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MOHAMMED SALEM / REUTERS

TOBIAS SCHWARZ / R EUTERS

jungeWelt

Die Tageszeitung

Gegründet 1947 · Donnerstag, 19. Januar 2012 · Nr. 16 · 1,30 Euro · PVSt A11002 · Entgelt bezahlt

Mehr als Säbelrasseln?

Steht ein Krieg gegen den Iran unmit- telbar bevor? Die Gefahr eines israeli- schen Alleingangs ist vermutlich sehr viel geringer als allgemein angenom- men.Von Knut Mellenthin

Seiten 10/11

als allgemein angenom- men.Von Knut Mellenthin Seiten 10/11 www.jungewelt.de Brauner Sumpf Die Entnazifizierung der

www.jungewelt.de

Brauner Sumpf

Die Entnazifizierung der hessischen

Schöpferische Zerstörung

Bertelsmann steigt groß in das Geschäft

Indigener Tod

Armut, Hunger und Kälte: In einer

Tiefer Unmut

Protest in Rumänien gegen Kürzungs­

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CDU steht immer noch aus. Von Achim Kessler

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mit akademischer Bildung ein. Von Ralf Wurzbacher

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nordmexikanischen Ethnie sind 250 000 Menschen gefährdet

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diktate von EU und Währungs­ fonds. Von Tomasz Konicz

Banane statt Marx

Bundesbauminister Ramsauer will Marx-Engels-Denkmal aus der Mitte der Hauptstadt verbannen. Berliner Landespolitiker weisen Forderung zurück. Von Uli Schwemin

D er Euro wackelt, sein Sturz hätte unabsehbare Folgen für die soziale Sicherheit Hun-

derter Millionen Menschen. Im Nahen und Mittleren Osten drohen der Westen und seine Vasallen mit neuen Kriegen gegen Syrien und Iran. Das angeblich beendete Schlachten im Irak wird mit aller Brutalität weitergeführt ebenso in Afghanistan. Politisch betrachtet könnte man die Zeiten als düster be- schreiben. Beste Gelegenheit also, mal wieder eine Sau durchs Dorf Berlin zu treiben. Wer wäre dafür besser geeignet als ein Hirte namens Ramsauer? Dieser von der bayrischen CSU nach Berlin entsandte Herr mit Vornamen Peter und im Nebenberuf Bundesbaumi- nister hat also den Berliner Senat aufgefordert, das von Ludwig Engel- hardt stammende 1986 eingeweihte Marx-Engels-Denkmal aus dem Her- zen Berlins verschwinden zu lassen. Vermutlich stören die Bronzefiguren den Minister gleich zweifach: Sie symbolisieren erstens den Gedanken:

Gesellschaft geht auch anders! Und zweitens sind sie beliebt beim einhei- mischen und touristischen Publikum, das ihnen auf Augenhöhe gegenüber- steht und seine Kinder zu fotografi- schen Zwecken auf ihnen herumklet- tern läßt. Bereits soviel Marxismus ist Ramsauer suspekt. Also weg damit. Wohin? Lenins Berliner Denkmal von Nikolai Tomski wurde 1991 in 129 Einzelteile zerlegt und im Wald verbuddelt. So weit will Ramsauer nicht gehen. Sein Vorschlag ist, die Bronzefiguren von Marx und Engels in die Gedenkstätte der Sozia- listen nach Berlin-Friedrichsfelde zu verfrachten: »Da gehören die besser aufgestellt – das ist ja so eine Art sozia-

die besser aufgestellt – das ist ja so eine Art sozia- Schon 2010 mußten Marx und

Schon 2010 mußten Marx und Engels wegen eines U-Bahnbaus umziehen

listisches Reste-Zentrum«, sagte Ram- sauer der Berliner Morgenpost. Vielleicht hätte sich der Minister ei- ne derart primitive öffentliche Herab- setzung der letzten Ruhestätte von Karl

Liebknecht und Rosa Luxemburg ver- kniffen, wenn er besser informiert ge- wesen wäre. Aber Leute seines Schla- ges neigen dazu, ihre eigenen Lügen zu glauben. Sie lassen berichten, daß

sich »Hunderte«, bestenfalls einige tau- send Leute jährlich an den Ehrungen der beiden ermordeten Arbeiterführer beteiligen und wollen nicht wahrhaben, daß es mindestens Zehntausende sind, vor denen sie sich bloßstellen. Der Vorsitzende des Ältestenrates der Linkspartei, Hans Modrow, machte gegenüber jW darauf aufmerksam, daß Ramsauers Pöbelei gegen das Denkmal auch einen direkten Angriff auf den Einigungsvertrag darstellt. In diesem ist festgelegt, daß »Kunst und Kultur« immer »eine Grundlage der fortbeste- henden Einheit der deutschen Nation« bildeten und einen »unverzichtbaren Beitrag im Prozeß der staatlichen Ein- heit der Deutschen auf dem Weg zur europäischen Einigung« leisten. »Die kulturelle Substanz (…) darf keinen Schaden nehmen.« Was das minde- stens im Falle des vergrabenen Lenin- Denkmals aber auch des geschleiften Palastes der Republik bedeutet, kann man, soweit man es mathematisch be- herrscht, an drei Fingern abzählen. Auch Berliner Landespolitiker ha- ben Ramsauers Forderung inzwischen zurückgewiesen. Der verantwortliche Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) lehnte den Vorstoß ab. Linksfraktionschef Udo Wolf kündigte »entschiedenen Widerstand« gegen die bajuwarische Drohung an. Gegen die früheren Ideen aus Bay- ern und von anderswo, Berlins Mit- te zu verschandeln, gab es wesentlich weniger Protest. So soll bis 2018 das Stadtschloß wiederaufgebaut werden. Als Krönung gibt es das Freiheits- und Einheitsdenkmal obendrauf – eine rie- sige begehbare Schale mit dem Titel »Bürger in Bewegung« in Form einer langen gelben Frucht. Kurzum: Alles Banane!

Untersuchungsausschuß auch in Thüringen

Nicht alle Innenminister lassen sich bei Aufarbeitung rechten Terrors gerne in die Karten schauen

W ie im Bundestag soll sich auch im Thüringer Land- tag ein Parlamentarischer

Untersuchungsausschuß mit den be- hördlichen Ermittlungen im Umfeld der rechten Terrorzelle »National- sozialistischer Untergrund« (NSU) befassen. Am Mittwoch beschlossen die Fraktionen, in der kommenden Plenarsitzung gemeinsam die Ein- setzung eines solchen Gremiums zu beantragen. SPD-Landeschef Chri- stoph Matschie gab sich überzeugt, so die »größtmögliche Transparenz«

in die Aufarbeitung des Falls zu brin- gen. Vom Bundestag wollen sich die Innenminister der Länder nicht im- mer in die Karten schauen lassen. So schrieb Niedersachsens Ressort- chef Uwe Schünemann (CDU) dem Vorsitzenden des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag, Thomas Oppermann (SPD), die Exe- kutive der Länder dürfe nur von den Landesparlamenten kontrolliert wer- den. Dies berichtete am Mittwoch die Leipziger Volkszeitung. »Insoweit

würde eine Weitergabe von Informa- tionen zur Kontrolle oder ›besseren Einschätzung der Arbeit der Sicher- heitsbehörden‹ der Länder dem ver- fassungsrechtlich geschützten Infor- mationsrecht der Landesparlamente widersprechen«, zitierte das Blatt aus Schünemanns Schreiben. Es gebe keine Pflicht zur Amtshilfe gegen- über dem Gremium des Bundestages. Oppermann hatte demnach von Schü- nemann Akten der Landesbehörden im Zusammenhang mit NSU-Ermitt- lungen angefordert. Schünemann

versicherte dem Blatt zufolge, die umfassende Aufklärung des rechts- extremen Terrors sei für die Länder- ressortchefs ein vordringliches Ziel. Laut Bundeskriminalamt (BKA) sind in Deutschland zur Zeit sieben Neo- nazis untergetaucht. Sie würden alle wegen rechtsextremistischer Gewalt- taten gesucht, sagte BKA-Chef Jörg Ziercke am Mittwoch in Berlin. Ihre Fälle seien jedoch »nicht vergleich- bar« mit der Komplexität der Terror-

(dapd/jW)

zelle NSU. u Siehe auch Seite 5

Tote bei israelischem Angriff auf Gaza

u Siehe auch Seite 5 Tote bei israelischem Angriff auf Gaza G aza -S tadt .

Gaza-Stadt. Die israelischen Streit- kräfte haben am Mittwoch ein Ziel im Gazastreifen angegriffen. Nach Angaben eines Sprechers des Gesundheitsministeriums in Gaza kamen dabei zwei Menschen ums Leben, darunter ein 17jähriger. Zwei weitere Männer seien verletzt worden. Die Attacke ereignete sich an der Grenze zu Israel nahe der Grenzstadt Beit Hanun. Die israeli- sche Armee erklärte, es seien »Ex- tremisten« bei dem Versuch, einen Sprengsatz zu platzieren, gesichtet und deshalb angegriffen worden. Die den Gazastreifen regierende Hamas widersprach den Angaben und teilte mit, es habe sich bei den Angegriffenen um Zivilpersonen gehandelt, die Vogelfallen nahe der Pufferzone aufgestellt hätten. (dapd/jW)

Vor Tarifeinigung in Krankenhäusern

Berlin. Der für nächste Woche angekündigte Ärztestreik an den kommunalen Kliniken ist offen- bar abgewendet. Der Marburger Bund und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) einigten sich bei Sondie- rungsgesprächen auf gemeinsame Eckpunkte für einen Tarifabschluß, wie beide Seiten am Mittwoch mitteilten. Die Einigung sieht laut VKA für die rund 45 000 Ärzte an kommunalen Kliniken Ge- haltserhöhungen von 2,9 Prozent ab Januar 2012 und eine Einmal- zahlung von 440 Euro vor. Die Bereitschaftsdienste sollen eben- falls mit 2,9 Prozent mehr vergütet werden. Zudem soll es für Bereit- schaftsdienste ab der 97. Stunde im Monat einen Zuschlag von fünf

Prozent geben. (AFP/jW) junge Welt wird herausgegeben von 1 199 Genossinnen und Genossen (Stand 12.
Prozent geben.
(AFP/jW)
junge Welt wird herausgegeben von 1 199
Genossinnen und Genossen (Stand 12. Januar 2012).
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GARy CAMERON / REUTERS

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politik

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

junge Welt

»Als FDP-Mitglied wird man seit Jahren belächelt«

Dem Ortsverband Treuenbrietzen reicht es jetzt, er will sich zum 31. März auflösen. Warum, interessiert die Parteiführung nicht.

Ein Gespräch mit Matthias Lindemann

D er Ortsverband Treu- enbrietzen/Niemegk hat vergangene Woche

seinen Austritt aus der FDP verkündet. Was hat Sie und Ihre Parteifreunde dazu be- wegt? Wir haben den Austritt zum 31. März erklärt – noch sind wir

also Mitglieder dieser Partei. Bis dahin wollen wir eine

ordentliche Übergabe an den Kreisverband regeln und den Jahres- abschluß vorlegen. Es

hat uns allerdings sehr überrascht, daß unser Austrittsbe- schluß so hohe Wellen geschlagen hat, fast alle Zeitungen haben dar- über berichtet. Warum wir austreten? Nun – es

ist einfach so, daß wir unzufrieden sind mit dem Zustand der FDP. Wir kritisieren die Beschränkung auf zu wenige politische Themen, das Verhalten der Parteiführung und ihre Distanz zur Basis. Wir haben immer »geliefert« – um ein Wort von Parteichef Philipp Rösler auf- zugreifen; wir hatten wegen unse- rer guten Kommunalpolitik auch entsprechende Wahlergebnisse:

Bei den Kommunalwahlen 2008 haben wir 34 Prozent bekommen. Sie haben also »geliefert« – und was haben Sie zurückbe- kommen? Nichts. Wenn wir z. B. irgend- welche Probleme hatten, hat sich kaum jemand aus der Parteihier- archie darum gekümmert. An- regungen von uns wurden igno- riert, und wenn wir eine breitere Auffächerung politischer Themen anregten, wurden wir regelmäßig abgeblockt. Bestes Beispiel ist unser Aus- trittsbeschluß: Eine Resonanz dar- auf haben wir von »oben« nicht bekommen. Mit einer einzigen Ausnahme: Die Schatzmeisterin des FDP-Kreisverbandes Potsdam- Mittelmark, Marion Vogdt, hat uns ohne weiteren Kommentar das Konto gesperrt und mir per E-Mail mitgeteilt, sie habe eine Revisi- on unserer Kasse angeordnet. Den Text der E-Mail habe ich auch noch als Einschreiben bekommen, mit Rückschein. Daß wir austreten wollen, hatte sie aus der Zeitung erfahren – eine offizielle Austrittserklärung gibt es noch gar nicht. Normalerweise würde man zum Telefon greifen und erst einmal fragen: Stimmt das so? Was ist denn bei euch los? Eine überraschende Revision wird doch meist dann durch- gezogen, wenn der Verdacht besteht, daß jemand silberne

Löffel geklaut haben könn- te … Ich bin schon seit Jahren Schatz- meister, habe immer ordentlich und penibel abgerechnet. Alle Unterla- gen sind an die zentrale Abrech- nungsstelle gegangen und wurden

dort noch einmal überprüft. Es hat nie die geringste Beanstandung ge- geben. Das trifft auch auf meine Vorgänger im Schatz-

meisteramt zu. Dieses Mißtrauen der Frau Vogdt sehe ich nicht nur als An-

griff auf unseren Orts- verband, sondern auch auf mich persönlich an – ich empfinde es als ehrabschneidend. Immerhin machen wir diese Arbeit in unserer Freizeit, Politik ist für uns mehr oder weniger ein leidenschaftli- ches Hobby. Mit neun Mitgliedern ist unser Ortsverband zwar eine sehr kleine Truppe – aber immer- hin stellen wir den Bürgermeister von Treuenbrietzen. Es geht ja schon seit Jahren so, daß man als FDP-Mitglied eher belächelt wird. Jetzt ist es aber so weit gekommen, daß man verhöhnt, verspottet und sogar grob auf der Straße angemacht wird. Und das, obwohl wir ehrenamtlich und in unserer Freizeit arbeiten! Der ein- zige von uns, der Geld dafür be- kommt, ist der Bürgermeister. Aber haben Sie nicht auch ein wenig Verständnis für Spott und Sarkasmus? Die FDP ist doch eine ausgesprochen lustige Partei geworden, mit hohem Unterhaltungswert … Lustig? Ich könnte mich eher in die Ecke setzen und darüber weinen, daß ich dort Mitglied war. Schließ- lich habe ich mich jahrelang für diese Partei abgerackert. Was sagen denn die Treu- enbrietzener dazu, daß die Partei, die sie gewählt haben, plötzlich nicht mehr da ist? Unser Austrittsbeschluß kommt im Ort gut an, wie Gespräche, Diskus- sionen und E-Mails bestätigen. Wir sind einer der erfolgreichsten FDP- Ortsverbände in Brandenburg und haben auch gute Arbeit gemacht – den Ortsteil Feldheim zum Beispiel haben wir unabhängig von Strom- lieferungen von außen gemacht – er ist energieautark. In der Richtung wollen wir weiterarbeiten. Wir wer- den also weiter Politik machen – ob als Wahlverein oder unabhängige Wählergemeinschaft, das muß noch entschieden werden. Welche Zukunft geben Sie der FDP noch? Sie hat sich überlebt. Interview: Peter Wolter

Matthias Lindemann ist Schatzmeister des FDP-Ortsverbandes Treuenbrietzen/Niemegk

Schatzmeister des FDP-Ortsverbandes Treuenbrietzen/Niemegk »Occupy Capitol«. Hunderte Anhänger der

»Occupy Capitol«. Hunderte Anhänger der kapitalismuskritischen »Occupy«­Bewegung haben am Dienstag (Ortszeit) vor dem Kapitol in Washington gegen den Einfluß der Finanzwelt auf die Politik protestiert. Die Demonstranten unterstrichen, daß ihr An­ liegen weiter Anziehungskraft habe. »Hier ist eine Energie zu spüren, auch wenn nicht so viele Leute da sind«, sagte der Teilnehmer Jon Wynn. Washington ist in den USA zur Hochburg der internationalen Bewegung geworden. Während die Protestlager in anderen Städten des Landes geräumt wurden, erlauben die Behörden hier bisher das Campen in zwei Parks nahe dem »Weißen Haus«. (dapd/jW)

Monti erhöht den Druck

Italien: Proteste gegen weitere Liberalisierungspläne im ganzen Land

D ie italienische Regierung un- ter Ministerpräsident Mario Monti hat am Mittwoch die

Grundlinien eines weiteren Pakets mit Liberalisierungsmaßnahmen vor- gestellt, das noch diese Woche ver- abschiedet werden soll. Die Pläne sehen vor allem für den Gas- und Energiesektor, den Handel und das Transportwesen die Schaffung einer größeren Konkurrenz vor. Auch Ver- sicherungen, Banken und Tankstellen sind von den Maßnahmen betroffen. Die Geschäfte, deren Öffnungszeiten bereits zu Jahresbeginn freigegeben wurden, sollen ohne Einschränkun- gen über das ganze Jahr mit Ausver- käufen Kunden locken können. Ge- plant ist, die Mindest- und Höchstta- rife von Privatärzten, Steuerberatern und Rechtsanwälten aufzuheben. So soll ebenfalls stärkerer Wettbewerb

entstehen. Auch die Zahl der Notare soll aus dem gleichen Grund steigen. Bis 2013 wird demnach 1 000 zusätz- lichen Bewerbern Zugang zu diesem Beruf garantiert werden. Nach Montis Plänen können die Gemeinden künftig frei über die Ver- gabe von Taxilizenzen verfügen. Viele Chauffeure befürchten, dadurch ihren Job zu verlieren. Teilweise haben sie hohe Summen für die Genehmigun- gen gezahlt, die in Großstädten bis zu 250 000 Euro kosten können. Von Nord bis Süd protestierten Taxifah- rer am Mittwoch gegen die Vorhaben des Kabinetts. Sie versammelten sich auf dem Gelände des Circus Maxi- mus im Herzen Roms und skandierten Slogans gegen die Regierung. »Hän- de weg von unserer Zukunft«, war auf einem Spruchband zu lesen. Ei- ne Gruppe von Demonstranten zog

zum Regierungssitz Palazzo Chigi. Zu ähnlichen Aktionen kam es auch in Neapel und Turin. In der Vesuv- stadt sind die Taxifahrer seit Tagen im Streik. Hunderte parkten ihre Fahr- zeuge auf der zentralen Piazza del Plebiscito und protestierten gegen die Liberalisierungspläne. Auch die Apotheker wehren sich. Die Regierung will die Zahl der Apo- theken anheben, um den sogenann- ten Wettbewerb anzukurbeln. So soll es künftig auf 3 000 Einwohner ei- ne Apotheke geben. Bisher konnten diese in Städten jeweils 4 000 Men- schen versorgen. In Gemeinden unter 12 500 Einwohnern waren es bisher sogar 5 000. Notare, Rechtsanwälte und Tankstellenpächter kündigten ebenfalls Protestaktionen gegen die Regierung an.

Micaela Taroni, Rom

NachrichteN

Griechenland vor Neuwahlen

athen. Der griechische Regierungschef Loukas Papadimos strebt Neuwahlen an. Es sei vorgesehen, diese »im Laufe des April« abzuhalten, sagte er der Zeitung International Herald Tribu- ne vom Mittwoch, ohne ein genaueres Datum zu nennen. Zugleich zeigte er sich zuversichtlich, daß Griechenland die Schuldenkrise überwinden werde, »unter der Bedingung, daß wir in un- seren Bemühungen geeint bleiben«. Papadimos hat seit seinem Antritt im November immer wieder betont, daß er sein Amt nur für kurze Zeit ausüben will. Hauptziel sei es, die Verhand- lungen über einen Schuldenschnitt zu Ende zu bringen. (AFP/jW)

Correa kündigt Bodenreform an

Quito. Ecuadors Präsident Rafael Cor- rea hat am Dienstag (Ortszeit) seinen Landwirtschaftsminister beauftragt, eine »Agrarrevolution« durchzufüh-

ren. Dabei gehe es um die Neuvertei- lung von Grund und Boden an die be- dürftigsten Schichten des südamerika- nischen Landes. In der Provinz Esme- raldas an der Pazifikküste räumte der Staatschef ein, daß seine Regierung in diesem Bereich bislang gescheitert sei und es nicht solche durchgreifen- den Veränderungen gegeben habe wie im Bildungs- und Gesundheitswesen, dem Wohnungsbau und der Außenpo-

litik.

(PL/jW)

Berliner Polizist wegen Verrats verurteilt

Berlin. Ein Polizeiobermeister ist am späten Mittwoch nachmittag vom Ber- liner Amtsgericht Tiergarten wegen Geheimnisverrats und Verstoßes gegen das Datenschutzgesetz verurteilt wor- den. Der Richter sah es als erwiesen an, daß Nils B. die Bewohner eines besetzten Hauses in der Berliner Brun- nenstraße am 23. November mit einer E-Mail vor der für den folgenden Tag geplanten Räumung gewarnt haben soll. Der heute 26jährige bestreitet die

Vorwürfe. In der anonymen Mail wa- ren die Besetzer unter anderem über die Zahl der eingesetzten Beamten informiert worden. Gegen B. wurde eine Geldstrafe in Höhe von 160 Ta- gessätzen à 40 Euro verhängt. Das Ge- richt blieb damit unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die eine deutlich höhere Geldbuße gefordert hatte. Ein ausführlicher Bericht folgt. (jW)

Wulff entlastet

Berlin. Bundespräsident Christian Wulff (CDU) bleiben wegen seines Darlehens bei der BW-Bank juristische Folgen er- spart. Es habe sich weder gegen Wulff noch gegen die Bank ein Anfangsver- dacht auf Untreue und Vorteilsnahme ergeben, teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart am Mittwoch mit. In einer aktuellen Stunde über den Privatkredit der Unternehmergattin Edith Geerkens an Wulff bescheinigte die niedersäch- sische Landesregierung dem früheren Ministerpräsidenten: »Ein Verstoß ge- gen das Ministergesetz liegt nicht vor. Das in Frage stehende Darlehen ist ein reines Privatgeschäft.« (dapd/jW)

MARTIN OESER/DAPD

junge Welt

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

schwerpunkt

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Brauner Sumpf

Warum die Entnazifizierung der hessischen CDU bis heute aussteht und selbst offen auftretende Neonazis in der Partei nicht weiter auffallen. Von Achim Kessler

W ie schon oft hat die hessische

CDU in der vergangenen Wo-

che mit der Forderung nach

einem generellen Burka-Verbot mit ei- ner rechtspopulistischen Forderung am äußerst rechten Rand gefischt. »Wer hier lebt, muß auch bereit sein, sein Gesicht zu zeigen«, lautet die fadenscheinige Begründung. Wäre die Forderung nicht grundgesetzwidrig, wäre sie nur skurril. Nach rechtsstaatlichen Prinzipien müß- te ein Verbot der Verhüllung für alle Menschen gelten. Bräute müßten auf den Schleier, Karnevalisten auf Masken verzichten. Gerichte müßten demnächst klären, ob mit Halbschleiern verbunde- ne Hüte auch unter das Vermummungs- verbot fallen. Eine urkomische Provinz- posse? Leider nicht. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken, weil sich da- hinter ein tief in der hessischen CDU verwurzeltes rassistisches Vorurteil ver- birgt. Denn selbstverständlich gilt die Forderung der CDU nicht den Bräuten und Karnevalisten, sondern zielt einzig auf Migrantinnen islamischen Glaubens. Man kann mit einigem Recht bestreiten, daß die Ganzkörperverschleierung mit der Emanzipation von Frauen vereinbar ist. Daß sich die hessische CDU den Kampf für die Frauenemanzipation auf die Fahnen schreibt, glaubt indes nie- mand: Sie kürzte vor wenigen Jahren die Zuschüsse für Frauenhäuser so dra- stisch, daß viele schließen mußten. Die CDU Hessen verfährt ange- sichts sinkender Umfragewerte immer nach dem gleichen Muster: Durch die Ausgrenzung von Migrantinnen und Migranten mobilisiert sie für sich den äußerst rechten Rand. Mit rassistischen Kampagnen gegen die doppelte Staats- bürgerschaft und gegen straffällige jun- ge Migrantinnen und Migranten hat der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch bundesweit eine beschä- mende Berühmtheit erlangt. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser wahltaktisch motivierten Brand- stiftung zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die hessische CDU selbst. Die rechtspo- pulistischen Kampagnen machen eine Trennschärfe nach rechts in der Basis der Partei unmöglich. Im Gegenteil füh- len sich viele Basismitglieder ermutigt, mit rassistischen, nationalistischen und rechtsradikalen Äußerungen nach Bei- fall zu heischen. In der Folge scheinen selbst offen auftretende Neonazis inner- halb der hessischen CDU nicht weiter aufzufallen. Spektakulärstes Beispiel ist der 25jäh- rige Daniel Budzynski, Vorstandsmit- glied des CDU-Stadtverbandes Kassel- Nord, der im Dezember als Mitglied der vom Verfassungsschutz beobach- teten Neonaziorganisation »Freier Wi- derstand Kassel« enttarnt wurde. Seine »Tarnung« bestand beispielsweise darin, daß er in facebook als »Daniel Budze« firmierte. Allein das läßt die Beteuerun- gen der CDU wenig glaubwürdig er- scheinen, von seiner braunen Gesinnung nichts gewußt zu haben. Zumal schon öfter rechtsradikale Mitglieder der hes- sischen CDU und ihrer Jugendstruktu- ren aufgefallen sind. So äußerte 2006 Mathias Müller, Mitglied des unionsna- hen Studierendenverbandes RCDS und Sprecher der rechtsradikalen Burschen- schaft »Dresdenia Rugia«: »Skinheads sind nicht unnatürlich, das sind ganz normale Jugendliche, die sich zu ihrem Volk und ihrer Nation bekennen.« Kurz nach dem Fall Budzynski trat

ihrer Nation bekennen.« Kurz nach dem Fall Budzynski trat Mobilisieren gern den rechten Rand: CDU-Ministerpräsident

Mobilisieren gern den rechten Rand: CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier (r.) und sein Vorgänger Roland Koch

Sebastian Pella, 29jähriger Riedstädter Stadtverordneter und Mitarbeiter eines Landtagsabgeordneten, aus der CDU aus, nachdem ihm vorgeworfen wor- den war, für Onlinemagazine der rech- ten Szene geschrieben und ein Buch über den NS-Rassentheoretiker Ludwig Woltmann veröffentlicht zu haben. Pella selbst wirft der CDU-Führung in dem rechtsextremen Onlinemagazin »Sezes- sion« vor: »Seitens leitender Parteifunk- tionäre werden diese wertkonservativen Anschauungen der einfachen Partei- mitglieder instrumentalisiert, um Wahl- kämpfe, Finanzierung und Organisation zu gewährleisten. Ein Eindringen dieser Vorstellungen oberhalb der Ortsverband- sebene ist jedoch unerwünscht.«

Vielfältige Kontakte

Die Fälle Budzynski, Müller und Pella zeigen, daß braune Gesinnung in der hessischen CDU nicht nur ein Pro- blem ewig gestriger alter Damen und Herren ist, das sich von selbst erledigt. Gerade viele junge CDU-Mitglieder in Hessen scheinen vielfältige Kontakte zu rechtsextremen Organisationen zu haben. Zu diesem Generationensprung rechtsradikaler Gesinnung hat die Füh- rung der Hessen-CDU nicht nur mit ih- ren rechtspopulistischen Kampagnen beigetragen. Nicht umsonst gilt sie als rechte Kaderschmiede der Partei. Auch führende hessische CDU-Politiker fal- len immer wieder durch rassistische, antisemitische, nationalistische und militaristische Positionen auf. Neben Alfred Dregger und Erika Steinbach, die 1991 gegen die Aner- kennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt hat, ist hier vor allem der hessische Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann zu nennen. Nicht auf

Initiative der hessischen CDU, son- dern erst auf Betreiben von Angela Merkel wurde Hohmann 2003 aus der Partei ausgeschlossen, nachdem er bei einer Rede vor CDU-Parteimitglie- dern geäußert hatte, man könne mit der gleichen Berechtigung von Juden und Deutschen als einem »Tätervolk« sprechen, beides sei nämlich gleicher- maßen unzutreffend. Unter den Anwe- senden löste die Verharmlosung des Holocaust keinerlei Widerspruch aus. Selbst als – auch aus der Bundes-CDU, etwa durch Heiner Geißler oder Jürgen Rüttgers, – ein Proteststurm losbrach, ging die hessische CDU nicht gegen Hohmann vor. Viele führende CDU- Politiker stellten sich schützend vor ihn. Hans-Jürgen Irmer, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfrak- tion, der mit Hetze gegen Migranten wiederholt für Tumulte im hessischen Landtag sorgte, verteidigte Hohmanns antisemitische Äußerungen in einem offenen Brief gegen Merkel. »Wer nicht pariert, der gehört gege- benenfalls gefesselt und geknebelt, bis der Zielort erreicht ist. Die Humani- tätsduselei Menschen gegenüber, die diesen Staat ausbeuten, muß einfach ein Ende haben.« – Diese Äußerung Irmers verdeutlicht die Folgen der bis heute andauernden Weigerung der hes- sischen CDU, ihre braune Vergangen- heit aufzuarbeiten. Irmers Nazijargon von der »Humanitätsduselei« knüpft bruchlos an die NS-Zeit an. So beklag- te etwa Heinz Wolf, der 1933 in die NS- DAP eintrat und für die CDU von 1962 bis 1966 im hessischen Landtag saß, im Jahr 1935, daß sich viele Richter in der »Judenfrage« noch »von einer gewissen Humanitätsduselei leiten las- sen und es noch nicht recht verstehen,

der nationalsozialistischen Einstellung zur Rassenfrage bei der Urteilsfindung vollauf gerecht zu werden«. Während des Krieges war Wolf Ankläger beim Sondergericht Danzig. Diese Gerich- te verhängten Tausende Todesurteile und gelten als Terrorinstrumente zur Durchsetzung der NS-Herrschaft. Heinz Wolf ist kein Einzelfall. In seiner Studie »Braunes Erbe – NS-Ver- gangenheit hessischer Landtagsabge- ordneter« kommt Hans-Peter Klausch zu dem Ergebnis, daß 22 von 97 über- prüften CDU-Landtagsabgeordneten Mitglieder der NSDAP waren. Der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder in der CDU-Fraktion ist mit der Zeit nicht gesunken, sondern von 7,1 Pro- zent in der Wahlperiode 1946 bis 1950 kontinuierlich bis auf 35,7 Prozent in der Wahlperiode 1962 bis 1966 gestie- gen. In den Selbstdarstellungen der Hessen-CDU findet sich dazu kein Wort. Noch im August 2010 wurde die Landeszentrale nach Alfred Dregger benannt, der ebenfalls Mitglied der NSDAP war.

Akzeptanz verschafft

Roland Koch und sein Nachlaßver- walter Volker Bouffier sind Weg- bereiter des Rassismus. Mit ihren rechtspopulistischen Kampagnen ha- ben sie aus eiskaltem wahltaktischem Kalkül an rassistische Vorurteile an- geknüpft. Sie haben damit »Überzeu- gungstäter« wie Irmer, die tatsäch- lich glauben, was sie sagen, bestärkt und rechtsradikalen Positionen zu- nehmende Akzeptanz verschafft. Die moralische Verantwortung wiegt schwer; Koch und Bouffier mögen sich ihr stellen oder auch nicht. Un- umgänglich ist aber die radikale Er- neuerung der hessischen CDU. Die Morde der Zwickauer Neonaziterro- risten haben all jenen, die es lieber vergessen wollten, die blutigen Fol- gen neonazistischer Ideologie erneut vor Augen geführt. Auch vor diesem Hintergrund sind wahltaktische Ma- növer am rechten Rand durch nichts zu rechtfertigen. Rechtspopulistische Kampagnen aus taktischer Berechnung, rechtsex- treme Ausfälle führender Politikerin- nen und Politiker und die Weigerung, ihre braune Vergangenheit aufzuar- beiten, haben die Hessen-CDU zu einem Landesverband gemacht, an dessen Basis rechtsextreme Äußerun- gen offenbar so verbreitet sind, daß selbst ausgewiesene Neonazis nicht weiter aufzufallen scheinen. Es hilft nicht, wenn die hessische CDU-Füh- rung bei jeder neuen »Enttarnung« im Chor »Haltet den Dieb!« schreit. Es ist an der Zeit, daß die hessische CDU ihre Entnazifizierung nachholt, indem sie, beginnend mit der Aufar- beitung ihrer braunen Vergangenheit, klar und deutlich eine Trennschärfe nach rechts herstellt.

u Achim Kessler ist Stellvertretender Landesvorsitzender der Partei Die Linke in Hessen, er ist Koautor der Dokumentation »Brauner Sumpf in der hessischen CDU«, die unter www.die­linke­hessen.de herunter­ geladen werden kann. Am 4. Februar veranstaltet Die Linke Hessen in Kas­ sel die Konferenz: »Rechte Gefahr aus der ›Mitte‹?«

Die LiNke krimiNaLisiereN

CDU macht den Weg frei

Mit Zustimmung der Hessen­ CDU und mitregierender FDP soll den beiden Vorsitzenden der Linksfraktion im Landtag, Janine Wissler und Willi van Ooyen, die Immunität aberkannt werden. Am gestrigen Mittwoch entschied der Hauptausschuß des hessischen Landtages über einen entsprechenden Antrag der Staatsanwaltschaft Dresden, die gegen das Linke­Duo wegen Blockade einer Neonazidemon­ stration 2010 ermitteln will. En­ de des Monats soll der Landtag endgültig entscheiden. Hintergrund: Die Linke­ Fraktionen aus Hessen, Sachsen und Thüringen hatten in einer »öffentlichen Fraktionssitzung« zusammen mit gut 10 000 De­ monstranten vor knapp zwei Jahren Neonazis in Dresden in den Weg gestellt. Auch die Bundestagsabgeordneten Wolfgang Thierse (SPD) und Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) hatten blockiert, er­ mittelt wird gegen sie deswegen nicht. Wissler und van Ooyen wiederum wertet die Dresdner Staatsanwaltschaft als »Rädels­ führer« – ebenso wie die Linke­ Fraktionschefs aus Thüringen und Sachsen, Bodo Ramelow und André Hahn. Gegen Rame­ low wurde bereits eine Geld­ buße von 2 400 Euro verhängt, die er aber nicht akzeptieren will. Hahn soll gar 3 000 Euro zahlen. In einem Strafbefehl wird ihm vorgeworfen, am 13.

Februar 2010 den Neonaziauf­ marsch am Bahnhof Dresden­ Neustadt »vereitelt« und damit »eine grobe Störung verursacht zu haben«. Der Linke­Politiker legte am Mittwoch Einspruch ein und erklärte in einer Stel­ lungnahme: »Es erstaunt mich sehr, daß sich wirklich ein Rich­ ter finden ließ, der trotz der äußerst dürren Beweislage und zweifelhafter Rechtsgrundlage bereit war, diesen Strafbefehl (…) zu unterschreiben. Be­ kanntlich ist der Juristische Dienst des Deutschen Bundes­ tages der Auffassung, daß es für das Vorgehen der Staatsanwalt­ schaft keine Rechtsgrundlage gibt. (…) Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind in jeder Hinsicht absurd; wenn aber die Staatsanwaltschaft partout meint, gegen mich vorgehen zu sollen, muß das in öffentli­ cher Verhandlung vor Gericht ausgestritten werden, falls ein Richter bereit ist, die Anklage zuzulassen. Für den Ausgang eines solchen Verfahrens bin ich mehr als zuversichtlich, zumal ja die sächsische Justiz zum Glück nicht die letzte Instanz ist.« In der Frankfurter Rundschau (Mittwochausgabe) warnte Wissler, es sei ein »verhee­ rendes Signal«, Menschen zu bestrafen, die friedlich gegen Neonazis demonstrieren. Ange­ sichts der Mordserie von Neo­ nazis könne »kein Demorat der Aufhebung unserer Immunität zustimmen«. Am 18. Februar wollen die Linke­Politiker wie­ der in Dresden gegen Neonazis

(rg)

auf die Straße gehen.

DAPD/SASCHA SCHUERMANN

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politik

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

junge Welt

Zitat Des tages

Stellen wir uns mal vor, wir hätten sie wirklich, dann wäre die Situati- on schon etwas anders. Ob alles besser wäre, ist überhaupt nicht klar, aber es wäre anders.

Der Finanzwissenschaftler Reinhard Schmidt im Interview mit dem Deutschlandfunk am Mittwoch zur geforderten europäischen Ratingagentur

Privathaft ist

rechtens

KarlSruhe. Die Bundesländer dür- fen ihre psychiatrischen Landes- krankenhäuser für die Unterbrin- gung schuldunfähiger Straftäter unter bestimmten Voraussetzun-

gen privatisieren und Eingriffe in die Grundrechte der Insassen auf Angestellte übertragen. Dies ent- schied das Bundesverfassungs- gericht in einem am Mittwoch verkündeten Urteil und wies damit die Klage eines in Hessen im sogenannten Maßregelvollzug untergebrachten Mannes zurück. Der psychisch kranke Straftäter war mit Gewalt von den privaten Angestellten der Vitos-Klinik im hessischen Haina in einer Zelle eingeschlossen worden und sah darin einen Verstoß gegen seine

Grundrechte.

(AFP/jW)

Systematisch gegen Tierschutz verstoßen

eSSen. Die Verbraucherschutzor- ganisation Foodwatch hat massi- ve Mißstände in der Haltung und Mast von Tieren hierzulande kritisiert. In deutschen Ställen werde systematisch gegen den Tierschutz verstoßen, sagte Foodwatch-Chef Thilo Bode den Zeitungen der WAZ-Gruppe (Mittwochausgaben). Viele Krankheiten seien eine Folge der Haltung. Das Eindämmen von Antibiotikagaben löse nicht das grundsätzliche Problem des flächendeckenden Einsatzes von Arzneimitteln in der Tier-

haltung, sagte Bode. Er forderte

Profit aus Zerstörung

Bertelsmann steigt groß ins Geschäft mit akademischer Bildung ein. Teilprivatisierung der Hochschulen hatte im Vorfeld die konzerneigene Stiftung besorgt. Von Ralf Wurzbacher

D ie Bertelsmann AG will ver-

stärkt in den akademischen

Bildungsmarkt investieren.

Deutschlands führender Medienkon- zern hat gemeinsam mit einer Reihe namhafter »Geldgeber und Unterneh- menspersönlichkeiten im Education- Bereich« einen Fonds aufgelegt, der sich auf die Förderung von Studi- en- und Weiterbildungsprogrammen spezialisiert. Der »University Ven- tures Fund« ist mit 100 Millionen US-Dollar Kapital ausgestattet und soll Partnerschaften mit führenden Hochschulen in Europa und den USA eingehen. Das Engagement ist nur folgerichtig: Das Gütersloher Unter- nehmen betätigt sich hierzulande seit vielen Jahren als mächtigster politi- scher Strippenzieher im Bemühen, das Bildungssystem nach neolibera-

lem Muster umzukrempeln. In einer in schönstem Managerjar- gon verfaßten Pressemittelung vom Dienstag macht Bertelsmann keinen Hehl daraus, wohin die Reise gehen soll. Mit dem Investment sichere man sich den »frühen Einstieg in einen schnell wachsenden Markt«, der ange- sichts »staatlicher Budgetkürzungen und der fortschreitenden Digitalisie- rung große Chancen eröffnet«. Für Vorstandschef Thomas Rabe sind die »Bildung und insbesondere Services für Bildungsanbieter« ein »ebenso zu- kunftsträchtiges« wie »maßgeschnei- dertes« Geschäftsfeld. Sein Konzert steuert für den Anfang 50 Millionen Euro zu dem Fonds bei und fungiert damit als Ankerinvestor. Für ihre Expansion ins Geschäft mit der Bildung haben die Bertelsmänner höchstselbst den gesellschaftlichen Boden bereitet. Insbesondere in Ge- stalt seiner Stiftung hat der Konzern entscheidende politische Vorfeldar- beit dafür geleistet, das öffentliche Bildungswesen nachhaltig in Verruf zu bringen und privatwirtschaftliche

nachhaltig in Verruf zu bringen und privatwirtschaftliche Enge Bande zur Politik: Angela Merkel spricht zur Verleihung

Enge Bande zur Politik: Angela Merkel spricht zur Verleihung des Reinhard Mohn Preises 2011 in Gütersloh

Anschauungen und Akteure bei Ent- scheidungen rund um Einrichtungen von Kita bis zur Uni zu etablieren. Ob die »selbstständige Schule« oder die »unternehmerische Hochschule« – bei fast jeder jüngeren »Innovation« im Bildungsbereich hat Bertelsmann die Finger im Spiel und die örtlichen Ver- antwortlichen auf Kurs gebracht. So hat die von der Bertelsmann Stiftung gepäppelte neoliberale Denkfabrik Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) maßgeblichen Anteil daran, daß in Deutschlands höheren Bil- dungsanstalten Managementstruktu- ren, Wettbewerb und eine inzwischen exzessive Drittmittelförderung Einzug gehalten haben. Auch »Reformen« wie die Exzellenzinitiative zum Zwek- ke einer Hierarchisierung der Hoch- schullandschaft sind auf maßgebliches

Betreiben der Gütersloher ins Werk gesetzt worden. All diese Machenschaften sollen sich freilich irgendwann bezahlt ma- chen, und genau das packt der Kon- zern jetzt an. Ziel sei es, »in den kom- menden Jahren mit überschaubarem Risiko- und Kapitaleinsatz skalierbare, führende Education-Plattformen in den Kernmärkten Europa und USA aufzu- bauen«, heißt es in besagter Verlaut- barung. Durch die Zusammenarbeit mit dem Team von University Ventu- res ergebe sich eine »echte Win-Win- Situation«, glaubt Vorstandsboß Rabe. Im Namen dieses Fonds sagte Daniel Pianko an selber Stelle »große struk- turelle Veränderungen« für die Hoch- schullandschaft dies- und jenseits des Atlantiks voraus. Bertelsmann sei der perfekte Partner, »um Lösungen für

das Thema Lernen im 21. Jahrhundert zu entwickeln«. Für Wolfgang Lieb, Mitherausge- ber beim Webportal Nachdenkseiten und einst Staatssekretär im NRW- Wissenschaftsministerium, heißt das folgendes: Dieser »Universitäts-Wag- nis-Fonds will Onlinestudienangebo- te, das Hochschulmarketing bis hin zur ausgelagerten Hochschulverwal- tung profitträchtig an Studierende und Hochschulen verkaufen«. Die kaputt- gesparten Hochschulen sollten nun »vollends zur Beute des Finanzkapi- tals und privater Investoren« gemacht werden, äußerte er sich am Mittwoch gegenüber junge Welt. Damit ziehe der Bertelsmann-Konzern Profit aus dem »Zerstörungswerk«, das die »ach so gemeinnützige Bertelsmann-Stiftung« zuvor angerichtet habe.

Zweiter Versuch im Sächsischen Landtag

Bundeslandwirtschaftsmini- Gekipptes Versammlungsgesetz wieder auf der Tagesordnung

sterin Ilse Aigner (CSU) zum Eingreifen auf: Würden Vorga-

ben nicht erreicht, müßten die

Behörden tätig werden.

L inkspartei und Bündnis 90/ Die Grünen im Sächsischen Landtag haben angekündigt,

das Sächsische Versammlungsgesetz (SächsVersG) erneut vor dem Verfas- sungsgericht des Freistaates prüfen zu lassen, sollte der jetzigen Fassung am 25. Januar im Parlament zugestimmt werden. In der vergangenen Woche passierte der »neue« Entwurf die Aus- schüsse des Landtags in Dresden. Die Staatsregierung will bereits zu den Neonaziaufmärschen und Ge- genaktionen rund um den 13. Februar

in Dresden zum Jahrestag der Bom- benangriffse auf die Stadt das Gesetz anwenden können. Paragraph 15, die zentrale Norm für behördliche Ver- botsverfügungen und Auflagen, wurde in dem Gesetzentwurf durch eine Re- gelung ersetzt, die dazu dienen soll, sowohl rechtsextreme Aufmärsche als auch Gegendemonstrationen an Orten von historischer Bedeutung zu verhin- dern. Rico Gebhardt, innenpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag, sieht darin ei- nen »nicht hinnehmbaren Eingriff in Grundrechte, der zudem nicht einmal

die behaupteten positiven Effekte zu erzielen vermag«. Gemeint sind z. B. die Frauenkir- che sowie die Altstadt Dresdens oder das Völkerschlachtdenkmal in Leip- zig. Darüber hinaus können sächsische Städte und Gemeinden derartige Plät- ze selbst festlegen. Johannes Lichdi, rechtspolitischer Sprecher der Grünen im Sächsischen Landtags ist der Auffassung, daß die Landesregierung versucht, »das Ver- sammlungsgrundrecht unter dem Vorwand des Würdeschutzes mit schwammigsten Gummiformeln aus- zuhebeln«. Mit der Föderalismusreform war 2006 die Gesetzgebungskompetenz in Sachen Versammlungsrecht vom Bund auf die Länder übergegangen. Schon das erste SächsVersG war vor den Ver- fassungsrichtern des Freistaats in Leip- zig gescheitert. 52 Abgeordnete von Linkspartei, SPD und Grünen hatten mit Erfolg eine gemeinsame Normen- kontrollklage auf den Weg gebracht. Das Gericht erklärte die Regelung am 19. April 2011 für nichtig und mit der Sächsischen Verfassung unvereinbar.

Es seien gravierende Formfehler be- gangen worden. Die Richter kommen unter anderem zu dem Schluß: »Art. 70 Abs. 1 SächsVerf regelt nicht nur, wer zur Einbringung von Gesetzes- initiativen befugt ist, ihm sind auch inhaltliche Anforderungen an Geset- zesvorlagen zu entnehmen.« Das am 20. Januar 2010 mit schwarz- gelber Koalitionsmehrheit beschlosse- ne SächsVersG wurde aus formalen Gründen gekippt. Der Gesetzentwurf war nicht im beabsichtigten Wortlaut in den Landtag eingebracht worden, sondern verwies darauf, daß dieser dem Versammlungsgesetz des Bundes entsprechen solle. Dieser Verstoß ge- gen das Demokratie- und Rechtsstaats- prinzip machte den Abgeordneten aus Sicht des Gerichts eine aktive Mitar- beit nicht möglich. Da das gesamte Gesetz für formell verfassungswidrig erklärt wurde, befaßten sich die Rich- ter in Leipzig nicht mit den bereits be- kannten materiellen und inhaltlichen Mängeln. Den Empfehlungen aus einer Anhö- rung der Sachverständigen war nicht gefolgt worden. Diese hatten bereits

(AFP/jW)

S-Bahn-Strommasten

angesägt

StuttGart. Manipulierte Strom- masten der Stuttgarter S-Bahn beschäftigen die Bundespolizei. Am Dienstag morgen fanden Be- amte einen angesägten Mast auf dem Streckabschnitt zwischen Rohr und Filderstadt. Die Strecke wurde daraufhin mehrere Stun- den gesperrt und Ermittlungen wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr eingeleitet, wie ein Sprecher am Mittwoch mit- teilte. Bereits am Sonntag hatten Unbekannte einen Fahrleitungs- mast bei Goldberg umgesägt. Die Bundespolizei suchte daraufhin die Bahnstrecken im Großraum Stuttgart ab. Bekennerschreiben oder andere Hinweise auf Täter und Motiv wurden bislang nicht

gefunden.

(dapd/jW)

vor dem Beschluß des kassierten Ge- setzes auf Einschränkungen in den Grundrechten aufmerksam gemacht. Die Staatsregierung hat nun den Ge- setzentwurf nahezu unverändert wieder in den Landtag eingebracht. Von der Opposition begrüßt werden sprachliche Anpassungen. Darunter fällt, daß Demonstrationen zukünftig nur noch »angezeigt« und nicht mehr »angemeldet« werden müssen und das Uniformverbot in ein Militanzverbot umgewandelt wurde. Verstöße gegen das Versammlungs- recht sind der Vorlage zufolge auch künftig in Sachsen Straftaten. CDU und FDP wollten einen Vorschlag der demokratischen Opposition, diese – im Hinblick auf die Anti-Neonazi- Blockaden in Dresden – als bloße Ord- nungswidrigkeiten einzustufen, nicht mittragen. Da durch das Leipziger Urteil das bisherige Gesetz als nichtig betrachtet wird, galt und gilt bis zum Inkraft- treten einer eigenen verfassungskon- formen Rechtsverordnung weiter das Versammlungsgesetz des Bundes. Marion Baumann

DAPD /M ATTHIAS R IETSCHEL

junge Welt

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

politik

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Speichert die Faschisten!

Zentrale Verbunddatei gegen »Rechtsextremisten mit Gewaltbezug« soll Erkenntnisse der Polizei und der Inlandsgeheimdienste koordinieren. Von Sebastian Carlens

D ie Neonazi-Verbunddatei ist beschlossene Sache: Am Mitt- woch, zehn Wochen nach dem

Auffliegen der Zwickauer Terrorzelle, hat die Bundesregierung einen Gesetz- entwurf zur Einrichtung einer zentralen Datei für rechte Gewalttäter angenom- men. Informationen der Bundes- und Landesämter für Verfassungsschutz so- wie der Bundes- und Landeskriminal- ämter sollen hier »automatisiert« erfaßt werden, teilte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) mit. Ohne einen klaren »Gewaltbezug« soll jedoch kein Neonazi im Speicher landen. Dieser könne in Form von ein- schlägigen Vorstrafen gegeben sein,

aber auch durch Aufrufe zur Gewalt. Erfaßt wird für höchstens zehn Jahre, gelöscht werden könne aber auch frü- her, schränkte Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes, auf einer ge- meinsamen Pressekonferenz mit Fried- rich und Verfassungsschutzchef Heinz Fromm ein. Im Gegensatz zum Vorbild der Anti-Islamismus-Datenbanken sol- len Bundesnachrichtendienst (BND) und Militärischer Abschirmdienst (MAD) ihre Informationen jedoch nicht automatisch in die Verbunddatei einspeisen. Wie viele der rund 10 000 vom Ver- fassungsschutz gezählten »gewaltbe- reiten Rechtsextremisten« in der neuen

Datei landen werden, konnte Bundes- amtschef Fromm nicht abschätzen. Der Passus »Gewaltbezug« schränkt nicht nur den Kreis der zu Erfassenden ein, sondern ist auch Auslegungssache:

fraglich, wie viele der nun als Unterstüt- zer des »Nationalsozialistischen Un- tergrundes« (NSU) festgenommenen Personen in der Verbunddatei gelan- det wären, wenn das Instrumentarium schon früher bereitgestanden hätte. Ein eindeutiger »Gewaltbezug« läßt sich aus den propagandistischen Aktivitä- ten einzelner Neofaschisten, gerade der führenden Kader, oft nur schwer nach- weisen. In der Ausnutzung juristischer »Grauzonen« haben Neonaziaktivisten

und ihre Anwälte mitunter eine gewisse Meisterschaft erlangt. Ob perfektionierte Datenerfassung die passende Antwort auf Rechtsterro- rismus ist, darf darüber hinaus bezwei- felt werden: Nicht Mangel an Infor- mationen – die Täter und ihr Umfeld waren sämtlich seit spätestens 1998 aktenkundig –, sondern Konkurrenz der Behörden und eine ausschließlich ideologisch motivierte Unterschätzung rechten Gewaltpotentials haben es den NSU-Terroristen ermöglicht, 13 Jahre unerkannt quer durch das Land zu mor- den. Die rechte Terrorwelle hätte, auch mit dem Wissen von 1998, verhindert werden können.

mittagsruhe statt mittagspause

dreSden. Schüler aller Klassen des Gym­ nasiums Dresden­Cotta haben am Mitt­ woch unter dem Motto »Dresden bleibt sitzen« gegen den Schulnetzplanentwurf der Stadtverwaltung für die kommenden fünf Jahre protestiert. In der Mittagspause fielen sie auf den Fluren des Schulgebäu­ des in einen symbolischen Tiefschlaf. Sol­ che und ähnliche Aktionen mit insgesamt über 2 000 Teilnehmern fanden auch an anderen Schultypen statt, wie das Akti­ onsbündnis »Macht?Schule.Bildung« mit­ teilte. Die Schüler wollten mit ihren spon­ tanen Besetzungen auf die Probleme des Schulnetzplans aufmerksam machen und Mitspracherechte einfordern. Demnächst wollen sie Alternativvorschläge zum Schulnetzplan vorlegen und einen runden Tisch vorbereiten. Ziel der Proteste an den Dresdner Berufsschulen ist es, die ihnen drohende Aus­ und Verlagerung ins Umland zu verhindern. Ein Großteil der beruflichen Schulzentren soll nach bisheri­ gen Plänen zusammengelegt, verlegt oder aufgelöst werden. (dapd/jW)

verlegt oder aufgelöst werden. ( d a p d / j W ) Personellen Einfluß in

Personellen Einfluß in Linkspartei erhöhen

Bundeskonferenz der Antikapitalistischen Linken beschließt neue Struktur

D as Forum »Antikapitalistische Linke« (AKL) in der Links- partei brauchte dringend eine

Modernisierung. Der Gründungsauf- ruf »Für eine antikapitalistische Lin- ke« stammte von 2006, der Koordinie- rungskreis wurde 2007 gewählt und 2009 zum letzten Mal bestätigt. Wer was beschließen und erklären darf, ist wenig bis gar nicht geregelt. Das führt dazu, daß zu wichtigen politischen Fragen nur selten eine politische Stim- me der AKL zu vernehmen war. Dieses und andere Probleme sollten

am Sonntag angegangenen werden. Gut 120 Mitgliedern aus allen Lan- desverbänden der Partei versammel- ten sich nach der alljährlichen Lu- xemburg-Liebknecht-Demonstration in Berlin. Auf dem Programm standen sowohl der Beschluß einer neuen Or- ganisationsstruktur als auch die Über- arbeitung des Programms (»AKL-Er- klärung«). Trotz kontrovers geführter Diskus- sionen überwog die Einschätzung, daß die AKL zwar ihren politisch-inhalt- lichen Einfluß innerhalb der Linken deutlich verstärken konnte, was sich vor allem im neuen Parteiprogramm

niederschlägt. Wenn es jedoch um die Besetzung von Posten im Bundesvor- stand und den Fraktionen ging, war die AKL weniger erfolgreich als an- dere Strömungen. Die neue Organisa- tionsstruktur müsse daher straffer und vor allem transparenter als bisher sein, so die nahezu einhellige Meinung der Anwesenden. Sie soll es ermöglichen, daß Entscheidungen schneller und mit voller demokratischen Legitimation der Mitglieder getroffen werden kön- nen. Äußerst kontrovers in diesem Zu- sammenhang wurde die Frage der Or- ganisationsform der AKL diskutiert. Soll sie sich in Zukunft als Bundes- arbeitsgemeinschaft (BAG) gemäß der Linken-Satzung organisieren oder eher eine freie, unbürokratische Ver- einigung mit vorwiegend Netzwerk- charakter bleiben? Die auf der Kon- ferenz anwesenden Vertreter anderer Gruppierungen wie der Kommunisti- schen Plattform, dem Marxistischen Forum oder dem Geraer Dialog warn- ten davor, den bisherigen Modus einer engen Zusammenarbeit zwischen ver- schiedenen Gruppierungen unter dem Dach der AKL aufzugeben. Die Kon-

ferenz entschied sich schließlich mit einer deutlichen Zwei-Drittel-Mehr- heit für die Anmeldung einer BAG. Beschlossen wurde gleichzeitig, daß in der noch zu erstellenden Satzung die AKL ausdrücklich auch für Nicht- Parteimitglieder offen sein soll. Zukünftig wird die Antikapitalisti- sche Linke aus drei Gremien bestehen. Die bundesweite AKL-Mitgliederver- sammlung tagt einmal im Jahr und entscheidet über die eher grundsätz- lichen Fragen. Das zukünftig höchste Organ wird der Länderrat sein. Er hat beratende, kontrollierende und Initia- tivfunktionen gegenüber dem Spre-

cherinnenrat und tagt dreimal im Jahr. Das bisherige Koordinationsgremium, der BundessprecherInnenrat, vertritt die AKL nach außen und ist damit befugt, auch kurzfristig Erklärungen abzugeben und Entscheidungen zu treffen. Die Zeit drängt. Die neue AKL- Struktur inklusive der Wahl der Vertre- ter auf Landesebene für den Länder- rat, die Wahl der zukünftigen AKL- Sprecherinnen und -Sprecher sowie eine neue Satzung sollen rechtzeitig vor dem kommenden Bundesparteitag am 3. Juni 2012 fertig sein. Sönke Hundt

Pharmakonzern streicht 700 Stellen

KonStanz. Der Pharmakonzern

Takeda hat angekündigt, knapp

850 Stellen zu streichen. Die

beiden bisherigen Vertriebs- standorte des Unternehmens in Deutschland, Aachen und Konstanz, sollen geschlossen werden und der neue Sitz der Vertriebsorganisation nach Berlin verlagert werden, wie Takeda am Mittwoch mitteilte. In Konstanz sollen in Zukunft

nur noch die 150 der bisher 850 Beschäftigten weiterarbeiten. Der Standort Aachen mit seinen

130 Mitarbeitern wird komplett

geschlossen. Außerdem plant Takeda Stel- lenstreichungen bei den Außen- dienstmitarbeitern. (dapd/jW)

Gewerkschaft gegen Kürzungen bei ARD

Berlin. Der Deutsche Journa- listen-Verband (DJV) spricht sich gegen Kürzungen im Per- sonalbereich bei ARD und ZDF aus. »Weniger journalistische Arbeitsplätze und niedrigere Ho- noraretats für freie Mitarbeiter

sind nicht akzeptabel«, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken am Mittwoch in Berlin. Qualitativ hochwertige journa- listische Formate sicherten die Einschaltquoten der Sender und damit ihre Akzeptanz bei den Bürgern. Der jüngste Bericht der unabhängigen Kommission zur Ermittlung des Finanzbe- darfs der Rundfunkanstalten (KEF) weise den falschen Weg. Die KEF fordert die Sender zu Kürzungen von insgesamt 117

(dapd/jW)

Millionen Euro auf.

Ver.di fordert Plus für Bankmitarbeiter

Berlin. Ver.di hat eine Gehalts- erhöhung von sechs Prozent für die rund 220 000 Bank- mitarbeiter in Deutschland gefordert. Außerdem verlangt die Gewerkschaft Maßnahmen zum Gesundheits- und Bela- stungsschutz, eine Verlängerung des Vorruhestandstarifs sowie Vereinbarungen zu Ausbildung und Übernahme, wie ver.di am Mittwoch in Berlin mitteilte. »Die Bankbeschäftigten haben lohnmäßig lange zurückge- steckt, jetzt ist es an der Zeit, dass auch sie wieder eine deutliche Gehaltserhöhung be- kommen«, erklärte ver.di-Vor- standsmitglied Beate Mensch. Der Arbeitgeberverband des privaten Bankgewerbes wies die Tarifforderung von Verdi als «unrealistisch» zurück. Die erste Verhandlungsrunde im Bankgewerbe ist für den 1. März

(AFP/jW)

geplant.

Tina ModoTTi FoTograFien aussTellung voM 5. Januar bis 16. März 2012 junge W elt •

Tina ModoTTi FoTograFien

aussTellung voM 5. Januar bis 16. März 2012

junge W elt Ladengalerie

Die Tageszeitung

Torstraße 6, 10119 Berlin (Nähe Rosa-Luxemburg-Platz). Öffnungszeiten: Mo.–Do.: 11–18 Uhr; Fr.: 10–14 Uhr, Eintritt: frei.

Abb.: Am Markt in Tehuantepec, Mexico 1929. Sammlung Reinhard Schultz

REUTERS/JOSE LUIS GONZALEZ

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politik

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

junge Welt

Barak: Iran baut keine Atomwaffen

JeruSalem. Israel ist nach den Worten seines Verteidigungs- ministers Ehud Barak noch »sehr weit weg« von einem möglichen Angriff auf den Iran. Es gebe keine Entscheidung

in dieser Hinsicht, und es gebe auch kein Datum, um eine sol- che zu treffen, sagte Barak am Mittwoch dem Armeerundfunk. Zugleich betonte der Minister, Teheran habe bislang nicht beschlossen, Atomwaffen her- zustellen. Die Iraner wüßten, daß dies ein Beweis für den »militärischen Charakter ihres Atomprogramms« wäre, sagte

Barak.

(AFP/jW)

3000 Verstöße gegen Wahlrecht in Rußland

moSKau. Bei der Parlamentswahl in Rußland im Dezember hat es nach Ermittlungen der Staatsan- waltschaft rund 3 000 Verstöße gegen das Wahlrecht gegeben. In einem an Präsident Dmitri Medwedew übermittelten Bericht, der am Mittwoch auf der Website des Kreml veröf-

fentlicht wurde, hieß es, daß im Zusammenhang mit den Ermitt- lungen bislang »95 Menschen Ordnungsstrafen erhielten«. Aus der Wahl am 4. Dezember

2011 war die Regierungspartei

Einiges Rußland offiziellen An- gaben zufolge als Sieger hervor- gegangen. Die Opposition warf der russischen Führung aber massiven Wahlbetrug vor.

(AFP/jW)

USA wollen mit Nordkorea reden

WaShinGton. Die USA, Japan und Südkorea haben Nordkorea eine Wiederaufnahme von Ge- sprächen über dessen Atompro- gramm und eine Verbesserung der Beziehungen durch Dialog in Aussicht gestellt. »Der Weg ist offen«, erklärten hochrangi- ge Diplomaten am Dienstag in Washington, wo sie unter ande- rem über die Lage auf der Ko- reanischen Halbinsel berieten. Erst in der vergangenen Woche hatte Pjöngjang im Hinblick auf Verhandlungen über mög- liche Lebensmittellieferungen deutlich gemacht, hinsichtlich des Nuklearprogramms abzu- warten, »ob die USA Vertrauen

aufbauen wollen«.

(dapd/jW)

Myanmar: Suu Kyi will kandidieren

neW YorK. Die Oppositionsfüh- rerin von Myanmar, Aung San Suu Kyi, hat ihre Kandidatur für die Nachwahl zum Parlament am 1. April angemeldet. Das berichteten am Mittwoch AFP- Korrespondenten aus Kawhmu bei yangon (Rangun). Ein Re- gierungsberater hatte Suu Kyi am Wochenende für den Fall ih- rer Wahl zur Abgeordneten ein »angemessenes« Regierungs- amt in Aussicht gestellt. Seit der Parlamentswahl im November

2010 hat die Militärregierung

eine vorsichtige Reform des politischen Systems eingeleitet.

(AFP/jW)

Hunger in Nordmexiko

Rarámuri-Indígenas von Chihuahua beklagen Tote. Von Andreas Knobloch, Mexiko-Stadt

M indestens sechs Angehörige

der indigenen Rarámuri-Eth-

nie sind in den vergangenen

Tagen Angaben der Bauernorganisa- tion El Barzón zufolge in der Sierra Tarahumara im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua an Hunger und Kälte gestorben. Die Regierung des Bundesstaates bestätigte eine entspre- chende Meldung. Anderthalb Jahre Trockenheit und die niedrigen Temperaturen des Win- ters haben einen »humanitären Not- stand« bei den Rarámuri ausgelöst. Neben den Todesfällen werden rund fünfhundert Angehörige dieser Ethnie derzeit in der Klinik Santa Teresita in der Kleinstadt Creel mit Symptomen von Lungenentzündung, Parasiten und schwerer Unterernährung behandelt. Der Gouverneur von Chihuahua, César Duarte, sprach von insgesamt 250 000 Gefährdeten. Die seit mehreren Mona- ten anhaltende Dürre ist die schlimm- ste seit 71 Jahren und hat für enorme Ernteausfälle in der Region gesorgt. Betroffen ist fast der gesamte Norden Mexikos, doch wegen ihrer Armut und Marginalisierung sind die halbnoma- denhaft lebenden Rarámuri eine beson- ders anfällige Gruppe. Im Internet machte dieser Tage die Nachricht von einer Suizidwelle die Runde, die von einigen Medien aufge- griffen wurde. Rund 50 Indígenas sollen sich demnach bis Mitte Dezember das Leben genommen haben, indem sie sich in Schluchten gestürzt hätten, weil sie ih- re Kinder nicht mehr ernähren konnten. Staatliche Stellen aber dementierten. Auch Bauern- und kirchliche Organisa- tionen wissen nichts von Selbstmorden und bezeichneten entsprechende Berich- te als »sensationslüstern«. Aber es stimmt, daß die Rarámuri an Hunger sterben. Journalisten berichte- ten, mehrere Hilfsaktionen sind ange- laufen. Das Ministerium für Soziale

sind ange- laufen. Das Ministerium für Soziale Bereits im vergangenen November warnten Hilfsorganisationen

Bereits im vergangenen November warnten Hilfsorganisationen vor dramatischen Folgen der Dürre für die Indígenas. Hier Tarahumara in Guachochi im Norden Mexikos

Entwicklung (Sedeso) sandte 100 000 Pakete mit Nahrung und Decken als Soforthilfe. In mindestens sieben Bun- desstaaten wurden Lebensmittel und andere Hilfsgüter gesammelt. Rasche Unterstützung ist in dieser Notsituation nötig, aber vor allem ist ei- ne grundlegende Lösung des Problems gefordert. Es ist auffällig, wie wenig Einfluß die Sozialprogramme der Re- gierung auf gesamtstaatlicher wie auf regionaler Ebene haben. Paradoxerwei- se soll im vergangenen Jahr die Region mit Mitteln in Rekordhöhe unterstützt worden sein. Mehr als 945 Millionen Pesos (rund 55 Millionen Euro) sei- en unter anderem für Trinkwasser, Le- bensmittel und Decken geflossen – so- viel wie nie zuvor. Die Frage ist, wie

und ob überhaupt die Summe investiert wurde, oder ob sie in irgendwelchen Korruptionskanälen verschwunden ist. Nie wurde das Geld dazu verwendet, die Gemeinden in die Lage zu ver- setzen, eigene Lebensmittel zu produ- zieren, bemängelt etwa der politische Beobachter Víctor M. Quintana S. in der Tageszeitung La Jornada. Armut und Marginalisierung der Rarámuri, verschlimmert durch Trok- kenheit und das Einbrechen organisier- ter Kriminalität, sind die Folge einer Geschichte von Enteignung, Plünde- rung sowie kultureller, ökonomischer und ökologischer Unterdrückung, die Jahrhunderte zurückreicht. Angefan- gen mit der Katholisierung über die Raubzüge spanischer Kolonialherren

im 17. und 18. Jahrhundert bis hin zur aktuellen Ausbeutung der Wälder der Region durch multinationale Holzkon- zerne und große und kleine Agrarun- ternehmen. Nicht weniger Anteil an der Tragödie haben kommunale Politi- ker mit ihrer Korruption, Trägheit und ihrem Despotismus, die Regierungen von Chihuahua, Durango und Sinaloa, in deren Gebiet die Rarámuri leben, und die Bundesregierung selbst. Allzu oft pendelt sie zwischen sprichwörtli- cher Taubheit gegenüber den indige- nen Gemeinden und einer Politik, die durch Paternalismus und mangelndes Verständnis charakterisiert ist und aus der vermeintlichen Begünstigung die- ser Bevölkerung vor allem politischen Nutzen ziehen will.

Krieg und Verbrechen

Nairobis Intervention in Somalia geht mit Übergriffen gegen ethnische Minderheiten in Kenia selbst einher

D ie US-amerikanische Men-

schenrechtsorganisation Hu-

man Rights Watch (HRW)

wirft den kenianischen Sicherheits- kräften schwere Übergriffe gegen die im Land lebenden Somalis und andere ethnische Gruppen vor. Betroffen sind sowohl kenianische Staatsbürger – es gibt dort eine starke somalische Min- derheit – als auch Flüchtlinge aus dem Nachbarland. Allein im größten der Flüchtlingslager, Dadaab, leben mehr als 460 000 Menschen. Die von HRW beklagten Verbrechen und Mißhandlungen – die Rede ist von »Vergewaltigungen, Prügel, Plündern,

Demütigungen und willkürlichen Festnahmen« – sind eine Begleiter- scheinung des Eingreifens in den so- malischen Bürgerkrieg. Im Oktober hatte Nairobi mehrere tausend An- gehörige seiner Streitkräfte über die Grenze geschickt, um in drei Regionen Südsomalias gegen die islamistische Organisation Al-Schabab zu kämpfen. Vorwand für die Intervention war die Entführung mehrerer ausländischer Touristen und Experten in Kenia. Al- Schabab bestritt jedoch von Anfang an jede Beteiligung an diesen Taten. Die Umstände sprechen eher dafür, daß sie von einheimischen Kriminellen oh-

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Herausgegeben vom Laika-Verlag in Kooperation mit junge Welt

Herausgegeben vom Laika-Verlag in Kooperation mit junge Welt junge W elt Die Tageszeitung

junge W elt

Die Tageszeitung

ne politischen Hintergrund begangen wurden. Die kenianische Invasion ist bis jetzt kaum vorangekommen. Insbesonde- re hat sie ihre erklärten Nahziele, die Eroberung der Städte Kismajo – mit einem wirtschaftlich und finanziell bedeutenden Hafen – und Afmadow nicht erreicht. Statt dessen terrorisie- ren kenianische Kampfhubschrauber und Flugzeuge die Zivilbevölkerung mit Luftangriffen. Bevorzugt attak- kiert werden öffentliche Strukturein- richtungen wie Schulen, Flüchtlings- lager, Hospitäler und Lebensmittel- Ausgabestellen. Immer wieder gibt es Berichte von Augenzeugen über getö- tete und verletzte Kinder und Frauen. Kenias Militär hat die Bevölkerung wiederholt aufgerufen, sich von allen Einrichtungen fernzuhalten, die von der Al-Schabab-Verwaltung betrieben werden. Nairobi hat darüber hinaus gedroht, die Luftangriffe auch auf somalische Orte außerhalb des Ope- rationsgebiets seiner Streitkräfte aus- zudehnen, bis in die Umgebung der Hunderte Kilometer weiter nördlich gelegenen Hauptstadt Mogadischu. Al-Schabab hat als Reaktion eine Reihe bewaffneter Attacken auf kenia- nischem Gebiet und anscheinend auch

im Flüchtlingslager Dadaab unternom- men. Vor wenigen Tagen wurden bei einem solchen Angriff auf einen Poli- zeiposten im Grenzgebiet mehrere An- gehörige der kenianischen Sicherheits- kräfte und der örtlichen Verwaltung getötet oder gefangengenommen. Die von HRW beklagten Menschenrechts- verletzungen haben im Gefolge des Einmarsches ins Nachbarland stark zugenommen. In ihrem jüngsten Bericht beschreibt die Organisation mehrere Übergriffe, die unmittelbar im Zusammenhang mit mutmaßlichen Al-Schabab-Ak- tionen stattfanden. So hätten Polizei und Militär nach zwei Attacken in den nordkenianischen Städten Garissa und Mandera »Hunderte von Verdächtigen zusammengetrieben. Sie wurden so heftig geschlagen, daß einige von ih- nen Knochenbrüchen erlitten«. Auch in den folgenden Tagen seien viele So- malis willkürlich festgenommen und in einem Militärlager mit Schlägen zu demütigenden »Übungen« gezwun- gen worden. Als unmittelbare Reak- tion auf die Explosion einer Mine im Flüchtlingslager Dadaab seien minde- stens sieben Frauen von kenianischen Soldaten vergewaltigt worden. Knut Mellenthin

AP/GREGORIO BORGIA

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politik

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Streit um Beobachter

Während US-Staatschef Barack Obama den Sturz des syrischen Präsidenten will, kritisiert Moskau die westliche Einmischung. Von Karin Leukefeld, Damaskus

U S-Präsident Barack Obama hat bei einem Treffen am Mittwoch in Washington dem

jordanischen König Abdullah II. aus- drücklich dafür gedankt, daß dieser in einem Interview mit der britischen BBC im vergangenen November als Erster den syrischen Präsidenten Baschar Al- Assad zum Rücktritt aufgefordert hatte. Die USA würden weiterhin »sehr eng mit Jordanien zusammenarbeiten, um internationalen Druck und ein Klima zu erzeugen, daß die derzeitige syri- sche Führung zum Rücktritt ermutigt«, sagte Obama. Dann könne ein »demo- kratischer Übergangsprozeß« eingelei- tet werden. Das Onlinemagazin Middle East faßte seine Worte weniger diplo- matisch zusammen: »US-Präsident will Anstrengungen verdoppeln, um einen Regimewechsel in Syrien zu erzwin-

gen«. Unterdessen zeigte sich am Diens- tag das Außenministerium in Damas- kus »überrascht« über Äußerungen des Emirs von Katar, der einen arabischen Truppeneinsatz in Syrien gefordert hatte. Die Entsendung ausländischer Einheiten werde die Lage verschärfen und einer fremden Einmischung in die syrischen Angelegenheiten »die Türen

weit öffnen«, hieß es in einer von der staatlichen Nachrichtenagentur SANA unter Verweis auf eine »offizielle Quel- le« verbreiteten Meldung. Es wäre be- dauerlich, wenn »arabisches Blut in Syrien vergossen würde«. Syrien werde weiter mit der Arabischen Liga koope- rieren, umgekehrt sollten jedoch auch die Nachbarstaaten daran festhalten. Über die bisherige Arbeit der ara- bischen Beobachtermission soll am kommenden Wochenende am Sitz der Liga in Kairo gesprochen werden. Wäh- rend einige arabische Staaten die Fort- setzung der Mission wollen und einer zusätzlichen Schulung der Beobachter durch die Vereinten Nationen zustim- men würden, forderte Riad Al-Asaad, der Anführer der »Freien Syrischen Ar- mee«, von seiner Basis in der Türkei aus, der »Fall Syrien« müsse »schnell an den Sicherheitsrat« überwiesen werden. »Um den Frieden zu erhalten«, müßten die Vereinten Nationen »gemäß Artikel

7 der UN-Charta gegen das Regime

vorgehen«. Der angesprochene Passus beinhaltet auch die Möglichkeit einer militärischen Intervention. Unterdessen setzen die 163 arabischen Beobachter ihre Arbeit in Syrien unvermindert fort. Täglich sind die Gruppen im Land un-

terwegs und dokumentieren zahlreiche Gespräche mit Vertretern aller Seiten. Rußland hat am Montag erneut einen Resolutionsentwurf zur Lage in Syrien im UN-Sicherheitsrat vorgelegt. Medi- enberichten zufolge wurde dieser je- doch von den USA, Deutschland und Frankreich umgehend als unannehmbar abgelehnt. Sie weisen vor allem zurück, daß für die Gewalt im Land gleicher- maßen die Regierung und bewaffnete Gruppen verantwortlich seien. China, Brasilien, Indien und Südafrika unter- stützen hingegen den Entwurf. Ruß- lands Außenminister Sergej Lawrow erklärte daraufhin am Mittwoch in Mos- kau vor Journalisten, der Text fordere alle beteiligen Seiten auf, die Gewalt sofort zu beenden und unterstütze einen nationalen Dialog. Der Minister wies jede ausländische Intervention in Syrien zurück. Moskau setze auf eine Verlän- gerung der arabischen Beobachtermis- sion und die Notwendigkeit eines inner- syrischen nationalen Dialogs. Egal, wer Gewalt einsetze, so Lawrow, alle Seiten müßten ihr gewaltsames Vorgehen so- fort einstellen. Er betonte, Rußland wer- de sich nicht zum Verdacht äußern, es habe trotz eines EU-Embargos Waffen an Damaskus geliefert. Man habe im

Einklang mit internationalem Recht ge- handelt und lasse sich nicht von einseiti- gen Sanktionen anderer Länder lenken, sagte er. Zudem sei es inakzeptabel, das »libysche Modell« auf andere Konflik- te übertragen zu wollen. Ausdrücklich kritisierte Lawrow den anhaltenden Waffenschmuggel nach Syrien, mit dem bewaffnete Gruppen »und Extremisten« unterstützt würden. Der libanesische Fernsehsender Al-Dschadid hatte vor einigen Tagen Interviews mit Waffenhändlern im Li- banon ausgestrahlt, die freimütig über ihr »gutes Geschäft« in Syrien berich- teten. Besonders heftige Kämpfe zwi- schen bewaffneten Gruppen und der syrischen Armee finden seit einigen Tagen etwa 35 Kilometer nordwestlich von Damaskus in Zabadani statt. Die Kleinstadt ist ein beliebter Urlaubsort, viele Einwohner sind vor den Kämpfen geflohen. Ein Mann, der als Hausmei- ster in einer der vielen Villen arbeitet, die zumeist reichen Bewohnern der Golfstaaten gehören, berichtete seinen Angehörigen in Damaskus, die Villen würden von Bewaffneten systematisch geplündert. Ihm sei die Flucht nur ge- lungen, weil er den Männern Geld ge- zahlt habe.

s chiffsu N g L ück vor i ta L ie N: r ichteri N u ND r ee D erei mache N k apitä N vera N twort L ich

rom. Nach dem Schiffsunglück vor der italienischen Küste sieht eine Untersu­ chungsrichterin »ernste Indizien« für eine Schuld des Kapitäns. Die Tatsache, daß an­ dere Offiziere und Besatzungsmitglieder an Bord blieben und sich um die Evakuie­ rung der Passagiere kümmerten, widerlege die Behauptung von Kapitän Francesco Schettino, er habe die Rettungsarbeiten an Bord nicht leiten können, befand Richte­ rin Valeria Montesarchio Medienberichten vom Mittwoch zufolge. Der Kapitän habe »keinerlei ernsthaften Versuch« unter­ nommen, wieder an Bord oder zumindest in die Nähe des Schiffs zurückzukehren. Die »Costa Concordia« hatte am Frei­ tag abend mit mehr als 4 200 Menschen an Bord vor der Küste der Toskana Fel­ sen gerammt und war havariert. Bislang wurden elf Todesopfer geborgen. Rund 20 Menschen gelten als vermißt, darunter mindestens zwölf Deutsche. Die Reederei macht den Kapitän für das Unglück verant­ wortlich, weil er eigenmächtig zu nah an die Insel Giglio herangefahren sei. (AFP/jW)

die Insel Giglio herangefahren sei. ( A F P / j W ) »Zweite Ermordung« Enttäuschung

»Zweite Ermordung«

Enttäuschung über Urteil im Prozeß um Anschlag auf armenischen Journalisten Hrant Dink

E ine »zweite Ermordung« hat die linke Tageszeitung Birgün am Mittwoch das am Tag zuvor er-

gangene Urteil eines Istanbuler Gerichts gegen mutmaßliche Hintermänner der Ermordung des armenischen Journali- sten Hrant Dink genannt. Die Richter hatten die Ermordung des Herausge- bers der armenisch-türkischen Wochen- zeitung Agos durch einen jugendlichen Faschisten am 19. Januar 2007 in Istan- bul zum Werk von Einzeltätern erklärt. Der Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wurde fal- lengelassen, da es keine Beweise für ein Komplott gegeben habe.

Der zum Tatzeitpunkt minderjähri- ge Schütze Ogün Samast war bereits im Juli 2011 zu einer Haftstrafe von mehr als 22 Jahren verurteilt worden.

Ein weiterer Faschist, yasin Hayal, wur- de am Dienstag wegen Anstiftung zum Mord zu lebenslanger Haft verurteilt.

18 weitere Angeklagte aus dem faschi-

stischen Spektrum jedoch wurden vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen. Unter ihnen ist der als Drahtzieher des Anschlags geltende ehemalige V-Mann der Polizei Erhan Tuncel. Dieser wur- de in dem selben Verfahren allerdings

wegen eines in den 90er Jahren began- genen Sprengstoffanschlags auf eine

McDonalds-Filiale verurteilt. Trotzdem befand er sich am Mittwoch bereits auf freiem Fuß, weil ihm die Unter- suchungshaft angerechnet wurde. Wie Dinks Mörder Samast und weitere Ver- dächtige gehört Tuncel zum Umfeld der von den Grauen Wölfen abgespaltenen

islamisch-nationalistisch orientierten Großen Einheitspartei (BBP). »Die Tradition des politischen Mor- des wird fortgeführt«, kritisierte die An- wältin der Familie Dink, Fethiye Cetin, den Prozeß als »Farce« und kündigte Berufung an. Die Menschenrechtsor- ganisation Amnesty International warf dem Gericht die Unterschlagung von

Beweisen für eine Verbindung der Täter in den Staatsapparat und zu rechten Gruppen vor. Der Enthüllungsjourna- list Nedim Sener, der aufgezeigt hatte, wie Polizeibeamte aus dem Umfeld des islamischen Fethullah-Gülen-Ordens die Ermittlungen im Mordfall Dink be- hindert hatten, wurde im vergangenen Jahr wegen fingierter Terrorismusvor- würfe inhaftiert. Ordensführer Gülen war dem vor drei Jahren ums Leben gekommenen BBP-Gründer Muhsin yazicioglu freundschaftlich verbunden und soll dessen Partei auch finanziell unterstützt haben.

Nick Brauns

8

ansichten

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

junge Welt

orbaN versus »iNterNatioNaLe LiNke«

Stabile Demokratie

u Von Werner Pirker

U ngarns Premier Viktor Or- ban hat sich am Mittwoch vor dem Europa-Parlament

gegen »Lügen und Verleumdun- gen« der »internationalen Linken« verteidigt. Damit meint er wohl einen gewissen Solidarisierungs- effekt auf seiten der Konservativen erzielen zu können. Doch stellt die vom europäischen Mainstream als »rechtspopulistisch« bezeichnete Politik Orbans nicht nur für die »internationale Linke« ein Ärger- nis dar. Sie gilt generell als mit den Prinzipien der Europäischen Union unvereinbar. Konkret werden Ungarn Ver- stöße gegen EU-Recht vorgewor- fen, weil die Unabhängigkeit der Zentralbank, der Justiz und der Datenschutzbehörde nicht mehr

gewährleistet sei. Doch noch bevor der ungarische Premier in Stras- bourg zum Rundumschlag gegen die internationale Linke ansetzte, hatte er auch schon zurückgesteckt. Man werde sich der Macht, aber nicht den Argumenten beugen, sagte er vorab in einem Interview. Es ist anzunehmen, daß die EU- Granden auf die Unabhängigkeit der ungarischen Zentralbank, womit deren Abhängigkeit von der Europäischen Zentralbank gemeint ist, bestehen werden. Auch die Da- tenschutzbehörde betreffend wird Orban wohl einlenken. In seinem Bestreben, sich von juristischer Einflußnahme auf seine Politik weitgehend unabhängig zu ma- chen, aber wird sich der ungarische Premier von der EU-Kommission kaum einbremsen lassen. Es ist ja auch nicht der von der Fidesz-Regierung betriebene Demo-

kratieabbau, der den Kommissaren in Brüssel so großen Kummer be- reitet. Denn wenn es um die Durch- setzung des Primats der Ökonomie über die Politik geht, kennen auch sie keine demokratischen Senti- mentalitäten. In Griechenland und Italien hat die EU bereits ihre Not- standsregime installiert. In den an- deren Problemländern sind ähnliche Maßnahmen zu befürchten. Die un- garische Rechtsregierung wehrt sich präventiv gegen die Degradierung des Landes an Donau und Theiß zu einem EU-Protektorat. Doch selbst wenn es den Orban- Leuten ernsthaft um die Wahrung der staatlichen Souveränität Un- garns gehen sollte, ist ihre Politik nicht minder demokratiefeindlich wie das »Durchregieren« der EU-Kommission. Der ungarische Regierungschef ist von der Idee der »stabilen Demokratie« besessen, worunter er die Langzeitherrschaft seiner Partei versteht. Das läuft auf eine tendenzielle Aufhebung des bürgerlichen Demokratismus, der auf der jederzeitigen Austauschbar- keit von Regierung und Opposition beruht, hinaus. Die bürgerliche De- mokratie durchlebt eine Metamor- phose zum Bonapartismus. Seinen ideologischen Fundus findet ein solches Regime im Nationalismus. Die EU-Mitgliedschaft hat für die Mehrheit der Ungarn keine spürbaren Verbesserungen bewirkt. Orban und die Seinen versuchen, die »Europaskepsis« ihrer Lands- leute für sich zu nutzen – zumal die neoliberal gewendete postkom- munistische Vorgängerregierung einem enthusiastischen Europakult gehuldigt hatte.

korrekturmiLitär Destages

Amir Eshel

gehuldigt hatte. k orrekturmiLitär Des t ages Amir Eshel D er hochrangige Vertreter des israelischen Militärs

D er hochrangige Vertreter des israelischen Militärs hat eine weitverbreitete

Legende platzen lassen, die insbe- sondere von christlichen Zionisten in den USA und säkularen Anti- Deutschen hierzulande sorgsam gepflegt wird. Sie rechtfertigen damit ihre Kriegshetze gegen den Iran. Bei der immer wiederholten Mär geht es um die Behauptung, Israel werde von der Landkarte getilgt, sobald die von Haß getrie- benen Iraner irgendwann einmal Atomwaffen besitzen. Nun stellt sich heraus: Anders als die lautstar- ken Propagandisten geht die israe- lische Militärführung von rational handelnden Akteuren in Teheran aus. Die Israelis setzen auf die ab- schreckende Wirkung des eigenen beachtlichen Atomwaffenarsenals.

Dennoch zeigen sich Stabsoffiziere Tel Avivs, wie z. B. der Chef der militärischen Planungsabteilung, Generalmajor Amir Eshel, über die Möglichkeit eines atomar be- waffneten Irans tief besorgt, aber aus anderen Gründen. Diese haben nichts mit einer existentiellen Be- drohung Israels zu tun. Unter Bezugnahme auf zukünf- tige iranische Atomwaffen erklärte General Eshel laut Washington Post am Dienstag in Jerusalem:

»Wenn wir wieder Sachen in Gaza oder im Libanon machen müssen, ist das was ganz anderes, wenn die unter einem iranischen Nuklear- schirm stehen«. Sollte der Iran über Atomwaffen verfügen, heißt das wohl, wird es für Israel schwieriger werden, andere Länder so anzu- greifen wie immer wieder in den letzten sechs Jahrzehnten. Bisher kam das Land trotz schwerster Kriegsverbrechen mit Hilfe der USA stets ungestraft davon. Zu ei- ner Zeit, da in Israel bereits wieder offen Pläne für einen neuen Angriff auf Gaza diskutiert werden, wäre es gar nicht so schlecht, wenn Israels »strategische Freiheit« – nämlich nach Belieben seine Nachbarn mit Krieg zu überziehen – beschnitten

(rwr)

würde.

»Gefährdung in Syrien wird mit zweierlei Maß gemessen«

Doppelmoral: Deutsche sollen ausreisen, aber Flüchtlingen droht die

Abschiebung dorthin. Ein Gespräch mit Simone Fischer

E rst vor wenigen Tagen hat das Auswärtige Amt Deut- sche, die sich in Syrien

aufhalten, wegen der dortigen gewalttätigen Auseinanderset- zungen zur Ausreise aufgefor- dert. Im Fall von vier syrischen Flüchtlingen, die in München in Abschiebehaft sitzen, schätzt man die Lage hingegen anders ein. Die Ausländerbehörde will sie nach Ungarn ausweisen, von wo aus sie wahrscheinlich nach Syrien abgeschoben werden. Was droht ihnen konkret? Wir kritisieren, daß die Gefährdung in Syrien mit zweierlei Maß gemessen wird. Den vier Syrern droht im Fall ei- ner Abschiebung nach Ungarn, mehre- re Monate im Gefängnis verbringen zu müssen und danach in ihr Herkunfts-

land abgeschoben zu werden. In Un- garn werden Flüchtlinge routinemäßig inhaftiert, wenn sie nach der Dublin- II-Regelung dorthin zurückverwiesen wurden, weil sie während ihrer Flucht das Land als erstes in Europa betreten haben. Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) hat von gewalttätigen Übergriffen in unga- rischen Haftanstalten durch das Wach- personal berichtet. Die vier würden dort nicht als Asylsuchende betrachtet, sondern als Personen, die sich irre- gulär im Land aufhalten. Sie können zwar einen Asylantrag stellen, aber oh- ne aufschiebende Wirkung. Das heißt, daß sie noch während der laufenden Überprüfung jederzeit abgeschoben werden können. Selbst jetzt schreckt Ungarn nicht davor zurück, Menschen nach Syrien zurückzuschicken, wo ihnen Haft, Fol-

abgeschriebeN

Der Abgeordnete des Europaparlaments und Mitglied der Fraktion Vereinte Eu- ropäische Linke/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL) Jacky Henin (Französische Kommunistische Partei) äußerte am Dienstag zur Position seiner Fraktion bei der Wahl des Parlamentspräsidenten in einer Pressemitteilung:

Die Gruppe GUE, zu der ich gehöre, hat sich zum erstenmal seit mehreren Jahren dafür entschieden, nicht an der Wahl (mit einem eigenen Kandidaten – d. Red.) teilzunehmen. Das ist nach meiner Auffassung zu einem Zeitpunkt, da die europäischen Völker es besonders nötig hätten, eine andere Parole zu hören als »Es lebe die Kürzungspolitik!« von seiten der Rechten oder der Sozialdemo- kratie, ein höchst bedauerliche Haltung. Mit dieser Erklärung möchte ich ein- fach meine Nicht-Übereinstimmung mit dieser Haltung zum Ausdruck bringen. Da überall in Europa den Völkern dra- stische Kürzungsprogramme auferlegt werden. Da überall in Europa die Be- schäftigung, die Kaufkraft, die Rechte der Lohnabhängigen reduziert werden, um es einer Minorität zu ermöglichen, sich immer mehr zu bereichern. Da über- all in Europa man sich einer Politik auf Kosten der Lohnabhängigen und ihrer

Simone Fischer ist Sprecherin des Bayerischen Flüchtlingsrats

ter oder Tod drohen. Das Ministerium für Flüchtlingsangelegenheiten in Bu- dapest hingegen hat festgestellt, »daß die Syrische Arabische Republik als ein sicheres Herkunftsland« betrachtet werden könne, wo »der Abzuschieben- de weder aus Gründen der Herkunft, Religion, Nationalität, gesellschaftli- cher Zugehörigkeit oder wegen seiner politischen Meinung der Gefahr der Verfolgung ausgesetzt ist«. Warum setzen Sie sich für diese vier Flüchtlinge ein? Diese Syrer, die die Polizei direkt nach ihrer Einreise in Deutschland, am 2. Dezember, aufgegriffen hat, sind in München im Gefängnis. Wir können ihre Namen nicht veröffentlichen, weil sie sonst fürchten müssen, nach einer Abschiebung sofort vom syrischen Ge- heimdienst verhaftet zu werden. Es handelt sich um zwei Frauen und zwei Männer. Letztere sind desertiert, weil sie nicht auf unschuldige Demonstran- ten schießen wollten und Angst hatten, im Fall der Weigerung selbst erschos- sen zu werden. Deshalb haben sie sich durch Flucht ihrer Einberufung ins sy- rische Militär entzogen. Die Frauen sind aus ihrem unmittelbaren Bekann- tenkreis und gleichermaßen gefährdet. Existiert das deutsch-syrische Rücknahmeabkommen immer noch? Trotz aller Warnungen des Auswärtigen Amtes? Zwar sind momentan die Abschie- bungen nach Syrien ausgesetzt, aber das skandalöse Abkommen existiert noch. Es zu kündigen ist auch nicht beabsichtigt. Das Bundesinnenmini- sterium hat obendrein gegenüber der

Familien, der Bereicherung für Groß- konzerne gegenübersieht. Hätte ich gewünscht, daß wir eine andere Ausdrucksform für unseren Weg, für ein anderes Europa gefunden hätten. Ein Europa im Dienst der Völker, das neue, emanzipatorische Rechte hervor- bringt. Da es aber nicht möglich ist, einen Schritt in diese Richtung zu gehen, hätte ich nicht an einem solchen Mummen- schanz teilgenommen, bei der die In- teressen der Völker mißachtet werden. Ich hätte keinen Kandidaten unterstützt, denn die Kürzungspolitik – sei sie links oder rechts – bringt unseren Völkern nur Verwüstung. (…)

Jean-Luc Mélenchon, Mitglied der Frak- tion GUE/NGL und der französischen Linksparte (Parti de Gauche), erklärte bereits am Montag abend:

Die Wahl von Martin Schulz besiegelt das heimliche Einverständnis zwischen Sozialisten und der Rechten in Europa. Ich werde in Strasbourg am 17. Januar nicht anwesend sein. Umso besser! Ich bin sehr glücklich, nicht am Mummenschanz der Wahl des Sozialde- mokraten Martin Schulz teilzunehmen, des gemeinsamen Kandidaten von So-

Presse bekräftigt, keine Veranlassung zu haben, von Abschiebungen gemäß der Dublin-Verordnung nach Ungarn abzusehen. Zumindest, sofern »nicht im Einzelfall außergewöhnliche huma- nitäre Umstände entgegenstehen und zu einer Durchführung des Asylverfah- rens in Deutschland führen«. Was fordert der Bayerische Flüchtlingsrat nun konkret? Es muß endlich eine rechtliche Absi- cherung geben, damit diese Menschen eine Perspektive in Deutschland erhal- ten und nicht ständig gefährdet sind, in die Krisenregion abgeschoben zu werden – auch nicht über den Umweg einer Weiterschiebung innerhalb Eu- ropas. CDU und FDP werfen Abgeord- neten der Partei Die Linke vor, Sympathie mit dem syrischen Diktator Baschar Al-Assad zu haben. Dabei berufen sie sich auf deren Unterschrift unter einen Appell, Kriegsvorberei- tungen zu stoppen und das Wirt- schaftsembargo aufzugeben, weil dies nur der Bevölkerung schade. Wie werten Sie diesen Konflikt? Wir haben seit Jahren die Erfahrung gemacht, daß sich Mitglieder von Die Linke für Flüchtlinge aus Syrien eingesetzt und die Menschenrechts- Situation dort als dramatisch einge- schätzt haben. Das gilt besonders für die innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Ulla Jelpke. Die Bundesregierung hingegen hat erstens jahrelang mit Assad und seinem Sy- stem kooperiert und hält zweitens im- mer noch das Rücknahmeabkommen aufrecht.

Interview: Gitta Düperthal

zialdemokraten und der Rechten für die Präsidentschaft des Europaparlaments. Ich verurteile das abgekartete Spiel und die Fahrstuhlvereinbarung zwischen Sozialdemokraten und der Rechten in den europäischen Institutionen. Mitten in Attacke der Finanzbranche gegen die Völker im allgemeinen und gegen Frankreich im besonderen hätte ich kei- ne Unterstützung für diese prinzipienlo- se Zusammenarbeit geleistet. Die Union der »Jas« zum Lissabonn-Vertrag ist zu einer Union der »Jas« zu Kürzungspo- litik und des Liberalismus geworden! Martin Schulz ist eine Karikatur dessen. Er hat u. a. den Resolutionen seine Stim- me gegeben, die Sanktionen gegen die Zulassung von Defiziten vorsehen, den Ratingagenturen neue Instrumente lie- fern, die Liberalisierung des Gasmark- tes und das sogenannte Eisenbahnpa- ket vorantreiben, nicht zu vergessen die Dienstleistungsrichtlinie. Er hatte für den Parlamentspräsiden- ten der Rechten votiert, er wird entschä- digt für seine guten und loyalen Dienst- leistungen – ohne mich! Ich empfange zur gleichen Zeit Bernard Thibault (seit 1999 Generalse- kretär der französischen Gewerkschaft CGT=– und ich ziehe das vor.

REUTERS/BOGDAN CRISTEL

junge Welt

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

kapital

&

arbeit

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Krise im Irgendwo

Unterentwickelt, hoch verschuldet, vergessen: Proteste in Rumänien gegen soziale Misere nach Kürzungsdiktat von Internationalem Währungsfonds und EU. Von Tomasz Konicz

D ie von Staatschef Traian Basescu forcierte Gesund- heitsreform war der letzte

Tropfen, der das Faß zum überlau- fen brachte: Rumänien erlebt die heftigsten Massenproteste seit mehr als einem Jahrzehnt. Doch es ist die allgemeine wirtschaftliche und so- ziale Misere, die viele verzweifelte Rumänen auf die Straßen trieb. Mini- sterpräsident Emil Boc bemühte sich bei einer Ansprache am Montag, den tiefsitzenden Unmut über die Misere im Land zu berücksichtigen, als er da- von sprach, »die Härten« nachvollzie- hen zu können, mit denen sich seine Landsleute konfrontiert sehen. Doch zugleich forderte er die Bevölkerung auf, Verständnis für die Maßnahmen aufzubringen, die notwendig seinen, um »einen Bankrott Rumäniens« ab- zuwenden. Dabei hat die Bevölkerung des rund 21 Millionen Einwohner zählenden Landes bereits in den vergangenen drei Jahren ihre Leidensfähigkeit unter Be- weis gestellt. Rumänien befindet sich seit 2009 im Würgegriff des Internatio- nalen Währungsfonds (IWF) und der EU. Die hatten mit einem Kreditpaket im Volumen von 20 Milliarden Euro ei- nen Bankrott des von der Krise schwer getroffenen Landes abgewendet. Wie bei solchen »Hilfskrediten« üblich, wurde die Auszahlung der jeweiligen Tranchen an drakonische Kürzungs- maßnahmen gekoppelt, die das Haus- haltsdefizit von nahezu sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2009 verringern sollten. Der jetzt durchgesetzte Kahlschlagkurs ging un- ter anderem mit Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst (rund 25 Prozent), dem Einfrieren der Renten sowie ei- ner Anhebung der Mehrwertsteuer um fünf Prozent einher. Die Roßkur zur Abwendung der Staatspleite sollte nach zwei Jahren abgeschlossen sein. Mitte 2011 mußte Bukarest aber ein weiteres »Präventiv- abkommen« mit IWF und EU schlie- ßen. Im Notfall stehen nun weitere Krisenkredite über fünf Milliarden Euro zur Verfügung – die aber an weitere Auflagen gekoppelt sind. Es war der IWF, der eine »Reform« des Gesundheitswesens verlangte. »Ru- mänien könnte das erste Opfer der Schuldenkrise werden«, erklärte ein hochrangiger Mitarbeiter der Noten- bank Ende Dezember. Die auf dem Finanzsektor dominierenden westli- chen Banken würden nämlich wegen

dominierenden westli- chen Banken würden nämlich wegen Protest gegen »Gesundheitsreform« und verordnete

Protest gegen »Gesundheitsreform« und verordnete Kürzungspolitik am Dienstag in Bukarest

ihres krisenbedingt hohen Kapitalbe- darfs »einen Teil der Summen, die sie derzeit der Regierung in Bukarest als Kredit vergeben, wieder zurück- ziehen«. Ähnlich dem ungarischen Forint befindet sich auch die rumäni- sche Währung auf einer anhaltenden Talfahrt gegenüber dem Euro. Anfang Januar geriet der Leu in die Nähe sei- nes historischen Tiefstandes aus dem Jahr 2010. Das hat Einfluß auf die Refinanzierungskosten und die Schul- denlast, beide steigen. Rumänien wird seine periphere Stellung in der EU zum Verhängnis – das Land ist fast ausschließlich auf Fremdfinanzierung seiner Haushaltsdefizite angewiesen. Die Bevölkerung ächzt seit drei Jahren unter »Spar«-Terror und Wirt- schaftsmisere. Nun taumelt das Land erneut am Rande des Bankrotts. Vor Krisenausbruch hatte die Wirtschaft eine klassische Defizitkonjunktur er- lebt – massive Kreditvergabe durch westliche Banken erzeugte einen kurzzeitigen Konsumboom und eine rasch anschwellende Immobilienbla- se. Das Wachstum war ein Strohfeuer. 2008 verzeichnete Rumänien einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von nahezu acht Prozent – auf

Kosten eines Leistungsbilanzdefizit von nahezu 15 Prozent des BIP. Ab 2009 schrumpfte der wirtschaftliche Ausstoß dramatisch um 7,2 Prozent, die Rezession hielt auch 2010 mit ei- nem Minus von 1,2 Prozent des BIP an. Für das vergangene Jahr prognosti- zierte Regierungschef Boc Anfang Ja- nuar ein Wachstum von »nahezu zwei Prozent« – zu wenig, um der Krise Herr zu werden. Das Haushaltsdefizit will Bukarest inzwischen auf 4,4 Prozent des BIP verringert haben. Allerdings machte diese Krisen- und Stagnations- periode alle Hoffnungen auf einen Anstieg des rumänischen Lohnniveaus zunichte, das zu den niedrigsten in Europa zählt. Am 1. Januar wurde der Mindestlohn auf 700 Lei angehoben – das sind etwa 162 Euro. Hoffnung auf eine Besserung soll- ten die Rumänen kaum hegen. Ange- sichts der einsetzenden Rezession in der Euro-Zone dürfte das Land auch in diesem Jahr kaum Wachstum ver- zeichnen, nicht zuletzt deshalb, weil auch die Industrie krankt. Die war in etlichen Privatisierungswellen größ- tenteils an westliche Konzerne veräu- ßert worden, die das Land zu einer

verlängerten Werkbank ihrer interna- tionalen Fertigungsketten zurichteten. Nun gehen die ausländischen Direktin- vestitionen stark zurück: 2010 beliefen sie sich auf 2,5 Milliarden Euro. 2007 waren es noch rund 7,2 Milliarden, ein Jahr zuvor sogar rund zwölf Milliarden Euro. Eine Reihe von Westkonzernen haben bereits ihre Niederlassungen ge- schlossen, um diese in Länder mit noch niedrigerem Lohnniveau zu verlagern. Nokia ließ seine Produktionsanlagen – die zuvor aus Deutschland ausgelagert worden waren – im vergangenen Jahr schließen und nach Vietnam abtrans- portieren. Zuvor hatten bereits die Multis Nestlé, Kraft Foods oder Coca Cola ihre rumänischen Standorte dicht- gemacht. In diesem Jahr will sogar der von Renault aufgekaufte erfolg- reiche Fahrzeughersteller Dacia einen Teil seiner Produktion nach Marokko verbringen. Solcherart Maßnahmen ließen bereits die offizielle Arbeits- losenrate im dritten Quartal 2011 auf 7,2 Prozent ansteigen – gegenüber 6,9 Prozent im Vorjahreszeitraum. Auch für 2012 wird mit einem weiteren An- stieg der Erwerbslosigkeit gerechnet, wo noch vor rund vier Jahren Fachar- beitskräftemangel herrschte.

IWF benötigt bis zu 600 Milliarden

WaShinGton. Der in der euro- päischen Schuldenkrise enga-

gierte Internationale Währungs- fonds (IWF) will offenbar seine Finanzkraft erhöhen. Der IWF schätze, daß der Fonds bis zu

600 Milliarden Dollar an neuen

Finanzreserven benötigen wer-

de, verlautete am Mittwoch aus Kreisen der Organisation. Rund

500 Milliarden Dollar würden

dabei für Kredite an Mitglieder benötigt, die unter den Folgen der Euro-Schuldenkrise litten. Weitere 100 Milliarden Dollar sollten als Schutzpuffer dienen. (Reuters/jW)

Zinsen für Portugal leicht gesunken

liSSaBon. Kurz nach der Herab- stufung durch die Ratingagentur Standard & Poor’s hat Portugal Staatsanleihen zu teilweise niedrigeren Zinssätzen als zuvor plaziert. Bei der Versteigerung von Schuldverschreibungen mit Laufzeiten von drei, sechs und elf Monaten erlöste das Lissa- boner Finanzministerium am Mittwoch 2,5 Milliarden Euro. Die Zinsen für die elfmonatigen Papiere lagen bei knapp fünf Prozent.

(Reuters/jW)

Mehr Erwerbslose in Großbritannien

london. In Großbritannien sind offiziell so viele Menschen ohne Job wie seit mehr als 17 Jahren nicht mehr. In den drei Monaten bis November 2011 kletterte die Zahl der Arbeitslosen um 118000 Personen auf 2,685 Millionen, wie die Statistikbehörde des Lan- des am Mittwoch bekanntgab. Es ist der höchste Stand seit August 1994. Die Quote kletterte damit auf 8,4 Prozent, so hoch wie seit Januar 1996 nicht mehr. Die Daten basieren auf dem Standard der Internationalen Arbeitsorga- nisation (ILO). Die Regierung will wegen der hohen Verschuldung des Landes massiv Stellen im öf- fentlichen Dienst streichen. Sie hofft, daß die Privatwirtschaft im Gegenzug neue Jobs schafft. Daß sich die Lage am Arbeits- markt zum Besseren wenden könnte, schlossen Experten aus der Entwicklung bei den Anträ- gen auf Arbeitslosenhilfe aus. (Reuters/jW)

Ein bißchen mehr

Bundesregierung rechnet 2012 mit 0,7 Prozent Wirtschaftswachstum

D ie Bundesregierung hat in

die Zukunft geblickt und ihre

Prognose für die Wachstums-

aussichten 2012 gesenkt. Das Brutto- inlandsprodukt (BIP) werde in die- sem Jahr voraussichtlich nur um 0,7 Prozent wachsen, sagte Bundeswirt- schaftsminister Philipp Rösler (FDP) am Mittwoch in Berlin bei der Vorlage des Jahreswirtschaftsberichts. Bisher war die Administration von Bundes- kanzlerin Angela Merkel (CDU) von einem Prozent Wachstum ausgegan- gen, nach drei Prozent im vergangenen

Jahr. Für 2013 hoffen Rösler und seine Ministerialen dann wieder mit einer Zunahme des BIP um 1,6 Prozent. Trotz der deutlichen Verlangsa- mung des Wirtschaftswachstums geht der Bundeswirtschaftsminister davon aus, daß die Zahl der Beschäftigten in diesem Jahr weiter zunehmen wird. Die Zahl der Erwerbstätigen soll dem Jahreswirtschaftsbericht zufolge 2012 im Schnitt um 220 000 auf insgesamt 4,13 Millionen Menschen zulegen. Die amtliche Arbeitslosenquote dürfte da- mit bei 6,8 Prozent liegen, nach 7,1

Prozent im vergangenen Jahr. Die Wirtschaft sei nach wie vor in einer »erfreulich robusten Verfassung«, so Rösler. Nach einer »Wachstumsdelle« im Winter werde die Wirtschaft im Lau- fe des Jahres daher wieder mehr Fahrt aufnehmen. Das Hauptrisiko für die Konjunktur sei die Krise in Europa. Die Wachstumsprognose der Bundesregie- rung beruht auf der Annahme, daß die Lösung der Schuldenkrise weiter voran- kommt und sich die Verunsicherung an den Märkten allmählich auflöst, wie es im Jahreswirtschaftsbericht heißt.(AFP/jW)

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Seit Jahren folgt eine Krise auf die andere. Der Betrachter, gerade auch der engagierte und zur Aktivität bereite, steht vor einer Fülle von Begriffen, die in hohem Tempo und mit großer Intensität auf ihn einprasseln. Die isw-Redaktion legt hier ein "ABC" vor, in dem über 70 der meistgebrauchten und wichtigsten Stichworte der Schulden- und Finanzkrise erläutert werden. Es ging uns dabei nicht in erster Linie um eine "lexikalische" Definition der Sachverhalte, sondern um ihren je speziellen "Beitrag" zur Krise und zur Krisenhaftigkeit des an seine Grenzen stoßenden neoliberalen Akkumulationsmodells des Kapitalismus.

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AP /PABLO M ARTINEZ M ONSIVAIS

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thema

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

junge Welt

thema Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16 junge Welt Sanktionen und Drohungen gehören zum Standardrepertoire der

Sanktionen und Drohungen gehören zum Standardrepertoire der Iran-Politik Washingtons und Tel Avivs – daß allerdings ein von Israel ausgehender Waffengang noch dieses Jahr bevorsteht, ist nicht allzu wahrscheinlich (Der israelische Premier Benjamin Netanjahu und US-Präsident Barack Obama im Hauptquartier der Vereinten Nationen, New York, 21. September 2011)

Mehr als Säbelrasseln?

Hintergrund u Steht ein Krieg gegen den Iran unmittelbar bevor? Die Gefahr eines israelischen Alleingangs ist vermutlich sehr viel geringer als allgemein angenommen. Von Knut Mellenthin

D ie USA und Israel haben eine seit Monaten geplante gemeinsame Mi- litärübung verschoben. Nun speku- liert die Welt über die Gründe und Hintergründe dieser überraschen-

den Entscheidung. Denn die seit Sonntag bekannt- gewordenen Erklärungen beider Seiten geben dar- über keine Auskunft und sind auch hinsichtlich der Ansetzung eines neues Termins unbestimmt.Viele Kommentatoren, die einen Krieg gegen Iran ableh- nen, werten die Maßnahme als Zurechtweisung der israelischen Regierung durch Washington. Präsi- dent Barack Obama, so flackern jetzt alte Hoffnun- gen wieder auf, strebe letztlich doch eine politische Einigung mit dem Iran an und habe ein deutliches Zeichen gegen einen israelischen Alleingang set- zen wollen. Gerade im Wahljahr 2012, wo es um

eine eventuelle zweite Amtszeit als Präsident geht, wolle Obama keinen neuen Kriegsschauplatz er- öffnen, meinen die Optimisten. Mindestens ebenso plausibel ist allerdings die gegenteilige Annahme, daß der wegen seiner »weichen« Außenpolitik un- ter schwerem Beschuß der Republikaner stehende Amtsinhaber dazu tendieren könnte, gerade wäh- rend des Wahlkampfs durch Militärschläge gegen Iran Stärke und Konsequenz zu zeigen. Kein Zweifel besteht, daß die jetzt verschobene Übung »Austere Challenge 2012« (»Harte Heraus- forderung 2012«), die eigentlich im Mai stattfinden sollte, eine eindeutige Stoßrichtung gegen den Iran hatte. Im Zentrum der Planung stand die Erprobung und Koordinierung verschiedener Systeme beider

Staaten zur Abwehr von Raketenangriffen. Allen Ankündigungen zufolge sollte es sich um das größ- te gemeinsame Manöver handeln, das die USA und Israel jemals veranstaltet haben. Nach glaubwürdi- gen Vorausmeldungen sollten jeweils 3000 Ange- hörige beider Streitkräfte daran beteiligt werden. Nicht seriös erscheinen dagegen Anfang Januar veröffentlichte Berichte, daß bereits mehrere tau- send US-Soldaten in Israel eingetroffen seien, daß ihre Gesamtzahl schließlich 9000 erreichen sollte, und daß sie bis zum Jahresende dort »stationiert« bleiben würden. Diese Gerüchte, ohne jede Quel- lenangabe eifrig im Internet weiterverbreitet, schei- nen ursprünglich von israelischen Desinformati- onsfabriken, insbesondere dem Online-Dienst Deb- kafile, in die Welt gesetzt worden zu sein. Ebenso unseriös waren Berichte, in denen so getan wurde, als wäre das Manöver erst vor dem Hintergrund der Zuspitzung in den allerletzten Monaten kurz- fristig angesetzt worden. Tatsächlich stand schon seit spätestens Sommer 2011 fest, daß die Übung im Frühjahr 2012 stattfinden würde. Außerdem knüpft »Austere Challenge 2012« lediglich an gemeinsa- me Manöver an, die schon seit 2001 mindestens alle zwei Jahre durchgeführt werden.

Optimistische Kriegsgegner

Ein Pentagon-Sprecher, Hauptmann John Kirby, gab die Verschiebung der Übung am Sonntag mit den Worten bekannt: »Allgemein gespro- chen glauben Führer beider Seiten, daß sich eine

optimale Beteiligung aller Einheiten am besten später im Jahr erreichen läßt.« Darüber hinaus machte er, ohne konkret zu werden, »eine Vielfalt von Faktoren« für die Terminänderung verant- wortlich. Indessen seien solche Verschiebungen »alles andere als ungewöhnlich«. »Austere Chal- lenge« solle nunmehr erst in der zweiten Jahres- hälfte stattfinden. Andere Gründe, die gerüchteweise als Ursa- chen der Verschiebung gehandelt wurden, waren aktueller Geldmangel beider Regierungen oder die Vermutung, daß Obama aus Rücksicht auf den Iran die Konfrontation zumindest derzeit nicht noch weiter anheizen wolle. Das würde allerdings die Hoffnung voraussetzen, daß die Lage in der Region in der zweiten Jahreshälfte besser und nicht etwa noch angespannter ist als jetzt. Für eine Militärübung, die unmittelbar in Angriffshandlungen übergeht, wäre das jetzt an- visierte Zeitfenster sogar erheblich vorteilhafter als die ursprünglich geplante Durchführung im Mai. Denn falls die US-Regierung wirklich in diesem Jahr aus innenpolitischen Gründen einen Krieg gegen Iran führen will, müßte sie den Be- ginn sehr nahe an den Wahltag, das ist der 6. No- vember, legen. Anderenfalls riskiert Obama, daß ihm mögliche Mißerfolge eines mehrmonatigen Krieges angelastet werden. Die politischen Hintergründe der Verschie- bung von »Austere Challenge« kommentierte der bekannte Kriegsgegner, Autor und Blogger Jim Lobe am Sonntag, unmittelbar nach Be-

kanntwerden der Nachricht: »Ich glaube, wir erleben ein ernsthaftes Abrücken der Obama- Regierung von Israels Provokationen und mög- licherweise ein ernsthaftes Interesse an einer Verständigung, auch wenn Letzteres eine allzu hoffnungsvolle Schlußfolgerung sein mag, um erreichbar zu sein.« Der Generalstabschef der US-Streitkräfte, Martin Dempsey, habe sich, so vermutet zumindest Lobe, in den vergange- nen zwei Wochen mehrmals gegenüber Obama besorgt über die Möglichkeit eines militäri- schen Alleingangs geäußert und sei aus diesen Gesprächen »enttäuscht über die sehr passive Reaktion des Präsidenten« herausgekommen. Dempsey wird Ende dieser Woche zu einem schon länger vereinbarten Besuch in Israel ein- treffen. Für seine Spekulation nennt Lobe weder Quellen noch Anhaltspunkte. Aus den in letzter Zeit veröffentlichten Äußerungen des Generals sind solche Vermutungen jedenfalls nicht her- zuleiten. Lobe schloß seinen Kommentar mit den Sät- zen: »Es scheint so, daß diejenigen, die für den Mord in der vorigen Woche verantwortlich sind – gemeint ist der Bombenanschlag auf einen irani- schen Wissenschaftler am 11. Januar – sehr hart daran arbeiten, die Chancen zu verringern, daß die Sechsergruppe und Iran eine ausgehandelte Lösung für das iranische Atomprogramm errei- chen können. Vielleicht ist die (US-)Regierung jetzt zur Überzeugung gelangt, daß das Scheitern des Versuchs, eine solche Lösung zu erreichen,

REUTERS/EDUARDO MUNOZ

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thema

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sehr wahrscheinlich zum Krieg führen wird. Die Absage einer stark erwarteten Militärübung zur Raketenverteidigung, besonders während der derzeitigen Wahlkampagne, scheint auf einen erheblichen Grad von Ernst seitens der Admi- nistration hinzudeuten. Ich kann mir vorstellen, daß General Dempsey (bei seinem Besuch in Israel) eine sehr deutliche Botschaft zu überbrin- gen hat.« Zum selben Thema schrieb der US-amerikani- sche Orientalist Juan Cole, ebenfalls seit Jahren ein scharfer Kritiker der Kriegsdrohungen gegen den Iran, am 16. Januar in seinem Blog: »Hier sind zwei Anzeichen, daß die Obama-Administration den Versuch unternimmt, die Spannungen mit Iran zu entschärfen, indem sie starke symboli- sche Signale aussendet, daß Washington keine Militarisierung der Krise mit dem Iran will. Ge- neral Martin Dempsey (…) wird in dieser Woche Gespräche mit seinen israelischen Amtskollegen führen. Er scheint sie vor einem einseitigen Los- schlagen gegen den Iran warnen zu wollen. (…) Ich bin der Ansicht, daß die Obama-Regierung den Iran in einem Wahljahr nicht angreifen wird, ebenso wenig wie Präsident Obama grünes Licht für einen israelischen Militärschlag geben wird. Deshalb General Dempseys Besuch.« Das zweite von Cole angesprochene »Anzei- chen« für seine These ist die Verschiebung – er nennt es hartrnäckig »Absage« – der geplanten gemeinsamen Militärübung. Dazu schreibt er:

»Mit Austere Challenge 2012 wurde der Zweck verfolgt, den Israelis die Gewißheit zu geben, daß ihre Zukunft zweifelsfrei gesichert ist und daß sie nicht unmittelbar zu verzweifelten Maßnahmen gegen den Iran greifen müssen. Ich vermute, daß die Obama-Regierung jetzt entschieden hat, daß eine Zusicherung des US-amerikanischen Rake- tenschilds für die Israelis durch diese gemein- same Militärübung in der Region als implizite Drohung mit einem gemeinsamen US-amerika- nisch-israelischen Angriff beispielsweise auf die Atomanlagen in Natanz mißverstanden werden könnte.«

Obamas Opportunismus

Solchen optimistischen Prognosen oder Hoffnun- gen ist entgegenzuhalten, daß Obama seit Beginn seiner Amtszeit im Januar 2009 zu keinem Zeit- punkt einen ernsthaften Versuch unternommen hat, mit dem Iran ins Gespräch zu kommen und die Konfrontation abzubauen. Er hat das nicht einmal in den ersten zwei Jahren getan, als er in beiden Häusern des Kongresses über eine solide Mehrheit verfügte. Zwischen Herbst 2009 und Juni 2010 hat dieser Präsident eine Riesenchan- ce ignoriert und zerstört, über den sogenann- ten »fuel swap« einen Weg vertrauensbildender Maßnahmen zwischen den USA und dem Iran einzuschlagen. Gegenüber Israel hat Obama sich als der schwächste, unsicherste und feigste Präsident erwiesen, den die USA jemals hatten. In keiner außenpolitischen Frage, in der israelische Inter- essen und Forderungen im Spiel sind, hat dieser Präsident klare Standpunkte vorgelegt und an diesen auch gegen Widerstand aus dem Kongreß und seiner eigenen Partei festgehalten. Er ist je- mand, wie israelische Zeitungen schreiben, »den man herumschubsen kann«. Daß er dort trotz- dem als israelfeindlich wahrgenommen wird, ist eine spezielle Ironie. Möglicherweise ist es ein nicht ganz ungerechtfertigter Reflex auf die Tatsache, daß es Obamas Handlungen, so weit es jedenfalls die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens angeht, offensichtlich an Wahrhaftigkeit fehlt und daß sie von schierem Opportunismus motiviert sind. Obama wird nach aller Wahrscheinlichkeit nicht ausgerechnet in einem Wahljahr versöhn- liche Signale an Teheran riskieren und sich auf einen sachlichen Dialog mit diesem Gegner ein- lassen. Wer auch immer aus den Reihen der Re- publikaner als Präsidentschaftskandidat antreten wird, wird zum Iran mit Schlagworten auftrump- fen, die aggressiver, hysterischer, undifferenzier- ter und übrigens auch schlichtweg dümmer sein werden als die Positionen israelischer Politiker und Militärs. Selbst wenn Obama sich völlig wider Erwarten dieser Debatte stellen würde, hätte er mindestens 90 Prozent des Kongresses und sämtliche Mainstreammedien gegen sich. Das Wahljahr ist also der allerschlechteste Zeit- rahmen, um Verhandlungen mit dem Iran zu

Zeit- rahmen, um Verhandlungen mit dem Iran zu Hetze und Propaganda: Demonstration gegen den iranischen

Hetze und Propaganda: Demonstration gegen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in New York (22. September 2011)

beginnen. Wohlverstanden: Es ginge wirklich um deren Beginn. Denn was bisher unter diesem Titel lief, war nur die Konfrontation Irans mit a priori unverhandelbaren und strafbewehrten Forderungen.

Konfliktlinien USA–Israel

Einen interessanten Kommentar zur Verschie- bung der Übung »Austere Challenge« brachte das israelische Online-Portal Debkafile am 15. Januar. Im Allgemeinen dienen dessen »Exklu- sivanalysen« dazu, Sichtweisen und Desinfor- mationen zu verbreiten, die israelische Dienst- stellen in Umlauf bringen wollen. Da Debkafile sich wichtigtuerisch auf geheime Insiderkontakte beruft und manche erfundenen Geschichten ver- öffentlicht, die man an sich dem Mossad ohne weiteres zugetraut hätte, erfreut sich das Portal auch bei kriegsgegnerischen Bloggern einer ge- wissen Beliebtheit. Debkafile interpretiert die Verschiebung des Manövers – auch dort wird von »Absage« ge- sprochen – als Ausdruck eines »offenen Streits zwischen den USA und Israel«. Es handle sich dabei um »eine der schärfsten Meinungsverschie- denheiten in der Geschichte der Beziehungen« zwischen den beiden Staaten. Der Grund dafür liege im Widerstand der Obama-Regierung gegen jedwede Form eines israelischen Militärangriffs auf die iranischen Atomanlagen. Der »Bruch« sei bereits an der »Verurteilung« des jüngsten Mord- anschlags auf einen iranischen Wissenschaftler durch Washington deutlich geworden. Gleichzeitig weist Debkafile darauf hin, daß sich ein militärischer Aufmarsch der USA in der Region vollzieht. Genannt wird die Stationierung von 15 000 US-Soldaten in Kuwait und die Bereit- haltung von zwei Flugzeugträgern, zu denen in Kürze noch ein dritter stoßen werde. Das bedeute, daß sich die USA entweder auf die Abwehr irani- scher Vergeltungsschläge nach einem israelischen Alleingang vorbereiten oder daß sie Israel durch einen eigenen Angriff auf den Iran zuvorkom-

men wollen. Jedenfalls sei der Hauptzweck von General Dempseys bevorstehendem Besuch, Is- raels Regierung und seine militärischen Führer von Angriffsplänen ohne vorherige Zustimmung Washingtons abzubringen. Im Weiteren nennt Debkafile drei Gebiete, in denen angeblich zwischen beiden Regierun- gen grundlegende Meinungsverschiedenheiten bestehen. Erstens: Obama setze auf Sanktionen gegen Irans Zentralbank und den iranischen Erdölexport. Er brauche jedoch Zeit, um noch mehr Staaten davon zu »überzeugen«, sich die- sen Strafmaßnahmen zu unterwerfen. Beim der- zeitigen Tempo werde es noch bis Jahresende dauern, bevor die neuen Sanktionen wirklich in Kraft sind. Zu diesem Zeitpunkt werde Teheran jedoch schon eine Atomwaffe besitzen. Für diese Annahme gibt es zwar keine plausiblen Hin- weise, aber in Israel erfreut sie sich wachsender Beliebtheit. Die israelische Führung befürchte außerdem, daß die US-Regierung absichtlich auf Zeitverzögerung ausgehen werde, in der Hoff- nung, doch noch ohne kriegerische Konfron- tation wesentliche iranische Zugeständnisse zu erreichen. Dagegen gehe man in Israel davon aus, daß alle vorausgegangenen Gespräche vom Iran nur ausgenützt worden seien, um seine Atomwaf- fenentwicklung voranzutreiben. Zweitens: Obama bestehe darauf, daß sich Israel aus einem militärischen Konflikt zwischen den USA und dem Iran völlig heraushalten müs- se. Dadurch wolle er sich freie Hand sichern, um selbst zu bestimmen, wann und unter welchen Umständen eine Operation durchzuführen sei. Is- rael sei jedoch nicht bereit, gegenüber Washing- ton eine solche Verpflichtung einzugehen. Drittens: US-amerikanische Militärstrategen rechnen – laut Debkafile – damit, daß Iran auf Schläge gegen seine Atomanlagen zunächst nur mit eingeschränkten Vergeltungsmaßnahmen antworten werde, um zunächst eine Eskalation nach Möglichkeit zu verhindern. In diesem Zu- sammenhang verlange Washington von Israel, auf iranische Gegenangriffe nicht selbst zu rea-

gieren, sondern die möglichen militärischen Op- tionen vollständig den USA zu überlassen. Die US-Regierung fürchte, daß Israel in diesem Fall durch »Überreaktionen« – »overkill« – »unvor- hergesehene Folgen« provozieren könnte. Diese Auflistung scheint, vermutlich in bewußt zugespitzter Form, wirkliche Differenzen zwi- schen den beiden Regierungen widerzuspiegeln. Allerdings entspricht die Darstellung auch einem in jahrelanger Kooperation einstudierten Spiel mit verteilten Rollen zwischen dem »bad cop« Israel und dem »good cop« USA. In Israel gibt es dafür den scherzhaften Ausdruck »Halt mich zurück!«. Der kleinere Staat übernimmt dabei regelmäßig die Rolle des cholerischen Schlägers, der von seinem besonneneren großen Partner nur unter großen Kraftanstrengungen – und manch- mal gar nicht – davon abgehalten werden kann, sich auf eigene Faust sein Recht zu holen.

Kein Zwang zu handeln

Seit November vergangenen Jahres ist noch mehr als zu früheren Zeitpunkten von einem ganz nahe bevorstehenden militärischen Alleingang Israels gegen Iran die Rede. Allerdings läßt sich zu- rückverfolgen, daß diese Drohungen schon 1993 begannen. Damals war Iran selbst von der nied- rigsten Stufe der Urananreicherung noch mehr als ein Jahrzehnt entfernt. Seit 2003 gehören »Prognosen« über nahe bevorstehende Militär- schläge gegen die iranischen Atomanlagen, oft mit genauen Terminen versehen und mit vielen bunten Details ausgeschmückt, zum Medienall- tag. Der wichtigste Effekt dieser Dauerbeschal- lung ist Abstumpfung bei allen Beteiligten. Al- lerdings weisen Veränderungen in den iranischen Reaktionen darauf hin, daß man seit einigen Monaten die Gefahr eines Krieges für realistisch hält und ernst nimmt. Bislang hatte man dort die Kriegsdrohungen nur als Propaganda abgetan und sich sehr sicher gegeben, daß niemand es wagen werde, den Iran anzugreifen. Auch die Warnungen der russischen Regierung vor den Folgen einer solchen militärischen Konfrontati- on haben in letzter Zeit einen dramatischen Ton angenommen. Aber ist ein israelischer Alleingang in diesem Jahr wirklich wahrscheinlich? Um diese Frage zu beantworten, muß man sich klar machen, daß die politischen und militärischen Führer des Landes ihren eigenen Propagandalügen sicher kein un- eingeschränktes Vertrauen schenken. Sie werden zum Beispiel schwerlich glauben, daß Iran nur noch weniger als ein Jahr vom Besitz eigener Atomwaffen entfernt sei, wie Verteidigungsmini- ster Ehud Barak vor einigen Wochen behauptete. Für Israel gibt es in Wirklichkeit überhaupt keine zwingenden Gründe, in naher Zukunft militä- risch allein loszuschlagen und dabei alle sich daraus ergebenden Risiken auf sich zu nehmen. Wenn Iran angeblich schon seit einigen Jahren alle technischen Voraussetzungen zur Produkti- on von Nuklearwaffen hat, aber dennoch keine herstellt, liegt die Schlußfolgerung auf der Hand:

Die iranischen Führer wollen, aus vielfältigen po- litischen, ethischen und militärischen Gründen, tatsächlich keine Atomwaffen. Zumindest nicht unter den heute gegebenen Voraussetzungen. Diese könnten sich freilich durch einen Angriff entscheidend verändern. Die Frage ist jedoch, ob das wirklich im bewußten Interesse Israels oder auch nur seiner derzeitigen Regierung wä- re. Ganz sicher jedenfalls begründet diese Aus- gangslage keinen militärischen Handlungszwang Israels in naher Zukunft. Gegen einen israelischen Alleingang im laufen- den Jahr spricht auch, daß die israelische Führung sich begründete Hoffnungen machen kann, daß im Januar 2013 ein republikanischer Präsident ins Weiße Haus einziehen könnte, der mit Sicherheit aggressiver und kriegswilliger als Obama wäre. Zumindest den Wahlausgang wird man unter die- sem Aspekt wahrscheinlich abwarten. Ohnehin steht die Frage, ob dem zionisti- schen Staat nicht am besten mit der Verewigung der derzeitigen Konstellation gedient ist, in der Teheran aufgrund US-amerikanischer Zwangs- maßnahmen zunehmend isoliert und abgeriegelt wird, ohne daß es zu militärischen Kampfhand- lungen kommt. So gesehen ist Obama, der in der Schlußphase des Wahlkampfs zur Profilierung durch ein militärisches Abenteuer neigen könnte, ein größeres Sicherheitsrisiko als Israels Regie- rungschef Benjamin Netanjahu.

KINOSTAR

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Förderbescheid

D ie Neue Bühne Senf- tenberg wird für 1,85

Millionen Euro saniert. Der zu- ständige Staatssekretär übergab am Mittwoch den Fördermittel- bescheid. Unter anderem sollen die Heizungsanlage moderni- siert, die Fassade gedämmt so- wie die Freianlagen und der Hof neu gestaltet werden. Am ehe- maligen »Theater der Bergar- beiter« begannen unter anderen die Karrieren von Annekathrin Bürger, Armin Müller-Stahl und Frank Castorf.

(dapd/jW)

Förderpreis

D er diesjährige Kleist-För- derpreis für junge Dra-

matiker geht an die Berlinerin Marianna Salzmann. Die 1985 in Wolgograd geborene Jüdin wird für ihr Stück »Mutterma- le Fenster blau« geehrt, wie das Frankfurter Kleist-Forum bekanntgab. Die Auszeich- nung ist mit 7 500 Euro dotiert und mit einer Uraufführungs- garantie verbunden. Salzmann, die in Moskau aufwuchs und 1995 nach Deutschland über- siedelte, konnte sich mit ihrer Arbeit gegen 160 weitere Ein- sendungen durchsetzen. Das laut Jury raffiniert konstruierte

Vier-Personen-Stück stellt die Frage, wen man lieben darf und in welcher Form.

(jW)

Ghaddafi 1971

D ie Peter-Hacks-Gesell- schaft zeigt heute in Berlin

den DEFA-Dokfilm »Bye-Bye Wheelus« von 1971 über eine US-Air Base in Libyen, deren Räumung Oberst Muammar Al- Ghaddafi 1970 erzwang. Riesige Müllplätze mit Bombenschutt und abgestürzten Flugzeugen zeugen vom Verhältnis der bei- den Staaten USA und Libyen. Walter Heynowski, der mit Ger- hard Scheumann Regie geführt hat, steht nach der Vorführung für ein Gespräch bereit. Beginn ist 19.30 Uhr in der Mülhauser Str. 6, Berlin-Prenzlauer Berg. (jW)

»Es gibt Höllen, die brennenden Dörfern gleichen; andere ähneln Wüsten, andere Sümpfen. Mir wurde gesagt, daß die dort woh- nenden Verworfenen, diese Unvoll- kommenheiten weder sehen noch empfinden, denn dort atmen sie ihre eigene Atmosphäre und erlan- gen die Wonne ihres Lebens.«

Emanuel Swedenborg, zitiert in J. L. Borges, »Das Buch von Himmel und Hölle«

E ine beschlagene Fensterscheibe.

Verschwommene Sicht auf drei

Typen dahinter. Sie saufen und

vermutlichen reißen sie Witze. Man hört nur vereinzeltes Hundegekläff. Einer der drei Typen greift sich einen Teller; die Hunde wollen fressen. Er steht nun vor seinem Haus, mit Teller und Hund in der Halbtotalen. Es ist eine sorg- fältig ausgeleuchtete Nacht. Das Haus ist halb Tankstelle, halb Kneipe. Es könnte auch ein legendäres einsames Haus in der Wüste aus einem Western oder ei- ner moraltheologischen Geschichte sein (wahrscheinlich aus beidem). Ein Last- wagen fährt vorbei, versperrt die Sicht. Dann der Vorspann. So beginnt »Once upon a time in Anatolia« von Nuri Bilge Ceylan, einem der letzten aufrechten Ver- treter des europäischen Autorenfilms. Er kommt aus der Türkei. Wie einige andere der letzten aufrechten Vertreter auch. »Once upon a time in Anatolia« ist ein Krimi, ein Film, der von der Aufklärung eines Mordfalls in einer rauhen Nacht handelt, vor allem aber ist es ein »gnosti- scher« Film, der davon erzählt, daß die Wahrheit schlechte Karten hat, wenn sie von Menschen und Autoritäten gemacht wird; eine Allegorie von der Hölle auf Erden, die ein Schöpfer mit einem brutal bösen Sinn für Humor zu verantworten hat. In dieser Hölle gibt es Dörfer, Step- pen, Brunnen und Hunde. Unter der Erde liegen Leichen begraben. Dazwischen stehen zeichenhafte Ereignisse. Rätsel. Die drei Typen aus dem Prolog sind in einen Mordfall verwickelt. Zwei als Täter, einer das Opfer. Aber davon er- fährt man erst – beiläufig, sehr beiläufig – etwas später. Zu Anfang sieht man die Landschaft in der Totalen. Am Horizont so etwas wie ein bewegliches Höllenfeu- er. Es handelt sich um die Scheinwerfer dreier Autos auf nächtlicher Straße. Dar- in befindet sich ein Dutzend Männer: die beiden Mordverdächtigen, ein Staatsan- walt mit diabolischen Pockennarben, der jovial glaubt, er sehe aus wie Clark Gab- le, ein skeptischer Amtsarzt, ein chole- rischer Kommissar und seine Schergen, ein pedantischer Mann vom Militär, ein

DieNacht

derdichten

Schlieren

Aufrecht mit stoischem Humor: Nuri Bilge Ceylans neuer Film »Once upon a time in

Anatolia«. Von Peer Schmitt

Film »Once upon a time in Anatolia«. Von Peer Schmitt Eine Allegorie von der Hölle auf

Eine Allegorie von der Hölle auf Erden

Bestatter und seine Helfer. In einem der drei Wagen streiten sich die Polizisten, wo und ob es überhaupt noch guten Büffeljoghurt zu essen gibt. Natürlich behält der Chef auch bei die- sem Streit wie immer recht. Die Macht (die Stellung) des Wortes zählt, nicht sein Gehalt an eventueller Wahrheit. Daran muß man sich gewöhnen. Die Worte, sie täuschen. Oder sie sind Mani- festationen irgendeiner Autorität, die auf den wahren Wortlaut nicht viel gibt. Man ist auf der Suche nach der Leiche des Mordopfers. Der Verdächtige kann sich nicht erinnern, wo genau er sie ver- graben hat. Er war zu besoffen, behaup- tet er. Irgendwo an einem Feld mit einem Brunnen, sagt er. Es gibt viele Felder und Brunnen in Anatolien. Möglicherweise auch viele Leichen. Es gibt die Nacht und die Landschaft und die Suche. Ein Westernmotiv. Die Männer haben also ausgiebig zu suchen, zu graben, zu lamentieren und ignorieren dabei geflissentlich die

Zeichen, die die Landschaft ihnen zu bieten hat. An einer der Stellen steht einer der Polizisten unter einem von den Autoscheinwerfern bedeutungsvoll angestrahlten Apfelbaum. Ist dieser Ort das Paradies, ist ein Sündenfall fällig? Abseits davon scheißt der Staatsanwalt den langsam ungeduldig werdenden Kommissar zusammen, er dürfe seinen Gefangenen nicht einfach mißhandeln. Der Polizist rüttelt währenddessen an dem Baum, um an die Äpfel zu kommen. Die Kamera folgt einem heruntergefal- lenen Äpfel, wie dieser einen Hang in einen Bach hinunterrollt und von der schwachen Strömung bis zu einer Stelle getrieben wird, an der sich schon ein paar halbverfaulte Äpfel im Schlamm angesammelt haben. Unter der Was- seroberfläche scheint noch etwas ande- res verborgen. Eine weitere Leiche, ein Frauengesicht, eine Teufelsfratze? Auf ihrer zunächst vergeblichen Su- che machen die Männer im Haus des Bürgermeisters eines kleinen Dorfes

Verpflegungspause. Der Bürgermeister klagt, er habe die Behörden schon so oft angefleht, er brauche Geld für eine neue Leichenhalle. Nur noch ganz alte Leute gebe es an dem Ort, die Investi- tion sei mithin eine sinnvolle, die Lei- chen der Verstorbenen stinken schon. Einer der Männer bittet um eine Cola zur Erfrischung. Er wird von den Chefs barsch abgewürgt. Gibt’s nicht! Plötzlich erscheint (im emphatischen Sinne) die jüngste Tochter des Bürgermeisters und bringt eine Cola. Ihr Gesicht wird von unten angeleuchtet. Es ist wunderschön. Eine Epiphanie. Ein Engel. Die Männer entspannen sich für einen Augenblick im Licht des gütigen Wunders der Toch- terschönheit. Licht aber ist so rar wie Frauen in dem Film (es gibt darin nur die Tochtererscheinung und die Witwe des Mordopfers). Der Strom fällt aus, und die Motten verbrennen im Feuer einer Petroleumfunzel in Großaufnahme. Im grauenden Morgen finden die Männer die Leiche doch noch. Ein Hund hat sie am Sraßenrand schon halb aus- gebuddelt. Man bewältigt noch einige groteske Schwierigkeiten bei Transport und Protokoll, und der Fall scheint ge- klärt. Fehlt nur die Obduktion, der Arzt führt sie mit stoischem Pathologenhu- mor durch. Nebenbei klärt er in einer Diskussion mit dem Staatsanwalt eine seltsame, allegorische Geschichte auf, die dieser ihm in der Nacht erzählt hat. Es ist die Geschichte einer Frau (die Frauen sind zwar so gut wie abwesend in der Handlung, aber omnipräsent als Objekt diverser Erzählungen), die klüg- ste und schönste, die er je kannte, hatte einfach beschlossen zu sterben, gebar noch ihr Kind, legte sich hin und starb. Der Arzt ist berufsmäßig Agnostiker, er glaubt nicht an Mysterien. Könnte es sich nicht um einen Medikamentenselbst- mord gehandelt haben? War die Frau depressiv, nahm sie Tabletten? Wurde sie betrogen? War es am Ende die Ehefrau des Staatsanwalts? Die Pockennarben auf dem Staatsanwaltsgesicht werden zu dichten schwarzen Schlieren. Ein Blut- fleck von der Obduktion der Leiche ziert plötzlich die Wange des Arztes. Zeichen der Komplizenschaft. Die Kamera fährt sehr nah an das Kainsmal heran. Der Arzt blickt aus dem Fenster. Totale auf einen Schulhof. Ein Fenster schließt sich. Wieder ist es ein langer, geschäftiger Tag ohne Hoffnung und Wahrheit, da- für aber mit einer Menge hinterhältiger Scherze in der Hölle gewesen. Wirklich genialer Film (und dennoch großer Preis der Jury in Cannes 2011). u »Once upon a time in Anatolia«, Regie: Nuri Bilge Ceylan,Türkei, Bosnien Herzegowina 2011, 157 min, Kinostart heute

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Der Roman »Zündschnüre« von 1973, der starke autobiographische
Züge trägt, erzählt die Geschichte proletarischer Jugendlicher.
Kriegskinder, die in einer Welt ohne Väter aufwachsen. Die Norma-
lität der Zeit will ihnen nicht normal erscheinen, und so schließen
sie sich 1944 einer antifaschistischen Widerstandsgruppe an.
Franz Josef Degenhardt erzählt die Geschichte des vergeblichen
Kampfs einer Bürgerinitiative gegen einen NATO-Truppen-
übungsplatz im Emsland. Erstaunlich ist, daß der Roman nicht
an Aktualität verloren hat. Er knüpft an »Zündschnüre« an, wir
begegnen den erwachsen und den alt gewordenen Akteuren. Der
Roman thematisiert die offiziellen Maßnahmen zum »Schutz der
freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung« und zeichnet ein
Bild der explosiven Atmosphäre in der Bundesrepublik von 1974.
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DieImperienschlagenzurück

Beachten Sie die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante: Die Aussteiger des Dokfilms »Empire Me – Der Staat bin ich!« Von Sophie Leubner

D as wär’s: Einmal Bewohner eines freien Landes sein, eines Landes ohne lästige

Bürokratie und Dumpinglöhne, kon- struiert nach den Parametern des friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens – Utopia. Weltweit gibt es einige hundert Mikro- oder Scheinstaaten, die von ihren Bewoh- nern als souverän verstanden werden, obwohl eine völkerrechtliche Aner- kennung nicht in Aussicht ist; sechs werden im Dokfilm »Empire me« vorgestellt. Der Film beginnt sechs Meilen vor der Küste von Suffolk, England. Auf einer ehemaligen Flugabwehrplatt- form erklärte hier 1967 das »Fürsten- tum von Sealand« seine Unabhängig- keit. Es ist 500 Quadratmeter groß. Das Filmteam um Regisseur Paul Poet landet bei starkem Regen und heftigem Wind. Die Nordsee ist schlammig graugrün, die Plattform rostig. »Prince Roy of Sealand« bittet das Team zum »Einwanderungsbeam- ten«, der auf einem Hocker die Pässe abstempelt. Dauerhaft wohnen im Fürstentum zur Zeit nur zwei Männer. Ob irgendwelche Regeln zu beachten seien, erkundigt sich der Regisseur:

»Kein Kiffen, nicht zu viel Alkohol, einfach genießen«, meint der Mann mit dem Stempelkissen. »Und die Frauen sind gratis.« Ruf aus dem Off:

»Wenn man eine finden kann!« Paul Poet: »Da ist eine Katze!« – »Ah, laß die Katze in Ruhe«. Seit 2000 stehen auf Sealand riesi- ge Server für Websites, die andernorts illegal wären. Verboten sind fast nur Spam und Kinderpornographie. Zur Not wird der freie, anonyme Daten- verkehr mit Waffengewalt verteidigt. Nächste Station der Reise ist das »Fürstentum von Hutt River« in Au- stralien, und das hat in Leonard Casley tatsächlich einen Fürsten. Der erklärte seine Farm 1970 aus einem profanen Grund für unabhängig. Er wollte keine Steuern mehr zahlen. Das konnte er mit einigen Winkelzügen vor Gericht durchsetzen. An einer Anerkennung

Winkelzügen vor Gericht durchsetzen. An einer Anerkennung Hände hoch oder Hosen runter! Seminar in Belzig bei

Hände hoch oder Hosen runter! Seminar in Belzig bei Berlin

seines Landes durch die Staatenge- meinschaft hat »Fürst Leonard« kein gesteigertes Interesse. An solchem Materialismus ge- bricht es den Angehörigen der »Föde- ration von Damanhur« in Italien. Sie hausen in Bäumen und unterirdischen Tempeln, bezeichnen sich selbst als »kollektiven Traum«, betreiben nach eigenen Angaben die spirituelle »Transformation der sozialen und po- litischen Systeme des Planeten«. Kaum weniger durchgeknallt sind die hundert Leute, die auf 15 Hektar Privatbesitz in Belzig bei Berlin ein »Zentrum für experimentelle Gesell- schaftsgestaltung (ZeGG)« betreiben. Für Außenstehende werden Seminare angeboten: »Schnupperkurs der Lie- besakademie« oder »Der Weg der Katzenkriegerin«. Nicht unbedingt zum Unkostenpreis. Der dreitägige Kurs »Homöopathische Vereibung – Mensblut« kostet 230 Euro zuzüg- lich 131 Euro für ein Einzelzimmer und vegetarische Verpflegung. Wie

unter diesen Umständen »Alternati- ven zum Konsum- und Profitdenken« entwickelt werden sollen, bleibt das Geheimnis der ZeGG. Etwas handfester wird es dann wieder im »Freistaat Christiania« in Kopenhagen. Seit 1971 verteidigen die 900 Bewohner den Stadtteil ge- gen die Polizei. Die Behörden spre- chen von einer »staatlich geduldeten autonomen Kommune« oder einem »sozialen Experiment«. Zuletzt schwimmt der Film mit den »schwimmenden Städten von Se- renissima«. Das sind drei Flöße aus Holz und Altmetall, auf denen Künst- ler aus den USA die Adria bereisen. Sie schippern von Slowenien nach Venedig. Das ist hübsch anzuschau- en, aber wie diese skurrilen Typen es in die Doku über Mikrostaaten geschafft haben, bleibt unklar. Liebhaber des Abenteuerkinos kommen in »Empire Me« auf ihre Kosten. Aufklärung wird nicht gera- de betrieben. Die Offkommentare des

Regisseurs machen vor allem seinem Namen Ehre. So werden durchaus interessante Fragen aufgeworfen:

Wie weit reicht die Eigenständig- keit dieser Gegengesellschaften? Von welchen Regeln, Hierarchien und Konventionen der globalisierten Welt können sie sich lösen, welche bleiben? Allerdings hat man kaum den Eindruck, daß Poet diese Fragen beantworten will. Fast blind vor Sym- pathie mit diesen »Aussteigerpro- jekten«, zeigt er am Ende nicht viel mehr, als daß die Weltflucht wunder- schön sein kann. Wer’s glaubt, wird aber auch nicht selig.

u Empire Me – Der Staat bin ich!«, Regie: Paul Poet, Österreich, Deutschland, Luxemburg 2011, 98 min, Kinostart heute; ab 21 Uhr läuft der Film heute im Großen Saal der Berliner Volksbühne, anschließend Konzert mit Alexander Hacke (Ein­ stürzende Neubauten), von dem die Filmmusik stammt

DöNer-morDe aN gutmeNscheN. über Das »uNwort Des Jahres 2011«.voN wigLaf Droste

M an kann politische Vor- gänge mit den Mitteln der Sprache nicht aufhalten,

aber man kann sie beschreiben, be- werten und damit möglicherweise beeinflussen. Aus diesem Grund und Motiv wird in Deutschland in jedem Januar das »Unwort des Jahres« ge- kürt. Die Jury möchte mit ihrer Wahl auf Entwicklungen hinweisen, die sie für bedenklich oder falsch hält und die sie in einem unreflektierten Sprachge- brauch manifestiert sieht. Zum »Unwort des Jahres 2011« wurde der Begriff »Döner-Morde« gewählt; auf Platz zwei landete die Formulierung »Gutmensch«. Rang drei erarbeitete sich die aktuelle deut- sche Bundeskanzlerin Merkel, der eine »marktkonforme Demokratie« vorschwebte und die damit erklärte, eine Staatsverfassung habe sich dem Diktat des Profits zu unterwerfen. Eine »marktkonforme Demokratie« ist keine, dies mit dem häßlichen Wort »Unwort« zu ahnden, entspricht

der Logik des »Unwort«-Gremiums ebenso wie die Ächtung der flapsigen Formulierung »Döner-Morde«, die nicht nur Polizistenjargon ist, sondern auch massenmedial Verwendung fin- det. Eine solche Sprachregelung ist zweifelsohne so »verharmlosend« und »unangemessen«, wie die »Unwort«- Juroren das geltend machen. Es handelt sich um die Ermordung von zehn Menschen durch eine vom deut- schen Verfassungsschutz gedeckte Neonazibande. Einem Kopf, dem zur Beschreibung dessen das Wort »Döner-Morde« entquillt, ist wohl nicht mehr zu helfen; so weit und so selbstverständlich unter zivilisierten Erdbewohnern. Daß die »Unwort«-Jury aber auch die Invektive »Gutmensch« als Aus- druck falschen Bewußtseins kritisier- te, sprengt den eher engen Rahmen ihrer Empörung über die sprachliche Dokumentation gesellschaftlicher Tendenzen auf erfreuliche Weise. Es gab in den 1990er Jahren Gründe,

das Wort »Gutmensch« abwertend zu verwenden. Pfarrer saßen in Par- lamenten, Schlaftabletten wie Antje Vollmer und Friedrich Schorlemmer luden zum Pastoralverkehr, Intui- tion und Intelligenz galten nichts und wurden ersetzt durch bleiernes Frömmelantentum. Die Vokabel »Gutmensch« richtete sich gegen die Gratismoral von Leuten, die danach trachteten, jede vernünftige Debatte mit der Behauptung ihrer eigenen angeblichen moralischen Höherwer- tigkeit zu ersticken, für die sie aller- dings jeden Beweis schuldig blieben. Sie waren einfach die guten und also die besseren Menschen, basta! Mittlerweile aber ist »Gutmensch« ein Gratisanwurf geworden gegen jeden, der sich nicht der »normativen Kraft des Faktischen« unterwirft, wie man das früher formuliert hätte. Wer beispielsweise Bild nicht für ein durch die Pressefreiheit legitimiertes Medi- um hält, sondern für das Zentralorgan veröffentlichender und veröffent-

lichter Niedertracht und Gemeinheit, darf mit dem Etikett »Gutmensch« rechnen. Wer überhaupt der Ansicht ist, daß es für alles, was ihm und ande- ren als Realität zugemutet wird, eine Alternative gibt, ist angeblich ein ver- ächtlicher »Gutmensch«. Dabei macht er nur von seinem Kopf und von sei- ner Phantasie Gebrauch; beide sagen ihm, daß schlechte Verhältnisse nicht unabdingbar sind und keineswegs »alternativlos« – so hieß das »Unwort des Jahres 2010«. Wenn »Gutmensch« bedeutet, das Vorgefundene, Angebotene und Aufgezwungene nicht für das einzig Mögliche zu halten, sondern für et- was Vorläufiges und Verzichtbares, über das man streiten, diskutieren, spotten und lachen kann, bin ich gern ein »Gutmensch«, der Demokratie nicht für »marktkonform« hält und der als »Döner-Morde« ausschließlich alle gelungenen Versuche ansähe, Menschen durch verdorbenes Kebab absichtlich zu Tode zu bringen.

Geld zurück

D er Stummfilm »The Artist« hat gerade die Golden

Globes abgeräumt, aber das will zum Beispiel in Liverpool nicht viel heißen. In zwei Kinos ver- langten Besucher des Films am Dienstag abend nach den ersten Filmminuten ihr Geld zurück. Mit einem Stummfilm hatten sie nicht gerechnet. Nach Anga- ben des Kinos Odeon Liverpool One wurde den Wünschen

entsprochen, »wie es üblich ist, wenn ein Zuschauer in den er- sten zehn Minuten nach Beginn der Vorführung eine Reklamati-

on äußert«.

(dapd/jW)

Der gute Diplomat

I m Berliner Mauermuseum am Checkpoint Charlie ist

eine Ausstellung über einen schwedischen Diplomaten eröffnet worden, der bis zu 100 000 Juden vor der Ermor- dung durch die Nazis rettete. Der Titel »Raoul Wallenberg lebt« spielt nach Angaben der Museumsdirektorin Alexandra Hildebrandt darauf an, daß über die letzten Lebensjahre Wallen- bergs noch immer so gut wie nichts bekannt ist. Wallenberg hatte jüdischen Bürgern 1944 und 1945 in dem von den Nazis besetzten Budapest selbst ent- worfene Schutzpässe des neu- tralen Landes Schweden aus- gestellt. Später rettete er Juden, die auf Todesmärschen waren.

Anfang 1945 verschwand der Diplomat in einem Moskauer Gefängnis. Nach russischen Angaben verstarb er 1947. Hi- storiker und Angehörige gehen davon aus, daß Wallenberg noch Jahrzehnte in Straflagern war. (dapd/jW)

So nah, so fern

D ie Ruhrfestspiele in Reck- linghausen stehen in die-

sem Jahr unter dem doch sehr seltsamen Motto »Im Osten was Neues: Von den fernen Tagen des russischen Theaters in die Zukunft«. 80 Produktionen wer- den im Frühjahr zu sehen sein, darunter neun Uraufführungen, wie Intendant Frank Hoffmann am Mittwoch mitteilte. Zum Auftakt gibt es am 3. Mai Ni- kolai Gogols Gesellschaftsko- mödie »Der Revisor« unter der Regie des Intendanten. Bis zum 16. Juni folgen 265 Theater- und Ballettstücke, Lesungen und Konzerte. Krönender Abschluß

soll ein Auftritt der Kölschpop-

(dapd/jW)

band BAP sein.

Eieiei!

B randenburgs parteilose Kul- turministerin Sabine Kunst

eröffnet heute, 19 Uhr, in Cott-

bus das 17. Festival der Studen- tenkabaretts. Unter dem Motto »Ei(n)fälle« treten bis Sonntag 28 Gruppen und 95 Solisten an. Das ist eine Rekordbeteiligung. Die Uni Cottbus wird durch die Gruppe »Rabota Karoshi« vertreten. Die vom Bundesbil- dungsministerium unterstützten Veranstalter rechnen mit gut

3 000 Besuchern.

(dapd/jW)

ZDF/DIEGO LOPEZ C ALVIN

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rat

&

tat

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

junge Welt

Leserbriefe

Das »Volk« – was ist es ?

u Zu jW vom 17. Januar: Schwerpunkt Die NATO-Politik des weltweiten militärischen Interventionismus entspringt ökonomischem und geopolitischem Machtkalkül, den Einsatz für Men- schenrechte vortäuschend. Und sie wirkt zerstö- rerisch. Notwendig ist es, den Protest gegen diese Politik öffentlich zu machen und zu verstärken, auch den gegen kriegsvorbereitende Embargomaß- nahmen. Wer diese Stellungnahme nicht teilt, soll- te sich besser nicht »links« nennen, auch nicht »linksjugendlich«. Daß Medien von der Welt über den Spiegel bis zur Frankfurter Rundschau einen Aufruf gegen Kriegsvorbereitungen nutzen, um die Linke zu verteufeln und auch zu verwirren, ist nichts Überraschendes. Es muß aber nicht dazu führen, von der Frage abzulassen, ob denn der geschmähte Aufruf in seiner Argumentation hinreicht, um den Protest gegen die Kriegspolitik verständlich zu ma- chen und auszuweiten. Das »Volk« in Syrien – was ist es? Doch keine »Gemeinschaft«, sondern eine vom Gegensatz sozialer Klassen, vom Konflikt zwischen Herrschaftscliquen und Unterdrückten geprägte Gesellschaft. Solidarität der Linken aus anderen Ländern gilt nicht dem Assad-Regime oder den Anwärtern auf dessen Nachfolge, sondern denjenigen, die politische und soziale Emanzipa- tion anstreben. Klarzustellen ist, daß eben diese mühsamen Versuche durch kriegerische Zugriffe von außen destruiert werden. Gewalt von oben innen und Gewalt von außen spielen im Effekt zu- sammen. Deutlich zu machen ist auch, daß z. B. die deutsche Bundesregierung noch vor kurzem keine Skrupel hatte, mit dem Assad-Regime zu koope- rieren. Hat es Sinn, an diese Bundesregierung die Forderung zu adressieren, sich den Kriegsvorberei- tungen entgegenzustellen? Auch etliche Tausende Appellanten werden nicht zu einer »Bekehrung« von Politikern führen, die längst prinzipiell dem globalen militärischen Zuschlags-»Recht« ihre Ge- folgschaft erklärt haben. Sinnvoll ist es, hierzulande

»Sinnvoll ist es, hierzulande über die Antriebskräfte und Folgen der weltweiten Militärpolitik aufzuklären, um Druck von unten zu entwickeln.«

über die Antriebskräfte und Folgen der weltweiten Militärpolitik aufzuklären, um Druck von unten zu entwickeln. Die Linke in der Bundesrepublik, nicht nur die PDL, kann ihren Beitrag leisten zur Ent- wicklung einer internationalen Bewegung gegen den Militarismus. Das Assad-Regime ist Bestand- teil – einer nur von vielen – des Nationen über- greifenden, in sich konkurrenzbestimmten Kom- plexes von ökonomisch-militärischen Interessen und politischem Herrschaftswillen – die jeweiligen Machtinhaber können dabei wechseln, die »blutige Internationale« bleibt. Deren Treiben gilt es aufzu- decken auch am Fall Syrien. Arno Klönne , Paderborn

Auflösen

u Zu jW vom 11. Januar: Schwerpunkt »Guantánamo« Es ist verdienstvoll, daß die jW immer wieder auf die Schande dieses US-Folterlagers hinweist. Dennoch wird in den Beiträgen vom 11.01.2012 zum wiederholten Mal ein ganz zentraler Aspekt verschwiegen, nämlich der, daß die US-Marineba- sis auf cubanischem Territorium an sich einen per- manenten Verstoß gegen das Völkerrecht darstellt. Knut Mellenthin schreibt u. a.: »Die damalige Regierung unter George W. Bush hatte den Stütz- punkt auf Kuba als Standort gewählt, um alle men- schenrechtlichen und juristischen »Privilegien«, die in den USA für Gefangene gelten, ignorieren zu können. Zugleich verweigerte sie ihnen auch den Schutz der Genfer Konvention.« Kein Wort

allerdings über die Haltung Cubas, auf dessem Territorium die Barbarei stattfindet! Zur Erinnerung: Die US-Besetzung von Guantánamo geht auf das »Platt-Amendment« von 1901 zurück, in welchem dem cubanischen Volk der Sieg im Befreiungskrieg gegen die spani- sche Besatzungsmacht geraubt wurde. In diesem Dokument, in dem Cuba von der neuen Kolonial- macht USA eine »beschränkte Unabhängigkeit« gewährt wird, ist u. a. das Recht der USA zu jederzeitiger Invasion enthalten sowie eben die Okkupation des cubanischen Territoriums von Guantánamo. Die cubanische Regierung hat seit 1959 immer wieder die Räumung gefordert. Seit 2001 protestieren nicht nur z. B. die Freund- schaftsgesellschaft BRD-Kuba e.V. sowohl gegen die barbarischen Zustände dort wie auch gegen die Existenz des Marinestützpunktes als solchem, weil er nachweislich gegen das Völkerrecht ver- stößt. Daher ist in völliger Übereinstimmung mit dem Völkerrecht die komplette Auflösung und bedingungslose Räumung des auf widerrechtlich besetztem cubanischen Staatsgebiet geschaffenen US-Marinestützpunktes in Guantánamo durch die US-Besatzer zu fordern. Die alte Losung »yankee – Go Home« ist gera- de hier von brennender Aktualität. Heinz-W. Hammer, Essen/Horst Smok, Köln

Wer gibt, wer nimmt

u Zu jW vom 14. Januar: »Nicht zu retten« Es erstaunt, daß selbst seriöse Journalisten auf

diese schmale Brücke kommen und des Euro Ende voraussehen! Der Euro ist ein Schritt in Richtung Zukunft und wird nicht untergehen! Er muß nur funktionsfähig gemacht werden! Das geht nicht durch irgendwelches kopfloses Geld hin- und herschieben. Zuerst sollte festgestellt werden, wer denn die Geber- und wer die Neh-

merländer sind, und wenn das klar ist, dann dürf- te auch klar werden, daß die wirklichen Nehmer- länder nicht nur nehmen können, sondern auch geben müssen, sonst funktioniert die Maquina

Die Italiener haben ganz Recht: »Fi-

nicht. (

nanzieller Terrorismus« mehr kriegt die Europa- elite nicht mehr auf die Reihe! Trauriger Haufen. Siegfried Wilhelm, E-Mail

)

Kein Platz

Nun hat Herr Wulff also 2008 noch ein »upgrade« in einem Hotel erhalten, nachdem er während ei- nes Fluges auch schon eins bekommen hat. Unse- re Sprache leidet, wenn sie sich englisch kleidet. Warum rufen Protestierer vor Bellevue englische Losungen, Verzeihung, Slogans, um dem deut- schen Präsidenten einen Rücktritt zu empfehlen? Wäre es nicht eindringlicher und verständlicher, in Verbindung mit dem Schuh-Ritual, sich Ara- bisch zu artikulieren? Oder, nicht auszudenken, gar in der hier üblichen Sprache, die von einem Großteil der Menschen noch verstanden wird bzw. die man den »Migranten« beizubringen versucht? Hat der kleine Christian W. nicht damals im Sandkasten ein Förmchen unerlaubt an sich ge- nommen, ist er als Schüler nicht mal ohne Fahr- schein mit der Straßenbahn gefahren, und hat er in seiner Studentenzeit nicht mal nachts Tulpen aus einer Grünanlage abgerissen?! Das alles muß gründlich durch die konzernabhängigen Medien untersucht werden. Dann ist leider kein Platz mehr, um über mordende Nazis oder über viele Tausende Antifaschisten zu berichten. ( ) Wolfgang Kroschel, Cottbus

ferNseheN

NachschLag Maischberger | Di., 22.45, ARD

Langweiler

Wulff hat im niedersächsischen Land- tag 2010 halbe Sachen erzählt, im De- zember 2011 gab es deswegen Ärger. Maischberger versammelt Leute, de- nen er zu langsam ist. Weswegen sie so etwas wie »mach schnell« von sich geben. Die gelangweilten Langweiler haben kleinere Abstürze hinter sich (Moderator Michel Friedman), spielen berufsmäßig Theater (Sky du Mont), sind über alle Medien empört außer dem eigenen (Hans Ulrich Jörges vom stern), finden Grunderwerb immer gut und Wulff »zäh« (Joachim Keller- mann von Schele, Wulff-Freund und Vorsitzender des Verbandes der Nieder- sächsischen Grundbesitzer) oder rufen gewohnheitsmäßig nach dem Staatsan- walt (Jurist Hans Herbert von Arnim). »Politikberaterin« Gertrud Höhler sieht die »Würde des Amtes« sich verändern. Da wackelt die Studiowand. (asc)

vorschLag

Adel vernichtet

Der bemerkenswerte Niedergang des Bankhauses Oppenheim

Über 220 Jahre zählte Sal.Oppenheim zu den renommiertesten Banken Deutsch- lands, die Reichen und Mächtigen gin- gen ein und aus. Gegründet 1789 – im Jahr der französischen Revolution – wurde das Kölner Geldinstitut im Nach- kriegsdeutschland zu einem einflußrei- chen Partner des wirt.-pol. Komplexes. Im Jahr 2004 stieg Sal. Oppenheim zur größten Privatbank Europas auf und verlegte anschließend seinen Firmensitz nach Luxemburg. Doch dann kam der tiefe Fall: Die Banker verstrickten sich zunehmend in Immobilien- und Ak- tiengeschäfte. Besonders eng waren die Geschäftsbeziehungen zum Arcandor- Konzern, der früheren KarstadtQuelle AG – hier war Sal. Oppenheim zuletzt Hauptaktionär. Die Insolvenz des Wa- renhauskonzerns riß auch die Bank mit. Inzwischen hat die Deutsche Bank das

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Union Druckerei Berlin GmbH. Art­Nr. 601302/ISSN 041­9373. Alba und Natascha am Morgen danach: »Room in Rome«

Alba und Natascha am Morgen danach: »Room in Rome«

Traditionshaus übernommen. Und uns kommen die Tränen.

u 3sat, 20.15

Room in Rome

Kalt ist’s, wir suchen Wärme: Alba und Natascha lernen sich in einer Bar in Rom kennen und fühlen sich sofort zuein-

ander hingezogen. Alba lädt die junge

Russin in ihr Hotel ein, und nach an- fänglichem Zögern begleitet diese die attraktive Spanierin auf ihr Zimmer. Für Natascha eine ebenso neue wie verwir- rende Situation, denn sie fühlte sich bis- her nur zu Männern hingezogen und ist gerade auf Verlobungsreise in Rom. Ju- lio Medem gilt neben Pedro Almodóvar als einer der wichtigsten Filmemacher seines Landes und erwarb sich bereits mit seinen Dramen »Lucía und der Sex« und »Die Liebenden vom Polarkreis« eine Fangemeinde. u 3sat, 22.25

Krebsvorsorge

Chance oder Risiko?

In den 1970er Jahren des vorigen Jahr-

hunderts begann der Siegeszug der Krebsvorsorge. »Krebsvorsorge kann Leben retten« – so lautete das Motto vieler Vorsorgekampagnen. Sie sugge- rieren: Wer nicht mitmacht, spielt mit seinem Leben. Und derjenige, der re- gelmäßig zur Vorsorge geht, hofft, sich schützen zu können. Doch 40 Jahre spä- ter bezweifeln viele Experten den Nut- zen der Reihenuntersuchung gesunder Menschen. Einige diagnostizieren sogar einen deutlichen Schaden – etwa durch unnötige Diagnosen und Therapien.

u Arte, 21.50

Jungs und Mädels (2)

Die Lover

Und noch einmal die »Lübe« (nach dem Vorbild von Merkozy): Während ihrer Arbeit als Englischlehrerin hat Filmemacherin Delphine Dhilly mit ihren Schülern an der Fachhochschule Villetaneuse anhand von Rollenspielen in der Fremdsprache die Beziehungen

zwischen Mädchen und Jungen in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen bear-

beitet.

u Arte, 22.45

veraNstaLtuNgeN

Kundgebung »Internationale Solidarität in Zeiten der Krise.« Redner: Steffen Dittes, Vorsitzender Thüringer Flüchtlingsrat, u.a. Heute, 19.1., 17 Uhr, auf dem Anger in Erfurt. Aufrufer: Erfurter Bündnis für soziale Ge­ rechtigkeit – gegen Rechtsextremismus

Brauner Terror – Geduldet, gefördert und genutzt vom Kapital? Politischer Jahresauf­ takt der DKP Saarland in Zusammenarbeit mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten Saarland. Referent: Peter Christian Walther, Landessprecher der VVN­BdA Hessen. Freitag, 20.1., ab 18 Uhr, Naturfreundehaus Völklingen, Stadionstraße 10 (am Freibad), Völklingen

Ausstellung »Drei Frauen – Drei Tempera- mente« in der GBM­Galerie, Weitlingstraße 89, Berlin. Gezeigt werden Malereien und Graphiken der Künstlerinnen Susanne Kandt­Horn, Waltraud Mai und Gudrun Wetzel. Laudatio: Dr. Siegfried Wege. Aus­ stellungseröffnung am Freitag, 20.1., 17 Uhr, Ausstellung geöffnet bis 16.3.2012, Mo­Fr, jeweils 10–16 Uhr.

Grenzregimes in Bewegung?! Widerstand gegen die EU­Migrationskontrolle nach den Umwälzungen in Libyen und Tunesien. Re­ ferent: Bernhard Schmid (Jurist und Autor, Paris) in der Veranstaltungsreihe: Welcome to Europe. Freitag, 20.1., 19.30 Uhr,Villa Ichon, Goetheplatz 4, Bremen.Veranstalter:

Rosa­Luxemburg­Initiative e.V.

Brosamen vom Herrentisch. Eine beschä­ mende Geschichte.Vortrag von Dr.Thomas Kuczynski über den Profit aus Zwangsarbeit und die »Zwangsarbeiterentschädigung«. Freitag, 20.1., 19 Uhr, KOHTAKTY­Domizil, Feurigstr. 68, Berlin­Schöneberg (nahe S­Bhf. J.­Leber­Brücke). Eintritt frei

u Die Adresse für Termine:

termine@jungewelt.de

AP /S CHALK VAN Z U yDAM

junge Welt

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

wissenschaft

&

umwelt

1 5

Montag: politisches buch |

Dienstag: betrieb & gewerkschaft

|

Mittwoch: antifa

|

Donnerstag: wissenschaft & umwelt |

Freitag: feminismus |

Samstag: geschichte

Deutscher koLoNiaLismus iN DeN museumsDepots. eiN Neuer sammeLbaND

Anthropologie ist in der Übersetzung aus dem Altgriechischen die »Wissenschaft vom Menschen«. Ein neuer Sammelband beschäftigt sich mit den Abgründen dieser Fachrichtung. Anthropologische Ausstel­ lungen in völkerkundlichen und naturwis­ senschaftlichen Museen hatten bis Mitte des 20. Jahrhunderts häufig einen deut­ lich rassistischen Hintergrund. Geraubte, durch ungleichen Handel angeeignete oder unter Zwang erzeugte Exponate wurden zusammengestellt. Fachleute sprechen in solchen Fällen gern von »sensiblen Samm­ lungen«. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich ein Unrechtsbewußtsein heraus­ gebildet; vereinzelt es gab Rückgaben von menschlichen Überresten und Gegenstän­ den religiöser Bedeutung. Die drei Autorinnen des neuen Ban­ des – eine Humanbiologin, eine Afrika­ nistin und eine Kulturwissenschaftlerin – benennen nach gründlicher Forschung zahlreiche Ausstellungsstücke, die in den hintersten Winkeln der Museumsdepots versteckt lagen und liegen. Finsterer Tiefpunkt war die Mittäter­ schaft von Anthropologen bei der »Rassen­ forschung« der Nazis. Margit Berner, die als studierte Humanbiologin heute Kuratorin am Naturhistorischen Museum Wien ist, schreibt über die Schändung eines Friedhofs, die Beweise einer Minderwertigkeit der herbeihalluzinierten »jüdischen Rasse« er­ bringen sollte. Dasselbe Ziel hatten Unter­ suchungen an KZ­Häftlingen, die anschlie­ ßend in aller Regel ermordet wurden. Britta Lange, Kulturwissenschaftlerin an der Berlin Humboldt­Uni, erinnert an ähnliche Un­

an der Berlin Humboldt­Uni, erinnert an ähnliche Un­ tersuchungen, die deutsche Wissenschaftler während des

tersuchungen, die deutsche Wissenschaftler während des Ersten Weltkriegs an nicht­ europäischen Kriegsgefangenen vornahmen. Hauptsächlich waren die (häufig selbster­ nannten) Anthropologen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch in afrikanischen und asiatischen Kolonien tätig. Gemäß der damals herrschenden Doktrin der »rassi­ schen Überlegenheit« der Europäer galten alle anderen Völker als beinahe ausgestor­ ben, und man beeilte sich, im Rahmen einer »Rettungsethnologie« noch Exponate für die Museen zusammenzutragen – egal wie.

Im Herbst gerieten »sensible« Hinter­ lassenschaften des deutschen Kolonialis­ mus kurz in die Öffentlichkeit. 20 in der Berliner Charité identifizierte Schädel er­ mordeter Aufständischer wurden an die Regierung Namibias zurückgegeben und in Windhoek ausgestellt (Foto). Gesammelt wurden nicht nur menschli­ che Überreste; die Depots enthalten auch Fotos, Körperabgüsse, Tonaufnahmen. Letztere hat die Afrikanistin Anette Hoff­ mann von der University of Fort Hare in Südafrika ausgewertet. Häufig nutzten die

Afrikaner die Sprachunkundigkeit der Eu­ ropäer demnach für Berichte über Gewalt, Mord oder Raub. Von einem namibischen Landarbeiter weisungsgemäß gesungene Lieder etwa entpuppten sich als Kriegsge­ sänge aus der Zeit des großen Aufstandes gegen die Deutschen. Gerd Bedszent

u Margit Berner, Anette Hoffmann, Britta Lange: Sensible Sammlungen. Aus dem anthropologischen Depot. Verlag Philo Fine Arts, Hamburg 2011, 278 S., 14 Euro

A wie Eiweiß

Die Vogelfeder als Giftmülldepot: Der Zoologe Josef Reichholf erklärt die Welt vom Stoffwechsel

her. Von Frank Ufen

N ach herkömmlicher Auffas- sung haben die Männchen et- licher Tierarten das Pech, sich

mit irgendeinem Handicap herum- schlagen zu müssen, darunter sperrige Geweihe, grellbunte Gefieder, ellen- lange Mähnen oder halsbrecherische Balzrituale. Am schlimmsten scheint der Pfauenhahn dran zu sein. Offen- sichtlich kostet ihn sein imposantes Schwanzgefieder einen ungeheuren Aufwand an Energie, belastet ihn auf Schritt und Tritt, macht seine Feinde auf ihn aufmerksam und behindert ihn bei der Flucht vor ihnen. Mit seinem zum geschlossenen Fächer aufgestell- ten Rad versperrt er sich noch dazu die Sicht nach hinten.

Nach Darwins Theorie der sexuel- len Selektion haben sich solche ex- travaganten körperlichen Merkmale und Verhaltensweisen entwickelt, weil die Weibchen anhand dieser Eigen- schaften herauszufinden versuchen, mit welchen Männchen sie sich paa- ren sollten und mit welchen besser nicht. Ansonsten vermutete Darwin, das Wettrüsten der Männchen könnte Extrembildungen hervorbringen und Arten damit in evolutionäre Sackgas- sen führen. Die israelischen Biologen Amotz und Avishag Zahavi stützen ihre Han- dicap-Theorie zwar auf Darwin, krei- det ihm aber an, einen Umstand von grundlegender Bedeutung übersehen zu haben: Kräftige und widerstands- fähige Männchen sind eher in der La- ge, in einer feindlichen Umwelt zu überleben. Die Handicaps zeigten den Weibchen zuverlässig an, wie es um die körperliche und genetische Fitness ihrer Freier bestellt ist.

In den Augen des Münchner Zoolo- gen Josef Reichholf, von dem 2011 bei C.H. Beck »Der Ursprung der Schön- heit« erschienen ist, hat die Handicap- Theorie der Zahavis einen Pferdefuß:

Ist sie hieb- und stichfest, kann Dar- wins Theorie der sexuellen Selektion nicht stimmen – und umgekehrt. Nach den Zahavis müßte es immer wieder zu einem Weibchenüberschuß kommen, weil die Männchen wegen ihrer Handi- caps massenweise auf der Strecke blei- ben. Dagegen sollten in der Theorie der sexuellen Selektion die Männchen in der Überzahl sein, denn nur dann stehen den Weibchen mehrere Kandi- daten zur Auswahl. Laut Reichholf sind die Zahavis auf dem Holzweg, wenn sie unterstellen, das männliche Geschlecht sei im Ver- gleich zum weiblichen nur mangelhaft an seine Umwelt angepaßt. In Wahr- heit, erklärt Reichholf, ist sogar ein vermeintliches Luxusgeschöpf wie der Pfauenhahn bestens dafür gerüstet, sich im Kampf ums Dasein zu be- haupten. Es gibt nicht viele Raubtiere, die ihm gefährlich werden können. Er muß vor Leoparden auf der Hut sein. Wenn sie ihn von hinten attackieren, dient ihm sein Schmuckgefieder als Schutzschild. Das kann er abwerfen und so selbst dann noch entkommen, wenn ihn die Raubkatze schon gepackt hat. Zudem erzeugen seine farben- prächtigen Zierfedern im Dschungel ein Flimmern und Glitzern, in dem er für Feinde nur schwer auszumachen ist. Um zu begreifen, was es mit Physis und Verhaltensweisen auf sich hat, an denen die sexuelle Selektion ansetzt, ist laut Reichholf eines unabdingbar:

Die Analyse der Stoffwechselprozesse in ihrer Gesamtheit. Die Vögel der Tropen verdanken ihre grellbunten Gefieder einzig und allein ihrem Stoffwechsel. Sie ernähren sich nämlich in erster Linie von Früchten, die reich an Farbstoffen sind. Um sich dieser zu entledigen, die für sie teils giftig, teils nutzlos sind, wenden die Vögel ein höchst effizientes Verfahren an: Sie deponieren das ganze Zeug in ihren Federn. Nach Reichholf machen Pigmente auch Vögeln in anderen Kli- mazonen zu schaffen. Auch die für Braun- und Schwarztöne zuständigen Melanine bestehen aus Phenolkörpern, sind also nicht harmlos, und werden in die Federn befördert, wo sie nicht mehr viel Schaden anrichten können. Oft fällt bei Vögeln mehr Eiweiß an, als sie verbrauchen können. Es abzu- bauen, kostet viel Energie. Gefährliche Nebenprodukte können entstehen. Die Vögel schaffen sich den Überschuß vom Hals, indem sie sich mausern und damit Federn aufbauen. Nach Reich- holfs Dafürhalten hat die Evolution die Vogelfeder nicht als Flugapparat hervorgebracht. Ihre vorrangige Funk- tion sei gewesen, schädliche Eiweiß- bestandteile aus dem Körper zu ent- fernen. »Die Feder ist ein Produkt des Stoffwechsels, und zwar entstanden aus Eiweißüberschüssen, von Eiweiß- bestandteilen, die Schwefel enthalten. Würden die, wie bei Säugetieren, im Körper abgebaut werden müssen, ent- stünde giftiger Schwefelwasserstoff.« Im übrigen deute einiges darauf hin, daß der Mensch sein Fell nicht voll- ständig abgelegt habe, um in den üb- rigen Haaren giftige Stoffwechselpro- dukte unterbringen zu können.

Die Reichholfsche Theorie hat weit- reichenden Anspruch. Sie besagt: In der Bilanz ist der Stoffwechsel von Vogelweibchen und -männchen ausge- glichen. Was beispielsweise die Pfau- enhennen an Baustoffen (Proteinen) für die Erzeugung von Eiern aus ihrem Körper abgeben, entspricht den Stof- fen in den Prachtgefiedern der Pfau- enhähne. Dasselbe gilt nach Reichholf für die Energiebudgets. Die Erzeugung der Eier verschlingt genausoviel Ener- gie wie die Herstellung der Federn des Rades. Und die Energiemenge, die die Henne investieren muß, um ihr Gelege zu bebrüten, entspricht exakt der, die der Hahn aufbringen muß, um seine Federn zum Rad aufzustellen und ra- scheln zu lassen. Ähnlich verhält es sich mit anderen Vogelarten. Daß man- che sich ein Prachtgefieder zulegen, andere sich auf eine Schaubalz oder die Gesangskunst spezialisieren, ist laut Reichholf davon abhängig, aus welchen Bestandteilen sich ihre Nah- rung zusammensetzt. Von Parallelen in der Welt der Säu- getiere ist Reichholf fest überzeugt. Der Kalziumphosphat-Gehalt im Prachtgeweih des Hirschbocks ent- spreche exakt dem, den die Hirschkuh zum Aufbau der Knochen ihrer Käl- ber aufbringt. »In der Bilanz,« sagt Reichholf, »entsprechen diese Spit- zenleistungen des mütterlichen Stoff- wechsels den Investitionen der Hir- sche in ihr Geweih und ihr Gewicht. Männliches Brunftgehabe wäre somit geradezu ein physiologisches Abbild der weiblichen Schwangerschaft.« Ob diese Theorie tragfähig ist, läßt sich jedenfalls leicht empirisch über- prüfen.

Glyphosat im Urin

Glyphosat, Hauptwirkstoff der meisten handelsüblichen Herbizide, vergiftet nach An- gaben des ithaka-Journals für Ökologie »schleichend auch Tiere und Menschen«. In einem ungenannten Labor wurden demnach Urinproben von Ber- liner Angestellten, Journalisten und Anwälten untersucht, die keinen Umgang mit Glyphosat- Präparaten oder kontaminierten Futtermitteln hatten. In all die- sen Proben wurde im Dezember Glyphosat nachgewiesen. Die Werte schwankten zwischen 0,5 und 2 ng Glyphosat pro ml Urin (Trinkwassergrenzwert: 0,1 ng/ ml). Es gelangte wahrschein- lich über Fleisch, Gemüse, Milch- und Getreideprodukte in die Körper. Die Analysereihen sollen vor der Veröffentlichung noch mit weiteren Untersuchun-

gen bestätigt werden.

(jW)

Fremdkörper

Mutterkuchen

Am Klinikum der Ludwig- Maximilians-Universität München haben Forscher nach Angaben vom Freitag eine mögliche Ursache für gehäufte Fehlgeburten ermittelt. Frauen mit drei oder mehr aufeinander- folgenden Fehlgeburten wurden untersucht. Bei 34 Prozent von ihnen wurden Antikörper gegen Mutterkuchengewebe festge- stellt. Dieses Gewebe ist für den Transport von Sauerstoff und Nährstoffen und somit für das Überleben des ungebore- nen Kindes unabdingbar. Die Antikörper verursachen ein Ab- sterben dieses Gewebes, da es

durch sie als Fremdkörper wahr- genommen wird. Ein Medika- ment, mit dem bereits andere immunologische Krankheiten behandelt werden, unterdrückt auch diese Antikörper. Etwa fünf Prozent der Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch sind von gehäuften Fehlgeburten be-

troffen.

(dapd/jW)

Bilder machen dick

Allein der Anblick von Speisen macht Appetit. Das wurde nach Angaben des Max-Planck- Instituts für Psychiatrie in Mün- chen erstmals nachgewiesen. Die Mitteilung stammt vom Montag. Daß Bilder von Nah- rungsmitteln das Hungergefühl anregen, liegt demnach am Hormon Ghrelin, das durch ent- sprechende optische Reize ver- mehrt ausgeschüttet wird. Als Hauptregulator steuert Ghrelin sowohl unser Eßverhalten als auch körperliche Prozesse zur Nahrungsverwertung. Die For- scher konnten einen Anstieg der Konzentration im Blut als Re- aktion auf optische Reize nach- weisen. MPI-Forscherin Petra Schüssler empfiehlt Menschen mit Gewichtsproblemen, den Anblick von Bildern appetitli- cher Lebensmittel möglichst zu vermeiden. Die allgegenwärtige Präsenz von appetitanregenden Lebensmitteln in den Medien könnte nach Einschätzung der Wissenschaftler einen erhebli- chen Teil zur Gewichtszunahme in der Bevölkerung beitragen. (AFP/jW)

STOyAN NENOV / REUTERS

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sport

Donnerstag, 19. Januar 2012, Nr. 16

junge Welt

haNDbaLL

Hauptrunde oder Heimflug

2012, Nr. 16 junge Welt h aNDbaLL Hauptrunde oder Heimflug B elGrad . Die deutsche Natio-

BelGrad. Die deutsche Natio- nalmannschaft hat im zweiten EM-Spiel das vorzeitige Tur- nier- und Olympia-Aus abwen- den können. 24:23 besiegte das Team von Bundestrainer Martin Heuberger (Foto) mit Hängen und Würgen den Außenseiter Mazedonien. Zum Einzug in die zweite Turnierphase genügt der Auswahl des DHB heute ein Punktgewinn gegen das bereits

für die Hauptrunde qualifizierte Schweden. Die Deutschen wol- len bei der EM in Serbien vor allem ein Ticket für ein olym- pisches Qualifikationsturnier

lösen.

(sid/jW)

Bewährung gefordert

Kiel. Im Prozeß um angebliche Schiedsrichterbestechung im Handball fordert die Staatsan- waltschaft Kiel Bewährungs- strafen für Uwe Schwenker und Zvonimir Serdarusic. Für Schwenker, Exmanager des THW Kiel, forderte Oberstaats- anwalt Axel Goos eine Frei- heitstrafe von 18 Monaten, die für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt werden soll. Goos sieht die Straftatbestände der Bestechung im geschäftlichen Verkehr, des Betrugs und der Untreue auch beim früheren THW-Trainer Serdarusic als erfüllt an. Die beiden sollen vor dem Finalrückspiel der Champions League 2007 des- sen Schiedsrichter bestochen haben. Der THW gewann die Partie gegen die SG Flensburg- Handewitt. (sid/jW)

fussbaLL

Cisse bleibt weg

FreiBurG. Bundesliga-Schlußlicht SC Freiburg muß den Kampf um den Klassenerhalt in der Rückrunde ohne seinen Torjä- ger Papiss Demba Cisse bestrei- ten. Der Senegalese wird nach der Afrika-Meisterschaft nicht mehr ins Breisgau zurückkeh- ren, sondern in der englischen Premier League für Newcastle United stürmen. Das gaben beide Klubs am Dienstag abend bekannt. Cisse erhält bei den Magpies einen Vertrag über fünfeinhalb Jahre. Die Ablö- sesumme soll bei rund zwölf

Millionen Euro liegen.

basketbaLL

(sid/jW)

Albas Angstgegner

treviSo. Alba Berlin ist mit einer Niederlage in die Top-16-Runde des Eurocups gestartet. 64:72 unterlagen die Berliner bei ihrem italienischen Angstgeg- ner Benetton Treviso. Von elf Duellen mit dem fünfmaligen Meister Italiens konnten die Berliner bisher nur eines für sich entscheiden, und das war vor mehr als zehn Jahren. (sid/jW)

Familie Burgfrieden

»Auf jeden Fall!« Am Wochenende gibt es Hockeymeisterschaften in Berlin

A m kommenden Wochenen-

de soll der Berliner Hockey

Club (BHC) die Endrunden

um die Deutsche Hockey-Hallen- Meisterschaft der Damen und Herren ausrichten. Der BHC-Vorsitzende Mi- chael Stiebitz lud vorab die Presse in einen Pavillon gegenüber des Reichs- tags. Aus Köln war der Präsident des Deutschen Hockey Bundes (DHB), Stephan Abel, angereist. Beide be- mühten sich redlich um die Verklärung des bevorstehenden Ereignisses und die Erklärung vorausgegangener »Un- stimmigkeiten«. Das erinnerte doch sehr an die fruchtlosen Debatten, die im großen Haus gegenüber gewöhn- lich geführt werden. Vor allem beim BHC war der Ärger

groß, als Damen-Bundestrainer Mi- chael Behrmann einen Auswahllehr- gang von 16. bis 24. Januar in Chile und Argentinien mit einiger Kompro- mißlosigkeit durchsetzte. Dem Gast- geber und Titelverteidiger fehlen des- halb am Wochenende vier Führungs- spielerinnen. Er geht als Außenseiter an den Start. Die Konkurrenten müs- sen wegen des Lehrgangs in der Regel nur auf eine Athletin verzichten. Die Hauptstadtfraktion sollte etwas spä- ter nach Südamerika reisen; dagegen legte Behrmann sein Veto ein. DHB- Präsident Abel ließ ihn gewähren: »Da mische ich mich nicht ein«. Das Ganze schaukelte sich hoch, bis die Presse über den Rückzug des BHC-Teams und den Ausfall des Turniers speku-

lierte. Stiebitz ließ deshalb zunächst wis- sen: »Wir werden die Endrunde auf jeden Fall durchführen, selbstver- ständlich auch mit unseren Damen.« Er klang dabei allerdings nicht, als sei der Konflikt gelöst. Weiterhin werde »inhaltlich kontrovers diskutiert, aber im Sinne des Sports und der Hockey- familie lassen wir das jetzt erstmal ruhen.« Wenn sich letztere nicht zu- sammenraufen könne, »haben wir ein echtes Problem«. DHB und Vereine müßten schließlich an einem Strang zu ziehen. Abel räumte »organisatorische Pro- bleme innerhalb des DHB« ein. Statt konkreter zu werden, entschuldigte er sich lieber dafür. Und blickte nach

vorne: »Wir müssen in Zukunft sicher- stellen, daß so etwas besser gehändelt wird.« Derzeit herrsche ein »Burgfrie- den«, aus dem wieder eine Zusammen- arbeit werden müsse. »Burgfrieden«, weil die Vereine dankenswerterweise nicht von ihrem Recht Gebrauch ge- macht hätten, die Spiele zu verlegen. Überhaupt nicht gefallen hat dem erfolgsverwöhnten Präsidenten des DHB, der gerade wieder die Hallen- EM-Titel bei Frauen und Männern fei- erte, das mediale Echo der Querelen:

»Wir müssen besser arbeiten und kom- munizieren. Weil es Umstände gibt, die zu Kompromissen zwingen.« Das klang wie O-Ton aus dem Reichstag gegenüber.

Klaus Weise

Der heimkompLex. austraLiaN opeN, was bisher geschah. voN peer schmitt

SYdneY. Bei den diesjährigen Australian Open könnten einige Damen mit einem Turniersieg Weltranglistenerste werden (bzw. im Fall Caroline Wozniaki es bleiben). Für eine von ihnen, die Nummer sechs der Welt und amtierende US­Open­Siegerin Samantha Stosur, ist dieser Traum aller­ dings schon vorbei. Sie verlor am Dienstag gleich in der ersten Runde gegen Sorana Cirstea (52. der Weltrangliste, Foto) mit 6:7, 3:6. Die erste große Sensation des Tur­ niers, zumal eine, die für die australischen Fans nicht besonders erfreulich ist. Von Stosur wird im heimatlichen Au­ stralien immer viel erwartet, aber noch nie waren die Erwartungen so hoch wie diesmal. Stosur wirkte entsprechend verkrampft. Offensichtlich hat sie einen Heimkomplex. Zu Hause kann sie einfach nicht gewinnen (bei keinem der im letzten Jahr in Australien gespielten Turniere kam sie über die zweite Runde hinaus). Cirstea spielte allerdings in einer Form, mit der sie selbst bald Weltranglistenerste werden könnte. Überragender Aufschlag und sensationelle Vorhandwinner das ge­ samte Match hindurch. Die 21jährige Ru­ mänin stand in ihrem bisher besten Jahr 2009 schon mal im Viertelfinale der French Open und scheint sich für diese Saison viel vorgenommen zu haben. Das rumäni­ sche Damentennis sorgt zur Zeit mit einer Handvoll Spielerinnen in der erweiterten Weltspitze durchaus für Aufsehen. Von den topgesetzten Spielerinnen schied neben Stosur noch Francesca Schiavone (10) überraschend früh aus, glatt in zwei Sätzen gegen ihre Landsfrau Romian Oprandi (80.). Das Damenklasse­ ment ist so offen wie selten zuvor. Alle an­ deren Favoritinnen blieben souverän. Am eindrucksvollsten in den ersten beiden Runden Victoria Azarenka (3.), Na Li (5.)

TIM WIMBORNE / REUTERS
TIM WIMBORNE / REUTERS

und Kim Clijsters (11.). Die drei schienen gewettet zu haben, wer das Match am schnellsten hinter sich bringt. Caroline Wozniaki hingegen hatte im zweiten Satz gegen die bis dahin nahezu unbekannte Anna Tatishvili (83.) größte Probleme. Die 21jährige Georgerin gab ihn im Tie Break mehr ab, als daß Wozniacki ihn gewann. Für Wozniackis Spielweise fast normal. Zudem ist sie durch eine Handgelenks­

verletzung leicht behindert. Prognose: Sie wird nach den Open nicht mehr Welt­ ranglistenerste sein. Bei den Herren verabschiedete sich von den Topgesetzten lediglich Mardy Fish (8.) in der zweiten Runde 6:7, 3:6, 6:7 gegen den immer gefährlichen Ale­ jandro Falla (71.). Das bisher spektakulär­ ste Match lieferten sich am Mittwoch der aufschlaggewaltige John Isner (16.) und der

Veteran (Wimbledonfinalist 2002) David Nalbandian (87.) – 4:6, 6:3, 2:6, 7:6, 10:8 in über vier Stunden Spielzeit. Allein der entscheidende fünfte Satz dauerte fast 100 Minuten, so lange brauchte z.B. Azarenka für ihre beiden ersten Runden insgesamt. Isner ist für solchen Wahnsinn bekanntlich immer gut. Er trifft in der dritten Runde auf Felician Lopez (18.). Könnte auch län­ ger dauern.

Wahnsinn bekanntlich immer gut. Er trifft in der dritten Runde auf Felician Lopez (18.). Könnte auch