Sie sind auf Seite 1von 4
Eine Krankenversicherung für Indiens arme Bevölkerung Informationstechnologie macht es möglich Hintergrund Mit 1,2
Eine Krankenversicherung für Indiens arme Bevölkerung Informationstechnologie macht es möglich Hintergrund Mit 1,2

Eine Krankenversicherung für Indiens arme Bevölkerung

Informationstechnologie macht es möglich

Hintergrund

Mit 1,2 Milliarden Einwohnern, 29 Bundesstaaten und sechs Unionsterritorien, insgesamt 640 Distrikten und über 600.000 Städten und Dörfern

ist Indien eines der bevölkerungsreichsten, politisch komplexesten und kulturell vielfältigsten Länder der Erde. Die indische Wirtschaft wächst rasant, wobei nicht alle Regionen in gleicher Weise an diesem Wachstum teilhaben. Den informellen Sektor hat diese positive Entwicklung je- doch selbst in den florierenden Regionen bisher kaum er-

reicht. Gerade in diesem erwirtschaften jedoch 94 Prozent der erwerbstätigen Inderinnen und Inder den Lebensunter- halt für ihre Familien, sei es als selbständige Bäuer/innen, als Betreiber/innen von Klein- und Kleinstbetrieben oder als Niedriglohnempfänger/innen und Gelegenheitsarbeiter/in- nen. Fast ein Drittel der Bevölkerung lebt nach wie vor unter der von der Regierung definierten Armutsgrenze (Below the poverty line, BPL). Armut und Analphabetentum der BPL-Fa- milien erhöhen das Risiko von Erkrankungen oder Unfällen, deren Behandlung oft deutlich mehr kostet, als sie sich leis- ten können. Auch der Ausfall des Einkommens jedes kranken Familienmitglieds belastet diese Familien schwer.

In Indiens föderalem System tragen Bundesregierung und Bundesstaaten gemeinsam nur etwa ein Drittel der Gesamt- ausgaben für die Gesundheitsversorgung ihrer Bevölkerung. Die Hälfte dieser Ausgaben bezahlen Patient/innen und ihre Familien aus der eigenen Tasche.

Es gab daher schon viele Versuche, eine Krankenversicherung für Indiens arme Bevölkerung einzurichten. Dass sie scheiterten, lag teilweise an ihrer Unterfinanzierung, teilweise aber auch daran, dass ihre Zielgruppen jeweils sehr eng definiert waren, wie zum Beispiel die Armen bestimm- ter Bundesländer oder Distrikte, Landarbeiter oder Angehörige bestimmter Berufsgruppen, Kasten oder ethnischer Gruppen. Komplizierte büro- kratische Verfahren trugen weiter dazu bei, dass Analphabet/innen, Gelegenheits- und Wanderarbeiter/innen sowie viele andere im informellen Sektor Beschäftigte und ihre Familien zumeist keinen Zugang erhielten.

In den letzten Jahren expandierte nun die Privatversicherungsbranche, um Indiens schnell wachsende Mittelklasse abzusichern. Damit haben sich auch neue Möglichkeiten für öffentlich-private Partnerschaften für Krankenversicherungen für Arme ergeben.

German Health Practice Collection

Diese Publikationsreihe beschreibt ausgewählte Methoden und Erfahrun- gen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, die von Expert/innen aus einer Reihe von Vorschlägen ausgewählt und anschließend in einem internationalen Peer Review-Verfahren als Good Practice eingestuft wur- den. Jede Ausgabe berichtet in ansprechender Form und auch für Laien verständlicher Sprache über die Entstehung, die Umsetzung und die Wir- kungen eines erfolgreichen Ansatzes. Alle Publikationen stehen auch auf Englisch (und ggf. anderen Sprachen) als Lang- und Kurzversion unter www.german-practice-collection.org zur Verfügung.

unter www.german-practice-collection.org zur Verfügung. >> Vater und Sohn präsentieren die neue SmartCard

>> Vater und Sohn präsentieren die neue SmartCard der Familie.

Rashtriya Swasthya Bima Yojna (RSBY)

Am 2. Oktober 2007 kündigte die indische Regierung eine umfangreiche, neue Partnerschaftsmaßnahme zwischen öffentlichem und privatem Sektor namens Rashtriya Swasthya Bima Yojna (RSBY) an. Aus dem Hindi übersetzt bedeutet dies „Staatliches Krankenversicherungssystem“ und zeigt, dass es der Initiative darum geht, so lange weiter zu wachsen, bis jeder Mensch in Indien Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdiensten und zur sozialen Absicherung bei Krankheit oder Verletzung hat. Für die ersten fünf Jahre setzte sich RSBY das Ziel, bis Ende 2012 alle BPL-Fami- lien in Indien so zu versichern, dass sie vor ruinösen Gesundheitsausgaben aufgrund ernsthafter Erkrankungen oder Verletzungen geschützt sind.

RSBY ist ein Programm des indischen Arbeitsministeriums. Es wird von einem Steuerungsgremium begleitet, in dem auch das Gesundheitsminis- terium und andere Schlüsselministerien vertreten sind. Es wird seit mehreren Jahren fachlich von der Weltbank und von der Deutschen Gesell- schaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwick- lung (BMZ) unterstützt. Das BMZ setzt diese Unterstützung aktuell und in den kommenden Jahren über ein neues, indisch-deutsches Programm für soziale Sicherung fort, welches die GIZ durchführt.

Die eigentliche Verantwortung für die grundlegende Gesundheitsversorgung der Bevölkerung liegt bei den Bundesstaaten und Unionsterritorien. Sie entscheiden, ob sie an RSBY teilnehmen oder nicht. Wenn sie sich für die Teilnahme entscheiden, unterzeichnen sie Verträge, nach denen die indische Bundesregierung normalerweise 75 Prozent (in einigen Staaten aber auch 90 Prozent) der Kosten der von den Versicherungsunterneh- men berechneten Familienprämien übernimmt. Im Rahmen ihrer RSBY-Verträge ernennen die Bundesstaaten und Unionsterritorien jeweils eins ihrer Ministerien als RSBY-Koordinierungsbehörde. Die Koordininierungsbehörden richten ihrerseits Umsetzungsagenturen ein und ernennen Beauftragte für jeden Distrikt, den sie mit RSBY abdecken.

Die Koordinierungsbehörden bzw. ihre Agenturen führen öffentliche Ausschreibungen für Versicherungsunternehmen durch. Anschließend un- terstützen sie die ausgewählten Versicherungsunternehmen bei der Registrierung von BPL-Familien und überwachen die Tätigkeit der Versiche- rungsunternehmen. Diese treffen Rahmenvereinbarungen mit Krankenhäusern, die sich bereiterklärt haben, spezifizierte Dienstleistungen und Medikamente zu festgelegten Sätzen für BPL-Familien anzubieten. Die Verträge mit den Versicherungen lassen es oft zu, dass sie manche Aufga- ben an Unterauftragnehmer vergeben, wie z.B. an gemeindebasierten Organisationen, die es übernehmen, die Informationen über RSBY zu ver- breiten und Dorfbewohner/innen zu zeigen, wo sie sich als BPL registrieren lassen können.

Die wichtigsten Parameter für RSBY

Folgende Parameter sind entscheidend für das Funktionieren von RSBY:

Anspruchsberechtigung: Anspruch auf Versicherung hat jede Familie, die auf der von ihrem Bundesstaat für ihren Distrikt erstellten BPL-Liste registriert ist. Mit jeder Police sind bis zu fünf Mitglieder einer BPL-Familie versichert, nämlich Haushaltsvorstand, Ehepartner/in und drei ab- hängige Familienmitglieder. Kinder sind über ihre Mütter versichert. Zum Anmeldezeitpunkt müssen alle Familienmitglieder anwesend sein.

Leistungen: Der Versicherungsschutz umfasst Krankenhausaufenthalte einschließlich einer Verweildauer von 24 Stunden oder länger und einen festgelegten Satz von ambulanten Eingriffen, Therapien und Behandlungen (z. B. die Behandlung von Knochenbrüchen, Hämodialyse und Strahlentherapie). Nicht abgedeckt sind normale ambulante Leistungen wie die Diagnose und Behandlung von häufigen Krankheiten und kleine- ren Verletzungen. Die maximalen Leistungen pro Jahr belaufen sich auf 30.000 Rupien (500) für die Gesundheitsversorgung einer fünfköpfigen Familie und auf maximal 1.000 Rupien (16) für Reisekosten.

Versicherungsdauer und Gebühren: Die Versicherungsdauer beträgt ein Jahr und beginnt normalerweise am ersten Tag des Monats nach der Anmeldung. Die Gebühr beträgt 30 Rupien (0,50) und ist einmal jährlich zum Zeitpunkt der Anmeldung bzw. der Verlängerung zahlbar.

Prämien: Die Prämien, die die Regierung pro BPL-Familie zahlt, werden beim Ausschreibungswettbewerb aus den konkurrierenden Angeboten der Versicherungsunternehmen ermittelt. Im Durchschnitt betragen sie bisher 560 Rupien (8,70) pro Jahr.

Mit RSBY verfügen die Bundesstaaten und Unionsterritorien über die nötige Flexibilität, um den Versicherungsschutz auf eine noch größere Zahl von Menschen und ärztlichen Diensten auszudehnen, vorausgesetzt sie tun dies auf eigene Kosten. So hat beispielsweise der Bundesstaat Kerala RSBY mit seiner Gesundheitsversicherung, dem sogenannten Comprehensive Health Insurance Scheme kombiniert und bietet nun Versicherungs- schutz für die gesamte Bevölkerung an.

Chipkarten und ein EDV-basiertes Managementsystem

In fünf Jahren ein Krankenversicherungssystem für mehr als 60 Millionen BPL-Familien in über 600.000 Städten und Dörfern aufzubauen ist zweifellos eine gigantische Herausforderung. Und dies umso mehr, als die Familien viele verschiedene Sprachen und Dialekte sprechen, viele von ihnen weder lesen noch schreiben können und als Wanderarbeiter hoch mobil sind. Ohne moderne Informationstechnologie wäre diese Aufgabe nicht zu bewältigen.

Mobile RSBY-Anmeldeteams aus Vertreter/innen der Versicherungen und der lokalen Beamten treffen die BPL-Familien dort, wo sie wohnen, gleich ob in Dörfern oder in städtischen Wohngebieten. Für die Anmeldung muss keines der Familienmitglieder lesen oder schreiben können. Stattdessen wird pro Familie ein Hauptversicherungsnehmer fotografiert und dann von allen anspruchsberechtigten Familienmitgliedern Dau- menabdrücke genommen. Namen, Geschlecht und Alter der Familienmitglieder werden aufgenommen, um zu prüfen, ob sie auf der BPL-Liste des Distrikts verzeichnet sind. Alle relevanten Informationen der Familie werden als elektronische Datei auf der Karte gespeichert und teilweise auf die Vorderseite gedruckt. Sobald der Vertreter der Koordinierungsagentur ihren BPL-Status elektronisch bestätigt hat, zahlt die Familie die

Schutzgebühr und bekommt ihre Chipkarte ausgehändigt. Außerdem bekommt sie eine Broschüre, die die RSBY-Leistungen erklärt und eine Liste der Krankenhäuser, die für ihre Behandlung die Chipkarte akzeptieren.

In den Krankenhäusern brauchen die RSBY-Leistungsempfänger nur ihre Chipkarte vorzulegen und ihren Daumen auf ein Lesegerät zu drücken, um sich auszuweisen und zur Behandlung zugelassen zu werden. RSBY kann mithilfe seines EDV-basierten Managementsystems alle seine Transaktionen unmittelbar be- und verarbeiten und einen schnellen Informationstransfer zwischen Anmeldestationen, Knotenagenturen, Kno- tenbehörden, dem RSBY-Team des Arbeitsministeriums, den Versicherungsunternehmen und den Krankenhäusern gewährleisten.

Die Webseite von RSBY finden Sie unter www.rsby.gov.in.

Sie ist sowohl für alle an RSBY beteiligten Akteure als auch für die an RSBY interessierte Öffentlichkeit konzipiert und liefert

Informationen über das System, seine Funktionsweise und seinen aktuellen Stand;

Strategien, Führungshilfen, Vorlagen, Formulare und Software für verschiedene RSBY-Akteure;

Berichte über Ergebnisse und Wirkungen;

und eine umfassende Liste von häufig gestellten Fragen und ihren Antworten (FAQ).

RSBYs schnelle Erfolge

Nach einer Planungsphase von sechs Monaten begann die Einführung von RSBY im April 2008. Wie erwartet, ist die schrittweise Ausweitung, Distrikt um Distrikt, ein kontinuierlicher Lernprozess, in dessen Verlauf sich immer neue Herausforderungen ergeben. Dennoch haben sich gera- de einmal drei Jahre nach dem Beginn der Einführung bis auf eine Ausnahme alle 29 Bundesstaaten Indiens für die Teilnahme an RSBY entschie- den, und in 378 von Indiens 640 Distrikten sind die ersten Anmeldephasen abgeschlossen, begonnen oder zumindest geplant.

Im Juni 2012 waren bereits 30 Millionen BPL-Familien im Besitz von Chipkarten, und es gab 8.300 Krankenhäuser, in denen sie sich mit diese Karten behandeln lassen konnten. Die Daten aus 167 Distrikten, in denen RSBY seit mindestens einem Jahr aktiv ist, zeigen einen Aufwärtstrend für die durchschnittlich auf einer Chipkarte ausgewiesenen Anspruchsberechtigten (aktuell 2,7) und für den Anteil der Frauen unter ihnen. Auch der Prozentsatz der RSBY-Anspruchsberechtigten, die 2011 eine stationäre Behandlung erhielten, lag mit 2,8 Prozent deutlich über den 1,7 Pro- zent der armen indischen Bevölkerung, die laut einer Studie im Jahr 2004 stationär behandelt wurden.

Ergebnisse und Wirkungen

Ihren Verträgen zufolge sind alle Bundesstaaten und Unionsterritorien verpflichtet, nach dem ersten Jahr der RSBY-Umsetzung alljährlich unab- hängige Evaluierungen durchführen zu lassen. Im Mai 2011 lagen sechs dieser Evaluierungen vor und ergaben eine hohe Zufriedenheit bei den RSBY-Nutzer/innen, die eine Behandlung in Anspruch genommen hatten. So bewerteten beispielsweise im Bundesstaat Kerala 64,8 Prozent ihre Behandlung als ausgezeichnet, 25,9 Prozent als sehr gut, 5,6 Prozent als gut und 3,7 Prozent als durchschnittlich. 89,8 Prozent von ihnen gaben an, sie hätten sich vollständig erholt und nur 0,9 konnten von keiner Besserung ihres Zustands berichten.

Neben dieses frühen, vielversprechenden Ergebnissen wurde ein Nachbesserungsbedarf in den folgenden Bereichen festgestellt:

bei den BPL-Listen, die oft unvollständig und veraltet sind;

in der Informationsvermittlung und Aufklärung;

bei der Qualitätskontrolle bei allen mit RSBY in Verbindung stehenden Produkten und Dienstleistungen;

bei der Betrugsprävention;

sowie bei der sorgfältigen Wirkungsverfolgung (Monitoring & Evaluation) mit besonderem Augenmerk auf den Beitrag, der durch RSBY zur Gesundheitsverbesserung, sozialem Schutz und Gleichheit geleistet wird.

Peer Review

Zwei unabhängige Expert/innen, die RSBY in dem unabhängigen Peer Review-Verfahren der German Health Practice Collection beurteilten, stimmten darin überein, dass es zu früh für eine vollständige Bewertung dieses Ansatzes nach den acht Kriterien der Reihe (Effektivität, Über- tragbarkeit, Partizipation und Förderung der Selbstbestimmung, Geschlechtersensibilität, Qualität der Wirkungsverfolgung, Innovation, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit) ist. Sie waren sich jedoch darin einig, dass die meisten der Kriterien so weit erfüllt sind, dass die Maßnah- me als „bewährte oder Erfolg versprechende Vorgehensweise“ bezeichnet werden kann. Und dies „in erster Linie wegen der innerhalb so kurzer Zeit erreichten, erstaunlichen Ausweitung“ und weil es sich bei RSBY um ein innovatives Modell einer Krankenversicherung handelt, die „nicht unbedingt besser“ als alle anderen Modelle sei, „aber ganz sicher ein Modell, das man im Auge behalten sollte“.

Beide Expert/innen nannten als zukünftige Herausforderungen für RSBY die Ausweitung des Versicherungsschutzes auf ambulante Dienste, da diese für viele Krankheiten und Verletzungen zuständig sind, die in Indien am häufigsten zu Behinderungen führen; sie verwiesen auch auf die Notwendigkeit, die vielen auf Indiens Arme abzielenden Krankenversicherungssysteme aufeinander abzustimmen oder sinnvoll zu kombinieren.

Die englische Lang- und Kurzversion dieser Publikation und weitere Beiträge zu dieser Reihe finden Sie unter www.german-practice-collection.org.

Publiziert von Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH

Verfasser der englischen Originalversion Stuart Adams

SItz der Gesellschaft Bonn und Eschborn

Design

German Health Practice Collection

www.golzundfritz.com

Dag-Hammarskjöld-Weg 1-5 65760 Eschborn, Deutschland

Foto

ghpc@giz.de www.german-practice-collection.org

© GIZ

In Kooperation mit India‘s Ministry of Labour and Employment; Rashtriya Swasthya Bima Yojna (RSBY)

Stand: Juni 2012 Die GIZ ist für den Inhalt der vorliegenden Publikation verantwortlich.

für den Inhalt der vorliegenden Publikation verantwortlich. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche

Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Referat für Gesundheit und Bevölkerungspolitik

BMZ Bonn

Dahlmannstraße 4

53113 Bonn

T

+49 228 99 535-0

F

+49 228 99 535-3500

poststelle@bmz.bund.de

www.bmz.de