Sie sind auf Seite 1von 75

Familie – Leben – Lernen

Projektgruppe Familie und Lebenswelten

Dokumentation evangelischer Familienbildungsarbeit im gemeindepädagogischen Dienst und in den Familienbildungsstätten der EKHN

Familienbildungsarbeit im gemeindepädagogischen Dienst und in den Familienbildungsstätten der E K H N

Familie – Leben – Lernen

Projektgruppe Familie und Lebenswelten

Dokumentation evangelischer Familienbildungsarbeit im gemeindepädagogischen Dienst und in den Familienbildungsstätten der EKHN

Impressum

Herausgeber

Projektgruppe Familie und Lebenswelten, Darmstadt 2003

Mit freundlicher Unterstützung von Evangelische Kirche in Hessen und Nassau Evangelische Fachhochschule Darmstadt Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau

Redaktion

Mike Breitbart

Layout

Petra Minn, Mainz

Umschlagfoto

Mike Breitbart

Inhalt

Vorwort l Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Steinacker

5

Zur Entstehungsgeschichte l Erika Görke

7

Einleitung l Mike Breitbart

9

Familie und Bildung: Annäherung an evangelische Familienbildungsarbeit l Nicole Piroth

11

Familienarbeit im gemeindepädagogischen

 

Dienst der EKHN Ergebnisse einer Befragung l Horst Peter Pohl

23

Familien im Blickfeld von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen l Ludwig Metzger

31

Gemeindepädagogische Angbote für Familien aus biographischer Perspektive l Nicole Piroth

49

Einheit in der Vielfalt

Die Evangelischen Familien-

Bildungsstätten im Gebiet der EKHN l Ulla Kleemann

79

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

 

Schwerpunkte der Umsetzung von Bildungsinhalten im Rahmen der evangelischen Familienbildungsstätten l Birgit Geimer

103

TeilnehmerInnen-Zufriedenheit in den Kursen der Evangelischen Familien-Bildungsstätten l Cornelia Zimmermann-Müller 128

Adressen der 8 Familien-Bildungsstätten in der EKHN

135

Arbeit mit Familien in der Kirche –

 

Fazit und Perspektiven l Paula G. Lichtenberger/Ludwig Metzger

137

Mitglieder der Projektgruppe Familie und Lebenswelten

147

3

4

Vorwort

Die Bibel beginnt mit Familiengeschichten. Das erste Buch Mose ist voll mit solchen Geschichten aus dem Privatleben der Erzeltern Israels. Angefangen mit Adam und Eva bis hin zu Josef und seinen Brüdern. Zu Zeiten der Entstehung dieser Geschichten war die Familie und die Sippe die Grundlage der Gemeinschaft und der sozialen Sicherungssysteme. Entsprechende rechtliche Regelungen sind im Alten Testament zu finden. Wer solche Geschichten und Gesetze liest, findet manches, was heutiger Familienwirklichkeit nicht mehr entspricht. Aber auch vieles, was heute noch immer so ist: Liebe zwischen den Familienmitgliedern, Konflikte, die mal sub- tiler, mal mit brutaler Gewalt ausgetragen werden. In biblischen Zeiten war die Familie unbestrittene Grundlage der Gesellschaft. Und heute? Für viele, gerade auch junge Menschen ist die Familie immer noch eine ganz zentrale Institution – das kann man nachlesen, zum Beispiel in der neuen Shell-Jugendstudie. Für 70 Prozent aller Jugendlichen braucht es eine Familie zum Glücklichsein, bei Mädchen und jungen Frauen ist der Wert mit 75 Prozent sogar noch höher. Damit steht die Familie – nach Freundschaft und Partnerschaft – auf Rang drei der Wertskala von Jugendlichen. Die Familie ist in allen Gesellschaften, die wir kennen, verbreitet. In ganz unter- schiedlichen Formen regelt sie das Zusammenleben der Geschlechter und die Erzie- hung der Kinder. Damit ist die Familie eine ganz wesentliche Basis für die Stabilität der Gesellschaft. Theologisch gesprochen ist die Familie von Gott gewollter Lebens- raum, in dem das Aufwachsen der Kinder in ausgezeichneter Weise gelingen kann. In der Familie sollten die Grundlagen dafür gelegt werden, dass Menschen Vertrau- en haben können: in sich, in ihre Mitmenschen, in Gott. Das heißt nicht, dass die Familien damit heile Welt in einer unheilen Schöpfung sind. Vielmehr tragen sie die Signatur der gefallenen Schöpfung. Es gibt auch in der Familie Konflikte, Verletzun- gen, Scheitern. Die biblischen Texte zeigen das ja. Familienleben verändert sich. Kirchen und Politik müssen darüber nachden- ken, wie Ehe und Familie in Zukunft gestaltet werden können, damit sie ihren gesell- schaftlichen und geistlichen Aufgaben nachkommen können. Das ist für Familien nicht leicht. In der politischen Gestaltung dieses Bereiches muss noch viel getan werden, damit Familien funktionsfähig bleiben. Da geht es auch um Geld – und das fehlt vielen Familien, wie alle Armutsberichte der letzen Jahre zeigen: Kinder sind ein entscheidendes Armutsrisiko! Das darf nicht so sein.

5

Wichtig ist es auch – gerade im Blick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicherzustellen. Hier geht es um Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Die Evangelische Kirche unterstützt Familien in verschiedenen Bereichen. Ich habe angeregt, eine Bestandsaufnahme zu machen, die zusammenstellt, was in der EKHN für Familien getan wird. Das vorliegende Buch dokumentiert die Arbeit der Projektgruppe „Familie und Lebenswelt“. In ihm werden die vielfältigen Angebote für Familien im gemeindepädagogischen Dienst und in den Familienbildungsstätten untersucht und vorgestellt. Die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer der Ange- bote, wie die Perspektive der Veranstalter und Veranstalterinnen kommen gleicher- maßen zu Wort. Ich freue mich, dass hiermit ein fundierter Überblick des Handlungsfeldes „Arbeit mit Familien“ im gemeindlichen und überregionalen Kontext vorliegt. Ich denke, das Ergebnis kann sich sehen lassen und wünsche mir, dass dieses Buch von vielen gelesen wird!

Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Steinacker Kirchenpräsident

6

Zur Entstehungsgeschichte

Im Frühsommer 1999 rief der Kirchenpräsident Professor Dr. Dr. h.c. Steinacker eine Bildungsinitiative ins Leben mit dem Ziel, Bildung als grundlegenden Auftrag unserer Kirche wieder stärker ins Aufgabenzentrum zu rücken und unsere kirchliche Arbeit fruchtbar und erkennbar zu machen. Damit wurde ein Impuls zu einer Bildungs- offensive gestartet zur Neuorientierung und deutlichen Akzentsetzung kirchlicher Arbeit. Dies geschah im übrigen lange vor der zur Zeit vieldiskutierten PISA- Studie. Eingeladen waren leitende Mitarbeitende aus den Breichen gesamtkirchlicher Arbeit und aus der Synode, zu deren Programm und Agenda Bildung gehört. Ich selbst war in diesem Kreis als Landespfarrerin der evangelischen Frauenhilfe, die als konstitutiver Arbeitsbereich den neu konstituierten Bildungszentrum unserer Kirche angehört. Die Initiative stieß auf großes Interesse und natürlich waren es viele Gründe, die ein Engagement mit dieser Thematik zum gegenwärtigen Zeitpunkt begrüßens- und wünschenswert machten. Breit diskutiert wurde u.a. der nicht zu übersehende gesellschaftliche Trend, Kir- che im Freizeitbereich und darin als ein Angebot in der Vielzahl konkurrierender kul- tureller Angebote anzusiedeln; also nicht mehr im gesellschaftlichen Wertediskurs. Das hat zur Folge, dass Kirche nicht mehr in die alltägliche Sinngebung von Men- schen hineinreicht und ihre Meinung irrelevant geworden ist in gesellschaftspoliti- schen Auseinandersetzungen. Ein Ziel der Bildungsinitiative müsste demzufolge sein, für die Kirche den Platz als kompetente Partnerin in der Gesellschaft zurückzugewin- nen und als solche wieder wahrgenommen zu werden. Denn Menschen müssen erfahren können, dass das, was sie bewegt und ihre Fragen nach Lebensorientierung bestimmt, seinen Ort in der Kirche hat. Einhelligkeit bestand darüber, dass wir uns als evangelische Kirche dieser Offensive unbedingt stellen müssen – dies der andere und damit auch grundlegende Aspekt-, weil Protestantismus für den engen, ja unverzichtbaren Zusammenhang von Kirche, vielleicht besser: Verkündigung und Bildung steht, der Orientierung an den Schlüsselthemen des Lebens ermöglicht. Evangelischer Überzeugung entspricht es, dass der glaube von jedem Menschen als Individuum zu verantworten ist und auch verstanden werden will; nur so kann er sich im Lebensalltag bewähren und nach den tragenden Lebensinhalten und Kriterien für Entscheidungen fragen. Hat die Verkündigung des Evangeliums zum Ziel, Glauben zu stärken und zu erhalten, so

7

gewinnt Bildung ihre Zielrichtung aus dem Bemühen, Glauben und Erfahrung der Welt konstruktiv miteinander zu verbinden. Es muss kirchlicher Bildung ganz umfassend und zugleich ganz konkret um den Zusammenhang von Gott und Welt gehen und um die gesellschaftliche Gestaltung unseres Lebens. So verstanden trägt Kirche durch Bildung zur Lebensgestaltung bei und kann und will in diesen Prozessen Anwältin der einzelnen Menschen sein, um sie zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Weg zu gehen. Nötig ist dazu die Alphabetisierung, bzw. Elementarisierung des Glaubens auf allen Ebenen, um die Beziehung zu dem einen Gott in Jesus Christus so begreifbar und lebendig zu machen, dass Menschen eigenständige Antworten und Orientierung für ihre Lebensdeutung gewinnen und dadurch von Bevormundungen und Manipulationen frei werden. Diese Erkenntnisse umzusetzen, bedeutete, sie zu erden und herunterzu- brechen auf die Wirklichkeit und den Lebensalltag der Menschen, die von unserer Kirche erreicht werden. Für die Weiterarbeit im Zusammenhang der Bildungsinitiative hieß dies, sich der Schlüsselthemen konkreter Lebensgestaltung anzunehmen, wie sie in familiären und gesellschaftlichen Zusammenhängen erfahren werden. So galt es, Bildung unter diesem Vorzeichen auf die bestehenden kirchlichen Arbeitsfelder herunterzubrechen und notwendige Maßnahmen zur Realisierung einer solchen Bildungsoffensive in konkreten Projekten zu prüfen. Eines der Projekte galt dem Bereich kirchliche Bildung und Familie unter dem Thema Familie und Lebenswelten. Das Ergebnis dieses Beratungsprozesses ist Inhalt der folgenden Dokumentation.

Erika Görke

Landespfarrerin i.R.

8

Mike Breitbart

Einleitung

„Familien-Gericht“ –“ Eine himmlische Familie“ – „Family Date“ –

„Für alle Fälle Amy“ – „Frauentausch“ … – „Familien Duell“ …

Ein Streifzug (oder neudeutsch zappen) durch das Fernsehprogramm macht deut- lich: Familie steht hoch im (Einschalt-) Kurs. Wer den Zuschauenden über die Schultern blickt, erfährt welche Themen sie ansprechen und bewegen: Das Scheitern von Familien und Ehen („Das Familien- gericht“), die alltäglichen (Erziehungs-) Probleme einer Familie („Eine himmlische Familie“), die Vereinbarkeit von Familie und Beruf („Für alle Fälle Amy“), der Wunsch, der eigenen Familie mal zu entfliehen („Frauentausch“), die Frage nach der Partnerwahl („Family Date“), die Konkurrenz von Familien („Familien Duell“). Diese von findigen Produzentinnen und Produzenten ins einschaltträchtige Licht gesetzten Themen, scheinen die „Fernseh-Nation“ anzusprechen und spiegeln damit die Vielfalt an Themen, die Familien bewegen, wider. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich: Familie ist nicht nur der Ort der Gebor- genheit, Sicherheit und der Heimat, sondern auch der Ort der unerfüllten Sehnsüchte und Hoffnungen, der tiefgreifenden Probleme und existenziellen Fragestellungen, der Erfahrung von „Fremdsein“ und Scheitern. Gleichzeitig tritt Familie in ein Spannungs- feld zwischen einerseits alten Traditionen und Konventionen und anderseits der Plura- lität möglicher Familien(Lebens-)entwürfe. Familien und familienähnliche Lebensgemeinschaften sind heute mehr denn je heraus- gefordert, ihr eigenes Bild von einem gelingenden Zusammenleben zu konstruieren. Nicht alles muss dabei neu erfunden und althergebrachtes verworfen werden. Doch ebenso bedür- fen neue und alte Entwürfe von Familie einer kritischen Betrachtung, damit die in ihr und mit ihr lebenden Subjekte zu Wort kommen können und nicht über sie hinweg entschieden wird. Familie scheint bei aller Selbstverständlichkeit nicht selbstverständlich zu sein, sonst wären sicherlich die oben genannten Sendungen im doppelten Sinn folgenlos. Familie scheint vielmehr herausgefordert, Familie leben zu lernen. Gleichzeitig ist Familie auch ein entscheidender Ort der Selbstbildung der Subjekte, also auch ein Ort, an dem für das Leben gelernt wird. Deshalb bedarf Familie und Familienleben einer kritischen Auseinandersetzung mit den vielfältigen Konstruktionsmöglichkeiten von Familie, einer eigenen Positions- findung angesichts der Pluralität der Lebensentwürfe und eines Aushandlungsprozes- ses zwischen den unterschiedlichen Sichtweisen, Ansprüchen und Bedürfnissen.

9

Kirche ist – nicht zuletzt durch ihre Bildungsarbeit – herausgefordert, Familien in diesen vielfältigen Prozessen zu unterstützen und zu begleiten. Dass Familie einen ent- scheidenden Beitrag zur Subjektwerdung des Menschen leistet und von daher sowohl in praktischer als auch theoretischer Hinsicht zum Thema von Kirche und ihrer Bildungs- arbeit werden muss, weiß Kirche spätestens seit F.D.E. Schleichermacher (vgl. vor allem seine zahlreichen Hausstandspredigten). Schon aus diesem Grund bedarf die professionelle Arbeit mit Familien einer per- manenten Erörterung und kritischen Reflexion, wenn sie die Lebenswelt der Adressan- tinnen und Adressaten ernstnehmen will. Dieser Sichtweise fühlen sich auch die Autorinnen und Autoren der vorliegenden Beiträge verpflichtet. In den Aufsätzen kommen unterschiedliche Perspektiven zu Wort und eröffnen somit einen differenzierten Einblick in ein noch wenig untersuchtes Arbeitsfeld im Kontext der Kirche.

Horst Peter Pohl, für den gemeindepädagogischen Dienst, und Ute Kleemann, für die Familienbildungsstätten, geben einen Überblick im Sinne einer Bestandaufnahme über Ziele, Inhalte und Formen von Angeboten für Familien.

Die Beiträge von Ludwig Metzger und Birgit Geimer erschließen das Feld der Arbeit mit Familien aus dem Blickwinkel der professionell Tätigen im gemeindepädagogischen Dienst und in den Familienbildungsstätten.

Die Untersuchungen von Nicole Piroth und Cornelia Zimmermann-Müller legen ihren Schwerpunkt auf die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer der Angebote für Familien.

Den Rahmen für diese unterschiedlichen Blickwinkel auf das Arbeitsfeld „Arbeit mit Familien“ bietet der einführende Aufsatz von Nicole Piroth, in dem sie sich der Frage von Familie und Bildung annähert, sowie der abschließende Beitrag von Paula G. Lichtenberger und Ludwig Metzger, der die Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen unter einer weiterführenden Perspektive zusammenfasst.

10

von Ludwig Metzger herangezogenen Praxisberichte

aus dem gemeindepädagogischen Dienst geben einen Einblick in die vielfältigen

Möglichkeiten der Arbeit mit Familien. Nachzulesen unter:

http://www.forschung.efh-darmstadt.de/projekte/beschreibungen/

familie-leben-lernen.html

Die für die Untersuchung

Nicole Piroth

Familie und Bildung:

Annäherungen an evangelische Familienbildungsarbeit

Das Thema Bildung wird seit einigen Jahren wieder verstärkt als eines der wesentlichen Zukunftsthemen der Gesellschaft diskutiert. Auch die Evangelische Kir- che hat in vielfältiger Weise Anteil am Bildungsgeschehen. Um den spezifischen Bei- trag der Kirche zu den anstehenden Bildungsaufgaben im 21. Jahrhundert zu disku- tieren, bat der Kirchenpräsident der EKHN, Prof. Dr. Peter Steinacker, im Jahre 1999 Fachvertreter und -vertreterinnen kirchlicher Bildungseinrichtungen der Landeskir- che zu einer Bildungsinitiative zusammen. Ziel war zum einen eine Bestandsaufnah- me bereits vorhandener Bildungsbemühungen in der EKHN, zum anderen, über Bestehendes hinaus zu denken und künftig notwendige Aufgaben in den Blick zu nehmen. Aus dieser Bildungsinitiative heraus bildeten sich vier Kleingruppen, die sich mit thematisch unterschiedlichen Schwerpunkten beschäftigten: „Kinder und Jugend“, „Familie und Lebenswelten“, „Schule, Konfirmandenunterricht, Religions- unterricht“ sowie „Arbeitswelt“. Die Arbeitsgruppe „Familie und Lebenswelten“ repräsentiert (gemeinde-) pädagogische und theologische Mitarbeitende unterschiedlicher kirchlicher Hierarchie- ebenen und Arbeitsfelder, verbunden durch das gemeinsame Interesse an heutigen familiären Lebenswelten und darauf bezogener Handlungsfelder der evangelischen Kirche. 1 Das Ziel der Arbeitsgruppe war eine Bestandsaufnahme des Beitrags der pädagogischen Arbeitsfelder der Kirche zur Begleitung und Unterstützung heutiger familiärer Lebenswelten. Ausgangspunkt der vorliegenden Dokumentation evange- lischer Familienbildungsarbeit war dabei eine begriffliche Annäherung an das Thema der Untersuchung: Notwendig schien die Erarbeitung eines gemeinsamen Grund- verständnisses von 1) „Familie und Lebenswelten“ und 2) „Bildung“ sowie von 3) „Evangelischer Familienbildung“. Dieser Diskussionsprozess soll im Folgenden zusammengefasst wiedergegeben werden, er bildete die Grundlage für die weiter- gehende Untersuchung des Arbeitsfeldes.

1. Familie und Lebenswelten

Das Thema unserer Arbeitsgruppe lautet ‚Familie und Lebenswelten’. Bereits diese doppelte Begrifflichkeit gibt einen Hinweis darauf, dass ‚Familie’ nicht isoliert betrachtet werden sollte, sondern eingebettet in umfassendere Lebenswelten. Ausgangspunkt der

1 Vgl. Zusammensetzung der Projektgruppe am Ende des Buches.

11

12

Überlegungen war es, einen möglichst weit gefassten Familienbegriff zu verwenden, der die Vielfalt heutiger Lebensverhältnisse berücksichtigt, andererseits jedoch auch begriff- lich präzise zu unterscheiden hilft. Versucht man sich dem Begriff Familie zu nähern, so hat man es zuallererst mit einer Fülle der unterschiedlichsten Bilder und Vorstellungen zu tun, die jede und jeder einzelne – geprägt durch eigene Erfahrungen und bestimmt durch die gesellschaftli- che Situation in der wir leben – mit sich trägt. Gesellschaftlich weit verbreitet ist dabei immer noch das Bild der ‚Kleinfamilie’ mit verheirateten Eltern und zwei Kindern. Häufig werden aber auch die Begriffe Familie und Verwandtschaft synonym verwendet. Ebenso zeigt der Blick auf sozialwissenschaftliche Definitionsversuche eine Fülle unter- schiedlichster Vorstellungen von Familie: Arbeitet etwa der amtliche ‚Mikrozensus’ bei seinen statistischen Erhebungen mit einem Familienbegriff, der auch verheiratete Paare ohne Kinder umfasst, so sehen wiederum andere Familie an das Vorhandensein von Kin- dern bzw. das Zusammenleben zweier Generationen gebunden. Was unter Familie ver- standen wird und wer zur Familie gezählt wird, ist also bemerkenswert uneinheitlich. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die jeweils prägenden Vorstellungen von Familie dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen. Die heute im öffentlichen Diskurs dominierende Vorstellung der klassischen ‚Kleinfamilie’ ist eine historisch noch relativ junge Erscheinung, die sich zudem heute durch die gesellschaftliche Wirklichkeit teilweise bereits als überholt zeigt. Bis in das 18. Jahrhundert hinein waren Menschen einander nicht ausschließlich durch Verwandtschaft, sondern durch eine gemeinsame Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft im „ganzen Haus“ verbunden. Das ganze Haus mit seiner Kopplung von Familien- und Produktions- haushalt integrierte zum einen kinderlose Verwandte, etwa ledige Brüder, wie auch nicht-verwandte, kinderlose Mitglieder in die Hausgemeinschaft, Knechte und Mägde: „In den um nichtblutsverwandte Personen erweiterten Haushalten fand der allergrößte Teil derjenigen ein Zuhause, die heute die Einpersonenhaushalte stellen:

jüngere Ledige sowie Witwen und Witwer. (…) Sie blieben im elterlichen Hause, wenn dessen Arbeitskräftebedarf nicht gedeckt war, und wechselten als Knechte oder Mägde in fremde Häuser, wenn dort Arbeitskräfte benötigt und diese zu Hause er- übrigt wurden.“ (Borscheid 1994, 30) Die Herausbildung der bürgerlichen Kleinfa- milie mit nicht-erwerbstätiger Mutter ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts blieb lange eine Idealvorstellung, die sich statistisch in der Realität nicht durchsetzte, sondern auf bestimmte, bürgerliche gesellschaftliche Schichten beschränkt blieb:

„Erstmalig setzte sich in den 50er und 60er Jahren [des 20. Jahrhunderts] das bür-

gerliche Familienideal mit nichterwerbstätiger Mutter auch in der Realität stark durch: 1950 waren 76% aller Mütter mit Kindern unter 18 Jahren (…) Vollzeithaus- frauen.“ (Nave-Herz 1998, 202) In den 1960er Jahren waren die Lebensform ‚Kernfamilie’ und ‚gemeinsamer Haushalt’ in Deutschland weitestgehend deckungsgleich. Heute ist hingegen in einer Mehrheit der Fälle die Haushaltsform nicht mehr identisch mit den eigenen fami- liären Beziehungen. Je nach Blickwinkel statistischer Auswertungen und je nach poli- tischem Interesse finden wir daher heute im öffentlichen Diskurs scheinbar wider- sprüchliche Aussagen zur Situation der Familie. Betrachtet man heutige Lebensformen nach dem Haushaltstyp – Menschen die in einem Haushalt gemein- sam leben und wirtschaften – so kann man sagen, dass eine zunehmende Anzahl von Menschen heute ohne den direkten Kontakt zu Heranwachsenden im eigenen Haus- halt lebt. Dies erklärt sich daher, dass die durchschnittliche Haushaltsgröße in den letzten Jahrzehnten stark zurückging, während zugleich die Anzahl der Haushalte anstieg. In Westdeutschland verdreifachte sich zwischen 1957 und 2000 die Zahl der Einpersonenhaushalte (die Zahl der Single-Haushalte mit Menschen zwischen 25 und 45 Jahren nahm seit 1961 sogar um mehr als das Fünffache zu), so dass diese heute den häufigsten Haushaltstyp ausmachen (vgl. Bundesamt 2001, 62 ff.). Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Ehepaare ohne Kinder in West- und Ostdeutschland „an allen Familien von 29% auf 43%“ (ebd. 68). Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man die bundesdeutsche Bevölkerung nach Lebensformtypen untersucht, denn aus der Perspektive des Individuums betrachtet lässt sich sagen, dass die Mehrheit der Bevöl- kerung auch heute noch mit Kindern zusammenlebt: Menschen, die mit Kindern zusammenleben, stellen mit 54% die größte Gruppe dar, 27% leben als Paare ohne Kinder, 17% leben allein und 2% in sonstigen Lebensformen, z.B. Wohngemeinschaf- ten (vgl. insg. Bundesamt 2002). Auch diese größte Gruppe jener Menschen, die mit Kindern zusammenleben, erweist sich bei genauem Hinsehen als eine in sich inhomogene Gruppierung: Zum einen befinden sich hierunter auch unverheiratete Paare mit Kindern, Pflege- und Adoptivfamilien, zum anderen ist von den 9,2 Mio. Eltern-Kind-Gemeinschaften bereits etwa jede sechste allein erziehend. Hinzu kommt, dass statistisch nicht erfasst wird, welche der Paare mit Kindern eine ‚Patchworkfamilie’ darstellen, die sich aus geschiedenen bzw. getrennten Partnern zusammensetzen, die neue Partnerschaften eingegangen sind. Ebenso wenig wird erhoben, wie viele Kinder bei und zwischen meh- reren Familien leben: Teilen sich etwa die Eltern das Sorgerecht, so leben manche Kinder

13

14

regelmäßig für bestimmte Zeiten bei beiden getrennt lebenden Elternteilen, so kann etwa der Vater, der mittlerweile in einem Einpersonenhaushalt lebt, dennoch jedes zweite Wochenende mit den eigenen Kindern verbringen. Kann man heute also zwar durchaus feststellen, dass „die Familie“ stabiler ist als vielfach angenommen, so differenzieren sich andererseits Familien- und Lebensformen zunehmend aus. Der Einzelne gewinnt dadurch neue Freiräume und Wahlmöglichkei- ten für die eigene Lebensform, gleichzeitig bestehen jedoch klassische sozialstrukturel- le Unterschiede fort: Frauen tragen immer noch die Hauptlast der Erziehungs- und Haushaltsarbeit, und das Vorhandensein von Kindern stellt für einen Teil der Familien ein hohes Armutsrisiko dar. Insbesondere Alleinerziehende und deren Kinder sind besonders häufig auf Sozialhilfe angewiesen. 1998 waren 1,1 Mio. Kinder unter 18 Jahren von Sozialhilfe abhängig, sie stellen damit die größte Gruppe an allen Sozialhilfe- beziehern, davon lebten mehr als die Hälfte in einem Haushalt von allein Erziehenden. Und bei der Betrachtung familiärer Lebensformen gerät eine weitere Tatsache oft aus dem Blick: Mittlerweile leben mehr über 65jährige als unter 15jährige in der BRD (vgl. Bundesamt 2001, 45). Neben der ‚erziehenden Familie’ nimmt schon heute die ‚pfle- gende Familie’ einen wichtigen Stellenwert ein: „In 6% der Haushalte in der Bundes- republik Deutschland lebt ein erwachsenes Kind, das sich um die Versorgung der Eltern kümmert.“ (Nave-Herz 1998, 206) Die Doppelgesichtigkeit der Moderne, einerseits in Freiheit die eigene Lebensform wählen zu können, andererseits jedoch weiterhin von gesellschaftlichen Strukturen abhängig zu sein, ist es, die manche Autoren als „riskante Freiheiten“ (Beck und Beck- Gernsheim 1994) bezeichnen. Die Realität so wahrzunehmen wie sie ist, heißt somit, Abschied zu nehmen von einer Vorstellung der Familie als Idyll, Hort der Geborgenheit und Entlastung. Es gilt wahrzunehmen, dass die Lebenssituation vieler Familien geprägt ist von besonderen finanziellen, zeitlichen, psychischen Belastungen. Insbesondere durch die Anforderung an Frauen, Beruf und Kinderbetreuung vereinbaren zu müssen, durch gestiegene soziale und geographische Mobilitätsanforderungen, ausgedünnte Verwandtschaftsnetze im sozialen Nahraum und anderes mehr fehlen heute häufig aus- reichende familien-unterstützende Netzwerke. Frank Nestmann unterscheidet an dieser Stelle begrifflich zwischen „Familie als Netzwerk“ und „Familie im Netzwerk“ (Nestmann 1997, 214). Kennzeichnend für Familie als Netzwerk ist, dass es sich um primäre soziale Netzwerke handelt, die nach wie vor eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielen als Beziehungsge- flecht, soziale Unterstützung und Ressource zur Lebensbewältigung. Die Kontakte

sind häufig, dauerhaft und wechselseitig - es handelt sich um starke Bindungen. Fol- gende Familienkonstellationen können hier unterschieden werden:

1. „Haushaltsfamilie im engeren Sinne“ als gemeinsamer Haushalt zweier oder mehrerer Generationen. Unterscheiden lassen sich erziehende Familien, also Erwachsene, die mit Kindern und Heranwachsenden leben, und pflegende Fami- lien, d.h. Erwachsene, die ihre Eltern im eigenen Haushalt pflegen.

2. „Haushaltsfamilie im weiteren Sinne“ als in einer Haushaltgemeinschaft lebende Familienmitglieder, auch ohne Kinder bzw. ohne Generationsgefälle, z.B. Paare ohne Kinder oder zusammenlebende Geschwister.

3. „Herkunfts- und Verwandtschaftsfamilie“ als haushaltsübergreifender Familienzu- sammenhang und jener familiäre Kontext, der auch im Erwachsenenalter prägt und ein Netzwerk und Unterstützungssystem darstellen kann.

4. „Funktionale Familien“ umfassen weitere „Personen, die familienrelevante Funk- tionen übernehmen“ (Nestmann 1997, 214), also quasi-familiäre Unterstüt- zungssysteme im engeren sozialen Umfeld, die nicht verwandtschaftlich begründet sind, bspw. durch die Funktion einer Tagesmutter.

5. „Wahrgenommene Familie“, „die die subjektiv empfundene Familienzugehörig- keit von Bezugspersonen umfaßt, gleich ob sie im Haushalt leben, Funktionen erfüllen oder verwandt sind“ (ebd. 214), dies kann bspw. ein Pate sein, ein Freund der Familie u.ä.

Mit dem Konzept des sozialen Netzwerkes kann nun in den Blick genommen werden, dass diese verschiedenen Formen von Familie als primäres Netzwerk darüber hinaus selbst wiederum eingebunden sind in ein größeres Netzwerk (vgl. ebd. 214 ff.). Auch die dort verfügbaren Kontakte und Unterstützungssysteme stellen nicht zu unterschätzende Ressourcen zur Lebensbewältigung von Familien und ihrer Mitglie- der dar. Und sind auch diese Bindungen in den Randzonen des eigenen Netzwerkes schwächer ausgeprägt als familiäre Bindungen, so haben auch solch schwache Bin- dungen ihre eigenen Stärken: „Sie sind oft Brücken über das eigene Netzwerk hinaus. Sie vermitteln und vervielfältigen Informationen und Kontakte nach außen und innen und öffnen somit die geschlossenen Perspektiven enger Netzwerke und starker Bin- dungen. Sie werden oft zum letzten Halt beim Scheitern und Zerfallen starker Bin- dungen. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Einbindung umgrenzter familialer Netze in übergreifendere offenere Gesamtnetzwerke von Personen ist. Gerade in Phasen von Veränderungen im Lebenszyklus, von Neuorientierung und

15

Aneignung neuer Rollen tendieren enge Netzwerke – insbesondere familiale – zur Konservierung von Bestehendem und zur Tradierung bisheriger Lebensweisen und Verhältnisse, während schwache Bindungen den Blick und den Zugriff auf Optionen ,jenseits des Tellerrandes’ fördern.“ (ebd. 220 f.) An dieser Stelle war unsere Arbeitsgruppe daran interessiert, welchen Beitrag die pädagogische Arbeit der Kirche in ihren Einrichtungen und Gemeinden zu leisten vermag zur Unterstützung primärer familiärer Netzwerke wie auch zur Gestaltung übergreifender, offener familiärer Lebenswelten im kirchlichen Umfeld. Die Evangeli- sche Kirche in Deutschland formuliert hierzu: „Das öffentliche Bewußtsein von Fami- lie ist von der Zwei-Generationen-Familie geprägt. Auch wenn die Mehr-Generatio- nen-Familie als Haushaltsgemeinschaft (…) zur Ausnahme geworden ist, so bedeutet doch auch heute noch Familie weit mehr, als es durch das Bild der Klein-Familie zum Ausdruck kommt. Kindschaft begründet ein Geflecht verwandtschaftlicher und sozialer Beziehungen, die ohne Kinder nicht denkbar wären. Kinder vermitteln über die direkten Elternbeziehungen hinaus Anlaß und Chancen zu vielfältiger Kommunikation.“ (Evangelische Kirche in Deutschland 1998)

2. Bildung

Der gesellschaftliche Wandel und die prinzipielle Offenheit persönlicher Lebens- entwürfe stellen heute neue Lernanforderungen. Dabei steht bei der heute oft zitierten Anforderung ‚lebenslangen Lernens’ häufig allein Wissenserwerb, Weiterbildung und Umlernen im Vordergrund, mithin ein ‚Qualifikationslernen’, um sich veränderten beruflichen Anforderungen anzupassen. Daneben wird häufig weniger beachtet, dass auch die Gestaltung der eigenen Biographie, die Wahl der eigenen Lebensverhältnisse zu einer lebenslangen Lern- und Bildungsaufgabe geworden ist und von der Fähigkeit des Einzelnen abhängt, die Folgen seiner biographischen Handlungen in vollem Umfange selbst zu verantworten und zu verarbeiten: „Die Widersprüche, das Aufeinanderprallen von sich ausschließenden Handlungsmaximen in den Individuen und in den eigenen Lebensentwürfen – z.B. für sich selbst und für die Kinder leben zu wollen, Beruf und Familie, Autonomie und Intimität haben zu wollen, Nähe und Distanz, Freiheit und Geborgenheit zu beanspruchen, erfolgs- und verständigungsorientiert handeln zu müssen –, derartige Paradoxien können zu Gefährdungspotentialen und Risikolagen im Innenleben der Menschen werden und dabei soziale und psychische Instabilität hervorrufen. Sie erfordern aber zugleich die Neuanpassung und Neuentwicklung psycho- sozialer Bewältigungsmuster.“ (Rauschenbach 1994, 93)

16

Die heutigen „riskanten Chancen“ (Keupp 1988) benötigen eine psychosoziale Ausstattung, die es ermöglicht, die „beiden Pole Individualität und neue solidarische Lebensformen“ (ebd. 96) in eine lebbare Verbindung zu bringen. Die Fähigkeit, sich neu zu orientieren, wenn ein Kind oder ein pflegebedürftiger Angehöriger die bisherige Familienkonstellation verändert, die Fähigkeit, die dafür notwendige „biographische Arbeit“ (vgl. Kraul und Marotzki 2002) zu erbringen, und die Fähigkeit, stützende Netz- werke auch außerhalb des engen familiären Kreises zur familiären Lebensbewältigung zu schaffen und zu erhalten – dies alles wird auch zu einer Frage der Bildung und der dafür bereitgestellten Ressourcen. Der Erwerb der dafür erforderlichen Schlüsselqualifi- kationen ist nur in einem lebenslangen Lernprozess möglich, wie er nicht alleine von den traditionellen Bildungseinrichtungen hervorgebracht werden kann. Bei biographi- schem Lernen geht es weder um „ein organisiertes oder geplantes Lernen, noch geht es um den Erwerb von spezifischen Qualifikationen.“ (Ecarius 1998, 143) Der UNESCO- Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert fordert daher, von einer rein nutzenorien- tierten Bildung Abschied zu nehmen und allen „vier Säulen der Bildung“ Aufmerksam- keit zuzuwenden: neben dem „Lernen, Wissen zu erwerben“ gleichermaßen dem „Lernen, zu handeln“, dem „Lernen, zusammenzuleben“ und dem „Lernen für das Leben“ selbst (vgl. Unesco-Kommission 1997, 73 ff.). Es wird heute zu einer lebens- begleitenden Bildungsaufgabe für den einzelnen, mit den vielfältigen Möglichkeiten und Begrenzungen des eigenen Lebens umgehen zu können, Widersprüche aushalten zu können, auch ohne feste Vorgaben sein Leben immer wieder selbst im Austausch mit anderen (neu) gestalten zu können. Theodor Schulze identifiziert im Unterschied zu „curricularem Lernen“ Merkmale solcher lebensgeschichtlicher Lernprozesse (vgl. Schulze 1993 [Erstveröffentlichung 1984], 202 ff.). Unter anderem verweist er darauf, dass lebensgeschichtliches Lernen sich auch außerhalb geplanter Lernprozesse aus den alltäglichen Gelegenheiten heraus ent- wickelt, es sich eher um ein diskontinuierliches Lernen bei Gelegenheit, ein Lernen in Lebenswelten, in den eigenen Umweltbezügen handelt, häufig ist es selbstorganisiertes Lernen. Ist curriculares Lernen eher am Erfolg orientiert, so beachtet lebensgeschicht- liches Lernen die auch im Misserfolg liegenden bedeutende Lernanlässe sowie Notwen- digkeiten und Chancen, sich neu zu orientieren. Obgleich sich dabei curriculares und lebensgeschichtliches Lernen nie vollständig voneinander trennen lassen, folgen sie doch jeweils einer besonderen Logik, und in beiden Formen des Lernens sind unter- schiedliche Dynamiken und Interessen wirksam. Bei curricularem Lernen geht es um den Erwerb bestimmter Qualifikationen in vorausgeplanten und organisierten Lern-

17

18

prozessen, die dabei erworbenen Qualifikationen und Abschlüsse sind Voraussetzung zur Erfüllung gesellschaftlich definierter Aufgaben (vgl. ebd. 200). Hingegen zielen lebensgeschichtliche Lernprozesse „auf die Herstellung von Identität, beschaffen Sinn, erzeugen eine individuelle Lebensperspektive“ (ebd. 201) und werden somit zu einer biographischen Ressource individueller Lebensbewältigung. Bildung meint nach unserem Verständnis mehr als Aus- und Weiterbildung, viel- mehr gerade auch das, was nicht verlorengehen darf, wenn Menschsein seinen huma- nen Charakter bewahren soll: Die aller Planung und Machbarkeit entzogene Selbstbe- stimmung als Person. In der neueren Pädagogik wird Bildung daher zunehmend als Auseinandersetzung mit dem Anderen und Fremden verstanden, dem Aushalten-Können von Widersprüchen, Spannungen und Antinomien und die Aufrechterhaltung der individu- ellen und gemeinschaftlichen Handlungsfähigkeit. Unsere Arbeitsgruppe schließt sich dabei den Ausführungen des hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten zum prote- stantischen Bildungsverständnis an: „Es gehört zum Erbe der Reformation, daß Chri- stentum – zumal in evangelischer Gestalt – ohne Bildung nicht denkbar ist. (…) Der reformatorisch-theologische Bildungsgedanke greift von seinem Ansatz her deutlich über den kirchlchen [sic!] Raum hinaus: Er zielt auf die verantwortliche Gestaltung des Gemeinwesens. In diesem Sinn fordert K.-E. Nipkow, der Nestor der Religions- pädagogik in Deutschland, ein Neuverständnis von Bildung als ‚Lebensbegleitung und Erneuerung’ für die evangelische Kirche. Diese Bildungsinitiative unterscheidet sich von den vielen Aufgaben und Forderungen (…) dadurch, daß sie sich nicht an der Förderung von exklusiv leistungsbezogenen Qualifikationen orientiert. (…) Es geht um Orientierung des Lebens, d.h. wissen, warum und wozu man lebt, arbeitet, liebt und sterben muß. Es geht um die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu reden, zu arbeiten, zu leben. Es geht um gemeinsame Regeln des Handelns, also um Verant- wortung vor Gott und den Menschen, Verantwortung für sich, für sie und die Welt. Bil- dung in diesem Sinn der Lebensbegleitung befähigt uns, die Botschaft von Gottes Gnade in Jesus Christus auszurichten, die uns hält und trägt, an den Nächsten weist und uns für die schwachen und gedemütigten Menschen und die nichtmenschliche Natur dasein läßt.“ (Steinacker 1999, 23) Bildung in diesem Sinne ist ein ganzheitliches Geschehen, und „sich bilden“ heißt, sich ein Bild machen von sich und der Welt. Dabei steht die Religionspädagogik, wie es Rudolf Englert formuliert, unter dem „Vor-Urteil, daß der überlieferte Glaube auch heute Lebens-Mittel sein kann“ (Englert 1995, 167). Durch religiöse Bildung kön- nen Menschen den Bezug zu Gott in ihrem Leben herstellen. Wenn für Menschen

Gott zum letzten Bezugspunkt der Biographie wird, kann dies helfen, sich von moder- nen Selbstdeutungen zu distanzieren, die Bruchstücke der eigenen Lebensgeschichte symbolisch sinnhaft zu integrieren. In der Zuhilfenahme christlicher Sprach- und Deutungsangebote liegt dabei eine Möglichkeit der Erweiterung individueller Deu- tungskompetenzen, und kann helfen, Menschen aus der Unmittelbarkeit und Abhängigkeit des Lebenslaufs zu befreien und neue Perspektiven zu eröffnen. Auch eine heute zunehmend individualisierte Religion bedarf gewisser Orientierungs- angebote sowie institutionalisierter Voraussetzungen und Rückbindungen. Die evan- gelische Kirche, ihre Einrichtungen und Gemeinden können in der heutigen Zeit, so Roland Degen, „Denk- und Tankstellen“ sein, die dem Individuum Rast, Anregung, Erneuerung und Kommunikation ermöglichen. Doch Gemeinde als Ort von Kommunikations- und Lernprozessen ist für ihn nie inhaltsleer möglich: „Gemeinde- räume sind nicht lediglich hohle Raumkonserven für alles und jedes, wobei die Inhalte beliebig werden und verschwimmen. Gerade diese Leere als angebliche Neutralität hilft dem nach Orientierung und Vergewisserung Ausschau haltenden Individuum wenig. Die Frage ist jedoch, ob ihm die Freiheit eingeräumt wird, diesen Inhalten in Freiheit, im Für und Wider zu begegnen ohne befürchten zu müssen, dass ihm hier ‚nach der Seele gegriffen wird’.“ (Degen 2000, 186)

3. Evangelische Familienbildung

Die anstehenden Fragen sind aus unserer Sicht: Was kann Kirche in verschiedenen Lebenssituationen anbieten, wo kann sie ermutigen und stärken, Räume bereit- stellen, Hilfen zur Frage religiöser Sozialisation geben, Kontakte herstellen, Eigen- initiative unterstützen? Wie kann Kirche zum Entstehen und Stützen (neuer) sekun- därer familiärer Netzwerke beitragen? Wie kann angesichts der heutigen erhöhten (sozialen und geographischen) Mobilitätsanforderungen „Evangelisch-Sein“ eine Heimat bieten, wie kann die Zugehörigkeit zur Kirche – und nicht nur zu einer Parochialgemeinde – und zum evangelischen Glauben Verwurzelung bieten? Evangelische Familienbildungsarbeit will Menschen dabei unterstützen, ihr Leben eigenständig und selbstbewusst in dieser Gesellschaft zu gestalten und sich hierbei der kirchlichen Ressourcen zu bedienen. Hierzu gilt es zuallererst verstärkt wahr- zunehmen, wie sich heutige Lebenslagen und Biographien gestalten, und die darin liegenden (religiösen) Grundfragen des Lebens aufzugreifen. Die zweite Aufgabe besteht in der Gestaltung und Begleitung von Lern- und Bildungsprozessen im kirch- lichen Umfeld. Dabei ist evangelische Familienbildungsarbeit nicht voraussetzungsfrei,

19

20

sondern der Überzeugung, dass die christliche Überlieferung befreiende und stützende, also lebensdienliche Elemente bereithält. Evangelische Familienbildungsarbeit verfolgt dabei ein dreifaches Ziel: Persön- lichkeitsbildung, Gemeinschaftsbildung sowie religiöse Bildung. Zu unterscheiden gilt es dabei unterschiedliche Formen von Familienbildungsarbeit: Familienbildungsarbeit im engeren Sinne liegt vor, wenn eines oder beide der folgenden Merkmale gegeben ist: 1) Wenn Menschen aus mindestens zwei Generationen innerhalb einer Familie zu einer Maßnahme oder einer Veranstaltung zusammengebracht oder zu einer Gruppe zusammengeführt werden. 2) Wenn das Thema ‚Familie’ im Mittelpunkt einer Maßnahme, einer Veranstaltung oder einer Gruppe steht. Familienbildungs- arbeit in einem erweiterten Sinne bezieht sich 3) auf die Ermöglichung, Stärkung, Unterstützung und Begleitung familienstützender Netzwerke sowie auf 4) indirekt familienentlastende Maßnahmen und Angebote, dies bedeutet unter anderem auch sozialpolitisches Handeln, beispielsweise als Bereitstellen von und Eintreten für aus- reichende Kinderbetreuungsmaßnahmen. Familienbildungsarbeit will dazu beitragen, dass Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu selbstbestimmtem Handeln befähigt werden. Familienbildungs- arbeit schafft dafür Räume der Begegnung und Gemeinschaft mit dem Ziel der verant- wortlichen Gestaltung des eigenen und gemeinschaftlichen Lebens. Sie orientiert sich am Alltag und den Lebenswelten der Menschen. Sie ist interessiert an der Förderung selbst- organisierter und ehrenamtlicher Familienbildungsarbeit und der Schaffung und Erhal- tung familienstützender, solidarischer Netzwerke auch im kirchlichen Umfeld. Im Einzel- nen kann dies bedeuten: Menschen anzunehmen wie sie sind, mit ihren Stärken und Freuden, mit ihren Schwächen und Sorgen; Mut zu machen, im Vertrauen auf Gott das Leben in die eigenen Hände zu nehmen und zu gestalten; Grenzen zu akzeptieren und dennoch die Sehnsucht nach dem heilen, erfüllten Leben lebendig zu halten; Erfahrungs- räume zu öffnen, in denen Lebenssinn entdeckt und vertieft werden kann; dazu beizutra- gen, feste Vorstellungen und Gewohnheiten zu überwinden und mit immer neuen Schrit- ten den Alltag zu meistern, wo nötig, dafür auch zu Experiment und Widerständigkeit zu ermutigen; in Lebensumbrüchen zu begleiten; angelegte Entwicklungschancen zu nutzen und in Auseinandersetzung mit anderen zu entwickeln; Interesse an christlicher Orientie- rung zu wecken, die Gegenwart Gottes im Alltag der Menschen wahrzunehmen und ihr Raum zu geben; realistische Einstellungen dem Leben gegenüber zu fördern, lebensprak- tische Kompetenzen zu vermitteln, Begegnungsräume und Gemeinschaft zu erleben und sich am Leben zu freuen; die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung von Männern und Frauen

aufzulösen und partnerschaftlicher zu gestalten; das gesellschaftliche Eintreten für den Abbau familiengefährdender und -belastender Rahmenbedingungen. Die vorangehend beschriebenen Aufgaben bedürfen entsprechender personeller, organisatorischer und finanzieller Ressourcen. Evangelische Familienbildungsarbeit wird in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bereits von verschiedenen Ein- richtungen auf gemeindlicher und übergemeindlicher Ebene, wird ehrenamtlich oder selbstorganisiert geleistet, haupt- und nebenberuflich. Anteil an der Familienbildungs- arbeit haben unterschiedliche kirchliche Berufsgruppen. Dabei gilt es zu unterschei- den, dass evangelische Familienbildungsarbeit in erster Linie Präventivangebot ist und sich dadurch von eher diakonisch orientierten Angeboten der Familienhilfe, wie z.B. die Erziehungs- und Lebensberatung, unterscheidet. Im gemeindlichen Bereich bietet die pfarramtliche Kasualpraxis häufig den ersten Anknüpfungspunkt für Eltern, indem bei Taufgesprächen, in Taufelternseminaren und der Taufe selbst viele Menschen erstmals seit langem wieder in Kontakt mit der Kirche treten und ihre neue Lebenssituation als Familie und die Bedeutung, die der christliche Glaube darin besitzen könnte reflektie- ren. Einen weiteren zentralen Anknüpfungspunkt für die Arbeit mit Familien stellen die rund 600 evangelischen Kindertagesstätten in der EKHN dar, dieses breite Engage- ment der Kirche im Bereich der Vorschulerziehung stellt einen wesentlichen familien- entlastenden Faktor dar. Allerdings liegt der Hauptauftrag dieser Einrichtungen zualler- erst bei der Vorschulerziehung der Kinder und erst in zweiter Linie kommt die Familie als ganzes im Blick, durch begleitende Elternarbeit u.ä.m. Über diese in der Regel zeitlich bzw. auf eine bestimmte Lebensspanne begrenzten Kontakte in Form pfarramtlicher Kasualpraxis und kirchlichen Kindertagesstätten hinaus wenden sich weitere kirchliche Mitarbeitende der Zielgruppe Familie zu: Es sind dies die pädagogischen Mitarbeiterinnen der evangelischen Familienbildungsstätten und die gemeindepädagogischen Mitarbeitenden in Kirchengemeinden und Dekanaten. Ziel dieser Arbeitsgruppe war es, in diesen beiden pädagogischen Arbeitsfeldern der EKHN bereits vorhandene, gelingende Modelle kirchlicher Familienbildungsarbeit zu doku- mentieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In den Beiträgen dieses Buches werden die unterschiedlichen Chancen und Begrenzungen der gemeind- lichen und übergemeindlichen Angebote ebenso sichtbar, wie auch das gemeinsame evangelische Profil dieser Arbeitsfelder. Wir wünschen uns, dass die in diesem Band dokumentierten Informationen, Erfahrungen und Praxisberichte etwas von der Vielfalt bereits vorhandener kirchlicher Arbeit mit Familien sichtbar werden lassen und dadurch anderen Anregungen bieten können für künftige kirchliche Planungsprozesse.

21

Verwendete Literatur:

Beck, Ulrich und Elisabeth Beck-Gernsheim (Hrsg.). 1994. Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Borscheid, Peter. 1994. „Von Jungfern, Hagestolzen und Singles. Die historische Entwicklung des Alleinlebens.“ S. 23-53 in: Lebensform Einpersonenhaushalt: Herausfor- derung an Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, hrsg. von Sylvia Gräbe. Frankfurt am Main: Campus. Bundesamt, Statistisches (Hrsg.). 2001. Leben und Arbeiten in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2000. Wiesbaden: http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2001/leben_arbeiten.pdf (Stand 23.8.2002). – (Hrsg.). 2002. Leben und Arbeiten in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2001. Wiesbaden:

http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2002/mikrozensus_2002.pdf (Stand 23.8.2002). Degen, Roland. 2000. „Gemeindepädagogische Perspektiven für eine Kirche der Zukunft.“ S. 175-202 in:

Gemeindepädagogik im Wandel – Erfahrungen und Perspektiven, hrsg. von Ludwig Metzger und Nicole Piroth. Darmstadt: Evangelische Fachhochschule Darmstadt bei Libri Books on Demand. Ecarius, Jutta. 1998. „Biographie, Lernen und Gesellschaft. Erziehungswissenschaftliche Überlegungen zu biographischem Lernen in sozialen Kontexten.“ S. 129-151 in: Biographieforschung und Kulturanalyse:

Transdisziplinäre Zugänge qualitativer Forschung, hrsg. von Ralf Bohnsack und Winfried Marotzki. Opladen: Leske+Budrich. Englert, Rudolf. 1995. „Wissenschaftstheorie der Religionspädagogik.“ S. 147-174 in: Bilanz der Religions- pädagogik, hrsg. von Hans-Georg Ziebertz und Werner Simon. Düsseldorf: Patmos. Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.). 1998. Gottes Gabe und persönliche Verantwortung. Zur ethischen Orientierung für das Zusammenleben in Ehe und Familie (EKD-Denkschrift 142):

http://www.ekd.de/EKD-Texte/2013.html (Stand 16.8.2002). Keupp, Heiner. 1988. Riskante Chancen: das Subjekt zwischen Psychokultur und Selbstorganisation. Heidelberg: Asanger. Kraul, Margret und Winfried Marotzki (Hrsg.). 2002. Biographische Arbeit: Perspektiven erziehungswissen- schaftlicher Biographieforschung. Opladen: Leske+Budrich. Nave-Herz, Rosemarie. 1998. „Familie und Verwandtschaft.“ S. 201-210 in: Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, hrsg. von Bernhard Schäfers und Wolfgang Zapf. Opladen: Leske+Budrich. Nestmann, Frank. 1997. „Familie als soziales Netzwerk und Familie im sozialen Netzwerk.“ S. 213-234 in:

Familien. Eine interdisziplinäre Einführung, hrsg. von Lothar Böhnisch und Karl Lenz. Weinheim und München: Juventa. Rauschenbach, Thomas. 1994. „Inszenierte Solidarität: Soziale Arbeit in der Risikogesellschaft.“ S. 89-111 in:

Riskante Freiheiten, hrsg. von Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim. Frankfurt am Main: Suhr- kamp. Schulze, Theodor. 1993 [Erstveröffentlichung 1984]. „Lebenslauf und Lebensgeschichte. Zwei unterschied- liche Sichtweisen und Gestaltungsprinzipien biographischer Prozesse.“ S. 174-226 in: Aus Geschichten lernen. Zur Einübung pädagogischen Verstehens, hrsg. von Dieter Baacke und Theodor Schulze. Wein- heim u.a.: Juventa. Steinacker, Peter. 1999. Die EKHN an der Schwelle des neuen Jahrhunderts. Bilanz und Vision. Bericht zur Lage in Kirche und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Drucksache 8/99 der Neunten Kirchen- synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Unesco-Kommission, Deutsche (Hrsg.). 1997. Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum. UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert. Neuwied: Luchterhand.

22

Horst Peter Pohl

Familienarbeit im gemeindepädagogischen Dienst der EKHN

Ergebnisse einer Befragung

Um Daten über Art und Umfang der Arbeit mir Familien im gemeindepädago- gischen Dienst der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zu erhalten, wurden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im gemeindepädagogischen Dienst mit einem Fragebogen befragt. Ziel der Befragung war es, Aufschluss darüber zu bekommen, ob, in welchem Umfang, mit welcher Zielsetzung und welchen Schwerpunkten Familienarbeit im gemeindepädagogischen Dienst geleistet wird. Eine qualitative Erhebung mittels Interviews und Praxisberichten sollte die so gewonnenen Daten ergänzen und interpretieren und Einblick in die Gestaltung dieser Arbeit geben. Im folgenden werden die Ergebnisse der quantitativen Befragung dargestellt und erörtert. Den dargestellten Ergebnissen werden Belege, Beispiele oder Zitate aus Praxisberichten hinzugefügt.

Von 392 Befragten haben 120 geantwortet (30,6%)

1. Welche Berufsgruppen arbeiten im gemeindepädagogischen Dienst ?

Im „gemeindepädagogischen Dienst“ der EKHN arbeiten neben Gemeinde- pädagogInnen im engeren Sinne, also AbsolventInnen eines Studiengangs „Gemeinde- pädagogik“ an einer Fachhochschule MitarbeiterInnen mit unterschiedlichen Berufs- qualifikationen. Tatsächlich haben nur etwa die Hälfte der Befragten einen Abschluss als Dipl.-Reli- gionspädagogIn (offizieller akademischer Grad der „GemeindepädagogInnen“). Einige davon (insgesamt 5%) haben zusätzlich einen weiteren Hochschulabschluss (Dipl.- Päd., Dipl.-Soz.Arb., Dipl.-Soz.Päd) bzw. einen Abschluss als DiakonIn. Neben GemeindepädagogInnen sind im gemeindepädagogischen Dienst vor allem Dipl.-PädagogInnen (10%) und Dipl.-SozialarbeiterInnen (9,2%) vertreten, daneben Dipl.-SozialpädagogInnen (5,8%), DiakonInnen (3,3%) sowie jeweils einmal Dipl.-Soziologe, CVJM-Sekretär, 1. Staatsexamen und M.A. vertreten. Bei den weiteren Antworten sind keine signifikanten Unterschiede zwischen Dipl.- ReligionspädagogInnen und anderen Berufsgruppen sichtbar geworden.

23

2.

Stellenumfang und Verweildauer im Dienst

Weitere Nennungen:

Nicht einmal die Hälfte der MitarbeiterInnen im gemeindepädagogischen Dienst ist vollzeitbeschäftigt. Ob diese Reduzierung freiwillig oder auf Grund der Stellensituati- on geschehen ist, wurde von uns nicht erhoben. Den knapp die Hälfte (45,7%) Vollzeitbeschäftigten und 17,3% mit mehr als 50% Beschäftigten stehen 30,5% Beschäftigte mit einem Stellenumfang von 50 % und 6,8% Beschäftigte mit einem Stellenumfang von bis zu 33% gegenüber. Der durchschnittliche Stellenumfang beträgt ca. 75%, mehr als die Hälfte der Befragten ist nicht vollzeitbe- schäftigt. Die Verweildauer in einer Stelle ist hoch: Durchschnittlich waren die Befragten 9,5 Jahre, 10% über 18 Jahre (bis hin zu 35 Jahren!) in der jetzigen Stelle beschäftigt, allerdings 30% auch 5 Jahre und weniger.

3. Zusatzqualifikationen

Neben MitarbeiterInnen mit doppelter Hochschulqualifikation (8x) haben erstaun- lich viele MitarbeiterInnen Weiterbildungen absolviert: 45% der Befragten haben eine, 15,8% sogar mehrere Zusatzqualifikationen erworben (bis zu 4). Dabei wurden Zusatzausbildungen vor allem im Bereich von Seelsorge, Beratung und

Therapie absolviert. Ein Drittel der Befragten hat hier Zusatzausbildungen abgeschlossen:

13

x Klinische Seelsorgeausbildung

12

x Gestaltberatung

6

x Familienberatung/-therapie

2

x Sozialtherapie

3

x Supervision

4 x (je 1x) Individualpsychologie, TZI, Telefonseelsorge, Klientenzentrierte Gesprächsführung

KommunikationswirtIn (3x), Bibliodrama (2x), PrädikantIn (2x) und je einmal:

BiologIn, ChorleiterIn, Dipl.-BetriebswirtIn, KunstpädagogIn, Krankenschwester, Ver- fahrenspflegerIn, Koch, PrädikantIn, Bankkaufmann, GesundheitsberaterIn, Ökumene- BeraterIn, Umwelt-BeraterIn, Schreiner, Personalentwicklung, MedienberaterIn, Männerarbeit

4. Geleistete Familienarbeit

Geht man von einer Repräsentativität der Befragung aus, gehört Familienarbeit heute bereits zu den Selbstverständlichkeiten des gemeindepädagogischen Dienstes. Fast 2/3 der Befragten (64,2%) gibt an, Familienarbeit zu leisten. Im Durchschnitt werden dafür nach eigener Schätzung ca. 14% der Arbeitszeit aufgewandt, der Anteil in den letzten 5 Jahren hat nach weit überwiegender Meinung zugenommen. Interessant ist, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Dauer der Tätigkeit in der jeweiligen Stelle und der Arbeit mit Familien gibt. So arbeiten mit Familien MitarbeiterInnen mit einer Dienstzeit (in der jeweiligen Stelle)

Tätigkeitsdauer in der jetzigen Stelle

Anteil der Familienarbeit an der Arbeitszeit

bis zu 5 Jahre

63

%

5 - 10 Jahre

72

%

10

- 15 Jahre

75

%

20

- 35 Jahre

86 %

Im pädagogischen Bereich haben 15% Zusatzqualifikationen 11x Fakultas Religion bzw. KatechetIn

Gründe für diesen Zusammenhang könnten zum einen in der Suche nach neuen

3

x ErzieherIn

Betätigungsfeldern nach einer gewissen Zeit der Berufstätigkeit liegen, zum anderen auch darin, dass möglicherweise ein gewisser Bekanntheitsgrad im Arbeitsfeld den Ein-

3

x Erwachsenenbildung

stieg in die Arbeit mit Familien erleichtert oder gar bedingt.

1

x Staatsexamen

Ein geringerer Zusammenhang besteht zwischen dem Stellenumfang und der Tätigkeit in der Familienarbeit: Von den bis zu 50% Beschäftigten betreiben 61,5%, von den mehr als 50% Beschäftigten 68,7%. Berücksichtigt man, dass erfahrungsgemäß bei geringerem Beschäftigungsumgang etwas genauer auf die Tätigkeit im Kernbereich des

24

25

im Dienstauftrag Beschriebenen (in der Regel Kinder- und Jugendarbeit) geachtet wird, erstaunt eher der auch bei Teilbeschäftigten hohe Anteil.

5. Ziele der Familienarbeit

Hier hatten die Befragten die Möglichkeit, 3 Ziele ihrer Arbeit frei zu benennen. Die genannten Ziele konnten wir 3 Hauptkategorien zuordnen: „familienbezogene Ziele“, „gemeindebezogene Ziele“ und „glaubensbezogene Ziele (einschließlich Gottesdienst)“. Eindeutig im Zentrum des Interesses steht bei den Zielen die Familie. Nur gut ein Viertel der Befragten sieht ein Ziel im Zusammenhang mit der Gemeindearbeit insge- samt, weniger als 10% sehen ein Ziel im Zusammenhang mit Glaubensfragen oder reli- giöser Erziehung. Noch deutlicher wird das Ergebnis, wenn man zusätzlich ansieht, mit welcher Gewichtung Ziele genannt oder nicht genannt werden. So werden in 42% der Rückmel- dungen ausschließlich familienbezogene Ziele genannt, hingegen nur in 9,2% der Rück- meldungen ausschließlich gemeindebezogene Ziele, glaubensbezogene Ziele werden in keinem Fall ausschließlich genannt. Auf der anderen Seite nannten 68% keine glaubens- bezogenen Ziele, 52,4% keine gemeindebezogenen und nur 17% der Befragten keine familienbezogenen Ziele.

5.1. Beispiele für familienbezogene Ziele

Bei den „familienbezogenen Zielen“ lassen sich nochmals 4 Kategorien unter- scheiden, sie orientieren sich entweder am „gemeinsamen Erleben“, an „Begegnung mit anderen Familien“, am „Ermöglichen von Lernprozessen“ oder wollen „Familien Unterstützung“ bieten.

Beispiele hierfür:

Orientiert am Erleben:

Aktivitäten innerhalb der Generationen, Aufhebung der Isolation, Begegnung, Begeg- nungs- und Kontaktmöglichkeiten, besonders Vätern Zeit für ihre Kinder einzuräumen, Eltern nehmen ihre Kinder anders wahr und umgekehrt, etwas miteinander machen, Freude und Spaß, gemeinsames lustvolles Tun, Gemeinschaft, generationenüber- greifendes Spaßmiteinanderhaben, Orte gemeinsamen Erlebens, positives Freizeit- erleben, Zeit und Spaß füreinander haben

26

Orientiert an Unterstützung bieten:

Begleitung, Beraten und Begleiten, Diakonischer Auftrag, Dienstleistungsangebote für Erziehende, Entlastung, Handlungsmöglichkeiten erweitern, Hilfestellung zum ermutigenden Umgang in der Familie, Menschen bei der Organisation ihres Alltags unterstützen, Ressourcenorientierte Unterstützung, Unterstützung in Problem- fällen, Angehörige bei der Organisation der Pflege unterstützen, Stützung von Familien

Orientiert an Begegnung:

Aufhebung der Isolation, Austausch, Begegnung mit anderen Vätern und Kindern, Kon- takt und Netzwerk zwischen jungen Familien, Rahmen für Begegnung bieten

Orientiert an Bildung und Lernprozessen:

Kindern die Welt der Eltern näher bringen und umgekehrt, Akzeptieren unterschiedli- cher Lebensentwürfe, Antwort auf Lebens- und Erziehungsfragen, Austausch über familienbezogene Themen, Eigenkompetenz stärken, Eltern ermächtigen zur Rollen- reflexion, gegenseitiges Lernen, inhaltliche Angebote, Konflikte ansprechen und aus- tragen, Orientierung, positive Gedankenanstöße für den Alltag, Rollenverhältnisse hinterfragen, Ursachen erkennen und Lösungen erarbeiten

5.2. Beispiele für gemeindebezogene Ziele:

Als Familie in der Gemeinde leben, begleitende Elternarbeit, Einbezug der Eltern in die Gemeinde, Einbindung der Kinder in die Gemeinde, Eltern Kirche bekannt machen, Eltern sollen sich von Kirche angenommen fühlen, Familie als wichtiger Teil der Gemeinde, familienfreundliche Gemeinde sein, Gemeindeaufbau, Information der Gemeinde über Lebenssituation, Integration, junge Familien in die Gemeinde ein- beziehen, kommunikative Gemeinde, Verminderung von Schwellenangst, Zugang zu Kirche finden

5.3. Beispiele glaubensbezogener Ziele

Begleitung der religiösen Erziehungspraxis, Biblische Botschaft Quelle des Lebens in der Familie, Einladung zum christlichen Glauben, gemeinsames Feiern von Gottes- dienst, geistliche Begleitung, Glaube macht Spaß, Glaube und Leben zusammenbrin- gen, Glauben mit allen Sinnen erleben, persönlichen Glauben entwickeln, Religiöse Früherziehung, Spiritualität, Verkündigung des Evangeliums

27

In etwa entspricht dieses Ergebnis dem, was auch in den Praxisberichten zur Familienbildungsarbeit genannt wird. Das leitende Ziel war hier in 7 von 9 Fällen auf Familie gerichtet:

„Vater und Kind sollen gemeinsam Zeit verbringen“ (Erleben)

„Familien sollen Zeit haben, etwas miteinander zu tun“, „die Gelegenheit haben, anders als im gewohnten Alltag miteinander in Kontakt zu kommen“

„…sollen Eltern und Kinder die Möglichkeit bieten, sich mit Menschen in der gleichen Lebenssituation zu treffen und Kontakte zu knüpfen bzw. zu stabilisieren“ „…etwas in einem nicht-kommerziellen Rahmen miteinander zu erleben“

„Angebote machen, die Familien für ein ganzheitliches Leben brauchen“

„Aussteigen (der Mütter) aus dem Alltag“

„Angebote von Entlastungs- und Unterstützungsangeboten für Familien in ihren unterschiedlichen Phasen und Konflikten“

„Unterstützung leisten, damit die familiären Ressourcen dem Kranken und allen Mitbetroffenen hilfreicher werden können“

In 2 Fällen war es auf „Glauben“ gerichtet:

„Neue Spiritualität“, „Gottesdienst sinnlich erfahren“, Religiöse Inhalte und Traditionen verstehen“

„Jungen Familien einen Zugang zu Glauben und Kirche zu ermöglichen und Eltern Hilfestellungen zur Einlösung des Taufversprechens anbieten“

In einem Fall sind solche Zielsetzungen im Laufe der Arbeit hinzugekommen:

„eine andere Art von Gottesdienst kennenlernen“, „geplant über pädagogische und religiöse Themen ins Gespräch kommen“ „Gemeinde“ taucht in den Praxisberichten eher als Nebenfaktor auf: so soll die Arbeit etwa zwar „eine Brücke zu anderen Angeboten der Gemeinde sein“, aber aus- drücklich „nicht primär Objekt des Gemeindeaufbaus“.

6. Themen der Familienarbeit

Die Themen der Familienarbeit sind vielfältig, der Trend zeigt sich hier jedoch ebenfalls sehr deutlich:

Genannt werden zu 22,4% Erziehungsfragen, 21,7% gemeinsames Erleben, 17,8% psychosoziale Themen, 11,2% religiöse Themen, 7,9% Beratung und Seelsorge, 7,2% Gottesdienst, 4,2% Eltern-Kind-Gruppen und 7,2% diverse andere Themen.

28

Fasst man die beiden Themengruppen „Religiöse Themen“ und „Gottesdienst“ zusam- men, ergibt sich ein Anteil von 18,4%.

Dabei ist jedoch den Berichten zu entnehmen, dass „Themen“ eher eine implizite Rolle spielen. Oft wird wohl auch nicht genau zwischen „Zielen“, „Themen“ und „Arbeitsformen“ unterschieden.

7. Arbeitsformen

Erstaunlich hoch ist im Vergleich zu den oben genannten Ergebnissen die hohe Anzahl der Nennung von „Gottesdienst“ als Arbeitsform. Er wird von 71,4% derer, die hier eine Antwort gaben, genannt. Jeweils knapp die Hälfte gibt Gruppen und Ein- zelveranstaltungen (je 49,4%) sowie Freizeiten (46,8%) als Arbeitsformen an, es fol- gen Seelsorge und Beratung (39%), Projekte (35,1%) und Seminare (20,8%). Die vergleichsweise hohe Zahl von Nennungen bei „Gottesdienst“ kann daraus resultieren, dass hier keine Gewichtung getroffen werden musste, also auch das ein- malige Angebot eines Gottesdienstes gemeint sein kann. Möglicherweise zeigt sich hier aber auch eine doch höhere Verknüpfung von Familienarbeit, Gemeindeleben und Gottesdienst als nach den anderen Ergebnissen zu erwarten war. Erstaunlich ist auch die hohe Anzahl der Nennung von „Freizeiten“ als Arbeitsform. Unterstellt man, dass diese Arbeitsform im übrigen Gemeindeleben keine große Rolle spielt, ist diese in der Regel sehr dichte und intensive Form der Arbeit hier außerordentlich hoch vertreten.

8. Kooperationen

Die Hälfte der Befragten arbeitet in der Familienarbeit mit Ehrenamtlichen zusammen, 30,6% kooperieren mit der Pfarrerin/dem Pfarrer, 8% mit Kolleginnen und Kollegen. Andere Kooperationen sind eher selten, obwohl zahlreiche Möglich- keiten genannt werden. Die Familienbildungsstätten werden von 10,6% als Koopera- tionspartnerinnen genannt, es folgen ErzieherInnen (9,3%), Beratungsstellen (8%), Katholische Gemeinden und Besuchsdienst (je 6,7%) und Schule (4%).

9. Zusammenfassung

Familienarbeit ist im gemeindepädagogischen Dienst mit steigender Tendenz zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Je länger eine Mitarbeiterin bzw. ein Mit- arbeiter im Dienst ist, umso häufiger wird auch mit Familien gearbeitet. Der höchst

29

interessante Zusammenhang zwischen Geschlecht, Lebensalter und Alter eigener Kinder mit dem Betreiben von Familienarbeit wurde leider nicht erfragt.

Familienarbeit wird unter dem Blickwinkel „Angebote für Familien“ gesehen, das gemeinsame Erleben als Ergänzung und Alternative zum Familienleben spielt eine große Rolle. Dieser Blickwinkel nimmt anscheinend das Klientel sehr ernst, ver- nachlässigt aber den möglichen Stellenwert von Familienarbeit im Gemeindezusam- menhang. Nicht zu unterschätzen ist, dass eine Zielgruppe erreicht wird, die sich vom Gemeindeleben sonst eher selten angesprochen fühlt. Allerdings wurde die Zahl der Aktivitäten in der Familienarbeit und der durch sie erreichten Menschen quantitativ nicht erfasst Während glaubensbezogene bzw. religiös orientierte Ziele relativ selten genannt werden, spielen religiöse Themen durchaus eine Rolle. sie liegen bei immer- hin 20 % der Nennungen und scheinen damit im Hinblick auf die Zielgruppe durch- aus respektabel zu sein.

30

Ludwig Metzger

Familien im Blickfeld von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen

1. Einleitung

Die folgende Auswertung von ausgewählten Fragestellungen gemeindepädagogi- scher Praxis im Arbeitsbereich Familienbildung bezieht sich auf neun Praxisberichte und vier Interviews. Die Praxisberichte wurden erstellt von sechs Gemeindepädagogin- nen, zwei Gemeindepädagogen und einer ehrenamtlich tätigen Person. Von den sechs Gemeindepädagoginnen sind fünf in Kirchengemeinden tätig, eine in der Krankenhaus- seelsorge. Ein Gemeindepädagoge arbeitet in einer Kirchengemeinde, der andere arbei- tet als Jugendreferent des Evangelischen Jugendwerkes Frankfurt und führt in diesem

Rahmen Familienfreizeiten für Väter und Kinder durch. Die ehrenamtlich tätige Person arbeitet ebenfalls im Ev. Jugendwerk Frankfurt und ist verantwortlich für Mütter-Kind- Wochenenden. Hauptamtlich ist sie Bildungsreferentin im „Eine-Welt-Bereich“ bei der Ev. Frauenhilfe in Deutschland. Die vier Interviews wurden durchgeführt mit zwei Gemeindepädagoginnen, die in Kirchengemeinden tätig sind, und zwei Gemeindepädagogen, wobei der eine in einer Kirchengemeinde arbeitet, der andere auf Dekanatsebene als Jugendreferent. Leider sind die Interviews mit den beiden Gemeindepädagogen aufgrund technischer Mängel bei der Aufnahme nicht vollständig. Folgende Fragestellungen sind für diese Auswertung leitend und werden in den einzelnen Kapiteln entfaltet:

1. Wie sehen Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen die Situation der Familie in der gegenwärtigen Gesellschaft? (2.1)

2. Welche Erwatungen haben Familien an die Kirche in der Wahrnehmung von Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen? (2.2)

3. Welche Formen der Arbeit mit Familien gibt es bei Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen und wie sehen deren Konzeptionen und Ziele aus? (2.3)

4. Welche Stellung hat Familienarbeit in der Gemeinde und im Gesamtkontext der Gemeindearbeit? (2.4)

Ein Fazit und die Formulierung offener Fragen stehen am Schluss dieser Ausführungen (3.) Alle folgenden Zitate sind, so weit nichts anderes vermerkt ist, den Praxisberichten 1 oder Interviews entnommen.

1 Die Praxisberichte können nachgelesen werden unter:

http://www.forschung.efh-darmstadt.de/projekte/beschreibungen/familie-leben-lernen.html

31

2. Auswertung der Praxisberichte und der Interviews

2.1 Die Situation der Familien in der Gesellschaft aus der Sicht von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen Nicht aus allen Praxisberichten bzw. Interviews wird unmittelbar erkennbar, dass eine Analyse und Reflexion der gesellschaftlichen Situation der Familie vorgenommen und der eigenen Konzeption der Arbeit mit Familien zugrunde gelegt wird. Einige gehen ausführlich und explizit auf diese Thematik ein, andere begnügen sich mit spärlichen Hinweisen, bei einem Teil muss man deren Sichtweise indirekt aus der jeweils ent- wickelten Konzeption erschließen: Die Schlussfolgerungen, die man bei dieser letztge- nannten Gruppe ziehen kann, weichen in keinem Punkt offensichtlich von der Betrach- tung der erstgenannten beiden Gruppen ab (das lassen deren Ziele erkennen, die sich vielfach ohne weiteres auf eine solche Ausgangsposition beziehen lassen und oft nur auf diesem Hintergrund verständlich sind). Dennoch ist es ein Unterschied, ob eine explizi- te Auseinandersetzung mit diesem Thema in die Konzeption einfließt oder nicht. Aus den gemachten Äußerungen zu dieser Problematik in den vorhandenen

Materialien erhält man ein recht einheitliches Bild der gesellschaftliche Situation von Familien aus der Sicht von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen. Drei Problembereiche werden dabei besonders hervorgehoben:

1. Familien sind heutzutage stark verunsichert. „Den Kindern fehlt es „an elementa- ren Regeln des Miteinanders.“ Weder in der Erziehung noch in der Partnerschaft können die Familien auf allgemein anerkannte Grundsätze zurückgreifen. „Nichts ist mehr selbstverständlich“. Alles muss ausgehandelt werden. „Heute sind Arbeitszeiten, Haushalt, Kinderbetreuung etc. Verhandlungsmasse“ und Erzie- hung ist „ein individualisiertes Geschäft geworden“.

2. Die Familien stehen einer Vielfalt von Anforderungen gegenüber und sind oft überfordert und erschöpft. Sie haben wenig Zeit und viel Stress. Mobilität und Flexibilität ist gefordert. Da ist der permanente Druck durch den Arbeitsmarkt, die Notwendigkeit der Vereinbarung von Beruf und familiären Verpflichtungen (vorwiegend) bei Müttern, der Druck von der Schule, das Herstellen und die Pfle- ge von Kontakten (auch für Kinder) usw. Neben den Anforderungen von außen stehen die selbst gesteckten Ziele, die z.T. Ausdruck der Verinnerlichung von gesellschaftlichen Normen sind. Darin erscheint die Familie als ein getreues Abbild unserer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft. In einem Interview hört sich das so an: Die Familie kommt mir vor „wie so eine Organisationseinheit, so

32

ein Team von ‚wir müssen das managen’“. Zugespitzt gesagt: Die Familie ist organisiert wie ein Unternehmen und hat wie ein Unternehmen Effizienzsteige- rung zum Ziel. „Jeder nimmt für sich das Beste mit, optimal möchte ich meine Zeit gestalten, mit möglichst wenig möglichst viel erreichen“ (Hervorhebung von mir) Die Kinder sind ausdrücklich in dieses „Effizienzprogramm“ mit einbezo- gen. „Es wird ihnen (den Familien) ja auch ein Bild vorgezaubert, in der Wer- bung, in den Medien, wo auch immer, wie man ganz toll sein kann. Das ist viel- leicht auch so ein Motor, um bestimmte Sachen zu erreichen. Ich denke an Kinder, die immer einen vollen Stundenplan haben, die viel Programm haben mittags oder so.“ 3. Mit der Leistungsorientierung und der damit verbundenen Hektik des Alltags geht einher eine gewisse Verödung des Familienalltags. Das jedenfalls kann man aus den Praxisberichten und Interviews schließen, die in der Familienarbeit auf- fällig großen Wert auf gemeinsame Erlebnisse legen. Einer formuliert es auch ausdrücklich: „Diese Erlebnisse kommen im Alltag oft zu kurz“. Nicht von unge- fähr spielt auf einer Familienfreizeit in einem Praxisbericht das Thema „Träume und Sehnsüchte“ eine große Rolle. Ferner kann man darauf hinweisen, wie positiv die Thematik von Ritualen in der Kindererziehung von Eltern in der Arbeit mit Familien aufgenommen wird (s. 2.2)

2.2 Spiegelung der Erwartungen von Familien an die Kirche in den Praxisberichten und Interviews Wenn die im vorigen Abschnitt dargestellte Analyse der gesellschaftlichen Situation von Familien zutrifft, verwundert es nicht, wenn gemeindepädagogische Arbeit mit Familien zunimmt und Erfolg hat (Das bestätigt auch die Fragebogenun- tersuchung in diesem Buch). Der Bedarf an konkreter Hilfe und Orientierung, an Austausch untereinander u.a. ist groß. Daher entstehen vielfach selbstorganisierte Initiativen von Eltern (genauer gesagt: fast immer von Müttern), die sich u.a. an Kirchengemeinden wenden und Räume suchen (ein Bericht zählt ca. 50 Anfragen von Eltern-Kindgruppen an eine Kirchengemeinde innerhalb eines halben Jahres!). Einige der Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen haben ihre Arbeit in Anknüpfung an solche Elterninitiativen begonnen. Sehr oft kommen die Anfragen von Menschen, die der Kirche abwartend und distanziert gegenüberstehen. Dass Kirchenferne als Zielgruppe von Gemeindepädagogen und Gemeindepädagogen aber durchaus gewollt sind, kann man aus den Praxisberichten und Interviews an vielen

33

34

Stellen entnehmen. Dass Arbeit mit Familien als Anregung aus der Mitte der Gemeinde heraus entsteht, ist eher die Ausnahme; wo es der Fall ist, ist meistens der gemeindeeigene Kindergarten der Kristallisationspunkt. Die Frage ist freilich: was erwarten diejenigen Familien, die am Rande der Kirche stehen, von der Kirche? Wollen Sie nur die Infrastruktur der Gemeinden bzw. der Kirche nutzen und sonst nichts? So stellt es sich für eine Gemeindepädagogin dar. Sie klagt, dass es sehr schwer sei, die Mütter „für irgendwelche Fragestellungen oder Probleme zu interessieren, sei es religiöser, sei es gesellschaftspolitischer Art.“ Die haben einfach eine Konsumhaltung. „Die Leute, die hier hinkommen, das sind so die zugezogenen, aus den Großstädten, und da ist einfach Kirche kein Thema mehr, und es wird auch nicht gewollt. Man sucht halt Kirche schon als nen Ort, die halt Sachen anbieten, damit man selber mit Kindern was machen kann, also die quasi einen Raum zur Verfügung stellt.“ An anderer Stelle sagt sie: Die Frauen „wollen das Gespräch über die Kinder … mehr gibt es da nicht.“ Eine so eindeutige und einseitige Erfahrung gibt es aber in keinem weiteren Interview oder Bericht. Die meisten machen durchaus andere Erfahrungen. Eine Gemeindepädagogin konstatiert zwar, dass die Mütter einer Mutter-Kind-Gruppe „aufgrund einer fehlenden religiösen Sozialisation mit Formen und Inhalten des sonntäglichen Gottesdienstes wenig anfangen konnten“, dass sie aber für die Fragen der Bedeutung von Strukturen und Ritualen für das Leben ihrer Kinder durchaus ansprechbar waren. Auch konstatiert sie ein Bedürfnis nach neuer Spiritualität. Viele Eltern sind auch „bereit, sich ehrenamt- lich (zeitlich begrenzt) zu engagieren, da es ja auch um ihre Kinder geht.“ Eine andere Gemeindepädagogin kommt zu dem Ergebnis, „dass junge Familien einerseits bereit sind, sich für die Kirchengemeinde zu engagieren, andererseits aber durchaus Erwartungen an die Kirchengemeinde haben, also ihr nicht negativ gegenü- berstehen“ (welche Erwartungen das sind, sagt sie allerdings nicht). Eine Gemeindepädagogin berichtet, dass ein Tauferinnerungsgottesdienst, zu dem Eltern mit getauften 3-6 jährigen Kindern eingeladen wurden, unerwartet großen Zuspruch erfuhr (ca. 200 Personen). Ein anderer Bericht nennt als Bedürfnis von Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Familienfreizeiten, „in einem nicht-kommerzialisierten und weitgehend vom Leistungs- druck befreiten Raum ihrem Wunsch nachzukommen, sich als Familie zu fühlen, Kon- takte zu knüpfen, Gespräche zu führen, Fragen nach religiöser Erziehung, Werten, Gren- zen, dem Glauben zu stellen, etwas Nicht-Alltägliches zu tun …“ An anderer Stelle heißt es, dass Menschen geradezu testen wollen, ob man sich in der Kirche wirklich wohl

fühlen kann. Man erkundigt sich bei Teilnehmern und Teilnehmerinnen bisheriger Frei- zeiten. Dabei kann es passieren, dass man die Auskunft erhält, „dass man mit denen mitfahren kann, die sind o.k.“ Aus dieser Äußerung, wie auch aus andern Voten wird deutlich: Diese Menschen sind zwar oft bereit, sich auf Kirche einzulassen, sie wollen aber nicht vereinnahmt wer- den. „Über einen langen Zeitraum hat ‚Kirche’ von ihren Mitgliedern erwartet, dass sie sich in bestehende Traditionen und Strukturen bedingungslos einfügen“, stellt eine Gemeindepädagogin fest. Bei dieser Einstellung kann ‚Kirche’ nicht bleiben.

2.3 Formen, Konzeptionen und Ziele gemeindepädagogischer Arbeit mit Familien Arbeit mit Familien durch Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen, wie sie sich in den Praxisbereichten und Interviews darstellt, geschieht in einer Vielfalt der Formen und Inhalte. Die bunte Palette umfasst folgende Angebote und Maßnahmen:

Es gibt Eltern-Kind-Gruppen, die in der Regel aber faktisch Mutter-Kind-Gruppen sind, wobei es sich um Mütter mit Kleinkindern handelt. Es gibt aber auch Väter-Kind- Gruppen. In diesen Gruppen sind die Kinder älter. Die Gruppen kommen auch nicht, wie die Mutter-Kind-Gruppen, in der Woche, sondern an Wochenenden oder zu bestimmten Projekten zusammen. Es gibt Väterstammtische. Es gibt Familienfreizeiten und Familienwochenenden. Es wird auch der Versuch gemacht, die Familienzentrierung zu durchbrechen und die Freizeiten nicht speziell für Familien, sondern für „Paare, Singles mit und ohne Kids“ auszuschreiben. Es gibt Mutter-Kind- und Vater-Kind-Wochenenden (jeweils für ältere Kinder), ferner gemeinsa- me Ausflüge, Aktionen und Projekte unterschiedlicher Zusammensetzung (meist für die ganze Familie). Es gibt Gruppen für Alleinerziehende. Es gibt Familiengottesdienste, Krabbelgottesdienste (die speziell Familien mit Kleinkindern ansprechen): Meist sind diese Gottesdienste noch verbunden mit andern Aktionen: eine Kaffeerunde o.ä. schließt sich an, oder der Gottesdienst wird erweitert zu einem Familienfest oder einem Familiensonntag, die sich jeweils an Bedürfnissen von Kindern orientieren, aber auch einen thematischen Bezug haben können (z.B. ein naturbezogenes oder ein ökumenisches Thema). Eine große Rolle spielt die Gestaltung von Festen (meist für Kinder) bzw. die aktive Beteiligung von Eltern oder Familien an Gemeindefesten. Es gibt Angebote für Kinder, in die Eltern in irgendeiner Weise involviert sind (das geht vom „Fasching für die Kleinsten“, über Aktionen, die vom ev. Kindergarten ausgehen, bis hin zum Kindergottesdienst).

35

Es gibt Thementage und Gesprächsreihen in Seminarform, wo vor allen Dingen Erziehungsfragen und religiöse Fragen (Glaubensfragen) eine zentrale Rolle spielen. Es gibt Angebote im Zusammenhang mit der Taufe, die gemeinsam mit Pfarrern/ Pfarrerinnen durch geführt werden: Taufvorbereitungs- und Taufnachbereitungs- gespräche, Tauferinnerungsgottesdienste. Es geht aber manchmal auch einfach darum, eine Infrastruktur für selbstorganisierte Eltern-Kind-Gruppen bereitzustellen. In direktem Zusammenhang mit Familienarbeit oder in ihrem Umfeld gibt es noch weitere Angebote: kulturelle Angebote (wie z.B. Puppentheater, Kinderkultur- woche, Basteln von Krippenfiguren und Aufführung eines Krippenspiels), Flohmarkt, Organisierung von Babysitting, Kleiderbasare u.a. 6 Hervorzuheben ist: Bei der Planung und Durchführung der meisten Angebote gemeindepädagogischer Arbeit mit Familien sind Ehrenamtliche (in der Regel Eltern) einbezogen. Bei dem Versuch, die Vielfalt gemeindepädagogischer Arbeit mit Familien zu ordnen und zu bündeln, unterscheide ich fünf Grundformen:

1. Veranstaltungen, die ein Gegengewicht zum Alltag schaffen wollen

2. Veranstaltungen, die den Familienalltag begleiten und stützen wollen

3. Gottesdienste

4. Thematische Angebote

5. Beratung und Seelsorge

Zwischen den ersten beiden Grundformen gibt es eine Reihe von gemeinsamen Merkmalen und Zielen. Bei beiden Grundformen ist es fast durchweg ein Anliegen der Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen, „niederschwellige Angebote“ zu machen. Das geschieht nicht nur deswegen, weil es die Arbeit mit Familien vor- wiegend mit Menschen zu tun hat, die der Kirche kritisch oder distanziert gegen- überstehen (s.o.), sondern hat noch einen anderen Grund: Wir haben es „mit einer Gruppe von Menschen zu tun, an die extreme Anforderungen gestellt werden. Als Kirche agieren wir in ihrer Freizeit – dessen müssen wir uns bewusst sein. Wir können nicht noch mehr Forderungen an sie stellen, noch mehr Druck aufbauen, sonst werden

6 Ein Sonderfall stellt der Bericht einer Gemeindepädagogin in der Krankenhausseelsorge dar. Für sie ist Krankenhausseelsorge „immer ,Famielienseelsorge’“. Familienarbeit „findet nicht in dafür eingerichteten Kreisen oder Gruppen statt (wie in der Gemeinde), sondern ist bisher eher eine Deutung der eigenen Arbeit, so wie ich sie verstehe“. Der systemische Ansatz ist der Hintergrund dieser Betrachtung.

36

sie sich mit Recht zurückziehen.“ Daher stehen in beiden Formen die Auseinander- setzung mit Themen und Problemen zunächst einmal nicht im Vordergrund. Es geht erst einmal darum, Familien zu entlasten. Ziel ist es vor allem, Freiräume zu schaf- fen, Räume der Begegnung, wo Menschen sich zwanglos austauschen können, Räume der Ruhe und Besinnung, wo Menschen aufatmen können und Kräfte schöpfen können, Gestaltungs- und Erlebnisräume, wo Menschen aktiv und kreativ werden, ihre Fähigkeiten einbringen und ihre Umwelt neu entdecken und mit allen Sinnen ent- schlüsseln und entfalten können, und Erfahrungsräume, wo sie gehört werden und wo sie ihre Erfahrungen und Bedürfnisse einbringen und neue Erfahrungen machen können. Es geht ferner darum, Zeit zu haben und Zeit zu geben und sich Zeit zu nehmen. Dass die Auseinandersetzung mit Themen und Problemen erst einmal nicht im Vordergrund steht, bedeutet nicht, dass sie keine Rolle spielt. In Räumen gemein- samen Lebens kommen die Grundfragen des Lebens und die Probleme des Familien- alltags oft ganz von selbst zur Sprache. Voraussetzung ist allerdings, dass Vertrauen entsteht. Eine Gemeindepädagogin berichtet: „Das Vertrauen ist über Jahre gewach- sen, so dass auch heikle Themen zur Sprache kommen … die Gruppe ist meistens so stabil, um auch Menschen in großen Lebenskrisen Halt geben zu können und eine Zeit des Durchatmens zu ermöglichen.“ Eine andere Gemeindepädagogin berichtet von Freizeiten: „Man spielt, singt, redet, bastelt mit seinen Kindern, ohne das Gefühl zu haben, anderes sei wichtiger.“ In dieser Atmosphäre wagt man sich auch „an grundsätzliche Themen, denen man sonst aus dem Weg geht“. So eröffnen sich auch Möglichkeiten, über Glaubensfragen zu sprechen und die Bibel als Dialogpartner zu Wort kommen zu lassen. Sehr oft kommen wichtige Themen und Fragen ungeplant und in Erlebniszusammenhängen oder informellen Gesprächen quasi nebenbei zur Sprache. Es ist dann die Kunst der Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädago- gen, aber auch der Gruppe insgesamt, diese Impulse wahrzunehmen und in ange- messener Weise aufzunehmen. Freilich werden auch von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen thematische Impulse gesetzt, für die eine Gemein- depädagogin allerdings folgende grundsätzliche Regel formuliert: Themen müssen so ausgewählt werden, dass sie 1) „einen möglichst breiten Zugang erlauben“ und 2) „ein deutlich biblischer, kirchlicher oder kirchengeschichtlicher Bezug möglich ist.“ Der Unterschied zwischen den ersten beiden Grundformen ist kein absoluter Gegensatz. Es gibt gleitende Übergänge. Dennoch sind die Akzentsetzungen ver- schieden.

37

2.3.1. Die erste Grundform gemeindepädagogischer Arbeit mit Familien In der ersten Grundform liegt der Akzent vor allem darauf, Menschen Gegen- erfahrungen zum (Familien-)Alltag zu ermöglichen. Dabei handelt es sich in der Regel um punktuelle und intensive Gegenerfahrungen, die als Auszeit vom hektischen oder belastenden Alltag verstanden werden: Dazu eignen sich besonders Freizeiten, aber auch Ausflüge und andere Aktionen und Projekte: z.B. erleben auf einem Wochenende für Väter und Kinder die Väter ihre Kinder und die Kinder ihre Väter in ganz anderen Bezügen als im Alltag, intensive gemeinsame Erlebnisse werden bewusst inszeniert und dienen der Vertiefung der Beziehungen. Auf einem Mutter-Kind-Wochenende wird bewusst angestrebt, dass Mütter einmal aus ihrem Alltag aussteigen können und sich verwöhnen lassen. Sie werden angeregt, ihren Träumen und Sehnsüchten nachzuspüren und darüber ins Gespräch zu kommen. Daneben stehen gemeinsame Aktionen der Mütter mit den Kindern. Natürlich gehört zu dieser Zielsetzung auch, Elemente der Gegenerfahrungen für den Alltag fruchtbar zu machen, indem sie bewusst gemacht und ihrer Bedeutung für eine veränderte Alltagsbewältigung reflektiert werden.

2.3.2 Die zweite Grundform gemeindepädagogischer Arbeit mit Familien In der zweiten Grundform geht es stärker um kontinuierliche Erfahrungen, um Gestaltung gemeinsamen Lebens über einen längeren Zeitraum. Das geschieht vor allem in Mutter-Kind-Gruppen, gelegentlich aber auch in andern Gruppen wie Vater- Kind-Gruppe, Väterstammtisch oder Gruppe Alleinerziehender u.a. Diese Gruppen haben tendenziell Selbsthilfecharakter oder werden von Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen begleitet und unterstützt. Es wird ein Raum geschaffen, wo Menschen nicht so sehr Abstand vom Alltag bekommen sollen, sondern eher einen Teil ihres Alltags gemeinsam verbringen können. Man könnte sagen: ein Teil des Famili- enalltags wird in die Gemeinde verlegt. Von Alltag kann man insofern sprechen, als die Menschen, die da zusammenkommen, in unverbindlicher und nicht-spezifisch gepräg- ter Weise, also ohne spezielle Zielrichtung, zusammenleben. Gerade das Unspezifische ist aber Kennzeichen des (Familien-)Alltags. Dass sich daraus gezielte und verbindlich Vorhaben entwickeln können (aber nicht müssen), ist ebenfalls Kennzeichen von All- tagswirklichkeit. So können dort stattfindende Gruppenprozesse zu Verdichtungen führen und andere Arbeitsformen aus sich heraussetzen. Es kann der Entschluss entste- hen zu gemeinsamen Unternehmungen (Freizeit, Ausflüge oder andere Aktionen), die eher der ersten Grundform entsprechen, oder es entsteht der Wunsch zu gemeinsamen Gottesdiensten oder Themenabenden (Grundform drei bzw. vier), oder es ergibt sich

38

der Bedarf an Seelsorge und Beratung, der, sofern er nicht von der Gruppe selbst auf- genommen wird, zu entsprechenden Anfragen an Fachkräfte führt. (Grundform fünf). Einige Gemeindepädagogen/Gemeindepädagoginnen haben diese Vorgehens- weise zu ihrem Konzept gemacht; d.h. sie beziehen ihre Angebote der Grundform drei und vier (manchmal auch fünf) auf die Gruppen der Grundform zwei (aber auch der Grundform eins) und nehmen deren Anregungen und Impulse auf. Das bezieht die Betroffenen in die Planung mit ein und verhindert, dass die Angebote der Grundform drei und vier (fünf), die ja kein niederschwelliges Angebot sind, ohne Bezug zu konsta- tierten Bedürfnissen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern konzipiert werden. Andere Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen machen aber Angebote der Grund- form drei und vier auch ohne diesen Bezug und suchen u.U. damit neue Zielgruppen zu gewinnen. Aber auch da werden diese Angebote in der Regel so geplant, dass sie in einem bestimmten Kontext stehen.

2.3.3 Die dritte Grundform gemeindepädagogischer Arbeit mit Familien Gottesdienste werden selten isoliert geplant, sondern stehen, wie gesagt, in einem Kontext. Dieser Kontext ermöglicht in irgendeiner Weise einen gemeinsamen Lebensvollzug oder erweiterten Gesprächszusammenhang. Es handelt sich etwa um ein anschließendes Beisammensein, ein Familienfest, einen Laternenumzug oder einen ganzen Familiensonntag. Eine Gemeindepädagogin berichtet, dass der Krabbel- gottesdienst Teil des jährlichen Kerbegeschehens geworden ist und großen Zulauf fin- det. So weit ich das aus den Berichten und Interviews erkennen kann, sind an der Kon- zeptionierung und Durchführung in Kirche oder Gemeindehaus jeweils auch Pfarrer oder Pfarrerinnen beteiligt (anders ist es bei Gottesdiensten oder Andachten auf Frei- zeiten). Es ist das Bestreben dieser Gottesdienste, die Teilnehmer und Teilnehmerin- nen (Erwachsene und vor allem Kinder) in einem höheren Maße in das Geschehen einzubeziehen als in den gewöhnlichen Sonntagsgottesdiensten. Symbole, Rituale, (Segen, Handauflegung, Kreuzeszeichen, Kerze anzünden u.a.), Aktionen, hautnahe Erfahrungen spielen eine größere Rolle (z.B. Betasten einer Baumrinde, Pflanzen von Sonnenblumenkernen im Zusammenhang mit dem Thema Schöpfung, Ausdrücken von Gebetsanliegen oder Liedern mit den Händen oder dem ganzen Körper). Mit Dank- und Klagerunden werden an einigen Orten die Alltagserfahrungen der Familien aufgenommen (dies geschieht auch auf Freizeiten). Biblische Geschichten werden nicht nur durch Erzählung, sondern auch durch Visualisierung oder Darstellung für Kinder erlebbar gemacht. Es wird eine Elementarisierung theologischer Inhalte ange-

39

strebt, die sowohl Kinder wie Erwachsene erreicht (eine Gemeindepädagogin berich- tet, dass die „elementarisierte Form des Kindergottesdienstes“ Mütter und vor allem Väter als Zuhörer anzieht!). Verkündigungsinhalte sind entweder biblische Geschichten oder bestimmte Themen wie kirchenjahrsbezogene Themen (Advent, Weihnachten, Ostern, Ernte- dank, St. Martin usw.) Gebet, Schöpfung, Taufe, Urlaub, Freundschaft oder symbol- bezogene Themen (Licht, Wasser, Kerze, Hände, Gesicht usw.)

2.3.4 Die vierte Grundform gemeindepädagogischer Arbeit mit Familien Es wurde schon darauf hingewiesen, dass Themen, Fragen und Probleme in der gemeindepädagogischen Arbeit mit Familien sich stärker aus dem Zusammenleben und den daraus sich entstehenden Gruppenprozessen ergeben und auf diese Weise zur Sprache kommen und nicht, indem sie zur Grundlage einer im voraus geplanten Einheit werden. Das heißt aber nicht, dass dies nicht vorkäme. Vielfach werden solche Einhei- ten z.B. vorneherein auf einer Freizeit eingeplant. Sie werden aber auch ganz unabhän- gig von den von den Grundformen eins und zwei angeboten. Allerdings sind solche Angebote entweder von bestehenden Gruppen der Familienarbeit angeregt worden oder sie sind, wenn sie, wie in einem Fall geschehen, durch den Impuls eines Ausschusses des Kirchenvorstandes zustande gekommen sind, durch Elternvertreter mit vorbereitet, geplant und durchgeführt worden. Themen solcher Veranstaltungen sind vor allem Fragen der Erziehung, speziell der religiösen Erziehung, und Glaubensfragen. In einer Gemeinde läuft eine Gesprächs- reihe, die, wie schon erwähnt, der Begleitung von Taufeltern dient. Sie steht unter der Überschrift „Leben, Glauben, Erziehen“ und wird von einem Pfarrer, einer Gemein- depädagogin und vier Ehrenamtlichen durchgeführt. Eine vergleichbare Reihe (auch in Kooperation mit einer Pfarrerin) ist in einer anderen Gemeinde geplant. In der erst genannten Gemeinde läuft eine weitere Gesprächsreihe, die Eltern mit älteren Kindern als Zielgruppe hat und unter dem Motto „Glaubenswege-Lebenswege“ steht. In einer anderen Gemeinde sind solche religionspädagogischen Angebote in ein Rahmen- programm eingebettet, das „Familie in Aktion“ heißt. Da gibt es unterschiedliche Aktionen (Ausflüge, kreative Angebote, Fasching für die Kleinsten) aber auch religions- pädagogische Themenabende. Themen solcher Angebote sind z.B.: Gottesvorstellung von Kindern, Taufe, Paten- amt, mit Kindern über Tod reden, mit Kindern beten, Kinder Grenzen setzen, Engel und Co., warum hängt der Mann am Kreuz?, Auferstehung.

40

2.3.5 Die fünfte Grundform gemeindepädagogischer Arbeit mit Familien Beratung und Seelsorge geschieht oft in den Gruppen untereinander. Ich weise auf die Aussage einer Gemeindepädagogin hin, die von ihren Freizeiterfahrungen sagt (s.o.) „Das Vertrauen ist über Jahre gewachsen, so dass auch heikle Themen zur Sprache kom- men … die Gruppe ist meistens so stabil, um auch Menschen in großen Lebenskrisen Halt geben zu können und eine Zeit des Durchatmens zu ermöglichen.“ Ob in der Arbeit mit Familien auch als solche ausgewiesene Beratungsangebote von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen gemacht werden sollen, wird in den Praxisberichten und den Interviews unterschiedlich beurteilt. Bei den meisten spielt diese Frage keine erkennbare Rolle, andere lehnen eigene Beratungsangebote mit Hin- weis auf mangelnde Qualifikation ausdrücklich ab und verweisen auf Fachkräfte (Pfarrer, Therapeuten, Beratungsstellen usw.). Das heißt natürlich nicht, dass sie sich jeglichem Beratungsgespräch, das sich aus der Gruppenbegegnung ergibt und Alltagssituationen betrifft, verweigern. Beratung als eine Dimension gemeindepädagogischen Handelns, die aus Gruppenprozessen erwächst oder am Rande von Gruppengeschehen vor- kommt, ist unbestritten. Es besagt nur, dass in schwierigen Fällen deutlich die Grenzen gesehen werden. Andere Gemeindepädagogen/Gemeindepädagoginnen (meist solche mit Zusatzqualifikation) machen ausdrücklich Beratungsangebote. Es gehört zu ihrem Konzept der Familienarbeit. Dass Seelsorge und Beratung ausdrücklich der Fokus von Familienarbeit ist, ver- steht sich für den Bericht einer Gemeindepädagogin über ihre Tätigkeit als Kranken- hausseelsorgerin von selbst. Für sie sind Familien „sich entwickelnde und auf je neuer Stufe sich selber organisierende Systeme“. Durch die Krankheit eines Familienmit- gliedes und die damit sich ergebenden Veränderungen und Krisen sind Familien als ganze herausgefordert ist, sich weiterzuentwickeln. „Seelsorge kann aber Orte und Räume eröffnen, wo solche Entwicklungen unterstützt, Schwierigkeiten besprochen und neue Bewältigungsstrategien eingeübt werden.“ Erkrankungen sind dabei „Vorboten nötigen Wandels“.

2.4 Familie und Gemeinde – Zusammenhänge und Spannungen Die Praxisberichte und Interviews vermitteln insgesamt den Eindruck, dass Arbeit mit Familien sich lohnt (was immer das im einzelnen heißt). Die Gemeindepädago- ginnen und Gemeindepädagogen erhalten auch sehr viele entsprechende Rückmel- dungen. Sie arbeiten mehrheitlich auch ganz offensichtlich gerne in diesem Arbeitsfeld. Einige berichten von „Highlights“ in ihrem Berufsleben (z.B. auf Freizeiten, aber nicht

41

nur dort). Welche Bedeutung die Erfahrungen, die Betroffene in diesem gemeindlichen Arbeitsfeld machen, und welche Bedeutung Gemeinde bzw. Kirche für sie genau hat, lässt sich allerdings aus den Berichten und Interviews schwer erheben. Dazu bedürfte es einer eigenen Untersuchung, die bei denen ansetzt, die dieses gemeindlichen Angebote in Anspruch nehmen. Trotzdem gibt es einige interessante Hinweise. Der Grad der Identifikation mit Kirche bzw. Gemeinde ist, wie schon erwähnt, unterschiedlich. Sicher gibt es Men- schen, die mit Kirche nichts oder nicht viel anfangen können und nur die Infrastruk- tur der Gemeinde nutzen wollen. Aber es handelt sich dabei offenbar um eine Min- derheit (s.o.). Die Mehrzahl scheint durchaus auf der Suche nach Halt, Orientierung und (auch religiöser) Sinnsuche. Aus den Berichten und Interviews kann man erse- hen, dass die Gottesdienstangebote, sofern sie auf die Zielgruppe zugeschnitten sind, die Andachten, religiösen Rituale usw. innerhalb des Gesamtspektrums der Arbeit mit Familien – jedenfalls mehrheitlich – keineswegs ein Schattendasein führen. Ob und inwieweit sich die Betroffenen auch als Gemeinde verstehen, muss zunächst einmal offen bleiben. Denn der Anteil von vorneherein „Kirchentreuen“ ist in der Arbeit mit Familien offenbar genauso gering wie derjenige, der von Kirche gar nichts erwartet. Welche Prozesse der Gemeindewerdung mit denjenigen stattfinden, die der Kirche einerseits abwartend bis distanziert, aber nicht ohne Hoffnung gegenüberstehen bzw. -standen 7 (und das scheint die Mehrheit derer zu sein, mit denen es Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen in der Arbeit zu tun haben), wäre einer eigenen Untersuchung wert. Ein paar Feststellungen wird man aber wohl – bei aller Vorsicht – treffen können:

1. Die kirchlichen Angebote werden mehrheitlich nicht nur in irgendeiner Weise als für die eigene Lebenssituation hilfreich betrachtet, sie werden auch in ihrer spezifischen Eigenart als ein kirchliches Angebot, das sich von anderen Ange-

7 Eine Gemeindepädagogin hat in Zusammenarbeit mit der Pfarrerin für Krabbelgottesdienste aufgrund dieser spezifischen Ausprägung der Zielgruppe folgendes methodisches Vorgehen entwickelt. Die Verkündigung geschieht dialogisch, wobei es eine bestimmte Figur gibt, der Rabe „Rülps von Frankenstein“, der von Kirche und christlicher Verkündigung nicht die geringste Ahnung hat, „dumme Fragen“ stellt oder sein Unverständnis (oder auch Vorurteile und Klischees) deutlich und meist übertrieben an den entsprechenden Stellen artikuliert. Dies gibt Kindern, aber auch Eltern die Möglichkeit, sich in ihrer abwartenden oder kritischen Stellung zur Kirche wieder- zufinden und der Gemeindepädagogin die Gelegenheit, offene Fragen ohne belehrende Attitude oder erhobenen Zeigefinger zu bearbeiten.

42

boten unterscheidet, wahrgenommen und (mindestens als ein Angebot) auch akzeptiert (wie unterschiedlich das Unterscheidungsmerkmal der Kirche von andern Einrichtungen für jeden einzelnen sich auch darstellen mag).

2. Man kann Arbeit mit Familien teilweise als „Gemeinde auf Zeit“ verstehen (z.B. auf Freizeiten). Das trifft aber m.E. nicht den Kern der Sache. Denn obwohl die Teilnehmer und Teilnehmern kirchlicher/gemeindlicher Familienveranstaltun- gen sich in der Regel offensichtlich allenfalls nur mit Teilen der bestehenden Institutionen Kirche und Gemeinde identifizieren können und wollen und einer weitergehenden Vereinnahmung durch diese Institutionen sich (mindestens zunächst einmal) entziehen, heißt das nicht, dass sie keine Kontinuität suchen. Nur punktuelle Begegnungen mit Kirche und Evangelium in großen zeitlichen Abständen ist nicht das, was den meisten vorschwebt. Die Kontinuität wird frei- lich nicht mehr gesucht, indem man sich einer Institution und deren Rahmen- bedingungen einfügt, sondern indem man Erfahrungen verschiedener Zeiten und verschiedener Orte miteinander verknüpft. Die Kontinuität wird also von den einzelnen Personen oder Familien selbst hergestellt. Sie wird z. B. herge- stellt, indem man Freizeiten wiederholt besucht oder indem man Erfahrungen unterschiedlicher Orte (Gemeindehaus in der Parochie, Einrichtungen auf Dekanatsebene, Freizeitheime usw.) miteinander verknüpft. Die Örtlichkeit hat dabei nach wie vor eine große Bedeutung als Haftpunkt für die eigene Veranke- rung. Diese Orte haben für die Menschen eine hohe Bedeutung in dem Maße, in dem intensive Begegnungen ermöglicht werden, sowie für das Verstehen und die Bewältigung des eigenen Lebens bedeutsame Inhalte zur Sprache kom- men. Die Menschen identifizieren sich weniger mit Institutionen als mit Orten, wo sie für sie relevante Erfahrungen machen. Das kann Kirche vor Ort sein oder ein Netz von kirchlichen Orten (vielleicht auch nichtkirchlichen Orten): Es sind Orte, wo man auftanken kann, Orte wo man solidarische Gemeinschaft erleben und neue Perspektiven gewinnen kann usw. Dort kann dann durchaus so etwas entstehen wie ein Gefühl, zu Hause zu sein 8 (wobei es in der Regel mehrere solcher Orte geben wird). Wir haben es hier mit einem neuen Typ von Ver- gemeinschaftung zu tun, der sicher nicht nur in der Arbeit mit Familien anzu- treffen ist.

3. Wie dies mit „traditioneller Gemeindearbeit“ zusammenpasst und ob es da zu einer fruchtbaren Begegnung von „bisher vorhandener Gemeinde“ und „im Entstehen begriffener Gemeinde der Familienarbeit“ kommt, hängt weitgehend

43

von der vorhandenen Gemeinde ab. Besteht auf Seiten der „traditionellen Gemeinde“ Offenheit und Unvoreingenommenheit, kommt es auch zu Quer- verbindungen und besteht Aussicht auf Integration der Arbeit mit Familien in vorhandene gemeindliche Zusammenhänge. Wenn von Offenheit die Rede ist, geht es nicht um ein verbales Bekenntnis, sondern es meint ganz konkret die Bereitschaft, sich neuen Herausforderungen, die durch neue Gruppen entste- hen, zu stellen, und nach sorgsamer Prüfung gegebenenfalls sich und vorhan- dene Strukturen zu ändern. Wo diese Offenheit nicht da ist, kommt es zu Span- nungen. Das zeigen die Berichte und Interviews. Die Kirchenvorstände begrüßen fast überall die Arbeit mit Familien, in einigen Fällen geht die Initiati- ve dazu sogar von ihnen aus. Es gibt Kirchenvorstände, die in dem eben erläu- terten Sinn offen und kooperativ sind. Aber es gibt andere, die diese Arbeit offensichtlich nur als Mittel zum Zweck sehen, als Mittel, um Menschen wieder an die Kirche zu binden. Die Gretchenfrage ist dann oft, ob durch Familienar- beit die Zahl der Besucher des sonntäglichen Gottesdienstes steigt oder nicht. So weit es aus den Berichten und Interviews zu erkennen ist, widerstehen die Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen durchweg solchen Sicht- weisen: Denn im Vordergrund steht für sie der Gesichtpunkt der hilfreichen und unterstützenden Begleitung der Familien. Wenn sich daraus auch eine Stärkung der Gemeinde ergibt, so ist das ein (durchaus erwünschter und gewollter) Nebeneffekt. Aber eine Instrumentalisierung der Arbeit mit Familien für den Gemeindeaufbau wird (mit Recht) abgelehnt. 4. Man kann die eben beschriebene Konfliktlinie vielleicht auch anders verstehen. Vermutlich steht bewusst oder unbewusst hinter dem Wunsch einer traditionellen

8 Diesem Gefühl geben z.B. Eltern dadurch Ausdruck, dass sie, wie in einem Bericht zu lesen ist, Wert darauf legen, dass ihr Kind nicht im „normalen“ Sonntagsgottesdienst, sondern im Krabbel- gottesdienst getauft wird. Dort haben sie die Erfahrung des Angenommenseins gemacht. Interessant in diesem Zusammenhang ist, was eine Gemeindepädagogin über ihre Mutter-Kind- Gruppen berichtet. Ich fasse das folgendermaßen zusammen: Diese Gruppe ist offenbar u.a. ein Ort, wo unbefangen religiöse Fragen erörtert werden können. Wenn Menschen der Institution Kirche gegenübertreten, fühlen sie sich oft befangen. Sie befürchten, dass diese Institution irgen- detwas von ihr erwartet, z.B. ein richtiges „Glaubensbekenntnis“ im Taufgespräch mit dem Pfarrer oder eine reflektierte Einstellung zur Kirche. Daher möchte man, wenn man dem Pfarrer als dem Vertreter der Kirche gegenübertritt, für sich selbst möglichst schon Klarheit haben. Die Möglichkeit der unverbindlichen und „gefahrlosen“ Erörterung , der Selbstfindung im Gegenüber zur Instituti- on Kirche bietet offenbar die Mutter-Kind-Gruppe. Sie hat quasi eine „Vorhoffunktion“ und dient als Einübungsfeld für religiöse Gespräche. Hier kann man sich äußern (und Äußerungen anderer anhören), ohne das Gefühl zu haben, gleich „festgenagelt“ zu werden.

44

„Kerngemeinde“, dass sich Arbeit mit Familien in den vorhandenen Rahmen bisheriger Gemeindearbeit einfügen soll, ein bestimmtes Idealbild einer har- monischen Familie. Danach wird die Gemeinde selbst nach dem Modell einer harmonischen Familie interpretiert und (nach alter kirchlicher Tradition) als familia dei, als Familie Gottes, gesehen. Daher wird der Zusammenhalt der Gemeinde als Familie beschworen. Dieses Idealbild von Familie ist aber aus zwei Gründen für die heutige Situation von Familien gerade nicht hilfreich:

1) Dieses Idealbild entspricht nicht heutiger Wirklichkeit von Familie, weil sich in ihr fundamentale Konfliktlinien gegenwärtiger gesellschaftlicher Wirklichkeit widerspiegeln (s.o.) 2) Gemeinde Jesu Christi ist ihrem Wesen nach keine familia, keine Familie Gottes. Die Glaubensgeschichte beginnt schon bei Abraham mit einem Aus- zug aus verwandtschaftlichen Verhältnissen (1. Mose 12,1ff.) und findet indem Leben Jesu und seine Jünger ihre familienkritische Fortsetzung (Mk.3, 31ff; 10,28-31; Mt.8,19f. u.ö.). 9 Der Bibel geht es natürlich nicht darum, die Familie abzuschaffen, wohl aber darum, sie zu transzendieren. Die Kirche kann von daher auf biblische Traditionen zurückgreifen, die gerade in der heutigen Situation weiterhelfen können. Das Problem ist ja, dass Familien in der Regel überfordert sind und von daher nicht nur vielerlei Anregung und Stützung, sondern auch Entlastung durch andere Institutionen (die Gemeinde kann eine davon sein) benötigen. Eine Gemeinde, die sich nach dem Modell der Familie versteht, ist da gerade nicht hilfreich, sondern verfestigt die Familienzen- trierung.

3. Anmerkungen und offene Fragen

Die gemeindepädagogische Arbeit mit Familien, wie sie aus den Praxisberich- ten und Interviews erkennbar wird, befindet sich m.E. tendenziell auf dem richtigen Weg, auch wenn nicht überall eine wohl überlegte und alle relevanten Faktoren reflektierende Konzeption zu erkennen ist. Trotzdem seien einige Anmerkungen oder offene Fragen formuliert.

9 Ekklesiologische Leitvorstellungen, die in den Praxisberichten vorkommen, entsprechen durchaus dieser Linie. Genannt werden als solche: „als Volk Gottes unterwegs“, „Nachfolge Jesu“ und „Mensch- werdung des Menschen durch Gottes Verheißung“

45

3.1. Zielgruppen innerhalb der Arbeit mit Familien Die gemeindepädagogische Arbeit mit Familien, so wie sie durch die neun Praxisberichte und vier Interviews ansichtig wird, hat stets bestimmte Zielgruppen innerhalb des Spektrums der Arbeit mit Familien im Auge. Dabei dominiert die Ziel- gruppe Eltern mit Kleinkindern gegenüber der Zielgruppe Eltern mit Kindern bis 12 Jah- ren, während die Zielgruppe Eltern mit Kindern in der Pubertät oder in der Adoleszenz fast gar nicht vorkommt. Wird innerhalb der Elternschaft noch einmal unterschie- den, gibt es einen eindeutigen Vorrang der Arbeit mit Müttern gegenüber der mit Vätern. Letzteres ist sicher damit zu erklären, dass Mütter die Hauptlast der Verant- wortung innerhalb der Familie zu tragen haben, was als solches ja auch wieder ein Problem ist. Dass Familien mit Kindern ab der Pubertät fast gar nicht Zielgruppe sind, lässt sich wohl von daher erklären, dass Jugendliche und ihre Eltern sich im wechselseitigen Ablöseprozess befinden. Gemeindepädagogische Arbeit mit Familien setzt also vor allem dort an, wo innerhalb der Familie die größte Nähe zwischen Men- schen vorkommt. Dafür steht quasi die Beziehung der Mütter zu Kleinkindern. Je mehr der andere Pol der Familienwirklichkeit, Distanz und Ablösung, also Phasen des Übergangs, ins Spiel kommen, umso weniger erfährt die Familie die Aufmerksamkeit der Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen. 10 Man mag das richtig finden, etwa mit der Begründung, dass die Problematik der Ablösung in anderem Rahmen thematisiert wird (z.B. in der Jugendarbeit). Was aber problematisch ist, ist die Tatsache, dass die Frage der Auswahl der Zielgruppen in der theoretischen Erörterung fast ganz fehlt. 11 Man hat den Eindruck, dass die Prioritäten deswegen so gesetzt worden sind, weil das Problem der Mütter mit Kleinkindern durch deren wiederholte Anfragen (s.o.) den Gemeinden quasi „vor die Füße gefallen“ ist. 12 Dieser Ansatz bei den Problemen, denen man unmittelbar begegnet, ist gar nicht zu kritisieren. Problematisch ist es aber, wenn auf Dauer diese

10 Es ist ferner darauf hinzuweisen, dass das Verhältnis der Großeltern zu den Enkeln und das der Erwachsenen zu ihren Eltern in den Praxisberichten und Interviews ebenfalls keine Rolle spielt. Ein etwas anderes Bild ergibt sich allerdings, wenn man die Fragebogenuntersuchung aller Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen in der Ev. Kirche in Hassen und Nassau heranzieht (siehe Aufsatz von Horst Peter Pohl, ab S. 23)

11 Immerhin besteht die Gefahr, dass damit ein status quo gedankenlos fortgeführt wird.

12 Eine wichtige Rolle spielt allerdings ohne Zweifel auch, dass alle Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen, die einen Praxisbericht geschrieben haben oder interviewt worden sind, selbst Familien mit Kindern haben und in der Regel für die Zielgruppe, die dem Alter der eigenen Kinder entspricht, Veranstaltungen anbieten.

46

Prioritätensetzung nicht auch theoretisch eingeholt und verantwortet wird. Mit andern Worten: Es fehlt eine Reflexion des gesamten Feldes der Arbeit mit Familien, aus der sich Prioritätensetzung begründet ableiten ließen. 13

3.2. Netzwerke in der Arbeit mit Familien Die vorhandenen Ansätze, Verknüpfungen herzustellen und Netzwerke zu schaffen zur Stützung von Familien angesichts der vielfältigen Herausforderungen und Probleme, denen Familien heute gegenüberstehen, sollten m.E. noch verstärkt werden. Dabei geht es um dreierlei:

1. Es geht um Verknüpfung der Arbeit mit Familien mit anderen gemeindlichen Arbeitsfeldern. Dies geschieht bereits weitgehend. Wie kaum ein anderer Arbeitsbereich eignet sich die Arbeit mit Familien, die Versäulung einzelner Arbeitsfelder zu überwinden. Zu Recht spricht eine Gemeindepädagogin von der Brückenfunktion der Arbeit mit Familien. Die Verknüpfungsmöglichkeiten mit Kinder- und Jugendarbeit, Frauen- und Männerarbeit, Projektarbeit u.a. liegen auf der Hand. 14

2. Es geht um Schaffung familiärer Netzwerke, die bei der Bewältigung konkreter Alltagsprobleme hilfreich sind. 15 Über die konkrete gegenseitige Hilfe, die vor allem in Mutter-Kind-Gruppen gegenwärtig bereits geschieht, hinaus könnte eine Angebotstruktur aufgebaut werden, die noch mehr umfasst als Organisie- rung von Babysitting. Daran könnten sich bestehende Gruppen beteiligen und über die Gemeindegrenzen hinaus wirksam werden; mit andern Worten: eine stärkere Gemeinwesenorientierung könnte erfolgen. Geht man stärker von den in einer Region vorhandenen Problemlagen aus, könnte auch eine zu starke Fixierung auf Familien vermieden und deren Probleme stärker als eine gesell- schaftlichen Gesamtproblematik begriffen werden, die auch andere Bereiche und Gruppen betrifft.

13 Diese Forderung richtet sich gar nicht in erster Linie an die Praktiker und Praktikerinnen, sondern an die gemeindepädagogische Theoriebildung (aber nicht nur an diese).

14 Es geht übrigens auch um den Ausbau der Verknüpfung verschiedener Ebenen kirchlicher Arbeit (Gemeinde, Zusammenarbeit verschiedener Gemeinden, Dekanat, Familienbildungsstätten, Krankenhausseelsorge usw.)

15 Für den Aufbau eines solchen Netzwerkes plädiert auch die in der Krankenhausseelsorge tätige Gemeindepädagogin.

47

3. Es geht um eine Vernetzung der in einer Region in der Arbeit mit Familien vor- handenen Institutionen, Einrichtungen, Gruppen und Initiativen zur Koordinie- rung und besseren Nutzung vorhandener Ressourcen im Interesse der Betrof- fenen. 16 Die hier bereits vorhandenen Ansätze sind ohne Zweifel ausbaufähig. Zusammenarbeit mit anderen Trägern von Arbeit mit Familien geschieht noch zu wenig. Im Zusammenspiel der verschiedenen Kräfte sollte allerdings das vorhandene religionspädagogische Profil der kirchlichen/gemeindlichen Arbeit mit Familien nicht verloren gehen. Dieses Profil könnte aber gerade in der Zusammenarbeit mit andern Trägern der Arbeit mit Familien (in Ergänzung zu anderen Profilen) verdeutlicht werden.

16 Die Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen, die sich darüber äußern, geben ausnahms- los an, dass sie im wesentlichen nur „Mittelschicht“ erreichen mit ihrer Arbeit. Um dies zu ändern, ist eine Gesamtkonzeption in einer Region erforderlich, die auch diejenigen Institutionen und Initiativen mit einbezieht, die es mit anderen sozialen Schichten zu tun hat.

48

Nicole Piroth

Gemeindepädagogische Angebote für Familien aus biographischer Perspektive

Einleitung

Die Zeit der Familiengründung ist eine biographische Umbruchsituation: der Übergang vom Paar zur Familie muss gestaltet und bewältigt, die Aufteilung von Familien- und Berufsarbeit muss zwischen den Partnern verhandelt und das Alltags- leben neu organisiert werden. In den vergangenen Jahren ist die Bedeutung der Kasualpraxis der Kirche zur Begleitung solcher biographischer Wendepunkte wieder verstärkt diskutiert worden: „Das Kasualgespräch gehört zu den wenigen institutio- nalisierten Gelegenheiten für eine biographische Selbstdarstellung. (…) Sie sind zunächst ein Anlaß, das Ausmaß der Lebensveränderung zu reflektieren, das Ereig- nis wahrzunehmen und zu deuten. So werden sie zu einem Element in der Verarbei- tung eines Lebensereignisses, das neue Orientierungen und Perspektiven eröffnet.“ (Böhm 1995, 189 ff.) Religions- und kirchensoziologische Untersuchungen der letz- ten Jahre zeigen die hohe Bedeutung, die die kirchlichen Amtshandlungen nach wie vor besitzen. Insbesondere die Taufe eines Kindes als kirchliche Begleitung eines neuen Lebensabschnitts erfreut sich hoher Beliebtheit. Im Vergleich zu den beiden Jahrzehnten zuvor hat die Taufbereitschaft sogar wieder erkennbar zugenommen:

Nach der letzten EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft wollen sich 93% der westdeutschen und 88% der ostdeutschen Kirchenmitglieder für die Taufe ihres Kin- des entscheiden: „Es bleibt auch nicht nur bei der Absichtserklärung: 94% der Kir- chenmitglieder geben an, daß alle ihre Kinder getauft sind. Und sogar ein Fünftel der Konfessionslosen will sich für die Taufe der eigenen Kinder entscheiden.“ (Engel- hardt u.a. 1997, 9) Doch was passiert nach diesem Ereignis der Taufe? Welche Unter- stützungsmöglichkeiten bietet die evangelische Kirche zur weiteren Orientierung und Bewältigung des neuen familiären Alltags? Eine solche Möglichkeit der Unterstützung und Begleitung von Familien im kirchlichen Umfeld scheinen zunehmend die gemeindepädagogischen Arbeitsfelder der Kirche zu bieten. Die Darmstädter Sektion Gemeindepädagogik formuliert 1995 als Ergebnis eines Forschungsprojekts über gemeindepädagogische Arbeit die These: „In der gemeindepädagogischen Arbeit besteht eine Veränderung vom Arbeitsfeld Kinder- und Jugendarbeit hin zur Familienarbeit.“ (Barth 1995, 313) 2 Des weiteren wird dort ausgeführt, dass „Gemeindepädagogen/Gemeindepädagoginnen

2 Diese Vermutung wird bestätigt durch eine quantitative Befragung aller gemeindepädagogischen Mitarbeitenden in der EKHN, vgl. den Beitrag von H.P. Pohl in diesem Buch.

49

– auf andere Weise als in der Kasualbegleitung – an den Schnittstellen des Lebens präsent sind. (…) Die gesprächsbereite, zuhörende und beratende Kompetenz der Gemeindepädagogen/ Gemeindepädagoginnen macht dies, außerhalb des Rah- mens eines allgemein verabredeten Rituals (…) möglich. (…) Menschen in diesen Situationen nicht allein zu lassen, sondern Verbindungen zu anderen herzustellen, vernetzend zu wirken – damit stellen Gemeindepädagogen/Gemeindepädagogin- nen neue Lebenszusammenhänge, -bezüge her.“ (ebd., 312) Wie solche gemeindepädagogischen Angebote aussehen und welche Bedeu- tung sie für Familien besitzen, zur Beantwortung dieser Frage sollen in diesem Auf- satz einmal die Teilnehmenden selbst mit ihren Erfahrungen zu Wort kommen. Zwei Beispiele sollen im folgenden Kapitel 1 vorgestellt werden: die alleinerziehende Mut- ter von zwei Kindern Marita Petschek und die Eltern zweier Kinder, die Eheleute Lösch. 3 Im Anschluss an die Falldarstellungen werden in Kapitel 2 die Interviews anhand dieser Fragestellungen verglichen und Unterschiede und Gemeinsamkeiten dargestellt. Kapitel 3 zieht ein Resümee der Chancen und Grenzen gemeindepädago- gischer Arbeit mit Familien.

1. Zwei Begegnungen mit gemeindepädagogischen Angeboten für Familien

Die Darstellung der Fallbeispiele in Kapitel 1 orientiert sich an folgenden Frage- stellungen:

1. Was war Anlass zur Beteiligung an gemeindepädagogischen Angeboten für Familien?

2. An welchen Angeboten und in welcher Häufigkeit und Intensität nehmen die Befragten teil?

3. Welchen Stellenwert hat die Beteiligung an den gemeindepädagogischen Ange- boten im eigenen Leben, welche Erfahrungen und Lernprozesse werden hier gemacht?

4. Welche Funktion hat für die Befragten ein hauptberuflicher Gemeindepädagoge?

3 Im Rahmen des laufenden Promotionsvorhabens „Biographiestrukturen und Kirchenbindung – eine empirische Untersuchung zur Rolle der Gemeindepädagogik im Lebenslauf“ an der Universität Heidel- berg wurden von der Autorin im Jahr 2000 22 Menschen aus dem Kirchengebiet der EKHN mittels qua- litativer Interviews über ihre Erfahrungen mit gemeindepädagogischer Arbeit befragt. Unter ihnen be- fanden sich auch die im folgenden dargestellten drei Personen, die an gemeindepädagogischen Ange- boten für Familien teilnehmen. Alle Personen- und Ortsnamen wurden anonymisiert bzw. abgeändert.

50

1.1 Marita Petschek

Zugangswege zur gemeindepädagogischen Arbeit:

„Für mich war Kirche immer schon so ne zweite Heimat“ Marita Petschek ist 36 Jahre alt, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Alter von neun und elf Jahren. Sie arbeitet als technische Zeichnerin auf reduzierter Stelle mit 30 Wochenstunden. Marita Petschek wohnt seit vier Jahren - dem Zeit- punkt der Trennung von ihrem Ehemann - im Bezirk ihrer Kirchengemeinde und ist dort bei Angeboten für Kinder und Familien engagiert. Sie singt außerdem in einem selbstorganisierten Musical- und Gospelchor, der in den Räumen ihrer Kirchenge- meinde probt. Für Marita Petschek „war Kirche immer schon so ne zweite Heimat (lacht) in irgend ner Form. In unserer Heimatkirche war das auch so, weil man dann halt von der Jugendgruppe her oder vom Musizierkreis oder so was gemacht hat, so dass ich eigentlich schon immer von klein auf in dem Gebäude Kirche mich heimisch gefühlt hab, und in der Gemeinde, wo ich zugehörig war“. Besonders bedeutsam war für sie der kirchliche Hintergrund aufgrund ihrer damaligen Lebenssituation: „ich hatte ne relativ schwere Kindheit, meine Mutter ist früh gestorben und mit meiner Stiefmutter kam ich lange nicht klar. Für mich war eigentlich die Jugendgruppe so’n Auffangbecken. Für vieles. Ich denke, hätt ich das nicht gehabt und vielleicht auch meinen Sport nicht, dann wäre meine, über- haupt mein ganzes Leben anders verlaufen“. In ihrer damaligen ländlichen Heimatge- meinde wurde ihre Jugendgruppe vom Pfarrer und dem Dekanatsjugendwart punk- tuell begleitet und unterstützt. Der Jugendwart ermunterte die Jugendlichen, auch einmal gemeinsam einen Gottesdienst zu gestalten, eine Erfahrung, die Marita Pet- schek nicht missen möchte, denn dies sei ein schönes Gefühl gewesen, „da oben zu stehen und vielleicht selber mal zu versuchen, da was zu vermitteln, das mal in seine eigenen Gedanken reinzubringen“. Marita Petschek war der Kirche daher stets eng verbunden und ein Kirchenaus- tritt wurde von ihr nie in Betracht gezogen. Allerdings beschreibt sie Phasen unter- schiedlich starker Beteiligung am kirchlichen Leben, denn ihr Ehemann stand der Kirche sehr ablehnend gegenüber, hielt das alles für „Humbug“ wo man nur Geld einbezahlt und nichts zurückbekommt: „Also der hat’s überhaupt nicht mit Kirche gehabt und hat das dann, je älter sie [die Kinder] wurden, immer ein bisschen abge- bremst. Weil, eigentlich, ja, die Zeit ist ihm zu schade. Da hat er ziemlich gebremst. Also, ich war halt jemand, der sogar angefragt worden ist, ob ich zum Kirchenvorstand mit- komme, weil ich halt aktiv bin und so, ich wusste einfach von vorneherein, wenn da der

51

Partner (…) quer gegen schießt, hat das gar keinen Sinn. Also, das gibt nur ständig Streitigkeiten.“ So kam es dazu, dass sie ihr kirchliches Engagement für einige Zeit aufgab. Nach der Trennung von ihrem Mann und dem Umzug in das Gebiet ihrer jet- zigen Kirchengemeinde war es für sie jedoch ganz selbstverständlich, die Beziehung zur Kirche wieder aufzunehmen: „in diesen vier Jahren habe ich sehr viel angefangen wieder in der Kirchenarbeit tätig zu werden“. Der erste Kontakt mit den gemeindepädagogischen Angeboten ihrer Gemeinde war der Besuch eines vom Gemeindepädagogen Andreas Lechmann organisierten Kinder- und Familienfestes. Marita Petschek sagt, sie sei kein Mensch, der bei einem solchen Anlass einfach daneben stehen könne, sie helfe einfach mit, wenn es etwas zu tun gäbe, sei dies Geschirr zu spülen oder mit Kindern zu basteln. So war es auch bei diesem ersten Fest und anschließend wurde sie vom Gemeindepädagogen gefragt, ob sie beim nächsten Mal erneut mitarbeiten wolle. Inzwischen entstand daraus eine regelmäßige Teilnahme und Mitarbeit bei den gemeindepädagogischen Projekten für Kinder und Familien in der Kirchengemeinde: Familienfeste, Ferien- spiele für Kinder, auch einmal bei einem Familiengottesdienst und einer Kinderfrei- zeit. Darüber hinaus nehmen ihre eigenen Kinder auch ohne sie an Angeboten des Gemeindepädagogen teil. Die gemeindepädagogische Arbeit ihrer Wohnortgemein- de trifft auf die Bedürfnisse von Marita Petschek, doch hätte sie hier kein passendes Angebot gefunden, dann hätte sie versucht, die Gemeinde zu wechseln: „ich hab hier in der Stadt sehr viele Möglichkeiten (…) würd ich ganz einfach schauen, ob ich da ne andere Möglichkeit finde“.

Art und Umfang der Beteiligung:

„Dieses ganz feste, regelmäßige, da hab ich keine Zeit dafür“ Marita Petschek engagiert sich heute nicht nur wegen ihrer eigenen Kinder bei den gemeindepädagogischen Projekten. Sie beschreibt, dass sie schon als Jugendli- che gerne ehrenamtlich in der Arbeit mit Kindern bei Ferienspielen oder im Kinder- gottesdienst aktiv war, sie „wollte aber eigentlich nie Erzieher selber werden, weil ich gedacht hab, das schaffst du nicht so, so den ganzen Tag so mit so vielen Kindern“. Des- halb habe sie einen anderen Beruf gewählt sagt sie, mache aber in ihrer Freizeit umso mehr mit Kindern. Ihr Engagement bei den gemeindepädagogischen Projekten beschreibt sie folgendermaßen: „Und sowie meine Zeit halt es zulässt, versuche ich halt immer, grad hier in der Gemeinde, zu helfen und bin da eigentlich immer offen, wenn der Andreas kommt und sagt, also hier, wir haben Familienfest und ein Gottesdienst und ich

52

bräucht ein bisschen Hilfe. Und er selber gestaltet das halt sehr, sehr offen, dass er eigent- lich nicht sagt, ich brauch jemand dafür, sondern er sagt, ich brauch jemanden, damit wir noch mehr Sachen anbieten können, überleg dir mal was, zum Beispiel. Und das gefällt mir eigentlich sehr gut, dass ich nicht in so ne feste Schublade da reingepresst werde.“ Sie übernimmt bei solchen Anlässen oft den kreativen Part, etwa Kinder anzumalen oder Henna-Tatoos anzufertigen. Ihr persönlich liegt die Art des Gemeindepädagogen, der sie auffordert, sich selbst etwas für eine Veranstaltung zu überlegen und sie dann bei Bedarf mit Material und Büchern versorgt: „Also, er gibt selten was vor. Mag natür- lich sein, dass das jetzt an meiner Person liegt, weil er halt auch weiß, dass ich Einfälle hab. Und er ist dann auch offen, wenn ich dann sag, also ich stell mir das so und so vor, aber nur so ne richtige Idee hab ich nicht und dann sucht er schon mal Bücher raus und sagt, vielleicht so oder dieses, ja. Oder ich hab das Material da, vielleicht kannst du das auch verwenden, also. Für mich, ich find das ideal, es mag manche Personen geben, die eigentlich nen Konzept brauchen. Und dann sagen, okay, da würd ich dann mithelfen. Ja, das finde ich eigentlich so das Positive an ihm, an ihm selber halt, an seiner Person, dass er das so ziemlich offen lässt.“ Mittlerweile beteiligt sich Marita Petschek also sehr häufig in ihrer Kirchenge- meinde, „aber nicht in einer Gruppe (…) kein Kindergottesdienst (…) da hab ich keine Zeit dafür. Dieses ganz feste, regelmäßige, das würd ich jetzt nicht, vielleicht irgendwann mal“. Auch der regelmäßige Besuch der Sonntagsgottesdienste kommt derzeit für sie aus Zeitgründen nicht infrage. Dass in ihrer Gemeinde so vieles in Projektform angeboten wird, kommt ihr in ihrer Lebenssituation als alleinerziehende berufstätige Mutter sehr entgegen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass gerade die gemein- depädagogischen Projekte auch von vielen Menschen über die Gemeindegrenzen hinaus gerne angenommen werden: „Also, gerade diese Familienfeste zum Beispiel ja. Da weiß ich, dass also mich auch Mütter ansprechen, die gar nicht hier aus dem Viertel sind, sondern die einmal dabei waren, weil man sie mitgeschleift hat (…), und die dann sagen, sag mir mal Bescheid, wenn es das nächste Mal ist.“ Marita Petschek hat selbst erlebt, dass bei solchen Projekten – ganz anders als für regelmäßige Veranstaltungen – häufig sogar so viel Interesse an ehrenamtlicher Mitarbeit besteht, dass der Gemeindepädagoge gar nicht alle Anfragen berücksichtigen kann. Auch sie selbst musste bereits einmal auf die Mitarbeit bei einer Kinderfreizeit verzichten, kann aller- dings nachvollziehen, dass ein Gemeindepädagoge bei einer Fahrt mit 40 Kindern nicht 12 interessierte Ehrenamtliche mitnehmen könne.

53

54

Biographische Bedeutung:

„Ich kann aber wenig vorleben, wenn ich alleine bin“ Die eigenen positiven Erfahrungen mit der Kirche, die für sie immer eine „zwei- te Heimat“ war, möchte Marita Petschek auch ihren Kindern ermöglichen. Auch für diese soll die Kirchengemeinde ein alltäglicher Lebensort werden: „Und das find ich halt auch wichtig für die Kinder, dass die einfach sehen, dass man hier rein und raus spa- zieren kann und dass das nicht irgendwas ist, wo man dann nur an bestimmten Anlässen hingeht.“ Die Gemeinde soll ein Ort der Vertrautheit und des Rückhalts sein, so wie für sie selbst es die kirchliche Jugendgruppe in ihrer Jugendzeit war. Sie findet es ent- scheidend, dass den Kindern in der Gemeinde ein bestimmter Umgang miteinander vorgelebt wird: „Was für mich auch so ein Aspekt ist, dass meine Kinder mal lernen, dass man füreinander da ist. Ich bin, dadurch dass meine Mutter früh gestorben ist, bei meinen Großtanten und meiner Großmutter viel gewesen. Das sind alles Leute, die ham eigent- lich mir noch vermittelt, man hat füreinander da zu sein. Und in unserer Welt heute ist das nicht mehr so. Also, wir haben sehr viele alte Leute hier im Haus wohnen, die dann sagen, ach ich hätte mal’nen Gang, können die Kinder mal was für mich besorgen, ich geb ihnen dann Geld dafür. Und da hab ich immer nen Kampf zu sagen, ich will aber gar nicht, dass sie dafür Geld kriegen. Die sollen eigentlich auch lernen, dass man mal fürein- ander da sein kann. Und das kann man so in der normalen Welt fast gar nicht mehr, man muss da richtig gegen ankämpfen, sag ich mal. (…) Und es ist wichtig, das irgendwie vor- zuleben. Ich kann aber wenig vorleben, wenn ich alleine bin, wenn ich kein’ Partner habe (…) Und ich denke, das lernt man doch noch in der Kirchengemeinde, weil da die Men- schen doch irgendwie, also die, die dort hingehen, irgendwie noch ein bisschen so in dem Stil auch ihre Kinder erziehen und miteinander umgehen, dieses Füreinander.“ Der Kon- takt zu anderen Familien in der Gemeinde, insbesondere aber auch zu älteren Men- schen als Vertreter der ‚Großelterngeneration’ ist für die Alleinerziehende wichtiger Bestandteil ihrer Erziehung: „Und, ja, dann ist es einfach so, dass heutzutage kaum noch große Familien da sind, ne. Und ich kenn das noch so. Die Familie so miteinander, so Generationen, und das hat man halt einfach nicht mehr. Ich find das schade, da geht so viel verloren, ja, und das vermittelt man dann in der Kirchengemeinde auch eher.“ Für Marita Petschek gehört auch das Nachdenken über biblische Geschichten oder den kirchlichen Hintergrund, der Besuch oder die Mitgestaltung von Gottes- diensten zum kirchlichen Leben hinzu. In diesem Bereich kann sie auch bei der Vor- bereitung von Veranstaltungen noch etwas vom Gemeindepädagogen dazulernen meint sie: „wenn’s biblische Themen sind, ja, dass er dann einfach mal ne andere Sicht

reinbringt oder einfach sagt, wie wär’s, wenn wir das mal komplett anders aufrollen“. Marita Petschek möchte allerdings nicht, dass biblische Themen zu sehr in den Vor- dergrund rücken, „ich glaub ich hätte nicht gern gehabt, in ne Jugendgruppe zu gehen, wo wir nur biblische Texte auseinander nehmen. Und so geht’s mir heut auch mit dem Chor. Ich singe gerne die Gospel, und wir singen halt auch mal die Musicals und die mag ich halt auch immer.“ Für sie muss es daher einen konkreten Anlass und einen Bezug zum Alltagsleben geben, wenn christliche Themen vorkommen, es muss nicht auto- matisch bei allen kirchlichen Veranstaltungen ein biblischer Bezug erkennbar sein. Wenn es jedoch passend ist, dann findet sie es schön, denn „es gibt so viele Bibel- texte, die man in die normale Welt reinbringen kann, die eigentlich so als Vergleich zu sehen sind, und das gehört irgendwie dazu“. Gelingt diese Verbindung von christlichen Themen mit dem Alltagsleben von Familien, so finden nach Marita Petscheks Beobachtung nicht nur die gemein- depädagogischen Familienfeste großen Anklang, sondern auch die Gottesdienste für Familien, die in ihrer Gemeinde häufig durch den Gemeindepädagogen gestaltet werden: „dann kommen die Mütter, die eigentlich mit der Kirche nichts zu tun ham, für ihre Kinder auch dort hin. Weil das eben ein anderer Gottesdienst ist, als den, den sie viel- leicht nicht mögen, ja.“ Von diesen Familiengottesdiensten sei noch keiner nach dem „typischen Schema“ abgelaufen, wie man es früher sonntags in der Kirche erlebt habe. Stets sind bei der Gestaltung der Gottesdienste Einzelne oder Gruppen aus der Gemeinde beteiligt: „Und so was reizt viele junge Familien, glaub ich auch. Das ist nicht mehr so dieses, man geht dort hin und man ist morgens noch müde und dann hat man Bedenken, dass man einschläft, weil da irgendwie so’n trockener Stoff durch is, und so ein Familiengottesdienst, der ist meistens aufgelockerter. Dass da irgendwelche Kinder was vortragen oder sei es der Chor singt oder es wird irgendwie instrumental irgendwas vorgetragen. Und das scheint halt vielen doch eher Spaß zu machen, und dann sagen die, da geh ich hin.“ Marita Petscheks Überzeugung nach hat sich das Bild der Kirche mittlerweile durch solche Veranstaltungen ein wenig verändert: „Kirche öh, da musste ich immer als Kind ständig hin und ich fand das furchtbar. Das ist hier nicht mehr so. In der Großstadt. Weil man einfach schon einmal, zweimal oder dreimal irgendwo auf irgendeiner Veranstaltung war, dass man gesehen hat, dass dieses Kirche nicht so ganz im Vordergrund gegeben wird, sondern auch diese normalen Miteinandersachen und die weltlichen Sachen auch zum Tragen kommen.“ Und gerade für eher kirchenferne Men- schen stellen ihrer Ansicht nach die gemeindepädagogischen Projekte daher ein pas- sendes Angebot dar.

55

56

Die Bedeutung hauptberuflicher Gemeindepädagogen:

„Eben in diesem Gebäude ein Miteinander möglich zu machen“ Ein Gemeindepädagoge ist für Marita Petschek wichtig, um die Kontinuität der Gemeindearbeit zu gewährleisten: „Wenn es diese Stelle erst mal gar nicht gäbe. Ich glaube, da würden erst mal etliche Sachen zusammenbrechen. Auf jeden Fall. Nicht unbedingt, die Gruppen, ja die Mütter, die sich treffen mit den Kindern, aber grad so die Familienfeste und diese Sachen, die würden erst mal wegbleiben bis sich vielleicht eventu- ell einige Eltern organisieren.“ Ehrenamtliche alleine können ihrer Ansicht nach auf Dauer ein solches Angebot nicht gewährleisten: „das geht eben auch nur, solang eben Eltern da sind, die das dann auch machen. Sowie die dann wegziehen oder eben keine Zeit mehr haben, bricht so was dann einfach zusammen. Und ich denke, das, das merkt man dann schon. Und ein Gemeindepädagoge ja, organisiert halt und, und auch wenn die Mutter mal nicht mehr da ist oder die, dann bringt er diejenigen, die es eben nicht alleine hin, auch schon dazu, dass eben was weiterläuft, ne.“ Ein Gemeindepädagoge sorgt, wenn jemand von den Ehrenamtlichen aufhört, dafür, dass andere dazu in die Lage versetzt werden. Er ist ein Punkt, der verschiedene Gruppen in der Gemeinde koordiniert und vernetzt: „Also die einen möchten mal ein Fest feiern, er weiß aber, dass die anderen im Prinzip da immer sich treffen (…) also er ist immer der Punkt, wo alles zusammenläuft (…), dass aber einfach eine Person da ist, die einfach da drüber Bescheid weiß. Ja und dann auch mal sagen kann, hier, ihr könnt ja vielleicht, habt ein gleiches Thema, wollt ein Fest machen, und dann macht das auch zusammen. Aber, dass jemand einfach so den Überblick da hat, was läuft, ja.“ Auf alle Fälle gehören gemeindepädagogische Mitarbeitende für Marita Pet- schek „im Prinzip zu dem Inventar, wenn ich mal sage, der Kirche, und dann sollte dafür auch Geld ausgegeben werden, ja.“ Sie findet, einen Gemeindepädagogen pro Gemeinde sollte es schon geben, denn es sei wichtig, dass in jeder Kirchengemeinde neben dem Pfarrer „noch ne zweite Person ist, die man ansprechen kann. Die organisiert (…) Und wenn das alles an dem Pfarrer hängt, dann ist das einfach begrenzter. Das lässt sich dann nicht alles so dolle aufziehen, weil der hat halt auch nur so und so viel Zeit zur Verfügung.“ Die Hauptaufgabe für einen Gemeindepädagogen ist ihrer Meinung nach: „Ja, in der Gemeinde zu kucken, dass eben Gruppen aufrecht erhalten werden oder überhaupt erst zustande kommen. (…) sich eben Zielgruppen, also kleine Gruppen sich aus der Gemeinde rauszunehmen. (…) solche Sachen zu organisieren. Um Gemeinde eben so möglich zu machen, wie es eigentlich sein sollte, nämlich Miteinander als Gemeinde. Nicht nur irgendwie in Gottesdienst zu gehen und eigentlich gar keinen Kon-

takt mit den Leuten zu haben. Sondern da irgendwie zusätzlich zu dem Gottesdienst, was eigentlich Aufgabe vom Pfarrer ist, andere Möglichkeiten zu geben, um eben in diesem Gebäude ein Miteinander möglich zu machen.“

1.2 Eheleute Lösch

Zugangswege zur gemeindepädagogischen Arbeit:

„Die Befürchtung, in so’n Wochenende zu kommen, wo man missioniert wird“ Stefan Lösch ist 36 Jahre alt und von Beruf selbständiger Ingenieur, seine Frau Regina ist 32 Jahre alt und ausgebildete Rechtspflegerin, mit halber Stelle als Justiz- beamtin berufstätig. Die Kinder des Paares sind sechs und drei Jahre alt. Die Familie wohnt seit ungefähr zehn Jahren in Bedorf. Stefan und Regina Lösch sind beide evan- gelisches Kirchenmitglied, der Kirche gegenüber aber sehr ablehnend eingestellt. Seit einigen Jahren nehmen sie an den gemeindepädagogischen Angeboten für Familien des Dekanatsjugendreferenten Ralf Martens in einem Nachbardekanat teil. Davor beschränkte sich bei beiden Ehepartnern ein intensiverer Kontakt zu kirchli- chen Angeboten auf ihre rund zwanzig Jahre zurückliegende Konfirmandenzeit, die Wur- zeln des heute distanzierten Verhältnisses zur evangelischen Kirche liegen bereits in ihrer frühen Jugendzeit. Stefan Lösch störten schon damals die vielen „Glaubensanhän- ger“ und „Fanatiker (…) zu unsrer Konfirmationszeit die einem dann alles vergällt haben“. Im Verlauf ihres Lebens haben beide Ehepartner immer wieder einmal kirchliche Ange- bote besucht, zeigten sich interessiert auch an der Auseinandersetzung mit anderen Konfessionen und Religionen, aber stets hat sie alles, was sie im kirchlichen Umfeld erlebten, eher abgeschreckt. Nachdem das junge Paar vor rund zehn Jahren neu an den jetzigen Wohnort zugezogen war, suchte insbesondere Regina Lösch erneut den Kontakt zur örtlichen Kirchengemeinde. Sie besuchte einige Gemeindeveranstaltungen wie Bas- are und später gemeinsam mit der älteren Tochter den Kindergottesdienst. Erneut jedoch musste sie feststellen, dass das alles sie überhaupt nicht ansprach. Sie be- schreibt, sie finde viele Menschen, die sie bei Kirche kennengelernt habe, „eben als Men- schen auch nicht so spannend. Also die ich hier so kenne, da hab ich jetzt nicht so Interesse, (…) ich find die ähm, ja, die bedienen alle Vorurteile, die man so, so hat (lacht). Und dann denk ich mir: nee, da muss ich da nich auch noch hin, also dann danke. (lacht) Das ist dann nicht so, ich bin da ja gar nicht so abgeneigt, oder so so nicht aufgeschlossen, wenn ich dahin komm, aber dann denk ich, nee, das isses nich, das grad eben nicht.“ Einen Grund dafür sieht sie darin, dass sich in der Gemeinde ein kerngemeindlicher „Klüngel“ seit Jahren so verfestigt hat, dass dies die Aufnahme von neuen Menschen und Ideen verhindert.

57

58

Die eher distanzierte und unbestimmte Haltung des Ehepaares gegenüber der Kirche zeigt auch die Tatsache, dass das Ehepaar sich ganz bewusst nach längerer Überle- gung nicht kirchlich trauen ließ. Allerdings haben beide ihre Kinder taufen lassen, die Gründe dafür beschreibt Regina Lösch folgendermaßen: „also ich denke, was ich vermittel, ist sowieso das, was ich gelernt hab. Also ich vermittel keinen Katholizismus oder kein Judentum, kein Moslem oder sonst irgendwas, weil ich vermittle ja doch mein Bild und das ist nun mal das der Evangelischen Kirche“. Und gerade im Hinblick auf die Kinder findet Regina Lösch trotz aller bisherigen negativen Erfahrungen eine Kirchengemeinde eigentlich wichtig, „weil ich es immer noch auch als wichtigen Anlaufpunkt (…) auch grad in so dörflicher Gemeinschaft finde, und wenn sie da’n Zugang zu finden, find ich’s gut, ich selbst für mich halt nicht so sehr, ne. Aber das hat, will ich ihnen deswegen ja nicht nehmen, ne.“ Allerdings hat der gemeindli- che Kindergottesdienst auch der älteren Tochter nicht gefallen, so dass die Familie ihre Kontaktversuche mit der örtlichen Kirchengemeinde wieder einstellte. Da das Ehepaar bei der Suche nach passenden Angeboten immer wieder enttäuscht wurde, führte dies auch dazu, dass beide bereits häufiger einmal über einen Austritt aus der Kirche nachdachten. Es war somit auch nur einem Zufall zu verdanken, dass Stefan Lösch vor einigen Jahren den Dekanatsjugendreferenten Ralf Martens kennenlernte. Ein Bekannter aus dem Kindergarten seiner älteren Tochter lud ihn eines Tages ein, einmal an einem Vater-Kind-Abend teilzunehmen. Dieser Bekannte war Gründungsmitglied einer Vater- Kind-Gruppe, die sich regelmäßig zu einem Väter-Stammtisch trifft und dort im Jahr „so drei bis vier Events“ gemeinsam mit den eigenen Kindern plant, Ausflüge oder gemeinsame Wochenenden. Die Gruppe hatte sich gegründet, als die Männer in Erzie- hungsurlaub waren und nach einer Gelegenheit zum Austausch suchten. Auch der Jugendreferent Martens war damals im Erziehungsurlaub, er integrierte später diese Gruppe wie auch weitere Maßnahmen für Familien in den eigenen beruflichen Alltag. Der neu hinzukommende Stefan Lösch war zuerst eher skeptisch, er erläutert: „am Anfang (…) klopft man ja auch ab, was da für in Anführungszeichen Typen rumwandern, und dann soll man sich dann mit denen ein Wochenende rumschlagen, und dann sagt man okay (…) man geht mal dieses Risiko quasi ein und macht’n Wochenende (…) man hat ja, wenn man dann hört, arbeitet in der Gemeinde, ist engagiert und den ganzen Kram [gewis- se Vorbehalte]. Doch Stefan Lösch gefiel das erste Wochenende mit der Gruppe und er ist seitdem Mitglied: „und Vater-Kind-Gruppe, ja das geht eigentlich so weiter. Obwohl die Kinder ja aus dem Alter eigentlich raus sind, eigentlich war’s ja erst so’ne Kleinkindsbetreu- ung, und jetzt mittlerweile sind ja die Kinder groß geworden und, aber verstehen sich alle unter’nander ganz gut, und das macht eigentlich auch ganz gut Spaß.“

Nachdem Stefan Lösch etwa ein Jahr Mitglied der Vater-Kind-Gruppe war, bekam er durch ein Programmheft des Dekanatsjugendreferenten mit, dass dieser auch Familienfreizeiten anbietet. Dies erzählte er seiner Frau und die beiden ent- schieden sich, bei einer Wochenendfahrt mitzufahren. Auch Regina Lösch hatte vor der ersten Teilnahme an der Familienfreizeit gewisse Bedenken: „also ich war erst mal sehr, na ja, skeptisch will ich nicht sagen, aber sehr so zurückhaltend (…) als ich dann gehört habe, oh, auch noch mit Gottesdienst, da dachte ich ‚oh-oh!’. Und dann, ich hatte so leicht die Befürchtung, in so’n Wochenende zu kommen, wo man missioniert wird, ne. Dem war aber überhaupt nicht so (…) prinzipiell hab ich nichts dagegen, ich möchte halt nur nicht missioniert werden, so in diesen Dingen.“ Aber da ihr Mann bereits gute Erfah- rungen mit dem Dekanatsjugendreferenten gemacht hatte, überwand sie ihre Beden- ken und war bereit, es einmal auszuprobieren.

Art und Umfang der Beteiligung:

„Wenn’s auf Familienfreizeit geht, ist die ganze Familie Gewehr bei Fuß“ Stefan Lösch nimmt seitdem regelmäßig an den Väter-Stammtischen seiner Vater- Kind-Gruppe teil. Diese Abende finden ohne die Kinder statt, dienen dem gemeinsamen Gespräch und „Informationsaustausch“. Gemeinsam planen die Männer dann jährlich einige Maßnahmen gemeinsam mit ihren Kindern. Stefan Lösch berichtet, dies seien am Anfang kleinere Ausflüge gewesen, inzwischen seien die Kinder schon etwas älter und es gebe auch gemeinsame Wochenendfahrten. Der Dekanatsjugendreferent bildet das organisatorische Rückgrat bei diese Maßnahmen, indem er etwa Freizeithäuser bucht. Stefan Lösch betont besonders die Tatsache, dass dieser immer sehr schöne Orte aussuche, „ne gewisse Location“ ist für ihn ganz wichtig, besonders gut gefällt ihm die kirchliche Jugendburg Hohensolms. Die ganze Familie gemeinsam fährt seit drei Jahren bei kürzeren Familienfreizei- ten mit, die vom Dekanatsjugendreferenten und einer weiteren Gemeindepädagogin organisiert werden. Diese Familien-Wochenenden haben immer einen bestimmten Ablauf: Der Freitagabend ist vom gegenseitigen Kennenlernen und gemeinsamen Spielen geprägt, nachdem die Kinder im Bett sind, sitzen die Erwachsenen zusam- men, „was immer sehr nett ist und sehr gesellig ist, wobei da natürlich kein Teilnahme- zwang besteht“, berichtet Regina Lösch. Der Samstag steht meist unter einem bestimmten Motto, beim letzten Mal war es das Thema Zirkus, und den Tag über wurde etwas gebastelt oder geprobt für eine Aufführung am Samstagabend, manchmal werde aber auch ein Geländespiel oder etwas ähnliches gemeinsam unternommen. Dabei könne sich „jeder so

59

nach seinen Fähigkeiten“ eine Betätigung aussuchen, so Regina Lösch, vor allem auch bei den Kindern komme es immer auch darauf an „wie die Bedürfnisse sind auch von der Altersstruktur her“, denn beim letzten Mal sei die Altersspanne der Kinder von zwei bis neun Jahren gewesen. Am Sonntagmorgen findet dann ein gemeinsamer Gottes- dienst statt. Diese Elemente, so meint Stefan Lösch, bilden bei der Freizeit „so’n groben Leitfaden“, aber darum herum könne man sich auch seine „Freiheiten“ neh- men, er betont: „Man kann aber auch seinen Mittagsschlaf machen (…) Das ist ganz wichtig, das ist auch bei der Vater-Kind-Gruppe wichtig.“ Stefan Lösch äußert, weil die Fahrten der ganzen Familie so gut gefallen, sei mitt- lerweile wenn es auf Familienfreizeit gehe, „die ganze Familie Gewehr bei Fuß“ – die näch- ste Fahrt steht auch bereits wieder bevor. Darüber hinaus plant Stefan Lösch seine Teil- nahme an einer Segelfahrt des Dekanatsjugendreferenten ohne seine Familie. Solche jährlich wiederkehrenden Veranstaltungen nehmen inzwischen einen festen Platz im Familienleben ein, so dass das Ehepaar hofft, „dass wir das noch weiter machen können, dass sich da der Raum und die Zeit bietet“, vor allem aber, dass die beiden organisieren- den Gemeindepädagogen weiterhin das Ganze so „zusammenhalten“.

60

Biographische Bedeutung:

„Was einen so’n bisschen abhebt vom Alltag“ Stefan Lösch berichtet über die Fahrten der Väter seiner Vater-Kind-Gruppe mit den Kindern übers Wochenende, dass es immer ein wenig „chaotisch“ sei, wenn man gemeinsam wegfahre. Aber das gefällt ihm eigentlich gut, denn im Alltag müsse man immer planen, „man muss in seinem Unternehmen planen, man muss die Mitarbeiter einplanen und so, und da ist einfach auch so, dass man dann die ganze Rasselbande ein- packt und dann geht das also’n bisschen drunter und drüber“. Dann hatte einmal ein Vater die Wurst zuhause vergessen oder die Männer dachten nicht mehr rechtzeitig vor Ladenschluss am Samstag daran noch etwas einzukaufen, aber er ist der Mei- nung, „es ist einfach so, man muss sich einfach da dran auch gewöhnen als Mann mal“. Beide Ehepartner sind der Ansicht, dass diese Fahrten nicht ohne Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen dem Vater und den Kindern geblieben sind. Regina Lösch sagt, „für die Kinder ist es halt was anders, dass die Mutter ganz draußen ist, also völlig als Ansprechperson draußen ist“, und er bestätigt das: „man hat ja auch’n andern Zugang, ne. Man sagt den Kindern, jetzt zieh das und das an, und dann passt das viel- leicht nicht grade modisch, grade weil ich zwei Töchter habe, so die eine achtet da ja schon mehr drauf, sag ich, zieh das jetzt an (…) und dann ist die Mama nicht da (…) Und

dann kann sie sich aussuchen, ob sie jetzt nun rumbockt, oder ob’se dann mitmacht. Weil sie hat einfach keine andren Möglichkeiten.“ Zuerst war nur die größere Tochter mit dem Vater unterwegs, in diesem Jahr, so berichtet Regina Lösch, seien erstmals beide Kinder mit dabei gewesen, und dieses freie Wochenende sei auch sehr schön für sie selbst gewesen. Regina Lösch ist der Ansicht, dass gerade so „kürzere Sachen“ wie auch die Wochenendfahrten für Familien am Jahresanfang gut in ihren familiären Ablauf hin- einpassen. Die Fahrten führen meist in nur wenige Kilometer entfernte Orte erwähnt sie, aber „obwohl’s so nahe ist, ist’s irgendwie fern ab aller sonstigen Verpflichtungen“. Regina Lösch beschreibt, es werde viel gespielt und gesungen auf der Freizeit, „das ist ja auch immer schon mal was, ne, so ohne Radio oder irgendsowas, sondern eben sel- ber was machen und das ist ja auch schon mal so was Besonderes eigentlich, also was einen so’n bisschen abhebt vom Alltag“. Die Familie erhält viele neue Anregungen auf den Freizeiten, da die beiden Gemeindepädagogen einfach einen „unerschöpflichen Fundus“ an Spielen und Ideen besitzen. Das Ehepaar findet es gut, dass sich da end- lich einmal jemand darüber Gedanken macht, wie man Familienurlaub neu gestalten kann. Mittlerweile seien doch viele Familien mit kleinen Kindern mit einem Urlaub in einem Hotel nicht mehr zufrieden, und die Struktur der gemeindepädagogischen Familienfreizeiten hat sie da sehr überzeugt. Eine ganz besondere Bedeutung hat für die Eheleute, dass sie auf den Famili- enfreizeiten immer wieder mit Menschen zusammentreffen, die überhaupt nicht ihrem üblichen Bekanntenkreis entsprechen. Regina Lösch erzählt, vor der ersten Fahrt habe sie keinen der anderen Teilnehmer gekannt, sie betont: „Ich denke, die Vielfalt der Leute die er [der Dekanatsjugendreferent] kennt, das einfach auch intressant ist derer die da mitmachen (…) und das wird ja dann intressant auch durch die unter- schiedlichen Leute einfach, mit unterschiedlichen Hintergründen, unterschiedlichen beruf- lichen und familiären, das ist einfach ganz intressant, weil wenn man da selber, ja, wenn eben meine Leute, seine Leute, das wär einfach (…) nicht dasselbe.“ Der Dekanatsjugen- dreferent hat auch wesentlichen Anteil an vielen interessanten Gesprächen auf den Fahrten, denn er habe so eine Begabung, „die einfach gut ankommt bei sämtlichen Gesprächspartnern, sich so einzustellen auf die (…) und schnell zu merken wo die Schwer- punkte liegen, wo die Intressen liegen und dann auch auf unterschiedlichen Ebenen prak- tisch auch in der Diskussionsrunde (…) Und er kommt viel mit Fragen, viel mit, dass er ne Diskussion anregt.“ Und Stefan Lösch findet es gut, dass man mit dem Dekanats- jugendreferenten auch über kirchenkritische Fragen „Tacheles“ reden kann: „er hat

61

super Grundlagen (…) er weiß auch was in der Kirche abgeht, ne. (…) das ist einfach auch mal irgendwie so’n bisschen Marketing was er da macht, weil er bietet’s einfach an, und dann wird man hellhörig, und dann sagt man, boah, da war endlich mal einer der mit Infos rüberkommt.“ Stefan Lösch würde zwar auch mit jedem anderen Anbieter mit- fahren, der solche Familienfahrten anbietet, er erwartet allerdings ausdrücklich, wenn es eine kirchliche Maßnahme ist, dass der entsprechende Mitarbeiter ihm auch Auskunft geben kann: „Da muss er doch über den Laden Bescheid wissen, (…) wenn er seine Visitenkarte rausgibt, dass er von der Kirche kommt, dann muss ich ihn da auch erwischen können. (…) Wenn er dann anfängt und sagt, ah, das ist nicht Gegen- stand meiner Ausbildung und so was, dann isser gleich unten durch, da sag ich, was issen das für einer. Was will der denn da.“ Regina Lösch erzählt, wegen der Gottesdienste auf den Freizeiten sei sie anfangs allerdings sehr skeptisch gewesen. Inzwischen aber hat sie diese als sehr positiv erlebt, denn „die taugen also jetzt für Kinder“ und sie sagt, „wenn’s in dem Maße mehr wär, deswegen gehör ich jetzt immer zu den Befürwortern, wenn’s darum geht, ob wir’n Gottesdienst machen, weil ich das nämlich ausgesprochen angenehm finde (…) unkonventionell einfach aus unserer Sicht.“ Es sei aber insgesamt schön, dass auf der Fahrt der kirchliche Aspekt nicht ständig übertrieben werde, meint Regina Lösch, „klar man singt auch mal’n Lied (…) vorm Essen wird was gesungen und so und wenn’s dann eben heißt, Gott wir danken dir dafür, und so was, da hab ich jetzt nicht das große Problem damit. Oder irgendwann, wenn dann so die Kinder dann auf einmal: Warum sin- gen wir denn jetzt eigentlich, wir danken dir dafür Gott? Der hat doch, ne, die hat doch gekocht.“ Gerade solche Dinge bieten für sie dann immer wieder einmal Anlass zum Gespräch mit den Kindern über Glaubensfragen, und auch sonst beherrschen die Lieder, die gesungen werden, „nach so’m Wochenende halt auch noch sehr. Und dann, grad so mit der Großen dann, irgendwann werden dann irgendwelche Formulierungen so aufgegriffen, die eigentlich jetzt nur mal so Beiwerk sind, und dann kann man eben, redet man eben trotzdem mal drüber, und dann denk ich das ist viel wirksamer, als alles Theo- retische sonst, weil das ist wirklich so gelebt, ne, mit diesen Liedern.“

Die Bedeutung hauptberuflicher Gemeindepädagogen:

„Es passt halt richtig mitten ins Leben“ Das Ehepaar Lösch ist der Meinung, dass sich ohne Hauptberufliche weder Familienfreizeiten noch die Vater-Kind-Gruppe organisieren ließen. Zum einen hat ein Gemeindepädagoge eine große Bedeutung für die Dynamik in den jeweiligen

62

Gruppen und Teilnehmerkreisen. Stefan Lösch beschreibt, dass es auch manchmal Krisen in der Gruppe gebe, dass jemand sage, er habe keinen Bock mehr und dann „muss es ja irgendwo wieder’n Konsens geben und da ich nicht so konsensfähig bin erst mal, aber der Ralf dann, gibt es das dann schon wieder“. Der Dekanatsjugendreferent sei einfach eine „Integrationsfigur, auch so durch seine Toleranz“. Der zweite wesentliche Aspekt besteht für das Ehepaar in den organisatorischen Möglichkeiten eines hauptberuflichen Gemeindepädagogen. Stefan Lösch führt dazu aus: „Wir wis- sen nicht all diesen ganzen Kram, wenn wir was organisieren, kommen wir auch ne ganz andere Preiskategorie rein, ne. (…) er hat seine Berufserfahrung, die steckt einfach dahin- ter und er hat einfach die ganzen Tausende von Verbindungen. (…) es ist einfach seine Welt innendrinne, seine Berufswelt, in der er sich da bewegt. Und es ist einfach auch, es muss, in der Gruppe muss es immer irgendwie auch so’n Leithammel geben der sagt, wir machen das, das, das, und die Susanne dann ihr Programm macht, und jeder springt dann drauf an, lässt sich dann so’n bisschen damit mittragen.“ Ganz wesentlich ist für Stefan Lösch, dass Gemeindepädagogen Zugänge zur kirchlichen Infrastruktur bereitstellen, die man als normales Kirchenmitglied gar nicht kenne: „diese ganzen Möglichkeiten, die die Kirche da hat, die kennt er einfach. Der kennt auch welche Töpfe es gibt und so, und der weiß einfach, weil’s einfach sein Beruf ist (…) und wer dann einfach keinen Zugang zu hat, der kriegt’s einfach nicht gebacken (…) Aber was die Kirche anbie- tet, und das ist ja Infrastruktur, die alle mitbezahlt haben, die können sie einfach auch nutzen.“ Das Ehepaar ist der Überzeugung, dass Gemeindepädagogen genau die Richti- gen seien, um sich an Menschen in ihrer Lebenssituation zu wenden. Der Dekanatsjugendreferent Ralf Martens ermöglichte ihnen selbst erstmals seit langer Zeit eine Teilnahme am kirchlichen Leben, ohne dass sie sich dabei abgeschreckt oder vereinnahmt fühlen müssen. Der Kontakt mit den gemeindepädagogischen Angeboten hat ihre Bereitschaft, Mitglied der Kirche zu bleiben bestärkt; allerdings blieben die Vorbehalte gegenüber anderen kirchlichen Angeboten und der Berufs- gruppe der Pfarrer davon weitgehend unberührt. Regina Lösch meint: „Also eigentlich ist die ganze Kirche, ist mir sehr suspekt (…) und eigentlich, der Pfarrer repräsentiert das für mich, diesen Kirchenapparat.“ Den Unterschied zwischen Pfarrern und Gemein- depädagogen beschreibt sie folgendermaßen: Das eine ist „die Theorie und das ande- re ist Praxis (…) das tatsächliche Leben“. Sie finde eben die gemeindepädagogische Arbeit ansprechender als alles, was sie in Kirche zuvor kennengelernt habe, „der Gemeindepädagoge hört sich wirklich [wie] jemand an, der wirklich arbeitet in der

63

64

Gemeinde, also richtig sich da rein setzt, aber ohne diesen missionarischen Teil. Und des- wegen find ich das ansprechender.“ Leider sei der Dekanatsjugendreferent für eine sehr große Region zuständig und daher nicht in der Lage, vor Ort gemeindepädagogische Angebote zu organisie- ren. Das Ehepaar bedauert, dass sie an ihrem ländlichen Wohnort keine Wahlmög- lichkeiten haben, würden sie in der Stadt wohnen, könnten sie ihre Kirchengemeinde einfach wechseln: „die ham halt die Wahlmöglichkeiten, wir ham’se halt nicht (…) punk- tum ist es ganz einfach, dass einfach (…) dieses ganze Auftreten und natürlich die Arbeits- weise die der Ralf macht, also dass da uns das zuspricht. Und mit der Gemeinde denk ich, kann man das überhaupt nicht machen. (…) ich bin froh, dass wir den Ralf da ham, und dann isses’n guter Ausgleich zu dem andern Kram.“ Eigentlich müsste es nach Ansicht des Ehepaares zusätzlich auch in ihrer näheren Umgebung weitere gemein- depädagogische Mitarbeiter geben. Regina Lösch wünscht sich in einer erreichbaren Entfernung für alle Menschen einen gemeindepädagogisch begleiteten „Treffpunkt“. Es sei letztlich eine Frage, welches Gewicht die Kirche auf die Finanzierung solcher gemeindepädagogischer Arbeitsbereiche legt, betont Stefan Lösch: „Weil Geld ist ja irgendwo schon da, es ist alles immer eine Frage der Verteilung.“ Und Regina Lösch fügt hinzu, „das hat auch was mit Wertschätzung zu tun. Also jetzt Wert eben im Sinne von Geld, also dass das einem eben wichtig ist, so’n Job halt zur Verfügung zu stellen (…) dass es einem das wert ist, dafür Geld zu zahlen, dass es solche Leute gibt (…) ich bin immer noch unschlüssig über genau das Berufsbild was sie eigentlich machen, ne! Weil ich es so vielseitig find, dass ich denk, ja, es passt halt richtig mitten ins Leben und ich find’s schad, dass es für uns so weit weg ist, ne, das könnt also ruhig so in diesem Art des Engagements ruhig mehr geben.“ Die gemeindepädagogischen Angebote des Dekanatsjugendreferenten treffen anders als die der Ortsgemeinde genau auf die Bedürfnisse des Ehepaares Lösch und beide möchten sie heute nicht mehr missen. Dies hat auch ihre Kritik an der Kirche etwas relativiert, Stefan Lösch meint dazu: „Also meine Bereitschaft ist ja dadurch etwas mehr geworden, das Geld weiter in der Kirche zu zahlen, also wenn ich jetzt den Ralf net hätte, würden wir schon wieder rumknauseln (…) Und jetzt sag ich okay, also jetzt mach ich mir net soviel Gedanken drüber, weil ich weiß, dass vielleicht doch noch’n paar Mark da in solche Arbeiten reinfließt und nicht verprasst wird irgend- wo“. Regina Lösch ist der Überzeugung, dass die gemeindepädagogische Arbeit es ihr erstmals ermöglicht, „dass man [zur Kirche] dazugehört (…) aber mehr so in so’nem Seitenbau“.

Beim derzeitigen Verhältnis zwischen Pfarr- und Gemeindepädagogenstellen setzt die Kirche nach ihrer Überzeugung bislang eine „falsche Priorität“. Bevor die Eheleute zufällig den Dekanatsjugendreferenten kennenlernten, hatten beide das Gefühl, als „Kunden“ der Kirche keine passende Gegenleistung angeboten zu bekom- men. Bisher mache die Kirche einfach zu wenig Angebote für jene Menschen mitt- leren Alters, die im Berufsleben stehen und „die eigentlich die Kirchensteuer zahlen“. Regina Lösch meint, das müsste doch auch im Interesse der Kirche liegen, sie führt dazu aus: „ich weiß nicht, ob nicht der Kirche zuviel wegbricht an Leuten, die sie anspricht, also wirklich jetzt auch mal von den Jungen jetzt, ich weiß nicht, bis vierzig, fünfundvierzig, also ob da wirklich genügend Leute so angesprochen sind, wie wir jetzt“.

2. Unterschiede und Gemeinsamkeiten

2.1 Unterschiedliche Bedeutung gemeindepädagogischer Arbeit In der Gesamtschau wird deutlich, dass die Bedeutung der gemeindepädagogi- schen Arbeitsbereiche und Mitarbeitenden für alle drei Befragten eine wichtige Rolle spielen. Abhängig von der eigenen Nähe oder Distanz zur Kirche kommt ihnen jedoch eine andere Bedeutung zu. Marita Petschek hat in ihrem Leben ausreichend positive Erfahrungen mit der Kirche gemacht, um sich nicht mehr von einzelnen negativen Erlebnissen abschrecken zu lassen und mit auftretenden Dissonanzen umgehen zu können. Marita Petschek weiß, was sie von der Kirche erwartet, und würde gezielt auch in benachbarten Gemeinden nach passenden Angeboten suchen, wenn die eigene Gemeinde ihr nicht zusagt. Bei den kirchenkritischen Eheleuten Lösch hingegen war nur der Zufall für ihre Beteiligung an gemeindepädagogischen Angeboten verantwortlich. Dass sie hier erstmals das Gefühl hatten, etwas von ihrer Kirchenmitgliedschaft zu haben, hat die Bereitschaft verstärkt, weiterhin ihren finan- ziellen Beitrag in Form der Kirchensteuer zu leisten. Dennoch bleibt der Gemeinde- pädagoge der alleinige Garant dafür, zur Kirche dazugehören zu können, ohne sich einerseits vereinnahmt oder andererseits ausgegrenzt fühlen zu müssen. Vergleicht man die beiden Fallbeispiele, dann werden daran völlig unterschiedliche Zugänge und Umgangsweisen mit den gemeindepädagogischen Angeboten für Familien deut- lich (siehe Übersicht). Zu gemeindepädagogischen Angeboten für Familien gibt es unterschiedliche Zugangswege, die in hohem Maße von der eigenen Einstellung gegenüber der Insti- tution Kirche abhängen. Das Spektrum bewegt sich hier zwischen dem gezielten Anknüpfen an frühere positive Erfahrungen, an einen vertrauten kirchlichen Hinter-

65

66

grund, wie bei Marita Petschek, bis hin zum rein zufälligen Kontakt bei den kirchen- kritischen Eheleuten Lösch. Die Art und Weise der Nutzung gemeindepädagogischer Angebote durch die Befragten hängt wiederum mit den ursprünglichen Erwartungen und dem Ausgangs- punkt ihrer Kontaktaufnahme zusammen. Hier bewegt sich das Spektrum der Betei- ligung von der regelmäßigen Teilnahme und Mitarbeit bei Marita Petschek bis hin zur ausschließlichen Teilnahme an gemeindepädagogischen Angeboten für Familien wie bei Familie Lösch. Die Biographische Bedeutung, die die gemeindepädagogischen Angebote im Leben der Befragten erlangen, kann einerseits in der Stabilisierung und Begleitung des Alltags liegen, wie bei Marita Petschek, oder aber in der Unterbrechung des All- tags bei den Eheleuten Lösch. Die gemeindepädagogischen Maßnahmen beeinflussen auch auf unterschied- liche Art und Weise das Verhältnis zur Institution Kirche, indem sie einen wesent-

lichen Bedingungsfaktor für die Zufriedenheit mit der Kirche darstellen, wie bei Mari- ta Petschek, oder erstmals wieder partiell überzeugende Erfahrungen mit Kirche ermöglichen, und damit die Bindung an die Kirche und den Erhalt der Mitgliedschaft bestärken können, wie bei dem Ehepaar Lösch. Die Funktion, die die Befragten der gemeindepädagogischen Arbeit der Kirche zuschreiben, liegt zwischen der Bereitstellung einer gemeindlichen Infrastruktur, bestimmter Ressourcen und Kompetenzen für Gemeindemitglieder und Ehrenamt- liche, sowie deren Unterstützung und Begleitung am Alltagsort Gemeinde bei Marita Petschek und einer verstärkten ‚Kunden-Orientierung’ durch Schaffung von trans- parenten Zugängen zu den von den Kirchenmitgliedern finanzierten Ressourcen und Möglichkeiten der Kirche, auch außerhalb regelmäßiger Beteiligung am parochialen Leben, bei dem Ehepaar Lösch.

Übersicht: Drei Zugangswege zur gemeindepädagogischen Arbeit mit Familien

Merkmal

Marita Petschek

Ehepaar Lösch

1

a) Ursprüngliche

Kirchenmitglied mit konstant- positiver Einstellung zur Kirche und Beteiligung am kirchlichen Leben

Kirchenkritische Mitglieder der Evangelischen Kirche mit Aus- trittsneigung ohne Beteiligung am kirchlichen Leben

Beziehung zur Kirche

1

b) Zugangswege zur

Anknüpfen an die „vertraute

Zufällige Kontaktaufnahme und vorsichtige Annäherung an das „Risiko Kirche“

gemeindepädagogi-

Heimat Kirche“

schen Arbeit

a) Heutige Beteiligung am kirchlichen Leben

2

Regelmäßige Beteiligung an breitem kirchlichen Angebots- spektrum

Beteiligung ausschließlich an gemeindepädagogischen Ange- boten

2 b) Beteiligungsmodus

Von Fall zu Fall wechselnde Teilnahme und ehrenamtliche Mitarbeit.

Ausschließlich Teilnahme an Veranstaltungen, keine ehrenamt- liche Mitarbeit

3 a) Biographische

Gemeinde als soziale und religiöse Heimat – Infrastruktur für die eigene Lebensführung, Alltags- begleitung, Vermittlung spezifi- schen Wissens, z.B. über den Umgang mit biblischen Themen

Unterbrechung von Alltag – Regio- nal orientiertes Kommunikations- milieu und Kontaktnetz, Zugehö- rigkeit im „Seitenbau“ der Kirche, Begegnung mit anderen und Re- flexion eigener Lebenskonzepte, alternative Freizeitgestaltung, kirchliches Hintergrundwissen

Bedeutung gemeinde-

pädagogischer Arbeit

3

b) Einfluss gemeinde-

Gemeindepädagogen als „Inven- tar“ der Kirche sind ein Bedin- gungsfaktor für die Zufriedenheit mit der Institution

gemeindepäd. Arbeit ermöglicht neue Zugänge zur kirchlichen Praxis und überzeugende Erfah- rung „gelebter Religion“ – Stabi- lisierung der Kirchenbindung

pädagogischer Arbeit auf das Verhältnis zur Kirche

4) Funktionsbeschrei- bung des gemeindepä- dagogischen Dienstes

Gemeinde als „Alltagsort“ ermög- lichen, Unterstützung und Ermög- lichung ehrenamtlichen Engage- ments, Bereitstellung von Infra- struktur für selbstorganisierte Maßnahmen, Stabilisierung, Organisation und Vernetzung, Gewährleistung von Kontinuität

„Kunden-Orientierung“, offenes nicht-kommerzielles Angebot ohne Vereinnahmung und „Mission“, auch Kirchenfernen Zugang zu kirchlichen Ressourcen ermögli- chen, Gestaltung von „Treffpunk- ten“ in erreichbarer Entfernung

67

2.2 Gemeinsame Merkmale Die beiden Beispiele machen die Unterschiedlichkeit der Zugangslogiken zu kirch- lichen Angeboten ebenso deutlich wie die unterschiedliche Bedeutung, die gemein- depädagogische Angebote im Leben der Befragten einnehmen, dennoch lassen sich auch gemeinsame Grundzüge erkennen.

Freiräume

Unabhängig von der eigenen Nähe und Distanz zur Kirche ist allen Befragten besonders wichtig, dass nicht über sie verfügt wird. Sie wollen über Art und Umfang ihrer Beteiligung selbst bestimmen. Den Eheleuten Lösch gefällt besonders gut, dass die Maßnahmen, an denen sie teilnehmen, einen „groben Leitfaden“, eine gewisse zeit- liche Struktur und thematische Anregungen bieten, dennoch bleibt dabei genügend Frei- raum. Bei den Fahrten kann sich jeder „nach seinen Fähigkeiten“ einbringen, es besteht bei einzelnen Einheiten nicht unbedingt ein Teilnahmezwang und man kann auch sei- nen Mittagsschlaf machen, wie Stefan Lösch betont. Dies alles ist besonders wichtig, ist doch die Teilnahme an einer solchen Fahrt für die Familie ein Stück Urlaub, Erholung vom Alltag mit all seinen Belastungen und soll daher nicht wiederum in An- und Über- forderung ausarten. Besonders wichtig ist es dem kirchenkritischen Ehepaar Lösch, dass sie nicht das Gefühl haben, „missioniert“ zu werden. In der offenen und toleranten Atmosphäre, die die Gemeindepädagogen schaffen, lassen sie sich jedoch durchaus auch einmal auf Neues und Unbekanntes ein, sogar auf die sonntäglichen Gottesdien- ste, denen sie zuerst mit großem Misstrauen begegneten. Sie haben insgesamt das Gefühl, dass sie mit all ihrer Kritik an der Kirche und all ihren Zweifeln angenommen werden und begrüßen es, dass man ohne Vorbehalte mit den Gemeindepädagogen auch „Tacheles“ über die Kirche reden kann. Aber auch Marita Petschek, die der Kirche nicht so skeptisch gegenübersteht wie das Ehepaar Lösch, erwartet, dass ihr der hauptberufliche Mitarbeiter Freiheit lässt. Marita Petschek betont, dass sie sich deshalb so gerne bei den gemeindepädagogischen Projekten engagiert, weil sie der Gemeindepädagoge in keine „Schublade“ presst. Dies betrifft einerseits ihre Freiheit, sich von Fall zu Fall für oder gegen eine ehrenamtliche Mitarbeit bei einem Projekt entscheiden zu können, zum anderen auch die Art und Weise, wie sie sich einbringt und beteiligt. Der Gemeindepädagoge hat kein fertiges Konzept mit vorab fest definierten Aufgaben, die er an Ehrenamtliche verteilen möchte, sondern er fragt Interessierte an, ob sie durch eigene Ideen eine Maßnahme wie etwa ein Familienfest bereichern wollen und können. Bei der organisatorischen Umsetzung

68

der Ideen der Ehrenamtlichen bietet er Unterstützung, falls dies gewünscht wird, und er koordiniert und bündelt die einzelnen Elemente zu einem Gesamtkonzept. Genau die- ses Vorgehen und vor allem die Veranstaltungsform der regelmäßig wiederkehrenden Projekte ist es, was die alleinerziehende Marita Petschek so anspricht. Dies ermöglicht ihr, trotz ihrer Belastung durch Beruf und Kinder, eine kontinuierliche Beteiligung am kirchlichen Leben. Alle drei Befragten also sind durchaus bereit, sich für bestimmte Maßnahmen oder eine bestimmte Zeitdauer zu binden, sofern diese Bindung ihnen die Freiheit gewährt, die sie erwarten. Eine solche Bindung erfolgt bei Marita Petschek nicht an die Gemeinde als ganze. Es sind vielmehr bestimmte Veranstaltungen, der eigene Kreis Ehrenamtlicher und vor allem das Gemeindehaus als Gebäude, in dem sie einen Teil ihres Alltags gestal- ten wollen. Marita Petschek würde sich in der Stadt nach einer geeigneteren Gemeinde umsehen, wenn sie vor Ort keine zur eigenen Lebenssituation passenden Angebote gefunden hätte, zudem fühlt sie auch heute noch locker mit anderen Kirchengemeinden verbunden, in denen sie früher einmal lebte und besucht manchmal dort ein Gemeinde- fest oder ähnliche Veranstaltungen. Für sie gibt es in ihrer Stadt also neben der örtlichen Gemeinde andere wichtige Orte, die für ihre Lebensführung Relevanz besitzen. Die Eheleute Lösch hingegen sind überhaupt nicht an eine Ortsgemeinde gebun- den, nehmen ausschließlich an den überregionalen Maßnahmen für Familien eines Dekanatsjugendreferenten teil. Doch auch sie suchen dabei eine gewisse Kontinuität, im Laufe der Zeit kennen sich einige der Freizeit-Teilnehmer untereinander, die häufiger teil- nehmen, und auch die Vater-Kind-Gruppe ist ein seit Jahren konstanter Kreis. Die von dem Dekanatsjugendreferenten angebotenen Maßnahmen sind dabei nicht an eine bestimmte Örtlichkeit wie ein Gemeindehaus, eine Kirche gebunden, dennoch spielen auch für das Ehepaar Lösch bestimmte prägende kirchliche Orte eine bedeutende Rolle. Stefan Lösch betont, dass die ganze Familie gerne ein zweites oder drittes Mal an die schönen kirchlichen „Locations“ wie die Jugendburg Hohensolms zurückkehrt.

„Gelebte Religion“ Zwar werden spezifisch christliche Bezüge und biblische Themen in der gemein- depädagogischen Arbeit von den Befragten durchaus unterschiedlich bewertet, einig sind sich jedoch alle in der Meinung, dass diese den Bedürfnissen der jeweiligen Ziel- gruppe angemessen eingebracht werden müssen. Erwartet wird, dass nicht zwangswei- se bei jeder gemeindepädagogischen Maßnahme ein biblischer Bezug hergestellt oder gar aufgedrängt wird. Eine Berechtigung haben solche Themen nur dann, wenn sie ent-

69

70

weder von einer bestimmten Zielgruppe ausdrücklich gewünscht werden, oder aber zum Kontext der Veranstaltung passen. Marita Petschek findet es wichtig, dass in der Gemeinde auch „diese normalen Miteinandersachen und die weltlichen Sachen“ zum Tragen kommen. Sie wünscht sich, dass durch gemeindepädagogische Arbeit Gemeinde zu einem „Alltagsort“ wird – wenn aber die Kirchengemeinde zu einem Ort des alltäglichen Lebens wird, dann kann dort nicht immer und zu jeder Zeit spezifisch Christliches zur Sprache kommen, sondern die anderen Themen des alltäglichen Lebens beanspruchen dann von Fall zu Fall Vorrang. Dass sich für sie dennoch die Kirchengemeinde von anderen möglichen und tatsächlich vorhandenen relevanten Alltagsorten unterscheidet, wird daran deutlich, dass sie dort einen anderen Umgang miteinander erhofft, als sie ihn sonst in der Gesellschaft erlebt:

gegen Egoismus und Vereinzelung erlebt sie dort mehr Gemeinschaft, Füreinander-Da- Sein, Begegnung der Generationen. Die Eheleute Lösch waren im Gegensatz zu Marita Petschek gegenüber Gottes- diensten und christlichen Ritualen misstrauisch. Im Kontext der Familienfreizeiten können sie sich jedoch darauf einlasen, weil insgesamt das Kirchliche auf den Fahrten „nicht übertrieben“ wird. Manches ist ihnen durchaus fremd, so etwa die Tischgebete vor den Mahlzeiten. Dennoch wird es von ihnen als Anregung verstanden und gibt Anlass zu Gesprächen mit den Kindern, wenn diese fragen, warum man Gott für das Essen danke und nicht derjenigen, die es gekocht hat. Solche Anregungen wirken auch noch über die Fahrten hinaus in den Familienalltag zurück. Für die Eheleute Lösch ist eine solche Begegnung mit christlicher Religion „gelebt“, weil sie im Zusam- menhang mit ihrem alltäglichen Leben Relevanz erlangt. Auch die Gestaltung der Gottesdienste, die auch für „Kinder taugen“ überzeugt so sehr, dass Regina Lösch mittlerweile zu den Befürworterinnen zählt, wenn es darum geht, ob auf der nächsten Fahrt wieder ein Gottesdienst zu den Gestaltungselementen gehören soll. Das Ehe- paar nimmt dabei die spezifisch christlichen Elemente bei den gemeindepädago- gischen Familienfreizeiten nicht nur billigend in Kauf, vielmehr erwarten sie sogar von einem kirchlichen Anbieter auch die Thematisierung bestimmter – auch kritischer – Fragen und entsprechendes Hintergrundwissen bei den Gemeindepädagogen. Stefan Lösch formuliert das so: „wenn er seine Visitenkarte rausgibt, dass er von der Kirche kommt, dann muss ich ihn da auch erwischen können“. Gemeinsames Merkmal aller von den gemeindepädagogischen Mitarbeitenden gestalteten Gottesdienste, Feste oder Bibeltage ist es, dass hier auf die besonderen Bedürfnisse von Familien Rücksicht genommen wird: eine einfache Liturgie, das

Erzählen einer Geschichte, neue Lieder – vor allem aber die Beteiligung von Kindern und Eltern bei der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltungen. Die Gottesdienste sind lebendig, nicht so „trocken“ wie der reguläre Sonntagsgottesdienst und die Ver- mittlung der christlichen Botschaft – eingebettet in die Gemeinschaft einer Freizeit und bzw. oder durch die Aufforderung zur Beteiligung und Mitgestaltung - wird somit „wirk- samer als alles Theoretische sonst“, wie es Regina Lösch formuliert.

Gemeindepädagogische Lernprozesse Bei den Befragten ist der Anlass zur Beteiligung an gemeindepädagogischen Angeboten nicht der Wunsch, etwas zu lernen, oder sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen. Im Vordergrund steht eher die Suche nach Gemein- schaftserfahrungen, die Möglichkeit zu sinnvoller, nicht-kommerzieller Freizeitge- staltung, Abwechslung und Anregung, Unterhaltung, Austausch mit anderen Eltern, Entlastung und Unterstützung. Dennoch sind in die gemeindepädagogischen Zusammenhänge „mitlaufende“ Lernprozesse eingebettet. Die Befragten beschreiben solche Lernprozesse zum einen als erwünscht in Bezug auf ihre Kinder, am deutlich- sten Marita Petschek: Ihre Kinder sollen lernen, sich in einer Gruppe zu bewegen, sollen bestimmte Umgangsweisen lernen, zum Beispiel füreinander da zu sein oder die Begegnung mit anderen Generationen. Auch die Erwachsenen beschreiben eigene Lernprozesse im Rahmen gemein- depädagogischer Angebote. Marita Petschek kann bei der Mitarbeit in gemein- depädagogischen Projekten ihre eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern, ins- besondere beim Umgang mit biblischen Themen bringt der Gemeindepädagoge manche Anregungen und neue Sichtweisen ein, „da kann man schon dazulernen“. Die Eheleute Lösch berichten ebenfalls von Lernprozessen. Die Teilnahme Stefan Löschs an den Vater-Kind-Freizeiten blieb nicht ohne Auswirkungen auf das Verhält- nis zu seinen Kindern: er selbst hat sich als Mann daran gewöhnen müssen, einmal alleine, ohne seine Frau, die Elternrolle zu übernehmen, und die Kinder lernten ihren Vater in neuer Weise als Bezugsperson neben der Mutter zu akzeptieren. Die gemeinsamen Familienfreizeiten wiederum bieten Anlass für die Auseinanderset- zung mit den eigenen Glaubensvorstellungen, hier können neue Erfahrungen mit kirchlichen Ritualen und Themen gemacht werden. Zudem verfügen die Gemein- depädagogen über abrufbares Hintergrundwissen über die Kirche, welches gerne in Anspruch genommen wird. Bei allen Maßnahmen ist es etwas Besonderes, dass sich hier viele unbekannte Menschen aus völlig anderen Lebenskontexten begegnen, dies

71

ist zum einen interessant, andererseits erfordert es jedoch einen Umgang miteinan- der, der sich von dem im privaten Bekanntenkreis unterscheidet: Kompromisse sind nötig, man muss sich manchmal zurücknehmen, wie es Stefan Lösch beschreibt, die Gemeindepädagogen spielen dabei für das Einüben des Umgangs in der Gruppe eine wichtige Rolle.

Zugang zu kirchlichen Ressourcen Die Befragten beschreiben die Bedeutung eines hauptberuflichen Gemein- depädagogen ähnlich. Er ist derjenige, der Menschen begleitet, anregt und bei der Unterstützung ihrer eigenen Vorhaben unterstützt. Gemeindepädagogen sind Mittel- punkt eines kirchlichen Kontaktnetzes, bringen unterschiedliche Menschen auf Zeit immer wieder neu für ein Projekt, eine Fahrt, eine Gruppe zusammen. Durch ihre Aus- bildung haben sie es gelernt, die Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen zu erken- nen, auf sie einzugehen und sie verfügen einerseits über pädagogisches Wissen über den Umgang mit Menschen und andererseits über thematisches Wissen, welches den Teilnehmenden und Ehrenamtlichen nicht zur Verfügung steht, und das sie in gemein- same Vorbereitungen und Gespräche einbringen. Für alle Befragten stellt das erlebte kirchliche Umfeld als solches eine wünschenswerte Ressource zur biographischen Lebensbewältigung dar. Ein Gemeindepädagoge wird von ihnen als derjenige beschrie- ben, der diese Ressource auch für sie auch zugänglich, erreichbar und nutzbar macht. Für diese Aufgabe – darin sind sich die Befragten einig – bedarf es neben dem Pfarramt eines eigenständigen gemeindepädagogischen Berufsstandes. Pfarrer haben nach ihrer Ansicht den pädagogischen Umgang mit Menschen in ihrer Ausbil- dung nicht erlernt – sind hierbei eher auf ihr persönliches Geschick und Intuition angewiesen. Zum anderen werden den Pfarrern andere Aufgaben zugeschrieben, sie sind verantwortlich für die regulären Sonntagsgottesdienste, Kasualien u.a. Die gewünschte Erreichbarkeit im Alltagsleben der Gemeinde, die Ansprechbarkeit für die Bedürfnisse der Gemeindemitglieder und die erwartete organisatorische und pädagogische Unterstützung und Begleitung garantiert hingegen eine Gemeinde- pädagogin oder ein Gemeindepädagoge. 4 In der Kirchengemeinde von Marita Petschek arbeitet ein Gemeindepädagoge, sie weiß jedoch auch, dass dies nicht überall so ist. Marita Petschek ist daher der

4 Zu den von 22 Interviewten wahrgenommenen Unterschieden zwischen Pfarrern und Gemeinde- pädagogen und ihre Erwartungen an diese beiden kirchkichen Berufe vgl. auch Piroth, Nicole.2002. „Die unvollendete Kirchenreform. Zum wünschenswerten Verhältnis von Gemeindepädagogen und Pfarrerinnen.“ S. 41-46 in: Lernort Gemeinde, Heft 1/2002.

72

Ansicht, es sollte in jeder Gemeinde neben dem Pfarrer eine zweite Person geben, die das „Miteinander als Gemeinde“ ermöglicht. Das Ehepaar Lösch hingegen findet im Umkreis ihres ländlichen Wohnorts keinen Gemeindepädagogen, sie nehmen an den Angeboten eines Dekanatsjugendreferenten des Nachbardekanates teil. Sie wür- den sich allerdings durchaus wünschen, dass die Kirche mit den verfügbaren finanzi- ellen Ressourcen andere Prioritäten in der Personalplanung setzt. Sie wünschen sich genau das, was Marita Petschek in ihrer Gemeinden vorfindet und positiv bewertet:

einen gemeindepädagogisch organisierten und begleiteten „Treffpunkt“ in erreich- barer Entfernung, denn Kirche könne dann gerade in einer dörflichen Gemeinschaft einen „wichtigen Anlaufpunkt“ bieten.

3. Resümee

Unabhängig von der eigenen Distanz oder Nähe zur Institution Kirche: die neue Lebenssituation als Familie ist eine biographische Umbruchsituation, in der kirchliche Angebote zur Stützung und Begleitung des familiären Alltags gerne in Anspruch genommen werden. Menschen wie Marita Petschek suchen gezielt in einer neuen Lebenssituation den Kontakt mit der Kirche, Kirchenkritische wie die Eheleute Lösch geraten zwar nur zufällig in Kontakt mit gemeindepädagogischen Angeboten, besitzen in der neuen Lebenssituation aber eine gewisse Offenheit, sich auf Unbe- kanntes einzulassen, in der Hoffnung, hier auf neue Kontakte und sinnvolle Angebote zu stoßen, die zu ihrer familiären Situation passen. Die Berichte machen deutlich, dass die gemeindepädagogischen Mitarbeiten- den ein für Familien, Eltern und Kinder passendes Angebot bereitstellen können, welches in unterschiedlicher Art und Weise das Leben der Familie bereichert. Den Hauptberuflichen scheint dabei die Balance zu gelingen zwischen Gewährung von Freiheit und Einbindung in ein kirchliches Kommunikationsmilieu, zwischen Alltags- themen und religiösen Themen, zwischen der Gewährleistung eines verlässlichen organisatorischen Rahmens und gleichzeitigem Freiraum für Ungeplantes und die Ideen der Teilnehmenden und Ehrenamtlichen, zwischen der Möglichkeit aus- schließlicher Teilnahme, über punktuelle Mitarbeit, bis hin zu längerfristigem Ehren- amt. Genau diese Mischung lässt Konstanz entstehen, allerdings weniger über feste Gruppen und längerfristige Maßnahmen, sondern eher über Projektgruppen oder die wiederholte Teilnahme an einigen Maßnahmen pro Jahr. Die Einbindung in die gemeindepädagogischen Arbeitsfelder scheint durchaus einen gewissen Einfluss auf das grundsätzliche Verhältnis zur Kirche zu nehmen.

73

Die Bereitschaft, weiterhin als Mitglied der Kirche Kirchensteuer zu bezahlen wächst, wenn Menschen wie das Ehepaar Lösch das Gefühl haben, dass die Kirche auch etwas zu ihrer Lebenssituation Passendes anzubieten hat. Nicht in jedem Falle kann erwartet werden, dass Menschen sich über die gemeindepädagogischen Ange- bote hinaus in die Gemeinde als ganze einbinden lassen, dies ist selbst bei der sehr kirchenverbundenen Marita Petschek nicht der Fall. Diese besitzt zwar ein grundsätzliches Interesse an regelmäßigen Veranstaltungen und dem sonntäg- lichen Gottesdienstbesuch, aber die hohe zeitliche Beanspruchung in ihrer Lebens- situation schränkt den Freiraum für eine solche weitergehende Beteiligung in der Gemeinde ein.

Grenzen gemeindepädagogischer Arbeit Die gemeindepädagogischen Arbeitsfelder scheinen einen Möglichkeitsraum, eine biographische Ressource darzustellen, die von Familien abgerufen werden kann. Dennoch bleibt die gemeindepädagogische Arbeit dabei in ihrer Reichweite auch begrenzt. Diese Begrenzung hängt in erster Linie mit der Tatsache zusammen, dass der Arbeitsauftrag der hauptberuflichen Gemeindepädagogen in erster Linie die Arbeit mit Heranwachsenden ist – dies ist auch bei den Gemeindepädagogen in den beiden dargestellten Fallbeschreibungen so. Es ist zu begrüßen, dass die betreffen- den Mitarbeitenden über ihre Angebote für Kinder und Jugendliche hinaus ansprech- bar sind für weitergehende Bedürfnisse von Eltern und Familien. Dennoch machen die Angebote für Familien nur den kleineren Teil im Gesamtspektrum ihrer gemein- depädagogischen Arbeit aus, die zur Verfügung stehende Zeit bleibt hier notwendi- gerweise begrenzt. Zudem scheinen die gemeindepädagogischen Angebote – zumindest ist dies in den beschriebenen Beispielen der Fall – überwiegend auf Familien mit jüngeren Kindern begrenzt zu bleiben. 5 Eine weitere Begrenzung ergibt sich durch die Tatsache, dass insgesamt die Anzahl gemeindepädagogischer Mitarbeitender recht gering ist. Die Eheleute Lösch finden im gesamten ländlichen Wohnumfeld keine gemeindepädagogischen Ange- bote für Familien, die ihnen auch eine sozialräumlich ausgerichtete Beteiligung in einer Ortsgemeinde ermöglichen würden. Sie bleiben auf die punktuellen Angebote eines Dekanatsjugendreferenten in der Region angewiesen. Diese Tatsache ist es unter anderem, die die Befragten fordern lässt, eine deutlich andere Prioritätenset- zung bei der kirchlichen Personalplanung vorzunehmen und den gemeindepädago-

5 Vgl. hierzu auch den Beitrag von L. Metzger in diesem Buch.

74

gischen Arbeitsfeldern mehr Gewicht zu verleihen. Gerade für kirchenfernere Men- schen, wie in dem beschriebenen Fall der Eheleute Lösch – ist nicht davon auszu- gehen, dass diese sich von selbst in einer Stadt oder größeren Region nach passen- den kirchlichen Angeboten umgesehen hätten. Es stellt sich also die Frage an die Kirche, wie die Zugänge solcher Menschen gestaltet werden können, ohne es allein dem Zufall zu überlassen wie bei Familie Lösch oder dem Glück, in der eigenen Gemeinde am Wohnort auf einen Gemeindepädagogen zu treffen, wie bei Marita Petschek. Gewünscht wird deshalb eine institutionelle Absicherung, eine erwartba- re Bereitstellung gemeindepädagogischer Angebote – nicht unbedingt als dauer- hafter Bezugsrahmen, aber als Ressource, auf die von Fall zu Fall zurückgegriffen werden kann. Eine weitere kritische Anmerkung sei an dieser Stelle gemacht. So lohnend die Arbeit mit Familien auch zu sein scheint, so muss zugleich die Frage gestellt werden, ob die in den letzten Jahren erkennbare Ausweitung gemeindepädagogischer Arbeit über die Angebote für Heranwachsende hinaus auf die ganze Familie sich hier nicht an eine vergleichsweise „einfache“ Zielgruppe wendet. Denn was die dritte EKD-Kir- chenmitgliedschaftsstudie allgemein für die kirchliche Arbeit formuliert, gilt auch für die gemeindepädagogischen Arbeitsfelder: „Wenn nämlich (…) die Eingebundenheit in familiale Bezüge fehlt, gibt es nur wenig kirchliche Berührungen. Und für eine stei- gende Zahl – nicht nur – von Frauen ist die Gründung einer eigenen Familie zur Ent- scheidungsfrage geworden.“ (Engelhardt u.a., 242) So wichtig die kirchliche Arbeit mit Familien auch sein mag, so sehr gälte es doch auch jene erwachsenen Menschen ohne Kinder in den Blick zu nehmen, an die sich bisher kaum vergleichbare niedrig- schwellige Angebote richten. Dies läge in beiderseitigem Interesse: im Interesse der Menschen wie auch der Institution Kirche. Auch Menschen ohne Kinder erwarten, dass sie etwas von Kirche haben. Auch ihre Bereitschaft weiterhin Kirchensteuern zu zahlen, hängt von der Möglichkeit ab, zur eigenen Lebenssituation passende Ange- bote vorzufinden. Doch bisher macht die Kirche einfach zu wenig Angebote für jene Menschen, „die eigentlich die Kirchensteuer zahlen“, wie es das Ehepaar Lösch formu- liert – und diese sind nicht nur Familien-Väter und -Mütter.

Gemeindepädagogische Chancen Sollen also wirklich die Chancen, die in der gemeindepädagogischen Arbeit mit Familien zu liegen scheinen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Institution Kirche – genutzt werden, bedürfte es der dauerhaften personellen, organisatorischen

75

76

und konzeptionellen Absicherung dieses Arbeitsbereichs. Sonst wird es weiterhin dem Zufall überlassen bleiben, ob Familien kirchliche Angebote als lebensdienlich erfahren können. Lebensdienlichkeit besteht dabei einerseits in der Ent-Lastung des belasteten familiären Alltags, andererseits aber auch in einem Anregungsmilieu, wel- ches dazu animiert, eigene Zweifel und Ängste zur Sprache zu bringen, Neues aus- zuprobieren und wahrzunehmen, Grenzen zu überschreiten, sich auf Veränderungen und Lernprozesse einzulassen. Durchaus besitzt auch die christliche Religion in den gemeindepädagogischen Maßnahmen eine solche anregende Funktion, wenn sie einen Bezug zum Alltag der Beteiligten erlangt – dies gilt auch für Kirchenkritische. Die Kirche erfüllt traditionell die Leistung der ‚Ritualisierung von Übergängen’ an biographischen Wendepunkten des Lebens, doch diese „lebensgeschichtlich-ord- nende Funktion von Religion“, so Monika Wohlrab-Sahr, ist heute vor allem dort am meisten gefragt, „wo es gilt, die Stationen des institutionalisierten Lebenslaufs und vor allem des Familienzyklus ‚abzusegnen’. Das heißt aber auch: sie werden vor allem dort in Anspruch genommen, wo Lebensverläufe sich noch in relativ stabilen Bahnen bewegen.“ (Wohlrab-Sahr 1995, 11) Hingegen fragt die biographisch-reflexive Funktion der Religion nach Prozessen „der Selbstthematisierung und Selbstbeob- achtung, die durch bestimmte Gehalte einer Religion (…) in Gang gesetzt werden, sowie um die dafür bereitgestellten Institutionen.“ (a.a.O., 12) Wohlrab-Sahr vertritt die Ansicht, dass diese reflexive Funktion der Religion in der Kirche geradezu rand- ständig sei, dass sich eine Form der „Arbeitsteilung“ vollzogen habe, indem die Kir- chen nach wie vor für die religiös inszenierten Übergangsriten zuständig seien, die reflexiv-biographische Dimension ihren Ausdruck jedoch eher in esoterischen, spiri- tuellen Formen außerhalb der Kirchen gefunden habe. Die gemeindepädagogischen Arbeitsfelder der Kirche scheinen Menschen eine solche Möglichkeit zu biographi- scher Selbstreflexion, Umorientierung und Begleitung innerhalb des kirchlichen Rah- mens zu bieten. Dies schmälert nicht die Bedeutung der pfarramtlichen Kasualpraxis, als ein Anlass, wie in dem eingangs verwendeten Zitat von Rainer Böhm beschrieben, „das Ausmaß der Lebensveränderung zu reflektieren, das Ereignis wahrzunehmen und zu deuten“. Darüber hinaus benötigen Menschen jedoch nicht nur an den einschnei- denden biographischen Wendepunkten, sondern auch für die dauerhafte Bewälti- gung des Alltags, auch außerhalb fest definierter Rituale solche Gelegenheiten: Denn biographische Reflexivität, die Möglichkeit das eigene Leben, die eigenen Gewohn- heiten in einem neuen Licht zu sehen, Anregungen für die Veränderung des

Familienalltags zu erlangen, ist „nicht ein einmaliger Akt, sondern ein fortlaufender Prozeß“ (Schulze 1993, 218). Aufgabe hauptberuflicher Gemeindepädagogen ist es, Gemeinde als einen Ort alltäglicher Lebensbewältigung zugänglich zu machen und die in den alltäglichen Situationen liegenden Lernanlässe wahrzunehmen, sie aufzugreifen und zu gestal- ten. Das Vorhandensein eines gemeindepädagogischen Mitarbeiters kann es Men- schen dann ermöglichen, selbstbestimmt, häufig auch eher unbewusst, biographisch Relevantes zu lernen. Zu pädagogischen Situationen werden gemeindepädagogische Maßnahmen dadurch, dass die Mitarbeitenden die darin liegenden fruchtbaren Momente nutzen, indem sie in bestimmten Situationen die Interessen der Beteiligten aufgreifen oder Gespräche und Diskussionen anregen. Dieses Arrangieren geselliger Anlässe ist die Bedingung dafür, dass überhaupt Lernprozesse stattfinden können, und dass möglicherweise eine Beschäftigung mit Glaube und Religion möglich wird. Dabei ist neben der didaktisch-kommunikativen Kompetenz eines Gemein- depädagogen – zu der es gehört, Menschen zu fördern, zu ermutigen und zu unter- stützen – auch eine kulturelle Kompetenz notwendig, damit von ihm etwas zu lernen ist: Diese kulturelle Kompetenz ist bei den Gemeindepädagogen in erster Linie als theologische zu bestimmen. Insbesondere kirchenkritische Menschen wie Stefan Lösch erwarten geradezu bei einem kirchlichen Anbieter auch einen kompetenten Ansprechpartner in Sachen Religion und Kirche. Er sagt dazu, er würde auch mit jedem anderen Anbieter auf vergleichbare Maßnahmen mitfahren, wenn es diese gäbe, wenn er aber schon bei der Kirche mitfahren, dann will er mit einem kirchlichen Mitarbeiter auch „Tacheles“ reden können. Eine vermeintliche Neutralität und Zurückhaltung an dieser Stelle weist die Gemeindepädagogen dabei als ebenso unglaubwürdig aus, wie die mangelnde Auskunftsfähigkeit aufgrund fehlenden Wis- sens. Wesentliche Voraussetzung für eventuelle neue Annäherungen an Kirche und Religion ist dabei, dass die Gemeindepädagogen dieses als Gesprächsangebot und Anregungsmilieu gestalten, nicht aber aufdrängen. Was die Erziehungswissenschaft- ler Combe und Helsper als pädagogische Aufgabe beschreiben, gilt dabei umso mehr für den Umgang mit spezifisch christlichen Elementen in gemeindepädagogischen Maßnahmen und Projekten: „Die entscheidende kommunikative Leistung von PädagogInnen scheint demnach gegenwärtig zu sein, ihre (vermeintliche) Überle- genheitsposition preiszugeben und mit ihren jeweiligen Adressaten in Verhandlun- gen über den Sinn und die Geltung kultureller Sachverhalte einzutreten.“ (Combe und Helsper 2002, 43)

77

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Menschen nicht an gemeinde- pädagogischen Maßnahmen teilnehmen, um etwas zu lernen, ihr Wissen oder ihre Fähigkeiten zu erweitern und häufig ebenso wenig, um sich explizit mit Kirche und Religion zu beschäftigen. An den beschriebenen Beispielen wird jedoch deutlich, dass man in gemeindepädagogischen Kontexten etwas lernen kann: über sich selbst, über seine Mitmenschen und auch über Religion. Genau hier liegt die Stärke gemein- depädagogischer Arbeitsfelder und zugleich ihre Grenze. Die Gestaltung bedeuten- der biographischer Wendepunkte durch die pfarramtliche Kasualpraxis setzt hier ebenso einen anderen Akzent wie eher themenorientierte Kurs-Angebote einer evan- gelischen Familienbildungsstätte. Eine wesentliche Aufgabe wird es daher sein, die bestehenden kirchlichen Angebote in ihrer Leistungsfähigkeit zu erkennen und stär- ker aufeinander zu beziehen – im Interesse der beteiligten Menschen.

Verwendete Literatur:

Barth, Ferdinand u.a. im Auftrag der Evangelischen Hochschulgesellschaft e.V. (Hrsg.). 1995. Gemeindepädagogische Profile: Berichte und Kommentare; Erträge des Forschungsprojektes zur beruflichen Praxis und handlungsleitenden Theorie von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen. Darmstadt: Bogen Verlag. Böhm, Rainer. 1995. „Biographie und Ritual. Biographie in der Perspektive kirchlicher Amtshandlungen.“ S. 180-197 in: Biographie und Religion. Zwischen Ritual und Selbstsuche, hrsg. von Monika Wohlrab- Sahr. Frankfurt am Main: Campus. Combe, Arno und Werner Helsper. 2002. „Professionalität.“ S. 29-47 in: Erziehungswissenschaft:

Professionalität und Kompetenz (Erziehungswissenschaft in Studium und Beruf, Band 3), hrsg. von Hans-Uwe Otto, Thomas Rauschenbach und Peter Vogel. Opladen: Leske+Budrich. Engelhardt, Klaus, Hermann von Loewenich und Peter Steinacker (Hrsg.). 1997. Fremde Heimat Kirche:

die dritte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. Piroth, Nicole. 2002. „Die unvollendete Kirchenreform. Zum wünschenswerten Verhältnis von Gemeinde- pädagogen und Pfarrerinnen.“ S. 41-46 in: Lernort Gemeinde, Heft 1/2002. Schulze, Theodor. 1993 [Erstveröffentlichung 1984]. „Lebenslauf und Lebensgeschichte. Zwei unterschied- liche Sichtweisen und Gestaltungsprinzipien biographischer Prozesse.“ S. 174-226 in: Aus Geschich- ten lernen. Zur Einübung pädagogischen Verstehens, hrsg. von Dieter Baacke und Theodor Schulze. Weinheim u.a.: Juventa. Wohlrab-Sahr, Monika. 1995. „Einleitung.“ S. 9-23 in: Biographie und Religion: Zwischen Ritual und Selbst- suche, hrsg. von Monika Wohlrab-Sahr. Frankfurt am Main: Campus.

78

Ulla Kleemann

Einheit in der Vielfalt

Die Evangelischen Familien-Bildungsstätten im Gebiet der EKHN

1. Die Einrichtungen

Im Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gibt es 8 evangelische Familien-Bildungsstätten von 4 verschiedenen Trägern:

Einrichtungen

Träger

Bad Soden

Evangelisches Dekanat Kronberg

Frankfurt

Evangelischer Regionalverband Frankfurt am Main

Friedberg/Bad Nauheim (Wetteraukreis)

Landesverband Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

Gießen

Landesverband Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

Langen

Landesverband Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

Mainz

Evangelisches Dekanat Mainz

Offenbach

Landesverband Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

Wiesbaden

Landesverband Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

Die Familien-Bildungsstätten wurzeln in den Mütterschulen, die schon im ersten Weltkrieg gegründet worden waren, um den Frauen beizustehen, deren Männer gefallen waren, und um die Familien zu unterstützen. Die Aufgabe „Familie aus der Sicht von Frauen zu buchstabieren“ (17, S.3) stellte sich nach dem zweiten Weltkrieg wieder und sie stellt sich immer wieder neu im gesellschaftlichen Wandel.

1949 wurde die Frankfurter Mütterschule in der Trägerschaft des Evangelischen Regionalverbandes gegründet.

1958 entstand durch die Initiative von Mitgliedern der Evangelischen Frauenhilfe die Wiesbadener Mütterschule.

1962 wurden die Mütterschulen in Friedberg mit Butzbach und Bad Nauheim sowie in Gießen eröffnet.

1967 entstanden die dezentrale Mütterschule Dreieichenhain, die sich rund um Frankfurt ausdehnte, und 1977 die Einrichtung Offenbach. Die dezentrale Einrich-

79

tung reduzierte ihren Wirkungsbereich auf die Dekanate Dreieich und Rodgau und siedelte sich 1997 in Langen an. (Vgl. 8, S. 17)

1994 wurde die dezentrale Familien-Bildungsstätte für den Vortaunus mit Sitz in Bad Soden unter der Trägerschaft des Evangelischen Dekanats Kronberg gegründet.

Im Jahr 2000 begann die evangelische Familienbildung Mainz mit ihrer Arbeit. Sie startete als Pilotprojekt des Evangelischen Dekanats Mainz in Zusammenarbeit mit drei Kirchengemeinden und der Evangelischen Erwachsenenbildung.

Hinsichtlich der räumlichen und personellen Ausstattung differieren die obigen Einrichtungen sehr stark, auch innerhalb des größten Trägers, der Evangelischen Frau- enhilfe. So gibt es Einrichtungen, die mehrere feste Standorte und eigene Veranstal- tungsräume unterhalten, während andere nur Büroräume haben und Veranstaltungs- räume in Kirchengemeinden nutzen. Auch der Beschäftigungsumfang der Leiterinnen und die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und damit der Umfang des Bildungs- angebotes ist unterschiedlich. (Vgl. dazu auch Pkt. 5)

2. Die Konzeption

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau bewertet Familienbildung folgen- dermaßen: „Die Bedeutung, die die Familie – in welcher Form gemeinsamen Lebens der Geschlechter und Generationen auch immer – für die Gesellschaft hat, macht Familien- bildung zu einer Aufgabe öffentlicher Verantwortung ersten Ranges.“ (2, S. 29)

Evangelische Familienbildung hat ihren Grund und ihre Motivation im christlichen Glauben. In einem Positionspapier der Landesarbeitsgemeinschaft Evangelischer Fami- lien-Bildungsstätten in Hessen (LAG), der alle hier beschriebenen Einrichtungen angehören, haben diese im November 1998 als Grundlage ihres Bildungsauftrages die Grundsätze des evangelischen Selbstverständnisses definiert:

„Alle Menschen haben von Gott her ihre unantastbare Würde und ihr umfassendes Lebensrecht.

Alle Menschen sind auf Gemeinschaft angelegt und verantworten sich vor Gott und den Menschen für ihr Leben, ihr Tun und Lassen.

Alle Menschen sind eingeladen, ihr Leben in Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition und den Anforderungen des Alltags mündig und selbständig zu gestalten.“ (13, S. 1)

80

Die Evangelischen Familien-Bildungsstätten leisten Bildungsarbeit für Frauen, Männer und Kinder in allen Konstellationen des Zusammenlebens. Die evangelische

Familienbildung entfaltet ihre Angebote in vier Dimensionen hinein, die als grundlegend für jedes menschliche Leben angesehen werden:

„Die Beziehung zu sich selbst,

die Beziehung zu anderen Menschen,

die Beziehung zur Schöpfung,

die Beziehung zu Gott.“ (a.a.O.)

Von diesem Positionspapier ausgehend und darauf aufbauend haben die meisten Einrichtungen bzw. Träger jeweils eigene Konzeptionen für ihre Arbeit erstellt. Es wird deutlich, dass Familienbildungsarbeit abhängig ist von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen und regionalen Erfordernissen.

Konzeption der Familienbildungsarbeit der Evangelischen Frauenhilfe in Hessen und Nassau:

„Die Evangelischen Familien-Bildungsstätten wollen Frauen, Männer und Kinder im Alltag bei ihrer Lebensgestaltung unterstützen.“ (8, S. 6) „Die Arbeit der Familienbildung orientiert sich an den Alltagsfragen und den Lebens- phasen von Familien.“ (8, S. 8) Dabei wird betont, dass die Familie kein feststehendes Gebilde ist und sich in vielerlei Gestalt darstellt. (Vgl. 8, S. 5)

In Bezug auf die Familie bzw. ihre Mitglieder sind folgende Aufgaben zu erfüllen:

Familien in ihrer Gesamtheit anzusprechen, aber auch individuelle Entfaltungswün- sche zu fördern und Solidarität zu entwickeln

Familien in ihrer jeweiligen Lebensphase Begegnungs-, Erfahrungs- und Erlebnisräu- me zu schaffen, die alle Familienmitglieder einbeziehen und dazu beitragen, das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Nationalität, Religion, Generation sowie von Gesunden, Kranken und Behinderten zu fördern

Frauen in der Familie Begleitung und Unterstützung zu geben, ihre unterschied- lichen Anforderungen in Familie, Beruf, Kirche und anderen Lebensvollzügen mit- einander zu vereinbaren, Fähigkeiten zu erkennen und zu stärken, Prioritäten zu set- zen und ihr Leben selbstverantwortlich zu gestalten

Menschen in ihrem Zusammenleben zu unterstützen und dabei die unterschied- lichen Lebensformen einzubeziehen und deren spezifische Bedürfnisse aufzugreifen

81

Der Suche nach der Sinnfrage des Lebens Raum zu geben, Erfahrungen christlicher Lebensgestaltung mitzuteilen und Leitbilder zu entwickeln; die Angebote so zu gestalten, dass möglichst viele Zugang finden. (8, S. 8)

Konzeption der Evangelischen Familienbildung Frankfurt des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt am Main:

„Lernen, zusammen zu leben, ist das Ziel von Familienbildung.“ (9, S. 3) Dieses Ziel bezieht sich sowohl auf die familialen Bindungen in allen ihren Formen, als auch auf das Leben in einer Stadtgesellschaft, in der die Hälfte der Haushalte Ein- Personen-Haushalte und nahezu ein Viertel der Wohnbevölkerung Migranten und Migrantinnen sind. Vor dem Hintergrund einer Vielzahl von Lebensentwürfen und Wahlmöglichkeiten,

der Schwierigkeit des einzelnen, sich zu orientieren und eine eigene Identät zu finden, wird als ‚Querschnittsaufgabe’ der Bildungsarbeit der ‚Dialog’ gesehen.

Dialog zwischen den Geschlechtern Partnerschaftliches Zusammenleben und partnerschaftliche Arbeitsteilung in ihren verschiedenen Dimensionen als Erwerbs- und Hausarbeit, Erziehungs- und Beziehungsarbeit müssen heute ausgehandelt werden.

Dialog zwischen den Generationen Intergeneratives Miteinander geht auch im alltäglichen Familienleben zurück. Aufgabe der evangelischen Familienbildung ist es, „intergeneratives Denken und Reflektieren anzustoßen und Generationensolidarität zu fördern.“ (9, S. 5)

Dialog zwischen den Kulturen „Die Förderung von Kontakten und die intensive Kommunikation zwischen Deutschen und MigrantInnen sollen die pluralen Lebenswelten einer modernen Einwanderungsgesellschaft einander vermitteln.“ (9, S. 5)

82

Die Konzeption der Familienbildungsarbeit in Bad Soden wird zur Zeit über- arbeitet. Sie hat ihren Schwerpunkt in der Hilfe für Menschen in schwierigen Lebens- lagen und in der Familienfreizeitarbeit. Gleichzeitig übernehmen die Familien-Bildungsstätten öffentlich-rechtliche Aufga- ben. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) von 1991 hat im §16 die Familien- bildungsarbeit in die Jugendhilfe eingebunden:

„Müttern, Vätern, anderen Erziehungsberechtigten und jungen Menschen sollen Leistungen der allgemeinen Förderung der Erziehung in der Familie angeboten werden.

Sie sollen dazu beitragen, dass Mütter, Väter und andere Erziehungsberechtigte ihre Erziehungsverantwortung besser wahrnehmen können. Sie sollen auch Wege aufzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können.“ (Absatz 1)

Als besondere Leistungen zur Förderung der Familie werden hervorgehoben:

1. Angebote der Familienbildung, die auf Bedürfnisse und Interessen sowie auf Erfahrun- gen von Familien in unterschiedlichen Lebenslagen und Erziehungssituationen einge- hen, …

2. Angebote der Beratung in allgemeinen Fragen der Erziehung und Entwicklung junger Menschen,

3. Angebote der Familienfreizeit und der Familienerholung, …“ (Absatz 2)

Am 25.1.2001 beschloss der Landesjugendhilfeausschuss Hessen „Fachliche Emp- fehlungen für Familienbildungsstätten“: Von Familienbildung werden Bildungsangebote erwartet, die

soziale Kompetenzen vermitteln und stärken

Bildungsfähigkeit (lebenslanges Lernen) entwickeln und unterstützen

Fertigkeiten und Sachkenntnisse zur Lebensgestaltung und Alltagsbewältigung vermit- teln

Orientierung und Unterstützung bieten, um ein selbstverantwortetes, sinnhaftes Leben zu führen

Selbstbestimmung fördern

Soziale Verantwortung unterstützen und gesellschaftliche Partizipation fördern (4, Absatz 3.3)

Familienbildung ist präventiv und ganzheitlich ausgerichtet. Für das Leistungsspektrum einer Familienbildungsstätte sind die örtlichen Gegeben- heiten und Bedarfe maßgeblich. (Vgl. 4, Absatz 5). Familienbildungsstätten sind auch an der örtlichen Jugendhilfeplanung zu beteiligen (Vgl. 4, Absatz 4). Für ihre Leistungen erhalten sie öffentliche Zuwendungen (Vgl. 4, Absatz 8.2).

83

3. Das Angebot

Im Angebot der einzelnen Einrichtungen realisieren sich die in den Konzeptionen formulierten Ansprüche und die Erwartungen des Jugendhilfegesetzes an die Familien- bildung.

3.1 Präsentation Jede Einrichtung präsentiert ihr Angebot in einem eigenen Programmheft. Es ist der wichtigste Teil der Öffentlichkeitsarbeit und soll die potenziellen Teilnehmer/innen ansprechen. Die Programme decken verschiedene Zeiträume ab. Für 2001/2002 lagen folgende Programmhefte vor:

Einrichtungen

Programme

Bad Soden

1

Jahresprogramm 2002

Fankfurt

2

Halbjahresprogramme: Aug.-Dez. 2001, Jan.-Juli 2002

Zweigstelle Höchst

2

Halbjahresprogramme: Aug.-Dez. 2001, Jan.-Juli 2002

Friedberg/Bad Nauheim (Wetteraukreis)

1

Jahresprogramm 2002

Gießen

1

Jahresprogramm Aug. 2001-Juni 2002

Langen

1

Jahresprogramm 2002

Mainz

2

Halbjahresprogramme: Okt. 2001-Mai 2002, Mai-Okt. 2002

Offenbach

1

Jahresprogramm Juli 2001-Juli 2002

Wiesbaden

1

Jahresprogramm Aug. 2001-Juni 2002

zusammen mit dem Programm der Ev. Erwachsenenbildung

Die Programmhefte sind bunt und vielfältig hinsichtlich des Formats und der Gestaltung. Sie gerieren sich als Vorlesungsverzeichnis oder als Pin-Wand, als Kon- volut von über 100 Seiten oder als quadratisches Leichtgewicht, illustrieren die Ange- bote oder beschränken sich auf reinen Text. In ihrem inhaltlichen Aufbau stimmen die Programmhefte weitgehend überein. Am Anfang finden sich ein Anschreiben der Leiterin an die Interessentinnen und Interessenten, die Namen und Zuständigkeiten der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen,

84

Adressen und Telefonnummern, auch von Zweigstellen bzw. Standorten, Bürozeiten, Hinweise auf Anmeldeformalitäten und Kursgebühren. Den Kern des Programm bil- det das Veranstaltungsangebot. Am Schluss werden die Kursleiterinnen und Refen- ten/innen und die Kooperationspartner/innen genannt. Manche Programme verfügen zusätzlich über ein Stichwortverzeichnis und in der Mitte über einen Terminplaner, in dem alle Veranstaltungstermine der Einrich- tung im Monat aufgeführt sind. Ein großer Teil der Familien-Bildungsstätten stellt sich und ihr Angebot bereits im Internet dar und nimmt auf diese Weise auch Anmeldungen entgegen. Die Ein- richtungen der Evangelischen Frauenhilfe präsentieren sich hier individuell unter einem Dach.

3.2 Strukturen „Mit ihren Angeboten besteht Evangelische Familien-Bildungsarbeit innerhalb der Kirche in Nähe und zugleich Unterscheidung zu den Angeboten von Kindertagesstätten, Kinder- und Jugendarbeit der Gemeinden oder auch der Erwachsenenbildung. Koopera- tionen sind möglich und werden gerne wahrgenommen. Zugleich behält Familienbildung mit ihrer Ausrichtung auf die unterschiedlichen Formen von Familienleben ein eigenes, unverwechselbares Gesicht.“ (3, Febr. 2002, S. 3 f.) Die Angebotspalette der Evangelischen Familien-Bildungsstätten ist groß. Sie reicht vom Kurs über Babymassage bis zum Internet-Schnellkurs, vom Töpferkurs für Kinder, über Nähkurse für Migrantinnen bis zum Rückengymnastik-Kurs, von der Weihnachtswerkstatt bis zum Grundbildungslehrgang in der Hauswirtschaft, von den Spiel- und Krabbelgruppen bis zum Wochenende für Kinder und Väter und vom Vortrag über Probleme in der Kindererziehung bis zu den regelmäßigen Treffs einer „Scheidungsgruppe“, vom „Schnupperkurs Bibel“ bis zum Gesprächskreis über die Zukunft der Kirchengemeinden. Sie vermittelt und qualifiziert Tagesmütter, schult Babysitter, unterstützt Selbsthilfegruppen für Alleinerziehende und unterhält Bera- tungstelefone. (Vgl. dazu auch 3, Febr. 2002, S. 3) Die Reaktion der Einrichtungen auf gesellschaftliche Veränderungen und regio- nale Bedarfslagen verändern die Angebote laufend. Deshalb ist es schwer, sie dauer- haft und einheitlich zu strukturieren. Es zeigen sich verschiedene Angebots- strukturen.

85

3.2.1 Konzeptionelle Struktur der Evangelischen Frauenhilfe

In der Konzeption der Evangelischen Frauenhilfe lautet der Grundsatz:

„Die Zielgruppen bestimmen die Angebote, die sich nach Fachbereichen gliedern.“ (8, S. 10).

Als Zielgruppen sind genannt:

„Frauen, Kinder, Alleinlebende, Familien, Großeltern, Stieffamilien, Männer, Allein- erziehende, ältere Erwachsene, Gleichgeschlechtliche, Migrantinnen, Tagesmütter, Mütter, Väter, Paare, werdende Eltern, Witwen“ (8, S. 9)

Als Fachbereiche sind angegeben:

Vorbereitung auf die Familie, Erziehung, Gesellschaft und Kommunikation Gesundheit, Freizeit und kreatives Gestalten, Haushalt (8, S. 10)

Als Angebotsformen werden aufgeführt:

Kurse, Gesprächsgruppen, Vorträge und Vortragsreihen, Autoren/innenveranstaltun- gen, Gesprächscafes, offene Treffen, Kompakt- und Wochenendangebote, aber auch Beratung, Fort- und Weiterbildung für Gruppen- und Kursleiterinnen, Familienfreizeiten, Ferienveranstaltungen, Ausstellungen, Aktionen und Feste (8, S. 10)

3.2.2 Strukturen in den Programmheften

Das reale Angebot der einzelnen Einrichtungen, wie es sich in den Programm- heften darstellt, geht über die konzeptionellen Strukturvorgaben häufig hinaus:

86

Zielgruppenspezifische und lebenslagenbezogene Angebote präsentieren sich neben fachbereichsbezogenen. „Familien in ihrer Gesamtheit“ treten als Klientel immer stärker zurück gegenüber besonderen Familienkonstellationen. So bieten die Familien-Bildungsstätten Veranstaltungen für Väter und Kinder an. An Samstagen oder an Wochenenden für Väter mit Kindern erhalten die Väter die Chance, ihre Vateridentität zu stärken und ihre Vaterrolle zu festigen. Insbesondere geschiedene Väter, die ihre Kinder nicht täglich sehen, erhalten hier Unterstützung und bekommen Anregungen durch die Begegnung mit anderen Vätern. Alleinerziehende haben ihre eigenen Probleme. Sie erhalten Angebote, die sie bei der Alltagsbewältigung unterstützen und begleiten. Dazu gehören regelmäßige Treffs und Beratungsangebote oder ein gemeinsames Wochenende.

Kinder erhalten eigene Angebote wie Malkurse oder Kochkurse oder thematische Feri- enkurse. Auch Migranten, insbesondere die Frauen, rücken zunehmend in den Blick. Regelmäßige Treffs, Näh- und Deutschkurse stehen im Programm. Unterstützung bei Lebensumbrüchen und Lebensphasenübergängen gewähren Schei- dungs- und Trauergruppen.

Fachbereichsbezogene Kategorien werden weiter differenziert, um Angebote her- vorzuheben: Dazu zählen Angebote unter dem Titel „Religion und …“ oder „Gott und die Welt“. Sie werden nicht immer unter die Kategorie Gesellschaft subsu- miert. Auch „Freizeiten und Reisen“ sind in der traditionellen Kategorie Freizeit nicht angemessen unterzubringen.

Neue Kategorien werden geschaffen, um qualitativ neue Angebote darstellen zu können: Fast alle Familien-Bildungsstätten bieten Fortbildungsveranstaltungen an. Darunter verbergen sich in der Regel Fortbildungsangebote für Mitarbeiter/innen, insbesondere für die Leiterinnen der Eltern-Kind-Gruppen. Es gibt aber auch Fort- bildungsangebote für andere Zielgruppen zu Themen wie Sterbebegleitung und Konfliktlösung. Angeboten wird auch ein Grundausbildungslehrgang in der Haus- wirtschaft, der eine Abschlußprüfung als Hauswirtschafterin ermöglicht. In einigen Programmen findet sich die Kategorie Service. Dazu zählen so unter- schiedliche Angebote wie Vorträge und Seminare für Einrichtungen, z.B. Kinderta- gesstätten, ein Beratungsservice für Selbsthilfegruppen, berufliche Beratung und Hilfe, ein Beratungstelefon in Trennungssituationen und für Taufen oder die Quali- fizierung von jugendlichen Babysittern und ihre Vermittlung. Zu den Servicelei- stungen gehören auch die Tagespflegevermittlung und die Qualifizierung von Tagesmüttern, ihre Begleitung und Beratung. Im Fachservice Pflegefamilie werden Pflegefamilien für ihre Aufgaben vorbereitet, beraten und begleitet. In der Kategorie Besondere Veranstaltungen sind im Programmangebot so unter- schiedliche Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen für eine größere Öffentlich- keit, Flohmärkte oder ein Frauenfrühstück zusammengefasst.

Basisangebote der Familienbildung verschwinden: Kurse zur Geburtsvorbe- reitung sind rückläufig und in einigen Einrichtungen verschwunden. Durch die Streichung des §20 SGB, V, gibt es für die Förderung dieser Kurse in den Familien- Bildungsstätten durch die Krankenkassen keine rechtliche Grundlage mehr. Die Kurse werden weniger nachgefragt, da Krankenhäuser und Hebammenpraxen, die Zuschüsse von den Krankenkassen erhalten, preisgünstiger sind. (vgl. 17, S. 34 und 3, Febr. 2002, S. 4)

87

Die Angebotsformen entsprechen in ihrer Vielfalt den in der Konzeption aufge- führten. Es deuten sich jedoch quantitative Verschiebungen an: „… gibt (es) … eine deut- liche Entwicklung im Verhalten der Teilnehmenden, die von mehrwöchigen Kursen zu kurzen, konzentrierten Veranstaltungen führt.“ (3, Febr. 2002, S. 4)

3.2.3 Statistische Kategorien Die Arbeitsgemeinschaft Hessischer Elternschulen und Familien-Bildungsstätten

hat einheitliche Kriterien für die Erstellung der jährlichen Sachberichte über die Arbeit der Familien-Bildungsstätten erarbeitet. Hier ist die Veranstaltungsform oberstes Kriterium für die Erfassung des Angebotes. Es werden unterschieden:

Kurse

Einzelveranstaltungen

Feste, Tage der offenen Tür, Flohmarkt

Fortbildung

Telefonische Beratung für besondere Zielgruppen

Selbsthilfegruppen und Initiativen

Kurse und Einzelveranstaltungen werden nach folgenden Fachbereichen untergliedert:

Vorbereitung auf Geburt und Elternschaft

Eltern-Kind-Gruppen

Erziehungsthemen-Elternthemen

Lebenslagenbezogene Angebote (Zielgruppen-Angebote)

Kommunikation-Beziehung-Persönlichkeitsentwicklung

Gesellschaftliche, kulturelle, politische Bildung

Gesundheitsförderung

Haushaltsführung

Freizeit und Kultur

Statistisch wird das Angebot in Arbeitseinheiten (Kurseinheiten oder Unterricht- seinheiten) zu 45 Minuten dargestellt. Das Gesamtangebot aller 8 Einrichtungen umfaßt annähernd 60.000 solcher Arbeitseinheiten, die sich auf die oben genannten Veranstal- tungsformen und Fachbereiche verteilen. (Vgl. 3, Febr. 2002, S. 1) Von allen Arbeitseinheiten entfallen auf Kurse zwischen 81% und 90%, auf Einzel- veranstaltungen zwischen 6% und 16% und auf Fortbildungsveranstaltungen und Feste zwischen 2% und 4% der Unterrichtseinheiten.

88

Im dichtbesiedelten/großstädtischen Bereich ist der Anteil an Arbeitseinheiten, der auf Kurse entfällt eher niedrig – er liegt im unteren Bereich der Spannbreite – in kleinstädtisch-ländlichen Gebieten eher höher. Beim Anteil der Arbeitseinheiten, der auf die Einzelveranstaltungen entfällt, verhält es sich umgekehrt. Beratungsangebote gibt es in unterschiedlichem Ausmaß und in verschiedenen Bereichen (z.B. bei der Arbeitssuche, in Trennungssituationen, zu Kuren, zur Taufe). Die Beratungen finden zum Teil am Telefon statt, zum Teil aber auch in persönlichen Gesprächen. Selbsthilfegruppen und Initiativen werden von vier Einrichtungen unter- stützt und begleitet.

3.3 Spezifische Angebote einzelner Einrichtungen Die grundsätzliche strukturelle Einheit der Arbeit der Familien-Bildungsstätten schließt spezifische Angebote einzelner Einrichtungen nicht aus. Sie sind abhängig von regional unterschiedlichen Entwicklungen und Erfordernissen, aber auch von den quantitativen und qualitativen personellen Ressourcen einer Einrichtung. Hier sollen einige Angebote dargestellt werden.

Bad Soden:

Umfangreiches Angebot in der Kategorie „Religion und Identität“

Größeres Reise- und Freizeitangebot

Foren zu aktuellen Themen als „besondere Veranstaltungen“

Babysitter-Kurs und -Vermittlung

Gesprächsgruppen für Menschen in schwierigen Lebenslagen

Unterstützung bei der Arbeitssuche

Frankfurt:

Verschiedene Treffs für ausländische Frauen unter der Kategorie „Interkultureller Dialog“

Gymnastik für Gehörlose im Bereich Bewegung und Entspannung

Babysitter- und Tagespflegevermittlung, Ausbildung und Qualifizierung

Beratung durch ein Trennungstelefon

„Mobile Familienbildung“, Angebote zu Elternthemen und Erziehungsfragen als Fachservice für Elterngruppen in Kindertagesstätten und Kirchengemeinden

89

Friedberg/Bad Nauheim (Wetteraukreis):

Kindertagesbetreuung in Bad Nauheim mit 10 Plätzen für Kinder von 6 Monaten bis 3 Jahren von 7 bis 14 Uhr

Vermittlung und Qualifizierung von Tagesmüttern

Fachservice Pflegefamilien im Auftrag des Wetteraukreises

Babysitterkurse

Gießen:

Grundbildungslehrgang in der Hauswirtschaft, ermöglicht Abschlußprüfung als Hauswirtschafter/in

Arbeit mit Aussiedlerfrauen als „projektorientierte Zielgruppenarbeit“

Große Anzahl von Ferienkursen für Kinder in Zusammenarbeit mit dem Jugend- amt der Stadt Gießen

Babysitterkurse

Langen:

Kurs für Schüler zur Konzentration und Merkfähigkeit in Zusammenarbeit mit einer Schule

Deutschkurs für ausländische Eltern in Zusammenarbeit mit einem Kindergarten

Beratung zu Kurprogrammen für Frauen

Offenbach:

Fortbildung für Sterbebegleitung verwirrter Menschen

Beratung zu Kurprogrammen für Frauen

Wiesbaden:

Tagesmüttervermittlung in Kooperation mit dem Amt für soziale Arbeit, Wiesbaden, Beratung und Begleitung

Babysitter-Kurse und -Vermittlung

Beratung zu Kurprogrammen für Frauen

Budgetberatung

Die Familien-Bildungsstätte Mainz befindet sich noch in der Projektphase.

90

4. Die Teilnehmenden

Im Jahr 2000 zählten alle 8 Evangelischen Familien-Bildungsstätten in Kursen und Einzelveranstaltungen zusammen ca. 65.000 Teilnehmende. Sie verteilten sich folgen- dermaßen auf die Einrichtungen:

Einrichtungen

Teilnehmende

Bad Soden

2.954

Fankfurt

13.051

Friedberg/Bad Nauheim(Wetteraukreis)

14.005

Gießen

9.079

Langen

9.132

Mainz*

1.012

Offenbach

3.577

Wiesbaden

12.032

Insgesamt

64.842

* Die Zahlen sind aus dem Jahr 2001, da die Familienbildung in Mainz erst im Oktober 2000 damit begonnen hat, ein Ange- bot aufzubauen.

Quelle: 6, S. 42 und 3, Jan. 2002, S. 1

Rund 62% der Teilnehmenden sind Frauen, 8% Männer und 30% Kinder. Die Frauen überwiegen stark. Sie sind nach wie vor Hauptverantwortliche in Sachen Familie, müssen Beruf und Familie miteinander vereinbaren und sich stärken und informieren, um ihre vielfältigen Aufgaben bewältigen zu können. (Vgl.17, S. 29 f.) Auf 10 teilnehmende Frauen kommen ca. 5 Kinder. Obwohl viele Einrichtungen auch eigene Kurse für Kinder anbieten, kommt dieses Verhältnis vor allem durch die große Zahl von Eltern-Kind-Gruppen zustande und unter diesen wiederum durch die Spielkreise und Krabbelgruppen, zu denen überwiegend Mütter mit ihren Kin- dern im Alter von 0-3 Jahren gehen. Dieses Angebot trägt wesentlich dazu bei, dass viele junge Familien in einer entscheidenden Lebensphase erreicht werden. Ange- bote für Männer und Väter werden nur zögernd angenommen und lassen sich dadurch zahlenmäßig nur schwer ausweiten: „… der weitere Ausbau ist ein mühsamer Prozess, insbesondere, wenn eher Fragen der Identität und Rollenfindung als Mann und Vater im Vordergrund des Bildungsprozesses stehen.“ (5, Frankfurt, S. 2) „Die Erfahrungen mit den Projekten, Väter einzuladen, werdende Väter in Angebote der Geburtsvorbereitung mehr einzubeziehen, spezielle Vätergruppen anzubieten, haben nicht zu einem durchschlagenden und dauerhaften Erfolge geführt.“ (5, Langen, S. 6)

91

92

Die Feststellung der Familien-Bildungsstätte Frankfurt, dass „erlebnisorientierte Angebote … Vätern den Zugang erleichtern.“ (5, Frankfurt, S. 2) wird von der Familien- Bildungsstätte Gießen bestätigt. Neu konzipierte Angebote für Väter und Kinder, wie z.B. ‚Väter und Kinder im Indianerboot auf der Lahn’, in denen „… erlebnispädago- gische Ansätze, sowie Naturerkundung, Bewegungsförderung und Gemeinschaftserleben zu einem ganzheitlichen Konzept verknüpft (werden)“, erfahren eine starke Nachfrage. (5, Gießen, S. 10) Eine Gruppe, die statistisch nicht erfasst, aber in den Jahresberichten erwähnt wird, ist die der Migrantinnen. Die Familien-Bildungsstätte Frankfurt bietet viele Gesprächskreise für ausländische Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen an. Es scheint jedoch nicht leicht zu sein, Migrantinnen in das reguläre Kursangebot zu integrieren. „Nähkurse für Migrantinnen erfordern intensive Begleitung und kontinuier- liche Werbung (persönliche Kontakte)“ (5, Frankfurt, S. 2) Um die Kontakte mit Migrantinnen herzustellen, arbeitet die Außenstelle Höchst der Familien-Bildungsstätte Frankfurt mit der AWO und dem Frauenreferat der Stadt Frankfurt zusammen. (Vgl. 5, Höchst, S. 2) Die Familien-Bildungsstätte Gießen hat eine Projektgruppe gebildet, um mit Unterstützung der Stadt Gießen eine Arbeit mit ausländischen Frauen bzw. Aussiedlerinnen zu initiieren (5, Gießen, S. 4) Die Familien-Bildungsstätte Offenbach allerdings stellt in ihrem Jahresbericht als sehr erfreulich fest, „dass zunehmend ausländische Frauen die Eltern-Kind-Gruppen besuchen.“ (5, Offenbach, S. 6) Über die soziale Situation der Teilnehmenden liegen keine Daten vor. Die Fami- lien-Bildungsstätte Langen erwähnt in ihrem Jahresbericht, dass eine Ermäßigung der Kursgebühren in 253 Fällen gewährt wurde. Dabei handelt es sich in nur 9 Fällen um eine Reduzierung wegen Sozialhilfebezuges. Die übrigen Ermäßigungen betrafen Geschwisterkinder, Ehepartner, Schüler/innen oder nachträgliche Belegungen. (Vgl. 5, Langen, S. 8) Bezogen auf die unterschiedlichen Angebotsformen der Familien-Bildungsstät- ten werden über Kurse insgesamt mehr Menschen erreicht als über Einzelveranstal- tungen, zu denen auch offene Treffs zählen. Einzelne Familien-Bildungsstätten wei- chen jedoch von diesem Bild ab. So erreicht z.B. die Familien-Bildungsstätte Frankfurt (mit Höchst) mit Einzelveranstaltungen und offenen Treffs bedeutend mehr Teilnehmende als mit Kursen. In Offenbach sprechen Kurse und Einzelveran- staltungen ungefähr gleich viele Menschen an. (Vgl. dazu auch Pkt. 3.2.3)

5. Organisationsmerkmale

Die Familien-Bildungsstätten stimmen unabhängig von der Trägerschaft in vielen organisatorischen Merkmalen überein.

5.1. Mitarbeiterinnen Alle Familien-Bildungsstätten arbeiten mit hauptamtlichen, festangestellten Kräften in Voll- und Teilzeitstellen und mit nebenberuflich tätigen Honorarkräften. Eine Einrichtung hat auch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen. Hauptamtliche Kräfte sind eingesetzt in den Bereichen ‚Leitung der Einrich- tung’, ‚Leitung der Fach- und Servicebereiche’, ‚Programmplanung und Organisation’, ‚Praxisanleitung’, ‚Fortbildung und Verwaltung’. Die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen haben eine pädagogische oder sozialwissenschaftliche oder auch eine andere Fach- ausbildung (z.B. Krankengymnastin, Hebamme, Kinderkrankenschwester, Hauswirt- schaftsleiterin). Honorarkräfte sind alle Leiter/innen von Kursen und die Referenten/innen der Ein- zelveranstaltungen. Die Honorarkräfte sind überwiegend Frauen, entweder berufstätige Frauen oder beruflich qualifizierte Hausfrauen, die während ihrer Familienarbeitszeit ihre berufliche Tätigkeit in einem eingeschränkten Zeitrahmen fortsetzen wollen. Folgende Anzahl von Mitarbeiterinnen war im Jahr 2000 beschäftigt. Sie vertei- len sich folgendermaßen auf die Träger bzw. Einrichtungen:

Träger

Einrichtungen

Hauptamtliche

Honorarkräfte

Mitarbeiterinnen

Ev. Dekanat Kronberg

Bad Soden*

3

74

Ev. Regionalverband Frankfurt am Main

Frankfurt

19

150

Ev. Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

Friedberg/Bad Nauheim Gießen, Langen, Offenbach, Wiesbaden

50

507

Ev. Dekanat Mainz

Mainz

1

22

Insgesamt

 

73**

753

* In Bad Soden kommen 15 ehrenamtlich Tätige hinzu. ** Zur Gesamtzahl kommen noch 2 Mitarbeiterinnen in geringfügiger Beschäftigung hinzu. Quelle: 3, Jan. 2002, S. 1

93

Die insgesamt 73 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen haben unterschiedlich umfangreiche Arbeitsverträge, die umgerechnet zusammen nur 38,65 volle Stellen erge- ben. (Vgl. 3, Febr. 2002, S. 1) Die hauptamtliche Stellenkapazität einer Einrichtung bestimmt den Umfang des Programmangebots einer Familien-Bildungsstätte und die Zahl der Honorarkräften, die gemanagt werden kann. Deren Zahl ist aber auch abhängig von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die die Lebensplanungen und beruflichen Möglichkeiten von Frauen beeinflussen. Hier zeichnen sich Veränderungen ab, die die Arbeit der haupt- amtlich Beschäftigten erschweren:

Die durchschnittliche Verweildauer der Honorarkräfte in den Familien-Bildungs- stätten hat sich im Vergleich zu früher erheblich verkürzt, weil die Familienzeiten der Frauen kürzer werden und sie schneller wieder in die volle Berufstätigkeit ein- steigen.

Zunehmend müssen Honorarkräfte verschiedene berufliche Engagements mitein- ander koordinieren, wodurch die Bindung und Identifikation mit der Familien-Bil- dungsstätte zurückgeht und wenig Zeit für Austausch und Kontakte in den Fach- gruppen zur Verfügung steht.

Steuerlich festgelegte Einkommensgrenzen und – insbesondere in den größeren Städten – höhere Honorare bei vergleichbaren Einrichtungen erschweren es, Honorarkräfte zu gewinnen.

Sowohl die Suche nach neuen geeigneten Honorarkräften wie auch deren per- sönliche Begleitung durch die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen erfordern viel Zeit. Zunehmend Zeit beansprucht auch der bereits an anderer Stelle erwähnte Trend zur Vermehrung von Einzelveranstaltungen, die einen größeren Verwaltungs- und Orga- nisationsaufwand erfordern als fortlaufende Kurse. (Vgl. 5, Frankfurt, S. 3)

5.2 Veranstaltungsräume Um möglichst viele Menschen zu erreichen, ist es wichtig, Familienbildung wohnortnah anzubieten. Dem kommen die Einrichtungen entgegen, indem sie Ange- bote in verschiedenen Kommunen, Stadtgebieten und Kirchengemeinden machen. Fünf der acht Familien-Bildungsstätten haben eigene Häuser bzw. Räume, in denen Veranstaltungen stattfinden können. Die zwei größten Einrichtungen, in Frankfurt und im Wetteraukreis haben sogar mehrere Standorte bzw. Außenstellen mit festen Räumen.

94

Diese befinden sich bei der Familien-Bildungsstätte Frankfurt in der Geschäfts- stelle in der Darmstädter Landstraße, im Haus am Weißen Stein in der Eschersheimer Landstraße und in Höchst in der Hospitalstraße. Die Einrichtung im Wetteraukreis hat feste Räume in der Hauptgeschäftsstelle in Friedberg und in Bad Nauheim, Bad Vilbel, Butzbach und Büdingen. Drei Einrichtungen, Bad Soden, Langen und Mainz, sind als dezentrale Familien- Bildungsstätten ausgewiesen. Sie haben lediglich Geschäftsräume. Ihre Veranstaltun- gen finden ausschließlich oder zum größten Teil in Gemeindezentren oder auch Kinder- tagesstätten von Kirchengemeinden, in geringem Umfang auch in Schulen und Sportstätten statt. Tatsächlich arbeiten auch jene Familien-Bildungsstätten, die feste eigene Veran- staltungsräume haben, zusätzlich dezentral. Als dezentralen Anteil ihrer Arbeit geben sie zwischen 30% und 50% an. (Vgl. 5) Jede Familien-Bildungsstätte bot im Jahr 2000 in mindestens 7 bis maximal 30 Kirchgemeinden Veranstaltungen an. „Viele Veranstaltungen finden in Räumen von Kirchengemeinden statt und bieten so Familien und Einzelpersonen neue Möglichkeiten zur Annäherung an ihre Gemeinde und die Kirche. Durch diese Kontaktmöglichkeiten und durch ihre Inhalte tragen sie einen eigenen, unverwechselbaren Anteil zur Erfüllung des Bildungsauftrages der Kirche bei.“ (3, Febr. 2002, S. 2) Trotz dieses Vorteils für die Kirchengemeinden ist die Zusammenarbeit mit einer Familien-Bildungsstätte nicht immer selbstverständlich. Sie verlangen Unkostenbeiträge für die Nutzung der Räume oder schränken die Nutzungsmöglichkeiten ein, indem sie die Räume anderweitig vermieten, so dass keine geeigneten Zeiten mehr zur Verfügung stehen.

5.3 Kooperationen Die Familien-Bildungsstätten bieten Veranstaltungen und Serviceangebote auch in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen an. Die Kooperationen sind abhängig von den Möglichkeiten vor Ort und betreffen z. B. Familien-Bildungsstätten anderer Träger, andere kirchliche Institutionen wie z. B. die Evangelischen Erwachsenenbildung, das Diakonisches Werk, Kindertagesstätten, Einrichtungen und Initiativen wie Frauenbüros, Schulen, Agenda 21-Gruppen, den Kinderschutz- bund oder Krankenkassen, aber auch Jugend- und Sozialämter. So hat z. B. im Auf- trag des Wetteraukreises die Familien-Bildungsstätte Friedberg/Bad Nauheim zusammen mit AWO-Beratungsstellen im Rahmen eines‚ ,Fachservice Pflegefamilie’ die Beratung, Qualifizierung und Begleitung von Pflegefamilien übernommen.

95

Diese Kooperationen vergrößern vor allem die Möglichkeiten kleiner Einrich- tungen, die über geringe personelle und finanzielle Ressourcen verfügen, ihre Ange- bote zu erweitern und eine größere Anzahl von Menschen zu erreichen.

5.4 Beirat Alle Familien-Bildungsstätten haben einen Beirat, der die Arbeit der Einrichtung unterstützt und begleitet. Die Evangelische Frauenhilfe hat 1993 eine „Ordnung für Beiräte“ aufgestellt, in der sie u.a. festlegt, aus welchen Gremien und Institutionen Mitglieder in den Beirat berufen werden sollen. Es sind genannt: Die örtliche Frauen- hilfe, der Vorstand des Landesverbandes der Frauenhilfe, das Dekanat, in dem eine Einrichtung tätig ist, die Evangelische Erwachsenenbildung, das Diakonische Werk, der Jugendhilfeausschuss, die Kommune oder der Landkreis. Diese Beiratsmitglie- der wiederum informieren die sie entsendenden Gremien und Institutionen über die Arbeit der Familien-Bildungsstätte. (Vgl. 11) Die Arbeit der 5 Familien-Bildungsstätten der Evangelischen Frauenhilfe wird zusätzlich noch durch einen Gesamtbeirat unterstützt und gefördert. Er setzt sich zusammen aus Vertreterinnen des Vorstandes des Landesverbandes und der Beiräte der einzelnen Familien-Bildungsstätten, deren Leiterinnen, der geschäftsführenden Pfarrerin des Landesverbandes der Frauenhilfe und der zuständigen Referentin, die im Landesverband für den Arbeitsbereich Familienbildung zuständig ist. Der Gesamtbeirat berät über konzeptionelle und finanzielle Fragen der Familienbildung und nimmt deren Interessen gegenüber dem Vorstand und den Mitgliedern des Lan- desverbandes wahr. (Vgl. 12)

5.5. Jahresberichte Die Familien-Bildungsstätten verfassen jährliche Sachberichte, in denen die Leiterinnen über die qualitativen und quantitativen Aspekte ihrer Arbeit berichten. Ein Ausschuss der Arbeitsgemeinschaft Hessischer Elternschulen und Fami- lien-Bildungsstätten (früher AHE, jetzt AHF) hat zusammen mit dem Landesjugend- amt ein Berichtsschema erstellt, das, wenn es von allen Einrichtungen übernommen worden ist, die Orientierung über die Arbeit einer Einrichtung erleichtert und eine zusammenfassende und vergleichende Betrachtung aller Einrichtungen ermöglicht.

96

Das Schema gliedert sich in 3 Hauptteile:

Teil I umfasst die organisatorischen Daten der Einrichtung. Dazu zählen: Trä- ger, Name und Anschrift der Einrichtung, der Anteil an zentraler und dezentra- ler Arbeit, der Einzugsbereich bzw. die Zahl der Veranstaltungsorte, die Öff- nungszeiten und Informationen über die Mitarbeiterinnen nach Funktionen, Beschäftigungsverhältnissen und Beschäftigungsumfang.

Der qualitative Teil II gibt Auskunft über die aktuellen Entwicklungen beim Pro- gramm-Angebot und den personellen, finanziellen und organisatorischen Bereich der Einrichtung, über Maßnahmen zur Qualitätssicherung und über Kooperationen und Gremienarbeit.

Der statistische Teil III ‚Durchgeführte Veranstaltungen’ informiert über die Zahl der Arbeitseinheiten und die der teilnehmenden Frauen, Männer und Kin- der, aufgeschlüsselt nach den verschiedenen Veranstaltungsformen wie Kurse, Einzelveranstaltungen, Feste/Tage der offenen Tür und Fortbildungen durch die Familien-Bildungsstätten. Hinzu kommen Zahlen über die Beratung für beson- dere Zielgruppen und die Betreuung von Selbsthilfegruppen. (Vgl. dazu auch Pkt 3.2.3)

5.6. Qualitätsentwicklung-Qualitätssicherung-Qualitätsmanagement Die Arbeitsgemeinschaft Hessischer Elternschulen und Familien-Bildungs- stätten hat sich an einem Bundesprojekt zur „Qualitätssicherung und -entwicklung der Familien-Bildungsstätten“ der Universität Heidelberg beteiligt. Das Projekt star- tete im September 1998. Alle zu dieser Zeit bestehenden Familien-Bildungsstätten der EKHN haben daran teilgenommen. Das angewandte Qualitätskonzept lehnt sich an das European Foundation for Quality Management-Konzept (EFQM) an. Das Konzept geht von 9 Bereichen aus, die sich in allen Organisationen wiederfinden. An Hand eines branchenbezogenen Fragenkatalogs werden diese Bereiche einer Stärken-Schwächen-Analyse unterzogen, die von den Mitarbeiter/innen selbst vorzunehmen ist. Die Qualitätsentwicklung einer Einrichtung muss von der Leiterin initiiert, ge- tragen und gefördert werden. Motor der Qualitätsentwicklung ist sie aber nicht selbst, sondern eine Qualitätsbeauftragte, die nach einer intensiven mehrtägigen Schulung mit Hilfe einer Qualitätsgruppe eine Stärken-Schwächen-Analyse der Ein- richtung nach EFQM durchführt und auf Grund des Ergebnisses ein Verbesserungs- projekt entwickelt und durchführt. Für die Planungs- und Entwicklungsphase dieses

97

Vorhabens wurden den Einrichtungen als Impulsberatung jeweils zwei Beratungsta- ge durch das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung angeboten. (Vgl. 15) Die AHE/AHF entschloss sich, die Aktivitäten im Bereich Qualitätsentwicklung fortzusetzen. An das Bundesprojekt schloss sich 2001 ein vom Hessischen Sozialmi- nisterium gefördertes Projekt „Qualitätsmanagement in hessischen Familienbil- dungsstätten“ an. Es sollte die Qualitätssicherung fortführen und eine Netzwerk- struktur der hessischen Familien-Bildungsstätten aufbauen. Dazu wurde eine AHE/AHF-Netzwerkstelle gegründet. Sie soll die Projektaktivitäten koordinieren, die Qualitätsbeauftragten und die beteiligten Einrichtungen vernetzen, die Projekterfah- rungen sichern und die Netzwerkarbeit auswerten. (Vgl. 16)

5.7 Finanzierung Die Finanzierung der Arbeit der Familien-Bildungsstätten ist immer eine Mischfinanzierung, deren genaue Zusammensetzung von Einrichtung zu Einrich- tung variiert.

In den Jahresetat gehen ein:

30 - 55% Kirchliche Zuschüsse

20 - 50% Teilnahmegebühren

8 - 25%

0,5 - 1,5% Sonstige Einnahmen

ca. 0,5% Spenden (Vgl. 3, S. 2)

Zuschüsse der Kommunen bzw. des Landkreises und des Landes

Die Finanzlage ist prekär. Die kirchlichen Zuschüsse und damit auch die des Trägers gehen zurück. Ein großer Teil des Haushaltes der Einrichtungen, bei einigen bis zur Hälfte, wird zwar über die Teilnahmegebühren selbst erwirtschaftet. Diese können jedoch mit Rücksicht auf die Teilnehmenden nicht so stark erhöht werden, dass der Rückgang der Zuschüsse ausgeglichen wird. Die im Jahre 2003 in Hessen erwartete Kommunalisierung der Zuschüsse der öffentlichen Hand birgt finanzielle Risiken. Im Rahmen des Kommunalisierungsprozesses stellt das Land die bisheri- gen direkten Zuschusszahlungen an die Familien-Bildungsstätten ein. Zuschüsse werden nur noch über die Kommunen bzw. die Landkreise vergeben und müssen durch die Familien-Bildungsstätten neu verhandelt und in einem Leistungsvertrag festgelegt werden.

98

In den Jahresberichten der Familien-Bildungsstätten ist die ‚Entwicklung im finanziellen Bereich’ ein unter Klagen behandeltes Thema. Z.B. schreibt die Familien- Bildungsstätte Offenbach u.a. über das Zahlungsverhalten der Kursteilnehmer/ innen: „Es müssen immer mehr Zahlungserinnerungen geschrieben werden. Für die Ver- waltungskraft ein erheblicher Mehraufwand.“ (Jahresbericht 2000, S. 7) Die Familien- Bildungsstätte Frankfurt klagt über „enorme Belastungen und Flexibilitätsanforderun- gen“ im Zuge der Budgetierung bei einer verringerten Zahl von Verwaltungskräften. (Jahresbericht 2000, S.3) Die dezentrale Familien-Bildungsstätte Langen ist auf „freiwillige“ Zuschüsse der unter Finanznot stehenden Kommunen angewiesen, die von einigen wieder reduziert oder ganz eingestellt worden sind. (Vgl. 5, Langen, S. 8) Jede kleine zusätzliche Belastung, wie z.B. Unkostenbeiträge, die Kirchen- gemeinden für die Nutzung ihrer Räume verlangen, verschärft die Lage. (Vgl. PKT. 5.2)

6. Vernetzungen

Institutionelle Vernetzungen der Familien-Bildungsstätten finden auf verschie- denen Ebenen statt und stärken die Einrichtungen durch Information, Beratung und Fortbildung.

6.1. Vernetzung innerhalb der Trägerstrukturen

Familien-Bildungsstätten, deren Träger die Dekanate sind, nutzen häufig die organisatorische Nähe zur Erwachsenenbildung. So unterstützt im Dekanat Mainz die Leiterin der Erwachsenenbildung den Aufbau der Familienbildung. Im Evange- lischen Regionalverband Frankfurt ist die Familien-Bildung neben der Evangelischen Erwachsenenbildung im „Arbeitsbereich Bildung“ integriert. In der Evangelischen Frauenhilfe ist die Familienbildung eine von drei Abteilun- gen. Sie hat eine eigene Referentin. Diese koordiniert die Arbeit der 5 Einrichtungen und organisiert monatliche Arbeitstreffen der Leiterinnen. Über ein halbe Projekt- pfarrstelle der EKHN in der Frauenhilfe wird die Familien-Bildungsarbeit theologisch begleitet.

6.2. Vernetzung auf Landesebene

Die hier betrachteten 8 Familien-Bildungsstätten in der EKHN sind mit den 3 Familien-Bildungsstätten der EKKW in der „Landesarbeitsgemeinschaft Evangeli- scher Familien-Bildungsstätten in Hessen“ (LAG) zusammengeschlossen. (Vgl. 13)

99

Die LAG gehört wiederum zusammen mit der Landesarbeitsgemeinschaft Katholi- scher Familien-Bildungsstätten und den Familien-Bildungsstätten von Kommunen und Freien Trägern (z.B. AWO) zur „Arbeitsgemeinschaft Hessischer Elternschulen und Familien-Bildungsstätten“ (AHE/AHF). Dort sind insgesamt 39 Einrichtungen zusammengeschlossen. In Arbeitsausschüssen der AHE/AHF kooperieren Delegierte aller hessischen Familien-Bildungsstätten untereinander und mit der Landesregierung. So hat z.B. in einem Arbeitsausschuß die AHE/AHF zusammen mit dem Lan- desjugendamt des Landes Hessen das Berichtsschema für die Jahresberichte der Familien-Bildungsstätten erstellt. (Vgl. Pkt. 5.5) Die AHE/AHF initiierte die Teilnahme der hessischen Familien-Bildungsstätten an dem Bundes-Modellprojekt ‚Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung in Familien-Bildungsstätten’, an dem sich 20 Einrichtungen beteiligten. Sie fördert über dieses erste Projekt hinaus die Etablierung systematischer Qualitätsentwicklung und die Vernetzung der Qualitätsarbeit. (Vgl. Pkt. 5.6)

Arbeitsgemeinschaft Hess. Elternschulen und Familienbildungsstätten (AHE/AHF)

Landesarbeitsgemeinschaft Ev. Familienbildungsstätten in Hessen

Ev. Familien- bildungsstätten in der EKHN (8)

Ev. Familien- bildungsstätten in der EKKW (3)

Landesarbeits-

gemeinschaft

Kath. Familien-

bildungsstätten

Kommunale

Familien-

bildungsstätten

Familien-

bildungsstätten

freier Träger

Arbeitsausschüsse

100

Darüber hinaus sind die evangelischen Familien-Bildungsstätten auch noch Mitglied im Landesarbeitskreis der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familien- fragen (EAF) Die EAF war federführend in der politischen Diskussion um die Hessi- schen Ausführungsbestimmungen zum KJHG und die „Fachlichen Empfehlungen für Familien-Bildungsstätten“ des Landesjugendhilfeausschusses Hessen vom 25.1. 2001. (Vgl. Pkt. 2)

6.3. Vernetzung auf Bundesebene Gegenüber der EKD und der Bundesregierung werden die Evangelischen Fami- lien-Bildungsstätten durch die „Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelischer Familien- Bildungsstätten“ (bag) repräsentiert. Sowohl die einzelnen Familien-Bildungsstätten wie auch die Landesarbeitsge- meinschaften senden Delegierte in die Mitgliederkonferenz der bag. Sie bietet Fort- bildung, Beratung für Leiterinnen und Mitarbeiterinnen der Familien-Bildungsstätten und betreibt Lobbyarbeit. Die bag ist in der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (EAF) auf Bundesebene vertreten, die für politischen Stellungnahmen zuständig ist.

7. Verzeichnis der verwendeten Unterlagen

1 Erste Gedanken zum Selbstverständnis der Dezentralen Evangelischen Familienbildung Mainz, Februar 2000

2 Evangelisches Bildungsverständnis in einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft, EKD Texte Nr. 3, Hannover 1991

3 Evangelische Familienbildungsarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Eine aktuelle Darstellung für die 10. Tagung der 9. Kirchensynode der EKHN im April 2002.

Hrsg.: Evangelische Frauenhilfe und Leiterinnen der Einrichtungen Evangelische Familienbildungsarbeit. Es lagen 2 Fassungen vor: 3. überarbeitete Fassung - Januar 2002 und die endgültige Fassung - Februar

2002

4 Fachliche Empfehlungen für Familienbildungsstätten, beschlossen vom Landesjugendhilfeausschuß Hessen am 25.01.2001, Landesjugendamt, Hessisches Sozialministerium

5 Jahresberichte 2000:

Evangelische Familienbildung Frankfurt Evangelische Familienbildung Frankfurt-Höchst Evangelische Familien-Bildungsstätte Wetteraukreis Evangelische Familien-Bildungsstätte Gießen Evangelische Dezentrale Familienbildung, Langen Evangelische Familien-Bildungsstätte Offenbach a. Main Evangelische Familien-Bildungsstätte Wiesbaden

101

6 Jahresbericht 2000/2001 und Rechnungsabschluss für das Geschäftsjahr 2000, Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

7 Kinder- und Jugendhilfegesetz, Zweiter Abschnitt, §16 in der Fassung der Bekanntmachung vom 8.12.1998 (BGBl. I S. 1426)

8 Konzeption der Familienbildungsarbeit, 2. Überarbeitete Auflage, August 1999. Hrsg.: Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

9 Konzeption - Kurzfassung (Entwurf) der Evangelischen Familienbildung Frankfurt, ohne Datum

10 Konzeption: Arbeitsfelder (Entwurf der Evangelischen Familienbildung Frankfurt, ohne Datum

11 Ordnung für die Beiräte der Familienbildungsstätten im Landesverband der Evangelischen Frauenhilfe in Hessen und Nassau e. V., März 1993

12 Ordnung des Gesamtbeirates - Familienbildung im Landesverband der Evangelischen Frauenhilfe in Hessen und Nassau e. V., März 1995

13 Positionspapier der Landesarbeitsgemeinschaft Evangelischer Familien-Bildungsstätten in Hessen, November 1998

14 Programme:

Evangelische Familienbildung im Dekanat Kronberg, Jahresprogramm 2000

Evangelische Familienbildung Frankfurt, Programm August - Dezember 2001 und Programm Januar 2002 - Juli 2002

Evangelische Familienbildung Frankfurt-Höchst, Programm August - Dezember 2001 und Programm Januar 2002 - Juli 2002

Evangelische Familien-Bildungsstätte Wetterau, Veranstaltungsprogramm 2002

Evangelische Familien-Bildungsstätte Gießen, Veranstaltungsplan 2001/2002

Evangelische Dezentrale Familienbildung im Kreis Offenbach, Programm 2002

Evangelische Familienbildung im Dekanat Mainz, Programmheft Mai-Oktober 2001 und Programmheft Oktober 2001 - Mai 2002

Evangelische Familien-Bildungsstätte Offenbach am Main, Jahresprogramm - Evangelische Erwachsenenbildung und Evangelische Familien-Bildungsstätte Wiesbaden, Programm 2001/2002

15 Qualitätsentwicklung in hessischen Familienbildungsstätten, ohne Datum. Hrsg.: Arbeitsgemeinschaft Hessischer Elternschulen und Familienbildungsstätten

16 Qualitätsmanagement in hessischen Familienbildungsstätten, Projekt 2000/2001, Februar 2001, Infoblatt. Hrsg.: Arbeitsgemeinschaft Hessischer Elternschulen und Familienbildungsstätten (AHE)

17 Rundbrief 1/2002 „Familie“ der Hessischen Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V.

18 Statistik 2000, Evangelische Dezentrale Familienbildung, Bad Soden

102

Birgit Geimer

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

Schwerpunkte der Umsetzung von Bildungsinhalten

im Rahmen evangelischer Familienbildungsstätten

1. Einleitung

Beim ersten Blick in ein Programmheft der Evang. Familienbildungsstätten der EKHN (der Evang. Kirchen von Hessen und Nassau) fällt der Betrachterin oder dem Betrachter eine Vielzahl und Vielfalt von verschiedenen Veranstaltungen auf. Es gibt Angebote für Treffen, Gruppen, Gesprächsreihen, Kurse und besondere Events, die für die unterschiedlichsten Personengruppen veranstaltet werden. Erwachsene, Kin- der, Frauen, Männer, Senioren, Singles, Erwachsene mit Kindern, Eltern mit Kindern, Mütter mit Kindern und Alleinerziehende, alle finden für sich spezifische Angebote. Dieser Bericht soll nun einen tieferen Einblick gewähren in die Arbeit der Familienbildungsstätten. Alle Aussagen und Folgerungen basieren auf sieben Inter- views, die im Januar 2002 in den Familienbildungsstätten Bad Soden, Frankfurt, Friedberg, Gießen und Wiesbaden durchgeführt wurden. Die interviewten Frauen sind in den Familienbildungsstätten mit unterschiedlichen Stundendeputaten haupt- amtlich, als Fachbereichsleiterinnen oder Leiterinnen einer Familienbildungsstätte tätig. Jede von ihnen repräsentiert einen der im Folgenden aufgezählten Fachberei- che: Interkulturelle Arbeit, Rund um die Geburt, Gesellschaftliche Verantwortung, Gesundheit, Hauswirtschaft und Kreatives Gestalten, Eltern-Kind-Arbeit und Freizei- ten mit Familien. Alle Gesprächspartnerinnen wurden anhand eines leitfragenstruk- turierten Interviews befragt. Wie schon beim Lesen der Programmhefte, so kam auch bei den Interviews die enorme Bandbreite an Veranstaltungen, Themenvielfalt und Teilnehmergruppen wieder zum Vorschein. Deshalb bestand das Interesse darin, den „roten Faden“ zu finden, der sich durch die Arbeit der Familienbildungsstätten zieht. Durch die im Folgenden aufgezählten Fragestellungen sollen grundlegende Gesichtspunkte, Arbeitsweisen und Zielsetzungen der Mitarbeiterinnen in der Arbeit der Familien- bildungsstätten transparent werden.

103

Wie sehen die Mitarbeiterinnen „Familie“ 17 in der heutigen Gesellschaft?

Welche Schwierigkeiten sehen die Mitarbeiterinnen in der heutigen Gesellschaft „Familie“ zu leben?

Welche Zielsetzungen und Arbeitsweisen haben die Mitarbeiterinnen?

Welche Einschätzungen haben die Mitarbeiterinnen zur Wahrnehmung der Arbeit der Familienbildungsstätten durch das kirchliche Umfeld?

Am Ende der Ausführungen und der Suche nach dem „roten Faden“ steht das Fazit über die Arbeit mit Familien in den Familienbildungsstätten. Alle Zitate, die in die- sem Text zu lesen sind, wurden den sieben Interviews entnommen. Sie sind kursiv gedruckt. Textstellen in den Interviewzitaten die mit Pünktchen … gekennzeichnet sind, weisen auf Auslassungen hin, Wörter in Klammen ( ) sind von mir ergänzt, um den Sinnzusammenhang herzustellen. Damit die Anonymität der befragten Frauen gewährleistet ist, werden für diese im Folgenden die Bezeichnungen: Interviewpartnerin, Fachbereichsleiterin oder Mitarbeite- rin verwendet. Da in diesem Arbeitsbereich überwiegend Frauen tätig sind oder an Ange- boten teilnehmen, werden in der Regel die weiblichen Wortformen verwendet, die aber die Männer mit einschließen.

2. Wie sehen die Mitarbeiterinnen „Familie“in der heutigen Gesellschaft?

2.1. Die Familie“ – Ihre Erscheinungsformen heute In allen Interviews wird deutlich, dass die Mitarbeiterinnen das „Gebilde“ Familie in der heutigen Gesellschaft sehr differenziert wahrnehmen. Übereinstimmend verste- hen sie unter dem Begriff „Familie“ nicht mehr, wie es traditionell üblich war, Vater und Mutter, die verheiratet sind und ein oder mehrere Kinder haben, sondern auch, wie es eine Fachbereichsleiterin ausdrückt: „ … andere (Paare), leben zusammen, sind verheira- tet, bekommen ein Baby, andere ziehen gar erst zusammen, wenn das Baby schon unterwegs is,t und es gibt … mit der Schwangerschaft Frauen, die allein erziehend sind.“ Eine andere Interviewpartnerin ist der Meinung: „… Familie heißt, wenn Menschen mehrerer Generationen zusammen leben …“ Eine andere Definition von Familie bezieht sich nicht mehr nur auf die Eltern, Kinder und die dazugehörige Verwandtschaft. Es gibt auch weitere Definitionen, wie

17 Im Folgenden wird das Wort Familie in Anführungszeichen gesetzt, um auf die veränderte Sichtweise des heutigen Familienbegriffes hinzuweisen.

104

das Zitat zeigt: „… Familie (ist) auch das, wo Menschen zusammen leben. Vielleicht auch nur zeitweise, vielleicht auch die Großfamilie, die ganz verstreut ist, aber sich zu bestimmten Zeitpunkten trifft … auch die Freunde (gehören) zur Familie dazu.“

2.2. „Die Familie“ – Wie sie in der Familienbildungsstätte in Erscheinung tritt Der Begriff Familienbildung bedeutet nicht, dass in den Familienbildungsstät- ten nur Familien als „komplette“ Einheit angesprochen werden wie z.B. im Freizeit- bereich, an Familiennachmittagen und bei Festen oder Tagen der offenen Tür. In der Regel werden die Kurse konzipiert für Teile der „Familie“. Hier kommt es auf den Fachbereich und das Thema an, wer angesprochen wird. Alle Möglichkeiten aufzu- führen würde zu weit führen, deshalb an dieser Stelle nur ein paar Beispiele. Es wer- den eingeladen: Paare bei der Geburtsvorbereitung; Mütter/Väter und ihre Kinder in den Spielkreisen; Eltern bei thematischen Gesprächsabenden; Mütter und ihre Säug- linge beim Frühstückstreff; Singles für Fahrten im Freizeitbereich; Männer in einer Gesprächsrunde; Frauen im Gesundheitsbereich; Kinder in Kreativkursen; unter- schiedliche Generationen und Geschlechter auf Freizeiten.

Wie erklärt sich dieser Sachverhalt aus der Sicht der Fachbereichsleiterinnen? Zum einen weist eine Interviewpartnerin auf historische Gründe hin, die mit der Ziel- setzung der Frauenhilfe und ihrer ursprünglichen Aufgabe, Frauen zu unterstützen zusammenhängt. Zum anderen sehen die Mitarbeiterinnen die Einzelpersonen aus einer „Familie“ als ein Teil des Systems „Familie“ an. Alle Teile des Systems tragen zum Gelingen des „Familienlebens“ bei. Deshalb macht es auch Sinn, Einzelne des Systems zu unterstützen. Wie den Interviews zu entnehmen ist, sind das in den mei- sten Fällen die Frauen, die sich Hilfe holen und beraten lassen, die Anregungen mit- nehmen oder sich selbst stärken wollen, um die Aufgabe „Familie zu leben“ meistern zu können. „Und heute sind es ganz vielschichtige Sachen, die gelernt werden müssen im Umgang mit Familie. Aber ich denke es sind sehr häufig die Frauen, die die Familie zusammenhalten. … sie sind der kommunikative Faktor … in der Familie, die auch

und vermitteln und Feste

organisieren und Treffen planen und ich denke … eine unserer Hauptzielgruppen sind immer noch die Frauen. Die zu stützen(ist wichtig), aber nicht nur für sich, zwar auch für sich selbst, aber auch um die Familie irgendwo zu stabilisieren, weil sie da ein stabilisierender Faktor sind.“

die Verbindung zwischen Kindern und Vätern herstellen

105

2.3. „Die Familie“ – Ihre gesellschaftliche Abhängigkeit Obwohl es viele verschiedene Formen von „Familie“ gibt, liegt auch heute noch die Hauptlast der Verantwortung bezüglich der „Familie“ auf den Schultern der Frauen. Das wird von den Fachbereichsleiterinnen immer wieder festgestellt, aber diese Erkenntnis wird nur in Ansätzen mit den gesellschaftlichen und politi- schen Bedingungen in Verbindung gebracht und nur von wenigen geäußert. Eine Interviewpartnerin beschreibt die Situation folgendermaßen:

„Wir können Familien wahrnehmen als Seismographen, wo sich gesellschaftliche Problemlagen einfach nur auf der einen Seite bündeln, sie aber auf der anderen Seite auch zur Zerreißprobe werden.“ Eine andere Mitarbeiterin sieht es so:

„ und es gibt nicht mehr so viele Familien, meines Erachtens, wo keine Konflikte

da sind. Aber die Gründe sind ja ganz vielschichtig, das liegt ja nicht nur an der Familie selbst, sondern an all den zunehmenden Belastungen, die auch beruflich und von außen kommen, sei es in der Schule, sei es im Beruf, sei es finanziell.“ Die Resignation darüber, diese Zustände doch nicht nachhaltig verändern zu können, ist zum Teil aus den Interviews herauszuhören. So stellen die Mitarbei- terinnen den präventiven und diakonischen Ansatz in der Arbeit der Familienbil- dungsstätten in den Vordergrund. Die gesellschaftspolitische Ebene ist in der Arbeit präsent, wird jedoch in den Interviews nicht hervorgehoben. Trotzdem ist eine Fachbereichsleiterin nicht bereit, die gegebenen gesell- schaftlichen Umstände als unumstößlich hinzunehmen. „… (Ich möchte) Mut machen, laut zu werden und nicht zu leiden und ertragen, sondern zu sagen, es gibt Dinge, die sind einfach nicht gut und das will ich doch mal laut sagen.“ So möchte eine andere Fachbereichsleiterin transparent machen, dass Familien ein Teil der Gesellschaft sind und daher auch in gesellschaftliche Gegebenheiten eingebunden werden, die man als Einzelpersonen gar nicht verändern kann, aber worauf sie zu reagieren haben. „… (Es soll) die eigene Gebundenheit auch an gesellschaftlichen Rahmenbedin- gungen für die einzelnen Familien sichtbar und erkennbar werden, dass sie sich nicht so mit Schuld beladen selber, wenn sie Konflikte haben, sondern auch sehen, es ist ja auch schwierig in der Tat, und wären ein paar … Dinge anders, dann wäre es vielleicht auch leichter und das Scheitern wäre dann vielleicht auch nicht pas- siert.“

106

3. Welche Schwierigkeiten erkennen die Mitarbeiterinnen in der heutigen Gesellschaft, „Familie“ zu leben

Alle Fachbereichsleiterinnen sind sich darin einig, dass die „Familien“ Hilfen brauchen, gestützt, gestärkt und stabilisiert werden müssen und Sicherheit sowie Halt benötigen. Diese Erkenntnisse resultieren aus dem täglichen Umgang mit Men- schen, die in „Familien“ leben. Es sind in der Hauptsache drei Bereiche, die von den Interviewpartnerinnen angesprochen werden, in denen sie die gravierenden Schwierigkeiten ausmachen.

3.1 Isolation und Einsamkeit Eine Fachbereichsleiterin versucht mit dem Begriff „Entfamilisierung“ die Not,

dass die

Familien immer mehr alleine sind, isoliert sind,

Isolation und Einsamkeit sind die beiden Begriffe, die am häufigsten von allen Interviewpartnerinnen genannt werden, wenn sie die Schwierigkeiten von „Familien“ beschreiben.

Eine Mitarbeiterin hat in ihren Kursen in der Mehrzahl Frauen aus „jungen Familien“ mit kleinen Kindern. Die Väter sind berufstätig und den ganzen Tag nicht zu Hause. „Und die Mütter kommen sich manchmal vor wie Alleinerziehende, weil die Väter

in der sich „Familien“ befinden zu beschreiben. Sie versteht darunter: „ “

viel hilfloser als früher

(von) sehr früh morgens bis abends spät nicht da sind.“ „

Frauen mit den Kindern überwiegend alleine sind, ja und sich auch alleine gelassen “

aber dadurch, dass die

fühlen, kommt eine Problematik rein, mit der die wenigsten umgehen können Eine Fachbereichsleiterin sieht die gesteigerte Aktivität von Müttern, in dem sie an verschiedenen Mutter-Kind-Angeboten innerhalb einer Woche teilnehmen, als Symptom ihres Alleineseins.

das ist doch ein Zeichen, dass sie sich einsam fühlen. Dass sie irgendwie isoliert “

sind, vielleicht weil sie nicht mehr im Beruf sind oder weil sie umgezogen sind Es gibt jedoch nicht nur die Isolation und Einsamkeit auf Grund veränderter

„äußerer“ Rahmenbedingungen, durch den Umzug in ein anderes Wohngebiet, die Aufgabe der Berufstätigkeit wegen eines Kindes, den Auszug der „flügge“ geworde- nen Kinder oder den Verlust eines Partners.

einen Raum bieten, dass Frauen auch in einem Alter, wo die Kinder aus dem

eine Möglichkeit haben, noch mal sich auszutauschen, sich zu treffen

entgegen zu wirken.“

Haus sind,

und Kontakte zu schließen, um der Vereinsamung

107

108

Es zeigt sich auch, dass die zunehmende Individualisierung in unserer Gesell- schaft auch vor der „Familie“ nicht halt macht.

die Vereinsamung der Menschen innerhalb der Familie nimmt stark zu, weil jeder so beansprucht ist, dass zu gemeinsamer Kommunikation oft gar nicht die Zeit “

bleibt

3.2 Fehlende Orientierung und Unsicherheit Die Fachbereichsleiterinnen stellen übereinstimmend fest, dass „Familien“ zuneh- mend verunsichert sind, wenn es um Erziehungsfragen geht oder um Fragen der All-

tagsbewältigung. Es gibt nur noch selten den Austausch mit der Vorgängergeneration, Erziehung wird nicht mehr tradiert. Deshalb gibt es gerade bei Eltern, die das erste Kind haben viele für sie existentielle Fragen. „Sie sind ja nicht im großen Familienverband, wie das früher war und haben nicht unbedingt die Oma, den Opa, die sagen, früher haben wir das so gemacht mit unseren Kindern, sondern sie sind in der 4-Zimmerwohnung alleine mit ihrem Kind. Und diese Fragen werden nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben, “

sondern da haben die (Familien) einfach ein Defizit

„ den Frauen ist der selbstverständliche Umgang mit den Kindern verloren gegan-

gen, d.h. es sind ganz ganz viele Alltagsthemen, die in der Arbeit eine Rolle spielen.

Das fängt an mit schlafen, Ernährung, schreien, also das sind wirklich grundlegende Dinge.“

„Was brauche ich für mein Kind, was ist das Beste, was ist nicht so gut,

werden alltägliche Dinge besprochen. Impfe ich mein Kind, impfe ich nicht? Wie geht’s ihm, wie kann ich es fördern? Also das sind wirklich Fragen aus dem Leben.“

dann

Eine Fachbereichsleiterin erzählt, dass sich Mütter Gedanken machen über die

neue Lebensphase mit einem Kind, dass sie nicht wissen, wie sie diese „neue Rolle“ leben sollen und können.

„ wie

den habe aus meiner Elterngeneration in meinem Hier oder wie gestaltet es sich, “

wenn Eltern, oder sagen wir mal jetzt Großeltern sehr nahe sind

„ die Mütter sind ja oft auch in der Zwickmühle. Die möchten gerne alles richtig

machen und sind dann hin und her gerissen, mache ich es jetzt so wie meine Mutti es sagt oder mache ich es so, wie ich es lieber möchte.“ Frauen sind verunsichert, sie müssen zurechtkommen mit den verschiedenen

gestaltet sich mein Leben denn jetzt anders, wenn ich entweder gar nieman-

Ansprüchen, die an sie gestellt werden, sei es von der Eltern- oder Groß- elterngeneration, dem Umfeld oder von der Gesellschaft in Form von Pädagogen oder Politikern.

eine Familie lebt ja nicht alleine, da gibt’s ja schon die Vorgeneration, da gibt’s die Verwandten auf gleicher Generationsebene, da gibt’s Freunde, Freundinnen und jeder beäugt immer Kind und Familie und jeder hat was dazu zu sagen. Erziehung ist ja so ein Thema, da fällt ja auch jedem was ein, da weiß ja auch jeder Bescheid. D.h. die Leute sind oft derartig verunsichert, dass sie mit so Fragen (kommen), von denen man denkt, na ja, das kann man sich an und für sich mit ein bisschen Nach- denken ja auch selber beantworten, aber sie brauchen ganz intensiv den Austausch “

darüber

Für etliche Frauen, so berichtet eine Mitarbeiterin, ist es auch schwierig, allzu oft nur noch in der Rolle der Mutter gesehen zu werden. Die Bedürfnisse der Frauen außer- halb ihrer Mutterrolle werden kaum wahrgenommen. Sie schildert es folgendermaßen:

„… was ist denn mit mir als Frau? Ich bin ja nicht nur Mutter, aber manchmal werde ich gerade im Alter dieser Kinder, also wenn die Kinder noch klein sind, oft darauf reduziert. … ich habe auch noch andere Interessen und ich will nicht nur mein Selbst- “

bewusstsein über dieses Muttersein bekommen

3.3 Verlust von Gemeinschaft und Geborgenheit „Familien“ heute sind im Alltag oft nur noch ganz kleine Einheiten von zwei bis

vier Personen. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Bewältigung dessen, was im Lauf des Tages als Verpflichtungen anliegt. Zeit zum Reden, zum gemeinsamen Essen, zur gemeinsamen Freizeitgestaltung, um nur einige Beispiele zu nennen, ist knapp auf Grund von gegebenen Arbeitssituationen. Geregelte Tagesabläufe sind zu Gunsten individueller Zeiteinteilung und Bedürfnisse besonders im Freizeitbereich weg- gefallen. Normen und Werte, die zum Gelingen einer Gemeinschaft notwendig sind, werden immer seltener eingeübt und geraten in Vergessenheit.

„Also

denke, es ist alles heute so technisiert und kalt, egoistisch, dass wir die Familie einfach brauchen, um irgendwo noch ein bisschen Geborgenheit zu haben.“ „Das beginnt schon bei so ganz banalen Sachen, dass ganz viele Familien nicht mehr gemeinsam essen, dass ganz viele Familien nicht mehr kochen, dass die irgendwas, was irgendwo vorgefertigt ist, irgendwo reinschieben, es ist in Familien

Werte, ja da würde ich die Familie schon ganz oben ansiedeln, weil ich

109

wirklich verloren gegangen, den Wert der Gemeinsamkeit zu schätzen und den Wert dieser Gemeinschaft, in der sie eigentlich leben zu, schätzen.“

„ gemeinsam zu beginnen, also das ist auch noch mal so ein Wert, den Leuten zu

vermitteln, was es bedeutet ein gemeinsames Essen, also zu warten bis alle haben,

das ist also nicht so selbstverständlich

4. Welche Zielsetzungen und Arbeitsweisen haben die Mitarbeiterinnen?

4.1 Angebote gestalten Die rechtliche Verankerung für die Arbeit der Familienbildungsstätten ist das Kinder- und Jugendhilfegesetz §16 (KJHG), in dem der Gesetzgeber bestimmte Richt- linien für deren Arbeit festschreibt. Dazu kommt die Konzeption der Familienbil-

dungsstätten, die mit dem KJHG die fachliche Grundlage bildet. Auf dieser Basis wird die inhaltliche Planung der Arbeit aufgebaut. Was brauchen „Familien“? Wie müssen die Angebote aussehen? Welche The- men sind von Interesse? Welche Formen benötigen bestimmte Teilgruppen? Solche und noch viele andere Fragestellungen beschäftigen sich mit den potenziellen Teil- nehmerinnen und ihren spezifischen Bedürfnissen. Das „Programm“ mit Angeboten von Kursen, Seminaren, Gesprächsreihen und Einzelveranstaltungen ist das Ergebnis dieser Recherche. Es spiegelt Themen und Fragestellungen, Wünsche und Bedürfnis- se wieder, die in der „Gesellschaft“ und bei Einzelnen vorhanden sind.

„ dass unser Angebot ja eigentlich das geben will, was in der Gesellschaft fehlt.“

„… wir) können nach unseren Wahrnehmungen unser Programm gestalten, unsere Angebote unsere Inhalte …“ Die Mitarbeiterinnen bemühen sich mit ihren Angeboten möglichst viele Men- schen zu erreichen. Deshalb stellen sie sich auch immer wieder die Frage, ob die Ange- bote „niederschwellig“ genug sind, gerade im Blick darauf, dass die Familienbildungs-

stätten Einrichtungen in evangelischer Trägerschaft sind. Sie fragen sich, ob sie mit den Angeboten auch wirklich an die Bedürfnisse der Menschen herankommen.

„ wir sind (uns) klar darüber, dass wir eine evangelische Einrichtung sind, aber auch Angebote machen, die so niederschwellig sind, dass sie von allen (Menschen) akzep- tiert werden können.“ „Wir leben ja hier im Vortaunus, wo auch sehr viele Akademiker wohnen und wir müssen immer genau gucken, dass wir sowohl niederschwellige als auch sehr aka- demisch geprägte Angebote bis hin zu Mischformen finden und das ist eine große Aufgabe, den Menschen, die hier leben in der Region, auch gerecht zu werden.“

110

Die Fachbereichsleiterinnen erzählten von Einzelveranstaltungen zu bestimm- ten Themen, die Menschen aus den unterschiedlichsten Beweggründen besuchen. Ein Grund zur Teilnahme ist, die Veranstaltung als eine Möglichkeit zu sehen, in die Familienbildungsstätten „hineinzuschnuppern“. „Das ist durchaus sehr geschätzt, darüber halt diesen Einblick (zu gewinnen), diese erste Hürde zu überwinden und auch sich gar nicht gleich in die Gruppe ganz rein zu geben, sondern auch so ein Stück weit anonym dort erst mal zu hören, zu schnup- pern, zu fragen und selber die Gedanken mit einzubringen.“ Die Angebote sprechen entweder große Gruppen von Menschen an, z.B. Frauen,

Eltern, Kinder oder sind für bestimmte Zielgruppen konzipiert, z.B. Migrantinnen, Men- schen die einen Partner verloren haben, Frauen/Männer, die ein Kind erwarten. Hierbei ist das Herausfinden der spezifischen Bedürfnisse dieser Zielgruppe die Grundlage dafür, dass diese von dem Angebot Gebrauch machen. „Da bedarf es schon ein etwas genaueres Hinschauen und etwas mehr auch zu gucken, wie müssen wir uns ändern, damit das (Kursangebot) auch für diese Familien (mit Migrationserfahrung) annehmbar wird.“

wir „

sind und es bleiben wollen und da müssen wir auch ein Angebot machen.“

wenn „

kommen. Dass wir auch Angebote für die machen.“ Es gibt jedoch auch gezielte Anfragen nach Angeboten von einzelnen Personen oder Gruppen, wie einer Skatrunde, einem Damenkränzchen oder einem Tanzclub, die ebenfalls berücksichtigt werden.

„ da kommen Frauen, die sagen, ich möchte meinem Sohn nach Amerika eine E-

Mail schicken, aber ich bin da unbedarft, also wir brauchen Angebote in dem Bereich “

und dann haben wir Leute gefunden, die das für uns machen

müssen auch dem Rechnung tragen, dass es natürlich Familien gibt, die intakt

wir Eltern/Kind (Gruppen) haben, dass Oma/Opa (mit den Enkeln) hierher

„Wir haben jetzt festgestellt, dass die Nachfragen von geschlossenen Gruppen steigt.

Und dann überlege ich mir was, was wir da machen könnten “

(mit einer Ansprechperson) ab

ich spreche das

Zur Programmplanung gehören auch die adäquaten Rahmenbedingungen, die bedacht werden müssen. Gruppengröße, Räumlichkeiten, Uhrzeiten oder Angebote von Kinderbetreuung sind auf die jeweilige Zielgruppe auszurichten. Sie sind mit ausschlag- gebend, ob ein Angebot zum Erfolg führt oder nicht. Zum Glück sind es kleine Gruppen … sonst kann ich den Frauen nicht gerecht werden oder den Paaren. Weil sonst fehlt mir einfach die individuelle Betreuung.“

111

„Also wir haben jetzt z.B. … im Gesundheitsbereich, den Kurs für die Mütter 20.30 Uhr versuchsweise im Programm, damit die Frauen, wenn die Männer zu Hause sind, die Möglichkeit haben (zu kommen) … wir sind immer dran zu schauen, wie sieht die Familienstruktur aus hier bei uns, und wie können wir mit den Angebo- ten reagieren, so dass die Frauen auch die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen, d.h,(auch) dass wir für ganz viele Angebote versuchen, Kinderbetreuung anzubieten.“

um

4.2 Die Menschen wahrnehmen und auf sie zugehen Im Verlauf der Interviews wurde eine grundlegende Haltung aller sieben Fachbe-

reichsleiterinnen deutlich. Diese zeigte sich, wenn sie von ihrer Einstellung zu den Men- schen redeten, wenn sie vom Umgang mit ihnen erzählten und die Arbeitsatmosphäre schilderten. Die Mitarbeiterinnen beschrieben ein christliches Menschenbild und einen diakonischen Ansatz, der die Basis ihrer Arbeit in den Familienbildungsstätten bildet. Jedoch nur eine Fachbereichsleiterin drückte dieses auch explizit aus:

„Grundlage unserer Arbeit ist natürlich, ja ganz einfach gesagt, das Evangelium. Ist halt den Menschen Mut zu machen, zusammen zu leben und ihr Leben aktiv zu gestalten. Und das ist das grundlegende Ziel unserer Familienbildungsarbeit und schwingt eben in diesen Angeboten mit.“ Bei den anderen spiegelte sich die religiöse Prägung in dem, was sie erzählten, wieder. Eines erwähnten die Fachbereichsleiterinnen häufig, nämlich ihr besonderes Verhältnis zu den Menschen, die in ihre Kurse kommen. Sie nehmen sie an, so wie sie sind und legen Wert auf einen liebevollen Umgang mit ihnen. Jede Teilnehmerin wird ernst genommen und bestimmt selbst, was sie von sich preisgibt oder wie weit sie sich öff- net, sie behält ihre Entscheidungsfreiheit. „Also einmal ist es die Atmosphäre, die das Gespräch fördert und wie wir auch mit den Menschen, die zu uns kommen, umgehen, dass wir ja eigentlich uns bemühen, liebevoll mit ihnen umzugehen, ihnen Wärme auch zu geben.“

112

wie

gibst du jedem Einzelnen das Gefühl, dass er wichtig ist, dass er akzeptiert ist

„ und das es uns freut, dass er dabei ist. Ich glaube, wenn die Grundstimmung (stimmt), die wir sehr stark beeinflussen können durch gute Organisation, durch viel

Arbeit im Vorfeld und durch eine Wertschätzung, die die Menschen erfahren bei uns, können wir da ganz viel auffangen, um Probleme, die natürlich da sind, nicht so groß werden zu lassen.“

„ hier wird ja eigentlich niemand aufgefordert zu sagen, in welcher Situation er lebt und ich denke, das ist auch ganz wichtig, dass das so bleibt.“

Die Mitarbeiterinnen leiten und strukturieren ihre Kurse. Sie machen Angebote ohne Leistungsdruck und Bevormundung. Sie achten auf die verbal und nonverbal

geäußerten Bedürfnisse und versuchen, ihnen gerecht zu werden. „Es gibt keinen Leistungsdruck. Es wird jeder dort abgeholt oder jede dort abgeholt, wo sie steht. Also, es können, sage ich mal, ältere Frauen und jüngere zusammen sein

und

„… die Leute erwarten beim Arbeiten eine Begleitung, aber nicht zu intensiv, also nicht so wie eine Lehrerin … also da muss man schon ein bisschen Fingerspitzenge- “

eine Fachbereichsleiterin versucht, denen gerecht zu werden.“

fühl haben, wie weit kann ich da eingreifen und wie weit lasse ich sie arbeiten

„Aber es ist nicht nur so, dass sie (die Frauen) das für ihr Kind tun, sondern auch die Frauen haben Bedürfnisse, die vielleicht nicht ausgesprochen werden, aber die ganz klar da sind.“ Die Fachbereichsleiterinnen schaffen einen stressfreien „Raum“, in dem sich Teil- nehmerinnen öffnen und auch ausprobieren können. „… wir (bieten) eine bestimmte Form der Möglichkeit des Drübernachdenkens über mein Leben an, ohne dass ein Zwang da ist. Ja, wir haben ein vielfältiges Angebot, das dem gerecht wird und dass die (Menschen) nicht Angst haben müssen, dass sie in irgendeine Form gepresst werden, …“ Die Interviewpartnerinnen beschrieben ihre Art und Weise, mit den Menschen zu arbeiten. Ein evangelisches Profil wird hier deutlich erkennbar.

4.2.1 Atmosphäre Die besondere Atmosphäre ist wohl eines der Elemente, das für eine Besucherin, die das erste Mal in eine der fünf oben genannten Familienbildungsstätten kommt, deutlich spürbar wird. Die Räumlichkeiten, egal ob Neubau oder alte Villa, haben trotz ihrer notwendigen Funktionalität ihr eigenes Flair. Sie können beschrieben werden von liebevoll ausgestaltet bis sparsam akzentuiert, aber niemals sachlich kühl. Diese Äußer- lichkeiten lassen Rückschlüsse zu auf die Menschen, die dort arbeiten. Sie machen sich Gedanken, wie die Teilnehmerinnen und sie sich wohl fühlen können in diesen Räumen. Aber diese besondere Atmosphäre beschränkt sich nicht nur auf die Räumlichkei- ten. So nannten die Mitarbeiterinnen auch immer wieder die Tatsache, wie wichtig es ist, in den Kursen eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Teilnehmerinnen wohl fühlen, sich gut aufgehoben wissen und Vertrauen zu den anderen und in die Kurs- leitung gewinnen können. Nur so ist es möglich, Gespräche zu führen, in denen Teil- nehmerinnen es auch zulassen, Konflikte und Probleme anzusprechen. Diese Atmos-

113

phäre wird von den Fachbereichsleiterinnen bewusst gestaltet, sie ist jedoch nicht abhängig von den Räumlichkeiten. Denn auch auf Freizeiten oder an anderen Veranstal-

tungsorten, wie vor Ort in den Kirchengemeinden, ist diese spürbar und vielleicht als eines der „Markenzeichen“ der Familienbildungsstätten zu erkennen. „… wir sind halt auch sehr bemüht, ein bisschen heimische Atmosphäre hier zu haben, soweit wir als Mitarbeiter daran arbeiten können.“

„… diese nette Atmosphäre, “

ansprechen

zu wissen, wenn ich ein Problem habe, kann ich das

Eine Fachbereichsleiterin berichtete von Mutter, Vater und drei Kindern, die sich für das kommende Jahr wieder zu einer Freizeit angemeldet haben. Die Mutter begrün- dete diesen Schritt:

„… das hat unserer Ehe so gut getan. Mein Mann wollte gar nicht und diese Atmosphäre in der Freizeit hat soviel gelöst von den Alltagssorgen, dass wir uns “

mal wieder ganz anders begegnen konnten

4.2.2 Kommunikation „Unser Anliegen ist es, dass wir im Dialog miteinander uns gegenseitig Orientierung und Wissen geben und damit auch Sicherheit gewinnen können, in unserer eigenen Wertvorstellung und wie wir neben unserer eigenen Wertvorstellung auch anderes wertschätzen können oder wo macht es uns Angst.“ So formuliert eine Fachbereichsleiterin ihr Ziel. Das Gespräch, der Dialog als das Instrument einer Gesellschaft um nebeneinander leben zu können und um miteinander in Beziehung zu treten. So wird hier das Gespräch, der Austausch, als ein Grundbedürf- nis der Menschen verstanden. Vordergründig nehmen Menschen die Seminare und Kurse der Familienbildungs- stätten wahr, so sind sich die Mitarbeiterinnen einig, z.B. um Nähen zu lernen, zur Aus- gleichsgymnastik zu gehen oder sich auf die Geburt ihres Kindes vorzubereiten. Aber hauptsächlich erkennen die Fachbereichsleiterinnen ein Bedürfnis der Teilnehmerinnen, sich mit „Gleichgesinnten“ auszutauschen. Dieses ist nachvollziehbar, wenn zum einen die Feststellungen aus dem Kapitel „Isolation und Einsamkeit“ als Erklärungen dienen und zum anderen ein Grundbedürfnis nach Kommunikation angenommen wird. Deshalb beschreiben auch die Interviewpartnerinnen den Austausch, das Gespräch, die Kommunikation als den Schwerpunkt in ihrer Arbeit. „Also das ist überhaupt, denke ich, so das Entscheidende auch hier, dass das Angebot vordergründig heißt „wir nähen gemeinsam“ oder „wir basteln gemeinsam einen

114

Drachen“,

oder „wir lernen wie man einen Säugling pflegt und wickelt“, aber es ist

ja immer etwas unten drunter. Es ist ja immer die Möglichkeit gegeben, den Men-

schen was zu vermitteln, und immer die Möglichkeit gegeben, (mit den) in Austausch zu treten.“

„Also, dass wir ein äußeres Thema nehmen um Kommunikation möglich zu machen,

einfach mal übers Internet zu