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Abenteuer Russland - Kurzgeschichte von Oliver Tank

Von Holzbänken und Schlafwagen- Fahrkartenkauf in Russland

Bei einem Besuch in Russland fuhren wir mit dem Nachtzug von Moskau
nach St. Petersburg. Die Hinfahrt war sehr angenehm, denn mein Schwager
hatte uns ein Vierer-Abteil im Schlafwagen reserviert, das wir sogar für uns
alleine hatten. Kurz nach der Abfahrt waren wir noch kurz im „Speisewagen“,
wo in einem Teil eines Waggons aus einer Kiosk-ähnlichen Installation Bier in
Flaschen verkauft wurde, das man an Melamin-beschichteten Tischen im
Charme der 60er Jahre genießen konnte. Und mit einigem Geschick konnten
wir dem Verkäufer sogar noch einen Plastikbecher abschwatzen. Danach
haben wir gut geschlafen und kamen früh morgens recht ausgeruht in St.
Petersburg an.

Nach einer erlebnisreichen Woche mit viel Kultur wir nach Moskau
zurückfahren. Zu diesem Zweck kaufte meine Frau am Moskauer Bahnhof in
St. Petersburg zwei Fahrkarten für den Nachtzug. Erstaunlicherweise waren
diese nur ein Drittel so teuer wie die Karten für die Hinfahrt. Mich wunderte das
sehr, aber trotz mehrmaliger Nachfrage, ob es auch ein Abteil sei und warum
es so billig sei, sollte alles seine Richtigkeit haben.

Als wir am nächsten Tag dann den Zug bestiegen und unser Abteil
suchten, stellten wir zu unserem Entsetzen fest, dass wir Karten der Kategorie
„Platzkart“ erworben hatten. Schlagartig wurde mir klar, woher der Begriff
„Holzklasse“ kommt. Es handelte sich nämlich um zwei übereinander liegende
Pritschen aus Holzleisten in einem Großraumwaggon. Der einzige Luxus war
der, dass man die untere Pritsche hochklappen konnte, um sein Gepäck
darunter zu verstauen. Ansonsten gab es dort weder Kissen noch eine Decke
noch sonst irgendetwas Bequemes und ich war doch ziemlich konsterniert ob
der Vorstellung, acht Stunden auf einer ungepolsterten Holzbank schlafen
oder wohl eher sitzen zu müssen. Als dann noch ein ganzes Team
Regionalliga-Fußballer einstieg und lärmend den Rest des Wagens in Beschlag

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nahm, war für mich klar, dass ich hier nicht bleiben möchte. Zudem ich
dummerweise vor der Abfahrt kein Proviant, im Klartext: Bier, gekauft hatte,
da ich davon ausging, dass wir auch diesmal wieder den „Speisewagen“
aufsuchen würden. Dies erschien uns aber unter den gegebenen Umständen
unmöglich. Also suchten wir umgehend die Schaffnerin und haben sie lang
und breit dazu überredet, uns doch noch zwei Plätze in einem Vierer-Abteil zu
suchen. Es hat auch nur circa eine Stunde gedauert, bis sie endlich, natürlich
gegen die Zahlung der Differenz zur besseren Fahrkarte und einer freiwilligen
„Bearbeitungsgebühr“ ein Abteil gefunden hatte, das mit nur zwei Personen
belegt war. Dieses haben wir sogleich mit großer Erleichterung genommen
und uns sofort schlafen gelegt, um den Schock über die „Platzkart“ zu
verarbeiten.

Aber durch dieses Ereignis ist diese Fahrt zu einem unvergesslichen


Erlebnis geworden und sorgt noch heute für eine lustige Anekdote.

Und Bahnfahrkarten lassen wir seit dem nur noch von meinem Schwager
kaufen.

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