Berner Zeitung; 2000-03-16; Seite 2 THEMA

Israel belieferte Erzfeind
Warum soll Israel ausgerechnet seinem Erzfeind Iran Kriegsmaterial verkaufen - und erst noch chemische Waffen?

· Shraga Elam Sei es Moshe Regev, der israelisch-britische Geschäftsmann Charles Caplan oder Nachum Manbar - ihre Waffengeschäfte mit dem Iran blieben offensichtlich in Israel ohne Folgen (siehe nebenstehenden Artikel). Inzwischen wurde es israelische Politik, Waffen an den Iran zu liefern. Doch warum soll Israel seinen Erzfeind Iran mit Kriegsmaterial versorgen? Gegenüber der Zürcher Anwältin Barbara Hug sagte der abgesprungene britische Spion Richard Tomlinson aus, die vereinten Geheimdienste wären sich einig darüber gewesen, dass der Verkauf von Giftgasen, wie Sarin (Nervengas), an sich keine grosse Gefahr für einen modernen Staat wie Israel darstelle. Durch diese Geschäfte war es möglich, die beschränkten finanziellen Ressourcen des Iran noch zusätzlich zu strapazieren, und Informationen über den Stand der Projekte zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen zu sammeln, um diese dann zu sabotieren. In Tomlinsons Ausführungen unerwähnt blieb die Logik, welche schon in den 80erJahren bei den Waffenlieferungen aus den USA und Israel im Rahmen der IrangateAffäre zum Zuge gekommen war. Damals stellte der Iran für die israelische Waffenindustrie ein Schlaraffenland dar. Im israelischen Verteidigungsapparat herrschte die Überzeugung, dass der Iran diese Waffen nur gegen dessen benachbarten Feinde, wie beispielsweise den Irak, einsetzen werde.
Besitz heisst nicht Einsatz

Zudem waren Militärexperten der Meinung, der Besitz von chemischen Waffen allein bedeute nicht zwingend deren Einsatz. So verfügt Syrien über mehr chemische Waffen als der Irak oder Iran. Trotzdem wird nicht über diese Bedrohung Israels gesprochen, da Syrien als vernünftig betrachtet wird. Die israelischen Waffenlieferungen müssen aber auch in einem anderen Kontext betrachtet werden, welcher heute, nach dem Sieg der «Gemässigten» im Iran, zusätzliche Bedeutung gewinnt. Trotz radikaler verbaler Äusserungen von beiden Seiten existieren ausgedehnte Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern. So exportierte Israel, laut der renommierten britischen Zeitschrift «Intelligence Review» 1997 Waren im Wert von 185 Millionen US-Dollar über Drittländer in den Iran. 1998 solle sich die Summe gar verdoppelt haben. Der BZ vorliegende israelische Zolldokumente zeigen, dass in den Jahren 1990 bis 1997 sogar direkter Handel zwischen Israel und dem Iran existierte.
Exportierte Chemikalien

Ende 1999 enthüllte Yediot Achronoth, dass das Grossunternehmen Carmel Chemicals seit Jahren schon Chemikalien in den Iran exportiert. Diese Geschäfte sind teils über eine Strohgesellschaft in Basel, die CBC, abgewickelt worden. BZ-Recherchen zeigen,

dass diese Firma von David Kimche geleitet wird. Kimche war nicht nur Direktor des israelischen Aussenministeriums, sondern auch eine zentrale Figur des Mossad und beeinflusst bis heute die israelische Aussenpolitik. ·

Berner Zeitung; 2000-03-16; Seite 2 THEMA

Iran-Krimi um den Waffenhändler Nachum Manbar
Die israelischen und britischen Geheimdienste waren an der Lieferung von Komponenten für die Produktion chemischer Waffen an den Iran beteiligt. Eine zentrale Rolle spielte Nachum Manbar.

· Shraga Elam Moshe Regev war nicht der einzige israelische Geschäftsmann, der in Verbindung mit dem Verkauf von Kriegsmaterial an den «Erzfeind» Iran involviert war. Weniger Glück als er hat der 53-jährige Waffenhändler Nachum Manbar, der im März 1997 in Israel verhaftet und im Juli 1998 zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Manbar verkaufte im Auftrag des Mossad in den Jahren 1990 bis 1993 über China Chemikalien, Know-How und Ausrüstung aus Polen zur Herstellung von Giftgasen an den Iran. Der ehemalige Premier Benyamin Netanyahu bezeichnet den Fallschirmjäger-Offizier und wichtigen Sponsor der Arbeiterpartei als grössten Verräter in der Geschichte des Landes. Die Waffengeschäfte Manbars mit dem Iran waren indes auch vorher kein Geheimnis, was ihn und seine französische Ehefrau Francine, die heute in Campione d'Italia mit ihren zwei Kindern wohnt, nicht weniger populär machte. Sie waren bei allen wichtigen sozialen Anlässen gern gesehene Gäste. So sassen die beiden auch im Herbst 1995, wenige Tage vor der Ermordung des Ministerpräsidenten Yitzchak Rabin, der bestens über Manbars Iran-Deals informiert war, an dessen Tisch. Im Dezember 1995 gab Manbar in der Tageszeitung «Ha'aretz» zu, polnische Panzer (T72) an den Iran verkauft zu haben. Wie sich herausstellte, wurden diese Panzer mit israelischer Technologie und mit der Bewilligung des Verteidigungsministeriums verbessert und so an den Iran geliefert. Das «Ha'aretz»-Interview hatte keinerlei Folgen für den Waffenhändler, obwohl auch die Angelegenheit der chemischen Waffen zur Sprache kam. Schon im Juli 1994 wurde er deshalb auf die amerikanische «schwarze Liste» gesetzt. Im Gegensatz zu Regev aber wurden alle seine Geschäftspartner, wie der israelische General a.D. Amos Kotser oder sein Geschäftsführer, Doron Lichtman, nicht von den Amerikanern aufgeführt.
Der Prozess

Der in Israel inhaftierte Manbar selber behauptete gegenüber der BZ, dass er im Auftrag des Mossad den Handel mit dem Iran betrieben habe. Beim hinter verschlossenen Türen geführten Prozess - so Manbar - wurden den Richtern Transkripte von Gesprächen zwischen ihm und seinem Verbindungsmann Dan Milner vom Shabak (israelischer Staatsschutz) vorgelegt. Laut diesen Gesprächsprotokollen ermutigte ihn Milner (im

Auftrag des Mossad) noch im Juli 1993, seine Waffengeschäfte mit dem Iran fortzusetzen und versicherte ihm, dass er von der israelischen Justiz nichts zu befürchten habe. Das Gericht befand dieses eindeutige Entlastungsmaterial indes nicht für genügend und argumentierte, Manbar hätte diesen Auftrag durch eine höhere Instanz absegnen lassen müssen. Zusätzliche Unterstützung für seine Behauptung bekam Manbar durch den abgesprungenen britischen Spion Richard Tomlinson (36). Tomlinson, der letztes Jahr aus der Schweiz ausgewiesen wurde, weil er angeblich die Namen von 116 britischen Agenten im Internet veröffentlicht habe, hatte zuvor in einer eidesstattlichen Erklärung der Zürcher Anwältin Barbara Hug eine Aussage zugunsten Manbars abgegeben.
Der britische Agent

Tomlinson erzählte, dass es in den 90er-Jahren eine gemeinsame israelisch-britische Operation gegeben habe, Iran mit Ausgangsrohstoffen für die Produktion von Giftgasen zu beliefern. Er nahm an dieser Operation, bis zu seiner Entlassung aus dem britischen Auslandgeheimdienst MI6 im April 1995, teil und kannte dementsprechend das umfangreiche MI6-Dossier über Manbar sehr gut. Deshalb konnte er auch bezeugen, dass der Israeli im Auftrag des Mossad gehandelt hatte. Da, laut Tomlinson, der MI6 nicht die besten Beziehungen zum Mossad pflegte, wurde der Initiator des Projekts auf britischer Seite, Keith Gosling, ab 1993 als Verbindungsoffizier und MI6-Stationschef nach Tel Aviv verlegt, um den Informationsfluss zwischen den zwei Organisationen zu verbessern. Parallel dazu veranlasste der MI6 die französischen Kollegen des DGSE, Manbar, der damals in Südfrankreich wohnte, zu beobachten. Der DGSE konnte die zahlreichen Gespräche zwischen Manbar und der israelischen Botschaft in Paris abfangen und dem MI6 entsprechende Informationen zuspielen. 1996 machte der DGSE, als Steuerbehörde getarnt, eine Razzia in Manbars Villa und beschlagnahmte kistenweise Dokumente. In der Folge verlegten die Manbars ihren Wohnsitz in die Schweiz.
Das eigene Süppchen

In einem Exposé für ein Buch schrieb Tomlinson über die gemeinsame Operation des MI6, des Mossad, der CIA und deutschen und polnischen Geheimdiensten, chemische Waffen an den Iran zu verkaufen. Neben dieser gemeinsamen Unternehmung, so Tomlinson, sollte der Mossad sein eigenes Süppchen gekocht haben, um die Befreiung des gefangenen israelischen Flugnavigators Ron Arad zu erwirken. Dies sollte die Aufgabe Manbars sein. In der Tat besorgte Manbar Ende Juli 1993 von den Iranern eine Videokassette, die ein Lebenszeichen von Arad beinhalten sollte. Das Video erwies sich aber als Fälschung. Manbar behauptete gegenüber der BZ, dass er sich bei Majid Abbaspour, dem Chef des iranischen Chemiewaffen-Beschaffungsprogramms, darüber beschwert habe. Denn wie Regev stand auch Manbar in Kontakt mit ihm und seinem Vertreter in Europa, Bari Hashemi. Auf seine Reklamation hin erhielt er, so Manbar, Abbaspours Versprechen, dass dieser der Fälschungsgeschichte nachgehen und einen anderen Lebensbeweis Arads besorgen werde. Der Mossad soll aber Manbar befohlen haben, sich aus der Angelegenheit herauszuhalten, denn der Geheimdienst hätte seine eigenen Kanäle. Manbar glaubt, dass es den israelischen Behörden, trotz öffentlicher Beteuerungen, nicht

ernst mit der Suche nach Arad war, denn sonst hätten sie auch die kleinste Chance nicht verpasst, den Vermissten zu finden.
Die Warnung

Ende November 1993 warnte ein israelischer Polizeioffizier Manbar, er solle seine Irangeschäfte sofort einstellen. Dies tat der Waffenhändler offensichtlich - auch in seinem Prozess wurde nichts anderes behauptet. Warum er sofort damit aufhören musste, bleibt unklar. Was führte denn zur Manbars Verhaftung im März 1997, wenn im Gerichtsurteil keine jüngeren Vergehen, als jene von 1993 zu finden sind? Ein sehr gut informierter und glaubwürdiger chinesischer Geheimdienstler behauptet, dass Manbar gar nicht wegen illegalen Waffenhandels verfolgt werde. Über die Kanäle Manbars sollten Informationen über die Waffenkapazität der Iraner gesammelt werden. Diese Operation schlug fehl, und einige israelische Agenten wurden gefangen genommen und exekutiert. Das geschah - aus der Sicht des Mossad - nicht zuletzt wegen der Unvorsichtigkeit Manbars. Diese Erklärung wird von israelischen Quellen in der Tendenz bestätigt. Viele israelische Kenner sind auf jeden Fall davon überzeugt, dass der Hauptvorwurf gegen Manbar nicht veröffentlicht wurde. Die Hilfeleistungen an das iranische Chemiewaffenprogramm können entsprechend nicht der wahre Grund für Manbars Verurteilung sein. Es zeichnet sich die israelische Politik ab, Waffen an den Erzfeind zu verkaufen. Dies beweist auch die Enthüllung der Zeitung «Yediot Achronot» vom August 1998, wonach der israelisch-britische Geschäftsmann Charles Caplan Anfang 1989 das Giftgas Sarin an den Iran verkaufte, ohne dass dies für ihn in Israel irgendwelche Folgen hatte. Und obwohl er mehrmals in Israel weilte, als sein Name schon auf einer internationalen Fahndungsliste stand, konnte er sich dort frei bewegen. Ein interner Bericht des israelischen Verteidigungsministeriums vom Januar 1998 bestätigt, dass Israel militärische Handelsbeziehungen mit dem Iran pflegte. Gemäss diesem Report verkaufte die israelische Elbit in den Jahren 1990 bis 1993 HightechInstrumente zur Aufdeckung chemischer Gifte, die Shalon Gasmasken und die Rabintex feuerfeste Schutzkleider an den Iran. Bei all diesen Geschäften, welche offiziell bewilligt wurden, diente Manbar als Mittelsmann. ·

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