Julia Friedrichs

Gestatten:
E ite
Auf den Spuren der
Mächtigen von morgen
I Hoffmann und Campe I
Meinen Eltern
In einer Reihe von Fällen wurden Namen und
charakteristische Merkmale von Personen zum
Schutz Von deren Persönlichkeitsrechten geändert.
1. Auflage 2008
Copyright © 2008 by
Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg
WWw.hoca.de
Satz: Dörlemann Satz, Lemförde
gesetzt aus der Minion Pro und der !Tc Bookman
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN 978-3-455-50051_6
Ein Untmlt!a1lletr. der
GANSKE VERLAGSGRUPPE
Ich lerne die Elite kennen
Wollen wir wieder Elite?
Die »Top-Adresse für die
Führungselite von morgen«
In der Parallelwelt
Nur kein Niedrigleister sein!
EDEKA - Ende der Karriere
Heiße Luft
Das große Umdenken
Die Elitisierung
Die Besten oder die Reichsten?
Der Chef der Elite
Gewinner und Verlierer
Der Lebenslaufforscher
Die Elite-Akademie
INHALT
9
14
16
21
26
31
33
35
39
46
54
68
71
78
Der Stolz des Freistaats
97
Differenzierung
105
Der Kampf um die vorderen Plätze
107
Elite mit Migrationshintergrund
116
Schwarzekarte
127
Die Schulen der Elite
136
Mathe: ausreichend. Elite: sehr gut
138
Tradition zu verkaufen
161
Die Politiker von Salem
165
Karrierecoach für Teenager
174
Der Maulwurf
184
Die alternative Elite
195
Looking for Harvard
218
Die Elite feiert
229
Unter Gewinnern
234
Abschied Von der Elite
241
Dank
249
Die Stationen der Reise im Überblick
251
Literatur
255
You'll never live like common people.
You'll never do whatever common people do.
You'll never faillike common people.
You'll never watch your life slide out of view.
PULP, COMMON PEOPLE
ICH LERNE DIE ELITE KENNEN
Die Elite trat in einem griechischen Luxushotel in mein
Leben. Sie hieß Mario und war knapp dreißig, also nur
wenig älter als ich. Außer demselben Geburtsjahrzehnt
hatten wir nicht viel gemeinsam. Mario kannte solche
Abende. Er trank, redete, lachte - gleichzeitig. Ohne inne-
zuhalten. Er war makellos, ohne Selbstzweifel, siegessicher.
Ich saß in einem Karo-Rock, der ständig verrutschte,
neben ihm. An den Füßen Stiefel, die ich mir geliehen
hatte. Während unseres Gesprächs drehte ich eine Haar-
strähne um den Zeigefinger. Wie immer, wenn ich nervös
bin. Im Gegensatz zu ihm gehörte ich nicht hierher.
Nicht in diese Fünf-Sterne-Idylle. Unterhalb unseres
Tisches brannten Fackeln, junge Menschen saßen am
Hotelpool, dahinter leuchtete der angestrahlte Poseidon-
Tempel. Direkt darunter lag das Meer. Dieser Ort war
einer der schönsten, die ich seit Langem gesehen hatte,
und dennoch fühlte ich mich unwohl wie selten.
Ich war in Griechenland, weil ich mich bei McKinsey,
der weltgrößten Unternehmensberatung, beworben hatte.
McKinseygehört zu den Mächtigen der neuen Wirtschafts-
welt. Die Firma hatte im Dezember 2006 vierzehntausend
Mitarbeiter weltweit, machte 600 Millionen Euro Umsatz
9
allein in Deutschland. McKinsey baut Unternehmen um.
Behörden. Staaten. Zehntausend junge Deutsche wollen je-
des Jahr dazugehören und schicken ihre Bewerbung. Ein
bis zwei Prozent davon bekommen einen Job. Das McKin-
sey-Auswahlverfahren gilt als das härteste der Welt.
Und an diesem Auswahlverfahren nahm auch ich teil.
Nicht weil ich bei McKinsey anfangen wollte, sondern zur
Recherche. Ich arbeitete als freie Journalistin und war kurz
davor, mein Studium zu beenden. Ich war fünfundzwan-
zig, also genau in dem Alter, das für McKinsey interessant
ist. Die Berater der Firma sind nicht nur mächtig, sondern
auch diskret. Sie wickeln ihre Aufträge im Stillen ab, selbst
wenn es darum geht, Arbeitsämter, Krankenhäuser und
Universitäten umzubauen. Aufkritische Fragen antworten
sie ungern. Deshalb wollte ich mir das Unternehmen von
innen ansehen. Ich wollte wissen, wer diese Menschen sind,
wie sie ausgewählt werden. Deshalb hatte ich mich bewor-
ben. Ich hatte nie gedacht, dass ich genommen würde.
Und dann saß ich in diesem Hochglanzhotel am Meer.
McKinsey hatte mich und hundertzwanzig andere Studen-
ten aus Europa zu einer Segeltour eingeladen. Das Ganze
war ein Edel-Assessment-Center. Unsere große Chance
zum in die Welt der Berater, sagten die meisten.
McKinseyzeIgte uns in Griechenland das schöne Leben. Je-
der in einem eigenen Bungalow mit Blick aufs
segelten zu siebt aufkleinen Jachten in der Ägais.
WIr feIerten eine rauschende Party. M Kin b h .
D . c sey uc teemen
. J Athen und Barmänner, die mit Cocktailshakern
Vier Tage lang liefVor unseren Augen ein Wer-
efilm für das schöne und coole Leben der Berater ab.
Außerdem wurde u . d'
D
. ns m lesen vier Tagen in kleinen
osen dIe McKin Phil .
sey- OSOphle verabreicht. Uns wurde
10
gesagt, wir seien brillant. Wir seien die Besten. Die, die
das Potenzial hätten, Europas neue Führungsgenera-
tion zu werden. Wer es schaffe, zu ihnen zu gehören, sagte
McKinsey, sei ein Gewinner. Elite.
Mario war einer von vierzig Beratern, die mit uns im
Hotel wohnten. Immer wieder setzten sie sich zu uns, um
uns von der Welt der Mächtigen und Erfolgreichen zu be-
richten, die auf uns wartete. Mario war kein Date. McKin-
sey bezahlte ihn dafür, dass er mit mir Wein trank, dass er
mir Heldengeschichten erzählte, wie ich sie noch nie zuvor
gehört hatte. Er erklärte mir das Leben der Elite.
Er habe gerade eine große europäische Fluglinie sa-
niert, sagte er. Kosten reduziert, Leute entlassen. Die hätten
sich ganz schön gesperrt. Aber er hätte alle Widerstände
gebrochen. Jetzt sei der Laden wieder fit. Und wieder trank
er, lachte und gestikulierte. Er war so beschäftigt mit sich
selbst, dass er erst sehr spät merkte, dass ich seine Ge-
schichte nicht mochte. Dann verstand er und schaute mich
an, als hätte er erkannt, dass ihm kein »High Potential« ge-
genübersaß.
»Es gibt Menschen«, sagte er, »die sind oben - das sind
Gewinner. Und Menschen, die sind unten - die Verlierer.
Pass auf«, riet er mir, »dass du im Leben zu den Gewin-
nern gehörst.«
Ich hätte eine von ihnen werden können. Zurück aus
Griechenland, lud mich McKinsey zu einem Auswahltag
am Berliner Kurfürstendamm ein. Ich rechnete mich
durch Tests und löste Case Studies, wie die Berater ihre
Beispie1f<ille nennen. Ich musste mir sagen lassen, dass ich
gern bluffe und manchmal etwas aggressiv sei. Obwohl es
ja nur eine Recherche war, entwickelte ich plötzlich den
11
Ehrgeiz, diesen Auswahltest um jeden Preis zu schaffen.
Am Ende hielt ich einen Vertrag in der Hand. McKinsey
bot mir 67000 Euro Einstiegsgehalt und einen Dienstwa-
gen - meine Eintrittskarte in die Welt der Elite. Als ich das
schicke Büro verließ, das Papier, das so viel Geld bedeuten
könnte, in der Hand, war ich drauf und dran zuzusagen,
mich vom Journalismus zu verabschieden und das zu
werden, was McKinsey unter Elite versteht. Ich zögerte
und zauderte, aber ich sagte Nein.
Ich verließ MCKinsey, ohne eine von ihnen geworden
zu sein. »Gerade noch rechtzeitig«, sagten meine Freunde.
Aber zu spät, um Mario vergessen zu können.
Aus dem griechischen Luxushotel kehrte ich in meine
Wohngemeinschaft nach Berlin zurück. Hier hatte sich
nichts verändert. Links der Plattenladen, rechts der Wohn-
wagen, in dem man Hamburger kaufen kann, dazwi-
schen, im Hinterhof, in einem roten Backsteinbau in
demvor einemJahrhundert Tortenböden hergestellt
de.n, unsere WG. Seit drei Jahren lebe ich hier. Zusammen
mit den vier anderen. Theo hat die Wohnung vor fast
zehn Jahren entdeckt. Er hat sich Ende der Achtziger in
der Kommunikationsbranche selbstständig gemacht Ge-
sundheitliche Probleme warfen ihn d d B' h
. .. ann aus er a n.
Zeit versucht er, Wieder Fuß zu fassen. Vorne
mM: direkt neben der Eingangstür, lebt Jan. Vielleicht ist
edr ZWanZig, Vielleicht schon dreißig. So genau weiß
as memand Jan ti· t .
. . . eier semen Geburtstag nicht. Er sagt
es sei keIn Festtag D' E d . '
11
J h
. le r e sei auch ohne ihn schon zu
vo . an at Mathem tik d'
ist e T h a stu lert, sogar in Singapur. Jetzt
. r tler und politischer Aktivist. Mal organi-
siert er eIne Kampa '.
gne gegen die Pnvatisierung der Bahn,
12
mal plant er eine Aktion gegen den Klimawandel oder
Genmais.
Gegenüber von Theos Tür wohnt Hanna. Sie ist blond,
klug und ziemlich ehrgeizig. Hanna will Juristin werden.
Spezialistin für Völkerrecht. Sie träumt davon, eines Ta-
ges als Delegierte des Roten Kreuzes im Kongo für die
Menschenrechte einzutreten. Dafür braucht sie - die Welt
der Juristen ist eine eigentümliche - unbedingt neun
Punkte im Examen. Weil das im ersten Anlauf nicht ge-
klappt hat, lernt sie jetzt alles noch einmal. Seit einem
Jahr. Und hinten links wohnt Tom. Mein Freund. Auch er
hat mal Jura studiert. Bis ihm nach vier Jahren einfiel,
dass das die falsche Wahl war, und er sich für ein Journa-
listikstudium entschied. Er arbeitete im Bundestag, dann
beim Radio. Jetzt ist er an der Uni, allerdings in Hamburg.
Drei Tage pro Woche verlässt er uns und wohnt in einer
anderen WG. Mit zwei Mädels in St. Georg, direkt hin-
term Hauptbahnhof.
Als ich von meiner Absage erzählte, atmeten die ande-
ren auf. Für sie wäre eine Unterschrift so etwas wie mein
Einverständnis zu einer feindlichen Übernahme gewesen.
Tom wollte sogar schon besorgniserregende Charakter-
veränderungen an mir festgestellt haben. Ich sei so betont
cool geworden, sagte er. Würde mich sogar bemühen, tie-
fer zu sprechen.
Als diese Gefahr gebannt war, wendete sich die WG
wieder ernsteren Problemen zu. Wir hatten Mäuse, seit
Wochen schon. Wieder einmal diskutierten wir über
mögliche Lösungen: Genickschlag oder Lebendfalle? Wie-
der einmal konnten sich Pragmatiker und Tierfreunde
nicht einigen. Wir berieten über Alternativrnöglichkeiten
der Mäusebekämpfung, wir recherchierten im Internet,
13
wir vertagten das Problem. Und ich merkte, dass der Flirt
mit McKinsey doch seine Spuren hinterlassen hatte. In
meinem Kopf marschierten Kompanien von Fünfund-
zwanzigjährigen auf, angeführt von General Mario. Ihre
Mission: Gewinner zu finden, zu Eliten zu küren; Ver-
lierer zu entlarven, zu isolieren. Gemessen werden der
Leistungswille, die Einsatzbereitschaft und die Effizienz.
Unter »WG Kreuzberg« müssten sie notieren: »Drei Mee-
tings Zur Klärung des Mäuseproblems. Kein Ergebnis.«
Auf einmal sah ich meine Welt bedroht. »Denn Mario
hatte mir in der Nacht noch viel mehr erklärt: »Verlierer«,
hatte er gesagt, »sind meist unbeweglich.« Zum Wohle der
Allgemeinheit sei es die Aufgabe der Gewinner, die Ver-
lierer anzutreiben, Zur Not auch auszusortieren.
WOLLEN WIR WIEDER ELITE?
»Elite« - das Wort ließ mich nicht los. War es nicht mit
»Führer« und »Rasse« untergegangen? Hieß es nicht ein-
mal, .es passe nicht in einen demokratischen Wortschatz?
GewInner und Verlierer, Auserwählte und Masse, oben
und unten. Waren das nur für Mario Begriffspaare mit
denen man eine Gesellschaft strukturieren kann? '
Ich sitze in meinem Z' d .
Immer, en BlIckaufdie Frau im ro-
!ogginganzug gerichtet, die aus dem Vorderhaus stän-
dIg Richtung schaut. »Faul, wür-
Vie wohl sagen. Die Elite ist inzwischen überall
or mIr auf dem Boden l' . .
ten Artik In d" legt eIn Stapel aus Zeitschrif-
, e un Buchern d d .
Hocker ". ' er gera e von eInem kleinen
gesturzt 1St. Darin verbergen sich Hunderte Elite-
14
Zitate, die ich abgeschrieben oder ausgerissen habe. Meine
Sammlung ist beachtlich. Sie umfasst das Etikett eines
Beutels, der einmal ein Kilo »Elite-Tomaten« aus dem Kai-
ser's-Supermarkt enthielt, genauso wie ein Erinnerungs-
foto an Elite-Toiletten auf dem Feld vor dem Berliner
Olympiastadion.
Ich habe Bücher über die »Neue Elite«, »Eliten in einer
egalitären Welt«, ein »Plädoyer für eine Elite der Exzellenz«
gelesen. Ich kann ganze Elite-Bildungswege durchdekli-
nieren: Elite-Kindergarten, Elite-Schule, Elite-Uni. Dazwi-
schen immer wieder Politikerzitate. Ex-Kanzler Gerhard
Schröder forderte in seiner ersten Regierungserklärung:
»Auch unsere demokratische Gesellschaft braucht Eliten.«
Die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bul-
mahn (SPD) verlangte nach »Leistungseliten«. Und die
heutige Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte
stolz: »Ich habe schon von Elite gesprochen, als das andere
noch ganz schlimm fanden.« Da kann man nur gratulie-
ren. Auch ich bestehe stets darauf, schon Gola-Sneaker ge-
tragen zu haben, als andere die Marke noch nicht kannten.
Annette Schavan und ich hatten, jede auf ihrem Gebiet,
den richtigen Riecher. Fast jeder hat inzwischen ein Paar
Gola-Sneaker im Schrank, und mein Stapel beweist, dass
auch der Elite in den vergangenen fünf Jahren ein Sieges-
zug gelungen ist.
Als ich Mario traf, dachte ich, er sei nichts weiter als ein
selbstverliebter Karrierist. Einer, der alle mit »Leistung-
muss-sich-wieder-Iohnen«-Phrasen langweilt. Aber was
ist, wenn das nicht stimmt? Wenn er, ganz im Gegenteil,
Zur Avantgarde eines neuen Denkens gehört? Eines, das
Leistung lobt, Ehrgeiz und Selektion. Eines, das nach Elite
15
verlangt. Als Wunderwaffe gegen die deutsche Ratlosigkeit
und Resignation. Vielleicht ist er einfach angekommen in
einer neuen Zeit, und wir sitzen in unserer WG-Küche,
träumen von Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit
und haben nichts begriffen. Kämpft ein Teil meiner Ge-
neration schon längst für eine Renaissance der Eliten?
Wer soll dazugehören? Und wie will diese junge Elite
das Land verändern? Will sie, wie Mario, die Menschen
aufteilen: die Gewinner ins Töpfchen, die Verlierer ins
Kröpfchen?
Ich überlasse meine Sammlung zum Elitebegriff den
st.eten Blicken der Frau im Jogginganzug. Ich habe den
dass mich die bloße Lektüre nicht weiterbringt.
Ich will raus, will selbst sehen und hören ob eine neue
Elitegeneration heranwächst. Ich will was
das schillernde Wort tatsächlich bedeutet. Für die Elite.
Und damit f' I' h h"
na ur lC auc für uns. Ich recherchiere die
Standorte von Elite-Unis, Elite-Akademien, Elite-Stiftun-
gen und baue mir eine Reiseroute zusammen. Die Suche
kann beginnen.
DIE lITOP-ADRESSE F'OR DIE
F'OURUNGSELITE VON MORGEN«
Gleich die erste Etap fü' h ' .
. Z. pe rt mIch In die Provinz. Ich sitze
: ttl
ug
. Richtung Wiesbaden, von dort soll mich ein
u e In die Weinberg d Rh
Winkel d' e es eingaus fahren. Oestrich-
, as SIch stolz die PI' Rh
ist nämlich s .» er e 1m eingau« nennt,
Hauptstadt ; WIe Deutschlands heimliche Elite-
. Wo ausend Mensch 1b h'
achthundertf" f' . , en e en ler, davon
un Zlg mIt Ehteambitionen. Es sind die
16
Studenten der European Business Schoo!. Die private
Hochschule gibt sich selbst das Label »unternehmerische
Elitehochschule« und wirbt: Sie sei die »Top-Adresse für
die Führungselite von morgen«. Auch in Rankings oder
der Zeitschrift Karriere, dem Leitmedium der zukünftigen
Wirtschaftslenker, schneidet die »EBS« immer hervor-
ragend ab. Zwar klingt die Aufzählung Harvard, Oxford,
Oestrich-Winkel noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber
im Gegensatz zu den USA oder England hat Deutschland
ja mit der Elitepflege gerade erst begonnen. Die Absolven-
ten der EBS machen in der Welt, der ich gerade den Rü-
cken gekehrt habe, Karriere. Ein Drittel von ihnen geht in
die Beratung, ein Drittel in die Finanzbranche, davon viele
ins Investmentbanking. Glaubt man den Wirtschaftszei-
tungen, sind das die neuen Schaltstellen der Macht.
Bernd hatte mich ins Rheingau eingeladen. Er ist Studen-
tensprecher der EBS und immer beschäftigt. Als ich ihn
zum ersten Mal anrief, machte er gerade ein Praktikum bei
einer großen Investmentbank. Er meldete sich, und ich
war sicher, mich verwählt zu haben. Bernd klang, als wäre
er Mitte dreißig. Er sprach überlegt und kontrolliert, mit
tiefer Stimme, die früh gealtert zu sein schien. Vielleicht
geht sein Körper das hohe Tempo einfach mit, denn Bernd
lebt schneller als andere, »intensiver« nannte er das. Zwölf
bis vierzehn Stunden dauern seine Arbeitstage. Auch an
der Uni. »Es gibt während der Woche selten Phasen, in de-
nen ich nichts mache«, sagte Bernd, und ich schämte mich,
mit ihm nur ein wenig plaudern zu wollen. über Elite.
Bernd hatte ein recht klares Bild von der Elite. Elite,
sagte er in unserem Gespräch, das seien Menschen, die
vordenken, die Entscheidungen treffen, die alles ein biss-
17
chen besser machen. Nicht für sich, sondern für die All-
gemeinheit, schob er nach. »Elite tut jedem Land gut.«
Bernd plante, Karriere in einer Investmentbank oder
einer Unternehmensberatung zu machen.
Wie genau wollte er damit der Gesellschaft nützen?
Bernd sprach lange von den Besten, die die ande-
ren mitziehen könnten, von Leistung, die anspornt, von
Gleichmacherei, die das lange verhindert habe. »Wenn
wir in Deutschland vorankommen wollen, dann geht das
nur, wenn wir eine starke Spitze haben.« Deshalb müsse
man die Starken auch fördern. »Denn nur, wenn man die
Starken noch stärker macht, kommen irgendwann Ideen
raus, die vielleicht eine ganze Gesellschaft weiterbringen,
was wir dringend nötig haben.« Dann sagte er: »Einmal
mit Schinken, Paprika und Peperoni.« Ich lachte _ viel zu
laut, weil mir dieser Satz so viel besser gefiel als die zuvor.
»Wer länger als bis acht Uhr bleibt, darf sich Essen auf
Kosten der Bank bestellen«, erklärte mir Bernd. »Ich bin
fast immer dabei.«
Kurz vor diesem Telefonat war Bernd einundzwanzig
zwei Jahren arbeitete er akribisch, ehrgei-
ZIg, dlSzlplimert an seinem Weg nach oben. »Ich war
schon immer ein Mensch, der sich sehr gern dem Druck
gestellt und immer mehr Druck auf sich genommen hat
als er sagte er. »Und die Schlagzahl, die ich jetz;
fahre, :ahre Ich, weil sie mir Spaß macht und für mich ge-
1St.« Bernd leistete sich nichts von dem, was für
mIch selbstverständlich war: keine Selbstfindung kein
Zaudern k' L fth '
, em u oIen. Brauchte er nie Pausen? Zeit
zum Nachdenken? U F hl
Piz' . meer zu korrigieren? Um seine
BW
za
zu essen oder mit der Süßen aus der
L-Emführung?
18
»Mach dir keine Sorgen(, sagte Bernd amüsiert. »Ich
lebe schon. Nur zielstrebiger. Ich gammle selten. Meine
Familie ist mir sehr wichtig, für die plane ich Zeit ein.
Und wenn ich feiere, dann richtig.( Er erzählte von einer
Party. Seine besten Freunde von der Uni. Ein Wochen-
ende. Viel Alkohol. »Geschlafen haben wir kaum. Und
wenn ich ausruhe«, sagt Bernd, »dann ebenso bewusst.«
Vier Tage pro Jahr zieht er sich in ein Kloster zurück, im-
mer wieder reserviert er sich komplette Wochenenden,
um Sport zu treiben.
Bernd machte mir ein schlechtes Gewissen. Ich ging
im Kopf die vergangene Woche durch und hatte plötzlich
das Gefühl, viel Zeit mit Nichtstun zu verbringen. Ich
fragte mich, wie seine Freunde damit umgehen. Verglei-
chen sie sich mit ihm und fühlen sich dann faul? Oder
sind sie eh alle gleich? Seine Freunde seien völlig unter-
schiedlich, antwortete Bernd. Nur an die Frau an seiner
Seite stelle er höhere Anforderungen. »Ich könnte nie
eine Freundin haben, die nicht ähnlich tickt. Sie sollte
zielstrebig sein, aber auch ein Bedürfnis nach Familie
haben.« Kinder zu haben sei neben der Karriere sein
größtes Ziel.
Ich bin mir sicher, dass sich Mario und Bernd mögen
würden. Ob sich alle Gewinner so ähnlich sind wie die
beiden? In Griechenland wirkten die Berater zum Teil wie
Klone. Sie hatten dieselbe Art, sich zu bewegen. Schnell,
aber nicht hektisch, selbstsicher, an der Grenze zur Arro-
ganz. Mit ihnen zu reden war meist vergnüglich. Sie spra-
chen geschliffen, ohne steif zu sein, waren freundlich,
ohne sich wirklich zu öffnen, lieferten Anekdoten und
Witze in Serie. Genau wie Bernd. Ich wünsche mir heim-
lich, ihn auch mal tanzen zu sehen.
19
Bernd redete da schon weiter. Er sprach von den Stu-
denten in Frankfurt, die aus Protest gegen Studienge-
bühren die Autobahnen blockiert und so seinen Heim-
weg gestört hatten, Ich begriff, dass Bernd und Mario
sich noch in einer weiteren wesentlichen Frage einig
waren: Sie mögen keine Menschen, die in ihren Augen
Bremser sind, langsam und »arbeitsscheu«. »Die meisten
scheitern doch nicht, weil sie blöd, sondern weil sie
faul sind«, sagte Bernd entschieden. Mitleid habe er
da nicht.
Dann musste er auflegen. Der Terminplan drängte. Ich
mochte Bernd, aber leider konnte er mich bei meinem
ersten Besuch bei der Elite nicht begleiten. Drei Tage nach
unserem Gespräch ging sein Praktikum bei der Bank zu
Ende. Dann flog er nach München, um sich bei einer gro-
ßen Unternehmensberatung für ein neues Praktikum zu
bewerben EI'n n 11 .. ß
. e ag spater sa er wieder im Flugzeug.
Diesmal auf dem Weg nach Melbourne, wo er sein Aus-
landssemester "e b ' 11 ' .
y r nngen wo te. Als WIr telefomerten,
wusste er noch nI'cht . M Ib ..
, ' wo er In e ourne wohnen wurde.
~ I : . W ~ c h e war keine außergewöhnliche. Bernds Leben
IODIerte so. »Und ich bin noch nicht am Limit«,
sagte er zum Schluss. »Da geht noch was,«
Trotz des Umzu h A '
" gs nac ustrahen schaffte er es noch,
mIr dIe Eintrittskart fü d
O
' e r as Ereignis des Jahres in
estrICh-Winkel zu b E'
d
' esorgen. Inmal pro Jahr organisie-
ren Ie Studenten ei S .
d
n ymposlUm. Dann kommen Mana-
ger un halten Vi rt ..
.. horage, Personaler führen Auswahlge-
sprac e, und andere Studenten, die sich für die Teilnahme
bewerben mussten 1 ut
S
. al ' a en staunend über den Campus
»UfVIv of th fi .
e Ittest?«, las ich in der Einladung Ich war
gespannt. .
20
-- W-t'
IN DER PARALLELWELT
Kaum merklich dreht er seinen Körper in meinen Weg.
»Hier geht es nicht weiter. Nicht für dich«, signalisiert
seine Haltung. Wir stehen uns gegenüber. Er, gerade
zwanzig Jahre alt, mit schwarzem Anzug und Funkknopf
im Ohr. Ich in einer marineblauen Seidenbluse, einem
weißen Jackett und - dem Problem - einer blauen Jeans.
In wenigen Minuten beginnt der Eröffnungsabend. Ich
habe eine Einladung, bin über fünfhundert Kilometer
Zug gefahren, habe zwei Österreicher in einem Audi A3
angequatscht, weil der versprochene Shuttle Wiesbaden
nie erreichte. Ich habe mein Namensschild umgehängt
und meine Tasche durchsuchen lassen. Trotz allem soll
meine Erkundung der Elite hier schon zu Ende sein?
»Das passt heute nicht zum Dresscode«, sagt er und
zeigt zum wiederholten Mal abschätzig auf meine Jeans.
Umdrehen und gehen, schreit mein Stolz. »Ich konnte
mich leider nicht umziehen, da die von euch organisierte
Reservierung in der Jugendherberge nicht funktioniert
hat«, höre ich mich verhandeln. Er bleibt hart. »Es tut mir
wirklich leid«, bettele ich um Einlass. »Das mit der Ju-
gendherberge stimmt«, sagt ein zweiter Security-Student
gönnerhaft. Nun mustern mich beide. Nach endlosen
Sekunden empfange ich mein Urteil: »Okay. Ausnahms-
weise. Aber morgen bitte anders.«
Warum Menschen von »Parallelwelt« sprechen, sobald sich
zwei Dönerbuden und ein türkischer Kulturverein in einer
Straße ballen, habe ich nie verstanden. Jetzt gerade halte
ich den Begriff dagegen für angebracht. Die Studenten der
EBS studieren in einem alten Schloss. Rechts der alte ge-
21
.
..
mauerte Burgturm, links das Haupthaus, ein klassisch
schöner Bau, Über das sanft in Richtung Rhein abfallende
Gelände führen gepflasterte Wege, über die heute grüne
Teppiche gelegt sind, Auf der großen Terrasse stehen Dut-
zende Stehtische mit strahlend weißen Decken, um die sich
Hunderte junge Anzugträger drängen. Ihre teuren Krawat-
ten sind perfekt gebunden, ihre Haltung verrät, dass sie
Auftritte wie diesen gewohnt sind. Die eine Hand lässig in
Hosentasche, stehen sie leicht breitbeinigda und halten
m der anderen Hand das Glas, gefüllt mit Sekt der Marke
Vaux. »Vaux ist Deutschland exklusiv?«, wirbt die Firma.
Mit jedem Detail antwortet das Bild, das sich mir bietet:
Hier.
Ich habe in Dortmu d' , . . ,
n m emem grauen Slebz1gefjahre-
Aus Löchern über unseren Köpfen rieselte
stand1g Material, das sicher nicht gesundheitsfördernd
war. Sekt gab es nie.
In Oestrich-Wink I' t 11
e 1S a es anders. Das mag daran lie-
gen, dass ich 126 Eu Vi al ..
" ro erw tungsgebuhr pro Semester
asn dIe Um Dortmund überwiesen habe. Die Eltern der
tudenten hier zahl 10
b' en 000 pro Jahr, Knapp 45000 Euro
d
IS zum Master, Klar, dass da mehr für das Wohlbefinden
er Herren und D S
h
', amen tudenten getan wird. Die Häme
Inter dIesen Wort
sollte I d .en nennt man übrigens Sozialneid. Ich
ernen, en m de .. h '
n nac sten ZWeI Tagen zu zügeln,
Es war zwar schwieri Z '
m' d b" g, utntt zu bekommen, aber zu-
m est In Ich hier richt' ,
S h I 19. »DIe European Business
c 00 «, sagt Rektor Ch '
eine Elitehoch hul nstopher Jahns entschieden, »ist
sc e« W· ,
reihen, Vorn ein Ir in Dutzenden Stuhl-
rpult, uberall Security-Studenten,
22
die in ihre Headsets flüstern. Eine Art Hauptversamm-
lung des Elite-Nachwuchses. Über uns hängt ein Banner
mit dem Motto der Veranstaltung: Survival 01the fittest?
Ich balanciere mein Notizheft auf den Knien, lausche,
warte, bereit, die erste Definition des Elitebegriffs notie-
ren zu können. Was kommt, ist dürftig. Elite sei kein Pri-
vileg, sagt der Rektor. »Elite ist eine Herausforderung.«
Präziser wird er heute nicht mehr. Auf meinem Notiz-
block stehen jede Menge Fragezeichen.
Rektor Jahns ist inzwischen im Anekdotenteil seiner
Rede angelangt. Wenige Tage vor Beginn des Symposiums
seien zwei Studenten zu ihm gekommen. Nächtelang hät-
ten sie geplant und organisiert. übermüdet und überarbei-
tet hätten sie sich ins Rektorat geschleppt. »Wie sollen wir
es schaffen, am Donnerstag noch eine Klausur zu schrei-
ben? Können wir die nicht verschieben?« Er habe gelächelt,
sagt Jahns, und sie an ihr eigenes Motto erinnert: Survival 01
the fittest. Applaus, Händeschütteln, noch mehr Applaus.
Ich blicke mich um. Wir sitzen im neuesten Gebäude
auf dem Campus, dem Kiep-Center, benannt nach Walter
Leisler Kiep, Er war mal Direktor der EBS, und er war mal
Schatzmeister der CDU. Heute ist er beides nicht mehr.
Denn Walter Leisler Kiep war eine der Hauptfiguren der
eDU-Schwarzgeldaffäre. »Gab es danach nie Diskussio-
nen darüber, das Center umzubenennen?«, will ich später
von ehemaligen EBS-Studenten wissen. »Wieso?«, fragt
einer. »Überhaupt keinen Grund«, meint ein anderer. »Es
ist ihm nie endgültig etwas bewiesen worden«, erklärt mir
ein Dritter.
Ich war noch nie an einer privaten Universität. Dass
hier alles nach irgendwem heißt, verwundert mich. In fast
allen Fällen soll die Taufe aber kein Denkmal begründen,
23

sondern Geld bringen. Mein Namensschild haben die
Wirtschaftsprüfer von KPMG gesponsert, der Empfangs-
bereich entstand mit »freundlicher Unterstützung« einer
Möbelfirma, und die Seminare werden im »Deutsche-
Bank-Hörsaal« gehalten oder in dem der Holtzbrinck
Verlagsgruppe. Verkauft eine Hochschule dadurch ihre
Unabhängigkeit? Oder ist Sponsoring ein legitimer Weg,
an Geld zu kommen, auch für Bildungseinrichtungen?
Eine Stimme, die sonst aus dem Fernsehen schallt, reißt
meinen Gedanken. »Es ist doch putzig, wie sich
die DIskussion entwickelt hat. Es war vielen früher lieber,
in einer vergammelten Johann-Wolfgang-von-Goethe-
Aula zu sitzen als in einem gut ausgestatteten Daimler-
Lachen, Klatschen, ein Mädchen hinter mir
kreIscht gar Vor Vergnügen. Die Studenten haben Guido
Westerwelle als Eröffn dn fü' , .'
ungsre er r ihr SymposIUm em-
und sie lieben ihn. Er hat sie mit»Exzellenzen« be-
grußt. Er hat geklagt d Le" .
_ ' ass Istung für manche eme Art
Korperverletzung . E h
seI. r at gemahnt: »Sie können nicht
dass Sie dasselbe haben wie andere, wenn Sie sich
emen lauen Lenz m ch U
a en.« m sofort kokett hinzuzufü-
gen: »Aber das w' S'
h
Issen Ie, sonst wären Sie nicht hier.« Er
at gespottet, dass s' h
sit-t IC nun auch der Staat an Elite-Univer-
a en versuchen W II d
klein M' 0 e, un gerufen: »So stellt sich der
e amst Elite vor b
S
· L h ' evor er das Studium abbricht.«
eIn 0 n sind A 1
Westerw 11 'll' pp aus und brave Fragen. »Herr
e e«, W1 eIn St d .
Politiker d . u ent WIssen, »wie kriegen wir
azu, leIstung zu bringen
»FDP wählen!« .«
»AberdashabenWi d h
Student. Später ::1.1 r oc schon alle gemacht!«, sagt der
e· utmir· b'
Semester sei die FDP b' eIner, el Testwahlen im dritten
el 80 Prozent gelandet. Es ist wie bei
24

einem Familientreffen. Herr Westerwelle straWt. Die Elite
hängt an seinen Lippen, ist dankbar, dass er da ist.
Aber dann wird Vater Westerwelle streng. Mit dem
Motto Survival of the fittest? seien sie weit übers Ziel
hinausgeschossen. Der Sieg des Stärkeren - das sei kein
Modell für eine Gesellschaft. Menschen hätten sich zu
Gemeinschaften zusammengeschlossen, sich Gesetze ge-
geben, um nicht nach den Regeln des Darwinismus leben
zu müssen. »Nicht nur der Stärkste soll überleben«,
scWießt Westerwelle, »sondern auch der Schwache und
Schwächste.« Ich blicke in fragende Gesichter. Dass Guido
Westerwelle sich gezwungen sieht, an das soziale Gewis-
sen der Studenten zu appellieren, scheint sie genauso zu
überraschen wie mich.
Auf der anschließenden Feier frage ich mich durch die
Reihen. Immer wieder sage ich, dass ich ein Buch über
Elite schreibe. Fast alle finden das toll. »Wir brauchen
endlich wieder Eliten«, sagen sie. »Es wird wieder Zeit in
DeutscWand.« Viel mehr erfahre ich an diesem Abend
nicht. Es gibt Wein und Fingerfood. Es ist nicht der Ort
für lange Gespräche.
In der Jugendherberge haben sie eine ganze Etage für uns,
die Teilnehmer des Kongresses, gemietet. Ich bin doch
noch untergekommen. Im Mädchenzimmer für Nach-
rücker. Zwei Doppelstockbetten links, eins rechts, dazwi-
schen Schränke, in denen sicherlich selten zuvor so viele
Blusen und Kostüme hingen wie in dieser Nacht.
Ich komme in einem ganzen Pulk von Anzugträgern
aus Oestrich-Winkel zurück. In einer Ecke im ersten Stock
hockt eine Gruppe Teenager. Sie haben sich irgendwoher
Bier organisiert. Sie trinken, sie starren und lachen uns aus.
25

I-------------------------------------------...........
Zu Hause werden sie erzählen können, dass ihnen Aliens
begegnet sind. Denn in ihren Augen sind wir woW genau
das. Eine Horde Mittzwanziger, mehr oder weniger passge-
nau in Business-Klamotten gesteckt, die tagsüber auf dem
Campus einer teuren Privatuni Elite spielt und nachts die
Sechserzimmer in der Jugendherberge belegt.
NUR KEIN NIEDRIGLEISTER SEINI
. Am nächsten Morgen passiere ich problemlos die Einlass-
kontrolle. Mein Hosenanzug ist genehm, meiner Teil-
nahme an knapp einem Dutzend Seminaren zum Thema
Wirtschaftselite steht kein Security-Student im Wege.
Mein erster Workshop »Leadership Culture: Heraus-
forderungen für eine neue Managementgeneration« wird
einem hochrangigen Siemens-Manager gehalten.
SeIn Chef Klaus Kleinfeld ist Schirmherr des Symposi-
Bislang ist er aber noch nicht aufgetaucht. Vielleicht
1st er beschäftigt. Gerade ist bekannt geworden, dass sein
gut 3,2-Millionen-Euro-Jahresgehalt um 30 Prozent er-
höht würde. Die Entrüstung über die BenQ-Pleite
und dIe Schwarzgeldaffäre sollte in den nächsten Wochen
folgen M' h "d ' ,
. IC WUr e IntereSSIeren, ob den Siemens-Mana-
ger beschäftigt da Kl' r ld
' ss eInie auf dem besten Wege war,
zum zweiten Ackermann zu werden _ ein Symbol für die
angeblich fehlend M al d
e or er Manager-Elite. Aber darum
geht es heute nicht.
Stattdessen spr' ht d
t I IC er Manager von einem global
aent pool, den Siemens aufbauen WI'U Kl Kl' r ld
erkla"rt d . aus emie,
uns er Redner b' .
H" h tl . ,ar elte an emer »Kultur, die auf
oc s elstung ausge . ht .
nc et 1St«, Er selbst werde sich um
26
die »begabtesten und leistungsfähigsten« jungen Men-
schen im Konzern, die zukünftigen Siemens-Leader küm-
mern. Dazu gehöre auch, dass er die Besten aus dem glo-
bal talent pool regelmäßig zum Frühstück treffen wolle.
Der Siemens-Manager will uns nun das Muster erklären,
nach dem diese Nachwuchselite gekürt wird. Jetzt wird es
gleich so weit sein, denke ich. Die erste Antwort auf
meine Frage: Was ist Elite?
Four Es and one P nennt er sein Modell - Vier E
und ein P also. Ein wenig verwirrt schreibe ich mit: Edge
(grenzenloses Denken), Energy (Initiative zeigen), Ener-
gize (Mitarbeiter führen), Execute (Dinge mit maximaler
Wirkung umsetzen) und Passion (emotionale Begeiste-
rung). Könnte in der deutschen Übersetzung also auch als
fünftes E durchgehen. Ich schaue auf die Liste, auf den
Topmanager und wieder auf die Liste.
Edge, Energy, Energize ... Nach diesem Raster soll tat-
sächlich die Wirtschaftselite ausgewählt werden? Und was
bedeutet das für meine Suche nach einer tauglichen Elite-
Definition? Nicht viel. Es wird nichts bringen, wenn ich
mit einer solchen Liste durchs Land reise und alle, die ich
treffe, auf die Kriterien edge, energy und execute überprüfe.
Zwei Reihen weiter wird schon lange ein Finger in die Luft
gehalten. Ein Finger, der alle Erklärungen zu E, P und
Leadership überdauert. Er sei der Sohn eines Siemens-
M't b'
.1 ar .elters, sagt ein Junge leise. Sein Vater habe gerade
selD VIerZigstes Dienstjubiläum gefeiert. Er sei in dem
Glauben groß geworden, dass Siemens sichere Stellen
böte. Sein Vater habe Urlaubsreisen auf Firmenkosten be-
eine Betriebsrente. Jetzt gelte das alles plötzlich
DIcht mehr W' kl" S' d
.» Ie er aren Ie as Ihren Mitarbeitern?«
27
»Das ist Globalisierung«, antwortet der Manager. Er
spricht von Anpassungsdruck, von tschechischen Niedrig-
löhnen und von »Cosy-Verhältnissen«, in denen wir zu
lange gelebt hätten. »Es ist im Einzelschicksal immer bit-
ter. Aber der Block Personalkosten darf nicht unermess-
lich werden.« Der Junge sagt nichts mehr. Immerhin weiß
er nun, dass er Sohn eines Personalkostenblocks ist. Vorn
sehe ich die goldenen Manschettenknöpfe am blauen
Jackett des Siemens-Managers auf und nieder wippen. Er
gestikuliert entschieden. Er wird grundsätzlich: »Wir le-
ben in Deutschland immer noch in einem sozialistischen
Kollektiv«, sagt er. »Wir ziehen Minderleister immer mit,
halten ihnen die Karotte vor bis zur Frühpension. Das ist
deutsche Gleichmacherei. Damit muss jetzt Schluss sein.«
»Minderleister« - das Wort habe ich noch nie gehört.
In einem späteren Vortrag werde ich als Synonym noch
den »Niedrigleister« kennenlernen. Das Wort klingt ver-
ächtlich, Niedrigleister fordern 38,S-Stunden-Wochen,
einen sicheren Job und Urlaubsreisen auf Betriebskosten.
Vielleicht sind es aber auch die, die viel Schlaf brauchen
und halbe Tage mit Fernsehsoaps oder Fußballübertra-
gungen vertrödeln, so wie ich.
Die Lektion »Bloß kein Niedrigleister werden!« wird in
den folgenden zwei Tagen ständig wiederholt. Wir lernen,
dass wir niemals a h h ""
" usru en, nac lassen, entspannen dur-
fen. WIr müssen den M' d I'
In er elster in uns unterdrücken
wegen der Konk d'
" urrenz, le nur darauf wartet. 60 Millio-
nen ChInesen spi I Kl .
'. e en aVler, erklärt uns ein anderer Se-
mmarlelter »Wie ß f
ke" d ' gro «, ragt er, »ist die Wahrscheinlich-
lt, ass der nächste M
Ö
" Ozart aus China kommt statt aus
sterrelch(<< Fü d" d'
.' r le, le da noch nicht den Atem der Chi-
nesen, dIe uns jage ' N
n, 1m acken spüren, hat er noch eine
28
Geschichte parat: »Jeden Morgen wacht in Afrika eine
Antilope auf und weiß, sie muss schneller laufen als jeder
Löwe, um zu überleben. Jeden Morgen wacht in Afrika ein
Löwe auf und weiß, er muss schneller laufen als die lang-
samste Antilope.« Nach einer Kunstpause sagt er dann:
»Wir müssen schnell laufen. Denken Sie darüber nach!«
Mario erzählte in Griechenland stolz von seinen 70-Stun-
den-Wochen, Bernd geht selten vor acht Uhr abends nach
Hause. Er ist Meister des Zeitmanagements. In seinem
Rechner hat jede Viertelstunde des Tages ein Feld, das far-
big markiert und mit Aufgaben versehen ist. Bernds und
Marios Ziel ist es, eine hohe Schlagzahl zu erreichen, bis
an die körperliche Belastungsgrenze zu gehen. In den Ge-
sprächen bekomme ich den Eindruck, dass die Wochen-
arbeitszeit in der Welt des Wirtschaftsnachwuchses ein
Fetisch ist, der fast noch mehr zählt als das dicke Auto
oder die schöne Wohnung. Es ist wie beim Pokern: siebzig
Stunden, achtzig - damals, als das Projekt auf der Kippe
stand, hundertdreißig. Das bringt Respekt ein.
Der Terminkalender vieler Topmanager ist auf bis zu
eineinhalb Jahre im Voraus gefüllt. Josef Ackermann, der
Chef der Deutschen Bank, hat in London und New York
eine Wohnung, in der Anzüge und Schuhe bereitliegen.
»Ein Tagestrip Zur Arbeit nach New York«, schreibt die
Zeit, »ist für viele Manager so selbstverständlich wie für
andere Menschen die Fahrt mit der S-Bahn.« Eine Freun-
din, die wie Mario als Berater arbeitet, erzählte mir dass
jeden Montag um fünf Uhr morgens in ihrer Straße ~ e n ­
schen mit Rollkoffern auf dem Bürgersteig stehen. Taxen
fahren vor, sammeln Koffer und Menschen ein, fahren sie
zum Flughafen. Von dort werden sie für die Woche aufdie
29
Hilton- und Sheraton-Hotels dieser Welt verteilt. Als das
manager magazin Jungmanager nach ihrer durchschnitt-
lichen Arbeitszeit fragte, gaben 61 Prozent an, eine Wo-
chenarbeitszeit von mehr als fünfzig Stunden sei der
Regelfall. Sie werden nicht übertrieben haben. Alle, mit
denen ich hier in Oestrich-Winkel spreche, beschreiben
die Bereitschaft, mehr zu leisten als andere, den Willen zu
funktionieren, bedingungslos flexibel zu sein als Grund-
voraussetzung, um dazugehören zu können.
Ich stehe in der Schlange am Büfett. Vor mir sprudelt ein
prächtiger Schokoladenbrunnen. Kaum jemand tunkt
Fruchte hinein. Auch ich traue mich nicht, aus Angst,
meine Bluse zu ruinieren. Ich lausche dem Gemurmel.
»Was mit der PDS an geistigem Müll in die Parlamente
gespült wurde, hätte bei einer Firma nicht mal ein Be-
werbungs " h b k
gesprac e ommen.« - »Erstklassiges Line-up
hier. Und fast umsonst, Für andere Symposien zaWst du
15.000. Euro.« - »Deine Schuhe«, fragt ein Junge hinter
mir seInen Freund »w . t d fü' d ..
, as IS as r Le er?« - »Kanguru.«
Ich blicke an mi h M . . .
r erunter. eIne Schuhe SInd alt und em
wenig spießig I h h b' .
'. . c a e sie von memer Mutter geliehen,
weil mir Stunden vo . b'
. . r meIner A reise eingefallen ist, dass
Ich In Schwarz S ak h
.. nur ne er abe. Wo zum Teufel kauft
man Kangurulederschuhe?
Auch beim E se kan .
M
o S' s n n Ich mich nicht entspannen.
eIn Itznachba ab' b'
kn
.. ~ S' r reitet el Montblanc. Manschetten-
Opie, legelring all 0h
r S . ' es an I m zeugt von langer Tradi-
Ion. ogar die Haare h
doseen aus wie ein Fliegerhelm aus
en zwanziger Jahren E . h .
»Montbl h . . r zle t eInen Füller aus der Tasche:
anc at die Sch l ~ d h
u le er alter aus dem Programm
genommen.« Das sei n 0 .
Un eIner mit Carbon-Einspritzun-
30
gen. Koste knappe 600 Euro. Die Jungs am Tisch, Studen-
ten der Uni, sind begeistert. »Dabei kostet die Herstellung
doch nicht mehr als ein paar Euro, ode!?«, fragt einer.
»Diese Gewinnmarge ist doch fantastisch!«, freut sich ein
anderer. »Das ist optimales Pricing, das lernen wir ge-
rade«, sagt ein Dritter.
Es ist der zweite Tag meiner Elite-Erkundung, und
schon zweifle ich an meinem Plan. Ich fiiWe mich fremd,
traue mich kaum, meine Fragen zu stellen. Meine ganze
Energie geht dafiir drauf, nicht unnötig unangenehm auf-
zufallen. Ich gehe ständig zur Toilette. Um meine Frisur zu
kontrollieren, um mir Notizen zu machen oder um ein-
fach nur still dazusitzen. Sobald ich die Tür öffne, strömt
das Stimmengewirr wieder auf mich ein. »Wir müssen
endlich die Löhne liberalisieren«, sagt einer. »Wenn einer
für drei Euro putzen will, warum lassen wir ihn dann
nicht?«, ein anderer. Am liebsten möchte ich gleich wieder
aufs Klo. Aber ich muss ins nächste Seminar.
EDEKA - ENDE DER KARRIERE
»Wir wollen«, ruft er, »unsere Mitmenschen lenken, füh-
ren und begeistern.« Sein Bauch wippt, Schweißtropfen
rinnen ihm über die Wangen, verschwinden in seinem
Vollbart. »Wir sind nimmermüde Garanten für Wachs-
tum und Wohlstand.« Ich sitze ganz hinten, neben ein
paar Gaststudenten aus Indien. Ich überlege, ob es glaub-
haft wäre, so zu tun, als spräche ich nur Hindi.
Der Mann vorn ist unser Rhetorikcoach. Er will uns
beibringen, wie echte Führungskräfte zu sprechen. Elf
Studenten stehen schon vorn. Sie haben weiße Laubsäge-
31
arbeiten in der Hand, halten sie hoch, formen das Wort
»Kreativität«. Seit einer halben Stunde fürchte ich, auch ein
I oder Äzu werden. Denn die Studenten müssen nicht nur
Buchstaben halten, sondern auch Sätze imitieren, die ihnen
vorgesprochen werden: »Ich fühle mich wie ein Fels in der
Brandung. Nichts haut mich um.« Applaus. »Bietet dir das
Leben eine Zitrone, mach Limonade daraus.« Noch mehr
Applaus. »Froh zu sein bedarf es wenig. Und wer froh ist,
ist ein König.« Alle sollen klatschen. Motivationsspielchen
wie diese scheinen zum Standardprogramm zu gehören.
Als wir mit McKinsey in Griechenland waren, wurde uns
das Video eines Basketballspiels gezeigt. Wir sollten zählen,
wie oft sich die zwei Teams den Ball zupassen. Während-
lief ein Gorilla durchs Bild. »Hat jemand einen Go-
rilla gesehen?«, fragte der Coach. Viele hatten sich nur auf
die Bälle konzentriert und den Affen verpasst. Sie seien zu
leicht ablenkbar, lautete das Fazit, und damit fehle ihnen
eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft.
lernten wir damals, is about seeing the gorilla.
Ich uberlege, ob ich mir ein Heft mit dem Titel »So werde
ich ein Leader« anlegen sollte. Denn dann könnte ich heute
bereits meinen zw't M ks .
el en er atz eintragen. Unter »Ich
muss den Gorilla sehen« könnte ich schreiben: »Ich muss
andere Zum Lachen bringen.«
»Wir müssen« mah d .
.. ,nt er Coach, »dIe seelische Lohn-
tute unserer Angest llt .. . ..
. . e en UPplg füllen. Und wenn Sie nur
dIe Blld-Zeitungle h d'
sen, auc le hat eine Schmunzelecke«,
sagt er, um uns fi
so ort wohlartikuliert einen Witz zu er-
.....uen: »Warum darf . P I
t? elO 0 arforscher keine blaue Brille
ragen. - Daml't er di E' b
e IS ären nicht fü' BI b" häl't I
Ich sch fi r au aren .<
rump eweiter' . .
J
'etzt 11· In meinem SItz zusammen. Denn
so en Wlrnoch' al .
elOm Motlvationssätze wiederholen.
32
Einer muss immer wieder sagen: »Ich schaffe es. Ich errei-
che mein gesetztes Ziel.« Am Ende stimmt die ganze Bank-
reihe mit ein. »Ich schaffe es. Ich erreiche mein gesetztes
Ziel.« - »Wer seine Mitmenschen lenken, führen und be-
geistern will, braucht Rhetorik«, sagt der Coach. Gut, dass
er der Chefdes ersten deutschen Rhetorik-Instituts ist und
geeignete Kurse anbietet. Fünf Tage kosten 2450 Euro plus
Mehrwertsteuer. Und wenn man sich weigert? Wenn man
im Sitz verkrampft, statt eifrig Erbauungssätze zu dekla-
mieren? »Dann«, sagt der Coach »heißt es ganz schnell
EDEKA: Ende der Karriere.« So einfach ist das.
Verwirrt laufe ich über das Schlossgelände. Ich sehe
eine Studentin in einem getigerten Designerkostüm, die
sich die auf dem Campus ausgestellten Sportwagenmo-
delle anschaut. Neben mir gehen ein paar Erstsemester,
die den Rhetorik-Vortrag extrem inspirierend fanden.
»Und du?«, wollen sie wissen. Ich mag nichts mehr sagen.
Hinter uns auf dem Parkplatz knallt es plötzlich. Ein Stu-
dent, der das Taxi für die VIPs fährt, ist mit dem gemiete-
ten Rolls-Royce gegen einen Stehtisch gefahren.
HEISSE LUFT
Ich glaube, man tritt Michi nicht zu nahe, wenn man ihm
einen Hang zum ständigen und ausdauernden Flirten un-
terstellt. Im Gegensatz zu so vielen anderen hat er mich
nicht einfach ignoriert. Wahrscheinlich, weil er sich
grundsätzlich erst einmal für alle Frauen interessiert. Mi-
chi studiert hier. Auch er trägt Armani und fährt Audi,
viele hier. Sogar ein Cabrio hat er. Selbst ausgewählt
In Ingolstadt, ganz in der Nähe seiner Heimat.
33
DAS GROSSE UMDENKEN
Dafür gibt es die Kirche, den Glauben. Das ist mein
Rahmen.«
Auf den Glauben wollte ich mich nie verlassen. Aber
während ich an Stehtischen mit weißen Tischdecken vor-
beilaufe, mir die getönten Scheiben der parkenden Autos
anschaue und einem Dreijährigen mit zurückgegeltem
Haar ausweiche, der in der Hand die Promotion-Tüte einer
großen Investmentbank hält, finde ich es plötzlich auf
seltsame Weise beruhigend, dass einer hier, wenn er dann
irgendwann vielleicht zur Wirtschaftselite gehört, an die
Gebote seines Gottes glauben wird, statt an E, P und
Leadership-Versprechen.
Ich bekomme noch den letzten Zug nach Berlin. In
Hannover stehe ich ewig auf dem Bahnsteig. Schließlich
rufe ich meine Eltern an, um ihnen von meiner Verwir-
rung nach den Tagen mit der jungen Wirtschaftselite zu
erzählen. Mein Vater sagt: »Da kannst du ja viel schrei-
ben.« In Gedanken unterstelle ich ihm den Zusatz: »Gut
für deine Karriere.« Mein Vater hat Phasen, in denen er
sich mindestens im Drei-Tage-Takt nach meinem beruf-
lichen Fortkommen erkundigt. Meine Mutter fragt, ob sie
mir Zu Weihnachten auch eine Armani-Jeans schenken
soll. »Nein danke«, sage ich und lege auf.
Zurück in der WG, verfalle ich in das, was Tom eine
»Nachdenkst
arre« nennt. Ich verlasse mein Zimmer
schaue fast so lange aus dem Fenster wie die Frau
1mVorderhaus. Lege mich auf den Teppich. Setze mich an
den Computer und öffne alle fünf Minuten stupide mein
Aber Michi ist anders als die, die ich bisher hier traf. Er
will weder Berater noch Investmentbanker werden.
»Heiße Luft«, sagt er. »Die schaffen keinen Wert, die kos-
ten viel Geld. Das kann aufDauer nicht gut gehen.« Er sei,
erzählt er mir, über eine Karrieremesse geschlendert, habe
an den Ständen der Investmentbanker und der großen
Berater gestoppt und gefragt: »Mein Vater schwört, wenn
ich bei Ihnen anfange, enterbt er mich. Was halten Sie da-
gegen?« - Schweigen, Stottern, mehr sei von denen nicht
gekommen, sagt Michi. Nur heiße Luft eben. Die grund-
sätzlichen Dinge, findet er, haben die Berater nicht durch-
blickt. Dass Angestellte genug Geld verdienen müssen,
um sich Autos, Urlaube und Häuser leisten zu können,
die andere für sie produzieren. Sein Vater verkauft schlüs-
selfertige Bauten. Und Michi ist direkt nach der Schule
mit eingestiegen. »Meine Studiengebühren, mein Auto,
das zahl ich alles selber. Neid ist trotzdem da. Die Leute
sagen, das kauft alles der Papa. Die sehen nicht, dass ich
von Montag bis Sonntag schufte.«
Wie anscheinend alle hier lebt auch Michi ohne Ru-
hepausen. Er erzählt mir von einem Sonntag. Er war ge-
rade neu im Rh . D .
. emgau. en Kirchgang hatte er schon
hmte . h d .
r SIC, as MIttagessen auch, die Arbeit war weit
weg. Plötzlich wurde ihm langweilig. »Schlimm fand ich
das«, sagt er. So schlimm, dass er seine Mutter anrief.
Die riet den F h
' ernse er anzuschalten. »Selber drauf ge-
kommen wä . h .
. . re IC nie.« - »Fürchtest du dich davor, mit
dreißIg müde und k t. .. .
eh
" apu t zu sem?«, frage Ich. MIch!
s uttelt den Kopf 1 h' .
I h b
· ' ac t sem breItes fränkisches Lachen.
)) c m ausge l' h
'eh . g IC en«, verspricht er, und ich solle mir
m t so VIele Ged k
an en machen. »Es gibt immer Fra-
gen«, sagt Michi» f d'
, au Ie man keine Antwort findet.
-
--------------------_iiliiiiiiiiiliiiiiiiiliiiiiiiiiil_.. .._.. .. ..----;·
--
34 35
Mailfach, als würde ich irgendwelche erlösenden Bot-
schaften erwarten. Erst McKinsey, jetzt die Tage an der
EBS. Ich kann nicht sagen, dass die zwei Treffen mit der
selbst ernannten Wirtschaftselite zu einer Klärung des
Begriffs und Zur Beruhigung meiner Ängste beigetragen
haben. Und dann noch dieses seltsame Gespräch mit mei-
nen Eltern. Warum waren sie eigentlich überhaupt nicht
empört über das Gebaren der Studenten an der EBS?
Meine Eltern sind Lehrer. Mein Vater ist Sozialdemo-
krat. Er trägt Bart, wir fahren Saab, klassischer geht es
kaum. Schon als Kleinkind habe ich sonntags die Uran-
anreicherungsanlage in unserer Heimatstadt umrundet,
um auf den Schultern meines Vaters gegen Atomkraft zu
protestieren. An jedem 9. November bin ich mit meiner
Mutter mit Fackeln durch die Fußgängerzone gelaufen,
und wir haben uns Vor dem Gedenkstein für die ermor-
deten Juden versammelt.·Mein Vater hat für verkehrsbe-
ruhigte Straßen gekämpft. Meine Mutter war mal bei Pro
Asyl und mal in einer Gruppe, in der viele Frauen Latzho-
sen trugen und gegen Machos kämpften. Ich bin also in
der bundesrepublikanischen linken Mittelschicht aufge-
wachsen di ZW d'
h
,e ar Ie großen Ideologiekämpfe beendet
atte aber fü . h b
: r SIC eanspruchte, sich im Kleinen überall
Und Immer für d' S h
I le c wachen einzusetzen.
ch habe gelernt, dass Gleichheit und Gerechtigkeit
wesentliche Wert . d J
al
'. e SIn . eder, egal wo er herkommt und
eg WIe VIel . Vi
h b seIn ater verdient, sollte gleiche Chancen
a en. Und damit d l'
muss di as ge Ingt, so wurde mir beigebracht,
man e Schwache t"
denen' n s utzen und nicht jene fördern,
SOWIeso Vi 1 l' h .
hatte . e es eIC tfällt. »Anfang der Achtziger
man Bildungsz' 1 ' .
derten Ie e WIe die Integration von Behin-
,man Wollte d' Ki d
le n er zum Umweltschutz erzie-
pt
hen«, erzählt mir ein Freund, der ein paar Jahre älter ist
und sich an die frühen Achtziger besser erinnern kann.
Dieses Denken war zumindest in unserer Umgebung
lange Konsens. Ein Konsens, der aus Überzeugung gelebt
wurde. Dachte ich jedenfalls bislang.
Denn langsam zweifle ich an der Haltbarkeit dieser
Überzeugungen, Meinen Eltern und all den Lehrern, Be-
amten und Ingenieuren unter ihren Freunden ging es re-
lativ früh wirtschaftlich ziemlich gut. Echte Angst um die
materielle Existenz habe ich damals nie erlebt. Ich bin
dazu erzogen worden, selbstbestimmt zu leben, gleichzei-
tig aber auch tolerant zu sein und Rücksicht zu nehmen.
Wie ich mich im Kampf um knapper werdende Stellen
benehmen soll, trainierten wir nicht.
Vielleicht war diese Erziehung ja weltfremd. Vielleicht,
so würden wahrscheinlich viele, die ich in Oestrich-Win-
kel traf, argumentieren, war sie der Nährboden für eine
Wohlfühlgesellschaft, in der jeder nur auf sein Recht auf
Selbstverwirklichung, auf Arbeit und soziale Sicherung
pocht. Haben wir dadurch unsere Chancen auf dem Welt-
markt verspielt? Hätten unsere Eltern und Lehrer uns
besser auf den Kampf von Löwen und Antilopen vorbe-
reiten müssen?
Meine Eltern haben nie darüber gesprochen, ob sie sich
diese Fragen gestellt haben. Als ich von ihnen wissen will,
warum sie nicht mehr demonstrieren, was aus ihren Mit-
in zahlreichen Bürgerinitiativen geworden
1st, meint mein Vater nur, er hätte keine konkreten Ziele
mehr, für die er sich einsetzen wolle. Immer häufiger sagt
;r, dass man aus der SPD eigentlich austreten müsse.
chon lange fahren meine Eltern zu Antiquitätenauktio-
nen, anstatt zu den Anti-Atomkraft-Treffen zu gehen.
;; 57
36 37
Dass das nicht alles ist, merkte ich, als es um meine
»berufliche Zukunft« ging. Journalistin passte vor allem
meinem Vater nicht. Er, der stets gegen die Konservativen
wetterte, war plötzlich für Anwältin oder Ärztin. »Du
hast doch so ein gutes Abitur«, sagte er oft. Dass ich Auf-
träge abarbeite, statt einen festen Vertrag zu haben, er-
trägt er bis heute nur schwer. Es ist ihm zu unsicher.
Immer wieder fragt er, ob ich nicht irgendwann mal
irgendwo eine Festanstellung bekommen könnte. Als ich
meinen Eltern erzählte, dass ich den mit 67000 Euro
dotierten McKinsey-Vertrag abgelehnt hatte, waren sie
nicht gerade glücklich. Für den Traum von der festen
Stelle hätte mein Vater, der Sozialdemokrat, offensicht-
lich nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn seine
Tochter sogar bei den Turbokapitalisten, die auch er stets
kritisiert, angeheuert hätte.
Ich glaube, seit die Angst vor der Arbeitslosigkeit auch
bei ihnen im Münsterland angekommen ist, haben sich
ihre Maßstäbe verschoben. Marios Kategorien scheinen
ihnen nicht so fremd zu sein, wie ich immer dachte. Aus
Sorge um meine Zukunft möchten sie um jeden Preis,
dass ihre Tochter zu den Gewinnern gehört. Würden sie
dass Ideale verleugne, die sie mir in
. emer KindheIt als wIchtig beigebracht haben? Haben
SIe schneller als ich begriffen, dass man in einer Zeit, in
der man wieder mehr um die materielle Existenz bangt,
solche Ideale verg II '"
. essen so te, sobald SIe dIe KarrIere be-
hmdern? Aber I h H1 •
. we c en vvert haben Ideale, die man sich Je
nach Lage der Di I .
._ nge eIstet oder nicht, als wären sie luxu-
nose Accessoires? H1 d .
d
. h . vvar er Wunsch nach Gerechtigkeit,
eniC fü K .
Ze' di onsens hIelt, vielleicht nur Attitüde in einer
It, e dies zuließ?
38
Um die Nachdenkstarre zu überwinden, fange ich wie-
der an zu lesen. Bücher über Eliten, Hunderte von Zei-
tungsartikeln. Dabei stoße ich auf einen Bericht über ein
Fest der neuen Präsidentin der Universität Hamburg. Als
Studenten im Februar 2007 die Inthronisierungsfeier mit
ihren Protesten störten, rief BiIdungsministerin Annette
Schavan: »Deutschland braucht Eliten. keine Schreihälse.«
Es scheint einen neuen Konsens zu geben. Ich habe den
Eindruck, dass nicht nur meine Eltern umdenken.
DIE ELITISIERUNG
Die Renaissance des Elitebegriffs fällt in die Schröder-Ära
und in die Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs. Es
begann damit, dass die Zahl der Diskussionen, in denen
man Nachkriegstabus brach, zunahm. Es ging um »Leit-
kultur«. um Patriotismus, um Deutschlandflaggen und
eben um Eliten. Es war ein »Wir-sind-wieder-wer«-, ein
»Das-wird-man-doch-mal-Iangsam-wieder_sagen_dürfen«_
Gefühl. Gleichzeitig packte die deutsche Mittelschicht
seit dem Zweiten Weltkrieg die Angst vor dem
AbstIeg. von dem in Hartz-IV-Zeiten jeder betroffen sein
.. Ich glaube, dass das Erstarken des Elitebegriffs
em Kind der Verbindung beider Entwicklungen ist. Was
Franzosen. Engländer und US-Amerikaner haben dem
dürften sich die Deutschen in Zeiten des globalen w'ettbe-
nicht verweigern, lautete eine Grundthese. Gleich-
die Unschuld des Begriffs betont. War »Elite«
ru er ein Reizwort, in dem Standesdünkel. Machtmiss-
brauch und Viett . h ft .
ernwlrtsc a mItschwangen, wurde in
der Debatt h .
e versuc t, es umzudefimeren als bloße »Aus-
39
wahl der Besten«. So wurde aus einem Tabu ein Ziel, un-
problematisch und auf jeden Fall erstrebenswert.
Ursprünglich war der Begriff »Elite« tatsächlich nicht
mehr als ein Premiumstempel. 1755 definierte Denis
Diderot in seiner Enzyklopädie »Elite« als Gütesiegel für
auserlesene Spitzenprodukte. Es waren wohl französische
Händler, die das Wort erfunden hatten, Elire heißt »aus-
wählen«, und auserwählte Waren ließen sich besonders gut
anpreisen. So fand man Ende des 18. Jahrhunderts auf al-
len französischen Märkten Elite-Garne, Elite-Tücher und
Elite-Gänselebern. Erst später bezeichneten sich auch
Menschen als Elite. Den Anfang machte das französische
Bürgertum, das den Begriffim Kampfgegen Adel und Kle-
rus erstmals politisierte. Macht und Geld, so die Forde-
rung, sollten nicht an die mit der edelsten familiären
Abstammung gehen, sondern an die mit der größten indi-
viduellen Leistungsfahigkeit. An die Elite eben.
Daran orientieren sich auch heute noch die gängigen
Definitionen. Für den Brockhaus ist »Elite« eine Gruppe,
»die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie durch
eine besondere Leistungsf<ihigkeit und Leistungsbereit-
schaft auszeichnet«. Meyers Enzyklopädie ergänzt, die
An h'" d
ge ongen er Elite hätten zudem einen »besonderen
Wert« und bestimmten maßgeblich die gesellschaftliche
Entwicklung.
Dass Leistung und Einfluss in einer Gesellschaft stets
verteilt sind, ist unstrittig. Doch der Begriff
»Elite« erzählt ge d . h "b '
ra e DIC ts u er dIe vielstufige kom-
I S h' ,
P exe c Ichtung einer Gesellschaft. Die kargen Definitio-
nen der beiden L xika hl .
E
· e versc eIern eine konstituierende
Igenschaft· Elit '
D
' kl' . e setzt Immer eine Nicht-Elite voraus.
le eIDe Grup d b
pe er esonders Leistungsbereiten und
40
Einflussreichen existiert nur imZusammenspiel mit ihrem
Gegenteil: den vielen »Normalen«, der Menge also. Dieser
Gegensatz erst macht den Reiz des Elitebegriffs aus, be-
gründete seinen ruhmreichen Aufstieg zu einem Konzept,
das Soziologen erstmals Ende des 19. Jahrhunderts massiv
beschäftigte und faszinierte.
In der »Psychologie der Massen« beschreibt Gustave Le
Bon die Sehnsucht nach Eliten als eine Art Grundreflex des
Menschen, Die Masse, so schreibt er, sei »eine Herde, die
sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß«. Sie sehne sich nach
wenigen, die über einen starken Willen verfügen. Seine
Zeitgenossen sahen das ähnlich. So schreibt Gaetano
Mosca, ein anderer Klassiker der Eliteforschung: »In allen
Gesellschaften, von den primitivsten im Aufgang der Zivi-
lisation bis zu den vorgeschrittensten und mächtigsten,
gibt es zwei Klassen: eine, die herrscht, und eine, die be-
herrscht wird, Die erste ist immer die weniger zahlreiche,
sie versieht alle politischen Funktionen, monopolisiert die
Macht und genießt die Vorteile, während die zweite zahl-
reichere Klasse Von der ersten befehligt und geleitet
Trotz mancher Differenzen einte die Klassiker der Elite-
forschung de GI b d' Ub"
r au e an Ie erlegenheit einer auser-
wählten Minderh 't D . I' ,
el. amIt egten sie den theoretischen
Grundstein für den aufkommenden Faschismus dem sie
zum Teil auch persönlich sehr nahe standen. Die faschiSti-
Herrschaftssysteme, allen voran die deutschen Na-
honals . r
OZIa Isten, setzten den Gedanken, dass es in Gesell-
schaften' .. b I
eIne u er egene Minderheit geben darf und soll,
ahuf Weise in Politik um, Das Elitekonzept war
t eorehscher Dnt b d L b
, er au es» e ensborn«-Programms der
SS, dIe »rassisch II
wertvo es Menschenmaterial« züchten
Wollte. Es an" d' ,
Imlerte Ie NaZIS Zur Gründung der Natio-
41
__iiiliiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiii5iö
l
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii_iili_•••• ilillli'Ilii·...IIIllIIlIilII"1l·
1IIlII1tIlIIl
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nalpolitischen Bildungsanstalten, der »Napolas«, in de-
nen eine »Elite für den Führer« herangezogen werden
sollte. Das Führerprinzip selbst war Ausdruck des Glau-
bens daran, dass ein Hirte die Herde zu leiten hat, ein
Auserwählter, dem die Masse folgt.
Als alles vorbei war, galt der Elitebegriff zunächst als
tot als auf ' , d
' eWIg mIt en Taten der Faschisten verbunden,
durch sie verseucht. Die Eliten hatten versagt. Angetrie-
ben durch eine unmenschliche Ideologie und durch die
Gier nach grenzenloser Macht, töteten sie Millionen von
vernichteten den Glauben an die Kraft der Zi-
VillsatIon machten e " l' h '
, s unmog IC ,Jemals wieder von Hir-
ten, von Führern "on A "hl
' • userwa ten zu sprechen. Dachte
man zumindest.
Die wissenschaftl' h W' d
b
' IC e le erentdeckung des Elite-
egnffs begann b 't k
E
erel s urz nach seinem vermeintlichen
nde. Die Soziol' d'
ogle wan te sIch vom beschmutzten Ge-
gensatzpaar »Elitel d M
I
, , h <un » asse« ab und gebar die »plura-
IStIsc en Funktio I'
, nse !ten«. Damit waren mehrere Grup-
pen m der Gesellsch ft '
Syste F"h a gememt, die in ihrem jeweiligen
dorf u rungsaufgaben übernahmen. Ralf Dahren-
, emer der Väter d B 'ff!
1979 ' es egn s »Funktionseliten«, sprach
von SIeben fu kr 1
»großen" n lOna en Eliten, entsprechend den
mstItutionell 0 d
Wirtschaft P I' , r nungen« der Gesellschaft:
und Recht' sO,.ltik, ErZiehung, Religion, Kultur, Militär
. pater reduzi t d'
aufvier D Ke er e er le Zahl der Kategorien
. er rngedank bl 'b d
tastet: Elite II ' , e el t avon natürlich unange-
so te m eme D kr
deuten, Macht d' d r emo atie geteilte Macht be-
, le en Beste ' , d
Auch Hans P n m Je em Bereich zusteht.
eter Dreit 1 d
Freien Universität B ' ,ze , er als Professor an der
Eliten nachdacht erhn m den sechziger Jahren über
e, sprach von einer »Vervielfältigung der
42
Eliten«. Elite seien schlicht Personen, die in Spitzenposi-
tionen gelangt seien. Grundsätzlich käme jeder Bereich
persönlicher Leistung dafür infrage, letztlich aber doch
nur Leistungen, die für die Gesellschaft von Interesse und
Bedeutung seien. Dreitzel charakterisierte die demokrati-
sche Gesellschaft als »Elitengesellschaft«, in der die Aus-
wahl für die Elitepositionen nach Leistung erfolge und
damit für alle Bürger erreichbar sei.
Damit war das neue soziologische Label des Elitebe-
griffs perfekt und die funktionale Leistungselite geboren.
Elite, suggeriert dieser Ausdruck, kann jeder werden, der
strebsam und klug ist, jeder also, der viel leistet. Durch
diese Neudefinition galt Elite vielen als demokratisiert,
entproblematisiert und von der Schande der Nazis fast
völlig reingewaschen. Und so fand die Elite über die So-
ziologiebücher ihren Weg zurück in die Gesellschaft. Jür-
gen Rüttgers, mittlerweile Ministerpräsident des Landes
Nordrhein-Westfalen, sagte schon 1998: »Vom Tabuwort
ist der Elitenbegriffinzwischen fast zu einem Schlüsselbe-
griff in der Bildungsdiskussion aufgestiegen,« Der sächsi-
sche Kultusminister Matthias Rößler stellte im August
2001 anlässlich der Wiedereröffnung der früheren Fürs-
tenschule Sankt Afra in Meißen als Elite-Gymnaisum für
Hochbegabte fest: »Wir bekennen uns zum Begriff der
Elite.« An dieser Schule werde die künftige Elite Sachsens
geformt.
Ihren Ursprung hatte die Begeisterung für die Leis-
tungselite aber in den Chefetagen der Wirtschaft. Hier
wird der Mythos gepflegt, in der Wirtschaft zähle im Ge-
gensatz zur Politik, in der man durch Kungelei nach oben
komme, allein die Leistung. über 90 Prozent der Top-
manager nennen Leistung und Fleiß, wenn sie nach den
43
entscheidenden Gründen für ihren Aufstieg gefragt wer-
den. Mit 80 Prozent folgen Eigeninitiative und Durchset-
zungsvermögen sowie Bildung und Ausbildung. Kaum
einer nennt Geld, Vermögen oder Beziehungen. Da
scheint es folgerichtig, dass die Manager das Konzept,
dem. sie ihren eigenen Erfolg zu verdanken glauben,
als Maßstab für die gesamte Gesellschaft wünschen. Ma-
thias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Springer-
fordert eine »durchlässige, demokra-
Leistungselite. Hans Tietmeyer, der frühere
Prasldent der Bundesbank, will »den Begriff der Elite als
Leistungselite verstehen und ihn so enttabuisieren«. Und
Hein.rich von Pierer, ehemaliger Vorstands- und späterer
der Siemens AG, glaubt, dass
die von einer »Leistungselite« bewegt wird.
DIe Anstrengungen von Politik und Wirtschaft zei-
gen Folgen. Es gab nur leisen Widerspruch, aber ziemlich
laute Begeisterun al d' B
g, s le undesregierung beschloss,
mit ihrer »Exzelle '" .
nZInlhahve« das Hochschulsystem um-
zubauen »Der Wi ttb b
. e ewer soll das deutsche Hochschul-
system neu polen' GI . hh .
Z
. . . von eIe eIt auf Elite«, schrieb die
elt 1m Oktober 2006 M' I '
R
. Itt erwede sind die ersten beiden
unden des Exzell b
. _ enzwett ewerbs entschieden. Die Uni-
verSltaten in Aach B I' .
b en, er In, Freiburg, Göttingen, Heidel-
erg, Karlsruhe Ko t d"
EU
,ns anz un Munchen dürfen sich jetzt
» te-Universität« n S'
und 21 Mill' ennen. le bekommen Ruhm, Ehre
Ionen Euro.
Erstmals seit End d .
Elit 100 e es ZweIten Weltkriegs wird das
e nzept zudem 'd
der Bev"lk WIe er von einer breiten Mehrheit
o erung akz .
fuTter All . ephert und gelebt. Laut der Frank-
gemeInen Zeitu . d
dafür begabt S h" ngsIn 54 Prozent der Menschen
, e c üler i EI' kl
n Ite assen oder an Eliteschu-
44
len zu fördern - nur 33 Prozent sind dagegen. Eine klare
Mehrheit für die Elite, zum ersten Mal, seit die Zeitung
diese Frage stellt. Die Menschen scheinen begriffen zu ha-
ben, dass nun wieder in Gewinner und Verlierer eingeteilt
werden soll, und merkwürdigerweise fragt fast niemand
nach, warum und nach welchem Schlüssel. »Wir brau-
chen wieder Eliten« - dieser Satz regt nach einigen Jahren
der aufgeregten Darf-man-das-wieder-sagen?-Diskus-
sion kaum einen mehr auf.
Damit ist die Debatte etliche Schritte weiter als ich.
Mich interessiert nicht, ob man das Wort trotz des Drit-
ten Reiches gebrauchen darf. Erst einmal ist es wie jeder
Begriff eine Hülle. Zwar eine, die in der Vergangenheit so
sehr beschädigt wurde, dass man sie eigentlich schon ent-
sorgt hatte, die aber offenbar noch nicht ganz kaputt war.
Viel wichtiger als die Frage, ob man das Wort wieder aus-
sprechen darf, ist meiner Meinung nach, mit welchem In-
halt man die Hülle füllt. Ich möchte wissen, was genau die
meinen, die »Elite« sagen. Und vor allem möchte ich er-
fahren, nach welchen Kriterien entschieden wird, wer da-
zugehört und wer nicht.
»Den Besten muss man das Beste bieten, aber das kann
man nicht zum Standard für alle machen«, sagt Ernst-
Ludwig Winnacker, der ehemalige Präsident der Deut-
schen Forschungsgemeinschaft, stellvertretend für alle,
die die Einrichtung von Elitestudiengängen, in denen die
Studenten im Vergleich zu ihren Kommilitonen an den
Massenuniversitäten traumhafte Bedingungen vorfinden,
vorantreiben. Wenn Geld, Chancen und Förderung nicht
mehr möglichst gerecht verteilt werden, sondern eine
Nachwuchselite aus diesen Töpfen per se mehr erhalten
soll als andere, müsste dann nicht allen klar sein, nach
45
welchen Regeln diese Plätze in der ersten Klasse verteilt
werden? Wie wird man Elite? Muss man auf bestimmte
Schulen gehen? Spezielle Universitäten besuchen? Ent-
scheidet das Talent? Geben Fleiß und Ehrgeiz den Aus-
schlag? Oder vielleicht doch das Geld der Eltern? Und wie
misst man das alles?
Die European Business School in Oestrich-Winkel be-
hauptet, jedes Jahr die »200 Top-Studenten in Deutsch-
land« aufzunehmen und dadurch eine »unternehmeri-
sche Elitehochschule« zu sein. Wie finden sie diese
zweihundert Top-Leute? Wer löst die Eintrittskarte in die
WeIt der zukünftigen Wirtschaftselite? Und wer bleibt
draußen? Es ist Zeit, die Nachdenkstarre zu lösen. Ich
fahre noch einmal in den Rheingau.
DIE BESTEN ODER DIE REICHSTEN?
Ich kann die Augen kaum offen halten, denn es ist früh,
U ~ d die Deutsche Bahn hatte es gut gemeint und den Re-
gIonalexpress 514 Richtung Koblenz auf gefühlte dreißig
Grad geheizt M't ' , .
. 1 eIner ReIsetasche in der Hand laufe Ich
durch die nach .
b elllem warmen Herbst noch gelben Wein-
d
~ r g e . Ich blicke auf den Rhein, über die Nebelfelder,
le an diesem Mo 'd .. ..
d k ' rgen In en Talern hangen. »Idyllisch«,
1
en e Ich, als mich der BMW-Mini überholt und in der
angen Schlang S
t
. e am traßenrand parkt. Eine Studentin
s elgt aus Sch ..
. rag Vor mir steht ein BMW-Cabrio Sport-
wagen mit do eIt '
fü d 11" pp em Auspuff - vermutlich das Modell
r en n.errn Es ist k
EBS b' U' .. unver ennbar, dass ich zurück an der
In. ngewoh r h '
schen d h" n 1C 1st allerdings, dass heute zwi-
en sc lllttlge A
n utos auch gediegene Familienkut-
46
schen parken. Aus einer steigen gerade Vater und Sohn.
Sie kommen aus der Nähe von Bremen, sind über vier-
hundert Kilometer gefahren, um hier dabei sein zu kön-
nen. Denn heute lädt die European Business School zum
»Campus Day«. Heute sollen die Oberstufenschüler ler-
nen, dass ein Studium hier »die richtige Karriere-Ent-
scheidung« ist.
In meiner Erinnerung sind Tage der offenen Tür an
Universitäten lustige Veranstaltungen. Ich war an der ehr-
würdigen Wilhelms-Universität in Münster. Wir sind erst
ein wenig eingeschüchtert, dann immer vergnügter durch
die Gänge gelaufen, haben in einer Linguistik-Vorlesung
Menschen zugesehen, die mit abenteuerlichen Verformun-
gen der Lippen die Entstehungsgeschichte von Wörtern
veranschaulichen wollten, und haben akzeptiert, dass dies
die geheimnisvolle Welt der Akademiker sein muss. Da-
nach haben wir uns in die Cafeteria abgesetzt und fühlten
uns unendlich cool und studentisch, als wir einen Milch-
kaffee tranken, der damals in unserer Kleinstadt noch
eine echte Rarität war.
Hier ist das anders. Schulklassen suche ich vergeblich.
Vor mir laufen Gespanne, die dem aus Bremen ähneln:
Vater und Sohn, ganz selten Vater und Tochter. Der Nach-
wuchs läuft fast bei allen Duos ein wenig schüchtern hin-
ter dem alten Herrn, der forsch voranschreitet. Er prüft
die zum Kauf gebotene Ware. Schließlich wird er hier, bis
das Kind den Master hat, knapp 45000 Euro lassen - nur
für die Gebühren. Ich überschlage, dass selbst ein relativ
sparsames fünfjähriges Studentenleben- mit monatlichem
700-Euro-Budget - ohnehin schon über 37000 Euro kos-
tet. 80000 Euro also, und damit hat der Sohn noch keinen
BMW-Cabrio vor dem Campus parken.
47
Die Studienberater sind gute Verkäufer. Sie wissen,
dass es ihre Aufgabe ist, diese Investition schmackhaft zu
machen. Sie schwärmen von hundertvierzig Partneruni-
versitäten, natürlich auch in attraktiven Wachstumsre-
gionen, in Hongkong, Schanghai oder Seoul. Sie berich-
ten von Studenten aus dem dritten Semester, die bereits
Traumpraktika in Investmentbanken ergattern konnten,
und erzählen von Kontaktabenden, zu denen Firmenver-
treter in den hochschuleigenen Weinkeller geladen wer-
den. Sie preisen »Lerneffektivität«, »Effizienz« und das
tolle Betreuungsverhältnis. Vierunddreißig reguläre und
elf Juniorprofessoren sorgen sich hier um das Wohl der
tausendzweihundert Studenten - also gut einundzwanzig
Studenten pro Lehrkraft. An einer führenden öffentlichen
Unive "f"t" .
rSI a selen es emundzwanzig Professoren für vier-
tausend Studenten, also einer für hundertneunzig Stu-
denten.
Damit liegt das Angebot auf dem Tisch. 10000 Euro
pro Jahr. Im Gegenzug wird das Kind vor den Zuständen
an der überfüllten Massenuniversität bewahrt. Das beein-
dbruckt. Ihren größten Trumpf haben die Studienberater
a er noch gar n' ht. .
. IC ausgespIelt. Per Beamer werfen SIe
WeUlg .. S . "
" spater tatlstiken an die Wand, die auch die letzten
ZweIfler vom S" d'
I h I
IOn leser Investition überzeugen sollen.
c ese:
Durchschnittli hAlb "
E
", c es ter el Abschluss des Studiums: 24,
lOstlegsgehalt " b
emes A solventen: 50752 Euro.
Noch Fragen? E t al .
Nachd d" . rs m keme. Oder doch. Eine noch.
em le Eltern be 'fL" h b
tition I h . gn len a en, dass sich die Inves-
o nen WIrd t 'b '
wird d' ' rel t SIe nun um, was zu tun sein
, amlt das eigen Kind
unter die '"r e die Aufnahme, den Sprung
»lOP 200« schafft D'
, . le Eltern interessiert, was
48
auch ich wissen will: Wie wählt die EBS die zukünftige
unternehmerische Elite aus?
Bei der Auswahl der besten zweihundert spielt die Abi-
turnote der Bewerber keine Rolle. Die Hochschule stellt
einen Mathe-, einen Englisch- und einen Intelligenztest.
Zum Üben bekommen wir Beispielaufgaben in die Hand
gedrückt. »Wie lauten die nächsten beiden Glieder der
Folge 2, 7, 17, 32 ... ? Das geht, denke ich und notiere:
52 und 77. Nr. 2: Anja und Sven sind zusammen achtzehn
Jahre alt. Verdreifacht man Svens Alter und addiert noch
zwei Jahre hinzu, so erhält man das Fünffache von Anjas
Alter. Wie alt sind Anja und Sven?«
Ich schreibe zum ersten Mal seit Langem wieder Glei-
chungen, addiere zu drei x die fünf Negativen der Gegen-
seite und erinnere mich an das schöne Gefühl, das man
hat, wenn eine Rechnung glatt aufgeht. Sven ist also elf
Jahre alt und Anja sieben. Bei Binomen und Logarithmen
muss ich aber passen. Dieses Mathematikunterrichtswis-
sen habe ich, falls jemals vorhanden, gründlich verdrängt.
Ich blättere weiter zum Englischtest. Hier muss man
ankreuzen, was der Satz It would be Jar better bedeuten
könnte. Ich entscheide mich für That would be a great im-
provement und sehe, dass auch die anderen »Fragetypen«,
wie es heißt, zu schaffen wären.
In den Tests bräuchte man die Note 2,7, sagt die Studi-
enberaterin. Damit qualifiziere man sich für die Einzelge-
spräche und eine Diskussionsrunde, in der man seine Per-
sönlichkeit beweisen müsse. Wer nach den schriftlichen
und mündlichen Tests zwischen Platz 1 und 200 gerankt
wird, darfdas Studium an der EBS beginnen. »Den münd-
lichen Teil schaffen fast alle«, erklärt die Studienberate-
rin. Der Knackpunkt seien die schriftlichen Prüfungen. Da
49
schnellt die Hand eines Vaters aus der ersten Reihe hoch.
»Sie steht in Mathe zwischen Zwei und Drei«, sagt er und
zeigt auf seine Tochter. »Wir haben uns die Beispielaufga-
ben im Internet durchgelesen. Da sagt sie: >Papa, das kann
ich gleich vergessen.< Das kann doch nicht Ihr Ziel sein,
dass die Bewerber hier an Mathe scheitern, wo Soft Skills
in der Wirtschaft doch immer wichtiger werden.«
Die Studienberaterin redet beruhigend auf ihn ein.
Schlechter als 2,7, das bedeute nicht automatisch das Aus.
Es gäbe immer Grauzonen. Und wer in denen lande, wer
Ergebnisse zwischen 2,7 und 3,7 habe, der könne Vorbe-
reitungskurse an der Hochschule belegen. 475 Euro kostet
der Mathekurs, 1450 der Englischkurs, plus Anreise, Un-
terkunft und Verpflegung. »Das belastet nur den Geld-
beutel Ihrer Eltern, Sie sollte das aber weniger belasten«,
erklärt sie der Tochter des aufgeregten Vaters lächelnd.
Aber wer im M th hl . b
a etest sc echter als ausreIchend a -
schneide den k··· h
' onne man leIder wirklich nicht anne -
men. »Wir suchen Studenten mit überdurchschnittlicher
Lern- und L . t b .
. eIS ungs ereltschaft«, schließt sie.
Bel 3 7 liegt d· H" d d
d ' le ur e, ie man auf keinen Fall reißen
arf. Ich bin über h I h h·· .
. rasc t. c atte es mir weitaus SChWIe-
rIger vorgestellt d T' k
d
. ' as lC et zu lösen, das zu einem Stu-
lUm an einer lb
.. se st ernannten Elitehochschule berech-
tigt. VIele sta tl· h .
h d
a lC e Umversitäten wählen ihre Studenten
nac er Abitu
U
" rnote aus. Wer Betriebswirtschaft an der
mversltät Mün .
ster studIeren will brauchte im Winter-
semester 2006/200 . '
schen U. '" 7 eInen Schnitt von 1,7, an der Techni-
lllverSltat M" h
der Fre' U. unc en war eine 1,6 nötig, sogar an
len mversität B l' d· . . 1
mäß· I . er In, le m Rankings eher mItte -
19 P atZlert ist
mindest . ' mussten Studienanfänger im Abitur
ens eIne 2,3 geschafft haben.
50
Es melden sich erste Zweifel. Die Tests, die uns die Stu-
dienberaterin vorgelegt hat, sind zwar nicht banal, aber
auch nicht nur für intellektuelle Cracks zu schaffen. Ist
für eine Aufnahme an der European Business School die
allergrößte Hürde vielleicht eher, ob man die 10000 Euro
pro Semester zahlen kann und will? Schließlich scheitern
die allermeisten Eliteanwärter nicht am Test der EBS, son-
dern bewerben sich gar nicht erst. Nach Angabe des Sta-
tistischen Bundesamts gab es 2006 in Deutschland rund
400000 Abiturienten. 23500 von ihnen schrieben sich für
ein BWL-Studium ein. Aus diesem Pool wollen gerade
einmal achthundert zur EBS. Jeder vierte Bewerber wird
also angenommen. Diese Quote deutet nicht auf ein be-
sonders hartes Auswahlverfahren hin.
Wahrend der Präsentation haben sich hinter uns
Studenten aus dem ersten Semester versammelt. Sie wer-
den uns gleich den Campus zeigen. Eine Führung von
Deutschlands zukünftigen Führungskräften, denke ich -
und bin sofort still. Vor mir steht ein riesiger, durchtrai-
nierter Junge, der es mit ein wenig Glück auch in der
Kategorie »Aussehen« unter die »200 Top-Studenten in
Deutschland« schaffen könnte. Seine exakt geschnitte-
nen Haare kräuseln sich im Nacken, die wie angegossen
sitzende Boss-Jacke kleidet seinen mindestens zwei Meter
langen Körper ausgezeichnet. »Sebastian«, stellt er sich
vor. »Julia«, sage ich. Sebastian zeigt uns das Kiep-Center
und einen ziemlich großen chinesischen Tempel, den
man nicht betreten kann. »Was der soll, weiß ich auch
nicht«, sagt Sebastian. »Es heißt, dass den der Vater
eines Studenten von der Expo hat herbringen lassen. Wa-
rum, kann ich auch nicht erklären.« Dann führt er uns
über den Parkplatz. »Haben alle hier Autos?«, frage ich.
51
»Neunzig Prozent«, antwortet er und nährt damit meine
Zweifel daran, dass Leistung hier tatsächlich ein rele-
vanteres Auswahlkriterium ist als Wohlstand. Viele hier,
erzäWt Sebastian, wüssten gar nicht, dass man für Geld
arbeiten müsse. »Manche sind von oben bis unten in
Gucci gekleidet. Andere sind immer bemüht, dass man
das kleine Pferdchen oder das Krokodil auf dem Pullover
auch sieht. Und den Kragen am Poloshirt stellen alle hier
hoch. Keine Ahnung, was das soll.« Später wird mir einer
der Studenten erklären, wieso die Ecken am Kragen nach
oben zeigen müssen. Das würde für Entschlossenheit ste-
hen, sagt er, dafür, dass man auch Widerstände überwin-
det. »Kragen hoch und durch!« - das sei ihr Motto.
Auch der Vater aus Bremen möchte gern über Geld spre-
c h ~ n . »Wie teuer ist denn hier eine Wohnung?«, fragt er.
»Funfhundert Euro sollte man schon rechnen«, schockt
Sebastian den Bremer. Es gebe auch billige Zimmer, die
von Rheingauern angeboten würden. »Ich habe mir die
angeguckt. Das war alles nichts. Letzten Endes muss man
scho .ob .
nu er eInen Makler gehen. Manche kaufen auch ein-
fach eine Wohnung.«
»Macht es denn Spaß, hier zu studieren?«, will der
Bremer Vater w· E .
. ISsen.» s geht«, sagt Sebastian. »Es gIbt
Viele Tiefs Es ist hiP 0
. a t rOVinz. Zu Hause brauche ich zum
Burger Kin fü f .
g n MInuten, hier eine halbe Stunde.« Im
Gegensatz zu de u .
m vater finde Ich es beruhigend dass
auch Leute in d0 '
t k ' le man Zehntausende Euro pro Jahr
s ec t, scWießlich d h b . d
o oc el en grundsätzlichen Proble-
men eInes Student I b
w 11 en e ens landen. »Wenn wir weggehen
o en oder ins Ki ..
Stadt ~ h no, mussen wir in Kolonnen in die
la ren«, redet Sb', .
e astlan weIter, während er uns 10
52
die Mensa führt und gleichzeitig einer Mitstudentin hin-
terherstarrt.
»Ich geh sonst nie in die Mensa«, sagt er, während wir
unsere Nudeln auf die Gabel drehen. Nett, dass er heute
hier ist, denke ich und werde gleich enttäuscht. An der
European Business School regiert der Markt. Er regelt
auch zwischenmenschliche Beziehungen. Sebastian sitzt
vor mir und dem Bremer Gespann, weil er dadurch seine
Chancen steigert, sein Auslandssemester in den USA oder
Australien verbringen zu dürfen. Nach zwei Semestern
werden die Studenten nämlich gerankt - von Platz 1 bis
Platz 200. Wer oben landet, darf sich die begehrtesten
Auslandsuniversitäten aussuchen, wer unten steht, »der
muss nach Polen oder in die Ukraine«, sagt Sebastian. Ins
Ranking fließen nicht nur die Studienleistungen, sondern
auch die Sozialpunkte ein. »Drei Punkte gibt es, wenn
man bei Veranstaltungen auf- oder abbaut. Fünfzehn,
wenn man an seiner alten Schule einen Vortrag über die
EBS hält, achtzig, wenn man in einer studentischen Ini-
tiative ist.«
Deshalb ist Sebastian in der studentischen Öffentlich-
keitsarbeit und führt uns über den Campus. »Die wollen
halt fördern, dass man sich engagiert«, sagt er. Ich staune.
Mein erster Reflex ist, dieses System zynisch zu finden.
Dann überlege ich, ob es nicht vielleicht fairer ist als eine
informelle Einteilung in engagierte und faule Studenten.
Ob es gar sinnvoll ist, auf diese Weise Studenten zu ani-
mieren, nicht nur an die Seminare zu denken.
»Die meisten sind in der Initiative Finanzen oder im
Investment-Club«, sagt Sebastian. Und ich ziehe meinen
Gedanken mit dem sinnvollen, vielleicht sogar sozialen
Engagement wieder zurück. »Letzte Woche«, erzählt er
53
weiter, »haben wir von der Initiative >Studenten helfen<
einen Blutspendetermin organisiert. Wir wollten, dass es
für eine Blutspende zwanzig Sozialpunkte gibt. Aber das
wurde nicht genehmigt. Jeder sollte aus Überzeugung
spenden. Es ist kaum einer gekommen. Hier tut keiner
was aus Überzeugung. Nur wegen der Sozialpunkte.« Die
seien schließlich die einzige Möglichkeit, um im Ranking
die Streber zu überholen.
»Was machst du, wenn das nicht klappt?«
»Dann bewerbe ich mich selber um einen Platz im
Ausland. Auch wenn ich dann zahlen muss. Hawaii wäre
schön«, sagt Sebastian und meint das ernst.
Der Bremer Vater schaut etwas angespannt. Vermut-
l i ~ hat er gerade endgültig begriffen, dass er für die
nachsten Jahre noch etwas mehr Geld beiseitelegen muss.
~ N i m m t die EBS die Reichsten oder die Besten?«, schreibe
Ich auf meinen Block mit den Fragen, die ich dem Direk-
tor der European Business School stellen will.
DER CHEF DER ELITE
Christopher Jah ' .
ns 1st gerade eInmal achtunddreißig Jahre
alt; also in einem Alt ' d
, .. er, In em sich das Gros der univer-
sl
ch
tare
ftl
n, Nachwuchskräfte als schlecht bezahlte wissen-
s a 1che Mitarb 't
J
ah d e1 er von Semester zu Semester hangelt.
ns agegen ist sch
'" on ganz oben angekommen. Als
Jungster Rektor den d' E .
der H h h ' 1e BS Je hatte, ist er an die Spitze
» oc sc ule für d' Füh'
er sagt h I 1e rungselite von morgen«, wie
,ge 0 t worden Al . h
mir Vorst II . s er seIn Büro betritt, kann ic
een,dasser' hh .
Jahns stü t " eIn 0 es Tempo gewohnt 1st.
rz mIt WIndschnittigem kurzem Haar in Hemd
54
und Krawatte in den Raum, läuft mir mit langen Schritten
entgegen, löst seine Uhr vom Handgelenk und legt sie vor
sich auf den Tisch. Er wird sie während unseres Gesprächs
kaum aus den Augen lassen. Eine halbe Stunde habe ich,
um mit ihm über Eliten zu sprechen. Die Uhr zwischen
uns signalisiert: Meine Zeit läuft jetzt. Die Zeit unseres
deutschen Bildungssystems, sagt er direkt zu Beginn, sei
quasi schon abgelaufen. Die deutschen Unis seien ver-
krustete Massenbetriebe. Sie setzten auf »völlig veraltete
Methoden«, würden ihre Studienplätze nach Abiturnoten
vergeben, schimpft Jahns.
»Das ist doch eigentlich auch ein nachvollziehbares
Kriterium. Was finden Sie daran so schlecht?«
»Es gibt diesen Spruch: Die Klassenbesten gehen wo-
andershin, und die Klassensprecher sind bei uns an der
EBS. Ich weiß nicht, ob sich Kompetenz immer in der
Abiturnote widerspiegelt. Vielleicht wäre ich an dieser
Hochschule als Rektor gar nicht zugelassen worden. Ich
habe damals mein Abitur nur mit 1,8 gemacht. Es gibt su-
per Leute, deren Fähigkeiten finden sich nicht immer in
einem Notenspektrum wieder.«
Bevor in Auswahlgesprächen die letzte Entscheidung
für oder gegen einen Bewerber fiele, würde die EBS die
Studenten in Zukunft vor allem auf der Grundlage eines
internationalen Auswahltests wie dem Graduate Manage-
ment Admission Test, kurz GMAT, ranken. Von einem
Rat von Wirtschaftswissenschaftlern entwickelt, wird der
GMAT in den USA, England und auch in Asien schon
lange eingesetzt. Die Bewerber müssen auf Englisch Es-
says verfassen und standardisierte Mathe- und Logikauf-
gaben lösen. Hunderttausend Bewerber pro Jahr testen
sich weltweit mit dem GMAT, jeder zahlt dafür 250 Dollar
55
IVl;
Gebühr an die Entwickler. In Frankfurt bereiten Manage-
menttrainer in zweitägigen Crashkursen auch deutsche
Studenten gezielt auf den Test vor. Sie werben damit, dass
die teuren Kurse die Punktzahl steigern. Wer mit dem Er-
g ~ b n i s nicht zufrieden ist und das nötige Geld hat, kann
eInen weiteren Kurs belegen und den Test wiederholen,
maximal fünf Mal pro Jahr.
Jahns hält viel von dem GMAT. Er ist für ihn ein ver-
lässlicher Vergleichsmaßstab ein Mittel des weltweiten
R . '
ankings, »Das Maximum sind da 800 Punkte - das er-
reicht kaumjemand. Unsere Besten schaffen 750, mal 760,
dann sind sie b . d' b 1 .
", el uns le a so uten Topstars, Im Schmtt,
wurde Ich sagen, sind unsere Studenten bei 650 bis 680.
Und damit sind ' , h '
. WIr SlC er In Deutschland führend.« An
Indischen Spitzenu' '" I' . . h
mversltaten lege der durchschmtthc e
GMAT der Stud t b'
en en el 740. »740« wiederholt Jahns
noch einmal und . h d .' .
, spnc t rel Ausrufezeichen. Als er m
IndIen zu Besu h h b
. c war, a e er gefragt, was mit Studenten
paSSIere, die nur 710 erreichten. »Da bekam ich die Ant-
wort: >Die schicke . .. k
n WIr zuruc zu unseren Gründungs-
partnern, nach Harva d B'" .'
h b' r zum elspie!.< DIe wollen SIe mcht
a en. MIt ander W
fü di en orten: Wer >nur< 710 Punkte hat, ist
r ese indischen U' , "
mversltaten nicht gut genug. Das
War ernst gemeint «J h' .
I d b' . a ns 1St beeIndruckt, wie rigoros die
n er el der Au hl'h
hu d swa 1 rer Studenten vorgehen. Zwei-
n erttausend Stud "
bei einer 11 U. enten, erzählt er mir, bewerben sich
op- m Z 'h d
men. »Ganz . C • Wel un ertvierzig werden genom-
eInlach per GMAT
aus der M d" «, sagt er, »flltern die Inder
asse le wukl' h B
seien eben z' I' h lC esten heraus.« Diese Inder
lern lC gut f
DeutSchen im V. .' seu zt er. Kein Wunder, dass die
E
erglelch zu di . d' h
üte hundert Jah R" eser In lSC en Manager-
re uckstand hätten.
-, 11M'
Damit leitet Christopher Jahns übergangslos zu sei-
nem Lieblingsthema über: die scharfe Kritik an Deutsch-
lands staatlichen Universitäten. Die Massenuniversitäten,
schimpft er, seien zu arrogant, um zu begreifen, dass
andere Länder vorbeizögen. Sie würden nicht einsehen,
dass Deutschland im internationalen Wettbewerb längst
abgehängt sei. »Das, was wir dort erleben«, sagt Jahns sar-
kastisch, »ist eine organisierte Unverantwortlichkeit, ge-
paart mit einer fatalen wirtschaftsfeindlichen Attitüde.
An staatlichen Universitäten ist es zum Beispiel verpönt,
einen Daimler-Chrysler-Hörsaal zu haben. Das ist bei uns
natürlich normal. Und da sagen mir die Kollegen von den
öffentlichen Hochschulen: >Ja, nimmt denn da die Wirt-
schaft Einfluss bei euch?< Da kann ich nur sagen: Wir sind
stolz auf unsere engen Kontakte zur Wirtschaft. Natürlich
soll die Wirtschaft mit ihren Topthemen bei uns vertreten
sein, damit wir nicht total an der Unternehmenspraxis
vorbei Ausbildung gestalten und forschen.«
Nur durch enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft,
nur durch die Nähe zu den ehemaligen Studenten, den
Alumni, sei es zum Beispiel einer Universität wie Harvard
möglich, auf ein Stiftungsvermögen von weit über 20 Mil-
liarden US-Dollar zu kommen. Dagegen sei das Vermö-
gen der deutschen Privatuniversitäten, auch das der EBS,
schlicht lächerlich.
»Trotzdem sagen Sie, dass Ihre Uni eine unternehme-
risch handelnde Elitehochschule sei. Wie kommen Sie
dann zu dieser Aussage?«
»Elite sind wir hier in unserem Sprachgebiet, auf den
Märkten in Zentraleuropa. Und zwar weil unsere Studen-
ten im Schnitt 2,4 Jobangebote kriegen. Weil wir von den
über dreitausend Alumni wissen, dass unsere Leute sich.
.
56
157
auch vier, fünf Jahre nachdem sie das Studium bei uns
absolviert haben, in tollen Positionen befinden, sei es
in mittelständischen Betrieben, in Beratungsfirmen oder
in Großkonzernen.« Er glaube nicht, sagt Jahns, dass sich
das beste Drittel seiner Studenten massiv von dem besten
Drittel der Studenten an staatlichen Universitäten unter-
scheide, aber an der EBS gebe es nun einmal sehr viel bes-
sere Lehr- und Lernbedingungen. Mein Block liegt bereit.
Mein Diktiergerät zählt die Sekunden bis zur ersten offi-
ziellen Elite-Definition.
»Elite-Uni«, frage ich, »heißt für Sie also nicht, dass
Ihre Studenten Elite sind, sondern dass Ihre Studenten
gut sind und Sie Ihnen optimale Studienbedingungen
bieten?«
»Elite heißt für mich schon, dass wir besonders talen-
tierte Studenten als Elite von morgen ausbilden. Damit
meine ich Menschen, die zum einen umfassende wissen-
schaftliche Kenntnisse haben, also fachlich nicht zu schla-
sind. Management-Kompetenz ist für mich aber eher
eIn Handwerk. Elite zu sein bedeutet mehr. Wir wollen,
dass sich die Studenten persönlich fortbilden, Fertigkei-
ten, und soziale Kompetenz
entwIckeln, so dass sie später in der Wirtschaft und Gesell-
Führungspositionen ausfüllen können, in denen
leiten, führen und ihnen Vorbild sind. Das ist
für m.lch mit dem Elitebegriff verbunden.«
»Sle definieren al EI' . h .
. so Ite mc tals Lelstungselite?((
»NeIn, sondern al Vi bild .
D
' . s or elIte, wenn Sie so wollen.
amlt SInd immer Le' t b .
I
· h IS ungs ereltschaft und gesellschaft-
lC es Engageme t b
, n ver unden.« Seine Studenten, ver-
sprIcht mir Jahns d
>lIeh gl b : wer en Verantwortung übernehmen.
au e, dass Jeder d h'
, er ler rausgeht, nicht nur ein-
58
fach heiß darauf ist, Karriere zu machen, sondern auch
bereit ist, Verantwortung zu übernehmen für andere, in
seinem Job oder privat.(( Seine Studenten würden schnell
begreifen, dass man die Zugehörigkeit zu einer Elite nicht
geschenkt bekomme, sondern dass diese hart erarbeitet
werden müsse. »Es gibt ja den Vorwurf, hier würden sich
die Unternehmersöhnchen einen Abschluss erkaufen.
Das ist üble Nachrede, das können Sie total vergessen.
EBSler lernen ganz schnell: Das Studium bei uns ist tat-
sächlich harte Arbeit.(
Ich erinnere mich an Bernds durchgetaktete Tage, an
seine Leistungsbereitschaft und seinen Fleiß und be-
zweifle nicht, dass er sich seinen Abschluss hier erarbeitet
hat. Ich denke aber auch an die Autos, die Anzüge und
die Kängurulederschuhe der Studenten, die ich hier
bisher getroffen habe, an die 10000 Euro pro Jahr, die
das Studium kostet. Aus meiner Sicht können dies keine
Kriterien sein, die bei der Vergabe der Plätze unter einer
Leistungselite, gar einer Vorbildelite, eine Rolle spielen
dürften. Es sind aber elementare Kriterien bei der Ent-
scheidung, ob aus einem Abiturienten ein Student der
EBS wird.
Jahns bestreitet nicht, dass an seiner Hochschule mehr
Unternehmerkinder sind als üblich. Er beziffert ihren
Anteil auf rund 30 Prozent im Vergleich zu knapp 20 Pro-
zent an einer staatlichen Universität. Er bekäme aber im-
mer mehr Anrufe, Schreiben und E-Mails aus der, wie
er sagt, »aufgewachten und enttäuschten Mittelschichk
Auch Lehrerfamilien zum Beispiel wollten ihre Kinder in-
zwischen zur EBS schicken.
Mein Bruder hat gerade sein Referendariat begonnen.
Er schätzt, dass einem jungen Lehrer mit Kind im Jahr
59
etwa 30000 Euro netto bleiben. Die EBS-Studienge-
bühren fräßen also ein Drittel des Familiengehalts auf.
Dass das ohne finanzielle Reserven oder reiche Groß-
eltern finanzierbar sein soll, bezweifle ich. Jahns emp-
fiehlt dennoch auch den Kindern aus diesen Familien
eine Bewerbung und eine Teilnahme am Auswahlverfah-
ren. Zuerst soll geklärt werden, wer für die Uni geeignet
ist, danach erst will die Hochschulleitung wissen, ob der
Kandidat die Gebühren zahlen kann.
Eine andere deutsche Privatuniversität, die Interna-
tional University Bremen (!UB), leistet sich ein Verfah-
ren, in dem Bewerber nur nach Leistung und ohne
Kenntnis ihrer Finanzen ausgewählt werden, bereits seit
ihrer Gründung. Als Resultat der sogenannten need blind
admission zahlen nur acht Prozent der Studenten die
Gebühren. Die !UB verzichtet nach Angaben der
Suddeutschen Zeitung damit auf etwa die Hälfte ihrer
Einnahmen aus Studiengebühren und stand Ende 2006
vor der Pleite. Die 106 Millionen Euro, die das ohnehin
Land Bremen in die private Uni steckte, reichten
nicht aus. Die Rettung kam schließlich in Gestalt
emer Kaffeerösterei. Die Jacobs Foundation kündigte an,
b'
IS zum Jahr 2011 insgesamt 200 Millionen Euro in die
Bremer Privatuniversität zu stecken. Die opferte als Dank
das. im Namen und heißt jetzt Jacobs
Umverslty.
U
Rdektor Jahns kennt die Geschichte dieser Fast-Pleite.
n so werden auch' Zuk ft .
d
m
un dIe meisten seiner Stu-
enten ihre Geb"h ah1
ledi . uren z en müssen. Jahns verspricht
ghch, dass seine Hochschule mehr Stipendien einfüh-
ren und dafür sorg . d d
A f:
ahm
en WIr, ass Banken J' edem der die
une "fu '
pm ng bestanden hat, einen Kredit anbieten.
60
Er schätzt, dass manche Studenten dann beim Abschluss
bis zu 50000 Euro Schulden haben. Trotzdem halte er das
Risiko einer Kreditaufuahme für gering, sagt er, da die
Absolventen ja in gute Positionen kämen.
Im Oktober 1999 habe ich an der Universität Dort-
mund angefangen. Wir waren fünfzig Erstsemester am
Institut für Journalistik. Fast alle hatten gerade ein sehr
gutes Abitur gemacht. Ein Professor begrüßte uns und
versprach uns eine goldene Zukunft. Das Institut böte
nicht nur eine sehr gute Ausbildung, sondern hätte in der
Branche auch einen erstklassigen Namen. 96 Prozent der
Absolventen hätten unmittelbar nach dem Studium eine
Anstellung als Redakteur gefunden und somit einen gut
bezahlten, sicheren Job.
Wir hatten gerade die Mappen mit den ersten
selbst moderierten Sendungen im Uni-Radio und den
Übungsmeldungen abgegeben, als die Medienkrise über
uns hereinbrach. Zeitungen und Nachrichtenagenturen
schmissen Hunderte gut ausgebildeter Redakteure raus,
auch Rundfunksender und Internetanbieter entdeckten
den Charme des freien Mitarbeiters, den man tageweise
entlohnt und nicht als festen »Personalkostenblock« an
sich bindet. Wir lernten, dass auch Professoren unrecht
haben und dass ein Job, sobald er vom Arbeitgeber in
»Praktikum« umbenannt wird, wenn es gut läuft, 50 Euro
pro Woche bringt. Auch lange nach dem Abschluss
manövrieren viele zwischen Zeitvertrag und Teilzeitjob.
Wir wissen, welche Zeitungen Hungerlöhne von 130 Euro
für komplette Artikel zahlen und von welchen Aufträgen
man leben kann. Gut, dass der Professor uns damals nicht
auch noch ermutigt hat, Kredite aufzunehmen - risiko-
frei, wegen der nahenden Festanstellung.
61
--;-----------__iiiliiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil -----...........---...
Man müsse sich daran gewöhnen, dass Bildung etwas
kostet, sagt Rektor Christopher Jahns. Was umsonst sei,
sei oft auch nichts wert.
Nachdem etliche staatliche Universitäten in Nordrhein-
Westfalen eine im Vergleich zur EBS geradezu läppische
Studiengebühr von 1000 Euro pro Jahr eingeführt hat-
ten, sank die Zahl der Studienanfänger zu Beginn des Win-
tersemesters 2006/2007 um zehn Prozent. Dass zwischen
Gebühren und der Zahl der Studenten ein kausaler Zu-
sammenhang besteht, bestreiten die Bildungspolitiker und
verweisen darauf, dass die Zahl der Studenten nach einem
ersten Gebührenschock meist wieder ansteigt. Fakt ist:
Seit 2004 schreiben sich in Deutschland jedes Jahr weni-
ger Erstsemester ein. Dabei steht im Koalitionsvertrag der
dass der Anteil der jungen Menschen,
dIe studieren, auf 40 Prozent pro Geburtsjahrgang steigen
soll. Im Wintersemester 2006/2007 fiel man auf 35,5 Pro-
zent .. k E'
zuruc. In Debakel. Im Herbst 2007 gab es ftir
sogar offiZiell Ohrfeigen: Die Organisation
fiir wIrtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit
(?ECD) rügte die Bundesregierung in ihrem Bildungsbe-
ncht. Deutschland " R nki '
sellm a ng der Industriestaaten bel
Quote der Hochschulabsolventen innerhalb von drei-
ßIg Jahren von Platz h f PI ' .
ze n au atz zweIUndzwanzIg abge-
rutscht, so der Bericht I S h . "
.. . m c mtt studIere In den anderen
Ländern über die Hälfte jedes Jahrgangs.
Noch. Denn in Eng! d "
E h
"h an zum BeIspIel brachen nach der
r 0 ung der G b" h
al1
euren auf über 4500 Euro pro Jahr vor
emStudenten au d M' I
d' s er Itte .. und Unterschicht ihr Stu-
lUmab. Diejenige d' d .
t. n, Ie urchhlelten, versuchen die Kos-
en mIt Jobs zu decke Üb '
d . n. er 80 Prozent der englischen Stu-
enten arbeIten neb nh
e er, trotzdem haben viele am Ende
62
Schulden in Höhe von über 30000 Euro. Auch den USA
hat eine Studie des Education Trust gerade attestiert, dass
die Universitäten des Landes stetig »reicher und weißer«
würden, weil die Gebühren, die mittlerweile auch an staat-
lichen Universitäten im Schnitt auf 12000 Dollar pro Jahr
gestiegen sind, ärmere Studenten vom Studium abhielten,
Vielleicht hilft auch in diesem Punkt der von der Wirt-
schaft so oft geforderte Blick nach Asien, nach China zum
Beispiel. Dort ist die Zeit nach den Aufnahmeprüfungen
für die Universitäten die Zeit des Sterbens. Xuefei cuiming
heißen sie - die »Schulgebühr-Selbstmorde«. Die Opfer,
schreibt die Süddeutsche Zeitung, seien die Eltern erfolg-
reicher Schüler, die kein Geld für die hohen Hochschul-
gebühren haben. Mindestens 8000 Yuan, gut 800 Euro,
verlangen chinesische Universitäten pro Jahr. Das ist das
Jahreseinkommen eines Durchschnittsverdieners in der
Stadt. Auf dem Land haben die Menschen im Schnitt
nicht mehr als 3000 Yuan.
Li Haiming, ein Bauer, hat sich in einem Türrahmen
erhängt, nachdem seine Tochter Lingling die Prüfung an
einem Kolleg bestanden hatte. Er sei ein »nutzloser Va-
ter«, weil er die Gebühren nicht zahlen könne, sagte er vor
seinem Tod. Nachdem Chen Li seinen Vater aus der Stadt
angerufen hatte, um ihm überglücklich zu erzählen, dass
er die Uni-Aufnahmeprüfung geschafft hatte, trank der
Vater eine Flasche giftigen Chemiedünger. Auch die
neunzehnjährige Wang Jingna trank Düngemittel, um zu
sterben. Sie hatte die Aufnahmeprüfung für eine Hoch-
schule in der Provinzhauptstadt bestanden. Rund 1300
Euro hätte sie an Gebühren zahlen müssen. Das Mädchen
hatte die Dorfverwaltung um einen Kredit gebeten, ihn
aber nicht bekommen.
63
__,------------------------iiiiiiiii-------..........----------.......--------..
I
i
i
Natürlich habe ich diesen Exkurs in dem Gespräch mit
Rektor Christopher Jahns nicht unterbringen können.
Die Uhr lag schließlich zwischen uns, die halbe Stunde
lief. Er hätte die Geschichten aus China sicher zu Recht
für etwas radikal gehalten. Und Nordrhein-Westfalen,
England und die USA?
Christopher Jahns weiß, dass die Gebühren seiner
Hochschule Studenten aus ärmeren Familien abschre-
Er will noch mehr Stipendien organisieren und
sich, dass das deutsche Fördersystem umgebaut
WIrd. BIslang können Studenten, deren Eltern wenig Geld
haben, BAföG beantragen. Da der Bund diese Hilfe seit
Jahren nicht erhöht hat, liegt der Maximalsatz bei mage-
ren 585 Euro. Davon kann kein Student leben. Im teuren
Oestrich-Winkel schon gar nicht. Deshalb will Jahns das
Geld b·· d I 0
un e n und dIe Zahl der Empfänger reduzieren.
kriegt ja eigentlich jeder. BAföG ist ja nun kein
Leistungsförderungssystem. Das wird Joe nach finanzieller
Bedo·rft° k
u Ig eit bezahlt. Überlegen Sie mal, wie viel Geld da
pauschal ausgegeben wird. Es wäre besser nach Leistung
'
1 .erenzieren und gestaffelt zu fördern. So könnte
man die Wirklich B t d·· 0
ch
es en er BAfoG-Berechhgten raussu-
en d
O
b
k ,le esten zehn Prozent etwa, und deren Studium
omplett fördern.«
die anderen dann gar nicht?«
»DIe müssen d
al
f
0 ann versuchen, ihr Studium anders,
so au eIgenes Ri ik .
ruf ISO,zu finanZIeren, oder erst einen Be-
er ernen.«
Mehr Wettbe b . 0
von P c wer 1st seme Kernidee. Jahns hält wenig
rOlessoren die Vert - oOb
Jahre hab ' rage u er zwanzig oder dreißig
en wollen Se· W··
und chan'" th . me unsche: change the system
oe e culture A fD 0
. u eutsch: eme komplette Ent-
64
bürokratisierung der Hochschule. Leistungsgedanke statt
Besitzstandswahrung, nennt Jahns das. »Ich finde es so
traurig, dass »Elite« in Deutschland so lange ein Schimpf-
wort waro Klar, wir haben unsere Vergangenheit. Ich
wohne in der Schweizo Und obwohl die Schweizer eher re-
serviert sind, ist bei denen ganz klar, dass sie stolz darauf
sind, dass einige ihrer Hochschulen Elite ausbilden. Dass
die Wirtschaftselite, die Politikelite, die Literaturelite dort
an diesen Universitäten entsteht. Das ist hier so lange ver-
pönt gewesen. Und das stimmt mich echt traurig. Wir ha-
ben uns hier einfach nur am Mittelmaß ausgerichtet und
hatten ein total falsches Verständnis von Gerechtigkeit.«
»Was war das für ein Verständnis?«
»Unser Verständnis ist, dass der Schwache - ich spre-
che von weniger Begabten, nicht von weniger Betuchten -
immer mitgenommen werden musso Dadurch richtet sich
automatisch viel am Mittelmaß aus. Man hat hier viel
mehr den Willen, dem Schwachen zum Mittelmaß zu hel-
fen, als den Guten weiterzubringen. Und das empfindet
man auch als gerechter. Für mich ist das ein falsches Ver-
ständnis. Gerechtigkeit heißt, jeden nach seinen Fähigkei-
ten, also auch den Guten besonders zu fördern, wie den
Schwachen auf ein Mittelmaß zu bringen. Wenn ein Sys-
tem dem Schwachen die Chance gibt, zurechtzukommen,
finde ich das sozial richtig. Die Frage ist, ob das so orga-
nisiert werden muss, wie wir das machen - ohne Diffe-
renzierung von Angeboten. Damit habe ich ein echtes
Problem. Was passiert denn heute? Die richtig guten
Leute, die wählen vielleicht ein, zwei, vielleicht noch drei
Hochschulen hier, die sich anders organisiert haben, und
die anderen, die gehen einfach ins Ausland. Das ist eine
Katastrophe. Das ist eine Bankrotterklärung. Und deshalb
65
müssen wir einfach auch mit der Förderung der Guten
richtig Gas geben und denen sehr, sehr gute Bedingungen
liefern.«
»Aber was ist«, frage ich ihn, »wenn sich DeutscWand
dann drastisch verändert, wenn es dann zwar mehr Ge-
winner, aber auch mehr Verlierer gibt?«
»Da kann ich nur provokant sagen: Pech gehabt! Es
gibt eben Unterschiede. Wir müssen die Leistungsträger
heraussuchen, die es übrigens in allen sozialen Schichten
gibt. Um die müssen wir uns auch intensiv kümmern. Das
sind die, die eine Gesellschaft voranbringen.«
Am Abend sitzen wir in der »Krone«, der guten Stube von
Oestrich. Vier von Jahns Studenten und ich. Sie sehen
nicht so aus wie die Jungs, mit denen ich sonst abends weg-
gehe. AmNebentisch empfängt einer ihrer Freunde gerade
sein Date und raucht Zigarre. Auch ansonsten ist hier alles
etwas gediegener als in den Bars in meinem Viertel. Einer
der Jungs trägt ZWar eine Sportjacke, aber die ist nicht von
H&M, sondern aus der Kollektion des amerikanischen De-
signers Hilfiger. Trotzdem ist schon nach der ersten Runde
zweierlei klar' DI'e' . d ih . rnli h
. Vler sm trotz rer Klamotten Zie c
normale Jungs, und ihre Sicht auf die Welt ist nicht so
schwarz-weiß wie die ihres Rektors.
E i ~ e r finanZiert sein Studium über einen Kredit. Zwei
Praktika bei Inve t b nk
s ment a en hat er bislang gemacht
und dort gem kt d d
er , ass as Gerede von den 16-Stunden-
Tagen Realität ud' h
. n mc t Aufschneiderei ist. Es sei nicht
so, dass dle Arbe't . ...
kl 1 Immer nottg und sinnvoll gewesen sei,
agt er. Es gehe oft s W' h d
d' c IC t arum, bis nach Mitternacht
azusltzen. »Sechzeh St d
1- ft h n un en pro Tag arbeiten, wenn es
au , underttausend Jah
pro r verdienen, und mit drei-
66
ßig Jahren stirbt man an Herzinfarkt«, fasst sein Freund
das Leben, das einen jungen Investmentbanker erwarten
kann, zusammen. »Aber wenn ich es nicht mache, wie soll
ich dann den Kredit zurückzahlen?«, fragt der andere.
Dann erzählt er, dass er so ein Investmentbanker-Leben
nicht will. Er will Familie, sagt er, und seine Kinder auch
mal sehen. Der Student, der neben mir sitzt, im Rauten-
pullunder und mit zurückgegelten Haaren, sagt, man
müsse das ganze Gerede von wegen Topstudenten und
Elite mal ganz gelassen betrachten. »Ich bin durchschnitt-
lich intelligent und überdurchschnittlich ehrgeizig und
fleißig«, sagt er. »Aber wenn meine Eltern sich das hier
nicht leisten könnten, wäre ich nicht hier.«
Kurz nach diesem klugen Satz springen wir beide in
sein schnelles Auto, das vor der Kneipe parkt. Er rast in
den Nachbarort, damit ich meinen Zug noch bekomme.
Er lässt mich raus. Ich renne die Treppen hoch, die Tür
fällt hinter mir zu, und sofort bin ich in einer anderen
Welt. Dieses Gebäude gehört zur Bahnhofsunterschicht.
Es ist kein Glas- und StaWtempel wie der Berliner Haupt-
bahnhof, kein schmucker mit Metallgewölbe wie der
Frankfurter. Es ist ein stinkendes, einsames Backstein-
haus, an dessen Wände Jugendliche mit Edding ihre Lie-
besschwüre geschmiert haben. Ich will zum Gleis, rüttle
an der Tür, doch die ist verschlossen. »Öffnung erst vor
Ankunft der Züge« lese ich. Laut Plan fährt der Zug in
dieser Minute ab. Ich renne ums Gebäude, stehe vor einem
Zaun, laufe zurück, rüttle wieder an der Tür. Sackgasse,
schreit der Bahnhof. Ich werde nervös. Dann ertönt die
Durchsage, dass mein Zug sich verspäten wird. Ich füge
mich, akzeptiere die verschlossene Tür und starre sie
während der nächsten Viertelstunde an.
67
, "----------__- .....-.......-IHW'i_----....__IIIIIIIIIIII............... .....
Was ist, überlege ich, wenn sich so ein ganzes Leben
anfühlt? Wenn man irgendwie am falschen Ort landet, die
falsche Tür benutzt und plötzlich nicht mehr weiß, wie
man wieder rauskommt? Können die, denen es besser
geht, da einfach sagen: Verlierer - Pech gehabt, es gibt
eben Unterschiede? In diesem Moment surrt die Tür. Es
geht weiter. Ich darf aufs Gleis, in den Zug, der mich nach
Hause fährt.
GEWINNER UND VERLIERER
Es ist zwei Uhr nachmittags. Ich sitze in unserem WG-
Wohnzimmer an dem langen Holztisch, den Theo vor
Jahren auf einem Flohmarkt gefunden hat. Die hintere
Hälfte i t ' , ,
s WIe Immer mit Toms und meinen Zeitungen be-
deckt. Statt aufzuräumen, setze ich mich mit Rechner und
Kaffee lieber an das etwas wacklige vordere Ende. Abgese-
hen von den knarzenden Holzdielen ist es ruhig. Hanna
lernt in der Biblioth k d' J " . ,
, e, Ie ungs smd seIt gestern m Ihren
Zlffimern. Theo w d f' ,
ar gera e au emer Konferenz m Bonn
zum Thema Gr d' k
un em ommen. Seit ein paar Monaten

er sich in mehreren Gruppen, die eine solche
aSIsversorgung fü 'd B"
"b 1 r Je en urger durchsetzen wollen. Jan
u er egt, wo er ' F' h

. em ISC erboot mieten kann, das er
r eme Protestakt' b h
. , Ion rauc t. Mit dem Boot wollen Ak-
tiVIsten - als G W
kl
'd eorge . Bush und Angela Merkel ver-
el et - durch d R
SchI as ostocker Hafenbecken fahren. Im
eppnetz soll ein E dk I
F" , e r uge zappeln, »Die Welt in den
angen WellIger M" h '
t
M
ac tiger«, so wird ihre Botschaft lau-
en. anchmal fühl' , ,
Eindri gl' e Ich mIch hIer wie ein neoliberaler
n mg. Ich arbe't
1 e gerne. Wenn es sinnvoll ist, auch
68
nachts oder am Wochenende. Immer wieder kommt es
vor, dass meine Arbeitstage ähnlich viele Stunden haben
wie die eines Investmentbankers. Ich habe nichts gegen
Leistung und auch nichts gegen ein System, das im Gro-
ßen und Ganzen nach den kapitalistischen Regeln des
Marktes funktioniert.
Kurz nach meinemfünfzehnten Geburtstag habe ich im
Kino unserer Stadt angeheuert. Dort konnten die Zu-
schauer während der Vorstellung über eine Telefontastatur
Popcorn und Getränke ordern. Wir mussten die Bestellung
in einem Korb ins dunkle Kino tragen, gebückt von Reihe
zu Reihe laufen, ohne zu stören abrechnen und kassieren.
Wir bekamen keinen festen Stundenlohn, sondern wurden
nach Leistung bezahlt. Zehn Prozent unseres Umsatzes
durften wir behalten. Im Lauf des Abends habe ich das
Geld in meinem Portemonnaie immer wieder durchge-
zählt und am Ende meine Scheine entgegengenommen.
Wenig später strich ich in unserer Lokalzeitung meine Ar-
tikel an und addierte ähnlich zufrieden das Zeilengeld, das
ich bekommen würde. Als ich meinen ersten Fernsehbei-
trag fertig hatte, verkündete ich meinen Eltern nicht nur
den Sendetermin, sondern vermeldete auch stolz meinen
Kontostand, nachdem das Honorar eingegangen war.
Trotzdem reagiere ich reflexartig abwehrend, wenn ich
höre, dass wir mehr Wettbewerb brauchen, dass wir die
Spitze fördern und Verlierer in Kaufnehmen müssen. Au-
tomatisch versuche ich, eine Art Grundrecht auf Gleich-
heit, auf Selbstverwirklichung und sicher auch auf ein
bisschen Faulheit zu verteidigen. Bernd hatte gesagt, dass
er unverkrampft in den Wettbewerb um Leistung ein-
steige. »Es ist eine Sache, die ist da, und die nehme ich an«,
meinte er. »Und da gibt es Gewinner und Verlierer- mal
69
ist man Gewinner, mal ist man Verlierer. Wobei man na-
türlich häufiger Gewinner sein will.«
Als ich meinen Freunden von den Menschen erzähle,
die ich bislang getroffen habe, spotten die meisten. Über
die Schnösel im Anzug, über Marios platte Sprüche, über
Bernds Ehrgeiz. Keiner glaubt, dass solche Hochleistungs-
leben glücklich machen. »Aber was ist«, fragt mein Freund,
»wenn das irgendwann die Standards sind? Wenn wir
dann gar keine Chance mehr haben?«
Tom hat so lange studiert, dass er für die letzten Se-
mester bezahlen musste. Mein Bruder auch. Ein Freund
weiß nicht, was nach seinem Praktikum kommt. Ein an-
d ~ r e r erzieht sein Kind und hat lange gebraucht, um
eInen Job zu finden. Sind sie Verlierer? Für mich nicht.
Der Mann, mit dem ich lebe, mein cooler großer Bruder,
der intelligente, nachdenkliche Vater: Wieso sollten sie
Verlierer sein? Ausbildung beendet, Liebe gefunden, Kind
erzogen: Als meine Eltern jung waren, reichte das, um
ganz zufrieden irgendwo im Mittelfeld leben zu dürfen.
Heute haben viele meiner Freunde Angst, dass ihre An-
strengungen nicht mehr reichen, dass sie durchrutschen
werden, nach unten. Schuld, darin sind wir uns an unse-
rem WG-Tisch stet " .. d
. s eInIg, waren ann nicht wir, sondern
dI: Umstände, die Ungerechtigkeit, der neoliberale Zeit-
geIst, den viele, die ich bisher getroffen habe so mühelos
und überzeugend ve k" S" ' .
. r orpern. 0 uberzeugend allerdIngs,
dass mIt ihnen auch d' Z '1: I
. . Ie welle an solchen Rechtfertigun-
gen für dIe eigene B' afi' . .
d
IOgr e In meIn Leben getreten SInd,
er ungute Verdacht· d '.
. ' ass WIr VIelleicht selber schuld
SInd, wenn wir scheitern.
Vielleicht mü t .
t. ss en WIr alle umdenken. Vielleicht soll-
en Wir akzeptieren d .
, ass eIn Wettbewerb begonnen hat,
70
in dem die Regeln nicht mehr ausdiskutiert, sondern von
anonymen Globalisierungskräften diktiert werden. Viel-
leicht braucht ein Land wirklich eine Art Auswahl, eine
Elite also, die es in diesen Wettbewerb entsendet, um im
Kampf um Anteile an der Weltwirtschaft punkten zu kön-
nen. Aber selbst wenn ich diesen Bedarf, eine Leistungs-
elite zu formen und zu fordern, akzeptiere, bleibt die alles
entscheidende Frage: Wem soll dieses Privileg zugute-
kommen? Für welche Leistung bekommt man im Leben
Punkte gutgeschrieben? Und wer maßt sich an, Schieds-
richter zu sein? Wer rechnet am Ende ab und schickt viel-
leicht Bemd und Mario in die Champions League und
uns in den UI-Cup?
DER LEBENSLAUFFORSCHER
Ich bin spät dran. Als ich mein Fahrrad anschließe,
fürchte ich, dass der Mann, der mir heute diese Fragen be-
antworten könnte, schon gegangen ist. Denn jemanden,
der nach Professor aussieht, finde ich weder vor noch in
dem als Treffpunkt vereinbarten Berliner Cafe.
Glücklicherweise ist Michael Hartmann noch da. Er
steht neben einer kleinen abgewetzten Ledertasche auf
dem Bürgersteig. Er ist so unmodisch gekleidet, dass es
fast wie ein Statement aussieht. Sein blaues T-Shirt ist zer-
knittert, sein Schnauzer ignoriert jeden Trend. Hartmann
ist Professor, Altachtundsechziger, bekennender Linker.
Ungewöhnlich ist, dass er in der Wissenschaftswelt fast
unumstritten ist, dass seine Forschungsergebnisse auch
von der Wirtschaft akzeptiert sind. Hartmann hat sich
anders verhalten als viele andere Linke. Er hat nicht, wie
71
diese, im sicheren Glauben, auf der richtigen, der guten
Seite zu stehen, jahrzehntelang seine Thesen wiederholt,
sondern er hat die Zeit genutzt, um Beweise zu finden.
Hartmann ist ein Sammler, ein ganz hartnäckiger so-
gar. Er hat Tausende Lebensläufe Hochqualifizierter aus-
gewertet und gilt als der einzige Eliteforscher des Landes.
Ein Titel, den er stolz trägt, obwohl er den Begriff »Elite«
»Ich will von dem Begriff weg. Ich kann mir das
reIne Einzelperson alles wunderschön zurechtlegen,
aber wenn ich von Elite rede, rede ich von einer sozialen
Gruppe. Dann rede ich von Herrschaft und Machtver-
hältnis.sen. Sonst macht das keinen Sinn. Der Begriff ist
von s:Iner Herkunft und Verwendung her eindeutig. Es
muss Immer die anderen geben. Das ist das Konzept, das
Deshalb sage ich immer, wenn versucht
wIrd,. diesen Begriff sozial passförmiger zu machen, dass
das eInfach nicht geht. Mit dem Begriff >Elite< ist aus vie-
len G .. d
run en ein Konzept verbunden, das eine Spaltung
der Gesellschaft . hEl. .
vorSIe t. > lte< heIßt >Masse< auf der an-
deren Anders lässt sich das nicht denken.«
»Wl . d
e Wir versucht, den Begriff sozial verträglich zu
machen?«
»Indem man d fh·
1
.. arau Inweist, dass das alles Leistungs-
e lten SInd L . t d
5t
·. k f· eIS ung, as heißt ja, man steigt Stück für
uc au Es ·b .
1
. h . gl t eIne große Pyramide. Alle haben ähn-
lC e Startvoraus t
tisch haf'" zungen, und jeder kann es theore-
sc len DIese P ·d
g
ibt 1.· P . . s yraml enbild ist aber falsch. Es
J\.eIne yramlde E· h .
k1
. . s 1St e er eIne Sanduhr mit einem
ganz eInen Kopf d.
man de ··b . - un eInem ganz engen Hals, und ob
n u erwIndet d h
nicht auss hl· ßl. ,as at auch mit Leistung, aber
c le Ich und . h
tun.« nlC t mal vorrangig damit zu
72
Michael Hartmann ist überzeugt, dass die Leistungs-
elite ein Mythos ist. Ein Mythos, der bewusst geschaffen
wurde, weil Leistung das einzige Kriterium ist, das die
Masse für die Auswahl einer Elite akzeptieren würde.
Heißt es doch, dass jeder, der talentiert, strebsam und
fleißig ist, dazugehören kann. Dieser Glaube, sagt Hart-
mann, sei ein Trugschluss. Das Gerede vom Wettbewerb
der Besten sei vorgeschoben. Er hat sich mit seinem Team
6500 Lebensläufe von promovierten Ingenieuren, Juristen
und Wirtschaftswissenschaftlern angeschaut. Der Dok-
tortitel ist der höchste Bildungsabschluss, der in Deutsch-
land zu erreichen ist. »Daher sollten Kinder aus Arbeiter-
und Angestelltenfamilien mit der Promotion dasselbe Maß
an Eignung und Mühe bewiesen haben wie ihre Mitstu-
denten aus bürgerlichen Familien«, beschreibt Hartmann
seine Versuchsanordnung.
Sein Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Qualifikation,
sondern die soziale Herkunft entscheidet über die Auf-
stiegschancen. Mittelschichtkinder machen trotz des Dok-
tortitels vor allem in der Wirtschaft wesentlich seltener
Karriere als ihre Konkurrenten aus besseren Familien.
»Wir haben festgestellt, dass von den Vorstandsvorsit-
zenden der hundert größten deutschen Unternehmen
85 Prozent aus dem gehobenen Bürgertum und dem
Großbürgertum stammen«, sagt Hartmann. Eine enorme
Quote, vor allem weil gerade einmal 3,5 Prozent der
Deutschen dieser Oberschicht angehören. Nur 15 Pro-
zent der Vorstände seien in Mittelschicht- oder Arbeiter-
familien geboren, Schichten, aus denen die übrigen
96,5 Prozent der Bevölkerung stammen. Die Oberschich-
ten stellten zudem fast zwei Drittel der oberen Verwal-
tungsbeamten, und auch in der Politik, früher die »Elite
73
der Aufsteiger«, ließe sich ein Prozess der »Verbürgerli-
chung« beobachten, meint Hartmann. »Selbst durch den
Erwerb des höchsten Bildungstitels ist es also nicht mög-
lich, das Handicap einer nichtbürgerlichen Herkunft
auch nur annähernd auszugleichen. Das Elternhaus be-
einflusst den Zugang zur deutschen Elite ganz direkt.«
Im direkten Vergleich ganzer Promotionsjahrgänge hat
er festgestellt: Bei gleichem Abschluss ist die Chance ei-
nes Kindes aus großbürgerlichem Elternhaus, einen Vor-
standsposten in einem Großkonzern zu ergattern,zwei-
einhalb Mal so groß wie die der Mitstudenten aus der
Arbeiterklasse oder der Mittelschicht. Statt einer Aus-
wahl der Besten träfen die Entscheider eine Auswahl der
sozial Ähnlichen. Hartmann erzählt stolz von führenden
Vertretern der Wirtschaft, die ihm gestanden hätten, wie
sehr diese Ergebnisse sie schockiert hätten. Die meisten,
sagt er, seien tatsächlich von ihren Auswahlverfahren
überzeugt gewesen.
Der Aufstieg in die Elite funktioniert nicht nach for-
malisierten und nachvollziehbaren Regeln. Es gibt keine
Punktetabellen, keine Ranglisten, an denen man die eige-
nen Chancen ablesen kann. Die Auswahl der Privilegier-
ten erfolgt in G "h
. esprac en. In Gesprächen, die meist die
amherende Elite 't 'h '" ..
ml I ren moghchen Nachfolgern fuhrt.
»Dabei wird seh 'I ' .
r Vle wemger nach rationalen Kritenen
entschieden als . .
, man gememhm vermutet«, stellt Hart-
mann fest. »Der D k ' .
E ruc ,unter dem Topmanager bel Ihren
ntscheidungen steh d d' .... .
I
r. en, un le haufig außerst unsichere
nlOrmahonsbas' r
IS, aUlgrund derer sie diese Entscheidun-
gen treffen müsse I .
. n, assen SIe nach Männern suchen, de-
nen SIe vertrauen d d
gu
t. h" 0 er eren Persönlichkeit sie zumindest
emsc atzen können.«
74
Manche Manager begründen ihre Auswahl mit dem
Satz: »Die Chemie hat gestimmt«, andere erkennen sich
selbst in dem Bewerber wieder und sagen: »Mit dem
könnte ich ein Bier trinken gehen.« Wissenschaftler spre-
chen von Habitus, die despektierliche Variante heißt
»Stallgeruch«. Letzten Endes beschreibt ,alles dasselbe
Prinzip: Je ähnlicher ein Bewerber dem, der entschei-
det, ist, desto besser. Kinder aus gutem Hause haben
in diesem Spiel einfach die besseren Karten, sagt Hart-
mann. Sie seien mit den in Vorstandsetagen gültigen
Dress- und Verhaltenscodes vertraut, hätten meist eine
breite, bildungsbürgerlich ausgerichtete Allgemeinbil-
dung, eine ausgeprägte unternehmerische, risikofreudige
Einstellung und seien in der Regel souveräner und selbst-
sicherer. »Aufsteigern fehlt diese Souveränität. Sie ha-
ben Angst davor, wieder dorthin zu müssen, wo sie her-
kommen.«
»Und wie könnte man es hinbekommen, dass Leistung
doch mehr zählt als die soziale Herkunft?«
»Obwohl ich eigentlich für individuelle Lösungen bin
und es mir völlig widerstrebt, verteidige ich alle Verfah-
ren, die formalisiert sind. Wenn man zum Beispiel nach
Noten geht, gibt es auch schon eine soziale Schieflage,
weil die Notengebung in der Schule sozial nicht gerecht
ist. Aber alles, was an Auswahlverfahren noch dazukommt,
macht es nur noch schlimmer.« Leadership, Persönlich-
keit, Auftreten - das sind für Michael Hartmann höchst
ungeeignete Auswahlkriterien, da sie formbar und schlecht
überprüfbar seien. Es sei wie ein Wettbewerb, sagt er, der
nach Regeln funktioniere, die nur Eingeweihte kennen
könnten. Ein unfaires Rennen, das die, die von oben kom-
men' geWinnen müssten.
75
Deshalb sei das mit der Leistungselite eben Unsinn,
sagt er, als er mit seiner Ledertasche zur U-Bahn läuft. Zu
Hause lese ich seine Studie und bleibe lange vor seinem
Fazit sitzen. Er schreibt: »Wenn Manager und Politi-
ker ein Ende der Gleichmacherei fordern und ein Mehr
an Leistungsgerechtigkeit, lässt sich aus der Studie nur
eine Schlussfolgerung ziehen: Es geht gar nicht um Leis-
tungsgerechtigkeit, sondern um die Bewahrung und den
Ausbau ihrer privilegierten Position. Mit dem ständi-
gen Verweis auf das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit
werden nicht nur die entscheidenden Karrierevorteile,
die B·· ki
urger nder aufgrund ihrer Herkunft besitzen, voll-
komm . .
en Ignonert, sondern es wird zugleich versucht,
die daraus resultierenden, immer krasser werdenden Un-
terschiede in Macht und Einkommen öffentlichkeitswirk-
sam zu legitimieren.«
Das ~ i n g t nach Klassenkampf, ein bisschen sogar nach
Verschworungstheorie. Aber was ist, wenn es stimmt?
4? Prozent der Deutschen, schreibt die Zeit imMärz 2007,
smd überzeugt d d· . I .
, ass Ie SOZIa e HIerarchie in Deutsch-
land zementiert ist. In Hamburg begleitet ein Forscher-
team seit über zw . J h
anzIg a ren das Leben von Menschen,
die die Schulen d St d .
er a t 1m Jahr 1979 verlassen haben.
Das Fazit der Fors h . . d .
. . c er 1st em euhg: »Früher haben wir
wIrklIch gegla bt d
u , ass man durch Bildung aufsteigen
kann«, schreiben si I . h
I
. e.» nZWISC en wissen wir: In Deutsch-
and 1st das eine 111' N
S h
· h USIon. ach wie vor ist die soziale
c IC t, aus der J' e d k
man ommt, entscheidend für den ge-
samten Lebenswe 101
F
h
g.« nenn Hartmann, die Hamburger
orsc er und die 49 P
. rozent recht haben, dann produzie-
ren WIr unter dem D km
EI
. ec antel der Leistungsauswahl brav
neue Iten, die de al .
n ten gleIchen. Dann nehmen wir in
76
einem von Beginn an unfairen Wettbewerb Verlierer in
Kauf, damit die Gewinner weiter ungestört Macht und
Privilegien unter sich aufteilen können. Dann wäre es
höchste Zeit, Gräben zu ziehen und in Gefechtsstellung zu
gehen: Ihr da oben, wir hier unten.
Aber wo würde ich dann überhaupt hingehören?
Nach unten, weil mein Vater eine Schlosserlehre gemacht
hat und mein Habitus nicht immer astrein ist? Oder
nach oben, weil mein Vater inzwischen studiert hat, ge-
nau wie meine Mutter, mein Bruder und ich, und weil
ich mich bislang auch in persönlichen Auswahlgesprä-
chen oft gut verkaufen konnte? Sieht Hartmann die Welt
vielleicht ähnlich schwarz-weiß wie Rektor Jahns? Nur
eben andersherum? Trotzdem: Warum spielt in der Elite-
Diskussion die Frage, wer dazugehören soll und wer
darüber entscheidet, eine so untergeordnete Rolle? Hart-
mann würde wohl sagen: Weil die Menschen, die die Dis-
kussion vorantreiben, die Privilegierten in der Gesell-
schaft, kein Interesse daran haben, dass über die Regeln
der Eliteauswahl debattiert wird. Denn dann könnte
auffallen, dass sie diese Regeln in ihrem Sinne gestal-
tet haben. Das kann nicht sein, denke ich. Es klingt zu
sehr nach Verschwörungstheorie. Gleich ballst du die
Faust und singst die Internationale, ermahne ich mich
selbst. Außerdem ist es für solche Schlussfolgerungen
nach Recherchen bei McKinsey und der EBS viel zu früh.
Ich schaue auf meinen Reiseplan: Westerham. Elite-Aka-
demie, steht da. Neun Stunden Zugfahrt sollten reichen,
um die Verschwörungstheorien wieder vergessen zu
können.
77
DIE ELITE-AKADEMIE
Bayern ist in puncto Elite das, was es im Fußball mal war:
unangefochtene Spitze, das Maß aller Dinge. Gut sechs-
hundert Kilometer liegen zwischen Berlin und Wester-
ham, einemDorfin der Nähe von München. Und doch ist
es, als würde ich in ein anderes Land reisen. Überall sehe
ich Dirndl und Lederhosen. Es ist das erste Oktoberfest-
Wochenende. Bayern München hat gegen Arminia Biele-
feld verloren. Draußen sind 25 Grad. Ich bin vergnügt, als
ich meinen Koffer zu Carls Auto ziehe.
»Willkommen im Schullandheim«, sagt Carl, als wir
wenig später aus seinemalten grauen Golfsteigen. Wir sind
durch kleine Straßendörfer gefahren, vorbei an Zwiebel-
türmen, bis zum Waldrand, wo nur noch ein paar Lichter
leuchten.
Meine Reise nach Bayern ist an diesem Punkt der logi-
sche nächste Schritt auf der Suche nach der Elite. Man
könnte den Freistaat die Heimat der Eliten nennen. Bay-
ern war schon im t I d .
. mer s 0 zarauf, eIn Schulsystem zu ha-
ben, In dem Leist äh°I
. ung z t. Auslese gilt als wichtig und
sInnvoll und ist ZI·el d El·t c·· d d .
. es» I elor erungsgesetzes«, as In
Bayern Im Mai 2005 in Kraft getreten ist und für das sich
alle bayerischen Ab·t .
I unenten bewerben können die min-
destens die Note 1 3 hafft '
, gesc haben. Das Land leistet sich
zudem ein teures Eh N
EI
. I e- etzwerk, zu dem einundzwanzig
Itestudiengänge d h
un ze n Doktorandenkollegs gehö-
ren. Und schon v J h o. •
. or aren grundete der Freistaat eIne
eigene Elite-Akad . . .
ku H
ernie, Wie mir Akademie-Sprecher Mar-
s uber amTelef, . b .
h b . on In reitern Bayerisch erklärte. »Wir
a en provoziert da al .
hat sich ·a k . m s mit dem Begriff, denn von Elite
J emer zu sprechen getraut.«
78
Ich bin gespannt, habe vorher extra mein weißes
Cordjackett in die Reinigung gebracht. »Musst dich schon
ein bisschen schick machen, wenn du die Elite besuchst«,
hatte mein Freund gesagt. Und nun bin ich overdressed.
Denn Carl, der erste Vertreter der bayerischen Elite, den
ich kennenlerne, trägt ein Sweatshirt mit Aufdruck.
Vielleicht liegt es an seinem Pulli, dass Carl, der gerade
siebenundzwanzig Jahre alt geworden ist, viel jünger aus-
sieht. Vielleicht sind es auch die blonden Haare, die im
typischen Kleinjungenschnitt in gerader Linie kurz über
den Ohren enden. Vielleicht ist es die Harry-Potter-Narbe
zwischen den Augenbrauen. Oder es ist die Stimme, die
noch längst nicht so erwachsen klingt wie Bernds.
Carl ist einer der Auserwählten, die die Elite-Akademie
besuchen. Der Junge mit dem Sweatshirt ist einer mit
»Führungsanspruch«, wenn es stimmt, was Huber mir
vorher über die Studenten erzählt hat. Parallel zum Stu-
dium soll ihnen hier beigebracht werden, wie sie ein
Unternehmen zu leiten haben. »Führen, Sich-Führen und
Sich-fuhren-Lassen - Der Weg zur Leadership-Excel-
lence« oder »Führung mit christlichen Tugenden« heißen
die Seminare, die Carl und die anderen besuchen. Sech-
zehn Wochen, auf zwei Jahre verteilt, sind sie hier im klei-
nen Westerham, vierzig Kilometer von München entfernt.
2600 Euro bezahlen sie dafür. »Gestern hättest du da sein
sollen«, sagt Carl. »Da ist der siebte Jahrgang mit einer
großen Party verabschiedet worden.« Ich rechne: dreißig
Studenten pro Jahr, sieben Durchgänge bislang. Die baye-
rische Elite hat also durch die Akademie zweihundertzehn
neue Mitglieder empfangen können. Respekt.
»Nimm ihren Koffer, Carl«, unterbricht Alexa meine
Gedanken. Sie zeigt mir mein Zimmer, erklärt mir, wann
79
und wo es Abendessen gibt, und ermahnt mich, bloß mit
allen Fragen zu ihr zu kommen. Carl und Alexa sind wie
fast alle Studenten, die ich in den nächsten Stunden treffe,
nicht nur nett, sie sind herzlich. Wenn das die christlichen
Tugenden sind und sie später ihre Mitarbeiter ähnlich be-
handeln, unterstütze ich ab sofort die Inhalte der Akade-
mie, denke ich.
Auch das »Schullandheim« gefeHlt mir sofort. Bayeri-
sche Elite-Akademie - da hatte ich prunkvollen Barock
erwartet. Dieses Haus aber ist schlicht und stilvoll. Durch
riesige Glasfenster blickt man in Richtung Wald. In mei-
nem Zimmer finde ich lasierte Holzmöbel und Wäsche,
die weißer und weicher ist, als es der WG-Waschmaschine
je gelang. Ich fühle mich wie in einem Landhotel. »Eigent-
lich ist das hier viel schicker, als es für uns nötig wäre«,
sagt ein Student, als wir gemeinsam zum Restaurant ge-
hen. Bescheiden sind sie also auch, denke ich beein-
druckt.
Carl, Jahrgangssprecher und charmanter Chauffeur. ist
schon d H"fl' h
a. 0 lC macht er mich mit den anderen be-
~ n t . Carl prescht nicht nach vorn wie Mario. Er ist zu-
ruckhaltend und überlegt, trotzdem widerspricht er sich
manchmal in zwei Sätzen drei Mal. Das gefällt mir. Beson-
ders schwer tut er SI' h d . d' fü" .
c amlt, le r mIch entscheIdenden
~ r a g e n zu beantworten: »Was ist Elite? Und warum gehört
ihr dazu?«
»Elite sein das h 'ßt Vi
' el, erantwortung zu überneh-
men, sich für and, ,
fi d
ere zu engagIeren«, sagt er, »Aber Ich
m e es nicht gut d d'
, ass le Akademie sich selbst so
nennt. Besser wä
.. d re es, wenn andere das über uns sagen
WUr en.«
Von wem Ca I d' ,
rIese Emschätzung wohl akzeptieren
80
würde? Denn die anderen, die gern über Elite reden, die
Berater, die Absolventen der privaten Wirtschaftsunis, die
mag er nicht so sehr. Ihm graust vor Menschen, denen
es nur um die eigene Karriere geht - Karriere ohne eine
große Idee dahinter, wie er sagt.
»Was ist deine Idee?«, frage ich.
»Ich möchte christliche Ideale vertreten, möchte, dass
Nächstenliebe auch in der Wirtschaft und Politik zählt.
Wer Geld verdient, soll Stiftungen gründen, Gutes tun,
dafür möchte ich kämpfen.« Carl will als Trainee bei der
Deutschen Bank einsteigen, der Ackermann-Bank »Da
hast du dann ja viel zu tun«, lache ich.
»Ja«, sagt Carl ernst. »Aber soll man deshalb aufgeben?«
Wie billig von mir, seine Ziele sofort als vorgeschoben.
als naiv abzuqualifizieren. So kontert man Idealisten doch
immer aus. Stiftungen also, der große Trend aus den USA.
Warum nicht? Carls Stiftungwäre die »Von-Tippelskirch-
Foundation«, denn so heißt Carl, der Spross eines alten
Adelsgeschlechts. Ihm ging es nie schlecht. Sein Jurastu-
dium an einer Privatuni kostete über 30000 Euro. Jetzt
promoviert er in München. Ihm geht es darum, zu unter-
suchen, ob man nicht Straf- und Zivilprozesse in vielen
Fällen zusammenziehen könnte. Das spare Zeit und Geld,
sagt er und wäre gut für die Opfer. Die bekämen nicht nur
zügig recht, sondern auch schnell Entschädigungen oder
Schmerzensgeld.
Carl ist einer, der Ungerechtigkeiten schlecht erträgt,
der sich für andere einsetzt, sich um sie kümmert. Wäh-
rend seines Studiums hat er in St. Pauli bei einer kirch-
lichen Rechtsberatung geholfen. Früher hat er Pfadfinder
durch die Wälder geführt, jetzt betreut er im Sommer
junge Menschen mit geistigen und körperlichen Behinde-
81
rungen. Einer, ein geistig behinderter Junge, ist sein Pa-
tenkind. »Alle hier engagieren sich«, sagt Carl. »Das muss
man, um aufgenommen zu werden.«
FIT FOR MORE? Qualify! Enter! Was klingt wie das Intro
zum nächsten Level eines Videospiels, ist der Text des
neonfarbenen Flyers der Akademie. Da steht, dass der,
der reinwill, neben gesellschaftlichem Engagement auch
überdurchschnittliche Leistungen in der Schule und an
der Uni vorweisen muss. Was aus klugen, motivierten
Menschen gleich eine Elite macht, steht hier nicht. Nicht
einmal, wie die Leitung den Begriff definiert, ist erklärt.
Ich frage also weiter. Alle, die ich anspreche, kichern.
Gerade hat der Pressesprecher eines großen bayerischen
Unternehmens, dessen Namen ich nicht nennen darf, den
Studenten beigebracht, dass sie niemals allein mit Journa-
listen reden und aufkeinen Fall ihre Visitenkarte abgeben
s ~ l l e n . »Im besten Fall haben Sie später im Unternehmen
eme Kultur, die negativ sanktioniert, wenn jemand an die
Medien geht«, sagte er. Als Merksatz schärfte er den Stu-
denten ein: »Journalisten sind brandgefährlich.« Endlich
erfahre ich wi k .
, e onsequent Pressesprecher Managern dIe
Lust an einem offenen Interview austreiben. Zum Glück
~ ~ b e n earl und die anderen diese undemokratischen Lehr-
satze noch nicht verinnerlicht. Das Mauern und Schwei-
gih
en
, das viele Führungskräfte so unerträglich macht, ist
nen bislangfremd M' F . .
. . eme rage »Was heIßt denn Ebte?«
darf Ich noch jedem von ihnen stellen.
Anne, die gerade d . d . h .'
D
relUn zwanzIg Ja re alt 1st lß
eutschland d d '
- b un en USA aber schon mehr Studien-
gange elegte als' h . h .
Ab hl .' lC mltsc reIben kann, und gerade ihren
sc uss m »Inter t' al
na Ion em Kapitalrecht« macht, die
82
=
sich gleichzeitig bei der Jungen Union engagiert und eine
Computer-Community für sozial benachteiligte Jugend-
liche organisiert, die außerdem begeisterte Tangotänzerin
und -lehrerin ist, meint, Elite unterscheide sich von ande-
ren durch eine höhere Leistungsfähigkeit, eine höhere
Leistungsbereitschaft. Das glaube ich ihr auf der Stelle.
An der Uni habe sie schon oft erlebt, dass manche sich
bei Gruppenprojekten mitziehen lassen, nichts tun, faul
dabeisitzen, das gäbe es hier nicht. »Ich kann auch in
Debatten ein viel breiteres Wissen voraussetzen«, sagt
sie. »Wenn ich zum Beispiel >Five-Forces-Modell< in den
Raum werfe, versteht es jeder. An der Uni nicht.«
Ich denke daran, dass ich schon Gruppenreferate gehal-
ten habe, bei denen andere die Arbeit gemacht haben. Ich
erinnere mich, dass ich gern die Letzte in der Reihe der
Vortragenden war, in der Hoffnung, die anderen würden
so lange reden, dass ich nicht mehr drankäme. Da ist es
wieder, das mulmige Gefiihl bei dem Gedanken an einen
ständigen Wettbewerb. Lass den anderen doch das biss-
chen Faulheit, will ich sagen. Aber Anne ist schon sieben
Themen weiter. Sie erklärt mir gerade, dass die Studenten
hier auch zu einer »Elite der Menschlichkeit« erzogen wür-
den. »Wir haben schon einen Grundkonsens an Werten.«
Höflichkeit, Respekt und Bescheidenheit habe ich ja
schon genießen dürfen. »Eher wirtschaftsnah und sehr
brav«, würden wohl Leute sagen, die es schlecht mit ihnen
meinen, erzählt mir ein Student. Brav und bescheiden,
fleißig und vernünftig. Die Elite des Freistaats scheint die
»pragmatische Generation«, wie die Macher der Studie
»Jugend 2006« die bis Fünfundzwanzigjährigen getauft
hat, gut zu repräsentieren. Seit 1968 habe die Jugend Werte
wie »Selbstverwirklichung« und »Engagement« hoch-
83
...
gehalten. Das sei jetzt vorbei, schreiben die Forscher.
Stattdessen erlebten Werte wie Leistung, Sicherheit und
Macht, Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz nun eine Renais-
sance. Die Zeitschrift Karriere hat im Jahr 2006 über sie-
benhundert Oberstufenschüler nach ihren Träumen und
Zielen befragt. Revoluzzer, Rambos und Jammerlappen
suche man unter den Jugendlichen vergebens, lobt die
Zeitschrift. »Die Erwachsenen von morgen sind leis-
tungsbereit, pragmatisch und optimistisch.« Auch mein
Fast-Arbeitgeber, die Unternehmensberatung McKinsey,
gemeinsam mit dem manager magazin die Ansichten
Junger Menschen untersucht. McKinsey werden die Er-
gebnisse gefallen haben: 73 Prozent sagen, ihr Traumjob
sei ein sicherer Job. Im Schnitt erwarten die Studenten,
achtundvierzig Stunden pro Woche arbeiten zu müssen,
nur 22 Prozent glauben, schon mit fünfundsechzig in
gehen zu können. Wer im Job so viel leistet, sehnt
sich privat offenbar nach ein bisschen Ruhe. Werte wie
Treue oder Religion sind der »pragmatischen Ge-
neration« so wichtig wie kaum einer vor ihr.
An diesem Abend wird in Berlin und in Mecklenburg-
Vorpommern gewählt. Ich liebe Wahlen: den Countdown
Vor der ersten Pro d·
gnose, le Hochrechnungen mit im bes-
ten Fall f" d
o
s an Ig wechselnden Mehrheiten das amtliche
Endergebnis und t O. 1· h '
° na ur IC meine LieblingsgrafIk, die zur
Wählerwanderung Ich °ß d· ..
d
. wel, ass meme Freunde Jetzt 1ll
erWG vor dem B h
Ka
eamer ocken. Vielleicht servieren sie
napees und Sekt ° b· d
Wie el er letzten Bundestagswahl.
An der Elite-Akad . k
. h do emle ann von Wahlbegeisterung
DlC t le Rede sei U k
J
·au h t il. n. m urz nach sechs hatte einer ge-
c z, We die G o. •
in d L d runen m Mecklenburg den Einzug
en an tag verp t h b
ass a en. Aber schon jetzt, um
84
18 Uhr 11 bei der ersten Hochrechnung, hocke ich allein
vorm Fernseher. Nur 39 Prozent der »pragmatischen
Generation« interessieren sich überhaupt für Politik,
schreiben die Jugendforscher. Auch in diesem Punkt
scheint die Elite nichts weiter zu sein als Repräsentant des
Durchschnitts, nur eben mit besseren Leistungen. Ich ver-
mute, es werden fleißige, moralisch integre und verant-
wortungsbewusste zukünftige Führungskräfte sein, die
hier in einem Jahr ihr Abschlusszeugnis, ihr Elite-Zerti-
fIkat, erhalten werden. Aber reicht das? In dem Wort
»Elite« schwingt so viel mehr mit als in der funktionalen
Beschreibung »die besten zehn Prozent jedes Jahrgangs«.
Wer »Elite« sagt, meint doch auch Vorbild, Orientierung
und Avantgarde, oder? Der Nationalökonom Wilhelm
Röpke hat gesagt: »Eine wahre Elite würde eine Stellung
über den Klassen, Interessen, Leidenschaften, Bosheiten
und Torheiten der Menschen einnehmen. Sie würde sich
auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam rei-
fendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das
Ganze, der unantastbaren Integrität und (... ) durch uner-
schütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und
Rechte.« Sicher, das ist viel verlangt. Aber es wird ja auch
niemand dazu gezwungen, sich Elite zu nennen.
Beim Abendessen ist das große Thema die Bayern-
Reise von Papst Benedikt. Einige Studenten haben ihn
getroffen. »Mit dem Wolfgang«, erzählen sie mir, »hat er
sogar zwei Minuten geredet. Das Hemd, das der anhatte,
hängt er jetzt hinter Glas.(( Die niedlichste Geschichte
über Werte erzählt mir ein Student abends, als wir neben-
einander auf einem der Cordsofas sitzen. »Es gibt hier
gerade nur zwei Paare(, sagt er. »Zwei Paare bei sechzig
jungen Menschen. Das fInde ich schön.« Ich schaue über-
85
.
rascht - und meine, dass das eine extrem schlechte Aus-
beute sei. Er sagt, dass ich wissen müsse dass seine Freun-
din Sozialwissenschaften studiere und 'ihm erklärt habe,
dass sich genau I'n dem Alt . d .. . .
er, m em SIe Jetzt selen, mIt
Anfang zwanzig eben, die meisten Paare fanden. »Trotz-
dem sind hier all b . 'h I
e eIl ren a ten Partnern geblieben und
haben sich kein . d
e neuen m er Akademie gesucht. Das
finde ich sehr gut D' b . h " ,
.« Ie ayensc e ElIte 1St also eme treue,
»Ich werde nl' ht Ka . .
c rrlere um Jeden Preis machen«,
sagt Anne Sie . h "
, seI e rgelzlg. »Aber hundertzwanzig Stun-
den ~ ~ o Woche zu arbeiten würde mich stören.« Sie will
FamilIe. Und das bed t kl" " ..,
eu e, er aren mIr ihre mannlIchen
Kollegen dass d' F
. ' Ie rau nun mal eine Zeit lang nicht ar-
beIten könne »D 't d'
. as IS Ie Natur«, sagen sie. »Wie willst
du das denn sonst h? .
mac en.« - »Knppenplatz die Groß-
eltern kümmern . h d '
'. SIC, er Mann bleibt zu Hause«, be-
gInne Ich aufzuzähl S·
. en. Ie starren mich an, ich sie. Wir
SInd uns in diese M '.
. t d moment zIemlIch fremd. »Vielleicht
IS as Bayern« hl"
, sc agt mein Freund am Telefon vor.
Dann fragt er »Wo
. ? . as erwartest du an solch einer Akade-
mIe. Protestler und R I ' "
evo uhonare?« - »Ware schön ge-
wesen«, sage· ich Wo h .
h" . arschemIich hat er recht. Die Elite
Ier WIrd von Gre' k" ..
W
· h mlen ge urt, m denen Menschen aus
Issensc aft und W' h
nach Le Irtsc aft sitzen. Die werden kaum
uten suchen d' B"
Macht d' ' Ie zum elsplel die Verteilung von
un EInfluss g d" I'
holt . h" run satz Ich infrage stellen. Man
SIC Ja mcht die .
Dachte ich B' . h ,eIgenen Grabschaufler ins Haus.
. IS IC mIt Pr fi F
tine H d 0 essor ranz Durst und Chris-
agen, en akadem' h L'
sammensitze. ISC en eltern der Akademie, zu-
»Ich hätte gern ein bis h
fessor Franz D sc en mehr Rebellen«, sagt Pro-
urst, ohne da . h ihn
ss IC auf meine Zweifel
86
5
angesprochen habe. Man versuche, die Juryzu ermuntern,
auch anderen, vielleicht auch schwierigen Kandidaten
eine Chance zu geben. Aber das sei nicht so einfach. »Ich
habe das Gefühl«, sagt er, »dass die deutsche Wirtschaft
die Smoothlinge möchte. Nicht die, die anecken. Ich kann
mir vorstellen, dass das problematische Leute sind. Aber
ich bin der Auffassung, wenn ein Vorstandsvorsitzender
als seinen Assistenten den einstellen würde, der ihn vom
Stuhl fegen kann, dann würde die deutsche Wirtschaft
funktionieren.« - »Und mehr Frauen wären schön«, fügt
seine Kollegin Hagen hinzu. Wie an der European Busi-
ness School liegt auch hier der Anteil der Studentinnen
bei etwa einem Drittel. Die deutsche Nachwuchselite ist
noch immer männlich dominiert. »Man muss das konser-
vative Familienbild verändern«, sagt Christine Hagen,
selbst Mutter zweier Kinder. »Vor allem hier in Bayern.«
Ich blicke auf Franz Durst, den sechsundsechzigjährigen
Professor im schwarzen Anzug, und auf Christine Hagen,
die achtundvierzigjährige Juristin im strengen blauen
Rock. Ich ahne, dass ich meine Rebellen gefunden habe,
Wenn man sich viele privatschulen oder teure Univer-
sitäten anschaue, sagt Christine Hagen, müsse man den
Eindruck gewinnen, dass es nicht mehr darum gehe, die
»wirkliche Elite, die Potenziale hat«, zu fordern, sondern
eine Art neuen Adel zu begründen. Dies widerspräche der
ursprünglichen Bedeutung des Begriffs »Elite«, wie er zur
Zeit der Französischen Revolution geprägt worden sei.
Elite, Menschen, die sich ihre gesellschaftliche Rolle durch
Begabung und Leistung selbst verdient hätten, hätte im
Gegensatz zu Adel und Klerus gestanden, die ihre soziale
Position nur geerbt hätten. »Auch heute werden Geld und
Einfluss vererbt«, sagt Christine Hagen. »Eine Gesellschaft
87
r
aber, in der nur Erben und nicht Leistungsträger an der
Spitze stehen, wäre eine Katastrophe.« Sie hoffe, dass ihre
Studenten zu solch einer Gesellschaft Nein sagen.
Ziel dürfe nicht allein der persönliche Machterhalt
sein, sondern die Verantwortung für die Gemeinschaft.
»Die Elite-Akademie will junge Menschen mit großem
Pot . Ir·· d .
enZIa lOr ern und ihr Wertebewusstsein schärfen.
Wir suchen Menschen, die langfristigdenken, die nachhal-
tig wirtschaften wollen, die nicht kurzfristig den Share-
holder-Value steigern wollen, sondern an alle Beteiligten
denken.« Immer wieder betont sie, dass es ihr Wunsch sei,
den Studenten mitzugeben, dass es wichtigere Ziele im
gibt als den schnellen Erfolg. Sie plädiert für Mit-
gefühl statt Ellenbogen, für Menschlichkeit statt profit.
Man solle selbst viel leisten, fordert sie, aber den Blick für
nicht verlieren. »Wir wollen nicht die Leute,
dIe sagen' Men h . L .
. sc ,WIe Komme Ich in der Firma voran?
Wie bin ich in der Ka' . ..
. rnere spItze?«, fugt Professor Durst
hmzu. - »Sondern? f: . h
.«, rage IC . »Die Studenten sollten
Vorbild sein Elit al Vi fl'
, e s erp Ichtung erleben Verantwor-
tung übernehmen«, antwortet Durst. '
Dennoch hat sich fast ein Drittel der Absolventen zu-
letzt für eine Ka' . .
b
rnere III elller der großen Unternehmens-
eratungen ent h· d .
h
. sc Ie en. SIe haben bei McKinsey unter-
sc neben oder bei B .
vi I G ld oston Consultlllg. Sie verdienen jetzt
ih
e
e ,fahren ein schickes Auto und müssen sich über
ren Aufstieg in d W· h
h '. er lrtsc aftswelt kaum Sorgen ma-
c en. Chnshne Ha b . .
fi" • I gen estreitet mcht, dass diese Firmen
ur Vle es stehen w . bl
Preis fü' Effi" as SIe a ehnt: für Profit um fast jeden
, r !ZIenz d K
dass ihre St d un ostenoptimierung. Sie hofft,
kann auch .u enten dennoch resistent bleiben. »Man
emen Beratun . b d
gSJo an ers machen, als er nor-
88
*
... -.
malerweise durchgeführt wird. Man kann auch integer
und menschlich bleiben.« - »Wir sind verärgert über den
hohen Zulauf dort«, sagt Franz Durst offen. Und Chris-
tine Hagen meint, immer noch freundlich, aber fast fata-
listisch: »Wir können nur hoffen und sie begleiten.«
Am Abend treffe ich zwei Studenten, die vor drei und
vor fünfJahren ihren Abschluss an der Akademie gemacht
haben. Sie sind also ausgebildete Elite. Ich hatte gehofft,
mit ihnen darüber reden zu können, was sie konkret
anders machen als Nicht-Elite-Studenten. Wie genau es
ihnen gelingt, beruflichen Erfolg und ethische Ansprüche
zu verbinden. Aber Oliver studiert noch, und Thomas
arbeitet inzwischen bei Marios Firma, bei McKinsey also,
und darf mit mir weder über seine Aufträge noch über
seine Arbeitsweise sprechen. Daher bleibt unser Gespräch
abstrakt.
»Handelt ihr anders als die, die nicht an der Akademie
waren?(, frage ich.
»Das Dumme ist, dass man das nicht klar messen
kann«, sagt Thomas. »Das ist keine physikalische Funk-
tion, bei der man sagen kann: Da kommt so viel rein und
so viel wieder raus.(( - »Vielleicht kann man erwarten,
dass wir die richtigen Fragen stellen, nicht unbedingt,
dass wir immer die richtigen Antworten haben((, findet
Oliver. »Ich glaube, es wäre auch vermessen zu denken,
nur weil man zwei Jahre vermeintlich Elite studiert hat,
kann man alles besser und alles ethisch super korrekt und
wasserdicht und faiN, meint Thomas. »Ich glaube, das ist
nicht leistbar. Ich hoffe, wir sind nach unserer Ausbil-
dung durch die Bayerische Elite-Akademie auf alle Fälle
sensibler als andere«, sagt er. Das klingt wesentlich be-
scheidener als der Dreiklang Vorbild, Verpflichtung und
89

-- liiiiiiiii.-iililii•• ..- ..-alII------..
Verantwortung, den die Akademieleitung immer wieder
betont. Reicht das, um den Elitebegriff zu rechtfertigen?
Mal ein bisschen sensibler sein? Ein paarmal häufiger
nachfragen? »Wir können nur einen Kern legen und dann
auf die Vorbildwirkung hoffen«, hatte Christine Hagen
gesagt. »Ich glaube, Wenn jeder die Welt ein bisschen ver-
ändert, verändert sie sich insgesamt schon.«
Es ist noch dunkel, als wir am Morgen in den Bus steigen.
Die Studenten haben sich schick gemacht. Die Herren
tragen Anzüge, die Damen Kostüme, nur drei von dreißig
in Jeans. Wir fahren nach München zum Baye-
fischen Rundfunk. Die Studenten absolvieren heute ein
»Talkshow-Training«. Während die ersten in der Maske
sitzen, sehe ich die Bilder der Wahl-Nachberichterstat-
tung. NPD-Funktionäre greifen Kameraleute an, blonde
tragen schwarz-rot-goldene Kerzen. Was pas-
SIert da draußen? Ich schaue aufdie Studenten, die neben-
an gepudert werden. Werden sie sich dem entgegen-
stellen?
Jetzt muss die Elite erst mal in die Sendung. Steif
stehen . . Halb . 0
SIe Im kreIS hmter ihren Glaspulten. Zehn Stu-
denten die J' etzt gl . h 'T' lks
' eiC .La how-Gäste mimen werden.
Idn herrscht Hektik. Der Grafiker, der den Titel
er DISkUSSion auf d M 0 0
ot 0 h en OnItor 1m Studio bringen sollte,
IS nIc t da Zwar 0 d d
O
• Wir le Sendung niemals ausgestraWt
werden, aber es s II t d
Und d halb ka 0 rotz em alles so aussehen, als ob.
lrieass.est t O nn es ohne Grafik nicht losgehen. Eine Re-
D' IS en In erbarmt . h hlo 0
Wir EI ? SIC sc Ießhcho »Wofür brauchen
tippt sie e' 10 0 h
fen ge d b m. gISC er Titel, wenn ein Hau-
ra ee enErw h
mal di kut' ac sener vor ihr steht. Könnte man
SIeren. »'tschuld' ..
19ung«, tont es entnervt auS
90
dem Studio. »Das Thema ist eigentlich: Wozu brauchen
wir Eliten?« Die Eltern fliegen also raus.
Wenig später ertönt endlich der Jingle, der die Sen-
dung eröffnet. Die Kamera schwenkt vom Moderator auf
die zehn Studenten. Und schon nach wenigen Minuten ist
klar, dass die ihre Talkshow-Vorbilder sehr gut kopieren.
Die meisten reihen inhaltsleere Luftblasensätze und poli-
tisch korrekte Floskeln aneinander. »Es geht einem an der
Elite-Akademie nicht darum, Karriereoptimierung für
sich selbst vorzunehmen, sondern um ein Verantwor-
tungsgefühl für Gesellschaft und Wirtschaft.« Oder: »Für
mich war es nicht relevant, besser zu sein als andere, für
mich war es relevant, gut zu sein.« Das klingt schon wie
ein Generalsekretärsstatement. Ein anderer sagt: »Wichtig
ist, mir Mut zum Handeln durch eigenes Handeln zu ma-
chen. Solche Menschen braucht das Land, damit es nicht
stehen bleibt.« Die Frage, die dieses Geschwurbel auslöste,
war eine simple. Es war die, die auch mich in den letzten
Tagen umgetrieben hat: »Was«, fragte der Moderator die
Studenten, »macht aus Ihnen Elite? Warum haben Sie ge-
sagt, Bayerische Elite-Akademie, da gehöre ich hin?«
Die meisten weichen aus, erzählen, dass sie den inter-
disziplinären Ansatz an der Akademie schätzen, die guten
Ethik-Kurse oder dass sie nette Leute aus den Vorgänger-
jahrgängen kannten. »Das ist ja schön«, sagt der Modera-
tor. »Aber warum sind Sie Elite?« Anne sagt zögernd: »Ich
habe ein sehr, sehr gutes Vordiplom und engagiere mich
im parteipolitischen Bereich. Das macht mich zu einem
guten Teil der Gruppe.« Einer meint, hier zu sein, weil er
mehr tue als das absolut Notwendige, den Pflichtteil. Carl
sagt, genau dieses Engagement gefalle ihman der
Und einer meint: »Es geht darum, eine gute Stimmung m
91
unserem Land zu verbreiten. Daraufbereitet uns die Aka-
demievor.«
Will diese junge Elite den Deutschen etwa Party-
hütchen aufsetzen und aus dem Land eine Feiermeile
machen? Oder wollen sie sich mit Megafonen auf den
Straßen postieren und schreien: »Ärmel hochkrempeln!
Dann klappt es auch mit dem Aufschwung!« Hoffentlich
nicht. Kollektive gute Laune konnte ich noch nie leiden,
und ich fand es schon immer vermessen, Arbeitslosigkeit
als eine Folge mangelnden Willens zu bezeichnen.
Viele in der Runde sagen, sie wollten später Verant-
wortung übernehmen, Verpflichtungen eingehen und
der Gesellschaft etwas zurückgeben. »Und wie?«, fragt
der Moderator. »Vielleicht ist es schon etwas, wenn man
im Kleinen Vorbild ist, in der Familie«, meint einer. Die
anderen flüchten sich wieder in abstrakte Statements:
»Die Menschlichkeit ist der einzige Weg, um in der glo-
balisierten Welt zurechtzukommen«, meint eine Stu-
dentin. Ihr Kollege glaubt, durch die Akademie für die
»Versuchung der Macht ethisch gerüstet zu sein«. Der
Moderator scheint ähnlich unzufrieden wie ich auf mei-
nem Logenplatz in der Regie. Er will konkrete Beispiele.
sind Manager bei der Deutschen Bank. Was würden
anders machen als die aktuellen Eliten?«,
lllSlshert er. »Würden Sie keine sechstausend Arbeitneh-
mer entlassen?«
. Wenn das für den Fortbestand der Bank nötig sei, sagt
elll Student wü d
, r e er genauso handeln. »Ich würde auch
sechstausend entl b
assen, a er dabei den einzelnen Men-
schen im Blick hab S .
E
. en.« elll Nebenmann assistiert: »Die
ntscheldung w' d . h
I
lf lllC t anders ausfallen, aber wir haben
ge ernt, es besser z k ..
u ommunlZleren.« Mein Stift stockt.
92
Ich fürchte, dass das absolut nicht ironisch gemeint war.
Da zieht ja eine rosige Zukunft heran. Im Land der Gute-
Laune-Eliten werden Massenendassungen den Menschen
richtig gut rübergebracht. Wieso zögere ich da überhaupt
noch, die Eliten auf ihren Thron zu heben und ihnen
zuzujubeln? Währenddessen hat im Studio wieder die
Gruppe die Wortführerschaft übernommen, die offen-
sichtlich die Mehrheit stellt. Das Gespräch driftet jetzt
wieder in die »Wir-sind-gar-keine-Eliten«-Richtung. »Der
Begriff Elite hat mich eher abgeschreckt«, sagt einer. »Ich
würde den Begriff meiden«, sagt ein anderer. »Mir ist bei
dem Wort Elite unwohl. Ich möchte mich nicht mit dem
Status schmücken.« Und eine Studentin meint, dass sie
ihren Freunden immer erst lange erzählt, was sie in der
Akademie Gutes und Schönes unternimmt. »Erst am Ende
sage ich dann: Es heißt übrigens Elite-Akademie, aber wir
meinen's nicht so.«
Irritiert fahre ich danach mit der U-Bahn durch Mün-
chen und weiß partout nicht, was ich von dieser institu-
tionalisierten Elite-Ausbildung halten soll. Die Akademie
ist längst nicht in dem Maße sozial selektiv, wie ich es
in Oestrich-Winkel erlebt habe. »Manche kommen aus
wohlhabenderen Familien, und die Eltern von manchen
sind Beamte. Wir sind bunt gemischt«, hatte eine Studen-
tin etwas ungeschickt formuliert. Aber im Grunde hat sie
recht. Die Studenten werden vor allem nach Leistung aus-
gewählt.
Die Akademie hat ein aufwendiges Punktesystem ent-
wickelt, das helfen soll, aus denen mit den besten Vor-
diplomnoten in ganz Bayern die dreißig Allerbesten
herauszuflltern. Wenn der Naturwissenschaftler Professor
Franz Durst das Verfahren erläutert, klingt es ein wenig
93
wie eine Elitebauanleitung. Um in der Kategorie Intelli-
genz zu punkten, bräuchte man gute Noten in Fächern
wie Mathematik, Physik oder Latein, hatte mir Durst er-
klärt. »Es gibt aber Leute, die sind blitzgescheit, können
jedoch mit ihrer Gescheitheit nichts anfangen. Denen
fehlt es an ,Kreativität.« Deshalb gibt es auch Punkte für
gute Noten in Kunst oder Deutsch. »Aber wenn die Intel-
ligenten und Kreativen stinkfaul sind, geht es auch nicht
gut«, erklärte mir Durst. »Deswegen haben wir die Akti-
ven gesucht. Die mehr machen, als sie von der Schule auf-
er!egt bekommen. Das hat natürlich dazu geführt, dass
WIr dann eine gute Gruppe beisammenhatten.«
.~ i e s . e Gruppe eint, dass die Studenten fleißig und ehr-
geIzIg SInd, nicht, dass ihre Eltern viel Geld haben. Es gibt
natürlich viele Akademikerkinder, aber auch Söhne von
Landwirten, Töchter von Angestellten. Einer der Studen-
ten, Michael, ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter die
bei der US-Armee arbeitet. Seine Großeltern h a t t e ~ ein
kleines Textil h"ft Al
gesc a. s er studieren wollte konnte die
Familie d "t' I' '
as no Ige Ge d mchtauftreiben. Er begann eine
Ausbildung bei Z II d d '
. m 0 un ann, mIt dem Beamtengehalt
1m R" k d
uc en, och noch ein Studium. Er hat sich hoch-
gearbeitet. Seine Tage waren vierzehn, fünfzehn Stun-
den lang Die Akad . h d
, ' emle at as honoriert und auch ihn,
der keInen glatten St d'
u lUm-Praktika-Auslandssemester-
Lebenslauf hat ~
, aUlgenommen. Seine Großmutter war
stolz zu lesen d ih Enk
d
. ' ass r el einer von dreißig Elitestu-
enten In ganz Ba '
yern 1St. Auch Michael hat sich gefreut,
es geschafft zu hab E h b .
. en. s a e ihn aber auch massiv ver-
unsIchert, dass er d '
Umf,
ld
' er aus eInem völlig anderen »sozialen
e « stammt . .. ,
Und
h
' WIe er sagt, plotzhch Elite sein sollte.
auc nach üb .
er eInem Jahr an der Akademie hat er
94
mit dem Begriffnoch keinen Frieden geschlossen. Er wolle
ein »Leistungsträger dieser Gesellschaft« sein, sagt er lie-
ber. Nach der Ausbildung will er in die Verwaltung und
wieder dem Staat dienen. Aber er will noch mehr ma-
chen. Er will etwas zurückgeben, sich für Schwächere ein-
setzen, für die, die nicht so viel Glück hatten wie er.
Zur Ausbildung an der Akademie gehört auch ein So-
zialtag. Die Studenten waren in Kindergärten, bei der
Bahnhofsmission oder im Gefängnis. Es waren die Tage,
in denen viel über das Schmiergeldsystembei Siemens ge-
schrieben wurde, und der Seelsorger in einer Justizvoll-
zugsanstalt, in der auch Wirtschaftskriminelle einsitzen,
hatte gescherzt, die zukünftige Elite wolle wohl sehen, wo
sie mal lande. Aber tatsächlich ging es natürlich darum,
zu erleben, wie es denen geht, die es nicht so gut haben.
Michael war bei der Aids-Hilfe. Er hat sich zeigen lassen,
wo die Fixer die Spritzen tauschen, er saß einem Mitar-
beiter gegenüber, der selbst seit über zwanzig Jahren HIV-
positiv war und der ungerührt erzählte, dass er längst tot
wäre, wenn nicht die Medikamente so viel besser gewor-
den wären. Michael beschließt, hier ehrenamtlich zu
arbeiten. Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung. Die Ar-
beit sei sinnvoll, sagt er. Er könne helfen. Sein wirtschaft-
liches Wissen könne dort vielleicht wirklich nützen. So
wie Michael denken viele an der Akademie.
Die meisten der Studenten sagen, dass sie später Ver-
antwortung übernehmen und der Gesellschaft etwas zu-
rückgeben wollen. Klar, es gibt auch die, die Michael hart
und absolut zielorientiert nennt, »Managertypen«, wie er
sagt, die Karriere machen wollen und sonst nichts. Aber
den meisten nehme ich. ab, dass sie mehr wollen. Man
spürt, dass sie sich schon häufig gefragt haben, wie die
95
Welt besser werden könnte, und dass sie den Wunsch ha-
ben, daran mitzuarbeiten. Dagegen habe ich überhaupt
nichts einzuwenden.
Aber die Fragen bleiben: Wie viele junge Menschen
gibt es, die gleichermaßen ehrgeizig und engagiert sind?
Warum belastet man gerade diese dreißig mit dem Begriff
»Elite«? Sie sträuben sich doch, so genannt zu werden. Sie
zieren sich, klar zu sagen, was sie über die Nicht-Elite er-
hebt. Weil sie ahnen, dass jede Begründung falsch klänge?
Warum schreibt Bayern nicht einfach fest, dass gute Stu-
denten gefördert werden? Meinetwegen die besten zehn
Prozent eines jeden Jahrgangs. Warum Elite? Warum die-
ses Wort, das spaltet, das von Privilegien und Macht er-
zählt, aber auch von Vorbildern, von Menschen, zu denen
man aufschaut. Ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, Anfang-
Zwanzigjährigen dieses Label per Akademie, per Zeugnis
aufzukleben.
»Der Begriff soll ins positive Licht gerückt und wieder
gemacht werden«, hatte ein Student gesagt. Und
Ich glaube, dass es genau darum geht. Es ist politisches
des Freistaats, um den Begriff zu pushen.
»Lelstungsel"t . S· b
I en wie le rauchen wir in Bayern«, hatte
Edmund Stoiber stolz verkündet, als er dem sechsten
Jahrgang der Akademie das Zeugnis Gern
kommen Land "
esmmlster Zum Kamingespräch in die
Akademie. Fast J' d S d .
. e er tu ent ISt von der Lokalzeitung
semer Heimatstadt rt'"
EU
po ratIert worden. »Kemptnerin in
teakademie auf
11
h
·· genommen«, »Zwei Oberpfälzer auf
uc fühlung m't dEI'
'. I er He« oder »Bayerns Elite-Akade-
mie weist Dessauer d Ur '.
ih
en neg«. Sie smd Aushängeschilder
rer Region und Wt b fi ".
k F . er e guren für emen leistungsstar-
en relstaat, der si h .
c gegen Jede Gleichmacherei sträubt.
96
Auch wenn das pathetisch klingt, wünsche ich den Stu-
denten, dass sie nicht unter der Last dieses Begriffs zu-
sammenbrechen. Sie sind zielstrebig, freundlich und alle
mehr oder weniger dem Gedanken verpflichtet, ein guter
Mensch werden zu wollen. Vielleicht gelingt ihnen das im
Lauf ihres Lebens. Ich werde sie fragen, ob wir uns wie-
dertreffen wollen, wenn wir alt sind. Dann können wir
darüber diskutieren, ob das mit der Elite geklappt hat.
Die Elite-Akademie-Studenten sind Anfang zwanzig,
wenn eine Kommission entscheidet, dass aus dreißig be-
gabten, fleißigen Studenten ab sofort die zukünftige Elite
Bayerns werden soll. Als ich earl fragte, ob das nicht viel
zu früh sei, zuckte er mit den Schultern und erklärte mir,
dass man in Bayern das Elite-Ticket noch Jahre früher
lösen könne. An der Akademie braucht man ein Vor-
diplom, es gebe aber noch etwas für Leute, die direkt von
der Schule kommen. »Kennst du das Maximilianeum?«,
hatte er gefragt und mir dann von einer Art Luxuswohn-
heim mit Vollpension für ausgewählte Abiturienten er-
zählt. Deshalb sitze ich jetzt hier und warte auf Maria.
DER STOLZ DES FREISTAATS
Als sie um die Ecke biegt, denke ich, im Filmwäre nun der
Moment für eine Slow Motion gekommen: Mit wiegen-
dem Schritt kommt sie mir entgegen, setzt ihre hellen
Schuhe voreinander. Ihr schwarzer Rock wippt, die klei-
nen weißen Punkte verschwimmen im Gegenlicht. Aber
scWießlich, das wird sie gewohnt sein, bleibt der Blick
doch an den Haaren hängen: Blond und glatt fallen sie bis
zur Hüfte. Ich starre, als Maria mir die Hand schüttelt.
97
..... ,
. I
I
I
. I
.: ..·.1
-
Maria ist so eine ausgewählte Abiturientin, der Stolz
des Freistaats. Sie lebt in einem Gebäude, das König
Max II. einst als bayerische Akropolis errichten ließ. Ich
stelle mir vor, wie sie Freunden, die sie zum ersten Mal
besuchen, den Weg beschreibt: »Du überquerst die Isar
auf der Maximiliansbrücke. Dann ragt direkt vor dir ein
riesiges ummauertes Gebäude auf. Da sitzt auch der
bayerische Landtag drin. Aber du kannst einfach zum
Pförtner gehen und sagen, du willst zu mir, ins Maximi-
lianeum.«
Eine lustige Vorstellung, ungefähr so, als würde man in
Berlin in der Reichstagskuppelleben. Leider finden solche
Gespräche sehr selten statt, denn Maria lädt fast nie
Freunde zu sich ein. Neid ist ein großes, fast das einzige
Problem in ihrem Leben. Maria hatte im Abitur einen
I,O-Schnitt »und keinen Zweier auf dem Zeugnis«, wie sie
betont. Damit galt für sie das bayerische Eliteförderungs-
gesetz. Der Hauptpreis ist der Einzug ins Maximilianeum,
das der K" . fü'
. OnIg r »talentvolle bayrische Jünglinge« er-
nchten ließ.
Carl hatte recht: Fünfzig Schüler dürfen hier gratis
wohnen und werd fü' d' D .
" en r Ie auer Ihres Studiums ver-
wohnt. Morgens ist ein Frühstücksbüfett aufgebaut mit-
tags .wird ihnen um »Schlag eins« ein
servtert. Sie haben eine Bibliothek fi" . . d PI"t e
. .d h ' ur SIe sm a z
m er P ilharmo' d b .
. . nIe un elm Oktoberfest reserviert.
DIe Ztmmer putzt d P
Wo
. as ersonal, das auch die schmutzige
asche mitnimmt F" d
S d
· . » or erungsziel ist ein sorgenfreies
tu tUrn«, erklärt . M .
. d' mIr ana. Dafür müssen sie Szenen
WIe Ie beim I t t .
D" e z en Neu)ahrsempfang in Kauf nehmen.
a sturmte der d al' . .
Sto'b f am Ige MInIsterpräsident Edmund
I erau dieStud t .
en en zu und heß sich mit ihnen foto-
98
grafieren. »Die Politiker zeigen sich gern mit uns. Dann
heißt es schon mal: Unsere Elite, unsere Hochbegabten.«
»Und seid ihr Elite?«
»Man scheut sich, sich selbst so zu benennen. Im Ma-
ximilianeum gibt es welche, die sind offensichtlich hoch-
begabt. So krasse Mathematiker zum Beispiel. Die lösen
Aufgaben, für die andere eine Woche brauchen, sofort.«
Maria lacht und sagt, sie selbst sei normal, sie koche auch
nur mit Wasser. Sie rührt in ihrem Cappuccino und er-
zählt, wie sie während der Fußball-WM jubelnd über die
Leopoldstraße gerannt sei. Ich bin versucht, ihr das mit
dem Normalsein zu glauben. »Ich bin Fußballfan, seit ich
klein war«, sagt sie. Außerdem schwimmt sie gerne. Im
hauseigenen Schwimmbad. Wie normal kann so ein pri-
vilegiertes Leben sein?
Maria ist in einem kleinen Ort bei Augsburg aufge-
wachsen. Ihre Eltern sind Lehrer, ihr kleiner Bruder baut
gern Roboter nach. Maria war immer die Musikerin. Sie
spielte Klavier und vor allem Kontrabass, in insgesamt
vier Orchestern. Das sollte auch ihr Beruf werden. Bis sie
irgendwann aufgeben musste, weil eine chronische Seh-
nenscheidenentzündung das Spielen unmöglich machte.
Maria entschied sich dann wie so viele gute Schülerinnen
für Jura. Ihr Vater hatte gespart und hätte seiner Tochter
die Studienjahre finanziert. Und hier endet die Ge-
schichte vom normalen, behüteten, Leben eines klugen
Mädchens, und es beginnt die Erzählung von einer, die zu
den Besten eines Landes gehört, in dem Leistung schon
immer wichtig war.
Denn ihre Schule, ein Franziskanerinnen-Gymnasium,
schlug Maria für die Begabtenförderung vor, weil sie die
strengen Kriterien erfüllte, die seit 1876 fast unverändert
99
-
gültig sind und die heute ausgesprochen angestaubt klin-
gen. Kandidaten müssen von »tadelloser sittlicher Füh-
rung« sein, sie müssen das christliche Glaubensbekenntnis
abgelegt haben und im Besitz des »bayerischen Indige-
nats« sein. Das heißt, man muss im Bayern Maximilians II.
geboren worden sein. Auch Saarländer oder Pfalzer sind
deshalb nach den Statuten echte Bayern. Maria hat zudem
davon profitiert, dass auch Bayern trotz dieses Traditions-
bewusstseins langsam liberaler wird. Im Jahr 1980, kurz
vor ihrer Geburt, wurde nach langem Ringen die erste
Frau aufgenommen. Mittlerweile sind knapp 30 Prozent
der »talentvollen Jünglinge« Mädchen.
Maria fuhr also von dem kleinen Dorfbei Augsburg in
die Landeshauptstadt. Hier, im Münchner Zentrum, wo
alles alt und stolz aussieht, hatte sie einen Termin im
Kultusministerium. Dreizehn Beamte prüften sie in fast
~ b e n s o vielen Fächern. Mathe, Englisch, Latein, Physik-
lIll Schnelldurchlaufging es durch das gesamte Schulwis-
sen. »Am Ende kommt immer noch eine Todesfrage, eine,
die man gar nicht lösen kann«, sagt Maria und erzählt mir
von der Mutter aller »Todesfragen«, der Wiesenblumen-
Bestimmung. »Sie geben dir einen Strauß und du sollst
die Namen der Blumen nennen. Am best;n auf Latein.«
Ich schlucke. Wer zum Teufel kann das? Und vor allem:
Inwi:fern ist das eine sinnvolle Elite-Rekrutierung?
Die Prüfung zu schaffi . t fü' .
en IS r Junge Bayern eine ge-
waltige Ehre Med ill
. a en aus Jugend-forscht- -musiziert-
oder -treibt-Sport ur t b b' '
. - vve t ewer en smd nichts dagegen.
Vierhundert Sch"l I .
'. u er ver assen Jeden Sommer die Gymna-
sien lIll Bayern M . ili
S hs b
· axun ans des 11. mit einem 1,0-Schnitt.
ec IS acht von ihn d
. en wer en angenommen. Maria hat
eme Woche gefeiert al di Z
, s e usage kam. Jetzt ist sie Maxi-
100
milianeerin, was ihren ohnehin schon großen Ehrgeiz noch
weiter anstachelt. Um sechs Uhr klingelt ihr Wecker, dann
lernt sie den Stoff, den sie am Vortag noch nicht geschafft
hat. Wenn sie nicht zur Universität muss, setzt sie sich in
die Bibliothek und lernt weiter, mindestens bis 18 Uhr.
Sechs Tage pro Woche lebt sie nach diesem Rhythmus, am
siebten Tag ist frei, wenn nicht, wie im Moment, Prüfungen
anstehen. »Seit knapp drei Monaten lerne ich durch«, sagt
Maria. Sie ist eben Maximilianeerin und damit Erbin einer
langen Tradition. Der Physiknobelpreisträger Werner Hei-
senberg war ihr Vorgänger, der Schlagerschreiber Michael
Kunze, dem vielleicht hinter den Mauern die Idee für sei-
nen Hit »Ein Bett im Kornfeld« kam, auch und natürlich
FIS, der ewige Landesvater Strauß.
Wie viele hier hat auch Maria sich in einen Mit-Maxi-
milianeer verliebt. Er, auch werdender Jurist, studiert ge-
rade in Oxford. Die Fernbeziehung werden sie überste-
hen, beide wollen sie Familie, auch wenn es Maria Sorgen
macht, wie sich das mit der Karriere vereinbaren ließe.
Eine schöne Geschichte, wenn nur der Neid nicht wäre. Es
fing schon in der Schule an. Die Eltern ihrer besten
Freundin waren sauer, weil Maria vorgeschlagen wurde,
nicht die Tochter, die fast genauso gut war. Sie hat ein
kleines Computerspiel programmiert, bei dem Teenager
virtuelle Pferde pflegen können. »Auch da im Forum
werde ich oft als arrogant beschimpft, weil ich mich
anders ausdrücke als die meisten.« Manche Mitschüler
dagegen wollten plötzlich unbedingt mit ihr befreundet
sein, um sich in ihrem Glanz zu sonnen, wie sie vermutet.
Deshalb ist sie vorsichtig geworden. An der Uni erzählt sie
kaum jemandem, wo sie wohnt, und sagt lieber, sie habe
ein Zimmer in einem Wohnheim am Max-Weber-Platz.
101
Glaubt man Maria, steht sie über diesen Neidern. »Witzig
ist, dass es einige gibt, die damit angeben, dass sie die Prü-
fung auch geschafft haben, dass sie das Stipendium aber
nicht annehmen wollten. Das kann ja gar nicht stimmen.«
Diese Geschichten gehören zum Standardwitzrepertoire
im Maximilianeum, erzählt Maria.
Ich erinnere mich daran, wie schlecht es mir ging, als
ich eine Absage von der Studienstiftung des Deutschen
Volkes bekam. Sofort fing ich an, mir einzureden, die
ganze Auswahl quasi unterlaufen zu haben. »Uns war die
Party am Auswahlwochenende wichtiger«, erzählte ich
cool, obwohl ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich habe
über die Spießer geschimpft, die angenommen wurden,
und über die Sexisten in der Auswahlkommission. Nie
habe ich gesagt, gedacht oder akzeptiert, dass es vielleicht
an mir gelegen haben könnte. Wie unfair kann man sein,
schäme ich mich, als ich jetzt Maria gegenübersitze. Sind
wir, die Ausgeschlossenen, schuld an dieser Trennung in
»wir« und »ihr«? Bleibt einem, der besser ist, vielleicht gar
nichts anderes übrig, als sich abzukapseln, um sich nicht
ständig wehren zu müssen?
Während ich denke, ist Maria schon weiter, beantwor-
tet genau und geduldig meine Fragen. Was hält sie von der
Welt außerhalb der Stiftung? Wie erlebt sie die großen
deutschen Debatten über Arbeitslose, Sozialsysteme und
mehr Wettbewerb?
. »Ich kenne niemanden in der Stiftung, der arbeitslos
1st oder Angst dan h t . ..,
.or a «, sagt Mana. Und wemg spater-
das hat in unserem G " h . h d
esprac mc ts mehr miteinan er
zu tun, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich doch _ be-
schwert sie sich d"b d
. . aru er, ass manche an der Uni oder
elmge der Mäd h .
c en, ffilt denen sie im Forum ihres Pfer-
102
despiels rede, bequem seien, aber trotzdem Ansprüche
hätten. »Die sagen: Ich bin toll, so wie ich bin, und mir
soll alles in den Mund fallen.« Sie erinnert sich daran,
dass das schon in der Schule so war. Immer wenn die
Klasse Arbeitsgruppen bilden sollte, seien die Faulen zu
ihrer Freundin und ihr gekommen, um von deren guten
Leistungen zu profitieren. »Trittbrettfahrer« nennt Maria
solche Menschen, und sie mag sie nicht sonderlich. Wer
viel leistet, soll eine Anerkennung bekommen, findet sie.
Deshalb sei das Prinzip der Stiftung fair.
Der Cappuccino ist fast ausgetrunken. Ich frage nach
ihren Plänen für die Zukunft. Sie möchte ein gutes
Examen machen und dann eine erfolgreiche Juristin wer-
den, im Staatsdienst, in einer Kanzlei oder in der Wirt-
schaft, wie ihre Cousine es gerade vorgelebt hat. Genaues
wisse sie noch nicht, entschuldigt sie sich. Ich habe ver-
gessen, dass sie gerade erst neunzehn ist. Und ihre Träume?
»Willst du etwas verändern im Land?«, will ich wissen.
Maria schaut, zögert, dann schüttelt sie den Kopf. »Ich
konzentriere mich auf den Bereich, in dem ich mit mei-
nen jetzigen Mitteln etwas verändern kann: Das bin ich
selber. Mit mir bin ich ziemlich streng.« .
Kurz darauf verabschieden wir uns wieder. Maria
kehrt in die bayerische Akropolis zurück, in ilir kleines
Apartment. Ihre Privilegien, das weiß ich jetzt, hat sich
die bayerische Elite hart erarbeitet. Sie alle werden wohl
ähnlich fleißig, ähnlich intelligent sein wie Maria. Nur
dass sich die Stipendiaten auch in einem dritten Punkt
auffallend ähnlich sind, lässt mich am Sinn der Förderung
zweifeln: »Wir sind viele Lehrer- und Professorenkinder«,
hatte Maria mir gesagt. Maximilianeer, deren Eltern aus
der Unterschicht kämen, gebe es nicht.
103
Als ich durch München laufe, frage ich mich, ob dieser
Satz für die ganze Stadt gilt. Die gewohnten Spuren urba-
ner Armut suche ich vergeblich. Stellt hier niemand leere
Bierflaschen auf die Mülleimer, um den Sammlern das
Leben zu erleichtern? Wo sind hier die Penner, die zu
Hause allein vor dem Supermarkt in meiner Straße in
Handballmannschaftsstärke leben? Und warum will nie-
mand mein U-Bahn-Ticket haben, um es für die Hälfte
weiterzuverkaufen? Wer ist Kunde all dieser Seifenläden,
dieser Geschäfte mit Heizstangen für Handtücher, dieser
mit Kinderkleidung, die versprechen, den
Jungsten in einen »Dolce & Gabbana Junior« zu verwan-
deln? Ich tue, was mir in München natürlich erscheint,
und setze mich in einen Biergarten, der aussieht wie in
der Werbung, und bin überrascht, wie wohl ich mich
fühle. Bierflaschen auf Mülleimern zu vermissen kann
nur ein Symptom idiotischer Sozialromantik sein. Ver-
mutlich finden alle Menschen saubere Straßen auf Dauer
Wahrscheinlich lebt es sich wirklich ganz gut in
emer wohlhabenden Stadt. Ganz sicher ist die Arm-aber-
sexy-Logik ein schwacher Trost.
mir findet gerade ein großes Boule-Turnier
statt. Hmter mir hat d· S d fü° 0 • d
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amter 1st? Sch·t d '
. el ert er Cousin in der Schule, weil er düm-
104
mer ist? Warum werden die Söhne von Türken, Arbeits-
losen oder Bauarbeitern so selten Einser-Abiturienten und
nie Maximilianeer?
Ich denke an Michael Hartmann, den Eliteforscher,
und seine Zweifel an der Leistungselite. Er meinte: »Aus
Sicht des Bürgertums ist die derzeitige Struktur des
Bildungswesens ein entscheidendes Problem.« Der Nach-
wuchs der Reichen und Erfolgreichen werde dort schließ-
lich mit den Mängeln des öffentlichen Systems konfron-
tiert. Oft komme als einziger Ausweg ein Schulwechsel
ins Ausland infrage. »Bei einer verstärkten Binnendiffe-
renzierung sähe das aber anders aus. Dann könnte das
Bürgertum die eigenen Kinder in Bildungseinrichtungen
schicken, die aufgrund einer wesentlich besseren finan-
ziellen Ausstattung und selektiver Aufnahmeregelung das
gewünschte Niveau aufweisen, und dem Rest der Bevöl-
kerung das zunehmend marode Restsystem überlassen.«
Verstärkte Binnendifferenzierung - das meint wohl, dass
es nicht mehr den Kindergarten, die Schule, die Uni für
alle gibt, sondern ein Parallelsystem. »Der Vorsprung der
Bürgerkinder, den sie aufgrund ihrer familiären Bedin-
gungen schon mitbringen«, sagt Hartmann »würde da-
durch ausgebaut und verfestigt.«
DIFFERENZIERUNG
Ich sitze wieder in meinem Zimmer. Über mir wird seit
zwei Wochen der Dielenboden herausgerissen. Es hört
sich an, als stünde ein Zahnarztbohrer kurz vor dem
Durchbruch in meinen Gehörgang. Das Bürgertum habe
ein Interesse an einer Differenzierung des Bildungssys-
105
tems, hatte Hartmann gesagt. Nur so könne es seinen
Kindern die Nachteile des öffentlichen Systems ersparen,
Nur so sei gewährleistet, dass die Kinder der Elite früh
selbst das Eliteticket lösen.
Johann Comenius, einer der bedeutendsten Pädago-
gen des 17. Jahrhunderts, empfahl, wer eine gute Bildung
wolle, solle die »Langsamen unter die Geschwinden, die
Schwerfälligen unter die Wendigen, die Hartnäckigen un-
ter die Folgsamen mischen«. Das wäre das Gegenteil von
Ausdifferenzierung. Das wären Finnland und Schweden,
die Sieger aller Schulstudien. Was aber ist, wenn die Ge-
schwinden, die Klugen und die Wohlhabenden entschei-
den da . I' b "
, ss SIe le er unter sIch sem wollen? Was ist, wenn
sie am liebsten vergessen wollen, dass es auch Langsame,
Dumme und Arme gibt?
Seit der Bohrer lärmt, habe ich mir selbst Beschäfti-
gungstherapien auferlegt und meinen Stapel zum Thema
»Elite« in Akteno d" ,,,
r ner gezwangt. Immer wIeder blattere
ich die Texte dur h B' d'f:'I: .
C .» m n ~ n 1lerenzlerung« - das Wort
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Ich m Bayern h' .
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ec en. Die Binnend'f" .
ku 1lerenZlerung beginnt mittlerweile
rz nach der Geburt.
106
DER KAMPF UM DIE VORDEREN PLÄTZE
Als ich vier war, konnte ich lesen und schreiben. »APAP
OLLAH«, haben meine Eltern stolz aufbewahrt. »Hallo
Papa«. Ich habe falsch herum geschrieben, weil das für
Linkshänder einfacher ist, aber immerhin. Mit viel gutem
Willen hätte man daraus eine besondere Begabung und
damit einen besonderen Förderbedarfkonstruieren kön-
nen. Hat man aber nicht. Ich bin in den städtischen Kin-
dergarten gegangen, in die Grundschule unseres Viertels,
aufs Gymnasium, dann zu einer Uni, die das angeboten
hat, was ich studieren wollte. Ganz normal - wie alle
eben. Etwas anderes stand überhaupt nicht zur Diskus-
sion. Ich habe den Eindruck, dass es dieses »ganz normal«
seit einigen Jahren nicht mehr gibt. Der Druck, möglichst
früh möglichst viel zu leisten, wächst.
In Hamburgbietet eine private Sprachschule Englisch-
kurse für Schüler an, die nicht einmal sitzen, geschweige
denn sprechen können. Sie sind erst drei Monate alt. Sie
lauschen also den Englischstunden wie andere Säuglinge
ihrer Spieluhr. In München können Eltern ihre Kinder-
gartenkinder in den Chinesischkurs schicken, und in Pas-
sau bietet eine Firma Word-, Excel- und Powerpoint-
Kurse für Kinder ab vier an.
In Berlin hat Anfang 2007 eine Filiale der amerikani-
schen Bildungskette »FasTracKids« eröffnet. FasTracKids,
das heißt frei übersetzt »Überholspurkinder«. In einer
schicken Altbauwohnung in Steglitz sitzen Zwei- bis
Sechsjährige vor einer Tafel, aus der eine Computer-
stimme dröhnt. »Stellt euch vor«, sagt die Stimme, »ihr
wollt eure Freunde zum Insektensammeln einladen. Was
müsst ihr auf die Postkarte schreiben?« Da sie noch nicht
107
schreiben können, tippen die Kinder Symbole auf der Ta-
fel an. »Richtig«, freut sich die Tafel. Oder sie sagt, als ein
Junge auf das Bild eines Fisches zeigt: »Meinst du wirk-
lich, dass ein Fisch auf die Einladung muss?« Die Kinder
haben heute das Fach Kommunikation, ein Wort, das die
der kleinen Schüler nicht einmal aussprechen
konnen. Mathematik und Biologie standen in den Wo-
chen davor auf dem Stundenplan. Literatur, Astronomie
und sogar ein Block zum Thema Lebensstrategien werden
noch folgen.
, müssen Dreijährige das können?«, frage ich,
DIe VerbIndungen im Gehirn der Kinder seien jetzt be-
sonders verknüpfungsWillig, heißt es bei »FasTracKids«.
So schnell wie in diesem Alter, sagt die Leiterin, würden
die Kind ' . d
er me WIe er lernen. Während Deutschland bei
Frühförderung hinterherhinke, sei das Programm in
wie Russland, Mexiko oder Portugal längst ein
nesiger Erfolg.
Im Werbeprospekt der Kleinkindschule lese ich das
Protokoll eines G -, h' . ,
esprac s zweIer FasTracKids aus Mexiko:
»Wusstest du, dass Leonardo da Vinci die Mona Lisa
gemalt hat?« fragt de . "'h'
. , r vierJa nge Diego. »Ja, natürlich«,
antwortet sein s h 'äh' ,
ec sJ nger Klassenkamerad Fernando.
»Wusstest du d 11
' ass er vor a em das Lächeln der Mona Lisa
malen wollte?« Und d' fü' fiooh '
. Ie n Ja nge Julia aus Denver die
gefragt wird waru . d' '
k
" m SIe Ie Namen aller neun Planeten
enne, wIrd mit dA' ,
. . er ntwort ZItIert: »Ich habe sie behal-
ten, weil Ich ein FasTracKid bin.«
Diese Art de Wb'
d
Kl
r er ung wIrkt. In Berlin steigt die Zahl
er assen stetig Fil'al . 00
II
. I en In Dusseldorf und Hamburg
so en folgen Bildun fü .
W
eh
d
· g r KleInstkinder ist ein neuer ein
a sen er Markt D ' '
. enn Bildung ist zum Statussymbol
108
geworden, Vor allem Eltern aus der Mittelschicht haben
Angst, dass ihr Kind zum Verlierer werden könnte, wenn
es den ganz normalen Weg geht. Und so statten sie ihr
Kind schon im Windelalter mit Zusatzqualifikationen
aus. »Hier werden die Kinder auch rhetorisch fit ge-
macht«, erzählt mir eine Mutter, die ihre Söhne zu »Fa-
strackids« schickt. »Sie lernen Präsentationsformen, die
ihnen später nützen werden.«
Hört man sich um, hat man das Gefühl, dass sich viele
Eltern in eine Art Wettrüsten um den beeindruckendsten
Kleinkindlebenslauf gestürzt haben. Die Söhne der Fas-
TracKids-Mutter gehen in einen englischsprachigen Kin-
dergarten, Englisch, erklärt sie mir, sei in Zeiten der Glo-
balisierung eben wie Zähneputzen. »Wir haben gemerkt,
dass die große Schwester, die erst mit fünf angefangen hat
mit Englisch, einfach zu spät dran war. Deshalb haben wir
entschieden, dass die Jungs gleich mit zwei anfangen.«
über 1000 Euro kostet die Förderung ihrer beiden Söhne
pro Monat. Geld, das gut investiert sein soll.
Also wird der ältere der beiden Jungs im Herbst nicht
auf eine normale Grundschule wechseln. Er könne sein
Englisch wieder verlernen, fürchtet die Mutter. Ihr Sohn
soll auf eine bilinguale Grundschule. Doch die sind be-
gehrt, die Wartelisten lang. Die Familie nahm einen An-
walt und war bereit, für den Platz an der Schule zu klagen.
Aber dann zog ein Zwillingspaar aus Berlin weg, der Sohn
der FasTracKids-Mutter rückte nach. »Die richtige Schule
zu finden dauert Monate«, sagt sie. »Aber es ist eine so
wichtige Entscheidung.« Sie hat ihren Sohn zu Probe-
stunden geschickt. Er hat Einstufungstests absolviert. Zur
Sicherheit hat die Familie schon früh einen Vertrag mit
einer Privatschule unterschrieben, falls es mit der begehr-
109
ten Europaschule doch nicht geklappt hätte. »Das ist si-
cherlich ein Trend- dass die Leute, die es sich leisten kön-
nen' sehr genau hingucken und sich fragen: Wo kann ich
für mein Kind das Optimum rausholen?«, sagt sie.
Als ich eingeschult werden sollte, sind wir vorher ein-
mal den Weg abgegangen. Durch unsere Straße, dann
rechts, über die Ampel, noch ein bissehen geradeaus, am
Friedhof vorbei. Ich habe gelernt, dass ich links, rechts,
links gucken soll. Dann haben wir eine hellblaue Uhr und
einen roten Ranzen gekauft, und alle fanden, ich sei nun
fit für die Schule.
Heute gilt schon die Wahl des Kindergartens als beruf-
liche Weichenstellung. Jeder kennt Leute, die vor der Ein-
schulung in einen schickeren Stadtteil zogen. Einer er-
zäWt von Bekannten, deren Tochter schon in der ersten
Klasse mit Chinesisch beginnt. Eine Erzieherin, deren
Kindergarten in einem bürgerlichen Berliner Stadtteil
liegt und als pädagogischer Modellkindergarten gilt, be-
richtet mir, dass die Eltern nervös werden, weil die Klei-
nen basteln, Experimente machen und spielen - aber kein
Englisch lernen. »Die Eltern«, sagt sie, »haben Angst, dass
ihre Kinder dadurch den Anschluss verlieren.« Im Maga-
zin der Süddeutschen Zeitung erzählt Karina Lübke von
einem Volkshochschulkurs für Achtjährige. »Und? Was
machst du so?«, fragt einer der kleinen Schüler seinen
»Ich bin hochbegabt«, sagt der. Was wie ein
klinge, schreibt die Autorin, sei in Bildungsbürger-
kreisen Normalität, »ebenso die Gesprächseröffnung
Kinder-Small-Ta1k«: »Bist du getestet?«, fragen sich
die Kleinen und red "b I 11' .'
. . en u er nte igenztestergebmsse Wie
Wir, die ungetestete Generation, vielleicht über die An-
zahl unserer Legosteine oder Schlümpfe.
110
Der Zeit-Autor Bartholomäus Grill erlebte dieses neue
Denken, das er als »Bildungsdarwinismus« bezeichnet,
am ersten Schultag seines Sohnes Leo an einer Steglitzer
Privatschule. Leos Schulzeit begann nicht mit Schultüte
und Familienfoto, sondern mit einer Eröffnungsgala.
»Die Familienclans, Opa und Oma inklusive«, schreibt
Grill, »umtanzten die verunsichert dreinschauenden Kan-
didaten wie Filmsternchen. Man hatte gleich das Gefühl,
dass in dieser Anstalt die Nachzucht für die Globalisie-
rung zugerüstet wird.« An den Klassenzimmertüren las
der verunsicherte Vater Grill: Gur subject is our success -
»Unser Lernziel ist unser Erfolg«. An dieser Schule wollte
Leo nicht bleiben. Grill meldete ihn ab. Der Steglitzer
Schule dürfte das egal sein. Die Warteliste ist lang. Privat-
schulen boomen. 2007 wurden pro Woche ein bis zwei
private Schulen gegründet. Die Zahl der Schüler ist seit
dem Jahr 2000 um fast zwanzig Prozent gestiegen. Immer
mehr Eltern wollen, dass ihre Kleinen schon früh zu den
Gewinnern gehören, und man ist bereit, dafür zu zahlen.
40 Euro im Monat kostet der Englischkurs für Säuglinge.
100 Euro bezahlen die Eltern bei »FasTracKids«, zwischen
300 und 800 Euro pro Monat kostet ein Platz in einer Pri-
vatschule, 600 einer in einem guten privaten Kindergarten.
Mindestens.
Ich steige in der »Berliner Vorstadt« aus der Straßen-
bahn. Was nach Problemkiez klingt, ist die neue Nobel-
meile am Rand der Hauptstadt. Hier, direkt hinter dem
Ortsschild Potsdam, am Ufer des Heiligen Sees wohnen
Prominente und Superreiche, und hier sollen ihre Kinder
auch bald angemessen betreut werden. Deshalb haben
Privatleute das ehemalige Standesamt der Stadt gepach-
tet. Sie haben 700000 Euro investiert, damit aus dem klas-
111
sizistischen Bau aus dem Jahre 1800 die »Villa Ritz« wird:
eine Fünf-Sterne-Kita mit dreitausend Quadratmetern
Grundstück. Bis zu fünfzig Kinder sollen hier bald jeden
vorstellbaren Luxus genießen. 980 Euro wird die Betreu-
ung pro Monat kosten. Allerdings ist das der Basissatz.
Die Eltern können einen Chauffeur oder einen Body-
guard buchen, einen Geigen- oder Chinesischlehrer oder
den Villa-Ritz-Dokumentarfilmer, der dann die Party
zum dritten oder vierten Geburtstag aufzeichnet. Das
alles kostet aber extra.
»Fast tausend Euro ist ja schon ziemlich viel«, sage ich,
als ich hinter Raymond Wagner, dem Geschäftsführer der
Villa, durch die Eingangshalle laufe, eine Kuppel über uns,
ein roter Teppich unter uns. Mein Freund hat gerade einen
neuen Vertrag an der Uni unterschrieben. Der öffentliche
Dienst spart. Deshalb verdient er jetzt 300 Euro weniger als
Zuvor. Als wissenschaftlichemMitarbeiter mit halber Stelle
bleiben ihm rund 1000 Euro netto. Er müsste sich dann
wohl entscheiden, ob er den Kita-Platz für sein Kind oder
die Miete seiner Wohnung und seine Einkäufe bezahlt.
Man konkurriere um die Eltern, die sich auch eine Kinder-
frau leisten könnten, unterbricht Wagner meine Kalkula-
tion. Außerdem müsse man den Preis in Relation zumAn-
gebot sehen. Eine Erzieherin müsse sich hier um nur sechs
Kinder kümmern. In der normalen Welt sind es je nach
Bundesland bis zu zwanzig. Die Kinder lernen Englisch. Ih-
nen wird mittags ein dreigängiges Vollwertmenü gekocht,
morgens und abends können sie sich am Büfett bedienen.
Wer wichtige Termine hat, kann sein Kind auch mal über
Nacht dalassen. Das allerdings kostet wieder extra.
»Buchen können die Eltern die Übernachtung hier«,
sagt Raymond Wagner. Wir stehen an einem Tresen, aus
112
dem die Rezeption des Kindergartens werden soll. Wenn
die Eltern ihr Kind bringen oder holen, sollen sie nicht
lange suchen müssen. An diesem Empfangstresen sollen
sie ihr Kind und alle nötigen Infos erhalten. »Das ist unser
Komfort«, freut sich Wagner. Und das ist verrückt, denke
ich, denn jetzt stehen wir im Wellnessbereich der Kita.
Noch ist dort, wo ein großes Aquarium entstehen soll, ein
Loch in der Wand. Die Sauna ist aber schon gut zu erken-
nen. Im Nebenraum werden die Masseure und Physio-
therapeuten arbeiten. Auch deren Leistungen können die
Eltern dazubuchen. Genau wie Yoga, Ballett oder Medi-
tation. »Manche Dreijährigen haben schon Rückenpro-
bleme«, erklärt mir Wagner, während wir durchs Trep-
penhaus laufen. »Uns wird ja stets der Vorwurf gemacht,
wir zögen hier eine Geldelite heran«, sagt er. »Aber uns
geht es um eine Bildungselite, eine geistige Elite.«
»Zu der können dann aber doch nur die gehören, die
pro Kind und Monat tausend Euro zahlen«, entgegne ich
und animiere Wagner damit zu einem Vortrag über unser
»schreckliches System« der Gleichmacherei. »Der Sozial-
staat«, erklärt er mir, »orientiert sich stets am Schwäche-
ren. Aber was ist mit dem Stärkeren?« Seit den achtziger
Jahren sei es nur darum gegangen, diese Starken schwach
zu halten, damit niemand aus einer Gruppe herausragt.
So habe Deutschland Ressourcen verschwendet und den
Anschluss im internationalen Wettbewerb verloren, fin-
det er. »Wir müssen von der Idee weg, dass der Ernst des
Lebens erst in der Schule beginnt.« Schon Kleinstkinder
seien zu erstaunlichen Leistungen fähig. Und wenn ein
Kind schon mit drei Jahren multiplizieren könne oder
mit vier Jahren Englisch spreche, dann werde er dieses
Kind nicht bremsen, sondern fördern und fordern.
113
»Werden sich denn Kinder, die mit sechs die Villa Ritz
verlassen, die rechnen können, Englisch und vielleicht
auch Chinesisch sprechen, in der Grundschule nicht
langweilen?«, frage ich.
»Da gibt es eine Diskrepanz. Aber das ist nicht unser
Problem«, sagt Wagner. Schließlich hätten die Kunden
der Villa Ritz sowieso kein Interesse daran, ihr Kind auf
eine Regelschule zu schicken. Die Villa werde bald mit
Privatschulen kooperieren, um den Eltern zu helfen, einen
geeigneten Platz zu finden.
Gewinner hier, Normale und Verlierer dort: Diese Ein-
teilung soll also künftig schon im Kindergarten vorge-
nommen werden. Darauf setzt nicht nur die Villa Ritz. In
Stuttgart eröffneten im Jahr 2006 die »Litde Giants«.
Auch hier kostet der Platz knapp 1000 Euro im Monat.
Trotzdem ist die Kita ausgebucht, die Warteliste lang. Die
»Litde Giants« haben bereits Filialen in Frankfurt und
München. Jetzt sucht die Firma Franchise-Nehmer in
achtzehn anderen Städten. »Mir wäre es auch lieb, wenn
alle Kinder optimal gefördert würden«, sagt Raymond
Wagner. Aber das sei nicht bezahlbar. Ob ich fordere, dass
Menschen, die sich eine teure Betreuung leisten
konnen, verzichten sollen, will er wissen. »Wollen wir alle
der untersten Stufe zugrunde gehen?«, fragt er. Gerecht
sei da t" l' h . h
s na ur IC nIC t. »Aber wo gibt es eine gerechte
Welt?«
.. In Deutschland aufjeden Fall nicht. In zweiunddreißig
Ländern untersuchten Wissenschaftler für die PISA-Stu-
die den Abstand zwischen der Leistung von Schülern auS
und armen Familien. Nirgendwo war er so groß
WIe .In Deutschland. Das brachte Platz 32. Die für ihre
Zweiklassengesellschaft viel geschmähten Vereinigten Staa-
114
ten belegten Platz 8. Die Zahl der armen Kinder steigt in
Deutschland seit Jahren - Anfang 2007 waren es 17 Pro-
zent, fast zwei Millionen. 208 Euro pro Kind, ein Fünftel
der Gebühr, die die Villa Ritz verlangt, überweist der Staat
Hartz-IV-Familien. Das sind 6,80 Euro pro Tag. Damit
müssen sie das Kind ernähren, kleiden und bilden.
Melina ist eines dieser Kinder. Sie ist elf Monate alt. Ihr
Großvater lebt von Hartz IV, ihre Eltern auch. Kevin und
Mike, ihre Onkel, sind sieben und neun Jahre alt und ge-
hen aufdie Wattenscheider Förderschule. Eine Schule, die
sagt, dass sie die Kinder nicht auf den Beruf, sondern auf
ein Leben von der Stütze vorbereite. Man wolle keine fal-
schen Hoffnungen machen. Bisher begann die Förder-
schule mit der vierten Klasse. Das ist seit Kurzem anders.
Eine erste, zweite und dritte Klasse sind dazugekommen.
Der Weg in Richtung Hartz IV beginnt also schon für
Sechsjährige. Oder noch früher. Melina hat kaum Spiel-
zeug. Schon morgens sitzt sie oft auf der schwarzen Le-
dercouch, während das Frühstücksfernsehen läuft. Sie hat
kein Stühlchen, in das sie zum Füttern gesetzt werden
kann, und in ihren ersten Lebensmonaten hat sie wahr-
scheinlich mehr Zigarettenqualm eingeatmet als andere
in ihrem Leben. Oft fehlt ihren Eltern am Ende des Mo-
nats das Geld für Windeln, manchmal auch fürs Essen.
Weil sie wenig haben und weil sie mit dem wenigen
schlecht umgehen können.
Vielleicht ist Melina sehr klug. Vielleicht könnte sie
auch mit drei Jahren schon multiplizieren oder mit vier
schon Englisch sprechen. Vielleicht hätte sie Spaß an Yoga
oder am Geigenunterricht. Erfahren wird man das wohl
nicht. Melina ist ein Kind der Unterschicht, keines der
Villa Ritz. »Gerecht ist das nicht. Aber wo gibt es eine
115
gerechte Welt?« Melinas Schicksal mit diesem Satz fast
achselzuckend hinzunehmen ist zynisch. Es gab mal die
Idee der Solidarität. Dass die, die viel haben, auch viel
dazu beitragen, dass es allen besser geht. Wenn die einen
erst in die Luxus-Kita und dann in die Privatschule gehen,
während die anderen erst vor dem Fernseher sitzen und
dann die Förderschule besuchen, ist von dieser Idee
nichts mehr übrig. Dann sollte aber auch jemand den
Mut haben, Melina das zu sagen.
ELITE MIT MIGRATIONSHINTERGRUND
Es ist gerade dunkel geworden. Ich stehe in Brüssel, am
Place Schumann, blicke auf das Berlaymont-Gebäude,
das vielstöckige Verwaltungszentrum Europas. Wäre heute
nicht Samstag, würden fünfundzwanzigtausend Europa-
Beamte, Hunderte Parlamentarier und unzählige Interes-
senvertreter hier verwalten, verhandeln und dinieren, im
Takt der vollen Terminkalender. Hier, wo ich stehe, wür-
den Menschen aus der Metro-Station quellen, Autos wür-
den sich stauen. Jetzt ist um mich herum alles leer. Kein
Mensch, keine fahrenden Autos, nur ein einsam warten-
des Taxi. Das Europaviertel rund um den Place Schu-
mann führt an Werktagen ein hektisches Leben, das am
Wochenende fast völlig erlischt.
Dies hier ist einer der Orte, an denen deutlich wird,
wie konsequent sich die Elite manchmal von der Masse
abwendet IR·· k d
.. . m uc en er dreckigen, aber lebendigen
Stadt Brussel hat sich Europa ein eigenes Reich errichtet.
Normale Menschen trifft man hier nur als Dienstleister in
Hotels, Restaurants und Kiosken an. Am Wochenende,
116
wenn Europa nach Hause gefahren ist, essen, feiern und
scWafen diese Menschen unten in der Stadt. Das Europa-
viertel bleibt verlassen zurück.
Glücklicherweise muss ich hier nicht bleiben, sondern
habe in dem Teil von Brüssel, der auch an Samstagen exis-
tiert, eine Verabredung. Ich werde zehn junge Menschen
treffen, deren Lebenslauf sie eigentlich zu geborenen Ver-
lierern macht. Sie sind zwischen neunzehn und einund-
zwanzig Jahren alt, in China, dem Iran oder der Türkei
geboren. Die erste Erinnerung, die einige von ihnen an
Deutschland haben, ist die an den ScWagbaum eines Auf-
fanglagers für Flüchtlinge. Nur drei der Studenten sind in
Deutschland geboren, in keiner der Familien ist Deutsch
die Muttersprache. Problemkinder, sagt die Bildungssta-
tistik. Studenten, sagt ihr Lebenslauf, und allein das ist
schon eine Sensation. Denn nur sieben Prozent der über
zwei Millionen Studenten in Deutschland sind Migran-
tenkinder. Eine Mehrheit stellen sie dagegen in den Kate-
gorien »Hauptschüler« und »Schulabbrecher«.
Rund die Hälfte der Fünfzehnjährigen aus Migranten-
familien konnte bei Tests gerade einmal simpelste Texte
lesen. Betrachtete man nur die Jugendlichen, in deren Fa-
milien türkisch gesprochen wird, sackte die durchschnitt-
liche Lesefähigkeit auf Grundschulniveau. Und wenn es
doch einmal einer schafft, schnappt offensichtlich im
Kopf vieler Lehrer die Rassismusfalle zu: Selbst bei glei-
cher Leistung werden Migranten oft scWechter bewertet.
Während sie zur Hauptschule geschickt werden, kann
sich der gleich starke deutsche Mitschüler oft über eine
GymnasialempfeWung freuen. Diese Schieflage ist woW
das Resultat einer nicht existierenden Integrationspolitik.
Deutschland hat sich nie sonderlich bemüht, die Kinder
117
---
derer, die einwanderten, zu fördern. Das Schulsystem, das
früh sortiert und Kindern, die einen schweren Start hat-
ten, kaum Chancen bietet, aufzuholen, besorgte den Rest.
Kinder, deren Eltern nach Schweden, Norwegen, Öster-
reich oder in die Schweiz gingen, haben weitaus bessere
Karten als die, deren Eltern nach Deutschland kamen.
Aadish, Gülsah, Nawid, Edward, Waldemar, Jakob,
Alexander, Jin-Kyu, Helen und Fatos haben es trotzdem
geschafft. Sie sind ein lebendes »Es geht doch«. Und des-
halb hat der Mobilfunkkonzern Vodafone die erstklassi-
gen Abiturienten zur Elite gekürt, zur Elite mit Migra-
tionshintergrund. Aufgereiht sitzen sie an einer langen
Tafel. Vodafone hat gerade einen Kir royal ausgegeben.
Gülsah und Fatos, die zwei Muslima in der Runde, bitten
um Saft. Es ist das perfekte Werbefoto für ein neues, offe-
nes Deutschland. Vodafone preist die zehn als »Aufstei-
gergruppe«, als »Bildungselite«, als »positives Beispiel für
die Gesellschaft und Mitmigranten« und lässt sich ihre
Unterstützung einiges kosten. Das »Chancen«-Stipen-
dium, das die firmeneigene Stiftung im Jahr 2006 aufge-
legt hat, ist eine der umfangreichsten Förderungen, die es
in Deutschland gibt: Vodafone zahlt den Stipendiaten
knapp 600 Euro für den Lebensunterhalt, dazu Bücher-
geld, Reisen, Sprachkurse und, das größte Schmankerl,
~ i ~ . Gebühren für ein Studium an einer privaten Univer-
sItat. Insgesamt investiert Vodafone in jeden Studenten
gut 80000 Euro.
M· .
eme vorurteilgeschulten Augen bleiben sofort an
Fatos hängen. Sie trägt Kopftuch und ein langes Gewand.
Frauen wie sie bl d F h . d·
en en emse sender gern em, um le
Themen »Verlierer« oder »Islamismus« zu illustrieren.
Fatos aber Wa ß . d
r au er m er Grundschule stets die Klas-
118
senbeste. Sie wurde in der Türkei geboren. Als sie ein Jahr
alt war, kamen ihre Eltern nach Berlin, weil ihr Vater bei
Siemens arbeiten konnte. Die Mutter, die Fatos, die große
Schwester und den kleinen Bruder erzog, sprach türkisch
mit den Kindern. Deutsch lernte Fatos erst im Kindergar-
ten. Ein klassischer Einwandererlebenslauf, der nur für
acht Prozent der Schüler auf dem Gymnasium endet. Fa-
tos aber schaffte es. Sie übersprang sogar die elfte Klasse
und machte dann ein sehr gutes Abitur: Über ihren
Schnitt von 1,7 sei sie ein bisschen enttäuscht gewesen,
sagt sie, hätte es doch die gesamte Oberstufe, bis sie vier
Monate lang krank ausfiel, nach einem I,O-Schnitt ausge-
sehen. »Ich habe immer viel gelernt. Um es als Ausländer
in der Schule zu schaffen«, erklärt sie mir, »ist man besser
fleißiger als alle anderen.«
»Habt ihr Angst, dass man euch als Alibi-Ausländer
benutzt?«, frage ich. »Um zu zeigen: Es geht doch, in
Deutschland als Ausländer erfolgreich zu sein?«
»Ich fühle mich schon manchmal als Vorzeigetürkin«,
antwortet Fatos. »Aber irgendwer muss schließlich anfan-
gen. Ich möchte Vorbild sein. Und vielleicht werden aus
uns zehnen dann bald tausend.« - »Aber nur vielleicht«,
sagt sie noch einmal. Denn Diskriminierung sei für aus-
ländische Schüler Alltag. Fatos hat erlebt, dass Ausländer
trotz guter Klausuren bei manchen Lehrern stets schlechte
Zeugnisnoten bekamen. Ihre Freundin hatte einen Lehrer,
der sie ein Jahr lang nicht drannahm. »Bei dem stand kein
Ausländer besser als vier«, sagt sie. Während ihrer Schul-
zeit musste sie sich laufend von einem ihrer türkischen
Freunde verabschieden: »In der siebten Klasse waren wir
noch so viele Türken, dass es für eine eigene Klasse gereicht
hätte. Am Ende, beim Abi, waren es nur noch zwei.«
119
Fatos blieb. Ihre Noten hätten sie unantastbar ge-
macht, glaubt sie. Kein Lehrer hätte ihr, die stets Einsen
schrieb, ernsthafte Probleme machen können. Heute leitet
sie eine Gruppe für muslimische Mädchen und trichtert
ihnen die Lehren ihrer Schulzeit ein: »Seid besser. Lernt.
Nur wenn ihr in der Schule gut seid, kommt ihr voran.«
Und trotzdem. Als Fatos gemeinsam mit ihrer Freundin
und zwei guten AbscWüssen in der Tasche vor einer
Kreuzberger Berufsberaterin saß, meinte die: »Ihr seid
doch Türkinnen, wieso wollt ihr studieren? Ihr werdet
früh heiraten, dann Hausfrau werden. Da ist das doch
Zeitverschwendung.« Erst hätten sie ungläubig, aber den-
noch getroffen, gelacht, sagt Fatos. »Aber die hörte nicht
aufdamit. Die wollte uns nicht einmal konkrete Fragen zu
Universitäten beantworten. Da haben wir das Gespräch
abgebrochen.« Seit dem 11. September 2001 kämen noch
die täglichen Anfeindungen auf der Straße dazu, erzählt
sie. Unter der Hand in der Uni, offen auf der Straße, in der
U-Bahn. Leute setzten sich weg. Andere schrien sie an:
»Islamistenschwein! Raus aus Deutschland!« Aber man
könne lernen wegzuhören, zu ignorieren, sagt Fatos.
Sie studiert, wie Bernd, an einer Privatuniversität. Die
Bucerius Law School in Hamburg gilt als Kaderschmiede
für junge Juristen. Auch hier kostet das Studium insge-
samt mindestens 30000 Euro. Fatos' Vater, der nach einem
Unfall nicht mehr arbeiten kann, könnte die Gebühr unter
keinen Umständen zaWen. Aber die Kosten übernimmt ja
j e ~ t Vodafone, denn das Stipendium gilt nur, wenn die
Mlgranten an einer privaten Hochschule studieren. Ein
Studium an einer staatlichen Universität fördert Voda-
fone nicht, egal wie groß Migrationshintergrund und
Talent des Bewerbers auch sein mögen.
120
»Ein erfolgreiches Studium an einer anerkannten Pri-
vathochschule bietet Studierenden nachweislich bessere
Voraussetzungen für den Berufseinstieg und Karrierever-
lauf. Diese Chance möchten wir auch begabten jungen
Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen«, beant-
wortet Vodafone meine Frage nach dem Warum in bes-
tem Konzerndeutsch. Das heißt, das Unternehmen hält
vor allem die Privatuniversitäten für einen Karrierekata-
lysator und möchte, dass auch Kinder von Einwanderern
an diesen selbst ernannten Elite-Universitäten studieren
können.
Eins wäre für die Berufsberaterin aus Kreuzberg viel-
leicht noch interessant: Heiraten will Fatos erst nach
dem Studium. Und sie will nicht Hausfrau werden, son-
dern bei der EU oder bei Amnesty International anfan-
gen. Um dieses Ziel zu erreichen, folgt sie weiter ihrem
alten Plan: Besser sein. Sie schläft fünf Stunden pro
Nacht. Um acht Uhr morgens sitzt sie in der Bibliothek
und lernt meist, bis die Sonne untergeht. Nur dienstags
macht sie früher Schluss, da hat sie einen Kurs in arabi-
scher Kalligrafie belegt, »zur Entspannung«, sagt Fatos.
Das klingt nach Bernd mit türkischem Hintergrund. Ich
frage mich weiter durch die Runde und habe schnell den
Eindruck, dass Fatos' Vierzehn-Stunden-Tage auch hier
normal sind. Seid fleißiger, arbeitet mehr, dann habt ihr
Chancen, es zu etwas zu bringen. Auch wenn ihr von
ganz unten kommt. Das ist die Botschaft der Runde. Eine
Botschaft, die glaubwürdig ist, die durch Geschichten,
die ich so schnell nicht wieder vergesse, mit Leben gefüllt
wird. Eine Botschaft, die auch Mario und Bernd gefal-
len würde. Denn keiner hier fordert, dass man rassisti-
schen Lehrern an den Kragen müsse, dass die Politik sich
121
--
gefalligst besser um sie, die Kinder derer, die sie einst
einlud, kümmern müsse. Es sind Geschichten über Ehr-
geiz, Fleiß und Willen. Eigenschaften, die auch den, der
die schlechtesten Startchancen hat, zum Sieger werden
lassen.
Zwei in der Runde allerdings sind anders. Der eine, ein
junger Iraner namens Aadish, hatte still zugehört, als ich
erzählte, dass ich zum Thema »Elite« recherchiere, und
mir seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben. »Lass uns spä-
ter in Ruhe treffen!«, sagte er.
Der andere, Alexander, rückt seinen Stuhl neben mich.
Er streicht die blonden Haare hinters Ohr und sagt: »Ein
Buch über das Thema Elite - das interessiert mich sehr.
Das Thema ist prickelnd.« Er selbst schreibe auch, seit
frühester Jugend. Allerdings Gedichte, vor allem Liebes-
lyrik. Alexander spricht Deutsch mit reizendem französi-
schem Akzent. Er lächelt, als ich ihn darauf anspreche.
Alle sehen in ihmden Franzosen. Das mag am Akzent l i e ~
gen, an den langen blonden, nach hinten geföhnten Haa-
ren und sicher auch an seinem fast aristokratischen Auf-
treten. Alexander sitzt kerzengerade am Tisch, bewahrt
Haltung beim Essen, beim Sprechen, beim Rauchen.
Manchmal muss er hüsteln. Dann dreht er den Kopf zur
Seite h·'lt d'
. '. a le gestreckten Finger vor den Mund, entschul-
digt sIch. Alexander würde wohl jeden Türsteher jedes
noch so r t ikt' .
. . es r lven Soclety-Clubs passieren können.
Seme feme karierte Stofthose steckt in wadenhohen Rei-
terstiefeln se' . H d d .
, m em urchzlehen dünne rosafarbene
Streifen sein Hand I nk' .
, ge e ZIert eme Armani-Uhr. In einem
Steckbrief hat e D' H
r lor omme als Lieblingsmodemarke
angegeben. Über sich selbst sagt er: »Ich bin wie Effi Briest.
Ich verzichte auf das Zweitbeste.«
122
Ganz offensichtlich kommt Alexander aus sehr gutem
Hause. Er ist Sohn einer Familie, die zu den Obersten in
Georgien gehörte. Alexander ist in dem Bewusstsein auf-
gewachsen, ein Kind der oberen Eintausend zu sein. Ein
Privilegierter in einem ansonsten armen Land. Gott, so
lernte Alexander, habe Intelligenz, Einfluss und Wohl-
stand eben nicht gleich verteilt. »Sei dankbar, dass es dir
gut geht«, habe der Vater immer gemahnt. »Lass die, de-
nen es scWechter geht, nie deine überlegenheit spüren.«
Aber irgendwann wurde das Leben in Georgien zu ge-
fahrlich. Die Familie entschied, nach Deutschland zu flie-
hen. Schon drei Wochen später landeten sie am Frankfur-
ter Flughafen. »Ich konnte nicht mehr als Buchstaben
erkennen und so Kleinigkeiten sagen wie >Hallo< oder
>Wie geht'sk Aber das war es dann auch.« Georgisch,
Russisch, Englisch - diese Sprachen beherrschte er, hatte
seine Familie doch stets auf die Bildung der Kinder geach-
tet. Aber jetzt hatte die Flucht ihn in ein Land geführt,
dessen Sprache er nicht kannte. Sie landeten im Dezem-
ber. Alexander erinnert sich an den deutschen Schnee
und daran, dass die Häuser so schön weihnachtlich deko-
riert waren.
Er erinnert sich auch an. die Enge im Auffanglanger
Unna-Massen, an die Schule, die er dort mit vielen Rus-
sen und Polen, die alle in ihrer Muttersprache redeten,
besuchte, und an die Lehrerin, die auf den georgischen
Jungen, der so gut Englisch sprach, aufmerksam wurde.
Sie ließ ihn Figuren bauen und Muster legen und testete
so seine Intelligenz.
Als das Ergebnis vorlag, habe eines der angesehensten
und teuersten Internate des Landes ihm ein Vollstipen-
dium angeboten. Er lehnte ab. »Wegen meiner Mutter«,
123
( ,,'\
1'/1
; ~ ,
sagt Alexander. Sie habe ihren Sohn nicht ziehen lassen
wollen. Gerade fünfzehn, und dann weg von zu Hause, in
ein Internat, in dem reiche Kinder der Legende nach gern
ausschweifende Feste feiern. Das Nein der Mutter war für
Alexander Gesetz, und man suchte nach einer angemesse-
nen Alternative. Alexander kam auf ein Gymnasium an
der Königsallee in Düsseldorf, obwohl er die Sprache der
Mitschüler noch immer nicht beherrschte. Aber in die-
sem Moment, sagt er, sei ihm klar geworden, dass er noch
lange in Deutschland bleiben würde. Und weil er Wör-
terbüchern nicht traut, begann er seinen ganz eigenen
Deutschkurs. »Ein Buch, das ich zu der Zeit sehr mochte,
war >Lolita< von Nabokov. Ich habe eine Ausgabe aufRus-
sisch und eine auf Deutsch vor mich gelegt und die Sei-
ten parallel gelesen. Und so habe ich mit vielen Büchern,
die ich aus Georgien schon kannte, Deutsch gelernt.« Am
Anfang fiel er in der Schule ständig auf, zum Beispiel, weil
er aufsprang, wenn der Lehrer den Raum betrat, oder weil
er das Schnipsen mit den Fingern, mit dem die Mitschü-
ler nach Aufmerksamkeit heischten, verachtete. »Das
kenne ich nur bei Kellnern, dass man so etwas tut. Es ist
einfach eine schlechte Erziehung, einen Lehrer so anzu-
schnipsen.«
Aber dann schaute er sich seine Umgebung immer ge-
nauer an. Er bekam einen Job im Exklusivhaus der Mode-
marke Breuniger, verdiente relativ bald ziemlich viel Geld
und lernte das kennen, was er ehrfurchtsvoll das Düssel-
dorfer Leben nennt. »Kennst du Düsseldorf?«, fragt Ale-
xander.
»Nicht wirklich«, bekenne ich.
»Weißt du, wie Düsseldorf sich anfühlt?«
»Nein.«
124
»Kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn man an der
Kö die Schule besucht, dort nebenher arbeitet, dort aus-
geht?«
»Nein«, sage ich wieder. »Überhaupt nicht.« Ich sehe,
dass ich ihn enttäusche.
Düsseldorfer zu sein erfüllt ihn mit Stolz. Sein Pass ist
georgisch, gerade mal seit fünf Jahren wohnt er in der
Stadt. Trotzdem identifiziert er sich mit Düsseldorf. Die
Stadt steht für das Leben, das er liebt und von dem er mir
lange erzählt, in der Hoffnung, dass ich doch noch be-
greife, wie Düsseldorf sich anfühlt. Seine Clique stehe auf
fast jeder Gästeliste, sagt er. Sie feiern in Clubs an der Kö,
in denen Kinder reicher Eltern Champagnerflaschen be-
stellen, die sechs Liter fassen. »Wenn die die Flaschen vor
sich stehen haben, glauben sie übrigens, Elite zu sein«, sagt
Alexander. »Sie haben mehr als andere und glauben, bes-
ser zu sein.« Alexander hält diesen Glauben für einen
Trugschluss. »Das Geld ist von den Eltern, und sie selber
haben nicht viel erreicht. Manche denken, jeder, der Golf
spielt, ist Elite.« In Georgien, sagt er, sei die Sache klar: »Da
bedeutet Elite Oberschicht - oder im bösen Sinne: Bon-
zen.« Hier in Deutschland sei der Begriffweniger greifbar,
werde missverstanden und von vielen missbraucht.
»Was ist denn Elite für dich?«
»Für mich gehören zur Elite Leute, die überdurch-
schnittliche Leistungen vollbringen, eine entsprechende
Kultur haben und ein entsprechendes Benehmen. Elite
wird man, wenn man viel im Leben erreicht hat, wenn
man finanziell, aber auch geistig weiter ist als andere.«
Deshalb, sagt Alexander, sei ausgeschlossen, dass Düssel-
dorfer Jugendliche im Alter von zwanzig Jahren Elite
seien. Eine gute Familie, sagt er, sei eine gute Ausgangs-
125
j
i·,
basis. Aber die Ambitionen, etwas zu werden, die müsse
man schon selber haben. Unter seinen Freunden sind
einige, die überzeugt sind, schon durch die Geburt etwas
zu sein. In seiner Clique sind »Doppel-Vons«, Menschen
also, deren Eltern jeweils einen Adelstitel in die Ehe ein-
brachten. Oft hätten die Kinder dann nicht nur zwei Titel,
sondern auch noch fünf Vornamen. Eigentlich auch un-
nötig, sagt Alexander. Das habe schon Shakespeare be-
griffen. Oder sei sein berühmtes Whats in the name? nicht
so zu verstehen? Außerdem kenne er Mädchen, die tag-
ein, tagaus ihre Schönheit pflegen, weil es ihr Plan sei,
reich zu heiraten und damit dem Beispiel der Mutter und
der Tanten zu folgen. .
Ich frage mich, warum ich solche Menschen nicht
kenne. Es zögen einen immer die Leute an, die aussähen
wie man selbst, sagt Alexander. »Wenn du Rapper bist,
wählst du Rapper. Wenn du Technomusik hörst, suchst
du die Leute aus, die dementsprechend aussehen. Und
wohlhabende Leute aus guter Familie mit guter Erzie-
hung, die haben Pläne für die Zukunft, die wollen etwas
werden im Leben. Das sind auch meine Interessen.«
Klingt logisch, erklärt aber nichts. Ich habe diese Men-
schen ja nicht ignoriert, weil ich andere Interessen habe.
Ich bin ihnen noch nie begegnet, ehrlich gesagt habe ich
ihre Existenz bislang bezweifelt. Menschen wie Alexan-
ders Freunde und ich haben woW völlig unterschiedliche
Leben geführt. . .
Ich bin in einer Kleinstadt im Münsterland groß ge-
~ o r d e n , dort auf die städtischen Schulen gegangen. Stu-
diert habe ich im Ruhrgebiet, wo sich die High Society
weitestgehend auf Fußballer beschränkt. Sprich, ich habe
mich mein Leben lang an Orten herumgetrieben, an de-
nen diese Kreise nicht verkehren. Aber wie findet man die
richtigen Orte, die Clubs, in denen man feiern muss, die
Schulen, die man besuchen muss, um dazuzugehören?
Durchs Internet sei das ziemlich einfach geworden, er-
klärt Alexander. Man vernetze sich in exklusiven Foren.
Der Zugang sei passwortgeschützt, rein käme man nur
auf Einladung, nur mit glaubwürdiger Empfehlung. Rei-
cher-als-du.de, sei eine bekannte Adresse und vor allem
Schwarzekarte.de. Das sei lange die entscheidende Com-
munitiy gewesen, sagt er. Aber inzwischen habe sie das
Schicksal vieler solcher Zirkel ereilt: Irgendwann würde
solch eine Adresse zu bekannt und sei dann überlaufen.
Auch hier scheint zu gelten, dass Elite und Masse sich ge-
nerell nicht vertragen. Trotzdemwürde ich die Menschen,
von denen er mir erzählt, noch immer bei der schwarzen
Karte finden, sagt Alexander.
»Meinst du«, frage ich schüchtern, »du könntest mich
einladen? Gar empfehlen?«
»Klar«, sagt Alexander, und tatsächlich erhalte ich
zwei Tage später meinen Zugang.
SCHWARZEKARTE
Das Wappen von Schwarzekarte ist ein schwarz-weißer
Schild, der eine kleine Krone trägt. Heute um 17 Uhr 45
hat mich Schwarzekarte offiziell willkommen geheißen,
seitdem ist es auch mein Wappen. Für 9 Euro könnte ich
es mir sogar kaufen, in Silber oder Schwarz, um es mir,
wie vorgeschlagen, ans »Hemdrevers« zu heften. Für sol-
che Insignien ist es mir noch zu früh. Als ich mich zum
ersten Mal einlogge, ertönt eine Begrüßungsmusik. Dann
126
127
lichten lassen. Der Botschafter für Heidelberg trägt ein ro-
safarbenes Ralph-Lauren-Hemd und auch eine schwarze
Sonnenbrille. Die ist üblich, genau wie die langen, zu-
rückgegelten Haare. Einer der Hamburger Botschafter
trägt nichts - außer der schwarzen Sonnenbrille, einer
Boxershorts und einem Whiskeyglas. Schließlich steht er
unter Palmen. Sein Lebensmotto: »Stil ist eine Fähigkeit,
Entscheidungen zu treffen.«
Regel zwei: Man heißt anders als meine alten Freunde,
und man besucht andere Orte. Durchsucht man das
Netzwerk zum Beispiel nach den Vornamen Konstantin,
Theresa oder Maximilian erhält man Hunderte von Tref-
fern. Die Häufung von Adelstiteln ist erstaunlich, und
wer keinen Titel hat, schmückt seinen schnöden Namen
wenigstens mit den Initialen der Zweit- oder Drittvor-
namen. Man nennt sich Benedikt M., Frederik H. C. oder
Benjamin C. K.
Kurz nach meinem Eintritt ins Netzwerk lädt mich
Louis Sayn-Wittgenstein-Sayn zum Schwarzekarte-Ski-
wochenende nach Garmisch ein. Zu den Orten, in denen
die Schwarzekarte-Mitglieder leben, gehören Sylt, St. Mo-
ritz und New York. Im Forum wird diskutiert, ob Dubai
neue Netzwerk-Stadt werden soll. Ein Mitglied, dessen Le-
bensmotto »Niveau ist keine Handcreme« lautet, ärgert
sich, dass die arabische Geldmetropole noch feWt. Seine
Wut ist er übrigens in nacWässiger Rechtschreibung losge-
worden, wie viele, die das Schwarzekarte-Forum nutzen.
»Es gibt z. Zeit kaum eine andere Stadt((, schreibt er, »die so
viel Potenzial hat. In puncto Lifestyle, Wirtschaft, Sport,
Clubbing und Kultur hat Dubai so dermaßen viel zu bie-
ten.(( Noch wartet Dubai auf die Aufnahme, Saint-Tropez
dagegen hat es geschafft. Etliche Netzwerkmitglieder
129
128
sehe ich Bilder von schneebedeckten Bergen. »Freund-
schaften erweitern den Horizont«, lese ich. »Diese muss
man nicht dem Zufall überlassen.« Nochmals werde ich
darauf hingewiesen, dass eine Einladung nötig ist, um
Zutritt zum Netzwerk zu erhalten. Nur so könne Schwar-
zekarte möglichst privat und familiär gehalten werden,
schreiben die Organisatoren.
Ich fühle mich wie ein Eindringling, als ich meinen
Namen und das Passwort eintippe. Ich soll ein Profil an-
legen, meine Lieblingschampagnermarke angeben, die fa-
vorisierte Automarke und mein bevorzugtes Modelabel.
Habe ich alles nicht. Ich starre auf die Liste, aus der ich
meine liebsten Freizeitinteressen wählen soll. Golf oder
Polo? Jagd oder Fechten? Fußball und Musik kreuze ich
an und hoffe, mich damit nicht sofort zu disqualifizieren.
Ich werde angenommen und klicke mich die nächsten
zwei Tage völlig fasziniert durch die Parallelwelt meiner
»neuen Freunde«. Ich erfahre, dass der Name Schwarze-
karte an eine Premiumkreditkarte erinnern soll, und bin
froh da . h· P fiil .
. ' SS IC Im ro nicht angeben musste, dass ich nur
em Volksbankkonto habe. Ich lerne schnell, dass das Le-
d:r im Schnitt Anfang-zwanzigjährigen Mitglieder
hier nicht nur, was die Art, seine Einkäufe zu bezaWen,
angeht, nach eigenen Regeln funktioniert.
Regel eins: Man sieht anders aus als in meiner Welt.
Sportjäckchen, Sneaker und Jeans scheinen hier kaum zu
existieren. In eine F '"
. m orum werde Ich spater lesen, dass
diese Kleidun S .
g » ozen-Mode« sei. Das Schwarzekarte-
M·tgl· d
I le, das zum Netzwerkbotschafter für New York
berufen wurde h t . h b' .
, a SIC el emem Sommerfest in weißer
und maritimem Jackett, mit Sonnenbrille,
Wiesen" Kr
gruner awatte und passendem Einstecktuch ab-
schreiben, dass sie jeden Sommer »unten an der Cöte
seien«, und diskutieren über Abende im Palais in Cannes:
»Eine unglaubliche Location. Das Problem ist die Anord-
nung der Tische und VIP-Tische.« Ein anderer hält die
Preise im Byblos in Saint-Tropez für übertrieben. »Man
muss dort für 'ne Flasche Moet so um die 500 € hinblät-
tern. Aber«, fügt er resigniert hinzu, »das ist Saint-Tropez.(;
Regel Nummer drei lautet schließlich: Man protzt
durchaus mit seinem Reichtum. Viele Mitglieder lassen
sich mit einer riesigen Champagnerflasche am Mund und
ein, zwei sonnengebräunten, designerdekorierten Mäd-
chen im Arm fotografieren. Der Botschafter für Lancaster
posiert auf einer Jacht, an deren Heck die Ortsmarke
Saint-Tropez gut zu lesen ist; außerdem hat er sich neben
der Motorhaube eines alten Bentleys knipsen lassen. Ein
Junge hat in seiner Bildergalerie ein Foto von sich, auf
dem er im Gras sitzt, in seinem Arm ein frisch geschosse-
~ ~ s Reh. Der Hals des Tieres ist noch blutig, der Blick des
Jagers triumphal. Den Tag bei der Jagd oder auf dem
Golfplatz lässt man offenbar gern bei einem guten Wein
aus. dem heimischen Keller ausklingen. Auch wenn die
meIsten der Schwarzekarte-Nutzer gerade erst zwanzig ge-
worden sind, debattieren sie im Forum über teure Fla-
schen. Zur Vorabinformation: Die Hauptdarsteller im
folgenden Dialog kosten nach Angaben eines renommier-
ten deutschen Weinkellers zwischen 250 und 600 Euro.
»Ich habe eine Magnum-Flasche Chateau Mouton
Rothschild würd d . tli . .
, e en eIgen ch gern noch em blsschen
behalten nur da D' . .
. ' s mg 1st em 87er-Jahrgang. Denkst du,
Ich sollte den t . k,
rm en, wegen dem schlechten Jahrgang,
b
Oder
meinst du, ich könnte den noch ein bis zwei Jahre
ehalten?«
130
»WOW! Mouton Rothschild aus der Magnum ist
wahrlich ein Schatz in Deinem Keller. Nur kann der 87 bei
Weitem nicht mit 82 und 86 mithalten. ScWage vor, Du
lädst Freunde ein, die einen guten Wein schätzen, kochst
was Feines (oder lässt was Feines kochen) und genießt
diese wunderbare Flasche.«
»Mit was man mich auch locken kann: Marques de Ca-
ceres Grand Reserva 1985 aus der Rioja Alta. An dieser
Stelle: Danke, Papa!«
Diese Themen möchte man allerdings im exklusiven
Kreis diskutieren. Und gerade diese Exklusivität sehen
viele Mitglieder gefahrdet. Über hunderttausend junge
Menschen sind im Sommer 2007 bei Schwarzekarte ange-
meldet. über eine Million Mal pro Monat rufen sie die
Seite auf. Viele, aber nicht alle, sind reich und aus gutem
Haus. In den Club dringen immer mehr Spanner ein, so
wie ich. Damit teilt Schwarzekarte das Schicksal ähnlicher
exklusiver Internetforen.
2004 gründete der Sohn eines schwedischen Diploma-
ten aSmallWorld, das Rolemodel der Bewegung. Seine
Seite sei ein Club für junge Banker, Berühmtheiten und
Models, sagte der Gründer. Ein Club, in den nur Eingela-
dene gelangen. ASW, wie Insider sagen, galt schnell als die
Plattform der Reichen und Schönen. Wie teuer ist ein Pri-
vatjet? Wo bekomme ich ein Loft in New York? Wer geht
zum Dinner mit Al Gore? Bei ASW fand sich garantiert
jemand, der Tipps geben konnte. Aber dann wurde be-
kannt, dass auch Paris Hilton, Quentin Tarantino oder
Naomi Campbell bei ASW verkehrten. Die berühmten
Namen zogen Gaffer an. Das Netzwerk w u c ~ s ~ u s Sicht
des Gründers unkontrolliert. Die ZugangskrItenen wur-
den verschärft, die ZaW der Mitglieder auf 250000 welt-
131
<,j
!
I
weit begrenzt. Im vergangenen Sommer wurde ein Ein-
ladestopp verhängt.
Bei reicher-als-du.de, dem selbst ernannten »exklusi-
veren Forum« für eine Elitegesellschaft, die sich nur über
Luxus und Reichtum definiert, werde ich abgelehnt.
A.uch bei Schwarzekarte wird seit Langem über einen
EInladungsstopp diskutiert. Im Forum mahnt einer, dass
es an der Zeit sei, offen auszusprechen, dass viele »der in
den letzten Monaten (massenhaft) neu akkreditierten
Mitglieder kein positiver Zugewinn sind«. Wenn es so
weiterginge, klagt ein anderer, würde aus einem »exklu-
siven Lifestyleportal immer mehr ein ganz normales«.
Dass sie zumindest hier unter Gleichen sind ist den
meisten sehr Wichtig. Denn draußen, in der wirklichen
fühlen sich viele ungerecht behandelt. Sie glauben,
dIskriminiert zu werden, von den anderen, die sie »Pro-
los« nennen.
»Kann es sein«, fragt einer, der Düsseldorf, Sylt und
Porsche Carrera GT liebt, im Forum, »dass der Neid
In immer schlimmer wird? Aufgefallen ist
es mIr erst so rI·cht· 1· h d· .. . .
Ig, a s IC Ieses Jahr langere Zelt In
den Staaten war tAT d.. ..
. nenn man ort mIt eInem schonen
Auto vorfährt ode . t h . .
. r eIne eure Uranhat, wIrd man mcht
schIef angesch t d
. au , son ern gefragt, wie toll dieses oder
Jenes ist und was b . .
man ar eltet, um sIch so etwas leisten
zu können « In D t hl d
. . eu sc an dagegen, beklagt er, müsse
eIner, der seinen tAT hl d .
nO stan zeIgt, mit ständiger Ableh-
nung rechnen M h al .
. h .» anc m gIng es schon so weit dass
IC extra weiter w k h '
d
eg gepar tabe, damit man nicht wie-
er erklären mu
fl.h ss, warum man dieses oder jenes Auto
art.« Er beendet· .
h
. seInen EIntrag mit einem patheti-
sc en ZItat· »Wa D
. rum eutschland keine Heimat ist?
132
Weil Neid und Missgunst in Deutschland keinen Platz
für Helden lassen.«
»Neid ist in Deutschland die höchste Anerkennung,
die man bekommen kann«, tröstet ein Netzwerkfreund
den Porsche-Liebhaber.
»Irgendwie gewöhnt man sich ja dran«, schreibt ein
anderer. »Ich find halt nur extrem schade, dass Neid nicht
dazu benutzt wird, an sich selbst zu arbeiten.« Die meis-
ten Deutschen, schimpft er, würden »ihren Arsch nicht
hochbekommen, sondern nur meckern, dabei Frauen-
tausch gucken und warten, bis Vater Staat ihnen das Geld
aufs Konto überweist.«
Ein Mädchen, das ihr Taschengeld mit Vorliebe in die
Nobellabels Ralph Lauren, Burberry oder Hugo Boss in-
vestiert, klagt, dass sie sich früher in der Schule oft blöde
Sprüche wegen ihrer teuren Kleidung hätten anhören
müssen. Ihre Eltern hätten sie dann immer mit einem
Satz getröstet, den sie jetzt auch den anderen Netz-
werkern mitgeben möchte: »Mitleid bekommt man ge-
schenkt, Neid muss man sich erarbeiten.«
2437 Schwarzekarte-Mitglieder haben sich die Neid-
Diskussion angeschaut, über sechzig haben sich beteiligt,
und einer, ein Chemiestudent aus Köln, wagt tatsächlich,
ganz entschieden zu widersprechen. »Es wundert euch tat-
sächlich, dass Neid aufkommt, wenn die große Masse der
Bevölkerung bei vier Millionen Arbeitslosen und gigan-
tischen Haushaltslöchern in Staat und Land sieht, wie
andere Leute das Geld mit beiden Händen zum Fenster
rauswerfen?«, fragt er und fügt hinzu: »Und diesen Blöd-
sinn von wegen >Der hat es sich eben verdient< könnt ihr
gleich wieder einpacken. Dass sich jemand von ganz unten
nach oben gearbeitet hat, ist ja wohl eher die Ausnahme.«
133
cr
I
I
fi
I
l
. t
Keiner geht auf seine Argumente ein. Der Chemie-
student ist hier offenbar Exot. Immerhin wird er nur
Erschreckend häufig aber vergessen die Kinder
ihre sicherlich gute Erziehung. Wer sich
verdachtlg macht, mit gefälschten Hermes-Gürteln oder
Breitling-Uhren zu protzen, wird als »Opfer« oder »Prolo«
beschimpft. Im Forum eines Freiburger Stadtmagazins,
das einen Artikel über die geschlossenen Netzwerke des
»Net-Jetsets« veröffentlicht hat, tobt zwischen einigen
Schwarzekarte-Mitgliedern und den Lesern der Zeit-
schrift ein wahrer Klassenkampf.
Schickimicki-Bourgeoisie gehört verboten«,
ein Leser. »Ihr einfachen Arbeiterkinder«, schlägt
em Schwarzekarte-Mitglied zurück, »ihr seid doch nur
eifersüchtig. Ein Leben in Armut ... Muss das scheiße
sein!« Ein ander 'dm .
er WI et seme Botschaft »dem Pöbel«,
der sich über Schwarzekarte beschwert: »Weil wir für euch
arbeitslose, links orientierte Proleten so viel Steuern zah-
lenm" k" .
ussen, onnen WIr nur drei Porsche fahren Also geht
gefälligst ARBEITEN!!!« .
Ein Dritter droht. v .
. . »l'..ommen von Eurer SeIte noch
ugendwelche un al'fiz'
. .. qu I lerten Bemerkungen gegenüber
ehtaren Netzwerk h .
'. en, so mac e Ich einen Anruf, und eure
Vater smd arbeitslo '.
. s, wenn SIe es mcht schon sind. Vergesst
me: Wenn wir w II ka" .
o en, ulen WIr Euch auf!« Ein anderer
sagt, er fände es gut d . .
, ass er wemgstens bei Schwarzekarte
unter »Gleichge' t .
Anh
.. smn en(( seI. »Arbeitslose und SPD/PDS-
anger((, schlägt er k" .
. vor,» onnen Ja ihre eigenen Com-
mumtys gründen (( A h .
eh . uc emen Namensvorschlag hätte er
s on: »Asoziales Netzwerk
'
.((
Sicher, vieles dav II
b on so nur provozieren, ist übertrie-
en, gewollt zum Kl' h .. b .
ISC ee u erspltzt. Dennoch scheint es
134
unter den reichen Kindern normal zu sein, über Sozial-
demokraten, Arbeitslose und Arme herzuziehen. Als die
Angriffe gar nicht enden wollen, schaltet sich Louis Sayn-
Wittgenstein-Sayn ein und bittet alle Mitglieder, das
Netzwerk nicht durch unqualifizierte Aussagen zu diskre-
ditieren. »Für das Fehlverhalten der anderen(, schreibt er,
möchte er sich bei all denen, die als »Pöbel« oder »links
gerichtet« bezeichnet wurden, entschuldigen. »Leider gibt
es diese Art von Menschen, die das Geld ihrer Eltern aus
dem Fenster werfen, immer wieder!«
Immerhin der Adel scheint noch zu Respekt und Tole-
ranz erzogen zu sein. Aber die anderen? Wie viel von dem
arroganten Gehabe ist echt? Wie denken sie tatsächlich
über die, denen es schlechter geht? Ist das Gerede vom
faulen und neidischen Pack wirklich nur gespielt? Die Er-
mahnung des Chefs zumindest zeigt wenig Wirkung. Die
Beschimpfungen setzen sich noch über Seiten fort. Ein
Schwarzekarte-Mitglied beschreibt den Kampf als Elite
versus Unterschicht.
Ich laufe dreimal von meinem Computer in die Küche
und wieder zurück. Dann entscheide ich, mich zum ers-
ten Mal im Netzwerk zu Wort zu melden. Im Forum stelle
ich die Frage: »Was ist Elite für Euch? Was macht sie aus?
Wer gehört dazu?( Die erste Antwortenrunde bewegt sich
auf dem Niveau der Linken-Beschimpfung. »David Cop-
perfield«(, scherzt einer. »Der mit dem meisten Geld«,
meint ein anderer. Die meisten schreiben: »Ich!( Nach ein
paar Tagen löschen die Administratoren meinen Eintrag.
Ich versuche es noch einmal und bekomme tatsächlich
ernst zu nehmende Antworten. Ein Mädchen vermutet:
»Elite zeichnet sich durch Leistung aus.«( Einer schreibt:
»Mein englisches Internat schafft es, Elite hervorzubrin-
135
-
gen.« Ein anderer geht auf ein Internat im Schwarzwald,
über das gesagt werde: »Der Birkelhof ist die inoffizielle
Kaderschmiede der geistigen Elite.«
DIE SCHULEN DER ELITE
Internate als Heimat der Elite. Daran hatte ich gar nicht
gedacht, so fern waren mir bislang die Bezahlschulen. In
meiner Welt existierten sie nur als Heimat von Harry
Potter, Hanni und Nanni oder der schüchternen Dolly,
die ich achtzehn Bände lang auf die Burg Möwenfels
begleitete.
Für die Schwarzekarte-Nutzer hingegen sind Internate
real. Schon in der Begrüßung hatte ich gelesen, Ziel des
Netzwerkes sei auch, dass man verschollen geglaubte
Freunde aus der Internatszeit wiederfinden könne. Für
sie scheinen die Worte »Schule« und »Internat« Syn-
onyme zu sein, genau wie die Worte »Elite<, und »Inter-
nat«. Die Kategorie »Internate« ist in den Diskussions-
foren eine der beliebtesten. In über fünfunddreißigtausend
B 't ..
el ragen streiten die Nutzer darüber, welches das beste
sei, sie empfehlen Schulberatungen und gute Adressen in
England. Man wolle sich gegenseitig helfen, das Wunsch-
Internat zu finden, steht da, und wieder füWe ich mich
fremd. Keiner meiner Freunde stand irgendwann in sei-
nem Leben vor dem Problem, sein Wunsch-Internat fin-
den zu müssen H' d '.
.. . ler agegen urteilen Junge Menschen
uber Schulen d' . OOb
" ' le welt u er 20000 Euro pro Jahr kosten,
als gmge es um neue Jeanskollektionen. Den Birkelhof
gut tausend Schwarzekarte-Mitglieder. Andere
schworen auf d" S h I '
le c u e Manenau, ein Internat, das zu
136
einem »ökologischen HUIIlanismus« erziehen will. »Eine
Elite für sich«, schreiben die Bhemaligen. Die Luxuslie-
benden zieht es in die Schweiz, inS Lyceum AlpiIlum,
1850 Meter über dem Meer, keine zwanzig Minuten von
St. Moritz entfernt. Die FreUnde des LYceums werben mit
den Namen der prominenten A.bsolventen: Ferdinand
Pieeh, Graf von Faber-Castell tlnd Gunter Sachs sind hier
zur Schule gegangen. Und dann sind da noch die Schlös-
ser. Idyllisch an Seen oder atlf Bergen gelegen, locken
Schloss Louisenlund im Norden, SchloSS Torgelow im
Osten, Schloss NeubeuerIl im Süden und natürlich der
Platzhirsch, Schloss Salem.
Ich kenne die Bilder atlS England, die die rotbackigen
Sprösslinge wohlhabender zeigen, die in Unifor-
men, die schon ihre Ahnen trugen, über die liockeyplätze
der Internate rennen. SeiIl kind nach Et0n, Winchester
oder Harrow zu schicken leostet so viel, wie ein Durch-
schnittsbrite pro Jahr verdient. Stipendien gibt es kaum,
die Upperclass ist unter sich und bleibt es. Die Absolven-
ten der Privatschulen führen die britischen Banken und
Versicherungen, sie leiteten im Jahr 2005 über die Hälfte
der größten britischen Unternehmen. Die Internatsnetz-
werke helfen und halten ein Leben lang. Wenn eine Fami-
lie ihre Söhne nach Eton schickt, gehÖrt sie zur Elite des
Landes. Das war in meinen j\ugen eine urbritische Ge-
setzmäßigkeit. Schließlich Sind die ßriten Von jeher für
ihren Klassendünkel bekannt.
Aber Schwarzekarte ist ein deutsches :Netzwerk. »Elite
wächst auf Internaten heran." Noch einmal lese ich die
Antworten der Nutzer auf tneine Frage. Gibt es diese Tra-
d
"t' d" h b' I g fü"" b l,tisch hielt in bestimmten
1 Ion, le 1C IS an • r ' I
Kreisen auch hier? Schicken die, die sich zur Elite zäh en,
137
I
......
ihre Kinder auf Internate? Und wie wählen die Internate
die Schüler aus? Gibt es Wissenstests? Müssen die Eltern
nachweisen, dass sie aus einer guten Familie kommen?
Ich schreibe Schlösser und Burgen in ganz Deutsch-
land an. Ich erkläre mein Anliegen und merke schnell,
dass es nicht ganz einfach werden wird, von außen einen
Fuß in die Internatswelt zu bekommen. Schließlich sagen
doch zwei Schulen zu. Schloss Neubeuern bei Rosenheim
und Salem, der Hort der Tradition. Schulen, an denen
die Elite erzogen wird. Ich packe die Elite-Recherche-Gar-
derobe, die ich mir nach dem Desaster beim Symposium
gekauft habe, in einen Koffer und fahre los. Eine Woche
zu Gast in den Internaten. Dort werde ich hoffentlich
neue Antworten bekommen.
MATHE: AUSREICHEND.
ELITE: SEHR GUT
Der Junge sitzt auf der Rückbank des weißen Saab hinter
seinen Eltern. Er sieht die Reifen von Lastwagen, starrt
auf den Scheibenwischer. Die Häuser des Münchner
Stadtrandgebiets fliegen an ihm vorbei. Er wird seine Fa-
milie und seine Stadt verlassen, weil er eine Sechs in Ma-
the hat. Weil er schon vier Schulen ausprobiert hat und
gescheitert ist. Jetzt wollen seine Eltern, dass er es in der
Schloss Neubeuern versucht. Sie werden
für diese letzte Chance des Jungen viel Geld bezahlen.
»Ohne Abitur bist du nichts in dieser Welt« sagt der Va-
ter. Für die Famili' d J ..,'
e es ungen ware em Hauptschulab-
schluss peinlich H' t R' .
. m er osenhelm nehmen sie dIe Aus-
fahrt. Hier cribt es k' H"
D" eme auser mehr. Nur Wiesen, Berge,
Seen und kleine Kinder, die brav ihre Fahrradhelme tra-
gen. Bald werden sie das Schloss erreicht haben.
14 Uhr 41. Ich steige in Raubling aus dem Zug. Es ist
ein Regionalexpress, der halbe Schulklassen aus Rosen-
heim zurück in ihre Dörfer fährt. Ein Lehrer holt mich am
Bahnhof ab. Ich sinke in die schwarzen Ledersitze seines
Volvo und werde den Berg hochgefahren zum Schloss.
Die Alpen leuchten heute. Der Himmel ist grau, aber ge-
nau über den schneebedeckten Gipfeln ist ein Loch. Von
der Terrasse hinter dem Schloss blicke ich auf fünfzehn
Gipfel. Später wird hinter ihnen tieforange die Sonne
untergehen. »In die Schule gehen, wo andere Urlaub ma-
chen«, wirbt der Prospekt des Internats Neubeuern.
»Die Luft ist so gut«, sagt die Mutter des Jungen, als sie
vor dem Schloss aus dem Auto steigt. Der Vater lobt die
tolle Aussicht. Der Junge ist still. Er weiß nicht, wie sein
Leben hier werden wird. Er weiß nur, dass er Angst hat,
dass er zu Hause bleiben will. Alle hier wollen eigentlich
lieber nach Hause, wird sein neuer bester Freund ihm
später erklären. Der Saab fährt an. Die Mutter springt
noch einmal aus dem Auto, nimmt den Jungen in den
Arm. »Du wirst sehen, nach ein paar Tagen wird es dir
hier gefallen«, sagt sie, bevor sie sich losreißt. Dann steht
der Junge allein vor dem Schloss und winkt. .
Als ich vor dem Eingang stehe, fühle ich mIch fremd.
• • C Ki der auf deren Brust
Em Burgturm ragt vor mIr aUI, n , .
. c' bei Erst vor wem-
em Wappen prangt, laulen an mll vor. ,
gen Monaten hat das Internat die em,ge-
führt. Vorher, erzählt mir der Schulleiter, seien Viele
. I C die so tief hmgen,
m zerschlissenen Jeans herumge aUlen,
h k
nte Die Mädchen,
dass man die Boxershorts se en on .
. . ." kn pe Tops und so enge
sagt eme Erzleherm, hatten so ap
138 139
Jeans getragen, dass mancher Lehrer nicht wusste, wo er
hingucken sollte. Vorher sahen die Kinder also aus wie an
jeder Schule. Das ist jetzt vorbei. Es gibt vorgeschriebene
Kleidungsstücke, festgelegte »Kombinationsmöglichkei-
ten«, die Schülermodels vorführen. Die Schüler können
wählen, ob sie den dunkelblauen Pullover oder den Pull-
under mit Wappen tragen oder lieber das weiße Polo-
hemd. Dazu müssen sie beige oder dunkelgraue Stoff-
hosen oder Röcke anziehen. Keine Jeans oder Cordhosen,
mahnt die Schulleitung. Wer möchte, darf sich ein Hals-
tuch der Marke Windsor umbinden. Die übrige Kleidung
wurde in Zusammenarbeit mit den Edelmarken Marc
O'Polo und Aigner entwickelt. Aufgrund der Kontakte zu
Schülereltern und Altschülern haben diese Firmen be-
sonders günstige Angebote gemacht. Die Erstausstattung
kostet trotzdem 400 Euro.
, Eine Investition, die Disziplin und· Zusammengehö-
stärken soll, wie der Schulleiter sagt. Absurd und
teil:velse hart geführt werde der Streit um die richtige
KleIdung, berichten mir später die Schüler »UT
er
die
• VVI
Sockenfarbe hat, wird aus dem Unterricht ge-
SChICkt«, erzählt ein Zehntklässler. »Wir haben in der
letzten Woche im Grundkurs eine halbe Stunde damit
verbracht da . d . I
' ss Je er emze n rausmusste und man Noten
bekommen hat für das, was man anhatte. Meine Hose
war eine Eins meI' S h h ' ..
, ne c u e waren eme DreI mmus und
somit bin ich n h f" '
oc au eme ZweI gekommen« Später
werde ich in e' S h I .
" mer c u versammlung erleben, wie ein
Madchen aus der 'bt d
" SIe en 0 er achten Klasse auf die
Buhne gebeten w' d UT' •
. Ir . »vvas 1St an Ihrer Uniform falsch?«,
fragt em Erzieher .. d . h'
d
' T' pa agoglsc ms Plenum. »Die Nase«,
»Ie Itten« brüll d' J .
, en Ie ungs hmter mir. Es ist die erste
140
von Dutzenden Situationen, in denen mir klar wird, dass
Schüler auch auf Nobelinternaten vor allem Teenager
sind. Kein Luxus der Welt schützt Eltern und Lehrer vor
der Pubertät.
Das müssen auch die Eltern des Jungen begreifen.
Nachdem sie nach München zu ihren Eheproblemen zu-
rückgekehrt sind, wird der Junge vier Monate im Schloss
verbringen. Er wird es nicht schaffen, sich in Mathe zu
verbessern. Aber er wird Freunde finden, sich in ein Mäd-
chen verlieben und sich von einem anderen auf der Schul-
toilette entjungfern lassen. Er wird trinken, rauchen, in
ein Striplokal gehen und lernen, zielsicher auf einen Keks
zu wichsen. Nachdem der Junge das Internat verlassen
hatte, schrieb er seine Erfahrungen auf. »Crazy« von Ben-
jamin Lebert wurde ein Bestseller; kurz nach seinem Er-
scheinen wurde das Buch verfilmt.
Der Lehrer, der mich abgeholt hat, war schon da, als
Benjamin Lebert Schüler in Neubeuern war. 1988 fing
Reinhard Käsinger hier an. Das Internat suchte einen Ten-
nislehrer, weil Boris Becker und Steffi Graf gerade trium-
phale Erfolge feierten. »Das wollten die Kunden damals«,
sagt Käsinger. Mittlerweile haben sich die Vorlieben
Kunden, der Eltern also, und der Schüler gewandelt. Ka-
singer hat eine Golfausbildung absolviert. Seit Kurzem hat
Neubeuern einen eigenen Abschlagplatz und einen Golf-
simulator für die Turnhalle.
h
. I 'r am Wochen-
»Wenn mein Vater Zeit at, spie en WI
ende Golf. Das ist so das, was wir unternehmen«, wird
mir ein Elftklässler später erzählen. Er will dann gu,t
bereitet sein für die paar Stunden, die der für ihn
hat. Auch wenn die Eltern vom Schloss, der schonen Aus-
sicht und dem Golfplatz begeistert sind, zieht hier wohl
141
r
I
I
I
kaum einer deswegen ein. Bei den meisten erzählen mir
die Schüler, ist es wie bei Benjamin Leber;, dem Jungen
aus dem Buch. »Schulische Probleme. Weil man es an der
staatlichen nicht schafft.« - »Oder weil es zu Hause nicht
mehr geht«, sagt ein anderer. »Weil sich die Eltern tren-
nen oder nie da sind, weil sie nur arbeiten.«
, Das Internat, schreibt Benjamin Lebert, sei ein Käfig
mIt goldenen Stäben. Ich gehe in die Eingangshalle des
Schlosses. Karaffen mit Wasser und Kannen mit Kakao
stehen da für Sch"l d' "h
' u er, Ie wa rend der Pause Durst be-
kommen. Es gibt ke' Ki k ' b ' "
men os WIe el uns, wo man dran-
geln musste um eI' N k b"
, neger uss rotchen zu ergattern. Im
Essenssaal sind die UT:' d 'h
"an e mIt ellroten Seidentapeten
verkleidet Goldb t t S h' ,
, ese z e c mtzerelen, riesige Spiegel
und aufwendige Engelskulpturen schmücken den Raum.
An der Wand hä gt . P ..
n em ortrat der letzten Schlossherrin
der Ba 'J r '
. ronm u Ie von Wendelstadt, die 1925 aus ihrer Re-
SIdenz eine Internat h 1 fü' d'
ssc u erleKinder der gehobenen
Gesellschaft machte H' , d'
. Ier sItzen Ie Schüler zum Essen an
runden Tischen na hd K" h '
, ' c em oc e Ihnen zuvor die Mahl-
z e l t e ~ , gereicht haben. Das sind die goldenen Stäbe. Und
der Kafig?
In der Eingangshall d' ,
S h
e, Ie SIe Stachus nennen, hängt das
c warze Brett de S hul d '
ali r c e, as seIt der Spende eines Ehe-
rn k l g e ~ ganz modern ein flacher Monitor ist. Die Bilder
von emen Skirennfah
1
rern werden als Erinnerung an die
etzte gemeinsame Fah '
Schül' d' rt emgeblendet. Die Namen der
er, Ie gerade z P b
d
um ro ewohnen einquartiert sind,
aus eren Eltern also K d
ein Nachrichtenb .. un en werden könnten, laufen wie
and uber den Schirm. Und links ist für .e-
den nachzulesen, wer heut. J
tägli hExtenachsItzen muss, Die nachmit-
c e rastund 'td' h
e IS Ie arrnloseste Strafe. Bei Verstö-
142
ßen gegen die Internatsregeln gibt es einen Verweis, wer
drei Verweise gesammelt hat, wird suspendiert, also für ei-
nige Tage nach Hause geschickt, und wer sich ganz und gar
uneinsichtig zeigt, wird hinausgeworfen. Einen der hun-
dertzwanzig Internatsschüler trafdas imvergangenen Jahr.
Drei Jungs aus der Abiturklasse sind gerade suspendiert
worden. Sie waren mit Alkohol auf dem Schulgelände er-
wischt worden. Die Erzieher picken sich regelmäßig Schü-
ler heraus, die zum Pusten antreten müssen. Wie bei Ver-
kehrskontrollen wird ihr Atem auf Alkohol überprüft, ihr
Urin auf Rückstände von Drogen getestet.
Alle vier bis fünf Wochen bekommen die Eltern Post
von der Schule. Ausführlich berichtet ihnen das Internat
über schriftliche und mündliche Noten der Kinder, über
besondere Vorkommnisse, Defizite in Ordnung und Be-
tragen. Vom nächsten Jahr an sollen die Eltern diese Daten
ständig über das Internet abrufen können. Per Wireless-
LAN können die Gestressten dann erst die Börsenkurse
checken und danach den Leistungsstand des Kindes. Das
sei nötig, sagt Jörg Müller, der Vorstand der Internatsstif-
tung, der mit Frau und Kindern imSchloss lebt. Er bedau-
ert, dass die Schüler »vor dem Hintergrund von finanziel-
ler und sozialer Sicherheit häufig den gewünschten Antrieb
und Ehrgeiz vermissen lassen«, und wünscht sich von sei-
nen Schülern mehr Engagement und die Bereitschaft, sich
für ein Thema wirklich einzusetzen. Einer aus dem Kol-
legium, der nicht genannt werden möchte, formuliert es
drastischer: »Viele unserer Schüler leiden an der Wohl-
standskrankheit.«
»Was ist das die Wohlstandskrankheit?«
»Dieses Verhalten, das aus dem Gefühl entsteht: Mir
fehlt es an nichts. Mir geht es gut. Macht ihr mal. Und
143
Dazu kommen das Taschengeld, die Kosten für Ausflüge
nach München zum Skifahren oder zum Golfen. Plus
, d "f Nachhilfe-
Wäscheservice, Heimfahrten un ,wenn no 19,
unterricht. Macht insgesamt weit über 30000 Euro
Jahr rur den Schulbesuch eines Kindes. Jeder fünfte Schu-
ler erhält ein Stipendium, das aber Hälfte
der Gebühren deckt. Vollstipendien existieren mcht. »D,a
• 00 d G boohren von 15000 bIS
bleIben dann trotz For erung e u
20000«, rechnet der Stiftungsvorstand Jörg Müller vor.
»Unsere Schüler wissen, dass Papas Chefsessel wartet«,
beschwert sich ein Lehrer. Im Prospekt der Schule finde
ich eine Tabelle der Schul- und Internatsgebühren, und
plötzlich begreife ich. Nach Neubeuern kommen nicht
die, die in meiner Welt reich waren. Die Arzttöchter, die
zum Abitur einen Golfbekamen, oder die, die mit der Fa-
milie jedes Jahr zum Skifahren reisten. Neubeuern kann
sich nur leisten, wer richtig viel Geld hat - ein paar Adlige,
Kinder aus traditionellen Unternehmerfamilien, neuer-
dings auch welche, deren Väter mit Aktien viel Geld ge-
macht haben. Und zwei Prominente sind auch da: ein
Kind und ein Enkel zweier Schlagerstars. Die ZaW der
Menschen, die sich die Internatsgebühren leisten können,
ist begrenzt. Im Schuljahr 2006/2007 sah die Jahres-
rechung eines Schülers der Mittelstufe so aus:
«'.
I
25980 Euro
900 Euro
2000 Euro
400 Euro
200 Euro
29480 Euro
Jahresgebühr:
Aufnahmegebühr:
Nebenkostenvorauszahlung:
Schulkleidung:
Schulbücher:
wenn es mir gefällt, mache ich vielleicht mit, und wenn
nicht, dann nicht. Die kommen aus einem Hintergrund,
wo immer Geld da ist. Die haben sich meistens noch nie
in ihrem Leben rur irgendetwas anstrengen müssen, für
irgendetwas kämpfen müssen. Und denen zu vermitteln,
dass es sich lohnt, Ziele zu setzen, die losgelöst sind vom
finanziellen Umfeld und vom Ansehen in der Gesell-
schaft, das ist wahnsinnig schwer. Die dazu zu bringen,
dass sie sagen: Ich möchte dies oder jenes erreichen. Der
Sache wegen. Um mir zu beweisen, dass ich das kann. Das
ist sehr schwer.«
. Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres.
DIe Lehrer unterrichten bei geöffneten Fenstern. Im Erd-
geschoss hat die Disziplinoffensive des Internats noch
wenig Wirkung gezeigt. »In Mathematik ist das erste
Gebot: Es wird gerechnet«, schreit eine Lehrerin, »Das
zweite Gebot ist: Es herrscht Ruhe. Strengt euch an!
Schaut zur Tafel!«
. Vielen seiner Schüler, klagt jemand aus dem Kolle-
gIUm, fehlten der Schwung und die Motivation für eine
ganz normale schulische Arbeit. »Die haben das Gefühl,
dass nach dem Abitur schon alles geebnet ist, dass Papas
Unternehmen wohl auch noch die nächsten dreißig Jahre
hat, dass Geld da ist und eigentlich gar nichts
paSSIeren kann Das . t . h I' h' .
. lS SlC er lC an emer staathchen
Schule wo ein Aui:st' ill . . .
, 1: legsw e motiVIerend wIrken kann,
anders.«
bin verwirrt. Erste Zweifel melden sich. Die Lehrer
erzahlen von antr' b 1 Ki
. . le s osen ndern, vom Kampfum Dis-
zlphn. Von Schulkarrieren, die es zu retten gilt. Das klingt
nach Hauptschuldi k' "
s USSlon. Bm Ich tatsächlich an einem
Internat, das von sich behauptet, Eliten auszubilden?
144
1415
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ji
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I;
»Da sind Sie natürlich weit von dem entfernt, was sich ein
normaler Durchschnittsmensch für seine Kinder leisten
kann.«
Müller träumt in seinem Büro davon, dass sein Inter-
nat reicher wäre. So reich, dass er die Kinder nicht nur
nach Konto auswäWen müsste. Er sitzt in einem Lederses-
sel, neben ihm auf dem Schlossboden liegt ein Kunstgras-
streifen mit Loch. Auch er trainiert offensichtlich sein
Golfspiel. »Ich hätte gern so viel Geld zur Verfügung, dass
wir uns die Kinder aussuchen können, die zu uns passen.
Da wäre das Niveau sicherlich deutlich höher, und es wäre
auch mehr Aktivität bei den Schülern spürbar.« In den
USA, erzäWt er mir, gebe es sechs oder sieben Internate,
die über ein so großes Vermögen verfügen, dass sie bei der
Auswahl der Schüler ausscWießlich nach der Qualität der
Bewerbung gehen könnten. »Die suchen sich die Schüler
aus, die sie wollen, und erst dann drehen sie das Blatt um
und schauen, wie es bei denen finanziell aussieht. Und
wenn die Mutter alleinstehend und arm ist, kriegt der Be-
werber halt ein Vollstipendium.«
Jetzt sitze ich mit diesen Luxuskindern in Miriams
Zimmer, und es ist alles ziemlich normal, gar nicht prot-
zig. Miriam geht in die Oberstufe, morgens muss sie des-
laut Schulordnung smart office wear, also Büro-
kleIdung, anhaben. In ihrem Zimmer trägt sie lieber
Jogginganzug und Hausschuhe. Ihr Vater sei in der Wirt-
schaft, sagt sie. Mehr möchte sie nicht erzählen. Sie sitzt
auf dem Boden. Ihre Freunde, Lisa, Benni, Max und Eric,
hocken auf Miriams Bett. Moritz klickt am Computer
rum. Zimmer stehen Schrank, Bett, Regal und
SchreIbtisch. ScWicht, fast karg. Es sieht aus wie in einer
guten Jugendherberge, mit Fünf-Sterne-Hotel hat das
146
hier gar nichts zu tun. Die Jüngeren schlafen sogar zu
zweit oder zu dritt in einem Zimmer. Miriam war zum
Probewohnen in vier Internaten, bevor sie sich für dieses
entschieden hat. Ein Freund ihrer Schwester war hier und
mochte den Zusammenhalt und die überschaubare
Größe der Schule. Deshalb Neubeuern. Vorher war sie auf
einer anderen Privatschule, dann in England. Beides hat
nicht funktioniert.
Die meisten haben ähnliche Lebensläufe. Zwei Jahre in
dieser Schule, ein Jahr in jener, dann der Versuch im Aus-
land. Viele hoffen, dass dies ihre letzte Station bis zum Abi
sein wird. »Ich bin eben kein Eierkopf«, sagt Miriam. So
nennen sie hier die Klugen, denen alles zufliegt. Die viel-
leicht sogar hier sind, weil sie an ihren Schulen unterfor-
dert waren, die sich abends im Turm des Schlosses treffen,
um über philosophische Fragen zu diskutieren. »Die dis-
kriminiert man nicht«, sagt Miriam. »Die beneidet man
eher.«
Sie selbst findet sich wie die meisten schulisch eher so
mittel. Dass ihre Eltern so viel zaWen, setzt sie ziemlich
unter Druck. Und weil sie weiß, dass sie in der Schule nicht
glänzen kann, engagiert sie sich sozial. Sie schiebt Schich-
ten im Schuleafe, sie betreut zwei Neue aus den unteren
Kl
. . . d S hül' 'tverwaltung »Dann kann
assen, SIe 1St m er c erml .
man zumindest sagen: Okay, sie war nicht die Beste, aber
" 'gt sagt Miriam. »Man
SIe hat hohes Engagement gezel «,
will
· Elt . etwas zurückzaWen.« Wenn man
semen ern Ja
scheitert hat man das Geld der Eltern aus dem Fenster ge-
, ill' tl" h keiner Der Abitur-
worfen, sagen sie. Das w eIgen lC .
schnitt in Neubeuern liegt bei knapp Drei. Da ahnt man,
dass viele am Scheitern vorbeischrammen. »Man muss
bei der Beurteilung dieses Durchschnitts berücksichtigen,
147
....
dass viele Schüler erst zur elften oder sogar zwölften Klasse
zu uns kommen und häufig große Defizite mitbringen«,
wird mir die Schulleitung später auf meine Nachfrage hin
erklären.
»Warumbezeichnet sich Neubeuern trotzdem als Elite-
wage ich schließlich Miriam zu fragen. »Passt
dieser Begriff?«
»Eliteschule«, sagt sie, »da erwartet man doch Schüler,
die gut sind und keine Probleme mit Alkohol oder Diszi-
plin haben. Aus schulischer Sicht ist das hier auf keinen
Fall Elite.«
»Elite kann man ja auch so sehen, dass es Kinder von
Leuten sind, die es zu etwas gebracht haben«, wendet einer
Jungs ein. »Viele hier hätten das Abi aufnormalemWeg
nIcht geschafft. Die wären an der staatlichen Schule einfach
aussortiert worden. Wenn die es J'etzt doch schaffen ist es
d '
och der Schule zu verdanken. Ich weiß nicht, ob man das
gleich Elite nennen muss, aber es steckt schon dahinter.«
»Wir haben kleine Klassen«, loben sie. »Jeder wird ein-
zeln fi"" d .
ge or ert. Bel den Hausaufgaben wird geholfen, wer
Schwächen hat, kann Einzelunterricht bekommen.«
besseren Bedingungen sind teuer. »Findet ihr
d.as In Ordnung, dass eure Eltern euch kleine Klassen und
gute Betreuung kaufen können und andere Eltern
konnen das nicht?«
»Vielleicht ist das ungerecht«, sagt einer.
»Man kann' . h
b
. Ja nIC t sagen, dass das generell für alle
esser Ist« entge t' d
I
. ' gne eIn an erer. »Manche haben es viel-
eIcht in einer groß Kl b
N h
. en asse esser. Das hat alles Vor- und
ac teile.«
Damit ist das Tb b d Üb
. h ema een et. er Geld sprechen sie
nIC t gern Es spiel h' k'
. eier eIne Rolle, sagen sie. Jeder wisse,
148
dass keiner in Neubeuern arm sei. Wenn einer Gucci trägt,
falle der weder positiv noch negativ auf. Über den Rest
werde geschwiegen. Nur die, die von außen kämen, klagen
sie, wollten immer über Geld reden. »Da heißt es immer
gleich >Bonzenschule<.« Da würde gelästert, nur weil einer
ein sehr teures Auto von seinen Eltern bekommen hätte.
»Anstatt zu sagen: >Das ist krass cool<, wird es ihm miss-
gönnt.« Sie erzählen von einem Porträt ihrer Schule in der
Süddeutschen Zeitung, das mit »Aristokratie der Bank-
auszüge« überschrieben war, und von einer Reportage
auf ProSieben, in der Neubeuern »Nobel-Penne« getauft
wurde. »So ist es hier nicht«, protestieren sie.
»Aber eure Eltern sind doch reich, oder?«
»Du hast gesagt, es geht um Elite, nicht um Geld«,
sagen sie.
Jetzt wollen die meisten nicht mehr reden, sondern
rauchen. Wir laufen ums Schloss zur hintersten Ecke der
Terrasse. Man blickt auf einen Fußballplatz, auf dem ein
paar Jungs kicken. Das Internat teilt sich den mit der Welt
dort unten, mit dem Dorf. »Spielt ihr auch mit denen?«,
frage ich.
»Nein.«
»Gegen die?«
»Nein. Eher gegen andere Internate.«
»Warum nicht? Gibt es Ärger mit denen aus dem
Dorf?«
»Nein. Die sind besser. Die haben eine größere Aus-
wahl.«
Mit dem Geld, sagen sie plötzlich, sei es gar nicht so
einfach. Einer ihrer Klassenkameraden sollte schon vor
dem Abitur die Firma seines Vaters übernehmen. »Der
wollte aber nicht. Der wollte unbedingt seinen Abschluss
149
I'
I
t
i
I'
I
,
....
machen. Irgendetwas in seinem Leben wollte er selbst ge-
schafft haben.«
Unten, weit hinter dem Dorf, steigt Rauch aus dem
Schornstein einer Fabrik. Auch wenn ich mich anstrenge,
kann ich mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, diese
Fabrik theoretisch kaufen zu können. Wie es ist, wenn
man 'ß d
wel , ass man nur den Reichtum der Eltern verwal-
ten muss, um gut zu leben.
»Klar ist es gut, dass Geld da ist«, sagt Miriam. »Als
Notausgang, als Netz, das einen fängt.«
. Dafür hätten die Schüler hier aber andere Sorgen, sagt
emer der Jungs. Die vielen Scheidungen, die ständigen
U " d' h
mzuge, Ie ohen Erwartungen. Und nie hätten die El-
tern Zeit. »Eigentlich möchte ich einfach mal von mei-
nem V; t . d
a er m en Arm genommen werden und in Ruhe
mit ihm über alles sprechen.«
Weil die Eltern so beschäftigt sind, gibt es in Neubeu-
ern Menschen w· N d' "
. Ie a me. SIe 1st gerade neunundzwan-
ZIg geworden, sieht aber nicht viel älter aus als die Ober-
stufe h"l
nsc u er. Das liegt an ihrem Sweatshirt, dem Zopf
und dem bunten S hal N d' .
c . a me 1st Erzieherin. Sie betreut
acht Jungs zw· h d . h
'. ISC en reIze n und sechzehn, »ihre Jungs«,
WIe SIe sagt S' k'
. . Ie wec t SIe morgens, sie sitzt mit ihnen am
MIttagstisch si h d .
, ' e sc aut, ass SIe nachmittags lernen. Und
wenn SIe mal e' h Ib
ill
me a e Stunde nicht nach ihnen sehen
w , klopft garant' t .
. Ier emer und möchte sein Taschengeld
oder eme Magn' bl
p'ck 1 eSlUmta ette, oder er fragt, was er gegen
1 e machen soll E . d
t il
' ' » S sm eben ganz normale Jungs,
e welse noch Ki d '.
richtl' . 1 n er«, sagt SIe. SIe weiß, dass ihre Jungs
g Vle Geld hab d d'
ager "b ll' en, ass Ie Kont.en mancher Teen-
u ervo smd d . F'
hat wäh' d . ' ass SIe Irmen erben werden. Nadine
ren ihres St d' .
u lUms m Kneipen gejobbt. »Wenn
150
ich mir etwas kaufen wollte, habe ich den Preis in Arbeits-
stunden umgerechnet«, erzählt sie. »Dann habe ich mich
gefragt, soll ich dafür wirklich siebzehn Arbeitsstunden
ausgeben?«
Jetzt hat sie Schüler, die vermutlich mehr Geld haben,
als sie je wird erarbeiten können. »Soll ich ihnen daraus
einen Vorwurf machen, dass sie viel Geld haben? Was soll
denn mit diesen Kindern passieren, wenn die Eltern acht-
zehn Stunden pro Tag arbeiten? Sollen wir sie zu Hause
sitzen lassen?« Nadine greift durch, wenn ihre Jungs den
reichen Macker raushängen lassen. Oft käme es nicht vor,
sagt sie. Manchmal schon. Dann sagt einer: »Mach das so,
wie ich will. Ich zahle dafür.« - »Du zahlst gar nichts«,
entgegnet sie dann. »Deine Eltern überweisen die Ge-
bühr. Du hast nämlich gar kein Geld,«
Einmal pro Woche hat sie mit ihren Jungs einen Grup-
penabend. Erst wollten alle nur Events, Kart fahren,
bowlen gehen, nach Rosenheim ins Multiplex-Kino. Na-
dine hat trotzdem in einer Woche Schokoladenfondue
mit ihnen gemacht, in der nächsten haben sie selbst Pizza
gebacken. »Hände dreckig machen, zusammen essen, da-
nach beim Aufräumen helfen. Das lieben die«, sagt sie.
Das klingt fast kitschig. Zuneigung schlägt Geld, Zeit
triumphiert über Konsum, denke ich, als wir durch die
Wolfsschlucht laufen, wo sie im Sommer mit ihrer Thea-
tergruppe den Sommernachtstraum aufführen will.
Nadine und ihre Jungs, Miriam und ihre Freunde, die
Scheidungen und die Schulprobleme. Das ist die eine
Realität in Neubeuern. Der anderen kommt man auf die
Spur, wenn man in Jörg Müllers Büro zurückkehrt. Die
kleine Golfbahn liegt in einem Erker aus, der den Blick
über die Alpen öffnet. Hier treffen sich Tradition und
151
j'i'
Anspruch der Schule. Auch von ihm will ich wissen, ob
Neubeuern eine Eliteschule sei.
»Intuitiv sage ich: Ja. Aber ich muss ein wenig weiter
ausholen und fragen, was >Elite< heißt. Eine akademische
an der nur Schüler aufgenommen werden,
dIe von morgens bis abends lernen und die Schule mit
Einserschnitt beenden, sind wir sicher nicht. Die Elite, die
wir uns wünschen, sind nicht in erster Linie akademische
Leister. Das ist mehr ein ganzheitlicher Elitebegriff.«
»Was entgegnen Sie dem Vorwurf Neubeuern sei eine
elitäre Schule, an der sich Elite nur über das Konto der El-
tern definiert?«
»Dem ,. d . h "
wur e IC zunachst gar nichts entgegnen, weil
man Geld haben muss, um auf diese Schule gehen zu kön-
nen. Allein diese Tatsache reicht jedoch bei Weitem noch
nicht aus, um dem Elitebegriffgerecht zu werden, den wir
uns vorstellen,«
Ich habe mehr und mehr den Eindruck dass der Elite-
begriff ziemlich dehnbar ist. Die die Verant-
wortungsvollsten und jetzt die aus den besten Verhältnis-
d
sen
. Alle kleben sich das Elitelabel auf, weil sie wissen,
ass sie sich da b
nn esser verkaufen lassen. Aber ist das
Wort »Elite d "b h
, « ann u er aupt sinnvoll? Was nützt ein Be-
griff, den J' eder n h B l' b
, ac e Ie en verwendet? Ich schlage eine
neue SeIte m' BI ks
t
' ellles oc auf, in dem ich die Elite-Defini-
Ionen sammle d h '
t gli
,un sc reIbe: Ist das Wort »Elite« un-
au 'ch?
Die Schüler d' N b
fi P " ,Ie eu euern verlassen, erreichen häu-
g OSItIonen di 'h G 1
Müll' d ,e1 nen e d und Einfluss sichern. Jörg
er, essen Offe h't . h
'eh' n el mlC beeindruckt sagt er wisse
111 t, WIe groß dA' ' ,
. er nteii der Schule an diesen Erfol-
gen seI. »Es ist im h . .
mer sc wleng, im Nachhinein fest-
152
zustellen, ob die Schüler so erfolgreich sind, weil sie ein-
flussreiche Eltern haben und Netzwerke aus Bekann-
ten und Freunden, Maßgeblich entscheidend für ihren
Erfolg sind in jedem Fall die Netzwerke, die sie in Neu-
beuern knüpfen, und der Zugriffauf das Altschüler-Netz-
werk der Schule.« Außerdem seien die Schüler aufgrund
ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung sehr fit, wenn es in
AuswaWgespräche ginge. Trotz ihrer mäßigen Leistungen
würden es viele an die privaten BWL-Hochschulen schaf-
fen. An die EBS in Oestrich-Winkel zum Beispiel, denke
ich und habe langsam das Gefühl, dass der Kreis sich
scWießt. »Kann das mit einem bestimmten Habitus zu
tun haben, dass Ihre Schüler gesellschaftstauglicher sind
als andere?«
»Sicherlich. Dass unsere Schüler gewandt sind, das
merken Sie natürlich sofort, wenn Sie zum Beispiel im
Rahmen eines Auswahlverfahrens mit acht Schülern an
einem Tisch ein Interview führen. Während der durch-
schnittliche I,G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium
auf seine Schuhe guckt und seinem Interviewpartner
nicht in die Augen schaut, weil er solche Situationen ein-
fach nicht gewohnt ist, gehen unsere Schüler mit einer
derartigen Situation selbstbewusst und souverän um. Und
weil jetzt immer mehr auf solche Soft Skills geachtet wird
und die Universitäten mehr Auswahlgespräche durchfüh-
ren und nicht mehr so zeugnisgläubig sind, kommen un-
sere Schüler in sehr gute Ausgangspositionen.«
I,G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium. Ich schlu-
cke. Das denkt also die Eliteschule vom staatlich gebilde-
ten Pöbel. Ich war aufdemWerner-von-Siemens-Gymna-
sium. Ein Gymnasium, wie es Tausende in DeutscWand
gibt. Der graue Siebzigerjahre-Bau war Teil eines Schul-
153
zentrums und lag zwischen Bahnlinie und Umspann-
werk. Jeden Morgen sind wir auf die blassblauen Fenster
zugeradelt, um Deutsch, Mathe und Englisch zu lernen.
Es war ein Platz, an dem sich strebsame Mittelschicht-
kinder ein glänzendes Abitur erarbeiten konnten. Das ge-
wisse Etwas aber nicht. Wir hatten keine Rhetorik-Kurse
wie die Neubeurer, keine Candle-Light-Abende, bei de-
nen wir den Umgang mit Besteck und Small Talk üben
konnten, und vor allem hatten wir keine prall gefüllten
Bücher, in denen die Namen von einflussreichen Altschü-
lern gesammelt werden. »Wenn man ein Praktikum ma-
chen will«, hatte Miriam erzählt, »schaut die Schulleitung
in das Buch, fragt, welche Branche, ob es im Ausland oder
in Deutschland sein soll, und dann bekommt man die
Nummer. Man ruft da einfach an, sagt, ich möchte ein
Praktikum machen. In zwei Wochen soll es losgehen.
Dann sagt der Altschüler: Passt zwar gerade nicht, aber es
ist natürlich kein Problem. Du kannst kommen.«
Die Altschüler geben eigene Zeitschriften heraus, sie
feiern ihre Hochzeiten auf dem Schloss, sie kommen jedes
Jahr zum Sommerfest. Die Neubeurer sind eine große Fa-
milie. Wer hier den Abschluss macht, gehört sein Leben
lang dazu. Das Netzwerk hält und hilft. Ich möchte von
Jörg Müller wissen, ob es ihm dabei so geht wie mir. »Be-
rührt das Ihr Gerechtigkeitsempfinden, dass Ihre Schüler
Chancen haben, die andere nicht haben?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Selbst wenn ich der Meinung wäre, was ich auf theo-
retischer Ebene bin, dass es schön wäre, wenn alle Men-
schen die gleichen Chancen hätten, wäre es natürlich
schon eine, um ein nettes Wort zu benutzen, naive Sozial-
154
fantasie, aber die widerspricht ja jeder Realität. Die Welt
ist weder gerecht, noch sind die Chancen gleich verteilt.
Was hätte also die Welt davon, wenn unsere Schüler dar-
auf verzichten würden, ihr Netzwerk und ihre Beziehun-
gen zu nutzen? Kann ich nicht sagen, dass ich da ein
schlechtes Gewissen habe.«
Naiv also. Das sagt später auch ein Freund, dem ich
von meinem Besuch in Neubeuern erzähle. »Was hast du
erwartet?«, fragt er. »So funktioniert die Welt. Was wirfst
du denen vor?«
In der Woche vor meinem Besuch in Neubeuern gab es
einen Mini-Eklat in der Kapelle. Nadines Theatergruppe
hatte ein Happening für die Abendansprache geplant.
Die Abendansprache ist eine Art Zusammengehörig-
keitsveranstaltung. Das Internat trifft sich, ein paar Schü-
ler und Lehrer bereiten ein Thema vor, über das gespro-
chen wird. Selten, erzählt mir ein Lehrer, würde da richtig
debattiert, die meisten hingen in ihren Stühlen und lie-
ßen das Ganze über sich ergehen. Deshalb setzten die
Schüler der Theatergruppe sich in eine Stuhlreihe, ließen
per Kassettenrekorder das Pfeifen aus dem Film »Kill
Bill« in einer Dauerschleife ablaufen und schwiegen. Eine
halbe Stunde. So wollte man die Konsumhaltung der an-
deren persiflieren.
Die Schüler reagierten eine endlos lang scheinende
Zeit gar nicht. »Irgendwann sprang einer aus der neunten
Klasse auf«, erzählt mir der Lehrer, »und zog den Stecker
des Rekorders raus.« Dann erst seien einige gegangen. Das
sei typisch für die Schüler hier, klagt der Lehrer. Sie seien
passiv, würden alles mit sich geschehen lassen. Der einzige
Protest kam von einigen religiösen Schülern. Die Aktion
hätte die Kapelle entweiht, sagten sie. Miriam und ihre
155
Freunde hatte ich gefragt, was sie in Deutschland gern än-
dern würden. »Da kennen wir uns nicht so aus«, hatten
sie geantwortet. »Vielleicht das Rauchverbot in Kneipen
wieder abschaffen?«, hatte einer schließlich gesagt. »Oder
Weltfrieden.« Dann haben alle gekichert, und ich fand die
Fragen, die ich noch auf meinem Zettel hatte, in denen es
um Gerechtigkeit ging, plötzlich weltfremd.
Im Unterricht der Oberstufe frage ich drei Abiturien-
ten, ob Politik in Neubeuern eine Rolle spiele. »Nein«,
sagen sie.
»Ihr seid politisch so homogen«, platzt es plötzlich aus
ihrem Lehrer heraus. »Konservativ und unpolitisch.«
»Es ist doch wohl normal, dass Kinder in diesen Fra-
gen ihren Eltern folgen«, protestiert einer der Schüler.
»Es gab mal eine Zeit, da war das anders.« Der Lehrer
klingt jetzt wie ein Märchenonkel. »Da haben sich die
Kinder gegen ihre Eltern aufgelehnt, opponiert. Da hat
die Jugend versucht, für eine bessere Welt zu kämpfen.«
Erzähl du mal schön von früher, sagen die Gesichter.
Zum Lehrerzimmer laufe ich über uralten Holzboden.
Jeder Schritt lärmt. Der Boden erzählt. Das Internat Neu-
beuern war Heimat liberaler Adliger. Im Dritten Reich
wurde die Schule deshalb geschlossen. Die Nazis errichte-
ten hier eine ihrer Kaderschmieden, eine »Napola« - Na-
tionalpolitische Erziehungsanstalt. Ein Neubeurer starb
im Widerstand. Er wollte Hitler töten. In den Siebzigern
kam ein antiautoritärer Direktor. Er ließ den Schülern
jede Freiheit und musste gehen, weil er selbst angeblich zu
freizügig war. Und heute?
Die Lehrer haben jetzt eigentlich gar keine Zeit zu re-
den S' ..
. le mussen zur Schulversammlung. Die Klassenbes-
ten bekommen heute Buchgeschenke. Aber eine Lehrerin
156
bleibt schließlich doch stehen. »Sind Ihre Schüler poli-
tisch?«, frage ich. Sie wird nicht aufhören zu sprechen, bis
wir im Festsaal der Schule angekommen sind.
»Das politische Denken, Gesellschaft zu verändern, zu
beeinflussen, das eigene Verhalten möglichen Idealen an-
zupassen, das sehe ich nicht oder zumindest nur bei den
allerwenigsten. Man denkt da eher an sich selbst, an das
eigene Leben, das man sehr wohl zu arrangieren und an-
zupassen weiß und wo man die Rahmenbedingungen für
sich so gestalten kann, dass das sehr gut passt und dass
man weiterkommt. Aber für sich selbst und nicht für
andere.«
»Ärgert Sie das nicht?«
»Ärgern ist immer so eine Sache.«
Ich sitze ganz hinten im Festsaal der Schule, blicke auf
die goldverzierten Spiegel, die Seidentapeten, raus in
Richtung Alpen und ärgere mich. »Müsste eine Elite nicht
Verantwortung für andere übernehmen?«, hatte ich die
Lehrerin zum Schluss gefragt. »Sicher«, hatte sie geant-
wortet und musste sich dann der Verleihung widmen.
Trotzdem werden sie auch in Zukunft an ihrem Elite-
Internat niemandem die Aufnahme wegen mangelnder
gesellschaftlicher Verantwortungsbereitschaft verwei-
gern, denke ich. Wer zahlen kann, darf dazugehören. Wer
dazugehört, auf den warten Einfluss, Erfolg und Geld.
Geld, mit dem auch die Internatsgebühren für die nächste
Generation gezahlt werden können. Und das Gerede von
der Leistungselite, die wir brauchen? Die sich über Kön-
nen, nicht über Herkunft und Beziehungen definiert? In
die jeder aufsteigen kann? Wer von Elite spricht, redet
immer auch von einer Teilung der Gesellschaft, hat der
Soziologe Michael Hartmann gesagt. Das mit der Leis-
157
tungselite, meinte er, sei ein Mythos, um die bestehenden
Zustände zu festigen und zu legitimieren.
Die Schulleitung erinnert gerade an den Fundraising-
Ball, der am nächsten Wochenende stattfinden soll. Das
Internat will Geld für ein Wireless-LAN-Netz sammeln.
Auch für die Schüler sei Abendgarderobe verpflichtend,
heißt es. »Black Tight wird verlangt. Ihr werdet Dienst am
Champagnerempfang haben. Tut das mit erkennbarer
Freude.«
Um acht Uhr wird an diesem Abend das Schülercafe auf-
gescWossen. Miriams Dienst beginnt. Erst verkauft sie
den Jungs eine Salami-Pizza. Danach bereitet sie eifrig
einen Käsetoast zu. »Ich mag das, wenn die Leute etwas
kaufen, was ich selber machen kann«, sagt sie. Benni und
Moritz gehen mit der Pizza in den Nebenraum. Per Bea-
mer wird hier gerade der Blockbuster »Fluch der Karibik«
gestartet. Die Jungs setzen sich in die erste Reihe aufs
Sofa. Hinter ihnen hält ein Paar Händchen. Miriam und
eine Freundin zeigen mir die Lehrerfotos imJahrbuch der
Schule. »Der ist ein Teufel. Der auch. Und der auch.«
Es ist ein Abend in einem ganz normalen Schülercafe.
Wenn nicht die beiden Portemonnaies auf dem Tresen wä-
ren. Das linke ist von Louis Vuitton, das rechte, das sil-
b ~ r n e , von Dolce & Gabbana. Da schnappt die Neidfalle
WIeder zu. Um 22 Uhr 30 werden die Schüler in ihren Flü-
geln eingescWossen. Ich steige die Treppe ins Dorf hinab
und denke über die Schweiz nach. »Fahren Sie mal dort-
hin« hattem" . . N b
' Ir emer m eu euern empfohlen. Zum Inter-
nat auf dem Rosenberg. Da seien die die ihren Reichtum
wirklich"" '
. zeIgen wurden. Extrem geld- und besitzorien-
tierte Schüler und Eltern, von oben bis unten mit Nobel-
158
Labels behängt. Dort kostet das Jahr 40000 Euro. Diener
decken morgens, mittags und abends die Essenstafeln.
Zum Fuhrpark gehören ein Bentley, ein Rolls-Royce und
ein Cadillac. Es sei hochwertige Luxusverwahrung, die
dort stattfinde, sagte der Neubeurer. Ganz anders als hier,
auf dem ScWoss. In einem Artikel lese ich, dass er offenbar
recht hat: Um 19 Uhr müssen die Kinder dort auf ihre
Zimmer. Ein Nachtwächter geht von Raum zu Raum. Vi-
deokameras sind allgegenwärtig und sorgen dafür, dass die
Kinder in ihren Zimmern bleiben. Reiche Kinder, die nur
noch per Videoüberwachung gebändigt werden können,
weil sie so sehr unter der »WoWstandskrankheit« leiden.
Ich fahre nicht zum Rosenberg, auch nicht zum Genfer
See, sondern kehre nach Kreuzberg zurück. Hier werden
seit drei Jahren ein paar Schulen per Kamera überwacht.
Offensichtlich ist das Vertrauen in die Jugendlichen ganz
oben und ganz unten so gering, dass die Erwachsenen
meinen, die Teenager kontrollieren zu müssen. Neben der
Antriebslosigkeit, der mangelnden Disziplin und dem
Wunsch nach Anerkennung ist dies eine weitere Erfah-
rung, die die Schüler an beiden Enden der Gesellschaft
teilen.
Ich glaube nur, dass manche Schüler in Neubeuern
diese Erkenntnis nicht akzeptieren würden. Ein Mädchen
aus der Oberstufe hatte beim Mittag verächtlich von einem
Ausflug in die Münchner Innenstadt erzählt. Wegen eines
Gutscheins habe sie zu Saturn gemusst, in die Kaufbeurer
Straße, wo sie sonst nie hinginge. »Wie in Istanbul ist es
da«, schimpfte sie. Selbst auf den Privatschulen in Mün-
chen seien ja schon Türken. Selbst die Internatsschüler
mit den idiotischsten Ansichten werden es wohl immer
nach oben schaffen. Nur weil sie dazugehören. Weil sie
159
sich Elite nennen. Und ihnen das vorzuwerfen, finde ich
alles andere als naiv.
Halt, ermahne ich mich selbst. Zum ersten Mal wäh-
rend meiner Recherche habe ich das Gefühl, dass meine
Neugier von einer ungeheuren Abneigung erdrückt wird.
Ich versuche, mich zu bremsen; die Wut herunterzuschlu-
cken und zurück zum Thema zu kommen. Die Suche
nach der Elite. »Ergebnis des Besuchs im Internat Neu-
beuern«, notiere ich betont sachlich: »England gibt es
auch in Deutschland, das heißt, auch hier findet sich eine
Elite, die sich durch den Besuch eines teuren Internats be-
gründet.«
Neubeuern ist Heimat der Reichen. Nirgendwo sonst
auf meiner Reise hatte ich das Gefühl, dass sich das Elite-
label so einfach kaufen lässt. Ich finde es falsch, dass sich
die Schule Elite nennt, dass die Abgänger Plätze in der
Gesellschaft einnehmen werden, die sie ohne das Geld
der Eltern und den Namen der Schule nie erlangt hätten.
Nachdem ich die Wut über das ausländerfeindliche
Mädchen bewältigt habe, denke ich abseits aller Elitefra-
gen noch lange an Miriam und die anderen. Richtig rei-
che Eltern zu haben, hatte ich mir bislang immer sehr
schön vorgestellt. Reich sein, das hieß für mich, Weih-
nachten in der Schweiz Ski zu fahren oder zum Familien-
urlaub nach San Francisco oder Sydney zu fliegen. Dass
richtig reich sein auch heißt, dass man die eigenen Eltern
wohl nie übertrumpfen wird, dass man kaum Antrieb
hat, sich etwas zu erarbeiten, dass man verglichen mit
den Erfolgen der Eltern oder Großeltern eigentlich nur
eine Enttäuschung werden kann, daran hatte ich nicht
gedacht.
160
TRADITION ZU VERKAUFEN
Ich stehe in überlingen am Bahnhof und versuche, mei-
nen Körper wieder auseinanderzufalten. Eine gefühlte
Ewigkeit habe ich im Regionalexpress gesessen. Knie an
Knie mit meinem Gegenüber in der Vierersitzgruppe,
froh über meine kurzen Beine. Mein Koffer versperrte
den Gang. Aber es gab im vollen Zug keinen geeigneten
Platz für ihn. »Mobilitätsproletariat« nennt ein Vielflieger
aus John von Düffels Theaterstück »Elite 1.1« die Bahn-
fahrer abfällig.
Seit die Bahn nicht mehr von Beamten verwaltet wird,
ist dieses Proletariat gespalten, ist die Gleichmacherei in
der Schienenwelt vorbei. Wie jede Reform teilte auch die
der Bahn in Verlierer und Gewinner. Die Verlierer leben
in der Provinz, wo das Netz ausgedünnt wurde, wo Bahn-
höfe geschlossen und Strecken stillgelegt wurden. Die Ge-
winner wohnen in Großstädten. Dort, wo die schicken
Hochgeschwindigkeitslinien zusammenlaufen. Ich bin
eine Reformprofiteurin. Im vergangenen Jahr bin ich
Tausende von Kilometern mit der Bahn gefahren. Ich mag
es, wenn die ICEs im Stundentakt durchs Land jagen,
wenn Flüsse, Felder und Windräder vorbeifliegen. Neben
meinem Knie die Dose für den Laptopstecker, die Füße
auf der Stütze am Sitz des Vordermanns. Jede Stunde
kommt der Kaffeemann vorbei. Würde ich für ein Zurück
in die Zeit vor der Reform, als noch alle Züge gleicher wa-
ren, die Eliteschnellstrecken aufgeben? Würde ich, damit
die Provinz bessere und häufigere Verbindungen erhält,
auf Köln-Berlin in gut vier Stunden verzichten wollen?
Bestimmt nicht. Auch ich kann Ungerechtigkeiten ganz
gut ertragen, wenn sie mir nützen.
161
Heute ist einer der ersten warmen Frühlingstage. Hin-
ter dem Bahnhof liegt die Überlinger Altstadt, dahinter
der Bodensee. Ich blinzle in Richtung Sonne, sehe glattes
Wasser, dahinter ein paar Berge. Es scheint ein unge-
schriebenes Gesetz zu sein: Dort, wo Deutschland richtig
schön ist, thront über Dörfern und Kleinstädten stets ein
Schloss, in dem Internatsschüler wohnen. So war es in
Neubeuern, so ist es auch in Überlingen.
Ich habe beschlossen, einen zweiten Versuch zu wagen.
Ich will die Internate als »Schule der Elite« nicht abhaken,
bevor ich nicht die Elite aller Elite-Internate gesehen
habe. Neubeuern mag vor allem ein Ort des Geldes sein,
aber Salem, das weiß ich aus etlichen Berichten in meiner
Elite-Artikelsammlung, verspricht vor allem Tradition
und höchste pädagogische Qualität.
Ich hatte meiner Mutter vorher den Prospekt von Sa-
lern gezeigt. Sie mochte das Kloster direkt am Bodensee.
Die Schuluniform fand sie schlicht und schön. Die Re-
formpädagogik, für die Salemsteht, begeisterte sie, schließ-
lich wurde sie in den siebziger Jahren zur Lehrerin ausge-
bildet. »Vielleicht hätte es dir dort gefallen«, sagte meine
Mutter. »Ein Monat kostet 2375 Euro«, wandte ich ein.
»Das sind fast 30000 pro Jahr.«
Auch mein Vater las den Prospekt. Danach fluchte er
über Apotheker und Unternehmer, die ihren Kindern
~ i n e heile Schulwelt kaufen könnten. Er empörte sich dar-
uber, dass die Eltern auch noch 30 Prozent des Schulgel-
des von den Steuern absetzen könnten. »Das bezahlen
dan ., . f .
n Wlf.«, ne er mit hochrotem Kopf. Dann schimpfte
er, dass bei kleinen Klassen und intensiver Betreuung je-
der Zum Abi gehievt würde - und überlegte, ob nicht der
Sohn des Inhabers unserer örtlichen Supermarktkette
162
dort war, nachdem er an allen anderen Schulen Schwie-
rigkeiten gehabt hatte. Mein Vater brauchte Stunden, um
sich von diesem Sozialneidanfall zu erholen.
Und jetzt bin ich hier im ehemaligen Kloster des Zis-
terzienserordens Salem, das Fluchen meines Vaters und
die vorsichtige Begeisterung meiner Mutter im Hinter-
kopf. Ein Schüler in Uniform hat mich in die Kapelle ge-
führt. Auf dem Weg kamen uns drei Jungs mit erhitzten
Köpfen entgegen. Sie trugen Hockeyschläger. Sie sahen
aus wie die Jungs auf den Fotos aus England. »Wir danken
Seiner Königlichen Hoheit, dem Markgrafen von Baden,
dafür, dass wir diesen Raum nutzen können«, sagt die Rek-
torin der Internatsschule Salem gerade. 1920 hat Prinz
Max von Baden dieses Internat eröffnet. In einem Pro-
spekt der Schule habe ich zwei Fotos gesehen. Darunter
stand geschrieben: »Der traditionelle Morgenlauf 1935
und heute.« Tradition eben.
Heute öffnet das Internat seine Türen, um Kunden für
die Zukunft zu werben. Neben mir auf der Bank sitzt ein
Vater im Joop-Mantel mit seiner Teenagertochter, vor mir
ein Ehepaar mit seinem Sohn. Er ist noch ein Kind, viel-
leicht zehn oder elf Jahre alt. Insgesamt sind etwa zwei-
hundert Familien in die Kapelle gekommen. An diesem
Tag werden sie hören, was Salem ihrem Nachwuchs zu
bieten hat. Sie werden sich durch das Kloster führen las-
sen, durch die Burg für die jüngeren Schüler und das
Schloss über dem Bodensee, in dem die Abiturienten
wohnen. Dann werden sie entscheiden, ob sie in die
Schule investieren. Der Kleine neben mir ist nervös. Sein
Vater checkt noch ein letztes Mal die E-Mails. Bestimmt
war es nicht einfach für ihn, sich diesen Samstag frei zu
halten. Als ich mich weiter umschaue, sehe ich, dass auch
163
f
I
I"
i
,
f'
der Vater neben mir noch mit seinem Blackberryhantiert.
Wenn er seinen Sohn hier anmeldet, wird der übrigens
auf dem Klostergelände kein Handy benutzen dürfen.
»Eine Trias von Tugenden - Wahrheitsliebe, Mut und
Verantwortung - steht als Leitbild über Salem«, lerne
ich. Schulleiterin Eva Marie Haberfellner verspricht den
Eltern gerade, dass man ihre Kinder mit Disziplin und
Leidenschaft erziehen wolle. »Plus est en vous«, sagt sie,
das sei der Wahlspruch der Schule - »in euch steckt
mehr«. Stolz erzählt sie, dass die jüngeren Schüler vor
zwei Wochen ein Stück auf Lateinisch aufgeführt hätten.
Die Ausbildung sei elitär, lobt der Schülersprecher, und
der Leiter der Mittelstufe zitiert den Reformpädagogen
Kurt Hahn, den Mitbegründer des Internats: »Es ist Ver-
gewaltigung, Kinder in Meinungen hineinzuzwingen.
Aber es ist Verwahrlosung, ihnen nicht zu Erlebnissen zu
verhelfen, durch die sie ihrer verborgenen Kräfte gewahr
werden können.« Das klingt nach den Träumen meiner
Mutter.
Nachdem zitiert und geworben wurde, sollen die
Schüler das Kloster zeigen. Eva ist gerade vierzehn gewor-
den. Sie hat lange dunkle Haare, auf den Arm hat sie mit
Kuli eine Matheformel geschrieben. Sie führt gleicherma-
ßen eifrig wie desinteressiert. Immer wieder blickt sie auf
den Zettel, den sie bekommen hat, bemüht, bei ihrer Füh-
rung nichts zu vergessen. Hier die alte Turnhalle. Die
Treppe rauf zum Speisesaal. Hinten ist der Krankentrakt,
links geht es zum Mädchenflügel. »Wie ist es, hier zur
Schule zu gehen?«, frage ich. »Gut«, sagt Eva. »Frag doch
auch etwas!«, sagt der Vater des Mädchens, das mit mir
rumgeführt wird. »Wir machen das alles für dich.« -
»Lass mich«, faucht sie und schweigt.
164
Ich weiß nach dieser Werbeveranstaltung nichts über
das Leben im Internat. Nicht, was Eva und der Schulspre-
cher tatsächlich über Eliten denken, nicht, was an den
schönen Sprüchen der Verantwortlichen dran ist, nicht,
ob mein Vater oder meine Mutter recht hat. Nur ein
dumpfer Zweifel bleibt, ob Versprechen und Realität in
dieser Schulform in Einklang zu bringen sind. Kurt Hahn,
der Reformpädagoge, hat sieben Salemer Gesetze formu-
liert. Das letzte lautet: »Erlöst die Söhne und Töchter rei-
cher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl
der Privilegiertheit.« Dass das in einem Internat, das fast
30000 Euro pro Jahr kostet und seine Schüler in Burgen
und Schlössern beherbergt, gelingt, glaube ich nicht.
Ich schreibe der Internatsleitung, dass auch nach dem
Tag der offenen Tür noch Fragen geblieben seien, und be-
komme einige Wochen später eine neue Einladung. Es
hätten sich zwei Schüler gefunden, die mit mir über Elite
reden wollten. Also kehre ich noch einmal ins Schloss zu-
rück.
DIE POLITIKER VON SALEM
Das Arrangement kenne ich schon. Vor dem Schloss, in
dem die Salemer Oberstufe lebt, schlagen sich zwei Mäd-
chen auf den schuleigenen Tennisplätzen ein paar Bälle
zu. Als ich am Tag der offenen Tür hier war, hingen ne-
ben einigen Zimmerfenstern des Jungentrakts Deutsch-
landflaggen. Auch heute haben Internatsschüler wieder
schwarz-rot-goldene Fahnen vor die hellgelbe ScWoss-
wand gehängt. Noch immer irritiert mich das. Vielleicht
liegt es an meiner Erziehung, an den ständigen »Nie-wie-
165
der«-Warnungen meiner Eltern und Lehrer, dass sich
beim Anblick schwarz-rot-goldener Fahnen sofort meine
Nase kräuselt und mein Gehirn »Nationalismusverdacht«
schreit. Es ist derselbe Reflex, der sich regte, als ich in
Griechenland zum ersten Mal hörte, dass sich jemand be-
wusst und stolz »Elite« nannte. Flaggen und Uniformen.
Patriotismus und Eliten. Wollen wir diese Traditionen
wiederbeleben? Oder war es gut und nötig, diese als Trä-
ger nationalistischer Keime zu meiden? Sind die Flaggen
neben den Fenstern der Schüler harmlose Zeichen eines
inzwischen wieder normalen Stolzes, oder sind sie der Be-
weis eines völlig falschen Traditionsverständnisses, das
jederzeit in Richtung Nationalismus kippen kann?
Oliver und Philipp können diese Fragen bestimmt be-
antworten. Die zwei sind die Politiker des Internats und
von den anderen Salemern ins Schülerparlament gewählt
worden. Wenn man Philipp, der die Haare streng zur Seite
gegeIt trägt und sich heute Morgen für ein rosafarbenes,
akkurat gebügeltes Hemd entschieden hat, von der Schul-
bank direkt in einen Bundestagsausschuss beamen würde,
fiele er sicher nicht weiter auf. Oliver ist eher der Charis-
matiker. Seine verstrubbelten braunen Haare, Zeichen
eines eher alternativen Stils, kombiniert er souverän mit
einem kunstvoll gebundenen Armani-Schal und einem
Paar Lederslipper, beides Insignien der Konservativen.
Oliver spricht lauter und selbstsicherer als Philipp. Er ist
Präsident des Schülerparlaments. Die beiden gehen in die
zwölfte Klasse. Sie wohnen genau in dem Trakt, wo die
Fahnen hängen.
Die Flaggen hätten nichts weiter zu bedeuten, sagen
sie. Sie seien Normalität, Zeichen eines normalen Natio-
nalstolzes. Damit ist das Thema für sie erledigt. Nur eins
166
noch, sagen sie: Die Salemer seien schon anders als die
eher linke Schülerschaft an vielen staatlichen Schulen. Sie
erzählen mir, dass CDU und FDP hier bei einer Testwahl
auf 80 Prozent gekommen seien. Und dass hier auch kei-
ner was davon hielte, sich zu zehnt auf einen Bahnhof zu
legen und zu schreien, dass man gegen Nazis sei. Sie woll-
ten sich nicht idiotisch benehmen, nur weil sie achtzehn
seien, sagen sie. Sie seien eben vernünftig und politisch
mit ihren Eltern auf einer Linie. Eher konservativ. »Wenn
mein Vater mir seit achtzehn Jahren predigen würde, die
PDS oder die NPD, die sind es, und ich sehe, es wird
nichts aus ihm und auch nicht aus seiner Ansicht, dann
stehe ich auch nicht dahinter«, erklärt mir Oliver. »Aber
ich kann die Einstellung, die mein Vater mir vermittelt,
nachvollziehen, und deswegen muss ich da nicht revolu-
tionär wirken.«
Im Jahr 2001 stritt das Internat Salem ein Jahr lang dar-
über, wie mit dieser neuen konservativen Schülerschaft
umzugehen sei. Damals wollten die Schüler, dass am
Eingang des Internats dauerhaft die Deutschlandflagge
gehisst werde. Die Schulleitung lehnte ab. Die Schüler
revoltierten auf ihre Art. Sie hängten an einem Morgen
im Februar aus allen Fenstern Schwarz-Rot-Gold.
Auch den Tag der Deutschen Einheit wollten die Schü-
ler feiern. Das lehnte die Leitung ebenfalls ab. Also trafen
sich dreißig Schüler, festlich gekleidet in Anzug und
Blazer, zu einer Privatfeier. Der Journalist Jan Christoph
Wiechmann rekonstruierte den Abend für den Stern nach
einer Reihe von Gesprächen mit Schülern. Die Feier be-
gann harmlos bei Würstchen mit Kartoffelsalat, bei Bier
und Jägermeister. Dann stimmten einige die National-
hymne an. Sie sangen alle drei Strophen, auch die Zeile
167
i
I
»Deutschland, DeutscWand über alles«. Die Schüler spiel-
ten eine selbst gebrannte CD mit einer Hitler-Rede ab. Sie
lachten über den Führer, einer persiflierte den Hitler-
Gruß. Nachher sagten die Schüler, vieles an diesem
Abend sei falsch gelaufen. Trotzdem hätten sie das Recht,
»endlich aus dem Schatten der Geschichte herauszutre-
ten«. Sie meinten, provokante Aktionen seien nötig, um
»die Gesellschaft wachzurütteln, um abzurechnen mit
den Achtundsechzigern und der Holocaust-Hysterie«.
Dr. Bernhard Bueb, der von 1974 bis 2005 Leiter der
Schule war und den Schrecken des Dritten Reichs noch
als Kind erlebt hatte, reagierte damals entsetzt auf diese
Wiederentdeckung des Nationalstolzes. Er entließ einen
der Anführer. Er mahnte, er strafte, er untersagte lange .
die Flaggen. Doch wer heute, sechs Jahre später, nach Sa-
lern kommt, merkt, dass die patriotische Rebellion nicht
folgenlos geblieben ist. Inzwischen feiert Salem den Tag
der Deutschen Einheit offiziell mit einem festlichen Es-
sen, formal dinner, nennen das die Schüler. Anzüge sind
an diesem Abend nun nicht mehr Provokation, sondern
. Pflicht. Und auch die Flaggen neben dem Zimmerfenster
scheinen niemanden mehr zu irritieren. Die Rückbesin-
nung auf alte Werte ist im Internat offenbar zu einem gu-
ten Teil vollzogen.
Dr. Bernhard Bueb ist inzwischen Pensionär und steht
den Internaten Salem und Neubeuern nur noch bera-
tend zur Seite. Er hat im Alter eine Mission gefunden, die
der der Rebellen von 2001 durchaus ähnelt. Auch Bueb
will mit einem der Prinzipien der Achtundsechziger
aufräumen. Er kämpft vor großem Publikum für eine
Renaissance der Disziplin. »Der Erziehung ist vor Jahr-
zehnten das Fundament weggebrochen: die vorbehalt-
168
lose Anerkennung von Autorität und Disziplin«, klagt
Bueb in seinem Bestseller »Lob der Disziplin«. Viele irr-
ten »ziel- und führungslos« durchs Land. Bueb fordert,
dass Kinder und Jugendliche wieder lernen müssten, Re-
geln nicht ständig zu diskutieren und zu hinterfragen,
sondern reflexartig zu befolgen. Er schreibt: »Wir müssen
wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren, dass nur der
den Weg zur Freiheit erfolgreich beschreitet, der bereit ist,
sich unterzuordnen.«
In einigen Bereichen, sagt Bueb, könne Kinderer-
ziehung sich daher durchaus an der Abrichtung eines
Hundes orientieren. »Wir müssen uns dazu durchrin-
gen, legitime Macht als Autorität anzuerkennen, die
Macht Gottes, die Macht des Staates und die Macht der
Erziehungsberechtigten.« Ein Mangel an Disziplin, meint
Bueb, könne »ein ganzes Leben aus dem Lot bringen, ja
ein Kind psychisch krank« machen, aus ihm einen liebes-
und arbeitsunfähigen, neurotischen und ichzentrierten
Menschen machen. »Disziplin wirkt heilend«, verkündet
Bueb.
Wie viele meiner Freunde bin auch ich dazu erzogen
worden, zu hinterfragen, statt zu folgen, zu diskutieren,
statt zu akzeptieren, selbst zu denken, statt blind zu ge-
horchen. Wenn ich Bernhard Buebs Buch lese, habe ich
den Eindruck, dass er viele Prinzipien, nach denen wir er-
zogen wurden, für grundsätzlich falsch hält, dass er das
Handeln unserer Eltern verurteilt, uns für relativ miss-
lungen hält. Das kränkt mich. Seine Forderung, wieder
eine Jugend zur Gefolgschaft zu erziehen, macht mir
Angst. In Salem wird, wie in Neubeuern, im Urin der
Schüler nach Drogenresten, in ihrem Atem nach Alko-
holrückständen gesucht. Wer Haschisch geraucht hat,
169
fliegt sofort. Wer trinkt, nur wenn er Wiederholungstäter
ist. »Und wer Kaugummi kaut, wird erschossen«, sagt
mein Freund sarkastisch. Ein disziplinierter Schüler
müsste schließlich auch diese Regel schlucken. Ein auf-
rechter würde sich auflehnen. Disziplin ist eben eine Se-
kundärtugend. Sie kann wunderbaren, aber auch grausa-
men Zielen dienen und sollte nie Selbstzweck sein. »Mit
Disziplin«, schreibt Matthias Altenburg in der Zeit, »kann
man ein Haus bauen, Geige spielen lernen und einen
Fünftausendmeterlaufgewinnen. Mit Disziplin kann man
den Regenwald abholzen, in den Krieg ziehen und, wie
Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formu-
lierte, >ein Konzentrationslager führen<.« Auch das, dachte
ich, sei Konsens. Stimmt aber nicht.
Bernhard Bueb bekommt für seine Thesen viel Ap-
plaus. Es ist dieselbe »Das-wird-man-doch-mittlerweile-
wieder-sagen-dürfen«-Begeisterung, die von Patriotis-
musdebatten, dem neuen Gefallen an den Farben Schwarz-
Rot-Gold und eben dem Wunsch nach Eliten hervorgeru-
fen wird. Bueb tourt durch Talkshows. Er, den Menschen,
die ihm begegnet sind, als höflich, feingeistig und klug
beschreiben, schaffte es, bei Sabine Christiansen eine
Stunde lang thesengemäß streng zu schauen, als er für
Führung und Gefolgschaft und - skurrilerweise - für eine
Rückbesinnung auf die Regeln der Pfadfinder warb. »Und
wo ist das geendet? Im Faschismus!«, rief ein anderer
Talkshowgast da erbost. »Kinder, besinnt euch auf die
Pfadfinder«, sagt mein Freund Tom mit knarzender
Stimme, als spräche er direkt aus einem Volksempfänger.
Und jedes Mal, wenn Bueb wieder loslegt, rufen wir:
»Und wo ist das geendet? Im Faschismus!« Aber was will
man von uns mit wenig Härte Erzogenen auch erwarten.
170
Ganz anders seine Salemer. Zumindest die, die mir ge-
rade gegenübersitzen, haben Buebs Thesen begriffen und
sind bereit, ihm zu folgen. Philipp und Oliver, die bei-
den Schulpolitiker, wollen jetzt ganz in Buebs Sinne
ihre Schulverfassung ändern und einen Teil der ihnen
in den siebziger Jahren übertragenen demokratischen
Rechte freiwillig zurückgeben. Bueb schreibt, dieses Sys-
tem »produziert eine Gewerkschaftsmentalität, es fördert
Egoismus und Spaßhaltung«, und Philipp, der Schulpoli-
tiker, gibt ihm recht. Philipp, der jetzt schon weiß, dass
er mal zu den Unternehmensberatern von McKinsey
möchte, erklärt mir, was Bueb mit »Gewerkschaftsmenta-
lität« meint.
»Die Schüler stehen wie so ein Haufen Arbeitnehmer
gegen den bösen Chef, in dem Falle die Schulleitung. Und
sind aus Prinzip immer gegen alles.« Statt dafür zu kämp-
fen, dass Salem in fünf Jahren international führend sei,
forderten die Schülervertreter stets höhere Promillegren-
zen, so wie Arbeitnehmer nach mehr Lohn schrien. Bei-
des sei verkehrt. Deshalb gäben sie also einen Teil ihrer
Selbstbestimmung ab. Und aus den Schülervertretern,
sagt Oliver, wollten sie »Führungspersönlichkeiten« ma-
chen. Schon bald solle es das erste Leadership-Training in
der Oberstufe geben. Oliver ist Sohn eines sehr reichen
Vaters, der sich, wie Oliver betont, »alles hart erarbeitet
hat«. Oliver, der später ins Marketing einer großen Firma
will, ist überzeugt, dass sich nicht nur Salem, sondern
auch das Land verändern muss. Endlich wirtschafts-
freundlicher muss es werden, sagt er. »Damit DeutscWand
wieder Perspektive hat. Das war schon immer mein Ziel.«
Dann haut mir Oliver ZaWen um die Ohren. Ein wil-
der Mix aus WaWprogrammen, den Positionen seines Va-
171
ters und liberalen Stammtischthesen. Alle zwanzig Tage,
klagt er, sei in Deutschland irgendwo eine Wahl. Deshalb
mache die Politik nur, was die Menschen hören wollten.
Wenn in Deutschland einer arbeitslos wird, braucht er,
laut Oliver, im Durchschnitt ein bis zwei Jahre, um eine
neue Stelle zu finden. In Amerika neunzehn Tage. Weil
Amerika keinen Kündigungsschutz habe. Mit den Ar-
beitslosen gehe Deutschland sehr großzügig um, zu groß-
zügig, meint er. »Ich finde, je mehr die Leute unterstützt
werden, wenn sie nichts machen, umso mehr machen sie
nichts. Stellen Sie sich vor, ich sitze hier mit meiner
Freundin und kriege 240 Euro pro Monat. Oder ich gehe
arbeiten und bekomme auch 240. Ist doch klar, dass jeder
hier sitzen bleibt. Kriege ich aber beim Sitzen mit mei-
ner Freundin nur 40 Euro pro Monat, kriege ich aber
240 Euro, wenn ich arbeiten gehe, dann bin ich doch beim
Arbeiten, auch wenn es Tellerwaschen ist.« Oliver lacht
und sagt, ich würde jetzt bestimmt denken, dass hier rei-
che Schüler schlecht über Arbeitslose reden würden. Dass
das alle Klischees und Vorurteile bestätigen würde. Aber
er betrachte die Lage objektiv, sagt Oliver.
Ich schaue ihn an, höre ihm zu und male Kringel auf
meinen Block. Nach Dutzenden Gesprächen mit der
Nachwuchselite habe ich langsam das Gefühl, die immer
gleichen Antworten auf meine Fragen mitsteppen zu kön-
nen. Die Deutschen seien neidisch und viel zu negativ und
unbeweglich, klagen auch Oliver und Philipp. Auch sie
sind Mitglieder bei Schwarzekarte, dem Internet-Netz-
werk, in das mich Alexander geschleust hat. Auch sie wer-
den, wenn sie das Internat verlassen, ein Büchlein mit den
Namen der Altschüler bekommen. Dreitausendsechshun-
dert seien das im Moment, sagt Philipp, alles Topleute,
172
findet er. »Da hat man dann ein Netzwerk von Freunden,
aber auch Erleichterungen beim Berufseinstieg.«
Und auch auf meine Frage, ob denn Salem eine Elite-
schule sei, höre ich die Erklärung, die ich schon aus Neu-
beuern kenne: »Wenn ich jetzt nur das Schulische be-
trachten würde«, sagt Oliver, »würde ich klipp und klar
sagen: Wir sind keine Eliteschule. Wir sind öfter unter
dem Durchschnitt hier. Im akademischen Sinne.«
»Und in welchem Sinne seid ihr Elite?«, frage ich
auch sie.
»Ich würde sagen, weil wir im Gegensatz zu anderen
Schulen versuchen, den ganzen Menschen zu bilden und
nicht nur fachlich. Ich denke, das macht das Elitäre hier
aus. Das bildet einfach eine Gesellschaftselite, diese Fä-
higkeit, Verantwortung zu übernehmen.« Mut, Verant-
wortung, Wahrheitsliebe, sagen sie - das seien die Tugen-
den, mit denen Menschen zur Elite würden.
»Wenn das gilt«, wende ich ein, »ist die Elite ja nicht
nur in Salem zu finden.« Menschen, die mutig, verant-
wortungsbewusst und ehrlich sind, träfe man schließlich
immer wieder und überall. Klar, sagt Oliver, gelte das
auch für die Krankenschwester, die am meisten arbeite
und Eigeninitiative zeige. Die sei schließlich am Ende
auch oft Chefkrankenschwester. In Salem, sagt er, würden
sie aber ganz besonders in diesen drei Tugenden, die am
Ende die Elite ausmachen, trainiert. »Und wenn wir einen
Jahrgang, der abgeht, sehen«, sagt Öliver, »können wir
wirklich sagen: Egal, in welchem Bereich, sind Salemer
tatsächlich in Spitzenpositionen. Ob es in der Wirtschaft
ist oder im Fischfang.«
Ich glaube allerdings, dass Oliver und Philipp ent-
täuscht wären, wenn sie es zum ehrlichsten Fischer oder
173
zum mutigsten Krankenpfleger brächten. Beide sind
schon Kunden der Salemer Berufsberatung, dem career
counceling.
KARRIERECOACH FÜR TEENAGER
Karriereberatung für Teenager scheint auch so ein Trend
zu sein. Während Oliver und Philipp von ihren Praktika
erzählen, denke ich an Matthias Trüper, den ich zu Be-
ginn meiner Recherche besuchte. Er, der einmal als Leh-
rer gearbeitet hat und danach Schulleiter war, verdient
sein Geld in Berlin als Karrierecoach. Auch seine Kunden
sind oft noch nicht volljährig, Oberstufenschüler, so alt
wie die beiden Salemer. Damals hatte meine Reise zur
jungen Elite noch nicht begonnen. Ich kannte die Inter-
nate und Privatunis, die Kindergärten und Stiftungen
noch nicht und wollte zunächst gar nicht glauben, dass es
Firmen wie seine gibt. Firmen, die tatsächlich davon le-
ben, Teenagern bei der Karriereplanung zu helfen. Aber
Trüpers Firma war nicht nur real, sondern schien auch
ganz gut zu laufen.
Aus ganz Deutschland reisen Eltern, die ihrem Nach-
wuchs die Poleposition im Kampf um die Plätze in der
Leistungselite verschaffen wollen, zu Trüper nach Berlin-
Mitte, in die Ackerstraße. Dort, wo Berlin so aussieht, als
hätte die Stadt Geld, wo die Hinterhöfe saniert sind und
Feinkost-Italiener Mittagsteller für 16 Euro anbieten,
scheinen sich auch Karrierepakete für Pubertierende
recht gut verkaufen zu lassen.
Als ich Trüper besuchte, musste ich trotz Termins war-
ten. Er gab gerade einem Vater Tipps für den richtigen
174
Umgang mit dem Sohn. Die Nachfrage sei gigantisch,
hatte er mir am Telefon gesagt. Vor allem wegen der
schlechten Lage am Arbeitsmarkt steige die Bereitschaft,
sich beraten zu lassen und auch Geld dafür zu zahlen,
ständig. Da schafft die Angst vor Arbeitslosigkeit ganz
neue Märkte, dachte ich und las die begeisterten Kom-
mentare der Eltern, die schon da waren. Ein Vater aus
Augsburg schrieb: »Die kompetente Beratung und der ex-
zellente Service haben uns geholfen, unseren Sohn auf die
richtige Bildungsschiene zu bringen. und haben ihn be-
reits zu sehr guten Erfolgen in seinem College geführt.«
Eine Münchner Unternehmerin lobte: »Wer beruflich
sehr angespannt ist und für die eigenen Kinder und deren
Ausbildung nur das Beste möchte, der ist bei Herrn Trü-
per an der richtigen Adresse.«
Als ich in der Oberstufe war, sind wir mit der ganzen
Klasse ins Berufsinformationszentrum des Arbeitsamts
gefahren. Dort gab es lange Regale, in denen Ordner mit
Folien standen, auf denen Berufe und Studiengänge er-
klärt wurden. Ermunternd war das alles nicht. Ich habe
wie fast alle in dem dunklen Raum gehockt und darauf
gehofft, schnell wieder nach draußen zu kommen. Höhe-
punkt des Ausflugs war ein Berufstest, an dessen Ende
mir geraten wurde, evangelische Pfarrerin zu werden. Ich
bin nicht einmal getauft. Aber auf solche Feinheiten
konnte der Standardtest keine Rücksicht nehmen. Dieses
System ist tatsächlich optimierungsbedürftig.
Trüper residiert in einem schicken Büro. Hohe Wände,
weinrot gestrichen. Vielleicht sollte es das Arbeits-
amt auch mal mit Farbe versuchen? Trüpers Beratung
ist nicht gratis, sondern kostet mindestens 1000 Euro.
Wenn ein Abiturient, der in Trüpers Büro stets »Kunde«
175
heißt, im Ausland studieren will, liegt die Rechnung
schnell bei 2000 Euro. Seine Kunden seien schon eher be-
tucht, verriet mir Trüper, als er endlich Zeit für mich
fand. »Aber«, fügte er sofort hinzu, »meinen Service kann
sich fast jede Familie leisten. Gehen Sie mal auf einen
Schulhof und schauen Sie sich die Schuhe der Kinder an!
Dort finden Sie Markenschuhe, bis zu 200 Euro das Paar.«
Das Geld sollten die Leute besser in Bildung investieren,
sagte Trüper. Außerdem sei eine gut durchdachte Strate-
gie in der Summe günstiger als eine falsche Studienent-
scheidung.
Trüper ist ein guter Redner. Er brauchte keine fünf-
zehn Minuten, um mir die Welt zu erklären. »Die Zeiten
langwieriger Selbstfindung sind vorbei«, sagte er. »In
Deutschland wollte man immer, dass alle aus demselben
Breitöpfchen essen. Das war eine sozialdemokratische
Wohlfühlgesellschaft, ein elitefeindlicher Ansatz. Wir
müssen uns dem Wettbewerb stellen. Denn Wettbewerb
macht Spaß. Wir müssen dann auch damit leben, dass es
Verlierer gibt.« - »Aber«, versuchte ich dazwischenzufra-
gen - ohne Erfolg. Er redete längst weiter. »Die deutschen
Schulen versagen bei der Berufsberatung völlig. Die stel-
len ein Produkt her, das Abitur, ohne sich darum zu küm-
mern, was dann daraus wird.« Danach schimpfte er auf
die Beamtenmentalität der Lehrer. Man müsse endlich
Wettbewerb zulassen und eine miserable Schule auch ein-
fach schließen können. »Wir brauchen vier, fünf Elite-
schulen pro Bundesland. Wettbewerb macht doch Spaß.
Auch Rütli kann Elite werden. Nur wer sich dem Wettbe-
werb sperrt, versagt.« - »Trotzdem: Ist eine Karrierebera-
tung für Teenager nicht ein bisschen pervers?«, fragte ich
schnell dazwischen.
176
»Der Markt ist da und wächst«, sagte Trüper lachend.
Es freue ihn, dass Deutschland sich ändere. Nachträglich
muss ich zugeben, dass er in diesem Punkt absolut richtig-
lag. Was ich bei meinem ersten Besuch als absurden Aus-
wuchs des Leistungswahns einordnete, ist ein wachsender
Markt, den Trüper längst nicht mehr allein versorgt. Das
sechsstündige »Einzelcoaching« der Kölner Firma »Ein-
stieg« kostet die Schüler 600 Euro. Das Münchner »geva-
institut« bietet gleich ein komplettes »Coaching-Paket
Studium und Berufsstart« für 750 Euro. »Das hätte es frü-
her nicht gegeben«, würde ein Rentner an dieser Stelle
vielleicht einwerfen und damit diesen nervigen Satz end-
lich einmal völlig zu Recht sagen.
Denn eine Karriereberatung für Teenager hätte es
früher wirklich nicht gegeben. Als ich beschlossen habe,
Journalistin zu werden, war ich siebzehn, also genauso alt
wie Trüpers Kunden. Die Entscheidung trafich nicht, weil
ich brav auf die Folien im grauen Arbeitsamt gestarrt
hatte. Ich glaube, dass sie eher das Ergebnis einer Mi-
schung aus je einem Drittel Instinkt, Willkür und Ah-
nungslosigkeit war. Ich wusste, dass ich das Münsterland
verlassen wollte, und Journalistin schien mir zu diesem
Zweck ein geeigneter Beruf zu sein. Der Beruf wirkte auf-
regender als Anwältin und Ärztin. Ich träumte davon,
zum Spiegel zu gehen, den ich damals zwar nie las, aber
für sehr wichtig hielt. Oder ich wollte die live-Kommen-
tare bei Bundesligaspielen sprechen oder vielleicht doch
bei der Lindenstraße arbeiten.
Also schrieb ich, als es nach dem Abitur ernst wurde,
meinem Vater eine Vollmacht und bat ihn, mich an der
Universität Dortmund einzuschreiben, während ich mit
meinen besten Freunden mit dem Zug durch Griechen-
177
land fuhr. Dass es geklappt hatte, erfuhr ich, als ich ihn
von einem Campingplatz am Isthmus von Korinth anrief.
1000 Mark haben unsere vier Wochen in Griechenland ge-
kostet. Dafür hätten wir nicht einmal das »Coaching-Pa-
ket Studium und Berufsstart« bekommen. Das klingt im
Nachhinein recht lässig, im Vergleich mit den peniblen
Karriereplanern, die zu TTÜpers Kunden zählen, sogar ab-
gezockt cool. War es aber nicht. Es war normal. Dennis
und Cornelius, die mit mir am Isthmus waren, und die
anderen aus meiner Stufe machten nichts anderes.
Auf diesen Sommer folgten Dutzende anderer Mo-
mente, in denen ich ähnlich diffus begründete Entschei-
dungen traf. Für welches Praktikum wollte ich mich be-
werben? In welcher Stadt wollte ich leben? Sollte ich noch
im Ausland studieren oder nicht? Ich stolperte entlang
dieser Fragen durch mein Studium und versuchte heraus-
zufinden, was ich mochte und konnte. Einen Teil der Ent-
scheidungen traf ich selbst, den großen Rest erledigte der
Zufall. Ich bezweifle, dass ein noch so guter Karrierebera-
ter mir dabei hätte helfen können.
Auf meiner Reise begegnet mir der Glaube an den
planbaren Lebensweg allerdings überall. Die Eltern, die
ihre Kinder für viel Geld in bilinguale Kitas stecken oder
teure Internate auswählen. Die Studenten, die bereitwillig
die teuren Gebühren für die privaten Hochschulen zah-
len, oder eben Oliver und Philipp, die Salemer. Sie alle ge-
ben viel Geld aus, um den Zufall aus ihrem Leben heraus-
zuhalten. Vielleicht ist das nötig, wenn man beschlossen
hat, Elite zu werden. Vielleicht ist es aber auch gefährlich,
seine Kinder auf einen vermeintlich planbaren Lebens-
weg zu trimmen. Denn wenn sie trotz aller Anstren-
gungen und Investitionen dennoch scheitern, werden sie
178
wohl nicht gelernt haben, dass es neben dem schnurge-
raden Weg auch noch etliche andere gibt, die vielleicht
sogar besser sind.
Philipp und Oliver, die beiden Salemer Schulpolitiker aus
der Oberstufe, erinnern mich an eine jüngere Ausgabe
von Bernd. Sie sind gerade achtzehn geworden. In diesem
Alter sammeln manche Jungs Mädchen, Highscore-Ein-
träge an der Playstation oder, wenn es ganz schlimm
kommt, leere Coladosen. Die beiden sammeln Einträge
für ihren Lebenslauf. Oliver hat in der zehnten Klasse ein
Praktikumbei Coca-Cola in Atlanta gemacht. Jetzt will er
noch eins in der »Chefetage der Bild-Zeitung« nachlegen.
Philipp hat mit McKinsey schon erste Sondierungsge-
spräche geführt. Beide haben ihr Ziel fest im Blick: die
Chefetagen der Wirtschaft. In die Politik zu gehen, kön-
nen sie sich nicht vorstellen, obwohl sie in Salem enga-
gierte Schulpolitiker sind und obwohl sie meinen, das
Land müsse sich ändern. Auch diese Einstellung scheint
die junge Elite zu einen. Wie alle, die ich bisher traf, zie-
hen auch sie die Wirtschaft der Politik vor. Warum ei-
gentlich?
»Die BezaWung ist in der Politik einfach miserabel«,
sagt Philipp. »Wenn man das vergleicht, was man für glei-
che Leistung in der Wirtschaft kriegt.« Außerdem habe
man nur das öffentliche Geld, kein eigenes, und sei des-
halb bei allem, was man ausprobieren wolle, streng an das
Gesetz gebunden. Oliver meint: »Wenn ich mich heute
entscWießen würde, in die Politik zu gehen, dann müsste
ich erst einmal zehn Jahre Plakate kleben.« Das kommt
für beide nicht infrage. Ihre Strategie ist eine andere.
»Erst mal in die Wirtschaft und die Verbindungen auf-
179
.
-
bauen. Und wenn man dann einen gewissen Status hat -
dann vielleicht in die Politik. Das dürfte ganz effektiv
sein.« Oliver sieht sich später in einem Interessenverband.
»Als Lobbyist«, findet er, »hat man ja auch einen großen
Einfluss auf die Politik. Aber einer«, räumt er dann selbst-
kritisch ein, »einer von der Elite inüsste sich mal aufraffen
und in die Politik gehen und da oben mal aufräumen.
Aber es will sich keiner aufraffen.«
Am Ende traue ich mich doch. Als wir zu Beginn
unseres Gesprächs über Neid redeten, sagte Philipp, er
selbst käme nicht aus den »vermögendsten Verhältnissen«.
Seine Eltern könnten die gut 30000 Euro Jahresgebühr
nicht bezahlen. Er würde deshalb über ein Teilstipendium
gefördert. Trotzdem, betont Phillip, gönne er seinen Mit-
schülern deren Reichtum. Während des Gesprächs hatte
ich immer wieder auf seine Uhr geschaut. Emporio Ar-
mani war da eingraviert. Eigentlich finde ich es albern,
die Schüler nach den Preisetiketten ihrer Kleidung zu
fragen. Jetzt tue ich es doch. »Philipp, du hast doch ähn-
lich teure Klamotten wie die anderen. Du kommst doch
ganz offensichtlich nicht aus Hartz-IV-Verhältnissen?«-
»Nein«, antwortet Philipp. »Aber nah dran. Mein Vater ist
Arzt.«
Ein Taxi fährt mich runter nach überlingen. Runter in die
Realität, in der Hartz-IV-Empfänger wirklich wenig Geld
haben. Weil sie 347 Euro pro Monat bekommen. Das sind
4164 Euro pro Jahr.
Knapp ein Drittel der Schüler in Salem bekommt ein
Teilstipendium, Vollstipendien werden gar nicht verge-
b ~ n . Auch wenn ein Schüler ein umfangreiches Stipen-
d . H"h
lUm In 0 e von 75 Prozent der Gebühren ergattern
180
kann, bleiben Kosten von knapp 8000 Euro. Das kann
kein Hartz-IV-Empfänger zahlen. Ich weiß nicht, ob man
Philipp und Oliver vorwerfen darf, dass ihnen in ihrer
Welt das Verständnis für das Leben hier unten verloren
gegangen ist. Aber ich halte es für eine falsche Strategie,
junge Menschen, die einmal in Beratungsunternehmen
über Arbeitsplätze entscheiden oder in Verbänden Wirt-
schaftspolitik machen wollen, in einem Schloss auf einem
Berg fernab des normalen Lebens zu erziehen. Sie fahren
ja runter in die Stadt, sagen die Schüler. Einmal pro Wo-
che machen manche mit Migrantenkindern Hausaufga-
ben. Sie haben auch schon einmal ein Asylbewerberheim
gestrichen. Oder sie arbeiten bei den Rettungsschwim-
mern unten am Bodensee. Ihr Engagement ist ehrenwert.
Aber nach zwei Stunden fahren sie wieder rauf. Statt Kin-
der von Ausländern oder Arbeitslosen als Mitschüler zu
haben, besuchen die Salemer einmal pro Woche deren Le-
ben. Ihr Schloss, den großen Namen und das Netzwerk
stets im Rücken.
»Na, haust du ab?«, fragt mich plötzlich der Taxifah-
rer. »Keine Lust mehr auf die Schule?« Ich sage, dass ich
keine Schülerin sei. Dass ich ein Buch über Eliten schrei-
ben würde. »Da bist du hier aber falsch«, sagt er. Dann
schimpft er über die Schnösel, über die Altsalemer, die
nach dem Sommerfest volltrunken und pöbelnd in sei-
nem Taxi sitzen, und über die Jungen, die ihn schlecht be-
handeln, von oben herab. »Aber eigentlich«, sagt er auf
einmal ganz mild, »kann ich denen noch nicht mal einen
Vorwurf machen. Woher sollen die es besser wissen? Die
leben da oben einfach in einer anderen Welt.«
Ich steige in den Regionalzug nach München und
quetsche mich neben einen Mann, der mit einer Plastik-
181
!
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tüte und ein paar Bierflaschen reist, neben zwei Mädchen,
die sich rosa Strähnen gefärbt haben und deren Deo nicht
hält. Wenn man nur leE fährt, denkt man bald, dass
alle Menschen Laptops besitzen. Wer in unserem Viertel
wohnt, könnte sogar glauben, dass die nur von Apple her-
gestellt werden. Und wer mal auf dem Spielplatz hinter
unserem Supermarkt war, ist überzeugt, dass das Eltern-
geld schon phänomenal eingeschlagen hat, weil so viele
junge Mütter Kleinkinder schieben und tragen und weil
mindestens jede dritte Mutter ein Mann ist. Den einen
prägt das Schloss, den anderen der Kiez.
Was mich an der zukünftigen Elite so stört, ist, dass sie
das Recht einfordert, für andere Verantwortung zu über-
nehmen. In andere Leben eingreifen zu dürfen. Zu wissen,
was für diese Menschen richtig ist. Ohne sie zu kennen.
Politikern billige ich dieses Recht zu. Sie sind gewählt.
Verlieren sie eine Abstimmung, werden sie ausgetauscht.
Auch andere haben durch ihren Job oder ihr Amt be-
stimmte Entscheidungskompetenzen. Bürgermeister, Ab-
teilungschefs, sogar Lehrer. Im Idealfall ist auch hier die
Legitimation für alle ersichtlich, und Zeitraum sowie Ein-
flussmöglichkeiten sind begrenzt. Auch Eltern und Freun-
den erlaubt man meist, über das eigene Leben mitzuent-
scheiden. Ihre Legitimation ist im besten Fall Liebe. Aber
Eliten?
Sie wollen Verantwortung für das Leben anderer über-
nehmen. Sie verlangen so etwas wie eine Entscheidungs-
kompetenz auf Lebenszeit und nennen als Legitimation
ihre besonderen Qualitäten. Wenn ich die Notizen in mei-
nen Blöcken durchgehe, kann ich daraus inzwischen ein
lustiges Begriffsquiz basteln. Frage: Was macht Elite aus?
Ist es a) Edge, energy und execute, wie die Wirtschaftler in
182
Oestrich-Winkel meinen? Ist es b) Verantwortung, Ver-
pflichtung und Vorbild, wie ich es an der Elite-Akademie
gelernt habe? Oder ist es c) Verantwortung, Mut und
Wahrheitsliebe, wie die Salemer meinen? Diese Antwor-
ten reichen mir nicht aus. Sie sind mir zu diffus. Meine
Stimme haben sie nicht, wenn es darum geht, ihnen auf
dieser Grundlage mehr Einfluss, mehr Macht und mehr
Verantwortung zuzugestehen.
Eigentlich würde ich gern selbst über mein Leben ent-
scheiden. Und wenn ich schon Einfluss delegieren muss,
dann bitte nach klaren Regeln und auf Zeit. Darauf, dass
selbst ernannte Eliten ungefragt Verantwortung für mich
übernehmen, kann ich gut verzichten. Vielleicht sollte ich
in mein Quiz noch die Antwort d) aufnehmen: Elite ist
ein willkürlicher, unscharfer und damit unbrauchbarer
Begriff, den Menschen benutzen, die für sich Sonder-
rechte fordern.
Ich besuche Deutschlands junge Elite jetzt seit neun
Monaten. Ich habe sieben Blöcke vollgeschrieben, fünf
Kassetten eines analogen und hundertachtundzwanzig
Megabyte eines digitalen Aufnahmegeräts vollgespielt.
Die Zweifel an der Tauglichkeit des Begriffs »Elite« sind
von Station zu Station gewachsen. Statt überzeugender
Antworten auf meine Frage »Warum brauchen wir Eli-
ten?« habe ich bislang vor allem Belege dafür gefunden,
dass Elite ein Konzept ist, das wenige über viele stellt. Ich
bin fast schon bereit, Wetten einzugehen und auf d) mein
Liebstes zu setzen, meinen Tischkicker. Aber nur fast.
Noch würde ich die zum Wettabschluss ausgestreckte
Hand ausschlagen. Was macht Elite aus? Ich habe immer
noch Fragen auf meiner Liste, die ich niemandem stel-
len konnte, noch ist der Reiseplan nicht abgearbeitet,
183
und noch habe ich die Hoffnung, dass ich abseits der
Lösungen a), b), c) und d) ein sinnvolles und über-
zeugendes e) finden werde.
DER MAULWURF
Es geht also weiter. Ganz oben auf meinem Elitestapel
liegt Aadishs E-Mail-Adresse. Aadish, der junge Iraner
und Mitglied der Vodafone-Elite mit Migrationshinter-
grund, hatte in Brüssel gesagt: »Wir sprechen besser spä-
ter in Ruhe über Elite.« Das klang spannend, fast ver-
schwörerisch, als wollte er mir geheime Akten in die Hand
drücken, die ich später triumphierend mit einem lässigen
»Ich-habe-meine-Informanten« der Öffentlichkeit prä-
sentieren würde.
Deshalb steige ich noch einmal in den Zug. Langsam
werde ich zur Provinzexpertin. Nach Oestrich-Winkel bei
Wiesbaden, Westerharn und Neubeuern bei Rosenheim
und Salem bei überlingen fahre ich nun nach Vallendar
bei Koblenz. Dort geht Aadish zur Uni. »Deine Elite-
Recherche hättest du dir auch glamouröser vorgestellt,
oder?«, spottet mein Freund, als ich ihn aus einem Gast-
hof an der Regionalzugstrecke, die durch Vallendar führt,
anrufe. Fast hätte ich es nicht mehr geschafft, mein Bett
rechtzeitig zu belegen. Ich hatte gesagt, ich sei zur »Tages-
schau«-Zeit da, hatte dann aber einen Zug verpasst und
war erst nach zehn Uhr angekommen. »Ausnahmsweise«,
schimpfte die Gastwirtin. Ich hatte also Glück, über den
Eingang der Pizzeria noch in die Pensionsetage im zwei-
t ~ n Stock des Hauses gelassen zu werden. Jetzt liege ich in
emem dunklen Zimmer. Die zweite Hälfte des Doppel-
184
bettes ist nackt. Die Wirtin hatte die zweite Decke und das
Kopfkissen mitgenommen, nachdem ich mich als »allein
reisend« geoutet hatte. Direkt neben der Zugstrecke ver-
läuft die Schnellstraße entlang des Rheins. Die Schein-
werfer der vorbeifahrenden Autos blenden mich durch
die dünne Gardine. Ich fühle mich wie bei einer perma-
nenten Polizeikontrolle. Ländliche Idylle sieht anders aus,
fluche ich im HalbscWaf.
Am nächsten Morgen meint Aadish, dass das mit der
Provinz kein Zufall sei. Er, mit dem ich mich um neun
Uhr im einzigen schon geöffneten Cafe der Stadt treffe,
studiert im zweiten Semester an der WHU, der Otto Beis-
heim School of Management. Die WHU ist das Pendant
zur EBS. Die beiden sind wie Schalke 04 und der BVB. Sie
sehen in dem jeweils anderen den größten Konkurrenten
um die Vorherrschaft in der Ausbildung der zukünftigen
Wirtschaftselite. Die jeweiligen Anhänger beäugen die
andere Hochschule genau und erklären, auf den Konkur-
renten angesprochen, wortreich die gravierenden Unter-
schiede. Die EBS sei snobbish, sagen die einen. Die WHU
steif, behaupten die anderen. An der EBS seien nur
Studenten mit hochgestelltem Polokragen. An der WHU
käme niemand ohne Anzug. Für Außenstehende sind
diese Scharmützel schwer nachvollziehbar, überwiegen
doch eindeutig die Gemeinsamkeiten: EBS und WHU be-
haupten, Elitehochschulen zu sein. Beide verlangen von
ihren Studenten pro Studienjahr 10000 Euro. Beide berei-
ten ihre Absolventen vor allem auf Karrieren in Bera-
tungsunternehmen und Investmentbanken vor, und beide
ermöglichen ein Studium in exquisiter Umgebung: Die
EBS residiert in einem Schloss, die WHU in der Marien-
burg. Und beide sitzen in Kleinstädten am Rhein.
185
»Es ist Absicht«, sagt Aadish, »dass das ein kleiner Ort
ist, dass die Leute hier zusammenbleiben müssen, dass es
keinen Einfluss von außen gibt.« Er meint, die Hoch-
schule wolle so ein extremes Zusammengehörigkeitsge-
fühl fördern. »Corpsgeist« nennen das die französischen
Eliteschulen. »Zucht«, wird einer, dem ich später davon
erzähle, sarkastisch sagen. Aadish sagt, ihn würde es noch
nach Koblenz ziehen, er hätte noch den Drang, andere
Leute kennenzulernen, die nichts mit Wirtschaft zu tun
haben. Aber die WHU überschütte die Studenten derma-
ßen mit Lernstoff, dass das nicht möglich sei. Bei vielen,
glaubt Aadish, schliefe das Interesse an der Welt außer-
halb der Uni im Lauf der Semester ein. Dann gibt es nur
noch das Studium und die Unternehmen, zu denen man
will. »Davor habe ich große Angst«, sagt er.
Aadish sitzt im dunklen Wollpullover mit Dreitagebart
vor mir. Er trinkt einen Cappuccino mit Sahne. Er ist
schüchtern und bestimmt zugleich. Die deutsche Sprache,
die er sich mithilfe des Hausmeisters imAsylbewerberheim
erarbeitet hat, beherrscht er fast perfekt. Nur manche For-
mulierungen sind etwas ungelenk. »Ich haue selten auf den
Putz«, sagt er, wenn er erzählt, dass er fast nie ausgeht. Nur
einmal war er in »so einem Schuppen« in Koblenz. Aadish
ist jetzt seit einem Jahr Student an der Hochschule, aber er
ist auch ein Fremder geblieben. Vielleicht, weil er, der 1996
als Elfjähriger mit seiner Mutter und den beiden Brüdern
aus dem Iran geflohen ist, der sich dann aus der über-
gangsschule der Sammelunterkunft über die Haupt- und
Realschule imwestfälischen Lengerich bis zu einem Abitur
in den Fächern Deutsch, Geschichte, Mathematik und So-
zialwissenschaften mit einem Schnitt von 1,3 hochgearbei-
tet hat, es gewohnt ist, nie ganz und gar dazuzugehören.
186
Vielleicht auch, weil er zu offensichtlich anders ist als
die, die mit ihm studieren. Es liegt nicht nur am deut-
schen Pass, den er nicht hat, nicht daran, dass seine erste
Adresse in Deutschland eine ehemalige Kaserne war, in
der die vierköpfige Familie einen Raum mit zwei Doppel-
stockbetten bewohnte. Es gäbe hier kaum Studenten, die
denselben finanziellen Hintergrund hätten wie er, sagt
Aadish. Er ist Stipendiat. »Meine Familie ist finanziell am
untersten Rand. Hier beginnt es so ab der oberen Mittel-
klasse, und viele geben sich dann auch vom Verhalten her
so. Beim Auswahltag hatte ich schon den Eindruck, dass
es eine ganz andere Welt ist. Es waren viele Leute da mit
richtig viel Kohle und so angezogen, dass man gedacht
hat, wollen die jetzt in die Bank? Total overdressed.«
Und dann sind da noch die politischen Differenzen.
Dass die Studentenschaft so homogen wäre, hätte er nicht
erwartet, als er sich beworben habe, sagt Aadish. Es sei
fast selbstverständlich, dass man die CDU oder die FDP
wähle. Lange habe es auf dem Campus auch nur Gruppen
dieser beiden Parteien gegeben. »Erst seit letzter Woche
hat sich auch eine winzige Juso-Gruppe eingenistet.«
Noch mehr erschreckt habe ihn allerdings, dass politi-
sches Denken an der WHU eine absolut untergeordnete
Rolle spiele. »Politikwird im Vergleich mit der Wirtschaft
meist als nachrangig gesehen. Ein Großteil hier denkt
nur: Was ist gut für die Wirtschaft? Aber wir müssten
doch eher fragen: Wie kann die Wirtschaft allem anderen
dienlich sein?«
Außerdemkann Aadish mit den Träumen seiner Kom-
militonen wenig anfangen. Er staunt, dass die anderen
schon jetzt im zweiten Semester planen, ihr erstes Prak-
tikum im Ausland zu machen, um dann das zweite bei
187
einer Investmentbank oder Beratung in Deutschland zu
absolvieren - in der Hoffnung, dass ihnen der »WHU-
Bonus«, wie Aadish das nennt, den direkten Einstieg bei
den Größten der Branche ermöglicht. »Es geht einfach
um den beruflichen Erfolg. Um mehr nicht. Sie integrie-
ren sich sofort in dieser Welt und bauen darauf ihr ganzes
Leben auf, sagen: Da ist unser Platz, und da wollen wir
auch hin.« Manche, sagt Aadish, gäben ganz offen zu,
dass es ihr Lebenstraum sei, möglichst reich zu werden.
»Aber gerade als junger Mensch hat man doch den
Traum, die Welt zu verbessern. Man hat doch selbstlose
Ziele. Man hat Vorbilder. Das vermisse ich hier alles.«
Aadish weiß noch nicht, was er will. Erst einmal lernen
und studieren. Nach der Wirtschaft vielleicht noch Ira-
nistik. Danach plant er, sich mit seinen Brüdern selbst-
ständig zu machen oder in die Politik zu gehen. In der
Ausländerpolitik würde er sich gern engagieren. Mehr,
sagt Aadish, wisse er noch nicht. Er sei ja erst im zweiten
Semester.
Seit einem Jahr ist er also hier in Vallendar. Es gab
knapp zehn Bewerber rur einen Platz, und er gehörte zu
den Auserwählten. Er hat den Englisch- und den Mathe-
test bestanden. Er hat ein Referat über Anglizismen in der
deutschen Sprachen gehalten und sich durch Einzelinter-
views gekämpft. Er ist mit den Worten begrüßt worden,
dass er nun zu den Besten gehöre. »Es wird einem von Be-
ginn an dieses GeruW vermittelt: Ihr habt es geschafft. Ihr
seid die Gewinner. Ihr seid die Leute, die diese Welt ruh-
ren werden.« Seine Mutter ist stolz darauf, dass er es so
weit gebracht hat. Die Uni. Das Stipendium. Er, als Aus-
länder, der noch bis vor Kurzem von der Abschiebung
bedroht war. »So sind halt Eltern«, sagt Aadish. »Das, was
188
von der Gesellschaft akzeptiert wird, ist rur sie der Grund,
stolz zu sein.«
Aadish und ich reden schon seit Stunden. Mittlerweile
glaube ich, ihn so gut zu kennen, dass ich weiß, dass jetzt
ein »aber« kommen wird, eine Einschränkung des müt-
terlichen Lobs. Und tatsächlich: »Ich persönlich«, sagt er
»bin nicht stolz auf das, was ich geschafft habe. Es heißt:
Ihr habt den Auswahltest bestanden. Ihr seid jetzt Elite.
Aber rur mich ist das überhaupt nicht Elite. Was hat denn
die Tatsache, dass ich irgendwelche Matheaufgaben ma-
chen kann, damit zu tun, ob ich Elite bin oder nicht? Nur
weil mein IQ vielleicht hoch ist, heißt es ja nicht, dass ich
meinen Verstand und mein Hirn auch einsetzen kann,
um daraus etwas Vernünftiges zu machen.«
Aadish arbeitet hart. Wie fast alle an der WHU schuftet
er zehn bis fünfzehn Stunden pro Tag. Im Gegensatz zu
den anderen ist er aber nicht nur von der Furcht getrie-
ben, die Klausuren nicht zu bestehen. Er hat Angst, sich zu
verändern, sich anzupassen an ein Denken, das er eigent-
lich ablehnt. An der Uni, sagt er, sei nur der Aadish, der
funktioniere. Fast wie eine Maschine. Den anderen, den
kritischen, den kämpferischen, den, der so leidenschaft-
lich reden kann, versteckt er vor seinen Kommilitonen.
»Es sind einfach so viele, die einer Meinung sind. Ich habe
mich eher zurückgezogen, als offensiv dagegen zu wet-
tern.« Er hofft, dass seine Freundin im nächsten Sommer
einen Studienplatz in Koblenz bekommt. Dann wird er
Vallendar verlassen, mit ihr zusammenziehen und nur mit
dem Bus zur WHU fahren, wenn er muss. Dann wird der
andere Aadish wieder mehr Raum bekommen, hofft er.
Aadish ist also einer, der im Eliteapparat drinsteckt,
ihn aber trotzdem von außen betrachtet. Und er ist der
189
Erste, den ich treffe, der die Eliteausbildung, die er ge-
nießt, offen kritisiert. »Elite bedeutet ja eigentlich: die
besten Leute. Aber ich sage mir: Was ist gut, und was
ist schlecht? >Elite< ist ja ein variables Wort. Ist man Elite,
wenn man in einen bestimmten Kreis hineingeboren
wurde? Wenn man eine ganz gute Bildung hat? Ist man
Elite, weil man sportlich ganz gut ist? Das ist ja eine
Definitionssache.« Oft, fügt er hinzu, liefe es so wie hier
an der Uni. Die Menschen, die selbst schon zur Elite ge-
hören, stellen die Kriterien auf, nach denen in Elite und
Nicht-Elite eingeteilt wird. Und dann analysiert er so klar
und sachlich das Verhältnis von Macht und Elite, dass ich
ihm sofort die Nummer von Eliteforscher Michael Hart-
mann geben, ihm vorschlagen will, als dessen Assistent
anzufangen.
Der Begriff »Elite«, sagt Aadish, werde immer dann
gebraucht, wenn es gelte, gesellschaftliche Macht zu legi-
timieren. Im Iran seien die Mullahs, die religiösen Führer,
Elite. In Europa waren es erst die Adligen, die glaubten,
etwas Besonderes im Blut zu haben. Und heute sage man,
Bildung oder Leistung seien entscheidend. »Aber sind das
klare Kriterien? Ich persönlich denke, dass >Elite< ein eu-
phemistisches Wort für Macht ist. Wer in der Elite ist, der
hat die Macht und legitimiert die Macht dadurch, dass er
Elite ist. Man sagt ja immer, Elite sei notwendig für eine
Gesellschaft, damit sie sich weiterentwickelt. Was man
nicht sagen will, ist: Es gibt Schichten, die haben die
Macht, die machen die Elite aus, und die wollen die
Macht auch behalten.«
Ich bin überrascht. Aadish ist kein Parteigänger, kein
Klassenkämpfer. Seine Sätze wirken nicht aufgesagt, her-
untergebetet wie so oft bei Linken. Sie laufen etwas un-
190
rund, wegen seines Akzents. Inhaltlich ist er aber so fit, als
habe er ein Hauptseminar zu dem Thema belegt. Er mache
sich schon länger Gedanken über Elite, sagt Aadish. Als
ich ihn um das Interview gebeten hätte, habe er einfach
noch einmal gründlich über den Begriff nachgedacht.
»Und was ist >Elite< für dich?«, will ich wissen.
»Elite sind für mich Leute, die außergewöhnliche
Ideen haben, die über die Grenzen hinausdenken und
nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten.
Wenn es wirklich so etwas geben würde, dass man sich ab-
hebt von der Masse, dass man nicht nachahmt, was einem
vorgegeben wird, dann könnte ich mir vorstellen, dass
man so etwas wie eine Aristokratie bildet. Aber so eine
Aristokratie im wirklich wahren Sinne. Dass diese Elite
das, was sie macht, wirklich für das Allgemeinwohl macht
und nicht für ihre eigenen persönlichen Ziele.«
Mittlerweile haben wir das Cafe verlassen. Aadish hat
mir den Campus gezeigt. Die Marienburg, die modernen
Glasanbauten, das Getränke-Büfett vor den Seminarräu-
men. Jedes Mal, wenn er mit seinem Ausweis die Tür-
schlösser öffnet, wundere ich mich, dass er tatsächlich hier
eingeschrieben ist. Schließlich muss er in eine Vorlesung.
Eine der ganz harten, wie er sagt. Sie lernen Arbeitsrecht,
erfahren, wie man Mitarbeiter am besten »freisetzen«
kann. Einen Sozialplan, der auf familiäre Verhältnisse
Rücksicht nimmt, halten viele seiner Kommilitonen für
Quatsch. »Die sagen: Man muss die Besten, die Fleißigsten
behalten und die anderen rausschmeißen.« Aber wahr-
scheinlich, sagt Aadish dann leise, gäbe es diese Gesetze
später, wenn sie alle arbeiten würden, sowieso gar nicht
mehr. »Und die Leute werden einfach mit einemArschtritt
rausgeschmissen.«
191
Aadish redet auch noch auf dem Weg zur Vorlesung,
auch vor der Tür beim Warten, nur leiser, damit die ande-
ren nichts hören. Er fände es angenehm, mal alles loswer-
den zu können, sagt er. Nicht immer zu schweigen oder
alles bis zu den wenigen Wochenenden aufzusparen, die
er zu Hause sei. Auf dem Campus gebe es genau ein
Mädchen, mit dem er mehr Kontakt hätte. Das war's. Er
spricht viel davon, wie es gewesen wäre, wenn sein Zwil-
lingsbruder, der sich auch beworben hatte, aber am Eng-
lischtest scheiterte, hier wäre. Dann wären sie ein Team
gewesen, sagt er. Es wäre nicht so hart, nicht so einsam ge-
worden. Zu zweit hätten sie vielleicht etwas ändern kön-
nen. Jetzt bleiben Aadish nur die Wut und der Frust und
der Wunsch, es trotzdem irgendwie durchzuziehen. »Für
viele Leute hier«, sagt er zum ScWuss, »besteht das Elite-
verständnis darin, dass sie das Gefühl von Elite haben.
Dass sie denken, sie sind etwas Gutes, und daraus folgt
auch eine gewisse Arroganz und Selbstgerechtigkeit. Aber
das ist verkehrt. Wir machen doch nichts Besonderes hier.
Das, was wir hier machen, machen Millionen von ande-
ren Menschen an anderen Hochschulen auch.«
Jede Stunde um neunundfünfzig hält ein Regionalex-
press in Vallendar und fährt den Rhein hoch in Richtung
Köln. Im Schnitt stoppt der Zug alle fünf Minuten. In En-
gers, in Neuwied, in Bad Hönningen. Hier leben die »Nor-
malen«, deren Kinder zur Raiffeisenschule, zur Heinrich-
Heine-Realschule oder zum Rhein-Wied-Gymnasium ge-
hen. Dann werden sie vielleicht Fleischfachverkäufer wie
meine Cousine, vielleicht Groß- und Einzelhandelskauf-
mann wie mein Cousin, oder sie ziehen nach Bonn zum
Studium. Aadish hatte gesagt, dass viele WHU-Studenten
in ihrem Elitekokon das Verständnis für die »Normalen«
192
verloren hätten. »Für die gibt es die Frage: Gehe ich in
die Beratung oder ins Investmentbanking? Bei meinen
Freunden zu Hause geht es darum: Was mache ich über-
haupt? Finde ich eine Arbeit oder keine? Die Leute hier an
der WHU haben keine Angst vor der Zukunft. Es wird ge-
sagt: Ihr werdet alle in große Unternehmen gehen. Es ist
kein Gefühl von Unsicherheit da.« Gleichzeitig seien viele
überzeugt davon, dass sie sich die komfortable Situation
durch eigene Leistung erarbeitet haben. Und dass im Um-
kehrscWuss die, die es nicht schaffen, auch selbst dafür
verantwortlich seien. Einige seiner Kommilitonen hätten
gesagt, Leute auf Hauptschulen seien faul oder einfach
nicht scWau genug. »Dieses Denken ist da. Und man geht
nicht den Schritt zurück und fragt: Wieso kann einer diese
Leistung nicht erbringen? Was müsste sich ändern, damit
er das kann?«
Je länger ich Aadish zuhöre, desto mehr ordnen sich
die zum Teil noch etwas diffusen Eindrücke, die ich auf
meiner Reise gesammelt habe, zu einem Gesamtbild. Er,
der im Elitesystem drinsteckt und doch nicht dazuge-
hören will, ist der Erste, der das Unwohlsein, das ich in
Salem und Neubeuern spürte, das sich breitrnachte, als
ich mich durch die Proftle des Netzwerks Schwarzekarte
klickte, kennt und klar benennt.
Viele Schwarzekarte-Nutzer und Aadishs Mitstuden-
ten sind Anfang zwanzig, die Schüler in Salem und Neu-
beuern, die ich getroffen habe, waren gerade volljährig.
Aber sie haben sich jetzt schon abgekapselt vom Leben
der Masse. Je länger ich recherchiere, desto offensicht-
licher wird, dass in den Einrichtungen, die »Elite« im
Namen tragen - vielleicht mit Ausnahme der Bayerischen
Elite-Akademie _, junge Menschen heranwachsen, die
193
sich erstaunlich einig sind. Sie wollen in Führungsposi-
tionen, sie halten ihren Anspruch für legitim, sie sind
politisch auf einer Linie, und sie eint ein Unverständnis
für die Probleme des Restes. Sie machen mir Angst, weil
ich befürchte, dass sie mit diesem Rest wenig zimperlich
umgehen werden.
Ich spule mich noch einmal durch Track sieben auf
meinem Aufnahmegerät, suche die Stellen, an denen Aa-
dish über Eliten spricht. »Elite sind für mich Leute, die
nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten«,
hatte er gesagt. Leute, die das, was sie tun, nicht für die
eigene Karriere machen, sondern sich in den Dienst der
Allgemeinheit stellen. Bei aller Kritik scheint Aadish also
noch Hoffnungen mit dem Begriff »Elite« zu verbinden.
Offenbar träumt er von einer altruistischen, kritischen
Elite.
Aber gibt es diese Leute, die er sich vorstellt, über-
haupt? Gibt es so etwas wie eine alternative Elite? Radika-
ler als die Studenten der Bayerischen Elite-Akademie, die
zwar verantwortlich handeln wollen, aber keinen grund-
legenden Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung for-
dern, keinen Feldzug für mehr Gerechtigkeit planen? Gibt
es eine Gruppe, die ein Gegengewicht bilden würde zu de-
nen, die ich bislang traf?
»Undeine linke Elite, die wäre dann weniger schlimm?«,
fragt ein Freund, der sichkonservativnennt, als ich ihmvon
Aadish und meiner Suche nach einer besseren Elite erzähle.
»Die fandest du dann cool und revolutionär, oder was?«
Ich fühle mich ertappt und muss zugeben, dass ich zu-
mindest ein wenig beruhigt wäre, wenn ich Aadishs Elite
fande. Menschen, die Visionen haben, in denen Karrie-
ren und Geld nicht die Hauptrolle spielen. Ob sie mich
194
mit dem Begriff »Elite« versöhnen können, weiß ich
nicht. Erst einmal bin ich gespannt, ob es diese andere,
linke Elite überhaupt gibt.
DIE ALTERNATIVE ELITE
Ich rufe Michael Hartmann, den Eliteforscher, an und
werde sofort enttäuscht. »Gegen-Eliten kann es eigentlich
nicht geben«, sagt er. »Elite hat immer mit Machtpositio-
nen zu tun.« Folglich kann jemand, der Macht infrage
stellt, schlecht Elite sein. Als ich schon kapitulieren will,
sagt er zum Glück »aber« und erklärt mir, dass es natür-
lich junge Leute gebe, die versuchen, den herrschenden
Eliten etwas entgegenzusetzen. »Und wo finde ich die?«,
will ich wissen. »In den Parteien eher nicht«, sagt Hart-
mann. Die Parteien hätten seit geraumer Zeit Probleme,
kritische junge Leute anzuziehen.
Da hat er wohl recht. Im 16. Deutschen Bundestag sit-
zen fünfzehn Abgeordnete unter dreißig Jahren. Gerade
einmal 2,4 Prozent der Gewählten. Der Altersdurch-
schnitt der Bundesregierung liegt im Herbst 2007 bei sie-
benundfünfzig Jahren, und von hundertsiebzig Ministern
und Regierungschefs in Bund und Ländern sind nach Re-
cherchen der Zeitschrift Capital gerade einmal fünf unter
vierZig.
Hubertus Heil, Generalsekretär der SPD, laut Pass
vierunddreißig, optisch wesentlich älter, sagt, seine Partei
sei >mnterjüngt«, und meint, überaltert. In der SPD-Bun-
destagsfraktion darf man sich noch bis zum vierzigsten
Geburtstag»Youngster« nennen - so wenige echte ~ u ~ g e
gibt es. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass alle, dIe Ich
195
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'\
traf, beim Thema »Karriere in der Politik« eher abweh-
rend reagierten. »Nachwuchssorgen« nennen die Parteien
die Tatsache, dass sie von unten austrocknen. Und viele
der wenigen, die den Aufstieg schaffen, wirken, wie Heil,
in ihren Aussagen und Anzügen schon verdammt ange-
kommen, scheinen ihrem wahren Lebensalter mindestens
ein Jahrzehnt voraus zu sein. Offenbar ist die Politik, seit
auch die Grünen etabliert sind, kein Umfeld, in dem le-
bendige alternative Eliten gedeihen. Jungpolitikern, sagt
der Göttinger Parteienforscher Peter Lösche, ginge es in
erster Linie »um die Karriere - aber es fehlt an Ideen, an
einem visionären Konzept für die künftige Gesellschaft«.
»Aber wo sonst finde ich eine Gegen-Elite?«, frage ich
Michael Hartmann. Greenpeace habe diese Leute früher
angezogen, antwortet er. Aber Greenpeace sei ebenfalls
»überaltert« und thematisch viel zu eingeschränkt. Wenn,
dann fände ich meine von mir etwas schief titulierte Ge-
gen-Elite bei den Globalisierungskritikern von Attac.
Deshalb laufe ich jetzt neben Chris durch Rostock-
Evershagen, eine Plattenbausiedlung südlich von Lichten-
hagen. Um 6 Uhr 41 haben wir uns am Bahnsteig in Ber-
lin getroffen. Die Fahrt nach Evershagen dauerte über
drei Stunden, und Chris musste pünktlich sein. Er wird
heute noch ein Seminar zum Thema »G8-Gipfel und
Klima« leiten.
Chris ist fünfundzwanzig. Er hat gerade sein Politik-
studium an der Uni Hamburg mit einer Diplomarbeit
»Zum Streitschlichtungsverfahren in der WTO am Bei-
spiel des Gentechnikstreitfalls aus Perspektive einer neo-
liberalen Theorie und einer poststrukturalistischen Theo-
rie« beendet. Er habe versucht zu belegen, dass Foucaults
Ansatz bei der Lösung internationaler Konflikte helfen
196
könne. »Aha«, sage ich. »Das ist doch schön.« - »Die Ar-
beit war todlangweilig«, wendet seine Freundin ein. Chris
sieht aus wie einer der Menschen, mit denen ich nor-
malerweise zu tun habe. Wie ein Politikstudent eben, der
Astra-Bier trinkt und Gitarrenmusik hört. Auf seinem
hellblauen Shirt steht Pretty girls make graves. Er trägt
immer eine abgewetzte schwarz-rote Lederjacke. »Tiefin
meinem Herzen bin ich eben doch ein Rocker«, sagt Chris
und lacht selbstironisch.
Er weiß wohl, dass er vieles ist, aber sicher kein Rocker.
Wenn er schweigt, wirkt Chris zunächst sehr schüchtern.
Er lässt meist den Mund ein bissehen offen stehen, die
blonden gelockten Haare hat er ein wenig unkontrolliert
wachsen lassen. Dass der erste Eindruck trügt, wird deut-
lich, sobald er spricht. Seine Analyse ist genau, seine Aus-
sagen sind präzise. Er weiß, wie er seine Botschaften in
kurze, zitierfähige Sätze verpacken kann. »Ich argumen-
tiere wie für ein Flugblatt, oder?«, sagt er und strahlt. Er
hat also auch Humor. Chris geht gelassen mit linken Kli-
schees um. Als ich ihn bei einer Attac-Akademie traf,
standen wir in der viel zu langen Schlange an der Essen-
ausgabe. »Simuliert ihr die sozialistische Mangelwirt-
schaft?«, fragte ich. »Ich wusste schon immer, dass der
Slogan >Genug für alle< nicht stimmt«, entgegnete er.
Das alles wird ihm bei seinem Weg nach oben genützt
haben. Denn Chris hat sich in den vergangenen Jahren
nicht nur mit Foucaults Theorien beschäftigt. Parallel zu
seinem Studium hat er sich in der linken Bewegung ziem-
lich weit hochgearbeitet. Seine Karriere begann im ersten
Semester. Er hat gegen Studiengebühren protestiert und
Parteizentralen besetzt. »Zielloser linksradikaler Aktio-
nismus«, sagt er heute. Danach war er bei einer Green-
197
I
!
peace-Gruppe in Hamburg. Gemeinsam mit Dutzenden
Hausfrauen, die gern Banner malten. »Aber dann hat eine
gesagt: >Das ist ein total tolles Gefühl, wenn dann am
nächsten Tag ein Banner am Ministerium hängt und man
hat das L gemalt.< Da habe ich gedacht, das ist nicht das,
wie ich mir meine politische Aktivistenkarriere so vor-
stelle.«
.. Er hat also auch Greenpeace den Rücken gekehrt.
Uber eine Dozentin, bei der er eine Hausarbeit über Bio-
Piraterie schrieb, ist er schließlich zu Attac gekommen.
Sie hatte gerade den Kongress »McPlanet« mitorganisiert,
der den Zusammenschluss von Umweltgruppen und
Globalisierungskritikern vorantreiben sollte. Der Kon-
gress war ein Erfolg, aber es gab niemanden, der die Fol-
geveranstaltung im Jahr darauf planen wollte. »Und so
bin ich halt zum Organisationsteam gekommen, und es
hieß sofort: >Mensch, Chris, mach doch mal.< Ich war
schon überfordert am Anfang, weil die mich so ins kalte
Wasser geschmissen haben.« Aber dann hat er eben sei-
nen ersten Kongress organisiert. über hundert Leute ka-
men im Herbst 2003 ins Hamburger Schauspielhaus. Der
damalige Held der Globalisierungskritiker, Sven Giegold,
saß auf dem Podium, und Chris war stolz, weil »es ein-
fach eine geile Veranstaltung war«. Seine Veranstaltung.
Danach war er kein engagierter Student mehr, sondern
hatte einen Namen in der linken Bewegung, und mittler-
weile ist er eine der Führungskräfte bei Attac.
Chris sitzt im Deutschland-Vorstand der Bewegung,
dem Machtzentrum. So würde er das natürlich nie for-
m ~ i e r e n .. »Koordinierungskreis« heißt das Spitzengre-
mlUm bel Attac, denn »Führungskraft« und »Machtzen-
trum« sind verbotene Worte. Bei Attac lieben sie den
198
Konsens. Im Idealfall sollen alle alles mitentscheiden dür-
fen. Autoritäre Machtausübung gilt als Kapitalverbre-
chen. Nur haben die Globalisierungskritiker in Deutsch-
land im Herbst 200718500 Mitglieder. Die Bewegung ist
rasant gewachsen, seitdem sie mit den Protesten gegen
den Genua-Gipfel, auf dem sich die Regierungschefs der
acht wichtigsten Industriestaaten trafen, bekannt wurde.
Da geht es nicht mehr ohne Leute, die Entscheidungen
treffen, ohne Leute wie Chris eben. »Willst du Karriere
machen?«, frage ich. »Ich glaube, im Endeffekt ja. Wobei
Karriere nicht heißt, dass ich bestimmte Posten erreichen
will. Aber ansonsten finde ich das mit der Karriere attrak-
tiv, und es bringt ja auch Spaß. Damit bin ich nicht reprä-
sentativ, bin keine Mehrheit bei Attac. Aber es ist schon
so, dass ich mir vorstelle, von dem, was ich mache, leben
zu können.«
Chris sagt, dass er die Welt verändern will. Er möchte
erreichen, dass die Leute aufstehen und sagen, was ihnen
nicht passt. Und er will ihnen helfen, entsprechende Kon-
sequenzen zu ziehen. Er sagt: »Wenn ich darüber nach-
denke, wie ich mir eine Gesellschaft vorstelle, dann ist die
nicht kapitalistisch. Ich weißt nicht, wie sie ist. Aber nicht
so, dass alles irgendwie marktgläubig organisiert ist. Das
finde ich Unsinn.« - »Wir können die Welt verändern.«
»Wir können den Unterschied machen.« »Eine andere
Welt ist möglich.« Chris sagt oft Sätze wie diese. Es sind
die Attac-Slogans. Gebote des gemeinsamen Glaubens.
Aber schnell wird mir klar, dass Chris sich nicht auf diese
Formeln beschränkt. Sie sind nicht mehr als sein Gerüst,
der Antrieb für seine Aktionen, für sein Engagement. So
grundsätzlich, wie er in seinen Parolen ist, so pragmatisch
ist er nämlich in seinem Handeln.
199
Als ich ihn zum ersten Mal traf, hatte er gerade eine
Aktion gegen die Privatisierung der Bahn mitorganisiert.
»Ich will, dass wir aus Themen einen Skandal machen,
der die Leute aufregt. Dafür muss man eine geschickte
Strategie finden.« Kletterer hatten sich vom Dach des glä-
sernen Berliner Hauptbahnhofs abgeseilt und ein Protest-
plakat entrollt. Die Aktion war teuer und aufwendig.
Während wir sprachen, bekam Chris einen Anruf. Der
Tagesspiegel hatte ein Bild der Aktion abgedruckt. Chris
war so euphorisiert, als hätte der Anrufer Rekordgewinne
vermeldet oder den erfolgreichen Verkauf eines Aktien-
pakets. Begeistert erzählte er mir von anderen Kampa-
gnen, die er geplant hatte. Von der gegen einen amerika-
nischen Genmaishersteller oder gegen die Preis- und
Lohndumpingpolitik des Discounters Lidl.
Mittlerweile haben wir das Kongresszentrum in Ros-
tock-Evershagen erreicht. Sagt Chris zumindest. Ich sehe
nur ein verlassenes Gebäude, das einmal eine Schule war.
»Convergence Center Rostock« steht auf einem Plakat.
Auf einem anderen: »Unser Haus könnt ihr zerstören,
aber nicht die Kraft, die es schuf.« Das Gebäude solle ab-
gerissen werden, erklärt Chris. Die Stadt Rostock habe es
den Globalisierungskritikern überlassen. An diesem Wo-
chenende werden hier knapp fünfhundert Konferenz-
teilnehmer versorgt. Es gibt nur ein paar notdürftig
hergerichtete Toiletten. Das Essen, wird mir erklärt, sei
»containert« - was ein Euphemismus für »aus dem Müll
geangelt« ist. Bin ich spießig, wenn ich das eklig finde?
Spätestens, als wir im Plenum sitzen, das in einer mit
Regenbogen verzierten Turnhalle abgehalten wird, fühle
ich mich, als hätte mich jemand in einen Dokumentarfilm
über linke Klischees hineingeschnitten. Vorn, zwischen
200
Handballtor und Basketballkorb, stellt sich nun schon die
siebte AG vor. Es gibt die Rechtshilfe-AG, die Camp-AG,
die Demo-AG, die Blockade-AG und ein Dutzend mehr.
Die Vorstellung läuft immer nach demselben Muster ab:
Einer aus der Gruppe trottet zum Mikro, informiert über
den Stand der Dinge, bittet um Mitarbeit und Spenden
und trottet wieder zurück. Chris wirkt gelangweilt. Er
scheint zu spüren, dass die Revolution gerade lahmt.
Ich habe die Chance, mich mit den fremden Verhal-
tensmustern vertraut zu machen. Ich lerne, dass man sich
hier in der Sprache um Geschlechterneutralität bemüht.
Das gesprochene große I ist Standard. Es heißt also: Teil-
nehmerInnen. AktivistInnen. SpenderInnen. »Nur bei
Tätern darf man die männliche Form wählen, weil Täter
stets Männer sind«, wird Tom mir später aus den Infor-
mationen der »antisexistischen Kontaktgruppe« vorlesen,
die auch in Rostock dabei ist. Ich lese, dass die interven-
tionistische Linke Mitorganisator ist, und stolpere über
Buchstabencodes, offenbar Abkürzungen irgendwelcher
Organisationen, von denen ich noch nie etwas gehört
habe. »Das ist die siebte Abspaltung der Abspaltung«, sagt
Chris' Freundin.
Als mir ganz langweiligwird, beginne ich, jeden Einzel-
nen in der Turnhalle zu mustern. Viele haben sich hinter
der taz oder der Jungle World verkrochen. »Kein Geld für
Krieg«, steht auf den Handgelenken, die umblättern. Es ist
der Eintrittsstempel. Ich sehe T-Shirts, auf die porn sucks
gedruckt wurde oder Block G8. Beim Thema Frisuren hat
sich seit meiner letzten Castor-Demo einiges getan. Statt
filziger Dreadlocks tragen die meisten die Haare nun kurz.
Nur am Hinterkopf lassen sie ein kleines Büschel wach-
sen. Wie beim Symposium der European Business School
201
'i
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,
....
scheint es auch hier klare Dresseodes zu geben - nur an-
dersherum. Wie zufällig lasse ich meine Jacke auf meine
Markensneaker fallen, um diese zu bedecken.
Chris wirkt ungeduldig. Schnell hat er das Gefühl, auf
dem Kongress seine Zeit zu vertrödeln. Ich begreife, dass
er das politische Engagement anders angeht als viele an-
dere hier. Es ist nicht sein Hobby. Es soll sein Beruf wer-
den. Deshalb sind ihm Marios Kriterien nicht völlig
fremd. Chris arbeitet viel, er sieht gern Ergebnisse. Er mag
es nicht, wenn Dinge völlig ineffizient organisiert sind.
über eineinhalb Jahre hat er sich in Wochenendsemina-
ren zum »Zukunftspiloten« ausbilden lassen. Er hat ge-
lernt, Kampagnen zu organisieren und Gespräche zu mo-
derieren. Er kennt die Grundsätze des Marketings und
des Fundraisings.
Er gehört jetzt zu einem Zirkel, den er »Karriere-Netz-
werk für junge aufstrebende Umweltbewegte« nennt. Und
im Gegensatz zu anderen Linken, die Berührungsängste
mit, wie sie sagen, »bürgerlichen Medien« haben, hat
Chris auch keine Probleme, sich und seine Ideen zu pro-
moten. Er hat der Zeit ein Interviewgegeben. Auf dem Ti-
telblatt des Szenemagazins blond wird der Bericht über
ihn gemeinsam mit dem über die Sängerin Sophie Ellis-
Baxter, die Schauspielerin Jessica Schwarz und den Re-
gisseur David Lynch angekündigt. Er war schon mehrfach
Gast einer Talksendung im Rundfunk BerUn Brandenburg,
und er war bei Frank Plasberg im WDR. Neunzig Minu-
ten stand er da im schwarzen Hemd bei »Hart, aber fair«
neben Klaus Töpfer, dem ehemaligen Umweltminister
und ehemaligen Leiter des Umweltprogramms der Ver-
einten Nationen, und Dagmar Wöhr!, der ehemaligen
Miss Germany, die für die CSU im Bundestag sitzt, unter
202
Angela Merkel zur parlamentarischen Staatssekretärin im
Wirtschaftsministerium berufen wurde und mit einem
Unternehmer verheiratet ist, der Anteile an Fluglinien be-
sitzt. Chris war in der Diskussion so etwas wie ein Alibi-
Jugendlicher. Er kam selten zu Wort. »Er könnte mein
Sohn sein«, sagte Klaus Töpfer gönnerhaft. Dagmar Wöhrl
verspottete ihn als naiven Jungen, der meint, mit Bahn-
fahren die Welt retten zu können. Chris war nervös,
parierte aber souverän. Er konnte sogar den Schlussgag
platzieren, als jeder in der Runde gefragt wurde, mit wem
er gern eine Runde auf dem Tandem drehen würde: »Ich
würde Frau Wöhrl mit aufs Tandem nehmen«, hatte er
gesagt. »Allerdings soll sie vorn sitzen. Ich glaube, man
muss sie ziemlich antreiben.« Es läuft gut. Aber das müsse
es auch, sagt Chris. Denn er will irgendwann davon leben.
Chris ist knapp dreihundert Kilometer westlich von
Rostock geboren, in Flensburg. Sein Vater ist gelernter
Kürschner, Pelzmacher also, und eher ein Konservativer.
Die Ökos haben ihm das Geschäft kaputt gemacht, sagt
Chris. »Ich bin also fern von jeglichen linken Bewegungen
aufgewachsen. Bei meiner ersten Kommunalwahl, als ich
sechzehn war, habe ich FDP gewählt. Die haben mir was
von Freiheit erzählt.« Mittlerweile Hinden seine Eltern
okay, was er tue, sagt er. Und solange es nicht anders geht,
zahlen sie ihm Geld, damit er Kampagnen machen und
Aktionen organisieren kann. »Meine Eltern sind großar-
tig«, sagt Chris. Aber er will nicht, dass sie ewig für ihn
zahlen.
Nun ist es aber so, dass die Zahl der anständig hono-
rierten Stellen in der politischen Linken begrenzt ist. Viel
Arbeit wird von unbezahlten Praktikanten erledigt. Und
um die paar Posten, die es gibt, wird durchaus mit Marios
203
,
J
Methoden gekämpft. »Ich befürchte. dass es auch in der
linken Szene eine gewisse Elite gibt. Das wird immer
schlimmer, weil die Voraussetzungen für solche Stellen
immer weiter hochgeschraubt werden.« Ein Bekannter
von ihm habe zwei Jahre lang bei der Naturschutzorgani-
sation BUND gearbeitet. Als er wegging. sei die Stelle neu
ausgeschrieben worden. »Plötzlich wurde verlangt, dass
es Leute sind, die mehrjährige Berufserfahrung haben,
Praktika gemacht haben, im Ausland waren, fließend
Englisch, Spanisch und Französisch sprechen, und das
war bei ihm damals überhaupt nicht so. Diese Kultur setzt
sich immer mehr durch.«
»Gibt es denn dann Karrieren in Nichtregierungsorga-
nisationen der Linken, genau wie es Wirtschaftskarrieren
gibt?«, frage ich.
»Genau. Und jetzt, wo ich darüber spreche, fällt mir
auf, dass das völlig absurd ist. Es ist so, dass es auch in der
Linken mittlerweile eine Leistungskultur gibt.«
Dieser Konkurrenz unter den Linken hat die Band
»Wir sind Helden« in ihrem letzten Album ein Lied ge-
widmet. Es erzählt von einem Hippiekind und einem
kleinen Punk, bereit, alles mit allen zu teilen. »Du pfeifst
und singst und fühlst dich frei«, singen die Helden, »da
zieht wer links an dir vorbei.« Die Konkurrenz schläft
nicht, verkünden sie im Refrain, auch nicht in der ver-
meintlich heilen linken Welt.
Gleichheit als Wert, sagt Chris, zähle doch gar nichts
mehr. Chancengleichheit würde manchmal noch als Poli-
tikziel formuliert, aber reale Gleichheit, diese Forderung
gelte als völlig weltfremd. Es scheint, als hätte auch die
Linke die Ellenbogen entdeckt. Zumindest, wenn es dar-
um geht, die Posten in den eigenen Reihen zu verteilen.
204
Das stört Chris, obwohl er davon profitiert. »Unangeneh-
merweise würde ich schon behaupten. dass ich in diesem
ganzen Kontext zur unteren Elite gehöre.« Es ist, als tue
ihm dieser Satz sofort leid. Er sei eher hochgestolpert,
schränkt Chris ein. »Ich habe mir das nicht alles selbst
erarbeitet«. sagt er, der in Attac so viele Stunden wie in
einen Vollzeitjob investiert. »Ich habe mich angestrengt,
aber vieles hat auch durch Beziehungen und Bekannt-
schaften geklappt. Also einfach, weil mich die richtigen
Leute unterstützt und gesagt haben: Den nehme ich mal
mit und zeige ihm, wie das geht.« Deshalb sitzt er nun in
Positionen. in denen er mehr entscheiden darf als andere.
»Ich würde es mir auf jeden Fall anders wünschen. Alle
Menschen sollten Elite sein. Man sollte Mechanismen fin-
den, die es allen ermöglichen, das Beste zu machen.«
Chris und seine Freunde. die mit ihm den Zukunftspi-
lotenkurs belegt haben, agieren in den Diskussionen. die
ich erlebe, anders als die meisten ihrer Mitstreiter. Sie
sind konzentrierter bei der Sache. Sie mühen sich. die De-
batte zu strukturieren. Sie versuchen, vorher Ziele festzu-
legen. Sie stellen Fragen wie: »Wollen wir eine Aufklä-
rungs- oder eine Druckkampagne planen?« oder »Wer ist
der Adressat unseres Boykotts?«. Sie haben einen eigenen
Code entwickelt, um Diskussionen zu straffen: Wenn sie
mit der Meinung eines Redners übereinstimmen, drehen
sie die nach oben gereckten Hände. Der Redner weiß
dann, dass dieser Punkt von den anderen akzeptiert wird.
Wenn einer ausschweift oder zu abstrakt ist. sagen sie:
»Ich möchte, dass du Ich-Botschaften formulierst.« Chris
weiß, dass dieses Verhalten auf Außenstehende seltsam
wirkt, für ihn ist es Teil einer »Professionalisierung«. Und
wenn die soziale Bewegung, als deren Teil er Attac sieht.
205
erfolgreich sein will, müsse sie professioneller werden,
sagt er.
Was er damit meint, erlebe ich nicht nur, als ich in der
Regenbogenturnhalle dem endlosen Plenum folge. Weil
Pünktlichsein vermutlich als von Faschisten hochgehal-
tene Tugend gilt, kommt in der ersten halben Stunde eines
Workshops, zu dem ich Chris begleite, im Schnitt jede Mi-
nute ein verspäteter Teilnehmer in den Raum. Ich sitze ne-
ben der Tür, die, weil das Schulgebäude ja nicht mehr be-
nutzt wird, nicht richtig schließt. Zehn, elf Mal versucht
jeder, die Tür zuzubekommen. Mal vorsichtig, mal mit
Gewalt. Ich habe keine Chance, dem Vortrag zu folgen.
Die jüngste Auflage des McPlanet-Umweltkongresses,
den Chris mitplant, fand in Berlin statt. Tausendfünf-
hundert Teilnehmer waren da. Für die Talkrunde zur
Primetime am Samstagabend hatten die Organisatoren
es geschafft, unter anderem den Bundesvorsitzenden der
Grünen, Reinhard Bütikofer, Sven Giegold von Attac, die
ehemalige Direktorin des Klimaprogramms des WWF,
Jennifer Morgan, und die taz-Journalistin Bettina Gaus
aufs Podium zu bekommen. Die Runde diskutierte dar-
über, ob eine Revolution nötig sei, um den Klimawande1
zu stoppen. Eine Stunde lang durften dann die Teilneh-
mer Fragen stellen. Wollten sie aber nicht. Sie wollten
Statements abgeben. Sie wollten loswerden, dass, wer die
Umwelt retten wolle, erst die Konzerne enteignen müsse.
Dass der Klimawandel endlich aus einer feministischen
Sicht zu diskutieren sei. Oder dass das Klima nur zu retten
sei, wenn man die Erdbevölkerung reduziere. Schnell war
klar, dass sich hier keine kraftvolle Protestbewegung sam-
meln wollte. Es war allenfalls eine verwirrende Freak-
show.
206
Hier in Rostock-Evershagen sollte es eigentlich darum
gehen, den Protest der verschiedenen Gruppierungen der
Linken gegen den G8-Gipfe1 in Heiligendamm zu koordi-
nieren und zu bündeln. Zu Chris' Workshop zum Thema
»Klima« sind allerdings nur vierzehn Teilnehmer gekom-
men. Zwei von ihnen gehen nach ein paar Minuten raus,
als ihnen auffällt, dass sie im falschen Raum sind. Weil
einer der Zuhörenden aus London kommt, schleppt sich
die Diskussion auf Englisch dahin. Chris erzählt, dass es
nach einem Protestkonzert in Rostock die Möglichkeit
gebe, vor Tausenden Menschen eine kurze Aktion gegen
den Klimawandel durchzuführen. Mit seinen nun noch
zwölf Mitdiskutanten versucht er, ein Konzept zu entwi-
ckeln. Nach einer Stunde ist klar, dass das schwierig wer-
den wird.
Deshalb gehe ich raus, durch den Flur, dorthin, wo die
Menge ist. Einer der Nebenräume ist so voll, dass die Luft
steht. Die Menschen sitzen auf dem Boden, drücken sich
an die Wände, quetschen sich in den Türrahmen. Aus-
löser des Massenandrangs ist die sogenannte Gewaltfrage.
Es geht darum, ob die Proteste friedlich bleiben müs-
sen. Ein Attac-Sprecher hatte sich in einem Interview mit
der taz von jeglicher Gewalt distanziert. Hier in Rostock
wurde zudem ein Flugblatt verteilt, das Chris und drei an-
dere Mitglieder des Koordinierungskreises unterzeichnet
haben. Auch sie verlangen, dass alles »Menschenmög-
liche« getan werden müsse, damit die Proteste gewaltfrei
bleiben. Den ganzen Tag schon sorgen diese Aussagen für
Aufregung. Seit zwei Stunden werden sie in diesem Raum
diskutiert.
Um die Debatte zu verstehen, muss ich das Schema,
'nach dem ich bislang die politische Landschaft ordnete,
207
I
......
neu denken. In diesem Raum steht Attac rechts außen.
Die Organisation sei zu autoritär, zu groß und verhandle
mit Politikern, die von vielen hier als illegitim bezeich-
net werden. Die taz, die das Interviewveröffentlichte, gilt
in diesem Kreis als reaktionäre, bürgerliche Zeitung.
Attac spalte mit der Absage an jede Gewalt die Bewegung,
heißt es. Attac verrate den gemeinsamen Kampf. Wenn
Attac militante Proteste schon nicht unterstützen wolle,
solle die Organisation zur »Gewaltfrage« wenigstens
schweigen. Die Debatte zieht sich hin. Die Redner disku-
tieren nicht miteinander, sondern reihen Monologe an-
einander. Ich weiß nicht, ob es eine Einigung geben kann,
ob sie überhaupt gewünscht ist oder ob nicht vielmehr
die Differenzen zelebriert werden sollen. Die Animositä-
ten zwischen Attac und den großen und kleinen Splitter-
gruppen scheinen im Moment zumindest wichtiger zu
sein als das Ziel, gemeinsam zu protestieren, zusammen
etwas zu erreichen.
Chris hatte gesagt, dass Debatten wie diese sehr viel
Energie kosten. Er meint, dass es in der Bewegung etliche
Leute gebe, die sich nicht freuen, wenn die Gesellschaft
weiter nach links rückt, sondern selbst schnell noch »lin-
ker« würden, aus »Angst, dass die Gesellschaft sie ein-
holt«, wie Chris sagt. Wenn Tage wie dieser in Rostock
ohne Resultate enden, stocken die Kampagnen, und
Chris' Bewegung verliert an Zeit und vermutlich auch an
Boden. Ich denke an Mario und die anderen Berater, de-
ren Religion die Effizienz ist. Ich denke an Bernd, den
Studentensprecher an der EBS, der von allen, mit denen
er zusammenarbeitet, »absolut hundertprozentigen Ein-
satz« fordert, der sagt: »Ich verlange von jedem, der me-
ckert, Leistung.« Und ich denke an die Schüler in Salem,
208
die schon jetzt in Leadership-Workshops für ihr Leben in
Führungspositionen trainieren.
Ich frage Chris, warum er sich das dennoch antut.
Warum er nicht versucht, seine politischen Ziele in einer
straffer organisierten Partei durchzusetzen. Er möge Par-
teien nicht, sagt er. Es sei ihm zuwider, dass Konzepte
oder Personen miteinander konkurrieren. Dass nur eine
Idee oder ein Kopf gewinnen könne. Dass nicht gemein-
sam nach Lösungen gesucht werde. Außerdem müsse
man sich in einer Partei hochdienen. »Und je entschei-
dungsbefugter man ist, desto weniger Spielraumhat man.
Ich glaube nicht, dass man in Parteien viel bewegen
kann.« Das Resultat seien dann Bundesregierungen wie
die amtierende. »Mittelmaß pur«, sagt Chris. Techno-
kraten und Beamte, keine klassischen politiker mehr.
die bereit seien, für Dinge zu kämpfen, die Menschen
mitzureißen.
»Aber ist es nicht schade, wenn die Parteien in einer
Demokratie so viele mittelmäßige Leute haben?«, frage
ich.
»Ja. stimmt schon.«
»Aber du willst das nicht rausreißen?«
»Nee. Warum soll ich mit diesen ganzen Mittelmäßi-
gen dasitzen? Ich fmde, dass unser Modell von Demokra-
tie überarbeitungsbedürftig ist. Die Menschen müssen
auch außerhalb von Parteien mitbestimmen können.
Zum Beispiel bei Volksentscheiden. Das finde ich sinnvol-
ler, als dass jetzt alle in die Parteien rennen.«
Deshalb wird Chris weiterhin Stunden, Tage, Monate
mit Diskussionen verbringen, an deren Ende hoffentlich
ein Konsens steht. Er wird den mühsamen Weg gehen und
hoffen, dass möglichst viele mitgehen. Auch wenn es
209
dann noch schwieriger wird, zu entscheiden, wohin. Und
er wird weiter mit den Widersprüchen leben, die jemand
aushalten muss, der in der linken Bewegung Karriere
macht. Er hat viel dafür getan, zur »unteren Elite« bei At-
tac zu gehören, in die entscheidenden Gremien zu kom-
men. Er will Verantwortung übernehmen. Er will mehr
tun als die meisten. Gleichzeitig sagt er inbrünstig: »Ich
möchte, dass es keine Elite mehr gibt, sondern nur noch
Masse. Die Masse kann man dann meinetwegen gern Elite
nennen.«
Ich habe große Zweifel, ob es Attac in diesem Ent-
scheidungstempo tatsächlich gelingen wird, ein ernstes
Gegengewicht zu Mario, Bernd und den anderen jungen
Leadern zu bilden. Mir fallt es wesentlich schwerer als
Chris, die teilweise offensichtlich fruchtlosen Debatten
als nötiges Mittel der Entscheidungsfindung zu akzeptie-
ren. Ich gehe raus auf eine Wiese, die vielleicht der Pau-
senplatz der Schüler war, als hier noch unterrichtet
wurde, und schaue mir den Rostocker Stadtteil Eversha-
gen an. Die Häuser sind etliche Stockwerke hoch. Damit
es nicht zu trist wirkt, sind sie bunt gestrichen. Manche
haben verspiegelte Fensterscheiben und sehen damit aus
wie gigantische Sonnenbrillentürme.
Auf der Suche nach Alternativen zum containerten Es-
sen laufe ich ein paar Meter zum Zentrum des Viertels.
Hier gibt es einen EDEKA-Markt, eine Bäckerei und einen
Parkplatz, auf dem ein kleiner Asia-Imbiss und ein paar
Bänke stehen. Zehn Männer sitzen hier und trinken ihr
Samstagnachmittagsbier. Die Flaschen unter der Bank
verraten, dass es vermutlich auch schon einige Mittags-
und Vormittagsgetränke gab. Die meisten aus der Gruppe
arbeiten, als Maler, als Monteure, sagen sie. Ich will wis-
210
sen, was sie davon halten, dass sich Chris und die anderen
hier treffen, teilweise über Wochen hier leben, um De-
monstrationen, Aktionen und Blockaden vorzubereiten.
»Zecken sind das«, sagt einer und zeigt auf ein paar Ju-
gendliche, die auf der Wiese sitzen. »Die sollte man zer-
quetschen.« Ein anderer schimpft: »Die hocken da und
verschwenden unsere Steuergelder.« Einer droht: »Das
wird hier noch ein zweites Lichtenhagen geben.«
Ich weiche zwei Schritte zurück. In Rostock-Lichten-
hagen hatten im Jahr 1992 ausländerfeindliche Anwohner
gemeinsam mit organisierten Neonazis tagelang Jagd auf
Asylbewerber gemacht. Nachdem diese in Sicherheit wa-
ren, zündete der Mob ein Wohnheim an, in dem über
hundertfünfzehn Vietnamesen und ein paar Journalisten
eingekesselt waren. Als sie sehen, dass ich gehen will, legt
mir einer der Männer seinen Arm um die Schulter. »Wir
sind doch auch gegen den Gipfel, nur anders«, sagt er.
Dann will er wissen: »Wie alt bist? Siebzehn, achtzehn?
Bist du noch zu haben?« - »Für euch nicht«, sage ich und
mache mich los. »Heil Hitler«, sagt da einer. Ich versuche,
schnell über die Wiese zu gehen, ohne zu rennen. Ich um-
runde die Schule und setze mich auf eine Bank in der
Sonne. Hinter mir ist ein Gitter, das einen FußballpIatz
einfasst, auf dem ein paar Jungs kicken. Immer wieder
schlägt der Ball auf Höhe meines Kopfes gegen den Zaun.
Ich drehe mich um. Auf dem Boden, versteckt unter einer
Jeansjacke, steht eine kleine Musikanlage. Der Sänger
grölt zur Melodie von »99 Luftballons«. Ich höre hin. Es
geht darum, »Kanaken« zu jagen. Im nächsten Titel sind
es Schwule, die gehetzt werden sollen.
Ich stehe auf - mit weichen Knien und wirren Gedan-
ken. Zwanzig Meter von der Bank und dem Fußballplatz
211
entfernt zerfleischen sich die Linken seit Stunden, debat-
tieren, ob die taz der Feind ist oder Attac. Umgeben ist die
linke Insel von der Evershagener Realität. Hitler-Freunde
auf der Bank vor dem EDEKA, Jungs, die rechte Hetz-
musik hören, auf dem Fußballplatz. Müsste man in der
Schule jetzt nicht eigentlich erkennen, dass man gemein-
same Ziele hat? Müsste man nicht rauskommen und sich
den rechten Meinungen entgegenstellen? Plötzlich er-
scheint mir alles so sinnlos.
Kurz nach Mitternacht bin ich wieder zurück in Ber-
lin. Bis zum frühen Morgen erzähle ich Tom und Theo
von Rostock. Von der verlassenen Hauptschule, den AGs
und den Nazis. »Sie ist ein bisschen verstört«, sagt Tom
denen, die am nächsten Tag Pläne fürs Wochenende ma-
chen wollen.
Einer der Männer, die vor EDEKA saßen, fuhr mir
später noch einmal mit dem Rad hinterher. Er wollte gern
über die Wende reden. Darüber, dass er den Westen
eigentlich mochte, weil ihm sein Onkel früher immer
Kaugummi aus Frankfurt am Main mitgebracht habe.
Aber es sei schnell klar geworden, dass es falsch war, an
den Westen zu glauben. Um ihn würde sich der Westen
nicht kümmern. Er gehöre zu den Verlierern, sagte er.
»Warum?«, wollte ich wissen. »Ich habe keine Heimat
mehr«, sagte er und war zurück in seiner irren rechten
Welt: »Wir haben den Krieg verloren. Seitdem haben wir
keine Heimat mehr.« Dann erzählte er mir noch, dass er
zwei Wochen später feiern wolle. »Am zwanzigsten. Da
wird Adolf hundertachtzehn.«
Die meisten Menschen, die ich bei meiner Recherche
traf, wollen den Wettbewerb um Leistung und Besitz ver-
schärfen. Sie wollen die potenziellen Gewinner fördern
212
und anspornen. Keiner von ihnen hat bestritten, dass es
dann auch mehr Verlierer geben wird. »Pech gehabt!«,
kommentierte dies Rektor Jahns von der EBS. »Um die,
die unverschuldet da reingerutscht sind, müssen wir uns
besser kümmern«, fand sein Student Bernd. Die Men-
schen, die nicht zum Wohl der Gesellschaft beitragen
wollten, obwohl sie es könnten, dürften allerdings vom
Staat auch nichts bekommen, fügte er hinzu. Die Inter-
nate wollen ein paar mehr Stipendien für die besonders
Klugen und Fleißigen unter den materiellen Verlierern or-
ganisieren. Und die Bayerische Elite-Akademie wird in ih-
rer Auswahl weiter darauf achten, dass auch die bisher Be-
nachteiligten ein paar Plätze bekommen. Das ist teilweise
sicherlich gut gemeint, teilweise absichtlich brutal. Aber
weder das eine noch das andere hat mich davon über-
zeugt, dass es denen, die unten stehen, besser gehen wird,
sobald die, die sich Elite nennen, mehr Einfluss haben.
Im Leben derer, die ich bisher traf, waren die Verlierer
hauptsächlich ein theoretisches Problem. Man weiß, dass
es andere schlechter haben, weil sie weniger können, we-
niger wollen, weniger besitzen. Aber Salem, Westerham
und Neubeuern sind Hunderte Kilometer von Rostock-
Evershagen entfernt. Hier gibt es keine Villa Ritz für die
Kleinsten, keine Internate für die Mittleren, keine Elite-
Akademie für die Großen. Hier gibt es manche Vorbilder,
die Schwachsinn reden, und Samstage, die in Bier er-
tränkt werden. 6,5 Millionen Deutsche leben einer Studie
der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge am unteren Rand.
Sie haben wenig Geld, sind meist arbeitslos, haben wenig
Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen
wird, und sie neigen zu radikalen politischen positionen.
Sie sind abgehängt. Unterschicht eben.
213
An den unterschiedlichsten Stationen meiner Elite-
Recherche empörten sich meist wohlhabende junge Men-
schen über die »deutsche Gleichmacherei«, als wäre sie
eine nationale Krankheit, eine Lähmung, Quell von Neid
und Missgunst. Sie saßen in Schlössern, als sie über die
Gleichmacherei schimpften, tippten ihre Kritik in ihr
Reiche-Kinder-Internet-Forum oder verkündeten sie auf
Karriere-Messen, wo ihnen Monatslöhne geboten wur-
den, die den Betrag, den ein Hartz-IV-Empfänger im Jahr
bekommt, übertrafen.
Das Gerede von der »deutschen Gleichmacherei« ist in
meinen Augen vollkommen absurd. Falls es diese Gleich-
macherei je gegeben haben sollte, ist sie schon lange
Vergangenheit. Vielleicht sollte der Elitenachwuchs mal
einen Ausflug nach Evershagen machen oder nach Wat-
tenscheid in die dortige Förderschule. Kein Kind dieser
Schule hat in den vergangenen Jahren einen AusbUdungs-
platz erhalten. Die Schule bereitet sie auf ein Leben mit
Hartz IV vor, von Anfang an. »Illusorisch«, sagen die
Lehrer, wenn diese Kinder von ihren Berufswünschen
erzählen. Und dabei träumt keines der Kinder davon, In-
vestmentbanker oder Unternehmensberater zu werden,
sondern allenfalls Verkäuferin im Kaufland. »So konnte
aus der einst nivellierten Mittelstandsgesellschaft ein Land
der scharfen Gegensätze werden«, schreibt der Spiegel im
Dezember 2006.
Die Deutschen sind reich, auf 7,5 BUlionen Euro wird
ihr Nettovermögen geschätzt. Aber die Hälfte dieses
Reichtums gehört ganz wenigen, nämlich den obersten
zehn Prozent der Bevölkerung. Im Schnitt bringt es ein
Haushalt in dieser Oberschicht auf ein Vermögen von
850000 Euro. Genug Geld, um den Nachwuchs in schicke
214
Kindergärten oder zu Privatunis zu schicken. Das Deut-
sche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass
das untere Zehntel der Bevölkerung in den letzten zehn
Jahren fünf Prozent seines Anteils am Gesamtvermö-
gen verloren hat, in Ostdeutschland beträgt der Verlust
sogar 14 Prozent. Gleichmacherei. Dieser Vorwurf geht
an der Realität vorbei.
»Deutschland wird zum Land der Extreme«, schreibt
der Spiegel. »Der Modehersteller Hugo Boss will eine Kol-
lektion für Kinder zwischen zwei und zwölf auflegen;
zugleich eröffnet an fast jedem Werktag eine neue Filiale
des Textildiscounters KiK, wo es Five-Pocket-Jeans für
Heranwachsende schon ab 4,99 gibt.« Und kaum einer
im Land fordert diese »Gleichmacherei«, vor der sich die
zukünftige Elite so fürchtet. Die Mehrheit der Deutschen
hat nichts dagegen, dass der, der mehr leistet, auch mehr
hat. Die meisten halten diese Formel für richtig. Sie ist
Motivation und Belohnung zugleich. Wenn also der, der
als Kind Discounter-Jeans trägt, gute Chancen hat, den
Weg nach oben zu schaffen, falls er klug und fleißig ist,
ist es für einen Großteil der Menschen akzeptabel, dass
nicht jeder im selben Laden kaufen kann. Aber hat er diese
Chancen?
Anfang 2007 waren nach Angabe des ARD-Deutsch-
landtrends zwei Drittel der Deutschen der Auffassung,
dass es im Land alles in allem eher ungerecht zugehe. Sie
trauten dem Versprechen nicht, dass allein Anstrengung
und Können bei der Verteilung des WoWstands entschei-
dend sind. Und nach allem, was ich gesehen habe, glaube
ich, dass sie recht haben. Deutschland ist undurchlässig,
stellen Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen fest. In
keinem anderen Land entscheidet die Herkunft so sehr
215
über den schulischen Erfolg. Nirgendwo sonst in Europa
ist es für Menschen, die einen Job im Niedriglohnsektor
haben, so schwer wie hier, eine besser bezahlte Stelle zu
finden.
Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es
selbstverständlich, dass seine Schüler trotz schlechterer
Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein,
wie er sagte, »I,O-Abiturient von einem staatlichen Gym-
nasium«. Chris, der Globalisierungskritiker, meinte, dass
es auch in der linken Szene diese Elite gebe, dass es Kinder
aus gutem Hause auch hier leichter hätten, weil sie souve-
rän im Auftreten seien, weil sie wüssten, wie das Spiel
funktioniere. An der Elite-Akademie, in den Internaten,
an den privaten Hochschulen preisen sie ihre Absol-
ventennetzwerke. Es sind liberale Nachfolger der immer
noch vielfach stramm rechten Burschenschaften, aber sie
funktionieren nach demselben Prinzip: Man kreiert eine
Gemeinschaft, einen Corpsgeist, und knüpft Seilschaften,
die ein Leben lang halten. Was den Burschenschaftlern
ihre »Alten Herren« sind, sind den Netzwerkern die
Alumni: Karrierekatalysatoren, die helfen, dass Einfluss
und Posten im Netzwerk, also in der Familie bleiben. Ma-
ria, die Maximilianeerin, hatte verwundert festgestellt:
»Wir sind viele Lehrer- und Professorenkinder.« Unter-
nehmerkinder, Ärztekinder, Anwaltskinder, könnte ich
noch hinzufügen. Die Menschen, die ich traf, kamen aus
ähnlichen Elternhäusern. Echte Aufsteiger wie Aadish
waren die absolute Ausnahme. Aber auch seine Eltern
waren Akademiker, als sie noch im Iran lebten.
»Dadurch, dass die Gesellschaft derart auseinander-
reißt, entwickelt sich bei den oberen Prozent eine Welt,
die mit dem Rest gar nichts mehr zu tun hat«, sagt Elite-
216
forscher Hartmann. »Das wird verstärkt durch Privat-
schulen oder auch die Selektion an den Unis. Das wird
richtig gepflegt, und die Leute denken in solchen Katego-
rien, und sowohl materiell als auch ideologisch entsteht
da eine homogene Oberschicht, eine herrschende Klasse,
wie es sie hier so lange nicht gegeben hat.«
In Deutschland gibt es offenbar tatsächlich die Gren-
zen, die Mario in Griechenland so eifrig beschworen
hatte. Hier die Gewinner, dort die Verlierer. Hier die, die
entscheiden, dort die, über die verfügt wird. Hier die
Elite, dort die Masse. Leistung und Talent spielen bei die-
ser Aufteilung sicher eine Rolle. Aber nicht die entschei-
dende. Denn aufgeteilt wird immer früher. Wenn sich
schon im Kindergarten die Wege gabeln, wenn es richtige
und falsche Schulen, anerkannte, aber teure Privatuni-
versitäten und belächelte Reste-Universitäten gibt, wer-
den wir wohl bald tatsächlich wieder Eliten haben. Eli-
ten, die ab der Geburt gepäppelt werden, deren Eltern
alles tun, damit das Elitelabel so früh wie möglich auf der
Stirn des Nachwuchses haftet und nie wieder verloren
geht. Wie rasant diese Entwicklung abläuft, hat mich
vollkommen überrascht. Ich, mit meiner Kleinstadt- und
Ruhrgebietserziehung, war wohl zu naiv, um darauf ge-
fasst zu sein, wie deutlich sich der Bildungsweg für einige
Privilegierte mittlerweile von dem der Masse unterschei-
det, wie früh die Netzwerke geknüpft werden, die dafür
sorgen, dass bestimmte Kinder immer weich fallen wer-
den. »Das sind ja fast amerikanische Verhältnisse«, sag-
ten manche, denen ich davon erzählte. »Ja, genau«, habe
ich dann immer gesagt, obwohl ich noch nie in den USA
war.
217
LOOKING FOR HARVARD
Amerikanische Verhältnisse. Zweiklassengesellschaft. Gute
Bildung für Reiche, eine Restbildung für den Rest. Ist das
unser Ziel?, frage ich mich, als meine Gedanken schlag-
artig stocken. Ich werde tiefer in den Sitz gepresst, klam-
mere mich an den Armlehnen fest und starre aus dem
Fenster. Die Air-France-Maschine schlingert beim Start
in Paris. In acht Stunden und fünfzehn Minuten soll sie in
New York landen, meinem Zwischenstopp in Richtung
Harvard. Es ist der letzte Versuch, doch noch eine schlüs-
sige Antwort auf meine Frage »Was heißt >Elite<?« zu fin-
den. Ich will meine Recherche nicht beenden, ohne im
Mekka der Eliten gewesen zu sein. Harvard sei der »Gold-
Standard der Bildungsindustrie«, schwärmt ein amerika-
nischer Marketing-Profi in der Süddeutschen Zeitung, der
Maßstab, den die bemühen, die zu den Besten gehören
wollen. Das Manipal Institute of Technology wirbt, es sei
das Harvard ofIndia, eine Universität in Israel tauft sich
Harvard ofHaredin, rund fünfzig US-amerikanische Uni-
versitäten sagen von sich, sie seien das Harvard des Wes-
tens, Nordens oder Südens. Die San Francisco Academy
for Dog Trainers meint, das »Harvard der Hundeschulen«
zu sein, und ein Yoga-Center in Colorado sieht sich als
»Harvard der Pilates-Lehrer-Ausbildung«. Werden die
US-Amerikaner gefragt, welche Marke weltweit das
größte Vertrauen genießt, antworten sie nicht Microsoft,
nicht Coca-Cola, nicht Disney, sondern Harvard. Har-
vard ist also Elite. Deshalb nehme ich in Manhattan den
Bus nach Boston, quartiere mich in einem Hostel ein und
gehe abends wieder und wieder meine Fragen durch, die
ich denen, die die Herzkammer der Elite von innen ken-
218
nen, stellen möchte. Ich bin mit einigen Deutschen verab-
redet, die in Harvard Politik studieren. Wenn es jeman-
den gibt, der mir doch noch das Prinzip »Elite« erklären
kann, denke ich, dann sie.
Am nächsten Morgen bin ich viel zu früh dran. Ich habe
eine Schale Haferschleim heruntergewürgt, mich mehr-
mals verlaufen und sitze nun in einer grauen, langsamen
und überfüllten U-Bahn, die mich hoffentlich zur elitärs-
ten aller Elite-Universitäten, zur einflussreichsten, be-
rühmtesten und mit 26 Milliarden Dollar Stiftungskapital
reichsten Uni von allen fahren wird. Ich fühle mich fremd
und denke an das, was mich in meinen ersten Stunden
in den USA am meisten irritiert hat: Ich habe Dutzende
Frauen gesehen, die Babys in Bugaboo-Buggys durch Parks
schoben. Oder auf Bänken saßen, während die etwas grö-
ßeren Kinder auf dem Spielplatz tobten. Oder vor den
schicken Privatschulen warteten, als die Großen um drei
Uhr in ihren Uniformen aus den Gebäuden strömten.
Beim ersten dieser Paare habe ich noch staunend und et-
was verschämt in den Kinderwagen geschielt. Beim zwei-
ten begann ich zu grübeln. Beim dritten hatte ich begrif-
fen: Während die Haut der Kleinen stets weiß oder zartrosa
ist, ist die der Nanny, die sich um das Kind kümmert, dun-
kel, meist schwarz. Die zweite Klasse, die in den USA of-
fensichtlich an ihrer Hautfarbe zu erkennen ist, betreut die
Kinder der Upperclass. Das müssen sie sein, die amerika-
nischen Verhältnisse, denke ich, als der Zug stoppt.
Ich bin da. »Harvard« heißt die U-Bahn-Station, zehn
Minuten von der Bostoner Innenstadt entfernt, auf der
anderen Seite des breiten Charles River. Zu dessen Ufer
müssen es laut Stadtplan nur wenige Meter sein, und dort
will ich hin. Wo die amerikanische Flagge vor einem Bil-
219
dungstempel weht. Wo die Ruderboote von synchronen
Schlägen der Studenten durchs Wasser gepeitscht werden.
Wo Studenten, die vor alten Herrenhäusern sitzen, durch
nichts in ihrer Lektüre gestört werden als durch das leise
Knirschen der Schritte ihrer Kommilitonen im Kies. Wo
Spaziergänger von John F. Kennedys Mahnung begrüßt
werden: And so, my fellow Americans: ask not what your
country can do for you - ask what you can do for your coun-
try. Ich suche das Harvard, das ich aus Büchern, Filmen
und von Fotos kenne.
Aber ich finde es nicht. Ich lese Namen auf Straßen-
schildern, die ich noch nie gehört habe. Berkeley Street.
Waterhouse Street, Garden Street. Fieberhaft versucht
mein Gehirn, einen Schnipsel Wirklichkeit zu erhaschen,
der sich mit den Bildern im Kopf deckt. Ich sehe normale
Straßen, normale Häuser, normale junge Menschen in
Jeans, Shirts und Flipflops, den Pappbecher mit dem
Morgen-Cappuccino in der Hand. Keiner trägt den brei-
ten, leicht gewölbten Harvard-Schriftzug auf der Brust,
den ich von in die Welt verkauften Sweatshirts und Kap-
pen kenne. Das hier kann nicht Harvard sein. »Sorry«,
wende ich mich an den nächsten Cappuccino-Trinker,
»I'm lookingfor Harvard. Can you help me?«
Wir starren uns ungläubig an. Er, weil er signalisiert:
Das ist hier. Ich, weil ich denke: Das kann nicht sein. Aber
er bleibt dabei: Einmal links und dann die Straße runter.
Und natürlich hat er recht. Harvard ist groß. Es gibt den
Klischee-Campus mit roten Backsteinbauten, der stolz
gehissten US-Flagge und einer Bibliothek, deren Eingang
von Säulen umrahmt wird. Es gibt aber ebenso den Be-
tonbau der Naturwissenschaften, der so hässlich ist, dass
er auch auf unserem Dortmunder Bausünden-Campus
220
m
nicht weiter aufgefallen wäre. Und es gibt, einmal links
und dann die Straße runter, die John F. Kennedy School of
Government. ein funktionales, aber nicht weiter aufre-
gendes Gebäude aus den siebziger Jahren. Hier studieren
die Deutschen.
45620 Dollar kosten Studienjahr und Wohnheimplatz
in Harvard normalerweise. Oliver. Mare, Thomas, Lars,
Matthias und Christina müssen die Gebühren nicht be-
zahlen und bekommen zudem einen monatlichen Unter-
halt von 1650 Dollar. Davon müssen sie zwar ein Zimmer
mieten. Aber das, was bleibt, reicht zum Leben. Das Geld
zahlt ihnen ein Finanzierungskonsortium, zu dem unter
anderem Harvard, das Bundeswirtschaftsministerium,
der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die
Haniel Stiftung eines Duisburger Konzerns gehören. Die
sechs Deutschen sind McCloy-Stipendiaten.
John Jay McCloy wurde 1949 von den USA als »Hoher
Kommissar« nach Deutschland geschickt. Er setzte sich
für den Marshallplan und Deutschlands Wiedergeburt
auf internationaler Bühne ein. Er war einer. der beide
Länder verband. Das soll auch ihnen einmal gelingen. den
»McCloys«, wie die deutschen Stipendiaten in Harvard
genannt werden. Preparing leaders for service to democra-
tic societies - »Führungskräfte rur den Dienst an demo-
kratischen Gesellschaften auszubilden«, das ist der nicht
gerade bescheidene Auftrag. dem sich die John F. Kennedy
School verschrieben hat. Die Deutschen werden geför-
dert, um sich hier den letzten Schliff rur ihre Karrieren als
Führungskräfte im öffentlichen Sektor, also dem Staat, zu
holen.
Hier, da bin ich sicher, werde ich eine junge Elite fin-
den, die den Staat gestalten, die dem Gemeinwohl, nicht
221
der Wirtschaft dienen will. die in Verwaltungen. Ministe-
rien oder der politischen Exekutive das umsetzen wird.
was sie hier. an Amerikas edelster Uni. gelernt hat. Eine
Elite. die sich vielleicht als Gegengewicht zu den Absol-
venten der EBS. zu den Investmentbankern und Beratern
sieht. quasi als Anwalt der Allgemeinheit. Eine Elite, die
mir hoffentlich erklären wird. dass es ihr Ziel ist. für an-
dere zu arbeiten. am großen Ganzen zu feilen. nicht nur
am eigenen Kontostand und dem einer Firma.
Getränkt mit so viel süffigem Pathos schreite ich ins
Forum der JFK-School. Dort sitzen sie. The Chosen. die
Auserwählten. die den Sprung nach Harvard geschafft ha-
ben. Sie sind Ende zwanzig. haben aber schon so prall ge-
füllte Lebensläufe. dass ich mich frage: Wann haben sie das
alles geschafft? Lars zum Beispiel. der dünne Blonde. der
im Gespräch am meisten reden wird. hat nicht nur Wirt-
schaftsgeografie. Politik und Volkswirtschaft studiert,
sondern auch schon bei zwei großen Beratungsfirmen.
der luxemburgischen Regierung. der Bertelsmann-Stif-
tung. dem Aspen-Institut und dem deutschen Außen-
ministerium gearbeitet. Oder Oliver. der Jahrgangsspre-
cher: Er hat in Bremen. Spanien. Brasilien und Uruguay
studiert. Dort hat er bei der Mercosur gearbeitet. der süd-
amerikanischen EU. Bei der richtigen EU in Brüssel war
er auch. Außerdem bei einer NGO in Indien und einer
Entwicklungshilfeorganisation im Südpazifik. Im Som-
mer will er zu einer Abenteuerreise aufbrechen und mit
Bus und Bahn von Deutschland nach China reisen. Lars
ist einunddreißig. Oliver gerade erst vierundzwanzig. Hut
ab. denke ich und freue mich auf ihre Visionen.
»Was wollt ihr ändern? Wo wollt ihr hin? Politik.
Ministerien. diplomatischer Dienst?«. frage ich.
222
»Unternehmensberatung«, sagt Oliver. Lars will eine
Politikberatung gründen. Bei vielen ihrer Mitstudenten
sehe es ähnlich aus: McKinsey und die anderen großen
Beraternamen stünden in den Charts der Arbeitgeber ganz
oben. Ihr Jahrgang sei da keine Ausnahme. sagt Oliver.
»Wenn man sich die Alumni-Listen anschaut, ist es ganz
klar so. dass unheimlich viele Leute in den Privatsektor
gehen und auch dort bleiben.«
Könnte man Gefühle hören, so gäbe es jetzt einen
dumpfen Knall. Die Pathosblasen, die auf dem Weg hier-
her immer dicker geworden sind. sind zerplatzt. Eine bei
dem Wort »Berater«. eine bei »keine Ausnahme«. eine bei
»Privatsektor«. Peng. peng. peng.
Der öffentliche Sektor mache es einem nicht leicht.
sagen sie. Während die großen Beratungsfirmen Topab-
solventen hofierten und mit astronomischen Gehältern
würben. müssten auch die Harvard-Studenten für eine
Karriere in den Ministerien - wie alle in der langen
Schlange, die durch das streng formalisierte Auswahlver-
fahren wollten - anstehen. Und dort würden dann eben
Juristen mit einem »Standardlebenslauf« bevorzugt. kla-
gen sie. »Die Leute. die diesen Standardlebenslauf nicht
haben. weil sie im Ausland waren. vielleicht auch. weil
sie etwas anderes gemacht haben. vorher in der Wirt-
schaft waren. die stören ja ein bissehen, die könnten ja
die eingespielten Prozesse verändern wollen«. sagt eine
Studentin.
»Und warum nicht in die Politik?«. frage ich.
»Wäre für mich denkbar gewesen«. sagt Oliver. »Aber
meine Schwierigkeit ist. auch wenn sich das nach Ent-
schuldigung anhört. dass das System in Deutschland ein-
fach so ist. dass eine Auszeit von zwei Jahren nicht gerade
223
förderlich für einen Aufstieg in einer Partei ist. Es gibt
hier ein paar Beispiele von Leuten, die vor der Entschei-
dung standen: weiter in der Partei aufsteigen oder nach
Harvard gehen. Es ist nicht so, dass das hier in Deutsch-
land als Sprungbrett zu einer politischen Karriere angese-
hen wird.«
Plötzlich sehe ich Mario und seine Kollegen von
McKinsey vor mir. Sie halten überdimensionale Sauger in
der Hand und positionieren sich vor allen Unis, Schulen
und Akademien, an denen man die junge Elite vermuten
könnte. Dann saugen sie die Talente ab und speisen mit ih-
nen ihren hochtourig laufenden Apparat. Ein Parallelsys-
tem der neuen Mächtigen, gegen das verstaubte Organisa-
tionsformen wie Staat oder Wissenschaft keine Chance zu
haben scheinen. Es mag nach Verschwörungstheorie klin-
gen, aber an allen Orten, die ich während meiner Recher-
che besuchte, hieß es: McKinsey und Co. waren schon da.
Manche der jungen Talente sträuben sich, manche suchen
nach anderen Wegen, aber letztlich unterschreiben die
meisten doch. Vielleicht hat Mario recht. Keiner scheint
die junge Elite so zu faszinieren und zu dominieren wie die
Beratungen. Sie bieten viel Geld, eine spannende Arbeit
und jedem ein bissehen Macht. Denn er darf mitentschei-
den, wie das Arbeitsleben anderer weitergeht.
Als ich mich bei McKinsey beworben hatte, war ich
überrascht, wie intensiv die großen Beratungsfirmen in-
zwischen mit dem Staat zusammenarbeiten. Dass die Be-
rater in den Vorstandsetagen der Dax-Unternehmen ein
und aus gehen, war mir klar. Dass sie aber auch vorschla-
gen, wie die Bundesagentur für Arbeit oder die Bundes-
w ~ h r auszusehen haben, dass sie Konzepte entwickeln,
WIe man U' 't" d
mverSI aten 0 er Krankenhäuser straffer orga-
224
nisieren kann, war mir neu. 1,4 Milliarden Euro zahlte der
Staat den Beratern nach Angaben der Branche im Jahr
2006. 1,4 Milliarden dafür, dass sie anstelle von Politikern
und Verwaltungen Konzepte dafür entwickeln, wie unser
Leben aussehen soll. Wenn das so weitergeht, wäre es viel-
leicht ehrlicher, bei Wahlen die Konzepte von McKinsey
oder Berger zur Abstimmung zu geben statt der Pro-
gramme von CDU oder SPD. »Wir bleiben nur zwei, drei
Jahre dort«, sagten die meisten der Schüler und Studen-
ten, mit denen ich über ihre Karriere als Berater sprach.
Aber selbst wenn das stimmt, sind die Beratungen die
Einheitsschule der zukünftigen jungen Elite.
»Man müsste den Begriff >soziale Gerechtigkeit< aus
allen Diskussionen, auch aus der über Elite, erst einmal
rauslassen«, reißt mich Lars, der zukünftige Politikbera-
ter, aus meinen Gedanken. »Nicht weil man sagt, es ist uns
egal, was passiert, sondern weil diese Phobie, vor allem,
was die Egalität gefährdet, im Grunde genommen ein
Mittelmaß schafft und uns die Möglichkeit nimmt, Dinge
zu verbessern.«
Es gibt einen in der Runde, der mehrmals »aber« sagt-
als die anderen Harvard-Stipendiaten über die deutschen
Universitäten schimpfen, als sie fordern, es müsse we-
sentlich verschulter werden, nur so könne man das Drit-
tel unter den deutschen Studenten, die »absolut nicht
studierfähig« und dazu noch ziemlich faul seien, aussor-
tieren. Als sie die Einführung von Studiengebühren ver-
langen, damit alle Bildung als »Investment in sich selbst«
erkennen.
Matthias heißt der »Aber«-Sager. Gelbes T-Shirt, Fünf-
tagebart, lange Haare. »Das sieht man ja, dass ich eher
linke Ansichten habe«, meint er. Er bleibt, als die anderen
225
längst in Richtung Seminar verschwunden sind, und er-
zählt von seinem Projekt in Indien. Er will dort ein Mi-
krokreditinstitut für Wohnungsbau mitentwickeln. Die
Ärmsten könnten dort Kleinstbeträge leihen, um sich
würdigen Wohnraum zu leisten. Schon jetzt pendelt Mat-
thias zwischen Harvard und Ahmedabad im Westen In-
diens hin und her. »Noch einmal zu den Beratern«, sagt
er. »Es ist nicht so, als hätten sich hier alle auf Dutzende
Stellen in den Ministerien beworben und sähen keine an-
dere Möglichkeit, als zu den Beratungsfirmen zu gehen.
Viele bekommen eine Absage vom Staat und denken
dann: Das Geld, das die Beratungen zahlen, ist auch nicht
schlecht.«
»Aber macht das Stipendium, das viel Geld, auch
staatliches Geld, kostet, dann überhaupt Sinn, wenn am
Ende doch alle zu Beratungen gehen und eben nicht beim
Staat arbeiten?«, frage ich.
»Es gab unter den Studenten Diskussionen«, sagt Mat-
thias, »sehr lange Diskussionen. Es ging darum, ob sich
die Absolventen verpflichten sollten, eine Zeit lang im öf-
fentlichen Sektor zu arbeiten. Oder ob diejenigen, die in
die private Wirtschaft gehen und deshalb sehr viel Geld
verdienen, einen Teil ihres Stipendiums zurückzahlen
sollten. Für diese Vorschläge gab es keine Mehrheit. Die
meisten Studenten wollten das nicht. Leider.«
Um sechs Uhr morgens landet die Boeing 777 in Paris.
Ich bin zurück aus den amerikanischen Verhältnissen, de-
nen die deutschen Verhältnisse immer ähnlicher werden.
Vier Tage hat meine Reise ins Mekka der Eliten gedauert.
Ich bin geflogen, stundenlang Bus gefahren, durch Har-
vard geirrt, um vielleicht doch noch neue, kluge Antwor-
ten auf meine Fragen zu hören. In meinem Rucksack habe
226
ich zwei Stunden Interview auf Band, dreiundzwanzig
eng betippte Seiten. Aber eine andere Elite, ein Gegenge-
wicht zu dem bislang Gehörten, habe ich nicht gefunden.
Stattdessen die immer gleichen Antworten: der Wunsch
nach einer Förderung der Eliten. Das Bekenntnis zu Leis-
tung, Ehrgeiz und Fleiß, gepaart mit einer mitleidlosen
Missachtung für die, die nicht ähnlich erfolgreich sind,
vielleicht sogar scheitern. Wie die »faulen« deutschen
Dauerstudenten zum Beispiel.
Im Interview hatten die Studenten erzählt, dass das
Faszinierende an Harvard sei, mit welch großem Einsatz
alle an ihren exzellenten Kontaktnetzen knüpfen würden.
Die akademische Qualität der Seminare sei nicht unbe-
dingt besser als in Deutschland. Aber jeden Abend seien
hochkarätige Gäste da. Der französische Premier, Made-
leine Albright, Joschka Fischer. Manchmal konkurrieren
mehrere Nobelpreisträger um ihr publikum. Man würde
in Harvard schnell begreifen, sagen sie, wie wertvoll Ver-
netzung sei. Und auch sie würden inzwischen eifrig
knüpfen.
Auch diesen Gedanken habe ich schon mehrmals ge-
hört. In Neubeuern und Salem, wo die Abiturienten dicke
Bücher mit wertvollen Adressen in die Hand gedrückt be-
kommen und ein Anruf den Einstieg in den Beruferleich-
tert. An der EBS und der Elite-Akademie, wo an funktio-
nierenden Absolventen-Netzwerken gearbeitet wird. Und
sogar von Chris, der meinte, dass es mittlerweile auch
Karrierenetzwerke für junge Linke gebe. Elite heißt Ver-
netzung. Ein Netz, das die, die dazugehören, auffängt und
die, die außen stehen, abhält. Die amerikanische Century
Foundation hat kürzlich die Studentenschaft der berühm-
testen US-Unis untersucht. Nur drei Prozent der Erstse-
227
,." ~ , -
mester kommen aus Familien, die zum ärmsten Viertel
der Bevölkerung gehören. 74 Prozent der Studenten sind
Kinder derer, die das reichste Viertel ausmachen. Dass
dieses Ergebnis nicht nur damit zu tun hat, dass Kinder
reicher Eltern bessere Schulen besuchen und besser geför-
dert werden, hat der Journalist und Pulitzerpreisträger
Daniel Golden beschrieben. 2006 veröffentlichte er sein
Buch The Price ofAdmission - »Der Preis der Zulassung«.
Untertitel: »Wie sich Amerikas herrschende Klasse in die
Elite-Colleges einkauft und wer draußen bleiben muss.«
Das Buch sorgte in den USA für heftige Debatten,
konnte Golden doch nachweisen, dass der amerikanische
Aufsteigermythos mit der Realität an den großen Univer-
sitäten nicht mehr viel zu tun hat. Seine aufwendige Re-
cherche zeigt, dass die berühmten Colleges, von Harvard
über Princeton bis Yale, bei der Auswahl ihrer Studenten
mindestens genauso auf den Reichtum und die Macht der
Eltern achten wie auf die Noten und Testergebnisse der
Schüler. So hat Harvard zum Beispiel den Sohn des ehe-
maligen Vizepräsidenten und heutigen Klimaschutzhel-
den und Nobelpreisträgers Al Gore angenommen, o b ~
wohl er schlechte Noten hatte. Im gleichen Jahr hat die
Uni einen asiatischstämmigen Studenten mit brillanten
Zeugnissen und einem exzellenten Lebenslauf abgelehnt.
Er war unhooked, wie es in der College-Sprache heißt.
stammte also nicht aus einer wohlhabenden Familie.
Golden belegt, dass die Aufnahmebüros in Harvard,
Duke und Co. bei Kindern von treuen Geldgebern, von
Absolventen der Unis, von Berühmten und Mächtigen
beide Augen zudrücken, dass sie Stipendien für Polospie-
ler, Golfer und Dressurreiter einrichten, während gleich-
zeitig die Förderprogramme für talentierte Basketballer
228
oder Läufer zusammengestrichen werden. So, meint Gol-
den, würden die Unis immer reicher und weißer. Das Ti-
cket für Harvard werde vererbt wie eine Firma, ein Pfer-
destall oder ein Fuhrpark. Die Elite versorgt ihre Kinder
mit den Abschlüssen der Elite-Unis, die nötig sind, damit
sie das Erbe ihrer Eltern antreten können. So bleibt man
unter sich. Ein Feudalsystem. das ohne die plumpen Me-
thoden seines geschichtlichen Vorgängers auskommt. Ein
Feudalsystem, an dem, wie mir meine Recherche gezeigt
hat, auch deutsche Privatschulen und -Universitäten bas-
teln. In der jüngsten PISA-Studie landeten die USA in
puncto Chancengleichheit vor Deutschland. Es gibt also
keinerlei Gründe, über das ach so ungerechte amerikani-
sche Zweiklassensystem zu spotten.
Dem nächsten meiner Freunde. der sagt: »Das sind ja
amerikanische Verhältnisse«, wenn ich ihm von meiner
Reise zur Oberschicht erzähle. werde ich nun guten Ge-
wissens erwidern: »Streich das >amerikanisch<. Es sind die
Verhältnisse.«
DIE ELITE FEIERT
Es ist kurz nach Mitternacht. Gleich wird es ernst. Ich
stehe vorm Spiegel und teste zum dritten Mal, welches
Paar Schuhe zu meinem gerade gekauften kurzen schwar-
zen Kleid passt. Noch etwas steif halte ich mich an der
kleinen, mit glänzenden Steinen besetzten Handtasche
fest, die mir eine Freundin geliehen hat. Meine Lippen
sind tiefrot. Zu rot? Das würde ich jetzt gern meinen
Freund fragen, doch der rennt seit einer Stunde zwischen
seinem Zimmer und dem Bad hin und her. Tom zieht das
229
Hemd aus der Hose, steckt es wieder rein, zieht doch ein
anderes an und verzweifelt fast bei der Erkenntnis, kei-
nen braunen Ledergürtel zu besitzen. »Ich will nicht, dass
die sagen: >Sozen-Mode, draußen bleiben<<<, jammert er.
»Dresscode: stylish und sexy« steht in der Einladung. Da-
hinter drei Ausrufezeichen. Was meinen die damit?«
»Die« sind die Kinder wohlhabender Eltern, zu deren
Internet-Netzwerk Schwarzekarte ich seit einigen Wochen
gehöre. Heute feiern sie eine, wie sie schreiben, »exklusive
und exzessive Party« im Berliner Dinnerclub Bangaluu,
und wir stehen auf der Gästeliste. Deshalb die Aufregung.
Ich hatte Tom aus einem Artikel in der Hamburger Mor-
genpost vorgelesen. Darin wurde die letzte Schwarzekarte-
Party als Champagnergelage von Kindern beschrieben,
von denen einige jeden Monat ein Taschengeld in Höhe
eines ordentlichen Nettogehalts, also um die 2000 Euro,
verprassen können.
Wenig später sitzen wir in Toms Polo. »Mit dem kannst
du da nicht vorfahren. Wir müssen ein paar Straßen wei-
ter parken«, sage ich. »Hätte ich eh nicht gemacht«, ant-
wortet er gereizt. Wir parken, stopfen aufgeregt viel zu
viele Scheine in die winzige Handtasche und laufen zu
demvon Strahlern in rosafarbenes Licht getauchten Club.
Taxis halten hier im Akkord und speien junge Menschen
aus, die sich hinter uns in die Reihe einordnen. Die
Schlange bewegt sich kaum. Es geht nur zentimeterweise
weiter. Eine unnötige Prozedur, wie wir später sehen
werden, denn der Club ist nur mäßig gefüllt. Exklusivität
scheint zu verlangen, dass man vorher ordentlich friert.
Eine halbe Stunde später ist zumindest klar, dass sich das
Ankleidetheater gelohnt hat. Ein Blick mustert unsere
Gesichter, einer prüft kurz die Kleidung, dann sind wir an
230
e
den Türstehern, die in schneeweißen Daunenjacken ste-
cken,vorbei.
Wir sind jetzt seit über einer Stunde auf der Party, es
ist kurz nach zwei, und ich fühle mich falsch. Alles um
mich herum ist weiß. Die Wände und der Boden, die Vor-
hänge und die Ledersitzgruppen, sogar die Kleidung der
Barkeeper und die Schürzen und Hauben der farbigen
Toilettenfrauen, die den Gästen die Türen öffnen, auf de-
nen »Prince« oder »Princess« steht. Hinter meinem Rü-
cken sind Samtkordeln gespannt. Hinter denen wiederum
hocken betrunkene, sehr junge Partygäste, die silberne,
mit Eis gefüllte Kübel vor sich stehen haben, in denen ein
paar halb leere Flaschen stecken. Wodka- und Champa-
gnerflaschen gibt es heute zum Schwarzekarte-Special-
Price von 50 Euro. Ab und an hebt einer der abgefüllten
Helden die Arme, als wolle er die Sängerin am Ende des
Saals dirigieren. Die Frau, die schon seit einer halben
Stunde in einer Dauerschleife zu irgendwelchen Beats
singt, steckt in einem gefährlich korsettierten Kleid. Ihre
Brüste, die ich auf jeweils zwei Kilogramm schätze, wer-
den bei jeder Bewegung aufs Neue gequetscht. Sie leckt
sich die Lippen und stöhnt. Dann schreit sie: »Berlin, do
you want House Music?« Danach stöhnt sie wieder und
singt schließlich weiter. Ich mustere sie lange und ent-
scheide, dass sie nicht der Grund für mein Unwohlsein ist.
»Was ist hier so falsch?«, schreie ich Tom zu. »Das ist so
seelenlos hier«, sagt er. »Keiner ist ausgelassen, keiner hat
richtig Spaß.«
Und, ehrlich gesagt, sonderlich exklusiv ist es auch
nicht. Klar, auch hier spazieren in Gestalt von Täschchen
und Stiefelchen die teuren Marken umher, die ich mittler-
weile so gut kenne. Und 50 Euro pro Flasche stemmt man
231
auch nicht mit einem Eckkneipen-Budget. Aber sonst?
Eine ehemalige Soap-Darstellerin haben wir gesichtet, und
Tom ist von einer Tussi angemacht worden, die einen »to-
tal exklusiven« Club am Ku'damm eröffnen will und jetzt
schon nach den richtigen Leuten fahndet. Das endete mit
einem billigen »Kann ich deine Nummer haben?«. Und
tatsächlich gibt es hier auch jede Menge Leute, die man
eher in Großraumdiscos erwarten würde. Die Sonnen-
studio-Gebräunten. Die Muskelshirt-Träger. Die Handy-
Fotografierer. Also nichts mit Elite. Denken wir erst mal.
Denn als wir die Treppen zum zweiten Obergeschoss
hochgehen wollen, merken wir, dass die Exklusivität im
Bangaluu mehrstufig organisiert ist. Unten auf der Tanz-
fläche steht das Volk. Hinter den Samtkordeln sitzen die,
die sich zumindest die 50-Euro-Flaschen leisten können.
Hier aber ist für sie alle und auch für uns Schluss. Eine
Frau, die hinter einem kleinen Pult steht, bewacht den
Aufgang zum »Private«-Bereich. »Wer hier hochwill,
braucht ein weißes Band«, erklärt sie uns.
»Wer hat das? Wir stehen auf der Gästeliste!«
»Das reicht nicht«, sagt sie. Man müsse den Besitzer
kennen oder den, der die Bänder verteilt. Das schwarze
Kleid, die edle Handtasche und die roten Lippen - das al-
les war also umsonst. Wir gehören nicht dazu. Strahlend
biegt kurz darauf ein Freund, der uns zur Party begleitet
hat, um die Ecke. Dennis hat sich extra für diesen Abend
einen bürgerlichen Seitenscheitel gekämmt und ihn mit
Daxwachs fixiert. »Braucht ihr so ein Band?«, fragt er und
wedelt mit seinem Handgelenk vor unserer Nase herum.
»Private« steht da. Er habe gelangweilt und frierend am
Eingang gewartet, erzählt er, als ein Typ gekommen sei
und gefragt habe: »Magst du ein Band? Für oben?( Die
232
Exklusivität scheint recht willkürlich verteilt zu werden.
Sie ist ein Lockmittel. Und es wirkt.
Plötzlich möchte ich um jeden Preis auch diese Treppe
hoch. Dennis redet auf die Dame am Pult ein. »Du hast es
doch gerade schon mal versucht«, motzt sie in meine
Richtung. Aber Dennis gehört jetzt dazu. In seinem Ge-
folge darf ich an ihr vorbei. Wir passieren einen Kühl-
schrank mit riesigen Champagnerflaschen, biegen um die
Ecke, gehen an der Bar vorbei und sehen in einem fast lee-
ren Raum vielleicht dreißig »Private«-Gäste, die meisten
noch halbe Kinder. Gerade kippt einer ein Glas Cola über
die weiße Ledersitzecke. Ein Mädchen starrt vor sich hin,
ein Junge fahrt ihr zwischen die Beine. Sie starrt weiter.
Vor dem DJ, der unermüdlich Plastikmusik auflegt, tan-
zen ein paar Gäste exzessiv, ergötzen sich an sich selbst.
Einer imitiert Schrittfolgen, die er wohl in irgendeinem
Video gesehen hat, zwei Mädchen reiben sich an einem
jungen Krawattenträger. Ein anderes setzt sich unter dem
Kreischen ihrer Freundinnen eine Sonnenbrille auf. Es
wirkt wie eine hohle Kopie einer reichen und schönen
Welt. Dabei hatten uns doch alle Zulasskontrollen sugge-
riert, dass wir hier auf einer echten Party der Elite landen
würden. Stattdessen sind wir auf einem Kindergeburts-
tag, bei dem die Gäste nicht im Stuhlkreis, sondern in
weißen Ledergarnituren sitzen. Wir stehen und starren.
»Lass uns gehen«, sage ich irgendwann.
Ob es am Cuba Libre liegt, den ich getrunken habe, an
der House-Music-Sängerin oder an den selbstverliebten
»Private«-Kindern, kann ich später nicht mehr sagen. Als
ich zu Hause bin, werde ich plötzlich so wütend, dass ich
meine Elite-Materialsammlung aus dem Regal reiße und
durchs Zimmer schleudere. »Ich habe genug von den
233
Eliten!«, fluche ich, als Tom irritiert aus dem Bad her-
beieilt. Am nächsten Morgen bin ich froh, nicht das
schwarze Kleid oder die Brillantentasche demoliert zu
haben. Noch glücklicher bin ich allerdings darüber, dass
ich beides nicht mehr brauchen werde. Denn das war es
mit der Elite. Endgültig.
UNTER GEWINNERN
Nach einem Jahr geht meine Suche nach der Elite jetzt zu
Ende. Ich glaube, es wäre sinnlos, weiterzusuchen. Ich
habe schon zu viele Bilder im Kopf, zu viele Antworten
im Ohr, zu viel Unwohlsein im Bauch, um weiter neugie-
rig, möglichst unvoreingenommen auf die zuzugehen,
die sich Elite nennen. Aus diffusen Eindrücken ist in die-
sem Jahr mehr und mehr ein stabiles Gedankengebäude
geworden.
Ich habe imvergangenen Jahr Tausende Bahnkilometer
gesammelt, Hunderte Artikel gestapelt, Dutzende Defini-
tionen des Begriffs »Elite« gehört und ebenso viele Recht-
fertigungen für sein plötzliches Wiederauftauchen. Mir ist
klar geworden, dass in Deutschland eine gewaltige Eliten-
Revitalisierungskampagne läuft. Der Satz »Wir brauchen
wieder Eliten« ist inzwischen so oft gesagt worden, dass
ihn fast niemand mehr hinterfragt. Inzwischen hat man
die zweite Phase der Kampagne gestartet. Die Phase der
Realisierung. Kindergärten, Schulen und Universitäten
versprechen, dass sie diese Eliten, die wir angeblich brau-
chen, ausbilden. Eltern überweisen Geld, damit ihre Klei-
nen dazugehören. Gebühren für den Kindergarten, für
die Schule, das Internat, den Karrierecoach und die Uni.
234
Wenn man die zusammenzählt, kommt man auf min-
destens 300000 Euro. Die sollte jedes Elternpaar für die
Finanzierung eines solchen Elitebildungswegs beiseite-
legen. Es wachsen Menschen heran, die vor allem eins ler-
nen: Euer Platz ist unter den Gewinnern. Ihr dürft die
wichtigen Posten in der Gesellschaft übernehmen. Ihr seid
Elite. Im Rennen um Macht und Geld ist für euch die Pole-
position reserviert.
Die erste so erzogene Elitegeneration steht bereit. In
den Internaten, in Akademien, an den Unis. Es sind junge
Menschen, die gelernt haben, dass Elitesein kein Tabu
mehr ist, sondern Tatsache. Junge Menschen, die wissen,
dass sie für sich mehr beanspruchen können als der
Durchschnitt. Manche zögern, diesen Anspruch zu for-
mulieren. Andere schreien ihn, vor Selbstbewusstsein
strotzend, heraus. Manche versprechen, auf ihrem Weg
nach oben die, die unten stehen, nicht zu vergessen. An-
dere haben für sie nur ein verächtliches »Strengt-euch-
halt-mehr-an« übrig. Auch die Begründungen, die sie auf
ihr Reservierungsschildchen für einen Platz in der Elite
schreiben, unterscheiden sich. »Leistung« steht aufvielen.
»Verantwortung« auf anderen. »Geld und Herkunft«
schreiben Dritte. Jeder so, wie er es braucht. Und das ist
das Grundproblem des Elitebegriffs. Er ist schillernd und
unscharf zugleich. Das macht es so leicht, ihn zu instru-
mentalisieren.
Das Wort »Elite« halte ich nach diesem Jahr nur für
bedingt brauchbar. Weil das Wort, mit dem ich jetzt.so
viel Zeit verbracht habe, ein echter Begleiter geworden 1st,
empfinde ich sogar so etwas wie Mitleid mit ihm. Als sei es
in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht schon
genug gequält worden, wird es nun wieder hervorgezerrt.
235
Wie ein altes Superman-Kostüm, das Politiker und Wirt-
schaftsbosse in den Tiefen ihrer Mottenkisten wiederent-
deckt haben. Es soll seine Träger als Helden der Effizienz-
gesellschaft verkleiden und ist dehnbar genug, um fast
alle Motive unter sich zu verbergen. Verpflichtung, Ver-
antwortung, Vorbild, Mut und Wahrheitsliebe. Sicher
auch edge und energy, was immer das auch heißen soll.
Das alles sei Elite, hörte ich. Ich sah, dass Elite aber auch
Ungerechtigkeit, Sonderrechte, Aufteilung und Macht-
streben meint.
Ich finde, es ist höchste Zeit, dieses Kostüm wieder
herunterzureißen. Das Wort »Elite« ist zu unscharf, um
zu definieren, wie man in seinem Sinne die Gesellschaft
verändern soll. Wenn gefordert wird: »Wir brauchen wie-
der mehr Eliten«, müsste die Antwort nicht »Ja« oder
»Nein« lauten, sondern: »Sagt, was ihr damit meint, und
versteckt euch nicht hinter diesem so oft missbrauchten
Wort.« Ich habe gesehen, dass »Elite« heißen kann, dass
schon die Kleinsten in Geförderte und Ungeförderte ge-
teilt werden, dass wenige Ausgewählte besser behandelt
werden als der große Rest und dass die Regeln für diese
Auswahl oft ziemlich undurchsichtig sind. Ich habe gese-
hen, dass »Elite« heißen kann, dass nur die, die zahlen,
eine besonders gute Ausbildung erhalten und als Bonus
Kontaktnetze, die eine schnelle Karriere sichern. Ich bin
sicher, »Elite« heißt für manche auch, dass sie Sonder-
rechte auf Lebenszeit fordern, dass sie hinnehmen, dass
sich Deutschland noch offensichtlicher in Gewinner und
Verlierer teilt.
Nach diesem Jahr fürchte ich mich davor, dass man-
che, die all das wollen, das Wort ))Elite« nutzen, um ihre
wahren Motive zu verbergen, um die nötigen Debatten
236
über die Frage »Wer bekommt wie viel und warum?« zu
ersticken, um schnell und geräuschlos das Land in eine
neue Richtung zu drehen. ))Wir wollen Eliten«, klingt sehr
viel freundlicher als »Wir wollen in Gewinner und Verlie-
rer teilen«, auch wenn manche mit beiden Sätzen dasselbe
meinen.
Ich bin mir fast sicher, dass die meisten von denen, die
ich traf, diese Welt in letzter Konsequenz gar nicht wollen.
Als Carllange nachdachte und die einfachen Antworten
scheute, weil er Sorge hatte, auf dem schwierigen Terrain
zwischen dem, was er unter ))Elite« versteht, und dem,
was andere mit dem Begriff verbinden, zwischen seiner
Karriere und seinen Idealen ins Straucheln zu geraten,
merkte ich, dass nicht nur ich mit dem Wort zu kämpfen
hatte. Als Oliver aus Harvard mir einen Link zu seinem
Internet-Tagebuch schickte, in dem er seine Reise von
Düsseldorf nach China beschreibt, sah ich, dass auch die
Elite Pausen braucht. Als Bernd erzählte, dass er durch die
Arbeit seines Vaters viel Kontakt zu Behinderten habe
und dass es ihm Sorgen mache, dass auf diese Menschen
so wenig Rücksicht genommen werde, begriff ich, dass
auch für ihn die Effizienz Grenzen hat.
Fast alle, die ich traf, waren klug, fleißig und freundlich.
Ich fände es schön, wenn ihnen die Last des Eliteseins er-
spart bliebe, wenn sie sich Fehler gönnen könnten, unnütze
Hobbys oder lange Ferien. Ich würde ihnen gern s a g e ~ ,
dass das Leben kein anstrengender Sprint sein muss, kem
. tli h
Wettkampf um noch mehr Leistung, und dass ~ ~ g e n c
kein Zwang besteht, zu funktionieren, schneller, hoher und
weiter zu kommen als andere.
Ob einen der Satz ))Du bist Elite« auf Dauer verändert?
. h d· L· irgendwann nicht
Vermutlich sperren SIC Ie Ippen
237
.. ', ....,'
mehr, diesen Satz zu sagen, wenn die Ohren ihn nur oft
genug gehört haben und das Gehirn ihn als wahr akzep-
tiert. Wer von sich behauptet, Elite zu sein, muss eigent-
lich fest davon überzeugt sein, besser zu sein als andere,
sonst würde er diesen Begriff kaum akzeptieren können.
Zur Selbstbestätigung wird dieses Bessersein zu allen
möglichen Anlässen beschworen. BeimMcKinsey-Wochen-
ende in Griechenland wurde uns gesagt, wir seien brillant.
Wer es an die EBS schaffe, stand in den bunten Prospekten,
die ich beim Campus-Day bekam, gehöre zu den zweihun-
dert Topstudenten Deutschlands.·An der Elite-Akademie,
hieß es, seien dreißig der talentiertesten jungen Menschen
Bayerns, im Maximilianeum die klügsten Abiturienten des
Freistaats. Die Klügsten, die Talentiertesten, die Brillantes-
ten: Solche Superlative muss man erst einmal verkraften.
Manche, wie Carl, reagieren mit betonter Bescheidenheit,
andere, wie Aadish, quälen sich mit Zweifeln. Viele aber
nehmen das Lob an. Es schmeichelt ja auch.
Je früher die Einteilung in Elite und Masse erfolgt,
desto absurder wird aber das Gerede von den Besten, Flei-
ßigsten, Klügsten. Denn eigene Leistungen, nicht Noten
oder Testergebnisse, sondern wirkliche Leistungen, die
der Gesellschaft genützt haben, können die Zwanzigjäh-
rigen logischerweise noch nicht vorweisen. »Leistung«
heißt in den meisten Fällen, dass die Schüler oder Studen-
ten besonders fleißig, besonders ehrgeizig, vielleicht auch
besonders angepasst waren. Sie sind exzellent in dem, was
man in Zeugnissen Kopfnoten nennt: schön schreiben,
pünktlich und diszipliniert sein, tun, was verlangt wird.
Rennen, klettern, kämpfen, um dorthin zu kommen, wo
oben sein soll. Ich denke an den Satz, den Bundesbil-
dungsministerin Schavan demonstrierenden Studenten
238
entgegengerufen hat: »Wir brauchen Eliten, keine Schrei-
hälse.« Dieser Satz sagt viel über das, was in Zeiten der
Elite von jungen Menschen erwartet wird.
Viel leisten, das heißt in dieser Elitenwelt: funktionie-
ren, nicht nachfragen. ~ n c h t an den Lerninhalten der
Unis rütteln, nicht an Streik denken, wenn der Tag in der
Beratung wieder sechzehn Stunden lang ist, keine Pausen
einfordern, kein Recht auf Fehler, auf Umwege, kein
Recht, auch mal zu scheitern. Ich wäre erleichtert gewe-
sen, wenn ich unter den Eliten mehr Schreihälse getroffen
hätte. Mehr Querdenker, Widersprecher, Neinsager. Aber
vermutlich fehlte ihnen dazu schlicht die Zeit. Denn wer
dem Ziel hinterhereilt, möglichst viel von dem, was an-
dere als Leistung defmiert haben, in möglichst wenig Le-
ben zu quetschen, dem bleibt fürs Grübeln, Denken und
Hinterfragen wohl wenig Raum.
Trotzdem ist dieses Mehr an Leistung die Hauptrecht-
fertigung fürs Elitesein. »Wer mehr leistet, hat mehr ver-
dient. Wer mehr leistet, darf mehr bestimmen.« Das, so
habe ich gelernt, sind die Glaubenssätze der jungen Elite.
Beim ersten Hören klingen diese Sätze pragmatisch und
vernünftig. Je häufiger ich ihnen aber lauschte, je vielfäl-
tiger die Begründungen und je eindeutiger die Forderun-
gen wurden, desto mehr haben mich diese Sätze abge-
schreckt. Konsequent zu Ende gedacht, heißt »Elite« dann
doch: Ich leiste, also bin ich mehr wert.
Viele, die an das Elitekonzept glauben, verknüpfen leis-
tung direkt mit dem Wert des Menschen. Das macht ~ i r
Angst. In solch einer Welt möchte ich nicht leben. VI.el-
leicht bin ich nach diesem Jahr so dünnhäutig, dass Ich
mich langsam in die Furcht vor der Elite hineinsteigere.
Aber meiner Ansicht nach muss, wer Elite fordert, auch
239
(" . ~
_____.... i'
Antworten auf die folgenden Fragen geben: Wer misst
diese Leistungen? Was ist wertvolle und was überflüssige
Leistung? Heißt Leistung stets Effizienz und Profit? Gibt
es Abkommen, Regeln, in denen ich nachlesen kann, wie
viel ich leisten muss, um als wertvoller Mensch zu gelten,
um das Recht zu haben, zu protestieren, zu fordern oder
einfach zu meckern?
Gestern habe ich hundert Seiten in einem Buch gele-
sen, ein Sachbuch, immerhin. Außerdem eine Tages- und
eine Wochenzeitung. Ich habe etwa zweieinhalb Stunden
lang diesen Text überarbeitet und für einen Reportage-
dreh, den ich in der nächsten Woche machen möchte, drei
Telefonate geführt. Außerdem habe ich zwei Wohnungen
besichtigt, weil unsere WG bald umziehen muss. Ich habe
eine Soap im Fernsehen gesehen und die Auslosung der
Champions-League-Gruppen auf Eurosport. Abends ha-
ben wir lange gekocht. Wie viele Leistungspunkte bringt
mir dieser Tag? Zählt nur das, womit man Geld verdient?
Das wären dann das Schreiben und die drei Telefonate.
Was ist mit einer Leistung, die man für andere erbracht
hat? Die Wohnungsbesichtigungen, vielleicht das Ko-
chen. Wie viel zählt Nachdenken? Und gibt es Punktab-
zug für die Soap und die Champions-League-Auslosung?
Plötzlich sehe ich meine WG und meine Freunde vor
einem Elite-Tribunal stehen. In einer langen Reihe müs-
sen wir alle vor der Elite antreten, um unsere Leistung be-
werten zu lassen: Gut. Okay, heißt es bei vielen. Andere
aber werden sehr, sehr lange gemustert, bewertet, noch
einmal geprüft. »Nichts geleistet«, lautet das Urteil. Dann
wird ihnen das Recht auf einen Job entzogen, das Recht,
ein Gehalt zu fordern, von dem sie leben können. Das
Recht zu meckern.
240
Schluss, stopp, aus!, denke ich. Paranoia, Neurose, Hys-
terie!, beschimpfe ich mich und beschließe, dass ich nun
endgültig aufhören sollte, meine Gedanken andauernd
um die Elite kreisen zu lassen. Vorher will ich aber noch
einmal Bahn fahren. Es soll eine Art Abschiedstour wer-
den. Ich will wissen, was aus denen, die ich im letzten Jahr
getroffen habe, geworden ist.
ABSCHIED VON DER ELITE
Ein allerletztes Mal sitze ich im Zug in Richtung Elite. Der
Rhein fliegt am Fenster vorbei, die Räder des Intercitys
rattern beruhigend. In wenigen Minuten werde ich in
Mainz sein. Dort feiern die Studenten der European Busi-
ness School ihren Studienabschluss. Bernd, der erste Elite-
anwärter, mit dem ich sprach, und die anderen seines
Jahrgangs haben deshalb zu einem großen Ball eingela-
den. Ein letztes Mal habe ich mich verkleidet. Ich bin von
der Arbeit zum Zug geeilt, habe in der Intercity-Toilette
die Jeans aus- und das schwarze Kleid angezogen. Glück-
lich darüber, dass ich mir bei dem Manöver keine Lauf-
masche eingefangen habe, dass Kleid, Strumpfhose, Schuhe
und ich schadlos überstanden haben, in jeder Kurve ge-
gen das Waschbecken zu knallen. Mein Zugnachbar starrt,
als ich völlig verändert zurückkomme. Aber egal. »Was ist
aus der Elite geworden?«, schreibe ich oben auf die erste
Seite meines letzten Blocks.
Bernd wird nach der Abschlussfeier bei einer großen
Unternehmensberatung in München anfangen. Er hat die
Durchschnittswerte, mit denen am Tag der offenen Tür
den Eltern die Investition in das Studium schmackhaft
241
gemacht wurde, noch getoppt. AbscWuss mit vierund-
zwanzig hieß es damals. Bernd ist gerade zweiundzwanzig
geworden. Sein Einstiegsgehalt wird höher als die durch-
schnittlichen 50752 Euro eines Absolventen sein. Die Be-
ratungen zahlen nicht nur mehr, sie bieten ihrem Nach-
wuchs auch Schmankerl wie Dienstwagen, Blackberry
und Laptop. In ein paar Wochen werden die Probleme,
die andere mit zweiundzwanzig haben, in Bernds Leben
keine Rolle mehr spielen. Verdiene ich genug? Wo kommt
die Miete her? Muss ich wirklich jeden Monat 100 Euro
für die Rente sparen und wenn ja, wovon? Diese Sorgen
wird er nicht kennenlernen. Er muss nur eines: hart ar-
beiten. Er muss funktionieren, auch wenn die Woche
hundert Arbeitsstunden hat. Grow or go heißt das Motto
der Beraterbranche - »Mach Karriere oder verschwinde«.
Bernd wird nicht verschwinden wollen. Er wird die
Viertelstundenfelder in seinem Kalender fleißig mit Auf-
gaben füllen, von den frühen Morgenstunden bis in die
Nacht. Er wird sich jetzt erst recht kein Luftholen mehr
erlauben. »Ich mache keine halben Sachen«, hatte er mir
gesagt. »Mir geht es schlecht, wenn ich feststelle: Hier hast
du nicht alles getan, was du hättest tun können.« Vermut-
lich wird es ihm dann noch schwerer fallen, zu akzeptie-
ren, dass andere weniger leisten. »Ich verlange von jedem,
der meckert, Leistung«, hatte er mir gesagt. »Wenn je-
mand sagt: Ich meckere auch gar nicht, ich beschwere
mich auch gar nicht, muss er auch keine Leistung brin-
gen. Aber dann muss er halt mit dem klarkommen, was er
ohne Leistung bekommt.«
An den Internaten hat gerade das neue Schuljahr be-
gonnen. Miriam, Oliver und Philipp sind jetzt in der Ab-
schlussklasse. Im nächsten Sommer werden sie endlich
242
die dicken Bücher mit den vielen Kontakten und Adres-
sen in der Hand halten, und ihr Leben im Kreise der Alt-
schüler wird beginnen.
Chris, den Globalisierungskritiker von Attac, habe ich
gerade in Hamburg getroffen, wo er immer noch für seine
Abschlussprüfung lernt. Er hat es nicht geschafft, den
G8-Gipfel, sein Großereignis des Jahres, zu blockieren.
Während es den anderen Demonstranten gelang, sich für
Tage am Zaun, der die Politiker vor den Demonstranten
schützen sollte, festzusetzen, musste Chris in Rostock im
Basiscamp bleiben. Er hat eine Woche durchgearbeitet,
kaum geschlafen. »Es war so viel, dass mir die Woche vor-
kam wie ein einziger langer Tag«, meinte er. Er hat, nach-
dem es bei der Eröffnungsdemo in Rostock zu dumpfer
Gewalt gekommen war, haufenweise Pressemitteilungen
geschrieben. Er war in Talkshows und hat eine Rede vor
fünftausend Menschen gehalten. Jetzt ist er ein wenig
müde. Aber er will noch mehr Verantwortung bei Attac
übernehmen, noch mehr Stunden pro Woche dort arbei-
ten, obwohl er weiß, dass er davon nicht leben kann. Weil
er nicht länger auf das Geld seiner Eltern angewiesen sein
will, muss er sich zusätzlich zu seinem Vollzeitjob bei
Attac noch etwas anderes suchen. »Ich musS irgendeinen
Teilzeitjob finden, zum Geldverdienen«, sagt er. Das bin-
det Kraft. »Es wäre schön, wenn es gelänge, die Elite abzu-
schaffen«, findet Chris. »Aber das geht wohl nur in einem
anderen Wirtschaftssystem. In einem, in dem nicht alle
dem Geld hinterherrennen müssen.«
Aadish, der junge Iraner, der Zweifler, der trotzdem an
einer privaten Wirtschaftsuni studiert, zieht gerade nach
Koblenz um. Er verlässt die kleine Stadt Vallendar, um
dem Corpsgeist der Uni zu entfliehen, um auch andere
243
," ' .. '.'!'t
Leute zu treffen, andere Meinungen zu hören. Er wird
mit seiner Freundin zusammenwohnen und die Welt der
zukünftigen Wirtschaftselite jeden Abend mit dem Bus
verlassen.
Alexander, der Georgier, der mich beim Internet-Netz-
werk Schwarzekarte eingeschleust hat, macht gerade Prak-
tika, erst in Antwerpen, dann in Paris. Vielleicht will er
jetzt auch ein Buch schreiben.
Die Schwarzekarte hat die Drohung mit dem Ein-
ladungsstopp übrigens wahr gemacht. Es waren wohl
zu viele Nichtreiche ins Netzwerk eingedrungen, Men-
schen wie ich. Seit einigen Wochen werden keine neuen
Mitglieder mehr zugelassen. Dafür werden die alten ver-
wöhnt. In einer der letzten Nachrichten des Netzwerks
wurde ich eingeladen, an einem Rolex-Gewinnspiel teil-
zunehmen. Mittlerweile hat die Schwarzekarte auch eine
Ecke für politische Diskussionen eingeführt. Dort zeigt
man sich zufrieden mit den jüngsten Entwicklungen in
Deutschland: Bei einer Abstimmung antworteten 79 Pro-
zent der Schwarzekarte-Nutzer, sie fänden es gut, dass es
hierzulande jetzt auch Elite-Universitäten gebe.
Maria ist vorübergehend aus dem Maximilianeum in
München ausgezogen. Sie verbringt den Sommer in Eng-
land aufWohnungssuche, denn die nächsten Monate will
sie in Oxford studieren. Eine Riesenchance sei das, sagt
sie, und wieder etwas, das sie vor allem der Stiftung ver-
danke.
Carl von Tippelskirch, der Student der bayerischen
Elite-Akademie, ist nicht an der Universität geblieben. Er
ist jetzt tatsächlich Trainee bei der Deutschen Bank und
betreut dort die Vermögen von Millionären. Er glaubt
noch immer, dass diese Arbeit mit seinen Idealen verein-
244
bar ist. Er helfe diesen Menschen, ihr Vermögen verant-
wortlich einzusetzen, sagt Carl. Einen Kunden hat er so-
gar, wie er es sich gewünscht hatte, bei der Gründung
einer Stiftung beraten.
Ich treffe Carl an einer Schülerakademie. Er gibt von
ihren Schulen als »hochbegabt« eingestuften Teenagern
einen Kurs zum Thema Wirtschaftskriminalität. Dort
geht es unter anderem auch um den Mannesmann-Pro-
zess, in dem Josef Ackermann die Finger zum Victory-
Zeichen spreizte und damit zum Symbol des abgehobe-
nen Kapitalisten wurde. Obwohl klar gewesen sei, dass
sich der Kurs auch mit diesem Prozess kritisch auseinan-
dersetzen würde, habe die Bank sein Engagement mit
einer Spende unterstützt, sagt Carl. »Auch dies bestätigt
mich darin, meinen Idealen in der Bank treu bleiben zu
können.«
»Fällt es dir jetzt leichter, den Satz >Ich bin Elite< zu sa-
gen?«, will ich wissen. Carl schaut nach links, rechts, oben
und unten und antwortet nicht. »Bist du mit dem Wort
im Reinen?«, frage ich.
»Ich kann den Begriff nur akzeptieren, wenn >Elite< die
Übernahme von Verantwortung heißt«, sagt er. »Und
wenn klar ist, dass die Bezeichnung >Elite< von anderen an
einen herangetragen wird und man sich nicht selber Elite
nennt.«
Und nun bin ich also auf dem Weg zu Bernd. Ich stehe an
der Garderobe der Rheingoldhallen in Mainz, gebe mei-
nen riesigen Rucksack ab und fühle mich wie ein Dorf-
mädchen beim Opernball. Hier feiert Bernds Jahrgang
das Ende von drei Jahren Studium. Für diesen Anlass sollte
ein kurzes, schlichtes schwarzes Kleid genügen, dachte
245
ich. Und liege falsch. Bernd kommt gerade in Smoking
und Fliege auf mich zu. Er trägt den Klassiker so souverän
wie fast alle seine Kommilitonen. Manche haben sich so-
gar eine rote Bauchbinde umgelegt und sehen aus wie
blutjunge Zirkusdirektoren.
Die Mädchen tragen die Kleider lang. Manche sogar so
lang, dass sie beim Gehen den Rock heben müssen. Als
wären sie Cinderella. Ein Satinkorsett, das in einen Tüll-
rock, bestickt mit kleinen Rosen, mündet, kreuzt meinen
Blick. Ich sehe aufwendig gesteckte Frisuren. Handta-
schen, die passend zum Kleid genäht wurden. Ich sehe sil-
berne, aprikotfarbene, tiefblaue Abendkleider. Ich sehe
Kellnerinnen, auf deren Poloshirts The German Hamp-
tons gedruckt ist, und Männer, die Dutzende von Zigar-
rensorten anbieten. Ich blicke auf weiße Lederwürfel, auf
denen sich festlich gekleidete Familien niedergelassen ha-
ben, die von einem Profifotografen umkreist werden.
Mädchen in gestreiften Blusen preisen die Tombola-Lose
an. Der Hauptpreis ist eine Südafrika-Rundreise in einem
Oldtimer. Ich denke abwechselnd an Flucht und den Not-
kauf eines Abendkleides. Dann atme ich tief durch, über-
gebe meinen Rucksack der Garderobenfrau, klemme
mein Notizheft unter den Arm und laufe durch die Ein-
gangshalle in den Ballsaal.
Bernd hatte mir von den Vorbereitungen für den Ball
erzählt. Er hatte gesagt, dass sie zu sechst extra eine Art
Firma, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, gegründet
hätten. Monatelang hätten sie geplant, gerechnet und ver-
handelt. Mit den Rheingoldhallen, den größten der Stadt,
mit dem Hilton-Hotel, das das Menü liefern soll, und mit
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort haben die Stu-
denten eine ganzseitige Anzeige geschaltet, um der Wirt-
246
schaftswelt mitzuteilen, dass sie nun ihren Abschluss in
der Tasche haben. Ein Fest in dieser Liga ist teuer: Die
Eintrittskarte kostet 109 Euro. »Wir haben alles getan, um
die Karten so günstig wie möglich zu halten«, sagten die
Studenten dazu. »Aber das Budget muss gedeckt werden.«
Deshalb waren die Kartenpreise nötig, obwohl die Spon-
soren Zehntausende Euro zuschossen. So viel Geld, um zu
feiern, dass man ein dreijähriges Studium beendet hat.
Die zukünftige Wirtschaftselite liebt es überdimensional.
Auch die Stühle und Tische im Ballsaal haben sie her-
ausgeputzt und in weißen Stoffgehüllt. über dem Eingang
steht auf einem Transparent das Motto des Abends: »Das
Außergewöhnliche geschieht nie aufglattem gewöhnlichen
Wege.« Johann Wolfgang von Goethe. Von der Bühne
grüßt der Dinnersponsor Ernst & Young. Eingerahmt von
großen Worten und gutem Geld - so scheinen die Studen-
ten sich sehen zu wollen. Der Abend kann beginnen.
Ich sitze vom rechts, bei Bernds Familie. Den Eltern
an unserem und den anderen Tischen scheint es so zu ge-
hen, wie es auch meinen Eltern ging, als uns in einer ehe-
maligen Zeche die Diplomzeugnisse überreicht wurden:
Sie sind sehr stolz. Manchen sieht man an, dass sie schon
einen langen Tag hinter sich haben. Schon um 8 Uhr 30
saßen sie im Gottesdienst, dann fuhren sie zur akademi-
schen Feier, bei der auch Marios Chef von McKinsey
sprach, in ein Kloster. Die Studenten hüllten sich in lange
Gewänder und warfen Hüte, wie man es aus amerikani-
schen Filmen kennt. Jetzt sind sie hier, zum vierten Akt:
Gereicht werden ein Gourmetmenü und Festreden.
Gerade stehen zwei Studentenvertreter auf der Bühne.
»Die EBS bildet Leader aus - nicht Manager«, sagen sie.
»Denkt zurück an die lustigen Momente in den Lern-
247
....
gruppen«, fordern sie ihre Kommilitonen auf. »Vergesst
nicht: Lernen macht Spaß!«, rufen sie, ohne es ironisch zu
meinen, und beenden ihren Vortrag mit den Worten:
»Wir stehen jetzt erhobenen Hauptes da.« Ich glaube
nicht, dass daran jemand gezweifelt hatte.
Der Starredner des Abends ist Klaus Evard, der die
EBS 1971 gründete und mit vier Studenten anfing. über
dreißig Jahre später habe der Satz »Ich studiere an der
EBS« einen guten Klang, sagt er, um die Studenten sofort
zu ermahnen, sich auf diesen Lorbeeren nicht auszuru-
hen. »Hungrige Osteuropäer«, Top-Inder und Top-Chi-
nesen stünden bereit, die besten Posten zu übernehmen.
»Sie müssen auf diese Konfrontation vorbereitet sein«,
sagt Evard. »Die Konkurrenz schläft nicht. Sie trainiert
nur!« - Da ist sie wieder, die Geschichte von den Antilo-
pen und dem Löwen. Schneller sein, besser sein, mehr
leisten: Das ist die Lehre, die die Studenten in ihr Leben
begleiten soll. Evard fordert die Absolventen auf, die alten
EBS-Eigenschaften zu pflegen. EBSler, sagt er, seien von
jeher dynamisch, braun gebrannt, flexibel und belastbar.
»Dieses Land wartet auf Sie. Dieses Land braucht Sie.«
Diese Vorstellung gefällt allen. Applaus brandet auf.
Und noch ist Evard nicht fertig: »Sie sind zu denen gehö-
rig, die dieses Land in zehn oder zwanzig Jahren bestim-
men und regieren«, ruft er den Studenten zu. »Was immer
Sie tun, tun Sie es mit dem Herzen, dann werden Sie es
gut tun. Und wenn Sie es tun, können Sie gar nicht ver-
hindern, dass Sie Geld verdienen. Und wenn Sie viel Gu-
tes tun, werden Sie viel Geld verdienen. Möge Gott Sie auf
Ihrem Wege begleiten!«
Nach allem, was ich gesehen habe, glaube ich nicht,
dass sie Gottes Hilfe brauchen werden.
DANK
Ich danke allen, die mich in ihr Leben gelassen haben; die
geduldig meine Fragen beantwortet haben, auch wenn sie
merkten, dass ich in vielen Punkten anderer Meinung
war. Vor allem vor den Schülern und Studenten, die im
Gegensatz zu manchem Direktor oder Sprecher auch im
Nachhinein zu ihren Aussagen standen, habe ich größten
Respekt.
Ich danke Kathrin Liedtke für das genaue Lektorat und
dem Verlag Hoffmann und Campe für sein Vertrauen.
Ich danke Florian Glässing, ohne den dieses Buch nie
gelungen wäre, und der Agentur Eggers & Landwehr für
die fabelhafte Betreuung.
Ich danke Eva, Juliane, Mathias und Mark fürs Bera-
ten, Lesen und Zuhören und dafür, dass sie die Frage
»Was macht das Buch?« unermüdlich stellten. Ich danke
Torsten dafür, dass er in diesen Text ein wenig seiner un-
ermesslichen Klugheit gesteckt hat. Ich danke Nicol für
die vielen Antworten auf noch mehr Fragen und Dennis
für die schnellen Finger.
Ingmar danke ich, weil er mir die grüne Vase s c h ~ n k t e
und oftmals für mich ins Archiv ging, Fips und memem
großen Bruder für die Verstärkung im Münsterland und
249
...
meiner WG für die vielen Geschichten, die ich aufschrei-
ben durfte.
Ich danke meinen Eltern dafür, dass sie aus mir nie
Elite machen wollten, auch wenn sie jetzt manchmal trau-
rig sind, dass ich's nicht bin.
Und vor allem danke ich Tom, ohne den wohl nichts so
schön wäre, wie es ist.
DIE STATIONEN DER
REISE IM ÜBERBLICK
EBS European Business School
Schloss Reichartshausen in Oestrich-Winkel
über 800 Studenten der Betriebswirtschaft
Kosten: 4950 Euro pro Semester
Auswahl: schriftliche Tests und Einzelinterviews
www.ebs.de
Bayerische Elite-Akademie
Westerham-Feldkirchen bei München
gut 30 Studenten pro Jahrgang
Kosten für die zweijährige Ausbildung: 2600 Euro
Auswahl: mehrstufiges Bewerbungsverfahren - Essay, dann
Diskussionen und Einzelinterviews
www.eliteakademie.de
Maximilianeum
München
sechs bis acht bayerische Abiturienten pro Jahr
Voraussetzung: I,O-Schnitt im Abitur
251
/ - ~ ; ~
/ ~ . ~ ~ 4 ______ ',' I
Auswahl: Vorprüfung, dann Maximsprüfung im Bayeri-
schen Kultusministerium
www.maximilianeum.de
FasTracKids
Berlin, Filialen in Düsseldorf und Hamburg sollen folgen
mehrere Klassen für Kinder ab zwei Jahren
Kosten: etwa 100 Euro pro Monat
www.fastrackids.de
Kindergarten Villa Ritz
Potsdam, weitere Kindergärten in Deutschland geplant
Betreuung von Babys und Kleinkindern
Basissatz: 980 Euro pro Monat
www.villa-ritz.de
Vodafone »Chancen«-Stipendium
Zehn Studenten pro Jahrgang
Auswahl: Das Stipendium richtet sich an sehr gute Abitu-
rienten mit Migrationshintergrund
Es gilt nur für ein Studiuman einer der vier privaten Part-
neruniversitäten: die EBS in Oestrich-Winkel, die WHU
in Vallendar, die Bucerius Law School in Hamburg und
die Jacobs University in Bremen
Förderung: etwa 80000 Euro pro Student (Lebensunter-
halt und Studiengebühren)
www.vodafone-stiftung.de
252
Schloss Neubeuern - Internatsschule}UrJungen undMädchen
Neubeuern bei Rosenheim
etwa 230 Schüler der Klassen 5-13
Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr, nach Alter gestaffelt
etwa 20 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien
(maximal 50 Prozent der Gebühren)
Ehemaligen-Netzwerk: Altneubeurer
www.schloss-neubeuern.de
Internat Schloss Salem
Salem bei Überlingen am Bodensee
etwa 700 Schüler der Klassen 5-13
Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr, nach Alter gestaffelt
etwa 30 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien
Ehemaligen-Netzwerk: Altsalemer Vereinigung
(3500 Mitglieder)
www.salemcollege.de
WHU - Otto Beisheim School ofManagement
Vallendar bei Koblenz
gut 500 Studenten der Betriebswirtschaft
Kosten: 5000 Euro pro Semester
Auswahl: Abiturnote und Einzelinterviews
www.whu.edu
Attac
Attac ist ein französisches Kürzel, übersetzt bedeutet der
Name »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztrans-
aktionen im Interesse der Bürger und Bürgerinnen«
Globalisierungskritiker
253
weltweit 90000 Mitglieder, davon 18500 in Deutschland
Mitgliedsbeitrag: 60 Euro pro Jahr, ermäßigt 15 Euro
www.attac.de
McCloy-Stipendium
Programmder Studienstiftung des Deutschen Volkes und
der Kennedy School of Government, Harvard University
6-8 Stipendiaten pro Jahrgang
Auswahlverfahren: zweitägiges Auswahlseminar, dort
Vorträge und Einzelinterviews
F ö r ~ e r ~ n g : 1650 Dollar Lebensunterhalt pro Monat
SOWIe Ubernahme der Studiengebühren
www.ksg.harvard.edu/mccloy
Stand: November 2007
LITERATUR
Alexander Bard, Jan Söderqvist, Die Netokraten. Die
neuen Leistungseliten und das Leben nach dem Kapitalismus,
Heidelberg 2006
Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin
2006
Daniel Golden, The Price of Admission. How America's
Ruling Class Buys Its Way Into Elite Colleges - and Who
Gets Left Outside the Gates, New York 2006
Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten.
Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Poli-
tik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt/Main 2002
Michael Hartmann, Elitesoziologie. Eine EinjUhrung,
Frankfurt/Main 2004
Michael Hartmann, Eliten und Macht in Europa. Ein in-
ternationaler Vergleich, Frankfurt/Main 2007
Malte Herwig, Eliten in einer egalitären Welt, Berlin 2005
255
Gunnar Hinck, Eliten in Ostdeutschland. Warum den
Managern der Aujbruch nicht gelingt, Berlin 2007
Kursbuch: Die neuen Eliten, Berlin 2000
Benjamin Lebert, Crazy, Köln 1999
Herfried Münkler, Grit Straßberger, Matthias Bohlender
(Hg.), Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt/Main
2006
22M

Meinen Eltern

INHALT

Ich lerne die Elite kennen Wollen wir wieder Elite? Die »Top-Adresse für die Führungselite von morgen« In der Parallelwelt
In einer Reihe von Fällen wurden Namen und charakteristische Merkmale von Personen zum Schutz Von deren Persönlichkeitsrechten geändert.
1. Auflage 2008 Copyright © 2008 by

9

14

16

21

Nur kein Niedrigleister sein! EDEKA - Ende der Karriere Heiße Luft Das große Umdenken Die Elitisierung Die Besten oder die Reichsten? Der Chef der Elite Gewinner und Verlierer

26
31 33 35 39

Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg WWw.hoca.de Satz: Dörlemann Satz, Lemförde gesetzt aus der Minion Pro und der !Tc Bookman Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 978-3-455-50051_6

46

54
68
71

Ein Untmlt!a1lletr. der

Der Lebenslaufforscher Die Elite-Akademie

GANSKE VERLAGSGRUPPE
78

Der Stolz des Freistaats Differenzierung Der Kampf um die vorderen Plätze Elite mit Migrationshintergrund Schwarzekarte Die Schulen der Elite Mathe: ausreichend. Elite: sehr gut Tradition zu verkaufen Die Politiker von Salem Karrierecoach für Teenager Der Maulwurf

97 105 107 116 127 136 138 161 165 174 184

You'll never live like common people. You'll never do whatever common people do. You'll never faillike common people. You'll never watch your life slide out of view.
PULP, COMMON PEOPLE

Die alternative Elite Looking for Harvard

195 218

Die Elite feiert
229

Unter Gewinnern
234

Abschied Von der Elite
241

Dank
249

Die Stationen der Reise im Überblick
251

Literatur
255

Die Firma hatte im Dezember 2006 vierzehntausend Mitarbeiter weltweit. Mario kannte solche Abende. Sie hieß Mario und war knapp dreißig. machte 600 Millionen Euro Umsatz 9 . der ständig verrutschte. An den Füßen Stiefel. Er war makellos. Er trank. Ohne innezuhalten. Ich saß in einem Karo-Rock. die ich seit Langem gesehen hatte. also nur wenig älter als ich. Dieser Ort war einer der schönsten. beworben hatte. Ich war in Griechenland. die ich mir geliehen hatte.ICH LERNE DIE ELITE KENNEN Die Elite trat in einem griechischen Luxushotel in mein Leben. Im Gegensatz zu ihm gehörte ich nicht hierher. Außer demselben Geburtsjahrzehnt hatten wir nicht viel gemeinsam.gleichzeitig. junge Menschen saßen am Hotelpool. neben ihm. der weltgrößten Unternehmensberatung. siegessicher. McKinsey gehört zu den Mächtigen der neuen Wirtschaftswelt. Direkt darunter lag das Meer. Während unseres Gesprächs drehte ich eine Haarsträhne um den Zeigefinger. ohne Selbstzweifel. wenn ich nervös bin. lachte . Nicht in diese Fünf-Sterne-Idylle. redete. weil ich mich bei McKinsey. Wie immer. Unterhalb unseres Tisches brannten Fackeln. und dennoch fühlte ich mich unwohl wie selten. dahinter leuchtete der angestrahlte PoseidonTempel.

Mario war kein Date. mein Studium zu beenden. Aber er hätte alle Widerstände gebrochen. Ich hatte nie gedacht. Deshalb hatte ich mich beworben. Behörden. lud mich McKinsey zu einem Auswahltag am Berliner Kurfürstendamm ein. wer diese Menschen sind. die mit Cocktailshakern ~ongliert~n. sei ein Gewinner. Die Berater der Firma sind nicht nur mächtig. Immer wieder setzten sie sich zu uns. Wir seien die Besten. c sey uc teemen . Wer es schaffe. also genau in dem Alter. dass ich genommen würde. dass ihm kein »High Potential« gegenübersaß. Jeder wo~nte in einem eigenen Bungalow mit Blick aufs M~er. Und an diesem Auswahlverfahren nahm auch ich teil. ~lr segelten zu siebt aufkleinen Jachten in der Ägais. McKinsey hatte mich und hundertzwanzig andere Studenten aus Europa zu einer Segeltour eingeladen.allein in Deutschland. Er erklärte mir das Leben der Elite. »Es gibt Menschen«. als hätte er erkannt. Zehntausend junge Deutsche wollen jedes Jahr dazugehören und schicken ihre Bewerbung. riet er mir. Vier Tage lang liefVor unseren Augen ein Werefilm für das schöne und coole Leben der Berater ab. sagten die meisten. J a~s Athen und Barmänner. dass er erst sehr spät merkte. dass ich gern bluffe und manchmal etwas aggressiv sei. McKinsey zeIgte uns in Griechenland das schöne Leben. Er war so beschäftigt mit sich selbst. sagte er. WIr feIerten eine rauschende Party. Kosten reduziert. Sie wickeln ihre Aufträge im Stillen ab.das sind Gewinner. McKinsey baut Unternehmen um. sagte er. D . Ich war fünfundzwanzig. Und dann saß ich in diesem Hochglanzhotel am Meer. die sind unten . sagte McKinsey.die Verlierer. Dann verstand er und schaute mich an. Unsere große Chance zum . ns m lesen vier Tagen in kleinen Dosen dIe McKin Phil . die das Potenzial hätten. wie sie ausgewählt werden. d' . Krankenhäuser und Universitäten umzubauen. Ich musste mir sagen lassen. Ich rechnete mich durch Tests und löste Case Studies. sondern auch diskret. Die hätten sich ganz schön gesperrt. Er habe gerade eine große europäische Fluglinie saniert. M Kin b h . Nicht weil ich bei McKinsey anfangen wollte. Uns wurde 10 gesagt. Aufkritische Fragen antworten sie ungern. Und Menschen. die mit uns im Hotel wohnten. Die. seyOSOphle verabreicht. Leute entlassen. lachte und gestikulierte. wir seien brillant. »die sind oben . dass er mir Heldengeschichten erzählte. selbst wenn es darum geht. Staaten.Einstie~ in die Welt der Berater. sondern zur Recherche. Ein bis zwei Prozent davon bekommen einen Job. zu ihnen zu gehören. dass er mit mir Wein trank.« Ich hätte eine von ihnen werden können. Außerdem wurde u . um uns von der Welt der Mächtigen und Erfolgreichen zu berichten. Pass auf«. Das Ganze war ein Edel-Assessment-Center. das für McKinsey interessant ist. Arbeitsämter. Mario war einer von vierzig Beratern. Ich arbeitete als freie Journalistin und war kurz davor. wie die Berater ihre Beispie1f<ille nennen. die auf uns wartete. Das McKinsey-Auswahlverfahren gilt als das härteste der Welt. Elite. Ich wollte wissen. McKinsey bezahlte ihn dafür. Zurück aus Griechenland. »dass du im Leben zu den Gewinnern gehörst. entwickelte ich plötzlich den 11 . Europas neue Führungsgeneration zu werden. dass ich seine Geschichte nicht mochte. Deshalb wollte ich mir das Unternehmen von innen ansehen. wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. Und wieder trank er. Obwohl es ja nur eine Recherche war. Jetzt sei der Laden wieder fit.

Links der Plattenladen. Gegenüber von Theos Tür wohnt Hanna. Wieder einmal diskutierten wir über mögliche Lösungen: Genickschlag oder Lebendfalle? Wieder einmal konnten sich Pragmatiker und Tierfreunde nicht einigen. dann beim Radio. Dafür braucht sie . ' . eines Tages als Delegierte des Roten Kreuzes im Kongo für die Menschenrechte einzutreten.. . dazwischen. 13 . und er sich für ein Journalistikstudium entschied. Zusammen mit den vier anderen. Für sie wäre eine Unterschrift so etwas wie mein Einverständnis zu einer feindlichen Übernahme gewesen. Sie ist blond. lernt sie jetzt alles noch einmal. das so viel Geld bedeuten könnte. lebt Jan. .die Welt der Juristen ist eine eigentümliche . Weil das im ersten Anlauf nicht geklappt hat. in einem roten Backsteinbau in dem vor einem Jahrhundert Tortenböden hergestellt ~r­ de. ohne eine von ihnen geworden zu sein. Als ich das schicke Büro verließ. Und hinten links wohnt Tom. aber ich sagte Nein. sogar in Singapur. Auch er hat mal Jura studiert. Mein Freund. direkt hinterm Hauptbahnhof. le r e sei auch ohne ihn schon zu 11. was McKinsey unter Elite versteht. Drei Tage pro Woche verlässt er uns und wohnt in einer anderen WG. ~el~em~ger Zeit versucht er. So genau weiß as memand Jan ti· t . im Hinterhof. . klug und ziemlich ehrgeizig. Würde mich sogar bemühen. Theo hat die Wohnung vor fast zehn Jahren entdeckt. 12 mal plant er eine Aktion gegen den Klimawandel oder Genmais. Vorne mM: direkt neben der Eingangstür. wendete sich die WG wieder ernsteren Problemen zu. Mal organisiert er eIne Kampa '. sagte er. Jetzt ist er an der Uni. Am Ende hielt ich einen Vertrag in der Hand. in der Hand. Als diese Gefahr gebannt war. Seit einem Jahr. unsere WG. atmeten die anderen auf. Georg. Ich sei so betont cool geworden. Seit drei Jahren lebe ich hier. seit Wochen schon. tiefer zu sprechen. gne gegen die Pnvatisierung der Bahn. um Mario vergessen zu können.n. Wieder Fuß zu fassen. Sie träumt davon. Er hat sich Ende der Achtziger in der Kommunikationsbranche selbstständig gemacht Gesundheitliche Probleme warfen ihn d d B' h ann aus er a n. das Papier.unbedingt neun Punkte im Examen.Ehrgeiz. Wir hatten Mäuse. in dem man Hamburger kaufen kann. . Hier hatte sich nichts verändert. Als ich von meiner Absage erzählte. rechts der Wohnwagen. r I~rrec tler und politischer Aktivist. Ich verließ MCKinsey. war ich drauf und dran zuzusagen. Vielleicht ist edr I~te ZWanZig. »Gerade noch rechtzeitig«. diesen Auswahltest um jeden Preis zu schaffen. Wir berieten über Alternativrnöglichkeiten der Mäusebekämpfung. Hanna will Juristin werden.meine Eintrittskarte in die Welt der Elite. Er sagt es sei keIn Festtag D' E d . Vielleicht schon dreißig. Aber zu spät. Jan hat Mathem tik d' vo ist e T h a stu lert. Er arbeitete im Bundestag. McKinsey bot mir 67000 Euro Einstiegsgehalt und einen Dienstwagen . Ich zögerte und zauderte. Bis ihm nach vier Jahren einfiel. wir recherchierten im Internet. sagten meine Freunde. Mit zwei Mädels in St. eier semen Geburtstag nicht. Spezialistin für Völkerrecht. mich vom Journalismus zu verabschieden und das zu werden. allerdings in Hamburg. dass das die falsche Wahl war. Tom wollte sogar schon besorgniserregende Charakterveränderungen an mir festgestellt haben. Jetzt . . Aus dem griechischen Luxushotel kehrte ich in meine Wohngemeinschaft nach Berlin zurück.

Auserwählte und Masse. schon Gola-Sneaker getragen zu haben. genauso wie ein Erinnerungsfoto an Elite-Toiletten auf dem Feld vor dem Berliner Olympiastadion. Elite-Uni. Die Elite ist inzwischen überall or mIr auf dem Boden l' . angeführt von General Mario.« Auf einmal sah ich meine Welt bedroht. die ich abgeschrieben oder ausgerissen habe.es passe nicht in einen demokratischen Wortschatz? GewInner und Verlierer. die Verlierer anzutreiben. zu Eliten zu küren. ten Artik In d" legt eIn Stapel aus Zeitschrif. In meinem Kopf marschierten Kompanien von Fünfundzwanzigjährigen auf. der alle mit »Leistungmuss-sich-wieder-Iohnen«-Phrasen langweilt. Meine Sammlung ist beachtlich. Sie umfasst das Etikett eines Beutels. en BlIck aufdie Frau im ro~n !ogginganzug gerichtet.« Da kann man nur gratulieren. wenn das nicht stimmt? Wenn er. WOLLEN WIR WIEDER ELITE? »Elite« .wir vertagten das Problem. Aber was ist. würVie a~lO wohl sagen. Eines. Fast jeder hat inzwischen ein Paar Gola-Sneaker im Schrank. e un Buchern d d . Einer. das Leistung lobt. der einmal ein Kilo »Elite-Tomaten« aus dem Kaiser's-Supermarkt enthielt. oben und unten. . »Eliten in einer egalitären Welt«. und mein Stapel beweist. das nach Elite 15 . dachte ich. . Ich kann ganze Elite-Bildungswege durchdeklinieren: Elite-Kindergarten. die aus dem Vorderhaus ständIg ~ u~sere Richtung schaut. Gemessen werden der Leistungswille. er sei nichts weiter als ein selbstverliebter Karrierist. Unter »WG Kreuzberg« müssten sie notieren: »Drei Meetings Zur Klärung des Mäuseproblems. Waren das nur für Mario Begriffspaare mit denen man eine Gesellschaft strukturieren kann? ' Ich sitze in meinem Z' d . Ich habe Bücher über die »Neue Elite«. War es nicht mit »Führer« und »Rasse« untergegangen? Hieß es nicht einmal.« Die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) verlangte nach »Leistungseliten«. ' er gera e von eInem kleinen gesturzt 1St. hatte er gesagt. Und die heutige Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte stolz: »Ich habe schon von Elite gesprochen.« Zum Wohle der Allgemeinheit sei es die Aufgabe der Gewinner. die Einsatzbereitschaft und die Effizienz. Ihre Mission: Gewinner zu finden. unbeweglich~~. ein »Plädoyer für eine Elite der Exzellenz« gelesen. dass der Flirt mit McKinsey doch seine Spuren hinterlassen hatte. dass auch der Elite in den vergangenen fünf Jahren ein Siegeszug gelungen ist. Darin verbergen sich Hunderte Elite14 Zitate. als andere die Marke noch nicht kannten. Zur Not auch auszusortieren. Verlierer zu entlarven. Elite-Schule. »Denn Mario hatte mir in der Nacht noch viel mehr erklärt: »Verlierer«. Dazwischen immer wieder Politikerzitate. Kein Ergebnis. als das andere noch ganz schlimm fanden. ganz im Gegenteil. Und ich merkte. Als ich Mario traf. Auch ich bestehe stets darauf. Hocker ". »sind meist unbeweglich. jede auf ihrem Gebiet. »Faul. Immer. zu isolieren. den richtigen Riecher.das Wort ließ mich nicht los. Annette Schavan und ich hatten. Ehrgeiz und Selektion. Ex-Kanzler Gerhard Schröder forderte in seiner ersten Regierungserklärung: »Auch unsere demokratische Gesellschaft braucht Eliten. Zur Avantgarde eines neuen Denkens gehört? Eines.

davon un Zlg mIt Ehteambitionen. Ich habe den EIndr~ck. »intensiver« nannte er das. mich verwählt zu haben. Als Wunderwaffe gegen die deutsche Ratlosigkeit und Resignation. Er sprach überlegt und kontrolliert. . die früh gealtert zu sein schien. » er e 1m eingau« nennt. will selbst sehen und hören ob eine neue Elitegeneration heranwächst.verlangt. Elite. Vielleicht geht sein Körper das hohe Tempo einfach mit. Ein Drittel von ihnen geht in die Beratung. sagte er in unserem Gespräch. denn Bernd lebt schneller als andere. Elite-Akademien. as SIch stolz die P I ' Rh ist nämlich s . über Elite. wie Mario. Karriere. Er meldete sich. mit tiefer Stimme. ein Drittel in die Finanzbranche. Es sind die 16 . von dort soll mich ein u e In die Weinberg d Rh Winkel d ' e es eingaus fahren. das seien Menschen. en e en ler. aber im Gegensatz zu den USA oder England hat Deutschland ja mit der Elitepflege gerade erst begonnen. Glaubt man den Wirtschaftszeitungen. ~~lftas WIe Deutschlands heimliche Elite. in denen ich nichts mache«. die Menschen aufteilen: die Gewinner ins Töpfchen. Kämpft ein Teil meiner Generation schon längst für eine Renaissance der Eliten? Wer soll dazugehören? Und wie will diese junge Elite das Land verändern? Will sie. ug : ttl . Die Suche kann beginnen. schneidet die »EBS« immer hervorragend ab. was das schillernde Wort tatsächlich bedeutet. der ich gerade den Rücken gekehrt habe. h" Und damit f' I' h na ur lC auc für uns. und wir sitzen in unserer WG-Küche. dem Leitmedium der zukünftigen Wirtschaftslenker. Bernd hatte ein recht klares Bild von der Elite. Ich will raus. Richtung Wiesbaden. träumen von Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit und haben nichts begriffen. Hauptstadt . die Entscheidungen treffen. mit ihm nur ein wenig plaudern zu wollen. sagte Bernd. davon viele ins Investmentbanking. Als ich ihn zum ersten Mal anrief. als wäre er Mitte dreißig. und ich schämte mich. Z. Auch an der Uni. »Es gibt während der Woche selten Phasen. Vielleicht ist er einfach angekommen in einer neuen Zeit. Ich recherchiere die Standorte von Elite-Unis. Die private Hochschule gibt sich selbst das Label »unternehmerische Elitehochschule« und wirbt: Sie sei die »Top-Adresse für die Führungselite von morgen«. Bernd hatte mich ins Rheingau eingeladen. Die Absolventen der EBS machen in der Welt. Oestrich-Winkel noch etwas gewöhnungsbedürftig. Studenten der European Business Schoo!. Oestrich. sind das die neuen Schaltstellen der Macht. Oxford. Für die Elite. Bernd klang. Er ist Studentensprecher der EBS und immer beschäftigt. machte er gerade ein Praktikum bei einer großen Investmentbank.eten Blicken der Frau im Jogginganzug. dass mich die bloße Lektüre nicht weiterbringt. pe rt mIch In die Provinz. Wo ausend Mensch 1 b h' achthundertf" f' . Zwölf bis vierzehn Stunden dauern seine Arbeitstage. Elite-Stiftungen und baue mir eine Reiseroute zusammen. Ich will her~usfinden. Ich sitze . Zwar klingt die Aufzählung Harvard. Auch in Rankings oder der Zeitschrift Karriere. und ich war sicher. die alles ein biss17 DIE lITOP-ADRESSE F'OR DIE F'OURUNGSELITE VON MORGEN« Gleich die erste Etap fü'h ' . die vordenken. die Verlierer ins Kröpfchen? Ich überlasse meine Sammlung zum Elitebegriff den st.

Nicht für sich. em u oIen. dass sich Mario und Bernd mögen würden. Nur zielstrebiger. Genau wie Bernd. Ob sich alle Gewinner so ähnlich sind wie die beiden? In Griechenland wirkten die Berater zum Teil wie Klone.« »Mach dir keine Sorgen(. Und wenn ich feiere. um Sport zu treiben. die ich jetz. darf sich Essen auf Kosten der Bank bestellen«. wenn man die Starken noch stärker macht.« Kinder zu haben sei neben der Karriere sein größtes Ziel. sagte er. »Ich lebe schon. Ich gammle selten. für die plane ich Zeit ein. 19 g~wor~e~. Nur an die Frau an seiner Seite stelle er höhere Anforderungen. erklärte mir Bernd. Karriere in einer Investmentbank oder einer Unternehmensberatung zu machen. Meine Familie ist mir sehr wichtig. »Wenn wir in Deutschland vorankommen wollen. »Und die Schlagzahl.« Bernd plante. ihn auch mal tanzen zu sehen.« Bernd leistete sich nichts von dem. die die anderen mitziehen könnten. was für mIch selbstverständlich war: keine Selbstfindung kein Zaudern k' L fth ' . die nicht ähnlich tickt.« Dann sagte er: »Einmal mit Schinken. von Leistung. :ahre Ich. Ich wünsche mir heimlich. »Elite tut jedem Land gut. »Ich bin fast immer dabei. aber auch ein Bedürfnis nach Familie haben. ohne sich wirklich zu öffnen. Schnell. aber nicht hektisch. Wie genau wollte er damit der Gesellschaft nützen? Bernd sprach lange von den Besten. Seine besten Freunde von der Uni. Ich fragte mich. Vergleichen sie sich mit ihm und fühlen sich dann faul? Oder sind sie eh alle gleich? Seine Freunde seien völlig unterschiedlich. kommen irgendwann Ideen raus. was wir dringend nötig haben. »dann ebenso bewusst. »Wer länger als bis acht Uhr bleibt. Ich ging im Kopf die vergangene Woche durch und hatte plötzlich das Gefühl. von Gleichmacherei. immer wieder reserviert er sich komplette Wochenenden. sagt Bernd. dann geht das nur. Brauchte er nie Pausen? Zeit zum Nachdenken? U F hl P zaz ' i . dann richtig.« Deshalb müsse man die Starken auch fördern. antwortete Bernd. »Geschlafen haben wir kaum. an der Grenze zur Arroganz. Mit ihnen zu reden war meist vergnüglich. Ich bin mir sicher. ehrgei- Kurz vor diesem Telefonat war Bernd einundzwanzig ZIg. ~e~t zwei Jahren arbeitete er akribisch. Ein Wochenende. Sie sollte zielstrebig sein. selbstsicher. weil sie mir Spaß macht und für mich gesU~d 1St. dlSzlplimert an seinem Weg nach oben. ohne steif zu sein. wenn wir eine starke Spitze haben. die das lange verhindert habe. Sie sprachen geschliffen. lieferten Anekdoten und Witze in Serie. wie seine Freunde damit umgehen. fahre. Paprika und Peperoni. waren freundlich.« Ich lachte _ viel zu laut. Viel Alkohol. die vielleicht eine ganze Gesellschaft weiterbringen. die anspornt. »Denn nur. sondern für die Allgemeinheit. sagte Bernd amüsiert. weil mir dieser Satz so viel besser gefiel als die zuvor.chen besser machen. Sie hatten dieselbe Art.( Er erzählte von einer Party. »Ich war schon immer ein Mensch. viel Zeit mit Nichtstun zu verbringen. meer zu korrigieren? Um seine ~lt ~reunden zu essen oder mit der Süßen aus der BWL-Emführung? 18 . Und wenn ich ausruhe«. sich zu bewegen. Bernd machte mir ein schlechtes Gewissen.« Vier Tage pro Jahr zieht er sich in ein Kloster zurück. der sich sehr gern dem Druck gestellt und immer mehr Druck auf sich genommen hat als er müsst~((. »Ich könnte nie eine Freundin haben. schob er nach.

-. Nach endlosen Sekunden empfange ich mein Urteil: »Okay. Trotz allem soll meine Erkundung der Elite hier schon zu Ende sein? »Das passt heute nicht zum Dresscode«. Er bleibt hart. Nun mustern mich beide. e Ittest?«. . . Mitleid habe er da nicht. In wenigen Minuten beginnt der Eröffnungsabend. die aus Protest gegen Studiengebühren die Autobahnen blockiert und so seinen Heimweg gestört hatten.. las ich in der Einladung Ich war gespannt. um sich bei einer großen Unternehmensberatung für ein neues Praktikum zu bewerben. Ich habe mein Namensschild umgehängt und meine Tasche durchsuchen lassen. Er. bin über fünfhundert Kilometer Zug gefahren. . . sagte Bernd entschieden. sagte er zum Schluss. »Das mit der Jugendherberge stimmt«.W~che war keine außergewöhnliche. . Aber morgen bitte anders.W-t' . Personaler führen Auswahlgesprac e. einem weißen Jackett und . mit schwarzem Anzug und Funkknopf im Ohr. gerade zwanzig Jahre alt. aber leider konnte er mich bei meinem ersten Besuch bei der Elite nicht begleiten. landssemester "erb nngen wo11te. . mIr dIe Eintrittskart fü d ' e r as Ereignis des Jahres in O estrICh-Winkel zu b E' ' esorgen. Dann musste er auflegen. Nicht für dich«.« Warum Menschen von »Parallelwelt« sprechen. Er sprach von den Studenten in Frankfurt.. y IN DER PARALLELWELT ~I:. Inmal pro Jahr organisieren d Ie Studenten ei S . »Ich konnte mich leider nicht umziehen. Ausnahmsweise. weil der versprochene Shuttle Wiesbaden nie erreichte. Wir stehen uns gegenüber. schreit mein Stolz. Ich mochte Bernd. habe ich nie verstanden. Drei Tage nach unserem Gespräch ging sein Praktikum bei der Bank zu Ende. dass Bernd und Mario sich noch in einer weiteren wesentlichen Frage einig waren: Sie mögen keine Menschen. »Und ich bin noch nicht am Limit«. n ymposlUm. h o r a g e . Kaum merklich dreht er seinen Körper in meinen Weg. »Die meisten scheitern doch nicht. bettele ich um Einlass. langsam und »arbeitsscheu«. Ich habe eine Einladung. Der Terminplan drängte. weil sie blöd. sagt ein zweiter Security-Student gönnerhaft. Rechts der alte ge21 20 . Ich begriff. al »UfVIv of th fi . sondern weil sie faul sind«. »Hier geht es nicht weiter. Diesmal auf dem Weg nach Melbourne. »Es tut mir wirklich leid«.dem Problem . EI'n en 11ag spater saß er wieder im Flugzeug. Als WIr telefomerten. da die von euch organisierte Reservierung in der Jugendherberge nicht funktioniert hat«. Bernd redete da schon weiter. und andere Studenten. Die Studenten der EBS studieren in einem alten Schloss. wusste er noch nI'cht ' wo er In M eIb ourne wohnen wurde. Ich in einer marineblauen Seidenbluse. die sich für die Teilnahme bewerben mussten 1 ut ' a en staunend über den Campus S . wo er sein Aus' ' . sagt er und zeigt zum wiederholten Mal abschätzig auf meine Jeans.einer blauen Jeans. Dann kommen Manager un d halten Vi rt . höre ich mich verhandeln. Dann flog er nach München. Umdrehen und gehen. signalisiert seine Haltung. die in ihren Augen Bremser sind.« ' "Trotz des Umzu gs nach Austrahen schaffte er es noch. Bernds Leben IODIerte so.. sobald sich zwei Dönerbuden und ein türkischer Kulturverein in einer Straße ballen. Jetzt gerade halte ich den Begriff dagegen für angebracht. »Da geht noch was.. . habe zwei Österreicher in einem Audi A3 angequatscht.

en m de . h ' n nac sten ZWeI Tagen zu zügeln. aber zum est In Ich hier richt' . Die eine Hand lässig in ~er Hosentasche. ihre Haltung verrät. ein klassisch schöner Bau. fragt einer. dass ich 126 Eu Vi al . . n m emem grauen Slebz1gefjahreB~u s~udiert. um die sich Hunderte junge Anzugträger drängen. Über das sanft in Richtung Rhein abfallende Gelände führen gepflasterte Wege. Die Eltern der tudenten hier zahl 10 b' en 000 pro Jahr. Ihre teuren Krawatten sind perfekt gebunden. über die heute grüne Teppiche gelegt sind. Heute ist er beides nicht mehr. »Elite ist eine Herausforderung. dass da mehr für das Wohlbefinden d er Herren und D S amen tudenten getan wird. Mit jedem Detail antwortet das Bild. Händeschütteln. sagt der Rektor. »Überhaupt keinen Grund«. Nächtelang hätten sie geplant und organisiert. sagt Rektor Ch ' 19. am Donnerstag noch eine Klausur zu schreiben? Können wir die nicht verschieben?« Er habe gelächelt. »DIe European Business eine Elitehoch hul nstopher Jahns entschieden. uberall Security-Studenten.« Präziser wird er heute nicht mehr. links das Haupthaus. die erste Definition des Elitebegriffs notieren zu können. Aus Löchern über unseren Köpfen rieselte stand1g Material.mauerte Burgturm. Ich war noch nie an einer privaten Universität. das Center umzubenennen?«. Applaus. Die Häme h' . noch mehr Applaus. Ich blicke mich um. Denn Walter Leisler Kiep war eine der Hauptfiguren der eDU-Schwarzgeldaffäre. Ich ernen. Auf der großen Terrasse stehen Dutzende Stehtische mit strahlend weißen Decken. stehen sie leicht breitbeinig da und halten m der anderen Hand das Glas. In Oestrich-Wink I' t 11 e 1S a es anders. die in ihre Headsets flüstern. Das mag daran liegen. Klar.. wirbt die Firma. Dass hier alles nach irgendwem heißt. Eine Art Hauptversammlung des Elite-Nachwuchses. meint ein anderer. erklärt mir ein Dritter. »Wieso?«.. das sicher nicht gesundheitsfördernd war. »Wie sollen wir es schaffen. Über uns hängt ein Banner mit dem Motto der Veranstaltung: Survival 01 the fittest? Ich balanciere mein Notizheft auf den Knien. das sich mir bietet: Hier. warte. will ich später von ehemaligen EBS-Studenten wissen. »Es ist ihm nie endgültig etwas bewiesen worden«. Er war mal Direktor der EBS. 22 Es war zwar schwieri Z ' m' d b" g. reihen. 23 . »ist sc e« W· . dass sie Auftritte wie diesen gewohnt sind. " ro erw tungsgebuhr pro Semester asn dIe Um Dortmund überwiesen habe. Ich habe in Dortmu d' . Rektor Jahns ist inzwischen im Anekdotenteil seiner Rede angelangt. Inter dIesen Wort sollte I d . verwundert mich. . Sch00I«. Was kommt. »Gab es danach nie Diskussionen darüber. Auf meinem Notizblock stehen jede Menge Fragezeichen. utntt zu bekommen.en nennt man übrigens Sozialneid. . benannt nach Walter Leisler Kiep. dem Kiep-Center. gefüllt mit Sekt der Marke Vaux. Wenige Tage vor Beginn des Symposiums seien zwei Studenten zu ihm gekommen. Sekt gab es nie. Elite sei kein Privileg. »Vaux ist Deutschland exklusiv?«. bereit. und er war mal Schatzmeister der CDU. Wir sitzen im neuesten Gebäude auf dem Campus. Knapp 45000 Euro IS zum Master. lausche. Vorn ein Red~e Ir s~. und sie an ihr eigenes Motto erinnert: Survival 01 the fittest. ist dürftig. In fast allen Fällen soll die Taufe aber kein Denkmal begründen.tzen in Dutzenden Stuhlrpult. sagt Jahns. übermüdet und überarbeitet hätten sie sich ins Rektorat geschleppt.

Sie haben sich irgendwoher Bier organisiert. Es ist wie bei 24 einem Familientreffen. eins rechts.« »AberdashabenWi d h Student.das sei kein Modell für eine Gesellschaft.1 r oc schon alle gemacht!«. Die Studenten haben Guido Westerwelle als Eröffn ungsredner fü' r ihr SymposIUm' . Auf der anschließenden Feier frage ich mich durch die Reihen. ist dankbar. »wie kriegen wir azu.• WWWE7?P~- • sondern Geld bringen. auch für Bildungseinrichtungen? Eine Stimme. Verkauft eine Hochschule dadurch ihre Unabhängigkeit? Oder ist Sponsoring ein legitimer Weg. Mit dem Motto Survival of the fittest? seien sie weit übers Ziel hinausgeschossen. dazwischen Schränke. Sie trinken. gemietet. Menschen hätten sich zu Gemeinschaften zusammengeschlossen. Ich bin doch noch untergekommen. »Wir brauchen endlich wieder Eliten«. Später ::1. un gerufen: »So stellt sich der e amst Elite vor b · SeIn L0 h n sind A ' 1evor er das Studium abbricht. an Geld zu kommen. sagen sie. sagt der e· utmir· b' Semester sei die FDP b' eIner. Im Mädchenzimmer für Nachrücker. um nicht nach den Regeln des Darwinismus leben zu müssen.« Lachen. 25 . Er hat geklagt' dass Le" _ Istung für manche eme Art Korperverletzung . em- ge~~den. Ich komme in einem ganzen Pulk von Anzugträgern aus Oestrich-Winkel zurück. dass er da ist. Es ist nicht der Ort für lange Gespräche. reißt ~ich ~us meinen Gedanken. »Es wird wieder Zeit in DeutscWand. u ent WIssen. grußt.« m sofort kokett hinzuzufügen: »Aber das w' S' Issen hat gespottet. Klatschen. Es war vielen früher lieber. . »Herr e e«. In der Jugendherberge haben sie eine ganze Etage für uns. in einer vergammelten Johann-Wolfgang-von-GoetheAula zu sitzen als in einem gut ausgestatteten DaimlerCh~ler-Saal. r at gemahnt: »Sie können nicht e~en. leIstung zu bringen ~ »FDP wählen!« . Der Sieg des Stärkeren . Dass Guido Westerwelle sich gezwungen sieht. die Teilnehmer des Kongresses. »sondern auch der Schwache und Schwächste. dass s' h Ie. W1 eIn St d . sonst wären Sie nicht hier. »Nicht nur der Stärkste soll überleben«. Die Elite hängt an seinen Lippen. scWießt Westerwelle. und sie lieben ihn. an das soziale Gewissen der Studenten zu appellieren.« Viel mehr erfahre ich an diesem Abend nicht. sie starren und lachen uns aus. wie sich die DIskussion entwickelt hat. Es gibt Wein und Fingerfood.« Er sit-t IC nun auch der Staat an Elite-Univerd a en versuchen W II klein M ' 0 e. wenn Sie sich emen lauen Lenz m ch U a en. Mein Namensschild haben die Wirtschaftsprüfer von KPMG gesponsert. und die Seminare werden im »DeutscheBank-Hörsaal« gehalten oder in dem der Holtzbrinck Verlagsgruppe. Fast alle finden das toll. sich Gesetze gegeben. E h seI.« Ich blicke in fragende Gesichter.« Westerw 11 'll' pp aus und brave Fragen. In einer Ecke im ersten Stock hockt eine Gruppe Teenager. Aber dann wird Vater Westerwelle streng. »Es ist doch putzig. ein Mädchen hinter mir kreIscht gar Vor Vergnügen. der Empfangsbereich entstand mit »freundlicher Unterstützung« einer Möbelfirma. Immer wieder sage ich. el Testwahlen im dritten el 80 Prozent gelandet. die sonst aus dem Fernsehen schallt. scheint sie genauso zu überraschen wie mich. Zwei Doppelstockbetten links. dass ich ein Buch über Elite schreibe. in denen sicherlich selten zuvor so viele Blusen und Kostüme hingen wie in dieser Nacht. Er hat sie mit»Exzellenzen« be. dass Sie dasselbe haben wie andere. Herr Westerwelle straWt. Politiker d .

mehr oder weniger passgenau in Business-Klamotten gesteckt. ~.I-------------------------------------------. Dazu gehöre auch. dass sein gut 3. die ich treffe.. . nach dem diese Nachwuchselite gekürt wird. Zwei Reihen weiter wird schon lange ein Finger in die Luft gehalten. dass ihnen Aliens begegnet sind.1 ar . Der Siemens-Manager will uns nun das Muster erklären. den Siemens aufbauen WI'U Kl Kl' r ld erkla"rt d . Sein Vater habe Urlaubsreisen auf Firmenkosten bek~mmen.. Mein erster Workshop »Leadership Culture: Herausforderungen für eine neue Managementgeneration« wird vo~ einem hochrangigen Siemens-Manager gehalten. meiner Teilnahme an knapp einem Dutzend Seminaren zum Thema Wirtschaftselite steht kein Security-Student im Wege. aus emie... auf die Kriterien edge. dass Siemens sichere Stellen böte. Es wird nichts bringen.»W'Ie erkl" aren S'Ie d as Ihren Mitarbeitern?« 27 . Jetzt gelte das alles plötzlich DIcht mehr.ar elte an emer »Kultur. denke ich. der alle Erklärungen zu E. Er sei der Sohn eines SiemensM't b' . Ein wenig verwirrt schreibe ich mit: Edge (grenzenloses Denken). Gerade ist bekannt geworden. die tagsüber auf dem Campus einer teuren Privatuni Elite spielt und nachts die Sechserzimmer in der Jugendherberge belegt.Vier E und ein P also. Aber darum geht es heute nicht.2-Millionen-Euro-Jahresgehalt um 30 Prozent erhöht ~erden würde. Energize . Die Entrüstung über die BenQ-Pleite und dIe Schwarzgeldaffäre sollte in den nächsten Wochen folgen M' h "d ' . sagt ein Junge leise. IC WUr e IntereSSIeren. . wenn ich mit einer solchen Liste durchs Land reise und alle.. Execute (Dinge mit maximaler Wirkung umsetzen) und Passion (emotionale Begeisterung). Er sei in dem Glauben groß geworden. zum zweiten Ackermann zu werden _ ein Symbol für die angeblich fehlend M al d e or er Manager-Elite. Energize (Mitarbeiter führen). Vielleicht 1st er beschäftigt.. . die zukünftigen Siemens-Leader kümmern. Energy. Zu Hause werden sie erzählen können. Nach diesem Raster soll tatsächlich die Wirtschaftselite ausgewählt werden? Und was bedeutet das für meine Suche nach einer tauglichen EliteDefinition? Nicht viel. Die erste Antwort auf meine Frage: Was ist Elite? NUR KEIN NIEDRIGLEISTER SEINI .. ob den Siemens-Manager beschäftigt da Kl' r ld ' ss eInie auf dem besten Wege war. . Denn in ihren Augen sind wir woW genau das. P und Leadership überdauert. auf den Topmanager und wieder auf die Liste. Am nächsten Morgen passiere ich problemlos die Einlasskontrolle. Energy (Initiative zeigen). SeIn Chef Klaus Kleinfeld ist Schirmherr des Symposi~ms. uns er Redner b' . H" h tl . die auf oc s elstung ausge . Jetzt wird es gleich so weit sein. energy und execute überprüfe. Stattdessen spr' ht d t I IC er Manager von einem global a ent pool. Bislang ist er aber noch nicht aufgetaucht. dass er die Besten aus dem global talent pool regelmäßig zum Frühstück treffen wolle. Er selbst werde sich um 26 Four Es and one P nennt er sein Modell . . Eine Horde Mittzwanziger. nc et 1St«.. Könnte in der deutschen Übersetzung also auch als fünftes E durchgehen. Mein Hosenanzug ist genehm. eine Betriebsrente. Sein Vater habe gerade selD VIerZigstes Dienstjubiläum gefeiert.elters. Edge.-----__=i= die »begabtesten und leistungsfähigsten« jungen Menschen im Konzern. Ich schaue auf die Liste. ht . . Ein Finger.

dass die Wochenarbeitszeit in der Welt des Wirtschaftsnachwuchses ein Fetisch ist. Es ist wie beim Pokern: siebzig Stunden. Die Lektion »Bloß kein Niedrigleister werden!« wird in den folgenden zwei Tagen ständig wiederholt. der Chef der Deutschen Bank. Immerhin weiß er nun. halten ihnen die Karotte vor bis zur Frühpension. Das ist deutsche Gleichmacherei. Er spricht von Anpassungsdruck. Vielleicht sind es aber auch die.« Eine Freundin. le nur darauf wartet. achtzig . hat er noch eine 28 Geschichte parat: »Jeden Morgen wacht in Afrika eine Antilope auf und weiß. In den Gesprächen bekomme ich den Eindruck. der fast noch mehr zählt als das dicke Auto oder die schöne Wohnung. von tschechischen Niedriglöhnen und von »Cosy-Verhältnissen«. bis an die körperliche Belastungsgrenze zu gehen. Er wird grundsätzlich: » Wir leben in Deutschland immer noch in einem sozialistischen Kollektiv«. Damit muss jetzt Schluss sein. sie muss schneller laufen als jeder Löwe. er muss schneller laufen als die langsamste Antilope. Bernd geht selten vor acht Uhr abends nach Hause. sagt er.damals. »ist für viele Manager so selbstverständlich wie für andere Menschen die Fahrt mit der S-Bahn. Das bringt Respekt ein.« Nach einer Kunstpause sagt er dann: »Wir müssen schnell laufen.das Wort habe ich noch nie gehört. dass wir niemals a h h "" " usru en. Das Wort klingt verächtlich. Aber der Block Personalkosten darf nicht unermesslich werden. die viel Schlaf brauchen und halbe Tage mit Fernsehsoaps oder Fußballübertragungen vertrödeln. ragt er. hat in London und New York eine Wohnung. in der Anzüge und Schuhe bereitliegen. erzählte mir dass jeden Montag um fünf Uhr morgens in ihrer Straße ~en­ schen mit Rollkoffern auf dem Bürgersteig stehen. Der Terminkalender vieler Topmanager ist auf bis zu eineinhalb Jahre im Voraus gefüllt. als das Projekt auf der Kippe stand. fahren sie zum Flughafen. Von dort werden sie für die Woche aufdie 29 .' r le. In einem späteren Vortrag werde ich als Synonym noch den »Niedrigleister« kennenlernen. '. WIr müssen den M' d I' In er elster in uns unterdrücken wegen der Konk d' " urrenz. hundertdreißig. Niedrigleister fordern 38. eine hohe Schlagzahl zu erreichen.»Das ist Globalisierung«. e en aVler. »ist die Wahrscheinlichlt.« »Minderleister« . »Ein Tagestrip Zur Arbeit nach New York«. Bernds und Marios Ziel ist es. sammeln Koffer und Menschen ein. »Wir ziehen Minderleister immer mit.S-Stunden-Wochen. »Es ist im Einzelschicksal immer bitter. in denen wir zu lange gelebt hätten. erklärt uns ein anderer Semmarlelter »Wie ß f ke" d ' gro «. Jeden Morgen wacht in Afrika ein Löwe auf und weiß. Wir lernen. ass der nächste M " Österrelch(<< Fü d" d' Ozart aus China kommt statt aus . die wie Mario als Berater arbeitet. le da noch nicht den Atem der Chinesen. entspannen durfen. so wie ich. Denken Sie darüber nach!« Mario erzählte in Griechenland stolz von seinen 70-Stunden-Wochen. dIe uns jage ' N n. Taxen fahren vor. 60 Millionen ChInesen spi I Kl . nac lassen. das farbig markiert und mit Aufgaben versehen ist. Er gestikuliert entschieden. antwortet der Manager. Er ist Meister des Zeitmanagements. schreibt die Zeit. Vorn sehe ich die goldenen Manschettenknöpfe am blauen Jackett des Siemens-Managers auf und nieder wippen. Josef Ackermann. um zu überleben. 1m acken spüren.« Der Junge sagt nichts mehr. dass er Sohn eines Personalkostenblocks ist. In seinem Rechner hat jede Viertelstunde des Tages ein Feld. einen sicheren Job und Urlaubsreisen auf Betriebskosten.

strömt das Stimmengewirr wieder auf mich ein. beschreiben die Bereitschaft. S'legelring reitet 0h Montblanc. »unsere Mitmenschen lenken.. verschwinden in seinem Vollbart. sagt ein Dritter. b' . ' an d o s e en aus wie ein Fliegerhelm aus en zwanziger Jahren E . Schweißtropfen rinnen ihm über die Wangen. das lernen wir gerade«. Für andere Symposien zaWst du 15.»Deine Schuhe«. . '. Wo zum Teufel kauft man Kangurulederschuhe? Auch beim E se kan . neben ein paar Gaststudenten aus Indien.« Sein Bauch wippt. hätte bei einer Firma nicht mal ein Bewerbungs " hb k gesprac e ommen. ode!?«. Sie haben weiße Laubsäge31 . aus Angst. so zu tun. »Das ist optimales Pricing. gaben 61 Prozent an. . ruft er. um mir Notizen zu machen oder um einfach nur still dazusitzen.»Erstklassiges Line-up hier. genommen. Aber ich muss ins nächste Seminar. meine Bluse zu ruinieren. Ich fiiWe mich fremd. Ich stehe in der Schlange am Büfett. »Was mit der PDS an geistigem Müll in die Parlamente gespült wurde. h . Elf Studenten stehen schon vorn. Ich gehe ständig zur Toilette. Sobald ich die Tür öffne. bedingungslos flexibel zu sein als Grundvoraussetzung. Es ist der zweite Tag meiner Elite-Erkundung. t d fü' d .. Er will uns beibringen. c a e sie von memer Mutter geliehen. . Ich überlege. as IS as r Le er?« . Sogar die Haare es h I m zeugt von langer Tradi. wie echte Führungskräfte zu sprechen.« . warum lassen wir ihn dann nicht?«. ~ r el kn Opie. . sind begeistert. EDEKA . Alle.»Kanguru.« Das sei n u le0 er alter aus dem Programm Un eIner mit Carbon-Einspritzun30 gen.ENDE DER KARRIERE »Wir wollen«. r erunter. um dazugehören zu können. fragt einer. . Kaum jemand tunkt Fruchte hinein. Vor mir sprudelt ein prächtiger Schokoladenbrunnen.Hilton. Studenten der Uni. freut sich ein anderer. o n Ich MeIn S'Itznachbas ab' nb' mich nicht entspannen. . sagt einer.« . meine Fragen zu stellen. r zle t eInen Füller aus der Tasche: anc at die Sch l~ d h .« Ich sitze ganz hinten. Sie werden nicht übertrieben haben. »Dabei kostet die Herstellung doch nicht mehr als ein paar Euro. ein anderer. eIne Schuhe SInd alt und em wenig spießig I h h b ' . führen und begeistern. Euro. Um meine Frisur zu kontrollieren. mehr zu leisten als andere. nicht unnötig unangenehm aufzufallen. den Willen zu funktionieren. »Montbl h . Und fast umsonst. Meine ganze Energie geht dafiir drauf. nur ne er abe.. als spräche ich nur Hindi. mit denen ich hier in Oestrich-Winkel spreche. Koste knappe 600 Euro. traue mich kaum. Als das manager magazin Jungmanager nach ihrer durchschnittlichen Arbeitszeit fragte.« Ich blicke an mi h M . r meIner A reise eingefallen ist. Auch ich traue mich nicht. . »Wir sind nimmermüde Garanten für Wachstum und Wohlstand.000. Die Jungs am Tisch. »Diese Gewinnmarge ist doch fantastisch!«. und schon zweifle ich an meinem Plan. fragt ein Junge hinter mir seInen Freund »w . ob es glaubhaft wäre. dass Ich In Schwarz S ak h . »Wenn einer für drei Euro putzen will.und Sheraton-Hotels dieser Welt verteilt. Der Mann vorn ist unser Rhetorikcoach. »Wir müssen endlich die Löhne liberalisieren«. weil mir Stunden vo . Manschettenall rIon. Am liebsten möchte ich gleich wieder aufs Klo. eine Wochenarbeitszeit von mehr als fünfzig Stunden sei der Regelfall. Ich lausche dem Gemurmel.

»Und du?«. führen und begeistern will.uen: »Warum darf .. »Froh zu sein bedarf es wenig. Im Gegensatz zu so vielen anderen hat er mich nicht einfach ignoriert. Sogar ein Cabrio hat er. dass er der Chefdes ersten deutschen Rhetorik-Instituts ist und geeignete Kurse anbietet. Viele hatten sich nur auf die Bälle konzentriert und den Affen verpasst.. und damit fehle ihnen eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft.:LI so ort wohlartikuliert einen Witz zu er. Ich mag nichts mehr sagen. halten sie hoch. Denn die Studenten müssen nicht nur Buchstaben halten.« . sagt der Coach. die sich die auf dem Campus ausgestellten Sportwagenmodelle anschaut. HEISSE LUFT Ich glaube.arbeiten in der Hand. Als wir mit McKinsey in Griechenland waren. Wir sollten zählen. weil er sich grundsätzlich erst einmal für alle Frauen interessiert. Denn al . Michi studiert hier. Unter »Ich muss den Gorilla sehen« könnte ich schreiben: »Ich muss andere Zum Lachen bringen. sondern auch Sätze imitieren. Und wenn man sich weigert? Wenn man im Sitz verkrampft. die ihnen vorgesprochen werden: »Ich fühle mich wie ein Fels in der Brandung. Ich sehe eine Studentin in einem getigerten Designerkostüm. P I t? elO 0 arforscher keine blaue Brille ragen. man tritt Michi nicht zu nahe. auch ein I oder Ä zu werden. . . statt eifrig Erbauungssätze zu deklamieren? »Dann«. Auch er trägt Armani und fährt Audi. Verwirrt laufe ich über das Schlossgelände. Nichts haut mich um. Lea~ership. wollen sie wissen. Fünf Tage kosten 2450 Euro plus Mehrwertsteuer. 32 Einer muss immer wieder sagen: »Ich schaffe es. ist ein König. Gut. Und wer froh ist.« Alle sollen klatschen. wenn man ihm einen Hang zum ständigen und ausdauernden Flirten unterstellt. mach Limonade daraus. Ich erreiche mein gesetztes Ziel. »Bietet dir das Leben eine Zitrone. lautete das Fazit. Ich erreiche mein gesetztes Ziel. formen das Wort »Kreativität«. wie oft sich die zwei Teams den Ball zupassen.. . Sie seien zu leicht ablenkbar. Hinter uns auf dem Parkplatz knallt es plötzlich. ganz in der Nähe seiner Heimat. ob ich mir ein Heft mit dem Titel »So werde ich ein Leader« anlegen sollte.»Wer seine Mitmenschen lenken.« »Wir müssen« mah d .<I Ich sch fi rump e weiter' . Und wenn Sie nur dIe Blld-Zeitungle h d' sen.. »Ich schaffe es. um uns fi ~. . sagt der Coach »heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere. Ein Student. fragte der Coach.« Applaus. »dIe seelische Lohntute unserer Angest llt . Während~essen lief ein Gorilla durchs Bild.. Denn dann könnte ich heute bereits meinen zw't M ks . e en UPplg füllen. ist mit dem gemieteten Rolls-Royce gegen einen Stehtisch gefahren. is about seeing the gorilla. auc le hat eine Schmunzelecke«. lernten wir damals. ~ie viele hier. Selbst ausgewählt In Ingolstadt.Daml't er di E' b e IS ären nicht fü' r BIaub"aren häl't . wurde uns das Video eines Basketballspiels gezeigt. Ich uberlege. elOm Motlvationssätze wiederholen..« Noch mehr Applaus. die den Rhetorik-Vortrag extrem inspirierend fanden. 33 . braucht Rhetorik«. Motivationsspielchen wie diese scheinen zum Standardprogramm zu gehören. . el en er atz eintragen. sagt er. . der das Taxi für die VIPs fährt. 'etzt 11· J so en Wlrnoch' In meinem SItz zusammen. Wahrscheinlich.« Am Ende stimmt die ganze Bankreihe mit ein. n t er Coach. . ..« So einfach ist das. »Hat jemand einen Gorilla gesehen?«. Neben mir gehen ein paar Erstsemester. Seit einer halben Stunde fürchte ich.

. . Meine Mutter fragt. wenn ich bei Ihnen anfange. enterbt er mich. »Es gibt immer Fragen«. Neid ist trotzdem da. Aber während ich an Stehtischen mit weißen Tischdecken vorbeilaufe. . sagt er.. D ..Aber Michi ist anders als die. Plötzlich wurde ihm langweilig. sagt er. Nur heiße Luft eben. Was halten Sie dagegen?« . mein Auto. erzählt er mir. in denen er sich mindestens im Drei-Tage-Takt nach meinem beruflichen Fortkommen erkundigt. sagt Michi. · Dafür gibt es die Kirche. die andere für sie produzieren. »Die schaffen keinen Wert. au Ie man keine Antwort findet. an die Gebote seines Gottes glauben wird. Setze mich an den Computer und öffne alle fünf Minuten stupide mein 35 .. mehr sei von denen nicht gekommen. habe an den Ständen der Investmentbanker und der großen Berater gestoppt und gefragt: »Mein Vater schwört. h . Die sehen nicht. emgau. dass einer hier. »Schlimm fand ich das«. Urlaube und Häuser leisten zu können. .. .. »Nein danke«. statt an E. · ' ac t sem breItes fränkisches Lachen. verfalle ich in das.»Fürchtest du dich davor. Sein Vater verkauft schlüsselfertige Bauten..« In Gedanken unterstelle ich ihm den Zusatz: »Gut für deine Karriere. Lege mich auf den Teppich. »Selber drauf gekommen wä . MIch! sehuttelt den Kopf 1 h ' . »Heiße Luft«.-l~IIIIIIII . So schlimm. g IC en«. Schließlich rufe ich meine Eltern an. frage Ich. In Hannover stehe ich ewig auf dem Bahnsteig.« Er sei. wenn er dann irgendwann vielleicht zur Wirtschaftselite gehört. re IC nie.« Wie anscheinend alle hier lebt auch Michi ohne Ruhepausen. en Kirchgang hatte er schon hmte .. Das ist mein Rahmen. " apu t zu sem?«. sage ich und lege auf. den Glauben. findet er. das kauft alles der Papa. und ich solle mir m t so VIele Ged k an en machen. um sich Autos. sagt Michi» f d' . Die riet den F h ' ernse er anzuschalten. )) Ich bm ausge l' h 'eh .--------------------_iiliiiiiiiiiliiiiiiiiliiiiiiiiiil_. Mein Vater sagt: »Da kannst du ja viel schreiben. ob sie mir Zu Weihnachten auch eine Armani-Jeans schenken soll. Ich verlasse mein Zimmer ~aum. as MIttagessen auch. h d . schaue fast so lange aus dem Fenster wie die Frau 1m Vorderhaus. Und Michi ist direkt nach der Schule mit eingestiegen. 34 . die kosten viel Geld. -. was Tom eine »Nachdenkst arre« nennt. Die Leute sagen. DAS GROSSE UMDENKEN Zurück in der WG. Dass Angestellte genug Geld verdienen müssen. Er will weder Berater noch Investmentbanker werden. die ich bisher hier traf. . Er erzählt mir von einem Sonntag. verspricht er. das zahl ich alles selber.. IIII~~ . um ihnen von meiner Verwirrung nach den Tagen mit der jungen Wirtschaftselite zu erzählen. Ich bekomme noch den letzten Zug nach Berlin.« Auf den Glauben wollte ich mich nie verlassen.« .Schweigen. »Meine Studiengebühren. mit . r SIC. dass er seine Mutter anrief. finde ich es plötzlich auf seltsame Weise beruhigend. der in der Hand die Promotion-Tüte einer großen Investmentbank hält. dreißIg müde und k t . . über eine Karrieremesse geschlendert. mir die getönten Scheiben der parkenden Autos anschaue und einem Dreijährigen mit zurückgegeltem Haar ausweiche. P und Leadership-Versprechen. die Arbeit war weit weg. dass ich von Montag bis Sonntag schufte. Die grundsätzlichen Dinge. Das kann aufDauer nicht gut gehen. haben die Berater nicht durchblickt.« Mein Vater hat Phasen.. Er war gerade neu im Rh ._ . Stottern.

Ich kann nicht sagen. chon lange fahren meine Eltern zu Antiquitätenauktionen. Beamten und Ingenieuren unter ihren Freunden ging es relativ früh wirtschaftlich ziemlich gut. Erst McKinsey. Dachte ich jedenfalls bislang. Ich bin dazu erzogen worden. e es eIC tfällt. Haben wir dadurch unsere Chancen auf dem Weltmarkt verspielt? Hätten unsere Eltern und Lehrer uns besser auf den Kampf von Löwen und Antilopen vorbereiten müssen? Meine Eltern haben nie darüber gesprochen. pt Mailfach. Und dann noch dieses seltsame Gespräch mit meinen Eltern. Ein Konsens. was aus ihren Mit~iedschaften in zahlreichen Bürgerinitiativen geworden 1st. sich im Kleinen überall Und Immer für d' S h I le c wachen einzusetzen. Dieses Denken war zumindest in unserer Umgebung lange Konsens. auf Arbeit und soziale Sicherung pocht. ch habe gelernt. klassischer geht es kaum. dass Gleichheit und Gerechtigkeit wesentliche Wert . Und damit d l' muss di as ge Ingt. Immer häufiger sagt . als würde ich irgendwelche erlösenden Botschaften erwarten.57 . SOWIeso Vi 1 l' h . 37 . um auf den Schultern meines Vaters gegen Atomkraft zu protestieren. anstatt zu den Anti-Atomkraft-Treffen zu gehen. eVi . in der viele Frauen Latzhosen trugen und gegen Machos kämpften. Als ich von ihnen wissen will. dass die zwei Treffen mit der selbst ernannten Wirtschaftselite zu einer Klärung des Begriffs und Zur Beruhigung meiner Ängste beigetragen haben. und wir haben uns Vor dem Gedenkstein für die ermordeten Juden versammelt. sollte gleiche Chancen a en. Schon als Kleinkind habe ich sonntags die Urananreicherungsanlage in unserer Heimatstadt umrundet. egal wo er herkommt und SIn egal WIe . Meine Mutter war mal bei Pro Asyl und mal in einer Gruppe. man e Schwache t" denen' n s utzen und nicht jene fördern. selbstbestimmt zu leben. Wie ich mich im Kampf um knapper werdende Stellen benehmen soll. erzählt mir ein Freund..r. Vielleicht war diese Erziehung ja weltfremd. war sie der Nährboden für eine Wohlfühlgesellschaft. Echte Angst um die materielle Existenz habe ich damals nie erlebt.·Mein Vater hat für verkehrsberuhigte Straßen gekämpft.man Wollte d' Ki d le n er zum Umweltschutz erzie36 hen«. so wurde mir beigebracht. eder. Mein Vater ist Sozialdemokrat. Denn langsam zweifle ich an der Haltbarkeit dieser Überzeugungen. Er trägt Bart. trainierten wir nicht. derten Ie e WIe die Integration von Behin. meint mein Vater nur. d J ' VIel . Vielleicht. wir fahren Saab. argumentieren. der ein paar Jahre älter ist und sich an die frühen Achtziger besser erinnern kann. hatte . hatte abere . so würden wahrscheinlich viele. ar b Ie großen Ideologiekämpfe beendet fü h : r SIC eanspruchte. in der jeder nur auf sein Recht auf Selbstverwirklichung. ob sie sich diese Fragen gestellt haben. »Anfang der Achtziger man Bildungsz' 1 ' . der aus Überzeugung gelebt wurde. dass man aus der SPD eigentlich austreten müsse. gleichzeitig aber auch tolerant zu sein und Rücksicht zu nehmen. Ich bin also in der bundesrepublikanischen linken Mittelschicht aufgewachsen di ZW d' . warum sie nicht mehr demonstrieren. An jedem 9. hb seIn ater verdient. Meinen Eltern und all den Lehrern. jetzt die Tage an der EBS. er hätte keine konkreten Ziele mehr. für die er sich einsetzen wolle. die ich in Oestrich-Winkel traf. Warum waren sie eigentlich überhaupt nicht empört über das Gebaren der Studenten an der EBS? Meine Eltern sind Lehrer. November bin ich mit meiner Mutter mit Fackeln durch die Fußgängerzone gelaufen.

um Patriotismus. h ft . »Du hast doch so ein gutes Abitur«. Hunderte von Zeitungsartikeln. in der man wieder mehr um die materielle Existenz bangt. Es begann damit. solche Ideale vergessen soII te. Ich habe den Eindruck. haben sich ihre Maßstäbe verschoben. in dem Standesdünkel. Was Franzosen. Immer wieder fragt er. Gleichzeitig packte die deutsche Mittelschicht erst~als seit dem Zweiten Weltkrieg die Angst vor dem AbstIeg. wenn seine Tochter sogar bei den Turbokapitalisten. statt einen festen Vertrag zu haben. Aus Sorge um meine Zukunft möchten sie um jeden Preis. Es war ein »Wir-sind-wieder-wer«-. seit die Angst vor der Arbeitslosigkeit auch bei ihnen im Münsterland angekommen ist. we c en vvert haben Ideale. ein »Das-wird-man-doch-mal-Iangsam-wieder_sagen_dürfen«_ Gefühl. Dass ich Aufträge abarbeite. Engländer und US-Amerikaner haben dem dürften sich die Deutschen in Zeiten des globalen w'ettbew~r~s nicht verweigern. dass ihre Tochter zu den Gewinnern gehört. Er. ob ich nicht irgendwann mal irgendwo eine Festanstellung bekommen könnte. merkte ich. erträgt er bis heute nur schwer. fange ich wieder an zu lesen. Dabei stoße ich auf einen Bericht über ein Fest der neuen Präsidentin der Universität Hamburg. Für den Traum von der festen Stelle hätte mein Vater. angeheuert hätte. keine Schreihälse. der Sozialdemokrat. als wären sie luxunose Accessoires? H1 d . offensichtlich nichts dagegen einzuwenden gehabt. zunahm. War »Elite« ru er ein Reizwort. hmdern? Aber I h H1 • . ernwlrtsc a mItschwangen. Bücher über Eliten. waren sie nicht gerade glücklich. emer KindheIt als wIchtig beigebracht haben? Haben SIe schneller als ich begriffen. Journalistin passte vor allem meinem Vater nicht._ nge eIstet oder nicht.« Es scheint einen neuen Konsens zu geben.~~gWUrde die Unschuld des Begriffs betont. rief BiIdungsministerin Annette Schavan: »Deutschland braucht Eliten. Als Studenten im Februar 2007 die Inthronisierungsfeier mit ihren Protesten störten. die auch er stets kritisiert. Ich glaube. dass ~ch Ideale verleugne. . wie ich immer dachte. dass man in einer Zeit. von dem in Hartz-IV-Zeiten jeder betroffen sein ~nn. DIE ELITISIERUNG Die Renaissance des Elitebegriffs fällt in die Schröder-Ära und in die Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs. Machtmissbrauch und Viett . Gleich~e. Würden sie :g~r akz~Ptier~n. Marios Kategorien scheinen ihnen nicht so fremd zu sein. e dies zuließ? Um die Nachdenkstarre zu überwinden. Als ich meinen Eltern erzählte. es umzudefimeren als bloße »Aus39 38 . der stets gegen die Konservativen wetterte. in denen man Nachkriegstabus brach. Ze' di ~ onsens hIelt. Ich glaube. vvar er Wunsch nach Gerechtigkeit. die sie mir in . als es um meine »berufliche Zukunft« ging. dass ich den mit 67000 Euro dotierten McKinsey-Vertrag abgelehnt hatte. war plötzlich für Anwältin oder Ärztin. Es ging um »Leitkultur«. dass das Erstarken des Elitebegriffs em Kind der Verbindung beider Entwicklungen ist. .Dass das nicht alles ist. dass nicht nur meine Eltern umdenken.. sagte er oft. lautete eine Grundthese. sobald SIe" KarrIere be' dIe . dass die Zahl der Diskussionen.h deniC fü K . . um Deutschlandflaggen und eben um Eliten. wurde in der Debatt h . Es ist ihm zu unsicher. e versuc t. die man sich Je nach Lage der Di I. vielleicht nur Attitüde in einer It.

Dieser Gegensatz erst macht den Reiz des Elitebegriffs aus. dIe »rassisch II wertvo es Menschenmaterial« züchten Wollte. An die Elite eben. So fand man Ende des 18. Für den Brockhaus ist »Elite« eine Gruppe. So wurde aus einem Tabu ein Ziel. sollten nicht an die mit der edelsten familiären Abstammung gehen. dass es in Gesellschaften' . Die erste ist immer die weniger zahlreiche. Einflussreichen existiert nur im Zusammenspiel mit ihrem Gegenteil: den vielen »Normalen«. die über einen starken Willen verfügen. Es waren wohl französische Händler. Die faschiStis~hen Herrschaftssysteme. eIDe d pe er esonders Leistungsbereiten und 40 . 1755 definierte Denis Diderot in seiner Enzyklopädie »Elite« als Gütesiegel für auserlesene Spitzenprodukte. »die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie durch eine besondere Leistungsf<ihigkeit und Leistungsbereitschaft auszeichnet«. Imlerte Ie NaZIS Zur Gründung der Natio41 un~eich verteilt Dass Leistung und Einfluss in einer Gesellschaft stets sind. sondern an die mit der größten individuellen Leistungsfahigkeit.. er au es» e ensborn«-Programms der SS. Elite-Tücher und Elite-Gänselebern. Daran orientieren sich auch heute noch die gängigen Definitionen. h "b ' ra e DIC ts u er dIe vielstufige. während die zweite zahlreichere Klasse Von der ersten befehligt und geleitet ~ird. der Menge also. die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß«. Das Elitekonzept war t eorehscher Dnt b d Lb . · versc eIern eine konstituierende EIgenschaft· Elit e ' ' . Es an" d' . sei »eine Herde. ist unstrittig. Sie sehne sich nach wenigen. die An h'" d ge ongen er Elite hätten zudem einen »besonderen Wert« und bestimmten maßgeblich die gesellschaftliche Entwicklung. allen voran die deutschen Nahonals . so schreibt er. unproblematisch und auf jeden Fall erstrebenswert. I ' . komI S h' P exe c Ichtung einer Gesellschaft. Die Masse. Macht und Geld. die das Wort erfunden hatten. so die Forderung. das den Begriffim Kampfgegen Adel und Klerus erstmals politisierte. monopolisiert die Macht und genießt die Vorteile. die beherrscht wird. el.« Trotz mancher Differenzen einte die Klassiker der Elited' Ub" forschung de GI b r au e an Ie erlegenheit einer auserwählten Minderh 't D . Jahrhunderts massiv beschäftigte und faszinierte. r OZIa Isten. Dle kl' Grup e setzt bImmer eine Nicht-Elite voraus. Elire heißt »auswählen«. Die kargen Definitionen der beiden L xika hl . von den primitivsten im Aufgang der Zivilisation bis zu den vorgeschrittensten und mächtigsten. und eine.wahl der Besten«. Doch der Begriff »Elite« erzählt ge d . Meyers Enzyklopädie ergänzt. b I eIne u er egene Minderheit geben darf und soll. die herrscht. ahuf gra~same Weise in Politik um. gibt es zwei Klassen: eine. Ursprünglich war der Begriff »Elite« tatsächlich nicht mehr als ein Premiumstempel. setzten den Gedanken. Seine Zeitgenossen sahen das ähnlich. ein anderer Klassiker der Eliteforschung: »In allen Gesellschaften. Jahrhunderts auf allen französischen Märkten Elite-Garne. So schreibt Gaetano Mosca. Den Anfang machte das französische Bürgertum. In der »Psychologie der Massen« beschreibt Gustave Le Bon die Sehnsucht nach Eliten als eine Art Grundreflex des Menschen. das Soziologen erstmals Ende des 19. und auserwählte Waren ließen sich besonders gut anpreisen. sie versieht alle politischen Funktionen. begründete seinen ruhmreichen Aufstieg zu einem Konzept. amIt egten sie den theoretischen Grundstein für den aufkommenden Faschismus dem sie zum Teil auch persönlich sehr nahe standen. Erst später bezeichneten sich auch Menschen als Elite.

der »Napolas«.. allein die Leistung. galt der Elitebegriff zunächst als tot als auf ' . Dachte • man zumindest.Jemals wieder von Hir" IC ' "hl ten. Hier wird der Mythos gepflegt. . Die Soziol' d' ogle wan te sIch vom beschmutzten Gegensatzpaar »Elitel d M .IIIllIIlIilII" l 1l· --. die in ihrem jeweiligen dorf ~ u rungsaufgaben übernahmen.ltik. Die Eliten hatten versagt. töteten sie Millionen von ~~ns~hen. . Als alles vorbei war. mittlerweile Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. machten es unmogl' h . dem die Masse folgt. wenn sie nach den 43 . in der Wirtschaft zähle im Gegensatz zur Politik. Religion. Ralf Dahren. ein Auserwählter. er als Professor an der Eliten nachdacht erhn m den sechziger Jahren über e. der viel leistet. in der man durch Kungelei nach oben komme. Das Führerprinzip selbst war Ausdruck des Glaubens daran. Kultur. Durch diese Neudefinition galt Elite vielen als demokratisiert. IIStIsch en Funktio < un » asse« ab und gebar die »pluraI' . er rngedank bl 'b d tastet: Elite II ' . Militär . sprach von einer »Vervielfältigung der 42 Eliten«. ErZiehung. entproblematisiert und von der Schande der Nazis fast völlig reingewaschen. die für die Gesellschaft von Interesse und Bedeutung seien. emer der Väter d B 'ff! 1979 ' es egn s »Funktionseliten«. ' durch sie verseucht. Jürgen Rüttgers. Angetrieben durch eine unmenschliche Ideologie und durch die Gier nach grenzenloser Macht.. in denen eine »Elite für den Führer« herangezogen werden sollte. Elite seien schlicht Personen. eter Dreit 1 d Freien Universität B ' . Damit war das neue soziologische Label des Elitebegriffs perfekt und die funktionale Leistungselite geboren. Grundsätzlich käme jeder Bereich persönlicher Leistung dafür infrage. dass ein Hirte die Herde zu leiten hat. suggeriert dieser Ausdruck. d Auch Hans P n m Je em Bereich zusteht. Dreitzel charakterisierte die demokratische Gesellschaft als »Elitengesellschaft«. kann jeder werden.. sprach 1 von SIeben fu kr »großen" n lOna en Eliten. sagte schon 1998: »Vom Tabuwort ist der Elitenbegriffinzwischen fast zu einem Schlüsselbegriff in der Bildungsdiskussion aufgestiegen. Elite.---------iII!7 1IIlII1tIlIIl. Damit waren mehrere Grup' pen m der Gesellsch ft Syste F"h a gememt. e el t avon natürlich unangeso te m eme D kr deuten. vernichteten den Glauben an die Kraft der ZiVillsatIon. entsprechend den mstItutionell 0 d e~ r nungen« der Gesellschaft: Wirtschaft P I' . le en Beste ' . Macht d' d r emo atie geteilte Macht be. der strebsam und klug ist. nse !ten«. die in Spitzenpositionen gelangt seien. letztlich aber doch nur Leistungen.« Der sächsische Kultusminister Matthias Rößler stellte im August 2001 anlässlich der Wiedereröffnung der früheren Fürstenschule Sankt Afra in Meißen als Elite-Gymnaisum für Hochbegabte fest: »Wir bekennen uns zum Begriff der Elite. Die wissenschaftl' h W' d ' IC begnffs begann b 't ke le erentdeckung des Eliteerel s urz nach seinem vermeintlichen Ende.~~---------_ _iiiliiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiii5iöiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii_iili_• • • •_lliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii~lilI·iii· 1iiI·~·iIii·ilillli'Ilii·. von Führern' "on Auserwa ten zu sprechen. Ihren Ursprung hatte die Begeisterung für die Leistungselite aber in den Chefetagen der Wirtschaft. Und so fand die Elite über die Soziologiebücher ihren Weg zurück in die Gesellschaft. in der die Auswahl für die Elitepositionen nach Leistung erfolge und damit für alle Bürger erreichbar sei. d eWIg mIt en Taten der Faschisten verbunden. pater reduzi t d' aufvier D Ke er e er le Zahl der Kategorien . jeder also. nalpolitischen Bildungsanstalten.« An dieser Schule werde die künftige Elite Sachsens geformt. über 90 Prozent der Topmanager nennen Leistung und Fleiß. und Recht' sO.ze .

Die UniverSltaten in Aach B I' . Und Hein. nach welchen Kriterien entschieden wird. ephert und gelebt. DIe Anstrengungen von Politik und Wirtschaft zeigen Folgen. b en. ehemaliger Vorstands. Zwar eine. warum und nach welchem Schlüssel. Es gab nur leisen Widerspruch. dass man sie eigentlich schon entsorgt hatte. sondern eine Nachwuchselite aus diesen Töpfen per se mehr erhalten soll als andere. Mathias Döpfner. glaubt. Karlsruhe Ko t d" . vorantreiben. dass die Manager das Konzept. le bekommen Ruhm. Göttingen. »Wir brauchen wieder Eliten« ._ enzwett ewerbs entschieden. Und vor allem möchte ich erfahren. was genau die meinen. Damit ist die Debatte etliche Schritte weiter als ich. Kaum einer nennt Geld. Eine klare Mehrheit für die Elite. sie ihren eigenen Erfolg zu verdanken glauben. n s anz un Munchen dürfen sich jetzt »EUte-Universität« n S' ennen. d dafür begabt S h" ngsIn 54 Prozent der Menschen . Chancen und Förderung nicht mehr möglichst gerecht verteilt werden. der frühere Prasldent der Bundesbank. Ehre und 21 Mill' Ionen Euro. will »den Begriff der Elite als Leistungselite verstehen und ihn so enttabuisieren«. . Ich möchte wissen. stellvertretend für alle. Heidelerg. Erstmals seit End d . Da scheint es folgerichtig. Mich interessiert nicht. al s d' Bundesregierung beschloss. ist meiner Meinung nach. ob man das Wort wieder aussprechen darf. Wenn Geld. nZInlhahve« das Hochschulsystem umzubauen »Der Wi ttb b . müsste dann nicht allen klar sein. e ewer soll das deutsche Hochschulsystem neu polen'. von GI eIehh eIt auf Elite«. aber das kann man nicht zum Standard für alle machen«. und merkwürdigerweise fragt fast niemand nach. Itt erwede sind die ersten beiden b . dem. sagt ErnstLudwig Winnacker. »Den Besten muss man das Beste bieten. wer dazugehört und wer nicht. in denen die Studenten im Vergleich zu ihren Kommilitonen an den Massenuniversitäten traumhafte Bedingungen vorfinden. zum ersten Mal. dass die ~esellschaft von einer »Leistungselite« bewegt wird.und späterer A~fslchtsratsvorsitzender der Siemens AG. le mit ihrer »Exzelle '" .rich von Pierer. Die Menschen scheinen begriffen zu haben.entscheidenden Gründen für ihren Aufstieg gefragt werden. als Maßstab für die gesamte Gesellschaft wünschen. ob man das Wort trotz des Dritten Reiches gebrauchen darf. demokrahs~~e« Leistungselite. seit die Zeitung diese Frage stellt. . nach 45 .dieser Satz regt nach einigen Jahren der aufgeregten Darf-man-das-wieder-sagen?-Diskussion kaum einen mehr auf. Mit 80 Prozent folgen Eigeninitiative und Durchsetzungsvermögen sowie Bildung und Ausbildung. mit welchem Inhalt man die Hülle füllt. die die Einrichtung von Elitestudiengängen.nur 33 Prozent sind dagegen. Hans Tietmeyer. dass nun wieder in Gewinner und Verlierer eingeteilt werden soll. der Vorstandsvorsitzende des Springer~edienkonzerns. . e c üler i EI' kl n Ite assen oder an Eliteschu44 len zu fördern . Vermögen oder Beziehungen. Freiburg. die aber offenbar noch nicht ganz kaputt war. Zelt 1m Oktober 2006 M' I ' Runden des Exzell . er In. fuTter All . aber ziemlich laute Begeisterung. e es ZweIten Weltkriegs wird das Elit 100 e nzept zudem 'd der Bev"lk WIe er von einer breiten Mehrheit o erung akz . der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. schrieb die . die »Elite« sagen. Viel wichtiger als die Frage. Laut der FrankgemeInen Zeitu . fordert eine »durchlässige. die in der Vergangenheit so sehr beschädigt wurde. Erst einmal ist es wie jeder Begriff eine Hülle.

errn Es ist k EBS b' U' . der damals in unserer Kleinstadt noch eine echte Rarität war. dann immer vergnügter durch die Gänge gelaufen. die Nachdenkstarre zu lösen.. Wie finden sie diese zweihundert Top-Leute? Wer löst die Eintrittskarte in die WeIt der zukünftigen Wirtschaftselite? Und wer bleibt draußen? Es ist Zeit. unver ennbar. b elllem warmen Herbst noch gelben Wein~rge. Vor mir laufen Gespanne. und damit hat der Sohn noch keinen BMW-Cabrio vor dem Campus parken. Heute sollen die Oberstufenschüler lernen. 47 46 . . Denn heute lädt die European Business School zum »Campus Day«. DIE BESTEN ODER DIE REICHSTEN? Ich kann die Augen kaum offen halten. U~d die Deutsche Bahn hatte es gut gemeint und den RegIonalexpress 514 Richtung Koblenz auf gefühlte dreißig Grad geheizt M't ' . dass ich zurück an der In. le an diesem Mo 'd . die dem aus Bremen ähneln: Vater und Sohn. e am traßenrand parkt. Hier ist das anders. dass dies die geheimnisvolle Welt der Akademiker sein muss. 1 eIner ReIsetasche in der Hand laufe Ich durch die nach . ganz selten Vater und Tochter. Wir sind erst ein wenig eingeschüchtert. die mit abenteuerlichen Verformungen der Lippen die Entstehungsgeschichte von Wörtern veranschaulichen wollten. . Er prüft die zum Kauf gebotene Ware. der forsch voranschreitet.vermutlich das Modell r en n. um hier dabei sein zu können. jedes Jahr die »200 Top-Studenten in Deutschland« aufzunehmen und dadurch eine »unternehmerische Elitehochschule« zu sein. . Ich blicke auf den Rhein. ngewoh r h ' schen d h" n 1C 1st allerdings. 80000 Euro also. Der Nachwuchs läuft fast bei allen Duos ein wenig schüchtern hinter dem alten Herrn. über die Nebelfelder. und haben akzeptiert. Aus einer steigen gerade Vater und Sohn.nur für die Gebühren. Eine Studentin stelgt aus Sch . en e Ich.. Ich fahre noch einmal in den Rheingau. als mich der BMW-Mini überholt und in der 1 angen Schlang S . knapp 45000 Euro lassen . Schließlich wird er hier. .. sind über vierhundert Kilometer gefahren. In meiner Erinnerung sind Tage der offenen Tür an Universitäten lustige Veranstaltungen. dass ein Studium hier »die richtige Karriere-Entscheidung« ist. haben in einer Linguistik-Vorlesung Menschen zugesehen. als wir einen Milchkaffee tranken.welchen Regeln diese Plätze in der ersten Klasse verteilt werden? Wie wird man Elite? Muss man auf bestimmte Schulen gehen? Spezielle Universitäten besuchen? Entscheidet das Talent? Geben Fleiß und Ehrgeiz den Ausschlag? Oder vielleicht doch das Geld der Eltern? Und wie misst man das alles? Die European Business School in Oestrich-Winkel behauptet. d k ' rgen In en Talern hangen.mit monatlichem 700-Euro-Budget .. »Idyllisch«. Ich war an der ehrwürdigen Wilhelms-Universität in Münster. Sie kommen aus der Nähe von Bremen. dass heute zwien sc lllttlge A n utos auch gediegene Familienkut- d schen parken. Schulklassen suche ich vergeblich. dass selbst ein relativ sparsames fünfjähriges Studentenleben . Ich überschlage.ohnehin schon über 37000 Euro kostet. bis das Kind den Master hat. rag Vor mir steht ein BMW-Cabrio Sportwagen mit do eIt ' fü d 11" pp em Auspuff . Danach haben wir uns in die Cafeteria abgesetzt und fühlten uns unendlich cool und studentisch. denn es ist früh.

tausend Studenten.und einen Intelligenztest. amlt das eigen Kind unter die '"r e die Aufnahme. Vierunddreißig reguläre und elf Juniorprofessoren sorgen sich hier um das Wohl der tausendzweihundert Studenten . Ich Iese: Durchschnittli hAlb " c es ter el Abschluss des Studiums: 24. und erzählen von Kontaktabenden. 7. Sie wissen. dass sich die Inveso nen WIrd t 'b ' wird d ' ' rel t SIe nun um. lOstlegsgehalt " b emes A solventen: 50752 Euro. ? Das geht. Bei Binomen und Logarithmen muss ich aber passen. 10000 Euro pro Jahr. Damit liegt das Angebot auf dem Tisch. denke ich und notiere: 52 und 77. Schanghai oder Seoul. in Hongkong.. was zu tun sein . »Wie lauten die nächsten beiden Glieder der Folge 2. Das beeindbruckt. Damit qualifiziere man sich für die Einzelgespräche und eine Diskussionsrunde. einen Englisch. diese Investition schmackhaft zu machen. »Den mündlichen Teil schaffen fast alle«. . 32 . Ihren größten Trumpf haben die Studienberater a er noch gar n' h t . Dieses Mathematikunterrichtswissen habe ich. Nachd d" . Der Knackpunkt seien die schriftlichen Prüfungen. gründlich verdrängt. le Eltern interessiert. natürlich auch in attraktiven Wachstumsregionen. An einer führenden öffentlichen UniverSI a selen es emundzwanzig Professoren für vier"f"t" . Per Beamer werfen SIe . Im Gegenzug wird das Kind vor den Zuständen an der überfüllten Massenuniversität bewahrt. erklärt die Studienberaterin. »Effizienz« und das tolle Betreuungsverhältnis. falls jemals vorhanden. was 48 auch ich wissen will: Wie wählt die EBS die zukünftige unternehmerische Elite aus? Bei der Auswahl der besten zweihundert spielt die Abiturnote der Bewerber keine Rolle. den Sprung »lOP 200« schafft D' . em le Eltern be 'fL" h b tition I h . S . sagt die Studienberaterin. was der Satz It would be Jar better bedeuten könnte. addiere zu drei x die fünf Negativen der Gegenseite und erinnere mich an das schöne Gefühl. dass auch die anderen »Fragetypen«. IC ausgespIelt. 17. Da 49 . E" . Zum Üben bekommen wir Beispielaufgaben in die Hand gedrückt. Die Hochschule stellt einen Mathe-.also gut einundzwanzig Studenten pro Lehrkraft. wie es heißt.. Sie preisen »Lerneffektivität«. Wie alt sind Anja und Sven?« Ich schreibe zum ersten Mal seit Langem wieder Gleichungen. das man hat. die bereits Traumpraktika in Investmentbanken ergattern konnten. In den Tests bräuchte man die Note 2. Noch Fragen? E t al . dass es ihre Aufgabe ist. " " spater tatlstiken an die Wand. zu denen Firmenvertreter in den hochschuleigenen Weinkeller geladen werden. Oder doch. Ich entscheide mich für That would be a great improvement und sehe. 2: Anja und Sven sind zusammen achtzehn Jahre alt. Hier muss man ankreuzen. in der man seine Persönlichkeit beweisen müsse. zu schaffen wären. darfdas Studium an der EBS beginnen. Ich blättere weiter zum Englischtest. Sie berichten von Studenten aus dem dritten Semester. rs m keme. Nr. . Eine noch. die auch die letzten ZweIfler vom S" d' IOn leser Investition überzeugen sollen.7. so erhält man das Fünffache von Anjas Alter. Wer nach den schriftlichen und mündlichen Tests zwischen Platz 1 und 200 gerankt wird. gn len a en..Die Studienberater sind gute Verkäufer. wenn eine Rechnung glatt aufgeht. WeUlg . Verdreifacht man Svens Alter und addiert noch zwei Jahre hinzu. also einer für hundertneunzig Studenten. Sven ist also elf Jahre alt und Anja sieben. Sie schwärmen von hundertvierzig Partneruniversitäten.

3 geschafft haben. Ich h·· es mir weitaus SChWIe. Eine Führung von Deutschlands zukünftigen Führungskräften. Ist für eine Aufnahme an der European Business School die allergrößte Hürde vielleicht eher.7. wo Soft Skills in der Wirtschaft doch immer wichtiger werden. Aus diesem Pool wollen gerade einmal achthundert zur EBS. »Haben alle hier Autos?«. Warum. ' mussten Studienanfänger im Abitur ens eIne 2. atte rIger vorgestellt' das T' ket zu lösen. Und wer in denen lande. erklärt sie der Tochter des aufgeregten Vaters lächelnd. aber auch nicht nur für intellektuelle Cracks zu schaffen. denke ich und bin sofort still. »Sie steht in Mathe zwischen Zwei und Drei«. Jeder vierte Bewerber wird also angenommen. d ie man auf keinen Fall reißen d ur arf. sogar an der Fre' U. »Julia«. wer Ergebnisse zwischen 2. dass den der Vater eines Studenten von der Expo hat herbringen lassen. er In. Wer Betriebswirtschaft an der Umversltät Mün . »Das belastet nur den Geldbeutel Ihrer Eltern. ster studIeren will brauchte im Wintersemester 2006/200 . lC dlUm an einer lb . weiß ich auch nicht«. die uns die Studienberaterin vorgelegt hat. die wie angegossen sitzende Boss-Jacke kleidet seinen mindestens zwei Meter langen Körper ausgezeichnet. Die Tests. Schlechter als 2. 50 Es melden sich erste Zweifel.7 habe. das bedeute nicht automatisch das Aus. »Sebastian«. se st ernannten Elitehochschule berechtigt. schließt sie. Seine exakt geschnittenen Haare kräuseln sich im Nacken.« Die Studienberaterin redet beruhigend auf ihn ein. sind zwar nicht banal.schnellt die Hand eines Vaters aus der ersten Reihe hoch. 475 Euro kostet der Mathekurs. . »Was der soll. »Wir suchen Studenten mit überdurchschnittlicher Lern. den man nicht betreten kann. stellt er sich vor. sagt Sebastian. Ich bin überrascht. Sie sollte das aber weniger belasten«. Nach Angabe des Statistischen Bundesamts gab es 2006 in Deutschland rund 400000 Abiturienten. sagt er und zeigt auf seine Tochter. Diese Quote deutet nicht auf ein besonders hartes Auswahlverfahren hin. Aber wer im Math etest schl echter als ausreIchend ab schneide' den k · · · onne man leIder wirklich nicht anneh men. das kann ich gleich vergessen. Vor mir steht ein riesiger.7 und 3. sage ich. der könne Vorbereitungskurse an der Hochschule belegen. . VIele sta tl· h . Unterkunft und Verpflegung. Da sagt sie: >Papa. Wahrend der Präsentation haben sich hinter uns Studenten aus dem ersten Semester versammelt. a lC e Umversitäten wählen ihre Studenten nach der Abitu " rnote aus. ' schen U. len mversität B l' d· .und LeIS t ungsb ereltschaft«. . sondern bewerben sich gar nicht erst. kann ich auch nicht erklären. der es mit ein wenig Glück auch in der Kategorie »Aussehen« unter die »200 Top-Studenten in Deutschland« schaffen könnte.7. frage ich. »Wir haben uns die Beispielaufgaben im Internet durchgelesen. 51 . »Es heißt. dass die Bewerber hier an Mathe scheitern. 1450 der Englischkurs. le m Rankings eher mItte 19 P atZlert ist mindest .. Bel 3' 7 liegt d·le H" de. Sebastian zeigt uns das Kiep-Center und einen ziemlich großen chinesischen Tempel.. 1 mäß· I .< Das kann doch nicht Ihr Ziel sein. 23500 von ihnen schrieben sich für ein BWL-Studium ein. ob man die 10000 Euro pro Semester zahlen kann und will? Schließlich scheitern die allermeisten Eliteanwärter nicht am Test der EBS. '" 7 eInen Schnitt von 1. plus Anreise. .6 nötig. . Es gäbe immer Grauzonen. durchtrainierter Junge. an der TechnilllverSltat M" h unc en war eine 1. das zu einem Stu.« Dann führt er uns über den Parkplatz. Sie werden uns gleich den Campus zeigen.

»Ich geh sonst nie in die Mensa«. erzäWt Sebastian. wenn man bei Veranstaltungen auf. schockt Sebastian den Bremer.ob . redet S b ' . Fünfzehn. wüssten gar nicht. darf sich die begehrtesten Auslandsuniversitäten aussuchen. antwortet er und nährt damit meine Zweifel daran. »Funfhundert Euro sollte man schon rechnen«. »der muss nach Polen oder in die Ukraine«. ISsen. »Wie teuer ist denn hier eine Wohnung?«. Auch der Vater aus Bremen möchte gern über Geld sprech~n. »Wenn wir weggehen o en oder ins Ki .« Im . Und den Kragen am Poloshirt stellen alle hier hoch. scWießlich d h b . »Kragen hoch und durch!« . »Drei Punkte gibt es. »Die meisten sind in der Initiative Finanzen oder im Investment-Club«. Zu Hause brauche ich zum Burger Kin fü f . dass man für Geld arbeiten müsse. g n MInuten. dass man auch Widerstände überwindet. achtzig. wenn man in einer studentischen Initiative ist. Mein erster Reflex ist. vielleicht sogar sozialen Engagement wieder zurück.das sei ihr Motto. sein Auslandssemester in den USA oder Australien verbringen zu dürfen. erzählt er 53 52 . denke ich und werde gleich enttäuscht. dass er heute hier ist. nu er eInen Makler gehen. Dann überlege ich.»Neunzig Prozent«. dass man das kleine Pferdchen oder das Krokodil auf dem Pullover auch sieht. wenn man an seiner alten Schule einen Vortrag über die EBS hält. Letzten Endes muss man scho . sondern auch die Sozialpunkte ein.« Deshalb ist Sebastian in der studentischen Öffentlichkeitsarbeit und führt uns über den Campus. Keine Ahnung. will der Bremer Vater w· E . Ich staune. hier zu studieren?«. dafür. »Ich habe mir die angeguckt. Sebastian sitzt vor mir und dem Bremer Gespann. fragt er. Und ich ziehe meinen Gedanken mit dem sinnvollen.oder abbaut. ob es nicht vielleicht fairer ist als eine informelle Einteilung in engagierte und faule Studenten. Das würde für Entschlossenheit stehen. Stadt ~ h no. Viele hier. nicht nur an die Seminare zu denken. die von Rheingauern angeboten würden. Nett. während wir unsere Nudeln auf die Gabel drehen. Wer oben landet. »Die wollen halt fördern. während er uns 10 0 0 ' die Mensa führt und gleichzeitig einer Mitstudentin hinterherstarrt. sagt Sebastian. Andere sind immer bemüht. Gegensatz zu de u m vater finde Ich es beruhigend dass auch Leute in d t k ' le man Zehntausende Euro pro Jahr s ec t. . Ins Ranking fließen nicht nur die Studienleistungen.« Später wird mir einer der Studenten erklären. hier eine halbe Stunde. . dass Leistung hier tatsächlich ein relevanteres Auswahlkriterium ist als Wohlstand. d o oc el en grundsätzlichen Problemen eInes Student I b w 11 en e ens landen. sagt Sebastian. Nach zwei Semestern werden die Studenten nämlich gerankt . a t rOVinz. mussen wir in Kolonnen in die la ren«. was das soll. Das war alles nichts.« »Macht es denn Spaß. Ob es gar sinnvoll ist. »Letzte Woche«. »Manche sind von oben bis unten in Gucci gekleidet. sagt Sebastian.» s geht«. sagt er. sagt er. e astlan weIter. »Es gIbt Viele Tiefs Es ist hiP . dass man sich engagiert«. weil er dadurch seine Chancen steigert. dieses System zynisch zu finden. wer unten steht. An der European Business School regiert der Markt. Er regelt auch zwischenmenschliche Beziehungen.von Platz 1 bis Platz 200. sagt er. wieso die Ecken am Kragen nach oben zeigen müssen. auf diese Weise Studenten zu animieren.. Manche kaufen auch einfach eine Wohnung. Es gebe auch billige Zimmer.

um im Ranking die Streber zu überholen. »Das ist doch eigentlich auch ein nachvollziehbares Kriterium. um mit ihm über Eliten zu sprechen. Wir wollten. Es ist kaum einer gekommen.weiter.8 gemacht.« Die seien schließlich die einzige Möglichkeit. Sie setzten auf »völlig veraltete Methoden«. Es gibt super Leute. Jeder sollte aus Überzeugung spenden. sltaren. Was finden Sie daran so schlecht?« »Es gibt diesen Spruch: Die Klassenbesten gehen woandershin. die ich dem Direktor der European Business School stellen will. Die Bewerber müssen auf Englisch Essays verfassen und standardisierte Mathe. deren Fähigkeiten finden sich nicht immer in einem Notenspektrum wieder. Die Uhr zwischen uns signalisiert: Meine Zeit läuft jetzt. »Was machst du. schimpft Jahns. »haben wir von der Initiative >Studenten helfen< einen Blutspendetermin organisiert. Ich weiß nicht. Die deutschen Unis seien verkrustete Massenbetriebe. läuft mir mit langen Schritten entgegen. Ich habe damals mein Abitur nur mit 1. Als Jungster Rektor den d' E . Eine halbe Stunde habe ich.« Bevor in Auswahlgesprächen die letzte Entscheidung für oder gegen einen Bewerber fiele. '" on ganz oben angekommen. Hawaii wäre schön«. würde die EBS die Studenten in Zukunft vor allem auf der Grundlage eines internationalen Auswahltests wie dem Graduate Management Admission Test.und Logikaufgaben lösen. ns 1st gerade eInmal achtunddreißig Jahre alt. löst seine Uhr vom Handgelenk und legt sie vor sich auf den Tisch. Nur wegen der Sozialpunkte. Die Zeit unseres deutschen Bildungssystems. h mir Vorst II .dasser' hh . sagt er direkt zu Beginn. England und auch in Asien schon lange eingesetzt.. Aber das wurde nicht genehmigt. würden ihre Studienplätze nach Abiturnoten vergeben. Er wird sie während unseres Gesprächs kaum aus den Augen lassen. Vermutli~ hat er gerade endgültig begriffen. wie . und die Klassensprecher sind bei uns an der EBS. Hunderttausend Bewerber pro Jahr testen sich weltweit mit dem GMAT. dass es für eine Blutspende zwanzig Sozialpunkte gibt. jeder zahlt dafür 250 Dollar 55 . kann ic een. Von einem Rat von Wirtschaftswissenschaftlern entwickelt. wird der GMAT in den USA. ~Nimmt die EBS die Reichsten oder die Besten?«. Auch wenn ich dann zahlen muss. ranken. sagt Sebastian und meint das ernst. schreibe Ich auf meinen Block mit den Fragen. der H h h ' 1e BS Je hatte. dass er für die nachsten Jahre noch etwas mehr Geld beiseitelegen muss. s er seIn Büro betritt. Jahns stü t " eIn 0 es Tempo gewohnt 1st. In em sich das Gros der univer. DER CHEF DER ELITE Christopher Jah ' . rz mIt WIndschnittigem kurzem Haar in Hemd 54 und Krawatte in den Raum. . sei quasi schon abgelaufen. Vielleicht wäre ich an dieser Hochschule als Rektor gar nicht zugelassen worden. ob sich Kompetenz immer in der Abiturnote widerspiegelt. also in einem Alt ' d er.ge 0 t worden Al . Nachwuchskräfte als schlecht bezahlte wissensch aftl1che Mitarb 't er Jah ns dagegen iste1sch von Semester zu Semester hangelt. wenn das nicht klappt?« »Dann bewerbe ich mich selber um einen Platz im Ausland. Hier tut keiner was aus Überzeugung. kurz GMAT. ist er an die Spitze » oc sc ule für d' Füh' er sagt h I 1e rungselite von morgen«. Der Bremer Vater schaut etwas angespannt.

sie b el uns d' ab so1 . sei es zum Beispiel einer Universität wie Harvard möglich. nimmt denn da die Wirtschaft Einfluss bei euch?< Da kann ich nur sagen: Wir sind stolz auf unsere engen Kontakte zur Wirtschaft. . schimpft er. Sie würden nicht einsehen. dass Ihre Uni eine unternehmerisch handelnde Elitehochschule sei. In Frankfurt bereiten Managementtrainer in zweitägigen Crashkursen auch deutsche Studenten gezielt auf den Test vor. erzählt er mir. Gebühr an die Entwickler. Das War ernst gemeint «J h ' . Wie kommen Sie dann zu dieser Aussage?« »Elite sind wir hier in unserem Sprachgebiet. sagt Jahns sarkastisch. Zwein erttausend Stud " bei einer 11 U.' partnern. sind unsere Studenten bei 650 bis 680. was mit Studenten . ' ankings. . ' . Und zwar weil unsere Studenten im Schnitt 2. die nur 710 erreichten. paSSIere. Jahns hält viel von dem GMAT. den Alumni. .4 Jobangebote kriegen. 56 Damit leitet Christopher Jahns übergangslos zu seinem Lieblingsthema über: die scharfe Kritik an Deutschlands staatlichen Universitäten. mal 760. Im Schmtt.« Diese Inder lern lC gut f DeutSchen im V. dass die teuren Kurse die Punktzahl steigern. »Da bekam ich die Antwort: >Die schicken WIr zuruck zu unseren Gründungs.« An ' . 11M' . C • Wel un ertvierzig werden genomeInlach per GMAT aus der M d" «. sagt er. dass andere Länder vorbeizögen. . um zu begreifen. . IndIen zu Besuch war. »740« wiederholt Jahns el . ist r ese indischen U' ." mversltaten nicht gut genug.m Z 'h d men. wurde Ich sagen.« Nur durch enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. h ab e er gefragt. Kein Wunder. mversltaten I' lege der durchschmtthche GMAT der Student en b' 740. »flltern die Inder asse le wukl' h B seien eben z' I' h lC esten heraus. Und damit sind WIr SlCh er In Deutschland führend.. damit wir nicht total an der Unternehmenspraxis vorbei Ausbildung gestalten und forschen. dass die erglelch zu di . Unsere Besten schaffen 750. Indischen Spitzenu' '" .IVl. ' . einen Daimler-Chrysler-Hörsaal zu haben. 157 . I d b' . Dagegen sei das Vermögen der deutschen Privatuniversitäten. noch einmal und spnch t d rel Ausrufezeichen. MIt ander W fü di en orten: Wer >nur< 710 Punkte hat. Wer mit dem Erg~bnis nicht zufrieden ist und das nötige Geld hat. dass unsere Leute sich. Das ist bei uns natürlich normal. wie rigoros die n er el der Au hl'h hu d swa 1 rer Studenten vorgehen. -. Sie werben damit. »Ganz . was wir dort erleben«. Er ist für ihn ein verlässlicher Vergleichsmaßstab ein Mittel des weltweiten R . bewerben sich op. nur durch die Nähe zu den ehemaligen Studenten. schlicht lächerlich. An staatlichen Universitäten ist es zum Beispiel verpönt.' seu zt er. enten. Natürlich soll die Wirtschaft mit ihren Topthemen bei uns vertreten sein. Als er m . a ns 1St beeIndruckt. . auf ein Stiftungsvermögen von weit über 20 Milliarden US-Dollar zu kommen. Und da sagen mir die Kollegen von den öffentlichen Hochschulen: >Ja. »Trotzdem sagen Sie. dann . »Das. d' h Eüte hundert Jah R" eser In lSC en Managerre uckstand hätten. seien zu arrogant. »Das Maximum sind da 800 Punkte . dass Deutschland im internationalen Wettbewerb längst abgehängt sei. maximal fünf Mal pro Jahr. kann eInen weiteren Kurs belegen und den Test wiederholen. nach Harvard zum B'" DIe wollen SIe mcht h b' elspie!. »ist eine organisierte Unverantwortlichkeit. gepaart mit einer fatalen wirtschaftsfeindlichen Attitüde.das erreicht kaum jemand. auch das der EBS. Weil wir von den über dreitausend Alumni wissen. Die Massenuniversitäten. auf den Märkten in Zentraleuropa.< a en. " sind le uten Topstars.

wenn Sie so wollen. führen und ihnen Vorbild sind. hier würden sich die Unternehmersöhnchen einen Abschluss erkaufen.lch mit dem Elitebegriff verbunden. gar einer Vorbildelite. in Beratungsfirmen oder in Großkonzernen. in tollen Positionen befinden. also fachlich nicht zu schlag~n sind. Schreiben und E-Mails aus der. EBSler lernen ganz schnell: Das Studium bei uns ist tatsächlich harte Arbeit. n ver unden. in seinem Job oder privat. aber an der EBS gebe es nun einmal sehr viel bessere Lehr. Er bekäme aber immer mehr Anrufe. »NeIn. . Es sind aber elementare Kriterien bei der Entscheidung.« Seine Studenten. Damlt SInd immer Le' t b . »Es gibt ja den Vorwurf. an die 10000 Euro pro Jahr. ob aus einem Abiturienten ein Student der EBS wird. sondern auch bereit ist. Das ist für m.(( Seine Studenten würden schnell begreifen. dass Ihre Studenten Elite sind.( Ich erinnere mich an Bernds durchgetaktete Tage. sagt Jahns. nicht nur einler 58 fach heiß darauf ist.und Lernbedingungen. Elite zu sein bedeutet mehr. Er beziffert ihren Anteil auf rund 30 Prozent im Vergleich zu knapp 20 Prozent an einer staatlichen Universität. Verantwortung zu übernehmen für andere. dass einem jungen Lehrer mit Kind im Jahr 59 . Fertigkeiten. dass er sich seinen Abschluss hier erarbeitet hat. Aus meiner Sicht können dies keine Kriterien sein. versprIcht mir Jahns d >lIeh gl b : wer en Verantwortung übernehmen. die ich hier bisher getroffen habe. au e. dass sich die Studenten persönlich fortbilden. das können Sie total vergessen. »Elite-Uni«. Er schätzt. die zum einen umfassende wissenschaftliche Kenntnisse haben.e an~ere leiten. sei es in mittelständischen Betrieben. Mein Bruder hat gerade sein Referendariat begonnen. der h' rausgeht. Ich denke aber auch an die Autos. dass sich das beste Drittel seiner Studenten massiv von dem besten Drittel der Studenten an staatlichen Universitäten unterscheide. fünf Jahre nachdem sie das Studium bei uns absolviert haben. die bei der Vergabe der Plätze unter einer Leistungselite. sondern als ViorbildelIte. dass an seiner Hochschule mehr Unternehmerkinder sind als üblich. die das Studium kostet. Karriere zu machen. ·h IlC es Engageme t IS ungs ereltschaft und gesellschaftb . Mein Block liegt bereit. Mein Diktiergerät zählt die Sekunden bis zur ersten offiziellen Elite-Definition. Das ist üble Nachrede. an seine Leistungsbereitschaft und seinen Fleiß und bezweifle nicht.auch vier. . »aufgewachten und enttäuschten Mittelschichk Auch Lehrerfamilien zum Beispiel wollten ihre Kinder inzwischen zur EBS schicken. Management-Kompetenz ist für mich aber eher eIn Handwerk. sondern dass diese hart erarbeitet werden müsse. so dass sie später in der Wirtschaft und Gesells~haft Führungspositionen ausfüllen können. wie er sagt. Jahns bestreitet nicht. dass wir besonders talentierte Studenten als Elite von morgen ausbilden. sondern dass Ihre Studenten gut sind und Sie Ihnen optimale Studienbedingungen bieten?« »Elite heißt für mich schon. dass Jeder.definieren al so EI'Ite mch tals Lelstungselite?(( .« Er glaube nicht. in denen s~. dass man die Zugehörigkeit zu einer Elite nicht geschenkt bekomme. eine Rolle spielen dürften. Wir wollen.« »Sle. die Anzüge und die Kängurulederschuhe der Studenten. »heißt für Sie also nicht. ' . frage ich. ~erantwortungsbewusstsein und soziale Kompetenz entwIckeln. Damit meine ich Menschen.

Un so werden auch'm Zuk ft . dass seine Hochschule mehr Stipendien einführen und dafür sorgen WIr. bereits seit ihrer Gründung. b'IS zum Jahr 2011 insgesamt 200 Millionen Euro in die Bremer Privatuniversität zu stecken. 96 Prozent der Absolventen hätten unmittelbar nach dem Studium eine Anstellung als Redakteur gefunden und somit einen gut bezahlten. wegen der nahenden Festanstellung. dass manche Studenten dann beim Abschluss bis zu 50000 Euro Schulden haben. ob der Kandidat die Gebühren zahlen kann. Die !UB verzichtet nach Angaben der Suddeutschen Zeitung damit auf etwa die Hälfte ihrer Einnahmen aus Studiengebühren und stand Ende 2006 vor der Pleite. bezweifle ich. 61 . sondern hätte in der Branche auch einen erstklassigen Namen. die International University Bremen (!UB). sagt er.d Au n e "fu f: ahm ' pm ng bestanden hat. Zeitungen und Nachrichtenagenturen schmissen Hunderte gut ausgebildeter Redakteure raus. Zuerst soll geklärt werden. leistet sich ein Verfahren. auch Rundfunksender und Internetanbieter entdeckten den Charme des freien Mitarbeiters. als die Medienkrise über uns hereinbrach. reichten l~ngst nicht aus. den man tageweise entlohnt und nicht als festen »Personalkostenblock« an sich bindet. dass der Professor uns damals nicht auch noch ermutigt hat. sobald er vom Arbeitgeber in »Praktikum« umbenannt wird.llen Gebühren. Die Jacobs Foundation kündigte an. Wir hatten gerade die Mappen mit den ersten selbst moderierten Sendungen im Uni-Radio und den Übungsmeldungen abgegeben. Jahns verspricht ghch. welche Zeitungen Hungerlöhne von 130 Euro für komplette Artikel zahlen und von welchen Aufträgen man leben kann. danach erst will die Hochschulleitung wissen. Die 106 Millionen Euro. »In~ernational« im Namen und heißt jetzt Jacobs Umverslty. 50 Euro pro Woche bringt. in dem Bewerber nur nach Leistung und ohne Kenntnis ihrer Finanzen ausgewählt werden. un dIe meisten seiner Studenten ihre Geb"h ah1 ledi . uren z en müssen. einen Kredit anbieten. sicheren Job. Auch lange nach dem Abschluss manövrieren viele zwischen Zeitvertrag und Teilzeitjob. Das Institut böte nicht nur eine sehr gute Ausbildung. Ein Professor begrüßte uns und versprach uns eine goldene Zukunft. Die Rettung kam schließlich in Gestalt emer Kaffeerösterei. Als Resultat der sogenannten need blind admission zahlen nur acht Prozent der Studenten die v~. Gut. Die EBS-Studiengebühren fräßen also ein Drittel des Familiengehalts auf. Eine andere deutsche Privatuniversität. Kredite aufzunehmen . Wir waren fünfzig Erstsemester am Institut für Journalistik. wer für die Uni geeignet ist. die das ohnehin ~amme Land Bremen in die private Uni steckte. Im Oktober 1999 habe ich an der Universität Dortmund angefangen. Jahns empfiehlt dennoch auch den Kindern aus diesen Familien eine Bewerbung und eine Teilnahme am Auswahlverfahren. 60 Er schätzt. da die Absolventen ja in gute Positionen kämen.etwa 30000 Euro netto bleiben. Dass das ohne finanzielle Reserven oder reiche Großeltern finanzierbar sein soll. Rdektor Jahns kennt die Geschichte dieser Fast-Pleite. wenn es gut läuft. Die opferte als Dank das. Trotzdem halte er das Risiko einer Kreditaufuahme für gering. Wir wissen. dass auch Professoren unrecht haben und dass ein Job. d ass Banken J' edem der die . Wir lernten.risikofrei. Fast alle hatten gerade ein sehr gutes Abitur gemacht.

auf 40 Prozent pro Geburtsjahrgang steigen soll. so der Bericht I S h .. .------~ Man müsse sich daran gewöhnen. ihn aber nicht bekommen. seien die Eltern erfolgreicher Schüler. dIe studieren. dass die Universitäten des Landes stetig »reicher und weißer« würden. In Debakel. ein Bauer.. Deutschland sellm Ranking der Industriestaaten bel " ' d~r Quote der Hochschulabsolventen innerhalb von drei' .-. Was umsonst sei. Im Herbst 2007 gab es ftir ~euts~hland sogar offiZiell Ohrfeigen: Die Organisation fiir wIrtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (?ECD) rügte die Bundesregierung in ihrem Bildungsbencht. Dass zwischen Gebühren und der Zahl der Studenten ein kausaler Zusammenhang besteht. nachdem seine Tochter Lingling die Prüfung an einem Kolleg bestanden hatte. bestreiten die Bildungspolitiker und verweisen darauf.die »Schulgebühr-Selbstmorde«.. Mindestens 8000 Yuan.. . die mittlerweile auch an staatlichen Universitäten im Schnitt auf 12000 Dollar pro Jahr gestiegen sind. . trank der Vater eine Flasche giftigen Chemiedünger. weil die Gebühren. k E' zent zuruc... n. ßIg Jahren von Platz zeh n au f PIatz zweIUndzwanzIg abgerutscht.. verlangen chinesische Universitäten pro Jahr..5 Pro. n. schreibt die Süddeutsche Zeitung. Rund 1300 Euro hätte sie an Gebühren zahlen müssen. . . um zu sterben. weil er die Gebühren nicht zahlen könne. Xuefei cuiming heißen sie . Denn in Eng! d " "h Erh 0 ung der G b" h an zum BeIspIel brachen nach der auf al1em Studenten eurenM' über 4500 Euro pro Jahr vor au d I d' s er Itte . Die Opfer. Das Mädchen hatte die Dorfverwaltung um einen Kredit gebeten.. ärmere Studenten vom Studium abhielten. versuchen die Kosen mIt Jobs zu decke Üb ' d . Dabei steht im Koalitionsvertrag der B~ndesregierung. dass der Anteil der jungen Menschen. Auch den USA hat eine Studie des Education Trust gerade attestiert. . gut 800 Euro. m c mtt studIere In den anderen Ländern über die Hälfte jedes Jahrgangs.. um ihm überglücklich zu erzählen. Noch. nach China zum Beispiel. trotzdem haben viele am Ende 62 Schulden in Höhe von über 30000 Euro. Sie hatte die Aufnahmeprüfung für eine Hochschule in der Provinzhauptstadt bestanden. . dass die Zahl der Studenten nach einem ersten Gebührenschock meist wieder ansteigt.. Ie urchhlelten. Nachdem etliche staatliche Universitäten in NordrheinWestfalen eine im Vergleich zur EBS geradezu läppische Studiengebühr von 1000 Euro pro Jahr eingeführt hatten. die kein Geld für die hohen Hochschulgebühren haben. dass er die Uni-Aufnahmeprüfung geschafft hatte. Das ist das Jahreseinkommen eines Durchschnittsverdieners in der Stadt. . dass Bildung etwas kostet. t.. hat sich in einem Türrahmen erhängt. sei oft auch nichts wert.-. Diejenige d' d . Nachdem Chen Li seinen Vater aus der Stadt angerufen hatte. Vielleicht hilft auch in diesem Punkt der von der Wirtschaft so oft geforderte Blick nach Asien. Li Haiming..-_ _iiiliiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil . . er 80 Prozent der englischen Stuenten arbeIten neb nh e er. Er sei ein »nutzloser Vater«. 63 .. . Dort ist die Zeit nach den Aufnahmeprüfungen für die Universitäten die Zeit des Sterbens. " . Fakt ist: Seit 2004 schreiben sich in Deutschland jedes Jahr weniger Erstsemester ein.. Auf dem Land haben die Menschen im Schnitt nicht mehr als 3000 Yuan... und Unterschicht ihr StulUm ab. . Auch die neunzehnjährige Wang Jingna trank Düngemittel. sagt Rektor Christopher Jahns... sagte er vor seinem Tod. sank die Zahl der Studienanfänger zu Beginn des Wintersemesters 2006/2007 um zehn Prozent. . . .. Im Wintersemester 2006/2007 fiel man auf 35.

Im teuren Oestrich-Winkel schon gar nicht. Das wird Joe nach finanzieller Bedo·rft° keit bezahlt. dass sie stolz darauf sind. BIslang können Studenten. die wählen vielleicht ein. die gehen einfach ins Ausland. dass der Schwache . nicht von weniger Betuchten immer mitgenommen werden musso Dadurch richtet sich automatisch viel am Mittelmaß aus. England und die USA? Christopher Jahns weiß. Davon kann kein Student leben. So könnte man die Wirklich Best en dBAfoG-Berechhgten raussuer · · chen. ist bei denen ganz klar... ob das so organisiert werden muss. oder erst einen Beer ernen.__. Er will noch mehr Stipendien organisieren und ~nsc~t sich.. Und das stimmt mich echt traurig. Ich wohne in der Schweizo Und obwohl die Schweizer eher reserviert sind. dass das deutsche Fördersystem umgebaut WIrd. vielleicht noch drei Hochschulen hier. zwei.------------------------iiiiiiiii-------. also auch den Guten besonders zu fördern. dass einige ihrer Hochschulen Elite ausbilden. Die Uhr lag schließlich zwischen uns. Und deshalb 65 64 . liegt der Maximalsatz bei mageren 585 Euro..erenzieren und gestaffelt zu fördern. ihr Studium anders. un »B~föG kriegt ja eigentlich jeder. al so au f eIgenes Ri ik .. Natürlich habe ich diesen Exkurs in dem Gespräch mit Rektor Christopher Jahns nicht unterbringen können. Das ist hier so lange verpönt gewesen. Und Nordrhein-Westfalen.« »Was war das für ein Verständnis?« »Unser Verständnis ist. Für mich ist das ein falsches Verständnis.. die halbe Stunde lief. zu finanZIeren. die Politikelite.le b esten zehn Prozent etwa. zurechtzukommen.. als den Guten weiterzubringen. wir haben unsere Vergangenheit.. Er hätte die Geschichten aus China sicher zu Recht für etwas radikal gehalten. me unsche: change the system oe e culture.. Was passiert denn heute? Die richtig guten Leute. Das ist eine Katastrophe. die Literaturelite dort an diesen Universitäten entsteht. dass »Elite« in Deutschland so lange ein Schimpfwort waro Klar. Es wäre besser nach Leistung w~ffi ' 1 . Wenn ein System dem Schwachen die Chance gibt. und deren Studium d k omplett fördern. Deshalb will Jahns das Geld b·· deIn und dIe Zahl der Empfänger reduzieren. Leistungsgedanke statt Besitzstandswahrung.ich spreche von weniger Begabten. deren Eltern wenig Geld haben. und die anderen. Das ist eine Bankrotterklärung.. dass die Gebühren seiner Hochschule Studenten aus ärmeren Familien abschrec~~n.ohne Differenzierung von Angeboten. Jahns hält wenig rOlessoren die Vert . BAföG beantragen. BAföG ist ja nun kein Leistungsförderungssystem. Damit habe ich ein echtes Problem.. Die Frage ist. »Ich finde es so traurig. Man hat hier viel mehr den Willen..--------. wie den Schwachen auf ein Mittelmaß zu bringen.« 0 0 I ii O »U~d die anderen dann gar nicht?« »DIe müssen d ann versuchen.. nennt Jahns das. Da der Bund diese Hilfe seit Jahren nicht erhöht hat. Wir haben uns hier einfach nur am Mittelmaß ausgerichtet und hatten ein total falsches Verständnis von Gerechtigkeit. dem Schwachen zum Mittelmaß zu helfen.. wie wir das machen . von P c wer 1st seme Kernidee. die sich anders organisiert haben. Gerechtigkeit heißt. jeden nach seinen Fähigkeiten.. Dass die Wirtschaftselite.« Mehr Wettbe b . wie viel Geld da u Ig pauschal ausgegeben wird. A u fD eutsch: eme komplette Ent0 0 0 bürokratisierung der Hochschule.oOb Jahre hab ' rage u er zwanzig oder dreißig en wollen Se· W·· und chan'" th .. finde ich das sozial richtig. Und das empfindet man auch als gerechter.----------. ruf I S O . Überlegen Sie mal.

Ich füge mich. Einer der Jungs trägt ZWar eine Sportjacke. Er lässt mich raus. Dann ertönt die Durchsage. agt er. ass as Gerede von den 16-StundenTagen Realität u d ' h . fragt der andere. frage ich ihn. an dessen Wände Jugendliche mit Edding ihre Liebesschwüre geschmiert haben.« Am Abend sitzen wir in der »Krone«. und seine Kinder auch mal sehen. Ei~er finanZiert sein Studium über einen Kredit. sagt er. einsames Backsteinhaus. underttausend Jah pro r verdienen.« »Aber was ist«. und sofort bin ich in einer anderen Welt. Zwei Praktika bei Invest mentb anken hat er bislang gemacht und dort gem kt d d er . aber die ist nicht von H&M.müssen wir einfach auch mit der Förderung der Guten richtig Gas geben und denen sehr. Der Student. Ich renne ums Gebäude. und ihre Sicht auf die Welt ist nicht so schwarz-weiß wie die ihres Rektors. kein schmucker mit Metallgewölbe wie der Frankfurter. Um die müssen wir uns auch intensiv kümmern. Ich werde nervös. »Öffnung erst vor Ankunft der Züge« lese ich. Dann erzählt er. »Aber wenn ich es nicht mache. und mit drei66 ßig Jahren stirbt man an Herzinfarkt«. kl 1 Immer nottg und sinnvoll gewesen sei. Es sei nicht so.ft h n un en pro Tag arbeiten. damit ich meinen Zug noch bekomme. stehe vor einem Zaun. zusammen. 67 . die Tür fällt hinter mir zu. dass dle Arbe't . Trotzdem ist schon nach der ersten Runde zweierlei klar'. aber auch mehr Verlierer gibt?« »Da kann ich nur provokant sagen: Pech gehabt! Es gibt eben Unterschiede. das vor der Kneipe parkt. normale Jungs. im Rautenpullunder und mit zurückgegelten Haaren. sehr gute Bedingungen liefern. das einen jungen Investmentbanker erwarten kann. Am Nebentisch empfängt einer ihrer Freunde gerade sein Date und raucht Zigarre. »Aber wenn meine Eltern sich das hier nicht leisten könnten. Dieses Gebäude gehört zur Bahnhofsunterschicht. Auch ansonsten ist hier alles etwas gediegener als in den Bars in meinem Viertel. Es ist ein stinkendes. Sackgasse. der neben mir sitzt.« Kurz nach diesem klugen Satz springen wir beide in sein schnelles Auto. doch die ist verschlossen. sagt. Vler . schreit der Bahnhof. laufe zurück. rüttle wieder an der Tür. »wenn sich DeutscWand dann drastisch verändert. Vier von Jahns Studenten und ich. Es ist kein Glas. dass er so ein Investmentbanker-Leben nicht will. DI'e' smd trotz ihrer Klamotten Ziernli ch . Sie sehen nicht so aus wie die Jungs. Wir müssen die Leistungsträger heraussuchen. Das sind die.. fasst sein Freund das Leben. akzeptiere die verschlossene Tür und starre sie während der nächsten Viertelstunde an. die es übrigens in allen sozialen Schichten gibt. rüttle an der Tür. die eine Gesellschaft voranbringen. wenn es au . mit denen ich sonst abends weggehe. sondern aus der Kollektion des amerikanischen Designers Hilfiger. Ich will zum Gleis. bis nach Mitternacht azusltzen.und StaWtempel wie der Berliner Hauptbahnhof. sagt er. wie soll ich dann den Kredit zurückzahlen?«.. der guten Stube von Oestrich. »Ich bin durchschnittlich intelligent und überdurchschnittlich ehrgeizig und fleißig«. wenn es dann zwar mehr Gewinner. »Sechzeh St d 1. Ich renne die Treppen hoch. dass mein Zug sich verspäten wird. Es gehe oft s W' h d d' c IC t arum. Er rast in den Nachbarort. Laut Plan fährt der Zug in dieser Minute ab. wäre ich nicht hier. Er will Familie. . n mc t Aufschneiderei ist. man müsse das ganze Gerede von wegen Topstudenten und Elite mal ganz gelassen betrachten.

Immer wieder kommt es vor...Pech gehabt. Eindri gl' e Ich mIch hIer wie ein neoliberaler n mg."----------__. Ion rauc t. .~~_. es gibt eben Unterschiede? In diesem Moment surrt die Tür. . wenn sich so ein ganzes Leben anfühlt? Wenn man irgendwie am falschen Ort landet. sondern vermeldete auch stolz meinen Kontostand. Ich arbe't 1 e gerne. setze ich mich mit Rechner und Kaffee lieber an das etwas wacklige vordere Ende. Wir mussten die Bestellung in einem Korb ins dunkle Kino tragen. nachdem das Honorar eingegangen war. wie man wieder rauskommt? Können die. das er fü r eme Protestakt' b h . Im Lauf des Abends habe ich das Geld in meinem Portemonnaie immer wieder durchgezählt und am Ende meine Scheine entgegengenommen... Als ich meinen ersten Fernsehbeitrag fertig hatte..-IHW'i_----. die ist da.. wo er ' F' h .. sondern wurden nach Leistung bezahlt.mal 69 68 . auch B nachts oder am Wochenende.. gebückt von Reihe zu Reihe laufen. Bernd hatte gesagt. eine Art Grundrecht auf Gleichheit. das ich bekommen würde. Bush und Angela Merkel verd R SchI as ostocker Hafenbecken fahren.. verkündete ich meinen Eltern nicht nur den Sendetermin. Zehn Prozent unseres Umsatzes durften wir behalten.als G W 'd klel et . Trotzdem reagiere ich reflexartig abwehrend... zum Thema Grun d' kommen. die eine solche aSIsversorgung fü 'd B" "b 1 r Je en urger durchsetzen wollen. ohne zu stören abrechnen und kassieren. meinte er..-. . Hanna lernt in der Biblioth e. Ich sitze in unserem WGWohnzimmer an dem langen Holztisch. da einfach sagen: Verlierer . Jan u er egt.. Automatisch versuche ich. dass wir die Spitze fördern und Verlierer in Kaufnehmen müssen... Zlffimern. .. auf Selbstverwirklichung und sicher auch auf ein bisschen Faulheit zu verteidigen. Die hintere Hälfte i t ' ... »Es ist eine Sache. Statt aufzuräumen. . Wir bekamen keinen festen Stundenlohn. »Die Welt in den angen WellIger M" h ' ac tiger«. und die nehme ich an«. Im eppnetz soll ein E dk I F" .__ Was ist. wenn ich höre.~ GEWINNER UND VERLIERER Es ist zwei Uhr nachmittags. dass meine Arbeitstage ähnlich viele Stunden haben wie die eines Investmentbankers. Mit dem Boot wollen AktiVIsten . Abgesehen von den knarzenden Holzdielen ist es ruhig.. das im Großen und Ganzen nach den kapitalistischen Regeln des Marktes funktioniert.. denen es besser geht.. in den Zug. IIIIIIIIIIII. die falsche Tür benutzt und plötzlich nicht mehr weiß. Kurz nach meinem fünfzehnten Geburtstag habe ich im Kino unserer Stadt angeheuert.. Seit ein paar Monaten em eng~giert er sich in mehreren Gruppen. em ISC erboot mieten kann. Es geht weiter.durch eorge . überlege ich.. d'Ie Jungs smd seIt gestern m Ihren k " .. Ich darf aufs Gleis.. dass er unverkrampft in den Wettbewerb um Leistung einsteige. Dort konnten die Zuschauer während der Vorstellung über eine Telefontastatur Popcorn und Getränke ordern.. Ich habe nichts gegen Leistung und auch nichts gegen ein System. e r uge zappeln.. den Theo vor Jahren auf einem Flohmarkt gefunden hat. .. Manchmal fühl' . . Theo war gera de aufemer Konferenz m Bonn ' .. Wenig später strich ich in unserer Lokalzeitung meine Artikel an und addierte ähnlich zufrieden das Zeilengeld. dass wir mehr Wettbewerb brauchen. . s WIe Immer mit Toms und meinen Zeitungen bedeckt... Wenn es sinnvoll ist.. »Und da gibt es Gewinner und Verlierer. der mich nach Hause fährt.. so wird ihre Botschaft laut en.

dass es fast wie ein Statement aussieht. wie 71 . Er steht neben einer kleinen abgewetzten Ledertasche auf dem Bürgersteig. Hartmann ist Professor. Glücklicherweise ist Michael Hartmann noch da. der nach Professor aussieht. 70 in dem die Regeln nicht mehr ausdiskutiert. ass eIn Wettbewerb begonnen hat. die ich bislang getroffen habe. Keiner glaubt. Sein blaues T-Shirt ist zerknittert. t. dass solche Hochleistungsleben glücklich machen.« Als ich meinen Freunden von den Menschen erzähle. Ie welle an solchen Rechtfertigungen für dIe eigene B' afi' . . mit dem ich lebe. reichte das. dass seine Forschungsergebnisse auch von der Wirtschaft akzeptiert sind. wenn wir scheitern. Heute haben viele meiner Freunde Angst. . Vielleicht mü t . spotten die meisten. ' ass WIr VIelleicht selber schuld SInd. über Marios platte Sprüche. ss en WIr alle umdenken. nach unten. dass er für die letzten Semester bezahlen musste. der intelligente. schon gegangen ist. en Wir akzeptieren d . Vielleicht soll. Ein Freund weiß nicht. um ganz zufrieden irgendwo im Mittelfeld leben zu dürfen. die es in diesen Wettbewerb entsendet. was nach seinem Praktikum kommt. dass er in der Wissenschaftswelt fast unumstritten ist. Als ich mein Fahrrad anschließe. Schiedsrichter zu sein? Wer rechnet am Ende ab und schickt vielleicht Bemd und Mario in die Champions League und uns in den UI-Cup? DER LEBENSLAUFFORSCHER Ich bin spät dran. rem WG-Tisch stets eInIg. IOgr e In meIn Leben getreten SInd. fürchte ich. Hartmann hat sich anders verhalten als viele andere Linke. darin sind wir uns an unse" . Schuld. sein Schnauzer ignoriert jeden Trend. 0 uberzeugend allerdIngs. sondern . die ich bisher getroffen habe so mühelos und überzeugend ver k" ' . Aber selbst wenn ich diesen Bedarf. waren d ann nicht wir.. um im Kampf um Anteile an der Weltwirtschaft punkten zu können.ist man Gewinner. dass sie durchrutschen werden. den viele. Ein and~rer erzieht sein Kind und hat lange gebraucht. eine Elite also. die Ungerechtigkeit. akzeptiere. Über die Schnösel im Anzug. Ungewöhnlich ist. Altachtundsechziger. Er hat nicht. mein cooler großer Bruder. Mein Bruder auch. Liebe gefunden. »Aber was ist«. »wenn das irgendwann die Standards sind? Wenn wir dann gar keine Chance mehr haben?« Tom hat so lange studiert. S" dass mIt ihnen auch d' Z '1: I . sondern von anonymen Globalisierungskräften diktiert werden. Wobei man natürlich häufiger Gewinner sein will. orpern. über Bernds Ehrgeiz. Der Mann. . Er ist so unmodisch gekleidet. bekennender Linker. dI: Umstände. um eInen Job zu finden. mal ist man Verlierer. dass ihre Anstrengungen nicht mehr reichen. nachdenkliche Vater: Wieso sollten sie Verlierer sein? Ausbildung beendet. Vielleicht braucht ein Land wirklich eine Art Auswahl. Denn jemanden. fragt mein Freund. der neoliberale ZeitgeIst. dass der Mann. der mir heute diese Fragen beantworten könnte. . Kind erzogen: Als meine Eltern jung waren. d er ungute Verdacht· d '. eine Leistungselite zu formen und zu fordern. finde ich weder vor noch in dem als Treffpunkt vereinbarten Berliner Cafe. Sind sie Verlierer? Für mich nicht. bleibt die alles entscheidende Frage: Wem soll dieses Privileg zugutekommen? Für welche Leistung bekommt man im Leben Punkte gutgeschrieben? Und wer maßt sich an.

c le Ich und . vor allem weil gerade einmal 3. Er hat sich mit seinem Team 6500 Lebensläufe von promovierten Ingenieuren. »Daher sollten Kinder aus Arbeiterund Angestelltenfamilien mit der Promotion dasselbe Maß an Eignung und Mühe bewiesen haben wie ihre Mitstudenten aus bürgerlichen Familien«. Dann rede ich von Herrschaft und Machtverhältnis.diese. diesen Begriff sozial passförmiger zu machen. Mittelschichtkinder machen trotz des Doktortitels vor allem in der Wirtschaft wesentlich seltener Karriere als ihre Konkurrenten aus besseren Familien. auf der richtigen. dazugehören kann. das d~hintersteckt. »Ich will von dem Begriff weg. man de ··b . dass von den Vorstandsvorsitzenden der hundert größten deutschen Unternehmen 85 Prozent aus dem gehobenen Bürgertum und dem Großbürgertum stammen«. dass das eInfach nicht geht. d e Wir versucht. den er stolz trägt.5 Prozent der Bevölkerung stammen. rede ich von einer sozialen Gruppe. das eine Spaltung der Gesellschaft vorSIehEl. sondern er hat die Zeit genutzt. ein ganz hartnäckiger sogar. sagt Hartmann. Er hat Tausende Lebensläufe Hochqualifizierter ausgewertet und gilt als der einzige Eliteforscher des Landes. Alle haben ähnlC t tisch haf'" ~e zungen. jahrzehntelang seine Thesen wiederholt. h e Startvoraus eIne große Pyramide. wenn versucht wIrd. Schichten. sagt Hartmann. heIßt >Masse< auf der an. . Es J\.sen. um Beweise zu finden. Es muss Immer die anderen geben. und jeder kann es theoresc len DIese P ·d . sei ein Trugschluss. und ob n u erwIndet d h . as heißt ja. Das ist das Konzept. weil Leistung das einzige Kriterium ist. . aber nicht auss hl· ßl.un eInem ganz engen Hals. Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern angeschaut. e1 lten SInd L . yraml gibt 1 . »Wir haben festgestellt. > lte< .. Anders lässt sich das nicht denken. · Pyramlde sE· h enbild ist aber falsch. sondern die soziale Herkunft entscheidet über die Aufstiegschancen. Der Doktortitel ist der höchste Bildungsabschluss. Die Oberschichten stellten zudem fast zwei Drittel der oberen Verwaltungsbeamten. deren ~eite. beschreibt Hartmann seine Versuchsanordnung. Deshalb sage ich immer. Sonst macht das keinen Sinn. Das Gerede vom Wettbewerb der Besten sei vorgeschoben. obwohl er den Begriff »Elite« :leh~t. d run en ein Konzept verbunden. der talentiert. t. aber wenn ich von Elite rede. Mit dem Begriff >Elite< ist aus vielen G . 5tuck auf·Es eIS ung. und auch in der Politik.. der guten Seite zu stehen. der bewusst geschaffen wurde. im sicheren Glauben. den Begriff sozial verträglich zu machen?« »Indem man d arau fh·Inweist.« »Wl .as at auch mit Leistung. Ein Titel. dass jeder. das die Masse für die Auswahl einer Elite akzeptieren würde. Sein Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Qualifikation. dass die Leistungselite ein Mythos ist. .5 Prozent der Deutschen dieser Oberschicht angehören. Heißt es doch. der in Deutschland zu erreichen ist. . früher die »Elite 73 72 . man steigt Stück für ·b .eIne .. Ein Mythos. h tun. s 1St e er eIne Sanduhr mit einem ganz k1eInen Kopf d. aus denen die übrigen 96.oder Arbeiterfamilien geboren. Eine enorme Quote. t d ·. Ich kann mir das reIne Einzelperson alles wunderschön zurechtlegen. Dieser Glaube. Der Begriff ist von s:Iner Herkunft und Verwendung her eindeutig. Hartmann ist ein Sammler. gl t 1.« nlC t mal vorrangig damit zu Michael Hartmann ist überzeugt. strebsam und fleißig ist. Nur 15 Prozent der Vorstände seien in Mittelschicht. dass das alles Leistungs. .

dass Leistung doch mehr zählt als die soziale Herkunft?« »Obwohl ich eigentlich für individuelle Lösungen bin und es mir völlig widerstrebt. E ruc . der nach Regeln funktioniere.der Aufsteiger«. risikofreudige Einstellung und seien in der Regel souveräner und selbstsicherer. wieder dorthin zu müssen. der entscheidet.zweieinhalb Mal so groß wie die der Mitstudenten aus der Arbeiterklasse oder der Mittelschicht. r Vle wemger nach rationalen Kritenen . man gememhm vermutet«.das sind für Michael Hartmann höchst ungeeignete Auswahlkriterien. .. die formalisiert sind. Aber alles. Ein unfaires Rennen. . Es sei wie ein Wettbewerb. . was an Auswahlverfahren noch dazukommt. Das Elternhaus beeinflusst den Zugang zur deutschen Elite ganz direkt. denen SIe vertrauen d d 0 er eren Persönlichkeit sie zumindest gut. »Dabei wird seh 'I ' . n. 75 . einen Vorstandsposten in einem Großkonzern zu ergattern. Hartmann erzählt stolz von führenden Vertretern der Wirtschaft. »Selbst durch den Erwerb des höchsten Bildungstitels ist es also nicht möglich. . gibt es auch schon eine soziale Schieflage. Sie haben Angst davor. ist. erfolgt in Gesprac en. macht es nur noch schlimmer. verteidige ich alle Verfahren. entschieden als . die von oben kommen' geWinnen müssten. »Aufsteigern fehlt diese Souveränität. h" emsc atzen können. andere erkennen sich selbst in dem Bewerber wieder und sagen: »Mit dem könnte ich ein Bier trinken gehen. die nur Eingeweihte kennen könnten. . das die. Kinder aus gutem Hause haben in diesem Spiel einfach die besseren Karten. die meist die "h amherende Elite ml't I ren moghchen Nachfolgern fuhrt. Die Auswahl der Privilegierten . die ihm gestanden hätten. r. wie sehr diese Ergebnisse sie schockiert hätten. un le haufig außerst unsichere r IS. Auftreten . an denen man die eigenen Chancen ablesen kann. »Der D k '.« »Und wie könnte man es hinbekommen. ließe sich ein Prozess der »Verbürgerlichung« beobachten. Wenn man zum Beispiel nach Noten geht. weil die Notengebung in der Schule sozial nicht gerecht ist. stellt Hartmann fest. Die meisten. Letzten Endes beschreibt . sagt Hartmann. seien tatsächlich von ihren Auswahlverfahren überzeugt gewesen. desto besser. meint Hartmann. eine ausgeprägte unternehmerische.« Wissenschaftler sprechen von Habitus. das Handicap einer nichtbürgerlichen Herkunft auch nur annähernd auszugleichen. sagt er.« 74 Manche Manager begründen ihre Auswahl mit dem Satz: »Die Chemie hat gestimmt«. aUlgrund derer sie diese Entscheidungen treffen müsse I . InlOrmahonsbas' en. hätten meist eine breite. Persönlichkeit. da sie formbar und schlecht überprüfbar seien. 'h '" . In Gesprächen. die despektierliche Variante heißt »Stallgeruch«. wo sie herkommen. Der Aufstieg in die Elite funktioniert nicht nach formalisierten und nachvollziehbaren Regeln. Statt einer Auswahl der Besten träfen die Entscheider eine Auswahl der sozial Ähnlichen. Sie seien mit den in Vorstandsetagen gültigen Dress.« Leadership.« Im direkten Vergleich ganzer Promotionsjahrgänge hat er festgestellt: Bei gleichem Abschluss ist die Chance eines Kindes aus großbürgerlichem Elternhaus. sagt er.alles dasselbe Prinzip: Je ähnlicher ein Bewerber dem. .unter dem Topmanager bel Ihren ntscheidungen steh d d' . assen SIe nach Männern suchen.und Verhaltenscodes vertraut. bildungsbürgerlich ausgerichtete Allgemeinbildung. Es gibt keine Punktetabellen. keine Ranglisten.

dass sie diese Regeln in ihrem Sinne gestaltet haben. die daraus resultierenden. die die Schulen der Stadt 1m Jahr 1979 verlassen haben. damit die Gewinner weiter ungestört Macht und Privilegien unter sich aufteilen können. wir hier unten. Das kann nicht sein. dass über die Regeln der Eliteauswahl debattiert wird. Außerdem ist es für solche Schlussfolgerungen nach Recherchen bei McKinsey und der EBS viel zu früh. kein Interesse daran haben. mein Bruder und ich. . wer dazugehören soll und wer darüber entscheidet. rozent recht haben.» InZWISCh en wissen wir: In Deutsch. die Hamburger . Zu Hause lese ich seine Studie und bleibe lange vor seinem Fazit sitzen. land zementiert ist. und weil ich mich bislang auch in persönlichen Auswahlgesprächen oft gut verkaufen konnte? Sieht Hartmann die Welt vielleicht ähnlich schwarz-weiß wie Rektor Jahns? Nur eben andersherum? Trotzdem: Warum spielt in der EliteDiskussion die Frage. immer krasser werdenden Unterschiede in Macht und Einkommen öffentlichkeitswirksam zu legitimieren. ein bisschen sogar nach Verschworungstheorie. Aber wo würde ich dann überhaupt hingehören? Nach unten. die B·· urgerkinder aufgrund ihrer Herkunft besitzen. Gleich ballst du die Faust und singst die Internationale. Iand 1st das eine 111' N · SchICh t. . eine so untergeordnete Rolle? Hartmann würde wohl sagen: Weil die Menschen. In Hamburg begleitet ein Forscherteam seit über zwanzIg Jah ren das Leben von Menschen. smd überzeugt. Gräben zu ziehen und in Gefechtsstellung zu gehen: Ihr da oben. Dann wäre es höchste Zeit. die de al n ten gleIchen. Dann nehmen wir in 76 einem von Beginn an unfairen Wettbewerb Verlierer in Kauf. Denn dann könnte auffallen. d . . . steht da. weil mein Vater eine Schlosserlehre gemacht hat und mein Habitus nicht immer astrein ist? Oder nach oben. genau wie meine Mutter. sagt er. sondern es wird zugleich versucht. Er schreibt: »Wenn Manager und Politiker ein Ende der Gleichmacherei fordern und ein Mehr an Leistungsgerechtigkeit. denke ich. . d ass d·Ie SOZIaIe HIerarchie in Deutsch. dann produzieren WIr unter dem D km . ermahne ich mich selbst. die Privilegierten in der Gesellschaft. Neun Stunden Zugfahrt sollten reichen. Das Fazit der Fors h . Elite-Akademie. Es klingt zu sehr nach Verschwörungstheorie. aus der J' e USIon. c er 1st em euhg: »Früher haben wir wIrklIch gegla bt d u . um die Verschwörungstheorien wieder vergessen zu können. entscheidend für den gesamten Lebenswe 101 g. ass man durch Bildung aufsteigen . en Ignonert. weil mein Vater inzwischen studiert hat. Aber was ist. ec antel der Leistungsauswahl brav .« Forsch er und die 49 P nenn Hartmann. Ich schaue auf meinen Reiseplan: Westerham. lässt sich aus der Studie nur eine Schlussfolgerung ziehen: Es geht gar nicht um Leistungsgerechtigkeit. . kann«. Mit dem ständigen Verweis auf das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit werden nicht nur die entscheidenden Karrierevorteile. als er mit seiner Ledertasche zur U-Bahn läuft.Deshalb sei das mit der Leistungselite eben Unsinn. sondern um die Bewahrung und den Ausbau ihrer privilegierten Position. vollkomm . wenn es stimmt? 4? Prozent der Deutschen. 77 . neue EIIten. schreiben sie. . ach wie vor ist die soziale dk man ommt. die die Diskussion vorantreiben. schreibt die Zeit im März 2007.« Das ~ingt nach Klassenkampf.

zu dem einundzwanzig EIItestudiengänge d h un ze n Doktorandenkollegs gehöo. die noch längst nicht so erwachsen klingt wie Bernds. sagt Carl. sind sie hier im kleinen Westerham. als ich meinen Koffer zu Carls Auto ziehe. m s mit dem Begriff. einem Dorfin der Nähe von München. Die bayerische Elite hat also durch die Akademie zweihundertzehn neue Mitglieder empfangen können. erklärt mir. Vielleicht ist es die Harry-Potter-Narbe zwischen den Augenbrauen. »Willkommen im Schullandheim«. Es ist das erste OktoberfestWochenende. Bayern München hat gegen Arminia Bielefeld verloren. sieben Durchgänge bislang. . . »Musst dich schon ein bisschen schick machen. Sechzehn Wochen. die Carl und die anderen besuchen. Sich-Führen und Sich-fuhren-Lassen . 2600 Euro bezahlen sie dafür.« Ich rechne: dreißig Studenten pro Jahr. hatte mein Freund gesagt. Der Junge mit dem Sweatshirt ist einer mit »Führungsanspruch«. In dem Leistung zäh°It. auf zwei Jahre verteilt. . Vielleicht sind es auch die blonden Haare. vorbei an Zwiebeltürmen. d as In . wie sie ein Unternehmen zu leiten haben. viel jünger aussieht. trägt ein Sweatshirt mit Aufdruck. Man könnte den Freistaat die Heimat der Eliten nennen. Carl«. I c·· Bayern Im Mai 2005 in Kraft getreten ist und für das sich alle bayerischen Ab·t . »Da ist der siebte Jahrgang mit einer großen Party verabschiedet worden. als würde ich in ein anderes Land reisen. Carl ist einer der Auserwählten. hat sich ·a k . wann 79 . Wie mir Akademie-Sprecher Marb .etzwerk. • ren.« 78 Ich bin gespannt. »Gestern hättest du da sein sollen«. wenn du die Elite besuchst«. Oder es ist die Stimme. der erste Vertreter der bayerischen Elite. die die Elite-Akademie besuchen. sInnvoll. der gerade siebenundzwanzig Jahre alt geworden ist. dass Carl. sagt Carl. »Wir a en provoziert da al . bis zum Waldrand. eIn Schulsystem zu had . I unenten bewerben können die mindestens die Note 1. on In reitern Bayerisch erklärte. ku s H uber am Telef. Das Land leistet sich ' zudem ein teures Eh N . Wir sind durch kleine Straßendörfer gefahren. habe vorher extra mein weißes Cordjackett in die Reinigung gebracht. wo nur noch ein paar Lichter leuchten. ernie. Respekt. die im typischen Kleinjungenschnitt in gerader Linie kurz über den Ohren enden. was es im Fußball mal war: unangefochtene Spitze. Auslese gilt als wichtig und . Sie zeigt mir mein Zimmer. Und doch ist es. ben. Vielleicht liegt es an seinem Pulli.3 geschafft haben. Denn Carl. or aren grundete der Freistaat eIne eigene Elite-Akad . Meine Reise nach Bayern ist an diesem Punkt der logische nächste Schritt auf der Suche nach der Elite. den ich kennenlerne. und ist ZI·el d es» El·telord erungsgesetzes«. vierzig Kilometer von München entfernt. als wir wenig später aus seinem alten grauen Golfsteigen. »Nimm ihren Koffer. Und schon v J h . Überall sehe ich Dirndl und Lederhosen. denn von Elite J emer zu sprechen getraut.Der Weg zur Leadership-Excellence« oder »Führung mit christlichen Tugenden« heißen die Seminare. unterbricht Alexa meine Gedanken. h b . . das Maß aller Dinge.DIE ELITE-AKADEMIE Bayern ist in puncto Elite das. I e. wenn es stimmt. was Huber mir vorher über die Studenten erzählt hat. Draußen sind 25 Grad. Parallel zum Studium soll ihnen hier beigebracht werden. Gut sechshundert Kilometer liegen zwischen Berlin und Westerham. »Führen. Bayern war schon im mer st 0 Izarauf. Ich bin vergnügt. Und nun bin ich overdressed.

sich um sie kümmert. »Aber Ich fim d e es nicht gut d d' Akademie sich selbst so . seine Ziele sofort als vorgeschoben. »Ja«. Bayerische Elite-Akademie .und wo es Abendessen gibt. der sich für andere einsetzt. die gern über Elite reden. wenn andere das über uns sagen WUr en. die ich in den nächsten Stunden treffe. denn so heißt Carl. Früher hat er Pfadfinder durch die Wälder geführt. denen es nur um die eigene Karriere geht . wie er sagt. dass Nächstenliebe auch in der Wirtschaft und Politik zählt. »Was ist deine Idee?«. jetzt betreut er im Sommer junge Menschen mit geistigen und körperlichen Behinde81 . ass le nennt. ~nt. Jahrgangssprecher und charmanter Chauffeur. der Ackermann-Bank »Da hast du dann ja viel zu tun«. bloß mit allen Fragen zu ihr zu kommen. le . Während seines Studiums hat er in St.. Carl ist einer. d re es. Auch das »Schullandheim« gefeHlt mir sofort. der Spross eines alten Adelsgeschlechts. Ich fühle mich wie in einem Landhotel. sie sind herzlich. ob man nicht Straf. »Ich möchte christliche Ideale vertreten. rIese Emschätzung wohl akzeptieren 80 würde? Denn die anderen. Besser wä . Warum nicht? Carls Stiftung wäre die »Von-TippelskirchFoundation«. als naiv abzuqualifizieren. nicht nur nett. sagt er. Carl prescht nicht nach vorn wie Mario. möchte.da hatte ich prunkvollen Barock erwartet. trotzdem widerspricht er sich manchmal in zwei Sätzen drei Mal. unterstütze ich ab sofort die Inhalte der Akademie. Das spare Zeit und Geld. die mag er nicht so sehr. »Eigentlich ist das hier viel schicker. der Ungerechtigkeiten schlecht erträgt. Carl und Alexa sind wie fast alle Studenten. ere zu engagIeren«. Vierantwortung zu überneh'ßt men. dafür möchte ich kämpfen. soll Stiftungen gründen. der große Trend aus den USA. die Berater. »Aber soll man deshalb aufgeben?« Wie billig von mir. sagt ein Student. und ermahnt mich.Karriere ohne eine große Idee dahinter. Ihm geht es darum. H"fl' h macht er mich mit den anderen be0 lC ruckhaltend und überlegt. zu untersuchen. Wenn das die christlichen Tugenden sind und sie später ihre Mitarbeiter ähnlich behandeln. Durch riesige Glasfenster blickt man in Richtung Wald. Ihm ging es nie schlecht. ist schon d a. als wir gemeinsam zum Restaurant gehen. denke ich. die weißer und weicher ist.« Von wem Ca I d' . Pauli bei einer kirchlichen Rechtsberatung geholfen. In meinem Zimmer finde ich lasierte Holzmöbel und Wäsche. d' fü" r mIch entscheIdenden . Ihm graust vor Menschen. sich für a n d .und Zivilprozesse in vielen Fällen zusammenziehen könnte. Die bekämen nicht nur zügig recht. Wer Geld verdient. die Absolventen der privaten Wirtschaftsunis. denke ich beeindruckt. frage ich. Das gefällt mir. Sein Jurastudium an einer Privatuni kostete über 30000 Euro. lache ich. sagt er und wäre gut für die Opfer. Besonders schwer tut er SI'ch d amlt. Dieses Haus aber ist schlicht und stilvoll. Gutes tun. sondern auch schnell Entschädigungen oder Schmerzensgeld. So kontert man Idealisten doch immer aus. Stiftungen also. als es für uns nötig wäre«. sagt Carl ernst. als es der WG-Waschmaschine je gelang.« Carl will als Trainee bei der Deutschen Bank einsteigen. Er ist zu- ~ragen zu beantworten: »Was ist Elite? Und warum gehört ihr dazu?« »Elite sein' das h el. Bescheiden sind sie also auch. Carl. . Jetzt promoviert er in München.

« Höflichkeit. Ich erinnere mich. das gäbe es hier nicht. dass die Studenten hier auch zu einer »Elite der Menschlichkeit« erzogen würden. . sagt sie. kichern. Da ist es wieder. Ab hl . neben gesellschaftlichem Engagement auch überdurchschnittliche Leistungen in der Schule und an der Uni vorweisen muss. dass der. Lust an einem offenen Interview austreiben. Alle. Anne. Zum Glück ~~ben earl und die anderen diese undemokratischen Lehrsatze noch nicht verinnerlicht. will ich sagen. dass ich nicht mehr drankäme. die es schlecht mit ihnen meinen. sagt Carl. steht hier nicht. nichts tun. das mulmige Gefiihl bei dem Gedanken an einen ständigen Wettbewerb. . Elite unterscheide sich von anderen durch eine höhere Leistungsfähigkeit. und gerade ihren sc uss m »Inter t' al na Ion em Kapitalrecht« macht.« Endlich erfahre ich. die anderen würden so lange reden. der reinwill. erzählt mir ein Student. . die gerade d relUn d zwanzIg Jah re alt . Da steht. Lass den anderen doch das bisschen Faulheit. die 82 . Als Merksatz schärfte er den Studenten ein: »Journalisten sind brandgefährlich. wenn jemand an die Medien geht«. Das Mauern und Schweien gih . dass manche sich bei Gruppenprojekten mitziehen lassen. Respekt und Bescheidenheit habe ich ja schon genießen dürfen. 1st lß Deutschland d d ' b un en USA aber schon mehr Studiengange elegte als' h . ' lC mltsc reIben kann. ist nen bislang fremd . Einer. dass ich schon Gruppenreferate gehalten habe.. würden wohl Leute sagen. versteht es jeder. Aber Anne ist schon sieben Themen weiter. wie die Leitung den Begriff definiert. die außerdem begeisterte Tangotänzerin und -lehrerin ist. wie die Macher der Studie »Jugend 2006« die bis Fünfundzwanzigjährigen getauft hat. bei denen andere die Arbeit gemacht haben. sagte er. h . wie konsequent Pressesprecher Managern dIe . dass ich gern die Letzte in der Reihe der Vortragenden war. Nicht einmal. ist erklärt. meint. motivierten Menschen gleich eine Elite macht. den Studenten beigebracht. um aufgenommen zu werden. fleißig und vernünftig. Gerade hat der Pressesprecher eines großen bayerischen Unternehmens. eme darf Ich noch jedem von ihnen stellen. Brav und bescheiden. Sie erklärt mir gerade. Die Elite des Freistaats scheint die »pragmatische Generation«. gut zu repräsentieren. An der Uni habe sie schon oft erlebt. Seit 1968 habe die Jugend Werte wie »Selbstverwirklichung« und »Engagement« hoch83 FIT FOR MORE? Qualify! Enter! Was klingt wie das Intro zum nächsten Level eines Videospiels. Ich frage also weiter. dessen Namen ich nicht nennen darf. »Im besten Fall haben Sie später im Unternehmen eme Kultur. dass sie niemals allein mit Journalisten reden und aufkeinen Fall ihre Visitenkarte abgeben s~llen. in der Hoffnung. »Das muss man. »Wenn ich zum Beispiel >Five-Forces-Modell< in den Raum werfe. »Eher wirtschaftsnah und sehr brav«. »Ich kann auch in Debatten ein viel breiteres Wissen voraussetzen«. An der Uni nicht. die negativ sanktioniert. ist sein Patenkind. »Wir haben schon einen Grundkonsens an Werten. eine höhere Leistungsbereitschaft. M' Frage »Was heIßt denn Ebte?« .« sich gleichzeitig bei der Jungen Union engagiert und eine Computer-Community für sozial benachteiligte Jugendliche organisiert. »Alle hier engagieren sich«. Was aus klugen. ' . das viele Führungskräfte so unerträglich macht.= rungen.« Ich denke daran. faul dabeisitzen. ein geistig behinderter Junge. .. Das glaube ich ihr auf der Stelle. die ich anspreche. ist der Text des neonfarbenen Flyers der Akademie.

« Auch mein Fast-Arbeitgeber. McKinsey werden die Ergebnisse gefallen haben: 73 Prozent sagen. Aber reicht das? In dem Wort »Elite« schwingt so viel mehr mit als in der funktionalen Beschreibung »die besten zehn Prozent jedes Jahrgangs«. pragmatisch und optimistisch. Aber schon jetzt. Das Hemd.. Revoluzzer. Auch in diesem Punkt scheint die Elite nichts weiter zu sein als Repräsentant des Durchschnitts. sagt er.(( Die niedlichste Geschichte über Werte erzählt mir ein Student abends. We die G o. Aber es wird ja auch niemand dazu gezwungen. hängt er jetzt hinter Glas. Ich vermute. »Mit dem Wolfgang«. gehalten. ) durch unerschütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und Rechte. Ich wel. erzählen sie mir. lobt die Zeitschrift. Beim Abendessen ist das große Thema die BayernReise von Papst Benedikt. die zur °ß ass · . Leidenschaften.« Sicher. der unantastbaren Integrität und (. An diesem Abend wird in Berlin und in MecklenburgVorpommern gewählt. m urz nach sechs hatte einer geJ c z. • in d L d runen m Mecklenburg den Einzug en an tag verp asst h ab en. Das fInde ich schön. oder? Der Nationalökonom Wilhelm Röpke hat gesagt: »Eine wahre Elite würde eine Stellung über den Klassen. um o o 18 Uhr 11 bei der ersten Hochrechnung. dmeme Freunde Jetzt 1ll derWG vor dem B h Kanapees und Sekteamer ocken. das der anhatte. Das sei jetzt vorbei. Orientierung und Avantgarde. achtundvierzig Stunden pro Woche arbeiten zu müssen. die Unternehmensberatung McKinsey. Wer »Elite« sagt. meint doch auch Vorbild. Nur 39 Prozent der »pragmatischen Generation« interessieren sich überhaupt für Politik. nur eben mit besseren Leistungen. es werden fleißige. schreiben die Forscher. die hier in einem Jahr ihr Abschlusszeugnis. Werte wie Fami~ie.. moralisch integre und verantwortungsbewusste zukünftige Führungskräfte sein. Im Schnitt erwarten die Studenten. Interessen.h d DlC t le Rede sei U k ·au h t il. Sie würde sich auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam reifendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das Ganze. n. Sicherheit und Macht. Ich liebe Wahlen: den Countdown Vor der ersten Pro gnose. hocke ich allein vorm Fernseher. »Es gibt hier gerade nur zwei Paare(. ihr Elite-ZertifIkat. k emle ann von Wahlbegeisterung . »Zwei Paare bei sechzig jungen Menschen. Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz nun eine Renaissance. Bosheiten und Torheiten der Menschen einnehmen. Rambos und Jammerlappen suche man unter den Jugendlichen vergebens. Wer im Job so viel leistet. ihr Traumjob sei ein sicherer Job. Vielleicht servieren sie ° b· d er letzten Bundestagswahl. Treue oder Religion sind der »pragmatischen Generation« so wichtig wie kaum einer vor ihr. schreiben die Jugendforscher. Wie el An der Elite-Akad .. Die Zeitschrift Karriere hat im Jahr 2006 über siebenhundert Oberstufenschüler nach ihren Träumen und Zielen befragt. Einige Studenten haben ihn getroffen.. sehnt sich privat offenbar nach ein bisschen Ruhe. ~at gemeinsam mit dem manager magazin die Ansichten Junger Menschen untersucht. d·le Hochrechnungen mit im besten Fall f" d s an Ig wechselnden Mehrheiten das amtliche ' Endergebnis und t O. 1· h ° na ur IC meine LieblingsgrafIk. nur 22 Prozent glauben. schon mit fünfundsechzig in ~ente gehen zu können. als wir nebeneinander auf einem der Cordsofas sitzen.« Ich schaue über85 84 . erhalten werden. »Die Erwachsenen von morgen sind leistungsbereit. Stattdessen erlebten Werte wie Leistung. Wählerwanderung. »hat er sogar zwei Minuten geredet. sich Elite zu nennen. das ist viel verlangt.

ISC en eltern der Akademie. Aber ich bin der Auffassung. und auf Christine Hagen.und meine. der ihn vom Stuhl fegen kann. Ie »Ich werde nl' cht Karrlere um Jeden Preis machen«.eIgenen Grabschaufler ins Haus. 't beIten könne. Die Elite Ier WIrd von Gre' k" . .« Ich blicke auf Franz Durst. die sich ihre gesellschaftliche Rolle durch Begabung und Leistung selbst verdient hätten. sagt Christine Hagen. ich sie. dass sich genau I'n dem Alt er. Jetzt selen. . Die werden kaum nach Le uten suchen d' B" Macht d ' ' Ie zum elsplel die Verteilung von un EInfluss grun d" I' infrage stellen. h . die ihre soziale Position nur geerbt hätten. vielleicht auch schwierigen Kandidaten eine Chance zu geben. en. Man versuche. Die deutsche Nachwuchselite ist noch immer männlich dominiert. Das . »dass die deutsche Wirtschaft die Smoothlinge möchte. dass das eine extrem schlechte Ausbeute sei.»Ware schön gewesen«. sagt Christine Hagen. Nicht die. Elite. Man holt . " den ~~o Woche zu arbeiten würde mich stören. die anecken. »Aber hundertzwanzig Stun. Ie SInd uns in diese M '. m denen Menschen aus W' h Irtsc aft sitzen. . ohne dass ICh ihn auf meine Zweifel . die Potenziale hat«. dann würde die deutsche Wirtschaft funktionieren. dass es nicht mehr darum gehe. Er sagt. sage· ich Wo h . begInne Ich aufzuzähl en. aren mIr ihre mannlIchen Kollegen ' dass d'Ie Frau nun mal eine Zeit lang nicht ar. »Ich habe das Gefühl«. wenn ein Vorstandsvorsitzender als seinen Assistenten den einstellen würde. Dachte ich B' . schl" mein Freund am Telefon vor. Sie seI eh rgelzlg. sagt Anne. den sechsundsechzigjährigen Professor im schwarzen Anzug. sondern eine Art neuen Adel zu begründen. auch anderen. 86 angesprochen habe. finde ich sehr gut .« D' bayensch e ElIte 1St also eme treue.t d moment zIemlIch fremd. Wenn man sich viele privatschulen oder teure Universitäten anschaue. . . »Vielleicht IS as Bayern« . haben sich kein e neuen m d er Akademie gesucht. h" satz Ich SIC Ja mcht die . »Vor allem hier in Bayern. sagt Prourst. sagt er. dass ich meine Rebellen gefunden habe. »Wie willst du das denn sonst mach? . Ich ahne. Protestler und R I ' " evo uhonare?« . »Auch heute werden Geld und Einfluss vererbt«. Und das bedeu te. . as erwartest du an solch einer AkademIe.»Und mehr Frauen wären schön«. wie er zur Zeit der Französischen Revolution geprägt worden sei. »Das IS d'Ie Natur«. Wir .. ? .« Sie will FamilIe. sagen sie. »Man muss das konservative Familienbild verändern«. dass ich wissen müsse dass seine Freundin Sozialwissenschaften studiere und 'ihm erklärt habe. agt Dann fragt er »Wo . »Trotzdem sind hier all e beIl'h ren aIten Partnern geblieben und .« . Ich kann mir vorstellen. arschemIich hat er recht. IS IC mIt Pr fi F 0 essor ranz Durst und Christine H d agen. die »wirkliche Elite. hätte im Gegensatz zu Adel und Klerus gestanden. Anfang zwanzig eben. müsse man den Eindruck gewinnen.« eltern kümmern . zu»Ich hätte gern ein bis h fessor Franz D sc en mehr Rebellen«. . m d em SIe.5 r rascht . SIC. dass das problematische Leute sind. Wie an der European Business School liegt auch hier der Anteil der Studentinnen bei etwa einem Drittel. " . Dies widerspräche der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs »Elite«. h d ' '. Menschen. fügt seine Kollegin Hagen hinzu. »Eine Gesellschaft 87 .»Knppenplatz die Groß.. mIt . en akadem' h L' sammensitze. sagt Christine Hagen. erkl" " . er Mann bleibt zu Hause«.. . zu fordern. S· starren mich an. Aber das sei nicht so einfach. · WIssensch aft und mlen ge urt. h" . die Jury zu ermuntern. die meisten Paare fanden. selbst Mutter zweier Kinder. die achtundvierzigjährige Juristin im strengen blauen Rock.

Elite als Vierpfl'Ichtung erleben Verantwortung übernehmen«. Sie hofft.* aber. Man solle selbst viel leisten. sondern die Verantwortung für die Gemeinschaft. immer noch freundlich.fahren ein schickes Auto und müssen sich über ih ren Aufstieg in d W· h h '. »Ich glaube. Daher bleibt unser Gespräch abstrakt. bl Preis fü' Effi" as SIe a ehnt: für Profit um fast jeden !ZIenz d K . . das ist nicht leistbar. antwortet Durst.«. Chnshne Ha b . nur weil man zwei Jahre vermeintlich Elite studiert hat. die langfristig denken. für Menschlichkeit statt profit. fugt Professor Durst . und Thomas arbeitet inzwischen bei Marios Firma. »Das Dumme ist.. die vor drei und vor fünfJahren ihren Abschluss an der Akademie gemacht haben. L .« Sie hoffe. fordert sie. Wie genau es ihnen gelingt. -. Pot . frage ich. »Man emen Beratun .»Sondern? f:rage ICh . b d gSJo an ers machen.. findet Oliver. Ich hatte gehofft. und darf mit mir weder über seine Aufträge noch über seine Arbeitsweise sprechen. dass diese Firmen ur Vle es stehen w . bei der man sagen kann: Da kommt so viel rein und so viel wieder raus. die nicht an der Akademie waren?(. sondern an alle Beteiligten denken.WIe Komme Ich in der Firma voran? Wie bin ich in der Ka' . dIe sagen' Men h . mit ihnen darüber reden zu können. sc . Vorbild sein. Sie sind also ausgebildete Elite. Man kann auch integer und menschlich bleiben. er lrtsc aftswelt kaum Sorgen mac en. Verpflichtung und 89 • . Ziel dürfe nicht allein der persönliche Machterhalt sein. die nachhaltig wirtschaften wollen. es wäre auch vermessen zu denken. Aber Oliver studiert noch. wäre eine Katastrophe. Wir suchen Menschen. Sie verdienen jetzt e . dass wir immer die richtigen Antworten haben((. kann man alles besser und alles ethisch super korrekt und wasserdicht und faiN. rnere spItze?«. beruflichen Erfolg und ethische Ansprüche zu verbinden. »Die Elite-Akademie will junge Menschen mit großem . »Ich glaube. malerweise durchgeführt wird.« Immer wieder betont sie. . vi eI G ld oston Consultlllg. hmzu.»Wir sind verärgert über den hohen Zulauf dort«. sch neben oder bei B .. als er nor88 . fi" • I gen estreitet mcht. sagt Franz Durst offen.« . dass es ihr Wunsch sei. Sie plädiert für Mitgefühl statt Ellenbogen. sc Ie en. Ich hoffe. b eratungen ent rnere III elller der großen Unternehmensh· d . bei McKinsey also. Das klingt wesentlich bescheidener als der Dreiklang Vorbild. dass ihre Studenten zu solch einer Gesellschaft Nein sagen.u enten dennoch resistent bleiben. nicht unbedingt. Und Christine Hagen meint. »Die Studenten sollten .(( . den Studenten mitzugeben. r dass ihre St d un ostenoptimierung. »Das ist keine physikalische Funktion. meint Thomas. dass wir die richtigen Fragen stellen. »Wir wollen nicht die Leute. Ir·· d enZIa lOr ern und ihr Wertebewusstsein schärfen. aber fast fatalistisch: »Wir können nur hoffen und sie begleiten. was sie konkret anders machen als Nicht-Elite-Studenten. . sagt Thomas.»Vielleicht kann man erwarten.« Am Abend treffe ich zwei Studenten. die nicht kurzfristig den Shareholder-Value steigern wollen. aber den Blick für S~hwächere nicht verlieren. sagt er. ' Dennoch hat sich fast ein Drittel der Absolventen zuletzt für eine Ka' . »Handelt ihr anders als die. kann auch . SIe haben bei McKinsey unter. . in der nur Erben und nicht Leistungsträger an der Spitze stehen. . dass man das nicht klar messen kann«. wir sind nach unserer Ausbildung durch die Bayerische Elite-Akademie auf alle Fälle sensibler als andere«. . dass es wichtigere Ziele im Le~~n gibt als den schnellen Erfolg.

nur drei von dreißig ~ommen in Jeans. die guten Ethik-Kurse oder dass sie nette Leute aus den Vorgängerjahrgängen kannten. dass die ihre Talkshow-Vorbilder sehr gut kopieren. gISC er Titel. Werden sie sich dem entgegenstellen? Jetzt muss die Elite erst mal in die Sendung. fragte der Moderator die Studenten. blonde ~rauen tragen schwarz-rot-goldene Kerzen. Die Kamera schwenkt vom Moderator auf die zehn Studenten.~<. SIe Im kreIS hmter ihren Glaspulten. tippt sie e' 10 h fen ge d b m. Carl sagt. Die Herren tragen Anzüge. die dieses Geschwurbel auslöste..La how-Gäste mimen werden.« Das klingt schon wie ein Generalsekretärsstatement. die auch mich in den letzten Tagen umgetrieben hat: »Was«.!. besser zu sein als andere. Was pasSIert da draußen? Ich schaue aufdie Studenten. genau dieses Engagement gefalle ihm an der Grup~e. Wir fahren nach München zum Bayefischen Rundfunk. Halb . IS nIc t da Zwar dd • Wir le Sendung niemals ausgestraWt d werden. als wir am Morgen in den Bus steigen. weil er mehr tue als das absolut Notwendige. sehe ich die Bilder der Wahl-Nachberichterstattung. wenn ein Haura ee enErw h mal di kut' ac sener vor ihr steht. Könnte man SIeren. gut zu sein. »'tschuld' . NPD-Funktionäre greifen Kameraleute an.. der die Sendung eröffnet. tont es entnervt auS 0 0 0 0 O 0 O 0 0 dem Studio. ---~.·1I Verantwortung. »Das Thema ist eigentlich: Wozu brauchen wir Eliten?« Die Eltern fliegen also raus.« Einer meint. Eine ReD' IS en In erbarmt .. Ein anderer sagt: »Wichtig ist. die Damen Kostüme. Und schon nach wenigen Minuten ist klar. . um den Elitebegriff zu rechtfertigen? Mal ein bisschen sensibler sein? Ein paarmal häufiger nachfragen? »Wir können nur einen Kern legen und dann auf die Vorbildwirkung hoffen«. Wenig später ertönt endlich der Jingle. Der Grafiker. hatte Christine Hagen gesagt. Zehn Studenten die J' etzt gl . den die Akademieleitung immer wieder betont. Bayerische Elite-Akademie. Solche Menschen braucht das Land. erzählen. Die meisten reihen inhaltsleere Luftblasensätze und politisch korrekte Floskeln aneinander. Karriereoptimierung für sich selbst vorzunehmen. da gehöre ich hin?« Die meisten weichen aus. Die Studenten haben sich schick gemacht. sagt der Moderator.est t nn es ohne Grafik nicht losgehen. Während die ersten in der Maske sitzen. »macht aus Ihnen Elite? Warum haben Sie gesagt. war eine simple. Steif stehen . als ob. mir Mut zum Handeln durch eigenes Handeln zu machen. »Das ist ja schön«. aber es s II t Und d halb ka 0 rotz em alles so aussehen. . -alII------. eine gute Stimmung m 91 90 .. Die Studenten absolvieren heute ein »Talkshow-Training«.· . Und einer meint: »Es geht darum. verändert sie sich insgesamt schon. Wenn jeder die Welt ein bisschen verändert.. hier zu sein.« Es ist noch dunkel. lrieass. »Ich glaube.« Oder: »Für mich war es nicht relevant.« Die Frage. h 'T' lks ' eiC . damit es nicht stehen bleibt. für mich war es relevant.. »Es geht einem an der Elite-Akademie nicht darum. Idn de~ Regi~ herrscht Hektik. h hlo Wir EI ? SIC sc Ießhcho »Wofür brauchen tern.-iililii• • iii~·iiii·iiiiiiiiili·~iII71iii~·1iI~iII'ilii···iiii'. die nebenan gepudert werden. den Pflichtteil. dass sie den interdisziplinären Ansatz an der Akademie schätzen. 19ung«. Es war die. sehr gutes Vordiplom und engagiere mich im parteipolitischen Bereich. der den Titel er DISkUSSion auf d M ot h en OnItor 1m Studio bringen sollte. Reicht das. Das macht mich zu einem guten Teil der Gruppe. sondern um ein Verantwortungsgefühl für Gesellschaft und Wirtschaft.c---------------iiinvwrliiiiliiililllliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil_m~5üE liiiiiiiii. »Aber warum sind Sie Elite?« Anne sagt zögernd: »Ich habe ein sehr.

lllSlshert er. r e er genauso handeln. die Eliten auf ihren Thron zu heben und ihnen zuzujubeln? Währenddessen hat im Studio wieder die Gruppe die Wortführerschaft übernommen. Arbeitslosigkeit als eine Folge mangelnden Willens zu bezeichnen. u ommunlZleren. Ihr Kollege glaubt. hatte eine Studentin etwas ungeschickt formuliert. Aber im Grunde hat sie recht. Was würden ~le. wenn man im Kleinen Vorbild ist. wie ich es in Oestrich-Winkel erlebt habe.« Mein Stift stockt. dass das absolut nicht ironisch gemeint war. meint eine Studentin. »Der Begriff Elite hat mich eher abgeschreckt«. »Und wie?«.« elll Nebenmann assistiert: »Die Entscheldung w' d . k~nkret anders machen als die aktuellen Eliten?«. Ich möchte mich nicht mit dem Status schmücken. klingt es ein wenig 93 . Das Gespräch driftet jetzt wieder in die »Wir-sind-gar-keine-Eliten«-Richtung. die offensichtlich die Mehrheit stellt. »Manche kommen aus wohlhabenderen Familien.unserem Land zu verbreiten. Er will konkrete Beispiele.« Will diese junge Elite den Deutschen etwa Partyhütchen aufsetzen und aus dem Land eine Feiermeile machen? Oder wollen sie sich mit Megafonen auf den Straßen postieren und schreien: »Ärmel hochkrempeln! Dann klappt es auch mit dem Aufschwung!« Hoffentlich nicht. Im Land der GuteLaune-Eliten werden Massenendassungen den Menschen richtig gut rübergebracht. dass sie ihren Freunden immer erst lange erzählt. a er dabei den einzelnen Menschen im Blick hab S . aber wir meinen's nicht so. Verpflichtungen eingehen und der Gesellschaft etwas zurückgeben. 92 Ich fürchte. Wir sind bunt gemischt«. das helfen soll. sagt ein anderer. in der Familie«. Daraufbereitet uns die Akademievor. sagt einer. meint einer. aus denen mit den besten Vordiplomnoten in ganz Bayern die dreißig Allerbesten herauszuflltern. »Vielleicht ist es schon etwas.« Irritiert fahre ich danach mit der U-Bahn durch München und weiß partout nicht. »Ich würde den Begriff meiden«. . fragt der Moderator. um in der globalisierten Welt zurechtzukommen«. en. »Würden Sie keine sechstausend Arbeitnehmer entlassen?« . Kollektive gute Laune konnte ich noch nie leiden. und die Eltern von manchen sind Beamte. was sie in der Akademie Gutes und Schönes unternimmt. aber wir haben geIernt. Die Studenten werden vor allem nach Leistung ausgewählt. Viele in der Runde sagen. und ich fand es schon immer vermessen. durch die Akademie für die »Versuchung der Macht ethisch gerüstet zu sein«. Wenn der Naturwissenschaftler Professor Franz Durst das Verfahren erläutert. Die Akademie hat ein aufwendiges Punktesystem entwickelt. sie wollten später Verantwortung übernehmen. Wenn das für den Fortbestand der Bank nötig sei. »Mir ist bei dem Wort Elite unwohl. es besser z k . »Erst am Ende sage ich dann: Es heißt übrigens Elite-Akademie. »Ich würde auch sechstausend entl b assen. Wieso zögere ich da überhaupt noch. was ich von dieser institutionalisierten Elite-Ausbildung halten soll.. Da zieht ja eine rosige Zukunft heran. h lf lllC t anders ausfallen. sagt elll Student wü d . Die Akademie ist längst nicht in dem Maße sozial selektiv. Der Moderator scheint ähnlich unzufrieden wie ich auf meinem Logenplatz in der Regie. Die anderen flüchten sich wieder in abstrakte Statements: »Die Menschlichkeit ist der einzige Weg. »~ie sind Manager bei der Deutschen Bank.« Und eine Studentin meint.

sagt er. hatte mir Durst erklärt. die nicht so viel Glück hatten wie er.e Gruppe eint. Einer der Studenten. dass er längst tot wäre. »Es gibt aber Leute. aber auch Söhne von Landwirten.« . Er will etwas zurückgeben. dass ihre Eltern viel Geld haben. zu erleben. die Karriere machen wollen und sonst nichts. Aber den meisten nehme ich. So wie Michael denken viele an der Akademie. Es waren die Tage. 1m R" ken.Kreativität. s a e ihn aber auch massiv verunsIchert. er saß einem Mitarbeiter gegenüber. Seine Tage waren vierzehn. hatte gescherzt. für die. in denen viel über das Schmiergeldsystem bei Siemens geschrieben wurde. . die sind blitzgescheit. »Aber wenn die Intelligenten und Kreativen stinkfaul sind. Die meisten der Studenten sagen. Nach der Ausbildung will er in die Verwaltung und wieder dem Staat dienen. die Michael hart und absolut zielorientiert nennt. Er wolle ein »Leistungsträger dieser Gesellschaft« sein. die es nicht so gut haben. ' ass r denten In ganz Ba ' yern 1St. Michael. Physik oder Latein. aUlgenommen. Auch Michael hat sich gefreut. dass sie sich schon häufig gefragt haben. Klar. . Er könne helfen. wie es denen geht.. bräuchte man gute Noten in Fächern wie Mathematik. ~ies. wo sie mal lande. . Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung. bei der Bahnhofsmission oder im Gefängnis. der selbst seit über zwanzig Jahren HIVpositiv war und der ungerührt erzählte. wie die 95 . dass er d ' Umf. Er hat sich hochuc gearbeitet. Töchter von Angestellten. mIt dem Beamtengehalt ' . Sein wirtschaftliches Wissen könne dort vielleicht wirklich nützen. . als sie von der Schule aufer!egt bekommen. Die Arbeit sei sinnvoll. Denen fehlt es an . ab. ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter die bei der US-Armee arbeitet. wie er sagt. sagt er lieber. sich für Schwächere einsetzen. dass die Studenten fleißig und ehrgeIzIg SInd. Er hat sich zeigen lassen. Aber er will noch mehr machen. Michael beschließt. dass sie mehr wollen. er eInem Jahr an der Akademie hat er 94 mit dem Begriffnoch keinen Frieden geschlossen. . die zukünftige Elite wolle wohl sehen. Man spürt. erklärte mir Durst.eld« stammt ' er aus eInem völlig anderen »sozialen . Er begann eine "t' d ' Ausbildung beim Z0 II un d dann. en.er sagt.« Deshalb gibt es auch Punkte für gute Noten in Kunst oder Deutsch. es gibt auch die. ' Familie das no Ige GeI mchtauftreiben. es geschafft zu hab E h b . und der Seelsorger in einer Justizvollzugsanstalt. nicht. Um in der Kategorie Intelligenz zu punkten. der keInen glatten St u d'lUm-Praktika-AuslandssemesterLebenslauf hat ~ . können jedoch mit ihrer Gescheitheit nichts anfangen. »Managertypen«. Die Studenten waren in Kindergärten. dass WIr dann eine gute Gruppe beisammenhatten.wie eine Elitebauanleitung. wo die Fixer die Spritzen tauschen. »Deswegen haben wir die Aktiven gesucht. in der auch Wirtschaftskriminelle einsitzen. ' Und auch nach übWIe . Zur Ausbildung an der Akademie gehört auch ein Sozialtag. Aber tatsächlich ging es natürlich darum. Die mehr machen. dass sie später Verantwortung übernehmen und der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen. Es gibt natürlich viele Akademikerkinder. hier ehrenamtlich zu arbeiten. Seine Großmutter war stolz zu lesen d ih Enk el einer von dreißig Elitestu. plotzhch Elite sein sollte. Das hat natürlich dazu geführt. geht es auch nicht gut«. Seine Großeltern hatte~ ein kleines Textilgesch"ft Als er studieren wollte konnte die a. Michael war bei der Aids-Hilfe. d och noch ein Studium. wenn nicht die Medikamente so viel besser geworden wären. fünfzehn Stunden lang' Die Akad emle h at das honoriert und auch ihn.

es gebe aber noch etwas für Leute. Ich bezweifle. Weil sie ahnen. I I Welt besser werden könnte. Sie " . ·. dass man in Bayern das Elite-Ticket noch Jahre früher lösen könne. als Maria mir die Hand schüttelt. als er dem sechsten Jahrgang der Akademie das Zeugnis üb~rreichte. . dass sie nicht unter der Last dieses Begriffs zusammenbrechen. Es ist politisches Pro~ramm des Freistaats. Warum Elite? Warum dieses Wort. zuckte er mit den Schultern und erklärte mir. per Zeugnis aufzukleben. die direkt von der Schule kommen. der si h .. von Menschen.. die gleichermaßen ehrgeizig und engagiert sind? Warum belastet man gerade diese dreißig mit dem Begriff »Elite«? Sie sträuben sich doch. er e guren für emen leistungsstaren relstaat. »Zwei Oberpfälzer auf 11uch fühlung m't dEI' '. Aber die Fragen bleiben: Wie viele junge Menschen gibt es. Vielleicht gelingt ihnen das im Lauf ihres Lebens. Und Ich glaube. wenn eine Kommission entscheidet. Gern kommen Land " esmmlster Zum Kamingespräch in die Akademie. »Der Begriff soll ins positive Licht gerückt und wieder ~offähig gemacht werden«. was sie über die Nicht-Elite erhebt. . freundlich und alle mehr oder weniger dem Gedanken verpflichtet. »Kennst du das Maximilianeum?«. An der Akademie braucht man ein Vordiplom. ein guter Mensch werden zu wollen. ob wir uns wiedertreffen wollen. Fast J' d S d . Ich starre. Dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Ich werde sie fragen. bleibt der Blick doch an den Haaren hängen: Blond und glatt fallen sie bis zur Hüfte. DER STOLZ DES FREISTAATS Als sie um die Ecke biegt. c gegen Jede Gleichmacherei sträubt. das wird sie gewohnt sein. um den Begriff zu pushen. Aber scWießlich. »Kemptnerin in ·· genommen«. mie weist Dessauer d Ur smd ihrer Region und Wt en neg«.: . hatte Edmund Stoiber stolz verkündet. wünsche ich den Studenten. S· b I en wie le rauchen wir in Bayern«. dass jede Begründung falsch klänge? Warum schreibt Bayern nicht einfach fest. Als ich earl fragte. hatte ein Student gesagt. die kleinen weißen Punkte verschwimmen im Gegenlicht. daran mitzuarbeiten. dass gute Studenten gefördert werden? Meinetwegen die besten zehn Prozent eines jeden Jahrgangs. AnfangZwanzigjährigen dieses Label per Akademie. wenn wir alt sind. »Lelstungsel"t . das von Privilegien und Macht erzählt. fleißigen Studenten ab sofort die zukünftige Elite Bayerns werden soll. dass es sinnvoll ist. aber auch von Vorbildern.. ob das mit der Elite geklappt hat. Sie sind zielstrebig. das spaltet. hatte er gefragt und mir dann von einer Art Luxuswohnheim mit Vollpension für ausgewählte Abiturienten erzählt. zu denen man aufschaut. 97 . Aushängeschilder b fi k F . Ihr schwarzer Rock wippt. I er He« oder »Bayerns Elite-Akade'. denke ich. 96 Auch wenn das pathetisch klingt. im Film wäre nun der Moment für eine Slow Motion gekommen: Mit wiegendem Schritt kommt sie mir entgegen. Sie zieren sich. dass aus dreißig begabten. ob das nicht viel zu früh sei.1 .. dass es genau darum geht. Die Elite-Akademie-Studenten sind Anfang zwanzig.~ . Deshalb sitze ich jetzt hier und warte auf Maria. setzt ihre hellen Schuhe voreinander. und dass sie den Wunsch haben. so genannt zu werden. klar zu sagen. Dann können wir darüber diskutieren. e er tu ent ISt von der Lokalzeitung semer Heimatstadt rt'" EU teakademie auf po ratIert worden.I . I .

Dann heißt es schon mal: Unsere Elite. Denn ihre Schule. a sturmte der d al' . . Sie lebt in einem Gebäude. Neid ist ein großes. . Da sitzt auch der bayerische Landtag drin. fü' r »talentvolle bayrische Jünglinge« er. Sie rührt in ihrem Cappuccino und erzählt. M . in dem Leistung schon immer wichtig war. d' mIr ana. . h haben eine Bibliothek' fi" SIe sm d PI"tze Sie ur . du willst zu mir. Im Maximilianeum gibt es welche. Morgens ist ein Frühstücksbüfett aufgebaut mittags . Sie spielte Klavier und vor allem Kontrabass. Dafür müssen sie Szenen WIe Ie beim I t t . Wie normal kann so ein privilegiertes Leben sein? Maria ist in einem kleinen Ort bei Augsburg aufgewachsen. fast das einzige Problem in ihrem Leben. für die andere eine Woche brauchen.Maria ist so eine ausgewählte Abiturientin. D" e z en Neu)ahrsempfang in Kauf nehmen. als würde man in Berlin in der Reichstagskuppelleben. die zu den Besten eines Landes gehört. . in insgesamt vier Orchestern. erklärt . wie sie betont. a .wird ihnen um »Schlag eins« ein Drei-Gänge-~enü servtert. en en zu und heß sich mit ihnen foto98 grafieren. die sind offensichtlich hochbegabt. sie koche auch nur mit Wasser. schlug Maria für die Begabtenförderung vor. So krasse Mathematiker zum Beispiel. sagt sie. Bis sie irgendwann aufgeben musste. Damit galt für sie das bayerische Eliteförderungsgesetz. wie sie während der Fußball-WM jubelnd über die Leopoldstraße gerannt sei. ihr das mit dem Normalsein zu glauben. Carl hatte recht: Fünfzig Schüler dürfen hier gratis wohnen und werd en fü' r d'Ie Dauer Ihres Studiums ver. Ihre Eltern sind Lehrer. Maria hatte im Abitur einen I. behüteten. Woasche mitnimmt F" d · . Ich bin versucht. die seit 1876 fast unverändert 99 . . Dann ragt direkt vor dir ein riesiges ummauertes Gebäude auf. ungefähr so. Außerdem schwimmt sie gerne. Die lösen Aufgaben. unsere Hochbegabten. Das sollte auch ihr Beruf werden. denn Maria lädt fast nie Freunde zu sich ein. Der Hauptpreis ist der Einzug ins Maximilianeum.O-Schnitt »und keinen Zweier auf dem Zeugnis«. Und hier endet die Geschichte vom normalen. sich selbst so zu benennen. weil sie die strengen Kriterien erfüllte. sofort.« Maria lacht und sagt. nIe DIe Ztmmer putzt d as Personal. wie sie Freunden. Aber du kannst einfach zum Pförtner gehen und sagen. . ihr kleiner Bruder baut gern Roboter nach. den Weg beschreibt: »Du überquerst die Isar auf der Maximiliansbrücke. »Die Politiker zeigen sich gern mit uns. ein Franziskanerinnen-Gymnasium. ins Maximilianeum. Leben eines klugen Mädchens. Ihr Vater hatte gespart und hätte seiner Tochter die Studienjahre finanziert. und es beginnt die Erzählung von einer. Maria war immer die Musikerin. der Stolz des Freistaats. »Ich bin Fußballfan. das auch die schmutzige . sie selbst sei normal. das König Max II. Im hauseigenen Schwimmbad. Ich stelle mir vor. Sto'b f am Ige MInIsterpräsident Edmund I erau dieStud t . weil eine chronische Sehnenscheidenentzündung das Spielen unmöglich machte. » or erungsziel ist ein sorgenfreies Stu dtUrn«. OnIg nchten ließ. er P ilharmo' un d b elm Oktoberfest reserviert.« Eine lustige Vorstellung. die sie zum ersten Mal besuchen. Leider finden solche Gespräche sehr selten statt. das der K" . seit ich klein war«.d m. einst als bayerische Akropolis errichten ließ. Maria entschied sich dann wie so viele gute Schülerinnen für Jura. " wohnt.« »Und seid ihr Elite?« »Man scheut sich.

bei dem Teenager virtuelle Pferde pflegen können. Maria fuhr also von dem kleinen Dorfbei Augsburg in die Landeshauptstadt.gültig sind und die heute ausgesprochen angestaubt klingen. wenn nicht. nicht die Tochter. Sie hat ein kleines Computerspiel programmiert. der WiesenblumenBestimmung. PhysiklIll Schnelldurchlaufging es durch das gesamte Schulwissen. Im Jahr 1980. Jetzt ist sie Maxi100 milianeerin. s e usage kam. Medaillen aus Jugend-forscht. Das heißt. en wer en angenommen. sagt Maria. Er. der ewige Landesvater Strauß. An der Uni erzählt sie kaum jemandem. Es fing schon in der Schule an. auch werdender Jurist. auch wenn es Maria Sorgen macht. Mathe. beide wollen sie Familie.n auf Latein. · Sechs b IS acht von ihn d .« Ich schlucke. Wie viele hier hat auch Maria sich in einen Mit-Maximilianeer verliebt. sagt Maria und erzählt mir von der Mutter aller »Todesfragen«.« Manche Mitschüler dagegen wollten plötzlich unbedingt mit ihr befreundet sein. weil Maria vorgeschlagen wurde. Eine schöne Geschichte. Maria hat zudem davon profitiert. um sich in ihrem Glanz zu sonnen. weil ich mich anders ausdrücke als die meisten. geboren worden sein. Wer zum Teufel kann das? Und vor allem: Inwi:fern ist das eine sinnvolle Elite-Rekrutierung? . wie sie vermutet.-musiziertoder -treibt-Sport-ur ttb ewerb ' ' vve en smd nichts dagegen. Der Physiknobelpreisträger Werner Heisenberg war ihr Vorgänger. »Sie geben dir einen Strauß und du sollst die Namen der Blumen nennen. am siebten Tag ist frei. Die Fernbeziehung werden sie überstehen. studiert gerade in Oxford. Vierhundert Sch"l I .0-Schnitt. und sagt lieber. eine. '. Englisch. »Am Ende kommt immer noch eine Todesfrage. man muss im Bayern Maximilians II. Die Prüfung zu schaffien ISt fü' r Junge Bayern eine ge. 101 . Maria hat eme Woche gefeiert al di Z . Latein. sie müssen das christliche Glaubensbekenntnis abgelegt haben und im Besitz des »bayerischen Indigenats« sein. Am best. Deshalb ist sie vorsichtig geworden. »Auch da im Forum werde ich oft als arrogant beschimpft. wie sich das mit der Karriere vereinbaren ließe. den sie am Vortag noch nicht geschafft hat. wenn nur der Neid nicht wäre. Sie ist eben Maximilianeerin und damit Erbin einer langen Tradition. im Münchner Zentrum. waltige Ehre. . Auch Saarländer oder Pfalzer sind deshalb nach den Statuten echte Bayern. die man gar nicht lösen kann«. Mittlerweile sind knapp 30 Prozent der »talentvollen Jünglinge« Mädchen. mit einem 1. dann lernt sie den Stoff. mindestens bis 18 Uhr. Wenn sie nicht zur Universität muss. Um sechs Uhr klingelt ihr Wecker. auch und natürlich FIS. Sechs Tage pro Woche lebt sie nach diesem Rhythmus. ili axun ans des 11. Prüfungen anstehen. Dreizehn Beamte prüften sie in fast ~benso vielen Fächern. u er ver assen Jeden Sommer die Gymnasien lIll Bayern M . hatte sie einen Termin im Kultusministerium. dass auch Bayern trotz dieses Traditionsbewusstseins langsam liberaler wird. wurde nach langem Ringen die erste Frau aufgenommen. was ihren ohnehin schon großen Ehrgeiz noch weiter anstachelt. sie habe ein Zimmer in einem Wohnheim am Max-Weber-Platz. setzt sie sich in die Bibliothek und lernt weiter. wo alles alt und stolz aussieht. wie im Moment. »Seit knapp drei Monaten lerne ich durch«. dem vielleicht hinter den Mauern die Idee für seinen Hit »Ein Bett im Kornfeld« kam. Hier. Die Eltern ihrer besten Freundin waren sauer. wo sie wohnt. kurz vor ihrer Geburt. die fast genauso gut war. der Schlagerschreiber Michael Kunze. Kandidaten müssen von »tadelloser sittlicher Führung« sein.

spater. Und ihre Träume? »Willst du etwas verändern im Land?«. obwohl ich wusste. der arbeitslos 1st oder Angst dan h at «. Maria schaut.Glaubt man Maria. in Wirklichkeit aber wahrscheinlich doch _ beschwert sie sich d"b d . so wie ich bin. dass es vielleicht an mir gelegen haben könnte. »Ich kenne niemanden in der Stiftung. hatte Maria mir gesagt. das weiß ich jetzt. vielleicht gar nichts anderes übrig. 103 . in einer Kanzlei oder in der Wirtschaft. bequem seien. Sozialsysteme und mehr Wettbewerb? . mir einzureden. Was hält sie von der Welt außerhalb der Stiftung? Wie erlebt sie die großen deutschen Debatten über Arbeitslose. dass es einige gibt. zögert. Wer viel leistet. um von deren guten Leistungen zu profitieren. die Ausgeschlossenen. beantwortet genau und geduldig meine Fragen. Sie alle werden wohl ähnlich fleißig. aber trotzdem Ansprüche hätten. Ich frage nach ihren Plänen für die Zukunft. Und wemg . die ganze Auswahl quasi unterlaufen zu haben. . wie ihre Cousine es gerade vorgelebt hat. erzählt Maria. . . dass das schon in der Schule so war. dann schüttelt sie den Kopf. dass das nicht stimmte.or das hat in unserem Gesprach mch ts mehr miteinan der " . dass sie die Prüfung auch geschafft haben. als sich abzukapseln. »Die sagen: Ich bin toll.und Professorenkinder«. schuld an dieser Trennung in »wir« und »ihr«? Bleibt einem. der besser ist.« . . steht sie über diesen Neidern. »Uns war die Party am Auswahlwochenende wichtiger«. als ich eine Absage von der Studienstiftung des Deutschen Volkes bekam. und über die Sexisten in der Auswahlkommission. ass manche an der Uni oder elmge der Mäd h . Das kann ja gar nicht stimmen. und mir soll alles in den Mund fallen. deren Eltern aus der Unterschicht kämen. wie schlecht es mir ging. dass sie gerade erst neunzehn ist. Ich habe über die Spießer geschimpft. entschuldigt sie sich. und sie mag sie nicht sonderlich. um sich nicht ständig wehren zu müssen? Während ich denke. schäme ich mich. im Staatsdienst. Wie unfair kann man sein. zu tun. aru er. in dem ich mit meinen jetzigen Mitteln etwas verändern kann: Das bin ich selber. gedacht oder akzeptiert. Nie habe ich gesagt. seien die Faulen zu ihrer Freundin und ihr gekommen.« Sie erinnert sich daran. Der Cappuccino ist fast ausgetrunken. in ilir kleines Apartment. als ich jetzt Maria gegenübersitze. Sie möchte ein gutes Examen machen und dann eine erfolgreiche Juristin werden. Mit mir bin ich ziemlich streng. Deshalb sei das Prinzip der Stiftung fair. Ich habe vergessen. erzählte ich cool. dass sie das Stipendium aber nicht annehmen wollten. findet sie. die angenommen wurden. Maria kehrt in die bayerische Akropolis zurück. sagt Mana. gebe es nicht. Maximilianeer. c en. ähnlich intelligent sein wie Maria. soll eine Anerkennung bekommen. die damit angeben. Ich erinnere mich daran. lässt mich am Sinn der Förderung zweifeln: »Wir sind viele Lehrer. will ich wissen. »Trittbrettfahrer« nennt Maria solche Menschen. Immer wenn die Klasse Arbeitsgruppen bilden sollte. Ihre Privilegien. Genaues wisse sie noch nicht. hat sich die bayerische Elite hart erarbeitet. »Witzig ist. Sind wir. ist Maria schon weiter.« Diese Geschichten gehören zum Standardwitzrepertoire im Maximilianeum. Kurz darauf verabschieden wir uns wieder. Nur dass sich die Stipendiaten auch in einem dritten Punkt auffallend ähnlich sind. »Ich konzentriere mich auf den Bereich. Sofort fing ich an. ffilt denen sie im Forum ihres Pfer102 despiels rede.

Das Bürgertum habe ein Interesse an einer Differenzierung des Bildungssys105 104 . Oft komme als einziger Ausweg ein Schulwechsel ins Ausland infrage.« DIFFERENZIERUNG Ich sitze wieder in meinem Zimmer. der jetzt h • . was mir in München natürlich erscheint. Es hört sich an. Wier d Ie. kli ten. d'Ie verloren haben. »Der Vorsprung der Bürgerkinder. Bierflaschen auf Mülleimern zu vermissen kann nur ein Symptom idiotischer Sozialromantik sein. sondern ein Parallelsystem. Arbeitslosen oder Bauarbeitern so selten Einser-Abiturienten und nie Maximilianeer? Ich denke an Michael Hartmann. und bin überrascht. »Bei einer verstärkten Binnendifferenzierung sähe das aber anders aus. die dränden Fragen a gen hal uszusc Hartz IV bekommt . Neb~n mir findet gerade ein großes Boule-Turnier statt. Dann könnte das Bürgertum die eigenen Kinder in Bildungseinrichtungen schicken. der aussieht wie in der Werbung. nie sieht und sch on gar ni ht k . Hmter mir hat d·Ie Stadt fü° r emen BlOmarkt dIe Straßen gesperrt . dieser ~~utiquen mit Kinderkleidung.das meint wohl. wie wohl ich mich fühle. weil er düm. Stellt hier niemand leere Bierflaschen auf die Mülleimer. um es für die Hälfte weiterzuverkaufen? Wer ist Kunde all dieser Seifenläden. Vermutlich finden alle Menschen saubere Straßen auf Dauer b~sser. und dem Rest der Bevölkerung das zunehmend marode Restsystem überlassen. dieser Geschäfte mit Heizstangen für Handtücher. sagt Hartmann »würde dadurch ausgebaut und verfestigt. Vielleicht ist es selbstverständlich dass die ' Menschen hier das von M· beschriebene Leistungsana al J::. pnnzlp noch im Lb mer s lalr empfinden. Ganz sicher ist die Arm-abersexy-Logik ein schwacher Trost. den Eliteforscher. und setze mich in einen Biergarten. den sie aufgrund ihrer familiären Bedingungen schon mitbringen«. Kleme Mood ch en im Kimono stolzieren . die Schule. ob dieser Satz für die ganze Stadt gilt. frage ich mich. Wahrscheinlich lebt es sich wirklich ganz gut in emer wohlhabenden Stadt. c ennt. die versprechen. weil es für ihr o e en noch gilt. und seine Zweifel an der Leistungselite. O 0 • 0 • 0 mer ist? Warum werden die Söhne von Türken. um den Sammlern das Leben zu erleichtern? Wo sind hier die Penner. Über mir wird seit zwei Wochen der Dielenboden herausgerissen. die zu Hause allein vor dem Supermarkt in meiner Straße in Handballmannschaftsstärke leben? Und warum will niemand mein U-Bahn-Ticket haben. dem fallt es leichter.Als ich durch München laufe.« Verstärkte Binnendifferenzierung . den Jungsten in einen »Dolce & Gabbana Junior« zu verwandeln? Ich tue. War der Onkel. Er meinte: »Aus Sicht des Bürgertums ist die derzeitige Struktur des Bildungswesens ein entscheidendes Problem. Die gewohnten Spuren urbaner Armut suche ich vergeblich.« Der Nachwuchs der Reichen und Erfolgreichen werde dort schließlich mit den Mängeln des öffentlichen Systems konfrontiert.WIr C fauler als der Vater der Beamter 1st? Sch·t d ' el ert er Cousin in der Schule. a an mIr vorbei. die aufgrund einer wesentlich besseren finanziellen Ausstattung und selektiver Aufnahmeregelung das gewünschte Niveau aufweisen. als stünde ein Zahnarztbohrer kurz vor dem Durchbruch in meinen Gehörgang. die Uni für alle gibt. dass es nicht mehr den Kindergarten.

habe ich mir selbst Beschäftigungstherapien auferlegt und meinen Stapel zum Thema »Elite« in Akteno rdgezwangt. und in Passau bietet eine Firma Word-.SIC Ich " Bayern war. empfahl. Was müsst ihr auf die Postkarte schreiben?« Da sie noch nicht 107 106 . die Sieger aller Schulstudien. Die Binnend'f" 1lerenZlerung beginnt mittlerweile rz nach der Geburt. dann zu einer Uni. Abim . was ich studieren wollte.und PowerpointKurse für Kinder ab vier an. Jahrhunderts.tems. In München können Eltern ihre Kindergartenkinder in den Chinesischkurs schicken. sagt die Stimme. das heißt frei übersetzt »Überholspurkinder«. In Deutschland. hatte Hartmann gesagt. ' ett ewerb zur Forderung einer ElIte entb rannt der '" st k ' en Jungste Mitglieder noch in den Windeln ec . In einer schicken Altbauwohnung in Steglitz sitzen Zwei. in die Grundschule unseres Viertels. aufs Gymnasium. Der Druck.. ersch' es mIr noch absurd früh. tionen von Drer"h ' . die Schwerfälligen unter die Wendigen. Das wäre das Gegenteil von Ausdifferenzierung. wer eine gute Bildung wolle. d esto k1 arer wird ein Gedanke' Maria und Carl sind Spa erulene. Excel. haben meine Eltern stolz aufbewahrt. . Nur so könne es seinen Kindern die Nachteile des öffentlichen Systems ersparen.tb " ' . »APAP OLLAH«. le Kommission Zur El'te zu k" 1 uren. die Hartnäckigen unter die Folgsamen mischen«. dass es dieses »ganz normal« seit einigen Jahren nicht mehr gibt. Sie sind erst drei Monate alt. dass es auch Langsame. dass die Kinder der Elite früh selbst das Eliteticket lösen. FasTracKids. solle die »Langsamen unter die Geschwinden.. »Stellt euch vor«. die Klugen und die Wohlhabenden entscheiden . " sie am liebsten vergessen wollen. Ganz normal . Mit viel gutem Willen hätte man daraus eine besondere Begabung und damit einen besonderen Förderbedarfkonstruieren können. len tunentmnen w· Mana oder Studenten wie Carl per . Immer wIeder blattere . orrekten Einsatz von P' ·ft und Prickelnadellernten 1St urplötzlich ein Wi b " . Das wären Finnland und Schweden. Ich bin in den städtischen Kindergarten gegangen. Etwas anderes stand überhaupt nicht zur Diskussion. dass SIe I'leb er unter sIch sem wollen? Was ist. möglichst früh möglichst viel zu leisten.» B' h .wie alle eben. Je häufiger ich meinen Ordner durchseh e. In Hamburg bietet eine private Sprachschule Englischkurse für Schüler an. In Berlin hat Anfang 2007 eine Filiale der amerikanischen Bildungskette »FasTracKids« eröffnet. Nur so sei gewährleistet. geschweige denn sprechen können.bis Sechsjährige vor einer Tafel. wo Genera. die nicht einmal sitzen.das Wort legt' h'm meinem Kopflangsam über das Dröhnen. Sie lauschen also den Englischstunden wie andere Säuglinge ihrer Spieluhr. Als . Hat man aber nicht.. die das angeboten hat. wenn die Geschwinden. »Hallo Papa«. mn~nd'f:'I: 1 lerenzlerung« . Dumme und Arme gibt? Seit der Bohrer lärmt. konnte ich lesen und schreiben. wächst. Ja ngen 1m Kindergarten allenfalls den k nttstI . aber immerhin. Ich habe den Eindruck. weil das für Linkshänder einfacher ist. Johann Comenius. DER KAMPF UM DIE VORDEREN PLÄTZE Als ich vier war. wenn . ku en. Was aber ist. »ihr wollt eure Freunde zum Insektensammeln einladen. aus der eine Computerstimme dröhnt. Ich habe falsch herum geschrieben. ner " ich die Texte durC . einer der bedeutendsten Pädagogen des 17.

. hat man das Gefühl. das die ~_eisten der kleinen Schüler nicht einmal aussprechen konnen. Die Familie nahm einen Anwalt und war bereit. weil Ich ein FasTracKid bin. Astronomie und sogar ein Block zum Thema Lebensstrategien werden noch folgen. sagt sie. »Sie lernen Präsentationsformen. dass ein Fisch auf die Einladung muss?« Die Kinder haben heute das Fach Kommunikation. die Wartelisten lang. der Sohn der FasTracKids-Mutter rückte nach. ec sJ nger Klassenkamerad Fernando. Im Werbeprospekt der Kleinkindschule lese ich das -. Geld. d' ' " m kenne. In Berlin steigt die Zahl Fil'al . fürchtet die Mutter. enn Bildung ist zum Statussymbol 00 geworden. würden die Kinder me WIe d er lernen. die erst mit fünf angefangen hat mit Englisch. erzählt mir eine Mutter. . I en In Dusseldorf und Hamburg so IIen folgen Bildun fü . freut sich die Tafel. Während Deutschland bei ' . Englisch. ein Wort. Aber dann zog ein Zwillingspaar aus Berlin weg. . Zur Sicherheit hat die Familie schon früh einen Vertrag mit einer Privatschule unterschrieben. natürlich«. . Deshalb haben wir entschieden. sei in Zeiten der Globalisierung eben wie Zähneputzen. Doch die sind begehrt. dass die Jungs gleich mit zwei anfangen. »War~m müssen Dreijährige das können?«. »Ja. Die Söhne der FasTracKids-Mutter gehen in einen englischsprachigen Kindergarten. das gut investiert sein soll. die ihre Söhne zu »Fastrackids« schickt. falls es mit der begehr109 108 . heißt es bei »FasTracKids«. Protokoll eines Gesprach ' FasTracKids aus Mexiko: »Wusstest du. Und so statten sie ihr Kind schon im Windelalter mit Zusatzqualifikationen aus. »Wir haben gemerkt. tippen die Kinder Symbole auf der Tafel an. Mexiko oder Portugal längst ein nesiger Erfolg. So schnell wie in diesem Alter. gefragt wird waru . frage ich. wIrd mit d SIe Ie Namen aller neun Planeten A' . Ihr Sohn soll auf eine bilinguale Grundschule. einfach zu spät dran war. Oder sie sagt. »Die richtige Schule zu finden dauert Monate«.« Hört man sich um. s zweIer . Er könne sein Englisch wieder verlernen. als ein Junge auf das Bild eines Fisches zeigt: »Meinst du wirklich. »Wusstest du ' dass er vor a11em das Lächeln der Mona Lisa malen wollte?« Und d'Ie fü' n fiooh nge Julia aus Denver die Ja ' . . "'h' . · g W ehsender Markt D r KleInstkinder ist ein neuer' ein a ' . fragt der vierJa nge Diego.« über 1000 Euro kostet die Förderung ihrer beiden Söhne pro Monat. erklärt sie mir. antwortet sein s h 'äh' . d~r Frühförderung hinterherhinke. »Hier werden die Kinder auch rhetorisch fit gemacht«. »Richtig«. sagt die Leiterin.schreiben können. sei das Programm in ~an~ern wie Russland. Mathematik und Biologie standen in den Wochen davor auf dem Stundenplan. . Also wird der ältere der beiden Jungs im Herbst nicht auf eine normale Grundschule wechseln. die ihnen später nützen werden. dass die große Schwester. DIe VerbIndungen im Gehirn der Kinder seien jetzt besonders verknüpfungsWillig. wenn es den ganz normalen Weg geht.« Diese Art de W b ' r der Kl assen stetig er ung wIrkt. »Aber es ist eine so wichtige Entscheidung. dass ihr Kind zum Verlierer werden könnte. Vor allem Eltern aus der Mittelschicht haben Angst. dass sich viele Eltern in eine Art Wettrüsten um den beeindruckendsten Kleinkindlebenslauf gestürzt haben. er ntwort ZItIert: »Ich habe sie behalten. Literatur.« Sie hat ihren Sohn zu Probestunden geschickt. dass Leonardo da Vinci die Mona Lisa gemalt hat?« . Er hat Einstufungstests absolviert. für den Platz an der Schule zu klagen.

die ungetestete Generation. sagt sie. die es sich leisten können' sehr genau hingucken und sich fragen: Wo kann ich für mein Kind das Optimum rausholen?«. am Friedhof vorbei. . damit aus dem klas111 . dass ich links.' . »Das ist sicherlich ein Trend . Was wie ein Wi~ klinge. Immer mehr Eltern wollen. Eine Erzieherin. 600 einer in einem guten privaten Kindergarten. Die Zahl der Schüler ist seit dem Jahr 2000 um fast zwanzig Prozent gestiegen.aber kein Englisch lernen. deren Kindergarten in einem bürgerlichen Berliner Stadtteil liegt und als pädagogischer Modellkindergarten gilt. Durch unsere Straße. dafür zu zahlen. Dann haben wir eine hellblaue Uhr und einen roten Ranzen gekauft.ten Europaschule doch nicht geklappt hätte. »haben Angst. weil die Kleinen basteln. die vor der Einschulung in einen schickeren Stadtteil zogen. »ebenso die Gesprächseröffnung b~im Kinder-Small-Ta1k«: »Bist du getestet?«. igenztestergebmsse Wie Wir. Experimente machen und spielen . Hier. Einer erzäWt von Bekannten. Man hatte gleich das Gefühl. am ersten Schultag seines Sohnes Leo an einer Steglitzer Privatschule. sondern mit einer Eröffnungsgala. dann rechts. Deshalb haben Privatleute das ehemalige Standesamt der Stadt gepachtet. berichtet mir. ist die neue Nobelmeile am Rand der Hauptstadt. Der Steglitzer Schule dürfte das egal sein. 40 Euro im Monat kostet der Englischkurs für Säuglinge. vielleicht über die Anzahl unserer Legosteine oder Schlümpfe. das er als »Bildungsdarwinismus« bezeichnet. Privatschulen boomen.dass die Leute. sind wir vorher einmal den Weg abgegangen. dass ihre Kleinen schon früh zu den Gewinnern gehören. 2007 wurden pro Woche ein bis zwei private Schulen gegründet. »Und? Was machst du so?«. schreibt Grill. Heute gilt schon die Wahl des Kindergartens als berufliche Weichenstellung. Leos Schulzeit begann nicht mit Schultüte und Familienfoto. deren Tochter schon in der ersten Klasse mit Chinesisch beginnt. zwischen 300 und 800 Euro pro Monat kostet ein Platz in einer Privatschule. »Die Familienclans. dass in dieser Anstalt die Nachzucht für die Globalisierung zugerüstet wird. sagt der. fragen sich die Kleinen und red en u er Inte11' "b . dass ihre Kinder dadurch den Anschluss verlieren.« An den Klassenzimmertüren las der verunsicherte Vater Grill: Gur subject is our success »Unser Lernziel ist unser Erfolg«. dass die Eltern nervös werden. 100 Euro bezahlen die Eltern bei »FasTracKids«. Als ich eingeschult werden sollte. Ich steige in der »Berliner Vorstadt« aus der Straßenbahn. direkt hinter dem Ortsschild Potsdam. »Ich bin hochbegabt«. fragt einer der kleinen Schüler seinen Si~znac~barn. Opa und Oma inklusive«. links gucken soll. Grill meldete ihn ab. und man ist bereit. und alle fanden. Die Warteliste ist lang.« Im Magazin der Süddeutschen Zeitung erzählt Karina Lübke von einem Volkshochschulkurs für Achtjährige. sei in Bildungsbürgerkreisen Normalität. und hier sollen ihre Kinder auch bald angemessen betreut werden. Jeder kennt Leute. »umtanzten die verunsichert dreinschauenden Kandidaten wie Filmsternchen. sagt sie. am Ufer des Heiligen Sees wohnen Prominente und Superreiche. »Die Eltern«. Sie haben 700000 Euro investiert. ich sei nun fit für die Schule. 110 Der Zeit-Autor Bartholomäus Grill erlebte dieses neue Denken. Mindestens. Ich habe gelernt. über die Ampel. schreibt die Autorin. noch ein bissehen geradeaus. An dieser Schule wollte Leo nicht bleiben. rechts. Was nach Problemkiez klingt.

einen Geigen. Wenn die Eltern ihr Kind bringen oder holen. Aber was ist mit dem Stärkeren?« Seit den achtziger Jahren sei es nur darum gegangen. Die Sauna ist aber schon gut zu erkennen. Ihnen wird mittags ein dreigängiges Vollwertmenü gekocht. als ich hinter Raymond Wagner. »Wir müssen von der Idee weg. sondern fördern und fordern. eine Kuppel über uns. Mein Freund hat gerade einen neuen Vertrag an der Uni unterschrieben. Der öffentliche Dienst spart. entgegne ich und animiere Wagner damit zu einem Vortrag über unser »schreckliches System« der Gleichmacherei. sagt er. eine geistige Elite. »Der Sozialstaat«. denke ich. diese Starken schwach zu halten. findet er. 980 Euro wird die Betreuung pro Monat kosten. Das allerdings kostet wieder extra. So habe Deutschland Ressourcen verschwendet und den Anschluss im internationalen Wettbewerb verloren. Eine Erzieherin müsse sich hier um nur sechs Kinder kümmern.sizistischen Bau aus dem Jahre 1800 die »Villa Ritz« wird: eine Fünf-Sterne-Kita mit dreitausend Quadratmetern Grundstück.oder Chinesischlehrer oder den Villa-Ritz-Dokumentarfilmer. Im Nebenraum werden die Masseure und Physiotherapeuten arbeiten. ein roter Teppich unter uns. Allerdings ist das der Basissatz. Die Eltern können einen Chauffeur oder einen Bodyguard buchen. unterbricht Wagner meine Kalkulation. damit niemand aus einer Gruppe herausragt. In der normalen Welt sind es je nach Bundesland bis zu zwanzig. »Aber uns geht es um eine Bildungselite. ein Loch in der Wand. morgens und abends können sie sich am Büfett bedienen. dass der Ernst des Lebens erst in der Schule beginnt. Die Kinder lernen Englisch. Deshalb verdient er jetzt 300 Euro weniger als Zuvor. »Das ist unser Komfort«. An diesem Empfangstresen sollen sie ihr Kind und alle nötigen Infos erhalten. »Manche Dreijährigen haben schon Rückenprobleme«. Wir stehen an einem Tresen. aus 112 dem die Rezeption des Kindergartens werden soll. der dann die Party zum dritten oder vierten Geburtstag aufzeichnet. »Uns wird ja stets der Vorwurf gemacht. dann werde er dieses Kind nicht bremsen. Er müsste sich dann wohl entscheiden. Auch deren Leistungen können die Eltern dazubuchen. Das alles kostet aber extra. Noch ist dort. ob er den Kita-Platz für sein Kind oder die Miete seiner Wohnung und seine Einkäufe bezahlt. Ballett oder Meditation. die pro Kind und Monat tausend Euro zahlen«. Und das ist verrückt.« Schon Kleinstkinder seien zu erstaunlichen Leistungen fähig. »Fast tausend Euro ist ja schon ziemlich viel«. erklärt mir Wagner. Als wissenschaftlichem Mitarbeiter mit halber Stelle bleiben ihm rund 1000 Euro netto. erklärt er mir. Und wenn ein Kind schon mit drei Jahren multiplizieren könne oder mit vier Jahren Englisch spreche. durch die Eingangshalle laufe. wo ein großes Aquarium entstehen soll. während wir durchs Treppenhaus laufen. sage ich. die sich auch eine Kinderfrau leisten könnten. Wer wichtige Termine hat. wir zögen hier eine Geldelite heran«.« »Zu der können dann aber doch nur die gehören. Bis zu fünfzig Kinder sollen hier bald jeden vorstellbaren Luxus genießen. Außerdem müsse man den Preis in Relation zum Angebot sehen. »Buchen können die Eltern die Übernachtung hier«. sagt Raymond Wagner. Man konkurriere um die Eltern. kann sein Kind auch mal über Nacht dalassen. Genau wie Yoga. sollen sie nicht lange suchen müssen. »orientiert sich stets am Schwächeren. dem Geschäftsführer der Villa. denn jetzt stehen wir im Wellnessbereich der Kita. freut sich Wagner. 113 .

Melina ist eines dieser Kinder. die sagt. Schließlich hätten die Kunden der Villa Ritz sowieso kein Interesse daran. die rechnen können. Melina hat kaum Spielzeug. die sich eine teure Betreuung leisten konnen. einen geeigneten Platz zu finden. wenn alle Kinder optimal gefördert würden«. In zweiunddreißig Ländern untersuchten Wissenschaftler für die PISA-Studie den Abstand zwischen der Leistung von Schülern auS re~c~en und armen Familien. fast zwei Millionen. ein Fünftel der Gebühr. Nirgendwo war er so groß WIe . sagt Raymond Wagner. Sie ist elf Monate alt. Die »Litde Giants« haben bereits Filialen in Frankfurt und München. Schon morgens sitzt sie oft auf der schwarzen Ledercouch. »Wollen wir alle a~f der untersten Stufe zugrunde gehen?«. zweite und dritte Klasse sind dazugekommen. ihre Eltern auch. um den Eltern zu helfen. ur IC Welt?« . dass sie die Kinder nicht auf den Beruf. fragt er. Das ist seit Kurzem anders. Sie hat kein Stühlchen. »Da gibt es eine Diskrepanz. Das sind 6. Erfahren wird man das wohl nicht. »Mir wäre es auch lieb. frage ich. überweist der Staat Hartz-IV-Familien. will er wissen. Trotzdem ist die Kita ausgebucht. während das Frühstücksfernsehen läuft. verzichten sollen. Eine erste. in der Grundschule nicht langweilen?«. ihre Onkel. Gewinner hier. Weil sie wenig haben und weil sie mit dem wenigen schlecht umgehen können. dass d~swegen Menschen. In Deutschland aufjeden Fall nicht. Normale und Verlierer dort: Diese Einteilung soll also künftig schon im Kindergarten vorgenommen werden. Oder noch früher. in das sie zum Füttern gesetzt werden kann. Eine Schule. die Warteliste lang. Englisch und vielleicht auch Chinesisch sprechen. sondern auf ein Leben von der Stütze vorbereite. Auch hier kostet der Platz knapp 1000 Euro im Monat. sagt Wagner. Aber das ist nicht unser Problem«. Das brachte Platz 32. Die Zahl der armen Kinder steigt in Deutschland seit Jahren . Vielleicht hätte sie Spaß an Yoga oder am Geigenunterricht. Darauf setzt nicht nur die Villa Ritz. die die Villa Ritz verlangt. Man wolle keine falschen Hoffnungen machen. manchmal auch fürs Essen. Die Villa werde bald mit Privatschulen kooperieren.»Werden sich denn Kinder. 208 Euro pro Kind.Anfang 2007 waren es 17 Prozent. Jetzt sucht die Firma Franchise-Nehmer in achtzehn anderen Städten. Ihr Großvater lebt von Hartz IV. Ob ich fordere. Die für ihre Zweiklassengesellschaft viel geschmähten Vereinigten Staa114 ten belegten Platz 8. und in ihren ersten Lebensmonaten hat sie wahrscheinlich mehr Zigarettenqualm eingeatmet als andere in ihrem Leben. Gerecht sei das nat" l' h nICh t.In Deutschland. Oft fehlt ihren Eltern am Ende des Monats das Geld für Windeln. Aber wo gibt es eine 115 . Melina ist ein Kind der Unterschicht.. ihr Kind auf eine Regelschule zu schicken. Bisher begann die Förderschule mit der vierten Klasse. sind sieben und neun Jahre alt und gehen aufdie Wattenscheider Förderschule. Der Weg in Richtung Hartz IV beginnt also schon für Sechsjährige. keines der Villa Ritz. »Gerecht ist das nicht. die mit sechs die Villa Ritz verlassen. Vielleicht könnte sie auch mit drei Jahren schon multiplizieren oder mit vier schon Englisch sprechen. Damit müssen sie das Kind ernähren. »Aber wo gibt es eine gerechte .80 Euro pro Tag. Kevin und Mike. Vielleicht ist Melina sehr klug. kleiden und bilden. Aber das sei nicht bezahlbar. In Stuttgart eröffneten im Jahr 2006 die »Litde Giants«.

Jetzt ist um mich herum alles leer. Das Europaviertel bleibt verlassen zurück. Studenten. keine fahrenden Autos. Eine Mehrheit stellen sie dagegen in den Kategorien »Hauptschüler« und »Schulabbrecher«. sondern habe in dem Teil von Brüssel. würden Menschen aus der Metro-Station quellen. ist von dieser Idee nichts mehr übrig. am Place Schumann.gerechte Welt?« Melinas Schicksal mit diesem Satz fast achselzuckend hinzunehmen ist zynisch. Melina das zu sagen. nur ein einsam wartendes Taxi. in China. blicke auf das Berlaymont-Gebäude. Betrachtete man nur die Jugendlichen. verhandeln und dinieren. schnappt offensichtlich im Kopf vieler Lehrer die Rassismusfalle zu: Selbst bei gleicher Leistung werden Migranten oft scWechter bewertet. feiern und scWafen diese Menschen unten in der Stadt. Problemkinder. an denen deutlich wird. Kein Mensch. Sie sind zwischen neunzehn und einundzwanzig Jahren alt. Hier. Rund die Hälfte der Fünfzehnjährigen aus Migrantenfamilien konnte bei Tests gerade einmal simpelste Texte lesen.. während die anderen erst vor dem Fernseher sitzen und dann die Förderschule besuchen. Und wenn es doch einmal einer schafft. deren Lebenslauf sie eigentlich zu geborenen Verlierern macht. dass es allen besser geht. Normale Menschen trifft man hier nur als Dienstleister in Hotels. würden fünfundzwanzigtausend EuropaBeamte. wo ich stehe. sagt ihr Lebenslauf. aber lebendigen . essen. Glücklicherweise muss ich hier nicht bleiben. Das Europaviertel rund um den Place Schumann führt an Werktagen ein hektisches Leben. Es gab mal die Idee der Solidarität. 116 wenn Europa nach Hause gefahren ist. das am Wochenende fast völlig erlischt. m uc Stadt Brussel hat sich Europa ein eigenes Reich errichtet. Dann sollte aber auch jemand den Mut haben. sackte die durchschnittliche Lesefähigkeit auf Grundschulniveau. die viel haben. sagt die Bildungsstatistik. in deren Familien türkisch gesprochen wird. die Kinder 117 . Nur drei der Studenten sind in Deutschland geboren. Wenn die einen erst in die Luxus-Kita und dann in die Privatschule gehen. Wäre heute nicht Samstag. ELITE MIT MIGRATIONSHINTERGRUND Es ist gerade dunkel geworden. auch viel dazu beitragen. Ich werde zehn junge Menschen treffen. wie konsequent sich die Elite manchmal von der Masse abwendet. IR·· ken d er dreckigen. Hunderte Parlamentarier und unzählige Interessenvertreter hier verwalten. Ich stehe in Brüssel. dem Iran oder der Türkei geboren. Deutschland hat sich nie sonderlich bemüht. Dies hier ist einer der Orte. Während sie zur Hauptschule geschickt werden. kann sich der gleich starke deutsche Mitschüler oft über eine GymnasialempfeWung freuen. Am Wochenende. die einige von ihnen an Deutschland haben. in keiner der Familien ist Deutsch die Muttersprache. der auch an Samstagen existiert. ist die an den ScWagbaum eines Auffanglagers für Flüchtlinge. das vielstöckige Verwaltungszentrum Europas. eine Verabredung. Die erste Erinnerung. Restaurants und Kiosken an. Autos würden sich stauen. im Takt der vollen Terminkalender. Dass die. Denn nur sieben Prozent der über zwei Millionen Studenten in Deutschland sind Migrantenkinder. Diese Schieflage ist woW das Resultat einer nicht existierenden Integrationspolitik. und allein das ist schon eine Sensation.

Als sie ein Jahr alt war. Während ihrer Schulzeit musste sie sich laufend von einem ihrer türkischen Freunde verabschieden: »In der siebten Klasse waren wir noch so viele Türken. beim Abi. besorgte den Rest. Das Schulsystem. ß . Jakob. ist eine der umfangreichsten Förderungen. Vodafone preist die zehn als »Aufsteigergruppe«. die Fatos. Waldemar. Alexander. um d· . Sprachkurse und. sagt sie noch einmal. »Ich habe immer viel gelernt.derer. le Themen »Verlierer« oder »Islamismus« zu illustrieren. offenes Deutschland. Die Mutter. »Bei dem stand kein Ausländer besser als vier«. waren es nur noch zwei. Kinder. Gülsah. Aufgereiht sitzen sie an einer langen Tafel.« 119 . der nur für acht Prozent der Schüler auf dem Gymnasium endet. Vodafone hat gerade einen Kir royal ausgegeben. Ein klassischer Einwandererlebenslauf. Nawid. Am Ende. eme vorurteilgeschulten Augen bleiben sofort an Fatos hängen. Fatos aber schaffte es. weil ihr Vater bei Siemens arbeiten konnte. Gülsah und Fatos. erklärt sie mir. Gebühren für ein Studium an einer privaten UniversItat. zu fördern.7 sei sie ein bisschen enttäuscht gewesen. »Um zu zeigen: Es geht doch. bitten um Saft. frage ich. Sie trägt Kopftuch und ein langes Gewand. nach einem I. Fatos hat erlebt.»Aber nur vielleicht«. sagt sie. das früh sortiert und Kindern. sagt sie. Sie wurde in der Türkei geboren. haben weitaus bessere Karten als die. Ihre Freundin hatte einen Lehrer. als »positives Beispiel für die Gesellschaft und Mitmigranten« und lässt sich ihre Unterstützung einiges kosten. die große Schwester und den kleinen Bruder erzog. dass es für eine eigene Klasse gereicht hätte. Helen und Fatos haben es trotzdem geschafft. deren Eltern nach Deutschland kamen. der sie ein Jahr lang nicht drannahm. antwortet Fatos. d Fatos aber Wa r au er m er Grundschule stets die Klas118 senbeste. kamen ihre Eltern nach Berlin. Frauen wie sie blend en Femseh sender gern em. Jin-Kyu. bis sie vier Monate lang krank ausfiel. in Deutschland als Ausländer erfolgreich zu sein?« »Ich fühle mich schon manchmal als Vorzeigetürkin«. Norwegen. »ist man besser fleißiger als alle anderen. zur Elite mit Migrationshintergrund. Das »Chancen«-Stipendium. die einen schweren Start hatten. das die firmeneigene Stiftung im Jahr 2006 aufgelegt hat.O-Schnitt ausgesehen. Insgesamt investiert Vodafone in jeden Studenten gut 80000 Euro. Denn Diskriminierung sei für ausländische Schüler Alltag. dass man euch als Alibi-Ausländer benutzt?«. Und vielleicht werden aus uns zehnen dann bald tausend. Sie sind ein lebendes »Es geht doch«. Reisen. die zwei Muslima in der Runde. Deutsch lernte Fatos erst im Kindergarten. die es in Deutschland gibt: Vodafone zahlt den Stipendiaten knapp 600 Euro für den Lebensunterhalt. Edward. aufzuholen. »Aber irgendwer muss schließlich anfangen.« . ~i~. Und deshalb hat der Mobilfunkkonzern Vodafone die erstklassigen Abiturienten zur Elite gekürt. sprach türkisch mit den Kindern. hätte es doch die gesamte Oberstufe. dazu Büchergeld. M· . Österreich oder in die Schweiz gingen. deren Eltern nach Schweden. dass Ausländer trotz guter Klausuren bei manchen Lehrern stets schlechte Zeugnisnoten bekamen. die einwanderten. als »Bildungselite«. Es ist das perfekte Werbefoto für ein neues. Sie übersprang sogar die elfte Klasse und machte dann ein sehr gutes Abitur: Über ihren Schnitt von 1. kaum Chancen bietet. Ich möchte Vorbild sein. Um es als Ausländer in der Schule zu schaffen«. Aadish. das größte Schmankerl.« »Habt ihr Angst.

sagt Fatos. die durch Geschichten. dann habt ihr Chancen. da hat sie einen Kurs in arabischer Kalligrafie belegt. Heute leitet sie eine Gruppe für muslimische Mädchen und trichtert ihnen die Lehren ihrer Schulzeit ein: »Seid besser. Auch hier kostet das Studium insgesamt mindestens 30000 Euro. sagt Fatos. Nur dienstags macht sie früher Schluss. dass die Politik sich 121 . »zur Entspannung«. Lernt. arbeitet mehr. Leute setzten sich weg. Und sie will nicht Hausfrau werden. Das klingt nach Bernd mit türkischem Hintergrund. Eins wäre für die Berufsberaterin aus Kreuzberg vielleicht noch interessant: Heiraten will Fatos erst nach dem Studium.« Und trotzdem. Diese Chance möchten wir auch begabten jungen Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen«. die auch Mario und Bernd gefallen würde. Seid fleißiger. Da haben wir das Gespräch abgebrochen. Als Fatos gemeinsam mit ihrer Freundin und zwei guten AbscWüssen in der Tasche vor einer Kreuzberger Berufsberaterin saß. Die Bucerius Law School in Hamburg gilt als Kaderschmiede für junge Juristen. das Unternehmen hält vor allem die Privatuniversitäten für einen Karrierekatalysator und möchte. denn das Stipendium gilt nur.« Seit dem 11. Das heißt. Ich frage mich weiter durch die Runde und habe schnell den Eindruck. Nur wenn ihr in der Schule gut seid. dass auch Kinder von Einwanderern an diesen selbst ernannten Elite-Universitäten studieren können. beantwortet Vodafone meine Frage nach dem Warum in bestem Konzerndeutsch. Sie studiert. aber dennoch getroffen.Fatos blieb. Auch wenn ihr von ganz unten kommt. die ich so schnell nicht wieder vergesse. es zu etwas zu bringen. Andere schrien sie an: »Islamistenschwein! Raus aus Deutschland!« Aber man könne lernen wegzuhören. Eine Botschaft. Eine Botschaft. Denn keiner hier fordert. Das ist die Botschaft der Runde. die glaubwürdig ist. »Aber die hörte nicht aufdamit. an einer Privatuniversität. wie Bernd. September 2001 kämen noch die täglichen Anfeindungen auf der Straße dazu.« Erst hätten sie ungläubig. bis die Sonne untergeht. Die wollte uns nicht einmal konkrete Fragen zu Universitäten beantworten. dass Fatos' Vierzehn-Stunden-Tage auch hier normal sind. Aber die Kosten übernimmt ja je~t Vodafone. Um dieses Ziel zu erreichen. wieso wollt ihr studieren? Ihr werdet früh heiraten. wenn die Mlgranten an einer privaten Hochschule studieren. sagt Fatos. Fatos' Vater. Unter der Hand in der Uni. gelacht. kommt ihr voran. zu ignorieren. egal wie groß Migrationshintergrund und Talent des Bewerbers auch sein mögen. in der U-Bahn. Da ist das doch Zeitverschwendung. der nach einem Unfall nicht mehr arbeiten kann. offen auf der Straße. könnte die Gebühr unter keinen Umständen zaWen. 120 »Ein erfolgreiches Studium an einer anerkannten Privathochschule bietet Studierenden nachweislich bessere Voraussetzungen für den Berufseinstieg und Karriereverlauf. Kein Lehrer hätte ihr. ernsthafte Probleme machen können. erzählt sie. dann Hausfrau werden. Sie schläft fünf Stunden pro Nacht. sondern bei der EU oder bei Amnesty International anfangen. Ihre Noten hätten sie unantastbar gemacht. glaubt sie. folgt sie weiter ihrem alten Plan: Besser sein. dass man rassistischen Lehrern an den Kragen müsse. die stets Einsen schrieb. meinte die: »Ihr seid doch Türkinnen. mit Leben gefüllt wird. Ein Studium an einer staatlichen Universität fördert Vodafone nicht. Um acht Uhr morgens sitzt sie in der Bibliothek und lernt meist.

. beim Rauchen. dass die Häuser so schön weihnachtlich dekoriert waren. Er lächelt. die er dort mit vielen Russen und Polen. Zwei in der Runde allerdings sind anders. ~. nach hinten geföhnten Haaren und sicher auch an seinem fast aristokratischen Auftreten. Alexander. Er lehnte ab. »Wegen meiner Mutter«. die alle in ihrer Muttersprache redeten. sein HandgeIenk' eme Armani-Uhr.diese Sprachen beherrschte er. nach Deutschland zu fliehen. und an die Lehrerin. so lernte Alexander. als ich ihn darauf anspreche. Er ist Sohn einer Familie. »Ich konnte nicht mehr als Buchstaben erkennen und so Kleinigkeiten sagen wie >Hallo< oder >Wie geht'sk Aber das war es dann auch. dessen Sprache er nicht kannte. die Kinder derer. aufmerksam wurde. Steckbrief hat er D' H omme als Lieblingsmodemarke lor angegeben. rückt seinen Stuhl neben mich.das interessiert mich sehr. In einem ZIert . Er erinnert sich auch an. Sie landeten im Dezember. h·'lt digt sIch.« Georgisch. dass es dir gut geht«. dass ich zum Thema »Elite« recherchiere. sagte er. ein junger Iraner namens Aadish. die auf den georgischen Jungen. Die Familie entschied. Hemd d urchzlehen dünne rosafarbene . . Alexander spricht Deutsch mit reizendem französischem Akzent. Einfluss und Wohlstand eben nicht gleich verteilt. Alle sehen in ihm den Franzosen. Streifen. die zu den Obersten in Georgien gehörte. ein Kind der oberen Eintausend zu sein. Das Thema ist prickelnd. kümmern müsse. Allerdings Gedichte. Alexander würde wohl jeden Türsteher jedes noch so rest r ikt'lven Soclety-Clubs passieren können. »Lass die.« Er selbst schreibe auch. an den langen blonden. Der andere. Schon drei Wochen später landeten sie am Frankfurter Flughafen. Ein Privilegierter in einem ansonsten armen Land. Als das Ergebnis vorlag. Alexander ist in dem Bewusstsein aufgewachsen. bewahrt Haltung beim Essen. zum Sieger werden lassen. . und mir seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben. vor allem Liebeslyrik. besuchte. »Sei dankbar. Eigenschaften.( . der so gut Englisch sprach. Er streicht die blonden Haare hinters Ohr und sagt: »Ein Buch über das Thema Elite . . Der eine. Alexander sitzt kerzengerade am Tisch. hatte seine Familie doch stets auf die Bildung der Kinder geachtet. an die Schule. die sie einst einlud. nie deine überlegenheit spüren. Russisch. Gott. Sie ließ ihn Figuren bauen und Muster legen und testete so seine Intelligenz. Manchmal muss er hüsteln. 123 1'/1 . beim Sprechen. seit frühester Jugend. der die schlechtesten Startchancen hat.'\ gefalligst besser um sie.« Aber irgendwann wurde das Leben in Georgien zu gefahrlich. habe eines der angesehensten und teuersten Internate des Landes ihm ein Vollstipendium angeboten. Aber jetzt hatte die Flucht ihn in ein Land geführt. die Enge im Auffanglanger Unna-Massen. Es sind Geschichten über Ehrgeiz. habe Intelligenz. die auch den. Fleiß und Willen. Ich verzichte auf das Zweitbeste. hatte still zugehört.. habe der Vater immer gemahnt. »Lass uns später in Ruhe treffen!«. se'm . Dann dreht er den Kopf zur Seite'. denen es scWechter geht.« 122 Ganz offensichtlich kommt Alexander aus sehr gutem Hause. entschul. Alexander erinnert sich an den deutschen Schnee und daran. a d'le gestreckten Finger vor den Mund. Das mag am Akzent lie~ gen. Seme feme karierte Stofthose steckt in wadenhohen Reiterstiefeln. als ich erzählte. Englisch . Über sich selbst sagt er: »Ich bin wie Effi Briest.

wenn man an der Kö die Schule besucht. jeder. sagt Alexander.« 124 »Kannst du dir vorstellen.« Alexander hält diesen Glauben für einen Trugschluss. sei ausgeschlossen. Das Nein der Mutter war für Alexander Gesetz. wenn man viel im Leben erreicht hat. Und so habe ich mit vielen Büchern. Aber in diesem Moment. sagt er. verdiente relativ bald ziemlich viel Geld und lernte das kennen. in dem reiche Kinder der Legende nach gern ausschweifende Feste feiern. und dann weg von zu Hause. was er ehrfurchtsvoll das Düsseldorfer Leben nennt. der Golf spielt. Düsseldorfer zu sein erfüllt ihn mit Stolz. »Wenn die die Flaschen vor sich stehen haben. und sie selber haben nicht viel erreicht. sei eine gute Ausgangs125 . mit dem die Mitschüler nach Aufmerksamkeit heischten.« Am Anfang fiel er in der Schule ständig auf. und man suchte nach einer angemessenen Alternative. sagt er. Und weil er Wörterbüchern nicht traut. begann er seinen ganz eigenen Deutschkurs. sei ihm klar geworden.i·. dass ich doch noch begreife. »Überhaupt nicht. sei die Sache klar: »Da bedeutet Elite Oberschicht . das er liebt und von dem er mir lange erzählt. in denen Kinder reicher Eltern Champagnerflaschen bestellen.« In Georgien. einen Lehrer so anzuschnipsen. wie Düsseldorf sich anfühlt. sage ich wieder. »Sie haben mehr als andere und glauben. wenn der Lehrer den Raum betrat. Er bekam einen Job im Exklusivhaus der Modemarke Breuniger.« Deshalb. zum Beispiel. Sie habe ihren Sohn nicht ziehen lassen wollen. Elite wird man. dass er noch lange in Deutschland bleiben würde. Seine Clique stehe auf fast jeder Gästeliste.« Hier in Deutschland sei der Begriffweniger greifbar. Deutsch gelernt. Trotzdem identifiziert er sich mit Düsseldorf. aber auch geistig weiter ist als andere. die ich aus Georgien schon kannte. glauben sie übrigens. »Nicht wirklich«. in ein Internat. sagt Alexander. eine entsprechende Kultur haben und ein entsprechendes Benehmen. Sein Pass ist georgisch. wie Düsseldorf sich anfühlt?« »Nein. gerade mal seit fünf Jahren wohnt er in der Stadt. Es ist einfach eine schlechte Erziehung. ist Elite.oder im bösen Sinne: Bonzen. fragt Alexander. »Das kenne ich nur bei Kellnern. dass man so etwas tut. oder weil er das Schnipsen mit den Fingern. bekenne ich. »Was ist denn Elite für dich?« »Für mich gehören zur Elite Leute. die überdurchschnittliche Leistungen vollbringen. j sagt Alexander. werde missverstanden und von vielen missbraucht. obwohl er die Sprache der Mitschüler noch immer nicht beherrschte. das ich zu der Zeit sehr mochte. Die Stadt steht für das Leben. in der Hoffnung. wenn man finanziell. wie es ist. dort ausgeht?« »Nein«. die sechs Liter fassen. dass ich ihn enttäusche.« Aber dann schaute er sich seine Umgebung immer genauer an. Ich habe eine Ausgabe aufRussisch und eine auf Deutsch vor mich gelegt und die Seiten parallel gelesen. Manche denken. dort nebenher arbeitet. Alexander kam auf ein Gymnasium an der Königsallee in Düsseldorf. weil er aufsprang. Eine gute Familie. sagt er. dass Düsseldorfer Jugendliche im Alter von zwanzig Jahren Elite seien. war >Lolita< von Nabokov.« Ich sehe. Sie feiern in Clubs an der Kö. »Ein Buch. Elite zu sein«. »Weißt du. »Das Geld ist von den Eltern. besser zu sein. »Kennst du Düsseldorf?«. verachtete. sagt er. Gerade fünfzehn.

Als ich mich zum ersten Mal einlogge. sei eine bekannte Adresse und vor allem Schwarzekarte. Menschen also. suchst du die Leute aus. Eigentlich auch unnötig.de. Ich habe diese Menschen ja nicht ignoriert. sagt Alexander. erklärt aber nichts. ehrlich gesagt habe ich ihre Existenz bislang bezweifelt. die aussähen wie man selbst. Ich bin in einer Kleinstadt im Münsterland groß ge~orden. Der Zugang sei passwortgeschützt. Ich frage mich. rein käme man nur auf Einladung. Menschen wie Alexanders Freunde und ich haben woW völlig unterschiedliche Leben geführt. um dazuzugehören? Durchs Internet sei das ziemlich einfach geworden. Und wohlhabende Leute aus guter Familie mit guter Erziehung. in denen man feiern muss. Auch hier scheint zu gelten. von denen er mir erzählt. ertönt eine Begrüßungsmusik. die müsse man schon selber haben. dass Elite und Masse sich generell nicht vertragen. noch immer bei der schwarzen Karte finden. wo sich die High Society weitestgehend auf Fußballer beschränkt. die Schulen. reich zu heiraten und damit dem Beispiel der Mutter und der Tanten zu folgen. sagt Alexander. Reicher-als-du. Für 9 Euro könnte ich es mir sogar kaufen. Heute um 17 Uhr 45 hat mich Schwarzekarte offiziell willkommen geheißen. tagaus ihre Schönheit pflegen. Sprich. . weil es ihr Plan sei. wählst du Rapper. . Aber die Ambitionen. Ich bin ihnen noch nie begegnet. frage ich schüchtern. in Silber oder Schwarz. Man vernetze sich in exklusiven Foren. . um es mir. die überzeugt sind. die tagein. etwas zu werden. schon durch die Geburt etwas zu sein. die wollen etwas werden im Leben. »du könntest mich einladen? Gar empfehlen?« »Klar«. ich habe mich mein Leben lang an Orten herumgetrieben. Dann 127 . Es zögen einen immer die Leute an. »Meinst du«. SCHWARZE KARTE Das Wappen von Schwarzekarte ist ein schwarz-weißer Schild. der eine kleine Krone trägt. die Clubs. Wenn du Technomusik hörst. warum ich solche Menschen nicht kenne. wie vorgeschlagen. ans »Hemdrevers« zu heften. Das sind auch meine Interessen. nur mit glaubwürdiger Empfehlung. sagt er. Das sei lange die entscheidende Communitiy gewesen. an de126 nen diese Kreise nicht verkehren. »Wenn du Rapper bist. dort auf die städtischen Schulen gegangen. die haben Pläne für die Zukunft. Trotzdem würde ich die Menschen. Oft hätten die Kinder dann nicht nur zwei Titel. Das habe schon Shakespeare begriffen. und tatsächlich erhalte ich zwei Tage später meinen Zugang. Studiert habe ich im Ruhrgebiet. seitdem ist es auch mein Wappen. weil ich andere Interessen habe. Für solche Insignien ist es mir noch zu früh. Aber wie findet man die richtigen Orte. erklärt Alexander. Unter seinen Freunden sind einige. sagt Alexander. In seiner Clique sind »Doppel-Vons«. Aber inzwischen habe sie das Schicksal vieler solcher Zirkel ereilt: Irgendwann würde solch eine Adresse zu bekannt und sei dann überlaufen. deren Eltern jeweils einen Adelstitel in die Ehe einbrachten.« Klingt logisch. sagt Alexander.de.basis. Oder sei sein berühmtes Whats in the name? nicht so zu verstehen? Außerdem kenne er Mädchen. die man besuchen muss. sondern auch noch fünf Vornamen. die dementsprechend aussehen.

Schließlich steht er unter Palmen. In puncto Lifestyle.außer der schwarzen Sonnenbrille. Clubbing und Kultur hat Dubai so dermaßen viel zu bieten. Die ist üblich. Wirtschaft. oder Benjamin C. em Volksbankkonto habe. Sein Lebensmotto: »Stil ist eine Fähigkeit. seine Einkäufe zu bezaWen. angeht. zurückgegelten Haare. Nur so könne Schwarzekarte möglichst privat und familiär gehalten werden. Der Botschafter für Heidelberg trägt ein rosafarbenes Ralph-Lauren-Hemd und auch eine schwarze Sonnenbrille. Zu den Orten. Ein Mitglied. und wer keinen Titel hat. Sportjäckchen. Frederik H. schmückt seinen schnöden Namen wenigstens mit den Initialen der Zweit. el . Sport.(( Noch wartet Dubai auf die Aufnahme. Wiesen" Kr gruner awatte und passendem Einstecktuch ab128 lichten lassen. Man nennt sich Benedikt M. Theresa oder Maximilian erhält man Hunderte von Treffern. Sneaker und Jeans scheinen hier kaum zu existieren. und bin froh ' daSS ICh· Pro fiil nicht angeben musste. Ich werde angenommen und klicke mich die nächsten zwei Tage völlig fasziniert durch die Parallelwelt meiner »neuen Freunde«. A~zughose und maritimem Jackett. schreibt er. meine Lieblingschampagnermarke angeben. »die so viel Potenzial hat. mich damit nicht sofort zu disqualifizieren. »Freundschaften erweitern den Horizont«. Regel eins: Man sieht anders aus als in meiner Welt. schreiben die Organisatoren. Das Schwarzekarte. Ich erfahre. in denen die Schwarzekarte-Mitglieder leben. M·tgl· d I le. Habe ich alles nicht. genau wie die langen. Zeit kaum eine andere Stadt((. gehören Sylt. »Es gibt z. Ich fühle mich wie ein Eindringling. St. einer Boxershorts und einem Whiskeyglas. dessen Lebensmotto »Niveau ist keine Handcreme« lautet.oder Drittvornamen. und man besucht andere Orte. dass das Leb~n d:r im Schnitt Anfang-zwanzigjährigen Mitglieder hier nicht nur. Kurz nach meinem Eintritt ins Netzwerk lädt mich Louis Sayn-Wittgenstein-Sayn zum Schwarzekarte-Skiwochenende nach Garmisch ein. Ich lerne schnell. um Zutritt zum Netzwerk zu erhalten. Saint-Tropez dagegen hat es geschafft. dass '" . die das Schwarzekarte-Forum nutzen. dass die arabische Geldmetropole noch feWt. Golf oder Polo? Jagd oder Fechten? Fußball und Musik kreuze ich an und hoffe.« Regel zwei: Man heißt anders als meine alten Freunde. »Diese muss man nicht dem Zufall überlassen. dass ich nur . diese Kleidun g »Sozen-Mode« sei. In einem Forum werde Ich spater lesen. h at SICh b' emem Sommerfest in weißer . dass eine Einladung nötig ist. das zum Netzwerkbotschafter für New York berufen wurde. aus der ich meine liebsten Freizeitinteressen wählen soll. Seine Wut ist er übrigens in nacWässiger Rechtschreibung losgeworden.sehe ich Bilder von schneebedeckten Bergen. ärgert sich. als ich meinen Namen und das Passwort eintippe. Im Forum wird diskutiert. nach eigenen Regeln funktioniert. dass der Name Schwarzekarte an eine Premiumkreditkarte erinnern soll.« Nochmals werde ich darauf hingewiesen. Die Häufung von Adelstiteln ist erstaunlich. wie viele. mit Sonnenbrille. was die Art. Einer der Hamburger Botschafter trägt nichts . ob Dubai neue Netzwerk-Stadt werden soll. C. die favorisierte Automarke und mein bevorzugtes Modelabel. Durchsucht man das Netzwerk zum Beispiel nach den Vornamen Konstantin. .. Etliche Netzwerkmitglieder 129 . Moritz und New York. Ich starre auf die Liste. Ich soll ein Profil anlegen. Im . lese ich. K. Entscheidungen zu treffen.

Damit teilt Schwarzekarte das Schicksal ähnlicher exklusiver Internetforen. Die ZugangskrItenen wurden verschärft. Der Hals des Tieres ist noch blutig. Denkst du. »Ich habe eine Magnum-Flasche Chateau Mouton Rothschild. in den nur Eingeladene gelangen. Die berühmten Namen zogen Gaffer an.schreiben. . Der Botschafter für Lancaster posiert auf einer Jacht. die einen guten Wein schätzen. Regel Nummer drei lautet schließlich: Man protzt durchaus mit seinem Reichtum. »das ist Saint-Tropez. so wie ich. der Blick des Jagers triumphal. Quentin Tarantino oder Naomi Campbell bei ASW verkehrten. kochst was Feines (oder lässt was Feines kochen) und genießt diese wunderbare Flasche.(. debattieren sie im Forum über teure Flaschen. dass sie jeden Sommer »unten an der Cöte seien«. Wie teuer ist ein Privatjet? Wo bekomme ich ein Loft in New York? Wer geht zum Dinner mit Al Gore? Bei ASW fand sich garantiert jemand. in seinem Arm ein frisch geschosse~~s Reh. Ein Club. Aber«. Du lädst Freunde ein.Nutzer gerade erst zwanzig geworden sind. Das Problem ist die Anordnung der Tische und VIP-Tische. der Tipps geben konnte. . dass auch Paris Hilton. Papa!« Diese Themen möchte man allerdings im exklusiven Kreis diskutieren. . Viele Mitglieder lassen sich mit einer riesigen Champagnerflasche am Mund und ein. außerdem hat er sich neben der Motorhaube eines alten Bentleys knipsen lassen. behalten nur da D' . Auch wenn die meIsten der Schwarzekarte. dem heimischen Keller ausklingen. auf dem er im Gras sitzt. aber nicht alle. Ein Junge hat in seiner Bildergalerie ein Foto von sich. Zur Vorabinformation: Die Hauptdarsteller im folgenden Dialog kosten nach Angaben eines renommierten deutschen Weinkellers zwischen 250 und 600 Euro. an deren Heck die Ortsmarke Saint-Tropez gut zu lesen ist. das Rolemodel der Bewegung. Den Tag bei der Jagd oder auf dem Golfplatz lässt man offenbar gern bei einem guten Wein aus. k.« »Mit was man mich auch locken kann: Marques de Caceres Grand Reserva 1985 aus der Rioja Alta. .« Ein anderer hält die Preise im Byblos in Saint-Tropez für übertrieben. zwei sonnengebräunten. Berühmtheiten und Models. würd e den eIgentli ch gern noch em blsschen . An dieser Stelle: Danke. sagte der Gründer. ScWage vor. über eine Million Mal pro Monat rufen sie die Seite auf. Und gerade diese Exklusivität sehen viele Mitglieder gefahrdet. wie Insider sagen. 2004 gründete der Sohn eines schwedischen Diplomaten aSmallWorld. designerdekorierten Mädchen im Arm fotografieren. ich könnte den noch ein bis zwei Jahre behalten?« »WOW! Mouton Rothschild aus der Magnum ist wahrlich ein Schatz in Deinem Keller. rm en. galt schnell als die Plattform der Reichen und Schönen. »Man muss dort für 'ne Flasche Moet so um die 500 € hinblättern. Das Netzwerk wuc~s ~us Sicht des Gründers unkontrolliert. ' s mg 1st em 87er-Jahrgang. Über hunderttausend junge Menschen sind im Sommer 2007 bei Schwarzekarte angemeldet. und diskutieren über Abende im Palais in Cannes: »Eine unglaubliche Location. sind reich und aus gutem Haus. Viele. In den Club dringen immer mehr Spanner ein. Ich sollte den t . wegen dem schlechten Jahrgang. ASW. Nur kann der 87 bei Weitem nicht mit 82 und 86 mithalten. die ZaW der Mitglieder auf 250000 welt131 130 . Oder meinst du. fügt er resigniert hinzu. Aber dann wurde bekannt. Seine Seite sei ein Club für junge Banker.

Dass sich jemand von ganz unten nach oben gearbeitet hat. . werde ich abgelehnt. warum man dieses oder jenes Auto art. dem selbst ernannten »exklusiveren Forum« für eine Elitegesellschaft. . .« »Neid ist in Deutschland die höchste Anerkennung.»Manch m al gIng es schon so weit dass . Bei reicher-als-du. der Düsseldorf. Weil Neid und Missgunst in Deutschland keinen Platz für Helden lassen. offen auszusprechen. s IC den Staaten war. im Forum. fühlen sich viele ungerecht behandelt. klagt ein anderer. ein Chemiestudent aus Köln. eIner. schimpft er. eInem schonen . sondern nur meckern.« 133 cr I I fi l . das ihr Taschengeld mit Vorliebe in die Nobellabels Ralph Lauren. tAT d mIt. Burberry oder Hugo Boss investiert. rum eutschland keine Heimat ist? 132 ~en Porsche Carrera GT liebt. den sie jetzt auch den anderen Netzwerkern mitgeben möchte: »Mitleid bekommt man geschenkt.<. »dass der Neid »Kann es sein«. die man bekommen kann«. beklagt er.« 2437 Schwarzekarte-Mitglieder haben sich die NeidDiskussion angeschaut. seInen EIntrag mit einem pathetisch en ZItat· »Wa D . die sie »Prolos« nennen. . ist ja wohl eher die Ausnahme. nO stan zeIgt. würde aus einem »exklusiven Lifestyleportal immer mehr ein ganz normales«.de. Ig. fragt er und fügt hinzu: »Und diesen Blödsinn von wegen >Der hat es sich eben verdient< könnt ihr gleich wieder einpacken. Neid muss man sich erarbeiten. ganz entschieden zu widersprechen. dass Neid nicht dazu benutzt wird. über sechzig haben sich beteiligt. und einer. dass Neid aufkommt. son dern gefragt. Wenn es so weiterginge. damit man nicht wieh ' der erklären mu fl. dass es an der Zeit sei. Dass sie zumindest hier unter Gleichen sind ist den meisten sehr Wichtig.« Die meisten Deutschen. Sylt und . »Es wundert euch tatsächlich. Ihre Eltern hätten sie dann immer mit einem Satz getröstet..j ! I weit begrenzt. Sie glauben. Denn draußen. nenn man ort Auto vorfährt oder eIne t eure Uranhat. .uch bei Schwarzekarte wird seit Langem über einen EInladungsstopp diskutiert. dabei Frauentausch gucken und warten. schIef angesch au t . . . Jenes ist und was man arb eltet. würden »ihren Arsch nicht hochbekommen.h IC extra weiter weg geparktabe. bis Vater Staat ihnen das Geld aufs Konto überweist. Im vergangenen Sommer wurde ein Einladestopp verhängt. die sich nur über Luxus und Reichtum definiert. müsse . h . tröstet ein Netzwerkfreund den Porsche-Liebhaber. A. wenn die große Masse der Bevölkerung bei vier Millionen Arbeitslosen und gigantischen Haushaltslöchern in Staat und Land sieht. schreibt ein anderer. um sIch so etwas leisten . wie andere Leute das Geld mit beiden Händen zum Fenster rauswerfen?«. zu können . wagt tatsächlich. dass sie sich früher in der Schule oft blöde Sprüche wegen ihrer teuren Kleidung hätten anhören müssen. klagt. mit ständiger Ablehnung rechnen . an sich selbst zu arbeiten. »Ich find halt nur extrem schade. von den anderen. wie toll dieses oder . dIskriminiert zu werden. Im Forum mahnt einer.« In Deu tschlan d dagegen. »Irgendwie gewöhnt man sich ja dran«. der seinen tAT hl d .« Er beendet· .. dass viele »der in den letzten Monaten (massenhaft) neu akkreditierten Mitglieder kein positiver Zugewinn sind«. in der wirklichen ~elt.« Ein Mädchen. wIrd man mcht . fragt einer.t I In D~utschland immer schlimmer wird? Aufgefallen ist es mIr erst so rI·cht· a1· h d·Ieses Jahr langere Zelt In .h ss. .

I lerten Bemerkungen gegenüber ehtaren Netzwerken. Dann entscheide ich. Ein Dritter droht. . s~hlffipft ein Leser. ISC ee u erspltzt. Elite hervorzubrin135 . über Sozialdemokraten. er fände es gut d . uc emen Namensvorschlag hätte er s on: »Asoziales Netzwerk. ussen. Ein Leben in Armut . Wer sich verdachtlg macht. sagt. Ein Mädchen vermutet: »Elite zeichnet sich durch Leistung aus... schlägt er . Im Forum stelle ich die Frage: »Was ist Elite für Euch? Was macht sie aus? Wer gehört dazu?( Die erste Antwortenrunde bewegt sich auf dem Niveau der Linken-Beschimpfung.»k" onnen Ja ihre eigenen Commumtys gründen (( A h . . vieles dav II ' b on so nur provozieren. Die Beschimpfungen setzen sich noch über Seiten fort.. . meint ein anderer. wenn SIe es mcht schon sind. smn Anh anger((. immer wieder!« Immerhin der Adel scheint noch zu Respekt und Toleranz erzogen zu sein. Im Forum eines Freiburger Stadtmagazins. wird als »Opfer« oder »Prolo« beschimpft. denen es schlechter geht? Ist das Gerede vom faulen und neidischen Pack wirklich nur gespielt? Die Ermahnung des Chefs zumindest zeigt wenig Wirkung. k" onnen WIr nur drei Porsche fahren Also geht gefälligst ARBEITEN!!!« . ass er wemgstens bei Schwarzekarte unter »Gleichge' t en(( seI. v . me: Wenn wir woIIen.«( Einer schreibt: »Mein englisches Internat schafft es. tobt zwischen einigen Schwarzekarte-Mitgliedern und den Lesern der Zeitschrift ein wahrer Klassenkampf. b .Keiner geht auf seine Argumente ein.. Der Chemiestudent ist hier offenbar Exot. eh . . >~Diese Schickimicki-Bourgeoisie gehört verboten«. ist übertrieen. schlägt em Schwarzekarte-Mitglied zurück. so mach e Ich einen Anruf. '. . Erschreckend häufig aber vergessen die Kinder relc~~r ~ltern ihre sicherlich gute Erziehung. »Arbeitslose und SPD/PDS. vor. schaltet sich Louis SaynWittgenstein-Sayn ein und bittet alle Mitglieder. . entschuldigen.. möchte er sich bei all denen. »l'. »Leider gibt es diese Art von Menschen. Vater smd arbeitslo s. mit gefälschten Hermes-Gürteln oder Breitling-Uhren zu protzen. »Ihr einfachen Arbeiterkinder«. Aber die anderen? Wie viel von dem arroganten Gehabe ist echt? Wie denken sie tatsächlich über die. »Der mit dem meisten Geld«. Muss das scheiße sein!« Ein anderer WI et seme Botschaft »dem Pöbel«. »ihr seid doch nur eifersüchtig.. gewollt zum Kl' h . »Für das Fehlverhalten der anderen(. das einen Artikel über die geschlossenen Netzwerke des »Net-Jetsets« veröffentlicht hat. schreibt er. Ich laufe dreimal von meinem Computer in die Küche und wieder zurück. Als die Angriffe gar nicht enden wollen. Ein Schwarzekarte-Mitglied beschreibt den Kampf als Elite versus Unterschicht. und eure . Die meisten schreiben: »Ich!( Nach ein paar Tagen löschen die Administratoren meinen Eintrag. »David Copperfield«(.. scherzt einer. links orientierte Proleten so viel Steuern zahlenm" .ommen von Eurer SeIte noch ugendwelche un qu al'fiz' .(( Sicher. die das Geld ihrer Eltern aus dem Fenster werfen. Arbeitslose und Arme herzuziehen. Vergesst . 'dm . mich zum ersten Mal im Netzwerk zu Wort zu melden. das Netzwerk nicht durch unqualifizierte Aussagen zu diskreditieren. die als »Pöbel« oder »links gerichtet« bezeichnet wurden. Immerhin wird er nur ig~oriert. Ich versuche es noch einmal und bekomme tatsächlich ernst zu nehmende Antworten. ka" WIr Euch auf!« Ein anderer ulen . Dennoch scheint es 134 unter den reichen Kindern normal zu sein. '. der sich über Schwarzekarte beschwert: »Weil wir für euch arbeitslose.

ein Internat. SchloSS Torgelow im Osten. gehÖrt sie zur Elite des Landes. Moritz entfernt.. Winchester oder Harrow zu schicken leostet so viel.... »Elite wächst auf Internaten heran. die sich zur Elite zäh en. Schloss NeubeuerIl im Süden und natürlich der Platzhirsch. .bsolventen: Ferdinand Pieeh. 137 . wie ein Durchschnittsbrite pro Jahr verdient. Andere schworen auf d" S h I ' le c u e Manenau. die ich achtzehn Bände lang auf die Burg Möwenfels begleitete. Ziel des Netzwerkes sei auch. Die Absolventen der Privatschulen führen die britischen Banken und Versicherungen. Stipendien gibt es kaum. Schließlich Sind die ßriten Von jeher für ihren Klassendünkel bekannt. die in Uniformen. das WunschInternat zu finden." Noch einmal lese ich die Antworten der Nutzer auf tnein e Frage. In über fünfunddreißigtausend B 't . SeiIl kind nach Et0n. el ragen streiten die Nutzer darüber. Die Kategorie »Internate« ist in den Diskussionsforen eine der beliebtesten. locken Schloss Louisenlund im Norden. Wenn eine Familie ihre Söhne nach Eton schickt. Aber Schwarzekarte ist ein deutsches :Netzwerk.. steht da. Man wolle sich gegenseitig helfen. H' dagegen urteilen Junge Menschen '. die die rotbackigen Sprösslinge wohlhabender ~amilien zeigen. Die Internatsnetzwerke helfen und halten ein Leben lang. genau wie die Worte »Elite<. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Gibt es diese Tra"t' d 1 Ion. als gmge es um neue Jeanskollektionen. sein Wunsch-Internat finden zu müssen . keine zwanzig Minuten von St. Für sie scheinen die Worte »Schule« und »Internat« Synonyme zu sein. das zu 136 einem »ökologischen HUIIlanismus« erziehen will. über das gesagt werde: »Der Birkelhof ist die inoffizielle Kaderschmiede der geistigen Elite. Hanni und Nanni oder der schüchternen Dolly.. und wieder füWe ich mich fremd.I . welches das beste sei. Schloss Salem.« Ein anderer geht auf ein Internat im Schwarzwald. Das war in meinen j\ugen eine urbritische Gesetzmäßigkeit. Den Birkelhof empf~Wen gut tausend Schwarzekarte-Mitglieder. Die FreUnde des LYceums werben mit den Namen der prominenten A. dass man verschollen geglaubte Freunde aus der Internatszeit wiederfinden könne. In meiner Welt existierten sie nur als Heimat von Harry Potter. sie empfehlen Schulberatungen und gute Adressen in England. Keiner meiner Freunde stand irgendwann in seinem Leben vor dem Problem. »Eine Elite für sich«. inS Lyceum AlpiIlum. d"le 1Ch b'ISI an g fü"" b rl. sie leiteten im Jahr 2005 über die Hälfte der größten britischen Unternehmen.« DIE SCHULEN DER ELITE Internate als Heimat der Elite. Und dann sind da noch die Schlösser. und »Internat«. Idyllisch an Seen oder atlf Bergen gelegen. Die Luxusliebenden zieht es in die Schweiz. ler uber Schulen d' . 1850 Meter über dem Meer. die schon ihre Ahnen trugen. Ich kenne die Bilder atlS England. die Upperclass ist unter sich und bleibt es..tisch hielt' in bestimmten • I Kreisen auch hier? Schicken die. so fern waren mir bislang die Bezahlschulen. über die liockeyplätze der Internate rennen. OOb " ' le welt u er 20000 Euro pro Jahr kosten. Für die Schwarzekarte-Nutzer hingegen sind Internate real. Graf von Faber-Castell tlnd Gunter Sachs sind hier zur Schule gegangen. schreiben die Bhemaligen. Schon in der Begrüßung hatte ich gelesen.gen.

c ' bei em Wappen prangt. Die Mutter springt noch einmal aus dem Auto. Er wird seine Familie und seine Stadt verlassen. der Hort der Tradition. Der Vater lobt die tolle Aussicht. Ich packe die Elite-Recherche-Garderobe. »Ohne Abitur bist du nichts in dieser Welt« sagt der Vater. Vorher. Em Burgturm ragt vor mIr aUI. an denen die Elite erzogen wird. gen Monaten hat das Internat die schulunifor~ em. Berge.ihre Kinder auf Internate? Und wie wählen die Internate die Schüler aus? Gibt es Wissenstests? Müssen die Eltern nachweisen. Sie werden für diese letzte Chance des Jungen viel Geld bezahlen. »Du wirst sehen. seien hle~ Viele . Nur Wiesen. dass sie aus einer guten Familie kommen? Ich schreibe Schlösser und Burgen in ganz Deutschland an. wird sein neuer bester Freund ihm später erklären. wo andere Urlaub machen«. dass er Angst hat. nimmt den Jungen in den Arm. nach ein paar Tagen wird es dir hier gefallen«. der halbe Schulklassen aus Rosenheim zurück in ihre Dörfer fährt. . • • C . C m zerschlissenen Jeans herumgeIaUlen. Die Häuser des Münchner Stadtrandgebiets fliegen an ihm vorbei. ELITE: SEHR GUT Der Junge sitzt auf der Rückbank des weißen Saab hinter seinen Eltern. Von der Terrasse hinter dem Schloss blicke ich auf fünfzehn Gipfel. 14 Uhr 41. von außen einen Fuß in die Internatswelt zu bekommen. fühle ich mIch fremd. Er weiß nur. Dann steht der Junge allein vor dem Schloss und winkt. Er sieht die Reifen von Lastwagen. 138 Seen und kleine Kinder. starrt auf den Scheibenwischer. Als ich vor dem Eingang stehe. hatten so kn appe Tops und so enge sagt eme Erzleherm. die brav ihre Fahrradhelme tragen. Schließlich sagen doch zwei Schulen zu. . Der Junge ist still. Jetzt wollen seine Eltern. als sie vor dem Schloss aus dem Auto steigt. wie sein Leben hier werden wird.' e es ungen ware em Hauptschulabschluss peinlich. Ich erkläre mein Anliegen und merke schnell. dass es nicht ganz einfach werden wird. »Die Luft ist so gut«. Dort werde ich hoffentlich neue Antworten bekommen. m osenhelm fahrt. wirbt der Prospekt des Internats Neubeuern. die ich mir nach dem Desaster beim Symposium gekauft habe. laulen an mll vor. Eine Woche zu Gast in den Internaten. Alle hier wollen eigentlich lieber nach Hause. MATHE: AUSREICHEND. Ich sinke in die schwarzen Ledersitze seines Volvo und werde den Berg hochgefahren zum Schloss. erzählt mir der Schulleiter. Es ist ein Regionalexpress. Weil er schon vier Schulen ausprobiert hat und gescheitert ist. dass man die Boxershorts seh en konnte. Die Mädchen. dass er es in der I~ternatsschule Schloss Neubeuern versucht. " 139 .geführt. Für die Famili' d J .. Er weiß nicht. Erst vor wem. Schloss Neubeuern bei Rosenheim und Salem. die so tief hmgen. sagt sie. in einen Koffer und fahre los. . »In die Schule gehen. Der Himmel ist grau. Später wird hinter ihnen tieforange die Sonne untergehen. . Bald werden sie das Schloss erreicht haben. dass er zu Hause bleiben will. H' t er R ' nehmen sie dIe Aus. weil er eine Sechs in Mathe hat.. sagt die Mutter des Jungen. Ein Lehrer holt mich am Bahnhof ab. Schulen. Die Alpen leuchten heute. bevor sie sich losreißt. Ich steige in Raubling aus dem Zug. Kin der. Der Saab fährt an. auf deren Brust . Hier cribt es k' H" D" eme auser mehr. aber genau über den schneebedeckten Gipfeln ist ein Loch.

Das Internat suchte einen Tennislehrer. »Wir haben in der letzten Woche im Grundkurs eine halbe Stunde damit verbracht' dass Jed er emzeIn rausmusste und man Noten . Das ist jetzt vorbei. die Disziplin und· Zusammengehön~ei~ stärken soll. kurz nach seinem Erscheinen wurde das Buch verfilmt. als Benjamin Lebert Schüler in Neubeuern war. Die übrige Kleidung wurde in Zusammenarbeit mit den Edelmarken Marc O'Polo und Aigner entwickelt.gebeten w' d . meI' ne Schu h e waren eme DreI mmus und somit bin ich n och auf" ' eme ZweI gekommen« Später werde ich in e' Sch uIversammlung erleben. Meine Hose ' . zieht hier wohl 141 I I I r . wie ein " mer Madchen aus der SIe en 0 d er achten Klasse auf die 'bt " Buhne . ob sie den dunkelblauen Pullover oder den Pullunder mit Wappen tragen oder lieber das weiße Polohemd. Der Lehrer. »vvas ' an Ihrer Uniform falsch?«. . Die Erstausstattung kostet trotzdem 400 Euro. rauchen. . . Vorher sahen die Kinder also aus wie an jeder Schule. Es gibt vorgeschriebene Kleidungsstücke. wo er hingucken sollte. Mittlerweile haben sich die Vorlieben d~r Kunden. wie der Schulleiter sagt. wird mir ein Elftklässler später erzählen. bekommen hat für das. wird der Junge vier Monate im Schloss verbringen. mahnt die Schulleitung. Seit Kurzem hat Neubeuern einen eigenen Abschlagplatz und einen Golfsimulator für die Turnhalle. erzählt ein Zehntklässler. der Eltern also. was wir unternehmen«. sagt Käsinger. weil Boris Becker und Steffi Graf gerade triumphale Erfolge feierten. brüllen d'Ie Jungs hmter mir.d ' T' pa agoglsc ms Plenum. wird aus dem Unterricht geSChICkt«. in ein Striplokal gehen und lernen. Kein Luxus der Welt schützt Eltern und Lehrer vor der Pubertät. die der Vat.~r für ihn hat. und der Schüler gewandelt. Es ist die erste . sich in ein Mädchen verlieben und sich von einem anderen auf der Schultoilette entjungfern lassen. der schonen Aussicht und dem Golfplatz begeistert sind. spieIen WI am Wochenende Golf. Er wird trinken. • Ir U T 1St . Wer möchte. h' fragt em Erzieher . Dazu müssen sie beige oder dunkelgraue Stoffhosen oder Röcke anziehen. Keine Jeans oder Cordhosen. 'r »Wenn mein Vater Zeit h at.t v~r­ bereitet sein für die paar Stunden. Die Schüler können wählen. Aber er wird Freunde finden. Er wird es nicht schaffen. war eine Eins. sich in Mathe zu verbessern. Kasinger hat eine Golfausbildung absolviert. zielsicher auf einen Keks zu wichsen. berichten mir später die Schüler• »UTer die ~ VVI s~he Sockenfarbe hat. »Das wollten die Kunden damals«. in denen mir klar wird. Das müssen auch die Eltern des Jungen begreifen. Aufgrund der Kontakte zu Schülereltern und Altschülern haben diese Firmen besonders günstige Angebote gemacht. Nachdem sie nach München zu ihren Eheproblemen zurückgekehrt sind.. Absurd und teil:velse hart geführt werde der Streit um die richtige KleIdung. Er will dann gu. festgelegte »Kombinationsmöglichkeiten«. »Crazy« von Benjamin Lebert wurde ein Bestseller. dass mancher Lehrer nicht wusste. was man anhatte. die Schülermodels vorführen. d »Ie Itten«. Eine Investition.Jeans getragen. schrieb er seine Erfahrungen auf.. der mich abgeholt hat. 140 von Dutzenden Situationen. Nachdem der Junge das Internat verlassen hatte. 1988 fing Reinhard Käsinger hier an. »Die Nase«. war schon da.. Das ist so das. darf sich ein Halstuch der Marke Windsor umbinden. Auch wenn die Eltern vom Schloss. dass Schüler auch auf Nobelinternaten vor allem Teenager sind.

Die Bilder von emen Skirennfah rern werden als Erinnerung an die 1etzte gemeinsame Fah ' Schül' d' rt emgeblendet. Die Namen der er. aus deren Eltern also K d ein Nachrichtenb . as seIt der Spende eines Ehe- ßen gegen die Internatsregeln gibt es einen Verweis. Das Internat. Mir geht es gut. also für einige Tage nach Hause geschickt. Defizite in Ordnung und Betragen. Schwarze Brett de S hul d ' ali r c e. wo man dran' " geln musste. riesige Spiegel und aufwendige Engelskulpturen schmücken den Raum. Er bedauert. Die Erzieher picken sich regelmäßig Schüler heraus. Und 143 . um eI'negerkussb" N rotchen zu ergattern.« . Ich gehe in die Eingangshalle des Schlosses. wird suspendiert. das aus dem Gefühl entsteht: Mir fehlt es an nichts. der nicht genannt werden möchte. Macht ihr mal. Einer aus dem Kollegium. verkleidet.. oc ' zelte~. wird hinausgeworfen. die zum Pusten antreten müssen. Ie gerade zum Prob ewohnen einquartiert sind.« »Was ist das die Wohlstandskrankheit?« »Dieses Verhalten.rn klge~ ganz modern ein flacher Monitor ist.»Oder weil es zu Hause nicht mehr geht«. dem Jungen aus dem Buch. SIdenz eine Internatssch u1e r l e Kinder der gehobenen fü' d' Gesellschaft machte. Und der Kafig? In der Eingangshalle. der Vorstand der Internatsstiftung. sagt Jörg Müller. d'Ie wa rend der Pause Durst be"h u kommen. die 1925 aus ihrer Re-' .. H' sItzen d'Ie Schüler zum Essen an Ier . »Weil sich die Eltern trennen oder nie da sind. ist es wie bei Benjamin Leber. Es gibt ke'men Ki osk WIe b el' uns. sagt ein anderer.. weil sie nur arbeiten. Einen der hundertzwanzig Internatsschüler trafdas im vergangenen Jahr. d'Ie SIe Stachus nennen.« . Die nachmit'td' c e rastund e IS Ie h arrnloseste Strafe. Per WirelessLAN können die Gestressten dann erst die Börsenkurse checken und danach den Leistungsstand des Kindes. Vom nächsten Jahr an sollen die Eltern diese Daten ständig über das Internet abrufen können. sei ein Käfig mIt goldenen Stäben. der mit Frau und Kindern im Schloss lebt. über besondere Vorkommnisse. Ausführlich berichtet ihnen das Internat über schriftliche und mündliche Noten der Kinder. Karaffen mit Wasser und Kannen mit Kakao stehen da ' für Sch"ler. formuliert es drastischer: »Viele unserer Schüler leiden an der Wohlstandskrankheit. sich für ein Thema wirklich einzusetzen. Und links ist für . un en werden könnten. wer h e u t . Goldb esetzte Sch' mtzerelen. gereicht haben. runden Tischen ' na chd em K" h e Ihnen zuvor die Mahl. laufen wie and uber den Schirm. dass die Schüler »vor dem Hintergrund von finanzieller und sozialer Sicherheit häufig den gewünschten Antrieb und Ehrgeiz vermissen lassen«. Sie waren mit Alkohol auf dem Schulgelände erwischt worden. »Schulische Probleme. ihr Urin auf Rückstände von Drogen getestet. Alle vier bis fünf Wochen bekommen die Eltern Post von der Schule. hängt das . und wünscht sich von seinen Schülern mehr Engagement und die Bereitschaft. 'J der Baronm urIe von Wendelstadt. Weil man es an der staatlichen nicht schafft. wer drei Verweise gesammelt hat. Bei Verstö142 kaum einer deswegen ein. Das sei nötig. schreibt Benjamin Lebert. Drei Jungs aus der Abiturklasse sind gerade suspendiert worden. Im Essenssaal sind die UT:' de mIthellroten Seidentapeten ' "an . . Das sind die goldenen Stäbe. Wie bei Verkehrskontrollen wird ihr Atem auf Alkohol überprüft. An der Wand hän gt em Portrat der letzten Schlossherrin . J tägli h E x t e nachsItzen muss. Bei den meisten erzählen mir die Schüler.eden nachzulesen. und wer sich ganz und gar uneinsichtig zeigt.

I ~ch bin verwirrt. Im Erdgeschoss hat die Disziplinoffensive des Internats noch wenig Wirkung gezeigt. fehlten der Schwung und die Motivation für eine ganz normale schulische Arbeit. "f Wäscheservice. wo ein Aui:st' 1: legsw anders. das von sich behauptet. die Kosten für Ausflüge nach München zum Skifahren oder zum Golfen. Macht insgesamt weit über 30000 Euro p~o Jahr rur den Schulbesuch eines Kindes. Ziele zu setzen. die sich die Internatsgebühren leisten können.und Internatsgebühren. Und denen zu vermitteln. Erste Zweifel melden sich. .« »Unsere Schüler wissen. Das klingt nach Hauptschuldi k ' " s USSlon. dass Papas Chefsessel wartet«. Die dazu zu bringen. Eliten auszubilden? 144 Dazu kommen das Taschengeld. Die haben sich meistens noch nie in ihrem Leben rur irgendetwas anstrengen müssen. klagt jemand aus dem KollegIUm. DIe Lehrer unterrichten bei geöffneten Fenstern. Das lSt SlCh erI' h ' . Jeder fünfte Schuler erhält ein Stipendium. deren Väter mit Aktien viel Geld gemacht haben. das aber m~mal d~e Hälfte der Gebühren deckt. rechnet der Stiftungsvorstand Jörg Müller vor. Schule. »Das zweite Gebot ist: Es herrscht Ruhe. dass Geld da ist und eigentlich gar nichts paSSIeren kann . neuerdings auch welche. »Die haben das Gefühl. dass es sich lohnt. die in meiner Welt reich waren. Und zwei Prominente sind auch da: ein Kind und ein Enkel zweier Schlagerstars. le osen Ki ndern. • 00 1415 . ist begrenzt. dass sie sagen: Ich möchte dies oder jenes erreichen. Die Lehrer erzahlen von antr' b s1 . Die kommen aus einem Hintergrund. Im Prospekt der Schule finde ich eine Tabelle der Schul. . »In Mathematik ist das erste Gebot: Es wird gerechnet«. die es zu retten gilt. Um mir zu beweisen. dass Papas Unternehmen wohl auch noch die nächsten dreißig Jahre Best~nd hat. lC an emer staathchen ille motiVIerend wIrken kann. und wenn nicht.wenn no 19. . wo immer Geld da ist.a bleIben dann trotz Forderung Geboohren von 15000 bIS u 20000«. . Vollstipendien existieren mcht. Von Schulkarrieren. . Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres. Heimfahrten un d. vom Kampfum Diszlphn. Nach Neubeuern kommen nicht die. für irgendetwas kämpfen müssen. Im Schuljahr 2006/2007 sah die Jahresrechung eines Schülers der Mittelstufe so aus: Jahresgebühr: Aufnahmegebühr: Nebenkostenvorauszahlung: Schulkleidung: Schulbücher: 25980 Euro 900 Euro 2000 Euro 400 Euro 200 Euro 29480 Euro «'. die zum Abitur einen Golfbekamen. Vielen seiner Schüler. Nachhilfeunterricht.ein paar Adlige. Strengt euch an! Schaut zur Tafel!« . mache ich vielleicht mit. beschwert sich ein Lehrer. dann nicht. Die Arzttöchter. das ist wahnsinnig schwer.« . Kinder aus traditionellen Unternehmerfamilien. wer richtig viel Geld hat .wenn es mir gefällt. Neubeuern kann sich nur leisten. schreit eine Lehrerin. Bm Ich tatsächlich an einem Internat. die losgelöst sind vom finanziellen Umfeld und vom Ansehen in der Gesellschaft. dass nach dem Abitur schon alles geebnet ist. die mit der Familie jedes Jahr zum Skifahren reisten. Plus . dass ich das kann. . oder die. »D. Das ist sehr schwer. Der Sache wegen. und plötzlich begreife ich. Die ZaW der Menschen.

« Müller träumt in seinem Büro davon. engagiert sie sich sozial. Da wäre das Niveau sicherlich deutlich höher. dann in England. anhaben. dass sie in der Schule nicht glänzen kann. Vorher war sie auf einer anderen Privatschule. »Die suchen sich die Schüler aus. Und wenn die Mutter alleinstehend und arm ist. i hier gar nichts zu tun. Der AbitureIgen schnitt in Neubeuern liegt bei knapp Drei. mit Fünf-Sterne-Hotel hat das 146 :1 . Lisa. sagt Miriam. . setzt sie ziemlich unter Druck. weil sie an ihren Schulen unterfordert waren. Deshalb Neubeuern. Mehr möchte sie nicht erzählen.« Wenn man scheitert hat man das Geld der Eltern aus dem Fenster ge. Viele hoffen. Ihre Freunde. . morgens muss sie deshal~ laut Schulordnung smart office wear. dann der Versuch im Ausland. Bett. die sie wollen. Beides hat nicht funktioniert. dass dies ihre letzte Station bis zum Abi sein wird. sie betreut zwei Neue aus den unteren . dass sein Internat reicher wäre. fast karg. Es sieht aus wie in einer guten Jugendherberge. Das will' tl"lCh keiner. Ihr Vater sei in der Wirtschaft.« Jetzt sitze ich mit diesen Luxuskindern in Miriams Zimmer.. .« Sie selbst findet sich wie die meisten schulisch eher so mittel. Die meisten haben ähnliche Lebensläufe. und erst dann drehen sie das Blatt um und schauen.. Miriam geht in die Oberstufe. Dass ihre Eltern so viel zaWen. sagen sie. In ihrem Zimmer trägt sie lieber Jogginganzug und Hausschuhe. Er sitzt in einem Ledersessel. denen alles zufliegt. So reich. dass wir uns die Kinder aussuchen können. Regal und SchreIbtisch. »Man muss bei der Beurteilung dieses Durchschnitts berücksichtigen. SIe 1St m d er Schül' erml man zumindest sagen: Okay. kriegt der Bewerber halt ein Vollstipendium. also BürokleIdung. sie war nicht die Beste. ScWicht. und es ist alles ziemlich normal. will semen Eltern Ja etwas zurückzaWen. was sich ein normaler Durchschnittsmensch für seine Kinder leisten kann. »Ich hätte gern so viel Geld zur Verfügung. gar nicht protzig. Die vielleicht sogar hier sind. Sie schiebt Schichten im Schuleafe. Da ahnt man. dass er die Kinder nicht nur nach Konto auswäWen müsste. sagt Miriam. »Die beneidet man eher. »Ich bin eben kein Eierkopf«. Ein Freund ihrer Schwester war hier und mochte den Zusammenhalt und die überschaubare Größe der Schule. gebe es sechs oder sieben Internate. »Dann kann Kl assen. Max und Eric. »Die diskriminiert man nicht«. neben ihm auf dem Schlossboden liegt ein Kunstgrasstreifen mit Loch.1 ~I 11 11 11 H il iI ': . Moritz klickt am Computer rum. sagt sie. Sie sitzt auf dem Boden. sagt Miriam. »Man · . Die Jüngeren schlafen sogar zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer. um über philosophische Fragen zu diskutieren. die zu uns passen.« In den USA. die sich abends im Turm des Schlosses treffen. worfen. dass viele am Scheitern vorbeischrammen. die über ein so großes Vermögen verfügen.:1 I1 Ij il 11 l! 11 »Da sind Sie natürlich weit von dem entfernt. dass sie bei der Auswahl der Schüler ausscWießlich nach der Qualität der Bewerbung gehen könnten. Und weil sie weiß. wie es bei denen finanziell aussieht.. Benni. Miriam war zum Probewohnen in vier Internaten. aber " 'gt SIe hat hohes Engagement gezel «.I ii j\ d !i 11 ji Ir 1I 1: I! ii It I: " I' j1 1 d 1I 1I 11 1 ji I. bevor sie sich für dieses entschieden hat. erzäWt er mir. 147 .1 ii 1: . und es wäre auch mehr Aktivität bei den Schülern spürbar. ein Jahr in jener. ~n ~iriams Zimmer stehen Schrank. 'tverwaltung. hocken auf Miriams Bett. Zwei Jahre in dieser Schule. Auch er trainiert offensichtlich sein Golfspiel. So nennen sie hier die Klugen.

Es spieleier k' Rolle. en asse b esser. sagen sie plötzlich. Aus schulischer Sicht ist das hier auf keinen Fall Elite. nur weil einer ein sehr teures Auto von seinen Eltern bekommen hätte. . falle der weder positiv noch negativ auf. sondern rauchen. Wir laufen ums Schloss zur hintersten Ecke der Terrasse. klagen sie. ob man das gleich Elite nennen muss. sei es gar nicht so einfach. sagen sie. auf dem ein paar Jungs kicken.dass viele Schüler erst zur elften oder sogar zwölften Klasse zu uns kommen und häufig große Defizite mitbringen«.« »Gegen die?« »Nein. die es zu etwas gebracht haben«. loben sie.« Da würde gelästert. dass eure Eltern euch kleine Klassen und e~~e gute Betreuung kaufen können und andere Eltern konnen das nicht?« »Vielleicht ist das ungerecht«. Jeder wisse. »Da heißt es immer gleich >Bonzenschule<. sagen sie. Üb er Geld sprechen sie h nIC t gern. b esser Ist« entge t ' . Nur die. nicht um Geld«. Das hat alles Vor. das mit »Aristokratie der Bankauszüge« überschrieben war. und von einer Reportage auf ProSieben.« »Elite kann man ja auch so sehen. wendet einer d~r Jungs ein. »Man kann' nICh t sagen.« . oder?« »Du hast gesagt. frage ich. aber es steckt schon dahinter. »So ist es hier nicht«. »Findet ihr d. »da erwartet man doch Schüler. protestieren sie. die von außen kämen. »Aber eure Eltern sind doch reich. Die wären an der staatlichen Schule einfach aussortiert worden. or Schwächen hat. mit dem Dorf. wage ich schließlich Miriam zu fragen. wer . »Manche haben es vielIeIcht in einer groß Kl .und Nach teile.« Sie erzählen von einem Porträt ihrer Schule in der Süddeutschen Zeitung. Die haben eine größere Auswahl. »Nein. Die sind besser. Der wollte unbedingt seinen Abschluss 149 I' I i I . Damit ist das Tbema b eend et. wird mir die Schulleitung später auf meine Nachfrage hin erklären. dass das generell für alle Ja . »Anstatt zu sagen: >Das ist krass cool<. »Der wollte aber nicht.« Mit dem Geld. h' eIne 148 dass keiner in Neubeuern arm sei. sagt einer. wird es ihm missgönnt. Jetzt wollen die meisten nicht mehr reden. Ich weiß nicht. »Warum bezeichnet sich Neubeuern trotzdem als Elite- s~hule?«. wollten immer über Geld reden. kann Einzelunterricht bekommen. Bel den Hausaufgaben wird geholfen. »Spielt ihr auch mit denen?«.« »Warum nicht? Gibt es Ärger mit denen aus dem Dorf?« »Nein.« ~iese besseren Bedingungen sind teuer.« »Wir haben kleine Klassen«. »Passt dieser Begriff?« »Eliteschule«. die gut sind und keine Probleme mit Alkohol oder Disziplin haben. sagt sie. Man blickt auf einen Fußballplatz. t I' . dass es Kinder von Leuten sind. in der Neubeuern »Nobel-Penne« getauft wurde. Wenn einer Gucci trägt. Über den Rest werde geschwiegen. Einer ihrer Klassenkameraden sollte schon vor dem Abitur die Firma seines Vaters übernehmen. ' gne eIn an d erer.as In Ordnung. Das Internat teilt sich den mit der Welt dort unten. Wenn die es J'etzt doch schaffen ist es d ' och der Schule zu verdanken. Eher gegen andere Internate. »Jeder wird einzeln gefi"" d ert. es geht um Elite. »Viele hier hätten das Abi aufnormalem Weg nIcht geschafft.

ZIg geworden. wo sie im Sommer mit ihrer Theatergruppe den Sommernachtstraum aufführen will. Die vielen Scheidungen. sieht aber nicht viel älter aus als die Oberstufensch"l er. 150 ich mir etwas kaufen wollte. dass sie viel Geld haben? Was soll denn mit diesen Kindern passieren. Manchmal schon. WIe SIe sagt . Oft käme es nicht vor. richtl' . steigt Rauch aus dem Schornstein einer Fabrik. Nad'me 1st Erzieherin. Ier . sie sitzt mit ihnen am . . Nadine und ihre Jungs. Irgendetwas in seinem Leben wollte er selbst geschafft haben. 1 n er«. wie ich will. Das liegt an ihrem Sweatshirt. oder er fragt. danach beim Aufräumen helfen. weit hinter dem Dorf.ater m d en Arm genommen werden und in Ruhe . erzählt sie. Nadine hat trotzdem in einer Woche Schokoladenfondue mit ihnen gemacht. als wir durch die Wolfsschlucht laufen. t eilwelse noch Ki d '. die vermutlich mehr Geld haben. S' weckSIe morgens.« Unten. das einen fängt. nach Rosenheim ins Multiplex-Kino. acht Jungs zw·ISCh en d reIzeh n und sechzehn. gibt es in Neubeuern Menschen w·Ie Nad'me.. sagt sie.« . klopft garant' t emer und möchte sein Taschengeld . wenn ihre Jungs den reichen Macker raushängen lassen. sagt SIe. soll ich dafür wirklich siebzehn Arbeitsstunden ausgeben?« Jetzt hat sie Schüler. . »Soll ich ihnen daraus einen Vorwurf machen. Das klingt fast kitschig. '.« Weil die Eltern so beschäftigt sind. Und . Der anderen kommt man auf die Spur. in der nächsten haben sie selbst Pizza gebacken. diese Fabrik theoretisch kaufen zu können. Du hast nämlich gar kein Geld. habe ich den Preis in Arbeitsstunden umgerechnet«. Ich zahle dafür. wenn die Eltern achtzehn Stunden pro Tag arbeiten? Sollen wir sie zu Hause sitzen lassen?« Nadine greift durch. Kart fahren. um gut zu leben. F' ' ass SIe Irmen erben werden. Dann sagt einer: »Mach das so. wie es sich anfühlt. die Scheidungen und die Schulprobleme. Zeit triumphiert über Konsum. als Netz. oder 1 Magn' eme p'ck eSlUmtablette. d ass man nur den Reichtum der Eltern verwal'ß ten muss. kann ich mir nicht vorstellen. wenn SIe mal e' h aIb e Stunde nicht nach ihnen sehen me will. Ie t ' . mit ihm über alles sprechen. Das lieben die«.j'i' machen. was er gegen 1 e ' machen soll' »ES smd eben ganz normale Jungs. dass ihre Jungs g ager "bVle Geld hab en. der den Blick über die Alpen öffnet. die ständigen Umzuge.« Einmal pro Woche hat sie mit ihren Jungs einen Gruppenabend. zusammen essen. wenn man wel . dass Geld da ist«. entgegnet sie dann. dass d'Ie Kont. Dafür hätten die Schüler hier aber andere Sorgen. Wie es ist. dem Zopf u und dem bunten Schal. »Als Notausgang. MIttagstisch' sie sch aut. ren ihres St u d'lUms m Kneipen gejobbt. Miriam und ihre Freunde. Die kleine Golfbahn liegt in einem Erker aus.. »Klar ist es gut. »Deine Eltern überweisen die Gebühr. Zuneigung schlägt Geld. SIe weiß.. »Hände dreckig machen.»Du zahlst gar nichts«. Und nie hätten die El" Ie tern Zeit. »Dann habe ich mich gefragt. d' hohen Erwartungen. als sie je wird erarbeiten können. Das ist die eine Realität in Neubeuern. SIe 1st gerade neunundzwan" . bowlen gehen. Nadine hat wäh' d . sagt Miriam. »Eigentlich möchte ich einfach mal von meinem V.en mancher Teenll' u ervo smd d . wenn man in Jörg Müllers Büro zurückkehrt. Hier treffen sich Tradition und 151 . Auch wenn ich mich anstrenge. Sie betreut . sagt emer der Jungs. dass SIe nachmittags lernen. sagt sie. »Wenn . »ihre Jungs«. denke ich.« . . Erst wollten alle nur Events.

Maßgeblich entscheidend für ihren Erfolg sind in jedem Fall die Netzwerke. " man Geld haben muss. Die Fleißigst~n. weil . denke ich und habe langsam das Gefühl. wenn es in AuswaWgespräche ginge. dass der Kreis sich scWießt. was >Elite< heißt. und der Zugriffauf das Altschüler-Netzwerk der Schule.Ie Neub euern verlassen. Auch von ihm will ich wissen. erreichen häug OSItIonen. dass sie sich da b nn esser verkaufen lassen. wie es Tausende in DeutscWand gibt. Trotz ihrer mäßigen Leistungen würden es viele an die privaten BWL-Hochschulen schaffen. an der nur Schüler aufgenommen werden. Ie neue SeIte m' ' ellles BIocks auf.. mer sc wleng. das merken Sie natürlich sofort. . an der sich Elite nur über das Konto der Eltern definiert?« »Dem wurde ICh zunachst gar nichts entgegnen. weil sie einflussreiche Eltern haben und Netzwerke aus Bekannten und Freunden. sind wir sicher nicht. dIe von morgens bis abends lernen und die Schule mit Einserschnitt beenden. den J' eder n ach Bel' b en verwendet? Ich schlage eine . 111 t.« Außerdem seien die Schüler aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung sehr fit. im Nachhinein fest152 zustellen.G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium. Eine akademische E~iteschmiede.« »Was entgegnen Sie dem Vorwurf Neubeuern sei eine elitäre Schule. Das denkt also die Eliteschule vom staatlich gebildeten Pöbel.« Ich habe mehr und mehr den Eindruck dass der Elitebegriff ziemlich dehnbar ist. gehen unsere Schüler mit einer derartigen Situation selbstbewusst und souverän um. Dass unsere Schüler gewandt sind. dass Ihre Schüler gesellschaftstauglicher sind als andere?« »Sicherlich. Das ist mehr ein ganzheitlicher Elitebegriff. um auf diese Schule gehen zu können. Jörg Müll' d e 'h d er. um dem Elitebegriffgerecht zu werden. Ich war aufdem Werner-von-Siemens-Gymnasium. »Kann das mit einem bestimmten Habitus zu tun haben. weil er solche Situationen einfach nicht gewohnt ist. Alle kleben sich das Elitelabel auf. die wir uns wünschen. Die Elite. Während der durchschnittliche I. 'eh' essen Offe nh't mlCh beeindruckt sagt er wisse el . . griff. kommen unsere Schüler in sehr gute Ausgangspositionen.und sch reIbe: Ist das Wort »Elite« unt augli 'ch? d' fi Die " P Schüler.« I. wenn Sie zum Beispiel im Rahmen eines Auswahlverfahrens mit acht Schülern an einem Tisch ein Interview führen. Aber ich muss ein wenig weiter ausholen und fragen. Der graue Siebzigerjahre-Bau war Teil eines Schul153 . die Verantwortungsvollsten und jetzt die aus den besten Verhältnissen. weil sie wissen. sind nicht in erster Linie akademische Leister.Anspruch der Schule. »Es ist im h . ob Neubeuern eine Eliteschule sei.G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium auf seine Schuhe guckt und seinem Interviewpartner nicht in die Augen schaut. »Intuitiv sage ich: Ja. Und weil jetzt immer mehr auf solche Soft Skills geachtet wird und die Universitäten mehr Auswahlgespräche durchführen und nicht mehr so zeugnisgläubig sind. Ein Gymnasium.di 1 nen Ge1 und Einfluss sichern. WIe groß d A ' ' . ob die Schüler so erfolgreich sind. in dem ich die Elite-Definit Ionen sammle ' . er nteii der Schule an diesen Erfolgen seI. die sie in Neubeuern knüpfen. An die EBS in Oestrich-Winkel zum Beispiel. Aber ist das "b Wort »Elite « dann u erh aupt sinnvoll? Was nützt ein Be. den wir uns vorstellen. . Ich schlucke. Allein diese Tatsache reicht jedoch bei Weitem noch nicht aus.

gehört sein Leben lang dazu. dem ich von meinem Besuch in Neubeuern erzähle. Die Aktion hätte die Kapelle entweiht.« Naiv also. Der einzige Protest kam von einigen religiösen Schülern.« Dann erst seien einige gegangen. Die Schüler reagierten eine endlos lang scheinende Zeit gar nicht. welche Branche. keine Candle-Light-Abende. wenn alle Menschen die gleichen Chancen hätten. Jeden Morgen sind wir auf die blassblauen Fenster zugeradelt. Wir hatten keine Rhetorik-Kurse wie die Neubeurer. sie kommen jedes Jahr zum Sommerfest. erzählt mir ein Lehrer. um Deutsch. ob es im Ausland oder in Deutschland sein soll. Die Welt ist weder gerecht. die meisten hingen in ihren Stühlen und ließen das Ganze über sich ergehen. ob es ihm dabei so geht wie mir. Eine halbe Stunde. und vor allem hatten wir keine prall gefüllten Bücher. Miriam und ihre 155 . sagt. Das gewisse Etwas aber nicht. Was wirfst du denen vor?« In der Woche vor meinem Besuch in Neubeuern gab es einen Mini-Eklat in der Kapelle. bei denen wir den Umgang mit Besteck und Small Talk üben konnten. um ein nettes Wort zu benutzen. ihr Netzwerk und ihre Beziehungen zu nutzen? Kann ich nicht sagen. Ich möchte von Jörg Müller wissen. würde da richtig debattiert. ließen per Kassettenrekorder das Pfeifen aus dem Film »Kill Bill« in einer Dauerschleife ablaufen und schwiegen. Selten. »Berührt das Ihr Gerechtigkeitsempfinden. Die Neubeurer sind eine große Familie. naive Sozial154 fantasie. Mathe und Englisch zu lernen. Sie seien passiv. Das sagt später auch ein Freund. In zwei Wochen soll es losgehen. dass es schön wäre. sie feiern ihre Hochzeiten auf dem Schloss. »schaut die Schulleitung in das Buch. aber die widerspricht ja jeder Realität. »So funktioniert die Welt. »und zog den Stecker des Rekorders raus. Das Internat trifft sich. Das sei typisch für die Schüler hier.zentrums und lag zwischen Bahnlinie und Umspannwerk. erzählt mir der Lehrer. wäre es natürlich schon eine. würden alles mit sich geschehen lassen. Deshalb setzten die Schüler der Theatergruppe sich in eine Stuhlreihe. dass Ihre Schüler Chancen haben. Was hätte also die Welt davon. noch sind die Chancen gleich verteilt. fragt. Das Netzwerk hält und hilft. und dann bekommt man die Nummer. klagt der Lehrer. So wollte man die Konsumhaltung der anderen persiflieren. über das gesprochen wird. dass ich da ein schlechtes Gewissen habe. Die Abendansprache ist eine Art Zusammengehörigkeitsveranstaltung. Nadines Theatergruppe hatte ein Happening für die Abendansprache geplant. wenn unsere Schüler darauf verzichten würden. Wer hier den Abschluss macht. hatte Miriam erzählt. »Wenn man ein Praktikum machen will«. »Was hast du erwartet?«. Es war ein Platz. fragt er. Man ruft da einfach an. an dem sich strebsame Mittelschichtkinder ein glänzendes Abitur erarbeiten konnten. ein paar Schüler und Lehrer bereiten ein Thema vor. »Irgendwann sprang einer aus der neunten Klasse auf«.« »Warum nicht?« »Selbst wenn ich der Meinung wäre. aber es ist natürlich kein Problem. Du kannst kommen. die andere nicht haben?« »Nein. was ich auf theoretischer Ebene bin. Dann sagt der Altschüler: Passt zwar gerade nicht.« Die Altschüler geben eigene Zeitschriften heraus. sagten sie. ich möchte ein Praktikum machen. in denen die Namen von einflussreichen Altschülern gesammelt werden.

»Vielleicht das Rauchverbot in Kneipen wieder abschaffen?«. hatte sie geantwortet und musste sich dann der Verleihung widmen. Jeder Schritt lärmt. weil er selbst angeblich zu freizügig war.Freunde hatte ich gefragt. nicht über Herkunft und Beziehungen definiert? In die jeder aufsteigen kann? Wer von Elite spricht. hat der Soziologe Michael Hartmann gesagt. da war das anders. Geld. ten bekommen heute Buchgeschenke. Man denkt da eher an sich selbst. »Da kennen wir uns nicht so aus«. auf den warten Einfluss. redet immer auch von einer Teilung der Gesellschaft.Nationalpolitische Erziehungsanstalt.« Erzähl du mal schön von früher. das sehe ich nicht oder zumindest nur bei den allerwenigsten. dass das sehr gut passt und dass man weiterkommt. für eine bessere Welt zu kämpfen. raus in Richtung Alpen und ärgere mich. Das Internat Neubeuern war Heimat liberaler Adliger. Im Dritten Reich wurde die Schule deshalb geschlossen. sagen sie. Aber eine Lehrerin 156 bleibt schließlich doch stehen. »Nein«. in denen es um Gerechtigkeit ging. die wir brauchen? Die sich über Können. »Da haben sich die Kinder gegen ihre Eltern aufgelehnt.. plötzlich weltfremd. die Seidentapeten. hatte einer schließlich gesagt. Und heute? Die Lehrer haben jetzt eigentlich gar keine Zeit zu reden .« Dann haben alle gekichert. Trotzdem werden sie auch in Zukunft an ihrem EliteInternat niemandem die Aufnahme wegen mangelnder gesellschaftlicher Verantwortungsbereitschaft verweigern. frage ich. Er ließ den Schülern jede Freiheit und musste gehen. opponiert. die ich noch auf meinem Zettel hatte. hatte ich die Lehrerin zum Schluss gefragt. Aber für sich selbst und nicht für andere. Ein Neubeurer starb im Widerstand.« »Es ist doch wohl normal. eine »Napola« . bis wir im Festsaal der Schule angekommen sind. Wer zahlen kann. das man sehr wohl zu arrangieren und anzupassen weiß und wo man die Rahmenbedingungen für sich so gestalten kann. Der Boden erzählt. und ich fand die Fragen. protestiert einer der Schüler. »Das politische Denken. Und das Gerede von der Leistungselite. Sie wird nicht aufhören zu sprechen. »Sicher«. Wer dazugehört. »Müsste eine Elite nicht Verantwortung für andere übernehmen?«. Da hat die Jugend versucht. »Sind Ihre Schüler politisch?«. »Konservativ und unpolitisch. Gesellschaft zu verändern. Im Unterricht der Oberstufe frage ich drei Abiturienten. blicke auf die goldverzierten Spiegel. denke ich. Erfolg und Geld. Die Nazis errichteten hier eine ihrer Kaderschmieden.« »Ärgert Sie das nicht?« »Ärgern ist immer so eine Sache. hatten sie geantwortet. ob Politik in Neubeuern eine Rolle spiele. »Oder Weltfrieden. S' mussen zur Schulversammlung. dass Kinder in diesen Fragen ihren Eltern folgen«. darf dazugehören. Er wollte Hitler töten. »Es gab mal eine Zeit. »Ihr seid politisch so homogen«. platzt es plötzlich aus ihrem Lehrer heraus. sagen die Gesichter. an das eigene Leben. zu beeinflussen.« Der Lehrer klingt jetzt wie ein Märchenonkel. Zum Lehrerzimmer laufe ich über uralten Holzboden. Das mit der Leis157 . was sie in Deutschland gern ändern würden.« Ich sitze ganz hinten im Festsaal der Schule. mit dem auch die Internatsgebühren für die nächste Generation gezahlt werden können. das eigene Verhalten möglichen Idealen anzupassen. In den Siebzigern kam ein antiautoritärer Direktor. Die Klassenbesle .

»Ich mag das.tungselite. Und der auch. von oben bis unten mit Nobel158 Labels behängt. das silb~rne. die Teenager kontrollieren zu müssen. weil sie so sehr unter der »WoWstandskrankheit« leiden. Ein Nachtwächter geht von Raum zu Raum. Miriams Dienst beginnt.« Um acht Uhr wird an diesem Abend das Schülercafe aufgescWossen. Selbst auf den Privatschulen in München seien ja schon Türken. das rechte. von Dolce & Gabbana. Wenn nicht die beiden Portemonnaies auf dem Tresen wären. Hinter ihnen hält ein Paar Händchen. Per Beamer wird hier gerade der Blockbuster »Fluch der Karibik« gestartet. Diener decken morgens. sagte der Neubeurer. Miriam und eine Freundin zeigen mir die Lehrerfotos im Jahrbuch der Schule. Benni und Moritz gehen mit der Pizza in den Nebenraum. Um 22 Uhr 30 werden die Schüler in ihren Flügeln eingescWossen. dass die Erwachsenen meinen. Die Schulleitung erinnert gerade an den FundraisingBall. Ich fahre nicht zum Rosenberg. meinte er. auch nicht zum Genfer See. schimpfte sie. Dort kostet das Jahr 40000 Euro. Nur weil sie dazugehören. Neben der Antriebslosigkeit. Selbst die Internatsschüler mit den idiotischsten Ansichten werden es wohl immer nach oben schaffen. was ich selber machen kann«. Danach bereitet sie eifrig einen Käsetoast zu.und besitzorientierte Schüler und Eltern. Reiche Kinder. Extrem geld. »Fahren Sie mal dorthin« ' hattem"Ir emer m Neub euern empfohlen. Hier werden seit drei Jahren ein paar Schulen per Kamera überwacht. die die Schüler an beiden Enden der Gesellschaft teilen. ein Rolls-Royce und ein Cadillac. um die bestehenden Zustände zu festigen und zu legitimieren. der mangelnden Disziplin und dem Wunsch nach Anerkennung ist dies eine weitere Erfahrung. wenn die Leute etwas kaufen. nat auf dem Rosenberg. sagt sie. Erst verkauft sie den Jungs eine Salami-Pizza. .« Es ist ein Abend in einem ganz normalen Schülercafe. sei ein Mythos. auf dem ScWoss. zeIgen wurden. In einem Artikel lese ich. »Black Tight wird verlangt. Da schnappt die Neidfalle WIeder zu. Zum Inter. Es sei hochwertige Luxusverwahrung. in die Kaufbeurer Straße. sondern kehre nach Kreuzberg zurück. »Wie in Istanbul ist es da«. dass er offenbar recht hat: Um 19 Uhr müssen die Kinder dort auf ihre Zimmer. dass manche Schüler in Neubeuern diese Erkenntnis nicht akzeptieren würden. »Der ist ein Teufel. Das Internat will Geld für ein Wireless-LAN-Netz sammeln. die nur noch per Videoüberwachung gebändigt werden können. der am nächsten Wochenende stattfinden soll. Offensichtlich ist das Vertrauen in die Jugendlichen ganz oben und ganz unten so gering. mittags und abends die Essenstafeln. Ein Mädchen aus der Oberstufe hatte beim Mittag verächtlich von einem Ausflug in die Münchner Innenstadt erzählt. Da seien die die ihren Reichtum wirklich"" ' . Tut das mit erkennbarer Freude. Auch für die Schüler sei Abendgarderobe verpflichtend. Videokameras sind allgegenwärtig und sorgen dafür. Ich glaube nur. Die Jungs setzen sich in die erste Reihe aufs Sofa. die dort stattfinde. Ganz anders als hier. Das linke ist von Louis Vuitton. Ihr werdet Dienst am Champagnerempfang haben. heißt es. Der auch. Wegen eines Gutscheins habe sie zu Saturn gemusst. dass die Kinder in ihren Zimmern bleiben. Zum Fuhrpark gehören ein Bentley. wo sie sonst nie hinginge. Ich steige die Treppe ins Dorf hinab und denke über die Schweiz nach. Weil sie 159 .

Knie an Knie mit meinem Gegenüber in der Vierersitzgruppe. daran hatte ich nicht gedacht. dass meine Neugier von einer ungeheuren Abneigung erdrückt wird. 161 160 . auf Köln-Berlin in gut vier Stunden verzichten wollen? Bestimmt nicht. Nirgendwo sonst auf meiner Reise hatte ich das Gefühl. finde ich alles andere als naiv. Auch ich kann Ungerechtigkeiten ganz gut ertragen. die Wut herunterzuschlucken und zurück zum Thema zu kommen. die Eliteschnellstrecken aufgeben? Würde ich. Jede Stunde kommt der Kaffeemann vorbei. Aber es gab im vollen Zug keinen geeigneten Platz für ihn. denke ich abseits aller Elitefragen noch lange an Miriam und die anderen. das heißt. froh über meine kurzen Beine. wo das Netz ausgedünnt wurde. die Füße auf der Stütze am Sitz des Vordermanns. Weihnachten in der Schweiz Ski zu fahren oder zum Familienurlaub nach San Francisco oder Sydney zu fliegen. mich zu bremsen. Würde ich für ein Zurück in die Zeit vor der Reform. die sich durch den Besuch eines teuren Internats begründet. hatte ich mir bislang immer sehr schön vorgestellt. Und ihnen das vorzuwerfen. damit die Provinz bessere und häufigere Verbindungen erhält. Wie jede Reform teilte auch die der Bahn in Verlierer und Gewinner. Halt. sich etwas zu erarbeiten. wo Bahnhöfe geschlossen und Strecken stillgelegt wurden. Die Gewinner wohnen in Großstädten. Dort. Die Suche nach der Elite. notiere ich betont sachlich: »England gibt es auch in Deutschland.sich Elite nennen. dass man kaum Antrieb hat. auch hier findet sich eine Elite. wo die schicken Hochgeschwindigkeitslinien zusammenlaufen. Ich finde es falsch. Dass richtig reich sein auch heißt. Im vergangenen Jahr bin ich Tausende von Kilometern mit der Bahn gefahren. Seit die Bahn nicht mehr von Beamten verwaltet wird.1« die Bahnfahrer abfällig. meinen Körper wieder auseinanderzufalten. ist dieses Proletariat gespalten. Die Verlierer leben in der Provinz. Zum ersten Mal während meiner Recherche habe ich das Gefühl. dass die Abgänger Plätze in der Gesellschaft einnehmen werden. Reich sein. wenn die ICEs im Stundentakt durchs Land jagen. Richtig reiche Eltern zu haben. ist die Gleichmacherei in der Schienenwelt vorbei. als noch alle Züge gleicher waren. »Ergebnis des Besuchs im Internat Neubeuern«. dass man die eigenen Eltern wohl nie übertrumpfen wird. Neben meinem Knie die Dose für den Laptopstecker. wenn Flüsse. wenn sie mir nützen. »Mobilitätsproletariat« nennt ein Vielflieger aus John von Düffels Theaterstück »Elite 1. Ich bin eine Reformprofiteurin. Eine gefühlte Ewigkeit habe ich im Regionalexpress gesessen. das hieß für mich. Nachdem ich die Wut über das ausländerfeindliche Mädchen bewältigt habe. dass man verglichen mit den Erfolgen der Eltern oder Großeltern eigentlich nur eine Enttäuschung werden kann. ermahne ich mich selbst. dass sich die Schule Elite nennt. TRADITION ZU VERKAUFEN Ich stehe in überlingen am Bahnhof und versuche. die sie ohne das Geld der Eltern und den Namen der Schule nie erlangt hätten. Mein Koffer versperrte den Gang. dass sich das Elitelabel so einfach kaufen lässt. Ich versuche. Ich mag es.« Neubeuern ist Heimat der Reichen. Felder und Windräder vorbeifliegen.

»Vielleicht hätte es dir dort gefallen«. so ist es auch in Überlingen. Mein Vater brauchte Stunden. Heute öffnet das Internat seine Türen. . in dem die Abiturienten wohnen. So war es in Neubeuern. sich diesen Samstag frei zu halten. Danach fluchte er über Apotheker und Unternehmer. Hinter dem Bahnhof liegt die Überlinger Altstadt. Der Kleine neben mir ist nervös. Sie mochte das Kloster direkt am Bodensee.«. Sie trugen Hockeyschläger. Ich habe beschlossen. Als ich mich weiter umschaue.« Tradition eben. um sich von diesem Sozialneidanfall zu erholen. die ihren Kindern ~ine heile Schulwelt kaufen könnten. um Kunden für die Zukunft zu werben. sehe glattes Wasser.« Auch mein Vater las den Prospekt. dahinter ein paar Berge. Dann werden sie entscheiden. Ich will die Internate als »Schule der Elite« nicht abhaken. sagt die Rektorin der Internatsschule Salem gerade. Sie sahen aus wie die Jungs auf den Fotos aus England. . In einem Prospekt der Schule habe ich zwei Fotos gesehen. begeisterte sie. durch die Burg für die jüngeren Schüler und das Schloss über dem Bodensee. »Ein Monat kostet 2375 Euro«. vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Ich blinzle in Richtung Sonne. einen zweiten Versuch zu wagen. Und jetzt bin ich hier im ehemaligen Kloster des Zisterzienserordens Salem. sagte meine Mutter. dass auch 163 I I" i .und überlegte. das weiß ich aus etlichen Berichten in meiner Elite-Artikelsammlung. das Fluchen meines Vaters und die vorsichtige Begeisterung meiner Mutter im Hinterkopf. dem Markgrafen von Baden. verspricht vor allem Tradition und höchste pädagogische Qualität. Sein Vater checkt noch ein letztes Mal die E-Mails. dass die Eltern auch noch 30 Prozent des Schulgeldes von den Steuern absetzen könnten. für die Salem steht. dass wir diesen Raum nutzen können«. ob sie in die Schule investieren. er. nachdem er an allen anderen Schulen Schwierigkeiten gehabt hatte. Insgesamt sind etwa zweihundert Familien in die Kapelle gekommen. »Das sind fast 30000 pro Jahr. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Dort. Sie werden sich durch das Kloster führen lassen. wo Deutschland richtig schön ist. in dem Internatsschüler wohnen. schließlich wurde sie in den siebziger Jahren zur Lehrerin ausgebildet. Auf dem Weg kamen uns drei Jungs mit erhitzten Köpfen entgegen. nef er mit hochrotem Kopf. was Salem ihrem Nachwuchs zu bieten hat. ob nicht der Sohn des Inhabers unserer örtlichen Supermarktkette 162 dort war. »Wir danken Seiner Königlichen Hoheit. f' . Die Reformpädagogik. wandte ich ein. »Das bezahlen dann Wlf. Er empörte sich daruber. Ich hatte meiner Mutter vorher den Prospekt von Salern gezeigt. vor mir ein Ehepaar mit seinem Sohn. dass bei kleinen Klassen und intensiver Betreuung jeder Zum Abi gehievt würde . Neben mir auf der Bank sitzt ein Vater im Joop-Mantel mit seiner Teenagertochter. sehe ich.. aber Salem. 1920 hat Prinz Max von Baden dieses Internat eröffnet. Die Schuluniform fand sie schlicht und schön. Darunter stand geschrieben: »Der traditionelle Morgenlauf 1935 und heute. thront über Dörfern und Kleinstädten stets ein Schloss.f Heute ist einer der ersten warmen Frühlingstage. Neubeuern mag vor allem ein Ort des Geldes sein. dafür. Ein Schüler in Uniform hat mich in die Kapelle geführt. dahinter der Bodensee. Dann schimpfte . Er ist noch ein Kind. Bestimmt war es nicht einfach für ihn. An diesem Tag werden sie hören. bevor ich nicht die Elite aller Elite-Internate gesehen habe.

Immer wieder blickt sie auf den Zettel. Sie führt gleichermaßen eifrig wie desinteressiert. Auch heute haben Internatsschüler wieder schwarz-rot-goldene Fahnen vor die hellgelbe ScWosswand gehängt. ob mein Vater oder meine Mutter recht hat. frage ich. in dem die Salemer Oberstufe lebt. 164 Ich weiß nach dieser Werbeveranstaltung nichts über das Leben im Internat. »Frag doch auch etwas!«. Es hätten sich zwei Schüler gefunden. dass man ihre Kinder mit Disziplin und Leidenschaft erziehen wolle. Hinten ist der Krankentrakt. Hier die alte Turnhalle. »Wie ist es. gelingt. »Eine Trias von Tugenden . sagt der Vater des Mädchens. Als ich am Tag der offenen Tür hier war. »Wir machen das alles für dich. die mit mir über Elite reden wollten. hat sieben Salemer Gesetze formuliert. Kurt Hahn. dass die jüngeren Schüler vor zwei Wochen ein Stück auf Lateinisch aufgeführt hätten. ob Versprechen und Realität in dieser Schulform in Einklang zu bringen sind.Wahrheitsliebe. was Eva und der Schulsprecher tatsächlich über Eliten denken. und bekomme einige Wochen später eine neue Einladung.»in euch steckt mehr«.« Dass das in einem Internat. Nicht. dass auch nach dem Tag der offenen Tür noch Fragen geblieben seien. hier zur Schule zu gehen?«. Nur ein dumpfer Zweifel bleibt. lobt der Schülersprecher. lerne ich. was an den schönen Sprüchen der Verantwortlichen dran ist. Nachdem zitiert und geworben wurde. auf den Arm hat sie mit Kuli eine Matheformel geschrieben. das fast 30000 Euro pro Jahr kostet und seine Schüler in Burgen und Schlössern beherbergt. und der Leiter der Mittelstufe zitiert den Reformpädagogen Kurt Hahn. Wenn er seinen Sohn hier anmeldet. Aber es ist Verwahrlosung. hingen neben einigen Zimmerfenstern des Jungentrakts Deutschlandflaggen. der Reformpädagoge. den Mitbegründer des Internats: »Es ist Vergewaltigung. durch die sie ihrer verborgenen Kräfte gewahr werden können. sagt Eva. Mut und Verantwortung . Schulleiterin Eva Marie Haberfellner verspricht den Eltern gerade. Die Treppe rauf zum Speisesaal. bei ihrer Führung nichts zu vergessen. Die Ausbildung sei elitär. Vor dem Schloss.steht als Leitbild über Salem«. das mit mir rumgeführt wird. Ich schreibe der Internatsleitung. Noch immer irritiert mich das.« »Lass mich«. »Gut«. »Plus est en vous«. schlagen sich zwei Mädchen auf den schuleigenen Tennisplätzen ein paar Bälle zu. das sei der Wahlspruch der Schule . Sie hat lange dunkle Haare. Das letzte lautet: »Erlöst die Söhne und Töchter reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiertheit. sagt sie. nicht. nicht. den sie bekommen hat.der Vater neben mir noch mit seinem Blackberry hantiert. bemüht.« Das klingt nach den Träumen meiner Mutter. faucht sie und schweigt. Stolz erzählt sie. an den ständigen »Nie-wie165 . wird der übrigens auf dem Klostergelände kein Handy benutzen dürfen. ihnen nicht zu Erlebnissen zu verhelfen. DIE POLITIKER VON SALEM Das Arrangement kenne ich schon. glaube ich nicht. Vielleicht liegt es an meiner Erziehung. Kinder in Meinungen hineinzuzwingen. Also kehre ich noch einmal ins Schloss zurück. Eva ist gerade vierzehn geworden. links geht es zum Mädchenflügel. sollen die Schüler das Kloster zeigen.

festlich gekleidet in Anzug und Blazer. diese als Träger nationalistischer Keime zu meiden? Sind die Flaggen neben den Fenstern der Schüler harmlose Zeichen eines inzwischen wieder normalen Stolzes. akkurat gebügeltes Hemd entschieden hat. Oliver ist eher der Charismatiker. auch die Zeile 167 . Zeichen eines normalen Nationalstolzes. Also trafen sich dreißig Schüler. Sie seien eben vernünftig und politisch mit ihren Eltern auf einer Linie. dass sich jemand bewusst und stolz »Elite« nannte. Die zwei sind die Politiker des Internats und von den anderen Salemern ins Schülerparlament gewählt worden. dann stehe ich auch nicht dahinter«. dass CDU und FDP hier bei einer Testwahl auf 80 Prozent gekommen seien. und deswegen muss ich da nicht revolutionär wirken.« Im Jahr 2001 stritt das Internat Salem ein Jahr lang darüber. Nur eins 166 noch. Die beiden gehen in die zwölfte Klasse. Damit ist das Thema für sie erledigt. Zeichen eines eher alternativen Stils. sagen sie. sagen sie. Die Feier begann harmlos bei Würstchen mit Kartoffelsalat. Die Flaggen hätten nichts weiter zu bedeuten. es wird nichts aus ihm und auch nicht aus seiner Ansicht. Wenn man Philipp. Sie wollten sich nicht idiotisch benehmen. Das lehnte die Leitung ebenfalls ab. nachvollziehen. »Wenn mein Vater mir seit achtzehn Jahren predigen würde. Der Journalist Jan Christoph Wiechmann rekonstruierte den Abend für den Stern nach einer Reihe von Gesprächen mit Schülern. »Aber ich kann die Einstellung. bei Bier und Jägermeister. nur weil sie achtzehn seien. Wollen wir diese Traditionen wiederbeleben? Oder war es gut und nötig. Damals wollten die Schüler. oder sind sie der Beweis eines völlig falschen Traditionsverständnisses. dass sich beim Anblick schwarz-rot-goldener Fahnen sofort meine Nase kräuselt und mein Gehirn »Nationalismusverdacht« schreit. Auch den Tag der Deutschen Einheit wollten die Schüler feiern. Seine verstrubbelten braunen Haare. Flaggen und Uniformen. Patriotismus und Eliten. beides Insignien der Konservativen. Und dass hier auch keiner was davon hielte. die PDS oder die NPD. Er ist Präsident des Schülerparlaments. Die Schulleitung lehnte ab. zu einer Privatfeier. der die Haare streng zur Seite gegeIt trägt und sich heute Morgen für ein rosafarbenes. die sind es. Es ist derselbe Reflex. kombiniert er souverän mit einem kunstvoll gebundenen Armani-Schal und einem Paar Lederslipper.I i der«-Warnungen meiner Eltern und Lehrer. dass am Eingang des Internats dauerhaft die Deutschlandflagge gehisst werde. erklärt mir Oliver. der sich regte. Sie erzählen mir. wie mit dieser neuen konservativen Schülerschaft umzugehen sei. sich zu zehnt auf einen Bahnhof zu legen und zu schreien. wo die Fahnen hängen. von der Schulbank direkt in einen Bundestagsausschuss beamen würde. sagen sie: Die Salemer seien schon anders als die eher linke Schülerschaft an vielen staatlichen Schulen. das jederzeit in Richtung Nationalismus kippen kann? Oliver und Philipp können diese Fragen bestimmt beantworten. Die Schüler revoltierten auf ihre Art. Dann stimmten einige die Nationalhymne an. Sie seien Normalität. Sie wohnen genau in dem Trakt. die mein Vater mir vermittelt. Oliver spricht lauter und selbstsicherer als Philipp. Sie hängten an einem Morgen im Februar aus allen Fenstern Schwarz-Rot-Gold. dass man gegen Nazis sei. fiele er sicher nicht weiter auf. Sie sangen alle drei Strophen. und ich sehe. als ich in Griechenland zum ersten Mal hörte. Eher konservativ.

Die Schüler spielten eine selbst gebrannte CD mit einer Hitler-Rede ab. Wie viele meiner Freunde bin auch ich dazu erzogen worden. Er mahnte. zu hinterfragen. Doch wer heute.« In einigen Bereichen.« Ein Mangel an Disziplin. »endlich aus dem Schatten der Geschichte herauszutreten«. Und auch die Flaggen neben dem Zimmerfenster scheinen niemanden mehr zu irritieren. Das kränkt mich. sondern reflexartig zu befolgen. die der der Rebellen von 2001 durchaus ähnelt. reagierte damals entsetzt auf diese Wiederentdeckung des Nationalstolzes. Pflicht. legitime Macht als Autorität anzuerkennen. dass er das Handeln unserer Eltern verurteilt. aus ihm einen liebesund arbeitsunfähigen. Viele irrten »ziel. Wer Haschisch geraucht hat. DeutscWand über alles«. verkündet Bueb. der bereit ist. uns für relativ misslungen hält. statt zu akzeptieren. die Flaggen. Inzwischen feiert Salem den Tag der Deutschen Einheit offiziell mit einem festlichen Essen. Dr. meint Bueb. Wenn ich Bernhard Buebs Buch lese. nennen das die Schüler. merkt. formal dinner. dass nur der den Weg zur Freiheit erfolgreich beschreitet. um »die Gesellschaft wachzurütteln. Die Rückbesinnung auf alte Werte ist im Internat offenbar zu einem guten Teil vollzogen. vieles an diesem Abend sei falsch gelaufen. für grundsätzlich falsch hält. statt zu folgen. dass Kinder und Jugendliche wieder lernen müssten. einer persiflierte den HitlerGruß. sagt Bueb. zu diskutieren. der von 1974 bis 2005 Leiter der Schule war und den Schrecken des Dritten Reichs noch als Kind erlebt hatte. 169 . Er kämpft vor großem Publikum für eine Renaissance der Disziplin. Auch Bueb will mit einem der Prinzipien der Achtundsechziger aufräumen. ja ein Kind psychisch krank« machen. »Wir müssen uns dazu durchringen. Er hat im Alter eine Mission gefunden. Dr. Seine Forderung. Bueb fordert.und führungslos« durchs Land. Er schreibt: »Wir müssen wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren. Bernhard Bueb ist inzwischen Pensionär und steht den Internaten Salem und Neubeuern nur noch beratend zur Seite. Bernhard Bueb. wieder eine Jugend zur Gefolgschaft zu erziehen. Anzüge sind an diesem Abend nun nicht mehr Provokation. Sie meinten. in ihrem Atem nach Alkoholrückständen gesucht. Er entließ einen der Anführer. Trotzdem hätten sie das Recht. er strafte. provokante Aktionen seien nötig. wie in Neubeuern. Sie lachten über den Führer. Nachher sagten die Schüler. habe ich den Eindruck.»Deutschland. die Macht Gottes. statt blind zu gehorchen. selbst zu denken. die Macht des Staates und die Macht der Erziehungsberechtigten. er untersagte lange . im Urin der Schüler nach Drogenresten. nach Salern kommt. sechs Jahre später. nach denen wir erzogen wurden. sondern . »Der Erziehung ist vor Jahrzehnten das Fundament weggebrochen: die vorbehalt168 lose Anerkennung von Autorität und Disziplin«. Regeln nicht ständig zu diskutieren und zu hinterfragen. um abzurechnen mit den Achtundsechzigern und der Holocaust-Hysterie«. klagt Bueb in seinem Bestseller »Lob der Disziplin«. könne »ein ganzes Leben aus dem Lot bringen. sich unterzuordnen. neurotischen und ichzentrierten Menschen machen. könne Kindererziehung sich daher durchaus an der Abrichtung eines Hundes orientieren. dass er viele Prinzipien. In Salem wird. dass die patriotische Rebellion nicht folgenlos geblieben ist. macht mir Angst. »Disziplin wirkt heilend«.

dachte ich.fliegt sofort. »Mit Disziplin«. dem neuen Gefallen an den Farben SchwarzRot-Gold und eben dem Wunsch nach Eliten hervorgerufen wird. die mir gerade gegenübersitzen. Das war schon immer mein Ziel. »Und wer Kaugummi kaut. Philipp. der Schulpolitiker. sei Konsens. schreibt Matthias Altenburg in der Zeit. sagt mein Freund Tom mit knarzender Stimme. Bernhard Bueb bekommt für seine Thesen viel Applaus. Zumindest die. »Die Schüler stehen wie so ein Haufen Arbeitnehmer gegen den bösen Chef. wie Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formulierte. und Philipp. wollen jetzt ganz in Buebs Sinne ihre Schulverfassung ändern und einen Teil der ihnen in den siebziger Jahren übertragenen demokratischen Rechte freiwillig zurückgeben. 170 Ganz anders seine Salemer. dieses System »produziert eine Gewerkschaftsmentalität. wird erschossen«. rufen wir: »Und wo ist das geendet? Im Faschismus!« Aber was will man von uns mit wenig Härte Erzogenen auch erwarten. als höflich. wie Oliver betont. Ein aufrechter würde sich auflehnen. in den Krieg ziehen und. Bueb schreibt. der jetzt schon weiß. den Positionen seines Va171 . aber auch grausamen Zielen dienen und sollte nie Selbstzweck sein. wenn Bueb wieder loslegt. Oliver. »Und wo ist das geendet? Im Faschismus!«. rief ein anderer Talkshowgast da erbost. es fördert Egoismus und Spaßhaltung«. Ein disziplinierter Schüler müsste schließlich auch diese Regel schlucken. Und jedes Mal. ihm zu folgen. feingeistig und klug beschreiben. als spräche er direkt aus einem Volksempfänger.skurrilerweise . die von Patriotismusdebatten. Beides sei verkehrt. dass sich nicht nur Salem. so wie Arbeitnehmer nach mehr Lohn schrien. Stimmt aber nicht. sagt Oliver. als er für Führung und Gefolgschaft und . Schon bald solle es das erste Leadership-Training in der Oberstufe geben. »alles hart erarbeitet hat«. sagt er. dass er mal zu den Unternehmensberatern von McKinsey möchte. Philipp und Oliver. gibt ihm recht. Sie kann wunderbaren.für eine Rückbesinnung auf die Regeln der Pfadfinder warb. was Bueb mit »Gewerkschaftsmentalität« meint. Endlich wirtschaftsfreundlicher muss es werden. in dem Falle die Schulleitung. den Menschen. »Kinder.« Auch das. Er. bei Sabine Christiansen eine Stunde lang thesengemäß streng zu schauen. nur wenn er Wiederholungstäter ist. dass Salem in fünf Jahren international führend sei. sondern auch das Land verändern muss. Mit Disziplin kann man den Regenwald abholzen. forderten die Schülervertreter stets höhere Promillegrenzen. Und aus den Schülervertretern. der später ins Marketing einer großen Firma will. Deshalb gäben sie also einen Teil ihrer Selbstbestimmung ab. Oliver ist Sohn eines sehr reichen Vaters. Wer trinkt. schaffte es.« Statt dafür zu kämpfen. ist überzeugt. erklärt mir. »kann man ein Haus bauen. wollten sie »Führungspersönlichkeiten« machen. Disziplin ist eben eine Sekundärtugend. Bueb tourt durch Talkshows. Und sind aus Prinzip immer gegen alles. die ihm begegnet sind. haben Buebs Thesen begriffen und sind bereit.« Dann haut mir Oliver ZaWen um die Ohren. die beiden Schulpolitiker. Es ist dieselbe »Das-wird-man-doch-mittlerweilewieder-sagen-dürfen«-Begeisterung. Ein wilder Mix aus WaWprogrammen. »Damit DeutscWand wieder Perspektive hat. >ein Konzentrationslager führen<. sagt mein Freund sarkastisch. der sich. Geige spielen lernen und einen Fünftausendmeterlaufgewinnen. besinnt euch auf die Pfadfinder«.

ters und liberalen Stammtischthesen. Alle zwanzig Tage, klagt er, sei in Deutschland irgendwo eine Wahl. Deshalb mache die Politik nur, was die Menschen hören wollten. Wenn in Deutschland einer arbeitslos wird, braucht er, laut Oliver, im Durchschnitt ein bis zwei Jahre, um eine neue Stelle zu finden. In Amerika neunzehn Tage. Weil Amerika keinen Kündigungsschutz habe. Mit den Arbeitslosen gehe Deutschland sehr großzügig um, zu großzügig, meint er. »Ich finde, je mehr die Leute unterstützt werden, wenn sie nichts machen, umso mehr machen sie nichts. Stellen Sie sich vor, ich sitze hier mit meiner Freundin und kriege 240 Euro pro Monat. Oder ich gehe arbeiten und bekomme auch 240. Ist doch klar, dass jeder hier sitzen bleibt. Kriege ich aber beim Sitzen mit meiner Freundin nur 40 Euro pro Monat, kriege ich aber 240 Euro, wenn ich arbeiten gehe, dann bin ich doch beim Arbeiten, auch wenn es Tellerwaschen ist.« Oliver lacht und sagt, ich würde jetzt bestimmt denken, dass hier reiche Schüler schlecht über Arbeitslose reden würden. Dass das alle Klischees und Vorurteile bestätigen würde. Aber er betrachte die Lage objektiv, sagt Oliver. Ich schaue ihn an, höre ihm zu und male Kringel auf meinen Block. Nach Dutzenden Gesprächen mit der Nachwuchselite habe ich langsam das Gefühl, die immer gleichen Antworten auf meine Fragen mitsteppen zu können. Die Deutschen seien neidisch und viel zu negativ und unbeweglich, klagen auch Oliver und Philipp. Auch sie sind Mitglieder bei Schwarzekarte, dem Internet-Netzwerk, in das mich Alexander geschleust hat. Auch sie werden, wenn sie das Internat verlassen, ein Büchlein mit den Namen der Altschüler bekommen. Dreitausendsechshundert seien das im Moment, sagt Philipp, alles Topleute,
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findet er. »Da hat man dann ein Netzwerk von Freunden, aber auch Erleichterungen beim Berufseinstieg.« Und auch auf meine Frage, ob denn Salem eine Eliteschule sei, höre ich die Erklärung, die ich schon aus Neubeuern kenne: »Wenn ich jetzt nur das Schulische betrachten würde«, sagt Oliver, »würde ich klipp und klar sagen: Wir sind keine Eliteschule. Wir sind öfter unter dem Durchschnitt hier. Im akademischen Sinne.« »Und in welchem Sinne seid ihr Elite?«, frage ich auch sie. »Ich würde sagen, weil wir im Gegensatz zu anderen Schulen versuchen, den ganzen Menschen zu bilden und nicht nur fachlich. Ich denke, das macht das Elitäre hier aus. Das bildet einfach eine Gesellschaftselite, diese Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.« Mut, Verantwortung, Wahrheitsliebe, sagen sie - das seien die Tugenden, mit denen Menschen zur Elite würden. »Wenn das gilt«, wende ich ein, »ist die Elite ja nicht nur in Salem zu finden.« Menschen, die mutig, verantwortungsbewusst und ehrlich sind, träfe man schließlich immer wieder und überall. Klar, sagt Oliver, gelte das auch für die Krankenschwester, die am meisten arbeite und Eigeninitiative zeige. Die sei schließlich am Ende auch oft Chefkrankenschwester. In Salem, sagt er, würden sie aber ganz besonders in diesen drei Tugenden, die am Ende die Elite ausmachen, trainiert. »Und wenn wir einen Jahrgang, der abgeht, sehen«, sagt Öliver, »können wir wirklich sagen: Egal, in welchem Bereich, sind Salemer tatsächlich in Spitzenpositionen. Ob es in der Wirtschaft ist oder im Fischfang.« Ich glaube allerdings, dass Oliver und Philipp enttäuscht wären, wenn sie es zum ehrlichsten Fischer oder
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zum mutigsten Krankenpfleger brächten. Beide sind schon Kunden der Salemer Berufsberatung, dem career counceling.

KARRIERECOACH FÜR TEENAGER

Karriereberatung für Teenager scheint auch so ein Trend zu sein. Während Oliver und Philipp von ihren Praktika erzählen, denke ich an Matthias Trüper, den ich zu Beginn meiner Recherche besuchte. Er, der einmal als Lehrer gearbeitet hat und danach Schulleiter war, verdient sein Geld in Berlin als Karrierecoach. Auch seine Kunden sind oft noch nicht volljährig, Oberstufenschüler, so alt wie die beiden Salemer. Damals hatte meine Reise zur jungen Elite noch nicht begonnen. Ich kannte die Internate und Privatunis, die Kindergärten und Stiftungen noch nicht und wollte zunächst gar nicht glauben, dass es Firmen wie seine gibt. Firmen, die tatsächlich davon leben, Teenagern bei der Karriereplanung zu helfen. Aber Trüpers Firma war nicht nur real, sondern schien auch ganz gut zu laufen. Aus ganz Deutschland reisen Eltern, die ihrem Nachwuchs die Poleposition im Kampf um die Plätze in der Leistungselite verschaffen wollen, zu Trüper nach BerlinMitte, in die Ackerstraße. Dort, wo Berlin so aussieht, als hätte die Stadt Geld, wo die Hinterhöfe saniert sind und Feinkost-Italiener Mittagsteller für 16 Euro anbieten, scheinen sich auch Karrierepakete für Pubertierende recht gut verkaufen zu lassen. Als ich Trüper besuchte, musste ich trotz Termins warten. Er gab gerade einem Vater Tipps für den richtigen
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Umgang mit dem Sohn. Die Nachfrage sei gigantisch, hatte er mir am Telefon gesagt. Vor allem wegen der schlechten Lage am Arbeitsmarkt steige die Bereitschaft, sich beraten zu lassen und auch Geld dafür zu zahlen, ständig. Da schafft die Angst vor Arbeitslosigkeit ganz neue Märkte, dachte ich und las die begeisterten Kommentare der Eltern, die schon da waren. Ein Vater aus Augsburg schrieb: »Die kompetente Beratung und der exzellente Service haben uns geholfen, unseren Sohn auf die richtige Bildungsschiene zu bringen. und haben ihn bereits zu sehr guten Erfolgen in seinem College geführt.« Eine Münchner Unternehmerin lobte: »Wer beruflich sehr angespannt ist und für die eigenen Kinder und deren Ausbildung nur das Beste möchte, der ist bei Herrn Trüper an der richtigen Adresse.« Als ich in der Oberstufe war, sind wir mit der ganzen Klasse ins Berufsinformationszentrum des Arbeitsamts gefahren. Dort gab es lange Regale, in denen Ordner mit Folien standen, auf denen Berufe und Studiengänge erklärt wurden. Ermunternd war das alles nicht. Ich habe wie fast alle in dem dunklen Raum gehockt und darauf gehofft, schnell wieder nach draußen zu kommen. Höhepunkt des Ausflugs war ein Berufstest, an dessen Ende mir geraten wurde, evangelische Pfarrerin zu werden. Ich bin nicht einmal getauft. Aber auf solche Feinheiten konnte der Standardtest keine Rücksicht nehmen. Dieses System ist tatsächlich optimierungsbedürftig. Trüper residiert in einem schicken Büro. Hohe Wände, weinrot gestrichen. Vielleicht sollte es das Arbeitsamt auch mal mit Farbe versuchen? Trüpers Beratung ist nicht gratis, sondern kostet mindestens 1000 Euro. Wenn ein Abiturient, der in Trüpers Büro stets »Kunde«
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heißt, im Ausland studieren will, liegt die Rechnung schnell bei 2000 Euro. Seine Kunden seien schon eher betucht, verriet mir Trüper, als er endlich Zeit für mich fand. »Aber«, fügte er sofort hinzu, »meinen Service kann sich fast jede Familie leisten. Gehen Sie mal auf einen Schulhof und schauen Sie sich die Schuhe der Kinder an! Dort finden Sie Markenschuhe, bis zu 200 Euro das Paar.« Das Geld sollten die Leute besser in Bildung investieren, sagte Trüper. Außerdem sei eine gut durchdachte Strategie in der Summe günstiger als eine falsche Studienentscheidung. Trüper ist ein guter Redner. Er brauchte keine fünfzehn Minuten, um mir die Welt zu erklären. »Die Zeiten langwieriger Selbstfindung sind vorbei«, sagte er. »In Deutschland wollte man immer, dass alle aus demselben Breitöpfchen essen. Das war eine sozialdemokratische Wohlfühlgesellschaft, ein elitefeindlicher Ansatz. Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen. Denn Wettbewerb macht Spaß. Wir müssen dann auch damit leben, dass es Verlierer gibt.« - »Aber«, versuchte ich dazwischenzufragen - ohne Erfolg. Er redete längst weiter. »Die deutschen Schulen versagen bei der Berufsberatung völlig. Die stellen ein Produkt her, das Abitur, ohne sich darum zu kümmern, was dann daraus wird.« Danach schimpfte er auf die Beamtenmentalität der Lehrer. Man müsse endlich Wettbewerb zulassen und eine miserable Schule auch einfach schließen können. »Wir brauchen vier, fünf Eliteschulen pro Bundesland. Wettbewerb macht doch Spaß. Auch Rütli kann Elite werden. Nur wer sich dem Wettbewerb sperrt, versagt.« - »Trotzdem: Ist eine Karriereberatung für Teenager nicht ein bisschen pervers?«, fragte ich schnell dazwischen.
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»Der Markt ist da und wächst«, sagte Trüper lachend. Es freue ihn, dass Deutschland sich ändere. Nachträglich muss ich zugeben, dass er in diesem Punkt absolut richtiglag. Was ich bei meinem ersten Besuch als absurden Auswuchs des Leistungswahns einordnete, ist ein wachsender Markt, den Trüper längst nicht mehr allein versorgt. Das sechsstündige »Einzelcoaching« der Kölner Firma »Einstieg« kostet die Schüler 600 Euro. Das Münchner »gevainstitut« bietet gleich ein komplettes »Coaching-Paket Studium und Berufsstart« für 750 Euro. »Das hätte es früher nicht gegeben«, würde ein Rentner an dieser Stelle vielleicht einwerfen und damit diesen nervigen Satz endlich einmal völlig zu Recht sagen. Denn eine Karriereberatung für Teenager hätte es früher wirklich nicht gegeben. Als ich beschlossen habe, Journalistin zu werden, war ich siebzehn, also genauso alt wie Trüpers Kunden. Die Entscheidung trafich nicht, weil ich brav auf die Folien im grauen Arbeitsamt gestarrt hatte. Ich glaube, dass sie eher das Ergebnis einer Mischung aus je einem Drittel Instinkt, Willkür und Ahnungslosigkeit war. Ich wusste, dass ich das Münsterland verlassen wollte, und Journalistin schien mir zu diesem Zweck ein geeigneter Beruf zu sein. Der Beruf wirkte aufregender als Anwältin und Ärztin. Ich träumte davon, zum Spiegel zu gehen, den ich damals zwar nie las, aber für sehr wichtig hielt. Oder ich wollte die live-Kommentare bei Bundesligaspielen sprechen oder vielleicht doch bei der Lindenstraße arbeiten. Also schrieb ich, als es nach dem Abitur ernst wurde, meinem Vater eine Vollmacht und bat ihn, mich an der Universität Dortmund einzuschreiben, während ich mit meinen besten Freunden mit dem Zug durch Griechen177

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land fuhr. Dass es geklappt hatte, erfuhr ich, als ich ihn von einem Campingplatz am Isthmus von Korinth anrief. 1000 Mark haben unsere vier Wochen in Griechenland gekostet. Dafür hätten wir nicht einmal das »Coaching-Paket Studium und Berufsstart« bekommen. Das klingt im Nachhinein recht lässig, im Vergleich mit den peniblen Karriereplanern, die zu TTÜpers Kunden zählen, sogar abgezockt cool. War es aber nicht. Es war normal. Dennis und Cornelius, die mit mir am Isthmus waren, und die anderen aus meiner Stufe machten nichts anderes. Auf diesen Sommer folgten Dutzende anderer Momente, in denen ich ähnlich diffus begründete Entscheidungen traf. Für welches Praktikum wollte ich mich bewerben? In welcher Stadt wollte ich leben? Sollte ich noch im Ausland studieren oder nicht? Ich stolperte entlang dieser Fragen durch mein Studium und versuchte herauszufinden, was ich mochte und konnte. Einen Teil der Entscheidungen traf ich selbst, den großen Rest erledigte der Zufall. Ich bezweifle, dass ein noch so guter Karriereberater mir dabei hätte helfen können. Auf meiner Reise begegnet mir der Glaube an den planbaren Lebensweg allerdings überall. Die Eltern, die ihre Kinder für viel Geld in bilinguale Kitas stecken oder teure Internate auswählen. Die Studenten, die bereitwillig die teuren Gebühren für die privaten Hochschulen zahlen, oder eben Oliver und Philipp, die Salemer. Sie alle geben viel Geld aus, um den Zufall aus ihrem Leben herauszuhalten. Vielleicht ist das nötig, wenn man beschlossen hat, Elite zu werden. Vielleicht ist es aber auch gefährlich, seine Kinder auf einen vermeintlich planbaren Lebensweg zu trimmen. Denn wenn sie trotz aller Anstrengungen und Investitionen dennoch scheitern, werden sie
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wohl nicht gelernt haben, dass es neben dem schnurgeraden Weg auch noch etliche andere gibt, die vielleicht sogar besser sind. Philipp und Oliver, die beiden Salemer Schulpolitiker aus der Oberstufe, erinnern mich an eine jüngere Ausgabe von Bernd. Sie sind gerade achtzehn geworden. In diesem Alter sammeln manche Jungs Mädchen, Highscore-Einträge an der Playstation oder, wenn es ganz schlimm kommt, leere Coladosen. Die beiden sammeln Einträge für ihren Lebenslauf. Oliver hat in der zehnten Klasse ein Praktikum bei Coca-Cola in Atlanta gemacht. Jetzt will er noch eins in der »Chefetage der Bild-Zeitung« nachlegen. Philipp hat mit McKinsey schon erste Sondierungsgespräche geführt. Beide haben ihr Ziel fest im Blick: die Chefetagen der Wirtschaft. In die Politik zu gehen, können sie sich nicht vorstellen, obwohl sie in Salem engagierte Schulpolitiker sind und obwohl sie meinen, das Land müsse sich ändern. Auch diese Einstellung scheint die junge Elite zu einen. Wie alle, die ich bisher traf, ziehen auch sie die Wirtschaft der Politik vor. Warum eigentlich? »Die BezaWung ist in der Politik einfach miserabel«, sagt Philipp. »Wenn man das vergleicht, was man für gleiche Leistung in der Wirtschaft kriegt.« Außerdem habe man nur das öffentliche Geld, kein eigenes, und sei deshalb bei allem, was man ausprobieren wolle, streng an das Gesetz gebunden. Oliver meint: »Wenn ich mich heute entscWießen würde, in die Politik zu gehen, dann müsste ich erst einmal zehn Jahre Plakate kleben.« Das kommt für beide nicht infrage. Ihre Strategie ist eine andere. »Erst mal in die Wirtschaft und die Verbindungen auf179

Woher sollen die es besser wissen? Die leben da oben einfach in einer anderen Welt. Auch wenn ein Schüler ein umfangreiches StipendlUm In H"h e von 75 Prozent der Gebühren ergattern . Das sind 4164 Euro pro Jahr. die ihn schlecht behandeln. antwortet Philipp. er selbst käme nicht aus den »vermögendsten Verhältnissen«. den großen Namen und das Netzwerk stets im Rücken. haust du ab?«. Sie fahren ja runter in die Stadt. Emporio Armani war da eingraviert. die Schüler nach den Preisetiketten ihrer Kleidung zu fragen. Vollstipendien werden gar nicht vergeb~n. Knapp ein Drittel der Schüler in Salem bekommt ein Teilstipendium. »Keine Lust mehr auf die Schule?« Ich sage. Oder sie arbeiten bei den Rettungsschwimmern unten am Bodensee. »hat man ja auch einen großen Einfluss auf die Politik. Ich weiß nicht. Aber nach zwei Stunden fahren sie wieder rauf. Das dürfte ganz effektiv sein. ob man Philipp und Oliver vorwerfen darf. Aber es will sich keiner aufraffen. Dass ich ein Buch über Eliten schreiben würde. Dann schimpft er über die Schnösel. betont Phillip.« Oliver sieht sich später in einem Interessenverband. 0 180 kann. Trotzdem. Ihr Engagement ist ehrenwert. Statt Kinder von Ausländern oder Arbeitslosen als Mitschüler zu haben. »Aber nah dran. »Philipp. »kann ich denen noch nicht mal einen Vorwurf machen. räumt er dann selbstkritisch ein. »Da bist du hier aber falsch«. Während des Gesprächs hatte ich immer wieder auf seine Uhr geschaut. »Aber eigentlich«.' ! « I I I I I I I< I I I . Als wir zu Beginn unseres Gesprächs über Neid redeten. Das kann kein Hartz-IV-Empfänger zahlen. Ihr Schloss. in einem Schloss auf einem Berg fernab des normalen Lebens zu erziehen. »Als Lobbyist«. Seine Eltern könnten die gut 30000 Euro Jahresgebühr nicht bezahlen. bleiben Kosten von knapp 8000 Euro. besuchen die Salemer einmal pro Woche deren Leben. Eigentlich finde ich es albern. dass ich keine Schülerin sei. in der Hartz-IV-Empfänger wirklich wenig Geld haben. Weil sie 347 Euro pro Monat bekommen.« Ich steige in den Regionalzug nach München und quetsche mich neben einen Mann. Einmal pro Woche machen manche mit Migrantenkindern Hausaufgaben. die nach dem Sommerfest volltrunken und pöbelnd in seinem Taxi sitzen. Aber einer«. Runter in die Realität. junge Menschen. »Na. sagen die Schüler. dass ihnen in ihrer Welt das Verständnis für das Leben hier unten verloren gegangen ist. Aber ich halte es für eine falsche Strategie. »einer von der Elite inüsste sich mal aufraffen und in die Politik gehen und da oben mal aufräumen. über die Altsalemer. sagt er. die einmal in Beratungsunternehmen über Arbeitsplätze entscheiden oder in Verbänden Wirtschaftspolitik machen wollen. sagte Philipp. gönne er seinen Mitschülern deren Reichtum. von oben herab.« Am Ende traue ich mich doch. der mit einer Plastik181 I< < ". Mein Vater ist Arzt. Jetzt tue ich es doch. Und wenn man dann einen gewissen Status hat dann vielleicht in die Politik. Du kommst doch ganz offensichtlich nicht aus Hartz-IV-Verhältnissen?«»Nein«. fragt mich plötzlich der Taxifahrer. Sie haben auch schon einmal ein Asylbewerberheim gestrichen. und über die Jungen.bauen. sagt er auf einmal ganz mild. du hast doch ähnlich teure Klamotten wie die anderen. Er würde deshalb über ein Teilstipendium gefördert. findet er.« Ein Taxi fährt mich runter nach überlingen.

Was mich an der zukünftigen Elite so stört. weil so viele junge Mütter Kleinkinder schieben und tragen und weil mindestens jede dritte Mutter ein Mann ist. die für sich Sonderrechte fordern. Darauf. Und wenn ich schon Einfluss delegieren muss. die sich rosa Strähnen gefärbt haben und deren Deo nicht hält. kann ich gut verzichten. Ihre Legitimation ist im besten Fall Liebe. ihnen auf dieser Grundlage mehr Einfluss. energy und execute. Vielleicht sollte ich in mein Quiz noch die Antwort d) aufnehmen: Elite ist ein willkürlicher. dass sie das Recht einfordert. Ohne sie zu kennen. dass selbst ernannte Eliten ungefragt Verantwortung für mich übernehmen. wie ich es an der Elite-Akademie gelernt habe? Oder ist es c) Verantwortung. und Zeitraum sowie Einflussmöglichkeiten sind begrenzt. Aber Eliten? Sie wollen Verantwortung für das Leben anderer übernehmen. über das eigene Leben mitzuentscheiden. werden sie ausgetauscht. Die Zweifel an der Tauglichkeit des Begriffs »Elite« sind von Station zu Station gewachsen. ist überzeugt. unscharfer und damit unbrauchbarer Begriff. Verpflichtung und Vorbild. neben zwei Mädchen. Wenn ich die Notizen in meinen Blöcken durchgehe. wie die Salemer meinen? Diese Antworten reichen mir nicht aus. mehr Macht und mehr Verantwortung zuzugestehen.tüte und ein paar Bierflaschen reist. wenn es darum geht. den Menschen benutzen. Wetten einzugehen und auf d) mein Liebstes zu setzen. Sie sind gewählt. Abteilungschefs. Meine Stimme haben sie nicht. Ich bin fast schon bereit. Verlieren sie eine Abstimmung. Politikern billige ich dieses Recht zu. Den einen prägt das Schloss. Frage: Was macht Elite aus? Ist es a) Edge. dass alle Menschen Laptops besitzen. wie die Wirtschaftler in 182 Oestrich-Winkel meinen? Ist es b) Verantwortung. noch ist der Reiseplan nicht abgearbeitet. Zu wissen. Eigentlich würde ich gern selbst über mein Leben entscheiden. dass die nur von Apple hergestellt werden. für andere Verantwortung zu übernehmen. In andere Leben eingreifen zu dürfen. Und wer mal auf dem Spielplatz hinter unserem Supermarkt war. denkt man bald. Wenn man nur leE fährt. Noch würde ich die zum Wettabschluss ausgestreckte Hand ausschlagen. Wer in unserem Viertel wohnt. dann bitte nach klaren Regeln und auf Zeit. Aber nur fast. Statt überzeugender Antworten auf meine Frage »Warum brauchen wir Eliten?« habe ich bislang vor allem Belege dafür gefunden. dass das Elterngeld schon phänomenal eingeschlagen hat. die ich niemandem stellen konnte. 183 . Im Idealfall ist auch hier die Legitimation für alle ersichtlich. was für diese Menschen richtig ist. dass Elite ein Konzept ist. Sie sind mir zu diffus. Ich habe sieben Blöcke vollgeschrieben. den anderen der Kiez. kann ich daraus inzwischen ein lustiges Begriffsquiz basteln. Auch Eltern und Freunden erlaubt man meist. sogar Lehrer. Auch andere haben durch ihren Job oder ihr Amt bestimmte Entscheidungskompetenzen. könnte sogar glauben. Sie verlangen so etwas wie eine Entscheidungskompetenz auf Lebenszeit und nennen als Legitimation ihre besonderen Qualitäten. Bürgermeister. fünf Kassetten eines analogen und hundertachtundzwanzig Megabyte eines digitalen Aufnahmegeräts vollgespielt. das wenige über viele stellt. Mut und Wahrheitsliebe. ist. Was macht Elite aus? Ich habe immer noch Fragen auf meiner Liste. meinen Tischkicker. Ich besuche Deutschlands junge Elite jetzt seit neun Monaten.

Aadish. nachdem ich mich als »allein reisend« geoutet hatte. Langsam werde ich zur Provinzexpertin. Jetzt liege ich in emem dunklen Zimmer. hatte dann aber einen Zug verpasst und war erst nach zehn Uhr angekommen. hatte in Brüssel gesagt: »Wir sprechen besser später in Ruhe über Elite. Die zweite Hälfte des Doppel184 bettes ist nackt. fluche ich im HalbscWaf. mein Bett rechtzeitig zu belegen. Direkt neben der Zugstrecke verläuft die Schnellstraße entlang des Rheins. Nach Oestrich-Winkel bei Wiesbaden. als ich ihn aus einem Gasthof an der Regionalzugstrecke. über den Eingang der Pizzeria noch in die Pensionsetage im zweit~n Stock des Hauses gelassen zu werden. wortreich die gravierenden Unterschiede. mit dem ich mich um neun Uhr im einzigen schon geöffneten Cafe der Stadt treffe. Die beiden sind wie Schalke 04 und der BVB. Ganz oben auf meinem Elitestapel liegt Aadishs E-Mail-Adresse. Dort geht Aadish zur Uni. Die Wirtin hatte die zweite Decke und das Kopfkissen mitgenommen. Die jeweiligen Anhänger beäugen die andere Hochschule genau und erklären. oder?«. und beide ermöglichen ein Studium in exquisiter Umgebung: Die EBS residiert in einem Schloss. Beide verlangen von ihren Studenten pro Studienjahr 10000 Euro. Für Außenstehende sind diese Scharmützel schwer nachvollziehbar. als wollte er mir geheime Akten in die Hand drücken. die ich später triumphierend mit einem lässigen »Ich-habe-meine-Informanten« der Öffentlichkeit präsentieren würde. ich sei zur »Tagesschau«-Zeit da. Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos blenden mich durch die dünne Gardine. die durch Vallendar führt. Und beide sitzen in Kleinstädten am Rhein. spottet mein Freund. Ich fühle mich wie bei einer permanenten Polizeikontrolle. Die EBS sei snobbish. Ich hatte also Glück. schimpfte die Gastwirtin. An der EBS seien nur Studenten mit hochgestelltem Polokragen. dass das mit der Provinz kein Zufall sei. Fast hätte ich es nicht mehr geschafft. Er. studiert im zweiten Semester an der WHU. Die WHU ist das Pendant zur EBS.« Das klang spannend. b). Westerharn und Neubeuern bei Rosenheim und Salem bei überlingen fahre ich nun nach Vallendar bei Koblenz. »Deine EliteRecherche hättest du dir auch glamouröser vorgestellt. Beide bereiten ihre Absolventen vor allem auf Karrieren in Beratungsunternehmen und Investmentbanken vor. sagen die einen. der junge Iraner und Mitglied der Vodafone-Elite mit Migrationshintergrund. Sie sehen in dem jeweils anderen den größten Konkurrenten um die Vorherrschaft in der Ausbildung der zukünftigen Wirtschaftselite. auf den Konkurrenten angesprochen. Am nächsten Morgen meint Aadish. 185 . der Otto Beisheim School of Management. An der WHU käme niemand ohne Anzug. überwiegen doch eindeutig die Gemeinsamkeiten: EBS und WHU behaupten. DER MAULWURF Es geht also weiter. dass ich abseits der Lösungen a). die WHU in der Marienburg. »Ausnahmsweise«. Ich hatte gesagt. fast verschwörerisch. Die WHU steif. Ländliche Idylle sieht anders aus. behaupten die anderen. Deshalb steige ich noch einmal in den Zug. c) und d) ein sinnvolles und überzeugendes e) finden werde. Elitehochschulen zu sein.und noch habe ich die Hoffnung. anrufe.

sagt er. »Davor habe ich große Angst«. Es liegt nicht nur am deutschen Pass. Er ist schüchtern und bestimmt zugleich. dass man gedacht hat. Es gäbe hier kaum Studenten. Er ist Stipendiat. dass er fast nie ausgeht. sagt er. ihr erstes Praktikum im Ausland zu machen. wenn er erzählt. Hier beginnt es so ab der oberen Mittelklasse. Dann gibt es nur noch das Studium und die Unternehmen. dass man die CDU oder die FDP wähle.3 hochgearbeitet hat. »Ich haue selten auf den Putz«. der sich dann aus der übergangsschule der Sammelunterkunft über die Haupt. der 1996 als Elfjähriger mit seiner Mutter und den beiden Brüdern aus dem Iran geflohen ist. 186 Vielleicht auch. andere Leute kennenzulernen. die mit ihm studieren. die denselben finanziellen Hintergrund hätten wie er. die er sich mithilfe des Hausmeisters im Asylbewerberheim erarbeitet hat. beherrscht er fast perfekt. sagt Aadish. Nur manche Formulierungen sind etwas ungelenk. weil er zu offensichtlich anders ist als die. nicht daran. schliefe das Interesse an der Welt außerhalb der Uni im Lauf der Semester ein. dass seine erste Adresse in Deutschland eine ehemalige Kaserne war. hätte er nicht erwartet. sagt Aadish. »dass das ein kleiner Ort ist. Lange habe es auf dem Campus auch nur Gruppen dieser beiden Parteien gegeben. Die deutsche Sprache.« Und dann sind da noch die politischen Differenzen. Aadish ist jetzt seit einem Jahr Student an der Hochschule. Mathematik und Sozialwissenschaften mit einem Schnitt von 1. als er sich beworben habe. weil er. »Corpsgeist« nennen das die französischen Eliteschulen. Nur einmal war er in »so einem Schuppen« in Koblenz.« Noch mehr erschreckt habe ihn allerdings. die Hochschule wolle so ein extremes Zusammengehörigkeitsgefühl fördern. um dann das zweite bei 187 . es gewohnt ist. glaubt Aadish. Beim Auswahltag hatte ich schon den Eindruck. den er nicht hat. dass es eine ganz andere Welt ist. dass die anderen schon jetzt im zweiten Semester planen. »Zucht«. ihn würde es noch nach Koblenz ziehen. sagt Aadish. Aadish sitzt im dunklen Wollpullover mit Dreitagebart vor mir. er hätte noch den Drang. Bei vielen. Aber die WHU überschütte die Studenten dermaßen mit Lernstoff. wollen die jetzt in die Bank? Total overdressed. Er staunt. »Politik wird im Vergleich mit der Wirtschaft meist als nachrangig gesehen. Es waren viele Leute da mit richtig viel Kohle und so angezogen. zu denen man will. Es sei fast selbstverständlich. nie ganz und gar dazuzugehören. Vielleicht. die nichts mit Wirtschaft zu tun haben. dass die Leute hier zusammenbleiben müssen.»Es ist Absicht«.und Realschule im westfälischen Lengerich bis zu einem Abitur in den Fächern Deutsch. wird einer. Ein Großteil hier denkt nur: Was ist gut für die Wirtschaft? Aber wir müssten doch eher fragen: Wie kann die Wirtschaft allem anderen dienlich sein?« Außerdem kann Aadish mit den Träumen seiner Kommilitonen wenig anfangen. und viele geben sich dann auch vom Verhalten her so. in der die vierköpfige Familie einen Raum mit zwei Doppelstockbetten bewohnte. Dass die Studentenschaft so homogen wäre. »Erst seit letzter Woche hat sich auch eine winzige Juso-Gruppe eingenistet. Aadish sagt. dass es keinen Einfluss von außen gibt. dem ich später davon erzähle.« Er meint. dass das nicht möglich sei. »Meine Familie ist finanziell am untersten Rand. dass politisches Denken an der WHU eine absolut untergeordnete Rolle spiele. Geschichte. sarkastisch sagen. aber er ist auch ein Fremder geblieben. Er trinkt einen Cappuccino mit Sahne.

ist rur sie der Grund. dass er es so weit gebracht hat. ihn so gut zu kennen. sagt Aadish. dass ich weiß.« Aadish und ich reden schon seit Stunden. Aber rur mich ist das überhaupt nicht Elite. die Welt zu verbessern. sei nur der Aadish. als offensiv dagegen zu wettern. Es gab knapp zehn Bewerber rur einen Platz. sagt Aadish.« Er hofft. dass ich irgendwelche Matheaufgaben machen kann. eine Einschränkung des mütterlichen Lobs. Sie integrieren sich sofort in dieser Welt und bauen darauf ihr ganzes Leben auf. Er hat den Englisch. Er hat Angst. stolz zu sein. wie Aadish das nennt. »Es sind einfach so viele. »Es geht einfach um den beruflichen Erfolg. und er gehörte zu den Auserwählten. »So sind halt Eltern«. dass ich meinen Verstand und mein Hirn auch einsetzen kann. Danach plant er. Ihr seid jetzt Elite. den direkten Einstieg bei den Größten der Branche ermöglicht. Das Stipendium. Wie fast alle an der WHU schuftet er zehn bis fünfzehn Stunden pro Tag. Er hat ein Referat über Anglizismen in der deutschen Sprachen gehalten und sich durch Einzelinterviews gekämpft. Fast wie eine Maschine.« Aadish arbeitet hart. sich mit seinen Brüdern selbstständig zu machen oder in die Politik zu gehen. die Klausuren nicht zu bestehen. was er will. wenn er muss. das er eigentlich ablehnt. Seit einem Jahr ist er also hier in Vallendar. was 188 von der Gesellschaft akzeptiert wird. »Es wird einem von Beginn an dieses GeruW vermittelt: Ihr habt es geschafft. In der Ausländerpolitik würde er sich gern engagieren. mit ihr zusammenziehen und nur mit dem Bus zur WHU fahren. Ich habe mich eher zurückgezogen. möglichst reich zu werden. der noch bis vor Kurzem von der Abschiebung bedroht war. Mehr. Erst einmal lernen und studieren. dass seine Freundin im nächsten Sommer einen Studienplatz in Koblenz bekommt. wisse er noch nicht. als Ausländer. Mittlerweile glaube ich. Das vermisse ich hier alles.« Seine Mutter ist stolz darauf. dass es ihr Lebenstraum sei. den kämpferischen. Ihr seid die Gewinner. der funktioniere. Er sei ja erst im zweiten Semester. heißt es ja nicht. ob ich Elite bin oder nicht? Nur weil mein IQ vielleicht hoch ist. sagt er. versteckt er vor seinen Kommilitonen. sich zu verändern. die einer Meinung sind. Er ist mit den Worten begrüßt worden.« Manche. Und tatsächlich: »Ich persönlich«. Die Uni. Was hat denn die Tatsache. Und er ist der 189 . Ihr seid die Leute. Man hat doch selbstlose Ziele. Nach der Wirtschaft vielleicht noch Iranistik. ihn aber trotzdem von außen betrachtet. Dann wird der andere Aadish wieder mehr Raum bekommen. »Das. sagen: Da ist unser Platz. was ich geschafft habe. um daraus etwas Vernünftiges zu machen. Er. sagt er »bin nicht stolz auf das. der so leidenschaftlich reden kann. den kritischen.und den Mathetest bestanden. hofft er. sagt Aadish. Im Gegensatz zu den anderen ist er aber nicht nur von der Furcht getrieben. gäben ganz offen zu. dass er nun zu den Besten gehöre. die diese Welt ruhren werden. An der Uni. Um mehr nicht. dass ihnen der »WHUBonus«. Man hat Vorbilder. Aadish ist also einer. Den anderen. Es heißt: Ihr habt den Auswahltest bestanden. der im Eliteapparat drinsteckt. sich anzupassen an ein Denken. Dann wird er Vallendar verlassen.in der Hoffnung. dass jetzt ein »aber« kommen wird. »Aber gerade als junger Mensch hat man doch den Traum. den. damit zu tun. und da wollen wir auch hin.« Aadish weiß noch nicht.einer Investmentbank oder Beratung in Deutschland zu absolvieren .

Einen Sozialplan. Inhaltlich ist er aber so fit. Was man nicht sagen will. offen kritisiert. heruntergebetet wie so oft bei Linken. Sie lernen Arbeitsrecht. dass >Elite< ein euphemistisches Wort für Macht ist. ihm vorschlagen will. Und heute sage man. wenn sie alle arbeiten würden. sowieso gar nicht mehr. Er mache sich schon länger Gedanken über Elite. sagt Aadish. sagt Aadish. »Elite bedeutet ja eigentlich: die besten Leute. die machen die Elite aus. Elite sei notwendig für eine Gesellschaft. sagt Aadish dann leise.« Mittlerweile haben wir das Cafe verlassen.« Oft. nach denen in Elite und Nicht-Elite eingeteilt wird. Wer in der Elite ist. das Getränke-Büfett vor den Seminarräumen. fügt er hinzu. wegen seines Akzents. damit sie sich weiterentwickelt. und was ist schlecht? >Elite< ist ja ein variables Wort. als dessen Assistent anzufangen. gäbe es diese Gesetze später. will ich wissen. die selbst schon zur Elite gehören. die er genießt. die glaubten. Bildung oder Leistung seien entscheidend. Aber so eine Aristokratie im wirklich wahren Sinne. die modernen Glasanbauten. wenn man in einen bestimmten Kreis hineingeboren wurde? Wenn man eine ganz gute Bildung hat? Ist man Elite. dann könnte ich mir vorstellen. liefe es so wie hier an der Uni. »Die sagen: Man muss die Besten. als habe er ein Hauptseminar zu dem Thema belegt. »Aber sind das klare Kriterien? Ich persönlich denke. weil man sportlich ganz gut ist? Das ist ja eine Definitionssache. der die Eliteausbildung. die religiösen Führer. Seine Sätze wirken nicht aufgesagt. stellen die Kriterien auf. Schließlich muss er in eine Vorlesung.« Aber wahrscheinlich. dass man nicht nachahmt. Ist man Elite. Dass diese Elite das. Die Menschen. »Und was ist >Elite< für dich?«. Der Begriff »Elite«. etwas Besonderes im Blut zu haben. Und dann analysiert er so klar und sachlich das Verhältnis von Macht und Elite. Sie laufen etwas un190 rund. ist: Es gibt Schichten. Man sagt ja immer. wirklich für das Allgemeinwohl macht und nicht für ihre eigenen persönlichen Ziele. dass man sich abhebt von der Masse. was sie macht. dass man so etwas wie eine Aristokratie bildet.« Ich bin überrascht. Im Iran seien die Mullahs. der auf familiäre Verhältnisse Rücksicht nimmt. wundere ich mich. Wenn es wirklich so etwas geben würde. und die wollen die Macht auch behalten. den ich treffe. die Fleißigsten behalten und die anderen rausschmeißen. wie er sagt. Elite. der hat die Macht und legitimiert die Macht dadurch. wenn es gelte. kein Klassenkämpfer. wie man Mitarbeiter am besten »freisetzen« kann. Aber ich sage mir: Was ist gut. Jedes Mal. »Elite sind für mich Leute. habe er einfach noch einmal gründlich über den Begriff nachgedacht.Erste. In Europa waren es erst die Adligen. Aadish ist kein Parteigänger. Die Marienburg. halten viele seiner Kommilitonen für Quatsch. gesellschaftliche Macht zu legitimieren. dass er tatsächlich hier eingeschrieben ist. »Und die Leute werden einfach mit einem Arschtritt rausgeschmissen. Aadish hat mir den Campus gezeigt. dass er Elite ist. Als ich ihn um das Interview gebeten hätte. die außergewöhnliche Ideen haben. die über die Grenzen hinausdenken und nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten. werde immer dann gebraucht.« 191 . dass ich ihm sofort die Nummer von Eliteforscher Michael Hartmann geben. Eine der ganz harten. die haben die Macht. wenn er mit seinem Ausweis die Türschlösser öffnet. was einem vorgegeben wird. erfahren.

oder sie ziehen nach Bonn zum Studium. zu einem Gesamtbild. als ich mich durch die Proftle des Netzwerks Schwarzekarte klickte. nur leiser. mal alles loswerden zu können. wie es gewesen wäre. Und dass im UmkehrscWuss die. junge Menschen heranwachsen. Er. aber am Englischtest scheiterte. Wir machen doch nichts Besonderes hier. Einige seiner Kommilitonen hätten gesagt. machen Millionen von anderen Menschen an anderen Hochschulen auch.vielleicht mit Ausnahme der Bayerischen Elite-Akademie _. auch selbst dafür verantwortlich seien. desto offensichtlicher wird. die Schüler in Salem und Neubeuern. dass sie sich die komfortable Situation durch eigene Leistung erarbeitet haben. Viele Schwarzekarte-Nutzer und Aadishs Mitstudenten sind Anfang zwanzig. Auf dem Campus gebe es genau ein Mädchen. Dann werden sie vielleicht Fleischfachverkäufer wie meine Cousine. Dass sie denken.und Einzelhandelskaufmann wie mein Cousin. der sich auch beworben hatte. Aadish hatte gesagt. sagt er zum ScWuss. Das war's. zur HeinrichHeine-Realschule oder zum Rhein-Wied-Gymnasium gehen. Aber das ist verkehrt. was wir hier machen. Je länger ich recherchiere. waren gerade volljährig. die es nicht schaffen. auch vor der Tür beim Warten.« Jede Stunde um neunundfünfzig hält ein Regionalexpress in Vallendar und fährt den Rhein hoch in Richtung Köln. Er fände es angenehm. Aber sie haben sich jetzt schon abgekapselt vom Leben der Masse. Und man geht nicht den Schritt zurück und fragt: Wieso kann einer diese Leistung nicht erbringen? Was müsste sich ändern. In Engers. der das Unwohlsein. sagt er.Aadish redet auch noch auf dem Weg zur Vorlesung. in Neuwied. Nicht immer zu schweigen oder alles bis zu den wenigen Wochenenden aufzusparen. dass sie das Gefühl von Elite haben. damit die anderen nichts hören. mit dem er mehr Kontakt hätte. Es wird gesagt: Ihr werdet alle in große Unternehmen gehen. die ich getroffen habe. »Für die gibt es die Frage: Gehe ich in die Beratung oder ins Investmentbanking? Bei meinen Freunden zu Hause geht es darum: Was mache ich überhaupt? Finde ich eine Arbeit oder keine? Die Leute hier an der WHU haben keine Angst vor der Zukunft. vielleicht Groß. »besteht das Eliteverständnis darin. wenn sein Zwillingsbruder. das ich in Salem und Neubeuern spürte. Das. »Für viele Leute hier«. und daraus folgt auch eine gewisse Arroganz und Selbstgerechtigkeit. sagt er.« Gleichzeitig seien viele überzeugt davon. dass viele WHU-Studenten in ihrem Elitekokon das Verständnis für die »Normalen« 192 verloren hätten. in Bad Hönningen. das sich breitrnachte. es trotzdem irgendwie durchzuziehen. sie sind etwas Gutes. hier wäre. Es ist kein Gefühl von Unsicherheit da. Im Schnitt stoppt der Zug alle fünf Minuten. nicht so einsam geworden. Jetzt bleiben Aadish nur die Wut und der Frust und der Wunsch. die ich auf meiner Reise gesammelt habe. kennt und klar benennt. die 193 . damit er das kann?« Je länger ich Aadish zuhöre. Zu zweit hätten sie vielleicht etwas ändern können. desto mehr ordnen sich die zum Teil noch etwas diffusen Eindrücke. Leute auf Hauptschulen seien faul oder einfach nicht scWau genug. die er zu Hause sei. »Dieses Denken ist da. die »Elite« im Namen tragen . Dann wären sie ein Team gewesen. Es wäre nicht so hart. Hier leben die »Normalen«. der im Elitesystem drinsteckt und doch nicht dazugehören will. Er spricht viel davon. ist der Erste. deren Kinder zur Raiffeisenschule. dass in den Einrichtungen.

Als ich schon kapitulieren will. sie sind politisch auf einer Linie. nicht für die eigene Karriere machen. überaltert. will ich wissen. dass alle. die er sich vorstellt. schlecht Elite sein. Menschen. Leute. kritischen Elite. dass es natürlich junge Leute gebe. an denen Aadish über Eliten spricht. und von hundertsiebzig Ministern und Regierungschefs in Bund und Ländern sind nach Recherchen der Zeitschrift Capital gerade einmal fünf unter vierZig. Offenbar träumt er von einer altruistischen. was sie tun. weiß ich nicht. Sie wollen in Führungspositionen. weil ich befürchte. Deutschen Bundestag sitzen fünfzehn Abgeordnete unter dreißig Jahren. sagt er zum Glück »aber« und erklärt mir. Im 16. kritische junge Leute anzuziehen. oder was?« Ich fühle mich ertappt und muss zugeben. »Elite sind für mich Leute. '\ i DIE ALTERNATIVE ELITE Ich rufe Michael Hartmann. Aber gibt es diese Leute. suche die Stellen. der sich konservativ nennt. als ich ihm von Aadish und meiner Suche nach einer besseren Elite erzähle. sondern sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen. die wäre dann weniger schlimm?«. aber keinen grundlegenden Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung fordern. die nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten«. Sie machen mir Angst. Die Parteien hätten seit geraumer Zeit Probleme. die das.« Folglich kann jemand. und meint. die ein Gegengewicht bilden würde zu denen. dass ich zumindest ein wenig beruhigt wäre. »Und wo finde ich die?«. laut Pass vierunddreißig. und sie eint ein Unverständnis für die Probleme des Restes.4 Prozent der Gewählten. Gerade einmal 2. »Gegen-Eliten kann es eigentlich nicht geben«. keinen Feldzug für mehr Gerechtigkeit planen? Gibt es eine Gruppe. Ich spule mich noch einmal durch Track sieben auf meinem Aufnahmegerät. sagt er. Erst einmal bin ich gespannt. die versuchen. Hubertus Heil. Der Altersdurchschnitt der Bundesregierung liegt im Herbst 2007 bei siebenundfünfzig Jahren. In der SPD-Bundestagsfraktion darf man sich noch bis zum vierzigsten Geburtstag»Youngster« nennen . wenn ich Aadishs Elite fande. in denen Karrieren und Geld nicht die Hauptrolle spielen. optisch wesentlich älter. fragt ein Freund. Da hat er wohl recht. Vielleicht ist das ein Grund dafür. die Visionen haben. linke Elite überhaupt gibt. Generalsekretär der SPD. die zwar verantwortlich handeln wollen. »Elite hat immer mit Machtpositionen zu tun. den Eliteforscher. an und werde sofort enttäuscht. überhaupt? Gibt es so etwas wie eine alternative Elite? Radikaler als die Studenten der Bayerischen Elite-Akademie. sie halten ihren Anspruch für legitim. Ob sie mich 194 mit dem Begriff »Elite« versöhnen können. dass sie mit diesem Rest wenig zimperlich umgehen werden. der Macht infrage stellt. seine Partei sei >mnterjüngt«.I I sich erstaunlich einig sind.so wenige echte ~u~ge gibt es. »Die fandest du dann cool und revolutionär. hatte er gesagt. ob es diese andere. sagt Hartmann. sagt. Bei aller Kritik scheint Aadish also noch Hoffnungen mit dem Begriff »Elite« zu verbinden. »In den Parteien eher nicht«. die ich bislang traf? »Und eine linke Elite. den herrschenden Eliten etwas entgegenzusetzen. dIe Ich 195 .

sage ich. sagt der Göttinger Parteienforscher Peter Lösche. Er trägt immer eine abgewetzte schwarz-rote Lederjacke. in dem lebendige alternative Eliten gedeihen. kein Umfeld. Chris ist fünfundzwanzig. aber sicher kein Rocker. Wenn er schweigt. Das alles wird ihm bei seinem Weg nach oben genützt haben. dass er vieles ist. Er hat gegen Studiengebühren protestiert und Parteizentralen besetzt. Chris sieht aus wie einer der Menschen. Greenpeace habe diese Leute früher angezogen. entgegnete er. Die Fahrt nach Evershagen dauerte über drei Stunden. »Ich wusste schon immer.»Die Arbeit war todlangweilig«. sagt er heute. oder?«. Dass der erste Eindruck trügt. sagt er und strahlt. dass der Slogan >Genug für alle< nicht stimmt«. Seine Analyse ist genau. wie Heil. die blonden gelockten Haare hat er ein wenig unkontrolliert wachsen lassen. wie er seine Botschaften in kurze. beim Thema »Karriere in der Politik« eher abwehrend reagierten. sobald er spricht. »Aber wo sonst finde ich eine Gegen-Elite?«. Aber Greenpeace sei ebenfalls »überaltert« und thematisch viel zu eingeschränkt. Er wird heute noch ein Seminar zum Thema »G8-Gipfel und Klima« leiten. »Ich argumentiere wie für ein Flugblatt. frage ich Michael Hartmann. dann fände ich meine von mir etwas schief titulierte Gegen-Elite bei den Globalisierungskritikern von Attac. wendet seine Freundin ein. seine Aussagen sind präzise. dass sie von unten austrocknen. sagt Chris und lacht selbstironisch. scheinen ihrem wahren Lebensalter mindestens ein Jahrzehnt voraus zu sein. der Astra-Bier trinkt und Gitarrenmusik hört. Chris geht gelassen mit linken Klischees um. Er hat also auch Humor.traf. Um 6 Uhr 41 haben wir uns am Bahnsteig in Berlin getroffen. »Nachwuchssorgen« nennen die Parteien die Tatsache. wird deutlich. die den Aufstieg schaffen. mit denen ich normalerweise zu tun habe. an einem visionären Konzept für die künftige Gesellschaft«. Und viele der wenigen. antwortet er. Er lässt meist den Mund ein bissehen offen stehen. Deshalb laufe ich jetzt neben Chris durch RostockEvershagen. Parallel zu seinem Studium hat er sich in der linken Bewegung ziemlich weit hochgearbeitet. »Das ist doch schön. Danach war er bei einer Green197 I ! . Auf seinem hellblauen Shirt steht Pretty girls make graves. in ihren Aussagen und Anzügen schon verdammt angekommen. dass Foucaults Ansatz bei der Lösung internationaler Konflikte helfen 196 könne. fragte ich. wirkt Chris zunächst sehr schüchtern. Wenn.« . »Tiefin meinem Herzen bin ich eben doch ein Rocker«. Er habe versucht zu belegen.aber es fehlt an Ideen. »Simuliert ihr die sozialistische Mangelwirtschaft?«. eine Plattenbausiedlung südlich von Lichtenhagen. Als ich ihn bei einer Attac-Akademie traf. Er weiß. Denn Chris hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur mit Foucaults Theorien beschäftigt. standen wir in der viel zu langen Schlange an der Essenausgabe. seit auch die Grünen etabliert sind. Er hat gerade sein Politikstudium an der Uni Hamburg mit einer Diplomarbeit »Zum Streitschlichtungsverfahren in der WTO am Beispiel des Gentechnikstreitfalls aus Perspektive einer neoliberalen Theorie und einer poststrukturalistischen Theorie« beendet. Offenbar ist die Politik. Jungpolitikern. zitierfähige Sätze verpacken kann. wirken. Seine Karriere begann im ersten Semester. Wie ein Politikstudent eben. »Zielloser linksradikaler Aktionismus«. ginge es in erster Linie »um die Karriere . »Aha«. Er weiß wohl. und Chris musste pünktlich sein.

Im Idealfall sollen alle alles mitentscheiden dürfen. die gern Banner malten. sondern hatte einen Namen in der linken Bewegung. wenn dann am nächsten Tag ein Banner am Ministerium hängt und man hat das L gemalt. denn »Führungskraft« und »Machtzentrum« sind verbotene Worte. Aber schnell wird mir klar. saß auf dem Podium. und mittlerweile ist er eine der Führungskräfte bei Attac. dass alles irgendwie marktgläubig organisiert ist. ohne Leute wie Chris eben. bei der er eine Hausarbeit über BioPiraterie schrieb. was ich mache. Aber ansonsten finde ich das mit der Karriere attraktiv. wie sie ist.< Ich war schon überfordert am Anfang. seitdem sie mit den Protesten gegen den Genua-Gipfel. und es bringt ja auch Spaß. Er möchte erreichen. Sven Giegold. Aber nicht so. »Ich glaube. Da geht es nicht mehr ohne Leute. bekannt wurde. »Koordinierungskreis« heißt das SpitzengremlUm bel Attac. So würde er das natürlich nie form~ieren. die Entscheidungen treffen.« Chris sagt oft Sätze wie diese. und Chris war stolz. weil »es einfach eine geile Veranstaltung war«. bin keine Mehrheit bei Attac. frage ich. Es sind die Attac-Slogans. Damit bin ich nicht repräsentativ. Gebote des gemeinsamen Glaubens. Der damalige Held der Globalisierungskritiker. auf dem sich die Regierungschefs der acht wichtigsten Industriestaaten trafen. ist er schließlich zu Attac gekommen. Uber eine Dozentin. Aber es ist schon so. Ich weißt nicht. von dem. leben zu können. Sie hatte gerade den Kongress »McPlanet« mitorganisiert. für sein Engagement. Danach war er kein engagierter Student mehr. Chris. Sie sind nicht mehr als sein Gerüst. dass er die Welt verändern will.peace-Gruppe in Hamburg. »Und so bin ich halt zum Organisationsteam gekommen.« »Eine andere Welt ist möglich. Bei Attac lieben sie den 198 Konsens. Die Bewegung ist rasant gewachsen.. über hundert Leute kamen im Herbst 2003 ins Hamburger Schauspielhaus. »Aber dann hat eine gesagt: >Das ist ein total tolles Gefühl. im Endeffekt ja. der den Zusammenschluss von Umweltgruppen und Globalisierungskritikern vorantreiben sollte.»Wir können die Welt verändern. dass Chris sich nicht auf diese Formeln beschränkt. Und er will ihnen helfen.« Aber dann hat er eben seinen ersten Kongress organisiert. »Willst du Karriere machen?«.« . Chris sitzt im Deutschland-Vorstand der Bewegung. dass ich bestimmte Posten erreichen will. 199 . dann ist die nicht kapitalistisch. Seine Veranstaltung. Er sagt: »Wenn ich darüber nachdenke. so pragmatisch ist er nämlich in seinem Handeln. Autoritäre Machtausübung gilt als Kapitalverbrechen. entsprechende Konsequenzen zu ziehen. und es hieß sofort: >Mensch. wie ich mir meine politische Aktivistenkarriere so vorstelle. Nur haben die Globalisierungskritiker in Deutschland im Herbst 200718500 Mitglieder. was ihnen nicht passt. das ist nicht das.« . dass ich mir vorstelle.. der die Folgeveranstaltung im Jahr darauf planen wollte. Er hat also auch Greenpeace den Rücken gekehrt.« »Wir können den Unterschied machen. der Antrieb für seine Aktionen.« Chris sagt. So grundsätzlich. dem Machtzentrum. mach doch mal. dass die Leute aufstehen und sagen.< Da habe ich gedacht. Der Kongress war ein Erfolg. wie ich mir eine Gesellschaft vorstelle. Gemeinsam mit Dutzenden Hausfrauen. Das finde ich Unsinn. weil die mich so ins kalte Wasser geschmissen haben. aber es gab niemanden. Wobei Karriere nicht heißt. wie er in seinen Parolen ist.

{ . Das Essen. Ich sehe T-Shirts. Die Aktion war teuer und aufwendig.« Kletterer hatten sich vom Dach des gläsernen Berliner Hauptbahnhofs abgeseilt und ein Protestplakat entrollt. Es ist der Eintrittsstempel.was ein Euphemismus für »aus dem Müll geangelt« ist. »Kein Geld für Krieg«. AktivistInnen. bittet um Mitarbeit und Spenden und trottet wieder zurück. »Ich will. Sagt Chris zumindest. Beim Thema Frisuren hat sich seit meiner letzten Castor-Demo einiges getan. der die Leute aufregt. beginne ich. sagt Chris' Freundin. Nur am Hinterkopf lassen sie ein kleines Büschel wachsen. als hätte mich jemand in einen Dokumentarfilm über linke Klischees hineingeschnitten. sei »containert« . SpenderInnen. Es heißt also: TeilnehmerInnen. das in einer mit Regenbogen verzierten Turnhalle abgehalten wird. auf die porn sucks gedruckt wurde oder Block G 8. die Blockade-AG und ein Dutzend mehr.Als ich ihn zum ersten Mal traf. Vorn. Ich habe die Chance. Von der gegen einen amerikanischen Genmaishersteller oder gegen die Preis. »Convergence Center Rostock« steht auf einem Plakat. offenbar Abkürzungen irgendwelcher Organisationen. bekam Chris einen Anruf. dass wir aus Themen einen Skandal machen. Ich sehe nur ein verlassenes Gebäude. hatte er gerade eine Aktion gegen die Privatisierung der Bahn mitorganisiert. Als mir ganz langweilig wird. Die Stadt Rostock habe es den Globalisierungskritikern überlassen. die umblättern. Wie beim Symposium der European Business School 201 'i . Die Vorstellung läuft immer nach demselben Muster ab: Einer aus der Gruppe trottet zum Mikro. die Camp-AG. An diesem Wochenende werden hier knapp fünfhundert Konferenzteilnehmer versorgt. Es gibt die Rechtshilfe-AG.und Lohndumpingpolitik des Discounters Lidl. weil Täter stets Männer sind«. Auf einem anderen: »Unser Haus könnt ihr zerstören. Mittlerweile haben wir das Kongresszentrum in Rostock-Evershagen erreicht. Er scheint zu spüren. Es gibt nur ein paar notdürftig hergerichtete Toiletten. Während wir sprachen. Chris wirkt gelangweilt.« Das Gebäude solle abgerissen werden. fühle ich mich. erklärt Chris. wird Tom mir später aus den Informationen der »antisexistischen Kontaktgruppe« vorlesen. und stolpere über Buchstabencodes. »Das ist die siebte Abspaltung der Abspaltung«. dass die Revolution gerade lahmt. Ich lese. dass man sich hier in der Sprache um Geschlechterneutralität bemüht. Bin ich spießig. Ich lerne. die Demo-AG. mich mit den fremden Verhaltensmustern vertraut zu machen. dass die interventionistische Linke Mitorganisator ist. Viele haben sich hinter der taz oder der Jungle World verkrochen. Begeistert erzählte er mir von anderen Kampagnen. Der Tagesspiegel hatte ein Bild der Aktion abgedruckt. von denen ich noch nie etwas gehört habe. . als wir im Plenum sitzen. wenn ich das eklig finde? Spätestens. informiert über den Stand der Dinge. stellt sich nun schon die siebte AG vor. die er geplant hatte. die es schuf. Das gesprochene große I ist Standard. Statt filziger Dreadlocks tragen die meisten die Haare nun kurz. aber nicht die Kraft. zwischen 200 Handballtor und Basketballkorb. Chris war so euphorisiert. »Nur bei Tätern darf man die männliche Form wählen. Dafür muss man eine geschickte Strategie finden. jeden Einzelnen in der Turnhalle zu mustern. die auch in Rostock dabei ist. als hätte der Anrufer Rekordgewinne vermeldet oder den erfolgreichen Verkauf eines Aktienpakets. das einmal eine Schule war. wird mir erklärt. steht auf den Handgelenken.

Chris war nervös. hatte er gesagt. Er gehört jetzt zu einem Zirkel.. sich und seine Ideen zu promoten. mit Bahnfahren die Welt retten zu können. »bürgerlichen Medien« haben. Er war schon mehrfach Gast einer Talksendung im Rundfunk BerUn Brandenburg. und eher ein Konservativer. der meint. Und solange es nicht anders geht. Er hat gelernt. Kampagnen zu organisieren und Gespräche zu moderieren. in Flensburg. Und um die paar Posten. als ich sechzehn war. sagt Chris. die für die CSU im Bundestag sitzt. Nun ist es aber so. zahlen sie ihm Geld. er sieht gern Ergebnisse. sagt er. dem ehemaligen Umweltminister und ehemaligen Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Chris wirkt ungeduldig. Ich glaube. Er kennt die Grundsätze des Marketings und des Fundraisings. Und im Gegensatz zu anderen Linken. was er tue. Pelzmacher also. Bei meiner ersten Kommunalwahl. damit er Kampagnen machen und Aktionen organisieren kann. Viel Arbeit wird von unbezahlten Praktikanten erledigt. Schnell hat er das Gefühl. »Er könnte mein Sohn sein«. sagte Klaus Töpfer gönnerhaft. auf dem Kongress seine Zeit zu vertrödeln. der ehemaligen Miss Germany. Chris war in der Diskussion so etwas wie ein AlibiJugendlicher. und Dagmar Wöhr!. die es gibt. den er »Karriere-Netzwerk für junge aufstrebende Umweltbewegte« nennt. der Anteile an Fluglinien besitzt. um diese zu bedecken. wenn Dinge völlig ineffizient organisiert sind. wie sie sagen. Chris ist knapp dreihundert Kilometer westlich von Rostock geboren.« Mittlerweile Hinden seine Eltern okay. Sein Vater ist gelernter Kürschner. und er war bei Frank Plasberg im WDR. Die haben mir was von Freiheit erzählt. habe ich FDP gewählt. Er mag es nicht. Ich begreife. über eineinhalb Jahre hat er sich in Wochenendseminaren zum »Zukunftspiloten« ausbilden lassen. Es ist nicht sein Hobby. Es soll sein Beruf werden. J scheint es auch hier klare Dresseodes zu geben . die Schauspielerin Jessica Schwarz und den Regisseur David Lynch angekündigt. mit wem er gern eine Runde auf dem Tandem drehen würde: »Ich würde Frau Wöhrl mit aufs Tandem nehmen«. Er hat der Zeit ein Interview gegeben. wird durchaus mit Marios 203 . Deshalb sind ihm Marios Kriterien nicht völlig fremd.. unter 202 Angela Merkel zur parlamentarischen Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium berufen wurde und mit einem Unternehmer verheiratet ist.« Es läuft gut. »Meine Eltern sind großartig«.nur andersherum.. Aber das müsse es auch. Aber er will nicht. Neunzig Minuten stand er da im schwarzen Hemd bei »Hart. . Denn er will irgendwann davon leben. Er kam selten zu Wort. »Ich bin also fern von jeglichen linken Bewegungen aufgewachsen. Die Ökos haben ihm das Geschäft kaputt gemacht. Auf dem Titelblatt des Szenemagazins blond wird der Bericht über ihn gemeinsam mit dem über die Sängerin Sophie EllisBaxter. »Allerdings soll sie vorn sitzen. man muss sie ziemlich antreiben. sagt Chris.. Er konnte sogar den Schlussgag platzieren. hat Chris auch keine Probleme. dass die Zahl der anständig honorierten Stellen in der politischen Linken begrenzt ist. Wie zufällig lasse ich meine Jacke auf meine Markensneaker fallen. aber fair« neben Klaus Töpfer. als jeder in der Runde gefragt wurde. dass sie ewig für ihn zahlen. Chris arbeitet viel. die Berührungsängste mit. dass er das politische Engagement anders angeht als viele andere hier. Dagmar Wöhrl verspottete ihn als naiven Jungen. parierte aber souverän. sagt Chris.

frage ich. Er sei eher hochgestolpert. die ich erlebe. wenn es darum geht. dass dieser Punkt von den anderen akzeptiert wird. genau wie es Wirtschaftskarrieren gibt?«. »Ich befürchte. Man sollte Mechanismen finden.« Chris weiß. Sie versuchen. um Diskussionen zu straffen: Wenn sie mit der Meinung eines Redners übereinstimmen. »Unangenehmerweise würde ich schon behaupten. Alle Menschen sollten Elite sein. Praktika gemacht haben. Es erzählt von einem Hippiekind und einem kleinen Punk. »Plötzlich wurde verlangt. verkünden sie im Refrain. Sie sind konzentrierter bei der Sache. und das war bei ihm damals überhaupt nicht so. alles mit allen zu teilen.« Es ist. Spanisch und Französisch sprechen. sei die Stelle neu ausgeschrieben worden. als hätte auch die Linke die Ellenbogen entdeckt. Als er wegging. Sie stellen Fragen wie: »Wollen wir eine Aufklärungs. Gleichheit als Wert. dass das völlig absurd ist. dass es auch in der linken Szene eine gewisse Elite gibt. auch nicht in der vermeintlich heilen linken Welt. dass du Ich-Botschaften formulierst. die es allen ermöglichen. in denen er mehr entscheiden darf als andere. Und jetzt. weil die Voraussetzungen für solche Stellen immer weiter hochgeschraubt werden. drehen sie die nach oben gereckten Hände. Sie haben einen eigenen Code entwickelt. die mehrjährige Berufserfahrung haben. Sie mühen sich. anders als die meisten ihrer Mitstreiter. 205 . für ihn ist es Teil einer »Professionalisierung«. dass dieses Verhalten auf Außenstehende seltsam wirkt. Und wenn die soziale Bewegung.« »Gibt es denn dann Karrieren in Nichtregierungsorganisationen der Linken. dass es auch in der Linken mittlerweile eine Leistungskultur gibt. singen die Helden. im Ausland waren. zähle doch gar nichts mehr. »Ich würde es mir auf jeden Fall anders wünschen. wie das geht. Wenn einer ausschweift oder zu abstrakt ist. Es scheint. dass ich in diesem ganzen Kontext zur unteren Elite gehöre.« Deshalb sitzt er nun in Positionen. fließend Englisch. vorher Ziele festzulegen. diese Forderung gelte als völlig weltfremd. die Debatte zu strukturieren.« Ein Bekannter von ihm habe zwei Jahre lang bei der Naturschutzorganisation BUND gearbeitet. Der Redner weiß dann.« Chris und seine Freunde. die Posten in den eigenen Reihen zu verteilen. »Ich habe mir das nicht alles selbst erarbeitet«. Das wird immer schlimmer.« Die Konkurrenz schläft nicht. 204 Das stört Chris. sagen sie: »Ich möchte. bereit. dass es Leute sind. »Ich habe mich angestrengt. als tue ihm dieser Satz sofort leid. als deren Teil er Attac sieht. obwohl er davon profitiert. weil mich die richtigen Leute unterstützt und gesagt haben: Den nehme ich mal mit und zeige ihm.Methoden gekämpft. Zumindest. »da zieht wer links an dir vorbei. Es ist so. sagt Chris. agieren in den Diskussionen. schränkt Chris ein. wo ich darüber spreche. aber vieles hat auch durch Beziehungen und Bekanntschaften geklappt.« Dieser Konkurrenz unter den Linken hat die Band »Wir sind Helden« in ihrem letzten Album ein Lied gewidmet. »Du pfeifst und singst und fühlst dich frei«. die mit ihm den Zukunftspilotenkurs belegt haben. fällt mir auf. das Beste zu machen. Diese Kultur setzt sich immer mehr durch. »Genau. aber reale Gleichheit.oder eine Druckkampagne planen?« oder »Wer ist der Adressat unseres Boykotts?«. sagt er. der in Attac so viele Stunden wie in einen Vollzeitjob investiert. Also einfach. Chancengleichheit würde manchmal noch als Politikziel formuliert.

die Tür zuzubekommen. Nach einer Stunde ist klar. um den Klimawande1 zu stoppen. die ehemalige Direktorin des Klimaprogramms des WWF. Auslöser des Massenandrangs ist die sogenannte Gewaltfrage. kommt in der ersten halben Stunde eines Workshops. Auch sie verlangen. drücken sich an die Wände. 'nach dem ich bislang die politische Landschaft ordnete. vor Tausenden Menschen eine kurze Aktion gegen den Klimawandel durchzuführen. Sie wollten loswerden. Ich habe keine Chance. Zwei von ihnen gehen nach ein paar Minuten raus. dorthin. erst die Konzerne enteignen müsse. Es war allenfalls eine verwirrende Freakshow. Was er damit meint. Zu Chris' Workshop zum Thema »Klima« sind allerdings nur vierzehn Teilnehmer gekommen. ein Konzept zu entwickeln. weil das Schulgebäude ja nicht mehr benutzt wird. Schnell war klar. Ich sitze neben der Tür. Deshalb gehe ich raus. Oder dass das Klima nur zu retten sei. Sven Giegold von Attac. dass das schwierig werden wird. nicht richtig schließt. die. und die taz-Journalistin Bettina Gaus aufs Podium zu bekommen. wo die Menge ist. ob eine Revolution nötig sei. Die Menschen sitzen auf dem Boden. dass sich hier keine kraftvolle Protestbewegung sammeln wollte. Für die Talkrunde zur Primetime am Samstagabend hatten die Organisatoren es geschafft. ob die Proteste friedlich bleiben müssen. wenn man die Erdbevölkerung reduziere. den Protest der verschiedenen Gruppierungen der Linken gegen den G8-Gipfe1 in Heiligendamm zu koordinieren und zu bündeln. als ich in der Regenbogenturnhalle dem endlosen Plenum folge. als ihnen auffällt. Ein Attac-Sprecher hatte sich in einem Interview mit der taz von jeglicher Gewalt distanziert.erfolgreich sein will. dem Vortrag zu folgen. Tausendfünfhundert Teilnehmer waren da. unter anderem den Bundesvorsitzenden der Grünen. Hier in Rostock wurde zudem ein Flugblatt verteilt. Einer der Nebenräume ist so voll. Den ganzen Tag schon sorgen diese Aussagen für Aufregung. dass es nach einem Protestkonzert in Rostock die Möglichkeit gebe. Mit seinen nun noch zwölf Mitdiskutanten versucht er. Eine Stunde lang durften dann die Teilnehmer Fragen stellen. Mal vorsichtig. dass alles »Menschenmögliche« getan werden müsse. Dass der Klimawandel endlich aus einer feministischen Sicht zu diskutieren sei. schleppt sich die Diskussion auf Englisch dahin. Die Runde diskutierte darüber. 207 . Wollten sie aber nicht. dass sie im falschen Raum sind. Weil einer der Zuhörenden aus London kommt. Chris erzählt. im Schnitt jede Minute ein verspäteter Teilnehmer in den Raum. elf Mal versucht jeder. Zehn. Es geht darum. Reinhard Bütikofer. Um die Debatte zu verstehen. muss ich das Schema. mal mit Gewalt. Sie wollten Statements abgeben. wer die Umwelt retten wolle. Seit zwei Stunden werden sie in diesem Raum diskutiert. sagt er. Die jüngste Auflage des McPlanet-Umweltkongresses. dass. das Chris und drei andere Mitglieder des Koordinierungskreises unterzeichnet haben. erlebe ich nicht nur. zu dem ich Chris begleite. fand in Berlin statt. damit die Proteste gewaltfrei bleiben. Jennifer Morgan. den Chris mitplant. durch den Flur. dass die Luft steht. quetschen sich in den Türrahmen. müsse sie professioneller werden. Weil Pünktlichsein vermutlich als von Faschisten hochgehaltene Tugend gilt. 206 Hier in Rostock-Evershagen sollte es eigentlich darum gehen.

dass Konzepte oder Personen miteinander konkurrieren. »Ja.neu denken. Die Animositäten zwischen Attac und den großen und kleinen Splittergruppen scheinen im Moment zumindest wichtiger zu sein als das Ziel.. und Chris' Bewegung verliert an Zeit und vermutlich auch an Boden. keine klassischen politiker mehr. der von allen. In diesem Raum steht Attac rechts außen. Ich weiß nicht. sondern reihen Monologe aneinander. Warum soll ich mit diesen ganzen Mittelmäßigen dasitzen? Ich fmde. an deren Ende hoffentlich ein Konsens steht. desto weniger Spielraum hat man.. frage ich. die Menschen mitzureißen. Warum er nicht versucht. Die Debatte zieht sich hin. Monate mit Diskussionen verbringen. Es sei ihm zuwider. dass Debatten wie diese sehr viel Energie kosten. Er möge Parteien nicht. dass unser Modell von Demokratie überarbeitungsbedürftig ist. seine politischen Ziele in einer straffer organisierten Partei durchzusetzen.. Das finde ich sinnvoller. zu groß und verhandle mit Politikern.« »Aber du willst das nicht rausreißen?« »Nee. die sich nicht freuen. für Dinge zu kämpfen. Dass nicht gemeinsam nach Lösungen gesucht werde. wie Chris sagt. die bereit seien. Die taz. Die Redner diskutieren nicht miteinander. die das Interview veröffentlichte. der sagt: »Ich verlange von jedem. Außerdem müsse man sich in einer Partei hochdienen. mit denen er zusammenarbeitet. Ich denke an Bernd. aus »Angst. warum er sich das dennoch antut. »absolut hundertprozentigen Einsatz« fordert. Er meint. Die Organisation sei zu autoritär. wenn die Parteien in einer Demokratie so viele mittelmäßige Leute haben?«. »Mittelmaß pur«. die von vielen hier als illegitim bezeichnet werden. ob es eine Einigung geben kann. Die Menschen müssen auch außerhalb von Parteien mitbestimmen können. sondern selbst schnell noch »linker« würden. Dass nur eine Idee oder ein Kopf gewinnen könne. Wenn Attac militante Proteste schon nicht unterstützen wolle. gilt in diesem Kreis als reaktionäre.« Das Resultat seien dann Bundesregierungen wie die amtierende. Attac spalte mit der Absage an jede Gewalt die Bewegung. Tage. »Aber ist es nicht schade. deren Religion die Effizienz ist. solle die Organisation zur »Gewaltfrage« wenigstens schweigen. dass möglichst viele mitgehen. Wenn Tage wie dieser in Rostock ohne Resultate enden. Leistung. wenn die Gesellschaft weiter nach links rückt.« Deshalb wird Chris weiterhin Stunden.« Und ich denke an die Schüler in Salem.. heißt es. bürgerliche Zeitung. dass man in Parteien viel bewegen kann.. Technokraten und Beamte. Auch wenn es 209 I . Attac verrate den gemeinsamen Kampf. . den Studentensprecher an der EBS. ob sie überhaupt gewünscht ist oder ob nicht vielmehr die Differenzen zelebriert werden sollen. der meckert. sagt Chris. Er wird den mühsamen Weg gehen und hoffen. Ich frage Chris. Chris hatte gesagt. »Und je entscheidungsbefugter man ist. gemeinsam zu protestieren. als dass jetzt alle in die Parteien rennen. stimmt schon. dass die Gesellschaft sie einholt«. sagt er. zusammen etwas zu erreichen. stocken die Kampagnen. Zum Beispiel bei Volksentscheiden. 208 die schon jetzt in Leadership-Workshops für ihr Leben in Führungspositionen trainieren. dass es in der Bewegung etliche Leute gebe. Ich glaube nicht. Ich denke an Mario und die anderen Berater.

dann noch schwieriger wird, zu entscheiden, wohin. Und er wird weiter mit den Widersprüchen leben, die jemand aushalten muss, der in der linken Bewegung Karriere macht. Er hat viel dafür getan, zur »unteren Elite« bei Attac zu gehören, in die entscheidenden Gremien zu kommen. Er will Verantwortung übernehmen. Er will mehr tun als die meisten. Gleichzeitig sagt er inbrünstig: »Ich möchte, dass es keine Elite mehr gibt, sondern nur noch Masse. Die Masse kann man dann meinetwegen gern Elite nennen.« Ich habe große Zweifel, ob es Attac in diesem Entscheidungstempo tatsächlich gelingen wird, ein ernstes Gegengewicht zu Mario, Bernd und den anderen jungen Leadern zu bilden. Mir fallt es wesentlich schwerer als Chris, die teilweise offensichtlich fruchtlosen Debatten als nötiges Mittel der Entscheidungsfindung zu akzeptieren. Ich gehe raus auf eine Wiese, die vielleicht der Pausenplatz der Schüler war, als hier noch unterrichtet wurde, und schaue mir den Rostocker Stadtteil Evershagen an. Die Häuser sind etliche Stockwerke hoch. Damit es nicht zu trist wirkt, sind sie bunt gestrichen. Manche haben verspiegelte Fensterscheiben und sehen damit aus wie gigantische Sonnenbrillentürme. Auf der Suche nach Alternativen zum containerten Essen laufe ich ein paar Meter zum Zentrum des Viertels. Hier gibt es einen EDEKA-Markt, eine Bäckerei und einen Parkplatz, auf dem ein kleiner Asia-Imbiss und ein paar Bänke stehen. Zehn Männer sitzen hier und trinken ihr Samstagnachmittagsbier. Die Flaschen unter der Bank verraten, dass es vermutlich auch schon einige Mittagsund Vormittagsgetränke gab. Die meisten aus der Gruppe arbeiten, als Maler, als Monteure, sagen sie. Ich will wis210

sen, was sie davon halten, dass sich Chris und die anderen hier treffen, teilweise über Wochen hier leben, um Demonstrationen, Aktionen und Blockaden vorzubereiten. »Zecken sind das«, sagt einer und zeigt auf ein paar Jugendliche, die auf der Wiese sitzen. »Die sollte man zerquetschen.« Ein anderer schimpft: »Die hocken da und verschwenden unsere Steuergelder.« Einer droht: »Das wird hier noch ein zweites Lichtenhagen geben.« Ich weiche zwei Schritte zurück. In Rostock-Lichtenhagen hatten im Jahr 1992 ausländerfeindliche Anwohner gemeinsam mit organisierten Neonazis tagelang Jagd auf Asylbewerber gemacht. Nachdem diese in Sicherheit waren, zündete der Mob ein Wohnheim an, in dem über hundertfünfzehn Vietnamesen und ein paar Journalisten eingekesselt waren. Als sie sehen, dass ich gehen will, legt mir einer der Männer seinen Arm um die Schulter. »Wir sind doch auch gegen den Gipfel, nur anders«, sagt er. Dann will er wissen: »Wie alt bist? Siebzehn, achtzehn? Bist du noch zu haben?« - »Für euch nicht«, sage ich und mache mich los. »Heil Hitler«, sagt da einer. Ich versuche, schnell über die Wiese zu gehen, ohne zu rennen. Ich umrunde die Schule und setze mich auf eine Bank in der Sonne. Hinter mir ist ein Gitter, das einen FußballpIatz einfasst, auf dem ein paar Jungs kicken. Immer wieder schlägt der Ball auf Höhe meines Kopfes gegen den Zaun. Ich drehe mich um. Auf dem Boden, versteckt unter einer Jeansjacke, steht eine kleine Musikanlage. Der Sänger grölt zur Melodie von »99 Luftballons«. Ich höre hin. Es geht darum, »Kanaken« zu jagen. Im nächsten Titel sind es Schwule, die gehetzt werden sollen. Ich stehe auf - mit weichen Knien und wirren Gedanken. Zwanzig Meter von der Bank und dem Fußballplatz
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entfernt zerfleischen sich die Linken seit Stunden, debattieren, ob die taz der Feind ist oder Attac. Umgeben ist die linke Insel von der Evershagener Realität. Hitler-Freunde auf der Bank vor dem EDEKA, Jungs, die rechte Hetzmusik hören, auf dem Fußballplatz. Müsste man in der Schule jetzt nicht eigentlich erkennen, dass man gemeinsame Ziele hat? Müsste man nicht rauskommen und sich den rechten Meinungen entgegenstellen? Plötzlich erscheint mir alles so sinnlos. Kurz nach Mitternacht bin ich wieder zurück in Berlin. Bis zum frühen Morgen erzähle ich Tom und Theo von Rostock. Von der verlassenen Hauptschule, den AGs und den Nazis. »Sie ist ein bisschen verstört«, sagt Tom denen, die am nächsten Tag Pläne fürs Wochenende machen wollen. Einer der Männer, die vor EDEKA saßen, fuhr mir später noch einmal mit dem Rad hinterher. Er wollte gern über die Wende reden. Darüber, dass er den Westen eigentlich mochte, weil ihm sein Onkel früher immer Kaugummi aus Frankfurt am Main mitgebracht habe. Aber es sei schnell klar geworden, dass es falsch war, an den Westen zu glauben. Um ihn würde sich der Westen nicht kümmern. Er gehöre zu den Verlierern, sagte er. »Warum?«, wollte ich wissen. »Ich habe keine Heimat mehr«, sagte er und war zurück in seiner irren rechten Welt: »Wir haben den Krieg verloren. Seitdem haben wir keine Heimat mehr.« Dann erzählte er mir noch, dass er zwei Wochen später feiern wolle. »Am zwanzigsten. Da wird Adolf hundertachtzehn.« Die meisten Menschen, die ich bei meiner Recherche traf, wollen den Wettbewerb um Leistung und Besitz verschärfen. Sie wollen die potenziellen Gewinner fördern
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und anspornen. Keiner von ihnen hat bestritten, dass es dann auch mehr Verlierer geben wird. »Pech gehabt!«, kommentierte dies Rektor Jahns von der EBS. »Um die, die unverschuldet da reingerutscht sind, müssen wir uns besser kümmern«, fand sein Student Bernd. Die Menschen, die nicht zum Wohl der Gesellschaft beitragen wollten, obwohl sie es könnten, dürften allerdings vom Staat auch nichts bekommen, fügte er hinzu. Die Internate wollen ein paar mehr Stipendien für die besonders Klugen und Fleißigen unter den materiellen Verlierern organisieren. Und die Bayerische Elite-Akademie wird in ihrer Auswahl weiter darauf achten, dass auch die bisher Benachteiligten ein paar Plätze bekommen. Das ist teilweise sicherlich gut gemeint, teilweise absichtlich brutal. Aber weder das eine noch das andere hat mich davon überzeugt, dass es denen, die unten stehen, besser gehen wird, sobald die, die sich Elite nennen, mehr Einfluss haben. Im Leben derer, die ich bisher traf, waren die Verlierer hauptsächlich ein theoretisches Problem. Man weiß, dass es andere schlechter haben, weil sie weniger können, weniger wollen, weniger besitzen. Aber Salem, Westerham und Neubeuern sind Hunderte Kilometer von RostockEvershagen entfernt. Hier gibt es keine Villa Ritz für die Kleinsten, keine Internate für die Mittleren, keine EliteAkademie für die Großen. Hier gibt es manche Vorbilder, die Schwachsinn reden, und Samstage, die in Bier ertränkt werden. 6,5 Millionen Deutsche leben einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge am unteren Rand. Sie haben wenig Geld, sind meist arbeitslos, haben wenig Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird, und sie neigen zu radikalen politischen positionen. Sie sind abgehängt. Unterschicht eben.
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An den unterschiedlichsten Stationen meiner EliteRecherche empörten sich meist wohlhabende junge Menschen über die »deutsche Gleichmacherei«, als wäre sie eine nationale Krankheit, eine Lähmung, Quell von Neid und Missgunst. Sie saßen in Schlössern, als sie über die Gleichmacherei schimpften, tippten ihre Kritik in ihr Reiche-Kinder-Internet-Forum oder verkündeten sie auf Karriere-Messen, wo ihnen Monatslöhne geboten wurden, die den Betrag, den ein Hartz-IV-Empfänger im Jahr bekommt, übertrafen. Das Gerede von der »deutschen Gleichmacherei« ist in meinen Augen vollkommen absurd. Falls es diese Gleichmacherei je gegeben haben sollte, ist sie schon lange Vergangenheit. Vielleicht sollte der Elitenachwuchs mal einen Ausflug nach Evershagen machen oder nach Wattenscheid in die dortige Förderschule. Kein Kind dieser Schule hat in den vergangenen Jahren einen AusbUdungsplatz erhalten. Die Schule bereitet sie auf ein Leben mit Hartz IV vor, von Anfang an. »Illusorisch«, sagen die Lehrer, wenn diese Kinder von ihren Berufswünschen erzählen. Und dabei träumt keines der Kinder davon, Investmentbanker oder Unternehmensberater zu werden, sondern allenfalls Verkäuferin im Kaufland. »So konnte aus der einst nivellierten Mittelstandsgesellschaft ein Land der scharfen Gegensätze werden«, schreibt der Spiegel im Dezember 2006. Die Deutschen sind reich, auf 7,5 BUlionen Euro wird ihr Nettovermögen geschätzt. Aber die Hälfte dieses Reichtums gehört ganz wenigen, nämlich den obersten zehn Prozent der Bevölkerung. Im Schnitt bringt es ein Haushalt in dieser Oberschicht auf ein Vermögen von 850000 Euro. Genug Geld, um den Nachwuchs in schicke
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Kindergärten oder zu Privatunis zu schicken. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass das untere Zehntel der Bevölkerung in den letzten zehn Jahren fünf Prozent seines Anteils am Gesamtvermögen verloren hat, in Ostdeutschland beträgt der Verlust sogar 14 Prozent. Gleichmacherei. Dieser Vorwurf geht an der Realität vorbei. »Deutschland wird zum Land der Extreme«, schreibt der Spiegel. »Der Modehersteller Hugo Boss will eine Kollektion für Kinder zwischen zwei und zwölf auflegen; zugleich eröffnet an fast jedem Werktag eine neue Filiale des Textildiscounters KiK, wo es Five-Pocket-Jeans für Heranwachsende schon ab 4,99 gibt.« Und kaum einer im Land fordert diese »Gleichmacherei«, vor der sich die zukünftige Elite so fürchtet. Die Mehrheit der Deutschen hat nichts dagegen, dass der, der mehr leistet, auch mehr hat. Die meisten halten diese Formel für richtig. Sie ist Motivation und Belohnung zugleich. Wenn also der, der als Kind Discounter-Jeans trägt, gute Chancen hat, den Weg nach oben zu schaffen, falls er klug und fleißig ist, ist es für einen Großteil der Menschen akzeptabel, dass nicht jeder im selben Laden kaufen kann. Aber hat er diese Chancen? Anfang 2007 waren nach Angabe des ARD-Deutschlandtrends zwei Drittel der Deutschen der Auffassung, dass es im Land alles in allem eher ungerecht zugehe. Sie trauten dem Versprechen nicht, dass allein Anstrengung und Können bei der Verteilung des WoWstands entscheidend sind. Und nach allem, was ich gesehen habe, glaube ich, dass sie recht haben. Deutschland ist undurchlässig, stellen Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen fest. In keinem anderen Land entscheidet die Herkunft so sehr
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einen Corpsgeist. obwohl ich noch nie in den USA war.und Professorenkinder. weil sie wüssten. Ich. die ich traf. in den Internaten. Echte Aufsteiger wie Aadish waren die absolute Ausnahme. und sowohl materiell als auch ideologisch entsteht da eine homogene Oberschicht. Nirgendwo sonst in Europa ist es für Menschen. Maria. die entscheiden. die Maximilianeerin. eine besser bezahlte Stelle zu finden. dort die Masse. wenn es richtige und falsche Schulen. die ein Leben lang halten. Was den Burschenschaftlern ihre »Alten Herren« sind. könnte ich noch hinzufügen. wie er sagte. »I.O-Abiturient von einem staatlichen Gymnasium«. wie das Spiel funktioniere. Es sind liberale Nachfolger der immer noch vielfach stramm rechten Burschenschaften. An der Elite-Akademie. kamen aus ähnlichen Elternhäusern. die Mario in Griechenland so eifrig beschworen hatte. die mit dem Rest gar nichts mehr zu tun hat«. so schwer wie hier. anerkannte. Aber nicht die entscheidende. »Das wird verstärkt durch Privatschulen oder auch die Selektion an den Unis. Hier die Gewinner. Chris. Denn aufgeteilt wird immer früher. eine herrschende Klasse. und knüpft Seilschaften. aber teure Privatuniversitäten und belächelte Reste-Universitäten gibt. und die Leute denken in solchen Kategorien. Hier die Elite. die ab der Geburt gepäppelt werden. sagt Elite216 forscher Hartmann. über die verfügt wird. »Dadurch. hat mich vollkommen überrascht. wie früh die Netzwerke geknüpft werden.« In Deutschland gibt es offenbar tatsächlich die Grenzen. denen ich davon erzählte. meinte. sind den Netzwerkern die Alumni: Karrierekatalysatoren. dort die Verlierer. Wenn sich schon im Kindergarten die Wege gabeln. deren Eltern alles tun. dort die. dass die Gesellschaft derart auseinanderreißt. Leistung und Talent spielen bei dieser Aufteilung sicher eine Rolle. Anwaltskinder. dass es auch in der linken Szene diese Elite gebe. Ärztekinder. dass seine Schüler trotz schlechterer Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein. an den privaten Hochschulen preisen sie ihre Absolventennetzwerke. Wie rasant diese Entwicklung abläuft. entwickelt sich bei den oberen Prozent eine Welt. Eliten. Die Menschen. dass Einfluss und Posten im Netzwerk. dass es Kinder aus gutem Hause auch hier leichter hätten. wie deutlich sich der Bildungsweg für einige Privilegierte mittlerweile von dem der Masse unterscheidet. dass bestimmte Kinder immer weich fallen werden. die dafür sorgen.über den schulischen Erfolg. die helfen. damit das Elitelabel so früh wie möglich auf der Stirn des Nachwuchses haftet und nie wieder verloren geht. sagten manche. Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es selbstverständlich. aber sie funktionieren nach demselben Prinzip: Man kreiert eine Gemeinschaft. war wohl zu naiv. habe ich dann immer gesagt. um darauf gefasst zu sein. Aber auch seine Eltern waren Akademiker. »Das sind ja fast amerikanische Verhältnisse«. »Ja. weil sie souverän im Auftreten seien. der Globalisierungskritiker. hatte verwundert festgestellt: »Wir sind viele Lehrer. also in der Familie bleiben. Hier die. mit meiner Kleinstadt. die einen Job im Niedriglohnsektor haben. Das wird richtig gepflegt. wie es sie hier so lange nicht gegeben hat.und Ruhrgebietserziehung. genau«. als sie noch im Iran lebten. 217 .« Unternehmerkinder. werden wir wohl bald tatsächlich wieder Eliten haben.

dann sie. nicht Disney. mich mehrmals verlaufen und sitze nun in einer grauen. sondern Harvard. eine Restbildung für den Rest. nicht Coca-Cola. Beim dritten hatte ich begriffen: Während die Haut der Kleinen stets weiß oder zartrosa ist. doch noch eine schlüssige Antwort auf meine Frage »Was heißt >Elite<?« zu finden. die amerikanischen Verhältnisse. ohne im Mekka der Eliten gewesen zu sein. stellen möchte. betreut die Kinder der Upperclass. Ich bin da. Die San Francisco Academy for Dog Trainers meint. Ich werde tiefer in den Sitz gepresst. die die Herzkammer der Elite von innen ken218 nen. Deshalb nehme ich in Manhattan den Bus nach Boston. die zu den Besten gehören wollen. Die zweite Klasse. Harvard ist also Elite. antworten sie nicht Microsoft. Es ist der letzte Versuch. der Maßstab. frage ich mich. die in Harvard Politik studieren. Am nächsten Morgen bin ich viel zu früh dran. zur einflussreichsten. Ich will meine Recherche nicht beenden. Oder auf Bänken saßen. während die etwas größeren Kinder auf dem Spielplatz tobten. »Harvard« heißt die U-Bahn-Station. zehn Minuten von der Bostoner Innenstadt entfernt. Harvard sei der »GoldStandard der Bildungsindustrie«. langsamen und überfüllten U-Bahn. als der Zug stoppt. Wenn es jemanden gibt. sie seien das Harvard des Westens. auf der anderen Seite des breiten Charles River. ist die der Nanny. eine Universität in Israel tauft sich Harvard ofHaredin. quartiere mich in einem Hostel ein und gehe abends wieder und wieder meine Fragen durch. meinem Zwischenstopp in Richtung Harvard. berühmtesten und mit 26 Milliarden Dollar Stiftungskapital reichsten Uni von allen fahren wird. Oder vor den schicken Privatschulen warteten. Ich bin mit einigen Deutschen verabredet. als meine Gedanken schlagartig stocken. klammere mich an den Armlehnen fest und starre aus dem Fenster. rund fünfzig US-amerikanische Universitäten sagen von sich. denke ich. Ist das unser Ziel?. Zu dessen Ufer müssen es laut Stadtplan nur wenige Meter sein. die sich um das Kind kümmert. Die Air-France-Maschine schlingert beim Start in Paris. Zweiklassengesellschaft. Nordens oder Südens. meist schwarz. als die Großen um drei Uhr in ihren Uniformen aus den Gebäuden strömten. Gute Bildung für Reiche. der mir doch noch das Prinzip »Elite« erklären kann. Werden die US-Amerikaner gefragt. Ich habe eine Schale Haferschleim heruntergewürgt. dunkel. Ich fühle mich fremd und denke an das. welche Marke weltweit das größte Vertrauen genießt. und ein Yoga-Center in Colorado sieht sich als »Harvard der Pilates-Lehrer-Ausbildung«. schwärmt ein amerikanischer Marketing-Profi in der Süddeutschen Zeitung. es sei das Harvard ofIndia. die Babys in Bugaboo-Buggys durch Parks schoben. die in den USA offensichtlich an ihrer Hautfarbe zu erkennen ist. und dort will ich hin. was mich in meinen ersten Stunden in den USA am meisten irritiert hat: Ich habe Dutzende Frauen gesehen. Beim ersten dieser Paare habe ich noch staunend und etwas verschämt in den Kinderwagen geschielt. Das müssen sie sein. Das Manipal Institute of Technology wirbt. Beim zweiten begann ich zu grübeln. den die bemühen. denke ich. das »Harvard der Hundeschulen« zu sein.LOOKING FOR HARVARD Amerikanische Verhältnisse. die mich hoffentlich zur elitärsten aller Elite-Universitäten. die ich denen. In acht Stunden und fünfzehn Minuten soll sie in New York landen. Wo die amerikanische Flagge vor einem Bil219 .

Kennedy School of Government. der sich mit den Bildern im Kopf deckt. das Bundeswirtschaftsministerium. Und natürlich hat er recht. Waterhouse Street. Kennedy School verschrieben hat. zu dem unter anderem Harvard. Oliver. Mare. Ich lese Namen auf Straßenschildern. nicht 221 . Thomas. Shirts und Flipflops. werde ich eine junge Elite finden. Kennedys Mahnung begrüßt werden: And so. ein funktionales. Aber das. Aber er bleibt dabei: Einmal links und dann die Straße runter. Preparing leaders for service to democratic societies . Ich sehe normale Straßen. durch nichts in ihrer Lektüre gestört werden als durch das leise Knirschen der Schritte ihrer Kommilitonen im Kies. weil er signalisiert: Das ist hier.m dungstempel weht. Das hier kann nicht Harvard sein. Es gibt den Klischee-Campus mit roten Backsteinbauten. reicht zum Leben. Lars. zu holen. die dem Gemeinwohl. Harvard ist groß. Das Geld zahlt ihnen ein Finanzierungskonsortium. Die Deutschen werden gefördert. Davon müssen sie zwar ein Zimmer mieten.»Führungskräfte rur den Dienst an demokratischen Gesellschaften auszubilden«. wende ich mich an den nächsten Cappuccino-Trinker. Ich suche das Harvard. Er setzte sich für den Marshallplan und Deutschlands Wiedergeburt auf internationaler Bühne ein. den ich von in die Welt verkauften Sweatshirts und Kappen kenne. Aber ich finde es nicht. deren Eingang von Säulen umrahmt wird. einmal links und dann die Straße runter.ask what you can do for your country. 45620 Dollar kosten Studienjahr und Wohnheimplatz in Harvard normalerweise. »Sorry«. die ich noch nie gehört habe. Das soll auch ihnen einmal gelingen. die John F. Und es gibt. das ich aus Büchern. leicht gewölbten Harvard-Schriftzug auf der Brust. weil ich denke: Das kann nicht sein. dem sich die John F. Wo die Ruderboote von synchronen Schlägen der Studenten durchs Wasser gepeitscht werden. Die sechs Deutschen sind McCloy-Stipendiaten. der beide Länder verband. einen Schnipsel Wirklichkeit zu erhaschen. my fellow Americans: ask not what your country can do for you . Berkeley Street. John Jay McCloy wurde 1949 von den USA als »Hoher Kommissar« nach Deutschland geschickt. wie die deutschen Stipendiaten in Harvard genannt werden. Hier. Ich. der stolz gehissten US-Flagge und einer Bibliothek. Wo Spaziergänger von John F. Hier studieren die Deutschen. Filmen und von Fotos kenne. der so hässlich ist. da bin ich sicher. aber nicht weiter aufregendes Gebäude aus den siebziger Jahren. Matthias und Christina müssen die Gebühren nicht bezahlen und bekommen zudem einen monatlichen Unterhalt von 1650 Dollar. normale Häuser. Fieberhaft versucht mein Gehirn. Er war einer. normale junge Menschen in Jeans. »I'm lookingfor Harvard. dass er auch auf unserem Dortmunder Bausünden-Campus 220 nicht weiter aufgefallen wäre. den »McCloys«. Garden Street. Wo Studenten. Keiner trägt den breiten. der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Haniel Stiftung eines Duisburger Konzerns gehören. was bleibt. den Pappbecher mit dem Morgen-Cappuccino in der Hand. Can you help me?« Wir starren uns ungläubig an. also dem Staat. das ist der nicht gerade bescheidene Auftrag. Er. Es gibt aber ebenso den Betonbau der Naturwissenschaften. um sich hier den letzten Schliff rur ihre Karrieren als Führungskräfte im öffentlichen Sektor. die vor alten Herrenhäusern sitzen. die den Staat gestalten.

Dort hat er bei der Mercosur gearbeitet. zu den Investmentbankern und Beratern sieht. Lars will eine Politikberatung gründen. Im Sommer will er zu einer Abenteuerreise aufbrechen und mit Bus und Bahn von Deutschland nach China reisen. eine bei »Privatsektor«. weil sie etwas anderes gemacht haben. der dünne Blonde. dass das System in Deutschland einfach so ist. »Wenn man sich die Alumni-Listen anschaut. die stören ja ein bissehen. was sie hier. Der öffentliche Sektor mache es einem nicht leicht. Eine Elite. vielleicht auch. weil sie im Ausland waren. Peng. Ihr Jahrgang sei da keine Ausnahme. frage ich. ist es ganz klar so. Ministerien oder der politischen Exekutive das umsetzen wird. sondern auch schon bei zwei großen Beratungsfirmen. sagt Oliver.« Könnte man Gefühle hören.wie alle in der langen Schlange. vorher in der Wirtschaft waren. an Amerikas edelster Uni. Außerdem bei einer NGO in Indien und einer Entwicklungshilfeorganisation im Südpazifik. »Die Leute. Dort sitzen sie. 222 »Unternehmensberatung«. die sich vielleicht als Gegengewicht zu den Absolventen der EBS. haben aber schon so prall gefüllte Lebensläufe. frage ich. die durch das streng formalisierte Auswahlverfahren wollten . am großen Ganzen zu feilen. eine bei »keine Ausnahme«. klagen sie. Ministerien. Während die großen Beratungsfirmen Topabsolventen hofierten und mit astronomischen Gehältern würben. der Jahrgangssprecher: Er hat in Bremen. Die Pathosblasen. quasi als Anwalt der Allgemeinheit. nicht nur am eigenen Kontostand und dem einer Firma. Politik und Volkswirtschaft studiert. Und dort würden dann eben Juristen mit einem »Standardlebenslauf« bevorzugt. sind zerplatzt. sagt Oliver.anstehen. sagen sie. die könnten ja die eingespielten Prozesse verändern wollen«. die diesen Standardlebenslauf nicht haben. Bei vielen ihrer Mitstudenten sehe es ähnlich aus: McKinsey und die anderen großen Beraternamen stünden in den Charts der Arbeitgeber ganz oben. die auf dem Weg hierher immer dicker geworden sind. Oliver gerade erst vierundzwanzig. Brasilien und Uruguay studiert. dass eine Auszeit von zwei Jahren nicht gerade 223 . »Aber meine Schwierigkeit ist. dass es ihr Ziel ist. »Und warum nicht in die Politik?«. auch wenn sich das nach Entschuldigung anhört. dem Aspen-Institut und dem deutschen Außenministerium gearbeitet. Oder Oliver. Getränkt mit so viel süffigem Pathos schreite ich ins Forum der JFK-School. »Wäre für mich denkbar gewesen«. sagt Oliver. diplomatischer Dienst?«. Eine Elite. The Chosen. die Auserwählten. der südamerikanischen EU. gelernt hat. denke ich und freue mich auf ihre Visionen. »Was wollt ihr ändern? Wo wollt ihr hin? Politik. Eine bei dem Wort »Berater«. Hut ab. die mir hoffentlich erklären wird. dass unheimlich viele Leute in den Privatsektor gehen und auch dort bleiben. die den Sprung nach Harvard geschafft haben.der Wirtschaft dienen will. Bei der richtigen EU in Brüssel war er auch. sagt eine Studentin. der im Gespräch am meisten reden wird. die in Verwaltungen. dass ich mich frage: Wann haben sie das alles geschafft? Lars zum Beispiel. Spanien. der Bertelsmann-Stiftung. für andere zu arbeiten. der luxemburgischen Regierung. peng. müssten auch die Harvard-Studenten für eine Karriere in den Ministerien . Sie sind Ende zwanzig. Lars ist einunddreißig. peng. so gäbe es jetzt einen dumpfen Knall. hat nicht nur Wirtschaftsgeografie.

förderlich für einen Aufstieg in einer Partei ist. Wenn das so weitergeht. Gelbes T-Shirt. Als sie die Einführung von Studiengebühren verlangen. »Das sieht man ja. sind die Beratungen die Einheitsschule der zukünftigen jungen Elite. Keiner scheint die junge Elite so zu faszinieren und zu dominieren wie die Beratungen. vor allem. dass sie Konzepte entwickeln. war mir klar. wie unser Leben aussehen soll. 1. Ein Parallelsystem der neuen Mächtigen. Es ist nicht so. aber letztlich unterschreiben die meisten doch. dass sie anstelle von Politikern und Verwaltungen Konzepte dafür entwickeln.« Es gibt einen in der Runde. die vor der Entscheidung standen: weiter in der Partei aufsteigen oder nach Harvard gehen. was passiert. im Grunde genommen ein Mittelmaß schafft und uns die Möglichkeit nimmt. es ist uns egal. »Man müsste den Begriff >soziale Gerechtigkeit< aus allen Diskussionen. wie das Arbeitsleben anderer weitergeht. der zukünftige Politikberater. dass das hier in Deutschland als Sprungbrett zu einer politischen Karriere angesehen wird. Dinge zu verbessern. Fünftagebart. war ich überrascht. »Wir bleiben nur zwei. sagten die meisten der Schüler und Studenten. erst einmal rauslassen«. Es gibt hier ein paar Beispiele von Leuten. Es mag nach Verschwörungstheorie klingen. waren schon da. es müsse wesentlich verschulter werden. WIe man U' 't" mverSI aten 0 d er Krankenhäuser straffer orga224 nisieren kann. Dass sie aber auch vorschlagen. Dass die Berater in den Vorstandsetagen der Dax-Unternehmen ein und aus gehen. an denen man die junge Elite vermuten könnte. Aber selbst wenn das stimmt. die ich während meiner Recherche besuchte. aber an allen Orten. meint er. wie intensiv die großen Beratungsfirmen inzwischen mit dem Staat zusammenarbeiten. als die anderen 225 . nur so könne man das Drittel unter den deutschen Studenten. gegen das verstaubte Organisationsformen wie Staat oder Wissenschaft keine Chance zu haben scheinen. »Nicht weil man sagt. Manche der jungen Talente sträuben sich. Sie halten überdimensionale Sauger in der Hand und positionieren sich vor allen Unis. was die Egalität gefährdet. wie die Bundesagentur für Arbeit oder die Bundesw~hr auszusehen haben. hieß es: McKinsey und Co. sondern weil diese Phobie. war mir neu. 1.4 Milliarden Euro zahlte der Staat den Beratern nach Angaben der Branche im Jahr 2006. lange Haare. Matthias heißt der »Aber«-Sager. eine spannende Arbeit und jedem ein bissehen Macht. als sie fordern. aussortieren. der mehrmals »aber« sagtals die anderen Harvard-Stipendiaten über die deutschen Universitäten schimpfen. manche suchen nach anderen Wegen. bei Wahlen die Konzepte von McKinsey oder Berger zur Abstimmung zu geben statt der Programme von CDU oder SPD. reißt mich Lars. aus meinen Gedanken. auch aus der über Elite. dass ich eher linke Ansichten habe«. Vielleicht hat Mario recht. Schulen und Akademien. Als ich mich bei McKinsey beworben hatte.4 Milliarden dafür. Sie bieten viel Geld. drei Jahre dort«. Denn er darf mitentscheiden. damit alle Bildung als »Investment in sich selbst« erkennen.« Plötzlich sehe ich Mario und seine Kollegen von McKinsey vor mir. Er bleibt. die »absolut nicht studierfähig« und dazu noch ziemlich faul seien. Dann saugen sie die Talente ab und speisen mit ihnen ihren hochtourig laufenden Apparat. wäre es vielleicht ehrlicher. mit denen ich über ihre Karriere als Berater sprach.

wo an funktionierenden Absolventen-Netzwerken gearbeitet wird. Auch diesen Gedanken habe ich schon mehrmals gehört. Er will dort ein Mikrokreditinstitut für Wohnungsbau mitentwickeln. Joschka Fischer. und erzählt von seinem Projekt in Indien. das die Beratungen zahlen. Oder ob diejenigen. das die. der meinte. dass es mittlerweile auch Karrierenetzwerke für junge Linke gebe. wie wertvoll Vernetzung sei.« »Aber macht das Stipendium. Und sogar von Chris. Schon jetzt pendelt Matthias zwischen Harvard und Ahmedabad im Westen Indiens hin und her.längst in Richtung Seminar verschwunden sind. kostet. Die akademische Qualität der Seminare sei nicht unbedingt besser als in Deutschland. dann überhaupt Sinn. kluge Antworten auf meine Fragen zu hören. die außen stehen. Das Bekenntnis zu Leistung. auffängt und die. Im Interview hatten die Studenten erzählt. frage ich. Man würde in Harvard schnell begreifen. stundenlang Bus gefahren. gepaart mit einer mitleidlosen Missachtung für die. Viele bekommen eine Absage vom Staat und denken dann: Das Geld. um sich würdigen Wohnraum zu leisten. Nur drei Prozent der Erstse227 . als hätten sich hier alle auf Dutzende Stellen in den Ministerien beworben und sähen keine andere Möglichkeit. als zu den Beratungsfirmen zu gehen. Madeleine Albright. An der EBS und der Elite-Akademie. eine Zeit lang im öffentlichen Sektor zu arbeiten. In Neubeuern und Salem. Stattdessen die immer gleichen Antworten: der Wunsch nach einer Förderung der Eliten. Ein Netz. Ich bin geflogen. das viel Geld. wenn am Ende doch alle zu Beratungen gehen und eben nicht beim Staat arbeiten?«. Die Ärmsten könnten dort Kleinstbeträge leihen. Die meisten Studenten wollten das nicht.« Um sechs Uhr morgens landet die Boeing 777 in Paris. dreiundzwanzig eng betippte Seiten. »sehr lange Diskussionen. abhält. Vier Tage hat meine Reise ins Mekka der Eliten gedauert. Und auch sie würden inzwischen eifrig knüpfen. einen Teil ihres Stipendiums zurückzahlen sollten. sagen sie. die nicht ähnlich erfolgreich sind. Manchmal konkurrieren mehrere Nobelpreisträger um ihr publikum. die dazugehören. durch Harvard geirrt. ist auch nicht schlecht. auch staatliches Geld. sagt Matthias. um vielleicht doch noch neue. Aber jeden Abend seien hochkarätige Gäste da. die in die private Wirtschaft gehen und deshalb sehr viel Geld verdienen. habe ich nicht gefunden. ein Gegengewicht zu dem bislang Gehörten. Wie die »faulen« deutschen Dauerstudenten zum Beispiel. Ich bin zurück aus den amerikanischen Verhältnissen. In meinem Rucksack habe 226 ich zwei Stunden Interview auf Band. »Es gab unter den Studenten Diskussionen«. Leider. Aber eine andere Elite. denen die deutschen Verhältnisse immer ähnlicher werden. Die amerikanische Century Foundation hat kürzlich die Studentenschaft der berühmtesten US-Unis untersucht. vielleicht sogar scheitern. sagt er. Ehrgeiz und Fleiß. wo die Abiturienten dicke Bücher mit wertvollen Adressen in die Hand gedrückt bekommen und ein Anruf den Einstieg in den Beruferleichtert. Der französische Premier. ob sich die Absolventen verpflichten sollten. mit welch großem Einsatz alle an ihren exzellenten Kontaktnetzen knüpfen würden. »Noch einmal zu den Beratern«. Elite heißt Vernetzung. »Es ist nicht so. Für diese Vorschläge gab es keine Mehrheit. Es ging darum. dass das Faszinierende an Harvard sei.

wie mir meine Recherche gezeigt hat. dass der amerikanische Aufsteigermythos mit der Realität an den großen Universitäten nicht mehr viel zu tun hat. mit glänzenden Steinen besetzten Handtasche fest. das ohne die plumpen Methoden seines geschichtlichen Vorgängers auskommt. welches Paar Schuhe zu meinem gerade gekauften kurzen schwarzen Kleid passt. Er war unhooked. Golfer und Dressurreiter einrichten. Es sind die Verhältnisse. So hat Harvard zum Beispiel den Sohn des ehemaligen Vizepräsidenten und heutigen Klimaschutzhelden und Nobelpreisträgers Al Gore angenommen. Seine aufwendige Recherche zeigt. Gleich wird es ernst. Meine Lippen sind tiefrot. die zum ärmsten Viertel der Bevölkerung gehören. stammte also nicht aus einer wohlhabenden Familie.»Der Preis der Zulassung«. von Harvard über Princeton bis Yale.- mester kommen aus Familien. wenn ich ihm von meiner Reise zur Oberschicht erzähle. Tom zieht das 229 . Das Ticket für Harvard werde vererbt wie eine Firma.« DIE ELITE FEIERT Es ist kurz nach Mitternacht. Die Elite versorgt ihre Kinder mit den Abschlüssen der Elite-Unis. dass Kinder reicher Eltern bessere Schulen besuchen und besser gefördert werden. werde ich nun guten Gewissens erwidern: »Streich das >amerikanisch<. dass die berühmten Colleges. wie es in der College-Sprache heißt. von Berühmten und Mächtigen beide Augen zudrücken. von Absolventen der Unis. Noch etwas steif halte ich mich an der kleinen. ein Pferdestall oder ein Fuhrpark. ob~ wohl er schlechte Noten hatte. damit sie das Erbe ihrer Eltern antreten können. meint Golden.." ~. Es gibt also keinerlei Gründe. Ein Feudalsystem.. bei Kindern von treuen Geldgebern. an dem. So bleibt man unter sich. Ich stehe vorm Spiegel und teste zum dritten Mal. über das ach so ungerechte amerikanische Zweiklassensystem zu spotten. Dass dieses Ergebnis nicht nur damit zu tun hat. würden die Unis immer reicher und weißer. Golden belegt. dass sie Stipendien für Polospieler. 74 Prozent der Studenten sind Kinder derer. Duke und Co. In der jüngsten PISA-Studie landeten die USA in puncto Chancengleichheit vor Deutschland. der sagt: »Das sind ja amerikanische Verhältnisse«. dass die Aufnahmebüros in Harvard. die mir eine Freundin geliehen hat. bei der Auswahl ihrer Studenten mindestens genauso auf den Reichtum und die Macht der Eltern achten wie auf die Noten und Testergebnisse der Schüler. Im gleichen Jahr hat die Uni einen asiatischstämmigen Studenten mit brillanten Zeugnissen und einem exzellenten Lebenslauf abgelehnt. Dem nächsten meiner Freunde. hat der Journalist und Pulitzerpreisträger Daniel Golden beschrieben. Ein Feudalsystem. die nötig sind. So. die das reichste Viertel ausmachen. Untertitel: »Wie sich Amerikas herrschende Klasse in die Elite-Colleges einkauft und wer draußen bleiben muss. 2006 veröffentlichte er sein Buch The Price ofAdmission . konnte Golden doch nachweisen. während gleichzeitig die Förderprogramme für talentierte Basketballer 228 oder Läufer zusammengestrichen werden. auch deutsche Privatschulen und -Universitäten basteln. Zu rot? Das würde ich jetzt gern meinen Freund fragen.« Das Buch sorgte in den USA für heftige Debatten. doch der rennt seit einer Stunde zwischen seinem Zimmer und dem Bad hin und her.

und wir stehen auf der Gästeliste. die in schneeweißen Daunenjacken stecken. Wir parken. wie sie schreiben. do you want House Music?« Danach stöhnt sie wieder und singt schließlich weiter. werden bei jeder Bewegung aufs Neue gequetscht. Was meinen die damit?« »Die« sind die Kinder wohlhabender Eltern. dass die sagen: >Sozen-Mode. Wir müssen ein paar Straßen weiter parken«. die silberne. Eine halbe Stunde später ist zumindest klar. Hinter denen wiederum hocken betrunkene. sehr junge Partygäste. »Dresscode: stylish und sexy« steht in der Einladung. Und 50 Euro pro Flasche stemmt man 231 . »Was ist hier so falsch?«. die ich auf jeweils zwei Kilogramm schätze. steckt es wieder rein. Ich mustere sie lange und entscheide. Die Frau. in denen ein paar halb leere Flaschen stecken. Sie leckt sich die Lippen und stöhnt. Es geht nur zentimeterweise weiter. Die Wände und der Boden. auch hier spazieren in Gestalt von Täschchen und Stiefelchen die teuren Marken umher. Taxis halten hier im Akkord und speien junge Menschen aus. ehrlich gesagt. sagt er.« Und. schreie ich Tom zu. Ihre Brüste. einer prüft kurz die Kleidung. Ein Blick mustert unsere Gesichter. auf denen »Prince« oder »Princess« steht. steckt in einem gefährlich korsettierten Kleid. denn der Club ist nur mäßig gefüllt. Exklusivität scheint zu verlangen. Klar. dann sind wir an 230 den Türstehern. Eine unnötige Prozedur. zu deren Internet-Netzwerk Schwarzekarte ich seit einigen Wochen gehöre. die Vorhänge und die Ledersitzgruppen. es ist kurz nach zwei. die ich mittlerweile so gut kenne. »Das ist so seelenlos hier«. »Ich will nicht. Wenig später sitzen wir in Toms Polo. also um die 2000 Euro. Die Schlange bewegt sich kaum. antwortet er gereizt. dass sich das Ankleidetheater gelohnt hat. Wir sind jetzt seit über einer Stunde auf der Party. Ab und an hebt einer der abgefüllten Helden die Arme. Darin wurde die letzte SchwarzekarteParty als Champagnergelage von Kindern beschrieben. Deshalb die Aufregung. und ich fühle mich falsch. keiner hat richtig Spaß. »Mit dem kannst du da nicht vorfahren. sogar die Kleidung der Barkeeper und die Schürzen und Hauben der farbigen Toilettenfrauen. die sich hinter uns in die Reihe einordnen. die den Gästen die Türen öffnen. »Hätte ich eh nicht gemacht«. Hinter meinem Rücken sind Samtkordeln gespannt. Ich hatte Tom aus einem Artikel in der Hamburger Morgenpost vorgelesen. Dahinter drei Ausrufezeichen.e Hemd aus der Hose. wie wir später sehen werden. »exklusive und exzessive Party« im Berliner Dinnerclub Bangaluu. Alles um mich herum ist weiß.und Champagnerflaschen gibt es heute zum Schwarzekarte-SpecialPrice von 50 Euro. keinen braunen Ledergürtel zu besitzen. Heute feiern sie eine. sonderlich exklusiv ist es auch nicht. zieht doch ein anderes an und verzweifelt fast bei der Erkenntnis. Wodka. als wolle er die Sängerin am Ende des Saals dirigieren. von denen einige jeden Monat ein Taschengeld in Höhe eines ordentlichen Nettogehalts. dass sie nicht der Grund für mein Unwohlsein ist.vorbei. die schon seit einer halben Stunde in einer Dauerschleife zu irgendwelchen Beats singt. jammert er. draußen bleiben<<<. stopfen aufgeregt viel zu viele Scheine in die winzige Handtasche und laufen zu dem von Strahlern in rosafarbenes Licht getauchten Club. »Keiner ist ausgelassen. Dann schreit sie: »Berlin. sage ich. verprassen können. mit Eis gefüllte Kübel vor sich stehen haben. dass man vorher ordentlich friert.

Man müsse den Besitzer kennen oder den. als ein Typ gekommen sei und gefragt habe: »Magst du ein Band? Für oben?( Die 232 Exklusivität scheint recht willkürlich verteilt zu werden. Die Sonnenstudio-Gebräunten. Hier aber ist für sie alle und auch für uns Schluss. sondern in weißen Ledergarnituren sitzen. bei dem die Gäste nicht im Stuhlkreis. Sie ist ein Lockmittel. bewacht den Aufgang zum »Private«-Bereich. Wir passieren einen Kühlschrank mit riesigen Champagnerflaschen. Unten auf der Tanzfläche steht das Volk. Plötzlich möchte ich um jeden Preis auch diese Treppe hoch. den ich getrunken habe. die man eher in Großraumdiscos erwarten würde. merken wir. die hinter einem kleinen Pult steht. Hinter den Samtkordeln sitzen die. ergötzen sich an sich selbst. Die Muskelshirt-Träger. Ein anderes setzt sich unter dem Kreischen ihrer Freundinnen eine Sonnenbrille auf. Sie starrt weiter. die meisten noch halbe Kinder. Es wirkt wie eine hohle Kopie einer reichen und schönen Welt. Das endete mit einem billigen »Kann ich deine Nummer haben?«. »Braucht ihr so ein Band?«. Als ich zu Hause bin. Dabei hatten uns doch alle Zulasskontrollen suggeriert. Vor dem DJ. Aber Dennis gehört jetzt dazu. »Private« steht da. erklärt sie uns. werde ich plötzlich so wütend. Er habe gelangweilt und frierend am Eingang gewartet. die edle Handtasche und die roten Lippen . »Du hast es doch gerade schon mal versucht«. Eine Frau. dass die Exklusivität im Bangaluu mehrstufig organisiert ist.das alles war also umsonst. »Ich habe genug von den 233 . tanzen ein paar Gäste exzessiv. dass ich meine Elite-Materialsammlung aus dem Regal reiße und durchs Zimmer schleudere. Also nichts mit Elite. erzählt er. die er wohl in irgendeinem Video gesehen hat. der uns zur Party begleitet hat. In seinem Gefolge darf ich an ihr vorbei. um die Ecke. an der House-Music-Sängerin oder an den selbstverliebten »Private«-Kindern. kann ich später nicht mehr sagen. Aber sonst? Eine ehemalige Soap-Darstellerin haben wir gesichtet.auch nicht mit einem Eckkneipen-Budget. Das schwarze Kleid. »Wer hat das? Wir stehen auf der Gästeliste!« »Das reicht nicht«. sagt sie. gehen an der Bar vorbei und sehen in einem fast leeren Raum vielleicht dreißig »Private«-Gäste. Und es wirkt. »Wer hier hochwill. die sich zumindest die 50-Euro-Flaschen leisten können. Ein Mädchen starrt vor sich hin. Gerade kippt einer ein Glas Cola über die weiße Ledersitzecke. und Tom ist von einer Tussi angemacht worden. dass wir hier auf einer echten Party der Elite landen würden. Wir stehen und starren. Denn als wir die Treppen zum zweiten Obergeschoss hochgehen wollen. »Lass uns gehen«. Und tatsächlich gibt es hier auch jede Menge Leute. der die Bänder verteilt. braucht ein weißes Band«. zwei Mädchen reiben sich an einem jungen Krawattenträger. fragt er und wedelt mit seinem Handgelenk vor unserer Nase herum. ein Junge fahrt ihr zwischen die Beine. motzt sie in meine Richtung. Ob es am Cuba Libre liegt. der unermüdlich Plastikmusik auflegt. Wir gehören nicht dazu. sage ich irgendwann. Dennis hat sich extra für diesen Abend einen bürgerlichen Seitenscheitel gekämmt und ihn mit Daxwachs fixiert. Dennis redet auf die Dame am Pult ein. Stattdessen sind wir auf einem Kindergeburtstag. Denken wir erst mal. Strahlend biegt kurz darauf ein Freund. Einer imitiert Schrittfolgen. biegen um die Ecke. die einen »total exklusiven« Club am Ku'damm eröffnen will und jetzt schon nach den richtigen Leuten fahndet. Die HandyFotografierer.

Die sollte jedes Elternpaar für die Finanzierung eines solchen Elitebildungswegs beiseitelegen. Jeder so. Gebühren für den Kindergarten. Ich habe schon zu viele Bilder im Kopf. an den Unis. weiterzusuchen. um weiter neugierig. Das Wort »Elite« halte ich nach diesem Jahr nur für bedingt brauchbar. Andere schreien ihn. als Tom irritiert aus dem Bad herbeieilt. dass sie für sich mehr beanspruchen können als der Durchschnitt. Denn das war es mit der Elite. wird es nun wieder hervorgezerrt. »Geld und Herkunft« schreiben Dritte. Es sind junge Menschen. Am nächsten Morgen bin ich froh. das Internat. Dutzende Definitionen des Begriffs »Elite« gehört und ebenso viele Rechtfertigungen für sein plötzliches Wiederauftauchen. fluche ich. wie er es braucht. heraus. Manche zögern. dass ihn fast niemand mehr hinterfragt. Hunderte Artikel gestapelt. die gelernt haben. Er ist schillernd und unscharf zugleich. die sie auf ihr Reservierungsschildchen für einen Platz in der Elite schreiben. zu viel Unwohlsein im Bauch. Und das ist das Grundproblem des Elitebegriffs. Das macht es so leicht. Noch glücklicher bin ich allerdings darüber. Inzwischen hat man die zweite Phase der Kampagne gestartet. es wäre sinnlos. In den Internaten. Eltern überweisen Geld. diesen Anspruch zu formulieren. dass sie diese Eliten. die wissen. ein echter Begleiter geworden 1st. die wir angeblich brauchen. Junge Menschen.so viel Zeit verbracht habe. dass Elitesein kein Tabu mehr ist. 235 UNTER GEWINNERN Nach einem Jahr geht meine Suche nach der Elite jetzt zu Ende. »Verantwortung« auf anderen. unterscheiden sich. nicht zu vergessen. möglichst unvoreingenommen auf die zuzugehen. kommt man auf mindestens 300000 Euro. zu viele Antworten im Ohr. die vor allem eins lernen: Euer Platz ist unter den Gewinnern. Die Phase der Realisierung. Mir ist klar geworden. Andere haben für sie nur ein verächtliches »Strengt-euchhalt-mehr-an« übrig. für die Schule. Ich glaube. nicht das schwarze Kleid oder die Brillantentasche demoliert zu haben. auf ihrem Weg nach oben die. Endgültig. Aus diffusen Eindrücken ist in diesem Jahr mehr und mehr ein stabiles Gedankengebäude geworden. Weil das Wort. Ihr dürft die wichtigen Posten in der Gesellschaft übernehmen. dass ich beides nicht mehr brauchen werde. Kindergärten.Eliten!«. »Leistung« steht aufvielen. 234 . Wenn man die zusammenzählt. Als sei es in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht schon genug gequält worden. ihn zu instrumentalisieren. Manche versprechen. Der Satz »Wir brauchen wieder Eliten« ist inzwischen so oft gesagt worden. damit ihre Kleinen dazugehören. Es wachsen Menschen heran. den Karrierecoach und die Uni. Ihr seid Elite. sondern Tatsache. Schulen und Universitäten versprechen. in Akademien. Die erste so erzogene Elitegeneration steht bereit. die sich Elite nennen. ausbilden. mit dem ich jetzt. vor Selbstbewusstsein strotzend. Auch die Begründungen. dass in Deutschland eine gewaltige ElitenRevitalisierungskampagne läuft. die unten stehen. empfinde ich sogar so etwas wie Mitleid mit ihm. Im Rennen um Macht und Geld ist für euch die Poleposition reserviert. Ich habe im vergangenen Jahr Tausende Bahnkilometer gesammelt.

müsste die Antwort nicht »Ja« oder »Nein« lauten. schneller. merkte ich. sondern: »Sagt. auch wenn manche mit beiden Sätzen dasselbe meinen. Wenn gefordert wird: »Wir brauchen wieder mehr Eliten«. Ich bin sicher. und dem. eine besonders gute Ausbildung erhalten und als Bonus Kontaktnetze. Mut und Wahrheitsliebe. waren klug. Verantwortung. dass wenige Ausgewählte besser behandelt werden als der große Rest und dass die Regeln für diese Auswahl oft ziemlich undurchsichtig sind. fleißig und freundlich. dass die meisten von denen. Ich fände es schön.Wie ein altes Superman-Kostüm. was er unter ))Elite« versteht. zwischen seiner Karriere und seinen Idealen ins Straucheln zu geraten. weil er Sorge hatte. dass »Elite« heißen kann. wenn ihnen die Last des Eliteseins erspart bliebe.« Ich habe gesehen. Als Oliver aus Harvard mir einen Link zu seinem Internet-Tagebuch schickte. tli h Wettkampf um noch mehr Leistung. Ich habe gesehen. dass »Elite« heißen kann. dass schon die Kleinsten in Geförderte und Ungeförderte geteilt werden. um schnell und geräuschlos das Land in eine neue Richtung zu drehen. kem . klingt sehr viel freundlicher als »Wir wollen in Gewinner und Verlierer teilen«. ))Wir wollen Eliten«. Aufteilung und Machtstreben meint. dass sich Deutschland noch offensichtlicher in Gewinner und Verlierer teilt. Als Carllange nachdachte und die einfachen Antworten scheute. es ist höchste Zeit. wenn sie sich Fehler gönnen könnten. Ich sah. wie man in seinem Sinne die Gesellschaft verändern soll. dass sie hinnehmen. um fast alle Motive unter sich zu verbergen. Vorbild. das Politiker und Wirtschaftsbosse in den Tiefen ihrer Mottenkisten wiederentdeckt haben. dass Elite aber auch Ungerechtigkeit. Ich bin mir fast sicher. Fast alle. hörte ich. die ich traf. »Elite« heißt für manche auch. um die nötigen Debatten 236 über die Frage »Wer bekommt wie viel und warum?« zu ersticken. dass auf diese Menschen so wenig Rücksicht genommen werde. um zu definieren. auf dem schwierigen Terrain zwischen dem. um ihre wahren Motive zu verbergen. Sonderrechte. Ich würde ihnen gern sage~. dass nicht nur ich mit dem Wort zu kämpfen hatte. und versteckt euch nicht hinter diesem so oft missbrauchten Wort. dass auch die Elite Pausen braucht. was andere mit dem Begriff verbinden. und dass ~~gen c kein Zwang besteht. unnütze Hobbys oder lange Ferien. die zahlen. dass sie Sonderrechte auf Lebenszeit fordern. hoher und weiter zu kommen als andere. die eine schnelle Karriere sichern. begriff ich. Ob einen der Satz ))Du bist Elite« auf Dauer verändert? . dieses Kostüm wieder herunterzureißen. diese Welt in letzter Konsequenz gar nicht wollen. dass auch für ihn die Effizienz Grenzen hat. Verpflichtung. Sicher auch edge und energy. h d· L· irgendwann nicht Vermutlich sperren SIC Ie Ippen 237 . Nach diesem Jahr fürchte ich mich davor. dass manche. Ich finde. die ich traf. Als Bernd erzählte. Es soll seine Träger als Helden der Effizienzgesellschaft verkleiden und ist dehnbar genug. Das Wort »Elite« ist zu unscharf. was ihr damit meint. zu funktionieren. was immer das auch heißen soll. das Wort ))Elite« nutzen. sah ich. in dem er seine Reise von Düsseldorf nach China beschreibt. dass er durch die Arbeit seines Vaters viel Kontakt zu Behinderten habe und dass es ihm Sorgen mache. dass das Leben kein anstrengender Sprint sein muss. die all das wollen. dass nur die. Das alles sei Elite.

wenn ich unter den Eliten mehr Schreihälse getroffen hätte. Fleißigsten. den Bundesbildungsministerin Schavan demonstrierenden Studenten 238 entgegengerufen hat: »Wir brauchen Eliten. gehöre zu den zweihundert Topstudenten Deutschlands. können die Zwanzigjährigen logischerweise noch nicht vorweisen. dem bleibt fürs Grübeln. dass Ich mich langsam in die Furcht vor der Elite hineinsteigere. kein Recht. um dorthin zu kommen. kämpfen. '. Viel leisten. Die Klügsten. die an das Elitekonzept glauben. pünktlich und diszipliniert sein. möglichst viel von dem. vielleicht auch besonders angepasst waren. auch 239 _ _ _ _ _. ~ncht an den Lerninhalten der Unis rütteln. nicht Noten oder Testergebnisse. dass die Schüler oder Studenten besonders fleißig. wie Aadish. sonst würde er diesen Begriff kaum akzeptieren können. also bin ich mehr wert. das heißt in dieser Elitenwelt: funktionieren.. andere. in möglichst wenig Leben zu quetschen. Zur Selbstbestätigung wird dieses Bessersein zu allen möglichen Anlässen beschworen. ' mehr.elleicht bin ich nach diesem Jahr so dünnhäutig. die Talentiertesten. was in Zeiten der Elite von jungen Menschen erwartet wird. quälen sich mit Zweifeln. sind die Glaubenssätze der jungen Elite. verknüpfen leistung direkt mit dem Wert des Menschen. .. Wer mehr leistet. Konsequent zu Ende gedacht. desto absurder wird aber das Gerede von den Besten. was man in Zeugnissen Kopfnoten nennt: schön schreiben. Widersprecher. Mehr Querdenker. Denn eigene Leistungen.. Wer von sich behauptet. die ich beim Campus-Day bekam. auch mal zu scheitern.. Klügsten. wenn die Ohren ihn nur oft genug gehört haben und das Gehirn ihn als wahr akzeptiert. besonders ehrgeizig. »Wer mehr leistet. so habe ich gelernt. i ' (" . Es schmeichelt ja auch. wie Carl. die Brillantesten: Solche Superlative muss man erst einmal verkraften.. heißt »Elite« dann doch: Ich leiste. keine Pausen einfordern. »Leistung« heißt in den meisten Fällen. Viele aber nehmen das Lob an.. desto mehr haben mich diese Sätze abgeschreckt. auf Umwege. tun. darf mehr bestimmen. je vielfältiger die Begründungen und je eindeutiger die Forderungen wurden. Aber meiner Ansicht nach muss.« Dieser Satz sagt viel über das. im Maximilianeum die klügsten Abiturienten des Freistaats. Je früher die Einteilung in Elite und Masse erfolgt. kein Recht auf Fehler. hat mehr verdient. sondern wirkliche Leistungen.. Sie sind exzellent in dem. Das macht ~ir Angst. Denken und Hinterfragen wohl wenig Raum. Neinsager. Manche. In solch einer Welt möchte ich nicht leben.·An der Elite-Akademie. Elite zu sein. wo oben sein soll. hieß es. die der Gesellschaft genützt haben.. Trotzdem ist dieses Mehr an Leistung die Hauptrechtfertigung fürs Elitesein. muss eigentlich fest davon überzeugt sein. klettern. Beim ersten Hören klingen diese Sätze pragmatisch und vernünftig. Ich denke an den Satz. diesen Satz zu sagen. nicht nachfragen. wer Elite fordert. reagieren mit betonter Bescheidenheit. Wer es an die EBS schaffe. Aber vermutlich fehlte ihnen dazu schlicht die Zeit. wenn der Tag in der Beratung wieder sechzehn Stunden lang ist. keine Schreihälse. Viele. Beim McKinsey-Wochenende in Griechenland wurde uns gesagt. Je häufiger ich ihnen aber lauschte. besser zu sein als andere. nicht an Streik denken.~ . Denn wer dem Ziel hinterhereilt. Ich wäre erleichtert gewesen. Rennen.« Das. stand in den bunten Prospekten. VI. was andere als Leistung defmiert haben. seien dreißig der talentiertesten jungen Menschen Bayerns. wir seien brillant. was verlangt wird.

Das Recht zu meckern. Es soll eine Art Abschiedstour werden. habe in der Intercity-Toilette die Jeans aus. das Recht. um als wertvoller Mensch zu gelten. weil unsere WG bald umziehen muss. Glücklich darüber. ABSCHIED VON DER ELITE Ein allerletztes Mal sitze ich im Zug in Richtung Elite. wie viel ich leisten muss. die man für andere erbracht hat? Die Wohnungsbesichtigungen. dass ich mir bei dem Manöver keine Laufmasche eingefangen habe. heißt es bei vielen. ein Gehalt zu fordern. Außerdem eine Tages. zu protestieren. 240 Schluss. mit denen am Tag der offenen Tür den Eltern die Investition in das Studium schmackhaft 241 . Ein letztes Mal habe ich mich verkleidet. Wie viel zählt Nachdenken? Und gibt es Punktabzug für die Soap und die Champions-League-Auslosung? Plötzlich sehe ich meine WG und meine Freunde vor einem Elite-Tribunal stehen. Vorher will ich aber noch einmal Bahn fahren. Andere aber werden sehr. bewertet. von dem sie leben können. denke ich. die Räder des Intercitys rattern beruhigend. um unsere Leistung bewerten zu lassen: Gut. lautet das Urteil. Bernd. meine Gedanken andauernd um die Elite kreisen zu lassen. Hysterie!. Neurose.und das schwarze Kleid angezogen. Der Rhein fliegt am Fenster vorbei. geworden ist. Er hat die Durchschnittswerte. stopp. in denen ich nachlesen kann. Wie viele Leistungspunkte bringt mir dieser Tag? Zählt nur das. dass ich nun endgültig aufhören sollte. ein Sachbuch. und die anderen seines Jahrgangs haben deshalb zu einem großen Ball eingeladen. Paranoia. Ich bin von der Arbeit zum Zug geeilt. um das Recht zu haben. In einer langen Reihe müssen wir alle vor der Elite antreten. Strumpfhose. den ich in der nächsten Woche machen möchte. in jeder Kurve gegen das Waschbecken zu knallen. Schuhe und ich schadlos überstanden haben. Regeln. was aus denen. In wenigen Minuten werde ich in Mainz sein. Dann wird ihnen das Recht auf einen Job entzogen. sehr lange gemustert. Abends haben wir lange gekocht. immerhin. vielleicht das Kochen. aus!. Okay. Was ist mit einer Leistung. die ich im letzten Jahr getroffen habe. Bernd wird nach der Abschlussfeier bei einer großen Unternehmensberatung in München anfangen. als ich völlig verändert zurückkomme.Antworten auf die folgenden Fragen geben: Wer misst diese Leistungen? Was ist wertvolle und was überflüssige Leistung? Heißt Leistung stets Effizienz und Profit? Gibt es Abkommen.und eine Wochenzeitung. womit man Geld verdient? Das wären dann das Schreiben und die drei Telefonate. drei Telefonate geführt. beschimpfe ich mich und beschließe. schreibe ich oben auf die erste Seite meines letzten Blocks. noch einmal geprüft. dass Kleid. Ich habe eine Soap im Fernsehen gesehen und die Auslosung der Champions-League-Gruppen auf Eurosport. »Was ist aus der Elite geworden?«. zu fordern oder einfach zu meckern? Gestern habe ich hundert Seiten in einem Buch gelesen. der erste Eliteanwärter. Ich habe etwa zweieinhalb Stunden lang diesen Text überarbeitet und für einen Reportagedreh. mit dem ich sprach. Dort feiern die Studenten der European Business School ihren Studienabschluss. »Nichts geleistet«. Aber egal. Ich will wissen. Außerdem habe ich zwei Wohnungen besichtigt. Mein Zugnachbar starrt.

die Elite abzuschaffen«. hatte er mir gesagt. Verdiene ich genug? Wo kommt die Miete her? Muss ich wirklich jeden Monat 100 Euro für die Rente sparen und wenn ja. »Mir geht es schlecht. Bernd wird nicht verschwinden wollen. »Ich mache keine halben Sachen«. Er muss nur eines: hart arbeiten. in Bernds Leben keine Rolle mehr spielen. »Aber das geht wohl nur in einem anderen Wirtschaftssystem. sie bieten ihrem Nachwuchs auch Schmankerl wie Dienstwagen. in dem nicht alle dem Geld hinterherrennen müssen. kaum geschlafen.gemacht wurde.« Vermutlich wird es ihm dann noch schwerer fallen. den G8-Gipfel. die andere mit zweiundzwanzig haben. Er war in Talkshows und hat eine Rede vor fünftausend Menschen gehalten. In ein paar Wochen werden die Probleme. ich beschwere mich auch gar nicht. was er ohne Leistung bekommt. Die Beratungen zahlen nicht nur mehr. zum Geldverdienen«.»Mach Karriere oder verschwinde«. Aber er will noch mehr Verantwortung bei Attac übernehmen. Er hat. wenn ich feststelle: Hier hast du nicht alles getan. Oliver und Philipp sind jetzt in der Abschlussklasse. Jetzt ist er ein wenig müde. auch wenn die Woche hundert Arbeitsstunden hat. wo er immer noch für seine Abschlussprüfung lernt. musste Chris in Rostock im Basiscamp bleiben. was du hättest tun können. sagt er. wovon? Diese Sorgen wird er nicht kennenlernen. sein Großereignis des Jahres. habe ich gerade in Hamburg getroffen. meinte er. Sein Einstiegsgehalt wird höher als die durchschnittlichen 50752 Euro eines Absolventen sein. um auch andere 243 . Er hat es nicht geschafft. muss er sich zusätzlich zu seinem Vollzeitjob bei Attac noch etwas anderes suchen. und ihr Leben im Kreise der Altschüler wird beginnen. Aber dann muss er halt mit dem klarkommen. »Ich musS irgendeinen Teilzeitjob finden.« Aadish. Während es den anderen Demonstranten gelang. wenn es gelänge. noch mehr Stunden pro Woche dort arbeiten. Er verlässt die kleine Stadt Vallendar. der meckert. »Ich verlange von jedem. den Globalisierungskritiker von Attac. AbscWuss mit vierundzwanzig hieß es damals. Weil er nicht länger auf das Geld seiner Eltern angewiesen sein will. Er wird sich jetzt erst recht kein Luftholen mehr erlauben. findet Chris. dass andere weniger leisten. nachdem es bei der Eröffnungsdemo in Rostock zu dumpfer Gewalt gekommen war. Miriam. Er muss funktionieren. festzusetzen. Im nächsten Sommer werden sie endlich 242 die dicken Bücher mit den vielen Kontakten und Adressen in der Hand halten. In einem. zu blockieren. der Zweifler. Chris. dass er davon nicht leben kann. »Es war so viel. Leistung«. »Es wäre schön. Blackberry und Laptop. Das bindet Kraft. der junge Iraner. der trotzdem an einer privaten Wirtschaftsuni studiert. von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht. der die Politiker vor den Demonstranten schützen sollte. haufenweise Pressemitteilungen geschrieben. um dem Corpsgeist der Uni zu entfliehen. noch getoppt. dass mir die Woche vorkam wie ein einziger langer Tag«. Grow or go heißt das Motto der Beraterbranche . Bernd ist gerade zweiundzwanzig geworden. Er hat eine Woche durchgearbeitet. zu akzeptieren. muss er auch keine Leistung bringen. zieht gerade nach Koblenz um. obwohl er weiß.« An den Internaten hat gerade das neue Schuljahr begonnen. sich für Tage am Zaun. »Wenn jemand sagt: Ich meckere auch gar nicht. Er wird die Viertelstundenfelder in seinem Kalender fleißig mit Aufgaben füllen. hatte er mir gesagt.

Hier feiert Bernds Jahrgang das Ende von drei Jahren Studium. Er glaubt noch immer. Für diesen Anlass sollte ein kurzes. Einen Kunden hat er sogar. Dort geht es unter anderem auch um den Mannesmann-Prozess. »Ich kann den Begriff nur akzeptieren. Dort zeigt man sich zufrieden mit den jüngsten Entwicklungen in Deutschland: Bei einer Abstimmung antworteten 79 Prozent der Schwarzekarte. schlichtes schwarzes Kleid genügen. Die Schwarzekarte hat die Drohung mit dem Einladungsstopp übrigens wahr gemacht. dann in Paris. '. Er helfe diesen Menschen. Vielleicht will er jetzt auch ein Buch schreiben. Er ist jetzt tatsächlich Trainee bei der Deutschen Bank und betreut dort die Vermögen von Millionären. Sie verbringt den Sommer in England aufWohnungssuche. Eine Riesenchance sei das. denn die nächsten Monate will sie in Oxford studieren. bei der Gründung einer Stiftung beraten. Mittlerweile hat die Schwarzekarte auch eine Ecke für politische Diskussionen eingeführt. oben und unten und antwortet nicht. erst in Antwerpen. Obwohl klar gewesen sei. sie fänden es gut. Alexander. ist nicht an der Universität geblieben. in dem Josef Ackermann die Finger zum VictoryZeichen spreizte und damit zum Symbol des abgehobenen Kapitalisten wurde. macht gerade Praktika.« »Fällt es dir jetzt leichter. Ich stehe an der Garderobe der Rheingoldhallen in Mainz. Er wird mit seiner Freundin zusammenwohnen und die Welt der zukünftigen Wirtschaftselite jeden Abend mit dem Bus verlassen. sagt sie. will ich wissen. »Bist du mit dem Wort im Reinen?«.. das sie vor allem der Stiftung verdanke. sagt Carl. wenn >Elite< die Übernahme von Verantwortung heißt«. Carl schaut nach links. und wieder etwas. Dafür werden die alten verwöhnt. Maria ist vorübergehend aus dem Maximilianeum in München ausgezogen. sagt Carl. Es waren wohl zu viele Nichtreiche ins Netzwerk eingedrungen. Seit einigen Wochen werden keine neuen Mitglieder mehr zugelassen. habe die Bank sein Engagement mit einer Spende unterstützt. gebe meinen riesigen Rucksack ab und fühle mich wie ein Dorfmädchen beim Opernball. »Und wenn klar ist." '. dass die Bezeichnung >Elite< von anderen an einen herangetragen wird und man sich nicht selber Elite nennt. frage ich. Carl von Tippelskirch. meinen Idealen in der Bank treu bleiben zu können. der mich beim Internet-Netzwerk Schwarzekarte eingeschleust hat. dass es hierzulande jetzt auch Elite-Universitäten gebe.Nutzer.. In einer der letzten Nachrichten des Netzwerks wurde ich eingeladen. Er gibt von ihren Schulen als »hochbegabt« eingestuften Teenagern einen Kurs zum Thema Wirtschaftskriminalität. dass sich der Kurs auch mit diesem Prozess kritisch auseinandersetzen würde. sagt er. Menschen wie ich. ihr Vermögen verantwortlich einzusetzen. dachte 245 . »Auch dies bestätigt mich darin.'!'t Leute zu treffen. den Satz >Ich bin Elite< zu sagen?«.« Und nun bin ich also auf dem Weg zu Bernd. Ich treffe Carl an einer Schülerakademie. der Georgier. rechts. andere Meinungen zu hören. der Student der bayerischen Elite-Akademie. an einem Rolex-Gewinnspiel teilzunehmen. wie er es sich gewünscht hatte. dass diese Arbeit mit seinen Idealen verein244 bar ist.

eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Ich blicke auf weiße Lederwürfel. gegründet hätten. Und liege falsch. Gerade stehen zwei Studentenvertreter auf der Bühne. Ein Satinkorsett. Die zukünftige Wirtschaftselite liebt es überdimensional. Ich sehe Kellnerinnen. um zu feiern.ich. Manchen sieht man an. Der Abend kann beginnen. Als wären sie Cinderella. Die Studenten hüllten sich in lange Gewänder und warfen Hüte. Bernd kommt gerade in Smoking und Fliege auf mich zu. Mit den Rheingoldhallen. dass man ein dreijähriges Studium beendet hat. Ich sitze vom rechts. Manche sogar so lang. um der Wirt246 schaftswelt mitzuteilen. zum vierten Akt: Gereicht werden ein Gourmetmenü und Festreden. Der Hauptpreis ist eine Südafrika-Rundreise in einem Oldtimer. das in einen Tüllrock. über dem Eingang steht auf einem Transparent das Motto des Abends: »Das Außergewöhnliche geschieht nie aufglattem gewöhnlichen Wege. Jetzt sind sie hier. und mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. das das Menü liefern soll. mit dem Hilton-Hotel. Manche haben sich sogar eine rote Bauchbinde umgelegt und sehen aus wie blutjunge Zirkusdirektoren.. Ich sehe silberne.nicht Manager«. »Aber das Budget muss gedeckt werden. bei Bernds Familie. Dort haben die Studenten eine ganzseitige Anzeige geschaltet. tiefblaue Abendkleider. die passend zum Kleid genäht wurden. Er trägt den Klassiker so souverän wie fast alle seine Kommilitonen. und Männer. um die Karten so günstig wie möglich zu halten«. sagten die Studenten dazu. Handtaschen. auf deren Poloshirts The German Hamptons gedruckt ist. »Die EBS bildet Leader aus . dass sie nun ihren Abschluss in der Tasche haben. aprikotfarbene. Den Eltern an unserem und den anderen Tischen scheint es so zu gehen.« Deshalb waren die Kartenpreise nötig.. Schon um 8 Uhr 30 saßen sie im Gottesdienst. bei der auch Marios Chef von McKinsey sprach. Monatelang hätten sie geplant. Dann atme ich tief durch. »Wir haben alles getan. auf denen sich festlich gekleidete Familien niedergelassen haben. den größten der Stadt. Von der Bühne grüßt der Dinnersponsor Ernst & Young. dass sie schon einen langen Tag hinter sich haben. bestickt mit kleinen Rosen. dass sie beim Gehen den Rock heben müssen. die von einem Profifotografen umkreist werden. dass sie zu sechst extra eine Art Firma.so scheinen die Studenten sich sehen zu wollen. Auch die Stühle und Tische im Ballsaal haben sie herausgeputzt und in weißen Stoffgehüllt. übergebe meinen Rucksack der Garderobenfrau. . mündet. in ein Kloster. Bernd hatte mir von den Vorbereitungen für den Ball erzählt. als uns in einer ehemaligen Zeche die Diplomzeugnisse überreicht wurden: Sie sind sehr stolz. die Dutzende von Zigarrensorten anbieten. »Denkt zurück an die lustigen Momente in den Lern247 . Ein Fest in dieser Liga ist teuer: Die Eintrittskarte kostet 109 Euro. dann fuhren sie zur akademischen Feier. klemme mein Notizheft unter den Arm und laufe durch die Eingangshalle in den Ballsaal. sagen sie.« Johann Wolfgang von Goethe. Eingerahmt von großen Worten und gutem Geld . kreuzt meinen Blick. Ich denke abwechselnd an Flucht und den Notkauf eines Abendkleides. gerechnet und verhandelt. So viel Geld. wie man es aus amerikanischen Filmen kennt. Er hatte gesagt. Die Mädchen tragen die Kleider lang. obwohl die Sponsoren Zehntausende Euro zuschossen. wie es auch meinen Eltern ging.. Mädchen in gestreiften Blusen preisen die Tombola-Lose an. Ich sehe aufwendig gesteckte Frisuren.

die Geschichte von den Antilopen und dem Löwen. dass ich in vielen Punkten anderer Meinung war. Schneller sein. dass daran jemand gezweifelt hatte. die besten Posten zu übernehmen. Applaus brandet auf. die alten EBS-Eigenschaften zu pflegen. »Dieses Land wartet auf Sie. über dreißig Jahre später habe der Satz »Ich studiere an der EBS« einen guten Klang. um die Studenten sofort zu ermahnen. die die Studenten in ihr Leben begleiten soll. Ich danke Eva. Ich danke Nicol für die vielen Antworten auf noch mehr Fragen und Dennis für die schnellen Finger. Vor allem vor den Schülern und Studenten. dass er in diesen Text ein wenig seiner unermesslichen Klugheit gesteckt hat. rufen sie. »Hungrige Osteuropäer«. dass sie Gottes Hilfe brauchen werden. »Sie müssen auf diese Konfrontation vorbereitet sein«. besser sein. ohne es ironisch zu meinen. DANK Ich danke allen. Möge Gott Sie auf Ihrem Wege begleiten!« Nach allem. und der Agentur Eggers & Landwehr für die fabelhafte Betreuung. können Sie gar nicht verhindern. tun Sie es mit dem Herzen..« Diese Vorstellung gefällt allen. Dieses Land braucht Sie. glaube ich nicht. was ich gesehen habe. die dieses Land in zehn oder zwanzig Jahren bestimmen und regieren«. der die EBS 1971 gründete und mit vier Studenten anfing. ruft er den Studenten zu. Juliane. sagt er. Und wenn Sie viel Gutes tun. Ich danke Florian Glässing. dass sie die Frage »Was macht das Buch?« unermüdlich stellten. Und wenn Sie es tun. fordern sie ihre Kommilitonen auf.« Ich glaube nicht. Evard fordert die Absolventen auf.. Fips und memem großen Bruder für die Verstärkung im Münsterland und 249 . habe ich größten Respekt. EBSler. dann werden Sie es gut tun. weil er mir die grüne Vase sch~nkte und oftmals für mich ins Archiv ging. Lesen und Zuhören und dafür. auch wenn sie merkten. Sie trainiert nur!« . . Und noch ist Evard nicht fertig: »Sie sind zu denen gehörig. sagt Evard. die im Gegensatz zu manchem Direktor oder Sprecher auch im Nachhinein zu ihren Aussagen standen. sich auf diesen Lorbeeren nicht auszuruhen. dass Sie Geld verdienen. Top-Inder und Top-Chinesen stünden bereit. ohne den dieses Buch nie gelungen wäre. seien von jeher dynamisch. werden Sie viel Geld verdienen. flexibel und belastbar. Mathias und Mark fürs Beraten. Ich danke Kathrin Liedtke für das genaue Lektorat und dem Verlag Hoffmann und Campe für sein Vertrauen. die geduldig meine Fragen beantwortet haben. Ich danke Torsten dafür.gruppen«. mehr leisten: Das ist die Lehre. »Vergesst nicht: Lernen macht Spaß!«.Da ist sie wieder. und beenden ihren Vortrag mit den Worten: »Wir stehen jetzt erhobenen Hauptes da. braun gebrannt. Der Starredner des Abends ist Klaus Evard. sagt er. »Die Konkurrenz schläft nicht. »Was immer Sie tun. Ingmar danke ich. die mich in ihr Leben gelassen haben.

ebs.Essay. ohne den wohl nichts so schön wäre. DIE STATIONEN DER REISE IM ÜBERBLICK EBS European Business School Schloss Reichartshausen in Oestrich-Winkel über 800 Studenten der Betriebswirtschaft Kosten: 4950 Euro pro Semester Auswahl: schriftliche Tests und Einzelinterviews www. dass sie aus mir nie Elite machen wollten.de Bayerische Elite-Akademie Westerham-Feldkirchen bei München gut 30 Studenten pro Jahrgang Kosten für die zweijährige Ausbildung: 2600 Euro Auswahl: mehrstufiges Bewerbungsverfahren . Und vor allem danke ich Tom. Ich danke meinen Eltern dafür.~ 4 . wie es ist.eliteakademie. die ich aufschreiben durfte.~ _ _ _ _ _ _/ ' . auch wenn sie jetzt manchmal traurig sind. dass ich's nicht bin.O-Schnitt im Abitur 251 /-~. dann Diskussionen und Einzelinterviews www.de Maximilianeum München sechs bis acht bayerische Abiturienten pro Jahr Voraussetzung: I.meiner WG für die vielen Geschichten. ' I ~.

die WHU in Vallendar.salemcollege. nach Alter gestaffelt etwa 30 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien Ehemaligen-Netzwerk: Altsalemer Vereinigung (3500 Mitglieder) www. die Bucerius Law School in Hamburg und die Jacobs University in Bremen Förderung: etwa 80000 Euro pro Student (Lebensunterhalt und Studiengebühren) www.Internatsschule}UrJungen und Mädchen Neubeuern bei Rosenheim etwa 230 Schüler der Klassen 5-13 Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr.de Kindergarten Villa Ritz Potsdam.fastrackids.de 252 253 . weitere Kindergärten in Deutschland geplant Betreuung von Babys und Kleinkindern Basissatz: 980 Euro pro Monat Salem bei Überlingen am Bodensee etwa 700 Schüler der Klassen 5-13 Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr. übersetzt bedeutet der Name »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger und Bürgerinnen« Globalisierungskritiker www.Auswahl: Vorprüfung.villa-ritz.edu Attac Attac ist ein französisches Kürzel.de Internat Schloss Salem www.de WHU . nach Alter gestaffelt etwa 20 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien (maximal 50 Prozent der Gebühren) Ehemaligen-Netzwerk: Altneubeurer www. dann Maximsprüfung im Bayerischen Kultusministerium Schloss Neubeuern .vodafone-stiftung.Otto Beisheim School ofManagement Vallendar bei Koblenz gut 500 Studenten der Betriebswirtschaft Kosten: 5000 Euro pro Semester Auswahl: Abiturnote und Einzelinterviews www.de FasTracKids Berlin.whu.maximilianeum.schloss-neubeuern. Filialen in Düsseldorf und Hamburg sollen folgen mehrere Klassen für Kinder ab zwei Jahren Kosten: etwa 100 Euro pro Monat www.de Vodafone »Chancen«-Stipendium Zehn Studenten pro Jahrgang Auswahl: Das Stipendium richtet sich an sehr gute Abiturienten mit Migrationshintergrund Es gilt nur für ein Studium an einer der vier privaten Partneruniversitäten: die EBS in Oestrich-Winkel.

Lob der Disziplin. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft.de McCloy-Stipendium Programm der Studienstiftung des Deutschen Volkes und der Kennedy School of Government. Die neuen Leistungseliten und das Leben nach dem Kapitalismus.ksg. Berlin 2005 255 .weltweit 90000 Mitglieder. Eine Streitschrift.harvard.and Who Gets Left Outside the Gates.edu/mccloy Stand: November 2007 LITERATUR Alexander Bard. Eine EinjUhrung. Justiz und Wissenschaft. Jan Söderqvist. Eliten und Macht in Europa. Die Netokraten. dort Vorträge und Einzelinterviews För~er~ng: 1650 Dollar Lebensunterhalt pro Monat SOWIe Ubernahme der Studiengebühren www. davon 18500 in Deutschland Mitgliedsbeitrag: 60 Euro pro Jahr. How America's Ruling Class Buys Its Way Into Elite Colleges . The Price of Admission. Der Mythos von den Leistungseliten. Ein internationaler Vergleich. New York 2006 Michael Hartmann. Berlin 2006 Daniel Golden. Frankfurt/Main 2007 Malte Herwig. Frankfurt/Main 2002 Michael Hartmann. Eliten in einer egalitären Welt. Harvard University 6-8 Stipendiaten pro Jahrgang Auswahlverfahren: zweitägiges Auswahlseminar. Politik.attac. Elitesoziologie. Heidelberg 2006 Bernhard Bueb. ermäßigt 15 Euro www. Frankfurt/Main 2004 Michael Hartmann.

Köln 1999 Herfried Münkler. Berlin 2000 Benjamin Lebert. Matthias Bohlender (Hg.). Crazy.Gunnar Hinck. Berlin 2007 Kursbuch: Die neuen Eliten. Frankfurt/Main 2006 22M . Deutschlands Eliten im Wandel. Warum den Managern der Aujbruch nicht gelingt. Grit Straßberger. Eliten in Ostdeutschland.

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