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MITTWOCH, 11. JULI 2012  TAZ.DIE TAGESZEITUNG

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Der Kreis schaltet
ZIMTFARBEN UND KONZERNE Was macht Berlin mit den Spaniern, die hierherkommen. Und was machen

die spanischen Künstler mit Berlin? Die Ausstellung „Circuito Berlín“ im Instituto Cervantes gibt Antworten

KULTUR + PROGRAMM FÜR BERLIN

VON CATARINA VON WEDEMEYER

 Mi|11.07.12
BERLINER SZENEN
SADISMUS MIT PLAN

Heiß
Bisweilen macht mir die Gründlichkeit, mit der Menschen andere Menschen zur Schnecke machen, ein wenig Angst. Im Schwimmbad fast um die Ecke übernimmt diese Aufgabe, durchaus mit einer gewissen Hingabe, die Bademeisterin. „Der Junge mit der blauen Badehose, ja du da, gehst jetzt nach Hause. Los, ab, kannst dich bei Mutti ausheulen“, posaunt sie durch die Schwimmbadlautsprecher, so dass auch wirklich alle was davon haben. Es ist Ferienzeit in Berlin und an heißen Tagen Hauptkampfzeit am Beckenrand, am Sprungturm und an der tollen Riesenrutsche mit den drei Kurven. Neben der Rutsche steht auf einem großen Verbotsschild, in Türkisch und in Deutsch, was man alles nicht darf, also eigentlich alles, und was man darf, also fast nichts, außer: im Sitzen rutschen. Nun sind Verbote ja, der Junge mit der blauen Badehose hatte es begriffen, oft auch ein wenig Auslegungssache. Aber die Frau Bademeisterin interpretiert nicht, sondern hat einen VierStufen-Plan, den sie mithilfe ihres Megaphons konsequent um-

Berlin habe vor allem die Farben verändert, erklärt der Maler Antón Lamazares. „Subtiler, feiner, geduldiger“ seien seine Bilder geworden, seit er in Deutschland wohnt. Das metergroße Wandbild, das die Kuratorin Marisa Maza für die Ausstellung Circuito Berlín ausgesucht hat, ist in hellem Zimtbraun gehalten, man erkennt hausähnliche Strukturen, vielleicht Äcker. Lamazares’ Bild ist Teil einer Ausstellung, die in Berlin arbeitende spanische Künstler im Instituto Cervantes zusammenbringt. Die Omnipräsenz der spanischen Künstler in Berlin bezeichnet Gaspard Cano Peral, Leiter des Instituto Cervantes, als „nahezu anekdotisch“. Aber – auch wenn es so aussieht – die Spanier kommen nicht nur nach Neukölln, um hier eine kreative Arbeitslosigkeit im weitesten Sinne zu zelebrieren, sie produzieren auch. Das beweist eine Ausstellung wie Circuito Berlín, Schaltkreis Berlin, die von der spanischen Botschaft finanziert wurde und derzeit im Instituto Cervantes zu sehen ist. Es handelt sich um eine Neuauflage der Ausstellung Destino Berlín, Zielort Berlin, die vor einem Jahr im Künstlerhaus Bethanien untergebracht war. Damals waren vor allem unbekannte Subkulturspanier zwischen 20 und 30 vertreten, diesmal sind die arrivierteren Künstler dran, die meisten sind schon um die 40. Im Gegensatz zu den Neuankömmlingen leben und arbeiten viele der für die Schaltkreis-Ausstellung ausgesuchten Künstler schon seit mehreren Jahren in Berlin. Hier finden sie die Inspiration, den Strom, den sie brauchen, um sich einzuschalten und um sich kurzzuschließen. Die Szene ist heterogen, vor der Krise geflohen ist fast keiner. Das jedenfalls behaupten Cynthia Viera und Pablo San José, die sich unter dem Namen PSJM zusammengetan haben. Wirtschaft spielt in ihren Zeichnungen trotzdem eine unverkennba-

Hinter der Verunsicherung verschwinden – aus der Serie „Venusnebel“ von Mar Martín Foto: Mar Martín

re Rolle: Kleine Männchen werfen das Logo des Pharmaziekonzerns Bayer von einem Hochhaus, bearbeiten das T von Telekom mit Hämmern oder schieben das Firmenemblem der Deutschen Bank Richtung Abgrund. Das ist habhafte Kapitalismuskritik: „Diese Konzerne fressen die Drittweltländer regelrecht auf“, kommentiert Viera die Bilder und erklärt, wie die Global Player von der momentanen Schuldenkrise profitieren. Der Fotografin Mar Martín geht es um Intimeres. Auf den Bildern der Serie „ Venusnebel“ will die 28-Jährige das Lebensgefühl der Berliner Europäerinnen erfassen, indem sie ihre Köpfe weiß verwischt oder wolkig einstäubt. Harmlos ist das nicht, denn der „ Venusnebel“, den sie im Titel aufruft, besteht aus korrosi-

Die Szene ist heterogen, vor der Krise geflohen ist fast keiner
ver Schwefelsäure. „Sie verschwinden hinter der Unsicherheit, der Entscheidung, zu bleiben oder zu gehen“, so die Künstlerin. Während Mar Martín die Verunsicherung thematisiert, verunsichern Libia Castro und Ólafur Ólafson absichtlich: Mit dem Schriftzug „Your Country Doesn’t Exist“ sind sie schon um die halbe Welt gezogen und haben es in fast jede Sprache übersetzt. Die meisten Werke der Ausstellung thematisieren Nationalität, manche spielen mit Kli-

schees und arbeiten mit Objekten ihrer Heimat. So findet der Betrachter Palmenblätter in den Collagen von Eli Cortinas, bestickte Flamencotücher in der Installation des deutsch-spanischen Künstlerduos Discoteca Flaming Star oder spanisches Gemüse in den „Kleingärten“ von Noemi Larred. Andererseits erkennt man gerade an diesen Kleingärten, wie sehr die Künstlerin schon von Berlin beeinflusst ist, man denke an sämtliche Pflanzentauschprojekte, „Urban Gardening Happenings“ oder die Guerilla-Gärtner. In einigen Werken lässt sich schon ein postglobalisiertes Bewusstsein erkennen: Wie man sich in Transiträumen zu Hause fühlt, zeigt auf eindrucksvolle Weise ein Kofferkunstwerk von Chema Alvargonzález, in dem

ein Mädchen auf einem Foto in einer Wartehalle schläft. Wie Orte zu Nichtorten werden können, erlebt der Betrachter in den gespiegelten Fotografien von Berliner Hausfassaden und U-BahnSchächten der Künstlerin Connie Mendoza. Und mit den improvisiert scheinenden Wänden von Lorenzo Sandoval liegt der Ausstellung insgesamt ein Konzept zugrunde, das auf den Mobilitätszwang verweist, dem die globalisierte Gesellschaft ausgesetzt ist. So erfährt der Besucher nicht nur von den Lebensrealitäten der spanischen Künstlerszene in Berlin, sondern auch von einer Gegenwart, die über ortsgebundene Spezifika hinausgeht. Der Kreis schaltet.
■ Circuito Berlín im Instituto Cervantes. Bis 10. August

Gesprächsnotizen sind wichtig
NEU IN KREUZBERG Wer dämlich danebensteht, erfährt auch was. Eröffnung

der einzigen Galerie des japanischen Stars Takashi Murakami in Europa

Nun sind Verbote oft auch ein wenig Auslegungssache
setzt: „Wir rutschen nicht auf dem Bauch!!“ – „Du da, kannst dich sofort umziehen gehen“ – „Ich hole gleich die Polizei, die schmeißt euch raus!“ – und schließlich, das ultimative, das Letzte: „Die Rutsche ist jetzt geschlossen!“ So. Eis essend beobachte ich den Vollzug von Stufe zwei, da fragt mich plötzlich ein kleiner Junge, ob ich ihm fünf Euro für eine Wasserpistole geben kann. Ich bin noch ein wenig sprachlos, da steht schon die Mutter neben uns und keift, wie blöd das Kind sei: „Kapiert nix, ist total krank!“ Das schlägt wutentbrannt mit seinem Wassereis nach der Mutter, was ich an seiner Stelle wahrscheinlich auch tun würde. Die beiden ziehen, kämpfend, von dannen. Da ist mir die Bademeisterin doch lieber, denke ich. Deren Sadismus hat wenigstens Methode. ANNA KLOEPPER

Nach monatelangen geheimen Renovierungsarbeiten ist die Galerie Hidari Zingaro, auf Deutsch heißt das angeblich und mysteriöserweise „Linke Zigeuner“, endlich so weit, ihre Glastüren zu öffnen. Und wen treffe ich? Den Krimi-Autor Jürgen Ebertowski, der viel mehr Leute hier im Dreh kennt als ich, weshalb er auch den Vermieter von Takashi Murakami kennt, und mit dem unterhält er sich gerade. Mit dem Vermieter natürlich, nicht mit Takashi Murakami, dem die Galerie Hidari Zingaro gehört. Über Takashi Murakami sagt der Vermieter, er sei so was wie der Jeff Koons Japans und würde schon mal irgendwas für eine Million verkaufen oder für Louis Vuitton Taschen entwerfen. Aber den Mietvertrag habe er sich in zwei Sprachen übersetzen lassen, einschließlich Kleingedrucktem und Hausordnung, ab wann kein Krach mehr gemacht werden dürfe. Und dann habe er zwei Monate lang darüber gebrütet. Jetzt befindet sich die einzige Galerie Takashi Murakamis in

ganz Europa in der Dieffenbachstraße in einem ehemaligen Edeka-Laden. Die Quasselstrippe Jürgen Ebertowski quasselt plötzlich mit einer Japanerin mit MonikaHaarschnitt auf Japanisch. Ich sehe da natürlich alt aus, weil ich nur dämlich danebenstehen kann. Aber es lohnt sich, dämlich danebenzustehen, weil ich erfahre, dass die zwei extrem jungen Künstlerinnen und der eine nur ein bisschen ältere junge Künstler alle Schüler bzw. Schülerinnen von Takashi Murakami sind und für drei Tage nach Berlin eingeflogen wurden, und dass die Bilder zwischen 1.000 und 20.000 Euro kosten. Das erfahre ich natürlich nicht, weil ich was verstünde, sondern weil der Japanologe Jürgen Ebertowski es mir übersetzt. Er hat sogar ein japanisches Buch mitgebracht, in dem er manchmal ein bisschen blättert und von dem ich nicht mal wüsste, wie rum ich es halten müsste. Wir rechnen grob zusammen, wie viel Bilder Murakami ver-

kaufen muss, um auf seine Kosten zu kommen. Das ist aber gar nicht einfach, weil so viele Japaner herumlaufen, von denen ich nicht weiß, ob sie jetzt zu dem Laden gehören. Hinter der Bierbank, auf der Apfelsaft und Mineralwasser stehen, halten gleich drei Japanerinnen die Stellung, obwohl eine Person mit dem Job nicht überlastet wäre. Eine ganz kleine Japanerin mit Brille hinter dem Tresen macht sich ständig Notizen, aber ich weiß nicht, worüber. Die Japanerin mit MonikaHaarschnitt ist wahrscheinlich die Kuratorin, hat aber noch eine andere Japanerin über sich, und wenn die mit jemandem spricht, steht die andere daneben, grinst wie fünf Honigkuchenpferde, kichert alle zwei Sekunden, nickt alle drei Sekunden eifrig und macht sich alle vier Sekunden eine Gesprächsnotiz, die dann von jemandem abgetippt werden muss, um Takashi Murakami als Arbeitsnachweis vorgelegt werden zu können. So stelle ich mir das zumindest vor. In den zwei sehr über-

Beredte Fußstellung Foto: Klaus Bittermann

sichtlichen Ausstellungsräumen befinden sich auch der Künstler und die zwei Künstlerinnen, von denen mich die 21-jährige sehr fasziniert, denn oft zieht sie ihre Schultern hoch, lässt ihre Arme wie zwei überflüssige Accessoires vorne herunterbaumeln und streckt den Kopf nach vorne, als würde sie irgendwas nicht gut sehen. Am beeindruckendsten aber ist ihre Fußhaltung, denn sie kann ihren linken Fuß um 130 Grad nach hinten drehen. Ein Mann mit einem gestreiften, etwas abgetragenem Jackett und einem Rucksack, wilden Haaren und Sandalen kommt zufällig vorbei und betrachtet sich die illustrativen Manga-Bilder.

Vor der Tür packt er einen Stapel Postkarten aus dem Rucksack. Er hält sie mir unter die Nase. „Interesse an Postkarten? Selber jemacht, wa!“ Das sieht man, denke ich, und schüttle den Kopf, aber ich muss zugeben, dass er hier als Kunsthandwerker gar nicht mal so verkehrt ist. Die Vernissage-Besucher lassen ihn pikiert abblitzen. Ich schäme mich ein wenig, dass ich ihn auch habe abblitzen lassen. Für eine Postkarte wäre noch Platz an meiner Wand gewesen. Bei den MangaBildern wüsste ich gar nicht, wohin damit. KLAUS BITTERMANN

In der Dieffenbachstraße 15, Kreuzberg, Di.–Sa. 11–20 Uhr

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