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HUMBOLDT – UNIVERSITÄT ZU BERLIN

Vorderasiatisches Institut - Iranistik -

Kurs: Ethnographie iranischsprachiger Völkerschaften


Lesender: Dr. Lutz Rzehak

Vortrag: „Paschtunwali – Ehren- und Verhaltens-


*
kodex der Paschtunen“
Von Student Ralph Kühn

Berlin, 1991/1992

*
1:1-Abschrift der maschinenschriftlichen studentischen Jahresarbeit bei gleichzeitiger, stillschweigender
Korrektur von Tipp- bzw. grammatikalisch -orthographischen Fehlern (inkl. Anpassung an die neue deut-
sche Rechtschreibung) durch den Verfasser. Die ur sprünglichen Seitenangaben wurden in tiefgestellten
Klammern vermerkt. Keine inhaltliche Aktualisierung oder Änderung am Or iginaltext.
-2-

Zur Transkription

Aus technischen Gründen habe ich im laufenden Text auf die Setzung

diakritischer Zeichen verzichtet und versuchte, zu einer einheitlichen
Schreibweise der Begriffe aus dem Paschto zu gelangen, indem ich die
bereits durch andere Autoren mehr oder minder konsequent benutzte
Transkription ins Englische verwendete.

‡ Für das Literaturverzeichnis wurde dies bei der vorliegenden Abschrift korrigiert.
-2-

[2]Afghanistan, aufgrund seiner geopolitischen Lage nicht selten Streit-


objekt und Zankapfel zum Teil auch außerregionaler Mächte, befindet
sich gegenwärtig in einer hochkomplizierten Situation der Auseina n-
dersetzung von traditionell gewachsener Lebensweise und -kultur so-
wie entsprechenden sozio-ökonomischen und politischen Strukturen
mit Institutionen, welche zum Teil seit längerem in diesem Land be-
stehen, die aber der afghanischen Gesellschaft, noch im Prozess der
Nationenbildung begriffen, fremd sind und ihren Eigenheiten teilweise
erheblich widersprechen, da sie ohne hinreichende Berücksichtigung
der konkreten Besonderheiten in Afghanistan übernommen und etab-
liert worden waren.

Für das Verständnis von Verhalten und Handeln der einzelnen Bevölke-
rungsgruppen in diesem Konflikt macht es sich erforderlich, sich mit
ihren Traditionen und Wertvorstellungen, ihrer Lebensweise und Kul-
tur, ihrer Religion sowie ihren sozio-ökonomischen Lebensverhältnis-
sen zu befassen.

Anliegen der vorliegenden Arbeit (der Wiedergabe des Inhaltes eines


mündlichen Kurzreferates) soll das Eingehen auf einige Aspekte des
Paschtunwali, des Ehren- und Verhaltenskodex der Paschtunen, we lche
die größte ethnische Gruppe in Afghanistan darstellen, sein und zu
versuchen, seine Besonderheiten hervorzuheben.

[3]Der Begriff „Paschtunwali“

Die Paschtunen, ein durch die Afghanistan und Pakistan trennende Du-
rand-Linie gespaltenes Volk, bilden mit ca. 6 bis 8 Millionen Menschen
die größte ethnische Gruppe innerhalb Afghanistans.1 Ihre Sprache,
das Paschto, gehört zum ostiranischen Zweig der iranischen Sprachfa-
milie. Kultur und Lebensweise der Paschtunen zeichnen sich neben
dem verbreiteten Selbstverständnis der Paschtunen als „echte Afgha-
-3-

nen“2 und der Bezeichnung als „wehrhaftes Staatsvolk“3 durch Nicht-


Afghanen durch einen besonderen Verhaltens- und Ehrenkodex, Pasch-
tunwali, aus. Bei seiner Definierung stimmen die meisten Autoren dar-
in überein, dass es sich hierbei im wesentlichen um ein umfassendes
Gefüge ethisch-moralischer, rechtlicher und kultureller Verbindlichkei-
ten und traditioneller Lebensauffassungen handelt, deren Entwicklung
und Manifestierung nicht zuletzt mit der islamischen Religion verknüpft
sind. Nyrop und Seekins zitieren Anderson, welcher Paschtunwali mit
„doing Pashtu“ umschreibt und unterstreichen dessen Wirkung als Fä-
higkeit zu Dominanz, zu Erhaltung und Verteidigung von Leib und Le-
ben, Freiheit, Autonomie sowie nicht zuletzt von Familie und Eigen-
tum. 4 Auch heben sie die große Bedeutung des Ehre-Begriffes sowie
seiner strikten Beachtung durch alle Mitglieder der paschtunischen
Stammesgesellschaft hervor. 5 Klimburg nennt Paschtunwali in Verbin-
dung mit der Ratsversammlung jirgah ein Regulativ der paschtuni-
schen Gemeinschaft.6 Snoy verweist auf den Begriff der Ehre als „das
höchste Rechtsgut eines Paschtunen“7 und formuliert seinen Pasch-
tunwali-Begriff als „Stammesrecht, … in erster Linie Ehrenkodex“8 und
betont di e für die Paschtunen enorme Bedeutung der überlieferten le-
gendären Genealogien, die seiner Ansicht nach die ideo[4]logische Basis
für eine ethnische Einheit der Paschtunen, d. h. deren „Wir-Gefühl“
insgesamt, wobei „das Wir-Gefühl als Stammesmitglied … meist we-
sentlich intensiver ist, als das Wir-Gefühl, Paschtune zu sein“ ausge-
prägt ist.9
Nyrop und Seekins betonen den engen Zusammenhang von „Moslem“
und „Paschtune“ als handelnde Person, bemerken jedoch, dass sich
der jeweilige Handlungsträger mit der Bezeichnung als „Paschtune“
mehr identifiziert, zumal die Bezeichnung „Moslem“ hierin schon ent-
halten sei.10 Katkow bewertet Paschtunwali als ein System sozialer Re-
gulierung, als „Mittel der Selbstbestimmung und Lebenstätigkeit der
paschtunischen Stämme, er ist ein wesentlicher - wenn nicht grundle-
gender - Teil der Weltanschauung der Paschtunen, Argument für die
-4-

Begründung ihrer Lebensweise, er spielt eine wesentliche Rolle bei der


Formierung der Psyche der heutigen Paschtunen.“11
Grünberg und Rachimow begreifen Paschtunwali als Ethik der paschtu-
nischen Stammesgesellschaft, welche in Verbindung mit den Prinzipien
des adab die Verhaltensetikette der Paschtunen prägt bzw. hervor-
bringt.12

Obwohl sich die oben angeführten Ansätze zur Begriffsbestimmung


„Paschtunwali“ grundlegend nicht widersprechen, wird durch diese
Auswahl ersichtlich, wie komplex und schwierig diese Problematik ist
und die Wichtigkeit einer sachlichen Auseinandersetzung und Bewer-
tung unterstrichen.

[5]Zum Inhalt von Paschtunwali13

„Die Bevölkerung ist trotz der im ganzen oligarchischen Gesellschafts-


struktur durchdrungen von einem unverkennbar demokratischen Geist.
Dieser hat seine Wurzeln sowohl in der islamischen Religion als auch in
den Stammesgesetzen. Vor Gott sind alle Menschen gleich, und von
allen Stammesangehörigen wird brüderliches Verhalten untereinander
erwartet. So sehr im täglichen Leben auch Ansehen bzw. Reichtum und
Armut die Familien und Individuen trennen mögen, die Würde verlangt
angemessenes Verhalten jedem gegenüber.“14
Snoy hat, denke ich, Anspruch und Wesen von Paschtunwali anschau-
lich umschrieben. Die Problematik „Ehre“, „Ehrerweisung“, „Ehrvertei-
digung“ sowie ein stark ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit,
Verletzbarkeit der Würde und entsprechende Reaktionen ziehen sich
wie ein roter Faden durch das gesamte Netzwerk der Prinzipien des
Paschtunwali, von denen die für das allgemeine Verständnis wesent-
lichsten anschließend kurz dargestellt werden sollen.
Vorangestellt sei noch eine Bemerkung von Klimburg, die mir in die-
sem Zusammenhang notwendig und interessant erscheint. Er bezeich-
-5-

net die Begriffsvorstellungen der Paschtunen betreffend Souveränität,


Freiheit, Stolz und Würde sowie Ehre als „übersteigert“, verweist auf
die hohen Anforderungen an Paschtunwali durch das ständige Ringen
um soziales Prestige und Vormachtstellung, Wasserverteidigung und
Grundbesitz sowie (im Falle der Ehrschändung) Sühne und Entschädi-
gung, was nicht zuletzt eine außerordentlich hohe Wehrbereitschaft zur
Folge habe.15 Im wesentlichen unter diesem Aspekt sind die Ansprüche
an die strikte Einhaltung der Prinzipien und Regeln des Paschtunwali
und seine Verbindlichkeit für die Mitglieder der paschtunischen Stam-
mesgemeinschaft zu betrachten und wird [6]wohl auch gleichzeitig sei-
ne besondere Bedeutung für Stabilität und Funktionieren dieser Ge-
meinschaft ersichtlich.

Ausgehend von Ehre und Würde als Grundpfeilern der Regeln von
Paschtunwali lässt sich feststellen, dass nicht wenige von ihnen in en-
gem Zusammenhang miteinander stehen, sich teilweise beeinflussen
bzw. bedingen. Ungeeignet erscheint mir der Versuch, einer Wertung
dieser Regeln nach ihrer angenommenen oder tatsächlichen Bedeutung
in einer Rangfolge vorzunehmen. Es gilt zu verstehen, dass alle diese
Prinzipien und Regeln, welche Paschtunwali ausmachen, nicht losgelöst
voneinander wirken (können), gleichfalls ist auch der Einfluss der isla-
mischen Religion allgegenwärtig.

Dies ist z. B. bei tura der Fall. Tura (wörtlich: Schwert) gilt unter ehr-
baren Paschtunen als Ausdruck von Kampfgeist und Kampfbereit-
schaft, wenn es heißt, Freiheit und Stolz zu erhalten und zu verteidi-
gen. Das gilt nicht nur für die Familie, Eigentum o. ä. Gleichzeitig ist
hierin die Pflicht zur Teilnahme am heiligen Krieg, jihad, mit enthalten.

Das Gefühl und Bewusstsein der eigenen Würde, von Mut und Stolz
beinhaltet der Begriff ghairat, was übersetzt bedeutet Selbstbewusst-
sein, Ehrgeiz, Mut und Beherztheit, Eifer, Fleiß und Bescheidenheit.
-6-

Ghairat hat grundlegende Bedeutung nicht zuletzt bei der Bewertung


des Charakters einer Person. Der Träger aller dieser vorzüglichen Ei-
genschaften, ghairatman, gilt als Idealbild eines Paschtunen, welches
anzustreben ehrenvoll und lohnend ist. „Ghairat verallgemeinert somit
alle Forderungen und Wertvorstellungen der paschtunischen Etiket-
te.“16

Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stamm bzw. Klan wird mit


nanga umschrieben (wörtlich: nang – die Ehre). In engem Zusammen-
hang mit tura gehören hierzu die Bereitschaft [7]und die Pflicht zur Ver-
teidigung des Verbundes, dem man angehört. Nanga ist vor allem der
Glaube an den Ur- bzw. Stammvater des jeweiligen Stammes oder
Klans, wirkt so als ein die Einheit und Geschlossenheit des Kollektivs
prägendes Moment, dient gleichzeitig als eine Unterscheidung von an-
deren. Es ist anzumerken, dass es keine einheitliche Genealogie gibt,
die von allen paschtunischen Stämmen gleichermaßen anerkannt wird,
jedoch die jeweils angenommene Genealogie eines der wesentlichsten
Identifikationsinstrumente für den einzelnen wie für die Gemeinschaft
ist. Nicht zuletzt ist nanga auch Ausdruck und Resultat der die pasch-
tunische Stammesgemeinschaft prägenden patrilinearen Strukturen.

Eng verbunden damit ist das allgemeine Prinzip der Gleichheit (musa-
wat / barabarwalay). Trotz unverkennbarer, mehr oder minder starker
sozialer Differenzierung bis zur Gegenwart ist der Glaube an Brüder-
lichkeit und Gleichheit aller Paschtunen in diesen tief verwurzelt. Er
gründet sich vor allem auf oben kurz erwähnte Genealogien, an deren
Anfangspunkt (trotz folgender verschiedentlicher Unterschiede) der
Überlieferung zufolge der sagenhafte Stammvater aller Paschtunen -
Qais - steht. Das Prinzip der Gleichheit findet seine tagtägliche Anwe n-
dung u. a. in den Umgangsformen der Paschtunen miteinander, in de-
ren Bezeugung der gegenseitigen Hochachtung, so z. B. in einem um-
fangreichen Katalog von Begrüßungsformeln und Höflichkeitsfloskeln,
-7-

die jeweils sehr ernst und stets zu beachten sind. Gleichfalls Ausdruck
des Gleichheitsprinzips ist z. B. die Wertschätzung von Bescheidenheit.
Es ziemt sich nicht, in der Öffentlichkeit durch Andeutungen oder offe-
nes Wort seine eigene Person in den Vordergrund zu drängen oder die
eigene Würde über die [8]der anderen zu stellen.

Der Gleichheitsgrundsatz findet einen deutlichen Ausdruck in der tradi-


tionellen Stammesversammlung jirgah. Während dieser Versammlung,
bei der den freien Männern Teilnahme- und Stimmrecht zustehen,
werden Probleme, Anliegen und Streitfälle von allgemeiner Bedeutung
für die Gemeinschaft beraten und entschieden. Die jirgah bildete sich
in der Periode der Entwicklung der Stämme zu politischen Institutionen
heraus. Jirgah kann bedeuten: a) Versammlung aller wehrfähigen
Männer; b) Versammlung männlicher Paschtunen, die Land und Fami-
lie besitzen; Versammlung der Familienoberhäupter; d) Ältestenrat.
Diese Versammlung ist keine ständige Einrichtung, sie wird im Be-
darfsfalle anberaumt, und alle Teilnehmer besitzen gleiche Rechte und
gleiche Stimme. Es wird dabei so lange beraten und verhandelt, bis
eine Einigung aller Teilnehmer erreicht ist, ohne dass eine Abstimmung
stattfindet. Vertrauen ist dabei ein wichtiges Moment. Das erzielte Re-
sultat wird von allen Teilnehmern als verbindlich akzeptiert, wobei es
gilt, sich auch trotz u. U. wieder aufkommender Zweifel dem Beschluss
zu beugen. Verstöße gegen einen Beschluss werden entsprechend den
Regeln von Paschtunwali geahndet. Es ist festzustellen, dass infolge
sozialer Differenzierung sich auch die jirgah betreffend Veränderungen
abspielen. „Letztlich setzen sich die Einflussreichen durch, diejenigen
die eine Gefolgschaft haben. Eine Gefolgschaft gewinnt man dadurch,
dass man alle von Paschtunwali geforderten Tugenden entfaltet, nicht
zuletzt Gastlichkeit und Gastfreundschaft.“17
Gastfreundschaft und Freigiebigkeit sind hoch angesehene Eigenschaf-
ten eines ehrbaren Paschtunen; es ist vor allem eine Frage der eige-
-8-

nen Würde und Ehre, die man seinem Gast erweist, wenn man ihm
gern und ehrlich dient und beschützt vor [9]jedwedem Unbill.

Melmastija (melmastya; auch: melmapalena ), die Gastfreundschaft, ist


ein recht weit gehendes Gastrecht, beginnend mit der Begrüßung und
Beköstigung des Gastes, dem Anbieten eines Nachtlagers bis hin zur
Verteidigung des Gastes gegen etwaige Gegner. Dabei werden durch
den Hausherrn alle verfügbaren Mittel aufgeboten (was u. U. auch zum
Ruin bzw. zu Verschuldung führen kann). Gastfreundschaft gilt als Be-
weis für die Großherzigkeit und die Freigiebigkeit des Hausherrn, wel-
cher hierdurch gesellschaftliche Anerkennung erwerben kann. Gleich-
zeitig können auf diese Weise gewisse Klientelverhältnisse geschaffen
werden, was einen bestimmten Einfluss auf andere Mitglieder des
Stammes bzw. Klans oder Ortsbewohner ermöglicht. In vielen pasch-
tunischen Dörfern gibt es Gemeinde- oder Gästehäuser (hujra), die,
einst hervorgegangen aus den Treffpunkten der Männer des jeweiligen
Dorfes, Reisenden sowie Gästen aus benachbarten Orten zu jeder Zeit
offen stehen. Hujra ist oft jener Ort, in welchem Einflussreiche ihre Ge-
folgschaft bewirten und Meinungen gebildet werden, welche von Fall zu
Fall durchaus während einer jirgah zum Tragen kommen können.

Verbunden mit melmastija und als eine Möglichkeit ihrer Erweiterung


kann badraga (Begleitung) betrachtet werden. Es handelt sich dabei
um eine Schutzbegleitung, die z. B. dem Bewohner eines Dorfes an
einer Siedlung oder auf dazugehörigem Gebiet, mit deren Bewohnern
er oder sein Dorf in Streit liegen bzw. verfeindet sind, vorbei durch
Dritte aus einem unbeteiligten (neutralen) Ort gewährt wird. Es gilt als
äußerst schändlich, einen solcherart begleiteten Reisenden anzugreifen
und führt zwangsweise zu erneuter Feindschaft.

Einen recht umfassenden Regelkodex stellt nanawati (wörtlich von:


hereinkommen) dar. Es ist zum einen Asylgewäh[10]rung, zum anderen
-9-

Möglichkeit des Ausdrucks von Versöhnungsbereitschaft bzw. der Kon-


fliktbeilegung. Der Unterlegene in einem Streit o. ä. ersucht den ur-
sprünglichen Gegner um Schutz bzw. Asyl, bietet hiermit seine Unter-
werfung an, bittet um Begnadigung und Verzeihung und kann zum Ge-
folgsmann des Überlegenen werden. Eine Verweigerung des Ersuchens
um Verzeihung in dieser Form durch Überlegenen gilt als einen Verlet-
zung der Regeln von Paschtunwali und somit als unehrenhaft. Da der
Unterlegene mit seiner Bitte um Verzeihung und Begnadigung seine
Ehre faktisch völlig preisgibt, kommt nanawati in der Regel nur bei
Konflikten zwischen sozial Ungleichen zur Anwendung. Dies schafft
dem Überlegenen eine weitere Möglichkeit, verlässliche Klientelver-
hältnisse auf- und seine soziale Vormachtstellung auszubauen. Je hö-
her jedoch der soziale Status der Beteiligten eine s Konflikts ist, desto
geringer ist in der Regel die Bereitschaft zu solchen Akten der Versöh-
nung, was wohl vor allem mit dem Prestigedenken der Bereffenden zu
erklären ist (es sei daran erinnert, dass die Ehre das höchste Rechts-
gut eines Paschtunen darstellt – s. vorn: „Zum Begriff ‚Paschtunwali’“).
Vergehen bzw. Verbrechen werden, unabhängig von Umfang und Tat-
motiv auf Grundlage des Stammesrechts geahndet. Die schwerwie-
gendsten Verbrechen überhaupt sind der Ehebruch (mit der Todesstra-
fe als Folge), der Mord an einem Freien sowie (bewusste oder unbe-
wusste) Missachtung der Ehre eines freien Paschtunen, z. B… durch die
Wegnahme eines Gewehrs. Schwere Verbrechen können zum Teil aus-
gedehnte Blutrachefehden, welche mitunter auf nachfolgende Genera-
tionen übertragen werden können, zur Folge haben. Diese können
durch Kampf (vor allem nach Mord), durch Wiedergutmachung (Wer-
geldzahlung) oder u. U. das bereits genannte nanawati beigelegt bzw.
beendet werden. Hierbei bestehen gewisse Regeln, die von Stamm zu
Stamm variieren können.
[11]Grundlage für Wiedergutmachungen ist das Prinzip badal (ursprüng-
lich: Ersatz, Ersetzung), welches sowohl die Dankbarkeit und Beloh-
nung für erhaltenes Gutes als auch die Vergeltung für widerfahrenes
- 10 -

Böses (also zugefügten Schaden oder Schme rz bzw. eine Ehrschän-


dung) beinhaltet. Auch dieses Prinzip folgt aus dem Begriff der Würde
und Ehre der Paschtunen, welcher es verbietet, anderen etwas schul-
dig zu bleiben, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Viele Autoren
geben badal in der Regel mit Blutrache wieder, wobei sich der Begriff
Blutrache (wörtlich: por) von Schuldigkeit, Schuld (im Sinne einer
Pflicht) herleitet. Bei Feindseligkeiten zwischen Personen, Familien etc.
(badi) gilt der Grundsatz, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wobei
hier die weitere Bedeutung von badal im Sinne von „Äquivalent“ deut-
lich wird. Die Nichtdurchführung von por wird allgemein als Schwäche
gewertet und führt wiederum zur Schädigung des Rufs und der Ehre
der betreffenden Person bzw. Familie o. ä. Neben körperlichen Schä-
den oder Schmerz gilt es weiterhin, entstandenen moralischen Scha-
den wieder gut zumachen. D. h., das Opfer hat das Recht, Zahlungen
(sharm; „Zahlung für Blut“: khun, khunbaha) zu erhalten, womit
schließlich badal erfüllt wäre. Laut Klimburg umfasst ein khun meist
zwei bis drei junge Mädchen bzw. ihren „Wert“ in Form von Geld oder
Naturalien.18 Der Umfang der zu leistenden Zahlungen richtet sich
nach der Schwere des Schadens und der sozialen Stellungen des Ge-
schädigten.

Eine besondere Rolle für das Individuum haben als Kern des sozialen
Gefüges innerhalb der paschtunischen Stammesgesellschaft die Familie
bzw. Großfamilie inne. Die Familie ist Hauptkriterium für den sozialen
Rang der einzelnen Person und stellt eine Form der Schutzmöglichkeit
vor der Umwelt dar. Wichtigstes Symbol für die Ehre der Familie und
des (Ehe-)[12]Mannes ist die Frau. Es ist daher die höchste Pflicht eines
Mannes, die Ehre seiner Familie zu bewahren, indem er die Würde und
Unantastbarkeit seiner Frau schützt und verteidigt. Die Position der
Frau in der paschtunischen Gesellschaft sowie das Verhältnis zwischen
Frau und Mann im familiären Umgang miteinander bestimmt das Prin-
zip namus (wörtlich: Reputation, teurer Name, Ehre sowie weibl iche
- 11 -

Familienhälfte) in Zusammenhang mit den Vorschriften der islamischen


Religion. Es ist die Ehre der Frau, welche das Bestreben des Mannes
bedingt, sie weitestgehend vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Seinen
Einfluss und seine Überlegenheit und Kraft über sie nicht öffentlich
darstellend, verteidigt er ihre Ehre und sorgt dafür, dass dies von allen
Außenstehenden anerkannt wird. Ärmere Männer leben mit ihren Ehe-
frauen gemeinsam in einer Behausung, wobei ein Teil, bestimmt für
die Frau, abgetrennt ist. Die Wohlhabenden errichten ihren Ehrefrauen
spezielle Häuser bzw. Räume neben den eigenen. Für Personen, die
nicht zum Familienkreis gehören, ist einzig und allein der Mann Kon-
taktperson.
Die Verehrung der Frau ist trotz ihrer relativen Abgeschiedenheit so
groß, dass auf ihre Bitte hin Blutvergießen und Zwistigkeiten zwischen
Familienklans unverzüglich zu beenden sind.
Die Frau leitet alle vorgehenden Haushaltsarbeiten, ist Autoritätsper-
son für die weiteren weiblichen Familienmitglieder und wichtigste Bera-
terin bei der Suche nach einer Braut bzw. einem Bräutigam für die hei-
ratsfähigen Kinder. Bei allem Schutz und der Verehrung, die die Frau
durchaus genießt, kann jedoch keinesfalls von einer Gleichberechti-
gung von Mann und Frau in der paschtunischen Gesellschaft gespro-
chen werden. Die Funktion des Familienoberhauptes, politisches Mit-
spracherecht auf der jirgah, die Erbrechte über Grund und Boden u. ä.
liegen fest in den Händen des [13] Mannes.

Ebenfalls nicht unerheblich für das tägliche Leben der Paschtunen ist
das Prinzip merane (merana), wörtlich: Kühnheit, Mut, Tapferkeit, wel-
ches Willenskraft und Standhaftigkeit als wichtige Eigenschaften einer
Persönlichkeit hervorhebt. Diese Anforderung an den Charakter betrifft
nicht nur den Mann als Oberhaupt und Beschützer der Familie sondern
auch die Frauen und Kinder. Merane verlangt von jedem Paschtunen,
beliebige Schwierigkeiten unter Aufbietung aller verfügbaren physi-
schen und sonstigen Fähigkeiten und Mittel zu überwinden. Der Ur-
- 12 -

sprung dieses Prinzips ist sicher im Leben unter den zum Teil extrem
schwierigen geografisch-klimatischen Bedingungen der Hindukusch-
Region zu suchen, wo ohne Geschicklichkeit, Klugheit, Kraft und
Einsatzwillen ein Überleben kaum denkbar erscheint.

Wie vielen anderen Ethnien ist auch den Paschtunen das Prinzip der
Achtung des Älteren wichtig und teuer. Es schreibt ein ehrenvolles
Verhalten letzteren gegenüber vor und erstreckt sich zum einen auf die
Ältesten und Weisen, zum anderen beeinflusst es die Beziehungen zwi-
schen und Söhnen, zwischen Brüdern etc. Beispielhaft ist das beson-
ders ehrerbietige Verhalten gegenüber den khan und malik als traditi-
onellen Führern. Die Ehrwürdigkeit der Alten und Weisen beruht im
wesentlichen auf ihrem umfangreichen Erfahrungsschatz, welchen sie
den Jüngeren vermitteln und nicht zuletzt auf ihrer Position als Ober-
haupt der Familie, des Kerns des Sozialgefüges der Stammesgemein-
schaft. Hierarchische Strukturen werden auch hier sichtbar.

Die dargestellten Prinzipien von Paschtunwali zeigen, wie an anderer


Stelle bereits angemerkt, dass sie im wesentlichen darauf ausgerichtet
sind, im Zusammenhang mit aus der islamischen Religion resultieren-
den Vorschriften das soziale Leben der Mitglieder [14]der paschtuni-
schen St ammesgemeinschaft zu regulieren, nicht zuletzt, um dieses
Leben und diese Gemeinschaft zu tragen und auch in Ausnahmesitua-
tionen aufrechtzuerhalten.
Es bleibt allerdings abzuwarten und einer zukünftigen umfangreichen
Analyse vorbehalten zu klären, inwieweit Paschtunwali durch die Wir-
ren des afghanischen Bürgerkrieges, der leider noch immer sinnlos
Blut vergießt, Veränderungen unterworfen wurde bzw. wird und ob
diese sich unter Umständen in dieser oder jener Form manifestieren
werden.
- 13 -

[15]Anmerkungen und Quellen

Zu den Angaben über die Bevölkerung Afghanistans und die einzelnen ethni-
schen Gruppen:

1
Orywal, Erwin (Hrsg.): Die ethnischen Gruppen Afghanistans. Fallstudien zu Grup-
penidentität und Intergruppenbeziehungen. (Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorde-
ren Orients, Reihe B, Nr. 70) Wiesbaden 1986; S. 19 ff.
2
Klimburg, Max: Afghanistan. Das Land im historischen Spannungsfeld Mittelasiens.
Wien 1966; S. 105.
Klimburg verweist auch darauf, dass sich mit der Bezeichnung „Afghane“ u. U. ein
höheres Sozialprestige verbindet, so z. B. im Raum Peschawar sowie bei den stolzen
Yusufzai (a. a. O.; S. 114)

3
Klimburg, Max: a. a. O.; S. 110.
4
Nyrop, Richard F.; Seekins, Donald M.: Afghanistan - a country study. Washington
1986; S. 108.
5
Ebenda.
6
Klimburg, Max: a. a. O.; S. 120.
7
Snoy, Peter: Die ethnischen Gruppen. - IN: Bucherer- Dietschi, Paul; Jentsch, Chris-
toph (Hrsg.): Afghanistan. Ländermonographie. (Schriftenreihe der Bibliotheka Af-
ghanica No. 4) Liestal 1986; S. 143.
8
Ebenda.
9
Snoy, Peter: a. a. O.; S. 125.
10
Nyrop, Richard F.; Seekins, Donald M.: a. a. O.; S. 108.
11
Katkov, I. J.: Social’niye aspekty plemennoj struktury puštunov. - IN: Afganistan:
istorija, ekonomika, kul’tura. Sbornik statej. Moskva 1989; S. 39.
12
Grjunberg, A. L.; Rachimov, R. R.: Etiket u narodov Afganistana. - [16]IN: Etiket u
narodov perednej Azii. Sbornik statej. Moskva 1988; S. 190.
13
Die Angaben zu den Prinzipien von Paschtunwali sind zusammengefasst nach:
Grjunberg, A. L.; Rachimov, R. R.: a. a. O.; S. 189 ff.
Katkov, I. J.: a. a. O.; S. 39-57.
Klimburg, Max: a. a. O.; S. 105-123.
Rzehak, Lutz: Kodeks cesti u puštunov. - IN: Afganistan: istorija, ekonomika,
kul’tura. Sbornik statej. Moskva 1989; S. 58-72.
Snesarev, A. J.: Avganistan. Moskva 1921; S. 98- 112.
Snoy, Peter: a. a. O.; S. 140 ff.
14
Snoy, Peter: a. a. O.; S. 158.
- 14 -

15
Klimburg, Max: a. a. O.; S. 115.
16
Rzehak, Lutz: a. a. O.; S. 71.
17
Snoy, Peter: a. a. O.; S. 143
18
Klimburg, Max: a. a. O.; S. 121.

Weiterhin verwendete Hilfsmittel

Aslanov, M. G.: Puštu-russkij slovar’. Moskva 1985.


Grötzbach, Erwin (Hrsg.): Afghanistan : eine geographische Landeskunde. (Wissen-
schaftliche Länderkunden; Bd. 37). Darmstadt 1990.
Heine Peter: Ethnologie des Nahen und Mittleren Ostens. Eine Einführung. Berlin
1989.
Lebedev, K. A.; Jacevic, L. S.; Kalinina, S. M.: Russko-puštu slovar’. Moskva 1983.