IV-Empfänger im Jahr bekommt, übertrafen. Das Gerede von der »deutschen Gleichmacherei« ist in meinen Augen vollkommen absurd. Falls es diese Gleichmacherei je gegeben haben sollte, ist sie schon lange Vergangenheit. Vielleicht sollte der Elitenachwuchs mal einen Ausflug nach Evershagen machen oder nach Wattenscheid in die dortige Förderschule. Kein Kind dieser Schule hat in den vergangenen Jahren einen AusbUdungsplatz erhalten. Die Schule bereitet sie auf ein Leben mit Hartz IV vor, von Anfang an. »Illusorisch«, sagen die Lehrer, wenn diese Kinder von ihren Berufswünschen erzählen. Und dabei träumt keines der Kinder davon, Investmentbanker oder Unternehmensberater zu werden, sondern allenfalls Verkäuferin im Kaufland. »So konnte aus der einst nivellierten Mittelstandsgesellschaft ein Land der scharfen Gegensätze werden«, schreibt der Spiegel im Dezember 2006. Die Deutschen sind reich, auf 7,5 BUlionen Euro wird ihr Nettovermögen geschätzt. Aber die Hälfte dieses Reichtums gehört ganz wenigen, nämlich den obersten zehn Prozent der Bevölkerung. Im Schnitt bringt es ein Haushalt in dieser Oberschicht auf ein Vermögen von 850000 Euro. Genug Geld, um den Nachwuchs in schicke
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Kindergärten oder zu Privatunis zu schicken. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass das untere Zehntel der Bevölkerung in den letzten zehn Jahren fünf Prozent seines Anteils am Gesamtvermögen verloren hat, in Ostdeutschland beträgt der Verlust sogar 14 Prozent. Gleichmacherei. Dieser Vorwurf geht an der Realität vorbei. »Deutschland wird zum Land der Extreme«, schreibt der Spiegel. »Der Modehersteller Hugo Boss will eine Kollektion für Kinder zwischen zwei und zwölf auflegen; zugleich eröffnet an fast jedem Werktag eine neue Filiale des Textildiscounters KiK, wo es Five-Pocket-Jeans für Heranwachsende schon ab 4,99 gibt.« Und kaum einer im Land fordert diese »Gleichmacherei«, vor der sich die zukünftige Elite so fürchtet. Die Mehrheit der Deutschen hat nichts dagegen, dass der, der mehr leistet, auch mehr hat. Die meisten halten diese Formel für richtig. Sie ist Motivation und Belohnung zugleich. Wenn also der, der als Kind Discounter-Jeans trägt, gute Chancen hat, den Weg nach oben zu schaffen, falls er klug und fleißig ist, ist es für einen Großteil der Menschen akzeptabel, dass nicht jeder im selben Laden kaufen kann. Aber hat er diese Chancen? Anfang 2007 waren nach Angabe des ARD-Deutschlandtrends zwei Drittel der Deutschen der Auffassung, dass es im Land alles in allem eher ungerecht zugehe. Sie trauten dem Versprechen nicht, dass allein Anstrengung und Können bei der Verteilung des WoWstands entscheidend sind. Und nach allem, was ich gesehen habe, glaube ich, dass sie recht haben. Deutschland ist undurchlässig, stellen Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen fest. In keinem anderen Land entscheidet die Herkunft so sehr
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habe ich dann immer gesagt. dass seine Schüler trotz schlechterer Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein. Es sind liberale Nachfolger der immer noch vielfach stramm rechten Burschenschaften. Ich. mit meiner Kleinstadt. wie früh die Netzwerke geknüpft werden. »Dadurch. Nirgendwo sonst in Europa ist es für Menschen. weil sie wüssten. die einen Job im Niedriglohnsektor haben. und die Leute denken in solchen Kategorien. könnte ich noch hinzufügen. und knüpft Seilschaften. anerkannte. hat mich vollkommen überrascht. die ich traf. die Maximilianeerin. als sie noch im Iran lebten. und sowohl materiell als auch ideologisch entsteht da eine homogene Oberschicht. also in der Familie bleiben. dass die Gesellschaft derart auseinanderreißt. die mit dem Rest gar nichts mehr zu tun hat«.« Unternehmerkinder. Die Menschen. in den Internaten. weil sie souverän im Auftreten seien. Das wird richtig gepflegt. dass Einfluss und Posten im Netzwerk. Hier die Elite. denen ich davon erzählte. entwickelt sich bei den oberen Prozent eine Welt. dort die. 217 . Hier die. der Globalisierungskritiker. sagt Elite216 forscher Hartmann. Leistung und Talent spielen bei dieser Aufteilung sicher eine Rolle. Wie rasant diese Entwicklung abläuft.und Professorenkinder.und Ruhrgebietserziehung. aber teure Privatuniversitäten und belächelte Reste-Universitäten gibt. die Mario in Griechenland so eifrig beschworen hatte. die helfen. wie es sie hier so lange nicht gegeben hat. war wohl zu naiv. »Ja. die ein Leben lang halten. deren Eltern alles tun. Ärztekinder. wenn es richtige und falsche Schulen. »Das sind ja fast amerikanische Verhältnisse«. obwohl ich noch nie in den USA war. Was den Burschenschaftlern ihre »Alten Herren« sind. eine besser bezahlte Stelle zu finden. Denn aufgeteilt wird immer früher. wie er sagte. die entscheiden. damit das Elitelabel so früh wie möglich auf der Stirn des Nachwuchses haftet und nie wieder verloren geht. Wenn sich schon im Kindergarten die Wege gabeln. eine herrschende Klasse. hatte verwundert festgestellt: »Wir sind viele Lehrer. aber sie funktionieren nach demselben Prinzip: Man kreiert eine Gemeinschaft. die ab der Geburt gepäppelt werden. Chris. dass es Kinder aus gutem Hause auch hier leichter hätten. Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es selbstverständlich. über die verfügt wird.über den schulischen Erfolg. »Das wird verstärkt durch Privatschulen oder auch die Selektion an den Unis. genau«. kamen aus ähnlichen Elternhäusern. meinte. dass es auch in der linken Szene diese Elite gebe. An der Elite-Akademie. sagten manche. werden wir wohl bald tatsächlich wieder Eliten haben. an den privaten Hochschulen preisen sie ihre Absolventennetzwerke. sind den Netzwerkern die Alumni: Karrierekatalysatoren. Aber auch seine Eltern waren Akademiker. wie das Spiel funktioniere. Aber nicht die entscheidende. dort die Masse. Echte Aufsteiger wie Aadish waren die absolute Ausnahme. wie deutlich sich der Bildungsweg für einige Privilegierte mittlerweile von dem der Masse unterscheidet. Maria.O-Abiturient von einem staatlichen Gymnasium«. Hier die Gewinner. dort die Verlierer. einen Corpsgeist. um darauf gefasst zu sein.« In Deutschland gibt es offenbar tatsächlich die Grenzen. Anwaltskinder. die dafür sorgen. dass bestimmte Kinder immer weich fallen werden. »I. Eliten. so schwer wie hier.

sondern Harvard. antworten sie nicht Microsoft. Die zweite Klasse. Ich habe eine Schale Haferschleim heruntergewürgt. meist schwarz. als der Zug stoppt. quartiere mich in einem Hostel ein und gehe abends wieder und wieder meine Fragen durch. mich mehrmals verlaufen und sitze nun in einer grauen. Wenn es jemanden gibt. Ich will meine Recherche nicht beenden. sie seien das Harvard des Westens. Gute Bildung für Reiche. Oder auf Bänken saßen. Beim zweiten begann ich zu grübeln. langsamen und überfüllten U-Bahn. Deshalb nehme ich in Manhattan den Bus nach Boston. es sei das Harvard ofIndia. klammere mich an den Armlehnen fest und starre aus dem Fenster. nicht Coca-Cola. die amerikanischen Verhältnisse. Ich fühle mich fremd und denke an das. doch noch eine schlüssige Antwort auf meine Frage »Was heißt >Elite<?« zu finden. dann sie. die sich um das Kind kümmert. schwärmt ein amerikanischer Marketing-Profi in der Süddeutschen Zeitung. und ein Yoga-Center in Colorado sieht sich als »Harvard der Pilates-Lehrer-Ausbildung«. nicht Disney. als meine Gedanken schlagartig stocken. zur einflussreichsten. Das müssen sie sein. auf der anderen Seite des breiten Charles River. Ich bin da. die die Herzkammer der Elite von innen ken218 nen. Die Air-France-Maschine schlingert beim Start in Paris. Ist das unser Ziel?. Die San Francisco Academy for Dog Trainers meint. die ich denen. ohne im Mekka der Eliten gewesen zu sein. denke ich. der Maßstab. die Babys in Bugaboo-Buggys durch Parks schoben. stellen möchte. eine Universität in Israel tauft sich Harvard ofHaredin. Harvard sei der »GoldStandard der Bildungsindustrie«. welche Marke weltweit das größte Vertrauen genießt. zehn Minuten von der Bostoner Innenstadt entfernt. eine Restbildung für den Rest. rund fünfzig US-amerikanische Universitäten sagen von sich. Ich werde tiefer in den Sitz gepresst. Beim dritten hatte ich begriffen: Während die Haut der Kleinen stets weiß oder zartrosa ist. »Harvard« heißt die U-Bahn-Station. Werden die US-Amerikaner gefragt. Beim ersten dieser Paare habe ich noch staunend und etwas verschämt in den Kinderwagen geschielt. Oder vor den schicken Privatschulen warteten. Zweiklassengesellschaft. der mir doch noch das Prinzip »Elite« erklären kann. ist die der Nanny. Am nächsten Morgen bin ich viel zu früh dran. betreut die Kinder der Upperclass. die zu den Besten gehören wollen. und dort will ich hin. die in Harvard Politik studieren. Das Manipal Institute of Technology wirbt. Zu dessen Ufer müssen es laut Stadtplan nur wenige Meter sein. das »Harvard der Hundeschulen« zu sein. denke ich. als die Großen um drei Uhr in ihren Uniformen aus den Gebäuden strömten. was mich in meinen ersten Stunden in den USA am meisten irritiert hat: Ich habe Dutzende Frauen gesehen. Harvard ist also Elite. die mich hoffentlich zur elitärsten aller Elite-Universitäten. Ich bin mit einigen Deutschen verabredet. dunkel. meinem Zwischenstopp in Richtung Harvard. Es ist der letzte Versuch.LOOKING FOR HARVARD Amerikanische Verhältnisse. berühmtesten und mit 26 Milliarden Dollar Stiftungskapital reichsten Uni von allen fahren wird. Nordens oder Südens. während die etwas größeren Kinder auf dem Spielplatz tobten. In acht Stunden und fünfzehn Minuten soll sie in New York landen. die in den USA offensichtlich an ihrer Hautfarbe zu erkennen ist. frage ich mich. Wo die amerikanische Flagge vor einem Bil219 . den die bemühen.

zu dem unter anderem Harvard. um sich hier den letzten Schliff rur ihre Karrieren als Führungskräfte im öffentlichen Sektor. Lars. aber nicht weiter aufregendes Gebäude aus den siebziger Jahren. durch nichts in ihrer Lektüre gestört werden als durch das leise Knirschen der Schritte ihrer Kommilitonen im Kies. Ich. normale Häuser. den ich von in die Welt verkauften Sweatshirts und Kappen kenne. 45620 Dollar kosten Studienjahr und Wohnheimplatz in Harvard normalerweise. weil ich denke: Das kann nicht sein. das Bundeswirtschaftsministerium. die vor alten Herrenhäusern sitzen. Mare. einen Schnipsel Wirklichkeit zu erhaschen. Berkeley Street. Er war einer. Can you help me?« Wir starren uns ungläubig an. Thomas. die den Staat gestalten. die John F. Und es gibt. wie die deutschen Stipendiaten in Harvard genannt werden. nicht 221 . der beide Länder verband. Kennedys Mahnung begrüßt werden: And so. der sich mit den Bildern im Kopf deckt. reicht zum Leben. was bleibt. Hier studieren die Deutschen. dass er auch auf unserem Dortmunder Bausünden-Campus 220 nicht weiter aufgefallen wäre. Filmen und von Fotos kenne. wende ich mich an den nächsten Cappuccino-Trinker. Das Geld zahlt ihnen ein Finanzierungskonsortium. Matthias und Christina müssen die Gebühren nicht bezahlen und bekommen zudem einen monatlichen Unterhalt von 1650 Dollar. Wo Studenten. Wo Spaziergänger von John F. Die Deutschen werden gefördert. weil er signalisiert: Das ist hier. Er. der so hässlich ist. Wo die Ruderboote von synchronen Schlägen der Studenten durchs Wasser gepeitscht werden. der stolz gehissten US-Flagge und einer Bibliothek.m dungstempel weht. der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Haniel Stiftung eines Duisburger Konzerns gehören. dem sich die John F. den »McCloys«. Es gibt aber ebenso den Betonbau der Naturwissenschaften. ein funktionales. Hier. »I'm lookingfor Harvard. Die sechs Deutschen sind McCloy-Stipendiaten. das ist der nicht gerade bescheidene Auftrag. leicht gewölbten Harvard-Schriftzug auf der Brust. Keiner trägt den breiten. Garden Street. »Sorry«. also dem Staat. Harvard ist groß. my fellow Americans: ask not what your country can do for you . da bin ich sicher. Davon müssen sie zwar ein Zimmer mieten. John Jay McCloy wurde 1949 von den USA als »Hoher Kommissar« nach Deutschland geschickt. Aber das. zu holen. die ich noch nie gehört habe. Ich sehe normale Straßen. Und natürlich hat er recht. werde ich eine junge Elite finden. Shirts und Flipflops. den Pappbecher mit dem Morgen-Cappuccino in der Hand. Kennedy School verschrieben hat. Das hier kann nicht Harvard sein. die dem Gemeinwohl. Kennedy School of Government. Ich lese Namen auf Straßenschildern. Oliver. normale junge Menschen in Jeans.ask what you can do for your country. Waterhouse Street. Das soll auch ihnen einmal gelingen. Aber er bleibt dabei: Einmal links und dann die Straße runter. Ich suche das Harvard. einmal links und dann die Straße runter. Er setzte sich für den Marshallplan und Deutschlands Wiedergeburt auf internationaler Bühne ein.»Führungskräfte rur den Dienst an demokratischen Gesellschaften auszubilden«. das ich aus Büchern. Es gibt den Klischee-Campus mit roten Backsteinbauten. Fieberhaft versucht mein Gehirn. Preparing leaders for service to democratic societies . Aber ich finde es nicht. deren Eingang von Säulen umrahmt wird.

die durch das streng formalisierte Auswahlverfahren wollten . »Und warum nicht in die Politik?«. eine bei »keine Ausnahme«.« Könnte man Gefühle hören. die in Verwaltungen. sondern auch schon bei zwei großen Beratungsfirmen. dem Aspen-Institut und dem deutschen Außenministerium gearbeitet. Oliver gerade erst vierundzwanzig. Peng. quasi als Anwalt der Allgemeinheit. die mir hoffentlich erklären wird. hat nicht nur Wirtschaftsgeografie. »Wenn man sich die Alumni-Listen anschaut. Ministerien. sagt Oliver. »Die Leute. weil sie im Ausland waren. Sie sind Ende zwanzig.anstehen. für andere zu arbeiten. Bei der richtigen EU in Brüssel war er auch. der Jahrgangssprecher: Er hat in Bremen. zu den Investmentbankern und Beratern sieht. frage ich. Bei vielen ihrer Mitstudenten sehe es ähnlich aus: McKinsey und die anderen großen Beraternamen stünden in den Charts der Arbeitgeber ganz oben. 222 »Unternehmensberatung«. Hut ab. Politik und Volkswirtschaft studiert. »Wäre für mich denkbar gewesen«. müssten auch die Harvard-Studenten für eine Karriere in den Ministerien . eine bei »Privatsektor«. peng. »Aber meine Schwierigkeit ist. die diesen Standardlebenslauf nicht haben. Eine Elite. der südamerikanischen EU. Lars will eine Politikberatung gründen. klagen sie. dass ich mich frage: Wann haben sie das alles geschafft? Lars zum Beispiel. Die Pathosblasen. auch wenn sich das nach Entschuldigung anhört. dass das System in Deutschland einfach so ist. Eine Elite. diplomatischer Dienst?«. die stören ja ein bissehen.der Wirtschaft dienen will. was sie hier. die Auserwählten. denke ich und freue mich auf ihre Visionen. Ihr Jahrgang sei da keine Ausnahme. Während die großen Beratungsfirmen Topabsolventen hofierten und mit astronomischen Gehältern würben. The Chosen. die auf dem Weg hierher immer dicker geworden sind. Und dort würden dann eben Juristen mit einem »Standardlebenslauf« bevorzugt. sind zerplatzt. sagt Oliver. weil sie etwas anderes gemacht haben. Außerdem bei einer NGO in Indien und einer Entwicklungshilfeorganisation im Südpazifik. Ministerien oder der politischen Exekutive das umsetzen wird. am großen Ganzen zu feilen. »Was wollt ihr ändern? Wo wollt ihr hin? Politik. dass es ihr Ziel ist. so gäbe es jetzt einen dumpfen Knall. Lars ist einunddreißig. die sich vielleicht als Gegengewicht zu den Absolventen der EBS. Dort sitzen sie. Eine bei dem Wort »Berater«. Der öffentliche Sektor mache es einem nicht leicht. peng. dass eine Auszeit von zwei Jahren nicht gerade 223 . an Amerikas edelster Uni. ist es ganz klar so. sagen sie. gelernt hat. nicht nur am eigenen Kontostand und dem einer Firma.wie alle in der langen Schlange. der dünne Blonde. vorher in der Wirtschaft waren. frage ich. der Bertelsmann-Stiftung. sagt eine Studentin. Brasilien und Uruguay studiert. Spanien. vielleicht auch. Dort hat er bei der Mercosur gearbeitet. der im Gespräch am meisten reden wird. Getränkt mit so viel süffigem Pathos schreite ich ins Forum der JFK-School. die könnten ja die eingespielten Prozesse verändern wollen«. der luxemburgischen Regierung. Oder Oliver. die den Sprung nach Harvard geschafft haben. Im Sommer will er zu einer Abenteuerreise aufbrechen und mit Bus und Bahn von Deutschland nach China reisen. haben aber schon so prall gefüllte Lebensläufe. sagt Oliver. dass unheimlich viele Leute in den Privatsektor gehen und auch dort bleiben.

sondern weil diese Phobie. Dass die Berater in den Vorstandsetagen der Dax-Unternehmen ein und aus gehen. Wenn das so weitergeht. Aber selbst wenn das stimmt. damit alle Bildung als »Investment in sich selbst« erkennen. war mir neu. die vor der Entscheidung standen: weiter in der Partei aufsteigen oder nach Harvard gehen. »Wir bleiben nur zwei. Vielleicht hat Mario recht. dass sie Konzepte entwickeln. 1.förderlich für einen Aufstieg in einer Partei ist. erst einmal rauslassen«. bei Wahlen die Konzepte von McKinsey oder Berger zur Abstimmung zu geben statt der Programme von CDU oder SPD. Als ich mich bei McKinsey beworben hatte. die ich während meiner Recherche besuchte. der zukünftige Politikberater. die »absolut nicht studierfähig« und dazu noch ziemlich faul seien. Dass sie aber auch vorschlagen. Es ist nicht so. war ich überrascht. hieß es: McKinsey und Co. Er bleibt. dass das hier in Deutschland als Sprungbrett zu einer politischen Karriere angesehen wird. »Nicht weil man sagt. Manche der jungen Talente sträuben sich. wie unser Leben aussehen soll. was passiert. sagten die meisten der Schüler und Studenten. lange Haare. Sie bieten viel Geld. an denen man die junge Elite vermuten könnte.4 Milliarden Euro zahlte der Staat den Beratern nach Angaben der Branche im Jahr 2006. vor allem. meint er. war mir klar. sind die Beratungen die Einheitsschule der zukünftigen jungen Elite. manche suchen nach anderen Wegen. wie die Bundesagentur für Arbeit oder die Bundesw~hr auszusehen haben. waren schon da. gegen das verstaubte Organisationsformen wie Staat oder Wissenschaft keine Chance zu haben scheinen. 1. als sie fordern. wie intensiv die großen Beratungsfirmen inzwischen mit dem Staat zusammenarbeiten. es ist uns egal. mit denen ich über ihre Karriere als Berater sprach. aber an allen Orten. im Grunde genommen ein Mittelmaß schafft und uns die Möglichkeit nimmt. als die anderen 225 . es müsse wesentlich verschulter werden.4 Milliarden dafür. Fünftagebart. Dann saugen sie die Talente ab und speisen mit ihnen ihren hochtourig laufenden Apparat. aus meinen Gedanken. dass ich eher linke Ansichten habe«. Keiner scheint die junge Elite so zu faszinieren und zu dominieren wie die Beratungen. eine spannende Arbeit und jedem ein bissehen Macht. aussortieren. nur so könne man das Drittel unter den deutschen Studenten. Es mag nach Verschwörungstheorie klingen. WIe man U' 't" mverSI aten 0 d er Krankenhäuser straffer orga224 nisieren kann. aber letztlich unterschreiben die meisten doch. dass sie anstelle von Politikern und Verwaltungen Konzepte dafür entwickeln. Es gibt hier ein paar Beispiele von Leuten. »Man müsste den Begriff >soziale Gerechtigkeit< aus allen Diskussionen. Sie halten überdimensionale Sauger in der Hand und positionieren sich vor allen Unis. wie das Arbeitsleben anderer weitergeht. Dinge zu verbessern. Denn er darf mitentscheiden. Ein Parallelsystem der neuen Mächtigen. Matthias heißt der »Aber«-Sager. was die Egalität gefährdet. Gelbes T-Shirt.« Plötzlich sehe ich Mario und seine Kollegen von McKinsey vor mir. drei Jahre dort«. auch aus der über Elite. Als sie die Einführung von Studiengebühren verlangen. wäre es vielleicht ehrlicher.« Es gibt einen in der Runde. Schulen und Akademien. der mehrmals »aber« sagtals die anderen Harvard-Stipendiaten über die deutschen Universitäten schimpfen. »Das sieht man ja. reißt mich Lars.

dann überhaupt Sinn. »Es ist nicht so. Für diese Vorschläge gab es keine Mehrheit. gepaart mit einer mitleidlosen Missachtung für die. Elite heißt Vernetzung. In Neubeuern und Salem. Es ging darum. Vier Tage hat meine Reise ins Mekka der Eliten gedauert. Ich bin geflogen. kluge Antworten auf meine Fragen zu hören. dreiundzwanzig eng betippte Seiten. das die. Die Ärmsten könnten dort Kleinstbeträge leihen. dass das Faszinierende an Harvard sei. Und auch sie würden inzwischen eifrig knüpfen. die dazugehören. Nur drei Prozent der Erstse227 . Ein Netz. »Es gab unter den Studenten Diskussionen«. Er will dort ein Mikrokreditinstitut für Wohnungsbau mitentwickeln. »sehr lange Diskussionen. und erzählt von seinem Projekt in Indien. der meinte. die in die private Wirtschaft gehen und deshalb sehr viel Geld verdienen. wo die Abiturienten dicke Bücher mit wertvollen Adressen in die Hand gedrückt bekommen und ein Anruf den Einstieg in den Beruferleichtert. Manchmal konkurrieren mehrere Nobelpreisträger um ihr publikum. Auch diesen Gedanken habe ich schon mehrmals gehört. Aber jeden Abend seien hochkarätige Gäste da. Leider. denen die deutschen Verhältnisse immer ähnlicher werden. Schon jetzt pendelt Matthias zwischen Harvard und Ahmedabad im Westen Indiens hin und her. Viele bekommen eine Absage vom Staat und denken dann: Das Geld. Joschka Fischer. ein Gegengewicht zu dem bislang Gehörten. um vielleicht doch noch neue. wo an funktionierenden Absolventen-Netzwerken gearbeitet wird. Die akademische Qualität der Seminare sei nicht unbedingt besser als in Deutschland. die außen stehen. ist auch nicht schlecht. Und sogar von Chris. habe ich nicht gefunden. frage ich. Wie die »faulen« deutschen Dauerstudenten zum Beispiel. ob sich die Absolventen verpflichten sollten. wenn am Ende doch alle zu Beratungen gehen und eben nicht beim Staat arbeiten?«. als zu den Beratungsfirmen zu gehen. durch Harvard geirrt. An der EBS und der Elite-Akademie. Stattdessen die immer gleichen Antworten: der Wunsch nach einer Förderung der Eliten. Die meisten Studenten wollten das nicht. auffängt und die. Oder ob diejenigen. abhält. Madeleine Albright. Ich bin zurück aus den amerikanischen Verhältnissen. um sich würdigen Wohnraum zu leisten. Im Interview hatten die Studenten erzählt. wie wertvoll Vernetzung sei. eine Zeit lang im öffentlichen Sektor zu arbeiten. mit welch großem Einsatz alle an ihren exzellenten Kontaktnetzen knüpfen würden. auch staatliches Geld. vielleicht sogar scheitern.« Um sechs Uhr morgens landet die Boeing 777 in Paris. dass es mittlerweile auch Karrierenetzwerke für junge Linke gebe. stundenlang Bus gefahren. sagt er. das die Beratungen zahlen. Ehrgeiz und Fleiß.« »Aber macht das Stipendium. Man würde in Harvard schnell begreifen. sagt Matthias. die nicht ähnlich erfolgreich sind. einen Teil ihres Stipendiums zurückzahlen sollten. kostet. das viel Geld.längst in Richtung Seminar verschwunden sind. In meinem Rucksack habe 226 ich zwei Stunden Interview auf Band. Das Bekenntnis zu Leistung. Aber eine andere Elite. als hätten sich hier alle auf Dutzende Stellen in den Ministerien beworben und sähen keine andere Möglichkeit. Der französische Premier. sagen sie. Die amerikanische Century Foundation hat kürzlich die Studentenschaft der berühmtesten US-Unis untersucht. »Noch einmal zu den Beratern«.

ein Pferdestall oder ein Fuhrpark. Zu rot? Das würde ich jetzt gern meinen Freund fragen. Meine Lippen sind tiefrot. Ein Feudalsystem.. an dem. bei Kindern von treuen Geldgebern. die mir eine Freundin geliehen hat. Es gibt also keinerlei Gründe. dass die berühmten Colleges. So.- mester kommen aus Familien. auch deutsche Privatschulen und -Universitäten basteln.« Das Buch sorgte in den USA für heftige Debatten. wenn ich ihm von meiner Reise zur Oberschicht erzähle. konnte Golden doch nachweisen. Golfer und Dressurreiter einrichten. Gleich wird es ernst. Dem nächsten meiner Freunde. Duke und Co. der sagt: »Das sind ja amerikanische Verhältnisse«. welches Paar Schuhe zu meinem gerade gekauften kurzen schwarzen Kleid passt. damit sie das Erbe ihrer Eltern antreten können. ob~ wohl er schlechte Noten hatte. meint Golden. Es sind die Verhältnisse. Die Elite versorgt ihre Kinder mit den Abschlüssen der Elite-Unis. stammte also nicht aus einer wohlhabenden Familie. Ich stehe vorm Spiegel und teste zum dritten Mal. doch der rennt seit einer Stunde zwischen seinem Zimmer und dem Bad hin und her.»Der Preis der Zulassung«. von Berühmten und Mächtigen beide Augen zudrücken. bei der Auswahl ihrer Studenten mindestens genauso auf den Reichtum und die Macht der Eltern achten wie auf die Noten und Testergebnisse der Schüler. Golden belegt. Ein Feudalsystem. über das ach so ungerechte amerikanische Zweiklassensystem zu spotten. wie mir meine Recherche gezeigt hat. wie es in der College-Sprache heißt. 74 Prozent der Studenten sind Kinder derer. Das Ticket für Harvard werde vererbt wie eine Firma. von Harvard über Princeton bis Yale. Tom zieht das 229 . Er war unhooked. die das reichste Viertel ausmachen.« DIE ELITE FEIERT Es ist kurz nach Mitternacht. mit glänzenden Steinen besetzten Handtasche fest. Im gleichen Jahr hat die Uni einen asiatischstämmigen Studenten mit brillanten Zeugnissen und einem exzellenten Lebenslauf abgelehnt. von Absolventen der Unis. 2006 veröffentlichte er sein Buch The Price ofAdmission . In der jüngsten PISA-Studie landeten die USA in puncto Chancengleichheit vor Deutschland. So hat Harvard zum Beispiel den Sohn des ehemaligen Vizepräsidenten und heutigen Klimaschutzhelden und Nobelpreisträgers Al Gore angenommen. dass der amerikanische Aufsteigermythos mit der Realität an den großen Universitäten nicht mehr viel zu tun hat.. So bleibt man unter sich. die nötig sind. das ohne die plumpen Methoden seines geschichtlichen Vorgängers auskommt. dass Kinder reicher Eltern bessere Schulen besuchen und besser gefördert werden. werde ich nun guten Gewissens erwidern: »Streich das >amerikanisch<. dass die Aufnahmebüros in Harvard. Noch etwas steif halte ich mich an der kleinen. die zum ärmsten Viertel der Bevölkerung gehören. dass sie Stipendien für Polospieler. Dass dieses Ergebnis nicht nur damit zu tun hat. Untertitel: »Wie sich Amerikas herrschende Klasse in die Elite-Colleges einkauft und wer draußen bleiben muss. hat der Journalist und Pulitzerpreisträger Daniel Golden beschrieben. Seine aufwendige Recherche zeigt." ~. während gleichzeitig die Förderprogramme für talentierte Basketballer 228 oder Läufer zusammengestrichen werden. würden die Unis immer reicher und weißer.

Die Wände und der Boden. draußen bleiben<<<. Ich mustere sie lange und entscheide. do you want House Music?« Danach stöhnt sie wieder und singt schließlich weiter. Wir müssen ein paar Straßen weiter parken«.« Und. Deshalb die Aufregung. Ab und an hebt einer der abgefüllten Helden die Arme. »Ich will nicht. Darin wurde die letzte SchwarzekarteParty als Champagnergelage von Kindern beschrieben. Ich hatte Tom aus einem Artikel in der Hamburger Morgenpost vorgelesen. Ihre Brüste. auf denen »Prince« oder »Princess« steht. die in schneeweißen Daunenjacken stecken. »Keiner ist ausgelassen. sage ich. zu deren Internet-Netzwerk Schwarzekarte ich seit einigen Wochen gehöre. schreie ich Tom zu. wie sie schreiben. Wir parken. verprassen können. sonderlich exklusiv ist es auch nicht. die sich hinter uns in die Reihe einordnen. »Das ist so seelenlos hier«. antwortet er gereizt. sogar die Kleidung der Barkeeper und die Schürzen und Hauben der farbigen Toilettenfrauen. Die Frau. wie wir später sehen werden. Die Schlange bewegt sich kaum. Exklusivität scheint zu verlangen. sehr junge Partygäste. »Was ist hier so falsch?«. also um die 2000 Euro. dann sind wir an 230 den Türstehern. Sie leckt sich die Lippen und stöhnt. dass sich das Ankleidetheater gelohnt hat. keinen braunen Ledergürtel zu besitzen. Wir sind jetzt seit über einer Stunde auf der Party. Alles um mich herum ist weiß. Taxis halten hier im Akkord und speien junge Menschen aus. Was meinen die damit?« »Die« sind die Kinder wohlhabender Eltern. »Dresscode: stylish und sexy« steht in der Einladung. Eine halbe Stunde später ist zumindest klar. auch hier spazieren in Gestalt von Täschchen und Stiefelchen die teuren Marken umher. keiner hat richtig Spaß. jammert er. Hinter meinem Rücken sind Samtkordeln gespannt. die den Gästen die Türen öffnen. die schon seit einer halben Stunde in einer Dauerschleife zu irgendwelchen Beats singt. und wir stehen auf der Gästeliste. als wolle er die Sängerin am Ende des Saals dirigieren. Wodka. Klar. in denen ein paar halb leere Flaschen stecken. »Hätte ich eh nicht gemacht«. Und 50 Euro pro Flasche stemmt man 231 . dass die sagen: >Sozen-Mode. zieht doch ein anderes an und verzweifelt fast bei der Erkenntnis. denn der Club ist nur mäßig gefüllt. einer prüft kurz die Kleidung. stopfen aufgeregt viel zu viele Scheine in die winzige Handtasche und laufen zu dem von Strahlern in rosafarbenes Licht getauchten Club. die Vorhänge und die Ledersitzgruppen. Heute feiern sie eine. werden bei jeder Bewegung aufs Neue gequetscht. die ich mittlerweile so gut kenne. sagt er. und ich fühle mich falsch. Eine unnötige Prozedur. Dahinter drei Ausrufezeichen. ehrlich gesagt. »exklusive und exzessive Party« im Berliner Dinnerclub Bangaluu. steckt es wieder rein. dass sie nicht der Grund für mein Unwohlsein ist. es ist kurz nach zwei. von denen einige jeden Monat ein Taschengeld in Höhe eines ordentlichen Nettogehalts. Dann schreit sie: »Berlin.vorbei. Ein Blick mustert unsere Gesichter. Wenig später sitzen wir in Toms Polo. Hinter denen wiederum hocken betrunkene. die ich auf jeweils zwei Kilogramm schätze. steckt in einem gefährlich korsettierten Kleid. Es geht nur zentimeterweise weiter. »Mit dem kannst du da nicht vorfahren. mit Eis gefüllte Kübel vor sich stehen haben.e Hemd aus der Hose. die silberne. dass man vorher ordentlich friert.und Champagnerflaschen gibt es heute zum Schwarzekarte-SpecialPrice von 50 Euro.

die einen »total exklusiven« Club am Ku'damm eröffnen will und jetzt schon nach den richtigen Leuten fahndet. Dabei hatten uns doch alle Zulasskontrollen suggeriert. sage ich irgendwann. Dennis redet auf die Dame am Pult ein. der uns zur Party begleitet hat. fragt er und wedelt mit seinem Handgelenk vor unserer Nase herum. ein Junge fahrt ihr zwischen die Beine. biegen um die Ecke. Plötzlich möchte ich um jeden Preis auch diese Treppe hoch. Wir passieren einen Kühlschrank mit riesigen Champagnerflaschen. erzählt er. Die Muskelshirt-Träger. Das schwarze Kleid. dass die Exklusivität im Bangaluu mehrstufig organisiert ist. die er wohl in irgendeinem Video gesehen hat. Denken wir erst mal. Aber Dennis gehört jetzt dazu. Die HandyFotografierer. Also nichts mit Elite. die sich zumindest die 50-Euro-Flaschen leisten können. Gerade kippt einer ein Glas Cola über die weiße Ledersitzecke. In seinem Gefolge darf ich an ihr vorbei. braucht ein weißes Band«. Ob es am Cuba Libre liegt. Als ich zu Hause bin. Stattdessen sind wir auf einem Kindergeburtstag. und Tom ist von einer Tussi angemacht worden. »Braucht ihr so ein Band?«. »Du hast es doch gerade schon mal versucht«. »Wer hier hochwill. sagt sie. dass wir hier auf einer echten Party der Elite landen würden. als ein Typ gekommen sei und gefragt habe: »Magst du ein Band? Für oben?( Die 232 Exklusivität scheint recht willkürlich verteilt zu werden. »Private« steht da. werde ich plötzlich so wütend. Dennis hat sich extra für diesen Abend einen bürgerlichen Seitenscheitel gekämmt und ihn mit Daxwachs fixiert. die meisten noch halbe Kinder. die edle Handtasche und die roten Lippen . merken wir. Sie ist ein Lockmittel. Sie starrt weiter. Und tatsächlich gibt es hier auch jede Menge Leute. Das endete mit einem billigen »Kann ich deine Nummer haben?«. an der House-Music-Sängerin oder an den selbstverliebten »Private«-Kindern. Vor dem DJ. Und es wirkt. Denn als wir die Treppen zum zweiten Obergeschoss hochgehen wollen. sondern in weißen Ledergarnituren sitzen. Unten auf der Tanzfläche steht das Volk. bewacht den Aufgang zum »Private«-Bereich. gehen an der Bar vorbei und sehen in einem fast leeren Raum vielleicht dreißig »Private«-Gäste. erklärt sie uns. Hier aber ist für sie alle und auch für uns Schluss. »Lass uns gehen«. ergötzen sich an sich selbst. Ein Mädchen starrt vor sich hin. den ich getrunken habe. »Ich habe genug von den 233 . kann ich später nicht mehr sagen. Man müsse den Besitzer kennen oder den. »Wer hat das? Wir stehen auf der Gästeliste!« »Das reicht nicht«. die hinter einem kleinen Pult steht. bei dem die Gäste nicht im Stuhlkreis. zwei Mädchen reiben sich an einem jungen Krawattenträger. Wir gehören nicht dazu. Ein anderes setzt sich unter dem Kreischen ihrer Freundinnen eine Sonnenbrille auf. Aber sonst? Eine ehemalige Soap-Darstellerin haben wir gesichtet.auch nicht mit einem Eckkneipen-Budget. Einer imitiert Schrittfolgen. dass ich meine Elite-Materialsammlung aus dem Regal reiße und durchs Zimmer schleudere. der unermüdlich Plastikmusik auflegt. um die Ecke. Eine Frau. Strahlend biegt kurz darauf ein Freund. Hinter den Samtkordeln sitzen die.das alles war also umsonst. der die Bänder verteilt. tanzen ein paar Gäste exzessiv. die man eher in Großraumdiscos erwarten würde. motzt sie in meine Richtung. Es wirkt wie eine hohle Kopie einer reichen und schönen Welt. Wir stehen und starren. Die Sonnenstudio-Gebräunten. Er habe gelangweilt und frierend am Eingang gewartet.

»Geld und Herkunft« schreiben Dritte. den Karrierecoach und die Uni. als Tom irritiert aus dem Bad herbeieilt. dass Elitesein kein Tabu mehr ist. die vor allem eins lernen: Euer Platz ist unter den Gewinnern. in Akademien. Jeder so. Die erste so erzogene Elitegeneration steht bereit. Und das ist das Grundproblem des Elitebegriffs. unterscheiden sich. empfinde ich sogar so etwas wie Mitleid mit ihm. Junge Menschen. Noch glücklicher bin ich allerdings darüber. Auch die Begründungen. 235 UNTER GEWINNERN Nach einem Jahr geht meine Suche nach der Elite jetzt zu Ende. Andere haben für sie nur ein verächtliches »Strengt-euchhalt-mehr-an« übrig. Das macht es so leicht. Denn das war es mit der Elite. die wissen. möglichst unvoreingenommen auf die zuzugehen. sondern Tatsache. Ich habe im vergangenen Jahr Tausende Bahnkilometer gesammelt. Kindergärten. »Leistung« steht aufvielen. Die sollte jedes Elternpaar für die Finanzierung eines solchen Elitebildungswegs beiseitelegen. Andere schreien ihn. wird es nun wieder hervorgezerrt. damit ihre Kleinen dazugehören. vor Selbstbewusstsein strotzend. für die Schule. »Verantwortung« auf anderen. Es wachsen Menschen heran. ihn zu instrumentalisieren. die wir angeblich brauchen.so viel Zeit verbracht habe. wie er es braucht. Hunderte Artikel gestapelt. Wenn man die zusammenzählt. Die Phase der Realisierung. auf ihrem Weg nach oben die. fluche ich. Ihr dürft die wichtigen Posten in der Gesellschaft übernehmen. dass in Deutschland eine gewaltige ElitenRevitalisierungskampagne läuft. an den Unis. die sich Elite nennen. Inzwischen hat man die zweite Phase der Kampagne gestartet. Am nächsten Morgen bin ich froh. ausbilden. um weiter neugierig. 234 . Endgültig. dass ich beides nicht mehr brauchen werde. die unten stehen. die gelernt haben. Mir ist klar geworden. Manche versprechen. Ich habe schon zu viele Bilder im Kopf. zu viele Antworten im Ohr. dass sie für sich mehr beanspruchen können als der Durchschnitt. Der Satz »Wir brauchen wieder Eliten« ist inzwischen so oft gesagt worden. Schulen und Universitäten versprechen. ein echter Begleiter geworden 1st. Manche zögern. nicht das schwarze Kleid oder die Brillantentasche demoliert zu haben. diesen Anspruch zu formulieren. Gebühren für den Kindergarten. mit dem ich jetzt. Es sind junge Menschen. Als sei es in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht schon genug gequält worden. In den Internaten. Das Wort »Elite« halte ich nach diesem Jahr nur für bedingt brauchbar. dass ihn fast niemand mehr hinterfragt. kommt man auf mindestens 300000 Euro. weiterzusuchen. zu viel Unwohlsein im Bauch. dass sie diese Eliten.Eliten!«. Ich glaube. Eltern überweisen Geld. Ihr seid Elite. Aus diffusen Eindrücken ist in diesem Jahr mehr und mehr ein stabiles Gedankengebäude geworden. Im Rennen um Macht und Geld ist für euch die Poleposition reserviert. die sie auf ihr Reservierungsschildchen für einen Platz in der Elite schreiben. es wäre sinnlos. heraus. nicht zu vergessen. das Internat. Er ist schillernd und unscharf zugleich. Weil das Wort. Dutzende Definitionen des Begriffs »Elite« gehört und ebenso viele Rechtfertigungen für sein plötzliches Wiederauftauchen.

die ich traf. und versteckt euch nicht hinter diesem so oft missbrauchten Wort. Als Carllange nachdachte und die einfachen Antworten scheute. dass nicht nur ich mit dem Wort zu kämpfen hatte. um schnell und geräuschlos das Land in eine neue Richtung zu drehen. sondern: »Sagt. müsste die Antwort nicht »Ja« oder »Nein« lauten. dieses Kostüm wieder herunterzureißen. dass nur die. Mut und Wahrheitsliebe. dass auch für ihn die Effizienz Grenzen hat. Verantwortung. die all das wollen. Ich habe gesehen. Ob einen der Satz ))Du bist Elite« auf Dauer verändert? . Aufteilung und Machtstreben meint. ))Wir wollen Eliten«. Das Wort »Elite« ist zu unscharf. Verpflichtung. was immer das auch heißen soll. Ich sah. hörte ich. Wenn gefordert wird: »Wir brauchen wieder mehr Eliten«. dass »Elite« heißen kann. eine besonders gute Ausbildung erhalten und als Bonus Kontaktnetze. in dem er seine Reise von Düsseldorf nach China beschreibt. was er unter ))Elite« versteht. zu funktionieren. hoher und weiter zu kommen als andere. dass sie hinnehmen.Wie ein altes Superman-Kostüm. diese Welt in letzter Konsequenz gar nicht wollen. um fast alle Motive unter sich zu verbergen. Fast alle. Als Bernd erzählte. dass Elite aber auch Ungerechtigkeit. »Elite« heißt für manche auch. Sicher auch edge und energy. kem . dass das Leben kein anstrengender Sprint sein muss. um ihre wahren Motive zu verbergen. dass sich Deutschland noch offensichtlicher in Gewinner und Verlierer teilt. zwischen seiner Karriere und seinen Idealen ins Straucheln zu geraten. sah ich. dass sie Sonderrechte auf Lebenszeit fordern. und dem. Ich bin sicher. Ich würde ihnen gern sage~. dass auf diese Menschen so wenig Rücksicht genommen werde. was andere mit dem Begriff verbinden. dass »Elite« heißen kann. auch wenn manche mit beiden Sätzen dasselbe meinen. tli h Wettkampf um noch mehr Leistung. dass auch die Elite Pausen braucht. Nach diesem Jahr fürchte ich mich davor. Als Oliver aus Harvard mir einen Link zu seinem Internet-Tagebuch schickte. schneller.« Ich habe gesehen. dass wenige Ausgewählte besser behandelt werden als der große Rest und dass die Regeln für diese Auswahl oft ziemlich undurchsichtig sind. Ich fände es schön. wenn sie sich Fehler gönnen könnten. begriff ich. klingt sehr viel freundlicher als »Wir wollen in Gewinner und Verlierer teilen«. Vorbild. wie man in seinem Sinne die Gesellschaft verändern soll. das Wort ))Elite« nutzen. um die nötigen Debatten 236 über die Frage »Wer bekommt wie viel und warum?« zu ersticken. und dass ~~gen c kein Zwang besteht. dass die meisten von denen. es ist höchste Zeit. Es soll seine Träger als Helden der Effizienzgesellschaft verkleiden und ist dehnbar genug. Sonderrechte. um zu definieren. waren klug. was ihr damit meint. auf dem schwierigen Terrain zwischen dem. dass schon die Kleinsten in Geförderte und Ungeförderte geteilt werden. weil er Sorge hatte. wenn ihnen die Last des Eliteseins erspart bliebe. h d· L· irgendwann nicht Vermutlich sperren SIC Ie Ippen 237 . fleißig und freundlich. die zahlen. die eine schnelle Karriere sichern. die ich traf. das Politiker und Wirtschaftsbosse in den Tiefen ihrer Mottenkisten wiederentdeckt haben. dass er durch die Arbeit seines Vaters viel Kontakt zu Behinderten habe und dass es ihm Sorgen mache. Das alles sei Elite. dass manche. merkte ich. Ich finde. unnütze Hobbys oder lange Ferien. Ich bin mir fast sicher.

hat mehr verdient. Es schmeichelt ja auch. die ich beim Campus-Day bekam.« Dieser Satz sagt viel über das.. diesen Satz zu sagen. Widersprecher. muss eigentlich fest davon überzeugt sein.. wir seien brillant. möglichst viel von dem. je vielfältiger die Begründungen und je eindeutiger die Forderungen wurden. Neinsager. Elite zu sein. sondern wirkliche Leistungen. Je häufiger ich ihnen aber lauschte. in möglichst wenig Leben zu quetschen. Konsequent zu Ende gedacht. kämpfen. Zur Selbstbestätigung wird dieses Bessersein zu allen möglichen Anlässen beschworen. Viel leisten. besonders ehrgeizig. die an das Elitekonzept glauben. stand in den bunten Prospekten. andere. reagieren mit betonter Bescheidenheit. wie Aadish. VI. desto mehr haben mich diese Sätze abgeschreckt. kein Recht auf Fehler. ' mehr. Fleißigsten. pünktlich und diszipliniert sein. wo oben sein soll. auch 239 _ _ _ _ _. Rennen.elleicht bin ich nach diesem Jahr so dünnhäutig... quälen sich mit Zweifeln. heißt »Elite« dann doch: Ich leiste.« Das. In solch einer Welt möchte ich nicht leben. keine Schreihälse. kein Recht. ~ncht an den Lerninhalten der Unis rütteln. dass Ich mich langsam in die Furcht vor der Elite hineinsteigere. keine Pausen einfordern. Das macht ~ir Angst. sonst würde er diesen Begriff kaum akzeptieren können. darf mehr bestimmen. was andere als Leistung defmiert haben. die Brillantesten: Solche Superlative muss man erst einmal verkraften. auf Umwege. Aber meiner Ansicht nach muss. so habe ich gelernt. hieß es. dass die Schüler oder Studenten besonders fleißig. Sie sind exzellent in dem. Klügsten. Manche. »Leistung« heißt in den meisten Fällen. nicht nachfragen. Ich denke an den Satz. i ' (" .~ .. Je früher die Einteilung in Elite und Masse erfolgt. was man in Zeugnissen Kopfnoten nennt: schön schreiben. Wer von sich behauptet. gehöre zu den zweihundert Topstudenten Deutschlands. dem bleibt fürs Grübeln. das heißt in dieser Elitenwelt: funktionieren. Aber vermutlich fehlte ihnen dazu schlicht die Zeit. Trotzdem ist dieses Mehr an Leistung die Hauptrechtfertigung fürs Elitesein. tun. um dorthin zu kommen. auch mal zu scheitern. die der Gesellschaft genützt haben. verknüpfen leistung direkt mit dem Wert des Menschen. nicht an Streik denken. Denken und Hinterfragen wohl wenig Raum.. wer Elite fordert. was in Zeiten der Elite von jungen Menschen erwartet wird. sind die Glaubenssätze der jungen Elite. Denn eigene Leistungen. also bin ich mehr wert. desto absurder wird aber das Gerede von den Besten. Die Klügsten. Beim ersten Hören klingen diese Sätze pragmatisch und vernünftig. Denn wer dem Ziel hinterhereilt.·An der Elite-Akademie. klettern. seien dreißig der talentiertesten jungen Menschen Bayerns. '. den Bundesbildungsministerin Schavan demonstrierenden Studenten 238 entgegengerufen hat: »Wir brauchen Eliten. wie Carl. . im Maximilianeum die klügsten Abiturienten des Freistaats. Beim McKinsey-Wochenende in Griechenland wurde uns gesagt. »Wer mehr leistet. Viele aber nehmen das Lob an.. vielleicht auch besonders angepasst waren. Wer mehr leistet. Wer es an die EBS schaffe. besser zu sein als andere. können die Zwanzigjährigen logischerweise noch nicht vorweisen. wenn ich unter den Eliten mehr Schreihälse getroffen hätte.. Mehr Querdenker. wenn der Tag in der Beratung wieder sechzehn Stunden lang ist. wenn die Ohren ihn nur oft genug gehört haben und das Gehirn ihn als wahr akzeptiert. die Talentiertesten. was verlangt wird. Viele. Ich wäre erleichtert gewesen. nicht Noten oder Testergebnisse.

Ich bin von der Arbeit zum Zug geeilt. »Was ist aus der Elite geworden?«.Antworten auf die folgenden Fragen geben: Wer misst diese Leistungen? Was ist wertvolle und was überflüssige Leistung? Heißt Leistung stets Effizienz und Profit? Gibt es Abkommen. stopp. Dann wird ihnen das Recht auf einen Job entzogen. ein Sachbuch. Vorher will ich aber noch einmal Bahn fahren. dass Kleid. und die anderen seines Jahrgangs haben deshalb zu einem großen Ball eingeladen. wie viel ich leisten muss. sehr lange gemustert. bewertet. Außerdem habe ich zwei Wohnungen besichtigt. Wie viel zählt Nachdenken? Und gibt es Punktabzug für die Soap und die Champions-League-Auslosung? Plötzlich sehe ich meine WG und meine Freunde vor einem Elite-Tribunal stehen. der erste Eliteanwärter. In wenigen Minuten werde ich in Mainz sein. die ich im letzten Jahr getroffen habe. Glücklich darüber. ABSCHIED VON DER ELITE Ein allerletztes Mal sitze ich im Zug in Richtung Elite. lautet das Urteil. Aber egal. habe in der Intercity-Toilette die Jeans aus. Bernd. zu protestieren. Der Rhein fliegt am Fenster vorbei. mit denen am Tag der offenen Tür den Eltern die Investition in das Studium schmackhaft 241 . Paranoia. 240 Schluss. In einer langen Reihe müssen wir alle vor der Elite antreten. beschimpfe ich mich und beschließe. Ich will wissen. dass ich mir bei dem Manöver keine Laufmasche eingefangen habe. Es soll eine Art Abschiedstour werden. Andere aber werden sehr. ein Gehalt zu fordern. um als wertvoller Mensch zu gelten. Bernd wird nach der Abschlussfeier bei einer großen Unternehmensberatung in München anfangen. mit dem ich sprach. Schuhe und ich schadlos überstanden haben. die man für andere erbracht hat? Die Wohnungsbesichtigungen. um unsere Leistung bewerten zu lassen: Gut. Ich habe eine Soap im Fernsehen gesehen und die Auslosung der Champions-League-Gruppen auf Eurosport. das Recht. Abends haben wir lange gekocht. den ich in der nächsten Woche machen möchte. Strumpfhose. von dem sie leben können. dass ich nun endgültig aufhören sollte. Okay.und das schwarze Kleid angezogen. was aus denen. Dort feiern die Studenten der European Business School ihren Studienabschluss. Ich habe etwa zweieinhalb Stunden lang diesen Text überarbeitet und für einen Reportagedreh. Das Recht zu meckern. in jeder Kurve gegen das Waschbecken zu knallen. noch einmal geprüft. meine Gedanken andauernd um die Elite kreisen zu lassen. geworden ist. Neurose. Regeln. Mein Zugnachbar starrt. aus!. heißt es bei vielen. »Nichts geleistet«. Was ist mit einer Leistung. Hysterie!.und eine Wochenzeitung. schreibe ich oben auf die erste Seite meines letzten Blocks. zu fordern oder einfach zu meckern? Gestern habe ich hundert Seiten in einem Buch gelesen. Ein letztes Mal habe ich mich verkleidet. weil unsere WG bald umziehen muss. vielleicht das Kochen. womit man Geld verdient? Das wären dann das Schreiben und die drei Telefonate. Er hat die Durchschnittswerte. denke ich. Außerdem eine Tages. als ich völlig verändert zurückkomme. in denen ich nachlesen kann. die Räder des Intercitys rattern beruhigend. immerhin. um das Recht zu haben. Wie viele Leistungspunkte bringt mir dieser Tag? Zählt nur das. drei Telefonate geführt.

« Aadish. Er hat. ich beschwere mich auch gar nicht. dass er davon nicht leben kann.« An den Internaten hat gerade das neue Schuljahr begonnen. zum Geldverdienen«. Im nächsten Sommer werden sie endlich 242 die dicken Bücher mit den vielen Kontakten und Adressen in der Hand halten. Er muss funktionieren. Bernd wird nicht verschwinden wollen. um auch andere 243 . um dem Corpsgeist der Uni zu entfliehen. »Mir geht es schlecht. habe ich gerade in Hamburg getroffen. was er ohne Leistung bekommt. »Aber das geht wohl nur in einem anderen Wirtschaftssystem. Er wird sich jetzt erst recht kein Luftholen mehr erlauben. Er muss nur eines: hart arbeiten. Die Beratungen zahlen nicht nur mehr. zieht gerade nach Koblenz um. muss er sich zusätzlich zu seinem Vollzeitjob bei Attac noch etwas anderes suchen.gemacht wurde. der meckert. »Es wäre schön. dass mir die Woche vorkam wie ein einziger langer Tag«. in dem nicht alle dem Geld hinterherrennen müssen. In einem. der Zweifler. der die Politiker vor den Demonstranten schützen sollte. Er wird die Viertelstundenfelder in seinem Kalender fleißig mit Aufgaben füllen. wenn ich feststelle: Hier hast du nicht alles getan. festzusetzen. »Ich musS irgendeinen Teilzeitjob finden. zu akzeptieren. die andere mit zweiundzwanzig haben. Aber dann muss er halt mit dem klarkommen. den Globalisierungskritiker von Attac. kaum geschlafen. noch getoppt. Sein Einstiegsgehalt wird höher als die durchschnittlichen 50752 Euro eines Absolventen sein. Er verlässt die kleine Stadt Vallendar. »Wenn jemand sagt: Ich meckere auch gar nicht. zu blockieren. die Elite abzuschaffen«. nachdem es bei der Eröffnungsdemo in Rostock zu dumpfer Gewalt gekommen war. »Es war so viel. sein Großereignis des Jahres.« Vermutlich wird es ihm dann noch schwerer fallen. wo er immer noch für seine Abschlussprüfung lernt. hatte er mir gesagt. Aber er will noch mehr Verantwortung bei Attac übernehmen. dass andere weniger leisten. meinte er. findet Chris.»Mach Karriere oder verschwinde«. Chris. »Ich mache keine halben Sachen«. hatte er mir gesagt. in Bernds Leben keine Rolle mehr spielen. Bernd ist gerade zweiundzwanzig geworden. was du hättest tun können. sich für Tage am Zaun. sie bieten ihrem Nachwuchs auch Schmankerl wie Dienstwagen. noch mehr Stunden pro Woche dort arbeiten. Jetzt ist er ein wenig müde. Blackberry und Laptop. Das bindet Kraft. obwohl er weiß. der junge Iraner. wovon? Diese Sorgen wird er nicht kennenlernen. haufenweise Pressemitteilungen geschrieben. Grow or go heißt das Motto der Beraterbranche . AbscWuss mit vierundzwanzig hieß es damals. von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht. musste Chris in Rostock im Basiscamp bleiben. Weil er nicht länger auf das Geld seiner Eltern angewiesen sein will. Er hat es nicht geschafft. den G8-Gipfel. In ein paar Wochen werden die Probleme. muss er auch keine Leistung bringen. Verdiene ich genug? Wo kommt die Miete her? Muss ich wirklich jeden Monat 100 Euro für die Rente sparen und wenn ja. Während es den anderen Demonstranten gelang. sagt er. Er hat eine Woche durchgearbeitet. »Ich verlange von jedem. wenn es gelänge. und ihr Leben im Kreise der Altschüler wird beginnen. Miriam. auch wenn die Woche hundert Arbeitsstunden hat. der trotzdem an einer privaten Wirtschaftsuni studiert. Oliver und Philipp sind jetzt in der Abschlussklasse. Leistung«. Er war in Talkshows und hat eine Rede vor fünftausend Menschen gehalten.

Dafür werden die alten verwöhnt. dachte 245 . das sie vor allem der Stiftung verdanke. Menschen wie ich. in dem Josef Ackermann die Finger zum VictoryZeichen spreizte und damit zum Symbol des abgehobenen Kapitalisten wurde. und wieder etwas. Es waren wohl zu viele Nichtreiche ins Netzwerk eingedrungen. Alexander. Er wird mit seiner Freundin zusammenwohnen und die Welt der zukünftigen Wirtschaftselite jeden Abend mit dem Bus verlassen. gebe meinen riesigen Rucksack ab und fühle mich wie ein Dorfmädchen beim Opernball. Ich treffe Carl an einer Schülerakademie. der Georgier. Er glaubt noch immer. dass die Bezeichnung >Elite< von anderen an einen herangetragen wird und man sich nicht selber Elite nennt. Er helfe diesen Menschen. dass sich der Kurs auch mit diesem Prozess kritisch auseinandersetzen würde. dann in Paris.« Und nun bin ich also auf dem Weg zu Bernd. erst in Antwerpen. »Bist du mit dem Wort im Reinen?«. Er gibt von ihren Schulen als »hochbegabt« eingestuften Teenagern einen Kurs zum Thema Wirtschaftskriminalität. Für diesen Anlass sollte ein kurzes. den Satz >Ich bin Elite< zu sagen?«. Vielleicht will er jetzt auch ein Buch schreiben.« »Fällt es dir jetzt leichter. dass diese Arbeit mit seinen Idealen verein244 bar ist. Die Schwarzekarte hat die Drohung mit dem Einladungsstopp übrigens wahr gemacht.Nutzer.. Ich stehe an der Garderobe der Rheingoldhallen in Mainz. der Student der bayerischen Elite-Akademie. ist nicht an der Universität geblieben. Er ist jetzt tatsächlich Trainee bei der Deutschen Bank und betreut dort die Vermögen von Millionären. schlichtes schwarzes Kleid genügen. »Ich kann den Begriff nur akzeptieren. Eine Riesenchance sei das." '. sie fänden es gut. '. macht gerade Praktika. ihr Vermögen verantwortlich einzusetzen. »Und wenn klar ist. »Auch dies bestätigt mich darin. will ich wissen. sagt Carl. Mittlerweile hat die Schwarzekarte auch eine Ecke für politische Diskussionen eingeführt. andere Meinungen zu hören. sagt sie. oben und unten und antwortet nicht. sagt er. rechts. Hier feiert Bernds Jahrgang das Ende von drei Jahren Studium. dass es hierzulande jetzt auch Elite-Universitäten gebe. Maria ist vorübergehend aus dem Maximilianeum in München ausgezogen. denn die nächsten Monate will sie in Oxford studieren.'!'t Leute zu treffen. der mich beim Internet-Netzwerk Schwarzekarte eingeschleust hat. Carl von Tippelskirch. In einer der letzten Nachrichten des Netzwerks wurde ich eingeladen. Seit einigen Wochen werden keine neuen Mitglieder mehr zugelassen. wenn >Elite< die Übernahme von Verantwortung heißt«. an einem Rolex-Gewinnspiel teilzunehmen. wie er es sich gewünscht hatte. Sie verbringt den Sommer in England aufWohnungssuche.. frage ich. sagt Carl. Carl schaut nach links. Dort zeigt man sich zufrieden mit den jüngsten Entwicklungen in Deutschland: Bei einer Abstimmung antworteten 79 Prozent der Schwarzekarte. meinen Idealen in der Bank treu bleiben zu können. Dort geht es unter anderem auch um den Mannesmann-Prozess. bei der Gründung einer Stiftung beraten. Obwohl klar gewesen sei. Einen Kunden hat er sogar. habe die Bank sein Engagement mit einer Spende unterstützt.

Dann atme ich tief durch. gegründet hätten. bei der auch Marios Chef von McKinsey sprach. das in einen Tüllrock. Manche sogar so lang. dass sie nun ihren Abschluss in der Tasche haben. Den Eltern an unserem und den anderen Tischen scheint es so zu gehen. Von der Bühne grüßt der Dinnersponsor Ernst & Young.ich. gerechnet und verhandelt. dass man ein dreijähriges Studium beendet hat. als uns in einer ehemaligen Zeche die Diplomzeugnisse überreicht wurden: Sie sind sehr stolz. Bernd hatte mir von den Vorbereitungen für den Ball erzählt. die von einem Profifotografen umkreist werden. dann fuhren sie zur akademischen Feier. wie es auch meinen Eltern ging. zum vierten Akt: Gereicht werden ein Gourmetmenü und Festreden. Bernd kommt gerade in Smoking und Fliege auf mich zu. um der Wirt246 schaftswelt mitzuteilen. Ein Fest in dieser Liga ist teuer: Die Eintrittskarte kostet 109 Euro. tiefblaue Abendkleider. obwohl die Sponsoren Zehntausende Euro zuschossen. eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. aprikotfarbene. klemme mein Notizheft unter den Arm und laufe durch die Eingangshalle in den Ballsaal. bestickt mit kleinen Rosen. um zu feiern. »Aber das Budget muss gedeckt werden.so scheinen die Studenten sich sehen zu wollen. Als wären sie Cinderella. sagen sie. Die zukünftige Wirtschaftselite liebt es überdimensional. bei Bernds Familie. Ein Satinkorsett. Ich blicke auf weiße Lederwürfel. über dem Eingang steht auf einem Transparent das Motto des Abends: »Das Außergewöhnliche geschieht nie aufglattem gewöhnlichen Wege. Er trägt den Klassiker so souverän wie fast alle seine Kommilitonen. Mit den Rheingoldhallen. Ich sehe Kellnerinnen. Ich sehe silberne. Eingerahmt von großen Worten und gutem Geld . Jetzt sind sie hier. mündet. in ein Kloster. das das Menü liefern soll. den größten der Stadt. kreuzt meinen Blick. und Männer. »Denkt zurück an die lustigen Momente in den Lern247 . Schon um 8 Uhr 30 saßen sie im Gottesdienst. Und liege falsch. . übergebe meinen Rucksack der Garderobenfrau. Die Studenten hüllten sich in lange Gewänder und warfen Hüte. die Dutzende von Zigarrensorten anbieten. und mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Handtaschen.. dass sie zu sechst extra eine Art Firma. Dort haben die Studenten eine ganzseitige Anzeige geschaltet. die passend zum Kleid genäht wurden. Der Abend kann beginnen.nicht Manager«. mit dem Hilton-Hotel.. wie man es aus amerikanischen Filmen kennt.« Deshalb waren die Kartenpreise nötig. Mädchen in gestreiften Blusen preisen die Tombola-Lose an. Manchen sieht man an. Auch die Stühle und Tische im Ballsaal haben sie herausgeputzt und in weißen Stoffgehüllt. Monatelang hätten sie geplant. So viel Geld. dass sie beim Gehen den Rock heben müssen. Ich sehe aufwendig gesteckte Frisuren. Die Mädchen tragen die Kleider lang. Ich denke abwechselnd an Flucht und den Notkauf eines Abendkleides. auf denen sich festlich gekleidete Familien niedergelassen haben. um die Karten so günstig wie möglich zu halten«. auf deren Poloshirts The German Hamptons gedruckt ist. Ich sitze vom rechts. dass sie schon einen langen Tag hinter sich haben. Gerade stehen zwei Studentenvertreter auf der Bühne.« Johann Wolfgang von Goethe. Er hatte gesagt. »Wir haben alles getan. Der Hauptpreis ist eine Südafrika-Rundreise in einem Oldtimer. »Die EBS bildet Leader aus . Manche haben sich sogar eine rote Bauchbinde umgelegt und sehen aus wie blutjunge Zirkusdirektoren.. sagten die Studenten dazu.

« Ich glaube nicht. Ich danke Kathrin Liedtke für das genaue Lektorat und dem Verlag Hoffmann und Campe für sein Vertrauen. dann werden Sie es gut tun. die im Gegensatz zu manchem Direktor oder Sprecher auch im Nachhinein zu ihren Aussagen standen. »Hungrige Osteuropäer«. ohne den dieses Buch nie gelungen wäre. Dieses Land braucht Sie. habe ich größten Respekt. Und noch ist Evard nicht fertig: »Sie sind zu denen gehörig. die mich in ihr Leben gelassen haben.. was ich gesehen habe. sagt Evard. sagt er. Ich danke Torsten dafür. ruft er den Studenten zu. besser sein. die dieses Land in zehn oder zwanzig Jahren bestimmen und regieren«.Da ist sie wieder. »Vergesst nicht: Lernen macht Spaß!«. mehr leisten: Das ist die Lehre. Schneller sein. Sie trainiert nur!« . die besten Posten zu übernehmen. Ich danke Nicol für die vielen Antworten auf noch mehr Fragen und Dennis für die schnellen Finger. Ingmar danke ich. Mathias und Mark fürs Beraten. Evard fordert die Absolventen auf. über dreißig Jahre später habe der Satz »Ich studiere an der EBS« einen guten Klang. tun Sie es mit dem Herzen. glaube ich nicht. die alten EBS-Eigenschaften zu pflegen. dass er in diesen Text ein wenig seiner unermesslichen Klugheit gesteckt hat. Möge Gott Sie auf Ihrem Wege begleiten!« Nach allem. flexibel und belastbar. fordern sie ihre Kommilitonen auf. rufen sie. und beenden ihren Vortrag mit den Worten: »Wir stehen jetzt erhobenen Hauptes da. »Was immer Sie tun.. dass daran jemand gezweifelt hatte.gruppen«. dass sie die Frage »Was macht das Buch?« unermüdlich stellten. Lesen und Zuhören und dafür. um die Studenten sofort zu ermahnen. DANK Ich danke allen. Juliane. weil er mir die grüne Vase sch~nkte und oftmals für mich ins Archiv ging. Ich danke Eva. Und wenn Sie es tun. Und wenn Sie viel Gutes tun. »Sie müssen auf diese Konfrontation vorbereitet sein«. dass sie Gottes Hilfe brauchen werden. Der Starredner des Abends ist Klaus Evard. werden Sie viel Geld verdienen. sich auf diesen Lorbeeren nicht auszuruhen. ohne es ironisch zu meinen. Top-Inder und Top-Chinesen stünden bereit. . die geduldig meine Fragen beantwortet haben. sagt er. können Sie gar nicht verhindern.« Diese Vorstellung gefällt allen. der die EBS 1971 gründete und mit vier Studenten anfing. Applaus brandet auf. auch wenn sie merkten. EBSler. Vor allem vor den Schülern und Studenten. die die Studenten in ihr Leben begleiten soll. seien von jeher dynamisch. und der Agentur Eggers & Landwehr für die fabelhafte Betreuung. Ich danke Florian Glässing. »Die Konkurrenz schläft nicht. Fips und memem großen Bruder für die Verstärkung im Münsterland und 249 . die Geschichte von den Antilopen und dem Löwen. braun gebrannt. dass Sie Geld verdienen. dass ich in vielen Punkten anderer Meinung war. »Dieses Land wartet auf Sie.

~ _ _ _ _ _ _/ ' . dass sie aus mir nie Elite machen wollten. Und vor allem danke ich Tom.eliteakademie.meiner WG für die vielen Geschichten. dann Diskussionen und Einzelinterviews www. DIE STATIONEN DER REISE IM ÜBERBLICK EBS European Business School Schloss Reichartshausen in Oestrich-Winkel über 800 Studenten der Betriebswirtschaft Kosten: 4950 Euro pro Semester Auswahl: schriftliche Tests und Einzelinterviews www. Ich danke meinen Eltern dafür. ' I ~. ohne den wohl nichts so schön wäre.Essay.de Maximilianeum München sechs bis acht bayerische Abiturienten pro Jahr Voraussetzung: I. die ich aufschreiben durfte. wie es ist.ebs. dass ich's nicht bin. auch wenn sie jetzt manchmal traurig sind.O-Schnitt im Abitur 251 /-~.de Bayerische Elite-Akademie Westerham-Feldkirchen bei München gut 30 Studenten pro Jahrgang Kosten für die zweijährige Ausbildung: 2600 Euro Auswahl: mehrstufiges Bewerbungsverfahren .~ 4 .

weitere Kindergärten in Deutschland geplant Betreuung von Babys und Kleinkindern Basissatz: 980 Euro pro Monat Salem bei Überlingen am Bodensee etwa 700 Schüler der Klassen 5-13 Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr.de Internat Schloss Salem www.de FasTracKids Berlin.de 252 253 . die Bucerius Law School in Hamburg und die Jacobs University in Bremen Förderung: etwa 80000 Euro pro Student (Lebensunterhalt und Studiengebühren) www.de WHU . übersetzt bedeutet der Name »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger und Bürgerinnen« Globalisierungskritiker www.vodafone-stiftung.de Vodafone »Chancen«-Stipendium Zehn Studenten pro Jahrgang Auswahl: Das Stipendium richtet sich an sehr gute Abiturienten mit Migrationshintergrund Es gilt nur für ein Studium an einer der vier privaten Partneruniversitäten: die EBS in Oestrich-Winkel.de Kindergarten Villa Ritz Potsdam. dann Maximsprüfung im Bayerischen Kultusministerium Schloss Neubeuern .schloss-neubeuern. nach Alter gestaffelt etwa 20 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien (maximal 50 Prozent der Gebühren) Ehemaligen-Netzwerk: Altneubeurer www. nach Alter gestaffelt etwa 30 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien Ehemaligen-Netzwerk: Altsalemer Vereinigung (3500 Mitglieder) www.Otto Beisheim School ofManagement Vallendar bei Koblenz gut 500 Studenten der Betriebswirtschaft Kosten: 5000 Euro pro Semester Auswahl: Abiturnote und Einzelinterviews www.Auswahl: Vorprüfung. Filialen in Düsseldorf und Hamburg sollen folgen mehrere Klassen für Kinder ab zwei Jahren Kosten: etwa 100 Euro pro Monat www.villa-ritz.salemcollege. die WHU in Vallendar.edu Attac Attac ist ein französisches Kürzel.whu.fastrackids.maximilianeum.Internatsschule}UrJungen und Mädchen Neubeuern bei Rosenheim etwa 230 Schüler der Klassen 5-13 Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr.

dort Vorträge und Einzelinterviews För~er~ng: 1650 Dollar Lebensunterhalt pro Monat SOWIe Ubernahme der Studiengebühren www. Eliten in einer egalitären Welt. Jan Söderqvist. Die neuen Leistungseliten und das Leben nach dem Kapitalismus. The Price of Admission. davon 18500 in Deutschland Mitgliedsbeitrag: 60 Euro pro Jahr. Heidelberg 2006 Bernhard Bueb. Justiz und Wissenschaft. Berlin 2005 255 . Eine EinjUhrung. New York 2006 Michael Hartmann.ksg. Die Netokraten. Eliten und Macht in Europa.edu/mccloy Stand: November 2007 LITERATUR Alexander Bard. Frankfurt/Main 2002 Michael Hartmann. Lob der Disziplin.harvard. Ein internationaler Vergleich. How America's Ruling Class Buys Its Way Into Elite Colleges . Frankfurt/Main 2004 Michael Hartmann. Berlin 2006 Daniel Golden.attac. Politik. ermäßigt 15 Euro www. Der Mythos von den Leistungseliten. Eine Streitschrift.and Who Gets Left Outside the Gates. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft. Elitesoziologie.de McCloy-Stipendium Programm der Studienstiftung des Deutschen Volkes und der Kennedy School of Government. Frankfurt/Main 2007 Malte Herwig.weltweit 90000 Mitglieder. Harvard University 6-8 Stipendiaten pro Jahrgang Auswahlverfahren: zweitägiges Auswahlseminar.

Eliten in Ostdeutschland. Grit Straßberger. Warum den Managern der Aujbruch nicht gelingt.).Gunnar Hinck. Berlin 2007 Kursbuch: Die neuen Eliten. Köln 1999 Herfried Münkler. Deutschlands Eliten im Wandel. Berlin 2000 Benjamin Lebert. Crazy. Matthias Bohlender (Hg. Frankfurt/Main 2006 22M .