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literatur

Tageszeitung junge Welt Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136

REPRODUKT

Verbrechen ohneVerbrecher: Neit- zel und Welzers vergeblicherVer-

such, die Wehrmacht zu entlasten.

VonThomas Dierkes

Seite 3

Vom Ghetto auf den Friedhof revo- lutionärerTräume: Anton Stengls Geschichte der K-Gruppen.

Von Christof Meueler

Seite 5

Hundeliebe im Exil: Leonardo Padura hat einen Krimi über den Mord an LeoTrotzki geschrieben.

Von Franziska Lüdtke

Seite 9

»How does it feel?«: KlausTheweleit läßt zwei Dutzend Autoren durch den Dylan-Kosmos cruisen.

Von Franz Dobler

11 junge W elt

Die Tageszeitung

Seite

Von Franz Dobler 11 junge W elt Die Tageszeitung Seite Philippe Dupuys und Charles Berberians Co-

Philippe Dupuys und Charles Berberians Co- mic-Held Monsieur Jean ist in Frankreich längst ein Klassiker. Höchste Zeit, daß er es hier auch wird. Sämtliche Illustra- tionen in dieser Beilage stammen aus dem Band »Vom Wahren des Gleichgewichts«, der gerade bei Reprodukt erschienen ist. Siehe Rezension Seite 8

Quer über einTal

Douglas Couplands kongeniale Biographie über den einstigen Popstar der Medienphilosophie Marshall McLuhan. Von Frank Schäfer

S eine Vorlesungen pflegte Mar- shall McLuhan mit Wortspielen und Witzen einzuleiten, einer- seits wohl um seine Studenten

aufzuwecken, andererseits um sie aus der Reserve zu locken, zu verstören, sie vorzubereiten auf das, was dann kam – seine »Explorations«, frei extemporierte, aphoristische Gedankenexperimente, die den Zweck hatten, Ideen auszuprobieren, um auf neue Ideen zu kommen. Einer dieser Witze geht so: »Zwei Navajo-In- dianer unterhalten sich mit Rauchzei- chen quer über ein Tal in Arizona. Mitten

in ihrem Plausch startet die Atomener- giekommission einen Atomversuch, und als der dicke Atompilz sich verzogen hat, schickt der eine Indianer dem ande- ren ein Rauchzeichen: ›Junge, Junge, ich

wünschte, ich hätte das gesagt.‹« Anschließend wird er mit einem rhe- torischen und intellektuellen Feuerwerk, dessen Leuchtkraft ihm längst die Gunst der Studenten und den Neid der Kollegen eingetragen hatte, den philosophischen Kern des Witzes illuminiert haben. Das Medium ist die Botschaft! Neue Techno- logien, vor allem auf dem Feld der Mas- senkommunikation, bewirken unabhän- gig von ihren Inhalten eine Veränderung der Wahrnehmung und des Denkens, sie evozieren neue Wirklichkeiten. »Wir for- men unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns.« Vermutlich ließ McLuhans mitreißen- de, zwischen Genialität und höherem Blödsinn changierende Performance das Mißverständnis entstehen, er sei ein flam-

mender Befürworter des kulturellen Fort- schritts, am Ende sogar ein Liberaler und Sympathisant der Hippies. Das Gegenteil war der Fall. Während seines zweiten Stu- diums in Cambridge und seiner eingehen- den Beschäftigung mit Gilbert K. Chester- ton konvertierte er zum Katholizismus. Er war ein Frömmler, ein elitärer, miso- gyner Erzreaktionär, der das Fernsehen, Boulevardmagazine, die allgegenwärtige Werbung, die ganze Massenkultur grund- sätzlich verabscheute und ihr doch eine gewisse Faszination zugestehen mußte, nicht zuletzt auch, weil ihm als Kind der Weltwirtschaftskrise ihr enormes monetä- res Potenzial ins Auge stach. Er haßte den elektronischen, medialen Fortschritt, aber er wollte ihn verstehen, um nicht im »Mahlstrom« unterzugehen.

»Um Ordnung in diesen aufgewirbelten Kosmos zu bringen, muß der Mensch dessen Zentrum finden.« In seinem Buch »The Gutenberg Galaxy« formulierte er erstmals so etwas wie eine Kulturtheo- rie. Am Anfang war die geschlossene Stammesgesellschaft, eine orale, emo- tional hochtemperierte Kultur in räum- licher Einheit. Mit dem Alphabet und der Verschriftlichung verliert die Spra- che ihre ursprüngliche Emotionalität, sie wird vereinheitlicht, zu einem abstrakten Zeichensystem. Durch die völlige Alpha- betisierung des Kollektivs infolge des Buchdrucks entsteht der emotional redu- zierte, vereinzelte, in linearen Kategori- en denkende »Gutenberg-Mensch«. Die

Fortsetzung auf Seite zwei O

Douglas Coupland: Mar- shall McLuhan. Eine Bio- graphie.Aus dem Ame- rikanischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. TropenVerlag bei Klett- Cotta, Stuttgart 2011, 222 Seiten, 18,95 Euro

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literatur

Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136 junge Welt

Türen aufmachen

»Aus sechs Leben«: Mit ihren Erzählungen ringt Anna Maria Jokl darum, das Undurchdringliche zu durchdringen. Von Christiana Puschak

Anna Maria Jokl:Aus sechs Leben. Jüdischer Verlag, Berlin 2011, 368 Seiten, 22,90 Euro

P ünktlich zum 100. Geburtstag

von Anna Maria Jokl ist im Jü-

dischen Verlag das Buch »Aus

sechs Leben« erschienen. Ein

Band voller unveröffentlichter und nicht mehr greifbarer Texte, herausgegeben und gut kommentiert von der Litera- turwissenschaftlerin Jennifer Tharr, die auch ein Nachwort beifügte. Ergänzt wird der Band um einen Essay der engen Freundin und Nachlaßverwalterin Itta Shedletzky. Entstanden ist eine Samm- lung von autobiographischen Aufzeich- nungen und Briefen, von Literarischem und Essayistischem, über wichtige und inspirierende Begegnungen und Freund- schaften mit John Heartfield, Albert Ehrenstein, Johannes R. Becher, Martin Buber und Samuel Beckett, die sich zu einem an Authentizität reichen Lebens- bericht verdichten.

Die drei Jahre vor Ausbruch des Er- sten Weltkriegs in Wien geborene Jüdin Anna Maria Jokl überlebte Flucht und Vertreibung durch die Nazis um den Preis einer Odyssee. »Geographisch re- gistriert waren es sechs Leben, immer an jeweiligen Brennpunkten unserer Epo- che«, schreibt sie: »Wien Berlin Prag

London Berlin (Ost) Berlin (West) Je- rusalem«. Das erste beginnt unter der Regentschaft des Kaisers Franz Joseph, und das letzte endet unter der Regierung von Ariel Scharon. Von immer neuen Anfängen berichtet sie, von Stationen und Begegnungen ihrer erzwungenen Irrfahrt, von Entwurzelungen, die sie als Befreiung empfindet, von Demüti- gungen und existentiellen Gefährdun- gen, aber auch von der Shoah als un- umkehrbarer Zeitenwende. In ihrer aus Anekdoten und Erinnerungsminiaturen bestehenden Sammlung »Essenzen« re- sümiert sie: »Es gibt keine Adresse, wo sich das eigenverantwortliche Individu- um beklagen kann über unsere Zeit.« Mit der im Ton eines Kindes gestellten Frage »Wie lange dauert eigentlich ein Leben?«, eröffnet sich der Reigen von Gedanken und Erkenntnissen in diesem Nachlaßband. Vielen Lesern ist Anna Maria Jokl durch ihre überaus lesenswer- ten und erfolgreichen Kinderbücher »Die wirklichen Wunder des Basilius Knox« und » Die Perlmutterfarbe«, letzteres ein Roman für fast alle Leute, bekannt. Weit weniger sichtbar sind ihre Enttäuschun- gen, Verletzlichkeiten, Einsamkeiten und

Ängste, die nunmehr in »Aus sechs Le- ben« ungeschminkt und unverstellt dem

Leser begegnen. So unter anderem, wenn sie über ihre einst enge Beziehung zu

die Er-

schütterung der Höhen und Tiefen und der schließliche Abbruch hatten mich gefühlsmäßig anästhesiert gelassen und vereinsamt, trotz lebhafter gesellschaftli- cher Kontakte.« Mit Offenheit und Nach- denklichkeit versucht die Autorin, sich ihrer selbst zu vergewissern: »Ich muß mir Türen aufmachen, wenn sie sich sonst nirgends zeigen. Ich muß mir einen Boden unter meine Füße schreiben, wenn mir der wirkliche zu unreal ist.« Im Schrei-

Johannes R. Becher schreibt: »

ben findet sie Heimat, ja, sie ist eine der Konstanten in ihrem Leben, obgleich sie sich gelegentlich »mit äußerster Disziplin« Texte abringen muß. Ein Ergebnis dieses Bemühens ist die Erzählung »Die Deu- tung«, in der es um nichts weniger geht als ein Nachdenken über die conditio hu- mana, über Liebe und Haß im Angesicht des Schreckens des Zweiten Weltkriegs:

»Alle Begriffe sind ins Wanken gekommen

neu

und müssen neu geschöpft werden,

erlebt und gefühlt werden.« Zeit ihres Le- bens setzt sie sich mit Sprache auseinander

und sucht den Dialog. Diese Bereitschaft zum Dialog findet in ihrer Erzählung »Butch« ihren Niederschlag und endet mit einem entwaffnenden Satz: »Man lernt ei- gentlich nie aus.« Der Wunsch nach neuem Sehen und Wissen führt sie an das C.G. Jung-Institut in Zürich, wo sie sich bereits nach zwei Semestern prüfen läßt. Daß ihr der Abschluß verwehrt wird, führt sie auf antisemitische Tendenzen bei Jung und seiner Mitarbeiterin Toni Wolff zurück. Sie selbst charakterisiert dieses bittere und schmerzvolle Erlebnis als »Nachholen eines Mini-Auschwitz«. Zeitlebens aber bleibt sie Jungs Theorien verbunden, auch in ihrer späteren Arbeit als Therapeutin. Alle in diesem Band vereinigten Texte zeigen auf je unterschiedliche Art und Weise Anna Maria Jokls beständiges Rin- gen, das scheinbar Undurchdringliche zu durchdringen und einen Wegweiser zu finden: »Wer scharfe Augen hat, der liest auf den auseinanderstrebenden Armen des Wegweisers: zur Barbarei oder zum Sozialismus. Von diesem Wegweiser laßt uns den Weg weisen, den einen, da es keinen dritten mehr gibt. Das Maß mißt uns die Inhalte, der Wegweiser weist den Weg.«

O Fortsetzung von Seite eins

elektronischen Medien haben nun einen weiteren (kultur-)evolutionären Sieben- meilenschritt zur Folge. Als Verlängerun- gen des Nervensystems sollen die neuen Kommunikationstechnologien, vor allem der Fernseher, die Rückführung des mo- dernen Menschen in die ursprüngliche Stammesgesellschaft, ins »globale Dorf« ermöglichen. Diese Pointe machte seine Theorie so anschlußfähig für die Hippies. Mithilfe der Elektronik eine Reise um die Welt herum machen zu können, um dann durch den Hintereingang wieder ins Paradies zu gelangen – das mußte ihnen gefallen. Daß dieses »globale Dorf« nicht unbe- dingt so paradiesisch ist, wie es zunächst scheint, das hat McLuhan früh prognosti- ziert. Dank seines feinen Sensoriums für »Mustererkennung«, wie es sein Biograph Douglas Coupland nennt, konnte er sich ziemlich gut einfühlen in eine virtualisier- te Welt, die es so erst dreißig Jahre nach seinem Tod geben würde. »Statt sich auf

eine riesige alexandrinische Bibliothek hin zu bewegen, ist die Welt ein Computer geworden, ein elektronisches Gehirn … Und so wie unsere Sinne sich nach außen begeben haben, so dringt der Große Bru- der in uns ein. Folglich werden wir, wenn wir uns dieser Dynamik nicht bewußt sind, schlagartig in eine Phase panischen Schreckens hineingeraten, was genau zu unserer kleinen, von Stammestrommeln wiederhallenden Welt, zu unserer völli- gen Interdependenz und aufgezwungenen Koexistenz paßt.« Unser Problem ist, wir sind schlicht nicht »vorbereitet worden, die Konsequenzen eines Stammes zu ak- zeptieren«. Douglas Coupland, dem man ebenfalls ein gewisses Talent bei der Mustererken- nung nicht absprechen kann, wenn man etwa an seine Ethnologie des Slacker- Prekariats in »Generation X« denkt, ver- sucht McLuhan, in seiner »Biographie« als eine Art Prophet des Internetzeital- ters wiederzubeleben, weil der das Un- behagen in der virtuellen Moderne »vor langer Zeit hat kommen sehen und weil

er die Ursachen dafür erkannt hat«. Sein Buch ist keine Hagiographie – McLuhans Schwächen und Charakterdefizite, etwa seine unsägliche Arroganz und Selbst- verliebtheit, verschweigt er nicht – aber doch eine Werbeschrift für McLuhans Werk. Deshalb drückt er sich auch um ei- ne Werkanalyse, um die erwartbare Kar- tografie seines theoretischen Kosmos’ ein wenig herum. Coupland ist eben kein Kulturphilosoph, sondern Schrift- steller, und so tauchen immer wieder die Attribute »kryptisch«, »hermetisch«, »schwer verständlich« auf, wenn es ans Eingemachte geht. Der eigentliche Grund für seine Zurückhaltung ist aber ein anderer: Man soll ihn selbst lesen, denn McLuhans schillernder, sentenzi- öser, enigmatischer Stil gehört unmittel- bar zum Verständnis dazu. »The Medium is the Message« – bzw. »Massage«, wie McLuhan später schreibt, um den irgend- wann zum Klischee geronnenen Satz zu ironisieren. Um den Massagecharakter des Werkes geht es Coupland vor allem. Er will McLuhans Bücher als literari-

sche Artefakte verstanden wissen, die den Leser eben auch noch an ihren völlig unergründlichen Stellen affizieren kön- nen – oder vielleicht gerade hier. Nicht umsonst war Joyces »Finnegans Wake« sein »Prüfstein, an dem er nahezu seine gesamte spätere Arbeit maß«. Couplands Buch ist auch formal ei- ne Einführung in McLuhans Werk, weil er dessen »Mosaikstil« frei adaptiert. Er schreibt keine stringente Gelehrtenbio- graphie, sondern dekonstruiert dieses Genre, indem er die eigentliche Lebens- beschreibung immer wieder unterbricht durch besonders exponierte Zitate, ei- gene Erzählungen, autobiographische Abschweifungen, kritische Glossen, amazon-Angebote der Werke, anagram- matischen Wortreihen mit McLuhans Na- men und Slogans etc. Selbstredend ist das poetologisch legitimiert. »Wenn eine Information sich an einer anderen reibt«, schreibt McLuhan, »ist das Ergebnis auf- rüttelnd und fruchtbar.« Und auch wenn das mal nicht der Fall ist, Spaß macht die Lektüre trotzdem.

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»Natürlich ist Roter Glamour ein hochpoliti- scher Kriminalroman, Dominique Manotti kann wohl gar nicht anders,und dafür muss man dankbar sein. Wie schon bei Letzte Schicht (3. Platz Deutscher Krimipreis In- ternational 2011) zeigt sie meisterlich die Verflechtungen von Politik,Korruption und illegalen Geschäften. Ihr journalistischer Schreibstil ist ihr Markenzeichen. Egal

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junge Welt

Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136

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I m April erschien bei S. Fischer die Stu-

die »Soldaten. Protokolle vom Kämp-

fen, Töten und Sterben«. Anfang Mai

war sie auf Platz vier der Bestsellerli-

ste des Spiegel. Eine Woche später schrieb Herfried Münkler in der FAZ: »Es ist ein großes Buch, das Neitzel und Welzer ge- schrieben haben.« Der Mainzer Historiker Sönke Neitzel und der Essener Sozialpsy- chologe Harald Welzer widersprechen in dieser Mentalitätsgeschichte der Deutung des Wehrmachtsoldaten als Weltanschau- ungskrieger – und verifizieren sie zugleich. Wie das? Der Widerspruch wird in der Ana- lyse geführt, die Bestätigung passiert (na- türlich wider Willen der Autoren) in den Quellen. Diese Quellen sind der Erwähnung wert: Neitzel stieß 2001 in den britischen Nationalarchiven auf Abhörprotokolle deut- scher Soldaten in britischer Kriegsgefangen- schaft. Die Geheimdienste versprachen sich

von dem Lauschangriff z. B. Informationen über Waffentechnologien – denn der Krieg war zu dieser Zeit noch im Gange. 2005 legte Neitzel die Auswahledition »Abgehört« mit knapp 200 Gesprächen deutscher Wehrmachtgeneräle vor. Kurz darauf hob er aus den Nationalarchiven der USA den nächsten Quellenschatz. Zu den rund 50 000 Protokollseiten der Briten kamen etwa 100000 aus Amerika hinzu. Während sich die Abhörspezialisten im Kö- nigreich eher mit der Elite der Wehrmacht befaßten, bildeten das Gros der Belauschten in den Vereinigten Staaten die »ganz nor- malen Männer« der kämpfenden Truppe. Der Quellenbestand aus den USA scheint noch nicht allzu weit erschlossen, denn für ihr neues Buch nutzen die Verfasser über- wiegend das Material aus England. Dies verwundert umso mehr, da sich ihre zen- trale These – die einfachen Soldaten waren keine Nazis – auf die niedrigen Dienstgrade bezieht. In dem stark mit Quellenzitaten durchsetzten Text verliert man allerdings schnell den Überblick, welcher Rang gera- de spricht. Diverse Zitate konnte man zu- dem bereits in »Abgehört« lesen. So eine (zugegebenermaßen markant abscheuliche) Aussage von Generalleutnant Maximilian Siry vom 6. Mai 1945: »Man darf ja das nicht laut sagen, aber wir waren ja viel zu weich. Wir sind ja jetzt in der Flasche mit

den ganzen Grausamkeiten. Hätten wir aber die Grausamkeiten hundertprozentig durch- geführt – die Leute restlos verschwinden lassen, dann würde kein Mensch was sagen. Nur diese halben Maßnahmen, das ist im- mer das Falsche. (…) Wir haben es ja gese- hen, wir können keinen Krieg führen, weil wir nicht hart genug sind, nicht barbarisch genug. Der Russe ist das ja ohne weiteres.« Die Verbindung von Gewalt und Ideolo- gie sei bei politischer und militärischer Füh- rung gut dokumentiert, erklären Neitzel und Welzer. Bei den einzelnen Soldaten könne man diesselbe Aussage allerdings nicht tref- fen. Zwei Seiten weiter: Diese handelten auf Weisung und ansonsten stünde das eige- ne Befinden im Vordergund, »nicht so sehr das, was anderen geschah, zumal jenen, die als rassisch ›niedrigstehender‹ definiert waren«. Hier ist also keine Verbindung von Gewalt und Ideologie zu sehen? Das Buch wimmelt von solchen Widersprüchen. Ein Soldat von vergleichsweise niedri- gem Rang, ein Obergefreiter, erzählt im Oktober 1944: »In einem Dorf in Rußland waren Partisanen. Da ist es klar, man muß das Dorf dem Erdboden gleichmachen, oh-

Da haben

ne Rücksicht auf Verluste. [

wir Bierflaschen mit Benzin gefüllt auf den Tisch gestellt und beim Rausgehen so ganz lässig Handgranaten dahinter geworfen. Da brannte gleich alles lichterloh – Strohdä- cher. Man hat Frauen und Kinder, alles nie- dergeschossen; die wenigsten davon waren Partisanen. Ich habe bei sowas nie geschos- sen, wenn ich nicht ganz genau gewußt habe, daß das überhaupt Partisanen waren. Aber es gab viele Kumpels, denen macht das ungeheuren Spaß.« Der Soldat grenzt sich nuanciert von sei- nen Kameraden ab, dennoch ist ersichtlich:

Das Wissen um, und die Zustimmung zu

]

ist ersichtlich: Das Wissen um, und die Zustimmung zu ] Die Wehrmacht in der Waschanlage »Soldaten«

Die Wehrmacht in der Waschanlage

»Soldaten« versucht, aus dem deutschen Vernichtungskrieg ein Verbrechen ohne Verbrecher zu machen – vergeblich, denn die eigenen Quellen fliegen den Verfassern um die Ohren. Von Thomas Dierkes

Kriegsverbrechen war in der Truppe weit verbreitet. Weiter belegen die Abhörproto- kolle, daß viele Soldaten detaillierte Kennt- nis der Judenvernichtung hatten. Keine der großen Erschießungsaktionen fand ohne Beteiligung der Wehrmacht statt. Anfang Februar 1944 berichtet ein Leutnant einem Oberfeldwebel: »Von der Behandlung der Juden in Rußland haben Sie wohl gehört. In Polen sind die Juden verhältnismäßig gut davongekommen. Da leben doch noch Juden. Im besetzten Rußland leben aber keine mehr.« »Ja, wurden die in Rußland als gefährli- cher betrachtet?« »Haß – nicht gefährlich. Ich verrate ja damit gar kein Geheimnis. Ich kann ja ru- hig sagen, daß sämtliche Juden in Rußland, einschließlich Frauen und Kinder, restlos erschossen worden sind.« »Ja, da liegt kein zwingender Grund vor?« »Der zwingende Grund ist Haß.« »Von seiten der Juden – oder?« »Von uns. Es ist kein Grund, aber das ist die Tatsache.«

Neitzel und Welzer werten den Dialog in seiner Lakonik als mustergültig für die Erklärung von Gewalt als Selbstzweck. Da- bei läßt die Formulierung hinsichtlich der dahinterstehenden Ideologie keine Zweifel offen: Juden gleich Haß. Ungleich Juden- haß? Die Autoren argumentieren so: Der »Re- ferenzrahmen« der die Handlungen von Soldaten bestimmt, ist der Krieg. Die Arbeit des Soldaten ist das Töten. Das ist auf allen Seiten in jedem Krieg so, deshalb »ist die Gewalt, die Wehrmachtsoldaten ausüben, auch nicht ›nationalsozialistischer‹ als die Gewalt, die etwa britische oder amerikani- sche Soldaten anwenden.« Nur bestimmte Aspekte im Zweiten Weltkrieg, sagen Neit- zel und Welzer, seien nationalsozialistisch gewesen, z. B. der Mord an den sowjeti- schen Kriegsgefangenen, oder die Vernich- tung der Juden. Sie gestehen zu, daß die Wehrmacht an allen Verbrechen beteiligt war. »Das sagt aber nichts darüber aus, ob und wie die einzelnen Soldaten in Verbre- chen involviert waren, und vor allem nichts darüber, welches Verhältnis sie selbst dazu

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hatten – ob sie solche Verbrechen willig oder mit Abscheu oder auch gar nicht verüb- ten.« Also ein Verbrechen ohne Verbrecher? Vollstrecker wider Willen? Natürlich stimmt es, daß nicht jeder ein- fache Soldat ein eigenständiger Motor des Weltanschauungskrieges war. Aber läßt sich beim Zweiten Weltkrieg auf seiten der Deutschen, speziell beim deutsch-sowje- tischen Krieg die Ideologie isoliert vom Modus der Kriegführung und diese wie- derum losgelöst von ihren Protagonisten betrachten? Wer war es denn dann, der in der Sowjetunion unter dem Vorwand der »Partisanenbekämpfung« ganze Regionen entvölkert und Gemeinden ausradiert hat; der über drei Millionen Kriegsgefangene er- mordet hat; mehr als zwei Millionen Juden vernichtet; noch auf dem Rückzug, nichts als »verbrannte Erde« zurückließ? Hitler ganz allein? Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Jan Philipp Reemtsma wurde 1997 von der Frankfurter Rundschau nach einem »Standard-Abwehrmechanismus« in den brieflichen Reaktionen auf die von ihm in- itiierte Wehrmachtsausstellung gefragt. Er antwortete: »Ich nehme an, daß im Zentrum der Abwehr der Satz steht: Kriege sind nun- mal so.« Das Verdienst der bahnbrechen- den Schau war es, den fünfzig Jahre lang beschworenen Mythos von der »sauberen Wehrmacht« medien- und öffentlichkeits- wirksam bis zur Kenntlichkeit zu beschmut- zen. Zum siebzigsten Jubiläum des Über- falls auf die Sowjetunion schicken Neitzel und Welzer die Wehmacht durch die Wasch- anlage. Dumm nur, daß der viele Dreck, den sie mit ihren Quellen hereingenommen haben, die Reinigungsbürsten an die Gren- zen der Belastbarkeit bringt. Letztlich fliegt ihnen der ganze Laden um die Ohren.

Sönke Neitzel/Harald Welzer: »Soldaten. Pro- tokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben«, S. Fischer, Frankfurt/Main 2011, 521 Seiten, 22,95 Euro

REPRODUKT

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Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136 junge Welt

Alain Badiou: Lob der Liebe.Aus dem Fran- zösischen von Richard Steurer. Passagen-Ver- lag,Wien 2011, 87 Seiten, 11,90 Euro

G anz anders als deutsche Islam- forscher wie Reinhard Schulze und Bevölkerungswissenschaft- ler wie Gunnar Heinsohn sieht

der kommunistische Pariser Philosoph Alain Badiou die Aufgaben der Revolution – und der Liebe. Zur Erinnerung: Die jugoslawischen Stu- denten besetzten im Sommer 1968 die Bel- grader Universität – und benannten sie in »Rote Universität Karl Marx« um. Als sie sich im Hof der Philosophischen Fakultät zusammen mit Schriftstellern und Künstlern versammelten, sagte die serbische Dichterin Desanka Maksimovi zu ihnen: »Merkt euch das Gefühl, das ihr jetzt habt, ihr werdet ein Leben lang davon zehren.« Kann man das? Von einem Moment, ei- nem Ereignis ein Leben lang zehren? Da- mals war das Ereignis des Zusammenströ- mens noch nicht einmal vorbei – im Ge-

genteil: »Sie wollten das erreichen, was die Väter ihnen immer nur versprochen hatten:

einen radikalen Umbau der Gesellschaft«, meint der serbische Regisseur Zoran Solo- mun, der damals – als Sechzehnjähriger – im Hof der Universität dabei war. Es ging dort also um die Dauer, d.h. um das Andauern des Aufstands, der Revoluti- on. Die Revolution von 1789 haben Betei- ligte ein »Aufblühen der Herzen« genannt. Man sagte und sagt das so dahin: Hoffent- lich siegt diese schöne, bisher fast unblutig verlaufene Revolution. Dabei ist es unter dem Aspekt ihres Andauerns (und Wirkens) egal, ob sie siegt oder verliert: In beiden Fällen ist sie nicht mehr. Der Augenblick, da alles möglich schien und alle Trennungen überwunden. Für Alain Badiou hat sie, die Revoluti- on, dies mit der Liebe gemein. Denn die Liebe ist für ihn der Versuch, dem Zufall einer Begegnung, dem Ereignis, Dauer zu verleihen. Und das Ereignis besteht u.a.in der Aufhebung aller von oben mit Macht durchgesetzten sozialen, ökonomischen, re- ligiösen, geschlechtlichen und generationel- len Trennungen. Der Philosoph Michel Foucault definierte die Freundschaft einmal als »die Summe all der Dinge, über die man einander Freude und Lust bereiten kann«. Das Problem, auf das die Homosexuellenbewegung nun ziele, sei »das der Freundschaft.« So brachte er das Problem der Dauer ins Spiel. Für Badiou löst sich dagegen das Problem der Dauer nicht im Übergang von der Liebe zur Freund- schaft, denn im Gegensatz zur Liebe braucht die Freundschaft keinen »körperlichen Be- weis«, sie ist das »intellektuellste Gefühl«. Was für ein Gefühl ist die Revolution, auf französisch gefragt: Wie fühlt sich ein über- all stattfindendes Aufblühen der Herzen an? Wir kennen das Gegenteil nur allzu gut: Das Zusammenziehen der Herzen, die Hart- und Kaltherzigkeit, den Herzinfarkt, ein Rasen, heftiges Pochen…

Die Revolution bringt demgegenüber ein Gefühl der Ausgeglichenheit zur Geltung, indem die innere Unruhe mit der äußeren ausbalanciert wird – sich harmonisiert (wie ein Fisch im Wasser?). Da das Innen wie das Außen aus Menschenleibern besteht, haben wir es mit Kollektivbildungen zu tun – mit einem »Werden«. Revolutionen gehen immer übel aus, »das weiß man doch«, sagt der Philosoph Gilles Deleuze, aber das hindert doch niemanden, sich gegen unerträglich gewordene Bedrük- kungen aufzulehnen: »Das Revolutionär- Werden ist etwas ganz anderes als die Revo- lution« – in der Geschichtsschreibung« Das

besteht«: sie ist ein »minimaler Kommu- nismus«. Worum geht es dabei? »Daß es in der Liebe die Erfahrung des möglichen Übergangs von der reinen Singularität des Zufalls zu einem Element gibt, das einen universellen Wert hat.« Dieser besteht für Badiou darin, daß die Liebe eine »Wahrheitskonstruktion« ist, bei der es um die Frage geht: »Was ist die Welt, wenn man sie zu zweit und nicht alleine erfährt?« Die Wahrheit »ist ganz einfach die Wahrheit über die Zwei«. Die Liebe ist demnach eine Art der Welterfahrung ausge- hend vom Unterschied, das »Paradox eines identischen Unterschieds«.

Aufblühen der Herzen

Hilft die Liebe beim »radikalen Umbau der Gesellschaft«? Alain Badious Versuch, Kommunismus als Love Story zu verstehen.

Von Helmut Höge

Kommunismus als Love Story zu verstehen. Von Helmut Höge Werden kommt durch Bündnisse zustande, es ist

Werden kommt durch Bündnisse zustande, es ist eine Vermehrung, die durch Anstek- kung geschieht, und sie geschieht im Plural. Badiou nennt dies »Kommunismus«, wobei er davon ausgeht, daß die Liebesge- schichten sich inmitten einer allgemeinen »Überschreitung« (durch die Revolution) ebenfalls überschreiten. »Ich verstehe un- ter ›kommunistisch‹ jedes Werden, das das Gemeinsame über den Egoismus, das kol- lektive Werk über das Eigeninteresse stellt.« Während das »eigentliche Subjekt einer Lie- be das Werden des Paares ist und nicht die Befriedigung der Individuen, aus denen es

Die Liebe ist für Badiou »immer die Möglichkeit, bei der Geburt der Welt da- beizusein. Die Geburt eines Kindes, das aus Liebe gezeugt wird, ist nur ein Beispiel für diese Möglichkeit.« Die Liebe »ist nicht einfach die Begegnung und die geschlosse- ne Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern eine Konstruktion, ein Leben, das nicht mehr ausgehend vom Gesichtspunkt des einen, sondern von zwei geführt wird.« Den »Verschmelzungswunsch« darin be- greift er als eine »radikal romantische Kon- zeption«, gegen die er einwendet, daß sie die Liebe quasi vorschnell mit dem Tod verbin-

det, indem diese sich bereits in einem außer- gewöhnlichen Augenblick der Begegnung verzehrt – »und man danach nicht mehr in die Welt, die der Beziehung äußerlich bleibt, zurück kann.« Über ihre »Dauer« sagt er, daß man dar- unter nicht verstehen soll, daß die Liebe dau- ert, »sondern daß die Liebe eine andere Art erfindet, das Leben zu überdauern.« Wobei sie natürlich will, »daß ihr Beweis das Be- gehren umfaßt. Die Zeremonie der Körper ist das materielle Pfand des Wortes, sie ist das, wodurch die Idee sich herausbildet, daß das Versprechen einer Neuerfindung des Le- bens gehalten wird und zuerst auf der Ebene der Körper.« Die Dauer beginnt mit dem ab- soluten Zufall der Begegnung, der zu einem bestimmten Zeitpunkt »fixiert« wird. »Die Liebeserklärung ist der Übergang vom Zufall zum Schicksal.« Sie ist »das Ver- sprechen, eine Dauer zu konstruieren, da- mit die Begegnung von ihrem Zufall befreit wird.« Wobei dieses Versprechen sogar eine Ewigkeitsbehauptung beinhaltet: für immer. »Ja«, fährt Badiou fort, »das Liebesglück ist der Beweis, daß die Zeit die Ewigkeit aufnehmen kann. Andere Beweise sind die politische Begeisterung, wenn man an einer revolutionären Aktion teilnimmt.« Deswegen stehen der Aufstand und die Liebe, »wie jedes Wahrheitsverfahren, am Ursprung von heftigen existentiellen Kri- sen«. Der Aufstand betrifft die Gemein- schaft, »die politische Aktion bringt das zur Wahrheit, wozu eine Gemeinschaft fähig ist. Z. B.: Ist sie zur Gleichheit fähig? Ist sie fähig, das zu integrieren, was ihr fremd ist? Zu denken, daß es nur eine Welt gibt? Das Wesen der Politik ist in der Frage enthalten, wozu die Individuen fähig sind, wenn sie sich versammeln, organisieren, denken und entscheiden. In der Liebe geht es darum, ob sie zu zweit fähig sind, den Unterschied an- zunehmen und produktiv zu machen.« Die Liebe ist nicht immer friedlich, sie kann sogar tödlich sein. Badiou hat sich in mehreren Theaterstücken darauf konzen- triert, Liebesbeziehungen, die während eines kollektiven Widerstandsaktes entstehen, auf die Bühne zu bringen: »In all diesen Stücken geht es keinesfalls darum, die Ähnlichkeit zwischen der Liebe und dem revolutionären Engagement deutlich zu machen, sondern um eine Art geheimer Resonanz, die sich auf der innerlichsten Ebene der Subjekte einstellt zwischen der Intensität, die das Le- ben erhält, wenn es gänzlich Engagement im Zeichen der Idee ist, und der qualitativ unterschiedlichen Intensität, die ihm die Ar- beit des Unterschieds in der Liebe verleiht.« Sie sind wie zwei »unterschiedliche Musik- instrumente«, die zu einem »harmonischen Zusammenklang« finden. Alain Badiou hat ihn persönlich – bei sich selbst – gefunden, eine Erfahrung, die ihm in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch als Beweis dient.

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junge Welt

Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136

literatur

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M ehr Dampf im Arbeiter- kampf! Das war nicht nur ein Werbespruch der Zeitung des verblichenen Kommuni-

stischen Bundes (KB). An dieser Parole arbeiteten sich in der Bundesrepublik der 1970er Jahre an die 100 000 Menschen ab. Sie wollten die Revolution befeuern und wurden Mitglied in den K-Gruppen, den seit 1968 neu entstandenen kommunisti- schen Gruppen, die sich mit einem ausge- prägten Hang zur Theatralik meistens als Parteien begriffen. Gemäß dem Bonmot von Rudi Dutsch- ke, daß am Realen Sozialismus alles real sei, außer dem Sozialismus, priesen sie die Volksrepublik China als das neue Vaterland der Werktätigen. Damit vollzogen sie das Schisma der kommunistischen Weltbewe- gung nach und zwar en miniature. Nach Stalins Tod 1953 hatte die KP China damit begonnen, sich von der neuen sowjetischen Führung abzuwenden, die ihr vergleichs- weise lasch, gar verräterisch vorkam, weil sie von Stalins Methoden des Massenter- rors nichts mehr wissen wollte. Mao Tse Tung versprach deutlich mehr Aufregung. Nach dem katastrophal mißlungenen »Großen Sprung nach vorn« politisch ge- schwächt, trat er 1966 die »Chinesische Kulturrevolution« los, die als große emanzi- patorisch gemeinte Jugendbewegung nicht nur Bürokratie und Schematismus bekämp- fen sollte, sondern auch seine innerparteili- chen Gegner. Das brachte ganz China völlig durcheinander, was den vielen antiautoritär orientierten Kräften in der Revolte der End- sechziger Jahre extrem produktiv vorkam. Sie kämpften ja auch gegen ihre Eltern, Lehrer und Chefs. Dieser Move verlor sich rasant in den K-Gruppen, die sich als überbolschewisier- te, autoritäre Kampfparteien gerierten, in denen nicht lang gefackelt werden sollte. Sie sahen sich allesamt als Nachfolger der KPD der Weimarer Republik, so als könnte die damals größte Kommunisische Partei der Welt außerhalb der Sowjetunion knapp 40 Jahre später magisch-spirituell wieder- geboren werden. Hierzu mußten als erstes Bärte und Haare gestutzt werden, damit man ungefähr so aussah, wie man sich das Proletariat vorstellte – in Arbeiterparteien fast ohne Arbeiter. Um die revolutionäre Klasse zu überzeugen, wurden viele Mit- glieder mit Flugbättern vor die Betriebsto- re und manche auch dahinter geschickt. Plötzlich war »Revolution machen«, wie man damals gerne sagte, eine superernste Angelegenheit. Von daher ist es konsequent, wenn Anton Stengl in seinem Buch »Zur Geschichte der K-Gruppen« Wert darauf legt, nicht anek- dotisch werden zu wollen. Bei ihm gibt es keine Dönekens über die Dienstwagenflotte für die Funktionäre des KBW, dessen Mu- sterbauernhöfe und das angeblich geplante Tankstellennetz in Norddeutschland. Stengl echauffiert sich auch nicht über die teilwei- se finanzielle Auspressung und sektenhafte Kommandierung der Mitgliedschaft oder über die gefälschten Nummernschilder und Tarnfirmen, um sich auf die befürchtete Ille- galisierung vorzubereiten. Derlei kann man ganz gut in »Das rote Jahrzehnt« (2001), dem Buch des früheren KBW-Funktionärs Gerd Koenen, nachlesen. Über die Psycho- pathologie des K-Gruppenlebens geben der Sammelband »Wir warn die stärkste der Partein« (1977) und »Stalins Enkel, Maos Söhne« (2005) von Andreas Kühn Aus- kunft. Letzteres Buch wirkt allerdings wie von der Konrad-Adenauer Stiftung bestellt und nicht abgeholt. Stengl dagegen bemüht sich um Objek- tivität. Er hat ein kleines Brevier des bun- desdeutschen Maoismus geschaffen, das sich auch gut als Einführungstext in den organisationsgeschichtlichen Wirrwarr der K-Gruppen eignet. Beispielsweise bringt es die KPD/ML, die als erste dieser Organisa- tionen 1968/69 gegründet wurde, im Laufe der Zeit auf sagenhafte 40 Abspaltungen. Warum eigentlich, ist selbst für Stengl nicht darstellbar. Allgemein gilt das Paradox, daß

Stengl nicht darstellbar. Allgemein gilt das Paradox, daß Bärte stutzen Kleines Brevier des bundesdeutschen Maoismus:

Bärte stutzen

Kleines Brevier des bundesdeutschen Maoismus:

Anton Stengl legt eine Geschichte der K-Gruppen

vor. Von Christof Meueler

die K-Gruppen sich in ihrer Programmatik kaum unterschieden, sich aber über ihr je- weiliges Programm in Abgrenzung zu den anderen definierten. Konsens war in ihnen die Ablehnung der UdSSR, die getreu der chinesischen Propa- ganda als »Sozialimperialismus« gegeißelt wurde und größtenteils als noch teuflischer als der US-Imperialismus eingeschätzt wur- de. Die KPD/Aufbauorganisation (AO) rief 1976 den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew sogar zum »Hitler von heute« aus und mißtraute der militärischen Kraft der NATO, ihm Einhalt zu gebieten: »Bür- gerliche Militärpolitik kann die nationale Verteidigung nicht sichern!« Stengl kann es auch heute kaum fassen: »Die (politisch doch gänzlich uninteressante) DKP wird

zur gefährlichen ›Agentur des sowjetischen Sozialimperialismus‹ erhoben und damit zum Hauptfeind im eigenen Land! Die ›Entspannungspolitik‹ der SPD-Regierung wird völlig falsch als Kotau vor der UdSSR gesehen (statt – wie man 1989 sehen konnte – als erfolgreicher Beginn kalter Erobe- rungspolitik) und entsprechend scharf kriti- siert.« Diese Aufbau-Kommunisten entwik- kelten einen Antisowjetismus, der den gän- gigen Antikommunismus der Rechten noch toppte. Entsprechend träumte man davon, die DDR abzuschaffen, »denn es gibt nur eine deutsche Arbeiterklasse, ein deutsches Volk und eine deutsche Nation«. Stengl fragt: »Kann hier nicht ein Ansatz zu Horst Mahlers rechtsradikaler Karriere liegen?« Bekanntlich lehnte es das ehemalige RAF-

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Roman gelesen hat, versteht

d das 20. Jahrhundert besser.

Unweigerlich verfällt man diesem Werk.«

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Mitglied 1975 ab, im Zuge der Entführung von Peter Lorenz durch die Bewegung 2. Juni aus dem Gefängnis freigepreßt zuwer- den, weil er sich als neuer Mann der KPD/ AO begriff. Die K-Gruppen wollten vom sogenann- ten bewaffneten Kampf nichts wissen, weil sie ihn für verfrüht hielten, solidarisierten sich aber mit de politischen Gefangenen und prangerten deren inhumane Haftbe- dingungen an. Sie favorisierten die bewaff- neten proletarischen Massen, hatten aber große Schwierigkeiten, die Arbeiterklasse überhaupt zu erreichen, mit Ausnahme von KB und KPD/ML, deren Mitglieder nicht ganz so studentisch sozialisiert waren. Und wer sich dafür entschieden hatte, Arbeiter zu werden, um seine neuen Kollegen zu agitieren, bewegte sich nicht gerade wie ein Fisch im Wasser, wie es Mao Tse Tung in seinem kleinen roten Büchlein einst ge- fordert hatte. Die mühsam gegründeten Betriebszellen wurden noch am ehesten von den Gewerkschaften wahrgenommen – durch Ausschlußverfahren und Unverein- barkeitsbeschlüsse, Stengl zählt insgesamt 1674 Auschlüsse für die 1970er Jahre. Die Versuche, eine »revolutionäre Gewerk- schaftsopposition« aufzubauen, endeten desaströs. Anders als in Italien hinkten die Maoisten in der BRD dem Wandel der Ar- beitsbedingungen durch Rationalisierung und Mikroelektronik hoffnungslos hinter- her, weil sie laut Stengl »in einer vorherge- sehenen Zukunft« lebten, in einem revolu- tionär ausgedeuteten Morgen. Sie »sahen, wenn überhaupt, die Gegenwart als schon vergangen an, also als bereits nicht mehr bestimmend«. Entsprechend konzeptlos wurde auf die Ökologiebewegung und andere soziale Be- wegungen reagiert. Kaum waren endlich Massen protestierend unterwegs, schon brachen die K-Gruppen in sich zusammen. Sie »lösten sich nicht auf, weil es keinerlei soziale und politische Proteste und Wider- stände mehr gab. Im Gegenteil. Diese Ver- eine konnten nur nichts damit anfangen«, schreibt Stengl. Nachdem man anfänglich noch durchaus militante Demonstrationen gegen den Bau von Atomkraftwerken in Brokdorf oder Grohnde organisiert hatte, wechselten viele Mitglieder in die neu entstehende Grüne Partei. Raus aus dem 0,1-Prozent-Ghetto, rein in den Friedhofs- garten revolutionärer Träume. Der erste grüne Ministerpräsident dieses Landes war früher im KBW und glaubt heute an Gott.

Anton Stengl: Zur Ge- schichte der K-Gruppen. Marxisten-Leninisten in der BRD der Siebziger Jahre. ZambonVerlag, Frankfurt/Main 2011, 207 Seiten, 10 Euro

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literatur

Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136 junge Welt

In den Fettecken

Jürgen Ploog über das Unterwegssein zwischen Berlin und New York. Von Jürgen Schneider

Jürgen Ploog: Unter- wegssein ist alles –Tage- buch Berlin-NewYork. [SIC]-Literaturverlag, Aachen / Zürich 2011, 151 Seiten, 19 Euro

E inmal war Jürgen Ploog, Jahr- gang 1935, dem Mainstream ganz nah. 1966 war’s, in Prince- ton, wo er ein Treffen der Grup-

pe 47 belauschen wollte. »Was machen Sie denn hier? fragte eins der Gesichter mit verächtlichem Zynismus & lächelnder Dreistigkeit, wie es Mode geworden ist in der Generation nach dem Krieg. Es roch nach schlaflosen Nächten, nach hektischen Sätzen & Wortfetzen, nach Rollkragenpullovern, nach Deutschland & bestenfalls nach dem alten Kontinent, nach hochgekrempelten Hemdsärmeln, nach Schläch- termienen, nach gutem & bösen Spiel.« Er versuchte, an den Aufpassern vorbeizu- kommen: »Gesichtskontrol- le, nichts drin«. Knapp zehn Jahre später schrieb Ploog an seinen Freund Walter Hart- mann: »You never know with these small publishers – but they are the only chance.« Da war Ploog längst zum transatlantischen Komplizen von William Burroughs ge- worden und hatte Cut-up als Methode für sich entdeckt:

»Mit einem Schnitt läßt sich das semantische Koordina- tensystem verschieben oder zum Einstürzen bringen. Durchkreuzen.« »›Beat‹ war für Burroughs verbunden mit einer existen- tiellen Gegenposition zur herrschenden Ideologie des American Way of Life, die auch in der Musik von Charlie Parker, den Arbeiten von Jackson Pollock & dem Charisma von Marlon Brando zum Ausdruck kam.« So heißt es in Ploogs jüngstem Werk »Unterwegssein ist alles – Tagebuch Berlin-New York«, das wie alle seine Bücher seit »Cola-Hinterland« (1969) nicht in einer »Fat-ass-Fabrik« (J. P.) erschien, sondern als »Fettecke No. 1« in dem neuen [SIC]-Literaturverlag. Bereits im April 2001 hatte Ploog an seine New Yorker Freundin Regina Weinreich geschrieben: »I have just sent my New York/Berlin diary to my agent.« In wie vielen Fettecken der Buchproduzenten, »deren Selbsterhaltungstrieb sie auf Be- währtes zurückgreifen läßt« (J. P.), das Manuskript gelegen hat, wissen wir nicht, es war jedenfalls lange unterwegs. Schnell ausgelassen über das Buch hat sich hin-

gegen eine Autorin der »Zeitung für den letzten linken Studenten«. Sie kann zwar

Burroughs nicht richtig schreiben, urteilt dafür aber: Ploogs Buch ist »ein bißchen

nostalgisch

sich stets vom Zeitgeist abschleppen läßt und sich der »Avongarde« (Tödliche Doris) verschrieben hat, dem müssen Ploog’sche Sätze wie dieser retro vorkommen: »Zum Teufel mit Übereinkünften, mit Tradition

ein bisschen retro«. Wer

weil ich sie gern erleben würde, oder wi- derfahren sie mir, weil ich sie aufgeschrie- ben habe?» In der Infrasprache der City, so Ploog, mischen sich Fakt und Fiktion bis zur Unkenntlichkeit. Und die Umstände sind ohnehin so, »daß im wahrsten Sinne des Wortes den ›eigenen Augen‹ nicht zu trauen ist«. Im Kern geht es dem einstigen Lang- streckenpiloten, der Briefe an Freunde schon mal mit »Jay le bird« unterschrieb, um das Unter- wegssein, um Zeit und Raum, Exterritorialität und Fremd- sein, um »das Weiterschreiben der Wirklichkeit jenseits der geographischen Fixierung«, wie es Walter Hartmann ein- mal formulierte. Ploog ist »auf haltlose Art unterwegs. Im

Der ewige Pilot,

der Passagier ohne Abreise & Ankunft. Dies Unterwegs ist kein Reisen, kein zwischen Or- ten sein, sondern Aufenthalt in einem ortlosen Raum.« Jeder Ort ist eine Durchgangsstation, und es gelingt der »Wahrneh - mungsmaschine« Ploog nicht festzustellen, wo er sich gera- de befindet. »Das Hier ist der Raum, der mich umgibt. Ver- gessen die Zeit, in die ich ein- geschweißt bin. Zwischen dem Hier & dem Nicht-Hier bewege ich mich. Das Hier wird stets von Abhängigkeiten verfälscht, Briefe schreiben, Essen ma- chen, ficken.« Verloren und ge- genwartslos zwischen Städten, das ist der virtuelle Zustand, in dem sich der Reisende bewegt. Freundschaften, so behauptet Ploog, seien etwas für Seßhafte. Und alles Seßhafte ist ihm noch heute zuwider, er habe kei- nen Ortssitz gesucht, »sondern die Abge- schiedenheit (von vier Wänden & einem Schreibtisch)«. »New York«, so Ploog, »ist so nah ge- rückt, als wäre Berlin eine seiner Vorstädte, früher hat man den Atlantik überflogen & ist auf einem anderen Kontinent & in einer anderen Megapolis gelandet. Mit der An- kunft wurde auch ein Teil der Vergangen- heit zurückgelassen. Heute fliegt man in die City, kauft ein, geht essen, übernachtet ein- oder zweimal und fliegt wieder ab. Man hat nur kurz den Schauplatz gewechselt.« Sitzt er im Flugzeug, versucht Ploog Berlin auf New York zu projizieren und umgekehrt. Irgendwo in Manhattan kommt Ploog die

REPRODUKT
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& Verpflichtung. Nichts IST. Das Ist-Kon- zept beruht auf einem sprachlichen Trick, einer Festlegung. Der Verrat beginnt, wenn es dir als Ausweg erscheint, dich auf Kom- promisse mit dem Bestehenden einzulas- sen.« Ploogs Buch, geprägt von diesem ei- gentümlichen Ploog-Sound, der nur sinn- lich erfahrbar ist und sich wie jeder gute Sound einer sprachlichen Fixierung ent- zieht, besteht aus zwei Teilen. Der erste, kürzere und von harten Schnitten geprägte ist überschrieben »Unterwegssein ist Alles – Nomadische Statements«. Der zweite Teil gibt sich als »Tagebuch Berlin-New York« zu erkennen und stützt sich auf ein tatsächlich geführtes Tagebuch der späten 90er Jahre. Dem mißtraut der Schreiber:

»Sind das Momente, die ich hinschreibe,

Nirgends

Gegend europäisch vor, europäisch in ihrer Dimensionalität. Und er theoretisiert, daß die Enge Europas eine Bewußtseinsenge ist, die den Raum kolonisiert, statt ihn zu gestalten. Am Bryant Park überkommt ihn das Gefühl, im Prater, Kastanienallee, Ber- lin zu sein. Derart sind die Ploog’schen Tagebucheinträge, weit entfernt von einem PR-Slang, wie er Reiseführern eigen ist. Metropolenschwingungen (New Yorker Art zumeist) sind es, die Ploog vor uns entfaltet, Wanderungen durch das nächtli- che Inferno der City. Hotelzimmer, Bars, der schnelle Griff eines Mädchens in den Hosenschlitz, Lichtintensitäten, Häuser- schluchten, U-Bahn-Fahrten. Hier und da finden sich Notizen über Ausstellungsbe- suche. Über Gauguin: »Er ist ein erstes Beispiel dafür, daß geografische, kulturelle Suche keine Erlösung bringt. Inzwischen sind 100 Jahre vergangen. Sie wirken wie ein kurzes Liderzucken der Geschichte.« Über Schwitters: »Schwitters ist ein Mei- ster mit einzigartiger Form- und Farbspra- che. (Enttäuschend Max Ernst; Dali nicht der Rede wert.) Erstaunliche Kälte bei Pi- casso. (Drei Balthus: Kulissen einer ande- ren Welt. Er sagt etwas, das wie ein Echo aus einem anderen Jahrhundert klingt.)« Crissy, Perita, Kikki, Lea & andere Frauen (sowie Replikanten) tauchen auf und wer- den unseren Blicken wieder entzogen. De- ren Beziehungen zum Schreiber Ploog und vice versa bleiben unterschiedlich unklar. Statt dessen ein Ausblick: »Verschwinde, & deine Sehnsucht wird Gestalt anneh- men.« Durchgangsstation Berlin. Kein Hype:

»Nirgends gewachsene urbane Räume. Das Monumentale ist nicht weiterzuführen & fürs Metropolitane fehlt die Geschäftig- keit.« Das soll er mal in Berlin so vortra- gen während einer Lesung, der Ploog. Da werden sich die Verfechter der Berliner Republik aber ereifern und aufs Heftig- ste widersprechen. Berlins Geschichte, so schreibt Ploog an anderer Stelle, ließe sich »nur in Traumsprache erzählen, ohne In-

eine Sprache, die

terpunktion & Syntax

über die Ruinen der Geschichte hinweg-

geht

in der Ahnungen & Gefühle mehr

wiegen als Befehle & Reglementierung. Feldpostbriefe, aus denen Verzweiflung & Grauen spricht.« Während Ploog am Ufer der Spree auf seinen Freund Harry H. wartet (der mal als Kurier bei den Amis gejobbt hat), sinniert er: »Als Berlin noch eine Agentenstadt war, hätten wir ein gutes Team abgegeben, schätze ich. Aber das ist vorbei. Jetzt ist Berlin langweilig wie jede Hauptstadt.«

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ein gutes Team abgegeben, schätze ich. Aber das ist vorbei. Jetzt ist Berlin langweilig wie jede

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Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136

literatur

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Wo das Leben noch lebenswert ist

Gewußt wie: Hartmuth Malorny publiziert neue Old School-Stories. Von André Dahlmeyer

D er in Wuppertal geborene Schriftsteller Hartmuth Ma- lorny gilt im deutschsprachi- gen Raum vor allem als pro-

funder Kenner von Johnny Cash. Dabei schreibt er nur bedingt Country. Man hat auch schon mal versucht, den heute 51jährigen mit dem Totschlagsaufmacher »Der U-Bahn-Bukowski« (ZDF) fertig- zumachen. Bei einem wie Malorny geht das raus, bevor es rein kommt: Exbun- desbahner, Teppichverkäufer, Thyssen- Sklave, Gleisbauer, U.S. Army, Pförtner, Sonderreiniger usf. Alles in Echtzeit. Ein ganz normaler Typ. Nach verschiedenen Romanen legt der Wahl-»Ruhrgebietsmetropolen«- Dortmunder nun einen Band mit zirka zwei Dutzend Stories vor. Zirka, weil der Leipziger Verlag augenscheinlich Inhalts- verzeichnisse spießig findet – und ich

zählen. Zu Beginn des Werkes werden wir von Briefkästen begrüßt, die »wirk- ten wie hastig aufgerissene Konservendo- sen«. Vielleicht hat jemand irgendetwas erwartet. Wir wissen es nicht. Vielleicht war Ostern, da bietet sich Postdiebstahl

immer an, schon wegen der Scheinchen. Es läuten die Glocken, aber das hat nichts zu bedeuten. An den Tramhalte- stellen werden gewissenhaft mit Natrium- chlorid bearbeitete Tickets verhökert, in den Hinterzimmern der Stampen der Wo - chenlohn beim 17 und 4 durchgebracht. Hier und da wird getrunken. Austrock- nung ist ein beschissener Tod. »Die kleine Kneipe in unserer Straße, / Da wo das Leben noch lebenswert ist. / Dort in der Kneipe in unserer Straße, / Da fragt dich keiner, was du hast oder bist.« (Peter Alexander) Aus Österreich kam für Deutschland nie etwas Gutes (Adolf Hitler, Hans Krankl usw.). Den- noch wischten 1971 die Bertelsmänner den biographischen Reißer »Gestatten, Peter Alexander« unters Volk. Malorny, könnte man sagen, ist ein offenbar immer noch nicht in die Wechseljahre gekom- mener Antipode zu Peter Alexander. Der wollte die deutschsprachige Welt einst mit seinem gesichtsgelähmten Gülledung retten, Malorny versucht’s erst gar nicht. Kneipen kommen vor bei Malorny, sogar sehr kleine, indes, heil ist die Welt dort nie

(und schon gar nicht lebenswert). Im be- sten Nelson-Algren-Stil heißt es: »Selbst ihre Räusche können sie nicht vernünftig genießen, weil sie nie wissen, was mor- gen sein wird.« Immerhin: Niemand hat Ehrgeiz – das ist ein Ansatz. Malorny läßt uns in der Weltgeschichte baumeln. Früher hieß das Marionetten- theater, heute Fernbedienung. Doch egal ob in Asien, New York, im Turin irgendei- nes abgefaulten Jahrhunderts – agiert und oder gesiecht wird in den vorliegenden Arbeiten immer in Mikrokosmen, sei es während Reflexionen über festgefahrene Rollen und häusliche Männergewalt in der sogenannten glücklichen Kleinfami- lie, in Bickfords Café der 42. Straße (Ma- lorny hat mal Herbert Huncke, den da- mals noch lebenden und heute vergesse- nen Namensgeber der »Beat Generation« besucht, es gibt ein schönes Poster davon, steht im Netz) oder im semi-klandesti- nen Schlachte- und Einmachkeller der Großeltern im ehemaligen Sumpfmoor Kamp-Lintfort mit noch handgefertigten Fleischerhaken. Wenn der Autor die prä- kohlschen Siebziger bemüht, mit an Wä-

scheleinen zappelnden Kaninchenfellen in der Reihenhaussiedlung (zu dieser Zeit gut situierte Mittelklasse), dann kommt man nicht umhin, sich daran zu erinnern, das damals, noch Mitte der 70er, die Hälf- te westdeutscher Steppkes Lederhosen trug – das war die Mode im ganzen Land. Diese Malornyschen Texte weisen vor al- lem deshalb einen angenehmen Retrochic auf, weil sie eben nicht Fernsehserien und anderen Schnickschnack als roten Faden bemühen, der bei den sogenannten »Pop«-Autoren in der Regel die ja nach- vollziehbare Erlebnisarmut verkleistert. Man kennt doch sehr wenige Popautoren, die es fertigbringen, Kanichenfabeln zu schreiben, ohne daß das saupeinlich en- det. Höhepunkt des Ganzen ist die formi- dable Story »Eddi und Karl«, in der zwei kauzige »alleinstehende« Zechen-Rent- ner mit Schnaps, Idee und Mumm be- schließen, Robert Crumb in den Staaten zu beerdigen, also jenen Schriftsteller, dessen Credo lautete: »Die Welt ist voller Scheißkerle, wir müssen fest zusammen- halten.« Slapstick at its best.

Hartmuth Malorny:

Sargtischler in NY und andere Stories. Edition PaperONE, Leipzig Ok- tober 2010, 186 Seiten, 11,95 Euro

Ausgerechnet Machatschkala

Die Protagonisten der Anthologie »Das schönste Proletariat der Welt« fahren in klapprigen Zügen über Land und kratzen am Bild eines neuen Reichs, das gern wieder so hell wie eine Zarenkrone leuchten würde. Von Kerstin Cornils

D aß Rußland selbst nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991

noch immer aus unendlichen Weiten besteht, weiß jedes Kind. Doch was sind im Zeital- ter der Billigflieger schon un- endliche Weiten? Im Zuge der Globalisierung schrumpfen viele Entfernungen auf einen professionell durchgezogenen Bordservice mit Butterbrezel zusammen. Kaum fällt noch ins Gewicht, ob kosmopoliti- sche Reisende ihren Cappuc- cino in New York, Moskau oder Tel Aviv bestellen: Flim- mernde Apple-Laptops, Turn- schuhe von Adidas und eine Option auf Sojamilch gibt es mittlerweile überall. In einer Welt, in der Orte sich ähneln wie Freilandeier, wird die Ka- tegorie des Raumes hinfällig. Wie eigentümlich ist es da, eine Anthologie junger Erzäh- ler aus Rußland aufzuschlagen und schon mit der ersten Erzäh- lung nicht etwa in einem Mos- kauer Oligarchen-Club zu lan- den, sondern in Machatschka- la. In ihrer Erzählung »Salam, Dalgat!« inszeniert die 1985 geborene Autorin Alissa Ga- nijewa die Hauptstadt von Dagestan als überbordendes Sammelsurium awarischer und lakischer Sprachfetzen, als gefährlichen Ort aufeinanderprallender Kulturen und Subkulturen. Während das Warenangebot des traditionellen Marktes mit seinen Himbeerhügeln und Hammel- kadavern von anheimelnder Vielfalt ist, mutet das Spektrum unterschiedlicher da- gestanischer Lebensentwürfe chaotisch

REPRODUKT
REPRODUKT

an: Neben jungen Mädchen in geschlitz- ten Röcken zeigen sich auf der Straße züchtige Kopftuch-Frauen, gelangweilte Alkoholiker trotten neben sittenstrengen Fusselbartträgern einher. Natürlich hat auch in Machatschka- la längst die Sprache der Werbeplakate

und die Macht der neuen Medien Einzug gehalten. Doch man liest hier andere Botschaften als in Moskau, »Schwester fürchte Allah – zieh den Hidschab an« zum Beispiel. Auch die Benutzung von Handys weicht in manchem Detail vom Gewohnten ab. So hat ein junger Mann namens Arip auf seinem Mobil- telefon nicht Songs von Lady Gaga gespeichert, sondern das mit Photoshop manipulierte Bild einer gehäuteten Tomate, auf der in arabischen Schrift- zeichen der Name Allahs erscheint. Unverhohlen separatistische Töne gibt sein Bekannter Kamil von sich: »Jede Sünde [ ], Sauna, Bestechung und was noch alles, kommt von Rußland, wir müssen die Scharia einführen und die Ungläubigen töten.« Von Dagestan aus betrachtet, ist Rußland kein triumpha- ler Zusammenschluß von Politik, Kirche und Kapita- lismus. Scharfkantig mar- kiert Ganijewa vielmehr die kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Dif- ferenzen einer Region, die das Zentrum längst an den Rand gedrängt hat. Igor Saweljew knüpft in seiner melan- cholischen »Eisenbahn-Pastorale« an die russischen Weiten an, die das Flugzeug angeblich entzaubert hat. Seine Prosa macht deutlich, daß die Kategorie des Raumes sehr wohl noch intakt ist, wenn

man jenseits der russischen Zentren lebt und nicht zur Elite zählt. Anders als Mos- kauer Wirtschaftsbosse steigen Leute mit wenig Geld eben meist nicht in das näch- ste Flugzeug, sondern nehmen tagelange Zugreisen auf sich. Elina wird vor ihrer Reise von Ufa nach Welsk von ihrer Mut- ter noch ganz altfränkisch mit Stullen aus- gerüstet. Ihr Ticket erlaubt ihr lediglich den Aufenthalt im »dritten Stock« des Zuges, in der Gepäckablage. Saweljews eindringliche Beschreibung einer schier endlosen Reise hat klaustrophobische, ja fast mythische Qualitäten. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi. Der Stil dieser Pa- storale ist »hart, kalt und wirklich« wie eine Fahrt auf der dritten Liege. Auch Polina Kljukina läßt durch ihre »Geschichten vom neuen Leben« graue Züge mit muffigen Wolldecken rattern. Waleri Petschejkin rückt in seiner nach dem gleichnamigen Instant-Messaging- Programm benannten Erzählung »ICQ« eine alte Frau mit mottenzerfressenem Haar in den Fokus, die glaubt, mit Hil- fe eines Taschkenter Internet-Cafés ihre verschollene Schwester wiederfinden zu können. Alexej Lukjanow widmet sich in »Hochdruck« einem Arbeiterkollek- tiv, das sich nach Paris absetzen will, während Denis Osokin Miniaturen über traurige Trambahnen und fliegende Hun- de schreibt. Die jungen Autoren der von Christiane Körner herausgegebenen An- thologie »Das schönste Proletariat der Welt« erzählen von einem Land, dessen Raum brüchig, dessen Mitte ausgehöhlt ist. Ganijewa bringt die Stimmung viel- leicht am gespenstischsten auf den Punkt. Bei ihr ist der zentrale Platz der Regio- nalhauptstadt dunkel und leer. Niemand hat sich darum gekümmert, die Straßen- laternen anzuschalten. Nur die Handy- Bildschirme leuchten in der Finsternis hellblau.

Christiane Körner (Hg.):

Das schönste Proletariat der Welt. Junge Erzähler aus Rußland. SuhrkampVerlag, Berlin 2011, 210 Seiten, 12 Euro

REPRODUKT

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literatur

Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136 junge Welt

Retroschick wegkonsumieren

Aus alt macht neu: John Cheevers »Die Lichter von Bullet Park« sind in einer neuen Übersetzung

erschienen. Von René Hamann

John Cheever: Die Lich- ter von Bullet Park.Aus dem Amerikanischen vonThomas Gunkel, Du- MontVerlag, Köln 2011, 254 Seiten, 19,99 Euro

J ohn Cheever hatte es nicht leicht. Zwar erhielt er gleich für seinen ersten Roman »Die Geschichte der Wapshots« den National Book

Award, das war 1958, aber an diesen frühen Erfolg konnte er lange nicht an- schließen. Jungspunde wie Philip Roth überholten ihn, seine Ehe war ein De- saster, seine Bisexualität konnte er sich selbst lange nicht eingestehen, und auch seinen Alkoholismus konnte er lange nicht überwinden. Erst in den siebziger Jahren schaffte er Outing und Entzug, prompt kam späte Anerkennung, aber

schließlich starb er schon 1982 an Krebs. Auch sein Buch »Die Lichter von Bul- let Park«, im Original 1969 erschienen, hatte es schwer. 1969 waren die kulturel- len Umwälzungen in Amerika in vollem Gange, und auch wenn der Roman immer wieder Bezug auf diese Veränderungen nimmt, im Wesentlichen handelt »Bullet Park« von den für Cheever klassischen Themen: Nämlich dem in den fünfziger Jahren geborenen amerikanischen Traum vom geordneten Leben in der Vorstadt, den Suburbs. Oder vielmehr den Schat- tenseiten dieses Traums: der Tristesse,

vielmehr den Schat- tenseiten dieses Traums: der Tristesse, der Sinnlosigkeit, den spießigen Zwän- gen, zerrütteten

der Sinnlosigkeit, den spießigen Zwän- gen, zerrütteten Ehen und dem Alkohol, mit dem alle sich zu betäuben und zu trösten suchten. »Bullet Park« ist so eine typische ame- rikanische Vorstadt, natürlich an einer Bahnstation mit Anschluß an New York gelegen. Im ersten Teil des Romans er- fahren wir die Geschichte eines Manns namens Nailles. Nailles ist der prototypi- sche Bewohner dieser Vorstadt: ein ehrba- rer Mann, verheiratet mit einer schönen Frau, Vater eines Sohns, Hundebesitzer. Aber eines Tages zeigen sich Risse im zu- rechtgezimmerten Leben dieses Manns. Besonders sein Sohn, der sich eines Tages weigert, sein Bett zu verlassen, um weiter zur Schule zu gehen, macht ihm Sorge. Die Depressionen seines Sohns versteht er nicht – er flüchtet seinerseits in eine Medikamentenabhängigkeit. Sein Sohn schließlich wird von einem undurchsich- tigen Guru kuriert. Vorerst scheint sich alles wieder eingerenkt zu haben. Aber da wäre noch der neue Nach- bar, dem sich Nailles auf schicksalhafte Art und Weise verbunden fühlt. Der neue Nachbar nämlich heißt Paul Hammer. Hammer und Nailles, Hammer und Na- gel. Der zweite Teil des Romans widmet sich nun ausführlich dem Leben dieses Hammers – der ebenfalls auf einem ewi- gen Schlingerkurs in Richtung Abgrund zu sein scheint. Dazwischen wird etwas gevögelt, werden viele Drinks zu sich genommen. Eine der lustigsten Passagen erzählt, wie Nailles’ Frau Nellie einen Ausflug in die große Stadt unternimmt und in eine Demonstration gerät, in der »unflätige Wörter« auf Schildern gemalt

stehen. »Ein paar Studenten umkreisten den Teich mit Plakaten, auf denen FIK- KEN, SCHWANZ oder FOTZE stand. Nellie fragte sich, ob sie wahnsinnig ge- worden sei.« Beworben wird das Buch übrigens nicht nur mit einem Zitat von Philip Roth, sondern auch mit einem Verweis auf die erfolgreiche US-Fernsehserie »Mad Men«. Tatsächlich sind die Parallelen unübersehbar: Verlogenheit, Reichtum, Saturiertheit, Alkoholsucht, dabei beste Ausstattung, darum geht es in beiden Werken. Die amerikanische Gesellschaft in den sechziger Jahren; eine Gesellschaft in Technicolor mit Doris Day als Lustob- jekt. Das Problem von »Bullet Park« lag im schlechten Timing: Es erschien zu ei- ner Zeit, in der diese Gesellschaft sich be- reits heftig wandelte. Mittlerweile ist das Timing allerdings egal: Cheevers Romane können wie »Mad Men« irgendwie retro- schick wegkonsumiert werden, weil sie von einer schillernden, abgründigen, aber eben untergegangenen Welt erzählen, die in ihrer Abgründigkeit wieder an Reiz gewonnen hat. Wenn überall Rauchverbo- te und Gesundheitsfaschismus herrschen, kann besinnungslose Selbstzerstörung wieder mit Glamour aufgeladen werden. Aber das ist im Falle von John Cheever gar nicht das Wesentliche. Das Wesentli- che ist sein Stil. Cheever war ein brillan- ter, weil unglaublich eleganter Erzähler, voller kleiner, schillernder Ideen, und einer geschmeidig angepaßten Sprache. Übersetzt wurde »Bullet Park« schon ein- mal, jetzt hat das Haus DuMont eine Neu- übersetzung vom Stapel gelassen. Lesen schadet nicht.

Philippe Dupuy & Char- les Berberian: Monsieur Jean 7. Vom Wahren des Gleichgewichts. Repro- dukt, Berlin 2011, 48 Sei- ten, 15 Euro Sämtliche Abbildungen in dieser Beilage sind mit freundlicher Genehmi- gung desVerlags diesem Band entnommen.

M anche Dinge werden nie lang- weilig, Eifersucht zum Beispiel. Und was Comics können, kön-

nen nur Comics: Kleine Wolken, in denen Gedanken zu lesen sind, gibt es sonst nir- gends. Zusammen mit einem Pärchen, bei dem eine Menge, aber selbstverständlich nicht alles stimmt, sowie einem gewissen Gespür für Alltagspointen kann man so auf einer einzigen Comicseite einen recht or- dentlichen Interaktionsknoten binden: aus Schweigen und Reden, Sagen und Meinen, enttäuschten Erwartungen und einer ganzen Palette von Emotionen. Das französische Comic-Autoren-Zeich- ner-Team Philippe Dupuy (Jahrgang 1960)

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„Die Uno kann Personen, die des Terrorismus verdächtigt werden, auf eine Sanktionenliste setzen. Der verstorbene
„Die Uno kann Personen, die des
Terrorismus verdächtigt werden,
auf eine Sanktionenliste setzen.
Der verstorbene NZZ-Journalist
Victor Kocher zeigt in seinem Buch,
zu welchen bürgerrechtswidrigen
Zuständen dies führen kann.“
(Neue Zürcher Zeitung)
Victor Kocher
„Wer kurz nach den Anschlägen
vom 11. September 2001 solche Sät-
ze geschrieben hätte, wäre in gewis-
sen Medien und politischen Kreisen
als Ketzer di amiert worden.“
(Tages-Anzeiger)
TERRORLISTEN
Die schwarzen Löcher
des Völkerrechts
www.mediashop.at
ISBN 978-3-85731-323-6, br., 224 S.,
16,90 Euro, 28,50 sFr.

Halb so schlimm

Monsieur Jean und seine Freunde: Ein Kultklassiker entwickelt sich und geht mit »Vom Wahren des Gleichgewichts« in die nächste Altersrunde. Von Michael Saager

und Charles Berberian (Jahrgang 1959) zeigt seit 1991 mit seiner in Frankreich berühmten und mittlerweile in zahlreiche Sprachen übersetzten Reihe »Monsieur Jean«, wie so etwas geht. Im Mittelpunkt der Serie, deren siebter Teil den passenden Titel »Vom Wahren des Gleichgewichts« trägt, steht, na klar, der knopfäugige Held selbigen Namens. Monsieur Jean, der ge- meinsam mit seinen beiden Erfindern altert und inzwischen annähernd Mitte Vierzig sein dürfte, hat es immer noch nicht leicht. Nun ist Scheitern aber nicht gleich Schei- tern. Dupuy-Berberian, die in ihren locker aufeinander aufbauenden Bänden persön- liche, vom eigenen Leben inspirierte Ge- schichten erzählen – »Anekdoten, die uns selber oder unseren Freunden widerfahren sind« –, meinen es im Grunde gut mit sich, das heißt mit Jean, dem nicht allzu erfolg- reichen Schriftsteller und leicht unbeholfe- nen Familienvater. Wenn Jean ausgerechnet in seiner Lieb- lingsbäckerei beim Brötchenkauf scheitert oder ihn beim Besuch eines Stadtparks mit seinem Töchterchen Paranoia und Panik packen – dann ist das eigentlich alles halb so schlimm. Und so bezieht der Band die Fallhöhe seiner Komik eher aus sachten Übertreibungen, nicht selten aus Projektio- nen unseres Helden. Es ist der milde Wahn übersteigerter Empfindungen, den vermut- lich jeder kennt. Man betritt das im eleganten Ligne- Claire-Stil gehaltene, präzise konturierte

und flächig kolorierte Pariser Mini-Sozio- top mit seinen abstrahierten und immer sympathischen Figuren sehr gerne und bleibt ebenso gerne am Ball, vor allem wenn man in Jeans Alter und dem seiner Freunde ist. Dann versteht man die vom ewigen Alleinsein schwer frustrierte Agnes sehr gut. Oder Felix, der sich für einen jun- gen Hüpfer und Weiberhelden hält, aber die Einsicht nicht länger verdrängen kann, daß er auf dem besten Wege ist, ein alter Sack zu werden. Was soll man sagen? Daß Dupuy-Ber- berian sämtliche Register tragikomischer

Klischees französischer Beziehungsfilme der letzten 50 Jahre ziehen? Daß sie Woody Allen zitieren? Sicher tun sie das. Doch sie sind sehr gut darin. Und sie lieben ihre Fi- guren. Und setzen die Pointen der Episoden sicher an den richtigen Stellen. Und wenn Cathy versucht, Jean mit der Geschichte eines supererfolgreichen alten Freundes, mit dem sie gerade essen war, eifersüchtig zu machen, darf sie ihre Absicht natürlich nicht verraten. Und Jean darf keinesfalls zugeben, daß er genau das ist: höllisch ei- fersüchtig. Und eben so spielt das Leben. Wenn’s gut läuft.

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Ausgabe Mai-Juni 2011 Kurt Gossweiler und Fritz Dittmar zur Kommunismus-Debatte in der jW (Pätzold, Holz,

Ausgabe Mai-Juni 2011

Kurt Gossweiler und Fritz Dittmar zur Kommunismus-Debatte in der jW (Pätzold, Holz, Hager/Steigerwald/Brenner), Ingo Niebel über die Orientierung zu Venezuela, die KKE über China, ein Gespräch zwischen Hermann Jacobs und Frank Flegel über aktuelle Fragen zur cubanischen Revolution, dazu Berichte und Recherchen zu Libyen, Belarus, zum Mord an Bin Laden, zur angeblichen Rücknahme des Goldstone-Reports, zur Atomenergie und zum Übergang der KPD(B) in die KI.

108 Seiten, Spendenempfehlung 3,- €, Erhältlich im Kleinen Buchladen in Berlin, Karl-Liebknecht-Haus, oder direkt bei uns:

in Berlin, Karl-Liebknecht-Haus, oder direkt bei uns: Offensiv, F. Flegel, Egerweg 8, 30559 Hannover, Tel/Fax:

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literatur

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D er kubanische Autor Leo- nardo Padura ist bekannt für seine gesellschaftskritischen Krimis. Sein neuer Roman

»Der Mann, der Hunde liebte« dreht sich jedoch um einen Fall, dessen Ausgang jeder kennt: den Mord an Leo Trotzki. »Ich wollte die Geschichte des Mordes

an Trotzki dazu benutzen, über die Per- vertierung der großen Utopie des 20. Jahrhunderts nachzudenken, jenes Pro- zesses, in den viele von uns ihre Hoff-

«, schreibt Pa-

dura in seinem Nachwort. Dazu ist die Geschichte dieses absur- den Mordes bestens geeignet, auch weil Padura sie hervorragend erzählt. Auf drei Erzählebenen entwickelt er die Vor- und Nachgeschichte eines Verbrechens, des- sen Ausgang jeder kennt: Der katalani- sche Kommunist Ramón Mercader er- stach Leo Trotzki am 21. August 1940 in Coyoacán, Mexiko, mit einem Eispickel. Im Mittelpunkt jeder Ebene steht ein Mann, der Hunde liebt. Die Liebe zu Hunden ist auch das einzige, was die drei miteinander verbindet: Über seine selte- nen russischen Windhunde kommt der desillusionierte ehemalige Schriftsteller Iván Cárdenas Maturell 1977 an einem ku- banischen Strand mit einem Fremden ins Gespräch, der ihm die Geschichte Ramón Mercaders erzählt. Mercaders Liebe zu Hunden veranlaßt den Hundeliebhaber Trotzki, ihm Zutritt zu seinem Haus zu gewähren, obwohl er ihm nicht traut. Iván, die einzige fiktive Hauptfigur des Romans, ist der Ich-Erzähler des kubani- schen Erzählstranges. Padura hat seine Lebensgeschichte aus mehreren kubani- schen Biographien konstruiert und läßt ihn die Geschichten Trotzkis und Merca- ders im Wechsel mit seinem eigenen Le- ben erzählen. Nach einem frühen literari- schen Erfolg fällt Iván wegen eines nicht ganz linientreuen Textes in Ungnade und versaut sich seine Karriere. Ihm fehlt der Mut zur Rebellion, und so gibt er das Schreiben auf und findet eine Nische als Redakteur einer veterinärmedizinischen Zeitschrift. Die Trotzki-Ebene setzt ein an dem Tag, an dem Trotzki in Alma-Ata die Nachricht von seiner Verbannung aus der Sowjetunion erhält. Der Leser folgt Trotzki durch die Stationen seines Exils von der Insel Prinkipo bei Istanbul nach Frankreich, Norwegen und schließlich nach Mexiko. Man lernt ihn kennen als unbeugsamen Kämpfer für seine Ideale,

nungen investiert hatten

Für die Sache

Leonardo Padura hat einen mitreißenden Krimi über den Mord an Leo Trotzki geschrieben.

Von Franziska Lüdtke

teilt seine Wut und Frustration über sei- nen ständig schwindenden Einfluß, das Entsetzen über den Weg der Sowjetunion in den Sumpf des Stalinismus, die Trauer um ermordete Genossen und Familien- mitglieder. Padura zeichnet Trotzki nicht als Märtyrer des Stalinismus, sondern als ambivalente Persönlichkeit. Noch im me- xikanischen Exil verpaßt er keine Gele- genheit, seine wenigen verbliebenen An- hänger mit schneidenden Bemerkungen einzuschüchtern und auf Kurs zu bringen. Aber andererseits ist er ehrlich genug, seinen eigenen Anteil am Untergang der Revolution in Terror und Blut zuzuge- ben – wenigstens vor sich selbst. Ramón Mercaders Geschichte beginnt mit dem Moment, als er sich 1937 von sei- ner Mutter Caridad für den NKVD rekru- tieren läßt. Ohne wirklich zu wissen, wor-

auf er sich einläßt, verspricht er, alles für »die Sache« aufzugeben, nur um seiner Mutter zu beweisen, daß er kein Schwäch- ling, sondern ein überzeugter Kommunist ist. Wenige Tage später beginnt seine drei- jährige Ausbildung zum Killer im Auftrag des NKVD. Unter Anleitung seines Men- tors Leonid Eitingon lernt Ramón, gegen seine Instinkte zu handeln, Identitäten zu wechseln, perfekt zu lügen, feindliche Verhöre ohne Preisgabe von Informatio- nen zu überstehen, Nahkampfmethoden und vor allem bedingungslosen Gehor- sam. Allmählich verliert er sich selbst im Kampf für das, was er für die Sache hält. Kurz vor dem Attentat, auch ausgelöst durch die Begegnung mit Trotzki, beginnt Ramón am Sinn seines Auftrages zu zwei- feln. An dem Tag, als er ihn ausführt, ist er sich sicher, daß alle »politischen«

Begründungen, die man ihm gegeben hat, Lügen sind. Dennoch führt er ihn aus und bezahlt dafür mit 20 Jahren Haft, dem Verlust seiner Identität, seiner Seelenruhe und seiner Ideale. Padura schafft es, dem Mörder, über dessen Persönlichkeit viel weniger bekannt ist als über die seines Opfers, nachvollziehbare Motivationen und sympathische Züge zu verleihen. Als Leser wünscht man sich bis zuletzt – wi- der besseren Wissens – Ramón möge ir- gendeinen Weg finden, Trotzki nicht um- zubringen und sich selbst zu retten. Aber das ist von vornherein ausgeschlossen. »Der Mann, der Hunde liebte« ist ein Buch, an dem es wenig auszusetzen gibt, was auch daran liegt, daß Padura platte Schuldzuweisungen und Schwarzweiß- malerei konsequent vermeidet. Statt des- sen zeigt er die Komplexität der Verhält- nisse und Personen, vermeidet aber auch jede Relativierung. Nur ganz am Ende buchstabiert er die Moral ein bißchen zu detailliert aus. Wer das Buch bis dahin ge- lesen hat, kann sich den Rest auch selber denken. Und irgendein Lektor hätte sich ruhig um eine einheitliche Transliteration russischer Namen bemühen können, die teils der spanischen und teils der deut- schen Schreibweise folgen. Aber das fällt gegenüber 730 Seiten extrem spannender Erzählung nicht weiter ins Gewicht.

Leonardo Padura:

Der Mann, der Hunde liebte.Aus dem Spani- schen von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich 2011, 730 Seiten, 28,90 Euro

Unionsverlag, Zürich 2011, 730 Seiten, 28,90 Euro Revolutionsgetümmel Vor 15 Jahren bekam Robert Hültner den

Revolutionsgetümmel

Vor 15 Jahren bekam Robert Hültner den Deutschen Krimipreis, für »Kommissar Kajetan und die Sache Koslowski«, ein als Krimi getarntes Geschichtsbuch, das jetzt als Graphic Novel erscheint. Von André Weikard

D er spitzbärtige Kommissar er- mittelt im Winter 1918/1919. Und seine Untersuchungen füh-

ren ihn auf die Spur der Hintermänner des Attentats auf Kurt Eisner, den Va- ter der Münchner Räterepublik. Beiläu- fig ergeben sich aus der Erzählung die politischen Zusammenhänge der Zeit, das Milieu. Genau hier setzt 2011 eine Neuauflage des Romans an. Aus dem Krimi wird eine Graphic Novel. Zeich- ner Bernd Wiedemann bringt die Bil- der, die Hültner im Kopf entstehen ließ, zu Papier. Da sind sie, die wuchtigen,

kräftigen Arbeiter mit ihren Mützen, wie sie sich auf der Theresienwiese ver- sammeln, um die Republik zu forden, oder wie sie in den Kneipen mit den Maßkrügen anstoßen, um die Flucht des Königs zu feiern. Da sind aber auch die dickbäuchigen Monokelträger mit ihren Zigarren, die Kriegsgewinnler mit

ihren Champagnergläsern, denen die be- handschuhten Frauen unter das Jackett fassen, vielleicht um es aufzuknöpfen, vielleicht, um nach der Brieftasche zu tasten. Das Papier, auf das die schwarz-weiß- Zeichnungen gedruckt sind, ist fest und rauh. Und manches Mal erwischt man sich beim Durchblättern dabei, wie man auf die eigenen Fingerkuppen schaut, ob sie nicht schmutzig geworden sind, von den abgebildeten Kohlezeichnungen. Die sind ganz unterschiedlich ausgear- beitet, mal kaum mehr als hingeworfene Skizzen, verwischte Szenen aus dem Re- volutionsgetümmel, mal sind sie ganz detailverliebt. Dann vor allem, wenn es um die Mimik der Protagonisten geht, wenn es darauf ankommt, jedes Stirnrun- zeln im Gesicht des hageren Inspektors abzubilden, seine zusammengekniffenen wachen Augen oder sein Entsetzen.

Kajetan gelingt im Krimi, was in Wirklichkeit nie recht bewiesen werden konnte, nämlich der Nachweis, daß der Eisner-Attentäter Graf Arco-Valley enge Verbindungen zur völkischen Thule-Ge- sellschaft hatte, einem rechten Geheim- bund mit Anhängern unter den höchsten Militärs. Für die Graphic Novel bedeutet das eine große Erklärlast. Nicht nur die Krimihandlung, auch die Hintergründe müssen verständlich gemacht werden, die historische Situation – und all das auf so wenig Platz. Da wird vieles ober- flächlich, einiges ist ohne Vorkenntnisse schlicht unverständlich. Der Text drückt sich verschämt in die Ecken, schwarz- auf-weiß oder weiß-auf-schwarz, nie in Sprechblasen. Daß das nicht zum Pro- blem wird, ist allein den Zeichnungen von Bernd Wiedemann zu verdanken. Sie fangen mit ihrer düster-atmosphärischen Dichte auf, was textlich nicht zu leisten ist. Mehr noch: Sie vermitteln ein Gespür für eine Epoche, das sich mit Worten gar nicht fassen ließe. Ob dazu realistische Nachahmungen von Fotografien aus der Zeit nötig sind oder zeichnerische Zu- spitzungen, die manchmal beinahe zu Karikaturen werden – Wiedemann zieht alle Register, um zu beleben, was seit fast einhundert Jahren vergangen ist. Wer spannende Unterhaltung sucht, der möge

sich lieber Hültners Krimi kaufen. Wer das schon getan hat oder sich optisch ein- stimmen lassen will auf das München in der kurzen Zeit, als Bayern Freistaat und Republik war, der macht mit einem Kauf der schön aufbereiteten Graphic Novel alles richtig.

Robert Hültner/Bernd Wiedemann: Kommissar Kajetan und die Sache Koslowski. Deutsche Verlags-Anstalt, Mün- chen 2011, 112 Seiten, 24,99 Euro

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Schon der Gott der Bibel war Volkszählungsgegner und schickte als Strafe dafür dem König David eine Pestilenz (2. Samuel 24.I.) übers Land. Ob es sich da- bei um ein Darmbakterium namens EHEC handelte, ist nicht bekannt.

Unerläßliches Zubehör zur Volksausfragung:

nicht bekannt. Unerläßliches Zubehör zur Volksausfragung: Dietrich Kittner: Der Widerspänstigen Zählung, 72 Seiten

Dietrich Kittner:

Der Widerspänstigen Zählung, 72 Seiten mit einer Live-CD. ISBN 978-3-924526-35-1, 11,95 €

edition logischer garten, Bischof- sholer Damm 88, 39173 Hannover Fax: 05 11/2 83 49 80 E-Mail: elgkittner@aol.com

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Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136 junge Welt

Bestens integriert

Der Koch und Schriftsteller Vincent Klink erkundet die Welt. Von Arnold Schölzel

Vincent Klink: Immer dem Bauch nach. Kulina- rische Reisen. Rowohlt TaschenbuchVerlag, Reinbek bei Hamburg 2011, 224 Seiten, 11,99 Euro

D er Mann ist ein Tausendsas- sa, kein Hans Dampf in allen Gassen, sondern einer, der weiß, was er essen will, und

davon möglichst das beste. Der das dann auch noch mit untrüglicher Nase findet und zwar manchmal an Orten, die wegen Tafelfreuden keine Berühmtheit erlangt haben, um es milde auszudrücken: Die Speisen der Inuit oder der Bevölkerung des Jemen wurden als Beitrag zum Welt- kulturerbe bisher noch nicht gewürdigt. Hier geschieht’s. Ein Buch, das den Titel »Immer dem Bauch nach« trägt und »Ku- linarische Reisen« abhandelt, gibt zwar keine Richtung, aber einen klaren Maß- stab vor: Gepriesen wird, was schmeckt. Zeit und Raum spielen dabei eine nicht unwichtige, aber sekundäre Rolle, ent- scheidend ist, was der Bauch – nun, ja – denkt. Letzteres ist, soweit das bei Vincent Klink geht, ernstgemeint. Das neuste Gezeter darum, daß der Mensch keinen freien Willen, sondern lediglich eine ihn lenkende Neuronensuppe im Hirnkasten habe, erledigt er mit Bemer- kungen wie: »Alle meine Entscheidungen treffe ich bevorzugt mit meinem Instinkt. Neudeutsch nennt man das gerne Bauch- gefühl, obwohl mein Bauch eigentlich gar nicht fühlt, sondern denkt. Ich glaube fest, daß mein Gehirn dort beheimatet ist. Naturwissenschaftlich beschlagene Leute und Anhänger des Darwinismus werden mir bestätigen, daß wir vom Ein- zeller abstammen. Dieser Vorfahr hatte sein Gehirn im Bauch. Damit ist er die

letzten Millionen Jahre gut gefahren. Das Reich der alten Ägypter und das der Rö- mer ist untergegangen, die Einzeller sind immer noch voll da. Und da mein Bauch ungefähr drei Millionen Mal größer ist als der Bauch dieser Tierchen, bin ich auch Millionen Mal besser beieinander.« Belege dafür finden sich in diesem Buch – mit dem sich erneut herausstellt, daß Klink nicht nur gut, also unterhaltsam schreiben, sondern auch noch aufs an- genehmste mit Pastellfarben illustrieren kann – reichlich. Das Motto »Der Bauch denkt, der Mensch lenkt« steht aber über allem, und der Leser erlebt so eine Fei- er des Klinkschen »Ranzens« und sei- ner Urteile. Das schließt ein, eingebildete Autoritäten zu belächeln, wahre Könner hoch zu achten – der Bauch ist frei. Den Artischockengärtner, der ihn auf der ve- nezianischen Insel Poveglia mit dem in Alufolie geschmorten Gemüse, Olivenöl und Salz traktiert, feiert Klink mit den Worten: »Bei einem Kochwettbewerb in Manhattan wäre Artischocken-Carlo sehr gut angekommen. Alle Gourmet-Zeit- schriften, aber auch viele Soziologen be- singen momentan als wichtigste Kriterien des Essens Echtheit und Exotik. (…) Salz muß aus dem Himalaja kommen, das Öl aus einem ganz bestimmten Hain und das Fleisch von einer Kuh namens Martha. Davon wußte Carlo nicht das geringste.« Der Koch aus Stuttgart resümiert das Erlebnis in der Lagune von Venedig als »Elysium der Gastfreundschaft«. Er erwandert sich in den 21 Episoden des

Ganz nüchtern

Das Weinkompendium aus dem S. Hirzel Verlag ist ein Standardwerk für alle, die hinter den Schluck im Glas schauen wollen. Von Rainer Balcerowiak

Karl-Gustav Bergner/ Edmund Lemperle:

Weinkompendium.Vier-

te aktualisierte, ergänz- te und neu gestaltete Auflage, S. HirzelVerlag, Stuttgart 2011, 331 Seiten, 49,90 Euro

D en meisten Weintrinkern wird es wohl ewig reichen, die von ihnen

genossenen Tropfen einfach in die

Kategorien »schmeckt/schmeckt nicht« einzuordnen. Einige werden etwas tiefer in die Welt dieses faszinierenden Getränks eintauchen und sich mit Rebsorten, Anbau- gebieten und Stilistik befassen. Nur wenige gehen den nächsten Schritt und beschäfti- gen sich mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Anbaus oder der Geschich- te dieser Kulturpflanze. Wer dazu bereit ist, kommt an einem erstmals 1993 herausgegebenen und im

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Nein zum Umbau des Gesundheitssystems zu einem Kontrollsystem! Nein zur elektronischen Gesundheitskarte! Komitee für
Nein zum Umbau des Gesundheitssystems
zu einem Kontrollsystem!
Nein zur elektronischen Gesundheitskarte!
Komitee für
Grundrechte und
Demokratie e.V.
Aquinostraße 7 – 11
50670 Köln
I ISBN
978-3-88906-136-2
12 1 Euro
www.grundrechtekomitee.de | info@grundrechtekomitee.de

März 2011 in einer vierten, umfassend überarbeiteten Neuauflage erschienenen Standardwerk nicht vorbei. Das von dem Lebensmittelchemiker Karl Gustav Berg- ner und dem Önologen Edmund Lemper- le (beide mittlerweile verstorben) verfaßte »Weinkompendium« läßt wenig Fragen of- fen und verzichtet dabei in konsequenter Nüchternheit auf aktuelle Lifestyleaspekte der Weinkultur. Vor vermutlich rund 8 000 Jahren begann die Kultivierung der Weinrebe, die in vielen Regionen eine kulturelle, soziale und my- thologische Bedeutung erlangte, welche sie weit über andere Lebens- und Genußmit- tel hob. Das der Entwicklung der Mensch- heit immanente Bedürfnis nach Rausch und Grenzerfahrungen spielte dabei eine zentrale Rolle. Entsprechend intensiv wird seit Jahrtausenden versucht, die Rebenkul- tur weiterzuentwickeln. Belegt sind sehr frühe Erkenntnisse über Klonenselektion, Reberziehung und Klassifikationen geeig- neter Anbaugebiete ebenso, wie stets neue Versuche, die Weinqualität und Haltbarkeit des Weins durch allerlei Hilfsmittel zu ver- bessern. Zwar klingen Beigaben wie Gips- mehl, Bleisäure oder Pistazienharz nicht besonders appetitanregend, waren aber not- wendige Zwischenschritte zur modernen Weinbereitung. In dem Kompendium folgt ein ausführli- ches Kapitel, das der botanischen Geschich- te der Rebe und der Ampelographie (Sor- tenkunde) gewidmet ist. Bei letzterer geht es vor allem um die vielen Spontankreu- zungen und Mutationen, die mittlerweile entschlüsselt worden sind, aber auch um moderne Neuzüchtungen. Äußerst hilfreich

Bandes, die zum Teil verstreut erschie- nen sind, fast ebenso viele Elysien. Mo- tiv: »Mich treiben Hunger, Durst und die Neugierde nach anderen Aromen in die Fremde.« Zusatzkriterium: »Was liegt mir näher, als die Länder zu meiden, in denen gut gefrühstückt wird? Wozu brauche ich ein Frühstück, wenn mir vom abendlichen Boeuf Bourguignon, von Meeresfrüchten und olivenölschwangerer Pasta und Vino noch der Ranzen spannt?« Womit gesagt ist: Dem Bauch nach geht es zumeist nach Süden. Aber auch das ist kein Dogma. Die kulinarische Tour d’horizon Klinks folgt keinem Systemwahn oder Vorschriftendossier. Stationen sind so- wohl das Remstal bei Stuttgart, wo er einen Winzer überzeugte, einen Wein zu keltern, der zu den von Klink – »eine Obsession« – kreierten Pasteten paßte, wie auch ein Luxusrestaurant in Paris, berühmt wegen seiner Entenbraterei, in das der frischvermählte Koch einst mit seiner Liebsten an einem zweiten Weihnachtsfeiertag das erste Mal die dort erfundene »Entenpresse« und deren Re- sultat erlebte: »Die aufgekochte Essenz an die Entenbrust, dazu der Wein – und die Zeit blieb stehen. Mein Weib und ich im Glück, die Ente war nicht umsonst gestorben. Köche, Kellner und wir Esser, alle gaben ihr Bestes, das Vieh zu adeln.« Den 26. Dezember nenne er seither En- tenfeiertag. So ändert sich die Welt. Oder besser mit der Inschrift über Epikurs Garten: Hier werden Begierden nicht gereizt, sondern gestillt. Klink he-

sind dabei die Zuordnung von Primäraro- men zu den einzelnen Sorten. Denn wer keine Stachelbeeren mag, wird sich wohl kaum mit Sauvignon blanc anfreunden. Ausführlich und reich bebildert werden anschließend die in verschiedenen Teilen der Welt jeweils gängigen An- und Ausbau- methoden beschrieben, was eine Ahnung von der ungeheuren Vielfalt der Weinkultur vermittelt. Das ist phasenweise aufgrund der Vielzahl von verwendeten chemischen Formeln etwas sperrig zu lesen, aber es könnte auch für einen »einfachen« Wein- freund von Interesse sein, welchen Einfluß Verfahren wie biologischer Säureabbau, Kaltmazeration oder Maischeerhitzung auf den Weingeschmack haben können. Nütz- lich auch die Abhandlung über typische Weinfehler und deren Ursachen. Ein weiteres Kapitel widmet sich spe- ziellen Weintypen wie Port oder Sherry

chelt nicht dem exotischen Kitzel hinter- her, obwohl er manchmal geographisch wie gastronomisch sagenhafte Ausreißer macht (Blutwurst in Thailand, Ziegenleber in Jemen, Robbensuppe auf Grönland), er preist nicht den ultimativen Gourmet-Kick, sondern: Ohne freundliche Gastgeberinnen und Gastgeber funktioniert bei ihm gar nichts. Der Bauch denkt auch sozial, er ist ein Menschenfreund. »Bestens integriert« steht unter einem Foto, das Klink irgend- wo mit Einheimischen im Jemen zeigt. Er schafft das mühelos und überall. Das hört sich nicht so lebendig an, wie es erzählt wird. Klink belehrt auf leich- teste Weise. Beispiele: En passant ist zu erfahren, warum in Ravello an der Amal- fiküste »der Groschen fiel«, daß »dem Fleisch nicht zuviel Dominanz zu überlas- sen« ist, weil, so die Ehefrau des Kochs:

»Niemals hat Fleisch eine solche Aromen- vielfalt wie Gemüse und Salate.« Simpel und plausibel. Und die Amalfizitronen, wer weiß sie sonst schon so als allem, was sonst Zitrone heißt, überlegen zu würdi- gen? Den nach Urin stinkenden isländi- schen Eishai möchte man nach Klinks Schilderung, die kein Geruchsmolekül ausläßt, nicht vorgesetzt bekommen, aber Land und Leute bekommen bei ihm eine neue Kontur. Freigiebig werden hier und da Rezepte verteilt, sind »Stuttgart 21« und der Protest dagegen Anlaß zu einer Liebeserklärung ans Schwäbische, d. h. an Dialekt, Maultaschen und Menschen:

»Mehr Sein als Schein, das ist hier die Devise.« Gilt auch fürs Büchlein.

sowie Weinnebenprodukten wie Trester, Essig, Rosinen und Traubenkernöl. Auch die Weinbereitung aus anderen Früchten und Grundstoffen, wie z.B. Äpfeln, Birnen, Guaven, Reis, aber auch Magermilch, wird ausführlich beleuchtet. Spannend wird es anschließend bei den Aufgaben der Weinkontrolle, speziell was die unglaubliche Fülle unerlaubter Manipu- lationen betrifft. Hier wird das Buch fast zu einer Art Anklageschrift gegen die raffgie- rigen Fälscher und Panscher, die auf dem globalen Weinmarkt ihr Unwesen treiben. Abgerundet wird das Werk durch ein Ka- pitel über Wein in der Medizin, eine Über- sicht über das Weinrecht und ein umfangrei- ches Glossar und weiterführende Literatur- hinweise. Wie gesagt: keine vergnügliche Abendlektüre bei einem guten Gläschen, aber dafür kompaktes Weinwissen, ver- ständlich und ohne Schnickschnack.

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(Nähe Rosa-Luxemburg-Platz), Öffnungszeiten: Mo.–Do., 11–18 Uhr; Fr., 10–14 Uhr jun ge W elt Die Tageszeitung

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junge Welt

Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136

literatur

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REPRODUKT
REPRODUKT

Die dünneTaxifahrerin

Spannende Wissenschaftsunterhaltung mit Klaus Theweleits Dylan-Lesebuch. Von Franz Dobler

B ob Dylan ist ein sehr dünner Mann, aber diese Taxifahrerin vor unseren Nasen war so dünn, daß man glaubte, nicht richtig

zu sehen, und wie mein Freund, der Autor Friedrich Ani, sagte: »ein Wahnsinn.« Vor ihm auf dem Tisch – wir saßen drau- ßen vor der Augsburger Bahnhofskneipe – lag das von Klaus Theweleit herausgege- bene Bob-Dylan-Lesebuch »How does it feel«. Hatte ich auch gerade bekommen und ebenfalls noch nicht genauer gecheckt. Ich war etwas überrascht, daß Ani sich ein Dylan-Buch kaufte, weil er als Oberfan sicher schon eine Tonne zum Thema kann- te. Irgendwann wird jemand eine Arbeit schreiben »Dylan im Werk von Ani«, hier ein Einstieg: Mit »Süden und der Mann im

langen schwarzen Mantel« hat er den Song »Man In The Long Black Coat« in den Titel genommen und auch eingebaut, und am En- de des großartigen Kriminalromans heißt es: »Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, summte er A Hard Rain’s A-Gonna Fall in der Version der Rolling Thunder Revue von 1975, wie er mir anschließend nach mehre- ren Bieren durchaus ausführlich erklärte.« Ani war als Teilnehmer einer Talkrunde bei den »DylanDays« hergekommen (ich sollte anschließend Musik auflegen; ich

spiele als Dylanfan nicht in der ersten Liga, hatte mich jedoch rechtzeitig an das schö- ne Heftchen von Oswald Wiener erinnert:

»Wir wollen auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren«). Er erzählte, daß er die erste deutsche Dylan-Biographie von Anthony Scaduto 1976 gleich mehrmals verschlun- gen hatte, während ich zur selben Zeit und ebenfalls sechzehn von D. noch nicht an- gesprochen worden war. Inzwischen hatte ich etwas aufgeholt, allein in letzter Zeit die Neuausgabe der riesigen Shelton-Biogra- phie gelesen, außerdem Colin Irwins Buch über das Highway-61-Revisited-Album, im Scaduto aber nur geblättert, weil sich alles nur noch zu wiederholen schien und der Reiz der ersten Nacht nicht mehr zu haben war. Mein Kanal für Dylan-Bücher ist wohl langsam voll; die Biographie von Suze Ro- tolo, seiner ersten großen Muse in New York, aber sei »unbedingt« zu empfehlen und nicht nur als Dylan-Buch, meinte Ani. Die dünne Taxifahrerin war ein Wahn- sinn, aber die Masse an Dylan-Literatur ist es noch viel mehr. Allein die Neuheiten seit dem letzten Jahr sind unpackbar. Man sehe sich das mal an, ein Irrsinnsmarkt. Fühlt sich an, als würde über jede Station, alle Gitarren und Hauskatzen, jedes Album, je- den einzelnen Text/Musik/Mensch-Aspekt

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nialismus längst nicht Geschichte, sondern
diskursiv und strukturell bis heute virulent.
Wie Rassismus aus Wörtern spricht arbeitet
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heraus, wie weiße Europäer_innen koloniali-
stisches und rassistisches Denken erscha en
und es in Wissensarchiven und ihren Begri en konserviert haben, durch welche es bis heute
wirkungsmächtig ist. Folgerichtig werden hier Kernbegri e des weißen westlichen Wissenssy-
stems diskutiert, um das Zusammenwirken von Rassismus, Wissen und Macht aufzuarbeiten.
Es geht dabei nicht um eine administrativ betriebene oder geforderte staatliche Sprachpolitik,
sondern um die analytische O enlegung dessen, was ›unsere‹ Sprache an Tradierungen enthält,
was sie beinhaltet und somit reproduziert – und dabei durch Verleugnungsstrategien schützt.
Große Book-Release-Party am 24. Juni in der Werkstatt der Kulturen in Berlin,
mit Pressekonferenz (17 Uhr), ö entlicher Lesung (18 – 20 Uhr)
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ein Buch geschrieben (da war die Serie zu einzelnen Songs in dieser Zeitung leider zu kurz) und dazu Enzyklopädien und im- mer neue Biographien. Diese Bedeutung hat Kinky Friedman (der Ex-Countrysän- ger, der auch mal Gast bei Dylans Rolling Thunder Revue war) in seinen Krimis als Standard-Gag eingebaut, indem er erzählte, daß sein Freund Ratso eine zehntausend Bände umfassende Bibliothek über drei Persönlichkeiten habe: Jesus, Hitler, Dylan. Natürlich hat auch der echte Larry »Ratso« Sloman ein Dylan-Buch geschrieben. Während die dünne Taxifahrerin inzwi- schen garantiert noch dünner geworden ist, kann ich nun sagen, daß das von Prof. Dr. Klaus Theweleit zusammengestellte Lese- buch in meinen eigentlich vollen Dylan-Bü- cher-Kanal gut reingekommen ist. Weil es mit seinen zwei Dutzend Beiträgen durch alles kurvt, was es so gibt, und damit maxi- mal abwechslungsreich, also unterhaltend ist, ohne den Stoff, den Künstler, an dem sich so viele, zum Teil in Lebenswerken, abarbeiten, dadurch zu vereinfachen. Wie vom Herausgeber beabsichtigt, ist das keine »Ersatzbiographie« (und es gibt nur »eine (grobe) Chronologie«), sondern ein wildes Cruisen durch die Dylan- und die Dylanbe- richte-Welt. »Zwar kommt auch der Ehe- und Family-Mann vor; auch der Junge vor dem Spiegel, der sein Outfit prüft; aber an erster Stelle soll dies ein Buch über den Song- & Wordman Dylan sein. Für den

Danceman, wie er sich auch genannt hat, waren weniger Belege zu finden.« Womit angedeutet ist, daß Theweleit mit seiner

Sammlung mal wieder – anders als einige

(wenige) Texte – eine Kopf/Bauch-Balance

hergestellt hat. Musikbücher, die das nicht schaffen, will man ja nicht lesen. Das Spektrum (ohne alle zu nennen):

von Suze Rotolos Erinnerungen (sie wollte nicht als Dylan-Puppe an der Seite dieses starken Typen im aufbrechenden Starrum- mel verdämmern) bis zur Elke-Heidenreich- Episode, wie sie (bzw. ein »Ich«) endlich in einem Jugendfreund die wahre Liebe er- wischt, dank eines Dylan-Tribute-Konzerts im Fernsehen (»Guck Willi Nelson an, wie der sich immer treu geblieben ist …«). Erst- mals übersetzt Nat Hentoffs Porträt im New Yorker 1964, 20 Seiten klassischer Jour- nalismus, und direkt dahinter Theweleits Analyse eines Ereignisses, das Dylan bei Hentoff erzählt: wie er bei einer Preisver- leihung kurz nach der Ermordung Kenne- dys ausgebuht wurde, weil man dachte, er würde den Attentäter Oswald verteidigen. Ein Mißverständnis, das bis heute tapfer

verbreitet wird bzw. Dylan habe betrunken eben wirren Scheiß von sich gegeben. Tolle Kombination im Buch. Und immer span- nend, wie sich manche Texte verzahnen, manches taucht woanders und wieder an- ders wieder auf. Stellen aus Sam Shepards Logbuch zur Thunder Revue, dem für mich schönsten Dylan-Buch, sehr freie, nicht so an D. klebende Doku-Poesie; Hunter S. Thompson (für seine Verhältnisse sehr verhalten, über D. als das Hippiesymbol vor dem Hippietotalausverkauf); Abschnitt aus einem DeLillo-Roman: sein D. nachemp- fundener Held läßt wie der echte junge D. einen Interviewer so komisch wie verzwei- felt ins Leere laufen. Das Literarische ergänzt von der For- schung: Wilfried Mellers über »Dylan als jüdischer Indianer und weißer Schwarzer« (stolpert leider auch in diese Art Komik: »In seinen Songs hält Dylan die heikle Balan- ce zwischen patriarchalischen und matriar- chalischen Impulsen. Im wirklichen Leben scheint es ihm weniger geglückt zu sein, war er doch zu vielen der Frauen, die ihn liebten, äußerst grausam…«). Großartig da- gegen Heinrich Deterings Artikel über die Inszenierung, die Details, die Anspielungen in der Radio-Show, die Dylan bis vor kur- zem präsentierte. Ebenso Diedrich Died- richsen (über D. als Pionier neuer Formate) oder Sean Wilentz über Aneignung, Klauen, Fortführen, Bewahren und Montieren. Unter den Respektsbezeugungen ist The- weleits eigene die stärkste: Was er an Dylans Kunst bewundert, ist dessen »umfassendere Wirklichkeit«, die »die Welten der Objekte, der Bilder, der Gefühle, der Räusche und insbesondere des Traums gleichermaßen« einschließe, und das sei »nicht zu finden in den Büchern unserer Top-Ten-Philosophie- Beamten … da ist eher kühles Valium … verabreicht Lesern, die die Power des (Sur) Realen nicht ertragen…«, das sei »Enter- tainment für Anspruchslose. Ich jedenfalls tausche den ganzen Suhrkamp-Laden gegen die gesammelten Columbia Records.« Wie auch immer, Friedrich Ani und ich mußten dann also los, und ehe uns jemand zuvorkommen konnte, nahmen wir das Taxi der dünnen Taxifahrerin. Wir stiegen ein und sie stellte das Taxifunkgequäke aus. Wir fuhren los, und sie drückte auf die Play-Taste. Und dann hörten wir »Man In The Long Black Coat«. Und wir schauten kurz auf zum Himmel, ob da ein Zeichen zu entdecken war, ich glaube, so war’s. »Soll ich ausmachen oder vielleicht lau- ter?«, fragte die dünne Taxifahrerin. »Unbedingt«, sagte Ani.

KlausTheweleit: How Does it Feel. Das Bob- Dylan-Lesebuch. Ro- wohlt Berlin, Berlin 2011, 304 Seiten, 19,95 Euro

REPRODUKT

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literatur

Mittwoch, 15. Juni 2011, Nr. 136 junge Welt

Harry Crews: Scar Lover. Aus dem Amerikani- schen von Stefan Ehlert. Illustrationen von Betie Pankoke. mox & maritz, Bremen 2011, 360 Seiten, 17,80 Euro

literatur erscheint als Spezial derTageszeitung junge Welt imVerlag 8. Mai GmbH,Torstraße 6, 10119 Berlin. Redaktion:

Conny Lösch (V.i.S.d.P.), Anzeigen: Silke Schu- bert, Gestaltung: Michael Sommer. Das nächste Spezial literatur er- scheint am 10. Oktober anläßlich der Buchmesse Frankfurt/Main.

M an kennt das: Ein Mann (in- teressanterweise fallen mir keine Frauen ein, die so was gemacht haben) kehrt der

Welt den Rücken. Er verschwindet in die letzte Hütte des letzten Dorfes, fährt zur See oder geht in die Wüste. Pete Butcher bleibt nur Jacksonville, Florida, wo er im stickig heißen Lagerhaus einer Papierfabrik arbeitet. Ein Job, um die Welt vergessen zu können: Der ehemalige Marine und ab- gebrochene Collegestudent hat das bitter nötig. Er fühlt sich verantwortlich für den Unfall, der seinen jüngeren Bruder Jona- than behindert zurückließ. Verantwortlich auch für den Tod der Eltern, die von einem

Grotesker Optimismus

Der Southern-Gothic-Chronist Harry Crews erzählt in »Scar Lover« die Geschichte einer Flucht ins Glück. Von Robert Mießner

die Galerie einsamer Wölfe einreihen, die schicksalsbesoffen in ihr Ende taumeln und rennen. Er trifft seine Nachbarin Sarah Lee- mer. Was wie eine Tragödie anhebt, wird zu einer grotesk-optimistischen Liebesge- schichte. Petes Pensionsnachbar Max Wi- nekoff, sein Arbeitskollege George, dessen

das einzige Album nach einem seiner Ro- mane: »Naked in Garden Hills«. Franz Do- bler hat in dieser Zeitung anläßlich der deut- schen Erstübersetzung des Buches (mox & maritz 2009) ein ausführliches Porträt des Autors veröffentlicht. »Scar Lover« bezieht sich deutlich auf Crews’ Biographie. Sein Vater erlag einem Herzschlag, als der Sohn

21 Monate alt war: Er hatte sich auf dem

Pachtland der Familie buchstäblich zu Tode gearbeitet. In »Scar Lover« bricht Henry Leemer tot über der Säge zusammen. Wie Pete stammt Crews aus Bacon County, Ge- orgia. Eine Gegend, in der er ohne Radio und Elektrizität, dafür mit Schießereien aufwuchs. Der nächste Sheriff residierte

16 Meilen entfernt, erinnert er sich in Ga-

ry Hawkins Fernsehdokumentation »The Rough South of Harry Crews«. Die Men- schen von Bacon County erzählten sich Ge- schichten. Außer der Bibel und Katalogen für Gewehre und Klamotten lasen sie kaum:

Beim Durchblättern durchfuhr es Crews, daß die Models perfekt aussahen. Nach der Army, wo er die Literatur entdeckte, ging er zur Universität und hielt sich dort nicht lange. Nur kehrte er zurück und arbeitete jahrzehntelang als Professor für Kreatives Schreiben. Max Winekoff legt Wert auf sei- ne körperliche Fitneß; Crews, er hat selber geboxt, ist Sportfan. Alles andere, ob Re- gierung, Institutionen, Religion, Ehen, die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, sieht er von Lügen durchsetzt. Denen, die sie glauben, kommt er nicht moralisch. In »Scar Lover« spielt eine fast schon na- turmystische Religiosität hinein. Ob seine heldenhaft Gebrochenen sonntags zur Kir- che gehen, erzählt Crews gar nicht erst. Der alte Herr ist in ihren Gesprächen zwischen Flüchen permanent präsent. Der amerika- nische Süden ist ein Ort der Dauer. »Scar Lover« spielt nach dem Korea-Krieg. Ein halbes Jahrhundert später dreht der briti- sche Regisseur Andrew Douglas White sei- nen Südstaaten-Film »Searching For The Wrong-Eyed Jesus«. In ihm durchstreifen Johnny Dowd, die Handsome Family, 16 Horsepower und Harry Crews eine Welt jenseits von Urbanität und Aufklärung. White sagt: »Wer arm ist, ist gezwungen, sich irgendetwas zu erfinden, damit es über- haupt noch weitergeht. Wenn das Schiff nicht kommt, wird das Schiff erfunden. Das Schiff, das sie sich dort im Süden erfunden haben, ist Jesus und die zweite Wieder- kehr Christi. Es gibt da unzählige Leute aus der verarmten Mittelschicht, die fest davon überzeugt sind, daß sich in wenigen Wo-

chen oder Monaten die Erde vor ihnen auf- tut und sich darunter eine Stadt voller Gold und Juwelen befindet, die sie dann besingen können. Für jemanden aus London mag das nach einer Wahnvorstellung klingen, im amerikanischen Süden gilt es als normal.« Crews’ ambivalente Protagonistin Linga könnte kontern: »Laß Gott aus dem Spiel. Ohne Gott kann man leben. Der, ohne den es nicht geht, das ist der Teufel.«

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Der, ohne den es nicht geht, das ist der Teufel.« ANZEIGE Laster überrollt wurden, als sie
Der, ohne den es nicht geht, das ist der Teufel.« ANZEIGE Laster überrollt wurden, als sie

Laster überrollt wurden, als sie Geld für die Behandlung auftreiben wollten. Der Ver- wandtschaft gilt er als Unperson. Pete pan- zert sich in Misanthropie und Zynismus. Seine persönliche Habe steckt in einem Seesack, den er nicht anrührt, denn »seiner Erfahrung nach war etwas Persönliches im- mer etwas Schlechtes«. Als »Schwimmer, der letztlich tödliche Fluten durchkrault«, reißt er die Tage herunter und meint, »daß sein Haß auf die Welt es ihm so schwer, es ihm so nahezu unmöglich machte, in ihr zu leben«. Doch wird sich Pete nicht in

Frau Linga, beide Rastafarians, Sarah und ihre Eltern Henry und Gertrude spinnen den Untergeher in ein Netz; er findet eine neue Familie und sein verloren geglaubter Bruder zieht ein. Es ist zu schön, um wahr zu sein, doch genau das passiert. Harry Crews »Scar Lover« kreist um Schuld und Erlösung; ein Rührstück ist der Sean Penn gewidmete Roman nicht. Nick Cave zählt zu den Verehrern des Southern- Gothic-Chronisten Harry Crews. Lydia Lunch, Kim Gordon und Sadie Mae be- nannten ihre kurzlebige Band nach ihm und

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