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AP/MICHEL EULER

faulheit & arbeit

Wochenendbeilage der Tageszeitung junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 12./13. Juni 2010, Nr. 133

Krisen, Stagnation und Krieg. Im Frühjahr 1917 analysierte Lenin die historischeTendenz der bürgerli-

chen Gesellschaft

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Der Inquisitor. Ein Welt-Autor for- dert die Linkspartei auf, sich zwi- schen Demokratie und Antisemitis-

mus zu entscheiden

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Öl im Wasser. BP und US-Behörden zeigen sich der Katastrophe im Golf von Mexiko nicht gewachsen. Foto-

reportage

Seiten 4/5

Manche Männer bringen einem Blumen mit;Al brachte Fleisch. Ein

Schlachtplan für Miss Winter (Teil 1).

Von Kathryn Miller Haines

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jungeWelt

Die Tageszeitung

V or vier Jahren waren Sie Mitglied der Kom- munistischen Partei der Slowakei (KSS), nun tre-

ten Sie für die sozialdemokratische SMER an. Warum haben Sie die KSS verlassen? Ich war eigentlich nie Mitglied einer Par- tei, weder der KSS noch der SMER. Ich bin ein unabhängiger junger linker Intel- lektueller, der mit slowakischen linken Parteien kooperiert. Für die KSS arbeitete ich als Außenpolitikexperte. Bei den Wah- len 2006 flog die KSS aus dem Parlament, und ich mußte meinen Job aufgeben. Pa- vol Paška, der Präsident des Nationalrats, bot mir daraufhin eine Stelle an und seit- dem bin ich Berater und Redenschreiber in seinem Büro. Mittlerweile ist die KSS eine Ein-Prozent-Partei, und die SMER wurde zur einzigen linken Alternative in der Slowakei – mit Wahlergebnissen von bis zu 35 Prozent. Ich bin weiter in Kon- takt mit meinen Genossen von der KSS – inklusive Jozef Hrdlička, dem Parteivor- sitzenden –, aber die KSS hat derzeit kei- ne Chance, in das Parlament einzuziehen. Sie müssen auf bessere Zeiten warten und ich bin sicher, daß die kommen werden. Trotz alledem versuche ich als Kandidat der SMER, einige radikale linke Ideen zu präsentieren wie z. B. Demokratisierung der Wirtschaft oder eine bedarfssichernde Grundsicherung. Ich weiß, daß es schwer sein wird, die slowakische Politik weiter nach links zu verschieben, sehe aber kei- ne Alternative als diesen Weg. In einem jW-Interview sagten Sie 2007, daß die derzeit regierende Ko- alition für die Slowakei ein Schwenk nach links sein werde. Hat sich das bewahrheitet? Ich glaube schon. Als erstes muß gesagt werden, daß die von 1999 bis 2006 re- gierende rechte Koalition von Mikuláš Dzurinda extrem neoliberal war. Vor al- lem in der Zeit von 2002 bis 2006 hat sie praktisch alle neoliberalen Reformen, die

EU-Gipfel am 21. Juni 2007 in Brüssel: Angela Merkel und slowakische Ministerpräsident Robert Fico
EU-Gipfel am 21. Juni
2007 in Brüssel: Angela
Merkel und slowakische
Ministerpräsident
Robert Fico

»Fico ist der am weitesten links stehende Premier Europas«

Gespräch u Mit Luboš Blaha. Über die vergangene Wahlperiode in der Slowakei, Naserümpfen in Berlin über die anti-neoliberale Regierung in Bratislava und linke Prioritäten in der Politik

man sich vorstellen kann, durchgesetzt. So wurde z. B. nahezu das gesamte öf- fentliche Eigentum privatisiert, eine »flat tax« – ein einheitlicher Steuersatz auf alles – eingeführt, das Rentensystem halb privatisiert, Praxisgebühren etabliert und der Ausgleich zwischen Regierung, Ge- werkschaften und Unternehmen an den Rand gedrängt. Darüber hinaus wurden Studiengebühren vorbereitet. Im Jahr 2006 kam dann die SMER durch eine Koalition mit der Bewegung für eine de- mokratische Slowakei HZDS von Ex- Premier Vladimir Mečiar und mit der Slowakischen Nationalpartei SNS an die Macht. Sie stoppte alle Privatisierungen

und verstaatlichte sogar strategisch wich- tige Zweige der Ölindustrie. Es wurden Änderungen am Rentensystem vorgenom- men, die Praxisgebühren abgeschafft, die Stellung von Gewerkschaften verbessert und Anstrengungen unternommen, einen typischen europäischen Sozialstaat zu etablieren. Premierminister Robert Fico hat das neoliberale Experiment in der Slowakei gestoppt und die Slowakei nach links verschoben. 2006 erklärte der ehemalige Berater von Mečiar, Augustín Húska, daß die Handlungsmöglichkeiten einer slowakischen Regierung sehr einge- schränkt seien, da das strategische

Potential des Landes sich in der Hand von ausländischem Kapital befinde. Wollte Fico etwas an dieser Situation ändern? Er hat immerhin E.on mit Verstaatlichung gedroht. Húska hat natürlich recht, seine These gilt aber für viele Länder – man nennt das Globalisierung. Dennoch hat Fico ver- sucht, die Energiemonopole zu bekämp- fen, und das ziemlich erfolgreich, wenn man sich z. B. die Energiepreise für die einfachen Leute anschaut. Darüber hin- aus befürworte ich sehr, daß die Fico- Regierung Profite im Gesundheitssystem verboten hat. Das hat die Unternehmen im Gesundheitssystem natürlich sehr auf-

geregt. Sowas ist natürlich in einem klei- nen Land im globalisierten Kapitalismus sehr schwierig. Die deutsche Bundeszentrale für po- litische Bildung hat erklärt, daß die globale Finanzkrise auf die Slowakei nicht denselben Einfluß hat wie auf andere osteuropäische Staaten. Liegt das an den Einschränkungen für transnationales Finanzkapital? Der Slowakei wurde von der EU für die nächsten Jahre das stärkste Wirtschafts- wachstum vorhergesagt. Die Fico-Re- gierung hat auf die Krise sehr besonnen

Fortsetzung auf Seite zwei O

Dr. Luboš Blaha (30) ist Philosoph und arbeitet in Bratislava. Er ist Autor der Bücher „»Soziale Gerechtigkeit und Iden- tität« (2006) und »Zu- rück zu Marx?« (2009). Bei den slowakischen Parlamentswahlen am 12. Juni tritt er als Kandi- dat der sozialdemokrati- schen SMER-SD an

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interview

Sonnabend/Sonntag, 12./13. Juni 2010, Nr. 133

junge Welt

»Wenn die Slowakei gut durch die Krise kommt, ist das nicht dem trans- nationalen Kapital ge- schuldet, sondern den vielen öffentlichen Inve- stitionen, z.B. dem Au- tobahnbau. Das ist der große Unterschied zwi- schen rechter und linker Krisenbekämpfung. Die rechten Parteien beharren auf Lösungen durch den freien Markt und private Firmen, die Sozialdemokratie kon- zentriert sich auf den öffentlichen Sektor und Staatsinvestitionen, wie z.B. in Schweden in den 1930er Jahren.«

O Fortsetzung von Seite eins

reagiert. Wenn die Slowakei gut durch die Krise kommt, ist das nicht dem trans- nationalen Kapital geschuldet, sondern den vielen öffentlichen Investitionen, z. B. dem Autobahnbau. Das ist der große Unterschied zwischen rechter und linker Krisenbekämpfung. Die rechten Parteien beharren auf Lösungen durch den freien Markt und private Firmen, die Sozialde- mokratie konzentriert sich auf den öffent- lichen Sektor und Staatsinvestitionen, wie z. B. in Schweden in den 1930er Jahren. Dieser Weg war erfolgreicher. Schweden war damals ein landwirtschaftlich gepräg- tes Land, aber nach der Krise von 1929 investierte die sozialdemokratische Re- gierung in den öffentlichen Sektor, den Sozialstaat und die Bildung. Daraufhin wurde Schweden eine der erfolgreichsten Wohlfahrtsgesellschaften in der Welt. Auf diesem Weg ist die Slowakei gerade. Sie sind also ein radikaler Linker in einer Regierungspartei. Ist das kein Widerspruch? Um den Neoliberalismus in der Slowa- kei – und dieser ist noch sehr stark – zu stoppen, gibt es für einen radikalen Lin- ken keine andere praktische Alternative. Außerhalb der Politik könnte ich jede Re- gierung kritisieren, aber so habe ich die Chance, die Richtung mitzubestimmen. Karl Marx hat schon gesagt, daß es nicht unser Ziel ist, die Welt zu erklären, son- dern sie zu verändern. Genauer gesagt: In der Politik habe ich den Raum, meine Ide- en der Gesellschaft näherzubringen und jede Bewegung hin zur Stärkung eines Sozialstaats zu unterstützen. Die Sozial- demokratie ist der Weg und nicht das Ziel. Hätten Sie die neoliberale Periode von 2002 bis 2006 erlebt, dann würden Sie jeden Schwenk nach links unterstützen. In diesem Kontext bin ich froh, Teil einer regierenden Sozialdemokratie zu sein, auch wenn ich mir mehr radikal linke Reformen wünschen würde. In welcher Weise ist der deutsche Imperialismus mit dem ungarischen Irredentismus, dem Bestreben, alle Ungarnstämmigen in einem Staat zu vereinen, verbunden? Die von deutscher Seite mit Steuergeldern finanzierte SüdtirolerVolkspartei unterstützte immerhin in den 1990er Jahren die Vorläufer der slowaki- schen Partei der Ungarischen Koali- tion (SMK). Das ist eine interessante Verbindung, die ich so noch nicht gesehen habe. Jeden- falls ist der ungarische Nationalismus ein großes Problem für die Slowakei. Dies gilt vor allem jetzt, da der Nationalist Viktor Orbán mit Rückendeckung der faschisti- schen Partei Jobbik an der Macht ist. Die Ungarn haben nie den Vertrag von Tria- non von 1920 (dieser in einem Versailler Schloß bei Paris unterzeichnete Vertrag beendete den Ersten Weltkrieg für Un- garn. Das Land verlor dadurch zwei Drittel seines ehemaligen Territoriums. – D.N.) verkraftet. Der chauvinistische Traum von einem Groß-Ungarn ist sehr gefährlich für ganz Europa, vor allem in einer ökonomi- schen Krise. Wir können uns alle an Hit- ler erinnern, der sich die wirtschaftlichen Probleme zunutze machen konnte. Diese Geschichte wiederholt sich nun im ökono- misch ruinierten Ungarn, und die Slowakei muß sich verteidigen. Normalerweise haben die Bürger der ungarischen Minderheit in der Slowakei keine Probleme mit Slowaken, nur die Politiker der SMK sind manchmal zu militant. Allerdings hat sich die politi- sche Vertretung der slowakischen Ungarn jüngst gespalten. Neben der SMK gibt es nun die etwas liberalere Most-Híd-Partei. Das kann aber nicht davon ablenken, daß beide – SMK und Most-Híd – konservativ sind. Vielleicht werden beide Parteien in den Wahlen nun verlieren – mal sehen. Ich würde es begrüßen, da ich militan- ten Nationalismus ablehne, egal ob in

Deutschland, der Slowakei, Ungarn oder irgendwo anders. Im Jahr 2002 hat der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt Christoph Zöpel erklärt, daß Un- garn eine besondere »geopolitische« Rolle bei der »Neuordnung« Südost- europas zukomme … … und nun wendet sich das Interesse Un- garns nach Norden. Das ist schrecklich. Ich habe Angst vor dem neugeborenen Faschismus in Europa und speziell in Un- garn. Sie haben vor kurzem ein Buch mit dem Titel »Zurück zu Marx?« ver- öffentlicht. Worum geht es in dem Werk? »Zurück zu Marx?« ist mein zweites phi- losophisches Buch. Ich sollte noch erwäh- nen, daß ich als Politikwissenschaftler an der Slowakischen Akademie der Wis- senschaften arbeite und lehre. In meinem Buch führe ich auf 530 Seiten in die sozial- liberalen und neo-marxistischen Theorien der Gerechtigkeit ein. Außerdem erläutere ich meine eigene Gerechtigkeitstheorie basierend auf einer Radikalisierung der Theorie des amerikanischen Philosophen John Rawls und dem Ersetzen von Marx‘ Kriterium der Arbeit, also Fähigkeiten und Talente, durch das Kriterium der »Ar- beitheit«, darunter verstehe ich die wirk- lich eigene Leistung und den Willen zu arbeiten. In dem Buch gibt es Kapitel über Wirtschaftsdemokratie – ein Beispiel ist die baskische Genossenschaft Mondragón Corporación Cooperativa –, Modelle von Wohlfahrtsstaaten und über klassische linke Themen wie soziale Gerechtigkeit, positive Freiheit, öffentliches Eigentum und soziale Rechte. Ich habe das Buch im Herbst 2009 veröffentlicht und die erste Auflage mit 1000 Büchern war nach ein paar Monaten verkauft. Im vergangenen Dezember war es einer der Bestseller für mein Verlagshaus, da normalerweise in der Slowakei wissenschaftliche Bücher sich ungefähr einhundertmal verkaufen. Ich bin mir sicher, daß der Erfolg des Buches zeigt, daß viele Menschen in der Slowakei des Neoliberalismus und Antikommunis- mus überdrüssig sind. Karl Marx ist wie- der im Spiel. Es gibt sogar Pläne, das Buch ins Russische zu übersetzen – ich hoffe, das geschieht bald. Wie ordnen Sie die Mečiar- Regierung der 1990er Jahre poli- tisch ein? Sie war ganz klar keine antiimperialisti- sche Regierung in einem positiven Sinne, ich würde eher den Begriff isolationi- stisch benutzen. Ich kenne die Theorien, daß Mečiars Slowakei nur deswegen iso- liert wurde, weil sie sich nicht dem inter- nationalen Kapital beugte. Es gibt viele Leute, die Mečiar als eine Art Held sehen. Aber er hat nichts anderes gemacht, als das Volkseigentum für ein paar Kronen an einige slowakische Diebe anstatt an das transnationale Kapital zu verkaufen. Der Privatisierungsprozeß unter Mečiar war eine Tragödie. Außerdem war er autoritär und streng konservativ. Ich bin glücklich, daß Mečiar 1998 die Macht verlor. Die gesamte slowakische Linke lehnte seine Politik ab, aber wir hatten nicht geahnt, was danach kommen würde. Die neoli- berale Ära Dzurinda war ein Sturz vom Regen in die Traufe. Meciar hatte aber einen radikal linken Koalitionspartner, die Arbei- terassoziation der Slowakei (ZRS). Die Partei rühmt sich im Internet damit, wichtige Privatisierungen im Bereich von Gas, Energie, Telekom- munikation, Banken und Versiche- rungen verhindert zu haben. Das muß für einen ausländischen Beob- achter sehr überraschend sein, aber die ZRS war nur eine Art Kasper in der dama- ligen Koalition. Es ist wahr, daß Mečiar kein Neoliberaler war, aber er war in der Kulturpolitik sehr konservativ, in der Wirtschaft eher zentristisch mit einiger sozialer Rhetorik. Auf jeden Fall war er

kein Linker, und die Privatisierungen wa- ren eine Katastrophe. Das heißt nicht, daß die Privatisierungen unter Dzurinda bes- ser waren – nein, im Gegenteil! – sie wa- ren sogar noch schlimmer. Aber ich muß einräumen, daß strategische Industriebe- reiche unter Mečiar – vielleicht auch dank der ZRS – nicht privatisiert wurden. Aber das war auch das Maximum, was diese heute tote Partei rausholen konnte. In Berlin war offenbar niemand glücklich, als die Bildung der ersten Fico-Regierung 2006 bekanntgege- ben wurde. Wie reagierte Deutsch- land damals? Es kam zu Problemen mit der SMER in der Sozialdemokratischen Partei Eu- ropas (SPE), weil die europäischen »So- zialisten« – inklusive der Deutschen – die Koalitionspartei SNS nicht in der Regierung sehen wollten. Die SMER ver- suchte, die europäischen Partner davon zu überzeugen, daß die SNS keine extre- mistische Partei, sondern nur konservativ und patriotisch ist. Ich persönlich mag die HZDS und die SNS nicht – sie sind beide erzkonservativ. Aber es gab keine Alternative vor vier Jahren. Ich denke, daß die SMER-SNS-HZDS-Koalition ein geringeres Übel ist als die Hardcore-Neo- liberalen und ungarischen Nationalisten, die von 2002 bis 2006 regierten. Diese Regierung war die einzige Chance, das zu beenden. Die große Mehrheit der Be- völkerung unterstützte dann auch diesen Weg. Ich bin sicher, daß niemand in Ber- lin darüber froh war. Wie würden Sie die derzeitige Fico- Regierung beschreiben? Ist es eine antiimperialistische Regierung oder eine ganz normale sozialdemokrati- sche? Es ist eher eine normale sozialdemokrati- sche, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß Robert Fico der am weitesten links stehen- de Premier in Mitteleuropa ist, vielleicht sogar in ganz Europa, seine Rhetorik ist schon manchmal antiimperialistisch, und seine Außenpolitik ist nicht so blind pro- amerikanisch. Unter seiner Regierung wurden unsere Beziehungen zu Rußland, China und Vietnam verbessert, und Fico unterstützt auch symbolisch Kuba. Es ist schwer für ein kleines Land, revolutionä- re Schritte zu machen, aber ich bin sicher, daß seine Regierung derzeit die beste für die Slowakei ist. Als Fico ins Amt kam, kündigte er an, alle Privatisierungen zu stoppen. Gab es keine Privatisierungen seit 2006? Nein, es gab keine Privatisierungen mehr im Bereich des strategischen Staatsei- gentums. Fico stoppte sogar im letzten Moment die Privatisierung des Flugha- fens von Bratislava, und es kam zu Ver- staatlichungen: So wurde das slowakische Öltransportunternehmen Transpetrol verstaatlicht. Fico kämpfte mit den zu- vor privatisierten Energiemonopolen und den mächtigen Pensionsverwaltern. Ich denke, in dieser Hinsicht ist seine Poli- tik konsequent links, auch wenn ich mir mehr Schritte zur Demokratisierung der Wirtschaft, Belegschaftsbeteiligungen an privaten Konzernen und Raum für öf- fentliches und staatliches Eigentum wün- schen würde. Ist der Neoliberalismus in der Slo- wakei besiegt? Die Wahlen am 12. Juni werden es zeigen, aber ich denke, daß der Hardcore-Weg, der von 2002 bis 2006 beschritten wurde, versperrt ist. Das heißt nicht, daß alles in der Slowakei richtig läuft. So würde ich mir z. B. sehr ein progressives Steuersy- stem wünschen. Um ehrlich zu sein, sind wir das einzige OECD-Land mit einer flat tax. Wir brauchen mehr Verteilungs- gerechtigkeit in der Republik, aber zu- erst müssen wir ein Wiedererstarken der Rechten verhindern! Als Fico Premier wurde, erklärte Belarus, daß sich die belorussisch- slowakischen Beziehungen sehr gut entwickelten. Zu welchen Staaten

verbesserten sich die Beziehungen außerdem? Vor allem zu China, Vietnam, Rußland und Serbien…

…und auch Libyen und Syrien? Ja, vor allem zu Libyen. Ich selber habe an Treffen des Parlamentspräsidenten mit po- litischen Führern aus Rußland, China und Vietnam teilgenommen. Außerdem darf man nicht vergessen, daß die Slowakei ihre Truppen aus dem Irak abgezogen hat. All- gemein kann man sagen, daß unser Land eine pragmatische Außenpolitik betreibt.

2006 wurde angekündigt, daß Fico

nach Venezuela reisen würde, was er dann nicht getan hat. Wird der Be- such nachgeholt? Ich hoffe und denke das. Damals wurde die Reise wegen einer Erkrankung Ficos abgesagt. Ich bin davon überzeugt, daß Fico bald Hugo Chávez treffen wird und vielleicht bin ich sogar selbst dabei. Kritiker haben gesagt, daß Diplo- maten im Außenministerium Fico überzeugt hätten, sich nicht mit Chávez zu treffen, da das den Status der Slowakei in der EU untergraben würde. Davon habe ich noch nichts gehört. Aber ich möchte noch sagen, daß in Ficos Bü- ro ein großes Poster von Che Guevara hängt. Bisher hat noch kein Außenmini- ster versucht, ihn zu bewegen, das Poster abzuhängen, um »den Status in der EU zu verbessern«. Ich denke, daß Diplomatie

eine Rolle spielt, aber ich bin fest davon überzeugt, daß Ficos politisches Handeln von einer starken linken Grundüberzeu- gung bestimmt wird.

2006 hat Mikuláš Sedlák, der Wirt-

schaftsberater von SNS-Chef Ján Slota, gesagt, daß die Wurzel der Probleme der Roma im Osten des Landes die Arbeitslosigkeit ist; jeder Roma benötige einen Arbeitsplatz. Hat die Regierung versucht, jedem Roma einen zu verschaffen? Keine Regierung im Kapitalismus kann jedem einen Job geben, aber es gibt An- strengungen, den Roma zu Arbeit zu ver- helfen, z. B. mit Hilfe der sogenannten sozialen Unternehmen. Das sind öffentli- che Firmen, die vor allem den Armen und Unausgebildeten Arbeit geben, vor allem den Roma. Aber es bleibt schwierig, pri- vate Firmen dazu zu bewegen, den Roma Arbeit zu geben. Der Staat hat zu wenig Einfluß in der Wirtschaft. Wie ist der Status der Ruthenen in der Slowakei heute? Die Ruthenen sind eine staatlich aner- kannte nationale Minderheit in der Slowa- kei. Es gibt mit ihnen keine Probleme in der Gesellschaft. Sie genießen ihre Min- derheitenrechte und scheinen ganz zufrie- den damit zu sein. Die Ruthenen haben sogar die Fico-Regierung unterstützt, als Ungarn seinen Druck wegen des slowaki- schen Sprachengesetzes, wonach öffent- lich nur slowakisch gesprochen werden darf, 2009 erhöht hat. Das hat die Kluft in den ungarisch-slowakischen Beziehun- gen vertieft, aber die Slowakei konnte diesen Streit gewinnen. Vielleicht ist das der Grund für Orbán, der Slowakei so zu schaden, wie er es in den vergangenen Wochen getan hat. Ich hoffe, daß die na- tionalistischen Drohungen vergehen und wir uns ganz auf die sozio-ökonomischen Belange konzentrieren können. Wenn es nach mir geht, dann sollten nicht die na- tionale Frage, sondern der demokratische Sozialismus, die Rechte der Arbeiter und die Klasseninteressen, Prioriät haben. Das habe ich auch schon geäußert, als ich für die KSS arbeitete, und das sage ich nun, da ich für die SMER arbeite. Ich werde diese Position auch in Zukunft ver- treten. Ich glaube an die klassenlose Ge- sellschaft, und ich muß herausfinden, wie man am besten dafür kämpft. Vielleicht haben wir eines Tages in der Slowakei ei- ne ähnliche Partei wie die deutsche Linke. Ich denke, alles ist noch am Anfang. Das Gespräch führte David Noack

CHRISTIAN MANG/IMAGEDELUxE.NET

junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 12./13. Juni 2010, Nr. 133

drucksachen

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Krisen, Stagnation und Krieg

Im Frühjahr 1917 analysierte Lenin im Rahmen einer Programmdebatte der Bolschewiki innere Gegensätze und historische Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft

D ie Entwicklung des Waren-

austauschs hat eine so enge

Verbindung zwischen allen

Völkern der zivilisierten

Welt hergestellt, daß die große Freiheits- bewegung des Proletariats international werden mußte und schon seit langem international geworden ist. Die russische Sozialdemokratie, die sich als einen Trupp der Weltarmee des Proletariats betrachtet, verfolgt dasselbe Endziel, das die Sozialdemokraten aller anderen Länder anstreben. Dieses End- ziel wird bestimmt durch den Charakter der modernen bürgerlichen Gesellschaft und den Verlauf ihrer Entwicklung. Die wichtigste Eigenart einer solchen Gesell- schaft ist die Warenproduktion auf der

Klassiker  u W. I. Lenin

Grundlage kapitalistischer Produktions- verhältnisse, bei denen der wichtigste und bedeutendste Teil der Mittel für die Produktion und Zirkulation der Waren einer ihrer Zahl nach kleinen Klasse von Menschen gehört, während die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung aus Proleta- riern und Halbproletariern besteht, die durch ihre ökonomische Lage gezwungen sind, ständig oder periodisch ihre Arbeits- kraft zu verkaufen, d. h. sich den Kapita- listen als Lohnarbeiter zu verdingen und durch ihre Arbeit die Einkommen der oberen Gesellschaftsklassen zu schaffen. Der Herrschaftsbereich der kapitali- stischen Produktionsverhältnisse dehnt sich immer mehr aus, in dem Maße, wie die unaufhörliche Vervollkommnung der Technik, welche die wirtschaftliche Bedeutung der Großbetriebe erhöht, zur Verdrängung der selbständigen Kleinpro- duzenten führt, einen Teil von ihnen in Proletarier verwandelt, die Rolle der üb- rigen im gesellschaftlich-ökonomischen Leben beschränkt und sie mancherorts in eine mehr oder minder vollständige, mehr oder minder offene, mehr oder min- der drückende Abhängigkeit vom Kapital bringt. (…)

E in Herr Samuel Salzborn, Jungle World-Autor und Vertretungs- professor für Demokratiefor- schung am Institut für Demo-

kratieforschung der Universität Gießen, fordert die Linkspartei in einem Beitrag für Die Welt auf, sich »endlich zwischen Demokratie und Antisemitismus« zu ent- scheiden. Wer eine Partei vor eine solche Alternative stellt, hat ihr die Demokra- tiefähigkeit bereits abgesprochen. Von da bis zu der Forderung, eine von der Demo- kratieforschung als antisemitisch verdäch- tigte Partei aus dem demokratischen Ver- kehr zu ziehen, ist es nur noch ein Katzen- sprung. Damit stellt sich freilich die Frage nach der demokratischen Zuverlässigkeit

der gegenwärtigen Demokratieforschung. Es mehren sich die Hinweise, daß sich im Mainstream-Diskurs eine Tendenz zum Totalitarismus breitmacht. Jedenfalls ist der Ton, den der Vertretungsprofessor an- schlägt, an inquisitorischer Unerbittlich- keit kaum noch zu überbieten. »Die Linkspartei hat ein Antisemitis- musproblem, das nicht mehr kleingeredet werden kann«, meint Salzborn zu wissen. »Denn die Vorfälle in der Partei, die einem nur mühsam als antiisraelisch kaschier- ten antisemitischen Weltbild entspringen, nehmen seit Jahresbeginn dramatisch zu. Dabei ist das Muster immer dasselbe.

dramatisch zu. Dabei ist das Muster immer dasselbe. Eine solche Lage der Dinge innerhalb der bürgerlichen

Eine solche Lage der Dinge innerhalb der bürgerlichen Länder und ihre sich ständig verschärfende Konkurrenz auf dem Weltmarkt gestalten den Absatz der Waren, die in stets wachsenden Mengen erzeugt werden, immer schwieriger und schwieriger. Die Überproduktion, die sich in mehr oder minder akuten industriellen

Krisen äußert, denen mehr oder minder lange Perioden industrieller Stagnation folgen, ist die unvermeidliche Folge der Entwicklung der Produktivkräfte in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Krisen und die Perioden industrieller Stagnation ruinieren ihrerseits die Kleinproduzenten noch mehr, vergrößern noch mehr die

Der Schwarze Kanal u Von Werner Pirker

Der Inquisitor

Scheinbar geht es um eine Kritik an Israel, faktisch entpuppen sich die Argumente aber im Kern als antisemitisch.« Es ist tatsächlich immer dasselbe Muster. Kritik an Israel sei ja legitim, wenn nicht so- gar wünschenswert. Geht diese aber über wohlmeinende Ratschläge, wie den, sich auf Piratenakte künftig besser vorzuberei- ten, hinaus, indem sie sich grundsätzlich gegen israelische Piratenakte richtet, dann ist der antisemitische Kern der Argumente auch schon bloßgestellt. Den »zwei aktuellen und einem ehema- ligen Bundestagsabgeordneten« der Lin- ken wirft Salzborn vor, mit »gewalttätigen Islamisten« offen paktiert zu haben. Dem Verteidiger des israelischen Selbstvertei- digungsrechts käme es selbstredend nie in den Sinn, den in internationalen Ge- wässern verübten israelischen Überfall als Aggression zu bewerten, weshalb er die Gewaltbereitschaft ausschließlich bei den Schiffsinsassen – den Islamisten und ihren linken Komplizen – ortet. Und weil die Is- lamisten »noch nie einen Hehl aus ihren antisemitischen Motiven gemacht haben«,

sind folglich auch die drei Linkspolitiker des Antisemitismus überführt. Das sind auch jene drei Mitglieder der Linksfraktion, die sich nicht an den Standing ovations für den israelischen Präsidenten Schimon Peres nach dessen Rede im Bundestag beteiligt haben. Die Erklärung von Sahra Wagenknecht, mit ihrem »Sitzenbleiben« nicht den Opfern der Shoa das Gedenken verweigert, son- dern gegen einen Staatsmann protestiert zu haben, der »selbst für Krieg mitverant- wortlich« sei, wird von Samuel Salzborn als »heuchlerisch« abgetan. In Wahrheit will er damit sagen, daß jene, die Israels Kriegspolitik kritisieren, es gegenüber den Shoa-Opfern an Respekt vermissen ließen. Das Mißfallen des Demokratie-Begut- achters erregt ebenso ein Nahostbeschluß der Linkspartei, in dem neben einem Be- kenntnis zum Existenzrecht Israels auch die Freilassung der politischen Gefange- nen, der Abriß der Mauer um die besetzten Gebiete und die Öffnung des Gazastreifens gefordert wird. Der Welt-Gastautor sieht

Abhängigkeit der Lohnarbeit vom Kapi- tal, führen noch rascher zur relativen und mitunter auch zur absoluten Verschlechte- rung der Lage der Arbeiterklasse. Die Vervollkommnung der Technik, die eine Steigerung der Arbeitsproduktivität und eine Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums bedeutet, bedingt somit in der bürgerlichen Gesellschaft ein Anwachsen der sozialen Ungleichheit, eine Vergröße- rung des Abstands zwischen Besitzenden und Besitzlosen und die Zunahme der Unsicherheit der Existenz, der Arbeitslo- sigkeit und der Entbehrungen aller Art für immer breitere Schichten der werktätigen Massen. (…) Der Weltkapitalismus hat jetzt, unge- fähr seit Beginn des 20. Jahrhunderts, die Stufe des Imperialismus erreicht. (…) Die außerordentlich hohe Entwicklungs- stufe des Weltkapitalismus überhaupt, die Ablösung der freien Konkurrenz durch den monopolistischen Kapitalis- mus, die Entwicklung eines Apparats für die gesellschaftliche Regulierung des Produktionsprozesses und der Vertei- lung der Produkte durch die Banken so- wie durch die Kapitalistenverbände, die mit dem Wachstum der kapitalistischen Monopole verbundene Teuerung und die Zunahme des Drucks der Syndika- te auf die Arbeiterklasse, die gewaltige Erschwerung ihres wirtschaftlichen und politischen Kampfes, die Schrecken, das Elend, der Ruin, die Verwilderung, die der imperialistische Krieg erzeugt – alles das macht die jetzt erreichte Entwick- lungsstufe des Kapitalismus zur Ära der proletarischen, sozialistischen Revolu- tion. Diese Ära hat begonnen. Nur die proletarische, sozialistische Revolution vermag die Menschheit aus der Sack- gasse herauszuführen, die der Imperia- lismus und die imperialistischen Kriege geschaffen haben. Wie groß auch immer die Schwierigkeiten der Revolution, ih- re eventuellen zeitweiligen Mißerfolge oder die Wellen der Konterrevolution sein mögen, der endgültige Sieg des Pro- letariats ist unausbleiblich.

darin eine »fundamentale Infragestellung des israelischen Selbstverteidigungsrech- tes«, womit auch Israels Existenz in Frage gestellt wäre, was wiederum den Vorwurf des Antisemitismus zwingend nach sich zieht. Wie antisemitisch müssen Salz- born dann erst die Beschlüsse des UN- Sicherheitsrates vorkommen, in denen das Recht der 1948 vertriebenen Palästi- nenser auf Rückkehr oder Entschädigung festgeschrieben ist, sowie die Räumung der besetzten Gebiete verlangt wird. Die weltweit erhobene Forderung nach einer Aufhebung der israelischen Blockade des Gazastreifens wäre dann ebenfalls gegen das Selbstverteidigungs- und damit Exi- stenzrecht Israels gerichtet. Daß aus der Linkspartei auch Forderun- gen laut werden, die Hamas in Gespräche einzubeziehen, wertet Salzborn als weite- ren Minuspunkt in der Beurteilung ihrer Demokratiefähigkeit. »Wer mit der Hamas reden will, fordert den Pakt mit einer anti- semitischen Terrororganisation«, reiht der Mann allen Ernstes neben Linkspolitikern auch US- und EU-Diplomaten in die Liste der Terrorbefürworter ein. Bei allem blin- den Eifer weiß Salzborn um den Sinn sei- nes Tuns. Den Druck auf die Linkspartei, sich der »Antizionisten« zu entledigen, zu erhöhen. Zumal er dort nicht nur auf Widerstand treffen dürfte.

Die Überproduktion, die sich in mehr oder min- der akuten industriellen Krisen äußert, denen mehr oder minder lange Perioden industrieller Stagnation folgen, ist die unvermeidliche Folge der Entwicklung der Produktivkräfte in der bürgerlichen Gesell- schaft.

Materialien zur Revision des Parteiprogramms. Verlag Priboi, Petrograd Juni 1917. Hier zitiert nach:Wladimir Iljitsch Lenin:Werke, Band 24, Berlin 1959, Seiten 467–469

Es ist tatsächlich immer dasselbe Muster. Kritik an Israel sei ja legitim, wenn nicht sogar wün- schenswert. Geht diese aber über wohlmeinen- de Ratschläge, wie den, sich auf Piratenakte künftig besser vorzube- reiten, hinaus, indem sie sich grundsätzlich gegen israelische Piratenakte richtet, dann ist der an- tisemitische Kern der Argumente auch schon bloßgestellt.

AP/JAE C. HONGAP/GERALD

HERBERTAP/BILL

AP/JAE C. HONGAP/GERALD

HERBERT

STARLING

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reportage

Sonnabend/Sonntag, 12./13. Juni 2010, Nr. 133

junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 12./13. Juni 2010, Nr. 133 junge Welt »Rettet den Golf« – Hoffnung oder schonVerzweiflung in

»Rettet den Golf« – Hoffnung oder schonVerzweiflung in New Orleans?

Golf« – Hoffnung oder schonVerzweiflung in New Orleans? Alles versuchen: Schlepper beim Ölsammeln auf offener See

Alles versuchen: Schlepper beim Ölsammeln auf offener See

Alles versuchen: Schlepper beim Ölsammeln auf offener See Strand an der Küste Alabamas: Matschburgen sollten nicht

Strand an der Küste Alabamas: Matschburgen sollten nicht aus Petroleum sein

Öl im Wasser

Seit dem 20. April läuft Petroleum in den Golf von Mexiko. Der BP-Konzern zeigt sich der Katastrophe ebenso wenig gewachsen wie die US-Behörden

der Katastrophe ebenso wenig gewachsen wie die US-Behörden Barataria Bay, Louisiana: Ölschlick schwappt über

Barataria Bay, Louisiana: Ölschlick schwappt über Brutplätze von Pe

AP /PATRICK S EMANSKY

AP/CHARLIE RIEDEL

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reportage

junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 12./13. Juni 2010, Nr. 133

Nach dem Untergang der Bohrplatt- form »Deepwater Horizon« bedeckt ein riesiger Ölteppich das Fördergebiet im Golf von Mexiko

E ine Region wird in Öl getaucht. Seit am 20. April die Bohrplattform »Deepweter Horizon« unterging, fließt es ins Wasser des Golfs von Mexiko. Stoppen konnte es bisher niemand. Das Meer verbindet hier Florida mit Mexikos Ostküste und der Halbinsel Yucatan. Es umspült die Küstenstreifen in Kubas Nordwesten und des Südens der USA. Dicht besiedelt ist die Region, von großer landschaftlicher Schönheit. Der Fischreichtum ernährt zahlreiche An-

rainer ebenso wie der Tourismus. Ja, die Gegend wird regelmäßig von schweren Wirbelstürmen heimgesucht. Zum Fluch wird ihr jedoch das Öl. Der fossile Brennstoff hat vor Jahrzehnten Leute in Texas reich werden lassen. »Gulf Oil« war ein mächtiger Konzern, als British Petroleum (BP) noch in der Nordsee herumstocherte. Doch so wie die Quellen an Land versiegten, stieg die Gier nach den Ölblasen unter dem Meeresboden. Erst im Küstenschelf, jetzt in Tiefwassergebieten wurde gebohrt. Eineinhalb Kilometer unter der Wasseroberfläche, bei 150 Atmosphären Druck, wechseln- den Strömungsverhältnissen und völliger Dunkelheit jagen Ingenieure nach dem Stoff, der immer noch die »moderne Zivilisation« bewegt. Und sie stoßen an ihre Grenzen. Täglich bis zu 6 000 Tonnen Öl sind möglicherweise aus dem Leck geströmt, das die Plattform in den Meeresboden gerissen hatte. BP war Auftrag- geber, Halliburton maßgeblich beteiligt. Letzteres ging bei den Schuldzuweisungen schnell unter. Washington erklärte den britischen Konzern zum Sündenbock. Zu Recht, denn BP hat Hasard gespielt und verloren. Genehmigt wurde das von der Administration Barack Obamas. Er ist Präsident des Landes mit dem bei weitem höchsten Ölverbrauch pro Kopf in der Welt. Jetzt herrscht Katzenjammer, und zumindest was die politischen Entscheidungsträger betrifft, ist dieser gespielt. Die Umwelt ist geschädigt, unter

Wasser weit stärker als darüber. Das hat Langzeitfolgen. Doch Hand aufs Herz – wann hat sich kapitalistisches Profitstreben jemals ein Geschäft ent- gehen lassen, nur weil Flora und Fauna vergiftet, Menschen in ihrer Existenz bedroht werden? Irgendwann wird die Meldung eingehen, das Leck sei

gestopft. Dann wird weitergebohrt.

Klaus Fischer

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sei gestopft. Dann wird weitergebohrt. Klaus Fischer likanen Noch gibt es kaum Schätzungen, wievielVögel bereits dem

Noch gibt es kaum Schätzungen, wievielVögel bereits dem Öl zum Opfer gefallen sind

es kaum Schätzungen, wievielVögel bereits dem Öl zum Opfer gefallen sind Strand geschlossen – Grand Island,

Strand geschlossen – Grand Island, Louisiana

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abc-waffen

Sonnabend/Sonntag, 12./13. Juni 2010, Nr. 133

junge Welt

Kathryn Miller Hai- nes, aufgewachsen in San Antonio,Texas, studierte Englische Literatur undThea- terwissenschaften. Sie ist Dramatikerin, Schauspielerin und Krimiautorin. Mit Mann und Hunden lebt sie in Western Pennsylvania. Zuletzt ist von ihr erschienen:

»Miss Winters Hang zum Risiko« (Suhr- kampVerlag). »Ein Schlachtplan für Miss Winter« ist ein Auszug aus dem in Kürze im Suhrkamp Verlag erscheinen- den gleichnamigen Roman, der hier mit freundlicher Geneh- migung alsVorab- druck erscheint. Beide »Miss Winter«- Romane wurden von Kirsten Rießelmann aus dem Amerikani- schen ins Deutsche übertragen.

Gleich um die Ecke – März 1943

M anche Männer bringen ei- nem Blumen mit; Al brachte Fleisch. »Was zur Hölle ist das

denn?«, fragte ich ihn. Er stand auf der Vordertreppe des George Bernard Shaw House und wiegte zwei in blutgetränktes Metzgereipapier gewickelte T-Bone-Steaks im Arm, als wären es Welpen, denen er gerade dabei geholfen hatte, auf die Welt zu kommen. »Hab gehört, daß es dir nicht so gut geht«, sagte er. »Da hab ich gedacht, daß du eine Stärkung gebrauchen kannst.« »Und du meinst, Fleisch wäre da genau das Richtige?« »Nicht Fleisch, Rosie, Steak! Hier!« Er warf mir das Päckchen zu, als würde bei näherer Bekanntschaft meine Begeisterung für die blutige Masse deutlich steigen. Ich hielt das Paket in sicherem Abstand zu meinem Mantel. Durch das Papier sik- kerte Blut und malte die Karte unbekannter Länder auf den Boden. »Das ist wirklich eine freundliche Geste, aber ich habe auch ohne Rindfleisch vom Schwarzmarkt schon genug Probleme am Hals.« »Das Zeug ist astrein.« Al war mit meinem früheren Chef be- freundet gewesen, einem Detektiv namens Jim McCain. Außerdem arbeitete er als Ein- treiber für Tony B., seines Zeichens einer der Vizes von Mafiaboss Vince Mangano. Was auch immer einer von ihnen anfaßte, war mit Sicherheit illegal, unmoralisch oder zumindest ein direkter Verstoß gegen die Auflagen der Preisaufsichtsbehörde. Seit- dem rationiert wurde, blühte der Schwarz- markt, weil eben nicht alle dauernd nur verzichten wollten und deswegen für Man- gelware auch mal ein bißchen draufzahlten. Die Times war voll mit Geschichten über Mafiosi, die sich auf den Schwarzhandel in ähnlicher Weise verlegt hatten wie Back- fische auf Bing Crosby. Wenn man sich dann einmal auf das Niveau der Mafia her- abließ und ihre Waren kaufte, wurde das in den Zeitungen gleich so dargestellt, als habe man nicht nur das Gesetz gebrochen, sondern sei sozusagen schon zum Nazi ge- worden. Im Laufe des letzten Jahres war Rind- fleisch derart knapp geworden, daß mittler- weile schon so darüber gesprochen wurde, als hätte es niemals wirklich existiert. Wie über Einhörner. Natürlich hätte ich nicht das Geringste gegen ein großes, saftiges Steak nur für mich alleine einzuwenden gehabt, aber im Grunde meines Herzens war ich eben doch ein gutes, rechtschaffe- nes Mädchen. Außerdem gab es in meinem Wohnheim keinen für alle zugänglichen Kühlschrank. »Davon mal abgesehen, Al, was soll ich denn jetzt damit machen? Soll ich sie auf meiner kleinen Kochplatte köcheln lassen oder auf die Feuerleiter stellen und hoffen, daß es kalt bleibt und die Katzen nicht dran- gehen?« Er zuckte mit den Schultern und hob resignierend die Arme. Hinter seinem Kopf ging die Sonne unter. Al war eine kolossale Erscheinung mit der Größe und der Masse eines durchschnittlichen Wolkenkratzers. »Dann wirf sie halt weg«, sagte er. »Ist jetzt nicht mehr meine Angelegenheit.« IchlegteeineHandaufseinenübergroßen Bizeps und spürte, wie unter meiner Berührung ein Berg erbebte. »Jetzt hab dich nicht so. Mir gefällt dein Geschenk, wirk- lich, aber jetzt noch mal zum Mitschreiben:

Strümpfe wären mir lieber gewesen.« Wieder zuckte er mit den Schultern, und seine winzigen Äuglein hüpften von hier nach dort: vom Haus zum Bürgersteig zu einem Taxi, das gerade mit abgeblendeten Lichtern an uns vorbeifuhr. Er schien fest entschlossen, alles andere anzusehen, bloß mich nicht. »Wie geht’s denn?«, fragte er dann. »War schon mal besser.«

Er hob die Augenbrauen und erwartete, daß ich weitersprach, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, mehr Worte zu ver- lieren. Es war schließlich so: Der Krieg war jetzt auch bei uns angekommen. Er war nicht länger eine dieser ähnlich traurigen, aber fernen Angelegenheiten wie der Tod von Carole Lombard, über die man zwar las, die man dann aber nicht weiter ernst nahm, weil sie einfach zu weit weg waren, um einen wirklich etwas anzugehen. Ich

»Stell dir das mal vor«, sagte ich mit dem Einfühlungsvermögen der SS, »Schnee im März.« Er ließ die Fluppe fallen und trat sie mit der Schuhspitze aus. Die Sohle hatte sich abgelöst und gab den Blick frei auf Als zerschlissene braune Socken. »Lass dir das Fleisch schmecken.« Nachdem er sein Geschenk abgeliefert und ein dürftiges Ge- sprächsangebot gemacht hatte, drehte Al sich um und verschwand in der Straße. Aus

Mangel. Ella Bart spreizte auf dem Boden sitzend ihre langen Rockette-Beine zum Spagat und beugte ihren Rumpf so weit vornüber, daß sie das Manuskript lesen konnte, das vor ihr lag. Beide beachteten mich nicht weiter, als ich den Raum durch- querte und die Treppe hochstieg. Auf dem Absatz unterbrachen Minnie Moore und Ruby Priest, meine langjährige Erzfeindin, ihr Gespräch. Das Lächeln auf ihren Ge- sichtern hätte nicht künstlicher wirken kön-

ihren Ge- sichtern hätte nicht künstlicher wirken kön- Ein Schlachtplan für Miss Winter Erster Teil. Von

Ein Schlachtplan für Miss Winter

Erster Teil. Von Kathryn Miller Haines

konnte weder die Nazis noch die Japsen leiden. Genauso wenig wie die Eilmeldun- gen, die das laufende Radioprogramm mit Geschichten über versenkte Schiffe, abge- schossene Flugzeuge und Bomben über dem Himmel von London unterbrachen. Ich konnte es auch nicht ausstehen, daß wir alles, was früher selbstverständlich ge- wesen war, opfern sollten und jede Stun- de mindestens einmal daran erinnert wur- den, daß die Dinge, nach denen wir uns sehnten, da drüben von größerem Nutzen waren. Aber am allerwenigsten gefiel mir, daß mein Freund Jack (okay: Ex-Freund) vermißt wurde und ich keine Gelegenheit mehr bekommen würde, ihm zu sagen, daß ich ihn immer noch liebte. Nein, das alles war für mich ohne Worte. Und selbst wenn ich welche gefunden hät- te, über die Lippen gebracht hätte ich sie sowieso nicht. »Was gibt’s Neues bei dir?«, fragte ich stattdessen. »Alles in bester Ordnung.« Auf der Suche nach einem Päckchen Luckys klopfte Al seinen verdreckten Man- tel ab. Seine von der Kälte geröteten Finger bewegten sich über den Stoff wie Krabben auf der hektischen Suche nach ihren Pan- zern. »Es soll wohl schneien.« Wenn ich weniger mit mir selbst beschäf- tigt gewesen wäre, hätte ich vielleicht ge- merkt, daß etwas nicht stimmte. Aber ich bekam ja kaum mit, daß es noch eine Welt jenseits meiner Gedanken gab.

meiner Handtasche zog ich eine Ausgabe der Variety, um sie um die Steaks zu wik- keln. Einige umkringelte Vorsprechtermine wurden dunkel vom Blut. Ich wohnte mit- ten im Village, 10. Straße, Ecke Hudson Street, im George Bernard Shaw House, ei- nem Wohnheim für junge Frauen, die ihrer schauspielerischen Berufung folgten. Das Haus zeichnete sich durch günstige Mieten und noch günstigeres Essen aus, mit den Dramen, die sich in seinem Inneren abspiel- ten, hätte man locker die stundenlangen Sendepausen von Radio WNBC füllen kön- nen. Ich wohnte gern im Shaw House, aber noch lieber beschwerte ich mich darüber. Über eine Situation zu nörgeln, in die ich mich selbst gebracht hatte, fand ich überaus tröstlich. Immerhin war das eine der weni- gen Konstanten in meinem Leben, auf die ich mich verlassen konnte. Mein Fleisch und ich betraten das Haus und hielten vor den Messingbriefkästen an der Wand. Stumm sprach ich ein Gebet und betastete das kleine, mit Filigranar- beit versehene Türchen, auf dem WINTER, ROSALIND stand – als ob eine Berührung den Brief, auf den ich so sehnsüchtig war- tete, wie von Zauberhand erscheinen las- sen könnte. Aber so viel Glück hatte ich nicht. Einen Fluch murmelnd, der mir das Gewünschte ganz sicher am nächsten Tag bringen würde, warf ich den Briefkasten wieder zu. Im Salon saß Norma Peate am Klavier und drehte »For Me and My Gal« durch die

nen, wenn es auf Plastik aufgemalt gewesen wäre. »Warum machst du denn so ein Gesicht, Rosie?«, fragte Ruby. Einen solchen Ton, voller Betroffenheit und aufrichtig zugleich, war ich von ihr nicht gewohnt. Ruby ohne die übliche Gehässigkeit war wie Abbott ohne Costello. »Alles in bester Ordnung«, sagte ich. »Mir ging’s nie besser.« »Sicher?«, fragte Minnie, die hier neu und aus der ich bislang noch nicht wirklich schlau geworden war. Eigentlich machte sie einen netten Eindruck, aber in welche Gesellschaft sie sich begeben hatte, sagte eben auch etwas aus. »Absolut. Aber danke der Nachfrage.« So schnell ich konnte, ohne dabei wie auf der Flucht zu wirken, eilte ich in mein Zimmer. Jayne Hamilton, meine Zimmer- genossin und beste Freundin, saß auf dem Bett und lackierte sich die Nägel rot, wozu sie das Radio mit »He Wears a Pair of Silver Wings« begleitete. Neben ihr lag Churchill, unser Kater. Um seinem Mißvergnügen ob des Nagellackge- stanks Ausdruck zu verleihen, kräuselte er die Nase und nieste, immer schön abwech- selnd. »Wie lief’s?«, fragte sie, als ich hinter mir die Tür verriegelte. »Jämmerlich. Ich gelte anscheinend ganz offiziell als berüchtigt.« Das letzte Stück, in dem ich gespielt hatte, war ein gefundenes Fressen für die Titelsei- ten geworden, nachdem der Autor ermordet

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worden war. Mein erster und einziger Auf- tritt in diesem Stück fand in der Nacht statt, als der Mörder Mord Nummer drei und vier begehen wollte. Und die Geschichte sei- nes Wahnsinns verbreitete sich fast ebenso schnell wie die allgemeine Ansicht, daß die Inszenierung lahmer Mist war. Normalerweise war ich dankbar für jede Form von öffentlicher Wahrnehmung, aber irgendwie schienen seitdem alle zu glauben, daß mein Mitwirken bei einem Stück nicht nur den Ruin der Produktion, sondern auch den Tod für jede daran beteiligte Person mit sich bringen würde. Jayne fuchtelte mit ihrer Nagelfeile her- um wie mit einem Schwert. »Du warst doch nur bei einer Vorstellung dabei! Wie kommt es dann, daß alle davon wissen?« »Was glaubst du denn?« In dieser letzten, schicksalhaften Vorstel- lung war ich die Zweitbesetzung für Ruby gewesen, aber während sie sich damit hät- te zufriedengeben können, daß ich meine Karriere in Eigenregie in den Sand gesetzt hatte, hatte ich sie im Verdacht, alle Welt bei jeder sich bietenden Gelegenheit an das zu erinnern, was damals passiert und wer daran beteiligt gewesen war. »Das würde sie doch niemals tun.« Jayne klang in etwa so überzeugend wie ein Re- den schwingender Pantomime. »Du hast ihr doch praktisch das Leben gerettet.« »Indem ich ihr ihre Rolle weggenommen habe.« Ich legte das Fleisch auf die Frisierkom- mode und schüttelte mir den Mantel von den Schultern. »Sie handelt nicht rational, Jayne. Sie weiß, daß ich einen guten Job gemacht habe. Hätte es den Mord nicht gegeben, würde ich jetzt vielleicht besser dastehen als sie. Die schiere Möglichkeit erträgt sie nicht.« Jayne zupfte ein Katzenhaar von einem noch feuchten Nagel. »Irgendwann wird sie die Lust daran verlieren, dich zu schi- kanieren.« »Natürlich, aber bis dahin bin ich alt, fett und vollkommen unbesetzbar.« »Soll ich mal mit ihr reden?«, fragte Jayne. Ich drehte das Magnavox leiser und ließ mich aufs Bett fallen. Mit Ruby würde ich schon auf meine Art fertig werden. Es machte keinen Spaß, andere die Drecksar- beit erledigen zu lassen. »Nein, du sollst nur das Thema wech- seln.« Auf dem Rücken liegend bewegte ich

»Wenn die Kunst die äußere Wirk- lichkeit mit unserem Ausdruck er- füllt, erzählt sie uns über uns selbst. Niemand kann sich unmittelbar betrachten, aber die Kunst macht aus dem Universum einen Spiegel, in dem wir einen Schimmer von uns sehen, nicht so, wie wir sind, sondern wie unserVerhältnis zur Wirklichkeit durch die Gesellschaft potentiell werden kann.« (Christo- pher Caudwell, Illusion und Wirk- lichkeit, Dresden 1966, S. 267)

W ir wagen die These, daß

ein Liebeslied eines

Soulkünstlers aus den

60er Jahren unmittelbar

um ein Vielfaches politischer war als selbst ein ultraradikaler Song in der zeitgenössischen Schwarzen Musik je sein kann. Denn seinerzeit war der Emanzipationskampf der Schwarzen in Amerika derart präsent, daß man die Botschaft ihres wesentlichen Kommu- nikationsmediums, der Musik, nicht ei- gens mit dem Etikett »politisch« verse- hen mußte. Dieser Kampf ging aber im Laufe der siebziger Jahre verloren, und die Musik war gezwungen, um fortan weiter politisch zu wirken, politisch zu formulieren. Wie schlecht ist es um die

die Arme, als ob ich einen Schnee-Engel in meine Bettdecke machen wollte. Jayne hatte entweder keine Lust, die Sache ein- fach fallen zu lassen, oder ihr fiel kein neues Gesprächsthema ein; auf jeden Fall hielt sie den Mund. »Was ist hier eigentlich mit allen los? Im Salon konnte mir keine in die Augen sehen, und Ruby und Minnie haben so getan, als ob ich gerade ein Beileidstelegramm be- kommen hätte.« Jayne setzte die Malerarbeiten fort und hielt sich, um meine Anwesenheit auszu- blenden, die Hand sehr nah vors Gesicht. Ich schlug auf ihr Bett. »Hast du ihnen etwas gesagt?« Keine Antwort. »Hast du!« »Sie haben sich Sorgen gemacht.« »Weswegen?« Sie sah mir in die Augen. »Wegen dir.« Ich trat mir die Schuhe von den Füßen und zog einen Stapel Groschenromane un- ter meinem Bett hervor. Auf dem Cover der jüngsten Ausgabe der Astonishing Stories flogen Aliens mit schönen, ohnmächtigen Frauen in ihren Armen gen Heimat. Auch wenn das komisch klingt: Ich wünschte mir in diesem Moment, eine von ihnen zu sein. Schlafend unbekannten Kreaturen ausge- liefert zu sein schien mir einfacher, als in meinem Zimmer zu sitzen und das hier durchstehen zu müssen. »Da habe ich so meine Zweifel«, sagte ich. »Aber sie brauchen sich so oder so kei- ne Sorgen zu machen. Mir geht’s gut.« »Rosie …« Jaynes Stimme verkümmerte zu einem Wimmern. »Wirklich.« Churchill sprang von Jaynes Bett und lief zwischen uns eine Acht. Bei jedem seiner bedachtsamen Schritte überstreckte er ei- nes seiner Beine, die in Sachen Eleganz de- nen der Ballerina Margot Fonteyn in nichts nachstanden. Auch wenn er den Teufel im Leibe trug: Seine Schönheit und Anmut mußte man einfach bewundern. »Sieht so aus, als ob immer noch kein Brief gekommen ist, oder?«, fragte Jayne. »Stimmt.« »Die Post ist langsam.« »Ein Umstand, der oft überbetont wird, wenn einem sowieso niemand schreibt.« Daß Jack vermißt wurde, hatte ich aus dem Brief eines Matrosen namens Cor- poral Harrington erfahren. Ich hatte ihm zurückgeschrieben und um mehr Informa- tionen gebeten, und jetzt machte mich das Warten auf die Feldpost halb wahnsinnig. Es war nicht auszuhalten, wie wenig man

tun konnte. Jack war einer von Millionen verloren gegangener Soldaten in einem Krieg, der in mehr Ländern tobte, als ich auf einem Globus mit Namen zu nennen imstande gewesen wäre. Ich konnte noch so entschlossen sein, ihn zu finden: Dieses Problem war zu groß, als daß ich es hätte bewältigen können. Vor ein paar Wochen hatte die Times einen Cartoon gedruckt, in dem ein Mann hinter jeder Ecke, um die er biegt, das En- de des Krieges zu finden hofft. Und hin- ter jeder Ecke stößt er auf ein Pappschild, das eine gute Nachricht der letzten Mo- nate verkündet: Rommels Rückzug, Sieg der Russen, Vormarsch der Russen. Aber trotz aller optimistischer Meldungen folgt auf jede Ecke eine weitere, bis der Mann ganz am Ende vor der schlechten Nachricht dieses Monats steht: Rommel geht in die Offensive. Die Botschaft war klar: Ein Ende war nir- gendwo in Sicht. Es würde ewig so weiter- gehen – hinter jeder guten Wendung lauerte die Möglichkeit einer neuen Katastrophe. Jayne klatschte in die Hände. »Runter, Churchill! Sofort!« Der Kater stand auf meiner Kommo- de, die Schnauze nur Zentimeter über den Schlagzeilen der Variety. Ich schnappte mir eine braune Lederpantolette und warf sie nach ihm. Er hüpfte von der Kommode zur Heizung und beobachtete mit Freude, wie das Fleisch und mein Kosmetik-Chaos auf den Boden fielen. Langsam näherte Jayne sich der blutigen Masse. »Was ist das?« »Sogar Al hat schon mitbekommen, daß ich nicht so gut drauf bin. Das, meine Liebe, ist eine frisch geschlachtete Stärkung.« »Er hat dir Steaks mitgebracht? Wer macht denn so was?« »Ein Mann, der nicht die geringste Ah- nung von Frauen hat.« Ich zog meinen Handkoffer unter dem Bett hervor, stopfte das Fleisch hinein und schloß die Schnal- len. »Meinst du, die halten sich draußen?« »Ich würd’s auf den Versuch ankommen lassen.« Ich bugsierte den Koffer durchs Fenster. Mit einem Knall, der einmal nach unten und wieder zurück hallte, landete er auf der Feuerleiter. Die Nacht brach schnell herein. Wegen der Verdunklung konnte man so viele Sterne sehen, daß man sich, wenn man die Gebäude, den Lärm und die Müllberge igno- rierte, wie auf dem Land fühlen konnte. »Vielleicht solltest du Jacks Familie an- rufen«, sagte Jayne.

Für Wissen und Fortschritt u Von Reinhard Jellen

Über Otis Clay (4)

Kunst bestellt, wenn sie Politik als Poli- tik nötig hat, und wie viele sind es, die ihrer bedürfen! Gleichzeitig kann man auch die Lie- beslieder im Soul der Siebziger Jahre politisch lesen, da Sänger und Schrei- ber nicht aufgehört haben, in den Songs die allgemeinen gesellschaftlichen Er- fahrungen des schwarzen Amerika zu artikulieren und das Verhältnis von Indi- viduum und Gesellschaft unter veränder- ten gesellschaftlichen Vorzeichen weiter verhandeln: Das Thema Ehebruch be- sitzt z. B. im 70er-Soul eine ganz andere Relevanz als noch zehn Jahre zuvor. Das Verschwinden des allgemeinen Zielgedankens, das Auseinanderdriften von Subjektivem und Objektivem wird be- klagt und gleichzeitig künstlerisch in hin- reißend schöne Form gegossen, schließ- lich gibt es nicht wenige berufene Ohren, denen die Soulmusik der Siebziger als Höhepunkt des Genres gilt. Und da knallt uns Otis Clay zu Beginn der Achtziger

jW-ARCHIV
jW-ARCHIV

»Die haben bestimmt auch einen Brief von Corporal Harrington bekommen.« Ich ließ mich auf den Bauch plumpsen und ver- suchte, mich auf mein Groschenheftchen zu konzentrieren. »Schon, aber vielleicht haben sie noch etwas anderes gehört, du weißt schon, ir- gendwas Offizielles.« Was sie sagen wollte, war, daß die Fami- lie vielleicht ein Telegramm von der Armee bekommen hatte, das Jacks Schicksal ver- meldete, ein Schicksal, von dem M. Har- rington eventuell noch gar nichts gewußt hatte oder das er mir einfach nicht hatte mitteilen wollen. »Ich gebe Corporal Harrington noch eine Woche«, sagte ich. »Dann schicke ich die Kavallerie.« »Den Anruf könnte auch ich für dich übernehmen.« Ich rollte mich auf die Seite und sah ihrem Gesicht an, wie gern sie mir helfen wollte, Erkundigungen einzuholen. Aber es ging ja nicht einfach nur darum, zu wissen, was mit Jack passiert war. Mo- mentan war ich noch in einem Zustand seli- ger Ahnungslosigkeit und konnte mir einre- den, daß es ihm gut ging. Und ich brauchte das, denn an dem Tag, an dem ich erfahren hatte, daß er vermißt wurde, hatte ich auch herausgefunden, daß er immer noch an mich dachte. Es war nämlich so: Seitdem er in See gestochen war, hatte Jack mir nicht ein einziges Wörtchen geschrieben, und ich war davon ausgegangen, daß ich nie wieder etwas von ihm hören würde. Aber in dem Brief von Corporal Harring- ton wurde mir nicht nur mitgeteilt, daß Jack etwas zugestoßen sein könnte. Darin hatte auch gestanden, daß Jack mich benachrich- tigt wissen wollte, falls ihm etwas zustoßen sollte. So bizarr das klingen mag: An diese Tatsache klammerte ich mich wie an ei- nen Strohhalm. Er liebte mich noch immer, und niemand, einfach niemand sollte dieses wunderbare Gefühl zerstören, indem er mir sagte, daß Jack tot war oder so schwer ver- letzt, daß er wünschte, er wäre tot. »Ich möchte noch warten«, sagte ich zu Jayne. »Man hat mich informiert, daß er als vermißt gilt, also werde ich es auch mit- bekommen, wenn es andere Neuigkeiten gibt.« Als wäre der sehnsüchtige Klang in meiner Stimme nicht zu ertragen, drehte sie den Kopf weg. Sie hätte sicher noch weiter mit mir diskutiert, wenn nicht im selben Moment Ruby an die Tür geklopft und verkündet hätte, daß Al wegen Mordes verhaftet worden sei.

»The only way is up« um die Löffel, ein Lied, in welchem wie im Sechziger-Soul das Allgemeine in der individuellen Lie- be das Besondere der allgemeinen und repressiven gesellschaftlichen Strukturen wie ein Blitzlicht überstrahlt. Eigentlich müßte das Lied im Bereich Retrosoul einzuordnen sein, ist es aber nicht. Sensa- tional! Unexplainable! Der Trick besteht vielleicht darin, daß Clay den extrem tanzflächentauglichen Song wie eine Deep-Soul-Ballade singt und bei vollendeter künstlerischer Mei- sterschaft unter besonderer Intensität so das empirisch schwindende Allgemeine als potentiell immer vorhandenes All- gemeines beschwört und als Auftrag dem Publikum mitgibt. Clay hat mit diesem Lied gewissermaßen das Gen- re »gesteigerte Soulmusik« eingeführt, was deshalb bemerkenswert ist, weil Soulmusik immer schon als eine ge- steigerte Form von Musik gilt. Noch niemals wurde über die Schranken einer Klassengesellschaft bei voller Aner- kennung ihrer desaströsen Tendenzen leichter hinweggesungen als in diesem Song. Kein Wunder, daß Otis Clay, der momentan wieder als Gospelkünstler reüssiert, dieses Lied nicht mehr singt. Es gehört bereits einer anderen Epoche an.

Normalerweise war ich dankbar für jede Form von öffentlicher Wahrnehmung, aber irgendwie schienen seitdem alle zu glau- ben, daß mein Mitwir- ken bei einem Stück nicht nur den Ruin der Produktion, sondern auch denTod für jede daran beteiligte Per- son mit sich bringen würde.

Clay hat mit diesem Lied gewissermaßen das Genre »gestei- gerte Soulmusik« eingeführt, was des- halb bemerkenswert ist, weil Soulmusik immer schon als eine gesteigerte Form von Musik gilt. Noch nie- mals wurden über die Schranken einer Klas- sengesellschaft bei voller Anerkennung ihrer desaströsen Tendenzen leichter hinweggesungen als in diesem Song.

KONTAR

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überraschungen

Sonnabend/Sonntag, 12./13. Juni 2010, Nr. 133

junge Welt

Unter den Einsendern des richtigen Lösungs- worts bis Mittwoch, 16. Juni 2010, an

junge Welt, Torstraße 6, 10119 Berlin, E-Mail:

redaktion@jungewelt.

de

verlosen wir zweimal das Buch »Der Staat ge- gen Mandela. Die Jahre des Kampfes und der Ri- vonia-Prozeß« aus dem Dietz Verlag Berlin.

Die DVD »Mexiko in Flammen« haben ge- wonnen:

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»Ich vermute, auch auf dem Mars werden die besten Köche Männer sein.«

D ank »Donnie Brasco« (USA 1997) von Mike Newell wird sich heute an ein französisches Nationalge-

richt gewagt: Coq au Vin (Hahn mit Wein). Zubereitet wird das im Film von dem subalternen Mafiosi Lefty (Al Pacino) zu Weihnachten. Mitessen darf neben Leftys Frau auch sein Kompagnon Donnie Brasco (Johnny Depp), den der alternde Kleingano- ve in die Gruppe gebracht hat und für den er mit seinem Leben bürgt. Brasco ist aber in Wirklichkeit ein verdeckt ermittelnder Po- lizist. Was das am Ende für Lefty bedeutet, kann sich jeder denken. Unter den Mafiafil- men funkelt »Donnie Brasco« als Erzäh- lung aus den unteren Etagen des »Mobs«, von der vordersten Front des Mafia-Proleta- riats. Der Film ist ein Kleinod, allein schon wegen solcher Dialoge zwischen Lefty und Brasco in der Küche. »Denkst du, ich koche wie meine Amici in Brooklyn?«, ruft Lefty erzürnt vor sich hin. »Die kennen doch nur Makkaroni, Makkaroni, Makkaroni.« Dar- aufhin fragt Brasco Leftys Frau, ob sie auch so gut kochen könnte wie ihr Mann? Nein, nein und überhaupt: »Wo du hinguckst, sind

die besten Köche Männer«, sagt Lefty. »Ich

pol & pott u Von Ina Bösecke

Mafia-Poularde

»Ich pol & pott u Von Ina Bösecke Mafia-Poularde vermute, auch auf dem Mars werden die

vermute, auch auf dem Mars werden die besten Köche Männer sein. Das ist ein Na- turgesetz.« Wir lassen das mal so stehen. Auch wenn es nicht stimmt. Am Vortag die Poularde mit der Brust nach oben auf die Arbeitsfläche legen. Keu-

len vom Rumpf her nach außen drücken, Haut zwischen Oberschenkel und Rumpf durchtrennen. Keulen nach außen biegen, vom Rumpf abtrennen. Bruststücke vom Rücken trennen. Haut von Geflügelteilen entfernen. Bruststücke nochmals quer mit einem Küchenmesser halbieren. Keulen im Gelenk in Ober- und Unterschenkel trennen, es ergeben sich acht Teile. Für die Marinade

200 g Möhren, 70 g Petersilienwurzel schä-

len, 100g Staudensellerie putzen. Gemüse schräg in drei cm große Stücke schnei- den, 200 g Zwiebeln, drei Knoblauchzehen pellen. Geflügelteile, Gemüse, Zwiebeln, Knoblauch, zehn weiße Pfefferkörner, zwei Lorbeerblätter, vier Stiele Thymian in einen

Gefrierbeutel (6 Liter Inhalt) geben, mit

700 ml trockenen Weißwein auffüllen, über

Nacht im Kühlschrank marinieren. Mari- niertes Fleisch mit dem Gemüse in einen Durchschlag über eine Schale geben, Ma-

rinade auffangen. Pfefferkörner, Lorbeer entfernen. Geflügelteile, Gemüse, Thymian trockentupfen. Geflügelteile rumdum sal- zen, pfeffern. Vier EL Öl, zehn g Butter in einem Schmortopf erhitzen, Brustteile mit Knoblauch darin von beiden Seiten bei mitlerer Hitze goldbraun braten. Fleisch herausnehmen, beiseite stellen. Nochmals zwei EL Öl, zehn g Butter in den Topf ge- ben, Keulenteile darin von beiden Seiten goldbraun braten. Möhren, Petersilienwur- zel, Zwiebeln dazugeben, mit 40 g Mehl bestäuben. Mit der Marinade und 500 ml Kalbsfond auffüllen, aufkochen, bei mil- der Hitze 30 Minuten offen kochen lassen. Brustteile, Staudensellerie und Thymian dazugeben. Zugedeckt weitere 15 Minuten schmoren lassen. 60 g geräucherten Speck in drei mm große Würfel schneiden. 200 g kleine rosa Champignons putzen. Zwei EL Öl, 20 g Butter in einer Pfanne erhitzen, den Speck bei milder Hitze darin auslas- sen. Temperatur erhöhen, die Champignons dazugeben, goldbraun braten. Salzen und pfeffern. Champignons und Speckwürfel auf das geschmorte Geflügel geben, das Gericht im Topf servieren.