Julia Friedrichs

Gestatten:
E ite
Auf den Spuren der
Mächtigen von morgen
I Hoffmann und Campe I
Meinen Eltern
In einer Reihe von Fällen wurden Namen und
charakteristische Merkmale von Personen zum
Schutz Von deren Persönlichkeitsrechten geändert.
1. Auflage 2008
Copyright © 2008 by
Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg
WWw.hoca.de
Satz: Dörlemann Satz, Lemförde
gesetzt aus der Minion Pro und der !Tc Bookman
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN 978-3-455-50051_6
Ein Untmlt!a1lletr. der
GANSKE VERLAGSGRUPPE
Ich lerne die Elite kennen
Wollen wir wieder Elite?
Die »Top-Adresse für die
Führungselite von morgen«
In der Parallelwelt
Nur kein Niedrigleister sein!
EDEKA - Ende der Karriere
Heiße Luft
Das große Umdenken
Die Elitisierung
Die Besten oder die Reichsten?
Der Chef der Elite
Gewinner und Verlierer
Der Lebenslaufforscher
Die Elite-Akademie
INHALT
9
14
16
21
26
31
33
35
39
46
54
68
71
78
Der Stolz des Freistaats
97
Differenzierung
105
Der Kampf um die vorderen Plätze
107
Elite mit Migrationshintergrund
116
Schwarzekarte
127
Die Schulen der Elite
136
Mathe: ausreichend. Elite: sehr gut
138
Tradition zu verkaufen
161
Die Politiker von Salem
165
Karrierecoach für Teenager
174
Der Maulwurf
184
Die alternative Elite
195
Looking for Harvard
218
Die Elite feiert
229
Unter Gewinnern
234
Abschied Von der Elite
241
Dank
249
Die Stationen der Reise im Überblick
251
Literatur
255
You'll never live like common people.
You'll never do whatever common people do.
You'll never faillike common people.
You'll never watch your life slide out of view.
PULP, COMMON PEOPLE
ICH LERNE DIE ELITE KENNEN
Die Elite trat in einem griechischen Luxushotel in mein
Leben. Sie hieß Mario und war knapp dreißig, also nur
wenig älter als ich. Außer demselben Geburtsjahrzehnt
hatten wir nicht viel gemeinsam. Mario kannte solche
Abende. Er trank, redete, lachte - gleichzeitig. Ohne inne-
zuhalten. Er war makellos, ohne Selbstzweifel, siegessicher.
Ich saß in einem Karo-Rock, der ständig verrutschte,
neben ihm. An den Füßen Stiefel, die ich mir geliehen
hatte. Während unseres Gesprächs drehte ich eine Haar-
strähne um den Zeigefinger. Wie immer, wenn ich nervös
bin. Im Gegensatz zu ihm gehörte ich nicht hierher.
Nicht in diese Fünf-Sterne-Idylle. Unterhalb unseres
Tisches brannten Fackeln, junge Menschen saßen am
Hotelpool, dahinter leuchtete der angestrahlte Poseidon-
Tempel. Direkt darunter lag das Meer. Dieser Ort war
einer der schönsten, die ich seit Langem gesehen hatte,
und dennoch fühlte ich mich unwohl wie selten.
Ich war in Griechenland, weil ich mich bei McKinsey,
der weltgrößten Unternehmensberatung, beworben hatte.
McKinseygehört zu den Mächtigen der neuen Wirtschafts-
welt. Die Firma hatte im Dezember 2006 vierzehntausend
Mitarbeiter weltweit, machte 600 Millionen Euro Umsatz
9
allein in Deutschland. McKinsey baut Unternehmen um.
Behörden. Staaten. Zehntausend junge Deutsche wollen je-
des Jahr dazugehören und schicken ihre Bewerbung. Ein
bis zwei Prozent davon bekommen einen Job. Das McKin-
sey-Auswahlverfahren gilt als das härteste der Welt.
Und an diesem Auswahlverfahren nahm auch ich teil.
Nicht weil ich bei McKinsey anfangen wollte, sondern zur
Recherche. Ich arbeitete als freie Journalistin und war kurz
davor, mein Studium zu beenden. Ich war fünfundzwan-
zig, also genau in dem Alter, das für McKinsey interessant
ist. Die Berater der Firma sind nicht nur mächtig, sondern
auch diskret. Sie wickeln ihre Aufträge im Stillen ab, selbst
wenn es darum geht, Arbeitsämter, Krankenhäuser und
Universitäten umzubauen. Aufkritische Fragen antworten
sie ungern. Deshalb wollte ich mir das Unternehmen von
innen ansehen. Ich wollte wissen, wer diese Menschen sind,
wie sie ausgewählt werden. Deshalb hatte ich mich bewor-
ben. Ich hatte nie gedacht, dass ich genommen würde.
Und dann saß ich in diesem Hochglanzhotel am Meer.
McKinsey hatte mich und hundertzwanzig andere Studen-
ten aus Europa zu einer Segeltour eingeladen. Das Ganze
war ein Edel-Assessment-Center. Unsere große Chance
zum in die Welt der Berater, sagten die meisten.
McKinseyzeIgte uns in Griechenland das schöne Leben. Je-
der in einem eigenen Bungalow mit Blick aufs
segelten zu siebt aufkleinen Jachten in der Ägais.
WIr feIerten eine rauschende Party. M Kin b h .
D . c sey uc teemen
. J Athen und Barmänner, die mit Cocktailshakern
Vier Tage lang liefVor unseren Augen ein Wer-
efilm für das schöne und coole Leben der Berater ab.
Außerdem wurde u . d'
D
. ns m lesen vier Tagen in kleinen
osen dIe McKin Phil .
sey- OSOphle verabreicht. Uns wurde
10
gesagt, wir seien brillant. Wir seien die Besten. Die, die
das Potenzial hätten, Europas neue Führungsgenera-
tion zu werden. Wer es schaffe, zu ihnen zu gehören, sagte
McKinsey, sei ein Gewinner. Elite.
Mario war einer von vierzig Beratern, die mit uns im
Hotel wohnten. Immer wieder setzten sie sich zu uns, um
uns von der Welt der Mächtigen und Erfolgreichen zu be-
richten, die auf uns wartete. Mario war kein Date. McKin-
sey bezahlte ihn dafür, dass er mit mir Wein trank, dass er
mir Heldengeschichten erzählte, wie ich sie noch nie zuvor
gehört hatte. Er erklärte mir das Leben der Elite.
Er habe gerade eine große europäische Fluglinie sa-
niert, sagte er. Kosten reduziert, Leute entlassen. Die hätten
sich ganz schön gesperrt. Aber er hätte alle Widerstände
gebrochen. Jetzt sei der Laden wieder fit. Und wieder trank
er, lachte und gestikulierte. Er war so beschäftigt mit sich
selbst, dass er erst sehr spät merkte, dass ich seine Ge-
schichte nicht mochte. Dann verstand er und schaute mich
an, als hätte er erkannt, dass ihm kein »High Potential« ge-
genübersaß.
»Es gibt Menschen«, sagte er, »die sind oben - das sind
Gewinner. Und Menschen, die sind unten - die Verlierer.
Pass auf«, riet er mir, »dass du im Leben zu den Gewin-
nern gehörst.«
Ich hätte eine von ihnen werden können. Zurück aus
Griechenland, lud mich McKinsey zu einem Auswahltag
am Berliner Kurfürstendamm ein. Ich rechnete mich
durch Tests und löste Case Studies, wie die Berater ihre
Beispie1f<ille nennen. Ich musste mir sagen lassen, dass ich
gern bluffe und manchmal etwas aggressiv sei. Obwohl es
ja nur eine Recherche war, entwickelte ich plötzlich den
11
Ehrgeiz, diesen Auswahltest um jeden Preis zu schaffen.
Am Ende hielt ich einen Vertrag in der Hand. McKinsey
bot mir 67000 Euro Einstiegsgehalt und einen Dienstwa-
gen - meine Eintrittskarte in die Welt der Elite. Als ich das
schicke Büro verließ, das Papier, das so viel Geld bedeuten
könnte, in der Hand, war ich drauf und dran zuzusagen,
mich vom Journalismus zu verabschieden und das zu
werden, was McKinsey unter Elite versteht. Ich zögerte
und zauderte, aber ich sagte Nein.
Ich verließ MCKinsey, ohne eine von ihnen geworden
zu sein. »Gerade noch rechtzeitig«, sagten meine Freunde.
Aber zu spät, um Mario vergessen zu können.
Aus dem griechischen Luxushotel kehrte ich in meine
Wohngemeinschaft nach Berlin zurück. Hier hatte sich
nichts verändert. Links der Plattenladen, rechts der Wohn-
wagen, in dem man Hamburger kaufen kann, dazwi-
schen, im Hinterhof, in einem roten Backsteinbau in
demvor einemJahrhundert Tortenböden hergestellt
de.n, unsere WG. Seit drei Jahren lebe ich hier. Zusammen
mit den vier anderen. Theo hat die Wohnung vor fast
zehn Jahren entdeckt. Er hat sich Ende der Achtziger in
der Kommunikationsbranche selbstständig gemacht Ge-
sundheitliche Probleme warfen ihn d d B' h
. .. ann aus er a n.
Zeit versucht er, Wieder Fuß zu fassen. Vorne
mM: direkt neben der Eingangstür, lebt Jan. Vielleicht ist
edr ZWanZig, Vielleicht schon dreißig. So genau weiß
as memand Jan ti· t .
. . . eier semen Geburtstag nicht. Er sagt
es sei keIn Festtag D' E d . '
11
J h
. le r e sei auch ohne ihn schon zu
vo . an at Mathem tik d'
ist e T h a stu lert, sogar in Singapur. Jetzt
. r tler und politischer Aktivist. Mal organi-
siert er eIne Kampa '.
gne gegen die Pnvatisierung der Bahn,
12
mal plant er eine Aktion gegen den Klimawandel oder
Genmais.
Gegenüber von Theos Tür wohnt Hanna. Sie ist blond,
klug und ziemlich ehrgeizig. Hanna will Juristin werden.
Spezialistin für Völkerrecht. Sie träumt davon, eines Ta-
ges als Delegierte des Roten Kreuzes im Kongo für die
Menschenrechte einzutreten. Dafür braucht sie - die Welt
der Juristen ist eine eigentümliche - unbedingt neun
Punkte im Examen. Weil das im ersten Anlauf nicht ge-
klappt hat, lernt sie jetzt alles noch einmal. Seit einem
Jahr. Und hinten links wohnt Tom. Mein Freund. Auch er
hat mal Jura studiert. Bis ihm nach vier Jahren einfiel,
dass das die falsche Wahl war, und er sich für ein Journa-
listikstudium entschied. Er arbeitete im Bundestag, dann
beim Radio. Jetzt ist er an der Uni, allerdings in Hamburg.
Drei Tage pro Woche verlässt er uns und wohnt in einer
anderen WG. Mit zwei Mädels in St. Georg, direkt hin-
term Hauptbahnhof.
Als ich von meiner Absage erzählte, atmeten die ande-
ren auf. Für sie wäre eine Unterschrift so etwas wie mein
Einverständnis zu einer feindlichen Übernahme gewesen.
Tom wollte sogar schon besorgniserregende Charakter-
veränderungen an mir festgestellt haben. Ich sei so betont
cool geworden, sagte er. Würde mich sogar bemühen, tie-
fer zu sprechen.
Als diese Gefahr gebannt war, wendete sich die WG
wieder ernsteren Problemen zu. Wir hatten Mäuse, seit
Wochen schon. Wieder einmal diskutierten wir über
mögliche Lösungen: Genickschlag oder Lebendfalle? Wie-
der einmal konnten sich Pragmatiker und Tierfreunde
nicht einigen. Wir berieten über Alternativrnöglichkeiten
der Mäusebekämpfung, wir recherchierten im Internet,
13
wir vertagten das Problem. Und ich merkte, dass der Flirt
mit McKinsey doch seine Spuren hinterlassen hatte. In
meinem Kopf marschierten Kompanien von Fünfund-
zwanzigjährigen auf, angeführt von General Mario. Ihre
Mission: Gewinner zu finden, zu Eliten zu küren; Ver-
lierer zu entlarven, zu isolieren. Gemessen werden der
Leistungswille, die Einsatzbereitschaft und die Effizienz.
Unter »WG Kreuzberg« müssten sie notieren: »Drei Mee-
tings Zur Klärung des Mäuseproblems. Kein Ergebnis.«
Auf einmal sah ich meine Welt bedroht. »Denn Mario
hatte mir in der Nacht noch viel mehr erklärt: »Verlierer«,
hatte er gesagt, »sind meist unbeweglich.« Zum Wohle der
Allgemeinheit sei es die Aufgabe der Gewinner, die Ver-
lierer anzutreiben, Zur Not auch auszusortieren.
WOLLEN WIR WIEDER ELITE?
»Elite« - das Wort ließ mich nicht los. War es nicht mit
»Führer« und »Rasse« untergegangen? Hieß es nicht ein-
mal, .es passe nicht in einen demokratischen Wortschatz?
GewInner und Verlierer, Auserwählte und Masse, oben
und unten. Waren das nur für Mario Begriffspaare mit
denen man eine Gesellschaft strukturieren kann? '
Ich sitze in meinem Z' d .
Immer, en BlIckaufdie Frau im ro-
!ogginganzug gerichtet, die aus dem Vorderhaus stän-
dIg Richtung schaut. »Faul, wür-
Vie wohl sagen. Die Elite ist inzwischen überall
or mIr auf dem Boden l' . .
ten Artik In d" legt eIn Stapel aus Zeitschrif-
, e un Buchern d d .
Hocker ". ' er gera e von eInem kleinen
gesturzt 1St. Darin verbergen sich Hunderte Elite-
14
Zitate, die ich abgeschrieben oder ausgerissen habe. Meine
Sammlung ist beachtlich. Sie umfasst das Etikett eines
Beutels, der einmal ein Kilo »Elite-Tomaten« aus dem Kai-
ser's-Supermarkt enthielt, genauso wie ein Erinnerungs-
foto an Elite-Toiletten auf dem Feld vor dem Berliner
Olympiastadion.
Ich habe Bücher über die »Neue Elite«, »Eliten in einer
egalitären Welt«, ein »Plädoyer für eine Elite der Exzellenz«
gelesen. Ich kann ganze Elite-Bildungswege durchdekli-
nieren: Elite-Kindergarten, Elite-Schule, Elite-Uni. Dazwi-
schen immer wieder Politikerzitate. Ex-Kanzler Gerhard
Schröder forderte in seiner ersten Regierungserklärung:
»Auch unsere demokratische Gesellschaft braucht Eliten.«
Die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bul-
mahn (SPD) verlangte nach »Leistungseliten«. Und die
heutige Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte
stolz: »Ich habe schon von Elite gesprochen, als das andere
noch ganz schlimm fanden.« Da kann man nur gratulie-
ren. Auch ich bestehe stets darauf, schon Gola-Sneaker ge-
tragen zu haben, als andere die Marke noch nicht kannten.
Annette Schavan und ich hatten, jede auf ihrem Gebiet,
den richtigen Riecher. Fast jeder hat inzwischen ein Paar
Gola-Sneaker im Schrank, und mein Stapel beweist, dass
auch der Elite in den vergangenen fünf Jahren ein Sieges-
zug gelungen ist.
Als ich Mario traf, dachte ich, er sei nichts weiter als ein
selbstverliebter Karrierist. Einer, der alle mit »Leistung-
muss-sich-wieder-Iohnen«-Phrasen langweilt. Aber was
ist, wenn das nicht stimmt? Wenn er, ganz im Gegenteil,
Zur Avantgarde eines neuen Denkens gehört? Eines, das
Leistung lobt, Ehrgeiz und Selektion. Eines, das nach Elite
15
verlangt. Als Wunderwaffe gegen die deutsche Ratlosigkeit
und Resignation. Vielleicht ist er einfach angekommen in
einer neuen Zeit, und wir sitzen in unserer WG-Küche,
träumen von Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit
und haben nichts begriffen. Kämpft ein Teil meiner Ge-
neration schon längst für eine Renaissance der Eliten?
Wer soll dazugehören? Und wie will diese junge Elite
das Land verändern? Will sie, wie Mario, die Menschen
aufteilen: die Gewinner ins Töpfchen, die Verlierer ins
Kröpfchen?
Ich überlasse meine Sammlung zum Elitebegriff den
st.eten Blicken der Frau im Jogginganzug. Ich habe den
dass mich die bloße Lektüre nicht weiterbringt.
Ich will raus, will selbst sehen und hören ob eine neue
Elitegeneration heranwächst. Ich will was
das schillernde Wort tatsächlich bedeutet. Für die Elite.
Und damit f' I' h h"
na ur lC auc für uns. Ich recherchiere die
Standorte von Elite-Unis, Elite-Akademien, Elite-Stiftun-
gen und baue mir eine Reiseroute zusammen. Die Suche
kann beginnen.
DIE lITOP-ADRESSE F'OR DIE
F'OURUNGSELITE VON MORGEN«
Gleich die erste Etap fü' h ' .
. Z. pe rt mIch In die Provinz. Ich sitze
: ttl
ug
. Richtung Wiesbaden, von dort soll mich ein
u e In die Weinberg d Rh
Winkel d' e es eingaus fahren. Oestrich-
, as SIch stolz die PI' Rh
ist nämlich s .» er e 1m eingau« nennt,
Hauptstadt ; WIe Deutschlands heimliche Elite-
. Wo ausend Mensch 1b h'
achthundertf" f' . , en e en ler, davon
un Zlg mIt Ehteambitionen. Es sind die
16
Studenten der European Business Schoo!. Die private
Hochschule gibt sich selbst das Label »unternehmerische
Elitehochschule« und wirbt: Sie sei die »Top-Adresse für
die Führungselite von morgen«. Auch in Rankings oder
der Zeitschrift Karriere, dem Leitmedium der zukünftigen
Wirtschaftslenker, schneidet die »EBS« immer hervor-
ragend ab. Zwar klingt die Aufzählung Harvard, Oxford,
Oestrich-Winkel noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber
im Gegensatz zu den USA oder England hat Deutschland
ja mit der Elitepflege gerade erst begonnen. Die Absolven-
ten der EBS machen in der Welt, der ich gerade den Rü-
cken gekehrt habe, Karriere. Ein Drittel von ihnen geht in
die Beratung, ein Drittel in die Finanzbranche, davon viele
ins Investmentbanking. Glaubt man den Wirtschaftszei-
tungen, sind das die neuen Schaltstellen der Macht.
Bernd hatte mich ins Rheingau eingeladen. Er ist Studen-
tensprecher der EBS und immer beschäftigt. Als ich ihn
zum ersten Mal anrief, machte er gerade ein Praktikum bei
einer großen Investmentbank. Er meldete sich, und ich
war sicher, mich verwählt zu haben. Bernd klang, als wäre
er Mitte dreißig. Er sprach überlegt und kontrolliert, mit
tiefer Stimme, die früh gealtert zu sein schien. Vielleicht
geht sein Körper das hohe Tempo einfach mit, denn Bernd
lebt schneller als andere, »intensiver« nannte er das. Zwölf
bis vierzehn Stunden dauern seine Arbeitstage. Auch an
der Uni. »Es gibt während der Woche selten Phasen, in de-
nen ich nichts mache«, sagte Bernd, und ich schämte mich,
mit ihm nur ein wenig plaudern zu wollen. über Elite.
Bernd hatte ein recht klares Bild von der Elite. Elite,
sagte er in unserem Gespräch, das seien Menschen, die
vordenken, die Entscheidungen treffen, die alles ein biss-
17
chen besser machen. Nicht für sich, sondern für die All-
gemeinheit, schob er nach. »Elite tut jedem Land gut.«
Bernd plante, Karriere in einer Investmentbank oder
einer Unternehmensberatung zu machen.
Wie genau wollte er damit der Gesellschaft nützen?
Bernd sprach lange von den Besten, die die ande-
ren mitziehen könnten, von Leistung, die anspornt, von
Gleichmacherei, die das lange verhindert habe. »Wenn
wir in Deutschland vorankommen wollen, dann geht das
nur, wenn wir eine starke Spitze haben.« Deshalb müsse
man die Starken auch fördern. »Denn nur, wenn man die
Starken noch stärker macht, kommen irgendwann Ideen
raus, die vielleicht eine ganze Gesellschaft weiterbringen,
was wir dringend nötig haben.« Dann sagte er: »Einmal
mit Schinken, Paprika und Peperoni.« Ich lachte _ viel zu
laut, weil mir dieser Satz so viel besser gefiel als die zuvor.
»Wer länger als bis acht Uhr bleibt, darf sich Essen auf
Kosten der Bank bestellen«, erklärte mir Bernd. »Ich bin
fast immer dabei.«
Kurz vor diesem Telefonat war Bernd einundzwanzig
zwei Jahren arbeitete er akribisch, ehrgei-
ZIg, dlSzlplimert an seinem Weg nach oben. »Ich war
schon immer ein Mensch, der sich sehr gern dem Druck
gestellt und immer mehr Druck auf sich genommen hat
als er sagte er. »Und die Schlagzahl, die ich jetz;
fahre, :ahre Ich, weil sie mir Spaß macht und für mich ge-
1St.« Bernd leistete sich nichts von dem, was für
mIch selbstverständlich war: keine Selbstfindung kein
Zaudern k' L fth '
, em u oIen. Brauchte er nie Pausen? Zeit
zum Nachdenken? U F hl
Piz' . meer zu korrigieren? Um seine
BW
za
zu essen oder mit der Süßen aus der
L-Emführung?
18
»Mach dir keine Sorgen(, sagte Bernd amüsiert. »Ich
lebe schon. Nur zielstrebiger. Ich gammle selten. Meine
Familie ist mir sehr wichtig, für die plane ich Zeit ein.
Und wenn ich feiere, dann richtig.( Er erzählte von einer
Party. Seine besten Freunde von der Uni. Ein Wochen-
ende. Viel Alkohol. »Geschlafen haben wir kaum. Und
wenn ich ausruhe«, sagt Bernd, »dann ebenso bewusst.«
Vier Tage pro Jahr zieht er sich in ein Kloster zurück, im-
mer wieder reserviert er sich komplette Wochenenden,
um Sport zu treiben.
Bernd machte mir ein schlechtes Gewissen. Ich ging
im Kopf die vergangene Woche durch und hatte plötzlich
das Gefühl, viel Zeit mit Nichtstun zu verbringen. Ich
fragte mich, wie seine Freunde damit umgehen. Verglei-
chen sie sich mit ihm und fühlen sich dann faul? Oder
sind sie eh alle gleich? Seine Freunde seien völlig unter-
schiedlich, antwortete Bernd. Nur an die Frau an seiner
Seite stelle er höhere Anforderungen. »Ich könnte nie
eine Freundin haben, die nicht ähnlich tickt. Sie sollte
zielstrebig sein, aber auch ein Bedürfnis nach Familie
haben.« Kinder zu haben sei neben der Karriere sein
größtes Ziel.
Ich bin mir sicher, dass sich Mario und Bernd mögen
würden. Ob sich alle Gewinner so ähnlich sind wie die
beiden? In Griechenland wirkten die Berater zum Teil wie
Klone. Sie hatten dieselbe Art, sich zu bewegen. Schnell,
aber nicht hektisch, selbstsicher, an der Grenze zur Arro-
ganz. Mit ihnen zu reden war meist vergnüglich. Sie spra-
chen geschliffen, ohne steif zu sein, waren freundlich,
ohne sich wirklich zu öffnen, lieferten Anekdoten und
Witze in Serie. Genau wie Bernd. Ich wünsche mir heim-
lich, ihn auch mal tanzen zu sehen.
19
Bernd redete da schon weiter. Er sprach von den Stu-
denten in Frankfurt, die aus Protest gegen Studienge-
bühren die Autobahnen blockiert und so seinen Heim-
weg gestört hatten, Ich begriff, dass Bernd und Mario
sich noch in einer weiteren wesentlichen Frage einig
waren: Sie mögen keine Menschen, die in ihren Augen
Bremser sind, langsam und »arbeitsscheu«. »Die meisten
scheitern doch nicht, weil sie blöd, sondern weil sie
faul sind«, sagte Bernd entschieden. Mitleid habe er
da nicht.
Dann musste er auflegen. Der Terminplan drängte. Ich
mochte Bernd, aber leider konnte er mich bei meinem
ersten Besuch bei der Elite nicht begleiten. Drei Tage nach
unserem Gespräch ging sein Praktikum bei der Bank zu
Ende. Dann flog er nach München, um sich bei einer gro-
ßen Unternehmensberatung für ein neues Praktikum zu
bewerben EI'n n 11 .. ß
. e ag spater sa er wieder im Flugzeug.
Diesmal auf dem Weg nach Melbourne, wo er sein Aus-
landssemester "e b ' 11 ' .
y r nngen wo te. Als WIr telefomerten,
wusste er noch nI'cht . M Ib ..
, ' wo er In e ourne wohnen wurde.
~ I : . W ~ c h e war keine außergewöhnliche. Bernds Leben
IODIerte so. »Und ich bin noch nicht am Limit«,
sagte er zum Schluss. »Da geht noch was,«
Trotz des Umzu h A '
" gs nac ustrahen schaffte er es noch,
mIr dIe Eintrittskart fü d
O
' e r as Ereignis des Jahres in
estrICh-Winkel zu b E'
d
' esorgen. Inmal pro Jahr organisie-
ren Ie Studenten ei S .
d
n ymposlUm. Dann kommen Mana-
ger un halten Vi rt ..
.. horage, Personaler führen Auswahlge-
sprac e, und andere Studenten, die sich für die Teilnahme
bewerben mussten 1 ut
S
. al ' a en staunend über den Campus
»UfVIv of th fi .
e Ittest?«, las ich in der Einladung Ich war
gespannt. .
20
-- W-t'
IN DER PARALLELWELT
Kaum merklich dreht er seinen Körper in meinen Weg.
»Hier geht es nicht weiter. Nicht für dich«, signalisiert
seine Haltung. Wir stehen uns gegenüber. Er, gerade
zwanzig Jahre alt, mit schwarzem Anzug und Funkknopf
im Ohr. Ich in einer marineblauen Seidenbluse, einem
weißen Jackett und - dem Problem - einer blauen Jeans.
In wenigen Minuten beginnt der Eröffnungsabend. Ich
habe eine Einladung, bin über fünfhundert Kilometer
Zug gefahren, habe zwei Österreicher in einem Audi A3
angequatscht, weil der versprochene Shuttle Wiesbaden
nie erreichte. Ich habe mein Namensschild umgehängt
und meine Tasche durchsuchen lassen. Trotz allem soll
meine Erkundung der Elite hier schon zu Ende sein?
»Das passt heute nicht zum Dresscode«, sagt er und
zeigt zum wiederholten Mal abschätzig auf meine Jeans.
Umdrehen und gehen, schreit mein Stolz. »Ich konnte
mich leider nicht umziehen, da die von euch organisierte
Reservierung in der Jugendherberge nicht funktioniert
hat«, höre ich mich verhandeln. Er bleibt hart. »Es tut mir
wirklich leid«, bettele ich um Einlass. »Das mit der Ju-
gendherberge stimmt«, sagt ein zweiter Security-Student
gönnerhaft. Nun mustern mich beide. Nach endlosen
Sekunden empfange ich mein Urteil: »Okay. Ausnahms-
weise. Aber morgen bitte anders.«
Warum Menschen von »Parallelwelt« sprechen, sobald sich
zwei Dönerbuden und ein türkischer Kulturverein in einer
Straße ballen, habe ich nie verstanden. Jetzt gerade halte
ich den Begriff dagegen für angebracht. Die Studenten der
EBS studieren in einem alten Schloss. Rechts der alte ge-
21
.
..
mauerte Burgturm, links das Haupthaus, ein klassisch
schöner Bau, Über das sanft in Richtung Rhein abfallende
Gelände führen gepflasterte Wege, über die heute grüne
Teppiche gelegt sind, Auf der großen Terrasse stehen Dut-
zende Stehtische mit strahlend weißen Decken, um die sich
Hunderte junge Anzugträger drängen. Ihre teuren Krawat-
ten sind perfekt gebunden, ihre Haltung verrät, dass sie
Auftritte wie diesen gewohnt sind. Die eine Hand lässig in
Hosentasche, stehen sie leicht breitbeinigda und halten
m der anderen Hand das Glas, gefüllt mit Sekt der Marke
Vaux. »Vaux ist Deutschland exklusiv?«, wirbt die Firma.
Mit jedem Detail antwortet das Bild, das sich mir bietet:
Hier.
Ich habe in Dortmu d' , . . ,
n m emem grauen Slebz1gefjahre-
Aus Löchern über unseren Köpfen rieselte
stand1g Material, das sicher nicht gesundheitsfördernd
war. Sekt gab es nie.
In Oestrich-Wink I' t 11
e 1S a es anders. Das mag daran lie-
gen, dass ich 126 Eu Vi al ..
" ro erw tungsgebuhr pro Semester
asn dIe Um Dortmund überwiesen habe. Die Eltern der
tudenten hier zahl 10
b' en 000 pro Jahr, Knapp 45000 Euro
d
IS zum Master, Klar, dass da mehr für das Wohlbefinden
er Herren und D S
h
', amen tudenten getan wird. Die Häme
Inter dIesen Wort
sollte I d .en nennt man übrigens Sozialneid. Ich
ernen, en m de .. h '
n nac sten ZWeI Tagen zu zügeln,
Es war zwar schwieri Z '
m' d b" g, utntt zu bekommen, aber zu-
m est In Ich hier richt' ,
S h I 19. »DIe European Business
c 00 «, sagt Rektor Ch '
eine Elitehoch hul nstopher Jahns entschieden, »ist
sc e« W· ,
reihen, Vorn ein Ir in Dutzenden Stuhl-
rpult, uberall Security-Studenten,
22
die in ihre Headsets flüstern. Eine Art Hauptversamm-
lung des Elite-Nachwuchses. Über uns hängt ein Banner
mit dem Motto der Veranstaltung: Survival 01the fittest?
Ich balanciere mein Notizheft auf den Knien, lausche,
warte, bereit, die erste Definition des Elitebegriffs notie-
ren zu können. Was kommt, ist dürftig. Elite sei kein Pri-
vileg, sagt der Rektor. »Elite ist eine Herausforderung.«
Präziser wird er heute nicht mehr. Auf meinem Notiz-
block stehen jede Menge Fragezeichen.
Rektor Jahns ist inzwischen im Anekdotenteil seiner
Rede angelangt. Wenige Tage vor Beginn des Symposiums
seien zwei Studenten zu ihm gekommen. Nächtelang hät-
ten sie geplant und organisiert. übermüdet und überarbei-
tet hätten sie sich ins Rektorat geschleppt. »Wie sollen wir
es schaffen, am Donnerstag noch eine Klausur zu schrei-
ben? Können wir die nicht verschieben?« Er habe gelächelt,
sagt Jahns, und sie an ihr eigenes Motto erinnert: Survival 01
the fittest. Applaus, Händeschütteln, noch mehr Applaus.
Ich blicke mich um. Wir sitzen im neuesten Gebäude
auf dem Campus, dem Kiep-Center, benannt nach Walter
Leisler Kiep, Er war mal Direktor der EBS, und er war mal
Schatzmeister der CDU. Heute ist er beides nicht mehr.
Denn Walter Leisler Kiep war eine der Hauptfiguren der
eDU-Schwarzgeldaffäre. »Gab es danach nie Diskussio-
nen darüber, das Center umzubenennen?«, will ich später
von ehemaligen EBS-Studenten wissen. »Wieso?«, fragt
einer. »Überhaupt keinen Grund«, meint ein anderer. »Es
ist ihm nie endgültig etwas bewiesen worden«, erklärt mir
ein Dritter.
Ich war noch nie an einer privaten Universität. Dass
hier alles nach irgendwem heißt, verwundert mich. In fast
allen Fällen soll die Taufe aber kein Denkmal begründen,
23

sondern Geld bringen. Mein Namensschild haben die
Wirtschaftsprüfer von KPMG gesponsert, der Empfangs-
bereich entstand mit »freundlicher Unterstützung« einer
Möbelfirma, und die Seminare werden im »Deutsche-
Bank-Hörsaal« gehalten oder in dem der Holtzbrinck
Verlagsgruppe. Verkauft eine Hochschule dadurch ihre
Unabhängigkeit? Oder ist Sponsoring ein legitimer Weg,
an Geld zu kommen, auch für Bildungseinrichtungen?
Eine Stimme, die sonst aus dem Fernsehen schallt, reißt
meinen Gedanken. »Es ist doch putzig, wie sich
die DIskussion entwickelt hat. Es war vielen früher lieber,
in einer vergammelten Johann-Wolfgang-von-Goethe-
Aula zu sitzen als in einem gut ausgestatteten Daimler-
Lachen, Klatschen, ein Mädchen hinter mir
kreIscht gar Vor Vergnügen. Die Studenten haben Guido
Westerwelle als Eröffn dn fü' , .'
ungsre er r ihr SymposIUm em-
und sie lieben ihn. Er hat sie mit»Exzellenzen« be-
grußt. Er hat geklagt d Le" .
_ ' ass Istung für manche eme Art
Korperverletzung . E h
seI. r at gemahnt: »Sie können nicht
dass Sie dasselbe haben wie andere, wenn Sie sich
emen lauen Lenz m ch U
a en.« m sofort kokett hinzuzufü-
gen: »Aber das w' S'
h
Issen Ie, sonst wären Sie nicht hier.« Er
at gespottet, dass s' h
sit-t IC nun auch der Staat an Elite-Univer-
a en versuchen W II d
klein M' 0 e, un gerufen: »So stellt sich der
e amst Elite vor b
S
· L h ' evor er das Studium abbricht.«
eIn 0 n sind A 1
Westerw 11 'll' pp aus und brave Fragen. »Herr
e e«, W1 eIn St d .
Politiker d . u ent WIssen, »wie kriegen wir
azu, leIstung zu bringen
»FDP wählen!« .«
»AberdashabenWi d h
Student. Später ::1.1 r oc schon alle gemacht!«, sagt der
e· utmir· b'
Semester sei die FDP b' eIner, el Testwahlen im dritten
el 80 Prozent gelandet. Es ist wie bei
24

einem Familientreffen. Herr Westerwelle straWt. Die Elite
hängt an seinen Lippen, ist dankbar, dass er da ist.
Aber dann wird Vater Westerwelle streng. Mit dem
Motto Survival of the fittest? seien sie weit übers Ziel
hinausgeschossen. Der Sieg des Stärkeren - das sei kein
Modell für eine Gesellschaft. Menschen hätten sich zu
Gemeinschaften zusammengeschlossen, sich Gesetze ge-
geben, um nicht nach den Regeln des Darwinismus leben
zu müssen. »Nicht nur der Stärkste soll überleben«,
scWießt Westerwelle, »sondern auch der Schwache und
Schwächste.« Ich blicke in fragende Gesichter. Dass Guido
Westerwelle sich gezwungen sieht, an das soziale Gewis-
sen der Studenten zu appellieren, scheint sie genauso zu
überraschen wie mich.
Auf der anschließenden Feier frage ich mich durch die
Reihen. Immer wieder sage ich, dass ich ein Buch über
Elite schreibe. Fast alle finden das toll. »Wir brauchen
endlich wieder Eliten«, sagen sie. »Es wird wieder Zeit in
DeutscWand.« Viel mehr erfahre ich an diesem Abend
nicht. Es gibt Wein und Fingerfood. Es ist nicht der Ort
für lange Gespräche.
In der Jugendherberge haben sie eine ganze Etage für uns,
die Teilnehmer des Kongresses, gemietet. Ich bin doch
noch untergekommen. Im Mädchenzimmer für Nach-
rücker. Zwei Doppelstockbetten links, eins rechts, dazwi-
schen Schränke, in denen sicherlich selten zuvor so viele
Blusen und Kostüme hingen wie in dieser Nacht.
Ich komme in einem ganzen Pulk von Anzugträgern
aus Oestrich-Winkel zurück. In einer Ecke im ersten Stock
hockt eine Gruppe Teenager. Sie haben sich irgendwoher
Bier organisiert. Sie trinken, sie starren und lachen uns aus.
25

I-------------------------------------------...........
Zu Hause werden sie erzählen können, dass ihnen Aliens
begegnet sind. Denn in ihren Augen sind wir woW genau
das. Eine Horde Mittzwanziger, mehr oder weniger passge-
nau in Business-Klamotten gesteckt, die tagsüber auf dem
Campus einer teuren Privatuni Elite spielt und nachts die
Sechserzimmer in der Jugendherberge belegt.
NUR KEIN NIEDRIGLEISTER SEINI
. Am nächsten Morgen passiere ich problemlos die Einlass-
kontrolle. Mein Hosenanzug ist genehm, meiner Teil-
nahme an knapp einem Dutzend Seminaren zum Thema
Wirtschaftselite steht kein Security-Student im Wege.
Mein erster Workshop »Leadership Culture: Heraus-
forderungen für eine neue Managementgeneration« wird
einem hochrangigen Siemens-Manager gehalten.
SeIn Chef Klaus Kleinfeld ist Schirmherr des Symposi-
Bislang ist er aber noch nicht aufgetaucht. Vielleicht
1st er beschäftigt. Gerade ist bekannt geworden, dass sein
gut 3,2-Millionen-Euro-Jahresgehalt um 30 Prozent er-
höht würde. Die Entrüstung über die BenQ-Pleite
und dIe Schwarzgeldaffäre sollte in den nächsten Wochen
folgen M' h "d ' ,
. IC WUr e IntereSSIeren, ob den Siemens-Mana-
ger beschäftigt da Kl' r ld
' ss eInie auf dem besten Wege war,
zum zweiten Ackermann zu werden _ ein Symbol für die
angeblich fehlend M al d
e or er Manager-Elite. Aber darum
geht es heute nicht.
Stattdessen spr' ht d
t I IC er Manager von einem global
aent pool, den Siemens aufbauen WI'U Kl Kl' r ld
erkla"rt d . aus emie,
uns er Redner b' .
H" h tl . ,ar elte an emer »Kultur, die auf
oc s elstung ausge . ht .
nc et 1St«, Er selbst werde sich um
26
die »begabtesten und leistungsfähigsten« jungen Men-
schen im Konzern, die zukünftigen Siemens-Leader küm-
mern. Dazu gehöre auch, dass er die Besten aus dem glo-
bal talent pool regelmäßig zum Frühstück treffen wolle.
Der Siemens-Manager will uns nun das Muster erklären,
nach dem diese Nachwuchselite gekürt wird. Jetzt wird es
gleich so weit sein, denke ich. Die erste Antwort auf
meine Frage: Was ist Elite?
Four Es and one P nennt er sein Modell - Vier E
und ein P also. Ein wenig verwirrt schreibe ich mit: Edge
(grenzenloses Denken), Energy (Initiative zeigen), Ener-
gize (Mitarbeiter führen), Execute (Dinge mit maximaler
Wirkung umsetzen) und Passion (emotionale Begeiste-
rung). Könnte in der deutschen Übersetzung also auch als
fünftes E durchgehen. Ich schaue auf die Liste, auf den
Topmanager und wieder auf die Liste.
Edge, Energy, Energize ... Nach diesem Raster soll tat-
sächlich die Wirtschaftselite ausgewählt werden? Und was
bedeutet das für meine Suche nach einer tauglichen Elite-
Definition? Nicht viel. Es wird nichts bringen, wenn ich
mit einer solchen Liste durchs Land reise und alle, die ich
treffe, auf die Kriterien edge, energy und execute überprüfe.
Zwei Reihen weiter wird schon lange ein Finger in die Luft
gehalten. Ein Finger, der alle Erklärungen zu E, P und
Leadership überdauert. Er sei der Sohn eines Siemens-
M't b'
.1 ar .elters, sagt ein Junge leise. Sein Vater habe gerade
selD VIerZigstes Dienstjubiläum gefeiert. Er sei in dem
Glauben groß geworden, dass Siemens sichere Stellen
böte. Sein Vater habe Urlaubsreisen auf Firmenkosten be-
eine Betriebsrente. Jetzt gelte das alles plötzlich
DIcht mehr W' kl" S' d
.» Ie er aren Ie as Ihren Mitarbeitern?«
27
»Das ist Globalisierung«, antwortet der Manager. Er
spricht von Anpassungsdruck, von tschechischen Niedrig-
löhnen und von »Cosy-Verhältnissen«, in denen wir zu
lange gelebt hätten. »Es ist im Einzelschicksal immer bit-
ter. Aber der Block Personalkosten darf nicht unermess-
lich werden.« Der Junge sagt nichts mehr. Immerhin weiß
er nun, dass er Sohn eines Personalkostenblocks ist. Vorn
sehe ich die goldenen Manschettenknöpfe am blauen
Jackett des Siemens-Managers auf und nieder wippen. Er
gestikuliert entschieden. Er wird grundsätzlich: »Wir le-
ben in Deutschland immer noch in einem sozialistischen
Kollektiv«, sagt er. »Wir ziehen Minderleister immer mit,
halten ihnen die Karotte vor bis zur Frühpension. Das ist
deutsche Gleichmacherei. Damit muss jetzt Schluss sein.«
»Minderleister« - das Wort habe ich noch nie gehört.
In einem späteren Vortrag werde ich als Synonym noch
den »Niedrigleister« kennenlernen. Das Wort klingt ver-
ächtlich, Niedrigleister fordern 38,S-Stunden-Wochen,
einen sicheren Job und Urlaubsreisen auf Betriebskosten.
Vielleicht sind es aber auch die, die viel Schlaf brauchen
und halbe Tage mit Fernsehsoaps oder Fußballübertra-
gungen vertrödeln, so wie ich.
Die Lektion »Bloß kein Niedrigleister werden!« wird in
den folgenden zwei Tagen ständig wiederholt. Wir lernen,
dass wir niemals a h h ""
" usru en, nac lassen, entspannen dur-
fen. WIr müssen den M' d I'
In er elster in uns unterdrücken
wegen der Konk d'
" urrenz, le nur darauf wartet. 60 Millio-
nen ChInesen spi I Kl .
'. e en aVler, erklärt uns ein anderer Se-
mmarlelter »Wie ß f
ke" d ' gro «, ragt er, »ist die Wahrscheinlich-
lt, ass der nächste M
Ö
" Ozart aus China kommt statt aus
sterrelch(<< Fü d" d'
.' r le, le da noch nicht den Atem der Chi-
nesen, dIe uns jage ' N
n, 1m acken spüren, hat er noch eine
28
Geschichte parat: »Jeden Morgen wacht in Afrika eine
Antilope auf und weiß, sie muss schneller laufen als jeder
Löwe, um zu überleben. Jeden Morgen wacht in Afrika ein
Löwe auf und weiß, er muss schneller laufen als die lang-
samste Antilope.« Nach einer Kunstpause sagt er dann:
»Wir müssen schnell laufen. Denken Sie darüber nach!«
Mario erzählte in Griechenland stolz von seinen 70-Stun-
den-Wochen, Bernd geht selten vor acht Uhr abends nach
Hause. Er ist Meister des Zeitmanagements. In seinem
Rechner hat jede Viertelstunde des Tages ein Feld, das far-
big markiert und mit Aufgaben versehen ist. Bernds und
Marios Ziel ist es, eine hohe Schlagzahl zu erreichen, bis
an die körperliche Belastungsgrenze zu gehen. In den Ge-
sprächen bekomme ich den Eindruck, dass die Wochen-
arbeitszeit in der Welt des Wirtschaftsnachwuchses ein
Fetisch ist, der fast noch mehr zählt als das dicke Auto
oder die schöne Wohnung. Es ist wie beim Pokern: siebzig
Stunden, achtzig - damals, als das Projekt auf der Kippe
stand, hundertdreißig. Das bringt Respekt ein.
Der Terminkalender vieler Topmanager ist auf bis zu
eineinhalb Jahre im Voraus gefüllt. Josef Ackermann, der
Chef der Deutschen Bank, hat in London und New York
eine Wohnung, in der Anzüge und Schuhe bereitliegen.
»Ein Tagestrip Zur Arbeit nach New York«, schreibt die
Zeit, »ist für viele Manager so selbstverständlich wie für
andere Menschen die Fahrt mit der S-Bahn.« Eine Freun-
din, die wie Mario als Berater arbeitet, erzählte mir dass
jeden Montag um fünf Uhr morgens in ihrer Straße ~ e n ­
schen mit Rollkoffern auf dem Bürgersteig stehen. Taxen
fahren vor, sammeln Koffer und Menschen ein, fahren sie
zum Flughafen. Von dort werden sie für die Woche aufdie
29
Hilton- und Sheraton-Hotels dieser Welt verteilt. Als das
manager magazin Jungmanager nach ihrer durchschnitt-
lichen Arbeitszeit fragte, gaben 61 Prozent an, eine Wo-
chenarbeitszeit von mehr als fünfzig Stunden sei der
Regelfall. Sie werden nicht übertrieben haben. Alle, mit
denen ich hier in Oestrich-Winkel spreche, beschreiben
die Bereitschaft, mehr zu leisten als andere, den Willen zu
funktionieren, bedingungslos flexibel zu sein als Grund-
voraussetzung, um dazugehören zu können.
Ich stehe in der Schlange am Büfett. Vor mir sprudelt ein
prächtiger Schokoladenbrunnen. Kaum jemand tunkt
Fruchte hinein. Auch ich traue mich nicht, aus Angst,
meine Bluse zu ruinieren. Ich lausche dem Gemurmel.
»Was mit der PDS an geistigem Müll in die Parlamente
gespült wurde, hätte bei einer Firma nicht mal ein Be-
werbungs " h b k
gesprac e ommen.« - »Erstklassiges Line-up
hier. Und fast umsonst, Für andere Symposien zaWst du
15.000. Euro.« - »Deine Schuhe«, fragt ein Junge hinter
mir seInen Freund »w . t d fü' d ..
, as IS as r Le er?« - »Kanguru.«
Ich blicke an mi h M . . .
r erunter. eIne Schuhe SInd alt und em
wenig spießig I h h b' .
'. . c a e sie von memer Mutter geliehen,
weil mir Stunden vo . b'
. . r meIner A reise eingefallen ist, dass
Ich In Schwarz S ak h
.. nur ne er abe. Wo zum Teufel kauft
man Kangurulederschuhe?
Auch beim E se kan .
M
o S' s n n Ich mich nicht entspannen.
eIn Itznachba ab' b'
kn
.. ~ S' r reitet el Montblanc. Manschetten-
Opie, legelring all 0h
r S . ' es an I m zeugt von langer Tradi-
Ion. ogar die Haare h
doseen aus wie ein Fliegerhelm aus
en zwanziger Jahren E . h .
»Montbl h . . r zle t eInen Füller aus der Tasche:
anc at die Sch l ~ d h
u le er alter aus dem Programm
genommen.« Das sei n 0 .
Un eIner mit Carbon-Einspritzun-
30
gen. Koste knappe 600 Euro. Die Jungs am Tisch, Studen-
ten der Uni, sind begeistert. »Dabei kostet die Herstellung
doch nicht mehr als ein paar Euro, ode!?«, fragt einer.
»Diese Gewinnmarge ist doch fantastisch!«, freut sich ein
anderer. »Das ist optimales Pricing, das lernen wir ge-
rade«, sagt ein Dritter.
Es ist der zweite Tag meiner Elite-Erkundung, und
schon zweifle ich an meinem Plan. Ich fiiWe mich fremd,
traue mich kaum, meine Fragen zu stellen. Meine ganze
Energie geht dafiir drauf, nicht unnötig unangenehm auf-
zufallen. Ich gehe ständig zur Toilette. Um meine Frisur zu
kontrollieren, um mir Notizen zu machen oder um ein-
fach nur still dazusitzen. Sobald ich die Tür öffne, strömt
das Stimmengewirr wieder auf mich ein. »Wir müssen
endlich die Löhne liberalisieren«, sagt einer. »Wenn einer
für drei Euro putzen will, warum lassen wir ihn dann
nicht?«, ein anderer. Am liebsten möchte ich gleich wieder
aufs Klo. Aber ich muss ins nächste Seminar.
EDEKA - ENDE DER KARRIERE
»Wir wollen«, ruft er, »unsere Mitmenschen lenken, füh-
ren und begeistern.« Sein Bauch wippt, Schweißtropfen
rinnen ihm über die Wangen, verschwinden in seinem
Vollbart. »Wir sind nimmermüde Garanten für Wachs-
tum und Wohlstand.« Ich sitze ganz hinten, neben ein
paar Gaststudenten aus Indien. Ich überlege, ob es glaub-
haft wäre, so zu tun, als spräche ich nur Hindi.
Der Mann vorn ist unser Rhetorikcoach. Er will uns
beibringen, wie echte Führungskräfte zu sprechen. Elf
Studenten stehen schon vorn. Sie haben weiße Laubsäge-
31
arbeiten in der Hand, halten sie hoch, formen das Wort
»Kreativität«. Seit einer halben Stunde fürchte ich, auch ein
I oder Äzu werden. Denn die Studenten müssen nicht nur
Buchstaben halten, sondern auch Sätze imitieren, die ihnen
vorgesprochen werden: »Ich fühle mich wie ein Fels in der
Brandung. Nichts haut mich um.« Applaus. »Bietet dir das
Leben eine Zitrone, mach Limonade daraus.« Noch mehr
Applaus. »Froh zu sein bedarf es wenig. Und wer froh ist,
ist ein König.« Alle sollen klatschen. Motivationsspielchen
wie diese scheinen zum Standardprogramm zu gehören.
Als wir mit McKinsey in Griechenland waren, wurde uns
das Video eines Basketballspiels gezeigt. Wir sollten zählen,
wie oft sich die zwei Teams den Ball zupassen. Während-
lief ein Gorilla durchs Bild. »Hat jemand einen Go-
rilla gesehen?«, fragte der Coach. Viele hatten sich nur auf
die Bälle konzentriert und den Affen verpasst. Sie seien zu
leicht ablenkbar, lautete das Fazit, und damit fehle ihnen
eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft.
lernten wir damals, is about seeing the gorilla.
Ich uberlege, ob ich mir ein Heft mit dem Titel »So werde
ich ein Leader« anlegen sollte. Denn dann könnte ich heute
bereits meinen zw't M ks .
el en er atz eintragen. Unter »Ich
muss den Gorilla sehen« könnte ich schreiben: »Ich muss
andere Zum Lachen bringen.«
»Wir müssen« mah d .
.. ,nt er Coach, »dIe seelische Lohn-
tute unserer Angest llt .. . ..
. . e en UPplg füllen. Und wenn Sie nur
dIe Blld-Zeitungle h d'
sen, auc le hat eine Schmunzelecke«,
sagt er, um uns fi
so ort wohlartikuliert einen Witz zu er-
.....uen: »Warum darf . P I
t? elO 0 arforscher keine blaue Brille
ragen. - Daml't er di E' b
e IS ären nicht fü' BI b" häl't I
Ich sch fi r au aren .<
rump eweiter' . .
J
'etzt 11· In meinem SItz zusammen. Denn
so en Wlrnoch' al .
elOm Motlvationssätze wiederholen.
32
Einer muss immer wieder sagen: »Ich schaffe es. Ich errei-
che mein gesetztes Ziel.« Am Ende stimmt die ganze Bank-
reihe mit ein. »Ich schaffe es. Ich erreiche mein gesetztes
Ziel.« - »Wer seine Mitmenschen lenken, führen und be-
geistern will, braucht Rhetorik«, sagt der Coach. Gut, dass
er der Chefdes ersten deutschen Rhetorik-Instituts ist und
geeignete Kurse anbietet. Fünf Tage kosten 2450 Euro plus
Mehrwertsteuer. Und wenn man sich weigert? Wenn man
im Sitz verkrampft, statt eifrig Erbauungssätze zu dekla-
mieren? »Dann«, sagt der Coach »heißt es ganz schnell
EDEKA: Ende der Karriere.« So einfach ist das.
Verwirrt laufe ich über das Schlossgelände. Ich sehe
eine Studentin in einem getigerten Designerkostüm, die
sich die auf dem Campus ausgestellten Sportwagenmo-
delle anschaut. Neben mir gehen ein paar Erstsemester,
die den Rhetorik-Vortrag extrem inspirierend fanden.
»Und du?«, wollen sie wissen. Ich mag nichts mehr sagen.
Hinter uns auf dem Parkplatz knallt es plötzlich. Ein Stu-
dent, der das Taxi für die VIPs fährt, ist mit dem gemiete-
ten Rolls-Royce gegen einen Stehtisch gefahren.
HEISSE LUFT
Ich glaube, man tritt Michi nicht zu nahe, wenn man ihm
einen Hang zum ständigen und ausdauernden Flirten un-
terstellt. Im Gegensatz zu so vielen anderen hat er mich
nicht einfach ignoriert. Wahrscheinlich, weil er sich
grundsätzlich erst einmal für alle Frauen interessiert. Mi-
chi studiert hier. Auch er trägt Armani und fährt Audi,
viele hier. Sogar ein Cabrio hat er. Selbst ausgewählt
In Ingolstadt, ganz in der Nähe seiner Heimat.
33
DAS GROSSE UMDENKEN
Dafür gibt es die Kirche, den Glauben. Das ist mein
Rahmen.«
Auf den Glauben wollte ich mich nie verlassen. Aber
während ich an Stehtischen mit weißen Tischdecken vor-
beilaufe, mir die getönten Scheiben der parkenden Autos
anschaue und einem Dreijährigen mit zurückgegeltem
Haar ausweiche, der in der Hand die Promotion-Tüte einer
großen Investmentbank hält, finde ich es plötzlich auf
seltsame Weise beruhigend, dass einer hier, wenn er dann
irgendwann vielleicht zur Wirtschaftselite gehört, an die
Gebote seines Gottes glauben wird, statt an E, P und
Leadership-Versprechen.
Ich bekomme noch den letzten Zug nach Berlin. In
Hannover stehe ich ewig auf dem Bahnsteig. Schließlich
rufe ich meine Eltern an, um ihnen von meiner Verwir-
rung nach den Tagen mit der jungen Wirtschaftselite zu
erzählen. Mein Vater sagt: »Da kannst du ja viel schrei-
ben.« In Gedanken unterstelle ich ihm den Zusatz: »Gut
für deine Karriere.« Mein Vater hat Phasen, in denen er
sich mindestens im Drei-Tage-Takt nach meinem beruf-
lichen Fortkommen erkundigt. Meine Mutter fragt, ob sie
mir Zu Weihnachten auch eine Armani-Jeans schenken
soll. »Nein danke«, sage ich und lege auf.
Zurück in der WG, verfalle ich in das, was Tom eine
»Nachdenkst
arre« nennt. Ich verlasse mein Zimmer
schaue fast so lange aus dem Fenster wie die Frau
1mVorderhaus. Lege mich auf den Teppich. Setze mich an
den Computer und öffne alle fünf Minuten stupide mein
Aber Michi ist anders als die, die ich bisher hier traf. Er
will weder Berater noch Investmentbanker werden.
»Heiße Luft«, sagt er. »Die schaffen keinen Wert, die kos-
ten viel Geld. Das kann aufDauer nicht gut gehen.« Er sei,
erzählt er mir, über eine Karrieremesse geschlendert, habe
an den Ständen der Investmentbanker und der großen
Berater gestoppt und gefragt: »Mein Vater schwört, wenn
ich bei Ihnen anfange, enterbt er mich. Was halten Sie da-
gegen?« - Schweigen, Stottern, mehr sei von denen nicht
gekommen, sagt Michi. Nur heiße Luft eben. Die grund-
sätzlichen Dinge, findet er, haben die Berater nicht durch-
blickt. Dass Angestellte genug Geld verdienen müssen,
um sich Autos, Urlaube und Häuser leisten zu können,
die andere für sie produzieren. Sein Vater verkauft schlüs-
selfertige Bauten. Und Michi ist direkt nach der Schule
mit eingestiegen. »Meine Studiengebühren, mein Auto,
das zahl ich alles selber. Neid ist trotzdem da. Die Leute
sagen, das kauft alles der Papa. Die sehen nicht, dass ich
von Montag bis Sonntag schufte.«
Wie anscheinend alle hier lebt auch Michi ohne Ru-
hepausen. Er erzählt mir von einem Sonntag. Er war ge-
rade neu im Rh . D .
. emgau. en Kirchgang hatte er schon
hmte . h d .
r SIC, as MIttagessen auch, die Arbeit war weit
weg. Plötzlich wurde ihm langweilig. »Schlimm fand ich
das«, sagt er. So schlimm, dass er seine Mutter anrief.
Die riet den F h
' ernse er anzuschalten. »Selber drauf ge-
kommen wä . h .
. . re IC nie.« - »Fürchtest du dich davor, mit
dreißIg müde und k t. .. .
eh
" apu t zu sem?«, frage Ich. MIch!
s uttelt den Kopf 1 h' .
I h b
· ' ac t sem breItes fränkisches Lachen.
)) c m ausge l' h
'eh . g IC en«, verspricht er, und ich solle mir
m t so VIele Ged k
an en machen. »Es gibt immer Fra-
gen«, sagt Michi» f d'
, au Ie man keine Antwort findet.
-
--------------------_iiliiiiiiiiiliiiiiiiiliiiiiiiiiil_.. .._.. .. ..----;·
--
34 35
Mailfach, als würde ich irgendwelche erlösenden Bot-
schaften erwarten. Erst McKinsey, jetzt die Tage an der
EBS. Ich kann nicht sagen, dass die zwei Treffen mit der
selbst ernannten Wirtschaftselite zu einer Klärung des
Begriffs und Zur Beruhigung meiner Ängste beigetragen
haben. Und dann noch dieses seltsame Gespräch mit mei-
nen Eltern. Warum waren sie eigentlich überhaupt nicht
empört über das Gebaren der Studenten an der EBS?
Meine Eltern sind Lehrer. Mein Vater ist Sozialdemo-
krat. Er trägt Bart, wir fahren Saab, klassischer geht es
kaum. Schon als Kleinkind habe ich sonntags die Uran-
anreicherungsanlage in unserer Heimatstadt umrundet,
um auf den Schultern meines Vaters gegen Atomkraft zu
protestieren. An jedem 9. November bin ich mit meiner
Mutter mit Fackeln durch die Fußgängerzone gelaufen,
und wir haben uns Vor dem Gedenkstein für die ermor-
deten Juden versammelt.·Mein Vater hat für verkehrsbe-
ruhigte Straßen gekämpft. Meine Mutter war mal bei Pro
Asyl und mal in einer Gruppe, in der viele Frauen Latzho-
sen trugen und gegen Machos kämpften. Ich bin also in
der bundesrepublikanischen linken Mittelschicht aufge-
wachsen di ZW d'
h
,e ar Ie großen Ideologiekämpfe beendet
atte aber fü . h b
: r SIC eanspruchte, sich im Kleinen überall
Und Immer für d' S h
I le c wachen einzusetzen.
ch habe gelernt, dass Gleichheit und Gerechtigkeit
wesentliche Wert . d J
al
'. e SIn . eder, egal wo er herkommt und
eg WIe VIel . Vi
h b seIn ater verdient, sollte gleiche Chancen
a en. Und damit d l'
muss di as ge Ingt, so wurde mir beigebracht,
man e Schwache t"
denen' n s utzen und nicht jene fördern,
SOWIeso Vi 1 l' h .
hatte . e es eIC tfällt. »Anfang der Achtziger
man Bildungsz' 1 ' .
derten Ie e WIe die Integration von Behin-
,man Wollte d' Ki d
le n er zum Umweltschutz erzie-
pt
hen«, erzählt mir ein Freund, der ein paar Jahre älter ist
und sich an die frühen Achtziger besser erinnern kann.
Dieses Denken war zumindest in unserer Umgebung
lange Konsens. Ein Konsens, der aus Überzeugung gelebt
wurde. Dachte ich jedenfalls bislang.
Denn langsam zweifle ich an der Haltbarkeit dieser
Überzeugungen, Meinen Eltern und all den Lehrern, Be-
amten und Ingenieuren unter ihren Freunden ging es re-
lativ früh wirtschaftlich ziemlich gut. Echte Angst um die
materielle Existenz habe ich damals nie erlebt. Ich bin
dazu erzogen worden, selbstbestimmt zu leben, gleichzei-
tig aber auch tolerant zu sein und Rücksicht zu nehmen.
Wie ich mich im Kampf um knapper werdende Stellen
benehmen soll, trainierten wir nicht.
Vielleicht war diese Erziehung ja weltfremd. Vielleicht,
so würden wahrscheinlich viele, die ich in Oestrich-Win-
kel traf, argumentieren, war sie der Nährboden für eine
Wohlfühlgesellschaft, in der jeder nur auf sein Recht auf
Selbstverwirklichung, auf Arbeit und soziale Sicherung
pocht. Haben wir dadurch unsere Chancen auf dem Welt-
markt verspielt? Hätten unsere Eltern und Lehrer uns
besser auf den Kampf von Löwen und Antilopen vorbe-
reiten müssen?
Meine Eltern haben nie darüber gesprochen, ob sie sich
diese Fragen gestellt haben. Als ich von ihnen wissen will,
warum sie nicht mehr demonstrieren, was aus ihren Mit-
in zahlreichen Bürgerinitiativen geworden
1st, meint mein Vater nur, er hätte keine konkreten Ziele
mehr, für die er sich einsetzen wolle. Immer häufiger sagt
;r, dass man aus der SPD eigentlich austreten müsse.
chon lange fahren meine Eltern zu Antiquitätenauktio-
nen, anstatt zu den Anti-Atomkraft-Treffen zu gehen.
;; 57
36 37
Dass das nicht alles ist, merkte ich, als es um meine
»berufliche Zukunft« ging. Journalistin passte vor allem
meinem Vater nicht. Er, der stets gegen die Konservativen
wetterte, war plötzlich für Anwältin oder Ärztin. »Du
hast doch so ein gutes Abitur«, sagte er oft. Dass ich Auf-
träge abarbeite, statt einen festen Vertrag zu haben, er-
trägt er bis heute nur schwer. Es ist ihm zu unsicher.
Immer wieder fragt er, ob ich nicht irgendwann mal
irgendwo eine Festanstellung bekommen könnte. Als ich
meinen Eltern erzählte, dass ich den mit 67000 Euro
dotierten McKinsey-Vertrag abgelehnt hatte, waren sie
nicht gerade glücklich. Für den Traum von der festen
Stelle hätte mein Vater, der Sozialdemokrat, offensicht-
lich nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn seine
Tochter sogar bei den Turbokapitalisten, die auch er stets
kritisiert, angeheuert hätte.
Ich glaube, seit die Angst vor der Arbeitslosigkeit auch
bei ihnen im Münsterland angekommen ist, haben sich
ihre Maßstäbe verschoben. Marios Kategorien scheinen
ihnen nicht so fremd zu sein, wie ich immer dachte. Aus
Sorge um meine Zukunft möchten sie um jeden Preis,
dass ihre Tochter zu den Gewinnern gehört. Würden sie
dass Ideale verleugne, die sie mir in
. emer KindheIt als wIchtig beigebracht haben? Haben
SIe schneller als ich begriffen, dass man in einer Zeit, in
der man wieder mehr um die materielle Existenz bangt,
solche Ideale verg II '"
. essen so te, sobald SIe dIe KarrIere be-
hmdern? Aber I h H1 •
. we c en vvert haben Ideale, die man sich Je
nach Lage der Di I .
._ nge eIstet oder nicht, als wären sie luxu-
nose Accessoires? H1 d .
d
. h . vvar er Wunsch nach Gerechtigkeit,
eniC fü K .
Ze' di onsens hIelt, vielleicht nur Attitüde in einer
It, e dies zuließ?
38
Um die Nachdenkstarre zu überwinden, fange ich wie-
der an zu lesen. Bücher über Eliten, Hunderte von Zei-
tungsartikeln. Dabei stoße ich auf einen Bericht über ein
Fest der neuen Präsidentin der Universität Hamburg. Als
Studenten im Februar 2007 die Inthronisierungsfeier mit
ihren Protesten störten, rief BiIdungsministerin Annette
Schavan: »Deutschland braucht Eliten. keine Schreihälse.«
Es scheint einen neuen Konsens zu geben. Ich habe den
Eindruck, dass nicht nur meine Eltern umdenken.
DIE ELITISIERUNG
Die Renaissance des Elitebegriffs fällt in die Schröder-Ära
und in die Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs. Es
begann damit, dass die Zahl der Diskussionen, in denen
man Nachkriegstabus brach, zunahm. Es ging um »Leit-
kultur«. um Patriotismus, um Deutschlandflaggen und
eben um Eliten. Es war ein »Wir-sind-wieder-wer«-, ein
»Das-wird-man-doch-mal-Iangsam-wieder_sagen_dürfen«_
Gefühl. Gleichzeitig packte die deutsche Mittelschicht
seit dem Zweiten Weltkrieg die Angst vor dem
AbstIeg. von dem in Hartz-IV-Zeiten jeder betroffen sein
.. Ich glaube, dass das Erstarken des Elitebegriffs
em Kind der Verbindung beider Entwicklungen ist. Was
Franzosen. Engländer und US-Amerikaner haben dem
dürften sich die Deutschen in Zeiten des globalen w'ettbe-
nicht verweigern, lautete eine Grundthese. Gleich-
die Unschuld des Begriffs betont. War »Elite«
ru er ein Reizwort, in dem Standesdünkel. Machtmiss-
brauch und Viett . h ft .
ernwlrtsc a mItschwangen, wurde in
der Debatt h .
e versuc t, es umzudefimeren als bloße »Aus-
39
wahl der Besten«. So wurde aus einem Tabu ein Ziel, un-
problematisch und auf jeden Fall erstrebenswert.
Ursprünglich war der Begriff »Elite« tatsächlich nicht
mehr als ein Premiumstempel. 1755 definierte Denis
Diderot in seiner Enzyklopädie »Elite« als Gütesiegel für
auserlesene Spitzenprodukte. Es waren wohl französische
Händler, die das Wort erfunden hatten, Elire heißt »aus-
wählen«, und auserwählte Waren ließen sich besonders gut
anpreisen. So fand man Ende des 18. Jahrhunderts auf al-
len französischen Märkten Elite-Garne, Elite-Tücher und
Elite-Gänselebern. Erst später bezeichneten sich auch
Menschen als Elite. Den Anfang machte das französische
Bürgertum, das den Begriffim Kampfgegen Adel und Kle-
rus erstmals politisierte. Macht und Geld, so die Forde-
rung, sollten nicht an die mit der edelsten familiären
Abstammung gehen, sondern an die mit der größten indi-
viduellen Leistungsfahigkeit. An die Elite eben.
Daran orientieren sich auch heute noch die gängigen
Definitionen. Für den Brockhaus ist »Elite« eine Gruppe,
»die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie durch
eine besondere Leistungsf<ihigkeit und Leistungsbereit-
schaft auszeichnet«. Meyers Enzyklopädie ergänzt, die
An h'" d
ge ongen er Elite hätten zudem einen »besonderen
Wert« und bestimmten maßgeblich die gesellschaftliche
Entwicklung.
Dass Leistung und Einfluss in einer Gesellschaft stets
verteilt sind, ist unstrittig. Doch der Begriff
»Elite« erzählt ge d . h "b '
ra e DIC ts u er dIe vielstufige kom-
I S h' ,
P exe c Ichtung einer Gesellschaft. Die kargen Definitio-
nen der beiden L xika hl .
E
· e versc eIern eine konstituierende
Igenschaft· Elit '
D
' kl' . e setzt Immer eine Nicht-Elite voraus.
le eIDe Grup d b
pe er esonders Leistungsbereiten und
40
Einflussreichen existiert nur imZusammenspiel mit ihrem
Gegenteil: den vielen »Normalen«, der Menge also. Dieser
Gegensatz erst macht den Reiz des Elitebegriffs aus, be-
gründete seinen ruhmreichen Aufstieg zu einem Konzept,
das Soziologen erstmals Ende des 19. Jahrhunderts massiv
beschäftigte und faszinierte.
In der »Psychologie der Massen« beschreibt Gustave Le
Bon die Sehnsucht nach Eliten als eine Art Grundreflex des
Menschen, Die Masse, so schreibt er, sei »eine Herde, die
sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß«. Sie sehne sich nach
wenigen, die über einen starken Willen verfügen. Seine
Zeitgenossen sahen das ähnlich. So schreibt Gaetano
Mosca, ein anderer Klassiker der Eliteforschung: »In allen
Gesellschaften, von den primitivsten im Aufgang der Zivi-
lisation bis zu den vorgeschrittensten und mächtigsten,
gibt es zwei Klassen: eine, die herrscht, und eine, die be-
herrscht wird, Die erste ist immer die weniger zahlreiche,
sie versieht alle politischen Funktionen, monopolisiert die
Macht und genießt die Vorteile, während die zweite zahl-
reichere Klasse Von der ersten befehligt und geleitet
Trotz mancher Differenzen einte die Klassiker der Elite-
forschung de GI b d' Ub"
r au e an Ie erlegenheit einer auser-
wählten Minderh 't D . I' ,
el. amIt egten sie den theoretischen
Grundstein für den aufkommenden Faschismus dem sie
zum Teil auch persönlich sehr nahe standen. Die faschiSti-
Herrschaftssysteme, allen voran die deutschen Na-
honals . r
OZIa Isten, setzten den Gedanken, dass es in Gesell-
schaften' .. b I
eIne u er egene Minderheit geben darf und soll,
ahuf Weise in Politik um, Das Elitekonzept war
t eorehscher Dnt b d L b
, er au es» e ensborn«-Programms der
SS, dIe »rassisch II
wertvo es Menschenmaterial« züchten
Wollte. Es an" d' ,
Imlerte Ie NaZIS Zur Gründung der Natio-
41
__iiiliiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiii5iö
l
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii_iili_•••• ilillli'Ilii·...IIIllIIlIilII"1l·
1IIlII1tIlIIl
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nalpolitischen Bildungsanstalten, der »Napolas«, in de-
nen eine »Elite für den Führer« herangezogen werden
sollte. Das Führerprinzip selbst war Ausdruck des Glau-
bens daran, dass ein Hirte die Herde zu leiten hat, ein
Auserwählter, dem die Masse folgt.
Als alles vorbei war, galt der Elitebegriff zunächst als
tot als auf ' , d
' eWIg mIt en Taten der Faschisten verbunden,
durch sie verseucht. Die Eliten hatten versagt. Angetrie-
ben durch eine unmenschliche Ideologie und durch die
Gier nach grenzenloser Macht, töteten sie Millionen von
vernichteten den Glauben an die Kraft der Zi-
VillsatIon machten e " l' h '
, s unmog IC ,Jemals wieder von Hir-
ten, von Führern "on A "hl
' • userwa ten zu sprechen. Dachte
man zumindest.
Die wissenschaftl' h W' d
b
' IC e le erentdeckung des Elite-
egnffs begann b 't k
E
erel s urz nach seinem vermeintlichen
nde. Die Soziol' d'
ogle wan te sIch vom beschmutzten Ge-
gensatzpaar »Elitel d M
I
, , h <un » asse« ab und gebar die »plura-
IStIsc en Funktio I'
, nse !ten«. Damit waren mehrere Grup-
pen m der Gesellsch ft '
Syste F"h a gememt, die in ihrem jeweiligen
dorf u rungsaufgaben übernahmen. Ralf Dahren-
, emer der Väter d B 'ff!
1979 ' es egn s »Funktionseliten«, sprach
von SIeben fu kr 1
»großen" n lOna en Eliten, entsprechend den
mstItutionell 0 d
Wirtschaft P I' , r nungen« der Gesellschaft:
und Recht' sO,.ltik, ErZiehung, Religion, Kultur, Militär
. pater reduzi t d'
aufvier D Ke er e er le Zahl der Kategorien
. er rngedank bl 'b d
tastet: Elite II ' , e el t avon natürlich unange-
so te m eme D kr
deuten, Macht d' d r emo atie geteilte Macht be-
, le en Beste ' , d
Auch Hans P n m Je em Bereich zusteht.
eter Dreit 1 d
Freien Universität B ' ,ze , er als Professor an der
Eliten nachdacht erhn m den sechziger Jahren über
e, sprach von einer »Vervielfältigung der
42
Eliten«. Elite seien schlicht Personen, die in Spitzenposi-
tionen gelangt seien. Grundsätzlich käme jeder Bereich
persönlicher Leistung dafür infrage, letztlich aber doch
nur Leistungen, die für die Gesellschaft von Interesse und
Bedeutung seien. Dreitzel charakterisierte die demokrati-
sche Gesellschaft als »Elitengesellschaft«, in der die Aus-
wahl für die Elitepositionen nach Leistung erfolge und
damit für alle Bürger erreichbar sei.
Damit war das neue soziologische Label des Elitebe-
griffs perfekt und die funktionale Leistungselite geboren.
Elite, suggeriert dieser Ausdruck, kann jeder werden, der
strebsam und klug ist, jeder also, der viel leistet. Durch
diese Neudefinition galt Elite vielen als demokratisiert,
entproblematisiert und von der Schande der Nazis fast
völlig reingewaschen. Und so fand die Elite über die So-
ziologiebücher ihren Weg zurück in die Gesellschaft. Jür-
gen Rüttgers, mittlerweile Ministerpräsident des Landes
Nordrhein-Westfalen, sagte schon 1998: »Vom Tabuwort
ist der Elitenbegriffinzwischen fast zu einem Schlüsselbe-
griff in der Bildungsdiskussion aufgestiegen,« Der sächsi-
sche Kultusminister Matthias Rößler stellte im August
2001 anlässlich der Wiedereröffnung der früheren Fürs-
tenschule Sankt Afra in Meißen als Elite-Gymnaisum für
Hochbegabte fest: »Wir bekennen uns zum Begriff der
Elite.« An dieser Schule werde die künftige Elite Sachsens
geformt.
Ihren Ursprung hatte die Begeisterung für die Leis-
tungselite aber in den Chefetagen der Wirtschaft. Hier
wird der Mythos gepflegt, in der Wirtschaft zähle im Ge-
gensatz zur Politik, in der man durch Kungelei nach oben
komme, allein die Leistung. über 90 Prozent der Top-
manager nennen Leistung und Fleiß, wenn sie nach den
43
entscheidenden Gründen für ihren Aufstieg gefragt wer-
den. Mit 80 Prozent folgen Eigeninitiative und Durchset-
zungsvermögen sowie Bildung und Ausbildung. Kaum
einer nennt Geld, Vermögen oder Beziehungen. Da
scheint es folgerichtig, dass die Manager das Konzept,
dem. sie ihren eigenen Erfolg zu verdanken glauben,
als Maßstab für die gesamte Gesellschaft wünschen. Ma-
thias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Springer-
fordert eine »durchlässige, demokra-
Leistungselite. Hans Tietmeyer, der frühere
Prasldent der Bundesbank, will »den Begriff der Elite als
Leistungselite verstehen und ihn so enttabuisieren«. Und
Hein.rich von Pierer, ehemaliger Vorstands- und späterer
der Siemens AG, glaubt, dass
die von einer »Leistungselite« bewegt wird.
DIe Anstrengungen von Politik und Wirtschaft zei-
gen Folgen. Es gab nur leisen Widerspruch, aber ziemlich
laute Begeisterun al d' B
g, s le undesregierung beschloss,
mit ihrer »Exzelle '" .
nZInlhahve« das Hochschulsystem um-
zubauen »Der Wi ttb b
. e ewer soll das deutsche Hochschul-
system neu polen' GI . hh .
Z
. . . von eIe eIt auf Elite«, schrieb die
elt 1m Oktober 2006 M' I '
R
. Itt erwede sind die ersten beiden
unden des Exzell b
. _ enzwett ewerbs entschieden. Die Uni-
verSltaten in Aach B I' .
b en, er In, Freiburg, Göttingen, Heidel-
erg, Karlsruhe Ko t d"
EU
,ns anz un Munchen dürfen sich jetzt
» te-Universität« n S'
und 21 Mill' ennen. le bekommen Ruhm, Ehre
Ionen Euro.
Erstmals seit End d .
Elit 100 e es ZweIten Weltkriegs wird das
e nzept zudem 'd
der Bev"lk WIe er von einer breiten Mehrheit
o erung akz .
fuTter All . ephert und gelebt. Laut der Frank-
gemeInen Zeitu . d
dafür begabt S h" ngsIn 54 Prozent der Menschen
, e c üler i EI' kl
n Ite assen oder an Eliteschu-
44
len zu fördern - nur 33 Prozent sind dagegen. Eine klare
Mehrheit für die Elite, zum ersten Mal, seit die Zeitung
diese Frage stellt. Die Menschen scheinen begriffen zu ha-
ben, dass nun wieder in Gewinner und Verlierer eingeteilt
werden soll, und merkwürdigerweise fragt fast niemand
nach, warum und nach welchem Schlüssel. »Wir brau-
chen wieder Eliten« - dieser Satz regt nach einigen Jahren
der aufgeregten Darf-man-das-wieder-sagen?-Diskus-
sion kaum einen mehr auf.
Damit ist die Debatte etliche Schritte weiter als ich.
Mich interessiert nicht, ob man das Wort trotz des Drit-
ten Reiches gebrauchen darf. Erst einmal ist es wie jeder
Begriff eine Hülle. Zwar eine, die in der Vergangenheit so
sehr beschädigt wurde, dass man sie eigentlich schon ent-
sorgt hatte, die aber offenbar noch nicht ganz kaputt war.
Viel wichtiger als die Frage, ob man das Wort wieder aus-
sprechen darf, ist meiner Meinung nach, mit welchem In-
halt man die Hülle füllt. Ich möchte wissen, was genau die
meinen, die »Elite« sagen. Und vor allem möchte ich er-
fahren, nach welchen Kriterien entschieden wird, wer da-
zugehört und wer nicht.
»Den Besten muss man das Beste bieten, aber das kann
man nicht zum Standard für alle machen«, sagt Ernst-
Ludwig Winnacker, der ehemalige Präsident der Deut-
schen Forschungsgemeinschaft, stellvertretend für alle,
die die Einrichtung von Elitestudiengängen, in denen die
Studenten im Vergleich zu ihren Kommilitonen an den
Massenuniversitäten traumhafte Bedingungen vorfinden,
vorantreiben. Wenn Geld, Chancen und Förderung nicht
mehr möglichst gerecht verteilt werden, sondern eine
Nachwuchselite aus diesen Töpfen per se mehr erhalten
soll als andere, müsste dann nicht allen klar sein, nach
45
welchen Regeln diese Plätze in der ersten Klasse verteilt
werden? Wie wird man Elite? Muss man auf bestimmte
Schulen gehen? Spezielle Universitäten besuchen? Ent-
scheidet das Talent? Geben Fleiß und Ehrgeiz den Aus-
schlag? Oder vielleicht doch das Geld der Eltern? Und wie
misst man das alles?
Die European Business School in Oestrich-Winkel be-
hauptet, jedes Jahr die »200 Top-Studenten in Deutsch-
land« aufzunehmen und dadurch eine »unternehmeri-
sche Elitehochschule« zu sein. Wie finden sie diese
zweihundert Top-Leute? Wer löst die Eintrittskarte in die
WeIt der zukünftigen Wirtschaftselite? Und wer bleibt
draußen? Es ist Zeit, die Nachdenkstarre zu lösen. Ich
fahre noch einmal in den Rheingau.
DIE BESTEN ODER DIE REICHSTEN?
Ich kann die Augen kaum offen halten, denn es ist früh,
U ~ d die Deutsche Bahn hatte es gut gemeint und den Re-
gIonalexpress 514 Richtung Koblenz auf gefühlte dreißig
Grad geheizt M't ' , .
. 1 eIner ReIsetasche in der Hand laufe Ich
durch die nach .
b elllem warmen Herbst noch gelben Wein-
d
~ r g e . Ich blicke auf den Rhein, über die Nebelfelder,
le an diesem Mo 'd .. ..
d k ' rgen In en Talern hangen. »Idyllisch«,
1
en e Ich, als mich der BMW-Mini überholt und in der
angen Schlang S
t
. e am traßenrand parkt. Eine Studentin
s elgt aus Sch ..
. rag Vor mir steht ein BMW-Cabrio Sport-
wagen mit do eIt '
fü d 11" pp em Auspuff - vermutlich das Modell
r en n.errn Es ist k
EBS b' U' .. unver ennbar, dass ich zurück an der
In. ngewoh r h '
schen d h" n 1C 1st allerdings, dass heute zwi-
en sc lllttlge A
n utos auch gediegene Familienkut-
46
schen parken. Aus einer steigen gerade Vater und Sohn.
Sie kommen aus der Nähe von Bremen, sind über vier-
hundert Kilometer gefahren, um hier dabei sein zu kön-
nen. Denn heute lädt die European Business School zum
»Campus Day«. Heute sollen die Oberstufenschüler ler-
nen, dass ein Studium hier »die richtige Karriere-Ent-
scheidung« ist.
In meiner Erinnerung sind Tage der offenen Tür an
Universitäten lustige Veranstaltungen. Ich war an der ehr-
würdigen Wilhelms-Universität in Münster. Wir sind erst
ein wenig eingeschüchtert, dann immer vergnügter durch
die Gänge gelaufen, haben in einer Linguistik-Vorlesung
Menschen zugesehen, die mit abenteuerlichen Verformun-
gen der Lippen die Entstehungsgeschichte von Wörtern
veranschaulichen wollten, und haben akzeptiert, dass dies
die geheimnisvolle Welt der Akademiker sein muss. Da-
nach haben wir uns in die Cafeteria abgesetzt und fühlten
uns unendlich cool und studentisch, als wir einen Milch-
kaffee tranken, der damals in unserer Kleinstadt noch
eine echte Rarität war.
Hier ist das anders. Schulklassen suche ich vergeblich.
Vor mir laufen Gespanne, die dem aus Bremen ähneln:
Vater und Sohn, ganz selten Vater und Tochter. Der Nach-
wuchs läuft fast bei allen Duos ein wenig schüchtern hin-
ter dem alten Herrn, der forsch voranschreitet. Er prüft
die zum Kauf gebotene Ware. Schließlich wird er hier, bis
das Kind den Master hat, knapp 45000 Euro lassen - nur
für die Gebühren. Ich überschlage, dass selbst ein relativ
sparsames fünfjähriges Studentenleben- mit monatlichem
700-Euro-Budget - ohnehin schon über 37000 Euro kos-
tet. 80000 Euro also, und damit hat der Sohn noch keinen
BMW-Cabrio vor dem Campus parken.
47
Die Studienberater sind gute Verkäufer. Sie wissen,
dass es ihre Aufgabe ist, diese Investition schmackhaft zu
machen. Sie schwärmen von hundertvierzig Partneruni-
versitäten, natürlich auch in attraktiven Wachstumsre-
gionen, in Hongkong, Schanghai oder Seoul. Sie berich-
ten von Studenten aus dem dritten Semester, die bereits
Traumpraktika in Investmentbanken ergattern konnten,
und erzählen von Kontaktabenden, zu denen Firmenver-
treter in den hochschuleigenen Weinkeller geladen wer-
den. Sie preisen »Lerneffektivität«, »Effizienz« und das
tolle Betreuungsverhältnis. Vierunddreißig reguläre und
elf Juniorprofessoren sorgen sich hier um das Wohl der
tausendzweihundert Studenten - also gut einundzwanzig
Studenten pro Lehrkraft. An einer führenden öffentlichen
Unive "f"t" .
rSI a selen es emundzwanzig Professoren für vier-
tausend Studenten, also einer für hundertneunzig Stu-
denten.
Damit liegt das Angebot auf dem Tisch. 10000 Euro
pro Jahr. Im Gegenzug wird das Kind vor den Zuständen
an der überfüllten Massenuniversität bewahrt. Das beein-
dbruckt. Ihren größten Trumpf haben die Studienberater
a er noch gar n' ht. .
. IC ausgespIelt. Per Beamer werfen SIe
WeUlg .. S . "
" spater tatlstiken an die Wand, die auch die letzten
ZweIfler vom S" d'
I h I
IOn leser Investition überzeugen sollen.
c ese:
Durchschnittli hAlb "
E
", c es ter el Abschluss des Studiums: 24,
lOstlegsgehalt " b
emes A solventen: 50752 Euro.
Noch Fragen? E t al .
Nachd d" . rs m keme. Oder doch. Eine noch.
em le Eltern be 'fL" h b
tition I h . gn len a en, dass sich die Inves-
o nen WIrd t 'b '
wird d' ' rel t SIe nun um, was zu tun sein
, amlt das eigen Kind
unter die '"r e die Aufnahme, den Sprung
»lOP 200« schafft D'
, . le Eltern interessiert, was
48
auch ich wissen will: Wie wählt die EBS die zukünftige
unternehmerische Elite aus?
Bei der Auswahl der besten zweihundert spielt die Abi-
turnote der Bewerber keine Rolle. Die Hochschule stellt
einen Mathe-, einen Englisch- und einen Intelligenztest.
Zum Üben bekommen wir Beispielaufgaben in die Hand
gedrückt. »Wie lauten die nächsten beiden Glieder der
Folge 2, 7, 17, 32 ... ? Das geht, denke ich und notiere:
52 und 77. Nr. 2: Anja und Sven sind zusammen achtzehn
Jahre alt. Verdreifacht man Svens Alter und addiert noch
zwei Jahre hinzu, so erhält man das Fünffache von Anjas
Alter. Wie alt sind Anja und Sven?«
Ich schreibe zum ersten Mal seit Langem wieder Glei-
chungen, addiere zu drei x die fünf Negativen der Gegen-
seite und erinnere mich an das schöne Gefühl, das man
hat, wenn eine Rechnung glatt aufgeht. Sven ist also elf
Jahre alt und Anja sieben. Bei Binomen und Logarithmen
muss ich aber passen. Dieses Mathematikunterrichtswis-
sen habe ich, falls jemals vorhanden, gründlich verdrängt.
Ich blättere weiter zum Englischtest. Hier muss man
ankreuzen, was der Satz It would be Jar better bedeuten
könnte. Ich entscheide mich für That would be a great im-
provement und sehe, dass auch die anderen »Fragetypen«,
wie es heißt, zu schaffen wären.
In den Tests bräuchte man die Note 2,7, sagt die Studi-
enberaterin. Damit qualifiziere man sich für die Einzelge-
spräche und eine Diskussionsrunde, in der man seine Per-
sönlichkeit beweisen müsse. Wer nach den schriftlichen
und mündlichen Tests zwischen Platz 1 und 200 gerankt
wird, darfdas Studium an der EBS beginnen. »Den münd-
lichen Teil schaffen fast alle«, erklärt die Studienberate-
rin. Der Knackpunkt seien die schriftlichen Prüfungen. Da
49
schnellt die Hand eines Vaters aus der ersten Reihe hoch.
»Sie steht in Mathe zwischen Zwei und Drei«, sagt er und
zeigt auf seine Tochter. »Wir haben uns die Beispielaufga-
ben im Internet durchgelesen. Da sagt sie: >Papa, das kann
ich gleich vergessen.< Das kann doch nicht Ihr Ziel sein,
dass die Bewerber hier an Mathe scheitern, wo Soft Skills
in der Wirtschaft doch immer wichtiger werden.«
Die Studienberaterin redet beruhigend auf ihn ein.
Schlechter als 2,7, das bedeute nicht automatisch das Aus.
Es gäbe immer Grauzonen. Und wer in denen lande, wer
Ergebnisse zwischen 2,7 und 3,7 habe, der könne Vorbe-
reitungskurse an der Hochschule belegen. 475 Euro kostet
der Mathekurs, 1450 der Englischkurs, plus Anreise, Un-
terkunft und Verpflegung. »Das belastet nur den Geld-
beutel Ihrer Eltern, Sie sollte das aber weniger belasten«,
erklärt sie der Tochter des aufgeregten Vaters lächelnd.
Aber wer im M th hl . b
a etest sc echter als ausreIchend a -
schneide den k··· h
' onne man leIder wirklich nicht anne -
men. »Wir suchen Studenten mit überdurchschnittlicher
Lern- und L . t b .
. eIS ungs ereltschaft«, schließt sie.
Bel 3 7 liegt d· H" d d
d ' le ur e, ie man auf keinen Fall reißen
arf. Ich bin über h I h h·· .
. rasc t. c atte es mir weitaus SChWIe-
rIger vorgestellt d T' k
d
. ' as lC et zu lösen, das zu einem Stu-
lUm an einer lb
.. se st ernannten Elitehochschule berech-
tigt. VIele sta tl· h .
h d
a lC e Umversitäten wählen ihre Studenten
nac er Abitu
U
" rnote aus. Wer Betriebswirtschaft an der
mversltät Mün .
ster studIeren will brauchte im Winter-
semester 2006/200 . '
schen U. '" 7 eInen Schnitt von 1,7, an der Techni-
lllverSltat M" h
der Fre' U. unc en war eine 1,6 nötig, sogar an
len mversität B l' d· . . 1
mäß· I . er In, le m Rankings eher mItte -
19 P atZlert ist
mindest . ' mussten Studienanfänger im Abitur
ens eIne 2,3 geschafft haben.
50
Es melden sich erste Zweifel. Die Tests, die uns die Stu-
dienberaterin vorgelegt hat, sind zwar nicht banal, aber
auch nicht nur für intellektuelle Cracks zu schaffen. Ist
für eine Aufnahme an der European Business School die
allergrößte Hürde vielleicht eher, ob man die 10000 Euro
pro Semester zahlen kann und will? Schließlich scheitern
die allermeisten Eliteanwärter nicht am Test der EBS, son-
dern bewerben sich gar nicht erst. Nach Angabe des Sta-
tistischen Bundesamts gab es 2006 in Deutschland rund
400000 Abiturienten. 23500 von ihnen schrieben sich für
ein BWL-Studium ein. Aus diesem Pool wollen gerade
einmal achthundert zur EBS. Jeder vierte Bewerber wird
also angenommen. Diese Quote deutet nicht auf ein be-
sonders hartes Auswahlverfahren hin.
Wahrend der Präsentation haben sich hinter uns
Studenten aus dem ersten Semester versammelt. Sie wer-
den uns gleich den Campus zeigen. Eine Führung von
Deutschlands zukünftigen Führungskräften, denke ich -
und bin sofort still. Vor mir steht ein riesiger, durchtrai-
nierter Junge, der es mit ein wenig Glück auch in der
Kategorie »Aussehen« unter die »200 Top-Studenten in
Deutschland« schaffen könnte. Seine exakt geschnitte-
nen Haare kräuseln sich im Nacken, die wie angegossen
sitzende Boss-Jacke kleidet seinen mindestens zwei Meter
langen Körper ausgezeichnet. »Sebastian«, stellt er sich
vor. »Julia«, sage ich. Sebastian zeigt uns das Kiep-Center
und einen ziemlich großen chinesischen Tempel, den
man nicht betreten kann. »Was der soll, weiß ich auch
nicht«, sagt Sebastian. »Es heißt, dass den der Vater
eines Studenten von der Expo hat herbringen lassen. Wa-
rum, kann ich auch nicht erklären.« Dann führt er uns
über den Parkplatz. »Haben alle hier Autos?«, frage ich.
51
»Neunzig Prozent«, antwortet er und nährt damit meine
Zweifel daran, dass Leistung hier tatsächlich ein rele-
vanteres Auswahlkriterium ist als Wohlstand. Viele hier,
erzäWt Sebastian, wüssten gar nicht, dass man für Geld
arbeiten müsse. »Manche sind von oben bis unten in
Gucci gekleidet. Andere sind immer bemüht, dass man
das kleine Pferdchen oder das Krokodil auf dem Pullover
auch sieht. Und den Kragen am Poloshirt stellen alle hier
hoch. Keine Ahnung, was das soll.« Später wird mir einer
der Studenten erklären, wieso die Ecken am Kragen nach
oben zeigen müssen. Das würde für Entschlossenheit ste-
hen, sagt er, dafür, dass man auch Widerstände überwin-
det. »Kragen hoch und durch!« - das sei ihr Motto.
Auch der Vater aus Bremen möchte gern über Geld spre-
c h ~ n . »Wie teuer ist denn hier eine Wohnung?«, fragt er.
»Funfhundert Euro sollte man schon rechnen«, schockt
Sebastian den Bremer. Es gebe auch billige Zimmer, die
von Rheingauern angeboten würden. »Ich habe mir die
angeguckt. Das war alles nichts. Letzten Endes muss man
scho .ob .
nu er eInen Makler gehen. Manche kaufen auch ein-
fach eine Wohnung.«
»Macht es denn Spaß, hier zu studieren?«, will der
Bremer Vater w· E .
. ISsen.» s geht«, sagt Sebastian. »Es gIbt
Viele Tiefs Es ist hiP 0
. a t rOVinz. Zu Hause brauche ich zum
Burger Kin fü f .
g n MInuten, hier eine halbe Stunde.« Im
Gegensatz zu de u .
m vater finde Ich es beruhigend dass
auch Leute in d0 '
t k ' le man Zehntausende Euro pro Jahr
s ec t, scWießlich d h b . d
o oc el en grundsätzlichen Proble-
men eInes Student I b
w 11 en e ens landen. »Wenn wir weggehen
o en oder ins Ki ..
Stadt ~ h no, mussen wir in Kolonnen in die
la ren«, redet Sb', .
e astlan weIter, während er uns 10
52
die Mensa führt und gleichzeitig einer Mitstudentin hin-
terherstarrt.
»Ich geh sonst nie in die Mensa«, sagt er, während wir
unsere Nudeln auf die Gabel drehen. Nett, dass er heute
hier ist, denke ich und werde gleich enttäuscht. An der
European Business School regiert der Markt. Er regelt
auch zwischenmenschliche Beziehungen. Sebastian sitzt
vor mir und dem Bremer Gespann, weil er dadurch seine
Chancen steigert, sein Auslandssemester in den USA oder
Australien verbringen zu dürfen. Nach zwei Semestern
werden die Studenten nämlich gerankt - von Platz 1 bis
Platz 200. Wer oben landet, darf sich die begehrtesten
Auslandsuniversitäten aussuchen, wer unten steht, »der
muss nach Polen oder in die Ukraine«, sagt Sebastian. Ins
Ranking fließen nicht nur die Studienleistungen, sondern
auch die Sozialpunkte ein. »Drei Punkte gibt es, wenn
man bei Veranstaltungen auf- oder abbaut. Fünfzehn,
wenn man an seiner alten Schule einen Vortrag über die
EBS hält, achtzig, wenn man in einer studentischen Ini-
tiative ist.«
Deshalb ist Sebastian in der studentischen Öffentlich-
keitsarbeit und führt uns über den Campus. »Die wollen
halt fördern, dass man sich engagiert«, sagt er. Ich staune.
Mein erster Reflex ist, dieses System zynisch zu finden.
Dann überlege ich, ob es nicht vielleicht fairer ist als eine
informelle Einteilung in engagierte und faule Studenten.
Ob es gar sinnvoll ist, auf diese Weise Studenten zu ani-
mieren, nicht nur an die Seminare zu denken.
»Die meisten sind in der Initiative Finanzen oder im
Investment-Club«, sagt Sebastian. Und ich ziehe meinen
Gedanken mit dem sinnvollen, vielleicht sogar sozialen
Engagement wieder zurück. »Letzte Woche«, erzählt er
53
weiter, »haben wir von der Initiative >Studenten helfen<
einen Blutspendetermin organisiert. Wir wollten, dass es
für eine Blutspende zwanzig Sozialpunkte gibt. Aber das
wurde nicht genehmigt. Jeder sollte aus Überzeugung
spenden. Es ist kaum einer gekommen. Hier tut keiner
was aus Überzeugung. Nur wegen der Sozialpunkte.« Die
seien schließlich die einzige Möglichkeit, um im Ranking
die Streber zu überholen.
»Was machst du, wenn das nicht klappt?«
»Dann bewerbe ich mich selber um einen Platz im
Ausland. Auch wenn ich dann zahlen muss. Hawaii wäre
schön«, sagt Sebastian und meint das ernst.
Der Bremer Vater schaut etwas angespannt. Vermut-
l i ~ hat er gerade endgültig begriffen, dass er für die
nachsten Jahre noch etwas mehr Geld beiseitelegen muss.
~ N i m m t die EBS die Reichsten oder die Besten?«, schreibe
Ich auf meinen Block mit den Fragen, die ich dem Direk-
tor der European Business School stellen will.
DER CHEF DER ELITE
Christopher Jah ' .
ns 1st gerade eInmal achtunddreißig Jahre
alt; also in einem Alt ' d
, .. er, In em sich das Gros der univer-
sl
ch
tare
ftl
n, Nachwuchskräfte als schlecht bezahlte wissen-
s a 1che Mitarb 't
J
ah d e1 er von Semester zu Semester hangelt.
ns agegen ist sch
'" on ganz oben angekommen. Als
Jungster Rektor den d' E .
der H h h ' 1e BS Je hatte, ist er an die Spitze
» oc sc ule für d' Füh'
er sagt h I 1e rungselite von morgen«, wie
,ge 0 t worden Al . h
mir Vorst II . s er seIn Büro betritt, kann ic
een,dasser' hh .
Jahns stü t " eIn 0 es Tempo gewohnt 1st.
rz mIt WIndschnittigem kurzem Haar in Hemd
54
und Krawatte in den Raum, läuft mir mit langen Schritten
entgegen, löst seine Uhr vom Handgelenk und legt sie vor
sich auf den Tisch. Er wird sie während unseres Gesprächs
kaum aus den Augen lassen. Eine halbe Stunde habe ich,
um mit ihm über Eliten zu sprechen. Die Uhr zwischen
uns signalisiert: Meine Zeit läuft jetzt. Die Zeit unseres
deutschen Bildungssystems, sagt er direkt zu Beginn, sei
quasi schon abgelaufen. Die deutschen Unis seien ver-
krustete Massenbetriebe. Sie setzten auf »völlig veraltete
Methoden«, würden ihre Studienplätze nach Abiturnoten
vergeben, schimpft Jahns.
»Das ist doch eigentlich auch ein nachvollziehbares
Kriterium. Was finden Sie daran so schlecht?«
»Es gibt diesen Spruch: Die Klassenbesten gehen wo-
andershin, und die Klassensprecher sind bei uns an der
EBS. Ich weiß nicht, ob sich Kompetenz immer in der
Abiturnote widerspiegelt. Vielleicht wäre ich an dieser
Hochschule als Rektor gar nicht zugelassen worden. Ich
habe damals mein Abitur nur mit 1,8 gemacht. Es gibt su-
per Leute, deren Fähigkeiten finden sich nicht immer in
einem Notenspektrum wieder.«
Bevor in Auswahlgesprächen die letzte Entscheidung
für oder gegen einen Bewerber fiele, würde die EBS die
Studenten in Zukunft vor allem auf der Grundlage eines
internationalen Auswahltests wie dem Graduate Manage-
ment Admission Test, kurz GMAT, ranken. Von einem
Rat von Wirtschaftswissenschaftlern entwickelt, wird der
GMAT in den USA, England und auch in Asien schon
lange eingesetzt. Die Bewerber müssen auf Englisch Es-
says verfassen und standardisierte Mathe- und Logikauf-
gaben lösen. Hunderttausend Bewerber pro Jahr testen
sich weltweit mit dem GMAT, jeder zahlt dafür 250 Dollar
55
IVl;
Gebühr an die Entwickler. In Frankfurt bereiten Manage-
menttrainer in zweitägigen Crashkursen auch deutsche
Studenten gezielt auf den Test vor. Sie werben damit, dass
die teuren Kurse die Punktzahl steigern. Wer mit dem Er-
g ~ b n i s nicht zufrieden ist und das nötige Geld hat, kann
eInen weiteren Kurs belegen und den Test wiederholen,
maximal fünf Mal pro Jahr.
Jahns hält viel von dem GMAT. Er ist für ihn ein ver-
lässlicher Vergleichsmaßstab ein Mittel des weltweiten
R . '
ankings, »Das Maximum sind da 800 Punkte - das er-
reicht kaumjemand. Unsere Besten schaffen 750, mal 760,
dann sind sie b . d' b 1 .
", el uns le a so uten Topstars, Im Schmtt,
wurde Ich sagen, sind unsere Studenten bei 650 bis 680.
Und damit sind ' , h '
. WIr SlC er In Deutschland führend.« An
Indischen Spitzenu' '" I' . . h
mversltaten lege der durchschmtthc e
GMAT der Stud t b'
en en el 740. »740« wiederholt Jahns
noch einmal und . h d .' .
, spnc t rel Ausrufezeichen. Als er m
IndIen zu Besu h h b
. c war, a e er gefragt, was mit Studenten
paSSIere, die nur 710 erreichten. »Da bekam ich die Ant-
wort: >Die schicke . .. k
n WIr zuruc zu unseren Gründungs-
partnern, nach Harva d B'" .'
h b' r zum elspie!.< DIe wollen SIe mcht
a en. MIt ander W
fü di en orten: Wer >nur< 710 Punkte hat, ist
r ese indischen U' , "
mversltaten nicht gut genug. Das
War ernst gemeint «J h' .
I d b' . a ns 1St beeIndruckt, wie rigoros die
n er el der Au hl'h
hu d swa 1 rer Studenten vorgehen. Zwei-
n erttausend Stud "
bei einer 11 U. enten, erzählt er mir, bewerben sich
op- m Z 'h d
men. »Ganz . C • Wel un ertvierzig werden genom-
eInlach per GMAT
aus der M d" «, sagt er, »flltern die Inder
asse le wukl' h B
seien eben z' I' h lC esten heraus.« Diese Inder
lern lC gut f
DeutSchen im V. .' seu zt er. Kein Wunder, dass die
E
erglelch zu di . d' h
üte hundert Jah R" eser In lSC en Manager-
re uckstand hätten.
-, 11M'
Damit leitet Christopher Jahns übergangslos zu sei-
nem Lieblingsthema über: die scharfe Kritik an Deutsch-
lands staatlichen Universitäten. Die Massenuniversitäten,
schimpft er, seien zu arrogant, um zu begreifen, dass
andere Länder vorbeizögen. Sie würden nicht einsehen,
dass Deutschland im internationalen Wettbewerb längst
abgehängt sei. »Das, was wir dort erleben«, sagt Jahns sar-
kastisch, »ist eine organisierte Unverantwortlichkeit, ge-
paart mit einer fatalen wirtschaftsfeindlichen Attitüde.
An staatlichen Universitäten ist es zum Beispiel verpönt,
einen Daimler-Chrysler-Hörsaal zu haben. Das ist bei uns
natürlich normal. Und da sagen mir die Kollegen von den
öffentlichen Hochschulen: >Ja, nimmt denn da die Wirt-
schaft Einfluss bei euch?< Da kann ich nur sagen: Wir sind
stolz auf unsere engen Kontakte zur Wirtschaft. Natürlich
soll die Wirtschaft mit ihren Topthemen bei uns vertreten
sein, damit wir nicht total an der Unternehmenspraxis
vorbei Ausbildung gestalten und forschen.«
Nur durch enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft,
nur durch die Nähe zu den ehemaligen Studenten, den
Alumni, sei es zum Beispiel einer Universität wie Harvard
möglich, auf ein Stiftungsvermögen von weit über 20 Mil-
liarden US-Dollar zu kommen. Dagegen sei das Vermö-
gen der deutschen Privatuniversitäten, auch das der EBS,
schlicht lächerlich.
»Trotzdem sagen Sie, dass Ihre Uni eine unternehme-
risch handelnde Elitehochschule sei. Wie kommen Sie
dann zu dieser Aussage?«
»Elite sind wir hier in unserem Sprachgebiet, auf den
Märkten in Zentraleuropa. Und zwar weil unsere Studen-
ten im Schnitt 2,4 Jobangebote kriegen. Weil wir von den
über dreitausend Alumni wissen, dass unsere Leute sich.
.
56
157
auch vier, fünf Jahre nachdem sie das Studium bei uns
absolviert haben, in tollen Positionen befinden, sei es
in mittelständischen Betrieben, in Beratungsfirmen oder
in Großkonzernen.« Er glaube nicht, sagt Jahns, dass sich
das beste Drittel seiner Studenten massiv von dem besten
Drittel der Studenten an staatlichen Universitäten unter-
scheide, aber an der EBS gebe es nun einmal sehr viel bes-
sere Lehr- und Lernbedingungen. Mein Block liegt bereit.
Mein Diktiergerät zählt die Sekunden bis zur ersten offi-
ziellen Elite-Definition.
»Elite-Uni«, frage ich, »heißt für Sie also nicht, dass
Ihre Studenten Elite sind, sondern dass Ihre Studenten
gut sind und Sie Ihnen optimale Studienbedingungen
bieten?«
»Elite heißt für mich schon, dass wir besonders talen-
tierte Studenten als Elite von morgen ausbilden. Damit
meine ich Menschen, die zum einen umfassende wissen-
schaftliche Kenntnisse haben, also fachlich nicht zu schla-
sind. Management-Kompetenz ist für mich aber eher
eIn Handwerk. Elite zu sein bedeutet mehr. Wir wollen,
dass sich die Studenten persönlich fortbilden, Fertigkei-
ten, und soziale Kompetenz
entwIckeln, so dass sie später in der Wirtschaft und Gesell-
Führungspositionen ausfüllen können, in denen
leiten, führen und ihnen Vorbild sind. Das ist
für m.lch mit dem Elitebegriff verbunden.«
»Sle definieren al EI' . h .
. so Ite mc tals Lelstungselite?((
»NeIn, sondern al Vi bild .
D
' . s or elIte, wenn Sie so wollen.
amlt SInd immer Le' t b .
I
· h IS ungs ereltschaft und gesellschaft-
lC es Engageme t b
, n ver unden.« Seine Studenten, ver-
sprIcht mir Jahns d
>lIeh gl b : wer en Verantwortung übernehmen.
au e, dass Jeder d h'
, er ler rausgeht, nicht nur ein-
58
fach heiß darauf ist, Karriere zu machen, sondern auch
bereit ist, Verantwortung zu übernehmen für andere, in
seinem Job oder privat.(( Seine Studenten würden schnell
begreifen, dass man die Zugehörigkeit zu einer Elite nicht
geschenkt bekomme, sondern dass diese hart erarbeitet
werden müsse. »Es gibt ja den Vorwurf, hier würden sich
die Unternehmersöhnchen einen Abschluss erkaufen.
Das ist üble Nachrede, das können Sie total vergessen.
EBSler lernen ganz schnell: Das Studium bei uns ist tat-
sächlich harte Arbeit.(
Ich erinnere mich an Bernds durchgetaktete Tage, an
seine Leistungsbereitschaft und seinen Fleiß und be-
zweifle nicht, dass er sich seinen Abschluss hier erarbeitet
hat. Ich denke aber auch an die Autos, die Anzüge und
die Kängurulederschuhe der Studenten, die ich hier
bisher getroffen habe, an die 10000 Euro pro Jahr, die
das Studium kostet. Aus meiner Sicht können dies keine
Kriterien sein, die bei der Vergabe der Plätze unter einer
Leistungselite, gar einer Vorbildelite, eine Rolle spielen
dürften. Es sind aber elementare Kriterien bei der Ent-
scheidung, ob aus einem Abiturienten ein Student der
EBS wird.
Jahns bestreitet nicht, dass an seiner Hochschule mehr
Unternehmerkinder sind als üblich. Er beziffert ihren
Anteil auf rund 30 Prozent im Vergleich zu knapp 20 Pro-
zent an einer staatlichen Universität. Er bekäme aber im-
mer mehr Anrufe, Schreiben und E-Mails aus der, wie
er sagt, »aufgewachten und enttäuschten Mittelschichk
Auch Lehrerfamilien zum Beispiel wollten ihre Kinder in-
zwischen zur EBS schicken.
Mein Bruder hat gerade sein Referendariat begonnen.
Er schätzt, dass einem jungen Lehrer mit Kind im Jahr
59
etwa 30000 Euro netto bleiben. Die EBS-Studienge-
bühren fräßen also ein Drittel des Familiengehalts auf.
Dass das ohne finanzielle Reserven oder reiche Groß-
eltern finanzierbar sein soll, bezweifle ich. Jahns emp-
fiehlt dennoch auch den Kindern aus diesen Familien
eine Bewerbung und eine Teilnahme am Auswahlverfah-
ren. Zuerst soll geklärt werden, wer für die Uni geeignet
ist, danach erst will die Hochschulleitung wissen, ob der
Kandidat die Gebühren zahlen kann.
Eine andere deutsche Privatuniversität, die Interna-
tional University Bremen (!UB), leistet sich ein Verfah-
ren, in dem Bewerber nur nach Leistung und ohne
Kenntnis ihrer Finanzen ausgewählt werden, bereits seit
ihrer Gründung. Als Resultat der sogenannten need blind
admission zahlen nur acht Prozent der Studenten die
Gebühren. Die !UB verzichtet nach Angaben der
Suddeutschen Zeitung damit auf etwa die Hälfte ihrer
Einnahmen aus Studiengebühren und stand Ende 2006
vor der Pleite. Die 106 Millionen Euro, die das ohnehin
Land Bremen in die private Uni steckte, reichten
nicht aus. Die Rettung kam schließlich in Gestalt
emer Kaffeerösterei. Die Jacobs Foundation kündigte an,
b'
IS zum Jahr 2011 insgesamt 200 Millionen Euro in die
Bremer Privatuniversität zu stecken. Die opferte als Dank
das. im Namen und heißt jetzt Jacobs
Umverslty.
U
Rdektor Jahns kennt die Geschichte dieser Fast-Pleite.
n so werden auch' Zuk ft .
d
m
un dIe meisten seiner Stu-
enten ihre Geb"h ah1
ledi . uren z en müssen. Jahns verspricht
ghch, dass seine Hochschule mehr Stipendien einfüh-
ren und dafür sorg . d d
A f:
ahm
en WIr, ass Banken J' edem der die
une "fu '
pm ng bestanden hat, einen Kredit anbieten.
60
Er schätzt, dass manche Studenten dann beim Abschluss
bis zu 50000 Euro Schulden haben. Trotzdem halte er das
Risiko einer Kreditaufuahme für gering, sagt er, da die
Absolventen ja in gute Positionen kämen.
Im Oktober 1999 habe ich an der Universität Dort-
mund angefangen. Wir waren fünfzig Erstsemester am
Institut für Journalistik. Fast alle hatten gerade ein sehr
gutes Abitur gemacht. Ein Professor begrüßte uns und
versprach uns eine goldene Zukunft. Das Institut böte
nicht nur eine sehr gute Ausbildung, sondern hätte in der
Branche auch einen erstklassigen Namen. 96 Prozent der
Absolventen hätten unmittelbar nach dem Studium eine
Anstellung als Redakteur gefunden und somit einen gut
bezahlten, sicheren Job.
Wir hatten gerade die Mappen mit den ersten
selbst moderierten Sendungen im Uni-Radio und den
Übungsmeldungen abgegeben, als die Medienkrise über
uns hereinbrach. Zeitungen und Nachrichtenagenturen
schmissen Hunderte gut ausgebildeter Redakteure raus,
auch Rundfunksender und Internetanbieter entdeckten
den Charme des freien Mitarbeiters, den man tageweise
entlohnt und nicht als festen »Personalkostenblock« an
sich bindet. Wir lernten, dass auch Professoren unrecht
haben und dass ein Job, sobald er vom Arbeitgeber in
»Praktikum« umbenannt wird, wenn es gut läuft, 50 Euro
pro Woche bringt. Auch lange nach dem Abschluss
manövrieren viele zwischen Zeitvertrag und Teilzeitjob.
Wir wissen, welche Zeitungen Hungerlöhne von 130 Euro
für komplette Artikel zahlen und von welchen Aufträgen
man leben kann. Gut, dass der Professor uns damals nicht
auch noch ermutigt hat, Kredite aufzunehmen - risiko-
frei, wegen der nahenden Festanstellung.
61
--;-----------__iiiliiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil -----...........---...
Man müsse sich daran gewöhnen, dass Bildung etwas
kostet, sagt Rektor Christopher Jahns. Was umsonst sei,
sei oft auch nichts wert.
Nachdem etliche staatliche Universitäten in Nordrhein-
Westfalen eine im Vergleich zur EBS geradezu läppische
Studiengebühr von 1000 Euro pro Jahr eingeführt hat-
ten, sank die Zahl der Studienanfänger zu Beginn des Win-
tersemesters 2006/2007 um zehn Prozent. Dass zwischen
Gebühren und der Zahl der Studenten ein kausaler Zu-
sammenhang besteht, bestreiten die Bildungspolitiker und
verweisen darauf, dass die Zahl der Studenten nach einem
ersten Gebührenschock meist wieder ansteigt. Fakt ist:
Seit 2004 schreiben sich in Deutschland jedes Jahr weni-
ger Erstsemester ein. Dabei steht im Koalitionsvertrag der
dass der Anteil der jungen Menschen,
dIe studieren, auf 40 Prozent pro Geburtsjahrgang steigen
soll. Im Wintersemester 2006/2007 fiel man auf 35,5 Pro-
zent .. k E'
zuruc. In Debakel. Im Herbst 2007 gab es ftir
sogar offiZiell Ohrfeigen: Die Organisation
fiir wIrtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit
(?ECD) rügte die Bundesregierung in ihrem Bildungsbe-
ncht. Deutschland " R nki '
sellm a ng der Industriestaaten bel
Quote der Hochschulabsolventen innerhalb von drei-
ßIg Jahren von Platz h f PI ' .
ze n au atz zweIUndzwanzIg abge-
rutscht, so der Bericht I S h . "
.. . m c mtt studIere In den anderen
Ländern über die Hälfte jedes Jahrgangs.
Noch. Denn in Eng! d "
E h
"h an zum BeIspIel brachen nach der
r 0 ung der G b" h
al1
euren auf über 4500 Euro pro Jahr vor
emStudenten au d M' I
d' s er Itte .. und Unterschicht ihr Stu-
lUmab. Diejenige d' d .
t. n, Ie urchhlelten, versuchen die Kos-
en mIt Jobs zu decke Üb '
d . n. er 80 Prozent der englischen Stu-
enten arbeIten neb nh
e er, trotzdem haben viele am Ende
62
Schulden in Höhe von über 30000 Euro. Auch den USA
hat eine Studie des Education Trust gerade attestiert, dass
die Universitäten des Landes stetig »reicher und weißer«
würden, weil die Gebühren, die mittlerweile auch an staat-
lichen Universitäten im Schnitt auf 12000 Dollar pro Jahr
gestiegen sind, ärmere Studenten vom Studium abhielten,
Vielleicht hilft auch in diesem Punkt der von der Wirt-
schaft so oft geforderte Blick nach Asien, nach China zum
Beispiel. Dort ist die Zeit nach den Aufnahmeprüfungen
für die Universitäten die Zeit des Sterbens. Xuefei cuiming
heißen sie - die »Schulgebühr-Selbstmorde«. Die Opfer,
schreibt die Süddeutsche Zeitung, seien die Eltern erfolg-
reicher Schüler, die kein Geld für die hohen Hochschul-
gebühren haben. Mindestens 8000 Yuan, gut 800 Euro,
verlangen chinesische Universitäten pro Jahr. Das ist das
Jahreseinkommen eines Durchschnittsverdieners in der
Stadt. Auf dem Land haben die Menschen im Schnitt
nicht mehr als 3000 Yuan.
Li Haiming, ein Bauer, hat sich in einem Türrahmen
erhängt, nachdem seine Tochter Lingling die Prüfung an
einem Kolleg bestanden hatte. Er sei ein »nutzloser Va-
ter«, weil er die Gebühren nicht zahlen könne, sagte er vor
seinem Tod. Nachdem Chen Li seinen Vater aus der Stadt
angerufen hatte, um ihm überglücklich zu erzählen, dass
er die Uni-Aufnahmeprüfung geschafft hatte, trank der
Vater eine Flasche giftigen Chemiedünger. Auch die
neunzehnjährige Wang Jingna trank Düngemittel, um zu
sterben. Sie hatte die Aufnahmeprüfung für eine Hoch-
schule in der Provinzhauptstadt bestanden. Rund 1300
Euro hätte sie an Gebühren zahlen müssen. Das Mädchen
hatte die Dorfverwaltung um einen Kredit gebeten, ihn
aber nicht bekommen.
63
__,------------------------iiiiiiiii-------..........----------.......--------..
I
i
i
Natürlich habe ich diesen Exkurs in dem Gespräch mit
Rektor Christopher Jahns nicht unterbringen können.
Die Uhr lag schließlich zwischen uns, die halbe Stunde
lief. Er hätte die Geschichten aus China sicher zu Recht
für etwas radikal gehalten. Und Nordrhein-Westfalen,
England und die USA?
Christopher Jahns weiß, dass die Gebühren seiner
Hochschule Studenten aus ärmeren Familien abschre-
Er will noch mehr Stipendien organisieren und
sich, dass das deutsche Fördersystem umgebaut
WIrd. BIslang können Studenten, deren Eltern wenig Geld
haben, BAföG beantragen. Da der Bund diese Hilfe seit
Jahren nicht erhöht hat, liegt der Maximalsatz bei mage-
ren 585 Euro. Davon kann kein Student leben. Im teuren
Oestrich-Winkel schon gar nicht. Deshalb will Jahns das
Geld b·· d I 0
un e n und dIe Zahl der Empfänger reduzieren.
kriegt ja eigentlich jeder. BAföG ist ja nun kein
Leistungsförderungssystem. Das wird Joe nach finanzieller
Bedo·rft° k
u Ig eit bezahlt. Überlegen Sie mal, wie viel Geld da
pauschal ausgegeben wird. Es wäre besser nach Leistung
'
1 .erenzieren und gestaffelt zu fördern. So könnte
man die Wirklich B t d·· 0
ch
es en er BAfoG-Berechhgten raussu-
en d
O
b
k ,le esten zehn Prozent etwa, und deren Studium
omplett fördern.«
die anderen dann gar nicht?«
»DIe müssen d
al
f
0 ann versuchen, ihr Studium anders,
so au eIgenes Ri ik .
ruf ISO,zu finanZIeren, oder erst einen Be-
er ernen.«
Mehr Wettbe b . 0
von P c wer 1st seme Kernidee. Jahns hält wenig
rOlessoren die Vert - oOb
Jahre hab ' rage u er zwanzig oder dreißig
en wollen Se· W··
und chan'" th . me unsche: change the system
oe e culture A fD 0
. u eutsch: eme komplette Ent-
64
bürokratisierung der Hochschule. Leistungsgedanke statt
Besitzstandswahrung, nennt Jahns das. »Ich finde es so
traurig, dass »Elite« in Deutschland so lange ein Schimpf-
wort waro Klar, wir haben unsere Vergangenheit. Ich
wohne in der Schweizo Und obwohl die Schweizer eher re-
serviert sind, ist bei denen ganz klar, dass sie stolz darauf
sind, dass einige ihrer Hochschulen Elite ausbilden. Dass
die Wirtschaftselite, die Politikelite, die Literaturelite dort
an diesen Universitäten entsteht. Das ist hier so lange ver-
pönt gewesen. Und das stimmt mich echt traurig. Wir ha-
ben uns hier einfach nur am Mittelmaß ausgerichtet und
hatten ein total falsches Verständnis von Gerechtigkeit.«
»Was war das für ein Verständnis?«
»Unser Verständnis ist, dass der Schwache - ich spre-
che von weniger Begabten, nicht von weniger Betuchten -
immer mitgenommen werden musso Dadurch richtet sich
automatisch viel am Mittelmaß aus. Man hat hier viel
mehr den Willen, dem Schwachen zum Mittelmaß zu hel-
fen, als den Guten weiterzubringen. Und das empfindet
man auch als gerechter. Für mich ist das ein falsches Ver-
ständnis. Gerechtigkeit heißt, jeden nach seinen Fähigkei-
ten, also auch den Guten besonders zu fördern, wie den
Schwachen auf ein Mittelmaß zu bringen. Wenn ein Sys-
tem dem Schwachen die Chance gibt, zurechtzukommen,
finde ich das sozial richtig. Die Frage ist, ob das so orga-
nisiert werden muss, wie wir das machen - ohne Diffe-
renzierung von Angeboten. Damit habe ich ein echtes
Problem. Was passiert denn heute? Die richtig guten
Leute, die wählen vielleicht ein, zwei, vielleicht noch drei
Hochschulen hier, die sich anders organisiert haben, und
die anderen, die gehen einfach ins Ausland. Das ist eine
Katastrophe. Das ist eine Bankrotterklärung. Und deshalb
65
müssen wir einfach auch mit der Förderung der Guten
richtig Gas geben und denen sehr, sehr gute Bedingungen
liefern.«
»Aber was ist«, frage ich ihn, »wenn sich DeutscWand
dann drastisch verändert, wenn es dann zwar mehr Ge-
winner, aber auch mehr Verlierer gibt?«
»Da kann ich nur provokant sagen: Pech gehabt! Es
gibt eben Unterschiede. Wir müssen die Leistungsträger
heraussuchen, die es übrigens in allen sozialen Schichten
gibt. Um die müssen wir uns auch intensiv kümmern. Das
sind die, die eine Gesellschaft voranbringen.«
Am Abend sitzen wir in der »Krone«, der guten Stube von
Oestrich. Vier von Jahns Studenten und ich. Sie sehen
nicht so aus wie die Jungs, mit denen ich sonst abends weg-
gehe. AmNebentisch empfängt einer ihrer Freunde gerade
sein Date und raucht Zigarre. Auch ansonsten ist hier alles
etwas gediegener als in den Bars in meinem Viertel. Einer
der Jungs trägt ZWar eine Sportjacke, aber die ist nicht von
H&M, sondern aus der Kollektion des amerikanischen De-
signers Hilfiger. Trotzdem ist schon nach der ersten Runde
zweierlei klar' DI'e' . d ih . rnli h
. Vler sm trotz rer Klamotten Zie c
normale Jungs, und ihre Sicht auf die Welt ist nicht so
schwarz-weiß wie die ihres Rektors.
E i ~ e r finanZiert sein Studium über einen Kredit. Zwei
Praktika bei Inve t b nk
s ment a en hat er bislang gemacht
und dort gem kt d d
er , ass as Gerede von den 16-Stunden-
Tagen Realität ud' h
. n mc t Aufschneiderei ist. Es sei nicht
so, dass dle Arbe't . ...
kl 1 Immer nottg und sinnvoll gewesen sei,
agt er. Es gehe oft s W' h d
d' c IC t arum, bis nach Mitternacht
azusltzen. »Sechzeh St d
1- ft h n un en pro Tag arbeiten, wenn es
au , underttausend Jah
pro r verdienen, und mit drei-
66
ßig Jahren stirbt man an Herzinfarkt«, fasst sein Freund
das Leben, das einen jungen Investmentbanker erwarten
kann, zusammen. »Aber wenn ich es nicht mache, wie soll
ich dann den Kredit zurückzahlen?«, fragt der andere.
Dann erzählt er, dass er so ein Investmentbanker-Leben
nicht will. Er will Familie, sagt er, und seine Kinder auch
mal sehen. Der Student, der neben mir sitzt, im Rauten-
pullunder und mit zurückgegelten Haaren, sagt, man
müsse das ganze Gerede von wegen Topstudenten und
Elite mal ganz gelassen betrachten. »Ich bin durchschnitt-
lich intelligent und überdurchschnittlich ehrgeizig und
fleißig«, sagt er. »Aber wenn meine Eltern sich das hier
nicht leisten könnten, wäre ich nicht hier.«
Kurz nach diesem klugen Satz springen wir beide in
sein schnelles Auto, das vor der Kneipe parkt. Er rast in
den Nachbarort, damit ich meinen Zug noch bekomme.
Er lässt mich raus. Ich renne die Treppen hoch, die Tür
fällt hinter mir zu, und sofort bin ich in einer anderen
Welt. Dieses Gebäude gehört zur Bahnhofsunterschicht.
Es ist kein Glas- und StaWtempel wie der Berliner Haupt-
bahnhof, kein schmucker mit Metallgewölbe wie der
Frankfurter. Es ist ein stinkendes, einsames Backstein-
haus, an dessen Wände Jugendliche mit Edding ihre Lie-
besschwüre geschmiert haben. Ich will zum Gleis, rüttle
an der Tür, doch die ist verschlossen. »Öffnung erst vor
Ankunft der Züge« lese ich. Laut Plan fährt der Zug in
dieser Minute ab. Ich renne ums Gebäude, stehe vor einem
Zaun, laufe zurück, rüttle wieder an der Tür. Sackgasse,
schreit der Bahnhof. Ich werde nervös. Dann ertönt die
Durchsage, dass mein Zug sich verspäten wird. Ich füge
mich, akzeptiere die verschlossene Tür und starre sie
während der nächsten Viertelstunde an.
67
, "----------__- .....-.......-IHW'i_----....__IIIIIIIIIIII............... .....
Was ist, überlege ich, wenn sich so ein ganzes Leben
anfühlt? Wenn man irgendwie am falschen Ort landet, die
falsche Tür benutzt und plötzlich nicht mehr weiß, wie
man wieder rauskommt? Können die, denen es besser
geht, da einfach sagen: Verlierer - Pech gehabt, es gibt
eben Unterschiede? In diesem Moment surrt die Tür. Es
geht weiter. Ich darf aufs Gleis, in den Zug, der mich nach
Hause fährt.
GEWINNER UND VERLIERER
Es ist zwei Uhr nachmittags. Ich sitze in unserem WG-
Wohnzimmer an dem langen Holztisch, den Theo vor
Jahren auf einem Flohmarkt gefunden hat. Die hintere
Hälfte i t ' , ,
s WIe Immer mit Toms und meinen Zeitungen be-
deckt. Statt aufzuräumen, setze ich mich mit Rechner und
Kaffee lieber an das etwas wacklige vordere Ende. Abgese-
hen von den knarzenden Holzdielen ist es ruhig. Hanna
lernt in der Biblioth k d' J " . ,
, e, Ie ungs smd seIt gestern m Ihren
Zlffimern. Theo w d f' ,
ar gera e au emer Konferenz m Bonn
zum Thema Gr d' k
un em ommen. Seit ein paar Monaten

er sich in mehreren Gruppen, die eine solche
aSIsversorgung fü 'd B"
"b 1 r Je en urger durchsetzen wollen. Jan
u er egt, wo er ' F' h

. em ISC erboot mieten kann, das er
r eme Protestakt' b h
. , Ion rauc t. Mit dem Boot wollen Ak-
tiVIsten - als G W
kl
'd eorge . Bush und Angela Merkel ver-
el et - durch d R
SchI as ostocker Hafenbecken fahren. Im
eppnetz soll ein E dk I
F" , e r uge zappeln, »Die Welt in den
angen WellIger M" h '
t
M
ac tiger«, so wird ihre Botschaft lau-
en. anchmal fühl' , ,
Eindri gl' e Ich mIch hIer wie ein neoliberaler
n mg. Ich arbe't
1 e gerne. Wenn es sinnvoll ist, auch
68
nachts oder am Wochenende. Immer wieder kommt es
vor, dass meine Arbeitstage ähnlich viele Stunden haben
wie die eines Investmentbankers. Ich habe nichts gegen
Leistung und auch nichts gegen ein System, das im Gro-
ßen und Ganzen nach den kapitalistischen Regeln des
Marktes funktioniert.
Kurz nach meinemfünfzehnten Geburtstag habe ich im
Kino unserer Stadt angeheuert. Dort konnten die Zu-
schauer während der Vorstellung über eine Telefontastatur
Popcorn und Getränke ordern. Wir mussten die Bestellung
in einem Korb ins dunkle Kino tragen, gebückt von Reihe
zu Reihe laufen, ohne zu stören abrechnen und kassieren.
Wir bekamen keinen festen Stundenlohn, sondern wurden
nach Leistung bezahlt. Zehn Prozent unseres Umsatzes
durften wir behalten. Im Lauf des Abends habe ich das
Geld in meinem Portemonnaie immer wieder durchge-
zählt und am Ende meine Scheine entgegengenommen.
Wenig später strich ich in unserer Lokalzeitung meine Ar-
tikel an und addierte ähnlich zufrieden das Zeilengeld, das
ich bekommen würde. Als ich meinen ersten Fernsehbei-
trag fertig hatte, verkündete ich meinen Eltern nicht nur
den Sendetermin, sondern vermeldete auch stolz meinen
Kontostand, nachdem das Honorar eingegangen war.
Trotzdem reagiere ich reflexartig abwehrend, wenn ich
höre, dass wir mehr Wettbewerb brauchen, dass wir die
Spitze fördern und Verlierer in Kaufnehmen müssen. Au-
tomatisch versuche ich, eine Art Grundrecht auf Gleich-
heit, auf Selbstverwirklichung und sicher auch auf ein
bisschen Faulheit zu verteidigen. Bernd hatte gesagt, dass
er unverkrampft in den Wettbewerb um Leistung ein-
steige. »Es ist eine Sache, die ist da, und die nehme ich an«,
meinte er. »Und da gibt es Gewinner und Verlierer- mal
69
ist man Gewinner, mal ist man Verlierer. Wobei man na-
türlich häufiger Gewinner sein will.«
Als ich meinen Freunden von den Menschen erzähle,
die ich bislang getroffen habe, spotten die meisten. Über
die Schnösel im Anzug, über Marios platte Sprüche, über
Bernds Ehrgeiz. Keiner glaubt, dass solche Hochleistungs-
leben glücklich machen. »Aber was ist«, fragt mein Freund,
»wenn das irgendwann die Standards sind? Wenn wir
dann gar keine Chance mehr haben?«
Tom hat so lange studiert, dass er für die letzten Se-
mester bezahlen musste. Mein Bruder auch. Ein Freund
weiß nicht, was nach seinem Praktikum kommt. Ein an-
d ~ r e r erzieht sein Kind und hat lange gebraucht, um
eInen Job zu finden. Sind sie Verlierer? Für mich nicht.
Der Mann, mit dem ich lebe, mein cooler großer Bruder,
der intelligente, nachdenkliche Vater: Wieso sollten sie
Verlierer sein? Ausbildung beendet, Liebe gefunden, Kind
erzogen: Als meine Eltern jung waren, reichte das, um
ganz zufrieden irgendwo im Mittelfeld leben zu dürfen.
Heute haben viele meiner Freunde Angst, dass ihre An-
strengungen nicht mehr reichen, dass sie durchrutschen
werden, nach unten. Schuld, darin sind wir uns an unse-
rem WG-Tisch stet " .. d
. s eInIg, waren ann nicht wir, sondern
dI: Umstände, die Ungerechtigkeit, der neoliberale Zeit-
geIst, den viele, die ich bisher getroffen habe so mühelos
und überzeugend ve k" S" ' .
. r orpern. 0 uberzeugend allerdIngs,
dass mIt ihnen auch d' Z '1: I
. . Ie welle an solchen Rechtfertigun-
gen für dIe eigene B' afi' . .
d
IOgr e In meIn Leben getreten SInd,
er ungute Verdacht· d '.
. ' ass WIr VIelleicht selber schuld
SInd, wenn wir scheitern.
Vielleicht mü t .
t. ss en WIr alle umdenken. Vielleicht soll-
en Wir akzeptieren d .
, ass eIn Wettbewerb begonnen hat,
70
in dem die Regeln nicht mehr ausdiskutiert, sondern von
anonymen Globalisierungskräften diktiert werden. Viel-
leicht braucht ein Land wirklich eine Art Auswahl, eine
Elite also, die es in diesen Wettbewerb entsendet, um im
Kampf um Anteile an der Weltwirtschaft punkten zu kön-
nen. Aber selbst wenn ich diesen Bedarf, eine Leistungs-
elite zu formen und zu fordern, akzeptiere, bleibt die alles
entscheidende Frage: Wem soll dieses Privileg zugute-
kommen? Für welche Leistung bekommt man im Leben
Punkte gutgeschrieben? Und wer maßt sich an, Schieds-
richter zu sein? Wer rechnet am Ende ab und schickt viel-
leicht Bemd und Mario in die Champions League und
uns in den UI-Cup?
DER LEBENSLAUFFORSCHER
Ich bin spät dran. Als ich mein Fahrrad anschließe,
fürchte ich, dass der Mann, der mir heute diese Fragen be-
antworten könnte, schon gegangen ist. Denn jemanden,
der nach Professor aussieht, finde ich weder vor noch in
dem als Treffpunkt vereinbarten Berliner Cafe.
Glücklicherweise ist Michael Hartmann noch da. Er
steht neben einer kleinen abgewetzten Ledertasche auf
dem Bürgersteig. Er ist so unmodisch gekleidet, dass es
fast wie ein Statement aussieht. Sein blaues T-Shirt ist zer-
knittert, sein Schnauzer ignoriert jeden Trend. Hartmann
ist Professor, Altachtundsechziger, bekennender Linker.
Ungewöhnlich ist, dass er in der Wissenschaftswelt fast
unumstritten ist, dass seine Forschungsergebnisse auch
von der Wirtschaft akzeptiert sind. Hartmann hat sich
anders verhalten als viele andere Linke. Er hat nicht, wie
71
diese, im sicheren Glauben, auf der richtigen, der guten
Seite zu stehen, jahrzehntelang seine Thesen wiederholt,
sondern er hat die Zeit genutzt, um Beweise zu finden.
Hartmann ist ein Sammler, ein ganz hartnäckiger so-
gar. Er hat Tausende Lebensläufe Hochqualifizierter aus-
gewertet und gilt als der einzige Eliteforscher des Landes.
Ein Titel, den er stolz trägt, obwohl er den Begriff »Elite«
»Ich will von dem Begriff weg. Ich kann mir das
reIne Einzelperson alles wunderschön zurechtlegen,
aber wenn ich von Elite rede, rede ich von einer sozialen
Gruppe. Dann rede ich von Herrschaft und Machtver-
hältnis.sen. Sonst macht das keinen Sinn. Der Begriff ist
von s:Iner Herkunft und Verwendung her eindeutig. Es
muss Immer die anderen geben. Das ist das Konzept, das
Deshalb sage ich immer, wenn versucht
wIrd,. diesen Begriff sozial passförmiger zu machen, dass
das eInfach nicht geht. Mit dem Begriff >Elite< ist aus vie-
len G .. d
run en ein Konzept verbunden, das eine Spaltung
der Gesellschaft . hEl. .
vorSIe t. > lte< heIßt >Masse< auf der an-
deren Anders lässt sich das nicht denken.«
»Wl . d
e Wir versucht, den Begriff sozial verträglich zu
machen?«
»Indem man d fh·
1
.. arau Inweist, dass das alles Leistungs-
e lten SInd L . t d
5t
·. k f· eIS ung, as heißt ja, man steigt Stück für
uc au Es ·b .
1
. h . gl t eIne große Pyramide. Alle haben ähn-
lC e Startvoraus t
tisch haf'" zungen, und jeder kann es theore-
sc len DIese P ·d
g
ibt 1.· P . . s yraml enbild ist aber falsch. Es
J\.eIne yramlde E· h .
k1
. . s 1St e er eIne Sanduhr mit einem
ganz eInen Kopf d.
man de ··b . - un eInem ganz engen Hals, und ob
n u erwIndet d h
nicht auss hl· ßl. ,as at auch mit Leistung, aber
c le Ich und . h
tun.« nlC t mal vorrangig damit zu
72
Michael Hartmann ist überzeugt, dass die Leistungs-
elite ein Mythos ist. Ein Mythos, der bewusst geschaffen
wurde, weil Leistung das einzige Kriterium ist, das die
Masse für die Auswahl einer Elite akzeptieren würde.
Heißt es doch, dass jeder, der talentiert, strebsam und
fleißig ist, dazugehören kann. Dieser Glaube, sagt Hart-
mann, sei ein Trugschluss. Das Gerede vom Wettbewerb
der Besten sei vorgeschoben. Er hat sich mit seinem Team
6500 Lebensläufe von promovierten Ingenieuren, Juristen
und Wirtschaftswissenschaftlern angeschaut. Der Dok-
tortitel ist der höchste Bildungsabschluss, der in Deutsch-
land zu erreichen ist. »Daher sollten Kinder aus Arbeiter-
und Angestelltenfamilien mit der Promotion dasselbe Maß
an Eignung und Mühe bewiesen haben wie ihre Mitstu-
denten aus bürgerlichen Familien«, beschreibt Hartmann
seine Versuchsanordnung.
Sein Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Qualifikation,
sondern die soziale Herkunft entscheidet über die Auf-
stiegschancen. Mittelschichtkinder machen trotz des Dok-
tortitels vor allem in der Wirtschaft wesentlich seltener
Karriere als ihre Konkurrenten aus besseren Familien.
»Wir haben festgestellt, dass von den Vorstandsvorsit-
zenden der hundert größten deutschen Unternehmen
85 Prozent aus dem gehobenen Bürgertum und dem
Großbürgertum stammen«, sagt Hartmann. Eine enorme
Quote, vor allem weil gerade einmal 3,5 Prozent der
Deutschen dieser Oberschicht angehören. Nur 15 Pro-
zent der Vorstände seien in Mittelschicht- oder Arbeiter-
familien geboren, Schichten, aus denen die übrigen
96,5 Prozent der Bevölkerung stammen. Die Oberschich-
ten stellten zudem fast zwei Drittel der oberen Verwal-
tungsbeamten, und auch in der Politik, früher die »Elite
73
der Aufsteiger«, ließe sich ein Prozess der »Verbürgerli-
chung« beobachten, meint Hartmann. »Selbst durch den
Erwerb des höchsten Bildungstitels ist es also nicht mög-
lich, das Handicap einer nichtbürgerlichen Herkunft
auch nur annähernd auszugleichen. Das Elternhaus be-
einflusst den Zugang zur deutschen Elite ganz direkt.«
Im direkten Vergleich ganzer Promotionsjahrgänge hat
er festgestellt: Bei gleichem Abschluss ist die Chance ei-
nes Kindes aus großbürgerlichem Elternhaus, einen Vor-
standsposten in einem Großkonzern zu ergattern,zwei-
einhalb Mal so groß wie die der Mitstudenten aus der
Arbeiterklasse oder der Mittelschicht. Statt einer Aus-
wahl der Besten träfen die Entscheider eine Auswahl der
sozial Ähnlichen. Hartmann erzählt stolz von führenden
Vertretern der Wirtschaft, die ihm gestanden hätten, wie
sehr diese Ergebnisse sie schockiert hätten. Die meisten,
sagt er, seien tatsächlich von ihren Auswahlverfahren
überzeugt gewesen.
Der Aufstieg in die Elite funktioniert nicht nach for-
malisierten und nachvollziehbaren Regeln. Es gibt keine
Punktetabellen, keine Ranglisten, an denen man die eige-
nen Chancen ablesen kann. Die Auswahl der Privilegier-
ten erfolgt in G "h
. esprac en. In Gesprächen, die meist die
amherende Elite 't 'h '" ..
ml I ren moghchen Nachfolgern fuhrt.
»Dabei wird seh 'I ' .
r Vle wemger nach rationalen Kritenen
entschieden als . .
, man gememhm vermutet«, stellt Hart-
mann fest. »Der D k ' .
E ruc ,unter dem Topmanager bel Ihren
ntscheidungen steh d d' .... .
I
r. en, un le haufig außerst unsichere
nlOrmahonsbas' r
IS, aUlgrund derer sie diese Entscheidun-
gen treffen müsse I .
. n, assen SIe nach Männern suchen, de-
nen SIe vertrauen d d
gu
t. h" 0 er eren Persönlichkeit sie zumindest
emsc atzen können.«
74
Manche Manager begründen ihre Auswahl mit dem
Satz: »Die Chemie hat gestimmt«, andere erkennen sich
selbst in dem Bewerber wieder und sagen: »Mit dem
könnte ich ein Bier trinken gehen.« Wissenschaftler spre-
chen von Habitus, die despektierliche Variante heißt
»Stallgeruch«. Letzten Endes beschreibt ,alles dasselbe
Prinzip: Je ähnlicher ein Bewerber dem, der entschei-
det, ist, desto besser. Kinder aus gutem Hause haben
in diesem Spiel einfach die besseren Karten, sagt Hart-
mann. Sie seien mit den in Vorstandsetagen gültigen
Dress- und Verhaltenscodes vertraut, hätten meist eine
breite, bildungsbürgerlich ausgerichtete Allgemeinbil-
dung, eine ausgeprägte unternehmerische, risikofreudige
Einstellung und seien in der Regel souveräner und selbst-
sicherer. »Aufsteigern fehlt diese Souveränität. Sie ha-
ben Angst davor, wieder dorthin zu müssen, wo sie her-
kommen.«
»Und wie könnte man es hinbekommen, dass Leistung
doch mehr zählt als die soziale Herkunft?«
»Obwohl ich eigentlich für individuelle Lösungen bin
und es mir völlig widerstrebt, verteidige ich alle Verfah-
ren, die formalisiert sind. Wenn man zum Beispiel nach
Noten geht, gibt es auch schon eine soziale Schieflage,
weil die Notengebung in der Schule sozial nicht gerecht
ist. Aber alles, was an Auswahlverfahren noch dazukommt,
macht es nur noch schlimmer.« Leadership, Persönlich-
keit, Auftreten - das sind für Michael Hartmann höchst
ungeeignete Auswahlkriterien, da sie formbar und schlecht
überprüfbar seien. Es sei wie ein Wettbewerb, sagt er, der
nach Regeln funktioniere, die nur Eingeweihte kennen
könnten. Ein unfaires Rennen, das die, die von oben kom-
men' geWinnen müssten.
75
Deshalb sei das mit der Leistungselite eben Unsinn,
sagt er, als er mit seiner Ledertasche zur U-Bahn läuft. Zu
Hause lese ich seine Studie und bleibe lange vor seinem
Fazit sitzen. Er schreibt: »Wenn Manager und Politi-
ker ein Ende der Gleichmacherei fordern und ein Mehr
an Leistungsgerechtigkeit, lässt sich aus der Studie nur
eine Schlussfolgerung ziehen: Es geht gar nicht um Leis-
tungsgerechtigkeit, sondern um die Bewahrung und den
Ausbau ihrer privilegierten Position. Mit dem ständi-
gen Verweis auf das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit
werden nicht nur die entscheidenden Karrierevorteile,
die B·· ki
urger nder aufgrund ihrer Herkunft besitzen, voll-
komm . .
en Ignonert, sondern es wird zugleich versucht,
die daraus resultierenden, immer krasser werdenden Un-
terschiede in Macht und Einkommen öffentlichkeitswirk-
sam zu legitimieren.«
Das ~ i n g t nach Klassenkampf, ein bisschen sogar nach
Verschworungstheorie. Aber was ist, wenn es stimmt?
4? Prozent der Deutschen, schreibt die Zeit imMärz 2007,
smd überzeugt d d· . I .
, ass Ie SOZIa e HIerarchie in Deutsch-
land zementiert ist. In Hamburg begleitet ein Forscher-
team seit über zw . J h
anzIg a ren das Leben von Menschen,
die die Schulen d St d .
er a t 1m Jahr 1979 verlassen haben.
Das Fazit der Fors h . . d .
. . c er 1st em euhg: »Früher haben wir
wIrklIch gegla bt d
u , ass man durch Bildung aufsteigen
kann«, schreiben si I . h
I
. e.» nZWISC en wissen wir: In Deutsch-
and 1st das eine 111' N
S h
· h USIon. ach wie vor ist die soziale
c IC t, aus der J' e d k
man ommt, entscheidend für den ge-
samten Lebenswe 101
F
h
g.« nenn Hartmann, die Hamburger
orsc er und die 49 P
. rozent recht haben, dann produzie-
ren WIr unter dem D km
EI
. ec antel der Leistungsauswahl brav
neue Iten, die de al .
n ten gleIchen. Dann nehmen wir in
76
einem von Beginn an unfairen Wettbewerb Verlierer in
Kauf, damit die Gewinner weiter ungestört Macht und
Privilegien unter sich aufteilen können. Dann wäre es
höchste Zeit, Gräben zu ziehen und in Gefechtsstellung zu
gehen: Ihr da oben, wir hier unten.
Aber wo würde ich dann überhaupt hingehören?
Nach unten, weil mein Vater eine Schlosserlehre gemacht
hat und mein Habitus nicht immer astrein ist? Oder
nach oben, weil mein Vater inzwischen studiert hat, ge-
nau wie meine Mutter, mein Bruder und ich, und weil
ich mich bislang auch in persönlichen Auswahlgesprä-
chen oft gut verkaufen konnte? Sieht Hartmann die Welt
vielleicht ähnlich schwarz-weiß wie Rektor Jahns? Nur
eben andersherum? Trotzdem: Warum spielt in der Elite-
Diskussion die Frage, wer dazugehören soll und wer
darüber entscheidet, eine so untergeordnete Rolle? Hart-
mann würde wohl sagen: Weil die Menschen, die die Dis-
kussion vorantreiben, die Privilegierten in der Gesell-
schaft, kein Interesse daran haben, dass über die Regeln
der Eliteauswahl debattiert wird. Denn dann könnte
auffallen, dass sie diese Regeln in ihrem Sinne gestal-
tet haben. Das kann nicht sein, denke ich. Es klingt zu
sehr nach Verschwörungstheorie. Gleich ballst du die
Faust und singst die Internationale, ermahne ich mich
selbst. Außerdem ist es für solche Schlussfolgerungen
nach Recherchen bei McKinsey und der EBS viel zu früh.
Ich schaue auf meinen Reiseplan: Westerham. Elite-Aka-
demie, steht da. Neun Stunden Zugfahrt sollten reichen,
um die Verschwörungstheorien wieder vergessen zu
können.
77
DIE ELITE-AKADEMIE
Bayern ist in puncto Elite das, was es im Fußball mal war:
unangefochtene Spitze, das Maß aller Dinge. Gut sechs-
hundert Kilometer liegen zwischen Berlin und Wester-
ham, einemDorfin der Nähe von München. Und doch ist
es, als würde ich in ein anderes Land reisen. Überall sehe
ich Dirndl und Lederhosen. Es ist das erste Oktoberfest-
Wochenende. Bayern München hat gegen Arminia Biele-
feld verloren. Draußen sind 25 Grad. Ich bin vergnügt, als
ich meinen Koffer zu Carls Auto ziehe.
»Willkommen im Schullandheim«, sagt Carl, als wir
wenig später aus seinemalten grauen Golfsteigen. Wir sind
durch kleine Straßendörfer gefahren, vorbei an Zwiebel-
türmen, bis zum Waldrand, wo nur noch ein paar Lichter
leuchten.
Meine Reise nach Bayern ist an diesem Punkt der logi-
sche nächste Schritt auf der Suche nach der Elite. Man
könnte den Freistaat die Heimat der Eliten nennen. Bay-
ern war schon im t I d .
. mer s 0 zarauf, eIn Schulsystem zu ha-
ben, In dem Leist äh°I
. ung z t. Auslese gilt als wichtig und
sInnvoll und ist ZI·el d El·t c·· d d .
. es» I elor erungsgesetzes«, as In
Bayern Im Mai 2005 in Kraft getreten ist und für das sich
alle bayerischen Ab·t .
I unenten bewerben können die min-
destens die Note 1 3 hafft '
, gesc haben. Das Land leistet sich
zudem ein teures Eh N
EI
. I e- etzwerk, zu dem einundzwanzig
Itestudiengänge d h
un ze n Doktorandenkollegs gehö-
ren. Und schon v J h o. •
. or aren grundete der Freistaat eIne
eigene Elite-Akad . . .
ku H
ernie, Wie mir Akademie-Sprecher Mar-
s uber amTelef, . b .
h b . on In reitern Bayerisch erklärte. »Wir
a en provoziert da al .
hat sich ·a k . m s mit dem Begriff, denn von Elite
J emer zu sprechen getraut.«
78
Ich bin gespannt, habe vorher extra mein weißes
Cordjackett in die Reinigung gebracht. »Musst dich schon
ein bisschen schick machen, wenn du die Elite besuchst«,
hatte mein Freund gesagt. Und nun bin ich overdressed.
Denn Carl, der erste Vertreter der bayerischen Elite, den
ich kennenlerne, trägt ein Sweatshirt mit Aufdruck.
Vielleicht liegt es an seinem Pulli, dass Carl, der gerade
siebenundzwanzig Jahre alt geworden ist, viel jünger aus-
sieht. Vielleicht sind es auch die blonden Haare, die im
typischen Kleinjungenschnitt in gerader Linie kurz über
den Ohren enden. Vielleicht ist es die Harry-Potter-Narbe
zwischen den Augenbrauen. Oder es ist die Stimme, die
noch längst nicht so erwachsen klingt wie Bernds.
Carl ist einer der Auserwählten, die die Elite-Akademie
besuchen. Der Junge mit dem Sweatshirt ist einer mit
»Führungsanspruch«, wenn es stimmt, was Huber mir
vorher über die Studenten erzählt hat. Parallel zum Stu-
dium soll ihnen hier beigebracht werden, wie sie ein
Unternehmen zu leiten haben. »Führen, Sich-Führen und
Sich-fuhren-Lassen - Der Weg zur Leadership-Excel-
lence« oder »Führung mit christlichen Tugenden« heißen
die Seminare, die Carl und die anderen besuchen. Sech-
zehn Wochen, auf zwei Jahre verteilt, sind sie hier im klei-
nen Westerham, vierzig Kilometer von München entfernt.
2600 Euro bezahlen sie dafür. »Gestern hättest du da sein
sollen«, sagt Carl. »Da ist der siebte Jahrgang mit einer
großen Party verabschiedet worden.« Ich rechne: dreißig
Studenten pro Jahr, sieben Durchgänge bislang. Die baye-
rische Elite hat also durch die Akademie zweihundertzehn
neue Mitglieder empfangen können. Respekt.
»Nimm ihren Koffer, Carl«, unterbricht Alexa meine
Gedanken. Sie zeigt mir mein Zimmer, erklärt mir, wann
79
und wo es Abendessen gibt, und ermahnt mich, bloß mit
allen Fragen zu ihr zu kommen. Carl und Alexa sind wie
fast alle Studenten, die ich in den nächsten Stunden treffe,
nicht nur nett, sie sind herzlich. Wenn das die christlichen
Tugenden sind und sie später ihre Mitarbeiter ähnlich be-
handeln, unterstütze ich ab sofort die Inhalte der Akade-
mie, denke ich.
Auch das »Schullandheim« gefeHlt mir sofort. Bayeri-
sche Elite-Akademie - da hatte ich prunkvollen Barock
erwartet. Dieses Haus aber ist schlicht und stilvoll. Durch
riesige Glasfenster blickt man in Richtung Wald. In mei-
nem Zimmer finde ich lasierte Holzmöbel und Wäsche,
die weißer und weicher ist, als es der WG-Waschmaschine
je gelang. Ich fühle mich wie in einem Landhotel. »Eigent-
lich ist das hier viel schicker, als es für uns nötig wäre«,
sagt ein Student, als wir gemeinsam zum Restaurant ge-
hen. Bescheiden sind sie also auch, denke ich beein-
druckt.
Carl, Jahrgangssprecher und charmanter Chauffeur. ist
schon d H"fl' h
a. 0 lC macht er mich mit den anderen be-
~ n t . Carl prescht nicht nach vorn wie Mario. Er ist zu-
ruckhaltend und überlegt, trotzdem widerspricht er sich
manchmal in zwei Sätzen drei Mal. Das gefällt mir. Beson-
ders schwer tut er SI' h d . d' fü" .
c amlt, le r mIch entscheIdenden
~ r a g e n zu beantworten: »Was ist Elite? Und warum gehört
ihr dazu?«
»Elite sein das h 'ßt Vi
' el, erantwortung zu überneh-
men, sich für and, ,
fi d
ere zu engagIeren«, sagt er, »Aber Ich
m e es nicht gut d d'
, ass le Akademie sich selbst so
nennt. Besser wä
.. d re es, wenn andere das über uns sagen
WUr en.«
Von wem Ca I d' ,
rIese Emschätzung wohl akzeptieren
80
würde? Denn die anderen, die gern über Elite reden, die
Berater, die Absolventen der privaten Wirtschaftsunis, die
mag er nicht so sehr. Ihm graust vor Menschen, denen
es nur um die eigene Karriere geht - Karriere ohne eine
große Idee dahinter, wie er sagt.
»Was ist deine Idee?«, frage ich.
»Ich möchte christliche Ideale vertreten, möchte, dass
Nächstenliebe auch in der Wirtschaft und Politik zählt.
Wer Geld verdient, soll Stiftungen gründen, Gutes tun,
dafür möchte ich kämpfen.« Carl will als Trainee bei der
Deutschen Bank einsteigen, der Ackermann-Bank »Da
hast du dann ja viel zu tun«, lache ich.
»Ja«, sagt Carl ernst. »Aber soll man deshalb aufgeben?«
Wie billig von mir, seine Ziele sofort als vorgeschoben.
als naiv abzuqualifizieren. So kontert man Idealisten doch
immer aus. Stiftungen also, der große Trend aus den USA.
Warum nicht? Carls Stiftungwäre die »Von-Tippelskirch-
Foundation«, denn so heißt Carl, der Spross eines alten
Adelsgeschlechts. Ihm ging es nie schlecht. Sein Jurastu-
dium an einer Privatuni kostete über 30000 Euro. Jetzt
promoviert er in München. Ihm geht es darum, zu unter-
suchen, ob man nicht Straf- und Zivilprozesse in vielen
Fällen zusammenziehen könnte. Das spare Zeit und Geld,
sagt er und wäre gut für die Opfer. Die bekämen nicht nur
zügig recht, sondern auch schnell Entschädigungen oder
Schmerzensgeld.
Carl ist einer, der Ungerechtigkeiten schlecht erträgt,
der sich für andere einsetzt, sich um sie kümmert. Wäh-
rend seines Studiums hat er in St. Pauli bei einer kirch-
lichen Rechtsberatung geholfen. Früher hat er Pfadfinder
durch die Wälder geführt, jetzt betreut er im Sommer
junge Menschen mit geistigen und körperlichen Behinde-
81
rungen. Einer, ein geistig behinderter Junge, ist sein Pa-
tenkind. »Alle hier engagieren sich«, sagt Carl. »Das muss
man, um aufgenommen zu werden.«
FIT FOR MORE? Qualify! Enter! Was klingt wie das Intro
zum nächsten Level eines Videospiels, ist der Text des
neonfarbenen Flyers der Akademie. Da steht, dass der,
der reinwill, neben gesellschaftlichem Engagement auch
überdurchschnittliche Leistungen in der Schule und an
der Uni vorweisen muss. Was aus klugen, motivierten
Menschen gleich eine Elite macht, steht hier nicht. Nicht
einmal, wie die Leitung den Begriff definiert, ist erklärt.
Ich frage also weiter. Alle, die ich anspreche, kichern.
Gerade hat der Pressesprecher eines großen bayerischen
Unternehmens, dessen Namen ich nicht nennen darf, den
Studenten beigebracht, dass sie niemals allein mit Journa-
listen reden und aufkeinen Fall ihre Visitenkarte abgeben
s ~ l l e n . »Im besten Fall haben Sie später im Unternehmen
eme Kultur, die negativ sanktioniert, wenn jemand an die
Medien geht«, sagte er. Als Merksatz schärfte er den Stu-
denten ein: »Journalisten sind brandgefährlich.« Endlich
erfahre ich wi k .
, e onsequent Pressesprecher Managern dIe
Lust an einem offenen Interview austreiben. Zum Glück
~ ~ b e n earl und die anderen diese undemokratischen Lehr-
satze noch nicht verinnerlicht. Das Mauern und Schwei-
gih
en
, das viele Führungskräfte so unerträglich macht, ist
nen bislangfremd M' F . .
. . eme rage »Was heIßt denn Ebte?«
darf Ich noch jedem von ihnen stellen.
Anne, die gerade d . d . h .'
D
relUn zwanzIg Ja re alt 1st lß
eutschland d d '
- b un en USA aber schon mehr Studien-
gange elegte als' h . h .
Ab hl .' lC mltsc reIben kann, und gerade ihren
sc uss m »Inter t' al
na Ion em Kapitalrecht« macht, die
82
=
sich gleichzeitig bei der Jungen Union engagiert und eine
Computer-Community für sozial benachteiligte Jugend-
liche organisiert, die außerdem begeisterte Tangotänzerin
und -lehrerin ist, meint, Elite unterscheide sich von ande-
ren durch eine höhere Leistungsfähigkeit, eine höhere
Leistungsbereitschaft. Das glaube ich ihr auf der Stelle.
An der Uni habe sie schon oft erlebt, dass manche sich
bei Gruppenprojekten mitziehen lassen, nichts tun, faul
dabeisitzen, das gäbe es hier nicht. »Ich kann auch in
Debatten ein viel breiteres Wissen voraussetzen«, sagt
sie. »Wenn ich zum Beispiel >Five-Forces-Modell< in den
Raum werfe, versteht es jeder. An der Uni nicht.«
Ich denke daran, dass ich schon Gruppenreferate gehal-
ten habe, bei denen andere die Arbeit gemacht haben. Ich
erinnere mich, dass ich gern die Letzte in der Reihe der
Vortragenden war, in der Hoffnung, die anderen würden
so lange reden, dass ich nicht mehr drankäme. Da ist es
wieder, das mulmige Gefiihl bei dem Gedanken an einen
ständigen Wettbewerb. Lass den anderen doch das biss-
chen Faulheit, will ich sagen. Aber Anne ist schon sieben
Themen weiter. Sie erklärt mir gerade, dass die Studenten
hier auch zu einer »Elite der Menschlichkeit« erzogen wür-
den. »Wir haben schon einen Grundkonsens an Werten.«
Höflichkeit, Respekt und Bescheidenheit habe ich ja
schon genießen dürfen. »Eher wirtschaftsnah und sehr
brav«, würden wohl Leute sagen, die es schlecht mit ihnen
meinen, erzählt mir ein Student. Brav und bescheiden,
fleißig und vernünftig. Die Elite des Freistaats scheint die
»pragmatische Generation«, wie die Macher der Studie
»Jugend 2006« die bis Fünfundzwanzigjährigen getauft
hat, gut zu repräsentieren. Seit 1968 habe die Jugend Werte
wie »Selbstverwirklichung« und »Engagement« hoch-
83
...
gehalten. Das sei jetzt vorbei, schreiben die Forscher.
Stattdessen erlebten Werte wie Leistung, Sicherheit und
Macht, Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz nun eine Renais-
sance. Die Zeitschrift Karriere hat im Jahr 2006 über sie-
benhundert Oberstufenschüler nach ihren Träumen und
Zielen befragt. Revoluzzer, Rambos und Jammerlappen
suche man unter den Jugendlichen vergebens, lobt die
Zeitschrift. »Die Erwachsenen von morgen sind leis-
tungsbereit, pragmatisch und optimistisch.« Auch mein
Fast-Arbeitgeber, die Unternehmensberatung McKinsey,
gemeinsam mit dem manager magazin die Ansichten
Junger Menschen untersucht. McKinsey werden die Er-
gebnisse gefallen haben: 73 Prozent sagen, ihr Traumjob
sei ein sicherer Job. Im Schnitt erwarten die Studenten,
achtundvierzig Stunden pro Woche arbeiten zu müssen,
nur 22 Prozent glauben, schon mit fünfundsechzig in
gehen zu können. Wer im Job so viel leistet, sehnt
sich privat offenbar nach ein bisschen Ruhe. Werte wie
Treue oder Religion sind der »pragmatischen Ge-
neration« so wichtig wie kaum einer vor ihr.
An diesem Abend wird in Berlin und in Mecklenburg-
Vorpommern gewählt. Ich liebe Wahlen: den Countdown
Vor der ersten Pro d·
gnose, le Hochrechnungen mit im bes-
ten Fall f" d
o
s an Ig wechselnden Mehrheiten das amtliche
Endergebnis und t O. 1· h '
° na ur IC meine LieblingsgrafIk, die zur
Wählerwanderung Ich °ß d· ..
d
. wel, ass meme Freunde Jetzt 1ll
erWG vor dem B h
Ka
eamer ocken. Vielleicht servieren sie
napees und Sekt ° b· d
Wie el er letzten Bundestagswahl.
An der Elite-Akad . k
. h do emle ann von Wahlbegeisterung
DlC t le Rede sei U k
J
·au h t il. n. m urz nach sechs hatte einer ge-
c z, We die G o. •
in d L d runen m Mecklenburg den Einzug
en an tag verp t h b
ass a en. Aber schon jetzt, um
84
18 Uhr 11 bei der ersten Hochrechnung, hocke ich allein
vorm Fernseher. Nur 39 Prozent der »pragmatischen
Generation« interessieren sich überhaupt für Politik,
schreiben die Jugendforscher. Auch in diesem Punkt
scheint die Elite nichts weiter zu sein als Repräsentant des
Durchschnitts, nur eben mit besseren Leistungen. Ich ver-
mute, es werden fleißige, moralisch integre und verant-
wortungsbewusste zukünftige Führungskräfte sein, die
hier in einem Jahr ihr Abschlusszeugnis, ihr Elite-Zerti-
fIkat, erhalten werden. Aber reicht das? In dem Wort
»Elite« schwingt so viel mehr mit als in der funktionalen
Beschreibung »die besten zehn Prozent jedes Jahrgangs«.
Wer »Elite« sagt, meint doch auch Vorbild, Orientierung
und Avantgarde, oder? Der Nationalökonom Wilhelm
Röpke hat gesagt: »Eine wahre Elite würde eine Stellung
über den Klassen, Interessen, Leidenschaften, Bosheiten
und Torheiten der Menschen einnehmen. Sie würde sich
auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam rei-
fendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das
Ganze, der unantastbaren Integrität und (... ) durch uner-
schütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und
Rechte.« Sicher, das ist viel verlangt. Aber es wird ja auch
niemand dazu gezwungen, sich Elite zu nennen.
Beim Abendessen ist das große Thema die Bayern-
Reise von Papst Benedikt. Einige Studenten haben ihn
getroffen. »Mit dem Wolfgang«, erzählen sie mir, »hat er
sogar zwei Minuten geredet. Das Hemd, das der anhatte,
hängt er jetzt hinter Glas.(( Die niedlichste Geschichte
über Werte erzählt mir ein Student abends, als wir neben-
einander auf einem der Cordsofas sitzen. »Es gibt hier
gerade nur zwei Paare(, sagt er. »Zwei Paare bei sechzig
jungen Menschen. Das fInde ich schön.« Ich schaue über-
85
.
rascht - und meine, dass das eine extrem schlechte Aus-
beute sei. Er sagt, dass ich wissen müsse dass seine Freun-
din Sozialwissenschaften studiere und 'ihm erklärt habe,
dass sich genau I'n dem Alt . d .. . .
er, m em SIe Jetzt selen, mIt
Anfang zwanzig eben, die meisten Paare fanden. »Trotz-
dem sind hier all b . 'h I
e eIl ren a ten Partnern geblieben und
haben sich kein . d
e neuen m er Akademie gesucht. Das
finde ich sehr gut D' b . h " ,
.« Ie ayensc e ElIte 1St also eme treue,
»Ich werde nl' ht Ka . .
c rrlere um Jeden Preis machen«,
sagt Anne Sie . h "
, seI e rgelzlg. »Aber hundertzwanzig Stun-
den ~ ~ o Woche zu arbeiten würde mich stören.« Sie will
FamilIe. Und das bed t kl" " ..,
eu e, er aren mIr ihre mannlIchen
Kollegen dass d' F
. ' Ie rau nun mal eine Zeit lang nicht ar-
beIten könne »D 't d'
. as IS Ie Natur«, sagen sie. »Wie willst
du das denn sonst h? .
mac en.« - »Knppenplatz die Groß-
eltern kümmern . h d '
'. SIC, er Mann bleibt zu Hause«, be-
gInne Ich aufzuzähl S·
. en. Ie starren mich an, ich sie. Wir
SInd uns in diese M '.
. t d moment zIemlIch fremd. »Vielleicht
IS as Bayern« hl"
, sc agt mein Freund am Telefon vor.
Dann fragt er »Wo
. ? . as erwartest du an solch einer Akade-
mIe. Protestler und R I ' "
evo uhonare?« - »Ware schön ge-
wesen«, sage· ich Wo h .
h" . arschemIich hat er recht. Die Elite
Ier WIrd von Gre' k" ..
W
· h mlen ge urt, m denen Menschen aus
Issensc aft und W' h
nach Le Irtsc aft sitzen. Die werden kaum
uten suchen d' B"
Macht d' ' Ie zum elsplel die Verteilung von
un EInfluss g d" I'
holt . h" run satz Ich infrage stellen. Man
SIC Ja mcht die .
Dachte ich B' . h ,eIgenen Grabschaufler ins Haus.
. IS IC mIt Pr fi F
tine H d 0 essor ranz Durst und Chris-
agen, en akadem' h L'
sammensitze. ISC en eltern der Akademie, zu-
»Ich hätte gern ein bis h
fessor Franz D sc en mehr Rebellen«, sagt Pro-
urst, ohne da . h ihn
ss IC auf meine Zweifel
86
5
angesprochen habe. Man versuche, die Juryzu ermuntern,
auch anderen, vielleicht auch schwierigen Kandidaten
eine Chance zu geben. Aber das sei nicht so einfach. »Ich
habe das Gefühl«, sagt er, »dass die deutsche Wirtschaft
die Smoothlinge möchte. Nicht die, die anecken. Ich kann
mir vorstellen, dass das problematische Leute sind. Aber
ich bin der Auffassung, wenn ein Vorstandsvorsitzender
als seinen Assistenten den einstellen würde, der ihn vom
Stuhl fegen kann, dann würde die deutsche Wirtschaft
funktionieren.« - »Und mehr Frauen wären schön«, fügt
seine Kollegin Hagen hinzu. Wie an der European Busi-
ness School liegt auch hier der Anteil der Studentinnen
bei etwa einem Drittel. Die deutsche Nachwuchselite ist
noch immer männlich dominiert. »Man muss das konser-
vative Familienbild verändern«, sagt Christine Hagen,
selbst Mutter zweier Kinder. »Vor allem hier in Bayern.«
Ich blicke auf Franz Durst, den sechsundsechzigjährigen
Professor im schwarzen Anzug, und auf Christine Hagen,
die achtundvierzigjährige Juristin im strengen blauen
Rock. Ich ahne, dass ich meine Rebellen gefunden habe,
Wenn man sich viele privatschulen oder teure Univer-
sitäten anschaue, sagt Christine Hagen, müsse man den
Eindruck gewinnen, dass es nicht mehr darum gehe, die
»wirkliche Elite, die Potenziale hat«, zu fordern, sondern
eine Art neuen Adel zu begründen. Dies widerspräche der
ursprünglichen Bedeutung des Begriffs »Elite«, wie er zur
Zeit der Französischen Revolution geprägt worden sei.
Elite, Menschen, die sich ihre gesellschaftliche Rolle durch
Begabung und Leistung selbst verdient hätten, hätte im
Gegensatz zu Adel und Klerus gestanden, die ihre soziale
Position nur geerbt hätten. »Auch heute werden Geld und
Einfluss vererbt«, sagt Christine Hagen. »Eine Gesellschaft
87
r
aber, in der nur Erben und nicht Leistungsträger an der
Spitze stehen, wäre eine Katastrophe.« Sie hoffe, dass ihre
Studenten zu solch einer Gesellschaft Nein sagen.
Ziel dürfe nicht allein der persönliche Machterhalt
sein, sondern die Verantwortung für die Gemeinschaft.
»Die Elite-Akademie will junge Menschen mit großem
Pot . Ir·· d .
enZIa lOr ern und ihr Wertebewusstsein schärfen.
Wir suchen Menschen, die langfristigdenken, die nachhal-
tig wirtschaften wollen, die nicht kurzfristig den Share-
holder-Value steigern wollen, sondern an alle Beteiligten
denken.« Immer wieder betont sie, dass es ihr Wunsch sei,
den Studenten mitzugeben, dass es wichtigere Ziele im
gibt als den schnellen Erfolg. Sie plädiert für Mit-
gefühl statt Ellenbogen, für Menschlichkeit statt profit.
Man solle selbst viel leisten, fordert sie, aber den Blick für
nicht verlieren. »Wir wollen nicht die Leute,
dIe sagen' Men h . L .
. sc ,WIe Komme Ich in der Firma voran?
Wie bin ich in der Ka' . ..
. rnere spItze?«, fugt Professor Durst
hmzu. - »Sondern? f: . h
.«, rage IC . »Die Studenten sollten
Vorbild sein Elit al Vi fl'
, e s erp Ichtung erleben Verantwor-
tung übernehmen«, antwortet Durst. '
Dennoch hat sich fast ein Drittel der Absolventen zu-
letzt für eine Ka' . .
b
rnere III elller der großen Unternehmens-
eratungen ent h· d .
h
. sc Ie en. SIe haben bei McKinsey unter-
sc neben oder bei B .
vi I G ld oston Consultlllg. Sie verdienen jetzt
ih
e
e ,fahren ein schickes Auto und müssen sich über
ren Aufstieg in d W· h
h '. er lrtsc aftswelt kaum Sorgen ma-
c en. Chnshne Ha b . .
fi" • I gen estreitet mcht, dass diese Firmen
ur Vle es stehen w . bl
Preis fü' Effi" as SIe a ehnt: für Profit um fast jeden
, r !ZIenz d K
dass ihre St d un ostenoptimierung. Sie hofft,
kann auch .u enten dennoch resistent bleiben. »Man
emen Beratun . b d
gSJo an ers machen, als er nor-
88
*
... -.
malerweise durchgeführt wird. Man kann auch integer
und menschlich bleiben.« - »Wir sind verärgert über den
hohen Zulauf dort«, sagt Franz Durst offen. Und Chris-
tine Hagen meint, immer noch freundlich, aber fast fata-
listisch: »Wir können nur hoffen und sie begleiten.«
Am Abend treffe ich zwei Studenten, die vor drei und
vor fünfJahren ihren Abschluss an der Akademie gemacht
haben. Sie sind also ausgebildete Elite. Ich hatte gehofft,
mit ihnen darüber reden zu können, was sie konkret
anders machen als Nicht-Elite-Studenten. Wie genau es
ihnen gelingt, beruflichen Erfolg und ethische Ansprüche
zu verbinden. Aber Oliver studiert noch, und Thomas
arbeitet inzwischen bei Marios Firma, bei McKinsey also,
und darf mit mir weder über seine Aufträge noch über
seine Arbeitsweise sprechen. Daher bleibt unser Gespräch
abstrakt.
»Handelt ihr anders als die, die nicht an der Akademie
waren?(, frage ich.
»Das Dumme ist, dass man das nicht klar messen
kann«, sagt Thomas. »Das ist keine physikalische Funk-
tion, bei der man sagen kann: Da kommt so viel rein und
so viel wieder raus.(( - »Vielleicht kann man erwarten,
dass wir die richtigen Fragen stellen, nicht unbedingt,
dass wir immer die richtigen Antworten haben((, findet
Oliver. »Ich glaube, es wäre auch vermessen zu denken,
nur weil man zwei Jahre vermeintlich Elite studiert hat,
kann man alles besser und alles ethisch super korrekt und
wasserdicht und faiN, meint Thomas. »Ich glaube, das ist
nicht leistbar. Ich hoffe, wir sind nach unserer Ausbil-
dung durch die Bayerische Elite-Akademie auf alle Fälle
sensibler als andere«, sagt er. Das klingt wesentlich be-
scheidener als der Dreiklang Vorbild, Verpflichtung und
89

-- liiiiiiiii.-iililii•• ..- ..-alII------..
Verantwortung, den die Akademieleitung immer wieder
betont. Reicht das, um den Elitebegriff zu rechtfertigen?
Mal ein bisschen sensibler sein? Ein paarmal häufiger
nachfragen? »Wir können nur einen Kern legen und dann
auf die Vorbildwirkung hoffen«, hatte Christine Hagen
gesagt. »Ich glaube, Wenn jeder die Welt ein bisschen ver-
ändert, verändert sie sich insgesamt schon.«
Es ist noch dunkel, als wir am Morgen in den Bus steigen.
Die Studenten haben sich schick gemacht. Die Herren
tragen Anzüge, die Damen Kostüme, nur drei von dreißig
in Jeans. Wir fahren nach München zum Baye-
fischen Rundfunk. Die Studenten absolvieren heute ein
»Talkshow-Training«. Während die ersten in der Maske
sitzen, sehe ich die Bilder der Wahl-Nachberichterstat-
tung. NPD-Funktionäre greifen Kameraleute an, blonde
tragen schwarz-rot-goldene Kerzen. Was pas-
SIert da draußen? Ich schaue aufdie Studenten, die neben-
an gepudert werden. Werden sie sich dem entgegen-
stellen?
Jetzt muss die Elite erst mal in die Sendung. Steif
stehen . . Halb . 0
SIe Im kreIS hmter ihren Glaspulten. Zehn Stu-
denten die J' etzt gl . h 'T' lks
' eiC .La how-Gäste mimen werden.
Idn herrscht Hektik. Der Grafiker, der den Titel
er DISkUSSion auf d M 0 0
ot 0 h en OnItor 1m Studio bringen sollte,
IS nIc t da Zwar 0 d d
O
• Wir le Sendung niemals ausgestraWt
werden, aber es s II t d
Und d halb ka 0 rotz em alles so aussehen, als ob.
lrieass.est t O nn es ohne Grafik nicht losgehen. Eine Re-
D' IS en In erbarmt . h hlo 0
Wir EI ? SIC sc Ießhcho »Wofür brauchen
tippt sie e' 10 0 h
fen ge d b m. gISC er Titel, wenn ein Hau-
ra ee enErw h
mal di kut' ac sener vor ihr steht. Könnte man
SIeren. »'tschuld' ..
19ung«, tont es entnervt auS
90
dem Studio. »Das Thema ist eigentlich: Wozu brauchen
wir Eliten?« Die Eltern fliegen also raus.
Wenig später ertönt endlich der Jingle, der die Sen-
dung eröffnet. Die Kamera schwenkt vom Moderator auf
die zehn Studenten. Und schon nach wenigen Minuten ist
klar, dass die ihre Talkshow-Vorbilder sehr gut kopieren.
Die meisten reihen inhaltsleere Luftblasensätze und poli-
tisch korrekte Floskeln aneinander. »Es geht einem an der
Elite-Akademie nicht darum, Karriereoptimierung für
sich selbst vorzunehmen, sondern um ein Verantwor-
tungsgefühl für Gesellschaft und Wirtschaft.« Oder: »Für
mich war es nicht relevant, besser zu sein als andere, für
mich war es relevant, gut zu sein.« Das klingt schon wie
ein Generalsekretärsstatement. Ein anderer sagt: »Wichtig
ist, mir Mut zum Handeln durch eigenes Handeln zu ma-
chen. Solche Menschen braucht das Land, damit es nicht
stehen bleibt.« Die Frage, die dieses Geschwurbel auslöste,
war eine simple. Es war die, die auch mich in den letzten
Tagen umgetrieben hat: »Was«, fragte der Moderator die
Studenten, »macht aus Ihnen Elite? Warum haben Sie ge-
sagt, Bayerische Elite-Akademie, da gehöre ich hin?«
Die meisten weichen aus, erzählen, dass sie den inter-
disziplinären Ansatz an der Akademie schätzen, die guten
Ethik-Kurse oder dass sie nette Leute aus den Vorgänger-
jahrgängen kannten. »Das ist ja schön«, sagt der Modera-
tor. »Aber warum sind Sie Elite?« Anne sagt zögernd: »Ich
habe ein sehr, sehr gutes Vordiplom und engagiere mich
im parteipolitischen Bereich. Das macht mich zu einem
guten Teil der Gruppe.« Einer meint, hier zu sein, weil er
mehr tue als das absolut Notwendige, den Pflichtteil. Carl
sagt, genau dieses Engagement gefalle ihman der
Und einer meint: »Es geht darum, eine gute Stimmung m
91
unserem Land zu verbreiten. Daraufbereitet uns die Aka-
demievor.«
Will diese junge Elite den Deutschen etwa Party-
hütchen aufsetzen und aus dem Land eine Feiermeile
machen? Oder wollen sie sich mit Megafonen auf den
Straßen postieren und schreien: »Ärmel hochkrempeln!
Dann klappt es auch mit dem Aufschwung!« Hoffentlich
nicht. Kollektive gute Laune konnte ich noch nie leiden,
und ich fand es schon immer vermessen, Arbeitslosigkeit
als eine Folge mangelnden Willens zu bezeichnen.
Viele in der Runde sagen, sie wollten später Verant-
wortung übernehmen, Verpflichtungen eingehen und
der Gesellschaft etwas zurückgeben. »Und wie?«, fragt
der Moderator. »Vielleicht ist es schon etwas, wenn man
im Kleinen Vorbild ist, in der Familie«, meint einer. Die
anderen flüchten sich wieder in abstrakte Statements:
»Die Menschlichkeit ist der einzige Weg, um in der glo-
balisierten Welt zurechtzukommen«, meint eine Stu-
dentin. Ihr Kollege glaubt, durch die Akademie für die
»Versuchung der Macht ethisch gerüstet zu sein«. Der
Moderator scheint ähnlich unzufrieden wie ich auf mei-
nem Logenplatz in der Regie. Er will konkrete Beispiele.
sind Manager bei der Deutschen Bank. Was würden
anders machen als die aktuellen Eliten?«,
lllSlshert er. »Würden Sie keine sechstausend Arbeitneh-
mer entlassen?«
. Wenn das für den Fortbestand der Bank nötig sei, sagt
elll Student wü d
, r e er genauso handeln. »Ich würde auch
sechstausend entl b
assen, a er dabei den einzelnen Men-
schen im Blick hab S .
E
. en.« elll Nebenmann assistiert: »Die
ntscheldung w' d . h
I
lf lllC t anders ausfallen, aber wir haben
ge ernt, es besser z k ..
u ommunlZleren.« Mein Stift stockt.
92
Ich fürchte, dass das absolut nicht ironisch gemeint war.
Da zieht ja eine rosige Zukunft heran. Im Land der Gute-
Laune-Eliten werden Massenendassungen den Menschen
richtig gut rübergebracht. Wieso zögere ich da überhaupt
noch, die Eliten auf ihren Thron zu heben und ihnen
zuzujubeln? Währenddessen hat im Studio wieder die
Gruppe die Wortführerschaft übernommen, die offen-
sichtlich die Mehrheit stellt. Das Gespräch driftet jetzt
wieder in die »Wir-sind-gar-keine-Eliten«-Richtung. »Der
Begriff Elite hat mich eher abgeschreckt«, sagt einer. »Ich
würde den Begriff meiden«, sagt ein anderer. »Mir ist bei
dem Wort Elite unwohl. Ich möchte mich nicht mit dem
Status schmücken.« Und eine Studentin meint, dass sie
ihren Freunden immer erst lange erzählt, was sie in der
Akademie Gutes und Schönes unternimmt. »Erst am Ende
sage ich dann: Es heißt übrigens Elite-Akademie, aber wir
meinen's nicht so.«
Irritiert fahre ich danach mit der U-Bahn durch Mün-
chen und weiß partout nicht, was ich von dieser institu-
tionalisierten Elite-Ausbildung halten soll. Die Akademie
ist längst nicht in dem Maße sozial selektiv, wie ich es
in Oestrich-Winkel erlebt habe. »Manche kommen aus
wohlhabenderen Familien, und die Eltern von manchen
sind Beamte. Wir sind bunt gemischt«, hatte eine Studen-
tin etwas ungeschickt formuliert. Aber im Grunde hat sie
recht. Die Studenten werden vor allem nach Leistung aus-
gewählt.
Die Akademie hat ein aufwendiges Punktesystem ent-
wickelt, das helfen soll, aus denen mit den besten Vor-
diplomnoten in ganz Bayern die dreißig Allerbesten
herauszuflltern. Wenn der Naturwissenschaftler Professor
Franz Durst das Verfahren erläutert, klingt es ein wenig
93
wie eine Elitebauanleitung. Um in der Kategorie Intelli-
genz zu punkten, bräuchte man gute Noten in Fächern
wie Mathematik, Physik oder Latein, hatte mir Durst er-
klärt. »Es gibt aber Leute, die sind blitzgescheit, können
jedoch mit ihrer Gescheitheit nichts anfangen. Denen
fehlt es an ,Kreativität.« Deshalb gibt es auch Punkte für
gute Noten in Kunst oder Deutsch. »Aber wenn die Intel-
ligenten und Kreativen stinkfaul sind, geht es auch nicht
gut«, erklärte mir Durst. »Deswegen haben wir die Akti-
ven gesucht. Die mehr machen, als sie von der Schule auf-
er!egt bekommen. Das hat natürlich dazu geführt, dass
WIr dann eine gute Gruppe beisammenhatten.«
.~ i e s . e Gruppe eint, dass die Studenten fleißig und ehr-
geIzIg SInd, nicht, dass ihre Eltern viel Geld haben. Es gibt
natürlich viele Akademikerkinder, aber auch Söhne von
Landwirten, Töchter von Angestellten. Einer der Studen-
ten, Michael, ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter die
bei der US-Armee arbeitet. Seine Großeltern h a t t e ~ ein
kleines Textil h"ft Al
gesc a. s er studieren wollte konnte die
Familie d "t' I' '
as no Ige Ge d mchtauftreiben. Er begann eine
Ausbildung bei Z II d d '
. m 0 un ann, mIt dem Beamtengehalt
1m R" k d
uc en, och noch ein Studium. Er hat sich hoch-
gearbeitet. Seine Tage waren vierzehn, fünfzehn Stun-
den lang Die Akad . h d
, ' emle at as honoriert und auch ihn,
der keInen glatten St d'
u lUm-Praktika-Auslandssemester-
Lebenslauf hat ~
, aUlgenommen. Seine Großmutter war
stolz zu lesen d ih Enk
d
. ' ass r el einer von dreißig Elitestu-
enten In ganz Ba '
yern 1St. Auch Michael hat sich gefreut,
es geschafft zu hab E h b .
. en. s a e ihn aber auch massiv ver-
unsIchert, dass er d '
Umf,
ld
' er aus eInem völlig anderen »sozialen
e « stammt . .. ,
Und
h
' WIe er sagt, plotzhch Elite sein sollte.
auc nach üb .
er eInem Jahr an der Akademie hat er
94
mit dem Begriffnoch keinen Frieden geschlossen. Er wolle
ein »Leistungsträger dieser Gesellschaft« sein, sagt er lie-
ber. Nach der Ausbildung will er in die Verwaltung und
wieder dem Staat dienen. Aber er will noch mehr ma-
chen. Er will etwas zurückgeben, sich für Schwächere ein-
setzen, für die, die nicht so viel Glück hatten wie er.
Zur Ausbildung an der Akademie gehört auch ein So-
zialtag. Die Studenten waren in Kindergärten, bei der
Bahnhofsmission oder im Gefängnis. Es waren die Tage,
in denen viel über das Schmiergeldsystembei Siemens ge-
schrieben wurde, und der Seelsorger in einer Justizvoll-
zugsanstalt, in der auch Wirtschaftskriminelle einsitzen,
hatte gescherzt, die zukünftige Elite wolle wohl sehen, wo
sie mal lande. Aber tatsächlich ging es natürlich darum,
zu erleben, wie es denen geht, die es nicht so gut haben.
Michael war bei der Aids-Hilfe. Er hat sich zeigen lassen,
wo die Fixer die Spritzen tauschen, er saß einem Mitar-
beiter gegenüber, der selbst seit über zwanzig Jahren HIV-
positiv war und der ungerührt erzählte, dass er längst tot
wäre, wenn nicht die Medikamente so viel besser gewor-
den wären. Michael beschließt, hier ehrenamtlich zu
arbeiten. Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung. Die Ar-
beit sei sinnvoll, sagt er. Er könne helfen. Sein wirtschaft-
liches Wissen könne dort vielleicht wirklich nützen. So
wie Michael denken viele an der Akademie.
Die meisten der Studenten sagen, dass sie später Ver-
antwortung übernehmen und der Gesellschaft etwas zu-
rückgeben wollen. Klar, es gibt auch die, die Michael hart
und absolut zielorientiert nennt, »Managertypen«, wie er
sagt, die Karriere machen wollen und sonst nichts. Aber
den meisten nehme ich. ab, dass sie mehr wollen. Man
spürt, dass sie sich schon häufig gefragt haben, wie die
95
Welt besser werden könnte, und dass sie den Wunsch ha-
ben, daran mitzuarbeiten. Dagegen habe ich überhaupt
nichts einzuwenden.
Aber die Fragen bleiben: Wie viele junge Menschen
gibt es, die gleichermaßen ehrgeizig und engagiert sind?
Warum belastet man gerade diese dreißig mit dem Begriff
»Elite«? Sie sträuben sich doch, so genannt zu werden. Sie
zieren sich, klar zu sagen, was sie über die Nicht-Elite er-
hebt. Weil sie ahnen, dass jede Begründung falsch klänge?
Warum schreibt Bayern nicht einfach fest, dass gute Stu-
denten gefördert werden? Meinetwegen die besten zehn
Prozent eines jeden Jahrgangs. Warum Elite? Warum die-
ses Wort, das spaltet, das von Privilegien und Macht er-
zählt, aber auch von Vorbildern, von Menschen, zu denen
man aufschaut. Ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, Anfang-
Zwanzigjährigen dieses Label per Akademie, per Zeugnis
aufzukleben.
»Der Begriff soll ins positive Licht gerückt und wieder
gemacht werden«, hatte ein Student gesagt. Und
Ich glaube, dass es genau darum geht. Es ist politisches
des Freistaats, um den Begriff zu pushen.
»Lelstungsel"t . S· b
I en wie le rauchen wir in Bayern«, hatte
Edmund Stoiber stolz verkündet, als er dem sechsten
Jahrgang der Akademie das Zeugnis Gern
kommen Land "
esmmlster Zum Kamingespräch in die
Akademie. Fast J' d S d .
. e er tu ent ISt von der Lokalzeitung
semer Heimatstadt rt'"
EU
po ratIert worden. »Kemptnerin in
teakademie auf
11
h
·· genommen«, »Zwei Oberpfälzer auf
uc fühlung m't dEI'
'. I er He« oder »Bayerns Elite-Akade-
mie weist Dessauer d Ur '.
ih
en neg«. Sie smd Aushängeschilder
rer Region und Wt b fi ".
k F . er e guren für emen leistungsstar-
en relstaat, der si h .
c gegen Jede Gleichmacherei sträubt.
96
Auch wenn das pathetisch klingt, wünsche ich den Stu-
denten, dass sie nicht unter der Last dieses Begriffs zu-
sammenbrechen. Sie sind zielstrebig, freundlich und alle
mehr oder weniger dem Gedanken verpflichtet, ein guter
Mensch werden zu wollen. Vielleicht gelingt ihnen das im
Lauf ihres Lebens. Ich werde sie fragen, ob wir uns wie-
dertreffen wollen, wenn wir alt sind. Dann können wir
darüber diskutieren, ob das mit der Elite geklappt hat.
Die Elite-Akademie-Studenten sind Anfang zwanzig,
wenn eine Kommission entscheidet, dass aus dreißig be-
gabten, fleißigen Studenten ab sofort die zukünftige Elite
Bayerns werden soll. Als ich earl fragte, ob das nicht viel
zu früh sei, zuckte er mit den Schultern und erklärte mir,
dass man in Bayern das Elite-Ticket noch Jahre früher
lösen könne. An der Akademie braucht man ein Vor-
diplom, es gebe aber noch etwas für Leute, die direkt von
der Schule kommen. »Kennst du das Maximilianeum?«,
hatte er gefragt und mir dann von einer Art Luxuswohn-
heim mit Vollpension für ausgewählte Abiturienten er-
zählt. Deshalb sitze ich jetzt hier und warte auf Maria.
DER STOLZ DES FREISTAATS
Als sie um die Ecke biegt, denke ich, im Filmwäre nun der
Moment für eine Slow Motion gekommen: Mit wiegen-
dem Schritt kommt sie mir entgegen, setzt ihre hellen
Schuhe voreinander. Ihr schwarzer Rock wippt, die klei-
nen weißen Punkte verschwimmen im Gegenlicht. Aber
scWießlich, das wird sie gewohnt sein, bleibt der Blick
doch an den Haaren hängen: Blond und glatt fallen sie bis
zur Hüfte. Ich starre, als Maria mir die Hand schüttelt.
97
..... ,
. I
I
I
. I
.: ..·.1
-
Maria ist so eine ausgewählte Abiturientin, der Stolz
des Freistaats. Sie lebt in einem Gebäude, das König
Max II. einst als bayerische Akropolis errichten ließ. Ich
stelle mir vor, wie sie Freunden, die sie zum ersten Mal
besuchen, den Weg beschreibt: »Du überquerst die Isar
auf der Maximiliansbrücke. Dann ragt direkt vor dir ein
riesiges ummauertes Gebäude auf. Da sitzt auch der
bayerische Landtag drin. Aber du kannst einfach zum
Pförtner gehen und sagen, du willst zu mir, ins Maximi-
lianeum.«
Eine lustige Vorstellung, ungefähr so, als würde man in
Berlin in der Reichstagskuppelleben. Leider finden solche
Gespräche sehr selten statt, denn Maria lädt fast nie
Freunde zu sich ein. Neid ist ein großes, fast das einzige
Problem in ihrem Leben. Maria hatte im Abitur einen
I,O-Schnitt »und keinen Zweier auf dem Zeugnis«, wie sie
betont. Damit galt für sie das bayerische Eliteförderungs-
gesetz. Der Hauptpreis ist der Einzug ins Maximilianeum,
das der K" . fü'
. OnIg r »talentvolle bayrische Jünglinge« er-
nchten ließ.
Carl hatte recht: Fünfzig Schüler dürfen hier gratis
wohnen und werd fü' d' D .
" en r Ie auer Ihres Studiums ver-
wohnt. Morgens ist ein Frühstücksbüfett aufgebaut mit-
tags .wird ihnen um »Schlag eins« ein
servtert. Sie haben eine Bibliothek fi" . . d PI"t e
. .d h ' ur SIe sm a z
m er P ilharmo' d b .
. . nIe un elm Oktoberfest reserviert.
DIe Ztmmer putzt d P
Wo
. as ersonal, das auch die schmutzige
asche mitnimmt F" d
S d
· . » or erungsziel ist ein sorgenfreies
tu tUrn«, erklärt . M .
. d' mIr ana. Dafür müssen sie Szenen
WIe Ie beim I t t .
D" e z en Neu)ahrsempfang in Kauf nehmen.
a sturmte der d al' . .
Sto'b f am Ige MInIsterpräsident Edmund
I erau dieStud t .
en en zu und heß sich mit ihnen foto-
98
grafieren. »Die Politiker zeigen sich gern mit uns. Dann
heißt es schon mal: Unsere Elite, unsere Hochbegabten.«
»Und seid ihr Elite?«
»Man scheut sich, sich selbst so zu benennen. Im Ma-
ximilianeum gibt es welche, die sind offensichtlich hoch-
begabt. So krasse Mathematiker zum Beispiel. Die lösen
Aufgaben, für die andere eine Woche brauchen, sofort.«
Maria lacht und sagt, sie selbst sei normal, sie koche auch
nur mit Wasser. Sie rührt in ihrem Cappuccino und er-
zählt, wie sie während der Fußball-WM jubelnd über die
Leopoldstraße gerannt sei. Ich bin versucht, ihr das mit
dem Normalsein zu glauben. »Ich bin Fußballfan, seit ich
klein war«, sagt sie. Außerdem schwimmt sie gerne. Im
hauseigenen Schwimmbad. Wie normal kann so ein pri-
vilegiertes Leben sein?
Maria ist in einem kleinen Ort bei Augsburg aufge-
wachsen. Ihre Eltern sind Lehrer, ihr kleiner Bruder baut
gern Roboter nach. Maria war immer die Musikerin. Sie
spielte Klavier und vor allem Kontrabass, in insgesamt
vier Orchestern. Das sollte auch ihr Beruf werden. Bis sie
irgendwann aufgeben musste, weil eine chronische Seh-
nenscheidenentzündung das Spielen unmöglich machte.
Maria entschied sich dann wie so viele gute Schülerinnen
für Jura. Ihr Vater hatte gespart und hätte seiner Tochter
die Studienjahre finanziert. Und hier endet die Ge-
schichte vom normalen, behüteten, Leben eines klugen
Mädchens, und es beginnt die Erzählung von einer, die zu
den Besten eines Landes gehört, in dem Leistung schon
immer wichtig war.
Denn ihre Schule, ein Franziskanerinnen-Gymnasium,
schlug Maria für die Begabtenförderung vor, weil sie die
strengen Kriterien erfüllte, die seit 1876 fast unverändert
99
-
gültig sind und die heute ausgesprochen angestaubt klin-
gen. Kandidaten müssen von »tadelloser sittlicher Füh-
rung« sein, sie müssen das christliche Glaubensbekenntnis
abgelegt haben und im Besitz des »bayerischen Indige-
nats« sein. Das heißt, man muss im Bayern Maximilians II.
geboren worden sein. Auch Saarländer oder Pfalzer sind
deshalb nach den Statuten echte Bayern. Maria hat zudem
davon profitiert, dass auch Bayern trotz dieses Traditions-
bewusstseins langsam liberaler wird. Im Jahr 1980, kurz
vor ihrer Geburt, wurde nach langem Ringen die erste
Frau aufgenommen. Mittlerweile sind knapp 30 Prozent
der »talentvollen Jünglinge« Mädchen.
Maria fuhr also von dem kleinen Dorfbei Augsburg in
die Landeshauptstadt. Hier, im Münchner Zentrum, wo
alles alt und stolz aussieht, hatte sie einen Termin im
Kultusministerium. Dreizehn Beamte prüften sie in fast
~ b e n s o vielen Fächern. Mathe, Englisch, Latein, Physik-
lIll Schnelldurchlaufging es durch das gesamte Schulwis-
sen. »Am Ende kommt immer noch eine Todesfrage, eine,
die man gar nicht lösen kann«, sagt Maria und erzählt mir
von der Mutter aller »Todesfragen«, der Wiesenblumen-
Bestimmung. »Sie geben dir einen Strauß und du sollst
die Namen der Blumen nennen. Am best;n auf Latein.«
Ich schlucke. Wer zum Teufel kann das? Und vor allem:
Inwi:fern ist das eine sinnvolle Elite-Rekrutierung?
Die Prüfung zu schaffi . t fü' .
en IS r Junge Bayern eine ge-
waltige Ehre Med ill
. a en aus Jugend-forscht- -musiziert-
oder -treibt-Sport ur t b b' '
. - vve t ewer en smd nichts dagegen.
Vierhundert Sch"l I .
'. u er ver assen Jeden Sommer die Gymna-
sien lIll Bayern M . ili
S hs b
· axun ans des 11. mit einem 1,0-Schnitt.
ec IS acht von ihn d
. en wer en angenommen. Maria hat
eme Woche gefeiert al di Z
, s e usage kam. Jetzt ist sie Maxi-
100
milianeerin, was ihren ohnehin schon großen Ehrgeiz noch
weiter anstachelt. Um sechs Uhr klingelt ihr Wecker, dann
lernt sie den Stoff, den sie am Vortag noch nicht geschafft
hat. Wenn sie nicht zur Universität muss, setzt sie sich in
die Bibliothek und lernt weiter, mindestens bis 18 Uhr.
Sechs Tage pro Woche lebt sie nach diesem Rhythmus, am
siebten Tag ist frei, wenn nicht, wie im Moment, Prüfungen
anstehen. »Seit knapp drei Monaten lerne ich durch«, sagt
Maria. Sie ist eben Maximilianeerin und damit Erbin einer
langen Tradition. Der Physiknobelpreisträger Werner Hei-
senberg war ihr Vorgänger, der Schlagerschreiber Michael
Kunze, dem vielleicht hinter den Mauern die Idee für sei-
nen Hit »Ein Bett im Kornfeld« kam, auch und natürlich
FIS, der ewige Landesvater Strauß.
Wie viele hier hat auch Maria sich in einen Mit-Maxi-
milianeer verliebt. Er, auch werdender Jurist, studiert ge-
rade in Oxford. Die Fernbeziehung werden sie überste-
hen, beide wollen sie Familie, auch wenn es Maria Sorgen
macht, wie sich das mit der Karriere vereinbaren ließe.
Eine schöne Geschichte, wenn nur der Neid nicht wäre. Es
fing schon in der Schule an. Die Eltern ihrer besten
Freundin waren sauer, weil Maria vorgeschlagen wurde,
nicht die Tochter, die fast genauso gut war. Sie hat ein
kleines Computerspiel programmiert, bei dem Teenager
virtuelle Pferde pflegen können. »Auch da im Forum
werde ich oft als arrogant beschimpft, weil ich mich
anders ausdrücke als die meisten.« Manche Mitschüler
dagegen wollten plötzlich unbedingt mit ihr befreundet
sein, um sich in ihrem Glanz zu sonnen, wie sie vermutet.
Deshalb ist sie vorsichtig geworden. An der Uni erzählt sie
kaum jemandem, wo sie wohnt, und sagt lieber, sie habe
ein Zimmer in einem Wohnheim am Max-Weber-Platz.
101
Glaubt man Maria, steht sie über diesen Neidern. »Witzig
ist, dass es einige gibt, die damit angeben, dass sie die Prü-
fung auch geschafft haben, dass sie das Stipendium aber
nicht annehmen wollten. Das kann ja gar nicht stimmen.«
Diese Geschichten gehören zum Standardwitzrepertoire
im Maximilianeum, erzählt Maria.
Ich erinnere mich daran, wie schlecht es mir ging, als
ich eine Absage von der Studienstiftung des Deutschen
Volkes bekam. Sofort fing ich an, mir einzureden, die
ganze Auswahl quasi unterlaufen zu haben. »Uns war die
Party am Auswahlwochenende wichtiger«, erzählte ich
cool, obwohl ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich habe
über die Spießer geschimpft, die angenommen wurden,
und über die Sexisten in der Auswahlkommission. Nie
habe ich gesagt, gedacht oder akzeptiert, dass es vielleicht
an mir gelegen haben könnte. Wie unfair kann man sein,
schäme ich mich, als ich jetzt Maria gegenübersitze. Sind
wir, die Ausgeschlossenen, schuld an dieser Trennung in
»wir« und »ihr«? Bleibt einem, der besser ist, vielleicht gar
nichts anderes übrig, als sich abzukapseln, um sich nicht
ständig wehren zu müssen?
Während ich denke, ist Maria schon weiter, beantwor-
tet genau und geduldig meine Fragen. Was hält sie von der
Welt außerhalb der Stiftung? Wie erlebt sie die großen
deutschen Debatten über Arbeitslose, Sozialsysteme und
mehr Wettbewerb?
. »Ich kenne niemanden in der Stiftung, der arbeitslos
1st oder Angst dan h t . ..,
.or a «, sagt Mana. Und wemg spater-
das hat in unserem G " h . h d
esprac mc ts mehr miteinan er
zu tun, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich doch _ be-
schwert sie sich d"b d
. . aru er, ass manche an der Uni oder
elmge der Mäd h .
c en, ffilt denen sie im Forum ihres Pfer-
102
despiels rede, bequem seien, aber trotzdem Ansprüche
hätten. »Die sagen: Ich bin toll, so wie ich bin, und mir
soll alles in den Mund fallen.« Sie erinnert sich daran,
dass das schon in der Schule so war. Immer wenn die
Klasse Arbeitsgruppen bilden sollte, seien die Faulen zu
ihrer Freundin und ihr gekommen, um von deren guten
Leistungen zu profitieren. »Trittbrettfahrer« nennt Maria
solche Menschen, und sie mag sie nicht sonderlich. Wer
viel leistet, soll eine Anerkennung bekommen, findet sie.
Deshalb sei das Prinzip der Stiftung fair.
Der Cappuccino ist fast ausgetrunken. Ich frage nach
ihren Plänen für die Zukunft. Sie möchte ein gutes
Examen machen und dann eine erfolgreiche Juristin wer-
den, im Staatsdienst, in einer Kanzlei oder in der Wirt-
schaft, wie ihre Cousine es gerade vorgelebt hat. Genaues
wisse sie noch nicht, entschuldigt sie sich. Ich habe ver-
gessen, dass sie gerade erst neunzehn ist. Und ihre Träume?
»Willst du etwas verändern im Land?«, will ich wissen.
Maria schaut, zögert, dann schüttelt sie den Kopf. »Ich
konzentriere mich auf den Bereich, in dem ich mit mei-
nen jetzigen Mitteln etwas verändern kann: Das bin ich
selber. Mit mir bin ich ziemlich streng.« .
Kurz darauf verabschieden wir uns wieder. Maria
kehrt in die bayerische Akropolis zurück, in ilir kleines
Apartment. Ihre Privilegien, das weiß ich jetzt, hat sich
die bayerische Elite hart erarbeitet. Sie alle werden wohl
ähnlich fleißig, ähnlich intelligent sein wie Maria. Nur
dass sich die Stipendiaten auch in einem dritten Punkt
auffallend ähnlich sind, lässt mich am Sinn der Förderung
zweifeln: »Wir sind viele Lehrer- und Professorenkinder«,
hatte Maria mir gesagt. Maximilianeer, deren Eltern aus
der Unterschicht kämen, gebe es nicht.
103
Als ich durch München laufe, frage ich mich, ob dieser
Satz für die ganze Stadt gilt. Die gewohnten Spuren urba-
ner Armut suche ich vergeblich. Stellt hier niemand leere
Bierflaschen auf die Mülleimer, um den Sammlern das
Leben zu erleichtern? Wo sind hier die Penner, die zu
Hause allein vor dem Supermarkt in meiner Straße in
Handballmannschaftsstärke leben? Und warum will nie-
mand mein U-Bahn-Ticket haben, um es für die Hälfte
weiterzuverkaufen? Wer ist Kunde all dieser Seifenläden,
dieser Geschäfte mit Heizstangen für Handtücher, dieser
mit Kinderkleidung, die versprechen, den
Jungsten in einen »Dolce & Gabbana Junior« zu verwan-
deln? Ich tue, was mir in München natürlich erscheint,
und setze mich in einen Biergarten, der aussieht wie in
der Werbung, und bin überrascht, wie wohl ich mich
fühle. Bierflaschen auf Mülleimern zu vermissen kann
nur ein Symptom idiotischer Sozialromantik sein. Ver-
mutlich finden alle Menschen saubere Straßen auf Dauer
Wahrscheinlich lebt es sich wirklich ganz gut in
emer wohlhabenden Stadt. Ganz sicher ist die Arm-aber-
sexy-Logik ein schwacher Trost.
mir findet gerade ein großes Boule-Turnier
statt. Hmter mir hat d· S d fü° 0 • d
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amter 1st? Sch·t d '
. el ert er Cousin in der Schule, weil er düm-
104
mer ist? Warum werden die Söhne von Türken, Arbeits-
losen oder Bauarbeitern so selten Einser-Abiturienten und
nie Maximilianeer?
Ich denke an Michael Hartmann, den Eliteforscher,
und seine Zweifel an der Leistungselite. Er meinte: »Aus
Sicht des Bürgertums ist die derzeitige Struktur des
Bildungswesens ein entscheidendes Problem.« Der Nach-
wuchs der Reichen und Erfolgreichen werde dort schließ-
lich mit den Mängeln des öffentlichen Systems konfron-
tiert. Oft komme als einziger Ausweg ein Schulwechsel
ins Ausland infrage. »Bei einer verstärkten Binnendiffe-
renzierung sähe das aber anders aus. Dann könnte das
Bürgertum die eigenen Kinder in Bildungseinrichtungen
schicken, die aufgrund einer wesentlich besseren finan-
ziellen Ausstattung und selektiver Aufnahmeregelung das
gewünschte Niveau aufweisen, und dem Rest der Bevöl-
kerung das zunehmend marode Restsystem überlassen.«
Verstärkte Binnendifferenzierung - das meint wohl, dass
es nicht mehr den Kindergarten, die Schule, die Uni für
alle gibt, sondern ein Parallelsystem. »Der Vorsprung der
Bürgerkinder, den sie aufgrund ihrer familiären Bedin-
gungen schon mitbringen«, sagt Hartmann »würde da-
durch ausgebaut und verfestigt.«
DIFFERENZIERUNG
Ich sitze wieder in meinem Zimmer. Über mir wird seit
zwei Wochen der Dielenboden herausgerissen. Es hört
sich an, als stünde ein Zahnarztbohrer kurz vor dem
Durchbruch in meinen Gehörgang. Das Bürgertum habe
ein Interesse an einer Differenzierung des Bildungssys-
105
tems, hatte Hartmann gesagt. Nur so könne es seinen
Kindern die Nachteile des öffentlichen Systems ersparen,
Nur so sei gewährleistet, dass die Kinder der Elite früh
selbst das Eliteticket lösen.
Johann Comenius, einer der bedeutendsten Pädago-
gen des 17. Jahrhunderts, empfahl, wer eine gute Bildung
wolle, solle die »Langsamen unter die Geschwinden, die
Schwerfälligen unter die Wendigen, die Hartnäckigen un-
ter die Folgsamen mischen«. Das wäre das Gegenteil von
Ausdifferenzierung. Das wären Finnland und Schweden,
die Sieger aller Schulstudien. Was aber ist, wenn die Ge-
schwinden, die Klugen und die Wohlhabenden entschei-
den da . I' b "
, ss SIe le er unter sIch sem wollen? Was ist, wenn
sie am liebsten vergessen wollen, dass es auch Langsame,
Dumme und Arme gibt?
Seit der Bohrer lärmt, habe ich mir selbst Beschäfti-
gungstherapien auferlegt und meinen Stapel zum Thema
»Elite« in Akteno d" ,,,
r ner gezwangt. Immer wIeder blattere
ich die Texte dur h B' d'f:'I: .
C .» m n ~ n 1lerenzlerung« - das Wort
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Ich m Bayern h' .
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ec en. Die Binnend'f" .
ku 1lerenZlerung beginnt mittlerweile
rz nach der Geburt.
106
DER KAMPF UM DIE VORDEREN PLÄTZE
Als ich vier war, konnte ich lesen und schreiben. »APAP
OLLAH«, haben meine Eltern stolz aufbewahrt. »Hallo
Papa«. Ich habe falsch herum geschrieben, weil das für
Linkshänder einfacher ist, aber immerhin. Mit viel gutem
Willen hätte man daraus eine besondere Begabung und
damit einen besonderen Förderbedarfkonstruieren kön-
nen. Hat man aber nicht. Ich bin in den städtischen Kin-
dergarten gegangen, in die Grundschule unseres Viertels,
aufs Gymnasium, dann zu einer Uni, die das angeboten
hat, was ich studieren wollte. Ganz normal - wie alle
eben. Etwas anderes stand überhaupt nicht zur Diskus-
sion. Ich habe den Eindruck, dass es dieses »ganz normal«
seit einigen Jahren nicht mehr gibt. Der Druck, möglichst
früh möglichst viel zu leisten, wächst.
In Hamburgbietet eine private Sprachschule Englisch-
kurse für Schüler an, die nicht einmal sitzen, geschweige
denn sprechen können. Sie sind erst drei Monate alt. Sie
lauschen also den Englischstunden wie andere Säuglinge
ihrer Spieluhr. In München können Eltern ihre Kinder-
gartenkinder in den Chinesischkurs schicken, und in Pas-
sau bietet eine Firma Word-, Excel- und Powerpoint-
Kurse für Kinder ab vier an.
In Berlin hat Anfang 2007 eine Filiale der amerikani-
schen Bildungskette »FasTracKids« eröffnet. FasTracKids,
das heißt frei übersetzt »Überholspurkinder«. In einer
schicken Altbauwohnung in Steglitz sitzen Zwei- bis
Sechsjährige vor einer Tafel, aus der eine Computer-
stimme dröhnt. »Stellt euch vor«, sagt die Stimme, »ihr
wollt eure Freunde zum Insektensammeln einladen. Was
müsst ihr auf die Postkarte schreiben?« Da sie noch nicht
107
schreiben können, tippen die Kinder Symbole auf der Ta-
fel an. »Richtig«, freut sich die Tafel. Oder sie sagt, als ein
Junge auf das Bild eines Fisches zeigt: »Meinst du wirk-
lich, dass ein Fisch auf die Einladung muss?« Die Kinder
haben heute das Fach Kommunikation, ein Wort, das die
der kleinen Schüler nicht einmal aussprechen
konnen. Mathematik und Biologie standen in den Wo-
chen davor auf dem Stundenplan. Literatur, Astronomie
und sogar ein Block zum Thema Lebensstrategien werden
noch folgen.
, müssen Dreijährige das können?«, frage ich,
DIe VerbIndungen im Gehirn der Kinder seien jetzt be-
sonders verknüpfungsWillig, heißt es bei »FasTracKids«.
So schnell wie in diesem Alter, sagt die Leiterin, würden
die Kind ' . d
er me WIe er lernen. Während Deutschland bei
Frühförderung hinterherhinke, sei das Programm in
wie Russland, Mexiko oder Portugal längst ein
nesiger Erfolg.
Im Werbeprospekt der Kleinkindschule lese ich das
Protokoll eines G -, h' . ,
esprac s zweIer FasTracKids aus Mexiko:
»Wusstest du, dass Leonardo da Vinci die Mona Lisa
gemalt hat?« fragt de . "'h'
. , r vierJa nge Diego. »Ja, natürlich«,
antwortet sein s h 'äh' ,
ec sJ nger Klassenkamerad Fernando.
»Wusstest du d 11
' ass er vor a em das Lächeln der Mona Lisa
malen wollte?« Und d' fü' fiooh '
. Ie n Ja nge Julia aus Denver die
gefragt wird waru . d' '
k
" m SIe Ie Namen aller neun Planeten
enne, wIrd mit dA' ,
. . er ntwort ZItIert: »Ich habe sie behal-
ten, weil Ich ein FasTracKid bin.«
Diese Art de Wb'
d
Kl
r er ung wIrkt. In Berlin steigt die Zahl
er assen stetig Fil'al . 00
II
. I en In Dusseldorf und Hamburg
so en folgen Bildun fü .
W
eh
d
· g r KleInstkinder ist ein neuer ein
a sen er Markt D ' '
. enn Bildung ist zum Statussymbol
108
geworden, Vor allem Eltern aus der Mittelschicht haben
Angst, dass ihr Kind zum Verlierer werden könnte, wenn
es den ganz normalen Weg geht. Und so statten sie ihr
Kind schon im Windelalter mit Zusatzqualifikationen
aus. »Hier werden die Kinder auch rhetorisch fit ge-
macht«, erzählt mir eine Mutter, die ihre Söhne zu »Fa-
strackids« schickt. »Sie lernen Präsentationsformen, die
ihnen später nützen werden.«
Hört man sich um, hat man das Gefühl, dass sich viele
Eltern in eine Art Wettrüsten um den beeindruckendsten
Kleinkindlebenslauf gestürzt haben. Die Söhne der Fas-
TracKids-Mutter gehen in einen englischsprachigen Kin-
dergarten, Englisch, erklärt sie mir, sei in Zeiten der Glo-
balisierung eben wie Zähneputzen. »Wir haben gemerkt,
dass die große Schwester, die erst mit fünf angefangen hat
mit Englisch, einfach zu spät dran war. Deshalb haben wir
entschieden, dass die Jungs gleich mit zwei anfangen.«
über 1000 Euro kostet die Förderung ihrer beiden Söhne
pro Monat. Geld, das gut investiert sein soll.
Also wird der ältere der beiden Jungs im Herbst nicht
auf eine normale Grundschule wechseln. Er könne sein
Englisch wieder verlernen, fürchtet die Mutter. Ihr Sohn
soll auf eine bilinguale Grundschule. Doch die sind be-
gehrt, die Wartelisten lang. Die Familie nahm einen An-
walt und war bereit, für den Platz an der Schule zu klagen.
Aber dann zog ein Zwillingspaar aus Berlin weg, der Sohn
der FasTracKids-Mutter rückte nach. »Die richtige Schule
zu finden dauert Monate«, sagt sie. »Aber es ist eine so
wichtige Entscheidung.« Sie hat ihren Sohn zu Probe-
stunden geschickt. Er hat Einstufungstests absolviert. Zur
Sicherheit hat die Familie schon früh einen Vertrag mit
einer Privatschule unterschrieben, falls es mit der begehr-
109
ten Europaschule doch nicht geklappt hätte. »Das ist si-
cherlich ein Trend- dass die Leute, die es sich leisten kön-
nen' sehr genau hingucken und sich fragen: Wo kann ich
für mein Kind das Optimum rausholen?«, sagt sie.
Als ich eingeschult werden sollte, sind wir vorher ein-
mal den Weg abgegangen. Durch unsere Straße, dann
rechts, über die Ampel, noch ein bissehen geradeaus, am
Friedhof vorbei. Ich habe gelernt, dass ich links, rechts,
links gucken soll. Dann haben wir eine hellblaue Uhr und
einen roten Ranzen gekauft, und alle fanden, ich sei nun
fit für die Schule.
Heute gilt schon die Wahl des Kindergartens als beruf-
liche Weichenstellung. Jeder kennt Leute, die vor der Ein-
schulung in einen schickeren Stadtteil zogen. Einer er-
zäWt von Bekannten, deren Tochter schon in der ersten
Klasse mit Chinesisch beginnt. Eine Erzieherin, deren
Kindergarten in einem bürgerlichen Berliner Stadtteil
liegt und als pädagogischer Modellkindergarten gilt, be-
richtet mir, dass die Eltern nervös werden, weil die Klei-
nen basteln, Experimente machen und spielen - aber kein
Englisch lernen. »Die Eltern«, sagt sie, »haben Angst, dass
ihre Kinder dadurch den Anschluss verlieren.« Im Maga-
zin der Süddeutschen Zeitung erzählt Karina Lübke von
einem Volkshochschulkurs für Achtjährige. »Und? Was
machst du so?«, fragt einer der kleinen Schüler seinen
»Ich bin hochbegabt«, sagt der. Was wie ein
klinge, schreibt die Autorin, sei in Bildungsbürger-
kreisen Normalität, »ebenso die Gesprächseröffnung
Kinder-Small-Ta1k«: »Bist du getestet?«, fragen sich
die Kleinen und red "b I 11' .'
. . en u er nte igenztestergebmsse Wie
Wir, die ungetestete Generation, vielleicht über die An-
zahl unserer Legosteine oder Schlümpfe.
110
Der Zeit-Autor Bartholomäus Grill erlebte dieses neue
Denken, das er als »Bildungsdarwinismus« bezeichnet,
am ersten Schultag seines Sohnes Leo an einer Steglitzer
Privatschule. Leos Schulzeit begann nicht mit Schultüte
und Familienfoto, sondern mit einer Eröffnungsgala.
»Die Familienclans, Opa und Oma inklusive«, schreibt
Grill, »umtanzten die verunsichert dreinschauenden Kan-
didaten wie Filmsternchen. Man hatte gleich das Gefühl,
dass in dieser Anstalt die Nachzucht für die Globalisie-
rung zugerüstet wird.« An den Klassenzimmertüren las
der verunsicherte Vater Grill: Gur subject is our success -
»Unser Lernziel ist unser Erfolg«. An dieser Schule wollte
Leo nicht bleiben. Grill meldete ihn ab. Der Steglitzer
Schule dürfte das egal sein. Die Warteliste ist lang. Privat-
schulen boomen. 2007 wurden pro Woche ein bis zwei
private Schulen gegründet. Die Zahl der Schüler ist seit
dem Jahr 2000 um fast zwanzig Prozent gestiegen. Immer
mehr Eltern wollen, dass ihre Kleinen schon früh zu den
Gewinnern gehören, und man ist bereit, dafür zu zahlen.
40 Euro im Monat kostet der Englischkurs für Säuglinge.
100 Euro bezahlen die Eltern bei »FasTracKids«, zwischen
300 und 800 Euro pro Monat kostet ein Platz in einer Pri-
vatschule, 600 einer in einem guten privaten Kindergarten.
Mindestens.
Ich steige in der »Berliner Vorstadt« aus der Straßen-
bahn. Was nach Problemkiez klingt, ist die neue Nobel-
meile am Rand der Hauptstadt. Hier, direkt hinter dem
Ortsschild Potsdam, am Ufer des Heiligen Sees wohnen
Prominente und Superreiche, und hier sollen ihre Kinder
auch bald angemessen betreut werden. Deshalb haben
Privatleute das ehemalige Standesamt der Stadt gepach-
tet. Sie haben 700000 Euro investiert, damit aus dem klas-
111
sizistischen Bau aus dem Jahre 1800 die »Villa Ritz« wird:
eine Fünf-Sterne-Kita mit dreitausend Quadratmetern
Grundstück. Bis zu fünfzig Kinder sollen hier bald jeden
vorstellbaren Luxus genießen. 980 Euro wird die Betreu-
ung pro Monat kosten. Allerdings ist das der Basissatz.
Die Eltern können einen Chauffeur oder einen Body-
guard buchen, einen Geigen- oder Chinesischlehrer oder
den Villa-Ritz-Dokumentarfilmer, der dann die Party
zum dritten oder vierten Geburtstag aufzeichnet. Das
alles kostet aber extra.
»Fast tausend Euro ist ja schon ziemlich viel«, sage ich,
als ich hinter Raymond Wagner, dem Geschäftsführer der
Villa, durch die Eingangshalle laufe, eine Kuppel über uns,
ein roter Teppich unter uns. Mein Freund hat gerade einen
neuen Vertrag an der Uni unterschrieben. Der öffentliche
Dienst spart. Deshalb verdient er jetzt 300 Euro weniger als
Zuvor. Als wissenschaftlichemMitarbeiter mit halber Stelle
bleiben ihm rund 1000 Euro netto. Er müsste sich dann
wohl entscheiden, ob er den Kita-Platz für sein Kind oder
die Miete seiner Wohnung und seine Einkäufe bezahlt.
Man konkurriere um die Eltern, die sich auch eine Kinder-
frau leisten könnten, unterbricht Wagner meine Kalkula-
tion. Außerdem müsse man den Preis in Relation zumAn-
gebot sehen. Eine Erzieherin müsse sich hier um nur sechs
Kinder kümmern. In der normalen Welt sind es je nach
Bundesland bis zu zwanzig. Die Kinder lernen Englisch. Ih-
nen wird mittags ein dreigängiges Vollwertmenü gekocht,
morgens und abends können sie sich am Büfett bedienen.
Wer wichtige Termine hat, kann sein Kind auch mal über
Nacht dalassen. Das allerdings kostet wieder extra.
»Buchen können die Eltern die Übernachtung hier«,
sagt Raymond Wagner. Wir stehen an einem Tresen, aus
112
dem die Rezeption des Kindergartens werden soll. Wenn
die Eltern ihr Kind bringen oder holen, sollen sie nicht
lange suchen müssen. An diesem Empfangstresen sollen
sie ihr Kind und alle nötigen Infos erhalten. »Das ist unser
Komfort«, freut sich Wagner. Und das ist verrückt, denke
ich, denn jetzt stehen wir im Wellnessbereich der Kita.
Noch ist dort, wo ein großes Aquarium entstehen soll, ein
Loch in der Wand. Die Sauna ist aber schon gut zu erken-
nen. Im Nebenraum werden die Masseure und Physio-
therapeuten arbeiten. Auch deren Leistungen können die
Eltern dazubuchen. Genau wie Yoga, Ballett oder Medi-
tation. »Manche Dreijährigen haben schon Rückenpro-
bleme«, erklärt mir Wagner, während wir durchs Trep-
penhaus laufen. »Uns wird ja stets der Vorwurf gemacht,
wir zögen hier eine Geldelite heran«, sagt er. »Aber uns
geht es um eine Bildungselite, eine geistige Elite.«
»Zu der können dann aber doch nur die gehören, die
pro Kind und Monat tausend Euro zahlen«, entgegne ich
und animiere Wagner damit zu einem Vortrag über unser
»schreckliches System« der Gleichmacherei. »Der Sozial-
staat«, erklärt er mir, »orientiert sich stets am Schwäche-
ren. Aber was ist mit dem Stärkeren?« Seit den achtziger
Jahren sei es nur darum gegangen, diese Starken schwach
zu halten, damit niemand aus einer Gruppe herausragt.
So habe Deutschland Ressourcen verschwendet und den
Anschluss im internationalen Wettbewerb verloren, fin-
det er. »Wir müssen von der Idee weg, dass der Ernst des
Lebens erst in der Schule beginnt.« Schon Kleinstkinder
seien zu erstaunlichen Leistungen fähig. Und wenn ein
Kind schon mit drei Jahren multiplizieren könne oder
mit vier Jahren Englisch spreche, dann werde er dieses
Kind nicht bremsen, sondern fördern und fordern.
113
»Werden sich denn Kinder, die mit sechs die Villa Ritz
verlassen, die rechnen können, Englisch und vielleicht
auch Chinesisch sprechen, in der Grundschule nicht
langweilen?«, frage ich.
»Da gibt es eine Diskrepanz. Aber das ist nicht unser
Problem«, sagt Wagner. Schließlich hätten die Kunden
der Villa Ritz sowieso kein Interesse daran, ihr Kind auf
eine Regelschule zu schicken. Die Villa werde bald mit
Privatschulen kooperieren, um den Eltern zu helfen, einen
geeigneten Platz zu finden.
Gewinner hier, Normale und Verlierer dort: Diese Ein-
teilung soll also künftig schon im Kindergarten vorge-
nommen werden. Darauf setzt nicht nur die Villa Ritz. In
Stuttgart eröffneten im Jahr 2006 die »Litde Giants«.
Auch hier kostet der Platz knapp 1000 Euro im Monat.
Trotzdem ist die Kita ausgebucht, die Warteliste lang. Die
»Litde Giants« haben bereits Filialen in Frankfurt und
München. Jetzt sucht die Firma Franchise-Nehmer in
achtzehn anderen Städten. »Mir wäre es auch lieb, wenn
alle Kinder optimal gefördert würden«, sagt Raymond
Wagner. Aber das sei nicht bezahlbar. Ob ich fordere, dass
Menschen, die sich eine teure Betreuung leisten
konnen, verzichten sollen, will er wissen. »Wollen wir alle
der untersten Stufe zugrunde gehen?«, fragt er. Gerecht
sei da t" l' h . h
s na ur IC nIC t. »Aber wo gibt es eine gerechte
Welt?«
.. In Deutschland aufjeden Fall nicht. In zweiunddreißig
Ländern untersuchten Wissenschaftler für die PISA-Stu-
die den Abstand zwischen der Leistung von Schülern auS
und armen Familien. Nirgendwo war er so groß
WIe .In Deutschland. Das brachte Platz 32. Die für ihre
Zweiklassengesellschaft viel geschmähten Vereinigten Staa-
114
ten belegten Platz 8. Die Zahl der armen Kinder steigt in
Deutschland seit Jahren - Anfang 2007 waren es 17 Pro-
zent, fast zwei Millionen. 208 Euro pro Kind, ein Fünftel
der Gebühr, die die Villa Ritz verlangt, überweist der Staat
Hartz-IV-Familien. Das sind 6,80 Euro pro Tag. Damit
müssen sie das Kind ernähren, kleiden und bilden.
Melina ist eines dieser Kinder. Sie ist elf Monate alt. Ihr
Großvater lebt von Hartz IV, ihre Eltern auch. Kevin und
Mike, ihre Onkel, sind sieben und neun Jahre alt und ge-
hen aufdie Wattenscheider Förderschule. Eine Schule, die
sagt, dass sie die Kinder nicht auf den Beruf, sondern auf
ein Leben von der Stütze vorbereite. Man wolle keine fal-
schen Hoffnungen machen. Bisher begann die Förder-
schule mit der vierten Klasse. Das ist seit Kurzem anders.
Eine erste, zweite und dritte Klasse sind dazugekommen.
Der Weg in Richtung Hartz IV beginnt also schon für
Sechsjährige. Oder noch früher. Melina hat kaum Spiel-
zeug. Schon morgens sitzt sie oft auf der schwarzen Le-
dercouch, während das Frühstücksfernsehen läuft. Sie hat
kein Stühlchen, in das sie zum Füttern gesetzt werden
kann, und in ihren ersten Lebensmonaten hat sie wahr-
scheinlich mehr Zigarettenqualm eingeatmet als andere
in ihrem Leben. Oft fehlt ihren Eltern am Ende des Mo-
nats das Geld für Windeln, manchmal auch fürs Essen.
Weil sie wenig haben und weil sie mit dem wenigen
schlecht umgehen können.
Vielleicht ist Melina sehr klug. Vielleicht könnte sie
auch mit drei Jahren schon multiplizieren oder mit vier
schon Englisch sprechen. Vielleicht hätte sie Spaß an Yoga
oder am Geigenunterricht. Erfahren wird man das wohl
nicht. Melina ist ein Kind der Unterschicht, keines der
Villa Ritz. »Gerecht ist das nicht. Aber wo gibt es eine
115
gerechte Welt?« Melinas Schicksal mit diesem Satz fast
achselzuckend hinzunehmen ist zynisch. Es gab mal die
Idee der Solidarität. Dass die, die viel haben, auch viel
dazu beitragen, dass es allen besser geht. Wenn die einen
erst in die Luxus-Kita und dann in die Privatschule gehen,
während die anderen erst vor dem Fernseher sitzen und
dann die Förderschule besuchen, ist von dieser Idee
nichts mehr übrig. Dann sollte aber auch jemand den
Mut haben, Melina das zu sagen.
ELITE MIT MIGRATIONSHINTERGRUND
Es ist gerade dunkel geworden. Ich stehe in Brüssel, am
Place Schumann, blicke auf das Berlaymont-Gebäude,
das vielstöckige Verwaltungszentrum Europas. Wäre heute
nicht Samstag, würden fünfundzwanzigtausend Europa-
Beamte, Hunderte Parlamentarier und unzählige Interes-
senvertreter hier verwalten, verhandeln und dinieren, im
Takt der vollen Terminkalender. Hier, wo ich stehe, wür-
den Menschen aus der Metro-Station quellen, Autos wür-
den sich stauen. Jetzt ist um mich herum alles leer. Kein
Mensch, keine fahrenden Autos, nur ein einsam warten-
des Taxi. Das Europaviertel rund um den Place Schu-
mann führt an Werktagen ein hektisches Leben, das am
Wochenende fast völlig erlischt.
Dies hier ist einer der Orte, an denen deutlich wird,
wie konsequent sich die Elite manchmal von der Masse
abwendet IR·· k d
.. . m uc en er dreckigen, aber lebendigen
Stadt Brussel hat sich Europa ein eigenes Reich errichtet.
Normale Menschen trifft man hier nur als Dienstleister in
Hotels, Restaurants und Kiosken an. Am Wochenende,
116
wenn Europa nach Hause gefahren ist, essen, feiern und
scWafen diese Menschen unten in der Stadt. Das Europa-
viertel bleibt verlassen zurück.
Glücklicherweise muss ich hier nicht bleiben, sondern
habe in dem Teil von Brüssel, der auch an Samstagen exis-
tiert, eine Verabredung. Ich werde zehn junge Menschen
treffen, deren Lebenslauf sie eigentlich zu geborenen Ver-
lierern macht. Sie sind zwischen neunzehn und einund-
zwanzig Jahren alt, in China, dem Iran oder der Türkei
geboren. Die erste Erinnerung, die einige von ihnen an
Deutschland haben, ist die an den ScWagbaum eines Auf-
fanglagers für Flüchtlinge. Nur drei der Studenten sind in
Deutschland geboren, in keiner der Familien ist Deutsch
die Muttersprache. Problemkinder, sagt die Bildungssta-
tistik. Studenten, sagt ihr Lebenslauf, und allein das ist
schon eine Sensation. Denn nur sieben Prozent der über
zwei Millionen Studenten in Deutschland sind Migran-
tenkinder. Eine Mehrheit stellen sie dagegen in den Kate-
gorien »Hauptschüler« und »Schulabbrecher«.
Rund die Hälfte der Fünfzehnjährigen aus Migranten-
familien konnte bei Tests gerade einmal simpelste Texte
lesen. Betrachtete man nur die Jugendlichen, in deren Fa-
milien türkisch gesprochen wird, sackte die durchschnitt-
liche Lesefähigkeit auf Grundschulniveau. Und wenn es
doch einmal einer schafft, schnappt offensichtlich im
Kopf vieler Lehrer die Rassismusfalle zu: Selbst bei glei-
cher Leistung werden Migranten oft scWechter bewertet.
Während sie zur Hauptschule geschickt werden, kann
sich der gleich starke deutsche Mitschüler oft über eine
GymnasialempfeWung freuen. Diese Schieflage ist woW
das Resultat einer nicht existierenden Integrationspolitik.
Deutschland hat sich nie sonderlich bemüht, die Kinder
117
---
derer, die einwanderten, zu fördern. Das Schulsystem, das
früh sortiert und Kindern, die einen schweren Start hat-
ten, kaum Chancen bietet, aufzuholen, besorgte den Rest.
Kinder, deren Eltern nach Schweden, Norwegen, Öster-
reich oder in die Schweiz gingen, haben weitaus bessere
Karten als die, deren Eltern nach Deutschland kamen.
Aadish, Gülsah, Nawid, Edward, Waldemar, Jakob,
Alexander, Jin-Kyu, Helen und Fatos haben es trotzdem
geschafft. Sie sind ein lebendes »Es geht doch«. Und des-
halb hat der Mobilfunkkonzern Vodafone die erstklassi-
gen Abiturienten zur Elite gekürt, zur Elite mit Migra-
tionshintergrund. Aufgereiht sitzen sie an einer langen
Tafel. Vodafone hat gerade einen Kir royal ausgegeben.
Gülsah und Fatos, die zwei Muslima in der Runde, bitten
um Saft. Es ist das perfekte Werbefoto für ein neues, offe-
nes Deutschland. Vodafone preist die zehn als »Aufstei-
gergruppe«, als »Bildungselite«, als »positives Beispiel für
die Gesellschaft und Mitmigranten« und lässt sich ihre
Unterstützung einiges kosten. Das »Chancen«-Stipen-
dium, das die firmeneigene Stiftung im Jahr 2006 aufge-
legt hat, ist eine der umfangreichsten Förderungen, die es
in Deutschland gibt: Vodafone zahlt den Stipendiaten
knapp 600 Euro für den Lebensunterhalt, dazu Bücher-
geld, Reisen, Sprachkurse und, das größte Schmankerl,
~ i ~ . Gebühren für ein Studium an einer privaten Univer-
sItat. Insgesamt investiert Vodafone in jeden Studenten
gut 80000 Euro.
M· .
eme vorurteilgeschulten Augen bleiben sofort an
Fatos hängen. Sie trägt Kopftuch und ein langes Gewand.
Frauen wie sie bl d F h . d·
en en emse sender gern em, um le
Themen »Verlierer« oder »Islamismus« zu illustrieren.
Fatos aber Wa ß . d
r au er m er Grundschule stets die Klas-
118
senbeste. Sie wurde in der Türkei geboren. Als sie ein Jahr
alt war, kamen ihre Eltern nach Berlin, weil ihr Vater bei
Siemens arbeiten konnte. Die Mutter, die Fatos, die große
Schwester und den kleinen Bruder erzog, sprach türkisch
mit den Kindern. Deutsch lernte Fatos erst im Kindergar-
ten. Ein klassischer Einwandererlebenslauf, der nur für
acht Prozent der Schüler auf dem Gymnasium endet. Fa-
tos aber schaffte es. Sie übersprang sogar die elfte Klasse
und machte dann ein sehr gutes Abitur: Über ihren
Schnitt von 1,7 sei sie ein bisschen enttäuscht gewesen,
sagt sie, hätte es doch die gesamte Oberstufe, bis sie vier
Monate lang krank ausfiel, nach einem I,O-Schnitt ausge-
sehen. »Ich habe immer viel gelernt. Um es als Ausländer
in der Schule zu schaffen«, erklärt sie mir, »ist man besser
fleißiger als alle anderen.«
»Habt ihr Angst, dass man euch als Alibi-Ausländer
benutzt?«, frage ich. »Um zu zeigen: Es geht doch, in
Deutschland als Ausländer erfolgreich zu sein?«
»Ich fühle mich schon manchmal als Vorzeigetürkin«,
antwortet Fatos. »Aber irgendwer muss schließlich anfan-
gen. Ich möchte Vorbild sein. Und vielleicht werden aus
uns zehnen dann bald tausend.« - »Aber nur vielleicht«,
sagt sie noch einmal. Denn Diskriminierung sei für aus-
ländische Schüler Alltag. Fatos hat erlebt, dass Ausländer
trotz guter Klausuren bei manchen Lehrern stets schlechte
Zeugnisnoten bekamen. Ihre Freundin hatte einen Lehrer,
der sie ein Jahr lang nicht drannahm. »Bei dem stand kein
Ausländer besser als vier«, sagt sie. Während ihrer Schul-
zeit musste sie sich laufend von einem ihrer türkischen
Freunde verabschieden: »In der siebten Klasse waren wir
noch so viele Türken, dass es für eine eigene Klasse gereicht
hätte. Am Ende, beim Abi, waren es nur noch zwei.«
119
Fatos blieb. Ihre Noten hätten sie unantastbar ge-
macht, glaubt sie. Kein Lehrer hätte ihr, die stets Einsen
schrieb, ernsthafte Probleme machen können. Heute leitet
sie eine Gruppe für muslimische Mädchen und trichtert
ihnen die Lehren ihrer Schulzeit ein: »Seid besser. Lernt.
Nur wenn ihr in der Schule gut seid, kommt ihr voran.«
Und trotzdem. Als Fatos gemeinsam mit ihrer Freundin
und zwei guten AbscWüssen in der Tasche vor einer
Kreuzberger Berufsberaterin saß, meinte die: »Ihr seid
doch Türkinnen, wieso wollt ihr studieren? Ihr werdet
früh heiraten, dann Hausfrau werden. Da ist das doch
Zeitverschwendung.« Erst hätten sie ungläubig, aber den-
noch getroffen, gelacht, sagt Fatos. »Aber die hörte nicht
aufdamit. Die wollte uns nicht einmal konkrete Fragen zu
Universitäten beantworten. Da haben wir das Gespräch
abgebrochen.« Seit dem 11. September 2001 kämen noch
die täglichen Anfeindungen auf der Straße dazu, erzählt
sie. Unter der Hand in der Uni, offen auf der Straße, in der
U-Bahn. Leute setzten sich weg. Andere schrien sie an:
»Islamistenschwein! Raus aus Deutschland!« Aber man
könne lernen wegzuhören, zu ignorieren, sagt Fatos.
Sie studiert, wie Bernd, an einer Privatuniversität. Die
Bucerius Law School in Hamburg gilt als Kaderschmiede
für junge Juristen. Auch hier kostet das Studium insge-
samt mindestens 30000 Euro. Fatos' Vater, der nach einem
Unfall nicht mehr arbeiten kann, könnte die Gebühr unter
keinen Umständen zaWen. Aber die Kosten übernimmt ja
j e ~ t Vodafone, denn das Stipendium gilt nur, wenn die
Mlgranten an einer privaten Hochschule studieren. Ein
Studium an einer staatlichen Universität fördert Voda-
fone nicht, egal wie groß Migrationshintergrund und
Talent des Bewerbers auch sein mögen.
120
»Ein erfolgreiches Studium an einer anerkannten Pri-
vathochschule bietet Studierenden nachweislich bessere
Voraussetzungen für den Berufseinstieg und Karrierever-
lauf. Diese Chance möchten wir auch begabten jungen
Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen«, beant-
wortet Vodafone meine Frage nach dem Warum in bes-
tem Konzerndeutsch. Das heißt, das Unternehmen hält
vor allem die Privatuniversitäten für einen Karrierekata-
lysator und möchte, dass auch Kinder von Einwanderern
an diesen selbst ernannten Elite-Universitäten studieren
können.
Eins wäre für die Berufsberaterin aus Kreuzberg viel-
leicht noch interessant: Heiraten will Fatos erst nach
dem Studium. Und sie will nicht Hausfrau werden, son-
dern bei der EU oder bei Amnesty International anfan-
gen. Um dieses Ziel zu erreichen, folgt sie weiter ihrem
alten Plan: Besser sein. Sie schläft fünf Stunden pro
Nacht. Um acht Uhr morgens sitzt sie in der Bibliothek
und lernt meist, bis die Sonne untergeht. Nur dienstags
macht sie früher Schluss, da hat sie einen Kurs in arabi-
scher Kalligrafie belegt, »zur Entspannung«, sagt Fatos.
Das klingt nach Bernd mit türkischem Hintergrund. Ich
frage mich weiter durch die Runde und habe schnell den
Eindruck, dass Fatos' Vierzehn-Stunden-Tage auch hier
normal sind. Seid fleißiger, arbeitet mehr, dann habt ihr
Chancen, es zu etwas zu bringen. Auch wenn ihr von
ganz unten kommt. Das ist die Botschaft der Runde. Eine
Botschaft, die glaubwürdig ist, die durch Geschichten,
die ich so schnell nicht wieder vergesse, mit Leben gefüllt
wird. Eine Botschaft, die auch Mario und Bernd gefal-
len würde. Denn keiner hier fordert, dass man rassisti-
schen Lehrern an den Kragen müsse, dass die Politik sich
121
--
gefalligst besser um sie, die Kinder derer, die sie einst
einlud, kümmern müsse. Es sind Geschichten über Ehr-
geiz, Fleiß und Willen. Eigenschaften, die auch den, der
die schlechtesten Startchancen hat, zum Sieger werden
lassen.
Zwei in der Runde allerdings sind anders. Der eine, ein
junger Iraner namens Aadish, hatte still zugehört, als ich
erzählte, dass ich zum Thema »Elite« recherchiere, und
mir seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben. »Lass uns spä-
ter in Ruhe treffen!«, sagte er.
Der andere, Alexander, rückt seinen Stuhl neben mich.
Er streicht die blonden Haare hinters Ohr und sagt: »Ein
Buch über das Thema Elite - das interessiert mich sehr.
Das Thema ist prickelnd.« Er selbst schreibe auch, seit
frühester Jugend. Allerdings Gedichte, vor allem Liebes-
lyrik. Alexander spricht Deutsch mit reizendem französi-
schem Akzent. Er lächelt, als ich ihn darauf anspreche.
Alle sehen in ihmden Franzosen. Das mag am Akzent l i e ~
gen, an den langen blonden, nach hinten geföhnten Haa-
ren und sicher auch an seinem fast aristokratischen Auf-
treten. Alexander sitzt kerzengerade am Tisch, bewahrt
Haltung beim Essen, beim Sprechen, beim Rauchen.
Manchmal muss er hüsteln. Dann dreht er den Kopf zur
Seite h·'lt d'
. '. a le gestreckten Finger vor den Mund, entschul-
digt sIch. Alexander würde wohl jeden Türsteher jedes
noch so r t ikt' .
. . es r lven Soclety-Clubs passieren können.
Seme feme karierte Stofthose steckt in wadenhohen Rei-
terstiefeln se' . H d d .
, m em urchzlehen dünne rosafarbene
Streifen sein Hand I nk' .
, ge e ZIert eme Armani-Uhr. In einem
Steckbrief hat e D' H
r lor omme als Lieblingsmodemarke
angegeben. Über sich selbst sagt er: »Ich bin wie Effi Briest.
Ich verzichte auf das Zweitbeste.«
122
Ganz offensichtlich kommt Alexander aus sehr gutem
Hause. Er ist Sohn einer Familie, die zu den Obersten in
Georgien gehörte. Alexander ist in dem Bewusstsein auf-
gewachsen, ein Kind der oberen Eintausend zu sein. Ein
Privilegierter in einem ansonsten armen Land. Gott, so
lernte Alexander, habe Intelligenz, Einfluss und Wohl-
stand eben nicht gleich verteilt. »Sei dankbar, dass es dir
gut geht«, habe der Vater immer gemahnt. »Lass die, de-
nen es scWechter geht, nie deine überlegenheit spüren.«
Aber irgendwann wurde das Leben in Georgien zu ge-
fahrlich. Die Familie entschied, nach Deutschland zu flie-
hen. Schon drei Wochen später landeten sie am Frankfur-
ter Flughafen. »Ich konnte nicht mehr als Buchstaben
erkennen und so Kleinigkeiten sagen wie >Hallo< oder
>Wie geht'sk Aber das war es dann auch.« Georgisch,
Russisch, Englisch - diese Sprachen beherrschte er, hatte
seine Familie doch stets auf die Bildung der Kinder geach-
tet. Aber jetzt hatte die Flucht ihn in ein Land geführt,
dessen Sprache er nicht kannte. Sie landeten im Dezem-
ber. Alexander erinnert sich an den deutschen Schnee
und daran, dass die Häuser so schön weihnachtlich deko-
riert waren.
Er erinnert sich auch an. die Enge im Auffanglanger
Unna-Massen, an die Schule, die er dort mit vielen Rus-
sen und Polen, die alle in ihrer Muttersprache redeten,
besuchte, und an die Lehrerin, die auf den georgischen
Jungen, der so gut Englisch sprach, aufmerksam wurde.
Sie ließ ihn Figuren bauen und Muster legen und testete
so seine Intelligenz.
Als das Ergebnis vorlag, habe eines der angesehensten
und teuersten Internate des Landes ihm ein Vollstipen-
dium angeboten. Er lehnte ab. »Wegen meiner Mutter«,
123
( ,,'\
1'/1
; ~ ,
sagt Alexander. Sie habe ihren Sohn nicht ziehen lassen
wollen. Gerade fünfzehn, und dann weg von zu Hause, in
ein Internat, in dem reiche Kinder der Legende nach gern
ausschweifende Feste feiern. Das Nein der Mutter war für
Alexander Gesetz, und man suchte nach einer angemesse-
nen Alternative. Alexander kam auf ein Gymnasium an
der Königsallee in Düsseldorf, obwohl er die Sprache der
Mitschüler noch immer nicht beherrschte. Aber in die-
sem Moment, sagt er, sei ihm klar geworden, dass er noch
lange in Deutschland bleiben würde. Und weil er Wör-
terbüchern nicht traut, begann er seinen ganz eigenen
Deutschkurs. »Ein Buch, das ich zu der Zeit sehr mochte,
war >Lolita< von Nabokov. Ich habe eine Ausgabe aufRus-
sisch und eine auf Deutsch vor mich gelegt und die Sei-
ten parallel gelesen. Und so habe ich mit vielen Büchern,
die ich aus Georgien schon kannte, Deutsch gelernt.« Am
Anfang fiel er in der Schule ständig auf, zum Beispiel, weil
er aufsprang, wenn der Lehrer den Raum betrat, oder weil
er das Schnipsen mit den Fingern, mit dem die Mitschü-
ler nach Aufmerksamkeit heischten, verachtete. »Das
kenne ich nur bei Kellnern, dass man so etwas tut. Es ist
einfach eine schlechte Erziehung, einen Lehrer so anzu-
schnipsen.«
Aber dann schaute er sich seine Umgebung immer ge-
nauer an. Er bekam einen Job im Exklusivhaus der Mode-
marke Breuniger, verdiente relativ bald ziemlich viel Geld
und lernte das kennen, was er ehrfurchtsvoll das Düssel-
dorfer Leben nennt. »Kennst du Düsseldorf?«, fragt Ale-
xander.
»Nicht wirklich«, bekenne ich.
»Weißt du, wie Düsseldorf sich anfühlt?«
»Nein.«
124
»Kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn man an der
Kö die Schule besucht, dort nebenher arbeitet, dort aus-
geht?«
»Nein«, sage ich wieder. »Überhaupt nicht.« Ich sehe,
dass ich ihn enttäusche.
Düsseldorfer zu sein erfüllt ihn mit Stolz. Sein Pass ist
georgisch, gerade mal seit fünf Jahren wohnt er in der
Stadt. Trotzdem identifiziert er sich mit Düsseldorf. Die
Stadt steht für das Leben, das er liebt und von dem er mir
lange erzählt, in der Hoffnung, dass ich doch noch be-
greife, wie Düsseldorf sich anfühlt. Seine Clique stehe auf
fast jeder Gästeliste, sagt er. Sie feiern in Clubs an der Kö,
in denen Kinder reicher Eltern Champagnerflaschen be-
stellen, die sechs Liter fassen. »Wenn die die Flaschen vor
sich stehen haben, glauben sie übrigens, Elite zu sein«, sagt
Alexander. »Sie haben mehr als andere und glauben, bes-
ser zu sein.« Alexander hält diesen Glauben für einen
Trugschluss. »Das Geld ist von den Eltern, und sie selber
haben nicht viel erreicht. Manche denken, jeder, der Golf
spielt, ist Elite.« In Georgien, sagt er, sei die Sache klar: »Da
bedeutet Elite Oberschicht - oder im bösen Sinne: Bon-
zen.« Hier in Deutschland sei der Begriffweniger greifbar,
werde missverstanden und von vielen missbraucht.
»Was ist denn Elite für dich?«
»Für mich gehören zur Elite Leute, die überdurch-
schnittliche Leistungen vollbringen, eine entsprechende
Kultur haben und ein entsprechendes Benehmen. Elite
wird man, wenn man viel im Leben erreicht hat, wenn
man finanziell, aber auch geistig weiter ist als andere.«
Deshalb, sagt Alexander, sei ausgeschlossen, dass Düssel-
dorfer Jugendliche im Alter von zwanzig Jahren Elite
seien. Eine gute Familie, sagt er, sei eine gute Ausgangs-
125
j
i·,
basis. Aber die Ambitionen, etwas zu werden, die müsse
man schon selber haben. Unter seinen Freunden sind
einige, die überzeugt sind, schon durch die Geburt etwas
zu sein. In seiner Clique sind »Doppel-Vons«, Menschen
also, deren Eltern jeweils einen Adelstitel in die Ehe ein-
brachten. Oft hätten die Kinder dann nicht nur zwei Titel,
sondern auch noch fünf Vornamen. Eigentlich auch un-
nötig, sagt Alexander. Das habe schon Shakespeare be-
griffen. Oder sei sein berühmtes Whats in the name? nicht
so zu verstehen? Außerdem kenne er Mädchen, die tag-
ein, tagaus ihre Schönheit pflegen, weil es ihr Plan sei,
reich zu heiraten und damit dem Beispiel der Mutter und
der Tanten zu folgen. .
Ich frage mich, warum ich solche Menschen nicht
kenne. Es zögen einen immer die Leute an, die aussähen
wie man selbst, sagt Alexander. »Wenn du Rapper bist,
wählst du Rapper. Wenn du Technomusik hörst, suchst
du die Leute aus, die dementsprechend aussehen. Und
wohlhabende Leute aus guter Familie mit guter Erzie-
hung, die haben Pläne für die Zukunft, die wollen etwas
werden im Leben. Das sind auch meine Interessen.«
Klingt logisch, erklärt aber nichts. Ich habe diese Men-
schen ja nicht ignoriert, weil ich andere Interessen habe.
Ich bin ihnen noch nie begegnet, ehrlich gesagt habe ich
ihre Existenz bislang bezweifelt. Menschen wie Alexan-
ders Freunde und ich haben woW völlig unterschiedliche
Leben geführt. . .
Ich bin in einer Kleinstadt im Münsterland groß ge-
~ o r d e n , dort auf die städtischen Schulen gegangen. Stu-
diert habe ich im Ruhrgebiet, wo sich die High Society
weitestgehend auf Fußballer beschränkt. Sprich, ich habe
mich mein Leben lang an Orten herumgetrieben, an de-
nen diese Kreise nicht verkehren. Aber wie findet man die
richtigen Orte, die Clubs, in denen man feiern muss, die
Schulen, die man besuchen muss, um dazuzugehören?
Durchs Internet sei das ziemlich einfach geworden, er-
klärt Alexander. Man vernetze sich in exklusiven Foren.
Der Zugang sei passwortgeschützt, rein käme man nur
auf Einladung, nur mit glaubwürdiger Empfehlung. Rei-
cher-als-du.de, sei eine bekannte Adresse und vor allem
Schwarzekarte.de. Das sei lange die entscheidende Com-
munitiy gewesen, sagt er. Aber inzwischen habe sie das
Schicksal vieler solcher Zirkel ereilt: Irgendwann würde
solch eine Adresse zu bekannt und sei dann überlaufen.
Auch hier scheint zu gelten, dass Elite und Masse sich ge-
nerell nicht vertragen. Trotzdemwürde ich die Menschen,
von denen er mir erzählt, noch immer bei der schwarzen
Karte finden, sagt Alexander.
»Meinst du«, frage ich schüchtern, »du könntest mich
einladen? Gar empfehlen?«
»Klar«, sagt Alexander, und tatsächlich erhalte ich
zwei Tage später meinen Zugang.
SCHWARZEKARTE
Das Wappen von Schwarzekarte ist ein schwarz-weißer
Schild, der eine kleine Krone trägt. Heute um 17 Uhr 45
hat mich Schwarzekarte offiziell willkommen geheißen,
seitdem ist es auch mein Wappen. Für 9 Euro könnte ich
es mir sogar kaufen, in Silber oder Schwarz, um es mir,
wie vorgeschlagen, ans »Hemdrevers« zu heften. Für sol-
che Insignien ist es mir noch zu früh. Als ich mich zum
ersten Mal einlogge, ertönt eine Begrüßungsmusik. Dann
126
127
lichten lassen. Der Botschafter für Heidelberg trägt ein ro-
safarbenes Ralph-Lauren-Hemd und auch eine schwarze
Sonnenbrille. Die ist üblich, genau wie die langen, zu-
rückgegelten Haare. Einer der Hamburger Botschafter
trägt nichts - außer der schwarzen Sonnenbrille, einer
Boxershorts und einem Whiskeyglas. Schließlich steht er
unter Palmen. Sein Lebensmotto: »Stil ist eine Fähigkeit,
Entscheidungen zu treffen.«
Regel zwei: Man heißt anders als meine alten Freunde,
und man besucht andere Orte. Durchsucht man das
Netzwerk zum Beispiel nach den Vornamen Konstantin,
Theresa oder Maximilian erhält man Hunderte von Tref-
fern. Die Häufung von Adelstiteln ist erstaunlich, und
wer keinen Titel hat, schmückt seinen schnöden Namen
wenigstens mit den Initialen der Zweit- oder Drittvor-
namen. Man nennt sich Benedikt M., Frederik H. C. oder
Benjamin C. K.
Kurz nach meinem Eintritt ins Netzwerk lädt mich
Louis Sayn-Wittgenstein-Sayn zum Schwarzekarte-Ski-
wochenende nach Garmisch ein. Zu den Orten, in denen
die Schwarzekarte-Mitglieder leben, gehören Sylt, St. Mo-
ritz und New York. Im Forum wird diskutiert, ob Dubai
neue Netzwerk-Stadt werden soll. Ein Mitglied, dessen Le-
bensmotto »Niveau ist keine Handcreme« lautet, ärgert
sich, dass die arabische Geldmetropole noch feWt. Seine
Wut ist er übrigens in nacWässiger Rechtschreibung losge-
worden, wie viele, die das Schwarzekarte-Forum nutzen.
»Es gibt z. Zeit kaum eine andere Stadt((, schreibt er, »die so
viel Potenzial hat. In puncto Lifestyle, Wirtschaft, Sport,
Clubbing und Kultur hat Dubai so dermaßen viel zu bie-
ten.(( Noch wartet Dubai auf die Aufnahme, Saint-Tropez
dagegen hat es geschafft. Etliche Netzwerkmitglieder
129
128
sehe ich Bilder von schneebedeckten Bergen. »Freund-
schaften erweitern den Horizont«, lese ich. »Diese muss
man nicht dem Zufall überlassen.« Nochmals werde ich
darauf hingewiesen, dass eine Einladung nötig ist, um
Zutritt zum Netzwerk zu erhalten. Nur so könne Schwar-
zekarte möglichst privat und familiär gehalten werden,
schreiben die Organisatoren.
Ich fühle mich wie ein Eindringling, als ich meinen
Namen und das Passwort eintippe. Ich soll ein Profil an-
legen, meine Lieblingschampagnermarke angeben, die fa-
vorisierte Automarke und mein bevorzugtes Modelabel.
Habe ich alles nicht. Ich starre auf die Liste, aus der ich
meine liebsten Freizeitinteressen wählen soll. Golf oder
Polo? Jagd oder Fechten? Fußball und Musik kreuze ich
an und hoffe, mich damit nicht sofort zu disqualifizieren.
Ich werde angenommen und klicke mich die nächsten
zwei Tage völlig fasziniert durch die Parallelwelt meiner
»neuen Freunde«. Ich erfahre, dass der Name Schwarze-
karte an eine Premiumkreditkarte erinnern soll, und bin
froh da . h· P fiil .
. ' SS IC Im ro nicht angeben musste, dass ich nur
em Volksbankkonto habe. Ich lerne schnell, dass das Le-
d:r im Schnitt Anfang-zwanzigjährigen Mitglieder
hier nicht nur, was die Art, seine Einkäufe zu bezaWen,
angeht, nach eigenen Regeln funktioniert.
Regel eins: Man sieht anders aus als in meiner Welt.
Sportjäckchen, Sneaker und Jeans scheinen hier kaum zu
existieren. In eine F '"
. m orum werde Ich spater lesen, dass
diese Kleidun S .
g » ozen-Mode« sei. Das Schwarzekarte-
M·tgl· d
I le, das zum Netzwerkbotschafter für New York
berufen wurde h t . h b' .
, a SIC el emem Sommerfest in weißer
und maritimem Jackett, mit Sonnenbrille,
Wiesen" Kr
gruner awatte und passendem Einstecktuch ab-
schreiben, dass sie jeden Sommer »unten an der Cöte
seien«, und diskutieren über Abende im Palais in Cannes:
»Eine unglaubliche Location. Das Problem ist die Anord-
nung der Tische und VIP-Tische.« Ein anderer hält die
Preise im Byblos in Saint-Tropez für übertrieben. »Man
muss dort für 'ne Flasche Moet so um die 500 € hinblät-
tern. Aber«, fügt er resigniert hinzu, »das ist Saint-Tropez.(;
Regel Nummer drei lautet schließlich: Man protzt
durchaus mit seinem Reichtum. Viele Mitglieder lassen
sich mit einer riesigen Champagnerflasche am Mund und
ein, zwei sonnengebräunten, designerdekorierten Mäd-
chen im Arm fotografieren. Der Botschafter für Lancaster
posiert auf einer Jacht, an deren Heck die Ortsmarke
Saint-Tropez gut zu lesen ist; außerdem hat er sich neben
der Motorhaube eines alten Bentleys knipsen lassen. Ein
Junge hat in seiner Bildergalerie ein Foto von sich, auf
dem er im Gras sitzt, in seinem Arm ein frisch geschosse-
~ ~ s Reh. Der Hals des Tieres ist noch blutig, der Blick des
Jagers triumphal. Den Tag bei der Jagd oder auf dem
Golfplatz lässt man offenbar gern bei einem guten Wein
aus. dem heimischen Keller ausklingen. Auch wenn die
meIsten der Schwarzekarte-Nutzer gerade erst zwanzig ge-
worden sind, debattieren sie im Forum über teure Fla-
schen. Zur Vorabinformation: Die Hauptdarsteller im
folgenden Dialog kosten nach Angaben eines renommier-
ten deutschen Weinkellers zwischen 250 und 600 Euro.
»Ich habe eine Magnum-Flasche Chateau Mouton
Rothschild würd d . tli . .
, e en eIgen ch gern noch em blsschen
behalten nur da D' . .
. ' s mg 1st em 87er-Jahrgang. Denkst du,
Ich sollte den t . k,
rm en, wegen dem schlechten Jahrgang,
b
Oder
meinst du, ich könnte den noch ein bis zwei Jahre
ehalten?«
130
»WOW! Mouton Rothschild aus der Magnum ist
wahrlich ein Schatz in Deinem Keller. Nur kann der 87 bei
Weitem nicht mit 82 und 86 mithalten. ScWage vor, Du
lädst Freunde ein, die einen guten Wein schätzen, kochst
was Feines (oder lässt was Feines kochen) und genießt
diese wunderbare Flasche.«
»Mit was man mich auch locken kann: Marques de Ca-
ceres Grand Reserva 1985 aus der Rioja Alta. An dieser
Stelle: Danke, Papa!«
Diese Themen möchte man allerdings im exklusiven
Kreis diskutieren. Und gerade diese Exklusivität sehen
viele Mitglieder gefahrdet. Über hunderttausend junge
Menschen sind im Sommer 2007 bei Schwarzekarte ange-
meldet. über eine Million Mal pro Monat rufen sie die
Seite auf. Viele, aber nicht alle, sind reich und aus gutem
Haus. In den Club dringen immer mehr Spanner ein, so
wie ich. Damit teilt Schwarzekarte das Schicksal ähnlicher
exklusiver Internetforen.
2004 gründete der Sohn eines schwedischen Diploma-
ten aSmallWorld, das Rolemodel der Bewegung. Seine
Seite sei ein Club für junge Banker, Berühmtheiten und
Models, sagte der Gründer. Ein Club, in den nur Eingela-
dene gelangen. ASW, wie Insider sagen, galt schnell als die
Plattform der Reichen und Schönen. Wie teuer ist ein Pri-
vatjet? Wo bekomme ich ein Loft in New York? Wer geht
zum Dinner mit Al Gore? Bei ASW fand sich garantiert
jemand, der Tipps geben konnte. Aber dann wurde be-
kannt, dass auch Paris Hilton, Quentin Tarantino oder
Naomi Campbell bei ASW verkehrten. Die berühmten
Namen zogen Gaffer an. Das Netzwerk w u c ~ s ~ u s Sicht
des Gründers unkontrolliert. Die ZugangskrItenen wur-
den verschärft, die ZaW der Mitglieder auf 250000 welt-
131
<,j
!
I
weit begrenzt. Im vergangenen Sommer wurde ein Ein-
ladestopp verhängt.
Bei reicher-als-du.de, dem selbst ernannten »exklusi-
veren Forum« für eine Elitegesellschaft, die sich nur über
Luxus und Reichtum definiert, werde ich abgelehnt.
A.uch bei Schwarzekarte wird seit Langem über einen
EInladungsstopp diskutiert. Im Forum mahnt einer, dass
es an der Zeit sei, offen auszusprechen, dass viele »der in
den letzten Monaten (massenhaft) neu akkreditierten
Mitglieder kein positiver Zugewinn sind«. Wenn es so
weiterginge, klagt ein anderer, würde aus einem »exklu-
siven Lifestyleportal immer mehr ein ganz normales«.
Dass sie zumindest hier unter Gleichen sind ist den
meisten sehr Wichtig. Denn draußen, in der wirklichen
fühlen sich viele ungerecht behandelt. Sie glauben,
dIskriminiert zu werden, von den anderen, die sie »Pro-
los« nennen.
»Kann es sein«, fragt einer, der Düsseldorf, Sylt und
Porsche Carrera GT liebt, im Forum, »dass der Neid
In immer schlimmer wird? Aufgefallen ist
es mIr erst so rI·cht· 1· h d· .. . .
Ig, a s IC Ieses Jahr langere Zelt In
den Staaten war tAT d.. ..
. nenn man ort mIt eInem schonen
Auto vorfährt ode . t h . .
. r eIne eure Uranhat, wIrd man mcht
schIef angesch t d
. au , son ern gefragt, wie toll dieses oder
Jenes ist und was b . .
man ar eltet, um sIch so etwas leisten
zu können « In D t hl d
. . eu sc an dagegen, beklagt er, müsse
eIner, der seinen tAT hl d .
nO stan zeIgt, mit ständiger Ableh-
nung rechnen M h al .
. h .» anc m gIng es schon so weit dass
IC extra weiter w k h '
d
eg gepar tabe, damit man nicht wie-
er erklären mu
fl.h ss, warum man dieses oder jenes Auto
art.« Er beendet· .
h
. seInen EIntrag mit einem patheti-
sc en ZItat· »Wa D
. rum eutschland keine Heimat ist?
132
Weil Neid und Missgunst in Deutschland keinen Platz
für Helden lassen.«
»Neid ist in Deutschland die höchste Anerkennung,
die man bekommen kann«, tröstet ein Netzwerkfreund
den Porsche-Liebhaber.
»Irgendwie gewöhnt man sich ja dran«, schreibt ein
anderer. »Ich find halt nur extrem schade, dass Neid nicht
dazu benutzt wird, an sich selbst zu arbeiten.« Die meis-
ten Deutschen, schimpft er, würden »ihren Arsch nicht
hochbekommen, sondern nur meckern, dabei Frauen-
tausch gucken und warten, bis Vater Staat ihnen das Geld
aufs Konto überweist.«
Ein Mädchen, das ihr Taschengeld mit Vorliebe in die
Nobellabels Ralph Lauren, Burberry oder Hugo Boss in-
vestiert, klagt, dass sie sich früher in der Schule oft blöde
Sprüche wegen ihrer teuren Kleidung hätten anhören
müssen. Ihre Eltern hätten sie dann immer mit einem
Satz getröstet, den sie jetzt auch den anderen Netz-
werkern mitgeben möchte: »Mitleid bekommt man ge-
schenkt, Neid muss man sich erarbeiten.«
2437 Schwarzekarte-Mitglieder haben sich die Neid-
Diskussion angeschaut, über sechzig haben sich beteiligt,
und einer, ein Chemiestudent aus Köln, wagt tatsächlich,
ganz entschieden zu widersprechen. »Es wundert euch tat-
sächlich, dass Neid aufkommt, wenn die große Masse der
Bevölkerung bei vier Millionen Arbeitslosen und gigan-
tischen Haushaltslöchern in Staat und Land sieht, wie
andere Leute das Geld mit beiden Händen zum Fenster
rauswerfen?«, fragt er und fügt hinzu: »Und diesen Blöd-
sinn von wegen >Der hat es sich eben verdient< könnt ihr
gleich wieder einpacken. Dass sich jemand von ganz unten
nach oben gearbeitet hat, ist ja wohl eher die Ausnahme.«
133
cr
I
I
fi
I
l
. t
Keiner geht auf seine Argumente ein. Der Chemie-
student ist hier offenbar Exot. Immerhin wird er nur
Erschreckend häufig aber vergessen die Kinder
ihre sicherlich gute Erziehung. Wer sich
verdachtlg macht, mit gefälschten Hermes-Gürteln oder
Breitling-Uhren zu protzen, wird als »Opfer« oder »Prolo«
beschimpft. Im Forum eines Freiburger Stadtmagazins,
das einen Artikel über die geschlossenen Netzwerke des
»Net-Jetsets« veröffentlicht hat, tobt zwischen einigen
Schwarzekarte-Mitgliedern und den Lesern der Zeit-
schrift ein wahrer Klassenkampf.
Schickimicki-Bourgeoisie gehört verboten«,
ein Leser. »Ihr einfachen Arbeiterkinder«, schlägt
em Schwarzekarte-Mitglied zurück, »ihr seid doch nur
eifersüchtig. Ein Leben in Armut ... Muss das scheiße
sein!« Ein ander 'dm .
er WI et seme Botschaft »dem Pöbel«,
der sich über Schwarzekarte beschwert: »Weil wir für euch
arbeitslose, links orientierte Proleten so viel Steuern zah-
lenm" k" .
ussen, onnen WIr nur drei Porsche fahren Also geht
gefälligst ARBEITEN!!!« .
Ein Dritter droht. v .
. . »l'..ommen von Eurer SeIte noch
ugendwelche un al'fiz'
. .. qu I lerten Bemerkungen gegenüber
ehtaren Netzwerk h .
'. en, so mac e Ich einen Anruf, und eure
Vater smd arbeitslo '.
. s, wenn SIe es mcht schon sind. Vergesst
me: Wenn wir w II ka" .
o en, ulen WIr Euch auf!« Ein anderer
sagt, er fände es gut d . .
, ass er wemgstens bei Schwarzekarte
unter »Gleichge' t .
Anh
.. smn en(( seI. »Arbeitslose und SPD/PDS-
anger((, schlägt er k" .
. vor,» onnen Ja ihre eigenen Com-
mumtys gründen (( A h .
eh . uc emen Namensvorschlag hätte er
s on: »Asoziales Netzwerk
'
.((
Sicher, vieles dav II
b on so nur provozieren, ist übertrie-
en, gewollt zum Kl' h .. b .
ISC ee u erspltzt. Dennoch scheint es
134
unter den reichen Kindern normal zu sein, über Sozial-
demokraten, Arbeitslose und Arme herzuziehen. Als die
Angriffe gar nicht enden wollen, schaltet sich Louis Sayn-
Wittgenstein-Sayn ein und bittet alle Mitglieder, das
Netzwerk nicht durch unqualifizierte Aussagen zu diskre-
ditieren. »Für das Fehlverhalten der anderen(, schreibt er,
möchte er sich bei all denen, die als »Pöbel« oder »links
gerichtet« bezeichnet wurden, entschuldigen. »Leider gibt
es diese Art von Menschen, die das Geld ihrer Eltern aus
dem Fenster werfen, immer wieder!«
Immerhin der Adel scheint noch zu Respekt und Tole-
ranz erzogen zu sein. Aber die anderen? Wie viel von dem
arroganten Gehabe ist echt? Wie denken sie tatsächlich
über die, denen es schlechter geht? Ist das Gerede vom
faulen und neidischen Pack wirklich nur gespielt? Die Er-
mahnung des Chefs zumindest zeigt wenig Wirkung. Die
Beschimpfungen setzen sich noch über Seiten fort. Ein
Schwarzekarte-Mitglied beschreibt den Kampf als Elite
versus Unterschicht.
Ich laufe dreimal von meinem Computer in die Küche
und wieder zurück. Dann entscheide ich, mich zum ers-
ten Mal im Netzwerk zu Wort zu melden. Im Forum stelle
ich die Frage: »Was ist Elite für Euch? Was macht sie aus?
Wer gehört dazu?( Die erste Antwortenrunde bewegt sich
auf dem Niveau der Linken-Beschimpfung. »David Cop-
perfield«(, scherzt einer. »Der mit dem meisten Geld«,
meint ein anderer. Die meisten schreiben: »Ich!( Nach ein
paar Tagen löschen die Administratoren meinen Eintrag.
Ich versuche es noch einmal und bekomme tatsächlich
ernst zu nehmende Antworten. Ein Mädchen vermutet:
»Elite zeichnet sich durch Leistung aus.«( Einer schreibt:
»Mein englisches Internat schafft es, Elite hervorzubrin-
135
-
gen.« Ein anderer geht auf ein Internat im Schwarzwald,
über das gesagt werde: »Der Birkelhof ist die inoffizielle
Kaderschmiede der geistigen Elite.«
DIE SCHULEN DER ELITE
Internate als Heimat der Elite. Daran hatte ich gar nicht
gedacht, so fern waren mir bislang die Bezahlschulen. In
meiner Welt existierten sie nur als Heimat von Harry
Potter, Hanni und Nanni oder der schüchternen Dolly,
die ich achtzehn Bände lang auf die Burg Möwenfels
begleitete.
Für die Schwarzekarte-Nutzer hingegen sind Internate
real. Schon in der Begrüßung hatte ich gelesen, Ziel des
Netzwerkes sei auch, dass man verschollen geglaubte
Freunde aus der Internatszeit wiederfinden könne. Für
sie scheinen die Worte »Schule« und »Internat« Syn-
onyme zu sein, genau wie die Worte »Elite<, und »Inter-
nat«. Die Kategorie »Internate« ist in den Diskussions-
foren eine der beliebtesten. In über fünfunddreißigtausend
B 't ..
el ragen streiten die Nutzer darüber, welches das beste
sei, sie empfehlen Schulberatungen und gute Adressen in
England. Man wolle sich gegenseitig helfen, das Wunsch-
Internat zu finden, steht da, und wieder füWe ich mich
fremd. Keiner meiner Freunde stand irgendwann in sei-
nem Leben vor dem Problem, sein Wunsch-Internat fin-
den zu müssen H' d '.
.. . ler agegen urteilen Junge Menschen
uber Schulen d' . OOb
" ' le welt u er 20000 Euro pro Jahr kosten,
als gmge es um neue Jeanskollektionen. Den Birkelhof
gut tausend Schwarzekarte-Mitglieder. Andere
schworen auf d" S h I '
le c u e Manenau, ein Internat, das zu
136
einem »ökologischen HUIIlanismus« erziehen will. »Eine
Elite für sich«, schreiben die Bhemaligen. Die Luxuslie-
benden zieht es in die Schweiz, inS Lyceum AlpiIlum,
1850 Meter über dem Meer, keine zwanzig Minuten von
St. Moritz entfernt. Die FreUnde des LYceums werben mit
den Namen der prominenten A.bsolventen: Ferdinand
Pieeh, Graf von Faber-Castell tlnd Gunter Sachs sind hier
zur Schule gegangen. Und dann sind da noch die Schlös-
ser. Idyllisch an Seen oder atlf Bergen gelegen, locken
Schloss Louisenlund im Norden, SchloSS Torgelow im
Osten, Schloss NeubeuerIl im Süden und natürlich der
Platzhirsch, Schloss Salem.
Ich kenne die Bilder atlS England, die die rotbackigen
Sprösslinge wohlhabender zeigen, die in Unifor-
men, die schon ihre Ahnen trugen, über die liockeyplätze
der Internate rennen. SeiIl kind nach Et0n, Winchester
oder Harrow zu schicken leostet so viel, wie ein Durch-
schnittsbrite pro Jahr verdient. Stipendien gibt es kaum,
die Upperclass ist unter sich und bleibt es. Die Absolven-
ten der Privatschulen führen die britischen Banken und
Versicherungen, sie leiteten im Jahr 2005 über die Hälfte
der größten britischen Unternehmen. Die Internatsnetz-
werke helfen und halten ein Leben lang. Wenn eine Fami-
lie ihre Söhne nach Eton schickt, gehÖrt sie zur Elite des
Landes. Das war in meinen j\ugen eine urbritische Ge-
setzmäßigkeit. Schließlich Sind die ßriten Von jeher für
ihren Klassendünkel bekannt.
Aber Schwarzekarte ist ein deutsches :Netzwerk. »Elite
wächst auf Internaten heran." Noch einmal lese ich die
Antworten der Nutzer auf tneine Frage. Gibt es diese Tra-
d
"t' d" h b' I g fü"" b l,tisch hielt in bestimmten
1 Ion, le 1C IS an • r ' I
Kreisen auch hier? Schicken die, die sich zur Elite zäh en,
137
I
......
ihre Kinder auf Internate? Und wie wählen die Internate
die Schüler aus? Gibt es Wissenstests? Müssen die Eltern
nachweisen, dass sie aus einer guten Familie kommen?
Ich schreibe Schlösser und Burgen in ganz Deutsch-
land an. Ich erkläre mein Anliegen und merke schnell,
dass es nicht ganz einfach werden wird, von außen einen
Fuß in die Internatswelt zu bekommen. Schließlich sagen
doch zwei Schulen zu. Schloss Neubeuern bei Rosenheim
und Salem, der Hort der Tradition. Schulen, an denen
die Elite erzogen wird. Ich packe die Elite-Recherche-Gar-
derobe, die ich mir nach dem Desaster beim Symposium
gekauft habe, in einen Koffer und fahre los. Eine Woche
zu Gast in den Internaten. Dort werde ich hoffentlich
neue Antworten bekommen.
MATHE: AUSREICHEND.
ELITE: SEHR GUT
Der Junge sitzt auf der Rückbank des weißen Saab hinter
seinen Eltern. Er sieht die Reifen von Lastwagen, starrt
auf den Scheibenwischer. Die Häuser des Münchner
Stadtrandgebiets fliegen an ihm vorbei. Er wird seine Fa-
milie und seine Stadt verlassen, weil er eine Sechs in Ma-
the hat. Weil er schon vier Schulen ausprobiert hat und
gescheitert ist. Jetzt wollen seine Eltern, dass er es in der
Schloss Neubeuern versucht. Sie werden
für diese letzte Chance des Jungen viel Geld bezahlen.
»Ohne Abitur bist du nichts in dieser Welt« sagt der Va-
ter. Für die Famili' d J ..,'
e es ungen ware em Hauptschulab-
schluss peinlich H' t R' .
. m er osenhelm nehmen sie dIe Aus-
fahrt. Hier cribt es k' H"
D" eme auser mehr. Nur Wiesen, Berge,
Seen und kleine Kinder, die brav ihre Fahrradhelme tra-
gen. Bald werden sie das Schloss erreicht haben.
14 Uhr 41. Ich steige in Raubling aus dem Zug. Es ist
ein Regionalexpress, der halbe Schulklassen aus Rosen-
heim zurück in ihre Dörfer fährt. Ein Lehrer holt mich am
Bahnhof ab. Ich sinke in die schwarzen Ledersitze seines
Volvo und werde den Berg hochgefahren zum Schloss.
Die Alpen leuchten heute. Der Himmel ist grau, aber ge-
nau über den schneebedeckten Gipfeln ist ein Loch. Von
der Terrasse hinter dem Schloss blicke ich auf fünfzehn
Gipfel. Später wird hinter ihnen tieforange die Sonne
untergehen. »In die Schule gehen, wo andere Urlaub ma-
chen«, wirbt der Prospekt des Internats Neubeuern.
»Die Luft ist so gut«, sagt die Mutter des Jungen, als sie
vor dem Schloss aus dem Auto steigt. Der Vater lobt die
tolle Aussicht. Der Junge ist still. Er weiß nicht, wie sein
Leben hier werden wird. Er weiß nur, dass er Angst hat,
dass er zu Hause bleiben will. Alle hier wollen eigentlich
lieber nach Hause, wird sein neuer bester Freund ihm
später erklären. Der Saab fährt an. Die Mutter springt
noch einmal aus dem Auto, nimmt den Jungen in den
Arm. »Du wirst sehen, nach ein paar Tagen wird es dir
hier gefallen«, sagt sie, bevor sie sich losreißt. Dann steht
der Junge allein vor dem Schloss und winkt. .
Als ich vor dem Eingang stehe, fühle ich mIch fremd.
• • C Ki der auf deren Brust
Em Burgturm ragt vor mIr aUI, n , .
. c' bei Erst vor wem-
em Wappen prangt, laulen an mll vor. ,
gen Monaten hat das Internat die em,ge-
führt. Vorher, erzählt mir der Schulleiter, seien Viele
. I C die so tief hmgen,
m zerschlissenen Jeans herumge aUlen,
h k
nte Die Mädchen,
dass man die Boxershorts se en on .
. . ." kn pe Tops und so enge
sagt eme Erzleherm, hatten so ap
138 139
Jeans getragen, dass mancher Lehrer nicht wusste, wo er
hingucken sollte. Vorher sahen die Kinder also aus wie an
jeder Schule. Das ist jetzt vorbei. Es gibt vorgeschriebene
Kleidungsstücke, festgelegte »Kombinationsmöglichkei-
ten«, die Schülermodels vorführen. Die Schüler können
wählen, ob sie den dunkelblauen Pullover oder den Pull-
under mit Wappen tragen oder lieber das weiße Polo-
hemd. Dazu müssen sie beige oder dunkelgraue Stoff-
hosen oder Röcke anziehen. Keine Jeans oder Cordhosen,
mahnt die Schulleitung. Wer möchte, darf sich ein Hals-
tuch der Marke Windsor umbinden. Die übrige Kleidung
wurde in Zusammenarbeit mit den Edelmarken Marc
O'Polo und Aigner entwickelt. Aufgrund der Kontakte zu
Schülereltern und Altschülern haben diese Firmen be-
sonders günstige Angebote gemacht. Die Erstausstattung
kostet trotzdem 400 Euro.
, Eine Investition, die Disziplin und· Zusammengehö-
stärken soll, wie der Schulleiter sagt. Absurd und
teil:velse hart geführt werde der Streit um die richtige
KleIdung, berichten mir später die Schüler »UT
er
die
• VVI
Sockenfarbe hat, wird aus dem Unterricht ge-
SChICkt«, erzählt ein Zehntklässler. »Wir haben in der
letzten Woche im Grundkurs eine halbe Stunde damit
verbracht da . d . I
' ss Je er emze n rausmusste und man Noten
bekommen hat für das, was man anhatte. Meine Hose
war eine Eins meI' S h h ' ..
, ne c u e waren eme DreI mmus und
somit bin ich n h f" '
oc au eme ZweI gekommen« Später
werde ich in e' S h I .
" mer c u versammlung erleben, wie ein
Madchen aus der 'bt d
" SIe en 0 er achten Klasse auf die
Buhne gebeten w' d UT' •
. Ir . »vvas 1St an Ihrer Uniform falsch?«,
fragt em Erzieher .. d . h'
d
' T' pa agoglsc ms Plenum. »Die Nase«,
»Ie Itten« brüll d' J .
, en Ie ungs hmter mir. Es ist die erste
140
von Dutzenden Situationen, in denen mir klar wird, dass
Schüler auch auf Nobelinternaten vor allem Teenager
sind. Kein Luxus der Welt schützt Eltern und Lehrer vor
der Pubertät.
Das müssen auch die Eltern des Jungen begreifen.
Nachdem sie nach München zu ihren Eheproblemen zu-
rückgekehrt sind, wird der Junge vier Monate im Schloss
verbringen. Er wird es nicht schaffen, sich in Mathe zu
verbessern. Aber er wird Freunde finden, sich in ein Mäd-
chen verlieben und sich von einem anderen auf der Schul-
toilette entjungfern lassen. Er wird trinken, rauchen, in
ein Striplokal gehen und lernen, zielsicher auf einen Keks
zu wichsen. Nachdem der Junge das Internat verlassen
hatte, schrieb er seine Erfahrungen auf. »Crazy« von Ben-
jamin Lebert wurde ein Bestseller; kurz nach seinem Er-
scheinen wurde das Buch verfilmt.
Der Lehrer, der mich abgeholt hat, war schon da, als
Benjamin Lebert Schüler in Neubeuern war. 1988 fing
Reinhard Käsinger hier an. Das Internat suchte einen Ten-
nislehrer, weil Boris Becker und Steffi Graf gerade trium-
phale Erfolge feierten. »Das wollten die Kunden damals«,
sagt Käsinger. Mittlerweile haben sich die Vorlieben
Kunden, der Eltern also, und der Schüler gewandelt. Ka-
singer hat eine Golfausbildung absolviert. Seit Kurzem hat
Neubeuern einen eigenen Abschlagplatz und einen Golf-
simulator für die Turnhalle.
h
. I 'r am Wochen-
»Wenn mein Vater Zeit at, spie en WI
ende Golf. Das ist so das, was wir unternehmen«, wird
mir ein Elftklässler später erzählen. Er will dann gu,t
bereitet sein für die paar Stunden, die der für ihn
hat. Auch wenn die Eltern vom Schloss, der schonen Aus-
sicht und dem Golfplatz begeistert sind, zieht hier wohl
141
r
I
I
I
kaum einer deswegen ein. Bei den meisten erzählen mir
die Schüler, ist es wie bei Benjamin Leber;, dem Jungen
aus dem Buch. »Schulische Probleme. Weil man es an der
staatlichen nicht schafft.« - »Oder weil es zu Hause nicht
mehr geht«, sagt ein anderer. »Weil sich die Eltern tren-
nen oder nie da sind, weil sie nur arbeiten.«
, Das Internat, schreibt Benjamin Lebert, sei ein Käfig
mIt goldenen Stäben. Ich gehe in die Eingangshalle des
Schlosses. Karaffen mit Wasser und Kannen mit Kakao
stehen da für Sch"l d' "h
' u er, Ie wa rend der Pause Durst be-
kommen. Es gibt ke' Ki k ' b ' "
men os WIe el uns, wo man dran-
geln musste um eI' N k b"
, neger uss rotchen zu ergattern. Im
Essenssaal sind die UT:' d 'h
"an e mIt ellroten Seidentapeten
verkleidet Goldb t t S h' ,
, ese z e c mtzerelen, riesige Spiegel
und aufwendige Engelskulpturen schmücken den Raum.
An der Wand hä gt . P ..
n em ortrat der letzten Schlossherrin
der Ba 'J r '
. ronm u Ie von Wendelstadt, die 1925 aus ihrer Re-
SIdenz eine Internat h 1 fü' d'
ssc u erleKinder der gehobenen
Gesellschaft machte H' , d'
. Ier sItzen Ie Schüler zum Essen an
runden Tischen na hd K" h '
, ' c em oc e Ihnen zuvor die Mahl-
z e l t e ~ , gereicht haben. Das sind die goldenen Stäbe. Und
der Kafig?
In der Eingangshall d' ,
S h
e, Ie SIe Stachus nennen, hängt das
c warze Brett de S hul d '
ali r c e, as seIt der Spende eines Ehe-
rn k l g e ~ ganz modern ein flacher Monitor ist. Die Bilder
von emen Skirennfah
1
rern werden als Erinnerung an die
etzte gemeinsame Fah '
Schül' d' rt emgeblendet. Die Namen der
er, Ie gerade z P b
d
um ro ewohnen einquartiert sind,
aus eren Eltern also K d
ein Nachrichtenb .. un en werden könnten, laufen wie
and uber den Schirm. Und links ist für .e-
den nachzulesen, wer heut. J
tägli hExtenachsItzen muss, Die nachmit-
c e rastund 'td' h
e IS Ie arrnloseste Strafe. Bei Verstö-
142
ßen gegen die Internatsregeln gibt es einen Verweis, wer
drei Verweise gesammelt hat, wird suspendiert, also für ei-
nige Tage nach Hause geschickt, und wer sich ganz und gar
uneinsichtig zeigt, wird hinausgeworfen. Einen der hun-
dertzwanzig Internatsschüler trafdas imvergangenen Jahr.
Drei Jungs aus der Abiturklasse sind gerade suspendiert
worden. Sie waren mit Alkohol auf dem Schulgelände er-
wischt worden. Die Erzieher picken sich regelmäßig Schü-
ler heraus, die zum Pusten antreten müssen. Wie bei Ver-
kehrskontrollen wird ihr Atem auf Alkohol überprüft, ihr
Urin auf Rückstände von Drogen getestet.
Alle vier bis fünf Wochen bekommen die Eltern Post
von der Schule. Ausführlich berichtet ihnen das Internat
über schriftliche und mündliche Noten der Kinder, über
besondere Vorkommnisse, Defizite in Ordnung und Be-
tragen. Vom nächsten Jahr an sollen die Eltern diese Daten
ständig über das Internet abrufen können. Per Wireless-
LAN können die Gestressten dann erst die Börsenkurse
checken und danach den Leistungsstand des Kindes. Das
sei nötig, sagt Jörg Müller, der Vorstand der Internatsstif-
tung, der mit Frau und Kindern imSchloss lebt. Er bedau-
ert, dass die Schüler »vor dem Hintergrund von finanziel-
ler und sozialer Sicherheit häufig den gewünschten Antrieb
und Ehrgeiz vermissen lassen«, und wünscht sich von sei-
nen Schülern mehr Engagement und die Bereitschaft, sich
für ein Thema wirklich einzusetzen. Einer aus dem Kol-
legium, der nicht genannt werden möchte, formuliert es
drastischer: »Viele unserer Schüler leiden an der Wohl-
standskrankheit.«
»Was ist das die Wohlstandskrankheit?«
»Dieses Verhalten, das aus dem Gefühl entsteht: Mir
fehlt es an nichts. Mir geht es gut. Macht ihr mal. Und
143
Dazu kommen das Taschengeld, die Kosten für Ausflüge
nach München zum Skifahren oder zum Golfen. Plus
, d "f Nachhilfe-
Wäscheservice, Heimfahrten un ,wenn no 19,
unterricht. Macht insgesamt weit über 30000 Euro
Jahr rur den Schulbesuch eines Kindes. Jeder fünfte Schu-
ler erhält ein Stipendium, das aber Hälfte
der Gebühren deckt. Vollstipendien existieren mcht. »D,a
• 00 d G boohren von 15000 bIS
bleIben dann trotz For erung e u
20000«, rechnet der Stiftungsvorstand Jörg Müller vor.
»Unsere Schüler wissen, dass Papas Chefsessel wartet«,
beschwert sich ein Lehrer. Im Prospekt der Schule finde
ich eine Tabelle der Schul- und Internatsgebühren, und
plötzlich begreife ich. Nach Neubeuern kommen nicht
die, die in meiner Welt reich waren. Die Arzttöchter, die
zum Abitur einen Golfbekamen, oder die, die mit der Fa-
milie jedes Jahr zum Skifahren reisten. Neubeuern kann
sich nur leisten, wer richtig viel Geld hat - ein paar Adlige,
Kinder aus traditionellen Unternehmerfamilien, neuer-
dings auch welche, deren Väter mit Aktien viel Geld ge-
macht haben. Und zwei Prominente sind auch da: ein
Kind und ein Enkel zweier Schlagerstars. Die ZaW der
Menschen, die sich die Internatsgebühren leisten können,
ist begrenzt. Im Schuljahr 2006/2007 sah die Jahres-
rechung eines Schülers der Mittelstufe so aus:
«'.
I
25980 Euro
900 Euro
2000 Euro
400 Euro
200 Euro
29480 Euro
Jahresgebühr:
Aufnahmegebühr:
Nebenkostenvorauszahlung:
Schulkleidung:
Schulbücher:
wenn es mir gefällt, mache ich vielleicht mit, und wenn
nicht, dann nicht. Die kommen aus einem Hintergrund,
wo immer Geld da ist. Die haben sich meistens noch nie
in ihrem Leben rur irgendetwas anstrengen müssen, für
irgendetwas kämpfen müssen. Und denen zu vermitteln,
dass es sich lohnt, Ziele zu setzen, die losgelöst sind vom
finanziellen Umfeld und vom Ansehen in der Gesell-
schaft, das ist wahnsinnig schwer. Die dazu zu bringen,
dass sie sagen: Ich möchte dies oder jenes erreichen. Der
Sache wegen. Um mir zu beweisen, dass ich das kann. Das
ist sehr schwer.«
. Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres.
DIe Lehrer unterrichten bei geöffneten Fenstern. Im Erd-
geschoss hat die Disziplinoffensive des Internats noch
wenig Wirkung gezeigt. »In Mathematik ist das erste
Gebot: Es wird gerechnet«, schreit eine Lehrerin, »Das
zweite Gebot ist: Es herrscht Ruhe. Strengt euch an!
Schaut zur Tafel!«
. Vielen seiner Schüler, klagt jemand aus dem Kolle-
gIUm, fehlten der Schwung und die Motivation für eine
ganz normale schulische Arbeit. »Die haben das Gefühl,
dass nach dem Abitur schon alles geebnet ist, dass Papas
Unternehmen wohl auch noch die nächsten dreißig Jahre
hat, dass Geld da ist und eigentlich gar nichts
paSSIeren kann Das . t . h I' h' .
. lS SlC er lC an emer staathchen
Schule wo ein Aui:st' ill . . .
, 1: legsw e motiVIerend wIrken kann,
anders.«
bin verwirrt. Erste Zweifel melden sich. Die Lehrer
erzahlen von antr' b 1 Ki
. . le s osen ndern, vom Kampfum Dis-
zlphn. Von Schulkarrieren, die es zu retten gilt. Das klingt
nach Hauptschuldi k' "
s USSlon. Bm Ich tatsächlich an einem
Internat, das von sich behauptet, Eliten auszubilden?
144
1415
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ji
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I;
»Da sind Sie natürlich weit von dem entfernt, was sich ein
normaler Durchschnittsmensch für seine Kinder leisten
kann.«
Müller träumt in seinem Büro davon, dass sein Inter-
nat reicher wäre. So reich, dass er die Kinder nicht nur
nach Konto auswäWen müsste. Er sitzt in einem Lederses-
sel, neben ihm auf dem Schlossboden liegt ein Kunstgras-
streifen mit Loch. Auch er trainiert offensichtlich sein
Golfspiel. »Ich hätte gern so viel Geld zur Verfügung, dass
wir uns die Kinder aussuchen können, die zu uns passen.
Da wäre das Niveau sicherlich deutlich höher, und es wäre
auch mehr Aktivität bei den Schülern spürbar.« In den
USA, erzäWt er mir, gebe es sechs oder sieben Internate,
die über ein so großes Vermögen verfügen, dass sie bei der
Auswahl der Schüler ausscWießlich nach der Qualität der
Bewerbung gehen könnten. »Die suchen sich die Schüler
aus, die sie wollen, und erst dann drehen sie das Blatt um
und schauen, wie es bei denen finanziell aussieht. Und
wenn die Mutter alleinstehend und arm ist, kriegt der Be-
werber halt ein Vollstipendium.«
Jetzt sitze ich mit diesen Luxuskindern in Miriams
Zimmer, und es ist alles ziemlich normal, gar nicht prot-
zig. Miriam geht in die Oberstufe, morgens muss sie des-
laut Schulordnung smart office wear, also Büro-
kleIdung, anhaben. In ihrem Zimmer trägt sie lieber
Jogginganzug und Hausschuhe. Ihr Vater sei in der Wirt-
schaft, sagt sie. Mehr möchte sie nicht erzählen. Sie sitzt
auf dem Boden. Ihre Freunde, Lisa, Benni, Max und Eric,
hocken auf Miriams Bett. Moritz klickt am Computer
rum. Zimmer stehen Schrank, Bett, Regal und
SchreIbtisch. ScWicht, fast karg. Es sieht aus wie in einer
guten Jugendherberge, mit Fünf-Sterne-Hotel hat das
146
hier gar nichts zu tun. Die Jüngeren schlafen sogar zu
zweit oder zu dritt in einem Zimmer. Miriam war zum
Probewohnen in vier Internaten, bevor sie sich für dieses
entschieden hat. Ein Freund ihrer Schwester war hier und
mochte den Zusammenhalt und die überschaubare
Größe der Schule. Deshalb Neubeuern. Vorher war sie auf
einer anderen Privatschule, dann in England. Beides hat
nicht funktioniert.
Die meisten haben ähnliche Lebensläufe. Zwei Jahre in
dieser Schule, ein Jahr in jener, dann der Versuch im Aus-
land. Viele hoffen, dass dies ihre letzte Station bis zum Abi
sein wird. »Ich bin eben kein Eierkopf«, sagt Miriam. So
nennen sie hier die Klugen, denen alles zufliegt. Die viel-
leicht sogar hier sind, weil sie an ihren Schulen unterfor-
dert waren, die sich abends im Turm des Schlosses treffen,
um über philosophische Fragen zu diskutieren. »Die dis-
kriminiert man nicht«, sagt Miriam. »Die beneidet man
eher.«
Sie selbst findet sich wie die meisten schulisch eher so
mittel. Dass ihre Eltern so viel zaWen, setzt sie ziemlich
unter Druck. Und weil sie weiß, dass sie in der Schule nicht
glänzen kann, engagiert sie sich sozial. Sie schiebt Schich-
ten im Schuleafe, sie betreut zwei Neue aus den unteren
Kl
. . . d S hül' 'tverwaltung »Dann kann
assen, SIe 1St m er c erml .
man zumindest sagen: Okay, sie war nicht die Beste, aber
" 'gt sagt Miriam. »Man
SIe hat hohes Engagement gezel «,
will
· Elt . etwas zurückzaWen.« Wenn man
semen ern Ja
scheitert hat man das Geld der Eltern aus dem Fenster ge-
, ill' tl" h keiner Der Abitur-
worfen, sagen sie. Das w eIgen lC .
schnitt in Neubeuern liegt bei knapp Drei. Da ahnt man,
dass viele am Scheitern vorbeischrammen. »Man muss
bei der Beurteilung dieses Durchschnitts berücksichtigen,
147
....
dass viele Schüler erst zur elften oder sogar zwölften Klasse
zu uns kommen und häufig große Defizite mitbringen«,
wird mir die Schulleitung später auf meine Nachfrage hin
erklären.
»Warumbezeichnet sich Neubeuern trotzdem als Elite-
wage ich schließlich Miriam zu fragen. »Passt
dieser Begriff?«
»Eliteschule«, sagt sie, »da erwartet man doch Schüler,
die gut sind und keine Probleme mit Alkohol oder Diszi-
plin haben. Aus schulischer Sicht ist das hier auf keinen
Fall Elite.«
»Elite kann man ja auch so sehen, dass es Kinder von
Leuten sind, die es zu etwas gebracht haben«, wendet einer
Jungs ein. »Viele hier hätten das Abi aufnormalemWeg
nIcht geschafft. Die wären an der staatlichen Schule einfach
aussortiert worden. Wenn die es J'etzt doch schaffen ist es
d '
och der Schule zu verdanken. Ich weiß nicht, ob man das
gleich Elite nennen muss, aber es steckt schon dahinter.«
»Wir haben kleine Klassen«, loben sie. »Jeder wird ein-
zeln fi"" d .
ge or ert. Bel den Hausaufgaben wird geholfen, wer
Schwächen hat, kann Einzelunterricht bekommen.«
besseren Bedingungen sind teuer. »Findet ihr
d.as In Ordnung, dass eure Eltern euch kleine Klassen und
gute Betreuung kaufen können und andere Eltern
konnen das nicht?«
»Vielleicht ist das ungerecht«, sagt einer.
»Man kann' . h
b
. Ja nIC t sagen, dass das generell für alle
esser Ist« entge t' d
I
. ' gne eIn an erer. »Manche haben es viel-
eIcht in einer groß Kl b
N h
. en asse esser. Das hat alles Vor- und
ac teile.«
Damit ist das Tb b d Üb
. h ema een et. er Geld sprechen sie
nIC t gern Es spiel h' k'
. eier eIne Rolle, sagen sie. Jeder wisse,
148
dass keiner in Neubeuern arm sei. Wenn einer Gucci trägt,
falle der weder positiv noch negativ auf. Über den Rest
werde geschwiegen. Nur die, die von außen kämen, klagen
sie, wollten immer über Geld reden. »Da heißt es immer
gleich >Bonzenschule<.« Da würde gelästert, nur weil einer
ein sehr teures Auto von seinen Eltern bekommen hätte.
»Anstatt zu sagen: >Das ist krass cool<, wird es ihm miss-
gönnt.« Sie erzählen von einem Porträt ihrer Schule in der
Süddeutschen Zeitung, das mit »Aristokratie der Bank-
auszüge« überschrieben war, und von einer Reportage
auf ProSieben, in der Neubeuern »Nobel-Penne« getauft
wurde. »So ist es hier nicht«, protestieren sie.
»Aber eure Eltern sind doch reich, oder?«
»Du hast gesagt, es geht um Elite, nicht um Geld«,
sagen sie.
Jetzt wollen die meisten nicht mehr reden, sondern
rauchen. Wir laufen ums Schloss zur hintersten Ecke der
Terrasse. Man blickt auf einen Fußballplatz, auf dem ein
paar Jungs kicken. Das Internat teilt sich den mit der Welt
dort unten, mit dem Dorf. »Spielt ihr auch mit denen?«,
frage ich.
»Nein.«
»Gegen die?«
»Nein. Eher gegen andere Internate.«
»Warum nicht? Gibt es Ärger mit denen aus dem
Dorf?«
»Nein. Die sind besser. Die haben eine größere Aus-
wahl.«
Mit dem Geld, sagen sie plötzlich, sei es gar nicht so
einfach. Einer ihrer Klassenkameraden sollte schon vor
dem Abitur die Firma seines Vaters übernehmen. »Der
wollte aber nicht. Der wollte unbedingt seinen Abschluss
149
I'
I
t
i
I'
I
,
....
machen. Irgendetwas in seinem Leben wollte er selbst ge-
schafft haben.«
Unten, weit hinter dem Dorf, steigt Rauch aus dem
Schornstein einer Fabrik. Auch wenn ich mich anstrenge,
kann ich mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, diese
Fabrik theoretisch kaufen zu können. Wie es ist, wenn
man 'ß d
wel , ass man nur den Reichtum der Eltern verwal-
ten muss, um gut zu leben.
»Klar ist es gut, dass Geld da ist«, sagt Miriam. »Als
Notausgang, als Netz, das einen fängt.«
. Dafür hätten die Schüler hier aber andere Sorgen, sagt
emer der Jungs. Die vielen Scheidungen, die ständigen
U " d' h
mzuge, Ie ohen Erwartungen. Und nie hätten die El-
tern Zeit. »Eigentlich möchte ich einfach mal von mei-
nem V; t . d
a er m en Arm genommen werden und in Ruhe
mit ihm über alles sprechen.«
Weil die Eltern so beschäftigt sind, gibt es in Neubeu-
ern Menschen w· N d' "
. Ie a me. SIe 1st gerade neunundzwan-
ZIg geworden, sieht aber nicht viel älter aus als die Ober-
stufe h"l
nsc u er. Das liegt an ihrem Sweatshirt, dem Zopf
und dem bunten S hal N d' .
c . a me 1st Erzieherin. Sie betreut
acht Jungs zw· h d . h
'. ISC en reIze n und sechzehn, »ihre Jungs«,
WIe SIe sagt S' k'
. . Ie wec t SIe morgens, sie sitzt mit ihnen am
MIttagstisch si h d .
, ' e sc aut, ass SIe nachmittags lernen. Und
wenn SIe mal e' h Ib
ill
me a e Stunde nicht nach ihnen sehen
w , klopft garant' t .
. Ier emer und möchte sein Taschengeld
oder eme Magn' bl
p'ck 1 eSlUmta ette, oder er fragt, was er gegen
1 e machen soll E . d
t il
' ' » S sm eben ganz normale Jungs,
e welse noch Ki d '.
richtl' . 1 n er«, sagt SIe. SIe weiß, dass ihre Jungs
g Vle Geld hab d d'
ager "b ll' en, ass Ie Kont.en mancher Teen-
u ervo smd d . F'
hat wäh' d . ' ass SIe Irmen erben werden. Nadine
ren ihres St d' .
u lUms m Kneipen gejobbt. »Wenn
150
ich mir etwas kaufen wollte, habe ich den Preis in Arbeits-
stunden umgerechnet«, erzählt sie. »Dann habe ich mich
gefragt, soll ich dafür wirklich siebzehn Arbeitsstunden
ausgeben?«
Jetzt hat sie Schüler, die vermutlich mehr Geld haben,
als sie je wird erarbeiten können. »Soll ich ihnen daraus
einen Vorwurf machen, dass sie viel Geld haben? Was soll
denn mit diesen Kindern passieren, wenn die Eltern acht-
zehn Stunden pro Tag arbeiten? Sollen wir sie zu Hause
sitzen lassen?« Nadine greift durch, wenn ihre Jungs den
reichen Macker raushängen lassen. Oft käme es nicht vor,
sagt sie. Manchmal schon. Dann sagt einer: »Mach das so,
wie ich will. Ich zahle dafür.« - »Du zahlst gar nichts«,
entgegnet sie dann. »Deine Eltern überweisen die Ge-
bühr. Du hast nämlich gar kein Geld,«
Einmal pro Woche hat sie mit ihren Jungs einen Grup-
penabend. Erst wollten alle nur Events, Kart fahren,
bowlen gehen, nach Rosenheim ins Multiplex-Kino. Na-
dine hat trotzdem in einer Woche Schokoladenfondue
mit ihnen gemacht, in der nächsten haben sie selbst Pizza
gebacken. »Hände dreckig machen, zusammen essen, da-
nach beim Aufräumen helfen. Das lieben die«, sagt sie.
Das klingt fast kitschig. Zuneigung schlägt Geld, Zeit
triumphiert über Konsum, denke ich, als wir durch die
Wolfsschlucht laufen, wo sie im Sommer mit ihrer Thea-
tergruppe den Sommernachtstraum aufführen will.
Nadine und ihre Jungs, Miriam und ihre Freunde, die
Scheidungen und die Schulprobleme. Das ist die eine
Realität in Neubeuern. Der anderen kommt man auf die
Spur, wenn man in Jörg Müllers Büro zurückkehrt. Die
kleine Golfbahn liegt in einem Erker aus, der den Blick
über die Alpen öffnet. Hier treffen sich Tradition und
151
j'i'
Anspruch der Schule. Auch von ihm will ich wissen, ob
Neubeuern eine Eliteschule sei.
»Intuitiv sage ich: Ja. Aber ich muss ein wenig weiter
ausholen und fragen, was >Elite< heißt. Eine akademische
an der nur Schüler aufgenommen werden,
dIe von morgens bis abends lernen und die Schule mit
Einserschnitt beenden, sind wir sicher nicht. Die Elite, die
wir uns wünschen, sind nicht in erster Linie akademische
Leister. Das ist mehr ein ganzheitlicher Elitebegriff.«
»Was entgegnen Sie dem Vorwurf Neubeuern sei eine
elitäre Schule, an der sich Elite nur über das Konto der El-
tern definiert?«
»Dem ,. d . h "
wur e IC zunachst gar nichts entgegnen, weil
man Geld haben muss, um auf diese Schule gehen zu kön-
nen. Allein diese Tatsache reicht jedoch bei Weitem noch
nicht aus, um dem Elitebegriffgerecht zu werden, den wir
uns vorstellen,«
Ich habe mehr und mehr den Eindruck dass der Elite-
begriff ziemlich dehnbar ist. Die die Verant-
wortungsvollsten und jetzt die aus den besten Verhältnis-
d
sen
. Alle kleben sich das Elitelabel auf, weil sie wissen,
ass sie sich da b
nn esser verkaufen lassen. Aber ist das
Wort »Elite d "b h
, « ann u er aupt sinnvoll? Was nützt ein Be-
griff, den J' eder n h B l' b
, ac e Ie en verwendet? Ich schlage eine
neue SeIte m' BI ks
t
' ellles oc auf, in dem ich die Elite-Defini-
Ionen sammle d h '
t gli
,un sc reIbe: Ist das Wort »Elite« un-
au 'ch?
Die Schüler d' N b
fi P " ,Ie eu euern verlassen, erreichen häu-
g OSItIonen di 'h G 1
Müll' d ,e1 nen e d und Einfluss sichern. Jörg
er, essen Offe h't . h
'eh' n el mlC beeindruckt sagt er wisse
111 t, WIe groß dA' ' ,
. er nteii der Schule an diesen Erfol-
gen seI. »Es ist im h . .
mer sc wleng, im Nachhinein fest-
152
zustellen, ob die Schüler so erfolgreich sind, weil sie ein-
flussreiche Eltern haben und Netzwerke aus Bekann-
ten und Freunden, Maßgeblich entscheidend für ihren
Erfolg sind in jedem Fall die Netzwerke, die sie in Neu-
beuern knüpfen, und der Zugriffauf das Altschüler-Netz-
werk der Schule.« Außerdem seien die Schüler aufgrund
ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung sehr fit, wenn es in
AuswaWgespräche ginge. Trotz ihrer mäßigen Leistungen
würden es viele an die privaten BWL-Hochschulen schaf-
fen. An die EBS in Oestrich-Winkel zum Beispiel, denke
ich und habe langsam das Gefühl, dass der Kreis sich
scWießt. »Kann das mit einem bestimmten Habitus zu
tun haben, dass Ihre Schüler gesellschaftstauglicher sind
als andere?«
»Sicherlich. Dass unsere Schüler gewandt sind, das
merken Sie natürlich sofort, wenn Sie zum Beispiel im
Rahmen eines Auswahlverfahrens mit acht Schülern an
einem Tisch ein Interview führen. Während der durch-
schnittliche I,G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium
auf seine Schuhe guckt und seinem Interviewpartner
nicht in die Augen schaut, weil er solche Situationen ein-
fach nicht gewohnt ist, gehen unsere Schüler mit einer
derartigen Situation selbstbewusst und souverän um. Und
weil jetzt immer mehr auf solche Soft Skills geachtet wird
und die Universitäten mehr Auswahlgespräche durchfüh-
ren und nicht mehr so zeugnisgläubig sind, kommen un-
sere Schüler in sehr gute Ausgangspositionen.«
I,G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium. Ich schlu-
cke. Das denkt also die Eliteschule vom staatlich gebilde-
ten Pöbel. Ich war aufdemWerner-von-Siemens-Gymna-
sium. Ein Gymnasium, wie es Tausende in DeutscWand
gibt. Der graue Siebzigerjahre-Bau war Teil eines Schul-
153
zentrums und lag zwischen Bahnlinie und Umspann-
werk. Jeden Morgen sind wir auf die blassblauen Fenster
zugeradelt, um Deutsch, Mathe und Englisch zu lernen.
Es war ein Platz, an dem sich strebsame Mittelschicht-
kinder ein glänzendes Abitur erarbeiten konnten. Das ge-
wisse Etwas aber nicht. Wir hatten keine Rhetorik-Kurse
wie die Neubeurer, keine Candle-Light-Abende, bei de-
nen wir den Umgang mit Besteck und Small Talk üben
konnten, und vor allem hatten wir keine prall gefüllten
Bücher, in denen die Namen von einflussreichen Altschü-
lern gesammelt werden. »Wenn man ein Praktikum ma-
chen will«, hatte Miriam erzählt, »schaut die Schulleitung
in das Buch, fragt, welche Branche, ob es im Ausland oder
in Deutschland sein soll, und dann bekommt man die
Nummer. Man ruft da einfach an, sagt, ich möchte ein
Praktikum machen. In zwei Wochen soll es losgehen.
Dann sagt der Altschüler: Passt zwar gerade nicht, aber es
ist natürlich kein Problem. Du kannst kommen.«
Die Altschüler geben eigene Zeitschriften heraus, sie
feiern ihre Hochzeiten auf dem Schloss, sie kommen jedes
Jahr zum Sommerfest. Die Neubeurer sind eine große Fa-
milie. Wer hier den Abschluss macht, gehört sein Leben
lang dazu. Das Netzwerk hält und hilft. Ich möchte von
Jörg Müller wissen, ob es ihm dabei so geht wie mir. »Be-
rührt das Ihr Gerechtigkeitsempfinden, dass Ihre Schüler
Chancen haben, die andere nicht haben?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Selbst wenn ich der Meinung wäre, was ich auf theo-
retischer Ebene bin, dass es schön wäre, wenn alle Men-
schen die gleichen Chancen hätten, wäre es natürlich
schon eine, um ein nettes Wort zu benutzen, naive Sozial-
154
fantasie, aber die widerspricht ja jeder Realität. Die Welt
ist weder gerecht, noch sind die Chancen gleich verteilt.
Was hätte also die Welt davon, wenn unsere Schüler dar-
auf verzichten würden, ihr Netzwerk und ihre Beziehun-
gen zu nutzen? Kann ich nicht sagen, dass ich da ein
schlechtes Gewissen habe.«
Naiv also. Das sagt später auch ein Freund, dem ich
von meinem Besuch in Neubeuern erzähle. »Was hast du
erwartet?«, fragt er. »So funktioniert die Welt. Was wirfst
du denen vor?«
In der Woche vor meinem Besuch in Neubeuern gab es
einen Mini-Eklat in der Kapelle. Nadines Theatergruppe
hatte ein Happening für die Abendansprache geplant.
Die Abendansprache ist eine Art Zusammengehörig-
keitsveranstaltung. Das Internat trifft sich, ein paar Schü-
ler und Lehrer bereiten ein Thema vor, über das gespro-
chen wird. Selten, erzählt mir ein Lehrer, würde da richtig
debattiert, die meisten hingen in ihren Stühlen und lie-
ßen das Ganze über sich ergehen. Deshalb setzten die
Schüler der Theatergruppe sich in eine Stuhlreihe, ließen
per Kassettenrekorder das Pfeifen aus dem Film »Kill
Bill« in einer Dauerschleife ablaufen und schwiegen. Eine
halbe Stunde. So wollte man die Konsumhaltung der an-
deren persiflieren.
Die Schüler reagierten eine endlos lang scheinende
Zeit gar nicht. »Irgendwann sprang einer aus der neunten
Klasse auf«, erzählt mir der Lehrer, »und zog den Stecker
des Rekorders raus.« Dann erst seien einige gegangen. Das
sei typisch für die Schüler hier, klagt der Lehrer. Sie seien
passiv, würden alles mit sich geschehen lassen. Der einzige
Protest kam von einigen religiösen Schülern. Die Aktion
hätte die Kapelle entweiht, sagten sie. Miriam und ihre
155
Freunde hatte ich gefragt, was sie in Deutschland gern än-
dern würden. »Da kennen wir uns nicht so aus«, hatten
sie geantwortet. »Vielleicht das Rauchverbot in Kneipen
wieder abschaffen?«, hatte einer schließlich gesagt. »Oder
Weltfrieden.« Dann haben alle gekichert, und ich fand die
Fragen, die ich noch auf meinem Zettel hatte, in denen es
um Gerechtigkeit ging, plötzlich weltfremd.
Im Unterricht der Oberstufe frage ich drei Abiturien-
ten, ob Politik in Neubeuern eine Rolle spiele. »Nein«,
sagen sie.
»Ihr seid politisch so homogen«, platzt es plötzlich aus
ihrem Lehrer heraus. »Konservativ und unpolitisch.«
»Es ist doch wohl normal, dass Kinder in diesen Fra-
gen ihren Eltern folgen«, protestiert einer der Schüler.
»Es gab mal eine Zeit, da war das anders.« Der Lehrer
klingt jetzt wie ein Märchenonkel. »Da haben sich die
Kinder gegen ihre Eltern aufgelehnt, opponiert. Da hat
die Jugend versucht, für eine bessere Welt zu kämpfen.«
Erzähl du mal schön von früher, sagen die Gesichter.
Zum Lehrerzimmer laufe ich über uralten Holzboden.
Jeder Schritt lärmt. Der Boden erzählt. Das Internat Neu-
beuern war Heimat liberaler Adliger. Im Dritten Reich
wurde die Schule deshalb geschlossen. Die Nazis errichte-
ten hier eine ihrer Kaderschmieden, eine »Napola« - Na-
tionalpolitische Erziehungsanstalt. Ein Neubeurer starb
im Widerstand. Er wollte Hitler töten. In den Siebzigern
kam ein antiautoritärer Direktor. Er ließ den Schülern
jede Freiheit und musste gehen, weil er selbst angeblich zu
freizügig war. Und heute?
Die Lehrer haben jetzt eigentlich gar keine Zeit zu re-
den S' ..
. le mussen zur Schulversammlung. Die Klassenbes-
ten bekommen heute Buchgeschenke. Aber eine Lehrerin
156
bleibt schließlich doch stehen. »Sind Ihre Schüler poli-
tisch?«, frage ich. Sie wird nicht aufhören zu sprechen, bis
wir im Festsaal der Schule angekommen sind.
»Das politische Denken, Gesellschaft zu verändern, zu
beeinflussen, das eigene Verhalten möglichen Idealen an-
zupassen, das sehe ich nicht oder zumindest nur bei den
allerwenigsten. Man denkt da eher an sich selbst, an das
eigene Leben, das man sehr wohl zu arrangieren und an-
zupassen weiß und wo man die Rahmenbedingungen für
sich so gestalten kann, dass das sehr gut passt und dass
man weiterkommt. Aber für sich selbst und nicht für
andere.«
»Ärgert Sie das nicht?«
»Ärgern ist immer so eine Sache.«
Ich sitze ganz hinten im Festsaal der Schule, blicke auf
die goldverzierten Spiegel, die Seidentapeten, raus in
Richtung Alpen und ärgere mich. »Müsste eine Elite nicht
Verantwortung für andere übernehmen?«, hatte ich die
Lehrerin zum Schluss gefragt. »Sicher«, hatte sie geant-
wortet und musste sich dann der Verleihung widmen.
Trotzdem werden sie auch in Zukunft an ihrem Elite-
Internat niemandem die Aufnahme wegen mangelnder
gesellschaftlicher Verantwortungsbereitschaft verwei-
gern, denke ich. Wer zahlen kann, darf dazugehören. Wer
dazugehört, auf den warten Einfluss, Erfolg und Geld.
Geld, mit dem auch die Internatsgebühren für die nächste
Generation gezahlt werden können. Und das Gerede von
der Leistungselite, die wir brauchen? Die sich über Kön-
nen, nicht über Herkunft und Beziehungen definiert? In
die jeder aufsteigen kann? Wer von Elite spricht, redet
immer auch von einer Teilung der Gesellschaft, hat der
Soziologe Michael Hartmann gesagt. Das mit der Leis-
157
tungselite, meinte er, sei ein Mythos, um die bestehenden
Zustände zu festigen und zu legitimieren.
Die Schulleitung erinnert gerade an den Fundraising-
Ball, der am nächsten Wochenende stattfinden soll. Das
Internat will Geld für ein Wireless-LAN-Netz sammeln.
Auch für die Schüler sei Abendgarderobe verpflichtend,
heißt es. »Black Tight wird verlangt. Ihr werdet Dienst am
Champagnerempfang haben. Tut das mit erkennbarer
Freude.«
Um acht Uhr wird an diesem Abend das Schülercafe auf-
gescWossen. Miriams Dienst beginnt. Erst verkauft sie
den Jungs eine Salami-Pizza. Danach bereitet sie eifrig
einen Käsetoast zu. »Ich mag das, wenn die Leute etwas
kaufen, was ich selber machen kann«, sagt sie. Benni und
Moritz gehen mit der Pizza in den Nebenraum. Per Bea-
mer wird hier gerade der Blockbuster »Fluch der Karibik«
gestartet. Die Jungs setzen sich in die erste Reihe aufs
Sofa. Hinter ihnen hält ein Paar Händchen. Miriam und
eine Freundin zeigen mir die Lehrerfotos imJahrbuch der
Schule. »Der ist ein Teufel. Der auch. Und der auch.«
Es ist ein Abend in einem ganz normalen Schülercafe.
Wenn nicht die beiden Portemonnaies auf dem Tresen wä-
ren. Das linke ist von Louis Vuitton, das rechte, das sil-
b ~ r n e , von Dolce & Gabbana. Da schnappt die Neidfalle
WIeder zu. Um 22 Uhr 30 werden die Schüler in ihren Flü-
geln eingescWossen. Ich steige die Treppe ins Dorf hinab
und denke über die Schweiz nach. »Fahren Sie mal dort-
hin« hattem" . . N b
' Ir emer m eu euern empfohlen. Zum Inter-
nat auf dem Rosenberg. Da seien die die ihren Reichtum
wirklich"" '
. zeIgen wurden. Extrem geld- und besitzorien-
tierte Schüler und Eltern, von oben bis unten mit Nobel-
158
Labels behängt. Dort kostet das Jahr 40000 Euro. Diener
decken morgens, mittags und abends die Essenstafeln.
Zum Fuhrpark gehören ein Bentley, ein Rolls-Royce und
ein Cadillac. Es sei hochwertige Luxusverwahrung, die
dort stattfinde, sagte der Neubeurer. Ganz anders als hier,
auf dem ScWoss. In einem Artikel lese ich, dass er offenbar
recht hat: Um 19 Uhr müssen die Kinder dort auf ihre
Zimmer. Ein Nachtwächter geht von Raum zu Raum. Vi-
deokameras sind allgegenwärtig und sorgen dafür, dass die
Kinder in ihren Zimmern bleiben. Reiche Kinder, die nur
noch per Videoüberwachung gebändigt werden können,
weil sie so sehr unter der »WoWstandskrankheit« leiden.
Ich fahre nicht zum Rosenberg, auch nicht zum Genfer
See, sondern kehre nach Kreuzberg zurück. Hier werden
seit drei Jahren ein paar Schulen per Kamera überwacht.
Offensichtlich ist das Vertrauen in die Jugendlichen ganz
oben und ganz unten so gering, dass die Erwachsenen
meinen, die Teenager kontrollieren zu müssen. Neben der
Antriebslosigkeit, der mangelnden Disziplin und dem
Wunsch nach Anerkennung ist dies eine weitere Erfah-
rung, die die Schüler an beiden Enden der Gesellschaft
teilen.
Ich glaube nur, dass manche Schüler in Neubeuern
diese Erkenntnis nicht akzeptieren würden. Ein Mädchen
aus der Oberstufe hatte beim Mittag verächtlich von einem
Ausflug in die Münchner Innenstadt erzählt. Wegen eines
Gutscheins habe sie zu Saturn gemusst, in die Kaufbeurer
Straße, wo sie sonst nie hinginge. »Wie in Istanbul ist es
da«, schimpfte sie. Selbst auf den Privatschulen in Mün-
chen seien ja schon Türken. Selbst die Internatsschüler
mit den idiotischsten Ansichten werden es wohl immer
nach oben schaffen. Nur weil sie dazugehören. Weil sie
159
sich Elite nennen. Und ihnen das vorzuwerfen, finde ich
alles andere als naiv.
Halt, ermahne ich mich selbst. Zum ersten Mal wäh-
rend meiner Recherche habe ich das Gefühl, dass meine
Neugier von einer ungeheuren Abneigung erdrückt wird.
Ich versuche, mich zu bremsen; die Wut herunterzuschlu-
cken und zurück zum Thema zu kommen. Die Suche
nach der Elite. »Ergebnis des Besuchs im Internat Neu-
beuern«, notiere ich betont sachlich: »England gibt es
auch in Deutschland, das heißt, auch hier findet sich eine
Elite, die sich durch den Besuch eines teuren Internats be-
gründet.«
Neubeuern ist Heimat der Reichen. Nirgendwo sonst
auf meiner Reise hatte ich das Gefühl, dass sich das Elite-
label so einfach kaufen lässt. Ich finde es falsch, dass sich
die Schule Elite nennt, dass die Abgänger Plätze in der
Gesellschaft einnehmen werden, die sie ohne das Geld
der Eltern und den Namen der Schule nie erlangt hätten.
Nachdem ich die Wut über das ausländerfeindliche
Mädchen bewältigt habe, denke ich abseits aller Elitefra-
gen noch lange an Miriam und die anderen. Richtig rei-
che Eltern zu haben, hatte ich mir bislang immer sehr
schön vorgestellt. Reich sein, das hieß für mich, Weih-
nachten in der Schweiz Ski zu fahren oder zum Familien-
urlaub nach San Francisco oder Sydney zu fliegen. Dass
richtig reich sein auch heißt, dass man die eigenen Eltern
wohl nie übertrumpfen wird, dass man kaum Antrieb
hat, sich etwas zu erarbeiten, dass man verglichen mit
den Erfolgen der Eltern oder Großeltern eigentlich nur
eine Enttäuschung werden kann, daran hatte ich nicht
gedacht.
160
TRADITION ZU VERKAUFEN
Ich stehe in überlingen am Bahnhof und versuche, mei-
nen Körper wieder auseinanderzufalten. Eine gefühlte
Ewigkeit habe ich im Regionalexpress gesessen. Knie an
Knie mit meinem Gegenüber in der Vierersitzgruppe,
froh über meine kurzen Beine. Mein Koffer versperrte
den Gang. Aber es gab im vollen Zug keinen geeigneten
Platz für ihn. »Mobilitätsproletariat« nennt ein Vielflieger
aus John von Düffels Theaterstück »Elite 1.1« die Bahn-
fahrer abfällig.
Seit die Bahn nicht mehr von Beamten verwaltet wird,
ist dieses Proletariat gespalten, ist die Gleichmacherei in
der Schienenwelt vorbei. Wie jede Reform teilte auch die
der Bahn in Verlierer und Gewinner. Die Verlierer leben
in der Provinz, wo das Netz ausgedünnt wurde, wo Bahn-
höfe geschlossen und Strecken stillgelegt wurden. Die Ge-
winner wohnen in Großstädten. Dort, wo die schicken
Hochgeschwindigkeitslinien zusammenlaufen. Ich bin
eine Reformprofiteurin. Im vergangenen Jahr bin ich
Tausende von Kilometern mit der Bahn gefahren. Ich mag
es, wenn die ICEs im Stundentakt durchs Land jagen,
wenn Flüsse, Felder und Windräder vorbeifliegen. Neben
meinem Knie die Dose für den Laptopstecker, die Füße
auf der Stütze am Sitz des Vordermanns. Jede Stunde
kommt der Kaffeemann vorbei. Würde ich für ein Zurück
in die Zeit vor der Reform, als noch alle Züge gleicher wa-
ren, die Eliteschnellstrecken aufgeben? Würde ich, damit
die Provinz bessere und häufigere Verbindungen erhält,
auf Köln-Berlin in gut vier Stunden verzichten wollen?
Bestimmt nicht. Auch ich kann Ungerechtigkeiten ganz
gut ertragen, wenn sie mir nützen.
161
Heute ist einer der ersten warmen Frühlingstage. Hin-
ter dem Bahnhof liegt die Überlinger Altstadt, dahinter
der Bodensee. Ich blinzle in Richtung Sonne, sehe glattes
Wasser, dahinter ein paar Berge. Es scheint ein unge-
schriebenes Gesetz zu sein: Dort, wo Deutschland richtig
schön ist, thront über Dörfern und Kleinstädten stets ein
Schloss, in dem Internatsschüler wohnen. So war es in
Neubeuern, so ist es auch in Überlingen.
Ich habe beschlossen, einen zweiten Versuch zu wagen.
Ich will die Internate als »Schule der Elite« nicht abhaken,
bevor ich nicht die Elite aller Elite-Internate gesehen
habe. Neubeuern mag vor allem ein Ort des Geldes sein,
aber Salem, das weiß ich aus etlichen Berichten in meiner
Elite-Artikelsammlung, verspricht vor allem Tradition
und höchste pädagogische Qualität.
Ich hatte meiner Mutter vorher den Prospekt von Sa-
lern gezeigt. Sie mochte das Kloster direkt am Bodensee.
Die Schuluniform fand sie schlicht und schön. Die Re-
formpädagogik, für die Salemsteht, begeisterte sie, schließ-
lich wurde sie in den siebziger Jahren zur Lehrerin ausge-
bildet. »Vielleicht hätte es dir dort gefallen«, sagte meine
Mutter. »Ein Monat kostet 2375 Euro«, wandte ich ein.
»Das sind fast 30000 pro Jahr.«
Auch mein Vater las den Prospekt. Danach fluchte er
über Apotheker und Unternehmer, die ihren Kindern
~ i n e heile Schulwelt kaufen könnten. Er empörte sich dar-
uber, dass die Eltern auch noch 30 Prozent des Schulgel-
des von den Steuern absetzen könnten. »Das bezahlen
dan ., . f .
n Wlf.«, ne er mit hochrotem Kopf. Dann schimpfte
er, dass bei kleinen Klassen und intensiver Betreuung je-
der Zum Abi gehievt würde - und überlegte, ob nicht der
Sohn des Inhabers unserer örtlichen Supermarktkette
162
dort war, nachdem er an allen anderen Schulen Schwie-
rigkeiten gehabt hatte. Mein Vater brauchte Stunden, um
sich von diesem Sozialneidanfall zu erholen.
Und jetzt bin ich hier im ehemaligen Kloster des Zis-
terzienserordens Salem, das Fluchen meines Vaters und
die vorsichtige Begeisterung meiner Mutter im Hinter-
kopf. Ein Schüler in Uniform hat mich in die Kapelle ge-
führt. Auf dem Weg kamen uns drei Jungs mit erhitzten
Köpfen entgegen. Sie trugen Hockeyschläger. Sie sahen
aus wie die Jungs auf den Fotos aus England. »Wir danken
Seiner Königlichen Hoheit, dem Markgrafen von Baden,
dafür, dass wir diesen Raum nutzen können«, sagt die Rek-
torin der Internatsschule Salem gerade. 1920 hat Prinz
Max von Baden dieses Internat eröffnet. In einem Pro-
spekt der Schule habe ich zwei Fotos gesehen. Darunter
stand geschrieben: »Der traditionelle Morgenlauf 1935
und heute.« Tradition eben.
Heute öffnet das Internat seine Türen, um Kunden für
die Zukunft zu werben. Neben mir auf der Bank sitzt ein
Vater im Joop-Mantel mit seiner Teenagertochter, vor mir
ein Ehepaar mit seinem Sohn. Er ist noch ein Kind, viel-
leicht zehn oder elf Jahre alt. Insgesamt sind etwa zwei-
hundert Familien in die Kapelle gekommen. An diesem
Tag werden sie hören, was Salem ihrem Nachwuchs zu
bieten hat. Sie werden sich durch das Kloster führen las-
sen, durch die Burg für die jüngeren Schüler und das
Schloss über dem Bodensee, in dem die Abiturienten
wohnen. Dann werden sie entscheiden, ob sie in die
Schule investieren. Der Kleine neben mir ist nervös. Sein
Vater checkt noch ein letztes Mal die E-Mails. Bestimmt
war es nicht einfach für ihn, sich diesen Samstag frei zu
halten. Als ich mich weiter umschaue, sehe ich, dass auch
163
f
I
I"
i
,
f'
der Vater neben mir noch mit seinem Blackberryhantiert.
Wenn er seinen Sohn hier anmeldet, wird der übrigens
auf dem Klostergelände kein Handy benutzen dürfen.
»Eine Trias von Tugenden - Wahrheitsliebe, Mut und
Verantwortung - steht als Leitbild über Salem«, lerne
ich. Schulleiterin Eva Marie Haberfellner verspricht den
Eltern gerade, dass man ihre Kinder mit Disziplin und
Leidenschaft erziehen wolle. »Plus est en vous«, sagt sie,
das sei der Wahlspruch der Schule - »in euch steckt
mehr«. Stolz erzählt sie, dass die jüngeren Schüler vor
zwei Wochen ein Stück auf Lateinisch aufgeführt hätten.
Die Ausbildung sei elitär, lobt der Schülersprecher, und
der Leiter der Mittelstufe zitiert den Reformpädagogen
Kurt Hahn, den Mitbegründer des Internats: »Es ist Ver-
gewaltigung, Kinder in Meinungen hineinzuzwingen.
Aber es ist Verwahrlosung, ihnen nicht zu Erlebnissen zu
verhelfen, durch die sie ihrer verborgenen Kräfte gewahr
werden können.« Das klingt nach den Träumen meiner
Mutter.
Nachdem zitiert und geworben wurde, sollen die
Schüler das Kloster zeigen. Eva ist gerade vierzehn gewor-
den. Sie hat lange dunkle Haare, auf den Arm hat sie mit
Kuli eine Matheformel geschrieben. Sie führt gleicherma-
ßen eifrig wie desinteressiert. Immer wieder blickt sie auf
den Zettel, den sie bekommen hat, bemüht, bei ihrer Füh-
rung nichts zu vergessen. Hier die alte Turnhalle. Die
Treppe rauf zum Speisesaal. Hinten ist der Krankentrakt,
links geht es zum Mädchenflügel. »Wie ist es, hier zur
Schule zu gehen?«, frage ich. »Gut«, sagt Eva. »Frag doch
auch etwas!«, sagt der Vater des Mädchens, das mit mir
rumgeführt wird. »Wir machen das alles für dich.« -
»Lass mich«, faucht sie und schweigt.
164
Ich weiß nach dieser Werbeveranstaltung nichts über
das Leben im Internat. Nicht, was Eva und der Schulspre-
cher tatsächlich über Eliten denken, nicht, was an den
schönen Sprüchen der Verantwortlichen dran ist, nicht,
ob mein Vater oder meine Mutter recht hat. Nur ein
dumpfer Zweifel bleibt, ob Versprechen und Realität in
dieser Schulform in Einklang zu bringen sind. Kurt Hahn,
der Reformpädagoge, hat sieben Salemer Gesetze formu-
liert. Das letzte lautet: »Erlöst die Söhne und Töchter rei-
cher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl
der Privilegiertheit.« Dass das in einem Internat, das fast
30000 Euro pro Jahr kostet und seine Schüler in Burgen
und Schlössern beherbergt, gelingt, glaube ich nicht.
Ich schreibe der Internatsleitung, dass auch nach dem
Tag der offenen Tür noch Fragen geblieben seien, und be-
komme einige Wochen später eine neue Einladung. Es
hätten sich zwei Schüler gefunden, die mit mir über Elite
reden wollten. Also kehre ich noch einmal ins Schloss zu-
rück.
DIE POLITIKER VON SALEM
Das Arrangement kenne ich schon. Vor dem Schloss, in
dem die Salemer Oberstufe lebt, schlagen sich zwei Mäd-
chen auf den schuleigenen Tennisplätzen ein paar Bälle
zu. Als ich am Tag der offenen Tür hier war, hingen ne-
ben einigen Zimmerfenstern des Jungentrakts Deutsch-
landflaggen. Auch heute haben Internatsschüler wieder
schwarz-rot-goldene Fahnen vor die hellgelbe ScWoss-
wand gehängt. Noch immer irritiert mich das. Vielleicht
liegt es an meiner Erziehung, an den ständigen »Nie-wie-
165
der«-Warnungen meiner Eltern und Lehrer, dass sich
beim Anblick schwarz-rot-goldener Fahnen sofort meine
Nase kräuselt und mein Gehirn »Nationalismusverdacht«
schreit. Es ist derselbe Reflex, der sich regte, als ich in
Griechenland zum ersten Mal hörte, dass sich jemand be-
wusst und stolz »Elite« nannte. Flaggen und Uniformen.
Patriotismus und Eliten. Wollen wir diese Traditionen
wiederbeleben? Oder war es gut und nötig, diese als Trä-
ger nationalistischer Keime zu meiden? Sind die Flaggen
neben den Fenstern der Schüler harmlose Zeichen eines
inzwischen wieder normalen Stolzes, oder sind sie der Be-
weis eines völlig falschen Traditionsverständnisses, das
jederzeit in Richtung Nationalismus kippen kann?
Oliver und Philipp können diese Fragen bestimmt be-
antworten. Die zwei sind die Politiker des Internats und
von den anderen Salemern ins Schülerparlament gewählt
worden. Wenn man Philipp, der die Haare streng zur Seite
gegeIt trägt und sich heute Morgen für ein rosafarbenes,
akkurat gebügeltes Hemd entschieden hat, von der Schul-
bank direkt in einen Bundestagsausschuss beamen würde,
fiele er sicher nicht weiter auf. Oliver ist eher der Charis-
matiker. Seine verstrubbelten braunen Haare, Zeichen
eines eher alternativen Stils, kombiniert er souverän mit
einem kunstvoll gebundenen Armani-Schal und einem
Paar Lederslipper, beides Insignien der Konservativen.
Oliver spricht lauter und selbstsicherer als Philipp. Er ist
Präsident des Schülerparlaments. Die beiden gehen in die
zwölfte Klasse. Sie wohnen genau in dem Trakt, wo die
Fahnen hängen.
Die Flaggen hätten nichts weiter zu bedeuten, sagen
sie. Sie seien Normalität, Zeichen eines normalen Natio-
nalstolzes. Damit ist das Thema für sie erledigt. Nur eins
166
noch, sagen sie: Die Salemer seien schon anders als die
eher linke Schülerschaft an vielen staatlichen Schulen. Sie
erzählen mir, dass CDU und FDP hier bei einer Testwahl
auf 80 Prozent gekommen seien. Und dass hier auch kei-
ner was davon hielte, sich zu zehnt auf einen Bahnhof zu
legen und zu schreien, dass man gegen Nazis sei. Sie woll-
ten sich nicht idiotisch benehmen, nur weil sie achtzehn
seien, sagen sie. Sie seien eben vernünftig und politisch
mit ihren Eltern auf einer Linie. Eher konservativ. »Wenn
mein Vater mir seit achtzehn Jahren predigen würde, die
PDS oder die NPD, die sind es, und ich sehe, es wird
nichts aus ihm und auch nicht aus seiner Ansicht, dann
stehe ich auch nicht dahinter«, erklärt mir Oliver. »Aber
ich kann die Einstellung, die mein Vater mir vermittelt,
nachvollziehen, und deswegen muss ich da nicht revolu-
tionär wirken.«
Im Jahr 2001 stritt das Internat Salem ein Jahr lang dar-
über, wie mit dieser neuen konservativen Schülerschaft
umzugehen sei. Damals wollten die Schüler, dass am
Eingang des Internats dauerhaft die Deutschlandflagge
gehisst werde. Die Schulleitung lehnte ab. Die Schüler
revoltierten auf ihre Art. Sie hängten an einem Morgen
im Februar aus allen Fenstern Schwarz-Rot-Gold.
Auch den Tag der Deutschen Einheit wollten die Schü-
ler feiern. Das lehnte die Leitung ebenfalls ab. Also trafen
sich dreißig Schüler, festlich gekleidet in Anzug und
Blazer, zu einer Privatfeier. Der Journalist Jan Christoph
Wiechmann rekonstruierte den Abend für den Stern nach
einer Reihe von Gesprächen mit Schülern. Die Feier be-
gann harmlos bei Würstchen mit Kartoffelsalat, bei Bier
und Jägermeister. Dann stimmten einige die National-
hymne an. Sie sangen alle drei Strophen, auch die Zeile
167
i
I
»Deutschland, DeutscWand über alles«. Die Schüler spiel-
ten eine selbst gebrannte CD mit einer Hitler-Rede ab. Sie
lachten über den Führer, einer persiflierte den Hitler-
Gruß. Nachher sagten die Schüler, vieles an diesem
Abend sei falsch gelaufen. Trotzdem hätten sie das Recht,
»endlich aus dem Schatten der Geschichte herauszutre-
ten«. Sie meinten, provokante Aktionen seien nötig, um
»die Gesellschaft wachzurütteln, um abzurechnen mit
den Achtundsechzigern und der Holocaust-Hysterie«.
Dr. Bernhard Bueb, der von 1974 bis 2005 Leiter der
Schule war und den Schrecken des Dritten Reichs noch
als Kind erlebt hatte, reagierte damals entsetzt auf diese
Wiederentdeckung des Nationalstolzes. Er entließ einen
der Anführer. Er mahnte, er strafte, er untersagte lange .
die Flaggen. Doch wer heute, sechs Jahre später, nach Sa-
lern kommt, merkt, dass die patriotische Rebellion nicht
folgenlos geblieben ist. Inzwischen feiert Salem den Tag
der Deutschen Einheit offiziell mit einem festlichen Es-
sen, formal dinner, nennen das die Schüler. Anzüge sind
an diesem Abend nun nicht mehr Provokation, sondern
. Pflicht. Und auch die Flaggen neben dem Zimmerfenster
scheinen niemanden mehr zu irritieren. Die Rückbesin-
nung auf alte Werte ist im Internat offenbar zu einem gu-
ten Teil vollzogen.
Dr. Bernhard Bueb ist inzwischen Pensionär und steht
den Internaten Salem und Neubeuern nur noch bera-
tend zur Seite. Er hat im Alter eine Mission gefunden, die
der der Rebellen von 2001 durchaus ähnelt. Auch Bueb
will mit einem der Prinzipien der Achtundsechziger
aufräumen. Er kämpft vor großem Publikum für eine
Renaissance der Disziplin. »Der Erziehung ist vor Jahr-
zehnten das Fundament weggebrochen: die vorbehalt-
168
lose Anerkennung von Autorität und Disziplin«, klagt
Bueb in seinem Bestseller »Lob der Disziplin«. Viele irr-
ten »ziel- und führungslos« durchs Land. Bueb fordert,
dass Kinder und Jugendliche wieder lernen müssten, Re-
geln nicht ständig zu diskutieren und zu hinterfragen,
sondern reflexartig zu befolgen. Er schreibt: »Wir müssen
wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren, dass nur der
den Weg zur Freiheit erfolgreich beschreitet, der bereit ist,
sich unterzuordnen.«
In einigen Bereichen, sagt Bueb, könne Kinderer-
ziehung sich daher durchaus an der Abrichtung eines
Hundes orientieren. »Wir müssen uns dazu durchrin-
gen, legitime Macht als Autorität anzuerkennen, die
Macht Gottes, die Macht des Staates und die Macht der
Erziehungsberechtigten.« Ein Mangel an Disziplin, meint
Bueb, könne »ein ganzes Leben aus dem Lot bringen, ja
ein Kind psychisch krank« machen, aus ihm einen liebes-
und arbeitsunfähigen, neurotischen und ichzentrierten
Menschen machen. »Disziplin wirkt heilend«, verkündet
Bueb.
Wie viele meiner Freunde bin auch ich dazu erzogen
worden, zu hinterfragen, statt zu folgen, zu diskutieren,
statt zu akzeptieren, selbst zu denken, statt blind zu ge-
horchen. Wenn ich Bernhard Buebs Buch lese, habe ich
den Eindruck, dass er viele Prinzipien, nach denen wir er-
zogen wurden, für grundsätzlich falsch hält, dass er das
Handeln unserer Eltern verurteilt, uns für relativ miss-
lungen hält. Das kränkt mich. Seine Forderung, wieder
eine Jugend zur Gefolgschaft zu erziehen, macht mir
Angst. In Salem wird, wie in Neubeuern, im Urin der
Schüler nach Drogenresten, in ihrem Atem nach Alko-
holrückständen gesucht. Wer Haschisch geraucht hat,
169
fliegt sofort. Wer trinkt, nur wenn er Wiederholungstäter
ist. »Und wer Kaugummi kaut, wird erschossen«, sagt
mein Freund sarkastisch. Ein disziplinierter Schüler
müsste schließlich auch diese Regel schlucken. Ein auf-
rechter würde sich auflehnen. Disziplin ist eben eine Se-
kundärtugend. Sie kann wunderbaren, aber auch grausa-
men Zielen dienen und sollte nie Selbstzweck sein. »Mit
Disziplin«, schreibt Matthias Altenburg in der Zeit, »kann
man ein Haus bauen, Geige spielen lernen und einen
Fünftausendmeterlaufgewinnen. Mit Disziplin kann man
den Regenwald abholzen, in den Krieg ziehen und, wie
Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formu-
lierte, >ein Konzentrationslager führen<.« Auch das, dachte
ich, sei Konsens. Stimmt aber nicht.
Bernhard Bueb bekommt für seine Thesen viel Ap-
plaus. Es ist dieselbe »Das-wird-man-doch-mittlerweile-
wieder-sagen-dürfen«-Begeisterung, die von Patriotis-
musdebatten, dem neuen Gefallen an den Farben Schwarz-
Rot-Gold und eben dem Wunsch nach Eliten hervorgeru-
fen wird. Bueb tourt durch Talkshows. Er, den Menschen,
die ihm begegnet sind, als höflich, feingeistig und klug
beschreiben, schaffte es, bei Sabine Christiansen eine
Stunde lang thesengemäß streng zu schauen, als er für
Führung und Gefolgschaft und - skurrilerweise - für eine
Rückbesinnung auf die Regeln der Pfadfinder warb. »Und
wo ist das geendet? Im Faschismus!«, rief ein anderer
Talkshowgast da erbost. »Kinder, besinnt euch auf die
Pfadfinder«, sagt mein Freund Tom mit knarzender
Stimme, als spräche er direkt aus einem Volksempfänger.
Und jedes Mal, wenn Bueb wieder loslegt, rufen wir:
»Und wo ist das geendet? Im Faschismus!« Aber was will
man von uns mit wenig Härte Erzogenen auch erwarten.
170
Ganz anders seine Salemer. Zumindest die, die mir ge-
rade gegenübersitzen, haben Buebs Thesen begriffen und
sind bereit, ihm zu folgen. Philipp und Oliver, die bei-
den Schulpolitiker, wollen jetzt ganz in Buebs Sinne
ihre Schulverfassung ändern und einen Teil der ihnen
in den siebziger Jahren übertragenen demokratischen
Rechte freiwillig zurückgeben. Bueb schreibt, dieses Sys-
tem »produziert eine Gewerkschaftsmentalität, es fördert
Egoismus und Spaßhaltung«, und Philipp, der Schulpoli-
tiker, gibt ihm recht. Philipp, der jetzt schon weiß, dass
er mal zu den Unternehmensberatern von McKinsey
möchte, erklärt mir, was Bueb mit »Gewerkschaftsmenta-
lität« meint.
»Die Schüler stehen wie so ein Haufen Arbeitnehmer
gegen den bösen Chef, in dem Falle die Schulleitung. Und
sind aus Prinzip immer gegen alles.« Statt dafür zu kämp-
fen, dass Salem in fünf Jahren international führend sei,
forderten die Schülervertreter stets höhere Promillegren-
zen, so wie Arbeitnehmer nach mehr Lohn schrien. Bei-
des sei verkehrt. Deshalb gäben sie also einen Teil ihrer
Selbstbestimmung ab. Und aus den Schülervertretern,
sagt Oliver, wollten sie »Führungspersönlichkeiten« ma-
chen. Schon bald solle es das erste Leadership-Training in
der Oberstufe geben. Oliver ist Sohn eines sehr reichen
Vaters, der sich, wie Oliver betont, »alles hart erarbeitet
hat«. Oliver, der später ins Marketing einer großen Firma
will, ist überzeugt, dass sich nicht nur Salem, sondern
auch das Land verändern muss. Endlich wirtschafts-
freundlicher muss es werden, sagt er. »Damit DeutscWand
wieder Perspektive hat. Das war schon immer mein Ziel.«
Dann haut mir Oliver ZaWen um die Ohren. Ein wil-
der Mix aus WaWprogrammen, den Positionen seines Va-
171
ters und liberalen Stammtischthesen. Alle zwanzig Tage,
klagt er, sei in Deutschland irgendwo eine Wahl. Deshalb
mache die Politik nur, was die Menschen hören wollten.
Wenn in Deutschland einer arbeitslos wird, braucht er,
laut Oliver, im Durchschnitt ein bis zwei Jahre, um eine
neue Stelle zu finden. In Amerika neunzehn Tage. Weil
Amerika keinen Kündigungsschutz habe. Mit den Ar-
beitslosen gehe Deutschland sehr großzügig um, zu groß-
zügig, meint er. »Ich finde, je mehr die Leute unterstützt
werden, wenn sie nichts machen, umso mehr machen sie
nichts. Stellen Sie sich vor, ich sitze hier mit meiner
Freundin und kriege 240 Euro pro Monat. Oder ich gehe
arbeiten und bekomme auch 240. Ist doch klar, dass jeder
hier sitzen bleibt. Kriege ich aber beim Sitzen mit mei-
ner Freundin nur 40 Euro pro Monat, kriege ich aber
240 Euro, wenn ich arbeiten gehe, dann bin ich doch beim
Arbeiten, auch wenn es Tellerwaschen ist.« Oliver lacht
und sagt, ich würde jetzt bestimmt denken, dass hier rei-
che Schüler schlecht über Arbeitslose reden würden. Dass
das alle Klischees und Vorurteile bestätigen würde. Aber
er betrachte die Lage objektiv, sagt Oliver.
Ich schaue ihn an, höre ihm zu und male Kringel auf
meinen Block. Nach Dutzenden Gesprächen mit der
Nachwuchselite habe ich langsam das Gefühl, die immer
gleichen Antworten auf meine Fragen mitsteppen zu kön-
nen. Die Deutschen seien neidisch und viel zu negativ und
unbeweglich, klagen auch Oliver und Philipp. Auch sie
sind Mitglieder bei Schwarzekarte, dem Internet-Netz-
werk, in das mich Alexander geschleust hat. Auch sie wer-
den, wenn sie das Internat verlassen, ein Büchlein mit den
Namen der Altschüler bekommen. Dreitausendsechshun-
dert seien das im Moment, sagt Philipp, alles Topleute,
172
findet er. »Da hat man dann ein Netzwerk von Freunden,
aber auch Erleichterungen beim Berufseinstieg.«
Und auch auf meine Frage, ob denn Salem eine Elite-
schule sei, höre ich die Erklärung, die ich schon aus Neu-
beuern kenne: »Wenn ich jetzt nur das Schulische be-
trachten würde«, sagt Oliver, »würde ich klipp und klar
sagen: Wir sind keine Eliteschule. Wir sind öfter unter
dem Durchschnitt hier. Im akademischen Sinne.«
»Und in welchem Sinne seid ihr Elite?«, frage ich
auch sie.
»Ich würde sagen, weil wir im Gegensatz zu anderen
Schulen versuchen, den ganzen Menschen zu bilden und
nicht nur fachlich. Ich denke, das macht das Elitäre hier
aus. Das bildet einfach eine Gesellschaftselite, diese Fä-
higkeit, Verantwortung zu übernehmen.« Mut, Verant-
wortung, Wahrheitsliebe, sagen sie - das seien die Tugen-
den, mit denen Menschen zur Elite würden.
»Wenn das gilt«, wende ich ein, »ist die Elite ja nicht
nur in Salem zu finden.« Menschen, die mutig, verant-
wortungsbewusst und ehrlich sind, träfe man schließlich
immer wieder und überall. Klar, sagt Oliver, gelte das
auch für die Krankenschwester, die am meisten arbeite
und Eigeninitiative zeige. Die sei schließlich am Ende
auch oft Chefkrankenschwester. In Salem, sagt er, würden
sie aber ganz besonders in diesen drei Tugenden, die am
Ende die Elite ausmachen, trainiert. »Und wenn wir einen
Jahrgang, der abgeht, sehen«, sagt Öliver, »können wir
wirklich sagen: Egal, in welchem Bereich, sind Salemer
tatsächlich in Spitzenpositionen. Ob es in der Wirtschaft
ist oder im Fischfang.«
Ich glaube allerdings, dass Oliver und Philipp ent-
täuscht wären, wenn sie es zum ehrlichsten Fischer oder
173
zum mutigsten Krankenpfleger brächten. Beide sind
schon Kunden der Salemer Berufsberatung, dem career
counceling.
KARRIERECOACH FÜR TEENAGER
Karriereberatung für Teenager scheint auch so ein Trend
zu sein. Während Oliver und Philipp von ihren Praktika
erzählen, denke ich an Matthias Trüper, den ich zu Be-
ginn meiner Recherche besuchte. Er, der einmal als Leh-
rer gearbeitet hat und danach Schulleiter war, verdient
sein Geld in Berlin als Karrierecoach. Auch seine Kunden
sind oft noch nicht volljährig, Oberstufenschüler, so alt
wie die beiden Salemer. Damals hatte meine Reise zur
jungen Elite noch nicht begonnen. Ich kannte die Inter-
nate und Privatunis, die Kindergärten und Stiftungen
noch nicht und wollte zunächst gar nicht glauben, dass es
Firmen wie seine gibt. Firmen, die tatsächlich davon le-
ben, Teenagern bei der Karriereplanung zu helfen. Aber
Trüpers Firma war nicht nur real, sondern schien auch
ganz gut zu laufen.
Aus ganz Deutschland reisen Eltern, die ihrem Nach-
wuchs die Poleposition im Kampf um die Plätze in der
Leistungselite verschaffen wollen, zu Trüper nach Berlin-
Mitte, in die Ackerstraße. Dort, wo Berlin so aussieht, als
hätte die Stadt Geld, wo die Hinterhöfe saniert sind und
Feinkost-Italiener Mittagsteller für 16 Euro anbieten,
scheinen sich auch Karrierepakete für Pubertierende
recht gut verkaufen zu lassen.
Als ich Trüper besuchte, musste ich trotz Termins war-
ten. Er gab gerade einem Vater Tipps für den richtigen
174
Umgang mit dem Sohn. Die Nachfrage sei gigantisch,
hatte er mir am Telefon gesagt. Vor allem wegen der
schlechten Lage am Arbeitsmarkt steige die Bereitschaft,
sich beraten zu lassen und auch Geld dafür zu zahlen,
ständig. Da schafft die Angst vor Arbeitslosigkeit ganz
neue Märkte, dachte ich und las die begeisterten Kom-
mentare der Eltern, die schon da waren. Ein Vater aus
Augsburg schrieb: »Die kompetente Beratung und der ex-
zellente Service haben uns geholfen, unseren Sohn auf die
richtige Bildungsschiene zu bringen. und haben ihn be-
reits zu sehr guten Erfolgen in seinem College geführt.«
Eine Münchner Unternehmerin lobte: »Wer beruflich
sehr angespannt ist und für die eigenen Kinder und deren
Ausbildung nur das Beste möchte, der ist bei Herrn Trü-
per an der richtigen Adresse.«
Als ich in der Oberstufe war, sind wir mit der ganzen
Klasse ins Berufsinformationszentrum des Arbeitsamts
gefahren. Dort gab es lange Regale, in denen Ordner mit
Folien standen, auf denen Berufe und Studiengänge er-
klärt wurden. Ermunternd war das alles nicht. Ich habe
wie fast alle in dem dunklen Raum gehockt und darauf
gehofft, schnell wieder nach draußen zu kommen. Höhe-
punkt des Ausflugs war ein Berufstest, an dessen Ende
mir geraten wurde, evangelische Pfarrerin zu werden. Ich
bin nicht einmal getauft. Aber auf solche Feinheiten
konnte der Standardtest keine Rücksicht nehmen. Dieses
System ist tatsächlich optimierungsbedürftig.
Trüper residiert in einem schicken Büro. Hohe Wände,
weinrot gestrichen. Vielleicht sollte es das Arbeits-
amt auch mal mit Farbe versuchen? Trüpers Beratung
ist nicht gratis, sondern kostet mindestens 1000 Euro.
Wenn ein Abiturient, der in Trüpers Büro stets »Kunde«
175
heißt, im Ausland studieren will, liegt die Rechnung
schnell bei 2000 Euro. Seine Kunden seien schon eher be-
tucht, verriet mir Trüper, als er endlich Zeit für mich
fand. »Aber«, fügte er sofort hinzu, »meinen Service kann
sich fast jede Familie leisten. Gehen Sie mal auf einen
Schulhof und schauen Sie sich die Schuhe der Kinder an!
Dort finden Sie Markenschuhe, bis zu 200 Euro das Paar.«
Das Geld sollten die Leute besser in Bildung investieren,
sagte Trüper. Außerdem sei eine gut durchdachte Strate-
gie in der Summe günstiger als eine falsche Studienent-
scheidung.
Trüper ist ein guter Redner. Er brauchte keine fünf-
zehn Minuten, um mir die Welt zu erklären. »Die Zeiten
langwieriger Selbstfindung sind vorbei«, sagte er. »In
Deutschland wollte man immer, dass alle aus demselben
Breitöpfchen essen. Das war eine sozialdemokratische
Wohlfühlgesellschaft, ein elitefeindlicher Ansatz. Wir
müssen uns dem Wettbewerb stellen. Denn Wettbewerb
macht Spaß. Wir müssen dann auch damit leben, dass es
Verlierer gibt.« - »Aber«, versuchte ich dazwischenzufra-
gen - ohne Erfolg. Er redete längst weiter. »Die deutschen
Schulen versagen bei der Berufsberatung völlig. Die stel-
len ein Produkt her, das Abitur, ohne sich darum zu küm-
mern, was dann daraus wird.« Danach schimpfte er auf
die Beamtenmentalität der Lehrer. Man müsse endlich
Wettbewerb zulassen und eine miserable Schule auch ein-
fach schließen können. »Wir brauchen vier, fünf Elite-
schulen pro Bundesland. Wettbewerb macht doch Spaß.
Auch Rütli kann Elite werden. Nur wer sich dem Wettbe-
werb sperrt, versagt.« - »Trotzdem: Ist eine Karrierebera-
tung für Teenager nicht ein bisschen pervers?«, fragte ich
schnell dazwischen.
176
»Der Markt ist da und wächst«, sagte Trüper lachend.
Es freue ihn, dass Deutschland sich ändere. Nachträglich
muss ich zugeben, dass er in diesem Punkt absolut richtig-
lag. Was ich bei meinem ersten Besuch als absurden Aus-
wuchs des Leistungswahns einordnete, ist ein wachsender
Markt, den Trüper längst nicht mehr allein versorgt. Das
sechsstündige »Einzelcoaching« der Kölner Firma »Ein-
stieg« kostet die Schüler 600 Euro. Das Münchner »geva-
institut« bietet gleich ein komplettes »Coaching-Paket
Studium und Berufsstart« für 750 Euro. »Das hätte es frü-
her nicht gegeben«, würde ein Rentner an dieser Stelle
vielleicht einwerfen und damit diesen nervigen Satz end-
lich einmal völlig zu Recht sagen.
Denn eine Karriereberatung für Teenager hätte es
früher wirklich nicht gegeben. Als ich beschlossen habe,
Journalistin zu werden, war ich siebzehn, also genauso alt
wie Trüpers Kunden. Die Entscheidung trafich nicht, weil
ich brav auf die Folien im grauen Arbeitsamt gestarrt
hatte. Ich glaube, dass sie eher das Ergebnis einer Mi-
schung aus je einem Drittel Instinkt, Willkür und Ah-
nungslosigkeit war. Ich wusste, dass ich das Münsterland
verlassen wollte, und Journalistin schien mir zu diesem
Zweck ein geeigneter Beruf zu sein. Der Beruf wirkte auf-
regender als Anwältin und Ärztin. Ich träumte davon,
zum Spiegel zu gehen, den ich damals zwar nie las, aber
für sehr wichtig hielt. Oder ich wollte die live-Kommen-
tare bei Bundesligaspielen sprechen oder vielleicht doch
bei der Lindenstraße arbeiten.
Also schrieb ich, als es nach dem Abitur ernst wurde,
meinem Vater eine Vollmacht und bat ihn, mich an der
Universität Dortmund einzuschreiben, während ich mit
meinen besten Freunden mit dem Zug durch Griechen-
177
land fuhr. Dass es geklappt hatte, erfuhr ich, als ich ihn
von einem Campingplatz am Isthmus von Korinth anrief.
1000 Mark haben unsere vier Wochen in Griechenland ge-
kostet. Dafür hätten wir nicht einmal das »Coaching-Pa-
ket Studium und Berufsstart« bekommen. Das klingt im
Nachhinein recht lässig, im Vergleich mit den peniblen
Karriereplanern, die zu TTÜpers Kunden zählen, sogar ab-
gezockt cool. War es aber nicht. Es war normal. Dennis
und Cornelius, die mit mir am Isthmus waren, und die
anderen aus meiner Stufe machten nichts anderes.
Auf diesen Sommer folgten Dutzende anderer Mo-
mente, in denen ich ähnlich diffus begründete Entschei-
dungen traf. Für welches Praktikum wollte ich mich be-
werben? In welcher Stadt wollte ich leben? Sollte ich noch
im Ausland studieren oder nicht? Ich stolperte entlang
dieser Fragen durch mein Studium und versuchte heraus-
zufinden, was ich mochte und konnte. Einen Teil der Ent-
scheidungen traf ich selbst, den großen Rest erledigte der
Zufall. Ich bezweifle, dass ein noch so guter Karrierebera-
ter mir dabei hätte helfen können.
Auf meiner Reise begegnet mir der Glaube an den
planbaren Lebensweg allerdings überall. Die Eltern, die
ihre Kinder für viel Geld in bilinguale Kitas stecken oder
teure Internate auswählen. Die Studenten, die bereitwillig
die teuren Gebühren für die privaten Hochschulen zah-
len, oder eben Oliver und Philipp, die Salemer. Sie alle ge-
ben viel Geld aus, um den Zufall aus ihrem Leben heraus-
zuhalten. Vielleicht ist das nötig, wenn man beschlossen
hat, Elite zu werden. Vielleicht ist es aber auch gefährlich,
seine Kinder auf einen vermeintlich planbaren Lebens-
weg zu trimmen. Denn wenn sie trotz aller Anstren-
gungen und Investitionen dennoch scheitern, werden sie
178
wohl nicht gelernt haben, dass es neben dem schnurge-
raden Weg auch noch etliche andere gibt, die vielleicht
sogar besser sind.
Philipp und Oliver, die beiden Salemer Schulpolitiker aus
der Oberstufe, erinnern mich an eine jüngere Ausgabe
von Bernd. Sie sind gerade achtzehn geworden. In diesem
Alter sammeln manche Jungs Mädchen, Highscore-Ein-
träge an der Playstation oder, wenn es ganz schlimm
kommt, leere Coladosen. Die beiden sammeln Einträge
für ihren Lebenslauf. Oliver hat in der zehnten Klasse ein
Praktikumbei Coca-Cola in Atlanta gemacht. Jetzt will er
noch eins in der »Chefetage der Bild-Zeitung« nachlegen.
Philipp hat mit McKinsey schon erste Sondierungsge-
spräche geführt. Beide haben ihr Ziel fest im Blick: die
Chefetagen der Wirtschaft. In die Politik zu gehen, kön-
nen sie sich nicht vorstellen, obwohl sie in Salem enga-
gierte Schulpolitiker sind und obwohl sie meinen, das
Land müsse sich ändern. Auch diese Einstellung scheint
die junge Elite zu einen. Wie alle, die ich bisher traf, zie-
hen auch sie die Wirtschaft der Politik vor. Warum ei-
gentlich?
»Die BezaWung ist in der Politik einfach miserabel«,
sagt Philipp. »Wenn man das vergleicht, was man für glei-
che Leistung in der Wirtschaft kriegt.« Außerdem habe
man nur das öffentliche Geld, kein eigenes, und sei des-
halb bei allem, was man ausprobieren wolle, streng an das
Gesetz gebunden. Oliver meint: »Wenn ich mich heute
entscWießen würde, in die Politik zu gehen, dann müsste
ich erst einmal zehn Jahre Plakate kleben.« Das kommt
für beide nicht infrage. Ihre Strategie ist eine andere.
»Erst mal in die Wirtschaft und die Verbindungen auf-
179
.
-
bauen. Und wenn man dann einen gewissen Status hat -
dann vielleicht in die Politik. Das dürfte ganz effektiv
sein.« Oliver sieht sich später in einem Interessenverband.
»Als Lobbyist«, findet er, »hat man ja auch einen großen
Einfluss auf die Politik. Aber einer«, räumt er dann selbst-
kritisch ein, »einer von der Elite inüsste sich mal aufraffen
und in die Politik gehen und da oben mal aufräumen.
Aber es will sich keiner aufraffen.«
Am Ende traue ich mich doch. Als wir zu Beginn
unseres Gesprächs über Neid redeten, sagte Philipp, er
selbst käme nicht aus den »vermögendsten Verhältnissen«.
Seine Eltern könnten die gut 30000 Euro Jahresgebühr
nicht bezahlen. Er würde deshalb über ein Teilstipendium
gefördert. Trotzdem, betont Phillip, gönne er seinen Mit-
schülern deren Reichtum. Während des Gesprächs hatte
ich immer wieder auf seine Uhr geschaut. Emporio Ar-
mani war da eingraviert. Eigentlich finde ich es albern,
die Schüler nach den Preisetiketten ihrer Kleidung zu
fragen. Jetzt tue ich es doch. »Philipp, du hast doch ähn-
lich teure Klamotten wie die anderen. Du kommst doch
ganz offensichtlich nicht aus Hartz-IV-Verhältnissen?«-
»Nein«, antwortet Philipp. »Aber nah dran. Mein Vater ist
Arzt.«
Ein Taxi fährt mich runter nach überlingen. Runter in die
Realität, in der Hartz-IV-Empfänger wirklich wenig Geld
haben. Weil sie 347 Euro pro Monat bekommen. Das sind
4164 Euro pro Jahr.
Knapp ein Drittel der Schüler in Salem bekommt ein
Teilstipendium, Vollstipendien werden gar nicht verge-
b ~ n . Auch wenn ein Schüler ein umfangreiches Stipen-
d . H"h
lUm In 0 e von 75 Prozent der Gebühren ergattern
180
kann, bleiben Kosten von knapp 8000 Euro. Das kann
kein Hartz-IV-Empfänger zahlen. Ich weiß nicht, ob man
Philipp und Oliver vorwerfen darf, dass ihnen in ihrer
Welt das Verständnis für das Leben hier unten verloren
gegangen ist. Aber ich halte es für eine falsche Strategie,
junge Menschen, die einmal in Beratungsunternehmen
über Arbeitsplätze entscheiden oder in Verbänden Wirt-
schaftspolitik machen wollen, in einem Schloss auf einem
Berg fernab des normalen Lebens zu erziehen. Sie fahren
ja runter in die Stadt, sagen die Schüler. Einmal pro Wo-
che machen manche mit Migrantenkindern Hausaufga-
ben. Sie haben auch schon einmal ein Asylbewerberheim
gestrichen. Oder sie arbeiten bei den Rettungsschwim-
mern unten am Bodensee. Ihr Engagement ist ehrenwert.
Aber nach zwei Stunden fahren sie wieder rauf. Statt Kin-
der von Ausländern oder Arbeitslosen als Mitschüler zu
haben, besuchen die Salemer einmal pro Woche deren Le-
ben. Ihr Schloss, den großen Namen und das Netzwerk
stets im Rücken.
»Na, haust du ab?«, fragt mich plötzlich der Taxifah-
rer. »Keine Lust mehr auf die Schule?« Ich sage, dass ich
keine Schülerin sei. Dass ich ein Buch über Eliten schrei-
ben würde. »Da bist du hier aber falsch«, sagt er. Dann
schimpft er über die Schnösel, über die Altsalemer, die
nach dem Sommerfest volltrunken und pöbelnd in sei-
nem Taxi sitzen, und über die Jungen, die ihn schlecht be-
handeln, von oben herab. »Aber eigentlich«, sagt er auf
einmal ganz mild, »kann ich denen noch nicht mal einen
Vorwurf machen. Woher sollen die es besser wissen? Die
leben da oben einfach in einer anderen Welt.«
Ich steige in den Regionalzug nach München und
quetsche mich neben einen Mann, der mit einer Plastik-
181
!
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tüte und ein paar Bierflaschen reist, neben zwei Mädchen,
die sich rosa Strähnen gefärbt haben und deren Deo nicht
hält. Wenn man nur leE fährt, denkt man bald, dass
alle Menschen Laptops besitzen. Wer in unserem Viertel
wohnt, könnte sogar glauben, dass die nur von Apple her-
gestellt werden. Und wer mal auf dem Spielplatz hinter
unserem Supermarkt war, ist überzeugt, dass das Eltern-
geld schon phänomenal eingeschlagen hat, weil so viele
junge Mütter Kleinkinder schieben und tragen und weil
mindestens jede dritte Mutter ein Mann ist. Den einen
prägt das Schloss, den anderen der Kiez.
Was mich an der zukünftigen Elite so stört, ist, dass sie
das Recht einfordert, für andere Verantwortung zu über-
nehmen. In andere Leben eingreifen zu dürfen. Zu wissen,
was für diese Menschen richtig ist. Ohne sie zu kennen.
Politikern billige ich dieses Recht zu. Sie sind gewählt.
Verlieren sie eine Abstimmung, werden sie ausgetauscht.
Auch andere haben durch ihren Job oder ihr Amt be-
stimmte Entscheidungskompetenzen. Bürgermeister, Ab-
teilungschefs, sogar Lehrer. Im Idealfall ist auch hier die
Legitimation für alle ersichtlich, und Zeitraum sowie Ein-
flussmöglichkeiten sind begrenzt. Auch Eltern und Freun-
den erlaubt man meist, über das eigene Leben mitzuent-
scheiden. Ihre Legitimation ist im besten Fall Liebe. Aber
Eliten?
Sie wollen Verantwortung für das Leben anderer über-
nehmen. Sie verlangen so etwas wie eine Entscheidungs-
kompetenz auf Lebenszeit und nennen als Legitimation
ihre besonderen Qualitäten. Wenn ich die Notizen in mei-
nen Blöcken durchgehe, kann ich daraus inzwischen ein
lustiges Begriffsquiz basteln. Frage: Was macht Elite aus?
Ist es a) Edge, energy und execute, wie die Wirtschaftler in
182
Oestrich-Winkel meinen? Ist es b) Verantwortung, Ver-
pflichtung und Vorbild, wie ich es an der Elite-Akademie
gelernt habe? Oder ist es c) Verantwortung, Mut und
Wahrheitsliebe, wie die Salemer meinen? Diese Antwor-
ten reichen mir nicht aus. Sie sind mir zu diffus. Meine
Stimme haben sie nicht, wenn es darum geht, ihnen auf
dieser Grundlage mehr Einfluss, mehr Macht und mehr
Verantwortung zuzugestehen.
Eigentlich würde ich gern selbst über mein Leben ent-
scheiden. Und wenn ich schon Einfluss delegieren muss,
dann bitte nach klaren Regeln und auf Zeit. Darauf, dass
selbst ernannte Eliten ungefragt Verantwortung für mich
übernehmen, kann ich gut verzichten. Vielleicht sollte ich
in mein Quiz noch die Antwort d) aufnehmen: Elite ist
ein willkürlicher, unscharfer und damit unbrauchbarer
Begriff, den Menschen benutzen, die für sich Sonder-
rechte fordern.
Ich besuche Deutschlands junge Elite jetzt seit neun
Monaten. Ich habe sieben Blöcke vollgeschrieben, fünf
Kassetten eines analogen und hundertachtundzwanzig
Megabyte eines digitalen Aufnahmegeräts vollgespielt.
Die Zweifel an der Tauglichkeit des Begriffs »Elite« sind
von Station zu Station gewachsen. Statt überzeugender
Antworten auf meine Frage »Warum brauchen wir Eli-
ten?« habe ich bislang vor allem Belege dafür gefunden,
dass Elite ein Konzept ist, das wenige über viele stellt. Ich
bin fast schon bereit, Wetten einzugehen und auf d) mein
Liebstes zu setzen, meinen Tischkicker. Aber nur fast.
Noch würde ich die zum Wettabschluss ausgestreckte
Hand ausschlagen. Was macht Elite aus? Ich habe immer
noch Fragen auf meiner Liste, die ich niemandem stel-
len konnte, noch ist der Reiseplan nicht abgearbeitet,
183
und noch habe ich die Hoffnung, dass ich abseits der
Lösungen a), b), c) und d) ein sinnvolles und über-
zeugendes e) finden werde.
DER MAULWURF
Es geht also weiter. Ganz oben auf meinem Elitestapel
liegt Aadishs E-Mail-Adresse. Aadish, der junge Iraner
und Mitglied der Vodafone-Elite mit Migrationshinter-
grund, hatte in Brüssel gesagt: »Wir sprechen besser spä-
ter in Ruhe über Elite.« Das klang spannend, fast ver-
schwörerisch, als wollte er mir geheime Akten in die Hand
drücken, die ich später triumphierend mit einem lässigen
»Ich-habe-meine-Informanten« der Öffentlichkeit prä-
sentieren würde.
Deshalb steige ich noch einmal in den Zug. Langsam
werde ich zur Provinzexpertin. Nach Oestrich-Winkel bei
Wiesbaden, Westerharn und Neubeuern bei Rosenheim
und Salem bei überlingen fahre ich nun nach Vallendar
bei Koblenz. Dort geht Aadish zur Uni. »Deine Elite-
Recherche hättest du dir auch glamouröser vorgestellt,
oder?«, spottet mein Freund, als ich ihn aus einem Gast-
hof an der Regionalzugstrecke, die durch Vallendar führt,
anrufe. Fast hätte ich es nicht mehr geschafft, mein Bett
rechtzeitig zu belegen. Ich hatte gesagt, ich sei zur »Tages-
schau«-Zeit da, hatte dann aber einen Zug verpasst und
war erst nach zehn Uhr angekommen. »Ausnahmsweise«,
schimpfte die Gastwirtin. Ich hatte also Glück, über den
Eingang der Pizzeria noch in die Pensionsetage im zwei-
t ~ n Stock des Hauses gelassen zu werden. Jetzt liege ich in
emem dunklen Zimmer. Die zweite Hälfte des Doppel-
184
bettes ist nackt. Die Wirtin hatte die zweite Decke und das
Kopfkissen mitgenommen, nachdem ich mich als »allein
reisend« geoutet hatte. Direkt neben der Zugstrecke ver-
läuft die Schnellstraße entlang des Rheins. Die Schein-
werfer der vorbeifahrenden Autos blenden mich durch
die dünne Gardine. Ich fühle mich wie bei einer perma-
nenten Polizeikontrolle. Ländliche Idylle sieht anders aus,
fluche ich im HalbscWaf.
Am nächsten Morgen meint Aadish, dass das mit der
Provinz kein Zufall sei. Er, mit dem ich mich um neun
Uhr im einzigen schon geöffneten Cafe der Stadt treffe,
studiert im zweiten Semester an der WHU, der Otto Beis-
heim School of Management. Die WHU ist das Pendant
zur EBS. Die beiden sind wie Schalke 04 und der BVB. Sie
sehen in dem jeweils anderen den größten Konkurrenten
um die Vorherrschaft in der Ausbildung der zukünftigen
Wirtschaftselite. Die jeweiligen Anhänger beäugen die
andere Hochschule genau und erklären, auf den Konkur-
renten angesprochen, wortreich die gravierenden Unter-
schiede. Die EBS sei snobbish, sagen die einen. Die WHU
steif, behaupten die anderen. An der EBS seien nur
Studenten mit hochgestelltem Polokragen. An der WHU
käme niemand ohne Anzug. Für Außenstehende sind
diese Scharmützel schwer nachvollziehbar, überwiegen
doch eindeutig die Gemeinsamkeiten: EBS und WHU be-
haupten, Elitehochschulen zu sein. Beide verlangen von
ihren Studenten pro Studienjahr 10000 Euro. Beide berei-
ten ihre Absolventen vor allem auf Karrieren in Bera-
tungsunternehmen und Investmentbanken vor, und beide
ermöglichen ein Studium in exquisiter Umgebung: Die
EBS residiert in einem Schloss, die WHU in der Marien-
burg. Und beide sitzen in Kleinstädten am Rhein.
185
»Es ist Absicht«, sagt Aadish, »dass das ein kleiner Ort
ist, dass die Leute hier zusammenbleiben müssen, dass es
keinen Einfluss von außen gibt.« Er meint, die Hoch-
schule wolle so ein extremes Zusammengehörigkeitsge-
fühl fördern. »Corpsgeist« nennen das die französischen
Eliteschulen. »Zucht«, wird einer, dem ich später davon
erzähle, sarkastisch sagen. Aadish sagt, ihn würde es noch
nach Koblenz ziehen, er hätte noch den Drang, andere
Leute kennenzulernen, die nichts mit Wirtschaft zu tun
haben. Aber die WHU überschütte die Studenten derma-
ßen mit Lernstoff, dass das nicht möglich sei. Bei vielen,
glaubt Aadish, schliefe das Interesse an der Welt außer-
halb der Uni im Lauf der Semester ein. Dann gibt es nur
noch das Studium und die Unternehmen, zu denen man
will. »Davor habe ich große Angst«, sagt er.
Aadish sitzt im dunklen Wollpullover mit Dreitagebart
vor mir. Er trinkt einen Cappuccino mit Sahne. Er ist
schüchtern und bestimmt zugleich. Die deutsche Sprache,
die er sich mithilfe des Hausmeisters imAsylbewerberheim
erarbeitet hat, beherrscht er fast perfekt. Nur manche For-
mulierungen sind etwas ungelenk. »Ich haue selten auf den
Putz«, sagt er, wenn er erzählt, dass er fast nie ausgeht. Nur
einmal war er in »so einem Schuppen« in Koblenz. Aadish
ist jetzt seit einem Jahr Student an der Hochschule, aber er
ist auch ein Fremder geblieben. Vielleicht, weil er, der 1996
als Elfjähriger mit seiner Mutter und den beiden Brüdern
aus dem Iran geflohen ist, der sich dann aus der über-
gangsschule der Sammelunterkunft über die Haupt- und
Realschule imwestfälischen Lengerich bis zu einem Abitur
in den Fächern Deutsch, Geschichte, Mathematik und So-
zialwissenschaften mit einem Schnitt von 1,3 hochgearbei-
tet hat, es gewohnt ist, nie ganz und gar dazuzugehören.
186
Vielleicht auch, weil er zu offensichtlich anders ist als
die, die mit ihm studieren. Es liegt nicht nur am deut-
schen Pass, den er nicht hat, nicht daran, dass seine erste
Adresse in Deutschland eine ehemalige Kaserne war, in
der die vierköpfige Familie einen Raum mit zwei Doppel-
stockbetten bewohnte. Es gäbe hier kaum Studenten, die
denselben finanziellen Hintergrund hätten wie er, sagt
Aadish. Er ist Stipendiat. »Meine Familie ist finanziell am
untersten Rand. Hier beginnt es so ab der oberen Mittel-
klasse, und viele geben sich dann auch vom Verhalten her
so. Beim Auswahltag hatte ich schon den Eindruck, dass
es eine ganz andere Welt ist. Es waren viele Leute da mit
richtig viel Kohle und so angezogen, dass man gedacht
hat, wollen die jetzt in die Bank? Total overdressed.«
Und dann sind da noch die politischen Differenzen.
Dass die Studentenschaft so homogen wäre, hätte er nicht
erwartet, als er sich beworben habe, sagt Aadish. Es sei
fast selbstverständlich, dass man die CDU oder die FDP
wähle. Lange habe es auf dem Campus auch nur Gruppen
dieser beiden Parteien gegeben. »Erst seit letzter Woche
hat sich auch eine winzige Juso-Gruppe eingenistet.«
Noch mehr erschreckt habe ihn allerdings, dass politi-
sches Denken an der WHU eine absolut untergeordnete
Rolle spiele. »Politikwird im Vergleich mit der Wirtschaft
meist als nachrangig gesehen. Ein Großteil hier denkt
nur: Was ist gut für die Wirtschaft? Aber wir müssten
doch eher fragen: Wie kann die Wirtschaft allem anderen
dienlich sein?«
Außerdemkann Aadish mit den Träumen seiner Kom-
militonen wenig anfangen. Er staunt, dass die anderen
schon jetzt im zweiten Semester planen, ihr erstes Prak-
tikum im Ausland zu machen, um dann das zweite bei
187
einer Investmentbank oder Beratung in Deutschland zu
absolvieren - in der Hoffnung, dass ihnen der »WHU-
Bonus«, wie Aadish das nennt, den direkten Einstieg bei
den Größten der Branche ermöglicht. »Es geht einfach
um den beruflichen Erfolg. Um mehr nicht. Sie integrie-
ren sich sofort in dieser Welt und bauen darauf ihr ganzes
Leben auf, sagen: Da ist unser Platz, und da wollen wir
auch hin.« Manche, sagt Aadish, gäben ganz offen zu,
dass es ihr Lebenstraum sei, möglichst reich zu werden.
»Aber gerade als junger Mensch hat man doch den
Traum, die Welt zu verbessern. Man hat doch selbstlose
Ziele. Man hat Vorbilder. Das vermisse ich hier alles.«
Aadish weiß noch nicht, was er will. Erst einmal lernen
und studieren. Nach der Wirtschaft vielleicht noch Ira-
nistik. Danach plant er, sich mit seinen Brüdern selbst-
ständig zu machen oder in die Politik zu gehen. In der
Ausländerpolitik würde er sich gern engagieren. Mehr,
sagt Aadish, wisse er noch nicht. Er sei ja erst im zweiten
Semester.
Seit einem Jahr ist er also hier in Vallendar. Es gab
knapp zehn Bewerber rur einen Platz, und er gehörte zu
den Auserwählten. Er hat den Englisch- und den Mathe-
test bestanden. Er hat ein Referat über Anglizismen in der
deutschen Sprachen gehalten und sich durch Einzelinter-
views gekämpft. Er ist mit den Worten begrüßt worden,
dass er nun zu den Besten gehöre. »Es wird einem von Be-
ginn an dieses GeruW vermittelt: Ihr habt es geschafft. Ihr
seid die Gewinner. Ihr seid die Leute, die diese Welt ruh-
ren werden.« Seine Mutter ist stolz darauf, dass er es so
weit gebracht hat. Die Uni. Das Stipendium. Er, als Aus-
länder, der noch bis vor Kurzem von der Abschiebung
bedroht war. »So sind halt Eltern«, sagt Aadish. »Das, was
188
von der Gesellschaft akzeptiert wird, ist rur sie der Grund,
stolz zu sein.«
Aadish und ich reden schon seit Stunden. Mittlerweile
glaube ich, ihn so gut zu kennen, dass ich weiß, dass jetzt
ein »aber« kommen wird, eine Einschränkung des müt-
terlichen Lobs. Und tatsächlich: »Ich persönlich«, sagt er
»bin nicht stolz auf das, was ich geschafft habe. Es heißt:
Ihr habt den Auswahltest bestanden. Ihr seid jetzt Elite.
Aber rur mich ist das überhaupt nicht Elite. Was hat denn
die Tatsache, dass ich irgendwelche Matheaufgaben ma-
chen kann, damit zu tun, ob ich Elite bin oder nicht? Nur
weil mein IQ vielleicht hoch ist, heißt es ja nicht, dass ich
meinen Verstand und mein Hirn auch einsetzen kann,
um daraus etwas Vernünftiges zu machen.«
Aadish arbeitet hart. Wie fast alle an der WHU schuftet
er zehn bis fünfzehn Stunden pro Tag. Im Gegensatz zu
den anderen ist er aber nicht nur von der Furcht getrie-
ben, die Klausuren nicht zu bestehen. Er hat Angst, sich zu
verändern, sich anzupassen an ein Denken, das er eigent-
lich ablehnt. An der Uni, sagt er, sei nur der Aadish, der
funktioniere. Fast wie eine Maschine. Den anderen, den
kritischen, den kämpferischen, den, der so leidenschaft-
lich reden kann, versteckt er vor seinen Kommilitonen.
»Es sind einfach so viele, die einer Meinung sind. Ich habe
mich eher zurückgezogen, als offensiv dagegen zu wet-
tern.« Er hofft, dass seine Freundin im nächsten Sommer
einen Studienplatz in Koblenz bekommt. Dann wird er
Vallendar verlassen, mit ihr zusammenziehen und nur mit
dem Bus zur WHU fahren, wenn er muss. Dann wird der
andere Aadish wieder mehr Raum bekommen, hofft er.
Aadish ist also einer, der im Eliteapparat drinsteckt,
ihn aber trotzdem von außen betrachtet. Und er ist der
189
Erste, den ich treffe, der die Eliteausbildung, die er ge-
nießt, offen kritisiert. »Elite bedeutet ja eigentlich: die
besten Leute. Aber ich sage mir: Was ist gut, und was
ist schlecht? >Elite< ist ja ein variables Wort. Ist man Elite,
wenn man in einen bestimmten Kreis hineingeboren
wurde? Wenn man eine ganz gute Bildung hat? Ist man
Elite, weil man sportlich ganz gut ist? Das ist ja eine
Definitionssache.« Oft, fügt er hinzu, liefe es so wie hier
an der Uni. Die Menschen, die selbst schon zur Elite ge-
hören, stellen die Kriterien auf, nach denen in Elite und
Nicht-Elite eingeteilt wird. Und dann analysiert er so klar
und sachlich das Verhältnis von Macht und Elite, dass ich
ihm sofort die Nummer von Eliteforscher Michael Hart-
mann geben, ihm vorschlagen will, als dessen Assistent
anzufangen.
Der Begriff »Elite«, sagt Aadish, werde immer dann
gebraucht, wenn es gelte, gesellschaftliche Macht zu legi-
timieren. Im Iran seien die Mullahs, die religiösen Führer,
Elite. In Europa waren es erst die Adligen, die glaubten,
etwas Besonderes im Blut zu haben. Und heute sage man,
Bildung oder Leistung seien entscheidend. »Aber sind das
klare Kriterien? Ich persönlich denke, dass >Elite< ein eu-
phemistisches Wort für Macht ist. Wer in der Elite ist, der
hat die Macht und legitimiert die Macht dadurch, dass er
Elite ist. Man sagt ja immer, Elite sei notwendig für eine
Gesellschaft, damit sie sich weiterentwickelt. Was man
nicht sagen will, ist: Es gibt Schichten, die haben die
Macht, die machen die Elite aus, und die wollen die
Macht auch behalten.«
Ich bin überrascht. Aadish ist kein Parteigänger, kein
Klassenkämpfer. Seine Sätze wirken nicht aufgesagt, her-
untergebetet wie so oft bei Linken. Sie laufen etwas un-
190
rund, wegen seines Akzents. Inhaltlich ist er aber so fit, als
habe er ein Hauptseminar zu dem Thema belegt. Er mache
sich schon länger Gedanken über Elite, sagt Aadish. Als
ich ihn um das Interview gebeten hätte, habe er einfach
noch einmal gründlich über den Begriff nachgedacht.
»Und was ist >Elite< für dich?«, will ich wissen.
»Elite sind für mich Leute, die außergewöhnliche
Ideen haben, die über die Grenzen hinausdenken und
nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten.
Wenn es wirklich so etwas geben würde, dass man sich ab-
hebt von der Masse, dass man nicht nachahmt, was einem
vorgegeben wird, dann könnte ich mir vorstellen, dass
man so etwas wie eine Aristokratie bildet. Aber so eine
Aristokratie im wirklich wahren Sinne. Dass diese Elite
das, was sie macht, wirklich für das Allgemeinwohl macht
und nicht für ihre eigenen persönlichen Ziele.«
Mittlerweile haben wir das Cafe verlassen. Aadish hat
mir den Campus gezeigt. Die Marienburg, die modernen
Glasanbauten, das Getränke-Büfett vor den Seminarräu-
men. Jedes Mal, wenn er mit seinem Ausweis die Tür-
schlösser öffnet, wundere ich mich, dass er tatsächlich hier
eingeschrieben ist. Schließlich muss er in eine Vorlesung.
Eine der ganz harten, wie er sagt. Sie lernen Arbeitsrecht,
erfahren, wie man Mitarbeiter am besten »freisetzen«
kann. Einen Sozialplan, der auf familiäre Verhältnisse
Rücksicht nimmt, halten viele seiner Kommilitonen für
Quatsch. »Die sagen: Man muss die Besten, die Fleißigsten
behalten und die anderen rausschmeißen.« Aber wahr-
scheinlich, sagt Aadish dann leise, gäbe es diese Gesetze
später, wenn sie alle arbeiten würden, sowieso gar nicht
mehr. »Und die Leute werden einfach mit einemArschtritt
rausgeschmissen.«
191
Aadish redet auch noch auf dem Weg zur Vorlesung,
auch vor der Tür beim Warten, nur leiser, damit die ande-
ren nichts hören. Er fände es angenehm, mal alles loswer-
den zu können, sagt er. Nicht immer zu schweigen oder
alles bis zu den wenigen Wochenenden aufzusparen, die
er zu Hause sei. Auf dem Campus gebe es genau ein
Mädchen, mit dem er mehr Kontakt hätte. Das war's. Er
spricht viel davon, wie es gewesen wäre, wenn sein Zwil-
lingsbruder, der sich auch beworben hatte, aber am Eng-
lischtest scheiterte, hier wäre. Dann wären sie ein Team
gewesen, sagt er. Es wäre nicht so hart, nicht so einsam ge-
worden. Zu zweit hätten sie vielleicht etwas ändern kön-
nen. Jetzt bleiben Aadish nur die Wut und der Frust und
der Wunsch, es trotzdem irgendwie durchzuziehen. »Für
viele Leute hier«, sagt er zum ScWuss, »besteht das Elite-
verständnis darin, dass sie das Gefühl von Elite haben.
Dass sie denken, sie sind etwas Gutes, und daraus folgt
auch eine gewisse Arroganz und Selbstgerechtigkeit. Aber
das ist verkehrt. Wir machen doch nichts Besonderes hier.
Das, was wir hier machen, machen Millionen von ande-
ren Menschen an anderen Hochschulen auch.«
Jede Stunde um neunundfünfzig hält ein Regionalex-
press in Vallendar und fährt den Rhein hoch in Richtung
Köln. Im Schnitt stoppt der Zug alle fünf Minuten. In En-
gers, in Neuwied, in Bad Hönningen. Hier leben die »Nor-
malen«, deren Kinder zur Raiffeisenschule, zur Heinrich-
Heine-Realschule oder zum Rhein-Wied-Gymnasium ge-
hen. Dann werden sie vielleicht Fleischfachverkäufer wie
meine Cousine, vielleicht Groß- und Einzelhandelskauf-
mann wie mein Cousin, oder sie ziehen nach Bonn zum
Studium. Aadish hatte gesagt, dass viele WHU-Studenten
in ihrem Elitekokon das Verständnis für die »Normalen«
192
verloren hätten. »Für die gibt es die Frage: Gehe ich in
die Beratung oder ins Investmentbanking? Bei meinen
Freunden zu Hause geht es darum: Was mache ich über-
haupt? Finde ich eine Arbeit oder keine? Die Leute hier an
der WHU haben keine Angst vor der Zukunft. Es wird ge-
sagt: Ihr werdet alle in große Unternehmen gehen. Es ist
kein Gefühl von Unsicherheit da.« Gleichzeitig seien viele
überzeugt davon, dass sie sich die komfortable Situation
durch eigene Leistung erarbeitet haben. Und dass im Um-
kehrscWuss die, die es nicht schaffen, auch selbst dafür
verantwortlich seien. Einige seiner Kommilitonen hätten
gesagt, Leute auf Hauptschulen seien faul oder einfach
nicht scWau genug. »Dieses Denken ist da. Und man geht
nicht den Schritt zurück und fragt: Wieso kann einer diese
Leistung nicht erbringen? Was müsste sich ändern, damit
er das kann?«
Je länger ich Aadish zuhöre, desto mehr ordnen sich
die zum Teil noch etwas diffusen Eindrücke, die ich auf
meiner Reise gesammelt habe, zu einem Gesamtbild. Er,
der im Elitesystem drinsteckt und doch nicht dazuge-
hören will, ist der Erste, der das Unwohlsein, das ich in
Salem und Neubeuern spürte, das sich breitrnachte, als
ich mich durch die Proftle des Netzwerks Schwarzekarte
klickte, kennt und klar benennt.
Viele Schwarzekarte-Nutzer und Aadishs Mitstuden-
ten sind Anfang zwanzig, die Schüler in Salem und Neu-
beuern, die ich getroffen habe, waren gerade volljährig.
Aber sie haben sich jetzt schon abgekapselt vom Leben
der Masse. Je länger ich recherchiere, desto offensicht-
licher wird, dass in den Einrichtungen, die »Elite« im
Namen tragen - vielleicht mit Ausnahme der Bayerischen
Elite-Akademie _, junge Menschen heranwachsen, die
193
sich erstaunlich einig sind. Sie wollen in Führungsposi-
tionen, sie halten ihren Anspruch für legitim, sie sind
politisch auf einer Linie, und sie eint ein Unverständnis
für die Probleme des Restes. Sie machen mir Angst, weil
ich befürchte, dass sie mit diesem Rest wenig zimperlich
umgehen werden.
Ich spule mich noch einmal durch Track sieben auf
meinem Aufnahmegerät, suche die Stellen, an denen Aa-
dish über Eliten spricht. »Elite sind für mich Leute, die
nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten«,
hatte er gesagt. Leute, die das, was sie tun, nicht für die
eigene Karriere machen, sondern sich in den Dienst der
Allgemeinheit stellen. Bei aller Kritik scheint Aadish also
noch Hoffnungen mit dem Begriff »Elite« zu verbinden.
Offenbar träumt er von einer altruistischen, kritischen
Elite.
Aber gibt es diese Leute, die er sich vorstellt, über-
haupt? Gibt es so etwas wie eine alternative Elite? Radika-
ler als die Studenten der Bayerischen Elite-Akademie, die
zwar verantwortlich handeln wollen, aber keinen grund-
legenden Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung for-
dern, keinen Feldzug für mehr Gerechtigkeit planen? Gibt
es eine Gruppe, die ein Gegengewicht bilden würde zu de-
nen, die ich bislang traf?
»Undeine linke Elite, die wäre dann weniger schlimm?«,
fragt ein Freund, der sichkonservativnennt, als ich ihmvon
Aadish und meiner Suche nach einer besseren Elite erzähle.
»Die fandest du dann cool und revolutionär, oder was?«
Ich fühle mich ertappt und muss zugeben, dass ich zu-
mindest ein wenig beruhigt wäre, wenn ich Aadishs Elite
fande. Menschen, die Visionen haben, in denen Karrie-
ren und Geld nicht die Hauptrolle spielen. Ob sie mich
194
mit dem Begriff »Elite« versöhnen können, weiß ich
nicht. Erst einmal bin ich gespannt, ob es diese andere,
linke Elite überhaupt gibt.
DIE ALTERNATIVE ELITE
Ich rufe Michael Hartmann, den Eliteforscher, an und
werde sofort enttäuscht. »Gegen-Eliten kann es eigentlich
nicht geben«, sagt er. »Elite hat immer mit Machtpositio-
nen zu tun.« Folglich kann jemand, der Macht infrage
stellt, schlecht Elite sein. Als ich schon kapitulieren will,
sagt er zum Glück »aber« und erklärt mir, dass es natür-
lich junge Leute gebe, die versuchen, den herrschenden
Eliten etwas entgegenzusetzen. »Und wo finde ich die?«,
will ich wissen. »In den Parteien eher nicht«, sagt Hart-
mann. Die Parteien hätten seit geraumer Zeit Probleme,
kritische junge Leute anzuziehen.
Da hat er wohl recht. Im 16. Deutschen Bundestag sit-
zen fünfzehn Abgeordnete unter dreißig Jahren. Gerade
einmal 2,4 Prozent der Gewählten. Der Altersdurch-
schnitt der Bundesregierung liegt im Herbst 2007 bei sie-
benundfünfzig Jahren, und von hundertsiebzig Ministern
und Regierungschefs in Bund und Ländern sind nach Re-
cherchen der Zeitschrift Capital gerade einmal fünf unter
vierZig.
Hubertus Heil, Generalsekretär der SPD, laut Pass
vierunddreißig, optisch wesentlich älter, sagt, seine Partei
sei >mnterjüngt«, und meint, überaltert. In der SPD-Bun-
destagsfraktion darf man sich noch bis zum vierzigsten
Geburtstag»Youngster« nennen - so wenige echte ~ u ~ g e
gibt es. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass alle, dIe Ich
195
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'\
traf, beim Thema »Karriere in der Politik« eher abweh-
rend reagierten. »Nachwuchssorgen« nennen die Parteien
die Tatsache, dass sie von unten austrocknen. Und viele
der wenigen, die den Aufstieg schaffen, wirken, wie Heil,
in ihren Aussagen und Anzügen schon verdammt ange-
kommen, scheinen ihrem wahren Lebensalter mindestens
ein Jahrzehnt voraus zu sein. Offenbar ist die Politik, seit
auch die Grünen etabliert sind, kein Umfeld, in dem le-
bendige alternative Eliten gedeihen. Jungpolitikern, sagt
der Göttinger Parteienforscher Peter Lösche, ginge es in
erster Linie »um die Karriere - aber es fehlt an Ideen, an
einem visionären Konzept für die künftige Gesellschaft«.
»Aber wo sonst finde ich eine Gegen-Elite?«, frage ich
Michael Hartmann. Greenpeace habe diese Leute früher
angezogen, antwortet er. Aber Greenpeace sei ebenfalls
»überaltert« und thematisch viel zu eingeschränkt. Wenn,
dann fände ich meine von mir etwas schief titulierte Ge-
gen-Elite bei den Globalisierungskritikern von Attac.
Deshalb laufe ich jetzt neben Chris durch Rostock-
Evershagen, eine Plattenbausiedlung südlich von Lichten-
hagen. Um 6 Uhr 41 haben wir uns am Bahnsteig in Ber-
lin getroffen. Die Fahrt nach Evershagen dauerte über
drei Stunden, und Chris musste pünktlich sein. Er wird
heute noch ein Seminar zum Thema »G8-Gipfel und
Klima« leiten.
Chris ist fünfundzwanzig. Er hat gerade sein Politik-
studium an der Uni Hamburg mit einer Diplomarbeit
»Zum Streitschlichtungsverfahren in der WTO am Bei-
spiel des Gentechnikstreitfalls aus Perspektive einer neo-
liberalen Theorie und einer poststrukturalistischen Theo-
rie« beendet. Er habe versucht zu belegen, dass Foucaults
Ansatz bei der Lösung internationaler Konflikte helfen
196
könne. »Aha«, sage ich. »Das ist doch schön.« - »Die Ar-
beit war todlangweilig«, wendet seine Freundin ein. Chris
sieht aus wie einer der Menschen, mit denen ich nor-
malerweise zu tun habe. Wie ein Politikstudent eben, der
Astra-Bier trinkt und Gitarrenmusik hört. Auf seinem
hellblauen Shirt steht Pretty girls make graves. Er trägt
immer eine abgewetzte schwarz-rote Lederjacke. »Tiefin
meinem Herzen bin ich eben doch ein Rocker«, sagt Chris
und lacht selbstironisch.
Er weiß wohl, dass er vieles ist, aber sicher kein Rocker.
Wenn er schweigt, wirkt Chris zunächst sehr schüchtern.
Er lässt meist den Mund ein bissehen offen stehen, die
blonden gelockten Haare hat er ein wenig unkontrolliert
wachsen lassen. Dass der erste Eindruck trügt, wird deut-
lich, sobald er spricht. Seine Analyse ist genau, seine Aus-
sagen sind präzise. Er weiß, wie er seine Botschaften in
kurze, zitierfähige Sätze verpacken kann. »Ich argumen-
tiere wie für ein Flugblatt, oder?«, sagt er und strahlt. Er
hat also auch Humor. Chris geht gelassen mit linken Kli-
schees um. Als ich ihn bei einer Attac-Akademie traf,
standen wir in der viel zu langen Schlange an der Essen-
ausgabe. »Simuliert ihr die sozialistische Mangelwirt-
schaft?«, fragte ich. »Ich wusste schon immer, dass der
Slogan >Genug für alle< nicht stimmt«, entgegnete er.
Das alles wird ihm bei seinem Weg nach oben genützt
haben. Denn Chris hat sich in den vergangenen Jahren
nicht nur mit Foucaults Theorien beschäftigt. Parallel zu
seinem Studium hat er sich in der linken Bewegung ziem-
lich weit hochgearbeitet. Seine Karriere begann im ersten
Semester. Er hat gegen Studiengebühren protestiert und
Parteizentralen besetzt. »Zielloser linksradikaler Aktio-
nismus«, sagt er heute. Danach war er bei einer Green-
197
I
!
peace-Gruppe in Hamburg. Gemeinsam mit Dutzenden
Hausfrauen, die gern Banner malten. »Aber dann hat eine
gesagt: >Das ist ein total tolles Gefühl, wenn dann am
nächsten Tag ein Banner am Ministerium hängt und man
hat das L gemalt.< Da habe ich gedacht, das ist nicht das,
wie ich mir meine politische Aktivistenkarriere so vor-
stelle.«
.. Er hat also auch Greenpeace den Rücken gekehrt.
Uber eine Dozentin, bei der er eine Hausarbeit über Bio-
Piraterie schrieb, ist er schließlich zu Attac gekommen.
Sie hatte gerade den Kongress »McPlanet« mitorganisiert,
der den Zusammenschluss von Umweltgruppen und
Globalisierungskritikern vorantreiben sollte. Der Kon-
gress war ein Erfolg, aber es gab niemanden, der die Fol-
geveranstaltung im Jahr darauf planen wollte. »Und so
bin ich halt zum Organisationsteam gekommen, und es
hieß sofort: >Mensch, Chris, mach doch mal.< Ich war
schon überfordert am Anfang, weil die mich so ins kalte
Wasser geschmissen haben.« Aber dann hat er eben sei-
nen ersten Kongress organisiert. über hundert Leute ka-
men im Herbst 2003 ins Hamburger Schauspielhaus. Der
damalige Held der Globalisierungskritiker, Sven Giegold,
saß auf dem Podium, und Chris war stolz, weil »es ein-
fach eine geile Veranstaltung war«. Seine Veranstaltung.
Danach war er kein engagierter Student mehr, sondern
hatte einen Namen in der linken Bewegung, und mittler-
weile ist er eine der Führungskräfte bei Attac.
Chris sitzt im Deutschland-Vorstand der Bewegung,
dem Machtzentrum. So würde er das natürlich nie for-
m ~ i e r e n .. »Koordinierungskreis« heißt das Spitzengre-
mlUm bel Attac, denn »Führungskraft« und »Machtzen-
trum« sind verbotene Worte. Bei Attac lieben sie den
198
Konsens. Im Idealfall sollen alle alles mitentscheiden dür-
fen. Autoritäre Machtausübung gilt als Kapitalverbre-
chen. Nur haben die Globalisierungskritiker in Deutsch-
land im Herbst 200718500 Mitglieder. Die Bewegung ist
rasant gewachsen, seitdem sie mit den Protesten gegen
den Genua-Gipfel, auf dem sich die Regierungschefs der
acht wichtigsten Industriestaaten trafen, bekannt wurde.
Da geht es nicht mehr ohne Leute, die Entscheidungen
treffen, ohne Leute wie Chris eben. »Willst du Karriere
machen?«, frage ich. »Ich glaube, im Endeffekt ja. Wobei
Karriere nicht heißt, dass ich bestimmte Posten erreichen
will. Aber ansonsten finde ich das mit der Karriere attrak-
tiv, und es bringt ja auch Spaß. Damit bin ich nicht reprä-
sentativ, bin keine Mehrheit bei Attac. Aber es ist schon
so, dass ich mir vorstelle, von dem, was ich mache, leben
zu können.«
Chris sagt, dass er die Welt verändern will. Er möchte
erreichen, dass die Leute aufstehen und sagen, was ihnen
nicht passt. Und er will ihnen helfen, entsprechende Kon-
sequenzen zu ziehen. Er sagt: »Wenn ich darüber nach-
denke, wie ich mir eine Gesellschaft vorstelle, dann ist die
nicht kapitalistisch. Ich weißt nicht, wie sie ist. Aber nicht
so, dass alles irgendwie marktgläubig organisiert ist. Das
finde ich Unsinn.« - »Wir können die Welt verändern.«
»Wir können den Unterschied machen.« »Eine andere
Welt ist möglich.« Chris sagt oft Sätze wie diese. Es sind
die Attac-Slogans. Gebote des gemeinsamen Glaubens.
Aber schnell wird mir klar, dass Chris sich nicht auf diese
Formeln beschränkt. Sie sind nicht mehr als sein Gerüst,
der Antrieb für seine Aktionen, für sein Engagement. So
grundsätzlich, wie er in seinen Parolen ist, so pragmatisch
ist er nämlich in seinem Handeln.
199
Als ich ihn zum ersten Mal traf, hatte er gerade eine
Aktion gegen die Privatisierung der Bahn mitorganisiert.
»Ich will, dass wir aus Themen einen Skandal machen,
der die Leute aufregt. Dafür muss man eine geschickte
Strategie finden.« Kletterer hatten sich vom Dach des glä-
sernen Berliner Hauptbahnhofs abgeseilt und ein Protest-
plakat entrollt. Die Aktion war teuer und aufwendig.
Während wir sprachen, bekam Chris einen Anruf. Der
Tagesspiegel hatte ein Bild der Aktion abgedruckt. Chris
war so euphorisiert, als hätte der Anrufer Rekordgewinne
vermeldet oder den erfolgreichen Verkauf eines Aktien-
pakets. Begeistert erzählte er mir von anderen Kampa-
gnen, die er geplant hatte. Von der gegen einen amerika-
nischen Genmaishersteller oder gegen die Preis- und
Lohndumpingpolitik des Discounters Lidl.
Mittlerweile haben wir das Kongresszentrum in Ros-
tock-Evershagen erreicht. Sagt Chris zumindest. Ich sehe
nur ein verlassenes Gebäude, das einmal eine Schule war.
»Convergence Center Rostock« steht auf einem Plakat.
Auf einem anderen: »Unser Haus könnt ihr zerstören,
aber nicht die Kraft, die es schuf.« Das Gebäude solle ab-
gerissen werden, erklärt Chris. Die Stadt Rostock habe es
den Globalisierungskritikern überlassen. An diesem Wo-
chenende werden hier knapp fünfhundert Konferenz-
teilnehmer versorgt. Es gibt nur ein paar notdürftig
hergerichtete Toiletten. Das Essen, wird mir erklärt, sei
»containert« - was ein Euphemismus für »aus dem Müll
geangelt« ist. Bin ich spießig, wenn ich das eklig finde?
Spätestens, als wir im Plenum sitzen, das in einer mit
Regenbogen verzierten Turnhalle abgehalten wird, fühle
ich mich, als hätte mich jemand in einen Dokumentarfilm
über linke Klischees hineingeschnitten. Vorn, zwischen
200
Handballtor und Basketballkorb, stellt sich nun schon die
siebte AG vor. Es gibt die Rechtshilfe-AG, die Camp-AG,
die Demo-AG, die Blockade-AG und ein Dutzend mehr.
Die Vorstellung läuft immer nach demselben Muster ab:
Einer aus der Gruppe trottet zum Mikro, informiert über
den Stand der Dinge, bittet um Mitarbeit und Spenden
und trottet wieder zurück. Chris wirkt gelangweilt. Er
scheint zu spüren, dass die Revolution gerade lahmt.
Ich habe die Chance, mich mit den fremden Verhal-
tensmustern vertraut zu machen. Ich lerne, dass man sich
hier in der Sprache um Geschlechterneutralität bemüht.
Das gesprochene große I ist Standard. Es heißt also: Teil-
nehmerInnen. AktivistInnen. SpenderInnen. »Nur bei
Tätern darf man die männliche Form wählen, weil Täter
stets Männer sind«, wird Tom mir später aus den Infor-
mationen der »antisexistischen Kontaktgruppe« vorlesen,
die auch in Rostock dabei ist. Ich lese, dass die interven-
tionistische Linke Mitorganisator ist, und stolpere über
Buchstabencodes, offenbar Abkürzungen irgendwelcher
Organisationen, von denen ich noch nie etwas gehört
habe. »Das ist die siebte Abspaltung der Abspaltung«, sagt
Chris' Freundin.
Als mir ganz langweiligwird, beginne ich, jeden Einzel-
nen in der Turnhalle zu mustern. Viele haben sich hinter
der taz oder der Jungle World verkrochen. »Kein Geld für
Krieg«, steht auf den Handgelenken, die umblättern. Es ist
der Eintrittsstempel. Ich sehe T-Shirts, auf die porn sucks
gedruckt wurde oder Block G8. Beim Thema Frisuren hat
sich seit meiner letzten Castor-Demo einiges getan. Statt
filziger Dreadlocks tragen die meisten die Haare nun kurz.
Nur am Hinterkopf lassen sie ein kleines Büschel wach-
sen. Wie beim Symposium der European Business School
201
'i
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,
....
scheint es auch hier klare Dresseodes zu geben - nur an-
dersherum. Wie zufällig lasse ich meine Jacke auf meine
Markensneaker fallen, um diese zu bedecken.
Chris wirkt ungeduldig. Schnell hat er das Gefühl, auf
dem Kongress seine Zeit zu vertrödeln. Ich begreife, dass
er das politische Engagement anders angeht als viele an-
dere hier. Es ist nicht sein Hobby. Es soll sein Beruf wer-
den. Deshalb sind ihm Marios Kriterien nicht völlig
fremd. Chris arbeitet viel, er sieht gern Ergebnisse. Er mag
es nicht, wenn Dinge völlig ineffizient organisiert sind.
über eineinhalb Jahre hat er sich in Wochenendsemina-
ren zum »Zukunftspiloten« ausbilden lassen. Er hat ge-
lernt, Kampagnen zu organisieren und Gespräche zu mo-
derieren. Er kennt die Grundsätze des Marketings und
des Fundraisings.
Er gehört jetzt zu einem Zirkel, den er »Karriere-Netz-
werk für junge aufstrebende Umweltbewegte« nennt. Und
im Gegensatz zu anderen Linken, die Berührungsängste
mit, wie sie sagen, »bürgerlichen Medien« haben, hat
Chris auch keine Probleme, sich und seine Ideen zu pro-
moten. Er hat der Zeit ein Interviewgegeben. Auf dem Ti-
telblatt des Szenemagazins blond wird der Bericht über
ihn gemeinsam mit dem über die Sängerin Sophie Ellis-
Baxter, die Schauspielerin Jessica Schwarz und den Re-
gisseur David Lynch angekündigt. Er war schon mehrfach
Gast einer Talksendung im Rundfunk BerUn Brandenburg,
und er war bei Frank Plasberg im WDR. Neunzig Minu-
ten stand er da im schwarzen Hemd bei »Hart, aber fair«
neben Klaus Töpfer, dem ehemaligen Umweltminister
und ehemaligen Leiter des Umweltprogramms der Ver-
einten Nationen, und Dagmar Wöhr!, der ehemaligen
Miss Germany, die für die CSU im Bundestag sitzt, unter
202
Angela Merkel zur parlamentarischen Staatssekretärin im
Wirtschaftsministerium berufen wurde und mit einem
Unternehmer verheiratet ist, der Anteile an Fluglinien be-
sitzt. Chris war in der Diskussion so etwas wie ein Alibi-
Jugendlicher. Er kam selten zu Wort. »Er könnte mein
Sohn sein«, sagte Klaus Töpfer gönnerhaft. Dagmar Wöhrl
verspottete ihn als naiven Jungen, der meint, mit Bahn-
fahren die Welt retten zu können. Chris war nervös,
parierte aber souverän. Er konnte sogar den Schlussgag
platzieren, als jeder in der Runde gefragt wurde, mit wem
er gern eine Runde auf dem Tandem drehen würde: »Ich
würde Frau Wöhrl mit aufs Tandem nehmen«, hatte er
gesagt. »Allerdings soll sie vorn sitzen. Ich glaube, man
muss sie ziemlich antreiben.« Es läuft gut. Aber das müsse
es auch, sagt Chris. Denn er will irgendwann davon leben.
Chris ist knapp dreihundert Kilometer westlich von
Rostock geboren, in Flensburg. Sein Vater ist gelernter
Kürschner, Pelzmacher also, und eher ein Konservativer.
Die Ökos haben ihm das Geschäft kaputt gemacht, sagt
Chris. »Ich bin also fern von jeglichen linken Bewegungen
aufgewachsen. Bei meiner ersten Kommunalwahl, als ich
sechzehn war, habe ich FDP gewählt. Die haben mir was
von Freiheit erzählt.« Mittlerweile Hinden seine Eltern
okay, was er tue, sagt er. Und solange es nicht anders geht,
zahlen sie ihm Geld, damit er Kampagnen machen und
Aktionen organisieren kann. »Meine Eltern sind großar-
tig«, sagt Chris. Aber er will nicht, dass sie ewig für ihn
zahlen.
Nun ist es aber so, dass die Zahl der anständig hono-
rierten Stellen in der politischen Linken begrenzt ist. Viel
Arbeit wird von unbezahlten Praktikanten erledigt. Und
um die paar Posten, die es gibt, wird durchaus mit Marios
203
,
J
Methoden gekämpft. »Ich befürchte. dass es auch in der
linken Szene eine gewisse Elite gibt. Das wird immer
schlimmer, weil die Voraussetzungen für solche Stellen
immer weiter hochgeschraubt werden.« Ein Bekannter
von ihm habe zwei Jahre lang bei der Naturschutzorgani-
sation BUND gearbeitet. Als er wegging. sei die Stelle neu
ausgeschrieben worden. »Plötzlich wurde verlangt, dass
es Leute sind, die mehrjährige Berufserfahrung haben,
Praktika gemacht haben, im Ausland waren, fließend
Englisch, Spanisch und Französisch sprechen, und das
war bei ihm damals überhaupt nicht so. Diese Kultur setzt
sich immer mehr durch.«
»Gibt es denn dann Karrieren in Nichtregierungsorga-
nisationen der Linken, genau wie es Wirtschaftskarrieren
gibt?«, frage ich.
»Genau. Und jetzt, wo ich darüber spreche, fällt mir
auf, dass das völlig absurd ist. Es ist so, dass es auch in der
Linken mittlerweile eine Leistungskultur gibt.«
Dieser Konkurrenz unter den Linken hat die Band
»Wir sind Helden« in ihrem letzten Album ein Lied ge-
widmet. Es erzählt von einem Hippiekind und einem
kleinen Punk, bereit, alles mit allen zu teilen. »Du pfeifst
und singst und fühlst dich frei«, singen die Helden, »da
zieht wer links an dir vorbei.« Die Konkurrenz schläft
nicht, verkünden sie im Refrain, auch nicht in der ver-
meintlich heilen linken Welt.
Gleichheit als Wert, sagt Chris, zähle doch gar nichts
mehr. Chancengleichheit würde manchmal noch als Poli-
tikziel formuliert, aber reale Gleichheit, diese Forderung
gelte als völlig weltfremd. Es scheint, als hätte auch die
Linke die Ellenbogen entdeckt. Zumindest, wenn es dar-
um geht, die Posten in den eigenen Reihen zu verteilen.
204
Das stört Chris, obwohl er davon profitiert. »Unangeneh-
merweise würde ich schon behaupten. dass ich in diesem
ganzen Kontext zur unteren Elite gehöre.« Es ist, als tue
ihm dieser Satz sofort leid. Er sei eher hochgestolpert,
schränkt Chris ein. »Ich habe mir das nicht alles selbst
erarbeitet«. sagt er, der in Attac so viele Stunden wie in
einen Vollzeitjob investiert. »Ich habe mich angestrengt,
aber vieles hat auch durch Beziehungen und Bekannt-
schaften geklappt. Also einfach, weil mich die richtigen
Leute unterstützt und gesagt haben: Den nehme ich mal
mit und zeige ihm, wie das geht.« Deshalb sitzt er nun in
Positionen. in denen er mehr entscheiden darf als andere.
»Ich würde es mir auf jeden Fall anders wünschen. Alle
Menschen sollten Elite sein. Man sollte Mechanismen fin-
den, die es allen ermöglichen, das Beste zu machen.«
Chris und seine Freunde. die mit ihm den Zukunftspi-
lotenkurs belegt haben, agieren in den Diskussionen. die
ich erlebe, anders als die meisten ihrer Mitstreiter. Sie
sind konzentrierter bei der Sache. Sie mühen sich. die De-
batte zu strukturieren. Sie versuchen, vorher Ziele festzu-
legen. Sie stellen Fragen wie: »Wollen wir eine Aufklä-
rungs- oder eine Druckkampagne planen?« oder »Wer ist
der Adressat unseres Boykotts?«. Sie haben einen eigenen
Code entwickelt, um Diskussionen zu straffen: Wenn sie
mit der Meinung eines Redners übereinstimmen, drehen
sie die nach oben gereckten Hände. Der Redner weiß
dann, dass dieser Punkt von den anderen akzeptiert wird.
Wenn einer ausschweift oder zu abstrakt ist. sagen sie:
»Ich möchte, dass du Ich-Botschaften formulierst.« Chris
weiß, dass dieses Verhalten auf Außenstehende seltsam
wirkt, für ihn ist es Teil einer »Professionalisierung«. Und
wenn die soziale Bewegung, als deren Teil er Attac sieht.
205
erfolgreich sein will, müsse sie professioneller werden,
sagt er.
Was er damit meint, erlebe ich nicht nur, als ich in der
Regenbogenturnhalle dem endlosen Plenum folge. Weil
Pünktlichsein vermutlich als von Faschisten hochgehal-
tene Tugend gilt, kommt in der ersten halben Stunde eines
Workshops, zu dem ich Chris begleite, im Schnitt jede Mi-
nute ein verspäteter Teilnehmer in den Raum. Ich sitze ne-
ben der Tür, die, weil das Schulgebäude ja nicht mehr be-
nutzt wird, nicht richtig schließt. Zehn, elf Mal versucht
jeder, die Tür zuzubekommen. Mal vorsichtig, mal mit
Gewalt. Ich habe keine Chance, dem Vortrag zu folgen.
Die jüngste Auflage des McPlanet-Umweltkongresses,
den Chris mitplant, fand in Berlin statt. Tausendfünf-
hundert Teilnehmer waren da. Für die Talkrunde zur
Primetime am Samstagabend hatten die Organisatoren
es geschafft, unter anderem den Bundesvorsitzenden der
Grünen, Reinhard Bütikofer, Sven Giegold von Attac, die
ehemalige Direktorin des Klimaprogramms des WWF,
Jennifer Morgan, und die taz-Journalistin Bettina Gaus
aufs Podium zu bekommen. Die Runde diskutierte dar-
über, ob eine Revolution nötig sei, um den Klimawande1
zu stoppen. Eine Stunde lang durften dann die Teilneh-
mer Fragen stellen. Wollten sie aber nicht. Sie wollten
Statements abgeben. Sie wollten loswerden, dass, wer die
Umwelt retten wolle, erst die Konzerne enteignen müsse.
Dass der Klimawandel endlich aus einer feministischen
Sicht zu diskutieren sei. Oder dass das Klima nur zu retten
sei, wenn man die Erdbevölkerung reduziere. Schnell war
klar, dass sich hier keine kraftvolle Protestbewegung sam-
meln wollte. Es war allenfalls eine verwirrende Freak-
show.
206
Hier in Rostock-Evershagen sollte es eigentlich darum
gehen, den Protest der verschiedenen Gruppierungen der
Linken gegen den G8-Gipfe1 in Heiligendamm zu koordi-
nieren und zu bündeln. Zu Chris' Workshop zum Thema
»Klima« sind allerdings nur vierzehn Teilnehmer gekom-
men. Zwei von ihnen gehen nach ein paar Minuten raus,
als ihnen auffällt, dass sie im falschen Raum sind. Weil
einer der Zuhörenden aus London kommt, schleppt sich
die Diskussion auf Englisch dahin. Chris erzählt, dass es
nach einem Protestkonzert in Rostock die Möglichkeit
gebe, vor Tausenden Menschen eine kurze Aktion gegen
den Klimawandel durchzuführen. Mit seinen nun noch
zwölf Mitdiskutanten versucht er, ein Konzept zu entwi-
ckeln. Nach einer Stunde ist klar, dass das schwierig wer-
den wird.
Deshalb gehe ich raus, durch den Flur, dorthin, wo die
Menge ist. Einer der Nebenräume ist so voll, dass die Luft
steht. Die Menschen sitzen auf dem Boden, drücken sich
an die Wände, quetschen sich in den Türrahmen. Aus-
löser des Massenandrangs ist die sogenannte Gewaltfrage.
Es geht darum, ob die Proteste friedlich bleiben müs-
sen. Ein Attac-Sprecher hatte sich in einem Interview mit
der taz von jeglicher Gewalt distanziert. Hier in Rostock
wurde zudem ein Flugblatt verteilt, das Chris und drei an-
dere Mitglieder des Koordinierungskreises unterzeichnet
haben. Auch sie verlangen, dass alles »Menschenmög-
liche« getan werden müsse, damit die Proteste gewaltfrei
bleiben. Den ganzen Tag schon sorgen diese Aussagen für
Aufregung. Seit zwei Stunden werden sie in diesem Raum
diskutiert.
Um die Debatte zu verstehen, muss ich das Schema,
'nach dem ich bislang die politische Landschaft ordnete,
207
I
......
neu denken. In diesem Raum steht Attac rechts außen.
Die Organisation sei zu autoritär, zu groß und verhandle
mit Politikern, die von vielen hier als illegitim bezeich-
net werden. Die taz, die das Interviewveröffentlichte, gilt
in diesem Kreis als reaktionäre, bürgerliche Zeitung.
Attac spalte mit der Absage an jede Gewalt die Bewegung,
heißt es. Attac verrate den gemeinsamen Kampf. Wenn
Attac militante Proteste schon nicht unterstützen wolle,
solle die Organisation zur »Gewaltfrage« wenigstens
schweigen. Die Debatte zieht sich hin. Die Redner disku-
tieren nicht miteinander, sondern reihen Monologe an-
einander. Ich weiß nicht, ob es eine Einigung geben kann,
ob sie überhaupt gewünscht ist oder ob nicht vielmehr
die Differenzen zelebriert werden sollen. Die Animositä-
ten zwischen Attac und den großen und kleinen Splitter-
gruppen scheinen im Moment zumindest wichtiger zu
sein als das Ziel, gemeinsam zu protestieren, zusammen
etwas zu erreichen.
Chris hatte gesagt, dass Debatten wie diese sehr viel
Energie kosten. Er meint, dass es in der Bewegung etliche
Leute gebe, die sich nicht freuen, wenn die Gesellschaft
weiter nach links rückt, sondern selbst schnell noch »lin-
ker« würden, aus »Angst, dass die Gesellschaft sie ein-
holt«, wie Chris sagt. Wenn Tage wie dieser in Rostock
ohne Resultate enden, stocken die Kampagnen, und
Chris' Bewegung verliert an Zeit und vermutlich auch an
Boden. Ich denke an Mario und die anderen Berater, de-
ren Religion die Effizienz ist. Ich denke an Bernd, den
Studentensprecher an der EBS, der von allen, mit denen
er zusammenarbeitet, »absolut hundertprozentigen Ein-
satz« fordert, der sagt: »Ich verlange von jedem, der me-
ckert, Leistung.« Und ich denke an die Schüler in Salem,
208
die schon jetzt in Leadership-Workshops für ihr Leben in
Führungspositionen trainieren.
Ich frage Chris, warum er sich das dennoch antut.
Warum er nicht versucht, seine politischen Ziele in einer
straffer organisierten Partei durchzusetzen. Er möge Par-
teien nicht, sagt er. Es sei ihm zuwider, dass Konzepte
oder Personen miteinander konkurrieren. Dass nur eine
Idee oder ein Kopf gewinnen könne. Dass nicht gemein-
sam nach Lösungen gesucht werde. Außerdem müsse
man sich in einer Partei hochdienen. »Und je entschei-
dungsbefugter man ist, desto weniger Spielraumhat man.
Ich glaube nicht, dass man in Parteien viel bewegen
kann.« Das Resultat seien dann Bundesregierungen wie
die amtierende. »Mittelmaß pur«, sagt Chris. Techno-
kraten und Beamte, keine klassischen politiker mehr.
die bereit seien, für Dinge zu kämpfen, die Menschen
mitzureißen.
»Aber ist es nicht schade, wenn die Parteien in einer
Demokratie so viele mittelmäßige Leute haben?«, frage
ich.
»Ja. stimmt schon.«
»Aber du willst das nicht rausreißen?«
»Nee. Warum soll ich mit diesen ganzen Mittelmäßi-
gen dasitzen? Ich fmde, dass unser Modell von Demokra-
tie überarbeitungsbedürftig ist. Die Menschen müssen
auch außerhalb von Parteien mitbestimmen können.
Zum Beispiel bei Volksentscheiden. Das finde ich sinnvol-
ler, als dass jetzt alle in die Parteien rennen.«
Deshalb wird Chris weiterhin Stunden, Tage, Monate
mit Diskussionen verbringen, an deren Ende hoffentlich
ein Konsens steht. Er wird den mühsamen Weg gehen und
hoffen, dass möglichst viele mitgehen. Auch wenn es
209
dann noch schwieriger wird, zu entscheiden, wohin. Und
er wird weiter mit den Widersprüchen leben, die jemand
aushalten muss, der in der linken Bewegung Karriere
macht. Er hat viel dafür getan, zur »unteren Elite« bei At-
tac zu gehören, in die entscheidenden Gremien zu kom-
men. Er will Verantwortung übernehmen. Er will mehr
tun als die meisten. Gleichzeitig sagt er inbrünstig: »Ich
möchte, dass es keine Elite mehr gibt, sondern nur noch
Masse. Die Masse kann man dann meinetwegen gern Elite
nennen.«
Ich habe große Zweifel, ob es Attac in diesem Ent-
scheidungstempo tatsächlich gelingen wird, ein ernstes
Gegengewicht zu Mario, Bernd und den anderen jungen
Leadern zu bilden. Mir fallt es wesentlich schwerer als
Chris, die teilweise offensichtlich fruchtlosen Debatten
als nötiges Mittel der Entscheidungsfindung zu akzeptie-
ren. Ich gehe raus auf eine Wiese, die vielleicht der Pau-
senplatz der Schüler war, als hier noch unterrichtet
wurde, und schaue mir den Rostocker Stadtteil Eversha-
gen an. Die Häuser sind etliche Stockwerke hoch. Damit
es nicht zu trist wirkt, sind sie bunt gestrichen. Manche
haben verspiegelte Fensterscheiben und sehen damit aus
wie gigantische Sonnenbrillentürme.
Auf der Suche nach Alternativen zum containerten Es-
sen laufe ich ein paar Meter zum Zentrum des Viertels.
Hier gibt es einen EDEKA-Markt, eine Bäckerei und einen
Parkplatz, auf dem ein kleiner Asia-Imbiss und ein paar
Bänke stehen. Zehn Männer sitzen hier und trinken ihr
Samstagnachmittagsbier. Die Flaschen unter der Bank
verraten, dass es vermutlich auch schon einige Mittags-
und Vormittagsgetränke gab. Die meisten aus der Gruppe
arbeiten, als Maler, als Monteure, sagen sie. Ich will wis-
210
sen, was sie davon halten, dass sich Chris und die anderen
hier treffen, teilweise über Wochen hier leben, um De-
monstrationen, Aktionen und Blockaden vorzubereiten.
»Zecken sind das«, sagt einer und zeigt auf ein paar Ju-
gendliche, die auf der Wiese sitzen. »Die sollte man zer-
quetschen.« Ein anderer schimpft: »Die hocken da und
verschwenden unsere Steuergelder.« Einer droht: »Das
wird hier noch ein zweites Lichtenhagen geben.«
Ich weiche zwei Schritte zurück. In Rostock-Lichten-
hagen hatten im Jahr 1992 ausländerfeindliche Anwohner
gemeinsam mit organisierten Neonazis tagelang Jagd auf
Asylbewerber gemacht. Nachdem diese in Sicherheit wa-
ren, zündete der Mob ein Wohnheim an, in dem über
hundertfünfzehn Vietnamesen und ein paar Journalisten
eingekesselt waren. Als sie sehen, dass ich gehen will, legt
mir einer der Männer seinen Arm um die Schulter. »Wir
sind doch auch gegen den Gipfel, nur anders«, sagt er.
Dann will er wissen: »Wie alt bist? Siebzehn, achtzehn?
Bist du noch zu haben?« - »Für euch nicht«, sage ich und
mache mich los. »Heil Hitler«, sagt da einer. Ich versuche,
schnell über die Wiese zu gehen, ohne zu rennen. Ich um-
runde die Schule und setze mich auf eine Bank in der
Sonne. Hinter mir ist ein Gitter, das einen FußballpIatz
einfasst, auf dem ein paar Jungs kicken. Immer wieder
schlägt der Ball auf Höhe meines Kopfes gegen den Zaun.
Ich drehe mich um. Auf dem Boden, versteckt unter einer
Jeansjacke, steht eine kleine Musikanlage. Der Sänger
grölt zur Melodie von »99 Luftballons«. Ich höre hin. Es
geht darum, »Kanaken« zu jagen. Im nächsten Titel sind
es Schwule, die gehetzt werden sollen.
Ich stehe auf - mit weichen Knien und wirren Gedan-
ken. Zwanzig Meter von der Bank und dem Fußballplatz
211
entfernt zerfleischen sich die Linken seit Stunden, debat-
tieren, ob die taz der Feind ist oder Attac. Umgeben ist die
linke Insel von der Evershagener Realität. Hitler-Freunde
auf der Bank vor dem EDEKA, Jungs, die rechte Hetz-
musik hören, auf dem Fußballplatz. Müsste man in der
Schule jetzt nicht eigentlich erkennen, dass man gemein-
same Ziele hat? Müsste man nicht rauskommen und sich
den rechten Meinungen entgegenstellen? Plötzlich er-
scheint mir alles so sinnlos.
Kurz nach Mitternacht bin ich wieder zurück in Ber-
lin. Bis zum frühen Morgen erzähle ich Tom und Theo
von Rostock. Von der verlassenen Hauptschule, den AGs
und den Nazis. »Sie ist ein bisschen verstört«, sagt Tom
denen, die am nächsten Tag Pläne fürs Wochenende ma-
chen wollen.
Einer der Männer, die vor EDEKA saßen, fuhr mir
später noch einmal mit dem Rad hinterher. Er wollte gern
über die Wende reden. Darüber, dass er den Westen
eigentlich mochte, weil ihm sein Onkel früher immer
Kaugummi aus Frankfurt am Main mitgebracht habe.
Aber es sei schnell klar geworden, dass es falsch war, an
den Westen zu glauben. Um ihn würde sich der Westen
nicht kümmern. Er gehöre zu den Verlierern, sagte er.
»Warum?«, wollte ich wissen. »Ich habe keine Heimat
mehr«, sagte er und war zurück in seiner irren rechten
Welt: »Wir haben den Krieg verloren. Seitdem haben wir
keine Heimat mehr.« Dann erzählte er mir noch, dass er
zwei Wochen später feiern wolle. »Am zwanzigsten. Da
wird Adolf hundertachtzehn.«
Die meisten Menschen, die ich bei meiner Recherche
traf, wollen den Wettbewerb um Leistung und Besitz ver-
schärfen. Sie wollen die potenziellen Gewinner fördern
212
und anspornen. Keiner von ihnen hat bestritten, dass es
dann auch mehr Verlierer geben wird. »Pech gehabt!«,
kommentierte dies Rektor Jahns von der EBS. »Um die,
die unverschuldet da reingerutscht sind, müssen wir uns
besser kümmern«, fand sein Student Bernd. Die Men-
schen, die nicht zum Wohl der Gesellschaft beitragen
wollten, obwohl sie es könnten, dürften allerdings vom
Staat auch nichts bekommen, fügte er hinzu. Die Inter-
nate wollen ein paar mehr Stipendien für die besonders
Klugen und Fleißigen unter den materiellen Verlierern or-
ganisieren. Und die Bayerische Elite-Akademie wird in ih-
rer Auswahl weiter darauf achten, dass auch die bisher Be-
nachteiligten ein paar Plätze bekommen. Das ist teilweise
sicherlich gut gemeint, teilweise absichtlich brutal. Aber
weder das eine noch das andere hat mich davon über-
zeugt, dass es denen, die unten stehen, besser gehen wird,
sobald die, die sich Elite nennen, mehr Einfluss haben.
Im Leben derer, die ich bisher traf, waren die Verlierer
hauptsächlich ein theoretisches Problem. Man weiß, dass
es andere schlechter haben, weil sie weniger können, we-
niger wollen, weniger besitzen. Aber Salem, Westerham
und Neubeuern sind Hunderte Kilometer von Rostock-
Evershagen entfernt. Hier gibt es keine Villa Ritz für die
Kleinsten, keine Internate für die Mittleren, keine Elite-
Akademie für die Großen. Hier gibt es manche Vorbilder,
die Schwachsinn reden, und Samstage, die in Bier er-
tränkt werden. 6,5 Millionen Deutsche leben einer Studie
der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge am unteren Rand.
Sie haben wenig Geld, sind meist arbeitslos, haben wenig
Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen
wird, und sie neigen zu radikalen politischen positionen.
Sie sind abgehängt. Unterschicht eben.
213
An den unterschiedlichsten Stationen meiner Elite-
Recherche empörten sich meist wohlhabende junge Men-
schen über die »deutsche Gleichmacherei«, als wäre sie
eine nationale Krankheit, eine Lähmung, Quell von Neid
und Missgunst. Sie saßen in Schlössern, als sie über die
Gleichmacherei schimpften, tippten ihre Kritik in ihr
Reiche-Kinder-Internet-Forum oder verkündeten sie auf
Karriere-Messen, wo ihnen Monatslöhne geboten wur-
den, die den Betrag, den ein Hartz-IV-Empfänger im Jahr
bekommt, übertrafen.
Das Gerede von der »deutschen Gleichmacherei« ist in
meinen Augen vollkommen absurd. Falls es diese Gleich-
macherei je gegeben haben sollte, ist sie schon lange
Vergangenheit. Vielleicht sollte der Elitenachwuchs mal
einen Ausflug nach Evershagen machen oder nach Wat-
tenscheid in die dortige Förderschule. Kein Kind dieser
Schule hat in den vergangenen Jahren einen AusbUdungs-
platz erhalten. Die Schule bereitet sie auf ein Leben mit
Hartz IV vor, von Anfang an. »Illusorisch«, sagen die
Lehrer, wenn diese Kinder von ihren Berufswünschen
erzählen. Und dabei träumt keines der Kinder davon, In-
vestmentbanker oder Unternehmensberater zu werden,
sondern allenfalls Verkäuferin im Kaufland. »So konnte
aus der einst nivellierten Mittelstandsgesellschaft ein Land
der scharfen Gegensätze werden«, schreibt der Spiegel im
Dezember 2006.
Die Deutschen sind reich, auf 7,5 BUlionen Euro wird
ihr Nettovermögen geschätzt. Aber die Hälfte dieses
Reichtums gehört ganz wenigen, nämlich den obersten
zehn Prozent der Bevölkerung. Im Schnitt bringt es ein
Haushalt in dieser Oberschicht auf ein Vermögen von
850000 Euro. Genug Geld, um den Nachwuchs in schicke
214
Kindergärten oder zu Privatunis zu schicken. Das Deut-
sche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass
das untere Zehntel der Bevölkerung in den letzten zehn
Jahren fünf Prozent seines Anteils am Gesamtvermö-
gen verloren hat, in Ostdeutschland beträgt der Verlust
sogar 14 Prozent. Gleichmacherei. Dieser Vorwurf geht
an der Realität vorbei.
»Deutschland wird zum Land der Extreme«, schreibt
der Spiegel. »Der Modehersteller Hugo Boss will eine Kol-
lektion für Kinder zwischen zwei und zwölf auflegen;
zugleich eröffnet an fast jedem Werktag eine neue Filiale
des Textildiscounters KiK, wo es Five-Pocket-Jeans für
Heranwachsende schon ab 4,99 gibt.« Und kaum einer
im Land fordert diese »Gleichmacherei«, vor der sich die
zukünftige Elite so fürchtet. Die Mehrheit der Deutschen
hat nichts dagegen, dass der, der mehr leistet, auch mehr
hat. Die meisten halten diese Formel für richtig. Sie ist
Motivation und Belohnung zugleich. Wenn also der, der
als Kind Discounter-Jeans trägt, gute Chancen hat, den
Weg nach oben zu schaffen, falls er klug und fleißig ist,
ist es für einen Großteil der Menschen akzeptabel, dass
nicht jeder im selben Laden kaufen kann. Aber hat er diese
Chancen?
Anfang 2007 waren nach Angabe des ARD-Deutsch-
landtrends zwei Drittel der Deutschen der Auffassung,
dass es im Land alles in allem eher ungerecht zugehe. Sie
trauten dem Versprechen nicht, dass allein Anstrengung
und Können bei der Verteilung des WoWstands entschei-
dend sind. Und nach allem, was ich gesehen habe, glaube
ich, dass sie recht haben. Deutschland ist undurchlässig,
stellen Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen fest. In
keinem anderen Land entscheidet die Herkunft so sehr
215
über den schulischen Erfolg. Nirgendwo sonst in Europa
ist es für Menschen, die einen Job im Niedriglohnsektor
haben, so schwer wie hier, eine besser bezahlte Stelle zu
finden.
Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es
selbstverständlich, dass seine Schüler trotz schlechterer
Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein,
wie er sagte, »I,O-Abiturient von einem staatlichen Gym-
nasium«. Chris, der Globalisierungskritiker, meinte, dass
es auch in der linken Szene diese Elite gebe, dass es Kinder
aus gutem Hause auch hier leichter hätten, weil sie souve-
rän im Auftreten seien, weil sie wüssten, wie das Spiel
funktioniere. An der Elite-Akademie, in den Internaten,
an den privaten Hochschulen preisen sie ihre Absol-
ventennetzwerke. Es sind liberale Nachfolger der immer
noch vielfach stramm rechten Burschenschaften, aber sie
funktionieren nach demselben Prinzip: Man kreiert eine
Gemeinschaft, einen Corpsgeist, und knüpft Seilschaften,
die ein Leben lang halten. Was den Burschenschaftlern
ihre »Alten Herren« sind, sind den Netzwerkern die
Alumni: Karrierekatalysatoren, die helfen, dass Einfluss
und Posten im Netzwerk, also in der Familie bleiben. Ma-
ria, die Maximilianeerin, hatte verwundert festgestellt:
»Wir sind viele Lehrer- und Professorenkinder.« Unter-
nehmerkinder, Ärztekinder, Anwaltskinder, könnte ich
noch hinzufügen. Die Menschen, die ich traf, kamen aus
ähnlichen Elternhäusern. Echte Aufsteiger wie Aadish
waren die absolute Ausnahme. Aber auch seine Eltern
waren Akademiker, als sie noch im Iran lebten.
»Dadurch, dass die Gesellschaft derart auseinander-
reißt, entwickelt sich bei den oberen Prozent eine Welt,
die mit dem Rest gar nichts mehr zu tun hat«, sagt Elite-
216
forscher Hartmann. »Das wird verstärkt durch Privat-
schulen oder auch die Selektion an den Unis. Das wird
richtig gepflegt, und die Leute denken in solchen Katego-
rien, und sowohl materiell als auch ideologisch entsteht
da eine homogene Oberschicht, eine herrschende Klasse,
wie es sie hier so lange nicht gegeben hat.«
In Deutschland gibt es offenbar tatsächlich die Gren-
zen, die Mario in Griechenland so eifrig beschworen
hatte. Hier die Gewinner, dort die Verlierer. Hier die, die
entscheiden, dort die, über die verfügt wird. Hier die
Elite, dort die Masse. Leistung und Talent spielen bei die-
ser Aufteilung sicher eine Rolle. Aber nicht die entschei-
dende. Denn aufgeteilt wird immer früher. Wenn sich
schon im Kindergarten die Wege gabeln, wenn es richtige
und falsche Schulen, anerkannte, aber teure Privatuni-
versitäten und belächelte Reste-Universitäten gibt, wer-
den wir wohl bald tatsächlich wieder Eliten haben. Eli-
ten, die ab der Geburt gepäppelt werden, deren Eltern
alles tun, damit das Elitelabel so früh wie möglich auf der
Stirn des Nachwuchses haftet und nie wieder verloren
geht. Wie rasant diese Entwicklung abläuft, hat mich
vollkommen überrascht. Ich, mit meiner Kleinstadt- und
Ruhrgebietserziehung, war wohl zu naiv, um darauf ge-
fasst zu sein, wie deutlich sich der Bildungsweg für einige
Privilegierte mittlerweile von dem der Masse unterschei-
det, wie früh die Netzwerke geknüpft werden, die dafür
sorgen, dass bestimmte Kinder immer weich fallen wer-
den. »Das sind ja fast amerikanische Verhältnisse«, sag-
ten manche, denen ich davon erzählte. »Ja, genau«, habe
ich dann immer gesagt, obwohl ich noch nie in den USA
war.
217
LOOKING FOR HARVARD
Amerikanische Verhältnisse. Zweiklassengesellschaft. Gute
Bildung für Reiche, eine Restbildung für den Rest. Ist das
unser Ziel?, frage ich mich, als meine Gedanken schlag-
artig stocken. Ich werde tiefer in den Sitz gepresst, klam-
mere mich an den Armlehnen fest und starre aus dem
Fenster. Die Air-France-Maschine schlingert beim Start
in Paris. In acht Stunden und fünfzehn Minuten soll sie in
New York landen, meinem Zwischenstopp in Richtung
Harvard. Es ist der letzte Versuch, doch noch eine schlüs-
sige Antwort auf meine Frage »Was heißt >Elite<?« zu fin-
den. Ich will meine Recherche nicht beenden, ohne im
Mekka der Eliten gewesen zu sein. Harvard sei der »Gold-
Standard der Bildungsindustrie«, schwärmt ein amerika-
nischer Marketing-Profi in der Süddeutschen Zeitung, der
Maßstab, den die bemühen, die zu den Besten gehören
wollen. Das Manipal Institute of Technology wirbt, es sei
das Harvard ofIndia, eine Universität in Israel tauft sich
Harvard ofHaredin, rund fünfzig US-amerikanische Uni-
versitäten sagen von sich, sie seien das Harvard des Wes-
tens, Nordens oder Südens. Die San Francisco Academy
for Dog Trainers meint, das »Harvard der Hundeschulen«
zu sein, und ein Yoga-Center in Colorado sieht sich als
»Harvard der Pilates-Lehrer-Ausbildung«. Werden die
US-Amerikaner gefragt, welche Marke weltweit das
größte Vertrauen genießt, antworten sie nicht Microsoft,
nicht Coca-Cola, nicht Disney, sondern Harvard. Har-
vard ist also Elite. Deshalb nehme ich in Manhattan den
Bus nach Boston, quartiere mich in einem Hostel ein und
gehe abends wieder und wieder meine Fragen durch, die
ich denen, die die Herzkammer der Elite von innen ken-
218
nen, stellen möchte. Ich bin mit einigen Deutschen verab-
redet, die in Harvard Politik studieren. Wenn es jeman-
den gibt, der mir doch noch das Prinzip »Elite« erklären
kann, denke ich, dann sie.
Am nächsten Morgen bin ich viel zu früh dran. Ich habe
eine Schale Haferschleim heruntergewürgt, mich mehr-
mals verlaufen und sitze nun in einer grauen, langsamen
und überfüllten U-Bahn, die mich hoffentlich zur elitärs-
ten aller Elite-Universitäten, zur einflussreichsten, be-
rühmtesten und mit 26 Milliarden Dollar Stiftungskapital
reichsten Uni von allen fahren wird. Ich fühle mich fremd
und denke an das, was mich in meinen ersten Stunden
in den USA am meisten irritiert hat: Ich habe Dutzende
Frauen gesehen, die Babys in Bugaboo-Buggys durch Parks
schoben. Oder auf Bänken saßen, während die etwas grö-
ßeren Kinder auf dem Spielplatz tobten. Oder vor den
schicken Privatschulen warteten, als die Großen um drei
Uhr in ihren Uniformen aus den Gebäuden strömten.
Beim ersten dieser Paare habe ich noch staunend und et-
was verschämt in den Kinderwagen geschielt. Beim zwei-
ten begann ich zu grübeln. Beim dritten hatte ich begrif-
fen: Während die Haut der Kleinen stets weiß oder zartrosa
ist, ist die der Nanny, die sich um das Kind kümmert, dun-
kel, meist schwarz. Die zweite Klasse, die in den USA of-
fensichtlich an ihrer Hautfarbe zu erkennen ist, betreut die
Kinder der Upperclass. Das müssen sie sein, die amerika-
nischen Verhältnisse, denke ich, als der Zug stoppt.
Ich bin da. »Harvard« heißt die U-Bahn-Station, zehn
Minuten von der Bostoner Innenstadt entfernt, auf der
anderen Seite des breiten Charles River. Zu dessen Ufer
müssen es laut Stadtplan nur wenige Meter sein, und dort
will ich hin. Wo die amerikanische Flagge vor einem Bil-
219
dungstempel weht. Wo die Ruderboote von synchronen
Schlägen der Studenten durchs Wasser gepeitscht werden.
Wo Studenten, die vor alten Herrenhäusern sitzen, durch
nichts in ihrer Lektüre gestört werden als durch das leise
Knirschen der Schritte ihrer Kommilitonen im Kies. Wo
Spaziergänger von John F. Kennedys Mahnung begrüßt
werden: And so, my fellow Americans: ask not what your
country can do for you - ask what you can do for your coun-
try. Ich suche das Harvard, das ich aus Büchern, Filmen
und von Fotos kenne.
Aber ich finde es nicht. Ich lese Namen auf Straßen-
schildern, die ich noch nie gehört habe. Berkeley Street.
Waterhouse Street, Garden Street. Fieberhaft versucht
mein Gehirn, einen Schnipsel Wirklichkeit zu erhaschen,
der sich mit den Bildern im Kopf deckt. Ich sehe normale
Straßen, normale Häuser, normale junge Menschen in
Jeans, Shirts und Flipflops, den Pappbecher mit dem
Morgen-Cappuccino in der Hand. Keiner trägt den brei-
ten, leicht gewölbten Harvard-Schriftzug auf der Brust,
den ich von in die Welt verkauften Sweatshirts und Kap-
pen kenne. Das hier kann nicht Harvard sein. »Sorry«,
wende ich mich an den nächsten Cappuccino-Trinker,
»I'm lookingfor Harvard. Can you help me?«
Wir starren uns ungläubig an. Er, weil er signalisiert:
Das ist hier. Ich, weil ich denke: Das kann nicht sein. Aber
er bleibt dabei: Einmal links und dann die Straße runter.
Und natürlich hat er recht. Harvard ist groß. Es gibt den
Klischee-Campus mit roten Backsteinbauten, der stolz
gehissten US-Flagge und einer Bibliothek, deren Eingang
von Säulen umrahmt wird. Es gibt aber ebenso den Be-
tonbau der Naturwissenschaften, der so hässlich ist, dass
er auch auf unserem Dortmunder Bausünden-Campus
220
m
nicht weiter aufgefallen wäre. Und es gibt, einmal links
und dann die Straße runter, die John F. Kennedy School of
Government. ein funktionales, aber nicht weiter aufre-
gendes Gebäude aus den siebziger Jahren. Hier studieren
die Deutschen.
45620 Dollar kosten Studienjahr und Wohnheimplatz
in Harvard normalerweise. Oliver. Mare, Thomas, Lars,
Matthias und Christina müssen die Gebühren nicht be-
zahlen und bekommen zudem einen monatlichen Unter-
halt von 1650 Dollar. Davon müssen sie zwar ein Zimmer
mieten. Aber das, was bleibt, reicht zum Leben. Das Geld
zahlt ihnen ein Finanzierungskonsortium, zu dem unter
anderem Harvard, das Bundeswirtschaftsministerium,
der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die
Haniel Stiftung eines Duisburger Konzerns gehören. Die
sechs Deutschen sind McCloy-Stipendiaten.
John Jay McCloy wurde 1949 von den USA als »Hoher
Kommissar« nach Deutschland geschickt. Er setzte sich
für den Marshallplan und Deutschlands Wiedergeburt
auf internationaler Bühne ein. Er war einer. der beide
Länder verband. Das soll auch ihnen einmal gelingen. den
»McCloys«, wie die deutschen Stipendiaten in Harvard
genannt werden. Preparing leaders for service to democra-
tic societies - »Führungskräfte rur den Dienst an demo-
kratischen Gesellschaften auszubilden«, das ist der nicht
gerade bescheidene Auftrag. dem sich die John F. Kennedy
School verschrieben hat. Die Deutschen werden geför-
dert, um sich hier den letzten Schliff rur ihre Karrieren als
Führungskräfte im öffentlichen Sektor, also dem Staat, zu
holen.
Hier, da bin ich sicher, werde ich eine junge Elite fin-
den, die den Staat gestalten, die dem Gemeinwohl, nicht
221
der Wirtschaft dienen will. die in Verwaltungen. Ministe-
rien oder der politischen Exekutive das umsetzen wird.
was sie hier. an Amerikas edelster Uni. gelernt hat. Eine
Elite. die sich vielleicht als Gegengewicht zu den Absol-
venten der EBS. zu den Investmentbankern und Beratern
sieht. quasi als Anwalt der Allgemeinheit. Eine Elite, die
mir hoffentlich erklären wird. dass es ihr Ziel ist. für an-
dere zu arbeiten. am großen Ganzen zu feilen. nicht nur
am eigenen Kontostand und dem einer Firma.
Getränkt mit so viel süffigem Pathos schreite ich ins
Forum der JFK-School. Dort sitzen sie. The Chosen. die
Auserwählten. die den Sprung nach Harvard geschafft ha-
ben. Sie sind Ende zwanzig. haben aber schon so prall ge-
füllte Lebensläufe. dass ich mich frage: Wann haben sie das
alles geschafft? Lars zum Beispiel. der dünne Blonde. der
im Gespräch am meisten reden wird. hat nicht nur Wirt-
schaftsgeografie. Politik und Volkswirtschaft studiert,
sondern auch schon bei zwei großen Beratungsfirmen.
der luxemburgischen Regierung. der Bertelsmann-Stif-
tung. dem Aspen-Institut und dem deutschen Außen-
ministerium gearbeitet. Oder Oliver. der Jahrgangsspre-
cher: Er hat in Bremen. Spanien. Brasilien und Uruguay
studiert. Dort hat er bei der Mercosur gearbeitet. der süd-
amerikanischen EU. Bei der richtigen EU in Brüssel war
er auch. Außerdem bei einer NGO in Indien und einer
Entwicklungshilfeorganisation im Südpazifik. Im Som-
mer will er zu einer Abenteuerreise aufbrechen und mit
Bus und Bahn von Deutschland nach China reisen. Lars
ist einunddreißig. Oliver gerade erst vierundzwanzig. Hut
ab. denke ich und freue mich auf ihre Visionen.
»Was wollt ihr ändern? Wo wollt ihr hin? Politik.
Ministerien. diplomatischer Dienst?«. frage ich.
222
»Unternehmensberatung«, sagt Oliver. Lars will eine
Politikberatung gründen. Bei vielen ihrer Mitstudenten
sehe es ähnlich aus: McKinsey und die anderen großen
Beraternamen stünden in den Charts der Arbeitgeber ganz
oben. Ihr Jahrgang sei da keine Ausnahme. sagt Oliver.
»Wenn man sich die Alumni-Listen anschaut, ist es ganz
klar so. dass unheimlich viele Leute in den Privatsektor
gehen und auch dort bleiben.«
Könnte man Gefühle hören, so gäbe es jetzt einen
dumpfen Knall. Die Pathosblasen, die auf dem Weg hier-
her immer dicker geworden sind. sind zerplatzt. Eine bei
dem Wort »Berater«. eine bei »keine Ausnahme«. eine bei
»Privatsektor«. Peng. peng. peng.
Der öffentliche Sektor mache es einem nicht leicht.
sagen sie. Während die großen Beratungsfirmen Topab-
solventen hofierten und mit astronomischen Gehältern
würben. müssten auch die Harvard-Studenten für eine
Karriere in den Ministerien - wie alle in der langen
Schlange, die durch das streng formalisierte Auswahlver-
fahren wollten - anstehen. Und dort würden dann eben
Juristen mit einem »Standardlebenslauf« bevorzugt. kla-
gen sie. »Die Leute. die diesen Standardlebenslauf nicht
haben. weil sie im Ausland waren. vielleicht auch. weil
sie etwas anderes gemacht haben. vorher in der Wirt-
schaft waren. die stören ja ein bissehen, die könnten ja
die eingespielten Prozesse verändern wollen«. sagt eine
Studentin.
»Und warum nicht in die Politik?«. frage ich.
»Wäre für mich denkbar gewesen«. sagt Oliver. »Aber
meine Schwierigkeit ist. auch wenn sich das nach Ent-
schuldigung anhört. dass das System in Deutschland ein-
fach so ist. dass eine Auszeit von zwei Jahren nicht gerade
223
förderlich für einen Aufstieg in einer Partei ist. Es gibt
hier ein paar Beispiele von Leuten, die vor der Entschei-
dung standen: weiter in der Partei aufsteigen oder nach
Harvard gehen. Es ist nicht so, dass das hier in Deutsch-
land als Sprungbrett zu einer politischen Karriere angese-
hen wird.«
Plötzlich sehe ich Mario und seine Kollegen von
McKinsey vor mir. Sie halten überdimensionale Sauger in
der Hand und positionieren sich vor allen Unis, Schulen
und Akademien, an denen man die junge Elite vermuten
könnte. Dann saugen sie die Talente ab und speisen mit ih-
nen ihren hochtourig laufenden Apparat. Ein Parallelsys-
tem der neuen Mächtigen, gegen das verstaubte Organisa-
tionsformen wie Staat oder Wissenschaft keine Chance zu
haben scheinen. Es mag nach Verschwörungstheorie klin-
gen, aber an allen Orten, die ich während meiner Recher-
che besuchte, hieß es: McKinsey und Co. waren schon da.
Manche der jungen Talente sträuben sich, manche suchen
nach anderen Wegen, aber letztlich unterschreiben die
meisten doch. Vielleicht hat Mario recht. Keiner scheint
die junge Elite so zu faszinieren und zu dominieren wie die
Beratungen. Sie bieten viel Geld, eine spannende Arbeit
und jedem ein bissehen Macht. Denn er darf mitentschei-
den, wie das Arbeitsleben anderer weitergeht.
Als ich mich bei McKinsey beworben hatte, war ich
überrascht, wie intensiv die großen Beratungsfirmen in-
zwischen mit dem Staat zusammenarbeiten. Dass die Be-
rater in den Vorstandsetagen der Dax-Unternehmen ein
und aus gehen, war mir klar. Dass sie aber auch vorschla-
gen, wie die Bundesagentur für Arbeit oder die Bundes-
w ~ h r auszusehen haben, dass sie Konzepte entwickeln,
WIe man U' 't" d
mverSI aten 0 er Krankenhäuser straffer orga-
224
nisieren kann, war mir neu. 1,4 Milliarden Euro zahlte der
Staat den Beratern nach Angaben der Branche im Jahr
2006. 1,4 Milliarden dafür, dass sie anstelle von Politikern
und Verwaltungen Konzepte dafür entwickeln, wie unser
Leben aussehen soll. Wenn das so weitergeht, wäre es viel-
leicht ehrlicher, bei Wahlen die Konzepte von McKinsey
oder Berger zur Abstimmung zu geben statt der Pro-
gramme von CDU oder SPD. »Wir bleiben nur zwei, drei
Jahre dort«, sagten die meisten der Schüler und Studen-
ten, mit denen ich über ihre Karriere als Berater sprach.
Aber selbst wenn das stimmt, sind die Beratungen die
Einheitsschule der zukünftigen jungen Elite.
»Man müsste den Begriff >soziale Gerechtigkeit< aus
allen Diskussionen, auch aus der über Elite, erst einmal
rauslassen«, reißt mich Lars, der zukünftige Politikbera-
ter, aus meinen Gedanken. »Nicht weil man sagt, es ist uns
egal, was passiert, sondern weil diese Phobie, vor allem,
was die Egalität gefährdet, im Grunde genommen ein
Mittelmaß schafft und uns die Möglichkeit nimmt, Dinge
zu verbessern.«
Es gibt einen in der Runde, der mehrmals »aber« sagt-
als die anderen Harvard-Stipendiaten über die deutschen
Universitäten schimpfen, als sie fordern, es müsse we-
sentlich verschulter werden, nur so könne man das Drit-
tel unter den deutschen Studenten, die »absolut nicht
studierfähig« und dazu noch ziemlich faul seien, aussor-
tieren. Als sie die Einführung von Studiengebühren ver-
langen, damit alle Bildung als »Investment in sich selbst«
erkennen.
Matthias heißt der »Aber«-Sager. Gelbes T-Shirt, Fünf-
tagebart, lange Haare. »Das sieht man ja, dass ich eher
linke Ansichten habe«, meint er. Er bleibt, als die anderen
225
längst in Richtung Seminar verschwunden sind, und er-
zählt von seinem Projekt in Indien. Er will dort ein Mi-
krokreditinstitut für Wohnungsbau mitentwickeln. Die
Ärmsten könnten dort Kleinstbeträge leihen, um sich
würdigen Wohnraum zu leisten. Schon jetzt pendelt Mat-
thias zwischen Harvard und Ahmedabad im Westen In-
diens hin und her. »Noch einmal zu den Beratern«, sagt
er. »Es ist nicht so, als hätten sich hier alle auf Dutzende
Stellen in den Ministerien beworben und sähen keine an-
dere Möglichkeit, als zu den Beratungsfirmen zu gehen.
Viele bekommen eine Absage vom Staat und denken
dann: Das Geld, das die Beratungen zahlen, ist auch nicht
schlecht.«
»Aber macht das Stipendium, das viel Geld, auch
staatliches Geld, kostet, dann überhaupt Sinn, wenn am
Ende doch alle zu Beratungen gehen und eben nicht beim
Staat arbeiten?«, frage ich.
»Es gab unter den Studenten Diskussionen«, sagt Mat-
thias, »sehr lange Diskussionen. Es ging darum, ob sich
die Absolventen verpflichten sollten, eine Zeit lang im öf-
fentlichen Sektor zu arbeiten. Oder ob diejenigen, die in
die private Wirtschaft gehen und deshalb sehr viel Geld
verdienen, einen Teil ihres Stipendiums zurückzahlen
sollten. Für diese Vorschläge gab es keine Mehrheit. Die
meisten Studenten wollten das nicht. Leider.«
Um sechs Uhr morgens landet die Boeing 777 in Paris.
Ich bin zurück aus den amerikanischen Verhältnissen, de-
nen die deutschen Verhältnisse immer ähnlicher werden.
Vier Tage hat meine Reise ins Mekka der Eliten gedauert.
Ich bin geflogen, stundenlang Bus gefahren, durch Har-
vard geirrt, um vielleicht doch noch neue, kluge Antwor-
ten auf meine Fragen zu hören. In meinem Rucksack habe
226
ich zwei Stunden Interview auf Band, dreiundzwanzig
eng betippte Seiten. Aber eine andere Elite, ein Gegenge-
wicht zu dem bislang Gehörten, habe ich nicht gefunden.
Stattdessen die immer gleichen Antworten: der Wunsch
nach einer Förderung der Eliten. Das Bekenntnis zu Leis-
tung, Ehrgeiz und Fleiß, gepaart mit einer mitleidlosen
Missachtung für die, die nicht ähnlich erfolgreich sind,
vielleicht sogar scheitern. Wie die »faulen« deutschen
Dauerstudenten zum Beispiel.
Im Interview hatten die Studenten erzählt, dass das
Faszinierende an Harvard sei, mit welch großem Einsatz
alle an ihren exzellenten Kontaktnetzen knüpfen würden.
Die akademische Qualität der Seminare sei nicht unbe-
dingt besser als in Deutschland. Aber jeden Abend seien
hochkarätige Gäste da. Der französische Premier, Made-
leine Albright, Joschka Fischer. Manchmal konkurrieren
mehrere Nobelpreisträger um ihr publikum. Man würde
in Harvard schnell begreifen, sagen sie, wie wertvoll Ver-
netzung sei. Und auch sie würden inzwischen eifrig
knüpfen.
Auch diesen Gedanken habe ich schon mehrmals ge-
hört. In Neubeuern und Salem, wo die Abiturienten dicke
Bücher mit wertvollen Adressen in die Hand gedrückt be-
kommen und ein Anruf den Einstieg in den Beruferleich-
tert. An der EBS und der Elite-Akademie, wo an funktio-
nierenden Absolventen-Netzwerken gearbeitet wird. Und
sogar von Chris, der meinte, dass es mittlerweile auch
Karrierenetzwerke für junge Linke gebe. Elite heißt Ver-
netzung. Ein Netz, das die, die dazugehören, auffängt und
die, die außen stehen, abhält. Die amerikanische Century
Foundation hat kürzlich die Studentenschaft der berühm-
testen US-Unis untersucht. Nur drei Prozent der Erstse-
227
,." ~ , -
mester kommen aus Familien, die zum ärmsten Viertel
der Bevölkerung gehören. 74 Prozent der Studenten sind
Kinder derer, die das reichste Viertel ausmachen. Dass
dieses Ergebnis nicht nur damit zu tun hat, dass Kinder
reicher Eltern bessere Schulen besuchen und besser geför-
dert werden, hat der Journalist und Pulitzerpreisträger
Daniel Golden beschrieben. 2006 veröffentlichte er sein
Buch The Price ofAdmission - »Der Preis der Zulassung«.
Untertitel: »Wie sich Amerikas herrschende Klasse in die
Elite-Colleges einkauft und wer draußen bleiben muss.«
Das Buch sorgte in den USA für heftige Debatten,
konnte Golden doch nachweisen, dass der amerikanische
Aufsteigermythos mit der Realität an den großen Univer-
sitäten nicht mehr viel zu tun hat. Seine aufwendige Re-
cherche zeigt, dass die berühmten Colleges, von Harvard
über Princeton bis Yale, bei der Auswahl ihrer Studenten
mindestens genauso auf den Reichtum und die Macht der
Eltern achten wie auf die Noten und Testergebnisse der
Schüler. So hat Harvard zum Beispiel den Sohn des ehe-
maligen Vizepräsidenten und heutigen Klimaschutzhel-
den und Nobelpreisträgers Al Gore angenommen, o b ~
wohl er schlechte Noten hatte. Im gleichen Jahr hat die
Uni einen asiatischstämmigen Studenten mit brillanten
Zeugnissen und einem exzellenten Lebenslauf abgelehnt.
Er war unhooked, wie es in der College-Sprache heißt.
stammte also nicht aus einer wohlhabenden Familie.
Golden belegt, dass die Aufnahmebüros in Harvard,
Duke und Co. bei Kindern von treuen Geldgebern, von
Absolventen der Unis, von Berühmten und Mächtigen
beide Augen zudrücken, dass sie Stipendien für Polospie-
ler, Golfer und Dressurreiter einrichten, während gleich-
zeitig die Förderprogramme für talentierte Basketballer
228
oder Läufer zusammengestrichen werden. So, meint Gol-
den, würden die Unis immer reicher und weißer. Das Ti-
cket für Harvard werde vererbt wie eine Firma, ein Pfer-
destall oder ein Fuhrpark. Die Elite versorgt ihre Kinder
mit den Abschlüssen der Elite-Unis, die nötig sind, damit
sie das Erbe ihrer Eltern antreten können. So bleibt man
unter sich. Ein Feudalsystem. das ohne die plumpen Me-
thoden seines geschichtlichen Vorgängers auskommt. Ein
Feudalsystem, an dem, wie mir meine Recherche gezeigt
hat, auch deutsche Privatschulen und -Universitäten bas-
teln. In der jüngsten PISA-Studie landeten die USA in
puncto Chancengleichheit vor Deutschland. Es gibt also
keinerlei Gründe, über das ach so ungerechte amerikani-
sche Zweiklassensystem zu spotten.
Dem nächsten meiner Freunde. der sagt: »Das sind ja
amerikanische Verhältnisse«, wenn ich ihm von meiner
Reise zur Oberschicht erzähle. werde ich nun guten Ge-
wissens erwidern: »Streich das >amerikanisch<. Es sind die
Verhältnisse.«
DIE ELITE FEIERT
Es ist kurz nach Mitternacht. Gleich wird es ernst. Ich
stehe vorm Spiegel und teste zum dritten Mal, welches
Paar Schuhe zu meinem gerade gekauften kurzen schwar-
zen Kleid passt. Noch etwas steif halte ich mich an der
kleinen, mit glänzenden Steinen besetzten Handtasche
fest, die mir eine Freundin geliehen hat. Meine Lippen
sind tiefrot. Zu rot? Das würde ich jetzt gern meinen
Freund fragen, doch der rennt seit einer Stunde zwischen
seinem Zimmer und dem Bad hin und her. Tom zieht das
229
Hemd aus der Hose, steckt es wieder rein, zieht doch ein
anderes an und verzweifelt fast bei der Erkenntnis, kei-
nen braunen Ledergürtel zu besitzen. »Ich will nicht, dass
die sagen: >Sozen-Mode, draußen bleiben<<<, jammert er.
»Dresscode: stylish und sexy« steht in der Einladung. Da-
hinter drei Ausrufezeichen. Was meinen die damit?«
»Die« sind die Kinder wohlhabender Eltern, zu deren
Internet-Netzwerk Schwarzekarte ich seit einigen Wochen
gehöre. Heute feiern sie eine, wie sie schreiben, »exklusive
und exzessive Party« im Berliner Dinnerclub Bangaluu,
und wir stehen auf der Gästeliste. Deshalb die Aufregung.
Ich hatte Tom aus einem Artikel in der Hamburger Mor-
genpost vorgelesen. Darin wurde die letzte Schwarzekarte-
Party als Champagnergelage von Kindern beschrieben,
von denen einige jeden Monat ein Taschengeld in Höhe
eines ordentlichen Nettogehalts, also um die 2000 Euro,
verprassen können.
Wenig später sitzen wir in Toms Polo. »Mit dem kannst
du da nicht vorfahren. Wir müssen ein paar Straßen wei-
ter parken«, sage ich. »Hätte ich eh nicht gemacht«, ant-
wortet er gereizt. Wir parken, stopfen aufgeregt viel zu
viele Scheine in die winzige Handtasche und laufen zu
demvon Strahlern in rosafarbenes Licht getauchten Club.
Taxis halten hier im Akkord und speien junge Menschen
aus, die sich hinter uns in die Reihe einordnen. Die
Schlange bewegt sich kaum. Es geht nur zentimeterweise
weiter. Eine unnötige Prozedur, wie wir später sehen
werden, denn der Club ist nur mäßig gefüllt. Exklusivität
scheint zu verlangen, dass man vorher ordentlich friert.
Eine halbe Stunde später ist zumindest klar, dass sich das
Ankleidetheater gelohnt hat. Ein Blick mustert unsere
Gesichter, einer prüft kurz die Kleidung, dann sind wir an
230
e
den Türstehern, die in schneeweißen Daunenjacken ste-
cken,vorbei.
Wir sind jetzt seit über einer Stunde auf der Party, es
ist kurz nach zwei, und ich fühle mich falsch. Alles um
mich herum ist weiß. Die Wände und der Boden, die Vor-
hänge und die Ledersitzgruppen, sogar die Kleidung der
Barkeeper und die Schürzen und Hauben der farbigen
Toilettenfrauen, die den Gästen die Türen öffnen, auf de-
nen »Prince« oder »Princess« steht. Hinter meinem Rü-
cken sind Samtkordeln gespannt. Hinter denen wiederum
hocken betrunkene, sehr junge Partygäste, die silberne,
mit Eis gefüllte Kübel vor sich stehen haben, in denen ein
paar halb leere Flaschen stecken. Wodka- und Champa-
gnerflaschen gibt es heute zum Schwarzekarte-Special-
Price von 50 Euro. Ab und an hebt einer der abgefüllten
Helden die Arme, als wolle er die Sängerin am Ende des
Saals dirigieren. Die Frau, die schon seit einer halben
Stunde in einer Dauerschleife zu irgendwelchen Beats
singt, steckt in einem gefährlich korsettierten Kleid. Ihre
Brüste, die ich auf jeweils zwei Kilogramm schätze, wer-
den bei jeder Bewegung aufs Neue gequetscht. Sie leckt
sich die Lippen und stöhnt. Dann schreit sie: »Berlin, do
you want House Music?« Danach stöhnt sie wieder und
singt schließlich weiter. Ich mustere sie lange und ent-
scheide, dass sie nicht der Grund für mein Unwohlsein ist.
»Was ist hier so falsch?«, schreie ich Tom zu. »Das ist so
seelenlos hier«, sagt er. »Keiner ist ausgelassen, keiner hat
richtig Spaß.«
Und, ehrlich gesagt, sonderlich exklusiv ist es auch
nicht. Klar, auch hier spazieren in Gestalt von Täschchen
und Stiefelchen die teuren Marken umher, die ich mittler-
weile so gut kenne. Und 50 Euro pro Flasche stemmt man
231
auch nicht mit einem Eckkneipen-Budget. Aber sonst?
Eine ehemalige Soap-Darstellerin haben wir gesichtet, und
Tom ist von einer Tussi angemacht worden, die einen »to-
tal exklusiven« Club am Ku'damm eröffnen will und jetzt
schon nach den richtigen Leuten fahndet. Das endete mit
einem billigen »Kann ich deine Nummer haben?«. Und
tatsächlich gibt es hier auch jede Menge Leute, die man
eher in Großraumdiscos erwarten würde. Die Sonnen-
studio-Gebräunten. Die Muskelshirt-Träger. Die Handy-
Fotografierer. Also nichts mit Elite. Denken wir erst mal.
Denn als wir die Treppen zum zweiten Obergeschoss
hochgehen wollen, merken wir, dass die Exklusivität im
Bangaluu mehrstufig organisiert ist. Unten auf der Tanz-
fläche steht das Volk. Hinter den Samtkordeln sitzen die,
die sich zumindest die 50-Euro-Flaschen leisten können.
Hier aber ist für sie alle und auch für uns Schluss. Eine
Frau, die hinter einem kleinen Pult steht, bewacht den
Aufgang zum »Private«-Bereich. »Wer hier hochwill,
braucht ein weißes Band«, erklärt sie uns.
»Wer hat das? Wir stehen auf der Gästeliste!«
»Das reicht nicht«, sagt sie. Man müsse den Besitzer
kennen oder den, der die Bänder verteilt. Das schwarze
Kleid, die edle Handtasche und die roten Lippen - das al-
les war also umsonst. Wir gehören nicht dazu. Strahlend
biegt kurz darauf ein Freund, der uns zur Party begleitet
hat, um die Ecke. Dennis hat sich extra für diesen Abend
einen bürgerlichen Seitenscheitel gekämmt und ihn mit
Daxwachs fixiert. »Braucht ihr so ein Band?«, fragt er und
wedelt mit seinem Handgelenk vor unserer Nase herum.
»Private« steht da. Er habe gelangweilt und frierend am
Eingang gewartet, erzählt er, als ein Typ gekommen sei
und gefragt habe: »Magst du ein Band? Für oben?( Die
232
Exklusivität scheint recht willkürlich verteilt zu werden.
Sie ist ein Lockmittel. Und es wirkt.
Plötzlich möchte ich um jeden Preis auch diese Treppe
hoch. Dennis redet auf die Dame am Pult ein. »Du hast es
doch gerade schon mal versucht«, motzt sie in meine
Richtung. Aber Dennis gehört jetzt dazu. In seinem Ge-
folge darf ich an ihr vorbei. Wir passieren einen Kühl-
schrank mit riesigen Champagnerflaschen, biegen um die
Ecke, gehen an der Bar vorbei und sehen in einem fast lee-
ren Raum vielleicht dreißig »Private«-Gäste, die meisten
noch halbe Kinder. Gerade kippt einer ein Glas Cola über
die weiße Ledersitzecke. Ein Mädchen starrt vor sich hin,
ein Junge fahrt ihr zwischen die Beine. Sie starrt weiter.
Vor dem DJ, der unermüdlich Plastikmusik auflegt, tan-
zen ein paar Gäste exzessiv, ergötzen sich an sich selbst.
Einer imitiert Schrittfolgen, die er wohl in irgendeinem
Video gesehen hat, zwei Mädchen reiben sich an einem
jungen Krawattenträger. Ein anderes setzt sich unter dem
Kreischen ihrer Freundinnen eine Sonnenbrille auf. Es
wirkt wie eine hohle Kopie einer reichen und schönen
Welt. Dabei hatten uns doch alle Zulasskontrollen sugge-
riert, dass wir hier auf einer echten Party der Elite landen
würden. Stattdessen sind wir auf einem Kindergeburts-
tag, bei dem die Gäste nicht im Stuhlkreis, sondern in
weißen Ledergarnituren sitzen. Wir stehen und starren.
»Lass uns gehen«, sage ich irgendwann.
Ob es am Cuba Libre liegt, den ich getrunken habe, an
der House-Music-Sängerin oder an den selbstverliebten
»Private«-Kindern, kann ich später nicht mehr sagen. Als
ich zu Hause bin, werde ich plötzlich so wütend, dass ich
meine Elite-Materialsammlung aus dem Regal reiße und
durchs Zimmer schleudere. »Ich habe genug von den
233
Eliten!«, fluche ich, als Tom irritiert aus dem Bad her-
beieilt. Am nächsten Morgen bin ich froh, nicht das
schwarze Kleid oder die Brillantentasche demoliert zu
haben. Noch glücklicher bin ich allerdings darüber, dass
ich beides nicht mehr brauchen werde. Denn das war es
mit der Elite. Endgültig.
UNTER GEWINNERN
Nach einem Jahr geht meine Suche nach der Elite jetzt zu
Ende. Ich glaube, es wäre sinnlos, weiterzusuchen. Ich
habe schon zu viele Bilder im Kopf, zu viele Antworten
im Ohr, zu viel Unwohlsein im Bauch, um weiter neugie-
rig, möglichst unvoreingenommen auf die zuzugehen,
die sich Elite nennen. Aus diffusen Eindrücken ist in die-
sem Jahr mehr und mehr ein stabiles Gedankengebäude
geworden.
Ich habe imvergangenen Jahr Tausende Bahnkilometer
gesammelt, Hunderte Artikel gestapelt, Dutzende Defini-
tionen des Begriffs »Elite« gehört und ebenso viele Recht-
fertigungen für sein plötzliches Wiederauftauchen. Mir ist
klar geworden, dass in Deutschland eine gewaltige Eliten-
Revitalisierungskampagne läuft. Der Satz »Wir brauchen
wieder Eliten« ist inzwischen so oft gesagt worden, dass
ihn fast niemand mehr hinterfragt. Inzwischen hat man
die zweite Phase der Kampagne gestartet. Die Phase der
Realisierung. Kindergärten, Schulen und Universitäten
versprechen, dass sie diese Eliten, die wir angeblich brau-
chen, ausbilden. Eltern überweisen Geld, damit ihre Klei-
nen dazugehören. Gebühren für den Kindergarten, für
die Schule, das Internat, den Karrierecoach und die Uni.
234
Wenn man die zusammenzählt, kommt man auf min-
destens 300000 Euro. Die sollte jedes Elternpaar für die
Finanzierung eines solchen Elitebildungswegs beiseite-
legen. Es wachsen Menschen heran, die vor allem eins ler-
nen: Euer Platz ist unter den Gewinnern. Ihr dürft die
wichtigen Posten in der Gesellschaft übernehmen. Ihr seid
Elite. Im Rennen um Macht und Geld ist für euch die Pole-
position reserviert.
Die erste so erzogene Elitegeneration steht bereit. In
den Internaten, in Akademien, an den Unis. Es sind junge
Menschen, die gelernt haben, dass Elitesein kein Tabu
mehr ist, sondern Tatsache. Junge Menschen, die wissen,
dass sie für sich mehr beanspruchen können als der
Durchschnitt. Manche zögern, diesen Anspruch zu for-
mulieren. Andere schreien ihn, vor Selbstbewusstsein
strotzend, heraus. Manche versprechen, auf ihrem Weg
nach oben die, die unten stehen, nicht zu vergessen. An-
dere haben für sie nur ein verächtliches »Strengt-euch-
halt-mehr-an« übrig. Auch die Begründungen, die sie auf
ihr Reservierungsschildchen für einen Platz in der Elite
schreiben, unterscheiden sich. »Leistung« steht aufvielen.
»Verantwortung« auf anderen. »Geld und Herkunft«
schreiben Dritte. Jeder so, wie er es braucht. Und das ist
das Grundproblem des Elitebegriffs. Er ist schillernd und
unscharf zugleich. Das macht es so leicht, ihn zu instru-
mentalisieren.
Das Wort »Elite« halte ich nach diesem Jahr nur für
bedingt brauchbar. Weil das Wort, mit dem ich jetzt.so
viel Zeit verbracht habe, ein echter Begleiter geworden 1st,
empfinde ich sogar so etwas wie Mitleid mit ihm. Als sei es
in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht schon
genug gequält worden, wird es nun wieder hervorgezerrt.
235
Wie ein altes Superman-Kostüm, das Politiker und Wirt-
schaftsbosse in den Tiefen ihrer Mottenkisten wiederent-
deckt haben. Es soll seine Träger als Helden der Effizienz-
gesellschaft verkleiden und ist dehnbar genug, um fast
alle Motive unter sich zu verbergen. Verpflichtung, Ver-
antwortung, Vorbild, Mut und Wahrheitsliebe. Sicher
auch edge und energy, was immer das auch heißen soll.
Das alles sei Elite, hörte ich. Ich sah, dass Elite aber auch
Ungerechtigkeit, Sonderrechte, Aufteilung und Macht-
streben meint.
Ich finde, es ist höchste Zeit, dieses Kostüm wieder
herunterzureißen. Das Wort »Elite« ist zu unscharf, um
zu definieren, wie man in seinem Sinne die Gesellschaft
verändern soll. Wenn gefordert wird: »Wir brauchen wie-
der mehr Eliten«, müsste die Antwort nicht »Ja« oder
»Nein« lauten, sondern: »Sagt, was ihr damit meint, und
versteckt euch nicht hinter diesem so oft missbrauchten
Wort.« Ich habe gesehen, dass »Elite« heißen kann, dass
schon die Kleinsten in Geförderte und Ungeförderte ge-
teilt werden, dass wenige Ausgewählte besser behandelt
werden als der große Rest und dass die Regeln für diese
Auswahl oft ziemlich undurchsichtig sind. Ich habe gese-
hen, dass »Elite« heißen kann, dass nur die, die zahlen,
eine besonders gute Ausbildung erhalten und als Bonus
Kontaktnetze, die eine schnelle Karriere sichern. Ich bin
sicher, »Elite« heißt für manche auch, dass sie Sonder-
rechte auf Lebenszeit fordern, dass sie hinnehmen, dass
sich Deutschland noch offensichtlicher in Gewinner und
Verlierer teilt.
Nach diesem Jahr fürchte ich mich davor, dass man-
che, die all das wollen, das Wort ))Elite« nutzen, um ihre
wahren Motive zu verbergen, um die nötigen Debatten
236
über die Frage »Wer bekommt wie viel und warum?« zu
ersticken, um schnell und geräuschlos das Land in eine
neue Richtung zu drehen. ))Wir wollen Eliten«, klingt sehr
viel freundlicher als »Wir wollen in Gewinner und Verlie-
rer teilen«, auch wenn manche mit beiden Sätzen dasselbe
meinen.
Ich bin mir fast sicher, dass die meisten von denen, die
ich traf, diese Welt in letzter Konsequenz gar nicht wollen.
Als Carllange nachdachte und die einfachen Antworten
scheute, weil er Sorge hatte, auf dem schwierigen Terrain
zwischen dem, was er unter ))Elite« versteht, und dem,
was andere mit dem Begriff verbinden, zwischen seiner
Karriere und seinen Idealen ins Straucheln zu geraten,
merkte ich, dass nicht nur ich mit dem Wort zu kämpfen
hatte. Als Oliver aus Harvard mir einen Link zu seinem
Internet-Tagebuch schickte, in dem er seine Reise von
Düsseldorf nach China beschreibt, sah ich, dass auch die
Elite Pausen braucht. Als Bernd erzählte, dass er durch die
Arbeit seines Vaters viel Kontakt zu Behinderten habe
und dass es ihm Sorgen mache, dass auf diese Menschen
so wenig Rücksicht genommen werde, begriff ich, dass
auch für ihn die Effizienz Grenzen hat.
Fast alle, die ich traf, waren klug, fleißig und freundlich.
Ich fände es schön, wenn ihnen die Last des Eliteseins er-
spart bliebe, wenn sie sich Fehler gönnen könnten, unnütze
Hobbys oder lange Ferien. Ich würde ihnen gern s a g e ~ ,
dass das Leben kein anstrengender Sprint sein muss, kem
. tli h
Wettkampf um noch mehr Leistung, und dass ~ ~ g e n c
kein Zwang besteht, zu funktionieren, schneller, hoher und
weiter zu kommen als andere.
Ob einen der Satz ))Du bist Elite« auf Dauer verändert?
. h d· L· irgendwann nicht
Vermutlich sperren SIC Ie Ippen
237
.. ', ....,'
mehr, diesen Satz zu sagen, wenn die Ohren ihn nur oft
genug gehört haben und das Gehirn ihn als wahr akzep-
tiert. Wer von sich behauptet, Elite zu sein, muss eigent-
lich fest davon überzeugt sein, besser zu sein als andere,
sonst würde er diesen Begriff kaum akzeptieren können.
Zur Selbstbestätigung wird dieses Bessersein zu allen
möglichen Anlässen beschworen. BeimMcKinsey-Wochen-
ende in Griechenland wurde uns gesagt, wir seien brillant.
Wer es an die EBS schaffe, stand in den bunten Prospekten,
die ich beim Campus-Day bekam, gehöre zu den zweihun-
dert Topstudenten Deutschlands.·An der Elite-Akademie,
hieß es, seien dreißig der talentiertesten jungen Menschen
Bayerns, im Maximilianeum die klügsten Abiturienten des
Freistaats. Die Klügsten, die Talentiertesten, die Brillantes-
ten: Solche Superlative muss man erst einmal verkraften.
Manche, wie Carl, reagieren mit betonter Bescheidenheit,
andere, wie Aadish, quälen sich mit Zweifeln. Viele aber
nehmen das Lob an. Es schmeichelt ja auch.
Je früher die Einteilung in Elite und Masse erfolgt,
desto absurder wird aber das Gerede von den Besten, Flei-
ßigsten, Klügsten. Denn eigene Leistungen, nicht Noten
oder Testergebnisse, sondern wirkliche Leistungen, die
der Gesellschaft genützt haben, können die Zwanzigjäh-
rigen logischerweise noch nicht vorweisen. »Leistung«
heißt in den meisten Fällen, dass die Schüler oder Studen-
ten besonders fleißig, besonders ehrgeizig, vielleicht auch
besonders angepasst waren. Sie sind exzellent in dem, was
man in Zeugnissen Kopfnoten nennt: schön schreiben,
pünktlich und diszipliniert sein, tun, was verlangt wird.
Rennen, klettern, kämpfen, um dorthin zu kommen, wo
oben sein soll. Ich denke an den Satz, den Bundesbil-
dungsministerin Schavan demonstrierenden Studenten
238
entgegengerufen hat: »Wir brauchen Eliten, keine Schrei-
hälse.« Dieser Satz sagt viel über das, was in Zeiten der
Elite von jungen Menschen erwartet wird.
Viel leisten, das heißt in dieser Elitenwelt: funktionie-
ren, nicht nachfragen. ~ n c h t an den Lerninhalten der
Unis rütteln, nicht an Streik denken, wenn der Tag in der
Beratung wieder sechzehn Stunden lang ist, keine Pausen
einfordern, kein Recht auf Fehler, auf Umwege, kein
Recht, auch mal zu scheitern. Ich wäre erleichtert gewe-
sen, wenn ich unter den Eliten mehr Schreihälse getroffen
hätte. Mehr Querdenker, Widersprecher, Neinsager. Aber
vermutlich fehlte ihnen dazu schlicht die Zeit. Denn wer
dem Ziel hinterhereilt, möglichst viel von dem, was an-
dere als Leistung defmiert haben, in möglichst wenig Le-
ben zu quetschen, dem bleibt fürs Grübeln, Denken und
Hinterfragen wohl wenig Raum.
Trotzdem ist dieses Mehr an Leistung die Hauptrecht-
fertigung fürs Elitesein. »Wer mehr leistet, hat mehr ver-
dient. Wer mehr leistet, darf mehr bestimmen.« Das, so
habe ich gelernt, sind die Glaubenssätze der jungen Elite.
Beim ersten Hören klingen diese Sätze pragmatisch und
vernünftig. Je häufiger ich ihnen aber lauschte, je vielfäl-
tiger die Begründungen und je eindeutiger die Forderun-
gen wurden, desto mehr haben mich diese Sätze abge-
schreckt. Konsequent zu Ende gedacht, heißt »Elite« dann
doch: Ich leiste, also bin ich mehr wert.
Viele, die an das Elitekonzept glauben, verknüpfen leis-
tung direkt mit dem Wert des Menschen. Das macht ~ i r
Angst. In solch einer Welt möchte ich nicht leben. VI.el-
leicht bin ich nach diesem Jahr so dünnhäutig, dass Ich
mich langsam in die Furcht vor der Elite hineinsteigere.
Aber meiner Ansicht nach muss, wer Elite fordert, auch
239
(" . ~
_____.... i'
Antworten auf die folgenden Fragen geben: Wer misst
diese Leistungen? Was ist wertvolle und was überflüssige
Leistung? Heißt Leistung stets Effizienz und Profit? Gibt
es Abkommen, Regeln, in denen ich nachlesen kann, wie
viel ich leisten muss, um als wertvoller Mensch zu gelten,
um das Recht zu haben, zu protestieren, zu fordern oder
einfach zu meckern?
Gestern habe ich hundert Seiten in einem Buch gele-
sen, ein Sachbuch, immerhin. Außerdem eine Tages- und
eine Wochenzeitung. Ich habe etwa zweieinhalb Stunden
lang diesen Text überarbeitet und für einen Reportage-
dreh, den ich in der nächsten Woche machen möchte, drei
Telefonate geführt. Außerdem habe ich zwei Wohnungen
besichtigt, weil unsere WG bald umziehen muss. Ich habe
eine Soap im Fernsehen gesehen und die Auslosung der
Champions-League-Gruppen auf Eurosport. Abends ha-
ben wir lange gekocht. Wie viele Leistungspunkte bringt
mir dieser Tag? Zählt nur das, womit man Geld verdient?
Das wären dann das Schreiben und die drei Telefonate.
Was ist mit einer Leistung, die man für andere erbracht
hat? Die Wohnungsbesichtigungen, vielleicht das Ko-
chen. Wie viel zählt Nachdenken? Und gibt es Punktab-
zug für die Soap und die Champions-League-Auslosung?
Plötzlich sehe ich meine WG und meine Freunde vor
einem Elite-Tribunal stehen. In einer langen Reihe müs-
sen wir alle vor der Elite antreten, um unsere Leistung be-
werten zu lassen: Gut. Okay, heißt es bei vielen. Andere
aber werden sehr, sehr lange gemustert, bewertet, noch
einmal geprüft. »Nichts geleistet«, lautet das Urteil. Dann
wird ihnen das Recht auf einen Job entzogen, das Recht,
ein Gehalt zu fordern, von dem sie leben können. Das
Recht zu meckern.
240
Schluss, stopp, aus!, denke ich. Paranoia, Neurose, Hys-
terie!, beschimpfe ich mich und beschließe, dass ich nun
endgültig aufhören sollte, meine Gedanken andauernd
um die Elite kreisen zu lassen. Vorher will ich aber noch
einmal Bahn fahren. Es soll eine Art Abschiedstour wer-
den. Ich will wissen, was aus denen, die ich im letzten Jahr
getroffen habe, geworden ist.
ABSCHIED VON DER ELITE
Ein allerletztes Mal sitze ich im Zug in Richtung Elite. Der
Rhein fliegt am Fenster vorbei, die Räder des Intercitys
rattern beruhigend. In wenigen Minuten werde ich in
Mainz sein. Dort feiern die Studenten der European Busi-
ness School ihren Studienabschluss. Bernd, der erste Elite-
anwärter, mit dem ich sprach, und die anderen seines
Jahrgangs haben deshalb zu einem großen Ball eingela-
den. Ein letztes Mal habe ich mich verkleidet. Ich bin von
der Arbeit zum Zug geeilt, habe in der Intercity-Toilette
die Jeans aus- und das schwarze Kleid angezogen. Glück-
lich darüber, dass ich mir bei dem Manöver keine Lauf-
masche eingefangen habe, dass Kleid, Strumpfhose, Schuhe
und ich schadlos überstanden haben, in jeder Kurve ge-
gen das Waschbecken zu knallen. Mein Zugnachbar starrt,
als ich völlig verändert zurückkomme. Aber egal. »Was ist
aus der Elite geworden?«, schreibe ich oben auf die erste
Seite meines letzten Blocks.
Bernd wird nach der Abschlussfeier bei einer großen
Unternehmensberatung in München anfangen. Er hat die
Durchschnittswerte, mit denen am Tag der offenen Tür
den Eltern die Investition in das Studium schmackhaft
241
gemacht wurde, noch getoppt. AbscWuss mit vierund-
zwanzig hieß es damals. Bernd ist gerade zweiundzwanzig
geworden. Sein Einstiegsgehalt wird höher als die durch-
schnittlichen 50752 Euro eines Absolventen sein. Die Be-
ratungen zahlen nicht nur mehr, sie bieten ihrem Nach-
wuchs auch Schmankerl wie Dienstwagen, Blackberry
und Laptop. In ein paar Wochen werden die Probleme,
die andere mit zweiundzwanzig haben, in Bernds Leben
keine Rolle mehr spielen. Verdiene ich genug? Wo kommt
die Miete her? Muss ich wirklich jeden Monat 100 Euro
für die Rente sparen und wenn ja, wovon? Diese Sorgen
wird er nicht kennenlernen. Er muss nur eines: hart ar-
beiten. Er muss funktionieren, auch wenn die Woche
hundert Arbeitsstunden hat. Grow or go heißt das Motto
der Beraterbranche - »Mach Karriere oder verschwinde«.
Bernd wird nicht verschwinden wollen. Er wird die
Viertelstundenfelder in seinem Kalender fleißig mit Auf-
gaben füllen, von den frühen Morgenstunden bis in die
Nacht. Er wird sich jetzt erst recht kein Luftholen mehr
erlauben. »Ich mache keine halben Sachen«, hatte er mir
gesagt. »Mir geht es schlecht, wenn ich feststelle: Hier hast
du nicht alles getan, was du hättest tun können.« Vermut-
lich wird es ihm dann noch schwerer fallen, zu akzeptie-
ren, dass andere weniger leisten. »Ich verlange von jedem,
der meckert, Leistung«, hatte er mir gesagt. »Wenn je-
mand sagt: Ich meckere auch gar nicht, ich beschwere
mich auch gar nicht, muss er auch keine Leistung brin-
gen. Aber dann muss er halt mit dem klarkommen, was er
ohne Leistung bekommt.«
An den Internaten hat gerade das neue Schuljahr be-
gonnen. Miriam, Oliver und Philipp sind jetzt in der Ab-
schlussklasse. Im nächsten Sommer werden sie endlich
242
die dicken Bücher mit den vielen Kontakten und Adres-
sen in der Hand halten, und ihr Leben im Kreise der Alt-
schüler wird beginnen.
Chris, den Globalisierungskritiker von Attac, habe ich
gerade in Hamburg getroffen, wo er immer noch für seine
Abschlussprüfung lernt. Er hat es nicht geschafft, den
G8-Gipfel, sein Großereignis des Jahres, zu blockieren.
Während es den anderen Demonstranten gelang, sich für
Tage am Zaun, der die Politiker vor den Demonstranten
schützen sollte, festzusetzen, musste Chris in Rostock im
Basiscamp bleiben. Er hat eine Woche durchgearbeitet,
kaum geschlafen. »Es war so viel, dass mir die Woche vor-
kam wie ein einziger langer Tag«, meinte er. Er hat, nach-
dem es bei der Eröffnungsdemo in Rostock zu dumpfer
Gewalt gekommen war, haufenweise Pressemitteilungen
geschrieben. Er war in Talkshows und hat eine Rede vor
fünftausend Menschen gehalten. Jetzt ist er ein wenig
müde. Aber er will noch mehr Verantwortung bei Attac
übernehmen, noch mehr Stunden pro Woche dort arbei-
ten, obwohl er weiß, dass er davon nicht leben kann. Weil
er nicht länger auf das Geld seiner Eltern angewiesen sein
will, muss er sich zusätzlich zu seinem Vollzeitjob bei
Attac noch etwas anderes suchen. »Ich musS irgendeinen
Teilzeitjob finden, zum Geldverdienen«, sagt er. Das bin-
det Kraft. »Es wäre schön, wenn es gelänge, die Elite abzu-
schaffen«, findet Chris. »Aber das geht wohl nur in einem
anderen Wirtschaftssystem. In einem, in dem nicht alle
dem Geld hinterherrennen müssen.«
Aadish, der junge Iraner, der Zweifler, der trotzdem an
einer privaten Wirtschaftsuni studiert, zieht gerade nach
Koblenz um. Er verlässt die kleine Stadt Vallendar, um
dem Corpsgeist der Uni zu entfliehen, um auch andere
243
," ' .. '.'!'t
Leute zu treffen, andere Meinungen zu hören. Er wird
mit seiner Freundin zusammenwohnen und die Welt der
zukünftigen Wirtschaftselite jeden Abend mit dem Bus
verlassen.
Alexander, der Georgier, der mich beim Internet-Netz-
werk Schwarzekarte eingeschleust hat, macht gerade Prak-
tika, erst in Antwerpen, dann in Paris. Vielleicht will er
jetzt auch ein Buch schreiben.
Die Schwarzekarte hat die Drohung mit dem Ein-
ladungsstopp übrigens wahr gemacht. Es waren wohl
zu viele Nichtreiche ins Netzwerk eingedrungen, Men-
schen wie ich. Seit einigen Wochen werden keine neuen
Mitglieder mehr zugelassen. Dafür werden die alten ver-
wöhnt. In einer der letzten Nachrichten des Netzwerks
wurde ich eingeladen, an einem Rolex-Gewinnspiel teil-
zunehmen. Mittlerweile hat die Schwarzekarte auch eine
Ecke für politische Diskussionen eingeführt. Dort zeigt
man sich zufrieden mit den jüngsten Entwicklungen in
Deutschland: Bei einer Abstimmung antworteten 79 Pro-
zent der Schwarzekarte-Nutzer, sie fänden es gut, dass es
hierzulande jetzt auch Elite-Universitäten gebe.
Maria ist vorübergehend aus dem Maximilianeum in
München ausgezogen. Sie verbringt den Sommer in Eng-
land aufWohnungssuche, denn die nächsten Monate will
sie in Oxford studieren. Eine Riesenchance sei das, sagt
sie, und wieder etwas, das sie vor allem der Stiftung ver-
danke.
Carl von Tippelskirch, der Student der bayerischen
Elite-Akademie, ist nicht an der Universität geblieben. Er
ist jetzt tatsächlich Trainee bei der Deutschen Bank und
betreut dort die Vermögen von Millionären. Er glaubt
noch immer, dass diese Arbeit mit seinen Idealen verein-
244
bar ist. Er helfe diesen Menschen, ihr Vermögen verant-
wortlich einzusetzen, sagt Carl. Einen Kunden hat er so-
gar, wie er es sich gewünscht hatte, bei der Gründung
einer Stiftung beraten.
Ich treffe Carl an einer Schülerakademie. Er gibt von
ihren Schulen als »hochbegabt« eingestuften Teenagern
einen Kurs zum Thema Wirtschaftskriminalität. Dort
geht es unter anderem auch um den Mannesmann-Pro-
zess, in dem Josef Ackermann die Finger zum Victory-
Zeichen spreizte und damit zum Symbol des abgehobe-
nen Kapitalisten wurde. Obwohl klar gewesen sei, dass
sich der Kurs auch mit diesem Prozess kritisch auseinan-
dersetzen würde, habe die Bank sein Engagement mit
einer Spende unterstützt, sagt Carl. »Auch dies bestätigt
mich darin, meinen Idealen in der Bank treu bleiben zu
können.«
»Fällt es dir jetzt leichter, den Satz >Ich bin Elite< zu sa-
gen?«, will ich wissen. Carl schaut nach links, rechts, oben
und unten und antwortet nicht. »Bist du mit dem Wort
im Reinen?«, frage ich.
»Ich kann den Begriff nur akzeptieren, wenn >Elite< die
Übernahme von Verantwortung heißt«, sagt er. »Und
wenn klar ist, dass die Bezeichnung >Elite< von anderen an
einen herangetragen wird und man sich nicht selber Elite
nennt.«
Und nun bin ich also auf dem Weg zu Bernd. Ich stehe an
der Garderobe der Rheingoldhallen in Mainz, gebe mei-
nen riesigen Rucksack ab und fühle mich wie ein Dorf-
mädchen beim Opernball. Hier feiert Bernds Jahrgang
das Ende von drei Jahren Studium. Für diesen Anlass sollte
ein kurzes, schlichtes schwarzes Kleid genügen, dachte
245
ich. Und liege falsch. Bernd kommt gerade in Smoking
und Fliege auf mich zu. Er trägt den Klassiker so souverän
wie fast alle seine Kommilitonen. Manche haben sich so-
gar eine rote Bauchbinde umgelegt und sehen aus wie
blutjunge Zirkusdirektoren.
Die Mädchen tragen die Kleider lang. Manche sogar so
lang, dass sie beim Gehen den Rock heben müssen. Als
wären sie Cinderella. Ein Satinkorsett, das in einen Tüll-
rock, bestickt mit kleinen Rosen, mündet, kreuzt meinen
Blick. Ich sehe aufwendig gesteckte Frisuren. Handta-
schen, die passend zum Kleid genäht wurden. Ich sehe sil-
berne, aprikotfarbene, tiefblaue Abendkleider. Ich sehe
Kellnerinnen, auf deren Poloshirts The German Hamp-
tons gedruckt ist, und Männer, die Dutzende von Zigar-
rensorten anbieten. Ich blicke auf weiße Lederwürfel, auf
denen sich festlich gekleidete Familien niedergelassen ha-
ben, die von einem Profifotografen umkreist werden.
Mädchen in gestreiften Blusen preisen die Tombola-Lose
an. Der Hauptpreis ist eine Südafrika-Rundreise in einem
Oldtimer. Ich denke abwechselnd an Flucht und den Not-
kauf eines Abendkleides. Dann atme ich tief durch, über-
gebe meinen Rucksack der Garderobenfrau, klemme
mein Notizheft unter den Arm und laufe durch die Ein-
gangshalle in den Ballsaal.
Bernd hatte mir von den Vorbereitungen für den Ball
erzählt. Er hatte gesagt, dass sie zu sechst extra eine Art
Firma, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, gegründet
hätten. Monatelang hätten sie geplant, gerechnet und ver-
handelt. Mit den Rheingoldhallen, den größten der Stadt,
mit dem Hilton-Hotel, das das Menü liefern soll, und mit
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort haben die Stu-
denten eine ganzseitige Anzeige geschaltet, um der Wirt-
246
schaftswelt mitzuteilen, dass sie nun ihren Abschluss in
der Tasche haben. Ein Fest in dieser Liga ist teuer: Die
Eintrittskarte kostet 109 Euro. »Wir haben alles getan, um
die Karten so günstig wie möglich zu halten«, sagten die
Studenten dazu. »Aber das Budget muss gedeckt werden.«
Deshalb waren die Kartenpreise nötig, obwohl die Spon-
soren Zehntausende Euro zuschossen. So viel Geld, um zu
feiern, dass man ein dreijähriges Studium beendet hat.
Die zukünftige Wirtschaftselite liebt es überdimensional.
Auch die Stühle und Tische im Ballsaal haben sie her-
ausgeputzt und in weißen Stoffgehüllt. über dem Eingang
steht auf einem Transparent das Motto des Abends: »Das
Außergewöhnliche geschieht nie aufglattem gewöhnlichen
Wege.« Johann Wolfgang von Goethe. Von der Bühne
grüßt der Dinnersponsor Ernst & Young. Eingerahmt von
großen Worten und gutem Geld - so scheinen die Studen-
ten sich sehen zu wollen. Der Abend kann beginnen.
Ich sitze vom rechts, bei Bernds Familie. Den Eltern
an unserem und den anderen Tischen scheint es so zu ge-
hen, wie es auch meinen Eltern ging, als uns in einer ehe-
maligen Zeche die Diplomzeugnisse überreicht wurden:
Sie sind sehr stolz. Manchen sieht man an, dass sie schon
einen langen Tag hinter sich haben. Schon um 8 Uhr 30
saßen sie im Gottesdienst, dann fuhren sie zur akademi-
schen Feier, bei der auch Marios Chef von McKinsey
sprach, in ein Kloster. Die Studenten hüllten sich in lange
Gewänder und warfen Hüte, wie man es aus amerikani-
schen Filmen kennt. Jetzt sind sie hier, zum vierten Akt:
Gereicht werden ein Gourmetmenü und Festreden.
Gerade stehen zwei Studentenvertreter auf der Bühne.
»Die EBS bildet Leader aus - nicht Manager«, sagen sie.
»Denkt zurück an die lustigen Momente in den Lern-
247
....
gruppen«, fordern sie ihre Kommilitonen auf. »Vergesst
nicht: Lernen macht Spaß!«, rufen sie, ohne es ironisch zu
meinen, und beenden ihren Vortrag mit den Worten:
»Wir stehen jetzt erhobenen Hauptes da.« Ich glaube
nicht, dass daran jemand gezweifelt hatte.
Der Starredner des Abends ist Klaus Evard, der die
EBS 1971 gründete und mit vier Studenten anfing. über
dreißig Jahre später habe der Satz »Ich studiere an der
EBS« einen guten Klang, sagt er, um die Studenten sofort
zu ermahnen, sich auf diesen Lorbeeren nicht auszuru-
hen. »Hungrige Osteuropäer«, Top-Inder und Top-Chi-
nesen stünden bereit, die besten Posten zu übernehmen.
»Sie müssen auf diese Konfrontation vorbereitet sein«,
sagt Evard. »Die Konkurrenz schläft nicht. Sie trainiert
nur!« - Da ist sie wieder, die Geschichte von den Antilo-
pen und dem Löwen. Schneller sein, besser sein, mehr
leisten: Das ist die Lehre, die die Studenten in ihr Leben
begleiten soll. Evard fordert die Absolventen auf, die alten
EBS-Eigenschaften zu pflegen. EBSler, sagt er, seien von
jeher dynamisch, braun gebrannt, flexibel und belastbar.
»Dieses Land wartet auf Sie. Dieses Land braucht Sie.«
Diese Vorstellung gefällt allen. Applaus brandet auf.
Und noch ist Evard nicht fertig: »Sie sind zu denen gehö-
rig, die dieses Land in zehn oder zwanzig Jahren bestim-
men und regieren«, ruft er den Studenten zu. »Was immer
Sie tun, tun Sie es mit dem Herzen, dann werden Sie es
gut tun. Und wenn Sie es tun, können Sie gar nicht ver-
hindern, dass Sie Geld verdienen. Und wenn Sie viel Gu-
tes tun, werden Sie viel Geld verdienen. Möge Gott Sie auf
Ihrem Wege begleiten!«
Nach allem, was ich gesehen habe, glaube ich nicht,
dass sie Gottes Hilfe brauchen werden.
DANK
Ich danke allen, die mich in ihr Leben gelassen haben; die
geduldig meine Fragen beantwortet haben, auch wenn sie
merkten, dass ich in vielen Punkten anderer Meinung
war. Vor allem vor den Schülern und Studenten, die im
Gegensatz zu manchem Direktor oder Sprecher auch im
Nachhinein zu ihren Aussagen standen, habe ich größten
Respekt.
Ich danke Kathrin Liedtke für das genaue Lektorat und
dem Verlag Hoffmann und Campe für sein Vertrauen.
Ich danke Florian Glässing, ohne den dieses Buch nie
gelungen wäre, und der Agentur Eggers & Landwehr für
die fabelhafte Betreuung.
Ich danke Eva, Juliane, Mathias und Mark fürs Bera-
ten, Lesen und Zuhören und dafür, dass sie die Frage
»Was macht das Buch?« unermüdlich stellten. Ich danke
Torsten dafür, dass er in diesen Text ein wenig seiner un-
ermesslichen Klugheit gesteckt hat. Ich danke Nicol für
die vielen Antworten auf noch mehr Fragen und Dennis
für die schnellen Finger.
Ingmar danke ich, weil er mir die grüne Vase s c h ~ n k t e
und oftmals für mich ins Archiv ging, Fips und memem
großen Bruder für die Verstärkung im Münsterland und
249
...
meiner WG für die vielen Geschichten, die ich aufschrei-
ben durfte.
Ich danke meinen Eltern dafür, dass sie aus mir nie
Elite machen wollten, auch wenn sie jetzt manchmal trau-
rig sind, dass ich's nicht bin.
Und vor allem danke ich Tom, ohne den wohl nichts so
schön wäre, wie es ist.
DIE STATIONEN DER
REISE IM ÜBERBLICK
EBS European Business School
Schloss Reichartshausen in Oestrich-Winkel
über 800 Studenten der Betriebswirtschaft
Kosten: 4950 Euro pro Semester
Auswahl: schriftliche Tests und Einzelinterviews
www.ebs.de
Bayerische Elite-Akademie
Westerham-Feldkirchen bei München
gut 30 Studenten pro Jahrgang
Kosten für die zweijährige Ausbildung: 2600 Euro
Auswahl: mehrstufiges Bewerbungsverfahren - Essay, dann
Diskussionen und Einzelinterviews
www.eliteakademie.de
Maximilianeum
München
sechs bis acht bayerische Abiturienten pro Jahr
Voraussetzung: I,O-Schnitt im Abitur
251
/ - ~ ; ~
/ ~ . ~ ~ 4 ______ ',' I
Auswahl: Vorprüfung, dann Maximsprüfung im Bayeri-
schen Kultusministerium
www.maximilianeum.de
FasTracKids
Berlin, Filialen in Düsseldorf und Hamburg sollen folgen
mehrere Klassen für Kinder ab zwei Jahren
Kosten: etwa 100 Euro pro Monat
www.fastrackids.de
Kindergarten Villa Ritz
Potsdam, weitere Kindergärten in Deutschland geplant
Betreuung von Babys und Kleinkindern
Basissatz: 980 Euro pro Monat
www.villa-ritz.de
Vodafone »Chancen«-Stipendium
Zehn Studenten pro Jahrgang
Auswahl: Das Stipendium richtet sich an sehr gute Abitu-
rienten mit Migrationshintergrund
Es gilt nur für ein Studiuman einer der vier privaten Part-
neruniversitäten: die EBS in Oestrich-Winkel, die WHU
in Vallendar, die Bucerius Law School in Hamburg und
die Jacobs University in Bremen
Förderung: etwa 80000 Euro pro Student (Lebensunter-
halt und Studiengebühren)
www.vodafone-stiftung.de
252
Schloss Neubeuern - Internatsschule}UrJungen undMädchen
Neubeuern bei Rosenheim
etwa 230 Schüler der Klassen 5-13
Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr, nach Alter gestaffelt
etwa 20 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien
(maximal 50 Prozent der Gebühren)
Ehemaligen-Netzwerk: Altneubeurer
www.schloss-neubeuern.de
Internat Schloss Salem
Salem bei Überlingen am Bodensee
etwa 700 Schüler der Klassen 5-13
Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr, nach Alter gestaffelt
etwa 30 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien
Ehemaligen-Netzwerk: Altsalemer Vereinigung
(3500 Mitglieder)
www.salemcollege.de
WHU - Otto Beisheim School ofManagement
Vallendar bei Koblenz
gut 500 Studenten der Betriebswirtschaft
Kosten: 5000 Euro pro Semester
Auswahl: Abiturnote und Einzelinterviews
www.whu.edu
Attac
Attac ist ein französisches Kürzel, übersetzt bedeutet der
Name »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztrans-
aktionen im Interesse der Bürger und Bürgerinnen«
Globalisierungskritiker
253
weltweit 90000 Mitglieder, davon 18500 in Deutschland
Mitgliedsbeitrag: 60 Euro pro Jahr, ermäßigt 15 Euro
www.attac.de
McCloy-Stipendium
Programmder Studienstiftung des Deutschen Volkes und
der Kennedy School of Government, Harvard University
6-8 Stipendiaten pro Jahrgang
Auswahlverfahren: zweitägiges Auswahlseminar, dort
Vorträge und Einzelinterviews
F ö r ~ e r ~ n g : 1650 Dollar Lebensunterhalt pro Monat
SOWIe Ubernahme der Studiengebühren
www.ksg.harvard.edu/mccloy
Stand: November 2007
LITERATUR
Alexander Bard, Jan Söderqvist, Die Netokraten. Die
neuen Leistungseliten und das Leben nach dem Kapitalismus,
Heidelberg 2006
Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin
2006
Daniel Golden, The Price of Admission. How America's
Ruling Class Buys Its Way Into Elite Colleges - and Who
Gets Left Outside the Gates, New York 2006
Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten.
Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Poli-
tik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt/Main 2002
Michael Hartmann, Elitesoziologie. Eine EinjUhrung,
Frankfurt/Main 2004
Michael Hartmann, Eliten und Macht in Europa. Ein in-
ternationaler Vergleich, Frankfurt/Main 2007
Malte Herwig, Eliten in einer egalitären Welt, Berlin 2005
255
Gunnar Hinck, Eliten in Ostdeutschland. Warum den
Managern der Aujbruch nicht gelingt, Berlin 2007
Kursbuch: Die neuen Eliten, Berlin 2000
Benjamin Lebert, Crazy, Köln 1999
Herfried Münkler, Grit Straßberger, Matthias Bohlender
(Hg.), Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt/Main
2006
22M

Meinen Eltern

INHALT

Ich lerne die Elite kennen Wollen wir wieder Elite? Die »Top-Adresse für die Führungselite von morgen« In der Parallelwelt
In einer Reihe von Fällen wurden Namen und charakteristische Merkmale von Personen zum Schutz Von deren Persönlichkeitsrechten geändert.
1. Auflage 2008 Copyright © 2008 by

9

14

16

21

Nur kein Niedrigleister sein! EDEKA - Ende der Karriere Heiße Luft Das große Umdenken Die Elitisierung Die Besten oder die Reichsten? Der Chef der Elite Gewinner und Verlierer

26
31 33 35 39

Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg WWw.hoca.de Satz: Dörlemann Satz, Lemförde gesetzt aus der Minion Pro und der !Tc Bookman Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 978-3-455-50051_6

46

54
68
71

Ein Untmlt!a1lletr. der

Der Lebenslaufforscher Die Elite-Akademie

GANSKE VERLAGSGRUPPE
78

Der Stolz des Freistaats Differenzierung Der Kampf um die vorderen Plätze Elite mit Migrationshintergrund Schwarzekarte Die Schulen der Elite Mathe: ausreichend. Elite: sehr gut Tradition zu verkaufen Die Politiker von Salem Karrierecoach für Teenager Der Maulwurf

97 105 107 116 127 136 138 161 165 174 184

You'll never live like common people. You'll never do whatever common people do. You'll never faillike common people. You'll never watch your life slide out of view.
PULP, COMMON PEOPLE

Die alternative Elite Looking for Harvard

195 218

Die Elite feiert
229

Unter Gewinnern
234

Abschied Von der Elite
241

Dank
249

Die Stationen der Reise im Überblick
251

Literatur
255

lachte . Wie immer. Ohne innezuhalten. weil ich mich bei McKinsey. Nicht in diese Fünf-Sterne-Idylle.gleichzeitig. Mario kannte solche Abende. beworben hatte. die ich seit Langem gesehen hatte. der ständig verrutschte.ICH LERNE DIE ELITE KENNEN Die Elite trat in einem griechischen Luxushotel in mein Leben. machte 600 Millionen Euro Umsatz 9 . also nur wenig älter als ich. siegessicher. An den Füßen Stiefel. Er trank. der weltgrößten Unternehmensberatung. Dieser Ort war einer der schönsten. Außer demselben Geburtsjahrzehnt hatten wir nicht viel gemeinsam. wenn ich nervös bin. redete. Während unseres Gesprächs drehte ich eine Haarsträhne um den Zeigefinger. dahinter leuchtete der angestrahlte PoseidonTempel. neben ihm. Im Gegensatz zu ihm gehörte ich nicht hierher. Ich war in Griechenland. Die Firma hatte im Dezember 2006 vierzehntausend Mitarbeiter weltweit. Ich saß in einem Karo-Rock. junge Menschen saßen am Hotelpool. Er war makellos. Unterhalb unseres Tisches brannten Fackeln. Sie hieß Mario und war knapp dreißig. die ich mir geliehen hatte. McKinsey gehört zu den Mächtigen der neuen Wirtschaftswelt. und dennoch fühlte ich mich unwohl wie selten. ohne Selbstzweifel. Direkt darunter lag das Meer.

seyOSOphle verabreicht. McKinsey bezahlte ihn dafür. Ein bis zwei Prozent davon bekommen einen Job. Arbeitsämter. dass ich gern bluffe und manchmal etwas aggressiv sei. »dass du im Leben zu den Gewinnern gehörst. Deshalb hatte ich mich beworben. »Es gibt Menschen«. »die sind oben .die Verlierer. Jetzt sei der Laden wieder fit. Kosten reduziert. Zurück aus Griechenland. sondern zur Recherche. Leute entlassen. Wir seien die Besten. Dann verstand er und schaute mich an. wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. J a~s Athen und Barmänner. Immer wieder setzten sie sich zu uns. die das Potenzial hätten. McKinsey zeIgte uns in Griechenland das schöne Leben. Er erklärte mir das Leben der Elite. D . Mario war einer von vierzig Beratern. Und wieder trank er. dass ich genommen würde. selbst wenn es darum geht.« Ich hätte eine von ihnen werden können. um uns von der Welt der Mächtigen und Erfolgreichen zu berichten. Ich war fünfundzwanzig. sagte er. wir seien brillant. Unsere große Chance zum . Die hätten sich ganz schön gesperrt. Ich wollte wissen. sagte er. dass ich seine Geschichte nicht mochte. wie sie ausgewählt werden. Uns wurde 10 gesagt. dass er mir Heldengeschichten erzählte. McKinsey baut Unternehmen um. Er war so beschäftigt mit sich selbst. Und Menschen. c sey uc teemen . M Kin b h . sei ein Gewinner. Er habe gerade eine große europäische Fluglinie saniert. Aber er hätte alle Widerstände gebrochen. Zehntausend junge Deutsche wollen jedes Jahr dazugehören und schicken ihre Bewerbung. Vier Tage lang liefVor unseren Augen ein Werefilm für das schöne und coole Leben der Berater ab. Die Berater der Firma sind nicht nur mächtig. sagten die meisten. Außerdem wurde u . als hätte er erkannt. die mit Cocktailshakern ~ongliert~n. Elite. die auf uns wartete. Ich rechnete mich durch Tests und löste Case Studies. Nicht weil ich bei McKinsey anfangen wollte.Einstie~ in die Welt der Berater. Deshalb wollte ich mir das Unternehmen von innen ansehen. sondern auch diskret. Europas neue Führungsgeneration zu werden. Ich musste mir sagen lassen. Und dann saß ich in diesem Hochglanzhotel am Meer. dass ihm kein »High Potential« gegenübersaß. also genau in dem Alter. sagte McKinsey. Wer es schaffe. Ich arbeitete als freie Journalistin und war kurz davor. dass er mit mir Wein trank. die sind unten . Sie wickeln ihre Aufträge im Stillen ab. dass er erst sehr spät merkte. Obwohl es ja nur eine Recherche war. mein Studium zu beenden. Staaten. Und an diesem Auswahlverfahren nahm auch ich teil. entwickelte ich plötzlich den 11 . Das Ganze war ein Edel-Assessment-Center. Die. das für McKinsey interessant ist. die mit uns im Hotel wohnten. zu ihnen zu gehören. lachte und gestikulierte. ns m lesen vier Tagen in kleinen Dosen dIe McKin Phil . Behörden. Jeder wo~nte in einem eigenen Bungalow mit Blick aufs M~er. Ich hatte nie gedacht. riet er mir. d' . wie die Berater ihre Beispie1f<ille nennen. lud mich McKinsey zu einem Auswahltag am Berliner Kurfürstendamm ein. Krankenhäuser und Universitäten umzubauen. Das McKinsey-Auswahlverfahren gilt als das härteste der Welt.das sind Gewinner.allein in Deutschland. McKinsey hatte mich und hundertzwanzig andere Studenten aus Europa zu einer Segeltour eingeladen. Aufkritische Fragen antworten sie ungern. Pass auf«. wer diese Menschen sind. Mario war kein Date. WIr feIerten eine rauschende Party. ~lr segelten zu siebt aufkleinen Jachten in der Ägais.

Als ich von meiner Absage erzählte. ~el~em~ger Zeit versucht er. das Papier. Ich zögerte und zauderte. das so viel Geld bedeuten könnte. Aber zu spät. Zusammen mit den vier anderen. atmeten die anderen auf. Mal organisiert er eIne Kampa '. eier semen Geburtstag nicht. um Mario vergessen zu können. Tom wollte sogar schon besorgniserregende Charakterveränderungen an mir festgestellt haben. Vorne mM: direkt neben der Eingangstür. wir recherchierten im Internet. Weil das im ersten Anlauf nicht geklappt hat. Gegenüber von Theos Tür wohnt Hanna. wendete sich die WG wieder ernsteren Problemen zu. Spezialistin für Völkerrecht. Vielleicht schon dreißig. Als diese Gefahr gebannt war. Er sagt es sei keIn Festtag D' E d . Wir berieten über Alternativrnöglichkeiten der Mäusebekämpfung. eines Tages als Delegierte des Roten Kreuzes im Kongo für die Menschenrechte einzutreten. allerdings in Hamburg.die Welt der Juristen ist eine eigentümliche . gne gegen die Pnvatisierung der Bahn. dazwischen. und er sich für ein Journalistikstudium entschied. direkt hinterm Hauptbahnhof. dann beim Radio. Sie träumt davon. Drei Tage pro Woche verlässt er uns und wohnt in einer anderen WG. Auch er hat mal Jura studiert. in einem roten Backsteinbau in dem vor einem Jahrhundert Tortenböden hergestellt ~r­ de. Georg. Er hat sich Ende der Achtziger in der Kommunikationsbranche selbstständig gemacht Gesundheitliche Probleme warfen ihn d d B' h ann aus er a n. Und hinten links wohnt Tom. tiefer zu sprechen. Er arbeitete im Bundestag. ohne eine von ihnen geworden zu sein. unsere WG. seit Wochen schon. »Gerade noch rechtzeitig«. . im Hinterhof. . Wieder einmal diskutierten wir über mögliche Lösungen: Genickschlag oder Lebendfalle? Wieder einmal konnten sich Pragmatiker und Tierfreunde nicht einigen. in der Hand. lebt Jan. dass das die falsche Wahl war. sogar in Singapur. Wieder Fuß zu fassen.n. was McKinsey unter Elite versteht. diesen Auswahltest um jeden Preis zu schaffen. . Würde mich sogar bemühen. Theo hat die Wohnung vor fast zehn Jahren entdeckt. Seit drei Jahren lebe ich hier.Ehrgeiz. Seit einem Jahr. Sie ist blond. mich vom Journalismus zu verabschieden und das zu werden. Hanna will Juristin werden. r I~rrec tler und politischer Aktivist. Aus dem griechischen Luxushotel kehrte ich in meine Wohngemeinschaft nach Berlin zurück.. Jetzt ist er an der Uni.unbedingt neun Punkte im Examen. Links der Plattenladen. . Mein Freund. aber ich sagte Nein. klug und ziemlich ehrgeizig. So genau weiß as memand Jan ti· t . rechts der Wohnwagen. Bis ihm nach vier Jahren einfiel. ' . Ich verließ MCKinsey. McKinsey bot mir 67000 Euro Einstiegsgehalt und einen Dienstwagen . lernt sie jetzt alles noch einmal. sagte er. le r e sei auch ohne ihn schon zu 11. Wir hatten Mäuse. Als ich das schicke Büro verließ. Jetzt . Hier hatte sich nichts verändert. Dafür braucht sie . in dem man Hamburger kaufen kann. Vielleicht ist edr I~te ZWanZig. Am Ende hielt ich einen Vertrag in der Hand. Für sie wäre eine Unterschrift so etwas wie mein Einverständnis zu einer feindlichen Übernahme gewesen.meine Eintrittskarte in die Welt der Elite. war ich drauf und dran zuzusagen. 12 mal plant er eine Aktion gegen den Klimawandel oder Genmais. 13 . sagten meine Freunde. Jan hat Mathem tik d' vo ist e T h a stu lert. . Ich sei so betont cool geworden. Mit zwei Mädels in St.

Ehrgeiz und Selektion.« Da kann man nur gratulieren. Darin verbergen sich Hunderte Elite14 Zitate. Und die heutige Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte stolz: »Ich habe schon von Elite gesprochen. Elite-Schule. Ex-Kanzler Gerhard Schröder forderte in seiner ersten Regierungserklärung: »Auch unsere demokratische Gesellschaft braucht Eliten. dass der Flirt mit McKinsey doch seine Spuren hinterlassen hatte. en BlIck aufdie Frau im ro~n !ogginganzug gerichtet. ganz im Gegenteil. der einmal ein Kilo »Elite-Tomaten« aus dem Kaiser's-Supermarkt enthielt. ten Artik In d" legt eIn Stapel aus Zeitschrif. hatte er gesagt.das Wort ließ mich nicht los. der alle mit »Leistungmuss-sich-wieder-Iohnen«-Phrasen langweilt. zu isolieren. Meine Sammlung ist beachtlich. dachte ich. angeführt von General Mario. Hocker ". ' er gera e von eInem kleinen gesturzt 1St.« Zum Wohle der Allgemeinheit sei es die Aufgabe der Gewinner. . Dazwischen immer wieder Politikerzitate. Waren das nur für Mario Begriffspaare mit denen man eine Gesellschaft strukturieren kann? ' Ich sitze in meinem Z' d . die ich abgeschrieben oder ausgerissen habe. schon Gola-Sneaker getragen zu haben. »Faul. genauso wie ein Erinnerungsfoto an Elite-Toiletten auf dem Feld vor dem Berliner Olympiastadion. oben und unten. als andere die Marke noch nicht kannten. Zur Not auch auszusortieren. würVie a~lO wohl sagen. In meinem Kopf marschierten Kompanien von Fünfundzwanzigjährigen auf. Gemessen werden der Leistungswille. »Denn Mario hatte mir in der Nacht noch viel mehr erklärt: »Verlierer«. Als ich Mario traf. zu Eliten zu küren. WOLLEN WIR WIEDER ELITE? »Elite« . e un Buchern d d . »sind meist unbeweglich. Annette Schavan und ich hatten. Ich habe Bücher über die »Neue Elite«. »Eliten in einer egalitären Welt«. er sei nichts weiter als ein selbstverliebter Karrierist. Die Elite ist inzwischen überall or mIr auf dem Boden l' . Sie umfasst das Etikett eines Beutels. War es nicht mit »Führer« und »Rasse« untergegangen? Hieß es nicht einmal. als das andere noch ganz schlimm fanden. Kein Ergebnis. Fast jeder hat inzwischen ein Paar Gola-Sneaker im Schrank.es passe nicht in einen demokratischen Wortschatz? GewInner und Verlierer.« Die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) verlangte nach »Leistungseliten«. die Verlierer anzutreiben. dass auch der Elite in den vergangenen fünf Jahren ein Siegeszug gelungen ist. das nach Elite 15 .wir vertagten das Problem. Ihre Mission: Gewinner zu finden. unbeweglich~~.« Auf einmal sah ich meine Welt bedroht. Zur Avantgarde eines neuen Denkens gehört? Eines. Ich kann ganze Elite-Bildungswege durchdeklinieren: Elite-Kindergarten. das Leistung lobt. den richtigen Riecher. Aber was ist. Elite-Uni. wenn das nicht stimmt? Wenn er. Auserwählte und Masse. Und ich merkte. Eines. die Einsatzbereitschaft und die Effizienz. . Unter »WG Kreuzberg« müssten sie notieren: »Drei Meetings Zur Klärung des Mäuseproblems. Immer. Einer. die aus dem Vorderhaus ständIg ~ u~sere Richtung schaut. jede auf ihrem Gebiet. Auch ich bestehe stets darauf. und mein Stapel beweist. Verlierer zu entlarven. ein »Plädoyer für eine Elite der Exzellenz« gelesen.

Bernd hatte mich ins Rheingau eingeladen. dem Leitmedium der zukünftigen Wirtschaftslenker. die vordenken. sagte er in unserem Gespräch. sagte Bernd. von dort soll mich ein u e In die Weinberg d Rh Winkel d ' e es eingaus fahren. h" Und damit f' I' h na ur lC auc für uns. . mich verwählt zu haben. »Es gibt während der Woche selten Phasen. als wäre er Mitte dreißig. der ich gerade den Rücken gekehrt habe. die Menschen aufteilen: die Gewinner ins Töpfchen. wie Mario. as SIch stolz die P I ' Rh ist nämlich s . sind das die neuen Schaltstellen der Macht. mit tiefer Stimme. und ich schämte mich. Er meldete sich. Ich habe den EIndr~ck. Zwar klingt die Aufzählung Harvard. die Verlierer ins Kröpfchen? Ich überlasse meine Sammlung zum Elitebegriff den st. Elite-Akademien. die Entscheidungen treffen. Bernd hatte ein recht klares Bild von der Elite. Wo ausend Mensch 1 b h' achthundertf" f' . was das schillernde Wort tatsächlich bedeutet. Bernd klang. Als Wunderwaffe gegen die deutsche Ratlosigkeit und Resignation. machte er gerade ein Praktikum bei einer großen Investmentbank. Hauptstadt .verlangt. Oestrich-Winkel noch etwas gewöhnungsbedürftig. »intensiver« nannte er das. Z. Er ist Studentensprecher der EBS und immer beschäftigt. Die Absolventen der EBS machen in der Welt. Oxford. Ich sitze . denn Bernd lebt schneller als andere. Richtung Wiesbaden. Als ich ihn zum ersten Mal anrief. Elite. Auch in Rankings oder der Zeitschrift Karriere. Die Suche kann beginnen. davon viele ins Investmentbanking. Glaubt man den Wirtschaftszeitungen. Ich will her~usfinden. schneidet die »EBS« immer hervorragend ab. die alles ein biss17 DIE lITOP-ADRESSE F'OR DIE F'OURUNGSELITE VON MORGEN« Gleich die erste Etap fü'h ' . Für die Elite. und wir sitzen in unserer WG-Küche. Es sind die 16 . und ich war sicher. Oestrich. in denen ich nichts mache«.eten Blicken der Frau im Jogginganzug. Zwölf bis vierzehn Stunden dauern seine Arbeitstage. Vielleicht ist er einfach angekommen in einer neuen Zeit. Ich recherchiere die Standorte von Elite-Unis. träumen von Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit und haben nichts begriffen. ~~lftas WIe Deutschlands heimliche Elite. Kämpft ein Teil meiner Generation schon längst für eine Renaissance der Eliten? Wer soll dazugehören? Und wie will diese junge Elite das Land verändern? Will sie. Elite-Stiftungen und baue mir eine Reiseroute zusammen. ug : ttl . Ein Drittel von ihnen geht in die Beratung. » er e 1m eingau« nennt. will selbst sehen und hören ob eine neue Elitegeneration heranwächst. ein Drittel in die Finanzbranche. über Elite. aber im Gegensatz zu den USA oder England hat Deutschland ja mit der Elitepflege gerade erst begonnen. davon un Zlg mIt Ehteambitionen. Ich will raus. Studenten der European Business Schoo!. Karriere. Die private Hochschule gibt sich selbst das Label »unternehmerische Elitehochschule« und wirbt: Sie sei die »Top-Adresse für die Führungselite von morgen«. Auch an der Uni. dass mich die bloße Lektüre nicht weiterbringt. die früh gealtert zu sein schien. das seien Menschen. Er sprach überlegt und kontrolliert. Vielleicht geht sein Körper das hohe Tempo einfach mit. pe rt mIch In die Provinz. mit ihm nur ein wenig plaudern zu wollen. en e en ler.

Karriere in einer Investmentbank oder einer Unternehmensberatung zu machen. wenn wir eine starke Spitze haben.chen besser machen. dlSzlplimert an seinem Weg nach oben. wenn man die Starken noch stärker macht. ohne sich wirklich zu öffnen. weil sie mir Spaß macht und für mich gesU~d 1St. lieferten Anekdoten und Witze in Serie. »Wer länger als bis acht Uhr bleibt. schob er nach. sagte Bernd amüsiert. meer zu korrigieren? Um seine ~lt ~reunden zu essen oder mit der Süßen aus der BWL-Emführung? 18 . Und wenn ich ausruhe«.« Ich lachte _ viel zu laut. die nicht ähnlich tickt. Genau wie Bernd. erklärte mir Bernd. um Sport zu treiben. Ich wünsche mir heimlich. dann geht das nur. der sich sehr gern dem Druck gestellt und immer mehr Druck auf sich genommen hat als er müsst~((. selbstsicher. Wie genau wollte er damit der Gesellschaft nützen? Bernd sprach lange von den Besten. dann richtig. ohne steif zu sein. Nur zielstrebiger. 19 g~wor~e~. »Ich war schon immer ein Mensch. »Geschlafen haben wir kaum. ~e~t zwei Jahren arbeitete er akribisch. antwortete Bernd.« Deshalb müsse man die Starken auch fördern. Ich fragte mich.( Er erzählte von einer Party. em u oIen.« Bernd leistete sich nichts von dem. Sie hatten dieselbe Art. Ein Wochenende. Seine besten Freunde von der Uni. »Ich könnte nie eine Freundin haben. Schnell. Paprika und Peperoni. weil mir dieser Satz so viel besser gefiel als die zuvor. »Ich lebe schon. waren freundlich. sondern für die Allgemeinheit. Sie sollte zielstrebig sein. die das lange verhindert habe. sagte er. ihn auch mal tanzen zu sehen. fahre. Ob sich alle Gewinner so ähnlich sind wie die beiden? In Griechenland wirkten die Berater zum Teil wie Klone. sich zu bewegen. kommen irgendwann Ideen raus. von Leistung. die die anderen mitziehen könnten.« Bernd plante. Bernd machte mir ein schlechtes Gewissen. »Und die Schlagzahl. an der Grenze zur Arroganz. Mit ihnen zu reden war meist vergnüglich. Ich ging im Kopf die vergangene Woche durch und hatte plötzlich das Gefühl. die vielleicht eine ganze Gesellschaft weiterbringen.« »Mach dir keine Sorgen(. aber auch ein Bedürfnis nach Familie haben.« Vier Tage pro Jahr zieht er sich in ein Kloster zurück. wie seine Freunde damit umgehen. ehrgei- Kurz vor diesem Telefonat war Bernd einundzwanzig ZIg. aber nicht hektisch. »Elite tut jedem Land gut. Nur an die Frau an seiner Seite stelle er höhere Anforderungen. Brauchte er nie Pausen? Zeit zum Nachdenken? U F hl P zaz ' i . dass sich Mario und Bernd mögen würden. »Denn nur. von Gleichmacherei. Meine Familie ist mir sehr wichtig. Viel Alkohol. die ich jetz. darf sich Essen auf Kosten der Bank bestellen«. Ich gammle selten. »Ich bin fast immer dabei. was wir dringend nötig haben. Ich bin mir sicher.« Kinder zu haben sei neben der Karriere sein größtes Ziel.« Dann sagte er: »Einmal mit Schinken. »Wenn wir in Deutschland vorankommen wollen. Und wenn ich feiere. immer wieder reserviert er sich komplette Wochenenden. die anspornt. Nicht für sich. für die plane ich Zeit ein. »dann ebenso bewusst. was für mIch selbstverständlich war: keine Selbstfindung kein Zaudern k' L fth ' . :ahre Ich. viel Zeit mit Nichtstun zu verbringen. Sie sprachen geschliffen. Vergleichen sie sich mit ihm und fühlen sich dann faul? Oder sind sie eh alle gleich? Seine Freunde seien völlig unterschiedlich. sagt Bernd.

sobald sich zwei Dönerbuden und ein türkischer Kulturverein in einer Straße ballen. Dann flog er nach München.« Warum Menschen von »Parallelwelt« sprechen. da die von euch organisierte Reservierung in der Jugendherberge nicht funktioniert hat«. sagte Bernd entschieden. Er bleibt hart. . Bernds Leben IODIerte so. wo er sein Aus' ' . Nicht für dich«. Jetzt gerade halte ich den Begriff dagegen für angebracht. Ich begriff. Ich in einer marineblauen Seidenbluse. landssemester "erb nngen wo11te. bettele ich um Einlass. weil der versprochene Shuttle Wiesbaden nie erreichte.-. Umdrehen und gehen. habe zwei Österreicher in einem Audi A3 angequatscht. Mitleid habe er da nicht. Ich mochte Bernd. h o r a g e . . EI'n en 11ag spater saß er wieder im Flugzeug.. mIr dIe Eintrittskart fü d ' e r as Ereignis des Jahres in O estrICh-Winkel zu b E' ' esorgen. Ausnahmsweise.. In wenigen Minuten beginnt der Eröffnungsabend. Ich habe eine Einladung. Der Terminplan drängte. Nun mustern mich beide. Personaler führen Auswahlgesprac e. »Das mit der Jugendherberge stimmt«. Er sprach von den Studenten in Frankfurt. Diesmal auf dem Weg nach Melbourne. sagt er und zeigt zum wiederholten Mal abschätzig auf meine Jeans. n ymposlUm. Nach endlosen Sekunden empfange ich mein Urteil: »Okay. weil sie blöd. »Die meisten scheitern doch nicht. Inmal pro Jahr organisieren d Ie Studenten ei S . und andere Studenten. »Da geht noch was.W-t' . »Und ich bin noch nicht am Limit«.dem Problem . höre ich mich verhandeln. Kaum merklich dreht er seinen Körper in meinen Weg. Drei Tage nach unserem Gespräch ging sein Praktikum bei der Bank zu Ende. las ich in der Einladung Ich war gespannt. . dass Bernd und Mario sich noch in einer weiteren wesentlichen Frage einig waren: Sie mögen keine Menschen. langsam und »arbeitsscheu«. Bernd redete da schon weiter. um sich bei einer großen Unternehmensberatung für ein neues Praktikum zu bewerben. . Rechts der alte ge21 20 . die sich für die Teilnahme bewerben mussten 1 ut ' a en staunend über den Campus S . Wir stehen uns gegenüber. Aber morgen bitte anders.« ' "Trotz des Umzu gs nach Austrahen schaffte er es noch. die in ihren Augen Bremser sind. . sagt ein zweiter Security-Student gönnerhaft. Er. »Es tut mir wirklich leid«. »Hier geht es nicht weiter. Die Studenten der EBS studieren in einem alten Schloss.einer blauen Jeans. . die aus Protest gegen Studiengebühren die Autobahnen blockiert und so seinen Heimweg gestört hatten. gerade zwanzig Jahre alt. al »UfVIv of th fi . bin über fünfhundert Kilometer Zug gefahren. einem weißen Jackett und . signalisiert seine Haltung. e Ittest?«. . Dann kommen Manager un d halten Vi rt . Ich habe mein Namensschild umgehängt und meine Tasche durchsuchen lassen. Als WIr telefomerten. Dann musste er auflegen. y IN DER PARALLELWELT ~I:. sagte er zum Schluss.W~che war keine außergewöhnliche. aber leider konnte er mich bei meinem ersten Besuch bei der Elite nicht begleiten. »Ich konnte mich leider nicht umziehen. wusste er noch nI'cht ' wo er In M eIb ourne wohnen wurde.. mit schwarzem Anzug und Funkknopf im Ohr. schreit mein Stolz.. sondern weil sie faul sind«. Trotz allem soll meine Erkundung der Elite hier schon zu Ende sein? »Das passt heute nicht zum Dresscode«. habe ich nie verstanden.

reihen. über die heute grüne Teppiche gelegt sind. benannt nach Walter Leisler Kiep. In fast allen Fällen soll die Taufe aber kein Denkmal begründen. übermüdet und überarbeitet hätten sie sich ins Rektorat geschleppt. »Vaux ist Deutschland exklusiv?«. dass sie Auftritte wie diesen gewohnt sind. Eine Art Hauptversammlung des Elite-Nachwuchses. lausche. dass da mehr für das Wohlbefinden d er Herren und D S amen tudenten getan wird. meint ein anderer. . . »Elite ist eine Herausforderung. Dass hier alles nach irgendwem heißt. sagt Jahns.tzen in Dutzenden Stuhlrpult. sagt Rektor Ch ' 19. die in ihre Headsets flüstern. dass ich 126 Eu Vi al .en nennt man übrigens Sozialneid. Ihre teuren Krawatten sind perfekt gebunden. Das mag daran liegen. Ich blicke mich um. das Center umzubenennen?«. Ich war noch nie an einer privaten Universität. Rektor Jahns ist inzwischen im Anekdotenteil seiner Rede angelangt. bereit. uberall Security-Studenten. Die Eltern der tudenten hier zahl 10 b' en 000 pro Jahr. die erste Definition des Elitebegriffs notieren zu können. fragt einer. Sekt gab es nie. Heute ist er beides nicht mehr. aber zum est In Ich hier richt' . Mit jedem Detail antwortet das Bild. am Donnerstag noch eine Klausur zu schreiben? Können wir die nicht verschieben?« Er habe gelächelt. Händeschütteln. »Es ist ihm nie endgültig etwas bewiesen worden«. links das Haupthaus. »Wieso?«. das sicher nicht gesundheitsfördernd war. Die Häme h' . gefüllt mit Sekt der Marke Vaux. und er war mal Schatzmeister der CDU. Inter dIesen Wort sollte I d . wirbt die Firma. Über uns hängt ein Banner mit dem Motto der Veranstaltung: Survival 01 the fittest? Ich balanciere mein Notizheft auf den Knien. Was kommt. Sch00I«. Ich ernen. h ' n nac sten ZWeI Tagen zu zügeln. Applaus.« Präziser wird er heute nicht mehr. Auf meinem Notizblock stehen jede Menge Fragezeichen. »ist sc e« W· . Knapp 45000 Euro IS zum Master.. »Überhaupt keinen Grund«. will ich später von ehemaligen EBS-Studenten wissen. Denn Walter Leisler Kiep war eine der Hauptfiguren der eDU-Schwarzgeldaffäre. Die eine Hand lässig in ~er Hosentasche. Vorn ein Red~e Ir s~. und sie an ihr eigenes Motto erinnert: Survival 01 the fittest. Wenige Tage vor Beginn des Symposiums seien zwei Studenten zu ihm gekommen. utntt zu bekommen. Elite sei kein Privileg. verwundert mich. " ro erw tungsgebuhr pro Semester asn dIe Um Dortmund überwiesen habe. 22 Es war zwar schwieri Z ' m' d b" g. 23 . das sich mir bietet: Hier. »Gab es danach nie Diskussionen darüber. »DIe European Business eine Elitehoch hul nstopher Jahns entschieden. Wir sitzen im neuesten Gebäude auf dem Campus. warte.. noch mehr Applaus. »Wie sollen wir es schaffen. ein klassisch schöner Bau. Auf der großen Terrasse stehen Dutzende Stehtische mit strahlend weißen Decken.mauerte Burgturm. Aus Löchern über unseren Köpfen rieselte stand1g Material. Klar. ihre Haltung verrät. Nächtelang hätten sie geplant und organisiert. n m emem grauen Slebz1gefjahreB~u s~udiert. Er war mal Direktor der EBS. erklärt mir ein Dritter. Über das sanft in Richtung Rhein abfallende Gelände führen gepflasterte Wege. en m de . . um die sich Hunderte junge Anzugträger drängen. sagt der Rektor. In Oestrich-Wink I' t 11 e 1S a es anders. ist dürftig. dem Kiep-Center. stehen sie leicht breitbeinig da und halten m der anderen Hand das Glas. Ich habe in Dortmu d' .

« Er sit-t IC nun auch der Staat an Elite-Univerd a en versuchen W II klein M ' 0 e. W1 eIn St d . »Nicht nur der Stärkste soll überleben«.• WWWE7?P~- • sondern Geld bringen. die Teilnehmer des Kongresses. wenn Sie sich emen lauen Lenz m ch U a en. wie sich die DIskussion entwickelt hat. Es gibt Wein und Fingerfood. Später ::1. Verkauft eine Hochschule dadurch ihre Unabhängigkeit? Oder ist Sponsoring ein legitimer Weg. In einer Ecke im ersten Stock hockt eine Gruppe Teenager. Die Studenten haben Guido Westerwelle als Eröffn ungsredner fü' r ihr SymposIUm' . gemietet. Es ist nicht der Ort für lange Gespräche. um nicht nach den Regeln des Darwinismus leben zu müssen. un gerufen: »So stellt sich der e amst Elite vor b · SeIn L0 h n sind A ' 1evor er das Studium abbricht. Mit dem Motto Survival of the fittest? seien sie weit übers Ziel hinausgeschossen. ist dankbar. sie starren und lachen uns aus. ein Mädchen hinter mir kreIscht gar Vor Vergnügen. dass ich ein Buch über Elite schreibe. 25 .« Lachen. »sondern auch der Schwache und Schwächste. Klatschen. Politiker d . in denen sicherlich selten zuvor so viele Blusen und Kostüme hingen wie in dieser Nacht. sagen sie. eins rechts. Sie haben sich irgendwoher Bier organisiert. sonst wären Sie nicht hier. Auf der anschließenden Feier frage ich mich durch die Reihen. dass er da ist. scheint sie genauso zu überraschen wie mich. Er hat sie mit»Exzellenzen« be. dass s' h Ie.das sei kein Modell für eine Gesellschaft. »Es wird wieder Zeit in DeutscWand. an Geld zu kommen. Mein Namensschild haben die Wirtschaftsprüfer von KPMG gesponsert.« Viel mehr erfahre ich an diesem Abend nicht. »Wir brauchen endlich wieder Eliten«. der Empfangsbereich entstand mit »freundlicher Unterstützung« einer Möbelfirma. scWießt Westerwelle. in einer vergammelten Johann-Wolfgang-von-GoetheAula zu sitzen als in einem gut ausgestatteten DaimlerCh~ler-Saal. Es ist wie bei 24 einem Familientreffen. Menschen hätten sich zu Gemeinschaften zusammengeschlossen. u ent WIssen. Immer wieder sage ich. sich Gesetze gegeben.« »AberdashabenWi d h Student. Es war vielen früher lieber. el Testwahlen im dritten el 80 Prozent gelandet. In der Jugendherberge haben sie eine ganze Etage für uns. em- ge~~den. Dass Guido Westerwelle sich gezwungen sieht. und sie lieben ihn. Er hat geklagt' dass Le" _ Istung für manche eme Art Korperverletzung . an das soziale Gewissen der Studenten zu appellieren. E h seI.« m sofort kokett hinzuzufügen: »Aber das w' S' Issen hat gespottet. »Herr e e«. sagt der e· utmir· b' Semester sei die FDP b' eIner.« Ich blicke in fragende Gesichter. Sie trinken. grußt. Der Sieg des Stärkeren . dass Sie dasselbe haben wie andere. Ich komme in einem ganzen Pulk von Anzugträgern aus Oestrich-Winkel zurück. Zwei Doppelstockbetten links. r at gemahnt: »Sie können nicht e~en. . »Es ist doch putzig. die sonst aus dem Fernsehen schallt. Fast alle finden das toll. Aber dann wird Vater Westerwelle streng. Ich bin doch noch untergekommen. Herr Westerwelle straWt. »wie kriegen wir azu. Im Mädchenzimmer für Nachrücker. Die Elite hängt an seinen Lippen. reißt ~ich ~us meinen Gedanken.1 r oc schon alle gemacht!«.« Westerw 11 'll' pp aus und brave Fragen. dazwischen Schränke. auch für Bildungseinrichtungen? Eine Stimme. leIstung zu bringen ~ »FDP wählen!« . und die Seminare werden im »DeutscheBank-Hörsaal« gehalten oder in dem der Holtzbrinck Verlagsgruppe.

elters. Mein Hosenanzug ist genehm. Ich schaue auf die Liste. dass sein gut 3. auf den Topmanager und wieder auf die Liste. die ich treffe. Der Siemens-Manager will uns nun das Muster erklären.Vier E und ein P also. aus emie. Sein Vater habe Urlaubsreisen auf Firmenkosten bek~mmen. Energy (Initiative zeigen). Bislang ist er aber noch nicht aufgetaucht. Könnte in der deutschen Übersetzung also auch als fünftes E durchgehen. Nach diesem Raster soll tatsächlich die Wirtschaftselite ausgewählt werden? Und was bedeutet das für meine Suche nach einer tauglichen EliteDefinition? Nicht viel. eine Betriebsrente. Denn in ihren Augen sind wir woW genau das. der alle Erklärungen zu E. IC WUr e IntereSSIeren. . Stattdessen spr' ht d t I IC er Manager von einem global a ent pool. Dazu gehöre auch. Ein wenig verwirrt schreibe ich mit: Edge (grenzenloses Denken). Execute (Dinge mit maximaler Wirkung umsetzen) und Passion (emotionale Begeisterung). Es wird nichts bringen. denke ich. dass ihnen Aliens begegnet sind.. den Siemens aufbauen WI'U Kl Kl' r ld erkla"rt d . .. Energy. energy und execute überprüfe. Die erste Antwort auf meine Frage: Was ist Elite? NUR KEIN NIEDRIGLEISTER SEINI .2-Millionen-Euro-Jahresgehalt um 30 Prozent erhöht ~erden würde. ~. die auf oc s elstung ausge . Mein erster Workshop »Leadership Culture: Herausforderungen für eine neue Managementgeneration« wird vo~ einem hochrangigen Siemens-Manager gehalten. uns er Redner b' .-----__=i= die »begabtesten und leistungsfähigsten« jungen Menschen im Konzern. SeIn Chef Klaus Kleinfeld ist Schirmherr des Symposi~ms. dass er die Besten aus dem global talent pool regelmäßig zum Frühstück treffen wolle. Zu Hause werden sie erzählen können. . . auf die Kriterien edge. Zwei Reihen weiter wird schon lange ein Finger in die Luft gehalten. mehr oder weniger passgenau in Business-Klamotten gesteckt. H" h tl .. Edge. Sein Vater habe gerade selD VIerZigstes Dienstjubiläum gefeiert. Er selbst werde sich um 26 Four Es and one P nennt er sein Modell . Er sei in dem Glauben groß geworden. Am nächsten Morgen passiere ich problemlos die Einlasskontrolle. dass Siemens sichere Stellen böte. Die Entrüstung über die BenQ-Pleite und dIe Schwarzgeldaffäre sollte in den nächsten Wochen folgen M' h "d ' .ar elte an emer »Kultur. Vielleicht 1st er beschäftigt.. sagt ein Junge leise. Energize . wenn ich mit einer solchen Liste durchs Land reise und alle.I-------------------------------------------. nach dem diese Nachwuchselite gekürt wird. meiner Teilnahme an knapp einem Dutzend Seminaren zum Thema Wirtschaftselite steht kein Security-Student im Wege. P und Leadership überdauert. Energize (Mitarbeiter führen). ob den Siemens-Manager beschäftigt da Kl' r ld ' ss eInie auf dem besten Wege war. Eine Horde Mittzwanziger. Jetzt wird es gleich so weit sein. Jetzt gelte das alles plötzlich DIcht mehr. ht .. Gerade ist bekannt geworden. Aber darum geht es heute nicht.. nc et 1St«. die zukünftigen Siemens-Leader kümmern. . zum zweiten Ackermann zu werden _ ein Symbol für die angeblich fehlend M al d e or er Manager-Elite.»W'Ie erkl" aren S'Ie d as Ihren Mitarbeitern?« 27 . Er sei der Sohn eines SiemensM't b' . . die tagsüber auf dem Campus einer teuren Privatuni Elite spielt und nachts die Sechserzimmer in der Jugendherberge belegt.1 ar ... Ein Finger.

60 Millionen ChInesen spi I Kl . der fast noch mehr zählt als das dicke Auto oder die schöne Wohnung. Wir lernen. fahren sie zum Flughafen. erzählte mir dass jeden Montag um fünf Uhr morgens in ihrer Straße ~en­ schen mit Rollkoffern auf dem Bürgersteig stehen. von tschechischen Niedriglöhnen und von »Cosy-Verhältnissen«. eine hohe Schlagzahl zu erreichen. Er spricht von Anpassungsdruck. entspannen durfen. ass der nächste M " Österrelch(<< Fü d" d' Ozart aus China kommt statt aus .damals. dIe uns jage ' N n.das Wort habe ich noch nie gehört. Das bringt Respekt ein. 1m acken spüren. der Chef der Deutschen Bank. halten ihnen die Karotte vor bis zur Frühpension. bis an die körperliche Belastungsgrenze zu gehen. um zu überleben. e en aVler. Der Terminkalender vieler Topmanager ist auf bis zu eineinhalb Jahre im Voraus gefüllt. Von dort werden sie für die Woche aufdie 29 . Denken Sie darüber nach!« Mario erzählte in Griechenland stolz von seinen 70-Stunden-Wochen. sie muss schneller laufen als jeder Löwe. Das ist deutsche Gleichmacherei.« Nach einer Kunstpause sagt er dann: »Wir müssen schnell laufen. »ist die Wahrscheinlichlt. Bernds und Marios Ziel ist es. le da noch nicht den Atem der Chinesen. '.S-Stunden-Wochen. Die Lektion »Bloß kein Niedrigleister werden!« wird in den folgenden zwei Tagen ständig wiederholt. »ist für viele Manager so selbstverständlich wie für andere Menschen die Fahrt mit der S-Bahn. sammeln Koffer und Menschen ein. Taxen fahren vor. die viel Schlaf brauchen und halbe Tage mit Fernsehsoaps oder Fußballübertragungen vertrödeln. »Ein Tagestrip Zur Arbeit nach New York«. in der Anzüge und Schuhe bereitliegen. er muss schneller laufen als die langsamste Antilope. Niedrigleister fordern 38. erklärt uns ein anderer Semmarlelter »Wie ß f ke" d ' gro «. In seinem Rechner hat jede Viertelstunde des Tages ein Feld. das farbig markiert und mit Aufgaben versehen ist. In den Gesprächen bekomme ich den Eindruck. so wie ich. als das Projekt auf der Kippe stand.« Eine Freundin. Es ist wie beim Pokern: siebzig Stunden.»Das ist Globalisierung«. le nur darauf wartet. in denen wir zu lange gelebt hätten. achtzig .' r le. WIr müssen den M' d I' In er elster in uns unterdrücken wegen der Konk d' " urrenz. dass wir niemals a h h "" " usru en. dass die Wochenarbeitszeit in der Welt des Wirtschaftsnachwuchses ein Fetisch ist. antwortet der Manager. »Es ist im Einzelschicksal immer bitter. Vielleicht sind es aber auch die. die wie Mario als Berater arbeitet. Damit muss jetzt Schluss sein. Bernd geht selten vor acht Uhr abends nach Hause. nac lassen. einen sicheren Job und Urlaubsreisen auf Betriebskosten. Aber der Block Personalkosten darf nicht unermesslich werden.« »Minderleister« .« Der Junge sagt nichts mehr. Er wird grundsätzlich: » Wir leben in Deutschland immer noch in einem sozialistischen Kollektiv«. hat in London und New York eine Wohnung. ragt er. dass er Sohn eines Personalkostenblocks ist. hundertdreißig. schreibt die Zeit. Vorn sehe ich die goldenen Manschettenknöpfe am blauen Jackett des Siemens-Managers auf und nieder wippen. Das Wort klingt verächtlich. Immerhin weiß er nun. Er ist Meister des Zeitmanagements. Er gestikuliert entschieden. Jeden Morgen wacht in Afrika ein Löwe auf und weiß. sagt er. »Wir ziehen Minderleister immer mit. Josef Ackermann. hat er noch eine 28 Geschichte parat: »Jeden Morgen wacht in Afrika eine Antilope auf und weiß. In einem späteren Vortrag werde ich als Synonym noch den »Niedrigleister« kennenlernen.

« Ich blicke an mi h M . um mir Notizen zu machen oder um einfach nur still dazusitzen. das lernen wir gerade«. Sie haben weiße Laubsäge31 .« Das sei n u le0 er alter aus dem Programm Un eIner mit Carbon-Einspritzun30 gen. sagt ein Dritter. Am liebsten möchte ich gleich wieder aufs Klo. freut sich ein anderer. Als das manager magazin Jungmanager nach ihrer durchschnittlichen Arbeitszeit fragte. Studenten der Uni. r meIner A reise eingefallen ist. aus Angst. wie echte Führungskräfte zu sprechen. Alle. . Euro. Und fast umsonst. fragt einer.. r zle t eInen Füller aus der Tasche: anc at die Sch l~ d h . Der Mann vorn ist unser Rhetorikcoach. genommen. Meine ganze Energie geht dafiir drauf. Manschettenall rIon. gaben 61 Prozent an. nur ne er abe. nicht unnötig unangenehm aufzufallen. c a e sie von memer Mutter geliehen. sind begeistert. Um meine Frisur zu kontrollieren. traue mich kaum. t d fü' d . .und Sheraton-Hotels dieser Welt verteilt. Elf Studenten stehen schon vorn. »Wenn einer für drei Euro putzen will.ENDE DER KARRIERE »Wir wollen«. neben ein paar Gaststudenten aus Indien. as IS as r Le er?« . dass Ich In Schwarz S ak h .000.« Sein Bauch wippt. »Diese Gewinnmarge ist doch fantastisch!«.. »Montbl h .»Kanguru. als spräche ich nur Hindi. ob es glaubhaft wäre. meine Bluse zu ruinieren. und schon zweifle ich an meinem Plan. Ich überlege.« Ich sitze ganz hinten. meine Fragen zu stellen. Ich fiiWe mich fremd.»Erstklassiges Line-up hier. Auch ich traue mich nicht. so zu tun. warum lassen wir ihn dann nicht?«. Sogar die Haare es h I m zeugt von langer Tradi. »Das ist optimales Pricing.« . Sobald ich die Tür öffne.« . Er will uns beibringen. r erunter. den Willen zu funktionieren. eIne Schuhe SInd alt und em wenig spießig I h h b ' . ~ r el kn Opie. o n Ich MeIn S'Itznachbas ab' nb' mich nicht entspannen. mit denen ich hier in Oestrich-Winkel spreche. ein anderer. mehr zu leisten als andere. Schweißtropfen rinnen ihm über die Wangen. Die Jungs am Tisch. . Koste knappe 600 Euro. ..»Deine Schuhe«. Es ist der zweite Tag meiner Elite-Erkundung. . ode!?«. führen und begeistern. verschwinden in seinem Vollbart. . Sie werden nicht übertrieben haben. Wo zum Teufel kauft man Kangurulederschuhe? Auch beim E se kan . h . . strömt das Stimmengewirr wieder auf mich ein. sagt einer. »Dabei kostet die Herstellung doch nicht mehr als ein paar Euro. »unsere Mitmenschen lenken. weil mir Stunden vo . bedingungslos flexibel zu sein als Grundvoraussetzung. ' an d o s e en aus wie ein Fliegerhelm aus en zwanziger Jahren E . ruft er. Vor mir sprudelt ein prächtiger Schokoladenbrunnen. S'legelring reitet 0h Montblanc. '. Kaum jemand tunkt Fruchte hinein. »Wir müssen endlich die Löhne liberalisieren«. Ich stehe in der Schlange am Büfett. b' . EDEKA . Ich gehe ständig zur Toilette.Hilton. beschreiben die Bereitschaft. um dazugehören zu können. Für andere Symposien zaWst du 15. »Was mit der PDS an geistigem Müll in die Parlamente gespült wurde. eine Wochenarbeitszeit von mehr als fünfzig Stunden sei der Regelfall. Aber ich muss ins nächste Seminar. hätte bei einer Firma nicht mal ein Bewerbungs " hb k gesprac e ommen. Ich lausche dem Gemurmel. fragt ein Junge hinter mir seInen Freund »w . »Wir sind nimmermüde Garanten für Wachstum und Wohlstand.

. Lea~ership. Ich mag nichts mehr sagen.. Nichts haut mich um.Daml't er di E' b e IS ären nicht fü' r BIaub"aren häl't . Sie seien zu leicht ablenkbar.. Verwirrt laufe ich über das Schlossgelände. »Hat jemand einen Gorilla gesehen?«. el en er atz eintragen. Fünf Tage kosten 2450 Euro plus Mehrwertsteuer. Ich sehe eine Studentin in einem getigerten Designerkostüm.. die ihnen vorgesprochen werden: »Ich fühle mich wie ein Fels in der Brandung. 32 Einer muss immer wieder sagen: »Ich schaffe es. . ist ein König. statt eifrig Erbauungssätze zu deklamieren? »Dann«. wenn man ihm einen Hang zum ständigen und ausdauernden Flirten unterstellt. . man tritt Michi nicht zu nahe. .« . weil er sich grundsätzlich erst einmal für alle Frauen interessiert.. Ich uberlege.« »Wir müssen« mah d .. lernten wir damals. halten sie hoch. . Ich erreiche mein gesetztes Ziel. Ein Student. wie oft sich die zwei Teams den Ball zupassen. wollen sie wissen. dass er der Chefdes ersten deutschen Rhetorik-Instituts ist und geeignete Kurse anbietet. die sich die auf dem Campus ausgestellten Sportwagenmodelle anschaut. Im Gegensatz zu so vielen anderen hat er mich nicht einfach ignoriert. Auch er trägt Armani und fährt Audi. ganz in der Nähe seiner Heimat. Hinter uns auf dem Parkplatz knallt es plötzlich.<I Ich sch fi rump e weiter' . »Bietet dir das Leben eine Zitrone. auc le hat eine Schmunzelecke«. Denn die Studenten müssen nicht nur Buchstaben halten. Michi studiert hier.« Applaus. Selbst ausgewählt In Ingolstadt. »dIe seelische Lohntute unserer Angest llt . auch ein I oder Ä zu werden. »Und du?«. Neben mir gehen ein paar Erstsemester.uen: »Warum darf . Denn al . formen das Wort »Kreativität«. .« Noch mehr Applaus. mach Limonade daraus. e en UPplg füllen. Als wir mit McKinsey in Griechenland waren. sondern auch Sätze imitieren. lautete das Fazit. ist mit dem gemieteten Rolls-Royce gegen einen Stehtisch gefahren... sagt er. Sogar ein Cabrio hat er. Und wer froh ist. sagt der Coach »heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere. »Froh zu sein bedarf es wenig. Motivationsspielchen wie diese scheinen zum Standardprogramm zu gehören. der das Taxi für die VIPs fährt. Gut. Viele hatten sich nur auf die Bälle konzentriert und den Affen verpasst. 'etzt 11· J so en Wlrnoch' In meinem SItz zusammen. Seit einer halben Stunde fürchte ich. . Denn dann könnte ich heute bereits meinen zw't M ks .« Am Ende stimmt die ganze Bankreihe mit ein. Und wenn Sie nur dIe Blld-Zeitungle h d' sen.:LI so ort wohlartikuliert einen Witz zu er. elOm Motlvationssätze wiederholen. ob ich mir ein Heft mit dem Titel »So werde ich ein Leader« anlegen sollte. HEISSE LUFT Ich glaube. »Ich schaffe es. Wahrscheinlich. sagt der Coach. die den Rhetorik-Vortrag extrem inspirierend fanden. und damit fehle ihnen eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft. . Wir sollten zählen. P I t? elO 0 arforscher keine blaue Brille ragen. Während~essen lief ein Gorilla durchs Bild.« So einfach ist das.« Alle sollen klatschen. um uns fi ~. Unter »Ich muss den Gorilla sehen« könnte ich schreiben: »Ich muss andere Zum Lachen bringen. is about seeing the gorilla. fragte der Coach. n t er Coach. führen und begeistern will.»Wer seine Mitmenschen lenken. Ich erreiche mein gesetztes Ziel.arbeiten in der Hand. 33 . wurde uns das Video eines Basketballspiels gezeigt. ~ie viele hier. braucht Rhetorik«. Und wenn man sich weigert? Wenn man im Sitz verkrampft.

So schlimm. . IIII~~ .»Fürchtest du dich davor. verfalle ich in das.« Er sei. Lege mich auf den Teppich. mehr sei von denen nicht gekommen.. Er war gerade neu im Rh . habe an den Ständen der Investmentbanker und der großen Berater gestoppt und gefragt: »Mein Vater schwört.Schweigen. Er erzählt mir von einem Sonntag. frage Ich. was Tom eine »Nachdenkst arre« nennt. emgau.« Mein Vater hat Phasen. · Dafür gibt es die Kirche. dass ich von Montag bis Sonntag schufte. Mein Vater sagt: »Da kannst du ja viel schreiben. die kosten viel Geld.. »Selber drauf gekommen wä .Aber Michi ist anders als die. statt an E. r SIC. mit . Meine Mutter fragt. Das kann aufDauer nicht gut gehen... sagt Michi» f d' .-l~IIIIIIII . Und Michi ist direkt nach der Schule mit eingestiegen.« . »Meine Studiengebühren. das zahl ich alles selber. 34 . . Schließlich rufe ich meine Eltern an. P und Leadership-Versprechen. die andere für sie produzieren. · ' ac t sem breItes fränkisches Lachen. ob sie mir Zu Weihnachten auch eine Armani-Jeans schenken soll. -. " apu t zu sem?«. sagt Michi. über eine Karrieremesse geschlendert. DAS GROSSE UMDENKEN Zurück in der WG.« In Gedanken unterstelle ich ihm den Zusatz: »Gut für deine Karriere. Plötzlich wurde ihm langweilig. Urlaube und Häuser leisten zu können. In Hannover stehe ich ewig auf dem Bahnsteig. Aber während ich an Stehtischen mit weißen Tischdecken vorbeilaufe. Das ist mein Rahmen.. schaue fast so lange aus dem Fenster wie die Frau 1m Vorderhaus. in denen er sich mindestens im Drei-Tage-Takt nach meinem beruflichen Fortkommen erkundigt. en Kirchgang hatte er schon hmte . »Die schaffen keinen Wert. . Nur heiße Luft eben. Die sehen nicht. au Ie man keine Antwort findet. D . enterbt er mich. )) Ich bm ausge l' h 'eh . die Arbeit war weit weg. . »Heiße Luft«. h . Sein Vater verkauft schlüsselfertige Bauten. den Glauben._ . sagt er... h d . die ich bisher hier traf. wenn ich bei Ihnen anfange. g IC en«. dreißIg müde und k t . wenn er dann irgendwann vielleicht zur Wirtschaftselite gehört. verspricht er. . sage ich und lege auf. findet er. »Nein danke«. der in der Hand die Promotion-Tüte einer großen Investmentbank hält. um sich Autos. »Es gibt immer Fragen«. mir die getönten Scheiben der parkenden Autos anschaue und einem Dreijährigen mit zurückgegeltem Haar ausweiche.--------------------_iiliiiiiiiiiliiiiiiiiliiiiiiiiiil_. Setze mich an den Computer und öffne alle fünf Minuten stupide mein 35 . um ihnen von meiner Verwirrung nach den Tagen mit der jungen Wirtschaftselite zu erzählen. und ich solle mir m t so VIele Ged k an en machen. mein Auto. MIch! sehuttelt den Kopf 1 h ' . as MIttagessen auch..« Auf den Glauben wollte ich mich nie verlassen. das kauft alles der Papa. Ich bekomme noch den letzten Zug nach Berlin. dass einer hier. haben die Berater nicht durchblickt. finde ich es plötzlich auf seltsame Weise beruhigend.. Die grundsätzlichen Dinge. sagt er. »Schlimm fand ich das«. Die Leute sagen. Dass Angestellte genug Geld verdienen müssen. dass er seine Mutter anrief. Neid ist trotzdem da. erzählt er mir. re IC nie. Er will weder Berater noch Investmentbanker werden. Ich verlasse mein Zimmer ~aum. Stottern. . an die Gebote seines Gottes glauben wird..« Wie anscheinend alle hier lebt auch Michi ohne Ruhepausen. Was halten Sie dagegen?« . Die riet den F h ' ernse er anzuschalten.

November bin ich mit meiner Mutter mit Fackeln durch die Fußgängerzone gelaufen. Ich bin also in der bundesrepublikanischen linken Mittelschicht aufgewachsen di ZW d' . was aus ihren Mit~iedschaften in zahlreichen Bürgerinitiativen geworden 1st. die ich in Oestrich-Winkel traf. dass die zwei Treffen mit der selbst ernannten Wirtschaftselite zu einer Klärung des Begriffs und Zur Beruhigung meiner Ängste beigetragen haben. Er trägt Bart. pt Mailfach. chon lange fahren meine Eltern zu Antiquitätenauktionen. sollte gleiche Chancen a en. egal wo er herkommt und SIn egal WIe .57 . der ein paar Jahre älter ist und sich an die frühen Achtziger besser erinnern kann. man e Schwache t" denen' n s utzen und nicht jene fördern. »Anfang der Achtziger man Bildungsz' 1 ' . als würde ich irgendwelche erlösenden Botschaften erwarten. Vielleicht. ob sie sich diese Fragen gestellt haben.. Schon als Kleinkind habe ich sonntags die Urananreicherungsanlage in unserer Heimatstadt umrundet. An jedem 9. hatte . Haben wir dadurch unsere Chancen auf dem Weltmarkt verspielt? Hätten unsere Eltern und Lehrer uns besser auf den Kampf von Löwen und Antilopen vorbereiten müssen? Meine Eltern haben nie darüber gesprochen. derten Ie e WIe die Integration von Behin. so wurde mir beigebracht. Dieses Denken war zumindest in unserer Umgebung lange Konsens. anstatt zu den Anti-Atomkraft-Treffen zu gehen. Als ich von ihnen wissen will. um auf den Schultern meines Vaters gegen Atomkraft zu protestieren. dass man aus der SPD eigentlich austreten müsse. und wir haben uns Vor dem Gedenkstein für die ermordeten Juden versammelt. klassischer geht es kaum.·Mein Vater hat für verkehrsberuhigte Straßen gekämpft. in der jeder nur auf sein Recht auf Selbstverwirklichung. gleichzeitig aber auch tolerant zu sein und Rücksicht zu nehmen. Ein Konsens. eder. Warum waren sie eigentlich überhaupt nicht empört über das Gebaren der Studenten an der EBS? Meine Eltern sind Lehrer. so würden wahrscheinlich viele. e es eIC tfällt. war sie der Nährboden für eine Wohlfühlgesellschaft. Echte Angst um die materielle Existenz habe ich damals nie erlebt. wir fahren Saab. Dachte ich jedenfalls bislang. Wie ich mich im Kampf um knapper werdende Stellen benehmen soll. Und damit d l' muss di as ge Ingt. Meinen Eltern und all den Lehrern. argumentieren. Immer häufiger sagt . auf Arbeit und soziale Sicherung pocht. ch habe gelernt. trainierten wir nicht. dass Gleichheit und Gerechtigkeit wesentliche Wert . jetzt die Tage an der EBS. hb seIn ater verdient. warum sie nicht mehr demonstrieren. 37 . Und dann noch dieses seltsame Gespräch mit meinen Eltern. selbstbestimmt zu leben. er hätte keine konkreten Ziele mehr.man Wollte d' Ki d le n er zum Umweltschutz erzie36 hen«. Denn langsam zweifle ich an der Haltbarkeit dieser Überzeugungen. Mein Vater ist Sozialdemokrat. erzählt mir ein Freund. Ich bin dazu erzogen worden. eVi . der aus Überzeugung gelebt wurde. Erst McKinsey. hatte abere . SOWIeso Vi 1 l' h . in der viele Frauen Latzhosen trugen und gegen Machos kämpften. Meine Mutter war mal bei Pro Asyl und mal in einer Gruppe. Beamten und Ingenieuren unter ihren Freunden ging es relativ früh wirtschaftlich ziemlich gut. Vielleicht war diese Erziehung ja weltfremd. sich im Kleinen überall Und Immer für d' S h I le c wachen einzusetzen. meint mein Vater nur. d J ' VIel . ar b Ie großen Ideologiekämpfe beendet fü h : r SIC eanspruchte. für die er sich einsetzen wolle. Ich kann nicht sagen.r.

« Es scheint einen neuen Konsens zu geben. Es ging um »Leitkultur«. ernwlrtsc a mItschwangen. in dem Standesdünkel. War »Elite« ru er ein Reizwort. dass man in einer Zeit. hmdern? Aber I h H1 • ._ nge eIstet oder nicht. Er. erträgt er bis heute nur schwer. solche Ideale vergessen soII te. Machtmissbrauch und Viett . die sie mir in . sagte er oft. seit die Angst vor der Arbeitslosigkeit auch bei ihnen im Münsterland angekommen ist. wie ich immer dachte. lautete eine Grundthese. zunahm. ein »Das-wird-man-doch-mal-Iangsam-wieder_sagen_dürfen«_ Gefühl. Es war ein »Wir-sind-wieder-wer«-. . Es ist ihm zu unsicher. Für den Traum von der festen Stelle hätte mein Vater. Gleichzeitig packte die deutsche Mittelschicht erst~als seit dem Zweiten Weltkrieg die Angst vor dem AbstIeg. Marios Kategorien scheinen ihnen nicht so fremd zu sein. die auch er stets kritisiert. Als Studenten im Februar 2007 die Inthronisierungsfeier mit ihren Protesten störten. Gleich~e. waren sie nicht gerade glücklich. angeheuert hätte. um Patriotismus. offensichtlich nichts dagegen einzuwenden gehabt. Hunderte von Zeitungsartikeln. Es begann damit. haben sich ihre Maßstäbe verschoben. Würden sie :g~r akz~Ptier~n. »Du hast doch so ein gutes Abitur«. e versuc t. ob ich nicht irgendwann mal irgendwo eine Festanstellung bekommen könnte. Dabei stoße ich auf einen Bericht über ein Fest der neuen Präsidentin der Universität Hamburg. fange ich wieder an zu lesen. um Deutschlandflaggen und eben um Eliten. es umzudefimeren als bloße »Aus39 38 . wurde in der Debatt h . Ich glaube. war plötzlich für Anwältin oder Ärztin. . in denen man Nachkriegstabus brach. von dem in Hartz-IV-Zeiten jeder betroffen sein ~nn.h deniC fü K . dass ihre Tochter zu den Gewinnern gehört. dass das Erstarken des Elitebegriffs em Kind der Verbindung beider Entwicklungen ist. dass ich den mit 67000 Euro dotierten McKinsey-Vertrag abgelehnt hatte. DIE ELITISIERUNG Die Renaissance des Elitebegriffs fällt in die Schröder-Ära und in die Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs.Dass das nicht alles ist. . emer KindheIt als wIchtig beigebracht haben? Haben SIe schneller als ich begriffen. dass die Zahl der Diskussionen. h ft . we c en vvert haben Ideale. Aus Sorge um meine Zukunft möchten sie um jeden Preis. keine Schreihälse. e dies zuließ? Um die Nachdenkstarre zu überwinden. rief BiIdungsministerin Annette Schavan: »Deutschland braucht Eliten. als wären sie luxunose Accessoires? H1 d . vielleicht nur Attitüde in einer It. Ich glaube. Ze' di ~ onsens hIelt. der stets gegen die Konservativen wetterte.. Als ich meinen Eltern erzählte. statt einen festen Vertrag zu haben. sobald SIe" KarrIere be' dIe . in der man wieder mehr um die materielle Existenz bangt. wenn seine Tochter sogar bei den Turbokapitalisten. dass ~ch Ideale verleugne. Bücher über Eliten. die man sich Je nach Lage der Di I. Engländer und US-Amerikaner haben dem dürften sich die Deutschen in Zeiten des globalen w'ettbew~r~s nicht verweigern. der Sozialdemokrat. Journalistin passte vor allem meinem Vater nicht. vvar er Wunsch nach Gerechtigkeit. Immer wieder fragt er. Dass ich Aufträge abarbeite.~~gWUrde die Unschuld des Begriffs betont. als es um meine »berufliche Zukunft« ging. dass nicht nur meine Eltern umdenken. Was Franzosen. Ich habe den Eindruck. merkte ich.

Die Masse. das Soziologen erstmals Ende des 19. Elire heißt »auswählen«. »die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie durch eine besondere Leistungsf<ihigkeit und Leistungsbereitschaft auszeichnet«. komI S h' P exe c Ichtung einer Gesellschaft. sie versieht alle politischen Funktionen. Das Elitekonzept war t eorehscher Dnt b d Lb . die über einen starken Willen verfügen. r OZIa Isten. monopolisiert die Macht und genießt die Vorteile. die das Wort erfunden hatten. gibt es zwei Klassen: eine. Dle kl' Grup e setzt bImmer eine Nicht-Elite voraus. So fand man Ende des 18. Die kargen Definitionen der beiden L xika hl . während die zweite zahlreichere Klasse Von der ersten befehligt und geleitet ~ird. begründete seinen ruhmreichen Aufstieg zu einem Konzept.« Trotz mancher Differenzen einte die Klassiker der Elited' Ub" forschung de GI b r au e an Ie erlegenheit einer auserwählten Minderh 't D . An die Elite eben. er au es» e ensborn«-Programms der SS. Es an" d' . sondern an die mit der größten individuellen Leistungsfahigkeit. dass es in Gesellschaften' . allen voran die deutschen Nahonals . I ' . Den Anfang machte das französische Bürgertum. sei »eine Herde. und eine. Ursprünglich war der Begriff »Elite« tatsächlich nicht mehr als ein Premiumstempel. das den Begriffim Kampfgegen Adel und Klerus erstmals politisierte. unproblematisch und auf jeden Fall erstrebenswert. Doch der Begriff »Elite« erzählt ge d . der Menge also. b I eIne u er egene Minderheit geben darf und soll.wahl der Besten«. Macht und Geld. setzten den Gedanken. Meyers Enzyklopädie ergänzt. und auserwählte Waren ließen sich besonders gut anpreisen. h "b ' ra e DIC ts u er dIe vielstufige. die herrscht. ist unstrittig. So wurde aus einem Tabu ein Ziel. Jahrhunderts massiv beschäftigte und faszinierte. So schreibt Gaetano Mosca. so die Forderung. Daran orientieren sich auch heute noch die gängigen Definitionen. amIt egten sie den theoretischen Grundstein für den aufkommenden Faschismus dem sie zum Teil auch persönlich sehr nahe standen. Einflussreichen existiert nur im Zusammenspiel mit ihrem Gegenteil: den vielen »Normalen«. sollten nicht an die mit der edelsten familiären Abstammung gehen. Für den Brockhaus ist »Elite« eine Gruppe. dIe »rassisch II wertvo es Menschenmaterial« züchten Wollte. so schreibt er. el. · versc eIern eine konstituierende EIgenschaft· Elit e ' ' . ahuf gra~same Weise in Politik um. Die erste ist immer die weniger zahlreiche. Sie sehne sich nach wenigen. von den primitivsten im Aufgang der Zivilisation bis zu den vorgeschrittensten und mächtigsten. 1755 definierte Denis Diderot in seiner Enzyklopädie »Elite« als Gütesiegel für auserlesene Spitzenprodukte. die An h'" d ge ongen er Elite hätten zudem einen »besonderen Wert« und bestimmten maßgeblich die gesellschaftliche Entwicklung. eIDe d pe er esonders Leistungsbereiten und 40 . die beherrscht wird. Imlerte Ie NaZIS Zur Gründung der Natio41 un~eich verteilt Dass Leistung und Einfluss in einer Gesellschaft stets sind. Elite-Tücher und Elite-Gänselebern. die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß«. Jahrhunderts auf allen französischen Märkten Elite-Garne.. Erst später bezeichneten sich auch Menschen als Elite. In der »Psychologie der Massen« beschreibt Gustave Le Bon die Sehnsucht nach Eliten als eine Art Grundreflex des Menschen. ein anderer Klassiker der Eliteforschung: »In allen Gesellschaften. Es waren wohl französische Händler. Die faschiStis~hen Herrschaftssysteme. Seine Zeitgenossen sahen das ähnlich. Dieser Gegensatz erst macht den Reiz des Elitebegriffs aus.

eter Dreit 1 d Freien Universität B ' . Grundsätzlich käme jeder Bereich persönlicher Leistung dafür infrage. wenn sie nach den 43 . die für die Gesellschaft von Interesse und Bedeutung seien. Die Eliten hatten versagt. er als Professor an der Eliten nachdacht erhn m den sechziger Jahren über e. Als alles vorbei war. Jürgen Rüttgers. töteten sie Millionen von ~~ns~hen. Elite seien schlicht Personen. Das Führerprinzip selbst war Ausdruck des Glaubens daran.IIIllIIlIilII" l 1l· --. Damit waren mehrere Grup' pen m der Gesellsch ft Syste F"h a gememt. . nse !ten«. Dachte • man zumindest. sagte schon 1998: »Vom Tabuwort ist der Elitenbegriffinzwischen fast zu einem Schlüsselbegriff in der Bildungsdiskussion aufgestiegen. sprach 1 von SIeben fu kr »großen" n lOna en Eliten. dass ein Hirte die Herde zu leiten hat.ze . IIStIsch en Funktio < un » asse« ab und gebar die »pluraI' . in der Wirtschaft zähle im Gegensatz zur Politik. Dreitzel charakterisierte die demokratische Gesellschaft als »Elitengesellschaft«. vernichteten den Glauben an die Kraft der ZiVillsatIon. Durch diese Neudefinition galt Elite vielen als demokratisiert. machten es unmogl' h . über 90 Prozent der Topmanager nennen Leistung und Fleiß. in der man durch Kungelei nach oben komme. der »Napolas«.---------iII!7 1IIlII1tIlIIl. der strebsam und klug ist.« An dieser Schule werde die künftige Elite Sachsens geformt...~~---------_ _iiiliiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiii5iöiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii_iili_• • • •_lliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii~lilI·iii· 1iiI·~·iIii·ilillli'Ilii·. emer der Väter d B 'ff! 1979 ' es egn s »Funktionseliten«. Kultur. die in ihrem jeweiligen dorf ~ u rungsaufgaben übernahmen. Ralf Dahren.Jemals wieder von Hir" IC ' "hl ten. Elite.« Der sächsische Kultusminister Matthias Rößler stellte im August 2001 anlässlich der Wiedereröffnung der früheren Fürstenschule Sankt Afra in Meißen als Elite-Gymnaisum für Hochbegabte fest: »Wir bekennen uns zum Begriff der Elite. Ihren Ursprung hatte die Begeisterung für die Leistungselite aber in den Chefetagen der Wirtschaft. Damit war das neue soziologische Label des Elitebegriffs perfekt und die funktionale Leistungselite geboren. e el t avon natürlich unangeso te m eme D kr deuten. letztlich aber doch nur Leistungen. jeder also. ein Auserwählter. entproblematisiert und von der Schande der Nazis fast völlig reingewaschen. mittlerweile Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Angetrieben durch eine unmenschliche Ideologie und durch die Gier nach grenzenloser Macht. allein die Leistung. galt der Elitebegriff zunächst als tot als auf ' . entsprechend den mstItutionell 0 d e~ r nungen« der Gesellschaft: Wirtschaft P I' . Die wissenschaftl' h W' d ' IC begnffs begann b 't ke le erentdeckung des Eliteerel s urz nach seinem vermeintlichen Ende. ' durch sie verseucht. d Auch Hans P n m Je em Bereich zusteht. in denen eine »Elite für den Führer« herangezogen werden sollte. suggeriert dieser Ausdruck. Religion. er rngedank bl 'b d tastet: Elite II ' . . d eWIg mIt en Taten der Faschisten verbunden. Hier wird der Mythos gepflegt. der viel leistet. sprach von einer »Vervielfältigung der 42 Eliten«. dem die Masse folgt. Und so fand die Elite über die Soziologiebücher ihren Weg zurück in die Gesellschaft. von Führern' "on Auserwa ten zu sprechen. in der die Auswahl für die Elitepositionen nach Leistung erfolge und damit für alle Bürger erreichbar sei. le en Beste ' .. ErZiehung.ltik. die in Spitzenpositionen gelangt seien. und Recht' sO. Die Soziol' d' ogle wan te sIch vom beschmutzten Gegensatzpaar »Elitel d M . kann jeder werden. pater reduzi t d' aufvier D Ke er e er le Zahl der Kategorien . Militär . nalpolitischen Bildungsanstalten. Macht d' d r emo atie geteilte Macht be.

Mit 80 Prozent folgen Eigeninitiative und Durchsetzungsvermögen sowie Bildung und Ausbildung. Wenn Geld. nach welchen Kriterien entschieden wird. Itt erwede sind die ersten beiden b . ob man das Wort wieder aussprechen darf. ephert und gelebt. die »Elite« sagen. Zelt 1m Oktober 2006 M' I ' Runden des Exzell . will »den Begriff der Elite als Leistungselite verstehen und ihn so enttabuisieren«. Die UniverSltaten in Aach B I' .nur 33 Prozent sind dagegen. Chancen und Förderung nicht mehr möglichst gerecht verteilt werden. der frühere Prasldent der Bundesbank._ enzwett ewerbs entschieden. sagt ErnstLudwig Winnacker. »Wir brauchen wieder Eliten« . Mich interessiert nicht. al s d' Bundesregierung beschloss. b en.dieser Satz regt nach einigen Jahren der aufgeregten Darf-man-das-wieder-sagen?-Diskussion kaum einen mehr auf. dass die Manager das Konzept.entscheidenden Gründen für ihren Aufstieg gefragt werden. Ich möchte wissen. Es gab nur leisen Widerspruch. die die Einrichtung von Elitestudiengängen. fordert eine »durchlässige. Die Menschen scheinen begriffen zu haben. stellvertretend für alle. warum und nach welchem Schlüssel. Hans Tietmeyer. der Vorstandsvorsitzende des Springer~edienkonzerns. . dem. le mit ihrer »Exzelle '" . »Den Besten muss man das Beste bieten. Ehre und 21 Mill' Ionen Euro. Und Hein. dass man sie eigentlich schon entsorgt hatte. vorantreiben. ist meiner Meinung nach. sondern eine Nachwuchselite aus diesen Töpfen per se mehr erhalten soll als andere. Da scheint es folgerichtig. als Maßstab für die gesamte Gesellschaft wünschen. glaubt. Zwar eine. nZInlhahve« das Hochschulsystem umzubauen »Der Wi ttb b . fuTter All . Vermögen oder Beziehungen. mit welchem Inhalt man die Hülle füllt. Erstmals seit End d . zum ersten Mal. . er In. n s anz un Munchen dürfen sich jetzt »EUte-Universität« n S' ennen. die in der Vergangenheit so sehr beschädigt wurde. die aber offenbar noch nicht ganz kaputt war. Kaum einer nennt Geld. Laut der FrankgemeInen Zeitu . Eine klare Mehrheit für die Elite. Damit ist die Debatte etliche Schritte weiter als ich. e es ZweIten Weltkriegs wird das Elit 100 e nzept zudem 'd der Bev"lk WIe er von einer breiten Mehrheit o erung akz . wer dazugehört und wer nicht. Heidelerg. was genau die meinen. demokrahs~~e« Leistungselite. DIe Anstrengungen von Politik und Wirtschaft zeigen Folgen. le bekommen Ruhm. Karlsruhe Ko t d" . Und vor allem möchte ich erfahren. d dafür begabt S h" ngsIn 54 Prozent der Menschen . dass die ~esellschaft von einer »Leistungselite« bewegt wird. aber ziemlich laute Begeisterung. aber das kann man nicht zum Standard für alle machen«. e ewer soll das deutsche Hochschulsystem neu polen'. müsste dann nicht allen klar sein. schrieb die . nach 45 .rich von Pierer. von GI eIehh eIt auf Elite«. und merkwürdigerweise fragt fast niemand nach. Freiburg. dass nun wieder in Gewinner und Verlierer eingeteilt werden soll. Göttingen. sie ihren eigenen Erfolg zu verdanken glauben. in denen die Studenten im Vergleich zu ihren Kommilitonen an den Massenuniversitäten traumhafte Bedingungen vorfinden. . seit die Zeitung diese Frage stellt.und späterer A~fslchtsratsvorsitzender der Siemens AG. ob man das Wort trotz des Dritten Reiches gebrauchen darf. der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Viel wichtiger als die Frage. e c üler i EI' kl n Ite assen oder an Eliteschu44 len zu fördern . Mathias Döpfner. ehemaliger Vorstands. Erst einmal ist es wie jeder Begriff eine Hülle.

dass selbst ein relativ sparsames fünfjähriges Studentenleben . dass ein Studium hier »die richtige Karriere-Entscheidung« ist. knapp 45000 Euro lassen . als mich der BMW-Mini überholt und in der 1 angen Schlang S . 47 46 . der forsch voranschreitet. Vor mir laufen Gespanne. sind über vierhundert Kilometer gefahren. Schulklassen suche ich vergeblich. die mit abenteuerlichen Verformungen der Lippen die Entstehungsgeschichte von Wörtern veranschaulichen wollten. le an diesem Mo 'd . als wir einen Milchkaffee tranken.mit monatlichem 700-Euro-Budget . der damals in unserer Kleinstadt noch eine echte Rarität war. und haben akzeptiert. U~d die Deutsche Bahn hatte es gut gemeint und den RegIonalexpress 514 Richtung Koblenz auf gefühlte dreißig Grad geheizt M't ' . Ich überschlage. die dem aus Bremen ähneln: Vater und Sohn. DIE BESTEN ODER DIE REICHSTEN? Ich kann die Augen kaum offen halten. und damit hat der Sohn noch keinen BMW-Cabrio vor dem Campus parken. d k ' rgen In en Talern hangen.. dass heute zwien sc lllttlge A n utos auch gediegene Familienkut- d schen parken. Sie kommen aus der Nähe von Bremen. . Heute sollen die Oberstufenschüler lernen. Schließlich wird er hier. Wie finden sie diese zweihundert Top-Leute? Wer löst die Eintrittskarte in die WeIt der zukünftigen Wirtschaftselite? Und wer bleibt draußen? Es ist Zeit. 80000 Euro also. Ich fahre noch einmal in den Rheingau.welchen Regeln diese Plätze in der ersten Klasse verteilt werden? Wie wird man Elite? Muss man auf bestimmte Schulen gehen? Spezielle Universitäten besuchen? Entscheidet das Talent? Geben Fleiß und Ehrgeiz den Ausschlag? Oder vielleicht doch das Geld der Eltern? Und wie misst man das alles? Die European Business School in Oestrich-Winkel behauptet. rag Vor mir steht ein BMW-Cabrio Sportwagen mit do eIt ' fü d 11" pp em Auspuff . . dann immer vergnügter durch die Gänge gelaufen. Wir sind erst ein wenig eingeschüchtert. bis das Kind den Master hat. unver ennbar. um hier dabei sein zu können.ohnehin schon über 37000 Euro kostet. denn es ist früh.. . über die Nebelfelder. Aus einer steigen gerade Vater und Sohn. dass ich zurück an der In.. Er prüft die zum Kauf gebotene Ware. e am traßenrand parkt. en e Ich. ganz selten Vater und Tochter. . »Idyllisch«. Der Nachwuchs läuft fast bei allen Duos ein wenig schüchtern hinter dem alten Herrn. Denn heute lädt die European Business School zum »Campus Day«. Hier ist das anders.. 1 eIner ReIsetasche in der Hand laufe Ich durch die nach . die Nachdenkstarre zu lösen. haben in einer Linguistik-Vorlesung Menschen zugesehen. b elllem warmen Herbst noch gelben Wein~rge.errn Es ist k EBS b' U' .vermutlich das Modell r en n. jedes Jahr die »200 Top-Studenten in Deutschland« aufzunehmen und dadurch eine »unternehmerische Elitehochschule« zu sein. Danach haben wir uns in die Cafeteria abgesetzt und fühlten uns unendlich cool und studentisch. Ich war an der ehrwürdigen Wilhelms-Universität in Münster. In meiner Erinnerung sind Tage der offenen Tür an Universitäten lustige Veranstaltungen. dass dies die geheimnisvolle Welt der Akademiker sein muss. ngewoh r h ' schen d h" n 1C 1st allerdings.nur für die Gebühren. Eine Studentin stelgt aus Sch . Ich blicke auf den Rhein.

erklärt die Studienberaterin. In den Tests bräuchte man die Note 2. Wie alt sind Anja und Sven?« Ich schreibe zum ersten Mal seit Langem wieder Gleichungen. dass es ihre Aufgabe ist. wenn eine Rechnung glatt aufgeht. Ihren größten Trumpf haben die Studienberater a er noch gar n' h t . Das beeindbruckt.. Hier muss man ankreuzen. . Wer nach den schriftlichen und mündlichen Tests zwischen Platz 1 und 200 gerankt wird. Sie berichten von Studenten aus dem dritten Semester. 10000 Euro pro Jahr. Per Beamer werfen SIe . das man hat. gn len a en. Nr. Damit qualifiziere man sich für die Einzelgespräche und eine Diskussionsrunde.7. Die Hochschule stellt einen Mathe-. Ich blättere weiter zum Englischtest. Verdreifacht man Svens Alter und addiert noch zwei Jahre hinzu. Sie wissen. und erzählen von Kontaktabenden. Im Gegenzug wird das Kind vor den Zuständen an der überfüllten Massenuniversität bewahrt. darfdas Studium an der EBS beginnen.. »Effizienz« und das tolle Betreuungsverhältnis. le Eltern interessiert. wie es heißt.und einen Intelligenztest. was der Satz It would be Jar better bedeuten könnte. 32 . was zu tun sein . die bereits Traumpraktika in Investmentbanken ergattern konnten. Bei Binomen und Logarithmen muss ich aber passen. addiere zu drei x die fünf Negativen der Gegenseite und erinnere mich an das schöne Gefühl. einen Englisch.also gut einundzwanzig Studenten pro Lehrkraft. Noch Fragen? E t al . so erhält man das Fünffache von Anjas Alter. denke ich und notiere: 52 und 77. zu denen Firmenvertreter in den hochschuleigenen Weinkeller geladen werden. S . Sie preisen »Lerneffektivität«. dass sich die Inveso nen WIrd t 'b ' wird d ' ' rel t SIe nun um. diese Investition schmackhaft zu machen. Sven ist also elf Jahre alt und Anja sieben. ? Das geht. 7. . gründlich verdrängt. Der Knackpunkt seien die schriftlichen Prüfungen. Da 49 .. den Sprung »lOP 200« schafft D' . em le Eltern be 'fL" h b tition I h . tausend Studenten. in der man seine Persönlichkeit beweisen müsse. IC ausgespIelt. was 48 auch ich wissen will: Wie wählt die EBS die zukünftige unternehmerische Elite aus? Bei der Auswahl der besten zweihundert spielt die Abiturnote der Bewerber keine Rolle. »Wie lauten die nächsten beiden Glieder der Folge 2. die auch die letzten ZweIfler vom S" d' IOn leser Investition überzeugen sollen. sagt die Studienberaterin. Oder doch. dass auch die anderen »Fragetypen«. Damit liegt das Angebot auf dem Tisch. 2: Anja und Sven sind zusammen achtzehn Jahre alt. Nachd d" .Die Studienberater sind gute Verkäufer. natürlich auch in attraktiven Wachstumsregionen. Dieses Mathematikunterrichtswissen habe ich. WeUlg . »Den mündlichen Teil schaffen fast alle«. E" . in Hongkong. rs m keme. also einer für hundertneunzig Studenten. An einer führenden öffentlichen UniverSI a selen es emundzwanzig Professoren für vier"f"t" . Sie schwärmen von hundertvierzig Partneruniversitäten. Vierunddreißig reguläre und elf Juniorprofessoren sorgen sich hier um das Wohl der tausendzweihundert Studenten . " " spater tatlstiken an die Wand. 17. Ich entscheide mich für That would be a great improvement und sehe. zu schaffen wären. amlt das eigen Kind unter die '"r e die Aufnahme. lOstlegsgehalt " b emes A solventen: 50752 Euro. Zum Üben bekommen wir Beispielaufgaben in die Hand gedrückt. Eine noch. Ich Iese: Durchschnittli hAlb " c es ter el Abschluss des Studiums: 24. Schanghai oder Seoul. falls jemals vorhanden.

. 23500 von ihnen schrieben sich für ein BWL-Studium ein. lC dlUm an einer lb . sogar an der Fre' U. sind zwar nicht banal. 50 Es melden sich erste Zweifel. a lC e Umversitäten wählen ihre Studenten nach der Abitu " rnote aus. Da sagt sie: >Papa. stellt er sich vor. plus Anreise.7 und 3. »Was der soll. aber auch nicht nur für intellektuelle Cracks zu schaffen.. ' mussten Studienanfänger im Abitur ens eIne 2. Es gäbe immer Grauzonen. Vor mir steht ein riesiger. se st ernannten Elitehochschule berechtigt.« Dann führt er uns über den Parkplatz. Wer Betriebswirtschaft an der Umversltät Mün . kann ich auch nicht erklären.. .7. sage ich. Die Tests. Sie sollte das aber weniger belasten«. . 51 . erklärt sie der Tochter des aufgeregten Vaters lächelnd. »Es heißt. »Wir suchen Studenten mit überdurchschnittlicher Lern. der es mit ein wenig Glück auch in der Kategorie »Aussehen« unter die »200 Top-Studenten in Deutschland« schaffen könnte. dass den der Vater eines Studenten von der Expo hat herbringen lassen.und LeIS t ungsb ereltschaft«. ster studIeren will brauchte im Wintersemester 2006/200 . das zu einem Stu. . die wie angegossen sitzende Boss-Jacke kleidet seinen mindestens zwei Meter langen Körper ausgezeichnet. »Haben alle hier Autos?«. 1 mäß· I . 1450 der Englischkurs. sondern bewerben sich gar nicht erst. Diese Quote deutet nicht auf ein besonders hartes Auswahlverfahren hin. 475 Euro kostet der Mathekurs. den man nicht betreten kann. an der TechnilllverSltat M" h unc en war eine 1. atte rIger vorgestellt' das T' ket zu lösen. Warum. frage ich. d ie man auf keinen Fall reißen d ur arf.7. VIele sta tl· h . »Julia«. Ist für eine Aufnahme an der European Business School die allergrößte Hürde vielleicht eher. die uns die Studienberaterin vorgelegt hat.< Das kann doch nicht Ihr Ziel sein. Schlechter als 2.« Die Studienberaterin redet beruhigend auf ihn ein. Ich bin überrascht. der könne Vorbereitungskurse an der Hochschule belegen. Aus diesem Pool wollen gerade einmal achthundert zur EBS. »Sie steht in Mathe zwischen Zwei und Drei«. »Das belastet nur den Geldbeutel Ihrer Eltern. »Wir haben uns die Beispielaufgaben im Internet durchgelesen. Und wer in denen lande. sagt er und zeigt auf seine Tochter. sagt Sebastian. Seine exakt geschnittenen Haare kräuseln sich im Nacken. len mversität B l' d· . »Sebastian«. Unterkunft und Verpflegung. ' schen U. Sebastian zeigt uns das Kiep-Center und einen ziemlich großen chinesischen Tempel. Nach Angabe des Statistischen Bundesamts gab es 2006 in Deutschland rund 400000 Abiturienten. schließt sie. das bedeute nicht automatisch das Aus.schnellt die Hand eines Vaters aus der ersten Reihe hoch. Jeder vierte Bewerber wird also angenommen. Aber wer im Math etest schl echter als ausreIchend ab schneide' den k · · · onne man leIder wirklich nicht anneh men. das kann ich gleich vergessen. weiß ich auch nicht«. durchtrainierter Junge. Sie werden uns gleich den Campus zeigen. denke ich und bin sofort still.3 geschafft haben. wo Soft Skills in der Wirtschaft doch immer wichtiger werden. Ich h·· es mir weitaus SChWIe. le m Rankings eher mItte 19 P atZlert ist mindest . Eine Führung von Deutschlands zukünftigen Führungskräften. Bel 3' 7 liegt d·le H" de. '" 7 eInen Schnitt von 1. dass die Bewerber hier an Mathe scheitern. . wer Ergebnisse zwischen 2. Wahrend der Präsentation haben sich hinter uns Studenten aus dem ersten Semester versammelt. er In.6 nötig.7 habe. ob man die 10000 Euro pro Semester zahlen kann und will? Schließlich scheitern die allermeisten Eliteanwärter nicht am Test der EBS.

Andere sind immer bemüht. dass man sich engagiert«. antwortet er und nährt damit meine Zweifel daran. . Und ich ziehe meinen Gedanken mit dem sinnvollen. »Ich geh sonst nie in die Mensa«.»Neunzig Prozent«. Es gebe auch billige Zimmer. schockt Sebastian den Bremer. erzählt er 53 52 . sein Auslandssemester in den USA oder Australien verbringen zu dürfen. achtzig. denke ich und werde gleich enttäuscht. dass Leistung hier tatsächlich ein relevanteres Auswahlkriterium ist als Wohlstand.oder abbaut. Gegensatz zu de u m vater finde Ich es beruhigend dass auch Leute in d t k ' le man Zehntausende Euro pro Jahr s ec t. darf sich die begehrtesten Auslandsuniversitäten aussuchen. »Letzte Woche«.« Deshalb ist Sebastian in der studentischen Öffentlichkeitsarbeit und führt uns über den Campus. Er regelt auch zwischenmenschliche Beziehungen. Keine Ahnung. wenn man bei Veranstaltungen auf. wüssten gar nicht. sagt Sebastian. Auch der Vater aus Bremen möchte gern über Geld sprech~n. während wir unsere Nudeln auf die Gabel drehen. »Es gIbt Viele Tiefs Es ist hiP . Viele hier. dieses System zynisch zu finden. sagt Sebastian. Nach zwei Semestern werden die Studenten nämlich gerankt . ob es nicht vielleicht fairer ist als eine informelle Einteilung in engagierte und faule Studenten. vielleicht sogar sozialen Engagement wieder zurück. dafür. sagt Sebastian. »Manche sind von oben bis unten in Gucci gekleidet.von Platz 1 bis Platz 200. »Die wollen halt fördern. dass er heute hier ist.« »Macht es denn Spaß. ISsen. sagt er.« Später wird mir einer der Studenten erklären. wenn man in einer studentischen Initiative ist. während er uns 10 0 0 ' die Mensa führt und gleichzeitig einer Mitstudentin hinterherstarrt. e astlan weIter. die von Rheingauern angeboten würden. »Ich habe mir die angeguckt. Sebastian sitzt vor mir und dem Bremer Gespann. wenn man an seiner alten Schule einen Vortrag über die EBS hält. Ich staune. dass man auch Widerstände überwindet. mussen wir in Kolonnen in die la ren«. d o oc el en grundsätzlichen Problemen eInes Student I b w 11 en e ens landen. hier zu studieren?«. Stadt ~ h no. Dann überlege ich. was das soll. scWießlich d h b .ob . auf diese Weise Studenten zu animieren. nu er eInen Makler gehen. will der Bremer Vater w· E . wieso die Ecken am Kragen nach oben zeigen müssen. fragt er. redet S b ' . sagt er. Und den Kragen am Poloshirt stellen alle hier hoch. »Funfhundert Euro sollte man schon rechnen«. Zu Hause brauche ich zum Burger Kin fü f . Ins Ranking fließen nicht nur die Studienleistungen. a t rOVinz. wer unten steht. Nett. Mein erster Reflex ist. Das würde für Entschlossenheit stehen.. »Wie teuer ist denn hier eine Wohnung?«.« Im . Letzten Endes muss man scho . erzäWt Sebastian. hier eine halbe Stunde.das sei ihr Motto. dass man das kleine Pferdchen oder das Krokodil auf dem Pullover auch sieht. »Drei Punkte gibt es. »der muss nach Polen oder in die Ukraine«. An der European Business School regiert der Markt. Wer oben landet. sondern auch die Sozialpunkte ein. Ob es gar sinnvoll ist. weil er dadurch seine Chancen steigert. Manche kaufen auch einfach eine Wohnung. Das war alles nichts. Fünfzehn. sagt er. nicht nur an die Seminare zu denken. »Die meisten sind in der Initiative Finanzen oder im Investment-Club«. g n MInuten. »Kragen hoch und durch!« . . »Wenn wir weggehen o en oder ins Ki . dass man für Geld arbeiten müsse.» s geht«.

8 gemacht. Ich weiß nicht. kurz GMAT. sei quasi schon abgelaufen. jeder zahlt dafür 250 Dollar 55 . h mir Vorst II . Was finden Sie daran so schlecht?« »Es gibt diesen Spruch: Die Klassenbesten gehen woandershin. ns 1st gerade eInmal achtunddreißig Jahre alt.ge 0 t worden Al . s er seIn Büro betritt. DER CHEF DER ELITE Christopher Jah ' .« Die seien schließlich die einzige Möglichkeit.und Logikaufgaben lösen. Sie setzten auf »völlig veraltete Methoden«.dasser' hh . ist er an die Spitze » oc sc ule für d' Füh' er sagt h I 1e rungselite von morgen«. »haben wir von der Initiative >Studenten helfen< einen Blutspendetermin organisiert. ranken. wie . In em sich das Gros der univer. Er wird sie während unseres Gesprächs kaum aus den Augen lassen. Nur wegen der Sozialpunkte. Wir wollten. sagt er direkt zu Beginn. sagt Sebastian und meint das ernst. und die Klassensprecher sind bei uns an der EBS. schreibe Ich auf meinen Block mit den Fragen. Die Bewerber müssen auf Englisch Essays verfassen und standardisierte Mathe. Es ist kaum einer gekommen. Aber das wurde nicht genehmigt. würden ihre Studienplätze nach Abiturnoten vergeben. Jeder sollte aus Überzeugung spenden. läuft mir mit langen Schritten entgegen.. Nachwuchskräfte als schlecht bezahlte wissensch aftl1che Mitarb 't er Jah ns dagegen iste1sch von Semester zu Semester hangelt. dass er für die nachsten Jahre noch etwas mehr Geld beiseitelegen muss. Eine halbe Stunde habe ich. löst seine Uhr vom Handgelenk und legt sie vor sich auf den Tisch. Auch wenn ich dann zahlen muss. um im Ranking die Streber zu überholen. Vielleicht wäre ich an dieser Hochschule als Rektor gar nicht zugelassen worden. Als Jungster Rektor den d' E . kann ic een. um mit ihm über Eliten zu sprechen. also in einem Alt ' d er. Vermutli~ hat er gerade endgültig begriffen. Von einem Rat von Wirtschaftswissenschaftlern entwickelt. England und auch in Asien schon lange eingesetzt. ~Nimmt die EBS die Reichsten oder die Besten?«. würde die EBS die Studenten in Zukunft vor allem auf der Grundlage eines internationalen Auswahltests wie dem Graduate Management Admission Test. Die Zeit unseres deutschen Bildungssystems. Die deutschen Unis seien verkrustete Massenbetriebe.« Bevor in Auswahlgesprächen die letzte Entscheidung für oder gegen einen Bewerber fiele. die ich dem Direktor der European Business School stellen will.weiter. Hier tut keiner was aus Überzeugung. '" on ganz oben angekommen. sltaren. »Was machst du. Jahns stü t " eIn 0 es Tempo gewohnt 1st. . wenn das nicht klappt?« »Dann bewerbe ich mich selber um einen Platz im Ausland. ob sich Kompetenz immer in der Abiturnote widerspiegelt. Die Uhr zwischen uns signalisiert: Meine Zeit läuft jetzt. rz mIt WIndschnittigem kurzem Haar in Hemd 54 und Krawatte in den Raum. deren Fähigkeiten finden sich nicht immer in einem Notenspektrum wieder. Ich habe damals mein Abitur nur mit 1. Hawaii wäre schön«. »Das ist doch eigentlich auch ein nachvollziehbares Kriterium. der H h h ' 1e BS Je hatte. dass es für eine Blutspende zwanzig Sozialpunkte gibt. schimpft Jahns. Es gibt super Leute. wird der GMAT in den USA. Hunderttausend Bewerber pro Jahr testen sich weltweit mit dem GMAT. Der Bremer Vater schaut etwas angespannt.

Das ist bei uns natürlich normal. dass die teuren Kurse die Punktzahl steigern. die nur 710 erreichten. was wir dort erleben«. »Das Maximum sind da 800 Punkte . mversltaten I' lege der durchschmtthche GMAT der Student en b' 740. . »Da bekam ich die Antwort: >Die schicken WIr zuruck zu unseren Gründungs. was mit Studenten . 56 Damit leitet Christopher Jahns übergangslos zu seinem Lieblingsthema über: die scharfe Kritik an Deutschlands staatlichen Universitäten. »740« wiederholt Jahns el . -. . dass andere Länder vorbeizögen.das erreicht kaum jemand. In Frankfurt bereiten Managementtrainer in zweitägigen Crashkursen auch deutsche Studenten gezielt auf den Test vor. kann eInen weiteren Kurs belegen und den Test wiederholen. maximal fünf Mal pro Jahr. IndIen zu Besuch war. erzählt er mir. An staatlichen Universitäten ist es zum Beispiel verpönt.IVl. dass Deutschland im internationalen Wettbewerb längst abgehängt sei. dass Ihre Uni eine unternehmerisch handelnde Elitehochschule sei. dass die erglelch zu di . Im Schmtt. »Das. auf den Märkten in Zentraleuropa. ' ankings. »ist eine organisierte Unverantwortlichkeit. 11M' . dann . wurde Ich sagen. " sind le uten Topstars. h ab e er gefragt. Gebühr an die Entwickler.« Diese Inder lern lC gut f DeutSchen im V. a ns 1St beeIndruckt.< a en. Zwein erttausend Stud " bei einer 11 U. schlicht lächerlich. sei es zum Beispiel einer Universität wie Harvard möglich. auch das der EBS. dass unsere Leute sich. ' . Weil wir von den über dreitausend Alumni wissen. Und zwar weil unsere Studenten im Schnitt 2. mal 760. Sie werben damit. noch einmal und spnch t d rel Ausrufezeichen. Dagegen sei das Vermögen der deutschen Privatuniversitäten.m Z 'h d men. nur durch die Nähe zu den ehemaligen Studenten. damit wir nicht total an der Unternehmenspraxis vorbei Ausbildung gestalten und forschen. nach Harvard zum B'" DIe wollen SIe mcht h b' elspie!. Und damit sind WIr SlCh er In Deutschland führend. Die Massenuniversitäten. wie rigoros die n er el der Au hl'h hu d swa 1 rer Studenten vorgehen. . Natürlich soll die Wirtschaft mit ihren Topthemen bei uns vertreten sein.« Nur durch enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Und da sagen mir die Kollegen von den öffentlichen Hochschulen: >Ja. Das War ernst gemeint «J h ' . auf ein Stiftungsvermögen von weit über 20 Milliarden US-Dollar zu kommen. ." mversltaten nicht gut genug. Wer mit dem Erg~bnis nicht zufrieden ist und das nötige Geld hat. enten. den Alumni.« An ' . um zu begreifen. Sie würden nicht einsehen. einen Daimler-Chrysler-Hörsaal zu haben. d' h Eüte hundert Jah R" eser In lSC en Managerre uckstand hätten. ' .' seu zt er. sind unsere Studenten bei 650 bis 680. Als er m . sagt er. .. »flltern die Inder asse le wukl' h B seien eben z' I' h lC esten heraus. Jahns hält viel von dem GMAT. sie b el uns d' ab so1 .4 Jobangebote kriegen. Er ist für ihn ein verlässlicher Vergleichsmaßstab ein Mittel des weltweiten R . paSSIere.' partnern. C • Wel un ertvierzig werden genomeInlach per GMAT aus der M d" «. Wie kommen Sie dann zu dieser Aussage?« »Elite sind wir hier in unserem Sprachgebiet. MIt ander W fü di en orten: Wer >nur< 710 Punkte hat. bewerben sich op. Indischen Spitzenu' '" . ist r ese indischen U' . sagt Jahns sarkastisch. gepaart mit einer fatalen wirtschaftsfeindlichen Attitüde. Kein Wunder. seien zu arrogant. nimmt denn da die Wirtschaft Einfluss bei euch?< Da kann ich nur sagen: Wir sind stolz auf unsere engen Kontakte zur Wirtschaft. »Ganz . »Trotzdem sagen Sie. 157 . schimpft er. . Unsere Besten schaffen 750. I d b' .

und Lernbedingungen. Er schätzt. Fertigkeiten. Das ist üble Nachrede. n ver unden. gar einer Vorbildelite. hier würden sich die Unternehmersöhnchen einen Abschluss erkaufen. Damlt SInd immer Le' t b . in tollen Positionen befinden.« Er glaube nicht. Schreiben und E-Mails aus der. die Anzüge und die Kängurulederschuhe der Studenten. die ich hier bisher getroffen habe. Es sind aber elementare Kriterien bei der Entscheidung. eine Rolle spielen dürften. fünf Jahre nachdem sie das Studium bei uns absolviert haben. ob aus einem Abiturienten ein Student der EBS wird. »aufgewachten und enttäuschten Mittelschichk Auch Lehrerfamilien zum Beispiel wollten ihre Kinder inzwischen zur EBS schicken. an die 10000 Euro pro Jahr. dass er sich seinen Abschluss hier erarbeitet hat. »heißt für Sie also nicht. die das Studium kostet.(( Seine Studenten würden schnell begreifen.lch mit dem Elitebegriff verbunden. in Beratungsfirmen oder in Großkonzernen. Karriere zu machen. Wir wollen. ·h IlC es Engageme t IS ungs ereltschaft und gesellschaftb . so dass sie später in der Wirtschaft und Gesells~haft Führungspositionen ausfüllen können. sondern als ViorbildelIte. an seine Leistungsbereitschaft und seinen Fleiß und bezweifle nicht. sondern auch bereit ist. Aus meiner Sicht können dies keine Kriterien sein. Mein Block liegt bereit. . die bei der Vergabe der Plätze unter einer Leistungselite. dass Jeder. Verantwortung zu übernehmen für andere. ' . dass einem jungen Lehrer mit Kind im Jahr 59 . sondern dass Ihre Studenten gut sind und Sie Ihnen optimale Studienbedingungen bieten?« »Elite heißt für mich schon. »NeIn. Er beziffert ihren Anteil auf rund 30 Prozent im Vergleich zu knapp 20 Prozent an einer staatlichen Universität.auch vier. Er bekäme aber immer mehr Anrufe. dass man die Zugehörigkeit zu einer Elite nicht geschenkt bekomme.e an~ere leiten. »Es gibt ja den Vorwurf.definieren al so EI'Ite mch tals Lelstungselite?(( . Mein Diktiergerät zählt die Sekunden bis zur ersten offiziellen Elite-Definition. »Elite-Uni«. Mein Bruder hat gerade sein Referendariat begonnen. in denen s~. wenn Sie so wollen. der h' rausgeht. sagt Jahns. Jahns bestreitet nicht. in seinem Job oder privat. aber an der EBS gebe es nun einmal sehr viel bessere Lehr. dass sich das beste Drittel seiner Studenten massiv von dem besten Drittel der Studenten an staatlichen Universitäten unterscheide. nicht nur einler 58 fach heiß darauf ist. also fachlich nicht zu schlag~n sind. versprIcht mir Jahns d >lIeh gl b : wer en Verantwortung übernehmen. das können Sie total vergessen. sei es in mittelständischen Betrieben. die zum einen umfassende wissenschaftliche Kenntnisse haben. dass an seiner Hochschule mehr Unternehmerkinder sind als üblich. dass Ihre Studenten Elite sind. ~erantwortungsbewusstsein und soziale Kompetenz entwIckeln. wie er sagt. Elite zu sein bedeutet mehr. führen und ihnen Vorbild sind. EBSler lernen ganz schnell: Das Studium bei uns ist tatsächlich harte Arbeit. frage ich. dass sich die Studenten persönlich fortbilden. Management-Kompetenz ist für mich aber eher eIn Handwerk.« Seine Studenten. dass wir besonders talentierte Studenten als Elite von morgen ausbilden.( Ich erinnere mich an Bernds durchgetaktete Tage. Ich denke aber auch an die Autos. au e. . Das ist für m.« »Sle. Damit meine ich Menschen. sondern dass diese hart erarbeitet werden müsse.

llen Gebühren. danach erst will die Hochschulleitung wissen. Un so werden auch'm Zuk ft . sondern hätte in der Branche auch einen erstklassigen Namen. dass der Professor uns damals nicht auch noch ermutigt hat. Das Institut böte nicht nur eine sehr gute Ausbildung. in dem Bewerber nur nach Leistung und ohne Kenntnis ihrer Finanzen ausgewählt werden. Jahns empfiehlt dennoch auch den Kindern aus diesen Familien eine Bewerbung und eine Teilnahme am Auswahlverfahren. bereits seit ihrer Gründung. Gut. ob der Kandidat die Gebühren zahlen kann. dass auch Professoren unrecht haben und dass ein Job. 50 Euro pro Woche bringt. Wir waren fünfzig Erstsemester am Institut für Journalistik. wer für die Uni geeignet ist. Die opferte als Dank das. wegen der nahenden Festanstellung. als die Medienkrise über uns hereinbrach. d ass Banken J' edem der die . da die Absolventen ja in gute Positionen kämen. uren z en müssen. Im Oktober 1999 habe ich an der Universität Dortmund angefangen. sagt er. die International University Bremen (!UB).d Au n e "fu f: ahm ' pm ng bestanden hat. b'IS zum Jahr 2011 insgesamt 200 Millionen Euro in die Bremer Privatuniversität zu stecken. bezweifle ich. Zuerst soll geklärt werden. welche Zeitungen Hungerlöhne von 130 Euro für komplette Artikel zahlen und von welchen Aufträgen man leben kann. die das ohnehin ~amme Land Bremen in die private Uni steckte. Fast alle hatten gerade ein sehr gutes Abitur gemacht. sicheren Job. wenn es gut läuft. Als Resultat der sogenannten need blind admission zahlen nur acht Prozent der Studenten die v~. Jahns verspricht ghch. Trotzdem halte er das Risiko einer Kreditaufuahme für gering. 96 Prozent der Absolventen hätten unmittelbar nach dem Studium eine Anstellung als Redakteur gefunden und somit einen gut bezahlten. 61 . einen Kredit anbieten. dass manche Studenten dann beim Abschluss bis zu 50000 Euro Schulden haben. un dIe meisten seiner Studenten ihre Geb"h ah1 ledi . Auch lange nach dem Abschluss manövrieren viele zwischen Zeitvertrag und Teilzeitjob. Rdektor Jahns kennt die Geschichte dieser Fast-Pleite. Die !UB verzichtet nach Angaben der Suddeutschen Zeitung damit auf etwa die Hälfte ihrer Einnahmen aus Studiengebühren und stand Ende 2006 vor der Pleite. Eine andere deutsche Privatuniversität. Die Rettung kam schließlich in Gestalt emer Kaffeerösterei.risikofrei. leistet sich ein Verfahren. Dass das ohne finanzielle Reserven oder reiche Großeltern finanzierbar sein soll. Wir hatten gerade die Mappen mit den ersten selbst moderierten Sendungen im Uni-Radio und den Übungsmeldungen abgegeben.etwa 30000 Euro netto bleiben. Kredite aufzunehmen . reichten l~ngst nicht aus. 60 Er schätzt. den man tageweise entlohnt und nicht als festen »Personalkostenblock« an sich bindet. sobald er vom Arbeitgeber in »Praktikum« umbenannt wird. Zeitungen und Nachrichtenagenturen schmissen Hunderte gut ausgebildeter Redakteure raus. dass seine Hochschule mehr Stipendien einführen und dafür sorgen WIr. Wir lernten. auch Rundfunksender und Internetanbieter entdeckten den Charme des freien Mitarbeiters. Die 106 Millionen Euro. Ein Professor begrüßte uns und versprach uns eine goldene Zukunft. »In~ernational« im Namen und heißt jetzt Jacobs Umverslty. Wir wissen. Die Jacobs Foundation kündigte an. Die EBS-Studiengebühren fräßen also ein Drittel des Familiengehalts auf.

.. Auch den USA hat eine Studie des Education Trust gerade attestiert. schreibt die Süddeutsche Zeitung. dass die Zahl der Studenten nach einem ersten Gebührenschock meist wieder ansteigt.... und Unterschicht ihr StulUm ab. t.. trotzdem haben viele am Ende 62 Schulden in Höhe von über 30000 Euro. . 63 . In Debakel.. Im Herbst 2007 gab es ftir ~euts~hland sogar offiZiell Ohrfeigen: Die Organisation fiir wIrtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (?ECD) rügte die Bundesregierung in ihrem Bildungsbencht. verlangen chinesische Universitäten pro Jahr. .. die kein Geld für die hohen Hochschulgebühren haben. Deutschland sellm Ranking der Industriestaaten bel " ' d~r Quote der Hochschulabsolventen innerhalb von drei' . versuchen die Kosen mIt Jobs zu decke Üb ' d . trank der Vater eine Flasche giftigen Chemiedünger. m c mtt studIere In den anderen Ländern über die Hälfte jedes Jahrgangs. er 80 Prozent der englischen Stuenten arbeIten neb nh e er. Denn in Eng! d " "h Erh 0 ung der G b" h an zum BeIspIel brachen nach der auf al1em Studenten eurenM' über 4500 Euro pro Jahr vor au d I d' s er Itte . Xuefei cuiming heißen sie . . Die Opfer. dass er die Uni-Aufnahmeprüfung geschafft hatte.. weil die Gebühren. ein Bauer.. . um ihm überglücklich zu erzählen. Sie hatte die Aufnahmeprüfung für eine Hochschule in der Provinzhauptstadt bestanden. hat sich in einem Türrahmen erhängt.------~ Man müsse sich daran gewöhnen. Auf dem Land haben die Menschen im Schnitt nicht mehr als 3000 Yuan. Dort ist die Zeit nach den Aufnahmeprüfungen für die Universitäten die Zeit des Sterbens. um zu sterben. Im Wintersemester 2006/2007 fiel man auf 35. Auch die neunzehnjährige Wang Jingna trank Düngemittel.-_ _iiiliiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil . Vielleicht hilft auch in diesem Punkt der von der Wirtschaft so oft geforderte Blick nach Asien. seien die Eltern erfolgreicher Schüler. ihn aber nicht bekommen. so der Bericht I S h . Fakt ist: Seit 2004 schreiben sich in Deutschland jedes Jahr weniger Erstsemester ein. " . . . . Dass zwischen Gebühren und der Zahl der Studenten ein kausaler Zusammenhang besteht.. ßIg Jahren von Platz zeh n au f PIatz zweIUndzwanzIg abgerutscht. Er sei ein »nutzloser Vater«. . dass Bildung etwas kostet. . nachdem seine Tochter Lingling die Prüfung an einem Kolleg bestanden hatte. ärmere Studenten vom Studium abhielten. Dabei steht im Koalitionsvertrag der B~ndesregierung. Diejenige d' d ... Noch. dIe studieren. nach China zum Beispiel. die mittlerweile auch an staatlichen Universitäten im Schnitt auf 12000 Dollar pro Jahr gestiegen sind.. Mindestens 8000 Yuan. .-. auf 40 Prozent pro Geburtsjahrgang steigen soll. Das Mädchen hatte die Dorfverwaltung um einen Kredit gebeten.5 Pro. n. Nachdem Chen Li seinen Vater aus der Stadt angerufen hatte. k E' zent zuruc. sank die Zahl der Studienanfänger zu Beginn des Wintersemesters 2006/2007 um zehn Prozent. Was umsonst sei. .. Li Haiming. Ie urchhlelten. . sagt Rektor Christopher Jahns. Nachdem etliche staatliche Universitäten in NordrheinWestfalen eine im Vergleich zur EBS geradezu läppische Studiengebühr von 1000 Euro pro Jahr eingeführt hatten.. dass der Anteil der jungen Menschen. sei oft auch nichts wert. dass die Universitäten des Landes stetig »reicher und weißer« würden. n. Rund 1300 Euro hätte sie an Gebühren zahlen müssen. sagte er vor seinem Tod. weil er die Gebühren nicht zahlen könne. bestreiten die Bildungspolitiker und verweisen darauf. .. Das ist das Jahreseinkommen eines Durchschnittsverdieners in der Stadt.... gut 800 Euro.die »Schulgebühr-Selbstmorde«.-..

liegt der Maximalsatz bei mageren 585 Euro. ist bei denen ganz klar. Wir haben uns hier einfach nur am Mittelmaß ausgerichtet und hatten ein total falsches Verständnis von Gerechtigkeit...------------------------iiiiiiiii-------. Überlegen Sie mal. vielleicht noch drei Hochschulen hier. Das wird Joe nach finanzieller Bedo·rft° keit bezahlt. Und das empfindet man auch als gerechter. dass »Elite« in Deutschland so lange ein Schimpfwort waro Klar. ob das so organisiert werden muss. Das ist eine Katastrophe. dass einige ihrer Hochschulen Elite ausbilden.erenzieren und gestaffelt zu fördern.« Mehr Wettbe b . wie wir das machen . nicht von weniger Betuchten immer mitgenommen werden musso Dadurch richtet sich automatisch viel am Mittelmaß aus. »Ich finde es so traurig. Was passiert denn heute? Die richtig guten Leute. Das ist hier so lange verpönt gewesen. Wenn ein System dem Schwachen die Chance gibt..oOb Jahre hab ' rage u er zwanzig oder dreißig en wollen Se· W·· und chan'" th ..__. dass der Schwache . BAföG beantragen. zwei.. wie den Schwachen auf ein Mittelmaß zu bringen. Natürlich habe ich diesen Exkurs in dem Gespräch mit Rektor Christopher Jahns nicht unterbringen können. A u fD eutsch: eme komplette Ent0 0 0 bürokratisierung der Hochschule. Er will noch mehr Stipendien organisieren und ~nsc~t sich.. zu finanZIeren.. dass die Gebühren seiner Hochschule Studenten aus ärmeren Familien abschrec~~n. dem Schwachen zum Mittelmaß zu helfen. Da der Bund diese Hilfe seit Jahren nicht erhöht hat. Die Uhr lag schließlich zwischen uns. wir haben unsere Vergangenheit. me unsche: change the system oe e culture. die Literaturelite dort an diesen Universitäten entsteht. Man hat hier viel mehr den Willen. Gerechtigkeit heißt. Ich wohne in der Schweizo Und obwohl die Schweizer eher reserviert sind.--------. ihr Studium anders. jeden nach seinen Fähigkeiten. als den Guten weiterzubringen..« »Was war das für ein Verständnis?« »Unser Verständnis ist. BAföG ist ja nun kein Leistungsförderungssystem. oder erst einen Beer ernen. Das ist eine Bankrotterklärung. dass sie stolz darauf sind. So könnte man die Wirklich Best en dBAfoG-Berechhgten raussuer · · chen.ohne Differenzierung von Angeboten. die gehen einfach ins Ausland.« 0 0 I ii O »U~d die anderen dann gar nicht?« »DIe müssen d ann versuchen. nennt Jahns das. Und deshalb 65 64 . und deren Studium d k omplett fördern. Davon kann kein Student leben. wie viel Geld da u Ig pauschal ausgegeben wird. von P c wer 1st seme Kernidee. Damit habe ich ein echtes Problem... Leistungsgedanke statt Besitzstandswahrung. ruf I S O . Und Nordrhein-Westfalen. Es wäre besser nach Leistung w~ffi ' 1 . die sich anders organisiert haben. und die anderen.le b esten zehn Prozent etwa. Er hätte die Geschichten aus China sicher zu Recht für etwas radikal gehalten. zurechtzukommen. un »B~föG kriegt ja eigentlich jeder. Für mich ist das ein falsches Verständnis.ich spreche von weniger Begabten. Deshalb will Jahns das Geld b·· deIn und dIe Zahl der Empfänger reduzieren. deren Eltern wenig Geld haben. Und das stimmt mich echt traurig. dass das deutsche Fördersystem umgebaut WIrd. die Politikelite. finde ich das sozial richtig. Dass die Wirtschaftselite.. Die Frage ist. BIslang können Studenten. Im teuren Oestrich-Winkel schon gar nicht.. die wählen vielleicht ein. die halbe Stunde lief.----------... England und die USA? Christopher Jahns weiß.. also auch den Guten besonders zu fördern. Jahns hält wenig rOlessoren die Vert .. al so au f eIgenes Ri ik .

man müsse das ganze Gerede von wegen Topstudenten und Elite mal ganz gelassen betrachten. kein schmucker mit Metallgewölbe wie der Frankfurter. die eine Gesellschaft voranbringen. agt er. DI'e' smd trotz ihrer Klamotten Ziernli ch . Das sind die. damit ich meinen Zug noch bekomme. der guten Stube von Oestrich. das vor der Kneipe parkt. dass dle Arbe't . zusammen. fragt der andere. »Sechzeh St d 1. Dann ertönt die Durchsage. Ich füge mich. aber auch mehr Verlierer gibt?« »Da kann ich nur provokant sagen: Pech gehabt! Es gibt eben Unterschiede. und sofort bin ich in einer anderen Welt. und ihre Sicht auf die Welt ist nicht so schwarz-weiß wie die ihres Rektors. frage ich ihn. einsames Backsteinhaus. und mit drei66 ßig Jahren stirbt man an Herzinfarkt«. Einer der Jungs trägt ZWar eine Sportjacke. sagt er. Sackgasse. im Rautenpullunder und mit zurückgegelten Haaren. sagt er. wie soll ich dann den Kredit zurückzahlen?«.. . Er will Familie. underttausend Jah pro r verdienen. sondern aus der Kollektion des amerikanischen Designers Hilfiger. Er lässt mich raus. aber die ist nicht von H&M. die Tür fällt hinter mir zu. Ich renne ums Gebäude. 67 . Ei~er finanZiert sein Studium über einen Kredit. Wir müssen die Leistungsträger heraussuchen. Sie sehen nicht so aus wie die Jungs. n mc t Aufschneiderei ist. ass as Gerede von den 16-StundenTagen Realität u d ' h . und seine Kinder auch mal sehen. Vler . rüttle an der Tür. an dessen Wände Jugendliche mit Edding ihre Liebesschwüre geschmiert haben. rüttle wieder an der Tür. Es ist ein stinkendes. Dieses Gebäude gehört zur Bahnhofsunterschicht.« Am Abend sitzen wir in der »Krone«.müssen wir einfach auch mit der Förderung der Guten richtig Gas geben und denen sehr. das einen jungen Investmentbanker erwarten kann. schreit der Bahnhof. Es sei nicht so. bis nach Mitternacht azusltzen.. wenn es dann zwar mehr Gewinner. kl 1 Immer nottg und sinnvoll gewesen sei. Auch ansonsten ist hier alles etwas gediegener als in den Bars in meinem Viertel. Um die müssen wir uns auch intensiv kümmern. Zwei Praktika bei Invest mentb anken hat er bislang gemacht und dort gem kt d d er . Der Student. Trotzdem ist schon nach der ersten Runde zweierlei klar'. Es gehe oft s W' h d d' c IC t arum. Dann erzählt er. die es übrigens in allen sozialen Schichten gibt. dass mein Zug sich verspäten wird. normale Jungs. laufe zurück. Es ist kein Glas. stehe vor einem Zaun. dass er so ein Investmentbanker-Leben nicht will. sagt. der neben mir sitzt. akzeptiere die verschlossene Tür und starre sie während der nächsten Viertelstunde an. Ich werde nervös. Ich renne die Treppen hoch. Ich will zum Gleis. doch die ist verschlossen.« Kurz nach diesem klugen Satz springen wir beide in sein schnelles Auto. Vier von Jahns Studenten und ich. wäre ich nicht hier. Am Nebentisch empfängt einer ihrer Freunde gerade sein Date und raucht Zigarre. wenn es au . »Ich bin durchschnittlich intelligent und überdurchschnittlich ehrgeizig und fleißig«. Er rast in den Nachbarort. mit denen ich sonst abends weggehe. »Aber wenn ich es nicht mache. fasst sein Freund das Leben.ft h n un en pro Tag arbeiten. Laut Plan fährt der Zug in dieser Minute ab. »Öffnung erst vor Ankunft der Züge« lese ich. »wenn sich DeutscWand dann drastisch verändert.und StaWtempel wie der Berliner Hauptbahnhof.« »Aber was ist«. »Aber wenn meine Eltern sich das hier nicht leisten könnten. sehr gute Bedingungen liefern.

Es geht weiter. Im eppnetz soll ein E dk I F" ..als G W 'd klel et . Wenig später strich ich in unserer Lokalzeitung meine Artikel an und addierte ähnlich zufrieden das Zeilengeld. Seit ein paar Monaten em eng~giert er sich in mehreren Gruppen. Automatisch versuche ich.. auf Selbstverwirklichung und sicher auch auf ein bisschen Faulheit zu verteidigen. so wird ihre Botschaft laut en. Eindri gl' e Ich mIch hIer wie ein neoliberaler n mg. es gibt eben Unterschiede? In diesem Moment surrt die Tür... Theo war gera de aufemer Konferenz m Bonn ' .. Hanna lernt in der Biblioth e. Manchmal fühl' . wenn ich höre.... gebückt von Reihe zu Reihe laufen. das im Großen und Ganzen nach den kapitalistischen Regeln des Marktes funktioniert... Statt aufzuräumen. die ist da.. die falsche Tür benutzt und plötzlich nicht mehr weiß. Kurz nach meinem fünfzehnten Geburtstag habe ich im Kino unserer Stadt angeheuert. Mit dem Boot wollen AktiVIsten ."----------__.. ohne zu stören abrechnen und kassieren. Ich habe nichts gegen Leistung und auch nichts gegen ein System. Wir bekamen keinen festen Stundenlohn. . Abgesehen von den knarzenden Holzdielen ist es ruhig.Pech gehabt. sondern vermeldete auch stolz meinen Kontostand. denen es besser geht. Trotzdem reagiere ich reflexartig abwehrend.. da einfach sagen: Verlierer . Ich darf aufs Gleis.. Wenn es sinnvoll ist..durch eorge . Ich arbe't 1 e gerne.. überlege ich. Ion rauc t. Bush und Angela Merkel verd R SchI as ostocker Hafenbecken fahren. e r uge zappeln.. »Es ist eine Sache. Wir mussten die Bestellung in einem Korb ins dunkle Kino tragen. wo er ' F' h . .... dass er unverkrampft in den Wettbewerb um Leistung einsteige. zum Thema Grun d' kommen. IIIIIIIIIIII.. . das ich bekommen würde. .__ Was ist. eine Art Grundrecht auf Gleichheit. sondern wurden nach Leistung bezahlt.. dass meine Arbeitstage ähnlich viele Stunden haben wie die eines Investmentbankers. nachdem das Honorar eingegangen war.. meinte er. Ich sitze in unserem WGWohnzimmer an dem langen Holztisch. s WIe Immer mit Toms und meinen Zeitungen bedeckt. das er fü r eme Protestakt' b h . setze ich mich mit Rechner und Kaffee lieber an das etwas wacklige vordere Ende.. Im Lauf des Abends habe ich das Geld in meinem Portemonnaie immer wieder durchgezählt und am Ende meine Scheine entgegengenommen.. wie man wieder rauskommt? Können die. .. den Theo vor Jahren auf einem Flohmarkt gefunden hat. »Und da gibt es Gewinner und Verlierer... d'Ie Jungs smd seIt gestern m Ihren k " . und die nehme ich an«. die eine solche aSIsversorgung fü 'd B" "b 1 r Je en urger durchsetzen wollen... Zlffimern. dass wir mehr Wettbewerb brauchen.-. Immer wieder kommt es vor. . Dort konnten die Zuschauer während der Vorstellung über eine Telefontastatur Popcorn und Getränke ordern.mal 69 68 . verkündete ich meinen Eltern nicht nur den Sendetermin. in den Zug.-IHW'i_----. Bernd hatte gesagt.~~_.~ GEWINNER UND VERLIERER Es ist zwei Uhr nachmittags. wenn sich so ein ganzes Leben anfühlt? Wenn man irgendwie am falschen Ort landet. dass wir die Spitze fördern und Verlierer in Kaufnehmen müssen.. der mich nach Hause fährt. em ISC erboot mieten kann. Jan u er egt. .. Zehn Prozent unseres Umsatzes durften wir behalten. Als ich meinen ersten Fernsehbeitrag fertig hatte.. auch B nachts oder am Wochenende. . »Die Welt in den angen WellIger M" h ' ac tiger«. Die hintere Hälfte i t ' .

waren d ann nicht wir. Glücklicherweise ist Michael Hartmann noch da. was nach seinem Praktikum kommt. . die ich bislang getroffen habe. sondern von anonymen Globalisierungskräften diktiert werden. spotten die meisten. Ein and~rer erzieht sein Kind und hat lange gebraucht. der intelligente. dass der Mann. um ganz zufrieden irgendwo im Mittelfeld leben zu dürfen. den viele. nachdenkliche Vater: Wieso sollten sie Verlierer sein? Ausbildung beendet. . der nach Professor aussieht. ass eIn Wettbewerb begonnen hat. schon gegangen ist. rem WG-Tisch stets eInIg. ss en WIr alle umdenken. mein cooler großer Bruder. mal ist man Verlierer. der mir heute diese Fragen beantworten könnte. Aber selbst wenn ich diesen Bedarf. Mein Bruder auch. dass seine Forschungsergebnisse auch von der Wirtschaft akzeptiert sind. Denn jemanden. über Bernds Ehrgeiz. en Wir akzeptieren d . dass ihre Anstrengungen nicht mehr reichen. über Marios platte Sprüche. Hartmann ist Professor. Über die Schnösel im Anzug. t. finde ich weder vor noch in dem als Treffpunkt vereinbarten Berliner Cafe. dass er in der Wissenschaftswelt fast unumstritten ist. wenn wir scheitern. dI: Umstände. bekennender Linker. dass er für die letzten Semester bezahlen musste. um im Kampf um Anteile an der Weltwirtschaft punkten zu können. Heute haben viele meiner Freunde Angst. die ich bisher getroffen habe so mühelos und überzeugend ver k" ' . nach unten. Er ist so unmodisch gekleidet. 70 in dem die Regeln nicht mehr ausdiskutiert. Liebe gefunden.ist man Gewinner. Keiner glaubt. dass es fast wie ein Statement aussieht. eine Leistungselite zu formen und zu fordern. fragt mein Freund. Ie welle an solchen Rechtfertigungen für dIe eigene B' afi' . dass solche Hochleistungsleben glücklich machen. Der Mann. akzeptiere. d er ungute Verdacht· d '. Sind sie Verlierer? Für mich nicht. Schuld. Vielleicht braucht ein Land wirklich eine Art Auswahl. sondern . reichte das. Als ich mein Fahrrad anschließe. ' ass WIr VIelleicht selber schuld SInd. die Ungerechtigkeit. S" dass mIt ihnen auch d' Z '1: I . Kind erzogen: Als meine Eltern jung waren. bleibt die alles entscheidende Frage: Wem soll dieses Privileg zugutekommen? Für welche Leistung bekommt man im Leben Punkte gutgeschrieben? Und wer maßt sich an. wie 71 . Schiedsrichter zu sein? Wer rechnet am Ende ab und schickt vielleicht Bemd und Mario in die Champions League und uns in den UI-Cup? DER LEBENSLAUFFORSCHER Ich bin spät dran. eine Elite also. Vielleicht mü t . darin sind wir uns an unse" . der neoliberale ZeitgeIst. Er steht neben einer kleinen abgewetzten Ledertasche auf dem Bürgersteig. Er hat nicht. Ein Freund weiß nicht. Ungewöhnlich ist. 0 uberzeugend allerdIngs.. »Aber was ist«. Sein blaues T-Shirt ist zerknittert. Wobei man natürlich häufiger Gewinner sein will. fürchte ich. Hartmann hat sich anders verhalten als viele andere Linke. Altachtundsechziger. mit dem ich lebe. . »wenn das irgendwann die Standards sind? Wenn wir dann gar keine Chance mehr haben?« Tom hat so lange studiert. um eInen Job zu finden. .« Als ich meinen Freunden von den Menschen erzähle. die es in diesen Wettbewerb entsendet. sein Schnauzer ignoriert jeden Trend. Vielleicht soll. orpern. IOgr e In meIn Leben getreten SInd. dass sie durchrutschen werden.

der in Deutschland zu erreichen ist. das die Masse für die Auswahl einer Elite akzeptieren würde. dass das alles Leistungs. . Hartmann ist ein Sammler. das d~hintersteckt. der guten Seite zu stehen. e1 lten SInd L .. und jeder kann es theoresc len DIese P ·d . auf der richtigen.oder Arbeiterfamilien geboren. Dann rede ich von Herrschaft und Machtverhältnis. Dieser Glaube.« nlC t mal vorrangig damit zu Michael Hartmann ist überzeugt. Eine enorme Quote. Mittelschichtkinder machen trotz des Doktortitels vor allem in der Wirtschaft wesentlich seltener Karriere als ihre Konkurrenten aus besseren Familien. Sonst macht das keinen Sinn. heIßt >Masse< auf der an. dass das eInfach nicht geht. sondern er hat die Zeit genutzt. · Pyramlde sE· h enbild ist aber falsch. man steigt Stück für ·b . Sein Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Qualifikation. d e Wir versucht. und auch in der Politik. Schichten. Nur 15 Prozent der Vorstände seien in Mittelschicht. man de ··b . vor allem weil gerade einmal 3. 5tuck auf·Es eIS ung. dazugehören kann. rede ich von einer sozialen Gruppe. aber wenn ich von Elite rede. aus denen die übrigen 96. sondern die soziale Herkunft entscheidet über die Aufstiegschancen. »Wir haben festgestellt. Das ist das Konzept. der talentiert. früher die »Elite 73 72 . Mit dem Begriff >Elite< ist aus vielen G . und ob n u erwIndet d h . das eine Spaltung der Gesellschaft vorSIehEl.« »Wl . . um Beweise zu finden. »Daher sollten Kinder aus Arbeiterund Angestelltenfamilien mit der Promotion dasselbe Maß an Eignung und Mühe bewiesen haben wie ihre Mitstudenten aus bürgerlichen Familien«. der bewusst geschaffen wurde. strebsam und fleißig ist.eIne . jahrzehntelang seine Thesen wiederholt. Ich kann mir das reIne Einzelperson alles wunderschön zurechtlegen. Es muss Immer die anderen geben. wenn versucht wIrd. Der Begriff ist von s:Iner Herkunft und Verwendung her eindeutig. den Begriff sozial verträglich zu machen?« »Indem man d arau fh·Inweist. . ein ganz hartnäckiger sogar. sagt Hartmann.diese. as heißt ja.sen. d run en ein Konzept verbunden. . Er hat Tausende Lebensläufe Hochqualifizierter ausgewertet und gilt als der einzige Eliteforscher des Landes. den er stolz trägt. Alle haben ähnlC t tisch haf'" ~e zungen. Der Doktortitel ist der höchste Bildungsabschluss. Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern angeschaut. c le Ich und . Er hat sich mit seinem Team 6500 Lebensläufe von promovierten Ingenieuren. Deshalb sage ich immer. sei ein Trugschluss.5 Prozent der Bevölkerung stammen. yraml gibt 1 . > lte< . dass von den Vorstandsvorsitzenden der hundert größten deutschen Unternehmen 85 Prozent aus dem gehobenen Bürgertum und dem Großbürgertum stammen«. weil Leistung das einzige Kriterium ist.un eInem ganz engen Hals.as at auch mit Leistung. t. im sicheren Glauben.5 Prozent der Deutschen dieser Oberschicht angehören. Das Gerede vom Wettbewerb der Besten sei vorgeschoben.. »Ich will von dem Begriff weg. diesen Begriff sozial passförmiger zu machen. Ein Titel. sagt Hartmann. . s 1St e er eIne Sanduhr mit einem ganz k1eInen Kopf d. obwohl er den Begriff »Elite« :leh~t. deren ~eite. gl t 1. Ein Mythos.. Anders lässt sich das nicht denken. aber nicht auss hl· ßl. Es J\. dass jeder. Die Oberschichten stellten zudem fast zwei Drittel der oberen Verwaltungsbeamten. beschreibt Hartmann seine Versuchsanordnung. h e Startvoraus eIne große Pyramide. dass die Leistungselite ein Mythos ist. Heißt es doch. h tun. t d ·.

gibt es auch schon eine soziale Schieflage. die despektierliche Variante heißt »Stallgeruch«. macht es nur noch schlimmer. 'h '" . »Dabei wird seh 'I ' . verteidige ich alle Verfahren. der entscheidet. r Vle wemger nach rationalen Kritenen . bildungsbürgerlich ausgerichtete Allgemeinbildung. der nach Regeln funktioniere. Es gibt keine Punktetabellen. Hartmann erzählt stolz von führenden Vertretern der Wirtschaft. sagt er. . entschieden als . InlOrmahonsbas' en. Wenn man zum Beispiel nach Noten geht. das Handicap einer nichtbürgerlichen Herkunft auch nur annähernd auszugleichen. risikofreudige Einstellung und seien in der Regel souveräner und selbstsicherer. aUlgrund derer sie diese Entscheidungen treffen müsse I . h" emsc atzen können..zweieinhalb Mal so groß wie die der Mitstudenten aus der Arbeiterklasse oder der Mittelschicht. wieder dorthin zu müssen. Das Elternhaus beeinflusst den Zugang zur deutschen Elite ganz direkt. erfolgt in Gesprac en. r. hätten meist eine breite. stellt Hartmann fest.« Wissenschaftler sprechen von Habitus. dass Leistung doch mehr zählt als die soziale Herkunft?« »Obwohl ich eigentlich für individuelle Lösungen bin und es mir völlig widerstrebt. In Gesprächen. die nur Eingeweihte kennen könnten.« Im direkten Vergleich ganzer Promotionsjahrgänge hat er festgestellt: Bei gleichem Abschluss ist die Chance eines Kindes aus großbürgerlichem Elternhaus. Kinder aus gutem Hause haben in diesem Spiel einfach die besseren Karten. Ein unfaires Rennen. die ihm gestanden hätten. denen SIe vertrauen d d 0 er eren Persönlichkeit sie zumindest gut. . andere erkennen sich selbst in dem Bewerber wieder und sagen: »Mit dem könnte ich ein Bier trinken gehen. meint Hartmann. ließe sich ein Prozess der »Verbürgerlichung« beobachten. 75 . Sie haben Angst davor. an denen man die eigenen Chancen ablesen kann. Persönlichkeit.alles dasselbe Prinzip: Je ähnlicher ein Bewerber dem. Die meisten. assen SIe nach Männern suchen. Auftreten . Aber alles. Letzten Endes beschreibt .und Verhaltenscodes vertraut. wie sehr diese Ergebnisse sie schockiert hätten. . . »Aufsteigern fehlt diese Souveränität.der Aufsteiger«. un le haufig außerst unsichere r IS. Der Aufstieg in die Elite funktioniert nicht nach formalisierten und nachvollziehbaren Regeln. desto besser. Die Auswahl der Privilegierten . weil die Notengebung in der Schule sozial nicht gerecht ist. Es sei wie ein Wettbewerb. was an Auswahlverfahren noch dazukommt. seien tatsächlich von ihren Auswahlverfahren überzeugt gewesen. »Der D k '. . die formalisiert sind. Statt einer Auswahl der Besten träfen die Entscheider eine Auswahl der sozial Ähnlichen.das sind für Michael Hartmann höchst ungeeignete Auswahlkriterien. die meist die "h amherende Elite ml't I ren moghchen Nachfolgern fuhrt. man gememhm vermutet«. Sie seien mit den in Vorstandsetagen gültigen Dress. .« 74 Manche Manager begründen ihre Auswahl mit dem Satz: »Die Chemie hat gestimmt«. sagt Hartmann. einen Vorstandsposten in einem Großkonzern zu ergattern. E ruc . wo sie herkommen.« »Und wie könnte man es hinbekommen. da sie formbar und schlecht überprüfbar seien. ist.« Leadership. das die. n. die von oben kommen' geWinnen müssten. eine ausgeprägte unternehmerische. sagt er. keine Ranglisten.unter dem Topmanager bel Ihren ntscheidungen steh d d' . »Selbst durch den Erwerb des höchsten Bildungstitels ist es also nicht möglich.

kann«. die B·· urgerkinder aufgrund ihrer Herkunft besitzen. . sagt er. ach wie vor ist die soziale dk man ommt. vollkomm . Ich schaue auf meinen Reiseplan: Westerham. Denn dann könnte auffallen. neue EIIten. die Hamburger . wenn es stimmt? 4? Prozent der Deutschen. denke ich. Gräben zu ziehen und in Gefechtsstellung zu gehen: Ihr da oben. sondern es wird zugleich versucht. genau wie meine Mutter. und weil ich mich bislang auch in persönlichen Auswahlgesprächen oft gut verkaufen konnte? Sieht Hartmann die Welt vielleicht ähnlich schwarz-weiß wie Rektor Jahns? Nur eben andersherum? Trotzdem: Warum spielt in der EliteDiskussion die Frage. 77 . die daraus resultierenden. weil mein Vater eine Schlosserlehre gemacht hat und mein Habitus nicht immer astrein ist? Oder nach oben. mein Bruder und ich. Zu Hause lese ich seine Studie und bleibe lange vor seinem Fazit sitzen. Das Fazit der Fors h . Mit dem ständigen Verweis auf das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit werden nicht nur die entscheidenden Karrierevorteile. sondern um die Bewahrung und den Ausbau ihrer privilegierten Position. um die Verschwörungstheorien wieder vergessen zu können. die die Schulen der Stadt 1m Jahr 1979 verlassen haben. aus der J' e USIon. Aber wo würde ich dann überhaupt hingehören? Nach unten. wir hier unten. damit die Gewinner weiter ungestört Macht und Privilegien unter sich aufteilen können. rozent recht haben. die die Diskussion vorantreiben. steht da.» InZWISCh en wissen wir: In Deutsch.Deshalb sei das mit der Leistungselite eben Unsinn. Neun Stunden Zugfahrt sollten reichen. . . . . Das kann nicht sein. dass über die Regeln der Eliteauswahl debattiert wird. eine so untergeordnete Rolle? Hartmann würde wohl sagen: Weil die Menschen. Dann wäre es höchste Zeit. land zementiert ist. immer krasser werdenden Unterschiede in Macht und Einkommen öffentlichkeitswirksam zu legitimieren. entscheidend für den gesamten Lebenswe 101 g. ein bisschen sogar nach Verschworungstheorie. schreiben sie. lässt sich aus der Studie nur eine Schlussfolgerung ziehen: Es geht gar nicht um Leistungsgerechtigkeit. Er schreibt: »Wenn Manager und Politiker ein Ende der Gleichmacherei fordern und ein Mehr an Leistungsgerechtigkeit. als er mit seiner Ledertasche zur U-Bahn läuft. In Hamburg begleitet ein Forscherteam seit über zwanzIg Jah ren das Leben von Menschen. wer dazugehören soll und wer darüber entscheidet. Es klingt zu sehr nach Verschwörungstheorie. die de al n ten gleIchen. ec antel der Leistungsauswahl brav . dass sie diese Regeln in ihrem Sinne gestaltet haben. weil mein Vater inzwischen studiert hat. Dann nehmen wir in 76 einem von Beginn an unfairen Wettbewerb Verlierer in Kauf. Iand 1st das eine 111' N · SchICh t. Gleich ballst du die Faust und singst die Internationale. d . . Elite-Akademie.« Das ~ingt nach Klassenkampf. c er 1st em euhg: »Früher haben wir wIrklIch gegla bt d u . ermahne ich mich selbst.« Forsch er und die 49 P nenn Hartmann. d ass d·Ie SOZIaIe HIerarchie in Deutsch. Außerdem ist es für solche Schlussfolgerungen nach Recherchen bei McKinsey und der EBS viel zu früh. en Ignonert. ass man durch Bildung aufsteigen . die Privilegierten in der Gesellschaft. schreibt die Zeit im März 2007. . Aber was ist. kein Interesse daran haben. dann produzieren WIr unter dem D km . smd überzeugt.

h b . 2600 Euro bezahlen sie dafür. die im typischen Kleinjungenschnitt in gerader Linie kurz über den Ohren enden. eIn Schulsystem zu had . als ich meinen Koffer zu Carls Auto ziehe. • ren.DIE ELITE-AKADEMIE Bayern ist in puncto Elite das. .« 78 Ich bin gespannt. Der Junge mit dem Sweatshirt ist einer mit »Führungsanspruch«. Sie zeigt mir mein Zimmer. denn von Elite J emer zu sprechen getraut. I c·· Bayern Im Mai 2005 in Kraft getreten ist und für das sich alle bayerischen Ab·t . als wir wenig später aus seinem alten grauen Golfsteigen. ku s H uber am Telef. die noch längst nicht so erwachsen klingt wie Bernds. »Nimm ihren Koffer. Carl ist einer der Auserwählten. trägt ein Sweatshirt mit Aufdruck. Draußen sind 25 Grad. unterbricht Alexa meine Gedanken. on In reitern Bayerisch erklärte. zu dem einundzwanzig EIItestudiengänge d h un ze n Doktorandenkollegs gehöo. . Man könnte den Freistaat die Heimat der Eliten nennen. die Carl und die anderen besuchen. Bayern München hat gegen Arminia Bielefeld verloren. »Musst dich schon ein bisschen schick machen. den ich kennenlerne. Respekt. die die Elite-Akademie besuchen. Meine Reise nach Bayern ist an diesem Punkt der logische nächste Schritt auf der Suche nach der Elite. Sechzehn Wochen. bis zum Waldrand. d as In . Wie mir Akademie-Sprecher Marb . wie sie ein Unternehmen zu leiten haben. der gerade siebenundzwanzig Jahre alt geworden ist. was es im Fußball mal war: unangefochtene Spitze.Der Weg zur Leadership-Excellence« oder »Führung mit christlichen Tugenden« heißen die Seminare. Und schon v J h . vorbei an Zwiebeltürmen. »Da ist der siebte Jahrgang mit einer großen Party verabschiedet worden. hat sich ·a k . auf zwei Jahre verteilt. . or aren grundete der Freistaat eIne eigene Elite-Akad . habe vorher extra mein weißes Cordjackett in die Reinigung gebracht. Es ist das erste OktoberfestWochenende. Ich bin vergnügt. Parallel zum Studium soll ihnen hier beigebracht werden. dass Carl. sieben Durchgänge bislang. wenn es stimmt.« Ich rechne: dreißig Studenten pro Jahr. Vielleicht sind es auch die blonden Haare. »Gestern hättest du da sein sollen«. was Huber mir vorher über die Studenten erzählt hat. Auslese gilt als wichtig und . Wir sind durch kleine Straßendörfer gefahren. und ist ZI·el d es» El·telord erungsgesetzes«. Denn Carl. Gut sechshundert Kilometer liegen zwischen Berlin und Westerham. als würde ich in ein anderes Land reisen. hatte mein Freund gesagt. Vielleicht liegt es an seinem Pulli. »Führen. ben.etzwerk. sind sie hier im kleinen Westerham. . wenn du die Elite besuchst«. Vielleicht ist es die Harry-Potter-Narbe zwischen den Augenbrauen. wo nur noch ein paar Lichter leuchten. »Wir a en provoziert da al . vierzig Kilometer von München entfernt. das Maß aller Dinge. viel jünger aussieht. wann 79 . Sich-Führen und Sich-fuhren-Lassen . Und nun bin ich overdressed. »Willkommen im Schullandheim«. Bayern war schon im mer st 0 Izarauf. m s mit dem Begriff. Und doch ist es. sagt Carl. Carl«. I unenten bewerben können die mindestens die Note 1. I e. erklärt mir. Überall sehe ich Dirndl und Lederhosen. Die bayerische Elite hat also durch die Akademie zweihundertzehn neue Mitglieder empfangen können. sagt Carl. einem Dorfin der Nähe von München. ernie. der erste Vertreter der bayerischen Elite.3 geschafft haben. In dem Leistung zäh°It. Das Land leistet sich ' zudem ein teures Eh N . sInnvoll. Oder es ist die Stimme.

Ihm ging es nie schlecht. Ich fühle mich wie in einem Landhotel. sie sind herzlich. frage ich. ist schon d a. ob man nicht Straf. Früher hat er Pfadfinder durch die Wälder geführt. sagt er. als wir gemeinsam zum Restaurant gehen. »Ja«. le . Das spare Zeit und Geld. »Aber Ich fim d e es nicht gut d d' Akademie sich selbst so . Carl und Alexa sind wie fast alle Studenten. die mag er nicht so sehr. als es der WG-Waschmaschine je gelang. ~nt. die gern über Elite reden. denen es nur um die eigene Karriere geht . Ihm geht es darum. wie er sagt. denn so heißt Carl. der Ungerechtigkeiten schlecht erträgt. »Was ist deine Idee?«. Gutes tun. die ich in den nächsten Stunden treffe. jetzt betreut er im Sommer junge Menschen mit geistigen und körperlichen Behinde81 . d' fü" r mIch entscheIdenden . Die bekämen nicht nur zügig recht.« Carl will als Trainee bei der Deutschen Bank einsteigen. Wer Geld verdient. der sich für andere einsetzt. Sein Jurastudium an einer Privatuni kostete über 30000 Euro. sagt ein Student. möchte. die weißer und weicher ist. seine Ziele sofort als vorgeschoben. als es für uns nötig wäre«. . der große Trend aus den USA. als naiv abzuqualifizieren. ere zu engagIeren«. der Ackermann-Bank »Da hast du dann ja viel zu tun«. nicht nur nett. die Berater. Stiftungen also. H"fl' h macht er mich mit den anderen be0 lC ruckhaltend und überlegt. zu untersuchen. Carl ist einer. dafür möchte ich kämpfen. lache ich. Ihm graust vor Menschen. Jahrgangssprecher und charmanter Chauffeur. Vierantwortung zu überneh'ßt men. der Spross eines alten Adelsgeschlechts. Das gefällt mir. ass le nennt. Durch riesige Glasfenster blickt man in Richtung Wald. d re es. In meinem Zimmer finde ich lasierte Holzmöbel und Wäsche. Carl prescht nicht nach vorn wie Mario. trotzdem widerspricht er sich manchmal in zwei Sätzen drei Mal. Während seines Studiums hat er in St. die Absolventen der privaten Wirtschaftsunis. unterstütze ich ab sofort die Inhalte der Akademie. denke ich beeindruckt. Bayerische Elite-Akademie . »Eigentlich ist das hier viel schicker. So kontert man Idealisten doch immer aus. bloß mit allen Fragen zu ihr zu kommen. Bescheiden sind sie also auch. Wenn das die christlichen Tugenden sind und sie später ihre Mitarbeiter ähnlich behandeln. dass Nächstenliebe auch in der Wirtschaft und Politik zählt. sich um sie kümmert.und wo es Abendessen gibt. Warum nicht? Carls Stiftung wäre die »Von-TippelskirchFoundation«..da hatte ich prunkvollen Barock erwartet. Dieses Haus aber ist schlicht und stilvoll. Besser wä . sich für a n d . rIese Emschätzung wohl akzeptieren 80 würde? Denn die anderen.« Von wem Ca I d' . und ermahnt mich. »Aber soll man deshalb aufgeben?« Wie billig von mir. sagt Carl ernst. wenn andere das über uns sagen WUr en. denke ich. Jetzt promoviert er in München. »Ich möchte christliche Ideale vertreten. Besonders schwer tut er SI'ch d amlt. Pauli bei einer kirchlichen Rechtsberatung geholfen. sondern auch schnell Entschädigungen oder Schmerzensgeld. soll Stiftungen gründen. Carl. sagt er und wäre gut für die Opfer.und Zivilprozesse in vielen Fällen zusammenziehen könnte. Er ist zu- ~ragen zu beantworten: »Was ist Elite? Und warum gehört ihr dazu?« »Elite sein' das h el.Karriere ohne eine große Idee dahinter. Auch das »Schullandheim« gefeHlt mir sofort.

dessen Namen ich nicht nennen darf. sagte er. dass ich nicht mehr drankäme. würden wohl Leute sagen. »Wir haben schon einen Grundkonsens an Werten. faul dabeisitzen. dass sie niemals allein mit Journalisten reden und aufkeinen Fall ihre Visitenkarte abgeben s~llen. das viele Führungskräfte so unerträglich macht. ist der Text des neonfarbenen Flyers der Akademie. . wie die Leitung den Begriff definiert.« Höflichkeit.« Endlich erfahre ich. .. die es schlecht mit ihnen meinen. . sagt sie.« Ich denke daran. dass ich gern die Letzte in der Reihe der Vortragenden war. die gerade d relUn d zwanzIg Jah re alt . motivierten Menschen gleich eine Elite macht. »Alle hier engagieren sich«. um aufgenommen zu werden. h . »Eher wirtschaftsnah und sehr brav«. Was aus klugen. eine höhere Leistungsbereitschaft. M' Frage »Was heIßt denn Ebte?« . in der Hoffnung. Lust an einem offenen Interview austreiben.« sich gleichzeitig bei der Jungen Union engagiert und eine Computer-Community für sozial benachteiligte Jugendliche organisiert. bei denen andere die Arbeit gemacht haben. Brav und bescheiden. neben gesellschaftlichem Engagement auch überdurchschnittliche Leistungen in der Schule und an der Uni vorweisen muss. »Das muss man. Ab hl . Einer. erzählt mir ein Student. fleißig und vernünftig. Seit 1968 habe die Jugend Werte wie »Selbstverwirklichung« und »Engagement« hoch83 FIT FOR MORE? Qualify! Enter! Was klingt wie das Intro zum nächsten Level eines Videospiels. steht hier nicht.= rungen. Aber Anne ist schon sieben Themen weiter. wenn jemand an die Medien geht«. der reinwill. dass die Studenten hier auch zu einer »Elite der Menschlichkeit« erzogen würden. Das Mauern und Schweien gih . »Im besten Fall haben Sie später im Unternehmen eme Kultur. Gerade hat der Pressesprecher eines großen bayerischen Unternehmens. An der Uni nicht. ' lC mltsc reIben kann. versteht es jeder. Alle. »Wenn ich zum Beispiel >Five-Forces-Modell< in den Raum werfe. gut zu repräsentieren. die ich anspreche. ist sein Patenkind. dass der. das gäbe es hier nicht. Elite unterscheide sich von anderen durch eine höhere Leistungsfähigkeit. meint. das mulmige Gefiihl bei dem Gedanken an einen ständigen Wettbewerb. Sie erklärt mir gerade. »Ich kann auch in Debatten ein viel breiteres Wissen voraussetzen«. sagt Carl. die 82 . Da ist es wieder. Nicht einmal. Als Merksatz schärfte er den Studenten ein: »Journalisten sind brandgefährlich. Die Elite des Freistaats scheint die »pragmatische Generation«. wie die Macher der Studie »Jugend 2006« die bis Fünfundzwanzigjährigen getauft hat. will ich sagen. eme darf Ich noch jedem von ihnen stellen. ist nen bislang fremd . An der Uni habe sie schon oft erlebt. Ich erinnere mich. wie konsequent Pressesprecher Managern dIe . Ich frage also weiter. . Respekt und Bescheidenheit habe ich ja schon genießen dürfen. die anderen würden so lange reden. kichern. Da steht. die negativ sanktioniert.. den Studenten beigebracht. nichts tun. Das glaube ich ihr auf der Stelle. ein geistig behinderter Junge. ist erklärt. Zum Glück ~~ben earl und die anderen diese undemokratischen Lehrsatze noch nicht verinnerlicht. und gerade ihren sc uss m »Inter t' al na Ion em Kapitalrecht« macht. Anne. 1st lß Deutschland d d ' b un en USA aber schon mehr Studiengange elegte als' h . dass manche sich bei Gruppenprojekten mitziehen lassen. ' . dass ich schon Gruppenreferate gehalten habe. die außerdem begeisterte Tangotänzerin und -lehrerin ist. Lass den anderen doch das bisschen Faulheit.

Wer im Job so viel leistet. Wer »Elite« sagt. sagt er. ) durch unerschütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und Rechte. als wir nebeneinander auf einem der Cordsofas sitzen. 1· h ° na ur IC meine LieblingsgrafIk. pragmatisch und optimistisch. Stattdessen erlebten Werte wie Leistung. nur 22 Prozent glauben.. Revoluzzer. es werden fleißige. Wählerwanderung. Aber schon jetzt. McKinsey werden die Ergebnisse gefallen haben: 73 Prozent sagen. Werte wie Fami~ie. Aber es wird ja auch niemand dazu gezwungen. Interessen. der unantastbaren Integrität und (. Orientierung und Avantgarde. Rambos und Jammerlappen suche man unter den Jugendlichen vergebens. ~at gemeinsam mit dem manager magazin die Ansichten Junger Menschen untersucht. k emle ann von Wahlbegeisterung .(( Die niedlichste Geschichte über Werte erzählt mir ein Student abends. Nur 39 Prozent der »pragmatischen Generation« interessieren sich überhaupt für Politik.h d DlC t le Rede sei U k ·au h t il. moralisch integre und verantwortungsbewusste zukünftige Führungskräfte sein. »Mit dem Wolfgang«. Vielleicht servieren sie ° b· d er letzten Bundestagswahl. We die G o. »Zwei Paare bei sechzig jungen Menschen. ihr Traumjob sei ein sicherer Job. Bosheiten und Torheiten der Menschen einnehmen. lobt die Zeitschrift. Ich vermute. n. »Die Erwachsenen von morgen sind leistungsbereit. Beim Abendessen ist das große Thema die BayernReise von Papst Benedikt. Sie würde sich auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam reifendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das Ganze. die zur °ß ass · . Das Hemd.« Auch mein Fast-Arbeitgeber. • in d L d runen m Mecklenburg den Einzug en an tag verp asst h ab en. nur eben mit besseren Leistungen. Leidenschaften. dmeme Freunde Jetzt 1ll derWG vor dem B h Kanapees und Sekteamer ocken. hocke ich allein vorm Fernseher.. Ich wel. d·le Hochrechnungen mit im besten Fall f" d s an Ig wechselnden Mehrheiten das amtliche ' Endergebnis und t O. sehnt sich privat offenbar nach ein bisschen Ruhe.. die hier in einem Jahr ihr Abschlusszeugnis. m urz nach sechs hatte einer geJ c z. erzählen sie mir. schreiben die Jugendforscher. meint doch auch Vorbild. achtundvierzig Stunden pro Woche arbeiten zu müssen. Auch in diesem Punkt scheint die Elite nichts weiter zu sein als Repräsentant des Durchschnitts. oder? Der Nationalökonom Wilhelm Röpke hat gesagt: »Eine wahre Elite würde eine Stellung über den Klassen. »Es gibt hier gerade nur zwei Paare(. um o o 18 Uhr 11 bei der ersten Hochrechnung. die Unternehmensberatung McKinsey. Sicherheit und Macht. schreiben die Forscher.« Ich schaue über85 84 . Einige Studenten haben ihn getroffen. Aber reicht das? In dem Wort »Elite« schwingt so viel mehr mit als in der funktionalen Beschreibung »die besten zehn Prozent jedes Jahrgangs«. Im Schnitt erwarten die Studenten. An diesem Abend wird in Berlin und in MecklenburgVorpommern gewählt. ihr Elite-ZertifIkat. Treue oder Religion sind der »pragmatischen Generation« so wichtig wie kaum einer vor ihr. Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz nun eine Renaissance.« Sicher. sich Elite zu nennen. Das sei jetzt vorbei. erhalten werden. das der anhatte. schon mit fünfundsechzig in ~ente gehen zu können. Das fInde ich schön. Wie el An der Elite-Akad . »hat er sogar zwei Minuten geredet. Ich liebe Wahlen: den Countdown Vor der ersten Pro gnose. das ist viel verlangt. gehalten.. Die Zeitschrift Karriere hat im Jahr 2006 über siebenhundert Oberstufenschüler nach ihren Träumen und Zielen befragt. hängt er jetzt hinter Glas.

dann würde die deutsche Wirtschaft funktionieren. " den ~~o Woche zu arbeiten würde mich stören. SIC.und meine. Ich ahne. müsse man den Eindruck gewinnen.t d moment zIemlIch fremd.« D' bayensch e ElIte 1St also eme treue. sondern eine Art neuen Adel zu begründen.« Ich blicke auf Franz Durst. . Die Elite Ier WIrd von Gre' k" . h . »Trotzdem sind hier all e beIl'h ren aIten Partnern geblieben und . der ihn vom Stuhl fegen kann.eIgenen Grabschaufler ins Haus. en. vielleicht auch schwierigen Kandidaten eine Chance zu geben. sagt Christine Hagen.»Und mehr Frauen wären schön«. m d em SIe. »Man muss das konservative Familienbild verändern«. hätte im Gegensatz zu Adel und Klerus gestanden. Er sagt. erkl" " . Protestler und R I ' " evo uhonare?« . IS IC mIt Pr fi F 0 essor ranz Durst und Christine H d agen. selbst Mutter zweier Kinder. agt Dann fragt er »Wo . »Ich habe das Gefühl«. haben sich kein e neuen m d er Akademie gesucht. Wir . arschemIich hat er recht. . . dass das problematische Leute sind. 86 angesprochen habe. m denen Menschen aus W' h Irtsc aft sitzen. en akadem' h L' sammensitze. . ISC en eltern der Akademie. h" . sage· ich Wo h . »Vor allem hier in Bayern. wenn ein Vorstandsvorsitzender als seinen Assistenten den einstellen würde. fügt seine Kollegin Hagen hinzu.« Sie will FamilIe. Und das bedeu te. dass sich genau I'n dem Alt er... die »wirkliche Elite. h" satz Ich SIC Ja mcht die . die anecken. zu»Ich hätte gern ein bis h fessor Franz D sc en mehr Rebellen«. den sechsundsechzigjährigen Professor im schwarzen Anzug. Dachte ich B' . die Potenziale hat«. auch anderen. die sich ihre gesellschaftliche Rolle durch Begabung und Leistung selbst verdient hätten. »dass die deutsche Wirtschaft die Smoothlinge möchte. sagt er. Jetzt selen. schl" mein Freund am Telefon vor.« . sagen sie. die ihre soziale Position nur geerbt hätten. »Aber hundertzwanzig Stun. Sie seI eh rgelzlg. Elite. . »Vielleicht IS as Bayern« . aren mIr ihre mannlIchen Kollegen ' dass d'Ie Frau nun mal eine Zeit lang nicht ar. 't beIten könne. und auf Christine Hagen. wie er zur Zeit der Französischen Revolution geprägt worden sei. die Jury zu ermuntern. as erwartest du an solch einer AkademIe. Anfang zwanzig eben. Wenn man sich viele privatschulen oder teure Universitäten anschaue. dass ich wissen müsse dass seine Freundin Sozialwissenschaften studiere und 'ihm erklärt habe.« eltern kümmern . Ie »Ich werde nl' cht Karrlere um Jeden Preis machen«. die meisten Paare fanden. sagt Christine Hagen. Man holt . Aber das sei nicht so einfach. Die werden kaum nach Le uten suchen d' B" Macht d ' ' Ie zum elsplel die Verteilung von un EInfluss grun d" I' infrage stellen. . . »Wie willst du das denn sonst mach? . »Auch heute werden Geld und Einfluss vererbt«. Ie SInd uns in diese M '. begInne Ich aufzuzähl en. dass das eine extrem schlechte Ausbeute sei. »Eine Gesellschaft 87 . ? . Menschen. Ich kann mir vorstellen. Das . h d ' '. · WIssensch aft und mlen ge urt.»Knppenplatz die Groß. dass es nicht mehr darum gehe. finde ich sehr gut . Wie an der European Business School liegt auch hier der Anteil der Studentinnen bei etwa einem Drittel. mIt . Nicht die. »Das IS d'Ie Natur«. dass ich meine Rebellen gefunden habe. sagt Christine Hagen. er Mann bleibt zu Hause«. ohne dass ICh ihn auf meine Zweifel . ich sie. Aber ich bin der Auffassung. " .5 r rascht . sagt Prourst. . Dies widerspräche der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs »Elite«.. Die deutsche Nachwuchselite ist noch immer männlich dominiert.»Ware schön gewesen«. die achtundvierzigjährige Juristin im strengen blauen Rock. S· starren mich an. Man versuche. sagt Anne. zu fordern.

sondern die Verantwortung für die Gemeinschaft.WIe Komme Ich in der Firma voran? Wie bin ich in der Ka' .. vi eI G ld oston Consultlllg.. sondern an alle Beteiligten denken. die langfristig denken. SIe haben bei McKinsey unter. . in der nur Erben und nicht Leistungsträger an der Spitze stehen. was sie konkret anders machen als Nicht-Elite-Studenten. für Menschlichkeit statt profit. dIe sagen' Men h . und Thomas arbeitet inzwischen bei Marios Firma.«. b eratungen ent rnere III elller der großen Unternehmensh· d . »Ich glaube.fahren ein schickes Auto und müssen sich über ih ren Aufstieg in d W· h h '. das ist nicht leistbar. meint Thomas. sagt er.* aber. Man solle selbst viel leisten. Man kann auch integer und menschlich bleiben. r dass ihre St d un ostenoptimierung. die nicht an der Akademie waren?(. »Das Dumme ist. Ich hatte gehofft. b d gSJo an ers machen. fi" • I gen estreitet mcht. Wir suchen Menschen.u enten dennoch resistent bleiben.« Sie hoffe. Ich hoffe. nur weil man zwei Jahre vermeintlich Elite studiert hat. dass ihre Studenten zu solch einer Gesellschaft Nein sagen. »Ich glaube.. mit ihnen darüber reden zu können. »Die Studenten sollten . die nachhaltig wirtschaften wollen. fordert sie. dass man das nicht klar messen kann«. wäre eine Katastrophe. dass es ihr Wunsch sei. dass es wichtigere Ziele im Le~~n gibt als den schnellen Erfolg. dass diese Firmen ur Vle es stehen w . sagt Franz Durst offen. antwortet Durst. »Handelt ihr anders als die. Sie verdienen jetzt e . frage ich. den Studenten mitzugeben. L . Vorbild sein. Chnshne Ha b . »Die Elite-Akademie will junge Menschen mit großem . nicht unbedingt. beruflichen Erfolg und ethische Ansprüche zu verbinden.»Vielleicht kann man erwarten. Sie sind also ausgebildete Elite. hmzu.« Immer wieder betont sie. findet Oliver. bl Preis fü' Effi" as SIe a ehnt: für Profit um fast jeden !ZIenz d K . als er nor88 . Pot . kann man alles besser und alles ethisch super korrekt und wasserdicht und faiN. Verpflichtung und 89 • . bei McKinsey also. aber den Blick für S~hwächere nicht verlieren. und darf mit mir weder über seine Aufträge noch über seine Arbeitsweise sprechen. rnere spItze?«. die nicht kurzfristig den Shareholder-Value steigern wollen. aber fast fatalistisch: »Wir können nur hoffen und sie begleiten. sch neben oder bei B . wir sind nach unserer Ausbildung durch die Bayerische Elite-Akademie auf alle Fälle sensibler als andere«. Ziel dürfe nicht allein der persönliche Machterhalt sein. malerweise durchgeführt wird.« . sagt Thomas. Daher bleibt unser Gespräch abstrakt. Das klingt wesentlich bescheidener als der Dreiklang Vorbild.« Am Abend treffe ich zwei Studenten. »Das ist keine physikalische Funktion. Ir·· d enZIa lOr ern und ihr Wertebewusstsein schärfen. . bei der man sagen kann: Da kommt so viel rein und so viel wieder raus. -. Aber Oliver studiert noch. kann auch .(( . Wie genau es ihnen gelingt. immer noch freundlich. .»Wir sind verärgert über den hohen Zulauf dort«. Sie plädiert für Mitgefühl statt Ellenbogen. er lrtsc aftswelt kaum Sorgen mac en. . ' Dennoch hat sich fast ein Drittel der Absolventen zuletzt für eine Ka' . . dass wir immer die richtigen Antworten haben((. »Wir wollen nicht die Leute. sc Ie en. Elite als Vierpfl'Ichtung erleben Verantwortung übernehmen«. »Man emen Beratun . die vor drei und vor fünfJahren ihren Abschluss an der Akademie gemacht haben. Sie hofft. dass wir die richtigen Fragen stellen. sc . es wäre auch vermessen zu denken.»Sondern? f:rage ICh . Und Christine Hagen meint. fugt Professor Durst . .

Idn de~ Regi~ herrscht Hektik. h hlo Wir EI ? SIC sc Ießhcho »Wofür brauchen tern. erzählen. sehe ich die Bilder der Wahl-Nachberichterstattung. der den Titel er DISkUSSion auf d M ot h en OnItor 1m Studio bringen sollte. NPD-Funktionäre greifen Kameraleute an.« Die Frage. IS nIc t da Zwar dd • Wir le Sendung niemals ausgestraWt d werden. sagt der Moderator. Karriereoptimierung für sich selbst vorzunehmen. verändert sie sich insgesamt schon.. Der Grafiker. dass die ihre Talkshow-Vorbilder sehr gut kopieren.c---------------iiinvwrliiiiliiililllliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil_m~5üE liiiiiiiii. Wenig später ertönt endlich der Jingle. dass sie den interdisziplinären Ansatz an der Akademie schätzen. Steif stehen .. . sondern um ein Verantwortungsgefühl für Gesellschaft und Wirtschaft. 19ung«. mir Mut zum Handeln durch eigenes Handeln zu machen. blonde ~rauen tragen schwarz-rot-goldene Kerzen. »'tschuld' .·1I Verantwortung. Wenn jeder die Welt ein bisschen verändert. damit es nicht stehen bleibt. hatte Christine Hagen gesagt.-iililii• • iii~·iiii·iiiiiiiiili·~iII71iii~·1iI~iII'ilii···iiii'. »Das ist ja schön«. aber es s II t Und d halb ka 0 rotz em alles so aussehen. als wir am Morgen in den Bus steigen. »Ich glaube. Es war die. weil er mehr tue als das absolut Notwendige. die guten Ethik-Kurse oder dass sie nette Leute aus den Vorgängerjahrgängen kannten. die nebenan gepudert werden. lrieass.La how-Gäste mimen werden. Halb . wenn ein Haura ee enErw h mal di kut' ac sener vor ihr steht. -alII------. Ein anderer sagt: »Wichtig ist. sehr gutes Vordiplom und engagiere mich im parteipolitischen Bereich. war eine simple. Solche Menschen braucht das Land. »Es geht einem an der Elite-Akademie nicht darum. Bayerische Elite-Akademie. die dieses Geschwurbel auslöste. tippt sie e' 10 h fen ge d b m. Könnte man SIeren. Reicht das. Die Kamera schwenkt vom Moderator auf die zehn Studenten. den Pflichtteil. den die Akademieleitung immer wieder betont. Was pasSIert da draußen? Ich schaue aufdie Studenten. die Damen Kostüme. nur drei von dreißig ~ommen in Jeans. Werden sie sich dem entgegenstellen? Jetzt muss die Elite erst mal in die Sendung.· . gISC er Titel. der die Sendung eröffnet.« Oder: »Für mich war es nicht relevant. Die Studenten haben sich schick gemacht.« Es ist noch dunkel.. ---~.. genau dieses Engagement gefalle ihm an der Grup~e. Das macht mich zu einem guten Teil der Gruppe. eine gute Stimmung m 91 90 . fragte der Moderator die Studenten. Carl sagt. gut zu sein. Während die ersten in der Maske sitzen. Die Herren tragen Anzüge. »Aber warum sind Sie Elite?« Anne sagt zögernd: »Ich habe ein sehr. Und schon nach wenigen Minuten ist klar. Zehn Studenten die J' etzt gl . SIe Im kreIS hmter ihren Glaspulten. als ob.est t nn es ohne Grafik nicht losgehen. um den Elitebegriff zu rechtfertigen? Mal ein bisschen sensibler sein? Ein paarmal häufiger nachfragen? »Wir können nur einen Kern legen und dann auf die Vorbildwirkung hoffen«. da gehöre ich hin?« Die meisten weichen aus.!. .. tont es entnervt auS 0 0 0 0 O 0 O 0 0 dem Studio. besser zu sein als andere. Die meisten reihen inhaltsleere Luftblasensätze und politisch korrekte Floskeln aneinander. die auch mich in den letzten Tagen umgetrieben hat: »Was«. hier zu sein. Die Studenten absolvieren heute ein »Talkshow-Training«. »macht aus Ihnen Elite? Warum haben Sie gesagt. Und einer meint: »Es geht darum. »Das Thema ist eigentlich: Wozu brauchen wir Eliten?« Die Eltern fliegen also raus. Wir fahren nach München zum Bayefischen Rundfunk. für mich war es relevant. Eine ReD' IS en In erbarmt .« Einer meint.~<..« Das klingt schon wie ein Generalsekretärsstatement. h 'T' lks ' eiC .

unserem Land zu verbreiten. Er will konkrete Beispiele. wie ich es in Oestrich-Winkel erlebt habe. in der Familie«. »Vielleicht ist es schon etwas. sagt ein anderer. Aber im Grunde hat sie recht. »Und wie?«. dass sie ihren Freunden immer erst lange erzählt. wenn man im Kleinen Vorbild ist. r e er genauso handeln. Da zieht ja eine rosige Zukunft heran. die Eliten auf ihren Thron zu heben und ihnen zuzujubeln? Währenddessen hat im Studio wieder die Gruppe die Wortführerschaft übernommen.« Mein Stift stockt. Das Gespräch driftet jetzt wieder in die »Wir-sind-gar-keine-Eliten«-Richtung. Wenn das für den Fortbestand der Bank nötig sei. um in der globalisierten Welt zurechtzukommen«. Ich möchte mich nicht mit dem Status schmücken.« Will diese junge Elite den Deutschen etwa Partyhütchen aufsetzen und aus dem Land eine Feiermeile machen? Oder wollen sie sich mit Megafonen auf den Straßen postieren und schreien: »Ärmel hochkrempeln! Dann klappt es auch mit dem Aufschwung!« Hoffentlich nicht. aus denen mit den besten Vordiplomnoten in ganz Bayern die dreißig Allerbesten herauszuflltern. das helfen soll.« Und eine Studentin meint. meint eine Studentin. hatte eine Studentin etwas ungeschickt formuliert. u ommunlZleren. . durch die Akademie für die »Versuchung der Macht ethisch gerüstet zu sein«. aber wir meinen's nicht so. Die Akademie ist längst nicht in dem Maße sozial selektiv. sie wollten später Verantwortung übernehmen.« Irritiert fahre ich danach mit der U-Bahn durch München und weiß partout nicht.. a er dabei den einzelnen Menschen im Blick hab S . »Der Begriff Elite hat mich eher abgeschreckt«. aber wir haben geIernt. 92 Ich fürchte. was sie in der Akademie Gutes und Schönes unternimmt. Die anderen flüchten sich wieder in abstrakte Statements: »Die Menschlichkeit ist der einzige Weg. Viele in der Runde sagen. was ich von dieser institutionalisierten Elite-Ausbildung halten soll. dass das absolut nicht ironisch gemeint war. Die Akademie hat ein aufwendiges Punktesystem entwickelt. en. »Manche kommen aus wohlhabenderen Familien. Der Moderator scheint ähnlich unzufrieden wie ich auf meinem Logenplatz in der Regie. Daraufbereitet uns die Akademievor. lllSlshert er. die offensichtlich die Mehrheit stellt. »Ich würde auch sechstausend entl b assen. »Erst am Ende sage ich dann: Es heißt übrigens Elite-Akademie. meint einer. Die Studenten werden vor allem nach Leistung ausgewählt. Im Land der GuteLaune-Eliten werden Massenendassungen den Menschen richtig gut rübergebracht. sagt elll Student wü d . »Ich würde den Begriff meiden«. sagt einer.« elll Nebenmann assistiert: »Die Entscheldung w' d . Wenn der Naturwissenschaftler Professor Franz Durst das Verfahren erläutert. Arbeitslosigkeit als eine Folge mangelnden Willens zu bezeichnen. »Mir ist bei dem Wort Elite unwohl. Ihr Kollege glaubt. es besser z k . klingt es ein wenig 93 . und die Eltern von manchen sind Beamte. und ich fand es schon immer vermessen. »~ie sind Manager bei der Deutschen Bank. Kollektive gute Laune konnte ich noch nie leiden. Verpflichtungen eingehen und der Gesellschaft etwas zurückgeben. Wieso zögere ich da überhaupt noch. fragt der Moderator. h lf lllC t anders ausfallen. Wir sind bunt gemischt«. k~nkret anders machen als die aktuellen Eliten?«. »Würden Sie keine sechstausend Arbeitnehmer entlassen?« . Was würden ~le.

es geschafft zu hab E h b . können jedoch mit ihrer Gescheitheit nichts anfangen. Er hat sich zeigen lassen. Er wolle ein »Leistungsträger dieser Gesellschaft« sein. als sie von der Schule aufer!egt bekommen. in der auch Wirtschaftskriminelle einsitzen.« . Aber den meisten nehme ich.. . die Karriere machen wollen und sonst nichts. Die meisten der Studenten sagen. Er begann eine "t' d ' Ausbildung beim Z0 II un d dann. bei der Bahnhofsmission oder im Gefängnis. . Aber tatsächlich ging es natürlich darum. die es nicht so gut haben.« Deshalb gibt es auch Punkte für gute Noten in Kunst oder Deutsch. So wie Michael denken viele an der Akademie. sich für Schwächere einsetzen. dass sie mehr wollen.e Gruppe eint.Kreativität. und der Seelsorger in einer Justizvollzugsanstalt. ' Und auch nach übWIe . Einer der Studenten. Töchter von Angestellten. plotzhch Elite sein sollte. bräuchte man gute Noten in Fächern wie Mathematik. er saß einem Mitarbeiter gegenüber.eld« stammt ' er aus eInem völlig anderen »sozialen . dass sie sich schon häufig gefragt haben. wie die 95 . . Zur Ausbildung an der Akademie gehört auch ein Sozialtag. wenn nicht die Medikamente so viel besser geworden wären. er eInem Jahr an der Akademie hat er 94 mit dem Begriffnoch keinen Frieden geschlossen. Michael war bei der Aids-Hilfe. . Aber er will noch mehr machen. nicht. Es gibt natürlich viele Akademikerkinder. sagt er. Es waren die Tage. »Es gibt aber Leute. dass ihre Eltern viel Geld haben. wo die Fixer die Spritzen tauschen. Das hat natürlich dazu geführt. d och noch ein Studium. Die mehr machen. für die. dass sie später Verantwortung übernehmen und der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen. Sein wirtschaftliches Wissen könne dort vielleicht wirklich nützen. Die Arbeit sei sinnvoll. Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung. Seine Großeltern hatte~ ein kleines Textilgesch"ft Als er studieren wollte konnte die a. Auch Michael hat sich gefreut. die zukünftige Elite wolle wohl sehen. Er könne helfen. Seine Großmutter war stolz zu lesen d ih Enk el einer von dreißig Elitestu. Michael beschließt. »Aber wenn die Intelligenten und Kreativen stinkfaul sind. in denen viel über das Schmiergeldsystem bei Siemens geschrieben wurde. ' ass r denten In ganz Ba ' yern 1St. erklärte mir Durst. dass er längst tot wäre. Denen fehlt es an . hier ehrenamtlich zu arbeiten. aber auch Söhne von Landwirten. sagt er lieber. der keInen glatten St u d'lUm-Praktika-AuslandssemesterLebenslauf hat ~ . dass die Studenten fleißig und ehrgeIzIg SInd. Er hat sich hochuc gearbeitet. hatte mir Durst erklärt. geht es auch nicht gut«. »Managertypen«. Man spürt. es gibt auch die.wie eine Elitebauanleitung. ab. dass WIr dann eine gute Gruppe beisammenhatten. Er will etwas zurückgeben. »Deswegen haben wir die Aktiven gesucht. 1m R" ken. der selbst seit über zwanzig Jahren HIVpositiv war und der ungerührt erzählte. wo sie mal lande.er sagt. fünfzehn Stunden lang' Die Akad emle h at das honoriert und auch ihn. Physik oder Latein. ' Familie das no Ige GeI mchtauftreiben. ~ies. Die Studenten waren in Kindergärten. die nicht so viel Glück hatten wie er. die sind blitzgescheit. wie es denen geht. Klar. dass er d ' Umf. s a e ihn aber auch massiv verunsIchert. en. aUlgenommen. wie er sagt. mIt dem Beamtengehalt ' . zu erleben. Seine Tage waren vierzehn. Michael. die Michael hart und absolut zielorientiert nennt. Um in der Kategorie Intelligenz zu punkten. Nach der Ausbildung will er in die Verwaltung und wieder dem Staat dienen. hatte gescherzt. . ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter die bei der US-Armee arbeitet.

wenn eine Kommission entscheidet. um den Begriff zu pushen. aber auch von Vorbildern. die kleinen weißen Punkte verschwimmen im Gegenlicht... DER STOLZ DES FREISTAATS Als sie um die Ecke biegt. Fast J' d S d . ob wir uns wiedertreffen wollen. Und Ich glaube. das spaltet. daran mitzuarbeiten. per Zeugnis aufzukleben. »Kemptnerin in ·· genommen«. »Lelstungsel"t . Ihr schwarzer Rock wippt. so genannt zu werden. mie weist Dessauer d Ur smd ihrer Region und Wt en neg«. I er He« oder »Bayerns Elite-Akade'. wünsche ich den Studenten. bleibt der Blick doch an den Haaren hängen: Blond und glatt fallen sie bis zur Hüfte. Sie " . Aber scWießlich. Dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden.. wenn wir alt sind. . 96 Auch wenn das pathetisch klingt. als Maria mir die Hand schüttelt. im Film wäre nun der Moment für eine Slow Motion gekommen: Mit wiegendem Schritt kommt sie mir entgegen. c gegen Jede Gleichmacherei sträubt. Als ich earl fragte. dass es sinnvoll ist. Deshalb sitze ich jetzt hier und warte auf Maria. setzt ihre hellen Schuhe voreinander. und dass sie den Wunsch haben. dass jede Begründung falsch klänge? Warum schreibt Bayern nicht einfach fest. hatte er gefragt und mir dann von einer Art Luxuswohnheim mit Vollpension für ausgewählte Abiturienten erzählt. Ich werde sie fragen. Sie sind zielstrebig.~ . Vielleicht gelingt ihnen das im Lauf ihres Lebens. ein guter Mensch werden zu wollen. hatte Edmund Stoiber stolz verkündet. dass aus dreißig begabten. was sie über die Nicht-Elite erhebt. es gebe aber noch etwas für Leute. Es ist politisches Pro~ramm des Freistaats. Aushängeschilder b fi k F . das wird sie gewohnt sein. das von Privilegien und Macht erzählt. Gern kommen Land " esmmlster Zum Kamingespräch in die Akademie.I . AnfangZwanzigjährigen dieses Label per Akademie. Weil sie ahnen. Ich starre. Die Elite-Akademie-Studenten sind Anfang zwanzig. Dann können wir darüber diskutieren. Warum Elite? Warum dieses Wort. . »Kennst du das Maximilianeum?«. ob das mit der Elite geklappt hat. denke ich. dass gute Studenten gefördert werden? Meinetwegen die besten zehn Prozent eines jeden Jahrgangs. 97 . e er tu ent ISt von der Lokalzeitung semer Heimatstadt rt'" EU teakademie auf po ratIert worden.. zu denen man aufschaut. S· b I en wie le rauchen wir in Bayern«. zuckte er mit den Schultern und erklärte mir. dass man in Bayern das Elite-Ticket noch Jahre früher lösen könne. »Zwei Oberpfälzer auf 11uch fühlung m't dEI' '. dass es genau darum geht.1 . I . fleißigen Studenten ab sofort die zukünftige Elite Bayerns werden soll. der si h . die direkt von der Schule kommen. »Der Begriff soll ins positive Licht gerückt und wieder ~offähig gemacht werden«. klar zu sagen. die gleichermaßen ehrgeizig und engagiert sind? Warum belastet man gerade diese dreißig mit dem Begriff »Elite«? Sie sträuben sich doch. Aber die Fragen bleiben: Wie viele junge Menschen gibt es. von Menschen. freundlich und alle mehr oder weniger dem Gedanken verpflichtet. ·. Ich bezweifle. Sie zieren sich. als er dem sechsten Jahrgang der Akademie das Zeugnis üb~rreichte.: . ob das nicht viel zu früh sei. I I Welt besser werden könnte. er e guren für emen leistungsstaren relstaat. An der Akademie braucht man ein Vordiplom. dass sie nicht unter der Last dieses Begriffs zusammenbrechen. hatte ein Student gesagt.

ihr kleiner Bruder baut gern Roboter nach. Leben eines klugen Mädchens. Da sitzt auch der bayerische Landtag drin. den Weg beschreibt: »Du überquerst die Isar auf der Maximiliansbrücke. Dafür müssen sie Szenen WIe Ie beim I t t . . Ihr Vater hatte gespart und hätte seiner Tochter die Studienjahre finanziert. Das sollte auch ihr Beruf werden. d' mIr ana. Maria war immer die Musikerin. Der Hauptpreis ist der Einzug ins Maximilianeum. fü' r »talentvolle bayrische Jünglinge« er. Sie spielte Klavier und vor allem Kontrabass. sofort. ins Maximilianeum. en en zu und heß sich mit ihnen foto98 grafieren. Und hier endet die Geschichte vom normalen. Dann heißt es schon mal: Unsere Elite. als würde man in Berlin in der Reichstagskuppelleben. denn Maria lädt fast nie Freunde zu sich ein. einst als bayerische Akropolis errichten ließ. .O-Schnitt »und keinen Zweier auf dem Zeugnis«. fast das einzige Problem in ihrem Leben. ihr das mit dem Normalsein zu glauben. " wohnt. wie sie Freunden. Dann ragt direkt vor dir ein riesiges ummauertes Gebäude auf. das König Max II. Im hauseigenen Schwimmbad. in dem Leistung schon immer wichtig war.Maria ist so eine ausgewählte Abiturientin. behüteten. das der K" . weil sie die strengen Kriterien erfüllte. Woasche mitnimmt F" d · . seit ich klein war«. Ich bin versucht. in insgesamt vier Orchestern.« »Und seid ihr Elite?« »Man scheut sich. erklärt . weil eine chronische Sehnenscheidenentzündung das Spielen unmöglich machte. Denn ihre Schule. . du willst zu mir. Sie lebt in einem Gebäude. sagt sie. der Stolz des Freistaats. schlug Maria für die Begabtenförderung vor. Im Maximilianeum gibt es welche. a sturmte der d al' .wird ihnen um »Schlag eins« ein Drei-Gänge-~enü servtert. nIe DIe Ztmmer putzt d as Personal. für die andere eine Woche brauchen. Ich stelle mir vor. a . Außerdem schwimmt sie gerne. . Aber du kannst einfach zum Pförtner gehen und sagen. . und es beginnt die Erzählung von einer. wie sie betont. OnIg nchten ließ. Carl hatte recht: Fünfzig Schüler dürfen hier gratis wohnen und werd en fü' r d'Ie Dauer Ihres Studiums ver.d m.« Eine lustige Vorstellung. » or erungsziel ist ein sorgenfreies Stu dtUrn«. Sto'b f am Ige MInIsterpräsident Edmund I erau dieStud t . Leider finden solche Gespräche sehr selten statt. Neid ist ein großes. sie selbst sei normal. sie koche auch nur mit Wasser. D" e z en Neu)ahrsempfang in Kauf nehmen. ein Franziskanerinnen-Gymnasium. M . die zu den Besten eines Landes gehört. er P ilharmo' un d b elm Oktoberfest reserviert. die sie zum ersten Mal besuchen. ungefähr so. wie sie während der Fußball-WM jubelnd über die Leopoldstraße gerannt sei. Sie rührt in ihrem Cappuccino und erzählt. Wie normal kann so ein privilegiertes Leben sein? Maria ist in einem kleinen Ort bei Augsburg aufgewachsen. Damit galt für sie das bayerische Eliteförderungsgesetz. h haben eine Bibliothek' fi" SIe sm d PI"tze Sie ur . . die seit 1876 fast unverändert 99 . sich selbst so zu benennen. das auch die schmutzige . Die lösen Aufgaben. So krasse Mathematiker zum Beispiel. »Die Politiker zeigen sich gern mit uns. Ihre Eltern sind Lehrer. Morgens ist ein Frühstücksbüfett aufgebaut mittags . »Ich bin Fußballfan.« Maria lacht und sagt. die sind offensichtlich hochbegabt. Bis sie irgendwann aufgeben musste. unsere Hochbegabten. Maria entschied sich dann wie so viele gute Schülerinnen für Jura. Maria hatte im Abitur einen I.

»Am Ende kommt immer noch eine Todesfrage. dass auch Bayern trotz dieses Traditionsbewusstseins langsam liberaler wird. Um sechs Uhr klingelt ihr Wecker. u er ver assen Jeden Sommer die Gymnasien lIll Bayern M . wie sich das mit der Karriere vereinbaren ließe.gültig sind und die heute ausgesprochen angestaubt klingen. mindestens bis 18 Uhr. Das heißt. Auch Saarländer oder Pfalzer sind deshalb nach den Statuten echte Bayern. Maria hat zudem davon profitiert. Mathe. auch werdender Jurist. Latein. sie müssen das christliche Glaubensbekenntnis abgelegt haben und im Besitz des »bayerischen Indigenats« sein. am siebten Tag ist frei. Die Prüfung zu schaffien ISt fü' r Junge Bayern eine ge. geboren worden sein. Die Fernbeziehung werden sie überstehen.« Ich schlucke.0-Schnitt. weil Maria vorgeschlagen wurde. Im Jahr 1980. dem vielleicht hinter den Mauern die Idee für seinen Hit »Ein Bett im Kornfeld« kam. Prüfungen anstehen. Wenn sie nicht zur Universität muss. PhysiklIll Schnelldurchlaufging es durch das gesamte Schulwissen. der Schlagerschreiber Michael Kunze. die man gar nicht lösen kann«. 101 . Sie ist eben Maximilianeerin und damit Erbin einer langen Tradition. sagt Maria. und sagt lieber. en wer en angenommen. Englisch. sagt Maria und erzählt mir von der Mutter aller »Todesfragen«. · Sechs b IS acht von ihn d . setzt sie sich in die Bibliothek und lernt weiter. hatte sie einen Termin im Kultusministerium. Wie viele hier hat auch Maria sich in einen Mit-Maximilianeer verliebt. Der Physiknobelpreisträger Werner Heisenberg war ihr Vorgänger. Mittlerweile sind knapp 30 Prozent der »talentvollen Jünglinge« Mädchen. Die Eltern ihrer besten Freundin waren sauer. mit einem 1. wie im Moment. wenn nicht. Kandidaten müssen von »tadelloser sittlicher Führung« sein. Sie hat ein kleines Computerspiel programmiert. »Sie geben dir einen Strauß und du sollst die Namen der Blumen nennen. wo alles alt und stolz aussieht. bei dem Teenager virtuelle Pferde pflegen können. auch wenn es Maria Sorgen macht. kurz vor ihrer Geburt. Hier. Es fing schon in der Schule an. An der Uni erzählt sie kaum jemandem. »Auch da im Forum werde ich oft als arrogant beschimpft. Dreizehn Beamte prüften sie in fast ~benso vielen Fächern. sie habe ein Zimmer in einem Wohnheim am Max-Weber-Platz. wenn nur der Neid nicht wäre. nicht die Tochter.« Manche Mitschüler dagegen wollten plötzlich unbedingt mit ihr befreundet sein. um sich in ihrem Glanz zu sonnen. der WiesenblumenBestimmung. auch und natürlich FIS. weil ich mich anders ausdrücke als die meisten. ili axun ans des 11. studiert gerade in Oxford. s e usage kam. . wurde nach langem Ringen die erste Frau aufgenommen. den sie am Vortag noch nicht geschafft hat. Deshalb ist sie vorsichtig geworden. Sechs Tage pro Woche lebt sie nach diesem Rhythmus. Am best. wo sie wohnt. beide wollen sie Familie. Wer zum Teufel kann das? Und vor allem: Inwi:fern ist das eine sinnvolle Elite-Rekrutierung? .n auf Latein. man muss im Bayern Maximilians II. Maria hat eme Woche gefeiert al di Z . Maria fuhr also von dem kleinen Dorfbei Augsburg in die Landeshauptstadt. dann lernt sie den Stoff. im Münchner Zentrum. '. der ewige Landesvater Strauß. was ihren ohnehin schon großen Ehrgeiz noch weiter anstachelt. Medaillen aus Jugend-forscht. die fast genauso gut war. wie sie vermutet. »Seit knapp drei Monaten lerne ich durch«.-musiziertoder -treibt-Sport-ur ttb ewerb ' ' vve en smd nichts dagegen. eine. Er. Jetzt ist sie Maxi100 milianeerin. waltige Ehre. Eine schöne Geschichte. Vierhundert Sch"l I .

dass es vielleicht an mir gelegen haben könnte. . schäme ich mich. ist Maria schon weiter. entschuldigt sie sich. die angenommen wurden. »Witzig ist.und Professorenkinder«. die damit angeben. zögert. die ganze Auswahl quasi unterlaufen zu haben. Sofort fing ich an. Maximilianeer. um von deren guten Leistungen zu profitieren. wie schlecht es mir ging. dass sie gerade erst neunzehn ist. Sie alle werden wohl ähnlich fleißig. ass manche an der Uni oder elmge der Mäd h . und sie mag sie nicht sonderlich. 103 . findet sie. Sozialsysteme und mehr Wettbewerb? . »Ich kenne niemanden in der Stiftung. »Uns war die Party am Auswahlwochenende wichtiger«. . dass es einige gibt. . in einer Kanzlei oder in der Wirtschaft. Kurz darauf verabschieden wir uns wieder. und über die Sexisten in der Auswahlkommission. ähnlich intelligent sein wie Maria. lässt mich am Sinn der Förderung zweifeln: »Wir sind viele Lehrer. ffilt denen sie im Forum ihres Pfer102 despiels rede. Ich habe über die Spießer geschimpft. Und ihre Träume? »Willst du etwas verändern im Land?«. Und wemg . Maria kehrt in die bayerische Akropolis zurück. so wie ich bin. »Die sagen: Ich bin toll. Immer wenn die Klasse Arbeitsgruppen bilden sollte. deren Eltern aus der Unterschicht kämen. und mir soll alles in den Mund fallen. »Ich konzentriere mich auf den Bereich.or das hat in unserem Gesprach mch ts mehr miteinan der " . erzählt Maria. Ich habe vergessen. dann schüttelt sie den Kopf. als ich eine Absage von der Studienstiftung des Deutschen Volkes bekam. die Ausgeschlossenen. Das kann ja gar nicht stimmen. »Trittbrettfahrer« nennt Maria solche Menschen. bequem seien. zu tun. Ich frage nach ihren Plänen für die Zukunft. gedacht oder akzeptiert. mir einzureden. dass sie die Prüfung auch geschafft haben. sagt Mana. der arbeitslos 1st oder Angst dan h at «. als sich abzukapseln. Ich erinnere mich daran. Nur dass sich die Stipendiaten auch in einem dritten Punkt auffallend ähnlich sind. Wie unfair kann man sein. gebe es nicht. Mit mir bin ich ziemlich streng. in dem ich mit meinen jetzigen Mitteln etwas verändern kann: Das bin ich selber. seien die Faulen zu ihrer Freundin und ihr gekommen. in Wirklichkeit aber wahrscheinlich doch _ beschwert sie sich d"b d . aber trotzdem Ansprüche hätten. aru er. Genaues wisse sie noch nicht. spater. das weiß ich jetzt. Maria schaut.« Sie erinnert sich daran. in ilir kleines Apartment.« Diese Geschichten gehören zum Standardwitzrepertoire im Maximilianeum. Wer viel leistet. soll eine Anerkennung bekommen. um sich nicht ständig wehren zu müssen? Während ich denke. im Staatsdienst. dass das schon in der Schule so war. dass das nicht stimmte.« . erzählte ich cool. beantwortet genau und geduldig meine Fragen. dass sie das Stipendium aber nicht annehmen wollten. schuld an dieser Trennung in »wir« und »ihr«? Bleibt einem.Glaubt man Maria. Sie möchte ein gutes Examen machen und dann eine erfolgreiche Juristin werden. Ihre Privilegien. Sind wir. will ich wissen. wie ihre Cousine es gerade vorgelebt hat. hatte Maria mir gesagt. vielleicht gar nichts anderes übrig. Der Cappuccino ist fast ausgetrunken. der besser ist. . Deshalb sei das Prinzip der Stiftung fair. steht sie über diesen Neidern. Nie habe ich gesagt. obwohl ich wusste. c en. als ich jetzt Maria gegenübersitze. hat sich die bayerische Elite hart erarbeitet. Was hält sie von der Welt außerhalb der Stiftung? Wie erlebt sie die großen deutschen Debatten über Arbeitslose.

sondern ein Parallelsystem. »Bei einer verstärkten Binnendifferenzierung sähe das aber anders aus.Als ich durch München laufe. dieser Geschäfte mit Heizstangen für Handtücher. weil es für ihr o e en noch gilt. kli ten. Über mir wird seit zwei Wochen der Dielenboden herausgerissen. und seine Zweifel an der Leistungselite. d'Ie verloren haben.« DIFFERENZIERUNG Ich sitze wieder in meinem Zimmer. um den Sammlern das Leben zu erleichtern? Wo sind hier die Penner.das meint wohl. ob dieser Satz für die ganze Stadt gilt. und dem Rest der Bevölkerung das zunehmend marode Restsystem überlassen. dass es nicht mehr den Kindergarten. Kleme Mood ch en im Kimono stolzieren . und setze mich in einen Biergarten. War der Onkel. Dann könnte das Bürgertum die eigenen Kinder in Bildungseinrichtungen schicken. den sie aufgrund ihrer familiären Bedingungen schon mitbringen«. a an mIr vorbei. dem fallt es leichter. die Uni für alle gibt. dieser ~~utiquen mit Kinderkleidung. den Jungsten in einen »Dolce & Gabbana Junior« zu verwandeln? Ich tue. Hmter mir hat d·Ie Stadt fü° r emen BlOmarkt dIe Straßen gesperrt . frage ich mich. wie wohl ich mich fühle. Arbeitslosen oder Bauarbeitern so selten Einser-Abiturienten und nie Maximilianeer? Ich denke an Michael Hartmann. die zu Hause allein vor dem Supermarkt in meiner Straße in Handballmannschaftsstärke leben? Und warum will niemand mein U-Bahn-Ticket haben. nie sieht und sch on gar ni ht k . der jetzt h • .« Der Nachwuchs der Reichen und Erfolgreichen werde dort schließlich mit den Mängeln des öffentlichen Systems konfrontiert. weil er düm. der aussieht wie in der Werbung. Vielleicht ist es selbstverständlich dass die ' Menschen hier das von M· beschriebene Leistungsana al J::. was mir in München natürlich erscheint. sagt Hartmann »würde dadurch ausgebaut und verfestigt. Wahrscheinlich lebt es sich wirklich ganz gut in emer wohlhabenden Stadt.« Verstärkte Binnendifferenzierung . »Der Vorsprung der Bürgerkinder. und bin überrascht. die dränden Fragen a gen hal uszusc Hartz IV bekommt . den Eliteforscher. Ganz sicher ist die Arm-abersexy-Logik ein schwacher Trost. pnnzlp noch im Lb mer s lalr empfinden. Wier d Ie. c ennt. Das Bürgertum habe ein Interesse an einer Differenzierung des Bildungssys105 104 . Bierflaschen auf Mülleimern zu vermissen kann nur ein Symptom idiotischer Sozialromantik sein. O 0 • 0 • 0 mer ist? Warum werden die Söhne von Türken. um es für die Hälfte weiterzuverkaufen? Wer ist Kunde all dieser Seifenläden. Die gewohnten Spuren urbaner Armut suche ich vergeblich. Stellt hier niemand leere Bierflaschen auf die Mülleimer. die aufgrund einer wesentlich besseren finanziellen Ausstattung und selektiver Aufnahmeregelung das gewünschte Niveau aufweisen. Er meinte: »Aus Sicht des Bürgertums ist die derzeitige Struktur des Bildungswesens ein entscheidendes Problem. Neb~n mir findet gerade ein großes Boule-Turnier statt. Vermutlich finden alle Menschen saubere Straßen auf Dauer b~sser. Es hört sich an. die Schule. Oft komme als einziger Ausweg ein Schulwechsel ins Ausland infrage. die versprechen.WIr C fauler als der Vater der Beamter 1st? Sch·t d ' el ert er Cousin in der Schule. als stünde ein Zahnarztbohrer kurz vor dem Durchbruch in meinen Gehörgang.

die Sieger aller Schulstudien.» B' h . aufs Gymnasium. Ganz normal . Mit viel gutem Willen hätte man daraus eine besondere Begabung und damit einen besonderen Förderbedarfkonstruieren können. »APAP OLLAH«. möglichst früh möglichst viel zu leisten.. haben meine Eltern stolz aufbewahrt. d esto k1 arer wird ein Gedanke' Maria und Carl sind Spa erulene. ersch' es mIr noch absurd früh. Nur so könne es seinen Kindern die Nachteile des öffentlichen Systems ersparen. weil das für Linkshänder einfacher ist. aber immerhin. wächst. »Stellt euch vor«. wenn . . In München können Eltern ihre Kindergartenkinder in den Chinesischkurs schicken.bis Sechsjährige vor einer Tafel. Dumme und Arme gibt? Seit der Bohrer lärmt. Sie sind erst drei Monate alt. die Schwerfälligen unter die Wendigen. dass die Kinder der Elite früh selbst das Eliteticket lösen.das Wort legt' h'm meinem Kopflangsam über das Dröhnen. die nicht einmal sitzen. dann zu einer Uni. wo Genera. Ich habe den Eindruck. »ihr wollt eure Freunde zum Insektensammeln einladen. " sie am liebsten vergessen wollen. Immer wIeder blattere . In Deutschland. In Berlin hat Anfang 2007 eine Filiale der amerikanischen Bildungskette »FasTracKids« eröffnet. wer eine gute Bildung wolle. dass es auch Langsame. Nur so sei gewährleistet. Sie lauschen also den Englischstunden wie andere Säuglinge ihrer Spieluhr. das heißt frei übersetzt »Überholspurkinder«. le Kommission Zur El'te zu k" 1 uren. In einer schicken Altbauwohnung in Steglitz sitzen Zwei. solle die »Langsamen unter die Geschwinden. wenn die Geschwinden. geschweige denn sprechen können. Was müsst ihr auf die Postkarte schreiben?« Da sie noch nicht 107 106 . Was aber ist.wie alle eben. FasTracKids. Jahrhunderts. habe ich mir selbst Beschäftigungstherapien auferlegt und meinen Stapel zum Thema »Elite« in Akteno rdgezwangt. sagt die Stimme. empfahl. in die Grundschule unseres Viertels.. die das angeboten hat. Hat man aber nicht. Excel. Ich habe falsch herum geschrieben. Je häufiger ich meinen Ordner durchseh e. dass SIe I'leb er unter sIch sem wollen? Was ist.SIC Ich " Bayern war. ' ett ewerb zur Forderung einer ElIte entb rannt der '" st k ' en Jungste Mitglieder noch in den Windeln ec . Ich bin in den städtischen Kindergarten gegangen. »Hallo Papa«. ner " ich die Texte durC . einer der bedeutendsten Pädagogen des 17. Ja ngen 1m Kindergarten allenfalls den k nttstI . In Hamburg bietet eine private Sprachschule Englischkurse für Schüler an. die Klugen und die Wohlhabenden entscheiden . konnte ich lesen und schreiben. DER KAMPF UM DIE VORDEREN PLÄTZE Als ich vier war. hatte Hartmann gesagt. Als . dass es dieses »ganz normal« seit einigen Jahren nicht mehr gibt. Johann Comenius.. Die Binnend'f" 1lerenZlerung beginnt mittlerweile rz nach der Geburt. die Hartnäckigen unter die Folgsamen mischen«. mn~nd'f:'I: 1 lerenzlerung« . Das wäre das Gegenteil von Ausdifferenzierung. Abim . ku en.tems. Der Druck. was ich studieren wollte. orrekten Einsatz von P' ·ft und Prickelnadellernten 1St urplötzlich ein Wi b " . tionen von Drer"h ' . und in Passau bietet eine Firma Word-.und PowerpointKurse für Kinder ab vier an. len tunentmnen w· Mana oder Studenten wie Carl per . Das wären Finnland und Schweden.tb " ' . aus der eine Computerstimme dröhnt. Etwas anderes stand überhaupt nicht zur Diskussion.

dass ein Fisch auf die Einladung muss?« Die Kinder haben heute das Fach Kommunikation. Während Deutschland bei ' . In Berlin steigt die Zahl Fil'al .« über 1000 Euro kostet die Förderung ihrer beiden Söhne pro Monat. hat man das Gefühl. sagt die Leiterin. dass die Jungs gleich mit zwei anfangen. das die ~_eisten der kleinen Schüler nicht einmal aussprechen konnen. sei in Zeiten der Globalisierung eben wie Zähneputzen. Doch die sind begehrt. »Ja. .« Hört man sich um. I en In Dusseldorf und Hamburg so IIen folgen Bildun fü . . als ein Junge auf das Bild eines Fisches zeigt: »Meinst du wirklich. erzählt mir eine Mutter. Geld. heißt es bei »FasTracKids«. d' ' " m kenne. . Er hat Einstufungstests absolviert. »Aber es ist eine so wichtige Entscheidung. · g W ehsender Markt D r KleInstkinder ist ein neuer' ein a ' . Und so statten sie ihr Kind schon im Windelalter mit Zusatzqualifikationen aus. der Sohn der FasTracKids-Mutter rückte nach. »Richtig«. . gefragt wird waru . erklärt sie mir. frage ich. würden die Kinder me WIe d er lernen. Astronomie und sogar ein Block zum Thema Lebensstrategien werden noch folgen. wIrd mit d SIe Ie Namen aller neun Planeten A' . Aber dann zog ein Zwillingspaar aus Berlin weg. Protokoll eines Gesprach ' FasTracKids aus Mexiko: »Wusstest du. Die Familie nahm einen Anwalt und war bereit. . weil Ich ein FasTracKid bin. Deshalb haben wir entschieden. »Wusstest du ' dass er vor a11em das Lächeln der Mona Lisa malen wollte?« Und d'Ie fü' n fiooh nge Julia aus Denver die Ja ' . wenn es den ganz normalen Weg geht. er ntwort ZItIert: »Ich habe sie behalten. Im Werbeprospekt der Kleinkindschule lese ich das -. »Hier werden die Kinder auch rhetorisch fit gemacht«. Ihr Sohn soll auf eine bilinguale Grundschule.« Sie hat ihren Sohn zu Probestunden geschickt.« Diese Art de W b ' r der Kl assen stetig er ung wIrkt. dass die große Schwester. Zur Sicherheit hat die Familie schon früh einen Vertrag mit einer Privatschule unterschrieben. freut sich die Tafel. dass sich viele Eltern in eine Art Wettrüsten um den beeindruckendsten Kleinkindlebenslauf gestürzt haben. einfach zu spät dran war. d~r Frühförderung hinterherhinke. So schnell wie in diesem Alter. »Sie lernen Präsentationsformen. tippen die Kinder Symbole auf der Tafel an. das gut investiert sein soll. Vor allem Eltern aus der Mittelschicht haben Angst.schreiben können. ein Wort. s zweIer . falls es mit der begehr109 108 . dass ihr Kind zum Verlierer werden könnte. sagt sie. "'h' . die Wartelisten lang. »Wir haben gemerkt. Englisch. »War~m müssen Dreijährige das können?«. Literatur. DIe VerbIndungen im Gehirn der Kinder seien jetzt besonders verknüpfungsWillig. ec sJ nger Klassenkamerad Fernando. für den Platz an der Schule zu klagen. Die Söhne der FasTracKids-Mutter gehen in einen englischsprachigen Kindergarten. Also wird der ältere der beiden Jungs im Herbst nicht auf eine normale Grundschule wechseln. die ihnen später nützen werden. die erst mit fünf angefangen hat mit Englisch. . natürlich«. antwortet sein s h 'äh' . die ihre Söhne zu »Fastrackids« schickt. Er könne sein Englisch wieder verlernen. »Die richtige Schule zu finden dauert Monate«. fürchtet die Mutter. Oder sie sagt. sei das Programm in ~an~ern wie Russland. Mexiko oder Portugal längst ein nesiger Erfolg. fragt der vierJa nge Diego. Mathematik und Biologie standen in den Wochen davor auf dem Stundenplan. enn Bildung ist zum Statussymbol 00 geworden. dass Leonardo da Vinci die Mona Lisa gemalt hat?« .

Dann haben wir eine hellblaue Uhr und einen roten Ranzen gekauft. dann rechts. sondern mit einer Eröffnungsgala. 600 einer in einem guten privaten Kindergarten. 100 Euro bezahlen die Eltern bei »FasTracKids«. Grill meldete ihn ab. Immer mehr Eltern wollen. dafür zu zahlen. . ich sei nun fit für die Schule. Was nach Problemkiez klingt. »Die Familienclans. ist die neue Nobelmeile am Rand der Hauptstadt. »Und? Was machst du so?«. 2007 wurden pro Woche ein bis zwei private Schulen gegründet. Jeder kennt Leute. Als ich eingeschult werden sollte. am Ufer des Heiligen Sees wohnen Prominente und Superreiche. sind wir vorher einmal den Weg abgegangen. berichtet mir. Eine Erzieherin. fragt einer der kleinen Schüler seinen Si~znac~barn. noch ein bissehen geradeaus. dass ich links. Ich steige in der »Berliner Vorstadt« aus der Straßenbahn. rechts. igenztestergebmsse Wie Wir.dass die Leute. »haben Angst. dass die Eltern nervös werden. Privatschulen boomen. Ich habe gelernt. dass ihre Kinder dadurch den Anschluss verlieren.« An den Klassenzimmertüren las der verunsicherte Vater Grill: Gur subject is our success »Unser Lernziel ist unser Erfolg«. Was wie ein Wi~ klinge. sagt der. und alle fanden. »umtanzten die verunsichert dreinschauenden Kandidaten wie Filmsternchen. Man hatte gleich das Gefühl. Deshalb haben Privatleute das ehemalige Standesamt der Stadt gepachtet. weil die Kleinen basteln. sei in Bildungsbürgerkreisen Normalität. direkt hinter dem Ortsschild Potsdam. 110 Der Zeit-Autor Bartholomäus Grill erlebte dieses neue Denken. vielleicht über die Anzahl unserer Legosteine oder Schlümpfe. die vor der Einschulung in einen schickeren Stadtteil zogen. und man ist bereit. und hier sollen ihre Kinder auch bald angemessen betreut werden. An dieser Schule wollte Leo nicht bleiben. »ebenso die Gesprächseröffnung b~im Kinder-Small-Ta1k«: »Bist du getestet?«. Der Steglitzer Schule dürfte das egal sein. Einer erzäWt von Bekannten. schreibt die Autorin. am Friedhof vorbei. die ungetestete Generation. Sie haben 700000 Euro investiert. sagt sie. links gucken soll. Mindestens. Opa und Oma inklusive«. »Ich bin hochbegabt«. damit aus dem klas111 . dass ihre Kleinen schon früh zu den Gewinnern gehören. Die Warteliste ist lang. Durch unsere Straße.aber kein Englisch lernen. zwischen 300 und 800 Euro pro Monat kostet ein Platz in einer Privatschule. 40 Euro im Monat kostet der Englischkurs für Säuglinge. »Die Eltern«. schreibt Grill.« Im Magazin der Süddeutschen Zeitung erzählt Karina Lübke von einem Volkshochschulkurs für Achtjährige. fragen sich die Kleinen und red en u er Inte11' "b . deren Tochter schon in der ersten Klasse mit Chinesisch beginnt.ten Europaschule doch nicht geklappt hätte. über die Ampel. Hier. Experimente machen und spielen . das er als »Bildungsdarwinismus« bezeichnet. »Das ist sicherlich ein Trend . die es sich leisten können' sehr genau hingucken und sich fragen: Wo kann ich für mein Kind das Optimum rausholen?«.' . Leos Schulzeit begann nicht mit Schultüte und Familienfoto. dass in dieser Anstalt die Nachzucht für die Globalisierung zugerüstet wird. sagt sie. am ersten Schultag seines Sohnes Leo an einer Steglitzer Privatschule. Heute gilt schon die Wahl des Kindergartens als berufliche Weichenstellung. deren Kindergarten in einem bürgerlichen Berliner Stadtteil liegt und als pädagogischer Modellkindergarten gilt. Die Zahl der Schüler ist seit dem Jahr 2000 um fast zwanzig Prozent gestiegen.

»Aber uns geht es um eine Bildungselite. Die Kinder lernen Englisch. Wer wichtige Termine hat. erklärt mir Wagner. Auch deren Leistungen können die Eltern dazubuchen. Im Nebenraum werden die Masseure und Physiotherapeuten arbeiten. »Buchen können die Eltern die Übernachtung hier«. eine geistige Elite. aus 112 dem die Rezeption des Kindergartens werden soll. Aber was ist mit dem Stärkeren?« Seit den achtziger Jahren sei es nur darum gegangen. denke ich. Das alles kostet aber extra. die sich auch eine Kinderfrau leisten könnten. Die Eltern können einen Chauffeur oder einen Bodyguard buchen. während wir durchs Treppenhaus laufen. einen Geigen. Allerdings ist das der Basissatz. Wir stehen an einem Tresen. 980 Euro wird die Betreuung pro Monat kosten. Außerdem müsse man den Preis in Relation zum Angebot sehen. wo ein großes Aquarium entstehen soll. »Uns wird ja stets der Vorwurf gemacht. Die Sauna ist aber schon gut zu erkennen. die pro Kind und Monat tausend Euro zahlen«. sollen sie nicht lange suchen müssen. ein roter Teppich unter uns. sage ich.oder Chinesischlehrer oder den Villa-Ritz-Dokumentarfilmer. Wenn die Eltern ihr Kind bringen oder holen. ob er den Kita-Platz für sein Kind oder die Miete seiner Wohnung und seine Einkäufe bezahlt. Man konkurriere um die Eltern. Genau wie Yoga. Und das ist verrückt.« »Zu der können dann aber doch nur die gehören. 113 . unterbricht Wagner meine Kalkulation. Bis zu fünfzig Kinder sollen hier bald jeden vorstellbaren Luxus genießen. kann sein Kind auch mal über Nacht dalassen. Er müsste sich dann wohl entscheiden. dem Geschäftsführer der Villa. damit niemand aus einer Gruppe herausragt. wir zögen hier eine Geldelite heran«. In der normalen Welt sind es je nach Bundesland bis zu zwanzig. freut sich Wagner. »Der Sozialstaat«. entgegne ich und animiere Wagner damit zu einem Vortrag über unser »schreckliches System« der Gleichmacherei. sondern fördern und fordern. Eine Erzieherin müsse sich hier um nur sechs Kinder kümmern. dann werde er dieses Kind nicht bremsen.sizistischen Bau aus dem Jahre 1800 die »Villa Ritz« wird: eine Fünf-Sterne-Kita mit dreitausend Quadratmetern Grundstück. morgens und abends können sie sich am Büfett bedienen. Deshalb verdient er jetzt 300 Euro weniger als Zuvor. Das allerdings kostet wieder extra. der dann die Party zum dritten oder vierten Geburtstag aufzeichnet. sagt er. erklärt er mir. dass der Ernst des Lebens erst in der Schule beginnt. Mein Freund hat gerade einen neuen Vertrag an der Uni unterschrieben. Als wissenschaftlichem Mitarbeiter mit halber Stelle bleiben ihm rund 1000 Euro netto. Der öffentliche Dienst spart. eine Kuppel über uns. So habe Deutschland Ressourcen verschwendet und den Anschluss im internationalen Wettbewerb verloren. Noch ist dort. Ihnen wird mittags ein dreigängiges Vollwertmenü gekocht. »Wir müssen von der Idee weg. »Manche Dreijährigen haben schon Rückenprobleme«. Ballett oder Meditation. sagt Raymond Wagner. denn jetzt stehen wir im Wellnessbereich der Kita. diese Starken schwach zu halten. »orientiert sich stets am Schwächeren. »Fast tausend Euro ist ja schon ziemlich viel«. »Das ist unser Komfort«. durch die Eingangshalle laufe. ein Loch in der Wand. Und wenn ein Kind schon mit drei Jahren multiplizieren könne oder mit vier Jahren Englisch spreche. findet er. An diesem Empfangstresen sollen sie ihr Kind und alle nötigen Infos erhalten.« Schon Kleinstkinder seien zu erstaunlichen Leistungen fähig. als ich hinter Raymond Wagner.

Melina ist ein Kind der Unterschicht. In Stuttgart eröffneten im Jahr 2006 die »Litde Giants«. sagt Wagner. Die Zahl der armen Kinder steigt in Deutschland seit Jahren . frage ich. zweite und dritte Klasse sind dazugekommen. Auch hier kostet der Platz knapp 1000 Euro im Monat. sagt Raymond Wagner. fragt er. Sie ist elf Monate alt. In Deutschland aufjeden Fall nicht. ein Fünftel der Gebühr. Oder noch früher. die die Villa Ritz verlangt.»Werden sich denn Kinder. ur IC Welt?« . Bisher begann die Förderschule mit der vierten Klasse. Eine Schule. Man wolle keine falschen Hoffnungen machen. Melina ist eines dieser Kinder. Normale und Verlierer dort: Diese Einteilung soll also künftig schon im Kindergarten vorgenommen werden. sondern auf ein Leben von der Stütze vorbereite. die rechnen können. Vielleicht könnte sie auch mit drei Jahren schon multiplizieren oder mit vier schon Englisch sprechen. die Warteliste lang. Oft fehlt ihren Eltern am Ende des Monats das Geld für Windeln. Weil sie wenig haben und weil sie mit dem wenigen schlecht umgehen können. »Aber wo gibt es eine gerechte . will er wissen. Darauf setzt nicht nur die Villa Ritz. Das brachte Platz 32. Das ist seit Kurzem anders.Anfang 2007 waren es 17 Prozent. einen geeigneten Platz zu finden. Melina hat kaum Spielzeug. Die für ihre Zweiklassengesellschaft viel geschmähten Vereinigten Staa114 ten belegten Platz 8. dass d~swegen Menschen. überweist der Staat Hartz-IV-Familien. in der Grundschule nicht langweilen?«. kleiden und bilden. ihr Kind auf eine Regelschule zu schicken. Das sind 6. ihre Eltern auch. Die »Litde Giants« haben bereits Filialen in Frankfurt und München. Schon morgens sitzt sie oft auf der schwarzen Ledercouch. um den Eltern zu helfen. Damit müssen sie das Kind ernähren. »Da gibt es eine Diskrepanz. keines der Villa Ritz. Vielleicht hätte sie Spaß an Yoga oder am Geigenunterricht. manchmal auch fürs Essen.In Deutschland. 208 Euro pro Kind. »Gerecht ist das nicht. Ihr Großvater lebt von Hartz IV. »Mir wäre es auch lieb.80 Euro pro Tag. Ob ich fordere. Kevin und Mike. während das Frühstücksfernsehen läuft. Eine erste. Aber wo gibt es eine 115 . Gerecht sei das nat" l' h nICh t. Gewinner hier. dass sie die Kinder nicht auf den Beruf. Schließlich hätten die Kunden der Villa Ritz sowieso kein Interesse daran. die sich eine teure Betreuung leisten konnen.. Aber das sei nicht bezahlbar. die mit sechs die Villa Ritz verlassen. fast zwei Millionen. Vielleicht ist Melina sehr klug. wenn alle Kinder optimal gefördert würden«. Englisch und vielleicht auch Chinesisch sprechen. Jetzt sucht die Firma Franchise-Nehmer in achtzehn anderen Städten. verzichten sollen. ihre Onkel. in das sie zum Füttern gesetzt werden kann. sind sieben und neun Jahre alt und gehen aufdie Wattenscheider Förderschule. Nirgendwo war er so groß WIe . Trotzdem ist die Kita ausgebucht. Die Villa werde bald mit Privatschulen kooperieren. die sagt. In zweiunddreißig Ländern untersuchten Wissenschaftler für die PISA-Studie den Abstand zwischen der Leistung von Schülern auS re~c~en und armen Familien. Erfahren wird man das wohl nicht. und in ihren ersten Lebensmonaten hat sie wahrscheinlich mehr Zigarettenqualm eingeatmet als andere in ihrem Leben. Sie hat kein Stühlchen. Der Weg in Richtung Hartz IV beginnt also schon für Sechsjährige. »Wollen wir alle a~f der untersten Stufe zugrunde gehen?«. Aber das ist nicht unser Problem«.

Dass die. sondern habe in dem Teil von Brüssel. ELITE MIT MIGRATIONSHINTERGRUND Es ist gerade dunkel geworden. deren Lebenslauf sie eigentlich zu geborenen Verlierern macht. eine Verabredung. aber lebendigen . würden fünfundzwanzigtausend EuropaBeamte. in deren Familien türkisch gesprochen wird. 116 wenn Europa nach Hause gefahren ist. Studenten. Eine Mehrheit stellen sie dagegen in den Kategorien »Hauptschüler« und »Schulabbrecher«. schnappt offensichtlich im Kopf vieler Lehrer die Rassismusfalle zu: Selbst bei gleicher Leistung werden Migranten oft scWechter bewertet. Melina das zu sagen. Autos würden sich stauen. Ich werde zehn junge Menschen treffen. Glücklicherweise muss ich hier nicht bleiben. Hier. Und wenn es doch einmal einer schafft. Es gab mal die Idee der Solidarität. sagt die Bildungsstatistik. Diese Schieflage ist woW das Resultat einer nicht existierenden Integrationspolitik. Ich stehe in Brüssel. Das Europaviertel bleibt verlassen zurück. und allein das ist schon eine Sensation. Jetzt ist um mich herum alles leer. Rund die Hälfte der Fünfzehnjährigen aus Migrantenfamilien konnte bei Tests gerade einmal simpelste Texte lesen. Normale Menschen trifft man hier nur als Dienstleister in Hotels. Dann sollte aber auch jemand den Mut haben. Restaurants und Kiosken an. Am Wochenende. die Kinder 117 . verhandeln und dinieren. IR·· ken d er dreckigen. sackte die durchschnittliche Lesefähigkeit auf Grundschulniveau. würden Menschen aus der Metro-Station quellen. Deutschland hat sich nie sonderlich bemüht. Hunderte Parlamentarier und unzählige Interessenvertreter hier verwalten. Kein Mensch. blicke auf das Berlaymont-Gebäude. Die erste Erinnerung. Wäre heute nicht Samstag. Während sie zur Hauptschule geschickt werden. das am Wochenende fast völlig erlischt. ist von dieser Idee nichts mehr übrig. Betrachtete man nur die Jugendlichen. essen. Dies hier ist einer der Orte. das vielstöckige Verwaltungszentrum Europas. dem Iran oder der Türkei geboren. Das Europaviertel rund um den Place Schumann führt an Werktagen ein hektisches Leben. dass es allen besser geht. Wenn die einen erst in die Luxus-Kita und dann in die Privatschule gehen. Sie sind zwischen neunzehn und einundzwanzig Jahren alt.gerechte Welt?« Melinas Schicksal mit diesem Satz fast achselzuckend hinzunehmen ist zynisch. Denn nur sieben Prozent der über zwei Millionen Studenten in Deutschland sind Migrantenkinder. die viel haben. die einige von ihnen an Deutschland haben. auch viel dazu beitragen. feiern und scWafen diese Menschen unten in der Stadt. an denen deutlich wird. m uc Stadt Brussel hat sich Europa ein eigenes Reich errichtet.. am Place Schumann. während die anderen erst vor dem Fernseher sitzen und dann die Förderschule besuchen. Nur drei der Studenten sind in Deutschland geboren. wie konsequent sich die Elite manchmal von der Masse abwendet. nur ein einsam wartendes Taxi. der auch an Samstagen existiert. kann sich der gleich starke deutsche Mitschüler oft über eine GymnasialempfeWung freuen. sagt ihr Lebenslauf. Problemkinder. wo ich stehe. in keiner der Familien ist Deutsch die Muttersprache. in China. keine fahrenden Autos. ist die an den ScWagbaum eines Auffanglagers für Flüchtlinge. im Takt der vollen Terminkalender.

7 sei sie ein bisschen enttäuscht gewesen. erklärt sie mir. Helen und Fatos haben es trotzdem geschafft. Aadish. dass Ausländer trotz guter Klausuren bei manchen Lehrern stets schlechte Zeugnisnoten bekamen. Jin-Kyu. »Aber irgendwer muss schließlich anfangen. Sprachkurse und. ß . Das »Chancen«-Stipendium. M· . Norwegen. kamen ihre Eltern nach Berlin. um d· .»Aber nur vielleicht«. Deutsch lernte Fatos erst im Kindergarten. kaum Chancen bietet. bis sie vier Monate lang krank ausfiel. das die firmeneigene Stiftung im Jahr 2006 aufgelegt hat. deren Eltern nach Deutschland kamen. frage ich. das früh sortiert und Kindern. dazu Büchergeld. Als sie ein Jahr alt war. Um es als Ausländer in der Schule zu schaffen«. Es ist das perfekte Werbefoto für ein neues. die einwanderten. Vodafone hat gerade einen Kir royal ausgegeben. nach einem I. »Ich habe immer viel gelernt. Gülsah.O-Schnitt ausgesehen. hätte es doch die gesamte Oberstufe. »Um zu zeigen: Es geht doch.« . Jakob. Die Mutter. zu fördern. eme vorurteilgeschulten Augen bleiben sofort an Fatos hängen. Sie übersprang sogar die elfte Klasse und machte dann ein sehr gutes Abitur: Über ihren Schnitt von 1. Sie trägt Kopftuch und ein langes Gewand. le Themen »Verlierer« oder »Islamismus« zu illustrieren. bitten um Saft. dass es für eine eigene Klasse gereicht hätte. »ist man besser fleißiger als alle anderen. beim Abi. Am Ende. waren es nur noch zwei. Insgesamt investiert Vodafone in jeden Studenten gut 80000 Euro. die große Schwester und den kleinen Bruder erzog. Und deshalb hat der Mobilfunkkonzern Vodafone die erstklassigen Abiturienten zur Elite gekürt. Sie wurde in der Türkei geboren. weil ihr Vater bei Siemens arbeiten konnte. der sie ein Jahr lang nicht drannahm. ist eine der umfangreichsten Förderungen.« »Habt ihr Angst. sagt sie. besorgte den Rest. das größte Schmankerl. »Bei dem stand kein Ausländer besser als vier«. Fatos aber schaffte es.« 119 .derer. die einen schweren Start hatten. dass man euch als Alibi-Ausländer benutzt?«. Sie sind ein lebendes »Es geht doch«. Ich möchte Vorbild sein. als »positives Beispiel für die Gesellschaft und Mitmigranten« und lässt sich ihre Unterstützung einiges kosten. Kinder. Edward. Gülsah und Fatos. sagt sie. Während ihrer Schulzeit musste sie sich laufend von einem ihrer türkischen Freunde verabschieden: »In der siebten Klasse waren wir noch so viele Türken. als »Bildungselite«. Vodafone preist die zehn als »Aufsteigergruppe«. Aufgereiht sitzen sie an einer langen Tafel. haben weitaus bessere Karten als die. Österreich oder in die Schweiz gingen. deren Eltern nach Schweden. sprach türkisch mit den Kindern. Ihre Freundin hatte einen Lehrer. Fatos hat erlebt. Denn Diskriminierung sei für ausländische Schüler Alltag. aufzuholen. sagt sie noch einmal. zur Elite mit Migrationshintergrund. Waldemar. ~i~. Reisen. die Fatos. antwortet Fatos. die zwei Muslima in der Runde. Gebühren für ein Studium an einer privaten UniversItat. Ein klassischer Einwandererlebenslauf. Alexander. Und vielleicht werden aus uns zehnen dann bald tausend. der nur für acht Prozent der Schüler auf dem Gymnasium endet. in Deutschland als Ausländer erfolgreich zu sein?« »Ich fühle mich schon manchmal als Vorzeigetürkin«. offenes Deutschland. Das Schulsystem. die es in Deutschland gibt: Vodafone zahlt den Stipendiaten knapp 600 Euro für den Lebensunterhalt. Frauen wie sie blend en Femseh sender gern em. d Fatos aber Wa r au er m er Grundschule stets die Klas118 senbeste. Nawid.

beantwortet Vodafone meine Frage nach dem Warum in bestem Konzerndeutsch. die stets Einsen schrieb. Und sie will nicht Hausfrau werden. Andere schrien sie an: »Islamistenschwein! Raus aus Deutschland!« Aber man könne lernen wegzuhören. arbeitet mehr. Diese Chance möchten wir auch begabten jungen Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen«. Die wollte uns nicht einmal konkrete Fragen zu Universitäten beantworten. in der U-Bahn. da hat sie einen Kurs in arabischer Kalligrafie belegt. 120 »Ein erfolgreiches Studium an einer anerkannten Privathochschule bietet Studierenden nachweislich bessere Voraussetzungen für den Berufseinstieg und Karriereverlauf. Auch hier kostet das Studium insgesamt mindestens 30000 Euro. die glaubwürdig ist. Leute setzten sich weg. wieso wollt ihr studieren? Ihr werdet früh heiraten. glaubt sie. es zu etwas zu bringen. sagt Fatos. kommt ihr voran. Lernt.« Erst hätten sie ungläubig. egal wie groß Migrationshintergrund und Talent des Bewerbers auch sein mögen. denn das Stipendium gilt nur. Eine Botschaft. dann habt ihr Chancen. könnte die Gebühr unter keinen Umständen zaWen. die auch Mario und Bernd gefallen würde. Ich frage mich weiter durch die Runde und habe schnell den Eindruck.Fatos blieb. Die Bucerius Law School in Hamburg gilt als Kaderschmiede für junge Juristen. Um acht Uhr morgens sitzt sie in der Bibliothek und lernt meist. sagt Fatos. Seid fleißiger. Nur wenn ihr in der Schule gut seid. dass man rassistischen Lehrern an den Kragen müsse. dass die Politik sich 121 . Nur dienstags macht sie früher Schluss. ernsthafte Probleme machen können. erzählt sie. dass auch Kinder von Einwanderern an diesen selbst ernannten Elite-Universitäten studieren können. Das klingt nach Bernd mit türkischem Hintergrund. bis die Sonne untergeht. Sie studiert. offen auf der Straße. Auch wenn ihr von ganz unten kommt. Eins wäre für die Berufsberaterin aus Kreuzberg vielleicht noch interessant: Heiraten will Fatos erst nach dem Studium. aber dennoch getroffen.« Und trotzdem. Um dieses Ziel zu erreichen. Unter der Hand in der Uni. sagt Fatos. Aber die Kosten übernimmt ja je~t Vodafone. dann Hausfrau werden. Das heißt. zu ignorieren. gelacht. Als Fatos gemeinsam mit ihrer Freundin und zwei guten AbscWüssen in der Tasche vor einer Kreuzberger Berufsberaterin saß. Sie schläft fünf Stunden pro Nacht. wenn die Mlgranten an einer privaten Hochschule studieren. der nach einem Unfall nicht mehr arbeiten kann. Ihre Noten hätten sie unantastbar gemacht. Kein Lehrer hätte ihr. Denn keiner hier fordert. Das ist die Botschaft der Runde. die durch Geschichten. die ich so schnell nicht wieder vergesse. meinte die: »Ihr seid doch Türkinnen. Da ist das doch Zeitverschwendung. das Unternehmen hält vor allem die Privatuniversitäten für einen Karrierekatalysator und möchte. September 2001 kämen noch die täglichen Anfeindungen auf der Straße dazu. »Aber die hörte nicht aufdamit. wie Bernd. Heute leitet sie eine Gruppe für muslimische Mädchen und trichtert ihnen die Lehren ihrer Schulzeit ein: »Seid besser. dass Fatos' Vierzehn-Stunden-Tage auch hier normal sind. an einer Privatuniversität. Da haben wir das Gespräch abgebrochen. folgt sie weiter ihrem alten Plan: Besser sein. Eine Botschaft. »zur Entspannung«. Ein Studium an einer staatlichen Universität fördert Vodafone nicht. sondern bei der EU oder bei Amnesty International anfangen. Fatos' Vater.« Seit dem 11. mit Leben gefüllt wird.

Streifen. der so gut Englisch sprach. . bewahrt Haltung beim Essen. Manchmal muss er hüsteln. die Kinder derer. rückt seinen Stuhl neben mich. die auch den. Alexander ist in dem Bewusstsein aufgewachsen. nach hinten geföhnten Haaren und sicher auch an seinem fast aristokratischen Auftreten. Er lehnte ab. Sie landeten im Dezember. habe der Vater immer gemahnt. Allerdings Gedichte. als ich erzählte. vor allem Liebeslyrik. an die Schule. »Wegen meiner Mutter«. der die schlechtesten Startchancen hat.'\ gefalligst besser um sie. Hemd d urchzlehen dünne rosafarbene . aufmerksam wurde. Als das Ergebnis vorlag. Alexander. hatte seine Familie doch stets auf die Bildung der Kinder geachtet. zum Sieger werden lassen. Alexander erinnert sich an den deutschen Schnee und daran. h·'lt digt sIch. beim Rauchen. denen es scWechter geht. Er lächelt. Der andere. Es sind Geschichten über Ehrgeiz. Er streicht die blonden Haare hinters Ohr und sagt: »Ein Buch über das Thema Elite . hatte still zugehört. und an die Lehrerin. . Steckbrief hat er D' H omme als Lieblingsmodemarke lor angegeben.diese Sprachen beherrschte er. »Ich konnte nicht mehr als Buchstaben erkennen und so Kleinigkeiten sagen wie >Hallo< oder >Wie geht'sk Aber das war es dann auch. die sie einst einlud. an den langen blonden. »Lass die. »Sei dankbar. die auf den georgischen Jungen. Der eine. dessen Sprache er nicht kannte. Einfluss und Wohlstand eben nicht gleich verteilt. nie deine überlegenheit spüren. Aber jetzt hatte die Flucht ihn in ein Land geführt. Russisch. 123 1'/1 . Das mag am Akzent lie~ gen. sagte er. besuchte. se'm . beim Sprechen. ein Kind der oberen Eintausend zu sein. Englisch . Seme feme karierte Stofthose steckt in wadenhohen Reiterstiefeln. die er dort mit vielen Russen und Polen. dass es dir gut geht«. »Lass uns später in Ruhe treffen!«. als ich ihn darauf anspreche. In einem ZIert .« Aber irgendwann wurde das Leben in Georgien zu gefahrlich. Zwei in der Runde allerdings sind anders.« 122 Ganz offensichtlich kommt Alexander aus sehr gutem Hause. sein HandgeIenk' eme Armani-Uhr. ~. dass die Häuser so schön weihnachtlich dekoriert waren. und mir seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben. die alle in ihrer Muttersprache redeten. . Gott. Er ist Sohn einer Familie. Alexander spricht Deutsch mit reizendem französischem Akzent. Alexander sitzt kerzengerade am Tisch. nach Deutschland zu fliehen. Dann dreht er den Kopf zur Seite'. Das Thema ist prickelnd. die Enge im Auffanglanger Unna-Massen.. kümmern müsse.das interessiert mich sehr. . dass ich zum Thema »Elite« recherchiere. seit frühester Jugend.( . Er erinnert sich auch an. ein junger Iraner namens Aadish.« Er selbst schreibe auch. die zu den Obersten in Georgien gehörte. Alle sehen in ihm den Franzosen. Ich verzichte auf das Zweitbeste. Schon drei Wochen später landeten sie am Frankfurter Flughafen. Sie ließ ihn Figuren bauen und Muster legen und testete so seine Intelligenz. so lernte Alexander. Eigenschaften.« Georgisch. entschul. Fleiß und Willen. Alexander würde wohl jeden Türsteher jedes noch so rest r ikt'lven Soclety-Clubs passieren können. Ein Privilegierter in einem ansonsten armen Land. a d'le gestreckten Finger vor den Mund. Über sich selbst sagt er: »Ich bin wie Effi Briest. habe Intelligenz. Die Familie entschied. habe eines der angesehensten und teuersten Internate des Landes ihm ein Vollstipendium angeboten.

in denen Kinder reicher Eltern Champagnerflaschen bestellen. das ich zu der Zeit sehr mochte. weil er aufsprang. Es ist einfach eine schlechte Erziehung.« Am Anfang fiel er in der Schule ständig auf. einen Lehrer so anzuschnipsen. dort ausgeht?« »Nein«. dass ich ihn enttäusche. in ein Internat. wie es ist. »Überhaupt nicht. dass Düsseldorfer Jugendliche im Alter von zwanzig Jahren Elite seien. j sagt Alexander. und dann weg von zu Hause.« Hier in Deutschland sei der Begriffweniger greifbar. wenn man finanziell. besser zu sein. die ich aus Georgien schon kannte. mit dem die Mitschüler nach Aufmerksamkeit heischten. Eine gute Familie. Die Stadt steht für das Leben. »Wenn die die Flaschen vor sich stehen haben. Elite zu sein«. sei ihm klar geworden.« 124 »Kannst du dir vorstellen. Manche denken. sagt Alexander. »Weißt du. in der Hoffnung. Seine Clique stehe auf fast jeder Gästeliste. wenn man viel im Leben erreicht hat.« Ich sehe. dass man so etwas tut. Gerade fünfzehn. glauben sie übrigens. Elite wird man. obwohl er die Sprache der Mitschüler noch immer nicht beherrschte. sage ich wieder. in dem reiche Kinder der Legende nach gern ausschweifende Feste feiern. jeder. gerade mal seit fünf Jahren wohnt er in der Stadt. sagt Alexander. Sein Pass ist georgisch. sagt er. und sie selber haben nicht viel erreicht. Er bekam einen Job im Exklusivhaus der Modemarke Breuniger. fragt Alexander. »Das kenne ich nur bei Kellnern. wie Düsseldorf sich anfühlt?« »Nein. werde missverstanden und von vielen missbraucht. »Ein Buch. dass er noch lange in Deutschland bleiben würde. eine entsprechende Kultur haben und ein entsprechendes Benehmen. »Was ist denn Elite für dich?« »Für mich gehören zur Elite Leute. Sie feiern in Clubs an der Kö. Trotzdem identifiziert er sich mit Düsseldorf.« Aber dann schaute er sich seine Umgebung immer genauer an. wenn der Lehrer den Raum betrat. sei eine gute Ausgangs125 . sagt er.oder im bösen Sinne: Bonzen.« Deshalb. bekenne ich. zum Beispiel. Ich habe eine Ausgabe aufRussisch und eine auf Deutsch vor mich gelegt und die Seiten parallel gelesen. der Golf spielt. verachtete. »Sie haben mehr als andere und glauben. die sechs Liter fassen. Das Nein der Mutter war für Alexander Gesetz. »Das Geld ist von den Eltern. war >Lolita< von Nabokov. Und so habe ich mit vielen Büchern. ist Elite. Deutsch gelernt. wenn man an der Kö die Schule besucht. oder weil er das Schnipsen mit den Fingern. »Kennst du Düsseldorf?«. und man suchte nach einer angemessenen Alternative.« Alexander hält diesen Glauben für einen Trugschluss. sei ausgeschlossen. sagt er. sagt er. dort nebenher arbeitet. wie Düsseldorf sich anfühlt. Düsseldorfer zu sein erfüllt ihn mit Stolz.i·. »Nicht wirklich«.« In Georgien. das er liebt und von dem er mir lange erzählt. Sie habe ihren Sohn nicht ziehen lassen wollen. dass ich doch noch begreife. die überdurchschnittliche Leistungen vollbringen. was er ehrfurchtsvoll das Düsseldorfer Leben nennt. verdiente relativ bald ziemlich viel Geld und lernte das kennen. Aber in diesem Moment. begann er seinen ganz eigenen Deutschkurs. sei die Sache klar: »Da bedeutet Elite Oberschicht . aber auch geistig weiter ist als andere. Und weil er Wörterbüchern nicht traut. Alexander kam auf ein Gymnasium an der Königsallee in Düsseldorf.

Oft hätten die Kinder dann nicht nur zwei Titel. in Silber oder Schwarz. sagt er. frage ich schüchtern. rein käme man nur auf Einladung. Menschen also. die haben Pläne für die Zukunft. die Clubs. Das sind auch meine Interessen. dort auf die städtischen Schulen gegangen. sagt Alexander. Studiert habe ich im Ruhrgebiet.« Klingt logisch. von denen er mir erzählt. die Schulen. »Wenn du Rapper bist. Eigentlich auch unnötig.basis. suchst du die Leute aus. sagt Alexander. die wollen etwas werden im Leben. Aber wie findet man die richtigen Orte. Wenn du Technomusik hörst. schon durch die Geburt etwas zu sein. die aussähen wie man selbst. Reicher-als-du. Auch hier scheint zu gelten. sei eine bekannte Adresse und vor allem Schwarzekarte. Der Zugang sei passwortgeschützt. erklärt aber nichts. ich habe mich mein Leben lang an Orten herumgetrieben. Unter seinen Freunden sind einige. die überzeugt sind.de. . seitdem ist es auch mein Wappen. Ich bin in einer Kleinstadt im Münsterland groß ge~orden. wie vorgeschlagen. der eine kleine Krone trägt. reich zu heiraten und damit dem Beispiel der Mutter und der Tanten zu folgen. warum ich solche Menschen nicht kenne. sagt Alexander. deren Eltern jeweils einen Adelstitel in die Ehe einbrachten. Aber inzwischen habe sie das Schicksal vieler solcher Zirkel ereilt: Irgendwann würde solch eine Adresse zu bekannt und sei dann überlaufen. um dazuzugehören? Durchs Internet sei das ziemlich einfach geworden. Als ich mich zum ersten Mal einlogge. Oder sei sein berühmtes Whats in the name? nicht so zu verstehen? Außerdem kenne er Mädchen. an de126 nen diese Kreise nicht verkehren. Dann 127 . ertönt eine Begrüßungsmusik. die dementsprechend aussehen. die tagein.de. »du könntest mich einladen? Gar empfehlen?« »Klar«. Trotzdem würde ich die Menschen. Für 9 Euro könnte ich es mir sogar kaufen. Das sei lange die entscheidende Communitiy gewesen. Und wohlhabende Leute aus guter Familie mit guter Erziehung. sagt Alexander. erklärt Alexander. In seiner Clique sind »Doppel-Vons«. Es zögen einen immer die Leute an. ehrlich gesagt habe ich ihre Existenz bislang bezweifelt. SCHWARZE KARTE Das Wappen von Schwarzekarte ist ein schwarz-weißer Schild. . Das habe schon Shakespeare begriffen. Menschen wie Alexanders Freunde und ich haben woW völlig unterschiedliche Leben geführt. . die man besuchen muss. nur mit glaubwürdiger Empfehlung. Heute um 17 Uhr 45 hat mich Schwarzekarte offiziell willkommen geheißen. Aber die Ambitionen. in denen man feiern muss. »Meinst du«. etwas zu werden. noch immer bei der schwarzen Karte finden. Sprich. Ich habe diese Menschen ja nicht ignoriert. Man vernetze sich in exklusiven Foren. die müsse man schon selber haben. Ich bin ihnen noch nie begegnet. weil ich andere Interessen habe. weil es ihr Plan sei. und tatsächlich erhalte ich zwei Tage später meinen Zugang. dass Elite und Masse sich generell nicht vertragen. Ich frage mich. wählst du Rapper. tagaus ihre Schönheit pflegen. wo sich die High Society weitestgehend auf Fußballer beschränkt. Für solche Insignien ist es mir noch zu früh. ans »Hemdrevers« zu heften. um es mir. sondern auch noch fünf Vornamen.

mit Sonnenbrille. In einem Forum werde Ich spater lesen. dass der Name Schwarzekarte an eine Premiumkreditkarte erinnern soll. »die so viel Potenzial hat. Nur so könne Schwarzekarte möglichst privat und familiär gehalten werden. ärgert sich. Habe ich alles nicht. »Es gibt z. In puncto Lifestyle. Der Botschafter für Heidelberg trägt ein rosafarbenes Ralph-Lauren-Hemd und auch eine schwarze Sonnenbrille. M·tgl· d I le. A~zughose und maritimem Jackett. Sport. h at SICh b' emem Sommerfest in weißer . Das Schwarzekarte. Moritz und New York. Durchsucht man das Netzwerk zum Beispiel nach den Vornamen Konstantin. Zu den Orten. aus der ich meine liebsten Freizeitinteressen wählen soll. Einer der Hamburger Botschafter trägt nichts . »Freundschaften erweitern den Horizont«. Sportjäckchen. Clubbing und Kultur hat Dubai so dermaßen viel zu bieten. dass '" .. Zeit kaum eine andere Stadt((.(( Noch wartet Dubai auf die Aufnahme. genau wie die langen. dass eine Einladung nötig ist. Sein Lebensmotto: »Stil ist eine Fähigkeit. meine Lieblingschampagnermarke angeben. seine Einkäufe zu bezaWen. dass die arabische Geldmetropole noch feWt. em Volksbankkonto habe. Wiesen" Kr gruner awatte und passendem Einstecktuch ab128 lichten lassen. Ein Mitglied. Golf oder Polo? Jagd oder Fechten? Fußball und Musik kreuze ich an und hoffe. und bin froh ' daSS ICh· Pro fiil nicht angeben musste. nach eigenen Regeln funktioniert. oder Benjamin C. schmückt seinen schnöden Namen wenigstens mit den Initialen der Zweit. Ich fühle mich wie ein Eindringling. die favorisierte Automarke und mein bevorzugtes Modelabel. Die ist üblich. Im . dessen Lebensmotto »Niveau ist keine Handcreme« lautet.« Nochmals werde ich darauf hingewiesen. schreiben die Organisatoren. was die Art. schreibt er. Ich erfahre. Sneaker und Jeans scheinen hier kaum zu existieren. C. angeht. Man nennt sich Benedikt M. zurückgegelten Haare. Wirtschaft.außer der schwarzen Sonnenbrille. um Zutritt zum Netzwerk zu erhalten. Entscheidungen zu treffen. Ich starre auf die Liste. gehören Sylt. die das Schwarzekarte-Forum nutzen. K. das zum Netzwerkbotschafter für New York berufen wurde. als ich meinen Namen und das Passwort eintippe. dass ich nur . . Kurz nach meinem Eintritt ins Netzwerk lädt mich Louis Sayn-Wittgenstein-Sayn zum Schwarzekarte-Skiwochenende nach Garmisch ein. el . mich damit nicht sofort zu disqualifizieren. Die Häufung von Adelstiteln ist erstaunlich. einer Boxershorts und einem Whiskeyglas. Regel eins: Man sieht anders aus als in meiner Welt. Schließlich steht er unter Palmen.« Regel zwei: Man heißt anders als meine alten Freunde. in denen die Schwarzekarte-Mitglieder leben. Ich werde angenommen und klicke mich die nächsten zwei Tage völlig fasziniert durch die Parallelwelt meiner »neuen Freunde«. Frederik H. und wer keinen Titel hat. ob Dubai neue Netzwerk-Stadt werden soll. Etliche Netzwerkmitglieder 129 . Ich soll ein Profil anlegen. Seine Wut ist er übrigens in nacWässiger Rechtschreibung losgeworden. St. Saint-Tropez dagegen hat es geschafft. wie viele. und man besucht andere Orte. dass das Leb~n d:r im Schnitt Anfang-zwanzigjährigen Mitglieder hier nicht nur. Im Forum wird diskutiert.sehe ich Bilder von schneebedeckten Bergen. Theresa oder Maximilian erhält man Hunderte von Treffern. diese Kleidun g »Sozen-Mode« sei. Ich lerne schnell.oder Drittvornamen. »Diese muss man nicht dem Zufall überlassen. lese ich.

»Man muss dort für 'ne Flasche Moet so um die 500 € hinblättern. ich könnte den noch ein bis zwei Jahre behalten?« »WOW! Mouton Rothschild aus der Magnum ist wahrlich ein Schatz in Deinem Keller. In den Club dringen immer mehr Spanner ein. außerdem hat er sich neben der Motorhaube eines alten Bentleys knipsen lassen. an deren Heck die Ortsmarke Saint-Tropez gut zu lesen ist. Oder meinst du. aber nicht alle. Denkst du. .« »Mit was man mich auch locken kann: Marques de Caceres Grand Reserva 1985 aus der Rioja Alta. auf dem er im Gras sitzt. Damit teilt Schwarzekarte das Schicksal ähnlicher exklusiver Internetforen. behalten nur da D' . in seinem Arm ein frisch geschosse~~s Reh. Zur Vorabinformation: Die Hauptdarsteller im folgenden Dialog kosten nach Angaben eines renommierten deutschen Weinkellers zwischen 250 und 600 Euro. Seine Seite sei ein Club für junge Banker. designerdekorierten Mädchen im Arm fotografieren.schreiben. wegen dem schlechten Jahrgang. die ZaW der Mitglieder auf 250000 welt131 130 . rm en. und diskutieren über Abende im Palais in Cannes: »Eine unglaubliche Location. dem heimischen Keller ausklingen. Das Problem ist die Anordnung der Tische und VIP-Tische. Nur kann der 87 bei Weitem nicht mit 82 und 86 mithalten. über eine Million Mal pro Monat rufen sie die Seite auf. Berühmtheiten und Models. Über hunderttausend junge Menschen sind im Sommer 2007 bei Schwarzekarte angemeldet. Quentin Tarantino oder Naomi Campbell bei ASW verkehrten. fügt er resigniert hinzu. Aber dann wurde bekannt. . Papa!« Diese Themen möchte man allerdings im exklusiven Kreis diskutieren. .« Ein anderer hält die Preise im Byblos in Saint-Tropez für übertrieben. Der Botschafter für Lancaster posiert auf einer Jacht. Ich sollte den t . k. dass auch Paris Hilton. ASW. Du lädst Freunde ein. so wie ich. Viele. Und gerade diese Exklusivität sehen viele Mitglieder gefahrdet. wie Insider sagen. der Tipps geben konnte. Ein Club. würd e den eIgentli ch gern noch em blsschen . Die berühmten Namen zogen Gaffer an. An dieser Stelle: Danke. ScWage vor. 2004 gründete der Sohn eines schwedischen Diplomaten aSmallWorld. dass sie jeden Sommer »unten an der Cöte seien«.(. zwei sonnengebräunten. das Rolemodel der Bewegung. Wie teuer ist ein Privatjet? Wo bekomme ich ein Loft in New York? Wer geht zum Dinner mit Al Gore? Bei ASW fand sich garantiert jemand. Viele Mitglieder lassen sich mit einer riesigen Champagnerflasche am Mund und ein. Der Hals des Tieres ist noch blutig. »Ich habe eine Magnum-Flasche Chateau Mouton Rothschild. galt schnell als die Plattform der Reichen und Schönen. Auch wenn die meIsten der Schwarzekarte. kochst was Feines (oder lässt was Feines kochen) und genießt diese wunderbare Flasche. sagte der Gründer. der Blick des Jagers triumphal.Nutzer gerade erst zwanzig geworden sind. »das ist Saint-Tropez. sind reich und aus gutem Haus. Regel Nummer drei lautet schließlich: Man protzt durchaus mit seinem Reichtum. . Ein Junge hat in seiner Bildergalerie ein Foto von sich. in den nur Eingeladene gelangen. Den Tag bei der Jagd oder auf dem Golfplatz lässt man offenbar gern bei einem guten Wein aus. Aber«. Das Netzwerk wuc~s ~us Sicht des Gründers unkontrolliert. debattieren sie im Forum über teure Flaschen. ' s mg 1st em 87er-Jahrgang. die einen guten Wein schätzen. Die ZugangskrItenen wurden verschärft.

eInem schonen . . Weil Neid und Missgunst in Deutschland keinen Platz für Helden lassen.« »Neid ist in Deutschland die höchste Anerkennung.uch bei Schwarzekarte wird seit Langem über einen EInladungsstopp diskutiert. beklagt er. zu können . . klagt. Dass sich jemand von ganz unten nach oben gearbeitet hat.. son dern gefragt. im Forum. der Düsseldorf. und einer.»Manch m al gIng es schon so weit dass . . um sIch so etwas leisten . Sylt und . A.h IC extra weiter weg geparktabe. die man bekommen kann«. . ganz entschieden zu widersprechen.« In Deu tschlan d dagegen. in der wirklichen ~elt. Ig. sondern nur meckern. Sie glauben. Im Forum mahnt einer. würden »ihren Arsch nicht hochbekommen. tAT d mIt. h . wenn die große Masse der Bevölkerung bei vier Millionen Arbeitslosen und gigantischen Haushaltslöchern in Staat und Land sieht. schreibt ein anderer. wIrd man mcht . dem selbst ernannten »exklusiveren Forum« für eine Elitegesellschaft. warum man dieses oder jenes Auto art. ist ja wohl eher die Ausnahme. Neid muss man sich erarbeiten. »Ich find halt nur extrem schade. dIskriminiert zu werden. tröstet ein Netzwerkfreund den Porsche-Liebhaber.« Die meisten Deutschen. über sechzig haben sich beteiligt. klagt ein anderer. damit man nicht wieh ' der erklären mu fl. dass sie sich früher in der Schule oft blöde Sprüche wegen ihrer teuren Kleidung hätten anhören müssen. bis Vater Staat ihnen das Geld aufs Konto überweist. dass Neid nicht dazu benutzt wird.<. »Irgendwie gewöhnt man sich ja dran«. würde aus einem »exklusiven Lifestyleportal immer mehr ein ganz normales«. den sie jetzt auch den anderen Netzwerkern mitgeben möchte: »Mitleid bekommt man geschenkt. ein Chemiestudent aus Köln. werde ich abgelehnt. eIner.« Er beendet· . dass viele »der in den letzten Monaten (massenhaft) neu akkreditierten Mitglieder kein positiver Zugewinn sind«. nenn man ort Auto vorfährt oder eIne t eure Uranhat. schimpft er. fragt er und fügt hinzu: »Und diesen Blödsinn von wegen >Der hat es sich eben verdient< könnt ihr gleich wieder einpacken.« 2437 Schwarzekarte-Mitglieder haben sich die NeidDiskussion angeschaut. wagt tatsächlich.. offen auszusprechen.j ! I weit begrenzt.h ss. mit ständiger Ablehnung rechnen . . wie andere Leute das Geld mit beiden Händen zum Fenster rauswerfen?«. dass Neid aufkommt. Dass sie zumindest hier unter Gleichen sind ist den meisten sehr Wichtig.t I In D~utschland immer schlimmer wird? Aufgefallen ist es mIr erst so rI·cht· a1· h d·Ieses Jahr langere Zelt In . an sich selbst zu arbeiten. wie toll dieses oder . rum eutschland keine Heimat ist? 132 ~en Porsche Carrera GT liebt. s IC den Staaten war. der seinen tAT hl d . nO stan zeIgt. Ihre Eltern hätten sie dann immer mit einem Satz getröstet. Im vergangenen Sommer wurde ein Einladestopp verhängt. Jenes ist und was man arb eltet. . . Bei reicher-als-du. fragt einer. Burberry oder Hugo Boss investiert.de. die sich nur über Luxus und Reichtum definiert. . dass es an der Zeit sei.« 133 cr I I fi l . dabei Frauentausch gucken und warten. das ihr Taschengeld mit Vorliebe in die Nobellabels Ralph Lauren. von den anderen. seInen EIntrag mit einem pathetisch en ZItat· »Wa D . schIef angesch au t .« Ein Mädchen. die sie »Prolos« nennen. »dass der Neid »Kann es sein«. müsse . »Es wundert euch tatsächlich. fühlen sich viele ungerecht behandelt. Denn draußen. Wenn es so weiterginge.

I lerten Bemerkungen gegenüber ehtaren Netzwerken. möchte er sich bei all denen. Ich laufe dreimal von meinem Computer in die Küche und wieder zurück. '. »Ihr einfachen Arbeiterkinder«. ISC ee u erspltzt. mit gefälschten Hermes-Gürteln oder Breitling-Uhren zu protzen. Erschreckend häufig aber vergessen die Kinder relc~~r ~ltern ihre sicherlich gute Erziehung. smn Anh anger((. Die Beschimpfungen setzen sich noch über Seiten fort. das einen Artikel über die geschlossenen Netzwerke des »Net-Jetsets« veröffentlicht hat. vieles dav II ' b on so nur provozieren. k" onnen WIr nur drei Porsche fahren Also geht gefälligst ARBEITEN!!!« . entschuldigen.ommen von Eurer SeIte noch ugendwelche un qu al'fiz' . . meint ein anderer.(( Sicher. v . . ka" WIr Euch auf!« Ein anderer ulen . gewollt zum Kl' h . die als »Pöbel« oder »links gerichtet« bezeichnet wurden. über Sozialdemokraten. Ein Schwarzekarte-Mitglied beschreibt den Kampf als Elite versus Unterschicht. Ein Dritter droht. »David Copperfield«(. >~Diese Schickimicki-Bourgeoisie gehört verboten«. Wer sich verdachtlg macht. . ist übertrieen. Ein Mädchen vermutet: »Elite zeichnet sich durch Leistung aus. sagt. die das Geld ihrer Eltern aus dem Fenster werfen. der sich über Schwarzekarte beschwert: »Weil wir für euch arbeitslose. »Leider gibt es diese Art von Menschen. uc emen Namensvorschlag hätte er s on: »Asoziales Netzwerk. wenn SIe es mcht schon sind. ussen.. Im Forum eines Freiburger Stadtmagazins. me: Wenn wir woIIen. wird als »Opfer« oder »Prolo« beschimpft. »Für das Fehlverhalten der anderen(... Vergesst . ass er wemgstens bei Schwarzekarte unter »Gleichge' t en(( seI. »Der mit dem meisten Geld«.»k" onnen Ja ihre eigenen Commumtys gründen (( A h .«( Einer schreibt: »Mein englisches Internat schafft es. »ihr seid doch nur eifersüchtig. »Arbeitslose und SPD/PDS. das Netzwerk nicht durch unqualifizierte Aussagen zu diskreditieren. 'dm . vor. Arbeitslose und Arme herzuziehen. Aber die anderen? Wie viel von dem arroganten Gehabe ist echt? Wie denken sie tatsächlich über die. schlägt er . Vater smd arbeitslo s. Ich versuche es noch einmal und bekomme tatsächlich ernst zu nehmende Antworten. mich zum ersten Mal im Netzwerk zu Wort zu melden.. . Dann entscheide ich. »l'. '. Muss das scheiße sein!« Ein anderer WI et seme Botschaft »dem Pöbel«. schreibt er. links orientierte Proleten so viel Steuern zahlenm" . Als die Angriffe gar nicht enden wollen... so mach e Ich einen Anruf. b . eh . denen es schlechter geht? Ist das Gerede vom faulen und neidischen Pack wirklich nur gespielt? Die Ermahnung des Chefs zumindest zeigt wenig Wirkung.Keiner geht auf seine Argumente ein. . . Immerhin wird er nur ig~oriert. Im Forum stelle ich die Frage: »Was ist Elite für Euch? Was macht sie aus? Wer gehört dazu?( Die erste Antwortenrunde bewegt sich auf dem Niveau der Linken-Beschimpfung. und eure . Ein Leben in Armut . schlägt em Schwarzekarte-Mitglied zurück. er fände es gut d . schaltet sich Louis SaynWittgenstein-Sayn ein und bittet alle Mitglieder. tobt zwischen einigen Schwarzekarte-Mitgliedern und den Lesern der Zeitschrift ein wahrer Klassenkampf. s~hlffipft ein Leser. scherzt einer.. Der Chemiestudent ist hier offenbar Exot. Dennoch scheint es 134 unter den reichen Kindern normal zu sein. Elite hervorzubrin135 . immer wieder!« Immerhin der Adel scheint noch zu Respekt und Toleranz erzogen zu sein. Die meisten schreiben: »Ich!( Nach ein paar Tagen löschen die Administratoren meinen Eintrag.

locken Schloss Louisenlund im Norden.. ein Internat. Schloss NeubeuerIl im Süden und natürlich der Platzhirsch. Man wolle sich gegenseitig helfen. Schon in der Begrüßung hatte ich gelesen. inS Lyceum AlpiIlum. In meiner Welt existierten sie nur als Heimat von Harry Potter. Andere schworen auf d" S h I ' le c u e Manenau. Wenn eine Familie ihre Söhne nach Eton schickt. die ich achtzehn Bände lang auf die Burg Möwenfels begleitete. Die Internatsnetzwerke helfen und halten ein Leben lang. ler uber Schulen d' . Keiner meiner Freunde stand irgendwann in seinem Leben vor dem Problem." Noch einmal lese ich die Antworten der Nutzer auf tnein e Frage. die in Uniformen. Für die Schwarzekarte-Nutzer hingegen sind Internate real. SchloSS Torgelow im Osten. die die rotbackigen Sprösslinge wohlhabender ~amilien zeigen.. welches das beste sei. Und dann sind da noch die Schlösser. sein Wunsch-Internat finden zu müssen . die schon ihre Ahnen trugen. Stipendien gibt es kaum. Graf von Faber-Castell tlnd Gunter Sachs sind hier zur Schule gegangen. Winchester oder Harrow zu schicken leostet so viel. und wieder füWe ich mich fremd. SeiIl kind nach Et0n. wie ein Durchschnittsbrite pro Jahr verdient. 137 .. OOb " ' le welt u er 20000 Euro pro Jahr kosten. die sich zur Elite zäh en.. Idyllisch an Seen oder atlf Bergen gelegen. Schließlich Sind die ßriten Von jeher für ihren Klassendünkel bekannt. gehÖrt sie zur Elite des Landes. Gibt es diese Tra"t' d 1 Ion. el ragen streiten die Nutzer darüber.. Das war in meinen j\ugen eine urbritische Gesetzmäßigkeit. »Elite wächst auf Internaten heran. das zu 136 einem »ökologischen HUIIlanismus« erziehen will. über das gesagt werde: »Der Birkelhof ist die inoffizielle Kaderschmiede der geistigen Elite.. Die Absolventen der Privatschulen führen die britischen Banken und Versicherungen. Die Kategorie »Internate« ist in den Diskussionsforen eine der beliebtesten. Für sie scheinen die Worte »Schule« und »Internat« Synonyme zu sein. Ich kenne die Bilder atlS England. Ziel des Netzwerkes sei auch. Schloss Salem.« Ein anderer geht auf ein Internat im Schwarzwald. . d"le 1Ch b'ISI an g fü"" b rl. und »Internat«. genau wie die Worte »Elite<. keine zwanzig Minuten von St.. Aber Schwarzekarte ist ein deutsches :Netzwerk. »Eine Elite für sich«. als gmge es um neue Jeanskollektionen.bsolventen: Ferdinand Pieeh.« DIE SCHULEN DER ELITE Internate als Heimat der Elite. die Upperclass ist unter sich und bleibt es. schreiben die Bhemaligen. H' dagegen urteilen Junge Menschen '. Die Luxusliebenden zieht es in die Schweiz. 1850 Meter über dem Meer. sie leiteten im Jahr 2005 über die Hälfte der größten britischen Unternehmen. Die FreUnde des LYceums werben mit den Namen der prominenten A. Moritz entfernt. so fern waren mir bislang die Bezahlschulen.gen. Den Birkelhof empf~Wen gut tausend Schwarzekarte-Mitglieder. In über fünfunddreißigtausend B 't .I . über die liockeyplätze der Internate rennen. steht da. Daran hatte ich gar nicht gedacht.tisch hielt' in bestimmten • I Kreisen auch hier? Schicken die. das WunschInternat zu finden. sie empfehlen Schulberatungen und gute Adressen in England. Hanni und Nanni oder der schüchternen Dolly. dass man verschollen geglaubte Freunde aus der Internatszeit wiederfinden könne.

Em Burgturm ragt vor mIr aUI. an denen die Elite erzogen wird. von außen einen Fuß in die Internatswelt zu bekommen. dass er es in der I~ternatsschule Schloss Neubeuern versucht. Als ich vor dem Eingang stehe. Die Mädchen. Berge. seien hle~ Viele . nimmt den Jungen in den Arm. dass er Angst hat. als sie vor dem Schloss aus dem Auto steigt. laulen an mll vor. 138 Seen und kleine Kinder. Dort werde ich hoffentlich neue Antworten bekommen. Es ist ein Regionalexpress. hatten so kn appe Tops und so enge sagt eme Erzleherm. Ein Lehrer holt mich am Bahnhof ab. Eine Woche zu Gast in den Internaten. Der Himmel ist grau. Später wird hinter ihnen tieforange die Sonne untergehen.. der Hort der Tradition. H' t er R ' nehmen sie dIe Aus. »Ohne Abitur bist du nichts in dieser Welt« sagt der Vater. starrt auf den Scheibenwischer. wie sein Leben hier werden wird. auf deren Brust . gen Monaten hat das Internat die schulunifor~ em. weil er eine Sechs in Mathe hat. ELITE: SEHR GUT Der Junge sitzt auf der Rückbank des weißen Saab hinter seinen Eltern. Kin der. C m zerschlissenen Jeans herumgeIaUlen. dass sie aus einer guten Familie kommen? Ich schreibe Schlösser und Burgen in ganz Deutschland an. »In die Schule gehen. wo andere Urlaub machen«. Er weiß nur. . Die Alpen leuchten heute. . Der Junge ist still. wirbt der Prospekt des Internats Neubeuern. . Schließlich sagen doch zwei Schulen zu. erzählt mir der Schulleiter. Die Mutter springt noch einmal aus dem Auto.. fühle ich mIch fremd.geführt. Er sieht die Reifen von Lastwagen. Ich sinke in die schwarzen Ledersitze seines Volvo und werde den Berg hochgefahren zum Schloss. Schloss Neubeuern bei Rosenheim und Salem. Er wird seine Familie und seine Stadt verlassen. Bald werden sie das Schloss erreicht haben. Erst vor wem. • • C . sagt die Mutter des Jungen. Vorher. bevor sie sich losreißt. Sie werden für diese letzte Chance des Jungen viel Geld bezahlen. der halbe Schulklassen aus Rosenheim zurück in ihre Dörfer fährt. Jetzt wollen seine Eltern. in einen Koffer und fahre los. die so tief hmgen. die ich mir nach dem Desaster beim Symposium gekauft habe. . Hier cribt es k' H" D" eme auser mehr.' e es ungen ware em Hauptschulabschluss peinlich.ihre Kinder auf Internate? Und wie wählen die Internate die Schüler aus? Gibt es Wissenstests? Müssen die Eltern nachweisen. Ich erkläre mein Anliegen und merke schnell. wird sein neuer bester Freund ihm später erklären. Er weiß nicht. Ich steige in Raubling aus dem Zug. Schulen. »Die Luft ist so gut«. Für die Famili' d J . Ich packe die Elite-Recherche-Garderobe. dass es nicht ganz einfach werden wird. MATHE: AUSREICHEND. dass er zu Hause bleiben will. Von der Terrasse hinter dem Schloss blicke ich auf fünfzehn Gipfel. Weil er schon vier Schulen ausprobiert hat und gescheitert ist. Dann steht der Junge allein vor dem Schloss und winkt. " 139 . Der Vater lobt die tolle Aussicht. aber genau über den schneebedeckten Gipfeln ist ein Loch. nach ein paar Tagen wird es dir hier gefallen«. Alle hier wollen eigentlich lieber nach Hause. Nur Wiesen. dass man die Boxershorts seh en konnte. sagt sie. 14 Uhr 41. m osenhelm fahrt. c ' bei em Wappen prangt. die brav ihre Fahrradhelme tragen. Die Häuser des Münchner Stadtrandgebiets fliegen an ihm vorbei. »Du wirst sehen. Der Saab fährt an.

'r »Wenn mein Vater Zeit h at. war eine Eins. . in denen mir klar wird. wird der Junge vier Monate im Schloss verbringen.Jeans getragen.~r für ihn hat. war schon da. und der Schüler gewandelt. Die Schüler können wählen. die der Vat. h' fragt em Erzieher . berichten mir später die Schüler• »UTer die ~ VVI s~he Sockenfarbe hat. bekommen hat für das. die Disziplin und· Zusammengehön~ei~ stärken soll. »Die Nase«. meI' ne Schu h e waren eme DreI mmus und somit bin ich n och auf" ' eme ZweI gekommen« Später werde ich in e' Sch uIversammlung erleben. kurz nach seinem Erscheinen wurde das Buch verfilmt. »vvas ' an Ihrer Uniform falsch?«. spieIen WI am Wochenende Golf. als Benjamin Lebert Schüler in Neubeuern war. Das müssen auch die Eltern des Jungen begreifen. Seit Kurzem hat Neubeuern einen eigenen Abschlagplatz und einen Golfsimulator für die Turnhalle. wird aus dem Unterricht geSChICkt«. 140 von Dutzenden Situationen. dass Schüler auch auf Nobelinternaten vor allem Teenager sind. der schonen Aussicht und dem Golfplatz begeistert sind. 1988 fing Reinhard Käsinger hier an. sich in Mathe zu verbessern. was man anhatte. wo er hingucken sollte. d »Ie Itten«. Mittlerweile haben sich die Vorlieben d~r Kunden. Es ist die erste . • Ir U T 1St . »Wir haben in der letzten Woche im Grundkurs eine halbe Stunde damit verbracht' dass Jed er emzeIn rausmusste und man Noten . der mich abgeholt hat. .t v~r­ bereitet sein für die paar Stunden. Absurd und teil:velse hart geführt werde der Streit um die richtige KleIdung. Dazu müssen sie beige oder dunkelgraue Stoffhosen oder Röcke anziehen. Es gibt vorgeschriebene Kleidungsstücke. Nachdem sie nach München zu ihren Eheproblemen zurückgekehrt sind. mahnt die Schulleitung. sich in ein Mädchen verlieben und sich von einem anderen auf der Schultoilette entjungfern lassen. rauchen. Der Lehrer. zieht hier wohl 141 I I I r . die Schülermodels vorführen. dass mancher Lehrer nicht wusste. Keine Jeans oder Cordhosen. Die übrige Kleidung wurde in Zusammenarbeit mit den Edelmarken Marc O'Polo und Aigner entwickelt. Kein Luxus der Welt schützt Eltern und Lehrer vor der Pubertät. was wir unternehmen«. Aber er wird Freunde finden. Er will dann gu. Wer möchte. . Das ist so das.d ' T' pa agoglsc ms Plenum. zielsicher auf einen Keks zu wichsen. Auch wenn die Eltern vom Schloss. in ein Striplokal gehen und lernen. Er wird es nicht schaffen. Kasinger hat eine Golfausbildung absolviert. schrieb er seine Erfahrungen auf..gebeten w' d . festgelegte »Kombinationsmöglichkeiten«. wie der Schulleiter sagt. Aufgrund der Kontakte zu Schülereltern und Altschülern haben diese Firmen besonders günstige Angebote gemacht. Vorher sahen die Kinder also aus wie an jeder Schule. wird mir ein Elftklässler später erzählen. ob sie den dunkelblauen Pullover oder den Pullunder mit Wappen tragen oder lieber das weiße Polohemd. Eine Investition.. Er wird trinken. weil Boris Becker und Steffi Graf gerade triumphale Erfolge feierten. »Crazy« von Benjamin Lebert wurde ein Bestseller. Das Internat suchte einen Tennislehrer. Meine Hose ' . wie ein " mer Madchen aus der SIe en 0 d er achten Klasse auf die 'bt " Buhne . sagt Käsinger. der Eltern also. Die Erstausstattung kostet trotzdem 400 Euro. brüllen d'Ie Jungs hmter mir. darf sich ein Halstuch der Marke Windsor umbinden. Das ist jetzt vorbei.. erzählt ein Zehntklässler. »Das wollten die Kunden damals«. Nachdem der Junge das Internat verlassen hatte.

ihr Urin auf Rückstände von Drogen getestet. Ie gerade zum Prob ewohnen einquartiert sind. Per WirelessLAN können die Gestressten dann erst die Börsenkurse checken und danach den Leistungsstand des Kindes. Schwarze Brett de S hul d ' ali r c e. um eI'negerkussb" N rotchen zu ergattern.. und wer sich ganz und gar uneinsichtig zeigt. d'Ie wa rend der Pause Durst be"h u kommen. Mir geht es gut. gereicht haben. dem Jungen aus dem Buch. Bei den meisten erzählen mir die Schüler. SIdenz eine Internatssch u1e r l e Kinder der gehobenen fü' d' Gesellschaft machte. weil sie nur arbeiten. der nicht genannt werden möchte. 'J der Baronm urIe von Wendelstadt. un en werden könnten. sagt Jörg Müller. das aus dem Gefühl entsteht: Mir fehlt es an nichts. Die Namen der er. über besondere Vorkommnisse. wird suspendiert. Einen der hundertzwanzig Internatsschüler trafdas im vergangenen Jahr. Das sind die goldenen Stäbe. Vom nächsten Jahr an sollen die Eltern diese Daten ständig über das Internet abrufen können. also für einige Tage nach Hause geschickt. wer h e u t . wo man dran' " geln musste. Er bedauert. H' sItzen d'Ie Schüler zum Essen an Ier . Einer aus dem Kollegium.rn klge~ ganz modern ein flacher Monitor ist. sich für ein Thema wirklich einzusetzen.« . Bei Verstö142 kaum einer deswegen ein. der mit Frau und Kindern im Schloss lebt. hängt das . Im Essenssaal sind die UT:' de mIthellroten Seidentapeten ' "an . Ausführlich berichtet ihnen das Internat über schriftliche und mündliche Noten der Kinder. die 1925 aus ihrer Re-' .« »Was ist das die Wohlstandskrankheit?« »Dieses Verhalten. d'Ie SIe Stachus nennen. Und links ist für . Drei Jungs aus der Abiturklasse sind gerade suspendiert worden. J tägli h E x t e nachsItzen muss. dass die Schüler »vor dem Hintergrund von finanzieller und sozialer Sicherheit häufig den gewünschten Antrieb und Ehrgeiz vermissen lassen«. runden Tischen ' na chd em K" h e Ihnen zuvor die Mahl. riesige Spiegel und aufwendige Engelskulpturen schmücken den Raum. Die Bilder von emen Skirennfah rern werden als Erinnerung an die 1etzte gemeinsame Fah ' Schül' d' rt emgeblendet. sei ein Käfig mIt goldenen Stäben. Wie bei Verkehrskontrollen wird ihr Atem auf Alkohol überprüft. wird hinausgeworfen. Sie waren mit Alkohol auf dem Schulgelände erwischt worden. aus deren Eltern also K d ein Nachrichtenb . Und der Kafig? In der Eingangshalle. Ich gehe in die Eingangshalle des Schlosses. Karaffen mit Wasser und Kannen mit Kakao stehen da ' für Sch"ler. Das sei nötig. Und 143 . as seIt der Spende eines Ehe- ßen gegen die Internatsregeln gibt es einen Verweis.« . Die nachmit'td' c e rastund e IS Ie h arrnloseste Strafe.»Oder weil es zu Hause nicht mehr geht«. Defizite in Ordnung und Betragen.. Weil man es an der staatlichen nicht schafft. oc ' zelte~.. laufen wie and uber den Schirm. sagt ein anderer. verkleidet. und wünscht sich von seinen Schülern mehr Engagement und die Bereitschaft. . An der Wand hän gt em Portrat der letzten Schlossherrin . der Vorstand der Internatsstiftung. Goldb esetzte Sch' mtzerelen. die zum Pusten antreten müssen. »Schulische Probleme. Das Internat. »Weil sich die Eltern trennen oder nie da sind. formuliert es drastischer: »Viele unserer Schüler leiden an der Wohlstandskrankheit. Die Erzieher picken sich regelmäßig Schüler heraus. Alle vier bis fünf Wochen bekommen die Eltern Post von der Schule. Macht ihr mal.eden nachzulesen. wer drei Verweise gesammelt hat. schreibt Benjamin Lebert. Es gibt ke'men Ki osk WIe b el' uns. ist es wie bei Benjamin Leber.

Vollstipendien existieren mcht. wo ein Aui:st' 1: legsw anders. neuerdings auch welche. dass nach dem Abitur schon alles geebnet ist. das von sich behauptet. Bm Ich tatsächlich an einem Internat. schreit eine Lehrerin. dann nicht. und plötzlich begreife ich. Ziele zu setzen. das aber m~mal d~e Hälfte der Gebühren deckt. . Macht insgesamt weit über 30000 Euro p~o Jahr rur den Schulbesuch eines Kindes. dass Papas Chefsessel wartet«. und wenn nicht. »D. lC an emer staathchen ille motiVIerend wIrken kann. die mit der Familie jedes Jahr zum Skifahren reisten. wo immer Geld da ist. die losgelöst sind vom finanziellen Umfeld und vom Ansehen in der Gesellschaft. dass sie sagen: Ich möchte dies oder jenes erreichen. I ~ch bin verwirrt.und Internatsgebühren. Und zwei Prominente sind auch da: ein Kind und ein Enkel zweier Schlagerstars. das ist wahnsinnig schwer. für irgendetwas kämpfen müssen. mache ich vielleicht mit. klagt jemand aus dem KollegIUm. Die Arzttöchter. oder die.ein paar Adlige. Das lSt SlCh erI' h ' .wenn es mir gefällt. dass ich das kann.« . . DIe Lehrer unterrichten bei geöffneten Fenstern. ist begrenzt. vom Kampfum Diszlphn. die Kosten für Ausflüge nach München zum Skifahren oder zum Golfen. fehlten der Schwung und die Motivation für eine ganz normale schulische Arbeit. Die haben sich meistens noch nie in ihrem Leben rur irgendetwas anstrengen müssen. Im Prospekt der Schule finde ich eine Tabelle der Schul. . Um mir zu beweisen. Das klingt nach Hauptschuldi k ' " s USSlon. . Heimfahrten un d. »Die haben das Gefühl. Eliten auszubilden? 144 Dazu kommen das Taschengeld. deren Väter mit Aktien viel Geld gemacht haben. Jeder fünfte Schuler erhält ein Stipendium. rechnet der Stiftungsvorstand Jörg Müller vor. die in meiner Welt reich waren. . Schule. Das ist sehr schwer. dass Geld da ist und eigentlich gar nichts paSSIeren kann . Im Erdgeschoss hat die Disziplinoffensive des Internats noch wenig Wirkung gezeigt. . Die kommen aus einem Hintergrund. Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres. dass Papas Unternehmen wohl auch noch die nächsten dreißig Jahre Best~nd hat. Und denen zu vermitteln. Neubeuern kann sich nur leisten. Der Sache wegen. Kinder aus traditionellen Unternehmerfamilien.wenn no 19. Strengt euch an! Schaut zur Tafel!« . dass es sich lohnt. »Das zweite Gebot ist: Es herrscht Ruhe. • 00 1415 .a bleIben dann trotz Forderung Geboohren von 15000 bIS u 20000«. Vielen seiner Schüler. Nach Neubeuern kommen nicht die. Von Schulkarrieren. Nachhilfeunterricht. Plus .« »Unsere Schüler wissen. beschwert sich ein Lehrer. Die ZaW der Menschen. Die Lehrer erzahlen von antr' b s1 . »In Mathematik ist das erste Gebot: Es wird gerechnet«. Im Schuljahr 2006/2007 sah die Jahresrechung eines Schülers der Mittelstufe so aus: Jahresgebühr: Aufnahmegebühr: Nebenkostenvorauszahlung: Schulkleidung: Schulbücher: 25980 Euro 900 Euro 2000 Euro 400 Euro 200 Euro 29480 Euro «'. Die dazu zu bringen. wer richtig viel Geld hat . die sich die Internatsgebühren leisten können. le osen Ki ndern. Erste Zweifel melden sich. die es zu retten gilt. "f Wäscheservice. die zum Abitur einen Golfbekamen.

also BürokleIdung. So nennen sie hier die Klugen. Max und Eric. »Dann kann Kl assen. 147 . Mehr möchte sie nicht erzählen.. Und wenn die Mutter alleinstehend und arm ist. Und weil sie weiß. dann der Versuch im Ausland. 'tverwaltung. »Ich hätte gern so viel Geld zur Verfügung. Bett. bevor sie sich für dieses entschieden hat. Da ahnt man. Benni. Die Jüngeren schlafen sogar zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer. Sie sitzt auf dem Boden. was sich ein normaler Durchschnittsmensch für seine Kinder leisten kann. dass viele am Scheitern vorbeischrammen. »Die suchen sich die Schüler aus. Es sieht aus wie in einer guten Jugendherberge. ein Jahr in jener. sagt sie.« Jetzt sitze ich mit diesen Luxuskindern in Miriams Zimmer. sagt Miriam. dass er die Kinder nicht nur nach Konto auswäWen müsste. »Die diskriminiert man nicht«. anhaben. erzäWt er mir. Er sitzt in einem Ledersessel. sagt Miriam. sagt Miriam. dass sie bei der Auswahl der Schüler ausscWießlich nach der Qualität der Bewerbung gehen könnten.« Wenn man scheitert hat man das Geld der Eltern aus dem Fenster ge. . »Man muss bei der Beurteilung dieses Durchschnitts berücksichtigen. Moritz klickt am Computer rum. sie war nicht die Beste. fast karg. und es ist alles ziemlich normal. weil sie an ihren Schulen unterfordert waren. . aber " 'gt SIe hat hohes Engagement gezel «. Ihre Freunde. gar nicht protzig. die sich abends im Turm des Schlosses treffen.« Müller träumt in seinem Büro davon. wie es bei denen finanziell aussieht. dass sein Internat reicher wäre.:1 I1 Ij il 11 l! 11 »Da sind Sie natürlich weit von dem entfernt. sagen sie. und es wäre auch mehr Aktivität bei den Schülern spürbar. In ihrem Zimmer trägt sie lieber Jogginganzug und Hausschuhe. engagiert sie sich sozial. morgens muss sie deshal~ laut Schulordnung smart office wear. kriegt der Bewerber halt ein Vollstipendium. Ein Freund ihrer Schwester war hier und mochte den Zusammenhalt und die überschaubare Größe der Schule. Sie schiebt Schichten im Schuleafe. will semen Eltern Ja etwas zurückzaWen. Miriam war zum Probewohnen in vier Internaten. Zwei Jahre in dieser Schule. »Ich bin eben kein Eierkopf«. die zu uns passen. neben ihm auf dem Schlossboden liegt ein Kunstgrasstreifen mit Loch.. dass dies ihre letzte Station bis zum Abi sein wird. hocken auf Miriams Bett. Lisa. Da wäre das Niveau sicherlich deutlich höher.1 ii 1: . ~n ~iriams Zimmer stehen Schrank. SIe 1St m d er Schül' erml man zumindest sagen: Okay. Die vielleicht sogar hier sind. Beides hat nicht funktioniert. . dann in England. ScWicht. Miriam geht in die Oberstufe. i hier gar nichts zu tun. worfen..I ii j\ d !i 11 ji Ir 1I 1: I! ii It I: " I' j1 1 d 1I 1I 11 1 ji I. Das will' tl"lCh keiner. »Man · . denen alles zufliegt. gebe es sechs oder sieben Internate.« Sie selbst findet sich wie die meisten schulisch eher so mittel. Dass ihre Eltern so viel zaWen. Der AbitureIgen schnitt in Neubeuern liegt bei knapp Drei. So reich. Viele hoffen. mit Fünf-Sterne-Hotel hat das 146 :1 . Die meisten haben ähnliche Lebensläufe. Vorher war sie auf einer anderen Privatschule. Auch er trainiert offensichtlich sein Golfspiel. Deshalb Neubeuern. setzt sie ziemlich unter Druck.« In den USA. Regal und SchreIbtisch. die sie wollen. sie betreut zwei Neue aus den unteren . und erst dann drehen sie das Blatt um und schauen. um über philosophische Fragen zu diskutieren. dass sie in der Schule nicht glänzen kann. dass wir uns die Kinder aussuchen können. »Die beneidet man eher. die über ein so großes Vermögen verfügen. Ihr Vater sei in der Wirtschaft.1 ~I 11 11 11 H il iI ': .

und von einer Reportage auf ProSieben. Bel den Hausaufgaben wird geholfen. h' eIne 148 dass keiner in Neubeuern arm sei. »Da heißt es immer gleich >Bonzenschule<. die es zu etwas gebracht haben«. Über den Rest werde geschwiegen. Man blickt auf einen Fußballplatz. sagen sie.as In Ordnung. frage ich. wage ich schließlich Miriam zu fragen. »Anstatt zu sagen: >Das ist krass cool<. loben sie. dass es Kinder von Leuten sind.« Da würde gelästert. Die wären an der staatlichen Schule einfach aussortiert worden. »Passt dieser Begriff?« »Eliteschule«. ob man das gleich Elite nennen muss. wendet einer d~r Jungs ein.« Mit dem Geld. Der wollte unbedingt seinen Abschluss 149 I' I i I . »Spielt ihr auch mit denen?«. Wir laufen ums Schloss zur hintersten Ecke der Terrasse. klagen sie. die von außen kämen. »Viele hier hätten das Abi aufnormalem Weg nIcht geschafft. aber es steckt schon dahinter.« Sie erzählen von einem Porträt ihrer Schule in der Süddeutschen Zeitung. Eher gegen andere Internate. das mit »Aristokratie der Bankauszüge« überschrieben war.« »Gegen die?« »Nein. Aus schulischer Sicht ist das hier auf keinen Fall Elite. »Der wollte aber nicht. Die haben eine größere Auswahl. falle der weder positiv noch negativ auf.« »Elite kann man ja auch so sehen. Nur die.und Nach teile. Üb er Geld sprechen sie h nIC t gern. Es spieleier k' Rolle. wer .« ~iese besseren Bedingungen sind teuer. »da erwartet man doch Schüler. or Schwächen hat. »So ist es hier nicht«. mit dem Dorf. .dass viele Schüler erst zur elften oder sogar zwölften Klasse zu uns kommen und häufig große Defizite mitbringen«. sagen sie. dass eure Eltern euch kleine Klassen und e~~e gute Betreuung kaufen können und andere Eltern konnen das nicht?« »Vielleicht ist das ungerecht«. sei es gar nicht so einfach. sagt einer. auf dem ein paar Jungs kicken. »Manche haben es vielIeIcht in einer groß Kl . »Findet ihr d. Das Internat teilt sich den mit der Welt dort unten. nur weil einer ein sehr teures Auto von seinen Eltern bekommen hätte. dass das generell für alle Ja . Das hat alles Vor.« »Wir haben kleine Klassen«. »Jeder wird einzeln gefi"" d ert. die gut sind und keine Probleme mit Alkohol oder Disziplin haben. sagt sie. wird mir die Schulleitung später auf meine Nachfrage hin erklären. nicht um Geld«. Wenn die es J'etzt doch schaffen ist es d ' och der Schule zu verdanken.« »Warum nicht? Gibt es Ärger mit denen aus dem Dorf?« »Nein. Wenn einer Gucci trägt. Jetzt wollen die meisten nicht mehr reden. Jeder wisse. wollten immer über Geld reden. b esser Ist« entge t ' . ' gne eIn an d erer. in der Neubeuern »Nobel-Penne« getauft wurde. protestieren sie. oder?« »Du hast gesagt.« . »Aber eure Eltern sind doch reich. es geht um Elite. »Warum bezeichnet sich Neubeuern trotzdem als Elite- s~hule?«. Die sind besser. Damit ist das Tbema b eend et. Ich weiß nicht. sondern rauchen. sagen sie plötzlich. en asse b esser. Einer ihrer Klassenkameraden sollte schon vor dem Abitur die Firma seines Vaters übernehmen. t I' . kann Einzelunterricht bekommen. »Nein. »Man kann' nICh t sagen. wird es ihm missgönnt.

oder 1 Magn' eme p'ck eSlUmtablette. wo sie im Sommer mit ihrer Theatergruppe den Sommernachtstraum aufführen will. wie ich will. als Netz. acht Jungs zw·ISCh en d reIzeh n und sechzehn. die ständigen Umzuge. »Hände dreckig machen. Zuneigung schlägt Geld. in der nächsten haben sie selbst Pizza gebacken. dem Zopf u und dem bunten Schal. »Klar ist es gut.ater m d en Arm genommen werden und in Ruhe .« . dass d'Ie Kont. »ihre Jungs«. dass sie viel Geld haben? Was soll denn mit diesen Kindern passieren.« Einmal pro Woche hat sie mit ihren Jungs einen Gruppenabend. Ier . als sie je wird erarbeiten können. sagt Miriam. nach Rosenheim ins Multiplex-Kino. . sagt sie. Sie betreut . wenn SIe mal e' h aIb e Stunde nicht nach ihnen sehen me will. sieht aber nicht viel älter aus als die Oberstufensch"l er. wenn die Eltern achtzehn Stunden pro Tag arbeiten? Sollen wir sie zu Hause sitzen lassen?« Nadine greift durch. Nadine und ihre Jungs. um gut zu leben.en mancher Teenll' u ervo smd d . MIttagstisch' sie sch aut. ren ihres St u d'lUms m Kneipen gejobbt. Dafür hätten die Schüler hier aber andere Sorgen. als wir durch die Wolfsschlucht laufen. »Wenn . habe ich den Preis in Arbeitsstunden umgerechnet«. wenn man in Jörg Müllers Büro zurückkehrt. oder er fragt. soll ich dafür wirklich siebzehn Arbeitsstunden ausgeben?« Jetzt hat sie Schüler.« .j'i' machen. wenn ihre Jungs den reichen Macker raushängen lassen. F' ' ass SIe Irmen erben werden. diese Fabrik theoretisch kaufen zu können.. SIe weiß. Und nie hätten die El" Ie tern Zeit. gibt es in Neubeuern Menschen w·Ie Nad'me. Ie t ' . dass ihre Jungs g ager "bVle Geld hab en.« Weil die Eltern so beschäftigt sind. dass SIe nachmittags lernen. Oft käme es nicht vor. Miriam und ihre Freunde. die vermutlich mehr Geld haben.. Nadine hat wäh' d . Nad'me 1st Erzieherin. Die vielen Scheidungen. 1 n er«. »Dann habe ich mich gefragt. d' hohen Erwartungen. sie sitzt mit ihnen am . Kart fahren.. mit ihm über alles sprechen. Zeit triumphiert über Konsum. kann ich mir nicht vorstellen. wenn man wel . weit hinter dem Dorf. ZIg geworden. . Irgendetwas in seinem Leben wollte er selbst geschafft haben. Und . Das liegt an ihrem Sweatshirt.« Unten. »Eigentlich möchte ich einfach mal von meinem V. »Als Notausgang. Erst wollten alle nur Events. zusammen essen. denke ich. Wie es ist. dass Geld da ist«. d ass man nur den Reichtum der Eltern verwal'ß ten muss. klopft garant' t emer und möchte sein Taschengeld . der den Blick über die Alpen öffnet. das einen fängt. sagt emer der Jungs. erzählt sie. Das klingt fast kitschig. Der anderen kommt man auf die Spur. Das ist die eine Realität in Neubeuern. bowlen gehen. »Deine Eltern überweisen die Gebühr. was er gegen 1 e ' machen soll' »ES smd eben ganz normale Jungs. Hier treffen sich Tradition und 151 . sagt SIe. Du hast nämlich gar kein Geld. .»Du zahlst gar nichts«. WIe SIe sagt . '. Die kleine Golfbahn liegt in einem Erker aus. Das lieben die«. sagt sie. SIe 1st gerade neunundzwan" . steigt Rauch aus dem Schornstein einer Fabrik. Ich zahle dafür. S' weckSIe morgens. »Soll ich ihnen daraus einen Vorwurf machen. Manchmal schon. Nadine hat trotzdem in einer Woche Schokoladenfondue mit ihnen gemacht. richtl' . wie es sich anfühlt. entgegnet sie dann. t eilwelse noch Ki d '. 150 ich mir etwas kaufen wollte. Auch wenn ich mich anstrenge. die Scheidungen und die Schulprobleme. danach beim Aufräumen helfen. Dann sagt einer: »Mach das so.

die sie in Neubeuern knüpfen. Jörg Müll' d e 'h d er. Trotz ihrer mäßigen Leistungen würden es viele an die privaten BWL-Hochschulen schaffen. Aber ich muss ein wenig weiter ausholen und fragen. An die EBS in Oestrich-Winkel zum Beispiel. dass der Kreis sich scWießt. Aber ist das "b Wort »Elite « dann u erh aupt sinnvoll? Was nützt ein Be. 'eh' essen Offe nh't mlCh beeindruckt sagt er wisse el . das merken Sie natürlich sofort.und sch reIbe: Ist das Wort »Elite« unt augli 'ch? d' fi Die " P Schüler. Ich war aufdem Werner-von-Siemens-Gymnasium. die wir uns wünschen. »Es ist im h . WIe groß d A ' ' .« »Was entgegnen Sie dem Vorwurf Neubeuern sei eine elitäre Schule.Anspruch der Schule. Eine akademische E~iteschmiede. Und weil jetzt immer mehr auf solche Soft Skills geachtet wird und die Universitäten mehr Auswahlgespräche durchführen und nicht mehr so zeugnisgläubig sind. Das denkt also die Eliteschule vom staatlich gebildeten Pöbel. . den wir uns vorstellen. gehen unsere Schüler mit einer derartigen Situation selbstbewusst und souverän um. mer sc wleng. dIe von morgens bis abends lernen und die Schule mit Einserschnitt beenden.Ie Neub euern verlassen. die Verantwortungsvollsten und jetzt die aus den besten Verhältnissen. erreichen häug OSItIonen.« Außerdem seien die Schüler aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung sehr fit. um dem Elitebegriffgerecht zu werden. weil er solche Situationen einfach nicht gewohnt ist. und der Zugriffauf das Altschüler-Netzwerk der Schule. " man Geld haben muss. im Nachhinein fest152 zustellen. wie es Tausende in DeutscWand gibt. Alle kleben sich das Elitelabel auf. Maßgeblich entscheidend für ihren Erfolg sind in jedem Fall die Netzwerke. sind wir sicher nicht. wenn Sie zum Beispiel im Rahmen eines Auswahlverfahrens mit acht Schülern an einem Tisch ein Interview führen. Auch von ihm will ich wissen. in dem ich die Elite-Definit Ionen sammle ' . »Kann das mit einem bestimmten Habitus zu tun haben. Der graue Siebzigerjahre-Bau war Teil eines Schul153 .« Ich habe mehr und mehr den Eindruck dass der Elitebegriff ziemlich dehnbar ist. 111 t.G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium auf seine Schuhe guckt und seinem Interviewpartner nicht in die Augen schaut. kommen unsere Schüler in sehr gute Ausgangspositionen. den J' eder n ach Bel' b en verwendet? Ich schlage eine . an der sich Elite nur über das Konto der Eltern definiert?« »Dem wurde ICh zunachst gar nichts entgegnen.. wenn es in AuswaWgespräche ginge. . »Intuitiv sage ich: Ja. Das ist mehr ein ganzheitlicher Elitebegriff.G-Abiturient vom staatlichen Gymnasium.di 1 nen Ge1 und Einfluss sichern. Ich schlucke. weil sie einflussreiche Eltern haben und Netzwerke aus Bekannten und Freunden. sind nicht in erster Linie akademische Leister. ob Neubeuern eine Eliteschule sei. denke ich und habe langsam das Gefühl. Ie neue SeIte m' ' ellles BIocks auf. an der nur Schüler aufgenommen werden. ob die Schüler so erfolgreich sind. griff. um auf diese Schule gehen zu können. dass sie sich da b nn esser verkaufen lassen. Ein Gymnasium. Die Fleißigst~n. Während der durchschnittliche I.« I. dass Ihre Schüler gesellschaftstauglicher sind als andere?« »Sicherlich. weil sie wissen. Allein diese Tatsache reicht jedoch bei Weitem noch nicht aus. . Die Elite. weil . er nteii der Schule an diesen Erfolgen seI. was >Elite< heißt. Dass unsere Schüler gewandt sind.

und dann bekommt man die Nummer. Das Netzwerk hält und hilft. welche Branche. Die Aktion hätte die Kapelle entweiht. noch sind die Chancen gleich verteilt. an dem sich strebsame Mittelschichtkinder ein glänzendes Abitur erarbeiten konnten. ein paar Schüler und Lehrer bereiten ein Thema vor. Das Internat trifft sich.« Dann erst seien einige gegangen. gehört sein Leben lang dazu. ob es im Ausland oder in Deutschland sein soll. Der einzige Protest kam von einigen religiösen Schülern. Die Abendansprache ist eine Art Zusammengehörigkeitsveranstaltung. Was wirfst du denen vor?« In der Woche vor meinem Besuch in Neubeuern gab es einen Mini-Eklat in der Kapelle. über das gesprochen wird. Es war ein Platz. ob es ihm dabei so geht wie mir. wenn unsere Schüler darauf verzichten würden. dass Ihre Schüler Chancen haben. Jeden Morgen sind wir auf die blassblauen Fenster zugeradelt. »Wenn man ein Praktikum machen will«. keine Candle-Light-Abende. sie feiern ihre Hochzeiten auf dem Schloss. Das sagt später auch ein Freund. sagt.« Naiv also. Nadines Theatergruppe hatte ein Happening für die Abendansprache geplant. wenn alle Menschen die gleichen Chancen hätten. Die Schüler reagierten eine endlos lang scheinende Zeit gar nicht. die andere nicht haben?« »Nein. Eine halbe Stunde. Was hätte also die Welt davon. Du kannst kommen. »schaut die Schulleitung in das Buch. Das gewisse Etwas aber nicht. dass ich da ein schlechtes Gewissen habe. erzählt mir ein Lehrer. Dann sagt der Altschüler: Passt zwar gerade nicht. erzählt mir der Lehrer. um Deutsch. und vor allem hatten wir keine prall gefüllten Bücher. sie kommen jedes Jahr zum Sommerfest. »und zog den Stecker des Rekorders raus. Selten. was ich auf theoretischer Ebene bin. in denen die Namen von einflussreichen Altschülern gesammelt werden. dass es schön wäre. bei denen wir den Umgang mit Besteck und Small Talk üben konnten. wäre es natürlich schon eine. Sie seien passiv. Mathe und Englisch zu lernen. dem ich von meinem Besuch in Neubeuern erzähle. Wer hier den Abschluss macht. ihr Netzwerk und ihre Beziehungen zu nutzen? Kann ich nicht sagen. klagt der Lehrer. Die Neubeurer sind eine große Familie.« Die Altschüler geben eigene Zeitschriften heraus. »Was hast du erwartet?«. hatte Miriam erzählt. In zwei Wochen soll es losgehen. Die Welt ist weder gerecht. »Irgendwann sprang einer aus der neunten Klasse auf«. würden alles mit sich geschehen lassen. fragt. ich möchte ein Praktikum machen. sagten sie. die meisten hingen in ihren Stühlen und ließen das Ganze über sich ergehen. ließen per Kassettenrekorder das Pfeifen aus dem Film »Kill Bill« in einer Dauerschleife ablaufen und schwiegen. Man ruft da einfach an. Miriam und ihre 155 . So wollte man die Konsumhaltung der anderen persiflieren.« »Warum nicht?« »Selbst wenn ich der Meinung wäre. Das sei typisch für die Schüler hier. um ein nettes Wort zu benutzen. »Berührt das Ihr Gerechtigkeitsempfinden. aber es ist natürlich kein Problem. Wir hatten keine Rhetorik-Kurse wie die Neubeurer. Ich möchte von Jörg Müller wissen. »So funktioniert die Welt. Deshalb setzten die Schüler der Theatergruppe sich in eine Stuhlreihe. naive Sozial154 fantasie. aber die widerspricht ja jeder Realität. würde da richtig debattiert.zentrums und lag zwischen Bahnlinie und Umspannwerk. fragt er.

weil er selbst angeblich zu freizügig war. bis wir im Festsaal der Schule angekommen sind. »Sicher«. »Ihr seid politisch so homogen«.« »Ärgert Sie das nicht?« »Ärgern ist immer so eine Sache. »Da kennen wir uns nicht so aus«. plötzlich weltfremd. die wir brauchen? Die sich über Können.. das eigene Verhalten möglichen Idealen anzupassen. Die Klassenbesle . redet immer auch von einer Teilung der Gesellschaft. für eine bessere Welt zu kämpfen. Das Internat Neubeuern war Heimat liberaler Adliger. Der Boden erzählt. sagen die Gesichter. Geld.« Erzähl du mal schön von früher. die ich noch auf meinem Zettel hatte. »Sind Ihre Schüler politisch?«. In den Siebzigern kam ein antiautoritärer Direktor. Trotzdem werden sie auch in Zukunft an ihrem EliteInternat niemandem die Aufnahme wegen mangelnder gesellschaftlicher Verantwortungsbereitschaft verweigern. »Konservativ und unpolitisch. Erfolg und Geld. darf dazugehören. was sie in Deutschland gern ändern würden. hatten sie geantwortet. Man denkt da eher an sich selbst. »Nein«. Da hat die Jugend versucht.« »Es ist doch wohl normal. Das mit der Leis157 . Die Nazis errichteten hier eine ihrer Kaderschmieden. Im Unterricht der Oberstufe frage ich drei Abiturienten.Nationalpolitische Erziehungsanstalt. und ich fand die Fragen. Und das Gerede von der Leistungselite. dass Kinder in diesen Fragen ihren Eltern folgen«. frage ich. die Seidentapeten. da war das anders. Er ließ den Schülern jede Freiheit und musste gehen. Aber für sich selbst und nicht für andere. ten bekommen heute Buchgeschenke. denke ich. mit dem auch die Internatsgebühren für die nächste Generation gezahlt werden können. zu beeinflussen. Im Dritten Reich wurde die Schule deshalb geschlossen. Wer dazugehört. S' mussen zur Schulversammlung. Jeder Schritt lärmt. Ein Neubeurer starb im Widerstand. »Es gab mal eine Zeit. Gesellschaft zu verändern. auf den warten Einfluss. ob Politik in Neubeuern eine Rolle spiele. das man sehr wohl zu arrangieren und anzupassen weiß und wo man die Rahmenbedingungen für sich so gestalten kann. eine »Napola« . Und heute? Die Lehrer haben jetzt eigentlich gar keine Zeit zu reden . Wer zahlen kann. an das eigene Leben. blicke auf die goldverzierten Spiegel. hat der Soziologe Michael Hartmann gesagt.Freunde hatte ich gefragt.« Dann haben alle gekichert. Er wollte Hitler töten. Aber eine Lehrerin 156 bleibt schließlich doch stehen. platzt es plötzlich aus ihrem Lehrer heraus. »Da haben sich die Kinder gegen ihre Eltern aufgelehnt.« Der Lehrer klingt jetzt wie ein Märchenonkel. »Oder Weltfrieden. hatte ich die Lehrerin zum Schluss gefragt. dass das sehr gut passt und dass man weiterkommt. protestiert einer der Schüler. Sie wird nicht aufhören zu sprechen. »Das politische Denken. das sehe ich nicht oder zumindest nur bei den allerwenigsten. in denen es um Gerechtigkeit ging. raus in Richtung Alpen und ärgere mich. sagen sie.« Ich sitze ganz hinten im Festsaal der Schule. hatte sie geantwortet und musste sich dann der Verleihung widmen. hatte einer schließlich gesagt. »Vielleicht das Rauchverbot in Kneipen wieder abschaffen?«. »Müsste eine Elite nicht Verantwortung für andere übernehmen?«. opponiert. Zum Lehrerzimmer laufe ich über uralten Holzboden. nicht über Herkunft und Beziehungen definiert? In die jeder aufsteigen kann? Wer von Elite spricht.

Es sei hochwertige Luxusverwahrung. Reiche Kinder. Miriam und eine Freundin zeigen mir die Lehrerfotos im Jahrbuch der Schule. »Fahren Sie mal dorthin« ' hattem"Ir emer m Neub euern empfohlen. was ich selber machen kann«. Erst verkauft sie den Jungs eine Salami-Pizza. Ihr werdet Dienst am Champagnerempfang haben. heißt es. Tut das mit erkennbarer Freude. Der auch. auch nicht zum Genfer See. der mangelnden Disziplin und dem Wunsch nach Anerkennung ist dies eine weitere Erfahrung. mittags und abends die Essenstafeln. Offensichtlich ist das Vertrauen in die Jugendlichen ganz oben und ganz unten so gering.tungselite. schimpfte sie. meinte er. Per Beamer wird hier gerade der Blockbuster »Fluch der Karibik« gestartet. sei ein Mythos. die die Schüler an beiden Enden der Gesellschaft teilen. Wegen eines Gutscheins habe sie zu Saturn gemusst.und besitzorientierte Schüler und Eltern. auf dem ScWoss. Videokameras sind allgegenwärtig und sorgen dafür. sondern kehre nach Kreuzberg zurück. »Der ist ein Teufel. um die bestehenden Zustände zu festigen und zu legitimieren. der am nächsten Wochenende stattfinden soll. ein Rolls-Royce und ein Cadillac. Um 22 Uhr 30 werden die Schüler in ihren Flügeln eingescWossen. Diener decken morgens. wo sie sonst nie hinginge. dass die Erwachsenen meinen. Benni und Moritz gehen mit der Pizza in den Nebenraum. Die Jungs setzen sich in die erste Reihe aufs Sofa. Zum Fuhrpark gehören ein Bentley. Und der auch. Ich fahre nicht zum Rosenberg. dass die Kinder in ihren Zimmern bleiben. von Dolce & Gabbana. Die Schulleitung erinnert gerade an den FundraisingBall. Hinter ihnen hält ein Paar Händchen. wenn die Leute etwas kaufen. Selbst die Internatsschüler mit den idiotischsten Ansichten werden es wohl immer nach oben schaffen. weil sie so sehr unter der »WoWstandskrankheit« leiden.« Es ist ein Abend in einem ganz normalen Schülercafe. sagte der Neubeurer. Auch für die Schüler sei Abendgarderobe verpflichtend. das rechte. Das linke ist von Louis Vuitton. Da seien die die ihren Reichtum wirklich"" ' . Ich steige die Treppe ins Dorf hinab und denke über die Schweiz nach. die nur noch per Videoüberwachung gebändigt werden können. Hier werden seit drei Jahren ein paar Schulen per Kamera überwacht. Weil sie 159 . dass er offenbar recht hat: Um 19 Uhr müssen die Kinder dort auf ihre Zimmer. »Black Tight wird verlangt. Danach bereitet sie eifrig einen Käsetoast zu. Ganz anders als hier. Ein Nachtwächter geht von Raum zu Raum. von oben bis unten mit Nobel158 Labels behängt. Neben der Antriebslosigkeit. nat auf dem Rosenberg. Nur weil sie dazugehören. Miriams Dienst beginnt. Da schnappt die Neidfalle WIeder zu. Das Internat will Geld für ein Wireless-LAN-Netz sammeln. »Ich mag das. Ich glaube nur. zeIgen wurden. Wenn nicht die beiden Portemonnaies auf dem Tresen wären. Selbst auf den Privatschulen in München seien ja schon Türken. dass manche Schüler in Neubeuern diese Erkenntnis nicht akzeptieren würden. Extrem geld. in die Kaufbeurer Straße. das silb~rne. sagt sie.« Um acht Uhr wird an diesem Abend das Schülercafe aufgescWossen. die dort stattfinde. In einem Artikel lese ich. »Wie in Istanbul ist es da«. . Dort kostet das Jahr 40000 Euro. Ein Mädchen aus der Oberstufe hatte beim Mittag verächtlich von einem Ausflug in die Münchner Innenstadt erzählt. die Teenager kontrollieren zu müssen. Zum Inter.

Ich bin eine Reformprofiteurin. froh über meine kurzen Beine. dass sich die Schule Elite nennt. Ich versuche. Ich finde es falsch. Richtig reiche Eltern zu haben. Neben meinem Knie die Dose für den Laptopstecker. ermahne ich mich selbst. das heißt. Felder und Windräder vorbeifliegen. als noch alle Züge gleicher waren. daran hatte ich nicht gedacht. die sich durch den Besuch eines teuren Internats begründet. das hieß für mich. Jede Stunde kommt der Kaffeemann vorbei. die Wut herunterzuschlucken und zurück zum Thema zu kommen. »Mobilitätsproletariat« nennt ein Vielflieger aus John von Düffels Theaterstück »Elite 1. damit die Provinz bessere und häufigere Verbindungen erhält. 161 160 . Reich sein. Im vergangenen Jahr bin ich Tausende von Kilometern mit der Bahn gefahren. Würde ich für ein Zurück in die Zeit vor der Reform. wo Bahnhöfe geschlossen und Strecken stillgelegt wurden. ist dieses Proletariat gespalten. Mein Koffer versperrte den Gang. wenn Flüsse. finde ich alles andere als naiv. hatte ich mir bislang immer sehr schön vorgestellt. wenn die ICEs im Stundentakt durchs Land jagen. Die Verlierer leben in der Provinz.sich Elite nennen. Dass richtig reich sein auch heißt. die sie ohne das Geld der Eltern und den Namen der Schule nie erlangt hätten. Weihnachten in der Schweiz Ski zu fahren oder zum Familienurlaub nach San Francisco oder Sydney zu fliegen. auf Köln-Berlin in gut vier Stunden verzichten wollen? Bestimmt nicht. wenn sie mir nützen. Halt. Ich mag es. Die Suche nach der Elite. mich zu bremsen. die Füße auf der Stütze am Sitz des Vordermanns. Nirgendwo sonst auf meiner Reise hatte ich das Gefühl. Knie an Knie mit meinem Gegenüber in der Vierersitzgruppe. Die Gewinner wohnen in Großstädten. wo das Netz ausgedünnt wurde. Aber es gab im vollen Zug keinen geeigneten Platz für ihn. ist die Gleichmacherei in der Schienenwelt vorbei. Dort. Wie jede Reform teilte auch die der Bahn in Verlierer und Gewinner. dass sich das Elitelabel so einfach kaufen lässt. Auch ich kann Ungerechtigkeiten ganz gut ertragen. sich etwas zu erarbeiten. Seit die Bahn nicht mehr von Beamten verwaltet wird. Und ihnen das vorzuwerfen. wo die schicken Hochgeschwindigkeitslinien zusammenlaufen. die Eliteschnellstrecken aufgeben? Würde ich. dass meine Neugier von einer ungeheuren Abneigung erdrückt wird. dass man die eigenen Eltern wohl nie übertrumpfen wird. Eine gefühlte Ewigkeit habe ich im Regionalexpress gesessen. dass man verglichen mit den Erfolgen der Eltern oder Großeltern eigentlich nur eine Enttäuschung werden kann. notiere ich betont sachlich: »England gibt es auch in Deutschland. TRADITION ZU VERKAUFEN Ich stehe in überlingen am Bahnhof und versuche. dass die Abgänger Plätze in der Gesellschaft einnehmen werden. dass man kaum Antrieb hat. Nachdem ich die Wut über das ausländerfeindliche Mädchen bewältigt habe. »Ergebnis des Besuchs im Internat Neubeuern«. Zum ersten Mal während meiner Recherche habe ich das Gefühl. denke ich abseits aller Elitefragen noch lange an Miriam und die anderen. auch hier findet sich eine Elite.1« die Bahnfahrer abfällig.« Neubeuern ist Heimat der Reichen. meinen Körper wieder auseinanderzufalten.

sich diesen Samstag frei zu halten. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Dort. . Auf dem Weg kamen uns drei Jungs mit erhitzten Köpfen entgegen. Hinter dem Bahnhof liegt die Überlinger Altstadt. so ist es auch in Überlingen. die ihren Kindern ~ine heile Schulwelt kaufen könnten. Dann werden sie entscheiden. Heute öffnet das Internat seine Türen.« Auch mein Vater las den Prospekt. Neubeuern mag vor allem ein Ort des Geldes sein. f' . Die Schuluniform fand sie schlicht und schön. nef er mit hochrotem Kopf. vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Und jetzt bin ich hier im ehemaligen Kloster des Zisterzienserordens Salem. An diesem Tag werden sie hören. begeisterte sie. dass die Eltern auch noch 30 Prozent des Schulgeldes von den Steuern absetzen könnten. Sie sahen aus wie die Jungs auf den Fotos aus England. Bestimmt war es nicht einfach für ihn.f Heute ist einer der ersten warmen Frühlingstage. das Fluchen meines Vaters und die vorsichtige Begeisterung meiner Mutter im Hinterkopf. Sein Vater checkt noch ein letztes Mal die E-Mails. . Insgesamt sind etwa zweihundert Familien in die Kapelle gekommen. einen zweiten Versuch zu wagen. dass auch 163 I I" i . sehe ich. »Das bezahlen dann Wlf. schließlich wurde sie in den siebziger Jahren zur Lehrerin ausgebildet.. dem Markgrafen von Baden. dass bei kleinen Klassen und intensiver Betreuung jeder Zum Abi gehievt würde . dahinter ein paar Berge. Ich hatte meiner Mutter vorher den Prospekt von Salern gezeigt. Neben mir auf der Bank sitzt ein Vater im Joop-Mantel mit seiner Teenagertochter. dahinter der Bodensee. 1920 hat Prinz Max von Baden dieses Internat eröffnet. Er ist noch ein Kind. wandte ich ein. bevor ich nicht die Elite aller Elite-Internate gesehen habe. sagte meine Mutter. Ich habe beschlossen. »Ein Monat kostet 2375 Euro«. was Salem ihrem Nachwuchs zu bieten hat. Sie werden sich durch das Kloster führen lassen. sagt die Rektorin der Internatsschule Salem gerade. in dem die Abiturienten wohnen. Die Reformpädagogik. In einem Prospekt der Schule habe ich zwei Fotos gesehen. ob sie in die Schule investieren. in dem Internatsschüler wohnen. das weiß ich aus etlichen Berichten in meiner Elite-Artikelsammlung. für die Salem steht. dass wir diesen Raum nutzen können«. Ich will die Internate als »Schule der Elite« nicht abhaken. Mein Vater brauchte Stunden. um Kunden für die Zukunft zu werben. nachdem er an allen anderen Schulen Schwierigkeiten gehabt hatte. Sie mochte das Kloster direkt am Bodensee. dafür. Danach fluchte er über Apotheker und Unternehmer. Ich blinzle in Richtung Sonne. Dann schimpfte . »Vielleicht hätte es dir dort gefallen«. aber Salem. vor mir ein Ehepaar mit seinem Sohn. um sich von diesem Sozialneidanfall zu erholen. durch die Burg für die jüngeren Schüler und das Schloss über dem Bodensee. er. »Das sind fast 30000 pro Jahr. Der Kleine neben mir ist nervös. Als ich mich weiter umschaue. ob nicht der Sohn des Inhabers unserer örtlichen Supermarktkette 162 dort war.und überlegte.« Tradition eben. Er empörte sich daruber.«. »Wir danken Seiner Königlichen Hoheit. Sie trugen Hockeyschläger. thront über Dörfern und Kleinstädten stets ein Schloss. verspricht vor allem Tradition und höchste pädagogische Qualität. So war es in Neubeuern. Ein Schüler in Uniform hat mich in die Kapelle geführt. Darunter stand geschrieben: »Der traditionelle Morgenlauf 1935 und heute. wo Deutschland richtig schön ist. sehe glattes Wasser.

« Das klingt nach den Träumen meiner Mutter. faucht sie und schweigt. Hier die alte Turnhalle. ob mein Vater oder meine Mutter recht hat. Die Ausbildung sei elitär. sagt der Vater des Mädchens. nicht. Stolz erzählt sie. links geht es zum Mädchenflügel. schlagen sich zwei Mädchen auf den schuleigenen Tennisplätzen ein paar Bälle zu. Immer wieder blickt sie auf den Zettel. 164 Ich weiß nach dieser Werbeveranstaltung nichts über das Leben im Internat. der Reformpädagoge. Nachdem zitiert und geworben wurde. lerne ich. das mit mir rumgeführt wird. »Wie ist es. Vor dem Schloss. bemüht. »Frag doch auch etwas!«. Sie führt gleichermaßen eifrig wie desinteressiert. ihnen nicht zu Erlebnissen zu verhelfen. Als ich am Tag der offenen Tür hier war.« »Lass mich«. wird der übrigens auf dem Klostergelände kein Handy benutzen dürfen. dass man ihre Kinder mit Disziplin und Leidenschaft erziehen wolle. Die Treppe rauf zum Speisesaal.« Dass das in einem Internat. hat sieben Salemer Gesetze formuliert. und bekomme einige Wochen später eine neue Einladung. Kinder in Meinungen hineinzuzwingen. Es hätten sich zwei Schüler gefunden. »Gut«. den sie bekommen hat.»in euch steckt mehr«. das fast 30000 Euro pro Jahr kostet und seine Schüler in Burgen und Schlössern beherbergt. DIE POLITIKER VON SALEM Das Arrangement kenne ich schon. Sie hat lange dunkle Haare. hier zur Schule zu gehen?«. Vielleicht liegt es an meiner Erziehung. »Wir machen das alles für dich. hingen neben einigen Zimmerfenstern des Jungentrakts Deutschlandflaggen. durch die sie ihrer verborgenen Kräfte gewahr werden können. dass die jüngeren Schüler vor zwei Wochen ein Stück auf Lateinisch aufgeführt hätten. »Plus est en vous«. glaube ich nicht. sollen die Schüler das Kloster zeigen. was Eva und der Schulsprecher tatsächlich über Eliten denken. frage ich. das sei der Wahlspruch der Schule . in dem die Salemer Oberstufe lebt. Kurt Hahn. Das letzte lautet: »Erlöst die Söhne und Töchter reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiertheit. auf den Arm hat sie mit Kuli eine Matheformel geschrieben.der Vater neben mir noch mit seinem Blackberry hantiert. gelingt. ob Versprechen und Realität in dieser Schulform in Einklang zu bringen sind. Hinten ist der Krankentrakt. Nur ein dumpfer Zweifel bleibt. dass auch nach dem Tag der offenen Tür noch Fragen geblieben seien. Noch immer irritiert mich das. nicht. an den ständigen »Nie-wie165 . lobt der Schülersprecher. und der Leiter der Mittelstufe zitiert den Reformpädagogen Kurt Hahn. was an den schönen Sprüchen der Verantwortlichen dran ist. Aber es ist Verwahrlosung. Also kehre ich noch einmal ins Schloss zurück. Ich schreibe der Internatsleitung. den Mitbegründer des Internats: »Es ist Vergewaltigung. die mit mir über Elite reden wollten. Mut und Verantwortung . Schulleiterin Eva Marie Haberfellner verspricht den Eltern gerade. Nicht.Wahrheitsliebe.steht als Leitbild über Salem«. Eva ist gerade vierzehn geworden. sagt sie. »Eine Trias von Tugenden . Wenn er seinen Sohn hier anmeldet. sagt Eva. bei ihrer Führung nichts zu vergessen. Auch heute haben Internatsschüler wieder schwarz-rot-goldene Fahnen vor die hellgelbe ScWosswand gehängt.

auch die Zeile 167 . dass sich beim Anblick schwarz-rot-goldener Fahnen sofort meine Nase kräuselt und mein Gehirn »Nationalismusverdacht« schreit. Die Schüler revoltierten auf ihre Art. Sie seien Normalität. Das lehnte die Leitung ebenfalls ab. »Aber ich kann die Einstellung. oder sind sie der Beweis eines völlig falschen Traditionsverständnisses. Zeichen eines eher alternativen Stils. Seine verstrubbelten braunen Haare. die PDS oder die NPD. zu einer Privatfeier. Die Feier begann harmlos bei Würstchen mit Kartoffelsalat.« Im Jahr 2001 stritt das Internat Salem ein Jahr lang darüber. Der Journalist Jan Christoph Wiechmann rekonstruierte den Abend für den Stern nach einer Reihe von Gesprächen mit Schülern. die mein Vater mir vermittelt. Die zwei sind die Politiker des Internats und von den anderen Salemern ins Schülerparlament gewählt worden. es wird nichts aus ihm und auch nicht aus seiner Ansicht. fiele er sicher nicht weiter auf. Eher konservativ. Die Schulleitung lehnte ab. festlich gekleidet in Anzug und Blazer. Damals wollten die Schüler. sagen sie. Auch den Tag der Deutschen Einheit wollten die Schüler feiern. »Wenn mein Vater mir seit achtzehn Jahren predigen würde. Die beiden gehen in die zwölfte Klasse. Oliver spricht lauter und selbstsicherer als Philipp. Dann stimmten einige die Nationalhymne an. Es ist derselbe Reflex. sagen sie. dass CDU und FDP hier bei einer Testwahl auf 80 Prozent gekommen seien. Und dass hier auch keiner was davon hielte.I i der«-Warnungen meiner Eltern und Lehrer. bei Bier und Jägermeister. akkurat gebügeltes Hemd entschieden hat. nachvollziehen. der sich regte. von der Schulbank direkt in einen Bundestagsausschuss beamen würde. dann stehe ich auch nicht dahinter«. diese als Träger nationalistischer Keime zu meiden? Sind die Flaggen neben den Fenstern der Schüler harmlose Zeichen eines inzwischen wieder normalen Stolzes. Wenn man Philipp. sagen sie: Die Salemer seien schon anders als die eher linke Schülerschaft an vielen staatlichen Schulen. der die Haare streng zur Seite gegeIt trägt und sich heute Morgen für ein rosafarbenes. Sie sangen alle drei Strophen. Nur eins 166 noch. kombiniert er souverän mit einem kunstvoll gebundenen Armani-Schal und einem Paar Lederslipper. Sie wollten sich nicht idiotisch benehmen. Wollen wir diese Traditionen wiederbeleben? Oder war es gut und nötig. nur weil sie achtzehn seien. erklärt mir Oliver. Also trafen sich dreißig Schüler. Sie wohnen genau in dem Trakt. die sind es. das jederzeit in Richtung Nationalismus kippen kann? Oliver und Philipp können diese Fragen bestimmt beantworten. dass sich jemand bewusst und stolz »Elite« nannte. wo die Fahnen hängen. wie mit dieser neuen konservativen Schülerschaft umzugehen sei. Zeichen eines normalen Nationalstolzes. als ich in Griechenland zum ersten Mal hörte. dass am Eingang des Internats dauerhaft die Deutschlandflagge gehisst werde. Flaggen und Uniformen. Die Flaggen hätten nichts weiter zu bedeuten. Patriotismus und Eliten. Sie seien eben vernünftig und politisch mit ihren Eltern auf einer Linie. und ich sehe. sich zu zehnt auf einen Bahnhof zu legen und zu schreien. dass man gegen Nazis sei. beides Insignien der Konservativen. Sie hängten an einem Morgen im Februar aus allen Fenstern Schwarz-Rot-Gold. und deswegen muss ich da nicht revolutionär wirken. Sie erzählen mir. Damit ist das Thema für sie erledigt. Er ist Präsident des Schülerparlaments. Oliver ist eher der Charismatiker.

sondern . der von 1974 bis 2005 Leiter der Schule war und den Schrecken des Dritten Reichs noch als Kind erlebt hatte. habe ich den Eindruck. Pflicht. wie in Neubeuern. sondern reflexartig zu befolgen. klagt Bueb in seinem Bestseller »Lob der Disziplin«. Nachher sagten die Schüler. um »die Gesellschaft wachzurütteln. Trotzdem hätten sie das Recht. Er entließ einen der Anführer.« Ein Mangel an Disziplin. meint Bueb.und führungslos« durchs Land. Er schreibt: »Wir müssen wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren. zu hinterfragen. dass Kinder und Jugendliche wieder lernen müssten. dass die patriotische Rebellion nicht folgenlos geblieben ist. Seine Forderung. er strafte. merkt. Die Schüler spielten eine selbst gebrannte CD mit einer Hitler-Rede ab. nach denen wir erzogen wurden. er untersagte lange . Bernhard Bueb. Er hat im Alter eine Mission gefunden. Bernhard Bueb ist inzwischen Pensionär und steht den Internaten Salem und Neubeuern nur noch beratend zur Seite. Er mahnte. wieder eine Jugend zur Gefolgschaft zu erziehen. reagierte damals entsetzt auf diese Wiederentdeckung des Nationalstolzes. In Salem wird. Dr. Und auch die Flaggen neben dem Zimmerfenster scheinen niemanden mehr zu irritieren. in ihrem Atem nach Alkoholrückständen gesucht. nennen das die Schüler. Die Rückbesinnung auf alte Werte ist im Internat offenbar zu einem guten Teil vollzogen. dass er das Handeln unserer Eltern verurteilt. die der der Rebellen von 2001 durchaus ähnelt. für grundsätzlich falsch hält. uns für relativ misslungen hält. Er kämpft vor großem Publikum für eine Renaissance der Disziplin. könne »ein ganzes Leben aus dem Lot bringen. 169 . Viele irrten »ziel. nach Salern kommt. Das kränkt mich. im Urin der Schüler nach Drogenresten. Wenn ich Bernhard Buebs Buch lese. statt zu folgen. DeutscWand über alles«. Inzwischen feiert Salem den Tag der Deutschen Einheit offiziell mit einem festlichen Essen. dass er viele Prinzipien. könne Kindererziehung sich daher durchaus an der Abrichtung eines Hundes orientieren. selbst zu denken.« In einigen Bereichen. Dr. »endlich aus dem Schatten der Geschichte herauszutreten«. sechs Jahre später. Bueb fordert. die Macht Gottes. legitime Macht als Autorität anzuerkennen. vieles an diesem Abend sei falsch gelaufen. »Disziplin wirkt heilend«. provokante Aktionen seien nötig.»Deutschland. zu diskutieren. Doch wer heute. die Flaggen. Auch Bueb will mit einem der Prinzipien der Achtundsechziger aufräumen. um abzurechnen mit den Achtundsechzigern und der Holocaust-Hysterie«. neurotischen und ichzentrierten Menschen machen. aus ihm einen liebesund arbeitsunfähigen. Regeln nicht ständig zu diskutieren und zu hinterfragen. »Der Erziehung ist vor Jahrzehnten das Fundament weggebrochen: die vorbehalt168 lose Anerkennung von Autorität und Disziplin«. Wie viele meiner Freunde bin auch ich dazu erzogen worden. die Macht des Staates und die Macht der Erziehungsberechtigten. Wer Haschisch geraucht hat. »Wir müssen uns dazu durchringen. dass nur der den Weg zur Freiheit erfolgreich beschreitet. Sie meinten. Anzüge sind an diesem Abend nun nicht mehr Provokation. macht mir Angst. statt zu akzeptieren. einer persiflierte den HitlerGruß. formal dinner. sich unterzuordnen. ja ein Kind psychisch krank« machen. Sie lachten über den Führer. der bereit ist. verkündet Bueb. statt blind zu gehorchen. sagt Bueb.

forderten die Schülervertreter stets höhere Promillegrenzen. als er für Führung und Gefolgschaft und . wie Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formulierte. dass er mal zu den Unternehmensberatern von McKinsey möchte. dass sich nicht nur Salem. Ein aufrechter würde sich auflehnen. den Menschen. dieses System »produziert eine Gewerkschaftsmentalität. als höflich. »Die Schüler stehen wie so ein Haufen Arbeitnehmer gegen den bösen Chef. in den Krieg ziehen und. dachte ich. in dem Falle die Schulleitung. Oliver ist Sohn eines sehr reichen Vaters. Er. der jetzt schon weiß. Ein wilder Mix aus WaWprogrammen. sagt Oliver. wollten sie »Führungspersönlichkeiten« machen. »kann man ein Haus bauen. wenn Bueb wieder loslegt. ist überzeugt. ihm zu folgen.fliegt sofort. sagt mein Freund sarkastisch. nur wenn er Wiederholungstäter ist. Bernhard Bueb bekommt für seine Thesen viel Applaus. Sie kann wunderbaren. Geige spielen lernen und einen Fünftausendmeterlaufgewinnen. Ein disziplinierter Schüler müsste schließlich auch diese Regel schlucken.skurrilerweise . die ihm begegnet sind. Das war schon immer mein Ziel. Deshalb gäben sie also einen Teil ihrer Selbstbestimmung ab. Wer trinkt. Zumindest die. aber auch grausamen Zielen dienen und sollte nie Selbstzweck sein. sagt er. als spräche er direkt aus einem Volksempfänger. bei Sabine Christiansen eine Stunde lang thesengemäß streng zu schauen. erklärt mir. sagt mein Freund Tom mit knarzender Stimme. »Damit DeutscWand wieder Perspektive hat. dem neuen Gefallen an den Farben SchwarzRot-Gold und eben dem Wunsch nach Eliten hervorgerufen wird. es fördert Egoismus und Spaßhaltung«. Bueb tourt durch Talkshows. der Schulpolitiker.« Statt dafür zu kämpfen. Oliver. die beiden Schulpolitiker. was Bueb mit »Gewerkschaftsmentalität« meint. Disziplin ist eben eine Sekundärtugend. »Kinder. die mir gerade gegenübersitzen. Schon bald solle es das erste Leadership-Training in der Oberstufe geben. schaffte es. wollen jetzt ganz in Buebs Sinne ihre Schulverfassung ändern und einen Teil der ihnen in den siebziger Jahren übertragenen demokratischen Rechte freiwillig zurückgeben. haben Buebs Thesen begriffen und sind bereit. Und sind aus Prinzip immer gegen alles. Und jedes Mal.« Dann haut mir Oliver ZaWen um die Ohren. Philipp und Oliver. den Positionen seines Va171 . Es ist dieselbe »Das-wird-man-doch-mittlerweilewieder-sagen-dürfen«-Begeisterung. Mit Disziplin kann man den Regenwald abholzen. dass Salem in fünf Jahren international führend sei. 170 Ganz anders seine Salemer. die von Patriotismusdebatten. der sich.« Auch das. Endlich wirtschaftsfreundlicher muss es werden. Beides sei verkehrt. wird erschossen«. rufen wir: »Und wo ist das geendet? Im Faschismus!« Aber was will man von uns mit wenig Härte Erzogenen auch erwarten. Philipp. »Mit Disziplin«. feingeistig und klug beschreiben. sei Konsens. schreibt Matthias Altenburg in der Zeit. rief ein anderer Talkshowgast da erbost.für eine Rückbesinnung auf die Regeln der Pfadfinder warb. »Und wo ist das geendet? Im Faschismus!«. Stimmt aber nicht. Bueb schreibt. >ein Konzentrationslager führen<. »alles hart erarbeitet hat«. Und aus den Schülervertretern. sondern auch das Land verändern muss. gibt ihm recht. der später ins Marketing einer großen Firma will. wie Oliver betont. und Philipp. so wie Arbeitnehmer nach mehr Lohn schrien. »Und wer Kaugummi kaut. besinnt euch auf die Pfadfinder«.

ters und liberalen Stammtischthesen. Alle zwanzig Tage, klagt er, sei in Deutschland irgendwo eine Wahl. Deshalb mache die Politik nur, was die Menschen hören wollten. Wenn in Deutschland einer arbeitslos wird, braucht er, laut Oliver, im Durchschnitt ein bis zwei Jahre, um eine neue Stelle zu finden. In Amerika neunzehn Tage. Weil Amerika keinen Kündigungsschutz habe. Mit den Arbeitslosen gehe Deutschland sehr großzügig um, zu großzügig, meint er. »Ich finde, je mehr die Leute unterstützt werden, wenn sie nichts machen, umso mehr machen sie nichts. Stellen Sie sich vor, ich sitze hier mit meiner Freundin und kriege 240 Euro pro Monat. Oder ich gehe arbeiten und bekomme auch 240. Ist doch klar, dass jeder hier sitzen bleibt. Kriege ich aber beim Sitzen mit meiner Freundin nur 40 Euro pro Monat, kriege ich aber 240 Euro, wenn ich arbeiten gehe, dann bin ich doch beim Arbeiten, auch wenn es Tellerwaschen ist.« Oliver lacht und sagt, ich würde jetzt bestimmt denken, dass hier reiche Schüler schlecht über Arbeitslose reden würden. Dass das alle Klischees und Vorurteile bestätigen würde. Aber er betrachte die Lage objektiv, sagt Oliver. Ich schaue ihn an, höre ihm zu und male Kringel auf meinen Block. Nach Dutzenden Gesprächen mit der Nachwuchselite habe ich langsam das Gefühl, die immer gleichen Antworten auf meine Fragen mitsteppen zu können. Die Deutschen seien neidisch und viel zu negativ und unbeweglich, klagen auch Oliver und Philipp. Auch sie sind Mitglieder bei Schwarzekarte, dem Internet-Netzwerk, in das mich Alexander geschleust hat. Auch sie werden, wenn sie das Internat verlassen, ein Büchlein mit den Namen der Altschüler bekommen. Dreitausendsechshundert seien das im Moment, sagt Philipp, alles Topleute,
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findet er. »Da hat man dann ein Netzwerk von Freunden, aber auch Erleichterungen beim Berufseinstieg.« Und auch auf meine Frage, ob denn Salem eine Eliteschule sei, höre ich die Erklärung, die ich schon aus Neubeuern kenne: »Wenn ich jetzt nur das Schulische betrachten würde«, sagt Oliver, »würde ich klipp und klar sagen: Wir sind keine Eliteschule. Wir sind öfter unter dem Durchschnitt hier. Im akademischen Sinne.« »Und in welchem Sinne seid ihr Elite?«, frage ich auch sie. »Ich würde sagen, weil wir im Gegensatz zu anderen Schulen versuchen, den ganzen Menschen zu bilden und nicht nur fachlich. Ich denke, das macht das Elitäre hier aus. Das bildet einfach eine Gesellschaftselite, diese Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.« Mut, Verantwortung, Wahrheitsliebe, sagen sie - das seien die Tugenden, mit denen Menschen zur Elite würden. »Wenn das gilt«, wende ich ein, »ist die Elite ja nicht nur in Salem zu finden.« Menschen, die mutig, verantwortungsbewusst und ehrlich sind, träfe man schließlich immer wieder und überall. Klar, sagt Oliver, gelte das auch für die Krankenschwester, die am meisten arbeite und Eigeninitiative zeige. Die sei schließlich am Ende auch oft Chefkrankenschwester. In Salem, sagt er, würden sie aber ganz besonders in diesen drei Tugenden, die am Ende die Elite ausmachen, trainiert. »Und wenn wir einen Jahrgang, der abgeht, sehen«, sagt Öliver, »können wir wirklich sagen: Egal, in welchem Bereich, sind Salemer tatsächlich in Spitzenpositionen. Ob es in der Wirtschaft ist oder im Fischfang.« Ich glaube allerdings, dass Oliver und Philipp enttäuscht wären, wenn sie es zum ehrlichsten Fischer oder
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zum mutigsten Krankenpfleger brächten. Beide sind schon Kunden der Salemer Berufsberatung, dem career counceling.

KARRIERECOACH FÜR TEENAGER

Karriereberatung für Teenager scheint auch so ein Trend zu sein. Während Oliver und Philipp von ihren Praktika erzählen, denke ich an Matthias Trüper, den ich zu Beginn meiner Recherche besuchte. Er, der einmal als Lehrer gearbeitet hat und danach Schulleiter war, verdient sein Geld in Berlin als Karrierecoach. Auch seine Kunden sind oft noch nicht volljährig, Oberstufenschüler, so alt wie die beiden Salemer. Damals hatte meine Reise zur jungen Elite noch nicht begonnen. Ich kannte die Internate und Privatunis, die Kindergärten und Stiftungen noch nicht und wollte zunächst gar nicht glauben, dass es Firmen wie seine gibt. Firmen, die tatsächlich davon leben, Teenagern bei der Karriereplanung zu helfen. Aber Trüpers Firma war nicht nur real, sondern schien auch ganz gut zu laufen. Aus ganz Deutschland reisen Eltern, die ihrem Nachwuchs die Poleposition im Kampf um die Plätze in der Leistungselite verschaffen wollen, zu Trüper nach BerlinMitte, in die Ackerstraße. Dort, wo Berlin so aussieht, als hätte die Stadt Geld, wo die Hinterhöfe saniert sind und Feinkost-Italiener Mittagsteller für 16 Euro anbieten, scheinen sich auch Karrierepakete für Pubertierende recht gut verkaufen zu lassen. Als ich Trüper besuchte, musste ich trotz Termins warten. Er gab gerade einem Vater Tipps für den richtigen
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Umgang mit dem Sohn. Die Nachfrage sei gigantisch, hatte er mir am Telefon gesagt. Vor allem wegen der schlechten Lage am Arbeitsmarkt steige die Bereitschaft, sich beraten zu lassen und auch Geld dafür zu zahlen, ständig. Da schafft die Angst vor Arbeitslosigkeit ganz neue Märkte, dachte ich und las die begeisterten Kommentare der Eltern, die schon da waren. Ein Vater aus Augsburg schrieb: »Die kompetente Beratung und der exzellente Service haben uns geholfen, unseren Sohn auf die richtige Bildungsschiene zu bringen. und haben ihn bereits zu sehr guten Erfolgen in seinem College geführt.« Eine Münchner Unternehmerin lobte: »Wer beruflich sehr angespannt ist und für die eigenen Kinder und deren Ausbildung nur das Beste möchte, der ist bei Herrn Trüper an der richtigen Adresse.« Als ich in der Oberstufe war, sind wir mit der ganzen Klasse ins Berufsinformationszentrum des Arbeitsamts gefahren. Dort gab es lange Regale, in denen Ordner mit Folien standen, auf denen Berufe und Studiengänge erklärt wurden. Ermunternd war das alles nicht. Ich habe wie fast alle in dem dunklen Raum gehockt und darauf gehofft, schnell wieder nach draußen zu kommen. Höhepunkt des Ausflugs war ein Berufstest, an dessen Ende mir geraten wurde, evangelische Pfarrerin zu werden. Ich bin nicht einmal getauft. Aber auf solche Feinheiten konnte der Standardtest keine Rücksicht nehmen. Dieses System ist tatsächlich optimierungsbedürftig. Trüper residiert in einem schicken Büro. Hohe Wände, weinrot gestrichen. Vielleicht sollte es das Arbeitsamt auch mal mit Farbe versuchen? Trüpers Beratung ist nicht gratis, sondern kostet mindestens 1000 Euro. Wenn ein Abiturient, der in Trüpers Büro stets »Kunde«
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heißt, im Ausland studieren will, liegt die Rechnung schnell bei 2000 Euro. Seine Kunden seien schon eher betucht, verriet mir Trüper, als er endlich Zeit für mich fand. »Aber«, fügte er sofort hinzu, »meinen Service kann sich fast jede Familie leisten. Gehen Sie mal auf einen Schulhof und schauen Sie sich die Schuhe der Kinder an! Dort finden Sie Markenschuhe, bis zu 200 Euro das Paar.« Das Geld sollten die Leute besser in Bildung investieren, sagte Trüper. Außerdem sei eine gut durchdachte Strategie in der Summe günstiger als eine falsche Studienentscheidung. Trüper ist ein guter Redner. Er brauchte keine fünfzehn Minuten, um mir die Welt zu erklären. »Die Zeiten langwieriger Selbstfindung sind vorbei«, sagte er. »In Deutschland wollte man immer, dass alle aus demselben Breitöpfchen essen. Das war eine sozialdemokratische Wohlfühlgesellschaft, ein elitefeindlicher Ansatz. Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen. Denn Wettbewerb macht Spaß. Wir müssen dann auch damit leben, dass es Verlierer gibt.« - »Aber«, versuchte ich dazwischenzufragen - ohne Erfolg. Er redete längst weiter. »Die deutschen Schulen versagen bei der Berufsberatung völlig. Die stellen ein Produkt her, das Abitur, ohne sich darum zu kümmern, was dann daraus wird.« Danach schimpfte er auf die Beamtenmentalität der Lehrer. Man müsse endlich Wettbewerb zulassen und eine miserable Schule auch einfach schließen können. »Wir brauchen vier, fünf Eliteschulen pro Bundesland. Wettbewerb macht doch Spaß. Auch Rütli kann Elite werden. Nur wer sich dem Wettbewerb sperrt, versagt.« - »Trotzdem: Ist eine Karriereberatung für Teenager nicht ein bisschen pervers?«, fragte ich schnell dazwischen.
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»Der Markt ist da und wächst«, sagte Trüper lachend. Es freue ihn, dass Deutschland sich ändere. Nachträglich muss ich zugeben, dass er in diesem Punkt absolut richtiglag. Was ich bei meinem ersten Besuch als absurden Auswuchs des Leistungswahns einordnete, ist ein wachsender Markt, den Trüper längst nicht mehr allein versorgt. Das sechsstündige »Einzelcoaching« der Kölner Firma »Einstieg« kostet die Schüler 600 Euro. Das Münchner »gevainstitut« bietet gleich ein komplettes »Coaching-Paket Studium und Berufsstart« für 750 Euro. »Das hätte es früher nicht gegeben«, würde ein Rentner an dieser Stelle vielleicht einwerfen und damit diesen nervigen Satz endlich einmal völlig zu Recht sagen. Denn eine Karriereberatung für Teenager hätte es früher wirklich nicht gegeben. Als ich beschlossen habe, Journalistin zu werden, war ich siebzehn, also genauso alt wie Trüpers Kunden. Die Entscheidung trafich nicht, weil ich brav auf die Folien im grauen Arbeitsamt gestarrt hatte. Ich glaube, dass sie eher das Ergebnis einer Mischung aus je einem Drittel Instinkt, Willkür und Ahnungslosigkeit war. Ich wusste, dass ich das Münsterland verlassen wollte, und Journalistin schien mir zu diesem Zweck ein geeigneter Beruf zu sein. Der Beruf wirkte aufregender als Anwältin und Ärztin. Ich träumte davon, zum Spiegel zu gehen, den ich damals zwar nie las, aber für sehr wichtig hielt. Oder ich wollte die live-Kommentare bei Bundesligaspielen sprechen oder vielleicht doch bei der Lindenstraße arbeiten. Also schrieb ich, als es nach dem Abitur ernst wurde, meinem Vater eine Vollmacht und bat ihn, mich an der Universität Dortmund einzuschreiben, während ich mit meinen besten Freunden mit dem Zug durch Griechen177

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land fuhr. Dass es geklappt hatte, erfuhr ich, als ich ihn von einem Campingplatz am Isthmus von Korinth anrief. 1000 Mark haben unsere vier Wochen in Griechenland gekostet. Dafür hätten wir nicht einmal das »Coaching-Paket Studium und Berufsstart« bekommen. Das klingt im Nachhinein recht lässig, im Vergleich mit den peniblen Karriereplanern, die zu TTÜpers Kunden zählen, sogar abgezockt cool. War es aber nicht. Es war normal. Dennis und Cornelius, die mit mir am Isthmus waren, und die anderen aus meiner Stufe machten nichts anderes. Auf diesen Sommer folgten Dutzende anderer Momente, in denen ich ähnlich diffus begründete Entscheidungen traf. Für welches Praktikum wollte ich mich bewerben? In welcher Stadt wollte ich leben? Sollte ich noch im Ausland studieren oder nicht? Ich stolperte entlang dieser Fragen durch mein Studium und versuchte herauszufinden, was ich mochte und konnte. Einen Teil der Entscheidungen traf ich selbst, den großen Rest erledigte der Zufall. Ich bezweifle, dass ein noch so guter Karriereberater mir dabei hätte helfen können. Auf meiner Reise begegnet mir der Glaube an den planbaren Lebensweg allerdings überall. Die Eltern, die ihre Kinder für viel Geld in bilinguale Kitas stecken oder teure Internate auswählen. Die Studenten, die bereitwillig die teuren Gebühren für die privaten Hochschulen zahlen, oder eben Oliver und Philipp, die Salemer. Sie alle geben viel Geld aus, um den Zufall aus ihrem Leben herauszuhalten. Vielleicht ist das nötig, wenn man beschlossen hat, Elite zu werden. Vielleicht ist es aber auch gefährlich, seine Kinder auf einen vermeintlich planbaren Lebensweg zu trimmen. Denn wenn sie trotz aller Anstrengungen und Investitionen dennoch scheitern, werden sie
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wohl nicht gelernt haben, dass es neben dem schnurgeraden Weg auch noch etliche andere gibt, die vielleicht sogar besser sind. Philipp und Oliver, die beiden Salemer Schulpolitiker aus der Oberstufe, erinnern mich an eine jüngere Ausgabe von Bernd. Sie sind gerade achtzehn geworden. In diesem Alter sammeln manche Jungs Mädchen, Highscore-Einträge an der Playstation oder, wenn es ganz schlimm kommt, leere Coladosen. Die beiden sammeln Einträge für ihren Lebenslauf. Oliver hat in der zehnten Klasse ein Praktikum bei Coca-Cola in Atlanta gemacht. Jetzt will er noch eins in der »Chefetage der Bild-Zeitung« nachlegen. Philipp hat mit McKinsey schon erste Sondierungsgespräche geführt. Beide haben ihr Ziel fest im Blick: die Chefetagen der Wirtschaft. In die Politik zu gehen, können sie sich nicht vorstellen, obwohl sie in Salem engagierte Schulpolitiker sind und obwohl sie meinen, das Land müsse sich ändern. Auch diese Einstellung scheint die junge Elite zu einen. Wie alle, die ich bisher traf, ziehen auch sie die Wirtschaft der Politik vor. Warum eigentlich? »Die BezaWung ist in der Politik einfach miserabel«, sagt Philipp. »Wenn man das vergleicht, was man für gleiche Leistung in der Wirtschaft kriegt.« Außerdem habe man nur das öffentliche Geld, kein eigenes, und sei deshalb bei allem, was man ausprobieren wolle, streng an das Gesetz gebunden. Oliver meint: »Wenn ich mich heute entscWießen würde, in die Politik zu gehen, dann müsste ich erst einmal zehn Jahre Plakate kleben.« Das kommt für beide nicht infrage. Ihre Strategie ist eine andere. »Erst mal in die Wirtschaft und die Verbindungen auf179

dass ich keine Schülerin sei. Das sind 4164 Euro pro Jahr. besuchen die Salemer einmal pro Woche deren Leben. Ihr Schloss. Sie haben auch schon einmal ein Asylbewerberheim gestrichen. junge Menschen. Ihr Engagement ist ehrenwert. Aber es will sich keiner aufraffen. Knapp ein Drittel der Schüler in Salem bekommt ein Teilstipendium. ob man Philipp und Oliver vorwerfen darf. Und wenn man dann einen gewissen Status hat dann vielleicht in die Politik. »kann ich denen noch nicht mal einen Vorwurf machen. Als wir zu Beginn unseres Gesprächs über Neid redeten. betont Phillip. gönne er seinen Mitschülern deren Reichtum. haust du ab?«. Das kann kein Hartz-IV-Empfänger zahlen. von oben herab. Oder sie arbeiten bei den Rettungsschwimmern unten am Bodensee. Vollstipendien werden gar nicht vergeb~n. Sie fahren ja runter in die Stadt. »Aber eigentlich«. Mein Vater ist Arzt. »Philipp. Dann schimpft er über die Schnösel. die Schüler nach den Preisetiketten ihrer Kleidung zu fragen.« Am Ende traue ich mich doch.« Ein Taxi fährt mich runter nach überlingen. Aber ich halte es für eine falsche Strategie. die ihn schlecht behandeln.bauen. Aber nach zwei Stunden fahren sie wieder rauf. »Als Lobbyist«. räumt er dann selbstkritisch ein. Während des Gesprächs hatte ich immer wieder auf seine Uhr geschaut. »Keine Lust mehr auf die Schule?« Ich sage. findet er. sagt er auf einmal ganz mild. »Na. sagt er. Das dürfte ganz effektiv sein. Runter in die Realität. die einmal in Beratungsunternehmen über Arbeitsplätze entscheiden oder in Verbänden Wirtschaftspolitik machen wollen. Er würde deshalb über ein Teilstipendium gefördert. der mit einer Plastik181 I< < ". Eigentlich finde ich es albern. in einem Schloss auf einem Berg fernab des normalen Lebens zu erziehen. »Da bist du hier aber falsch«. die nach dem Sommerfest volltrunken und pöbelnd in seinem Taxi sitzen.' ! « I I I I I I I< I I I . du hast doch ähnlich teure Klamotten wie die anderen. antwortet Philipp. Statt Kinder von Ausländern oder Arbeitslosen als Mitschüler zu haben. Trotzdem. Du kommst doch ganz offensichtlich nicht aus Hartz-IV-Verhältnissen?«»Nein«. Weil sie 347 Euro pro Monat bekommen. Woher sollen die es besser wissen? Die leben da oben einfach in einer anderen Welt. Einmal pro Woche machen manche mit Migrantenkindern Hausaufgaben. Jetzt tue ich es doch. Auch wenn ein Schüler ein umfangreiches StipendlUm In H"h e von 75 Prozent der Gebühren ergattern . den großen Namen und das Netzwerk stets im Rücken. Ich weiß nicht.« Oliver sieht sich später in einem Interessenverband. bleiben Kosten von knapp 8000 Euro. Seine Eltern könnten die gut 30000 Euro Jahresgebühr nicht bezahlen. und über die Jungen. »einer von der Elite inüsste sich mal aufraffen und in die Politik gehen und da oben mal aufräumen. Aber einer«. sagen die Schüler. sagte Philipp. in der Hartz-IV-Empfänger wirklich wenig Geld haben. 0 180 kann. »Aber nah dran. fragt mich plötzlich der Taxifahrer. Dass ich ein Buch über Eliten schreiben würde.« Ich steige in den Regionalzug nach München und quetsche mich neben einen Mann. über die Altsalemer. dass ihnen in ihrer Welt das Verständnis für das Leben hier unten verloren gegangen ist. er selbst käme nicht aus den »vermögendsten Verhältnissen«. Emporio Armani war da eingraviert. »hat man ja auch einen großen Einfluss auf die Politik.

Den einen prägt das Schloss. Eigentlich würde ich gern selbst über mein Leben entscheiden. Ich habe sieben Blöcke vollgeschrieben. die ich niemandem stellen konnte. wenn es darum geht. Noch würde ich die zum Wettabschluss ausgestreckte Hand ausschlagen. unscharfer und damit unbrauchbarer Begriff. fünf Kassetten eines analogen und hundertachtundzwanzig Megabyte eines digitalen Aufnahmegeräts vollgespielt. 183 . In andere Leben eingreifen zu dürfen. für andere Verantwortung zu übernehmen. denkt man bald. Vielleicht sollte ich in mein Quiz noch die Antwort d) aufnehmen: Elite ist ein willkürlicher. ist überzeugt. Wenn man nur leE fährt. Zu wissen. dann bitte nach klaren Regeln und auf Zeit. kann ich gut verzichten. die für sich Sonderrechte fordern. noch ist der Reiseplan nicht abgearbeitet. Und wenn ich schon Einfluss delegieren muss. wie die Wirtschaftler in 182 Oestrich-Winkel meinen? Ist es b) Verantwortung. Ihre Legitimation ist im besten Fall Liebe. Was mich an der zukünftigen Elite so stört. sogar Lehrer. Ich besuche Deutschlands junge Elite jetzt seit neun Monaten. Sie sind mir zu diffus. dass die nur von Apple hergestellt werden. Aber nur fast. Die Zweifel an der Tauglichkeit des Begriffs »Elite« sind von Station zu Station gewachsen. mehr Macht und mehr Verantwortung zuzugestehen. Frage: Was macht Elite aus? Ist es a) Edge. Darauf. wie ich es an der Elite-Akademie gelernt habe? Oder ist es c) Verantwortung. Und wer mal auf dem Spielplatz hinter unserem Supermarkt war. die sich rosa Strähnen gefärbt haben und deren Deo nicht hält. ihnen auf dieser Grundlage mehr Einfluss. Wer in unserem Viertel wohnt. Mut und Wahrheitsliebe.tüte und ein paar Bierflaschen reist. Ich bin fast schon bereit. ist. Politikern billige ich dieses Recht zu. dass Elite ein Konzept ist. Im Idealfall ist auch hier die Legitimation für alle ersichtlich. Auch Eltern und Freunden erlaubt man meist. was für diese Menschen richtig ist. werden sie ausgetauscht. Wenn ich die Notizen in meinen Blöcken durchgehe. dass alle Menschen Laptops besitzen. Auch andere haben durch ihren Job oder ihr Amt bestimmte Entscheidungskompetenzen. Wetten einzugehen und auf d) mein Liebstes zu setzen. das wenige über viele stellt. den anderen der Kiez. Ohne sie zu kennen. dass das Elterngeld schon phänomenal eingeschlagen hat. Was macht Elite aus? Ich habe immer noch Fragen auf meiner Liste. Verpflichtung und Vorbild. energy und execute. dass sie das Recht einfordert. dass selbst ernannte Eliten ungefragt Verantwortung für mich übernehmen. weil so viele junge Mütter Kleinkinder schieben und tragen und weil mindestens jede dritte Mutter ein Mann ist. Verlieren sie eine Abstimmung. Bürgermeister. Sie verlangen so etwas wie eine Entscheidungskompetenz auf Lebenszeit und nennen als Legitimation ihre besonderen Qualitäten. Aber Eliten? Sie wollen Verantwortung für das Leben anderer übernehmen. den Menschen benutzen. und Zeitraum sowie Einflussmöglichkeiten sind begrenzt. wie die Salemer meinen? Diese Antworten reichen mir nicht aus. Meine Stimme haben sie nicht. kann ich daraus inzwischen ein lustiges Begriffsquiz basteln. neben zwei Mädchen. meinen Tischkicker. Statt überzeugender Antworten auf meine Frage »Warum brauchen wir Eliten?« habe ich bislang vor allem Belege dafür gefunden. Sie sind gewählt. Abteilungschefs. über das eigene Leben mitzuentscheiden. könnte sogar glauben.

c) und d) ein sinnvolles und überzeugendes e) finden werde. Fast hätte ich es nicht mehr geschafft. der junge Iraner und Mitglied der Vodafone-Elite mit Migrationshintergrund. Die zweite Hälfte des Doppel184 bettes ist nackt. sagen die einen. Und beide sitzen in Kleinstädten am Rhein. anrufe. Westerharn und Neubeuern bei Rosenheim und Salem bei überlingen fahre ich nun nach Vallendar bei Koblenz. Direkt neben der Zugstrecke verläuft die Schnellstraße entlang des Rheins. schimpfte die Gastwirtin. behaupten die anderen. Beide bereiten ihre Absolventen vor allem auf Karrieren in Beratungsunternehmen und Investmentbanken vor. Ich hatte gesagt. »Deine EliteRecherche hättest du dir auch glamouröser vorgestellt. fast verschwörerisch. Die beiden sind wie Schalke 04 und der BVB. der Otto Beisheim School of Management. wortreich die gravierenden Unterschiede. die durch Vallendar führt. spottet mein Freund. Sie sehen in dem jeweils anderen den größten Konkurrenten um die Vorherrschaft in der Ausbildung der zukünftigen Wirtschaftselite. Für Außenstehende sind diese Scharmützel schwer nachvollziehbar. An der WHU käme niemand ohne Anzug. oder?«. Die EBS sei snobbish. Jetzt liege ich in emem dunklen Zimmer.und noch habe ich die Hoffnung. Beide verlangen von ihren Studenten pro Studienjahr 10000 Euro. ich sei zur »Tagesschau«-Zeit da. als wollte er mir geheime Akten in die Hand drücken. Er. Ländliche Idylle sieht anders aus. dass ich abseits der Lösungen a). die WHU in der Marienburg. Die WHU ist das Pendant zur EBS. Die jeweiligen Anhänger beäugen die andere Hochschule genau und erklären. Aadish. die ich später triumphierend mit einem lässigen »Ich-habe-meine-Informanten« der Öffentlichkeit präsentieren würde. 185 . hatte in Brüssel gesagt: »Wir sprechen besser später in Ruhe über Elite. und beide ermöglichen ein Studium in exquisiter Umgebung: Die EBS residiert in einem Schloss. über den Eingang der Pizzeria noch in die Pensionsetage im zweit~n Stock des Hauses gelassen zu werden. mit dem ich mich um neun Uhr im einzigen schon geöffneten Cafe der Stadt treffe. überwiegen doch eindeutig die Gemeinsamkeiten: EBS und WHU behaupten. mein Bett rechtzeitig zu belegen. »Ausnahmsweise«. auf den Konkurrenten angesprochen. An der EBS seien nur Studenten mit hochgestelltem Polokragen. Ich hatte also Glück. Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos blenden mich durch die dünne Gardine. Langsam werde ich zur Provinzexpertin. Die Wirtin hatte die zweite Decke und das Kopfkissen mitgenommen. fluche ich im HalbscWaf. dass das mit der Provinz kein Zufall sei. nachdem ich mich als »allein reisend« geoutet hatte. DER MAULWURF Es geht also weiter. Ganz oben auf meinem Elitestapel liegt Aadishs E-Mail-Adresse. hatte dann aber einen Zug verpasst und war erst nach zehn Uhr angekommen.« Das klang spannend. Ich fühle mich wie bei einer permanenten Polizeikontrolle. Nach Oestrich-Winkel bei Wiesbaden. Am nächsten Morgen meint Aadish. Elitehochschulen zu sein. Die WHU steif. studiert im zweiten Semester an der WHU. b). Dort geht Aadish zur Uni. als ich ihn aus einem Gasthof an der Regionalzugstrecke. Deshalb steige ich noch einmal in den Zug.

dass es eine ganz andere Welt ist. dass man die CDU oder die FDP wähle. Ein Großteil hier denkt nur: Was ist gut für die Wirtschaft? Aber wir müssten doch eher fragen: Wie kann die Wirtschaft allem anderen dienlich sein?« Außerdem kann Aadish mit den Träumen seiner Kommilitonen wenig anfangen. die er sich mithilfe des Hausmeisters im Asylbewerberheim erarbeitet hat. »Politik wird im Vergleich mit der Wirtschaft meist als nachrangig gesehen. die denselben finanziellen Hintergrund hätten wie er. wollen die jetzt in die Bank? Total overdressed. Es waren viele Leute da mit richtig viel Kohle und so angezogen. sagt Aadish. dass man gedacht hat. Nur einmal war er in »so einem Schuppen« in Koblenz. Er staunt. als er sich beworben habe. Dann gibt es nur noch das Studium und die Unternehmen. Beim Auswahltag hatte ich schon den Eindruck. Lange habe es auf dem Campus auch nur Gruppen dieser beiden Parteien gegeben. beherrscht er fast perfekt. dass die Leute hier zusammenbleiben müssen. nie ganz und gar dazuzugehören. dem ich später davon erzähle. nicht daran. »dass das ein kleiner Ort ist. der 1996 als Elfjähriger mit seiner Mutter und den beiden Brüdern aus dem Iran geflohen ist. zu denen man will. Geschichte. hätte er nicht erwartet. ihn würde es noch nach Koblenz ziehen. dass politisches Denken an der WHU eine absolut untergeordnete Rolle spiele. »Corpsgeist« nennen das die französischen Eliteschulen. Er ist Stipendiat. Aadish ist jetzt seit einem Jahr Student an der Hochschule. es gewohnt ist. aber er ist auch ein Fremder geblieben. Aber die WHU überschütte die Studenten dermaßen mit Lernstoff. sagt er. Bei vielen. Es gäbe hier kaum Studenten. 186 Vielleicht auch. und viele geben sich dann auch vom Verhalten her so. er hätte noch den Drang. Aadish sagt. sagt Aadish. weil er zu offensichtlich anders ist als die. Mathematik und Sozialwissenschaften mit einem Schnitt von 1. Es sei fast selbstverständlich.3 hochgearbeitet hat. »Davor habe ich große Angst«. den er nicht hat. Vielleicht. sagt er. der sich dann aus der übergangsschule der Sammelunterkunft über die Haupt. dass es keinen Einfluss von außen gibt. dass das nicht möglich sei. Er ist schüchtern und bestimmt zugleich. »Zucht«. wird einer.« Er meint. Die deutsche Sprache. dass die anderen schon jetzt im zweiten Semester planen.« Und dann sind da noch die politischen Differenzen. schliefe das Interesse an der Welt außerhalb der Uni im Lauf der Semester ein. sarkastisch sagen. dass seine erste Adresse in Deutschland eine ehemalige Kaserne war. »Ich haue selten auf den Putz«. um dann das zweite bei 187 . Er trinkt einen Cappuccino mit Sahne. andere Leute kennenzulernen. Es liegt nicht nur am deutschen Pass.« Noch mehr erschreckt habe ihn allerdings. sagt Aadish. weil er. die Hochschule wolle so ein extremes Zusammengehörigkeitsgefühl fördern. glaubt Aadish. »Erst seit letzter Woche hat sich auch eine winzige Juso-Gruppe eingenistet. ihr erstes Praktikum im Ausland zu machen. dass er fast nie ausgeht.und Realschule im westfälischen Lengerich bis zu einem Abitur in den Fächern Deutsch. die nichts mit Wirtschaft zu tun haben. wenn er erzählt. in der die vierköpfige Familie einen Raum mit zwei Doppelstockbetten bewohnte. Hier beginnt es so ab der oberen Mittelklasse. »Meine Familie ist finanziell am untersten Rand. Nur manche Formulierungen sind etwas ungelenk.»Es ist Absicht«. Dass die Studentenschaft so homogen wäre. Aadish sitzt im dunklen Wollpullover mit Dreitagebart vor mir. die mit ihm studieren.

Ihr seid die Leute. wie Aadish das nennt. sich zu verändern. Und er ist der 189 . sich mit seinen Brüdern selbstständig zu machen oder in die Politik zu gehen. heißt es ja nicht. Man hat Vorbilder. der funktioniere. Er. und er gehörte zu den Auserwählten. Man hat doch selbstlose Ziele.in der Hoffnung. den. Nach der Wirtschaft vielleicht noch Iranistik. An der Uni. »Das. was ich geschafft habe. damit zu tun. Er hat ein Referat über Anglizismen in der deutschen Sprachen gehalten und sich durch Einzelinterviews gekämpft. Im Gegensatz zu den anderen ist er aber nicht nur von der Furcht getrieben.und den Mathetest bestanden. Aber rur mich ist das überhaupt nicht Elite. Ihr seid die Gewinner. Und tatsächlich: »Ich persönlich«. ihn aber trotzdem von außen betrachtet. mit ihr zusammenziehen und nur mit dem Bus zur WHU fahren. Er hat Angst.einer Investmentbank oder Beratung in Deutschland zu absolvieren . »Es wird einem von Beginn an dieses GeruW vermittelt: Ihr habt es geschafft. der noch bis vor Kurzem von der Abschiebung bedroht war. den kritischen. dass er nun zu den Besten gehöre. Wie fast alle an der WHU schuftet er zehn bis fünfzehn Stunden pro Tag. als offensiv dagegen zu wettern. Das Stipendium. dass seine Freundin im nächsten Sommer einen Studienplatz in Koblenz bekommt. Sie integrieren sich sofort in dieser Welt und bauen darauf ihr ganzes Leben auf.« Er hofft. ist rur sie der Grund. dass es ihr Lebenstraum sei.« Seine Mutter ist stolz darauf. das er eigentlich ablehnt. Er ist mit den Worten begrüßt worden. Er sei ja erst im zweiten Semester. dass jetzt ein »aber« kommen wird. die Welt zu verbessern. stolz zu sein. Erst einmal lernen und studieren. Das vermisse ich hier alles. »Es sind einfach so viele. sagt er. »Es geht einfach um den beruflichen Erfolg. Um mehr nicht. die Klausuren nicht zu bestehen.« Aadish arbeitet hart. Mehr.« Aadish weiß noch nicht. um daraus etwas Vernünftiges zu machen. und da wollen wir auch hin. sagt Aadish. Ich habe mich eher zurückgezogen. möglichst reich zu werden. den kämpferischen. was er will. Es gab knapp zehn Bewerber rur einen Platz.« Manche. eine Einschränkung des mütterlichen Lobs. In der Ausländerpolitik würde er sich gern engagieren. sagen: Da ist unser Platz. was 188 von der Gesellschaft akzeptiert wird. Dann wird der andere Aadish wieder mehr Raum bekommen. Die Uni. Fast wie eine Maschine. ob ich Elite bin oder nicht? Nur weil mein IQ vielleicht hoch ist. sagt Aadish. der so leidenschaftlich reden kann. Danach plant er. versteckt er vor seinen Kommilitonen. Dann wird er Vallendar verlassen. »Aber gerade als junger Mensch hat man doch den Traum. dass ihnen der »WHUBonus«. Ihr seid jetzt Elite. Es heißt: Ihr habt den Auswahltest bestanden. Mittlerweile glaube ich. wisse er noch nicht. den direkten Einstieg bei den Größten der Branche ermöglicht. Aadish ist also einer. sagt Aadish. sich anzupassen an ein Denken. sei nur der Aadish. sagt er »bin nicht stolz auf das. dass er es so weit gebracht hat. die diese Welt ruhren werden. Seit einem Jahr ist er also hier in Vallendar. »So sind halt Eltern«.« Aadish und ich reden schon seit Stunden. ihn so gut zu kennen. Den anderen. dass ich meinen Verstand und mein Hirn auch einsetzen kann. der im Eliteapparat drinsteckt. gäben ganz offen zu. dass ich irgendwelche Matheaufgaben machen kann. die einer Meinung sind. Was hat denn die Tatsache. wenn er muss. hofft er. Er hat den Englisch. als Ausländer. dass ich weiß.

kein Klassenkämpfer. habe er einfach noch einmal gründlich über den Begriff nachgedacht. als habe er ein Hauptseminar zu dem Thema belegt. In Europa waren es erst die Adligen. Man sagt ja immer. Wer in der Elite ist. dann könnte ich mir vorstellen. die er genießt. dass man nicht nachahmt. die modernen Glasanbauten. was sie macht. was einem vorgegeben wird. Im Iran seien die Mullahs. sowieso gar nicht mehr. »Und was ist >Elite< für dich?«. offen kritisiert. Er mache sich schon länger Gedanken über Elite. als dessen Assistent anzufangen. die haben die Macht. dass ich ihm sofort die Nummer von Eliteforscher Michael Hartmann geben. Aber ich sage mir: Was ist gut. Aadish ist kein Parteigänger. die religiösen Führer. Eine der ganz harten. »Die sagen: Man muss die Besten. wenn sie alle arbeiten würden. Als ich ihn um das Interview gebeten hätte. die Fleißigsten behalten und die anderen rausschmeißen. dass er tatsächlich hier eingeschrieben ist. Und heute sage man. fügt er hinzu. »Und die Leute werden einfach mit einem Arschtritt rausgeschmissen. Der Begriff »Elite«. sagt Aadish. wie man Mitarbeiter am besten »freisetzen« kann. Jedes Mal. Sie lernen Arbeitsrecht. Aber so eine Aristokratie im wirklich wahren Sinne. Die Menschen.Erste. Elite sei notwendig für eine Gesellschaft. Die Marienburg. werde immer dann gebraucht. Bildung oder Leistung seien entscheidend. die selbst schon zur Elite gehören. Seine Sätze wirken nicht aufgesagt.« Ich bin überrascht. wenn er mit seinem Ausweis die Türschlösser öffnet. sagt Aadish dann leise. wegen seines Akzents. nach denen in Elite und Nicht-Elite eingeteilt wird. etwas Besonderes im Blut zu haben. der die Eliteausbildung. und die wollen die Macht auch behalten. gesellschaftliche Macht zu legitimieren. ihm vorschlagen will. Was man nicht sagen will. gäbe es diese Gesetze später. Und dann analysiert er so klar und sachlich das Verhältnis von Macht und Elite. stellen die Kriterien auf. wie er sagt. Elite. der auf familiäre Verhältnisse Rücksicht nimmt. wenn man in einen bestimmten Kreis hineingeboren wurde? Wenn man eine ganz gute Bildung hat? Ist man Elite.« 191 . Aadish hat mir den Campus gezeigt. »Elite bedeutet ja eigentlich: die besten Leute. heruntergebetet wie so oft bei Linken. Sie laufen etwas un190 rund. Einen Sozialplan. Inhaltlich ist er aber so fit. das Getränke-Büfett vor den Seminarräumen. erfahren. die über die Grenzen hinausdenken und nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten. wirklich für das Allgemeinwohl macht und nicht für ihre eigenen persönlichen Ziele. »Elite sind für mich Leute. der hat die Macht und legitimiert die Macht dadurch. und was ist schlecht? >Elite< ist ja ein variables Wort. den ich treffe. halten viele seiner Kommilitonen für Quatsch. dass er Elite ist. »Aber sind das klare Kriterien? Ich persönlich denke. ist: Es gibt Schichten.« Aber wahrscheinlich.« Oft. sagt Aadish. dass >Elite< ein euphemistisches Wort für Macht ist. dass man sich abhebt von der Masse. die machen die Elite aus. Schließlich muss er in eine Vorlesung. will ich wissen. dass man so etwas wie eine Aristokratie bildet. wundere ich mich. weil man sportlich ganz gut ist? Das ist ja eine Definitionssache. Ist man Elite. Wenn es wirklich so etwas geben würde. Dass diese Elite das. liefe es so wie hier an der Uni. die außergewöhnliche Ideen haben. damit sie sich weiterentwickelt.« Mittlerweile haben wir das Cafe verlassen. die glaubten. wenn es gelte.

es trotzdem irgendwie durchzuziehen. Das war's. Es wird gesagt: Ihr werdet alle in große Unternehmen gehen. Er spricht viel davon. »Dieses Denken ist da. ist der Erste. Nicht immer zu schweigen oder alles bis zu den wenigen Wochenenden aufzusparen. Er fände es angenehm. Dann wären sie ein Team gewesen. dass sie das Gefühl von Elite haben. Dann werden sie vielleicht Fleischfachverkäufer wie meine Cousine. dass in den Einrichtungen. Viele Schwarzekarte-Nutzer und Aadishs Mitstudenten sind Anfang zwanzig. »Für viele Leute hier«. Er.Aadish redet auch noch auf dem Weg zur Vorlesung. mit dem er mehr Kontakt hätte. die »Elite« im Namen tragen . deren Kinder zur Raiffeisenschule.« Gleichzeitig seien viele überzeugt davon. aber am Englischtest scheiterte. Einige seiner Kommilitonen hätten gesagt. Aber das ist verkehrt. zur HeinrichHeine-Realschule oder zum Rhein-Wied-Gymnasium gehen. nur leiser. Aadish hatte gesagt. Es ist kein Gefühl von Unsicherheit da. machen Millionen von anderen Menschen an anderen Hochschulen auch.« Jede Stunde um neunundfünfzig hält ein Regionalexpress in Vallendar und fährt den Rhein hoch in Richtung Köln. desto mehr ordnen sich die zum Teil noch etwas diffusen Eindrücke. wenn sein Zwillingsbruder. Je länger ich recherchiere. Und dass im UmkehrscWuss die. kennt und klar benennt. vielleicht Groß. die er zu Hause sei. Wir machen doch nichts Besonderes hier. sagt er zum ScWuss. auch selbst dafür verantwortlich seien. Aber sie haben sich jetzt schon abgekapselt vom Leben der Masse. wie es gewesen wäre. damit er das kann?« Je länger ich Aadish zuhöre. Dass sie denken. der im Elitesystem drinsteckt und doch nicht dazugehören will.und Einzelhandelskaufmann wie mein Cousin. die Schüler in Salem und Neubeuern. was wir hier machen. junge Menschen heranwachsen. Zu zweit hätten sie vielleicht etwas ändern können. desto offensichtlicher wird. der sich auch beworben hatte. das sich breitrnachte. der das Unwohlsein. Leute auf Hauptschulen seien faul oder einfach nicht scWau genug. dass viele WHU-Studenten in ihrem Elitekokon das Verständnis für die »Normalen« 192 verloren hätten. Auf dem Campus gebe es genau ein Mädchen. sagt er. zu einem Gesamtbild. waren gerade volljährig. und daraus folgt auch eine gewisse Arroganz und Selbstgerechtigkeit. in Neuwied. Das. mal alles loswerden zu können. die es nicht schaffen. in Bad Hönningen. die 193 . Und man geht nicht den Schritt zurück und fragt: Wieso kann einer diese Leistung nicht erbringen? Was müsste sich ändern. Jetzt bleiben Aadish nur die Wut und der Frust und der Wunsch. hier wäre. Im Schnitt stoppt der Zug alle fünf Minuten. auch vor der Tür beim Warten. In Engers. Es wäre nicht so hart. die ich getroffen habe. nicht so einsam geworden. »besteht das Eliteverständnis darin. »Für die gibt es die Frage: Gehe ich in die Beratung oder ins Investmentbanking? Bei meinen Freunden zu Hause geht es darum: Was mache ich überhaupt? Finde ich eine Arbeit oder keine? Die Leute hier an der WHU haben keine Angst vor der Zukunft. die ich auf meiner Reise gesammelt habe. damit die anderen nichts hören. Hier leben die »Normalen«.vielleicht mit Ausnahme der Bayerischen Elite-Akademie _. oder sie ziehen nach Bonn zum Studium. sagt er. das ich in Salem und Neubeuern spürte. dass sie sich die komfortable Situation durch eigene Leistung erarbeitet haben. sie sind etwas Gutes. als ich mich durch die Proftle des Netzwerks Schwarzekarte klickte.

Deutschen Bundestag sitzen fünfzehn Abgeordnete unter dreißig Jahren. hatte er gesagt. weil ich befürchte. die ein Gegengewicht bilden würde zu denen.so wenige echte ~u~ge gibt es. überhaupt? Gibt es so etwas wie eine alternative Elite? Radikaler als die Studenten der Bayerischen Elite-Akademie. Aber gibt es diese Leute. laut Pass vierunddreißig. Leute. sondern sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen. sie halten ihren Anspruch für legitim. Der Altersdurchschnitt der Bundesregierung liegt im Herbst 2007 bei siebenundfünfzig Jahren. Hubertus Heil. sagt. Bei aller Kritik scheint Aadish also noch Hoffnungen mit dem Begriff »Elite« zu verbinden. »In den Parteien eher nicht«. suche die Stellen. Da hat er wohl recht. die Visionen haben. Als ich schon kapitulieren will. Im 16. sie sind politisch auf einer Linie. den Eliteforscher. seine Partei sei >mnterjüngt«. nicht für die eigene Karriere machen. dIe Ich 195 . ob es diese andere. sagt er zum Glück »aber« und erklärt mir. die das. dass es natürlich junge Leute gebe. die ich bislang traf? »Und eine linke Elite. fragt ein Freund. die er sich vorstellt. Sie wollen in Führungspositionen. »Elite sind für mich Leute. »Gegen-Eliten kann es eigentlich nicht geben«. Die Parteien hätten seit geraumer Zeit Probleme. die wäre dann weniger schlimm?«. die zwar verantwortlich handeln wollen. an denen Aadish über Eliten spricht. an und werde sofort enttäuscht. und meint. kritischen Elite. Vielleicht ist das ein Grund dafür. »Und wo finde ich die?«. was sie tun. und sie eint ein Unverständnis für die Probleme des Restes. wenn ich Aadishs Elite fande. »Die fandest du dann cool und revolutionär. dass sie mit diesem Rest wenig zimperlich umgehen werden. schlecht Elite sein. oder was?« Ich fühle mich ertappt und muss zugeben. Erst einmal bin ich gespannt. die nicht in irgendwelche vordefinierten Fußstapfen treten«. den herrschenden Eliten etwas entgegenzusetzen. dass alle.4 Prozent der Gewählten. der Macht infrage stellt. sagt Hartmann. Sie machen mir Angst. '\ i DIE ALTERNATIVE ELITE Ich rufe Michael Hartmann. als ich ihm von Aadish und meiner Suche nach einer besseren Elite erzähle. in denen Karrieren und Geld nicht die Hauptrolle spielen. weiß ich nicht. »Elite hat immer mit Machtpositionen zu tun.« Folglich kann jemand. und von hundertsiebzig Ministern und Regierungschefs in Bund und Ländern sind nach Recherchen der Zeitschrift Capital gerade einmal fünf unter vierZig. sagt er. will ich wissen. kritische junge Leute anzuziehen. keinen Feldzug für mehr Gerechtigkeit planen? Gibt es eine Gruppe. Offenbar träumt er von einer altruistischen. Ich spule mich noch einmal durch Track sieben auf meinem Aufnahmegerät. überaltert. der sich konservativ nennt. die versuchen. Menschen. optisch wesentlich älter. Gerade einmal 2. aber keinen grundlegenden Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung fordern. dass ich zumindest ein wenig beruhigt wäre. In der SPD-Bundestagsfraktion darf man sich noch bis zum vierzigsten Geburtstag»Youngster« nennen . linke Elite überhaupt gibt. Generalsekretär der SPD. Ob sie mich 194 mit dem Begriff »Elite« versöhnen können.I I sich erstaunlich einig sind.

Seine Analyse ist genau.aber es fehlt an Ideen. Er weiß wohl.« . Dass der erste Eindruck trügt. und Chris musste pünktlich sein. Jungpolitikern. seit auch die Grünen etabliert sind. fragte ich. Parallel zu seinem Studium hat er sich in der linken Bewegung ziemlich weit hochgearbeitet. dann fände ich meine von mir etwas schief titulierte Gegen-Elite bei den Globalisierungskritikern von Attac. wie er seine Botschaften in kurze. scheinen ihrem wahren Lebensalter mindestens ein Jahrzehnt voraus zu sein. Chris sieht aus wie einer der Menschen. »Zielloser linksradikaler Aktionismus«. Denn Chris hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur mit Foucaults Theorien beschäftigt. »Ich argumentiere wie für ein Flugblatt. Danach war er bei einer Green197 I ! . »Tiefin meinem Herzen bin ich eben doch ein Rocker«. an einem visionären Konzept für die künftige Gesellschaft«. Offenbar ist die Politik. antwortet er. sagt er und strahlt. der Astra-Bier trinkt und Gitarrenmusik hört. Die Fahrt nach Evershagen dauerte über drei Stunden. Wie ein Politikstudent eben. Auf seinem hellblauen Shirt steht Pretty girls make graves. wie Heil. sagt der Göttinger Parteienforscher Peter Lösche. frage ich Michael Hartmann. sobald er spricht. sage ich. Wenn. Er wird heute noch ein Seminar zum Thema »G8-Gipfel und Klima« leiten. Er hat gegen Studiengebühren protestiert und Parteizentralen besetzt. dass sie von unten austrocknen. Um 6 Uhr 41 haben wir uns am Bahnsteig in Berlin getroffen.traf. die den Aufstieg schaffen. Er lässt meist den Mund ein bissehen offen stehen. Er habe versucht zu belegen. standen wir in der viel zu langen Schlange an der Essenausgabe. dass Foucaults Ansatz bei der Lösung internationaler Konflikte helfen 196 könne. Wenn er schweigt. »Aha«. zitierfähige Sätze verpacken kann. dass der Slogan >Genug für alle< nicht stimmt«. entgegnete er. dass er vieles ist. seine Aussagen sind präzise. wirkt Chris zunächst sehr schüchtern. Er hat also auch Humor. eine Plattenbausiedlung südlich von Lichtenhagen. Chris ist fünfundzwanzig. die blonden gelockten Haare hat er ein wenig unkontrolliert wachsen lassen. oder?«. »Aber wo sonst finde ich eine Gegen-Elite?«. wirken. in ihren Aussagen und Anzügen schon verdammt angekommen. in dem lebendige alternative Eliten gedeihen. aber sicher kein Rocker. Aber Greenpeace sei ebenfalls »überaltert« und thematisch viel zu eingeschränkt. Er trägt immer eine abgewetzte schwarz-rote Lederjacke. »Simuliert ihr die sozialistische Mangelwirtschaft?«. mit denen ich normalerweise zu tun habe. »Nachwuchssorgen« nennen die Parteien die Tatsache. Er weiß. ginge es in erster Linie »um die Karriere . Und viele der wenigen. wendet seine Freundin ein. »Ich wusste schon immer. kein Umfeld. Deshalb laufe ich jetzt neben Chris durch RostockEvershagen. Er hat gerade sein Politikstudium an der Uni Hamburg mit einer Diplomarbeit »Zum Streitschlichtungsverfahren in der WTO am Beispiel des Gentechnikstreitfalls aus Perspektive einer neoliberalen Theorie und einer poststrukturalistischen Theorie« beendet. Als ich ihn bei einer Attac-Akademie traf. sagt er heute. »Das ist doch schön. Greenpeace habe diese Leute früher angezogen. Seine Karriere begann im ersten Semester. sagt Chris und lacht selbstironisch. wird deutlich. Das alles wird ihm bei seinem Weg nach oben genützt haben. Chris geht gelassen mit linken Klischees um. beim Thema »Karriere in der Politik« eher abwehrend reagierten.»Die Arbeit war todlangweilig«.

Sven Giegold. weil die mich so ins kalte Wasser geschmissen haben. und es bringt ja auch Spaß. bei der er eine Hausarbeit über BioPiraterie schrieb. »Und so bin ich halt zum Organisationsteam gekommen. dass die Leute aufstehen und sagen. Es sind die Attac-Slogans. auf dem sich die Regierungschefs der acht wichtigsten Industriestaaten trafen. das ist nicht das. Gemeinsam mit Dutzenden Hausfrauen. bekannt wurde. dass er die Welt verändern will. dass ich bestimmte Posten erreichen will. Ich weißt nicht. der den Zusammenschluss von Umweltgruppen und Globalisierungskritikern vorantreiben sollte.« . Chris sitzt im Deutschland-Vorstand der Bewegung.peace-Gruppe in Hamburg. So grundsätzlich. »Willst du Karriere machen?«. 199 . ohne Leute wie Chris eben.. die gern Banner malten. frage ich. dass ich mir vorstelle. dann ist die nicht kapitalistisch. der Antrieb für seine Aktionen.« »Eine andere Welt ist möglich. So würde er das natürlich nie form~ieren. was ihnen nicht passt. leben zu können. Da geht es nicht mehr ohne Leute. Und er will ihnen helfen. »Ich glaube. Autoritäre Machtausübung gilt als Kapitalverbrechen. sondern hatte einen Namen in der linken Bewegung. mach doch mal. Chris. die Entscheidungen treffen. »Aber dann hat eine gesagt: >Das ist ein total tolles Gefühl. so pragmatisch ist er nämlich in seinem Handeln. Er möchte erreichen. von dem. wie er in seinen Parolen ist. Sie hatte gerade den Kongress »McPlanet« mitorganisiert. und es hieß sofort: >Mensch. dass Chris sich nicht auf diese Formeln beschränkt. Die Bewegung ist rasant gewachsen.« Chris sagt oft Sätze wie diese. und Chris war stolz. Seine Veranstaltung. Danach war er kein engagierter Student mehr.. Aber es ist schon so. Aber ansonsten finde ich das mit der Karriere attraktiv. über hundert Leute kamen im Herbst 2003 ins Hamburger Schauspielhaus. Er hat also auch Greenpeace den Rücken gekehrt. Wobei Karriere nicht heißt. für sein Engagement. Der Kongress war ein Erfolg.< Ich war schon überfordert am Anfang. Bei Attac lieben sie den 198 Konsens. Damit bin ich nicht repräsentativ. Das finde ich Unsinn.< Da habe ich gedacht.« »Wir können den Unterschied machen. Nur haben die Globalisierungskritiker in Deutschland im Herbst 200718500 Mitglieder. dass alles irgendwie marktgläubig organisiert ist. denn »Führungskraft« und »Machtzentrum« sind verbotene Worte. wenn dann am nächsten Tag ein Banner am Ministerium hängt und man hat das L gemalt. seitdem sie mit den Protesten gegen den Genua-Gipfel. Gebote des gemeinsamen Glaubens. Aber schnell wird mir klar. Im Idealfall sollen alle alles mitentscheiden dürfen. und mittlerweile ist er eine der Führungskräfte bei Attac. Aber nicht so. wie ich mir meine politische Aktivistenkarriere so vorstelle. »Koordinierungskreis« heißt das SpitzengremlUm bel Attac. Der damalige Held der Globalisierungskritiker. bin keine Mehrheit bei Attac. wie ich mir eine Gesellschaft vorstelle. entsprechende Konsequenzen zu ziehen.« Aber dann hat er eben seinen ersten Kongress organisiert. ist er schließlich zu Attac gekommen. Er sagt: »Wenn ich darüber nachdenke. aber es gab niemanden.« Chris sagt. was ich mache. der die Folgeveranstaltung im Jahr darauf planen wollte.»Wir können die Welt verändern.« . wie sie ist. im Endeffekt ja. saß auf dem Podium. dem Machtzentrum. Uber eine Dozentin. Sie sind nicht mehr als sein Gerüst. weil »es einfach eine geile Veranstaltung war«.

wenn ich das eklig finde? Spätestens. jeden Einzelnen in der Turnhalle zu mustern. dass die interventionistische Linke Mitorganisator ist. Wie beim Symposium der European Business School 201 'i . die Blockade-AG und ein Dutzend mehr. Ich lerne. auf die porn sucks gedruckt wurde oder Block G 8. Bin ich spießig. dass man sich hier in der Sprache um Geschlechterneutralität bemüht. Die Vorstellung läuft immer nach demselben Muster ab: Einer aus der Gruppe trottet zum Mikro. SpenderInnen. Vorn. zwischen 200 Handballtor und Basketballkorb. wird Tom mir später aus den Informationen der »antisexistischen Kontaktgruppe« vorlesen. Das gesprochene große I ist Standard. Von der gegen einen amerikanischen Genmaishersteller oder gegen die Preis.« Kletterer hatten sich vom Dach des gläsernen Berliner Hauptbahnhofs abgeseilt und ein Protestplakat entrollt. die er geplant hatte. das einmal eine Schule war. Während wir sprachen. die es schuf. der die Leute aufregt. weil Täter stets Männer sind«. »Convergence Center Rostock« steht auf einem Plakat. hatte er gerade eine Aktion gegen die Privatisierung der Bahn mitorganisiert. Dafür muss man eine geschickte Strategie finden.Als ich ihn zum ersten Mal traf. fühle ich mich. erklärt Chris. Die Stadt Rostock habe es den Globalisierungskritikern überlassen. das in einer mit Regenbogen verzierten Turnhalle abgehalten wird.{ . Ich lese. Es ist der Eintrittsstempel. Beim Thema Frisuren hat sich seit meiner letzten Castor-Demo einiges getan. offenbar Abkürzungen irgendwelcher Organisationen. sagt Chris' Freundin. Mittlerweile haben wir das Kongresszentrum in Rostock-Evershagen erreicht. aber nicht die Kraft.was ein Euphemismus für »aus dem Müll geangelt« ist. Ich sehe nur ein verlassenes Gebäude. beginne ich. Das Essen. Ich habe die Chance. Der Tagesspiegel hatte ein Bild der Aktion abgedruckt. Auf einem anderen: »Unser Haus könnt ihr zerstören. wird mir erklärt. AktivistInnen. Chris wirkt gelangweilt.und Lohndumpingpolitik des Discounters Lidl. »Kein Geld für Krieg«. die umblättern. . »Nur bei Tätern darf man die männliche Form wählen. die Camp-AG. Er scheint zu spüren. dass die Revolution gerade lahmt. Es heißt also: TeilnehmerInnen. Statt filziger Dreadlocks tragen die meisten die Haare nun kurz. und stolpere über Buchstabencodes. als hätte mich jemand in einen Dokumentarfilm über linke Klischees hineingeschnitten. An diesem Wochenende werden hier knapp fünfhundert Konferenzteilnehmer versorgt. dass wir aus Themen einen Skandal machen. »Das ist die siebte Abspaltung der Abspaltung«. bekam Chris einen Anruf. bittet um Mitarbeit und Spenden und trottet wieder zurück. als wir im Plenum sitzen. informiert über den Stand der Dinge. von denen ich noch nie etwas gehört habe. Es gibt die Rechtshilfe-AG. Viele haben sich hinter der taz oder der Jungle World verkrochen. mich mit den fremden Verhaltensmustern vertraut zu machen. Als mir ganz langweilig wird. Es gibt nur ein paar notdürftig hergerichtete Toiletten. die auch in Rostock dabei ist. Nur am Hinterkopf lassen sie ein kleines Büschel wachsen. »Ich will. die Demo-AG. sei »containert« . steht auf den Handgelenken. Chris war so euphorisiert. Begeistert erzählte er mir von anderen Kampagnen. Die Aktion war teuer und aufwendig. stellt sich nun schon die siebte AG vor. Sagt Chris zumindest.« Das Gebäude solle abgerissen werden. als hätte der Anrufer Rekordgewinne vermeldet oder den erfolgreichen Verkauf eines Aktienpakets. Ich sehe T-Shirts.

unter 202 Angela Merkel zur parlamentarischen Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium berufen wurde und mit einem Unternehmer verheiratet ist. dass sie ewig für ihn zahlen. dass die Zahl der anständig honorierten Stellen in der politischen Linken begrenzt ist. Wie zufällig lasse ich meine Jacke auf meine Markensneaker fallen. die Schauspielerin Jessica Schwarz und den Regisseur David Lynch angekündigt. wie sie sagen. als jeder in der Runde gefragt wurde. sagt Chris. Aber er will nicht. sich und seine Ideen zu promoten. Er gehört jetzt zu einem Zirkel.. »Ich bin also fern von jeglichen linken Bewegungen aufgewachsen. habe ich FDP gewählt. Es soll sein Beruf werden. was er tue. Chris ist knapp dreihundert Kilometer westlich von Rostock geboren. Chris war nervös. sagt Chris. Er mag es nicht. man muss sie ziemlich antreiben. damit er Kampagnen machen und Aktionen organisieren kann. der Anteile an Fluglinien besitzt. Es ist nicht sein Hobby. Und um die paar Posten. hat Chris auch keine Probleme.. »Allerdings soll sie vorn sitzen. Er kam selten zu Wort..« Mittlerweile Hinden seine Eltern okay. Dagmar Wöhrl verspottete ihn als naiven Jungen. Und solange es nicht anders geht. Pelzmacher also. Die haben mir was von Freiheit erzählt. Chris arbeitet viel. Kampagnen zu organisieren und Gespräche zu moderieren. wird durchaus mit Marios 203 . »Meine Eltern sind großartig«. Und im Gegensatz zu anderen Linken. und Dagmar Wöhr!. Er konnte sogar den Schlussgag platzieren. .nur andersherum. Chris wirkt ungeduldig. und eher ein Konservativer. Aber das müsse es auch. sagt Chris. Deshalb sind ihm Marios Kriterien nicht völlig fremd. J scheint es auch hier klare Dresseodes zu geben . Chris war in der Diskussion so etwas wie ein AlibiJugendlicher.« Es läuft gut. sagt er. Auf dem Titelblatt des Szenemagazins blond wird der Bericht über ihn gemeinsam mit dem über die Sängerin Sophie EllisBaxter. hatte er gesagt. Er kennt die Grundsätze des Marketings und des Fundraisings. und er war bei Frank Plasberg im WDR. mit Bahnfahren die Welt retten zu können. Viel Arbeit wird von unbezahlten Praktikanten erledigt. Sein Vater ist gelernter Kürschner. Die Ökos haben ihm das Geschäft kaputt gemacht. der ehemaligen Miss Germany. die für die CSU im Bundestag sitzt. als ich sechzehn war. aber fair« neben Klaus Töpfer. er sieht gern Ergebnisse. Schnell hat er das Gefühl. Er hat gelernt. wenn Dinge völlig ineffizient organisiert sind. über eineinhalb Jahre hat er sich in Wochenendseminaren zum »Zukunftspiloten« ausbilden lassen. Bei meiner ersten Kommunalwahl. Ich begreife. Ich glaube.. Er hat der Zeit ein Interview gegeben. der meint. Denn er will irgendwann davon leben. den er »Karriere-Netzwerk für junge aufstrebende Umweltbewegte« nennt. Nun ist es aber so. Neunzig Minuten stand er da im schwarzen Hemd bei »Hart. auf dem Kongress seine Zeit zu vertrödeln. dass er das politische Engagement anders angeht als viele andere hier. die es gibt. sagte Klaus Töpfer gönnerhaft. zahlen sie ihm Geld. »bürgerlichen Medien« haben. parierte aber souverän. Er war schon mehrfach Gast einer Talksendung im Rundfunk BerUn Brandenburg. die Berührungsängste mit. mit wem er gern eine Runde auf dem Tandem drehen würde: »Ich würde Frau Wöhrl mit aufs Tandem nehmen«. dem ehemaligen Umweltminister und ehemaligen Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. in Flensburg. »Er könnte mein Sohn sein«. um diese zu bedecken.

die Posten in den eigenen Reihen zu verteilen. wie das geht. Er sei eher hochgestolpert. fällt mir auf. singen die Helden. Alle Menschen sollten Elite sein. weil mich die richtigen Leute unterstützt und gesagt haben: Den nehme ich mal mit und zeige ihm. für ihn ist es Teil einer »Professionalisierung«. dass ich in diesem ganzen Kontext zur unteren Elite gehöre. Das wird immer schlimmer. als tue ihm dieser Satz sofort leid. frage ich. sagen sie: »Ich möchte. Es scheint. »Ich habe mir das nicht alles selbst erarbeitet«. sagt Chris. anders als die meisten ihrer Mitstreiter. genau wie es Wirtschaftskarrieren gibt?«. »Genau. sei die Stelle neu ausgeschrieben worden. weil die Voraussetzungen für solche Stellen immer weiter hochgeschraubt werden. die mit ihm den Zukunftspilotenkurs belegt haben. dass dieses Verhalten auf Außenstehende seltsam wirkt. das Beste zu machen.« Es ist. »Plötzlich wurde verlangt. bereit. die es allen ermöglichen. dass das völlig absurd ist. schränkt Chris ein. Diese Kultur setzt sich immer mehr durch. Sie mühen sich. Als er wegging. »Du pfeifst und singst und fühlst dich frei«. Sie stellen Fragen wie: »Wollen wir eine Aufklärungs. agieren in den Diskussionen. Wenn einer ausschweift oder zu abstrakt ist. Der Redner weiß dann. sagt er. Also einfach. diese Forderung gelte als völlig weltfremd. die ich erlebe. in denen er mehr entscheiden darf als andere. obwohl er davon profitiert. die Debatte zu strukturieren. im Ausland waren. Und wenn die soziale Bewegung. »Ich habe mich angestrengt. dass es auch in der linken Szene eine gewisse Elite gibt. der in Attac so viele Stunden wie in einen Vollzeitjob investiert. Man sollte Mechanismen finden. wenn es darum geht. die mehrjährige Berufserfahrung haben.« Dieser Konkurrenz unter den Linken hat die Band »Wir sind Helden« in ihrem letzten Album ein Lied gewidmet. dass dieser Punkt von den anderen akzeptiert wird. Sie haben einen eigenen Code entwickelt. fließend Englisch.« Die Konkurrenz schläft nicht. Gleichheit als Wert. »Unangenehmerweise würde ich schon behaupten. »da zieht wer links an dir vorbei. vorher Ziele festzulegen. Praktika gemacht haben. Es erzählt von einem Hippiekind und einem kleinen Punk. dass du Ich-Botschaften formulierst. Sie sind konzentrierter bei der Sache. Zumindest. auch nicht in der vermeintlich heilen linken Welt.« Chris und seine Freunde. wo ich darüber spreche. Und jetzt. als deren Teil er Attac sieht.« Ein Bekannter von ihm habe zwei Jahre lang bei der Naturschutzorganisation BUND gearbeitet.oder eine Druckkampagne planen?« oder »Wer ist der Adressat unseres Boykotts?«. verkünden sie im Refrain.Methoden gekämpft. Spanisch und Französisch sprechen. Sie versuchen.« Deshalb sitzt er nun in Positionen. dass es Leute sind. um Diskussionen zu straffen: Wenn sie mit der Meinung eines Redners übereinstimmen. zähle doch gar nichts mehr. 204 Das stört Chris. Es ist so.« »Gibt es denn dann Karrieren in Nichtregierungsorganisationen der Linken. »Ich befürchte. aber reale Gleichheit. drehen sie die nach oben gereckten Hände. aber vieles hat auch durch Beziehungen und Bekanntschaften geklappt. und das war bei ihm damals überhaupt nicht so. 205 . Chancengleichheit würde manchmal noch als Politikziel formuliert.« Chris weiß. »Ich würde es mir auf jeden Fall anders wünschen. alles mit allen zu teilen. dass es auch in der Linken mittlerweile eine Leistungskultur gibt. als hätte auch die Linke die Ellenbogen entdeckt.

207 . Auslöser des Massenandrangs ist die sogenannte Gewaltfrage. schleppt sich die Diskussion auf Englisch dahin. Um die Debatte zu verstehen. Ich sitze neben der Tür. quetschen sich in den Türrahmen. wer die Umwelt retten wolle. ein Konzept zu entwickeln. fand in Berlin statt. Jennifer Morgan. muss ich das Schema. dass es nach einem Protestkonzert in Rostock die Möglichkeit gebe. Tausendfünfhundert Teilnehmer waren da. dass alles »Menschenmögliche« getan werden müsse. drücken sich an die Wände. ob die Proteste friedlich bleiben müssen. dorthin. dem Vortrag zu folgen. ob eine Revolution nötig sei. dass sie im falschen Raum sind. erst die Konzerne enteignen müsse. Wollten sie aber nicht. Mit seinen nun noch zwölf Mitdiskutanten versucht er. wo die Menge ist. unter anderem den Bundesvorsitzenden der Grünen. Mal vorsichtig. Es geht darum. Zu Chris' Workshop zum Thema »Klima« sind allerdings nur vierzehn Teilnehmer gekommen. als ich in der Regenbogenturnhalle dem endlosen Plenum folge. um den Klimawande1 zu stoppen. Einer der Nebenräume ist so voll. dass. Dass der Klimawandel endlich aus einer feministischen Sicht zu diskutieren sei. Weil Pünktlichsein vermutlich als von Faschisten hochgehaltene Tugend gilt. müsse sie professioneller werden. Chris erzählt. Sven Giegold von Attac. Was er damit meint. Nach einer Stunde ist klar. die Tür zuzubekommen. erlebe ich nicht nur. Reinhard Bütikofer. Schnell war klar. Oder dass das Klima nur zu retten sei. Sie wollten loswerden. den Protest der verschiedenen Gruppierungen der Linken gegen den G8-Gipfe1 in Heiligendamm zu koordinieren und zu bündeln. weil das Schulgebäude ja nicht mehr benutzt wird. Eine Stunde lang durften dann die Teilnehmer Fragen stellen. Hier in Rostock wurde zudem ein Flugblatt verteilt. Die Menschen sitzen auf dem Boden. kommt in der ersten halben Stunde eines Workshops. als ihnen auffällt. Den ganzen Tag schon sorgen diese Aussagen für Aufregung. vor Tausenden Menschen eine kurze Aktion gegen den Klimawandel durchzuführen. dass sich hier keine kraftvolle Protestbewegung sammeln wollte. im Schnitt jede Minute ein verspäteter Teilnehmer in den Raum. wenn man die Erdbevölkerung reduziere. Sie wollten Statements abgeben. das Chris und drei andere Mitglieder des Koordinierungskreises unterzeichnet haben. 'nach dem ich bislang die politische Landschaft ordnete. sagt er. Weil einer der Zuhörenden aus London kommt. Deshalb gehe ich raus. zu dem ich Chris begleite. Zehn. Die Runde diskutierte darüber. Ich habe keine Chance. dass das schwierig werden wird. Es war allenfalls eine verwirrende Freakshow. Seit zwei Stunden werden sie in diesem Raum diskutiert.erfolgreich sein will. und die taz-Journalistin Bettina Gaus aufs Podium zu bekommen. dass die Luft steht. Auch sie verlangen. Zwei von ihnen gehen nach ein paar Minuten raus. 206 Hier in Rostock-Evershagen sollte es eigentlich darum gehen. nicht richtig schließt. elf Mal versucht jeder. die. durch den Flur. Ein Attac-Sprecher hatte sich in einem Interview mit der taz von jeglicher Gewalt distanziert. den Chris mitplant. damit die Proteste gewaltfrei bleiben. Die jüngste Auflage des McPlanet-Umweltkongresses. mal mit Gewalt. die ehemalige Direktorin des Klimaprogramms des WWF. Für die Talkrunde zur Primetime am Samstagabend hatten die Organisatoren es geschafft.

Ich frage Chris. mit denen er zusammenarbeitet. Chris hatte gesagt. den Studentensprecher an der EBS. dass man in Parteien viel bewegen kann. Attac verrate den gemeinsamen Kampf. an deren Ende hoffentlich ein Konsens steht. Die Animositäten zwischen Attac und den großen und kleinen Splittergruppen scheinen im Moment zumindest wichtiger zu sein als das Ziel. zusammen etwas zu erreichen. sagt Chris. Tage. die sich nicht freuen. Zum Beispiel bei Volksentscheiden. »Und je entscheidungsbefugter man ist. für Dinge zu kämpfen. sagt er. heißt es. ob sie überhaupt gewünscht ist oder ob nicht vielmehr die Differenzen zelebriert werden sollen. Auch wenn es 209 I . Warum er nicht versucht. Leistung.« »Aber du willst das nicht rausreißen?« »Nee. wenn die Gesellschaft weiter nach links rückt. Außerdem müsse man sich in einer Partei hochdienen. Die Redner diskutieren nicht miteinander. bürgerliche Zeitung. Attac spalte mit der Absage an jede Gewalt die Bewegung. »Ja. warum er sich das dennoch antut. aus »Angst. dass Debatten wie diese sehr viel Energie kosten. Warum soll ich mit diesen ganzen Mittelmäßigen dasitzen? Ich fmde. dass unser Modell von Demokratie überarbeitungsbedürftig ist. deren Religion die Effizienz ist. Die Organisation sei zu autoritär.. 208 die schon jetzt in Leadership-Workshops für ihr Leben in Führungspositionen trainieren. Ich denke an Bernd. gilt in diesem Kreis als reaktionäre. Monate mit Diskussionen verbringen. als dass jetzt alle in die Parteien rennen. solle die Organisation zur »Gewaltfrage« wenigstens schweigen. Die taz.« Das Resultat seien dann Bundesregierungen wie die amtierende. dass es in der Bewegung etliche Leute gebe. zu groß und verhandle mit Politikern. Dass nur eine Idee oder ein Kopf gewinnen könne. desto weniger Spielraum hat man. Die Debatte zieht sich hin. die von vielen hier als illegitim bezeichnet werden. »Mittelmaß pur«. Das finde ich sinnvoller. Ich denke an Mario und die anderen Berater. Dass nicht gemeinsam nach Lösungen gesucht werde. Es sei ihm zuwider. Ich glaube nicht. stocken die Kampagnen. Er möge Parteien nicht. Technokraten und Beamte. »absolut hundertprozentigen Einsatz« fordert. sondern selbst schnell noch »linker« würden. der sagt: »Ich verlange von jedem. der meckert. .« Deshalb wird Chris weiterhin Stunden. »Aber ist es nicht schade. und Chris' Bewegung verliert an Zeit und vermutlich auch an Boden. Er wird den mühsamen Weg gehen und hoffen.. keine klassischen politiker mehr. dass Konzepte oder Personen miteinander konkurrieren. die das Interview veröffentlichte.neu denken. Ich weiß nicht.. wenn die Parteien in einer Demokratie so viele mittelmäßige Leute haben?«. frage ich. dass die Gesellschaft sie einholt«. Wenn Attac militante Proteste schon nicht unterstützen wolle. Die Menschen müssen auch außerhalb von Parteien mitbestimmen können. Er meint. wie Chris sagt. der von allen. die Menschen mitzureißen.« Und ich denke an die Schüler in Salem. In diesem Raum steht Attac rechts außen. ob es eine Einigung geben kann.. seine politischen Ziele in einer straffer organisierten Partei durchzusetzen.. die bereit seien. Wenn Tage wie dieser in Rostock ohne Resultate enden. gemeinsam zu protestieren. stimmt schon. sondern reihen Monologe aneinander. dass möglichst viele mitgehen.

dann noch schwieriger wird, zu entscheiden, wohin. Und er wird weiter mit den Widersprüchen leben, die jemand aushalten muss, der in der linken Bewegung Karriere macht. Er hat viel dafür getan, zur »unteren Elite« bei Attac zu gehören, in die entscheidenden Gremien zu kommen. Er will Verantwortung übernehmen. Er will mehr tun als die meisten. Gleichzeitig sagt er inbrünstig: »Ich möchte, dass es keine Elite mehr gibt, sondern nur noch Masse. Die Masse kann man dann meinetwegen gern Elite nennen.« Ich habe große Zweifel, ob es Attac in diesem Entscheidungstempo tatsächlich gelingen wird, ein ernstes Gegengewicht zu Mario, Bernd und den anderen jungen Leadern zu bilden. Mir fallt es wesentlich schwerer als Chris, die teilweise offensichtlich fruchtlosen Debatten als nötiges Mittel der Entscheidungsfindung zu akzeptieren. Ich gehe raus auf eine Wiese, die vielleicht der Pausenplatz der Schüler war, als hier noch unterrichtet wurde, und schaue mir den Rostocker Stadtteil Evershagen an. Die Häuser sind etliche Stockwerke hoch. Damit es nicht zu trist wirkt, sind sie bunt gestrichen. Manche haben verspiegelte Fensterscheiben und sehen damit aus wie gigantische Sonnenbrillentürme. Auf der Suche nach Alternativen zum containerten Essen laufe ich ein paar Meter zum Zentrum des Viertels. Hier gibt es einen EDEKA-Markt, eine Bäckerei und einen Parkplatz, auf dem ein kleiner Asia-Imbiss und ein paar Bänke stehen. Zehn Männer sitzen hier und trinken ihr Samstagnachmittagsbier. Die Flaschen unter der Bank verraten, dass es vermutlich auch schon einige Mittagsund Vormittagsgetränke gab. Die meisten aus der Gruppe arbeiten, als Maler, als Monteure, sagen sie. Ich will wis210

sen, was sie davon halten, dass sich Chris und die anderen hier treffen, teilweise über Wochen hier leben, um Demonstrationen, Aktionen und Blockaden vorzubereiten. »Zecken sind das«, sagt einer und zeigt auf ein paar Jugendliche, die auf der Wiese sitzen. »Die sollte man zerquetschen.« Ein anderer schimpft: »Die hocken da und verschwenden unsere Steuergelder.« Einer droht: »Das wird hier noch ein zweites Lichtenhagen geben.« Ich weiche zwei Schritte zurück. In Rostock-Lichtenhagen hatten im Jahr 1992 ausländerfeindliche Anwohner gemeinsam mit organisierten Neonazis tagelang Jagd auf Asylbewerber gemacht. Nachdem diese in Sicherheit waren, zündete der Mob ein Wohnheim an, in dem über hundertfünfzehn Vietnamesen und ein paar Journalisten eingekesselt waren. Als sie sehen, dass ich gehen will, legt mir einer der Männer seinen Arm um die Schulter. »Wir sind doch auch gegen den Gipfel, nur anders«, sagt er. Dann will er wissen: »Wie alt bist? Siebzehn, achtzehn? Bist du noch zu haben?« - »Für euch nicht«, sage ich und mache mich los. »Heil Hitler«, sagt da einer. Ich versuche, schnell über die Wiese zu gehen, ohne zu rennen. Ich umrunde die Schule und setze mich auf eine Bank in der Sonne. Hinter mir ist ein Gitter, das einen FußballpIatz einfasst, auf dem ein paar Jungs kicken. Immer wieder schlägt der Ball auf Höhe meines Kopfes gegen den Zaun. Ich drehe mich um. Auf dem Boden, versteckt unter einer Jeansjacke, steht eine kleine Musikanlage. Der Sänger grölt zur Melodie von »99 Luftballons«. Ich höre hin. Es geht darum, »Kanaken« zu jagen. Im nächsten Titel sind es Schwule, die gehetzt werden sollen. Ich stehe auf - mit weichen Knien und wirren Gedanken. Zwanzig Meter von der Bank und dem Fußballplatz
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entfernt zerfleischen sich die Linken seit Stunden, debattieren, ob die taz der Feind ist oder Attac. Umgeben ist die linke Insel von der Evershagener Realität. Hitler-Freunde auf der Bank vor dem EDEKA, Jungs, die rechte Hetzmusik hören, auf dem Fußballplatz. Müsste man in der Schule jetzt nicht eigentlich erkennen, dass man gemeinsame Ziele hat? Müsste man nicht rauskommen und sich den rechten Meinungen entgegenstellen? Plötzlich erscheint mir alles so sinnlos. Kurz nach Mitternacht bin ich wieder zurück in Berlin. Bis zum frühen Morgen erzähle ich Tom und Theo von Rostock. Von der verlassenen Hauptschule, den AGs und den Nazis. »Sie ist ein bisschen verstört«, sagt Tom denen, die am nächsten Tag Pläne fürs Wochenende machen wollen. Einer der Männer, die vor EDEKA saßen, fuhr mir später noch einmal mit dem Rad hinterher. Er wollte gern über die Wende reden. Darüber, dass er den Westen eigentlich mochte, weil ihm sein Onkel früher immer Kaugummi aus Frankfurt am Main mitgebracht habe. Aber es sei schnell klar geworden, dass es falsch war, an den Westen zu glauben. Um ihn würde sich der Westen nicht kümmern. Er gehöre zu den Verlierern, sagte er. »Warum?«, wollte ich wissen. »Ich habe keine Heimat mehr«, sagte er und war zurück in seiner irren rechten Welt: »Wir haben den Krieg verloren. Seitdem haben wir keine Heimat mehr.« Dann erzählte er mir noch, dass er zwei Wochen später feiern wolle. »Am zwanzigsten. Da wird Adolf hundertachtzehn.« Die meisten Menschen, die ich bei meiner Recherche traf, wollen den Wettbewerb um Leistung und Besitz verschärfen. Sie wollen die potenziellen Gewinner fördern
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und anspornen. Keiner von ihnen hat bestritten, dass es dann auch mehr Verlierer geben wird. »Pech gehabt!«, kommentierte dies Rektor Jahns von der EBS. »Um die, die unverschuldet da reingerutscht sind, müssen wir uns besser kümmern«, fand sein Student Bernd. Die Menschen, die nicht zum Wohl der Gesellschaft beitragen wollten, obwohl sie es könnten, dürften allerdings vom Staat auch nichts bekommen, fügte er hinzu. Die Internate wollen ein paar mehr Stipendien für die besonders Klugen und Fleißigen unter den materiellen Verlierern organisieren. Und die Bayerische Elite-Akademie wird in ihrer Auswahl weiter darauf achten, dass auch die bisher Benachteiligten ein paar Plätze bekommen. Das ist teilweise sicherlich gut gemeint, teilweise absichtlich brutal. Aber weder das eine noch das andere hat mich davon überzeugt, dass es denen, die unten stehen, besser gehen wird, sobald die, die sich Elite nennen, mehr Einfluss haben. Im Leben derer, die ich bisher traf, waren die Verlierer hauptsächlich ein theoretisches Problem. Man weiß, dass es andere schlechter haben, weil sie weniger können, weniger wollen, weniger besitzen. Aber Salem, Westerham und Neubeuern sind Hunderte Kilometer von RostockEvershagen entfernt. Hier gibt es keine Villa Ritz für die Kleinsten, keine Internate für die Mittleren, keine EliteAkademie für die Großen. Hier gibt es manche Vorbilder, die Schwachsinn reden, und Samstage, die in Bier ertränkt werden. 6,5 Millionen Deutsche leben einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge am unteren Rand. Sie haben wenig Geld, sind meist arbeitslos, haben wenig Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird, und sie neigen zu radikalen politischen positionen. Sie sind abgehängt. Unterschicht eben.
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An den unterschiedlichsten Stationen meiner EliteRecherche empörten sich meist wohlhabende junge Menschen über die »deutsche Gleichmacherei«, als wäre sie eine nationale Krankheit, eine Lähmung, Quell von Neid und Missgunst. Sie saßen in Schlössern, als sie über die Gleichmacherei schimpften, tippten ihre Kritik in ihr Reiche-Kinder-Internet-Forum oder verkündeten sie auf Karriere-Messen, wo ihnen Monatslöhne geboten wurden, die den Betrag, den ein Hartz-IV-Empfänger im Jahr bekommt, übertrafen. Das Gerede von der »deutschen Gleichmacherei« ist in meinen Augen vollkommen absurd. Falls es diese Gleichmacherei je gegeben haben sollte, ist sie schon lange Vergangenheit. Vielleicht sollte der Elitenachwuchs mal einen Ausflug nach Evershagen machen oder nach Wattenscheid in die dortige Förderschule. Kein Kind dieser Schule hat in den vergangenen Jahren einen AusbUdungsplatz erhalten. Die Schule bereitet sie auf ein Leben mit Hartz IV vor, von Anfang an. »Illusorisch«, sagen die Lehrer, wenn diese Kinder von ihren Berufswünschen erzählen. Und dabei träumt keines der Kinder davon, Investmentbanker oder Unternehmensberater zu werden, sondern allenfalls Verkäuferin im Kaufland. »So konnte aus der einst nivellierten Mittelstandsgesellschaft ein Land der scharfen Gegensätze werden«, schreibt der Spiegel im Dezember 2006. Die Deutschen sind reich, auf 7,5 BUlionen Euro wird ihr Nettovermögen geschätzt. Aber die Hälfte dieses Reichtums gehört ganz wenigen, nämlich den obersten zehn Prozent der Bevölkerung. Im Schnitt bringt es ein Haushalt in dieser Oberschicht auf ein Vermögen von 850000 Euro. Genug Geld, um den Nachwuchs in schicke
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Kindergärten oder zu Privatunis zu schicken. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass das untere Zehntel der Bevölkerung in den letzten zehn Jahren fünf Prozent seines Anteils am Gesamtvermögen verloren hat, in Ostdeutschland beträgt der Verlust sogar 14 Prozent. Gleichmacherei. Dieser Vorwurf geht an der Realität vorbei. »Deutschland wird zum Land der Extreme«, schreibt der Spiegel. »Der Modehersteller Hugo Boss will eine Kollektion für Kinder zwischen zwei und zwölf auflegen; zugleich eröffnet an fast jedem Werktag eine neue Filiale des Textildiscounters KiK, wo es Five-Pocket-Jeans für Heranwachsende schon ab 4,99 gibt.« Und kaum einer im Land fordert diese »Gleichmacherei«, vor der sich die zukünftige Elite so fürchtet. Die Mehrheit der Deutschen hat nichts dagegen, dass der, der mehr leistet, auch mehr hat. Die meisten halten diese Formel für richtig. Sie ist Motivation und Belohnung zugleich. Wenn also der, der als Kind Discounter-Jeans trägt, gute Chancen hat, den Weg nach oben zu schaffen, falls er klug und fleißig ist, ist es für einen Großteil der Menschen akzeptabel, dass nicht jeder im selben Laden kaufen kann. Aber hat er diese Chancen? Anfang 2007 waren nach Angabe des ARD-Deutschlandtrends zwei Drittel der Deutschen der Auffassung, dass es im Land alles in allem eher ungerecht zugehe. Sie trauten dem Versprechen nicht, dass allein Anstrengung und Können bei der Verteilung des WoWstands entscheidend sind. Und nach allem, was ich gesehen habe, glaube ich, dass sie recht haben. Deutschland ist undurchlässig, stellen Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen fest. In keinem anderen Land entscheidet die Herkunft so sehr
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weil sie wüssten. die Maximilianeerin.« Unternehmerkinder. habe ich dann immer gesagt. werden wir wohl bald tatsächlich wieder Eliten haben. anerkannte. einen Corpsgeist.« In Deutschland gibt es offenbar tatsächlich die Grenzen. deren Eltern alles tun. Aber nicht die entscheidende. in den Internaten. aber teure Privatuniversitäten und belächelte Reste-Universitäten gibt. kamen aus ähnlichen Elternhäusern. war wohl zu naiv. Hier die Elite. wie deutlich sich der Bildungsweg für einige Privilegierte mittlerweile von dem der Masse unterscheidet. Echte Aufsteiger wie Aadish waren die absolute Ausnahme. die helfen. dort die Masse.und Professorenkinder. Hier die Gewinner. Eliten. um darauf gefasst zu sein. 217 . Was den Burschenschaftlern ihre »Alten Herren« sind. Denn aufgeteilt wird immer früher. Ärztekinder. wenn es richtige und falsche Schulen. »I. sagten manche. wie früh die Netzwerke geknüpft werden. an den privaten Hochschulen preisen sie ihre Absolventennetzwerke. die ein Leben lang halten. »Das sind ja fast amerikanische Verhältnisse«. als sie noch im Iran lebten. Es sind liberale Nachfolger der immer noch vielfach stramm rechten Burschenschaften. Chris. mit meiner Kleinstadt. wie das Spiel funktioniere. dass bestimmte Kinder immer weich fallen werden. so schwer wie hier. und knüpft Seilschaften. damit das Elitelabel so früh wie möglich auf der Stirn des Nachwuchses haftet und nie wieder verloren geht. Aber auch seine Eltern waren Akademiker. die ab der Geburt gepäppelt werden. Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es selbstverständlich. »Ja. Die Menschen. dass die Gesellschaft derart auseinanderreißt. die entscheiden. obwohl ich noch nie in den USA war. dass seine Schüler trotz schlechterer Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein. »Das wird verstärkt durch Privatschulen oder auch die Selektion an den Unis. dass es auch in der linken Szene diese Elite gebe. also in der Familie bleiben. dass es Kinder aus gutem Hause auch hier leichter hätten. weil sie souverän im Auftreten seien. die dafür sorgen. könnte ich noch hinzufügen. Hier die. entwickelt sich bei den oberen Prozent eine Welt. Wie rasant diese Entwicklung abläuft. hatte verwundert festgestellt: »Wir sind viele Lehrer. denen ich davon erzählte. dort die Verlierer. dort die.über den schulischen Erfolg. meinte. wie er sagte. hat mich vollkommen überrascht. über die verfügt wird. die einen Job im Niedriglohnsektor haben. eine besser bezahlte Stelle zu finden. Ich. »Dadurch. die mit dem Rest gar nichts mehr zu tun hat«. der Globalisierungskritiker. wie es sie hier so lange nicht gegeben hat. An der Elite-Akademie. genau«. dass Einfluss und Posten im Netzwerk. aber sie funktionieren nach demselben Prinzip: Man kreiert eine Gemeinschaft. und die Leute denken in solchen Kategorien. Leistung und Talent spielen bei dieser Aufteilung sicher eine Rolle. die ich traf.O-Abiturient von einem staatlichen Gymnasium«.und Ruhrgebietserziehung. Nirgendwo sonst in Europa ist es für Menschen. Das wird richtig gepflegt. Maria. sind den Netzwerkern die Alumni: Karrierekatalysatoren. eine herrschende Klasse. und sowohl materiell als auch ideologisch entsteht da eine homogene Oberschicht. Anwaltskinder. Wenn sich schon im Kindergarten die Wege gabeln. sagt Elite216 forscher Hartmann. die Mario in Griechenland so eifrig beschworen hatte.

den die bemühen. und dort will ich hin. stellen möchte. Die Air-France-Maschine schlingert beim Start in Paris. Ich habe eine Schale Haferschleim heruntergewürgt. Die San Francisco Academy for Dog Trainers meint. ist die der Nanny. meist schwarz. zur einflussreichsten. die in Harvard Politik studieren. Wo die amerikanische Flagge vor einem Bil219 . nicht Coca-Cola. Das müssen sie sein. die die Herzkammer der Elite von innen ken218 nen. denke ich. als meine Gedanken schlagartig stocken. eine Restbildung für den Rest. als der Zug stoppt. Ich bin mit einigen Deutschen verabredet. die in den USA offensichtlich an ihrer Hautfarbe zu erkennen ist. die zu den Besten gehören wollen. nicht Disney. Das Manipal Institute of Technology wirbt. doch noch eine schlüssige Antwort auf meine Frage »Was heißt >Elite<?« zu finden. Ist das unser Ziel?. Beim dritten hatte ich begriffen: Während die Haut der Kleinen stets weiß oder zartrosa ist. was mich in meinen ersten Stunden in den USA am meisten irritiert hat: Ich habe Dutzende Frauen gesehen. Oder auf Bänken saßen. Wenn es jemanden gibt. Es ist der letzte Versuch. auf der anderen Seite des breiten Charles River. Ich will meine Recherche nicht beenden. langsamen und überfüllten U-Bahn. Zu dessen Ufer müssen es laut Stadtplan nur wenige Meter sein. zehn Minuten von der Bostoner Innenstadt entfernt. das »Harvard der Hundeschulen« zu sein. Werden die US-Amerikaner gefragt. denke ich. »Harvard« heißt die U-Bahn-Station. quartiere mich in einem Hostel ein und gehe abends wieder und wieder meine Fragen durch. mich mehrmals verlaufen und sitze nun in einer grauen. während die etwas größeren Kinder auf dem Spielplatz tobten. meinem Zwischenstopp in Richtung Harvard. sie seien das Harvard des Westens. Deshalb nehme ich in Manhattan den Bus nach Boston. Beim ersten dieser Paare habe ich noch staunend und etwas verschämt in den Kinderwagen geschielt. antworten sie nicht Microsoft. rund fünfzig US-amerikanische Universitäten sagen von sich. die Babys in Bugaboo-Buggys durch Parks schoben. Ich fühle mich fremd und denke an das. Zweiklassengesellschaft. dann sie. die mich hoffentlich zur elitärsten aller Elite-Universitäten. schwärmt ein amerikanischer Marketing-Profi in der Süddeutschen Zeitung. In acht Stunden und fünfzehn Minuten soll sie in New York landen. Harvard sei der »GoldStandard der Bildungsindustrie«. ohne im Mekka der Eliten gewesen zu sein. Die zweite Klasse. die amerikanischen Verhältnisse.LOOKING FOR HARVARD Amerikanische Verhältnisse. Ich werde tiefer in den Sitz gepresst. als die Großen um drei Uhr in ihren Uniformen aus den Gebäuden strömten. Oder vor den schicken Privatschulen warteten. Am nächsten Morgen bin ich viel zu früh dran. der mir doch noch das Prinzip »Elite« erklären kann. eine Universität in Israel tauft sich Harvard ofHaredin. die ich denen. und ein Yoga-Center in Colorado sieht sich als »Harvard der Pilates-Lehrer-Ausbildung«. welche Marke weltweit das größte Vertrauen genießt. klammere mich an den Armlehnen fest und starre aus dem Fenster. der Maßstab. Gute Bildung für Reiche. Harvard ist also Elite. Nordens oder Südens. betreut die Kinder der Upperclass. Beim zweiten begann ich zu grübeln. es sei das Harvard ofIndia. dunkel. Ich bin da. frage ich mich. die sich um das Kind kümmert. sondern Harvard. berühmtesten und mit 26 Milliarden Dollar Stiftungskapital reichsten Uni von allen fahren wird.

Kennedy School of Government. Preparing leaders for service to democratic societies . »I'm lookingfor Harvard. die dem Gemeinwohl. durch nichts in ihrer Lektüre gestört werden als durch das leise Knirschen der Schritte ihrer Kommilitonen im Kies. John Jay McCloy wurde 1949 von den USA als »Hoher Kommissar« nach Deutschland geschickt. Aber er bleibt dabei: Einmal links und dann die Straße runter. Hier. »Sorry«. weil ich denke: Das kann nicht sein. der so hässlich ist. weil er signalisiert: Das ist hier. Can you help me?« Wir starren uns ungläubig an. wie die deutschen Stipendiaten in Harvard genannt werden. Mare. my fellow Americans: ask not what your country can do for you . Die Deutschen werden gefördert. einmal links und dann die Straße runter. aber nicht weiter aufregendes Gebäude aus den siebziger Jahren. Shirts und Flipflops. dem sich die John F. Ich sehe normale Straßen. um sich hier den letzten Schliff rur ihre Karrieren als Führungskräfte im öffentlichen Sektor. also dem Staat. Aber ich finde es nicht. Keiner trägt den breiten.ask what you can do for your country. Er setzte sich für den Marshallplan und Deutschlands Wiedergeburt auf internationaler Bühne ein. Oliver. Und natürlich hat er recht. Es gibt den Klischee-Campus mit roten Backsteinbauten. normale Häuser. Garden Street. der stolz gehissten US-Flagge und einer Bibliothek. Berkeley Street. Wo die Ruderboote von synchronen Schlägen der Studenten durchs Wasser gepeitscht werden. Harvard ist groß. der sich mit den Bildern im Kopf deckt.»Führungskräfte rur den Dienst an demokratischen Gesellschaften auszubilden«. der beide Länder verband. Es gibt aber ebenso den Betonbau der Naturwissenschaften. Ich lese Namen auf Straßenschildern. Ich suche das Harvard. Aber das. Thomas. Das hier kann nicht Harvard sein. Er. der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Haniel Stiftung eines Duisburger Konzerns gehören. Das Geld zahlt ihnen ein Finanzierungskonsortium. normale junge Menschen in Jeans. Fieberhaft versucht mein Gehirn. den ich von in die Welt verkauften Sweatshirts und Kappen kenne. Lars. zu holen. das ich aus Büchern. Wo Studenten. die vor alten Herrenhäusern sitzen. den »McCloys«. Er war einer. die ich noch nie gehört habe. die den Staat gestalten. Das soll auch ihnen einmal gelingen. Und es gibt. Wo Spaziergänger von John F. den Pappbecher mit dem Morgen-Cappuccino in der Hand. da bin ich sicher. wende ich mich an den nächsten Cappuccino-Trinker. Ich. werde ich eine junge Elite finden.m dungstempel weht. Kennedys Mahnung begrüßt werden: And so. leicht gewölbten Harvard-Schriftzug auf der Brust. Matthias und Christina müssen die Gebühren nicht bezahlen und bekommen zudem einen monatlichen Unterhalt von 1650 Dollar. dass er auch auf unserem Dortmunder Bausünden-Campus 220 nicht weiter aufgefallen wäre. das ist der nicht gerade bescheidene Auftrag. deren Eingang von Säulen umrahmt wird. einen Schnipsel Wirklichkeit zu erhaschen. Hier studieren die Deutschen. Waterhouse Street. Davon müssen sie zwar ein Zimmer mieten. das Bundeswirtschaftsministerium. Kennedy School verschrieben hat. nicht 221 . die John F. 45620 Dollar kosten Studienjahr und Wohnheimplatz in Harvard normalerweise. zu dem unter anderem Harvard. reicht zum Leben. Filmen und von Fotos kenne. Die sechs Deutschen sind McCloy-Stipendiaten. ein funktionales. was bleibt.

dass eine Auszeit von zwei Jahren nicht gerade 223 . Und dort würden dann eben Juristen mit einem »Standardlebenslauf« bevorzugt. sagt Oliver. Dort sitzen sie. dass ich mich frage: Wann haben sie das alles geschafft? Lars zum Beispiel. nicht nur am eigenen Kontostand und dem einer Firma. Lars ist einunddreißig. The Chosen. haben aber schon so prall gefüllte Lebensläufe. die in Verwaltungen. am großen Ganzen zu feilen. vielleicht auch. Ministerien oder der politischen Exekutive das umsetzen wird. der dünne Blonde. quasi als Anwalt der Allgemeinheit. »Aber meine Schwierigkeit ist. frage ich. Die Pathosblasen. »Wäre für mich denkbar gewesen«. Der öffentliche Sektor mache es einem nicht leicht. Ministerien. dass das System in Deutschland einfach so ist. Lars will eine Politikberatung gründen. der luxemburgischen Regierung. »Und warum nicht in die Politik?«. peng. gelernt hat. sagt Oliver. diplomatischer Dienst?«. Eine Elite. Politik und Volkswirtschaft studiert. der Jahrgangssprecher: Er hat in Bremen. peng. Peng. denke ich und freue mich auf ihre Visionen. Bei der richtigen EU in Brüssel war er auch. sagt Oliver. dass es ihr Ziel ist. an Amerikas edelster Uni. zu den Investmentbankern und Beratern sieht. so gäbe es jetzt einen dumpfen Knall. Bei vielen ihrer Mitstudenten sehe es ähnlich aus: McKinsey und die anderen großen Beraternamen stünden in den Charts der Arbeitgeber ganz oben. sagt eine Studentin. Brasilien und Uruguay studiert.der Wirtschaft dienen will. die stören ja ein bissehen. Sie sind Ende zwanzig. »Was wollt ihr ändern? Wo wollt ihr hin? Politik. eine bei »Privatsektor«. Dort hat er bei der Mercosur gearbeitet. Ihr Jahrgang sei da keine Ausnahme.wie alle in der langen Schlange. Spanien. der Bertelsmann-Stiftung. auch wenn sich das nach Entschuldigung anhört. weil sie im Ausland waren. die durch das streng formalisierte Auswahlverfahren wollten . vorher in der Wirtschaft waren. Hut ab. der im Gespräch am meisten reden wird. eine bei »keine Ausnahme«. 222 »Unternehmensberatung«. sagen sie. die den Sprung nach Harvard geschafft haben. frage ich. Oliver gerade erst vierundzwanzig. Oder Oliver. Eine bei dem Wort »Berater«.« Könnte man Gefühle hören. die diesen Standardlebenslauf nicht haben. die könnten ja die eingespielten Prozesse verändern wollen«. müssten auch die Harvard-Studenten für eine Karriere in den Ministerien . sind zerplatzt. Eine Elite. die mir hoffentlich erklären wird. Getränkt mit so viel süffigem Pathos schreite ich ins Forum der JFK-School. »Die Leute. »Wenn man sich die Alumni-Listen anschaut. die Auserwählten. ist es ganz klar so. für andere zu arbeiten. der südamerikanischen EU. weil sie etwas anderes gemacht haben. hat nicht nur Wirtschaftsgeografie. sondern auch schon bei zwei großen Beratungsfirmen. was sie hier.anstehen. dass unheimlich viele Leute in den Privatsektor gehen und auch dort bleiben. Im Sommer will er zu einer Abenteuerreise aufbrechen und mit Bus und Bahn von Deutschland nach China reisen. Außerdem bei einer NGO in Indien und einer Entwicklungshilfeorganisation im Südpazifik. die auf dem Weg hierher immer dicker geworden sind. Während die großen Beratungsfirmen Topabsolventen hofierten und mit astronomischen Gehältern würben. die sich vielleicht als Gegengewicht zu den Absolventen der EBS. klagen sie. dem Aspen-Institut und dem deutschen Außenministerium gearbeitet.

Fünftagebart. die vor der Entscheidung standen: weiter in der Partei aufsteigen oder nach Harvard gehen. Gelbes T-Shirt. die »absolut nicht studierfähig« und dazu noch ziemlich faul seien.« Es gibt einen in der Runde. was passiert. mit denen ich über ihre Karriere als Berater sprach. war mir klar. Es ist nicht so. reißt mich Lars. sind die Beratungen die Einheitsschule der zukünftigen jungen Elite. vor allem. damit alle Bildung als »Investment in sich selbst« erkennen. »Nicht weil man sagt.4 Milliarden dafür.« Plötzlich sehe ich Mario und seine Kollegen von McKinsey vor mir. 1. wäre es vielleicht ehrlicher. erst einmal rauslassen«. wie das Arbeitsleben anderer weitergeht. der mehrmals »aber« sagtals die anderen Harvard-Stipendiaten über die deutschen Universitäten schimpfen. die ich während meiner Recherche besuchte. Matthias heißt der »Aber«-Sager. Als sie die Einführung von Studiengebühren verlangen. war mir neu. Denn er darf mitentscheiden. nur so könne man das Drittel unter den deutschen Studenten. gegen das verstaubte Organisationsformen wie Staat oder Wissenschaft keine Chance zu haben scheinen. an denen man die junge Elite vermuten könnte. es müsse wesentlich verschulter werden. auch aus der über Elite. Manche der jungen Talente sträuben sich. Dinge zu verbessern. wie die Bundesagentur für Arbeit oder die Bundesw~hr auszusehen haben. drei Jahre dort«. es ist uns egal. »Wir bleiben nur zwei. wie intensiv die großen Beratungsfirmen inzwischen mit dem Staat zusammenarbeiten. Es gibt hier ein paar Beispiele von Leuten. Keiner scheint die junge Elite so zu faszinieren und zu dominieren wie die Beratungen. wie unser Leben aussehen soll. dass ich eher linke Ansichten habe«. im Grunde genommen ein Mittelmaß schafft und uns die Möglichkeit nimmt. Dass sie aber auch vorschlagen. »Man müsste den Begriff >soziale Gerechtigkeit< aus allen Diskussionen. als die anderen 225 . Vielleicht hat Mario recht. dass sie anstelle von Politikern und Verwaltungen Konzepte dafür entwickeln. hieß es: McKinsey und Co.4 Milliarden Euro zahlte der Staat den Beratern nach Angaben der Branche im Jahr 2006. Als ich mich bei McKinsey beworben hatte. sagten die meisten der Schüler und Studenten. waren schon da. dass das hier in Deutschland als Sprungbrett zu einer politischen Karriere angesehen wird. Dass die Berater in den Vorstandsetagen der Dax-Unternehmen ein und aus gehen. Sie halten überdimensionale Sauger in der Hand und positionieren sich vor allen Unis. aussortieren. Es mag nach Verschwörungstheorie klingen. meint er. Schulen und Akademien. lange Haare. Wenn das so weitergeht. Dann saugen sie die Talente ab und speisen mit ihnen ihren hochtourig laufenden Apparat. manche suchen nach anderen Wegen. war ich überrascht. Sie bieten viel Geld. sondern weil diese Phobie.förderlich für einen Aufstieg in einer Partei ist. WIe man U' 't" mverSI aten 0 d er Krankenhäuser straffer orga224 nisieren kann. »Das sieht man ja. aus meinen Gedanken. aber an allen Orten. 1. der zukünftige Politikberater. eine spannende Arbeit und jedem ein bissehen Macht. Er bleibt. Ein Parallelsystem der neuen Mächtigen. dass sie Konzepte entwickeln. Aber selbst wenn das stimmt. aber letztlich unterschreiben die meisten doch. was die Egalität gefährdet. als sie fordern. bei Wahlen die Konzepte von McKinsey oder Berger zur Abstimmung zu geben statt der Programme von CDU oder SPD.

Nur drei Prozent der Erstse227 . ist auch nicht schlecht. das die. Auch diesen Gedanken habe ich schon mehrmals gehört. mit welch großem Einsatz alle an ihren exzellenten Kontaktnetzen knüpfen würden. eine Zeit lang im öffentlichen Sektor zu arbeiten. dass das Faszinierende an Harvard sei. wo an funktionierenden Absolventen-Netzwerken gearbeitet wird. die nicht ähnlich erfolgreich sind. Man würde in Harvard schnell begreifen. die in die private Wirtschaft gehen und deshalb sehr viel Geld verdienen. kostet. Aber eine andere Elite. Die Ärmsten könnten dort Kleinstbeträge leihen. wo die Abiturienten dicke Bücher mit wertvollen Adressen in die Hand gedrückt bekommen und ein Anruf den Einstieg in den Beruferleichtert. Oder ob diejenigen. sagt er. ein Gegengewicht zu dem bislang Gehörten. Vier Tage hat meine Reise ins Mekka der Eliten gedauert. dreiundzwanzig eng betippte Seiten. wenn am Ende doch alle zu Beratungen gehen und eben nicht beim Staat arbeiten?«. Das Bekenntnis zu Leistung. Für diese Vorschläge gab es keine Mehrheit. »Es ist nicht so. einen Teil ihres Stipendiums zurückzahlen sollten. Ich bin geflogen. »Noch einmal zu den Beratern«. Ehrgeiz und Fleiß.längst in Richtung Seminar verschwunden sind. Die amerikanische Century Foundation hat kürzlich die Studentenschaft der berühmtesten US-Unis untersucht. dass es mittlerweile auch Karrierenetzwerke für junge Linke gebe. vielleicht sogar scheitern. »sehr lange Diskussionen. Ich bin zurück aus den amerikanischen Verhältnissen. Im Interview hatten die Studenten erzählt. Und auch sie würden inzwischen eifrig knüpfen. Es ging darum. An der EBS und der Elite-Akademie. »Es gab unter den Studenten Diskussionen«. Er will dort ein Mikrokreditinstitut für Wohnungsbau mitentwickeln. dann überhaupt Sinn. auffängt und die. als zu den Beratungsfirmen zu gehen. Die akademische Qualität der Seminare sei nicht unbedingt besser als in Deutschland. Schon jetzt pendelt Matthias zwischen Harvard und Ahmedabad im Westen Indiens hin und her. sagt Matthias. um vielleicht doch noch neue. das die Beratungen zahlen. das viel Geld. kluge Antworten auf meine Fragen zu hören. als hätten sich hier alle auf Dutzende Stellen in den Ministerien beworben und sähen keine andere Möglichkeit. denen die deutschen Verhältnisse immer ähnlicher werden. wie wertvoll Vernetzung sei. Aber jeden Abend seien hochkarätige Gäste da.« Um sechs Uhr morgens landet die Boeing 777 in Paris. frage ich. Ein Netz. Madeleine Albright. Joschka Fischer. der meinte. In Neubeuern und Salem. Leider. Viele bekommen eine Absage vom Staat und denken dann: Das Geld. durch Harvard geirrt. In meinem Rucksack habe 226 ich zwei Stunden Interview auf Band. sagen sie. Und sogar von Chris. Wie die »faulen« deutschen Dauerstudenten zum Beispiel. Der französische Premier. auch staatliches Geld. und erzählt von seinem Projekt in Indien. gepaart mit einer mitleidlosen Missachtung für die. Stattdessen die immer gleichen Antworten: der Wunsch nach einer Förderung der Eliten. ob sich die Absolventen verpflichten sollten. die außen stehen. Manchmal konkurrieren mehrere Nobelpreisträger um ihr publikum. um sich würdigen Wohnraum zu leisten. abhält. Elite heißt Vernetzung. habe ich nicht gefunden. stundenlang Bus gefahren. die dazugehören. Die meisten Studenten wollten das nicht.« »Aber macht das Stipendium.

Golden belegt. die mir eine Freundin geliehen hat.. bei der Auswahl ihrer Studenten mindestens genauso auf den Reichtum und die Macht der Eltern achten wie auf die Noten und Testergebnisse der Schüler. Dem nächsten meiner Freunde. von Absolventen der Unis. meint Golden. Seine aufwendige Recherche zeigt. die das reichste Viertel ausmachen. würden die Unis immer reicher und weißer. Das Ticket für Harvard werde vererbt wie eine Firma. über das ach so ungerechte amerikanische Zweiklassensystem zu spotten. dass Kinder reicher Eltern bessere Schulen besuchen und besser gefördert werden. wie es in der College-Sprache heißt. Ein Feudalsystem. Die Elite versorgt ihre Kinder mit den Abschlüssen der Elite-Unis. In der jüngsten PISA-Studie landeten die USA in puncto Chancengleichheit vor Deutschland. damit sie das Erbe ihrer Eltern antreten können. das ohne die plumpen Methoden seines geschichtlichen Vorgängers auskommt.. an dem. Es sind die Verhältnisse. Tom zieht das 229 . Gleich wird es ernst.« DIE ELITE FEIERT Es ist kurz nach Mitternacht. Untertitel: »Wie sich Amerikas herrschende Klasse in die Elite-Colleges einkauft und wer draußen bleiben muss. doch der rennt seit einer Stunde zwischen seinem Zimmer und dem Bad hin und her. Golfer und Dressurreiter einrichten. die zum ärmsten Viertel der Bevölkerung gehören. So bleibt man unter sich. der sagt: »Das sind ja amerikanische Verhältnisse«. bei Kindern von treuen Geldgebern. So hat Harvard zum Beispiel den Sohn des ehemaligen Vizepräsidenten und heutigen Klimaschutzhelden und Nobelpreisträgers Al Gore angenommen. Ein Feudalsystem. von Berühmten und Mächtigen beide Augen zudrücken. während gleichzeitig die Förderprogramme für talentierte Basketballer 228 oder Läufer zusammengestrichen werden. hat der Journalist und Pulitzerpreisträger Daniel Golden beschrieben. dass sie Stipendien für Polospieler. die nötig sind. ob~ wohl er schlechte Noten hatte. konnte Golden doch nachweisen. Meine Lippen sind tiefrot. ein Pferdestall oder ein Fuhrpark. wenn ich ihm von meiner Reise zur Oberschicht erzähle. Dass dieses Ergebnis nicht nur damit zu tun hat. stammte also nicht aus einer wohlhabenden Familie." ~. Im gleichen Jahr hat die Uni einen asiatischstämmigen Studenten mit brillanten Zeugnissen und einem exzellenten Lebenslauf abgelehnt. dass die berühmten Colleges. 74 Prozent der Studenten sind Kinder derer.- mester kommen aus Familien. 2006 veröffentlichte er sein Buch The Price ofAdmission . dass die Aufnahmebüros in Harvard.« Das Buch sorgte in den USA für heftige Debatten. welches Paar Schuhe zu meinem gerade gekauften kurzen schwarzen Kleid passt. wie mir meine Recherche gezeigt hat. werde ich nun guten Gewissens erwidern: »Streich das >amerikanisch<. Ich stehe vorm Spiegel und teste zum dritten Mal. mit glänzenden Steinen besetzten Handtasche fest. Duke und Co.»Der Preis der Zulassung«. So. von Harvard über Princeton bis Yale. dass der amerikanische Aufsteigermythos mit der Realität an den großen Universitäten nicht mehr viel zu tun hat. Er war unhooked. Noch etwas steif halte ich mich an der kleinen. Es gibt also keinerlei Gründe. Zu rot? Das würde ich jetzt gern meinen Freund fragen. auch deutsche Privatschulen und -Universitäten basteln.

verprassen können. Ein Blick mustert unsere Gesichter. dass man vorher ordentlich friert. sonderlich exklusiv ist es auch nicht. Wenig später sitzen wir in Toms Polo. Wodka. Ich hatte Tom aus einem Artikel in der Hamburger Morgenpost vorgelesen. Eine unnötige Prozedur.vorbei. dass sie nicht der Grund für mein Unwohlsein ist. Eine halbe Stunde später ist zumindest klar. dann sind wir an 230 den Türstehern. als wolle er die Sängerin am Ende des Saals dirigieren. auch hier spazieren in Gestalt von Täschchen und Stiefelchen die teuren Marken umher. Alles um mich herum ist weiß. keiner hat richtig Spaß. schreie ich Tom zu. und wir stehen auf der Gästeliste.e Hemd aus der Hose. Ihre Brüste. dass sich das Ankleidetheater gelohnt hat. jammert er. Was meinen die damit?« »Die« sind die Kinder wohlhabender Eltern. ehrlich gesagt. »Dresscode: stylish und sexy« steht in der Einladung. Wir parken. zieht doch ein anderes an und verzweifelt fast bei der Erkenntnis. »Was ist hier so falsch?«. Die Schlange bewegt sich kaum. wie sie schreiben. einer prüft kurz die Kleidung. Wir müssen ein paar Straßen weiter parken«. Die Wände und der Boden. Hinter denen wiederum hocken betrunkene. die schon seit einer halben Stunde in einer Dauerschleife zu irgendwelchen Beats singt. Und 50 Euro pro Flasche stemmt man 231 . denn der Club ist nur mäßig gefüllt. zu deren Internet-Netzwerk Schwarzekarte ich seit einigen Wochen gehöre. also um die 2000 Euro. Darin wurde die letzte SchwarzekarteParty als Champagnergelage von Kindern beschrieben. werden bei jeder Bewegung aufs Neue gequetscht. sage ich. die den Gästen die Türen öffnen. »Das ist so seelenlos hier«. keinen braunen Ledergürtel zu besitzen. draußen bleiben<<<. die sich hinter uns in die Reihe einordnen. die Vorhänge und die Ledersitzgruppen. wie wir später sehen werden. Exklusivität scheint zu verlangen. Dahinter drei Ausrufezeichen.und Champagnerflaschen gibt es heute zum Schwarzekarte-SpecialPrice von 50 Euro. steckt in einem gefährlich korsettierten Kleid. und ich fühle mich falsch. sogar die Kleidung der Barkeeper und die Schürzen und Hauben der farbigen Toilettenfrauen. sagt er. Deshalb die Aufregung. »Ich will nicht. antwortet er gereizt. Hinter meinem Rücken sind Samtkordeln gespannt.« Und. do you want House Music?« Danach stöhnt sie wieder und singt schließlich weiter. in denen ein paar halb leere Flaschen stecken. »exklusive und exzessive Party« im Berliner Dinnerclub Bangaluu. Ich mustere sie lange und entscheide. die silberne. stopfen aufgeregt viel zu viele Scheine in die winzige Handtasche und laufen zu dem von Strahlern in rosafarbenes Licht getauchten Club. von denen einige jeden Monat ein Taschengeld in Höhe eines ordentlichen Nettogehalts. auf denen »Prince« oder »Princess« steht. sehr junge Partygäste. die in schneeweißen Daunenjacken stecken. Heute feiern sie eine. die ich auf jeweils zwei Kilogramm schätze. steckt es wieder rein. Ab und an hebt einer der abgefüllten Helden die Arme. »Mit dem kannst du da nicht vorfahren. Die Frau. es ist kurz nach zwei. Es geht nur zentimeterweise weiter. Klar. Taxis halten hier im Akkord und speien junge Menschen aus. Wir sind jetzt seit über einer Stunde auf der Party. mit Eis gefüllte Kübel vor sich stehen haben. dass die sagen: >Sozen-Mode. »Keiner ist ausgelassen. Dann schreit sie: »Berlin. »Hätte ich eh nicht gemacht«. die ich mittlerweile so gut kenne. Sie leckt sich die Lippen und stöhnt.

Sie ist ein Lockmittel. um die Ecke. Die Sonnenstudio-Gebräunten. als ein Typ gekommen sei und gefragt habe: »Magst du ein Band? Für oben?( Die 232 Exklusivität scheint recht willkürlich verteilt zu werden. zwei Mädchen reiben sich an einem jungen Krawattenträger. Einer imitiert Schrittfolgen. Gerade kippt einer ein Glas Cola über die weiße Ledersitzecke. ein Junge fahrt ihr zwischen die Beine. bewacht den Aufgang zum »Private«-Bereich. sagt sie. die meisten noch halbe Kinder. kann ich später nicht mehr sagen. Denn als wir die Treppen zum zweiten Obergeschoss hochgehen wollen. sondern in weißen Ledergarnituren sitzen. Dennis hat sich extra für diesen Abend einen bürgerlichen Seitenscheitel gekämmt und ihn mit Daxwachs fixiert. Und es wirkt. die hinter einem kleinen Pult steht. die er wohl in irgendeinem Video gesehen hat. die sich zumindest die 50-Euro-Flaschen leisten können. die man eher in Großraumdiscos erwarten würde. merken wir. »Wer hat das? Wir stehen auf der Gästeliste!« »Das reicht nicht«. Aber Dennis gehört jetzt dazu. dass die Exklusivität im Bangaluu mehrstufig organisiert ist. Es wirkt wie eine hohle Kopie einer reichen und schönen Welt. In seinem Gefolge darf ich an ihr vorbei. der uns zur Party begleitet hat. Strahlend biegt kurz darauf ein Freund. braucht ein weißes Band«. Hier aber ist für sie alle und auch für uns Schluss. Unten auf der Tanzfläche steht das Volk. »Du hast es doch gerade schon mal versucht«. Plötzlich möchte ich um jeden Preis auch diese Treppe hoch. werde ich plötzlich so wütend. Die Muskelshirt-Träger. Wir stehen und starren. Also nichts mit Elite. Als ich zu Hause bin. Dennis redet auf die Dame am Pult ein. »Wer hier hochwill. motzt sie in meine Richtung. Eine Frau. an der House-Music-Sängerin oder an den selbstverliebten »Private«-Kindern.auch nicht mit einem Eckkneipen-Budget. erklärt sie uns. tanzen ein paar Gäste exzessiv. Sie starrt weiter. Dabei hatten uns doch alle Zulasskontrollen suggeriert. Wir passieren einen Kühlschrank mit riesigen Champagnerflaschen. bei dem die Gäste nicht im Stuhlkreis. »Braucht ihr so ein Band?«. gehen an der Bar vorbei und sehen in einem fast leeren Raum vielleicht dreißig »Private«-Gäste. »Ich habe genug von den 233 . der die Bänder verteilt. Ein Mädchen starrt vor sich hin. der unermüdlich Plastikmusik auflegt. Ob es am Cuba Libre liegt. sage ich irgendwann. und Tom ist von einer Tussi angemacht worden. Stattdessen sind wir auf einem Kindergeburtstag. Und tatsächlich gibt es hier auch jede Menge Leute. erzählt er. biegen um die Ecke. dass wir hier auf einer echten Party der Elite landen würden. Denken wir erst mal. Wir gehören nicht dazu. Ein anderes setzt sich unter dem Kreischen ihrer Freundinnen eine Sonnenbrille auf. Vor dem DJ. Man müsse den Besitzer kennen oder den. Das schwarze Kleid. fragt er und wedelt mit seinem Handgelenk vor unserer Nase herum. den ich getrunken habe. dass ich meine Elite-Materialsammlung aus dem Regal reiße und durchs Zimmer schleudere. ergötzen sich an sich selbst. Aber sonst? Eine ehemalige Soap-Darstellerin haben wir gesichtet. Hinter den Samtkordeln sitzen die. »Private« steht da. die einen »total exklusiven« Club am Ku'damm eröffnen will und jetzt schon nach den richtigen Leuten fahndet. Er habe gelangweilt und frierend am Eingang gewartet. Die HandyFotografierer.das alles war also umsonst. die edle Handtasche und die roten Lippen . Das endete mit einem billigen »Kann ich deine Nummer haben?«. »Lass uns gehen«.

fluche ich. an den Unis. Der Satz »Wir brauchen wieder Eliten« ist inzwischen so oft gesagt worden. das Internat. heraus. dass sie diese Eliten. nicht zu vergessen. Ihr dürft die wichtigen Posten in der Gesellschaft übernehmen. ein echter Begleiter geworden 1st. Die sollte jedes Elternpaar für die Finanzierung eines solchen Elitebildungswegs beiseitelegen. dass ihn fast niemand mehr hinterfragt. Gebühren für den Kindergarten.so viel Zeit verbracht habe. ihn zu instrumentalisieren. Das macht es so leicht. Er ist schillernd und unscharf zugleich. Kindergärten. Andere schreien ihn. Weil das Wort. Im Rennen um Macht und Geld ist für euch die Poleposition reserviert. Andere haben für sie nur ein verächtliches »Strengt-euchhalt-mehr-an« übrig. Eltern überweisen Geld. mit dem ich jetzt. »Leistung« steht aufvielen. Junge Menschen. Die erste so erzogene Elitegeneration steht bereit. 234 . nicht das schwarze Kleid oder die Brillantentasche demoliert zu haben. dass in Deutschland eine gewaltige ElitenRevitalisierungskampagne läuft. zu viel Unwohlsein im Bauch. weiterzusuchen. die gelernt haben. Jeder so. in Akademien. es wäre sinnlos. damit ihre Kleinen dazugehören. um weiter neugierig. Ich habe schon zu viele Bilder im Kopf. empfinde ich sogar so etwas wie Mitleid mit ihm. den Karrierecoach und die Uni. Das Wort »Elite« halte ich nach diesem Jahr nur für bedingt brauchbar. wird es nun wieder hervorgezerrt. »Geld und Herkunft« schreiben Dritte. Ich glaube. als Tom irritiert aus dem Bad herbeieilt. möglichst unvoreingenommen auf die zuzugehen. Hunderte Artikel gestapelt. Am nächsten Morgen bin ich froh. Wenn man die zusammenzählt. Manche zögern. die wissen. für die Schule. vor Selbstbewusstsein strotzend. die sie auf ihr Reservierungsschildchen für einen Platz in der Elite schreiben. zu viele Antworten im Ohr. Ihr seid Elite. Denn das war es mit der Elite. kommt man auf mindestens 300000 Euro. Als sei es in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht schon genug gequält worden. die wir angeblich brauchen. Mir ist klar geworden. sondern Tatsache. Es sind junge Menschen. 235 UNTER GEWINNERN Nach einem Jahr geht meine Suche nach der Elite jetzt zu Ende. ausbilden. dass sie für sich mehr beanspruchen können als der Durchschnitt. Die Phase der Realisierung. »Verantwortung« auf anderen. Und das ist das Grundproblem des Elitebegriffs. dass ich beides nicht mehr brauchen werde. die sich Elite nennen. In den Internaten. Es wachsen Menschen heran. dass Elitesein kein Tabu mehr ist. wie er es braucht. auf ihrem Weg nach oben die. Inzwischen hat man die zweite Phase der Kampagne gestartet. Noch glücklicher bin ich allerdings darüber. Aus diffusen Eindrücken ist in diesem Jahr mehr und mehr ein stabiles Gedankengebäude geworden. Dutzende Definitionen des Begriffs »Elite« gehört und ebenso viele Rechtfertigungen für sein plötzliches Wiederauftauchen. Auch die Begründungen. die vor allem eins lernen: Euer Platz ist unter den Gewinnern. die unten stehen. Ich habe im vergangenen Jahr Tausende Bahnkilometer gesammelt. unterscheiden sich. diesen Anspruch zu formulieren. Schulen und Universitäten versprechen. Manche versprechen. Endgültig.Eliten!«.

begriff ich. und dass ~~gen c kein Zwang besteht. Sicher auch edge und energy. h d· L· irgendwann nicht Vermutlich sperren SIC Ie Ippen 237 . sah ich. Vorbild. »Elite« heißt für manche auch. dass sie Sonderrechte auf Lebenszeit fordern. um schnell und geräuschlos das Land in eine neue Richtung zu drehen. Nach diesem Jahr fürchte ich mich davor. dass Elite aber auch Ungerechtigkeit. was er unter ))Elite« versteht. eine besonders gute Ausbildung erhalten und als Bonus Kontaktnetze. Ob einen der Satz ))Du bist Elite« auf Dauer verändert? . Fast alle. dass die meisten von denen. dass manche. Ich bin mir fast sicher. dass nur die. die eine schnelle Karriere sichern. dass auch für ihn die Effizienz Grenzen hat. dass »Elite« heißen kann. Ich fände es schön. um zu definieren. in dem er seine Reise von Düsseldorf nach China beschreibt. um fast alle Motive unter sich zu verbergen. dass nicht nur ich mit dem Wort zu kämpfen hatte. Verpflichtung. und dem. zwischen seiner Karriere und seinen Idealen ins Straucheln zu geraten. wenn sie sich Fehler gönnen könnten. klingt sehr viel freundlicher als »Wir wollen in Gewinner und Verlierer teilen«. Ich bin sicher. dieses Kostüm wieder herunterzureißen. dass auf diese Menschen so wenig Rücksicht genommen werde.Wie ein altes Superman-Kostüm. zu funktionieren. weil er Sorge hatte. Als Carllange nachdachte und die einfachen Antworten scheute. Sonderrechte. Das Wort »Elite« ist zu unscharf. wenn ihnen die Last des Eliteseins erspart bliebe. was immer das auch heißen soll. schneller.« Ich habe gesehen. dass wenige Ausgewählte besser behandelt werden als der große Rest und dass die Regeln für diese Auswahl oft ziemlich undurchsichtig sind. und versteckt euch nicht hinter diesem so oft missbrauchten Wort. waren klug. Aufteilung und Machtstreben meint. hörte ich. Als Oliver aus Harvard mir einen Link zu seinem Internet-Tagebuch schickte. was andere mit dem Begriff verbinden. sondern: »Sagt. kem . um die nötigen Debatten 236 über die Frage »Wer bekommt wie viel und warum?« zu ersticken. Ich sah. Als Bernd erzählte. dass sie hinnehmen. es ist höchste Zeit. dass sich Deutschland noch offensichtlicher in Gewinner und Verlierer teilt. Mut und Wahrheitsliebe. die ich traf. die zahlen. Es soll seine Träger als Helden der Effizienzgesellschaft verkleiden und ist dehnbar genug. die ich traf. dass auch die Elite Pausen braucht. die all das wollen. Ich finde. auf dem schwierigen Terrain zwischen dem. hoher und weiter zu kommen als andere. was ihr damit meint. dass er durch die Arbeit seines Vaters viel Kontakt zu Behinderten habe und dass es ihm Sorgen mache. diese Welt in letzter Konsequenz gar nicht wollen. Ich würde ihnen gern sage~. dass »Elite« heißen kann. Verantwortung. dass das Leben kein anstrengender Sprint sein muss. Ich habe gesehen. ))Wir wollen Eliten«. Das alles sei Elite. unnütze Hobbys oder lange Ferien. das Wort ))Elite« nutzen. auch wenn manche mit beiden Sätzen dasselbe meinen. wie man in seinem Sinne die Gesellschaft verändern soll. dass schon die Kleinsten in Geförderte und Ungeförderte geteilt werden. merkte ich. fleißig und freundlich. um ihre wahren Motive zu verbergen. das Politiker und Wirtschaftsbosse in den Tiefen ihrer Mottenkisten wiederentdeckt haben. müsste die Antwort nicht »Ja« oder »Nein« lauten. tli h Wettkampf um noch mehr Leistung. Wenn gefordert wird: »Wir brauchen wieder mehr Eliten«.

besonders ehrgeizig. die Talentiertesten. Sie sind exzellent in dem. Trotzdem ist dieses Mehr an Leistung die Hauptrechtfertigung fürs Elitesein. auch 239 _ _ _ _ _. ~ncht an den Lerninhalten der Unis rütteln. desto absurder wird aber das Gerede von den Besten. Das macht ~ir Angst. kein Recht auf Fehler. desto mehr haben mich diese Sätze abgeschreckt. andere. seien dreißig der talentiertesten jungen Menschen Bayerns.« Dieser Satz sagt viel über das. Viel leisten. keine Schreihälse.. nicht nachfragen. wenn die Ohren ihn nur oft genug gehört haben und das Gehirn ihn als wahr akzeptiert. '. Es schmeichelt ja auch. Neinsager. Klügsten. klettern. VI. Viele aber nehmen das Lob an. muss eigentlich fest davon überzeugt sein. besser zu sein als andere. was man in Zeugnissen Kopfnoten nennt: schön schreiben. wir seien brillant..·An der Elite-Akademie. den Bundesbildungsministerin Schavan demonstrierenden Studenten 238 entgegengerufen hat: »Wir brauchen Eliten. Rennen. wie Aadish. Widersprecher. die ich beim Campus-Day bekam. diesen Satz zu sagen. Mehr Querdenker.. pünktlich und diszipliniert sein. dass Ich mich langsam in die Furcht vor der Elite hineinsteigere. wer Elite fordert. wie Carl. Aber vermutlich fehlte ihnen dazu schlicht die Zeit. Zur Selbstbestätigung wird dieses Bessersein zu allen möglichen Anlässen beschworen. Denken und Hinterfragen wohl wenig Raum. so habe ich gelernt. Aber meiner Ansicht nach muss. sondern wirkliche Leistungen. was andere als Leistung defmiert haben. sonst würde er diesen Begriff kaum akzeptieren können. vielleicht auch besonders angepasst waren. hat mehr verdient. Denn eigene Leistungen. Wer von sich behauptet. im Maximilianeum die klügsten Abiturienten des Freistaats.« Das. dass die Schüler oder Studenten besonders fleißig. gehöre zu den zweihundert Topstudenten Deutschlands. dem bleibt fürs Grübeln. in möglichst wenig Leben zu quetschen.. wenn ich unter den Eliten mehr Schreihälse getroffen hätte. i ' (" . Die Klügsten. nicht Noten oder Testergebnisse. . Ich denke an den Satz.elleicht bin ich nach diesem Jahr so dünnhäutig. stand in den bunten Prospekten. kämpfen. »Wer mehr leistet. heißt »Elite« dann doch: Ich leiste. die an das Elitekonzept glauben.. das heißt in dieser Elitenwelt: funktionieren. In solch einer Welt möchte ich nicht leben. Fleißigsten. Je früher die Einteilung in Elite und Masse erfolgt. Denn wer dem Ziel hinterhereilt. was in Zeiten der Elite von jungen Menschen erwartet wird. »Leistung« heißt in den meisten Fällen. Beim ersten Hören klingen diese Sätze pragmatisch und vernünftig. ' mehr. quälen sich mit Zweifeln.. auch mal zu scheitern. die Brillantesten: Solche Superlative muss man erst einmal verkraften. auf Umwege. was verlangt wird. verknüpfen leistung direkt mit dem Wert des Menschen. wo oben sein soll. wenn der Tag in der Beratung wieder sechzehn Stunden lang ist.. Beim McKinsey-Wochenende in Griechenland wurde uns gesagt. können die Zwanzigjährigen logischerweise noch nicht vorweisen. keine Pausen einfordern. Ich wäre erleichtert gewesen. Konsequent zu Ende gedacht. tun. Wer es an die EBS schaffe. Je häufiger ich ihnen aber lauschte.. Manche. also bin ich mehr wert. sind die Glaubenssätze der jungen Elite. hieß es. kein Recht. die der Gesellschaft genützt haben. Elite zu sein. reagieren mit betonter Bescheidenheit. nicht an Streik denken. je vielfältiger die Begründungen und je eindeutiger die Forderungen wurden.~ . darf mehr bestimmen. Viele. Wer mehr leistet. um dorthin zu kommen. möglichst viel von dem.

Ich habe eine Soap im Fernsehen gesehen und die Auslosung der Champions-League-Gruppen auf Eurosport. Glücklich darüber. der erste Eliteanwärter. Schuhe und ich schadlos überstanden haben. mit dem ich sprach. Der Rhein fliegt am Fenster vorbei. von dem sie leben können. bewertet. denke ich. aus!. um als wertvoller Mensch zu gelten. ein Sachbuch. Ich bin von der Arbeit zum Zug geeilt. immerhin. drei Telefonate geführt. In wenigen Minuten werde ich in Mainz sein. Andere aber werden sehr. Neurose. weil unsere WG bald umziehen muss. und die anderen seines Jahrgangs haben deshalb zu einem großen Ball eingeladen.und das schwarze Kleid angezogen. Dort feiern die Studenten der European Business School ihren Studienabschluss. Ich will wissen. um unsere Leistung bewerten zu lassen: Gut. die Räder des Intercitys rattern beruhigend. Ein letztes Mal habe ich mich verkleidet. meine Gedanken andauernd um die Elite kreisen zu lassen. in denen ich nachlesen kann. beschimpfe ich mich und beschließe. zu protestieren. Außerdem habe ich zwei Wohnungen besichtigt. dass ich nun endgültig aufhören sollte. Strumpfhose. wie viel ich leisten muss. sehr lange gemustert. Abends haben wir lange gekocht. In einer langen Reihe müssen wir alle vor der Elite antreten. mit denen am Tag der offenen Tür den Eltern die Investition in das Studium schmackhaft 241 . was aus denen. noch einmal geprüft. lautet das Urteil.Antworten auf die folgenden Fragen geben: Wer misst diese Leistungen? Was ist wertvolle und was überflüssige Leistung? Heißt Leistung stets Effizienz und Profit? Gibt es Abkommen. den ich in der nächsten Woche machen möchte. Vorher will ich aber noch einmal Bahn fahren. Dann wird ihnen das Recht auf einen Job entzogen. schreibe ich oben auf die erste Seite meines letzten Blocks. »Nichts geleistet«. Aber egal. dass ich mir bei dem Manöver keine Laufmasche eingefangen habe. Er hat die Durchschnittswerte. ABSCHIED VON DER ELITE Ein allerletztes Mal sitze ich im Zug in Richtung Elite. Bernd. Ich habe etwa zweieinhalb Stunden lang diesen Text überarbeitet und für einen Reportagedreh. die ich im letzten Jahr getroffen habe. die man für andere erbracht hat? Die Wohnungsbesichtigungen. Paranoia. in jeder Kurve gegen das Waschbecken zu knallen. Es soll eine Art Abschiedstour werden. Das Recht zu meckern. Wie viel zählt Nachdenken? Und gibt es Punktabzug für die Soap und die Champions-League-Auslosung? Plötzlich sehe ich meine WG und meine Freunde vor einem Elite-Tribunal stehen. Regeln.und eine Wochenzeitung. zu fordern oder einfach zu meckern? Gestern habe ich hundert Seiten in einem Buch gelesen. dass Kleid. Okay. geworden ist. Hysterie!. heißt es bei vielen. stopp. 240 Schluss. Mein Zugnachbar starrt. vielleicht das Kochen. »Was ist aus der Elite geworden?«. Außerdem eine Tages. womit man Geld verdient? Das wären dann das Schreiben und die drei Telefonate. um das Recht zu haben. Wie viele Leistungspunkte bringt mir dieser Tag? Zählt nur das. Bernd wird nach der Abschlussfeier bei einer großen Unternehmensberatung in München anfangen. habe in der Intercity-Toilette die Jeans aus. ein Gehalt zu fordern. das Recht. als ich völlig verändert zurückkomme. Was ist mit einer Leistung.

Er verlässt die kleine Stadt Vallendar. der meckert. Während es den anderen Demonstranten gelang. in dem nicht alle dem Geld hinterherrennen müssen. Das bindet Kraft. »Ich mache keine halben Sachen«. den Globalisierungskritiker von Attac. wenn ich feststelle: Hier hast du nicht alles getan. zu blockieren. sich für Tage am Zaun. Jetzt ist er ein wenig müde. noch getoppt. der die Politiker vor den Demonstranten schützen sollte. ich beschwere mich auch gar nicht. Er muss nur eines: hart arbeiten. »Ich verlange von jedem. Er wird sich jetzt erst recht kein Luftholen mehr erlauben. zieht gerade nach Koblenz um. wenn es gelänge. Bernd wird nicht verschwinden wollen. dass andere weniger leisten. was er ohne Leistung bekommt. habe ich gerade in Hamburg getroffen. zum Geldverdienen«. AbscWuss mit vierundzwanzig hieß es damals. Leistung«. Miriam.»Mach Karriere oder verschwinde«. In ein paar Wochen werden die Probleme. den G8-Gipfel. Er muss funktionieren. nachdem es bei der Eröffnungsdemo in Rostock zu dumpfer Gewalt gekommen war. Sein Einstiegsgehalt wird höher als die durchschnittlichen 50752 Euro eines Absolventen sein. die andere mit zweiundzwanzig haben. muss er auch keine Leistung bringen. musste Chris in Rostock im Basiscamp bleiben. und ihr Leben im Kreise der Altschüler wird beginnen. zu akzeptieren.gemacht wurde. »Ich musS irgendeinen Teilzeitjob finden. Er wird die Viertelstundenfelder in seinem Kalender fleißig mit Aufgaben füllen. obwohl er weiß. Er hat. der trotzdem an einer privaten Wirtschaftsuni studiert. auch wenn die Woche hundert Arbeitsstunden hat. Grow or go heißt das Motto der Beraterbranche .« An den Internaten hat gerade das neue Schuljahr begonnen. der Zweifler. die Elite abzuschaffen«. Aber er will noch mehr Verantwortung bei Attac übernehmen. muss er sich zusätzlich zu seinem Vollzeitjob bei Attac noch etwas anderes suchen. Blackberry und Laptop. Oliver und Philipp sind jetzt in der Abschlussklasse. noch mehr Stunden pro Woche dort arbeiten. Bernd ist gerade zweiundzwanzig geworden. findet Chris. Die Beratungen zahlen nicht nur mehr. von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht. was du hättest tun können. Weil er nicht länger auf das Geld seiner Eltern angewiesen sein will. dass er davon nicht leben kann. festzusetzen. Er hat eine Woche durchgearbeitet. in Bernds Leben keine Rolle mehr spielen. Verdiene ich genug? Wo kommt die Miete her? Muss ich wirklich jeden Monat 100 Euro für die Rente sparen und wenn ja. »Aber das geht wohl nur in einem anderen Wirtschaftssystem.« Vermutlich wird es ihm dann noch schwerer fallen. hatte er mir gesagt. sagt er. kaum geschlafen. um auch andere 243 . »Es war so viel. dass mir die Woche vorkam wie ein einziger langer Tag«. Er war in Talkshows und hat eine Rede vor fünftausend Menschen gehalten. »Wenn jemand sagt: Ich meckere auch gar nicht. Aber dann muss er halt mit dem klarkommen. wo er immer noch für seine Abschlussprüfung lernt. um dem Corpsgeist der Uni zu entfliehen. sie bieten ihrem Nachwuchs auch Schmankerl wie Dienstwagen. sein Großereignis des Jahres. wovon? Diese Sorgen wird er nicht kennenlernen. Chris. »Es wäre schön. hatte er mir gesagt. der junge Iraner. haufenweise Pressemitteilungen geschrieben.« Aadish. meinte er. Im nächsten Sommer werden sie endlich 242 die dicken Bücher mit den vielen Kontakten und Adressen in der Hand halten. In einem. Er hat es nicht geschafft. »Mir geht es schlecht.

Er glaubt noch immer. Vielleicht will er jetzt auch ein Buch schreiben. Die Schwarzekarte hat die Drohung mit dem Einladungsstopp übrigens wahr gemacht. Er gibt von ihren Schulen als »hochbegabt« eingestuften Teenagern einen Kurs zum Thema Wirtschaftskriminalität. ist nicht an der Universität geblieben. schlichtes schwarzes Kleid genügen.Nutzer. Einen Kunden hat er sogar.. Eine Riesenchance sei das. Carl von Tippelskirch. andere Meinungen zu hören. Sie verbringt den Sommer in England aufWohnungssuche. Für diesen Anlass sollte ein kurzes. sagt sie. Hier feiert Bernds Jahrgang das Ende von drei Jahren Studium. rechts. dass sich der Kurs auch mit diesem Prozess kritisch auseinandersetzen würde. Ich treffe Carl an einer Schülerakademie. bei der Gründung einer Stiftung beraten. Menschen wie ich. gebe meinen riesigen Rucksack ab und fühle mich wie ein Dorfmädchen beim Opernball. Maria ist vorübergehend aus dem Maximilianeum in München ausgezogen. '.« »Fällt es dir jetzt leichter. will ich wissen. dass die Bezeichnung >Elite< von anderen an einen herangetragen wird und man sich nicht selber Elite nennt. Dafür werden die alten verwöhnt. der mich beim Internet-Netzwerk Schwarzekarte eingeschleust hat. Er ist jetzt tatsächlich Trainee bei der Deutschen Bank und betreut dort die Vermögen von Millionären. Er helfe diesen Menschen. sagt Carl. der Student der bayerischen Elite-Akademie. dass diese Arbeit mit seinen Idealen verein244 bar ist. in dem Josef Ackermann die Finger zum VictoryZeichen spreizte und damit zum Symbol des abgehobenen Kapitalisten wurde. und wieder etwas. oben und unten und antwortet nicht.. »Bist du mit dem Wort im Reinen?«. sagt Carl. den Satz >Ich bin Elite< zu sagen?«. Alexander. sie fänden es gut. habe die Bank sein Engagement mit einer Spende unterstützt. frage ich. In einer der letzten Nachrichten des Netzwerks wurde ich eingeladen. wenn >Elite< die Übernahme von Verantwortung heißt«. »Auch dies bestätigt mich darin. Ich stehe an der Garderobe der Rheingoldhallen in Mainz. Obwohl klar gewesen sei. dass es hierzulande jetzt auch Elite-Universitäten gebe. Er wird mit seiner Freundin zusammenwohnen und die Welt der zukünftigen Wirtschaftselite jeden Abend mit dem Bus verlassen. sagt er. macht gerade Praktika. »Und wenn klar ist. Seit einigen Wochen werden keine neuen Mitglieder mehr zugelassen. wie er es sich gewünscht hatte.'!'t Leute zu treffen. denn die nächsten Monate will sie in Oxford studieren.« Und nun bin ich also auf dem Weg zu Bernd. dachte 245 . Dort zeigt man sich zufrieden mit den jüngsten Entwicklungen in Deutschland: Bei einer Abstimmung antworteten 79 Prozent der Schwarzekarte. »Ich kann den Begriff nur akzeptieren. erst in Antwerpen. an einem Rolex-Gewinnspiel teilzunehmen. meinen Idealen in der Bank treu bleiben zu können. Es waren wohl zu viele Nichtreiche ins Netzwerk eingedrungen. ihr Vermögen verantwortlich einzusetzen. der Georgier. Mittlerweile hat die Schwarzekarte auch eine Ecke für politische Diskussionen eingeführt. Carl schaut nach links. dann in Paris. Dort geht es unter anderem auch um den Mannesmann-Prozess. das sie vor allem der Stiftung verdanke." '.

Ich sehe Kellnerinnen. Er trägt den Klassiker so souverän wie fast alle seine Kommilitonen. sagen sie. die von einem Profifotografen umkreist werden. Bernd hatte mir von den Vorbereitungen für den Ball erzählt. mit dem Hilton-Hotel. Handtaschen. Ich sehe aufwendig gesteckte Frisuren. um die Karten so günstig wie möglich zu halten«. sagten die Studenten dazu.ich.so scheinen die Studenten sich sehen zu wollen. Gerade stehen zwei Studentenvertreter auf der Bühne.. Monatelang hätten sie geplant. Ein Fest in dieser Liga ist teuer: Die Eintrittskarte kostet 109 Euro. Mit den Rheingoldhallen. Die zukünftige Wirtschaftselite liebt es überdimensional. tiefblaue Abendkleider. Ein Satinkorsett. Von der Bühne grüßt der Dinnersponsor Ernst & Young. So viel Geld. Manche sogar so lang. das das Menü liefern soll. »Aber das Budget muss gedeckt werden. eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. dass sie beim Gehen den Rock heben müssen. das in einen Tüllrock. Ich sehe silberne. um zu feiern. »Wir haben alles getan. dann fuhren sie zur akademischen Feier. als uns in einer ehemaligen Zeche die Diplomzeugnisse überreicht wurden: Sie sind sehr stolz. Die Mädchen tragen die Kleider lang.nicht Manager«. Den Eltern an unserem und den anderen Tischen scheint es so zu gehen.« Deshalb waren die Kartenpreise nötig. in ein Kloster. auf denen sich festlich gekleidete Familien niedergelassen haben. übergebe meinen Rucksack der Garderobenfrau. auf deren Poloshirts The German Hamptons gedruckt ist. Mädchen in gestreiften Blusen preisen die Tombola-Lose an. gerechnet und verhandelt. zum vierten Akt: Gereicht werden ein Gourmetmenü und Festreden. obwohl die Sponsoren Zehntausende Euro zuschossen. Die Studenten hüllten sich in lange Gewänder und warfen Hüte. Dort haben die Studenten eine ganzseitige Anzeige geschaltet. Schon um 8 Uhr 30 saßen sie im Gottesdienst. Dann atme ich tief durch. bestickt mit kleinen Rosen. die Dutzende von Zigarrensorten anbieten. Der Abend kann beginnen. bei der auch Marios Chef von McKinsey sprach. Jetzt sind sie hier. dass sie zu sechst extra eine Art Firma. dass sie nun ihren Abschluss in der Tasche haben.. aprikotfarbene. Er hatte gesagt. Auch die Stühle und Tische im Ballsaal haben sie herausgeputzt und in weißen Stoffgehüllt.« Johann Wolfgang von Goethe. Ich blicke auf weiße Lederwürfel. dass man ein dreijähriges Studium beendet hat. die passend zum Kleid genäht wurden. Eingerahmt von großen Worten und gutem Geld . gegründet hätten. und mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als wären sie Cinderella. dass sie schon einen langen Tag hinter sich haben. und Männer. wie es auch meinen Eltern ging. Ich sitze vom rechts. mündet. klemme mein Notizheft unter den Arm und laufe durch die Eingangshalle in den Ballsaal. bei Bernds Familie. den größten der Stadt. über dem Eingang steht auf einem Transparent das Motto des Abends: »Das Außergewöhnliche geschieht nie aufglattem gewöhnlichen Wege.. Bernd kommt gerade in Smoking und Fliege auf mich zu. Der Hauptpreis ist eine Südafrika-Rundreise in einem Oldtimer. Ich denke abwechselnd an Flucht und den Notkauf eines Abendkleides. . »Denkt zurück an die lustigen Momente in den Lern247 . Und liege falsch. kreuzt meinen Blick. »Die EBS bildet Leader aus . um der Wirt246 schaftswelt mitzuteilen. Manche haben sich sogar eine rote Bauchbinde umgelegt und sehen aus wie blutjunge Zirkusdirektoren. Manchen sieht man an. wie man es aus amerikanischen Filmen kennt.

»Vergesst nicht: Lernen macht Spaß!«.Da ist sie wieder. Und noch ist Evard nicht fertig: »Sie sind zu denen gehörig. Dieses Land braucht Sie. Evard fordert die Absolventen auf. sagt er. ruft er den Studenten zu. besser sein. Fips und memem großen Bruder für die Verstärkung im Münsterland und 249 . die Geschichte von den Antilopen und dem Löwen. die geduldig meine Fragen beantwortet haben. Sie trainiert nur!« . mehr leisten: Das ist die Lehre. Top-Inder und Top-Chinesen stünden bereit. Schneller sein. Lesen und Zuhören und dafür. werden Sie viel Geld verdienen. die mich in ihr Leben gelassen haben.gruppen«. dann werden Sie es gut tun. EBSler. »Dieses Land wartet auf Sie. können Sie gar nicht verhindern. der die EBS 1971 gründete und mit vier Studenten anfing. Ich danke Florian Glässing. die besten Posten zu übernehmen. Ich danke Nicol für die vielen Antworten auf noch mehr Fragen und Dennis für die schnellen Finger. was ich gesehen habe. Und wenn Sie es tun. Vor allem vor den Schülern und Studenten. und beenden ihren Vortrag mit den Worten: »Wir stehen jetzt erhobenen Hauptes da. braun gebrannt. fordern sie ihre Kommilitonen auf. Juliane. auch wenn sie merkten. dass Sie Geld verdienen. tun Sie es mit dem Herzen. die die Studenten in ihr Leben begleiten soll. Möge Gott Sie auf Ihrem Wege begleiten!« Nach allem.« Diese Vorstellung gefällt allen. die dieses Land in zehn oder zwanzig Jahren bestimmen und regieren«. ohne es ironisch zu meinen. sagt Evard. »Was immer Sie tun. seien von jeher dynamisch. über dreißig Jahre später habe der Satz »Ich studiere an der EBS« einen guten Klang. glaube ich nicht. dass er in diesen Text ein wenig seiner unermesslichen Klugheit gesteckt hat. Ich danke Kathrin Liedtke für das genaue Lektorat und dem Verlag Hoffmann und Campe für sein Vertrauen. Ingmar danke ich. »Sie müssen auf diese Konfrontation vorbereitet sein«. . DANK Ich danke allen. Ich danke Eva. dass ich in vielen Punkten anderer Meinung war. ohne den dieses Buch nie gelungen wäre. und der Agentur Eggers & Landwehr für die fabelhafte Betreuung. Ich danke Torsten dafür. um die Studenten sofort zu ermahnen. »Die Konkurrenz schläft nicht.. Und wenn Sie viel Gutes tun. rufen sie. habe ich größten Respekt. Mathias und Mark fürs Beraten. dass sie Gottes Hilfe brauchen werden. weil er mir die grüne Vase sch~nkte und oftmals für mich ins Archiv ging. dass sie die Frage »Was macht das Buch?« unermüdlich stellten. Applaus brandet auf. die alten EBS-Eigenschaften zu pflegen. Der Starredner des Abends ist Klaus Evard.« Ich glaube nicht. dass daran jemand gezweifelt hatte. sagt er. sich auf diesen Lorbeeren nicht auszuruhen. »Hungrige Osteuropäer«. flexibel und belastbar.. die im Gegensatz zu manchem Direktor oder Sprecher auch im Nachhinein zu ihren Aussagen standen.

~ _ _ _ _ _ _/ ' . wie es ist. die ich aufschreiben durfte. ohne den wohl nichts so schön wäre. Ich danke meinen Eltern dafür.meiner WG für die vielen Geschichten.Essay.O-Schnitt im Abitur 251 /-~.de Bayerische Elite-Akademie Westerham-Feldkirchen bei München gut 30 Studenten pro Jahrgang Kosten für die zweijährige Ausbildung: 2600 Euro Auswahl: mehrstufiges Bewerbungsverfahren .eliteakademie. dann Diskussionen und Einzelinterviews www. dass sie aus mir nie Elite machen wollten.~ 4 . dass ich's nicht bin. ' I ~.de Maximilianeum München sechs bis acht bayerische Abiturienten pro Jahr Voraussetzung: I. auch wenn sie jetzt manchmal traurig sind.ebs. Und vor allem danke ich Tom. DIE STATIONEN DER REISE IM ÜBERBLICK EBS European Business School Schloss Reichartshausen in Oestrich-Winkel über 800 Studenten der Betriebswirtschaft Kosten: 4950 Euro pro Semester Auswahl: schriftliche Tests und Einzelinterviews www.

Internatsschule}UrJungen und Mädchen Neubeuern bei Rosenheim etwa 230 Schüler der Klassen 5-13 Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr.schloss-neubeuern. weitere Kindergärten in Deutschland geplant Betreuung von Babys und Kleinkindern Basissatz: 980 Euro pro Monat Salem bei Überlingen am Bodensee etwa 700 Schüler der Klassen 5-13 Kosten: etwa 30000 Euro pro Jahr. Filialen in Düsseldorf und Hamburg sollen folgen mehrere Klassen für Kinder ab zwei Jahren Kosten: etwa 100 Euro pro Monat www. die WHU in Vallendar.de Vodafone »Chancen«-Stipendium Zehn Studenten pro Jahrgang Auswahl: Das Stipendium richtet sich an sehr gute Abiturienten mit Migrationshintergrund Es gilt nur für ein Studium an einer der vier privaten Partneruniversitäten: die EBS in Oestrich-Winkel.Otto Beisheim School ofManagement Vallendar bei Koblenz gut 500 Studenten der Betriebswirtschaft Kosten: 5000 Euro pro Semester Auswahl: Abiturnote und Einzelinterviews www.Auswahl: Vorprüfung. nach Alter gestaffelt etwa 20 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien (maximal 50 Prozent der Gebühren) Ehemaligen-Netzwerk: Altneubeurer www.salemcollege.fastrackids. die Bucerius Law School in Hamburg und die Jacobs University in Bremen Förderung: etwa 80000 Euro pro Student (Lebensunterhalt und Studiengebühren) www.whu.vodafone-stiftung.de FasTracKids Berlin.villa-ritz.de Internat Schloss Salem www.maximilianeum.de WHU .de 252 253 .de Kindergarten Villa Ritz Potsdam. nach Alter gestaffelt etwa 30 Prozent der Schüler erhalten Teilstipendien Ehemaligen-Netzwerk: Altsalemer Vereinigung (3500 Mitglieder) www.edu Attac Attac ist ein französisches Kürzel. übersetzt bedeutet der Name »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger und Bürgerinnen« Globalisierungskritiker www. dann Maximsprüfung im Bayerischen Kultusministerium Schloss Neubeuern .

Berlin 2005 255 . Eine EinjUhrung. Harvard University 6-8 Stipendiaten pro Jahrgang Auswahlverfahren: zweitägiges Auswahlseminar. New York 2006 Michael Hartmann. Jan Söderqvist. Heidelberg 2006 Bernhard Bueb.de McCloy-Stipendium Programm der Studienstiftung des Deutschen Volkes und der Kennedy School of Government.ksg. The Price of Admission.weltweit 90000 Mitglieder. Eliten in einer egalitären Welt. Politik.harvard. Eine Streitschrift. Lob der Disziplin. How America's Ruling Class Buys Its Way Into Elite Colleges .and Who Gets Left Outside the Gates. Der Mythos von den Leistungseliten.attac. Elitesoziologie. Eliten und Macht in Europa. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft. Ein internationaler Vergleich. Frankfurt/Main 2007 Malte Herwig. Die Netokraten. Frankfurt/Main 2004 Michael Hartmann. Frankfurt/Main 2002 Michael Hartmann. davon 18500 in Deutschland Mitgliedsbeitrag: 60 Euro pro Jahr. dort Vorträge und Einzelinterviews För~er~ng: 1650 Dollar Lebensunterhalt pro Monat SOWIe Ubernahme der Studiengebühren www.edu/mccloy Stand: November 2007 LITERATUR Alexander Bard. ermäßigt 15 Euro www. Die neuen Leistungseliten und das Leben nach dem Kapitalismus. Berlin 2006 Daniel Golden. Justiz und Wissenschaft.

Eliten in Ostdeutschland. Köln 1999 Herfried Münkler. Frankfurt/Main 2006 22M .). Grit Straßberger. Warum den Managern der Aujbruch nicht gelingt. Berlin 2007 Kursbuch: Die neuen Eliten. Crazy.Gunnar Hinck. Berlin 2000 Benjamin Lebert. Deutschlands Eliten im Wandel. Matthias Bohlender (Hg.

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