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DANIEL MAURER/DAPD

PO-MING CHEUNG

THOMAS PETER / REUTERS

jungeWelt

Die Tageszeitung

Gegründet 1947 · Montag, 16. Januar 2012 · Nr. 13 · 1,30 Euro · PVSt A11002 · Entgelt bezahlt

Andere Spielregeln

Am Sonnabend fand in Berlin die von jW und vielen Organisationen getra- gene XVII. Internationale Rosa-Lu- xemburg-Konferenz statt. Wir veröf- fentlichen Auszüge aus der Podiums- diskussion Seiten 3 und 10/11

Samstag, 14. Januar 2012

URANIA-HAUS, Berlin

Samstag, 14. Januar 2012 URANIA-HAUS, Berlin XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz
XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz
XVII. Internationale
Rosa Luxemburg
Konferenz

www.jungewelt.de

Innere Aufrüstung

Magdeburg: Polizei sichert 1 200 Neona-

Äußere Mission

Katar: Arabische Armeen nach Syrien.

Nächtliche Aktionen

Neonazis organisieren konspirativ Fak-

Andere Zeiten

Verschärfte Kampagne: Erneuerbare

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zis »freien Lauf« durch die Innen- stadt. Von Susan Bonath

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Deutsche Marine geheim im östli- chen Mittelmeer. Siehe Seite 8

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kelmärsche. Polizei durchsuchte 44 Wohnungen. Ein Interview

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Energieträger werden Konkurrenz für Atom und Kohle

Einheitsfront gegen rechts

Zehntausende gedenken in Berlin der Ermordung der beiden Arbeiterführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Protest gegen Verstrickung des Staates in Neonaziterror. Von Florian Möllendorf

des Staates in Neonaziterror. Von Florian Möllendorf Gegen Faschismus und Krieg: Demonstration zur Gedenkstätte

Gegen Faschismus und Krieg: Demonstration zur Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin

Z ahlreiche Menschen haben

am Sonntag in Berlin der vor

93 Jahren ermordeten Arbei-

terführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gedacht. Nach Angaben der Linkspartei zogen im Laufe des Tages Zehntausende Menschen zur Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin- Friedrichsfelde, um rote Nelken und Kränze auf die Gräber der Revolutio- näre zu legen. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren am 15. Janu- ar 1919 auf Betreiben der damaligen SPD-Führung von Regierungssoldaten

erschossen worden. Am »stillen Ge- denken« auf dem Zentralfriedhof nah- men führende Vertreter der Linkspartei teil. Am Morgen legten die Vorsitzen- den der Partei, Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi sowie der Vorsitzende der Linke-Fraktion im Saarland, Os- kar Lafontaine, Blumen nieder. Auch der ehemalige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow ehrte die beiden Mitbe- gründer der KPD. Dem Aufruf zur zeitgleich abge- haltenen Liebknecht-Luxemburg- Demonstration, dem sich zahlreiche antifaschistische, marxistische und autonome Gruppen aus ganz Europa angeschlossen haben, waren laut Ver- anstalter knapp 10 000 Menschen ge- folgt. Die Polizei sprach von 4 500 Teilnehmern. Neben der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), der Jugendorganisation SDAJ, dem Stu-

dierendenverband Die Linke.SDS und dem Jugendverband Linksjugend (’solid), versammelten sich vor allem türkische und kurdische linke Gruppen am Frankfurter Tor. Auch zahlreiche palästinensische und baskische Flag- gen waren zu sehen. Gegen 10.30 Uhr setzte sich der Pro- testzug unter dem Motto »Nichts und niemand ist vergessen – Aufstehen und widersetzen!« in Richtung Zentral- friedhof in Bewegung. Im Mittelpunkt vieler Redebeiträge stand die Mordse- rie der neonazistischen Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) und die Verstrickung der Sicher- heitsbehörden in die Tötung von tür- kischen und griechischen Migranten. »Der Verfassungsschutz schützt nicht, er gefährdet das Grundgesetz und die Demokratie. Deshalb muß er aufge- löst werden«, forderte ein Redner. Die SDAJ rief auf einem Transparent zur Bildung einer »Einheitsfront gegen Faschismus« auf. Deutlich sicht- und hörbar war auch das Gedenken an den vor sieben Jahren in einer Dessauer Polizeizelle verbrannten Asylbewerber Oury Jalloh. Mit Sprechchören bekräf- tigten viele Demonstrationsteilnehmer, daß der Mann aus Sierra Leone sich nicht, wie von der Polizei behauptet, selbst angezündet hat, sondern ermor- det wurde. Am Samstag, den 7. Januar, waren Dessauer Polizeibeamte brutal gegen Demonstrationsteilnehmer vor- gegangen, die die Parole: »Oury Jalloh,

das war Mord!« skandiert hatten. Ein weiterer Schwerpunkt war der Widerstand gegen die Beteiligung der Bundeswehr an Kriegseinsätzen wie dem in Afghanistan. Die Kam- pagne »Tatort Kurdistan« prangerte den Einsatz von Waffen aus deutschen Rüstungsschmieden bei der Unterdrük-

dorf gedacht. Dort nannte die Berliner Geschichtswerkstatt die Fußgänger- brücke über den Landwehrkanal zwi- schen Zoo und Tiergarten symbolisch in »Rosa-Luxemburg-Brücke« um. Nachdem sie die Kommunistin be- wußtlos geschlagen und in den Rücken geschossen hatten, warfen ihre Mörder

und in den Rücken geschossen hatten, warfen ihre Mörder Rote Nelken für Karl und Rosa kung

Rote Nelken für Karl und Rosa

kung der Befreiungsbewegung in den kurdischen Gebieten an. Die Veranstal- ter zogen auf Nachfrage von jW eine positive Bilanz des Protestzuges und waren »zufrieden mit der Resonanz«. Den ermordeten Revolutionären wurde am Nachmittag auch im Ber- liner Bezirk Charlottenburg-Wilmers-

Rosa Luxemburg in den Landwehrka- nal. Die Bezirksverordnetenversamm- lung Mitte hatte bereits am 21. Februar 2002 die Umbenennung beschlossen. Jedoch war die für die Brücke zustän- dige Senatsverwaltung für Stadtent- wicklung dieser Anordnung bisher nicht gefolgt.

Welle der Gewalt im Irak

Bagdad. Im Irak haben Extremisten am Sonntag eine Reihe Selbst- mord- und Autobombenanschläge verübt, bevor sie ein Polizei- gebäude stürmten. In der Stadt Ramadi im Zentrum des Landes seien gegen Mittag zunächst zwei Autobomben nahe einer Moschee explodiert, sagten zwei Polizeiver- treter. Kurz darauf sei eine dritte Autobombe im Stadtzentrum und eine vierte nahe einem Polizeige- bäude in die Luft gegangen. In dem Gebäude hätten sich anschließend zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Bei einem Selbstmordanschlag auf schiitische Pilger im Süden des Irak sind am Samstag 53 Menschen getötet und 137 verletzt worden. Der Anschlag ereignete sich am

letzten Tag des schiitischen Festes

von Arbain.

(AFP/jW)

Kretschmann mit Schuhen beworfen

Festes von Arbain. (AFP/jW) Kretschmann mit Schuhen beworfen S tuttgart . Vor Beginn des Neujahrs- empfangs

Stuttgart. Vor Beginn des Neujahrs- empfangs ist dem baden-württem- bergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann die Wut von Gegnern des Bahnprojekts »Stuttgart 21« entgegengeschlagen. Demonstranten warfen am Samstag mit Schuhen nach dem Grünen- Politiker, als dieser in Begleitung von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) aus dem Neuen Schloß zu ihnen kam. Kretschmann wurde nicht getroffen, wohl aber ei- ner seiner Personenschützer (Foto). Dieser wurde jedoch nicht verletzt. Die Polizei ermittelt nun wegen versuchter Körperverletzung gegen unbekannt. Am Samstag haben mehr als 700 Demonstranten, die sich gegen den Abriß des Bahnhofssüdflügels wehren, Kretschmann vor den Feierlichkeiten im Neuen Schloß mit »Verräter«- und »Kretschmann weg«-Rufen. Mehrere Demon- stranten hielten zudem Schuhe in die Luft – eine Geste, die insbe- sondere im arabischen Raum als Ausdruck des Zorns und der Ver-

achtung gilt. (dapd/jW) junge Welt wird herausgegeben von 1 199 Genossinnen und Genossen (Stand 12.
achtung gilt.
(dapd/jW)
junge Welt wird herausgegeben von 1 199
Genossinnen und Genossen (Stand 12. Januar 2012).
Informationen: www.jungewelt.de/lpg
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AP/VISAR KRYEZIU

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politik

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

junge Welt

»Der autoritäre Stil verliert an Wirkung«

China braucht unabhängige Gewerkschaften. Bei den aktuellen Streiks geht es auch um

Mitspracherechte. Gespräch mit Li Qiang

S eit einigen Wochen er­ lebt China eine Welle von Streiks, vor allem

in den Niederlassungen der ausländischen Multis. Worum geht es dabei? In der Regel um die Forderung nach höheren Löhnen, die Vertei- digung der Arbeitplätze und die Durchsetzung unabhängiger ge- werkschaftlicher Vertretungsorga- ne. Ein Großteil der Kämpfe ballt sich in der Provinz Guangdong. Warum? Die Provinz ist so etwas wie das Zentrum des produzierenden Ge- werbes. Dort sind zahlreiche Be- triebe der multinationalen Kon- zerne angesiedelt. Viele dieser Gesellschaften haben

in jüngster Zeit be- schlossen, ihre Ak- tivitäten – aufgrund der hauptsächlich durch steigende Roh- stoffpreise verursach- ten höheren Produk- tionskosten – in an- dere Gebiete mit ge- ringerem Lebensstan- dard zu verlagern, um ihre Profitraten zu

halten. Das sorgt für Wut unter den Be- schäftigten. Gibt es noch weitere verbin­ dende Elemente? Bei allen Streiks, die wir in letzter Zeit erlebten, war das wachsende Bewußtsein der Arbeiter bezüg- lich ihrer Rechte zu beobachten. Auch deshalb mobilisieren und or- ganisieren sie sich. Die Reaktion der staatlichen Stellen war bislang fast im­ mer überraschend zurück­ haltend. In vielen Fällen versucht die Regierung sogar, zwischen Beschäftigten und Management zu vermitteln. Wie erklären Sie sich das?

Die Haltung von Partei und Be- hörden scheint sich geändert zu haben. In den Fällen, in denen sich die lokalen Regierungen um die Lösung dieser Kontroversen bemühten, hat die Führung begrif- fen, wie wichtig es ist, die Rechte der Werktätigen zu verteidigen. Sie versucht nicht mehr, sich auf die falsche Seite zu stellen. Die Löhne steigen in Guang­ dong ebenso wie in ganz Chi­ na. Aber wie steht es mit den Arbeitsbedingungen? Ist da auch eine Verbesserung fest­ zustellen? Vorab eine Klarstellung: Auch wenn die Nominallöhne steigen, sind die Nettoentgelte nach Abzug der Inflation mehr oder weniger gleich geblieben. Das drängendste

Problem ist in jedem Fall die nach wie vor schwache Stellung der Arbeiter. Trotz der chinesischen Arbeitsgesetze, die formal weit- reichende Schutzbestimmungen für die Beschäftigten vorsehen, hat sich die Lage in der Praxis deutlich zugunsten der Betriebe verschoben. Ein Arbeiter braucht viel Zeit und Geld, um gegen ein Unternehmen zu prozessieren. Deshalb verzichten die Betroffe- nen meistens darauf. Außerdem können die Belegschaften keine unabhängigen Gewerkschaften gründen. Nach unseren Untersu- chungen existieren in den meisten Fabriken zwar »Vertretungen der Werktätigen« – die Arbeiter be-

richten uns allerdings, daß die fast immer die Interessen

der Firmeneigner ver- treten. Ihre Organisation beklagt immer wieder autoritäre Praktiken der Un­ ternehmen in Chi­ na. Worauf bezie­ hen Sie sich dabei? Zunächst einmal möchte ich beto- nen, daß die aktuel-

le Streikwelle zeigt, daß der autoritäre Managementstil gegenüber bes- ser ausgebildeten und sich ihrer Rechte bewußten Arbeitskräften an Wirkung verliert. Unsere Kla- gen beziehen sich darauf, daß die Belegschaften bei der Arbeitsor- ganisation, Entlohnung und Be- handlung durch die Vorgesetzten kein Mitspracherecht haben. So- bald es – wie heute – zu Umstruk- turierungen und Kürzungen der Bonuszahlungen kommt oder gar Produktionsverlagerungen anste- hen, wird die Unternehmensfüh- rung »von oben nach unten« zum Hauptfaktor der Unzufriedenheit. Wenn die Proteste dann ausbre- chen, verhandeln die Firmen nur mit den lokalen Regierungsstellen und mit den Staatsgewerkschaf- ten, die fast immer das Manage- ment unterstützen. Und die Arbeiter lassen sich das immer weniger gefallen? Dieses Mal scheinen sie beschlos- sen zu haben, daß sie ihre Rechte selbst durchsetzen müssen, wenn das sonst keiner tut. Das ist der Hintergrund der Streiks und De- monstrationen der letzten Zeit. Wie lange wird es noch dau­ ern, bis in China unabhängige Gewerkschaften entstehen? Schwer zu sagen. Wir hoffen, daß das so schnell wie möglich ge- schieht.

Li Qiang ist Führungsmit- glied der 1994 gegründe- ten, in Hongkong ansäs- sigen Nichtregierungsor- ganisation »China Labour Bulletin« (www.clb.org/ en), die sich der Rechts- beratung und Herstellung von Gegenöffentlichkeit bei Arbeitskämpfen sowie Gewerkschaftsfragen in der VR China widmet

Interview: Raoul Rigault

in der VR China widmet Interview: Raoul Rigault Serbenfrei. Nationalistische Kosovo-Albaner versuchten am

Serbenfrei. Nationalistische Kosovo-Albaner versuchten am Samstag, die Verwaltungsgrenze zu Serbien zu blockieren. Polizisten wurden Behördenangaben zufolge mit »Steinen und metallischen Gegenständen« angegriffen ging und setzten ihrerseits Tränengas und Wasserwerfer ein. Bei der gut dreistündigen Auseinandersetzung wurden 50 Menschen verletzt, unter ihnen 31 Sicherheitskräfte. Initiiert hatte die Aktion die »Bewegung für die Selbstbestimmung« (Vetevendosje) von Albin Kurti. Ziel ist, die Einfuhr serbischer Waren ins Kosovo zu verhindern. Ende des Monats will das frühere Mitglied der gewaltsezessionistischen Untergrundorganisation UCK nach Deutschland kommen. Kurti will sich unter anderem mit Vertretern der Linksfraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus und im Bundestag treffen. (rg)

Linke sucht »politische Erfolgsspur«

Jahresauftaktveranstaltung der Partei am heutigen Montag. Gysi kündigt Initiativen an

M it einer Veranstaltung von Fraktion und Partei will Die Linke am heutigen Montag

ins neue Jahr starten. Anschließend ver- suchen Vorstand und Landesvorsitzen- de, praktische Konsequenzen aus dem Beschluß zu ziehen, auf eine Urwahl des neuen Parteivorstandes zu verzichten. Der Geschäftsführende Vorstand hatte den Mitgliederentscheid am Donnerstag unter Berufung auf ein Rechtsgutachten mit der Begründung abgelehnt, er sei juristisch anfechtbar. In dieser gemeinsamen Sitzung soll jetzt versucht werden, eine möglichst breite Beteiligung der Parteibasis zu er- reichen. Im Gespräch ist, daß sich Kan- didaten für den Vorsitz vor dem für Juni

in Göttingen angesetzten Parteitag auf Regionalkonferenzen vorstellen. Für das doppelt zu besetzende Spit- zenamt haben bislang lediglich der

vor zwei Jahren geschaßte Bundesge- schäftsführer Dietmar Bartsch und die amtierende Vorsitzende Gesine Lötzsch den Hut in den Ring geworfen. Ihr Ko- vorsitzender Klaus Ernst hat sich bislang ebensowenig geäußert wie der frühere Partei- und Fraktionschef Oskar Lafon- taine. Spitzenpolitiker der Partei hatten immer wieder gewarnt, sich in Personal- debatten zu verzetteln. Nach einer Klausurtagung der Bun- destagsfraktion kündigte deren Vor- sitzender Gregor Gysi am Samstag abend an, die Linke werde in diesem Jahr »Politik für die Menschen« ma- chen – die Partei müsse wieder in die »politische Erfolgsspur« kommen. Ein wichtiges Thema sei die Altersarmut; seine Fraktion werde in Kürze im Bun- destag beantragen, das Gesetz über das Renteneintrittsalter von 67 Jahren sofort auszusetzen. Sie werde auch gegen pre-

käre Beschäftigungsverhältnisse kämp- fen und sich für eine bessere »soziale Stellung der Selbständigen« einsetzen. Weitere Themen seien die Euro-Krise, die Reaktion auf die Abstufung der Bo- nität zahlreicher EU-Länder durch eine US-Ratingagentur sowie die Forderung nach einem Nachtflugverbot in der Nähe großer Städte. Neben diesen Ankündigungen konnte Gysi auch einen konkreten Beschluß sei- ner Fraktion vermelden: Zum Frauentag am 8. März sollen die männlichen Ab- geordneten in Betriebe gehen, um dort typische Frauenarbeit zu leisten. »Wo es auch schwer wird, damit wir Män- ner mal begreifen, was die da eigentlich acht Stunden oder neun Stunden lang tun müssen«, sagte Gysi. Aussuchen könnten sich die 34 Männer die Jobs allerdings nicht. Sie würden von den 42 Frauen der Fraktion zugeteilt. (jW)

NachrichteN

Guatemala: Neuer Präsident vereidigt

guatemala-Stadt. Der rechtsgerichtete frühere General Otto Pérez Molina ist am Samstag als neuer Präsident Gua- temalas vereidigt worden. Bei der Ze- remonie in Guatemala-Stadt kündigte der 61jährige an, in seiner vierjährigen Amtszeit vor allem gegen Korruption vorgehen und die Staatsfinanzen des zentralamerikanischen Landes sanie- ren zu wollen. Pérez war am 6. Novem- ber gewählt worden. (AFP/jW)

Amnestie zum Jahrestag des Ben-Ali-Sturzes

tuniS. Mit einer Feierstunde und einer umfangreichen Gefangenenamnestie hat Tunesien am Samstag der Flucht seines langjährigen Machthabers Zine Aal-Abidine Ben Ali vor Jahresfrist ge- dacht. »Der 14. Januar ist ein Tag, der das Ende einer dunklen Epoche mar- kiert«, sagte Präsident Moncef Mar- zouki bei einer offiziellen Zeremonie in Tunis. Im Zentrum der Hauptstadt

versammelten sich Tausende Men- schen und forderten weitere Refor- men. Zu der Feier in Tunis reiste auch der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa Al-Thani, an. In einer Rede lobte er die Tunesier für ihren Mut im Kampf gegen Ben Ali. Zum ersten Jah-

restag des Sturzes Ben Alis entließ die tunesische Regierung 9 000 Gefange- ne vorzeitig aus der Haft. Zudem seien Todesurteile gegen 122 Verurteilte in lebenslange Haftstrafen umgewandelt

(AFP/jW)

worden.

Deutsch-französischer Protest gegen AKW

FeSSenheim. Französische und deutsche Atomkraftgegner haben abermals ge- meinsam gegen den Weiterbetrieb des elsässischen Kernkraftwerks Fessen- heim protestiert. Auf der Rheininsel am AKW trafen sich am Sonntag nach Veranstalterangaben rund 400 Aktivi- sten zu einem Neujahrskonzert. Der sogenannte Streßtest der fran- zösischen Atomaufsichtsbehörde ASN hatte ergeben, daß alle AKW

im Land, darunter der Altmeiler Fes- senheim, sicher sind und weitere zehn Jahre betrieben werden können. Der baden-württembergische Umweltmi- nister Franz Untersteller (Grüne) so- wie die ansässigen Bürgerinitiativen bezweifeln dies. Die Demonstranten wollten auch die grün-rote Landesre- gierung Baden-Württembergs an ihre Verantwortung erinnern. Die EnBW – zu mehr als 45 Prozent in der Hand des Landes – ist an 17,5 Prozent der Unterhalts- und Nachrüstungskosten des AKW Fessenheim beteiligt. (dapd/jW)

»Occupy«-Demonstration in Frankfurt am Main

FrankFurt/main. Die Bankenkritiker der »Occupy«-Bewegung setzen ihren Pro- test auch im neuen Jahr fort. Mehrere hundert Aktivisten folgten am Sonntag dem Aufruf zum weltweiten Occupy- Demonstrationstag auf den Frankfurter Rathenauplatz. Bereits am Samstag hat- te »Occupy« in der Stadt zwei Kundge- bungen abgehalten. (dapd/jW)

BJÖRN KIETZMANN

GABRIELE SENFT

BJÖRN KIETZMANN

BJÖRN KIETZMANN

schwerpunkt 3 junge Welt Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13 XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz
schwerpunkt
3
junge Welt
Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13
XVII. Internationale
Rosa Luxemburg
Konferenz
Nr. 13 XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz Brillant: Johanna Fernandez aus New York Besucheransturm:

Brillant: Johanna Fernandez aus New York

Konferenz Brillant: Johanna Fernandez aus New York Besucheransturm: Der Urania-Saal am Sonnabend Andere

Besucheransturm: Der Urania-Saal am Sonnabend

Andere Spielregeln

Politik, Kunst, Theorie, Debatte – in Berlin fand am Sonnabend die XVII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz der

jungen Welt statt. Von Arnold Schölzel

der jungen Welt statt. Von Arnold Schölzel Bericht: Am Pult Sami Ben Ghazi (Tunesien), rechts Ulla

Bericht: Am Pult Sami Ben Ghazi (Tunesien), rechts Ulla Jelpke (Die Linke) und Rüdiger Göbel (jW)

F ranz Josef Degenhardt schildert

in seinem Roman »Zündschnü-

re«, was gegen jugendliche Na-

zis getan werden kann, selbst wenn deren Väter regieren: Einer tritt gegen eine als Fußball getarnte Eisenkugel und landet später, da nur der Knochen- bruch geheilt ist, aber politisch nichts, nackt für eine halbe Stunde in einem Ameisenhaufen. Der Schauspieler Rolf Becker las diese Passage aus dem Bestseller des Jahres 1973 am Sonn- abend während der Rosa-Luxemburg- Konferenz in der Berliner Urania. Das

Buch, meinte der Liedermacher Kai Degenhardt, der mit ihm auftrat, sei so etwas wie die »Wunschbiographie« seines Vaters gewesen. »Farewell Kar- ratsch« nannten beide ihr Kurzpro- gramm. Den Titel trug das von jW organisierte große Konzert im Berliner Ensemble vom 19. Dezember 2011. An

der Edition des Mitschnitts wird gear- beitet, war am Sonnabend zu erfahren, die ersten beiden der auf zehn Bände geplante Ausgabe seiner Texte im Ber- liner Verlag Kulturmaschinen wurden vorgestellt. Ehrung eines Klassikers? Ja, wenn klassisch nicht im Sinne von antiquarisch, sondern von ästhetisch und politisch vollständig verstanden wird. Rolf Becker und Kai Degenhardt tra- ten in der Mitte der neunstündigen Ver- anstaltung auf. Kunst, Kultur, Politik, Theorie, vor allem aber Debatte waren Inhalt auch ihrer siebzehnten Ausgabe, durch die Kabarettist Dr. Seltsam führ- te. Den Start und das Finale markierte das Trio Palmera mit lateinamerika- nischer Musik. Pablo Miró, in Berlin lebender Songwriter aus Argentinien, sang Lieder des von Chiles Faschisten ermordeten Dichters Victor Jara und

des von den USA mit einer Terror- strafe belegten kubanischen Terrorbe- kämpfers Antonio Guerrero. Jennipher Antoni und Michael Mäde luden zur Modotti-Ausstellung in die jW-Laden- galerie ein und lasen Texte der Revo- lutionärin und Fotografin. Peter Jacobs stellte Fidel Castros 800-Seiten-Band »Der strategische Sieg« vor, dessen deutsche Ausgabe demnächst im Ver- lag Neues Leben erscheint. Karl-Heinz Dellwo vom Hamburger Laika-Verlag präsentierte einen neuen Band der auf 100 Exemplare angelegten Bibliothek des Widerstands. Titel: »Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv«. Dellwos Resümee von 35 Jahren angeblich alter- nativer Politik: »Die Grünen haben kein Atomkraftwerk abgeschaltet, nur den Marxismus in der Opposition.« Bewegend die von Mut und Lebens- mut bestimmte Botschaft der Cuban Fi-

ve, verfaßt am 10. Januar in einem Knast in Georgia/USA, hier vorgetragen vom Botschafter Kubas Raúl Becerra Ega- na. Ebenso eindrucksvoll der packende Auftritt von Johanna Fernandez, Histo- rikerin aus New York, Sprecherin des Verteidigungsteams von Mumia Abu- Jamal: Seit fast 40 Tagen ist er nicht mehr im Todestrakt, sondern in »admi- nistrativer Haft« - unter Umständen, die alle Kriterien für Folter erfüllen. Eine Audiobotschaft war diesmal nicht mög- lich. Analoges gilt für den Soldaten Bradley Manning, der u. a. das Video vom Erschießen irakischer Zivilisten in Bagdad aus US-Hubschraubern her- aus an die Öffentlichkeit brachte. Ihm droht die Todesstrafe. Per Akklamation protestierte die Konferenz gegen sein Verfahren. Die Repression im NATO- Vorposten Richtung Naher und Mittle- rer Osten, in der Türkei, kritisierte der des Ex-Guerrillero und heutige Abge- ordnete Ertugrul Kürkcü. Ausführlich berichteten die Refe- renten aus ihren Ländern (nachzule- sen in der jW-Beilage am 1. Februar). Sami Ben Ghazi (Union der kom- munistischen Jugend Tunesiens): Die arabischen Aufstände haben »andere Spielregeln« in die Welt gebracht,

aber islamistische Parteien in den Re- gierungen sind »Retter imperialisti- scher Interessen«. Geraldo Gasparin (Landlosenbewegung MTS in Brasi- lien): In der Krise strömte Kapital aus dem Norden in das Agrobusiness des Südens – mit verheerenden Folgen. Brasilien verfügt über fünf Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufläche weltweit, verbraucht aber 20 Prozent aller Agrogifte. Pedro Noel Carrillo Alfonso (KP Kuba): Wir brauchen ein neues Wirtschaftsmodell zur Wei- terführung der Revolution, aber es ist kein Sozialismusmodell für alle Län- der. Agostinho Lopes (KP Portugal):

Die EU ist nicht reform- und ver- änderungsfähig, denn ihre Grundla- gen sind Dominanz der Großmächte, Neoliberalismus und Militarismus. Die Vorlage für die abschließen- de Podiumsdiskussion (siehe Seiten 10 und 11) war geliefert, der große Urania-Saal füllte sich wieder restlos. Insgesamt waren über 1 800 Besucher im Laufe des Tages da – allerdings we- nige Kinder. Ein Ruf nach Betreuung und weniger Langeweile für die Jüng- sten brachte es auf 160 Unterschriften. u Weitere Berichte im Internet unter www.jungewelt.de/konferenz

u Weitere Berichte im Internet unter www.jungewelt.de/konferenz Bücher, Bücher, Bücher: Im Foyer der Urania

Bücher, Bücher, Bücher: Im Foyer der Urania

© UMBRUCH BILDARCHIV

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politik

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

junge Welt

Zitat des tages

Jetzt muß Kristina Schröder dafür sorgen, daß sich nur noch die schönen Menschen fort- pflanzen und die häßli- chen kinderlos bleiben, dann würde der Staat Kindergeld sparen, die Arbeitslosigkeit wäre bald abgeschafft, und die Deutschen wären das schönste Volk der Welt.

Wolfgang Zippert in der Tages- zeitung DieWelt (Samstagaus- gabe) über eine Studie der Uni Lüneburg, der zufolge attraktive Menschen weitaus seltener ar- beitslos sind und mehr verdie- nen als häßliche

Lufthansa bleibt bei Kürzungsvorhaben

FrankFurt/main. Zum Auftakt der Tarifverhandlungen zwischen der Lufthansa und den Gewerk- schaften ver.di sowie der »Unab- hängige Flugbegleiter Organisa- tion« (UFO) hat die Airline ihre Entschlossenheit zur Einhaltung ihres Kürzungsprogrammes unterstrichen. Während die Ge- werkschaften 6,1 Prozent mehr

Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten für die rund 50 000 Beschäftigten am Boden und in der Kabine fordern, bot das Un- ternehmen in der ersten Runde am Freitag lediglich 3,3 Prozent über 15 Monate an. Zudem habe das Unternehmen seine Offerte, so ver.di, an Bedingungen wie eine Arbeitszeitverlängerung ge-

(Reuters/dapd/jW)

knüpft.

Berlin: Demo nach rassistischer Attacke

Berlin. Wenige Tage nach einem Angriff auf einen Marokkaner im Berliner Stadtteil Prenz- lauer Berg haben am Freitag abend rund 750 Menschen gegen Rassismus demonstriert. Der 23jährige Asylbewerber Hamid A. war am Morgen des 8. Januar von drei Männern als »Scheiß Kanake« beleidigt und, nachdem er sie zur Rede stellen wollte, niedergeschlagen worden. Anschließend traten sie

so auf ihn ein, daß er lebensbe- drohliche Hals- und Gesichts- verletzungen davontrug. Die

Täter sind flüchtig.

(jW)

Betroffene nicht gehört

Sachsen-Anhalts Innenminister will Polizeigewalt gegen Oury-Jalloh-Gedenkdemo »aufklären«. Parlamentarische Befragung aller Beteiligten abgelehnt. Von Christina Müller

K napp 250 Polizisten gegen

rund200Demonstranten:Mit

K napp 250 Polizisten gegen rund200Demonstranten:Mit Sowohl vor als auch nach dem Oury-Jalloh-Gendenkmarsch am 7.

Sowohl vor als auch nach dem Oury-Jalloh-Gendenkmarsch am 7. Januar in Dessau ging die Polizei massiv gegen Demonstranten vor

tar Bah in seinem Laden in Dessau auf und verlangten, die Parole zu un- terlassen, da sie ein Straftatbestand sei.« Am Samstag sei die Polizei mit massivem Aufgebot angerückt und ha- be noch vor Beginn »gezielt schwarze Demonstranten aus der Menge gezo- gen, mit Pfefferspray besprüht oder geschlagen«. Transparente seien ge- waltsam entrissen worden. Erst mit über einer Stunde Verspätung habe die Demonstration beginnen können.

Bah erinnerte sich am Donnerstag im Gespräch mit jW weiter: »Gegen 17 Uhr, als einige Teilnehmer abrei- sen wollten, rannte eine große Gruppe von Polizisten in den Bahnhof. Ich schaute nach und bekam mit, wie meh- rere Beamte zwei junge Frauen miß- handelten. Eine wurde an den Haaren gezogen. Ich sagte: Bitte wenden Sie sich an mich, ich bin Veranstalter. Ich suchte das Aktenzeichen heraus und machte weitere Polizisten auf den Vor-

fall aufmerksam. Da holte ein Beam- ter aus und schlug mir seinen Helm vor den Kopf.« Er könne sich noch erinnern, die Hand zum Schutz ge- hoben und dann Pfefferspray direkt in die Augen bekommen zu haben. Initiativenmitglied Komi Edzro bestä- tigte die Schilderung gegenüber jW und ergänzte: »Ich wollte ihm helfen, bin dazwischengegangen und bekam selbst einen Faustschlag direkt übers Auge.« Während Edzro ambulant ver- sorgt werden konnte, wurde Bah be- wußtlos ins Krankenhaus eingeliefert. Beide hoffen, daß die Aufnahmen der Überwachungskameras im Bahnhof Klarheit bringen. Ein Anwalt hat ihre Auswertung beantragt. Innenminister Stahlknecht zeigte sich hingegen überzeugt, »daß erheb- liche Gewalt von den Demonstran- ten ausging«. Für ihn sei auf Poli- zeivideos »zunächst nur ersichtlich, daß Herr Bah mit der ausgestreckten Faust versucht, einen Polizisten zu schlagen oder sogar schlägt«. Unterdessen hat das Magdeburger Landgericht neue Verhandlungster- mine gegen Andreas Schubert, den damaligen Leiter der Dienststelle, in der Jallo zu Tode kam, anberaumt. Die Nebenklage, die Jallohs Fami-

lie vertritt, hatte den Prozeß mit Un- terstützung der Initiative im Januar

2011 nach einem zuvor erfolgten Frei-

spruch ins Rollen gebracht. Viele De- tails, wie die Herkunft des Feuerzeu- ges, mit der Migrant sich selbst an- gezündet haben soll, oder der Grund

für den zögerlichen Informationsfluß an das Innenministerium, den Lage- dienst und das Landeskriminalamt, sind bis heute unbekannt. Zudem er- schweren fehlende Berichte in den Akten die Aufklärung. Schubert wird unter anderem vorgeworfen, nicht schnell genug auf das Signal des Feu- ermelders reagiert zu haben. Christina Müller

einer Prügelorgie endete am

Samstag, dem 7. Januar, das friedlich begonnene Gedenken an den vor sie- ben Jahren in einer Dessauer Polizei- zelle verbrannten Asylbewerber Oury Jalloh. Anstoß waren Transparente mit der Aufschrift »Oury Jalloh – das war Mord«. Sachsen-Anhalts Innen- minister Holger Stahlknecht (CDU) versprach nach dem Einsatz eine »lückenlose Aufklärung«. Er und der verantwortliche Dessauer Polizeiprä- sident Kurt Schnieber äußerten sich dazu am Donnerstag nichtöffentlich im Innenausschuß des Landtags. Die Linke beantragte die Anhörung aller Beteiligten. Das aber lehnte die Aus- schußmehrheit ab. Ein Ermittlungsverfahren zu füh- ren, obliege der Staatsanwaltschaft und nicht dem Ausschuß, begründete CDU-Abgeordneter Jens Kolze ge- genüber der Mitteldeutschen Zeitung (Freitagausgabe). Den Antrag der Linkspartei bezeichnete er als »nicht sachdienlich«. Die Staatsanwalt- schaft habe zudem das Videomaterial der Polizei nicht zur Vorführung frei- gegeben. Die anfängliche Begründung der Polizei, die Parolen seien nach Jahren erstmals wieder zu lesen gewesen, hat sich als falsch herausgestellt: Der Fotografenverein »Umbruch« zeigt in seinem Bildarchiv im Internet Fotos aus Dessau von 2007 bis 2012, auf de- nen die Parole mehrfach zu lesen ist. Neu ist aber Polizeipräsident Schnie- ber. Er ist erst seit einem halben Jahr im Amt und hatte schon im Vorfeld angekündigt, diese Aussagen – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – nicht zu dulden. Die Initiative »In Gedenken an Ou- ry Jalloh« berichtet auf ihrer Inter- netseite: »Bereits zwei Tage vorher suchten Polizisten Veranstalter Mouc-

»Raubritter in Bandenburg«

Der Fall Hermann von Berg: Nach 22 Jahren Kampf gegen »Rückübertragung« soll sein Haus am Mittwoch vom Gerichtsvollzieher geräumt werden. Von Arnold Schölzel

F ür den heutigen Montag haben

sich im Haus des Wirtschafts-

ter angesagt, die ihn untersuchen sollen. Am kommenden Mittwoch soll der Ge- richtsvollzieher eine Zwangsräumung vornehmen, d. h. von Berg und des- sen Ehefrau rauswerfen. Es wäre der Schlußpunkt im Kampf gegen das 1990 im Bundesfinanzministerium ersonnene Prinzip »Rückgabe vor Entschädigung« für Immobilien in der DDR, auf die Westdeutsche Ansprüche erheben. Über die Zahl der Restitutionverlangen gibt es keine amtlichen Angaben, Schätzungen liegen bei 400 000 Verfahren. Die »Rückübertragung« beanspruch- te im Frühjahr 1990 ein Beamter des Westberliner Staatsschutzes und Nach- komme eines Altnazis namens Wolf- gang Kotsch, der sich als »Weststasi« bei von Berg vorstellte. Der seinerzeit entfachte Rechtsstreit dauert nun 22 Jahre. Allein die Dauer des Verfahrens spricht elementaren Bürger- und Men- schenrechten Hohn. Hinzu kommt: Der Fall ist voller Merkwürdigkeiten. So wurde z. B. Kotschs Erbschein, aus dem er seine Ansprüche ableitete, 2002 vom Nachlaßgericht Berlin-Tempelhof- Kreuzberg für ungültig erklärt. Begrün-

dung: Der Erbschein sei für Rechte an Immobilien in Ostdeutschland erteilt worden. »Eine Prüfung, ob Grundbesitz auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zum Nachlaß gehört, erfolgte seinerzeit nicht.« Und weiter: »Die Erblasserin war bei ihrem Tod nicht Eigentüme- rin eines Grundstückes in der DDR«. Dennoch beanspruchen die Erben des inzwischen Verstorbenen weiter eine »Rückgabe«. Von Berg gehört zu den wenigen Ostdeutschen, die sich zur Wehr setz- ten. In den 60er Jahren war er als DDR- Unterhändler in der BRD und Westber- lin unterwegs. Für sein Haus war er seit 1976 im Grundbuch als Eigentümer eingetragen. Nach der Veröffentlichung des »Manifests« eines »Bundes demo- kratischer Kommunisten« an der Jah- reswende 1977/78 im Spiegel und nach einer Reihe von Publikationen im SPD- und DGB-Verlag wurde er 1986 aus der DDR ausgebürgert. Seine Eigentums- rechte wurden auf seine dort verblie- benen Söhne übertragen. Da es sich um »redlichen Erwerb« handelte, lag keine »offene Vermögensfrage« 1990

vor. Von Berg wirft aber den an den juristischen Auseinandersetzungen be- teiligten Behörden und Gerichten Un- terdrückung bzw. Fälschung von Akten vor und spricht von »Raubrittertum in Bandenburg«. Das hat seine Grundlage allerdings im Bundes»recht«: Das Bon- ner Finanzministerium hatte seinerzeit zum Umgang mit Ostdeutschen bei Forderungen Westdeutscher festgelegt:

»Jeder Bearbeiter eines Vorgangs sollte sich stets der Tatsache bewußt sein, daß das Verfahren nach dem Vermögens- gesetz nicht den Zweck hat, die Recht- mäßigkeit oder Rechtswidrigkeit der früheren Enteignungen oder Inverwal- tungsnahmen zu beurteilen. Vielmehr geht es darum, die früheren Rechts- positionen der Betroffenen zügig wie- derherzustellen.« (Vermögensgesetz, u. a. Beck Texte, München 1993, Seite

262 und jW vom 9. März 2001) Wer

sich gegen die damit dekretierte ver- mögensrechtliche Vogelfreiheit wehrt, auf den warten Psychiatrie und Zwangs- maßnahmen. Aus späteren Auflagen der Beck-Texte ist die zitierte Passage übrigens verschwunden.

wissenschaftlers und Historikers

Hermann von Berg (78) in Schöneiche bei Berlin gerichtlich bestellte Psychia-

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DAPD/JENS SCHLUETER

junge Welt

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

politik

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Neonazis rüsten auf

Aufmarsch konnte nicht blockiert werden. 1 200 Rechte aus dem ganzen Bundesgebiet zogen am Samstag unter Polizeischutz durch Magdeburgs Innenstadt. Von Susan Bonath, Magdeburg

Karlsruhe: Zschäpe bleibt in Haft

Berlin. Die Bundesanwaltschaft (BAW) weist Zweifel am Ver- dacht gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe zurück. Man sei überzeugt, daß Zschäpe die Terrorgruppe NSU mitbegründet und sich »bis zum Schluß« an ihr beteiligt habe, sagte ein Sprecher der Karlsru- her Behörde am Wochenende. Er bestätigte, daß die BAW auf die Haftbeschwerde von Zschä- pes Anwälten reagiert hat. Die Pannenserie bei der Aufklärung des Rechtsterro- rismus führte unterdessen zu Veränderungen im Bundesamt für Verfassungsschutz. Zum Jahreswechsel habe Behörden- chef Heinz Fromm dem Leiter der Abteilung zwei, Artur Hert- wig, die Zuständigkeit für den Rechtsextremismus entzogen, berichtete der Spiegel am Sonn- tag. Den Posten soll demnach Dinchen Franziska Büddefeld übernehmen. Zudem räumte Bundesinnen- minister Hans-Peter Friedrich (CSU) Defizite bei den Ermitt- lungen zu dem Fall ein. Dem Tagesspiegel am Sonntag sagte er, der Rechtsextremismus sei »ein schwierigeres und gefähr- licheres Phänomen, als es viele Experten bislang eingeschätzt haben«. Deshalb habe er die Trennung der 2006 zusam- mengelegten Abteilungen für Links- und Rechtsextremismus im Bundesamt für Verfassungs- schutz angeordnet.

(dapd/jW)

R und 2 000 Polizeibeamte ha- ben etwa 1 200 Neonazis auf einer weiträumig abgeschirm-

ten Route in Sachsen-Anhalts Landes- hauptstadt »freien Lauf« garantiert. Deren »Trauermarsch zum 16. Januar 1945« war bereits der 14. in Folge, mit dem die Bombardierung Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg zum Anlaß ge- nommen wird, die Verbrechen der deutschen Faschisten zu verharmlo- sen. Er führte entlang einer Hauptstra- ße aus dem nördlichen Teil der Stadt ins Zentrum. Aktivisten sind alarmiert, sprechen von der »bislang höchsten Mobilisierung in der rechten Szene zu diesem Anlaß«. Während Vertreter von Stadt, Kirche, Vereinen und Parteien sich auf der »Meile der Demokratie« um das Image der Stadt sorgten, ver- suchten mehrere hundert Menschen,

die Neonaziroute zu blockieren. Die Polizei reagierte mit Einkesselungen, Identitätsfeststellungen, Platzverwei- sen und dem Einsatz von Pfefferspray. 22 Personen wurden in Gewahrsam genommen und drei Blockaden ge- räumt. In den Abendstunden meldete die Polizei Ausschreitungen. Organisatoren werteten die vierte Demokratiemeile mit rund 10 000 Be- suchern am Abend als »Erfolg«. Die Stadt Magdeburg, 170 Vereine, Par- teien, Gewerkschaften, Schulen und Bands hatten Informationsstände und ein »buntes Programm« gestaltet. Vom Hundertwasserhaus bis zum Alten Markt wurde eine »symbolische Men- schenkette« gebildet. An der Synagoge am Neustädter Bahnhof hielten mehre- re hundert Menschen eine Mahnwache ab. Spitzenpolitiker von Linkspartei, SPD und Grünen forderten erneut das NPD-Verbot und »Konsequen- zen im Hinblick auf die Mordserie der Zwickauer Terrorzelle«. Linkspar- teivorsitzende Gesine Lötzsch sagte:

»Wir brauchen nicht nur einen Auf- stand der Anständigen, sondern auch einen Aufstand der Zuständigen.« Antifaschistische Bündnisse hatten versucht, den Aufmarsch zu blockie- ren. Aktivisten sprachen von »sehr ag- gressivem und repressivem Auftreten der Polizeieinsatzkräfte rund um eine

hermetisch abgeriegelte Innenstadt«. Am Vormittag umstellten Beamte die Synagoge und verlangten zum Teil die Ausweise von Teilnehmern der Mahn- wache, sowohl beim Einlaß als auch beim Verlassen. Augenzeugenberich- ten zufolge seien auch in nicht abge- sperrten Straßen »wahllos Personen zur Identitätsfeststellung festgehalten« worden und hätten »Platzverweise und Androhungen von Ingewahrsamnah- men erhalten«. Im Nordpark sei es zu mehreren Verfolgungsjagden durch Polizeikräfte gekommen. Die Beamten räumten den Einsatz von Pfefferspray ein. Mehrere Gruppen von Aktivisten mußten stundenlang in Polizeikesseln ausharren, unter anderem auf dem Universitätsgelände. Drei Blockaden von jeweils rund 20 bis 30 Antifa- schisten, die trotzdem gelangen, wur- den von Einsatzkräften geräumt. Als die Neonazis gegen 16.30 Uhr an der Universität vorbeimarschierten, wurde mehrfach Pyrotechnik in Richtung des

Aufzuges geworfen. Eine Mülltonne geriet in Brand. Eine Blockadeteilnehmerin äußerte sich am Samstag abend zu junge Welt fassungslos darüber, daß »die Neofa- schisten, genehmigt von Polizei und Stadt, direkt an der Demokratiemeile und damit an der Synagoge vorbei- marschieren durften«. »Das Bündnis »Blockieren MD« zeigte sich ent- täuscht, daß der Aufmarsch nicht ver- hindert werden konnte, konstatierte aber »weitaus bessere Mobilisierung für Gegenaktionen als in den vergan- genen Jahren«. Wie die Polizei am Sonntag mit- teilte, eskalierte am Abend die Situa- tion. »Linke Jugendliche« hätten Be- amte aus einer Wohnung im Bezirk Stadtfeld mit Gegenständen beworfen. Ein Polizist sei knapp von einer 40 mal 20 Zentimeter großen Betonplat- te verfehlt worden. Das Gebäude, in dem sich auch ein linksalternatives Ju- gendzentrum befindet, wurde darauf-

hin von 200 Polizeikräften umstellt. Nach Verhandlungen, in die auch zwei Anwälte eingebunden waren, ließen die 50 Bewohner des Hauses gegen Mitternacht ihre Personalien aufneh- men und verhinderten so eine Stür- mung des Gebäudes. Jetzt ermittele die Staatsanwaltschaft wegen »ver- suchten Totschlags«. Es existiere ei- ne Personenbeschreibung des Täters. Hausbewohner erinnern sich jedoch nur, »daß mehrere Feuerwerkskörper sowie Teile von Blumentöpfen und eines Waschbeckens geflogen sind«. Zuvor habe die Polizei die Jugendli- chen »rabiat« vom Hauptbahnhof nach Stadtfeld »getrieben«. Indes wurde in der Nacht zum Sonntag erneut ein Anschlag auf das Wahlkreisbüro des Magdeburger Frak- tionsvorsitzenden der Linkspartei, Wulf Gallert, verübt, wie die Partei am Sonntag erklärte. Bei diesem »zweiten Übergriff innerhalb kürzester Zeit« seien Scheiben zu Bruch gegangen.

kürzester Zeit« seien Scheiben zu Bruch gegangen. Erinnerung an KZ-Häftlinge: Teilnehmer einer der

Erinnerung an KZ-Häftlinge: Teilnehmer einer der Magdeburger Antinaziblockaden

Neue Vorwürfe gegen Wulff

Berlin. Bundespräsident Chri- stian Wulff ist am Wochenende durch neue Berichte über Zah- lungen zu seinen Gunsten bela- stet worden. Nach Angaben von Bild am Sonntag und Spiegel bezahlte der Berliner Filmun- ternehmer David Groenewold Wulff ein Zimmer-Upgrade bei dessen Besuch des Münchner Oktoberfests 2008. Der dama- lige niedersächsische Minister- präsident soll davon aber nichts gewußt haben. Im Spiegel hieß es, Wulff habe einen Teil seiner eigenen Hotelrechnung später mit Staatskanzlei und CDU ab- gerechnet, weil er auch dienst- liche Termine in München gehabt habe. Er war damals auf Einladung Groenewolds nach München gereist und hatte mit seiner Frau an einem Fest des Unternehmers teilgenommen. (AFP/jW)

Atommüll soll schneller geborgen werden

Minister fordert Nutzung aller Möglichkeiten zur Beschleunigung. Expertentagung in Braunschweig

D ie Forderungen nach einer zü- gigeren Bergung der radioak- tiven Abfälle aus dem Atom-

mülllager Asse werden lauter. Bun- desumweltminister Norbert Röttgen (CDU) verlangte in der Braunschwei- ger Zeitung (Samstagausgabe), »alle Möglichkeiten der Beschleunigung zu ergreifen«. Röttgen zeigte sich auch offen für ein Schnellverfahren zur Gefahrenabwehr, mit dem der Atom- müll ohne das langwierige atomrecht- liche Genehmigungsprozedere aus dem Bergwerk geholt werden könnte.

Atomkraftgegner warnten hingegen vor einem solchen Vorgehen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hatte vor mehr als einem Jahr beim niedersächsischen Umweltmini- sterium die atomrechtliche Genehmi- gung zum Anbohren von zwei Kam- mern mit Atommüll beantragt. Von

den Ergebnissen der Bohrungen soll das weitere Vorgehen bei der Rückho- lung abhängig gemacht werden. Das Ministerium genehmigte die Probe- bohrungen im April, versah den Be- scheid aber mit mehr als 30 Auflagen. Diese konnten vom BfS bislang nicht vollständig abgearbeitet werden. Kurz vor Weihnachten gelangte ein interner Vermerk aus dem BfS an die Öffent- lichkeit, in dem sich ein Abteilungslei- ter skeptisch zeigte, daß die Bergung beim bisherigen Tempo noch realisiert werden könne. Das Bergwerk Asse ist einsturzgefährdet und droht, mit Was- ser vollzulaufen. Bei dem nun in Rede stehenden schnelleren Verfahren zur Gefahrenab- wehr geht es um Paragraph 19, Absatz 3 im Atomgesetz. Danach kann die zuständige Aufsichtsbehörde bei einer akuten Gefährdungslage unter ande-

rem anordnen, daß der Betrieb von Atomanlagen einstweilen oder endgül- tig eingestellt wird. Die Wolfenbütteler Atomausstiegs- gruppe (WAAG) erklärte, eine An- wendung dieser Regelung könne dazu führen, daß die Bürgerbeteiligungs- rechte aufgegeben würden. Das gelte auch dann, wenn sich das BfS von der Option Rückholung verabschiede und sich für die Verfüllung des Lagers entscheide. »Es gibt aber Möglichkei- ten, das Verfahren und die Arbeiten zu beschleunigen, ohne Rechte aufzuge- ben«, sagte ein WAAG-Sprecher. So könne die Asse rechtlich in mehrere Atomanlagen aufgeteilt werden. Dies schaffe die Voraussetzung, mit der Bergung in den leichter zugänglichen Kammern früher zu beginnen. Zahlreiche mit dem Thema befaß- te Experten werden ab Mittwoch auf

einer Klausurtagung in Braunschweig beraten, wie das Verfahren beschleu- nigt werden kann. (dapd/jW)

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Danksagung

Für die liebevollen Beweise der anteilnahme beim abschied von meinem lieben Mann

Michael Horn

24.9.1954 – 11.12.2011

möchten wir danke sagen. sie spendeten uns viel kraft und Trost. Es ist schön zu wissen, daß so viele Michael kannten und noch immer wertschätzen. Danke für jedes Trostwort, jedes nahesein und für jede umarmung.

Birgit Horn im namen aller angehörigen

Berlin, im Januar 2012

AP/AP PHOTO

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politik

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

junge Welt

Tote durch Explosion in Pakistan

lahore. Bei einer schiitischen Prozession in Pakistan sind am Sonntag 16 Menschen durch eine Explosion getötet worden. Bei dem Vorfall in der zentralen Provinz Punjab seien zudem 25 Menschen verletzt worden, sag- te ein örtlicher Polizeisprecher. Ein ranghoher Polizeivertreter erklärte, daß es sich um einen Bombenanschlag handelte. Zu- nächst bekannte sich niemand zu dem Attentat.

(AFP/jW)

ElBaradei will nicht kandidieren

kairo. Der frühere Chef der Internationalen Atomenergie- behörde (IAEA), Mohamed ElBaradei, will sich nicht um den Posten des ägyptischen Staatschefs bewerben. »Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, für das Präsidentenamt oder irgend einen anderen offiziellen Posten zu kandidieren, solange es keine wirkliche Demokratie gibt«, erklärte ElBaradei am Samstag. »Wir haben alle das Gefühl, daß das ehemalige Re- gime nicht gestürzt ist«, sagte der Friedensnobelpreisträger des Jahres 2005. Der Staatsap- parat werde weiter gesteuert, »als wenn es die Revolution nicht gegeben hätte«, sagte El- Baradei.

(AFP/jW)

Ungarn:Jobbik fordert EU-Austritt

BudapeSt. Die rechtsextreme ungarische Partei Jobbik hat ein Referendum über einen Austritt ihres Landes aus der EU gefordert. »Ungarn muß aus dieser Union austreten«, sagte Parteichef Gábor Vona bei einer Kundgebung vor rund 3 000 Anhängern am Samstag in Budapest. Die Ankündigung der EU, wegen demokratie- einschränkender Gesetzesän- derungen der Regierung mit rechtlichen Schritten gegen Ungarn vorzugehen, bezeichne- te Vona als »Kriegserklärung«. Am Ende der Kundgebung verbrannten Jobbik-Mitglieder auf der Bühne eine Flagge der

Europäischen Union.

(dapd/jW)

Venezuela schließt Konsulat in Miami

CaraCaS. Nach der Ausweisung einer venezolanischen Diploma- tin aus den USA hat Präsident Hugo Chávez am Freitag die Schließung des Konsulats in Miami angekündigt. Während seiner Rede vor der National- versammlung kritisierte Chávez die Vereinigten Staaten und die US-Regierung als »Bedrohung für die Welt«. Die in Miami ansässige venezolanische Ge- neralkonsulin Livia Acosta Noguera war Anfang der Woche des Landes verwiesen worden. Sie soll während eines früheren Aufenthalts an der Botschaft Venezuelas in Mexiko die Mög- lichkeit von Cyber-Angriffen auf die USA diskutiert haben. (dapd/jW)

schiffskatastrophe vor der küste dertoskaNa

giglio. Rettungskräfte haben am Sonntag einen dritten Überlebenden in dem Wrack des vor der toskanischen Küste havarier- ten Kreuzfahrtschiffs »Costa Concordia« ausgemacht. Sie arbeiteten an seiner Be- freiung, sagte Feuerwehrsprecher Luca Cari 36 Stunden nach Beginn des Un- glücks. Bereits am Vorabend konnten die Rettungskräfte ein südkoreanisches Paar befreien, das auf dem Schiff seine Hoch- zeitsreise machte. Allerdings war der Ver- bleib von 17 der über 4 200 Menschen, die an Bord waren, am Sonntag nachmittag ungeklärt. Mindestens fünf Menschen kamen dem- nach ums Leben, 60 wurden teils schwer verletzt, nachdem das Schiff am Freitag abend vor der toskanischen Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen, in Schieflage geraten und schließlich auf die Seite ge- kippt war. Viele Fragen nach der Ursache des Unglücks und dessen Hergang blieben zunächst offen. Taucher der Küstenwache hätten die sogenannte »Black Box« des Schiffs geborgen, sagte ein Sprecher der Guardia Costiera dem Fernsehsender Sky Italia. Die darauf aufgezeichneten Naviga- tionsinformationen sollen Antworten auf einige der offenen Fragen liefern. Der Kapitän der »Costa Concordia« sei zum Verhör festgenommen worden, berichtete das öffentlich-rechtliche italie- nische Fernsehen. Die Staatsanwaltschaft

italie- nische Fernsehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn demnach wegen fahr- lässiger Tötung,

ermittelt gegen ihn demnach wegen fahr- lässiger Tötung, Verursachung eines Schiff- bruchs und wegen des Verlassens des Schiffs vor anderen. Viele der über 3 000 Passagiere be- klagten, daß die Besatzung ihnen keine

ausreichenden Anweisungen zur Evaku- ierung gegeben habe. Außerdem werfen sie der Crew vor, die Aussetzung der Ret- tungsboote so lange verzögert zu haben, bis sie wegen der Schräglage des Schiffs nicht mehr ausgebracht werden konnten.

Mehrere Kreuzfahtteilnehmer berichte- ten, Besatzungsmitglieder hätten ihnen 45 Minuten lang erzählt, der Lichtausfall sei durch ein einfaches technisches Problem verursacht worden.

(dapd/jW)

Krieg als Planspiel

Katar will arabische Armeen in Syrien einmarschieren lassen. Von Karin Leukefeld, Beirut

D er syrische Präsident Baschar Al-Assad hat eine General- amnestie für alle seit dem

Beginn der Protestwelle in Syrien begangenen Straftaten erlassen. Die Maßnahme beziehe sich auf Taten, die zwischen dem 15. März 2011 und dem 15. Januar 2012 verübt worden seien, berichtete die amtliche Nachrichten- agentur SANA am Sonntag. Einzelhei- ten wurden nicht genannt. Assad hatte bereits früher Straffreiheit verkündet. Für desertierte Soldaten war vor eini- gen Wochen bereits eine dreimonatige Amnestiefrist eingeräumt worden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte sich am Sonntag morgen am Rande einer Konferenz über »Demo- kratie in der arabischen Welt« in der libanesischen Hauptstadt Beirut zur Lage in Syrien geäußert. Der Weg der Unterdrückung führe in eine »Sack- gasse«, sagte Ban Ki Moon. »Dem Präsidenten von Syrien, Assad, sage ich noch einmal: Beenden Sie die Ge- walt. Hören Sie auf, Ihr Volk zu töten.« Der UN-Generalsekretär erwähnte demnach nicht die Gewalt, die von bewaffneten Aufständischen in Syrien ausgeht. Der Emir von Katar, Scheich Ha-

mad bin Khalifa Al-Thani, sagte der- weil dem US-Sender CBS, man müsse darüber nachdenken, arabische Ar- meen nach Syrien zu schicken, da- mit »das Töten aufhört«. Der frühere Generalsekretär der Arabischen Liga und Aspirant auf das ägyptische Prä- sidentenamt, Amr Moussa, griff das Stichwort umgehend auf. Am Rande der arabischen Demokratiekonferenz in Beirut forderte Moussa die Liga auf, die Entsendung von Soldaten nach Sy- rien zu prüfen und darüber zu beraten. Seit dem 26. Dezember befindet sich eine Beobachtermission der Arabi- schen Liga in Syrien. Die 163 Personen besuchen täglich Brennpunkte von Aus- einandersetzungen, Gefängnisse, Kran- kenhäuser und treffen sich mit Syrern, um deren Beschwerden und Erfahrun- gen zu protokollieren. Ein vorläufiger Abschlußbericht soll am kommenden Wochenende in Kairo von der Arabi- schen Liga erörtert werden. Es habe »einige Fortschritte« gegeben, sagte deren Generalsekretär Nabil Al-Arabi. Gleichwohl seien täglich Tote in Syrien zu beklagen, »die Liga will, daß das aufhört.« Die arabischen Staaten sind sich uneinig, wie sie sich Damaskus ge- genüber weiter verhalten sollen. Wäh-

rend eine Mehrheit ein stärkeres ziviles Engagement der Liga favorisiert und Bereitschaft erklärt hat, weitere Beob- achter nach Syrien zu entsenden, setzen vor allem Katar und Saudi-Arabien auf Konfrontation. Da Rußland und China mit ihrem Veto jede Entscheidung im UN-Sicherheitsrat für eine internatio- nale militärische Intervention in Syrien blockieren, setzen sie nun wohl auf eine militärische Operation arabischer Staaten wie in Bahrain. Ein Sprecher der syrischen Muslim- bruderschaft, die im oppositionellen Syrischen Nationalrat (SNR) vertreten ist, hatte kürzlich erklärt, ein militäri- sches Eingreifen des NATO-Mitglieds Türkei in Syrien sei einem internationa- len Angriff vorzuziehen. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu, der ebenfalls an der Demokratiekonferenz in Beirut am Wochenende teilnahm, hat- te Libanon aufgefordert, im Norden des Landes ein Camp für desertierte syri- sche Soldaten einzurichten, wo man sie verpflegen und für den weiteren Kampf gegen die reguläre syrische Armee trai- nieren könnte. Libanesische Medien be- richteten, das Ansinnen sei abgelehnt worden. Der Medienberater des Syrischen

Nationalrates, Osama Monajed, teil- te derweil mit, der SNR und die aus der Türkei agierende »Freie Syri- sche Armee« (FSA) hätten sich auf ein koordiniertes Vorgehen geeinigt. Um eine ständige Kommunikation zu gewährleisten, werde beim SNR ein Verbindungsbüro zur FSA eingerich- tet. Außerdem solle die Pressearbeit letzterer effizienter gestaltet werden. Ein extra Gremium soll zudem »die militärischen Operationen« der FSA überwachen und helfen, daß »Soldaten und Offiziere in großem Umfang aus der regulären syrischen Armee deser- tieren«.

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aus der regulären syrischen Armee deser- tieren«. ANZEIGE Protest gegen soziale Demontage Polizei geht mit Tränengas

Protest gegen soziale Demontage

Polizei geht mit Tränengas gegen Demonstranten in Rumänien vor

B ei Protesten gegen die Re- gierung in Rumänien ist die Polizei am Samstag mit Trä-

nengas gegen Demonstranten vorge- gangen. Bei den Auseinandersetzun- gen wurden nach Behördenangaben neun Menschen verletzt. Ein Polizist sei während einer nicht genehmigten Kundgebung auf einem Platz in der Hauptstadt Bukarest von Steinen am Kopf getroffen wurde. Dort hatten sich

mehr als 1 000 Menschen versammelt, um ihrem Ärger wegen Ausgabenkür- zungen der Regierung und dem sinken- den Lebensstandard Luft zu machen. Die Demonstranten blockierten den Verkehr auf einer Hauptstraße. Sie skandierten Slogans gegen die Regie- rung und forderten vorgezogene Neu- wahlen. Junge Männer kletterten auf Autos und schwenkten Flaggen. Die Protestaktion dauerte ungeachtet nied-

riger Temperaturen stundenlang an. Als sich die Teilnehmer nach sieben Stunden weigerten, den Platz zu räu- men, kam es zu Zusammenstößen mit Polizisten. Auch in anderen Städten kam es zu Kundgebungen. Die Aktionen dauern seit drei Tagen an. Sie begannen, nach- dem am Dienstag ein hochrangiger Beamter aus Protest gegen die vor- geschlagenen »Gesundheitsreformen«

der Regierung zurückgetreten war. Zwar forderte der rumänische Präsi- dent Traian Basescu von der Regierung am Freitag, auf die Änderungen zu verzichten. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt die öffentliche Empörung über den Staatschef und die Regierung bereits gestiegen. Rumäniens Kabinett will mit den drastischen Kürzungen Auflagen des Internationalen Wäh- rungsfonds erfüllen. (dapd/jW)

REUTERS/PICHI CHUANG

  

junge Welt

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politik

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Ma macht weiter

Regierungspartei und Amtsinhaber gewinnen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Taiwan. Von Thomas Berger

R und 18 Millionen Taiwaner ha- ben am Samstag ihren Präsi- denten und das Parlament neu

gewählt. Der amtierende Präsident Ma Ying Jeou von der Nationalen Volks- partei (KMT) trat gegen Oppositions- führerin Tsai Ing Wen von der De-

mokratischen Fortschrittspartei (DPP) und seinen ehemaligen Parteikollegen James Soong an. Der Amtsinhaber kam auf rund 51 Prozent der Stimmen, seine Herausforderin mußte sich mit

46 Prozent begnügen. Sie räumte ihre

Niederlage ein und kündigte zudem ihren Rücktritt von der DPP-Spitze an. James Soong holte drei Prozent. Im Parlament kann die Regierungs- partei weiter auf eine absolute Mehr- heit zählen. 64 der 113 Sitze reichen aus, um Gesetze im Alleingang be- schließen zu können. Der DPP gelang

es allerdings, ihre Präsenz von 27 auf

40 Mandate auszubauen. Die People

First Party (PFP) von James Soong kam ebenso wie die Taiwan Solidarity Union (TSU) auf drei Sitze und blieb damit hinter eigenen Erwartungen, sich klar als dritte Kraft mit zehn bis zwölf Mandaten zu etablieren, zurück. Die Wahlbeteiligung lag mit 70 Pro- zent etwas unter dem Wert vom vori- gen Mal. Das Ergebnis sorgt vor allem in Pe- king für Erleichterung. Ma hatte in sei- ner bisherigen Amtszeit großen Wert auf eine Verbesserung der Beziehun-

Amtszeit großen Wert auf eine Verbesserung der Beziehun- Alter und neuer Präsident Taiwans: Ma Ying Jeou

Alter und neuer Präsident Taiwans:

Ma Ying Jeou

gen zum Festland gelegt und mit diver- sen bilateralen Abkommen versucht, das Wirtschaftswachstum in Schwung zu bringen. So schlossen Taipeh und Peking im Juni vergangenen Jahres ein Handelsabkommen, mit dem die Zölle für Hunderte Güter gesenkt wurden. In den vergangenen dreieinhalb Jahren öffnete Ma das Land zudem für Tou-

risten aus China und erhöhte die An-

zahl der Flüge vom Festland. Mehr als eine Million Festlandschinesen sind

2011 auf die Insel gereist. Trotz des

weiter andauernden Konflikts gelten die Beziehungen zwischen China und Taiwan derzeit als so gut wie niemals zuvor. Trotz dieser Erfolge gibt es Proble- me auf dem Arbeitsmarkt. Mit vier Prozent ist die Zahl der Jobsuchenden für taiwanesische Verhältnisse ziem- lich hoch. So waren die Arbeitslosig- keit und Forderungen nach mehr so- zialer Gerechtigkeit für die DPP im Wahlkampf die Hauptangriffspunkte gewesen. In ihrer wirtschaftspoliti- schen Grundorientierung unterschei- det sich aber auch die wichtigste Op- positionspartei kaum von der regieren- den KMT. Taiwan hätte die Chance gehabt, erstmals eine Präsidentin zu bekom- men. Doch auch wenn Tsai weniger als ihre Vorgänger formelle Unabhän- gigkeit verlangt hat und das Thema im Wahlkampf eher mied, mißtrauen ihr doch etliche Landsleute. Sie fürch- ten, mit einer Wiederaufnahme solcher Forderungen die Beziehungen zu Pe- king erneut zu belasten. Die Volks- republik China sieht Taiwan, das seit 1949 eigene Wege geht, schließlich noch immer als »abtrünnige Provinz«. Mit der Bestätigung Mas im Amt wird die Kooperation fortgesetzt. (mit dapd)

Aufruhr in Yapacaní

Drei Tote bei Konflikt in Boliviens Oppositionshochburg Santa Cruz

D ie bolivianische Kleinstadt Yapacaní kommt nicht zur Ru- he. Vergangene Woche wur-

de das 30 000-Einwohner-Idyll 100 Kilometer nordwestlich der Tiefland- Departamento-Hauptstadt Santa Cruz Schauplatz blutiger Zusammenstöße zwischen Gegnern und Befürwortern des Bürgermeisters. Drei Menschen kamen am Mittwoch ums Leben. Bei den Opfern handelt es sich um Abel Rocha (26 Jahre), Maicol Sosa (23 Jah- re) und Eliseo Rojas (22 Jahre). Ersten Angaben der Staatsanwaltschaft zufol- ge starb Rocha durch Gewehrschüsse ins Herz. Sosa wurde durch ein Neun- Millimeter-Geschoß getötet. Rojas er- lag einem Stromschlag. Mindestens

50 Anwohner und 17 Polizisten wur-

den zum Teil schwer verletzt. Schnelle Aufklärung verspricht Staatsanwalt Milton Molina. Die tragischen Ereignisse in Yapa- caní hatten sich lange angekündigt. Bürgermeister David Carvajal von der regierenden »Bewegung zum Sozialis- mus« (MAS) werden Korruption und Mißwirtschaft vorgeworfen, auch aus MAS-Reihen kommt Kritik. Anhän- ger der »Vereinigung interkultureller Gemeinden« und der sozialdemokra- tischen Oppositionspartei »Bewegung ohne Angst« (MSM) hatten im Novem- ber 2011 das Rathaus gestürmt. Dar- aufhin zerstörten Carvajal-Verteidiger wegen »Antibürgermeisterhetze« ei- ne Radiostation und den TV-Sender »Station 8«. Wie Remberto Alejandro vom »Komitee zur Verteidigung Yapa- canís« damals erklärte, blockiere die Opposition »alle Regierungsversuche

des Bürgermeisters«. Dennoch wurde Carvajal vom Amt suspendiert, wenig später jedoch von einem Gericht in allen Punkten rehabilitiert. In der vergangenen Woche waren Hunderte gegen die geplante Wieder- einsetzung des Bürgermeisters auf die Straße gegangen. Polizeistation und Behördenbüros gingen in Flammen auf. Noch am Mittwoch floh Car- vajal nach Santa Cruz. Nach seiner Verzichtserklärung rief das Nationale Wahlgericht für Yapacaní Neuwahlen aus. La Paz versprach derweil weitere Untersuchungen. Laut Innenministe- rium sei den rund 600 Polizisten, die zur Beruhigung der Lage angefordert waren, am Mittwoch abend um 19.40 Uhr der Rückzug befohlen worden. Beim Ausrücken seien die Polizisten mit Schußwaffen »auf Höhe der Brük- ke angegriffen worden«. Erst dann hät- ten die Behörden Informationen über den Tod von zwei Anwohnern »durch den Gebrauch von Jagdgewehren« er-

Die Tageszeitung Terroristische Diktatur junge W elt Bemerkungen zu Typen und Entwick- lungsetappen 
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Faschismus. 
des  Buches 
Nr. 1 · 1,30 Euro · PVSt A11002 · Entgelt bezahlt
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  Neuauflage  Kurt Gossweiler. Vorabdruck aus der  Reichswehr und NSDAP«.
Seiten 1 »Kapital,  Von 
Gegründet 1947
·
Montag, 2. Januar 2012 ·
Angesagt
Aufgestiegen
Ausgeweitet
Rüsten   statt verh
Vom Atomausstieg
2
EU vor besetzen
Asse am Anwohner bei
Finanzkrise:
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besetzt: 600
Äthiopische
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Campact zieht zur
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5
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6
Somalia.
Kampf
Internetkampagnen. Interview
büttel
protestieren
Silvestertag
ostafrikanisc
EU reagiert
zurückhaltend
Iran Teherans
Gesprächsaufforderun
der Kampagne
Zuge
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V
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Mi-
litärlieferungen
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Verhandlungstisch
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Ashton
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Teherans
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angekündigt.
Die
Verant-
für
die
EU-Außenpolitik
ist
der
Sechsergruppe
bestehend
den
USA,
Rußland,
China,
Groß-
Frankreich
und
Deutsch-
mit
der
Aufrechterhaltung
der
zum
Iran
beauftragt.
Das
vorerst
letzte
Treffen
zwischen
der
sechs
Staaten
und
Te-
hatte
im
Januar
2011
im
tür-
k sign »vertra »bedeuten Iran neues den zurückhaltend. nische Sprecher Termins war kischen herans Vertretern Kontakte land aus britannien, von wortliche Sonnabend Chefunterhändler ben gefordert. Rückkehr region
Istanbul
stattgefunden
un
ohne
Vereinbarung
eines
ne
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halten. Ein Polizist verlor im Einsatz das linke Auge, zwei wurden mit Feu-

erwaffen ins Gesicht geschossen, elf in den Rücken, so die amtliche Bilanz. Unbestätigte Medienberichte beschul- digen hingegen die Sicherheitskräfte des Einsatzes scharfer Munition. Mit Genuß schlachtet derweil Boli- viens Oppositionslager die »Toten der Morales-Regierung« aus. Die MAS- Administration habe »jeden Respekt vor dem menschlichen Leben verlo- ren«, twitterte der ehemalige Interims- präsident Carlos Mesa. Auch der Chef der neoliberalen »Unidad Nacional« (UN), Baustoffmillionär Samuel Me- dina, meldete sich per Social Media. Gegen Kriminelle fehle es der Polizei an Ressourcen, für die »Niederschla- gung von Indigenen in Yucumo oder zur Verteidigung eines Bürgermeisters aber gibt es Hunderte«, spielte Medina auf die mißlungene Auflösung eines Demonstrationszugs im September

2011 an. Die Zeit sei reif, so Medi-

na, eine »gemeinsame Plattform zur Forderung von Menschenrechten« ein- zurichten und eine »gemeinsame Er- klärung« abzugeben. Damit ist die an den Urnen chancenlose Opposition auf einer Linie mit Diplomaten aus den USA, Großbritannien und Deutsch-

land. Auf Einladung der US-Botschaft

bildeten die Botschafter 2010 eine »Ar-

beitsgruppe« zwecks Überwachung der

»Demokratie und Menschenrechte«, so Wikileaks-Cables. Laut John Creamer, Leiter der US-Vertretung, werde man auf »Menschenrechtsverletzungen« die »bestmögliche internationale Antwort geben«. Benjamin Beutler

Merkel

rettet

Europa

Die Renten steigen

im Kommen

Verfassungsschutz:

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Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

junge Welt

die LiNke uNd die diktatoreN

Distanziert auf Anfrage

u Von Knut Mellenthin

D ie parlamentarische Ge-

schäftsführerin der Linken

im Bundestag »distanziert

sich auf Anfrage«, wie Miriam Holl- stein am Sonnabend in Springers rechtem Kampfblatt Die Welt trium- phierend melden konnte. Dagmar Enkelmann ist in ihrer Partei bei weitem nicht die einzige, die den Mainstreammedien auf An- und Abruf zur Verfügung steht, sobald diese sich O-Töne aus der Partei wünschen, um die Linke als zerstrit- ten, unglaubwürdig und handlungs- unfähig zu diskreditieren. Im aktuellen Fall hat sich die Ab- geordnete von sechs Kolleginnen und Kollegen ihrer Fraktion distanziert, deren Namen zusammen mit Hun- derten anderen unter einem Aufruf stehen, der die Überschrift trägt:

»Kriegsvorbereitungen stoppen! Embargos beenden! Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens!« En- kelmann habe, berichtet die Welt, auf Anfrage erklärt: »Es wäre falsch, jetzt das Atomembargo gegen den Iran aufzuheben.« Und außerdem: »Die Linke unterstützt Diktatoren wie Ahmadinedschad oder Assad nicht.« Was die Abgeordnete mit »Atom- embargo« meint, erschließt sich an- gesichts des breiten Spektrums von Sanktionen gegen den Iran nicht auf Anhieb. Der Begriff läßt vielmehr den Verdacht aufkommen, Enkel- mann wisse über Ursachen und Ent- wicklung des Konflikts sehr wenig. Auch die Bezeichnung Ahmadined- schads als »Diktator« zeugt nicht gerade von Kenntnis der innenpo- litischen Strukturen Irans. Das sind schlechte Voraussetzungen für die Entwicklung einer politischen Po- sition, die über hilflose Kindergar-

tenpädagogik – »Haut euch nicht! Vertragt euch!« – hinausgeht. Ausgelöst hatte die Distanzie- rungswelle, die derzeit durch die Partei rauscht, der Fanklub der is- raelischen und US-amerikanischen Streitkräfte in der Linken, der unter dem Namen Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom absolute Narren- freiheit für die Verherrlichung imperialistischer Kriege und Mili- tärinterventionen genießt. Die zwar personalschwache, aber lautstarke Provokateurstruppe hatte den Auf- ruf gegen die Kriegsvorbereitun- gen als »linke Solidarität mit den Schlächtern von Syrien und Iran« angegriffen und gefordert, daß die Unterstützer aus der Linkspartei »ihre Unterschrift sofort zurück- ziehen« müßten. Die Linke müsse endlich »Schluß machen mit ihrem Antiamerikanismus«. Die Reaktionen zeigen wieder einmal, daß man in der Partei Die Linke mit einer klaren, konkreten Antikriegsposition mehr Wider- spruch und Distanzierungen riskiert als mit dem genauen Gegenteil. Lei- der hielten es die sechs Abgeordne- ten, die den Aufruf zur »Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens« unterzeichnet hatten, vor diesem Hintergrund für notwendig, sich ih- rerseits mit einer nachgeschobenen Stellungnahme von den Regierun- gen in Teheran und Damaskus zu distanzieren und diesen ohne jede Präzisierung »Staatsterrorismus« vorzuwerfen. Das könnte zwar ein interessantes Diskussionsthema sein, ist aber angesichts der Kriegs- und Interventionsdrohungen gegen beide Länder überhaupt nicht die Frage, um die es geht.

uNbewaffNeter eiNsatZ destages

»Alster«

die es geht. u NbewaffNeter e iNsatZ des t ages »Alster« S yrien droht eine internatio-

S yrien droht eine internatio- nale Militärintervention à la Libyen. Unter Umkehrung

der Tatsachen (»Syrer bedrohen Deutsche Marine«) berichtet der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe über den Einsatz eines Spionageschiffs der Bundeswehr im Mittelmeer. Das Flottendienst- boot »Alster« ist demnach seit Anfang November im östlichen Mittelmeer unterwegs, »um die Lage in der Region zu erkun- den«. Konkret: »Die 85 Soldaten, dem 1. U-Boot-Geschwader in Eckernförde unterstellt, sind in geheimem Auftrag unterwegs, um mit Hilfe von akustischen und optischen Sensoren Informationen zu sammeln und an das Komman- do Strategische Aufklärung zu liefern.« Als offizielles Ziel der

Fahrt gibt die deutsche Kriegsma- rine laut Spiegel das südliche und östliche Mittelmeer an. Ende De- zember sei das Flottendienstboot rund 15 Seemeilen (28 Kilometer) vor der Küste ins Visier eines sy- rischen Kriegsschiffs gekommen, »das seine Bordkanone auf die ›Alster‹ richtete«. Die Spionage läuft ohne Kenntnis und Mandat des Bundestags. Begründung der Regierung: Es handelt sich nicht um einen bewaffneten Einsatz. Grünen-Wehrexperte Omid Nouri- pour moniert laut Spiegel die Ge- heimhaltung, nicht die Kriegsvor- bereitung an sich: »Zu prüfen ist, ob ein solcher Einsatz ein Mandat des Bundestags braucht.« Auf jeden Fall müsse das Parlament informiert werden. Wie das Blatt weiter meldet, war ein deutsches Spionageboot auch während des Libyen-Kriegs ohne Kenntnis des Bundestags im Mittelmeer unter- wegs. Nicht verraten wird: Was wurde an die NATO-Bomber wei- tergegeben? Welche Erkenntnisse hat die Bundeswehr über Flücht- linge in Seenot gewonnen? Hätte sie helfen können? Tausende sind im vergangenen Jahr bei der Que- rung des Mittelmeers ertrunken.

(rg)

»Ideologie der Spreelichter ist Nazismus in Reinform«

»Aktion Volkstod«: Nächtliche Fackelzüge von maskierten Neonazis. Polizei durchsuchte 44 Wohnungen. Gespräch mit Frank Metzger

D as sächsische Landes­ kriminalamt hat in der vergangenen Woche in

mehreren ostdeutschen Bundes­ ländern mehr als 40 Wohnungen von Neofaschisten durchsucht. Beschlagnahmt wurden mehr als 250 Fackeln und weiße Masken, die Neonazis bei Aufmärschen im Rahmen der »Aktion Volkstod« benutzt haben. Wer steckt hinter besagten Aktionen? Initiator ist das Südbrandenburger Ka- meradschaftsnetz »Spreelichter«, das sich um eine gleichnamige Website versammelt. Es gibt enge Kooperatio- nen mit sächsischen Kameradschafts- nazis und auch Aktionen in Sachsen. Die Spreelichter, seit 2006 existent, haben ein vergleichsweise ideenrei- ches Aktionsrepertoire entwickelt. Als Sensenmänner verkleidet tauchten sie z. B. uneingeladen bei Volksfesten auf und zeigten Transparente mit ih- rer zentralen Parole »Die Demokraten bringen uns den Volkstod«. Es wurde auch schon mal die Eingangstür einer Arbeitsagentur zugemauert. Zu den Aktionen wird nie öffentlich mobilisiert, die Vermittlung erfolgt über die Nachbereitung auf der Web- site. Recht neu ist die Kampagne »Die Unsterblichen« mit konspirativ orga- nisierten Fackelmärschen, bei denen die Teilnehmer weiße Masken tragen. Die Aktionen werden in der Neonazi- bewegung bundesweit gefeiert und nachgeahmt. Anwohner, die die Aufmärsche der maskierten Neonazis in der Vergangenheit beobachteten, reagierten oft eingeschüchtert, aber nie mit Sympathie. Welche Strategie verfolgen die Nazis

abgeschriebeN

Ein Politik-Tableau mit Leerstellen und Substanzverlust – Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft »Über den Tag hinaus« der Partei Die Linke in Sach- sen-Anhalt:

»… wir brauchen einen neuen Auf- bruch« und Die Linke hat »in letzter Zeit keinen erkennbaren Kurs«, formu- liert Dietmar Bartsch Ende November 2011 als Leitsätze für seine Kandidatur zum Parteivorsitzenden. In Wahrheit ist es anders. Unser Ziel heißt Überwin- dung der neoliberalen Gesellschaftspo- litik (Gesine Lötzsch) und ein neuer sozial-ökologischer Gesellschaftsver- trag (Klaus Ernst). Nur dies behagt dem Kandidaten nicht. »Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Wohlstand« (Bartsch 2011) lautet seine politische Strategie. Dies senkt nicht nur den »Anspruch« (Bartsch) an die fortschrittliche Linke, sondern weist dem Grundwert »Frie- den« eine Leerstelle zu. Dann zieht der »Reformpolitiker« (Süddeutsche 2011) noch einen Joker aus dem Ärmel: »Ich finde, daß wir als Linke das Soziale nie aus dem Blick verlieren dürfen.« (5.11.2011) Ist das der »Aufbruch« oder die Infantilisierung der Parteipolitik? Nun fehlt nur noch:

»Und jetzt, liebe Mitglieder, lernen wir

Frank Metzger ist Mitarbeiter des »Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.« (apabiz)

mit ihren bedrohlich wirkenden nächtlichen Aufzügen? Es geht in erster Linie um die Konso- lidierung der Neonazibewegung nach innen. Sie will sich mit einem Mythos umgeben. Dem »Volk« sei gar nicht bewußt, daß die Herrschenden seine biologische Vernichtung planen. Die Teilnehmer der Spreelichter-Aktionen hingegen könnten sich als Avantgar- de fühlen, die dies als einzige durch- schaue. Nach dem Motto: Wir erken- nen die Probleme der Zeit, mach bei uns mit, wenn du auch zu den Erweck- ten gehören willst. Beinhaltet die »Aktion Volkstod« nicht das bekannte rassistische Menschenbild der Neonazis – nur in moderner Verpackung? Die Ideologie der Spreelichter ist Nazismus in Reinform. Es gelingt ihnen aber erstaunlich erfolgreich, eine zeitgemäße faschistische Ästhe- tik zu modellieren und einigermaßen innovative Aktionsformen zu finden. Auch die inhaltliche Agitation ist durchdacht. Ihre nazistische System- kritik, mitsamt völkischem »Antika- pitalismus«, Demokratiefeindschaft, Antisemitismus und Rassismus leiten die Spreelichter mit dem Hinweis auf die demographischen Gegebenheiten her: Das »System« ist Schuld am an- geblichen Aussterben des deutschen Volkes. Wie steht die neofaschistische NPD, die sich stets bürgernah gibt, zu dieser Aktionsform? Das Verhältnis ist ambivalent. Die Spreelichter lehnen den Parlamenta-

noch das Schleifchenbinden!« Der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke will re- gieren, kümmert sich aber wenig um die Abhängigkeit von künftigen Koali- tionspartnern und damit kaum um die Frage, was können wir an Eigenem um- setzen. Erstaunlich, wie unrealistisch so ein »Realo« sein kann! Seit dem Zusammenschluß von PDS und WASG verschiebt sich der Mittelpunkt des Selbstverständnisses der Partei. Aber das »Ausnahmetalent in der deutschen Politik« (Sigmar Gabriel 2011) tut sich schwer mit dieser Dynamik. Auf Klas- senkampf von oben und die Mord-und- Totschlagpolitik (Afghanistan, Irak, Li- byen) findet man allein mit Kosystem- management nicht die Antwort. Der »Pragmatiker« (Spiegel online 2009) überschätzt den Parlamentaris- mus und vernachlässigt Protest und Widerstand. So entsteht ein Corporate Identity der Linkspartei, von der sich Occupy-, Castor- und Friedensbewe- gung immer weniger angezogen fühlen. Einen derartigen Preis auf Biegen und Brechen für die »Bündnisfähigkeit« (Bartsch) im Parteiensystem zu zahlen, erscheint uns unvertretbar. Wohl des- halb gefällt ihm, wie er sagt, die These

rismus ab und geißeln eine Beteili- gung daran als »Volksverrat«. Folg- lich lehnen sie auch die NPD ab. In der Praxis gibt es aber viele personel- le und inhaltliche Berührungspunk- te. Kooperationen zwischen NPD/ Junge Nationaldemokraten und Ka- meradschaften sind hinlänglich be- kannt. Man kann als Neonazi auch zweigleisig wirken – tagsüber für die NPD in der Kommunalpolitik und nachts mit der Fackel in der Hand als fundamentalistischer »Widerstands- kämpfer«. Ein Beispiel: In Geithain bei Leip- zig stellt die NPD einen Stadtrat, der emsig im Parteiauftrag Anfragen zu Themen wie der kommunalen Abwas- serpolitik stellt. Im Internet bekennt er sich offen zu den Spreelichtern. Auch bei ihm gab es nun eine Razzia – soll- te der Ermittlungsansatz der Polizei zutreffen, hat er sich auch an einer der Masken-Demos beteiligt. Täuscht der Eindruck, daß es neonazistischen Gruppen man­ cherorts gelingt, mit Hilfe ihrer modern und professionell wir­ kenden neuen Methoden eine gewisse Ausstrahlung auf junge Menschen zu haben? Nein, das ist definitiv so. Der Neona- zismus hat in den Regionen, in denen die Spreelichter aktiv sind, ohnehin recht gute Zugänge zu Teilen der Ju- gendkultur. Diese Zugänge effektiv nutzen zu können – darin liegt eine der größten Gefahren des Spreelichter-Ak- tivismus. Daraus leitet sich eine alte, aber weiterhin aktuelle und dringende Forderung ab: Nichtrechte und anti- faschistische Jugendkulturen müssen gestärkt werden. Interview: Markus Bernhardt

von der »postideologischen, pluralisti- schen, populären Linken«, die Nichi Vendola von der Sinistra Ecologia Li- bertà (Linke, Ökologie, Freiheit) ausge- stanzt hat. Aber wie soll man sich eine politische Organisation »nachideolo- gisch«, also unideologisch, vorstellen? Wir erkennen darin allenfalls einen Co- de für die technokratische Organisation der Partei, die wert- und störungsfreie Verwaltung der Basis bei gleichzeitiger Konzentration politischer Entscheidun- gen bei der Parteioligarchie. Aber im Wettbewerb »Wie gestalten wir die Arbeit der Bundestagsfrakti- on Die Linke humorvoller« leistet der Kandidat für das höchste Parteiamt mit »Wir müssen zur Politik zurück« (2001) einen herausragenden Beitrag. – Leer- stellen und Substanzverlust im Politik- tableau von Dietmar Bartsch erfüllen die politische Funktion von Platzhal- tern für das legislative Spiel zur Durch- setzung der Richtlinien der exekutiven Politik von oben nach unten, statt den Interessen der Bürger zu folgen.

u Die Arbeitsgemeinschaft legt ihre Argumente ausführlich im Internet dar: www.antikapitalistische-linke.de/

article/459.substanzverlust.html

REUTERS

junge Welt

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

kapital

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arbeit

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Von Rekord zu Rekord

Erneuerbare Energieträger mausern sich zu ernsthaften Konkurrenten der Atom- und Kohlekraftwerke. Entsprechend verschärft sich die gegen sie gerichtete Kampagne. Von Wolfgang Pomrehn

Miese Bedingungen bei Apple-Zulieferern

WaShington. Der US-Technolo- giekonzern Apple hat schlechte Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern eingestanden. Laut einer internen Untersuchung, deren Ergebnisse am Freitag bekanntgegeben wurden, hielten nur 38 Prozent der Zulieferer die von Apple festgesetzte Norm einer maximalen Wochenarbeits- zeit von 60 Stunden und einem garantierten freien Tag pro Wo-

che ein. Ein Drittel der Zulieferer waren nachlässig im Umgang mit gefährlichen Substanzen, und ebenfalls ein Drittel hielt die Standards zum Unfallschutz

W ie sich die Zeiten ändern.

Vor ein paar Jahren hieß es

W ie sich die Zeiten ändern. Vor ein paar Jahren hieß es Im Dezember wurden so

Im Dezember wurden so viele Photovoltaikanlagen wie nie auf deutsche Dächer geschraubt

gung ist ihr Grund. Nicht, daß die »En- ergiewende« nicht vorankomme, wird problematisiert, sondern das Gegenteil. Im Dezember wurden so viele Solar- anlagen wie nie zuvor auf bundesdeut- sche Dächer und Flächen geschraubt. Der Grund war die Absenkung der Ver- gütung für Sonnenstrom um weitere 15 Prozent. Für elektrische Energie aus Photovoltaikanlagen, die ab dem 1. Ja- nuar ans Netz gehen, gibt es je nach Anlagengröße nur noch 17,94 bis 24,43 Cent pro Kilowattstunde. Und zum 1. Juli wird die Vergütung für dann neu errichtete Anlagen noch einmal um 15 Prozent abgesenkt werden. Aufgrund des starken Jahresend- booms war der Zubau mit einer Gesamt- leistung von vermutlich 7,5 Gigawatt

(GW) sogar noch etwas größer als im bisherigen Rekordjahr 2010. Eine Lei- stung von 7,5 GW bedeutet, daß diese Anlagen bei maximaler Auslastung in einer Stunde 7,5 Millionen Kilowatt- stunden Strom liefern, was dem Jahres- bedarf von knapp 2000 Vier-Personen- Haushalten entspricht. Aufgrund der vielen Neuanlagen ist damit zu rechnen, daß die Photovoltaik in diesem Jahr be- reits etwas über vier Prozent des Brutto- strombedarfs abdecken wird. Im vergan- genen Jahr waren es drei Prozent. Besonders bemerkenswert ist, daß der Solarboom aller Voraussicht nach trotz der starken Absenkung der Vergü- tung auch in diesem Jahr weitergehen wird. Das liegt daran, daß die Preise für Solarmodule, die das Herz der Anlagen

bilden, stark rückläufig sind. Im vergan- genen Jahr haben sie sich je nach Typ und Herkunftsland um 32 bis 45 Prozent verbilligt. Ursachen ist neben der Ko- stenreduktion durch Massenproduktion und technischen Fortschritt auch der Preiskampf aufgrund erheblicher Über- kapazitäten auf dem Weltmarkt.

Falsche Kostenrechnung

Glaubt man den Skeptikern und Gegnern der Solarindustrie, dann ist das Problem gerade der fortgesetzte Boom, weil dadurch die Stromrech- nungen erheblich verteuert würden. Der Vergleich mit anderen Kraftwerk- stypen zeigt, daß das Argument we- nig Substanz hat. Jede Kilowattstunde Atom- und Kohlestrom kostet die Ge- sellschaft etwa zwölf Cent, wenn alle Umweltschäden, die Renaturierung der Braunkohletagebaue, der Entsor- gungsaufwand für den radioaktiven Müll und die Ewigkeitskosten des Bergbaus an Ruhr und Saar mit gerech- net werden. Zu letzteren gehören zum Beispiel jene 55 Millionen Euro, die im Ruhrgebiet jährlich zum Beispiel für das Abpumpen von Grundwasser aufgebracht werden müssen, weil sich aufgrund des Bergbaus in der Region der Boden großflächig um bis zu 25 Meter abgesenkt hat. Energie aus Solaranlagen, die im er- sten Halbjahr 2012 ans Netz gehen, wird also für die Gesellschaft im Schnitt nur noch um etwa elf Cent pro Kilowattstun- de teurer sein als konventionelle. Und ab Juli wird die Vergütung weiter abgesenkt. Der Bundesverband Solarenergie geht entsprechend in einer kürzlich vorge- stellten Studie davon aus, daß bei weiter kräftigem Ausbau die Solarenergie den Strom für den Endverbraucher bis 2016 um maximal einen knappen halben Cent pro Kilowattstunde verteuern kann. Daß der Strom bis dahin dennoch voraussicht- lich im Schnitt um etwas über vier Cent teurer wird, hat vor allem mit steigenden Netzentgelten, höherer Stromsteuer und anderen Faktoren zu tun.

noch, Windräder und So-

laranlagen würden niemals einen nen- nenswerten Beitrag zur Energieversor- gung leisten können. Neuerdings aber geht den Freunden der Atomkraft und der Großkraftwerke die Entwicklung offenbar zu schnell. Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft haben die Wind- energieanlagen im Dezember wegen der anhaltend starken Westwinde ei- nen neuen Monatsrekord in der Strom- produktion aufgestellt. Der Anteil der erneuerbaren Energieträger am deut- schen Bruttostromverbrauch wird 2011 damit etwas über 20 Prozent gelegen haben. Zieht man den nicht unerheb- lichen Eigenverbrauch der Atom- und Kohlekraftwerke ab, so haben Wind, Sonne und Co. im letzten Jahr schon fast ein Viertel des Bedarfs abgedeckt.

nicht ein.

(AFP/jW)

Keine Amnestie für Leiharbeitsfirmen

Berlin. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) lehnt eine Amnestie für Leih- arbeitsfirmen ab, denen wegen Niedriglöhnen hohe Nachzahlun- gen für Sozialbeiträge drohen. In einem Reuters am Wochenende vorliegenden Schreiben wies ihr Ressort eine entsprechende Forderung des Wirtschaftsflügels der Unionsfraktion zurück. Ein »schützenswertes Vertrauen« der Betriebe in die vom Bundesar- beitsgericht vor gut einem Jahr für ungültig erklärten Tarifver- träge mit der christlichen Ge- werkschaft CGZP liege nicht vor, schrieb Staatssekretär Gerd Hoo- fe an die Fachpolitiker. Bei Zah- lungsschwierigkeiten der Unter- nehmen biete das geltende Recht »ausreichende Härtefallregelun- gen« wie etwa eine Stundung von Beitragsforderungen. Bisher hat die Rentenversicherung nach eigenen Angaben Sozialbeiträge von rund 14,5 Millionen Euro bei

259 betroffenen Zeitarbeitsfir-

men als Nachforderung geltend gemacht. Mittlerweile müßten sich 2400 Unternehmen einer Betriebsprüfung stellen, die Leih- arbeiter zu den niedrigen CGZP- Tarifen beschäftigt haben. In rund

450 Fällen seien die Prüfungen

Lobbyistengezeter

Entsprechend laut ist das Gezeter der Stromkonzerne und ihrer Lobby, die eine veritable Konkurrenz für Kohle und Atom heranwachsen sehen. Wie vergangene Woche berichtet, waren Energieimporte aus Österreich in Me- dienberichten der Windenergiebran- che in die Schuhe geschoben worden. Ihr Strom habe die Netze verstopft, weshalb ein Versorgungsengpaß in Bayern mit Einfuhren habe überbrückt werden müssen. Jetzt hat die Deutsche Umwelthilfe darauf hingewiesen, daß in der fraglichen Zeit am 8. und 9. Dezember in Bayern und Hessen aus- reichende Kapazitäten bereitstanden, aber nicht genutzt wurden. Mehrere hochflexible Gaskraftwerke hätten angeworfen werden können, dies sei aber offensichtlich vom Übertragungs- netzbetreiber Tennet aus betriebswirt- schaftlichen Erwägungen nicht nach- gefragt worden. Mehr noch als auf die Windenergie hat sich die Konzernlobby aber derzeit auf die Photovoltaik eingeschossen, das heißt auf Solaranlagen, die die Energie der Sonneneinstrahlung direkt in elek- trische Spannung umwandeln. Von »Ko- stenexplosion«, »fehlerhaftem System« und »Sonnenkönigen in der Defensive« raunt es derzeit im Blätterwald. Das be- sonders Bizarre an der ganzen Aufre-

beendet.

(Reuters/jW)

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Bizarre an der ganzen Aufre- beendet. (Reuters/jW) ANZEIGE Krisenverschärfende Maßnahme Ratingagentur stuft Bonität

Krisenverschärfende Maßnahme

Ratingagentur stuft Bonität von Frankreich und acht weiteren Euro-Ländern herab

N ach der Herabstufung der Kre- ditwürdigkeit von neun Euro- Ländern durch Standard &

Poor’s (S & P) demonstrierten die wich- tigsten Entscheidungsträger am Wochen- ende Gelassenheit und erneuerten ihre Kritik am Agieren der Ratingagenturen in der Krise. In der Nacht zum Samstag hatte S&P Frankreich, Österreich, Itali- en, Spanien und andere Länder herabge- stuft, Italien von der Note A gleich um zwei Stufen auf BBB+. Spanien wird statt wie bisher mit AA- fortan mit der Note A beurteilt. Die Bewertung von

Portugal und Zypern wurde ebenfalls um zwei Stufen gesenkt. S&P hatte den Schritt damit begrün- det, daß die drohende Rezession im Eu-

ro-Raum die Haushalte der betroffenen Staaten weiter belasten werde. Europa- Chef Moritz Kraemer drohte zudem an, auch dem vorläufigen Euro-Rettungs- schirm EFSF die »AAA«-Bestnote zu entziehen. Die Beschlüsse des EU-Gip- fels vom Dezember seien unzureichend, um die Krise zu lösen, so Kraemer. Bundeskanzlerin Angela Merkel er- klärte am Wochenende, sie fühle sich durch den Schritt von S & P in ihrer Auf- fassung bestätigt, daß »wir in Europa noch einen längeren Weg vor uns ha- ben«. Die Euro-Zone solle den Fiskal- pakt jetzt noch schneller fertigstellen und nicht versuchen, ihn wieder auf- zuweichen, sagte die CDU-Vorsitzende. Euro-Gruppen-Präsident Jean-Claude

Juncker betonte, die Teilhaber des EFSF bekräftigten »ihre Entschlossenheit, die Möglichkeiten für die Bewahrung des AAA-Ratings zu prüfen«. Durch den Entzug der Spitzenbe- wertung für Paris und Wien entsteht im EFSF ein großes Loch, denn allein der französische Anteil von rund 160 Mil- liarden Euro kann nun vermutlich nicht länger für die Ausgabe von AAA-An- leihen zur Finanzierung von Rettungs- programmen für Pleitekandidaten ge- nutzt werden. Ohne den Anteil aus Paris schmölze die Kreditsumme auf unter 300 Milliarden Euro. Andererseits wür- de der Verlust der Spitzenbewertung für die EFSF-Schuldscheine das Geldleihen für den Fonds selbst verteuern. (dapd/jW)

GABRIELE SENFT

1 0 thema Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13 junge Welt XVII. Internationale Rosa Luxemburg
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Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13
junge Welt
XVII. Internationale
Rosa Luxemburg
Konferenz
junge Welt XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz Auf dem Podium (v. r. n. l.): Dietmar Dath,

Auf dem Podium (v. r. n. l.): Dietmar Dath, Jutta Ditfurth, Georg Fülberth, Heinz Bierbaum und Arnold Schölzel

Wider den terroristischen Normalzustand

»Sozialismus oder Barbarei – Welche Rolle spielt Die Linke?« war das Motto der Podiumsdiskussion auf der XVII. Rosa-Luxemburg-Konferenz. Einige Ausschnitte

u Die Linke hat im Oktober in Erfurt ihr Grundsatzprogramm verabschiedet. Über Anspruch undWirklichkeit dieser Partei sowie der linken Bewegung insgesamt dis- kutierten am Samstag im Berliner Urania- Haus der stellvertretende Linkspartei-Chef Heinz Bierbaum, die Frankfurter Publizi- stin und ÖkoLinX-ARL-Stadtverordnete Jutta Ditfurth, der Politikwissenschaftler Georg Fülberth sowie der Journalist und Autor Dietmar Dath. Es moderierte jW- Chefredakteur Arnold Schölzel.

u Arnold Schölzel, Frage an Heinz Bier- baum:

Z wischen dem Programm einer sozia- listischen Partei und ihrer Strategie, von der Taktik zu schweigen, herrscht stets eine bestimmte Spannung. An- dreas Wehr hat in seinem jW-Artikel

zum Programm der Linken formuliert: »In der Analyse antikapitalistisch, in der Strategie reforme- risch.« Sie haben diese Kritik in Ihrem Text in der jungen Welt am Dienstag zurückgewiesen und den Zusammenhang von sozialistischem Ziel und re- formerischen Schritten hervorgehoben. Ich möchte aber noch einmal nachfragen. Im Programm heißt es: »Die Linke ist der Überzeugung, daß ein krisen- freier, sozialer, ökologischer und friedlicher Kapi-

talismus nicht möglich ist.« Meine Frage lautet: Ist diese Beschreibung des Ganzen nicht zu wenig? Ich meine: Die Melodie vom krisenfreien, so- zialen, ökologischen und friedlichen Kapitalismus wurde vor 20 Jahren nach dem Untergang des europäischen realen Sozialismus besonders laut

gespielt. Inzwischen hat sie jede Menge Hörer verloren, anders gesagt, die Zahl der Menschen weltweit, die der Meinung sind, daß der Kapita- lismus selbst die Katastrophe ist, hat enorm zuge- nommen. Das mag sich kaum in Wahlergebnissen in den westlichen Ländern niederschlagen, aber offensichtlich denkt es selbst dort. Seit 2008, seit der ersten Bankenrettungsaktion mit knapp 500 Milliarden Euro, sind die wahren Machtverhältnis- se z. B. hierzulande, aber auch anderswo sichtbar geworden. Die sogenannte Frankfurter Runde – Merkel, Sarkozy und der EZB-Chef – hat im Okto- ber/November 2011 in Griechenland und Italien die parlamentarische Demokratie faktisch liquidiert und Regierungen nach ihrem Diktat eingesetzt. Die Finanz- und Wirtschaftskrise erhält wöchentlich einen neuen Schub, das Ende ist nicht absehbar. Kleinere Kriege wie an der Cote d’Ivoire oder in Libyen werden nach Belieben geführt, größere be- halten sich die USA vor. Zehntausende Tote durch ihre Kriegführung werden von der NATO schlicht geleugnet. Breite Zustimmung findet das politische und sonstige Führungspersonal nicht mehr, im Ge- genteil. Ist es da nicht ein zu zärtlicher Umgang mit den Verhältnissen, wenn nicht laut und deutlich und als Ausgangspunkt gesagt wird: Kapitalismus ist Krise, Verarmung immer größerer Gruppen, Natur- zerstörung und Krieg, ist mit Demokratie letztlich unvereinbar? Muß die Analyse nicht genauer und damit härter ausfallen, um eine richtige Strategie zu formulieren?

u Heinz Bierbaum:

Ja, in der Tat ist es aus meiner Sicht richtig, daß das Programm weiter diskutiert werden muß. Es ist

zwar in Erfurt mit großer Mehrheit angenommen worden, hat aber bestimmte Schwächen. An man- chen Stellen muß es noch vertieft werden. Wie die Strategie zur Umsetzung dieses Programms aus- sieht, muß weiter diskutiert werden. Was die Analy- se angeht, so mag man sagen, daß sie vielleicht zu harmlos sei, aber immerhin, – und das ist nicht we- nig, muß ich schon mal festhalten, – wird in diesem Programm sehr deutlich formuliert, daß es notwe- nig ist, eine andere Gesellschaft, eine Gesellschaft des demokratischen Sozialismus aufzubauen. Das ist als Zielsetzung ziemlich klar. Im Kapitel dieses Programms »Krisen des Kapitalismus – Kri- sen der Zivilisation« werden einige Entwicklungs- stadien des Kapitalismus aufgeführt. Es geht auch auf das Thema Finanzmarktkapitalismus ein, sowie auf die verheerenden Wirkungen des gegenwär- tigen Stadiums des Kapitalismus. Das kann man möglicherweise noch vertiefen oder dahingehend zuspitzen, daß wir es mit der Grundsituation einer strukturellen Überakkumulation des Kapitals zu tun haben, mit einer entsprechenden Dominanz der Finanzmärkte, mit zerstörerischen Wirkungen. Es wird darauf hingewiesen, daß nach wie vor imperialistische Kriege geführt werden. Wir haben eine soziale Zerstörung, wir haben Unterdrückung in der Welt. Der entscheidende Punkt ist aber, wie kommen wir – die Frage wirft auch Andreas Wehr auf, der ja durchaus konstatiert, daß unsere Analysen antikapitalistisch seien – wie kommen wir zu einer Strategie? Und ich glaube, da liegt das Hauptproblem. Nicht nur für die Partei Die Linke, sondern für die linke Bewegung insgesamt. Es stimmt, daß wir eine Situation haben, in der die Le- gitimationsbasis der herrschenden Politik bröckelt Es ist ja schon interessant, daß beispielsweise im

Feuilleton der FAZ und auch in der Financial Times Deutschland sehr harte Kritik formuliert wird, daß Beiträge veröffentlicht werden, wie kürzlich bei- spielsweise ein Artikel des Ökonomen Michael Hudson mit der Überschrift, daß die Banken dem

Volk den Krieg erklärt hätten. Die Legitimationsba- sis bröckelt, aber das wirkt sich bisher nicht so aus, daß eine Alternative greifbar wird. Das ist eines der zentralen Probleme. Ich sehe zwei Ansatzpunkte, die im Programm angesprochen sind, die aber nach meinem Dafürhalten vertieft werden müssen. Das eine ist die Eigentumsfrage. Die wird ja gerade von oben gestellt in der gegenwärtigen – ich nenn’ es mal abkürzend Eurokrise, obwohl ich natürlich weiß, daß es weder nur um eine Krise des Euros noch um eine Krise der Staatsschulden handelt, sondern um eine Krise der kapitalistischen

Entwicklung. (

So notwendig Maßnahmen wie

beispielsweise eine Regulierung der Finanzmärkte sind, ist es damit nicht getan. Zumindest die Groß- banken müssen verstaatlicht werden, wie wir das auch gut im Programm dargestellt haben. Zentral ist aber auch die Demokratiefrage. Wir erleben zur Zeit eine Situation, in der Parlamente nicht mehr gehört werden. Demokratische und gewerkschaft- liche Errungenschaften werden mit einem Feder- strich beseitigt. Die Frage der Demokratie stellt sich auch in der Wirtschaft. Das ist meiner Ansicht nach der Hebel, um eine gesellschaftliche Alternati- ve so darzustellen, daß sie hegemoniefähiger wird.

)

u Arnold Schölzel, Frage an Georg Fülberth:

Du vermutest, daß wir es seit 2007 mit der vierten systemischen Krise in der Geschichte des Kapita- lismus zu tun haben, an deren Ende nicht die Über-

XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz
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windung des Kapitalismus stehen wird, sondern wie schon bei den vorangegangenen Krisen nur das Verschwinden des Kapitalismus, »wie man ihn kannte«, und das Kommen eines neuen. Die Frage nach der »Barbarei«, die du als Metapher für Zivi- lisationsbruch und den wiederum nicht als Regres- sion, sondern als »etwas Modernes« bezeichnest, stellt sich demnach nicht. Ist das »ruchloser Opti- mismus«, den Schopenhauer bei Hegel und dessen Schülern sah? Warum nicht von Imperialismus, also Monopolkapitalismus und dem bestimmenden Produktionsverhältnis sprechen, dem Monopol, von imperialistischer Konkurrenz, Kampf um Roh- stoffe, um strategische Positionen und permanen- tem Krieg, von Irrationalismus, Antidemokratie, also Niedergang im Überbau, was wiederum die Produktivkraftentwicklung entschieden behindert. Verordnest du – bei aller Betonung der Eigen- tumsfrage – nicht letztlich der Linken eine Politik ausschließlich im Rahmen des Kapitalismus, als dessen Einschränkung, nicht von seiner Überwin- dung? Ist da nicht etwas mehr Empörung nötig?

u Georg Fülberth:

Vielleicht wurde ich da mißverstanden, denn ich sage: Das Aggressionspotential des Kapitalismus ist viel größer als das Aggressionspotential der ver- gangenen Gesellschaftsformen. Wenn ich ihn ver- gleiche mit der Barbarei zwischen Urgesellschaft und Zivilisation, dann meine ich, er ist schlimmer. Das heutige Zerstörungspotential des Kapitalismus bedeutet, daß er alles Leben auslöschen kann. Dazu haben die alten Barbaren mit ihren Faustkeilen kei- ne Chance gehabt. Der Kapitalismus ist moderner, schlimmer, zerstörerischer. Zur Frage der Empö- rung. Rosa Luxemburg hatte eine Doppelbegabung:

Sie konnte sich fürchterlich aufregen und trotzdem war sie bei so klarem Verstand, daß die Empörung nicht gestört hat. Wer zum Analysieren geringere Gaben hat, sollte sich die Empörung verkneifen. ( ) Wenn der Kapitalismus weiterbesteht, transfor- miert er sich. Ich denke mir schon, daß diese völlig ungeregelte Spekulation in der Form nicht fortge- setzt wird. Aber was bedeutet das? Es wird wahrscheinlich zumindest versucht wer- den, dieselben Renditen, die Jahrzehnte lang an den Börsen erzielt wurden, weiterhin zu erzielen, indem noch höherer Druck auf die Arbeitsmärkte, noch mehr Druck auf die Löhne und die öffentlich- rechtlichen sozialen Sicherungssysteme ausgeübt wird. (…) Die Gewaltförmigkeit der Politik wird zuneh- men, die Bundeswehr wird zur Interventionsar- mee ausgebaut, um an Rohstoffe heranzukommen. Auch der Druck auf die informationelle Selbstbe- stimmung nimmt zu. Dietmar Dath hat zutreffend vermutet, die Entdeckung eines Staatstrojaners 2011 bedeute einen ähnlichen Einschnitt wie 1986 Tschernobyl. Wenn so ein popeliges Landeskri- minalamt mit einer offensichtlich nicht besonders guten Software dafür sorgen kann, daß nicht nur Computer ausgespäht werden, sondern Computer so manipuliert werden, daß sie Dinge tun, die ich nicht will, dann kann das jeder Konzern viel besser. (…) Zum Parteiprogramm der Linken: Man hat die- sem Programm vorgeworfen, daß die Eigentums- frage gestellt wird. Das ist richtig. Die Eigentums- frage ist aber eigentlich nicht erst durch Die Linke gestellt worden. Man hat öffentliches Eigentum im Osten abgeräumt, öffentliches Eigentum im Westen abgeräumt. Die Eigentumsfrage steht – sie wird vom Kapital gestellt. (…) Es kommt darauf an, daß die Eigentumsfrage von links gestellt wird. Es geht um den Kampf ge- gen Bellizismus – ganz schwieriges Thema, sowie um den Kampf für informationelle Selbstbestim- mung und Kampf gegen informationelle Fremdbe- stimmung. (…) Die Frage ist, wer soll es machen? Und da wünsche ich mir zum Schluß, daß ich nach einem Jahr wieder etwas von dieser Partei höre. 2011 hat sie sich vor allem mit K- und P-Fragen beschäftigt. K wie »Kuba-Diskussion« und »Kommunismus- spektakel« und P wie »Palästina« oder »Personal«. Mal sehen, wie das 2012 wird. Ich würde gern mehr vom Programm hören, und ich würde mich freuen, wenn ich allmählich den Eindruck bekäme, daß diese Partei ihr Programm auch ernst nähme.

u Arnold Schölzel, Frage an Dietmar Dath:

Sie sehen die Lage etwas düsterer, wenn ich rich- tig interpretiere, was Sie in »Maschinenwinter« 2008 geschrieben haben. Ich zitiere: »Eine hoch-

technisierte Zivilisation, die nicht als freier Verein freier Produzenten nach den wissenschaftlichen Einsichten plant, die ihren Stoffwechsel mit der Natur bestimmen, kann ins Grauen einer nachwis- senschaftlichen Technik münden, die von (schwar- zer) Magie wirkliche nicht mehr zu unterscheiden wäre – in ein kybernetisches Dunkles Zeitalter, neben dem die Epoche der Hexenverbrennungen sich wie der schwedische Sozialstaat ausnähme.« Sie werfen dort und in den in junge Welt abgedruck- ten Auszügen aus Ihrem neuen Buch »Implex«, das Sie gemeinsam mit Barbara Kirchner geschrieben haben und das in wenigen Wochen erscheint, nun die Organisationsfrage auf. Wie gelingt es in ei- ner vom Kapitalismus weltweit verwüsteten und zerklüfteten Gesellschaft, im Zeitalter des »Infor- mationsfeudalismus« und wenn nach Schernikau Staatspolitik Militärpolitik ist und Bürgerinitiati- ven Pipifax sind, von partikularer Interessenvertre- tung zu universaler zu kommen, also zu Programm, Strategie und Taktik?

u Dietmar Dath:

Zur Barbarei: Ich glaube, daß Georg Fülberth phi- lologisch völlig recht hat. Es ist tatsächlich ver- niedlichend. Man denkt da an Leute, die sich mit Knüppeln hauen, Pferde schlachten und ihren Met aus den Schädeln besiegter Feinde trinken. Wobei man hört, daß das zumindest bei den Marines auch schon wieder vorkommt. Aber wenn man jetzt mal nicht philologisch, sondern arbeits- oder herrschaftsgeschichtlich darüber nachdenkt, was mit der Barbarei als Alternative zum Sozialismus bei Luxemburg gemeint gewesen sein könnte, dann hab’ ich mir das immer so erklärt: Die ersten For- men der Herrschaft sind sehr unmittelbar. Da gibt’s halt was auf den Kopf. Da gibt’s die Peitsche, da gibt’s vielleicht in der Sklavenhaltergesellschaft je- manden, der in der Galeere trommelt und so weiter. Dann wird das immer – das hat sich das Bürgertum sehr zugute gehalten, immer abstrakter, immer ver- mittelter. (…) Zunächst mal haben wir dann Feudalismus: Das ist der Besitztitel an dem Land, auf dem ihr lebt, deshalb gehört ihr uns; da kann man aber auch noch die Leute auf der Straße niederknüppeln, und weil man einem höheren Stand angehört, ist das nicht strafbar – oder jedenfalls vernachlässigbar strafbar. Und dann wird’s noch abstrakter, dann werden’s Verträge, denn irgendwann rechnen die das aus. Dann halten sie sich sehr zugute, daß sie die Skla- ven freilassen. Das tun sie aber unter anderem des- wegen. Wenn das Zeug keinen Absatz findet, müßte man Sklaven trotzdem weiter durchfüttern. Wenn sie dagegen Lohnarbeiter sind, verhungern sie halt irgendwo – das ist dann der Zivilisationsfortschritt, auf den man sich so viel einbildet. Und nun könnte man sich eben vorstellen – das ist alles noch nicht von mir, das ist alles noch Marx – jetzt könnte man sich vorstellen, das wird immer abstrakter. Oder es kollabiert irgendwann in die unmittelbare Herrschaft zurück. Und ich glau- be, das meinte Rosa Luxemburg mit Barbarei. Das heißt, sie meinte, daß es tatsächlich wieder was auf den Kopf gibt. Und wenn ich mir den Kapitalismus sogar ohne Kriege angucke, sogar ohne Marines, die auf die Körper ihrer Opfer urinieren, dann ha- be ich ein System, das in den reichsten Zonen, in den Metropolen die Kinder mit Drogen vollhaut, wenn sie nicht in dieses Schulsystem reinpassen, also sehr in den Körper hineinherrscht, das die Bewegungsformen der Leute dahingehend kon- trolliert, daß ein paar tausend im Straßenverkehr jedes Jahr verrecken, weil man kein ordentliches Nahverkehrssystem ausbaut, denn – das würde ja kosten, das wäre ja Gemeineigentum. Statt dessen verkloppt man dieses Gemeineigentum an irgend- welche Investoren, die dann überall die Stationen streichen, weil sie sagen, das kostet viel – na ja, genau wie beim Bankenretten auch –, die Kosten werden halt verteilt auf die Leute, die trotzdem irgendwie nach Hause müssen. Dann werden viel- leicht ein paar Autos mehr verkauft, und jeder Idiot, der sich irgendwie einen Jeep leisten kann oder einen Hummer, fährt einen Panzer durch die Innen- stadt, und wenn der ein bißchen zu schnell fährt, ist das Kind halt tot. Angestellte sitzen dann in irgend- welchen Großraumbüros, wo die Klimaanlagen die Gesundheit kaputt machen, und arbeiten bis zum Burnout. ( ) Wenn das nicht unmittelbare Herrschaft über die Körper und Barbarei ist, dann weiß ich nicht, was es sonst ist. ( ) Ich hab’ jetzt die angenehmen Zonen beschrie- ben, nach denen sich Leute aus anderen Weltteilen

sehnen, weswegen sie hierher kommen. So. Das ist also der Luxusteil. Jetzt zur Strategie. Es gibt so einen, durchaus auch bürgerlichen, Linkstrend. So ein bißchen, daß man halt die Schnauze voll hat von Leuten wie George Bush und diesem Cheney, die sich unmit- telbar an so einem Krieg bereichern. Oder wenn so ein Guttenberg in Verschiß gerät oder so ein Wulff. Man kann das irgendwie nobel finden im Sinne der Korruptionsbekämpfung, man könnte aber auch ei- nen Zusammenhang sehen zu dem, was Georg Fül- berth gesagt hat, nämlich: Wenn der Ton jetzt noch härter wird, was nach jeder Krise passiert, weil jede Krise als Umverteilungsgelegenheit genutzt wird, dann braucht man halt eine andere Garde, dann braucht man nicht mehr diese Kasperfiguren, sondern wieder jemanden mit deutschen Sekundär- tugenden. ( ) Zum Schluß: Verstaatlichung von zwei Seiten. Der Staat ist ja nicht irgendein Staat, sondern im Kapitalismus ein kapitalistischer Staat. Er ist dafür da, die Märkte zu garantieren, er ist dafür da, die Verträge zu schützen, und zwar die ungerechten, den ungerechten Tausch und all dieses Zeug. Es ist tatsächlich so, daß ein gewisses Quantum Ver- staatlichung schon immer dazugehört hat. Zum Beispiel, wenn der Onkel Dagobert alles verzockt hat, dann geht das Fähnlein Fieselschweif mit den Mützen rum und sammelt bei den Armen, damit die Bank nicht Pleite macht. (…) Die Vergesellschaftung von Energie, von Informationen und so weiter muß auf der Ebene stattfinden, wo die Leute produzieren. So etwas wird nicht ausschließlich im Parlament entschie- den. Aber man kann das Parlament natürlich als Tribüne nutzen. Und wenn man das nicht macht, wenn man statt dessen das Parlament nutzt, und sich Leu- ten, die sich fremde Arbeit auf inzwischen wieder sehr unmittelbare Art aneignen können, als sozialer Friedensstifter und Unterhändler anbietet, hat man eben die Geschichte einer Partei, die zuerst den Bernstein hervorbringt, dann die Kriegskredite gut findet, dann den Radikalenerlaß, das KPD-Verbot, den NATO-Doppelbeschluß, die Bundeswehr fit macht, die Hartz-Schweinerei durchzieht. ( ) Und wenn man also fragt, wie wünsche ich mir die Strategie, so daß all das bitte nicht passiert.

u Arnold Schölzel, Frage an Jutta Ditfurth:

Deutschland ist in den vergangenen 22 Jahren weit vorangekommen: Die Bundeskanzlerin teilt Sar- kozy nur noch mit, wenn sie anordnet, Griechen- land keine Kreditrate auszuzahlen. In der jährlichen Vorausschau der US-Agentur Stratfor, die auch als »Schatten-CIA« bezeichnet wird, für 2012 heißt es, daß Deutschland in der Finanzkrise eine Gelegen- heit sieht, durch Nutzung seiner finanziellen und ökonomischen Überlegenheit die Struktur der Eu- ro-Zone zu seinen Gunsten zu verändern. Es werde wahrscheinlich – Stichwort Fiskalunion – den Ver- lust der Budgethoheit und damit der Souveränität mehrerer Euro-Staaten durchsetzen. 1990, mitten in der nationalistischen Aufwallung, die dem DDR-Anschluß folgte und deren Resultat u. a. das staatlich finanzierte Neonazinetzwerk ist, bot die Grüne Antje Vollmer im Bundestag geistige Hilfe bei der neuen Weltmachtrolle der Bundesre- publik an. Die Grünen in der Regierung standen 1999 an der Spitze der Kriegshetzer beim NATO- Angriffskrieg gegen Serbien und Montenegro. Sie haben sich gerade wieder bewährt als staatstra- gende Partei in Baden-Württemberg und setzten den Widerstand gegen »Stuttgart 21« – wie Du in »Krieg, Atom, Armut« vor einem Jahr geschrieben hast, von der Straße vor den Fernseher. Schicksal linker Organisationen?

u Jutta Ditfurth:

Stichwort EU-Diktatur, tja, das war jetzt die kür- zest mögliche Fassung, aber dahinter verbirgt sich natürlich etwas, was in bestimmten linken wissen- schaftlichen Kreisen unter dem Stichwort geostra- tegische Interessen deutscher Außenpolitik nicht erst seit Wilhelm schon länger diskutiert wird. Da gibt es ziemlich schlaue Bücher drüber. Was wir jetzt beobachten können ist etwas, wofür wir vor zehn Jahren noch ausgelacht worden wären, hätten wir gesagt, Deutschland ist auf dem Weg, strebt an, will werden, die Struktur zwingt das System dazu, es werden zu wollen, nämlich Führungsna- tion in Europa. Und jetzt ist es schon fast als Nor- malzustand abgehakt. Ich erinnere mich noch an Schwachsinnsdebatten aus den 90ern, mit irgend- welchen Grünlingen und anderen Leuten, auch

Reformisten aus der SPD, und ich glaube, ich habe solche Texte auch bei der DKP gelesen. Da wurde über Zivilgesellschaft geplappert und darüber, daß man den Kapitalismus zähmen könne. Dieser ziem- lich bekiffte Traum zieht sich auch durch das linke Programm. Das zweite ist die Frage – und die war so gut gestellt, ich hätte es selber nicht besser zusammen- fassen können: Ja, es gibt ein staatlich finanziertes Nazinetzwerk, die NSU und andere faschistische Organisationen, man sollte sie nicht mehr »Neona- zis« nennen. ( ) Diese Netzwerke gäbe es nicht ohne staatliche Finanzierung, und deswegen löst man das Problem auch nicht, obwohl ich eigentlich dafür bin, durch ein NPD-Verbot. Das ist nur eine Beruhigungstak- tik, weil es die faschistischen Strukturen in Teilen der Institutionen – und vor allem den Rassismus in dieser Gesellschaft und den Antisemitismus in seinen Spielarten gibt. Der läßt sich ja leider nicht verbieten. Der blüht dann anderweitig weiter, und ich weiß auch nicht, ob man einen Sarrazin verbie- ten kann – kann man nicht. Aber man begreift in dem Moment, wo der in München im Literaturhaus sitzt und selbst bei ganz moderat, ich würde sagen, biederbraven, höflichen Fragen – nicht so welchen, die ich gestellt hätte –, vor bürgerlichem Publikum, die Leute ausgebuht und fast rausgeschmissen wer- den – es war ein Mob, der sich da äußerte. In dem Moment sind wir mitten in Deutschland, und dann nützt auch kein NPD-Verbot etwas, weil wir diese Kreise damit nicht erreichen. Jetzt möchte ich gern den Sprung machen zu dem, was andere gesagt haben und was mich be- sonders kitzelt, darauf einzugehen, und meiner Rolle gerecht zu werden, den Reformismus nieder- zumachen – ich hoffe mit einigem Erfolg. Nötig ist immer wieder der Verweis auf den wunderbarsten aller Klassiker, nämlich Marx, aber auch noch ein paar andere Autoren, ich kann das ja offenlegen, schätzen tue ich zum Beispiel auch Luxemburg, aber auch Krahl, Marcuse und noch so ein paar andere, damit ihr irgendwo wißt, wo das herkommt, was ich so denke. Wir haben einen Krieg, der ist längst erklärt, das muß man sich nicht andauernd erzählen, den Krieg haben Milliardäre erklärt, und sie haben auch gleich angekündigt, vor fast zehn Jahren jetzt, daß sie diesen Krieg gewinnen werden. (…) Dieses System herrscht weltweit, und was mich an diesem linken Programm so ärgert: Es gibt ein paar Bonbons für den linkeren Teil der Partei, aber die Hauptlinie heißt: Kapitalismus ist reformierbar. Und dann soll man immer klatschen und sich freu- en, wenn einer sagt, ich will aber wirklich keinen Krieg. ( ) Kapitalismus ist schon in seinem menschenzer- störenden und naturplündernden Normalzustand unser Problem, ist täglicher Krieg und täglicher Ter- ror. Was über diesen terroristischen Normalzustand hinaus geht, das zusätzliche Dilemma des Kapita- lismus ist seine Krisenhaftigkeit. Deshalb kommt es zu diesen systemischen Schüben und verschiede- nen Schritten und Wandlungsformen, aber immer nur innerhalb des Kapitalismus – es wird nicht was anderes, Besseres draus, und schon gar nicht eine andere, bessere Welt. So groß sind die Risse nicht. Und so groß ist auch die Legitimationskrise nicht. Diese Überproduktionskrisen, die regelmäßig kom- men wie eine Krankheit, wie eine Grippe im Win- ter, sind eine Gesetzmäßigkeit. Was aber immer un- terschätzt wird von vielen Linken, auch von vielen linken Strömungen außerparlamentarischer Art, ist die äußerste Wandlungsfähigkeit des Kapitalismus, einerseits den Feudalismus abgeschafft zu haben, aber andererseits das Patriarchat zu übernehmen, was in diesem Programm komischerweise neben dem Kapitalismus steht, als ob es etwas Eigenes sei, genau wie die Ökologie daneben steht und nicht Teil des Kernproblems ist. ( ) Wie Herbert Marcuse das 1967 auch in Berlin sagte: Die Utopie ist an ihrem Ende, weil alle Techniken entwickelt sind, um den Menschen und die Natur zu zerstören; aber auch alle Mittel ent- wickelt sind, mit ein paar Variationen, um die Welt zu einer menschenwürdigen zu machen mit einer Ökologie, die den Menschen nicht zerstört und nicht krank werden läßt. Aber die Ruinierung des Menschen und der Natur bleiben eben profitabler als ihr Glück und ihre Freiheit und die soziale Gleichheit, die ja unser Wertmaßstab sein muß. Die Sache ist also nicht die Frage fehlender Alter- nativen, sondern eine der Herrschaft von Staat und Kapital – und wann und mit welchem Ziel wir mit ihr brechen können.

AP/LILLI STRAUSS

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Das Desaster als Muse

I ch wollte nie ein politischer Karikaturist sein. Ich arbeite zu

langsam, um schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren zu können. (…) Und ich habe mir immer ein- gebildet, für die Ewigkeit zu ar- beiten – eine Vorstellung, die mir nun ziemlich absurd erscheint, nachdem ich gemerkt habe, wie flüchtig selbst Wolkenkratzer und demokratische Institutionen sind«. – Und doch ist Art Spie- gelman genau das, was er nie sein wollte. Um dies festzustellen, braucht man nicht erst sein Mei- sterwerk »Maus« zu bemühen, indem er sich zeichnerisch mit dem Holocaust auseinandersetz- te. Dazu genügt ein Blick auf den zitierten Sammelband »Im Schat- ten keiner Türme«, in dem er die Geschehnisse von 9/11 zeichne- risch verarbeitete. Seit September 2011 liegt dieser beim Atrium Verlag auf Deutsch vor und im Gegensatz zu den meisten Veröf- fentlichungen zum Jahrestag des Anschlages können diese Comics durchaus einen bleibenden Platz in der Literatur beanspruchen. »Desaster ist meine Muse«, kommentiert Spiegelman den Drang, nach vielen Jahren Comic- pause wieder zum Zeichenstift zu greifen. So erschien nur sechs Tage nach dem Fall der Türme sein berühmtes Titelbild auf dem New Yorker: Zwei schwarze Sil- houetten zeichnen sich vor einem schwarzen Hintergrund ab und markieren die Abwesenheit all dessen, was vorher Normalität war. Diesem ersten Bild folgten dann in großen Abständen zehn Comic-Strips im Zeitungsformat. Veröffentlicht wurden diese in Europa und nicht in den New Yorker Magazinen, für die er sonst Illustrationen zeichnete, denn dort stießen seine persönli- chen Auseinandersetzungen mit Medienhysterie und Propaganda der Herrschenden auf wenig Ge- genliebe. Daß es ihm auch diesmal wie- der gelungen ist, das Unsagbare in Bilder zu bannen und dabei ein großartiges Werk zu schaffen, davon überzeugt »Im Schatten keiner Türme« bereits beim er- sten Lesen und erst recht beim Blick auf die über-, unter- und ne- beneinander arrangierten Erzähl- stränge, bei denen sich politische Verweise und graphische Zitate vermischen, und deren Leitmotiv stets das glühende Gerippe des Nordturms kurz vor dem Zusam- menbruch bleibt … Mona Grosche

u Art Spiegelman: Im Schatten keiner Türme. Übers. v. Christi- ne Brinck u. Jürgen von Ruten- berg, Atrium Verlag, Hamburg 2011, 42 S., 34,90 Euro

Samstag, 14. Januar 2012

URANIA-HAUS, Berlin

Samstag, 14. Januar 2012 URANIA-HAUS, Berlin XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz Das jW -Spezial mit den
XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz
XVII. Internationale
Rosa Luxemburg
Konferenz

Das jW-Spezial mit den Beiträgen der Referenten erscheint am Mittwoch, dem 1. Februar.

jW-Spezial inklusive der aktuellen Ausgabe für 1,30 Euro am Kiosk erhältlich. Anzeigenschaltung unter 0 30/53 63 55-39.

H inter der Wiener Oper gibt

es seit 1991 ein begehbares

»Mahnmal gegen Krieg und

Faschismus«: Säulenartige Skulptu- rengruppen erinnern an die Opfer al- ler Kriege und an die des Faschismus (darunter ein gefallener Wehrmachts- soldat). Gegenüber erhebt sich auf ei- nem Marmorblock in Männergestalt der antifaschistische Widerstand, Ti- tel: »Orpheus betritt den Hades«. Da- zwischen auf ebener Erde die Bron- zefigur des »knienden und Straße wa- schenden Juden« (auch Wiener Juden wurden vor aller Augen genau dazu gezwungen). Man arrangierte sich in Wien mit dieser Figur als einer Sitz- gelegenheit, bis der Künstler Alfred Hrdlicka (1928–2009) sie deshalb mit Stacheldraht bewehrte. Das Mahnmal ist ein Schwer-

punkt des Dokumentarfilms »Alfred Hrdlicka – Sequenzen«, in dem der Bildhauer sein Werk erklärt, knappe drei Stunden lang. Der Film ist vor einigen Wochen auf einer Doppel- DVD erschienen. Laut Booklet kam er auch zustande, »weil Hrdlicka es bis zu seinem Ende haßte, von ande- ren interpretiert zu werden«. In den Aufnahmen aus den Jahren 2005 bis 2007 übernimmt er das nach Kräften selbst. Regisseurin Andrea Bönig hat den Freund in dieser Zeit oft in seinem Atelier im Wiener Prater und seinem Zuhause aufgesucht. Ohne besonde- ren Aufwand, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung betont: »Ich habe mir einfach die Kamera geliehen und sie auf ein Stativ gesteckt, mehr war das nicht.« Von der Leber weg redet Hrdlicka in Bönigs Film über seine Arbeit, manchmal nuschelt er, aber es geht immer um alles und das Mei- ßeln, das Spachteln. Bönig vermittelt

es als meditativen Akt: Klopf, klopf,

klopf

Wie man den Stein bis auf

die Knochen abschlägt, Teil eins bis unendlich. »Kunst ohne Arbeit geht nicht« war eine Maxime, die Hrdlicka auch als Professor an der Berliner Akademie der Künste vermittelte. Die Horn- schicht auf seinen Fingern nannte er zärtlich »mein kleines Krokodil«. Vielleicht gab es sie schon, als er in den Kriegsjahren bei einem Zahnme- diziner untertauchte und in die Lehre ging. Bei Luftalarm blieb er oben und malte, erzählt er im Film, und zeigt ein Michelangelo-Porträt, das bei ei- ner solchen Gelegenheit aus Wasser-

AllesunddasMeißeln

Bildhauer einer starken Linken: Alfred Hrdlicka (1928–2009) interpretiert auf einer neuen DVD sein Werk. Von Lena Schiefler

auf einer neuen DVD sein Werk. Von Lena Schiefler Der verschwommene Blick: Hrdlicka und seine Skulptur

Der verschwommene Blick: Hrdlicka und seine Skulptur »Der Schreibtischmörder«

farben entstanden sein soll. Große Stücke hielt Hrdlicka auf die Sklaven-Skulpturen, die Michelange- lo für das Julius-Grabmal in Rom anfertigte. Mit der Moses-Statue die- ses unvollendeten Grabmals nahm es 1912 Sigmund Freud auf: »Wie oft ha- be ich (…) versucht, dem verächtlich- zürnenden Blick des Heros standzu- halten, und manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraumes geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist, das keine Überzeugung festhalten kann …« Freud ist eine der 38 Hrdlicka- Sequenzen gewidmet. Beider Atheis- mus war offenkundig unverkrampft. Hrdlicka setzte Pasolini einen Klumpen von einer Dornenkrone auf, konzipierte ganze Zyklen zum Se- rienmörder Fritz Haarmann als ei- nem Vorboten der Nazis, porträtierte

die amerikanische Massenmörderin Martha Beck kurz nach ihrer Hinrich- tung. »Die Gewalt muß vorgeführt werden«, sagt er im Film und strei- chelt den Armstumpf seines letzten, unvollendeten Werkes »Nepomuk«. Der Westen der Nachkriegszeit hatte keinen ähnlich schillernden Bildhau- er.

Für den Platz vor dem Engels- Haus in Wuppertal schuf Hrdlicka die Skulptur »Die starke Linke«. Oskar Lafontaine nannte den Künstler ein- mal den »heimlichen Paten« der Fu- sion von PDS und WASG, aber bei weitem nicht alle Vorschläge Hrdlik- kas zur Verbesserung der Welt wurden angenommen. Der Bundestag wollte seinen bronzenen »Schreibtischtäter« nicht vor dem Reichstag (Eichmann mit Buckel hinter einem Schreibtisch, davor Papierstapel, die zu Leichenber- gen werden). Eine Teufelsdarstellung

für den Vatikan stieß dort auf ähnlich wenig Gegenliebe: drei Büsten aus ei- nem Stein, die Hrdlicka im Film vor- stellt: eine als Luther, die zweite mit Hörnern als Stalin und die dritte nur als »die Frau«. Dann schnauft er wie ein Knautschkissen in die Kamera:

»Die Sie-Form ist immer die gefähr- lichste von allen.« An dieser dunklen Stelle bricht die Sequenz leider ab. Seine Skulpturen sind bei aller Ab- straktion raumweisend: Ruckzuck ist man Teil der Szenerie. Bönig hat da- für eine einfache Erklärung gefunden:

»Eines meiner liebsten Hrdlicka-Zita- te ist ›So lieb ist der liebe Gott nun auch wieder nicht, daß er dem, der keinen Inhalt hat, die Form gibt.‹«

u Andrea Bönig: Alfred Hrdlicka. Sequenzen, Doppel-DVD, 174 min., 35 Euro plus Versand, bestellbar unter dvd-hrdlicka.de

Musik Zur uNZeit.achtuNg, MeLaNchoLie!voN robert MiessNer

I n meiner unmittelbaren Nachbar- schaft firmiert ein Ladengeschäft unter dem Namen »Kauf dich

glücklich«. Mir ist Ironie nicht fremd:

Ich weiß, wie ich das zu nehmen habe. Aber mit dem Glück, seiner An- und Abwesenheit, ist es so eine Sache. Der ungarische Kunsttheoretiker László F. Földényi schrieb 2007: »Das Glück streckt den Menschen unerwartet nie- der. Ohne Vorwarnung.« Nicht anders steht es mit seinem Pendant, der Melancholie. Über- und Schwermut sind Ausnahmezustände;

sie unterbrechen alltägliche Routinen. Földényi weiter: »Sowohl dem Glück als auch der Melancholie wohnt etwas zutiefst Anarchisches, Aufrührendes inne, denn beide entziehen den Men- schen dem Griff der Gemeinschaften und isolieren ihn.« Die melancholi- schen Menschen mögen auf Abwegen wandeln, doch wissen sie: Auch die haben ihr Ziel. 2012 könnte ihnen ein gutes Jahr werden: Der Kanadier Leo- nard Cohen Cohen, oft als einer der Chefwehmütigen des Pop bezeichnet

(er kann auch anders, doch kommt die Beschreibung nicht von ungefähr), veröffentlicht Ende Januar sein neues Album »Old Ideas« (Sony Music). Auf Cohens Website kann man sich einen zwischen Folk und Blues swin- genden Vorabsong anhören; der Titel lautet: »Darkness«. Ein ähnlich gedimmtes Licht wirft auf Matt Elliotts »The Broken Man« (Ici d’ailleurs) seine Schatten. Elliott hat seit den späten Neunzigern unter dem Namen The Third Eye Founda- tion elektronische Musik produziert, deren Welthaltigkeit darin besteht, daß sie nicht mehr ganz von dieser zu sein scheint: Ihr Sound ist der ver- hallte, dublastige seiner Heimatstadt Bristol. 2003 begann Elliott unter seinem Geburtsnamen zu arbeiten und verlegte sich nach und nach auf getragene europäische Folkmusik mit immer noch avantgardistischen Im- petus. »The Broken Man«, produziert hat Yann Tiersen, ist spartanisch in- strumentiert und klingt weitestgehend zurückgenommen. Dabei steckt in

Elliotts Melancholie unterkühlte Wut:

Einer der epischen Songs des Albums heißt »If Anyone Ever Tells Me That it is Better to Have Loved and Lost Than to Have Never Loved At All I Will Stab Them in the Face«. Gesamt- länge: 13 Minuten, erst in der fünften setzt nach Glockenklängen der Ge- sang ein. Der Song basiert auf einer Improvisation Elliotts. Die Französin Katia Labèque, mit ihrer Schwester Marielle bildet sie ein Klavierduo, hat sie ihm in ein kammermusikalisches Nachtstück überführt. »Oh How We Fell« erstreckt sich über knapp 11 Mi- nuten, die Gitarre assoziiert Spanien:

die Landschaft des »scharfsinnigen Edlen« und »Ritters von der traurigen Gestalt« Don Quixote. Den Soundtrack eines spätherbst- lichen oder winterlichen Roadmovies könnte »Glimmer« (Gustaff/Ghostly International), das achte Album des Gdansker Komponisten Michał Ja- caszek, hergeben. Der Film wäre in Schwarzweiß oder besser noch in Se- pia zu drehen. Das suggeriert Kontem-

plation, doch sind in ihr immer schon Unrast, ja Nervosität angelegt. Bereits Elliott ließ Melancholie und Disso- nanz eine Liaison eingehen; diejenige Jacaszeks geht ein ganzes Stück weiter. Wer »Glimmer«, mein Album des vergangenen Jahres, als neoklas- sischen Ambient umschreiben will, steht schnell vor einem Problem: Zwi- schen filigrane Akustiksounds streut Jacaszek scharfe elektronische Ge- räuschsplitter und konterkariert, was traditionell und vertraut erscheint. Die Brüche kommen gerne unvermittelt. Neun Stücke in 41 Minuten: Mal kön- nen sich Cembalo (Małgosia Skotnik- ka) und die Baß- und Sopranklarinette (Andrzej Wojciechowski) gegen das untergründige Pochen behaupten; ein andermal verschwinden sie fast hinter dem vielstimmigen Brummen und Knistern. »Zerbrechliche Schönheit« nennt Jacaszek, was er da illustriert. Bei Leonard Cohen (»Anthem« auf »The Future«, 1992) heißt es: »There’s a crack in everything / that’s how the light get’s in«.

FRIEDRICH KAPPELER / FOTOSTIFTUNG SCHWEIZ

junge Welt

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

feuilleton

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E r war ein ernsthafter Moralist, zugleich ein schelmischer Witz- bold. Sein Humor war gallig, sei-

ne Mission unnachgiebig. Ein Radikaler, ein »Tiefbohrer«, der sich grundsätzlich nicht mit glänzenden Oberflächen zu- frieden gab. Seine Maxime war dennoch klar und deutlich: »Ich schreibe für Le- ser«, proklamierte Max Frisch und setz- te sich damit von jenen ab, die nur für den Erfolg bei der Fach- welt publizieren. Frisch war übrigens zunächst Architekt, dann Dichter – seine Arbeits- haltung aber war dieselbe. Er wollte Menschen mit geistigen Lebensentwürfen »füttern« und beglücken – ohne falsche Rücksichten auf Obrigkeiten. Die Berliner Akademie der Künste im Hanseatenweg

übernahm eine Schau des Zürcher Museums Strauhof:

»100 Jahre Max Frisch – Ei- ne Ausstellung« wurde von der dreiköpfigen »Praxis für Ausstellungen und Theorie« aus Berlin kuratiert. Federfüh- rend: Annemarie Hürlimann. Die 1949 gebürtige Hollände- rin, die schick-klotzigen Mo- deschmuck trägt, studierte in Zürich, lebte in New York und erstellte bereits 2006 für die Akademie der Künste die Aus- stellung »Walter Benjamins Archive«. Jetzt gelang ihr ein Coup: Die Frisch-Ausstellung ist geeignet, sogar Menschen in den Bann des Literaten zu ziehen, die ihn für verstaubt halten. Sie hat nur einen Schön- heitsfehler: Sie kommt zu spät. Denn 100 wurde olle Max letz- tes Jahr – man hätte die Exhi- bition darum ruhig »101 Jahre Max Frisch« nennen sollen. An dieser Courage fehlte es. Inhalt- lich stört das nicht: Spielerisch hat der Schweizer Schriftsteller Gelegenheit, sich entdecken zu

lassen. Im Vortext geht es um die Beziehung zwischen Rezipient und Dichter: »Zwi- schen Leser und Autor tut sich das wei- te Feld auf, in dem Literatur entsteht:

von den ersten Schritten des Autors, über die verlegerischen Aspekte, die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen bis hin zu den Zufällen, die einen Leser mit einem Schriftsteller in Berührung bringen.« Das setzt die Ausstellung sinnlich faß- bar um. Dazu zeigen Monitore Doku- mentationen, die durch Ohrmuscheln akustisch erläutert werden. Unter den Bildschirmen lagern »Textbausteine«

wie Skulpturen; die Inschriften verkün- den Kernthesen. Fachleute und Frisch sind in Statements und Interviews zu erleben, Manuskripte sind zu sehen, ebenso »Drumrum«-Unterlagen: Ver- legerbriefe, Unterrichtsmaterial, Filme, Fotos. Für Deutschlehrer, Kunstliebha- ber, Literaturfans ist was da – und für Forscher jener Zeitläufte, die die Span-

Erfolg in Frischs Leben kommt – mit dem Roman »Stiller« – bricht er alle Brücken ins bürgerliche Sein ab, ver- läßt Frau und Familie, lebt nur noch sein Haupttalent, das Schreiben. Den Kindern schreibt er mit Zeichnungen verzierte Briefe, dem Rotwein spricht er zu, bis zur späten Einsicht, Alko- holiker zu sein. Aber die Arbeit am

de: »Werde ich Antisemit?« fragt er und erklärt: »Ich bleibe Anti-Faschist, daher mein Zorn über das heutige Israel.« Aber auch alltägliche Details sind zu sehen, so ein paar Brillen und eine Kollektion von Pfeifen. Fehlt nur das Max-Frisch-Porträt von René Magritte, das dieser nie gemalt hat. Man kann es sich vorstellen: Frisch schaut mit wol- kenartigen Verwirbelungen auf der Stirn und genießerisch- wissendem Blick hinter der schwarzen Brille vor. Solche schwarzen Brillen sind ja nicht grundlos heute topmodern: Sie stehen für eine Betonung der Hirnmasse. Frisch war übrigens auch privat nachdenklich und sozial. Als Student half ihm ein begüterter Jugendfreund, spä- ter unterstützte er selbst ärmere Schriftsteller und Bekannte. Bis zur Übernahme von Ope- rationskosten. Ein großzügiges Genie. Als Sensation werden Aus- züge aus dem bis dato unveröf- fentlichten »Berliner Journal«, das nach 1973 entstand, gefei- ert. Sie sind indes banal und auf Unanstößiges reduziert; aus Angst vor juristischen Fol- gen unterließ man die Bekannt- gabe pikanter Wertungen von Frisch. So erfahren wir nur, daß er mit Christa Wolf und ihrem Mann gut auskam. Wit- zig hingegen der Umgang der Kuratoren mit »Mein Name sei Gantenbein«: Es wird gefragt, wieviele Gantenbeins heute im Zürcher Telefonbuch ste- hen. Mehr, als es Max-Frisch- Straßen in der Schweiz gibt:

Erst in fünf Jahren wird eine eingeweiht. Ansonsten erzäh- len Leser, Schauspieler, Dra- maturgen von ihrer Beziehung

zu Frisch. Auch Kritiker kom-

men zu Wort: Ihnen ist Frisch »zu durchsichtig«, was am feh- lenden dialektischen Denken besagter Kritiker liegt. Eine Anregung, sich mal mit Preziosen wie »Biogra- phie: Ein Spiel« zu beschäftigen, ist die Ausstellung allemal. Das Stück spielt Konjunktive durch, entlarvt Schicksal- haftigkeit als politisches Geschick und prangert Spitzelei und Denunzianten- tum auf komische Weise an. Es wird viel zu selten gespielt. Ein Bonmot des Schrifstellers hilft speziell jungen Er- wachsenen: »Nicht weise werden, zor- nig bleiben!« u »100 Jahre Max Frisch – Eine Aus- stellung«, Akademie der Künste im Hanseatenweg, Berlin, bis 11. März

Akademie der Künste im Hanseatenweg, Berlin, bis 11. März Der Kopf mit Brille vor Architektur: typisch

Der Kopf mit Brille vor Architektur: typisch Max Frisch

Frischauch

ohneFolie

Die Berliner Akademie der Künste zeigt eine auch hörbare

Ausstellung über Max Frisch. Von Gisela Sonnenburg

ne von Frischs Leben umfaßt, also 1911 bis 1991. Einzelne Werke des politisch Be- wegten sind hervorgehoben. Frisch entpuppt sich dabei als weiterhin aufre- gend, auch ohne neuartig aufgebrezelte interpretatorische Frischhaltefolie. So mit »Andorra«: Ein wichtiges Drama zum Thema Entstehung von Faschis- mus. Oder in »Homo faber«, diese In- zestgeschichte ist hier sachlich aufbe- reitet. Aber auch Frischs Anfänge als Architekt werden gezeigt. Die Erfolge, als er in Zürich in einem Arbeitervier- tel ein Freibad baut. Als literarischer

Schreibtisch beginnt er – darin Thomas Mann ähnlich – stets frühmorgens, egal, wie lang am Vorabend die Zeche dauerte. 1958 hatte er die große österreichi- sche Lyrikerin Ingeborg Bachmann lie- ben gelernt, in einer Menage à trois mit dem Komponisten Hans Werner Henze:

quälend, aber passioniert, dissonant, aber spannend. Bachmann und Frisch le- ben in Rom, er geht fremd, verlangt von ihr dennoch Treue, während sie sich vor allem an seinen Gewohnheiten stört. Die Trennung ist vorprogrammiert. 1965 hält Frisch in Jerusalem eine provokante Re-

Vaterschaft

Von Wiglaf Droste

Er, sehr angenehm gepflegt Hat die Dame fein gefegt doch den Dömmel falsch verlegt.

Etwas später hört er dann:

Dieser Fehlschuß bringt den Mann lebenslänglich richtig dran.

Schicksal, wieder mal geschafft:

Mutter trinkt den Schwangersaft. Aber Vater? – Vater schafft!

Huchel-Preis

D er Peter-Huchel-Preis 2012 geht an die Berliner

Lyrikerin Nora Bossong. Sie erhält die mit 10 000 Euro do- tierte Auszeichnung für ihren Gedichtband »Sommer vor den Mauern«. Das hat eine sie- benköpfige Jury am Vormittag in Freiburg entschieden. Die Jury begründete ihre Entscheidung unter anderem mit Bossongs großer Beobach- tungsgabe und ihrem präzisen Stil. Mit ihrem »neugierigen und erfahrungshungrigen Blick« spüre sie »literarische Szenen in der Wirklichkeit auf und verleihe ihnen auf meister- hafte Weise sprachliche Form«. Zudem verfüge sie über ein breites Repertoire poetischer Mittel. Dabei spanne sich ihr Horizont vom Heimatgedicht über das Liebesgedicht bis zur Reise- und Bildbeschreibung. Mit Witz und Sensibilität lasse Nora Bossong in »Sommer vor den Mauern« Gefühl sprechen, ohne sich in weltabgewandte In- nerlichkeit zurückzuziehen. Die 30jährige Schriftstellerin stammt aus Bremen, studierte in Leipzig und lebt mittlerweile in Berlin. Der Huchel-Preis wird gemeinsamt vom Land Baden-Württemberg und dem SWR finanziert. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern gehörten unter an- deren Ulf Stolterfoht, Gerhard Falkner, Friederike Mayröcker und Marion Poschmann. Der Preis wird am 3. April in Stau- fen überreicht. Der Tag ist der Geburtstag des Lyrikers und Kulturredakteurs Peter Huchel. (SWR/jW)

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Der Roman »Zündschnüre« von 1973, der starke autobiographische
Züge trägt, erzählt die Geschichte proletarischer Jugendlicher.
Kriegskinder, die in einer Welt ohne Väter aufwachsen. Die Norma-
lität der Zeit will ihnen nicht normal erscheinen, und so schließen
sie sich 1944 einer antifaschistischen Widerstandsgruppe an.
Franz Josef Degenhardt erzählt die Geschichte des vergeblichen
Kampfs einer Bürgerinitiative gegen einen NATO-Truppen-
übungsplatz im Emsland. Erstaunlich ist, daß der Roman nicht
an Aktualität verloren hat. Er knüpft an »Zündschnüre« an, wir
begegnen den erwachsen und den alt gewordenen Akteuren. Der
Roman thematisiert die offiziellen Maßnahmen zum »Schutz der
freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung« und zeichnet ein
Bild der explosiven Atmosphäre in der Bundesrepublik von 1974.
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ZDF/COLUMBIA

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rat

&

tat

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

junge Welt

Leserbriefe

Pawlowsche Reflexe?

u Zu jW vom 12. Januar: »Debatte um Solidari-

tätsaufruf« Kann es sein, daß die herrschenden Gedanken, die bekanntlich die Gedanken der Herrschenden sind, immer idiotischer werden? Ich bin gegen Krieg, also bin ich für Diktatoren und Terrori- sten. Ich bin gegen die Tötung von Palästinen-

sern, also bin ich Antisemit oder gleich Faschist. Ich bin gegen US-Kriegstreiber und -Folterer, also bin ich Antiamerikaner. Ich bin gegen Über- wachungsstaat, also bin ich für Drogendealer, Schläger und Kinderschänder. Ich bin gegen So- zialabbau und Umweltzerstörung, also bin ich für mehr Arbeitslosigkeit. Hat das mit Denken überhaupt noch irgendwas zu tun? Oder sind das eher Pawlowsche Reflexe? Oder aber bewußte orwellsche Sinnumdeutun-

Klaus Büchner, Berlin

gen?

Miserable Qualität

u Zu jW vom 10. Januar: »Privatisierung ge-

plant« Es gibt wenig, was die deutsche Hochschulland- schaft solidarisch zusammenhält. Das Hoch- schulinformationssystem ist eine Solidargemein- schaft, die es »reichen und armen Hochschulen« über Jahrzehnte ermöglichte, verläßlich, nach- haltig und dem Finanzbudget der Hochschulen entsprechend, die Verwaltungsaufgaben rationell und qualitätsgerecht zu erfüllen. Die Folgen ei- ner Privatisierung sind ersichtlich, belegt durch Beispiele, wie bisher die privaten Unternehmen den Einstieg in die Entwicklung von Softwa- reapplikationen für die Hochschulen bewerkstel- ligten: viel zu teuer und von miserabler Qualität. Die Produkte wurden allesamt dem Namen Ba- nanensoftware gerecht; die Banane reift bekannt- lich beim Kunden. Hinzu kommt, daß eine Privatisierung des HIS

»Ich bin gegen Krieg, also bin ich für Diktatoren und Terroristen. Hat das mit Denken überhaupt noch irgendwas zu tun?«

zur vielleicht gewollten direkten Durchleitung von staatlichen Fördermitteln der DFG (Deut- sche Forschungsgemeinschaft) in die Privatwirt- schaft garantiert. Die Hochschulen verfügen über leistungsfähige Rechenzentren mit qualifizier- tem Personal, die Dienstleister für den Betrieb der HIS-Software sind. Ein Know how, das dann bequem durch »Outsourcing« ersetzt werden wird und dabei die Kosten nach oben treibt. Die Hochschulen nehmen auch die Dienstleistung des DFN e.V. (Deutsches Forschungsnetz) seit 25 Jahren gemeinschaftlich in Anspruch. Der DFN e.V. betreibt das leistungsfähigste Breitbandnetz in Deutschland. Das Forschungsnetz ermöglicht den Fakultäten, Zentraleinrichtungen, der Hoch- schulverwaltung und den Studierenden während des Studiums die Lösung aller Anforderungen an IT-Kommunikation. Bleibt zu hoffen, daß der DFN e. V. vom »Zugriff der Privaten« und dem »Ausverkauf durch den Staat« verschont bleibt. Besser wäre, wenn er das Beispiel für eine pro- gressive Hochschulpolitik im IT- Bereich wäre. Werner Fitzner, Groß Lindow

Falsch wiedergegeben

u Zu jW vom 13. Januar: »Schlechte Erfahrung führt zur Erkenntnis« Ich bin in Ihrem Beitrag falsch zitiert worden. Den Satz »Den Kommunen bleibt kaum eine Wahl, auch wenn Wirtschaftlichkeitsprüfungen zeigen, daß sie 30 Jahre gebunden sind, ohne langfristig Vorteile zu erzielen« habe ich nie

gesagt. Diese Position entspricht auch in keiner Weise meiner Überzeugung. Gerade weil – auch durch Prüfungen der Rechnungshöfe – belegt ist, daß ÖPP den Kommunen in der Regel keine finanziellen Vorteile bringt, sondern die Schul- denlast nur am Haushalt vorbei in die Zukunft verschiebt, lehnt der DGB Öffentlich-Private Partnerschaften ab. Leider ist ein weiterer Satz nicht zutreffend. In dem Beitrag heißt es: »Fast jede zweite Ge- meinde plant nach DGB-Angaben eine Rekom- munalisierung.« Richtig ist vielmehr, daß DGB- Vorstandsmitglied Claus Matecki in seiner Re- de eine Studie der Uni Leipzig zitiert, wonach 48,5 Prozent von 102 befragten Kommunen mit Haushaltsdefizit und Privatisierungserfahrungen Rekommunalisierungen erwägen. Diese Studie mit 102 Gemeinden unter sehr spezifischen Be- dingungen ist also nicht repräsentativ, und es sind auch keine DGB-Angaben.« Claudia Falk, politische Referentin für öffentliche Daseinsvorsorge beim DGB

Hauptsache, die Quote stimmt

Ich denke, ich lüge. Wieder einmal wurden wir von den Medien – wie bereits üblich – inhalt- lich flachgebürstet. Es geht um die Serie im ZDF »Reich und obdachlos«. Gut so: Reiche probieren das Armsein. Aber nur für paar Tage. Eine erste Erkenntnis einer Teilnehmerin dieses »epochemachenden Experimentes«: Man ist als Armer ein Nichts. So eine Verachtung, die dir

entgegengeschleudert wird, so eine Mißachtung des anderen Menschen. Du bist als Obdachloser der letzte Dreck. Und der Reiche: Er bescheißt, erschwindelt sich Geld, um den »Obdachlosen« zu helfen und geht in ein Hotel mit dem er- schwindelten Geld der »nichtsahnenden Leute«, um dort endlich wieder – nach der ersten Nacht im Freien – richtig zu nächtigen. Eine »Urwald- story«, extra vom TV organisiert. Welches Fazit wird es vom ZDF geben? Stoßen sie nach – in das Problem der immer stärker klaffenden Schere zwischen Arm und Reich? Oder bleibt alles im flachen Bereich? Ein Hingucker allemal! Und dann? Der Reiche – widerlich in seiner Arroganz und mit seiner Meinung, jeder kann was aus sich machen, er müsse es nur tun. Keiner fragte nach den tieferen Ursachen, keiner übte Systemkritik. Warum eigentlich nicht? (Die Diskussion zum Beitrag wurde verschoben.) Blödeleien und kein Ende. Da soll man sich noch empören? Hauptsa- che, die Quote stimmte wieder beim ZDF. Herzli- chen Glückwunsch. Harry Popow, Schöneiche

Verschwurbelt

u Zu jW vom 9. Januar: »Vorschlag: Chinatown« Das war eine sehr »belustigende« Darstellung des Films. Vielleicht kann man ihn aber auch folgendermaßen erlebt haben? Konventionell (und sehr steril) erzählte Ge- schichte, deren politischer Kern in der kunstvoll verschwurbelten Handlungsstruktur ebenso in den Hintergrund gerät wie das persönliche Dra- ma (teils Leiden, teils Handeln) der Hauptak- teurin; statt eines Politkrimis sieht man (schiel, schiel auf den Publikumsgeschmack) einen der vielen Polizeikrimis, der ebenso banal gemacht ist wie die überwiegende Mehrzahl des Genres. Bei den Schauspielern kann man nicht recht ent- scheiden, ob ihre (mäßigen) Leistungen ihrem ei- genen (Un-)Vermögen, dem des Regisseurs oder den Auflagen des Produzenten geschuldet sind. Max de Peguilhen, per E-Mail

ferNseheN

NachschLag Kai Gniffke | tagesschau.de

Besatzer im Blog

Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniff- ke sorgt sich im Internetblog über die Folgen des jüngsten Videos von US- Soldaten, die Leichen schänden. »Dieser Filmschnipsel ist eklig. Vor allem aber wird er seine Wirkung in der islamisti- schen Szene nicht verfehlen und neuen Haß hervorrufen. Leider müssen wir das Ding auch noch in der Tagesschau zei- gen.« Warum »müssen«, ein Standbild hätte doch auch gereicht. Das Video sei ein Politikum, so Gniffke. »Es zeigt, daß Exzesse von US-Armeeangehörigen in Ländern wie Irak oder Afghanistan nicht der Vergangenheit angehören. Ohne daß ich alle US-Soldaten in einen Topf wer- fen möchte, offenbart das Video doch eine Geisteshaltung der Besatzer gegen- über ihren Gegnern und dem Land.« Warum wird die korrekte Formulierung »Besatzer« nicht in den regulären Nach- richtensendungen verwendet? (rg)

vorschLag

Die Lady von Shanghai

Oh, heute gibt es viel – da fassen wir uns kurz. USA 1946: In San Francisco wird der Seemann O’Hara durch seine Lei- denschaft zu einer reichen Dame zum Spielball von Machtgier und Intrigen. Klassiker der Klassiker des Film noir von und mit Orson Welles; und mit Rita

Hayworth.

u Arte, 20.15

Frau ohne Gewissen

Weiter geht’s. USA 1944: Billy Wilder und Raymond Chandler schufen dieses Meisterwerk nach einer Erzählung von James M. Cain. Machte Skandal.

u Arte, 21.40

die story

Reportagen zum Zeitgeschehen:

Schattenland

»Wir sehen jeden Tag unvorstellbares Elend, sehen Kinder, die mit drei Jah-

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Kto.-Nr. 695495108. Shop/Spendenkonto: 695682100. Druck: Union Druckerei Berlin GmbH. Art-Nr. 601302/ISSN 041-9373.
Union Druckerei Berlin GmbH. Art-Nr. 601302/ISSN 041-9373. Halb zog sie ihn Orson Welles und Rita Hayworth

Halb zog sie ihn

Orson Welles und Rita Hayworth in »Die Lady von Shanghai«

ren nicht einmal Mama sagen können oder zu Tode gequälte Säuglinge«, sagt Hauptkommissarin Gina Grai- chen vom Berliner LKA 125, dem ein- zigen Kommissariat in Deutschland, das sich ausschließlich um Mißhand- lungen von Kindern und anderen hilf- losen Personen kümmert. Rund 3 500 Fälle werden Jahr für Jahr in Deutsch-

land aktenkundig.

u WDR, 22.00

Urlaubsland Bayern (2/3)

Von Volksgenossen und Pauschaltouristen

Nach dem Ersten Weltkrieg wird Bay- ern zum Lieblingsziel einer jetzt entste- henden regelrechten »Reiseindustrie«. Die günstige Pauschalreise wird popu- lär, der »Urlaub in Bayern« wird zum seriengefertigten Gesamtpaket. Das Bild vom urwüchsigen, idyllischen Le- derhosenland bleibt bestehen, es wird von den neu entstandenen Massenme- dien mit Heimatfilmen und Schlagern weiter angefacht. Das »Dritte Reich« erkennt die propagandistische Kraft

des Reisens: Unter dem Motto der »Brechung bürgerlicher Privilegien« organisiert die staatliche Freizeitorga- nisation »Kraft durch Freude« (KdF) günstige Reisen für den »Arbeiterur- lauber«. Aus dem Stand wird KdF zum größten Reiseveranstalter Europas. Bayerisches Brauchtum und bayeri- sche Traditionen wie die Oberammer- gauer Passionsfestspiele werden durch die NS-Ideologie vereinnahmt.

u Bayern, 22.30

La Zona

Mexiko 2007: Bei einem Einbruch in der reichen Wohnsiedlung »La Zona« wird eine Frau getötet, ihr Nachbar er- schießt wiederum zwei der Täter. Der Dritte, der erst 16jährige Miguel, kann vom Tatort fliehen, jedoch nicht mehr aus der völlig abgeschotteten Zone entkommen. Weil die Anwohner nicht wollen, daß sich die Polizei in ihre An- gelegenheiten einmischt, nehmen sie die Verfolgung selbst auf. Grusel der Privatisierung. Wichtig und stark.

u NDR, 23.15

veraNstaLtuNgeN

Vortrag zum Thema »Mythos – Blockade – Repression.« Heute, 16.1., 18 Uhr, Martin- Luther-Universität Halle/S., im Hörsaal VX (Melanchthonianum), Universitätsplatz 8/9, Halle/S.Veranstalter: SDS MLU, Links- jugend [’solid] Halle, Bündnis Halle gegen Rechts

Ausstellung: »Erinnerung bewahren Sklaven- und Zwangsarbeiter des Dritten Reiches aus Polen 1939 – 1945«. Vernissage heute, 16.1., 19 Uhr, mit OB Klaus Jensen. VHS Domfreihof 1b,Trier (und die letzte Woche an der Universität Trier) Veran- stalter: Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V, Evangelische Studentinnen- und Studenten- gemeinde, Katholische Hochschulgemein- de, Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, vhs Trier

Bankenkrise – Staatsschuldenkrise – poli- tische Krise. Veranstaltung mit Leo Mayer, Institut für sozial-ökologische Wirtschafts- forschung München (ISW) und Stellvertre- tender Vorsitzender der Deutschen Kom- munistischen Partei (DKP). Heute, 16.1., 19 Uhr, BAIZ, Christinenstraße 1, Berlin. Info: http://www.baiz.info/

Der Verfassungsschutz: ein Fremdkörper in

der Demokratie! Vortrags- und Diskussi- onsveranstaltung mit Dr. Rolf Gössner am Dienstag, 17.1., 19 Uhr, Nachbarschaftshaus Gostenhof, Adam-Klein-Straße 6, Nürn- berg.Veranstalter: organisierte autonomie

Das höhere Bildungswesen im Kapitalismus. Ausbildung und Einbildung der Elite.Vor- trag mit Diskussion mit Referent: Prof. Dr. Egbert Dozekal, Frankfurt/Main. Mittwoch, 18.1., 19 Uhr, Universität Hamburg, Hörsaal der Fakultät für Erziehungswissenschaft (PI),Von-Melle-Park 8, Hamburg

u Die Adresse für Termine:

termine@jungewelt.de

JOERG SARBACH/DAPD

junge Welt

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

politisches

buch

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Montag: politisches buch |

Dienstag: betrieb & gewerkschaft

|

Mittwoch: antifa

|

Donnerstag: wissenschaft & umwelt |

Freitag: feminismus |

Samstag: geschichte

Waffenschmiede

Ein Sammelband zur Rüstungsindustrie in Bremen. Von Sönke Hundt

U rsprünglich sollte es »nur«

eine Broschüre werden, aber

nun hat sich der Sammelband

»Erfolgsgeschichten aus Bremen? Rü- stungsstandort an der Weser« zu einem 176-Seiten-Reader gemausert. Das Buch kommt gerade rechtzeitig, um für die zur Zeit heftig geführte bundes- weite Diskussion über die Zivilklausel und die problematische Einflußnah- me von Bremer Rüstungsunternehmen (unter anderem OHB und Rheinme- tall) auf Lehre und Forschung an der Universität und der Hochschule der Hansestadt Informationen und Argu- mente zu liefern. Für den Band ist ein breites Bünd- nis von Autoren und Organisatoren zu- sammengekommen. Ein Grußwort hat der Friedensbeauftragte der örtlichen evangelischen Kirche formuliert. Das Bremer Friedensforum, die Stiftung für Rüstungskonversion und Friedensfor- schung in dem Stadtstaat, die Links- fraktion in der Bürgerschaft, der AStA der dortigen Universität und die Deut- sche Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegnerinnen und Kriegs- dienstgegner (DFG-VK) haben das Projekt ideell und materiell unterstützt. 16 Autorinnen und Autoren beschrei- ben und analysieren umfassend die Bre- mer Rüstungsindustrie sowie viele ihrer ökonomischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen.

Zivilklausel

Das Bundesland an der Weser ist eine ausgesprochene Rüstungshochburg mit einigen bedeutenden Marktführern in der Tötungs- und Überwachungsbran- che. Lühr Henken, einer der Sprecher des Bundesausschusses Friedensrat- schlag und Mitglied im Beirat der In- formationsstelle Militarisierung (IMI), beschreibt in seinem Beitrag im Detail die örtlichen Rüstungsunternehmen At- las Elektronik GmbH (weltweit führen- der Elektronikausstatter für U-Boote), EADS Airbus Bremen (maßgeblich an der Entwicklung und Fertigung des A 400 M, des neuen Militärtransporters, beteiligt), Rheinmetall Defence Elec- tronics (weltweit agierendes System- haus für die Ausrüstung von Landstreit- kräften), Friedrich-Lürssen-Werft (baut Schnellboote, Korvetten, Fregatten,

(baut Schnellboote, Korvetten, Fregatten, Man kennt sich. Der erste Termin als Wirtschaftsminister

Man kennt sich. Der erste Termin als Wirtschaftsminister führte Philipp Rösler (FDP, l.) an die Lürssen-Werft

Minensucher, Minenjäger) und Orbita- le Hochtechnologie OHB (SAR-Lupe, Galileo-Satelliten-Navigationssystem). Rheinmetall ist aktuell verantwortlich in Masar-i-Scharif für die komplette technische und logistische Betreuung der Kampfdrohne »Heron« Rudolph Bauer (Professor an der Universität Bremen) und Dietrich Schulze (ehema- liger Betriebsratsvorsitzender im Kern- forschungszentrum Karlsruhe, jetzt KIT Campus Nord) sind bundesweit bekannt geworden durch ihre Kritik an der Einflußnahme von Rüstungsunter- nehmen auf Lehre und Forschung an Hochschulen und Universitäten. In ih- ren Beiträgen schildern sie im Detail die Auseinandersetzungen um die Zi- vilklausel. Speziell an der Bremer Uni- versität schwelt ein Konflikt, seit ihr die OHB-AG eine Stiftungsprofessur spen- dieren wollte und dafür unverblümt die Änderung der dort noch gültigen Zivil- klausel verlangte.

Kriegsmarine

Rüstungskonversion war vor über 20 Jahren ein großes Thema in Bremen, und verschiedene Initiativen und

Projekte konnten sich auf ein breites gesellschaftliches Bündnis von Frie- densbewegung, politischen Parteien, Wissenschaft, Belegschaftsvertretern und Gewerkschaften stützen. Die Zei- ten sind offenbar lange vorbei. Die Hoffnungen auf eine Friedensdividen- de nach Ende des Kalten Krieges sind durch die Entfesselung der Kriege in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen zertrümmert worden. Damals hatten sich noch Gewerkschaften, vor allem die IG Metall, und Betriebsräte an verschiedenen Konversionsinitiati- ven beteiligt. Im neuen Antirüstungs- reader aber fehlt ein Beitrag von ge- werkschaftlicher Seite. Heute sind die Waffenschmieden mächtiger und einflußreicher denn je. Der Unterneh- mer Friedrich Lürssen z. B. begleitete im Juli 2011 die Bundeskanzlerin An- gela Merkel nach Luanda. Mit dem ebenso korrupten wie diktatorisch regierenden Präsidenten von Angola, José Eduardo dos Santos, wurde über den Aufbau und die Finanzierung ei- ner Kriegsmarine für das afrikanische Land verhandelt. Die Lürssen-Werft, auch das kann man der informativen Broschüre aus Bremen entnehmen,

ist übrigens schon lange, nämlich seit dem Flottenbauprogramm vor dem Ersten Weltkrieg, im Rüstungsge- schäft.

u AStA der Universität Bremen/

Bremer Friedensforum/Bremische

Stiftung für Rüstungskonversion und

Friedensforschung/Abrüstungsin-

itiative Bremer Kirchengemeinden/ DFG-VK Bremen/Die Linke, Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft (Hg.):

Erfolgsgeschichten aus Bremen? Rüstungsstandort an der Weser. Pro- duktion, Forschung und Perspektiven. Eigenverlag, Bremen 2011, 176 Seiten. Schutzgebühr 6 Euro (plus 1 Euro Porto)

u Bezug:Villa Ichon, Goetheplatz 4,

28203 Bremen, E-Mail: info@ bremerfriedensforum.de oder Direktversand bei Einzahlung der Gebühr auf das Konto Ekkehard Lentz, Postbank Hannover, Konto-Nr. 123 268 306, BLZ 250 100 30 (Stich- wort Rüstungsbroschüre)

u Info im Internet:

www.bremerfriedensforum.de

Erinnerungen an Hadwig Klemperer

Frühere Weggefährten zeichnen ein beieindruckendes Bild der Frau Victor Klemperers

M it der Herausgabe eines

Gedenkbandes erinnert

der Dresdner Goldenbo-

gen-Verlag an das Leben und Wirken von Hadwig Klemperer. Sie war die zweite Frau des 1960 verstorbenen berühmten Literaturwissenschaft- lers, Schriftstellers und Chronisten der antisemitischen Verbrechen der Nazis, Victor Klemperer. Er wurde in der DDR hoch geehrt, war als Vertreter des Kulturbundes seit 1950 Abgeordneter der Volkskammer und Mitglied der Akademie der Wissen-

schaften. Hadwig Klemperer hingegen wurde in der Öffentlichkeit haupt- sächlich als Frau ihres berühmten Mannes wahrgenommen, obwohl ihre eigenen Verdienste groß wird. Die im Jahr 2010 in Dresden ver-

storbene promovierte Romanistin, die viele Jahre an der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg und der Berliner Humboldt-Universität tätig war, arbeitete gemeinsam mit ihrem früheren Kommilitonen Wal- ter Nowojski an der Erschließung der Tagebücher ihres verstorbenen Mannes. Nach über achtjähriger Ar- beit erschienen 1995 die Bände »Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1945«. Das von Rosemarie Gläser heraus- gegebene Buch, das den Untertitel »Im Spiegel lebendiger Erinnerung« trägt, vereint Beiträge von Kollegen, Studenten und Weggefährten Hadwig Klemperers – darunter auch einen von Walter Nowojski. Er beschreibt sie als Frau, die sich »durch die Art ihrer Unermüdlichkeit« ein »Leben

lang Verdienste erworben« habe und ihrem vom Schicksal hart getroffe- nen Mann »die Zweifel nahm und neuen Lebensmut spendete«. Außerdem finden sich in dem Ge- denkband eine von der Herausgeberin des Buches verfaßte reich bebilderte Kurzbiographie sowie ein Interview, das der Journalist Uwe Ullrich 1999 mit Hadwig Klemperer führte. Gemeinsam ist allen Beiträgen die Hochachtung vor dem Lebensmut der Frau, in denen auch ganz per- sönliche Erinnerungen der Verfasser nicht zu kurz kommen. So entsteht ein lebensnahes Bild der Romanistin in den verschiedenen Epochen ihres Lebens. Daß Hadwig Klemperer nicht in Vergessenheit geraten wird, wird unter anderem an der Vielzahl der

freundlichen Geleitworte deutlich, die sich in dem Buch finden. Neben Nora Goldenbogen, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, und dem Dompfarrer der Kathedrale Dresden, Klemens Ullmann, zollt ihr auch die Dresdner CDU-Oberbürger- meisterin Helma Orosz Respekt. Der Band erinnert an eine aufopfe- rungsvolle, starke Frau, die sich nicht nur an der Seite ihres Mannes der gesellschaftlichen Aufklärung und der Mahnung an die Verbrechen der deutschen Faschisten verschrieben hat. Es zeichnet ein persönliches Bild einer engagierten Kämpfernatur. Markus Bernhardt

u Rosemarie Gläser (Hg.): Hadwig

Klemperer. Im Spiegel lebendiger Erinnerung. Goldenbogen Verlag, Dresden 2011, 120 Seiten, 12,50 Euro

Neu erschieNeN

Inamo

Das »Informationsprojekt Na- her und Mittlerer Osten e.V.« widmet sich im neuen Quar- talsheft dem »Feindbild Islam«. Arshin Adib-Moghaddam von der »School of Oriental and African Studies« der University of Lon- don kommt in seinem Aufsatz »Arabische Aufstände, Islam und Postmoderne« zum Schluß: »Der Islamismus ist im Verschwinden begriffen und mit ihm der My- thos, daß eine hybride Religion auf eine politische Ideologie aus einem Block reduziert werden kann. Dieser Moment signalisiert den Beginn der Postmoderne in der arabischen und islamischen Welt: ein radikaler erfrischen- der und emanzipatorischer Augenblick in der Geschichte der Menschheit.« Deepa Kumar (Rutgers University, USA) unter- sucht in »Jihad Jane« den haus- gemachten Terrorismus und die Schaffung eines neuen Feindes in den Vereinigten Staaten. Im Heft findet sich auch eine Übersicht über das US-Netzwerk der Isla- mophoben. Dagmar Schatz be- schreibt deren Szene im deutsch- sprachigen Raum. Werner Ruf analysiert »Die NATO und das Feinbild Islam«. In seiner als »berühmt« bewerteten Kairoer Rede »A New Beginning« sagte US-Präsident Barack Obama, daß sein Land keinen Krieg gegen den Islam führe. Doch laut Ruf ginge es darum, ein über Jahrzehnte aufgebautes Feindbild zu demon- tieren. »Aber was würde das für die Legitimität der NATO bedeu- ten, zum zweiten Mal ihren Feind zu verlieren?«

u Inamo 68, Winter 2011, 68

Seiten, 5,50 Euro (Jahreabo:

21 Euro). Bezug: Inamo, Postfach 310727, 10637 Berlin. Telefon:

0 30/86 42 18 45, E-Mail:

redaktion@inamo.de

Schwarzbuch SPD

Wettern gegen Die Linke, Werben für Völkerrechtsbruch und Aggression – nichts Neues bei der Sozialdemokratie: In der Chronik der SPD von 1913 bis 2011 fallen vor allem zwei Konstanten auf: der aggressive Antikommunismus der Führung und die Rolle der SPD als Kriegs- partei. »Wenn Phantasten in der Partei Die Linke an eine von Gy- si angemahnte ›Sozialdemokra- tisierung‹ der SPD glauben, ist an diese Chronik zu erinnern«, schreibt Konstantin Brandt in der Einleitung. »Eine vorgeschla- gene ›Vereinigung‹ mit dieser

SPD wäre kein Weg zurück zu Bebel und Liebknecht, sondern der Weg der Linkspartei nach Bad Godesberg.« – »Bad Godes- berg?« fragt da vielleicht der ein oder andere jüngere Leser. Das kleine Schwarzbuch lesen und fürs Leben Lernen. Brandt hat das Buch einem ehrlichen Sozialdemokraten gewidmet, wie es sie auch heute noch zahlreich in der SPD gibt. Auch ihnen soll die Chronik hilfreich sein. Lieder und Texte der Arbeiterbewegung ergän-

zen die Jahresschau.

u Konstantin Brandt: Das klei-

ne Schwarzbuch der deutschen Sozialdemokratie.Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2012, 160 Seiten, 7,50 Euro

(rg)

JUERGEN S CHWARZ / DDP

PETR JOSEK SNR / REUTERS

1 6

sport

Montag, 16. Januar 2012, Nr. 13

junge Welt

fussbaLL

Stundung

roStoCk. Der FC Hansa Rostock ist auf der Suche nach einer Lösung für seine Finanzpro- bleme erst einmal erfolgreich gewesen. Die Gläubiger des Fußball-Zweitligisten stunden dem Verein Steuerschulden in Höhe von 4,5 Millionen Euro.

Wie der Verein mitteilte, einigte sich Hansa mit seinen Gläubi- gern aus der Politik und reichte bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) die geforderten Unter- lagen zur Sicherstellung seiner Zahlungsfähigkeit ein. Mit einer Antwort rechnet der Verein am heutigen Montag. Mit der Stun- dung dürfte auch die Transfer- sperre, die die DFL gegen den Verein verhängt hatte, aufgeho-

ben werden.

(sid/jW)

teNNis

Rundung

hoBart. Als Qualifikantin feierte die 21jährige Mona Barthel in Hobart/Tasmanien ihren ersten Turniersieg auf der WTA- Tour. Die Australian-Open- Debütantin, die bereits heute ihr Auftaktmatch in Melbourne spielen muß, gewann das Finale in Hobart auch in der Höhe überraschend 6:1, 6:2 gegen die topgesetzte Yanina Wick- mayer (Belgien). Nach Andrea Petkovic mußte indes auch Florian Mayer seine Teilnah- me am ersten Grand Slam des Jahres abblasen. Die deutsche Nummer eins laboriert an einer Leistenverletzung. Damit fehlen in Melbourne beide deutschen Topspieler. (sid/jW)

rodeLN

Zündung

oBerhoF. Das deutsche Rodel- team hat den Heim-Weltcup in Oberhof ohne eine Niederlage beendet. Bei der Teamstaffel am Sonntag gewann die Mann- schaft mit Natalie Geisenberger, Olympiasieger Felix Loch sowie den Doppelsitzern Toni Eggert/Sascha Benecken deut- lich vor Italien und Rußland. Bereits zuvor hatten Loch bei den Männern, Geisenberger bei den Frauen und Eggert/Benek- ken bei den Doppelsitzern auf der sehr anspruchsvollen Bahn triumphiert. (sid/jW)

biathLoN

Erkundung

Bahn triumphiert. (sid/jW) b iathLoN Erkundung n ove m eSto . Biathlon-Rekord- weltmeisterin Magdalena

nove meSto. Biathlon-Rekord- weltmeisterin Magdalena Neu- ner (Foto) hat im tschechischen Nove Mesto ihren 29. Weltcup- sieg durch einen groben Patzer leichtfertig verschenkt. Die 24jährige aus Wallgau schoß beim ersten Stehendschießen die ersten vier Schüsse auf die falschen Scheiben und mußte anschließend viermal in die Strafrunde. Im Verfolgungs- rennen über 10 km landete die Doppelolympiasiegerin so, nach insgesamt acht Schießfehlern,

nur auf Platz sieben.

(sid/jW)

Neue Verdächtige

Fußball-Wettskandal: Spuren auch in Deutschland. Von Tom Mustroph

Spuren auch in Deutschland. Von Tom Mustroph Freundschaftlich verbunden? Der Bochumer Azaouagh (l.) und

Freundschaftlich verbunden? Der Bochumer Azaouagh (l.) und Ervin Skela aus Cottbus

I taliens Fußballfans reiben sich die Augen. Denn die Ermittlungen

zum Wettskandal im Fuß- ball gehen gegenwärtig in ihre dritte Phase. Nachdem im Juni mehrere Dutzend Spieler, Betreuer und Ver- einsfunktionäre vornehm- lich aus dem Bereich der zweiten und dritten Liga in den Fokus der Untersu- chungen gerieten und sich kurz vor Weihnachten die internationale Dimension mit Haftbefehlen gegen die Hintermänner aus Singapur offenbarte, wurden in den ersten Tagen des neuen Jah- res weitere 38 Verdächtige in das Prozeßregister einge-

tragen. Unter ihnen befin- det mit Lazio-Profi Stefano Mauri, den Chievo-Verona- Akteuren Sergio Pellissier und Luciano Siquiera de Oliviera, genannt Eriberto, mindestens einem Spieler des CFC Genoa, drei Spie- lern des US Lecce sowie fünf von Erstliga-Absteiger AS Bari gleich ein ganzes dreckiges Dutzend, das zum Zeitpunkt der Mani- pulationen in der obersten Spielklasse des Landes kickte. Das ist für all die eine Überraschung, die die Serie

A – trotz der Verwicklung

von Exstars wie Giusepppe Signori und den in Serie-B- Zeiten zum Manipulator ge- wordenen Kapitän der Fahr- stuhlmannschaft Atalanta Bergamo, Cristiano Doni – für weitgehend immun hiel- ten. Die einen verwiesen darauf, daß die Bezüge der Serie-A-Kicker groß ge- nug seien, um vor der Ver- suchung der Verschiebung gefeit zu sein. Die anderen, die angesichts der aufgefun- denen Tarifordnung für den Wettbetrug – Bestechungs-

summen von ca. 60 000 Euro für Drittliga-Spiele, 100 000 bis 120 000 für Be- gegnungen der Serie B und 200 000 bis 300 000 für

Erstliga-Partien – prinzipi-

ell auch Aktive der obersten

Spielklasse für potentiell verdächtig hielten, glaub- ten, daß die Schweigemauer hier zu massiv sei, um Ma- nipulationen auch nachwei- sen zu können. Selbst der Cremoneser Staatsanwalt Roberto Di Martino, der die Untersuchung »Last Bet«

sein Anbeginn leitet, beton-

te mehrfach die Schwierig-

keiten, im Erstliga-Milieu

ermitteln zu können. Aber die jüngsten Ent- wicklungen zeigen, daß er

auch an dieser Front vor- angekommen ist. Geholfen haben ihm neben einem mehrstündigen Geständ- nis des Zweitliga-Profis Carlo Gervasoni – der pi- kanterweise einst Opfer des Betäubungsanschlags beim US Cremonese war, der die Ermittlungen aus- löste – Zeugenaussagen aus Finnland, Ungarn und Deutschland. Der ungari- sche Profi Gabor Horvath, 2010 sogar Fußballer des Jahres in seinem Lande und zuletzt als Innenvertei- diger beim holländischen Ehrendivisionär ADO Den Haag unter Vertrag, gab ita- lienischen Medien zufolge glaubhafte Informationen zur Verschiebung des Spiels Lecce – Lazio. Die Partie fand am letzten Spieltag der vergangenen Saison statt. Daß aber auch deutsche Fußballfans gezwungen sein könnten, sich die Au- gen zu reiben, machte die ARD-Sportschau am Sams- tag deutlich. Dank der Aus- sagen des im Bochumer Wettbetrugsprozeß zu fünf

Jahren Haft verurteilten Marijo Cvrtak stellten die Ermittler aus Cremona »den gleichen Modus operandi« der Manipulatoren und so-

gar den »gleichen Kreis der beteiligten Personen« fest. In Italien wie in Deutsch- land gilt den italienischen Behörden zufolge der Sin- gapurer Eng Tan Seet als Kopf der Organisation. Die- se soll laut ARD-Interview mit dem Chefermittler aus Cremona, Sergio Lo Presti, global tätig sein und sich die ganzen Erde in Einfluß- zonen aufgeteilt haben. Einzelne Bundesliga- Partien, die verschoben sein könnten, sind gegenwärtig nicht bekannt. Aber nun ob- liegt es der deutschen Sport- justiz und der deutschen Strafjustiz, den vergleichen- den Informationen aus Itali- en nachzugehen. Bereits in einer anderen Wettbetrugs- ermittlung in Italien, der Operation »Golden Goal« der Staatsanwaltschaft Nea- pel, gab es Hinweise auf ein Bundesliga-Spiel zwischen dem VfL Bochum und Energie Cottbus, ohne daß dies Konsequenzen ausge- löst hätte. Der Fußball ist ein glo- bales Geschäft. Sportwetten auch. Es wäre ein Wunder, wenn ausgerechnet Wettbe- trüger Respekt vor Länder- grenzen und Verbandszu- ständigkeiten hätten.

s pa N ischer f ussba LL

Realiter

Es ist schon Mitte Januar, die Sonne ist zwar heizarm, aber leuchtfreudig, und die Bäume sind alle kahl: Es ist Winter, auch wenn es einer dieser schönen, weitgehend schneefreien Winter ist. In Spanien ist auch Winter, jedenfalls offiziell, gefühlt ist es eher ein etwas kühlerer Über- gang vom Spätsommer in den Vorfrühling. Der Ball rollt hier nahezu ständig über die grünen, von Sonne und Sommerhitze ausgebleichten, fast gelben Wie- sen; eine Winterpause jedenfalls kennt man nicht. Man kennt auch keine Spielausfälle. Höchstens mal wegen Starkregens. Trotzdem wird auch in der spanischen Primera Division der inoffizielle Titel des »Herbstmei- sters« vergeben, und in diesem Winter, jetzt Mitte Januar, geht dieser Titel, zum übrigens 32. Mal, an die Königlichen von Real Madrid. Und das ist heutzutage schon ein kleines Wunder. Denn der nationale und internationale Fußball wird bekanntlich vom großen FC Barcelona beherrscht. Der mit Xavi, Iniesta und dem Unerreichbaren. Dem Weltfuß- baller der letzten drei Jahre. Mit Lionel Messi. Aber in der Liga schlampt Bar- ca, die außer dem eher uninter- essanten spanischen Pokal – die Sieger von Real ließen die Tro- phäe bei der Siegerparade auch prompt gelangweilt vom Bus fallen – sonst alles abgeräumt haben, was es abzuräumen galt, in dieser Hinrunde jedenfalls ziemlich herum. Erst kürzlich unterlief der Mannschaft ein 1:1 beim Lokalkonkurrenten Espany- ol. Selbst der überlegene 3:1-Er- folg im »Clásico« in Madrid half nicht viel weiter. Denn Real verliert zwar die meisten dieser Prestigeduelle, weil sie trotz Arschloch Mou- rinho im Vergleich zu Barca die stumpfere Taktik haben, haut dafür aber inzwischen in genauso stumpfer Regelmäßigkeit alle anderen Gegner weg. Und selbst wenn die Motivation nicht so stimmt wie jetzt am Wochenende auf Mallorca, für ein knappes 2:1 reicht es dann doch. Die Meisterschaft könnte sich Real also diesmal holen. Ganz am »Clásico« vorbei. Im Pokal wird es nicht so einfach – da wartet Barca jetzt schon im Viertelfinale. Das Hinspiel steigt übermorgen

René Hamann

in Madrid.

nicht so einfach – da wartet Barca jetzt schon im Viertelfinale. Das Hinspiel steigt übermorgen René