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8. Beschlussabteilung
B 8 – 40/10
Beschluss
In dem Verwaltungsverfahren gegen die Berliner Wasserbetriebe, Anstalt öffentlichen Rechts vertreten durch den Vorstand Neue Jüdenstraße 1 10179 Berlin  – Beteiligte zu 1. (im Folgenden: BWB) – Verfahrensbevollmächtigte der Beteiligten zu 1.: Rechtsanwälte Dr. Wolfers, Dr. Wollenschläger Freshfields Bruckhaus Deringer Potsdamer Platz 1 10785 Berlin Stadt und Land Berlin vertreten durch den Regierenden Bürgermeister vertreten durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung Martin-Luther-Straße 106 10825 Berlin  – Beteiligte zu 2. (im Folgenden: Land Berlin) –
 
2 RWE AG vertreten durch den Vorstand Opernplatz 1 45128 Essen  – Beteiligte zu 3. und Beigeladene (im Folgenden: RWE) – Veolia Wasser GmbH vertreten durch die Geschäftsführung Lindencorso Unter den Linden 21 10117 Berlin  – Beteiligte zu 4. und Beigeladene (im Folgenden: Veolia) – Verfahrensbevollmächtigte der Beteiligten zu 4.: Rechtsanwältin Dr. Westermann Noerr LLP Charlottenstraße 57 10117 Berlin hat die 8. Beschlussabteilung am 04.06.2012 beschlossen: 1.) Der BWB wird aufgegeben, dass ihre durchschnittlichen Jahreserlöse aus der Belie-ferung von Endkunden mit Trinkwasser in Berlin pro in dem betreffenden Jahr abge-nommenem Kubikmeter Trinkwasser netto (d. h. ohne Umsatzsteuer) und abgaben-bereinigt (d. h. ohne Wasserentnahmeentgelt und Sondernutzungsgebühren bzw. Konzessionsabgaben) die folgenden Beträge nicht überschreiten dürfen: a) für den Zeitraum 01.01. bis 31.12.2012:
 
1,500 – 1,7499 € pro Kubikmeter; b) für den Zeitraum 01.01. bis 31.12.2013: 1,500 – 1,7499 € pro Kubikmeter; c) für den Zeitraum 01.01. bis 31.12.2014: 1,500 – 1,7499 € pro Kubikmeter; d) für den Zeitraum 01.01. bis 31.12.2015: 1,500 – 1,7499 € pro Kubikmeter. Die angeordnete Begrenzung der durchschnittlichen Jahreserlöse pro von Endkun-den abgenommenem Kubikmeter Trinkwasser ist mit der jeweiligen, den Endkunden für diesen Zeitraum erteilten Jahresendabrechnung spätestens zum 31.12. des nach-folgenden Jahres umzusetzen.
 
3 2.) Die Entscheidung ist sofort vollziehbar. Soweit die Verfügung auf § 103 GWB 1990 gestützt ist, wird die sofortige Vollziehung angeordnet. 3.) Der Widerruf der Verfügung bleibt vorbehalten. 4.) Eine Anordnung der Rückerstattung der von den Kunden der BWB in den Jahren 2009 bis 2011 überzahlten Entgelte bleibt vorbehalten. 5.) Die Gebühr für das Verfahren einschließlich der Entscheidung beträgt ,-- €.
Gründe
A. Beteiligte
1 Die Berliner Wasserbetriebe A.ö.R. ist eine Anstalt öffentlichen Rechts in der alleinigen Trägerschaft der Stadt bzw. des Landes Berlin. Die Aufgaben der BWB sind nach § 3 Abs. 5 Berliner Betriebe-Gesetz (BerlBG) die Wasserversorgung Berlins sowie die Ableitung und Reinigung der Abwässer. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens sind ausschließlich die im Rahmen der Wasserversorgung von BWB geforderten Entgelte. 2 Im Jahr 1999 waren die kommunalen Wasserbetriebe Berlins teilprivatisiert worden. Eine (atypische) stille Beteiligung von 49,9 % an der heutigen BWB A.ö.R. ging für 3,3 Mrd. DM (1,69 Mrd. €)
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 letztlich an ein paritätisches Gemeinschaftsunternehmen (RWE/Veolia Berlin-wasser Beteiligungs AG) von RWE und Veolia (RWE Aqua GmbH, Berlin, sowie Veolia Wasser GmbH, Berlin). Das Land Berlin erhielt den Aufsichtsratsvorsitz und eine Beteiligung von 50,1 % an der Berlinwasser Holding als Führungsgesellschaft der Berlinwasser Gruppe. RWE und Veolia übernahmen durch das Recht zur Bestellung des Vorstandsvorsitzenden der Berlinwasser-Gruppe die unternehmerische Führung.
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 3 In dem 1999 verabschiedeten Gesetz zur Teilprivatisierung war bereits geregelt worden, wie die Berliner Wassertarife zu kalkulieren sind. Weiterhin wurde vertraglich geregelt, dass bis zum Jahr 2003 die Gesamtpreise für Wasser- und Abwasser sich auf dem Niveau des Jah-res 1996 bewegen mussten. Seit 2004 sind die Wasserpreise jedoch mehrfach deutlich er-höht worden. Sämtliche Klagen Berliner Bürger, die sich gegen die Höhe der Wasserpreise richteten, blieben erfolglos. Die Berliner Zivilgerichte entschieden jeweils, dass die Preisfest-setzung nicht unbillig im Sinne des § 315 BGB (einseitige Leistungsbestimmung) sei, denn
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 Vgl. www.wasserpartner-berlin.de/hintergrund/historie/index.html Sämtliche Verweise auf Internetadressen entsprechen dem Stand des Beschlussdatums.
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 So die Darstellung in www.wasserpartner-berlin.de/hintergrund/historie.
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