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Universität Rostock Modulprüfung „Anwendung II“

Fernstudium „Medien und Bildung Gutachterin: Sylvana Kroop


2. Matrikel, SS 2006

ESA Referenzmodelle

Inhalt
A. Die Wahl: Wikipedia – am Beispiel des „Portal Österreich“ ................................ 2
B. Beschreibung des Lernangebotes ...................................................................... 3
C. Begründung für die Auswahl dieses Lernangebotes .......................................... 6
D. Didaktischer Mehrwert gegenüber traditioneller Lehre ....................................... 6
E. Beurteilung des Lernangebotes.......................................................................... 8
F. Interaktion......................................................................................................... 11
G. Grobkonzept für formative Evaluation .............................................................. 19
H. Literatur ............................................................................................................ 22

Christian Wachter Schmutzerg. 3/14


Matr. Nr. 4202097 A-1150 Wien
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 2 von 22

A. Die Wahl: Wikipedia – am Beispiel des „Portal


Österreich“
Als Best-Practice-Beispiel wähle ich Wikipedia aus, die in letzter Zeit viel Beachtung
erfahren hat. Da es nicht möglich ist, Wikipedia in seiner Gesamtheit zu beurteilen,
beziehe ich mich in den Beispielen auf einen kleinen Teilausschnitt, das „Portal
Österreich unter der URL http://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Österreich sowie das
dazugehörige Projekt.
Das Portal Österreich existiert seit Mai 2004 und ist inhaltlich nach demselben
Muster wie andere Länderportale aufgebaut.

Abb. 1 - Das Wikipedia-Portal Österreich


Passive Nutzer finden:
• Links zu Länderartikeln und Artikeln zu Bundesländern, Städten, Bezirken, Orten
und Seen sowie Geschichte, Politik, Persönlichkeiten, Tourismus und
Organisationen. Die letzten beiden Themen sind im Portal Österreich allerdings
noch wenig bearbeitet.
• Eigene Bereiche mit Links zu exzellenten und lesenswerten Artikeln,
Bundesländer, Politik, Geografie, Geschichte, Wirtschaft, Verkehr und
Massenmedien.
• Im rechten Bereich die Auflistungen neuer Artikel sowie Angebote zur Mitarbeit:
eine Liste verbesserungsbedürftiger und fehlender Artikel und schließlich eine
Einladung zur Mitarbeit im Wiki-Projekt Österreich.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 3 von 22

Aktive Nutzer erhalten gleich in einem Kopfkasten einen Hinweis "Koordination bitte
über das Wiki-Projekt Österreich" mit einem Link dorthin
(http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt_Österreich). Dort geht es dann um
Teilnehmer, Quellen, Qualitätsoffensive, Artikel-Wunschlisten zum Abarbeiten,
Formatvorlagen, Themenübersicht, News, Artikelbenennung und verwandte Projekte.

Abb. 2 - Das Wikipedia-Projekt Österreich

B. Beschreibung des Lernangebotes


Die freie Enzyklopädie Wikipedia ging am 15. Jänner 2001 online, ist also erst etwas
über fünf Jahre alt. Die Dynamik der weiteren Entwicklung ist schwer vorherzusagen,
denn derzeit befindet sich das Portal noch in einer Phase des relativ stürmischen
Wachstums. Täglich werden deutschsprachige Artikel in einer Größenordnung von
500 Stück neu hinzugefügt (Schnitt im 1. Quartal 2006) und an bestehenden
Beiträgen werden unzählige Verbesserungen oder Erweiterungen vorgenommen.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 4 von 22

Abb. 3 - Wachstumskurve der deutschsprachigen Wikipedia


Eine umfangreiche Selbstbeschreibung der Wikipedia findet sich unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia. Im Folgenden möchte ich nur einige Punkte
hervorheben, die für die weitere Erörterung von besonderem Interesse sind.

B.1. Wie Wikipedia aus der Sicht der Nutzer funktioniert


Jeder Nutzer kann nicht nur lesen, sondern auch Beiträge schreiben und
Bestehendes verändern. Dabei muss sich der Autor gegenüber keiner Redaktion
rechtfertigen und auch die Macht der Administratoren ist beschränkt. Dennoch
scheinen viele der aktiven Autoren in ein Netzwerk intensiver Diskussionen
eingebunden zu sein.
Besucher bekommen auf den meisten Seiten die immer gleichen vier Reiter
präsentiert

Abb. 4 - Die Standard-Kopfleiste der Wikiedia


Der linke Reiter ist mit "Artikel" oder "Portal" benannt. Standardmäßig wird zuerst
dieser Teil geöffnet, der dem reinen Lesen eines Artikels dient.
Der zweite Reiter ist meist mit Diskussion beschriftet und gibt den Blick auf ein
traditionelles Forum frei. Darin debattiert die Wikipedia-Community zu den Themen
des jeweiligen Artikels.
Der dritte Reiter "Seite bearbeiten" ermöglicht es jedermann und -frau, unmittelbar
die Rolle eines Autors zu übernehmen. Seiten, die hauptsächlich der Navigation
dienen, sind jedoch für allgemeine Nutzer gegen das Editieren gesperrt. Die
Aufschrift des Reiters lautet dann "Quelltext betrachten".
Hinter dem vierten Reiter "Versionen/Autoren" verbirgt sich schließlich eine Seite, mit
einer Auflistung aller Versionen sowie der jeweiligen Autoren. Mit einem eigenen
Tool kann man auf dieser Seite auch zwei Versionen miteinander vergleichen.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 5 von 22

Ein „passiver Nutzer“ im Sinne von „Nur-Leser“ kann sich den Inhalt über
verschiedene Wege erschließen. Die wichtigsten davon sind Artikel- und
Volltextsuche, Hyperlinks im Text und Themenportale
Zur Qualitätsbeurteilung der Artikel kann jeder Leser einen Blick auf die
Diskussionsseite und in die Versionsgeschichte werfen.

B.2. Die inhaltlichen Leitlinien


Die Wikipedia funktioniert nach folgenden Prinzipien:
Wikipedia ist eine Enzyklopädie mit dem Ziel, das gesamte gesicherte Wissen der
Gegenwart abzubilden. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich einige Wikipedia-Artikel
ausführlich mit dem Thema Enzyklopädie beschäftigen
(http://de.wikipedia.org/wiki/Enzyklopädie).
Als Lexikon dient Wikipedia nicht der Theoriebildung, sondern der Darstellung
vorhandener Theorien und gesicherten Wissens. Daher sollen die Autoren keine
Primärrecherche betreiben, sondern sie sollen anerkannte und überprüfbare
Sekundärquellen nutzen.
Welche Themen aufgenommen werden, entscheidet die Community angeblich in
einem offenen Redaktionsprozess
Nach dem Prinzip des neutralen Standpunktes (Neutral Point Of View, NPOV) soll
ein Artikel so geschrieben werden, dass ihm möglichst viele Autoren zustimmen
können. Existieren verschiedene Ansichten, so soll sie der Artikel fair beschreiben,
aber nicht selbst Position beziehen.
Die Mitglieder sollen einen respektvollen Umgang miteinander pflegen - was
besonders aufgrund der weitgehenden Anonymität und der schriftlichen
Kommunikation manchmal der Erinnerung wert ist.
Wesentlich für das Funktionieren der Wikipedia ist die GNU Free Documentation
License (GFDL), der sich alle Mitarbeiter unterwerfen. Die GFDL erlaubt es anderen,
die Inhalte nach Belieben zu ändern und auch kommerziell zu verwerten, sofern die
Inhalte wieder unter der gleichen Lizenz veröffentlicht werden. Damit wird verhindert,
dass Wikipedia-Artikel und darauf basierende Texte unter Berufung auf das
Urheberrecht in exklusives Alleineigentum übergehen (Copyleft-Prinzip).
In der Frühphase der Wikipedia herrschte vielfach Unklarheit über den Charakter der
Beiträge, so dass die Enzyklopädie auch als Wörterbuch, Quellensammlung,
Linksammlung und anderes verwendet wurde. Da diese Anwendungen einerseits
legitime Bedürfnisse ausdrücken, andererseits aber nicht dem Charakter einer
Enzyklopädie entsprechen, wurden sie in verwandte Projekte ausgelagert oder auf
bekannte andere Websites verwiesen. Dadurch wird zugleich klar, was die Wikipedia
nicht sein soll:
• Wörterbuch Wiktionary .......................................................http://de.wiktionary.org/
• Zitatensammlung Wikiquote ................................................http://de.wikiquote.org/
• Sammlung freier Texte Wikisource ...................................http://de.wikisource.org/
• Linksammlung Open Directory .......................................................http://dmoz.org/
• Soziales Bookmarkangebot Del.icio.us .........................................http://del.icio.us/
• Sachbücher, Lehrbücher Wikibooks................................... http://de.wikibooks.org/
• Mediensammlung Wikimedia Commons ................ http://commons.wikimedia.org/
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 6 von 22

• Nachrichten Wikinews ......................................................... http://de.wikinews.org/


• Artenverzeichnis Wikispecies......................................http://species.wikipedia.org/

C. Begründung für die Auswahl dieses Lernangebotes


Wikipedia ist das führende Projekt einer neuen Art des Lernens und des Umgangs
mit Wissen. In einem Paradigmenwechsel werden Lehrende und Fachautoritäten
entmachtet und müssen die Gleichberechtigung engagierter Amateure anerkennen.
Zugleich ist Wikipedia ein Promotor für eine neue Generation von Wissens- und
Lernwerkzeugen, eben den WikiWikis. In ihrem Windschatten gewinnen auch andere
Social Tools wie Blogs, RSS, del.icio.us aber auch die altbekannten Foren an
Bedeutung. Über die Beschäftigung mit einer unmittelbar nützlichen und
interessanten Applikation bzw Technologie kommen die Benutzer mit neuen Formen
des Lernens, der Kommunikation und der sozialen Organisation des Wissens in
Berührung. Dies ist aus meiner Sicht der wichtigste Aspekt, warum es sich lohnt,
Wikipedia intensiver zu untersuchen.
Auch anerkannte Institutionen bestätigen die Vorbildhaftigkeit der Wikipedia. Sie
gewann mehrere Preise, darunter im Mai 2004 einen Prix Ars Electronica und einen
Webby Award, sowie den Grimme Online Award 2005 und 2006 den LeadAward als
Webleader des Jahres.
Die Wikipedia-Community selbst führt immer wieder Initiativen zur Verbesserung der
inhaltlichen Qualität durch, wie Schreibwettbewerbe, die Aktion Winterspeck, die
Qualitätsoffensive Österreich bis März 2006. Darüber hinaus werden ständig Listen
der exzellenten, empfehlenswerten sowie der verbesserungsbedürftigen Artikel
gepflegt. Das sind im Grunde Methoden der Qualitätssicherung oder formativen
Evaluation und könnte als Vorbild für andere Wissensressourcen und Lernangebote
dienen.

D. Didaktischer Mehrwert gegenüber traditioneller Lehre


Bei der Diskussion des didaktischen Mehrwertes der Wikipedia im Allgemeinen und
des Portal Österreich im Besonderen sind zwei wesentliche Rahmenbedingungen zu
berücksichtigen. Erstens, dass Wikipedia kein Lernangebot im engeren Sinne ist,
und zweitens, dass Wikipedia noch ein relativ junges Projekt ist.
Die Frage nach dem didaktischen Mehrwert impliziert die Vorstellung einer
didaktischen Situation bzw. geht von einem Lernangebot aus, welches für bestimmte
Lehr- oder Lernsituationen vorgesehen ist. Wikipedia richtet sich dagegen an die
Allgemeinheit und ist in erster Linie eine Wissensressource, die in beliebigen
Situationen und Zusammenhängen genutzt werden kann. Die Terminologie und die
Muster für die Untersuchung von Lernangeboten passen daher nicht ganz. Aus den
Lernenden werden Leser, aus den Lehrenden Autoren. Der Lehrinhalt
verallgemeinert sich zum Inhalt. Und die Rolle des Bildungsveranstalters entfällt
ganz, es sei denn, man setzte hierfür die Wikimedia Foundation ein.
Es ist natürlich möglich, Wikipedia innerhalb von Lehrveranstaltungen zu nutzen, sei
es in der Schule, der Hochschule oder im außerschulischen Bereich. Dann könnte
neben Wikipedia das gesamte didaktische Setting drumherum berücksichtigt werden.
Solch ein Fall soll hier nicht erörtert werden.
Weiters ist Wikipedia ein junges Projekt, noch vielmehr das Portal Österreich, das
erst im Mai 2005 online ging. Leser, Autoren und potentielle Autoren finden neben
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 7 von 22

einigen guten und ausführlichen Artikeln noch viel Unvollständiges vor. Die
Wissenslandschaft, die Wikipedia präsentiert, besteht noch zum größten Teil aus
Brachland und unbeackerten Feldern. Jeder der oder die möchte, kann einen Pflug in
die Hand nehmen und neue Furchen ziehen. Die Schwelle zur Mitarbeit dürfte daher
eher niedrig liegen. In zehn Jahren werden möglicherweise zu den meisten wichtigen
Themen kompetente Beiträge existieren. Neulinge werden sich dann eher schwer
tun, noch etwas Wertvolles beizutragen. Was jetzt für die Rezipienten als Nachteil
erscheint ist für (potentielle) Autoren ein Vorteil: Die Schwelle, aktiv etwas
beizusteuern, liegt noch recht niedrig.
Worin liegt nun der didaktischer Mehrwert der Wikipedia?
1. Wikipedia führt die Unendlichkeit des Wissens vor Augen.
Es führt aus den umzäunten Wissensweiden herkömmlicher Lehrbücher hinaus und
vermittelt durch seine Struktur: Wissen ist niemals fertig und zu Ende! Und zwar in
zweierlei Hinsicht. Zum einen lässt sich das Wissen eines Fachgebietes zu einem
gegebenen Zeitpunkt nicht abschließend beschreiben, weil es keine klaren Grenzen
zwischen den einzelnen Wissensgebieten gibt. Es gibt zwar Definitionen, was in ein
Wissensgebiet fällt – aber es gibt auch Hyperlinks, die die Ränder eines jeden
Wissensgebietes ausfransen und Fachidiotentum ad absurdum führen.
2. Verlinkung in der Wikipedia reißt also die Mauern zwischen Sachgebieten
nieder.
Zum anderen versinnbildlicht die Wikipedia noch mehr als eine gedruckte
Enzyklopädie, dass das in ihr versammelte Wissen nur ein unzulängliches
Zwischenergebnis ist. Das verdeutlichen auch die langen Listen der fehlenden und
verbesserungsbedürftigen Artikel.
Lernen mit der Wikipedia kann deshalb kaum zum Ziel haben, den Stoff eines
Fachgebietes zu beherrschen. Lernen mit der Wikipedia impliziert andere Lernziele
wie
- Überblick und Einblick in Wissensgebiete gewinnen,
- Zusammenhänge erkennen oder
- ein Bewusstsein von Problemen und Fragestellungen erarbeiten.
3. Wikipedia fördert die forschende Aneignung von Wissen.
Selbst wer nur liest und nicht schreibt, wird durch die Verlinkung unweigerlich zu
einer „aktiven Rezeption“ verführt und hangelt sich von einem Artikel zum anderen.
4. Wikipedia ist egalitär, sie hebt die autoritäre Trennung von Wissenden und
Lernenden auf.
Es gehört zu den Prinzipien der Wikipedia, dass jeder Lesende auch schreiben darf.
Kein Autor muss seine Identität offenbaren oder sich durch universitäre Zertifikate
ausweisen. Vor der Community zählt in erster Linie die Qualität der Beiträge. Damit
entsteht eine Durchlässigkeit in der Wissensproduktion, wie sie in kaum einer
anderen Institution zu finden ist.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 8 von 22

5. Wikipedia fördert die kollaborative und diskursive Herangehensweise an


den Wissenserwerb.
Es ist zwar möglich, einen Artikel zu reservieren und alleine zu schreiben.

Abb. 5 - Reservierung eines Artikels


Aber spätestens nach Abschluss der Erstfassung muss sich der Autor der Diskussion
in der Community stellen und Änderungen anderer Autoren akzeptieren.
6. Wikipedia wirkt nachhaltig und über eine einzelne Bildungsmaßnahme
hinaus.
Die Wikipedia steht als Wissens-Ressource immer und jedermann kostenlos zur
Verfügung. Einzige Voraussetzung ist ein Internetanschluss. Wer einmal zB im
Rahmen einer Bildungsmaßnahme mit Wikipedia gearbeitet hat, kann also immer
wieder darauf zurückgreifen. Und da die Wikipedia thematisch oder fachlich nicht
beschränkt ist, lässt sich diese Fertigkeit auch auf andere Themengebiete
übertragen.
7. Wikipedia fördert die Medienkompetenz.
Wikipedia ist ein ideales Mittel, um spielerisch und wie nebenbei zu lernen, wie man
• recherchieren,
• sich in einem Portal orientieren (kontra „lost in Hyperspatze“).
• die Qualität von Inhalten begutachten (Blick auf die Diskussions- und
Versionsseiten der Artikel) und
• sich vom Rezipienten zum Produzenten emanzipieren kann.

E. Beurteilung des Lernangebotes


E.1. Qualität und Verlässlichkeit der Inhalte
Von Anfang an wird Wikipedia von der Kritik begleitet, dass durch die Offenheit des
Projektes die Einhaltung von Qualitätsstandards schwer möglich sei. Darunter fallen
verschiedene Erscheinungsformen.
So sagt der Umfang eines Artikels wenig über die Bedeutung des Themas aus,
sondern hängt vor allem vom subjektiven Engagement und Enthusiasmus der
Autoren ab. Popkultur und Computer-Themen sind zB breit dokumentiert, während in
anderen Bereichen große Lücken klaffen.
Artikel zu umstrittenen Themen werden manchmal von Interessensgruppen in
bestimmte Richtungen beeinflusst, so dass sie nicht dem Neutralitätsgrundsatz
entsprechen. Um besonders umstrittenen Artikel zu schützen, können
Administratoren diese jedoch vorübergehend für die Bearbeitung sperren.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 9 von 22

Gelegentlich gibt es Fälle von Vandalismus, in denen ganze Artikel gelöscht oder mit
sinnlosem oder entstellendem Text überschrieben werden. In der Praxis werden
solche Störungen jedoch nach wenigen Minuten wieder ausgebügelt, siehe [VWD04].
Das liegt einerseits daran, dass in Wikipedia die älteren Versionen eines Artikels
jederzeit für jedermann verfügbar sind und also auch wieder hergestellt werden
können. Andererseits gibt es die Watchlist-Funktion, mit der sich registrierte
Benutzer von Änderungen an einem Artikel automatisch per Email benachrichtigen
lassen können.

E.2. Mangelnde Planung und Konsistenz der inhaltlichen Arbeit


Vermutlich werden in der Wikipedia einige Fachbereiche ausführlicher dargestellt,
andere weniger, je nach Schreibkultur der jeweiligen wissenschaftlichen Zunft. So
etwas auszugleichen, kann in der Redaktion einer kommerziellen Enzyklopädie
leichter gesteuert werden, als in der dezentralen Wikipedia-Gemeinschaft.
Ähnlich verhält es sich innerhalb der Fachbereiche, wo laut Wikipedia-Angaben
Überblicks-Artikel bei den Autoren weniger Zuspruch finden, als Beiträge zu leichter
abgrenzbaren Randthemen.
Die Beiträge bieten auch kein einheitliches Niveau bzw es ist nicht möglich, nach
Beiträgen mit bestimmten Charakteristika zu suchen, zB im Hinblick auf das
vorausgesetzte Vorwissen oder die Unterscheidung in Überblicks- und Detailartikel.
Es entstehen manchmal unkoordiniert Beiträge zu gleichen oder aneinander
angrenzenden Themen. Diese aufeinander abzustimmen und im Rahmen eines
größeren Sachgebietes zu koordinieren, ist ein Problem, das nicht immer gelöst
werden kann.

E.3. Geringe Auszeichnung mit Metadaten


An inhaltlichen Metadaten gibt es zu den Artikeln – soweit ich im Rahmen dieser
Arbeit eruieren konnte - nur Titel, Kategorien und Hyperlinks.
Die Titel beschreiben einen Artikel inhaltlich und stehen für die Suche und für
Auflistungen zur Verfügung. Die darin enthaltene Information ist allerdings oft zu
knapp und reicht für die Inhaltserschließung nicht aus.
Die Hyperlinks beschreiben einen Artikel durch seine Verknüpfungen mit anderen
Artikeln. Es gibt jedoch keine Möglichkeit, sich zB alle Hyperlinks eines Artikels – evt
sortiert nach internen und externen Links – anzeigen zu lassen.
Die Kategorien sind so etwas wie Schlagworte. Ihre hierarchische Strukturierung ist
oft willkürlich und für die Zuweisung der Kategorien zu Artikeln gibt es auch keine
klaren Regeln. Soll zB aus einem Kategorien-Zweig die jeweils höchste oder
niedrigste zutreffende Kategorie vergeben werden, oder alle Kategorien aus dem
Zweig?
Es fehlen Metainformationen über die Zuordnung eines Artikels zu einem Portal.
Diese Information ist zwar im Portal zu finden, nicht aber in den jeweiligen Artikeln.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 10 von 22

E.4. Vorschläge zur Verbesserung der genannten Nachteile


1. Zur Qualität und Verlässlichkeit der Inhalte
Es läuft bereits eine ganze Reihe von Aktivitäten zur Verbesserung der inhaltlichen
Qualität:
• Aktion Winterspeck bis März 2006 zum Ausbau zentraler Themen und
Überblicksartikel
• Regelmäßige Qualitätsoffensiven
• Schreibwettbewerbe
• die Dauereinrichtung der Auflistungen verbesserungswürdiger Artikel
• Reviews für eingereichte Artikel
Diese Aktivitäten sollten weitergeführt und ausgebaut werden.
Weitere Vorschläge zur Qualitätsverbesserung:
Es könnten von der Community bestätigte oder stabile Versionen von Artikeln
eingeführt werden, die gleichberechtigt neben den aktuellen, in Entwicklung
befindllichen Versionen stehen. Voraussetzung wäre wohl, dass in dem jeweiligen
Themenbereich eine aktive Community den Review-Prozess übernimmt.
Der Editor sollte weiter entwickelt werden, so dass nicht nur Löschen und
Hinzuschreiben unterstützt werden, sondern vor allem auch das Umstellen, evt.
mittels Drag und Drop. Möglicherweise eröffnet der neue Entwicklungsschub mit
AJAX-Technologien und webbasierten Editoren wie Writely und ajaxWrite einen Weg
in diese Richtung.

2. Zur besseren Planung und Konsistenz der inhaltlichen Arbeit


Verstärkte Initiativen zur Organisation von Subcommunities, die die redaktionelle
Organisation von Portalen und Themenbereichen übernehmen – einschließlich der
Pflege der Kategorien.
„Vor den Vorhang: Autor oder Administrator der Woche“ - solch eine Aktion kann zur
Autorengewinnung beitragen. Derzeit betätigen sich nur einige wenige Prozent der
Wikipedia-Leser auch als Autoren.
Es ist wichtig, in weiten Kreisen die Kenntnis über die Funktionsweise der Wikipedia,
das Vertrauen in die Community und den persönlichen Nutzen aus einer Nutzung
oder Mitarbeit bei Wikipedia darzustellen und zu fördern [DAV04]

3. Zur besseren Auszeichnung mit Metadaten


Die Kategorien können um einen Bereich „Artikeltyp“ erweitert werden. Damit könnte
unterschieden zwischen einführender oder Überblicksartikel, sowie zwischen
vertiefenden oder Spezialartikel
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 11 von 22

Hyperlinks eines Artikels könnten anschaulicher visualisiert werden, zB mit Hilfe


einer Software wie MindNet.

Abb. 6 – Visualisierung der Hyperlinks in einem Wikipedia-Artikel

F. Interaktion
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

F.1. Auswahl eines Kriterien-Modells


Die beiden in der Angabe zur ESA vorgeschlagenen Modelle sind grundsätzlich
anwendbar, bedürfen für die Anwendung auf Wikipedia jedoch einer Reformulierung,
weil das Setting ein anderes ist. So geht das Rahmenmodell von Friedrich & Hron
von einem virtuellen Seminar aus, was hier nicht zutrifft.
Wegen der vordergründig größeren Klarheit habe ich mich entschlossen, von dem
Verhältnis Lehrinhalt-Lernende-Lehrende auszugehen und es dem
Anwendungszweck entsprechend zu reformulieren.

F.2. Verbindung des Modells zum Beispiel


Der weitaus häufigste Nutzungskontext für Wikipedia liegt nicht im Rahmen von
virtuellen Seminaren, sondern die Enzyklopädie wird von Benutzern auf deren eigene
Initiative hin als Wissensressource herangezogen.
Daher bietet es sich an, das Verhältnis Lehrinhalt-Lernende-Lehrende
umzuformulieren zu Inhalt-Leser-Autoren. Die Anzahl der Lesenden ist dabei um ein
Vielfaches größer, als die der regelmäßig Schreibenden (die Schätzungen liegen bei
1:30 bis 1:50), jedoch sind die Grenzen zwischen diesen beiden Rollen durchlässig
und fließend. Lesende können ja - dem Wiki-Prinzip entsprechend - jederzeit die
Initiative ergreifen und schreiben.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 12 von 22

Das Modell enthält also folgende Interaktionsbeziehungen:


• Leser-Inhalt
• Autoren-Inhalt
• Autoren-Leser
• Leser-Leser
• Autoren-Autoren
• Inhalt-Inhalt
Mithilfe dieser Kategorien werden im Folgenden die Interaktionen auf Wikipedia
beschrieben. Allerdings erhebt diese Darstellung keinen Anspruch auf
Vollständigkeit, das würde die Grenzen dieser ESA sprengen.

F.3. Die Interaktionen in den einzelnen Beziehungen


F.3.1. Leser-Inhalte
1. Inhaltserschließung
Die erste Beziehung, die Leser mit dem Inhalt aufnehmen, besteht nicht im Lesen.
Wenn sich Leser nicht auf die Startseite der Wikipedia beschränken wollen, müssen
sie einen Inhalt zum Lesen auswählen. Für diese Inhaltserschließung gibt es eine
ganze Reihe von Hilfsmitteln:
Suchen, in Artikeln oder im Volltext
Egal, wo sich Leser in Wikipedia befinden, in der linken Spalte steht ihnen immer ein
Suchfeld zur Verfügung.

Abb. 7 - Suchfeld
Gibt man einen Begriff in das Suchfeld ein und betätigt die Eingabe-Taste, so wird
zuerst nach einem Artikel gesucht, der den Begriff als Titel führt. Existiert ein solcher
Artikel nicht oder betätigt der Nutzer den Suchen-Button, so erfolgt die Suche im
Volltext der Wikipedia und es wird eine Ergebnisliste angezeigt. Informationen zu den
erweiterten Suchfunktionen gibt es auf der Seite
http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfe:Suche.
Externe Suche in Wikipedia
Verschiedene Suchmaschinen wie Google oder Web.de greifen inzwischen ebenfalls
auf Wikipedia zu. Außerdem gibt es die Möglichkeit, eine Wikipedia-Suchfunktion
direkt in den Browser zu integrieren. Man kann dann auch während der Arbeit mit
einer anderen PC-Applikation wie zB einem Texteditor sehr schnell auf die
Wikipedia-Suche zugreifen.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 13 von 22

Abb. 8 - Wikipedia-Suche im Browser


Hyperlinks im Text
Sie sind eines der Kernmerkmale von Wikis. Durch die Hyperlinks im Text werden
die einzelnen Artikel zu einem ganzen Netz miteinander verwoben. Die Hyperlinks
müssen von den Autoren angelegt werden.
Es gibt auch externe Hyperlinks zu anderen Websites, die durch ein eigenes Icon
gekennzeichnet sind.

Abb. 9 - Externer Link mit Icon


Alphabetischer Index der Artikel
Diese Funktion steht immer in der linken Standardleiste zur Verfügung. Angesichts
der schieren Zahl der Artikel – die deutschsprachige Wikipedia geht im ersten
Halbjahr 2006 auf die Marke von 400.000 zu – ist die Listendarstellung jedoch recht
unhandlich.
Thematische Suche in Portalen
Diese Funktion steht ebenfalls immer in der linken Standardleiste zur Verfügung und
führt zunächst einmal zu einem „Portal der Portale“. Weitere Erläuterungen siehe
oben am Beispiel des Portal Österreich.
Kategorien – Kategoriebaum – Seitenleiste
Kategorien sind Schlagworte, die ansatzweise hierarchisch in Haupt- und
Unterkategorien gegliedert sind. Leser finden die einem Artikel zugeordneten immer
am Ende des Artikels und können sich so zu weiteren Artikeln mit diesen Kategorien
durchhanteln.

Abb. 10 - Kategorien zum Artikel "Vertrag von Saint-Germain"


Referenzmodelle Christian Wachter Seite 14 von 22

Für Systematiker steht ein Kategoriebaum zur Verfügung, der auch in die
Seitenleiste des Browsers integriert werden kann.

Abb. 11 - Aufklappbarer Kategoriebaum in Wikipedia


Wozu die Kategorien eigentlich gut sind und wie sie eingesetzt und genutzt werden
können, darüber existieren in der Wikipedia-Community noch sehr unterschiedliche
Ansichten.
2. Lesen
Die wichtigste Beziehung der Leser zum Inhalt besteht natürlich im Lesen. Dies kann
sich auf Artikel beziehen aber auch auf Navigationsseiten, wie Portale oder
sogenannte Hauptartikel.
Lesen ist auf der Wikipedia eng mit Navigieren verbunden. Das bezieht sich aber
nicht nur auf die artikelübergreifende Navigation, bei der all die Funktionen genutzt
werden können, die oben im Abschnitt Inhaltserschließung genannt wurden, sondern
auch auf die artikelinterne Navigation. So umfasst zB das Inhaltsverzeichnis zum
Artikel über den Ersten Weltkrieg allein zwei Bildschirmseiten.
3. Beurteilen von Artikeln
Zur Aktivität des Lesens gibt es Meta-Aktivitäten, die von Wikipedia unterstützt
werden. Leser können die Entstehungsgeschichte von Artikeln und die damit
verbundenen Diskussionen jederzeit verfolgen, indem sie am Seitenkopf einen der
Reiter „Diskussion“ oder „Versionen/Autoren“ wählen.
Wollen Leser ihre Beurteilung nicht für sich behalten, können sie am
Auswahlverfahren für exzellente oder lesenwerte Artikel teilnehmen.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 15 von 22

F.3.2. Autoren-Inhalt
Die Rolle der Autoren beinhaltet eine ganze Reihe verschiedener Tätigkeiten. Im
engeren Sinne des „Einen-Beitrag-Schreiben“ sind dies
• einen neuen Artikel anlegen und schreiben
• zu einem vorhandenen Artikel etwas hinzufügen
• Vorhandenes löschen, seien es Textteile oder ganzen Artikel
• Artikel bearbeiten im Hinblick auf Rechtschreibung und Stil, Inhalt oder
Gliederung
Werkzeug hierfür ist der Editor, der auf jeder Artikel-Seite über den Reiter „Seite
bearbeiten“ erreichbar ist.

Abb. 12 - Wikipedia-Editor
Dieser Editor bietet zahlreiche Formatierungshilfen an. Außerdem gibt es in
Wikipedia viele Formatvorlagen und Textbausteine, mit Hilfe derer Einträge nach
einer einheitlichen Systematik erzeugt werden können, wie Kategorien,
Personennamen, Geografische Bezeichnungen, biologische und chemische
Systematiken usw.
Ein Autor kann Änderungen an einem Artikel – seien es die eigenen oder die anderer
Autoren – über die Versionshistorie jederzeit wieder rückgängig machen. Hat ein
Autor einen Artikel auf seinen Watchlist gesetzt, so wird er per Email sofort
benachrichtigt, wenn dieser Artikel verändert wurde. Das ist auch der Grund, warum
Vandalenakte meist nach wenigen Minuten wieder ausgebügelt sind.
Autoren haben auch mehr Möglichkeiten als Leser, Artikel in den
Qualitätssicherungsprozess einzubringen. Insbesondere können sie einen Artikel zur
Review einreichen und so einen größeren Kreis aktiv zur Mitarbeit an dem Artikel
einladen.
Eine eigene Inhaltskategorie sind Beiträge auf den Diskussionsseiten, die weiter
unten unter der Beziehung Autoren-Autoren näher beschrieben werden. Angemerkt
sei hier, dass die normale Volltextsuche sich nur auf die Artikel bezieht und die
Inhalte der Diskussionsseiten nicht berücksichtigt.
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 16 von 22

In anderen Publikationen dokumentieren Autoren die Beziehung zu den von ihnen


verfassten Inhalten, indem sie ihre Beiträge signieren. Wikipedia-Artikel tragen
dagegen keine Signatur, weil an ihnen ja oft viele Menschen mitarbeiten. Wer was
beigetragen hat, kann dennoch über die Versionsgeschichte nachvollzogen werden.
Jede Version ist hier mit der Signatur bzw. IP-Adresse des Verfassers
gekennzeichnet. Über die Funktion „Gewählte Versionen vergleichen“ kann eruiert
werden, in welchen Absätzen etwas geändert wurde.
Autorensignaturen tragen auch die Beiträge auf den Diskussionsseiten

F.3.3. Leser-Autoren
Die Beziehung der Autoren in Richtung zu den Lesern vollzieht sich im wesentlichen
über das Geschriebene, das Produkt ihrer Tätigkeit und unterschiedet sich auf den
ersten Blick nicht viel von anderen Publikationen.
Die umgekehrte Beziehung der Leser in Richtung zu den Autoren vollzieht sich in
erster Linie natürlich auch über die Inhalte. Doch gibt es hier einige Besonderheiten
im Vergleich zu anderen Publikationen.
Auf den Artikelseiten treten die Autoren nicht direkt in Erscheinung. Auch die
Hauptautoren eines Artikels bleiben dort anonym.
Leser können jedoch einen Blick auf die Versionsseiten werfen, wo sie die
Autorenschaft nachvollziehen können. Durch Ansicht früherer Versionen oder
Versionsvergleich können sie sogar den Entstehungsprozess nachvollziehen und
einen Einblick in die Arbeitsweise von einzelnen Autoren Autorengruppen gewinnen.
Wenn Leser dann auch noch einen Blick auf die Diskussionsseiten werfen, können
sie inhaltliche Argumentationen und Debatten nachvollziehen.
Nicht zuletzt können Leser Kontakt zu registrierten Autoren aufnehmen, indem sie
dem Link zu ihrer Benutzerseite folgen.

F.3.4. Leser-Leser
Die Interaktion von Lesern mit Lesern kann auf mehreren Wegen erfolgen:
• durch Beiträge auf den Diskussionsseiten
• durch Teilnahme an den Wahlen exzellenter und lesenswerter Artikel
• indem sich Leser zu Autoren erheben

F.3.5. Autoren-Autoren
Autoren können mittels verschiedene technische Funktionen interagieren:
• in dem sie sich als Benutzer registrieren und eine Benutzerseite anlegen
• durch gemeinsames editieren von Artikeln
• durch Benutzung der Versionslisten und den Eintrag von Kurzkommentare zu den
Versionen
• über die Watchlist mit Benachrichtigung (siehe oben)
• über Diskussionen auf den Artikel-, Projekt und anderen Seiten
Dabei wird nicht nur über einzelne, konkrete Artikel diskutiert, sondern auch über
übergeordnete Themen. Zwei Ergebnisse dieser Diskussionen sind zB die folgenden
Anleitungen zum Artikel-Schreiben:
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 17 von 22

• Richtlinien
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Richtlinien
• Wie schreibe ich gute Artikel?
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wie_schreibe_ich_gute_Artikel
Die Entscheidungsfindung und Organisationsstruktur in der Wikipedia-Community ist
nicht durchsichtig. Die notwendige Kommunikation erfolgt auf verschiedenen Ebenen
angefangen von der editorischen Tätigkeit über Kommentare und
Diskussionsbeiträge bis zu den virtuellen und präsenten Community-Aktivitäten:
1. Indirekte Kommunikation durch die editorische Tätigkeit
gemeinsame oder kontroverse Arbeit an einem Artikel
Arbeit an verschiedenen Artikeln, die in einem inhaltlichen Bezug zueinander
stehen
Verlinkungen zwischen Artikeln
inhaltlich-organisatorische Tätigkeiten wie Einrichten und Pflegen von Portalen,
Definieren von Kategorien, Führen von Artikel-Listen
2. Direkte Kommunikation
Kurzkommentare in der Versionshistorie
Beiträge auf den Diskussionsseiten zu den Artikeln, Portalen oder Projektseiten
Diskussionsbeiträge auf den Benutzerseiten
3. Kommunikation durch Veranstaltungen - virtuelle oder präsente - wie
Autorenwettbewerbe
Qualitätsoffensiven
Betreuung von Communities zu Projekten und Portale
Teilnahme an Adminwahlen
Mailinglisten und Newsgroups
Konferenzen wie Wikimania
Lokale Treffen von Wikipedianern

F.3.6. Inhalt-Inhalt
Inhalte sind keine Subjekte, von einer Interaktion Inhalt-Inhalt kann daher im
strengen Sinne nicht gesprochen werden. Sinnvoller ist es vielleicht, Beziehungen
und Verknüpfungen der Inhalte zu untersuchen. Ich beschränke mich dabei auf die
Inhaltskategorie der Artikel. Diskussionsbeiträge und andere Wikipedia-
Namensräume bleiben außen vor.
Explizite Beziehungen zwischen Artikeln drücken sich aus in
• Hyperlinks
• Kategorien
• Portalen
• Artikellisten
• Begriffsklärungsseiten für Homonyme
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 18 von 22

Beispiel für einen Hinweis auf eine Begriffsklärungsseite zum Begriff „Burg“

Abb. 13 - Begriffsklärung in Wikipedia


Explizite Beziehungen entstehen, wenn die Bezüge von Autoren explizit hergestellt
werden, indem sie Hyperlinks setzen, Kategorien vergeben oder Artikel in Portale
einbinden.
Es gibt aber auch Bezüge zwischen Inhalten, die sich implizit ergeben, zB wenn zwei
Autoren unabhängig voneinander Artikel zu demselben oder verwandten Themen
verfassen oder bearbeiten. Solange Leser beide Artikel finden und nur für sich
miteinander vergleichen, bleibt dieser Bezug implizit. Sobald diese Leser (oder die
Autoren) aber aktiv werden und zB die beiden Artikel aufeinander verlinken, wird der
Bezug explizit.
Implizite Interaktion von Inhalten erfolgt also durch die Wahrnehmung von Lesern, in
einem weiteren Sinn auch durch deren Handlungen. ZB wird in einem Artikel über die
touristischen Sehenswürdigkeiten einer Stadt auf drei Artikel zu Kirchengebäuden
verlinkt. Zwei davon sind sehr ausführlich geschrieben, der dritte, über die
bedeutendste Kirche, ist nur ein kurzer Stup. Einige Leser werden daraufhin die
ausführlicher beschriebenen Kirchen besuchen, nicht die dritte.

F.4. Bedeutung der Interaktion für den Lernprozess


F.4.1. Individueller Lernprozess: Kritik der Objektivität
Direkte Einsicht in Diskussionen über Artikel (Reiter „Diskussion“ oder „Versionen“)
untergräbt die Autorität des verdinglichten „Schwarz auf Weiß Gedruckten“
Das Angebot zur Mitarbeit, repräsentiert über den allgegenwärtigen Reiter „Seite
bearbeiten“, vermittelt die Prozesshaftigkeit von Wissen und dass es ein Produkt
subjektiver menschlicher Tätigkeit ist.
Indem somit die Objektivität der Artikel in Frage gestellt wird, können die Leser einen
objektiveren Blick auf die behandelten Themen und Fragen gewinnen.

F.4.2. Kooperativer Lernprozess


Zwei verschiedene Fälle sind zu unterscheiden:
• Kooperative Arbeit an Artikeln
Davon sind qualitativ bessere Ergebnisse zu erwarten, als wenn die Artikel nur
von Einzelautoren erstellt würden.
• Nutzung der Wikipedia in kooperativen Lernsettings.
Allein durch die schiere Materialfülle in einigen Themenbereichen bietet sich
Wikipedia auch als Lernressource in kooperativen Lernsettings an, insbesondere
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 19 von 22

dann, wenn auch noch die Inhalte von Wikipedias in anderen Sprachen genutzt
werden.

G. Grobkonzept für formative Evaluation


G.1. Untersuchungsgegenstand und Ziel
Untersuchungsgegenstand sei nicht ein Lernsetting, in dem Wikipedia als Ressource
verwendet wird, sondern Wikipedia an sich bzw ein Ausschnitt davon - das Portal
Österreich. Dabei sollen nicht nur die Endprodukte – also fertige Artikel – ins Auge
gefasst werden, sondern auch der Prozess ihrer Er- und Bearbeitung.
Ziel der formativen Evaluation sei die Unterstützung bei
• der Steigerung der Qualität der einzelnen Artikel sowie
• der Verbesserung der Ausgewogenheit der Beiträge innerhalb des
Themengebietes Österreich

G.2. Problembeschreibung
Wie auf der gesamten Wikipedia, so stellt sich auch im Portal Österreich das
Problem der Qualität der einzelnen Artikel im Hinblick auf Rechtschreibung, Stil,
Neutralität und Vollständigkeit bei gleichzeitiger Konzentration auf das Wesentliche.
Erkannte Problemfälle werden üblicherweise der Liste der verbesserungsbedürftigen
Artikel zugewiesen oder gar von den Autoren selbst zur Review eingereicht.
Ein weiteres Problem ist eines, das auch andere Länderportale treffen dürfte: die
Ausgewogenheit der Beiträge innerhalb des Themengebietes. Es gibt zB 9 Beiträge
im Portal Österreich zum Themenbereich Wirtschaft, aber 18 zum Themenbereich
Verkehr – einschließlich Darstellungen der verschiedenen Autofahrerklubs -,
ebenfalls 9 Beiträge im Bereich Sicherheit und immerhin 7 Beiträgen zu kulinarischen
Themen. Oder: 6 Beiträgen zum Christentum in Österreich stehen nur 4 Beiträge zu
Rechtsthemen gegenüber.
Darüber hinaus gibt es eine Fokussierung auf Institutionen und Personen. Es
existieren lange Listen von Artikelwünschen, in die fleißige Menschen naturgemäß
das eingetragen haben, was sich leicht auflisten lässt – nämlich Einträge aus
anderen Listen. Da stehen dann sehr viele Wünsche nach Artikeln zu Personen,
Institutionen, geografischen Einheiten oder Gebietskörperschaften.
Problemorientierte Themen tauchen in den Artikelwünschen dagegen kaum auf.
Ahnliche Erscheinungen treten möglicherweise auch bei anderen Länderportalen auf.
Soll eine Evaluation praxisrelevante Ergebnisse hervorbringen, so muss sie auch die
Eigenheiten des Evaluationsobjektes berücksichtigen. Für das Wikipedia-Portal
Österreich sind zwei Fragen besonders relevant:
Das Portal Österreich stellt eine Mischung aus Länderportal und nationalem Portal
dar. Die Portale zu Italien oder den USA auf der deutschsprachigen Wikipedia sind
zB klassische Länderportale, in denen diese Länder und damit zusammenhängende
Themen aus deutscher Sicht dargestellt werden. Das Portal Deutschland ist dagegen
sehr viel breiter angelegt, und die Artikel, auf die verlinkt wird, präsentieren eine
Innensicht – deutsche Themen aus deutscher Sicht. Unter vielen Stichworten, zB
„Arbeitsrecht“, wird dann nur die Situation in Deutschland dargestellt, während
Schweizer oder österreichische Verhältnisse unter den Tisch fallen. Immerhin findet
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 20 von 22

sich bei dem genannten Beispiel am Ende ein Link zu dem Artikel „Arbeitsrecht
(Österreich)“. Häufig findet sich ein solcher Verweis nicht.
Länderportale fokussieren außerdem nicht auf einen Wissenszweig mit einer klaren
inneren Gliederung, wie zB die meisten Wissenschaftsportale, sondern sind
Querschnittsportale, die sich über verschiedene Wissensgebiete hinweg erstrecken.
Das dürfte auch ein Grund für die unausgewogene Repräsentation verschiedener
Themenbereiche sein.
Ansatzpunkte zur Verbesserung der übergreifenden Konsistenz könnten sein
• Die Listen der fehlenden Artikel bzw die Beitragswunschliste
• Das Projekt Tellerrand, das sich damit beschäftigt, dass viele Themen nur aus
deutscher Sicht behandelt, werden, während die österreichische und
Schweizer Sicht unter den Tisch fallen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt_Recht/Tellerrand

G.3. Bewertungskriterien und Indikatoren


Handlungsorientierte Fragen könnten lauten:
Wie ist es möglich, die Qualität der einzelnen Artikel im Hinblick auf
Rechtschreibung, Stil, Neutralität und Vollständigkeit bei gleichzeitiger
Konzentration auf das Wesentliche zu verbessern?
Wie kann die Repräsentation verschiedener Themenbereiche und Themen im
Portal Österreich ausgewogener entwickelt werden?
Kein Ziel sollte sein, allein die Anzahl der Artikel mit der Kategorie Österreich zu
steigern ohne Rücksicht auf deren Qualität.
Bewertungskriterien könnten sein:
1. Wie haben sich Qualitätssicherungsmaßnahmen auf die Artikel ausgewirkt, die in
einem bestimmten Zeitraum auf dem Portal Österreich in die Liste der
verbesserungsbedürftigen Artikel aufgenommen bzw zur Review eingereicht
wurden?
Indikatoren:
• Anzahl der eingereichten Artikel in Relation zu den wieder aus der Liste
gestrichenen Artikeln
• History-Flow-Analysen (siehe unten) der eingereichten Artikel
• Exemplarische Inhaltsanalysen eingereichter Artikel vor und nach der
Qualitätssicherung sowie Sichtung der dazugehörigen Diskussionsseiten
2. Wie hat sich die Anzahl der Artikel in den verschiedenen Themenbereichen des
Portal Österreich in einem bestimmten Zeitraum entwickelt?
Indikator
• Quantitative Verteilung auf die Themengebiete
3. Wie viele Artikel wurden als deutschlandlastig identifiziert und bei wie vielen
davon erfolgte eine Ergänzung um Schweizer und österreichische Aspekte
entweder in dem Artikel selbst oder in einem eigenen Artikel?
Indikator:
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 21 von 22

• Quantitative Erfassung der identifizierten und der ergänzten Artikel

G.4. Methoden
Die Methode der History Flow Analyse wurde von Viégas, Wattenberg und Dave vom
MIT Media Lab und den IBM Research Centers entwickelt. Dabei werden die
Änderungen eines Wiki-Artikels über die Versionen hinweg visualisiert, wobei jeder
Autor durch eine andere Farbe dargestellt wird. Dadurch lassen sich Muster der
Kooperation effizienter ermitteln, als durch rein textliche Analyse. [VWD04]
Referenzmodelle Christian Wachter Seite 22 von 22

H. Literatur
[DAV04] DAVIES JONATHAN: Wiki Brainstorming and Problems with Wiki Based Collaboration, New
York: 2004.
[VWD04] VIÉGAS, FERNANDA B.; WATTENBERG, MARTIN; DAVE, KUSHAL: Studying Cooperation
and Conflict between Authors with History Flow Visualization, New York: Association for Computing
Machinery, 2004.