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AHMED JADALLAH / REUTERS

BKA/DAPD

jungeWelt

Die Tageszeitung

Gegründet 1947 · Montag, 30. Januar 2012 · Nr. 25 · 1,30 Euro · PVSt A11002 · Entgelt bezahlt

Der Feind steht links

Antifaschisten  werden  als  Verfas- sungsfeinde,  Zeitungen  als  extremi- stisch diffamiert. Die Linke wird auf  sozialdemokratischen Kurs gebracht.  Kurt Pätzold über die Kontinuitäten  deutscher Sichtweisen  Seiten 10/11

deutscher Sichtweisen  Seiten 10/11 www.jungewelt.de Entgeltfrage IG-Metall-Tarifrunde:

www.jungewelt.de

Entgeltfrage

IG-Metall-Tarifrunde: Gewerkschaftslinke

Erzwingungsstreik

Ausstand in Hamburger Wohnheimen:

Eilgesetz

Iran gibt Kontra: Parlament fordert

Erfolgskurs

Asien wächst weiter: Von der Krise

2

plädiert für Festbetrag. Interview mit Jakob Schäfer

4

Beschäftigte von »Pflegen und Wohnen« wollen Tarifvertrag

7

Stopp der Öllieferungen in die EU. Delegation der IAEA in Teheran

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wenig beeindruckt, verringert die Boomregion Abstand zu Europa

Eskalation 

 nach Abzug

Syrien: Aufständische rücken in von Armee geräumte Orte vor und intensivieren Anschläge. Arabische Liga setzt Beobachtermission aus. Von Karin Leukefeld, Damaskus

D ie bewaffneten Auseinanderset- zungen zwischen Sicherheits- kräften und bewaffneten Grup-

pen in Syrien haben am Wochenende erneut viele Tote gefordert. Die Armee hatte am Donnerstag eine Offensive in den von Aufständischen kontrollierten Teilen der Stadt Homs gestartet. Die Kämpfe hielten das ganze Wochenende an. Gefechte und Explosionen wurden auch aus verschiedenen Vororten der syrischen Hauptstadt Damaskus gemel- det. Aus Kreisen syrischer Oppositio- neller hieß es, daß bis zu 200 Menschen getötet worden seien. Überprüfen las- sen sich die Angaben nicht. Die staatli- che syrische Nachrichtenagentur SANA berichtete am Sonntag wiederum von Dutzenden getöteten Soldaten und Si- cherheitskräften. Im Osten des Landes wurde bei Deir Ezzor eine Ölpipeline gesprengt. Die Berichte von Aufständischen, sie hätten in Homs fünf iranische Militärs festgenommen, die »unter dem Kom- mando der Geheimdienste der Luftwaf- fe« stünden, waren vom syrischen Elek- trizitätsminister Imad Khamis bereits am Samstag zurückgewiesen worden. Die gezeigten Männer seien Ingenieure der iranischen MAPNA-Gruppe, die in Syrien im Energiesektor arbeite. Sie seien mit zwei weiteren Mitarbeitern Ende 2011 in Jandar entführt worden, wo MAPNA ein Elektrizitätswerk be-

treibe. Die Regierung bemühe sich seit Wochen vergeblich um ihre Freilas- sung. Beobachter führen die Militäroffen- sive der syrischen Armee darauf zu- rück, daß sich die Zahl der Anschläge bewaffneter Gruppen in den vergange- nen Wochen deutlich erhöht hat. Der im Aktionsplan der Arabischen Liga vorgesehene Rückzug der Armee aus

der Arabischen Liga vorgesehene Rückzug der Armee aus

Präsenz und PR: Mitglieder der »Freien Syrischen Armee« in einem Vorort von Damaskus am Freitag

Wohngebieten habe nicht zum Abzug der bewaffneten Gruppen geführt, kon- statierte Syriens Außenminister Walid Mouallem in der vergangenen Woche in Damaskus. Die Angriffe hätten sich vielmehr verdreifacht. Die britische BBC traf in Douma und Sheba, Vor- orten der Hauptstadt, mit bewaffneten Kämpfern zusammen, die angaben, der »Freien Syrischen Armee« anzugehö- ren. Die Armee, so BBC-Korrespon- dent Jeremy Bowen, sei in den Zentren dieser Orte nicht zu sehen gewesen. Die Arabischen Liga erklärte am Samstag, ihre erst vor einer Woche ver- längerte Beobachtermission in Syrien auszusetzen. Die syrische Regierung zeigte sich »überrascht« und bedauerte

die Entscheidung. Rußland verurteilte sie, da die Beobachter ein »nützliches Instrument« seien. Die Entscheidung der Liga und die neuen Forderungen aus dem UN-Sicherheitsrat stärkten »die Hardliner auf beiden Seiten«, kritisier- te der Historiker und frühere syrische Präsidentenberater George Jabbour ge- genüber junge Welt in Damaskus. Am Freitag hatte das 15köpfige UN-Gremi- um hinter verschlossenen Türen über einen weiteren Resolutionsentwurf be- raten, der von den europäischen Rats- mitgliedern in Zusammenarbeit mit der Arabischen Liga vorgelegt worden war. Alle Staaten werden darin aufgefordert, Wirtschaftssanktionen gegen die syri- sche Führung zu verhängen. Präsident

Baschar Al-Assad solle seine Macht an einen Stellvertreter abgeben, eine Re- gierung der nationalen Einheit bilden und Neuwahlen einleiten. Der russische UN-Botschafter Wita- li Tschurkin erklärte, sein Land könne dem neuen Entwurf nicht zustimmen, »weil er die Position Moskaus nicht berücksichtigt«. Rußland lehnt Sanktio- nen, ein Waffenembargo, die Forderung nach einem »Regimewechsel« und jede militärische Einmischung in Syrien ab. Moskau macht die syrische Führung wie Teile der Opposition für die Gewalt verantwortlich. China, Südafrika, Brasi- lien und Indien teilen diese Auffassung und werben ebenfalls für einen Dialog. u Siehe Seiten 3 und 8

Linke: Immer mehr Überwachungsfälle

Weitere Abgeordnete der Bundestagsfraktion vom Verfassungsschutz mit geheimdienstlichen Mitteln bespitzelt

D as Bundesamt für Verfassungs- schutz (BfV) überwacht die Linksfraktion im Bundestag

offenbar stärker als bisher bekannt. Das Bundesamt habe eingeräumt, daß bei einigen Landesämtern »nachrichten- dienstliche Mittel« eingesetzt würden und deren Erkenntnisse dann auch in die Personenakten des Bundesamtes gelangen könnten, schreibt das Ham-

burger Magazin Der Spiegel. Auch die Anzahl der beobachteten Abgeord- neten könnte größer sein, als bisher berichtet. Informationen, die mit Ge-

heimdienstmethoden beschafft worden sein könnten, fänden sich laut Spiegel beispielsweise in der BfV-Akte des Linke-Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi. Mehrere Seiten von Gysis Akte seien für ihn aus diesem Grund nicht einsehbar. Das Innenministerium hatte in der vergangenen Woche mehrfach betont, daß das BfV nur öffentlich zu- gängliche Quellen zur Linken auswerte und die Abgeordneten nicht etwa durch V-Leute oder Observationen überwa- chen lasse. Auch liegt nach Einschätzung von

Parteichef Klaus Ernst die Zahl der vom Verfassungsschutz beobachteten Bundestagsabgeordneten höher als die bisher bekannten 27 Parlamenta- rier. Die Landesämter für Verfassungs- schutz in Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg hätten bereits ein- gestanden, daß auch sie Abgeordnete ausforschten, sagte Ernst dem Tages- spiegel am Sonntag. Insgesamt stün- den dadurch mindestens 42 Bundes- tagsabgeordnete der Linken im Visier des Verfassungsschutzes. Das sei mehr als die Hälfte der Fraktion, so Ernst.

Unterdessen regt sich inzwischen auch in der Unionsfraktion Unmut über die Arbeit des Verfassungsschutzes. »Der Weg, auf dem Die Linke beob- achtet wird, ist nicht in Ordnung«, sagte der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Siegfried Kauder (CDU). Schließlich kontrolliere »das Parlament die Verfas- sung und nicht der Verfassungsschutz das Parlament«. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich bekräftigte dage- gen erneut seine Rückendeckung für das Vorgehen des Geheimdienstes. (dapd/jW)

15 Flüchtlinge vor 

 Libyen ertrunken

Tripolis. Beim Kentern ihres Boots vor dem libyschen Hafen Misrata sind nach Angaben des somali- schen Botschafters in Tripolis 15 Menschen ums Leben gekommen. Unter ihnen seien zwölf Frauen und ein Kind, weitere 40 Boots- flüchtlinge würden noch vermißt, sagte Diplomat Abdelghani Wais am Samstag in der libyschen Hauptstadt. Die aus Somalia stam- menden Menschen waren demnach auf dem Weg nach Europa. Vor der libyschen Küste ereignen sich immer wieder Flüchtlingsdramen mit zahlreichen Toten. Die neuen libyschen Machthaber haben der EU zugesagt, die bereits unter dem gestürzten Staatschef Ghaddafi betriebene Abschottung Europas gegen Zufluchtsuchende fortzuset- zen, fordern jedoch Unterstützung bei der Renovierung von 19 Auf- fanglagern sowie ein System zur Überwachung der Grenzen. (AFP/jW)

Polizei war angeblich 

nah dran am »NSU«

Polizei war angeblich  nah dran am »NSU« B erlin . Bereits im Januar 2007 stie- ßen sächsische

Berlin. Bereits im Januar 2007 stie- ßen sächsische Polizisten auf das Zwickauer Versteck der Thüringer Neonazizelle, berichtete Spiegel online am Wochenende. In der Woh- nung über dem Versteck des »Na- tionalsozialistischen Untergrunds« (NSU) in Zwickau soll es damals zu einem »mutwillig verursachten« Wasserschaden gekommen sein. Als die Polizei eine Etage tiefer klin- gelte, öffnete eine Frau, die ihren Namen mit »Susann E.« angab. Die Beamten habe sie nicht eingelassen. Um den 10. Januar 2007 herum bestellten die Fahnder sie in die Polizeidirektion in Zwickau zur Ver- nehmung. Die Zeugin sei tatsächlich gekommen und habe sich knapp 20 Minuten lang befragen lassen. Dabei habe sie sich in Widersprüche verwickelt, doch seien die Beamten nicht mißtrauisch geworden. Die Er- mittler gehen Spiegel online zufolge davon aus, daß es sich um Beate

Zschäpe (Foto) handelte.

(AFP/jW)

junge Welt wird herausgegeben von 1 203  Genossinnen und Genossen (Stand 20. Januar 2012). 
junge Welt wird herausgegeben von 1 203 
Genossinnen und Genossen (Stand 20. Januar 2012). 
Informationen: www.jungewelt.de/lpg
10005 >
4 198625 901300

STEPHEN LAM / REUTERS

2

politik

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

junge Welt

»Bis zu 6,5 Prozent – das reicht nicht aus«

IG-Metall-Tarifrunde: Gewerkschaftslinke plädiert für Festgeldforderung.

Ein Gespräch mit Jakob Schäfer

D ie Große Tarifkommis­

sion der IG Metall

Baden­Württemberg

hat für die anlaufende Tarifrun­ de einen Forderungsrahmen von bis zu 6,5 Prozent empfohlen. Geht der Vorschlag in die richti­ ge Richtung? Das reicht aus zwei Gründen nicht:

Erstens ist die Formulierung »bis zu 6,5 Prozent« für uns ein kleiner Schock, denn das kann ja vieles hei- ßen. Zweitens ist diese Forderung nicht geeig- net, die Lohnverluste der vergangenen Jahre zu kompensieren. Nach Angaben der Interna- tionalen Arbeitsorga- nisation (ILO) sind die

Realeinkommen hier- zulande innerhalb von zehn Jahren um durch- schnittlich 4,5 Prozent zurückgegangen. Wenn nun »bis zu 6,5 Pro-

zent« gefordert werden, dann wissen die Kolleginnen und Kollegen, daß am Ende kaum mehr als drei Prozent herauskommen. Denn sie haben in den vergangenen Tarifrunden die Er- fahrung gemacht, daß weniger als die Hälfte der Forderung real durchge- setzt wird. Angesichts der enormen Gewinnsteigerungen entspräche so ein Ergebnis bei weitem nicht den Erwartungen. Welche Forderung schlägt die Initiative zur Vernetzung der Gewerkschaftslinken vor? Besonders die unteren Entgeltgrup- pen sind von Reallohnverlusten be- troffen. Deshalb sprechen wir uns ge- gen eine reine Prozentforderung und für einen Festbetrag aus. Bei einer prozentualen Erhöhung profitieren die höheren Einkommensgruppen absolut gesehen stärker als die un- teren – die Geringverdiener werden noch weiter abgehängt. Wir haben ausgerechnet, daß eine Erhöhung um 250 Euro im Monat notwendig wä- re, um deren Verluste zumindest seit 2007 auszugleichen. Wir schlagen deshalb einen Sockelbetrag von 250 bis 300 Euro vor, zusätzlich kann durchaus noch eine Prozentforderung aufgestellt werden, also zum Beispiel »X Prozent, mindestens aber 250 Eu- ro«. Dann würden alle von einem Abschluß profitieren, aber die Schere zwischen oben und unten würde sich nicht noch weiter öffnen. Es gibt Anzeichen für ein Ende des aktuellen Wirtschaftsbooms. Ist das ein Argument für eine niedrigere Lohnforderung? Bei unseren Kolleginnen und Kol- legen taucht dieses Argument noch überhaupt nicht auf. Denn sie spüren momentan einen enormen Auftrags- druck. Sie sagen: Wir sind voll aus-

gelastet, warum sollten wir weniger fordern? Es ist gut möglich, daß es mit der Konjunktur dieses Jahr wie- der bergab geht. Aber das kann für uns kein Argument sein. Wir haben von dem Aufschwung bislang nichts gehabt, warum sollten wir vorausei- lend wegen der Krise verzichten? Neben der Lohnerhöhung fordert die IG Metall die unbe­ fristete Übernahme der Auszubildenden und mehr Mitbe­ stimmungsrechte der Betriebsräte beim Einsatz von Leihar­ beitern … Die Forderung nach un- befristeter Übernahme unterstützen wir unein- geschränkt. Die Frage

der Mitbestimmung bei Leiharbeit sehe ich zwiespältig. In unse- rem Betrieb haben wir schon vor Jahren durch-

gesetzt, daß überhaupt keine Leiharbeiter eingestellt werden. Unsere Argumentation: Ihr Einsatz widerspricht der EU-Richtlinie, die gleichen Lohn für gleiche Arbeit fest- schreibt. Wenn alle Betriebsräte das so konsequent handhaben würden, wäre das Problem der Leiharbeit bald beseitigt. Die Forderung nach Mit- bestimmungsrechten, akzeptiert im Grunde die Institution der Leiharbeit. Wir fordern statt dessen die sofortige Kündigung der DGB-Tarifverträge mit den Zeitarbeitsverbänden BZA und iGZ. Denn dadurch wird der Grundsatz gleicher Bezahlung von den DGB-Gewerkschaften selbst unterlaufen. Die Verträge laufen bis Ende Oktober 2013 und haben eine Kündigungsfrist von sechs Monaten. IG Metall und Co. müssen ihre Un- terschrift unter dieses Lohndumping endlich zurückziehen, wenn sie die Schlechterstellung von Leiharbeitern tatsächlich beseitigen wollen. Wie müßte die Tarifrunde ge­ führt werden, damit spürbare Verbesserungen herauskom­ men? Erstens müßten die Beschäftigten jetzt schon intensiv beteiligt werden – und nicht erst, wenn der Vorstand die Forderung festgelegt hat oder wenn am 30. April die ersten Warn- streiks laufen. Zweitens muß die IG Metall unbedingt den Schulterschluß mit den Beschäftigten von Bund und Kommunen suchen, wo fast zeit- gleich verhandelt wird. Gemeinsame Kundgebungen und Aktionen können beide Seiten stärken. Drittens darf die Laufzeit des neuen Tarifvertrags keinesfalls länger als zwölf Monate betragen. Interview: Herbert Wulff

als zwölf Monate betragen. Interview: Herbert Wulff Jakob Schäfer ist Metaller 

Jakob Schäfer ist Metaller 

und Mitglied im Arbeits-

ausschuß der Initiative zur 

Vernetzung der Gewerk-

schaftslinken

u www.labournet.de/GewLinke/ index.html

schaftslinken u www.labournet.de/GewLinke/ index.html Meinungsfreiheit.  Im kalifornischen Oakland (USA) ist die

Meinungsfreiheit. Im kalifornischen Oakland (USA) ist die Polizei am Sonnabend gewaltsam gegen eine zunächst friedliche Demonstration der »Occupy«-Bewegung vorgegangen. Über 200 Menschen wurden festgenommen, mehrere mußten ärztlich behandelt werden. Mit Tränengas und Schlagstöcken haben die Beamten auf einen Versuch der Demonstranten reagiert, das Kongreßzentrum und das Rathaus zu besetzen. Diese schützten sich gegen das Vorgehen der Polizei mit Barrikaden, die sie aus ihren Transparenten errichteten (Foto). »Occupy muß aufhören, Oakland als Spielwiese zu benutzen«, wetterte Bürgermeisterin Jean Quan. (AFP/Reuters/jW)

Wenige Infos aus dem Saal

In Havanna ist die erste Nationalkonferenz der KP Kubas zu Ende gegangen

I n Havanna ist am Sonntag – nach jW-Redaktionsschluß – die erste Nationalkonferenz der Kommuni-

stischen Partei Kubas (PCC) zu Ende gegangen. Im Mittelpunkt der Bera- tungen der 806 angereisten Delegier- ten, die 800 000 Mitglieder vertraten, standen eine Bestandsaufnahme der vom Parteitag im vergangenen April beschlossenen Veränderungen sowie die Diskussion über neue Strukturen innerhalb der eigenen Organisation. »Dies ist kein Treffen von Füh- rungskadern«, hatte Kubas Vizeprä- sident José R. Machado Ventura zum Auftakt der Konferenz erklärt und stolz darauf verwiesen, daß mit 42,7 Prozent Frauen und mit 37,5 Prozent Farbige mehr von diesen an der Be- ratung teilgenommen hätten, als es ihrem Anteil an der Gesamtmitglied- schaft entspricht. Ihre mangelnde Prä-

senz in den Organisationsstrukturen war einer der zentralen Kritikpunkte von Staatspräsident Raúl Castro beim Parteitag gewesen. Im Vorfeld der Konferenz hatte Castro nun vor über- zogenen Erwartungen gewarnt. »Jetzt geht es erst mal um eine innere Ange- legenheit der Partei. Es geht darum, sie zu perfektionieren, denn sie muß in jeder Hinsicht perfekt sein und sich den Zeiten anpassen, in denen wir leben«, sagte Castro. Bereits im April hatte er sich für eine Begrenzung der Amtszeit aller wichtigen Funktio- nen in Partei und Staat auf maximal zehn Jahre ausgesprochen, darunter auch der von ihm selbst bekleideten des Staatspräsidenten und des Ersten Sekretärs des ZK der kubanischen KP. Unklar blieb jedoch, ob sein Vor- schlag direkter Gegenstand der Par- teikonferenz war.

Im Gegensatz zum Parteitag vor neun Monaten berichteten die ku- banischen Medien am Wochenende zunächst auffällig sparsam über den Verlauf der Beratungen. Das Zentral- organ Granma etwa veröffentlichte kaum mehr als einige Protokollnoti- zen. Auch auf den Straßen der ku- banischen Hauptstadt spiegelte sich die Konferenz kaum wider, wie Arleen Rodríguez Derivet, eine Teilnehmerin der Versammlung, im Internetportal Cubadebate vermerkte. Lediglich die traditionellen Fackelmärsche zum 28. Januar, dem Geburtstag des National- helden José Martí, seien zu sehen ge- wesen. »Ich frage mich, ob der Teil der Nation, der nicht im Inneren des Ver- sammlungspalastes sein kann, weiß, was bei der Konferenz passiert«, so Rodríguez.

André Scheer

NachrichteN

Nahost-Gespräche  

erneut gescheitert

ramallah. Israelis und Palästinenser haben sich am Sonntag gegenseitig die Schuld am Scheitern der jüngsten Nahost-Gespräche gegeben. Die Ver- handlungen scheinen inzwischen so festgefahren, daß fraglich ist, ob der gerade erst wieder begonnene Dialog überhaupt fortgesetzt wird. Der palä- stinensische Präsident Mahmud Abbas warf Israel vor, es habe keine konkreten Vorschläge zu Grenzen und Sicherheits- fragen gemacht, wie dies die internatio- nalen Vermittler gefordert hätten. Der israelische Ministerpräsident Benjamin

Netanjahu hielt den Palästinensern vor, sie hätten sich geweigert, auch nur über die israelischen Sicherheitsbedürfnisse

zu reden.

(dapd/jW)

Peru: Tote bei Brand in 

Entzugsklinik

lima. Bei einem Brand in einer privaten Drogenentzugsklinik in der peruani- schen Hauptstadt Lima sind minde-

stens 26 Menschen ums Leben ge- kommen. Wie ein Polizeisprecher dem Radiosender RPP mitteilte, fanden sich viele Patienten vor verschlossenen Türen wieder. Mehrere seien daraufhin aus dem Fenster gesprungen. Die Kli- nik »Christus ist Liebe« ist seit etwa drei Jahren in Betrieb; zum Zeitpunkt des Feuers waren etwa 40 Suchtkran- ke in Behandlung. Nach Angaben von Gesundheitsminister Alberto Tejada besaß sie keine Zulassung. (AFP/jW)

Razzia im  

Bundespräsidialamt

Berlin. Am Donnerstag durchsuchten ein Staatsanwalt und Beamte des Lan- deskriminalamts Niedersachsen das Büro des ehemaligen Sprechers von Bundespräsident Christian Wulff, Olaf Glaeseker, im Bundespräsidialamt. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, Oberstaatsanwalt Hans-Jür- gen Lendeckel, sagte am Sonntag, die Durchsuchung habe mehrere Stunden gedauert. Mitgenommen worden seien Unterlagen und Computerdateien. Er-

mittelt wird gegen Glaeseker und den Partymanager Manfred Schmidt we- gen des Verdachts der Bestechlichkeit im Zusammenhang mit der Veranstal- tung »Nord-Süd-Dialog«. Wulff hatte am 22. Dezember mitgeteilt, daß er sich von Glaeseker getrennt habe. Er- mittler hatten Mitte Januar Glaesekers und Schmidts Büros sowie Privathäu- ser durchsucht.

(dapd/jW)

Barmer GEK streicht 

Hunderte Stellen

Berlin. Die mit 8,6 Millionen Versicher- ten größte deutsche Krankenkasse Bar- mer GEK plant einem Zeitungsbericht zufolge einen Umbau ihrer Hauptver- waltung, dem Hunderte Stellen zum Opfer fallen könnten. Das Umfeld werde härter und die Finanzlage un- sicherer, sagte der seit einem halben Jahr amtierende Vorstandsvorsitzende Christoph Straub der Frankfurter All- gemeinen Zeitung (Montagausgabe) laut Vorabbericht.

(Reuters/jW)

POOL NEW / REUTERS

junge Welt

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

schwerpunkt

3

Welt Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25 schwerpunkt 3

Kriegsflotte im nationalen Interesse: Bei Flugzeugträgern wird nicht gespart, erklärte Verteidigungsminister Leon Panetta auf der USS Enterprice (21. Januar 2012)

Den   Schlächtern dienen

An die Macht und in den Krieg auf dem Rücken der syrischen und iranischen Bevölkerung: Über

das Agieren einiger Linke-Politiker. Erklärung des Bundesarbeitskreises Antimilitarismus und Frieden

ujunge Welt dokumentiert eine 

Stellungnahme des Bundesar-

beitskreises Antimilitarismus und 

Frieden (BAK AuF). Die »Plattform 

gegen (Neo)Imperialismus und Mili-

tarisierung, für Internationalismus 

und Frieden« in der Linksjugend 

[solid’] und dem Studierendenver-

band Die Linke.SDS veröffentlichte 

das Papier Ende vergangener Woche 

in Reaktion auf eine vom BAK Sha-

lom losgetretene Kampagne gegen 

Unterzeichner des Friedensappells 

»Solidarität mit den Völkern Irans 

und Syriens!«.

A ls Karl Liebknecht 1914 dem

deutschen Kaiser und den

Kriegskrediten seine Stimme

verweigerte, war er der einzige Abge- ordnete, der dies im damaligen Reichs- tag tat. Bereits vorher hatten sich die sozialdemokratischen Patrioten offen gezeigt: Nationale Reden signalisierten Unterstützung im »Verteidigungsfalle«, Bebel stimmte der Kostendeckung der Heeresvorlage zu, und die Meinung lin- ker antimilitaristischer Kritiker wurde öffentlich als »Einzelmeinung« von der Parteiführung diffamiert. Schon damals verbreiteten die deutschen Eliten die Mär vom »Verteidigungskrieg«. Von heute aus betrachtet, hätten sie ergän- zen müssen: »zum Schutz des russi-

schen Volkes«. Das hätte den kriegswil- ligen Sozialdemokraten vielleicht den Verrat am eigenen Programm und das Überlaufen noch erleichtert. Liebknechts eigene (sozialdemokra- tische) Fraktion hatte den nationalen Pakt mit der herrschenden Klasse ei- ner klassenkämpferischen Position ge- gen den Krieg und die Unterdrücker im eigenen Land vorgezogen und war schließlich, berauscht von der Anerken- nung durch den einstigen Klassenfeind, in den Krieg gezogen. An die »Sicher- heit« Deutschlands oder an die Solida- rität mit dem angegriffenen Schlächter im russischen St. Petersburg (Petro- grad) verschwendete Liebknecht hinge- gen zu Recht keinen Gedanken. Warum auch? Schließlich sollten die deutschen und die russischen Arbeiter Seite an

Seite gegen ihre herrschenden Klassen kämpfen. Ein Krieg verschlechterte die Kampfbedingungen aber grundlegend. Nun hat jede Analogie ihre Grenzen. Wir gehen nicht davon aus, daß ein An- griff der NATO auf den Iran und/oder Syrien einen Weltkrieg auslöst. Ein Flä- chenbrand wäre aber unvermeidlich. Um diesen Punkt geht es aber in der Debatte um die Antikriegsposition einiger linker Bundestagsabgeordneter auch gar nicht. Die derzeitige Hexen- jagd auf Diether Dehm, Ulla Jelpke, Sevim Dagdelen, Heike Hänsel, An- nette Groth und Eva Bulling-Schröter wegen ihrer Unterschrift unter den Auf- ruf »Kriegsvorbereitungen stoppen! Embargos beenden! Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens!« hat andere Gründe. In einer Zeit der ideologischen und militärischen Mobilmachung für mögliche Angriffskriege à la Irak (Iran) und Libyen (Syrien) ist es nur unter- stützenwert, daß Bundestagsabgeord- nete der Linken sich öffentlich für den Frieden und eine friedliche Beilegung zweier internationaler Konflikte – und damit gegen die imperialistische und kriegsvorbereitende Interessenpolitik Deutschlands und der anderen NATO- Staaten – aussprechen. Sie nehmen das jüngst verabschiedete Parteiprogramm der Linken in diesem Punkt ernst und setzen es praktisch um. Das gemeinsa- me Sperrfeuer der bürgerlichen Medien, des BAK »Shalom« und einiger sozial- demokratischer Linke-Funktionäre ge- gen die sechs ist die konsequente Folge unterschiedlicher Interessen. Die einen kämpfen mit dem Rücken zur Wand gegen den Krieg, die anderen dienen sich den Schlächtern der Feldzüge im Irak, in Pakistan und Afghanistan oder des Gaza-Kriegs an und liefern ihnen die gewünschten Stichworte, um Propa- ganda gegen Kriegsgegner zu machen. Bei möglichen Unzulänglichkeiten und der Kürze des Aufrufes: Anlaß, sich als Linker gegen ihn zu positionieren, hat er inhaltlich nicht geboten. Wer sich in der momentanen Situa- tion nicht solidarisch mit den Genossen zeigt, die den Aufruf unterschrieben haben und sie nicht vor Angriffen in

Schutz nimmt, macht sich gemein mit den bürgerlichen Medien und den re- gierenden Parteien, die sich trotz ihrer Verstrickung in internationalen Waffen- handel, Ölgeschäfte mit Diktatoren und ihrer Ignoranz gegenüber schwersten Menschenrechtsverletzungen durch »verbündete« Diktaturen erdreisten, auf aufrechte Antimilitaristen einzu- schlagen. Weshalb tragen Abgeordnete aus der eigenen Fraktion wie Jan Korte und Dagmar Enkelmann eine Kampa- gne gegen den Aufruf, dessen Inhalt bewußt verkürzt wiedergegeben wird, mit, anstatt sich hinter ihre Genossen zu stellen und sich klar gegen Angriffs- kriege gegen Syrien und den Iran zu positionieren? In der Linken darf man den Krieg gegen Afghanistan ablehnen, in Teilen der Partei den Krieg gegen den Iran aber offensichtlich nicht. Wer sich als Koalitionär bewähren und im Lager der Grünen- und SPD-Wähler fischen will, kann sich dies auch nicht erlauben. Das Großreinemachen in den eigenen Reihen beginnt selbstverständlich mit denjenigen, die den Weg der Aufwei- chung linker Positionen nicht mitgehen wollen. Das Papier, auf dem das Par- teiprogramm niedergeschrieben wurde, ist unterdessen bis zur Regierungsbetei- ligung geduldig. Entscheidend ist die reale Politik. Bei den Grünen war man schließlich auch pazifistisch bis zum Kosovo-Krieg. Daß ein möglicher Krieg gegen den Iran von der NATO vorbereitet wird, ha- ben wir und andere bereits vor Wochen detailliert dargelegt. Daß auch Israel sich daran beteiligt, haben die Main- stream-Medien mehrfach gemeldet. An beidem besteht kein Zweifel. Anders als Korte und Co. stehen die US-ameri- kanischen und israelischen Eliten auch offen zu ihrer »Rote-Linien«-Politik. Ihre Motive sind hinlänglich bekannt und können in den NATO-Papieren nachgelesen werden: Verfügung über ökonomische Ressourcen wie Öl und Gas, die Kontrolle einer geostrategisch bedeutsamen Region, die Entfernung des letzten ernstzunehmenden macht- politischen Widersachers im Nahen

Osten usw. Die sozialdemokratischen Linken lö- sen ihr Ticket für eine Regierungsbetei- ligung und für ihre Akzeptanz bei den deutschen Eliten, indem sie de facto der herrschenden Klasse des Westens für die nächsten Schritte auf dem Weg in einen neuen Krieg Rückendeckung aus der Linken geben. Für jene sind die Schandtaten der Assads, Husseins, Mu- baraks, Schahs, Könige usw. vollkom- men belanglos, solange sie ihr nutzen. Die Leidtragenden von Sanktionen und Kriegspolitik sind erwiesenermaßen eben nicht die Diktatoren, sondern die Bevölkerungen und die Kampffähigkeit linker und progressiver Kräfte in den jeweiligen Staaten. Kriege und die imperialistische Poli- tik der Embargos, Sanktionen usw. hel- fen niemandem außer den herrschen- den Klassen in den USA, Deutschland, Frankreich, Israel usw. Sie sorgen für humanitäre Katastrophen für den Groß- teil der Zivilbevölkerung und schwä- chen progressive und emanzipatorische Kräfte innerhalb der Länder – oder las- sen sie gleich ganz verschwinden. Da- mit wird den westlichen Mächten auch die Chance gegeben, in absehbarer Zeit evtl. ihre nächsten Marionetten zu in- stallieren, die dann freie Hand erhalten, mit allen anderen politischen Bewegun- gen so umzugehen, wie es die Könige in Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait usw. schon seit Jahrzehnten unter Billigung derselben Kräfte tun dürfen, die mo- mentan Menschenrechtsverletzungen im Iran und in Syrien beklagen. Die lin- ke syrische und iranische Opposition, die derzeit (gewollt oder ungewollt) von den Kriegstrommlern als Kron- zeugen herangezogen werden, werden dann das Bauernopfer sein, das sofort erbracht wird, sobald sie den Interessen des Westens nicht mehr nutzen. Für uns gibt es daher auch keine Gründe, der herrschenden Politik nur einen einzigen Millimeter weder mo- ralisch noch politisch über den Weg zu trauen. Wir haben – auch aus der linken – Geschichte gelernt. Der Haupt- feind steht im eigenen Land. Krieg dem Kriege!

MedieNkritik

Von den Realitäten weit entfernt

Der Publizist Jürgen Todenhöfer, 18 Jahre lang Bundestagsabge- ordneter der CDU (bis 1990) und bis 2008 Manager beim Medienkonzern Burda, kriti- sierte in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel in der vergangenen Woche die einsei- tige Berichterstattung über den Konflikt in Syrien. Im November hatte er das Land besucht und auch mit Präsident Baschar Al- Assad gesprochen. »Seitdem glaubt er den westlichen Medien nicht mehr«, so der Tagesspiegel über Todenhöfer. Es sei längst nicht entschie- den, daß der syrische Staatschef am Ende sei. »Es gibt friedliche Demonstrationen gegen, aber auch Demonstrationen für ihn, mit Hunderttausenden Teil- nehmern«, so Todenhöfer. Das Erstaunliche sei: »Beide Seiten treten für Demokratie ein. Die einen rufen ›Assad Demokratie‹, die anderen ›Assad weg‹. Dane- ben gibt es leider auch schwere gewaltsame Auseinandersetzun- gen. Auf der einen Seite Militär und Geheimdienste, auf der anderen bewaffnete Rebellen.« Assad sei »bei einem bemer- kenswert großen Teil der Bevöl- kerung« populärer als hierzulan- de angenommen. »Die westliche Berichterstattung ist von den

Realitäten weit entfernt – wie vor dem Irak-Krieg.« In Syrien gebe es eine beachtliche Mehr- heit, »die sagt, unser eigentliches Problem ist nicht Assad.« Er ver- urteile die Gewalt gegen Zivili- sten »uneingeschränkt«, betonte Todenhöfer. Um die komplexe Situation in Syrien zu verstehen, müsse man aber wissen: »Bei den Getöteten handelt es sich zu einem hohen Prozentsatz um Soldaten, Polizisten, aber auch um Zivilisten, die von bewaffne- ten Rebellen getötet wurden.« In Homs ging Todenhöfer Medienberichten nach über getötete Zivilisten, die sich im konkreten Fall nicht verifizie- ren ließen. »Die Meldung, die Freunde von mir am nächsten Tag nochmals nachrecherchiert haben, war einfach falsch. Al-Dschasira und Al-Arabiya produzieren kampagnenartig Meldungen, immer aus Sicht der Opposition. Und der Westen plappert alles nach.« Assad habe ihm gesagt, De- mokratie sei für Syrien »zwin- gend«, er werde das Land in die Demokratie führen, erklärte To- denhöfer. »Der König von Saudi- Arabien, unser Verbündeter, sagt so etwas nie.« Mittlerweile habe Assad sogar eine Volksabstim- mung über eine demokratische Verfassung für März angekün- digt. Anstatt die Lage weiter anzuheizen, sollte der Westen Assad beim Wort nehmen und verhandeln. »Verhandlungen sind besser als Krieg. Ich möchte nicht noch einmal 50 000 Tote wie in Libyen erleben.« Toden- höfer: »Leider versuchen die USA, die gegenwärtige Situation auszunutzen und einen Mittleren Osten zu schaffen, in dem sie keine Gegner mehr haben. Des- wegen soll Assad weg. Amerika- freundliche Diktatoren dürfen

(rg)

bleiben.«

BJÖRN KIETZMANN

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politik

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

junge Welt

Zitat destages

Wir haben ja auf dem Bundesparteitag im

Dezember wirklich sehr gute Beschlüsse gefaßt.

) (

wir Gutes beschlossen haben, auch den Men- schen näherbringen.

Wir müssen das, was

Hannelore Kraft, Ministerprä- sidentin von Nordrhein-West- falen, am Sonntag im Interview mit Deutschlandfunk zu der Frage, womit die SPD die Bun- desregierung stellen wolle.

Bundeswehrreform 

wird teuer

hamBurg. Dem Bundesfinanz- ministerium ist die geplante Bundeswehrreform von Ver- teidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) zu teuer. Die Pläne verfehlten »das zentrale Ziel«, überzähliges Personal der Bundeswehr kostengünstig abzubauen, rügen die Finanz- beamten in einem Brief an ihre Kollegen, aus dem der Spiegel zitiert. Vorrang müsse die Weiterbeschäftigung der Bundeswehrmitarbeiter im öf- fentlichen Dienst haben. Zudem erschienen den Prüfern aus dem Ministerium von Bundesfinanz- minister Wolfgang Schäuble (CDU) die Regelungen de Mai- zières »widersprüchlich« und ungenau. (dapd/jW)

Antisemitische Hetze 

gegen Piratin

Berlin. Die scheidende politische Geschäftsführerin der Piraten- Partei, Marina Weisband, ist in den vergangenen Monaten wegen ihres jüdischen Glaubens massiv antisemitisch angefein- det worden. Weisband sagte der Zeitung Bild am Sonntag: »Ich habe Haßmails bekommen, auf rechtsextremistischen Websei- ten wurde mein Foto veröffent- licht. Daneben standen Texte darüber, wie die Juden jetzt die deutsche Parteienlandschaft erobern würden.« Weisband will auf dem kommenden Bun- desparteitag nicht mehr für den

Vorstand kandidieren.

(dapd/jW)

SPD-Linke will  

Schröder-Köpf nicht

Berlin. Der linke Parteiflügel der SPD in Hannover will verhin- dern, daß Doris Schröder-Köpf, Ehefrau von Altkanzler Gerhard Schröder, bei der niedersäch- sischen Landtagswahl 2013 für die SPD kandidiert. Wolfgang Denia, Gewerkschafter und Mitglied des Schattenkabinetts bei der vergangenen Wahl, sag- te Bild am Sonntag: »Gott sei Dank gibt es in der Partei im- mer noch genug Leute, für die es nicht ausreicht, die Frau von jemanden zu sein.« Als Beleg führt Denia an, daß Schröder- Köpf für die Kapitalseite im Aufsichtsrat von Karstadt sitze, während die langjährige Ab- geordnete aus dem Wahlkreis, Sigrid Leuschner, ver.di-Ge- werkschafterin sei.

(dapd/jW)

Pfleger   wollen Tarifvertrag

Hamburg: Erzwingungsstreik in Wohnheimen. Streikende sehen Helfersyndrom als eine Ursache

mangelnder Beteiligung. Diskussion mit Kommunalpolitikern in Barmbek. Von Mirko Knoche

D ie guten Samariter sind er- bost. Seit drei Wochen strei- ken Beschäftigte von »Pfle-

gen & Wohnen« in Hamburg für einen Tarifvertrag. Am heutigen Montag versammeln sie sich in einer Sporthal- le im Stadtteil Barmbek und diskutie- ren mit Politikern. Die früher kommu- nalen Pflegeheime wurden 2007 vom damaligen CDU-Senat privatisiert. Die neuen Eigentümer haben danach keine Verträge mehr mit der Gewerk- schaft abgeschlossen. Den tariflosen Zustand wollen die Angestellten nun beenden. Seit dem 9. Januar treten die Pfle- gerinnen und Pfleger turnusmäßig in einzelnen Häusern in den Ausstand, einmal pro Woche werden alle Ein- richtungen gleichzeitig bestreikt. Weil es bislang keine Annäherung mit dem

Unternehmen gab, sollen die ham-

burgweiten Arbeitsniederlegungen ab Februar auf zwei Tage in der Wo - che ausgedehnt werden. Das kündig- te Streikleiter Björn Krings von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im Gespräch mit junge Welt an. Der Arbeitskampf läuft seit Jahresbeginn als unbefristeter Erzwingungsstreik. »Pflegen & Wohnen« hat 1 650 Mitarbeiter. Die beiden Eigentümer, Andreas Franke und Nikolai Burkart, haben zwar mit ver.di über einen Tarif- vertrag verhandelt, die Gespräche aber Ende letzten Jahres abgebrochen. Nun wollen sie die Gehälter per Betriebs- vereinbarung regeln. Krings pocht al- lerdings darauf, daß solche Vereinba- rungen laut Gesetz nur zwischen den Unternehmern und den Gewerkschaf- tern geschlossen werden dürften. Be- triebsräten fehle das dafür notwendige Recht, zum Streik aufzurufen.

Allerdings nehmen an den Ar- beitsniederlegungen gewöhnlich nur wenige Dutzend Beschäftigte teil. Ver.di-Mann Krings führt das auf die Notdienste zurück, die auch an Streik- tagen verpflichtend seien. So würden Schichten mit drei statt fünf Pflege- kräften besetzt. Die übrigen Ange- stellten stünden dagegen vor dem Betriebstor. Anders formulierten das Streikende zu Beginn des Konflikts. Sie beklagten, daß viele Mitarbeiter am »Helfer-Syndrom« litten, also ih- re eigenen Interessen vernachlässig- ten, um sich den Pflegebedürftigen zu widmen. Dieses Problem erkennt auch der Hamburger ver.di-Sekretär Arnold Rekittke. In Krankenhäusern sei die Mobilisierungsfähigkeit der Gewerk- schaft gestiegen, in Pflegeheimen stehe dagegen noch viel Überzeu-

gungsarbeit an. Deshalb versucht ver. di, neben Kampfmaßnahmen über die öffentliche Meinung Druck auf die Betreiber auszuüben. Dazu gehört so- wohl die heutige Debatte mit Landes- politikern, als auch eine Aktion vom letzten Donnerstag. Da protestierten rund 30 Beschäf- tigte der Einrichtung »Leben mit Behinderung« mit einer Mahnwache anläßlich des jährlichen Grünkohles- sen. Weniger als ein Drittel der 1 000 Beschäftigten der Selbsthilfeinrich- tung arbeitet noch zu Bedingungen des Tarifvertrags Länder (TV-L). Die übrigen 700 erhielten nur Dumping- löhne, so Rekittke. Zufrieden war er mit der schwachen Besetzung der Kundgebung nicht. Lege man aber einen Gang zu und die Arbeit nieder, dann wachse erfahrungsgemäß die Beteiligung.

deMo gegeN PoliZeikoNgress uNd MilitarisieruNg eNdet Mit hausstürMuNg

Berlin. Bis zu 1 500 Menschen haben am Samstag in Berlin gegen Militarismus und Polizeigewalt demonstriert. In den näch- sten Wochen wird Berlin zum Schauplatz mehrerer Großveranstaltungen, die sich der Professionalisierung des Repressi- onsapparats widmen: Von 31. Januar bis 2. Februar findet die »International Ur- ban Operations Conference« statt. Aus- gerichtet wird die Veranstaltung von der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik, einer Lobbyorganisation der deutschen Rüstungsproduzenten. Am 14. und 15. Fe- bruar ist die Hauptstadt Gastgeber des 15. Europäischen Polizeikongresses. Unter dem Motto »fight capitalist war – fight capitalist peace« bezogen die Demon- stranten am Wochenende Stellung gegen die Veranstaltungen. Die Demonstration selbst verlief ohne größere Zwischenfälle. Am Abend kam es jedoch nach einer Party im Hausprojekt Rigaer Straße 94 zu einer Stürmung des Hauses durch eine Hundert- schaft der Polizei. In der »Kadterschmie- de« im Erdgeschoss des Hauses fand eine Soliveranstaltung zur Demo statt.

(sc)

des Hauses fand eine Soliveranstaltung zur Demo statt. (sc) Rückkehr nach Abschiebung Vietnamesische Familie

Rückkehr nach Abschiebung

Vietnamesische Familie bekommt nach heftigen Protesten Aufenthaltsrecht

E s ist zumindest für Niedersach- sen ein einmaliger Vorgang: Fast drei Monate nach ihrer Abschie-

bung kehrt die vietnamesische Familie Nguyen nach Deutschland zurück. Sie soll nun ein dauerhaftes Aufenthalts- recht erhalten. Die in der Kleinstadt Hoya leben- de Familie war im November des ver- gangenen Jahres nach 20 Jahren in Deutschland in einer Nacht- und Ne- belaktion abgeschobenen worden – nur die 19 Jahre alte Tochter durfte bleiben. Die Flüchtlinge galten als sehr gut inte-

griert. Die Eltern arbeiteten seit Jahren in einer örtlichen Baumschule. Die drei Kinder wurden in Deutschland geboren und hatten viele Freunde in Hoya. Nach der Abschiebung setzten sich viele Einwohner für eine Rückkehr ein. Der Fall sorgte über die Grenzen Niedersachsens hinaus für Empörung. Oppositionsparteien und Menschen- rechtsorganisationen nahmen die rup-

pige Flüchtlingspolitik von Landesin- nenminister Uwe Schünemann aufs Korn. Der CDU-Politiker verteidigte zunächst die »nach Recht und Gesetz« erfolgte Ausweisung. Der Vater Minh Tuong war 1992 mit aus Vietnam nach Deutschland gekommen, er soll damals einen falschen Namen angegeben ha- ben. Mehrere Gerichte lehnten deshalb ein Bleiberecht ab. Bereits im August 2006 war die Familie von der Abschie- bung bedroht. Damals flüchtete sie sich ein halbes Jahr ins Kirchenasyl. Unter dem Eindruck der Proteste machte Schünemann einen Rück- zieher und erteilte »aus humanitären Gründen« eine Erlaubnis zur Wieder- einreise. Die Rückkehr gestaltete sich zunächst schwierig, weil es in Hanoi, wo die Familie bei Verwandten unter- gekommen war, Probleme bei der Be- schaffung von Reisedokumenten gab. Seit Ende der vergangenen Woche steht der Rückkehrtermin aber fest. Wie der

Kirchenvorstand in Hoya mitteilte, soll die Familie am Dienstag auf dem Flug- hafen Hannover-Langenhagen landen. »Damit geht eine lange Zeit des War- tens zu Ende«, sagt Pastor Andreas Ruh. Mit der Rückkehr der Familie Nguyen werde »auch ein Zeichen gesetzt für andere von Abschiebung bedrohte Fa-

milien in Niedersachsen«. Für die Flug- kosten haben Unterstützer seit Wochen Spenden gesammelt. Eine Delegation aus Hoya will die Rückkehrer am Flug- hafen abholen. Mitschüler der neun- jährigen Esther Nguyen haben schon Willkommensplakate gemalt. Reimar Paul

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Herausgegeben vom Laika-Verlag in Kooperation mit junge Welt

Herausgegeben vom Laika-Verlag in Kooperation mit junge Welt junge W elt Die Tageszeitung

junge W elt

Die Tageszeitung

J ÜRGEN PATZELT

  

junge Welt

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

politik

5

Neonazis 

 unbeeindruckt

Jena genehmigt Sanierungsmaßnahmen für »Braunes Haus«. Rechte machen nach Bekanntwerden der »NSU«-Morde weiter, als sei nichts geschehen. Linke fordert Aufklärung. Von Susan Bonath

E rst am Freitag richtete Thürin-

gens Landtag einen Untersu-

chungsausschuß zur Aufklä-

rung des Neonaziterrors rund um die Morde des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) ein. Das Gremi- um soll nicht nur »behördliches Versa- gen«, sondern auch »das gesellschaft- liche Umfeld der Verbrecher« unter die Lupe nehmen. Gelegenheit dazu könnte es bald auch wieder rund um das »Braune Haus« in Jena geben. In dem ehemaligen Lokal liefen viele Fä- den zwischen der NPD und militanten Kameradschaften wie dem »Thüringer Heimatschutz« (THS) und dem »Frei- en Netz« (FN) zusammen. Auch Ver- bindungen zum »NSU« sind nicht aus- geschlossen. Im Jahr 2009 wurde das Domizil wegen »baulicher Mängel« geschlossen. Doch schon bald könn-

ten die Rechten zurückkommen – mit freundlicher Genehmigung der Stadt. »Die Neonazis bereiten die Wieder- nutzung des Hauses vor«, befürchtet

die Landtagsabgeordnete der Links- partei Katharina König. Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung liegen ihr Informationen vor, »daß die Stadt Sanierungsmaßnahmen geneh- migt hat«. Die Zusage habe nicht ir- gend jemand erhalten: Eigentümer des Objektes ist der rechte Liedermacher Maximilian Lemke. Gemeinsam mit den Neonazis André Kapke und Ralf Wohlleben hatte er es 2002 gepachtet. Für den Thüringer Verfassungsschutz sind alle drei »zentrale Figuren der radikalen rechten Szene«. Wohlleben, zeitweise stellvertretender Landes- vorsitzender und Pressesprecher der NPD Thüringen, nebenher im militan- ten THS aktiv, sitzt zur Zeit als mut- maßlicher Unterstützer der Terrorzelle »NSU« in Untersuchungshaft. Wohlle- bens Freund Kapke hat mehrere Straf- verfahren hinter sich, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung. Er und Lemke stehen ebenfalls im Zu- sammenhang mit der »NSU-Zelle« im

Visier der Ermittler. Überregionales Ansehen in der rech- ten Szene genoß das »Braune Haus« vor allem durch ein von Wohlleben organisiertes Wohnprojekt und regel- mäßige Rechtsrockkonzerte. Weiter- hin versammelten sich dort NPD-Mit- glieder und bekannte Neonazis. Das Haus diente als Schulungsort und An- laufstelle für Nachwuchs. Wohlleben bot außerdem günstigen Serverplatz für die Szene an, auf dem laut Ver- fassungsschutz bis zu einem Drittel aller rechten Webseiten aus Thüringen gelagert haben sollen. Im Jahr 2009 nahm die Staatsanwaltschaft erstmals Ermittlungen auf, nachdem ein ehema- liges NPD-Mitglied öffentlich erklärt hatte, daß dort auch Waffen gelagert würden. Bei späteren Kontrollen wur- den jedoch »nur« Baseballschläger gefunden, wie seinerzeit der MDR Thüringen berichtete. Jenas Behörden begründeten den kurze Zeit später er- lassenen Räumungsbeschluß trotz aller

Erkenntnisse mit nicht eingehaltenen Bauauflagen und bestehender Lebens- gefahr. Antifaschistischen Initiativen zufolge soll es zwischenzeitlich eine Spendensammlung in rechten Kreisen für die Instandsetzung des Hauses zum Zwecke der Wiedernutzung gegeben haben. »Die Neonaziszene zeigt sich von den aktuellen Ereignissen und Dis- kussionen völlig unbeeindruckt und festigt ihre Strukturen«, resümiert König. Symbole und Zeichen gegen rechts zu setzen, sei zwar ein Anfang. »Doch wenn das keine konkreten Fol- gen zur Schwächung von Nazis und Menschenfeindlichkeit hat, wird sich an dem Grundproblem nichts ändern«, warnt sie. Man dürfe nicht vergessen, auch vor der eigenen Haustür auf rech- te Gesinnung zu achten. König hat die Stadt aufgefordert, »die Menschen über die aktuellen Entwicklungen des ›Braunen Hauses‹ detailliert aufzuklä- ren«.

tauseNde deMoNstriereN gegeN rechts iN haMburg, heilbroNN uNd kölN

heilBronn. Unter dem Motto »Kein Platz für Rassismus – Weder in Heilbronn, noch anderswo« sind am Samstag in Heilbronn mehr als 700 Menschen auf die Straße ge- gangen (Foto). In Hamburg demonstrier- ten zeitgleich rund 2 000 Antifaschisten gegen die Morde des »Nationalsozialisti- schen Untergrunds« und die Rolle deut- scher Geheimdienste bei der Vertuschung des Neonaziterrors. In Köln-Kalk hat die Polizei mit einem Großaufgebot einen Aufmarsch von 90 Anhängern der extrem rechten »Bürger- bewegung pro Köln/pro NRW« gegen das Autonome Zentrum (AZ) durchgesetzt. Mit Absperrgittern, Räumpanzern und Wasserwerfern wurde das Gebiet um das Zentrum und die Kalker Hauptstraße abgesperrt. Trotzdem gelang es Antifaschisten

mehrfach, auf die hermetisch abgeriegelte Demonstrationsstrecke zu gelangen. Die Polizei reagierte mit Schlagstöcken und

Pfefferspray.

(jW)

reagierte mit Schlagstöcken und Pfefferspray. ( j W ) Linke-Abgeordneter fordert Akteneinsicht Göttingen:

Linke-Abgeordneter fordert Akteneinsicht

Göttingen: Verfassungsschutz bespitzelt Politiker und Journalisten. Grüne protestieren. Von Kai Böhne

I n den vergangenen Wochen sind in Göttingen zwei außergewöhnliche Fälle von Überwachung durch den

niedersächsischen Verfassungsschutz bekannt geworden. Der Journalist und junge Welt-Autor Kai Budler und der Landtagsabgeordnete Patrick Humke (Die Linke) standen längere Zeit unter Beobachtung. Nun hat sich die Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen im Stadtrat der Forderung von Humke nach Offenlegung seiner Verfassungsschutzakte angeschlossen. Die Aktivitäten Humkes, der zahlreiche Demonstrationen in Göttingen angemel- det hat, werden schon länger verfolgt und registriert. Seit Jahren tauchen er und seine Partei im niedersächsischen Verfassungsschutzbericht auf. Der Ab- geordnete geht davon aus, daß seine Te- lefonate abgehört und seine E-Mails von der Behörde kontrolliert wurden. »Das gehört zu nachrichtendienstlichen Beob-

achtungen dazu«, so Humke. »Die willkürliche Dauerbespitze- lung linker Strukturen aus nicht nach- vollziehbaren Gründen muß ein Ende haben«, forderte nun der Fraktions- vorsitzende Rolf Becker von Bündnis 90/Die Grünen. Das sei erst recht der Fall, wenn die Betroffenen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Funktion mit besonderen Persönlichkeitsrechten aus- gestattet sind. »Der Landtagsabgeord- nete Patrick Humke und der Göttinger Journalist Kai Budler sind nur die zwei prominentesten Göttinger Beispiele für grundlegende Fehlentwicklungen des Verfassungsschutzes in Deutschland«, erläuterte Becker. Geärgert habe ihn in diesem Zusam- menhang vor allem die Äußerungen des Göttinger CDU-Landtagsabgeordneten Fritz Güntzler, der die Verfolgung Hum- kes und der Partei Die Linke kürzlich ausdrücklich begrüßt hat. »Mit seiner

populistischen Pflege alter Feindbilder trägt Güntzler viel zur Polarisierung der Debatte bei, aber leider nichts zur

Lösung gesellschaftlicher Probleme«, heißt es in einer Pressemitteilung der Göttinger Grünen vom Wochenende.

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· Montag, 2. Januar 2012 ·
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2
Campact zieht zur
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rnetkampagnen. Interview
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protestieren
Silvestertag
ostafrikanischen
Land
vorgesehen.
Von Jana
Frie
Wulff bewahrt   

Airlines gegen  

Gewerkschaft

FrankFurT/main. Der Gewerk- schaft der Flugsicherung GdF droht wegen des Arbeitskamp- fes der Fluglotsen im Herbst 2011 eine Schadenersatzklage in Höhe von 3,2 Millionen Eu- ro. Lufthansa, Air Berlin und Ryanair hätten die Klage von einem gemeinsamen Rechtsan- walt vorbereiten lassen, berich- tet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Zwar wurde während des Tarifstreits letzt- lich gar nicht gestreikt, weil der Konflikt mit einer Schlichtung beigelegt wurde. Aber allein wegen der Streikdrohung der Lotsen hätten die Fluggäste massenhaft ihre Buchungen storniert, heißt es dem Blatt zu- folge in der Klageschrift. Eine Lufthansa-Sprecherin bestätigte die Klage. Die Fluglotsenge- werkschaft zeigte sich empört:

»Wenn diese Klage Erfolg hat, dann können wir das Streikrecht in diesem Land gleich ganz abschaffen«, sagte ein GdF- Sprecher dem Blatt.

(dapd/jW)

Bundespolizei GSG 9 

wird aufgerüstet

hamBurg. Die Bundespolizei will einem Bericht zufolge ihre Spezialeinheit GSG 9 aufrüsten, um schneller auf Geiselnahmen im Ausland reagieren zu kön- nen. Zur Vorbereitung solcher Einsätze würden derzeit 16 Hubschrauber vom Typ »Super Puma« gegen Gewehrfeuer ge- panzert, berichtete der Spiegel am Sonntag. Außerdem habe das Bundespolizeipräsidium in Potsdam einen Vertrag mit einem Leipziger Unternehmen geschlossen. Die Firma ga- rantiere den Lufttransport von Hubschraubern, Fahrzeugen, Ausrüstung und Personen an nahezu jeden Ort der Welt innerhalb von 48 Stunden. Möglichkeiten für Einsätze der Spezialeinheit gebe es genug, so das Hamburger Magazin. So versuche der Krisenstab des Auswärtigen Amts derzeit, einen Entführungsfall auf der philippinischen Insel Mindanao aufzuklären. (AFP/jW)

Ramsauers Amigos im 

Verkehrsministerium

hamBurg. Bundesverkehrsmini- ster Peter Ramsauer (CSU) soll einem Spiegel-Bericht zufolge bei Personalentscheidungen in seinem Ministerium Partei- freunde bevorzugt haben. Ram- sauer habe unter anderem wich- tige Unterabteilungsleiterstellen zum Teil ohne Ausschreibung mit Gefolgsleuten besetzt, wie das Magazin am Sonntag be- richtete. Ebenfalls in der Kritik stehe der schnelle Aufstieg einiger Vertrauter des Ministers. Zuvor war bereits Bundesent- wicklungsminister Dirk Niebel (FDP) wegen des Vorwurfs der Parteibuchwirtschaft in seinem Ministerium in die Kritik gera- ten. Das Verkehrsministerium wollte sich laut Spiegel nicht zu den umstrittenen Personalent-

scheidungen äußern.

(AFP/jW)

GUSTAU NACARINO / REUTERS

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politik

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

junge Welt

Slowenien: Jansa 

 Ministerpräsident

ljuBljana. Das slowenische Parla- ment hat am Samstag den bishe- rigen Oppositionsführer Janez Jansa zum neuen Ministerpräsi- denten gewählt. Für den 53jäh- rigen Konservativen stimmten 51 der 90 Abgeordneten, 39 votierten gegen ihn. Obwohl Jansa bei der vorgezogenen Par- lamentswahl am 4. Dezember überraschend nur auf den zwei- ten Platz kam, gelang es ihm, ei- ne Koalition seiner Demokrati- schen Partei Sloweniens (SDS) mit vier weiteren Parteien zu schmieden. Er muß nun binnen zwei Wochen seine Regierung vorstellen. Jansa war bereits von 2004 bis 2008 Regierungschef. (AFP/jW)

Opposition: Senegal 

unregierbar machen

Dakar. In Senegal hat die Oppo- sition mit massivem Widerstand gegen Präsident Abdoulaye Wade gedroht. »Wir werden das Land unregierbar machen«, sagte Amath Dansakho von der Oppositionsgruppe M23 nach einem Treffen mit Vertre- tern politischer Parteien und Zivilgesellschaftsbewegungen am Samstag. Auslöser war die Entscheidung des obersten Gerichts, Wade Ende Februar für eine dritte Amtszeit kandi- dieren zu lassen, obwohl die Verfassung nur eine einmalige Wiederwahl erlaubt. In der Hauptstadt Dakar war es des- halb in der Nacht zum Samstag zu schweren Zusammenstößen zwischen Wade-Gegnern und Sicherheitskräften gekommen, bei denen nach Angaben des Innenministeriums ein Polizist ums Leben kam. M23 nannte die Entscheidung des Gerichts einen »Verfassungsputsch und einen Auftakt zu einem Wahl- putsch«. (Reuters/jW)

Saleh zu Gast  

bei Freunden

new York. Der langjährige jemenitische Präsident Ali Ab- dullah Saleh ist am Samstag zu medizinischen Behandlungen in den USA eingetroffen. Es handle sich um einen kurz- zeitigen Aufenthalt, teilte das Auslandspresseamt des Jemen mit. Mitarbeiter Salehs hatten erklärt, er werde in den USA wegen seiner Brandwunden behandelt, die er bei einem Anschlag im vergangenen Juni erlitten hatte. Saleh hatte den Jemen vor einer Woche in Richtung Oman verlassen und war dann über London weiter in die USA geflogen. Nach monatelangen Protesten hatte Saleh im No- vember seinen Rücktritt im Gegenzug für Immunität zuge-

(dapd/jW)

sichert.

junge Welt verkauft alten Bulli

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»Diebstahl am hellichten Tag«

Südafrikas Gewerkschaftsbund COSATU aktiv gegen Korruption. Von Christian Selz, Kapstadt

N ach monatelanger Planung hat der südafrikanische Gewerk- schaftsbund COSATU am

Donnerstag die Gründung einer Anti- Korruptions-Organisation bekanntge- geben. »Corruption Watch« soll Be- stechungsfälle vor allem in der Regie- rung und öffentlichen Einrichtungen aufdecken und anzeigen. Hauptadres- saten der unabhängigen Institution dürften damit Politiker in den Reihen des regierenden African National Con- gress (ANC) sein, mit dem COSATU in einer Regierungsallianz verbunden ist. ANC-Justizminister Jeff Radebe lobte zwar öffentlich das Engagement des Gewerkschaftsbundes, dennoch ist »Corruption Watch« ein weiteres Signal für die Emanzipation der links- gerichteten Arbeiterorganisation von der in Vetternwirtschaft versinkenden Mutterpartei. COSATU-Generalsekretär Zwe- linzima Vavi ließ in seiner Erklärung zur Gründung der Organisation kein schockierendes Detail aus. Er zitierte

die Zahlen aus dem jüngsten Bericht des obersten Buchprüfers, wonach gan- ze drei der 39 Staatsministerien saube- re Finanzberichte vorlegen konnten. Die Überprüfung deckte insgesamt 20 Milliarden Rand (Zwei Milliarden Eu- ro) nicht autorisierter Ausgaben auf. Andere Schätzungen gehen sogar von drei Milliarden Euro aus, die Südafri- ka jährlich wegen Korruption verliere. Erst kürzlich hatte das Finanzmini- sterium in Pretoria mehrere Länder- ministerien und nahezu die gesamte Provinz Limpopo unter staatliche Ver- waltung gestellt, weil diesen aufgrund versickerter Mittel der Bankrott droh- te. Vavi, der den ANC schon häufiger wegen der Korruption angegriffen und Teile der Parteiführung als »politische Hyänen« bezeichnet hatte, sparte auch die Auswirkungen der Korruptionspla- ge nicht aus. Er erzählte von leidenden Patienten in staatlichen Krankenhäu- sern, die Kekse essen müßten, weil die Zulieferer der Mahlzeiten nicht be- zahlt würden, und von Schulkindern,

die kilometerweit durch gefährliche Buschlandschaften und über Auto- bahnen liefen, weil Geld für Busse veruntreut wurde. »Milliarden Rand werden verschwendet, die für die Ver- besserung unseres Gesundheitswesens und Schulsystems, für die Förderung des Wirtschaftswachstums, Arbeits- platzschaffung und soziale Dienste für unsere ärmsten Gemeinschaften aus- gegeben werden sollten und könnten«, kritisierte der Gewerkschaftschef, der von »Diebstahl am helllichten Tage« sprach. »Das ist eine Kultur, die im kapita- listischen System wächst, aber schnell vom privaten Sektor auf den öffent- lichen Dienst übergreift, wo Unter- nehmen bereit sind, durch Korruption Staatsaufträge zu bekommen. Einige von ihnen werden von den staatlichen Repräsentanten selbst oder durch deren Angehörige geleitet«, so Vavi. Ohne Namen zu nennen griff er auch direkt die ANC-Führung an und sprach von korrupten Politikern, die sich durch

Schmiergelder Unterstützung für ih- re Fraktionen sicherten. »Führungs- kämpfe bewegen sich weg vom Kampf um Ideen hin zum Kampf um die Kon- trolle der öffentlichen Geldbeutel.« »Corruption Watch« soll diese Fälle nun aufdecken. Über eine In- ternetseite und per SMS sollen die Südafrikaner Verdachtsfälle an die Organisation melden, deren Ermittler und Rechtsanwälte die Vorwürfe re- cherchieren, anzeigen und veröffentli- chen. Die Organisation will aber auch selbst recherchieren und vor allem Datensammlungen zusammentragen, die Zeitungsredaktionen helfen sol- len, Korruptionsfälle offenzulegen. Insbesondere das Publikmachen von Bestechungsfällen ist brisant, da der ANC gerade ein Gesetz durchs Par- lament gebracht hat, das Informanten und Journalisten, die als geheim ein- gestufte Staatsinformationen veröf- fentlichen, mit bis zu 25 Jahren Haft bedroht, auch wenn sie so Korrupti- onsfälle aufdecken.

ZehNtauseNde gegeN kürZuNgsPolitik der katalaNischeN regieruNg

Barcelona. In der katalanischen Haupt- stadt Barcelona haben am Samstag Zehn- tausende Menschen gegen den Sozialab- bau in der autonomen Region Spaniens demonstriert. »Nein zu den Kürzungen« stand auf einem großen Spruchband, das den Demonstrationszug anführte.Teilneh- mer trugen Plakate mit der Abbildung eines »Finanzhais« und der Aufschrift »Wir zahlen seine Schulden nicht« (Foto). An dem Protestmarsch, zu dem 200 im Katalanischen Sozialforum zusammenge- schlossene Gruppen, Gewerkschaften und Oppositionsparteien aufgerufen hatten, beteiligten sich Polizisten, Feuerwehrleu- te, Gefängniswärter, Lehrer und Kranken- hausangestellte, die von den Sparmaßnah- men der Regierung besonders betroffen sind. Die Veranstalter sprachen von mehr als 150 000 Teilnehmern. Das katalanische Parlament berät der- zeit über den von der konservativen Re- gierung vorgelegten Haushalt für 2012, der Kürzungen in Höhe von 625 Millionen Euro vorsieht, um das Defizit auf maximal 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu beschränken. (AFP/jW)

zu beschränken. ( A F P / j W ) Golfspielen mit den Gesetzen Kroatien: In Dubrovnik

Golfspielen mit den Gesetzen

Kroatien: In Dubrovnik soll ein Naturschutzgebiet Luxussportanlagen weichen

N ur knapp 44 Prozent der

stimmberechtigten Kroaten

haben sich am 22. Januar an

einem Referendum über den Beitritt zur Europäischen Union beteiligt. Von diesen stimmte eine Mehrheit von 66 Prozent mit Ja. Regierungschef Zoran Milanovic führte die niedrige Wahl- beteiligung auf die Enttäuschung der Bürger mit der Politik zurück. »Die Menschen sind offensichtlich ent- täuscht – das ist eine Botschaft, die der Situation des Landes geschuldet ist, und eine Botschaft an meine Regie-

rung«, sagte er nach der Abstimmung. Wohin der Ausverkauf ihres Landes führt, spüren seit einigen Jahren die Menschen in der Adria-Stadt Dubrov- nik. Auf den Stadtrand-Plateaus Srdj und Bosanka soll ein riesiges Golf- Resort mit Luxuswohnungen, einem Pferdesportzentrum und natürlich

Golfplätzen entstehen. Das Unterneh- men Razvoj Golf Ltd., das mit dem israelischen Investor Aaron Frenkel verbunden ist, hat 2010 viel Druck über die Medien ausgeübt, um die öf- fentliche Meinung von dem Projekt zu überzeugen. Bislang waren die Plateaus kosten- lose Naherholungsgebiete. Um daraus ein abgeriegeltes Resort für reiche Golfspieler zu machen, arbeiteten Inve- storen und Behörden Hand in Hand und übergingen dabei die eine oder andere Formalität. So war der Architekt des Investors gleichzeitig im Namen der Stadt zuständig für die Bearbeitung der Beschwerden gegen die Baupläne. Angeblich soll es ökologische sowie soziodemographische Gutachten zu dem Projekt geben. »Diese Gutachten wurden allerdings nie veröffentlicht«, beschwert sich Djuro Capor von der

Bürgerinitiative »Srdj je nas!« (Srdj gehört uns). »Wir bezweifeln, daß es sie überhaupt gibt.« Capor wirft den Behörden zudem bewußte Täuschung vor, da die Stadt- verwaltung zunächst nur von einer relativ kleinen Baufläche sprach, die letztlich nur zehn Prozent des tatsäch- lichen Projektareals darstellte. Bereits 2006 hat die kroatische Re- gierung beschlossen, das zu bebauen- de Gelände von 100 auf 350 Hektar zu erweitern. Dabei wurde nicht das eigentlich zuständige Regionalparla- ment befragt. Die Verfassungsklagen verschiedener NGOs blieben bislang unbeantwortet. Zudem handelt es sich bei dem Baugelände um ein Na- turschutzgebiet, das laut kroatischer Verfassung nur nach einem Volksent- scheid bebaut werden darf. Der sozi- aldemokratische Bürgermeister Andro

Vlahušić hatte im Wahlkampf verspro- chen, zu dieser Frage eine solche Ab- stimmung einzuberufen. Nach seiner Wahl verweigerte er sie jedoch. Hintergrund der Srdj-Bebauung ist zum einen das »Golf-Gesetz« von 2008, in dem das Bauen von Golfplät- zen zum »nationalen Interesse« Kroa- tiens erhoben wurde. Initiator dieser Bestimmung war der damalige Pre- mierminister Ivo Sanader, gegen den seit Dezember 2010 ein Gerichtsprozeß wegen Korruption läuft. Hintergrund ist aber auch die der Marktwirtschaft innewohnende Logik der Profitmaxi- mierung. Mit der Entscheidung für die Interessen des Investors und gegen die Wünsche der lokalen Bevölkerung im sonst eher konservativen Dubrovnik zeigt die kroatische Regierung, daß sie »fit« ist für die EU. Inge Höger und Carsten Albrecht

AP/VAHID SALEMI

junge Welt

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

politik

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Iran   gibt Kontra

Parlament fordert Stopp der Erdöllieferungen in die EU. Delegation der Internationalen Atomenergiebehörde in Teheran. Von Knut Mellenthin

I ran diskutiert über Reaktionen auf

den von der Europäischen Union

vor einer Woche beschlossenen Öl-

Boykott. Am Sonntag wollte das Parla- ment über ein entsprechendes Eilgesetz beraten, das nach Angaben des stellver- tretenden Vorsitzenden des Energie- ausschusses, Nasser Sudani, aus vier Artikeln bestehen soll. Ein Hauptpunkt ist der sofortige Stopp aller Erdöllie- ferungen in die EU-Länder. Er soll so lange bestehen bleiben, wie die Union an ihrem Boykott festhält. Ein anderer Artikel verpflichtet die Regierung laut Sudani, die Einfuhr von Waren aus al- len Ländern zu verbieten, die Sanktio- nen gegen Iran verhängt haben. In der Parlamentsdebatte könnten sich noch Änderungen am Gesetzentwurf erge- ben, erläuterte er am Sonnabend. Zum Beispiel seien einige seiner Kollegen dafür, die Erdöllieferungen in die EU für mindestens fünf Jahre einzustellen. Die EU hatte am Montag vor einer Woche ein umfangreiches Paket neu- er Sanktionen gegen Iran beschlossen, das unter anderem auch die Beschlag- nahme der Guthaben der iranischen Zentralbank vorsieht. Der Öl-Boykott soll grundsätzlich ab sofort in Kraft treten. Langfristige Verträge müssen bis spätestens zum 1. Juli abgewickelt sein. Dieser Zeitpuffer soll in erster Li- nie Griechenland, Spanien und Italien helfen, die einen überdurchschnittlich starken Anteil ihres Energiebedarfs aus der Islamischen Republik decken. Insgesamt ist die EU am iranischen Öl- Export mit 18 bis 20 Prozent beteiligt. Ob Teheran wirklich schon in dieser Woche seine Öl-Lieferungen in die 27 Mitgliedsstaaten der Union vollständig einstellt, ist allerdings ungewiß. Alle vom Parlament beschlossenen Gesetze können nur in Kraft treten, wenn der Wächterrat sie als verfassungsmäßig anerkennt. Der Sprecher dieses Gremi- ums, Abbas-Ali Kadkhodaei, äußerte

Sprecher dieses Gremi- ums, Abbas-Ali Kadkhodaei, äußerte Ein Demonstrant protestiert am Flug-

Ein Demonstrant protestiert am Flug-

hafen von Teheran gegen den Besuch der 

IAEA-Delegation. Iran wirft der Atom-

behörde vor, Sicherheitslecks verur-

sacht zu haben, in deren Folge mehrere 

Wissenschaftler ermordet wurden. Als 

Täter werden Agenten des israelischen 

Geheimdienstes Mossad vermutet

sich zu dieser Frage eher ausweichend:

»Wir können unsere Meinung nicht be- kunden, bevor wir das Gesetz gesehen haben. Aber der Wächterrat wird jedes Gesetz ratifizieren, das dem Schutz der nationalen Interessen Irans dient.« Maßgebliche iranische Politiker ha- ben sich in den vergangenen Tagen davon überzeugt gezeigt, daß der von der EU beschlossene Boykott deren Mitgliedsländern mehr schaden werde als dem Iran, und daß er praktisch gar nicht durchsetzbar sein werde. Die Hal-

tung der Teheraner Führung zu einem sofortigen Lieferstopp wird vermutlich von der Einschätzung abhängen, ob dieser geeignet ist, die Widersprüche zwischen den EU-Staaten zu verschär- fen, oder ob er eher das Gegenteil er- reichen würde. Das Parlament hat im Kontext des Atomstreits schon mehr- fach radikale Beschlüsse verabschie- det, die dann vom Wächterrat kassiert wurden. Indessen ist am Sonnabend eine hochrangige Delegation der Internatio- nalen Atomenergiebehörde (IAEA) zu dreitägigen Gesprächen im Iran einge- troffen. Sie steht unter der Leitung des stellvertretenden Generaldirektors der UN-Behörde, Herman Nackaerts. Der Delegation gehört auch der Argentinier Rafael Grossi an, der als »rechte Hand« von Generaldirektor Jukija Amano gilt. Während die Iraner den Gästen vor allem ein Besichtigungsprogramm in ihren Atomanlagen bieten wollen, scheint die Delegation ausschließlich an der Festlegung eines Fahrplans für künftige Gespräche über die angebli- che »militärische Dimension« des ira- nischen Atomprogramms interessiert zu sein. Hauptsächlich geht es um eine Verpflichtung der Iraner, den Inspek- toren der IAEA Zugang zu sämtlichen Anlagen, Dokumenten und Personen zu gewähren, an denen sie interessiert sind. Das geht über die Verpflichtun- gen hinaus, die sich aus dem Atom- waffensperrvertrag ergeben, liegt jen- seits der Kompetenzen der IAEA und würde dem Ausspionieren potentieller Ziele für Militärschläge Tür und Tor öffnen. Eine Zustimmung Teherans zu diesen Forderungen ist daher nicht zu erwarten. Grossi setzt allerdings dar- auf, daß man gestützt auf eine so pro- vozierte iranische Ablehnung, Rußland und China doch noch zu einer weiteren Sanktionsresolution gegen Teheran im UN-Sicherheitsrat bewegen könnte.

»Giftigste Luft weltweit«

Regionalwahlen und Umweltschutz: Indische Zentralregierung unter Druck

D er Auftakt zu einer Serie von Wahlen zu Lokalparlamenten in Indien ist am Wochenende

von gewaltsamen Auseinandersetzun- gen überschattet worden. Im nordöst- lichen Bundesstaat Manipur, in dem schon seit Jahrzehnten Rebellengrup- pen aktiv sind, attackierten am Sams- tag militante Separatisten ein Wahl- büro, sieben Menschen kamen dabei ums Leben. Dennoch war die Betei- ligung der Bevölkerung an diesem Votum mit über 80 Prozent außeror- dentlich hoch. Im Frühjahr finden au- ßerdem Wahlen in den Bundesstaaten Uttar Pradesh, Uttarakhand, Punjab und Goa statt. Sie gelten als Test für die Popularität der Kongreßpartei, die den Kern der seit 2009 die Zentralre- gierung stellenden Vereinten Progres- siven Allianz bildet. Die Regierungskoalition muß sich jedoch nicht nur mit den Unruhen in mehreren Staaten auseinandersetzen, sondern auch mit wachsender Kritik an ihrer Umweltpolitik. In einem von der Yale University in den USA auf- gestellten internationalen Ranking der Leistungen zum Umweltschutz (EPI)

liegt Indien nur auf Platz 125 von ins- gesamt 132 analysierten Ländern, die VR China auf Platz 116. Die Studie, die in Kooperation mit der Columbia University und dem Weltwirtschaftsfo- rum in Davos angefertigt wurde, erfaßt eine Reihe von Kategorien wie die Verschmutzung von Wasser und Luft, die Einstellung zum Klimawandel, Ar- tenvielfalt und Forstmanagement. An der Spitze plaziert sind die Schweiz vor Lettland, Norwegen, Luxemburg und Costa Rica, Deutschland liegt auf Platz elf. Das Schlußlicht bildet der Irak, knapp vor Usbekistan und Turk- menistan. Bei der Luftverschmutzung hält Indien sogar die rote Laterne, be- drängt von Nepal, Bangladesch und Pakistan. Die Autoren der Analyse räumen ein, daß es problematisch ist, an Län- der unterschiedlicher ökonomischer Entwicklungsstufen einen einheitli- chen Maßstab anzulegen. Sie schrei- ben: »Die wirtschaftliche Entwicklung spielt eine Rolle. Die Resultate der Umweltgesundheit zeigen ganz beson- ders eine signifikante Beziehung zum Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt, auch

wenn es eine Diversität der Leistung in jeder Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung gibt.« Die Ergebnisse müßten sehr differenziert bewertet werden, denn einige Probleme würden weltweit erfolgreich in Angriff genom- men, während andere Herausforde- rungen, vor allem der Klimawandel, global einen Abwärtstrend offenbaren. Die indischen Medien, beispielsweise The Hindu oder Indian Express, veröf- fentlichten die Ergebnisse der Studie am Wochenende unter alarmierenden Schlagzeilen, wie »Inder atmen die schmutzigste Luft« oder »Giftigste Luft in Indien«. Im Herbst vorigen Jahres hatte es in Neu-Delhi einen weithin bedauer- ten Wechsel an der Spitze des Um- weltministeriums gegeben. Der bis dahin bemerkenswert rührige Minister Jairam Ramesh wurde in das Ressort ländliche Entwicklung versetzt. An die Spitze des Umweltministeriums trat Jayanti Natarajan. Ob sie mit ähnli- chem Nachdruck einen Wandel in In- diens Umweltpolitik anstrebt, konnte bislang nicht festgestellt werden.

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Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

junge Welt

arabische liga gibt Feuer Frei

Saudische Henker

u Von Werner Pirker

A ls die syrische Regierung in der vergangenen Woche einer Verlängerung der

arabischen Beobachtermission bis zum 22. Februar zugestimmt hat- te, hieß es laut westlicher Lesart, Damaskus habe sich dem Druck der Arabischen Liga gebeugt. Nun haben die Beobachter von sich aus ihre Mission beendet. Was nichts anderes bedeutet, als daß sie sich dem Druck der syrischen Oppo- sitionskräfte und ihrer westlichen Hintermänner gebeugt haben. Denn nicht das Baath-Regime hat sich von Beginn an gegen die Vermittlungsbemühungen der Liga und deren Forderung nach einem nationalen Dialog ausgesprochen, sondern die syrische Opposition, die damit die Hauptverantwortung für die Eskalation der Gewalt trägt. Daß die Beobachterdelegation nun auf die Behauptungen jener Seite zurückgreift, die ihr die Legiti- mität abgesprochen hat und das Scheitern ihrer Mission allein auf die anhaltenden Gewaltexzesse der Regierungsseite zurückführt, macht nur ein weiteres Mal die erbärmliche Rolle dieses Staa- tenbundes, die sich zumeist in der Kollaboration der arabischen Reaktion mit dem Imperialismus äußert, deutlich. Es verwundert deshalb auch nicht, daß Saudi-Arabien das erste Land war, das aus der Vermitt- lungsmission ausgestiegen ist. Ihm folgten die illegitimen Ölenklaven des Imperialismus in Gestalt des Golf-Kooperationsrates. Der Rest war nur noch Formsache. Mit der Entscheidung, die Ereignisse in Syrien ihrem gewaltsamen Verlauf

zu überlassen, hat sich die Arabi- sche Liga in die Kriegsfront gegen ein arabisches Land eingereiht. Das hat sie bereits im libyschen Fall getan, als sie der Einrichtung einer Flugverbotszone zustimmte. An der ausländischen Militärin- tervention gegen Libyen haben sich dann auch katarische Truppen beteiligt. Nach dem Ende der ara- bischen »Appeasement-Politik« gegenüber der syrischen Regie- rung, wie Spiegel-Korrespondentin Ulrike Putz, eine der schärfsten aus der deutschen Kriegshetzbrigade die – ohnedies nicht ganz ernst gemeinten – Bemühungen um eine friedliche Lösung des syrischen Konflikts zu bezeichnen beliebt, deutet vieles darauf hin, daß die saudische und Golf-Reaktion den vordersten Stoßtrupp zur militäri- schen Erzwingung eines Regime- wechsels in Damaskus bilden wird. Darauf deute auch der Besuch des Generalsekretärs des Golf-Koope- rationsrates im NATO-Hauptquar- tier hin, wie die Spiegel-Frau voller Vorfreude zu berichten weiß. Mit dem Einmarsch in Bahrein hat Saudi-Arabien seinen Ruf als Hauptmacht der arabischen Kon- terrevolution alle Ehre gemacht. Nun soll das Regime in Damaskus, weil den saudischen Henkern zu brutal, militärisch in die Knie gezwungen werden. Wie eine Be- wegung, die – ob gewollt oder un- gewollt – in der Allianz aus arabi- scher Reaktion und Imperialismus ihren entscheidenden Rückhalt findet, dennoch revolutionär sein kann, müssen die linken Unterstüt- zer der »syrischen Revolution« erst noch erklären.

solibeweguNg destages

Madrids Schaffner

I n Madrid und anderen Städten Spaniens ist bereits seit einiger Zeit die Bewegung »Yo No

Pago« (Ich bezahle nicht) aktiv geworden. Ihre Aktivisten wollen durch symbolische Aktionen ver- hindern, daß sie die von den Banken und Millionären verursachte Krise bezahlen müssen. So rufen sie über Facebook dazu auf, Girokonten bei den Geldinstituten zu kündigen, »denn wenn du kein Konto hast, kann es nicht gepfändet werden«. Wer seine Wohnung verliert, weil er die Hypo- thekenzinsen der Bankkredite nicht bezahlen kann, soll Privatinsolvenz anmelden – »und braucht dann auch keinen Strafbefehl der Nationalpoli- zei mehr bezahlen, den diese für die Beteiligung an einer Demonstration der Empörten ausstellt«. Vor allem aber sollen die Teilnehmer dieser Bewegung darauf verzichten, Fahr- scheine für die Metro zu lösen und stattdessen einfach über die Absper- rungen am Eingang hüpfen.

Unterstützung bekommen die Aktivisten nun offenbar von eini- gen Kontrolleuren der Madrider U-Bahn. Unter der Losung »Yo No Paro« (Ich halte nicht auf) kün- digen diese anonym bleibenden Angestellten an, ab dem 1. Februar keine Schwarzfah- rer mehr kontrollie- ren oder stoppen zu wollen. »Mit dieser Initiative protestie- ren wir gegen die Gehaltskürzungen, die alle Sicherheits- unternehmen dieses Dienstes durchfüh- ren. Sie entlassen die ältesten und teu- ersten Angestellten, streichen Zulagen, mißachten unter- schriebene Abkom- men, respektieren das Arbeitsrecht nicht und stellen billigere Arbeiter

an«, heißt es in einem über Internet verbreiteten Aufruf. Man werde sich weiter um Schutz und Sicher- heit in den Metrostationen und -zügen kümmern, solidarisiere sich aber zugleich mit denen, die durch Schwarzfahren gegen Fahrpreiser- höhungen und Sozialabbau prote-

stieren.

gegen Fahrpreiser- höhungen und Sozialabbau prote- stieren. (scha) »Lobbyverbände klopfen bei uns ständig an die

(scha)

»Lobbyverbände klopfen bei uns ständig an die Tür«

Die Piraten im Berliner Stadtparlament lehnen kostenlose Tickets für

Fußball und Konzerte ab. Ein Gespräch mit Martin Delius

A m Freitag hat die Piraten­ fraktion in Berlin verkün­ det, keine Freikarten vom

Fußballclub Hertha BSC oder der Berliner Philharmonie mehr an­ nehmen zu wollen. Sie haben den Präsidenten des Berliner Abge­ ordnetenhauses gebeten, alle der Fraktion zustehenden Freikarten­ Kontingente an den jeweiligen Veranstalter zurückzugeben. Was bezwecken Sie mit dieser Aktion? Beide Institutionen vergeben Freikar- ten an das Abgeordnetenhaus – ohne daß damit ein repräsentativer Zweck verbunden wäre. Die Piratenfraktion möchte mit der Rückgabe der Karten vermeiden, daß eine wirtschaftliche Verquickung stattfindet. Wir wollen ein Zeichen setzen, daß Abgeordnete – wie jeder andere auch – solche Karten käuf- lich erwerben können, wenn sie Lust haben ein Spiel zu sehen oder ein Kon- zert zu besuchen. Eine andere Sache ist es freilich, wenn Abgeordnete, die im Kultur- oder Sportausschuß sitzen, solche Karten annehmen, um sich eine Meinung zu bilden. Beide Veranstalter werden ja von der Stadt subventioniert. Vermuten Sie ein unmittelbares Interesse der Veranstalter, Abge­ ordnete einzuladen, um sich Sub­ ventionen zu sichern? Das könnte sein, ich möchte das aber nicht unterstellen. Wir verstehen, daß vom Staat subventionierte Einrichtun- gen etwas zurückgeben wollen – aber das sollten Sie dann nicht nur Parla- mentariern angedeihen lassen, sondern auch Bürgern. Sie wollen andere Fraktionen an­ regen, solche Freikarten ebenfalls abzulehnen. Wie haben die dar­ auf reagiert?

abgeschriebeN

Ute Abraham, ehemalige Spreche- rin der Linkspartei in Duisburg, und Hermann Dierkes, Vorsitzender der Ratsfraktion Die Linke in Duisburg, haben am 27. Januar Stephan Detjen, Chefredakteur des Deuschlandfunks, geschrieben:

(…) Wiederholt können wir Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, daß in Sen- dungen Ihres Hauses die Duisburger Linke übel beleumdet wird. In einem Beitrag Ihrer Autorin Dorothea Jung vom 26. Januar um 18.40 Uhr über An- tisemitismus in unserer Gesellschaft wird das Auffinden eines antisemiti- schen Pamphlets mit Holocaust-ver- leugnenden Passagen im April letzten Jahres auf der Internetseite unseres Kreisverbands (Jugendseite) als Bei- spiel für Antisemitismus angeführt. Es handelte sich um ein seit 2006 im Internet kursierendes Pamphlet aus islamistischer Quelle (d. h. von dem inzwischen verbotenen und einge- stellten »Radio Islam«), das unbefugt eingestellt wurde und von dem sich die Linke umgehend distanziert hat. Frau Jung stellt es so dar, als entstam- me das Machwerk der Linken, wir identifizierten uns damit, und es sei bewußt veröffentlicht worden. Das ist

damit, und es sei bewußt veröffentlicht worden. Das ist Martin Delius ist parlamentarischer 

Martin Delius ist parlamentarischer 

Geschäftsführer der Piratenfraktion im 

Abgeordnetenhaus in Berlin

Die SPD-Fraktion hält die Karten zurück und gibt sie noch nicht an die Abgeordneten aus. Da die Karten nach Fraktionsstärke vergeben werden, ist das ein großer Anteil. Die Grünen prü- fen, ob es rechtlich haltbar ist, daß Abgeordnete diese Karten annehmen. Der Wissenschaftliche Dienst des Ab- geordnetenhauses hat die Verteilung von Kartenkontingenten an die Frak- tionen zwar nicht als widerrechtlich, aber als fragwürdig eingestuft. Den Stein des Anstoßes haben unsere Mit- glieder gegeben, die das hinterfragt haben. Motto: Es ist den Berlinerinnen und Berlinern nicht zu erklären, wa- rum Abgeordnete mit VIP-Plätzen und Freikarten beschenkt werden. Welche anderen Erfahrungen haben Sie als Neuparlamentarier bislang gemacht? Sind Lobby­ isten an Sie herangetreten und haben Sie zu luxuriösen Büffets oder anderen netten Dingen ein­ geladen? Das passiert ständig. Freilich gibt es darunter Veranstaltungen, die mit der inhaltlichen Arbeit des Abgeordneten- hauses zu tun haben, was nicht zu hin-

unzutreffend, und wir fordern Sie zur Richtigstellung auf. Ihr Haus und Frau Jung sind nach dem journalistischen Ehrenkodex zu journalistischer Sorgfalt und Fairness verpflichtet. Das ist insbesondere von einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu erwarten. Dazu gehört eine saubere Recherche. Die öffentliche und umgehende Distanzierung von Kreisver- band und Fraktion von diesem Mach- werk, die Tatsache, daß wir umgehend Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt hatten und auch die Erklärung unserer Bundestagsfraktion im vergangenen Jahr anläßlich der »Aktuellen Stunde«, in der der Vorfall herhalten mußte, um die Lin- ke massiv anzugreifen, werden einfach nicht zur Kenntnis genommen. Was hat das mit journalistischer Ethik und rechts- staatlichen Maßstäben zu tun?

Erklärung der Linksjugend [’solid] Hamburg zur Überwachung durch das Hamburger Landesamt für Verfas- sungsschutz:

(…) Mehrere lokale und regionale Me- dien haben in den vergangenen Tagen in Hamburg nicht nur über die Überwa- chung von 27 Linke-Bundestagsabge- ordneten durch den Verfassungsschutz

terfragen ist. Die Ausschüsse schicken Abgeordnete zu Sport- oder Kulturstät- ten, um darüber zu berichten, was dort passiert. Bei uns klopfen Lobbyverbände ständig an die Tür, und überbringen Pamphlete oder teure Drucksachen, die mehr oder weniger interessant sind. Arbeitnehmer-, Unternehmer- oder Lehrerverbände treten an uns heran. Die Piratenfraktion will all das dokumentieren, um für Transparenz zu sorgen. Ansonsten gibt es persön- liche Einladungen an Abgeordnete, zum Beispiel zu Neujahrsempfängen. Kürzlich war ich zu diesem Anlaß auf dem Flughafen bei Berlin Bran- denburg International (BBI). Ich war schon erschrocken, mit wieviel Geld um sich geworfen wird, um Abgeord- nete, Vertreter der Wirtschaft und der Presse dort zu verköstigen. Da gilt es, sich zu fragen, ob das der politischen Meinungsbildung dient. Bei einer solchen Veranstaltung wird ja nicht etwa der geplante Bau des neuen Abschiebeknastes und das Flughafenschnellverfah­ ren gegenüber Asylsuchenden thematisiert – oder? Leider nicht, aber genau das ist das Problem! Zum 300. Geburtstag des »Alten Fritz«, den die Stadt Berlin aus- gerichtet hat, sind wir gar nicht erst hin- gegangen, nachdem wir gehört hatten, daß der Festakt 80 000 Euro gekostet hat. Das finden wir unverhältnismäßig; zumal die Mehrheit im Abgeordneten- haus kürzlich erst einen Antrag der Fraktion Die Linke abgelehnt hat, daß Mitarbeiter der Gedenkstätte Hohen- schönhausen nach Tarif bezahlt wer- den sollen – das hätte 120 000 Euro gekostet. Interview: Gitta Düperthal    

berichtet, sondern auch über die Spio- nage des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz im Landesverband der Partei Die Linke. Dabei stellte sich heraus, daß die Abgeordneten in der Hamburgischen Bürgerschaft und die Partei als Organisation seit 2008 nicht mehr überwacht werden, die Kommu- nistische Plattform und der Jugendver- band Linksjugend [’solid] hingegen schon. Die Anwendung nachrichten- dienstlicher Mittel wollte der Leiter der Behörde nicht ausschließen. »Wenn wir in der Bundesrepublik überwacht werden, weil wir z.B. kon- sequent die Kriege ablehnen, die von deutschem Boden aus geführt werden und weil wir nicht eloquent parlie- ren, sondern unsere Kritik auch in der Praxis zum Widerstand entwickeln, zeigt das nur eines: Der Inlandsge- heimdienst interpretiert die Verfas- sung im Sinne der Herrschenden und wird als Instrument gegen linke Politik eingesetzt«, erklärt Christin Bernhold, Sprecherin der Linksjugend [’solid] Hamburg. »Wir nehmen diese Reakti- on in Kauf und lassen uns nicht davon abhalten, weiterhin für eine Gesell- schaft ohne Kriege und Ausbeutung einzutreten.« ( )

AP

junge Welt

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

kapital

&

arbeit

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Asien wächst weiter 

Von der Krise bisher wenig beeindruckt, verringert die Boomregion den Abstand zu Europa. Spitzenreiter bleibt China, gefolgt von Indien. Von Wolfgang Pomrehn 

W ährend Europa seit Jahren vor sich hinkriselt und die Bundesregierung den An-

schein erweckt, als habe das alles aber auch gar nichts mit der hiesigen Nied- riglohnpolitik und dem chronischen deutschen Handelsbilanzüberschuß zu tun, hat der Internationale Währungs- fonds (IWF) den Kontinent inzwi- schen zum Gefahrenherd für die Welt- wirtschaft erklärt. Olivier Blanchard, ökonomischer Berater des Fonds, hat- te vergangene Woche auf einer Pres- sekonferenz in Washington gewarnt, daß die Probleme Europas die Welt in eine Rezession stürzen könnten. Seine Chefin, die IWF-Direktorin Christine Lagarde, hatte, wie berichtet, nahezu zeitgleich in Berlin eine Wachstums- politik für den Euroraum gefordert. Das war immerhin eine unausgespro- chene Abkehr von 30 Jahren knallhar- ter neoliberaler Politik. Gemeinsam mit der Weltbank hatte der IWF seit der Schuldenkrise der 1980er Jahre allen überschuldeten Ländern, die sich bei ihm Geld borgen mußten, harte Sparmaßnahmen, Privatisierungspro- gramme und drastische Einschnitte bei den öffentlichen Ausgaben auferlegt. Nicht zuletzt während der Asienkri- se 1997/98 führte dies durch das Ab- würgen der Konjunktur zu einer er- heblichen Verschärfung der Krise, die Millionen Menschen in bittere Armut zurückwarf. Anders als die lateinamerikanischen und afrikanischen Länder, die mehrere Jahrzehnte brauchten, um sich von den Eingriffen des IWF zu erholen, schaff- ten die Tigerstaaten Ost- und Südosta- siens dies jedoch im Rekordtempo. Zum einen hatten sie Glück, daß gera- de zu jener Zeit ihre Absatzmärkte in Europa und Nordamerika relativ stark wuchsen. Zum anderen half ihnen das aufstrebende China, das zu einem neu- en Abnehmer ihrer Ausfuhren wurde. Schließlich haben sie in den Folge- jahren auch untereinander ihre Han- delsbeziehungen erheblich ausgebaut. Waren die meisten Staaten der Region Ende der 1990er Jahre noch weitge- hend auf den Warenaustausch mit den alten industriellen Metropolen fixiert, so haben heute zum Beispiel die zehn Mitglieder der südostasiatischen Al- lianz ASEAN ihre Volkswirtschaften schon fast so eng verflochten, wie

ihre Volkswirtschaften schon fast so eng verflochten, wie

China im Jahr des Drachens: Wachstum von acht Prozent prognostiziert

die Staaten der Europäischen Union. Bis 2015 soll nach deren Vorbild eine ASEAN-Gemeinschaft entstehen. Bei den Ökonomen in der Region, im Südosten wie auch im Rest Asiens, abgesehen von Japan, herrscht derweil Optimismus vor. Die nordatlantische Finanzkrise ab 2008 wurde nur als kleine Delle im insgesamt positiven Konjunkturverlauf erlebt. Entspre- chend sagt die Asiatische Entwick- lungsbank (ADB) Asien auch für das neue Jahr noch ein durchschnittliches Wachstum von sieben Prozent voraus. Ausgenommen bleibt dabei allerdings das kriselnde Japan, das noch immer unter den Folgen des Tsunamis vom 11. März 2011 und der Reaktorkatastrophe im AKW Fukushima Daiichi leidet. Gegenüber den Vorjahren sind die

prognostizierten sieben Prozent aller- dings schon eine leichte Abkühlung.

2010 waren Asiens Volkswirtschaften

um beachtliche neun Prozent expan- diert und 2011 immer noch um 7,5

Prozent. ADB-Chef Haruhiko Kuroda sieht in diesem Rückgang die Auswir- kungen der europäischen Finanzkrise. Als Spitzenreiter sieht Kuroda auch

2012 weiter China, dem er ein Wachs-

tum von über acht Prozent zutraut. Der Volksrepublik auf den Fersen folgt in der ADB-Prognose Indien mit sieben bis acht Prozent. Dem Land wurde ja vor einigen Jahren schon prophezeit, es würde demnächst China überho- len, aber davon ist es trotz anhaltend kräftigen Wachstums noch immer weit entfernt. Mit 1 220 US-Dollar beträgt das indische Pro-Kopf-Natio- naleinkommen gerade ein Drittel des chinesischen. Auf Platz drei in Kuro- das Rangliste folgt Indonesien. Dem 240-Millionen-Land traut der Japaner für 2012 ein Wachstum von 6,5 Prozent zu. Der über zahllose Inseln verteil- te Staat hat im letzten Jahrzehnt eine beachtliche Entwicklung durchlaufen. Anders als Indien und China war er Ende der 1990er Jahre hart von der Asienkrise getroffen worden. Die da- mit verbundenen politischen Unruhen hatten aber immerhin den Sturz der Diktatur zur Folge, die die Region in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun- derts peinigte. In Indonesien führte seinerzeit die drastische Abwertung der Landeswäh- rung und die nachfolgenden harten Sparauflagen des IWF zu einem star-

ken wirtschaftlichen Einbruch und der Verelendung einiger Dutzend Millio- nen Menschen. Seit dem Jahr 2000 wächst die Wirtschaft wieder und seit 2004 jeweils um die fünf Prozent pro Jahr oder stärker. Das Pro-Kopf-Natio- naleinkommen liegt, in Kaufkraftpari- täten berechnet, mit 3 720 US-Dollar über dem indischen Wert (3 280) aber unter dem dem chinesischen (6 890). Wie in den anderen beiden Staaten ist der Reichtum allerdings sehr ungleich- mäßig verteilt. 100 Millionen Indone- sier leben noch immer von weniger als 2,5 US-Dollar pro Tag. Außerdem ist der indonesische Erfolg bisher auf Sand gebaut, denn er basiert vor al- lem auf Rohstoffexporten. Doch die schaffen wenig qualifizierte Arbeits- plätze, und die meiste Wertschöpfung geschieht außerhalb des Landes. Wenn die Kohle-, Öl und Erzlagerstätten irgendwann erschöpft sind oder die Preise wieder verfallen, wie im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, dann steht das Exportland vor dem Nichts, wenn es den Reichtum nicht rechtzeitig in seine Industrialisierung investiert hat. Doch davon ist in Indonesien bisher wenig zu sehen.

Ein neues Schlupfloch

Gewerkschaften warnen: Werkverträge werden zum Lohndumping mißbraucht

K urz nach Einführung eines

gesetzlichen Mindestlohns in

der Zeitarbeit warnen Gewerk-

schaftsvertreter vor neuen Schlupflö- chern. Sie kritisieren, daß Arbeitgeber Werkverträge nutzen, um bestehende Regelungen zu unterwandern. »Nach dem Mißbrauch der Leiharbeit suchen viele Arbeitgeber das nächste gesetzli- che Schlupfloch, um weiter Lohndum- ping betreiben zu können«, sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerk- schaftsbunds, Michael Sommer, dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

Vergangene Woche hatten Zollfahn- der bei einer Großrazzia die Räum- lichkeiten der Einzelhandels-Konzerne Netto und Kaufland sowie mehrerer

Partnerfirmen durchsucht. Die Ermitt- ler werfen den Firmen vor, für Lage- risten und Staplerfahrer rechtswidrige Werkverträge abgeschlossen zu haben. Dadurch hätten sie Tariflöhne erheblich unterschritten und Beiträge zu den So- zialversicherungen hinterzogen. Schließt ein Unternehmen einen Werkvertrag, kauft es eine bestimmte Leistung ein, beispielsweise das Ein- räumen von Regalen, das Programmie- ren von Computerprogrammen oder die Kantinenbewirtung. Nach Angaben des Spiegel geht die Dienstleistungsgewerk- schaft ver.di davon aus, daß im Einzel- handel derzeit etwa 120 Subfirmen mit 350 000 Beschäftigten arbeiten. Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft IG

Bau, Klaus Wiesehügel, sagte dem Ma- gazin: »Es gibt in Deutschland kaum noch ein Bau-Unternehmen, das ohne Werkverträge am Markt agiert.« Er wol- le Werkverträge nicht per se verbieten, aber die Kette der Subunternehmen auf höchstens zwei beschränken. Der aktuelle Aufschwung auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist ein Auf- schwung der unsicheren Beschäftigung:

Bei gut 75 Prozent der neuen Arbeits- plätze handelt es sich um Leiharbeit, Minijobs, um befristete Jobs oder Teil- zeitarbeit. Von rund 5 000 Betriebs- räten der IG Metall hatten bereits im vergangenen Jahr rund ein Drittel der Befragten angegeben, daß in ihren Un- ternehmen Werkverträge abgeschlossen

wurden; von diesem Drittel waren sich wiederum 36 Prozent sicher, daß auf diesem Wege Stammarbeitsplätze ab- gebaut werden. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sieht derzeit keinen gesetz- geberischen Handlungsbedarf, setzt bei der Einhaltung von Werkverträgen aber auf bessere Kontrollen. »Wir brauchen mehr Transparenz, damit die Arbeit- nehmer ihre Rechte genau kennen und auch einfordern, aber genauso wichtig sind effektive Kontrollen, damit Arbeit- geber die bestehenden Gesetze einhal- ten«, sagte die CDU-Politikerin dem Magazin. »In beiden Punkten können wir besser werden.«

(dapd/jW)

2012 erneut  

mehr Exporte

hamBurg. Der Deutsche Indu- strie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet auch für dieses Jahr mit steigenden Expor- ten. Die Ausfuhren deutscher Unternehmen sollen 2012 demnach um vier Prozent zu- nehmen, wie aus einer noch un- veröffentlichten Umfrage der Organisation unter 3 200 Un- ternehmen hervorgeht, aus der der Spiegel am Sonntag vorab zitierte. Der Anstieg würde da- mit etwas geringer ausfallen als in den vergangenen zehn Jah- ren mit durchschnittlich knapp sechs Prozent.

(AFP/jW)

Deutsche Bank  

unter Druck

FrankFurT. Wegen der seit länge- rem kritisierten Geschäfte der Deutschen Bank mit Töchtern der zusammengebrochenen deutschen Bank IKB ermittelt einem Magazinbericht zufolge nun auch die mächtige US- Börsenaufsicht SEC gegen das größte deutsche Geldhaus. Der Spiegel berichtete am Sonntag, es gehe dabei um Geschäfte der Bank mit dem Hedgefonds des Investors John Paulson, der als großer Profiteur der Subprime-Krise von 2008 gilt. Die Deutsche Bank erklärte dem Bericht zufolge, sie habe »von verschiedenen Behörden Auskunftsersuchen erhalten«, sei in diesem Zusammenhang aber nicht angeklagt worden. (Reuters/jW)

Bahn will ICE  

geschenkt

Berlin. Die Deutsche Bahn verhandelt mit Siemens über die kostenlose Lieferung eines ICE-3-Zuges als Kompensati- on für die Lieferengpässe des Zugherstellers. Man führe mit dem Hersteller intensive Ge- spräche über den Liefertermin der 16 bei Siemens bestellten ICE-3-Züge, sagte ein Bahn- Sprecher am Sonntag in Berlin auf dapd-Anfrage. »Dabei ist auch über einen möglichen 17. ICE-Zug gesprochen wor- den«, fügte er hinzu. Nach Informationen der Bild am Sonntag aus Kreisen der Bahn AG haben sich Siemens-Chef Peter Löscher und Bahn-Chef Rüdiger Grube bereits auf die Lieferung eines Gratis-ICE im Werte von rund 30 Millionen Euro als Kompensation ver- ständigt.

(dapd/jW)

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auf die Lieferung eines Gratis-ICE im Werte von rund 30 Millionen Euro als Kompensation ver- ständigt.

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junge Welt

u Vortrag, gehalten am 19. Januar 2012 in der ver.di-Mediengalerie im Haus der Buchdrucker in Berlin

D as Thema »Der Feind steht links« variiert eine ältere Dia- gnose, eine Warnung, einen Appell, der lautete: »Der Feind steht rechts«. Der Ruf hat zu sei-

ner Zeit weithin Aufsehen erregt, weil er von einem bürgerlichen Mann gesprochen wurde, einem Reichskanzler und das im Reichstag in einer dramatischen Situation. Die Rede ist von dem Zentrumspolitiker Joseph Wirth (1878– 1956), einem aus der Reihe der nicht so häufig anzutreffenden wehrhaften bürgerlichen Repu- blikaner, der 1922 an die Spitze der Regierung gelangte. Am Tag nachdem Reichsaußenmini- ster Walther Rathenau ermordet worden war, das geschah am 24. Juni 1922, sagte Wirth im Parlament am Schluß seiner Rede, sich dabei den Abgeordneten der Rechten, der Deutschna- tionalen Volkspartei, zuwendend: »Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist

kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!« Der Bundeskanzler, der diese Warnung erneuern würde, und dafür gibt es Gründe seit langem, wird noch gesucht.

* * *

Wer hierzulande eine beliebige Tageszeitung aufschlägt, kann sicher sein, daß er in ihr auf die Begriffe rechts und links stoßen wird, im politischen, meist auch im Sportteil. Die Verortung einer Person, Organisation, Partei oder Regierung, eines Standpunktes oder Pro-

jW-ARCHIV
jW-ARCHIV

Polizeiangriff auf streikende Kohlearbeiter in Berlin-Moabit, 1910 (Gemälde von Werner Zehme)

Der   Feind steht links!

Kontinuitäten deutscher Sichtweisen. Von Kurt Pätzold

gramms mit den beiden Vokabeln gehört zur Alltagssprache, was einschließt, daß über ihre Bedeutung und Verwendung kaum noch tie- fer nachgedacht wird. Jeder glaubt zu wissen, was gemeint ist. Seit längerem scheinen die Begriffe rechts und links allein nicht mehr auszureichen, um eine politische Erscheinung exakt zu bestimmen. »Präzisierungen« kamen in Gebrauch. Unterschieden wird zwischen Liberalen und Linksliberalen, Konservativen und Rechtskonservativen, einem Kabinett der Mitte, einem anderen, das als ein rechtes und einem dritten, das als linkes bezeichnet wird. Dazu gibt es Koalitionen der linken oder der rechten Mitte, eingegangen von entsprechend verorteten Parteien. Die haben meist noch ei- nen rechten und einen linken Flügel. Auch die sogenannten Extremisten werden in Linke und Rechte gesondert. Früher gebräuchliche Kennzeichnungen von Parteien als fortschritt- lich oder reaktionär, revolutionär oder reformi- stisch, bürgerlich, kleinbürgerlich oder prole- tarisch, faschistisch oder antifaschistisch sind nicht völlig verschwunden, doch in die Ge- schichtsbücher verwiesen. Hat sich die Situa- tion auf dem politischen Aktions- und Kampf- feld wirklich so kompliziert?

Ausflug in die Sprachgeschichte

Ursprünglich waren die Begriffe links und rechts in der Politik nicht anzutreffen. Sie sind da eingedrungen. Wer sich in einem etymolo- gischen Wörterbuch kundig macht, wird beim Suchen nach dem Wort links auf das Mittel- hochdeutsche link gewiesen, das in der Ver- wendung von linke Hand nachgewiesen ist. Nachdenklich mag der Hinweis stimmen, daß die entsprechenden Wörter im Englischen, also left, auch lahm, und im Französischen, gauche, auch schwankend bedeuten. Obendrein führt von link ein Weg der Sprachbildung zu linkisch, was ja soviel wie unbeholfen oder ungeschickt bedeutet.

Wer nach dem Begriff rechts fahndet, liest dort: Das Adverb rechts ist der erstarrte Singu- lar des Adjektivs, und recht wiederum besaß dereinst die Bedeutung von richtig und be- sagte, daß der Gebrauch der rechten Hand der Gebrauch der richtigen sei. Damit läßt sich für unsere Zwecke nicht weiter kommen. Zumal:

Daß die rechten Parteien auch die richtigen seien, wird sich nicht nur für Deutschland schwer glaubwürdig machen lassen. Der heutigen Verwendung von links in der Politik gerät auf die Spur, wer sich in die Geschichte der französischen Revolution, der Generalstände und der Nationalversammlung begibt. Als die revolutionäre Phase von der restaurativen abgelöst wurde, konnte die Ge- genrevolution doch das Parlament nicht liqui- dieren. In ihm saßen, vom Präsidenten aus gesehen, die Gegner der Regierung auf der linken Seite. Diese Ordnung bürgerte sich ein. In der deutschen Geschichte ist sie im Frank- furter Parlament anzutreffen. Dabei wandelte sich, was als politisch links angesehen wurde. Ursprünglich wurden damit Gegner der Mon- archie, radikale Republikaner, auch Linksli- berale bezeichnet. Wie sich die bürgerliche Gesellschaft mit ihren sozialen und politischen Fronten ausformte, waren es dann deren Geg- ner, die als Linke bezeichnet wurden. Diese Bedeutung hat sich bis heute erhalten und auch die Platzzuteilung in Parlamenten, wie ein Blick in den Sitzungssaal des Bundesta- ges beweist. Dazu ist eine Kategorisierung ge- kommen, die zwischen parlamentarischer und außerparlamentarischer, gemäßigter, radikaler und extremer Linken unterscheidet. Und links soll, wie in diesen Tagen immer wieder behauptet wird, auch der Feind sitzen oder stehen. Wessen Feind eigentlich? Der des Grundgesetzes, der freiheitlich-demokra- tischen Grundordnung, der Demokratie und alles dessen, was mit diesem bunt schillernden Begriff verbunden werden kann. Zu seiner Be- kämpfung wird offen und verdeckt aufgeru-

fen, er wird zum Verfassungsfeind erklärt, eine Kennzeichnung, die ebenso demagogisch wie juristisch ungedeckt ist. Sie dient zur Recht- fertigung von Maßnahmen der Beobachtung, Überwachung und Isolation. Dem Vorwurf ist mit der bloßen Beteuerung von Verfassungs- treue nicht zu begegnen.

Zweierlei Positionen

Fragen wir zunächst, welche politischen Hal- tungen in dieser bürgerlichen Gesellschaft, das ist die Grundverfaßtheit Deutschlands, über- haupt möglich sind, welche der Bürger, sofern er seinen Platz nicht außerhalb des Feldes der Politik wählt, einnehmen kann. Er kann diese Gesellschaft bejahen, sie für die seinen Inter- essen angemessene betrachten, sie für die beste alle denkbaren halten oder sie auch nur deshalb akzeptieren, weil er eine Alternative entweder nicht für erreichbar oder keine ihm vorstellbare für wünschenswert hält. Diese Haltung bezieht die Mehrheit der Staatsbürger zwischen Saar und Oder. Sie bedeutet nur selten vollständi- ges Einverständnis und ausnahmslose Zufrie- denheit, sondern schließt meist ein, daß die Besserung des Bestehenden als möglich, gar als notwendig erkannt wird. Denn daß das Vor- handene unvollkommen ist, läßt sich nicht gut bestreiten – unvollkommen, wie dem mitunter nachsichtig und entschuldigend hinzugefügt wird, wie eben alles Menschenwerk. Es gibt hierzulande keine politische Partei, nenne sie sich liberal, demokratisch, christlich oder grün, die nicht behauptet, daß ihre Politiker tagaus tagein mit der Verbesserung der gesellschaft- lichen und staatlichen Zustände befaßt sind. Bricht zwischen ihnen Streit aus, wird er um nichts anderes geführt als um den rechten Weg, solche Besserungsmöglichkeiten zu entdecken und zu verwirklichen, also um die Abweisung von Ab- und Irrwegen. Diese Haltung ließe sich mit der eines Reparaturschlossers vergleichen. Doch hinkt der Vergleich, denn ein ehrlicher

Reparaturschlosser sagt seinem Kunden an ei- nem gewissen Punkt doch, selbst wenn ihn das einen Auftrag kostet: Wissen Sie was, Sie brau- chen ein neues Auto. Die entgegengesetzte Haltung ist die der Gegner dieser bürgerlichen Gesellschaft, von Leuten, die sich mit den letztlich auf den Ei- gentumsverhältnissen beruhenden Zuständen der Kapitalherrschaft und der Ausbeutung nicht abfinden wollen und nicht mit deren Fol- geerscheinungen, dem Gegensatz von »Stein- reich« und »Bettelarm«, der schändlichen Ent- lohnung vieler Arbeitsleistungen, der Erwerbs- losigkeit, der Obdachlosigkeit, der Falsch- und Unterernährung, der Armut nicht nur von Alten und Kindern, dem klaffenden Unterschied zwi- schen höchster Bildung und Analphabetismus und jenen vielen anderen sozialen Zuständen, die eine Leporello-Liste ergeben. Nicht, daß sie Veränderungen, die das Leben der »Un- terschichten« momentan erleichtern, in dieser bürgerlichen Gesellschaft für unmöglich hal- ten, nicht, daß sie dafür nicht eintreten und kämpfen würden. Nur lassen sie sich weder einreden, daß auf ihrem Boden ein grundlegen- der Wandel möglich sei, noch weismachen, daß zu bloßen Mißständen herabgestufte soziale Skandalzustände hinzunehmen wären als der zu entrichtende Preis für die überwiegenden Segnungen und Vorteile. Zweierlei liegt auf der Hand: die beiden Haltungen sind unvereinbar, doch schließen sie eine zeitweilige und partielle Kooperation nicht aus, jedenfalls dann nicht, wenn es um die momentane Verbesserung der Lage von Teilen der Bürgerschaft geht. Ebenso klar ist, daß die Verteidiger der bürgerlichen Gesell- schaft in deren Gegnern eine Bedrohung sehen. Also kann es niemanden verwundern, daß sie sich dagegen schützen wollen. Dazu werden je nach dem Grad, in dem diese Bedrohung exi- stiert oder empfunden wird, Kräfte und Mittel eingesetzt. Sie reichen von der ideologischen über verschiedene Formen der politischen und

PM CHEUNG

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juristischen bis zur bewaffneten Auseinander- setzung. In der deutschen Geschichte stehen dafür der Terror der Gegenrevolution, mit der auf den 9. November 1918 geantwortet wurde, und auch der 30. Januar 1933, ein Wechsel in der Staatsform, der sich jedoch nicht auf Herr- schaftssicherung reduzierte.

Denkverbot: Kommunismus

Nichts Vergleichbares droht der bürgerlichen deutschen Gesellschaft heute. Dennoch gibt es über die Dauermobilisierung gegen links hinaus heute spürbare akute Bestrebungen, die vorhandenen Barrieren zu verstärken. Dekla- riert wird, daß jeder Versuch einer grundstür- zenden Veränderung der gesellschaftlichen Zustände unausweichlich bei Hitler oder Stalin enden müsse und im Widerspruch zur Verfas- sung stehe. Die Begründung dieses Vorwurfs nimmt groteske Formen an. So befindet die Regierung von Oberbayern in einem Schrift- satz vom August 2011, der die Organisation VVN – Bund der Antifaschisten mindest in Teilen der Verfassungsfeindlichkeit zeiht, daß das von manchen ihrer Mitglieder vertretene marxistische Verständnis, dem der Faschismus als »eine der denkbaren, möglichen und ver- wirklichten Ausprägungen bürgerlicher Herr- schaft« gilt, den »Ruf nach einer Beseitigung der bürgerlichen Zustände« einschließt. »Die Alternative kann dem ganzen Kontext nach nur Kommunismus heißen.« Infamie? Jedenfalls Dummheit. Als Alternative zur faschistischen Herrschaft, wie sie sich 1935 kriegsdrohend in Deutschland und Italien darstellte, galt eine antifaschistisch-demokratische Friedensord- nung. Das bedeutete gerade den Abschied von der Devise, die den Kommunismus als das nächste strategische Ziel angesehen hatte. Was hier einzig festzuhalten ist: Jedenfalls in Bay- ern gilt ein Bekenntnis zum Kommunismus als verfassungswidrig, wenn nicht als verfassungs- feindlich. Daß dies jedoch nicht nur im Freistaat gel- ten soll, verriet Anfang 2011 die Reaktion, das Wort ist zu schwach: das Alarmgeschrei auf die Teilnahme der Vorsitzenden der Linkspar- tei, Gesine Lötzsch, an einer von der jungen Welt organisierten Debatte, in der nach Wegen zum Kommunismus gefragt wurde. Lassen wir die intellektuelle Verkommenheit beiseite, der beim Wort Kommunismus nichts anderes ein- fällt als Stalin und Pol Pot, sondern nehmen den Kern der Sache. Er besteht in dem Versuch, in Deutschland jetzt und in Zukunft jeden Ver- such zu unterbinden, über eine nachbürgerliche Gesellschaft und denkbare Wege dahin auch nur eine akademische Diskussion zu führen, denn um nichts anderes ging es. Da hinein fügt sich, daß die Gesellschaft der DDR, in und mit der versucht wurde, die kapitalistischen Zustände in die Geschichte zu verweisen, ab- sichtsvoll als kommunistisch bezeichnet wird. Keiner hat das je getan, der an diesem schließ- lich gescheiterten Aufbruch beteiligt war. Die Akteure dieser Antikommunismus- Kampagnen wissen natürlich, daß die von ih- nen ausgemalte Gefahr nicht wirklich droht. Was aber setzt sie dann in Aktion und jüngst in eine erkennbar verstärkte? Das gewachsene Mißtrauen in die Stabilität der gesellschaftli- chen Zustände, ungeachtet der Tatsache, daß die Bundesrepublik verglichen mit ihren eu- ropäischen Partnern die aktuelle Krise des Ka- pitalismus bisher gut überstand, ja sie nutzen konnte, ihre politischen und wirtschaftlichen Positionen zu festigen. Dennoch: Befürchtun- gen, die in den Eliten dieser Gesellschaft exi- stieren, verrieten sich durch vergleichende Be- zugnahmen auf die Wirtschaftskrise der Jahre 1929/30 bis 1932/33. Das tut auch die Reani- mierung von Begriffen wie Kapitalismus, der zeitweilig völlig durch Marktwirtschaft ersetzt war, Finanzkrise, Staatsbankrott und weiteren, die aus Nachrichtensendungen und Fernseh- debatten nicht mehr wegzudenken sind, aber eben noch in den passiven Sprachschatz der Deutschen verwiesen waren. In solcher Situa- tion gilt: Der kluge Mann baut vor. Und in ihr werden die Instrumente der Bekämpfung der linken Kräfte, obgleich die keinerlei Zuge- winn aus der krisenhaften Entwicklung ziehen konnten, immer weniger wählerisch eingesetzt. Im Fokus steht die Partei Die Linke, ungeach-

tet der Tatsache, daß deren Anhängerschaft in eben den Krisenjahren erheblich schrumpfte. Offenbar halten nicht nur deren Mitglieder diesen Prozeß für umkehrbar.

Strategien und Methoden

Um dies zu verhindern, werden mehrere Me- thoden angewendet. Die eine besteht darin, den Charakter dieser Partei wandeln zu helfen

kratie stärken – (Links)Extremismus verhin- dern«. Gesucht wurden jugendgerechte Pro- jekte und Ideen, die »zur Auseinandersetzung mit linksextremen Argumentationen anregen«. Die besten Einsendungen sollten bis zur Zahl 20 mit jeweils 500 Euro prämiert werden. Das ist inzwischen Anfang Dezember 2010 gesche- hen. Träger der Aktion, für die beispielsweise in Brandenburg auch mit einer Postwurfsen- dung Reklame gemacht wurde, war die in Mün-

»Verfassungsschutzberichten« als »ein bedeu- tendes Printmedium im linksextremistischen Bereich« auf. Der Gipfel der Infamie auf der Liste der Attacken gegen den Feind, der links steht, war 2011 mit der Attacke erreicht, die der Links- partei die Förderung des Antisemitismus un- terstellte. Das geschah im Vollbewußtsein, daß es in Deutschland keinen ärgeren politischen Knüppel gibt als eben diesen Vorwurf. Es er-

politischen Knüppel gibt als eben diesen Vorwurf. Es er-

Zum Schutz eines NPD-Aufmarsches vor den Verlagsräumen der jungen Welt bietet die Berliner Polizei fünf Hundertschaften auf (17. Juni 2011)

und zu bewirken, daß sie vollständig den Platz einnimmt, den die sozialdemokratische Partei in einem längeren Prozeß freigemacht hat. Als geeigneter Weg dahin wird angesehen, an die Spitze der Partei Kräfte zu befördern, die den Weg dahin gehen wollen, weil sie ihn als den einzigen ansehen, Einfluß im Staat zu gewin- nen. Würde dieser Kurs eingeschlagen, verlöre die Partei jedenfalls einen Teil ihrer Mitglied- schaft. Es entstünde Aussicht, daß sie sich als Ganze oder Teile von ihr mit der sich noch immer sozialdemokratisch nennenden Partei eines Tages vereint. Der bevorstehende Par- teitag der Linken könnte eine Antwort auf die Frage geben, welche Chance diese Methode hat, den Feind, der links steht, auf diese Weise loszuwerden. Eine andere besteht darin, die Linkspartei zu isolieren, sie gleichsam auf das Niveau einer Sekte herabzustufen. Dazu werden Schreck- bilder eingesetzt. Eines will beweisen, daß es zwischen ihr und politischen Kleingruppen, die pauschal als linksextrem markiert werden, Sympathien und Verbindungen gäbe. Das wie- derum wird mit der These verknüpft, es müsse also auch in dieser Partei selbst linksextreme Ansichten, Personen und Gruppen geben. Da- bei bleibt meist ungesagt oder undefiniert, was unter diesem Linksextremismus eigentlich ver- standen werden soll. Der Begriff wird als ein bloßes Etikett benutzt, das die Funktion des Totenkopfes und der gekreuzten Knochen hat, die sich auf mancher Flasche finden und deren giftigen Inhalt anzeigen. Klarheit will indessen die sich als antikom- munistische Vorkämpferin hervortuende Bun- desministerin Schröder schaffen. Nach ihrem Befund besitzen Linksextremisten »ein ge- schlossenes Weltbild«, das »auf Kosten unserer demokratischen Werte und unserer rechtsstaat- lichen Prinzipien« gehe. Das formulierte sie in einer Empfehlung eines an Schüler gerichteten Aufrufs. Der soll eine Kampagne voranbrin- gen, deren Devise lautet: »Augen auf: Demo-

chen etablierte Stiftung Zeitbild, und das Bun- desministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert sie. Es war ein Zufall, daß dem Unternehmen die Entdeckung des Kerns der Terrorzelle »Nationalsozialistischer Untergrund« in die Quere kam und die Repu- blik jedenfalls einige Zeit sich mit der Frage beschäftigte, wie es der Verfassungsschutz mit der Verhinderung und der Verfolgung von Ver- brechen der Nazis hält. Auf der Schröder-Linie liegt, daß im Januar 2012 in Berlin Pädagogen zu einer Veranstal- tung unter dem Titel »Linksextremismus – eine Herausforderung auch für die Schule?« einge- laden wurden. Zur Teilnahme riefen der Se- nat, Verfassungsschutz und Polizei Lehrer und andere Bildungsarbeiter auf. Einleitend sollte der an der Universität Chemnitz tätige Eckhart Jesse über das Thema »Staats- und Demokra- tieverständnis im Linksextremismus« reden. Daraus ist nichts geworden. Die Veranstaltung fiel wegen zu geringer Beteiligung aus. Es gehört zu dieser Methode, daß das Fa- milienministerium auf Anfrage erklärte: »Die Tageszeitung neues deutschland veröffent- licht gelegentlich ›Beiträge mit linksextre- mistischen Bezügen‹«. Insbesondere werde auf linksextremistische Veranstaltungen hin- gewiesen. Und in einer von diesem Mini- sterium geförderten Broschüre »Demokratie stärken – Linksextremismus verhindern« wer- den junge Welt und ND als »linksextremisti- sche Medien« charakterisiert und zu denjeni- gen gezählt, die Beiträge veröffentlichen, »die kommunistische bzw. anarchistische Weltdeu- tungen« unterstützen und zugleich »gegenläu- fige Nachrichten als ›bürgerlichen Manipula- tionszusammenhang‹« diskreditieren. So wird dem Bundesbürger bedeutet, was er riskiert, wenn er diese Zeitungen abonniert. Er macht sich verdächtig, mit Linksextremisten minde- stens zu sympathisieren, und beschäftigt den Verfassungsschutz. Dessen Bundesamt führt die junge Welt im übrigen jährlich in seinen

leichtert dieses Vorgehen sehr, daß es in dieser Partei selbst eine beständig Lärm schlagende Kleingruppe gibt, die diesen Knüppel gegen die eigenen Genossen schwingt. Keine Gele- genheit wird ausgelassen, jede israelkritische Position unter Verdacht zu stellen, aus Juden- feindschaft geboren und auf die Vernichtung Israels gerichtet zu sein. Daß sich der Vorstand der Linkspartei nicht zu einer prinzipiellen Er- klärung gegen diese Sektierer, die sich jedem Argument gegenüber als verstockt zeigen, hat durchringen können, mag in der Furcht begrün- det sein, sich den Vorwurf der parteiinternen Diktatur zuzuziehen. Nur hat auch diese Zu- rückhaltung ihren Preis. Als der Termin für diese Veranstaltung fest- gesetzt wurde, war nicht abzusehen, daß ein Bundesminister, der für den Verkehr zustän- dige, tags zuvor ankündigen werde, das Denk- mal, das an Karl Marx und Friedrich Engels er- innert, solle aus dem Zentrum Berlins entfernt werden. Der viele empörende Plan bestätigt noch einmal, worum es geht. In Deutschland soll auch die bloße Idee, daß es »hinter« dem Kapitalismus eine andere soziale Ordnung ge- ben könne oder gar werde, getilgt werden. Folglich auch alles, womit an sie und deren Verfechter erinnert wird. Die beiden Denker passen nicht in die Mitte der Hauptstadt eines bürgerlichen Staates, in dem, was heute nicht mehr nur die Linken behaupten, das große Kapital die beherrschende Stellung besitzt und die Richtung der Politik regelt. Der Mini- ster legt so gesehen Konsequenz an den Tag, bis hin zum Vorschlag, das Denkmal auf den Friedhof in Friedrichsfelde zu schaffen. Das ist programmatisch und symbolisch in einem. Wie die Öffentlichkeit der Bundesrepublik auf diesen Vorschlag reagieren wird, nicht nur mit einem Ja oder Nein, sondern argumentativ, das wird mehr über ihren Zustand aussagen als die Debatte darüber, was einem Ministerpräsiden- ten oder einem Staatsoberhaupt erlaubt ist und was nicht.

BRESADOLA/DRAMA-BERLIN.DE

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feuilleton

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junge Welt

Wilder Süden

D as Märchen »Beasts of the Southern Wild« und

die Drogen-Doku »The House I Live In« sind die diesjährigen Gewinner des Sundance-Film- festivals. Der Große Preis bei der Verleihung am Samstag- abend im US-Bundesstaat Utah ging an «Beasts of the Southern Wild» von Benh Zeitlin, einen Streifen voller Phantasiewesen über die Erlebnisse einer Sechs- jährigen. Der Dokumentarfilm »The House I Live In« erzählt vom seit 40 Jahren andauern- den Kampf der USA gegen illegale Drogen, in dessen Zuge Millionen von – meist schwar- zen – Menschen im Gefängnis gelandet sind. Der Grand Prix für den besten ausländischen fiktionalen Film ging an »Vio- leta has Gone to Heaven« des Chilenen Andres Wood, den Preis für die beste ausländische Dokumentation erhielt »The

Law In These Parts« des Israelis

Ra’anan Alexandrowicz.

(AFP)

Stummer Westen

U nd noch ein Preis: Der Franzose Michel Hazana-

vicius ist für seinen Stummfilm »The Artist« mit dem Hauptpreis der Vereinigung amerikani- scher Regisseure ausgezeichnet worden. Der 44jährige setzte sich bei den Directors Guild of America Awards (DGA Awards) in der Kategorie Spielfilm am Samstag unter anderen gegen Martin Scorsese, Woody Allen und David Fincher durch. Haza- navicius geht damit als Favorit in das Rennen um den Oscar für die beste Regie. In den vergan- genen 63 Jahren ist der DGA- Preisträger bis auf sechs Aus-

nahmen auch bei den Academy Awards ausgezeichnet worden.

Die Oscar-Verleihung findet am

26. Februar statt.

(dapd/jW)

Die Mitte

D urchgedrehte Nierentische, wilde Meuten in schwarz-

weiß gestreiften Pullovern, miß- raten klingende Farfisa-Orgeln und Stehtanz bis zum Umfal- len: Wer zufällig in der Mitte Deutschlands wohnt und irgend- wie noch auf die frühen Sech- ziger abfährt, sollte mal in den Frankfurter Ponyhof schauen, der sich dort in der Klappergasse befindet. Da schüttelt nämlich heute Abend die deutsch-franzö- sische Beatband Curlee Wurlee

samt ihrer schicken Sängerin Cécile Musy ihre Hüften und rasselt dazu. Neue Platte heißt »Curlee Wurlee Likes Milk«. Spaß ist garantiert.

(jW)

Samstag, 14. Januar 2012

URANIA-HAUS, Berlin

Samstag, 14. Januar 2012 URANIA-HAUS, Berlin XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz Das jW -Spezial mit den
XVII. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz
XVII. Internationale
Rosa Luxemburg
Konferenz

Das jW-Spezial mit den Beiträgen der Referenten erscheint am Mittwoch, dem 1. Februar.

jW-Spezial inklusive der aktuellen Ausgabe für 1,30 Euro am Kiosk erhältlich. Anzeigenschaltung unter 0 30/53 63 55-39.

D ie Neuköllner Oper hat sich et-

was vorgenommen: Das grie-

chische Drama auf die Bühne

zu bringen. Oder vielmehr, das zeitge- nössische Drama um Griechenland. Um Stücke von Aristophanes oder Sopho- kles geht es der Neuköllner Oper dabei weniger. Ziel sei zum einen nämlich gewe- sen, den momentan gängigen Ressen- timents gegen das hellenische Volk entgegenzuwirken, und zum anderen, einen Überblick über die finanzpoliti- schen Zusammenhänge zu bieten. Die Idee also war: Eine moderne Version der »Aida« zu bringen (ursprünglich ja et- was Ägyptisch-Französisches mit spani- schem Namen und italienischem Autor, nämlich Verdi), auf dem Hintergrund des Finanzkriegs der EU gegen das grie- chische Volk. Aber nicht nur das: Es wurde eine Ko-Produktion griechischer und deutscher Musiker und Regisseure, die die Oper direkt aus ihren konkreten Bedingungen schufen, wie auch im Pro- grammheft im Inszenierungstagebuch, das zwischen Athen, Thessaloniki und Berlin-Neukölln geführt wurde, erzählt wird. Also »Yasou Aida!« statt nur Aida. Verdis Oper handelte ja von der Unter- werfung der Äthiopier durch die nörd- lich angrenzende, siegreiche Großmacht Ägypten, in der drei junge Leute ihre pri- vaten Wünsche gegen dieses System der Unterwerfung entwickelten. »Ein Volk wird unterworfen und vorgeführt, und so fühlen wir uns auch«, so Alexandros Ef- klidis (Idee und Regie). »Eine Figur wie Angela Merkel scheint in unserer Presse wie die Göttin Isis, die letztlich über Ge- deih und Verderb entscheidet.« Aida ist hier also von der Königs- tochter zu einer EU-Praktikantin ge- schrumpft, ein Trainee mit Aufstiegs- wünschen. Radames, der sich dem Krieg verweigert und sich in die Tochter des Feindeskönigs, nämlich Aida, verliebt, wird zu Rainer Mess, einem Mitarbeiter im grauen Anzug. Die Musik ist klas- sisch Verdi mit neu unterlegten Texten. Das gewagte Unternehmen, das mutig die Handlung in einen der neuzeitlichen Politbörsenpaläste verlegt, wo leeres Stroh in englischer Sprache gedroschen wird, leidet aber ein wenig darunter, daß die Neuzeit zu fade für die Gewalt von Verdis Musik ist. Denn wo Leidenschaf- ten musikalisch ausgedrückt werden, sind keine Leidenschaften im Ambiente des Börsentempels spürbar. Die Liebelei zwischen dem Trainee und ihrem Kollegen Rainer Mess ent- behrt jeder Leidenschaft, sie ist nichts, ein Flirt, ein kühler Hotelzimmerabend, eine Handybekanntschaft, die Eifersucht der anderen Frau nichts als Zickenterror,

VonderKönigstochter

zurEU-Praktikantin

Ein Jammer, und dann ein zweiter: »Yasou Aida!« in der Neuköllner

Oper. Von Anja Röhl

»Yasou Aida!« in der Neuköllner Oper. Von Anja Röhl

Kapitalistenschweine und Frau mit Scheck: Bilder einer Vorstellung

kein Vergleich zur Vorlage, die ein klas- sischer, shakespeare-esker Plot ist. Es mag am zugegeben gekonnt karikierten EU-Ambiente mitsamt ihren Barbiepup- pen liegen, aber die Täuschung ist zu echt, es kommt kein Gefühl einer echten Liebe auf, daher auch keine Betroffen- heit über das Unrecht. Natürlich ist es streckenweise witzig, und politisch wer- den viele Wahrheiten über die postko- lonialistische Neuzeit herausgedonnert, gesungen wird auch professionell und schön (besonders der Baß: Arkadios Ra- kopoulos, aber auch die Frauenstimmen bestechen durch kraftvolle und selbstiro- nische Interpretation: Lydia Zervanos, Sopran, Anna Riche, alt), doch leider, leider – inhaltlich ermüdet die Geschich- te.

Die kleine Affäre der Aida, in der sich die ganze große Politik spiegeln soll, schafft es hier eben nicht zu nach- vollziehbarer, fühlbarer Größe. Womit leider auch die politischer Kraft verloren

geht. Mit anderen Worten: Das Stück findet irgendwie nicht zu sich selbst. Vielleicht ist die politische Intention zu sichtbar, zu eindeutig, zu stark dem alten Stück angeklebt. Es gibt zu wenig Dia- lektik, die Handlungen sind zu wenig widersprüchlich, eine wirkliche Span- nung baut sich nicht auf. Die Einheit des Ortes wird übertrieben, alles spielt sich im Konferenzgebäude ab, wo man sich fühlt wie im Raumschiff Orion, es fehlt jeder Bezug zur Realität, die aber doch die wichtigste Rolle hätte spielen müssen. Drei Tage nach der Premiere legt die Neuköllner Oper noch mal nach: Eine Filmvorführung des glänzenden griechi- schen Films »Debtocracy«, ein Film, der dem Phänomen Staatsschulden nach- geht, die als illegitim bezeichnet, belegt und bewiesen werden. Der Film zeigt un- ter anderem, daß die Entschuldung von Staatsschulden immer dann möglich ist, wenn es unseren internationalen Finan-

zoligarchen gefällt, nach kriegerischer Niederwerfung des Iraks und Sadaam Husseins Sturz plus Ermordung, war es den Nachfolgern mit einem Federstrich möglich, in anderen ähnlichen Fällen auch. Ein toller Film, höchstseltsam nur, daß er ausgerechnet von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung präsentiert wurde, die ihn allerdings im beiliegen- den Prospekt als »einseitig« denunziert hat und mit langweilig salbadernden Finanzexperten als Rednern garnierte, die das freie Unternehmertum gegen die Finanzhaie verteidigen wollen und damit dem Modell raffendes und schaf- fendes Kapital das Wort redeten. Schade also, daß die Neuköllner Oper sich zum Steigbügelhalter der absteigenden FDP machen muß. Das hat sie dann doch nicht nötig.

u Yasou Aida!, 2.–5., 9.–12., 16.–19. und 23.–26. Februar, 20 Uhr, Neuköllner Oper, Berlin

Musik Zur uNZeit.wiNter iM NeuroseNtal.VoN reNé haMaNN

W ie negativ ich im Grunde

eingestellt war, wurde mir

erst in der Badewanne klar.

Also, es war das erste Mal, daß wir die Wanne teilten, und wie immer, wenn ich dieser Entspannungstradi- tion nachging, lief Musik – meist aus einem MP3-Spieler, der an alte Com- puterboxen angeschlossen war. Was einen waschechten Badezimmersound machte. Zuerst lief da nämlich »Wrong« von Depeche Mode; dann zufällig irgend- was von The Cure, gefolgt von »Don’t Bother Me« in der Version der Smithe- reens. Selbst grundpositiv klingende Stücke – funky Gitarre, geile Bläser – wie »Why Did You Do It?« von Stretch kamen mir plötzlich auf eine Weise schäbig, defizitär und schal vor. Keine Frage, da sang die Depression. Oder, genauer ausgedrückt: Da spielte sich die Depression ab, die nämlich, die

diese Songauswahl gestaltet hatte. Und diese Depression hatte ja gar nichts mehr mit der jetzigen Situation zu tun – Badewanne, Schaum, Gelieb- te. Eigentlich sollten also die Vögel singen, Engelschöre erklingen, divine Trompeten in Durkaskaden durch ka- thedralische Echokammern schallern. Statt dessen aber Niedertracht, Zweifel und Skepsis in traurigen Gitarrenge- wändern. Ach herrje. Andererseits war es eben immer schon die Depression, oder sagen wir, die depressive Verschiebung, die für den meisten Widerhall sorgte, in mir und um mich herum. Und seien wir ehrlich: Auch die Depression ist ein Gefühl, und das hat meistens mehr zu sagen als die Verzückung, die kann nämlich meistens nicht reden, und wenn, dann faselt sie dummes Zeug. Ich meine, wie viele wirklich gute, das heißt auch auf Textbasis perfekte

Liebeslieder gibt es tatsächlich? Klar, es gibt Phil Spector und Brian Wilson, zwei der größten Traumfabrikanten in Sachen Popmusik, und auf ewig uner- reicht sein werden ihre Smasher »Un- chained Melody« (dargeboten von den Righteous Brothers) und »God Only Knows«. Aber schon John Lennon war eher einer der traurigen Sorte. Zwei Tage später fuhr ich mit dem Mitbewohner zum Baumarkt, Holz- kohlen kaufen. Im CD-Spieler lief sein Lieblingssänger, Frühphase. Wirklich irre Musik, immer streng und knapp an den Vorbildern vorbei, schön eigen- sinnig, dabei aber stets straff: also eine nachgerade auf Ekstase gebügelte Mu- sik, und im Vordergrund dieser Dauer- kokser und Groupieaufreißer mit seinen Kiekslauten und gestöhnten Ausbrü- chen: Richtig, die Rede ist von James Brown. Der soulige James Brown, der auch immer eine Ballade am Start hat

und ansonsten der Musik den Schweiß gibt. Problem für mich nur: Ich glaube ihm kein Wort. Kein einziges. Sein Rumgeschmachte, seine Angraberphra- sen, sein Liebesschmu, Honey: alles ausgedacht. Schlichtweg gelogen. Die Texte von Brown wirken ohne die notwendigen Brüche eben einfach nur schal. »Screaming your heart out/ Your back gets soaking wet/ You know that you used to love him/ And still, you can’t forget (…) Haaa, Baby.« Na, von mir aus. Die nächsten Rük- kenschrubbeinheiten waren ja schon fest versprochen. Obwohl mir Prince, wenn es schon darum geht, halt immer näher lag – der sagte wenigstens frei heraus, was Sache war: »I don’t want to hurt you, baby/ I just want to lay you down.« (»Dirty Mind«). Na ja, vielleicht spricht da aber auch nur mal wieder die Depression aus mir.

MICHAEL KAPPELER/DDP

junge Welt

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

feuilleton

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iMMerhiN, eNde JaNuar schNeits.VoN wiglaF droste

Ganz klar, Berlin wird niemals die Schweiz. Nicht mal die Holsteinische Wenn überhaupt, eine schweinische. Genau: Berlin ist die schweinische Schweiz, geizend mit jedem wahrhaftigen Reiz. Berlin, stets laut, schau und billig und »Fickt-mich!«-breitbeinig-willig, macht immer Getue und großes Gemuhe. Immerhin, Ende Januar schneit’s.

Berlin bleibt Berlin: banal, schmutzig, dumm, unhöflich, lauthals, auch medial niemals stumm. Und schon deshalb strömen Touristen, die öffentlich Bierflaschen fisten, Fuck!, nach Berlin, dem Ziel ihrer Reise mitten hinein ins Klischee. Mein Vermieter, ein Herr Doktor Seiz Der nicht um des Reimes Willen so heißtz, sondern tatsächlich Seiz, schüppt schon Schnee. Denn Ende Januar schneit’s.

Sonntags um fünf, Doktor Seiz schrappt und scharrt, und mir, der nicht mehr im Bette ausharrt, tun nicht nur die Ohrenfell-trommeln weh Auch die Pschysche, gepeinigt, wird Seelengelee. Berlin, diese Stadt wird nie weise. Aber manchmal, für eine halbe Nacht, in märchenhafter und weißer Pracht, liegt sie einfach nur da und ist leise. Bis einer alles zunichte macht. – Immerhin, Ende Januar schneit’s.

alles zunichte macht. – Immerhin, Ende Januar schneit’s. NichtsfürHeidiKlumsOhren Amnesty International beschenkt

NichtsfürHeidiKlumsOhren

Amnesty International beschenkt sich und die Menschheit mit einem Bob-Dylan-Tributalbum.

Von Thomas Behlert

I n diesem Jahr begeht die Men-

schenrechtsorganisation Amne-

reicht wurde, hat 75 Dylan-Songs zu bieten, die von den unterschied- lichsten Künstlern neu interpretiert werden. Neben dem Hauptakteur, der sehr gefühlvoll den Titelsong »Chimes of Freedom« einspielte, sind Musiker dabei, die mit Gesang und Musik gegen so manches Men- schenrechtsgesetz verstoßen. Egal,

zwei Halbwüchsige miteinander sprechen. Sie konnten mit Amnesty International wenig anfangen, mit Dylan schon gar nichts und wollten den Song am liebsten auf dem neuen »Hannah Montana«-Sampler sehen. Schnell vergessen sollte man auch

Sting mit »Girl from the North Coun- try«, das von Mark Knopfler lang- weilig gestaltete »Restless

Farewell« und Seals »Li- ke A Rolling Stone«. Gut, daß hier jeder nur auf Jeff Becks Gitarrenspiel hören wird und so die süßliche, mehr schlecht als recht sou- lige Seal-Stimme verdrän-

gen kann. Heidi Klum hat auch die Ohren voll davon, die Trennung ist veranlaßt. Aber all die anderen Interpretatio- nen sind schweinegut und wunder- bar einmalig. Die alten Haudegen Kris Kristofferson (»Quinn the Es- kimo«), Pete Townshend (»Corrina, Corrina«), Patti Smith (»Drifter’s Escape«), Marianne Faithfull (»Ba- by Let Me Follow You Down«), Eric Burdon, Billy Bragg (»Lay Down Your Weary Tune«), Carly Simon und Brian Ferry singen und musi- zieren in ihrem ureigenen Stil. Sie inhalieren Dylans Songs und präsen-

tieren diese frisch, frei und liebevoll angerichtet. Etwas eigenartig wird es noch einmal mit Jack’s Mannequin und dem ziemlich deformierten »Mr. Tambourine Man«. Hier drehen die Musiker gar mächtig an dem 1965er Hit herum und bringen ihn wie Adele mit »Make You Feel my Love« nur mit Mühe zu Ende. Ganz hervorra- gend und ohne musikalischen Firle- fanz rumpeln die Kracher »Outlaw Blues« von Queens Of The Stone Age, Bad Religions »neue« Punk- Hymne »It’s All Over Now, Baby Blue« und »The Times They Are A- Changin’« von Flogging Molly. Insgesamt ist die von Jeff Ayeroff und Julie Yannatta konzipierte und zusammengestellte Sammlung wohl- gelungen und allen Menschenrecht- lern sehr zu empfehlen. Die große Bandbreite – von Rock, Rap, Folk, Jazz, Blues, HipHop bis Country ist alles vorhanden – zeigt, daß Amne- sty International immer mit Unter- stützung aus allen Richtungen rech- nen kann. Und die wenigen schlech- ten Interpretationen kann Mann und Frau ja beim Anhören wegdrücken.

u V.A.: »Chimes of Freedom«, Dylan-Songs für Amnesty Interna- tional (Universal)

sty International ihr fünfzigjäh-

riges Bestehen. Und mit Musik kann man an dieses Jubiläum am besten

erinnern, dachte sich die mittlerwei- le den Markt beherrschende Firma Universal und bringt ein 4fach-Al- bum mit über 80 Künstlern unter die Leute. Und was lag näher,

als sich bei dem bestens be- kannten Künstler Bob Dylan zu bedienen? Robert Zim- mermann, so sein bürgerli- cher Name, wandte sich in seinen Liedern schon früh gegen soziale Ungerech-

tigkeiten (»The Lonesome Death Of Hatti Carroll«) und setzte sich für Veränderungen ein (»The Times They Are A-Changin’« u.v.a.). Als er dann noch 1965 beim Newport Folk Festival seine Gitarre in einen Verstärker stöpselte, war der Bann gebrochen. Der Meister mit der Nölstimme konnte fortan aktu- elle Themen noch massenwirksamer an die junge Generation herantra- gen. Nun also gratuliert Bob Dylan mit »Chimes of Freedom« heftig der Organisation von Amnesty Interna- tional. Wer übrigens bei Yahoo in dieser Richtung sucht, wird nicht enttäuscht, denn ihm werden vor allem ähnli- che Beiträge präsentiert. So steht da:

»Amnesty fordert ESC-Teilnehmer zum Einsatz für Meinungsfreiheit auf«, aber auch: »Zwölf Frauen und acht Männer kämpfen um Le- nas Nachfolge«. Da befindet sich AI schon auf einem Beobachtungspo- sten, um die bekloppte ARDPRO- SIEBEN-Veranstaltung mit all den Menschen verachtenden Aktionen an den Pranger zu stellen. Recht so. Das Album, das als Geschenk über-

Beim Plattendealer meines Vertrauens hörte ich 

schon zwei Halbwüchsige miteinander sprechen. Sie 

konnten mit Amnesty International wenig anfangen, 

mit Dylan schon gar nichts und wollten »You’re Gon-

na Make Me Lonesome When You Go« am liebsten 

auf dem neuen »Hannah Montana«-Sampler sehen. 

wie die als »Hannah Montana« agie- rende Miley Cyrus, die die weibliche Jugend aller Nationen verführt und veralbert, zu AI steht und zu Spen- den aufruft, man durfte sie einfach nicht zum Singen einladen. So rich- tig schön scheiße und girlie-mäßig vergriff sie sich an »You’re Gonna Make Me Lonesome When You Go«. Da bleibt nicht mehr viel Dylan üb- rig: Es wird gequiekt, musikalisch Party gefeiert, und kleine Mädchen werden verführt. Beim Plattendealer meines Vertrauens hörte ich schon

Tina ModoTTi FoTograFien aussTellung voM 5. Januar bis 16. März 2012 junge W elt •

Tina ModoTTi FoTograFien

aussTellung voM 5. Januar bis 16. März 2012

junge W elt Ladengalerie

Die Tageszeitung

Torstraße 6, 10119 Berlin (Nähe Rosa-Luxemburg-Platz). Öffnungszeiten: Mo.–Do.: 11–18 Uhr; Fr.: 10–14 Uhr, Eintritt: frei.

Abb.: Am Markt in Tehuantepec, Mexico 1929. Sammlung Reinhard Schultz

Der Erstaunliche

E r ist Österreicher, geboren 1981, ein »ungebroche-

ner« Germanistikstudent, der in Salzburg lebt; er liest Carson McCullers und Tho- mas De Quincey; er kommt mit deftigem Wortwitz daher und ist ein ausgekochter Vielschreiber; er seziert die Gegenwart in einer Mischung aus Manie und Panik, und insgeheim hofft man, daß er nicht alles selbst erlebt hat; denn seine Ausführungen wirken realistisch, wo sie skurril sind, und skurril, wo sie realistisch sind; er ver- zichtet auf Geschwafel, auch wenn er manchmal, in seinen Gedichten, nur knapp daran vorbeischrammt; es ist Tatsa- che, daß seine Lyrik zuweilen in Prosaform gedruckt wird; er stellt großartige Texte ne- ben solche, die man nach der Lektüre schnell wieder ver- gißt, und selbst wenn dahinter keine Absicht steckt, ist das trotzdem clever, denn dadurch werden die schärfsten Teile verdaulich gemacht; wer mag schon Sambal Oelek pur! Seine Figuren tragen Na- men wie Gilbert Graupinger, Ewald-der-Gschissene, Josef Hufnagl, Dr. Schoiswohl, Ignaz Wrabl oder Constanze (die »den Akt will«, genauso wie der anonyme Veterinär- medizinstudent, der von der Leiche steigt, »den Penis noch erigiert«) – allesamt Österrei- cher. Das erklärt die Sorte Hu- mor, die ihn antreibt: tiefstes Schwarz. Zuerst zerpflückt er spektakuläre oder profane Si- tuationen, dann verpackt er die Einzelteile in schnittige Para- beln, um diese anschließend im Mörser zwischen Ironie und Bitterkeit aufzureiben, und das macht richtig Spaß! Mit überraschenden Ein- fällen, stemmt sich der Autor gegen das biedere Leben; dabei erringt er so manchen Sieg, einen davon für die Liebe, die auftritt in Gestalt der komplett verrückten Frau, »dick und extrem häßlich«, mit dem dichtesten Damenbart im Universum. Er zelebriert Gesänge, Gesänge, Gesänge, worin sein alter Schulfreund Ewald-der-Gschissene seinen »gigantischen pulsierenden fleischfarbenen Brunzdü- bel« in einen halb verwesten Pferdeschädel rammt; er be- schwört Ekel, Schmerz und Mitgefühl herauf, während er durch die »Scheiße« watet und Kübel voller »Blut, Gedärme, Innereien, Eichelkäse, Men- strualschleim, Kotze« über seiner Leserschaft ausgießt; er schreibt »Gebete an den Alli- gator und die Klimaanlage – Schon wieder Gedichte und Prosa«, erschienen im Chaotic Revelry Verlag zu Köln. Ein opulentes Taschenbuch, 300 Gramm schwer und 264 Seiten stark, ISBN 978-3-9812457-7- 6, für 12.95 Euro zu haben; er heißt Johannes Witek und hat die euphemistische Ansprache auf der Rückseite des Werkes, die ihn zum erstaunlichsten Poeten der Gegenwart erklärt, im Grunde gar nicht nötig.

Kai Pohl 

ARTE FRANCE

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rat

&

tat

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

junge Welt

leserbrieFe

Linkenhaß ist unverändert

u Zu jW vom 27. Januar: »Ballaballa im Bundestag«

Was ist das für eine Freiheit, wenn politisch An- dersdenkende zu Extremisten abgestempelt und vom Bundesverfassungsschutz observiert werden? In einer Demokratie, die wirklich diesen Namen verdient, muß es Parteien und Bürgern gestattet sein, für alternative politische, ökonomische und soziale Ideen zu werben. Daß das bei den Linken ausschließlich mit friedlichen Mitteln der Überzeu- gungskraft geschieht, das sollte inzwischen auch bei den eingefleischtesten Hardlinern in Regierung und Behörden zur Kenntnis genommen werden. In einem Staat, in dem viele Jahre ranghohe Altnazis in höchsten Ämtern zu finden waren, ist Linkenhaß nicht verwunderlich und leider zu einer schlimmen Tradition geworden. Es hat sich nichts geändert:

Wer die Interessen des Großkapitals antastet, wird zum Feind Nr. 1 erklärt. Eine Beschattung von Personen der Linkspartei ist mit dem Verständnis von Freiheit und Demokratie in keiner Weise ge- rechtfertigt und verstößt nach meiner Überzeugung

gegen das Grundgesetz. Jürgen Förster, Dresden

Von wegen »westliche Werte«

u Zu jW vom 26. Januar: »Rückkehr der grünen

Fahne« Es kommt, wie es kommen muß, wenn »Revolu- tionen« vom Ausland gemacht werden. Die ihnen eigenen Bezeichnungen als »bunt, rosig oder auch grün« helfen nicht über den Umstand hinweg, daß die »Rebellen« sehr häufig mit den betroffenen Völ- kern »nichts am Hut« haben; sondern gekaufte Ele- mente westlicher Geheimdienste sind bzw. waren. So wie es sich jetzt in Libyen zeigt, läßt sich diese »Fahne politischen Gangstertums« heute durch alle diese buntfarbigen Revolten und Krawalle, die der westliche Imperialismus seit Wegbrechens seines Gegengewichtes im Osten inszenierte, nachwei- sen. Ob im Kosovo, Irak, Afghanistan, Tunesien,

»Es hat sich nichts geändert: Wer die Interessen des Großkapitals antastet, wird zum Feind Nr. 1 erklärt.«

Ägypten – so auch nun in Libyen –, nirgendwo wur- den »westliche Werte« dauerhaft investiert, sondern andere, wesentlich einfachere Ziele verfolgt. Der ganze Rummel um die »westlichen Werte« dient nur als Rauchvorhang zum Verdecken der eigenen Schweinereien und des ökonomischen Frei- beutertums. (…) Insbesondere sollte der Westen seine Kriegstrompete in Richtung Iran nicht mehr länger blasen; denn hier läßt sich offenbar eine »knallbunte«Revolution nicht so wie in Nordafrika inszenieren und durchführen. Freudenberg, per E-Mail

Gewalt und Geschwafel

u Zu jW vom 25. Januar: »Brutale Aggression« Ekkehard Krippendorf hat in seinem sehr lesens- werten Buch »Krieg und Staat« auch unseren »demokratischen« Staat als »gewaltgestützt« cha- rakterisiert. Die Hauptstützen sind also nach wie vor Militär und Polizei. Vielleicht darf man die Geheimdienste dabei nicht vergessen. Das zeigt sich immer wieder, wenn es Konflikte zwischen Staat und Bevölkerung, aber auch zwischen ver- schiedenen Staaten gibt. Selbst im heutigen Staat scheint wieder die Neigung zu wachsen, Ansprü- che oder Ambitionen gegenüber anderen Staaten gewaltsam durchzusetzen. Erstaunlich ist vor allem, daß der Staat und seine Stützen – entgegen dem Humanitäts- und Menschenrechtsgeschwafel unserer politischen Klassen – oft erheblich brutaler agiert, als die Situationen es selbst aus praktischer Sicht zu erfordern scheint. Das deutet darauf hin, daß hier ein traditionelles Rollenverständnis vorliegt, das keineswegs unserem Verständnis von einem

zeitgemäßen demokratischen und sozialen Staat entspricht, wie auch das Grundgesetz ihn for- dert. (…) Ludwig Schönenbach, per E-Mail

Weniger Energie 

u Zu jW vom 26. Januar: »Der Trabi zeigt den Weg«

Der Artikel enthält einige Fehler, auf die man hin- weisen müßte. So kann eine Brennstoffzelle natür- lich keinen Generator antreiben – hingegen aber die Akkus laden. »Range Extender« wird auch kein E-Motor genannt, er kann aber ein Notstromaggre- gat sein. Auf »Spaß« wird man nicht verzichten müssen, denn im Gegensatz zum Verbrennungsmo- tor erzeugt der E-Motor bereits bei geringen Dreh- zahlen ein hohes Drehmoment und beschleunigt das Fahrzeug ohne Gangwechsel. Durch höheren Wirkungsgrad und Bremsenergierückgewinnung kommt der E-Motor mit weniger Energie aus. Nur mit einem E-Motor kann abgasfrei erzeugte Ener- gie abgasfrei und geräuscharm verbraucht werden! Das Laden der Akkus kann auch durch einen Wech- sel der ganzen Batterie ersetzt werden. (…) Detlef Schröder, per E-Mail

Es braucht eine Reform

u Zu jW vom 24. Januar: »Eher rechtes Men-

schenbild« Man muß sich mit den im Dossier genannten und angegriffenen Genossinnen und Genossen solidarisch erklären – ich tue dies ausdrücklich – und aufs Schärfste jegliche Diffamierungen und Schnüffeleien im Privatleben verurteilen. Die genannten Genossinnen und Genossen zeichnen sich durch politisch kompetente Arbeit und kriti-

sche Reflexion aus. Politische Differenzen müs- sen auch politisch diskutiert werden. Auseinander- setzungen sind konstruktiv zu führen und müssen einen Platz in dieser Partei haben. Wer das nicht akzeptieren und mit Verfassungsschutzmethoden Genossinnen und Genossen zum Schweigen brin- gen will, hat in dieser Partei nichts verloren. Ich fordere vor allem Klaus Ernst und den bayeri- schen Landesverband samt seinem Sprecher auf, sich umgehend mit den namentlich erwähnten Genossen solidarisch zu erklären und sie zu re- habilitieren. (…) Es bedarf einer umfassenden strukturellen Reform im Landesverband, die eine solidarisch-konstruktive Zusammenarbeit wieder möglich macht. (…)  Dieter Braeg, per E-Mail

Bibel statt Manifest

u Zu jW vom 21./22. Januar: Zitat des Tages Kein Denkmal, keine Symbolik und nicht die ge- ringste auch nur positiv scheinende Erinnerung an Sozialismus und DDR läßt den Antikommunis- mus und seine krankhaft eifrigen Verfechter zur Ruhe kommen.Wie das Zitat des Tages von Hu- bertus Knabe verrät, hat es ihnen das Marx-Engels- Denkmal inmitten von Berlin angetan. Man sorgt sich angeblich um die Berlin-Besucher, die sich daran stören könnten oder gar von der Stadt abge- schreckt werden. Gruselkabinett-Direktor Knabe wacht selbstverständlich darüber, daß in der Stadt und im Lande alles verbannt wird, was ideologisch einen kommunistischen Anstrich haben könnte. Ir- gendwie nimmt es peinlichste Züge an. (…) Keinen Knabe und Co. stören alle jene Überreste finsterster militaristischer und faschistischer Tradition, die bis heute in diesem Lande anzutreffen sind und vielfach in Ehren gehalten werden. Als ich jüngst in einem Hotelzimmer meine Utensilien im Nachtschränk- chen verstauen wollte, fiel mir als erstes die Bibel in die Hand. (…) Kann sich irgend jemand daran erin- nern, daß die Hotels der DDR jemals das Kommu- nistische Manifest in die Nachtschränkchen gelegt hätten? Roland Winkler, Remseck

FerNseheN

Nachschlag

Lothar Matthäus/Nikolaus Brender

Neue alte Formate

Lothar Matthäus macht auf »Katze«, bei Vox bekommt der Rekordnational- spieler eine eigene Doku-Soap. »Die Dreharbeiten laufen schon«, verkündet der 50jährige Fußballer in Bild. »Lod- dar« läßt sich in seinem Alltag von Kameras begleiten. Aber: »Sexszenen wird es mit Sicherheit nicht geben«, auch »Dusche und Schlafzimmer sind tabu«. Der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, von der CDU aus dem Amt gemobbt, bekommt bei den Privaten ein Plätzchen. Bei n-tv gibt’s fortan am ersten Donnerstag im Monat den Talk »Bei Brender«. Im Talk wird jeweils ein Gast aus Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft gegrillt. Brender fun- giert als Anchor, der gemeinsam mit jeweils drei weiteren Journalisten Fra- gen stellt. Vorbild ist »Meet the press« (NBC). Wenn auch jW mit interviewen darf, wäre es wirklich was Neues. (rg)

Vorschlag

L.A. Confidential

Als ein Polizist aus dem L. A. Police Department ermordet wird, nimmt des- sen Partner Bud White die Ermittlungen auf. Dabei kommt er einem Zuhälter und der Edelprostituierten Lynn Bracken auf die Spur, mit der er eine Affäre beginnt. Nicht ganz groß verfilmt nach dem Ro- man von James Ellroy.

u Arte, 21.00 

Irak: Das Erbe der Amerikaner

Die irakische Regierung könne sich jetzt selbst verteidigen, sagte US-Vi- zepräsident Joe Biden bei seinem Be- such in Bagdad Ende November 2011. Bis zum 31. Dezember haben fast alle amerikanischen Soldaten das Land verlassen; dann ist der Irak wieder auf sich gestellt. »Selbst entschiedenste Gegner der US-Truppenpräsenz sehen die Zukunft ihres Landes aber mit sehr gemischten Gefühlen«, heißt es bei

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Kto.-Nr. 695495108. Shop/Spendenkonto: 695682100. Druck: Union Druckerei Berlin GmbH. Art-Nr. 601302/ISSN 041-9373.
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Ein Film von Theo Angelopoulos: »Die Ewigkeit und ein Tag«

der ARD. Die Sicherheitskräfte gälten als immer noch zu schlecht ausgebil- det und auch als korrupt. Nach wie vor gibt es Probleme mit Strom und saube- rem Wasser – die ursprünglich vorbild- liche Versorgung des Landes wurde durch jahrelange Sanktionen und die Invasion 2003 zerstört. Rund zwei Mil- lionen Iraker haben aus Angst vor dem

Terror Zuflucht im Ausland gesucht.

Oder wie es bei ARD-Frontmann Jörg Armbruster heißt: Nach wie vor ziehen es viele Iraker vor, im Exil zu leben, im kurdischen Norden, in Jordanien oder selbst in Syrien, weil sie dem Frieden noch nicht trauen. Der Korrespondent war im Dezember nach Bagdad ge- reist, um dort eine Bestandsaufnahme dieses letzten Monats der offiziellen Besatzung zu machen.

u Das Erste, 22.45

Ostprodukte im Westregal

Geschäfte mit der DDR

Die DDR produzierte unzählige Kon- sumgüter – nicht für die eigene Be- völkerung, sondern für den Westen,

den »Klassenfeind«. In Erfurt wurden Schuhe für Salamander gefertigt, in Sachsen Unterwäsche für Schiesser. Im Westen warben Geschäfte und Be- stellkataloge mit preiswerten Kame- ras, Rührgeräten, Kinderwagen und Strumpfhosen. Was viele Konsumen- ten aber nicht wußten: All das kam von den »Brüdern und Schwestern« aus dem Osten – und war dort nur sehr viel teurer oder gar nicht zu bekom- men. Über 6 000 Firmen der Bundes- republik machten Geschäfte mit dem »Klassenfeind«. Die DDR war die ver- längerte Werkbank des Westens, die

Arbeitskräfte waren billig, die Qualität

sehr gut.

u Das Erste, 23.15

Die Ewigkeit und ein Tag

Der Dichter Alexander ist todkrank und bereitet sich auf seine letzte große Reise vor. Er trifft einen albanischen Flüchtlingsjungen und möchte an die- sem sein letztes gutes Werk verrichten. Regisseur Theo Angelopoulos verun- glückte kürzlich tödlich – am Set.

u Arte, 23.15

VeraNstaltuNgeN

Wir können die Welt verändern – Camila  Vallejo kommt nach Saarbrücken! Sie führte in Santiago de Chile von April bis Oktober 2011 die breiten Proteste für ge- sellschaftliche Veränderungen an. Sie wird begleitet von den Vertretern der sozialen Bewegungen Chiles Karol Aida Cariola Oliva und Jorge Andres Murua Saavedra vom Gewerkschaftsverband CUT. Heute, 30.1., 18 Uhr,Vortragssaal der Peter-Imandt- Gesellschaft, Futterstraße 17–19, Saarbrük- ken.Veranstalter: Rosa-Luxemburg-Stiftung Regionalbüro Saarbrücken

Informations- und Diskussionsveranstal-

tung zu den Bildungsprotesten in Chile.  Zwei Studentenvertreterinnen und ein Gewerkschafter aus Chile berichten über ihre Kämpfe und Forderungen für ein sozial gerechtes Bildungswesen. Dienstag, 31.1., 19 Uhr, Uni Hamburg, Hörsaal A, Edmund- Siemers-Allee 1, Hamburg

Es brennt! Wer stoppt Neonazis in Berlin?  Über die Aktivitäten des »Nationalen Wi- derstands«, deren Auswirkungen in Berlin und die Reaktionen der zuständigen Behör- den. Diskussion am Dienstag, 31.1., 19 Uhr, Festsaal Kreuzberg, Skalitzer Straße 130, Berlin.Veranstalter: Antifaschistisches Pres- searchiv und Bildungszentrum e.V., Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V.

Krise und Widerstand in den USA. Matt Kearney, der bei der Parlamentsbesetzung in Wisconsin dabei war, wird auf der Veran- staltung über die Auswirkungen der Krise in den USA, die bisherigen Proteste und die Perspektiven der dortigen Occupy-Bewe- gung berichten. Dienstag, 31.1., 19.30 Uhr, Paradox, Bernhardstraße 10–12, Bremen. Veranstalter: Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen

u Die Adresse für Termine:

termine@jungewelt.de

ARCHIV

junge Welt

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

politisches

buch

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Montag: politisches buch |

Dienstag: betrieb & gewerkschaft

|

Mittwoch: antifa

|

Donnerstag: wissenschaft & umwelt |

Freitag: feminismus |

Samstag: geschichte

Ideale   Opfer

Helmut Ortners Buch über den Fall Sacco und Vanzetti. Von Gerd Bedszent

I n South Braintree, US-Bundesstaat Massachusetts, ereignete sich am 15. April 1920 ein bewaffneter Raub-

überfall auf einen Transport mit Lohn- geldern; zwei Wächter wurden getötet. Ein ähnlicher Überfall war nur wenige Monate zuvor in einer Nachbarstadt gescheitert. Die Auffassung des ermit- telnden Polizeioffiziers: »Leute, die das getan haben, glauben nicht an Gott«, er- wies sich für zwei italienische Migran- ten, die zufällig in Netz der Fahndung geraten waren, als verhängnisvoll.

Helmut Ortner hat in seinem Werk »Sacco und Vanzetti. Zwei Italiener in Amerika. Ein Justizmord« das dama- lige Geschehen gründlich analysiert. Wie konnte es passieren, daß zwei Männer aufgrund fragwürdiger Indi- zien verurteilt wurden, obwohl sie für die Tatzeit sichere Alibis vorweisen konnten? Warum wurden sie hinge- richtet, obwohl die Verteidigung der Staatsanwaltschaft am Ende sogar die wirklich Schuldigen samt hinreichen- der Beweise und dem Geständnis ei- nes Beteiligten präsentierte? Ausgangspunkt von Ortners Buch ist die sozioökonomische Situation in den USA seit Mitte des 19. Jahr- hunderts. Durch den permanenten Zu- strom europäischer Einwanderer wur- de die Entstehung einer starken Ge- werkschaftsbewegung ausgebremst, die zumeist völlig mittellosen und unerfahrenen Migranten ließen sich häufig als Lohndrücker und Streikbre- cher mißbrauchen. Die so entstehende Kluft zwischen einer einheimischen Arbeiteraristokratie und zugewander- ten Hilfsarbeitern machten sich die Unternehmer zunutze, indem sie für Wirtschaftskrisen »übertriebene Lohn- forderungen der Einwanderer« sowie »ausländische Hetzer und Agitatoren« verantwortlich machten. Wie der Autor

und Agitatoren« verantwortlich machten. Wie der Autor

Erst 50 Jahre nach ihrer Hinrichtung rehabilitiert: Nicola Sacco und Bartolomeo 

Vancetti (v.r.)

schreibt, erreichte die gezielt geschür- te Fremdenfeindlichkeit einen Höhe- punkt im Ersten Weltkrieg, wo nach dem Kriegseintritt der USA eine gan- ze Reihe von Gesetzen verabschiedet wurde, die Demokratie und Meinungs-

freiheit deutlich einschränkten. Diese Kampagne hielt lange nach Kriegsen- de immer noch an; regierungskritische Äußerungen reichten in dieser Zeit aus, um als »Roter und Radikaler« ab- gestempelt und deportiert zu werden.

Ortner beschreibt Sacco und Van- zetti, zwei Italiener, die sich auf- grund ihrer sozialen Erfahrungen im gelobten Wunderland USA politisch radikalisiert und der anarchistischen Bewegung angeschlossen hatten, als ideale Opfer, um die politische Linke in die kriminelle Ecke zu stecken. Ein ehrgeiziger Staatsanwalt, ein voreinge- nommener Richter und eine stockkon- servative Jury waren willfährige Werk- zeuge des nachweislich vom FBI und dem Justizministerium gesteuerten Prozesses. Erst im Jahre 1977, fast 50 Jahre nach ihrer Hinrichtung, wurden Sacco und Vanzetti vom Gouverneur des Bundesstaates Massachusetts offi- ziell rehabilitiert. Der Autor nennt zahlreiche Fakten, die den Justizmord zweifelsfrei bele- gen. Er zitiert Auszüge aus Gesetzes- texten, zeitgenössische Presseberich- te, Zeugenaussagen, eidesstattliche Erklärungen, Briefe der beiden Ange- klagten, schildert detailliert die Jahre grauenhafter Ungewißheit im Todes- trakt und die Ignoranz, mit der alle ent- lastenden Schriftsätze immer wieder abgeschmettert und Gnadengesuche abgelehnt wurden. Seine Sympathie gehört eindeutig den beiden Opfern einer erbarmungslosen Klassenjustiz. Trotzdem ist er in seinem Werk um Objektivität bemüht, vermeidet jeden Hinweis auf ähnlich gelagerte Fälle, nennt auch Fehler der Verteidigung und der politischen Linken, die der Staatsanwaltschaft letztlich in die Hände spielten. Ein überaus nützliches Buch. Ob- wohl der Name Mumia Abu-Jamal dar- in nicht ein einziges Mal genannt wird.

u Helmut Ortner: Sacco und Vanzet-

ti. Zwei Italiener in Amerika. Ein Ju- stizmord. zu Klampen Verlag, Springe 2011, 288 Seiten, 28 Euro

Schlapphüte außer Kontrolle

Nordrhein-westfälische Linksfraktion veröffentlicht Broschüre mit scharfer Kritik an Verfassungsschutz

D ie in der vergangenen Woche

von der Linksfraktion im nor-

drhein-westfälischen Landtag

herausgegebene Broschüre »Außer Kontrolle – Wie der Verfassungsschutz die Verfassung bedroht« hat angesichts der Bespitzelung linker Parlamentarier durch den Inlandsgeheimdienst trauri- ge Aktualität. In dem insgesamt 124 Seiten starken Band äußern eine Reihe renommierter Bürgerrechtler und Lin- ker massive Kritik an der Arbeit der Geheimdienste und der ihr zu Grunde liegenden staalichen Extremismus- doktrin. »Während die in der Bundesrepu - blik tätigen sogenannten Verfassungs- schutzämter damit beschäftigt sind, Mitglieder und Funktionsträger der Partei Die Linke sowie fortschrittliche Bewegungen zu bespitzeln, konnte ein neofaschistisches Terrornetzwerk, das sich selbst den Namen ›Nationalsozia- listischer Untergrund‹ (NSU) gab, un- gestört von den Sicherheitsbehörden über mehr als 13 Jahre brandschatzend

und mordend durchs Land ziehen«, kritisieren Bärbel Beuermann und Wolfgang Zimmermann, beide Vorsit- zende der Landtagsfraktion, in ihrem Vorwort und erneuern ihre Forderung nach der sofortigen Abschaltung aller V-Leute und einer Abschaffung des

Verfassungschutzes. Eine Forderung, die auch die linke Bundestagsabge- ordnete Ulla Jelpke in ihrem Beitrag unterstreicht. Neben Anna Conrads, der innenpo- litischen Sprecherin der Linksfraktion, die sich zum verharmlosenden Um- gang der aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen bestehenden Landesregierung mit neofaschistischen Aktivitäten äu- ßert, findet sich in dem Buch, das dem ehemaligen nordrhein-westfälischen KPD-Landtagsabgeordneten Jupp An- genfort gewidmet ist, ein Beitrag von Oliver Schulz, der sich mit den man- gelnden Kontrollmöglichkeit des Lan- desamtes für Verfassungsschutz durch die Linke befaßt. So wird der elfköpfi- gen Fraktion auch fast zwei Jahre nach der Landtagswahl noch immer ein Sitz im Parlamentarischen Kontrollgremi- um verweigert.

ein Sitz im Parlamentarischen Kontrollgremi- um verweigert. Florian Osuch setzt sich hinge- gen mit den vom

Florian Osuch setzt sich hinge- gen mit den vom Verfassungsschutz in Millionenauflage verbreiteten »Andi«-Comics auseinander, mittels derer Schüler vor »Links- und Rechts- extremisten« sowie »Islamisten« gewarnt werden sollen. Während El- ke Steven vom Komitee für Grund- rechte und Demokratie in einem In- terview ein düsteres Bild bezüglich der Grund- und Freiheitsrechte in Deutschland zeichnet, warnt Ulrich Sander, einer der Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Na- ziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), vor der zunehmenden zivilmilitärischen Zusammenarbeit zwischen Geheimdiensten, Polizei und Bundeswehr. Der Rechtsanwalt Dr. Rolf Gössner, der rechtswidrig über mehrere Jahr- zehnte hinweg vom Verfassungsschutz überwacht wurde, übt scharfe Kritik an Forderungen nach einem NPD- Verbot und wirft dabei unter anderem die Frage auf, ob damit nicht »letzt- lich nur der starke Staat demonstriert wird, hinter dem sich eine ziemlich schwache Demokratie verbirgt, die zu ihrer Verteidigung undemokratische Ausnahmemaßnahmen einer offen- siven Auseinandersetzung und einer gründlichen Beseitigung des Nährbo-

den vorzieht«. Während Dr. Michael Carlo Klepsch auf die Nazifunktionäre hinweist, die nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus in den NRW-Landtagsfraktionen von CDU und FDP eine Heimat fan- den, übt Philipp Meinert eine fun- dierte Kritik an der Gleichsetzung von Neofaschisten und Linken im Rahmen der vorherrschenden »Ex- tremismustheorie«. Abgerundet wird das vorliegende Buch von einem sar- kastischen Beitrag von Dr. Manuel Kellner mit dem Titel »Verfassungs- feinde in Nordrhein-Westfalen am Beispiel der Energiewirtschaft«. Markus Bernhardt   

u Die Linke. Fraktion im Landtag

Nordrhein-Westfalen (Hg.): Außer Kontrolle – Wie der Verfassungs- schutz die Verfassung bedroht. Texte zu Verfassungsschutz, »NSU« und NPD. Januar 2011, 124 Seiten, ko- stenlos. Bezug: Fraktion Die Linke im Landtag von NRW, Sonja Krurup, Platz des Landtags 1, 40221 Düssel- dorf, Tel.: 02 11/88 40, E-Mail: sonja. krurup@landtag.nrw.de

u Download der pdf-Datei: www.

linksfraktion-nrw.de/ausserkontrolle

Neu erschieNeN

Forum

Im Kampf für einen neuen ge- sellschaftlichen Aufbruch gegen die Herrschaft des Kapitals, der auch ein zukunftstaugliches Sozialismuskonzept erfordert, ist es für Sozialisten und Kom- munisten höchste Zeit, den langen Schatten Stalins der Vergangenheit zu überlassen. Der Begriff »Stalinismus« ist ein Kampfbegriff zur Diffamie- rung der Sozialismusversuche im 20. Jahrhundert – somit inakzeptabel. Dies war der Grundgedanke von Hans Kalt in seinem gleichnamigen berühm- ten Buch. Das neue Heft 65 der Reihe »Marxistisches Forum« knüpft bewußt daran an. Es reiht sich ein in die recht lebhafte Debatte zur inhaltlichen und organisatorischen Formierung der antikapitalistischen Linken in der BRD. Ingo Wagner referiert die wesentlichsten Erkenntnisse von Kalt und wirft sehr konkret die Frage nach der notwendigen Weiterentwicklung des Marxis- mus auf. Siegfried Kretzschmar argumentiert zur Rolle des Bürokratieproblems im Rahmen der Niederlagenanalyse des europäischen Sozialismus. Ekke- hard Lieberam befaßt sich mit der Kommunismusdebatte im Januar 2011 als »Tiefpunkt poli- tischer Kultur in Deutschland«. Herbert Münchow geht der Fra- ge »DKP und Parteiproblem« nach. Werner Roß untersucht die verheerende Rolle der Zer- splitterung der marxistischen Linken für die Schaffung einer marxistischen Partei mit Mas- seneinfluß. Das Heft schließt mit dem Gespräch zwischen Ingo Wagner und Arnold Schölzel »Wir müssen über Sozialismus reden« (jW, 14/15. 04. 2007). u Marxistisches Forum, Heft 65: Heraus aus Stalins langem Schatten. Für ein zukunftstaugli- ches Sozialismuskonzept, Januar 2012, 62 Seiten, 5 Euro. Bezug:

GNN-Verlag, Badeweg 1, 04435 Schkeuditz, Tel.: 03 42 04/6 57 11, Fax: 03 42 04/6 58 93, E-Mail:

zentrale@gnn-verlag.de

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Badeweg 1, 04435 Schkeuditz, Tel.: 03 42 04/6 57 11, Fax: 03 42 04/6 58 93,

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AP/THEMBA HADEBE

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sport

Montag, 30. Januar 2012, Nr. 25

junge Welt

teNNis

Der Joker sticht

Januar 2012, Nr. 25 junge Welt t eNNis Der Joker sticht m elBourne . Die wichtigste Nach- richt

melBourne. Die wichtigste Nach- richt zuerst: Der Sieger der diesjährigen Australian Open in Melbourne heißt Novak Djokovic (Foto). Er gewann das hochklassige Finale gegen den Weltranglistenzweiten Rafael Nadal in fünf Sätzen (5:7, 6:4, 6:2, 6:7, 7:5). Das Frauenfinale vom Samstag gewann die Be- lorussin Viktoria Asarenka. Sie entschied das »Stöhn-Duell« mit der Russin Maria Schara- powa glatt mit 6:3, 6:0 für sich. Asarenka ist damit auch die Nummer 1 im Damentennis. (jW)

Fussball

Aus dem Stadion

Berlin. In der Hauptstadt stieg bei sibirischen Außentempera- turen am Sonnabend nachmit- tag der Bundesliga-Klassiker Hertha gegen HSV. Den am Ende die Hamburger mit 2:1 gewannen, und zwar verdient. Nicht nur wegen der in der Tat unterirdischen Leistung der Herthaner, sondern auch wegen gewisser Umstände, die eine Form von Wiedergutmachung einfach herausforderte. So stan- den manche Gästefans mehr als eine halbe Stunde lang an den Eingangsschaltern zum Sta- dion an. Der Sicherheitswahn treibt so manche Blüten; beim Hauptstadtklub sieht man sich nicht einmal in der Lage, die Körperabtaster und Taschen- nachgucker auf eine gewisse angemessene Geschwindigkeit zu bringen. Oder halt für genü- gend Personal zu sorgen – wenn dieser ganze Flughafenquatsch denn unbedingt sein muß. Pla- stiksprengstoff und Handfeu- erwaffen hatte übrigens eh nie- mand mitgebracht, warum auch. Es geht doch nur um Fußball. Ein, zwei Böller wurden in der Gäste-Fankurve übrigens trotz- dem gezündet. Verletzte gab es

(jW)

natürlich keine.

radsPort

Was macht  

eigentlich …?

FrankFurT/main. Der frühere Rad- rennsportler Dietrich Thurau ist am Freitag wegen Unter- schlagung vom Frankfurter Amtsgericht zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Die Richterin verhängte 210 Tagessätze à 190 Euro, also insgesamt 39 900 Euro. Thurau hatte nach Über- zeugung der Ermittler knapp 46 000 Euro an Versicherungs- beiträgen selbst eingesteckt. Mit dem Geld sollte angeblich das Pflegeheim seines Vaters bezahlt werden, der nach einem Sturz vom Fahrrad querschnitt- gelähmt ist. Die Unterschla- gungen seien erst aufgefallen, nachdem knapp ein Jahr lang nicht bezahlt worden war und das Pflegeheim dem Vater ge-

(dapd/jW)

kündigt hatte.

Schwarze Sterne

Afrika-Cup: Ghana glänzt als Überzeugungstäter. Von Christian Selz, Kapstadt

D erek Boateng scharrt mit den Hufen. Es läuft die 95. Spiel- minute im Stadion von France-

ville, und der ehemalige Kölner Mittel- feldspieler will eingewechselt werden, möchte für ein paar Sekunden Teil der derzeit wohl besten Fußballmannschaft Afrikas sein. Boatengs Glück ist der Hang zu ellenlangen Nachspielzeiten, den die ansonsten guten Schiedsrich- ter beim Afrika-Cup ausleben. Vor dem letzten Freistoß darf er den Rasen betre- ten, der Ball fliegt einmal über seinen Kopf, dann ist Schluß. Ghana schlägt Mali 2:0, und Boateng war dabei. Verlaufen war die Partie wesentlich weniger hektisch. Die abgeklärten Black Stars aus Ghana – der Name rührt vom schwarzen Stern in der Nationalflagge her – ließen den Ball nahezu spanisch anmutend durch die eigenen Reihen lau- fen – flach und konzentriert. Mali war nach dem Auftaktsieg gegen Guinea, das im zweiten Samstagsspiel die Zebras aus Botswana gleich mit 6:1 schlachtete, eigentlich in einer hervorragenden Aus- gangsposition. Einen Sieg gegen das zer- legte Wildfleisch fest eingeplant, hätte ein Punkt gereicht. Doch der Dominanz der Ghanaer hatten sie trotz engagiertem Spiels wenig entgegenzusetzen. Spekta- kulär sah die Partie daher nicht aus, aber aus ghanaischer Sicht überzeugend. Malis Seydou Keita muß es bekannt vorgekommen sein, nur aus anderer Per- spektive – er läuft im Vereinsfußball für den FC Barcelona auf. Nur ein einziges Mal drohte der schwarze Stern kurz aus der Umlaufbahn zu geraten, als Malis Cheick Diabaté mit einem überplazier- ten Freistoß aus 27 Metern Pfosten-Ping- Pong spielte. Links ein Klonk, rechts ein

Pfosten-Ping- Pong spielte. Links ein Klonk, rechts ein

Einmarsch der Gladiatoren: Malis Cedric Kante vorneweg

Klonk, aber kein Tor. Nach 58 Minuten brachte Ghanas Trainer Goran Stevanovic mit Char- les Takyi vom FC St. Pauli frischen Schwung ins Spiel, und auch wenn der

nicht direkt beteiligt war, stand es vier Minuten später 1:0 für Ghana. Der tra- gische WM-Held Asamoah Gyan hatte seinem Gegenüber Diabaté Anschau- ungsunterricht im Freistoßversenken

gegeben, perfekte B-Note und Jubel- tänzchen inbegriffen. Takyi durfte noch ein Weilchen mittanzen und sogar den Freistoß herausholen, der zum 2:0 führ- te. Für den Mittelfeldregisseur erfüllte sich damit ein lange gehegter Wunsch. Nach einer durchwachsenen Bundesli- gasaison war Takyi bei den Hamburgern zuletzt nur noch Ergänzungsspieler. Trotzdem durfte er im November für Ghana debütieren und nun auch erst- mals in einem Pflichtspiel auflaufen. Daß der Zweitligakicker sich seinen Traum vom internationalen Fußball überhaupt erfüllen durfte, verdankt er übrigens einem waschechten Berliner Jungen. Kevin Prince Boateng, Boule- vardzeitungslesern besser als »Ballack- Treter« bekannt, hatte seine National- mannschaftskarriere nach neun Spielen im zarten Alter von 24 Jahren an den Nagel gehängt. Apropos Nageln: Davon erzählte die Freundin des Milan-Stars neulich recht offenherzig, was ihm auch ohne viel Getrete und Gerenne reichlich mediale Aufmerksamkeit in der nach Schlüpfrigkeiten trachtenden deutschen und italienischen Presse einbrachte. Seine alten Mannschaftskollegen ste- hen dagegen zum Abschluß des zweiten Gruppenspieltags mit einem Bein im Viertelfinale. Im letzten Gruppenspiel reicht ihnen ein Unentschieden gegen Guinea zum Weiterkommen. Dort trä- fe der schwarze Stern entweder auf Gastgeber Gabun oder Tunesien, die in Gruppe C beide bereits qualifiziert sind. Ebenfalls sicher weiter sind Co- Gastgeber Äquatorialguinea und Elfen- beinküste. Genügend Gegner also für Derek Boateng, um vielleicht doch noch einen Ballkontakt zu feiern.

blutgrätsche. die wahrheit über deN 19. sPieltag.VoN klaus bitterMaNN

D er BVB war genau wie in der Hinrunde gestartet und hatte den HSV in seine Einzelteile

zerlegt. 5:1 hieß es am Ende, und schon lange vor dem Abpfiff wanderten die tollen HSV-Fans nach Hause oder zur nächsten Getränkebude, denn nach den ungefähr zwanzig dürftigen Remis unter der Regie des als Retter geholten Thorsten Fink kriegte man jetzt von den Schwarzgelben auch noch ordent- lich was aufs Haupt. In der Hinrunde war man mit einem 3:1 davongekom- men; die Vorstellung des BVB war so beeindruckend und so wenig beeinflußt vom Fehlen Sahins, daß ich bereits hoffnungsvolle Prognosen stellte. Dann begann mit dem Gegner aus Hoffenheim bekanntlich ein Knick, der eine Zeitlang anhielt. Irgendwie ist man

auf die Wiederholung eines Ereignisses fixiert, und deshalb fürchtete ich mich vor dem Spiel, denn niemand konnte mir sagen, warum sich Dortmund aus- gerechnet gegen Hoffenheim so schwer tut, die sonst noch mehr als letzte Sai- son vor sich hingurken und auf einen zweistelligen Tabellenplatz verdäm- mern werden. Aber diesmal war alles anders, diesmal wurde die TSG zerlegt von einer wie aufgedreht wirkenden Borussia, die dem Gegner nie die Zeit zum kontrollierten Paßspiel ließ. Und dabei ließ Lewandowski noch jede Menge Chancen aus, weshalb diesmal Kagawa und Großkreutz für ihn ein- springen mußten, die auf wunderbare Weise miteinander harmonierten. Vor allem Kagawa war schnell und in sei- nen Laufwegen wie eine Flipperkugel,

nie wirklich berechenbar. Und das alles ohne Götze, der wegen eines entzündeten Schambeins nur auf der Tribüne saß. Ich habe selbst schon alle Fußballverletzungen getestet – Muskelfaserriß, Aduktoren, Bänderriß, Meniskus, Rücken – aber mein Scham- bein hat sich nie entzündet. Ich wüßte nicht mal, wo dieses ominöse Scham- bein eigentlich genau ist und wozu man das braucht. Viele Schriftsteller und Feuilletonisten schreiben ja immer wie- der mal gern von der »großen Scham«. Vielleicht hat die ja jetzt Laufen ge- lernt. Aber warum mischt sie sich dann beim Fußball ein? Dieses Geheimnis muß noch genauer recherchiert werden. Überraschender als ein entzündetes Schambeim war die Tatsache, daß Dort- mund sich immer wieder neu erfindet

und Verluste von Weltklassespielern spielend wegstecken kann. Leider haben Bayern und Schalke auch gewon- nen, gegen Luschenmannschaften wie Wolfsburg und Köln, so daß sich an der Tabellenspitze mit einem punkteglei- chen Trio nichts geändert hat. Die neun bzw. zehn Punkte zurückliegenden »Verfolger« Bremen und Leverkusen trennten sich 1:1, geredet wurde aber nur über Ballack, der jetzt nicht mehr spielen darf und für sechs Millionen Jahresgehalt auf der Bank sitzt. Gerüch- teweise geht er jetzt nach New York, der lukrativen Zufluchtsstätte für in Europa ausgemusterte Profis. So lange die dort aber nicht auf Nachwuchsspieler setzen, wird das auch nichts mit einer Fußball- macht USA, die sie sein müßte bei die- sem großen Reservoir und Potential.

wird das auch nichts mit einer Fußball- macht USA, die sie sein müßte bei die- sem