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behindertenpolitik

Tageszeitung junge Welt Mittwoch, 24. August 2011, Nr. 196

In die Betriebe.Was geschehen muß, um Behindertenwerkstätten überflüssig zu machen.

Von Stephan Lorent

Seite 2

Riskante Lebensbedingungen.

Über sexualisierte Gewalt gegen behinderte Mädchen und Frauen.

Von Katharina Göpner

Seite 4

»Taubstummen-Sektion«.Vor 100 Jahren wurde in der SPD ein Gehörlosenverein gegründet.

VonYlva Söderfeldt

Seite 6

»Unbedingter Wille und Charme«.

Über den blinden Weltreisenden

James Holman. Ein Gespräch mit

Susann Urban

Seite 7 jungeWelt

Die Tageszeitung

mit Susann Urban Seite 7 junge W elt Die Tageszeitung Tarif statt frommerWünsche Während die Bundesregierung

Tarif statt frommerWünsche

Während die Bundesregierung über Teilhabe spricht, kämpfen Assistenzkräfte und Behinderte gemeinsam um Lohnerhöhungen. Von Michael Zander

M it großen Worten präsen- tierte die Bundesregierung im Juni dieses Jahres ihren »Nationalen Aktionsplan«

zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen. Der Plan, so erklärte Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU), weise »den Weg in eine Gesellschaft, an der alle teil- haben, ob mit Behinderung oder ohne«. Angekündigt wurde unter anderem, in den nächsten fünf Jahren die »Beschäf- tigungschancen« Behinderter auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu fördern.

10 000 berufsvorbereitende Maßnahmen für Jugendliche, 1 300 betriebliche Aus- bildungsplätze und 4 000 altersgerechte Arbeitsstellen für Beschäftigte über 50 Jahren sollen zusammen 100 Millionen Euro kosten. Bei rund 180 000 als er- werbslos gemeldeten »Schwerbehinder- ten« ist dies ein Tropfen auf den heißen Stein, der nur notdürftig bestehenden Mißständen entgegenwirkt: Mittlere und große Unternehmen kaufen sich von ih- rer gesetzlichen Pflicht frei, Behinderte zu beschäftigen, und staatliche Behörden errichten allerlei Hürden, die Betroffe-

ne davon abhalten, ihren Rechtsanspruch auf Förderung geltend zu machen. Auch muß man daran erinnern, daß die UN-Konvention nicht nur die Arbeitswelt, sondern alle Lebensbereiche betrifft. Und da hapert es schon an elementaren Frei- heiten. »Menschen mit Behinderungen«, heißt es etwa in Artikel 19, müßten »die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben«; sie dürften nicht da- zu verpflichtet werden, »in besonderen Wohnformen zu leben«. Um dieses Recht zu verwirklichen, sieht die Konvention unter anderem die Gewährung »persön- licher Assistenz« vor, die es in der BRD bisher hauptsächlich in größeren Städten gibt. Persönliche Assistenz ist eine Er- rungenschaft der Behindertenbewegung:

Assistenten arbeiten nach den Wünschen und Anweisungen der Behinderten und kehren damit traditionelle Betreuungsver- hältnisse um. Sie ermöglichen ein Leben in der eigenen Wohnung, ohne daß sich die Behinderten den Vorgaben eines kon- ventionellen Pflegedienstes oder gar eines Heimes unterordnen müssen. Fragt man allerdings nach den Arbeits-

bedingungen der Assistenzkräfte, gelangt man aus den luftigen Höhen regierungs- amtlicher Ankündigungen auf den unsi- cheren Boden herrschender Sozialpolitik. So fordern Behinderte und Beschäftigte in Berlin seit Monaten eine Erhöhung der öffentlichen Vergütungen für persönliche Assistenz. Bei den zwei Assistenzanbie- tern in der Stadt, ambulante dienste und Lebenswege, arbeiten derzeit rund 800 Beschäftigte. Verhandlungen zwischen dem Senat und den Geschäftsführungen der Unternehmen waren auch deshalb nö- tig geworden, weil nach Jahren gleichblei- bender Vergütungen die Löhne für Neu- beschäftigte unter den Pflegemindestlohn zu sacken drohten. Eingesetzt für eine Be- zahlung nach Tariflohn hatten sich insbe- sondere ver.di-Aktive unter den Beschäf- tigten und die behinderten Arbeitgeber, die Assistenzkräfte direkt bei sich anstel- len. Eine »Anlehnung« an den Ländertarif war das erklärte Ziel der Senatsvertreter und der Geschäftsführungen der Betriebe. Ob dies erreicht wird, ist allerdings offen, nachdem Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für die SPD) mitteilte, den aus- gehandelten Stundensatz senken zu wol-

len. Streit gibt es auch auf der Ebene der Bezirke. Ein Berliner Bezirksamt drohte kürzlich damit, für Assistenzkräfte nur noch den Pflegemindestlohn zu kalkulie- ren, trotz der Vereinbarung mit dem Senat. »Arbeitsmarktprogramme« und »Teilha- be« bleiben jedenfalls tendenziell fromme Wünsche, wenn diejenigen, die Behinder- ten ein selbstbestimmtes Leben ermögli- chen, nicht selbst hinreichend finanziell abgesichert sind. Über das Thema Arbeit schreiben in dieser Beilage Stephan Lorent und Wolf- gang Trunk. Katharina Göpner themati- siert die riskanten Lebensbedingungen, deretwegen behinderte Mädchen und Frauen Opfer sexueller Gewalt werden können. Michael Zander rezensiert das Buch von Bernd Ahrbeck, der sich gegen eine »totalitäre Inklusion« behinderter Schüler wendet. An die Gründung einer »Taubstummen-Sektion« der SPD vor 100 Jahren erinnert Ylva Söderfeldt. Thomas Wagner interviewt Susann Urban zu ih- rem Buch über den blinden Weltreisenden James Holman. Und Rüdiger Haude er- klärt, warum Piraten als Erfinder der mo- dernen Sozialversicherung gelten können.

Die Fotos in dieser Beilage wurden von Christian von Polentz (www.transitfoto.de) in einer Behindertenwerk- statt des Lebenshilfe e.V. im brandenburgischen Eberswalde aufgenom- men. Das Bild auf dieser Seite zeigt die Schneide- rei der Einrichtung

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Mittwoch, 24. August 2011, Nr. 196

junge Welt

Arbeit in der Metall- werkstatt

Stephan Lorent ist Mit- glied der Bundesarbeits- gemeinschaft »Selbstbe- stimmte Behinderten- politik« der Partei Die Linke und lebt in Berlin

http://die-linke.de/par-

tei/zusammenschluesse/

bagselbstbestimmtebe-

hindertenpolitik/

Kontakt: bag.behinder- tenpolitik@die-linke.de

Kontakt: bag.behinder- tenpolitik@die-linke.de W erkstätten für behinderte Menschen (WfbM) wer- den in

W erkstätten für behinderte Menschen (WfbM) wer- den in Fachkreisen ebenso in Frage gestellt wie in

der politischen Linken. Sie ermöglichen Beschäftigung und sichern Einkommen, sagen die einen; sie beruhen auf Ausbeu- tung und grenzen Menschen aus, sagen die anderen. Die Forderungen und Dis- kussionsbeiträge reichen von der Beibe- haltung des Status quo über eine grundle- gende Reformierung bis hin zur baldigen Auflösung der Werkstätten. Derzeit arbeiten rund 284 000 Men- schen mit Behinderungen in derartigen Einrichtungen. Damit hat sich die Zahl der dort Beschäftigten in den letzten 15 Jahren um über 100 000 erhöht. Menschen mit Behinderungen verdienen durch diese Tätigkeit durchschnittlich 159 Euro netto im Monat. Die Berechnung dieser Löh- ne ist häufig undurchschaubar und durch ein ungerechtes Punktesystem begründet. Zudem haben sich die Werkstätten den marktwirtschaftlichen Regeln unterzuord- nen, sofern sie im Auftrag kapitalistischer Unternehmen in der Möbel-, Auto- oder Elektroindustrie produzieren.

Geschützt oder ausgegrenzt?

Eigentlich sind die Werkstätten gesetz- lich dazu verpflichtet, Menschen für den ersten Arbeitsmarkt auszubilden und dorthin zu vermitteln. Allerdings beträgt die Vermittlungsquote nur 0,3 Prozent. Aufgrund der Art ihrer größtenteils öffent- lichen Finanzierung haben Werkstätten häufig kein Interesse daran, diese Quote zu erhöhen. Etwa 20 Prozent der erwirt- schafteten Einnahmen stammen aus dem Erlös der verkauften Waren und Dienst- leistungen. Davon wiederum werden 70 Prozent als Löhne an die behinderten Beschäftigten ausgezahlt. Folglich haben die Werkstätten wenig Interesse daran, qualifizierte Beschäftigte an reguläre Be- triebe zu verlieren. Die Abhängigkeit der Beschäftigten wird außerdem dadurch erhöht, daß in den Werkstätten das Be- triebsverfassungsgesetz nicht gilt. Es gibt für die Behinderten keinerlei Mitbestim- mungsrechte durch einen Betriebsrat oder

In die Betriebe

Was geschehen muß, um Behindertenwerkstätten überflüssig zu machen. Von Stephan Lorent

durch die vorhandenen, aber oft machtlo- sen Werkstatträte. Manchen Beschäftigten und ihren Ange- hörigen erscheint die Werkstatt als Schutz- raum. Einige von ihnen haben auf dem ersten Arbeitsmarkt bereits negative Erfah- rungen gemacht und sind deshalb in die Werkstatt zurückgekehrt. Andere wieder- um erfahren die WfbM als Institution der Ausbeutung, als einen Ort, an dem sie von der übrigen Gesellschaft ausgegrenzt sind. Die Gefahr einer solchen Ausgrenzung ist übrigens nicht unbedingt abhängig von der Schwere einer körperlichen oder kognitiven

Einschränkung. Es kann genügen, »ledig- lich« blind zu sein oder ein Down-Syndrom zu haben oder unter den mittelschweren Folgen eines Schlaganfalls zu leiden.

Linke Forderungen

Langfristig bieten die Werkstätten keine Perspektive. Damit sie aufgelöst werden können, wie es die Bundesarbeitsgemein- schaft »Selbstbestimmte Behindertenpo- litik« der Partei Die Linke fordert, müssen bestimmte Bedingungen gesellschaftlich durchgesetzt werden. Notwendig ist er-

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durchgesetzt werden. Notwendig ist er- ANZEIGE stens ein einklagbares und durch die Ver- fassung

stens ein einklagbares und durch die Ver- fassung geschütztes Recht auf existenzsi- chernde Arbeit. Als »Arbeit« sind dabei gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten zu verstehen, also auch Kindererziehung oder politische Teilhabe. Zweitens müs- sen Unterstützungsleistungen, die derzeit für Beschäftigte in Werkstätten erbracht werden, auf Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarkts übertragen werden. Dazu können etwa pädagogische Hilfen bei der Bewältigung schwieriger Situationen zäh- len oder auch günstigere Regelungen im Fall der Berentung. Zudem braucht es eine Ausweitung individueller Hilfen, wie sie das Sozialgesetzbuch IX im Sinne von »Arbeitsassistenz« vorsieht. Eine indivi- duelle Anpassung von Ausbildungs- und Arbeitszeiten ist ebenfalls sinnvoll; aller- dings sollte sie eine Ausnahme bleiben, da Unternehmerverbände ebenfalls entspre- chende Forderungen stellen, um Qualifi- zierung auszusparen und die Löhne aller Beschäftigten zu drücken. Und viel wäre schon gewonnen, wenn sich mittlere und größere Betriebe nicht mehr von ihrer ge- setzlichen Verpflichtung freikaufen könn- ten, Behinderte zu beschäftigen. Solange es noch Werkstätten gibt, könn- ten bei entsprechenden politischen Mehr- heiten unmittelbare Maßnahmen ergriffen werden, um die Situation der dort Beschäf- tigten zu verbessern. An erster Stelle ist die Einführung eines Mindestlohnes von zehn Euro in der Stunde zu nennen. Das Gefühl, sein Leben selbst organisieren und finanzieren zu können, ist auch oder gera- de für Menschen mit Behinderungen von großer Bedeutung. Zweitens müssen die Mitbestimmungsrechte des Betriebsver- fassungsgesetzes auch in den Werkstätten gelten, um die Abhängigkeit gegenüber der Institution abzumildern und den Be- schäftigten nicht länger Freiheiten vorzu- enthalten, die für die »regulär« arbeitende Bevölkerung selbstverständlich sind. Man mag gegen diese Forderungen ein- wenden, daß sie nur mit politischen Mehr- heiten erreichbar wären, die momentan nicht in Sicht sind. Selbst wenn das stimm- te, kann dem entgegengehalten werden, daß man auch politisch relativ ferne Ziele mit ersten Schritten erreichen kann.

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Mittwoch, 24. August 2011, Nr. 196

behindertenpolitik

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24. August 2011, Nr. 196 behindertenpolitik 3 Kartenspiel im Pausen- raum Ambivalente Lohnarbeit

Kartenspiel im Pausen- raum

Ambivalente Lohnarbeit

Ausbeutung als Ursache von Behinderung und die Notwendigkeit eines öffentlichen Beschäftigungssektors.

Von Wolfgang Trunk

D ie Linkskräfte in der BRD haben gute Gründe, über den Stellenwert der Erwerbsar- beit kontrovers zu diskutie-

ren. Unstrittig dürfte sein, daß die Arbeit eine wesentliche Quelle der menschli- chen Kultur und des gesellschaftlichen Reichtums darstellt. Aber diese Einsicht wird von den Erfahrungen überlagert, die man mit der Arbeit im Kapitalis- mus macht. Das entscheidende Motiv für die Produktion von Gütern und Dienst- leistungen ist hier die Profiterwartung. Für die Produzenten bedeutet diese Wei- chenstellung, daß sie regelmäßig an Pro- dukten mitarbeiten müssen, die gesamt- gesellschaftlich zweifelhaft sind und die auch persönlich keinen Sinn ergeben.

Zudem werden die Arbeitskräfte nicht als Persönlichkeiten, sondern als Teil des Kapitals gesehen: Ihre Arbeitsfähigkeit wird nur in dem Maße entwickelt, wie es für die Profitproduktion erforderlich ist. Und die Grundlage der Arbeitsfähig- keit, die Gesundheit, wird hemmungslos strapaziert. So könnte die Arbeit zwar ein Segen für die Menschheit sein, tat- sächlich aber wird sie für den einzelnen häufig zur Bürde.

Kollektive Aufgabe

Die Zwiespältigkeit der kapitalistischen Arbeit wird offenbar, wenn man einen Blick auf den Zusammenhang von Ar- beit und Gesundheit wirft. Dabei ragt eine Gruppe von Personen heraus, die noch gesund, langfristig aber von Be- hinderung bedroht sind. Es handelt sich hier um Beschäftigte mit Arbeitneh- merstatus, die anhaltend schädlichen Arbeitsbelastungen ausgesetzt werden.

Zu unterscheiden sind hier Einflüsse aus der Arbeitsumgebung sowie körper- liche und psychische Anforderungen. Sie können Menschen in ungünstiger Weise beanspruchen. Häufig tragen die Betreffenden außerdem dazu bei, das Problem zu verschärfen. Dies trifft etwa zu, wenn Beschäftigte auf zunehmenden Streß mit einem erhöhten Nikotinkon- sum reagieren. Solche Prozesse können in chronische Krankheiten umschlagen, die im höheren Erwerbsalter zu einer Behinderung führen. Diese »Risikogrup- pe« ist schwer zu quantifizieren, aber klein ist sie nicht: 80 Prozent aller Fäl- le von Behinderung gehen auf arbeits- bedingte Krankheiten zurück. Das sind überwiegend die modernen Volkskrank- heiten wie Erkrankungen des Stützap- parats, des Herz-Kreislauf-Systems, der Atmungsorgane, der Verdauungsorgane und der Haut; zunehmend spielen auch Krebserkrankungen und psychische Stö- rungen eine Rolle. Objektiv interessiert sind diese Beschäftigten vor allem an betrieblichen Maßnahmen des vorbeu- genden Gesundheitsschutzes, damit es zu keiner Behinderung kommt. Das ist eine kollektive Aufgabe, bei der solche Arbeitsbelastungen gezielt abgebaut werden müssen, denen gegenüber der einzelne auf Dauer machtlos ist, selbst wenn er »gesundheitsbewußt« lebt. Wenn sich eine Behinderung ergeben hat, dann erweitert sich das Risiko für die betroffene Person. Zu den gesundheitli- chen und funktionalen Einschränkungen tritt nun die Gefahr des sozialen Abstiegs. In der BRD gehen etwa 900 000 schwer- behinderte Personen einer regulären Er- werbsarbeit nach. Diese Beschäftigten sind objektiv an Maßnahmen der Be-

schäftigungssicherung interessiert; diese sollten einsetzen, sobald ein irreversib- ler Gesundheitsschaden vorliegt, der mit Einschränkungen einhergeht. Die Maß- nahmen betreffen zunächst den Arbeits- einsatz. Man sollte die Person am Ar- beitsplatz entlasten und die Arbeitstätig- keit behinderungsgerecht gestalten. Wenn diese Schritte nicht ausreichen, dann wäre eine Versetzung in Betracht zu ziehen. Beschäftigungssichernde Maßnahmen können sich auch auf die Arbeitskraft der Person beziehen, wenn zum Beispiel eine Weiterbildung angezeigt ist. Schließlich geht es um Maßnahmen, die das Arbeits- verhältnis als solches stabilisieren. Der Verdienst der Person sollte gesichert und eine vorzeitige Entlassung abgewendet werden.

Im Dienst der Produzenten

Für den Großteil der Behinderten im erwerbsfähigen Alter wäre ein öffent- licher Sektor der Beschäftigung erfor- derlich. Das betrifft vor allem jene 2,5 Millionen Schwerbehinderten, die sich noch nicht im regulären Rentenalter befinden, die aber ihre Arbeit bereits verloren haben. Sie leben von sozialen Transferleistungen wie Erwerbsunfä- higkeitsrenten, vorgezogenen Alters- renten oder Arbeitslosengeld. Nicht we- nige wären noch in der Lage, zumindest einer Zuverdienstarbeit nachzugehen. Öffentlich organisierte Beschäftigung könnte auch eine Chance für behinderte Personen sein, deren Beeinträchtigun- gen angeboren sind oder biographisch früh erworben wurden. Realität ist der öffentliche Sektor be- reits im Bereich der Werkstätten für be-

hinderte Menschen. Dort ist das Prinzip des Äquivalententauschs aufgehoben. Es gelten zwar alle Schutzbestimmun- gen des Arbeitsrechts, aber der einzel- ne Mitarbeiter hat keine Pflicht, eine bestimmte Leistung zu erbringen. Die Werkstätten finanzieren ihre Kosten zu etwa 19 Prozent selbst; von der Kosten- deckung sind sie also weit entfernt, und Gewinne sind ohnehin ausgeschlossen. Die wirtschaftliche Tätigkeit der Werk- stätten wird aber separat behandelt, so daß ein rechnerischer Gewinn entsteht, der an die Mitarbeiter ausgeschüttet wird. Er bildet insofern eine reale Kenn- zahl für den Neuwert, der durch die Arbeit in der Werkstatt geschaffen wird. Für den behinderten Mitarbeiter wird damit deutlich, daß er zu den Kosten seiner persönlichen Reproduktion bei- trägt. Einen Teil seines Einkommens erarbeitet er selbst; der größere Teil kommt jedoch durch soziale Transfer- leistungen zustande. So kann ein allein- lebender Mitarbeiter einer Werkstatt für psychisch Kranke in Vollzeitarbeit ein Gesamteinkommen erzielen, das etwa einem Brutto von 1 500 Euro ent- spricht. Damit stellt er sich besser als die meisten Sozialhilfeempfänger. Der entscheidende Vorteil ist darin zu sehen, daß die Arbeit in der Werkstatt in den Dienst der Produzenten gestellt werden kann. Die Beschäftigten sollen Gele- genheit haben, ihre Handlungsmög- lichkeiten zu erweitern. Bislang haben sich die Werkstätten vor allem darauf konzentriert, reale Arbeit an die Stel- le bloßer Beschäftigung zu setzen. In der nächsten Etappe ihrer Entwicklung sollten sie die persönlichkeitsfördernde Potenz der Arbeit betonen.

WolfgangTrunk ist Mit- arbeiter des Frankfur- terVereins für soziale Heimstätten e.V. und parteiloses Mitglied des Arbeitskreises »Sozi- alpolitik« der Linken- Fraktion im hessischen Landtag

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Mittwoch, 24. August 2011, Nr. 196

junge Welt

Montage von Schalt- kästen

2011, Nr. 196 junge Welt Montage von Schalt- kästen Riskante Lebensbedingungen Warum behinderte Mädchen und

Riskante Lebensbedingungen

Warum behinderte Mädchen und Frauen häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Von Katharina Göpner

Katharina Göpner ar- beitet als Referentin des Projekts »Zugang für alle!« beim Bundesver- band Frauenberatungs- stellen und Frauennot- rufe (bff)

zugangfueralle@bv-bff.

de

www.frauen-gegen-

gewalt.de

S chweizer Medien berichteten im Februar von einer Verbre- chensserie, über die man hier- zulande kaum etwas erfuhr: Ein

langjähriger Mitarbeiter der Behinder- tenhilfe hatte in verschiedenen Wohnhei- men an mindestens 120 Kindern und Er- wachsenen sexualisierte Gewalt verübt. Gegenüber dem Züricher Tages-Anzei- ger (3.2.2011) erklärte die Psychologin Aiha Zemp, der Fall habe sie schockiert, aber nicht überrascht. Sie verwies auf eine Studie, die sie 1995 im Auftrag des österreichischen Familienministeriums in Wohnheimen der Behindertenhilfe durchgeführt hatte. Demnach waren 64 Prozent der befragten behinderten Frau- en und 50 Prozent der Männer bereits Opfer von sexueller Gewalt geworden. Schon damals sei sie überzeugt davon ge- wesen, daß die Situation in der Schweiz nicht besser sei. Daß die meisten bundesdeutschen Me- dien die Vorfälle offenbar erst gar nicht für berichtenswert hielten, hat wohl auch etwas mit weit verbreiteten Vorurteilen zu tun. Über lange Zeit wurde nicht wahrge- nommen, daß behinderte Menschen Op- fer von sexualisierter Gewalt werden. Es wurde angenommen, Mädchen und Frau- en mit Behinderung seien vor derartigen Übergriffen geschützt, da sie bestehen- den Attraktivitäts- und Schönheitsnormen nicht entsprächen. Das ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält. Inzwischen ist belegt, daß behinder- te Menschen und besonders Frauen und Mädchen einem besonderen Risiko aus- gesetzt sind: Sie sind häufig von verschie- denen Formen von Gewalt betroffen, etwa Nötigungen, Drohungen, Demütigungen, Stalking oder Vergewaltigung. Das EU-Parlament ging 2007 davon aus, daß fast 80 Prozent der Frauen mit Behinderung psychische, physische oder

sexualisierte Gewalt erfahren haben. Kin- der und Jugendliche mit Behinderung un- terliegen einer US-Studie aus dem Jahr 2000 zufolge einem dreifach höheren Risiko, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Zugleich muß man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, da viele der Taten nicht aufgedeckt oder nicht an- gezeigt werden. In der BRD wird es Ende 2011 erste repräsentative Zahlen geben. An der vom Bundesministerium für Familie, Seni- oren, Frauen und Jugend in Auftrag gege- benen Studie der Universität Bielefeld zur »Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen« nahmen un- ter anderem behinderte Befragte in Privat- haushalten und Wohneinrichtungen teil.

Verkennung der Ursachen

Wesentliche Ursache der besonderen Gefährdung sind spezifische Lebens- bedingungen behinderter Mädchen und Frauen. So geschehen Grenzverletzun- gen und Übergriffe in der Pflegesituation oder im Zusammenhang mit therapeuti- schen Maßnahmen, also in Situationen zumindest potentieller Abhängigkeit. Die Strukturen spezieller Einrichtungen, et-

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wa von Wohnheimen oder Werkstätten für behinderte Menschen, erleichtern den Tätern Übergriffe und verringern für sie die Gefahr der Aufdeckung. In manchen Heimen gibt es noch immer keine ab- schließbaren Zimmer, ein Umstand, der das Ausgeliefertsein der Bewohnerinnen gegenüber den Mitarbeitern verstärkt. Zu- dem haben die Behinderten meist kaum Einfluß darauf, wer sie unterstützt, pflegt oder betreut. Viele der Täter kommen aus dem na- hen sozialen Umfeld. Dies erschwert angesichts des großen Vertrauensbruchs die Inanspruchnahme von Hilfe. Hinzu kommen die Scham über das Erlebte, Angst vor weiteren Übergriffen und die Abhängigkeit vom Täter. Außerdem wer- den behinderte Mädchen und Frauen oft nicht ernst genommen, wenn sie von Gewalt berichten. Ihnen wird unterstellt, nicht glaubwürdig zu sein, beispielswei- se wenn sie aufgrund von Lern- oder Kommunikationsschwierigkeiten schwe- rer benennen können, was ihnen wider- fahren ist. Die Folgen körperlicher und psychi- scher Gewalt können schwerwiegend sein. Ängste, Phobien, selbstverletzendes Verhalten, psychosomatische Schmerzen oder Depressionen werden von Außen- stehenden oftmals fälschlich der Behin- derung zugeschrieben. Auf diese Weise wird die wirkliche Ursache verkannt. Manchmal ist die diagnostizierte Behin- derung selbst eine Folge von Gewalt, so bei schwerwiegenden psychischen oder

anderen gesundheitlichen Beeinträchti-

gungen.

Zugang zu Hilfe

Beratungsstellen, Notrufe und Frauen- häuser leisten professionelle Unterstüt- zung und Begleitung für die Betroffe- nen. Dieses Angebot wird aber zu wenig

in Anspruch genommen: Eine Umfrage des Bundesverbands Frauenberatungs- stellen und Frauennotrufe von 2008 hat ergeben, daß Mädchen und Frauen mit Behinderung in einer Mehrzahl der Mitgliedseinrichtungen kaum vertreten sind; nur 6,5 Prozent der Beratungsstel- len gaben an, behinderte Klientinnen häufig zu unterstützen. Kontakte zu diesen Angeboten kom- men unter anderem deshalb nicht zu- stande, weil viele Betroffene zu wenig darüber wissen, wo sie Hilfe finden kön- nen. Viele Fachberatungsstellen sind nicht barrierefrei, also beispielsweise nicht zugänglich für Rollstuhlfahrerin- nen oder Gehörlose. Der Bundesverband Frauenberatungs- stellen und Frauennotrufe will mit dem im Herbst 2010 begonnenen Projekt »Zugang für alle!« derartige Barrieren abbauen und so den Zugang zu Beratung und Unterstützung verbessern. Behin- derte Frauen und Mädchen werden damit explizit angesprochen und Mitarbeiten- de der Behindertenhilfe informiert und geschult. Geeignete Materialien, auch in leichter Sprache, sollen Betroffene dar- über informieren, was Gewalt ist und wo sie Hilfe finden können. Der Bundesver- band engagiert sich auch auf politischer Ebene und macht sich insbesondere für die Umsetzung der UN-Behinderten- rechtskonvention stark. Erste Erfolge zeichnen sich ab. Zu- nehmend wird auch in stationären Ein- richtungen der Behindertenhilfe der Umgang mit sexueller Gewalt offen thematisiert. Inzwischen arbeiten in ei- nigen Institutionen Frauenbeauftragte. Beratungsstellen achten verstärkt auf Barrierefreiheit und arbeiten eng mit der Behindertenhilfe zusammen. Dies sind gute Anfänge, die ausgebaut wer- den müssen, um das Recht auf ein Le- ben ohne Gewalt zu verwirklichen.

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Mittwoch, 24. August 2011, Nr. 196

behindertenpolitik

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24. August 2011, Nr. 196 behindertenpolitik 5 Montage von Leucht- stofflampen Pädagogisches Grenzregime

Montage von Leucht- stofflampen

Pädagogisches Grenzregime

Professor Bernd Ahrbeck wendet sich gegen eine »totalitäre Inklusion« behinderter Schüler. Von Michael Zander

I m Auftrag der UNO legte Vernor Muñoz 2007 einen Bericht vor, der Mängel des deutschen Schul- systems aufzeigte. Muñoz’ Kritik

lautete, daß Kinder aus migrantischen und Arbeiterfamilien sowie Kinder mit Behinderung systematisch benachteiligt werden. Damit erntete er hierzulande aggressive Reaktionen: Josef Kraus, Präsident des »Deutschen Lehrerverban- des«, nannte ihn etwa, auf seine Her- kunft anspielend, den »UNO-Querulan- ten aus Costa Rica«, der, »dreist« und »des Deutschen keineswegs mächtig«, sich »um sein eigenes Land kümmern« solle. Er brauche sich »nichts darauf einbilden«, wenn er »in Zeitungen wie Neues Deutschland, junge Welt, taz oder in den Blättern der Gewerkschaft Erzie- hung und Wissenschaft Jubelkommenta- re« erhalte. Unter anderem hatte Muñoz festgestellt, daß die »Einbeziehung von behinderten Menschen in die Regelschu- len nicht die Norm« in der BRD sei und daß der Staat »eine Politik der Ab- sonderung« betreibe. Er kritisierte auch

den Begriff der Integration. »Integration kann als Prozeß verstanden werden, in dem Menschen sich verpflichten, sich einem zuvor festgelegten Modell anzu- passen. Aus diesem Grund handelt es sich um einen vertikalen Prozeß, der

(

die jedem Menschen eigenen Merk-

male, auch von Schülern mit Behinde- rung, außer acht läßt.« Dagegen forderte er: »Nicht die Menschen müssen sich dem Bildungssystem anpassen, son- dern das Bildungssystem muß sich dem Menschen anpassen.« In diesem Sinne sprach er, in Übereinstimmung mit inter- nationalen Abkommen, von »Inklusion«. Bereits 1994 hatte es in der Salamanca- Erklärung der UNESCO geheißen, die Schule müsse – »einschließlich Curri- culum, Organisation, Personal« – verän- dert werden und sich an den »tatsächlich

)

vorliegenden Bedürfnissen« der Kinder orientieren.

»Selektion« unvermeidbar?

Inklusive Schulen stoßen in der BRD nach wie vor auf Ablehnung. Dies zeigt ein kürzlich erschienenes Buch von Bernd Ahrbeck, Professor für »Verhaltensgestör- tenpädagogik« an der Berliner Humboldt- Universität. Seine von der FAZ (3.8.2011) begrüßte Kampfschrift »Über den Umgang mit Behinderung« richtet sich vor allem gegen die »radikalen Inklusionsbefürwor- ter«. Diesen wirft er vor, alle Schüler in eine »Einheitsschule« zwingen und der Pädago- gik untersagen zu wollen, sich um »spe- zifische Personengruppen« zu kümmern. »Die Person, der einzelne als Träger einer Behinderung«, meint Ahrbeck, werde »zu einer nachrangigen Kategorie«. Das ist na- türlich Unsinn. Bei »Inklusion« geht es um die gemeinsame Unterrichtung behinderter und nichtbehinderter Kinder, gerade indem man unterschiedlichen Bedürfnissen Rech- nung trägt. Ahrbeck beklagt einen »äuße- ren Druck auf diejenigen, die Trennungen befürworten«. Kontroversen um angeblich »totalitäre« Fernziele der Inklusion sind angesichts der Situation in der BRD aller- dings bloße Scheindebatten. »In den mei- sten Ländern Europas wird die Mehrzahl

Hier-

der Schüler integriert beschult. (

)

zulande besuchen hingegen 81,6 Prozent der Kinder mit Behinderung die Sonder- schule.« Den Autor stört, daß in anderen Ländern die »Häufigkeit diagnostizierter Behinderungen« größer sei, wohingegen es hierzulande keine »überhöhten Behin- dertenquoten« gebe. Damit widerspricht er sich selbst. Eine vermehrte Anerkennung besonderen Förderbedarfs ist gerade kein Indiz dafür, daß bei integrativer bzw. inklu- siver Beschulung die Bedürfnisse behin- derter Kinder vernachlässigt werden, im Gegenteil.

Einer Schule, die vorwiegend individuel- le Lernfortschritte bewerten und damit die Chancen vieler behinderter Schüler verbes- sern würde, erteilt Ahrbeck eine Absage:

»Selektion ist ein unvermeidbarer Effekt von Schule. Die Vorstellung, es müsse sie nicht geben, läßt sich nur solange aufrecht- erhalten, wie die innere Wunschwelt über die Lebensrealität triumphiert.« Das ist starker Tobak. Die Schule muß Kindern das Lernen ermöglichen. Dabei braucht sie sich den kaum zu kalkulierenden »Anforde- rungen des Arbeitsmarkts« nicht sklavisch zu unterwerfen. Zwar müssen Maurerin- nen, Bäcker, Chirurginnen oder Piloten et- was von ihrem beruflichen Tun verstehen; aber die Benachteiligung von behinderten und anderen Kindern begründet ernsthafte Zweifel, ob die Schule ihre vorbereiten- de Funktion rational erfüllt. Wer keinen konventionellen Schulabschluß hat, braucht deswegen kein schlechter Koch zu sein. Es ist bezeichnend, daß Ahrbeck bestehen- de Verhältnisse mit der Realität überhaupt gleichsetzt und Kritik daran in die Nähe einer Wahnvorstellung rückt. Den benach- teiligten Schülern nützt die schulische »Se- lektion« auf dem Arbeitsmarkt nichts. Für diejenigen, die keine Arbeit finden, hält der Autor einen Trost bereit: »Die heutigen

) sorgen verläßlich

Hartz-IV-Leistungen (

dafür, daß die elementaren Grundbedürfnis- se befriedigt werden. Sie garantieren einen Lebensstandard, der bis in die 1970er Jahre hinein für Arbeiter selbstverständlich war.«

Geschlossene Unterbringung

Ahrbecks Plädoyer läuft auf die Erhaltung eines pädagogischen Grenzregimes hinaus. Er warnt nicht das erste Mal vor einer »Ein- ebnung aller Unterschiede«, dem Wahr- werden einer Urangst aller Konservativen. 2004 bedauerte er die »Abkehr von der autoritären Erziehung«, die, »insbesonde- re in Erinnerung an den Nationalsozialis-

mus«, zu einer »Schwächung des Erzie- hungsgedankens« geführt habe. Er zitiert den rechtskonservativen Historiker Arnulf Baring, wenn er den 1968ern »Erziehungs- sabotage« vorwirft. Zur Wiederherstellung vergangener Verhältnisse hat er seinen Teil beigetragen. Als Mitglied einer Kommissi- on der Hamburger Bürgerschaft zur Jugend- kriminalität vertrat er 1998 die Position der CDU. Überraschend gewannen die Konser- vativen hier eine Mehrheit für die Einrich- tung einer »Geschlossenen Unterbringung« von Kindern unter 14 Jahren (Die Welt, 14.4.2000). Bundesweit schwebte Ahrbeck eine »Verdoppelung oder Verdreifachung« der Plätze in solchen Institutionen vor. Die Hamburger Geschlossene Unterbringung Feuerbergstraße ist inzwischen Geschichte. Hier wurden nicht nur Kinder mit relativ harmlosen Delikten wie »Verdunkelung eines Ladendiebstahls« und »Beleidigung von Polizeibeamten« eingewiesen. Kinder, die als gewalttätig bekannt waren, attak- kierten sich gegenseitig oder versuchten, Selbstmord zu begehen. Das chronisch un- terbesetzte Personal wendete zunehmend »Fixierungen« gegen die jungen Insassen an. Als die Einrichtung im November 2008 geschlossen wurde, hatte sie selbst in der CDU an Rückhalt verloren.

Bernd Ahrbeck: Der Umgang mit Behinde- rung. KohlhammerVer- lag, Stuttgart 2011, 124 Seiten, 14,90 Euro

Michael Zander ist Psy- chologe und Aktivist in der Behindertenbewe- gung. Er lebt in Berlin

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Seiten, 14,90 Euro Michael Zander ist Psy- chologe und Aktivist in der Behindertenbewe- gung. Er lebt

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Mittwoch, 24. August 2011, Nr. 196

junge Welt

Montage von Leucht- stofflampen

2011, Nr. 196 junge Welt Montage von Leucht- stofflampen Taubstumme Genossen Vor 100 Jahren wurde eine

Taubstumme Genossen

Vor 100 Jahren wurde eine spezielle Sektion der SPD gegründet. Von Ylva Söderfeldt

Ylva Söderfeldt studier- te Ideengeschichte in Stockholm und promo- vierte am Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch- Stiftung in Stuttgart mit einer Arbeit über die deutsche Gehörlosen- bewegung. Sie lebt in Berlin

E s klingt wie ein Fastnachts- scherz und ist doch bitterer Ernst«, schrieben die Leipzi- ger Neuen Nachrichten in ih-

rem Kommentar zu der Versammlung, die am 11. Juni 1911 in Berlin stattfand. An dem Abend waren um die 300 Per- sonen zusammengekommen, um eine »Taubstummen«-Sektion der SPD zu gründen und damit einen der ersten politischen Gehörlosenvereine. Das In- teresse unter den Gehörlosen Berlins war enorm, die Besucherzahl entsprach etwa einem Viertel der erwachsenen Ge- hörlosen in der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt war die deut- sche Gehörlosenbewegung über ein hal- bes Jahrhundert alt. Der erste deutsche

»Taubstummenverein« wurde in Berlin im Jahre 1848 gebildet. Obwohl im Re- volutionsjahr entstanden, vertraten die- ser und spätere Vereine eher konserva- tive Standpunkte. Um die Jahrhundert- wende jedoch befand sich die Bewegung in einer Phase der Neuorientierung: Seit Jahren hatten die Gehörlosen erfolglos die Wiedereinführung der Gebärden- sprache an den Schulen verlangt. Zwar wurde die Debatte, die von den organi- sierten Gehörlosen und ihren Lehrern ausging, auch in der Rechtsprechung und am kaiserlichen Hof zur Kenntnis genommen, sie blieb aber letztlich oh-

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zur Kenntnis genommen, sie blieb aber letztlich oh- ANZEIGE ne Resultat. Der Schwerpunkt des Ge- hörlosenunterrichtes

ne Resultat. Der Schwerpunkt des Ge- hörlosenunterrichtes blieb das Erlernen der Lautsprache, das in der Praxis von psychischen und physischen Mißhand- lungen begleitet wurde.

Wendepunkt der Bewegung

Trotz dieser Niederlage war der Kampf um die Gebärdensprache von großer Bedeutung, da die Gehörlosen dadurch zu Aktivisten wurden. Bis dahin waren Vereine nur gesellig und karitativ aus- gerichtet, ihre Presse unpolitisch und belehrend. Jetzt aber verbreitete sich die Idee unter den Gehörlosen, gemeinsam für die eigenen Interessen zu kämp- fen. Gegenüber dem Problem brutaler Unterrichtsmethoden traten allmählich Fragen nach der gesellschaftlichen Stellung der Gehörlosen in den Vorder- grund. Wirtschaftlich gesehen gehörten sie mehrheitlich zu den gelernten Arbei- tern und lohnabhängigen Handwerkern. Es kann daher nicht verwundern, daß der Sozialismus unter ihnen Anhänger finden sollte. Tatsächlich wurde in der Gehörlo- senpresse des frühen 20. Jahrhunderts die Tendenz deutlich, sich mit der Ar- beiterklasse zu identifizieren. Zuneh- mend schlossen sich Gehörlose den Gewerkschaften an und signalisierten damit eine klassengebundene Solida- rität. Was jedoch eine Allianz mit der Sozialdemokratie erschwerte, war die nach wie vor bestehende Verbunden- heit vieler Gehörloser mit Kirche und Staat. Durch Erziehung und Fürsorge in besonderen konfessionellen und öf- fentlichen Institutionen entstanden eine starke Abhängigkeit und zugleich eine enge Bindung an die dabei vermittelten Ideologien. Sie erklärt, weshalb die zu- nehmenden Sympathien für den Sozia- lismus der SPD in der Vereinspresse der Gehörlosen zunächst kaum zum Aus- druck kamen. Trotzdem wurden sozial- demokratische Gehörlosenvereine aktiv

und gewannen immer mehr Anhänger. Nach dem Ersten Weltkrieg gelang es ihnen, sich in einer zentralen Organisa- tion zusammenzuschließen. Im »Taub- stummen-Partei-Bund Deutschlands« waren vor allem gehörlose Sozialisten verschiedener Richtungen organisiert.

Kommunistische Solidarität

Bald traten jedoch innerhalb dieses Zusammenschlusses die ersten politi- schen Spannungen auf. 1920 entstand die erste kommunistische Gruppe. Erich Ritter, ein Bautischler aus Berlin, gebo- ren 1892, nahm Kontakt mit der KPD auf und erklärte, die gehörlosen Anhän- ger der III. Internationale wollten nicht mehr dem Partei-Bund angehören. Ih- re Ansichten würden dort unterdrückt; so habe die Wochenschrift des Bundes seinen Artikel zum Kommunismus wie- derholt abgelehnt. Ritter empfahl sich selbst als Vorsitzenden einer neuen, der KPD angeschlossenen Gehörlosenorga- nisation. Über die Aktivitäten der gehörlosen Kommunisten der 1920er Jahren ist heu- te kaum etwas bekannt. Anders als den »Unpolitischen« und der sozialdemo- kratischen Gehörlosenbewegung gelang es den Kommunisten nicht, eigene Pres- seorgane zu gründen. Die bestehenden Gehörlosenblätter berichteten nicht über sie, sei es aufgrund von Desinter- esse, sei es wegen politischer Gegner- schaft. In dieser Situation suchten Ritter und seine Anhänger die Zusammenar- beit mit dem Internationalen Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit (IB), einer allgemeinen und der KPD naheste- henden Organisation für Menschen mit Behinderung. Eine solche Allianz ist höchst ungewöhnlich in der Geschichte der Gehörlosen. Typisch war eher die Tendenz, sich als »behindert« zu be- schreiben; es gab sogar Versuche, sich Vorteile auf Kosten anderer Gruppen zu verschaffen. Im Kampf um Gleich-

berechtigung neigten viele Gehörlo- se dazu, ihre körperliche und geistige Normalität zu betonen. Daß es gerade den Kommunisten gelang, diese Ten- denzen zu überwinden, lag vielleicht an ihrer politischen Überzeugung, die So- lidarität und Gemeinschaft hervorhob. Sie bildeten im IB eine Gehörlosen- Sektion sowie eine Theatergruppe von Gehörlosen, der es aber niemals gelang, öffentlich aufzutreten. Die gehörlose KPD-Sektion war eng mit dem IB ver- bunden.

Eine Einbahnstraße?

Insgesamt bleibt allerdings der Eindruck zwiespältig, den man aus den wenigen bisher bekannten Dokumenten von der linken Gehörlosenbewegung gewinnt. Man vermißt radikale Positionen zu den Fragen, die speziell Gehörlose betreffen. Die KPD- und IB-Mitglieder feiern den 1. Mai, verteilen Flugblätter unter ihren gehörlosen Bekannten oder studieren die Briefe Karl Liebknechts. Diese Aktivitä- ten sind lediglich eine allgemeine Unter- stützung der Partei, die durch Nutzung der Gebärdensprache ermöglicht wird. Es ist unklar, inwieweit es gelang, die Diskriminierung der Gehörlosen politisch zu thematisieren, etwa die mangelhafte und in ihren Methoden oft brutale Schul- bildung, das Recht auf Gebärdensprache oder die gesellschaftlichen Vorurteile, die sich nicht zuletzt im Arbeitsleben nachtei- lig bemerkbar machten. Das scheint der Redakteur der Deut- schen Taubstummen-Zeitung schon 1911 geahnt zu haben, als er in seinem Kom- mentar zum Interesse der SPD an den Gehörlosen schrieb: »[Es geht der SPD nicht um das Wohl der Taubstummen], sondern um die Stimmen derselben. Die Herren der Gleichheit würden schön die Nase rümpfen, wenn solch ein taubstum- mer Genosse sich um eine Beamtenstelle in den Consumvereinen oder der Partei bewerben wollte.«

junge Welt

Mittwoch, 24. August 2011, Nr. 196

behindertenpolitik

7

24. August 2011, Nr. 196 behindertenpolitik 7 wimmelt es nur so von Gouverneuren, Adligen, Comtessen und

wimmelt es nur so von Gouverneuren, Adligen, Comtessen und anderen inter- essanten Leuten, denen er begegnet. Ab einem bestimmten Zeitpunkt kam sein Ruhm dazu. Dann hieß es: »Der berühm- te blinde Reisende kommt zu Besuch.« Er war sicherlich auch sehr unterhaltsam und war auch dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt. Durch das enorme Zu- trauen, das er zu seinen Fähigkeiten hatte, verfügte er auch über eine gewisse Aus- strahlung. Ist er eigentlich allein oder mit Hel- fern zu seinen Reisen aufgebrochen? Hat er Leute bezahlt, damit sie ihn unterstützen? Er ist zum Entsetzen seiner Freunde, die ihn davon abhalten wollten, am Anfang allein aufgebrochen. Zumindest tut er so. Ich habe allerdings den Verdacht, daß er zumindest ab und zu in den Anfän- gen einen Bediensteten dabei hatte, als er sich noch nicht sicher sein konnte, daß er es allein schafft. Er traf unterwegs auch immer wieder auf Leute, die das gleiche Ziel hatten und eine Wegstrecke mit ihm reisten. Das waren oft mehrere Wochen. Es war aber nicht so, daß er sich gezielt je- manden gesucht hätte, um ihn bei seinen Reisen zu begleiten. Das waren mehr oder weniger Zufallsbekanntschaften.

In der Tischlerwerkstatt

»Unbedingter Wille und Charme«

Über den wieder zu entdeckenden blinden Weltreisenden James Holman. Ein Gespräch mit Susann Urban

u Oft sind es Zufälle, die ein Buchpro- jekt ermöglichen. Die Übersetzerin Su- sann Urban und der Schriftsteller Ilija Trojanow begeisterten sich für Jason Roberts Biographie über den blinden Weltreisenden James Holman (1786– 1857). Zugleich hatte sich ein Freund des Verlagslektors in seiner akademi- schen Abschlußarbeit mit dem einst berühmten Autor beschäftigt, der bis zur 1911er Ausgabe in der Encyclopedia Britannica einen langen, gediegenen Eintrag hatte, dann aber fast völlig in der Versenkung verschwand. Schon in den letzten Jahren seines Lebens begann sein Ruhm zu schwinden, erklärt mir Susann Urban in einem Te- lefongespräch, nicht zuletzt deshalb, weil man ihm vorwarf, er habe diese Reisen, über die er schrieb, als Blinder überhaupt nicht bewältigen können und nur so getan, als ob er das Ge- schilderte selbst erlebt hätte.

H olman gibt diesen An-

er schreibt: »Die Phan-

schuldigungen ja durch-

aus selbst Nahrung, wenn

tasie als Erkenntnisinstrument darf nicht unterschätzt werden.« Man muß hier zwei Sachen auseinander- halten. Erstens hat er in der Manier der Reisenden des beginnenden 19. Jahrhun- derts auf eine ausufernde Weise Berichte über die betreffende Region unter Nen- nung des Autorennamens zitiert. Das be- trifft Statistiken über Export/Import oder die Pflanzenwelt einer Gegend. Er wollte seinen Lesern einen runden Gesamtein- druck des neuen Gebietes vermitteln. Das gab dem Verdacht Nahrung, daß er auch das übrige abgeschrieben haben könnte. Zumal er im Verlauf der Berichte über sei- ne drei Reisen, die ihn nach Westeuropa, Rußland, Afrika, Südamerika und Ozeani- en führten, immer mehr davon Abstand nimmt, seine Blindheit überhaupt ins Spiel zu bringen. Also etwa zu sagen: »Dann stand ich mit XY an der Reling, und der hat mir geschildert, wie es aussieht.« Er be-

schreibt die Sache zunehmend so, als ob er sie selbst sieht. Hinzu kommt, daß zu die- ser Zeit mit Blinden häufig sehr unwürdig umgegangen wurde und man Personen,

die das Augenlicht verloren hatten, nicht mehr als vollwertige Menschen betrach- tete. Dem wollte Holman sich sicher auch dadurch entziehen, daß er sich nicht sofort als Blinder ausgegeben hat. Ihre Textauswahl enthält eine Pas- sage, in der Holman ein Blindenasyl besucht und bei der man als Leser den Eindruck gewinnt, daß er sich als Experte für das Thema interes- siert, aber nicht als selbst Betroffe- ner. Mit den schwierigen Bedingun- gen, unter denen die Menschen dort ihr Leben fristen müssen, scheint er gar keine Probleme zu haben. Er nimmt einen sehr distanzierten Standpunkt der Beobachtung ein. Holman besuchte häufiger Blinden- und Krankenasyle, insofern interessiert er sich schon für das Schicksal der Menschen. Aber er kriegt es fertig, sich überhaupt nicht darüber aufzuregen, wie mit den Menschen dort umgesprungen wird, die

dort wie Haustiere gehalten werden und nette kleine Arbeiten verrichten dürfen. Er selbst befindet sich dagegen in einer außerordentlich privilegierten Situation. Kann man das so sagen? Absolut. Er ist doppelt privilegiert. Zu- nächst, weil er zu den sieben auserwähl- ten Naval Knights of Windsor gehörte, Invaliden, die als Angehörige einer ex- klusiven Institution der Monarchie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt hat- ten. Holman hätte nur in Windsor sitzen, dann und wann repräsentative Aufgaben übernehmen und ab und zu in die Kirche gehen müssen. Aber das war ihm nicht genug. Mit einer Kombination aus unbe- dingtem Willen und Charme schaffte er es, genügend Geld zusammenzukratzen und damit immer wieder loszureisen. Er war ständig mit Empfehlungsschreiben unterwegs und kam dadurch mit der High Society an den jeweils von ihm besuchten Orten in Kontakt. In seinen Berichten

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Foto: Alexander Golser
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„Unglaublich, was Riess alles weiß, und bewundernswert, wie leichthändig er es zuwege bringt, mit seinem über- bordenden Wissen die Leser nicht zu ermüden, sondern zu unterhalten.“ Karl-Markus Gauß, Süddeutsche Zeitung

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OTTO

MÜLLER

VERLAG

Holman ist erblindet, als er ein jun- ger Mann war. Das stelle ich mir, zu- mal in dieser Zeit, als einen schwer zu verkraftenden Schicksalsschlag vor. Woher hat er die Motivation und die Kraft für seine abenteuerli- chen Unternehmungen genommen? Er hat sich mit der kompletten Passivität nicht abfinden wollen Schon bevor er er- blindete, hatte er den Wunsch entwickelt, eine Weltumseglung zu machen. Das hat ihn so angespornt, daß er einfach so getan hat, als ob er gar nicht erblindet wäre. Er hat dieses Handicap negiert. Zum Schreiben benutzt Holman ein Gerät, das Noctograph heißt. Das ist die geniale Erfindung eines Ralph Wedgwood. Ursprünglich war es für die Armee gedacht gewesen. Es handelt sich um ein Holzbrett. Rechts und links be- finden sich schmale Stäbchen, an denen Drähte befestigt sind. Mit ihnen werden die Linien gezogen, auf denen man schrei- ben konnte. Die Soldaten konnten darauf nachts im Gefecht Depeschen schreiben, ohne durch eine Lichtquelle auf sich auf- merksam zu machen. Holman muß irgend- wie auf dieses Gerät aufmerksam gemacht worden sein. Wie er dazu kam, ist nicht überliefert. Er hat dieses Instrument von Anfang an auf seinen Reisen verwandt. Seine unmittelbaren Impressionen hat er darauf stichwortartig notiert, nehme ich an. Weil er ein recht gutes Gedächtnis hatte, konnte er später auch vieles im nach- hinein diktieren. Nach der Rückkehr von seinen Reisen wird er diese Rohfassungen ergänzt, zur Niederschrift wahrscheinlich auch die Hilfe von Freunden und Verwand- ten in Anspruch genommen haben. Haben Sie auf Ihr Buch Reaktionen aus dem blinden Publikum bekom- men? Nein, leider nicht. Das hätte ich interes- sant gefunden zu erfahren, wie Blinde von heute auf einen legendären blinden »Eroberer« reagieren. Ob er dort ohnehin schon bekannt war oder einen Aha-Effekt auslöst. Weder kam ein Blindenverband auf uns zu noch wurde eine Transkrip- tion in die Braille-Schrift in Erwägung gezogen. Das ist noch eine vollständige Leerstelle. Das Gespräch führte Thomas Wagner

Susann Urban arbeitet als freie Übersetzerin (u.a. Richard F. Burton:

»Oberammergau«, Et- widge Danticat: »Der verloreneVater«) und Lektorin

Trojanow, Ilija/Urban, Susann: Fühlend sehe ich die Welt. Die Auf- zeichnungen des blinden Weltreisenden James Holman. Malik-Verlag, München 2010

Thomas Wagner ist Jour- nalist und lebt in Berlin

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behindertenpolitik

Mittwoch, 24. August 2011, Nr. 196

junge Welt

Ein blinder Beschäftigter beim Abisolieren von Kabeln

Rüdiger Haude (geb. 1959) ist Historiker. Er veröffentlichte zahlrei- che Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen und politischenThemen http://home.wtal.de

Gabriel Kuhn: Unter

dem Jolly Roger. Piraten im goldenen Zeitalter. Assoziation A, Berlin

2011

Rüdiger Haude: »Frei- Beuter. Charakter und Herkunft piratischer Demokratie im frühen 18. Jahrhundert«, In:

Zeitschrift für Geschichts- wissenschaft, 7–8/2008, S. 593–616

behindertenpolitik er- scheint als Spezial der Tageszeitung junge Welt imVerlag 8. Mai GmbH, Torstraße 6, 10119 Berlin; Redaktion: Stefan Huth (V. i. S. d. P.), Thomas Wagner, Michael Zan- der, Anzeigen: Silke Schubert, Gestaltung:

Michael Sommer

W as veranlaßt Menschen, die dem geltenden Körperstan- dard hundertprozentig ent- sprechen, sich Augenklap-

pen aufzusetzen und manchmal ihre Glied- maßen so zu verstecken oder zu verlängern, daß an Stelle einer Hand ein Haken, anstelle eines Fußes ein Holzbein erscheint? Genau:

Es ist Karneval, und bei der Kostümwahl hat man sich für den »Piraten« entschieden. Das gängige Bild vom karibischen Pira- ten stellt vielleicht den einzigen Fall dar, in dem körperliche Verstümmelungen nicht nur als gleichberechtigt akzeptiert, son- dern sogar als besondere Auszeichnung, als ›cool‹ geschätzt werden. Gabriel Kuhn hat dankenswerterweise in seinem jüngst in deutscher Übersetzung erschienenen Piratenbuch diesen Aspekt herausgearbei- tet. Zugleich schüttete er Wasser in diesen Wein: Zwar sei die Akzeptanz von Behin-

derung uneingeschränkt zu begrüßen, doch müsse man einen differenzierteren Blick auf die Motive solcher Akzeptanz richten. Im Kampf erworbene Verstümmelungen galten als Beweise für Männlichkeit und Wagemut. Der Akzeptanz lägen also eher zweifelhafte Werte zugrunde. Das ist sicher wahr. Die Piratengesell- schaften des »Goldenen Zeitalters« – An- fang des 18. Jahrhunderts – praktizierten zwar faszinierende Modelle radikaler Demokratie auf ihren Schiffen, vermoch- ten es aber nicht, die Logik patriarchaler Geschlechterverhältnisse zu überwinden und somit ein Identifikationsangebot für alle Menschen zu entwickeln. Und dennoch sind es nicht männliche Kämpfer schlecht- hin, deren Verstümmelung glorifiziert wird. Regierungen in der Moderne haben ihre »versehrten« Kriegsveteranen propagandi- stisch zu Helden erklärt, dies aber durch die achtlose Behandlung dieser »Helden« Lügen gestraft. Der bettelnde Krüppel – ob Soldat oder Zivilist – blieb ein Emblem al- ler Klassengesellschaften, aller Staaten.

Ein »lustiges und kurzes Leben«

Die Faszination der erworbenen Behinde- rung bei Piraten hängt also offenbar nicht nur mit dem Bild darin »verkörperter« krie- gerischer Männlichkeit zusammen. Soweit diese Verstümmelungen auf das Handeln der Gezeichneten selbst zurückzuführen sind, schwingt noch ein anderes Motiv mit:

die selbstgewählte Verachtung aller bürger- lichen Sicherheitsstandards. Es zeigt sich darin die piratische Maxime des »Live fast, die young«. Wenn der berühmte Captain Bartholomew Roberts ausgerufen hatte:

»Ein lustiges und kurzes Leben, soll mein Motto sein!« dann war das durchaus typisch für die Lebensform der Piratencommunity. Wir sind also hier bei dem Bedeutungsmo- ment der Ungebundenheit, das die Piraterie bis heute so faszinierend macht. Bei den

das die Piraterie bis heute so faszinierend macht. Bei den Coole Holzbeine Piraten als Erfinder der

Coole Holzbeine

Piraten als Erfinder der modernen Sozialversicherung. Von Rüdiger Haude

Avataren des Karnevals sind bekanntlich auch die stolzen, freien Indianer breit ver- treten, und die runzligen, buckligen Hexen zeigen wiederum ebenfalls eine Abwei- chung von der üblichen Körpernorm. Auch diese Typen sind nicht zuletzt libertäre Ge- genmodelle zum restriktiven Alltag. Die attraktive Wirkung der Behinde- rung bei Piraten ist nicht auf dem Mist der Kulturindustrie gewachsen. Die bekannten fiktiven Piraten-»Krüppel« sind nämlich durchwegs keine Sympathieträger: R. L. Stevensons »Long John Silver« hat noch Züge von Ambivalenz, doch seine teufli- sche Seite dominiert am Ende. J. M. Barries »Captain Hook«, dessen Identität schon im Namen auf seine Handprothese enggeführt wird, ist als Gegenspieler »Peter Pans« der paradigmatische Erwachsene und da- mit Bösewicht. Und der holzäugige Pirat »Ragetti« aus dem »Fluch der Karibik« ist eigentlich dank seines Handicaps nur das Objekt der Heiterkeit der Filmzuschauer. Behinderte Piraten als Quelle der Angst oder des Spotts – erstaunlicherweise hat sich diese Vorgabe in der Rezeption nicht durchgesetzt. Die symbolischen Implikationen sind al- so ambivalent. Bei den realen Piraten des »Goldenen Zeitalters«, die sich der Proble-

matik des Verlusts von Körperteilen durch- aus bewußt waren, finden wir das starke Be- mühen, die Behinderten als Gleiche zu in- tegrieren. Eine eigenartige Paradoxie zeigt sich hier: Diese Männer, die so demon- strativ ihr eigenes Leben geringschätzten, erwiesen sich als die Erfinder der moder- nen Sozialversicherung! In den »Piraten- artikeln«, dem »Grundgesetz« einer pirati- schen Unternehmung, legten sie regelmä- ßig nicht nur die demokratische Entschei- dungsfindung und die egalitäre Verteilung der Beute fest, sondern bestimmten auch, daß im Einsatz verstümmelte Genossen mit einer beträchtlichen, feststehenden Summe entschädigt wurden; die Höhe der Summe hing vom jeweils verlorenen Körperteil ab. Nicht hohles Heldengeschwätz also, son- dern praktische Unterstützung. Wer z. B. ein Bein verloren hatte, konnte mit dieser Kompensation als Hafenwirt eine neue Exi- stenz begründen.

Der Glutfunken

Einzelne Mannschaften gingen noch weiter. Die Crew, die mit Captain George Lowther segelte, legte in ihrem Artikel 6 fest, daß jeder Genosse, der eine Gliedmaße ver- lieren würde, das Recht haben sollte, »bei

der Gesellschaft zu bleiben, solange es ihm passend dünkt«. Gerade dort, wo man sich das kurze, fröhliche Leben aufs Panier geschrieben hatte, entstand der Gedanke, auch den Ge- handicapten die fortdauernde Solidarität des Kollektivs zu verbriefen. Ein unerhörter Vorgang: So wie das beengte frühneuzeit- liche Segelschiff die materiell denkbar un- günstigste Umgebung für ein Experiment in utopischer Politik zu sein schien, so wie eine Gruppe von frühkapitalistischen Ma- trosen, die mit der neunschwänzigen Kat- ze erzogen worden waren, als besonders ungeeignet für die Einigung auf einen ra- dikaldemokratischen Gesellschaftsvertrag schien – so unplausibel mutete ein Krüppel als Paradigma eines selbstbestimmten Indi- viduums an. Die piratischen Verbrecherbanden, ganz gewiß keine Knabenchöre, waren im Hin- blick auf ihre Binnenmoral den Staaten ihrer Zeit haushoch überlegen. Sie demon- strierten, daß eine andere Welt möglich war. Darin bestand ihre Hauptgefährlichkeit, darum mußten sie so unerbittlich verfolgt und vernichtet werden. Ein kleiner Glut- funken ihres Vermächtnisses leuchtet jedes Jahr im Karneval auf. Pusten wir vorsichtig hinein!

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Ein kleiner Glut- funken ihres Vermächtnisses leuchtet jedes Jahr im Karneval auf. Pusten wir vorsichtig hinein!