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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Dr. Guenther Wachsmuth

DIE REINKARNATION DES MENSCHEN

als Phänomen der Metamorphose

Bereits erschienen:

I. Band: Die ätherischen Bildekräfte in Kosmos, Erde und Mensch II. Band. Die ätherische Welt in Wissenschaft, Kunst und Religion

1935

Herausgegeben von der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum Dornach (Schweiz)

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Dieses E-BOOK ist nur zum nichtkommerziellen Gebrauch bestimmt!

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Rudolf Steiner:

„Mensch, Du bist das zusammengezogene Bild der Welt, Welt, Du bist das in Weiten ergossene Wesen des Menschen“.

Vorwort

Der Mensch hat den Wunsch und die Aufgabe, nicht nur die Natur um sich und in sich zu erkennen, sondern er will auch eine wissenschaftlich exakte Antwort auf die Frage haben, wie die Gesetze des menschlichen Lebenslaufes und Schicksals in die Totalität der Naturbetrachtung eingegliedert und aus ihr zu verstehen sind. Er will nicht nur die äußere Dynamik der Dinge mathematisch-mechanisch erfassen können, sondern sein reales Erlebnis der inneren Dynamik des Geistigen im Physischen vollbewußt in sein gesamtes Weltbild hineinstellen können. Er verlangt auch geistig-seelische Beobachtungs-Resultate auf naturwissenschaftlicher Grundlage. Neuland der Erkenntnis wird immer zuerst durch einzelne Pioniere betreten. Diese müssen den Weg finden und aufzeigen, auf dem die, Anderen nachfolgen, das Erforschte in das Weltbild des Menschen eingliedern und dadurch ihren Erkenntnisbereich erweitern können. Methodik und Beobachtungs-Resultat wurden von Dr. Rudolf Steiner in seinen Werken niedergelegt. Die Forschungs-Methode ist in seinen grundlegenden geisteswissenschaftlichen Büchern eindeutig angegeben. Sie muß im Folgenden als bekannt vorausgesetzt werden. Die Beobachtungs-Resultate sind teils in Büchern und Vortrags-Zyklen angegeben, teils in den unzähligen Einzelvorträgen Rudolf Steiners durch viele spezielle, später erforschte Angaben ergänzt. Der Verfasser hat den Versuch gemacht, sich einen möglichst weitgehenden, wenn auch natürlich noch sehr unvollkommenen Überblick zu verschaffen über die ungeheure Vielheit der Angaben Rudolf Steiners, die sich besonders auf die Phänomene der Reinkarnation beziehen. Es ergab sich dies dadurch, daß Rudolf Steiner dem Verfasser die Aufgabe stellte, die durch die Arbeiten über die „Bildekräfte“ in bezug auf die äußere und innere Dynamik von Kosmos, Erde und Mensch gewonnenen Erkenntnismöglichkeiten auf weitere Gebiete auszudehnen, zu denen natürlich vor allem auch die geistig-seelischen und leiblichen

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Metamorphosen des Menschenwesens gehören. Die ganze nachfolgende Betrachtung der Reinkarnations-Phänomene ist daher in erster Linie hinorientiert auf die Gesetzmäßigkeiten, die in der Metamorphose der Bildekräfte-Organisation walten. Rudolf Steiner unterscheidet in einem seiner Vorträge über die Phänomene der Reinkarnation einen mehr „seelischen“ und einen mehr „kosmographischen“ Aspekt dieser Vorgänge. Er weist darauf hin, daß er in seinen ersten geisteswissenschaftlichen Büchern den „seelischen“ Aspekt der Reinkarnation systematisch dargestellt habe, während er den „kosmographischen“ Aspekt dann Schritt für Schritt in seiner jahrzehntelangen Vortragstätigkeit ausgebaut und durch unzählige neue Forschungs-Resultate immer wieder ergänzt hat. Im Folgenden ist nun der Versuch gemacht, die in den vielen Tausenden von Vorträgen, welche Rudolf Steiner in seinem unermüdlichen, opfervollen Leben gehalten hat, oft auch in anderen Zusammenhängen enthaltenen Hinweise auf einzelne Reinkarnations-Phänomene zum Studium dieser fundamentalen Rhythmik des menschlichen Lebens zusammenzutragen. Da der Verfasser den Auftrag hatte, insbesondere vom Gesichtspunkt der inneren Dynamik, der „Bildekräfte“ in Kosmos, Erde und Mensch an den Ausbau dieses Weltbildes heranzugehen, so ist im Folgenden vor allem der „kosmographische“ Aspekt dieser Phänomene besonders behandelt worden, obwohl natürlich bei der Einheit von Leib, Seele und Geist des Menschen auch die übrigen Aspekte entsprechend berücksichtigt wurden. Schließlich sind auch einige Angaben Rudolf Steiners, die sich aus persönlichen Gesprächen über diese Probleme ergaben, in die Betrachtung eingefügt worden. Aus der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners ergibt sich die Belebung und Vergeistigung einer im vergangenen Jahrhundert sehr ins materialistische Denken entarteten Anthropologie, die sich durch Erforschung der Bildekräfte nun zu einer „dynamischen Anthropologie“ ausbauen läßt. Rudolf Steiner sagt: „Das Leben geht nicht mathematisch und mechanisch vor sich, sondern dynamisch“. Er suchte „die Anthropologie so zu vertiefen, daß der menschliche Organismus in seiner Differenziertheit erscheint“. Die exakte Beobachtung der inneren Dynamik der Bildekräfte gibt wiederum die Brücke zur Eingliederung der geistig-seelischen Funktionen des Menschenwesens in die Naturforschung, d. h. zu einer „Anthroposophie“.

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(2) Die Beschäftigung mit diesen Fragen erfordert nicht nur eine Anwendung des von Goethe und den Goetheanisten als elementare wissenschaftliche Grundlage gegebenen Metamorphosen-Prinzips in der Naturforschung, sondern vor allem auch eine „Bewußtseins-Metamorphose“ – bei jedem Menschen, der sich denkerisch mit diesen Phänomenen befaßt. Rudolf Steiner betonte immer wieder: „Die Erkenntniskräfte für das Mechanische sind durch sich selbst wach; diejenigen für die höheren Wirklichkeitsformen müssen geweckt werden.“ Die Methodik einer exakten Bewußtseins-Metamorphose zur Erkenntnis des Geistigen in der Natur wurde von ihm systematisch in seinen philosophischen Werken dargestellt. Während sonst in unserer Zeit zwischen den Theorien über das geistig-seelische Wesen des Menschen und denen der Naturwissenschaft meist ein unüberbrückbarer Abgrund sich auftut, ist es Rudolf Steiner gelangen, zu zeigen, wie eine reine Phänomenologie der geistig-seelischen Tatsachen und eine hypothesenfreie exakte Phänomenologie der Naturforschung sich gegenseitig bestätigen und zu einem einheitlichen Weltbild ergänzen.

Der im Folgenden gemachte Versuch eines Überblicks über den kosmographischen Aspekt der inneren Dynamik des Menschen, seiner Lebens- und Schicksalsrhythmen im Weltganzen, macht wie gesagt selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es soll kein Kompendium sein, sondern der Versuch einer Studienhilfe für diejenigen, welche sich eingehender mit diesen Problemen befassen wollen. Jede Gefahr des Schematisierens muß der Leser aus der Kraft seines eigenen inneren Sinns für die Wirklichkeit heraus überwinden. Es genügt nicht, von der Reinkarnation zu wissen, man muß sie leben. Aber die Erkenntnis der geisteswissenschaftlichen Tatsachen ist die elementare Grundlage dafür, daß wir nicht Sklaven unbegreiflicher geistiger Gesetzmäßigkeiten und Rhythmen sind, sondern sie bewußt in unserem Lebensduktus auffinden und dort eingliedern. Unsere Zeit braucht dies mehr denn je, um im Chaos der individuellen und sozialen Probleme wiederum zu einem exakten und umfassenden Weltbild und zu objektiver Lebensgestaltung zu kommen. Ein sehr bekannter Physiker unserer Zeit, Sir James Jeans von der Universität Cambridge charakterisiert die heutige wissenschaftliche Situation wie folgt: „Vor dreißig Jahren dachten wir, oder nahmen wir an,

daß wir auf eine letzte Wirklichkeit mechanischer Art lossteuerten

Heute

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ist man sich ziemlich einig darüber, und auf der physikalischen Seite der Wissenschaft fast ganz einig, daß der Wissensstrom auf eine nicht-mechanische Wirklichkeit zufließt; das Weltall sieht allmählich mehr wie ein großer Gedanke als wie eine große Maschine aus. (3) Der Geist erscheint im Reich der Materie nicht mehr als ein zufälliger Eindringling; wir beginnen zu ahnen, daß wir ihn eher als den Schöpfer und Beherrscher des Reiches der Materie begrüßen sollten – natürlich nicht unseren individuellen Geist, sondern den Geist, in dem die Atome, aus denen unser individueller Geist entstanden ist, als Gedanken existieren. – Das, neue Wissen zwingt uns, unsere flüchtigen ersten Eindrücke, daß wir in ein Weltall gestolpert waren, das sich entweder um Leben nicht kümmerte oder dem Leben direkt feindlich war, zu revidieren. Der alte Dualismus von Geist und Materie, der für die angenommene Feindseligkeit hauptsächlich verantwortlich war, scheint zu verschwinden, nicht dadurch, daß die Materie irgendwie schattenhafter oder unkörperlicher wird als bisher, oder daß der Geist zu einer Funktion der Tätigkeit der Materie wird, sondern dadurch, daß körperliche Materie zu einer Schöpfung und Offenbarung des Geistes wird.“ Es gibt aber auch heute noch einen großen Kreis von Wissenschaftlern, die nicht so tapfer und ehrlich, wie dieser Physiker, den jetzigen Wendepunkt wissenschaftlicher Erkenntnis auszusprechen wagen, sondern ängstlich am überholten und als unzulänglich erwiesenen Weltbild des 19. Jahrhunderts festhalten möchten. Anthroposophie führt die wissenschaftliche Forschung zu der Erkenntnis, von der Sir James Jeans als Forderung spricht, daß der Geist „der Schöpfer und Beherrscher des Reiches der Materie“ ist, sie zeigt aber auch, welche Aufgabe dem individuellen Geist des Menschen in der Geistigkeit des Weltalls zukommt. Wer nun zum Beispiel auf zahlreichen Vortragsreisen in den verschiedensten Ländern und Kontinenten mit vielen Menschen unserer Zeit in Berührung gekommen ist, weiß, daß es in den weitesten Kreisen der Menschen, die sich wissenschaftlich oder aus aktiver Lebenserfahrung mit diesen Fragen befassen, in allen Generationen Unzählige gibt, denen die Tatsache der Reinkarnation des Menschen zur inneren Gewißheit wurde, aber eben noch der erkenntnismäßigen Klärung und Bestätigung eines intensiven inneren Erlebnisses bedarf. (4) Das Folgende bezweckt also auch nicht, denjenigen zu dienen, die in diesen Fragen nur eine seelische Erbauung oder Gefühlsbefriedigung suchen, sondern denjenigen, die sich mit derartigen Problemen in Form sachlichen Erkenntnis-Suchens befassen

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wollen. Für solche Menschen, die sich nicht durch gefühlsgebundene Doktrinen und auch nicht durch materialistische und höchst einseitige Theorien den Weg zur Erkenntnis realer Erlebnis-Inhalte verbauen lassen, sondern gerade das real innerlich Erlebte verstehen und in ein exaktes totales Weltbild eingliedern wollen, ist die folgende Darstellung als Arbeitsmaterial gedacht. Selbstverständlich soll dies in keiner Weise das Studium der Werke Rudolf Steiners etwa ersetzen können, sondern im Gegenteil nur dazu anregen und auf die unerschöpfliche Fülle der bereits vorhandenen Forschungsresultate Rudolf Steiners hinweisen. Der Verfasser hat sich ernstlich bemüht, zwei Abarten der Benutzung von durch Rudolf Steiner gegebenen Forschungsresultaten zu vermeiden. Letztere werden heute oft zwar inhaltlich wiedergegeben, aber derart, daß die Quelle sehr undeutlich in die Erscheinung tritt, oder aber so, daß aus der Behandlung des Stoffes nicht klar hervorgeht, inwieweit und wo es sich um Anschauungen Rudolf Steiners oder solche des Interpreten handelt. Es muß aber gerade in diesen Fragen mit größtmöglicher Klarheit ersichtlich sein, welche Formulierung Rudolf Steiner selbst den wesentlichen Inhalten bestimmter Forschungs-Ergebnisse gegeben hat. Der Verfasser hat deshalb im Folgenden, mit gütiger Erlaubnis von Frau Marie Steiner, die wesentlichen Punkte der Darstellung durch Zitate der Wortlaute Rudolf Steiners angegeben. Der Gesichtspunkt der Behandlung der betreffenden Fragen vom Aspekte der Metamorphose der Bildekräfte-Organisation wurde dem Verfasser, wie gesagt, von Rudolf Steiner gegeben, die Inhalte der Forschungsergebnisse sind jedoch unter diesem Aspekt durchweg dem Werke Rudolf Steiners zu verdanken. Ist in dem folgenden Buch etwas falsch oder mangelhaft gesagt, so ist 'dies Schuld des Verfassers, nicht der Anthroposophie selbst. Aber da Rudolf Steiner seine Schüler selbst zu solchen Arbeiten aufforderte und anregte, darf dieser Versuch vielleicht doch gewagt werden. Der Verfasser ist auch gern bereit, denen, welche das Studium der umfangreichen Unterlagen vornehmen wollen, durch nähere Hinweise und Quellenangaben nach Möglichkeit behilflich zu sein. Hier sei vor allem Frau Marie Steiner in herzlicher Verehrung gedankt, daß sie in unermüdlicher Arbeit das gewaltige Lebenswerk Rudolf Steiners Jahr für Jahr durch Herausgabe und Einleitung in immer umfassenderem Maße zugänglich gemacht hat. Auch Herrn Albert Steffen, der gemeinsam mit Frau Marie Steiner, uns immer wieder auf die Reinerhaltung und das

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Wesentliche in Rudolf Steiners Werk hingewiesen hat, sei hier in herzlicher Verehrung gedankt.

Für einzelne wertvolle Hinweise bin ich besonders Herrn Dr. Hermann Poppelbaum, für archivarische Hilfe Frau Dr. F. Fuchs und Dr. H. Beyer-Liebig, für die zeichnerische Anfertigung der Abbildungen Herrn Dr. Carl Bessenich herzlich dankbar. (5)

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a) Zur Geschichte der Reinkarnations-Idee.

Es besteht heute seltsamerweise noch vielfach die Vorstellung, als ob die Reinkarnations-Idee nur zum Gedanken- und Lehrgut früherer Zeiten und vor allem des Orients gehört hätte, dagegen in der Geschichte des abendländischen Denkens keine Bedeutung habe. Diese Vorstellung beruht nur auf einer Unkenntnis der Tatsachen. Es ist deshalb äußerst wertvoll, daß Curt Englert-Faye in der Zeitschrift „Die Menschenschule“ („Die Menschenschule“, Jahrgang 5, Heft 10) und in seinem Buche: „Ewige Individualität“ (Verlag Zbinden & Hügin, Basel, 1934.) durch eine Fülle genauer Textangaben gezeigt hat, welchen starken Gehalt die Reinkarnation gerade im Denken und Leben vieler bedeutendster Persönlichkeiten der neueren Zeit gehabt hat. Es zeigt sich da, daß viele geistig führenden Menschen unserer Epoche von der Überzeugungskraft dieser Idee, ja oft von der Gewißheit der Wiedergeburt des Menschen durchdrungen waren. Hier sei auch auf die ausgezeichnete Schrift von Lic. E. Bock „Wiederholte Erdenleben“ (Die Wiederverkörperungs-Idee in der deutschen Geistesgeschichte) (Stuttgart, 1932) verwiesen, wo ebenfalls mit einer großen Anzahl von Zitaten aus den Werken berühmter Zeitgenossen diese Tatsache belegt wird. Die Lektüre solcher Werke ist deshalb äußerst aufschlußreich. Gerade bedeutende Denker der nahen Vergangenheit und der Jetztzeit haben also auch in der westlichen Welt die Idee der wiederholten Erdenleben vielfach vertreten. Daß sie trotzdem noch nicht zum Allgemeingut des menschlichen Denkens unserer Zeit gehört, ist aus folgenden Gesichtspunkten erklärlich:

Viele Vertreter einer starren Dogmatik glaubten aus Unkenntnis des gesamten Umfanges des christlichen Gedankengutes diese Idee als nicht dem Dogma entsprechend ablehnen zu müssen. Die wissenschaftliche Welt glaubte ihrerseits, jede Beschäftigung mit diesen Tatsachen als außerhalb ihres Arbeitsbereiches liegend vernachlässigen zu können, weil man , wie der Physiker Sir James Jeans sagt, bisher meinte, daß der Geist nur „eine Funktion der Tätigkeit der Materie“ sei, eine überlebte Vorstellung des 19. Jahrhunderts, die aber verhinderte, die exakte Forschung über den Bereich des nur Sinnlich-Sichtbaren auszudehnen, aus dem man alles erklären zu können vermeinte.

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(6) Diese Entwickelung des menschlichen Denkens während einer bestimmten Epoche wurde wiederum unterstützt durch ein entwicklungsgeschichtliches Phänomen, daß nämlich der Mensch die Eroberung der physisch-sinnlichen Welt nur so intensiv und konzentriert durchführen konnte, indem er sich einseitig auf die Beobachtung des Sinnlich-Physischen spezialisierte und für die Dauer einer bestimmten Geschichts-Epoche, eben des letzten Jahrhunderts, von der Betrachtung des Geistigen in der Natur isolierte. Vorsichtige Vertreter der Glaubenslehren haben hie und da zwar darauf hingewiesen, daß die Lehre von der Wiedergeburt, der Metempsychose, dem menschlichen Denken zumindest nicht widerspreche. So sagt Kardinal Mercier in seinem Werk „Psychologie“: „Unter der Bezeichnung Wiedermenschwerdung (Reinkarnation), Metempsychose oder Seelenwanderung, kann man sehr verschiedene Dinge verstehen: entweder eine Reihe von Wiederholungen des Daseins unter der zweifachen Bedingung, daß die Seele das Bewußtsein ihrer Persönlichkeit bewahrt, und daß es ein Endglied in der Reihe der Wanderungen gebe; oder eine Reihe von Wiederholungen des Daseins ohne Endglied, jedoch mit dem

Vorbehalt, daß die Seele das Bewußtsein ihrer Persönlichkeit bewahre; oder endlich eine unbegrenzte Reihe von Daseinswiederholungen mit dem

„Was die erste

Annahme betrifft, so sehen wir nicht, daß die Vernunft, sich selbst überlassen, sie unmöglich oder mit Sicherheit als falsch erklärte.“ Unter den Persönlichkeiten, die sich, ausgerüstet mit den Gesichtspunkten der protestantischen Theologie mit diesen Fragen in positiver Weise auseinandergesetzt haben, sei auf das Buch von Dr. Fr. Rittelmeyer „Wiederverkörperung“ (Stuttgart 1931) verwiesen. Der Verfasser des Folgenden hat, sowohl in Europa wie in Amerika, also gerade in der westlichen Welt, bedeutende Theologen kennengelernt, welche die Eingliederung der Reinkarnations-Idee in das christliche Weltbild nicht nur für möglich, sondern für notwendig ansehen. Vorsichtige Vertreter der Wissenschaft des vergangenen Jahrhunderts haben sich damit begnügt, gegenüber dem Auftreten solcher Ideen bei bedeutenden Denkern sich einer Urteilsbildung zu entziehen durch die Behauptung, daß dies nicht zu ihrem Arbeitsbereich gehöre. Erst das Versagen dieser einseitigen und engbegrenzten Betrachtungsweise bei der Erforschung der Lebenserscheinungen hat hier manche willkürlichen

Verlust des Bewußtseins von der persönlichen Identität“

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Grenzpfähle gelockert. So gibt es auch heute schon eine Reihe von wissenschaftlichen Persönlichkeiten, welche sich mit dieser Frage befassen, bzw. sie bejahen. Die Allgemeinheit hält sich aber gern an dasjenige, was von der Mehrheit der Dogmatiker oder der Mehrheit der Wissenschaft jeweils als approbierte Erkenntnis geboten wird. (7) Warum ist es aber nun die Aufgabe des 20. Jahrhunderts, in diesen Fragen einen Gesichtspunkt einzunehmen, der über die Erkenntnisgrenzen des 19. Jahrhunderts weit hinausreicht? Für unsere heutige Erkenntnis kann jedenfalls weder diejenige Form, in welcher die Reinkarnations-Idee in vergangenen Epochen im Orient vertreten wurde, noch auch deren Ausschließung durch die Erkenntnisgrenzen des vergangenen Jahrhunderts im Okzident maßgeblich sein. Aber eine geschichtliche Betrachtung beider Phänomene kann uns ermöglichen, nach beiden Seiten objektive Distanz und eine neue Erkenntnisbasis für unsere zukünftigen Aufgaben zu finden. Orient und Okzident mußten in der Vergangenheit an diese Probleme schon aus ihrer ganzen inneren Geistes-Struktur in völlig verschiedener Weise herantreten. Rudolf Steiner hat einmal die Entwickelung des geschichtlichen Denkens selbst durch folgende Etappen charakterisiert:

Der Mensch erlebte seine Vergangenheit bei den frühen Völkern als „Himmels-Geschichte“, in späteren Epochen als „mythische Geschichte“, in den letzten Jahrhunderten als „Erd-Geschichte“.

Der Mensch der frühesten Kulturepochen im Orient empfand sich als ein aus geistigen Welten, aus Himmelsbereichen, auf die Erde herabgestürztes, verbanntes Geschöpf. Die Dominante seines Denkens war deshalb die Selbst-Erlösung, die Negierung der irdischen Welt, die er als ein Bereich der Verbannung, der Strafe betrachtete. Ihm fehlte ein Entwickelungsgedanke, der das Leben auf Erden als sinngemäß, ja als Steigerung der menschlichen Entwickelungsmöglichkeiten erfassen kann. Der Mensch jener Zeit ist dem Geistigen zwar noch näher, deshalb ist ihm das Bewußtsein von der Tatsache der Wiedergeburt noch ein selbstverständlicher Teil seines

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Wesens, aber er vermag nicht mehr, oder noch nicht, den Sinn dieses Geschehens zu fassen. Deshalb ist seine geistige Tätigkeit ganz auf die Selbst-Erlösung, auf die Beendung der vermeintlichen Strafe der Wiedergeburt, auf die dauernde Rückkehr in die geistigen Welten gerichtet. Er will nicht die Erfahrungen der Erdenleben als Steigerung seiner individuellen Entwickelung in geistige Bereiche zurücktragen, sondern unbelastet davon in den Schoß der Geistigkeit wieder eintauchen. Das Fehlen des Entwickelungsgedankens hängt in jenen Zeiten zusammen mit dem damals noch nicht ausgebildeten Bewußtsein vorn Wesen des menschlichen „Ich“, der Individualität.

Abirrungen im Verstehen der

Reinkarnations-Phänomene zur Folge: Die falsche Vorstellung von der ewigen Wiederkehr des Gleichen, und die ebenso falsche Vorstellung von der Möglichkeit des tieferen Sturzes ins Tierreich, als einer Strafe für den Ausgestoßenen, der den Weg der Selbst-Erlösung verloren hat.

Erst wenn der Entwickelungsgedanke und der Wille zur Ausbildung und Steigerung des menschlichen Ich auf Erden sich mit dem Wissen von der Wiederverkörperung vereinigt, erfaßt der Mensch deren Sinn. Beides fehlte noch in jenen Zeiten. Nur das „Ich“, die Individualität, geht aber durch die wiederholte Verkörperung in der menschlichen Leibes-Organisation hindurch. Das Tier hat keine Individualität, kein Ich, keine ständige Selbsterziehung, keine selbstgeführte Entwickelung. Die Idee von der ewigen Wiederkehr des Gleichen, von der Wiedergeburt auch im Tierreich, verbindet sich also nur deshalb irrtümlicherweise in der Vorstellungswelt des frühen Menschen mit dem realen Erlebnis der Wiedergeburt, weil ihm Ich-Bewußtsein und Entwickelungslehre noch fremd sind. Unsere Zeit hat jedoch in dieser Richtung die notwendigen Erkenntnisschritte vollziehen können. Deshalb können wir heute mit dem Reinkarnations-Gedanken einen tieferen Sinn verbinden. Der Übergang von der „Himmelsgeschichte“, aus der Anschauung vom Sturz des gestraften Menschen in die Erdenwelt und seiner Loslösung von dieser, zum mythischen Denken in Orient und Okzident, baut schon teilweise auf der Anschauung von der Bedeutung der Individualität auf. Der mythische Führer und Held hat nicht nur die Aufgabe der Selbst-Erlösung, sondern auch diejenige, die andere Menschheit durch ihre Erdenaufgaben planvoll hindurch zu führen und mit der geistigen Welt wiederum in Einklang zu bringen. Die Gottmenschen und Helden der Mythologie, auch

(8)

Dies

hat

zwei

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die Priester-Könige Indiens, Persiens, Ägyptens, Griechenlands und die Führer-Gestalten der Mythen Europas, des Okzidents, verknüpfen den Sinn der oberen und unteren Welt. Baldur, der früher noch in die geistige Welt hineinschaute, aber durch Verlust seiner Hellsichtigkeit gleichsam erblindete wird in das Bereich der Hel, der unteren Welt, gestürzt; aber die gleiche Mythologie spricht von den Helden- und Führergestalten, welche den Erdenbereich erobern, und doch dem Menschen dereinst den Weg zurück in die göttlichen Welten zu weisen vermögen. (9) So dachte der Orient einst noch statisch im Sinne von oben und unten, gleichsam ungeschichtlich, er fühlte sich als passives Objekt einer im Wesentlichen unabänderlichen Weltordnung, nicht wie die spätere Zeit dynamisch, geschichtlich, im Hinblick auf eine „Götterdämmerung“ und aktive Menschheitsentwickelung, deren tieferer Sinn gerade im Durchgang durch Epochen des Verlustes der geistigen Wahrnehmung, der Hellsichtigkeit, und der Isolierung vom Kosmos zwecks Eroberung der Erdenwelt liegt. Der Orient beachtete das zwangsläufige Verhältnis von Ursache und Wirkung, Schuld und Schicksal, Sturz und Strafe, er versteht Zyklen, Kreise ewiger Wiederkehr, nicht die Spirale geistiger Selbstentwickelung durch Läuterung und Bemeisterung auch der irdischen Welt. Dem Orient fehlte noch unser „Zeit“-Begriff, in dem alles verbunden und doch in seiner Art einmalig ist, weil die Wiederholung schon Metamorphose und Steigerung mit sich bringt. Deshalb sind die beiden Gedanken, auf die Goethe so fundamentalen Wert in der Naturforschung legte, Metamorphose und Steigerung, von so elementarer Bedeutung für ein Verstehen des inneren Sinnes der Wiederverkörperung. Goethe war überzeugt von der Realität der Wiedergeburt (siehe oben angegebene Literatur und nachfolgend S. 58), aber er gab auch die ersten Gedankenfundamente, um die Ideen von Reinkarnation und Schicksal naturwissenschaftlich zu unterbauen. Rudolf Steiner wies immer wiederum hin gerade auf diese Gedanken Goethes, weil es mit solcher Naturforschung nunmehr möglich war, viele wesentliche Gesichtspunkte im Erkenntnisgebäude der Anthroposophie darauf zu beziehen und in das dem Denken des westlichen Menschen gemäße Verstehen der Reinkarnations-Phänome einzufügen. Die Erkenntnis von der Bedeutung des Ich, der Individualität, des sich selbst führenden und entwickelnden Menschenwesens, ist eng verknüpft mit der Entstehung des Christentums. Es ist unsinnig und widerspricht den

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Tatsachen, wenn behauptet wird, die Reinkarnations-Idee widerspreche dem Wesen des Christentums. Vielmehr erhält sie erst durch das Christus-Ereignis ihren tieferen Sinn, den entscheidenden Wendepunkt im „Weg“ der Entwickelung, im Bewußtsein vom „Ich-bin“. Rudolf Steiner hat öfters darauf hingewiesen, daß Christus selbst von seinem Zeitgenossen Johannes sagt, er sei Elias, also der gleichen Individualität ein Dasein in verschiedenen Jahrhunderten zuweist Dies sind gewiß keine Erkenntnisse im Sinn heutiger Naturforschung, diese sind anderwärts, wie wir sehen werden, gleichfalls zu erbringen, aber es zeigt doch, daß der Gedanke der Wiedergeburt des Menschen dem Christentum gewiß nicht widersprach. (10) Und in den Epochen des frühen – Christus-nahen – Christentums zu den Zeiten des Verfassers der Schriften des Dionysius Areopagita finden wir auch noch jene Weisheit, welche die Sphärenlehre der vorchristlichen Zeit mit der Hierare hienlehre des Christentums identifizieren kann (s. „Ätherische Welt“, Kap. XIV); erst später wurde, wie Rudolf Steiner zeigte, „jene noch in Athen ganz lebendige Lehre, welche die ätherische Astronomie mit dem Christentum vereinigen wollte“, vergessen und bei Seite geschoben.

Denn es folgt jene Epoche, während welcher der Mensch das Wissen vom geistigen Kosmos verlieren muß, um sich isoliert auf die Eroberung der rein physischen Welt zu konzentrieren. Doch immer halten einige große Geister die Kontinuität der Idee aufrecht im Mittelalter in den Werken der Mystik und einzelner Forscher; in den finstersten Jahrhunderten dann in Mitteleuropa Menschen wie Goethe, Novalis, Lessing, Herder, Zschokke, R. Wagner, C. F. Meyer u.a.; im östlichen Europa, z. B. in Polen, Männer wie Mickiewicz, Slowacky, Krasinsky u. a.; im Westen hilft der Gedanke mancher führenden Persönlichkeit, innere Erlebnisse zu verstehen, so wenn Emerson zum Beispiel beim Studium eines Werkes von Montaigne sagt: „Es war mir, als ob ich das Buch in irgendeinem früheren Leben selbst geschrieben hätte.“ Und wenn, um auch eine charakteristische Persönlichkeit des modernen praktischen Lebens zu zitieren, Henry Ford sagt: „Was einige für eine besondere Gabe oder ein Talent zu halten scheinen, das ist nach meiner Ansicht die Frucht langer, in vielen Leben erworbener Erfahrung. Dazu muß ich aber vorausschicken, daß ich glaube, daß wir wiedergeboren werden. Sie, und ich, wir alle werden viele Male wiedergeboren, leben viele Leben, und speichern reiche Erfahrung auf

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Die scheinbar intuitive Gabe ist in Wirklichkeit schwer erworbene

„Ich bin, wie Sie wissen, von dem Gedanken der

Die Zeit war nicht mehr mein Meister. Ich war

nicht mehr der Sklave meiner Uhr. Die Entdeckung der Reinkarnation verschaffte mir Frieden.“ – Auf die vielen starken Stimmen, die im Sinne des Wiedergeburtsgedankens sprechen und die bei C. Englert und E. Bock wiedergegeben sind, sei hier nochmals zum Tatsachen-Studium hingewiesen. Immer tiefer klafften innerer Erlebnisinhalt und naturwissenschaftliche Anschauung des 19. Jahrhunderts auseinander, bis gerade auf dem Umweg über die scheinbar physischste Wissenschaft, die Physik, der Naturforscher unserer Zeit zur alten und doch neuen Erkenntnis kommt, daß der Geist „als Schöpfer und Beherrscher des Reiches der Materie“ anzusehen sei. (11) Es ist weltgeschichtlich ganz zeitgemäß, wenn Rudolf Steiner gerade um die Jahrhundertwende seine ersten Vorträge über die Grundlagen seiner Geisteswissenschaft hielt, die er zum Erkenntnisweg und Weltbild der Anthroposophie ausbaute, wo nun das Reinkarnationsphänomen nicht nur zum Glaubens- oder Erlebnisinhalt, sondern auch zum Erkenntnisinhalt wird, der den Abgrund zwischen Menschenwesen und Naturforschung überbrückt. Es ist deshalb sinngemäß, einer geschichtlichen Betrachtung der Reinkarnationsidee einen kurzen Werdegang dieser Erkenntnis bei Rudolf Steiner hier einzufügen. Er hat uns in seinem Buch „Mein Lebensgang“ einen Einblick in das Werden seiner geistigen Erkenntnisse tun lassen. Schon in seiner Kindheit hatte Rudolf Steiner ein besonderes Interesse für philosophische und naturwissenschaftliche Fragen. In der Beschäftigung z. B. mit der Geometrie erlebt er die reine Geistigkeit des menschlichen Denkens. Aber schon vor seinem achten Lebensjahr unterschied er auf Grund realer hellsichtiger Erlebnisse zwischen Dingen und Wesenheiten der sichtbaren und der für das physische Auge unsichtbaren Welt, die er doch wahrnehmen konnte. Er sagt hierzu: „Denn die Wirklichkeit der geistigen Welt war mir so gewiß wie die der sinnlichen“ u. a. O.: „Eine Welt der geistigen Wesen gab es für mich. Daß das „Ich“, das selbst Geist ist, in einer Welt von Geistern lebt, war für mich unmittelbare Anschauung.“ Was nun Rudolf Steiner von allen anderen, mit so außergewöhnlichen Gaben ausgestatteten Persönlichkeiten unterscheidet, das ist, daß er von vornherein dahin strebte, das geistig

Wiedergeburt überzeugt

Erfahrung.“

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Wahrgenommene streng kritisch zu prüfen und auf Begriffe zu bringen, die dem gewöhnlichen Bewußtsein einleuchten können. Hierbei wird das Studium von Fichtes Wissenschaftslehre von großem Wert. „Wenn 'das Ich tätig ist und diese Tätigkeit selbst anschaut, so hat man ein Geistiges in aller Unmittelbarkeit im Bewußtsein, so sagte ich mir.“ Das menschliche Ich-Bewußtsein und dessen Tätigkeit ist also immer der beste Ausgangspunkt für ein Verständnis jeder geistigen Wesenhaftigkeit. Rudolf Steiner hat, dies muß besonders betont werden, im Gegensatz zu anderen mit geistigen Wahrnehmungswerkzeugen ausgestatteten Menschen, Zeit seines Lebens immer jede Methode der Herabdämpfung des menschlichen Bewußtseins, jede Art von Mediumismus, Spiritismus etc. auf das strengste abgelehnt. (12) Er verlangte von sich und anderen als ersten Schritt immer eine systematische Stärkung und Schulung des Bewußtseins, der wissenschaftlichen Beobachtungsgabe, der exakten Formulierung jeder neuen Erkenntnis. Diese unerbittliche methodische Strenge machte es für ihn in jener Zeit besonders schwierig, weil einerseits die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts noch nicht gewillt war, ihren Erkenntnisbereich systematisch auf solche Phänomene auszudehnen, andererseits für jene Kreise, welche in diesen Dingen nur schwelgerische Mystik trieben, die exakte wissenschaftliche Handhabung durch Rudolf Steiner zu unbequem war. In seinen Studien an der technischen Hochschule und den erkenntnistheoretischen Arbeiten, die in seiner Doktor-Dissertation an der Universität Rostock zum Ausdruck kamen, erwarb ,er sich eine umfassende Kenntnis der Naturwissenschaften unserer Zeit. Neben dieser Arbeit an Technik und Universität ging nun bei ihm in außergewöhnlicher Weise ein ständiges Erleben übersinnlicher Vorgänge. So berichtet er schon aus der Zeit der Jahres 1879: „Ich hielt mich damals für verpflichtet, durch die Philosophie die Wahrheit zu suchen. Ich sollte Mathematik und Naturwissenschaft studieren. Ich war überzeugt davon, daß ich dazu kein Verhältnis finden werde, wenn ich deren Ergebnisse nicht auf einen sicheren philosophischen Boden stellen könnte. Aber ich schaute doch eine geistige Welt als Wirklichkeit. Mit aller Anschaulichkeit offenbarte sich mir an jedem Menschen seine geistige Individualität. Diese hatte in der physischen Leiblichkeit und in dem Tun in der physischen Welt nur ihre Offenbarung. Sie vereinte sich mit dem, was als physischer Keim von den Eltern herrührte. Den gestorbenen Menschen verfolgte ich weiter auf seinem Wege in die geistige Welt hinein.“ – Immer suchte er unter den Zeitgenossen um

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ein Verständnis für diese Phänomene. So berichtet er u. a. von interessanten Gesprächen mit dem Cisterzienser Ordenspriester Prof. W. Neumann, wobei er auch auf die wiederholten Erdenleben des Menschen zu sprechen kam, aber auch bei diesem sonst so regsamen Denker zunächst nur auf ein Gefühl der Unbehaglichkeit stieß, sich an diese Probleme überhaupt heranzuwagen. Unbeirrt geht Rudolf Steiner seinen Weg der Vereinigung wissenschaftlicher Forschung und geistiger Wahrnehmung weiter, die er einmal so formulierte: „Eine geistige Schauung stellte sich mir vor die Seele hin, die nicht auf einem dunklen mystischen Gefühl beruhte. Sie verlief vielmehr in einer geistigen Betätigung, die an Durchsichtigkeit dem mathematischen Denken sich voll vergleichen ließ. Ich näherte mich der Seelenverfassung, in der ich glauben konnte, ich dürfe die Anschauung von der Geisteswelt, die ich in mir trug, auch vor dem Forum des naturwissenschaftlichen Denkens für gerechtfertigt halten.“

In jener Studienzeit bis zu seinem 28. Lebensjahr wird die Realität der Reinkarnation durch kontinuierliche, exakte Beobachtung ihm zu absoluter Gewißheit. (13) Wir möchten die lebendige Schilderung dieses Erkenntnisweges hier aus seinem Werk „Mein Lebensgang“ hervorheben):

„Ich hatte gerungen mit dem Rätsel der wiederholten Erdenleben des Menschen. Manche Anschauung in dieser Richtung war mir aufgegangen, wenn ich Menschen nahegetreten war, die in dem Habitus ihres Lebens, in dem Gepräge ihrer Persönlichkeit unschwer die Spuren eines Wesensinhaltes offenbaren, den man nicht in dem suchen darf, was sie

durch die Geburt ererbt und seit dieser erfahren haben

Anschauung gewinnt man nicht, wenn man über die zunächst sich aufdrängenden Äußerungen einer Persönlichkeit sinnt; man fühlt sie erregt durch die solche Äußerungen scheinbar begleitenden, in Wirklichkeit aber sie unbegrenzt vertiefenden, in die Intuition eintretenden Züge der Individualität. Man gewinnt sie auch nicht, wenn man sie sucht, während man mit der Persönlichkeit zusammen ist, sondern erst dann, wenn der starke Eindruck nachwirkt und wie eine belebte Erinnerung wird, in der das im äußeren Leben Wesentliche sich auslöscht und das sonst „Unwesentliche“ beginnt, eine deutliche Sprache zu reden, Wer Menschen „beobachtet“, um ihre vorangegangenen Erdenleben zu enträtseln, der kommt ganz gewiß nicht zum Ziele. Solche Beobachtung muß man wie eine Beleidigung empfinden, die man dem Beobachteten zufügt, dann erst kann

Eine solche

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man hoffen, daß wie durch eine von der geistigen Außenwelt kommende Schicksalsfügung sich das Langvergangene des Menschen in dem Gegenwärtigen enthüllt. – Gerade in der hier dargestellten Zeit meines Lebens errang ich mir die bestimmten Anschauungen über die wiederholten Erdenleben des Menschen. Vorher lagen sie mir zwar nicht ferne; aber sie rundeten sich nicht aus den unbestimmten Zügen heraus zu scharfen Eindrücken. Theorien aber über solche Dinge wie wiederholte Erdenleben bildete ich nicht in eigenen Gedanken aus; ich nahm sie zwar in das Verständnis aus der Literatur oder anderen Mitteilungen auf als etwas Einleuchtendes; aber ich theoretisierte selbst nicht darüber. Und nur, weil ich mir wirklicher Anschauung auf diesem Gebiete bewußt war, konnte ich das erwähnte Gespräch mit Prof. Neumann führen. Es ist ganz gewiß nicht zu tadeln, wenn sich Menschen von den wiederholten Erdenleben und andern nur auf übersinnlichem Wege zu erlangenden Einsichten überzeugen; denn eine vollgeltende Überzeugung auf diesem Gebiete ist auch dem unbefangenen gesunden Menschenverstande möglich, auch dann, wenn der Mensch es nicht zur Anschauung gebracht hat. Nur war der Weg des Theoretisierens auf diesem Gebiete nicht mein Weg.“ (14) Bei seinen Literatur-Studien kam er auch mit Schriften der theosophischen Bewegung in Berührung, zum Beispiel Sinnetts „Esoterischem Buddhismus“, die aber nur abstoßend auf ihn wirkten. Rudolf Steiner wollte ja etwas ganz anderes, er wollte reale geistige Anschauung mit naturwissenschaftlicher Denkens- und Forschensweise verbinden. Hierbei fand er nun wesentlichste Unterstützung durch sein eingehendes Studium der Organik, wie sie in Goethes Schriften lebte. Rudolf Steiner wurde ja durch Vermittlung von Prof. Schröer an das Weimarer Goethe-Archiv zur Herausgabe von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften berufen. „Was Goethe im einzelnen über dieses oder jenes Gebiet der Naturerkenntnis gedacht und erarbeitet hatte, schien mir von geringerer Bedeutung neben der zentralen Entdeckung, die ich ihm zuschreiben mußte. Diese sah ich darin, wie man über das Organische denken müsse, um

„Mir war während meines Weimarer

ihm erkennend beizukommen.“

Aufenthaltes die Frage immer entschiedener aufgetaucht: wie soll man auf den Erkenntnisgrundlagen, die Goethe gelegt hat, weiterbauen, um von seiner Anschauungsart aus denkend zu derjenigen hinüberzuleiten, die geistige Erfahrung, wie sie sich mir ergeben hatte, in sich aufnehmen

kann?“.

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Die Sphäre des menschlichen Denkens, das klare Erfassen der Realität der Ideen, bezeichnete Rudolf Steiner als wichtigstes Werkzeug für die Erfahrung geistiger Weltinhalte: „Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen. – Das Denken hat den Ideen gegenüber dieselbe Bedeutung wie das Auge dem Lichte, das Ohr dem Ton gegenüber. Es ist Organ der Auffassung.“ Die philosophische Fundierung seines Weltbildes gab er in seinem Werk „Die Philosophie der Freiheit“, der er das Motto gab: „Seelische Beobachtungs-Resultate nach naturwissenschaftlicher Methode.“ – Durch naturwissenschaftliche Studien wurde in den kommenden Jahren ständig die genaue Kenntnis der physischen Forschungsergebnisse unserer Zeit, gleichzeitig durch systematische geistige Schulung die Erforschung der geistigen Welt und der Reinkarnations-Phänomene vertieft. „Erlebt man zum Beispiel das Ich, des Menschen, als dessen ureigenste innere Wesenheit, so weiß man im anschauenden Erleben, daß dieses Ich vor dem Leben im physischen Leibe war und nach demselben sein wird. Was man so im ,Ich’ erlebt, offenbart dieses unmittelbar, wie die Rose ihre Röte im unmittelbaren Wahrnehmen offenbart. – (15) In einer solchen aus innerer geistiger Lebensnotwendigkeit geübten Meditation entwickelt sich immer mehr das Bewußtsein von einem „inneren geistigen Menschen“, der in völliger Loslösung von dem physischen Organismus im Geistigen leben, wahrnehmen und sich bewegen kann. Dieser in sich selbständige geistige Mensch trat in meine Erfahrung unter dem Einfluß der Meditation. Das Erleben des Geistigen erfuhr dadurch eine wesentliche Vertiefung.“ – Um die Jahrhundertwende setzte dann Rudolf Steiners Vortragstätigkeit ein, welche seine neuen Erkenntnisse innerhalb 25 Jahren einem so weiten Kreise für diese Forschungen interessierter Menschen zugänglich machte. Bei der Aufforderung seitens der Theosophischen Gesellschaft, auch in ihren Kreisen Vorträge zu halten, stellte Rudolf Steiner von vornherein die Bedingung, daß er auch dort seinen eigenen unabhängigen Weg im Sinne einer „Anthroposophie“ gehen könne. Als die Theosophische Gesellschaft dann in allerlei mystische Verschrobenheiten verfiel, die von seiner exakten wissenschaftlichen Auffassung weit entfernt lagen und vor allem auch mit seiner Auffassung von der zentralen Bedeutung des Christentums, des Christus-Ereignisses, in schroffem Widerspruch standen, löste er sich definitiv von jenen Kreisen los, begründete die „Anthroposophische Gesellschaft“ und später das „Goetheanum“, als freie Hochschule für

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Geisteswissenschaft in Dornach. In diesem Rahmen baute er dann seine Forschungsergebnisse, vor allem auch über die Reinkarnations-Phänomene, durch unzählige Schriften und Vorträge zu einem einheitlichen Weltbilde aus.

Welcher schwierigen, neuartigen Aufgabe sich Rudolf Steiner bei der Anwendung wissenschaftlicher Forschungsmethoden auf geistige Phänomene gegenübergestellt sah, spricht er im Folgenden aus: „Schwierig wird für den, der wissenschaftlich bleiben will, die Darstellung der wiederholten Erdenleben und des sich durch diese hindurch gestaltenden Schicksals. Will man da nicht bloß aus der Geistschau sprechen, so muß man auf Ideen eingehen, die sich zwar aus einer feinen Beobachtung der

Sinneswelt ergeben, die aber von den Menschen nicht gefaßt werden

stand mit vollem Bewußtsein diesen Schwierigkeiten gegenüber. Ich kämpfte mit ihnen, Und wer sich die Mühe nehmen wollte, nachzusehen, wie ich in aufeinanderfolgenden Auflagen meiner „Theosophie“ das Kapitel über die wiederholten Erdenleben immer wieder umgearbeitet habe, gerade um dessen Wahrheiten an die Ideen heranzuführen, die von der

Beobachtung in der Sinneswelt genommen sind, der wird finden, wie ich bemüht war, der anerkannten Wissenschaftsmethode gerecht zu werden.“

(16) In dem oben genannten Werke, dessen Lektüre beim Studium dieser Fragen unerläßlich ist, hat Rudolf Steiner, wie er später einmal sagte, vor allem den seelischen Aspekt der Reinkarnationsphänomene zusammengefaßt, in seiner späteren Vortragstätigkeit dann immer mehr und mehr auch den „kosmographischen“ Aspekt, d. h. deren Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen, aus unermüdlicher Beobachtung in unzähligen

einzelnen Forschungsergebnissen hinzugefügt. Er sagt hierzu:

Vorurteil, wenn man glaubt, daß derjenige, der in die geistige Welt hineinsieht, nun gleich über alles Auskunft geben könne. Und gerade so, wie hier in der physischen Welt nach und nach die Dinge erforscht werden, von Epoche zu Epoche, so ist das auch für das geistige Leben so, daß die Dinge nach und nach erforscht werden. Aber gerade die absolute Zusammenstimmung der einzelnen geistigen Tatsachen, wenn man sie so nach und nach erforscht, wie sie sich immer wieder und wiederum von neuem herausstellen, die kann auch demjenigen, der noch nicht in die geistige Welt hineinsieht, ein Beweis der Berechtigung desjenigen sein, was in ehrlichem Forschen errungen wird aus der geistigen Welt.“ U. a. O.: „Daß der konsequente Denker heute, wenn er nicht mit allem brechen will, was

Es ist ein

Ich

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die Gedankenformen der letzten Jahrhunderte gebracht haben, zuletzt bei der Anerkennung von Karma und Reinkarnation anlangen muß, – das ist etwas, was durchaus in den Tiefen des heutigen Geisteslebens wurzelt.“

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b) Über einige Hemmungen und Einwände

Gegen die Anerkennung der Reinkarnations-Tatsache wird oft geltend gemacht, daß ein großer Teil der Menschheit heutzutage davon nichts im Bewußtsein habe, sich nicht an vorgeburtliche Zustände oder ein Dasein in früheren Erdenleben „erinnern“ könne, daß sie also in „Bewußtsein“ und „Gedächtnis“ nicht auffindbar seien und deshalb wohl nicht existierten. Dieser Einwand, so naheliegend er scheinen mag, ist doch weder logisch noch wissenschaftlich exakt. Hier bedürfen Begriff und Umfang von „Bewußtsein“ und „Gedächtnis- erst genauerer Präzision. Gibt es nicht unendlich viele Prozesse in uns, deren wir uns überhaupt nicht bewußt sind, deren wir uns nicht erinnern, und die doch zu den realsten und wichtigsten Lebensfunktionen gehören? (17) Ja, gerade die wichtigsten vitalen Prozesse im komplizierten Organismus des Menschen sind erst in den letzten Jahrzehnten erforscht und in den Erkenntnisbereich des Menschen heraufgehoben worden und waren doch schon vorher ebenso real, aktiv und wirksam, ob bewußt oder unbewußt. Auch die Rolle des „Gedächtnisses“ hat sich in der wissenschaftlichen Forschung der letzten Zeit radikal geändert. Während das Gedächtnis in früheren Zeiten mehr der seelischen, psychologischen Sphäre zugeordnet schien, ist es plötzlich in den letzten Jahrzehnten zu einer der elementarsten vitalen Funktionen des Menschen gemacht worden, ja gerade die moderne Biologie unterscheidet zwischen bewußtem und unbewußtem Gedächtnis. Auf diese Wandlung der Begriffe über die Bedeutung des Gedächtnisses weisen schon eine große Zahl wichtiger Publikationen der letzten Epoche hin: so das Werk von Prof. Hering: „Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organischen Materie“ (Wien 1870), von Prof. Rignano: „Das Gedächtnis als Grundlage des Lebendigen“ (Wien, Leipzig 1931), von E. Bleuler in den „Naturwissenschaften“, (10. 2. 1933): „Die Mneme als Grundlage des Lebens und der Psyche“ u. a. m. Bleuler betont z. B. daß „Zufall und Auslese absolut unfähig sind, die Entwickelung der Arten zu erklären; letzteres glaube ich bewiesen zu haben, und viele andere geben es zu; nur fehlt ihnen eine brauchbare andere Erklärung. Diese kann der Mneinismus Andere Anschauungen haben versagt. Die Mneme ist eine Eigenschaft alles Lebendigen. Ohne Mneme kann es keine Zweckmäßigkeit Ohne Mneme ist eine zweckmäßige Artentwickelung unmöglich.“ Und doch muß er zugeben: „Man betrachtet die Instinkte als Ausfluß eines

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„Art-Gedächtnisses“, alles allerdings, ohne sich den Hergang der Übertragung auf die folgende Generation genauer vorzustellen.“ In dieser modernen Forschungsrichtung der Biologie werden gerade die wichtigsten Lebensfunktionen und Entwickelungsprozesse als „Gedächtnis“-Funktionen erklärt, obwohl diese größtenteils überhaupt nicht ins Bewußtsein der betreffenden Lebewesen gelangen. Man geht ja sogar so weit, die Tatsache, daß die folgende Generation stets die Merkmale, die Gestalt, die Entwickelungs-Gesetze, die Instinkte etc. der vorhergehenden übernimmt und wiederholt, als den Ausfluß eines „Art-Gedächtnisses“ zu erklären. Und doch wird niemand annehmen, daß zum Beispiel ein Pferde-Embryo sich „bewußt“ der Entwickelungsgesetze, Gestalt etc. der Pferde-Gattung im embryonalen Zustand „erinnern“ kann. Früher schrieb man diese Funktionen hypothetischen materiellen Faktoren zu, und als sich diese Erklärung als unhaltbar erwies, jetzt alles einem unterbewußten Gedächtnis-Akt. (18) Beides ist übertrieben und einseitig. Es wird ja auch zugegeben, daß man sich „den Hergang der Übertragung auf die folgende Generation“ nicht vorstellen könne. Auf die exakte Erklärung, welche Rudolf Steiner diesen Phänomenen auf Grund der Bildekräfte-Lehre zu geben vermag, kommen wir im folgenden Kapitel zurück. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß es nicht einmal den modernen wissenschaftlichen Vorstellungen entspricht, wenn wir als Gedächtnisvorgänge nur das gelten lassen wollten, was im Bewußtsein des Menschen erscheint, somit nur das als real anerkennen würden, was wir bewußt zu „erinnern“ vermögen. Es ist also zunächst hypothetisch durchaus möglich, daß vorgeburtliche Zustände und frühere Erdenleben unsere Lebensfunktionen entscheidend bestimmen, selbst wenn beim Durchschnittsmenschen davon nichts in Bewußtsein und Gedächtnis heraufgehoben wird. Hier muß die Methodik des von Rudolf Steiner exakt gegebenen Schulungsweges einsetzen, wodurch Bewußtseins- und Erinnerungskraft erst so gestärkt werden, daß sie ihren Erfahrungsbereich auch auf tiefere, bisher meist unterbewußte Gebiete des Menschen erweitern. In bezug auf diese Methodik sei hier auf die grundlegenden Werke Rudolf Steiners verwiesen. Als ihr Resultat ergeben sich jene Beobachtungsergebnisse, die in den folgenden Kapiteln wiedergegeben sind. Über die Abdämpfung des Bewußtseins durch die menschliche Leibesorganisation im Leben zwischen Geburt und Tod und über die Möglichkeit, durch Bewußtseinsstärkung und geistige Schulung diese durch das Leibliche bewirkte Abdämpfung des Geistes rückgängig zu

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machen, sagt Rudolf Steiner: „Das sind Übungen die ebenso streng vorgeschrieben sind in den entsprechenden Schulen, wie in den Laboratorien das Mikroskopieren usw.“ U. a. 0. in seinem Werk „Die Rätsel der Philosophie“: „Dieses andere Bewußtsein kann aber nur entdeckt werden durch die innere Seelenarbeit, die sich leibfrei macht. Diese lernt erkennen, daß die Seele Bewußtsein auch ohne die leibliche Vermittlung haben kann. Durch diese Arbeit findet die Seele in übersinnlicher Anschauung den Zustand, in dem sie sich befindet, wenn sie den Leib abgelegt hat. Und sie findet, daß während sie den Leib trägt, dieser selbst es ist, der jenes andere Bewußtsein verdunkelt. Mit der Einverleibung in den physischen Körper wirkt dieser so stark auf die Seele, daß sie das charakterisierte andere Bewußtsein im gewöhnlichen Leben nicht zur Entfaltung bringen kann. Das zeigt sich, wenn die angedeuteten Seelenübungen mit Erfolg gemacht werden. Die Seele muß dann bewußt die Kräfte unterdrücken, die, vom Leibe ausgehend, das leibfreie Bewußtsein auslöschen. Dieses Auslöschen kann nach der Auflösung des Leibes nicht mehr stattfinden. (19) Es ist also das geschilderte andere Bewußtsein dasjenige, das sich hindurch erhält durch die aufeinanderfolgenden Leben der Seele und durch die rein geistigen Leben zwischen Tod und Geburt. Und es wird von diesem Gesichtspunkte aus nicht von einer nebelhaften Seelensubstanz gesprochen, sondern mit einer den naturwissenschaftlichen Ideen ähnlichen Vorstellung gezeigt, wie die Seele deshalb fortbesteht, weil in einem Leben sich keimhaft das nächste vorbereitet, gleich dem Pflanzenkeim in der Pflanze. Es wird in dem gegenwärtigen Leben der Grund des künftigen gefunden. Es wird das Wahrhafte gezeigt, das sich fortsetzt, wenn der Tod den Leib auflöst. Man befindet sich mit der hier gemeinten Geisteswissenschaft nirgends im Widerspruch mit der neueren naturwissenschaftlichen Vorstellungsart.“

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Kapitel II.

Metamorphose und Steigerung.

a) Die Metamorphose der Bewußtseins- und vitalen Kräfte.

Das Phänomen von Geburt und Tod zeigt. für die heutige Erkenntnis eine scheinbare Diskontinuität nach beiden Seiten, und zwar die des Bewußtseins, und des vitalen Prozesses. Der menschliche Egoismus interessiert sich vor allem dafür, ob es nicht doch eine Kontinuität nach dem Tode gibt, während ihn die Frage der vorgeburtlichen Existenz weit weniger beschäftigt, er überläßt deren Entscheidung Dogmatik und Wissenschaft. Rudolf Steiner hat öfters betont, wie stark diese egoistische Note des menschlichen Denkens, die sich meist mehr interessiert für das Wohin, für das was vor uns liegt, weniger für das Woher, was ja doch hinter uns liegt, die objektive, klare Überschau über die Symphonie dieser Erscheinungen getrübt und beeinflußt hat. Aber wir finden diese scheinbare Diskontinuität ja gar nicht nur bei Geburt und Tod, am Anfang und Ende, sondern auch während *des Erdenlebens. Unser Bewußtsein erleidet ständige Unterbrechungen, im Schlafe, und die Rhythmik der vitalen Prozesse schwingt synchron, wenn auch mit anderen Wirkungen, mit diesen Unterbrechungen mit. Doch während das Bewußtsein so oft auch im Erdenleben durch Einschlafen und Erwachen scheinbar erlöscht und wiedergeboren wird, bleibt etwas doch offenbar kontinuierlich: unser Wesen, unsere Individualität, unsere Gestalt, die „Totalität“. Sie entwickelt sich zwar, doch durch Unterbrechung des Bewußtseins reißt der Faden nicht ab, der Bewußtseinsinhalt von heute knüpft trotz Diskontinuität am gestrigen an. Auch unsre leiblich-materielle Basis, unser Körper, ist in seiner Substanz keineswegs der gleiche von der Geburt bis zum Tode. (21) Wir schneiden nicht nur unsere Nägel und Haare, wir erneuern nicht nur ständig unsere Haut, sondern im Laufe etwa eines Jahrsiebents wechseln wir alle Substanzen unseres Leibes gegen andere, neue, aus. Der Luftorganismus in uns wechselt mit jedem Atemzug, das Blut und andere flüssige Stoffe (wir sind zu 90% Flüssigkeit) wechseln in kürzester Zeit, alle leibliche Substanz

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in wenigen Jahren. Nichts tragen wir rein substanziell von einem Lebensjahrzehnt ins andere hinüber. Was bleibt, ist das Wesen, die Form, die Gestalt, der Baumeister und sein Plan, nicht die Bausteine; das Bildende, nicht das Gebildete.

Diese Tatsache und ihre Konsequenzen, ignoriert vom Großteil der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, weiß heute jeder fortschrittliche Biologe, jeder Physiker, wenn auch die Allgemeinheit noch erstaunlich oft in veralteten Begriffen denkt. Die moderne biologische Schule aber spricht von „Ganzheits“-Lehre, von Totalität. Sie hat es aufgegeben, das Ganze aus den Bausteinen allein erklären zu wollen, wie es ein stolzes und eifriges Jahrhundert tat, das hinter uns liegt. Und der Physiker Sir James Jeans sagt sogar in bezug auf die Erkenntnis der äußeren Natur in seinem Werke: „Die neuen Grundlagen der Naturerkenntnis“: „Es hat sich herausgestellt, daß die Außenwelt von den vertrauten Begriffen des täglichen Lebens entfernter ist, als die Physik des 19. Jahrhunderts sich träumen ließ, und wir erfahren jetzt, daß wir bei jeder Bemühung, die Wirklichkeit zu porträtieren, sofort auf Begriffe stoßen, für die wir weder Bilder, noch Vorstellungen, noch Worte

„Die Physik zieht aus, um eine Welt aus Strahlung und Materie

zu erforschen, und merkt, daß sie keines von beiden beschreiben oder

abbilden kann, nicht einmal zu ihrem eigenen Gebrauch.“ U.a.O. „daß der

Wissensstrom auf eine nichtmechanische Wirklichkeit zufließt,

körperliche Materie zu einer Schöpfung und Offenbarung des Geistes wird.“ Aber wodurch beeinflußt der Geist als Bildner das Körperliche als das Gebildete? Hier fehlte bisher die Brücke, der Vermittler, denn man beginnt zwar nun, die Gesetze der in der äußeren Technik zurecht erprobten Mechanik nicht mehr auf die Lebenserscheinungen anzuwenden, weil dies aussichtslos ist, aber das Denken verwendet doch noch die alte Begriffswelt, es sucht immer noch die gleiche Kräftewelt im Toten, Leblosen, Mineralischen, in der Technik und den Phänomenen des Lebens. Was für die Mechanik einer Uhr, einer Nähmaschine etc. durchaus gültig ist, erklärt aber eben nicht die innere Dynamik eines lebendigen Organismus. Rudolf Steiner antwortet: „Die Erkenntniskräfte für das Mechanische sind durch sich selbst wach; diejenigen für die höheren Wirklichkeitsformen müssen geweckt werden.“ (22) Die Erforschung einer neuen Kräftewelt, der Dynamik des Lebens, erfordert die Anwendung neuer Erkenntniskräfte mit gleicher Exaktheit, aber mit der Vorurteilslosigkeit und dem Mut, für eine andersartige Seinssphäre auch eine Metamorphose von Denken und

haben.“

daß

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Forschen zu wählen. Hier liegt ein Entweder-Oder, das nicht zu vermeiden ist. Nachdem Rudolf Steiner Methodik und Forschungs-Richtung klargelegt hat, zeigte er den Vermittler auf, mit dem das Geistig-Übersinnliche das Physisch-Sinnliche in seiner Dynamik, Rhythmik und Metamorphose gestaltet: die Bildekräfte. Die Phänomene der Reinkarnation, um die es sich hier im Besonderen handelt, sind Phänomene der Metamorphose des Körperlichen durch das Geistige, sie sind deshalb, wie im Folgenden gezeigt werden wird, ein Spezialgebiet des Wirkens der Bildekräfte, und zwar im Menschen. Für ein Studium der allgemeinen Bildekräftelehre sei auf die diesbezüglichen Werke Rudolf Steiners und die beiden Ausarbeitungen des Verfassers verwiesen. („Die ätherischen Bildekräfte in Kosmos, Erde und Mensch, und „Die ätherische Welt in Wissenschaft, Kunst und Religion“, Philos.-anthrop. Verlag, Dornach.) Im Folgenden handelt es sich, wie gesagt, um deren spezielle Wirksamkeit in den Lebenserscheinungen des Menschen. Rudolf Steiner betrachtet den menschlichen Organismus nicht nur in seinen sinnlichwahrnehmbaren physischen Komponenten, die ja nur ein – wenn auch sehr wichtiges –Teilgebiet desselben darstellen, sondern er erforschte auch die innere Dynamik und deren Ursachen. Er zeigte auf Grund dieser Forschung, daß der Organismus primär ein „Kraftsystem“ ist, in das sich die physischen Substanzen erst einlagern. Er sagt: „Daher müssen wir in diesen Kraftsystemen, welche die physische Materie an den verschiedenen Stellen des Organismus sich einlagern, einen übersinnlichen Organismus sehen, der in sich differenziert ist und in den verschiedensten

Weisen die physische Materie sich eingliedert.“

„Durch diese Einlagerung

der physischen Materie in das übersinnliche Kraftsystem wird das Organ erst zu einem physischen.“ Dieses „Kraftsystem“, das wie gesagt mit Kräften arbeitet, die von den in der bisherigen Physik beschriebenen wesentlich verschieden sind, mit Kräften, die eben vor allein im lebendigen Organismus auftreten, nennt er den „Bildekräfteleib“. In seiner Terminologie nennt er es auch oft den ätherischen oder „Ätherleib“, wobei von vornherein nicht an den hypothetischen Äther der Physik gedacht ist, sondern ein mit eigenen Gesetzen ausgestattetes Bildekräfte-System der lebenden Organismen bezeichnet ist (s. „Ätherische Bildekräfte“). (23) Weiterhin betont er, um alle Mißverständnisse zu vermeiden, ausdrücklich: „So aufsteigen zu der ätherisch-lebendigen Wesenheit des Menschen, wie es hier geschildert wird,

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ist etwas wesentlich anderes, als das unwissenschaftliche Behaupten einer „Lebenskraft“, das noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts üblich war, um die lebendigen Körper zu erklären. Hier handelt es sich um das wirkliche Anschauen – um das geistige Wahrnehmen eines Wesenhaften, das im Menschen wie in allem Lebendigen ebenso vorhanden ist wie der physische Leib. Und um dieses Anschauen zu bewirken, wird nicht etwa in unbestimmter Art mit dem gewöhnlichen Denken weitergedacht; es wird auch nicht durch die Einbildungskraft eine andere Welt ersonnen; es wird vielmehr das menschliche Erkennen in ganz exakter Art erweitert, und diese Erweiterung ergibt auch die Erfahrung über eine erweiterte Welt.“ Während Sir James Jeans, von den Gegebenheiten der heutigen Physik ausgehend, zwar das Postulat aufstellt, daß es uns gelingen müsse, zu erforschen, wie das Geistige zum „Schöpfer und Beherrscher des Reiches der Materie“ wird, zeigt Rudolf Steiner nun konkret die innere Verbundenheit des Gedankenlebens des Menschen mit den Bildekräften und Organ-Prozessen des menschlichen Organismus. Es ist eine der fundamentalsten Entdeckungen Rudolf Steiners, daß wir die gleichen Bildekräfte für Bewußtseins- und vitale Prozesse verwenden, nur in verschiedener Funktion und Metamorphose. Er sagt: „Der Mensch denkt in denselben Kräften mit denen er wächst und lebt.“ Diese Bildekräfte übernehmen im Laufe des Erdenlebens die verschiedensten Funktionen: „Diese im Ätherleibe wirksamen Kräfte betätigen sich im Beginne des menschlichen Erdenlebens – am deutlichsten während der Embryonalzeit – als Gestaltungs- und Wachstumskräfte. Im Verlaufe des Erdenlebens emanzipiert sich ein Teil dieser Kräfte von der Betätigung in Gestaltung und Wachstum und wird Denkkräfte, eben jene Kräfte, die für das gewöhnliche Bewußtsein die schattenhafte Gedankenwelt hervorbringen. – Es ist von der allergrößten Bedeutung, zu wissen, daß die gewöhnlichen Denkkräfte des Menschen die verfeinerten Gestaltungs- und Wachstumskräfte sind. Im Gestalten und Wachsen des menschlichen Organismus offenbart sich ein Geistiges. Denn dieses Geistige erscheint dann im Lebensverlaufe als die geistige Denkkraft. – Und diese Denkkraft ist nur ein Tei1 der im Ätherischen webenden menschlichen Gestaltungs- und Wachstumskraft. (24) Der andere Tei1 bleibt seiner im menschlichen Lebensbeginne innegehabten Aufgabe getreu. Nur weil der Mensch, wenn seine Gestaltung und sein Wachstum vorgerückt, d. h. bis zu einem gewissen Grade abgeschlossen sind, sich noch weiter entwickelt, kann das

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Ätherisch-Geistige, das im Organismus webt und lebt, im weiteren Leben als Denkkraft auftreten. – So offenbart sich der geistigen Anschauung die bildsame (plastische) Kraft als ein Ätherisch-Geistiges von der einen Seite, das von der anderen Seite als der Seelen-Inhalt des Denkens auftritt.“ Es ist hier notwendig, das Wirken dieser Bildekräfte in ihren verschiedenen Funktionen und Metamorphosen ausführlich zu behandeln, weil dies dann für ein Verständnis auch der Reinkarnations-Phänomene von fundamentaler Wichtigkeit ist.

Diese Bildekräfte, welche sich einerseits in den Funktionen des Wachstums, der vitalen Prozesse überhaupt betätigen, dienen andererseits nicht nur als Basis des Gedankenlebens, sondern sind auch in die Gedächtnisvorgänge verwoben. Die Bildekräfte des Menschen sind ja keine Eigenschöpfung des menschlichen Organismus, sie sind auch im außermenschlichen Kosmos schöpferisch, plastisch tätig, sie übernehmen nur im Mikrokosmos des menschlichen Organismus gewisse besondere Aufgaben, wodurch sich eben die speziellen Funktionen des Menschen ergeben. Rudolf Steiner sagt: In. der Erinnerungsfähigkeit des Menschen lebt das persönliche Abbild einer kosmischen Kraft. Diese kosmische Kraft ist aber auch gegenwärtig noch tätig. Sie wirkt als Wachstumskraft, als belebender Impuls im Hintergrunde des Menschenlebens. Da wirkt sie mit ihrem größeren Anteile. Sie sondert nur einen kleinen Teil von sich ab, der als Tätigkeit in die Bewußtseinsseele eintritt. Da wirkt er als Erinnerungskraft.“ Hierbei zeigt sich nun konkret, wie geistige Impulse und Kräfte Kosmos, Erde und Mensch gestalten, beim Menschen aber zur Basis werden für eine individuelle Entwickelung im irdischen Lebenslauf. Denn ganz verschiedenartig ist die Verwendung dieser Bildekräfte am Anfang, im embryonalen Zustande, anders in der Jugend des Menschen und im späteren Lebenslauf. Aus Rudolf Steiners Forschung ergibt sich hierbei das Folgende: „Wir können fragen: Wo sind denn die Kräfte des ätherischen Leibes des Menschen in der ersten Lebensepoche? Sie sind während dieser Zeit „gebunden „ an den physischen Leib, sind in seiner Ernährung und in seinem Wachstum beschäftigt. Das Kind ist in dieser ersten Epoche anders als später. Die gesamten Kräfte des ätherischen Leibes sind da an den physischen Leib gebunden; sie werden mit dem Ablauf der ersten Epoche zum Teil frei, wie die Wärme in den Substanzen frei wird, die vorher

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gebunden war. (25) Was aber tritt damit ein? Nur ein Teil des ätherischen Leibes wirkt nach dem Zahnwechsel im Wachstum und in den Ernährungskräften; der andere Teil wird frei – und wird nun der Träger des sich ausbildenden intensiveren Gedächtnisses, des Seelenhaften. Wir müs- sen sprechen lernen von der „gebundenen“ Seele für die Zeit der ersten sieben Lebensjahre, und von der „freigewordenen“ Seele für die Zeit nach dem siebten Jahre. Denn so ist es; was wir als Seelenkräfte in den zweiten sieben Lebensjahren anwenden“ das ist in den ersten sieben Lebensjahren gebunden an den physischen Leib, unwahrnehmbar. Daher tritt es nicht physisch hervor. Wie die Seele in den ersten sieben Lebensjahren wirkt, das muß man dem Leib abschauen. Und erst vom Zahnwechsel an kann man in das Seelische hinein. – Das ist eine Betrachtungsweise, die unmittelbar von der Physik sogar in die Psychologie hineinführt.“ Es wurde bereits der manchmal vorgebrachte Einwand besprochen, daß unser heutiges Gedächtnis ja nicht in frühere Erdenleben zurückreicht, und darauf hingewiesen, daß es ja auch sonst viele Gedächtnisvorgänge gibt, die nicht ins Bewußtsein des Menschen herauftauchen. Es muß nun aber darüber hinausgehend betont werden, daß wir ja nicht einmal im Erdenleben zwischen Geburt und Tod mit unseren Gedächtniskräften bewußt bis zur Geburt zurückreichen, daß unsere Rückerinnerung sogar die ersten Lebensjahre nicht mit umfaßt. Wir erinnern uns später vielleicht in Ausnahmefällen einzelner weniger Vorgänge in den ersten 3 bis 4 Jahren, aber die vielen Erlebnisse der ersten Lebensjahre nach der Geburt sind für unser Erinnerungsvermögen im allgemeinen in tiefes Dunkel gehüllt. Wir verwenden eben gerade in diesen ersten Entwickelungsjahren fast unsere gesamten Bildekräfte vor allem für die, vitalen Prozesse, Wachstum, Organgestaltung und Aufbau unseres Körpers, und metamorphosieren erst später einen Teil dieser Kräfte in solche, die den Gedächtnisprozessen dienen, oder sondern später wiederum einen anderen Teil ab, der dann als Basis unserer immer umfangreicher werdenden Bewußtseinsvorgänge dient. Rudolf Steiner sagt hierzu: * „Gedächtniskraft, die im Geistig-Seelischen wirkt, ist nichts anderes als umgewandelte, metamorphosierte Wachstumskraft, und Wachsen, Ernährungskräfte-Entwickeln ist auf einem anderen Niveau ganz dasselbe, wie Gedächtnisbilden, Erinnerungen bilden auf einem höheren Niveau. Es ist diese1be Kraft, nur in verschiedener Metamorphose. Schematisch vorgestellt, kann man sagen: In den ersten Lebensjahren des Kindes sind

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beide Kräfte noch durcheinander gemischt, sind noch nicht geschieden; dann sondert sich später das Gedächtnis als eine besondere Fähigkeit aus dem Ungeschiedenen heraus, und die Wachstums- und Ernährungsfähigkeit ebenfalls. (26) Weil das Kind in den ersten Jahren seine Gedächtniskräfte noch dazu braucht, um seinen Magen zu versorgen und die Milch zu verdauen etc., kann man sich an nichts erinnern; wenn es dann später seine Gedächtniskraft nicht mehr dazu braucht, dem Magen zu dienen, wenn der Magen weniger Ansprüche macht und nur wenig Kräfte zurückbehält, dann wird ein Teil der Wachstumskräfte seelisches Gedächtnis, Erinnerungskraft.“ Und über die Folgen falscher Erziehung durch nicht genügende Berücksichtigung dieser inneren Dynamik des Kindes, sagt Rudolf Steiner: „Hat man nun in der Schule vielleicht dadurch, daß die anderen Kinder robuster sind, also eine richtigere Verteilung von Gedächtniskraft und Wachstumskraft in sich tragen, vielleicht weniger auf ein Kind gerechnet, das nicht so viel Fonds in dieser Beziehung hat, dann kann es sehr leicht sein, daß man die Erinnerungskraft bei ihm über1astet; dann ist die emanzipierte Erinnerungskraft bei diesem Kinde zu stark engagiert. Dann wird der Wachstumskraft, die gleichartig mit ihr ist, zu viel entzogen. Das Kind wird blaß, und ich muß mir in meiner Seele sagen: Ich habe dich mit dem Gedächtnis zu stark angestrengt; dadurch bist du blaß geworden. Man kann dann sehr leicht bemerken: wenn man dieses Kind in bezug auf die Gedächtniskraft und das Erinnerungsvermögen entlasten wird, dann wird es von selbst wieder Farbe bekommen. Aber man muß verstehen, wie das Blaßwerden zusammenhängt mit dem, was man selbst erst getan hat, indem man das Kind mit Erinnerungen überlastet hat.“ Hierin zeigt sich bereits das intime Ineinanderverwobensein von Bewußtseins- bzw. Gedächtnisvorgängen mit den Bildekräften und organischen Lebensprozessen des Menschen. Bewußtseinsprozesse bedeuten immer einen Verbrauch von Bildekräften, die dadurch den vitalen Prozessen entzogen werden. Diese elementare Erkenntnis der inneren Dynamik des Menschen kann nicht zu der Schlußfolgerung führen, daß wir deshalb etwa generell die Bewußtseins- Prozesse den vitalen Vorgängen zuliebe einschränken müßten, denn das Wesen des Menschen beruht ja vor allem im späteren Leben gerade auf der Steigerung der Bewußtseinsfunktionen, im Gegensatz zur Pflanze, die ganz den vitalen Prozessen hingegeben ist. Aber es macht uns aufmerksam auf eines der Urphänomene der geistigen Entwickelung, daß nämlich geistige

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Tätigkeit einen, wenn auch oft geringen Abbau bei den leiblichen Prozessen voraussetzt. (27) Deshalb schaltet ja die Natur des Menschen jene Diskontinuität des Bewußtseins im Rhythmus von Wachen und Schlafen ein. Steigerung der geistigen Entwickelung setzt also genaue Kenntnis der Bildekräfte-Organisation des Menschen und deren Bemeisterung durch Erkraftung und geregelten Ausgleich voraus. Es ist ein Naturgesetz, daß sprießendes Leben, wenn es überwiegt, geistige Wachheit beeinträchtigt. Rudolf Steiner sagt hierzu: „Der Geist entfaltet sich innerhalb der Menschenwesenheit nicht auf der Grundlage aufbauender Stofftätigkeit, sondern auf derjenigen abbauender. Wo im Menschen Geist wirken soll, da muß der Stoff sich von seiner Tätigkeit zurückziehen. – Schon die Entstehung des Denkens innerhalb des ätherischen Leibes beruht nicht auf einer Fortsetzung des ätherischen Wesens, sondern auf einem Abbau desselben. Das bewußte Denken geschieht nicht in Vorgängen des Gestaltens und Wachstums, sondern in solchen der Endgestaltung und des Welkens, Absterbens, die fortdauernd dem ätherischen Geschehen eingegliedert sind.“ Daher weist der Mensch in seinem Lebenslauf in körperlicher Hinsicht eine aufbauende und eine abbauende Entwickelungskurve auf (näheres s. Kap. V). Die Bildekräfte übernehmen vor allem in der zweiten Lebenshälfte eine andere Funktion, während sie in den ersten Lebensepochen vor allem dem Wachstum, dem Aufbau des Leiblichen dienen: (Im Folgenden sind Zitate Rudolf Steiners durch * gekennzeichnet.) * „Der Mensch erfährt bis zu einem gewissen Jahr ungefähr eine aufsteigende Entwickelung. Dann hört sein Wachstum auf, bleibt stille eine Zeitlang, dann geht es zurück. – Mit diesem gesamten Lebenslauf des Menschen hängt es zusammen, daß der Mensch im Beginn seines Lebens am meisten auf naturgemäße, elementarische Art in seinem ganzen Leiblichen zusammenhängt mit dem Geistigen. Der Mensch ist – man könnte sagen – gerade umgekehrt konstituiert beim Lebensbeginn, als er konstitutiert ist, wenn er in der Lebensmitte im Höhepunkt der aufsteigenden Entwickelung angelangt ist. In der ersten Zeit seines Lebens wächst der Mensch, gedeiht, nimmt zu; dann fängt er an, in eine absteigende Entwickelung einzutreten. Das hängt damit zusammen, daß dann die physischen Kräfte des Menschen in sich selber nicht mehr Wachstumskräfte sind, sondern daß sich diesen Wachstumskräften auch Verfallskräfte zumischen.“

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Es muß weiterhin betont werden, daß solange der Mensch zwischen Geburt und Tod in einer physisch-körperlichen Organisation lebt, es für seine geistige Entwickelung nur hinderlich wäre, wenn er alle leiblichen Funktionen mit seinem Bewußtsein durchdringen müßte. Wir würden zu keiner eigenen, schöpferischen Bewußtseinsentwickelung kommen können, wenn wir alle inneren Wachstums-, Ernährungs-, Verdauungs-, und sonstigen Stoffwechselvorgänge ständig mit unserem Bewußtsein begleiten müßten. (28) Ja, diese Vorgänge verlaufen auch ihrerseits dadurch viel weiser und sinngemäßer, daß wir mit unserer ungeordneten Gedanken- und Willenskraft nicht in diese Regionen des Organismus hineintauchen und hineinpfuschen können. Gerade in den ersten entscheidenden Entwickelungsstadien der Kindheit ist es wichtig, daß die äußeren Eindrücke nicht zu sehr durch ein noch chaotisches, unentwickeltes Gedanken- und Vorstellungsleben hindurchgehen müssen, das den in jener Zeit zunächst viel wichtigeren Aufbau der inneren Organisation nur stören würde. Rudolf Steiner sagt: * „Es gibt eine Zeit im menschlichen Leben, wo solche Eindrücke, die so lebendig auf die menschliche Organisation wirken und keine Erinnerungsfähigkeit haben, in besonders reichem Maße erlebt werden. In der ganzen Zeit von der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Erinnerung beginnt, sind unzählige reiche Eindrücke dieser Art auf den Menschen gemacht worden, welche alle im Menschen drinnen sitzen und auch in dieser Zeit den Menschen verändert haben. Sie wirken ebenso wie die bewußten Eindrücke; aber ihnen steht, besonders wenn sie vergessen sind, nichts entgegen von dem, was sich sonst einordnet in das Seelenleben als bewußte Vorstellungen und dadurch gleichsam einen Damm bildet. Und diese unbewußten Eindrücke dringen am allertiefsten.“ Es ist hierbei zu beachten, welche Bedeutung auch dem Vergessen-können des Menschen innewohnt. * „Das Vergessen ist kein bloßer Mangel für den Menschen, sondern etwas, was zu den wohltuendsten Dingen im Menschenleben gehört. Würde der Mensch nur das Gedächtnis entwickeln, und würde alles in dem Gedächtnis bleiben, was auf ihn einen Eindruck macht, dann würde ja sein Ätherleib immer mehr zu tragen haben, würde immer reicheren Inhalt bekommen, aber er würde gleichzeitig innerlich immer mehr und mehr verdorren. Daß er entwickelungsfähig wird, das verdankt er dem Vergessen.“ Rudolf Steiner beschäftigt sich nun mit den neuen Funktionen der Bildekräfte im späteren Leben, er weist auf die Tatsache hin, „daß der

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Mensch von einem bestimmten Zeitpunkte seiner Entwickelung an gewissermaßen physisch ausgewachsen ist; daß dann sein Geistig-Seelisches aufhört in Abhängigkeit zu sein von dem Wachstum und von der Entwickelung der leiblichen Organe, die ja aufgehört hat; daß dann sein Geistig-Seelisches sich frei und selbständig entwickelt“. Wir haben es also mit folgenden Vorgängen im lebendigen Organismus des Menschen zu tun:

In der Embryonalzeit und der ersten Jugend fungieren fast alle dem Organismus zur Verfügung stehenden Bildekräfte als Wachstums- und Aufbaukräfte. (29) Dann sondert sich ein Teil derselben ab und metamorphosiert sich zum Wirken im Bereich der Erinnerungskräfte. Ein anderer Teil der Bildekräfte sondert sich ab und dient nunmehr als Basis für die ständig zunehmenden Bewußtseins-Vorgänge, die Denk-Prozesse. Daß der Mensch gleich von Anfang an die Fähigkeit mitbringt, gewisse, zunächst sehr begrenzte Bewußtseinsvorgänge schon in der ersten Kindheit entwickeln zu können, daß er so der Erziehung zugänglich ist und nicht wie die Pflanze alle Kräfte zum vegetativen Leben verwendet, beruht darauf, daß bei ihm schon bei der Geburt gewisse, wenn auch zunächst noch geringe Teile des Bildekräfteleibes, des „Ätherleibes“, doch schon von den leiblichen Organen frei sind. Rudolf Steiner betonte diesen bedeutsamen Unterschied von Mensch und Pflanze, daß der Ätherleib der Pflanze in jedem Falle eine bestimmte innere Gesetzmäßigkeit hat, die abgeschlossen ist, die sich von Samen zu Samen hindurchentwickelt und die einen bestimmten Kreis hat, über den nicht hinausgegangen werden kann. Anders ist es beim Ätherleib des Menschen. Da ist es so, daß außer demjenigen Teil des Ätherleibes, der verwendet wird auf das Wachstum, auf dieselbe Entwickelung, die der Mensch auch in gewissen Grenzen eingeschlossen hat, wie die Pflanze, daß außer diesem Teil sozusagen noch ein anderer Teil im Ätherleibe ist, der frei auftritt, der von vornherein keine Verwendung hat, wenn wir nicht dem Menschen in der Erziehung allerlei beibringen, der menschlichen Seele allerlei herbeiführen, was dann dieser freie Teil des Ätherleibes verarbeitet. So ist also wirklich ein durch die Natur selbst nicht verbrauchter Teil des Ätherleibes im Menschen vorhanden. Diesen Teil des Ätherleibes bewahrt sich der Mensch; er verwendet ihn nicht zum

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Wachstum, nicht zu seiner natürlichen organischen Entwickelung, sondern behält ihn als etwas Freies in sich, durch das er die Vorstellungen, die durch die Erziehung in ihn hineinkommen, aufnehmen kann.“ Eine grundlegende Wesens-Verschiedenheit von Mensch und Pflanze beruht also darauf, „daß beim Menschen der Ätherleib doch noch etwas ganz anderes ist, als bei der Pflanze. Der Pflanze fehlt dieses freie Glied des Ätherleibes, das den Menschen weiterentwickelt; und daß der Mensch ein solches freies Glied des Ätherleibes hat, darauf beruht, im Grunde genommen, die ganze Entwickelung des Menschen“. Der Anteil des Bewußtseins am Verbrauch der Bildekräfte ist aber eben in den ersten Lebensjahren noch sehr gering. (30) Außer dein oben erwähnten sehr kleinen Bereich freier Bildekräfte, ist die Summe aller anderen zur Verfügung stehenden Kraftsysteme ganz dem Aufbau des Organismus hingegeben.* „Das Kind hat noch nicht aus den allgemeinen Wachstums- (ätherischen) Kräften die Gedankenkräfte abgesondert. Das geschieht erst im Sprechen1ernen. Da sondern sich aus den vorher vorhandenen nur allgemeinen Wachstumskräften die abstrakten Gedankenkräfte ab.“ In seinen pädagogischen Kursen und Vorträgen hat Rudolf Steiner immer wieder betont, welche entscheidenden Veränderungen sich im Kinde bei solchen Entwicklungsstufen wie Zahnwechsel, Geschlechtsreife usw. vollziehen. In dieser Hinsicht muß auf die zahlreiche pädagogische Literatur verwiesen werden. Hier haben wir es ja nicht mit der pädagogischen Seite dieser Vorgänge, sondern im Besonderen mit der inneren Dynamik des menschlichen Lebenslaufes zu tun. Über die ersten Metamorphosen der Bildekräfte sagt Rudolf Steiner: „Man sehe auf das Kind hin. Es entwickelt um das siebente Lebensjahr herum seine zweiten Zähne. Diese Entwickelung ist nicht das Werk bloß des Zeitabschnittes um das siebente Jahr herum. Sie ist ein Geschehen, das mit der Embryonalentwickelung beginnt und im zweiten Zahnen nur den Abschluß findet. Es waren immer schon Kräfte in dem kindlichen Organismus tätig, welche auf einer gewissen Stufe der Entwickelung die zweiten Zähne zur Entwickelung bringen. Diese Kräfte offenbaren sich in dieser Art in den folgenden Lebensabschnitten nicht mehr. Weitere Zahnbildungen finden nicht statt. Aber die entsprechenden Kräfte haben sich nicht verloren; sie wirken weiter; sie haben sich bloß umgewande1t. Sie haben eine Metamorphose durchgemacht. Es finden sich noch andere Kräfte im kindlichen Organismus, die in ähnlicher Art eine Metamorphose durchmachen. –

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Betrachtet man in dieser Art den kindlichen Organismus in seiner Entfaltung, so kommt man darauf, daß die Kräfte, um die es sich da handelt, vor dem Zahnwechsel in dem physischen Organismus tätig sind. Sie sind untergetaucht in die Ernährungs- und Wachstumsprozesse. Sie leben in ungetrennter Einheit mit dem Körperlichen. Um das siebente Lebensjahr herum machen sie sich von dem Körper unabhängig. Sie leben als see1ische Kräfte weiter. Wir finden sie in dem älteren Kinde, tätig im Fühlen, im Denken. – Die Anthroposophie zeigt, wie dem physischen Organismus des Menschen ein ätherischer eingegliedert ist. Dieser ätherische Organismus ist bis zum siebenten Lebensjahre in seiner ganzen Ausdehnung im physischen Organismus tätig. In diesem Lebensabschnitte wird ein Teil des ätherischen Organismus frei von der unmittelbaren Betätigung am physischen Organismus. (31) Er erlangt eine gewisse Selbständigkeit. Mit dieser wird er auch ein selbständiger, von dem physischen Organismus unabhängiger Träger des seelischen Lebens. Da sich aber das seelische Erleben nur mit Hilfe dieses ätherischen Organismus im Erdendasein entfalten kann, so steckt das Seelische vor dem siebenten Lebensjahre ganz in dem Körperlichen darinnen.“ Denktätigkeit des Menschen setzt also voraus eine Metamorphose und ein Freiwerden gewisser Teile des Ätherleibes, des Bildekräfteleibes, von leiblichen Funktionen. Diese Erkenntnis ist für die Methodik der geistigen Entwickelung und für ein Verständnis der Reinkarnations-Phänomene von größter Bedeutung. Der Mensch kann nun, sobald ihm im späteren Leben immer mehr und mehr Bildekräfte zu Bewußtseinsprozessen zur Verfügung stehen, diese nicht nur als naturgegebene verwenden, er kann darüber hinaus methodisch deren Wirksamkeit verstärken und konzentrieren.

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b) Steigerung der Entwickelung durch Stauung, Umkehrung und Polarität.

Wir hatten schon darauf hingewiesen, daß jede Bewußtseins- und Denktätigkeit einen Verbrauch von Bildekräften bedingt. Nur durch ein Freiwerden von Bildekräften, nur durch ein Zurückstauen der rein physiologischen Tätigkeit ist dies möglich. Damit der Geist tätig sein kann, muß der vitale Prozeß, - wenn auch oft in nur geringem Maße - zerstört werden, absterben. Das Leben des Menschen auf Erden besteht im gesunden Ausgleich, im Equilibrium dieser Funktionen. Goethe formuliert es einmal so: „Die sogenannte Gesundheit kann nur im Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte bestehen.“ Und Novalis sagt in seinen Fragmenten: „Sinn und Kraft sind in einer bestimmten Sphäre polar. Was jenen erhöht, vermindert diese, und was diese vermehrt, stumpft jenen ab.“ Rudolf Steiner begründet diese Tatsache nun konkret aus den von ihm erforschten Bildekräfte-Funktionen: „In der Kopforganisation vollzieht sich während des Wachzustandes eine zweifache Tätigkeit; eine aufbauende durch den ätherischen Organismus und eine abbauende, das ist eine solche,

welche die physische Organisation

ersterbenden Leben der Kopforganisation liegt dasjenige, was geeignet wird,

(32) Denn in dem

die Seelen-Tätigkeit als Gedanken Erleben zu reflektieren. Eine zum Leben drängende organisch-sprossende Tätigkeit kann kein Gedankenweben

Die organischsprossende Tätigkeit dämpft das

Gedankenweben zur Betäubung oder Bewußtlosigkeit herab.“ U. a. O.: „Das Normale ist, daß unser Haupt im Wachprozesse schwächer genährt wird durch die inneren Vorgänge, als der übrige Organismus, und nur dadurch können wir wach sein und vorstellen.“ Deshalb ist es auch vice versa für die meisten Menschen schwieriger, zum Beispiel nach dem Essen, wo der vitale Pol besonders aktiv ist, klar zu denken.

Das Haupt des Menschen als Zentrum seiner Bewußtseins- und Denktätigkeit ist also vom rein vitalen Standpunkt aus eine Rückbildung. Rudolf Steiner betont nun die große Tragweite dieser Tatsache für die gesamte Entwickelungslehre: „Dadurch daß das Haupt rückgebildet ist, daß die Entwickelung nicht gradlinig fortschreitet, sondern sich zurücknimmt im Haupte, sich zurückstaut, dadurch ist Platz geschaffen für die seelisch- geistige Entwickelung des Menschen. Diejenigen Naturforscher, welche die

hervorbringen

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Ansicht vertreten, des Menschen seelisch-geistiges Leben sei nur ein Ergebnis seiner physischen Organisation, die verstehen ihre eigene Naturwissenschaft nicht richtig. Sie verstehen nicht, daß es für den Menschen notwendig ist, damit er sein Geistig-Seelisches zum Dasein

bringen kann, daß die physische Organisation nicht sproßt und spießt, sondern daß sie sich zurückzieht. Sie flaut ab, sie staut sich ab, macht Platz der geistig-seelischen Entwickelung. Wo der Mensch am meisten Geistig-Seelisches entwickelt, da zieht sich die physische Entwickelung zurück.“ Die menschliche Organisation ist also gleichsam ein Stau-Apparat zugunsten des Geistig-Seelischen. Bei Pflanze und Tier tritt vitalen Prozesse in diesem Sinne nicht ein, weil ein Freiwerden von Kräften für eine Denktätigkeit nicht erforderlich ist. Deshalb bildet das Tier seine leiblichen Organe im Laufe des Lebens und der Entwickelung meist viel weiter aus, als der Mensch, Dr. H. Poppelbaum hat in seinem ausgezeichneten Werk „Mensch und Tier“, (Verlag Rud. Geering, Basel, 1933.) dessen Lektüre hier sehr empfohlen sei, die grundlegenden Unterschiede im Tempo und der Entwickelungsrichtung der leiblichen Organbildung bei Mensch und Tier im einzelnen überzeugend aufgezeigt. Das „Stauungs-Phänomen“, das Stehen-- Bleiben des Menschen in gewissen Anfangsstadien des Werdens, gerade um nicht ganz im Physischen aufzugehen, sondern Kräfte für Ich, Geist und Bewußtsein aufzusparen, dies alles wird aus den konkreten Ergebnissen der Embryologie, Anatomie, Morphologie, Paläontologie usw. belegt: (33) „Der Tierkopf ist das fortentwickelte, das Menschenhaupt das zurückgebliebene

„Und das Gehirn, die wichtigste Grundlage des Aufstieges, –

hat es sich denn nicht über die Tiere hinausentwickelt? Wohl, – aber nicht

Gebilde.“

indem es die Tierform weiterbildete, sondern indem es die embryonalen Verhältnisse der letzten Monate besser bewahrt, als irgendein Tier.“ „Haupt und Hirn des höheren Tieres haben also ursprünglich menschliche Proportionen, können sie aber nicht bewahren.“ - Rudolf Steiner sagt hierzu: „Wie kommt es denn eigentlich, daß der Mensch, wenn er geboren

wird, unfähiger ist, als zum Beispiel ein Huhn oder ein Biber, daß er das,

was diese sich schon mitbringen, erst mühevoll sich aneignen muß?

Der

Mensch kann im Grunde genommen gar nichts, wenn er ins Leben tritt, er muß alles erst lernen, was sich auf die äußere Welt bezieht. Das ist etwas radikal ausgedrückt, aber wir werden uns verstehen. Wenn der Mensch aber dann lernt, zeigt sich bald, daß er vielseitiger werden kann, daß seine

Entwickelung eine reichere werden kann in bezug auf die Ausprägung

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gewisser Kunstfertigkeiten usw., als das beim Tiere der Fall ist.“

Mensch hat diese Anlagen, die heute das Tier in äußerer Geschicklichkeit auslebt, nicht verschwendet; er hat sie auch verwendet, aber zu etwas anderem als die Tiere. Die Tiere prägen sie in äußeren Geschicklichkeiten aus; Biber und Wespe bauen ihr Nest. Der Mensch hat dieselben Kräfte, welche die Tiere in dieser Art ausleben, in sich selber hineingetan und verwendet. Und er hat dadurch zustande gebracht, was wir seine höhere menschliche Organisation nennen.“ – Der Mensch muß manche Geschicklichkeiten, die das Tier von Geburt an hat, erst langsam erwerben, seine Organe erst selbst dafür ausbilden, modellieren. Er ist dadurch aber von Anfang an weniger festgelegt, potentiell vielseitiger, verfügt über freieres Kräftespiel. Das Tier stößt in der leiblichen Entwickelung in gewissen Organen viel weiter vor, der Mensch hemmt, staut die leiblichen Funktionen, um für die geistig-seelischen Funktionen Kraft zu gewinnen. Eine der wichtigsten Entdeckungen Rudolf Steiners ist nun die von der „Dreigliederung des menschlichen Organismus“, wie er sie in seinem Werk „Von Seelenrätseln“ zuerst formuliert hat und wie sie von ihm seither bis in konkreteste Einzelheiten als Methode zur Erforschung des Organismus ausgebaut worden ist. Deren Anwendung auf die Bildekräfte-Organisation habe ich in meinem Buche „Die Ätherischen Bildekräfte“ beschrieben, worauf hier verwiesen sei. (34) Rudolf Steiner zeigt, wie der menschliche Organismus in seinen verschiedenen Funktionen gegliedert ist in ein Nerven-Sinnessystem, das seinen Ausgangspunkt vor allem im menschlichen Haupte hat, ein Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, wobei die Stoffwechselvorgänge vor allem im unteren Menschen Zentrum und Ausgangspunkt haben, und dazwischen ein mittleres, rhythmisches System, das in Atmung und Blutzirkulation seine wichtigsten Repräsentanten hat, wobei sich die drei Systeme selbstverständlich gegenseitig durch'dringen und beeinflussen. Der Mensch hat also gleichsam einen Bewußtseinspol im oberen, und einen vitalen Pol im unteren Organismus, eine Polarität, zwischen der das mittlere, rhythmische System des Menschen vermittelt. Rudolf Steiner sagt: „Das Lebendige braucht die Polarität, den Gegensatz“, und zeigt nun, wie die Gliederung, die innere Dynamik des Menschen, nur durch die von Goethe für die Lebenserscheinungen als Urphänomen betrachteten Vorgänge der Metamorphose der Gestaltungsprinzipien, der verschiedenen Systeme, Organe und Gliedmaßen zu verstehen ist. Goethe entdeckte das entwickelungsgeschichtlich wichtige Phänomen, daß zum

„Der

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Beispiel der Schädel eine Metamorphose der Wirbelknochen darstellt. Es sei hier gerade mit 'diesem Beispiel der Metamorphose begonnen, das die Anwendung dieses Prinzips sogar bei den dichtesten Formationen des menschlichen Organismus zeigt, da sich später die Anwendung desselben auch in der feineren Struktur und geistig-seelischen Organisation des Menschen wird aufzeigen lassen. Bei diesen Erkenntnissen Goethes anknüpfend zeigte nun Rudolf Steiner, daß bei der Metamorphose im Knochensystem des Menschen auch das Phänomen der Umkehrung, der „Umstülpung“, eine wichtige Rolle spielt. Man könne, um die Entwickelungsgesetze zum Beispiel eines Röhrenknochens im Vergleich zum Kopfknochen zu verstehen, das folgende Beispiel gebrauchen: „Wir müssen mit dem Röhrenknochen der Arme und der Beine dieselbe Prozedur vornehmen, die wir vornehmen würden, wenn wir beim Anziehen eines Strumpfes oder eines Handschuhes das Innere zuerst nach außen wenden

würden, also wenn wir es umstülpen würden

Und so ist es bei dem

Röhrenknochen. Man muß das Innere nach außen und das Äußere nach innen kehren, dann kommt die Art des Kopfknochens heraus. So daß die

menschlichen Gliedmaßen nicht nur umgewandelte Kopfknochen sind, sondern außerdem noch umgewendete Kopfknochen. Woher rührt das? Das

rührt davon her, daß der Kopf seinen Mittelpunkt irgendwo im Innern hat, er

Und wo hat denn das Gliedmaßensystem seinen

Mittelpunkt? Jetzt kommen wir auf 'die zweite Schwierigkeit. (35) Das

Gliedmaßensystem hat den Mittelpunkt im ganzen Umkreis.“ U. a. 0.

hat ihn

charakterisiert er diese vielfältigen Verwandlungen von Innen und Außen derart, daß wir es in dem Wechselverhältnis zwischen Röhrenknochen und Schädelknochen zu tun haben mit einer völligen Wendung der Innenfläche des Knochens nach außen, nachdem Prinzip, wie man einen Handschuh umdreht, und daß man bei dieser Umwendung es zugleich zu tun hat mit

Das frühere Äußere ist jetzt das

Innere und umgekehrt. Wenn wir dieses ins Auge fassen im extremsten Fall der Umwandlung des Röhrenknochens in den Schädelknochen, dann werden wir uns sagen: Die äußeren Enden der menschlichen Gliederung, das Gliedmaßensystem und das Schädelsystem, sie stellen gewissermaßen Pole der Organisation dar, aber so, daß wir nicht einfach die Pole im linearen Sinne als entgegengesetzt zu denken haben, sondern daß wir, wenn wir übergehen von einem Pol zum anderen, auch entsprechend einen Übergang annehmen müssen zwischen Radius und Kugeloberfläche. Ohne daß man so

einer Änderung der

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komplizierte Vorstellungen zu Hilfe nimmt, ist es durchaus unmöglich,

irgendwie eine der Sache adäquate Vorstellung vom menschlichen Organismus zu bekommen. Dasjenige, was gewissermaßen die Mitte bildet,

das mittlere Glied der Organisation des Menschen bilden von der Radialstruktur zur Sphäriodalstruktur«

die ganze Bedeutung, wenn wir uns vorstellen, daß das, was der Röhrenknochen nach außen wendet, beim Schädelknochen nach innen gewendet ist, daß der Schädelknochen nach einer Welt zu sich wendet, die im Inneren des Schädels liegt. Das ist eine Welt. Dahin ist der Schädelknochen orientiert, so wie 'der Röhrenknochen nach außen orientiert ist, nach der äußeren Welt.“ So haben wir sogar schon in der Knochenstruktur das wahre Prinzip der Metamorphose und Umkehrung gegeben. In dem Buche „Die ätherischen Bildekräfte“, Kap. III und XII, wurde nun gezeigt, daß das Phänomen der „Umstülpung“ ein Urphänomen in der Entwickelung der Lebewesen und auch in der Dynamik des Kosmos, in der Entwickelung kosmischer Sphären und Körper ist, und wie sich die Angabe Rudolf Steiners bewährt, daß sich sogar in den verschiedenen Knochengestaltungen, in Haupt, Brust und Gliedmaßen des Menschen, die sphärischen, lemniskatischen und radialen Bewegungstendenzen der Himmelskörper, der kosmischen Dynamik spiegeln. In den ätherischen Sphären, in denen sich diese makrokosmischen, planetarischen Bewegungen abgespielt haben, hat auch die Genesis des menschlichen Organismus stattgefunden, und dieser hat deshalb seine Grundformen In aus den Gesetzmäßigkeiten jenes Äthermeeres aufgeprägt erhalten, in welchem er sich entwickelte. (36) Es läßt sich nun bis ins Einzelne aufzeigen, „daß wir unter den Gestaltungskräften des menschlichen Organismus solche haben, die radial wirken, und solche, die wir uns in der Sphäre denken müssen“, und wie sich also schon hierin die innere Dynamik des Makrokosmos und des Mikrokosmos des Menschen entsprechen.

wird den Übergang „Und wir erfassen

Rudolf Steiner betont weiterhin: „Wir leben mit unserem Ich in Kräften. Unseren sichtbaren Körper tragen wir nur mit, den schleppen wir nur während unseres physischen Erdenlebens bis zum Tod mit. Wir leben aber auch im wachen Zustand in einem Kraftleib.“ U. a. O. „In demjenigen, was ein Organ wahrnimmt, liegt auch die Kraft verborgen, durch welche dieses Organ selbst gebildet wird. Das Auge nimmt das Licht wahr. Aber ohne das Licht gäbe es kein Auge. Wesen, welche ihr Leben im Finstern zubringen,

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bilden an sich keine Werkzeuge zum Sehen aus. So aber ist der ganze leibliche Mensch herausgeschaffen aus den verborgenen Kräften dessen, was durch die Glieder der Leiber wahrgenommen wird.“ Organe reagieren jedoch selektiv auf die Kräfte des Kosmos, das Auge aufs Licht, das Ohr auf Ton, andere Organe auf Wärme usw., ja, wir werden sehen, wie differenziert auch die inneren Organe mit den Bildekräften des Kosmos verbunden sind. Organe sind eben Kraftsysteme, die sich differenziert die ihnen gemäßen Substanzen eingliedern.

Welche Aufgabe kommt aber nun zunächst dem physischen Körper und seinen Organen für die Bewußtseinsprozesse des Menschen zu? Die eines Spiegelungsapparates innerer und äußerer Eindrücke und Erlebnisse. Bei der Pflanze sind alle verfügbaren Bildekräfte nur für die Durchdringung der vitalen Prozesse, Wachstum, Ernährung, Gestaltbildung etc. verbraucht. Beim Tier tritt eine weitere Summe von Kräften hinzu, welche die nun komplizierter werdenden Organbildungen nicht voll durchdringen, sondern zum Teil reflektiert werden. Dieses Reflektiert-Werden gibt dem Tier ein dumpfes Miterleben mancher Vorgänge seiner inneren Organisation. Der Mensch hat nicht nur solche Bildekräfte, die ganz im vitalen Prozeß aufgehen, nicht nur solche, welche teilweise reflektiert werden, er hat, wie oben gezeigt, auch einen Teil seiner Bildekräfte frei zur Verfügung, welche zur Basis seines Ich-Bewußtseins, seiner wachen Erkenntnisprozesse dienen. Die erste Entwickelungsstufe ist im Menschen noch wirksam in seinen Wachstums- und Ernährungsprozessen. Nur selten und mit einem fast völlig abgedämpften Bewußtsein nehmen wir an diesen Vorgängen teil. Nur wenn wir „krank“ sind, Schmerz empfinden, beginnen wir ausnahmsweise diese inneren Vorgänge wahrzunehmen. (37) Dann durchdringen die Bildekräfte nicht mehr in normaler Weise die vitalen Prozesse und deren Organe, sondern werden in einer Weise verwendet, die eben ihren Funktionen in diesen Organgebieten nicht entspricht. Ebenso wie wir äußerlich Schmerz empfinden, wenn wir gegen einen harten, plötzlichen Widerstand bietenden Gegenstand anstoßen, so empfinden wir innerlich Schmerz, das heißt Bewußtsein an falscher Stelle, wenn unsere Bildekräfte dort nicht in normaler Weise eindringen können. Aber die Organe des menschlichen Organismus haben, im Gegensatz zur Pflanze, eben nicht nur die Aufgabe, vitalen Prozessen zu dienen, sie sind mehr und mehr so metamorphosiert,

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daß sie einen Teil der Bildekräfte reflektieren sollen, diese zurückspiegeln. Rudolf Steiner sagt: „Der Mensch muß hinzufügen Bewußtsein, zunächst die einfachste Form des Bewußtseins, das dumpfe Bewußtsein, das eigene innere Leben wahrzunehmen. Solange nicht ein Wesen das eigene innere Leben miterlebt, gleichsam in der Lage ist, sich innerlich durchzuspiegeln, um dieses eigene innere Leben mitzuerleben, solange können wir nicht sagen, daß es sich über die Pflanzenhaftigkeit hinauferhebt. Erst dadurch erhebt sich ein Wesen über die Pflanzenhaftigkeit hinauf, daß es nicht bloß in sich „Leben“ hat, sondern dieses Leben durchspiegelt und miterlebt.“ Bei den vitalen Prozessen durchspiegelt der Mensch nur dumpf seine Organisation: „Dieses dumpfe Bewußtsein ist gleichsam die andere Seite jenes Bewußtseins, das sich des sympathischen Nervensystems als seines Werkzeuges bedient; es wird überstrahlt – wie ein schwaches Licht durch ein starkes – durch alles, was unter dem Einfluß des Ich in unserer Seele lebt.“ Wir werden diese Spiegelungsprozesse in den folgenden Kapiteln noch eingehender behandeln. Das Seelenleben des Menschen umfaßt also einerseits die nur dumpf erlebten Organprozesse, wenn die physischen Organe, statt die Bildekräfte gleichsam aufzusaugen, sich ihnen teilweise entgegenstellen, sie reflektieren, zurückspiegeln. * „So ist es mit dem gesamten Seelenleben des Menschen: der Mensch erlebt es - wird sich dessen aber nicht bewußt, wenn ihm nicht ein Spiegel entgegengehalten wird. Und für das Seelenleben ist

„Daß wir uns auf

der Erde das Ich-Bewußtsein aneignen können, dazu muß unser physischer Leib mit der Gehirnorganisation ein Spiege1apparat sein.“ Aber der Mensch besitzt auch, wie oben gezeigt, einen freien Teil seiner Bildekräfteorganisation, der sich wiederum seine eignen Kraftzentren, seine eignen Organe bildet. Auf dessen weitere Entwickelung werden wir später näher eingehen. (38) Das Ich des Menschen benutzt für seine Bewußtseinsprozesse im Erdenleben heute meist nur den Spiegelungsapparat des physischen Leibes, aber es ist nicht ausschließlich an ihn gebunden. Diese Tatsache hängt eng mit den Phänomenen der Reinkarnation zusammen. Ebensowenig, wie ein Mensch, der sich äußerlich in einem vor ihm stehenden Spiegel sieht, dadurch selbst vernichtet wird, daß die Möglichkeit, sich selbst zu sehen, durch das Zerbrechen des Spiegels beendet wird, so ist es auch mit dem inneren Spiegelungsapparat. * „Es ist natürlich ein

der „Spiegel“ nichts anderes, als der physische Leib.“

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vollständiger Unsinn, daraus z. B. daß bei irgendeiner Beschädigung des Spiegelungsapparates das seelische Erleben für das Bewußtsein aufhört wahrgenommen zu werden, den Schluß zu ziehen, daß dieses seelische Erleben selbst an den Spiegelungsapparat gebunden wäre. Denn wenn jemand den Spiegel zerbricht, dem wir entgegengehen und durch den wir uns wahrnehmen, zerbricht er nicht uns, sondern wir verschwinden nur vor unserem Blick. So ist es, wenn der Spiegelapparat für das Seelenleben – das Gehirn – zerstört wird: es hört die Wahrnehmung auf; aber das Seelenleben selbst, insofern es in Ätherleib und Astralleib abläuft, wird gar nicht davon berührt.“ Die Veränderung des Spiegelungsapparates, der leiblichen Organisation, im Schlaf, oder die Zerstörung desselben im Tode, bedeutet also nur ein Aufhören dieser Art von Spiegelung, von Wahrnehmungsmöglichkeit, aber durchaus nicht Zerstörung des Gespiegelten, des Ich, der menschlichen Wesenheit. Im Erdenleben übt der physische Leib auf den Bildekräfteleib eine Anziehungskraft aus, der sich dieser normalerweise nie ganz entziehen kann. * „Während des Lebens zwischen Geburt und Tod. kann das Seelische niemals mit dem Bildekräfteorganismus allein verbunden sein, ohne den physischen Leib. Denn da ist die Anziehungskraft, welche die beiden Organismen aufeinander ausüben, größer als diejenige des Seelischen zum Bildekräfteorganismus. Erst wenn mit dem Tode der physische Organismus beginnt, seinen eigenen Gesetzen zu folgen, bleibt der Bildekräfteorganismus in dem Bereich des Seelischen zurück.“ Eine Betrachtung, die sich einseitig nur mit der materiellen leiblichen Organisation des Menschen befaßt, muß also mit deren Zerstörung auch die Beendigung dieses Seelenlebens erwarten; eine Forschung, welche die Bildekräfteorganisation als mit eigener Gesetzmäßigkeit ausgestattetes Wesensglied des Menschen erfaßt, wird mit dem Wegfall des physischen Leibes, des besonderen „Spiegelungsapparates“, zwar eine Veränderung, aber keine Beendigung des Seelenlebens erkennen. (39) Bestimmte Bindungen, Fesseln, Begrenzungen, werden dadurch gelöst, aber nicht die Wesenheit selbst und ihre Eigendynamik vernichtet. Man kann Lebens- und Bewußtseinsprozesse des Menschen also nur verstehen, wenn man die folgenden Wesensglieder des Menschen in ihren gegenseitigen Beziehungen und Metamorphosen betrachtet.

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Den physischen Leib des Menschen: die Gesamtheit aller materiellen Stoffe und Kräfte im Organismus, die sich durch chemische Umwandlung, Austausch, Erneuerung ständig verändert. Den ätherischen oder Bildekräfteleib des Menschen: er ist gleichsam der Baumeister des physischen Leibes, er bewirkt dessen Aufbau, Verwandlung, Erneuerung, Gestaltung. So wie der physische Leib sich durch Austausch mit Substanzen der Umwelt ergänzt und erneuert, so der Bildekräfteleib durch Austausch mit den Bildekräften der Umwelt, des Kosmos. * „Was so im ätherischen Leib lebt, ist aus dem ätherischen Wesen des Kosmos in den Menschen hineingewoben. Es kann sich nie ganz vom Kosmos ablösen. Es setzt sich das kosmisch-ätherische Geschehen in die menschliche Organisation herein fort; und die innermenschliche Fortsetzung ist der Ätherorganismus. Daher kommt es, daß in dem Momente, in dem nach dem Tode der Mensch in seiner ätherischen Organisation sich bewußt wird, dieses Bewußtsein auch schon beginnt, sich in ein kosmisches Bewußtsein umzuwandeln. Der Mensch fühlt den Welten-Äther geradeso wie seinen Ätherorganismus als etwas, was in seiner eigenen Wesenheit ist.“ Im Ätherleib gliedert sich dem Menschen die weisheitsvolle Gesetzmäßigkeit, die Intelligenz des Kosmos ein. Er ist der Träger unserer inneren Dynamik die teils von der Dynamik des Kosmos, teils von unseren geistig-seelischen Impulsen beeinflußt wird. Würde aber nur der Ätherleib allein unsere Ernährungs-, Wachstums- und Gestaltungsprozesse durchsetzen, so würden in uns die Vorgänge der vitalen Produktivität, der Organbildung, zu stark überwiegen, denn der Bildekräfteleib allein würde die Tendenz haben, die Wachstums-Prozesse ins Wuchernde zu steigern, die Organformationen in kontinuierlicher Neubildung ins Unbegrenzte zu wiederholen. Dies zu verhindern sind andere Kräfte tätig, welche durch Zurückstauung der vitalen Prozesse das Maßlose ins Maßvolle, die ewige Wiederholung in notwendige Begrenzung zurückführen. Da diese Kräfte im menschlichen Organismus aus der Sternenwelt, der Kräftewelt der umgebenden kosmischen Sphären entnommen sind, benutzte Rudolf Steiner in seiner Terminologie hierfür den Ausdruck „Astralleib“. Das Wesentliche ist ja hier nicht die Bezeichnung, sondern das genaue Durchschauen des Ursprungs und der Wirkensart dieser Umweltkräfte im Menschen. (40) Hier berühren wir auch einen Tatbestand, der für den Unterschied von Mensch, Tier und Pflanze, überhaupt für das Problem der Höherentwickelung äußerst bedeutsam ist. Eine hemmende,

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bremsende Wirkung braucht in der Entwickelung eines Organismus durchaus nicht nur negativ zu werten sein, sie kann im Gegenteil die Möglichkeit zu einer neuen höheren Entwickelungsstufe bedeuten. Die Pflanze ist – allgemein gesprochen – in den ewigen Naturrhythmus in sich selbst ungehemmt hineingestellt, die Bewegungsimpulse der Pflanze sind im Wesentlichen durch die rhythmischen Einflüsse der Umwelt bestimmt. Das Tier hat Kräfte und Organe, die es ihm ermöglichen, „halt zu machen“, das heißt durch zunächst primitive Willensimpulse in den Naturrhythmus einzugreifen. Rudolf Steiner hat immer wieder darauf hingewiesen, daß die Bewußtseins-Vorgänge in den höheren Lebewesen auf einer Beeinträchtigung der rein vegetativen Prozesse beruhen, daß Bewußtsein gleichsam erkauft wird durch Hemmung der sonst endlos fortdauernden vegetativen Vorgänge. Einen solchen typischen Entwickelungsprozeß schilderte er einmal in folgender Weise, indem er den Unterschied des Wirkens der Kräfte des „Ätherleibes“ und der Impulse des „Astralleibes“ im Organismus an einem Beispiel veranschaulicht. Er sagt, daß die Wirkung des „Ätherleibprinzips“ sich eigentlich meist zeigt in der Wiederholung eines Bildungsprozesses, zum Beispiel in der vielfachen Aufeinanderfolge von Rückenmarkwirbeln. Sie wird dadurch zum Abschluß gebracht, daß dies von dem mächtig eingreifenden Astralischen umgeben ist. Durch die Entfaltung des Astralleibes schließen sich diese Rückenmarkwirbel ab zum Gehirnknochen. So würde man überhaupt überall in der Welt das Zusammenwirken des Ätherischen mit dem Astralischen zu verfolgen haben. Es liegt dem ein Mysterium zugrunde, das Geheimnis, daß alles Lebendige durch das Astralische gedämpft, gleichsam getötet werden muß. Diese Dämpfung im, Astralischen ist so, daß das Ätherische Abschluß findet. Geistig gedacht bedeutet Astralisches jene Kraft im Kosmos, die verhindert, daß das Ätherische mit einer üppigen Gewalt sich entfaltet, ohne daß es je zum Abschluß kommt. Daß das Lebendige zum Bewußtsein aufgerufen wird, dem liegt die Kraft des Astralischen zugrunde; denn ohne Astralisches gäbe es kein Bewußtsein.“ – Es ist dies nur eine der zahlreichen Funktionen des „Astralischen“ im lebenden Organismus. Während also gewisse Kräftewirkungen den Lebensprozeß und seine Rhythmen impulsieren und gestalten, wirken andere Impulse so, daß sie das rein Vegetative hemmen, aber dafür Bewußtseins- und Willensakte ermöglichen. (41) Man kann im allgemeinen den einen Teil dieser Wirkungen meist auf den „Ätherleib“, den anderen Teil auf den „Astralleib“ zurückführen. Auf

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die Bedeutung des „Stauungsphänomens“ in der Entwickelung der Lebewesen hatten wir im Vorigen schon hingewiesen.

* „Bei der Pflanze ergibt sich durch das gekennzeichnete Kräftespiel ein

Wechsel zwischen einem Eingeschaltetsein in die einstrahlenden Kräfte des

Umkreises und einem Ausgeschaltetsein

Substanziellen ganz aus dem Bereiche der beiden Kräftegebiete herausgezogen. Dadurch entsteht noch eine andere Gliederung als bei der Pflanze. Es entstehen Organbildungen, die im Bereiche der beiden Kräftegebiete verbleiben, und solche, die sich aus ihnen herausheben. Es ergeben sich Wechselwirkungen zwischen den beiden Organbildungen. Und in diesem Wechselwirkungen liegt die Ursache, daß die tierische Substanz Träger der Empfindung sein kann. Eine Folge davon ist die Verschiedenheit im Aussehen, in der Beschaffenheit der tierischen Substanz gegenüber der pflanzlichen. – Man hat im tierischen Organismus einen Kräftebereich, der gegenüber dem von der Erde ausstrahlenden und in sie einstrahlenden unabhängig ist. Es ist der astralische Kräftebereich außer dem ätherischen und physischen noch da. Man braucht sich an dem Ausdruck „astralisch“ nicht zu stoßen. Die ausstrahlenden Kräfte sind die irdischen, die einstrahlenden diejenigen des Welt-Umkreises der Erde; in den „astralischen“ ist etwas vorhanden, das den beiden Kräftearten übergeordnet ist. Dies macht die Erde selbst erst zum Weltenkörper, zum „Stern“ (Astrum). Durch die physischen Kräfte sondert sie sich aus dem Weltall heraus, durch die ätherischen läßt sie dieses auf sich wirken; durch die „astra1ischen“ Kräfte wird sie eine selbständige Individualität im Weltall. – Das „Astralische“ ist im tierischen Organismus eine selbständige, in sich abgeschlossene Gliederung wie der ätherische und der physische Organismus. Man kann deshalb von dieser Gliederung als von dem „astralischen Leib“ sprechen.“

Beim Tiere wird etwas von dem

In all diesen Vorgängen des Substanzaufbaues und Umtausches der vitalen Vorgänge und Stauungsprozesse, der Organbildung und Gestaltung, der Metamorphose und Einordnung in die Totalität des lebenden Organismus, lebt und betätigt sich nun beim Menschen das höchste Glied seiner Wesenheit, das „Ich“ des Menschen.

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

c) Diskontinuität des Bewußtseins. Wachen und Schlafen. Geburt und Tod.

Wir müssen nun genau unterscheiden zwischen denjenigen leiblichen und seelischen Vorgängen, welche für das „Ich“ des Menschen ins Bewußtsein treten und denjenigen, welche sich unterhalb der Bewußtseinsschwelle vollziehen. Rudolf Steiner sagt: „Wir haben ja gesehen, daß ein Unterschied besteht zwischen Seelenleben und Bewußtheit dadurch, daß eine Vorstellung in der Seele weiterlebt, ohne in der Bewußtheit zu sein. Eine Vorstellung, die wir einmal vor längerer Zeit aufgenommen haben, lebt in unserem Seelenleben weiter. Wir können uns ihrer zwar erinnern; aber wenn wir uns ihrer zur Zeit nicht erinnern, sondern zum Beispiel erst nach zwei Tagen, so war die Vorstellung uns so lange nicht bewußt, sondern nur in der Erinnerung. Erinnerung ist nicht immer bewußt. Die Vorstellung lebte also

in der Seele, war aber zur Zeit nicht im

Bewußtheit gehört

nicht in der Art zum Seelenleben, daß alles was zu diesem gehört, auch nun in die Bewußtheit hineinfallen müßte.“

Wir hatten nun darauf aufmerksam gemacht, daß die Bewußtseinsvorgänge des Menschen während des Erdenlebens diskontinuierlich sind, daß nicht nur der physische Leib seine Substanzen ständig auswechselt, der Bildekräfteleib diese Erneuerung bei Tag und Nacht in wechselnder Intensität bewirkt, sondern daß auch 'das Bewußtsein durch den Rhythmus von Wachen und Schlafen unterbrochen ist und nur die geistige Wesenheit des Menschen, das Ich, diese so oft unterbrochenen Vorgänge miteinander verknüpft. Man könnte die Unterbrechungen, die Diskontinuität des Bewußtseins in Wachen und Schlafen, graphisch in folgender Weise darstellen:

a = Wachen

b = Schlafen

des Bewußtseins in Wachen und Schlafen, graphisch in folgender Weise darstellen: a = Wachen b =

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In diesen Rhythmus sind nun die vier Wesensglieder des Menschen in ganz verschiedener Art eingeschaltet. In unserer Organisation findet ein ständiger Kampf statt zwischen Bewußtseinspol und vitalem Pol des Menschen. Der Bildekräfteleib dient im Wachen mehr der einen, im Schlafen Lehr der anderen Funktion. * „Der Bildekräfteorganismus ist wie in einer hin- und herschwingenden Bewegung, schwebend zwischen einem Hinneigen zu den physischen und chemischen Vorgängen des Leibes und zwischen einem Durchdrungenwerden von dem Seelischen.“ Wenn wir schlafen, konzentrieren wir fast alle Bildekräfte auf die Regeneration des physischen Leibes, auf die Stärkung der vitalen Prozesse; wenn wir erwachen, sondern wir einen Teil der Bildekräfte ab, die nun als Basis für die Bewußtseinsprozesse dienen; beim Einschlafen wiederum Konzentration der Kräfte für vitale Funktionen, beim Erwachen Absonderung im Dienste der Bewußtseinsfunktionen. Wir zeigten weiterhin, wie Bewußtseinsprozesse nur durch Zerstörung oder Behinderung wuchernder vitaler Prozesse möglich sind. Deshalb heben sich im Sch1afe diejenigen Wesensglieder der menschlichen Organisation, welche tagsüber der Schwächung oder Stauung der vitalen Prozesse dienen, Astralleib und Ich, allnächtlich aus der physischen und Bildekräfteorganisation heraus, um sich beim Erwachen wiederum intensiver mit ihr zu verbinden, sich ihrer zu bedienen.

Rudolf Steiner faßt diesen zyklischen Prozeß im Erdenleben in folgender Weise zusammen: „Aufbau: Unbewußtheit, weil die Kräfte als Baukräfte verwendet werden; Abbau: Wachen, Bewußtheit, weil die Kräfte zerstören, weil die Kräfte frei werden, nicht zu bauen brauchen. Das unbewußte Schlafen und das bewußte Wachen, Aufbauen und Abbauen, das ist einer der gewöhnlichsten zyklischen Verläufe des Menschenlebens.“ Man könnte das Durchdringen der menschlichen Leiblichkeit mit en höheren Wesensgliedern und den zugeordneten irdischen und kosmischen Kräften im Wachen und deren Herausheben im Schlafe graphisch – in schematischer Art – gleichsam in folgender Weise darstellen: (siehe Zeichnung nächste Seite). Tagsüber, im Wachzustande, durchweben alle diese Kräfte die menschliche Organisation, sie spiegeln sich, wie oben beschrieben, an den

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physischen Organen und dienen teils als gespiegelte, teils als frei zur Verfügung stehende Kräfte den Bewußtseinsprozessen des Menschen. Nachts, im Schlafzustande, arbeiten die Bildekräfte an der vitalen Reorganisation des Leiblichen, während sich die kosmischen (astralischen) Kräfte mehr aus dem Leiblichen zurückziehen, herauslockern, dadurch aber in stärkeren Kontakt mit den kosmischen Kräften der Umwelt treten und neue Kräfte hereinsaugen, die dann im Erwachen wieder tiefer in die Organisation eintauchen und dadurch den Stauungs-, Spiegelungs- und Bewußtseinsprozessen dienen. (44)

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Wachzustand

Schlafzustand

als Phänomen der Metamorphose Wachzustand Schlafzustand Schlafen und Wachen sind deshalb in der inneren Dynamik des

Schlafen und Wachen sind deshalb in der inneren Dynamik des Menschen begleitet von Ausdehnungs- und Zusammenziehungsvorgängen seiner Kräftestruktur. Rudolf Steiner sagt: „In der Tat beginnen die Innen-Kräfte im astralischen Leibe und im Ich im Augenblicke des Einschlafens sich auszudehnen über das ganze Sonnensystem, sie werden ein Teil des ganzen Sonnensystems. Von überall her saugt der Mensch in seinen astralischen Leib und sein Ich die Kräfte zur Stärkung dieses Lebens ein, wenn er im Schlafzustande ist, um sich dann beim Aufwachen wieder zusammenzuziehen in die engen Grenzen seiner Haut und in diese das hineinzufügen, was er in der Nacht herausgesogen hat aus dem Gesamtumfange des Sonnensystems.“ Zentripetal- und Zentrifugalkräfte wirken in verschiedener Art im Wach- und Schlafzustande des Menschen. Wie wir im Atmungsrhythmus die Luft der Umgebung einsaugen und ausstoßen, so werden im Wachen und Schlafen in einem größeren Rhythmus die Bildekräfte und Gestaltungsimpulse des Kosmos ein- oder ausgeatmet.

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Kein Mensch wird vermeinen, daß das „Ich“ von heute nicht dasselbe von gestern sei, obwohl das Bewußtsein für die sinnlich-physischen Vorgänge während jeder Nacht unterbrochen ist. Eine genauere Betrachtung der Phänomene von Wachen und Schlafen zeigt also, daß die Existenz des Ich nicht mit den physisch-sinnlichen Bewußtseinsprozessen identisch ist. Das Ich ist kontinuierlich, das Bewußtsein diskontinuierlich, die Lebensprozesse wandelbar im Rhythmus des Ein- und Ausatmens ganzer Teile der menschlichen Wesenheit in Wachen und Schlafen. Der physische Leib des Menschen ist demnach nicht Ursache des „Ich“, sondern nur Werkzeug des Bewußtseins im Physisch-Sinnlichen, zu dem wir an ihm erwachen. So wie wir zum Bewußtsein bestimmter Gliedmaßen, die sonst unbewußt sind, äußerlich durch Anstoßen an einen harten Gegenstand erwachen, so erwacht das Ich zum Bewußtsein im Leibe durch das „Anstoßen“ an die physische Körperlichkeit und ihre Organe beim Eintauchen in diese am Morgen. * „Daß wir unser Ich trotzdem jeden Morgen mit aller Deutlichkeit wieder in unser Bewußtsein hereinkommen sehen, das rührt davon her, das wir jeden Morgen in denselben Leib untertauchen; der erweckt uns durch die Kollision, in die wir mit ihm

kommen, jeden Morgen unser Ich-Bewußtsein von

An dem

„Gegendruck“ unseres Leibes entzündet sich unser Ich-Bewußtsein. Unser Ich steckt eben im physischen Leib, Ätherleib und im Astralleib und hat fortwährend die Kollisionen mit diesen. So können wir also sagen, daß wir

im Erdenleben unser Ich-Bewußtsein dem Zustande verdanken, daß wir innerlich hineingedrängt sind in unsere Leiblichkeit und von ihr den Gegendruck erleben. Wir stoßen mit unserer Leiblichkeit zusammen.“

zwei

Lebensgeschichten, eine wachende und eine schlafende. Beide Lebensgeschichten sind für das Leben gleich wichtig, ja, wie wir sehen werden, auch für das Leben zwischen Tod und Wiedergeburt. Wir erwähnten schon, daß das „Vergessen-können“ eine wichtige Lebensfunktion neben der des bewußten Erinnerns ist. Rudolf Steiner kennzeichnet, was sich da abspielt: „Nun ist ein großer Unterschied zwischen einer Vorstellung, während wir sie in unserer Erinnerung haben, und derselben Vorstellung, wenn sie aus unserer Erinnerung verschwunden ist. – Also wir fassen ins Auge eine Vorstellung, die wir uns durch einen äußeren Eindruck gebildet haben, und die jetzt in unserem Bewußtsein lebt; dann blicken wir seelisch hin, wie sie nach und nach verschwindet, nach und

Der

Mensch

hat

auch

im

Erdenleben

sozusagen

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nach vergessen wird. Aber sie ist da, sie bleibt im ganzen geistigen Organismus. Was tut sie da? Womit beschäftigt sich diese sozusagen vergessene Vorstellung? – Sie hat ihr ganz bedeutungsvolles Amt. (46) Sie fängt nämlich erst dann an, in der richtigen Weise an diesem bereits

geschilderten freien Glied des Ätherleibes zu arbeiten und dieses freie Glied des Ätherleibes für den Menschen brauchbar zu machen, wenn sie vergessen

ist. Es ist, als wenn sie erst dann verdaut wäre

verwendet, um durch sie etwas zu wissen, so lange arbeitet sie nicht innerlich an der freien Beweglichkeit, an der Organisation des freien Gliedes

des Ätherleibes. In dem Augenblick, wo sie in die Vergessenheit hinuntersinkt, fängt sie an zu arbeiten; so daß wir sagen können: Es wird an dem freien Gliede des menschlichen Ätherleibes fortwährend gearbeitet, fortwährend daran geschafft. Und was ist es, was da schafft? Das sind die vergessenen Vorstellungen. Das ist der große Segen des Vergessens“. So können geistige Prozesse, die, solange sie in unserem irdischen Bewußtsein verlaufen, durch Kräfteverbrauch einen Abbau bedeuten, zu aufbauenden Impulsen werden, sobald sie unter der Schwelle des Bewußtseins in die Tätigkeit des Bildekräfte-Organismus verwoben sind. Gedankenkräfte haben somit potentiell eine zweifache Möglichkeit: Im Wachen unser Ich-Bewußtsein im Leibe zu ermöglichen, im Schlaf und im Unterbewußtsein leib-aufbauend zu wirken. Je nach ihrem Einklang mit der Weisheit des Kosmos kann die Wirksamkeit der Gedankenwelt des Menschen positiv oder negativ sein. Kosmisch richtige Gedanken werden, wenn sie in Schlaf und Unterbewußtsein heruntertauchen, den weisheitsvollen Aufbau unseres Organismus fördern, kosmisch falsche Gedanken ihn verwirren und hemmen. Würde der Mensch mit seiner heute oft so falschen, verzerrten, kosmosfernen Gedankenwelt zu tief in seine Leibesorganisation eindringen, so würde er diese nur chaotisieren, deshalb ist der gewaltige Rhythmus von Kosmos-Hingabe und Abschnürung vom Kosmos im Schlafen und Wachen einer der wichtigsten gesundenden Atmungsrhythmen des Menschen auf Erden. Wie stehen nun Geburt und Tod in diesen Rhythmen von Bewußtseins- und Lebensprozessen darinnen? Der Kampf zwischen Bewußtseinspol und vitalem Pol des Menschen ist ein ungleicher. Rudolf Steiner zieht das folgende Fazit: „Es wird zwar in der Nacht ausgeglichen, was der Tag zerstört, aber es ist immer ein Überschuß an zerstörenden Kräften vorhanden. Und daß immer ein Überschuß von zerstörenden Kräften da ist,

Solange sie der Mensch

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das macht es, daß wir überhaupt sterben. Es summieren sich die Differenzen, die da bleiben. (47) Jede Nacht bleibt doch immer eine Differenz zurück. Die Kräfte, die während der Nacht ersetzt werden, sind nie genau so groß, wie die, welche im Tagesleben verbraucht worden sind, so daß im des Menschen täglich immer ein gewisser Rest von Kräften zurückbleibt. Und da dieser Rest, der jeden Tag zurückbleibt, sich hinzurechnet zu dem andern, so tritt der natürliche Alterstod ein, wenn dann die Summe so groß ist, daß die zerstörenden Kräfte die aufbauenden überwinden.“ Aber ebensowenig wie durch die Unterbrechung des physisch- sinnlichen Bewußtseins des Menschen im Schlaf sein „Ich“ zerstört wird, so auch nicht im Tode. Denn der Leib ist ja, wie wir zeigten, nur Spiegelungsapparat, nur Stauung und Widerstand, an dem das Ich zum physisch-sinnlichen Bewußtsein erwacht, nicht dessen Schöpfer, ja, im Schlafe nicht einmal dessen Träger, er ist im Austausch der Substanzen schon innerhalb weniger Jahre des Lebenslaufs ein anderer. Aber auch im Erdenleben bleibt das Ich kontinuierlich, trotz Wandel der Substanzen, trotz der Atmungsrhythmen und Metamorphosen der Bildekräfte und Bewußtseinszustände. Wie der Schlaf eine Bewußtseinsmetamorphose bedeutet, weil Stauung und Spiegelung sich verändern aber das Ich dadurch nicht zerstört wird, so bedeutet auch der Tod zwar eine gewaltige Bewußseinsmetamorphose, einen völligen Zerfall des physischen Spiegelungsapparates, aber ebensowenig eine Zerstörung des Ich. Der kleinere Rhythmus, der alltäglich und allnächtlich eintritt, zwischen Abschnürung vom Kosmos und Hingabe an den Kosmos, geht nun beim Tode über in einen größeren Rhythmus. Eine physische Spiegelungsapparatur wird gebrauchsunfähig, Substanzen lösen ihren Verband, aber nicht die Bildekräfte, nicht die schöpferischen Impulse, die in ihnen leben und tätig sind. Kräfte sind nicht Produkte der Substanz, sondern deren Gestalter. Die Energien und die Dynamik würden zwar verwandelt, wenn selbst der physische Erdenplanet sich auflösen würde, aber sie bestünden weiter, die schöpferische Gedanken- und Kräftewelt des Kosmos würde neue Objekte gestalten, neue Rhythmen und Gliederungen auslösen können. Hierin liegt nun auch die gewaltige Bedeutung der Forschungsmethodik Rudolf Steiners, welche zeigt, daß das Denken leibgebunden, aber auch leibfrei sein kann, daß es seine Organe nicht nur im physischen, sondern

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auch im Bildekräfteleib und den höheren Organisationen des Menschen besitzt. (48) Die materialistische Epoche glaubte, weil sie keinen andersweitigen Versuch machte, daß nur die Organe des physischen Leibes zur Funktion

des Denkens geeignet sind, daß man zwar körperliche Organe und Gliedmaßen in ihren Fähigkeiten steigern könne, aber sie ignorierte die höheren Organe des Menschen, deren Existenz und Entwickelungsfähigkeit. Rudolf Steiner schilderte nun in seinen grundlegenden Werken, wie der Mensch seine geistigen Organe ebenso, methodisch auszubilden vermag, wie die physischen, ja, wie er sie schon im Erdenleben weitgehend zu selbständiger Funktion aufrufen und entwickeln kann. Er zeigte, wie durch die schon erwähnten methodischen Meditations- und Konzentrationsübungen eine Belebung und Erstarkung dieser vom Leiblichen freien Organe des Menschen herbeigeführt werden kann und gebrauchte hierfür einmal den folgenden Vergleich: „Wir wenden uns also direkt an das Denken, und zwar dadurch, daß wir Meditation pflegen, daß wir uns konzentrieren auf gewisse Gedanken-Inhalte durch längere Zeiten. Wir machen seelisch etwas durch, was sich vergleichen läßt mit der Erkraftung eines Muskels. Wenn wir einen Muskel in fortdauernder Arbeit immer wieder und wiederum gebrauchen, ganz gleichgültig, welches Zweck oder Ziel dieser Arbeit sind, muß er erkraften. Dasselbe können wir mit dem Denken ausführen. Statt daß wir uns mit diesem Denken immer nur hingeben dem Verlauf der äußeren Vorgänge, bringen wir mit starker

Willensanstrengung überschaubare Vorstellungen

in den Mittelpunkt

unseres Bewußtseins, schalten alles andere Bewußtsein aus, konzentrieren uns nur auf einen solchen Bewußtseinsinhalt.“ Im täglichen Leben lassen wir., vom Moment des Aufwachens bis zum Einschlafen, den Gedankenstrom meist träge und passiv durch unser Bewußtsein fließen. Wenn wir uns ehrlich selbst beobachten, können wir feststellen, wie wir im Tagesleben meist rezeptiv diesem Strom der Eindrücke und Gedanken hingegeben sind und nur recht selten seine Inhalte, seine Stärke, seine Intensität aktiv beeinflussen. Hier sei ein Vergleich erlaubt: Wenn wir in der Natur einen Strom träge dem Meer zufließen lassen, so wird er dem Menschen keine besonderen Kräfte vermitteln. Wir wissen jedoch aus der Technik, daß ein solcher Strom uns sofort ganz neue, bisher ungeahnte Kräfte vermittelt, wenn wir ein Stauwehr errichten. Die Menschheit hat lange gebraucht, dieses Phänomen zu entdecken, jetzt verdanken wir ihm

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ganz neue Möglichkeiten in der äußeren Dynamik. So ist es auch mit der inneren Dynamik des Menschen. (49) Wenn wir jenen passiven Gedankenstrom, der im Tagesleben durch unser Bewußtsein fließt, durch systematische Konzentrationsübungen, wie sie Rudolf Steiner angibt, gleichsam aufstauen, so werden in unserer inneren Kräftewelt neue Möglichkeiten geschaffen, ein Wandel der Dynamik herbeigeführt, die inneren Kräfte neu organisiert und konzentriert, im Bildekräfteorganismus neue Organe mit neuen Bewußtseinsmöglichkeiten geschaffen. Der praktische Versuch bestätigt diese Tatsache. Die Menschheit des letzten Jahrhunderts beobachtete zwar, daß ein systematisches Training z. B. unserer Muskeln uns zu neuen physischen Möglichkeiten führen könne, man übersah aber, genau zu erforschen, zu welchen neuen Möglichkeiten eine systematische Ausbildung der geistigen Organe des Menschen führen könne. Nur einige große Denker des letzten Jahrhunderts mahnten in eindeutiger Weise an jene Aufgaben, die den Menschen vom Tier unterscheiden; so schrieb Goethe wenige Tage vor seinem Tode an Wilhelm v. Humboldt: „Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt“, sagten die Alten. Ich setze hinzu: die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe dagegen wieder zu belehren.“ Goethe meinte hiermit gewiß nicht nur die leiblichen, sondern vor allem die geistigen Organe des Menschen. Rudolf Steiner zeigt nun die Methodik, diese Forderung Goethes systematisch übend zu erfüllen. Der Mensch kann also nicht nur die Metamorphose und Steigerung seiner physischen, sondern auch seiner geistigen Organe beschleunigen, er kann sich sogar der Möglichkeit einer leibfreien Benutzung seiner leibfreien Organe bewußt werden. Durch die methodische Stärkung der oben angegebenen Organe der geistig-seelischen und Bildekräfteorganisation des Menschen ergeben sich nun aber vor allem folgende Konsequenzen: Es zeigt sich, daß die menschliche Denk- und Bewußtseinstätigkeit auch unabhängig von den physisch-leiblichen Organen ausgeübt werden kann und daß nun auch der Wirkensbereich zweier wichtigster Funktionen des Menschen, des Bewußtseins und des Gedächtnisses, wesentlich erweitert werden kann. Es zeigt sich, daß die Bewußtseinsprozesse des Menschen nicht nur den oben geschilderten rhythmischen Vorgängen im Austausch mit den vitalen Prozessen verbunden sind, sondern durch systematische Intensivierung auch in jene Gebiete hineinreichen können, wo sonst alle Bildekräfte nur für den vitalen Prozeß verwendet werden, so daß nunmehr auch diese Funktionen

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der menschlichen Organisation mit einem verstärkten Bewußtsein durchleuchtet und erkannt werden können. (50) Es ist zum Beispiel ein wichtiges Phänomen des menschlichen Lebenslaufes, daß unser Bewußtsein und Gedächtnis nicht bis zum Beginn des Lebens, zur Geburt, zurückreicht, sondern meist nur bis zum 3. oder 4. Lebensjahr, ja, daß viele Menschen sogar noch wesentlich spätere Vorgänge ihrer ersten Lebensjahre mit Bewußtsein und Gedächtnis nicht, oder nur sehr spärlich zu erreichen, d. h. zu erinnern vermögen. Die durch methodische Übungen verstärkten Bewußtseinskräfte können nun auch in jene Gebiete des menschlichen Lebens und der leibaufbauenden Bildekräfte hineinleuchten, die sonst zwar ebenso real verlaufen, aber dem Be- wußtseins- und Erkenntnisbereich des Menschen nicht zugänglich sind. Einer Erforschung dieser Vorgänge ergibt sich dann, was schon im Vorigen ausgeführt wurde, wie es dieselben Bildekräfte sind, die wir zunächst vor allem zu den vitalen Prozessen des Wachstums, der Ernährung, Gestaltbildung etc. verwenden, von denen wir aber im Verlaufe der Kindheit immer mehr und mehr Kräfte metamorphosieren und absondern, um sie dann später als Basis für die Denk- und Gedächtnisprozesse zu verwenden. Kosmische Gedankenkräfte sind es, zunächst, nicht unsere eigenen Denkkräfte, die wir zum Aufbau unserer leiblichen Organisation im embryonalen Stadium und der ersten Kindheit benutzen. Rudolf Steiner sagt hierüber: „Wir können nicht unseren Ätherleib verstehen, wenn wir ihn nicht so verstehen, daß wir in ihm das allgemeine Gedankenweben der Welt haben. Unser eigener Ätherleib ist gewissermaßen herausgewoben durch unsere Geburt aus diesem Gedankenweben der Welt.“ Wenn der Physiker sagt, daß die neuere Forschung dahin führt, den Kosmos nicht nur als eine Maschinerie, sondern als eine Welt schöpferischer Gedanken zu verstehen, so hat Rudolf Steiner durch Erforschung der Bildekräftewelt die Möglichkeit zu einer Erkenntnis gegeben, wie real dies tatsächlich z. B. gerade beim Aufbau des Menschen der Fall ist. Das Ich des Menschen lebt in einem „Modell“, das ihm aus der weisheitsvollen Welt schöpferischer Bildekräfte des Kosmos und aus deren Bindung und Ordnung durch die Vererbungsströmung gegeben ist. Bei Betrachtung dieser weisheitsvollen Aufbauprozesse am Beginn unseres Lebens zeigt sich nun, daß es – uns selbst noch unbewußte – und doch in unserer Organisation bereits sinnvoll tätige Gedankenkräfte sind, die da unsere Organisation durchwirken. Rudolf Steiner charakterisiert dies so:

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„Die Gedanken werden lebendige Kräfte, Bildekräfte. Und man wird gewahr, daß man das Denken eigentlich als einen zweiten Leib in sich trägt, als den Ätherleib, den Bildekräfteleib, denn man wird gewahr, daß das- jenige, was sonst nur abgeschattet in Gedanken besteht, eigentlich dieselben

Kräfte sind, die unser Wachstum bewirken

wuchtig gearbeitet, plastizierend an dem menschlichen Gehirn, an der

(51) Man merkt, wie aus dem Äther

der Welt, denn darinnen liegen diese Kräfte, die menschliche Organisation herausgebaut wird.“ Kosmische Gedankenkräfte bauen also zunächst die menschliche Organisation, damit der Mensch dann auf der Basis dieser Organisation wiederum im Erdenleben eine, wenn auch nur „schattenhafte“ Gedankentätigkeit aufbauen kann. Von kosmischen Gedanken durchwobene Bildekräfte bauen den Spiegelungsapparat der physischen Organisation, die der Mensch durch den Verbrauch dieser Kräfte aber im Erdenleben langsam wieder zerstört, um nach Zerstörung dieses Spiegelungsapparates, aber bereichert durch viele, nur auf diese Weise zu erwerbende irdische Erfahrungen, dann mit seinen höheren Wesensgliedern wieder in die Sphäre

der kosmischen Bildekräfte zurückzukehren. So sind Geburt und Tod nur zeitliche Begrenzungen einer für die menschliche Entwickelung notwendigen und fruchtbaren Epoche, die einer bestimmten einseitigen Verwendung kosmischer Bildekräfte dient. Diese Epoche, in der die schöpferischen kosmischen Bildekräfte gerade in dieser Weise verwendet werden, nennen wir das Erdenleben. Geburt und Tod bedeuten die Vereinigung der höheren Wesensglieder des Menschen: mit dem physischen Leibe und ihre Trennung von diesem, ein bestimmtes Mischungsverhältnis des „Ich“ mit den Bildekräften und Substanzen der Erde, aber nicht das einzige, ebenso wie Wachen und Schlafen andersartige Mischungsverhältnisse dieser Wesensglieder sind. Sie sind Eintritts- und Austritts-Tore, aber nicht Anfang und Ende, sie sind Stadien einer Metamorphose, durch welche die menschliche Wesenheit hindurchgeht, um auch diejenigen Erfahrungen zu sammeln, die nur im Bereich der Substanzen und besonderen Bildekräfte der Erde erlebt und entwickelt werden können. Rudolf Steiner faßt alle diese Prozesse folgendermaßen zusammen:

„Wir leben mit unserem Ich in Kräften. Unseren sichtbaren Körper tragen wir nur mit, den schleppen wir nur während unseres physischen Erdenlebens bis zum Tode mit. Wir leben aber auch im wachen Zustand in einem

ganzen menschlichen Organisation

Und das lebendige Denken hat

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Kraftleib.“ U. a. O. „Dasjenige, was unsere Denkkraft ausmacht, was das ausmacht, daß wir denken können, daß die Möglichkeit des Gedankens in uns ist, das verdanken wir dem Leben vor unserer Geburt, bzw. vor unserer Empfängnis. Es ist im Grunde genommen in dem kleinen Kinde, das uns entgegentritt, schon im Keime all die Gedankenfähigkeit vorhanden, die der Mensch überhaupt in sich entwickelt. Das Kind verwendet die Gedanken nur als Richtkräfte zum Aufbauen seines Leibes. Namentlich in den ersten sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel hin verwendet das Kind die Gedankenkräfte zum Aufbau seines Leibes, als Richtkräfte. (52) Dann kommen sie immer mehr und mehr als eigentliche Gedankenkräfte heraus. Aber sie sind eben als Gedankenkräfte durchaus veranlagt im Menschen, wenn er das physische, das irdische Leben betritt.“

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d) Das Wesen der Biographie

Wir müssen nicht nur die Frage stellen: Endet die Biographie des Menschenwesens mit dem Tode oder reicht sie weiter, sondern auch die andere Frage: Beginnt die Biographie des Menschenwesens mit der Geburt oder reicht sie in vorgeburtliche Daseinszustände zurück?

Rudolf Steiner weist auf einen Ausspruch des Philosophen I. H. Fichte hin: „Jeder präexistiert nach seiner geistigen Grundgestalt, denn geistig betrachtet gleicht kein Individuum dem andern, so wenig als die eine Tierspezies einer der übrigen“, und er stellt, abgesehen von den Ergebnissen seiner konkreten Forschung, zunächst folgende denkerische Betrachtung an:

„Wer über das Wesen der Biographie nachdenkt, der wird gewahr, daß in geistiger Beziehung jeder Mensch eine Gattung für sich ist. – Wer freilich Biographie bloß als eine Zusammenstellung von Lebensereignissen faßt, der mag behaupten, daß er in demselben Sinne eine Hunde- wie eine Menschenbiographie schreiben könne. Wer aber in der Biographie die wirkliche Eigenart eines Menschen schildert, der begreift, daß er in der Biographie eines Menschen etwas hat, was im Tierreiche der Beschreibung

Wird nun die Art oder Gattung im physischen

Sinne nur verständlich, wenn man sie in ihrer Bedingtheit durch die Ver- erbung begreift, so kann auch die geistige Wesenheit nur durch eine ähnliche geistige Vererbung verstanden, werden. Meine physische

Menschengestalt habe ich wegen meiner Abstammung von menschlichen Vorfahren. Woher habe ich dasjenige, was in meiner Biographie zum Ausdrucke kommt? Als physischer Mensch wiederhole ich die Gestalt

Als

physischer Mensch stamme ich von anderen physischen Menschen ab, denn ich habe dieselbe Gestalt wie die ganze menschliche Gattung. Die Eigenschaften der Gattung konnten also innerhalb der Gattung durch Vererbung erworben werden. Als geistiger Mensch habe ich meine eigene Gestalt, wie ich meine eigene Biographie habe. Ich kann also diese Gestalt von niemand anderem haben, als von mir selbst. (53) Und da ich nicht mit unbestimmten, sondern mit bestimmten seelischen Anlagen in die Welt eingetreten bin, da durch diese Anlagen mein Lebensweg, wie er in der Biographie zum Ausdruck kommt, bestimmt ist, so kann meine Arbeit an mir nicht bei meiner Geburt begonnen haben. Ich muß als geistiger Mensch vor meiner Geburt vorhanden gewesen sein. In meinen Vorfahren bin ich

einer ganzen Art entspricht

meiner Vorfahren. Was wiederhole ich als geistiger Mensch?

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sicher nicht vorhanden gewesen, denn diese sind als geistige Menschen von

mir verschieden. Meine Biographie ist nicht aus der ihrigen erklärbar. Ich muß vielmehr als geistiges Wesen die Wiederholung eines solchen sein,

aus dessen Biographie die meinige erklärbar ist

durchschaut, der kommt zu der Vorstellung von Erdenleben, die dem gegenwärtigen vorangegangen sein müssen.“ In seiner Schrift „Reinkarnation und Karma, vom Standpunkt der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen“ erinnert Rudolf Steiner weiterhin daran, daß die Menschheit früher irrtümlicherweise angenommen hatte, daß Lebendiges aus Unlebendigem durch Urzeugung etc. entstehen könne, daß sich dies aber der heutigen Forschung einwandfrei als Irrtum ergeben hat und heute niemand mehr daran zweifeln werde, daß Lebendiges nur wiederum aus Lebendigem entstanden ist, nicht aus toter Substanz urgezeugt, sondern aus einem Lebenskeim entwickelt sein müsse. Man müßte nun aber logisch die gleiche Erkenntnis auch auf das Seelische anwenden: daß nämlich Seelisches wiederum nur aus Seelischem entstehen könne. So ist auch der geistig-seelische Kern des Menschen, der Geistkeim, das „Ich“, nicht als Urschöpfung aus dem Nichts oder nur als Resultat des Gattungsmäßigen zu erklären: „Der einzelne Mensch ist mehr als ein Exemplar der Menschengattung. Er hat in demselben Sinne seine Gattungsmerkmale mit seinen physischen Vorfahren gemein, wie das Tier. Aber wo das Gattungsmäßige aufhört, da beginnt für den Menschen das, was seine besondere Stellung, seine Aufgabe in der Welt bedingt. Und wo

Wer diese Dinge

dieses anfängt, da hört alle Möglichkeit einer Erklärung nach der Schablone der tierisch-physischen Vererbung auf. Ich kann Schillers Nase und Haare, vielleicht auch gewisse Temperamentseigenschaften auf entsprechendes bei

seinen Vorfahren zurückführen, aber nicht sein Genie

Richtung, welche die Seelenkunde nehmen muß, wenn sie dem naturwissenschaftlichen Satz: ,Alles Lebendige stammt aus Lebendigem’ den entsprechenden an die Seite stellen will: Alles Seelische ist aus Seelischem zu erklären.“ – Es hat sich immer wieder als ein ganz unwissenschaftliches und sinnloses Bemühen erwiesen, zum Beispiel die Geistgestalt Goethes aus der übrigens recht schwachen, ja teilweise sogar degenerierten und unproduktiven Aszendenz- und Deszendenzreihe Goethes verstehen oder erklären zu wollen. Gerade wenn man die bedeutsamen Werte, die dem Menschen in der Vererbungslinie übermittelt werden, hoch einschätzt, so werden diese nicht nur nicht herabgemindert, sondert in ihrer

Hier liegt die

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Bedeutung betont, wenn sich nun zeigt, wie der Geistkeim des Menschen sich einem bestimmten Vererbungsstrom verbindet, um seine hohen Aufgaben in diesem ihm dargereichten physischen Organismus zu verwirklichen. Das Geistig-Seelische und das Leibliche des Menschen sind zwei Strömungen, die verschiedenen Quellen entstammen, sich aber im irdischen Lebenslauf – allmählich – zu einer Einheit verschmelzen“ um am Ende dieser Periode sich wiederum verschiedenen Sphären einzuordnen. Es ist nicht so, wie es ein materialistisches Zeitalter haben wollte, allerdings ohne damit irgendwelche realen Phänomene, erklären zu können, daß das Geistig-Seelische sich gleichsam als Endprodukt einer physischen Entwickelungsreihe ergibt, sondern diese Phänomene sind nur zu verstehen, wenn man genau verfolgt, wie der geistige Wesenskern des Menschen durch die Vermittlung der plastizierenden Bildekräfte das aus der Vererbungsströmung gegebene „Modell“ nach und nach so umformt, daß es so weit als möglich zum Abbild des Geistig-Seelischen werden kann. Rudolf Steiner sagt hierüber: „Indem das Kind ganz jung ist, sind Seele und Geist eben noch seelisch und geistig, und indem es heranwächst, verwandeln sich Seele und Geist allmählich ins Leibliche. Seele und Geist wird nach und nach leiblich, der Mensch wird nach und nach völlig ein Abbild von Seele und Geist. Eis ist sehr wichtig, daß man diesen Begriff hat. Denn wenn man ihn hat, wird man von dem, was da zweibeinig auf dem Erdboden herumläuft, nicht mehr bloß sagen, daß es der „Mensch“ sei; sondern man wird sich bewußt werden, – daß es das „Abbild“ des Menschen ist, – daß der Mensch, wenn er auf übersinnliche Art geboren ist, allmählich mit dem Leibe zusammenwächst und sich im Leibe sein vollständiges Abbild schafft. Geist und Seele verschwinden in den Leib hinein, werden immer weniger und weniger in ihrer Eigenart auftretend. Also gerade die umgekehrte Vorstellung gegenüber der sonst gebräuchlichen muß man sich aneignen. Man muß wissen, warum man eigentlich zum Beispiel „zwanzig Jahre alt“ geworden ist: weil der Geist untergegangen ist in den Leib, weil der Geist sich verwandelt hat in den Leib, weil das, was Leib ist, ein äußeres Abbild des Geistes ist. Dann wird man auch begreifen, daß allmählich, indem man alt' wird, die Rückverwandlung geschieht. Der Körper verkalkt, versalzt; der Geist aber wird wieder geistig-seelischer.“ – (55) Man hat sich in der Beobachtung des Menschenwesens im vergangenen Jahrhundert viel zu sehr auf das nur Sinnlich-Wahrnehmbare beschränkt,

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ohne mit gleicher Intensität die übersinnlichen Tatbestände zu prüfen, man hat Wesen und Erscheinung verwechselt. Der Grad, bis zu dem das Wesen des Menschen in den verschiedenen Lebensepochen fähig ist, das Leibliche mit Hilfe der plastizierenden Bildekräfte sich anzupassen, die Erscheinung zum Abbild des Wesens zu gestalten, ist bei jedem Menschen, ja in jedem Lebensalter verschieden. Rudolf Steiner hat auf Grund vieler Einzelbeobachtungen dargestellt, wie zum Beispiel die sogenannten physischen Kinderkrankheiten nur der äußere Ausdruck jenes oft ungleichen Kampfes sind, den das Wesen des Menschen durch die plastischen Kräfte mit dem ihm zur Verfügung stehenden leiblichen „Modell“ um gegenseitige Anpassung führt. Andererseits wies er darauf hin, wie das manchmal auftretende Schächer-werden des Geistigen im hohen Lebensalter nur ein scheinbares ist, weil das Geistige dann oft nicht mehr in der Lage ist, die verfestigte Leiblichkeit zu metamorphosieren, und deshalb tritt das eigentliche Geistig-Seelische dann nicht mehr ganz in die Erscheinung, wird der oberflächlichen, nur sinnlichen Beobachtung immer mehr entzogen“ Indem die Menschen älter werden, werden sie nicht schwach oder gar schwachsinnig, sondern sie werden geistig-seelischer. Nur ist dann der Leib abgenutzt, und man kann nicht das Geistig-Seelische, das man ausgebildet hat, durch den Leib zur Offenbarung bringen. Das verhält sich schließlich ebenso wie mit einem Klavierspieler: der könnte ein immer besserer Spieler werden; wenn aber das Klavier abgenutzt ist, kann man nichts davon merken. Wenn man nur aus seinem Klavierspiel seine Fähigkeiten als Klavierspieler kennen lernen wollte, das Klavier aber verstimmt ist und abgerissene Saiten hat, so. wird man nicht viel aus dem Spiel entnehmen können. So ist Kant, als er ein alter Mann und „schwachsinnig“ war, für die geistige Welt nicht schwachsinnig, sondern glorios geworden.“ – Kindheits- und Altersphänomene sind ein Gradmesser für alle Varianten, in denen im Lebenslauf das Geistig-Seelische durch die Bildekräfte das Leibliche erobert und sich wiederum von ihm löst. Belebungs- und Todesvorgänge stehen durchaus nicht nur am Anfang und Ausgang des Lebens, sie führen während des ganzen Lebenslaufes einen immerwährenden Kampf. Der Alterstod ist nur ein „Integral“ aller Absterbevorgänge des Lebenslaufes, ein Symptom dafür, daß auch die geringste Möglichkeit für das Geistig-Seelische geschwunden ist, noch Bildekräfte zur Gestaltung des Leiblichen zu verwenden. (56) Der ewige Wesenskern des Menschen, die Bildekräfte und die Substanzen entmischen sich wiederum, kehren in ihre eigenen

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selbständigen Wirkenssphären zurück. Die äußere Natur ist nicht die Gestalterin des Menschen, im Gegenteil, sobald ihr das Leibliche allein überlassen wird, zerlegt und zerstört sie es sofort in seine Bestandteile, ordnet diese wiederum den verschiedensten Sphären ein. Die Verschmelzung der natürlichen Elemente ist nicht das Werk der Natur, sondern das Werk des geistigen Menschenwesens in Überwindung der Natur und nur solange diese Überwindung möglich ist. Auf das Schicksal des Menschenwesens und seiner Bildekräfte in Fällen eines plötzlichen oder „unnatürlichen“ Todes werden wir im Folgenden noch besonders eingehen. Frühere, noch mehr geistverbundene Zeiten wußten noch um diesen Prozeß des vorübergehenden Untertauchens in das Werkzeug des Leiblichen. So mahnt noch der bekannte Kirchenvater Clemens von Alexandrien, man sei „nicht mit Rücksicht auf den Leib verächtlich hinwegschauend, nicht mit Rücksicht auf das Alter unbarmherzig gesinnt. Und auch wenn Einer arm oder mißgestaltet oder krank erscheint, so sei deswegen in deiner Seele nicht verdrießlich und wende dich nicht ab. Das ist nur die äußerliche uns umgeworfene Bekleidung, Werkzeug unseres Eintrittes in die Welt, damit wir in diese gemeinsame Schule hereinkommen können“. Was damals noch aus alter spiritueller Weisheit gewußt wurde, muß und kann heute durch eine exakte Erforschung des Geistig-Seelischen, der Bildekräfte und ihres Wirkens im Bereich der Substanzen wissenschaftlich erkannt und verstanden werden. Diese „gemeinsame Schule“ des irdischen Lebens und ihre Aufgaben kennzeichnete Goethe einmal durch das folgende umfassende Bild: „Gott hat sich nach den bekannten imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben, vielmehr ist er noch fortwährend wirksam, wie am ersten. Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus-jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hätte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen.“ Für Goethe ist der Kosmos als göttliche Schöpfung eine gewaltige Schulungsstätte für „eine Welt von Geistern“, zu denen auch das Menschenwesen gehört, das durch die Sphären des Übersinnlichen und des Sinnlichen, das heißt der „materiellen Unterlage“, als durch verschiedene Schulungs- und Entwickelungssphären hindurchgeht. (57) Für Goethe entspringt die des Fortwirkens nach dem Tode aus dem

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inneren Sinn menschlicher Selbstentwickelung: „Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriffe der Tätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag.“ Und die Wiederkehr in wiederholten Erdenleben zur Fortführung dieses Schulungsweges ist für ihn nicht nur eine logische Forderung, sondern eine innere Gewißheit, der er vielfach, so zum Beispiel zu Falk in folgenden Worten Ausdruck gab: „Ich bin gewiß, wie Sie mich hier sehen, schon tausendmal da gewesen und hoffe wohl noch tausendmal wiederzukommen.“ Und auch der große Philosoph Fichte sah klar die verschiedenartigen Aufgaben des geistigen Wesenskerns des Menschen, des Ich, des „Selbst“, in den Sphären übersinnlicher und sinnlicher Welten gegeben. Er fordert in seinen „Reden an die Deutsche Nation“: „daß ein Selbst als Werkzeug einer übersinnlichen Welt bezeichnet und von demselben Selbst als Werkzeug

der sinnlichen Welt genau unterschieden werde“

sein eigenes geistiges Werkzeug in Bewegung

„Wer zur Sache selbst

kommen will, muß

setzen.“ Rudolf Steiner hat, aufbauend auf den Gedanken dieser geistigen Führerpersönlichkeiten vergangener Jahrhunderte, nun auch die exakten Methoden gezeigt, mit denen wir im Sinne Fichtes unsere „geistigen Werkzeuge in Bewegung setzen“, d. h. unsere geistigen Wahrnehmungsorgane zur Erforschung auch der übersinnlichen Phänomene systematisch ausbilden können und dadurch zu einem Verstehen der kosmischen Sphären und des irdischen Lebens des Menschen als einer großen „Schulungsstätte“ mit verschiedenartigen Aufgaben kommen können. Die Phänomene der Inkarnation und Reinkarnation gehören zum größten Geistesgut der Menschheitsgeschichte und es ist dringend notwendig, daß auch unsere Epoche sich mit ihnen in einer unserer jetzigen Bewußtseinsstufe entsprechenden Intensität befaßt.

Das Dasein des Menschen in kosmischen und irdischen Sphären ist eine kontinuierliche Metamorphose von Bewußtseinszuständen. Diese gilt es zu erforschen. Sowohl jene Metamorphosen, wie sie im Erdenleben im Wachen, Traum, Schlaf und Wiederauftauchen in das Wachbewußtsein gegeben sind, als auch jene anderen Metamorphosen, die sich zwischen Geburt und Tod, sowie vorher und nachher unabhängig vom Plastizieren der Bildekräfte im Leiblichen, also unter anderen Wandlungen von Außen- und Innenwelt, vollziehen. (58) Denn Geburt und Tod sind Metamorphosen, bei

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denen sich das „Innen“ und „Außen“ in gesetzmäßiger Weise verwandelt. Bei Geburt und Tod werden Außen und Innen gewissermaßen vertauscht. Es findet eine Umkehrung statt. Was vorher Außenwelt war, wird zur Innenwelt und umgekehrt. Dies wird im Folgenden in seinen einzelnen Phasen dargelegt werden. Hier soll zunächst nochmals zusammenfassend auf die verschiedenen Mischungsverhältnisse und gegenseitigen Beziehungen von Bewußtseinszuständen, organisierenden Bildekräften und organisierter Substanz im Erdenleben hingewiesen werden. (Siehe auch „Ätherische Bildekräfte“, Kap. V.) Wir erwähnten im Vorigen schon, wie in den Anfangsstadien des Erdenlebens, in der Embryonalentwickelung und Jugendepoche die weisheitsvollen Gedankenkräfte kosmischer und irdischer Provenienz in dem Organismus plastizierend tätig sind, wie in den rhythmisch wiederkehrenden Schlafzuständen des Lebenslaufes fast alle Bildekräfte auf die vitalen Prozesse konzentriert werden, um dann beim Er- wachen jeden Morgen teilweise für die Bewußtseins- und Gedächtnisprozesse zu dienen; wie Bewußtsein und Gedächtnis in den späteren Lebensepochen erst dadurch erstarken, daß immer mehr Bilde- kräfte sich von Ihrer plastizierenden Tätigkeit im werdenden Organismus befreien und dadurch neue Aufgaben und Möglichkeiten entstehen. Im Erdenleben sind also die Bildekräfte sowohl im rhythmischen Wechsel, als auch in langsamer Metamorphose, teilweise den leiblich organisierenden, teilweise den Bewußtseinsprozessen hingegeben, und zwar derart, daß unbewußte Prozesse organisierend, organ-aufbauend, bewußte Prozesse dagegen in feiner Weise die Organe abbauend wirken. Im vorgeburtlichen und nachtodlichen Zustande dagegen, wo die Aufgabe der leiblichen Organbildung wegfällt, findet eine sinnvolle Umkehrung dieser Prozesse statt. Während im Erdenleben die unbewußten Prozesse organisierend wirken, sind vorher und nachher gerade die bewußten Prozesse organisierend wirksam, nunmehr von den leiblich bedingten Funktionen befreit. Rudolf Steiner kennzeichnet dieses Verhältnis der Bewußtseinsvorgänge, der geistig-seelischen Erlebnisse im Dasein nach dem Tode bis zum Wiedereintauchen in eine neue leibliche Organisation wie folgt: „Da verwandeln sich alle Erlebnisse in ihren Qualitäten in solche Kräfte, welche jetzt organisierend wirken. Und was der Mensch in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt empfunden und gefühlt hat, das nimmt er auf in die plastischen Kräfte, die Bildungskräfte, die beteiligt sind am neuen

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Aufbau des Leibes, wenn der Mensch zu einem neuen Leben ins Dasein tritt. (59) Da hat er jetzt in den Bildungskräften das Resultat dessen darinnen, was er früher noch in seinem Seelenleben, vielleicht auch sogar in seinem bewußten Vorstellungsleben hatte.“ Dies wird im Folgenden nun im einzelnen ausgeführt werden. Im Dasein zwischen Geburt und Tod wirken die unbewußt verlaufenden Vorgänge organisierend, im Dasein zwischen Tod und neuer Geburt umgekehrt gerade die bewußten Vorgänge organisierend und leisten die Vorarbeit für das Eintauchen der geistig-seelischen Wesenheit des Menschen und seiner Bildekräfte, das sich dann im embryonalen und jugendlichen Entwickelungsstadium des Menschen vollzieht. Die Funktionen der beiden Daseinsarten des Menschen, zwischen Geburt und Tod, und zwischen Tod und Wiedergeburt, sind also verschiedenartig, bedingen und beeinflussen sich aber gerade dadurch gegenseitig in systematischer, entwickelungsgemäß sinnvoller Art. In den Stadien des Schlafzustandes unter Dämpfung der Bewußtseinstätigkeit, umgekehrt im Leben zwischen Tod und Wiedergeburt unter Erhöhung der Bewußtseinszustände, werden Bildekräfte gesammelt, erneuert, zu neuen Aufgaben organisiert und berufen. Rudolf Steiner betont: „Der Mensch würde gar nichts vermögen in äußerer Beziehung, wenn er nicht fortwährend erneuert bekäme zwischen dem Einschlafen und Aufwachen aus der geistigen We1t heraus seine menschlichen Kräfte. Unser geistig- seelisches Wesen, unser astralischer Leib und unser Ich, gehen ja immer beim Einschlafen aus dem physischen Leib und dem ätherischen Leib heraus; sie gehen in die geistige Welt hinein, und dringen erst wiederum ein in den physischen und den Ätherleib beim Aufwachen.“ Ähnliches gilt vom Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Der Schlaf, verbunden mit der Abdämpfung des typisch irdischen, leibgebundenen Bewußtseins, und das Leben zwischen Tod und Wiedergeburt, verbunden mit einer Stärkung des typisch kosmischen, leibfreien Bewußtseins, sind beides Zustände der Kräfte-Erneuerung.

Rudolf Steiner unterscheidet die folgenden, sich immer wieder in neuen Varianten verbindenden und lösenden Entwickelungssphären des Menschenwesens:

Bewußtseinszustand,

Lebenszustand,

Formzustand.

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Die innere Dynamik der rhythmischen Vermischungs- und Entmischungsstadien derselben unterliegt dem Gesetz des Kräfte-Ausgleichs. Im Erdenleben geschieht das Eintauchen in Lebens- und Form-Zustände teilweise unter Herabdämpfung der Bewußtseinszustände. (60) Im kosmischen Dasein zwischen Tod und Wiedergeburt, wo die gestaltenden Kräfte von den Aufgaben der irdischen Lebens- und Formzustände befreit sind, werden die Bewußtseinszustände verstärkt und intensiviert, dadurch aber auch fähig, die Impulse kosmisch-geistiger Weisheitssphären immer aufs Neue aufzunehmen und ,damit auch neue Impulse in die nächsten Lebens- und Formzustände zukünftiger Erdenleben hineinzutragen. Dadurch wird die Entwickelung des Menschen nicht zur ewigen Wiederkehr des Gleichen oder zum Objekt begrenzter irdischer Umwelt-Einflüsse, sondern führt durch Metamorphose und Steigerung in rhythmischem Wechsel zwischen Kosmos und Erde zu einer Verbindung beider Welten und zu immer höheren Daseinsstufen. Weil aber der Mensch in diesem Rhythmus einmal intensiver den

kosmischen Sphären, der Sternenwelt, dem Weltenäther und den darin aktiven geistigen Impulsen, dann wieder intensiver der irdischen Sphäre und ihren besonderen Aufgaben und Entwickelungsstadien hingegeben ist, deshalb sind Astronomie und Embryologie zwei Pole menschlicher Entwickelungsgesetzlichkeit, welche durch die Dynamik der Bildekräfte miteinander verwoben sind. Deshalb gab Rudolf Steiner denjenigen, welche die Phänomene des menschlichen Erdenlebens wirklich verstehen wollen, den Hinweis, diese beiden Sphären in ihrer gegenseitigen Bedingtheit zusammenzuschauen: „Nur derjenige studiert die Wirklichkeit, der auf der einen Seite den Sternenhimmel studiert und auf der anderen Seite die

Entwickelung namentlich des menschlichen Embryo studiert

Sie können

gar nicht Embryologie studieren, ohne daß Sie Astronomie studieren. Denn das, was Ihnen die Embryologie zeigt, ist nur der andere Pol desjenigen, was

Ihnen die Astronomie zeigt. Wir müssen gewissermaßen auf der einen Seite den Sternenhimmel verfolgen, wie er aufeinanderfolgende Stadien zeigt, und wir müssen nachher verfolgen, wie eine befruchtete Keimzelle sich entwickelt. Beides, gehört zusammen, denn das eine ist nur das Abbild des anderen. Wenn Sie nichts von Astronomie verstehen, werden Sie niemals die Kräfte verstehen, die im Embryo wirken. Und wenn Sie nichts von Embryologie verstehen, so werden Sie niemals den Sinn der Wirkungen

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verstehen, die dem Astronomischen zugrunde liegen. (61) Denn diese Wirkungen zeigen sich im Kleinen in den Vorgängen der Embryologie Deshalb war er berechtigt, das Ergebnis dieser Forschung zusammenzufassen in die Worte:

„Mensch, du bist das zusammengezogene Bild der Welt, Welt, du bist das in Weiten ergossene Wesen des Menschen.“

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KAPITEL III.

KOSMISCHE ATMUNGS-RHYTHMEN.

a) Als Weltgesetz.

Goethe, als ein feiner Beobachter geistig-seelischer und leiblicher Vorgänge stellte hierfür einmal das folgende Postulat auf: „Die große Schwierigkeit bei psychologischen Reflexionen ist, daß man immer das Innere und Äußere parallel, oder vielmehr verflochten betrachten muß. Es ist immerfort Systole und Diastole, Einatmen und Ausatmen des lebendigen Wesens.“ Dieser Gesichtspunkt gilt vor allem für die rhythmischen Wechselzustände des Menschen zwischen irdischem Dasein und kosmischem Dasein. Rudolf Steiner sagt hierzu: „So wie wir im physischen Erdenleben niemals einseitig haben können Einatmung oder Ausatmung, wie die Einatmung in stetiger Wechselwirkung mit der Ausatmung uns durchdringen und durchwellen muß, wie wir in der Einatmung und der Ausatmung rhythmisch leben, so können wir nicht einseitig auf einer höheren Stufe bloß Menschenerkenntnis oder Welterkenntnis erwerben, sondern Menschenerkenntnis fordert, wie die Einatmung die Ausatmung, die Welterkenntnis; und Welterkenntnis fordert, wie die Ausatmung die Einatmung, Menschenerkenntnis. Systole und Diastole des großen physisch-seelisch-geistigen Weltenlebens ist Welterkenntnis und Menschenerkenntnis, die nicht nebeneinander sein können auf einer höheren Stufe, sondern nur ineinander, auseinander, ineinander–auseinander, in ewig wechselndem Rhythmus einander durchdringend und wirkend, wie das unsterbliche Leben des Kosmos selbst, dem auch der unsterbliche Mensch angehört.“ Deshalb steht das Phänomen der Reinkarnation des Menschen gesetzmäßig in den gewaltigen Rhythmen des kosmischen Organismus darinnen. Der Rhythmus von Systole und Diastole der lebendigen Organismen, der irdischen und kosmischen, ist ein Urphänomen aller Lebenserscheinungen. (62) Dieser Prozeß mag manchmal getrübt, durch andere Rhythmen überlagert oder gestört sein, als Grundimpuls liegt er dem Werden alles Lebendigen zugrunde. Er schlägt hinein in die Bewußtseins-, Lebens- und Formzustände des Menschenwesens. Auch unsere Bildekräfte

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unterliegen bei Geburt und Tod der Einatmung in die Formzustände der Erde und der Ausatmung in die Kräftesphären und geistigen Impulse des Kosmos (s. S. 74). Der Wechsel vom Leben zwischen Geburt und Tod in das Leben zwischen Tod und Wiedergeburt und seine rhythmische Wieder- holung, die Reinkarnation, ist ein Atmungsprozeß im Organismus von Kosmos, Erde und Mensch. Herausgeboren aus den Kräftesphären des Kosmos tragen wir in unserer inneren Dynamik diese Impulse in alle Daseinszustände hinein. * „Wie ein Uhrpendel, nachdem er nach links ausgeschlagen hat und wieder in die Mittellage zurückgekommen ist, durch die bei diesem Ausschlag gesammelte Kraft nach rechts ausschlagen muß:

so müssen der Astralleib und das in seinem Schoße befindliche Ich, nachdem sie einige Zeit in dem physischen und dem Ätherleib tätig waren, durch die Ergebnisse dieser Tätigkeit eine folgende Zeit leibfrei in einer seelisch-geistigen Umwelt ihre Regsamkeit entfalten.“ Jener große Rhythmus der Reinkarnation spiegelt sich, wie wir schon zeigten, in kleineren Schwingungen während des Erdenlaufes im täglichen Wechsel von Wachen und Schlafen. Jede Nacht entläßt der Leib das Geistig-Seelische in die kosmische Welt, um dort neue Impulse zu erhalten, die dann wiederum in das irdische Leben hineinkraften und so kosmische und irdische Gesetzmäßigkeit dauernd miteinander verweben. Nur daß wir im Erdenleben das Wirken der gestaltenden Kräfte nicht mit unserem Bewußtsein begleiten, sondern dem Formzustande zuführen, während sich im kosmischen Dasein ein befreites Bewußtsein mit allen Sphären verbindet.

In mannigfaltiger Hinsicht schwingen kosmische Raumes- und Zeitenrhythmen im Menschen nach. Als eines von vielen Beispielen erwähnte Rudolf Steiner auch die Tatsache, daß sich bei Berechnung der menschlichen Atemzüge am Tage (in der Minute durchschnittlich 18 Atemzüge X 60 X 24 = 25 920 am Tage) die gleiche Zahl ergibt, wie die Anzahl der Jahre (25 920), in denen der Frühlingspunkt der Sonne einen Kreislauf im Tierkreis vollzieht. So zeigen die leiblichen Atmungsrhythmen des Menschen einen Nachklang kosmischer Rhythmen. Ähnliches gilt von den Pulsschlägen des Menschen. Dr. Richard Schubert sagt hierüber in einem Aufsatz:

„Kosmische und menschliche Rhythmen“: (63) „Uns interessiert vor allem der Normalwert als solcher. Warum ist die normale Anzahl Pulsschläge in

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der Minute gerade 72? (Wir sind aus der Tradition heraus durchaus berechtigt, diese Zahl als mittlere anzunehmen, obgleich sie, wie auch alle übrigen noch folgenden Zahlen, nur einen approximativen Wert hat. Für unsere heutige Darstellung muß das Gebiet der Variationsbreiten, auf dem sich allerdings Wichtigstes abspielt, außer acht gelassen werden.) Nun hat Rudolf Steiner oft auf das besondere Verhältnis der Frequenz der Pulsschläge und der Atemzüge aufmerksam gemacht. Für die Atemzüge pro Minute die Zahl 18 angenommen, ergibt sich ein Verhältnis von 72:18 oder 4:1. Genau das gleiche Verhältnis finden wir im Astronomischen wieder zwischen der sogenannten Präzession des Frühlingspunktes und der Nutation des Mondes. Die Präzession des Frühlingspunktes, der ja in 25 920 Jahren, einmal den Tierkreis durchwandert, bringt den größten für uns überschaubaren Rhythmus unseres Sonnensystems zum Ausdruck. Es wird diese Zeit auch das platonische Weltenjahr genannt. Ein Tag dieses Weltenjahres, oder der 360. Teil, wäre demnach gleich einem Zeitraum von 72 Jahren. Und die Nutation des Mondes, d. h. diejenige Zeit, in der die Erdachse unter dem Einfluß des Mondes einen kleinen Kegel um die Achse der Sonnenbahn beschreibt, umfaßt einen Zeitraum von etwas über 18 Jahren. Wir haben hier zwischen Präzession und Nutationsbewegung also das gleiche Verhältnis von 72: 18 oder 4:1, welches nichts anderes als die gegenseitigen Beziehungen von Sonne und Mond in bezug auf die Erde zum Ausdruck bringt.“ Wir werden neben diesen Entsprechungen der Atmungs- und Pulsrhythmen zu kosmischen Verhältnissen noch weitere derartige Entsprechungen im Kapitel V für die „Lebensrhythmen“ aufzeigen können. Während so die unterbewußten Lebensrhythmen, im „rhythmischen System“ des Menschen, noch in gewissem Sinne mit dem Makrokosmischen übereinstimmen, obwohl die Emanzipation sich auch da ständig verstärkt, so ist dieser Gleichklang viel stärker gestört in unserem Denken und Wollen. Unser Denken, besonders das schattenhafte, geistlos gewordene intellektuelle Denken der Jetztzeit, ist von den realen makrokosmischen Prozessen weitgehend, ja viel zu sehr losgelöst, zusammengeschrumpft auf zeitliche und räumliche Aspekte, die nur zu einem geringen Bruchteil die Ursachen und Einflußsphären unseres Lebenslaufes erfassen. Es umfaßt geringe Bruchteile der Lebensströmung, insoweit sie einer nahen Vergangenheit angehört. Unser Wollen dagegen, das in die Zukunft weist, hat keine Anhaltspunkte für eine wirklichkeitsgemäße Zukunftsgestaltung, weil ihm die Verankerung in der Erkenntnis der realen leiblichen und

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geistigen Lebensrhythmen fehlt; es stößt vor in ein unbegrenzt Ungewisses, weil ihm das Lesen der „Weltenuhr“ verloren ging. Das Denken erfährt seine Korrektur, seine Ausweitung darum im Leben zwischen Tod und Wiedergeburt, das Wollen seine Synchronisierung in zukünftigen Erdenleben. Rudolf Steiner sagte einmal in einem Vortrag über diese Phänomene: „Unsere Erkenntnis, die im Vorstellen verläuft, unser Denken, ist gegenüber dem Rhythmus, in den unser Atmen hineingestellt ist, zu klein; es schlägt gleichsam zu kleine Pendelschläge. Wir können uns mit unserem Denken im gewöhnlichen äußeren normalen Leben nicht in den großen Weltenrhythmus hineinstellen; es ist zu klein, das Denken. – Etwas anderes aber ist dagegen zu groß, was wir auch haben, und das ist unser Wollen. Das schlägt zu stark aus. Das macht zu starke Amp1ituden. – So stehen wir zwischen Denken und Wollen. Das Denken ist zu klein in seinem Pendelausschlag, das Wollen ist zu groß. Daher wird das Denken immer nur solche Vorstellungen entwickeln können, die an anderen korrigiert werden

Und das Wollen kann nur im Zusammenhang mit einem anderen

Wollen zu etwas kommen; ein Wollen in einer Inkarnation mit einem Wollen in einer anderen Inkarnation zusammen usw.“ Der Mensch lebt wechselweise im Mikrokosmos und Makrokosmos. Das Planetensystem, die Sternenwelt, gleicht einer „Weltenuhr“, deren Zeitmaße dem menschlichen Organismus eingeprägt sind. Aber während eine nur materialistische Betrachtung, die sich diesen Erkenntnissen einseitig verschließt und den Menschen nur von materiellen Faktoren abhängig glaubt, und andererseits eine spielerische Astrologie, welche in dilettantischer Art diese Einflüsse einseitig den Lebensrhythmen des Menschen aufgezwungen glaubt, dem Menschen das Erlebnis der Freiheit verbauen, zeigt nun eine Betrachtung, welche Bewußtseins-, Lebens- und Formzustände in ihren gegenseitigen Verknüpfungs- und Befreiungs-Phasen erforscht, wie gerade nur durch eine genaue Erkenntnis dieser Vorgänge sich das „Ich“, der Wesenskern des Menschen, in immer gesteigerten Bewußtseinsmetamorphosen zum freien Beherrscher und Mitgestalter dieser Welten-Rhythmen erhebt. (65) Rudolf Steiner hat in seinen grundlegenden Werken über die Gesetzmäßigkeiten der Weltenentwickelung gezeigt, daß auch ein großer planetarischer Organismus, wie z. B. die Erde, sich nicht einfach aus unverständlich entstandenen „Urnebeln“ geradlinig zur jetzigen Kompliziertheit entwickelt hat, sondern wie auch diese großen

müssen

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planetarischen Organismen, wenn auch in anderer Art, so doch nach gleichem Gesetz, sich zeitweise in immer intensiveren Formzuständen inkarnieren, sich dann zeitweise wieder aus diesen Formzuständen in die kosmischen Kräftesphären zurückgliedern, um nach langen Zeitepochen sich wiederum in neuen Formzuständen zu verdichten und dadurch andersartigen, gesteigerten Entwickelungsmöglichkeiten zu dienen. Er nennt solche Inkarnationsphasen planetarischer Organismen z. B. „Saturnzustand, Sonnenzustand, Mondenzustand und Erdenzustand“. Auf Einzelheiten dieser Entwickelung kann hier in diesem Zusammenhang natürlich nicht eingegangen, sondern nur auf die einschlägige Literatur verwiesen werden. „So wie der Mensch von Verkörperung zu Verkörperung hindurchgeht, wiederholte Erdenleben durchmacht, so hat auch unsere Erde, bevor sie in denjenigen Zustand gekommen ist, in dem sie heute ist, andere Zustände durchgemacht. Es gibt ebenso frühere Verkörperungen eines Planeten, wie es frühere Verkörperungen eines Menschen gibt. Alles in der großen Welt und in der kleinen Welt unterliegt dem Gesetze der Wiederverkörperung. Der Rhythmus zwischen dem Eintauchen in Formzustände und dem Sichwieder-Zurückziehen aus diesen ist also ein kosmisches Gesetz, das der Mensch in besonderer Variante übernimmt, um darauf seine Entwickelung zur allmählichen Erfassung aller Kräftesphären, zu immer höherem Bewußtsein und damit schließlich zur Freiheit und Meisterschaft über die Weltengesetze aufzubauen.

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b) Die Individualisierung dieser Rhythmen beim Menschen.

Der individuelle Charakter dieser Rhythmen beim Menschen ist schon dadurch gegeben, daß im jetzigen Entwickelungsstadium von Kosmos, Erde und Mensch, sowohl die Zeitspanne zwischen den verschiedenen Bewußtseinsmetamorphosen, den Inkarnationen, individuell verschieden ist, als auch dadurch, daß jeder Mensch ja in 'die verschiedenen Daseinsformen, auch in die irdischen Formzustände, gemäß seinem eigenen Entwickelungstempo und seiner Intensität mehr und mehr individuell stark differenzierte Voraussetzungen mitbringt, welche dann natürlich auch alle weiteren Prozesse der inneren und äußeren Dynamik wesentlich beeinflussen. Jeder Mensch ist gleichsam ein auf verschiedene Spannung und Klangfarbe gestimmtes Instrument im Kosmos. Dies hat sich naturgemäß erst langsam im Laufe der allgemeinen Entwickelung ergeben. (66) Betrachten wir zunächst die Entstehungsphasen und ersten, mehr allgemein gültigen Rhythmen der Reinkarnations-Vorgänge. Es kann hier natürlich nicht die allgemeine Weltentwickelung, wie sie in Rudolf Steiners Werken dargestellt ist, beschrieben werden, wir haben es ja hier nur mit der Frage zu tun, wie sich die Reinkarnationsphänomene in diese allgemeine Entwickelung eingliedern. Diese Evolution zeigt wie gesagt durchweg, daß am Anfang der Entwickelung nicht rätselhaft entstandene, sich irgendwie selbst belebende Urnebel und materielle Formzustände standen, sondern daß am Anfange jeder solchen Evolution jeweils rein geistige Bewußtseinszustände bestehen, aus denen sich dann die Urbilder und Impulse für die Bi1dekräftewe1t ergeben, die nun ihrerseits zur Entwickelung und Gestaltung der verschiedenen Lebens- und Formzustände gesetzmäßig hinführen. Auch für den Menschen steht also am Anfang ein rein geistiges Dasein, das sich dann durch bestimmte Phasen und Metamorphosen hindurch mehr und mehr in jene Lebens- und Formzustände inkarnieren kann, welche die Erde als kosmischer Organismus im Verlaufe ihrer eigenen Evolution darbietet. Der Rhythmus des Hin- und Herschwingens zwischen kosmischer und irdischer Phase ist in den früheren Epochen der Entwickelung ein solcher, der sich noch in verhältnismäßig großen Interva11en vollzieht. Die menschliche Wesenheit löst sich erst allmählich immer häufiger aus der Sphäre der göttlich-geistigen Wesen und Kräfte heraus. Erst im Laufe der zunehmenden Verdichtung der Formzustände ist die Wesenheit des

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Menschen gezwungen, aus dein reinen Bewußtseinszustande kosmisch-geistiger Sphären in immer kürzeren Intervallen die Inkarnation in irdische Formzustände zu vollziehen, um mit der intensiveren irdischen Entwickelung Schritt zu halten, aber auch durch die sich verstärkende Loslösung aus den allgemeinen Gesetzlichkeiten kosmisch-geistiger Welten den Verselbständigungs- und Individualisierungsprozeß der menschlichen Wesenheit durchzuführen. Rudolf Steiner sagt über die verschiedenen Phasen dieses Prozesses:

„Schaut man in die wiederholten Erdenleben eines Menschen zurück, so gliedern sich diese in drei verschiedene Stadien: ein ä1testes, in dem der Mensch noch nicht individuell-wesenhaft, sondern als Keim in göttlich-geistiger Wesenheit vorhanden ist. Man findet da heim Zurückschauen noch nicht einen Menschen, sondern göttlichgeistige Wesen (die Urkräfte, Archai). – Daran schließt sich ein mittleres Stadium, in dem der Mensch zwar schon individuellvorhanden ist, aber noch nicht losgelöst vom Denken und Wollen und Wesen der göttlich-geistigen Welt. (67) Er hat da noch nicht Persönlichkeit, die damit zusammenhängt, daß er ein völlig eigenes Wesen in seiner Erdenerscheinung, losgelöst von der göttlich-geistigen Welt ist. – Als drittes Stadium tritt erst das gegenwärtige auf. Der Mensch erlebt sich in seiner Menschengestalt, losgelöst von der göttlich-geistigen Welt; und er erlebt die Welt als Umgebung, der er individuellpersönlich gegenübersteht. Dieses Stadium beginnt in der atlantischen Zeit.“ In jenen früheren Phasen sind die Intervalle des Eintauchens in die Inkarnationenreihe und des Sich-Ausweitens in die kosmisch-geistigen Sphären noch verhältnismäßig große. Auf die kurze Zeit des Eintauchens in die Leiblichkeit während eines irdischen Lebenslaufes, folgt eine lange Epoche der Bewußtseinsstärkung und Kräfte-Erneuerung zwischen Tod und neuer Geburt. Rudolf Steiner gibt für letzteres größeres Intervall zunächst die Zeit von ca. 2160 Jahren an (25 920 : 12), also etwa jene Periode, welche der Frühlingspunkt der Sonne braucht, um von einem Sternbild in das nächste vorzurücken, was jeweils wiederum neue Entwickelungsimpulse und -möglichkeiten gibt. Die menschliche Wesenheit inkarniert sich nun aber abwechselnd in einer männlichen oder einer weiblichen Organisation. Dieser Rhythmus vollzieht sich also etwa in der Mitte zwischen zwei gleichartigen Verkörperungen, für welche in früheren Zeiten das oben angegebene

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Intervall maßgebend war. Für diese abwechselnden Inkarnationsintervalle galt somit früher etwa eine Zeitspanne von ca. 1000 bis 1100 Jahren; durch die vorhin geschilderte Beschleunigung dieser Prozesse infolge der Intensivierung der Entwickelung aber heute bereits durchschnittlich 700 bis 800 Jahren. Je mehr sich das einzelne Menschenwesen individualisiert, und in die geistigen Entwickelungsprozesse bewußt hineintaucht, um so kürzer können auch diese Intervalle sein. Auf die einzelnen diesbezüglichen Phänomene werden wir im Kapitel V näher eingehen. Der Weg der Evolution von Kosmos, Erde und Mensch ist in seinen aufeinanderfolgenden Phasen auch ein Weg der Emanzipation, der immer weitergehenden Verselbständigung individueller Teile. Rudolf Steiner formuliert dieses Gesetz in folgender Weise: „Darauf beruht ja alle Entwickelung, daß erst aus dem Leben der Umgebung selbständige Wesenheit sich absondert, dann in dem abgesonderten Wesen sich die Umgebung, wie durch Spiegelung, einprägt, und dann dieses abgesonderte Wesen sich selbständig weiterentwickelt.“ Schon im Rhythmus von Schlafen und Wachen beginnt ja der sogenannte zivilisierte Mensch sich immer mehr aus den natürlichen Schwingungen von Tag und Nacht herauszulösen. Unsere Schlafenszeit fällt nicht mehr, wie beim naturnahen Menschen, regelmäßig mit der Nachtzeit zusammen. Hier lautet die Forderung auch gar nicht: zurück zur Natur, sondern: zurück zum Geistigen. Die Emanzipation des Leiblichen kann nur solange gefahrlos bleiben, als eine um so stärkere Verbundenheit des Geistigen im Menschen mit den geistigen Gesetzen des Weltalls den höheren Einklang von Kosmos und Mensch wieder herstellt. Deshalb haben sich auch die Amplituden der Reinkarnationsrhythmen im Laufe der Entwickelung verändert, der große Atmungsrhythmus beschleunigt sich, die Zeitspanne zwischen zwei Wiedergeburten wird mehr und mehr verkürzt, je intensiver die Entwickelung der Individualitäten fortschreitet. Dies ist nicht nur von Bedeutung für unsere eigenen Schicksale, sondern auch für unser Verhältnis zu anderen Menschen. In früheren Epochen, wo die Inkarnationsphasen, wie oben erwähnt, für die meisten Menschen ungefähr die gleichen Intervalle aufwiesen, war eine gewisse Gruppe von Individualitäten immer gleichzeitig inkarniert und auch gleichzeitig desinkarniert. Der Mensch erlebte also das Erdenleben und das kosmische Dasein jeweils gemeinsam mit dieser Gruppe von anderen Menschen, während er anderen Gruppen auf diese Weise nicht im

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Erdenleben begegnete. Rudolf Steiner sagt hierüber: „Es ist tatsächlich so, daß das fortlaufende Leben der Menschen auf der Erde sich in Rhythmen vollzieht. Ich möchte sagen, ein Menschenschub geht im allgemeinen fort von einem Erdenleben zum andern, ein anderer Menschenschub geht fort von einem Erdenleben zum andern, und diese sind in einer gewissen Weise voneinander getrennt, finden sich nicht im Erdenleben zusammen. In dem langen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, da findet man sich schon zusammen; aber im Erdenleben ist es in der Tat so' daß man immer wiederum mit einem beschränkten Kreis von Leuten auf die Erde herunterkommt. Gerade für die wiederholten Erdenleben hat die Zeitgenossenschaft eine innere Bedeutung, eine innere Wichtigkeit.“ „Man muß sich daran gewöhnen, in anderen Denkformen denken zu können, wenn man die geistige Welt verstehen will. Man muß sich daran gewöhnen, schon durchaus das Überraschende zu erleben. Wenn jemand mit dem gewöhnlichen Bewußtsein über Goethe liest, so kann er sich natürlich gedrängt fühlen, zu sagen: den hätte ich auch gern persönlich gekannt, ihm die Hand gedrückt und dergleichen. Das ist eine Gedankenlosigkeit, denn es gibt Gesetze, nach denen wir eben für ein bestimmtes Erdenzeitalter vorbestimmt sind und in diesem Zeitalter leben können. (69) Gerade so, wie wir für einen bestimmten Luftdruck für unseren physischen Leib vorbestimmt sind, und uns nicht erheben können über die Erde bis zu einem Luftdruck, der uns nicht genehm ist, ebensowenig kann ein Mensch, der für das 20. Jahrhundert bestimmt ist, im Zeitalter Goethes leben.“ Man könnte dies graphisch für zwei bestimmte Menschengruppen (A und B) etwa so darstellen:

zwei bestimmte Menschengruppen (A und B) etwa so darstellen: Heute beginnen sich aber durch die zunehmende

Heute beginnen sich aber durch die zunehmende Individualisierung und dadurch Veränderung der Rhythmen jedes Einzelnen diese Kurven immer mehr zu überschneiden. Wir begegnen in der Inkarnationenfolge immer mehr Individualitäten und Menschengruppen, mit denen wir früher im Erdenleben nicht zusammentrafen, denen wir früher nicht begegnen konnten, weil die Rhythmen verschieden waren, die sich aber jetzt beginnen,

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derart zu verändern, daß in der weiteren Entwickelung der Begriff der Zeitgenossenschaft ganz neue Aspekte erhält, neue Menschengruppen zu gemeinsamen Erlebnissen geführt werden, was wiederum zu neuen Entwickelungsmöglichkeiten und Aufgaben führt. Weitere Einzelheiten dieser Beziehungen werden im Kapitel V („Lebensrhythmen“) aufgezeigt werden. Die Gesetzmäßigkeit der Reinkarnation bedeutet für den einzelnen Menschen, für die Individualität, die Metamorphose und Steigerung seiner geistigseelischen und leiblichen 0rgane. Höher entwickelte und neue Organe bedeuten neue Erkenntnis- und Wahrnehmungsinhalte, eine Bewußtseinssteigerung und -intensivierung, damit aber auch einen Entwickelungsweg zur immer größeren individuellen Freiheit und Meisterschaft über die Bildekräftesphären von Kosmos, Erde und Mensch. Wir zeigten schon, wie diese Rhythmen im Wechsel von kosmischem und irdischem Dasein der Kräfteerneuerung dienen. Organe, welche im irdischen Dasein untätig, latent sind, erwachen nun im kosmischen Dasein zur Aktivität und Ausbildung, während wiederum andere Organe nur im Erdenleben ihre Entwickelung und Steigerung finden können. Im irdischen Dasein sind manche der kosmischen Organe latent und umgekehrt. (70) Nur durch den Reinkarnationsrhythmus ist die Verbindung beider Sphären, die Entwickelung aller Organe und ihre weisheitsvolle Steigerung möglich, kann der Mensch zum freien „Ich“- und „Welt“-bewußten Wesen werden. Rudolf Steiner faßt den inneren Sinn dieser Gesetzmäßigkeit in folgendem Bilde zusammen: „Während der Mensch im physischen Leibe verkörpert ist, wirkt und schafft er in der physischen Welt. Und er wirkt und schafft in ihr als geistiges Wesen. Was sein Geist ersinnt und ausbildet, das prägt er den physischen Formen, den körperlichen Stoffen und Kräften ein. Er hat also als ein Bote der geistigen Welt den Geist der Körperwelt einzuverleiben. Nur dadurch, daß er sich verkörpert, kann der Mensch in der Körperwelt wirken. Er muß den physischen Leib als sein Werkzeug annehmen, damit er durch das Körperliche auf Körperliches wirken und damit Körperliches auf ihn wirken kann. Was aber durch diese physische Körperlichkeit des Menschen hindurchwirkt, das ist der Geist. Von diesem gehen die Absichten, die Richtungen aus für das Wirken in der physischen Welt Wenn nun auch gerade in dem Wirken auf die physische Körperwelt eine der Aufgaben des Menschengeistes liegt, solange er von Verkörperung zu Verkörperung schreitet, so könnte er doch diese Aufgabe keineswegs

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entsprechend erfüllen, wenn er nur im leiblichen Dasein lebte. Denn die Absichten und Ziele der irdischen Aufgaben werden ebensowenig innerhalb der irdischen Verkörperung ausgebildet und gewonnen, wie der Plan eines Hauses auf dem Bauplatz zustande kommt, auf dem die Arbeiter wirken. Wie dieser Plan im Büro des Architekten ausgearbeitet wird, so werden die Ziele und Absichten 'des irdischen Schaffens im Lande der Geister' ausgebildet. – Der Geist des Menschen muß in diesem Lande zwischen zwei Verkörperungen immer wieder leben, um, gerüstet mit dem, was er sich von da mitbringt, an die Arbeit im physischen Leben herantreten zu können Nur wenn der Menschengeist immer wieder und wieder in seinem eigenen Bereich sich aufhält, wird er auch durch die physisch-körperlichen Werkzeuge in die irdische Welt den Geist tragen können.“ Goethe sprach von der „Systole und Diastole des lebendigen Wesens“. Fichte sah den Sinn der Entwickelung in einem Ich, das zugleich Werkzeug der sinnlichen und der übersinnlichen Welt sei. Novalis hatte die innere Überzeugung von den höheren Fähigkeiten und Schicksalen des Menschen. Er sagt: „Das Denken ist wie. die Blüte, gewiß nichts als die feinste

„Das willkürlichste Vorurteil ist, daß

Evolution der plastischen Kräfte.“

dem Menschen das Vermögen, außer sich zu sein, mit Bewußtsein jenseits der Sinne zu sein, versagt sei. – (71) Freilich ist die Besonnenheit in diesem Zustand, die Sich-Selbst-Findung sehr schwer. – Je mehr wir uns aber dieses Zustandes bewußt zu sein vermögen, desto lebendiger, mächtiger, zwingender ist die Überzeugung, die daraus entsteht, der Glaube an echte

Offenbarungen des Geistes. – Die Besten unter uns, die schon bei ihren Lebzeiten zu der Geisterwelt gelangten, sterben nur scheinbar. – Wer hier nicht zur Vollendung gelangt, gelangt vielleicht drüben, oder er muß eine abermalige irdische Laufbahn beginnen. – Sollte es nicht auch drüben einen Tod geben, 'dessen Resultat irdische Geburt wäre? – Die unendliche Idee unserer Freiheit involviert auch eine unendliche Reihe unserer Erscheinungen in einer Sinnenwelt. Wir werden nicht an die einzige Erscheinung in unserem irdischen Körper auf diesem Planeten gebunden sein.“ Rudolf Steiner brachte durch seine Forschung die Erkenntnis jener Zusammenhänge, die von diesen und vielen anderen großen geistigen Führerpersönlichkeiten der Menschheit erschaut, gefordert und erlebt wurden. Der Mensch bedarf heute, um seine gewaltigen Aufgaben geistgemäß lösen zu können, wieder einer bewußten Erkenntnis der in ihm und durch ihn gestaltenden Kräfte des, Kosmos. (72)

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Der Große Atmungsrhythmus des Menschenwesens, die Reinkarnation, das Leben zwischen Geburt und Tod, zwischen Tod und Wiedergeburt, ist ein Urphänomen der Bewußtseinsentwickelung des Menschen, in ihm erfaßt er den Sinn und die Aufgabe seines Seins und Werdens.

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KAPITEL IV.

DIE METAMORPHOSE DES GEISTIG-SEELISCHEN

DURCH DIE WIEDERGEBURTEN.

IM LEBEN ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT.

Goethe schreibt einmal in einem Brief an Zelter über das Leben vor und nach dem Tode: „Wirken wir fort, bis wir, vor- oder nacheinander vom Weltgeist berufen in den Äther zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Tätigkeiten denen analog, in welchen wir uns schon erprobt, nicht versagen! Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so würden wir gewiß nur desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die entelechische Monade muß sich nur in rastloser Tätigkeit erhalten; wird ihr diese zur anderen Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an Beschäftigung fehlen.“ Goethe erkannte, daß uns neue, aber mit dem vorherigen Erdenleben organisch verbundene Aufgaben erwarten, wenn wir „vor- oder nacheinander vom Weltgeist berufen in den Äther zurückkehren“. Im Erdenleben sind Geist, Seele und Leib zu einer Einheit verwoben, die Bewußtseinszustände des Menschen hineinverflochten in Lebens- und Formzustände. Aber auch im Erdenleben unterliegt, wie bereits ausgeführt, diese Verbindung einem rhythmischen Wechsel, indem Bewußtseins-Pol und vitaler Pol des Menschen die Bildekräfte in den Phasen des Tages- und Lebenslaufs zu verschiedenen Funktionen verwenden. (73) Während wir im Schlaf aber nur die höheren Wesensglieder des Menschen, astralischen Leib und Ich „ausatmen“, d. h. allnächtlich eine intimere Wechselwirkung mit dem Kosmos entlassen, und der ätherische Leib, die Bildekräfteorganisation, sich auf den Wiederaufbau der leiblichen, vitalen Organisation konzentriert, wird nun beim Tode auch die Verbindung zwischen dem Bildekräfteleib und der physischen Körperlichkeit ge1öst. Der große Pendelschlag beim Tode entläßt auch den Bildekräfteleib aus seiner Verbundenheit mit dem physischen Körper.

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Rudolf Steiner sagt: „Was tun wir im Sterben? Im Sterben atmen wir mehr aus als unseren astralischen Leib und unser Ich in bezug auf unsere Erdenorganisation. Wir atmen den Ätherleib aus ins Weltenall. Ich habe das oft dargestellt, wie der Ätherleib ausgeatmet wird ins Weltenall, wie er sich verbreitet im Weltenall. Wenn wir wieder zurückkommen, atmen wir wieder einen Ätherleib ein. Das ist ein Riesenatmen. Ein Äther-Aus- und Einatmen. – An jedem Morgen atmen wir Astralisches ein. Mit jedem Atemzug atmen wir Sauerstoff ein. Aber mit jedem Erdensterben atmen wir den Äther aus, und mit jedem neuen Erdenleben atmen wir den Äther ein.“ Es gibt natürlich verschiedenste Aspekte des Diastole- und Systole- Prinzips, z. B. je nachdem die Betrachtung vom Gesichtspunkte des irdischen oder kosmischen Daseins, von dem des Bewußtseins oder auch dem der Lebensprozesse ausgeht. Da hier diese Vorgänge in erster Linie vom Gesichtspunkt der Bildekräfte-Funktionen behandelt werden, so tritt dieser Aspekt des Diastole- und Systole-Prinzips, wie er in der obigen Darstellung Rudolf Steiners zum Ausdruck kommt, naturgemäß in den Vordergrund. Dessen Modifikationen werden im Folgenden dargestellt. Wir hatten nun schon gezeigt, wie während des Erdenlebens neben dem Aufbauprozeß sich auch Abbauvorgänge des Leiblichen dauernd vollziehen und wie der Tod eigentlich nur ein letzter Abschluß, ein Integral dieser vielfachen Abbauprozesse ist. Ist im Tode der endgültige Abbau des Leiblichen vollzogen, so wenden sich die höheren Wesensglieder einer anderen Funktion und einer anderen gegenseitigen Verbindung zu. Geist, Seele und Leib tauschen also nun ihre bisherige Verwobenheit gegen eine neue Konfiguration ein. * „Hat sich nun der Geist von dem Leibe gelöst, so ist er immer noch mit der Seele verbunden. Und wie ihn während des physischen Lebens der Leib an die, physische Welt gekettet hat, so jetzt die Seele an die seelische Welt.“ Es wird demgemäß im Folgenden jener Loslösungsprozeß zu beschreiben sein, in dessen Verlauf sich zuerst das Geistige und Seelische vom Leiblichen, dann auch das Geistige vom Seelischen :trennt, um sich während einer bestimmten Epoche des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt rein geistigen Aufgaben zu widmen. Rudolf Steiner charakterisiert diese Dreiheit in folgender Art: (74) „Mit Leib ist hier dasjenige gemeint, wodurch sich dem Menschen die Dinge seiner Umwelt offenbaren. Mit dem Worte See1e soll auf das gedeutet werden, wodurch er die Dinge mit seinem eigenen Dasein verbindet, wodurch er Gefallen und Mißfallen, Lust und Unlust, Freude und Schmerz an ihnen empfindet. Als

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Geist ist das gemeint, was in ihm offenbar wird, wenn er, nach Goethes Ausdruck, die Dinge als „gleichsam göttliches Wesen“ ansieht.“ – U. a. 0.:

„Der Geist muß ergriffen werden durch Bewußtseinszustände wie Wachen, Schlafen und Träumen. Das Seelische wird ergriffen durch „Sympathie“ und „Antipathie“, d. h. durch Lebenszustände. Das geschieht sogar fortwährend im Unterbewußtsein. Die Seele haben wir eigentlich im astralischen Leib, das Leben im ätherischen Leib, und zwischen beiden ist eine fortwährende Korrespondenz im Innern, so daß sich von selbst das Seelische in den Lebenszuständen des ätherischen Leibes auslebt. Und der Leib wird wahrgenommen durch Formzustände.“ Der Bewußtseinszustand des Menschen ist nach der Loslösung von den Formzuständen des Leiblichen noch nicht ein rein geistiger, er ist noch verwoben mit den seelischen Erlebnissen von Lust und Unlust, Freude und Schmerz, noch behaftet von seelischen Merkmalen. Was alle Religionen und Uroffenbarungen der Menschheitsgeschichte als den Läuterungsprozeß bezeichnen, was die indische Religion als „Kamaloka“, die christliche als „Fegefeuer“ in bildhafter Form ausdrücken, ist nur der imaginative Ausdruck eines Erlebnisses, das die Geistesforschung als die Metamorphose der Ablösung des geistigen Wesenskerns, der „Entelechie“ des Menschen, von leiblicher Gebundenheit und seelischen Merkmalen erkennt. Es werden also im Folgenden zunächst drei Epochen zu betrachten sein:

Die Epoche unmittelbar nach dem Tode, die bedingt ist durch das Herauslösen des Ätherischen aus dem Leiblichen, dann diejenige, wo sich das Geistig-Seelische loslöst von der bisherigen Beziehung zum Ätherischen, und als 3. Epoche diejenige, wo nach Überwindung der seelischen

Entwickelungsprozesse

Bindungen

durchläuft. Man kann die Entwickelung des Makrokosmos und seiner geistigen, dynamischen und substantiellen Inhalte nur dann verstehen, wenn man sich bewußt ist, daß innerhalb derselben fortwährend Phasen der Involution und der Evolution von Geistig-Wesenhaftem in der irdischen Erscheinungswelt abwechseln. (75) Teilweise offenbart dann diese Erscheinungswelt in der weiteren Fortbildung noch ihren Ursprung und ihre Verbundenheit mit den geistigen Schöpfermächten und Kräften, teilweise hat sich das Geschaffene, das Werk, aber auch schon weitgehend zu einem Eigendasein und

das

rein

Geistige

seine

gesonderten

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Eigengesetzlichkeit abgesondert und isoliert. Rudolf Steiner gibt hierfür die folgenden Stufen an: „Das Göttlich-Geistige kommt im Kosmos in den folgenden Etappen auf verschiedene Art zur Geltung: 1. durch seine ureigene Wesenheit; 2. durch die Offenbarung dieser Wesenheit; 3. durch die Wirksamkeit, wenn die Wesenheit aus der Offenbarung sich zurückzieht; 4. durch das Werk, wenn in dem erscheinenden Weltall das Göttliche nicht mehr ist, sondern nur dessen Formen. – Der Mensch hat in der gegenwärtigen Naturanschauung nicht ein Verhältnis zu dem Göttlichen, sondern nur zu dessen Werk.“ Der Mensch muß aber in der Erkenntnis wiederum die Stufen von der Anschauung und Verwendung der Werkwelt zur Erkenntnis der inneren Dynamik und zum Erlebnis der Wesen aufsteigen, die diese Welt gestalteten. Die erste Sphäre, die der Werkwelt, erstrebt der Mensch vor allem im irdischen Bewußtsein zu erfassen, er wird diese Aufgabe aber nur wirklichkeitsgemäß lösen können, wenn er auch die anderen Sphären erkennt. Dies tut er im leibfreien Bewußtsein zwischen Tod und neuer Geburt. Er wird aber auch die Erdenwelt in Ursprung und innerer Gesetzlichkeit nur wahrhaft verstehen lernen, wenn sich irdisches Bewußtsein und leibfreies Bewußtsein mehr und mehr gegenseitig ergänzen und befruchten. Der Mensch glaubt heute, einen Bruchteil der Werkwelt zu erkennen und zu bemeistern. Aber die Erkenntniskrise in der Physik und vor allem in der Biologie zeigt, daß die bisherigen Denkmethoden beim Weiterdringen versagen. Erst wenn der Mensch die Erlebnisse des irdischen und des kosmischen Daseins im Pendelschlag der Reinkarnation bewußt miteinander verknüpft und somit den nächsten Entwickelungsschritt vollzieht, wird er die innige Verwobenheit der Welt der Wesen, der inneren Dynamik und der irdischen Erscheinungswelt erkennen. Betrachten wir zunächst die drei ersten Phasen, die der Mensch zwischen Tod und Wiedergeburt durchläuft.

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a) Verwandlungsprozesse durch Loslösung vom Leiblichen.

Was sich unmittelbar nach der Loslösung vom Leiblichen nach dem Tode vollzieht, charakterisiert Rudolf Steiner in folgender Weise: (76) „Durch das Wegfallen des physischen Organismus ist für das Bewußtwerden der ätherischen Organisation durch den Menschen kein Hindernis mehr da. Vor die Menschenseele tritt das Bild des eben verflossenen Erdenlebens. Denn dieses Bild ist nur der Ausdruck der gestaltenden Bildekräfte, welche in ihrer Summe den ätherischen Leib darstellen. – Was so im ätherischen Leib lebt, ist aus dem ätherischen Wesen des Kosmos in den Menschen hineingewoben. Eis kann sich nie ganz vom Kosmos loslösen. Es setzt sich das kosmisch-ätherische Geschehen in die menschliche Organisation herein fort; und die innermenschliche Fortsetzung ist der Ätherorganismus. Daher kommt es, daß in dem Momente, in dem nach dem Tode der Mensch in seiner ätherischen Organisation sich bewußt wird, dieses Bewußtsein auch schon beginnt, sich in ein kosmisches Bewußtsein umzuwandeln. Der Mensch fühlt den Weltenäther gerade so wie seinen Ätherorganismus als etwas, was in seiner eigenen Wesenheit ist.“ Das Menschenwesen erlebt also durch das, Freiwerden des Bildekräfte-Organismus zunächst in Bildern die innere Struktur seines Lebenslaufs, indem nun nicht mehr der physische Leib als Spiegelungsapparat dient, sondern der von diesem nicht mehr gebundene ätherische Leib. Dieses gewaltige Bilderweben, das den Lebenslauf vor dem inneren Auge ausbreitet, ist ja sogar von Menschen, die auf außergewöhnliche Weise, z. B. im Augenblick des Ertrinkens, aus ihrem physischen Körper herausgelöst wurden, vielfach. beschrieben worden. Rudolf Steiner weist u. a. auf folgenden Bericht eines bekannten Gelehrten hin: „Der ausgezeichnete Kriminalanthropologe und auf vielen anderen Gebieten der Naturforschung bedeutsame Forscher Moritz Benedict erzählt in seinen Lebenserinnerungen den von ihm selbst erlebten Fall, daß er einmal, als er dem Ertrinken in einem Bade nahe war, wie in einem einzigen Bilde sein ganzes Leben in der Erinnerung vor sich gesehen habe.“ Über derartige Erlebnisse berichten viele andere in ähnlicher Art. Was diese Menschen in außergewöhnlicher Art erlebten, eine klare bildhafte Überschau über das vergangene Leben, das erlebt jeder Mensch, wenn er nach dem Tode nicht mehr im physischen Erleben, sondern im befreiten Bildekräfteleib darinnensteht. Dieses „Erinnerungstab1eau“ unmittelbar

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nach dem Tode, die erste Rückschau, ist dadurch ermöglicht, daß wir infolge des im vorigen Kapitel geschilderten engen Verwobenseins unserer Bewußtseinserlebnisse und Bildekräfteorganisation während des Erdenlebens alle Gedanken, Erlebnisse usw. in unseren Ätherleib

eingravieren, einprägen, * „daß zunächst alles, was der Mensch denkt (dazu gehört jetzt auch dasjenige, was er denkend fühlt und denkend will) sich eingräbt in den eigenen Ätherleib, in die eigene Äthersubstantialität, und erst dann, wenn er durch die Pforte des Todes getreten ist, sich mitteilt der „Und wenn man dies berücksichtigt, dann wird aus dieser Wahrheit fließen das Gefühl der Verantwortlichkeit für alles, was wir vollziehen innerhalb unserer Gedankenwelt, das Gefühl der

Verantwortlichkeit für das, was wir denken. –

hereingestellt in die Welt. Während des Erdenlebens wirkt die ganze Welt auf uns ein. Wir rollen das, was da einwirkt, gewissermaßen zusammen. Die Welt gibt uns vieles. Wir halten es zusammen. In dem Augenblick, wo wir sterben, nimmt die Welt wieder an sich, was sie uns gegeben hat. Aber sie empfängt dadurch etwas Neues. Wir haben ja das alles in besonderer Weise erlebt. Das, was die Welt empfängt, ist etwas anderes, als sie uns gegeben hat. Sie nimmt unser ganzes Erleben auf. Sie prägt sich selbst in ihrem eigenen Äther unser ganzes Erleben ein. – Und jetzt stehen wir in der Welt und sagen uns, indem wir dieses Erlebnis mit unserem Ätherleib zunächst haben: wir sind wirklich nicht bloß für uns in der Welt, sondern die Welt hat etwas vor mit uns, die Welt hat uns hereingestellt, damit sie das, was in ihr ist, durch uns durchgehen lassen kann und es in der von uns veränderten Gestalt wiederum empfangen kann. Wir sind als Menschen nicht bloß für uns da, wir sind z. B. in bezug auf unseren ätherischen Körper für die Welt da. Die Welt hat die Menschen nötig, weil sie dadurch mit ihrem eigenen Inhalte sich immer wieder neu und neu erfüllt.“

„Wir sind als Menschen

Die erste Phase der „Rückschau“, wobei sozusagen die Erinnerungen hinausgetragen werden in den Kosmos, dadurch daß der Ätherleib nach Befreiung von der Körperlichkeit in den Kosmos ausgeatmet wird, dauert nach dem Tode etwa zwei bis vier Tage. Das Freiwerden des Bildekräfteleibes, der im Tode den physischen Leib verläßt, hat natürlich nicht nur einen Einfluß auf den Ätherleib und die höheren Wesensglieder des Menschen, sondern auch auf den physischen Leib selbst. Der irdische, materielle Leib unterliegt nunmehr nur noch den irdischen physikalischen und chemischen Gesetzen, das heißt er zerfällt in

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seine chemischen Bestandteile. Dies beweist eine viel zu wenig beachtete Tatsache: daß nämlich die äußere Natur selbst mit ihren Gesetzen und Substanzen, insoweit sie nicht von einer menschlichen Wesenheit und deren Bildekräften durchwirkt sind, gar nicht in der Lage ist, einen menschlichen

Leib aufzubauen; im Gegenteil, die äußeren Naturgesetze zerstören einen menschlichen Leib sofort, sobald er ihnen allein überlassen ist. (78) Eine Naturbetrachtung, welche sich bemüht, die menschliche Wesenheit als Produkt dieser Naturgesetze, der physikalischen und chemischen Vorgänge im Organismus zu verstehen, wird durch dieses Phänomen in eindeutiger Weise widerlegt. Ein menschlicher Leib, der von der höheren Wesenheit und ihren Bildekräften verlassen und nur den äußeren Naturgesetzen überlassen ist, zerfällt sofort in seine materiellen Bestandteile. Ein Verstehen des menschlichen Organismus ohne exakte Erforschung der höheren Wesensglieder des Menschen ist deshalb unmöglich. Sobald im Tod der Bildekräfteleib sich befreit, der physische Leib aber zerfällt, ist jedoch auch jede Bewußtseinsverbindung zwischen dem geistigen Wesenskern, dem „Ich“ des Menschen und dem physischen Leib gelöst. Rudolf Steiner sagte deshalb einmal im persönlichen Gespräch mit dem Verfasser, daß die Besorgnis mancher Menschen, z. B. in bezug auf die Einäscherung, schon darum unrichtig ist, weil drei Tage nach dem Tode keinerlei Beziehung des Bewußtseins zum physischen Leib mehr vorhanden ist. Und in anderem Zusammenhang antwortete er einmal Medizinern auf eine Frage: „Bestehen günstige Parallelbeziehungen zwischen Grad und Zeitdauer der postmortalen Verwesungsvorgänge und dem Schicksal der zugehörigen Individualität in der geistigen Welt? Beziehungen, die eine Bedeutung

hätten, die uns Menschen angehen, bestehen eigentlich

Innig damit

hängt die Frage der Einäscherung und der Verwesung zusammen. Aber all diese Dinge sind innig verknüpft mit dem menschlichen Karma. Man kann nur sagen, für den Menschen als solchen, – für den individuellen Menschen – hat die Frage eigentlich nicht eine unbedingt große Bedeutung.“ – Und auf

die Frage: Ist die Sektion von einem bestimmten Zeitpunkte nach dem Tode an von Einfluß auf das Schicksal des Verstorbenen? antwortete er: „Das ist ganz ohne Einfluß auf das Schicksal des Verstorbenen.“ – Das Ich wirkt nur noch in den höheren Wesensgliedern, der physische Leib zerfällt ganz unabhängig davon nach den Naturgesetzen.

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Betrachten wir nunmehr die verschiedenen Formen und Phasen der Rückschau, die das Ich zunächst sehr intensiv im frei gewordenen Ätherleib vollzieht, die aber auch verschiedenen Metamorphosen unterliegt: * „Wenn wir durch des Todes Pforte gehen, dann folgen ja auf das Erdendasein Tage, in denen wie in einer mächtigen Perspektive die Bilder des eben

Nur wird es in der kurzen Zeit, in der

es da ist, immer schattenhafter und schattenhafter, immer abgeschwächter und abgeschwächter. (79) Während wir im physischen Erdenleben in uns schauen, fühlen: da haben wir die Bilder des Erlebens als Erinnerungsbilder

wie zusammengerollt in uns, so werden jetzt diese Bilder größer, mächtiger. Wir fühlen, wie wenn die Bilder unserer Erinnerung von der Welt aufgenommen werden. Das, was nach dem Tode gewissermaßen erst ein eng Umgrenztes umschließt in diesem Erinnerungstableau, es wird immer größer, aber damit auch immer schattenhafter, bis wir es wie zu einem Weltall erweitert finden, aber schwach geworden, so daß wir kaum noch ahnen können, was wir erst deutlich gesehen haben.“ Das Erlebnis des frei gewordenen Bildekräfteleibes und die dadurch entstandene Rückschau in Bildern auf das verflossene Erdenleben ist die erste Phase dieser Rückschau, die sich, wie gesagt, in zwei bis vier Tagen vollzieht. Sie umfaßt jedoch nur jene Erlebnisse, welche dem wachen Bewußtsein des Menschen während des Erdenlebens angehörten. In der zweiten Phase der Rückschau erlebt die menschliche Wesenheit nun alle jene weisheitsvollen Vorgänge, die sich im Erdenleben während der Schlafens-Zeit in seinem Organismus vollzogen haben, jene aufbauenden, von kosmischen Impulsen und höheren Gedankenkräften gebildeten Prozesse, welche im Erdenleben nicht in das dortige Bewußtsein des Menschen herauftauchen. Diese Aufbautätigkeit der kosmischen und menschlichen Bildekräfte während des Schlafzustandes hatten wir im Kapitel II bereits dargestellt.

verflossenen Erdenlebens auftreten

Der Bildekräfteorganismus hat nach seiner Befreiung vom physischen Leib nur für kurze Zeit die Möglichkeit eines geschlossenen Zusammenhaltes, deshalb dauert die erste Phase der Rückschau nur wenige Tage. Dann weitet er sich in die kosmischen Sphären aus und die höheren Wesensglieder des Menschen, astralischer Leib und Ich, haben nun die Aufgabe in dieser neuen Metamorphose die Spiegelung der vergangenen Eindrücke und Erlebnisse zu empfangen.

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Da die Schlafzustände während des Erdenlebens etwa ein Drittel unserer Lebenszeit umfassen, so vollzieht sich diese zweite Phase der Rückschau ungefähr in einer Zeitspanne, die etwa ein Drittel der vergangenen Lebensdauer in Anspruch nimmt. Rudolf Steiner sagt über

diese beiden Phasen der Rückschau: „Wenn wir diese zwei, drei, vier Tage etwa nach dem Tode betrachten, so zeigt sich ein mächtiges Lebenstableau. Aber in diesem Lebenstableau ist nur dasjenige zunächst darinnen, was man während der Wachensperiode erlebt hat. Aber der Mensch hat ja in Wirklichkeit nicht nur das durchgemacht, was er in seinen Wachensperioden, sondern auch dasjenige, was er in seinen

Schlafensperioden durchgemacht hat

Periode auf, wo das Geistig-Seelische nach dem Tode nun stark genug

geworden ist, um in der geistigen Welt das zu erleben, was es nur unbewußt im Bilde ausgestalten konnte jedesmal zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Das tritt als Erlebtes auf. Und der Mensch durchlebt ungefähr

da wird das menschliche Leben

rücklaufend noch einmal durchlebt, erst die letzte Nacht, dann die vorletzte,

dann die drittletzte Nacht, und so fort, bis wir bei der Geburt bzw. Empfängnis angekommen sind.“ Während wir durch das Untertauchen in die physische Körperlichkeit und ihre begrenzten Sinnesorgane im Erdenleben nur einen kleinsten Ausschnitt des Weltalls und auch diesen nur mangelhaft und als Schein erleben, gibt uns nach dem Tode der Einblick in die freie Welt der

Bildekräfte das Erlebnis der dem Sinnesschein zugrunde liegenden wahren tieferen Impulse: „Im physischen Leibe erleben wir nur die äußere Scheinwelt mit; im Ätherleib erleben wir einzig und allein dasjenige mit, was den Einklang mit dem gesamten Kosmos ergibt. Die Wahrheit liegt

Aus diesem Grunde muß uns nach dem

Tode das Erleben des Ätherleibes für mehrere Tage verbleiben. Denn würde es das nicht, so ginge uns die Wahrheit verloren für die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wir leben auf Erden, um unsere Vereinigung mit der Wahrheit zu pflegen, und nehmen gewissermaßen das Erlebnis der Wahrheit mit, indem wir mehrere Tage nach unserem Tode in dem großen Tableau des Ätherleibes leben.“ – Aber es findet nach dem Tode auf diese Weise nicht nur eine Umwandlung der sinnlichen Scheinwelt in das Erlebnis der tieferen Impulse, der Wahrheit statt, sondern auch eine Metamorphose des Erlebnisses von

daher verankert im Ätherleib

nun ein Drittel seines Lebens,

(80) Nachher tritt deshalb diejenige

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

„Innen“- und „Außen“-Welt. Es zeigt sich hier wieder jenes Urphänomen des Organischen, die Metamorphose durch Umkehrung, Umstülpung, wobei durch den Austausch von Innen und Außen neue Entwickelungsmöglichkeiten gegeben werden. Dadurch wird unsere gesamte „seelische Perspektive“ umgekehrt. Im Erdenleben sind die seelischen Eindrücke, die wir von der Außenwelt empfingen und unsere damit verknüpften Vorstellungen, Gedanken usw. gleichsam nach innen eingesogen, innerlich gespiegelt und bewahrt, unsere Willensimpulse und Taten dagegen in die Außenwelt gerichtet, von uns nach außen projiziert, ausstrahlend. Nach dem Tode findet diese seelische Perspektive eine völlige Verwandlung durch die Umkehrung, Umstülpung und Ausweitung des ätherischen Leibes in die kosmischen Weiten. (81) Was wir im Innern an Gedanken entwickelt und im Ätherleib bewahrt hatten, das erscheint uns nun außerhalb in einer gewaltigen kosmischen Sphäre, ein Erinnerungstableau, das uns jetzt in mächtigen Bildern peripherisch umgibt. Unsere Willensimpu1se aber sind nun zentral gerichtet, auf unsere Innenwelt konzentriert. Man könnte diese Umkehrung der inneren Dynamik graphisch gleichsam in folgender Weise darstellen:

seelische Eindrücke und Gedanken: ––––––––––––––––––––––––>

Willensimpulse und Taten:

>

Im Erdenleben

Im kosmischen Dasein

W i l l e n s i m p u l s e u n

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Rudolf Steiner sagt hierüber: „Innerhalb von wenigen Tagen hat sich sozusagen alles, was unsere Seele von der Geburt bis zum Tode erfüllt, aufgelöst im allgemeinen Kosmos. Man kann das nennen: der Ätherleib oder Bildekräfteleib des Menschen trennt sich ab von dem Ich und dem astralischen Leib, nachdem er zuerst mit ihnen eine Verbindung

Der

ganze Ätherleib wendet sich in sich selber um. Aber dieses Umwenden, das ist verknüpft mit einem unermeßlich rasch vor sich gehenden Vergrößern des Ätherleibes. Er wächst, er wird riesengroß, er dehnt sich unermeßlich

weit ins Weltenall aus

getragen haben, das für uns Äußerliche, das ist jetzt nach innen gewendet. Was vorher nach innen gewendet war, und was für uns allein Bedeutung hat

Was wir

durch die Wendung des Ätherleibes oder Bildekräfteleibes erleben, das ist allerdings gegenüber dem Inhalte des Erdenlebens von einer gigantischen Größe; aber es ist eben etwas ganz anderes. (82) Wir erleben zunächst dadurch, daß die Außenseite jetzt nach innen gewendet ist, in mächtigen Eindrücken, die aber anders sind als die Sinneseindrücke, die ganze Bildung unseres Erdenlebens.“ U. a. 0.: „Die Menschen denken im Erdenleben, aber sie denken nicht alles was in ihre Seelen geht; ein Gedanke hat sein Ziel nicht erreicht: indem er gedacht wird, sondern erst wenn er sich mit uns verbunden hat. Bewußte Gedanken werden der Erinnerungsfähigkeit mitgeteilt, aber vieles nehmen wir auch auf, das gar nicht zum Bewußtsein

während des Erdenlebens, das ist jetzt nach Außen gewendet

Dasjenige, was wir vorher ohne Bedeutung an uns

eingegangen ist, die vorher im Erdenleben nicht vorhanden war

kommt, das aber doch in uns hineingeht. Denken wir uns den ganzen Komplex dessen, was wir gedacht haben und was in uns ist. Wo ist es? Es ist in uns; wir können uns daran erinnern. Manchmal treten sie auf, die Erinnerungen, manchmal treten sie nicht auf, aber sie sind in uns. Sie sind nämlich im Ätherleibe. Nach dem Tode sondern sie sich ab, geben in die allgemeine Welt über. Da sind sie dann dasjenige, was wir anschauen in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; da sind sie dann dasjenige, was macht, daß wir überhaupt Wirklichkeit sehen, das sondert sich von uns

ab

Dasjenige, was wir (im Erdenleben) wollen, das macht, daß wir dann

eine Innenwelt haben. Nicht bloß das, was wir wünschen, sondern das, was wir wollen, das heißt was wirklich Tat wird, das macht, daß wir dann eine Innenwelt haben. In der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt wird also dasjenige, was wir hier gewollt haben, was wir hier der Außenwelt

mitgeteilt haben, was wir getan haben, das wird unsere Innenwelt. Was wir

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

gedacht haben, was heruntergestiegen ist in uns, das beleuchtet unsere Außenwelt; das Äußere wird Innen, das Innere wird Außen.“ – Die zwei Phasen der Rückschau auf das Erdenleben nach dem Tode haben also auch verschiedene seelische Perspektiven. Zunächst erlebt der Mensch, solange der Ätherleib noch für kurze Zeit zusammenhält, die Vergangenheit in sich. Nach der Umkehrung und Ausweitung des Ätherleibes in den Kosmos wird nun auch (las Seelenleben völlig verwandelt: * „Sodaß sich der Mensch, während er im Erdenleben sagt:

Meine Seelenerlebnisse sind in mir, er sich nach dem Tode sagt: Meine Seelenerlebnisse sind vor mir, oder besser gesagt, um mich. Sie verschmelzen mit der Umwelt.“ –

Das geistig-seelische Erleben des Menschen erreicht in diesen Phasen der Rückschau aber noch eine weitere Ergänzung, es überschaut nun nicht nur die Gedanken, Willensimpulse und Taten, insoweit sie sich in uns selbst spiegelten oder von uns ausstrahlten, sondern auch jene Wirkungen, welche diese in der Umwelt ausgelöst haben: * „Wenn wir z. B. jemandem eine Beleidigung zugefügt haben: das Gefühl, aus dem wir die Beleidigung getan haben, das haben wir im physischen Leibe durchlebt, das steht als Ursache da und trägt sich in das Karma ein. Was wir nicht erlebt haben hier im physischen Leben, das ist der Eindruck, den die Beleidigung auf die andere

Das erleben wir jetzt bei der Rückwärtswanderung in

der Zeit vom Tode bis zur Geburt. Da durchleben wir alles, was draußen ist,

so, wie es nicht von uns erlebt worden ist, sondern so, wie es von der

Seele gemacht hat

Außenwelt erlebt worden ist, mit der wir zusammen waren. Wirklich alles dasjenige, was die Menschen empfunden haben durch unsere Gedanken, durch unsere Worte usw., wir erleben es durch.“ Zu diesen neuartigen Erlebnissen der Rückschau kommt nun aber auch die Verwandlung von „Innen“ und „Außen“ hinzu: „Es ist wie eine völlige Umkehrung. Was Äußeres war, was wir nur wahrnehmen konnten durch die Anschauung dessen, was wir tun, das ist dann unser Inneres. So wie wir jetzt in den Empfindungen, in den Gefühlen der äußeren Eindrücke leben, so leben wir

Dagegen

wird das Innere ein Äußeres. Alle Gedanken, die Gefühlswelt wird ein Äußeres. So wie jetzt im Erdenleben um uns herum entweder die scheinende Sonne mit den Wolken ist oder in der Nacht der Sternenhimmel mit seinen Bewegungen, so sind nach dem Tode um uns herum als unsere Außenwelt

unsere Gedanken und unsere Empfindungen; das, was wir intim in uns

dann in unseren Taten. Unsere Taten sind dann unser Inneres

92

Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

tragen, das gliedert sich der Außenwelt ein nach dem Tode, das erscheint

Wenn wir in dem Leben

zwischen Tod und einer neuen Geburt sind, so haben wir also zunächst unsere Innenwelt, die Wirkung all unserer Taten, insofern sie im Willen

wurzeln, – die Innenwelt, den zentralen Kern, – umgeben von unseren

Gefühlen und Gedanken, die in den Weltenraum hinausstrahlen

haben hier einen Aspekt, indem wir auf der Erde stehen und in den Weltenraum hinausblicken; das ist der Aspekt zwischen der Geburt und dem Tode. Wir haben einen anderen Aspekt zwischen dem Tod und einer neuen

Geburt, indem wir in der Sphäre sind und in den zentralen Kern zurückblicken.“

Die innere Dynamik des von der physischen Körperlichkeit befreiten Bildekräfteleibes, seine Umkehrung und Ausweitung in den Kosmos macht diese Umkehrung der seelischen Perspektive und ihr Hineinverwobensein in die kosmischen Vorgänge erst verständlich. Das Raumfirmament wird nun gleichsam auch zum Zeiten-Firmament. Wir erleben, wie unsere früheren Gedanken und, Taten im Erdenleben hineinverwoben sind in den kosmischen Werdeprozeß. (84)

wir nunmehr die drei Phasen der Rückschau im

Zusammenhang:

In der ersten Phase haben wir die Bilder des vergangenen Erdenlebens vor uns, insoweit sie durch das schattenhafte irdische Bewußtsein als wache Tages-Erlebnisse dem Ätherleib eingeprägt wurden. Dies dauert nur wenige Tage, solange dieser Ätherleib seine bisherige Struktur noch aufrecht erhält. In der zweiten Phase der Rückschau, während unser Bildekräfteleib sich in die kosmischen Sphären ausweitet und mit deren Bildekräften vereinigt und in Einklang kommt, erleben wir das Wirken der kosmischen und irdischen Bildekräfte im unterbewußten Teil des vergangenen Erdenlebens, die in den Nächten, im Schlafe vollzogenen Aufbauprozesse, welche die Gedankenkräfte zur Durchgestaltung unserer Lebens- und Formzustände verwandten. Diese Phase dauert etwa die gleiche Zeitspanne, wie ein Drittel unseres vergangenen Lebens.

In der dritten Phase, nachdem sich die vorhin geschilderte Umkehrung vollzogen hat und die höheren Wesensglieder des Menschen nun einer metamorphosierten Innen- und Außenwelt gegenüberstehen, erleben wir nicht mehr nur die Inhalte, sondern nunmehr in überwiegendem Maße die

Wir

uns in mächtigen Bildern in der Außenwelt

Betrachten

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Wirkungen, welche unsere frühere Innenwelt auf die Sphären der früheren Außenwelt, auf den allgemeinen Werdeprozeß ausübte. Die Wirkungen unserer Taten, Gefühle und Gedanken in unserer bisherigen kosmischen, irdischen und menschlichen Umweltsphäre werden uns nun überschaubar, und zwar sowohl die physischen, als auch die seelischen und geistigen Wirkungen. Dies durchlebt die Menschenwesenheit in einer lang dauernden Daseinsepoche. Rudolf Steiner charakterisiert diese Vorgänge durch mannigfache Beispiele. Daß physische Veränderungen im Erdorganismus, z. B. rein äußere technische oder andere Umgestaltungen der Erdenstoffe und Kräfte, dem Bildekräfteorganismus unserer Umgebung eingeprägt werden, ist naheliegend. Aber auch feinere seelische und geistige Impulse werden den Bildekräften, welche die Einheit von Leib, Seele und Geist verbinden, und durch diese auch der Umwelt eingeprägt. Wir werden auf diese Vorgänge im Folgenden noch näher eingehen. (85) Auch unsere Gedanken sind in vieler Hinsicht von weittragender Bedeutung, sie sind nicht nur unser innerstes Privat-Eigentum, sondern wirken auf die Gestaltung der Umweltsphäre oft intensiv ein. Denn wir bilden zwar meist nur schattenhafte Abbilder der Wirklichkeit in ihnen, wir empfangen aber, bewußt und unterbewußt, auch Impulse durch die kosmischen Gedankenkräfte, die wir in uns verwandeln und der Umwelt wiederum aufprägen: * „Die Gedanken sind eben durchaus in der Welt ausgebreitet. Die Gedanken sind die in den Dingen waltenden Kräfte. Und unser Denkorgan ist eben nur etwas, das aus dem kosmischen Reservoir der Gedankenkräfte schöpft, das die Gedanken in sich hereinnimmt. Wir müssen also von Gedanken nicht so sprechen, als ob sie etwas wären, das nur dem Menschen angehört. Wir müssen von Gedanken so sprechen, daß wir uns bewußt sind, Gedanken sind die weltbeherrschenden Kräfte, die überall im Kosmos ausgebreitet sind.“ Haben wir in den beiden ersten Phasen der Rückschau Tage und Nächte unseres letzten vergangenen Erdenlebens durchlebt, so überschauen wir nunmehr in der dritten Phase immer intensiver zunächst die Wirkungen dieses Denkens und Tuns, dringen dann aber noch weiter zurück in vorhergehende geistige Daseinszustände, in frühere Erdenleben und verknüpfen Vergangenheit und Gegenwart zu einer gewaltigen Überschau über unsere geistigen Resultate und Aufgaben. * „Bis zum Ende des Rückwärtserlebens der Nächte hat der Mensch erfahren nach dem Tode, was

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

aus ihm geworden ist und was er bedeutet für den Kosmos. Jetzt hat der Mensch zu erleben, was durch sein Leben für die Erde selbst geschehen ist. Das erfordert lange Zeit, das füllt die Hälfte der Zeit aus zwischen dem irdischen Tode und einem neuen Erdenleben. – Zunächst kommen wir, wenn wir die Nächte rückwärts gehen, bei der Geburt an. Wenn wir da angekommen sind, wenn wir die Seelenwelt durchwandelt haben und bei unserer Geburt wiederum rücklaufend angekommen sind, – dann haben wir den Weg bis zu unserem vorigen Erdenleben durchzumachen. So daß der Mensch dann sein vorhergehendes Erdenleben mit hinübernehmen kann, gestaltend für ein weiteres, ein drittes Erdenleben. Der Mensch muß also nicht nur bis zu seiner Geburt zurückgehen, nacherlebend nach dem Tode, sondern bis zu seinem vorangehenden Erdenleben.“ Durch die Loslösung vom physischen Leibe hat das Menschenwesen auch jene Bildekräfte, die vorher zum großen Teil körperlichen Aufbauvorgängen dienten, nunmehr frei für Bewußtseinsprozesse. Es stehen ihm jetzt alle Kräfte hierfür zur Verfügung. Deshalb bedeuten die ersten Metamorphosen im nachirdischen Dasein eine gewaltige Steigerung der Bewußtseins- und der Erinnerungskräfte. Dadurch erhält der Mensch erst die Möglichkeit zu solcher umfassenden Rückschau. (86) Die Erinnerungsfähigkeit ist derart erstarkt, wie es in den irdischen Lebens- und Formzuständen im allgemeinen nicht möglich wäre. Es wurde bereits dargestellt, wie das Sterben gleichsam ein Ausatmen, das Geborenwerden ein Einatmen des Ätherleibes bedeutet Während der Phase der Ausweitung hat wie oben gezeigt, „die Seele die naturgemäße Tendenz, hauptsächlich den Blick hinzurichten auf die Schicksale des eigenen Ätherleibes. Was der Ätherleib da für Verwandlungen durchmacht in der elementarischen Welt, das ist gewissermaßen durch die ganze Kamalokazeit hindurch die Umwelt, die Außenwelt der Seele“. Aber der Mensch müßte dauernd in diesem Zustand beharren, wenn sich nicht mit der Zeit auch die Ablösung der höheren Wesensglieder vom Ätherleibe, so wie vorher die Ablösung vom physischen Leibe, vollziehen würde. Mit der Loslösung vom ätherischen Leibe läßt der Mensch gleichsam einen zweiten Leichnam zurück, aber dieser selbst löst sich nicht auf, wie der physische Leib beim Tode, sondern er hält, nachdem er sich in die kosmischen Sphären ausgeweitet hat, doch die ihm eingeprägten Impulse und seine besondere Struktur aufrecht. Rudolf Steiner charakterisiert das Verhältnis der höheren Wesensglieder zu diesem nunmehr abgesonderten ätherischen

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Organismus wie folgt: „So ist vor allen Dingen der elementarische Leib, dieser ätherische Leib, immer wahrnehmbar für denjenigen, der selber durch die Pforte des Todes geschritten ist. Der Mensch hat ihn abgelegt, diesen elementarischen Leib. Der Mensch lebt nun weiter zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; aber er steht in einer fortwährenden Verbindung mit diesem abgelegten ätherischen Leib. Es ist nicht so, wie mit dem physischen Leib, zu dem der Mensch seine Beziehung verliert, wenn er ihn abgelegt hat; beim elementarischen Leib ist das Gegenteil der Fall; der Mensch behält seine Beziehung. Ja sogar die Tatsache, daß der Mensch während des Erdenlebens, einen eigenen physischen Leib durch seine besonderen Bildekräfte gestaltet und modelliert hat, wird durch die Auflösung des physischen Leibes und seiner Substanzen im Tode nicht völlig ausgelöscht. Rudolf Steiner sagt hierüber:

„Was der Mensch mit dein Tode ablegt, das ist etwas, von dem man zum mindesten sich sagen muß, daß es das Wichtigste, was der physische Leib im Leben hat, nicht mehr besitzt: nämlich die Form, die von dem Momente des Todes an, an dem Abgelegten zerstört zu werden beginnt. Wir haben zerfallende Stoffe vor uns, und die Form ist nicht mehr eigentümlich. (87) Was da abgelegt wird, sind im Grunde genommen die Stoffe und Elemente, die wir sonst auch in der Natur verfolgen; das ist nicht das, was sich naturgemäß eine menschliche Form geben würde. Zum physischen

Menschenleib gehört aber diese Form ganz wesentlich

in unserer Zeit des Menschen Hellsichtigkeit entwickelt, desto mehr wird er

sich über eines klar werden: daß das, was mit dem physischen Leibe abgelegt wird als die physischen Stoffe und Kräfte, doch nicht der ganze physische Leib ist, daß das gar nicht einmal die ganze Gestalt des physischen Leibes gäbe. Sondern zu diesen Stoffen und Kräften gehört noch etwas anderes, das wir nennen müssen, – wenn wir sachgemäß sprechen – das „Phantom“ des Menschen. Dieses Phantom ist die Formgestalt des Menschen, welche als ein Geistgewebe die physischen Stoffe und Kräfte verarbeitet, so daß sie in die Form hineinkommen, die uns als der Mensch auf dem physischen Plane entgegentritt. Jeder Mensch formt das „Modell“, das ihm aus der Vererbungsströmung übergeben wird, im Laufe des Erdenlebens zu einer durchaus individuellen Struktur durch seine Bildekräfte um. Wir werden diese Phänomene in Kapitel V bis VI noch eingehender betrachten. Die Substanzen fallen im Tode ab, aber diese übersinnliebe Struktur verwest

Je mehr sich aber

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

die

Entwickelung.

Wenn der Mensch nun seinen ätherischen Leib gleichsam als zweiten Leichnam von sich absondert, so löst sich dieser, wie oben charakterisiert, ebenfalls nicht völlig auf, sondern bewahrt, nachdem er zunächst dem Menschen in der Phase der Rückschau als Träger des Gedächtnisses gedient hat, auch weiterhin seine ihm eigene Prägung. Sie ist dem Menschen nicht verloren. Rudolf Steiner unterscheidet hierbei die folgenden Verwandlungen: „Betrachten wir die Vorgänge, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt. Wir wissen, daß der physische Leib abgelegt wird, und daß zurückbleibt der Ätherleib, der nun mit dem astralischen Leibe und dem Ich verbunden ist. Wenn nun nach dem Tode eine Zeit vergangen ist, die sich nur nach Tagen bemißt, wird das Hauptsächlichste des Ätherleibes als ein zweiter Leichnam abgeworfen; es bleibt jedoch ein Extrakt des Ätherleibes zurück, der mitgenommen wird und erhalten bleibt für alle kommenden Zeiten. In diesem Extrakt des Ätherleibes ist nun alles wie in einer Essenz darinnen, was als Einfluß im Leben hineingekommen ist, z. B. von einem ausschweifenden Leben, von Gut und Böse, oder was der Mensch aufgenommen hat als das Ergebnis eines richtigen oder unrichtigen Denkens, Handelns und Fühlens. (88) Das enthält der Ätherleib, und das

„Wir nehmen

nicht

wie

das

Materielle,

sie

bleibt

weiterhin

von

Einfluß

auf

nimmt der Mensch mit in die Zeit bis zur neuen Geburt.“

einen Extrakt aus unserem Ätherleibe mit, damit wir immer eine Verbindung herstellen können zwischen uns selbst und diesem in den

allgemeinen Weltenäther eingetragenen Lebenstableau. Das ist gleichsam unser fortlaufendes Organ, wodurch wir die Erinnerungen an unser letztes

Leben immer haben können.“

ganzen Pflanze ist, sich aber nur entfaltet, wenn er in eine andere Welt, in die Erde versenkt wird, so entfaltet sich jetzt dasjenige, was das Ich aus der Sinnenwelt mitbringt, wie ein Keim, auf den die geistige Umgebung wirkt, die ihn nunmehr aufgenommen hat.“

„Wie ein Pflanzenkeim, der ein Extrakt der

Wie die Pflanze im Keim ihre ganze zukünftige Gestalt sinnlich unwahrnehmbar involviert hat und sich aus diesem Keim die ganze Pflanze dann in das Sinnlich-Wahrnehmbare hinausentwickelt, evolviert, so pendelt auch der Mensch zwischen einem gleichsam keimhaften Zustand der Involution in einer sinnlich-physisch nicht wahrnehmbaren Welt und einer sinnlich-sichtbaren Evolution im Laufe des Erdenlebens. Der Geistkeim und

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

seine Bildekräfte evolvieren im Erdenleben eine äußere Gestalt, die dann im Tode verschwindet, während der Wesenskern des Menschen wieder durch eine Phase sinnlich-physisch unwahrnehmbarer Involution hindurchgeht. Aber beim Menschen kommt eben zu diesem Pendelschlag von Keim und Gestalt das Wirken der höheren Wesensglieder hinzu: * „Während der Evolution verschwindet das Geistige immer mehr und mehr und das Physische wird mächtig, während der Involution wird das Physische immer mehr schwinden, und das Geistige wird mächtiger und Evolution ist zwischen Geburt und Tod, Involution zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in bezug auf die menschliche Wesenheit. Aber es ist nun ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Menschen und der Pflanze. Wir können bei der Pflanze sprechen von Involution und Evolution (z. B. im Wechsel von Samenkorn und ausgewachsener Pflanze), aber wir müssen beim Menschen auch noch von einem Dritten sprechen, was dazu kommt. Würden wir nicht von einem dritten sprechen, so würden wir nicht vollständig umfassen können die ganze Entwickelung des Menschen. Weil die Pflanze immer durch Involution und Evolution geht, deshalb geschieht es, daß jede neue Pflanze eine Wiederholung der alten ist, ganz gleich ist der alten. Es wickelt sich immer das Wesen der Pflanze in das Samenkorn hinein und wieder heraus. Was ist nun aber beim Menschen der Fall? Wir haben gerade erkannt, daß der Mensch aufnimmt neue Elemente der Entwickelungsmöglichkeit während seines Lebens zwischen Geburt und Tod; da bereichert er sich. (89) Deshalb ist es beim Menschen nicht so wie bei der Pflanze. Des Menschen folgende Evolution auf der Erde ist nicht eine bloße Wiederholung der vorhergehenden, sondern es ist eine Erhöhung seines Daseins damit verknüpft. Das was der Mensch aufnimmt zwischen der Geburt und dem Tode, das wickelt er auch ein zu dem, was schon früher da war. Und deshalb kommt nicht eine bloße Wiederholung vor, sondern es erscheint dasjenige, was evolviert, auf einer höheren Stufe.“ Der Rhythmus von geistigem Dasein des Menschen und Inkarnation ist deshalb nicht nur der zwischen den Polaritäten von Keim und Gestalt, wie bei der Pflanze, sondern zur Metamorphose fügt sich beim Menschen die ständige Steigerung durch die Perioden des Erdenlebens und des reingeistigen Daseins und Wirkens. Bei der Pflanze übergibt ‘die Frucht als Resultat einer Evolution den Samen wieder unmittelbar der Erde, woraus der Keim die nächste physische Evolution in einer gleichartigen Pflanze anschließt, der Kreislauf ist innerhalb des Physischen geschlossen. Kein

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

wahrhaft Erkennender wird jedoch glauben, daß z. B. die Geistgestalt, der Wesenskern, das Ich Goethes etwa in seinem weder geistig, noch moralisch ebenbürtigen Sohne wiederkehre und daß Goethes „Entelechie“ etwa beim baldigen Erlöschen seiner Deszendenzlinie auch erloschen sei. Beim Menschen verbinden und lösen sich die Kreisläufe der irdischen und geistigen Entwickelung. Er hinterläßt dem irdischen Kreislauf manches Erworbene, aber er ist nicht in diesem gefangen, nicht zur Wiederholung des Gleichen gezwungen, sondern findet im Rhythmus zwischen irdischem und kosmischem Kreislauf die Impulse zur Steigerung seiner geistigen Wesenheit. Der Mensch erkennt seine wahre geistige Blüte und Frucht meist erst nach dem Tode, aus einem höheren, leibfreien Bewußtsein. Der Zustand der Läuterung nach dem Tode, die Rückschau, das „Kamaloka“, ist das Erlebnis der Frucht des vergangenen Erdenlebens; der Aufstieg in die kosmischen Sphären und die Vereinigung mit den geistigen Welten zwischen Tod und neuer Geburt dient der Ausbildung des Geistkeimes für die nächste Evolution im folgenden Erdendasein.

des

Hinzutretens der Bewußtseinszustände und höheren Wesensglieder eine ganz andere Rolle als in den niederen Naturreichen. Jeder Augenblick menschlichen Daseins ist schon im Erdenleben eigentlich eine Stauung zweier Strömungen. Mit unseren Vorstellungen, Erinnerungen usw. wirkt in uns die Vergangenheit, in unseren Willensimpulsen, Begehrungen, Wünschen lebt in uns schon die Zukunft. (90) Rudolf Steiner erläuterte diese beiden Strömungen in einem Vortrag in folgender Art: „Sie erhalten Aufschluß über die Rätsel des Bewußtseins und mit einem Male wird die ganze Eigentümlichkeit des Seelenlebens klar, wenn Sie voraussetzen, daß der Strom der Begehrungen Ihnen entgegenkommt aus der Zukunft und sich begegnet mit dem Strom der Vorstellungen, der aus der Vergangenheit in die Zukunft fließt. – In jedem Momente sind Sie in der Begegnung dieser beiden Ströme. Wenn der gegenwärtige Augenblick des Seelenlebens eine solche Begegnung ist, so werden Sie leicht begreifen, daß diese beiden Ströme in Ihrer Seele übereinanderschlagen. Dieses Übereinanderschlagen ist das Bewußtsein.“ Man könnte die Stauung dieser beiden Strömungen der Vergangenheit und Zukunft im Bewußtsein der Seele graphisch also in folgender Weise darstellen:

Beim

Menschen

spielen

Vergangenheit

und

Zukunft

infolge

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose Wie wir aber in den vorigen Kapiteln zeigten, ist

Wie wir aber in den vorigen Kapiteln zeigten, ist der Bildekräfteleib, der Ätherleib, der Träger der Gedanken und Erinnerungen. Ihm stauen sich entgegen, wie ebenfalls bereits dargelegt, die Kräfte des Astralleibes. Der Ätherleib ist der Träger der Impulse des Werdens, der Vergangenheit, des bisherigen Aufbaues, der Astralleib ist der Träger der Begehrungen, welche Erfüllung und Gestaltung aus den Impulsen der Zukunft empfangen wollen. Im Gegeneinander und Miteinanderwirken von Ätherleib und Astralleib gestaltet sich die menschliche Struktur mit ihren Organen, entsteht eine Komponente aus menschlichen und kosmischen Impulsen. (91) Jeder Gegenwarts-Augenblick ist eine Stauung, ein Schnittpunkt der Strömungen und Impulse von Vergangenheit und Zukunft.

der Strömungen und Impulse von Vergangenheit und Zukunft. Die einzelnen Phasen des Lebens des Menschen nach

Die einzelnen Phasen des Lebens des Menschen nach dem Tode sind nun ebenfalls, wenn auch in verwandelter Art, bedingt durch die intensiv in das Bewußtsein tretenden Beziehungen zu Vergangenheit und Zukunft, sie sind Phasen der Rückschau und Vorschau. In der ersten Hälfte des Daseins zwischen Tod und neuer Geburt „tragen die Gedanken des Menschen in sich die Sehnsucht, Welt zu werden“, aber die Rückschau bindet ihn noch an das vergangene Erdenleben. In der zweiten Hälfte des kosmischen Daseins, nachdem die Rückschau vollzogen ist, tragen die Gedanken in sich die Sehnsucht, wiederum Mensch zu werden, jene Zeit dient der Vorschau auf das künftige Erdenleben.

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Wesentlich ist hierbei nun auch die Metamorphose der Bewußtseinszustände und Kräfte. Betrachten wir zunächst die Entwickelung jenes leibfreien Bewußtseins nach dem Tode, Inhalt und Ergebnis der Rückschau auf die Früchte des vergangenen Daseins. Das Menschenwesen empfindet sich, wie vorher geschildert, gleichsam ausgeweitet in die kosmische Welt, es erfüllt den Weltenraum und verwebt diesem Erlebnis die Rückschau in der Zeit. Aber es findet zugleich jene vorher geschilderte Umwandlung statt: was uns im Leben unbewußt blieb, die schöpferischen Kräfte, die in uns aufbauend tätig waren, sie werden jetzt bewußt. Jetzt werden Gestaltungskräfte zum Bewußtseinsinhalt und die Gedanken- und Erinnerungskräfte zu Gestaltungskräften. Durch die Rückschau verweben sich der Zeitorganismus“ und der „Raumorganismus“ zu einer schöpferischen Einheit, welche die Frucht der Vergangenheit zum Keim der Zukunft verwandelt.

Im Erdenleben waren unsere Bewußtseinsinhalte durch die leiblichen Organe als Spiegelungsapparat bedingt und begrenzt. Diese leiblichen Organe fallen jetzt weg, nun spiegelt sich das Bewußtsein am Ätherleib, der – angefüllt mit den Bildern der Vergangenheit – sich mit den kosmischen Kräften durchdringt; * „Wenn der Mensch in jenes Leben eingetreten ist, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt abläuft, so ist das zunächst Charakteristische, daß er umgeben gefunden wird von einer Summe von Bildern. Diese Bilder stammen alle aus den Erlebnissen zwischen der

„So verbindet sich unzähliges

Bildhafte mit dem menschlichen Leben. Das alles ist eingerollt – ich kann

keinen anderen Ausdruck dafür finden – in das Leben des Menschen. – Wir tragen Millionen von Bildern eingerollt durch unser Leben. Und was nach

dem Tode zunächst stattfindet ist „Entrollung der Bilder“, so könnte man es nennen, Entrollung der Bilder von Post-mortem-Imaginationen. (92) Um den Menschen herum bildet sich allmählich eine imaginative Welt; und darin besteht sein Bewußtsein, daß er sich in dieser imaginativen Welt

Es sind außer diesen Bildern andere vorhanden, und das Leben

des Toten besteht darin, allmählich diese Bilder als zu ihm gehörig zu

„Sofort nach dem Tode verwandeln sich die Gedanken in

Bilder. Mit diesen Bildern lebt der Mensch einige Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Dann werden die Bilder nach und nach Inspiration. So wächst die Seele tatsächlich weiter. Die Bilder werden Inspiration.

letzten Geburt und dem letzten Tode.“

erkennt

erkennen.“

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Da fängt der Mensch dann an, die Sphärenmusik wahrzunehmen; da wird für ihn die Sphärenmusik etwas Reales. Er lebt in der Welt der Weltentöne. Und zuletzt wächst er zusammen mit dem objektiv-geistigen Weltenall. Seine Seele wird ganz Intuition. Er wird gewissermaßen eins. mit dem Weltenall.“

Die Gedankentätigkeit ist nun naturgemäß eine ganz andere, als im irdischen Leben. Während die Gedankenwelt im Erdenleben nicht bewußt in die Gestaltung der niederen Wesensglieder eingreift, sondern sich dies nur unbewußt im Schlafe vollzieht, wird jetzt der Gedanke auch bewußt als „kreative Seelenkraft“, d. h. wir überschauen in jener Phase des leibfreien Bewußtseins nach dem Tode, wo wir noch die Hilfe der Bildekräfte haben, nun auch deren uns im Erdenleben unbewußt gebliebene Organ-aufbauende Funktion. * „Wir müssen, ehe wir in eine Welt eintreten, die rein geistig ist, erst alles dasjenige durchleben, was wir auf der Erde unbewußt in den Schlafenszuständen durchlebt haben. Damit schulen wir unser Bewußtsein heran für das eigentliche geistige Erleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und es ist zu gleicher Zeit ein Freiwerden vom irdischen

Das was wir als den Inhalt unseres Bewußtseins im Erdenleben

anerkennen, das schmilzt von uns hinweg. Dasjenige, was wir gar nicht achten im Laufe des Erdenlebens, weil es in das Unbewußte des Schlafes

getaucht ist, das taucht nachher auf, in dem wir es wirklich durchleben, ja

„Was gerade hier auf der Erde verborgen ist, das

ist in der geistigen Welt offenbar. Den ganzen Zusammenhang zwischen dem Seelischen und dem Organischen des Menschen, zwischen der Wirksamkeit der einzelnen Organe, kurz alles, was gewissermaßen – symbolisch gesprochen – innerhalb der menschlichen Haut ist, das durchschaut der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.“ (93) Erst wenn die im Erdenleben bewußt und unbewußt verlaufenden Vorgänge der Gestaltungsprozesse nunmehr rückschauend durchlebt sind und sich das Menschenwesen dann mehr und mehr auch von der Bildekräfte- Organisation befreien kann, wendet sich das Bewußtsein nun weiteren, neuen Aufgaben zu. Die „Chemie der Gedanken“, wenn man diesen Vergleich gebrauchen darf, ist hier und dort eine andersartige. Im Erdenleben verbinden wir die schattenhaften Gedanken aus eigener Kraft zu logischen oder unlogischen, richtigen oder falschen, starken oder schwachen Beziehungen und Assoziationen, wir vollziehen dort diese Chemie der Gedanken aus eigener

wirklich durchleben. –

Leben

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Willkür. Im kosmischen Dasein werden wir bewußt in einer Welt kosmischer Gedanken, einer elementarischen Welt, die ihre eigenen höheren Gesetze uns offenbart, die Chemie der Gedanken unterliegt dort nicht nur unserer Willkür, sondern bedarf mehr und mehr des Einklanges mit den Impulsen und Gesetzen höherer Wesenheiten. Rudolf Steiner kennzeichnet dies in folgender Art: „Man muß berücksichtigen, daß, wenn das Denken sich zur Verwandlungsfähigkeit entwickelt, also sich einlebt in die elementarische Welt, dieses Denken selber, so wie es in der physisch-sinnlichen Welt gesund und richtig ist, für die elementarische Welt nicht zu brauchen ist. Wie ist denn dieses Denken in der physisch-sinnlichen Welt? Man erlebt in seiner Seele Gedanken; man weiß, daß man innerlich diese Gedanken erfaßt. erzeugt, verbindet, trennt. Man fühlt sich innerlich in der Seele Herr dieser Gedanken. Diese Gedanken verhalten sich gleichsam passiv, lassen sich verbinden und trennen, lassen sich schaffen und wieder fortschaffen. Dieses Gedankenleben muß sich in der elementarischen Welt um eine Stufe weiterentwickeln. Dort ist man nicht in der Lage, solchen passiven Gedanken gegenüber zu stehen wie in der physisch-sinnlichen Welt. Wenn man sich wirklich einlebt in die elementarische Welt, dann ist das so, wie wenn die Gedanken nicht Dinge wären, die man beherrscht, sondern sie werden wie lebendige Wesen.“ Im Erdenleben ist der Mensch also gleichsam selbst der Chemiker der Gedanken, im kosmischen Dasein unterliegt dieses Verweben und Trennen, das schöpferische Gestalten der geistigen Substanz den Impulsen und Kräften kosmischer Wesenheiten. Deshalb ist im kosmischen Dasein für die sich entwickelnde Menschenwesenheit die Naturgesetzlichkeit durchdrungen von moralischer Gesetzmäßigkeit. Was im Erdenleben uns nur schattenhaft ins Bewußtsein tritt, was dort mehr eine Gefühls-Gewißheit ist, das wird im kosmischen Dasein zum bewußten Erlebnis, zur Wahrnehmung: der qualitative Aspekt des Quantitativen. * „Auf dem physischen Plane erscheinen dem Menschen wie zwei ganz voneinander geschiedene Gebiete des Geschehens die Tatsachen, die den Naturgesetzen unterliegen, und alles

Die Welt der Naturgesetze und die

was den Moralgesetzen unterliegt

Welt der moralischen Gesetzmäßigkeit gehen ineinander, wenn man in die spirituelle Welt eingeht.“ Doch weil sich im kosmischen Dasein Naturgesetzlichkeit und moralische Gesetzmäßigkeit in ihrer inneren, untrennbaren Verwobenheit darstellen, deshalb vollzieht der Mensch seine Rückschau in deren weiteren

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

Phasen nicht nur gleichsam phänomenologisch, anschauend, sondern auch wertend. Die Sehnsucht, die uns zunächst mit den Strömen der Vergangenheit verbindet, wandelt sich nun in ein objektives Werten der Früchte des vergangenen Lebens und dann in die bewußte Einordnung in die Strömung der Zukunft. Je mehr wir die Hüllen des physischen, des ätherischen und des astralischen Leibes ablegen, verobjektivieren, um so mehr erkennen wir den inneren Sinn der Entwickelung von Kosmos, Erde und Mensch. Betrachten wir zunächst noch jene Epoche, wo wir nach Ablegung des physischen Leibes das vergangene Erdenleben mit seinen äußeren und inneren Impulsen, Gedanken, Gefühlen, Begehrungen usw. überblicken. Eine altüberlieferte Weisheit in der Menschheitsgeschichte nannte von jeher diese Epoche des Lebens nach dem Tode das „Kamaloka“, das „Fegefeuer“, den Ort des Verlangens, der „Läuterung“. In gewaltigen Mythen und Bildern bewahrte der Mensch einen wenn auch schattenhaften Rest des Wissens um jene Epoche seines geistigen Daseins. Es sei in der nordischen Mythologie nur z. B. erinnert an das Lied des Olaf Osteson, wo in Bildern ein Abglanz jener Erlebnisse geschildert ist:

„In anderen Welten weilte ich Durch vieler Nächte Längen; Und Gott nur kann es wissen, Wie viel der Seelennot ich sah – In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehn.“

So tönt es auch in vielen anderen ähnlichen Weistümern und Mythen der Vergangenheit. Sie spiegeln jenen leibfreien Zustand nach dem Tode, wo der Mensch zwar Gedanken, Gefühle und Begierden der Erdenwelt noch nicht abgestreift hat, aber die Organe des physischen Daseins, die ihm Erfüllung bringen könnten, entbehren muß. Rudolf Steiner schildert diese Metamorphose des Bewußtseins: „Der Geist hat in dem Körper gelebt, und ist daher durch den Körper in Beziehung zur körperlichen Umwelt gekommen. (95) Diese Beziehung hat ihren Ausdruck darin gefunden, daß sich vermittelst des Körpers Triebe, Begierden, Leidenschaften entwickelt

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Dr. Günter Wachsmuth – Die Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose

haben, und daß sich, durch diese, äußere Handlungen vollzogen haben Die Handlung geht in die Außenwelt über; die Begierde bleibt in meiner Seele, wie die Vorstellungen in meinem Gedächtnisse. Und wie zunächst das Vorstellungsbild in meinem Gedächtnis durch jeden neuen gleichartigen

Eindruck verstärkt wird, so die Begierde durch jede neue Handlung, die ich unter ihrem Einflusse vollziehe. So lebt in meiner Seele wegen des körperlichen Daseins eine Summe von Trieben, Begierden und

In dem Maße, in dem in jedem Augenblick des

physischen Lebens das Verlangen die Befriedigung überwiegt, in dem Maße bleibt das Verlangen bestehen, wenn die Möglichkeit der Befriedigung aufgehört hat. Nur ein Mensch, der gar nichts wünscht von der sinnlichen Welt, hat keinen Überschuß des Verlangens über die Befriedigung. Nur der wunschlose Mensch stirbt, ohne in seinem Geiste eine Summe von Verlangen zurückzubehalten. Und diese Summe muß nach dem Tode gleichsam abklingen. Der Zustand dieses Abklingens wird „Aufenthalt im Orte des Verlangens“ (im Kama loca) genannt. Man sieht leicht ein, daß dieser Zustand um so länger dauern muß, je mehr sich der Mensch mit dem sinnlichen Leben verbunden gefühlt hat.“ Jene Periode der Rückschau im Dasein nach dem Tode bedeutet also mit der allmählichen Ablösung vom ätherischen und astralischen Leibe des Menschen zugleich die Zerstörung und Auflösung jener diesen Organisationen eingeprägten, unverbrauchten Eindrücke des Erdenlebens, die dem mit physischen Organen ausgestatteten Bewußtsein entsprachen, aber noch nicht der Metamorphose des Bewußtseins im kosmischen Dasein angepaßt sind. Die Zeitspanne, welche diese Phase der Loslösung und Rückschau umfaßt, ist individuell entsprechend der Dauer und Art des Lebenslaufes, der Intensität der Einprägung von Gedanken- und Willens-Impulsen in die feinere Organisation des Menschen, der Erfüllung oder Überwindung der Begehrungen, die diese Organisation tingieren. Die Metamorphose der Gedankenkräfte ist in ihrer Intensität, ihrem Umfang und Inhalt bestimmt und gegliedert durch die Entwickelung dieser Kräfte im vorherigen Dasein. Aber nicht alles tragen wir in das zukünftige Dasein hinein. (96) Rudolf Steiner hat vielfach darauf hingewiesen, daß gerade die abstrakte, theoretisierende, geistlose Art der heutigen Intelligenz, die ihre Verbundenheit mit der kosmischen Weisheit fast völlig verloren hat, und sich nur auf das Sinnlich-Physische konzentriert, jene schattenhaften, toten Gedankengebilde, die wir im heutigen Erdenleben meist ausbilden, am

Leidenschaften

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wenigsten in das kosmische Dasein hineingetragen werden können; sie bleiben verhaftet an der physisch-leiblichen Organisation, durch die sie gebildet sind, und sind ungeeignet, an der höheren Organisation als Lebens- und Bildekräfte beteiligt zu sein. * „So daß die Gedanken, die wir hegen, nicht in das nächste Leben hinübergehen etwa in einer gesteigerten Form, sondern umgewandelt als Kräfte im nächsten Leben auftreten. In der geistigen Welt haben eben Gedanken, so wie sie jetzt sind im Leben zwischen Geburt und Tod, keine Bedeutung, sondern sie haben nur eine Bedeutung in einer umgewandelten Form. Wenn jemand z. B. einen großen Gedanken hat, so kann dieser Gedanke noch so groß sein; wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, ist der Gedanke als Gedanke fort. Aber der Enthusiasmus und die Empfindung und das Gefühl, das aufgelebt hat unter dem Gedanken, das geht durch die Pforte des Todes.“ Das ist ja gerade die Gefahr unserer heutigen materialistischen, nur ans Sinnliche gebundenen Gedanken, daß sie uns keine geistige Substanz mitgeben, nicht die weisheitsvolle Aktivität der Bildekräfte erfassen und beeindrucken, so daß wir von ihnen meist nicht nur seelische Öde und Leere, sondern sogar eine schwere Schädigung unserer höheren Organisation und weiteren Entwickelung empfangen. Diese toten Gedanken der heutigen Erkenntnis gehören dem absterbenden Teil unseres Wesens an. Nur eine lebendige, die Funktionen der Bildekräfte, die innere Dynamik und höheren Metamorphosen des Menschenwesens erfassende Gedankenwelt kann im Leben nach dem Tode aufbauend, statt abbauend, zu einer bewußt mitschaffenden, nicht zu einer leeren und schattenhaften geistigen Struktur verhelfen, kann uns Licht und Kraft geben, diese Wandlungen in bewußter Mitarbeit zu vollziehen. Die geistnahe Weisheit früherer Epochen war in mancher Hinsicht, wenn sie auch noch in Imaginationen, in Bildern und Mythen sprach, doch der geistigen Wirklichkeit viel näher und fruchtbarer, als der Intellekt unserer Zeit, der weder das irdische noch das kosmische Dasein abzubilden vermag. Ein zu einseitiges, nur das Irdische umfassendes Denken verengt also nicht nur unseren Horizont, es macht unseren höheren Organismus krank, zur Metamorphose und Fortbildung unfähiger, es lähmt, wenn wir ihm immer mehr verfallen, die Funktion der Bildekräfte, die Entwickelung unserer feineren Organisation, damit aber auch die Rhythmen und Aufgaben nicht nur unseres irdischen, sondern auch unseres kosmischen Daseins. Das Verwobensein von Gedanken- und Lebenskräften, von Bewußtsein und Gestaltung, reicht über den Tod hinaus. (97)

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Darum ist es nicht gleichgültig, wie wir hier im Erdenleben denken und unseren Lebenslauf gestalten. Es wirkt dies hinein in den Strom des kosmischen Daseins und der Reinkarnationen. Die Phasen der Rückschau sind in ihrer Zeitspanne und ihrem inneren Gehalt vom vorherigen Lebenslaufe bestimmt, ihr Rhythmus und Aufbau zunächst ein Spiegelbild des Vergangenen. Ein normaler oder abnormaler Lebensrhythmus setzt seine Schwingungen in die Phasen des kosmischen Daseins fort. Wir wiesen schon darauf hin, daß die zweite etwa ein Drittel der irdischen Lebensdauer umfaßt. Der Bildekräfteleib eines kurzen oder langen Lebenslaufes, eines früh oder spät Verstorbenen, wird deshalb andersartige Kräfte und Perioden im kosmischen Dasein auslösen. Das Verhältnis von Bewußtseins-, Lebens- und Formzuständen ist, wie in den vorigen Kapiteln beschrieben, ein verschiedenes in früheren oder späteren irdischen Lebensepochen, die Funktion der Bildekräfte dient in der Kindheit mehr dem Aufbau der weisheitsvollen Organisation des Menschen, im späteren Alter mehr als Basis des Bewußtseins. Ein früh Verstorbener hat deshalb eine völlig andere Bildekräfte-Struktur als der im hohen Alter Gestorbene, er hat noch weniger Bildekräfte verbraucht. * „Solche Menschen, die z. B. vor dem 35. Jahr durch den Tod gehen in einer Inkarnation, sparen die Kräfte’ die sonst aufgebraucht worden wären, wenn sie 50, 60, 70 Jahre alt geworden wären.“ Ein solcher Ätherleib wird sich deshalb weniger rasch auflösen, als der eines Menschen, der im hohen Alter gestorben ist, wo der Abbau der Bildekräfte sich schon im Erdenleben stärker vollzogen hat. Rudolf Steiner sagt: „Die Zeit, in welcher der Ätherleib sich auflöst, ist sehr verschieden. Wenn der Mensch alt geworden ist im physischen Leben, also sozusagen ein normales Alter erreicht hat, dann hat er die Kräfte seines Ätherleibes verbraucht, und es löst sich dieser dann rasch auf. Geht aber ein Mensch in Jugendkraft durch die Pforte des Todes, so hätte ihm sein Ätherleib noch durch Jahrzehnte dienen können.“ Die Bedeutung solcher unverbrauchten, starken Bildekräfteorganisationen nicht nur für die betreffende menschliche Wesenheit, sondern auch für die ganze irdische und kosmische Entwickelung soll, da sie nicht zu der hier behandelten Phänomenenreihe gehört, nur erwähnt werden. Welchen Einfluß ein solcher nicht verbrauchter Ätherleib auf die nächste Inkarnation des Menschen ausübt, werden wir noch im Kapitel VI besprechen. Aber auch die Dauer und innere Fülle der Rückschau wird natürlich bei einem z. B. als Kind

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Verstorbenen wesentlich verschieden sein von der eines Menschenwesens, das die Rückschau auf die Früchte eines langen Erdenlebens vollzieht. Inhaltsfülle und Inhaltsarmut, schwache oder starke Intensität des Erlebten werden wiederum die Epoche der Rückschau, aber auch die spätere Metamorphose des Geistkeimes in der Vorschau individuell bestimmen.

Hier sei zunächst noch jener Einfluß erwähnt, den eine gewaltsame Durchbrechung der Lebensrhythmen durch Selbstmord

Hier sei zunächst noch jener Einfluß erwähnt, den eine gewaltsame

Durchbrechung der Lebensrhythmen durch Selbstmord auf die Ablösung und weitere Entwickelung der höheren Wesensglieder

Durchbrechung der Lebensrhythmen durch Selbstmord auf die Ablösung und weitere Entwickelung der höheren Wesensglieder und auf die Rückschau ausüben muß. Da findet eine den äußeren und inneren Gesetzen widersprechende plötzliche Unterbrechung aller sinnvollen Rhythmen und Lebensgesetze statt, ein gewaltsamer, nicht aus höherem Bewußtsein, sondern irdischer Willkür erzeugter Eingriff in die feinere Organisation des Menschen, der nicht nur auf jenen einen Augenblick, sondern auch auf alle späteren Rhythmen, Gestaltungen und Daseinsgrundlagen einen tiefgehenden, unheilvollen Einfluß ausüben muß, wie aus den geschilderten Zusammenhängen leicht zu verstehen ist. Rudolf Steiner kennzeichnet dies wie folgt: „Zu den verschiedenen Gefühlen, die dem Menschen im Leben anhaften, gehört besonders das eigentliche Daseinsgefühl, das Lebensgefühl, die Freude am Leben überhaupt, das Darinnenstecken im physischen Körper. Darum ist es eine Hauptentbehrung, keinen physischen Körper zu haben. Wir werden nun dadurch das furchtbare Schicksal und die entsetzlichen Qualen jener Unglücklichen, welche durch Selbstmord aus dem Leben scheiden, verstehen. Beim natürlichen Tode ist die Trennung der drei Körper verhältnismäßig eine leichte. Selbst bei Schlagfluß oder sonst einer schnellen natürlichen Todesart ist in Wirklichkeit schon längst diese Trennung der höheren Glieder voneinander vorbereitet worden; sie trennen sich leicht und die Entbehrung des physischen Leibes ist dann nur eine sehr geringe. Aber bei einer so gewaltsamen, plötzlichen Trennung der Körper, wie bei einem Selbstmörder, wo noch alles gesund ist und fest zusammenhält, da tritt unmittelbar nach dem Tode eine starke Entbehrung des physischen Körpers auf, die furchtbare Leiden verursacht. Er fühlt sich wie ausgehöhlt, und beginnt nun ein grausiges Suchen nach dem so plötzlich entzogenen physischen Körper. Nichts läßt sich damit vergleichen. – Es wird nun mancher sagen, der Lebensüberdrüssige hänge nicht mehr am Leben, sonst hätte er sich es nicht genommen. Das ist eine Täuschung, denn gerade der Selbstmörder hängt zu sehr am physischen Leben; weil es ihm

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aber die Befriedigung gewisser Genüsse nicht mehr bietet, weil es vielleicht durch veränderte Verhältnisse ihm

aber die Befriedigung gewisser Genüsse nicht mehr bietet, weil es vielleicht durch veränderte Verhältnisse ihm manches versagt, darum geht er in den Tod, und darum ist ihm nun die Entbehrung des physischen Körpers unsagbar groß. (99) Die weiteren schädigenden Einflüsse des Selbstmordes auf die künftigen Erdenleben des Menschen werden wir in Kapitel VI in

jenem Zusammenhang darstellen.

des Selbstmordes auf die künftigen Erdenleben des Menschen werden wir in Kapitel VI in jenem Zusammenhang

Das Grundgesetz der Metamorphosen und Erlebnisse des Menschenwesens, das Verwobensein von natürlicher und moralischer Weltgesetzlichkeit formuliert Rudolf Steiner wie folgt: „Der Mensch tritt mit dem Tode in eine Form des Erlebens ein, in der er einen anderen Rhythmus erlebt, als im Erdendasein. Dieser Rhythmus erscheint wie in einer kosmischen Nachbildung der Erdenbetätigung. Und in dieses Nach-Erleben strömt fortwährend das Leben des Geist-Kosmos herein, wie im Erdenleben die Atemluft in die Lunge. In dem bewußten kosmischen Erleben erscheint ein Rhythmus, von dem der physische ein Abbild ist. Durch den kosmischen Rhythmus gliedert sich, was durch den Menschen im Erdendasein geschieht, als eine Welt mit moralischen Qualitäten in eine amoralische Welt ein. Und der Mensch erlebt nach seinem Tode diesen im Schoße des Kosmos sich ausbildenden moralischen Wesenskern eines künftigen Kosmos, der nicht nur wie der gegenwärtige in einer rein natürlichen Ordnung sich ausleben wird, sondern in einer moralisch - natürlichen. Die Grundempfindung, welche die Seele durchzieht während dieses Erlebens in einer werdenden kosmischen Welt, ist ihr durch die Frage gegeben: werde ich würdig sein, mich in einem kommenden Dasein in die moralisch-natürliche Weltordnung einzugliedern.“ Wie wir im Tode zunächst unseren physischen Körper, dann unseren ätherischen Leib von uns ablösen, so vollziehen wir nun auch, nach Erfüllung der Rückschau, die Loslösung von unserem früheren astralischen Organismus. Denn wir würden nur immer auf uns selbst zurückblicken, in unserem eigenen Wesen gefangen bleiben, könnten nicht zu einer objektiven Wertung, zum bewußten Ausgleich und Zusammenklang mit den kosmischgeistigen Impulsen und Kräften gelangen und unsere Weiterentwickelung im Sinne dieser Weltgesetzlichkeit gestalten, wenn wir uns nicht von diesen Hüllen immer mehr befreien könnten. Nur so kann die notwendige Rückschau in die Vergangenheit übergehen in die Vorschau der künftigen Aufgaben. Rudolf Steiner schildert diese nächste Periode in

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unserer Metamorphose wie folgt: Der Mensch lebt also nachdem er seinen

ätherischen Leib abgestreift hat, in seinem astralischen Leib; aber es beginnt auch die Zeit, wo dieser astralische Leib sich loslöst von dem wahren Ich, in

Dieser astralische Leib löst sich auf allen Seiten

heraus, wird immer größer und größer und gliedert sich ein in die ganze

Sphäre. Er wird gleichsam von der ganzen Umwelt aufgesogen.“

„Wie der Mensch im Tode den physischen Leib, bald darnach den Ätherleib abgelegt hat, so zerfällt jetzt derjenige Teil des astralischen Leibes, der nur im Bewußtsein der äußeren Welt leben kann. Für die übersinnliche

Erkenntnis gibt es somit drei Leichname, den physischen, den ätherischen, den astralischen. – Der Zeitpunkt, in dem der letztere von dem Menschen abgeworfen wird, ist dadurch gekennzeichnet, daß die Zeit der Läuterung etwa das Drittel von derjenigen beträgt, welche zwischen Geburt und Tod verflossen ist.“ Es sind damit jene zwei Phasen der Rückschau überwunden, in denen wir zunächst die wachen Bewußtseinserlebnisse des vergangenen Lebens, dann das im Erdenleben unbewußt bleibende, tiefere Wirken der Bildekräfte im Schlafe in ihrem Zusammenhang mit der Gesamtorganisation überschauten. * „Der Mensch hat nach der Ablegung des Ätherleibes noch den Astralleib und das Ich als die ihm verbleibenden Glieder. Solange der Erstere an ihm ist, läßt dieser von dem Bewußtsein alles das erleben, was während des Erdenlebens den unbewußten Inhalt der im Schlafe ruhenden Seele gebildet hat. In diesem Inhalt sind die Urteile enthalten, welche die Geistwesen einer höheren Welt während der Schlafzeiten dem Astralleib einprägen, die aber dem Erdenbewußtsein sich verbergen. Der Mensch lebt sein Erdenleben noch einmal durch, doch so, daß sein Seeleninhalt jetzt die Beurteilung seines Tuns und Denkens vorn Gesichtspunkte der Geisteswelt aus ist.“ Aber wie uns das Erlebnis im ätherischen Leibe nicht verloren geht, sondern, wie oben geschildert, gleichsam in seiner Essenz erhalten bleibt, so daß unser zukünftiges Erdenleben wiederum davon mitbestimmt wird, so ist uns auch das Erlebnis des Ich im astralischen Leib nach dessen Eingliederung in die kosmischen Sphären nicht verloren. * „Der Astralleib ist in einer gewissen Beziehung ein Begleiter des Ich durch die verschiedenen Inkarnationen hindurch; wenn auch während der Kamalokazeit vieles von dem Astralleib ausgeschieden werden muß, so bleibt uns doch dieser Astralleib durch die Inkarnationen hindurch als eine Art von Kraftleib, der zusammenhält, was wir in uns an moralischem,

dem er dann weiterlebt

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intellektuellem und ästhetischem Fortschritt innerhalb einer Inkarnation aufgespeichert haben. Was wirklicher Fortschritt ist, das wird zusammengehalten durch die Kraft des Astralleibes, von einer Inkarnation in die andere hineingetragen und gleichsam zusammengefügt mit dem Ich, das als das Grundewige in uns von Inkarnation zu Inkarnation geht.“ Die menschliche Wesenheit ist nach Vollzug der Rückschau nunmehr reif geworden, sich aus der Seelenwelt immer mehr herauszulösen. (101) * „Aus demjenigen kosmischen Bewußtsein heraus, in das die kosmische Nachwirkung der menschlichen Erdentaten hineinwirkt, können nicht die ausreichenden Impulse gewonnen werden, aus denen die Menschenseele im Geistigen den kommenden physischen Organismus vorbereiten kann. Dieser Organismus würde verdorben werden, wenn die Seele in der Seelenwelt verbleiben würde. Sie muß in eine Welt des Erlebens eintreten, in der die außermenschlichen Geistimpulse des Kosmos wirken. Die nächste Metamorphose des Menschenwesens vollzieht sich also nunmehr in dem Eintreten in eine objektive geistige Welt, wo er die Entbehrungen der Läuterung, die subjektiven Elemente der Rückschau zurückläßt und wohin er nur die Früchte dieser Erlebnisse mitnimmt. Er darf nicht mehr nur der Erinnerung leben, sondern muß vieles vergessen können, um seine Kräfte der Vorschau zu widmen, er muß sich von der Verhaftung an die Wesensglieder des letzten Lebens loslösen können, um die neuen der Zukunft aufbauen zu können. Der richtige Ausgleich von Erinnern und Vergessen ist auch hier eine wichtige Funktion der menschlichen Entwickelung. * „Wenn der Mensch durch das Kamaloka durchgegangen ist, dann beginnt er schon mit der Vorarbeit für seine künftige Gestaltung. Das Leben in der geistigen Welt ist immer damit ausgefüllt, daß er jenen Extrakt, den er mitbekommen hat, dazu verwendet, um seine nächste Gestalt in ihrem Urbild auszubauen. Dieses „Urbild“ baut er so, daß er da hineinarbeitet die Früchte des verflossenen Lebens. Das kann er aber nur dadurch, daß er vergißt, was ihm das Kamaloka so schwer gemacht hat.“ „Am Ende dieses Kamaloka-Abschnittes hat man nach dem Wiedererleben des letzten Lebens schon bestimmt, wie man da und dort mit dem und jenem Menschen zusammen sein will, damit man dieses oder jenes ausgleichen kann. Im wesentlichen bestimmt man da das Karmische für das Leben, in das man eintritt. – Für die nächste Zeit ist es so, daß wir uns aneignen, aus der geistigen Welt heraus, die Kräfte, durch die wir den Menschen im allgemeinen formen, durch die wir einen für unsere Individualität geeigneten

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Leib uns schaffen können, Zuerst haben wir den Plan unseres Karma, nun müssen wir erst den Menschen dazu gestalten.“ Der Mensch steigt nach dem Tode auf von der irdischen Welt in die seelische Welt, von der seelischen Welt in die geistige Welt. In dieser Metamorphose verbindet sich Vergangenheit und Zukunft. In der physischen Sphäre erlebt der Mensch die Offenbarung der Naturgesetzlichkeit und einen schwachen Abglanz der Moralgesetzlichkeit. (102) In der seelischen Sphäre erlebt er bewußt, wie diese Welten ineinander verwoben sind. Durch Überwindung der seelischen Welt reift in ihm Planung und Möglichkeit des Ausgleiches. Beim Eintritt in die rein geistige Welt stellt er sein subjektives Erleben bewußt hinein in die Wertung durch höhere Wesenheiten. Damit wird der menschliche Plan hineingetragen in die Sphäre der gesamten geistigen Planung von Kosmos, Erde und Mensch.

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b) Der kosmographische Aspekt. Ätherische Astronomie.

Novalis: „Die wirkliche Natur ist nicht die ganze Natur. Was einmal dagewesen ist, lebt fort, nur nicht in der wirklichen Natur. Alle diese Gesetze beziehen sich schon von fern auf die Moralität der Natur. – Der Geisterwelt gehört das erste Kapitel in der Physik. Die Natur kann nicht stillstehend, sie kann nur fortgehend zur Moralität erklärt werden. Einst soll keine Natur mehr sein. In eine Geisterwelt soll sie allmählich übergehen.“

Betrachten wir nun das kosmische Dasein des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt von seinem „kosmographischen“ Aspekt, d. h. die Verwandlungen des Menschenwesens durch die einzelnen kosmischen Sphären der planetarischen und Fixsternwelt. Im Vorigen ist der „seelische Aspekt“ nur in seinen wesentlichen Grundlinien dargestellt worden, insoweit sich dies auf die Entwickelung der inneren Dynamik und des geistig-seelischen Wesenskerns des Menschen bezieht und für ein Verständnis des Folgenden erforderlich ist. Wie schon in der Einleitung gesagt, muß für ein intensiveres Studium der seelischen Aspekte auf die betreffenden Werke Rudolf Steiners verwiesen werden. Der Mensch durchläuft in seinem Aufstieg vom irdischen zum kosmischen Dasein in gewaltigen Stufen und Intervallen die planetarischen Sphären des Kosmos, bevor er sich mit dem Gesamtorganismus des Kosmos derart vereint, daß er aus diesem Erlebnis die Impulse für die Gestaltung seines zukünftigen Erdenlebens gewinnen kann. (103) Das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist tatsächlich ein Durchleben durch die Sternenwelt, aber eben durch den Geist der Sternenwelt, durch das Zusammenleben mit den göttlich-geistigen Wesenheiten der Sternenwelten.“ Bevor wir auf die einzelnen Phasen dieses Geschehens eingehen, sei zunächst noch kurz daran erinnert, wie sich die Menschheit in früheren Epochen mit diesen Fragen beschäftigt hat. In jenen früheren Epochen einer stärkeren Natur und Geistverbundenheit besaß die Menschheit eine Art „ätherischer Astronomie“, welche in den Mysterienstätten des Altertums sorgsam gepflegt wurde. Rudolf Steiner sagt hierüber: „So hatte man eine Art ätherische Astronomie, die durchaus noch die Möglichkeit fand, nicht

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bloß auf die physischen Geschicke des Menschen hinzuschauen, wie die physische Astronomie. Da man des Menschen Ätherleib, der wiederum mit seinem Geistigen in einem intimeren Zusammenhange steht, im Wechselverhältnis erblickte mit den Kräften des Planetensystems. So vermochte man, weil ja im Menschen sich aus dem Planetensystem heraus auf dem Umwege durch den ätherischen Leib die Schicksalskräfte ausleben können, von der menschlichen Konstitution zu reden und in diese menschliche Konstitution die Schicksalsmächte einzubeziehen.“ Jene Urweisheit ging jedoch dem Menschen immer mehr verloren, er konzentrierte sich einseitig auf die sinnlichphysische und irdische Welt, eine Entwickelungsepoche, deren zeitliche Notwendigkeit durchaus nicht bestritten werden soll. Aber das intellektuelle Denken des Menschen schnürte sich dadurch immer mehr von den geistigen Tatsachen ab und die kümmerlichen Bruchstücke einer einstigen Sternenweisheit, wie sie in der heutigen sogenannten Astrologie manchmal zutage treten, sind meist nur noch mißverstandene oder überhaupt nicht mehr durchschaute Reste, welche weder der alten Urweisheit, noch den ganz andersartigen Forderungen des heutigen Erkennens entsprechen. Erst durch die dem abendländischen Bewußtsein unserer Epoche gemäße Geistesforschung Rudolf Steiners, mit ihrer exakten Methodik und ihren weitreichenden Ergebnissen ist es wiederum möglich, auf völlig zeitgemäßen Wegen die so notwendige Erweiterung unseres Erkenntnisbereiches auf die geistig-seelische Wesenheit des Menschen zu vollziehen und seine Metamorphosen im irdischen und kosmischen Dasein zu erforschen. Für diejenigen, welche sich mit der früheren andersartigen Terminologie in diesen Fragen beschäftigt haben, sei hier kurz jene Gegenüberstellung gegeben, wie sie auch in der Darstellung von Frau Marie Steiner im Vorwort zu dem Werk „Makrokosmos und Mikrokosmos“ zusammengefaßt ist. (104) Es ergibt sich da für die einzelnen Stufen folgende Terminologie:

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In der Orientalischen Philosophie:

in der Theosophie der Rosenkreuzer:

in der heutigen Geisteswissenschaft

Physischer Plan

die physische Welt

 

die kleine Welt oder die Welt des Verstandes

Astralplan

die imaginative Welt

 

die elementarische Welt

Rupa-Devachan oder unterer Mentalplan

die inspirierende oder

 

die himmlische oder die geistige Welt

die

Welt

der

 

Sphärenharmonien

 

Arupa-Devachan oder höherer Mentalplan

die Welt der wahren Intuition

die Vernunftwelt

Buddhi-Plan

 

die Welt der Urbilder oder der Vorsehung

Nirwana-Plan

   

Das heutige Bewußtsein kann weder die Terminologie noch die Inhalte der Darstellungen früherer Geschichtsepochen einfach übernehmen oder anwenden. Nur durch eine völlig neue, auf den heutigen Erkenntnissen des Menschen aufbauende und diese fortentwickelnde Geistesforschung kann an diese wichtigsten Probleme erneut herangetreten werden. Deren Ergebnisse sind im Folgenden zugrunde gelegt. Es wurde im Vorigen gezeigt, daß der Mensch sich mit seiner inneren Dynamik, die er im Erdenleben in ganz bestimmter, individueller Weise ausgebildet hat, in die kosmischen Sphären eingliedert, und zwar zunächst eine mehr seelisch tingierte Welt durchmacht, bevor er sich in die rein geistigen Sphären einlebt. Wenn sich die menschliche Wesenheit den Lebens- und Formzuständen der physischen Leiblichkeit entzogen hat, so ist sie ja zunächst in einer seelischen Welt durch die vorher beschriebene Rückschau auf die eigenen bisherigen Entwickelungstatsachen konzentriert, bevor sie sich bewußt den kosmischgeistigen Einflüssen öffnet. Es folgen sich also eine retrospektive, subjektive Phase und eine nach außen aufgeschlossene, mehr objektive Phase. Dies ist nun in seinem kosmographischen Aspekt nur zu verstehen, wenn es in Beziehung gesetzt wird zur Bildekräfte-Lehre, d. h. der Zuordnung der einzelnen Bildekräfte zu den verschiedenen planetarischen Sphären. (105) In den beiden der besonderen Darstellung der Bildekräfte-Lehre gewidmeten Publikationen:

„Die ätherischen Bildekräfte in Kosmos, Erde und Mensch“ und „Die ätherische Welt in Wissenschaft, Kunst und Religion“ haben wir diese Funktionen in den verschiedensten Wissenschaftsgebieten im einzelnen

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dargestellt In bezug auf die Gliederung der planetarischen Sphären wurde nun dort gezeigt, daß die sogenannten inneren Planeten (Mond, Venus, Merkur) als Gesamtheit überwiegend den zentripetalen, die äußeren Planeten (Mars, Jupiter, Saturn) überwiegend den zentrifugalen Bildekräften zugeordnet sind (s. Ätherische Welt, S. 11). Die Ausweitung und Eingliederung der übersinnlichen Struktur des Menschen in die ätherischen Sphären des Kosmos vollzieht sich nun naturgemäß derart, daß als erste Phase eine Eingliederung in die Sphären der inneren Planeten, als zweite Phase in die der äußeren Planeten stattfindet:

generelle Bildekräfte-Tendenz

der inneren Planeten

der äußeren Planeten

der inneren Planeten der äußeren Planeten Es ist deshalb durchaus der äußeren Dynamik der

Es ist deshalb durchaus der äußeren Dynamik der zugeordneten Sphären entsprechend, wenn sich bei der Eingliederung des ätherischen Leibes und der entsprechenden Erlebnisse der höheren Wesensglieder in die Sphären der inneren Planeten eine zentripetale, nach Innen gerichtete, konzentrierende Tendenz, bei der Eingliederung in die äußeren Sphären eine zentrifugale, nach außen aufgeschlossene Tendenz ergibt. In der ersten Phase unterliegt die menschliche Wesenheit einer Orientierung nach Innen, einer Rückschau auf die Zusammenhänge der eigenen Wesenheit mit den Prozessen des Erdendaseins, in der zweiten Phase einer Orientierung nach Außen, sie öffnet sich den Erlebnissen der kosmischen Umwelt. Die Eingliederung in die Sphären der inneren Planeten führt vor allem zu einer Durchdringung der Seelenwelt, des Innerlichen, sie ist deshalb subjektiv tingiert und der Erde zugewandt, die Eingliederung in die Sphären der äußeren Planeten führt immer mehr zu einer Durchdringung der geistigen Welt, der kosmischen Umwelt, sie ist daher mehr objektiv und dem Weltganzen zugewandt. Die Phänomene einer „Ätherischen Astronomie“

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sind also im Lichte der Bildekräfte-Lehre durchaus harmonisch übereinstimmend mit der inneren Dynamik der geistig-seelischen Struktur des Menschen im kosmischen Dasein zwischen Tod und neuer. Geburt. (106) Der Durchgang durch die planetarischen Sphären von der Erde bis zur Vereinigung mit dem Gesamtorganismus des Makrokosmos ist zugleich der Aufstieg der Menschenwesenheit von der physischen durch die seelische in die Geistes-Welt.

Rudolf Steiner sagt über den sich während dieser Entwickelung dann immer intensiver gestaltenden Wechsel von Innen- und Außen-Erlebnis:

„Hier auf der Erde atmen wir die Luft ein und aus, und das ist der Atmungsrhythmus. Aber draußen breiten wir unser Wesen in den Kosmos aus, so daß wir den Logos, die Weltgedanken in uns hereinnehmen. Da lassen wir die Welt in uns sprechen. Das geschieht auch im Rhythmus, in einem Rhythmus, der sich nach dem Sternenwesen richtet. Da draußen ist auch Rhythmus. Hier auf der Erde ist bei uns Menschen der Atmungsrhythmus, der in einem gewissen Verhältnis steht zum Zirkulationsrhythmus. Da draußen ist das, was wir geistig ausatmen und wieder einatmen, Weltrhythmus. Wir leben als Menschen auf der Erde von unserem Atmungsrhythmus, von unserem Zirkulationsrhythmus. Wir dringen hinaus in die Welt; wir leben da draußen in einem Weltenrhythmus, indem wir gewissermaßen die moralisch-ätherische Welt einatmen – da sind wir in uns; und indem wir sie wieder ausatmen – da sind wir mit den Wesen der höheren Hierarchien zusammen. So wie wir hier in unserem physischen Leib innerhalb unserer Haut regelmäßige Bewegungen rhythmisch angeregt haben, so haben wir draußen in dem Gang und in der Stellung der Sterne diese Anreger in dem Weltenrhythmus, in den wir uns einleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. – Es ist also wirklich so: Da ist die Erde mit ihrer nächsten Umgebung. Wir leben in der Luft, entfalten in der Luft unseren Atmungsrhythmus. Der ist außerordentlich regelmäßig. Seine Unregelmäßigkeit bedeutet Krankheit für den Menschen. Draußen ,erleben wir den Weltenrhythmus, indem wir in dem moraldurchdrungenen Weltenäther draußen leben. Das sind zwei verschiedene Rhythmen: der Menschenrhythmus, der Weltenrhythmus; beides sind Menschenrhythmen, denn der Weltenrhythmus, ist der Menschenrhythmus zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. –

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Wir werden im Folgenden die Phasen dieses Durchgangs durch die verschiedenartigen planetarischen Sphären im einzelnen betrachten. Der Mensch vollzieht in den Daseinsperioden zwischen Tod und neuer Geburt gleichsam mehrere Kreisläufe: Anders ist sein Bewußtsein in der Mondensphäre, anders in der Sonnensphäre oder wenn er nach einem Durchdringen der äußeren Planetensphären sich dem Weltganzen verbindet. Dies ist der Kulminationspunkt der kosmischen Wandlung des Menschenwesens. (107) Dann führen die weiteren Kreisläufe wiederum in die Sphären der äußeren Planeten, dann der inneren Planeten zurück, bis der Mensch wiederum in, der Erdensphäre durch die Geburt jene Kreisläufe schließt, die ihm die Gesetzmäßigkeiten und Bildekräfte des Kosmos erneut einverleibt haben. Jener Hingang und Hergang ist wiederum. gegliedert in Epochen des Sich-Hingebens an die Welt und des Sichselbstgestaltens. Rudolf Steiner sagt: „Es folgen auf solche Zeiten, in denen wir gewissermaßen zum Weltenall anwachsen, uns mit dem Weltenall identifizieren, andere Zeiten, in. denen wir uns zurückziehen in unser eigenes Selbst, gewissermaßen an einen einzigen Punkt, den Punkt unseres Selbstes, wo wir wie in einer kosmischen Erinnerung das alles nun in uns, mit uns als in unserem Selbst vereinigt empfinden, was wir erst ausgegossen in den ganzen Kosmos erlebt haben.“

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c) Diastole, Aufstieg in die kosmischen Sphären.

Der Gang durch die inneren Planetensphären. Die Mondensphäre.

Wir können die Einflüsse der Mondenkräfte auf den sich ausweitenden Ätherleib des Menschen am besten verstehen, wenn wir sie gegenüberstellen dem polar entgegengesetzten Wirken z. B. der Saturnkräfte. Mondenkräfte und Saturnkräfte sind Polaritäten. Dies geht schon aus dem Wesen der zugeordneten Bildekräfte hervor. In dem Buche „Die ätherische Welt“, wo diese Phänomene von einem anderen, rein entwickelungsgeschichtlichen Gesichtspunkt aus dargestellt wurden, hatten wir bereits im Kapitel 1 gezeigt, daß die Mondenkräfte (überwiegend chemischer Äther) ins Materielle verdichtend, übersteigert erdhaft, konzentrierend; die Saturnkräfte (überwiegend Wärmeäther) dagegen auflösend, verstrahlend, anti-materiell wirksam sind. Die Mondensphäre zeigt im Kosmos das Maximum der kontraktiven, zentripetalen Kräfte, die Saturnsphäre das Maximum der zentrifugalen Kräfte. Deshalb wirkt nun auch im Zusammenhang mit dem Menschenwesen die Mondensphäre mit einer Tendenz zum Erdhaften, die Saturnkräfte aber unterstützen die Tendenzen der Auflösung, der Ausweitung, der Erdentfremdung. (108) Es muß ja hierbei berücksichtigt werden, daß sich diese Sphären gegenseitig durchdringen und durchwirken, daß aber eben doch in den einzelnen Sphären bestimmte Bildekräfte alle andersgearteten überwiegen (s. Ätherische Welt, S. 6 ff. und im Vorigen, S. 106). Rudolf Steiner zeigt nun, wie sich die geistig-seelische Wesenheit des Menschen im kosmischen Dasein in diese Polaritäten hineinstellt: „Saturn ist in der Tat unser größter Wohltäter zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in seinem Hinausstrahlen in die Weltenweiten; er ist in dieser Beziehung vom geistigen Gesichtspunkte aus das Entgegengesetzte der Mondenkräfte. – Die geistigen Mondenkräfte bannen uns auf die Erde herein. Die geistigen Saturnkräfte befähigen uns, in den Weiten des Weltenalls zu leben.“ U. a. O.: „Der Mond enthält diejenigen Kräfte, die den Menschen herunterbringen zum Irdischen und immer wieder an der Erde festhalten wollen. Der Saturn möchte ihn hinausführen in das Sternen-Weltenall, so aber, daß wenn der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in dieses Sternen-Weltenall eintritt, er nicht den physischen Abglanz der Sterne

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Sternen

gehören.“ Wenn die menschliche Wesenheit nach dem Tode als erste Sphäre die Mondensphäre betritt, lebt sie also zunächst noch ganz im Bann der erdnahen Kräfte, sie ist noch innig verbunden mit den Erlebnissen des Irdischen und deshalb ganz der Rückschau auf das vergangene Erdendasein hingegeben. Wir haben diese Phase der Rückschau im Vorigen ausführlicher dargestellt. Es ist dies jene „Kamaloka-Zeit“, während der sich die Seele rückwärtsblickend mit den Tages- und Nachtprozessen des Lebens zwischen Geburt und Tod nochmals verbindet. Die erste und teilweise zweite Phase der Rückschau vollzieht sich im Bereich der Mondensphäre. Rudolf Steiner sagt: „Ein völliges Leben mit den Erdenverhältnissen stellt ja noch die

Kamalokazeit dar. Diese Kamalokazeit ist eine solche, in der die Seele sich berufen fühlen muß, sich nach und nach alles abzugewöhnen, was noch in ihr lebt an unmittelbaren Zusammenhängen mit der letzten

Erdenverkörperung.“

Gedankeninhaltes, den der Mensch – nach dem Tode – im kosmischen

Bewußtsein erringt, kann man sagen: der Mensch lebt eine Zeitlang nach dem Tode noch der Erde zugewandt, indem er sich mit den geistigen Kräften durchdringt, die in den physischen Mondenerscheinungen ihr sinnliches Abbild haben. Er hat sich zwar ,äußerlich von der Erde losgelöst, hängt aber indirekt durch seinen geistig-seelischen Inhalt mit ihr zusammen. Mit den gekennzeichneten geistigen Mondenkräften durchdringt sich alles, was der Mensch während des Erdendaseins an moralisch-geistiger Bewertung zu einem realen Wert-Wesen in seinem astralischen Organismus – bzw. in der unbewußten Region des gefühls- und willensgemäßen Seelenlebens – ausgestaltet. (109) Dieses moralisch-geistige Wert-Wesen hat eine inhaltliche Verwandtschaft mit den geistigen Mondenkräften. Und

„Er hat das

diese sind es, die den Menschen noch an der Erde festhalten.“

„Vom Gesichtspunkte des übersinnlichen

sieht,

sondern

mit

den

Wesen

lebt,

die

zu

den

betreffenden

innere Erlebnis, während er in der Seelenweit, in diesem Drittel seines Erlebens, das Dasein verbringt, daß er darin ganz besonders zusammenhängt mit dem Mondendasein.“ In jene Mondensphäre muß der Mensch später zurückkehren, nachdem er die makrokosmischen Weiten durchlebt hat, bevor er sich wieder zur Geburt auf Erden zusammenzieht. Die Mondensphäre ist gleichsam das Tor, durch das der Mensch vor der Geburt und nach dem Tode hindurchgehen muß. * „Denn die Mondenkräfte sind zwar konzentriert in dem kosmischen Monde, aber sie erstrecken ihre

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Wirksamkeit weithin. Das zeigt sich auf der Erde in den Todeskräften. Diese Todeskräfte sind zugleich die Geburtskräfte. Sie führen den Menschen herein in das Leben, und sie erscheinen, wenn der Mensch aus dem Leben hinaustritt.“ – In der Mondensphäre durchlebt der Mensch, rückschauend, die ersten Epochen seines Daseins in der elementarischen Welt, sein Bewußtsein unterliegt den Gesetzen der Seelen-Welt.

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Der Durchgang durch die Venus- und Merkursphäre.

Wir geben im folgenden zur besseren Überschau über die gesamten kosmischen Sphären zunächst eine Zusammenfassung der wichtigsten Gliederungen derselben und werden dann die spezifischen Wirksamkeiten der einzelnen Sphären anschließend darstellen. Es sei hier nur kurz erwähnt, daß in der Terminologie der Geistesströmungen früherer Epochen auf Grund des damaligen Weltbildes die Bezeichnung der Venus- und Merkursphäre meist in umgekehrter Reihenfolge gebraucht wurde. Um Verwechslungen zu vermeiden, sei deshalb betont, daß im folgenden gemäß dem heutigen Weltbild die 2. Sphäre als Venus-Sphäre, die 3. als Merkur-Sphäre bezeichnet wird (s. auch Ätherische Welt, 6). Während die Mondensphäre durch ihre Kräfte die intensivste Konzentration nach Innen, auf das Erdenhafte, veranlaßt, bewirkt die Dynamik der 2. und 3. (Venus- und Merkur-) Sphäre nun ein allmählich zunehmendes Aufgeschlossen-Sein nach Außen. (110) Diese Sphären sind ja auch von licht- und wärmeätherischen Kräften durchsetzt, obwohl sie noch der überwiegend von zentripetalen Kräften beherrschten Gruppe der inneren Planeten angehören (s. Ätherische Welt, S. 6 u. 11). Aber es treten während der nach Innen, gerichteten Rückschau nun auch erste Perioden des Aufgeschlossenseins nach Außen hinzu. In diesen Sphären öffnet sich das Seelische des Menschen allmählich dem Erleben der Umwelt. (111)

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Rudolf Steiner bezeichnet vom seelischen Aspekt diese 2. und 3. Sphäre als die des „Seelenlichtes“ und der „Seelenkraft“. Sie Sind, wie wir zeigten, vom kosmographischen Aspekt aus durchwirkt vom Licht- und Wärmeätherischen. * „Zur Ausgestaltung des Geistkeimes für den physischen Organismus des nächsten Erdenlebens muß der Mensch sich auch geistig-seelisch von der Erde trennen. Das kann er nur, wenn er sich auch aus dem Bereiche der Mondenkräfte löst. In diesem Bereiche muß er das mit ihm verwandte moralische Wertwesen zurücklassen. Denn das Wirken für den künftigen physischen Organismus im Zusammenhange mit den geistigen Wesen der übersinnlichen Welt muß unbeschwert durch jenes Wesen geschehen.“ Die allmähliche Loslösung von den intensiven Einflüssen der Vergangenheit und dem ätherischen und astralischen Leibe vollzieht sich, wie gesagt, im Bereich der inneren Sphären. Nach der Loslösung von der Mondensphäre und beim Durchgang durch die 2. und 3. Sphäre ist die Seele des Menschen noch in der „Seelenwelt“. Doch in die Rückschau gliedern sich nun allmählich Beziehungen zur Umwelt ein. In diesen Sphären werden nicht nur die subjektiven Gedanken, Gefühle, Begehrungen des Menschen geläutert, sondern es läutert sich auch z. B. sein Verhältnis zur Natur. Rudolf Steiner sagt über die Erlebnisse in dieser Region des „Seelenlichtes“: „Mit ihr sind die Seelen verwandt, insofern sie während des physischen Lebens nicht in der Befriedigung niederer Bedürfnisse aufgegangen sind, sondern Freude, Lust an ihrer Umwelt gehabt haben. Die Naturschwärmerei, insofern sie einen sinnlichen Charakter an sich getragen hat, unterliegt z.B. hier der Läuterung. Man muß aber diese Art von Naturschwärmerei wohl unterscheiden von jenem höheren Leben in der Natur, das geistiger Art ist und welches den Geist sucht, der sich in den Dingen und Vorgängen der Natur offenbart. Diese Art von Natursinn gehört zu den Dingen, die den Geist selbst entwickeln und die ein Bleibendes in diesem Geiste begründen.“ Das Menschenwesen erlebt zunächst in der Ätherwelt dieser Sphären die elementarische Umwelt in großen Bildern, in Imaginationen, und empfängt dann in seiner astralischen Organisation aus der seelischen Wesenhaftigkeit dieser Umwelt Inspirationen, welche das verwandelte Bewußtsein allmählich in die seelisch-geistige Welt einführen. * „Dieser Welt nun, in der astralische Wesen sind, gehören wir Menschen selber von der Zeit an, wo wir, nachdem wir durch die Todespforte geschritten sind, unseren ätherischen Leib abgelegt haben. Mit unserer Individualität sind wir ja dann solche Wesenheiten in der seelischen Welt,

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und unsere unmittelbare Umgebung sind Wesenheiten der seelischen Welt (112) Wir haben unseren Umgang mit Wesenheiten der seelischen Welt, also auch mit denjenigen Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und nach einigen Tagen ihren ätherischen Leib abgelegt haben. Gerade so, wie wir fortwährend Einflüsse erlangen aus der elementarischen Welt, so haben wir auch fortwährend Einflüsse unmittelbar in unseren astralischen Leib herein aus dieser seelischen Welt.“ – In diesem neu sich gestaltenden Verhältnis zur Umwelt wirkt naturgemäß auch unser früheres Verhältnis zur menschlichen Umwelt während des Erdenlebens nach. Rudolf Steiner schildert diese Phase in

folgender Art: „In dieser ganzen Zeit der ersten Hälfte des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt wechseln wir ab zwischen Innenleben

und Außenleben, zwischen Einsamkeit und geistiger Geselligkeit.“

beginnt dann die Zeit, wo der Mensch so hinauswächst, daß die äußerste Grenze seines Seins als der Umkreis bezeichnet werden kann, den heute, astronomisch gesprochen, die Venus beschreibt. Nun hängt die Art des Seins des Menschen, nachdem er die Mondensphäre verlassen hat, davon ab, wie das Leben hier zwischen Geburt und Tod war. Wenn wir uns hinausleben in den Weltenraum bis zu dieser Sphäre, so befinden wir uns in ihr entweder so, daß wir leicht Zusammenschluß finden können mit den Menschen, mit denen wir auf Erden zusammen waren, mit denen sich unsere Seelen auf Erden zusammengefunden haben, oder aber es kann uns auch das treffen, daß wir schwierig solchen Zusammenschluß finden können, daß wir gewissermaßen bei diesem Hinausleben in diese Sphäre zur Einsamkeit verdammt sind. Und ob wir mehr oder weniger zur Einsamkeit oder – wenn der Ausdruck erlaubt ist – zur Geselligkeit uns bestimmt fühlen, das hängt davon ab, wie der Mensch das Erdenleben zugebracht hat. Derjenige Mensch, der im Leben sich wenig darum bekümmert hat, in seiner Seele rege zu machen moralische Empfindungen, moralische Stimmung, Wohlwollen, Mitgefühl, der Mensch, der das wenig entwickelt hat während

„Es

des Erdenlebens, der fühlt sich, indem er sich zu dieser Sphäre erweitert, nach dem Tode zur Einsamkeit gezwungen. Und schwierig ist es ihm, andere Seelen mit denen er verbunden ist, zu finden. Der Mensch, der viel Mitleid entwickelt hat, moralische Gesinnung, der lebt, sich erweiternd zu dieser Sphäre, mit anderen Seelen gesellig zusammen. So haben wir es in der Hand, uns unser Leben beliebig ,einzurichten zwischen Tod und neuer

Geburt.“

(113)

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„Es ist wesentlich, daß wir verstehen, daß Moralität in dieser Sphäre unseren Anschluß und Zusammenschluß bewirkt mit den in dieser Sphäre lebenden Wesen, und daß unsere unmoralische Seelenstimmung unser eigenes Wesen in ein Gefängnis einschließt, so daß wir dann zwar das Wissen haben: ‘die andern Wesen sind da’, aber wir sind gleichsam in einer Schale drinnen und können nicht zu ihnen hin. Das Sich-Vereinsamen ist ein Ergebnis eines unsozialen, unmoralischen menschlichen Erdenlebens.“ Rudolf Steiner schildert dann, wie die Erlebnisse in dieser Sphäre in ihrem Zusammenhang mit den ätherischen und astralischen Kräften sich weiterhin auswirken können in den Störungen der Struktur des Erdenlebens, wie hier die Veranlagung zu einer durch Krankheit gestörten Entwickelung von Bedeutung sein kann. Nach dem Durchgang durch die 2. und 3. (Venus- und Merkur-) Sphäre legt dann der Mensch zunächst mit der Loslösung des astralischen Leibes z. B. auch die geistig-seelischen Nachwirkungen seiner Krankheitszustände im Erdenleben von sich ab. Diese Probleme treten erst wieder an ihn heran, wenn er sich im nächsten Leben wieder mit den neuen Wesensgliedern verbindet. Wir kommen hierauf noch im Kapitel VI zurück. Der Kreislauf durch das kosmische und irdische Dasein zeigt das Verwobensein der Totalität von Leib, Seele und Geist des Menschen in Gesundheit und Krankheit durch die Inkarnationen hindurch. Während der Mensch im Erdenleben sich eins fühlt mit der inneren Dynamik seines dreigliedrigen Organismus, seinem im Kopf zentralisierten Nerven-Sinnes-System, seinem in Herz und Lunge sich auswirkenden Zirkulations- und Atmungs-System, und seinem Stoffwechsel- und Gliedmaßen-System (s. Kap. II), so fühlt sich der Mensch hier in der Dynamik der inneren Planetensphären zugeordnet den Kräften, Rhythmen und Impulsen der drei Sphären. Rudolf Steiner charakterisiert diese Wandlung der inneren Aspekte: „Hier auf Erden sagen wir: ich habe ein Herz in der Brust; das drückt mein ganzes Atmungs- und Zirkulations-System aus. Diese Redeweise hat wiederum nur hier auf der Erde Bedeutung, denn das Herz wird ja natürlich auch abgelegt. Nach dem Tode in der Seelenwelt müssen wir sagen: ich trage in mir die Kräfte der Venus. Das ist nach dem Tode das Korrespondierende. Und während wir hier auf Erden sagen: ich habe ein Gliedmaßen-Stoffwechsel-System, mit all den Organen, die dazugehören, müssen wir nach dem Tode korrespondierend sagen: in mir leben die Kräfte, die von den Merkurwesen ausgehen.

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So daß wir hier auf Erden sagen: ich bin als Mensch Kopf, Brust und Gliedmaßen. Nach dem Tode sagen wir-. ich bin als Mensch Mond, Venus, Merkur.“ (114) Die planetarischen Sphären, die elementarische Welt, die Wesen der „Seelenwelt“ werden nunmehr zum Inhalt der höheren Organe des geistig-seelischen Menschenwesens. Die ganze innere Struktur des Menschen wird immer intensiver zum Ausdruck der Wechselwirkung von irdischem und kosmischem Dasein. Je mehr wir aus der 2. in die 3. Sphäre eindringen, um so mehr wirken einerseits Ergebnisse des vergangenen Daseins in das neue Bewußtsein hinein, andererseits empfängt es immer neue Impulse aus seiner verwandelten Umwelt. Wir hatten schon darauf hingewiesen, wie die vorherige moralische Struktur des Menschen auf Erden sich gerade in jenen Sphären im Erlebnis von Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Wesen oder innerer Vereinsamung auswirkt. Aber auch die religiöse Innenwelt des Menschen auf Erden ist von hoher Bedeutung für jene Wandlungen im kosmischen Dasein. Rudolf Steiner kennzeichnet dies in folgender Art: „Zur nächsten Sphäre (astrale Merkursphäre) bereiten wir uns vor durch religiöse Eigenschaften, religiöse Gesinnung. Ein Mensch, der in sich entwickelt hat in der Zeit zwischen Geburt und Tod eine solche Gesinnung, durch die seine Seele hinblickt nach den geistigen Urmächten und Urkräften der Welt, der kann ein geselliges Wesen sein in dieser Sphäre, so daß er zusammenlebt mit anderen Menschen, mit denen seine Seele sich verwandt gemacht hat auf Erden. Aber auch andere Geister der höheren Hierarchien treten von da ab in die menschliche Sphäre ein, und der Mensch lebt da mit Geistern der höheren Hierarchien zusammen, wenn er religiöse Gesinnung, religiöse Empfindung, religiöses Gefühl entwickelt hat, Dagegen verurteilt er sich zur Einsamkeit, zur Abgeschlossenheit, zu quälender Einsamkeit, wenn er seine Seele nicht in Verbindung gebracht hat hier auf Erden mit Impulsen des religiösen Lebens. Wenn er Atheist gewesen ist hier auf Erden, dann wird er ein völlig Einsamer von der Sphäre ab, von der gesprochen worden ist. Und sagen muß man schon, daß zu völliger Einsamkeit sich verdammen die Menschen, die heute geradezu großziehen die Religionslosigkeit.“ Die Läuterung des geistig-seelischen Wesens des Menschen muß sich in jenen Epochen des Daseins vollziehen, damit der Mensch sich dann in rechter Weise in die moralisch-natürlichen Ordnungen des Weltalls bewußt hineinstellen kann. Denn der Grad der Aufgeschlossenheit des Menschenwesens gegenüber den moralischen und natürlichen Impulsen

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seiner Umgebung ist davon abhängig, inwieweit er die ihn nun umgebende Welt zu durchlichten und mit seiner aktiven Seelenkraft, die er sich im vergangenen, Leben erwarb, zu eigen machen, von ihr inspirieren lassen kann. (115) Es braucht hier nach dem vorher Gesagten nicht weiter charak- terisiert zu werden, wie stark ihn in dieser Seelenhaltung die innere Dynamik dieser Sphären des Licht- und Wärmeätherischen fördern und leiten kann. In jener 2. und 3. Sphäre erwirbt sich das Menschenwesen aber, wie gesagt, auch eine neue, intensivere Aufgeschlossenheit gegenüber jenen Kräften und Impulsen der Natur, welche schöpferisch in den anderen Naturreichen wirken. Der Mensch erhält nicht nur einen tieferen Einblick in sein Eigenwesen, sondern auch in die übersinnlichen, kosmischen Einflüsse z. B. im Tier- und Pflanzenreich, er erlebt in jenen Sphären die kosmischen Bildekräfte, welche diese Naturreiche schaffen und leiten, jene Wesenheiten, welche Rudolf Steiner die „Gruppenseelen“ der Tier- und Pflanzenwelt nennt, die an der Gestaltung der physischen Fauna und Flora der Erde aus jenen kosmischen Sphären heraus wirksam sind. Eine geistige Naturanschauung, die er auf Erden entwickelte, ermöglicht ihm nun auch hier eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber jenen Phänomenen, eine ungeistige Naturbetrachtung isoliert ihn von den tieferen Zusammenhängen in den Naturreichen. Gewaltige Inspirationen sind ihm hier möglich, unter deren Eindruck er im kosmischen und später auch im irdischen Dasein im Sinne des Weltenplanes, bei zunehmender Isolierung aber auch entgegen diesem Weltenplan, an der Weiterentwickelung seiner Umwelt mitwirken kann. * „So wird durch die Menschen die Erde umgebaut. Das wird immer mehr erreicht werden, und was der Mensch hier nicht tun kann, das tut er in der Zeit zwischen, Tod und Geburt. Somit hängt unsere Entwickelung zusammen mit der Veränderung der ganzen Erde. Der Bau und die Evolution der Erde ist die Arbeit des Menschen auf den höheren Planen und je höher sich der Mensch selbst entwickelt, um so rascher und vollkommener schreitet die Umgestaltung der physischen Erde und der Fauna und Flora vorwärts.“ Deshalb braucht gerade eine Naturforschung, welche auch die tieferen Ursachen, Impulse und geistigen Gesetzmäßigkeiten der uns umgebenden Natur verstehen will, eine Erkenntnis jener Zusammenhänge, deren inneres Wesen der Mensch nur im Einklang von irdischem und kosmischem Dasein überschaut.

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Das Leben in den kosmischen Sphären der Bildekräfte bedeutet für den Menschen den Austausch verbrauchter Kräfte gegen neue, die ihm nur das makrokosmische Weltganze zu geben und zugleich mit höherer Gesetzmäßigkeit zu durchwirken vermag. * „Was im Seelischen ist, das ist ja immer Ursprung und Kräfte-Inhalt für das, was sich in der Leiblichkeit ausdrückt. (116) Daß wir am Ende eines Lebens sozusagen einen brüchigen Organismus haben, ist der Beweis dafür, daß unsere Seele nicht die Kräfte hat, den Organismus frischzuhalten. Um das Bewußtsein zu erhalten und es rege zu halten, haben wir fortwährend unsere leibliche Umhüllung zerstört. Mit den Kräften, die wir am Ende einer Inkarnation noch haben, könnten wir in der nächsten Inkarnation nichts machen. Es müssen uns die Kräfte wieder zukommen, die imstande sind, in der nächsten Inkarnation unseren Astralleib, Ätherleib und physischen Leib so zu bearbeiten, daß diese frisch und gesund sind in gewissen Grenzen, brauchbar für eine neue Inkarnation. Innerhalb des Erdendaseins – das zeigt sich schon für eine äußerliche Betrachtung – findet der Mensch die Möglichkeit, seine drei Leiber zu zerstören; aber er findet nicht die Möglichkeit, diese drei Leiber von sich aus auch völlig in gesunder Art zu gliedern, zu bearbeiten, herzustellen. Da zeigt es sich nun, daß in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, aus den außerirdischen Verhältnissen, die wir dann durchleben, uns die Kräfte kommen, die zur Wiederherstellung der abgebrauchten menschlichen Umhüllungen dienen. Zwischen Tod und neuer Geburt leben wir uns hinaus in das Universum, in den Kosmos, und die Kräfte, die wir nicht aus dem Erdbereich beziehen können, müssen wir beziehen aus den zunächst zum Erdbereich hinzugehörigen andern Himmelskörpern. In ihnen sind die Kräftereservoire für unsere menschlichen Umhüllungen.“ Beim Durchgang durch die Monden-, Venus- und Merkursphäre wendet sich der Menschen zunächst in der Mondensphäre ganz nach Innen, er unterliegt einer zentripetalen Dynamik, er überschaut noch einmal die Spiegelung des Erdendaseins in seiner ätherischen und astralischen Hülle. In der Venus- und Merkursphäre öffnet er sich langsam unter der Einwirkung zunächst noch schwacher zentrifugaler Kräfte dem Dasein der Umgebung, der Umwelt. Aber das Einleben in diese Umwelt ist noch für lange Perioden durchwoben von den Erlebnissen der Rückschau, stärker in den Sphären der inneren Planeten, immer mehr sich ablösend in den Sphären der äußeren Planeten. Rudolf Steiner sagt: „Indem der Mensch vorschreitet von den geistigen Mondenkräften zu den Venus-, Merkur-, Sonnen-, Mars-,

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Jupiter-Kräften, bis zu den Saturn-Kräften, also solange er zwischen der Monden- und Saturn-Sphäre ist, mit anderen Worten, so lange er in sich fühlt den Planeten-Kosmos, befindet er sich in diesem Rückwärts-Durchleben seines verflossenen Erdenlebens.“ (117) In der Sphäre der inneren Planeten überwiegt im Menschenwesen das Motiv der Rückschau, in der Sphäre der äußeren Planeten verbindet sich damit immer stärker das Erlebnis der Umwelt; erst wenn der Mensch die Gesamtsphäre der Planetenwelt überwunden hat, wendet er sich, bereichert durch diese Erfahrungen, von der Rückschau nunmehr mit seinem ganzen Wesen der Vorschau zu, der Gestaltung des künftigen Erdendaseins.

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Der Durchgang durch die Sphäre der Sonne.

Der Übergang von der Seelenwelt in die geistige Welt.

Das Erleben des Menschenwesens in der Sphäre der inneren Planeten ist ein mehr passiv-aufnehmendes, es wird in der Sphäre der Sonne und der äußeren Planeten mehr zu einem aktiven. Im ersten Stadium nimmt der Mensch die Verwobenheit der natürlichen und moralischen Weltgesetzlichkeit in sein Bewußtsein auf, im zweiten Stadium beginnt er in ihrem Sinne zu wirken. Diese Kraft zum Wirken im Geiste erhält der Mensch im Erleben der Sonnen-Sphäre. In dieser Sphäre ist der geistige -Wesenskern des Menschen, das „Ich“, nun befreit von den Banden der niederen Wesensglieder. Mit dem Eintritt in die Sonnen-Sphäre geht das Menschenwesen vom mehr seelischen Erleben in ein geistiges Erleben über: * „Das Seelenwesen ist nunmehr aufgesogen von seiner Welt, der Geist aller Fesseln ledig. Er schwingt sich auf in die Regionen, wo er nur in seiner eigenen Umgebung lebt. - Die Seele hat ihre vorige Erdenaufgabe erfüllt, und es hat sich nach dem Tode gelöst, was von dieser Aufgabe als eine Fessel für den Geist geblieben ist. Indem die Seele den Erdenrest überwunden hat, ist sie selbst ihrem Elemente zurückgegeben.“ Rudolf Steiner kennzeichnet diese neue Metamorphose wie folgt: „Erst nach Ablegung des Astralleibes, nach der vollendeten Lebensbeurteilung, tritt der Mensch in die geistige Welt ein. In dieser steht er zu den Wesenheiten rein geistiger Art in einer solchen Beziehung wie auf der Erde zu den Wesenheiten und Vorgängen der Naturreiche.“ U. a. 0.:

„Aber auch jetzt unterscheidet der Mensch zwischen dem, was zu seinem Ich gehört, und dem, was die Umgebung dieses Ich – man kann auch sagen dessen geistige Außenwelt – bildet. Nur strömt ihm das, was er von dieser Umgebung erlebt, so zu, wie während seines Aufenthaltes im Leibe ihm die Wahrnehmung seines eigenen Ich zuströmt. (118) Während also die Umgebung des Menschen im Leben zwischen Geburt und Tod durch die Organe seiner Leiber zu ihm spricht, dringt nach deren Ablegung die Sprache der neuen Umgebung unmittelbar in das ,innerste Heiligtum’ des Ich. Die ganze Umgebung des Menschen ist jetzt erfüllt von Wesenheiten, welche gleicher Art sind mit seinem Ich, denn nur ein Ich hat zu einem Ich den Zutritt. So wie die Mineralien, Pflanzen und Tiere den Menschen in der Sinnenwelt umgeben und diese zusammensetzen, so ist er nach dem Tode

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von einer Welt umgeben, die aus Wesenheiten geistiger Art zusammengesetzt ist.“ Die menschliche Wesenheit lebt sich nun in diejenige Welt hinein, „in welcher er Anteil nehmen kann nicht nur an den Taten, sondern auch an den Wesen der höheren Hierarchien; wo er die Wesen der höheren Hierarchien so kennen lernen kann, wie er Menschen ihren Seeleneigenschaften nach in der physischen Welt wahrnimmt. Da sind wir nicht mehr in der inspirierten Welt, da sind wir in der Welt der Intuition. Da geben wir uns nicht nur den Geisthandlungen der geistigen Wesenheiten hin, sondern den Wesen dieser Wesenheiten selber.“ Es kann hier auf das Zusammenleben der Menschenwesenheit mit den höheren Hierarchien nur hingedeutet werden, eine eingehendere Schilderung dieser Bewußtseinszustände ist in den Werken Rudolf Steiners gegeben. Es muß hier nur erwähnt werden, daß die Ausarbeitung der zukünftigen Geistgestalt des Menschen in der geistigen Welt, im Bereich der „Urbilder“, erfolgt unter Führung und Mitwirkung jener hierarchischen Wesenheiten. Während der Entwickelung nach dem Tode bis zum Einleben in die geistigen Bereiche der Sonnen-Sphäre geschieht die Wertung der seelischen Entwickelung des Menschen vor allem durch die Wesenheiten der III. Hierarchie. (Es ist hier jene christliche Terminologie zugrunde gelegt, wie sie schon von dem Verfasser der Schriften Dionysius’ des Areopagiten und in den späteren christlichen Darstellungen verwandt wurde.) (Siehe auch Ätherische Welt, Kap. 14, S. 244 ff.) Die Wesenheiten der III. Hierarchie werten und fördern die Entwickelung des Menschenwesens in jener ersten Epoche in seinen verschiedenen Beziehungen zu den individuellen und allgemein-menschlichen Aufgaben. Rudolf Steiner sagt: „Insbesondere sind es die Urteile der Angeloi, welche für den Wert der Taten des einzelnen Menschen wichtig sind, so daß der Mensch nach dem Tode von den Angeloi erfährt, was seine eigenen individuellen Taten im ganzen Kosmos für einen Wert haben. Von den Archangeloi erfährt er mehr, was seine Taten für einen Wert haben, insofern er diese oder jene Sprache spricht, diesem oder jenem Volke angehört. Das sind auch Dinge, die dann in die Impulse für das weitere Karma hineinwirken. (119) Und von den Archai erfährt der Mensch das, was seine Taten, die er ja in einem bestimmten Zeitalter vollbracht hat, wert sind für dasjenige Zeitalter, zu dem er wiederum heruntersteigen muß aus geistigen Höhen in das irdische Dasein.“ – In den höheren Regionen des kosmischen Daseins, während seines Einlebens in die rein geistigen Welten, kommt das Menschenwesen dann in den Bereich der II. Hierarchie, der

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Exusiai, Dynameis, Kyriotetes, und wenn er sich dann der Vorbereitung, der Gestaltung seines künftigen Erdenlebens zuwendet, so steht dieses Wirken unter den Impulsen der I. Hierarchie, so daß das Menschenwesen „bei diesem Rückweg in die Gemeinschaft kommt mit den zunächst höchsten göttlich-geistigen Wesenheiten der oberen Hierarchien, mit Thronen, Cherubinen und Seraphimen; es sind das geistige Wesenheiten, die zugleich das Geistige und das Natur-Dasein in ihren Impulsen haben, die zugleich die Naturgesetze durchleben, beleben, durchgeistigen, und die auch das moralische Leben des ganzen Kosmos in einen fortwährenden Einklang bringen wollen mit den Naturgesetzen“. Wenn aber der Mensch beim Einleben in die Sphäre der Sonnenkräfte die Rückschau und Wertung der Vergangenheit im Einklang mit hierarchischen Wesenheiten vollzogen hat, dann gestaltet er seine Entwickelung insbesondere auch unter der Führung jenes höchsten hierarchischen Wesens, der Christus-Wesenheit. Rudolf Steiner hat deshalb immer wieder die gewaltige Bedeutung des Christus-Impulses, der Wesenheit und der Taten des Christus für die gesamte Entwickelung dargestellt, aber auch die Tatsache, daß wir im Leben nach dem Tode nicht mit dem rechten Bewußtsein unsere Aufgaben als Menschenwesenheiten erfüllen können, wenn wir nicht auch schon im Erdenleben den Christus-Impuls in uns aufgenommen haben. Hier verweisen wir auf die Darstellung dieses wichtigsten Problems in Rudolf Steiners Werken. Aus diesem Bewußtsein von der Größe und Bedeutung der Christus-Wesenheit sagte er einmal im Zusammenhang mit dem Leben nach dem Tode: „Wir leben einer Zukunft entgegen, in welcher die Menschen sich immer mehr und mehr die Möglichkeit nehmen werden, die Sonnen-Sphäre in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt richtig zu durchleben, wenn sie sich von dem Christus-Ereignis entfernen.“ Der Mensch lebt in der geistigen Welt unter geistigen Wesen, er erlebt ihr schöpferisches Wirken an der Außenwelt, aber auch in seiner Innenwelt. Er wird sich bewußt Jener Zusammenhänge, durch welche die menschliche Wesenheit in ihrer Organisation mit kosmischen Impulsen und Kräften verbunden ist und schaut nun die Urbilder, nach denen diese schöpferischen Wesen und Kräfte den Menschen und seine Organisation gestalten. (120) * „Der Mensch ist Geist unter Geistern. Aber dasjenige, was er als seine Welt jetzt erblickt, das ist das Wunder der menschlichen Organisation selber, als Kosmos, als ganze Welt

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So weben wir dort, aber zusammen mit den Geistern der höheren Hierarchien und mit den entkörperten Menschen, an der Menschheit. Wir weben die Menschheit aus dem Kosmos heraus. Hier auf Erden sind wir fertiger Mensch. Dort schaffen wir den Geistkeim des Erdenmenschen.“ – Im Erdenleben erfahren wir, wie oben gezeigt, die Werkwelt, das letzte, irdische Ergebnis der Offenbarung, im Leben nach dem Tode erleben wir zunächst die höheren Gesetze der Bildekräfte, der inneren Dynamik der Dinge, das Verwobensein der moralischen und natürlichen Gesetzmäßigkeiten, und dann treten wir ein in jene Regionen, wo die Urbilder jener geschaffenen und zu schaffenden Welt zum Inhalt unseres Bewußtseins werden. Während wir aber beim Durchgang durch die inneren Sphären mehr passive Betrachter der Offenbarungswelt sind, werden wir jetzt beim Aufstieg durch die weiteren Sphären immer mehr zu bewußten, aktiven Mitgestaltern in der Welt der Wesen, der Urbilder und der schöpferischen Kräfte, welche die Offenbarungs- und Werkwelt beeinflussen und gestalten. Wir erfassen nunmehr die Gedanken, die dem Wirken der Bildekräfte in der Erscheinungswelt zugrunde liegen.

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Der Durchgang durch die Sphären der äußeren Planeten, das Erlebnis der Fixsternwelt und des makrokosmischen Organismus.

Beim Aufstieg von der Sonnen-Sphäre durch die höheren Regionen bis zum Erlebnis des makrokosmischen Gesamtorganismus erlebt das Menschenwesen nun nicht mehr mit jenem subjektiv-seelischen Aspekt, wie in den inneren Sphären, sondern es beginnt mehr und mehr den objektiv-geistigen Aspekt seiner Innen- und Umwelt zu ergründen. Es erlebt, wie oben gesagt, die ewigen Urbilder des in der Erscheinungswelt Differenzierten, und zwar in der 5. Sphäre die Urbilder der physischen Konfigurationen, in der 6. Sphäre die Urbilder des Lebendigen, in der Sphäre die Urbilder des Seelischen (s. S. 111). Rudolf Steiner charakterisiert dies in folgender Weise: (121) „In dieser Welt sind nun zunächst die geistigen Urbilder aller Dinge und Wesen zu sehen. die in der physischen und in der seelischen Welt vorhanden sind. Man denke sich das Bild eines Malers im Geiste vorhanden, bevor es gemalt ist. Dann hat man ein Gleichnis dessen, was mit dem Ausdruck Urbild gemeint ist. Es kommt hier nicht darauf an, daß der Maler ein solches Urbild vielleicht nicht im Kopfe hat, bevor er malt; daß es erst während der praktischen Arbeit nach und nach vollständig entsteht. In der wirklichen „Welt des Geistes“ sind solche Urbilder für alle Dinge vorhanden, und die physischen Dinge und

Wesenheiten sind Nachbilder dieser Urbilder

Die Urbilder in ihrer

wahren Gestalt sind ihren sinnlichen Nachbildern sehr unähnlich. Ebenso unähnlich sind sie aber auch ihren Schatten, den abstrakten Gedanken. – In der geistigen Welt ist alles in fortwährender beweglicher Tätigkeit, in unaufhörlichem Schaffen. Eine Ruhe, ein Verweilen an einem Orte, wie sie in der physischen Welt vorhanden sind, gibt es dort nicht. Denn die Urbilder sind schaffende Wesenheiten. Sie sind die Werkmeister alles dessen, was in der physischen und seelischen Welt entsteht. Ihre Formen sind rasch wechselnd; und in jedem Urbild liegt die Möglichkeit, unzählige besondere Gestalten anzunehmen. Sie lassen gleichsam die besonderen Gestalten aus sich hervorsprießen, und kaum ist die eine erzeugt, so schickt sich das Urbild an, eine nächste aus sich hervorquellen zu lassen. Und die Urbilder stehen miteinander in mehr oder weniger verwandter Beziehung. Sie wirken nicht vereinzelt. Das eine bedarf der Hilfe des anderen zu seinem Schaffen. Unzählige Urbilder wirken oft zusammen, damit diese oder jene Wesenheit

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in der seelischen oder physischen Welt entstehe.“ Durch diese Erlebnisse erfährt das Menschenwesen die ersten Impulse, sein neues Körperbild hervorzubringen, welcher Aufgabe er sich dann in den späteren Stadien des kosmischen Daseins hingibt. Er erfährt gleichsam die Korrekturen, die an der unvollkommenen Struktur seines früheren Lebensbildes im Vergleich zu den weisheitsvollen Urbildern des Weltenplanes notwendig sind. In diesen Sphären finden sich auch die kosmischen Gestaltungsimpulse für jene Organe des Menschenwesens, welche im Erdendasein am meisten in das äußere physische Erleben eingeordnet sind, die Sinnesorgane. Während die Bildekräfte der inneren Planetensphären mehr den Gestaltungskräften der inneren Organe des Menschen zugeordnet sind, (wir werden dies in Kapitel VI noch im einzelnen darstellen), sind die Bildekräfte der äußeren Planetensphären mehr an den Gestaltungsprinzipien der nach außen aufgeschlossenen Organe des Menschen, der Sinnesorgane, beteiligt. (122) Rudolf Steiner gibt die folgende Differenzierung der Kräftesphären an: „Mars, Jupiter, Saturn, die fernen Planeten, haben die Wirkungen auf den Menschen, d. h. ihre geistigen Wesenheiten haben die Wirkungen auf den Menschen, die vorzugsweise in den Sinnesorganen an der Oberfläche des Menschen leben. Während Mond, Venus, Merkur, im Inneren des Menschen, in den inneren Organen ihre Wirkungen haben.“ Aus der gesamten Bildekräftelehre ist dies in seiner wundervollen Harmonie und Wechselbeziehung zu verstehen. Immer deutlicher werden dem Menschenwesen in jenen Regionen die Pläne, die Struktur, die Urbilder der schaffenden und geschaffenen Welt, mit innerer Beseligung erlebt er das weisheitsvolle Wirken der Schöpfermächte in der inneren Dynamik von Kosmos, Erde und Mensch zur Offenbarung in der Gestaltung, den inneren Sinn der Entwickelungstendenzen des Weltganzen. Rudolf Steiner sagt: „Es ist ein Irrtum, wenn man annimmt, daß der Bewußtseinszustand des Menschen im geistigen Gebiet dämmerhaft, schattenhaft sei. Das ist nicht der Fall. Wir müssen betonen, daß derjenige Grad eines Bewußtseins, den der Mensch erreicht hat, nicht wieder verloren gehen kann, wenn auch bei gewissen Übergängen Herabdämpfungen

stattfinden, so daß der Mensch im geistigen Gebiet tatsächlich ein deutliches Bewußtsein durch seine Organe hat für das, was vorgeht hier auf dem

So sehen wir, daß das Leben in den geistigen Regionen, wenn

man es in seiner Wahrheit betrachtet, alles Unbefriedigende verliert; daß der

Mensch, auch wenn er es nicht von seinem egoistischen Erdenstandpunkt

Erdenrund

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aus betrachtet, es dennoch als ein unendlich beseligendes empfinden kann. Abgesehen davon, daß jene Freiheit vom physischen Leibe, von den niederen Gliedern, ein ungeheuer beseligendes Gefühl gibt; das allein schon, daß diese Schranken gefallen sind, daß der Mensch nicht mehr durch diese Fesseln gehemmt ist, trägt ein Gefühl der Beseligung in sich. So ist das Dasein in diesen geistigen Regionen eine Zeit des Frei-Sichauslebens nach allen Seiten hin, in einer so reichen, so weiten, ungehemmten Weise, wie der Mensch es niemals hier kennen gelernt hat.“ Das Menschenwesen ist in diesen Regionen allem Subjektiven, allem Egoistischen, jeder Gefangenschaft in der Isolierung des Leiblichen und Seelischen, jeder irdischen Begrenzung enthoben. „Wenn die Seele die Sonnen-Region durchschritten hat, ist sie fertig mit alledem, was in einer gewissen Weise in Anlehnung an die ‚Persönlichkeit’ des Menschen erlebt werden kann. (123) Was außerhalb der Sonnen-Region, außerhalb der Region des eigentlichen Seelenlebens erlebt wird, das ist dann ,geistig’, das geht über alles Persönliche hinaus.“ Das Erleben in den äußeren Sphären ist tingiert durch die besonderen Bildekräfte der einzelnen Planetensphären. Zu der bildhaften Wahrnehmung der schöpferischen Mächte und Kräfte tritt in der 5. Sphäre noch ein intensiveres Erlebnis, das durch die Bildekräfte gerade jener Sphäre bedingt ist. Rudolf Steiner nennt es einmal „des Mars erschaffendes Klingen“. (Über die Zuordnung der Mars-Sphäre zu den Bildekräften des Klangäthers, s. „Ätherische Welt“, S. 6, „Ätherische Bildekräfte“, S. 46 und 163 und im Vorigen, S. 111). Das Menschenwesen erlebt das Wirken der Sphärenharmonien, nicht nur in Bildern, sondern durch den Einfluß des Tonäthers, des Klangäthers der 5. Sphäre, auch als ein tönendes Geschehen, er erlebt gleichsam die innere Musik der Sphären-Harmonie als gestaltendes, ordnendes Prinzip der Weltenstruktur. * „Dieses Klingen ist ein rein geistiger Vorgang. Er muß ohne alles Mitdenken eines physischen Tones vorgestellt werden. Der Beobachter fühlt sich wie in einem Meere von Tönen. Und in diesen Tönen, in diesem geistigen Klingen drücken sich die Wesenheiten der geistigen Welt aus. In ihrem Zusammenklingen, ihren Harmonien, Rhythmen und Melodien prägen sich die Urgesetze ihres Daseins, ihre gegenseitigen Verhältnisse und Verwandtschaften aus. Was in der physischen Welt der Verstand als Gesetz, als Idee wahrnimmt, das stellt sich für das geistige Ohr als ein Geistig-Musikalisches dar. (Die Pythagoräer nannten daher diese Wahrnehmung der geistigen Welt: Sphärenmusik.)“ –

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Wiederum sind diese geistigen Erlebnisse und Phänomene aus der Bildekräftelehre zu verstehen. Von Licht- und Tonerlebnissen durchwobene Bilder treten im Bewußtsein des Menschenwesens im kosmischen Dasein auf, *die sich natürlich wegen der andersartigen Struktur der geistigen Organe von den physischen nur durch Vergleich veranschaulichen lassen, aber eben doch auch auf einer höheren Stufe im Bewußtseinsinhalt des aufnehmenden Menschenwesens in allen Phasen der Metamorphose durch Erinnerung und Verbindung der Bewußtseinsstufen miteinander verwandt und vergleichbar sind. * „So finden alle Wesen der geistigen Umgebung des Ich in einer farbenstrahlenden Welt ihren Ausdruck. Da sie eine andere Art der Entstehung haben, sind selbstverständlich diese Farbenerlebnisse der geistigen Welt auch von etwas anderem Charakter als die an den sinnlichen Farben, Auch für andere Eindrücke, welche der Mensch von der Sinnenwelt empfängt, muß ähnliches gesagt werden. Am ähnlichsten den Eindrücken dieser Sinnenwelt sind nun aber die Töne der geistigen Welt. (124) Und je mehr sich der Mensch einlebt in diese Welt, desto mehr wird sie für ihn ein in sich bewegtes Leben, das sich mit den Tönen und ihrer Harmonie in der sinnlichen Wirklichkeit vergleichen läßt. Nur fühlt er die Töne nicht als etwas, das von außen an ein Organ herankommt, sondern wie eine Macht, die durch sein Ich in die Welt hinausströmt. Er fühlt den Ton, wie in der Sinnenwelt sein eigenes Sprechen oder Singen. Nur weiß er in der geistigen Welt, daß diese Töne, die aus ihm strömen, zugleich die Kundgebungen anderer Wesenheiten sind, die durch ihn sich in die Welt ,ergießen. Eine noch höhere Kundgebung im Geistgebiet findet statt, wenn der Ton zum geistigen Wort wird.“ – Der Mensch liest gleichsam in der Weltenschrift, der Sternenschrift, in den Bewegungen, Konfigurationen und Strukturänderungen der Sphärenharmonie, und er hört das Tönen dieser Harmonien, des Weltenwortes, der Schöpfermächte, des Logos. Rudolf Steiner veranschaulicht dieses geistige Erlebnis des Menschenwesens in den Sternensphären durch folgendes Beispiel: „Von all diesen Weltenkörpern singt es sprechend, spricht singend, und unser Wahrnehmen ist eigentlich ein Hören dieses sprechenden Singens, des singenden Sprechens. Indem wir nach dem Widder hinschauen, haben wir den Eindruck eines Seelisch-Konsonantischen. Da ist vielleicht Saturn hinter dem Widder: ein Seelisch-Vokalisches. Und in diesem Seelisch-Vokalischen, das da von dem Saturn her in den Weltenraum hinaus erglänzt, da lebt das seelisch-geistige Konsonantische des Widders oder des Stieres. Wir haben also die

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Planeten-Sphäre, die vokalisch in den Weltenraum hinaussingt, und die Fixsterne, die diesen Gesang der Planetensphäre konsonantisch durchseelen.“ So bilden diese Bewegungen gleichsam eine Schrift, die zu gleicher Zeit tönt, eine schöpferische Harmonie, in welcher das Instrument des Menschen geschaffen wird und in seiner besonderen inneren Struktur ertönt. Das Künden großer Menschheitsführer vom „Weltenwort“ ist mehr als ein abstraktes Gleichnis, es ist der Ausdruck höchster kosmisch-geistiger Tatsachen. Nicht zufällig stellt auch Goethe an den Anfang des Lebensweges seines Jaust“ den Prolog im Himmel mit den Worten: „Die Sonne tönt in alter Weise in Brudersphären Wettgesang.“ Der Mensch ist Werk, Werkzeug und Mitwirkender der kosmischgeistigen Welt. Auf Erden erlebt er den Abglanz, in jenen Sphären aber die Urbilder, die Gestalter, Weltenschrift, Weltenwort, den Logos. Während des Durchganges durch die höheren planetarischen Sphären ist der Mensch befreit von den irdischen Aufgaben der Einordnung in die Erdenschwere, z. B. im Prozeß der Aufrichtung, des Gehens, befreit vom Zwang der Verwendung physischer Organe für die Prozesse des Sprechens und Denkens. (125) Im Dasein zwischen Tod und neuer Geburt erlebt er aber die kosmischen Anlagen für eine neue Einordnung in die kosmischen Kräfte, für eine Geist-Orientierung, für ein Logos-Erleben, keine irdische, aber eine kosmische Sprache, für ein Aufleuchten der Weltgedanken im Innern, nicht als Schattenbilder wie im Erdenleben, sondern als Schöpferkräfte. Das Dasein in den höheren planetarischen Sphären bringt ihm Ursprung und Ziel irdischer Verrichtungen ins Bewußtsein. Erst wenn er wiederum durch die inneren Sphären zum irdischen Dasein herabsteigt, verwandeln sich die kosmischen Erlebnisse in irdische Fähigkeiten, wie es Rudolf Steiner im Sinne folgender Metamorphosen darstellt: „Solange der Mensch unter dem Einflusse von Saturn, Jupiter und Mars steht, will er eigentlich ein Wesen werden, das nicht geht und spricht und denkt, in irdischem Sinne, sondern das sich unter Geistwesen orientieren will, das den Logos in sich tönend erleben will, das die Weltgedanken in sich aufleuchtend haben will. Und mit diesen inneren Absichten wird nun in der Tat der Geistkeim des physischen Organismus auf die Erde herunter entlassen. – Der Mensch, der von den geistigen Welten auf die Erde steigt, hat keine Neigung, sich der Erdenschwere zu fügen, er hat keine Neigung zu gehen, die Sprachorgane in Vibration zu bringen so, daß seine physische Sprache ertönt, und mit einem physischen Gehirn über die Dinge

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nachzudenken. Das hat er alles nicht. Das bekommt er dadurch, daß er, indem er aus der Sphäre der Saturnkräfte, also als Geistkeim auf die Erde hinunter entlassen wird, durch die Sonne durchgeht und dann in die anderen Planeten-Sphären hineinkommt, in die Merkur-, Venus-, Monden-Sphäre. Merkur-, Venus- und Monden-Sphäre verwandeln die kosmischen Anlagen zur Geistorientierung, zum Logos-Erleben, zum Aufleuchten der Weltgedanken im Innern, in die Anlagen zum Sprechen, zum Denken zum Gehen.“

Die Zeitspanne, welche jenes Dasein in den äußeren Sphären umfaßt, ist gemäß den dort zu erfüllenden gewaltigen Aufgaben eine viel größere, als diejenige, welche wir im Bereich der inneren Sphären verbringen. Während das Menschenwesen im Erdenleben sich der Organe des Hauptes, des Herzens, der Gliedmaßen bedient, dann beim Durchgang durch die inneren Sphären seine Organe zum Erleben der elementarischen und seelischen Welt erweitert und ausbaut, vollzieht sich nunmehr im Bereich der äußeren Sphären die Ausbildung höherer Organe, um die Erlebnisse in diesen Kreisen, in diesen Sphären, in allen ihren Metamorphosen wahrzunehmen und in der geisterfüllten Struktur des Menschenwesens innerlich zu verarbeiten. Rudolf Steiner sagt hierüber: (126) „Im ersten Kreis, der der eigentliche Mars-Kreis ist, wird das geistige Mars-Organ ausgebildet. In dem zweiten Kreis, der der eigentliche Jupiter-Kreis ist, wir das Jupiter-Organ ausgebildet, und in dem letzten Kreis wird das Saturn-Organ ausgebildet. Drei Kreise, die wesentlich langsamer, wenn wir es mit der Erdenzeit vergleichen, durchlaufen werden, als der Mondenkreis. Der Mondenkreis wird verhältnismäßig in schnellem Tempo durchlaufen. Diese Kreise werden in einem ungefähr zwölfmal langsameren Tempo durchlaufen. So daß man also einen Mars-Kreis, einen Jupiter-Kreis und einen Saturn-Kreis beschreibt. Und während des ganzen Durchganges durch diese Regionen, in denen der Mensch in der geistigen Sphärenwelt lebt, die geistigen Kräfte der Sphärenwelt mitmacht, ist der Mensch eben fortwährend tätig, wie er hier tätig ist mit den Naturkräften, so dort mit den Kräften der höheren Hierarchien, der Wesen der höheren Hierarchien, die nur ihren äußeren Abglanz, ihre physische Offenbarung in dem Sternenhimmel haben.“

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Es muß in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß nicht nur die Menschenwesenheit selbst, sondern auch die Wesenheiten höherer Hierarchien an der geistigen Entwickelung teilnehmen, daß also die Impulse, Bildekräfte, Strukturen und Einflüsse der planetarischen Sphären selbst einer Metamorphose und Steigerung unterliegen. Die Aufgaben und Wirksamkeiten dieser Sphären im Weltganzen wandeln sich im Laufe der Weiterentwickelung, sie waren andere in früheren, werden wiederum andere sein in zukünftigen Epochen. Betrachten wir diese Entwickelung am Beispiel der 5., der Mars-Sphäre. * „In der Mars-Sphäre müssen wir die Möglichkeit haben, mit unserem ganzen Wesen Rechnung zu tragen gewissen Veränderungen, die dort im Laufe der letzten Jahrhunderte sich zugetragen haben. Diese Veränderungen, sie sind etwa in folgender Weise zu schildern. Durch gewisse Kräfte stehen alle einzelnen Weltenkörper in Verbindung miteinander; mit der Erde stehen in Verbindung die anderen Weltenkörper, von ihnen strahlen die Kräfte aus. Von dem Mars und seiner Sphäre strahlt in der Tat nicht nur die Lichtwirkung aus, die auf die Erde kommt, sondern es strahlen auch geistige Kräfte aus. Wenn wir in ältere Jahrhunderte zurückgehen, finden wir, daß vom Mars ausgestrahlt sind diejenigen Kräfte, welche die Menschen enthusiasmiert haben zu dem, was die Menschen in älteren Zeiten brauchten: physische Kräfte, um die Menschheits-Evolution zu fördern. (127) Es ist nicht bloß ein Mythos, sondern eine geistige Wahrheit, daß dasjenige, was sich als kriegerische Kraft und kriegerische Verwickelung in der Welt entwickelt hat, was die Menschen tatkräftig, mutig gemacht hat durch Jahrhunderte und Jahrlausende, von der Einströmung der Marskräfte herrührt. Aber es ist im Leben eines Planeten so, daß seine Kräfte eine aufsteigende, und eine absteigende Entwickelung durchmachen. Und der Mars hat in den letzten Jahrhunderten seine Aufgabe in gewisser Weise geändert.“ – Rudolf Steiner zeigt dann, wie durch die Entwickelung bestimmter Wesenheiten sich auch die Impulse, die von diesen Sphären ausgehen, mit der Zeit verwandeln. Wir können in den Zusammenhängen der hier behandelten Fragen auf diese Entwickelung der Wesenheiten nicht näher eingehen, es sei deshalb hier nur darauf hingewiesen, daß durch die Entwickelung der Mars-Sphäre die Menschenseele die Möglichkeit erhält, die Gefahren einer allzu physischen Entwickelung zu überwinden, * „daß sie später durch eine neue Geburt in ein rein materielles Dasein treten kann, hineingeworfen sein kann in ein Erdendasein, welches immer materialistischer sein wird, aber dennoch

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Kräfte entwickeln kann mit einem anderen Teile des Seelenwesens, um hingegeben zu sein der geistig-seelischen Welt“. Die Wesenheiten und Bildekräfte der kosmischen Sphären geben dem Menschen nicht nur die Impulse für die Gestaltung seiner Organisation, sondern auch die Kräfte, Gefahren und Hemmungen dieser Entwickelung aus tieferer Einsicht in die Weltenorganisation zu überwinden. Auf Grund der Verwandlungen der höheren planetarischen Sphären ist es dem Menschenwesen deshalb auch im jetzigen Entwickelungsstadium noch nicht möglich, sich beim Durchgang durch das kosmische Dasein so intensiv mit den höheren Gebieten zu verbinden und ihr Wesen und Walten zu durchdringen, wie dies bei den inneren Sphären möglich ist. Rudolf Steiner hat deshalb darauf hingewiesen, daß der Mensch die 6. und 7. Sphäre gleichsam nur berührt, aber noch nicht in ihrem vollen Wesen erfassen kann. Dies ist Aufgabe zukünftiger, intensiverer Metamorphosen und geistiger Entwickelungen. Bei der Berührung mit den Wesen und Kräften der Jupiter-Sphäre erlebt der Mensch in immer freieren Bewußtseinszuständen eine Erleuchtung durch die Weltgedanken, die ihm wiederum als Vorstufe für die zukünftige Ausgestaltung seiner höheren Organisation dient. Er wird sich aber auch bewußt, wie die schöpferischen Kräfte jener Sphären in den Lebenserscheinungen der Außenwelt, auch der Erdenwelt, tätig sind. (128) In der 5., der Mars-Sphäre erlebt das Menschenwesen die Urbilder und Bildekräfte der physischen Gestaltung, in der 6., der Jupiter-Sphäre, die Urbilder und Bildekräfte des Lebendigen, der Lebenserscheinungen, die Richtlinien und Urmotive der Metamorphose von Fauna und Flora, in der 7. Sphäre die Urbilder des Seelischen (s. Tab. S. 111). Die Entwickelung und Gestaltung des Seelischen, Lebendigen und Leiblich-Geformten unterliegt dein Einfluß geistiger Impulse und kosmischer Bildekräfte, welche das Werden des Mikrokosmos im Einklang mit dem Werden des Makrokosmos gestalten, Zwischen Tod und neuer Geburt erlebt nun der Mensch in geistigen Welten die Urmotive jener Metamorphosen in der Natur, der Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt in ihren Beziehungen zum Welt-Organismus. * „Es ist da die lebendige Einheit, die in allem vorhanden ist. Während des irdischen Lebens erscheint dem Menschen auch davon nur ein Abglanz, und dieser spricht sich in jeder Form von Verehrung aus, die der Mensch dem Ganzen, der Einheit und Harmonie der Welt, entgegenbringt

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Hier in der geistigen Welt kann sich der Mensch mit der Einheit, die er auf Erden verehrt hat, wirklich vereinigen. Die Früchte des religiösen Lebens und alles dessen, was damit zusammenhängt, treten in 'dieser Region hervor. Der Mensch lernt nun aus der geistigen Erfahrung erkennen, daß sein Einzelschicksal nicht getrennt werden soll von der Gemeinschaft, der er angehört. Die Fähigkeit, sich als Glied eines Ganzen zu erkennen, bildet sich hier aus.“ Was in der Lichtäther-Welt der 2. Sphäre für das Bewußtsein des Menschen noch einen seelischen Aspekt hat, erhält in der Lichtäther-Welt der 6. Sphäre seinen geistigen Aspekt (s. auch „Ätherische Welt“, S. 6 und im Vorigen, S. 111). Bei der Berührung mit der 7. Sphäre, der Saturn - Sphäre kommt das Menschenwesen nun am intensivsten in den Bereich jener Kräfte, welche, wie oben gezeigt, den Mondenkräften polarisch entgegengesetzt sind:

„Saturn ist in der Tat unser größter Wohltäter zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in seinem Hinausstrahlen in die Weltenweiten; er ist in dieser Beziehung vom geistigen Gesichtspunkte aus das Entgegengesetzte der Mondenkräfte. Die geistigen Mondenkräfte bannen uns auf die Erde herein. Die geistigen Saturnkräfte befähigen uns, in den Weiten des Weltenalls zu leben.“ Während in der Mondensphäre am intensivsten die zentripetalen Kräfte wirken, sind in der Saturnsphäre überwiegend die zentrifugalen Kräfte am Werke in der Entwickelung des Menschenwesens. (129) „Der Saturn möchte ihn hinausführen in das Sternen-Weltenall, so aber, daß wenn der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in dieses Sternen-Weltenall eintritt, er nicht den physischen Wesen lebt, die zu den Abglanz der Sterne sieht, sondern mit den betreffenden Sternen gehören.“ Mit neuen Aufgaben tritt der Mensch nun in Beziehung zu höheren Wesenheiten, den Hierarchien, aber auch zu den Wesen anderer Menschen. Rudolf Steiner sagt: „Wir müssen uns klar sein, daß es nicht bloß hier auf der physischen Erde ein Zusammenleben, ein Miteinandersein der Menschen gibt, sondern auch dort in den höheren Welten. Ganz genau ebenso, wie die Arbeit der Menschen hinunterreicht in die physische Welt, so reichen alle die Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch, alle ihre Zusammenhänge, alle ihre Beziehungen zueinander, die gesponnen sind hier

unten, hinauf in das Gebiet der geistigen Welt.“

„In dieser Region werden

aber nur diejenigen Seelen sozusagen geselliger Natur sein können, nicht eine grauenhafte Einsamkeit durchleben müssen, welche fähig sind, wirklich

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schon eine gewisse Stufe der Selbsterkenntnis, der vorurteilsfreien Selbsterkenntnis, zu üben. Nur dadurch, daß man Selbsterkenntnis üben kann, vermag man jene Regionen zu betreten, welche dann über die Saturn-Region, damit also auch über unser Sonnensystem in das kosmische Weltenleben hinausgehen, aus dem die Seelen immerdar das bringen

müssen, was den Erdenfortschritt wirklich bewirkt

uralt-indische Kultur ihren Fortschritt zu der urpersischen Kultur haben können, daß in der Zwischenzeit Seelen über die Saturn-Region hinaus“ gegangen sind; und wiederum wurde der Fortschritt von der urpersischen zur ägyptisch-chaldäischen Kultur dadurch bewirkt, daß die Impulse zum Fortschritt aus den Regionen jenseits der Saturn-Sphäre hereingeholt sind. Was Menschen zum Fortschritt der Erdenkultur beigetragen haben, das ist von den Seelen hereingeholt worden aus den Regionen außerhalb der

Saturn-Region.“ Außerhalb der Saturn-Region verläßt die Menschenwesenheit jene Sphären, in denen die ätherische Welt noch von unmittelbarem Einfluß ist. Rudolf Steiner hat den Verfasser einmal darauf hingewiesen, daß die Saturnsphäre die äußerste Sphäre des ätherischen Kosmos ist, daß die kosmische Welt jenseits derselben nur noch mit astralischen Kräften arbeitet, welche ihre Wirksamkeit dann allerdings beim Eindringen in die Planetenregionen dem Ätherischen einprägen und nun im Verwobensein mit diesen Bildekräften, im Miteinander- und Gegeneinanderwirken, auch die Prozesse der inneren Regionen gestalten (s. „Ätherische Welt“, S. 14 ff.). Durch die Berührung mit der Fixsternwelt wird die menschliche Wesenheit ihrer Zuordnung zu ganz bestimmten kosmischen Konfigurationen gewahr. Rudolf Steiner kennzeichnet die individuelle Zuordnung zu diesen Kräften: (130) „Was sondert unsere Seelen voneinander in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt? So, wie wir mit unserem Ich und unserem astralischen Leibe zwischen Geburt und Tod einem physischen und Ätherleibe angehören, so gehören wir zwischen Tod und neuer Geburt mit unserem Ich und astralischen Leibe einem ganz bestimmten Sternengebilde an, keiner demselben, jeder einem ganz bestimmten Sternengebilde.“ Man könnte dies bildhaft für die Individualitäten A und B gleichsam in folgender Art darstellen:

Nur dadurch hat die

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Reinkarnation des Menschen als Phänomen der Metamorphose „In dieser Zeichnung haben zwei Seelen, mit Ausnahme des

„In dieser Zeichnung haben zwei Seelen, mit Ausnahme des einen Sterns, den sie aus einem anderen Gebiete haben, das Gleiche, aber absolut gleich haben nicht zwei Seelen ihr Sternengebiet. Dadurch sind die Menschen zwischen Tod und neuer Geburt individualisiert, daß jeder sein

„Der Mensch erlebt sein Sternendasein so,

daß er die geistigen Urbilder der Fixsternkonstellationen gewissermaßen von der anderen Seite, von der Peripherie des Kosmos aus schaut. Dieses Schauen ist, wenn sich ihm auch die Sterne offenbaren, doch ein unräumliches. Mit den Kräften, von denen der Mensch jetzt durchdrungen ist, erwächst ihm die Möglichkeit, den Geistkeim des physischen Organismus aus dem Kosmos heraus zu gestalten. Göttliches vollbringt in ihm Göttliches. Ist der Geistkeim gereift, so beginnt der Herunterstieg zu einem erneuten Erdendasein.“ In dieser Region entstehen die Impulse für die besonderen individuellen Schöpfungen bedeutender Erfinder, Künstler, Führer und Gestalter. (131) * „Was der Mensch an wissenschaftlichen Ergebnissen, an künstlerischen Ideen und Gestalten, an Gedanken der Technik während des irdischen Lebens ausbildet, trägt in dieser Region seine Früchte. Aus dieser Region saugen daher Künstler, Gelehrte, große Erfinder während ihres Aufenthaltes in der geistigen Welt ihre Impulse und steigern hier ihr Genie, um bei einer Wiederverkörperung im verstärkten Maße zur Fortentwickelung der menschlichen Kultur beitragen zu können. – Man soll sich nicht vorstellen, daß diese vierte Region des Geistgebiets nur für besonders hervorragende. Menschen eine Bedeutung habe. Sie hat eine solche für alle Menschen. Alles, was den Menschen im physischen Leben über die Sphäre des alltäglichen Lebens, Wünschens und Wollens hinaus beschäftigt, hat seinen Urquell in dieser Region.

besonderes Sternengebiet hat.“

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Ginge der Mensch in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durch sie nicht hindurch, so würde er in einem weiteren Leben keine Interessen haben, welche über den engen Kreis der persönlichen Lebensführung hinaus zum Allgemein-Menschlichen führen.“ – Während das Menschenwesen in den drei vorhergehenden Sphären die Urbilder des physisch Geformten, des Lebendigen und des Seelischen erlebte, tritt hier das Ordnen der Urbilder in größere Zusammenhänge durch die Schöpfermächte in sein Bewußtsein (s. S. 111). Wie wir hier auf Erden die Zeichen unserer Schrift zu Worten gruppieren und aus ihnen den Sinn der Worte enträtseln, so gruppieren sich dort gleichsam die Zeichen der Weltenschrift zu immer neuen Konfigurationen, welche die Seele in ihrem höheren Bewußtsein enträtselt. * „So ist es tatsächlich auch mit dem Verhältnis der Seele zu der gesamten Bilderwelt des Geistgebietes. Das, was man da zu tun hat, ist nicht ein Beschreiben bloß desjenigen, was da ist, sondern es läßt sich vielmehr vergleichen mit einem Lesen, das was man an Bildern vor sich hat, ist im Grunde genommen eine kosmische Schrift, und man hat die richtige Seelen- verfassung dazu, wenn man sich so stellt, daß man fühlt, man habe in den Bildern eine kosmische Schrift vor sich und die Bilder vermitteln, bedeuten einem dasjenige, was die Realität der geistigen Welt ist und vor welche eigentlich diese ganze Bilderwelt hingewoben ist. Daher muß man in echtem wahrem Sinne sprechen von einem Lesen der kosmischen Schrift im Geistgebiete.“ – Es ist ein Lesen der Weltenschrift, das Rudolf Steiner durch das bereits vorher erwähnte Gleichnis der kosmischen Sprache der Himmelskörper darstellt: „Das, was einem der einzelne Planet sagt, gibt einem die ‚Vokale’ der Weltenschrift; und was sich um die Vokale herum gestaltet, wenn die Planeten vorüberziehen an den Tierkreisbildern, das gibt die ‚Konsonanten’.“ – (132) Aus dieser Weltensprache, aus dem Logos, aus den höchsten Zielen und Impulsen des Weltorganismus ist das Wunderwerk der menschlichen Organisation im Laufe der Weltenentwickelung entstanden und erhält dort immer von neuem seine Gestaltungs- und Richtkräfte. Die Struktur des menschlichen Organismus und seine Metamorphosen sind Sinnbild und Abbild dieses Weltorganismus. Wie im Erdenleben unsere Organe selektiv auf bestimmte Kräfte reagieren und deren Wirksamkeit stark oder schwach spiegeln, so ist es auch in der Gesamtheit der Weltenentwickelung.

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* „In demjenigen, was ein Organ wahrnimmt, liegt auch die Kraft verborgen, durch welche dieses Organ selbst gebildet wird.“ Aber im Erdenleben nehmen unsere physischen Organe nur einen geringsten Bruchteil, ein Schattenbild der Welt wahr; in unserem kosmischen Dasein gewahren wir auch jene Teile des Weltalls, die nicht bis in das Sinnlich- Wahrnehmbare hineintreten. * „Man hat sich nicht vorzustellen, daß jemals alles Geistige sich in Stoffliches umwandelt; sondern man hat in dem letzteren immer nur umgewandelte Teile des ursprünglichen Geistigen vor sich. Dabei bleibt das Geistige auch während der stofflichen Entwickelungsperiode das eigentlich leitende und führende Prinzip.“ Wie nun im kosmischen Dasein die Urbilder und Richtkräfte in besonderer Anordnung an der Gliederung unserer Organisation mitwirken, hat Rudolf Steiner an folgendem Beispiel veranschaulicht; „Wir müssen tatsächlich den Geistkeim unseres ganzen physischen Leibes aufbauen. Er wird aus den Einzelheiten des Weltalls aufgebaut. Indem wir z. B. durchleben jene geistigen Wesenheiten, deren physischer Abglanz das Sternbild des Widders ist, arbeiten wir mit den Hierarchien zusammen an unserem kommenden Haupte, das tatsächlich ein Kosmos ist, der sich nur dann zusammenzieht im physischen Leibe; aber in unserem Haupte tragen

wir den ganzen Kosmos, vom Widder aus gesehen, in uns

Während wir

im Sternbilde des Stieres mit den Hierarchien zusammen arbeiten, arbeiten wir an dem Zusammenhang der Kehlkopfpartie mit der Lungenpartie. Indem nun der Mars aus der Planetensphäre hinaufscheint nach der Sphäre des Stieres, drückt sich in der Bewegung des Mars alles das aus, was wir auf der Erde verfehlt oder richtig gemacht haben durch die Sprachwerkzeuge.“ So liegen der Entwickelung unserer Herzorganisation Kräfte zugrunde, welche besonders durch das Zusammenwirken der Sonnenkräfte mit den Fixsternkräften aus dem Sternbild des „Löwen“ herausgestaltet sind usw. Wir werden auf die Zuordnung der menschlichen Organisation zu den Weltenkräften noch in Kapitel VI näher eingehen.

An dieser Weltensprache und Weltenschrift korrigiert das Menschenwesen zwischen Tod und Geburt die Unvollkommenheiten seiner vergangenen Entwickelungen. (133) Aber er verflechtet auch seine individuellen Impulse und Errungenschaften, insoweit sie dem Weltganzen fruchtbar sein können, dem gesamten Wirken des Weltorganismus. In diesem „Reich der Absichten und Ziele“ ist der geistige Wesenskern des Menschen ein Nehmender und Gebender. * „so streift das Selbst von seinen