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AP /PABLO MARTINEZ M ONSIVAIS

RALPH ORLOWSKI / REUTERS

jungeWelt

Die Tageszeitung

Gegründet 1947 · Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012 · Nr. 6 · 1,70 Euro · PVSt A11002 · Entgelt bezahlt

Aufgaben der Linken

Über die Grenzen der direkten Demokratie: Ge- spräch mit dem Schweizer Gewerkschafter Beat Ringger. Außerdem: Programm, Strategie, Taktik. Dietmar Dath und Barbara Kirchner über die Organisationsfrage Wochenende

junge W elt
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www.jungewelt.de

Schwieriger Geburtstag

Der ANC feiert sein 100jähriges Beste-

Geplanter Abschuß

Bundesregierung plant Teilprivatisierung

Angesagter Anschlag

»Libyen light« für Syrien? Teile der

Revolutionäre Jugend

»Ich möchte viele Fidel Castros sehen.«

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hen in trügerischer Einheit. Kriti- ker zum Schweigen gezwungen

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des staatlichen Hochschulinforma- tionssystems. Von Ralf Wurzbacher

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Opposition fordern internationale Intervention. Von Karin Leukefeld

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Pablo Miró spielt auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz

Fittis,Dämlacks,Pillepallos

Die FDP definiert sich neu, als Nichts. Von Wiglaf Droste

Obama stellt neue Strategie vor

Nichts. Von Wiglaf Droste Obama stellt neue Strategie vor W ashington . US-Präsident Barack Obama (Foto)

Washington. US-Präsident Barack Obama (Foto) hat eine neue Ver- teidigungsstrategie vorgestellt, mit der Einsparungen mehrerer hundert Milliarden Dollar im Rüstungshaushalt kompensiert werden sollen. Die Streitkräfte würden in Zukunft schlanker sein, die USA aber dennoch ihre »mili- tärische Überlegenheit« behalten, sagte Obama am Donnerstag. Die Prioritäten im Konzept der Natio- nalen Sicherheit änderten sich nun nach einer Phase langer Kriege nach den Anschlägen vom 11. Sep- tember 2001. Aus den Reihen der Republikaner kam deutliche Kritik an Obamas Vorhaben. Es bedeute einen »Rückzug aus der Welt un- ter dem Deckmantel einer neuen Strategie«, sagte der Kongreßabge- ordnete Howard McKeon, der im Repräsentantenhaus Vorsitzender des Ausschusses ist, der für die Überwachung des Pentagons zu-

ständig ist.

u Siehe Seiten 10/11

(dapd/jW)

1,8-Milliarden-Klage

gegen Wulff

DüsselDorf. Fast 70 Banken, Versi- cherungen und Fonds fordern von Bundespräsident Christian Wulff einem Bericht zufolge Schadens- ersatz in Höhe von 1,8 Milliarden Euro. Die Investoren werfen Wulff Versäumnisse als früherer Volkswagen-Aufsichtsrat-Chef vor, berichtete die Wirtschaftswoche am Freitag vorab. Dies gehe aus einem Antrag hervor, in dem die Investoren die Einleitung eines außergerichtlichen Gütetermins forderten. Bei dem Streit geht es demnach um die gescheiterte Übernahme von VW durch Porsche. Wulff, da- mals noch Regierungschef in Nie- dersachsen und damit auch Vorsit- zender des Aufsichtsrates bei VW, habe die VW-Anleger getäuscht und damit den Porsche-Eignern in

die Hände gespielt.

(dapd/jW)

junge Welt wird herausgegeben von 1 196 Ge- nossinnen und Genossen (Stand 21. Dezember 2011). Informationen: www.jungewelt.de/lpg

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D ie FDP ist ein Fall für die

Detektei Argus. Gibt es sie

D ie FDP ist ein Fall für die Detektei Argus. Gibt es sie Dreikönigstreffen: Döring, Homburger

Dreikönigstreffen: Döring, Homburger und Rösler am Freitag in Stuttgart

19. Dezember zu Ehren Franz Josef Degenhardts im BE spielten, auch am 18. Januar im Berliner Tipi auf der Bühne stehen wird, wenn Guido We - sterwelle dort seinen 50. Geburtstag nachfeiert. Das nenne ich U-Boot-Po- litik in Unterwanderstiefeln! Was die längst von jedem Geist verlassene FDP am traditionellen Stuttgarter Dreikönigstreffen ablie- ferte, gehört in die Rubrik »Verschie- denes«, und das in jeder Bedeutung des Wortes. Während der Vorsitzende Philipp Rösler sich an die Zwangs- vorstellung vom »Wachstum« an- klammerte wie Kai Diekmann an sein Amt als Bundespräsidentenma-

cher, wurde ruchbar, daß die Regie- rungskoalition aus CDU, Grünen und FDP im Saarland aufgekündigt wur- de, wegen des katastrophal intrigan- ten Gebarens diverser FDP-Politiker. Rösler bewies seine Qualitäten als Realitätsignorierer und gab weiter seinen Durchhaltequark zum besten. Die Anstrengung beim Interesseheu- cheln war seinen Zuhörern deutlich anzumerken. Allein die »Grüne Jugend« griff Rösler ein bißchen unter die armen Arme und entrollte ein Transparent mit der Aufschrift »Die FDP dröslert sich auf«: trostlose, gruselige Kaba- rettversuche von Politikstrebern für

Streberkollegen. Ob einer grün oder gelb ist vor Neid auf den jeweils ande- ren, macht kaum einen Unterschied. Was heißt FDP? Für Deutliche Peinlichkeit? Fittis, Dämlacks, Pille- pallos? Es ist egal, auch der Mann von der Detektei Argus hebt wie sich ergebend die Schultern und sagt:

»Ich pfeife aufs Honorar und höre auf, nach der FDP zu suchen. Das ist doch alles nur noch erbärmlich.« Und macht sich vom Acker. »Deutschland geht es gut« ist die Hauptlatrinenparole der FDP. So spre- chen Depressive in den Spiegel oder wahlweise in Spiegel online hinein, kurz vor dem Suizid.

wirklich? Oder ist sie eine

Erfindung der Medien? Würde sie, falls es sie gar nicht gäbe, jemand vermissen? Oder ihre Nichtexistenz überhaupt bemerken? Gerade mal zwei Prozent der wahl- berechtigten Deutschen möchten der FDP, im Fall, daß sie tatsächlich exi- stierte, ihre Stimme geben. Daran ge- messen genießt die Splittergruppe, die eher unter »Sonstige« firmieren müß- te, ein gewaltiges mediales Interesse. Das hat mit der Geschichte der FDP zu tun. Die kleine Partei war immer für eine große Mediengeschichte gut: ein Kanzlersturz hier, ein Koalitionsverrat dort, ein bilderbuchbetrügerischer Ot- to Graf Lambsdorff, ein Minister des Äußersten, der in Prag Victor Hugo

zitierte, ohne allerdings zu erwähnen, daß der pathetisch herausgedonnerte Satz »Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist« von Victor Hugo stammt und keineswegs aus seiner, Genschers, eigener Sat- teltaschenohrenrübe. Wenn einmal gar nichts mehr lief, setzte sich eine Ulknudel als Bundespräsident hoch auf den gelben Wagen und saß beim Schwager vorn, oder ein Fallschirm mit Schnäuzer landete hart. Immer aber hatten die Dreigroschenjungen etwas zu berichten. Diese alte Verbundenheit und die betriebseigene wumpig-schlumpige déformation professionelle sind die Gründe, warum sich Journalisten überhaupt zu FDP-Veranstaltungen schleppen. »Ist Guido Westerwelle eigentlich immer noch Außenmini- ster?«, fragt einer, und ein Kollege antwortet ihm: »Nee, der hat sich nur ins Ausland abgesetzt.« Ich selbst kann mit der Geheiminformation auf- warten, daß einer der Musiker, die am

Rekordauftragsminus für Industrie seit 2008

4,8 Prozent weniger Bestellungen. Besonders Nachfrage außerhalb der Euro-Zone rückläufig

N ach jüngsten Erfolgsmeldun- gen scheint die globale Krise auch bei der deutschen Indu-

strie angekommen zu sein. Aufgrund starker internationaler Nachfragerück- gänge brachen die Aufträge hiesiger Unternehmen im November so kräftig ein wie seit dem Höhepunkt der Fi- nanzkrise vor knapp drei Jahren nicht mehr. 4,8 Prozent weniger Bestellungen als im Vormonat sind bei den Betrie- ben eingegangen, teilte das Bundes- wirtschaftsministerium am Freitag

mit. »Der Umfang an Großaufträgen war für einen November unterdurch- schnittlich«, hieß es weiter. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Analysten hatten nur ein Minus von 1,7 Prozent erwartet. Damit wurde das im Oktober erreichte Auftragsplus von 5,0 Prozent nahezu vollständig aufgezehrt. Bereits im Juli, August und September waren die Bestellungen teils kräftig gesunken. »Erwartungsgemäß deutet sich da- mit für die Industrieproduktion eine gedämpfte Entwicklung im Winter-

halbjahr an«, schrieb das Ministerium. Es warnte zugleich vor übertriebenem Pessimismus. Das Auftragsniveau liege am Jahresende trotz des Rück- schlags bisher nur leicht unter dem des dritten Quartals. Während die Bestellungen aus dem Ausland um 7,8 Prozent zurückgingen, verringerten sich deren Eingänge aus dem Inland nur um 1,1 Prozent. Grund für den Einbruch ist insbesondere die schwache Nachfrage aus den Ländern außerhalb der Euro-Zone. Sie ließ um 10,3 Prozent nach, während die aus

den Ländern der Währungsunion nur um 4,1 Prozent schrumpfte. Zu dem schlechten Ergebnis trug bei, daß die Unternehmen diesmal vergleichsweise wenige Großaufträge erhielten. Darunter litten vor allem die Her- steller von Fahrzeugen, Maschinen und anderen Investitionsgütern. Deren

Aufträge brachen um 6,5 Prozent ein. Die Produzenten von Chemikalien und anderen Vorleistungsgütern meldeten ein Minus von 2,9 Prozent, während die Nachfrage nach Konsumgütern um zwei Prozent sank. (Reuters/jW) 4 198625 901706

GABRIELE SENFT

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politik

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

junge Welt

»Das Geld besser gleich den Staaten geben«

Die neuen EZB-Kredite sind keine Liquiditätspolitik, sondern subventionieren

Bankprofite. Ein Gespräch mit Axel Troost

D as Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat am Mittwoch

vor einer Rezession in Deutsch- land zu Jahresbeginn gewarnt. Ist das realistisch? Das DIW hat zwar das Wort »Rezes- sion« benutzt, insgesamt aber eine eher optimistische Prognose abgege- ben. Für das Gesamtjahr 2012 gehen die Forscher von einem Wachstum von 0,6 Prozent aus. Das ist mehr, als ande- re Institute errechnet haben. Für 2013 sagt das DIW sogar einen Zuwachs des Brutto- inlandsprodukts (BIP) um 2,2 Prozent voraus. Voraussetzung dafür ist laut Gutachten aber,

daß die Finanzmarkt- krise im ersten Quar- tal gelöst wird. Das ist jedoch höchst fraglich,

gerade was die Proble- me Griechenlands und Italiens am Markt für Staatsanleihen betrifft. Die Konjunkturexperten eröff- nen ein zweites Szenario, falls die Euro-Krise andauern sollte. Demnach könnte die Wirt- schaftsleistung auf Jahressicht um 0,2 Prozent zurückfallen. Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) nicht offensiver die Staats- schulden, besonders Griechenlands und Italiens, finanziert, ist das negati- ve Szenario realistischer. Das tut sie doch bereits und ver- hehlt es kaum. Die Marktakteu- re wissen das. Die EZB hat tatsächlich einen Schwenk vollzogen und in den ver- gangenen Monaten Staatsanleihen gekauft. Die Strategie lautet aber, den Banken über einen Zeitraum von drei Jahren – für Zentralbanken ist das ungewöhnlich lange – Geld zu leihen, damit wiederum die Finan- zinstitute Staatspapiere kaufen. Die Notenbank hat Kredite von fast 500 Milliarden Euro vergeben und die Si- cherheiten dafür um 100 Milliarden Euro gesenkt. Dieser Schritt ist als Zurückhaltung der EZB am Staats- anleihemarkt zu werten. Das ist aber unsinnig. Man hätte das Geld besser gleich den Staaten geben sollen. Ist die halbe Billion nicht trotz- dem notwendig? Der Handel unter den Banken findet noch immer kaum statt. In Finanz- kreisen geht das Gerücht um, daß eine oder mehrere Groß- banken pleite sind und die EZB deren Identität wie ein Staatsge- heimnis hütet. Die Banken haben zwei Probleme:

Mittelfristig haben sie zu wenig Ei- genkapital. Das kann aber die No- tenbank nicht ändern, dafür wären staatliche Mittel nötig. Außerdem

haben die Finanzinstitute ein Li- quiditätsproblem. In der letzten Fi- nanzkrise 2008 löste die EZB das mit kurzfristigen Geldspritzen. Die neuen dreijährigen Kredite sind aber keine Liquiditätspolitik, sondern kommen einer Subventionierung der Bankprofite gleich. Muß man den gigantischen Um- fang der EZB-Hilfen als Alarm- signal werten? Es besteht die Gefahr, daß Zahlungsengpässe und Abschreibungen einzelner Institute eine Kettenreaktion auslö- sen können. Das hat die Notenbank erkannt. Ih- re lockere Geldpolitik ist durchaus vernünftig. Daß Jörg Asmussen

nicht den Job als EZB- Chefvolkswirt bekom- men hat, zeigt, daß die Zentralbank sich vom restriktiven Kurs von

Bundesbank und Bundesregierung entfernt. Das DIW warnt sogar vor einer Eskalation der Staatsschulden- krise. Was passiert, wenn ein Land den Euro-Raum verläßt? Wenn – konkret – Griechenland aus der Währungsunion ausscheidet, dann geraten die Geldhäuser in wirk- lich gefährliches Fahrwasser. Helfen würden dann nur noch Staatsbeteili- gungen, um das Eigenkapital zu sta- bilisieren. Dafür bräuchten die Mit- gliedsländer wiederum neue Mittel aus Anleiheverkäufen. In Frankreich etwa würden zur Bankenrettung rund 100 Milliarden Euro benötigt. Das Negativbeispiel Commerz- bank aus der Vergangenheit zeigt, daß eine Regierung bei einer künfti- gen Teilverstaatlichung die Mehrheit übernehmen und die Bankenpolitik bestimmen muß. Die Kapitalanteile würden womöglich ebenfalls von der Zentralbank über Anleihekäufe finanziert. Die EZB druckt für Staaten und Banken also im- mer mehr Geld. Die Deutschen fürchten deshalb eine Inflation. Mit Recht? Erstens macht es für die Inflations- gefahr keinen Unterschied, ob man Staaten oder Banken finanziert. Zweitens kann die Notenbank das Geld im Notfall sehr schnell wieder einsammeln. Drittens bewirkt eine Ausweitung der Geldmenge an sich noch keine Inflation. Die tritt erst ein, wenn das Geld die Nachfrage nach Gütern über das Angebot hin- aus erhöht. Die Nachfragelücke auf Grund der Finanz- und Wirtschafts- krise senkt die Inflation aber. Die jet- zigen Finanzspritzen sollen schlicht die Räder wieder in Gang bringen. Interview: Mirko Knoche

die Räder wieder in Gang bringen. Interview: Mirko Knoche Axel Troost ist finanz- politischer Sprecher der

Axel Troost ist finanz- politischer Sprecher der Linksfraktion im Bun- destag

politischer Sprecher der Linksfraktion im Bun- destag Bewegende Resonanz. Zur Ausstellungseröffnung »Tina

Bewegende Resonanz. Zur Ausstellungseröffnung »Tina Modotti – Fotografien« am 5. Januar 2012 in der junge-Welt- Ladengalerie kamen mehr als 100 Gäste. Es ist erst die sechste Modotti-Ausstellung in Berlin. Als »gefährliche Ausländerin« aus Mexiko

deportiert, verfolgt von der Sonderpolizei des italienischen Mussolini-Regimes, stellte sie 1930 während ihres sechsmonatigen Aufent- halts erstmals Fotos im Studio der Fotografin Lotte Jacobi in der Linienstraße aus. Bis zum 16. März sind rund 40 ihrer Bilder bei der jW

(Torstraße 6 in Berlin-Mitte) zu sehen.

(jW)

Exgeneralstabschef in Haft

Gericht wirft türkischem Militär Führung einer terroristischen Vereinigung vor

E rstmals in der Geschichte der

Türkischen Republik wurde am

Freitag ein ehemaliger General-

stabschef auf Anordnung eines zivilen Gerichts verhaftet. Ilker Basbug, der von 2006 bis 2010 an der Spitze der zweit- größten NATO-Armee stand, wird der »Führung einer terroristischen Organisa- tion« und des versuchten »gewaltsamen Sturzes der Regierung« beschuldigt. Ei- ne Istanbuler Staatsanwaltschaft wirft dem pensionierten General mit Straf- anzeige vom 30. Dezember 2011 vor, im Rahmen von Putschplänen gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Einrichtung Dutzender In- ternetseiten zur Diskreditierung der Re-

gierungspartei und Destabilisierung des Landes angeordnet zu haben. Bereits am Donnerstag war der

nun im Silviri-Gefängnis bei Istanbul inhaftierte General mehr als sieben Stunden lang verhört worden. Basbug wies die Vorwürfe vor Gericht als »tra- gikomisch« zurück. Als Mitglied des Generalstabes und des Nationalen Si- cherheitsrates habe er jahrelang mit der politischen Führung des Landes zusam- mengearbeitet, ohne daß derartige An- schuldigungen laut geworden seien. Das »Internet-Memorandum-Verfah- ren« ist Teil der Ermittlungen gegen eine ominöse nationalistische Putschi- stenorganisation namens Ergenekon. Bislang wurde keiner der rund 300 in den letzten fünf Jahren verhafteten Mi- litärs, Journalisten, Anwälte und Aka- demiker verurteilt. Während regierungs- nahe Medien immer neue angebliche Putschpläne gegen die AKP-Regierung enthüllen, bleiben tatsächliche Kriegs-

verbrechen, denen sich viele der inhaf- tierten Militärs während des Krieges in Kurdistan schuldig gemacht haben, von der Anklage ausgespart. Die Opposition sieht daher im Erge- nekon-Prozeß vor allem eine Operation der AKP und des hinter ihr stehenden Ordens des Imam Fethullah Gülen zur Ausschaltung der alten laizistischen Eli- ten in Staat und Gesellschaft. So wurden im Frühjahr 2011 selbst die beiden be- kannten militärkritischen Journalisten Ahmet Sik und Nedim Sener nach ihren Enthüllungen über die Unterwanderung der Polizei durch den Gülen-Orden verhaftet. Am Donnerstag verfügte ein Istanbuler Gericht die Fortdauer der Un- tersuchungshaft gegen die Journalisten, die beschuldigt werden, ihre Bücher im Auftrag von Ergenekon verfaßt zu ha-

Nick Brauns

ben.

NachrichteN

Wieder Anschläge gegen Schiiten im Irak

BagDaD. Die Gewalt gegen Schiiten im Irak reißt nicht ab: Bei einer Serie von Bombenanschlägen in der Hauptstadt Bagdad sind am Freitag zwei schiiti- sche Pilger ums Leben gekommen. 17 weitere wurden verletzt, wie Polizei und Krankenhäuser mitteilten. Nur ei- nen Tag zuvor waren 78 Schiiten bei Explosionen ums Leben gekommen. Zunächst bekannte sich niemand zu den Angriffen. Die Anschläge schürten zugleich Ängste vor einem Wiederauf- flammen der konfessionell motivierten Gewalt im Irak. Derzeit pilgern Hun- derttausende Schiiten im Irak nach

Kerbela.

(dapd/jW)

Tote bei erneutem Attentat in Nigeria

lagos. Mutmaßliche Anhänger einer ra- dikalen muslimischen Sekte haben in Nigeria ein Gemeindehaus angegriffen und mindestens 20 Menschen getötet. Ziel des Anschlags war das Gemein- dehaus von Mubi im ländlichen Staat

Adamawa nahe der Grenze zu Kame- run. Dort hätten sich nach Polizeian- gaben zum Zeitpunkt der Tat Angehö- rige der Volksgruppe der Igbo aus dem Südosten des Landes versammelt. Der Polizeisprecher machte die Sekte Boko Haram für die Morde verantwortlich. Die Gruppe wird auch beschuldigt, am Donnerstag abend bei einem Überfall auf eine Kirche im Nordosten des Lan- des sechs Menschen getötet zu haben. (dapd/jW)

Privatbahnen fechten Milliardenvertrag an

frankfurt/M. Sachsen-Anhalt kommt wegen der Direktvergabe eines mil- liardenschweren Verkehrsvertrages an die Deutsche Bahn in Bedrängnis. Der Privatbahnverband Mofair will dage- gen vorgehen. »Wir haben bei der EU- Kommission eine Beschwerde gegen die Auftragsvergabe eingelegt«, sagte Mofair-Hauptgeschäftsführer Engel- bert Recker der Frankfurter Rundschau (Freitagausgabe). »Zudem werden wir das Bundeskartellamt einschalten.« Mofair will mit seinem Einspruch ei-

nen Präzedenzfall schaffen, mit dem der Wettbewerb bei der Auftragsverga- be gesichert werden soll.

(dapd/jW)

Atommüllager Asse droht Streik

hannover. Dem maroden Atommüllager Asse II in Remlingen (Kreis Wolfen- büttel) droht ein Streik: Die derzeit lau- fenden Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft IG BCE und der Asse GmbH stehen auf der Kippe. Sollte die nächste und letzte Verhandlungsrunde am 10. Januar fehlschlagen, »wird es auf einen Streik hinauslaufen«, sag- te IG-BCE-Verhandlungsführer Nils Hindersmann der in Hannover er- scheinenden Neuen Presse (Freitag- ausgabe). Die Gewerkschaft fordert eine Angleichung der Asse-Löhne an das Tarifniveau der Deutschen Gesell- schaft zum Bau und Betrieb von End- lagern (DBE), bei der die Bergleute der geplanten Atommüllager Gorle- ben, Morsleben (Sachsen-Anhalt) und Schacht Konrad (Salzgitter) angestellt

(dapd/jW)

sind.

SIPHIWE SIBEKO / REUTERS

junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

schwerpunkt

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Schwieriger Geburtstag

Südafrikanischer ANC zelebriert 100jähriges Bestehen in trügerischer Einigkeit. Kritiker zum

Schweigen gezwungen. Von Christian Selz, Kapstadt

zum Schweigen gezwungen. Von Christian Selz, Kapstadt Protest der ANC-Jugend gegen den Ausschluß ihres

Protest der ANC-Jugend gegen den Ausschluß ihres Vorsitzenden Julius Malema aus der Partei (30. August 2011)

D er African National Congress feiert an diesem Sonntag sein 100jähriges Bestehen. Doch

zum Jubiläum, das die heutige südafri- kanische Regierungspartei zunächst mit einem Gottesdienst in der Kirche in Bloemfontein (Mangaung) begeht, in der die Partei am 8. Januar 1912 gegründet wurde, scheint die einstige Befreiungsbewegung so zerstritten wie nie zuvor. Die Mutterpartei verbannte gar sämtliche Grußbotschaften von Al- lianzpartnern und eigenen Parteiligen aus dem Festprogramm – normaler- weise eine Standardprozedur bei Fei- ern des ANC. Ein Sprecher begründete die Maßnahme mit dem enggestrickten Programm. Doch die wahren Gründe dürften tiefer liegen: Der Haussegen hängt schief in der Regierungsallianz, erst kürzlich hatte die Disziplinarkom-

mission des ANC die gesamte Führung der Partei-Jugendliga (ANCYL) abge- straft, ihren Präsidenten Julius Malema gar für fünf Jahre ausgeschlossen. Weil das Berufungsverfahren noch läuft, hät- te Malema, der ANC-Präsident Zuma zuletzt scharf angegriffen und öffent- lich lächerlich gemacht hatte, auf der Feier sprechen dürfen. Diese Bühne ist ihm nun ebenso entzogen, wie den Vertretern des Gewerkschaftsbundes COSATU, die der ANC-Führung wie-

A ls Jacob Zuma 2007 ANC-

Präsident wurde, hatte

er das Image des Kandi-

daten der Linken. Seine Politik war bisher jedoch moderat, ohne große ökonomische Reformen. Warum? Weil Zuma nichts anderes repräsen- tiert als das, was vor ihm von Tha- bo Mbeki kam. Zuma war viele Jahre Vizepräsident unter Mbeki und war an allen wesentlichen ökonomischen Entscheidungen des ANC beteiligt. Was die Leute glauben ließ, er sei der Kandidat der Linken, war lediglich, daß die SACP (Kommunistische Par- tei Südafrikas) und COSATU (Südafri- kanischer Gewerkschaftsbund) ihn un- terstützten und er anfing, populistische Reden mit linker Rhetorik zu halten. Er mußte ein Image aufbauen, das ihn näher an den Menschen zeigte, aber Substanz hatte es nicht. Warum haben die SACP und COSATU ihn dann unterstützt? Das hatte zwei Gründe. Zum einen

wollten sie Mbeki loswerden, mit dem das Verhältnis zerrüttet war, und au- ßerdem glaubten sie, daß Zuma ein Kandidat war, den sie, ich würde nicht sagen: manipulieren konnten, aber den sie doch auf ihrer Seite wähnten.

derholt politisches Versagen und Kor- ruption vorwarfen. Zuma will den honorigen Gästen – allein 50 ehemalige und aktuelle Staats- präsidenten werden erwartet, selbst über eine Teilnahme des inzwischen 93jährigen ANC-Übervaters Nelson Mandela wird spekuliert – eine dem Anlaß würdige Feier präsentieren und nicht vor erwarteten 100 000 Anhän- gern schmutzige Wäsche waschen. Das Programm soll die herausragenden und selbstlosen Leistungen der Freiheits- kämpfer herausstellen, die Südafrika von der Knechtschaft des rassistischen Apartheid-Regimes befreit haben und den ANC schließlich zur Regierungs- partei emporhoben. Es geht um Heroi- sierung und Ehre, doch die Risse im Familienfrieden kann die Partei damit nicht kitten, sie sind zu tief. Als Mandela Ende der 80er Jahre noch im Gefängnis saß, traf sich sein späterer Stellvertreter und Nachfol- ger im Präsidentenamt, Thabo Mbeki, bereits auf Initiative britischer Unter- nehmer mit Vertretern des Apartheid- Regimes. Deren Versuch, die Exilfüh- rung um Mbeki und Mandela gegen- einander auszuspielen, mißlang zwar, doch der unterschwellige Verdacht, die Revolution verraten zu haben, verfolgt den ANC bis heute. Schuld daran war

auch die Einführung der neoliberalen GEAR-Strategie (»Wachstum, Arbeits- platzschaffung und Umverteilung«) gegen den Willen der Allianzpartner 1996, die dem ANC zwar die Aner- kennung der Weltbank brachte, aber nichts an der extrem ungleichen Ein- kommensverteilung im Land änderte und zudem Millionen Arbeitsplätze ko- stete. Es war der Beginn der Spaltung der einstigen Befreiungsbewegung, die auch Zuma, ursprünglich der Kandi- dat der Gewerkschaften, Kommunisten und der Jugendliga, nicht korrigieren konnte. Im Gegenteil: Diejenigen im konser- vativen, weißen Lager und in der Wirt- schaft, die ihn fürchteten, hat der neue Präsident positiv überrascht. Seine Un- terstützer dagegen hat er enttäuscht, Südafrika ist nach wie vor eines der Länder mit der höchsten Ungleich- heit weltweit; während sich zwar eine schwarze Elite bildet, wächst die Sche- re zwischen arm und reich dennoch weiter. Zuma hat im Amt nicht ausschließ- lich versagt. Er hat mit staatlichen In- frastrukturprogrammen Arbeitsplätze geschaffen, bei der HIV/AIDS-Be- kämpfung riesige Fortschritte erreicht, eine gesetzliche Krankenversicherung für alle Südafrikaner auf den Weg ge-

bracht und trotz internationaler Miß- gunst eine perfekte Fußball-WM or- ganisiert. Doch die heißen Eisen hat sein ANC auch im 100. Jahr nicht angepackt: Das Schulsystem ist eine Misere geblieben, die den Kindern der Armen schon früh jede Perspektive nimmt; beinahe wöchentlich kommen neue Fälle von Korruption und Vet- ternwirtschaft in der Regierung ans Tageslicht, und die brisante Frage der Landverteilung bleibt nahezu gänzlich unberührt. Während Zuma sich parteiintern an seine Macht klammert, gibt der ANC im Jubiläumsjahr ein armseliges Bild ab, das der Geschichte der Bewegung kaum gerecht wird. Politische Alter- nativen liefert die Allianz kaum, ihre Fähigkeit zu wesentlichen wirtschaft- lichen Veränderungen scheint mehr als begrenzt, die alten Eliten halten das Land im Griff. Das wird auch bei der 100-Jahr-Feier einmal mehr mit bitte- rer Ironie deutlich: Die Kirche, in der sich der ANC einst gründete, mußte die Partei von einem Immobilienspe- kulanten für umgerechnet eine Million Euro zurückkaufen, um dort feiern zu können. Erworben hatte der Unterneh- mer das Gebäude Zeitungsberichten zufolge vor acht Jahren für lediglich 28 000 Euro.

»Es geht um Macht und Geld«

Die Konflikte im ANC beruhen nicht auf unterschiedlichen Positionen, die Linke des Landes liegt am Boden. Ein Gespräch mit Dale McKinley

Dale McKinley wurde 1962 in Gweru, Simbabwe, geboren und lebt heute als po- litischer Analyst und Kommentator in Jo- hannesburg. McKinley trat 1986 dem ANC und 1991 der SACP bei, für die er später im Provinz-Exekutivkomitee des Distrikts Gauteng arbeitete. 2000 schloß die SACP ihn wegen interner Kritik aus, im gleichen Jahr war er Mitbegründer des südafrikani- schen Forums gegen Privatisierungen

Haben sich diese Hoffnungen er- füllt? Es gab keine fundamentalen Änderun- gen in der Politik des ANC, und Zuma legte großen Wert darauf, das bekannt zu machen. Weniger als sechs Monate nach seiner Wahl zum ANC-Präsiden- ten sagte er der US-Handelskammer:

»Seien sie versichert, daß unsere Wirt- schaftspolitik erfolgreich ist. Wir brau- chen Kontinuität, und es wird keine großen Veränderungen geben.«

Trotzdem gab es Zeichen einer sozialeren Politik. Die Regierung Zuma hat die Staatsausgaben erhöht, um Arbeitsplätze zu schaf- fen, sie will die Zwei-Klassen-Me- dizin abschaffen, und sie hat sogar eine Kommission einberufen, um mögliche Verstaatlichungen im Bergbausektor auszuloten. Sind das keine guten Zeichen für die südafrikanische Linke? Wir sollten nicht die Tatsache feiern, daß jetzt ein paar mehr Krümel vom Tisch fallen als vorher. Die Frage ist, ob das einen fundamentalen Unterschied für die Klassenstruktur der Gesellschaft ausmacht und ob es eine bedeutende Umverteilung gibt. Und die Antwort darauf ist nein. Ich denke, Zuma ist vielmehr eine große Gefahr für die Lin- ke, weil er die Fähigkeit hat, die linke Agenda rhetorisch und politisch zu ver- derben – ähnlich wie die Demokraten

in den USA oder Labour in Großbri- tannien – indem er ihr scheinbar folgt. Aber in der Realität bleibt das System intakt. Während die ANC-Jugend und COSATU zu ausgesprochenen Kritikern der Zuma-Admini- stration geworden sind, bleibt die SACP loyal und meist still. Kann sie ihre Ziele in der Allianz ver- wirklichen? Absolut nicht. Die SACP ist zu einer Hülle geworden, einer Partei, deren ein- ziger Sinn darin besteht, ihre Kader und Führungszirkel in Regierungsämtern und hohen Positionen im ANC unter- zubringen. Die SACP hat alle Möglich- keiten verloren, als progressive Kraft ein Interesse der Arbeiterklasse und der Armen zu wirken – und das schon seit einiger Zeit. Sie ist sogar zu einem Stolperstein geworden, weil sie der na- tionalistischen, konservativen Politik,

DateN uND FakteN

Geschichte des ANC

1912: In Bloemfontein gründen schwarze Intellektuelle den South African Native National Congress. 1923: Umbenennung in African Na- tional Congress (ANC). 1948: Die Reunited National Party übernimmt mithilfe der kleineren

Afrikaner Party (beide fusionieren später zur National Party) die Regierung und führt ihr Rassen- trennungsprogramm der »Grand Apartheid« ein.

21. März 1960: Bei friedlichen

Protesten gegen die Paßgesetze

erschießt die Polizei in Sharpeville 69 Menschen. Die Nachricht des Massakers geht um die Welt.

16. Dezember 1961: Der friedliche

Widerstand ist gescheitert, eine Gruppe um Nelson Mandela grün- det Umkhonto we Sizwe, den be-

waffneten Arm des ANC.

16. Juni 1976: Bei Schülerprotesten

gegen die Einführung von Afrikaans als einziger Unterrichtssprache erschießt die Polizei in Soweto

Hunderte Kinder und Jugendliche. Das Bild des sterbenden Hector Pieterson verursacht interna- tionale Bestürzung. Zusammen mit der Ermordung des Black- Consciousness-Anführers Steve Biko ein Jahr später, führt das Massaker Tausende junge Südafri-

kaner zum Gang in den militanten Untergrund

11. Februar 1990: Der Anfang vom

Ende der Apartheid: Sabotageak- tionen, Ausschreitungen in den Townships, der militärische Erfolg Kubas gegen südafrikanische Trup- pen in Angola und internationale Sanktionen lassen das Apartheid-

Regime schließlich einlenken. Nel- son Mandela, internationale Ikone des Freiheitskampfes kommt nach 27jähriger Haft frei.

27. April 1994: Bei den ersten

freien Wahlen des Landes wählen die Südafrikaner den ANC mit überwältigender Mehrheit in die Regierung, Mandela wird Präsident.

Bei allen folgenden landesweiten Wahlen, erreicht der ANC über 60 Prozent der Stimmen.

(cl)

die der ANC verfolgt, eine linke Ver- kleidung gibt. Wer repräsentiert dann die süd- afrikanische Linke? Ich denke, es gibt keinen wirklichen Repräsentanten der südafrikanischen Linken, weil es keine südafrikanische Linke gibt. Es gibt Elemente in CO- SATU, die sich selbst als sozialistisch sehen sowie ähnliche Ausrichtungen in Teilen der Zivilgesellschaft und sozi- alen Bewegungen, aber es gibt keine gemeinsame politische Organisation. Das wird auch noch für einige Zeit so bleiben, bis die Rolle von COSATU in der Allianz wesentlich prekärer und die Schaffung einer unabhängigen, linken Organisation ernsthaft auf die Agenda gesetzt wird. Wenn es nicht um politische Dif- ferenzen geht, was führt dann zu den Flügelkämpfen im ANC und in der Allianz? Macht und Geld, ganz einfach. Es gibt ein paar Ausnahmen, aber grundsätz- lich beruhen die Konflikte im ANC nicht auf Ideologien oder politischen Prinzipien. Es geht darum, wer welche Position bekommt, welche Fraktion da- durch gewinnt, wer die Staatsaufträge bekommt, und wer das Geld kassiert. Interview: Christian Selz

TIMUR EMEK/DAPD

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politik

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

junge Welt

Zitat Destages

Gleichheit schafft keine Heimat.

Aus einem Essay der Welt (Freitagausgabe) über das Übel staatlicher Regulierung

Neue Altersvorsorge für Selbständige

haMBurg. Bei ihren Plänen für eine Reform der Rente will Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auch für Selbständige eine feste Al- tersvorsorge einführen sowie noch vor der Sommerpause die Riester-Rente transparenter machen. Die gesetzliche Ren- tenversicherung sei dafür die »erste Adresse«, sagte sie dem Hamburger Abendblatt (Frei- tagausgabe). Es gebe aber auch Alternativen wie beispielsweise die Ärzteversorgung. Für die Riester-Rente soll ein »Beipackzettel« eingeführt werden, um die Angebote ver- gleichbar zu machen. Außerdem sollen die Konditionen einheitli- cher gemacht, Wechselprämien und die Provisionen begrenzt werden, sagte die Ministerin. Die Reform soll noch vor der Sommerpause Gesetz werden. (dapd/jW)

SPD-Linke greifen Steinbrück an

Berlin. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück gerät wegen seiner Unterstützung der Rente mit 67 in der SPD unter starken Druck. Parteilinke äußerten in der Berliner Zeitung (Freitagaus- gabe) scharfe Kritik an ihrem potentiellen Kanzlerkandidaten. Sozialexperte Ottmar Schreiner nannte Steinbrücks Äußerungen »überflüssig wie ein Kropf«. Sie würden »zur Verunsiche- rung unserer Wählerschichten« beitragen. In der Debatte über die Äu- ßerungen von CSU-Chef Horst Seehofer zur Rente mit 67 hatte Steinbrück erklärt: »Die Antwort auf den mathematischen Druck der Demographie kann nicht die ersatzlose Streichung der Rente mit 67 sein.« Auf ihrem Partei- tag Anfang Dezember hatte die SPD aber beschlossen, die An- hebung der Altersgrenzen auszu- setzen, bis die Hälfte der 60- bis 64jährigen einer sozialversiche- rungspflichtigen Beschäftigung nachgehe. (dapd/jW)

Zwei Attacken in U-Bahnhöfen

Berlin. Auf Berliner U-Bahnhö- fen sind am Donnerstag abend erneut Fahrgäste angegriffen worden. Drei Männer versuch- ten am Kottbusser Tor auf einen 48jährigen einzustechen, wie ein Polizeisprecher am Freitag sagte. Zuvor hatte ihm ein Mann bereits eine volle Glasflasche auf den Kopf geschlagen. Am U-Bahnhof Hellersdorf geriet ein 24jähriger mit vier Unbe- kannten in Streit und mußte Schläge einstecken. Beide Op-

fer erlitten leichte Verletzungen. Die Täter flüchteten in beiden

Fällen.

(dapd/jW)

Zum Abschuß freigegeben

Hochschulinformationssystems HIS: Bundesregierung plant die Teilprivatisierung des staatlichen IT-Unternehmens. Insider spricht von einem »abgekarteten Spiel«. Von Ralf Wurzbacher

D ie Bundesregierung strebt

offenbar eine Privatisierung

der IT-Sparte der Hochschul-

Informations-System GmbH (HIS) an. Das geht aus einem Schreiben des Bun- desministeriums für Bildung und For- schung (BMBF) an die Wissenschafts- minister der Länder vom 22. Dezember hervor, das junge Welt vorliegt. Schon in der kommenden Woche könnten auf einer Sitzung des HIS-Aufsichtsrats die Weichen in Richtung einer Teilent- staatlichung des öffentlichen Unter- nehmens gestellt werden. Hintergrund sind die anhaltenden Probleme bei der Entwicklung einer Onlineplattform zur Vergabe von Studienplätzen. Mitte Dezember war der Startschuß für de- ren Nutzung zum wiederholten Male verschoben worden.

Privatisierung empfohlen

»Als einer der insgesamt 17 Gesell- schafter der HIS GmbH hält der Bund eine Privatisierung der HIS-IT für einen geeigneten Weg«, heißt es in dem Schriftstück, das jW zuge- spielt wurde. Das Dokument trägt den Briefkopf und die Unterschrift der Staatssekretärin im BMBF, Cor- nelia Quennet-Thielen (CDU). In ihm werden Handlungsempfehlun- gen beschrieben, wie man den Ver- zögerungen beim flächendeckenden Einsatz des sogenannten dialogori- entierten Serviceverfahrens (DoSV) begegnen will. Um auf diesem Weg voranzukommen, seien insbesondere die bei der Stiftung für Hochschul- zulassung (SfH), bei HIS und bei den IT-Systemen der Hochschulen durch den »DoSV-Prozeß aufgedeckten Schwachstellen beherzt anzugehen«. Die Modernisierung der Hochschul- IT-Systeme erscheine »überfällig«. Die HIS GmbH mit Sitz in Hanno- ver ist ein Unternehmen in gemein- samer Trägerschaft von Bund und Ländern. Es versorgt rund 80 Prozent der deutschen Hochschulen mit Ver- waltungs-EDV und ist einer von meh- reren Akteuren bei der Entwicklung des internetbasierten Vergabesystems von Studienplätzen, mit dem man dem Zulassungschaos an den Hochschu- len begegnen will. Jedes Jahr können Tausende Plätze erst in langwierigen Nachrückverfahren besetzt werden, weil sich Studierende in zulassungs-

besetzt werden, weil sich Studierende in zulassungs- Hier gibt’s doch genug Plätze (Bildungsministerin Annette

Hier gibt’s doch genug Plätze

(Bildungsministerin Annette Schavan im Juli an der Uni Münster)

beschränkten Fächern in Serie bewer- ben, um zum Zug zu kommen (jW berichtete). Dem will man mit einem koordinierten, automatisierten und transparenten Verfahren beikommen. Allerdings versuchen die Macher des DoSV seit über zwei Jahren vergebens, die Technik flächendeckend zum Lau- fen zu bringen (vgl. jW vom 19. März

2011).

Ministerium schweigt

Zuletzt am 16. Dezember verkündete die federführende SfH – die Nach- folgeorganisation der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) –, die Aufnahme des Pilotbe- triebs auf das Wintersemester 2012/13 zu verschieben. Das Ziel einer um- fassenden Implementierung wurde gar auf eine unbestimmte Zeit jenseits des Jahres 2014 verlegt. In der Diskussion mußte zuletzt immer wieder die HIS als Sündenbock für die Misere herhal- ten. Aus Thüringen kamen Drohun- gen, dem Unternehmen den Geldhahn zuzudrehen, und zuletzt klagte Bun-

desbildungsministerin Annette Scha- van (CDU) über Vertrauenseinbußen der Hannoveraner. Tatsächlich räumt das Unternehmen Probleme bei der Kompatibilität der örtlichen IT-Syste- me mit dem zentralen Onlineportal Hochschulstart.de ein, führt dies aber auf Fehler in der Gesamtkonzeption und mangelnde Geldmittel zurück. Ein Insider, der mit dem DoSV-Pro- zeß befaßt ist und namentlich nicht ge- nannt werden will, hält die Vorgänge für ein »abgekartetes Spiel« und das vermeintliche HIS-Desaster ein geziel- tes Manöver, »um den Laden sturmreif zu schießen«. So hätte der Bund Mil- lionensummen in die Schaffung der zentralen Plattform gesteckt, die die Telekom-Tochter T-Systems entwik- kelte, während »deutlich zu wenig und zu spät« Geld in die Anbindung der lokalen Systeme geflossen sei. »Man hat die HIS ins offene Messer laufen lassen«, sagte er im jW-Gespräch. Ei- ne zentrale Rolle bei der Demontage der HIS spielt für ihn der Chef von deren Aufsichtsrat, Peter Greisler, der zugleich als Ministerialdirigent dem

BMBF angehört. In dieser Doppel- funktion verweigere er »seiner rechten Tasche Entwicklungsgelder, die er in seiner linken Tasche habe«, befand der jW-Informant. In einer ersten spontanen Reaktion meinte ein BMBF-Sprecher am Frei- tag auf jW-Anfrage: »Den Brief ken- ne ich nicht.« Eine erbetene schriftli- che Stellungnahme des Ministeriums blieb bis zu einer gegebenen Frist aus. Auch bei der HIS war man gestern nicht auskunftsfreudig. »Dazu möch- te ich mich nicht äußern«, erklärte Geschäftsführer Martin Leitner. Das sei eine Frage, die in den zuständigen Gremien behandelt werden müsse. Nächsten Donnerstag, am 12. Januar, wird man vielleicht mehr zu dem The- ma erfahren. Bei der anberaumten Sitzung des HIS-Aufsichtsrats soll im Rahmen einer Evaluierung fest- gestellt werden, ob die Technik und Handhabung der IT-Produkte den An- forderungen der Zeit noch genügen. Wenn nicht, könnte die Privatisierung der HIS schon bald in Angriff genom- men werden.

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KLAUS-DIETMAR GABBERT/DAPD

junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

politik

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Klimakillerkoalition

Brandenburg: Tagebaugegner rufen zu Sternmarsch gegen Abbaggerung von Dörfern auf. »Rot-rote« Landesregierung will offenbar an Braunkohle festhalten. Von Jana Frielinghaus (mit dapd)

D er Vorwurf des Wahlbetrugs steht im Raum, und er wä- re nicht leicht zu entkräften,

sollte die brandenburgische Landes- regierung von SPD und Linkspartei sich darum bemühen. Der Vattenfall- Konzern hatte im Dezember verkün- det, das Demonstrationskraftwerk zur Erprobung der sogenannten CCS- Technologie zur unterirdischen Einla- gerung von Kohlendioxid wegen der unklaren Gesetzeslage nicht bauen zu wollen. Trotzdem will das Potsdamer Kabinett die Braunkohleabbaggerung und -verstromung weiter ermöglichen, neue Kraftwerke und Tagebaue inklu- sive. Vorab bekanntgewordene Fest- legungen in der noch nicht offiziell vorgestellten neuen »Energiestrategie 2030« des Landes belegen das – und damit auch, daß die im Koalitionsver- trag festgeschriebenen Ziele zur Ver- minderung der Kohlendioxidemissio- nen in der Mark nur noch Schall und Rauch sind. Die Bürger dreier von der Abbag- gerung bedrohter Gemeinden rufen nicht zuletzt wegen dieser Neuigkeiten für diesen Sonntag zu einem Stern- marsch gegen den geplanten Tagebau Jänschwalde-Nord und den Neubau eines Braunkohlekraftwerks auf. Die Einwohner von Atterwasch, Grabko und Kerkwitz fordern von der Lan- desregierung eine Absage an neue Ta- gebaue und Umsiedlungen. Eine von Wirtschaftsminister Ralf Christophers (Die Linke) angekündigte Revisions- klausel, wonach Brandenburgs Ener- giestrategie alle zwei Jahre überprüft werden soll, sei keine Lösung und schüre nur die Ungewißheit bei den rund 900 Einwohnern der drei Orte, sagte am Freitag die Sprecherin des Arbeitskreises Agenda 21, Silvia Bor- kenhagen. Es ist bereits der fünfte Sternmarsch, und nach Angaben der Veranstalter wollen auch Tagebaugegner aus Wel-

Angaben der Veranstalter wollen auch Tagebaugegner aus Wel- Mondlandschaften forever? Tagebau Jänschwalde/

Mondlandschaften forever? Tagebau Jänschwalde/ Südbrandenburg

zow und Proschim, dem benachbarten polnischen Brody sowie Vertreter der Initiativen gegen die unterirdischen CO 2 -Verpressung aus dem Oderbruch teilnehmen. Es werden bis zu 1 000 Teilnehmer erwartet. Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag bezeichnete die »Energiestrategie« am Mittwoch als faulen Kompromiß. Ihr Vorsitzender Axel Vogel sagte, das Festhalten an der dauerhaften Kohleverstromung sei

»Ausdruck der Unbelehrbarkeit und des fehlenden Verantwortungsbewußt- seins für den Klimaschutz«. Um sie notwendig erscheinen zu lassen, sei der Landesregierung kein Taschen- spielertrick zu billig. So setze »Rot- Rot« weiter auf die CCS-Technologie, obwohl das dafür notwendige Gesetz- gebungsverfahren auf Bundesebene gescheitert sei. Das vom Wirtschafts- minister ins Feld geführte europäische Pipelinenetz zum Transport von CO 2

nach Skandinavien sei nur ein »Stroh- halm, nach dem die Regierung greift«. Ferner würde bei der Berechnung der Klimaschutzziele auf das Referenz- jahr 1990 Bezug genommen und damit der Zusammenbruch der DDR-Indu- strie als Klimaschutzerfolg angerech- net, obwohl EU-weit das Referenzjahr

2005 gelte.

Der Bund für Umwelt und Natur- schutz Deutschland (BUND) in Bran- denburg warf der Regierung ebenfalls

einen energiepolitischen Rückschritt und Wahlbetrug vor. Einem Medienbericht zufolge wird in der »Strategie« auf die weitere Braunkohleverstromung über das Jahr

2040 hinaus gesetzt. Neue Kohlekraft-

werke sollten demnach jedoch nur mit CCS-Technologie zugelassen werden. Wirtschaftsminister Christoffers sagte am Mittwoch, offenbar seien derzeit verschiedene alte Entwürfe der Ener- giestrategie in Umlauf. Die Endfas- sung werde in Kürze vorgestellt. Aus seiner Sicht kann derzeit niemand sa- gen, wann ein Ausstieg aus der Braun- kohle möglich ist. Auf das Ziel seiner Partei angesprochen, bis 2040 auszu- steigen, sagte der Minister, solche poli- tischen Ziele zu setzen, sei notwendig. Die Linke werde auch weiterhin alles dafür tun, dies zu erreichen. Er könne aber nicht sagen, ob das gelingen wer- de – und damit auch nicht garantieren, daß in der Lausitz keine Dörfer mehr für die Kohlegewinnung abgebaggert werden. Linksfraktionschefin Kerstin Kaiser fügte hinzu, es sei Wille ihrer Partei, »nicht bis zum Sankt-Nimmerleins- Tag« Braunkohle zu verstromen.

u Der Sternmarsch beginnt am 8. Ja- nuar um 13 Uhr in den Orten Grabko, Kerkwitz und Atterwasch. Gegen 14 Uhr sollen die drei Demonstrations- züge auf einer Wiese zwischen den Orten zusammentreffen

Pech für Privatinvestoren mit grünem Gewissen

30 000 Anleger von Pleite der Solar Millennium AG betroffen. Unternehmensverkauf geplant

V on der Pleite des Erlanger So- larkraftwerkentwicklers Solar Millennium AG sind 30 000

Anleger betroffen. Dies teilte der vor- läufige Insolvenzverwalter des Son- nenkraftwerkherstellers,Volker Böhm, am Donnerstag mit. Die Forderungen an die seit kurz vor Weihnachten 2011 zahlungsunfähige Firma belaufen sich auf 227 Millionen Euro. Nach Ein- schätzung von Verbraucherschützern werden vor allem die 16 000 Privatan- leger leer ausgehen. Ein Großteil der Projekte befand sich zum Zeitpunkt

der Insolvenz in einer frühen Phase, was ihren Wert verringert. Die Firma hat nach Aussage Böhms Regulierungslücken des sogenannten »Grauen Markts« genutzt. Auf die- sem können Firmen, die bei Banken und Investoren kein Geld oder die- ses nur zu schlechten Bedingungen bekommen, um Einlagen von Betei- ligungen werben. Ingenieurskunst und Umweltschutz sind dabei gern genutzte Argumente. Rund 60 Projektgesellschaften und Beteiligungen an Firmen un-

terhält Solar Millennium. Vor allem in Deutschland, den USA und Spa- nien, aber auch in Israel, Marokko, der Türkei und Ägypten war Solar Millennium nach Angaben von Böhm aktiv. Diese komplizierte Struktur ist eine »besondere Herausforderung« bei der Aufarbeitung der Unterlagen, da die zugrunde liegenden Verträge überwiegend nach jeweils nationalem Recht geschlossen worden sind. Die Erlanger Firma wollte das weltgrößte Sonnenkraftwerk in der Mojave-Wüste in den USA bauen. Im Juni wurde der Startschuß gegeben, doch dann ging das Geld aus und Solar Millennium als Zentrum des Firmengeflechts pleite. Laut Pressemitteilung des Unter- nehmens sind die Lohn- und Gehalts- zahlungen der 60 Mitarbeiter bis En- de Februar 2012 über das Insolvenz- geld gesichert. Die circa 250 Mitar- beiter der Projektgesellschaften und -beteiligungen sind aktuell nicht von der Pleite betroffen. Insolvenzverwalter Böhm ist mit Solarhybrid in Verhandlungen. Schon

vor der Insolvenz hatten beide Firmen über den Verkauf von Solarparks im Südwesten der USA verhandelt. So- larhybrid aus dem nordrhein-westfä- lischen Brilon hatte Solar Millennium kurz vor der Pleite rund 7,6 Millio- nen Euro geliehen. Das Geld war als

Darlehen gedacht, das auch als Vor- schuß für das zum Verkauf stehende US-Geschäft hätte gelten können. So- larhybrid hatte auf dapd-Anfrage am Dienstag bestätigt, weiter Interesse an dem Projekt in den USA zu haben. (dapd/jW)

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„Wir wollen etwas verfeinerten Radikalismus. Nicht bloß dieses grobkörnige Entweder-Oder.“ Rosa Luxemburg

In Memoriam

Roland Klautke

19.09.1951– 30.12.2011

Ein Kämpferherz schlägt nicht mehr, ein verschmitztes Lächeln strahlt nicht mehr, ein Freund ist gegangen.

Michael Prütz, Erhard Bartels, Andrea Schulteisz, Barbara Suhr-Bartsch, Birger Scholz, Lucy Redler, Michael Schilwa, Sascha Stanicic, Hakan Doganay, Rouzbeh Taheri

Nagelbombe: Neue Hinweise auf NSU

München. Bei den Ermittlungen zur »Zwickauer Zelle« verdich- ten sich die Hinweise auf eine Verantwortung der Neonazis für den Kölner Nagelbomben- anschlag von 2004. Bei einem sichergestellten Computer der Gruppe fanden Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) Se- quenzen, deren Dateinamen auf eine Beteiligung der Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mund- los an dem Anschlag hindeuten, wie das Münchener Magazin Focus laut Vorabmeldung vom Freitag berichtet. Die Dateien heißen demnach unter anderem »gerri auf kamera.avi« und »max auf kamera.avi«. »Gerri« soll ein Tarn- und Spitzname von Böhn- hardt gewesen sein. Mundlos nannte sich »Max B.«. Zu sehen sind Bilder einer Überwachungs- kamera, mit denen nach den Tätern gefahndet wurde. (dapd/jW)

CSU: 2012 wird »Schicksalsjahr«

kreuth. CSU-Chef Horst Seeho- fer hat 2012 zum Schicksalsjahr für Union und FDP erklärt. In diesem Zeitraum entscheide sich der Ausgang der Wahlen 2013, sagte Seehofer am Freitag zum Abschluß der Klausurta- gung der CSU-Landesgruppe im Bundestag in Wildbad Kreuth. Im kommenden Jahr wird sowohl der Bundestag als auch der Bayerische Landtag neu gewählt. Inhaltlich diskutierte die CSU am Freitag erneut über die Euro-Schuldenkrise. Einer der Gäste war der niederländische Regierungschef Mark Rutte, der die CSU-Forderung nach einem Ausschluß von hochverschulde- ten Staaten aus der Euro-Zone unterstützte. Mit Blick auf das vielfach kritisierte Betreuungsgeld für ausschließlich zu Hause ver- sorgte Kleinkinder betonte See-

hofer, es werde »mit Sicherheit in der von uns beschlossenen

Form kommen«.

(AFP/jW)

Urteil:Wallraff muß mehr differenzieren

köln. Der Enthüllungsautor Gün- ter Wallraff muß seine negativen Äußerungen über einen Brotfa- brikanten künftig entschärfen. Beide Seiten einigten sich am Freitag vor dem Landgericht Köln überraschend auf einen Vergleich. Wallraff hatte 2008 verdeckt in dem rheinland-pfäl- zischen Unternehmen gearbeitet. Im Fernsehen berichtete er da- nach über fehlende Reparaturen und Verbrennungen der Mitar- beiter. Dem Firmeninhaber warf er vor, sich einem Prozeß wegen fahrlässiger Körperverletzung entziehen zu wollen. Dies nimmt der Journalist nun zurück. Statt »alle hatten Verbrennungen« will er nur noch sagen, daß »fast alle« Kollegen in der Fabrik Verbrennungen hatten. Auch im Punkt Reparaturen will er sich zurückhaltender äußern. Der Betrieb, der den Discounter Lidl mit Aufbackbrötchen belieferte, ist mittlerweile pleite.

(dapd/jW)

6

politik

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

junge Welt

NATO-Soldaten in Afghanistan getötet

kaBul. Bei zwei Bombenexplo- sionen im Süden Afghanistans sind am Freitag fünf NATO- Soldaten ums Leben gekom- men. In beiden Fällen sei ein am Straßenrand versteckter Spreng-

satz detoniert, teilte die Allianz mit. Angaben zur Nationalität der getöteten Soldaten oder dem genauen Ort der Explosio- nen wurden nicht gemacht. Seit Jahresbeginn kamen damit neun NATO-Soldaten in Afghanistan ums Leben. Im gesamten ver- gangenen Jahr waren es minde-

(dapd/jW)

stens 544.

Ministerpräsidentin in Jamaika vereidigt

kingston. Die bisherige jamai- kanische Oppositionsführerin Portia Simpson Miller ist am Donnerstag als neue Minister- präsidentin des Karibikstaats vereidigt worden. Ihre sozialde- mokratische People’s National Party (PNP) hatte die Wahl vom Donnerstag vergangener Woche mit großem Vorsprung gewon- nen. Die 66jährige kündigte an, die Armut im Land zu bekämp- fen, die Wirtschaft anzukurbeln und das Justizsystem von der früheren Kolonialmacht Groß- britannien zu emanzipieren. (dapd/jW)

Erste Hinrichtung 2012 in den USA

Mcalester. Wegen der Tötung eines Mannes vor fast 20 Jahren ist am Donnerstag im US-Staat Oklahoma ein zum Tod verurteil- ter Häftling mit der Giftspritze hingerichtet worden. Der 49jäh- rige Gary Roland Welch hatte bis zuletzt beteuert, daß er den Mann 1994 bei einer Messerstecherei in Notwehr getötet habe. Ein Gnadengesuch wurde im ver- gangenen Monat abgelehnt. Am 16. Dezember versuchte Welch, sich mit einer in seine Zelle geschmuggelten Rasierklinge das Leben zu nehmen. Er wurde im Krankenhaus behandelt und anschließend wieder in die To- deszelle zurückgebracht. Es war die erste Hinrichtung in den USA

(dapd/jW)

in diesem Jahr.

kolumNe voN mumia abu-Jamal

Soldaten als Müll entsorgt

Das Bild, das die Gebeine von US-Kriegstoten auf einer Deponie zeigt, erzählt nur die Wahrheit

I n der zweiten Dezemberwoche des

vergangenen Jahres meldeten ver-

schiedene Zeitungen, US-Militär-

personal habe routinemäßig die Gebei- ne von US-Kriegstoten auf einer Müll- deponie in Virginia abgekippt. Diese Praxis begann etwa 2004 während der Regierungszeit von US-Präsident George W. Bush und wurde erst kurz vor der Amtsübernahme durch Barack Obama Ende 2008 eingestellt. Das Pentagon hat versucht, den Skandal zu vertuschen, aber ein Artikel der Washington Post vom 8. Dezember 2011 deckte auf, daß die sterblichen Überbleibsel von mindestens 274 US- Soldaten auf dieser Mülldeponie ver- graben wurden. Die Hinterbliebenen waren nicht über den Verbleib der Ge- beine oder Leichenteile ihrer Angehö- rigen informiert.

Mal abgesehen von der politischen Meinungsmache, die bei solchen

abgesehen von der politischen Meinungsmache, die bei solchen Nachrichten immer eine Rolle spielt, ist dieses

Nachrichten immer eine Rolle spielt, ist dieses ernüchternde Bild von Ge- fallenen, die wie Müll entsorgt wer- den, eine vielsagende Metapher für das wahre Leben. Sie zeigt, was die Herrschenden wirklich über Soldaten denken, von denen viele junge Männer und Frauen sind, die gerade mal die High School abgeschlossen haben. In den letzten Jahren haben sich Po-

Kämpfe im Südsudan

litiker in Talkshows im Radio oder Fernsehen immer emsig bemüht, an- wesenden Kriegsveteranen für ihren Kriegsdienst zu danken. In Wahrheit ist das reines Robotergeschwafel und so aussagekräftig wie das Geplapper von Papageien, denen man beigebracht hat, »Hallo!« zu sagen. Der amerikanische Dichter E.E. Cummings hat einmal gesagt: »Ein Politiker ist ein Arsch, auf dem jeder schon mal gesessen hat, nur noch kein richtiger Mensch.« Und John Africa hat zu dem gleichen Thema gesagt:

»Ein Politiker wird dir erzählen, daß er nicht von einer Frau geboren wurde, wenn er dich dadurch dazu bringen kann, für ihn zu stimmen.« In den Jahren seit dem 11. September 2001 wurden Kriege geführt, die Län- der, Ökonomien und den Weltfrieden zerstört haben. Tausende Namenlose sind für nicht mehr und nicht weni-

ger als die US-amerikanische Paranoia gestorben. Tausende US-Soldatinnen und Soldaten sind im Kampf für die Verteidigung der Lügen der US-Regie- rung gefallen. Und noch viel mehr sind vom Ein- satz zurückgekehrt, ihre Körper, ihr Geist und ihre Seelen zerschunden durch das politische Kalkül ihrer Be- fehlsgeber, die von Arroganz, Hab- gier und schierer Dummheit getrieben sind. Soldatenehen werden geschie- den, weil die Paare über viele Jahre getrennt sind, und ganze Familien sind auseinandergebrochen, weil irgendein schmieriger Politiker »Kriegspräsi- dent« (oder Senator bzw. Abgeordne- ter) spielen wollte. In Wahrheit ist das Bild von Solda- tenleichen, die man wie Müll auf eine Deponie kippt, alles andere als eine Metapher. Es ist die Wahrheit. Übersetzung: Jürgen Heiser

Zahlreiche Tote und Flüchtlinge in Jonglei. Region nach Bürgerkrieg stark militarisiert

B ei den jüngsten Kämpfen im südsudanesischen Bundesstaat Jonglei sind möglicherweise

weit mehr Menschen getötet worden als zunächst angenommen. Am Freitag meldete die Nachrichtenagentur AFP, daß es nach Angaben der Behörden der betroffenen Region mehr als 3000 Tote gegeben habe. Weder seitens der südsudanesichen Regierung noch von der UNO wurden diese Zahlen bislang bestätigt. Noch am Donnerstag hatte BBC gemeldet, daß nach verschiedenen Berichten »mehr als 150« Menschen ums Leben kamen, und zitierte den Informationsminister des Südsudan, der den Tod von 20 bis 30 Menschen bestätigen konnte. Nach UN-Angaben flohen zudem Zehntausende vor den Kämpfen. Rund 6 000 der Bevölkerungsgruppe der Lou Nuer zugerechnete Bewaffnete waren in der vergangenen Woche in die Region um Pibor gezogen und hatten mehrere Dörfer angegriffen. In Pibor selbst wurden demnach Häuser nieder-

gebrannt und ein Krankenhaus geplün- dert. 400 Angehörige der UN-Mission im Südsudan (UNMISS) wurden in die Region entstandt, zudem waren etwa ebenso viele Soldaten der südsudane- sischen Armee vor Ort. Augenzeugen- berichten zufolge versuchten diese vor allem, Einrichtungen von Behörden zu schützen. Die Gewalt ist Ausdruck jahrzehn- tealter Konflikte, die durch aktuel- le Kämpfe um Ressourcen ausgelöst werden. Vieh spielt dabei als zentrale Einkommensquelle in der Region eine bedeutende Rolle. Erst im August 2011 kam es zu ähnlichen Vorfällen, aller- dings hatten damals die nun attackierten Angehörigen der Murle Dörfer der Lou Nuer angegriffen, Rinder geraubt und Menschen, darunter nach verschiede- nen Berichten zahlreiche Kinder, ent- führt. Es gab Hunderte Tote. Die Auseinandersetzung ist nur ei- ner von zahlreichen Konflikten in dem Land, das sich erst im Juli 2011 als eigen- ständiger Staat vom Sudan abgespalten

hat. Bereits damals warnten Beobachter vor einer möglichen Verschärfung der ungelösten Konflikte im Zuge des Auf- baus neues staatlicher Strukturen, da et- wa die zahlreichen ethnischen Gruppen unterschiedlich stark in der neuen Ver- waltung repräsentiert sind. Vertreter der zur Regierungspartei aufgestiegenen Befreiungsbewegung versuchen, nun ihre Macht durch die Kontrolle lokaler Strukturen abzusichern. Hierfür werden auch regionale Auseinandersetzungen instrumentalisiert und Verbrechen mit unterschiedlicher Intensität verfolgt. Zudem brechen durch den Unabhän- gigkeitskampf zurückgedrängte Wider- sprüche verstärkt auf und werden mit den zahllosen Schußwaffen, die nach dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg im ganzen Land im Umlauf sind, in der Re- gel mit großer Brutalität ausgetragen. Der Staat unterstützt und benutzt außer- dem einzelne Bevölkerungsgruppen im Kampf gegen Rebellengruppen. Südsudan ist vor dem Hintergrund des ungelösten Ölkonflikts mit dem Su-

dan darum bemüht, sich potentiellen Investoren nicht bereits wenige Monate nach Staatsgründung als »failed state« zu präsentieren. Auch deshalb sprechen Regierungsvertreter bislang nur von »20 bis 30« Opfern der jüngsten Kämpfe. Nach der Spaltung liegt zwar der Groß- teil der Ölvorkommen im Südsudan, jedoch ist das Land auf die Pipeline und den internationalen Hafen des nörd- lichen Nachbarn angewiesen. Bislang konnten sich beide Länder nicht über die Höhe der Gebühren einigen, die Juba für den Transport von Rohöl durch den Sudan zahlen soll. Immer wieder wird in den Medien über die Möglichkeit des Aufbaus einer eigenen Transportstruktur im Südsudan spekuliert. Erst Mitte der Woche sagte ein Sprecher von Royal Dutch Shell, daß das Unternehmen »Geschäftsmög- lichkeiten« im Südsudan erwäge und derzeit die politischen Entwicklungen und die Sicherheitssituation im Land einschätzen würde.

Simon Loidl

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sebastian unger geht der Frage nach, inwiefern sich Heideggers eigentümliche entfremdungskritik heute jenseits einer ortho- doxen oder kulturkonservativen lesart fruchtbar machen lässt, um die komplexen Verhältnisse der globalisierung kritisch zu beleuchten. Moderation: Dr. Falko schmieder Kosten: 1,50 euro ort: Helle Panke, Kopenhagener str. 9, 10437 berlin

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reihe »Philosophische gespräche«

armin stolper liest aus neuen texten Moderation: brigitte semmelmann Kosten: 1,50 euro ort: Karl-liebknecht-Haus, Kleine alexanderstr. 28, 10178 berlin

Fast vergessene ansätze des schweizers K. Farner »theologie des Kommunismus?« nennt Konrad Farner sein 1968 erschienenes buchüber Moses, Jesus und Marx, in deren Denken der Kommunismus seine Wurzeln habe. referent: Prof. Dr. Heinrich Fink Moderation: elfriede Juch Kosten: 1,50 euro ort: Karl-liebknecht-Haus, Kleine alexanderstr. 28, 10178 berlin

 

»Den Frauen nach«

Heft 23

ein literarischer streifzug entlang des landwehrkanals Porträtiert werden rosa luxemburg, die Pianistin Fanny Hensel- Mendelsohn, die schriftstellerin Fanny lewald, die schauspielerin- nen Marlene Dietrich und tilla Durieux … sie alle haben die geschichte der stadt berlin beeinflußt, versi- chert mit einer lesung angelika neutschel Moderation: Marlene Vesper Kosten: 1,50 euro ort: Helle Panke, Kopenhagener str. 9, 10437 berlin

Gerhard Wagner: Musenhof – Markt – Moderne. Durchblicke durch die ästhetische Kultur des Industriekapitalismus (64 S.)

Donnerstag, 12. Januar, 19.00 uhr

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literatur und gesellschaft

Gerichtsurteil? Neue Straftatbestände auf EU-Ebene öffnen einer Gesinnungsjustiz Tür und Tor

Montag, 30. Januar, 19.00 uhr

 

geschichte

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Die leugnung eines gerichtlich als Völkermord deklarierten ereignisses ist bereits strafbar; die leugnung kommunistischer Verbrechen könnte es demnächst werden. Doğan akhanlı und Dr. Hannes Hofbauer setzen sich damit auseinander. Moderation: Dr. stefan bollinger Kosten: 1,50 euro ort: Helle Panke, Kopenhagener str. 9, 10437 berlin

 

seniorenklub im Karl-liebknecht-Haus

 

Das vergessene KZ Columbia-Haus

Der Euro und die Schuldenkrise – sind die Euroretter noch zu retten?

 

Donnerstag, 26. Januar, 19.00 uhr

ein Konzentrationslager mitten in berlin referentin: beate Winzer, Vorsitzende des »Fördervereins für ein gedenken an die naziverbrechen in und um das tempelhofer Feld« Moderation: Dr. gerd Wiegel

   

Philosophische gespräche

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Jenseits des Konservatismus

 

Welcher Kurswechsel wäre nötig, wenn der euro überleben soll? referentin: Prof. Dr. Christa luft Moderation: brigitte semmelmann

Heideggers kritisches Potential im Zeitalter des dematerialisier- ten Kapitals

 

AP/SANA

junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

politik

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»Libyen light« für Syrien?

Teile der Opposition fordern internationale Intervention zum Sturz des Assad-Regimes. 25 Tote bei Anschlag in Damaskus. Von Karin Leukefeld

B ei einer schweren Explosion im Zentrum von Damaskus am Freitag morgen sind nach offi-

ziellen Angaben 25 Menschen ums Le- ben gekommen, Polizisten und Zivili- sten. Mindestens 46 Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Anschlag ereignete sich in der Nähe einer Schule im historischen Midan-Viertel, das in den letzten Monaten wiederholt Schau- platz von gewaltsamen Auseinanderset- zungen zwischen Demonstranten und den syrischen Sicherheitskräften war. Ersten Angaben zufolge soll es sich bei der Explosion um einen »Selbstmord- anschlag« gehandelt haben, Ziel sei vermutlich ein Polizeibus gewesen. Vor zwei Wochen war es, ebenfalls an einem Freitagmorgen, zu zwei kurz aufeinander folgenden Explosionen vor der Zentrale des Geheimdienstes

in Kfar Susa gekommen. Dabei waren 44 Menschen getötet worden, 166 Per- sonen wurden verletzt. Das syrische Innenministerium vermutet hinter den Anschlägen Al-Qaida, da sie sich dort ereigneten, wo dichter Verkehr und viel Bevölkerung unterwegs sei. Bewohner von Damaskus hatten in den letzten Tagen von erhöhten Sicherheitsvorkeh- rungen in der Hauptstadt berichtet. Teile der Opposition verbanden ihre Proteste am Freitag mit dem Aufruf an die Vereinten Nationen, sich in Sy- rien zu engagieren, weil die arabische Beobachtermission versagt habe. In ei- ner von der »Koordination der Lokalen Komitees« kürzlich veröffentlichten Stellungnahme hieß es dagegen, man wolle nicht Spielball der Nationen wer- den und habe nicht vor, »die autoritä- re Herrschaft gegen die Unterwerfung unter ausländischen Einfluß einzutau- schen«. Rund 100 Beobachter der Arabischen Liga überprüfen seit dem 26. Dezember in Syrien die Umsetzung des arabischen Friedensplans, der einen Rückzug der

des arabischen Friedensplans, der einen Rückzug der Todesopfer der Explosion am Freitag in Damaskus syrischen

Todesopfer der Explosion am Freitag in Damaskus

syrischen Armee aus Wohngebieten und die Freilassung der Gefangenen vorsieht. Am Wochenende soll ein erster Zwi- schenbericht in Kairo am Sitz der Arabi- schen Liga vorgestellt werden, wenn das mit Syrien befaßte Komitee (Ägypten, Sudan, Katar, Oman und Algerien) zu- sammentrifft. Der den Vorsitz führende Ministerpräsident und Außenminister Katars, Scheich Hamad bin Jassim Al- Thani, hatte am Mittwoch bei einer Un- terredung mit dem UN-Generalsekretär Ban Ki Moon von »Fehlern« der Beob- achtermission gesprochen, ohne diese allerdings zu benennen. Ban Ki Moon bot daraufhin der Arabischen Liga »tech- nische Unterstützung« zum Beispiel bei der Schulung der Beobachter an.

Obwohl mit dem Rückzug der Ar- mee aus Homs und anderen Brenn- punkten der Auseinandersetzungen sowie mit der Freilassung von mitt- lerweile rund 4 000 Gefangenen erste Schritte zur Umsetzung des Friedens- plans unternommen wurden, beharren die »Freie Syrische Armee« und der oppositionelle Syrische Nationalrat (SNR) darauf, daß die Beobachtermis- sion »unprofessionell« vorginge. SNR- Präsident Burhan Ghalioun sagte am Donnerstag im Gespräch mit der briti- schen BBC, die Mission habe die Ge- walt in Syrien nicht beendet. Man er- warte von der internationalen Gemein- schaft eine Art Libyen-light-Version, um den politischen Umsturz im Land

herbeizuführen. »Wir wollen eine in- ternationale Intervention nicht, um die syrische Revolution zu ersetzen. Wir wollen, daß sie die syrische Revoluti- on unterstützt«, sagte Ghalioun. Der SNR fordere eine Flugverbotszone für bestimmte Gebiete, damit nicht »die gesamten syrischen Luftverteidigungs- systeme zerstört« werden müßten. Es werde »kein Chaos geben wie in Liby- en«. Die »Freie Syrische Armee« habe die politische Führung des National- rates anerkannt, so Ghalioun, man sei »in ständiger Diskussion« miteinander. Ihr gemeinsames Ziel sei ein »freies, demokratisches und pluralistisches Sy- rien«. u Siehe Kommentar Seite 8

Diktatur wird verharmlost

Pinochets Schreckensherrschaft soll in Chiles Schulbüchern »Militärregime« heißen

E in einziges Wort hat gereicht, um

ganz Chile in Aufruhr zu verset-

zen. Eine Militärdiktatur wird

ab sofort als Militärregime bezeichnet. Wie erst am Mittwoch bekannt wur- de, hatten Bildungsministerium und Schulrat beschlossen, die Terminologie in Chiles Schulbüchern zu verändern. In allen Geschichtsbüchern für Schü- ler zwischen neun und dreizehn Jahren wird also ab sofort von der Herrschaft des Generals Augusto Pinochet ab 1973 nicht mehr als Diktatur, sondern als Militärregime gesprochen. Chiles Bil- dungsminister Harald Beyer bekräf- tigte, daß diese Entscheidung nicht ideologisch geprägt sei, Militärregime sei lediglich ein neutralerer Begriff als Diktatur. Außerdem werde auch inter- national überwiegend der Begriff Mi- litärregime genutzt. Die Veränderung in den Geschichtsbüchern passe sich damit dem internationalen Standard an. Beyer, der zur konservativen Regierung von Präsident Sebastián Piñera gehört, betonte außerdem: »Die Lehrer können

natürlich weiterhin den Begriff Diktatur verwenden.« Der Vorgang hat in Chile eine Pro-

testwelle unter Politikern, Sozialwis- senschaftlern sowie Bürgerrechtlern ausgelöst. So erklärte etwa die Sena- torin der rechtsliberalen Partei Reno- vación Nacional, Lily Pérez, in einem Radiointerview: »In diesen Sachen muß man sehr klar sein – in Chile gab es eine Diktatur!« Das gelte unabhängig davon, wie man diese beurteile, sagte Pérez. Die Direktorin des Nationalen Instituts für Menschenrechte, Lorena Fríes, sieht den Beschluß des Bildungs- ministeriums ebenfalls kritisch. Ihrer Ansicht nach war dies eine Maßnahme von »oben herab«, ohne jegliche Infor- mation oder Beteiligung von Bürgern. »Wir wissen erst seit wenigen Tagen von dieser Entscheidung, das kann man nicht gerade transparent nennen«, sagte Fríes. Sie zeigte sich überrascht davon, daß der Schulrat den Vorschlag des Ministeriums einfach absegnete: »Die Veränderung der Terminologie ist ein- deutig eine Verharmlosung dessen, was sich in Chile abgespielt hat.« Soziologieprofessor Juan Pablo Pare- des von der Universität Diego Portales sieht ebenfalls diese Tendenz. »Es ist nicht dasselbe, ob man von Militärdik-

tatur oder von Militärregime spricht. Denn dahinter stecken unterschiedliche Konzepte. Je nach Begriff werden also unterschiedliche geschichtliche und so- ziale Realitäten geschaffen.« Eine mög- liche Gefahr sieht Paredes auch darin, daß die Pinochet-Vergangenheit von einigen komplett abgestritten werden könnte. Nach dem Motto: Wenn keiner von der Diktatur spricht, hat sie auch nie existiert. Es wird eine Herausforde- rung für Lehrer werden, dieses Thema jungen Schülern näherzubringen. Einer, dem diese Herausforderung bevorsteht, ist Lehrer Diego Larrondo. Er sieht aber in der neu entfachten De- batte über die Pinochet-Herrschaft auch eine Chance: »Wir wissen alle, daß wäh- rend der Diktatur Menschen getötet und gefoltert wurden, daß Menschenrechte verletzt wurden. Doch es gibt auch viele Menschen, die Pinochet unterstützt ha- ben und dies bisher nur nicht offen zu- gegeben haben, weil es politisch nicht korrekt ist. Jetzt scheint es, daß die Zeit reif ist, all diese Meinungen öffentlich zu diskutieren. Chile braucht diese De- batte!« Marinela Potor, Santiago de Chile

Drohanruf Monate vor Anschlägen

oslo. Die norwegische Regierung hat Medienberichten zufolge Monate vor den blutigen Anschlägen von Oslo und Utøya einen Drohanruf eines Mannes erhalten, bei dem es sich um den Attentäter Anders Behring Brei- vik gehandelt haben könnte. Wie der Radiosender NRK am Freitag berich- tete, ging bei der norwegischen Re- gierung im März 2011 ein Anruf ein, in dem ein Mann davon gesprochen habe, auf Mitglieder der Arbeiter- jugend schießen zu wollen. Wenige Monate später, am 22. Juli vergange- nen Jahres, tötete Behring Breivik zu- nächst im Regierungsviertel von Oslo mit einer Autobombe acht Menschen. Anschließend erschoß er in einem Sommerlager der Jugendorganisati- on von der regierenden Arbeiterpar- tei auf der Insel Utøya 69 Teilneh- mer. Das Informationszentrum der Regierung (DSS) erklärte am Freitag, der Anruf sei nicht als »konkrete Ge- fahr« betrachtet worden. Daher sei die Polizei zunächst nicht kontaktiert

(AFP/jW)

worden.

Albanien: Haft für Expremier gefordert

tirana. Wegen Korruption hat die Staatsanwaltschaft in Albanien am Freitag zwei Jahre Haft für den früheren Ministerpräsiden- ten Ilir Meta gefordert. Der frü- here Wirtschaftsminister Dritan Prifti wirft Meta vor, versucht zu haben, ihn im Zusammen- hang mit der Ausschreibung eines Wasserkraftwerks zu beeinflussen. Meta bestreitet dies. Er war von 1999 bis 2002 albanischer Ministerpräsident. (dapd/jW)

Timoschenkos Mann beantragt Asyl

Prag. Der Ehemann der inhaf- tierten früheren ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Ti- moschenko hat politisches Asyl in Tschechien beantragt. Der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg sagte am Freitag, wahrscheinlich werde dem Antrag von Oleksandr Ti- moschenko stattgegeben. Timo- schenko verbüßt in der Ukraine eine siebenjährige Haftstrafe,

weil sie ihr Amt mißbraucht ha-

ben soll.

(dapd/jW)

Wegen »Hexerei« zu Tode gefoltert

lonDon. Wegen angeblicher He- xerei ist ein 15jähriger Junge zu Weihnachten 2010 in London von seinen eigenen Verwandten zu Tode gefoltert worden. Seine Leiche habe 101 Verletzungen aufgewiesen, zugefügt unter anderem mit einem Meißel, einem Hammer und einer Me- tallstange, berichtete die Staats- anwaltschaft am Donnerstag vor Gericht. Die beiden aus dem Kongo stammenden 28jähri- gen Angeklagten weisen jede Schuld von sich. Laut Anklage war Kristy zu- sammen mit zwei Brüdern und zwei Schwestern von Paris nach London gereist, um gemeinsam bei ihrer ältesten Schwester Magalie und deren Lebensge- fährten Eric Bikubi ein paar Tage zu verbringen. Bikubi be- schuldigte Kristy und seine elf und 13 Jahre alten Schwestern der Hexerei und warf ihnen vor, einen schlechten Einfluß auf seinen dreijährigen Sohn aus- zuüben. Gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin begann er, die

(AFP/jW)

drei Kinder zu foltern.

Hinrichtungen in Saudi-Arabien

genf. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte in Genf hat sich besorgt über die im vergan- genen Jahr deutlich angestiegene Zahl von vollstreckten Todesstra- fen in Saudi-Arabien gezeigt. Be- unruhigend sei auch die Tatsache, daß die jeweiligen Gerichtspro- zesse von internationalen Stan- dards weit entfernt seien, sagte ein Sprecher. Folter als Mittel, um ein Geständnis zu erzwingen, scheine eine breite Anwendung zu finden. Einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP zufolge wurden im Jahr 2011 mindestens 76 Menschen hingerichtet.

(AFP/jW)

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ansichten

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

junge Welt

WieDer bombeNatteNtat iN Damaskus

Unheilvoller Block

u Von Werner Pirker

E s war ein Attentat mit Ansa- ge. Vor der Bundespresse- konferenz stellten Vertreter

des prowestlichen Syrischen Na- tionalrates (SNC) am Mittwoch in Berlin einen Guerillakrieg in Aussicht. Allerdings als Warnung. Die aus Deserteuren gebildete Freie Syrische Armee (FSA) könn- te einen solchen beginnen, sollte es dem Ausland nicht gelingen, Präsident Baschar Al-Assad zum Einlenken zu bewegen, mahnte der Grünen-Politiker Ferhad Ahma, ein Mitglied des SNC, mehr westliche Einmischung an. Bei dem am Frei- tag verübten Attentat in Damaskus sind 25 Menschen getötet und 46 verletzt worden. Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, daß die Täter der FSA angehören. Das Regime spricht von islamistischen Terro- risten, die Opposition sieht den langen Arm des Geheimdienstes am Werk. Unabhängig von der Frage nach der Täterschaft und danach, wem dieses Attentat nutzt, ist inzwischen hinlänglich klar geworden, daß die syrische Opposition an einem friedlichen Ausgang der Krise nicht interessiert ist. Sie hat nicht nur alle Verhandlungsangebote der Regime- seite abgelehnt, sondern auch die Forderung der Arabischen Liga nach einem nationalen Dialog zurückge- wiesen. Damit haben die syrischen Regimegegner eindeutig Kurs auf eine Gewaltlösung genommen. Das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit, auf das sich vor allem die Inlandsoppo- sition eingeschworen hatte, ist damit hinfällig geworden. Die Linie der Auslandsopposition um den SNC

hat sich offenbar durchgesetzt. Es ist die Linie der Befürworter einer ausländischen Militärintervention. Westagenten vom Typ eines Ferhad Ahma und Deserteure bilden einen unheilvollen Block. Zudem hat sich der Wunsch der ehrlichen Regime- gegner nach einem Wechsel, der von allen Bevölkerungsgruppen getragen wird, als ein sehr frommer erwiesen. Der sunnitische Faktor drängt mit Macht darauf, seine zahlenmäßige Überlegenheit in eine vorherrschen- de Position umzusetzen. So aufrichtig die von Teilen der Opposition ausgesprochene Ableh- nung einer ausländischen Einmi- schung auch gewesen sein mag, war sie konkret zu keinem Zeitpunkt in die Tat umzusetzen. Denn wie hätten sie den Westen daran hindern wollen, in diesem Konflikt Partei für die Regimegegner zu ergreifen? Und wenn der Westen Aufständische unterstützt, wird der Regimewechsel nach seinen Vorgaben durchgeführt. Antiimperialistische Kräfte, denen das Assad-Regime eher zu prowest- lich erschienen sein mag, haben in dieser Auseinandersetzung keine Chance. Denn selbst wenn es zu keiner direkten Militärintervention kommt, werden die Westmächte über ihre NGO-Einflußagenten den Ausgang des Konflikts zu bestim- men versuchen. Das heißt: die arabi- sche Revolution, deren Hauptinhalt in der Überwindung der Abhängig- keit dieser Region von den West- mächten bestehen müßte, befindet sich auf dem Rückmarsch. In Libyen und Syrien ist sie konterrevolutionär gewendet worden. In Tunesien und Ägypten tritt sie auf der Stelle.

himmelsstürmer Destages

Rainer Maria Woelki

D as war es, was der tristen deutschen Hauptstadt seit dem Tod von

Georg Sterzinsky fehlte:

ein echter Kardinal. Einen Mann also, der Regie- rungsempfängen einen Farb- tupfer, ein transzendentales Glanzlicht aufsetzt; eine Persönlichkeit, die selbst Zusammenrottungen rheinischer Exilkarne- valisten optisch und verbal bereichert. Jetzt ist es soweit, die Berliner können stolz ausrufen: »Wir sind Kardinal!« Der frisch ernannte Würdenträger Rainer Maria Woelki regiert im Erz- bistum Berlin formal über 371 000 Kirchensteuerpflichtige, etwa neun Prozent der Bevölkerung. Die ka- tholische Kirche ist somit nach der evangelischen (672000) die zweit- größte Religionsgemeinschaft in der Bundeshauptstadt. An dritter Stelle liegt die muslimische mit 210 000 Mitgliedern. Insgesamt sollen sich in Berlin etwa 250 Religionsgemein- schaften tummeln. Man kann getrost davon ausgehen, daß von den amtlich als »Gläubige« Registrierten nur ein Bruchteil tatsächlich gläubig ist. Zwei Drittel aller Berlinerinnen

tatsächlich gläubig ist. Zwei Drittel aller Berlinerinnen und Berliner rechnen sich keinerlei Religion zu – einen

und Berliner rechnen sich keinerlei Religion zu – einen derartig hohen Anteil an Atheisten und Agnostikern findet man sonst nirgendwo. Der in- offizielle Titel »Athe- isten-Hauptstadt« Eu- ropas ist somit redlich verdient. Was liegt also näher, als einen Hardliner wie Woelki mit der Missionsar- beit im heidnischen Berlin zu betrauen? Keiner dürfte besser geeignet sein: Gebo- ren wurde er im tiefschwar- zen Köln, sein Vater war ein Schul- freund des Kölner Kardinals Joachim Meisner, dessen »Geheimsekretär« er dann auch wurde. Woelki legte eine Blitzkarriere hin: 2003 wurde er Weihbischof, im Sommer vergan- genen Jahres Erzbischof von Berlin. Fehlen noch ein paar Wunderhei- lungen – und die Seligsprechung ist nicht mehr zu verhindern. Mit dem Gespür des gestandenen Sozialdemokraten nutzte Bürger- meister Klaus Wowereit denn auch gleich die Gelegenheit, sich per Grußadresse einzuschleimen. Nützt ihm aber nix: Woelki haßt Schwule. (pw)

»Alle werden sagen, daß es Mord in der Polizeizelle war«

Prozeß zum Tod von Oury Jalloh wird am Montag in Magdeburg fortgesetzt, Demonstration am Samstag in Dessau. Gespräch mit Dirk Vogelskamp

A m Montag wird der

Prozeß zum Feuertod

von Oury Jalloh in der

Zelle Nummer fünf im Dessauer Polizeigewahrsam im Jahr 2005 vorm Landgericht Magdeburg in zweiter Instanz fortgesetzt. Nach sieben Jahren wird nun gegen den Dienstgruppenleiter des Re- viers, Andreas Schubert, wegen »fahrlässiger Tötung« verhandelt. Die Initiative Oury Jalloh ist der Ansicht, daß der Fall noch immer nicht aufgeklärt wird – wie sehen Sie das? In den vergangenen Monaten sind neue Widersprüche in Zeugenaussagen und im Brandgutachten aufgetaucht. Diese stehen der Hypothese deutlich entge- gen, Oury Jalloh habe sich in der Zelle – an Händen und Füßen gefesselt und auf einer feuerfesten Matratze! – selber angezündet. Von daher müßten andere Wege gegangen werden, beispielsweise durch ein neues Brandgutachten oder eine härtere Befragung der Polizisten. Es ist kaum mehr zu übersehen, wie es im Prozeß läuft: Alles, was die These einer vermeintlichen Selbstentzündung des Asylbewerbers aus Sierra Leone unterstützt, läßt man durchgehen, was dem entgegensteht, wird abgebogen. Wie läuft das praktisch ab? Das Gutachten, das zeigen sollte, wie Oury Jalloh sich selber angezündet ha- ben könnte, ist nicht nachvollziehbar. Versuchsfilme zeigen, daß es so nicht gewesen sein kann: An einer Stelle ist zu sehen, wie ein Polizist in die schwer- entzündbare Matratze hineinpusten muß, um sie in Brand zu stecken; an anderer Stelle wie einer die Matratze hochhebt, mit dem Fuß darauf tritt, und das Futter auseinander reißt, um sie

abgeschriebeN

Die Bundesregierung hat schriftliche Fragen des Abgeordneten Mehmed Ki- lic (Bündnis 90/Die Grünen) vom 16. Dezember 2011 (Arbeitsnummern 12 /283, 284, 285) beantwortet:

1. Ist der Bundesregierung bekannt, wie der Mitarbeiter des hessischen Landes- amtes fürVerfassungsschutz, der sich zumindest kurz vor dem Mord an Hall Yozgat am 6. April 2008 im Kasseler Intemetcafe (Tatort) aufgehalten hat, an illegale Munition gelangt ist (bitte aus- führen)? 2. Hatte dieser Mitarbeiter des Ver- fassungsschutzes, der zwischenzeitlich/ nach dem 6. April 2006 in das hessische Regierungspräsidium versetzt wurde, im Rahmen seiner neuen Stelle Zugriff auf die Daten des Ausländerzentralre- gisters? 3. Hat die Bundesregierung eine Er- klärung dafür, wie jemand als Mitarbei- ter des Verfassungsschutzes eingestellt werden konnte, der illegale Munition sowie verfassungswidrige rechtsradi- kale Schriften besaß und als »Kleiner Adolf« bekannt war (bitte ausführen)?

Zu 1: Im Rahmen der Ermittlungen des Polizeipräsidenten Nordhessen wurden bei dem Mitarbeiter des hes-

Nordhessen wurden bei dem Mitarbeiter des hes- Dirk Vogelskamp vom Komitee für Grundrechte und Demokratie

Dirk Vogelskamp vom Komitee für Grundrechte und Demokratie in Köln ist Prozeßbeobachter beim Landgericht Magdeburg

zu entzünden. Daß der an Händen und Füßen gefesselte Oury Jalloh das so gemacht haben soll, kann nicht sein. Obendrein hat der Brandgutachter zu- gegeben, sein Gutachten auf Anord- nung der Polizei erstellt zu haben. Der Fall, daß das Feuer von Po- lizisten angezündet worden sein könnte, wurde nicht durchge- spielt? Nein, sobald ein Versuch der vermeint- lichen Selbstentzündung nicht geklappt hat, ordnete das Gericht an: »Wir brau- chen einen neuen«. All das wirft bei den schwarzen Freunden der Initiative Oury Jalloh verständlicherweise Zwei- fel auf. Nach Auskunft der Initiative Oury Jalloh haben Polizisten den An- melder der Kundgebung, Mouctar Bah, in seinem Internetcafé auf- gesucht und unter Druck gesetzt. Demnach soll der Slogan verbo- ten sein: »Oury Jalloh, das war Mord«. Stimmt das? Das kann die Polizei nicht als Demon- strationsauflage machen: Es handelt sich um eine allgemeine Aussage, die

sischen Landesamtes für Verfassungs- schutz 100 Schuß Manöverpatronen, festgestellt, für die keine waffenrecht- liche Erlaubnis vorlag: Dabei handelt es sich um Hülsen mit Treibladungen, die kein Geschoß enthalten. Diese werden zu Übungszwecken bei der Bundeswehr eingesetzt. Nach dem bisherigen Ergebnis der Ermittlungen wurden die Manöverpatronen von dem Mitarbeiter des hessischen Landesam- tes für Verfassungsschutz bereits im jugendlichen Alter gefunden. Zu 2: Hierzu liegen der Bundesregie- rung keine Informationen vor. Zu 3: Die Bundesregierung speku- liert grundsätzlich nicht über Hinter- gründe von Entscheidungen, die in der Zuständigkeit eines Landes fallen bzw. gefallen sind. Auch bewertet oder kommentiert sie solche Entscheidungen grundsätzlich nicht.

Zum Scheitern der »Jamaika«-Koali- tion im Saarland erklärt der Vorsitzen- de der Fraktion Die Linke im Landtag, Oskar Lafontaine:

Das Auseinanderbrechen der Jamaika- Koalition bietet die Chance für einen politischen Neuanfang. Es geht jetzt darum, eine stabile Mehrheit für eine

niemanden beleidigt. Bürgerinnen und Bürger äußern sich so: »Wir haben eine andere Vorstellung davon, was in die- sem Polizeirevier passiert ist.« Und die- ses Grundrecht auf freie Meinungsäu- ßerung kann man ihnen nicht nehmen. Das Gut der Rede- und Versammlungs- freiheit muß geschützt werden. Es ist doch klar, daß keiner der Aktivisten sa- gen wird: Ich demonstriere seit sieben Jahren unter dieser Parole, aber heute nicht! Und deshalb bin ich überzeugt, daß alle wieder sagen, daß es Mord in der Polizeizelle war. Am Samstag wollen unter ande- rem der evangelische Kirchen- kreis Dessau, der Ausländerbeirat und die Beratungsstelle für Opfer rechter Straf- und Gewalttaten und die Stadt Dessau bei einer Mahnwache vor dem Polizeirevier »ein Licht für Oury Jalloh« an- zünden. Können Sie nachvollzie- hen, warum die schwarzen Aktivi- sten das nicht ausreichend finden? Ich kann die schwarze Community gut verstehen. Sie wollen, daß dieses Ver- brechen endlich aufgeklärt wird. Jetzt läuft alles auf »fahrlässige Tötung« hin- aus, aber was tatsächlich am 7. Januar vor sieben Jahren in dieser Zelle in Des- sau geschehen ist, bleibt im dunkeln. Es muß doch jeden Bürger erschrecken:

Da stirbt jemand an Händen und Füßen gefesselt im Polizeigewahrsam – und es ist nicht annähernd herauszufinden, wie das genau passiert ist. Da genügt es nicht, eine Kerze anzuzünden. Interview: Gitta Düperthal

u Samstag: Kundgebung der Initiative Oury Jalloh, 13 Uhr, Hauptbahnhof Dessau; Montag: Prozeß, 9.30 Uhr, Landgericht Magdeburg, Saal A 23

Politik zu finden, die die über zehn Jah- re andauernde Stagnation der saarländi- schen Landespolitik überwindet. Es dürfte der saarländischen SPD als Wunschpartnerin der amtierenden Ministerpräsidentin schwerfallen, ihren Wählerinnen und Wählern und ihren Mitgliedern zu vermitteln, daß aus- gerechnet mit der abgewirtschafteten CDU ein politischer Neuanfang an der Saar möglich ist. Die CDU Saar steht für den Nieder- gang der Landespolitik in den letzten Jahren und das finanzielle Desaster, das die Handlungsfähigkeit des Landes immer weiter begrenzt und seine Exi- stenz bedroht. Das Auseinanderfallen der Saar-FDP ist zwar der äußere Anlaß für das Scheitern dieser Koalition, es kann aber nicht davon ablenken, daß die CDU Saar die Hauptverantwortung für die Fehlentwicklungen der letzten Jahre trägt. Die Saar-Grünen, die, durch unge- wöhnliche Wahlspenden beeinflußt, die Jamaika-Koalition erst ermöglicht haben, haben ihre Glaubwürdigkeit verloren und sind kläglich gescheitert. In dieser Situation sind Neuwahlen der sauberste Weg, um einen politischen Neuanfang an der Saar zu ermöglichen.

AP/J PAT C ARTER )

junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

kapital

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arbeit

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Schönredner made in USA

Zwanghafter Optimismus: Zu Beginn des neuen Jahres prophezeien Experten in den Vereinigten Staaten ein »neues amerikanisches Jahrzehnt«. Die Realität sieht anders aus. Von Rainer Rupp

E s ist Tradition jenseits des At- lantiks, Vorhersagen über die wirtschaftliche Entwicklung

zum Jahresbeginn rosarot zu verpak- ken. Das hat mit der vermeintlichen »Theorie der positiven Erwartungen« zu tun, die vor sich selbst erfüllen- den Prophezeiungen warnt und besagt:

Wenn die Masse der Bevölkerung die Perspektive als zu negativ empfindet, wird mehr gespart, weniger konsu- miert und investiert. Ergebnis wäre, daß die ohnehin bereits gebremsten wirtschaftlichen Aktivitäten weiter zu- rückgingen. Auf Optimismus zu Jah- resbeginn versteht man sich in den Vereinigten Staaten von Amerika des- halb besonders gut. Wer die einschlägigen Prognosen für 2012 gläubig akzeptiert, braucht sich über die Zukunft kaum noch Sorgen zu machen. Getrübt wird das Ganze, so die Auguren, lediglich vom alten, nicht mehr lebensfähigen Europa. Das leide an seinen nicht mehr zu lösenden Schuldenproblemen und bedrohe den unmittelbar bevorstehenden, wunder- samen wirtschaftlichen Aufschwung im Land der unbegrenzten Möglich- keiten. »Experten« des US-Nachrichten- senders CNBC verkündeten am 29. Dezember 2011 die einsetzende »Mor- gendämmerung für ein neues amerika- nisches Jahrzehnt«. Die USA würden zur Lokomotive, die die Welt aus dem wirtschaftlichen Morast zieht und die Aktienkurse an der Wall Street setzten bald zu neuen Rekordhöhenflügen an. Begründet wird das mit einer abneh- menden Importabhängigkeit bei der Energieversorgung des Landes und der Wiedergeburt der verarbeitenden In- dustrie. Dadurch würde eine autarke US-Wirtschaft erneut an die Weltspit- ze katapultiert, behauptete z. B. der CNBC-Chefanalytiker Ron Insana. Aber das war nur eine Stimme im Chor euphorischer CNBC-Kommentatoren, die den USA eine glänzende Zukunft voraussagten, während Europa unrett- bar dem Untergang entgegensteuerte. Bei nüchterner Betrachtung erwei- sen sich die »Visionen« als Trugbilder. Zwar ließen sich in den zurückliegen- den vierteljährlichen und monatlichen wirtschaftlichen US-Statistiken positi- ve Ansätze entdecken. Deren Nachhal- tigkeit ist indes fraglich. Beispielswei- se die der auf dem Nachfrageschub vor Weihnachten basierenden allgemeinen Prognosen. Außerdem werden die Zah- len gern willkürlich interpretiert, wie

werden die Zah- len gern willkürlich interpretiert, wie Kein Witz: Andere Botschaften zur Situation kommen von

Kein Witz: Andere Botschaften zur Situation kommen von der Bewegung »Occupy Wall Street«

der gefeierte Rückgang der Arbeitslo- senquote. Die sank nach offiziellen An- gaben während der letzten vier Monate von 9,8 Prozent auf 8,5 Prozent und fiel somit auf den niedrigsten Stand seit Mai 2009. Den Angaben der Statistiker liegen statistische »Reformen« zugrunde, bei denen, ähnlich wie in Deutschland, Menschen, die für eine bestimmte Zeit keine Arbeit gefunden haben, per De- finition nicht mehr als arbeitslos gel- ten. Die fallen aus der entsprechenden Statistik heraus, und schon ist die Welt des schönen Scheins gerettet. Die Rea- lität auf dem US-Arbeitsmarkt sieht dagegen anders aus. Von Beginn der Rezession im Dezember 2007 bis Ende Juni 2009 gingen fast acht Millionen Arbeitsplätze verloren. Im Jahr 2010 wurden laut US-Arbeitsamt netto nur 940 000 Jobs zurückgewonnen, wobei für diese durchschnittlich niedrigere Löhne und Gehälter gezahlt wurden, was sich in einem Kaufkraftverlust aus- wirkte und den Rückgang der privaten Nachfrage verstärkte. Füe 2011 hat er- sten Schätzungen zufolge die US-Wirt- schaft 1,6 Millionen neue Jobs geschaf- fen. Die Entwicklung dürfte dennoch nicht besser gewesen sein. Tatsächlich liegt die Arbeitslosenquote in den USA je nach Berechnung zwischen 16 und 22 Prozent. Es gibt in Wahrheit wenig Hoffnung,

daß sich die wirtschaftliche Großwet- terlage verbessert. So sind keine An- zeichen für eine nachhaltige Erholung des wichtigen Immobiliensektors zu sehen. Der befindet sich weiter in de- solatem Zustand. Zweitens gehen die Menschen der geburtenstarken Jahr- gänge in den nächsten Jahren in Ren- te. Das bedeutet, daß weniger Geld für den Konsum ausgegeben wird. Der Hoffnungsträger für die US-Erholung, die Exportindustrie, sieht sich zudem durch die auch von heimischen Finanz- medien und -experten herbeigeredete starke Abschwächung des Euro-Kurses zum Dollar in den Chancen auf dem Weltmarkt beeinträchtigt. Eine Abschwächung der Konjunk- tur in China und anderen Schwellen- ländern sowie eine erneute Rezession in Europa würden sich zusätzlich ne- gativ auf die Auslandsnachfrage für US-Produkte auswirken. Unter dem Druck eines Haushaltsdefizits von weit über einer Billion (1 000 Mil- liarden) Dollar auch im Jahr 2012, wächst der Druck auf die US-Bundes- regierung, ihre Ausgaben zu kürzen, was ebenfalls die Nachfrage senken wird. Zugleich sind Banken und In- dustrieunternehmen ebenso wie die Privatbürger dabei, ihre teils unglaub- lich hohe Verschuldung in einem – noch Jahre dauernden Prozeß – auf ein tragbares Niveau abzubauen. Das

heißt, sie zahlen Kredite zurück und haben daher weniger Geld für Inve- stitionen und Konsum. Und auch die US-Bürger haben wieder die Tugend des Sparens entdeckt. Nachdem die entsprechende Rate lange Zeit negativ war, liegt sie derzeit bei 3,5 Prozent (zum Vergleich: Japan – 30 Prozent). Bill Gross, Chef des mit 600 Milli- arden Dollar weltgrößten Investment- fonds PIMCO’s, sieht daher nicht die Morgendämmerung eines rosigen neuen amerikanischen Jahrzehnts am Horizont, sondern eine neue Ära des »eingeschränkten Kapitalismus«, mit nur noch bescheidener Eigenkapital- rendite, niedrigem Wachstum und we- nig neuen Arbeitsplätzen.

Ungarn nicht kreditwürdig

Ratingagentur Fitch stuft Bonität des Landes auf Ramschniveau herab

D ie US-Ratingagentur Fitch hat

die Kreditwürdigkeit Ungarns

am Freitag auf Ramschniveau

herabgestuft. Die Bewertung wurde von »BBB-« auf »BB+« gesenkt, wie die Agentur mitteilte. Sie begründete ihre Entscheidung unter anderem mit einer »weiteren Verschlechterung« der Finanzlage und den Wachstumsaus- sichten des Landes. Ende vergangenen Jahres hatten bereits die Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s Un- garns Bonität auf dieses Level herab- gestuft.

Trotz heftiger Kritik aus Brüsseler EU-Kreisen hatte Ungarns Regierungs- chef Viktor Orban kurz zuvor eine Überarbeitung des Notenbankgesetzes seines Landes abgelehnt. Zwischen Ungarn auf der einen sowie der Eu- ropäischen Kommission und dem In- ternationalen Währungsfonds (IWF) auf der anderen Seite gebe es »einen Meinungsunterschied«, sagte Orban vor ausgewählten inländischen Journa- listen unter Ausschluß der internatio- nalen Presse in Budapest. Vor dem Jahreswechsel hatte das

ungarische Parlament mit den Stim- men von Orbans Fidesz-Partei meh- rere Gesetze verabschiedet, darunter eine Reform der Zentralbank. Zum Jahresbeginn trat zudem eine neue Verfassung in Kraft. Derzeit prüfen Juristen, ob die Gesetze den EU-Richt- linien entsprechen. Aus Protest gegen die Reform der Notenbank hatten die Europäische Union und der IWF im Dezember eine Mission abgebrochen, bei der eine Vergabe von Krediten im Umfang von bis zu 20 Milliarden Euro geprüft werden sollte. (AFP/jW)

BRD bei Getreide kein Selbstversorger

München. Die Bundesrepublik Deutschland ist beim Getrei- de nach Berechnungen eines Agrarstatistikers kein Selbstver- sorger mehr. Die Ernte hierzu- lande liege mittlerweile unter dem hiesigen Verbrauch, sagte Georg Keckl vom niedersäch- sischen Landesamt für Statistik dem Münchner Magazin Focus laut Vorabbericht vom Freitag. Zahlen des Statistischen Bun- desamtes zufolge betrug die Getreideernte im vergangenen Jahr 41,5 Tonnen. Keckl zufolge beträgt der Bedarf an Getreide im Inland aber 44 Millionen Tonnen. Der Agrarstatistiker sagte dem Focus, Felder würden in ökolo- gische Ausgleichsfläche verwan- delt, was die Anbauflächen und damit den Ertrag senke. Zudem in der BRD werde immer mehr Getreide zu Biosprit verarbeitet. Auch setzten die Bauern mittler- weile weniger auf einen hohen Ertrag als auf gesunde Pflanzen. (AFP/jW)

VW baut siebtes Autowerk in China

Peking. Volkswagen baut seine Fertigungskapazitäten in China weiter aus und errichtet seine siebte Autofabrik. Bis 2013/14 soll die Kapazität so auf drei Millionen Stück pro Jahr steigen, wie der Hersteller in Peking mit-

teilte. Die Verträge für das Werk in Ningbo südlich von Schang- hai wurden am Freitag unter- zeichnet, die Fabrik soll 2014 fertig sein und bis zu 300 000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren. Volkswagen hat bisher vier Autowerke in China und drei weitere im Bau. Dazu kommen mehrere Komponentenwerke. 2011 hat allein die Marke VW 1,72 Millionen Autos in China

verkauft.

(dapd/jW)

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Kundgebung: Eintritt frei für „FEst der MusiK“ beginnt der
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LUCAS JACKSON / REUTERS

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Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6 junge Welt Willkommenszeremonie für US-Kriegsheimkehrer aus dem Irak

Willkommenszeremonie für US-Kriegsheimkehrer aus dem Irak (Fort Hood, Texas, 21.12.2011). Tatsächlich werden viele der dort eingesetzten GIs nun an anderen Standorten im Ausland in Stellung gebracht

Washingtoner

Schrumpftheater

Hintergrund u Barack Obamas jüngste Rede zur US-Militärstrategie erweist sich bei näherer Betrachtung als reine Propaganda. Statt der angekündigten Kürzung des Pentagon-Haushalts steht nun die Umrüstung der US-Streitkräfte für neue Kriege auf der Tagesordnung. Von Knut Mellenthin

F alls man einem Hamburger Nachrich- tenmagazin vertraut, will US-Präsident Barack Obama »Amerikas Militär schrumpfen« und ihm »ein hartes Spar- programm verordnen«. Auch in diesem

Fall erzählen die Kollegen vom Spiegel jedoch Unsinn. Und wieder einmal ist die Grenze zwi- schen mangelndem Sachverstand und bewußter Verbreitung von Unwahrheiten nicht eindeutig aus- zumachen. Die 450 Milliarden Dollar, um die der Rüstungs- und Kriegsetat der Vereinigten Staaten angeblich im Verlauf der nächsten zehn Jahre gekürzt werden soll, sind eine reine Phantasiezahl. In Wirklich- keit ist beabsichtigt, die Ausgaben des Pentagon weiter kontinuierlich steigen zu lassen, nur etwas langsamer als bisher. Diesen Punkt hob Obama bei der Vorstellung seiner Pläne am Donnerstag aus- drücklich hervor. Wörtlich sagte er: »Ich denke, alle Amerikaner sollten sich daran erinnern, daß in den vergangenen zehn Jahren, seit dem 11. September, unsere Verteidigungsausgaben in einem außerge- wöhnlichen Tempo gestiegen sind. In den nächsten zehn Jahren wird das Verteidigungsbudget langsam wachsen, aber Tatsache ist: Es wird weiter wachsen, weil wir globale Verantwortungen haben, die un- sere Führerschaft erfordern. Tatsächlich wird das Verteidigungsbudget weiterhin größer bleiben als es gegen Ende der Bush-Regierung war. Ich glau- be fest daran, und ich denke, das amerikanische Volk versteht dies, daß wir unser Militär stark und unsere Nation sicher erhalten können mit einem Verteidigungshaushalt, der auch künftig größer sein wird als der der nächsten zehn Länder zusammen- genommen.« Vage ist jetzt die Rede davon, daß die USA we- niger Soldaten als bisher benötigen werden. Kon-

krete Planzahlen liegen jedoch nicht vor. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, daß Obama im Präsidentschaftswahlkampf 2007/2008 selbst eindringlich für eine Erhöhung der Personalzahl der US-Streitkräfte geworben hatte. Immer wieder betonte er damals die Bedeutung der Fähigkeit, »to put boots on the ground«, also Bodentruppen einzusetzen. Die Kriege in Afghanistan und im Irak hätten gezeigt, wie gefährlich es sei, die Zahl der erforderlichen Truppen für die gleichzeitige Kriegführung auf mehreren Schauplätzen zu unter- schätzen. »Deshalb unterstütze ich ganz stark die Ausweitung unserer Bodentruppen durch zusätzli- che 65 000 Armeesoldaten und 27 000 Marines«, erklärte Obama zum Beispiel am 23. April 2007 bei einer Wahlrede in Chicago. Dieser Forderung, die eigentlich nur den Ankün- digungen des amtierenden Präsidenten George W. Bush folgte, lag die reale Erfahrung zugrunde, daß die gleichzeitige Kriegführung auf zwei Schauplät- zen, in Afghanistan und im Irak, die vorhandenen Personalkapazitäten in einem nicht dauerhaft er- träglichen Ausmaß überstrapazierte. Am Donnerstag vor der Presse sprach Obama allerdings wirklich davon, die »Sicherheit« der USA könne künftig »mit kleineren konventionellen Bodenkräften« gewährleistet werden. Zur Begrün- dung sagte er: »Jetzt blättern wir die Seite eines Kriegsjahrzehnts um. Vor drei Jahren hatten wir im Irak und in Afghanistan etwa 180 000 Soldaten. Heute haben wir diese Zahl auf die Hälfte reduziert. Und mit dem Fortschreiten des Übergangs in Af- ghanistan werden noch mehr von unseren Soldaten nach Hause kommen.« Das ist jedoch unter mehreren Gesichtspunkten falsch. Erstens kommen schon jetzt viele Solda- ten keineswegs »nach Hause«, sondern werden an

anderen Standorten im Ausland, hauptsächlich in der Großregion des Nahen und Mittleren Ostens und hier wiederum schwerpunktmäßig auf der arabischen Halbinsel und in den sie umgebenden Gewässern, stationiert. Zweitens ließ die Darstel- lung Obamas völlig den künftigen Truppenbedarf im durchaus nicht unwahrscheinlichen Fall eines Krieges gegen Iran außer acht. Der Name dieses Landes kam übrigens in seiner Ansprache nicht ein einziges Mal vor. Dadurch klaffte in der Argumentation des Prä- sidenten unübersehbar eine riesige Lücke, die sei- ne republikanischen Gegner weidlich ausnutzen werden. Sie werden ihm vermutlich auch seine eigenen Worte vorhalten: »Wir müssen uns an die Lehren der Geschichte erinnern. Wir können es uns nicht leisten, die Fehler zu wiederholen, die in der Vergangenheit begangen wurden – nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Vietnam – als unser Mi- litär schlecht vorbereitet in die Zukunft entlassen wurde. Als Oberkommandierender werde ich nicht zulassen, daß das noch einmal passiert. Nicht in meiner Amtszeit.«

Konfrontation mit Islamabad

Über die Zukunft verlor Obama jedoch in seiner Ansprache am Donnerstag kein Wort. Er erwähnte nicht, daß ein militärischer Angriff auf den Iran, den sich der US-Präsident ständig als »Option« of- fen hält, völlig andere Folgen hätte als der Luftkrieg gegen Libyen. Bei diesem wurde aus sicherer Ent- fernung ein nicht zur Abwehr fähiger Gegner zu- sammengebombt und mit Raketen niedergeschos- sen, ohne daß eigene Verluste riskiert wurden. Im Gegensatz dazu würde ein Krieg gegen Iran nicht nur ein paar Monate, sondern eine nicht vorauszu-

sagende Zahl von Jahren dauern. Die militärische Konfrontation würde sich vermutlich auf die ge- samte Region einschließlich des Libanons, Israels und der arabischen Halbinsel, aber auch auf den Irak und Afghanistan ausdehnen. Die USA würden über kurz oder lang um den Einsatz einer großen Zahl von Bodentruppen nicht herumkommen. Tat- sächlich sehen bekanntgewordene Pläne diesen zu- mindest zur weiträumigen Sicherung der Meerenge von Hormus schon bei Kriegsanfang vor. Obama sprach in seiner Rede auch nicht vom »AfPak«-Kriegsschauplatz. Dabei hatte er diesen Begriff, der Pakistan mit Afghanistan zusammen- fügt, selbst kreiert oder ihm zumindest zu seiner derzeitigen Bedeutung verholfen. In seiner Rede tat der Präsident so, als sei der Abzug der meisten US-Truppen aus Afghanistan bis 2014 oder 2015 bereits eine feststehende Tatsache. Das ist er jedoch in Wirklichkeit nicht, zumal wenn infolge eines mi- litärischen Angriffs gegen Iran die gesamte Region in Mitleidenschaft gezogen würde. Ohnehin ver- folgt die US-Regierung bisher eindeutig und offen die Absicht, in Afghanistan noch lange über 2015 hinaus militärisch mit Truppen und Stützpunkten präsent zu bleiben. Ebenfalls unerwähnt blieb in Obamas Anspra- che, daß er in den drei Jahren seiner Amtszeit die Beziehungen zu Pakistan, einstmals ein »strategi- scher Verbündeter« der USA und des Westens, auf den tiefsten Punkt in ihrer Geschichte gesteuert hat. Erreicht hat er das unter anderem, indem er die Frequenz der mörderischen Drohnenangriffe gegenüber seinem Vorgänger Bush auf das Vier- bis Fünffache steigern ließ. Zu Zwecken und Fol- gen dieser Operationen nimmt die US-Regierung grundsätzlich niemals Stellung. Die für diese Ein- sätze geltenden Regeln und Vorschriften werden

FAISAL MAHMOOD / REUTERS

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Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

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7./8. Januar 2012, Nr. 6 thema 1 1 Ehemaliger US-Verbündeter auf eigenen Wegen: Pakistanische

Ehemaliger US-Verbündeter auf eigenen Wegen: Pakistanische und chinesische Soldaten posieren nach einem gemeinsamen Manöver für ein Gruppenfoto (Provinz Punjab, Pakistan, 24.11.2011)

geheimgehalten. Neben einfachen Stammeskrie- gern, von denen nicht einmal die Namen bekannt sind, wurden bei diesen Attacken auch Hunderte Frauen und Kinder getötet oder verletzt. Seit am 26. November bei US-amerikanischen Luftangriffen gegen zwei pakistanische Stellungen an der Grenze zu Afghanistan 24 Soldaten getötet wurden, hat es keine weiteren Einsätze bewaff- neter Drohnen gegen Pakistan mehr gegeben. Es gibt dazu jedoch keinerlei öffentliche Erklärung der US-Regierung und nichts spricht gegen die Annahme, daß die kriminellen Drohnen-Attacken jederzeit wieder aufgenommen werden könnten, sobald die Situation sich wieder »normalisiert« hätte. Vorerst allerdings liegen die Beziehungen zwischen Washington und Islamabad auf Eis, da Pakistan auf eine Entschuldigung für die Angriffe vom 26. November wartet, zu der Obama derzeit immer noch nicht bereit ist. Unterdessen ist seit diesem Tag der durch Paki- stan fließende Nachschub für den Krieg in Afgha- nistan gestoppt. Er machte bisher rund ein Drittel des Bedarfs der NATO-Besatzungstruppen aus. Ein weiteres Drittel kommt über die »Nordroute«, das heißt über Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Der Rest, hauptsächlich das sogenannte lethale Mate- rial, also Waffen und Munition, wird direkt nach Afghanistan eingeflogen.

Militärkosten als »Hilfe«

Ein Ausschuß des pakistanischen Parlaments hat dieser Tage seine Prüfung der Beziehungen zu den USA, insbesondere auch deren Grundlage in einer Reihe von bis jetzt geheim gehaltenen Verträgen und Vereinbarungen, sowie die Erarbeitung von Empfehlungen – 63 sollen es insgesamt sein – für deren künftige Gestaltung abgeschlossen. Diese sollen in den nächsten Tagen diskutiert werden. Presseberichten zufolge wurden diese Schlußfol- gerungen im Konsens zwischen den wichtigsten Parteien des Landes beschlossen. Unter anderem wird allgemein damit gerechnet, daß Pakistan die Beziehungen zu den USA und zur NATO künftig auf eine klare buchhalterische, abrechenbare Basis stellen will. Das heißt, daß der Westen dann für alle Dienstleistungen, vielleicht sogar einschließlich der militärischen Nutzung des pakistanischen Luftraums, bezahlen muß. Bisher werden entsprechende Finanzleistungen von den USA unverschämterweise als Teil der »Hilfe« für Pakistan deklariert, die folglich bei Gehorsamsver- weigerung der Empfänger willkürlich zusammen- gestrichen werden können (siehe jW-Thema vom

23.8.2011).

Viele Pakistanis, selbst in der politischen und

militärischen Führung, sind ohnehin der Meinung, daß es für das Land sehr viel bekömmlicher wäre, auf die westliche »Hilfe« vollständig zu verzichten. Propagandistisch aufgeblähten Zahlen zufolge hat Pakistan seit 2001 mehr als 20 Milliarden Dollar von den USA »kassiert«. Tatsächlich aber hat das Land durch den ihm von den USA aufgenötig- ten Bürgerkrieg mindestens 60 Milliarden Dollar Kosten und Schäden gehabt. Die Bilanz ist also eindeutig negativ: per Saldo ein Verlust von min- destens 40 Milliarden Dollar oder mehr als 31 Mil- liarden Euro. Die US-amerikanische Politik hat, freilich nicht ohne kräftige Unterstützung maßgeblicher einheimischer Kreise, aus Pakistan im vergange- nen Jahrzehnt nahezu einen »failed state«, einen gescheiterten Staat, gemacht. So jedenfalls wird Pakistan in zahlreichen US-amerikanischen Veröf- fentlichungen beschrieben. Die Rede ist von einer stark anwachsenden Auslandsverschuldung, einer Wirtschaft am Rande des vollständigen Zusam- menbruchs, 60 Prozent der Bevölkerung am Exi- stenzminimum, einer Erwerbslosigkeit von 34 Pro- zent, ständigen massiven Problemen der Stromver- sorgung, Zerfall der staatlichen Strukturen und der Gefahr einer »Implosion« der Gesellschaft. Falls es die Strategie des US-Imperialismus ist, in der Kette muslimischer Länder von Nordwestafrika über den Nahen und Mittleren Osten bis Pakistan und Zentralasien immer neue »failed states« zu produzieren, die auf lange Zeit unregierbar und von der Auflösung in zerstrittene Teilstaaten bedroht sind, haben die Regierungen Bush und Obama bereits gute Arbeit geleistet. Die realen Ergebnisse in Afghanistan, im Irak, in Pakistan und Libyen, im Libanon, in Syrien und in Somalia deuten genau in diese Richtung.

Atommacht Pakistan

In Pakistan kommt aus US-amerikanischer Sicht hinzu, daß es das einzige muslimische Land ist, das Atomwaffen besitzt. Washington hatte das in den 1970er Jahren zunächst zu verhindern versucht, aber dann toleriert, nachdem Pakistan seit 1979/80 als Hinterland und Partner für die Unterstützung der afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjet- union benötigt wurde. Israels Militär und Geheim- dienste beschäftigten sich Anfang der 1980er Jahre damit, wie sie mit Hilfe Indiens die pakistanischen Atomanlagen zerstören könnten. Die indische Re- gierung unter Indira Gandhi war einer Zusammen- arbeit anfangs nicht abgeneigt, stieg aber aus dem Unternehmen aus, als deutlich wurde, daß es den damaligen US-amerikanischen Interessen und Ab- sichten widersprach. Damit waren die israelischen

Angriffspläne für lange Zeit vom Tisch, denn zu ihrer Durchführung wäre wegen der großen Ent- fernung die Benutzung indischer Flughäfen und Stützpunkte erforderlich gewesen. Die Frage, wie man – gerade vor dem Hinter- grund einer gezielt vorangetriebenen oder zumin- dest in Kauf genommenen Destabilisierung Paki- stans – dessen Atomwaffen ausschalten könnte, beschäftigt jedoch zunehmend die Planer im Penta- gon und bei der CIA. Die genaue Zahl dieser Waf- fen, die mit Flugzeugen oder Raketen transportiert werden könnten, ist nicht bekannt. In einer Analyse des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongres- ses, die im Oktober 2011 veröffentlicht wurde, wird sie auf 90 bis 110 geschätzt. Pakistan arbeitet in einem Rüstungswettlauf mit Indien daran, nicht nur sein Arsenal zu vergrößern, sondern auch des- sen theoretische Einsetzbarkeit zu erhöhen, indem es zusätzlich sogenannte taktische Nuklearwaffen produziert. All das macht Pakistan, jedenfalls wenn man die offizielle US-amerikanische und israeli- sche Argumentation ernst nimmt, zu einer weitaus größeren Gefahr als Iran. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, daß Obama bei einer Pressekonferenz im April 2009 unmißverständlich mit einer Doktrin der »be- schränkten Souveränität« drohte. Er sagte nämlich, nachdem er das pakistanische Atomwaffenarsenal als derzeit »sicher« bezeichnet hatte: »Wir wollen ihre Souveränität respektieren. Aber wir erkennen zugleich, daß wir riesige strategische Interessen, riesige Interessen unserer nationalen Sicherheit daran haben, daß Pakistan stabil bleibt und daß wir es nicht am Ende mit einem atomar bewaffneten militanten Staat zu tun haben.« Mindestens ebenso wie für den Iran gilt aber auch für Pakistan, daß man sich realistischerweise einen Angriff auf seine Atomanlagen nicht als Luft- krieg oder Kommandounternehmen von ein paar Tagen vorstellen darf. Um nachhaltige Ergebnisse zu erreichen und zu sichern, müßten die USA ge- gen Pakistan Bodentruppen einsetzen und, soweit wie möglich im Bündnis mit einheimischen Kol- laborateuren, ein mehrjähriges Besatzungsregime errichten. Was das in einem Land mit rund 180 Millionen Einwohnern – mehr als Iran, Irak und Af- ghanistan zusammengenommen – bedeuten würde, liegt auf der Hand. Auch darüber sprach Obama am 5. Januar 2012 nicht. Nun war das freilich eine außergewöhnlich kurze Rede. Sie diente im wesentlichen dazu, ein achtseitiges Strategiepapier des Pentagon vorzu- stellen. Dieses trägt den Titel »Sustaining U.S. Global Leadership. Priorities for 21 st Century De- fense«, also ungefähr: »Aufrechterhaltung der globalen Führungsrolle der USA. Prioritäten für

die Verteidigungspolitik im 21. Jahrhundert«. Aber dieses Papier leistet in Wirklichkeit kaum mehr als die Ansprache des Präsidenten. Iran zum Beispiel kommt darin nur in einem Halbsatz vor, in dem die Absicht kundgetan wird, »zu verhindern, daß Iran eine Atomwaffenfähigkeit entwickelt, und seiner destabilisierenden Politik entgegenzutreten«. Über die damit verbundenen Konsequenzen für Perso- nalanforderungen und Ausgaben steht in dem Pa- pier kein Wort. Afghanistan wird, ebenso wie Irak, lediglich ganz kurz in dem Sinne erwähnt, daß der Interventionskrieg dort kurz vor dem Ende stehe. Eine klare, allerdings auch nicht näher konkre- tisierte Aussage des Pentagon-Papiers ist, daß sich die USA auf militärische Konfrontationen mit Chi- na vorbereiten. Dazu heißt es dort: »Auf lange Sicht enthält Chinas Aufstieg zu einer Regionalmacht das Potential, die US-Wirtschaft und unsere Sicher- heit in mehrfacher Hinsicht zu beeinflussen. (…) Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin die erforderlichen Investitionen vornehmen, um sicher- zustellen, daß wir den Zugang zur Region und die Fähigkeit zum freien Operieren im Rahmen unserer vertraglichen Verpflichtungen und des internationa- len Rechts behalten.« – Gemeint ist damit vor allem der Anspruch der USA, in den Gewässern rund um China militärische Präsenz zu demonstrieren. Die Einkreisungsstrategie gegen China wird im Pentagon-Papier mit den Worten beschrieben: »Die wirtschaftlichen und Sicherheitsinteressen der USA sind unlösbar verbunden mit den Entwicklun- gen im Bogen, der sich vom westlichen Pazifik und Ostasien bis in den Indischen Ozean und Südasien spannt, was eine Mischung von sich entwickeln- den Herausforderungen und Chancen schafft. (…) Wir betonen unsere bestehenden Bündnisse, die eine existentielle Grundlage für die Sicherheit im asiatisch-pazifischen Raum darstellen. Wir werden unsere Kooperationsnetzwerke mit Partnern in die- sem gesamten Raum ausweiten, um die kollektive Fähigkeit und Kapazität für die Sicherstellung ge- meinsamer Interessen zu gewährleisten.« – Auch hier fehlen jedoch Hinweise auf die praktischen Konsequenzen dieser strategischen Zielstellung für die militärischen Anforderungen und Ausgaben.

Krieg ohne Grenzen

Ebenfalls nur ganz kurz wird die Möglichkeit der Schaffung neuer Schauplätze im weltweiten »Krieg gegen den Terror« angedeutet: »Während wir die US-Streitkräfte in Afghanistan herunterfahren, wer- den sich unsere Anstrengungen zur Terrorismusbe- kämpfung auf einen weiteren Raum verteilen und von einer Mischung aus direkter Aktion und Unter- stützung (ausländischer) Sicherheitskräfte gekenn- zeichnet sein.« Ausdrücklich genannt als Länder, in denen »Al-Qaida und ihre Ableger« immer noch aktiv seien, werden im Pentagon-Papier Pakistan, Afghanistan, Jemen und Somalia. Mit den Worten »und anderswo« wird angedeutet, daß es selbst damit noch nicht sein Bewenden haben soll. Die »vorrangigen Schauplätze dieser Bedrohungen« seien Südasien – das umfaßt neben Pakistan auch Indien – und der Nahe/Mittlere Osten. Nimmt man alle diese Punkte zusammen – die Ausweitung des »Kriegs gegen den Terror«, die möglicherweise schon in naher Zukunft zu reali- sierende »Option« einer Kriegseröffnung gegen Iran, die unvermindert fortbestehenden Probleme auf dem »AfPak-Schauplatz« und schließlich der langfristig gemeinte militärische Aufbau gegen China –, so ist absolut eindeutig, daß die »Her- ausforderungen« an die US-amerikanischen Streit- kräfte künftig nicht etwa geringer, sondern noch sehr viel umfangreicher sein werden als gegen- wärtig. Wenn Verteidigungsminister Leon Panetta im Vorwort zum Pentagon-Papier behauptet, die geplante Expansion der militärischen Aufgaben sei mit »kleineren und schlankeren« Streitkräften als bisher zu verwirklichen, ist das allenfalls Unsinn, wahrscheinlicher aber nur eine Propagandalüge. Das Schrumpftheater dürfte indessen seine po- litischen Zwecke verfehlen, da die inneren Wi- dersprüche der Argumentation allzu offensichtlich sind. Obamas republikanische und neokonservative Gegner werden die angekündigten Scheinkürzun- gen am Pentagon-Haushalt und an der Personalzahl der Streitkräfte ausnutzen, um dem Präsidenten vorzuhalten, er setze die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Soldaten aufs Spiel. Sie werden es dabei leicht haben, denn sie brauchen sich nur auf die von Obama selbst ausgemalten angeblichen Bedrohungen – Iran, Terrorismus, China – zu stüt- zen.

AP/JOERG SARBACH

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Klau dein Ding

U do Lindenbergs aus farbi- gen Likören und Wasser-

farben angefertigte »Likörelle« sind beliebter als landläufig angenommen wird. Fünf dieser cartonartigen Zeichnungen und Aquarelle wurden in der Nacht zu Mittwoch aus einer Kunst- galerie auf der Insel Rügen gestohlen. Inhaber Heinrich Walentowski, der seit 2003 die Lindenbergkunst in seinen ver- schiedenen Galeriegeschäften in der gesamten BRD feilbietet, bezifferte den Wert der auf Rügen geraubten Werke auf »mindestens 31 000 Euro«. Es waren allesamt Unikate, sie tru- gen übrigens beispielsweise die Titel »Nix da«, »Ahoi! Panik-Pi- raten« und »Mach mein Ding«.

(dapd/jW)

München 1980

D er Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest von

1980 soll verfilmt werden. Die Dreharbeiten für den Kinofilm beginnen voraussichtlich im Frühjahr 2013, wie der Focus am Freitag vorab berichtete. Bei dem Bombenanschlag am 26. Septem- ber 1980 starben 13 Menschen, darunter der Attentäter Gundolf Köhler, mehr als 200 wurden ver-

letzt. Der Fall gilt als abgeschlos- sen, Köhlers Verbindungen zur Neonaziszene gelten offiziell als nicht relevant, bis heute wird er von den Behörden als Einzeltäter

(dapd/jW)

verkauft.

u Einmal im Monat empfiehlt die Tödliche Doris ganz besondere Bü- cher. Der Künstler Wolfgang Mül- ler ist der Sprecher der Berliner Avantgardegruppe.

I rgendwie schief ruht das Wasser in

der Badewanne. Schiefes Wasser?

Tatsächlich hat sich der Boden

der Altbauwohnung zu einer Seite hin leicht gesenkt. Die kleine Veränderung ist eine von vielen, die das Leben eines Schriftstellers bis auf die Grundfesten erschüttert. Zugleich ist sie Metapher für eine sich steigernde Verunsiche- rung, die mit dem Eigentümerwechsel eines Berliner Wohnhauses vor sich geht. In wunderschönen, absurd-komi- schen Bildern gelingt es dem Autor Jan-Peter Bremer diese Schräglage in zauberhafte Sprache zu transfor- mieren. Dabei ist »Der amerikanische Investor« ein hochpolitisches Buch. Insbesondere die Realos der Berliner Linkspartei müssen es unbedingt le- sen. Dann werden sie begreifen, daß

die große Wählerflucht, die sie heim- suchte, nicht die Bohne mit Glück- wunschtelegrammen an Fidel Castro oder Diskussionen um den Kommunis- mus zusammenhängt. Bremers Buch ist so nah an der Realität, daß ich die Frau, die dort nach ihrer linken Sanda- le sucht, reflexartig mit Renate Künast assoziierte. Ihre Suche bricht die San- dalensucherin schließlich ab und sagt selbstverliebt, daß der Tag für sie fol- gende Lehre bereithalte: Man müsse auch mal loslassen können. Loslassen wie linksalternative Pazifistinnen, als sie endlich die Notwendigkeiten von Kriegseinsätzen und die der Umver- teilung von unten nach oben erkennen. Man muß eben loslassen können, un- dogmatisch sein und Realist dazu.

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AUF DEM SPRUNG AN DIE
SPITZE
SCHWERPUNKT:
GELD
BERTHOLD SELIGER: GELD VERDIENEN IN DER POPMUSIK
SIDO: »GELD BESTIMMT
NICHT MEIN LEBEN«
CROWDFUNDING: GELD SAMMELN FÜR MUSIK
MARK LANEGAN: ERFOLG BEDEUTET NICHT IMMER GELD
DIRK MICHAELIS: MIT COVERSONGS ZUM ERFOLG
LEGENDÄRE ORTE:
TRESOR BERLIN
RAMMSTEIN:
AUSGEBRANNT.
LIVE
IN BERLIN
| DEICHKIND | DIE TÜREN | DOWN BELOW | FELIX MEYER | DIE STERNE | GOETZ STEEGER | VIERKANTTR
ANDREAS DORAU | TOM LÜNEBURGER
KETTCAR | ADRIAN ZAAR | CHARLIE WINSTON | THE BLACK KEYS |
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AufruhrdurchRuhe

Die Tödliche Doris liest (33): Schiefe Wasser, anonyme Hausbesitzer und die Widerstandsform Mittagsschlaf. Von Wolfgang Müller

und die Widerstandsform Mittagsschlaf. Von Wolfgang Müller Einfach mal loslassen, Hauptsache, der Helm sitzt fest

Einfach mal loslassen, Hauptsache, der Helm sitzt fest

Parabeln des Verlustes und magi- sches Denken durchziehen diese bril- lante Novelle von Bremer. Der Verkauf einer Immobilie gerät zur existenti- ellen Bedrohung eines Mieters, eines Schriftstellers – des Autors selbst? Notwendige Angelegenheiten wie der Gang zur Mieterberatung, die grau- same Kommunikation mit der Haus- verwaltung, Rechtsanwälten und die Penetranz, mit der das Grundrecht auf eine Wohnung durch Eigentümer- wechsel in den Mittelpunkt des Le- bens rückt – Jan-Peter Bremer setzt all diese häßlichen Entwicklungen in großartige Sprache um, die zwischen Überraschung, Paranoia und Unschuld pendelt. Statt einer moralinsauren An- klage bildet sich ein Gewebe aus fei- nem, doch zugleich galligen, ätzenden Humors. Beim Schriftsteller-Mieter zeigen sich neo-individualliberale Re-

flexe: Vielleicht ist der neue Investor ja literarisch hochinteressiert? Vielleicht wird er sich bei mir tausend mal ent- schuldigen, wenn er erst erfährt, daß ein so bedeutender Autor in seinem Haus wohnt? Da spielt das Vorhaben, den selbst ortlosen, mit dem Privatjet die Welt umkreisenden Investor mit einem sehr persönlichen Brief zu er- reichen, keine Rolle mehr. Jan-Peter Bremers Buch hat alle Substanz für Langzeitwirkung – politisch und künstlerisch. Widersetzt euch der totalitären Zeit, fordert der Philosoph Thierry Paquot in seinem, sehr elegant eingekleideten Buch »Die Kunst des Mittagschlafs«. Daß auf dem Cover das Kürzel »L.S.D.« erscheint, ist ein Hinweis auf die Buchkooperation zwischen Steidl- Verlag und Karl Lagerfeld. In Paquots kulturgeschichtlichem Exkurs über die

Geschichte des Mittagsschlafes oder der Siesta firniert diese alltägliche Ru- hepause als Aufruf, den Widerstand zu mobilisieren: »Wer mittags schläft, entzieht sich der Fremdbestimmung, widersetzt sich den Rhythmen der Ar- beitswelt und der Produktivitätsmo- ral.« Statt Umverteilung fordert Thier- ry Paquot zunächst eine Atempause. Ein »Café Atempause« existiert in Berlin tatsächlich – gleich gegenüber dem Friedhof in der Bergmannstraße. Was wundert’s, daß Titanic dem Ca- fé einst eine Umbenennung in »Café Atemstillstand« empfahl? Die Besit- zer waren zwar nur mäßig amüsiert, aber jeder weiß: die ewige Siesta wäre der Tod. Inzwischen erheben sich die Kampf- rufe: der schöne Dämmerzustand, der den Wüstling Pan antreibt, der Gustave Courbets »Mädchen an der Seine« in der Grauzone zwischen Wachzustand und Schlaf zeigt und bei Pieter Brue- ghel ins Schlaraffenland führt – es ist Zeit, all das wieder hart zu erkämpfen oder zurückzuerobern. Paquot zitiert den Historiker Lewis Mumford, der meinte, nicht die Dampfmaschine, sondern die Uhr sei die wichtigste Erfindung des industriellen Zeitalters gewesen. Sie ermöglichte dem Kapi- talismus, seine eigene Zeitrechnung zu etablieren, die bis hin zu »Spitzel- uhren« reichte, die sich verspätende Arbeiter verpetzten. Trotzdem habe, weder bei Soziologen noch bei Eth- nologen, das Mittagsschläfchen gro- ßes Interesse hervorgerufen, wundert sich Paquot – obwohl es doch auch in nicht-westlichen Gesellschaften ei- ne überaus große Rolle gespielt habe. Sein Plädoyer gilt der Versöhnung des Menschen mit seinen Rhythmen und seiner Zeit. Da zu sein, aufmerksam zu sein – all dies sei nur möglich, wenn Pausen, Leere und Stille existier- ten. Paquot ruft die Internationale der Mittagsschläfer zum Kampf auf und empfiehlt konsequent Paul Lafarques »Recht auf Faulheit«.

u Jan Peter Bremer: Der amerikani-

sche Investor, Berlin-Verlag 2011, 157 S., 16,90 Euro.

u Thierry Paquot: Die Kunst des Mit-

tagsschlafs, L.S.D./Steidl, Göttingen

2011, 96 S., 16 Euro,

u Paul Lafarque: Das Recht auf Faul-

heit, Trotzdem Verlag, Frankfurt/Main 2010, 97 S., 9,90 Euro

Wem mütZt es? Protokoll eiNer koPFkraNkheit

I m ausgehenden 20. Jahrhun- dert krempelte ich mein Leben um, aber nur ganz obenrum.

Desinteressiert schlenderte ich durch das nicht sooo aufregende Frankfurt-Bornheim und wurde ei- nes Hutladens ansichtig, den ich mit der Absicht betrat, meiner Mutter noch schnell eine Kopfbedeckung für einen schönen Sonntag an der Pferderennbahn zu besorgen, denn abends sollte ich zu ihrem Geburts- tagsessen erscheinen. War aber nichts zu finden, außer einer dunkelblauen

Filzmütze, die man ganz prima um sein Oberstübchen falten könnte, wie mir die nette Verkäuferin, die wie

sich herausstellte, die gesamte Kopf- mode selbst gestaltet hatte, beschied. Ich probierte es aus – und kaufte das Ding sofort, für mich. Seitdem war ich im Winter, müt- zensüchtig. »Das Mützchen«, wie ein Freund sagte, fast schon eifersüchtig auf meine liebste Begleiterin. Und dann war sie auf einmal weg, verlo- ren auf einem ostdeutschen Insel- bahnhof. Haben Sie in tiefem Winter schon mal versucht, eine Mütze zu erstehen? Ist wie mit Handschuhen, praktisch überall ausverkauft. Mit viel Glück gibt es dann im Kaufhaus Restbestände für zehn Euro. Aber die sind so grob gestrickt, daß der

Wind durchpfeift, oder aus 100 Pro- zent Kunststoff, daß man entweder drin friert oder schwitzt. Gibt es nicht wichtigere Dinge? Nein, und gute Mützen schon gar nicht. Auch nicht im Herbst, wenn man pro- blembewußt beginnt, sich eine bei voller Auswahl suchen zu wollen. Sie sind zu weit oder zu eng oder zu bunt oder zu lächerlich oder zu teuer oder zu dick oder zu dünn. Wie sang der große Andreas Dorau? »Ich hab das Glück gefressen, und ich weiß warum, es sah gut aus und war so dumm«. Damals, als ich mir die blaue Mütze kaufte. In einem ande-

ren Sternensystem.

Christof Meueler

AP /JAVIER G ALEANO

AP

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Der Musiker Pablo Miró wurde 1961 in Cordoba/Argentinien geboren. Er wuchs dort und in der BRD auf, lernte Gitarre, studierte Komposition.Vier CDs hat er bis- her veröffentlicht. Am 14. Januar gibt er auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin ein Solidaritätskonzert für die Cuban Five.

W elche Sorte Mate-Tee ist das? Rosamonte.

Mit Zucker? Honig, ein bißchen. (Die Kürbisschale mit dem Trinkrohr ist einmal rumgegan- gen, Pablo Miró gießt Wasser aus einem Thermoskännchen auf.) Bei uns ist der Mate-Tee Teil der Geschichte, Teil des Beisammenseins. Es ist eine Art Frie- denspfeife. Eine Geste der Verbunden- heit in Zeiten des Mißtrauens. Auf Ihrer Website steht, welche Musik für Sie maßgeblich ist. Ne- ben Jazz und Klassik sind das fünf weniger geläufige Richtungen: die Chacarera, die Chamamé, der Can- dombe, die Bahuala und der Bossa Nova aus dem berüchtigten Schla- ger. Oder besser die Bossa Nova? Die Bossa Nova, ja. Was Sie da auf- gezählt haben, sind musikalische Ele- mente, die in meiner Musik erkennbar sind. In meiner Version von »Gracias a la vida« (Dank an das Leben) zum Beispiel erscheint die Chacarera, aber es

erscheint auch das Klassische. (Deutet den Übergang auf der Gitarre an.) Mercedes Sosa. Mercedes Sosa hat nie etwas kompo- niert. Ihr gehört nichts. Aber sie hat das Lied gesungen. Sie hat es durch ihre Berühmtheit in der Welt verbreitet, aber »Gracias a la vida« ist ein wunderschönes, altes Lied von Violeta Parra, ein chilenisches. Es hat mit der Chacarera also ursprünglich we- nig zu tun, denn die ist argentinisch. Sie gehört zur »Folklore Pam- peano« – aus der Pampa. Das haben wir in der Vorbereitung gelernt, die typischen Rhythmus- verschiebungen aber kaum ver- standen: Taktbetonungen werden vor- und zusammengezogen? Wie im Jazz gibt es auch in der Folklore einen Swing. (Er macht es vor: singt und klatscht). Das habe ich von den Fachleuten auf den Peñas gelernt. Ich bin Diplomkomponist, habe Klassik an der Universität in Cordoba studiert und klassische Gitarre in Florenz, aber die wahre Musik Argentiniens fand ich in den Peñas. Was ist eine Peña?

In meiner Zeit im Exil

Also, ich bin

Samstag, 14. Januar 2012

URANIA-HAUS, Berlin

Samstag, 14. Januar 2012 URANIA-HAUS, Berlin XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz
XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz
XVII. Internationale
Rosa Luxemburg
Konferenz

1976 als Sohn von Flüchtlingen nach Deutschland gekommen. Als in Argenti- nien der Putsch losging, wurde die Front unseres Hauses in Cordoba zerschossen, und wir waren drin. Meine Eltern wa- ren sehr links, beide Ärzte. Wir flohen innerhalb von 48 Stunden, erst nach Pa- ris. Mein Vater konnte sich als Chirurg den Arbeitsplatz aussuchen, und hat sich Herford ausgesucht, das Kreiskranken- haus. Die Geschichte ist kreisförmig: Die Eltern meiner Eltern sind als sozialisti- sche Juden aus Berlin nach Argentinien geflohen und hatten dort ein Dorf ge- gründet, in das nach dem Krieg Nazis kamen, um ihnen das auch noch zu ver- sauen. So hat es meine Großeltern nach Cordoba verschlagen. Aber zurück zur Chacarera … Erstmal zur Peña im Exil. Ja, dieses Fest, dieses Zusammenkom- men von Chilenen, Argentiniern und

Fest, dieses Zusammenkom- men von Chilenen, Argentiniern und Revolutionäre Jugend: Kinder, die als Fidels und Ches

Revolutionäre Jugend: Kinder, die als Fidels und Ches verkleidet sind, zum 48. Jahrestag der Befreiung Kubas, 2007 in Havanna

»Ich möchte viele Fidel Castros sehen«

Chacarera, Chamamé, Candombe … und die Poesie der Cuban Five.

Ein Gespräch mit Pablo Miro, der auf der Rosa Luxemburg Konferenz spielt

anderen habe ich im Exil erst richtig erlebt. Man geht in eine kleine Kneipe, die nicht gut arbeitet, und schlägt vor: Du wirst gut verdienen mit uns, wir machen eine Peña. Dann werden die Musiker angerufen. Es gibt Empanadas, Fleisch- täschchen, und den Locro, eine von den Gauchos aus Speiseresten entwickelte Suppe. Viel Wein, Tafelwein. Und dann wird zur Livemusik auch getanzt, da braucht es nicht viel Platz: die Chacare- ra, das lustige Chamamé Beherrschen Sie die Grundschrit- te? Musiker tanzen schlecht. Ich habe eine schlimme Erfahrung gemacht. Als ich aus dem Exil zurück nach Cordoba kam, war da eine Riesenpeña. In meiner Freu- de, meinem Übereifer, habe ich eine Frau zum Tanzen aufgefordert, und es war die größte Blamage meines Lebens. Gerettet haben mich meine blonden Haare. Die Leute hielten mich für einen Touristen. Die Regeln der Chacarera sind Ih- nen zu streng? Ein Musiker, der sich auf sie speziali- siert, ein Chacarerista, muß die Choreo- graphie sehr genau kennen: An dieser Stelle wird der Zapeteo gesteppt, an je- ner der Rock herumgewirbelt usw. – das kann ich überhaupt nicht. Es ist auch nur ein Element in meiner Musik. Konstan- tin Wecker hat mich auch sehr beein- flußt. Und Reinhard Mey, Sting, Peter Gabriel, Victor Jara, Joni Mitchell, Chico Buarque Zum Candombe sind drei Arten von Trommeln nötig. Ja (macht eine Beatbox). Das kommt aus Montevideo. Eine Fusion der Musik von Afrikanern und uruguayischen Ur- einwohnern. Und was hat es mit der Bahuala auf sich? Die Bahuala ist der Blues des argentini- schen Nordens. Ein langsamer Rhyth- mus, fast wie bei einem Klagelied. Das ist das Lamento, der Schmerz des Nor- dens. (Macht es vor.) Mich überraschen die Fragen ein bißchen. Was hatten Sie erwartet? Jedenfalls keine Fragen wie von einer

Musikzeitschrift, eher zu Evo Morales zum Beispiel. Ein Lied auf meiner letz- ten CD ist ihm gewidmet. Ein klarer, ganz besonderer Fall. Evo ist der erste, der über demokratische Wahlen Privati- sierungen rückgängig macht, Öl und Gas wieder verstaatlicht. Macht Hugo Chavez das nicht auch? Hat er gemacht. Man muß Chavez, diese polemische Figur, unterstützen, weil sie von grauenhaften Mächten umstellt ist, aber Evo ist sicher der größere Demo- krat. In Bolivien wurden gerade zum ersten Mal die Richter demokratisch ge- wählt, viele Frauen und Ureinwohner. Ich verfolge das mit großer Spannung und Hoffnung. Eine gute Freundin, mit der ich vor langer Zeit liiert war, gehört als Kulturministerin zur Regierung. Sie sagt: »Es ist alles sehr komplex, aber es läuft gut.« Sie hätte mir eine Riesentour- nee organisieren können, aber das sind nicht meine Wege. Am 14. Januar geben Sie auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin ein Solidaritätskonzert für die Cuban Five. Wissen Sie schon, mit welchem Lied Sie anfangen? In Argentinien wurden Gedichte von ei- nem der fünf, Antonio Guerrero, vertont und für eine CD eingesungen. 23 Musi- ker waren beteiligt. Ich war einer davon. Das romantische Gedicht, für das ich mich entschieden habe, heißt »amada mia«. Das werde ich singen, und auf je- den Fall auch »Gracias a la vida« Woran machen Sie die Romantik in Guerreros Gedicht fest? Naja, das sind Worte an seine Geliebte, die er vermißt, sogar mit einem Hauch von Erotik, er dichtet sehr schön. Gibt es besondere Hoffnungen, die Sie in Kuba setzen? An Kuba gefällt mir vor allem, daß es keine Elendsviertel gibt, weil die Revo- lution, unser Che Guevara und so wei- ter – das alles ja! Aber ich würde gerne viele Fidel Castros an der Macht sehen, verschieden alt, verschiedenfarbig, mit verschiedenen Meinungen. Etwas mehr von dem, was Rosa Luxemburg unter

Dialektik verstanden hat, würde der Re- gierungskuppel wohl gut tun. Auf der Luxemburg-Konferenz wird es auch um die Linkspartei ge- hen. Hätten Sie jemanden für den Parteivorsitz vorzuschlagen? Sahra Wagenknecht. Das Finanzielle ist das große Können der Eliten dieser Welt. Damit drehen sie uns den Hahn ab, bevor wir merken, wo es langgeht. Jemand, der diese dunklen Geheimnisse rechtzeitig durchschauen und die Wahrheit allge- mein verständlich machen kann, ist für jede linke Partei verdammt wertvoll. Das könnte eine wichtige Rolle von Sarah W. und der Partei Die Linke sein. Durch rechtzeitiges Enthüllen der finanziellen Strategien der internationalen Wirt- schaftselite und durch intelligenten Wi- derstand dagegen können weitere Grie- chenlands, Spaniens, Italiens vermieden werden. Das heißt:die Verhinderung ei- ner weiteren Konzentration des Reich- tums und damit der Macht, des Abbaus des Sozialstaates und der Demokratie. Interview: Alexander Reich und Johannes Schulten

Arnold tot

D ie mit Fotos von Filmikone Marilyn Monroe weltbe-

rühmt gewordene Fotografin Eve Arnold ist am Mittwoch in Lon- don gestorben. Sie wurde 99 Jah- re alt. Sie war die erste Fotografin, die ein vollwertiges Mitglied der berühmten Fotoagentur Magnum wurde – das war im Jahr 1957. Neben den Monroe-Fotos sorgte Arnold mit Aufnahmen von der deutschen Filmdiva Marlene Diet- rich und vom US-Bürgerrechtler Malcolm X für Furore. Außerdem wurde sie mit Fotoreportagen aus der arabischen Welt, aus Af- ghanistan, China und Russland bekannt. Ein Fotograf müsse mit den »Menschen vor der Kamera« mitfühlen, beschrieb Arnold ein- mal ihr Arbeitsethos: »Es ist der

Fotograf, nicht die Kamera, die ist

(AFP/jW)

ein Instrument.«

Zowies Vater

die ist (AFP/jW) ein Instrument.« Zowies Vater D avid Bowie galt lange Zeit als der Popmusiker,

D avid Bowie galt lange Zeit als der Popmusiker, der die Stile

wechselte wie andere die Hemden. Sich alle zwei, drei Jahre neuerfin- den – das hält frisch und fasziniert die Musikpresse. Folk, Rock, New Wave, Blues Rock, Reggae – ja, immer rein damit, let’s dance. In den späten Neunzigern flirtete das »wunderbare Monster« (FAZ) mit Drum & Bass und trainierte komischen Hardrock mit der Band Tin Machine, und hernach war er nur noch Legende. »Mir ist alles recht, was ordentlich Chaos stif- tet«, erzählte er zum Ausgang des letzten Jahrtaudends der Zeit und behauptete Anfang dieses Jahr-

tausends gegenüber dem Spiegel, »der Zustand, mit dem ich mich hauptsächlich beschäftige, ist der des totalen Elends«. Schön ist der Name, den er 1971 seinem Sohn gab: Zowie. Der nennt sich jetzt aber Duncan Jones und macht Kinofilme. Der Vater begreift sich nicht gerade superoriginell als Buddhist möchte am liebsten »200 oder 300 Jahre alt werden«. Am Sonntag wird er erstmal 65. (jW)

DieNsTAg,

10. JANuAR 2012, 19 uhR

www.jungewelt.de/ladengalerie

 

Buchvorstellung von und mit Peter Bause

»Man stirbt doch nicht im dritten Akt«

»Über mich wurde, je nach Sympathie, böse, neidisch oder achtungsvoll gesagt: Der singt und tanzt

»Über mich wurde, je nach Sympathie, böse, neidisch oder achtungsvoll gesagt: Der singt und tanzt als bunter Hund in jedem Hausflur!« Mit feiner Ironie und Understatement schreibt Peter Bause über sein Schauspielerleben. An einem läßt dieser »bunte Hund« keinen Zweifel: Das Theater ist die Basis für seine vielgestaltige Arbeit, Theater, wie er es von der Pike auf erlernt hat und in das er seine Leser mit tempera- mentvoll erzählten Geschichten einlädt, die ganze Welt zu schauen! Eintritt: 3,00/erm.: 2,00 €

Veranstaltung in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung – rls

Die Tageszeitung

Torstraße 6, 10119 Berlin

(Nähe Rosa-Luxemburg-Platz) Öffnungszeiten:

junge W elt Ladengalerie

Lesungen, Ausstellungen, Konzerte

Mo.–Do.: 11–18 Uhr; Fr.: 10–14 Uhr

1 4

rat

&

tat

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

junge Welt

leserbrieFe

Unerträglich

u Zu jW vom 2. Januar: »Neonaziförderin des Tages« Frau Hasselfeldt vertritt meinen Wahlkreis Für- stenfeldbruck/Dachau im deutschen Bundestag. Für einen Nicht-CSU-Wähler wäre das schon ge- nug an Zumutung. Was Frau Hasselfeldt gemäß dem Kommentar in der jW in der FAZ von sich

gab, ist leider nicht nur dummes, vorgestanztes Geschwätz, sondern unerträglich, ja unfaßbar. »Deutsche Stabilitätskultur« fordert Frau

Hasselfeldt als Vorbild für Europa. (

ist die »Stabilitätskultur« nichts anderes als aufgeblähte Stabilität; deutsche Stabilität also für ganz Europa? Warum eigentlich? Was ist in Deutschland stabil? Etwa die Unterwanderung des Verfassungsschutzes durch die NPD? Oder die Heuchelei unserer obersten Repräsentanten? Wirklich stabil ist doch in Deutschland seit über hundert Jahren nur die Angstmache vor dem Sozialismus und die Hetze gegen Kommunisten (deren Ermordung eingeschlossen). Frau Hasselfeldt meint noch etwas anderes mit ihrer »Stabilitätskultur«: »Wir brauchen mehr Deutschland in Europa.« Steht tatsächlich so da:

Mehr Deutschland in Europa! Nicht zu fassen! Das mit dem Jetzt-deutsch-Sprechen-in-Europa war also nur ein spaßiger Einstieg für das wahre europäische Großdeutschland, das offenbar seit dem kleindeutschen Kaiserreich nicht mehr aus den Köpfen unserer Vordenker weichen will. Mehr Deutschland in Europa hatten wir allerdings schon, von der Normandie bis Kiew zum Beispiel oder vom Nordkap bis Kreta. Mit der Stabilität hatte es dann nicht so geklappt. Auch in Afrika gab es schon mehr Deutschland, der Völkermord an den Herero mußte zur Stabilisierung leider in Kauf genommen werden. Frau Hasselfeldt denkt sogar noch weiter, ihr riesiger deutscher Fettfleck in Europa reicht ihr nicht. Sie will Arme-Schlucker-Länder

) Inhaltlich

»Die ›Inwertsetzung‹ von Politikern hat Tradition, anders ist sogenannte Lobbyarbeit nicht zu erklären.«

(Schuldensünder, Faulenzer) rauswerfen, will also »Regeln, die über den freiwilligen Austritt hinausreichen«. Wäre doch toll:

Griechen schleicht’s euch, wir übernehmen euer Land mit den vielen schönen Inseln. Unsere Vorauskommandos hatten sich schließlich früher schon bei euch umgesehen. ( ) Emmo Frey, Dachau

Gezielte Schädigung

u Zu jW vom 4. Januar: »Unser Vorschlag zur Güte: Präsidententausch« Ein Anruf bei einer Zeitung ist offensichtlich kein Angriff auf die Pressefreiheit, und die Dro- hung mit einer Strafanzeige ist keine Bedrohung von Journalisten. (Wenn diese Bezeichnung für die Redakteure der Bild-Zeitung überhaupt an- gebracht ist.) Ebensowenig wie ein Kredit ein Geldgeschenk ist. Christian Wulff ist Opfer einer von interessierter Seite initiierten Schmutzkam- pagne, in der vermeintliche Verfehlungen, über die alle von der Elite wohlgelittenen Politiker nur schmunzeln können, zu einer Staatsaffäre aufge- bauscht werden. Auch sein Amtsvorgänger Horst Köhler wurde unter vorgeschobenen Gründen aus dem Amt gedrängt. Es wird gezielt das Amt des Bundespräsidenten beschädigt, der immerhin die Macht hat, seine Unterschrift unter verfas- sungswidrige Gesetze zu verweigern, von denen wir in Zukunft noch so einige sehen werden. Wer immer in Zukunft dieses Amt bekleidet, soll wis- sen, daß er nichts zu lachen hat, wenn er nicht auf Linie ist. Es ist daher empörend, daß die junge Welt sich nicht nur entschieden hat, mit der Meu-

te zu bellen und den offenbaren Unsinn nachzu- plappern, sondern sogar noch mit dem Satz: »Wä - re Christian Wulff ein Ehrenmann, hätte er längst seinen Rücktritt verkündet« den Scharfmacher des Lynchmobs gibt, wohl im falschen Glauben, durch Breittreten seiner Wirtschaftsconnections das System zu entlarven; während das, was hier eigentlich zu entlarven wäre, dadurch verschlei- ert wird. ( )

Sebastian Bahlo, Frankfurt am Main

Vorteilsnahme

u Zu jW vom 3. Januar: »Wulff droht Bild mit Krieg« Wulff ist ein weiterer Eintrag in einer enorm langen und jahrhundertealten Liste von Politi- kern, die ihr Amt zur persönlichen Vorteilsnahme mißbraucht haben. In einer Gesellschaft, nach derem neoliberalen Credo »jeder seines Glük- kes Schmied« ist, hat Wulff nur das getan, was dieser Leitsatz vorgibt – zuerst an sich selbst gedacht. Daß er unverschämt Moral gepredigt hat und predigt, gehört zum Selfmanagement. Wulff steht damit auf einer Stufe mit Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Gerhard Schröder, Helmut Kohl, Franz-Josef Strauß usw. Fragen sollte man sich, ob in diesem Politsystem noch etwas anderes geht als Käuflichkeit. Die »Inwertsetzung« von Politikern hat Tradition, anders ist sogenannte Lobbyarbeit nicht zu erklä- ren. Der Wert eines Politikers bestimmt sich nach seinem Rang und seiner Durchsetzungsfähigkeit. Sein Gewissen, so er eins hat, ist käuflich. Er- innert sei hier an Dieter Süverkrüps Lied »Der

Volksvertreter«: »Was der wohl ohne sein Gewis - sen wär, der Volksvertreheheheter«. Egbert Schulte, E-Mail

Nicht so eindeutig

u Zu jW vom 28. Dezember: »Diktatur des Vertrauens« Als Abonnent der jungen Welt habe ich mit In- teresse die Artikel von Otto Köhler unter dem Titel »Deuropa – Deutschland macht sich breit« gelesen. Im Teil III berichtet Otto Köhler über das Referat Adolf Hitlers vor den höchsten Mi- litärs im Bendler-Block kurz nach seiner Wahl zum Reichskanzler. Otto Köhler schreibt, die Generäle, vor denen Hitler gesprochen hat, sei- en begeistert gewesen von seinen Kriegsplänen, sein Programm der Revanche für den verlorenen Krieg sei auch das ihre gewesen. Mit Bezug auf fast alle anwesenden Generäle ist diese Beurtei- lung sicher richtig. Ich frage mich aber, ob Otto Köhler den Chef der Heeresleitung, Kurt von Hammerstein, nicht hätte ausnehmen müssen bzw. ob er diesem nicht Unrecht getan hat, indem er ihn mit allen anderen Generälen in einen Topf geschmissen hat. Die Biographie von Hans Ma- gnus Enzensberger über Kurt von Hammerstein (»Hammerstein oder Der Eigensinn«) zeichnet ein anderes Bild dieses Generals. Ich kann nicht glauben, daß Hans Magnus Enzensberger Kurt von Hammerstein derart falsch eingeschätzt hat, daß es zutreffend wäre, ihn in einem Atemzug zu nennen mit den Generälen, die von Anfang an den Krieg gegen die Sowjetunion wollten und diesen dann auch für Hitler, alle seine Befehle ausführend, bis zum bitteren Ende geführt haben. Enzensberger beschreibt von Hammerstein auch als einen seinen Kindern gegenüber toleranten Vater. Ob es ihm tatsächlich großen Kummer bereitet hat, daß eine seiner Töchter sich den Kommunisten angeschlossen hat, steht, meine ich, nicht so eindeutig fest.

Stefan Hofer, Basel

FerNseheN

Nachschlag Der Weg der Wanderhuren|Fr., 0.15, ARD

Realer Skandal

Fast zehn Millionen Zuschauer haben im Oktober 2010 den Sat.1-Historien- schinken »Die Wanderhure« gesehen. Die Gesamtauflage der Wälzer von Iny Lorentz liegt bei über sieben Millio- nen. Die brutale Realität heute bringt die ARD in der 30-Minuten-Doku »Der Weg der Wanderhuren« im Nachtpro- gramm – statt wie die Christian-Wulff- Selbstbegnadigung etwa zur besten Sendezeit. Edeltraud Remmel und Esat Mogul zeigen am Schicksal einer bulga- rischen Familie die Probleme von Roma generell und speziell in der Dortmun- der Nordstadt. Rahmenhandlung: Die junge Hure Puppy aus der bulgarischen Armensiedlung Stolpinovo wird von einem Freier aus dem Fenster gewor- fen. Sie überlebt schwer verletzt, kann nicht mehr als Prostituierte arbeiten und die Familie ernähren. Eine erneute Aus- strahlung ist noch nicht angekündigt. (rg)

vorschlag

Françoise Hardy – Ikone der Melancholie

Sonnabend, naja. Toll ist es nicht, was die Kiste bietet. Also das Schöne: Die Sängerin Françoise Hardy wurde am 17. Januar 1944 in Paris geboren. 1962 gelang ihr mit dem mehr als zwei Mil- lionen Mal verkaufen Album »Tous les garçons et les filles« der internationale Durchbruch. Françoise Hardy gehört zu den ganz Großen des französischen Chansons, obwohl sie sich schon sehr früh von der Bühne verabschiedete, weil sie unter übergroßem Lampenfieber litt.

u Arte, Sa., 21.45

Casino Royale

Und das Überkandidelte: Sir James Bond (David Niven) will endlich sei- nen Ruhestand genießen. Doch die Ge- heimdienstchefs der vier Weltmäch- te machen ihm klar, daß nur er es

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Herausgeberin: Linke Presse Verlags- Förderungs- und Beteiligungsgenossenschaft junge Welt e.G. (Infos unter www.jungewelt.de/lpg). Die überregionale Tageszeitung jungeWelt erscheint in der Verlag 8. Mai GmbH. Adresse von Genossenschaft,Verlag und Redaktion: Torstraße 6, 10119 Berlin. Geschäftsführung: Dietmar Koschmieder. Chefredaktion: Arnold Schölzel (V.i.S.d.P.), Rüdiger Göbel (stellv.). Redaktion (Ressortleitung, Durchwahl): Innenpolitik: Jörn Boewe (-27); Wirtschaft: Klaus Fi- scher (-20); Außenpolitik: André Scheer (-70); Interview/Reportage:Peter Wolter (-35); Feuilleton und Sport: Christof Meueler (-12); Thema: Stefan Huth (-65); Bildredaktion: Sabine Koschmieder- Peters (-40); Layout: (-45); Internet: Peter Steiniger (-32); Verlagsleiter: Andreas Hüllinghorst (-49); Marketing/Kommunikation: Katja Klüßendorf, Nora Krause (-10); Aktionsbüro: Carsten Töpfer (-10); Archiv: Stefan Nitzsche (-37); Schreibbüro/Sekretariat: Eveline Pfeil (-0); Aufnahme: (-88); Herstellungsleitung: Roland Dörre (-45); Anzeigen: Silke Schubert (-38); Leserpost: (-0); Vertrieb/ Aboservice: Jonas Pohle (-82). Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos übernimmt die Redak- tion keine Verantwortung. Abonnements, Adreßänderungen und Reklamationen: Verlag 8. Mai GmbH,Torstraße 6, 10119 Berlin,Tel.: 030/53 63 55-81/82, Fax: -48. E-Mail: abo@jungewelt.de

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Kto.-Nr. 695495108. Shop/Spendenkonto: 695682100. Druck: Union Druckerei Berlin GmbH. Art-Nr. 601302/ISSN 041-9373.

schaffen kann, Dr. Noah und seine Organisation zu zerschlagen. Für den letzten großen Kampf kehrt 007 wie- der ins Geschäft zurück. Parodistische Super-Show mit großem technischem Aufwand. Annehmbar.

u RBB, Sa., 23.15

Zu Tisch in

Kalabrien

Schon als Kind hat Beppo Oliveto sei- nem Vater geholfen, den Acker von einem seltsamen Unkraut, der Süß- holzwurzel, zu befreien. Sie wächst in Kalabrien wild und behindert die Bau- ern beim Ernten und Pflanzen. Inzwi- schen verdient Beppo mit dem Unkraut Geld: Vier Jahre läßt er die meterlange Süßholzwurzel wachsen, bis sie an die Lakritzfabrik bei Rossano in der kala- brischen Ebene verkauft werden kann. Doch viel Lakritz wird im Süden Itali- ens nicht mehr angebaut. Billige Kon- kurrenz aus China und dem Iran macht den Bauern zu schaffen. Weil die Oli- vetos vom Süßholzverkauf allein nicht leben können, halten sie noch Kühe

und Schafe, deren Milch sie zu Käse

und Ricotta verarbeiten. Alle helfen in der Landwirtschaft mit und teilen Bep- pos zwei große Leidenschaften: gutes

Essen und Tanzen. Beppos Frau Enza herrscht über Hof und Küche. Hausge- machte Pasta, frische Salsicce und ka- labrische Pizza aus dem eigenen Ofen kommen auf den Tisch, wenn Enza kocht. Tja – wenn das alles wäre, was in Kalabrien so köchelt. Aber es ist wohl richtig, auch mal eine Geschichte ohne den Mob zu erzählen.

u Arte, So., 19.45

Der Pate

Kuchenmafia, Schnitzelmafia – der Pate

war ein auch unheilvoller Film, was die Wahrnehmung der Organisierten Krimi- nalität angeht. Meisterwerk trotzdem, klar. Anschließend empfehlenswerte

Doku.

u Arte, So., 20.15

Finding Fidel

Die Reise des Erik Durschnied

Der 1930 in Wien geborene Kriegs- berichterstatter Erik Durschmied emi- grierte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kanada. Dort wurde er berühmt

als »der Mann, der als erster Castro fo- tografierte«: In den Bergen der Sierra Maestre drehte er den ersten Film über den damaligen kubanischen Revolu-

tionär.

u 3sat, So., 21.35

veraNstaltuNgeN

»Einheit der Marxisten-Leninisten jetzt – Was tun?« Aktionseinheiten, Partei- und organisationsübergreifende Zusammenar- beit der Marxisten-Leninisten, Perspekti- ven des Aufbaus einer einheitlichen Kom- munistischen Partei. Wie? Samstag, 14.1., 19 Uhr, Chile-Freundschaftsgesellschaft Salva- dor Allende, Jonasstraße 29, Berlin

Wirtschaftssanktionen – Friedliches Druck- mittel oder Verstoß gegen Völker- und Menschenrecht? Referent: Elias Davidsson. Samstag, 7.1., 16 Uhr, Freidenker-Zentrum, Bayenstraße 11, Köln.Veranstalter: RW- Landesvorstand des Deutschen Freiden- kerverbands e.V.

Wirtschaftssanktionen: Friedliches Druck- mittel oder Verstoß gegen Völker- und Menschenrecht? Referent: Elias Davidsson. Vortrag und Diskussion am Samstag, 7.1., 16 Uhr, Freidenker-Zentrum, Bayenstraße 11, Köln.Veranstalter: Freidenker NRW

»Another Brother«. Soliveranstaltung zum 7. Todestag von Oury Jalloh, 20 Uhr. 21 Uhr, After-Party mit Concious Beats und DJs. 7.1., KiLi, Wiesenweg 5–9, Berlin- Friedrichshain. Veranstaltet von Oury- Jalloh-Initiative und Zwischenraum Berlin. Solibeitrag: 3 Euro u termine@jungewelt.de

Veranstaltet von Oury- Jalloh-Initiative und Zwischenraum Berlin. Solibeitrag: 3 Euro u termine@jungewelt.de

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junge Welt

Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

 

geschichte

1 5

Montag: politisches buch |

Dienstag: betrieb & gewerkschaft

|

Mittwoch: antifa

|

Donnerstag: wissenschaft & umwelt |

Freitag: feminismus |

Samstag: geschichte

 

Brot und Rosen

Vor 100 Jahren streikten die Textilarbeiterinnen von Lawrence/Massachusetts. Von Nick Brauns

N icht nur für höhere Löhne, son-

dern für ein menschenwürdi-

ges Leben traten Zehntausende

junge Arbeitsmigrantinnen 1912 in Law- rence im US-Bundesstaat Massachusetts in einen wochenlangen Streik. Ihr Lied »Gebt uns das Brot, doch gebt die Ro- sen auch« gehört bis heute zum Kanon der internationalen Gewerkschafts- und Frauenbewegung. Die Stadt Lawrence im US-Bundes- staat Massachusetts war mit zwölf Fabri- ken ein Zentrum der Textilproduktion. Fast die Hälfte der rund 85 000 Einwoh- ner arbeiteten in dieser Branche. Die Einführung neuer Maschinen hatte den Einsatz qualifizierter Arbeiter überflüs- sig gemacht. Statt dessen dominierten hier angelernte Arbeitsmigranten, die kaum die englische Sprache beherrsch- ten. Immer neue Einwanderungswellen sorgten für einen permanenten Konkur- renzdruck, so daß eine Solidarisierung über die jeweilige ethnische Gruppe hinweg kaum zustande kam. In Law- rence arbeiteten unter anderem Italiener, Griechen, Portugiesen, Polen, Russen, Litauer, Armenier und Syrer. Die Hälfte der in den Textilfabriken Schuftenden waren Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren. Nur wenige der Arbeiterinnen und Arbeiter konnten länger als bis zum 40. Lebensjahr arbeiten, die Sterblich- keit durch Unfälle, Unterernährung und Krankheit war hoch. Der durchschnittli- che Lohn für eine 60-Stunden-Woche be- trug 8,76 Dollar, doch der überwiegende Teil der Löhne lag noch unter einem Stundenschnitt von 15 Cent. Angesichts einer immer weiteren Verelendung, die die Reproduktion der arbeitenden Klas- se zu gefährden drohte, erließ der Staat Massachusetts zum 1. Januar 1912 ein Gesetz, das die Wochenarbeitszeit auf 54 Stunden begrenzte. Da im Gesetz kein Lohnausgleich vorgesehen war, wurden zahlreiche Ar- beiterfamilien weiter unter das Existenz- minimum gedrückt. Als erste realisier- ten dies polnische Arbeiterinnen, die am Morgen des 11. Januar 32 Cent weniger Wochenlohn erhielten – das entsprach dem Gegenwert von drei Laib Brot. Mit dem Ruf »Lohnkürzung« stürzten sie auf die Straße. Bald zogen Tausende Arbei- ter unter der Parole »Lieber kämpfend als arbeitend hungern« von Fabrik zu Fabrik, um die Produktion zu stoppen. Binnen weniger Tage hatten sich rund 20 000 Beschäftigte dem Streik ange- schlossen.

Marschieren und singen

Die gewerkschaftliche Organisierung der Textilarbeiter war äußerst gering. Die zum Gewerkschaftsdachverband AFL gehörenden Vereinigten Textil- arbeiter weigerten sich, ungelernte Ar- beitsmigranten aufzunehmen und hatten nur wenige hundert Mitglieder vor Ort. Auch die klassenkämpferischen Indu- strial Workers of the World (IWW), die das Konzept einer einheitlichen bran- chenübergreifenden Gewerkschaft für alle Lohnabhängigen vertraten, zählten in Lawrence nur rund 300 zahlende Mit- glieder. Doch im Unterschied zur AFL hatte die IWW auch fremdsprachige Sektionen. Auf Bitten ihrer italienischen Sektion kamen der trotz seines Alters von erst 27 Jahren streikerfahrene IWW- Organisator Joseph Ettor und der Se- kretär der »Italienischen Sozialistischen Föderation« Arturo Giovannitti aus New York zur Unterstützung des Ausstands nach Lawrence.

aus New York zur Unterstützung des Ausstands nach Lawrence. Nationalgardisten mit aufgepflanzten Bajonetten umzingeln

Nationalgardisten mit aufgepflanzten Bajonetten umzingeln eine Demonstration streikender Arbeiter in Lawrence im US-Bundesstaat Massachusetts (Januar 1912)

Die IWW rief 25 000 Arbeiter zur Wahl eines 60köpfigen Streikkomitees auf. Die 15 unter den Arbeitern am stärk- sten vertretenen Nationalitäten entsand- ten jeweils vier Vertreter in das Komitee, dazu kamen Delegierte der streikenden Belegschaften. Jeden Morgen fanden öffentliche Versammlungen statt, de- ren Diskussionsbeiträge in mehr als 20 Sprachen übersetzt werden mußten. Das Streikkomitee verabschiedete einen For- derungskatalog, der 15 Prozent Lohn- erhöhung, die Abschaffung des Bonus- und Prämiensystems und doppelten Lohn für Überstunden beinhaltete. Der Gouverneur von Massachusetts hatte inzwischen das Kriegsrecht über Lawrence verhängt und beorderte ne- ben Polizei auch Miliz und Nationalgar- de in die Stadt. Doch das Streikkomitee fungierte als eine Art Arbeitergegen- regierung. Trotz des Versammlungs- verbots wurden Streikpostenketten mit Zehntausenden Arbeitern rund um die Fabriken organisiert, die den Charak- ter einer Dauerkundgebung annahmen. »Sie sind die ganze Zeit am Marschie- ren und Singen«, bemerkte die Repor- terin Mary Heaton Vorse ein Erwachen der »müden grauen Massen«. Und Ray Stannard Baker beschrieb im American Magazine einen »eigentümlichen, in- tensiven Lebensgeist, einen religiösen Geist«, wie er ihn noch bei keinem

Ausstand gespürt habe. Streikbrecher, die von der AFL- Gewerkschaft gegen den ihrer Ansicht nach illegalen Arbeitskampf mobilisiert wurden, wurden abgewehrt. Als Natio- nalgardisten am 29. Januar das Feuer auf eine Streikversammlung eröffneten, wurde eine Arbeiterin getötet, zahlrei- che weitere verletzt. Die beiden Streik- führer Ettor und Giovannitti wurden nun unter dem Vorwurf der Beihilfe zum Mord inhaftiert. Auch Hunderte Arbei- ter wurden festgenommen und zu Haft- oder Geldstrafen verurteilt. Da die IWW über keine große Streik- kasse verfügte, wurden landesweit Spendensammlungen bei Migrantenver- einigungen, sozialistischen und Arbei- terorganisationen durchgeführt. Hun- derte Kinder kämpfender Textilarbeiter wurden von Familien in New York und Philadelphia in Obhut genommen. Als Milizeinheiten am 24. Februar solche Mädchen und Jungen und ihre Angehöri- gen am Bahnhof von Lawrence angriffen und eine Schwangere durch Schläge eine Fehlgeburt erlitt, sorgte dies landesweit für Aufsehen. Selbst Helen Taft, die Ehe- frau des US-Präsidenten, empörte sich über diese Brutalität, und der Kongreß setzte einen Untersuchungsausschuß ein. Dadurch wuchs der Druck auf die Textil- unternehmer, die Forderungen der Strei- kenden zu erfüllen. Nach einem ersten,

»WeNN Wir ZusammeN gehN

«

Wenn wir zusammen geh’n, geht mit uns ein schöner Tag, durch all die dunklen Küchen, und wo grau ein Werkshof lag, beginnt plötzlich die Sonne uns’re arme Welt zu kosen, und jeder hört uns singen: Brot und Rosen!

Wenn wir zusammen geh’n, kämpfen wir auch für den Mann, weil unbemuttert kein Mensch auf die Erde kommen kann. Und wenn ein Leben mehr ist als nur Arbeit, Schweiß und Bauch, wollen wir mehr. Gebt uns das Brot, doch gebt die Rosen auch!

Wenn wir zusammen geh’n, geh’n uns’re Toten mit, ihr ungehörter Schrei nach Brot schreit auch durch unser Lied. Sie hatten für die Schönheit, Liebe, Kunst erschöpft nie Ruh, drum kämpfen wir ums Brot und wollen die Rosen dazu.

Wenn wir zusammen geh’n, kommt mit uns ein bess’rer Tag. Die Frauen, die sich wehren, wehren aller Menschen Plag. Zu Ende sei, daß kleine Leute schuften für die Großen. Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen!

u deutscher Text: Peter Maiwald nach dem Original von James Oppenheim

von den Arbeitern zurückgewiesenen Angebot fünfprozentiger Lohnerhöhun- gen erklärte sich die American Woo- len Company schließlich am 13. März zu Lohnerhöhungen zwischen 15 und 21 Prozent je nach Lohngruppe sowie Überstundenzuschlägen bereit. Bis Mo- natsende hatten sich auch die kleineren Fabrikanten diesem Tarif angeschlossen, und der Streik endete mit einem Sieg der Arbeiterinnen und Arbeiter.

»Gottlose Wobblies«

Die vorübergehend auf über 16 000 Mit- glieder angewachsene Ortsgruppe der IWW in Lawrence führte am 30. Sep- tember noch einmal einen eintägigen So- lidaritätsstreik für die inhaftierten Streik- führer Ettor und Giovannitti durch, die schließlich im November freigesprochen wurden. Doch nun setzte eine massive Pressehetze gegen die Industrial Workers of the World ein. Katholische Geistliche warnten Italiener, Iren und Polen vor den »gottlosen« Wobblies – so der Spitzna- me der IWW-Mitglieder –, die unter der Losung »Kein Gott, kein Herr!« demon- striert hatten. Bürgermeister Michael A. Scanlon rief eine Kampagne für »Gott und Vaterland« mit dem Ziel aus, die klassenkämpferische Gewerkschaft aus Lawrence zu verbannen. Tausende mar- schierten Mitte Oktober zum Fahnentag mit US-Fahnen durch die Stadt. Gewerk- schafter wurden gezielt entlassen und ein Spitzelsystem in den Textilfabriken aufgebaut. Das nicht schriftlich fixier- te Tarifabkommen wurde zunehmend unterlaufen. Eine Verdoppelung der Maschinenlaufgeschwindigkeit führte im folgenden Jahr zu Massenentlassun- gen. Im Herbst 1913 zählte die IWW in Lawrence nur noch rund 700 Mitglieder. »Wie auch immer ihre Zukunft sein wird, die IWW hat eine gewaltige Großtat voll- bracht, eine Sache, die das ganze Gerede über rote Fahnen und Gewalt und Sabo- tage hinwegfegt«, schrieb der Literatur- kritiker Kenneth McGowan im Forum Magazine über den Textilarbeiterstreik. »Und das ist das individuelle Erwachen von ›Analphabeten‹ und ›Abschaum‹, die zu einer ursprünglichen, persönli- chen Konzeption von Gesellschaft und der Realisierung ihrer Würde und ih- rer Rechte darin gelangt sind. Sie haben mehr als nur Klassenbewußtsein erlernt; sie haben Selbstbewußtsein erlernt.«

Anno … 2. Woche

1892, 11. Januar: In Stuttgart erscheint die erste Nummer der Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Geleitet wird das Blatt zunächst von Clara Zetkin, bis sie 1917 auf Geheiß des Vorstands der SPD durch Marie Juchacz ersetzt wird. Die Gründe für ihren Rauswurf nennt Zetkin anläßlich ihres Ab- schieds von der Gleichheit selbst:

»Ich erkläre mich schuldig, daß Die Gleichheit sich vom ersten Augenblick an, wo die sozialde- mokratische Reichstagsfraktion die Grundsätze des Sozialismus als hinderlichen Ballast über Bord warf, in bewußten Gegensatz zu der entsprechenden ›Neuorientie- rung‹ gestellt hat.« 1912, 12. Januar: Bei den letz- ten Reichstagswahlen vor Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wird die SPD stärkste Partei. Erstmals erringen die Sozialdemokraten nicht nur den größten Stimmenan- teil (34,8 Prozent), sondern auch die meisten Mandate (110). Die zweitstärkste Fraktion stellt die Zentrumspartei, die wegen des undemokratischen Wahlrechts 91 Abgeordnetenmandate erhält, ob- wohl sie weniger als halb so viele Stimmen wie die SPD bekommt. 1922, 13. Januar: In Hong- kong kommt es zu Massenstreiks von Seeleuten und Hafenarbei- tern, die für Lohnerhöhungen und Erweiterungen gewerkschaftli- cher Rechte kämpfen. In vielen Teilen Chinas sind Solidaritäts- aktionen zu verzeichnen. Über 100000 Arbeiter beteiligen sich an dem Ausstand, der zu Lohner- höhungen von 15 bis 30 Prozent führt. 1952, 11. Januar: In Bonn ent- scheidet der deutsche Bundestag darüber, ob das Land der Europä- ischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) beitreten soll. Die EGKS, auch Montanunion genannt, sieht eine Koordinie- rung der Kohleförderung und der Schwerindustrie der Mitgliedslän- der vor. SPD und KPD sprechen sich gegen den Beitritt aus. Max Reimann, Vorsitzender der Kom- munistischen Partei, warnt vor Monopolisierung und Machtkon- zentration, da die Entscheidungs- befugnisse über die Schlüsselin- dustrien in die Hände der Hohen Behörde, also des Exekutivorgans der Montanunion, gelegt werden sollen. Nach einer mehrstündigen Debatte fällt mit 232 gegen 143 Stimmen eine Entscheidung für das Vertragswerk. 1992, 15. Januar: Die Europä- ische Gemeinschaft (EG) erkennt auf Betreiben des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher die Unabhängigkeit Sloweniens an und nimmt diplo- matische Beziehungen zu dem Land auf. Mit der Anerkennung Kroatiens am 19.1. sind die ent- scheidenden Schritte zur Zersplit- terung und Auflösung der Födera- tiven Volksrepublik Jugoslawien getan.

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Sonnabend/Sonntag, 7./8. Januar 2012, Nr. 6

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1 000 zum 65.

Noch gibt es Karten für die Rosa-Luxemburg-Konferenz

Z ur Zeit bereiten wir uns in Ver-

lag und Redaktion auf zwei

wichtige Projekte vor. Zum ei-

nen findet am kommenden Samstag die 17. Rosa-Luxemburg-Konferenz statt. Die ersten inhaltlichen High- lights können Sie schon zuvor in die- ser Zeitung erleben: Zur Vorbereitung der Podiumsdiskussion haben wir den Schriftsteller Dietmar Dath, den stell- vertretenden Vorsitzenden der Links- partei Heinz Bierbaum, den Autor Ge- org Fülberth und die Publizistin Jutta Ditfurth um Autorenbeiträge zum

Thema »Sozialismus oder Barbarei – welche Rolle spielt die Linkspartei?« gebeten. Den Auftakt macht Dath in der Wochenendbeilage der heutigen Ausgabe. Bierbaum und Fülberth folgen am kommenden Dienstag und Mittwoch auf den Thema-Seiten. Der Artikel von Jutta Ditfurth ist für den kommenden Freitag vorgesehen. Die Vorabbeiträge zur letztjährigen Konferenz von Inge Viett und Gesine Lötzsch haben für erhebliches Aufse- hen gesorgt. Auch ohne Medienwirbel läuft der Vorverkauf in diesem Jahr so

JuNge Welt verscheNkt sammelblatt

D as zweite wichtige Projekt in Arbeit ist die nächste junge- Welt-Kampagne. Dabei wer-

den unsere Leserinnen und Leser auf- gefordert, »sieben auf einen Streich zu erwischen« – genau genommen

möchten wir Sie bitten, sieben Adres- sen auf einem Blatt zu sammeln. Das dafür notwendige Papier stellen wir Ihnen am kommenden Samstag mit der

Wochenendaus-

gabe zu. Darauf finden Sie sieben Adreßfelder. Ihre Aufgabe ist es nun, im Freundes- und Bekanntenkreis sieben Personen ausfindig zu machen, die Interesse an der Ta- geszeitung junge Welt haben könnten. Überzeugen Sie Ihre Freunde, die jW drei Wochen lang kostenlos probezu- lesen. Ohne jede Verpflichtung, das Abo läuft nach drei Wochen automa- tisch aus, muß also nicht gekündigt werden. Das Formular können Sie sich am kommenden Samstag auch

am Kiosk mit der Wochenendausgabe kaufen oder dann auch von der jW-In- ternetseite ausdrucken. Zunächst gilt das Formular für unsere Printausgabe:

Der Probeleser bekommt drei Wo- chen lang die junge Welt gratis in den Briefkasten geliefert. Sie dürfen aber auch gerne über ein spezielles Internetformular sieben dreiwöchige Internet- probeabos verschen- ken. Dann erhält Ihr Bekannter für drei Wochen gratis den Vollzugriff auf un- ser Internetangebot. Wichtig ist uns, daß sich möglichst viele Leserinnen und Leser an der Aktion beteiligen. Ob Sie dabei drei, sieben oder elf Adressen vermitteln, ob damit nun Print- oder Onlineprobeabos bestellt werden, ist dabei nicht so wichtig wie der Umstand, daß die Aktion nur dann richtig erfolgreich sein kann, wenn sich möglichst viele aktiv daran beteiligen. Die ersten 1 000 Probeabos wünschen wir uns übrigens bis zum 12. Februar 2012: Da wird die junge

uns übrigens bis zum 12. Februar 2012: Da wird die junge gut wie nie zuvor –

gut wie nie zuvor – allen Leserinnen und Lesern der jungen Welt, die an der Konferenz teilnehmen wollen, sei daher der Kauf der Konferenzkarten in der Ladengalerie oder durch Be- stellung – zumindest aber eine telefo- nische Reservierung empfohlen. Für alle, die es nicht nach Berlin schaffen: Für dieses Jahr planen wir eine zeitnahe und aktuelle Berichter- stattung direkt vom Konferenzort – über unsere Internetseite. Auch dar- über werden wir kommende Woche näheres berichten.

Welt 65 Jahre alt. Das schaffen wir aber nur, wenn wir nicht zuviel An- laufzeit für die Aktion brauchen und sich rasch möglichst viele Leserinnen und Leser daran beteiligen. Warum wollen aber Verlag und Redaktion so viele Probeabos, obwohl die ja zu- nächst nur Kosten verursachen? Ganz einfach: Die besten Argumente für ein Abonnement der jungen Welt finden sich in der Zeitung selber. Dazu muß man aber von ihrer Existenz wissen und sie auch mal eine längere Zeit lesen. Viele der Testleser abonnieren – oder sie kaufen die junge Welt nach dem Probelesen häufiger am Kiosk. So eine Aktion rechnet sich also und sichert langfristig unsere Existenz. Denn nur, wenn wir auch in Zukunft viele neue Abonnenten gewinnen, können wir die Zeitung weiterentwik- keln. Werbemillionen, um auf uns auf- merksam zu machen, haben wir nicht. Aber Sie kennen in Ihrem Umfeld die Menschen, die sich für die jW interes- sieren könnten. Und wir würden uns sehr über Ihr ganz spezielles Geburts- tagsgeschenk für die junge Welt freu- en: eine ausgefüllte Probeaboliste. Verlag, Redaktion, Genossenschaft

grussbotschaFt aN uNsere leseriNNeN uND leser

g russbotschaFt aN uNsere l eseriNNeN uND l eser Auch gestern hatten wir wieder alle Hände

Auch gestern hatten wir wieder alle Hände voll zu tun, um unsere Zeitung zu produzieren. Trotzdem delegierten wir einen Teil unse- rer Kolleginnen und Kollegen aus Verlag und Redaktion zum Fototermin hinter unserem Verlagsgebäude, um uns deutlich sichtbar bei unseren Leserinnen und Lesern zu bedanken – für Spenden in Höhe von 13 190,77 Euro, die für den Kauf und die Umgestaltung unseres neuen Bullis eingesetzt werden. Falls etwas übrigbleibt (oder Spenden verspätet eintreffen), überweisen wir diese Mittel auf unseren Prozeßkostenfonds. Herzlichen Dank. Das ist nicht nur materielle Hilfe, sondern auch psychologische: Wir wissen, daß wir mit unseren Problemen nicht alleingelassen werden. Auch das gibt uns Kraft, uns kämpferisch den nächsten Aufgaben zu stellen. (jW)