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Herrn Bürgermeister Wolfgang Pantförder Rathaus Recklinghausen Offener Brief Zur Kenntnis an: RZ-Redaktion WAZ-Redaktion

Herrn Bürgermeister Wolfgang Pantförder Rathaus Recklinghausen

Offener Brief

Zur Kenntnis an:

RZ-Redaktion

WAZ-Redaktion

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Pantförder,

www.attac.de Regionalgruppe Recklinghausen

www.facebook.com/AttacRE

Kontakt: recklinghausen@attac.de

13.08.2012

die steigende Verschuldung der Kommunen –und damit auch der Stadt Recklinghausen- wird von vielen Experten, unter anderem von Sozialverbänden, Gewerkschaften, Kirchen, kommunalen Spitzenverbänden, aber auch von vielen BürgerInnen nicht einer verschwenderischen Verwendung von Steuergeldern, sondern in erster Linie der schlechten Finanzausstattung der Kommunen zugeschrieben. Immer mehr Aufgaben wurden auf die Städte und Gemeinden abgewälzt, für die sie allein 2011 mehr als 43 Milliarden Euro Sozialkosten, davon über 13 Milliarden in NRW, aufzubringen hatten. Dass der größte Teil davon an die Menschen geht, die arbeitslos sind oder die als Niedriglöhner mit Hilfe von Steuergeldern „aufstocken“ müssen, um an der Armutsgrenze leben zu können, ist politisch gewollt und der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zuzuschreiben. Gleichzeitig ermöglichte die rot-grüne und schwarz-gelbe Steuerpolitik eine Umverteilung von unten nach oben und eine Reichtumskonzentration von über acht Billionen Euro Privatvermögen in den Händen weniger.

Dass die Kommunen ab 2014 mit dem Fiskalpakt zusätzlich gezwungen werden sollen, noch drastischere Sparmaßnahmen durchzuführen, verschärft die Problematik.

Die politischen Entscheidungen sind die Ursache dafür, dass auch in Recklinghausen das Haushaltsdefizit in Richtung „Pleite“ wächst und damit die kommunale Handlungsfähigkeit mehr und mehr demontiert wird. Auch die Teilnahme am Stärkungspakt NRW wird an dieser Misere auf Dauer nichts ändern, es ist nur ein hilfloses Kurieren von Symptomen.

Deshalb hält attac Recklinghausen den von Ihnen eingeschlagenen Weg für falsch, denn er behebt nicht die Ursachen der Finanznot.

Sie nehmen das Spardiktat widerstandslos hin und fügen mit den geplanten Mittel-Streichungen und zusätzlichen Gebühreneinnahmen unserer Stadt und den hier lebenden Menschen dauerhaften Schaden zu.

Wie wäre es, wenn die politisch Verantwortlichen in den überschuldeten Kommunen sich gemeinsam, überparteilich und solidarisch dem unsinnigen Spardiktat verweigern würden und sich stattdessen für einen Politikwechsel einsetzen?

Stattdessen teilen Sie den BürgerInnen mit, dass es „das gemeinsame Ziel von Rat, Verwaltung und Bürgerschaft sein sollte, dass Entscheidungen für Recklinghäuser Bürger auch von Recklinghäuser Bürgern getroffen werden“. Gleichzeitig bitten Sie die BürgerInnen herzlich: „Helfen Sie mit und machen Sie Vorschläge: Wo soll gespart werden? Wo soll investiert werden? Wie können mehr Einnahmen erzielt werden?“

(Quelle: www.recklinghausen.de/Spar_Einnahmevorschlag.asp?db=503&form=list)

Obwohl Sie den BürgerInnen ein transparentes Verfahren und aktive Beteiligung versprechen, halten Sie dieses Versprechen in der Praxis aber nicht ein. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit erarbeitet eine interfraktionelle „Finanzkommission“ Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen.

Die Anhörung der BürgerInnen-Meinungen im Internetforum ist ein pseudodemokratischer Nebenschauplatz und genauso belanglos wie Medienberichte darüber, ob der Bürgermeister mit dem Fahrrad oder dem Auto zum Dienst fährt. Damit wird vorgetäuscht, die Bürgerschaft könne Einfluss auf die Entscheidungen nehmen. Tatsache ist jedoch, dass die Öffentlichkeit in Ausschuss- und Ratssitzungen an den Diskussionen und Abstimmungen nicht teilnehmen darf. Angesichts des Umfangs der beabsichtigten Reduzierung der Lebensqualität in Recklinghausen durch vielfältige Mittel-Streichungen und Gebührenerhöhungen ist die durchgeführte Beteiligung der BürgerInnen nicht ausreichend. Sie erscheint auch nicht ernsthaft vorgesehen gewesen zu sein und macht deshalb das Entscheidungsinstitut „Finanzkommission“ zum Papiertiger.

Insgesamt folgen die Mittel-Streichungen und Gebührenerhöhungen Kriterien, die den BürgerInnen nicht verständlich werden.

Attac Recklinghausen bittet Sie, uns baldmöglichst eine öffentliche Stellungnahme zu diesen Ausführungen und folgenden Fragen zukommen zu lassen:

>Wie begründen Sie den Widerspruch, auf der einen Seite die BürgerInnen zu bitten, sich an der „Krisenbewältigung“ zu beteiligen und andererseits diese BürgerInnen von den grundlegenden Entscheidungen um eine Haushaltskonsolidierung auszuschließen?

>Welche Handlungsalternativen zu den Mittelstreichungen und Gebührenerhöhungen wurden in den zuständigen Gremien diskutiert?

>Was ist das Ziel der Mittel-Streichungen und Gebührenerhöhungen? Wohin soll dieser Weg in den nächsten Jahren führen?

>Welche Mittel-Streichungen und welche Gebührenerhöhungen sind warum geeignet, das Konsolidierungsziel zu erreichen, welche werden ausgeschlossen?

>Welche Folgen (z.B. Lebensqualität, Stadtentwicklung) der geplanten Mittel-Streichungen und Gebührenerhöhungen werden prognostiziert und wie soll seitens der Verwaltung mit ihnen umgegangen werden?

>Welche Folgen sind zu erwarten oder treten ein, wenn die durchgeführten Mittel-Streichungen und Gebührenerhöhungen nicht zum Ziel führen und/oder die bilanzielle Überschuldung a )absehbar ist und/oder b) eintritt?

>Welche Vorschläge an Mittel-Streichungen und Gebührenerhöhungen werden derzeit für die HFA- und die Ratssitzung im September vorbereitet? Womit haben die BürgerInnen zu rechnen?

Auch, weil die Öffentlichkeit in der HFA- und/oder Ratssitzung im September 2012 nicht mit Vorgaben der Finanzkommission vor vollendete Tatsachen gestellt sollte bitten wir Sie, vor der Sitzung des HFA eine öffentliche Veranstaltung zu organisieren und durchzuführen, in der Sie und Kämmerer Herr Tesche die Absichten und Meinungen dazu vorstellen und sich den Anregungen, Fragen und der Kritik der BürgerInnen stellen.

Mit freundlichem Gruß attac-Regionalgruppe Recklinghausen recklinghausen@attac.de i.A. Klaus Pedoth