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Deutschlandweites Magazin für Studierende und Soziologieinteressierte

Sonderheft 2 | 2012
kostenloses eJournal
www.soziologiemagazin.de
KOMPLEXE NEUE WELT
SONDERHEFT MIT AUSGEWÄHLTEN BEITRÄGEN VOM
3. STUDENTISCHEN SOZIOLOGIEKONGRESS BERLIN 2011
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 2
EDITORIAL
Liebe Leser_innen,
mit der Komplexität ist das so eine Sa-
che: Wir müssen sie reduzieren, um mit
ihr leben zu können, hadern dann aber
mit der einhergehenden Tatsache, dass
die Welt eben doch irgendwie anders –
vielschichtiger, größer, eigenwilliger –
ist. Also bleibt uns wohl nichts anderes
übrig, als uns ihnen zu stellen, den neu-
en und alten Komplexitäten.
Dies war das Ziel, als im Oktober 2011 in
Berlin der 3. Studentische Soziologieko-
ngress unter dem Titel „Komplexe neue
Welt¨ staufand. Seit nunmehr fünf Jah-
ren tragen diese Kongresse als Orte des
studentischen, wissenschaflichen
Austausches dazu bei, Orientierung
und Überblick über alles zu bieten, was
das Denken junger Soziolog_innen aus-
macht.
Sowohl mit der Organisation der Veran-
staltung als auch der Auswahl der Bei-
träge ist es dem Berliner Team gelungen,
drei Tage mit konkreten Fragen zu viel-
seitigen Temen zu gestalten, an deren
lnde kritische Diskussionen und auf-
merksame Anregungen standen. Eine
Auswahl dieser vielseitigen Temen
spiegelt nun der Inhalt dieser Sonder-
ausgabe wieder.
Die theoretische Präzision und metho-
dischen Vielfalt, zu der unsere Kommi-
liton¸innen fähig sind, war für uns aufs
Neue beeindruckend und ermöglicht
den Blick in eine Zukunf mit Wissen-
schafler¸innen, die tatsächlich etwas
zu sagen haben: nicht nur innerhalb der
eigenen scientihc community, sondern
auch innerhalb önentlicher Debauen.
Das nun vorliegende Sonderhef des Stu-
dentischen Soziologiemagazins vereint
einige der Beiträge des Berliner Soziolo-
giekongresses. Wir freuen uns ganz be-
sonders diesen Kongressband herausge-
ben zu dürfen, verbindet das SSM doch
eine gemeinsame Geschichte mit den
studentischen Kongressen. So wurde
unsere Zeitschrif im Jahr 200¯ in lolge
des 1. Studentischen Soziologiekon-
gresses in Halle gegründet. Seitdem bie-
ten beide eine Plauform des wissen-
schaflichen Austausches unter Studie-
renden.
Wir honen, ihr könnt beim Lesen ein
wenig von der begeisternden Stimmung
nachemphnden, die uns auf dem Kon-
gress begleitete.
Wir wünschen euch frohes Lesen und
sind bereits jetzt sehr gespannt auf
den 4. SSK in Bamberg, der im Oktober
2013 zum Tema ,Krisen, Prozesse, Po-
tenziale¨ stauhnden wird.
llorian Döring und Maria Hofmann für
die Redaktion des Soziologiemagazins
Sonderheft 2 | 2012 Seite 3
Inhalt
Editorial
Vorwort
Verursachen Funken ein Feuer?
Leopold Ringel, Georg Reischauer, Daniela Suchy und Eva Wimmer
Amok und Organisation
Benjamin Lipp
„... es ist ein Hardlinerkurs, Familie und Promovieren“
Kristin Neumann
Graphical Recording
Zeichnungen von Ansgar Lorenz und Parastu Karimi
Hugo Chávez' „Bolivarianische Revolution“ als postkoloniale
Identitätspolitik?
Daniel Drewski
Prostitution im feministischen Diskurs
Sophie Maria Ruby
Psychologische Widersprüche und Wählerverhalten
Jasmin Fitzpatrick, Gloria Remlein und Regina Renner
Über das Sprechen der „Einen“ und das Schweigen der „Anderen“
Stefan Wedermann
„Obviously I'm not a dick, right?“
Linus Westheuser
Neuro-Romantik?
Carola Klinkert
Grußwort aus Bamberg
Der 4. Studentische Soziologiekongress steht bevor
Impressum
Danksagung
2
4
11
27
42
64
68
84
98
112
124
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152
156
157
Sonderheft 2 | 2012 Seite 4
Resümierende Worte vorweg...
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 5
VORWORT
KOMPLEXE NEUE WELT
Unter diesem Mouo fand im Oktober
2011 der 3. Studentische Soziologiekon-
gress an der Technischen Universität
Berlin stau. lin Kongress von Studie-
renden für Studierende, der neben wis-
senschaflich-etablierten Tagungen
und Kongressen eine bestehende Lücke
im nachwuchswissenschaflichen Aus-
tausch schließen sollte. Nach dem Debüt
in Halle/Saale im Jahr 200¯ und dem lol-
gekongress an der LMU München 2009
gelang der driuen Aufage 2011 in Berlin
eine deutliche Steigerung gemessen an
Teilnehmenden und Beiträgen. Die Ent-
wicklung deutet auf eine kontinuierli-
che Etablierung des Formats hin.
Allein die Zahlen sprechen für sich. Der
Kongress zog über drei Tage hinweg
mehr als 500 Teilnehmerinnen und Teil-
nehmer von nah und fern an. lnhaltlich
bot sich eine unübersehbare Fülle ver-
schiedenster Beiträgen aus der Soziolo-
gie und ihren Nachbardisziplinen. So
wurden in insgesamt 16 Panels verteilt
58 Vorträge gehalten und diskutiert. Ne-
ben dem klassischen Panel-Format gab
es drei Workshops, zwei Podiumsdis-
kussionen – eine zum Studium zwi-
schen Autonomieversprechen und
lremdbestimmung sowie zum Tema
lnternet und Gesellschaf und eine lo-
kusgruppendiskussion zur „komplexen
neuen digitalen Welt¯. Zudem beschäf-
tigte sich ein Forumtheater mit dem
Tema Rassismus an Universitäten und
in einem ausgedehnten Open Space gab
es Raum für spontane lnputs. lin um-
fangreicher Basar studentischer lnitia-
tiven und Magazine trug zur Vernet-
zung bei und die Mitmach-Küche unter-
strich den selbstorganisierten, ehren-
amtlichen Charakter des gesamten
Kongresses.
Mit der im Kongresstitel ad hoc formu-
lierten Zeitdiagnose ,KOMPLlXl
NlUl WlLT¯ wollten wir als Organisa-
tor¸innen das Tema so wenig wie mög-
lich einschränken, um möglichst vielen
Studierenden, die an eigenen wissen-
schaflichen Projekten arbeiten, ein Po-
dium zu bieten und vielfältige Perspek-
tiven zuzulassen.
Im Resultat bot sich damit ein sehr bun-
ter Blumenstrauß verschiedenster Te-
men, die ein breites lnteressenfeld sozi-
alwissenschaflich arbeitender Studie-
render widerspiegeln. Dies ist natürlich
auch vor dem Hintergrund der fortge-
schriuenen Ausdinerenzierung der So-
zialwissenschafen selbst zu betrachten.
Dennoch zeigen die Kongressbeiträge,
dass besonders lebensnahe Temen von
Studierenden bevorzugt werden. Die
professionelle, etablierte Soziologie bie-
tet hierbei den theoretisch-methodi-
schen Rahmen und liefert somit das
Werkzeug, um eigene Temen- und ln-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 6
teressenfelder besser verstehen und be-
arbeiten zu können. Die Beiträge des
Kongresses bestanden überwiegend aus
eigenständigen Arbeiten von Studie-
renden, denen sich bisher nur wenig Ge-
legenheit zum wissenschaflichen Aus-
tausch bot. Der gesamte Kongress und
viele Beiträge wurden von diesem star-
ken Bedürfnis nach Diskussion und
Feedback geprägt. Gleichzeitig ist aller-
dings auch ein deutliches Interesse an
einer frühzeitigen und eigenständigen
Publikation erkennbar, um sich mög-
lichst gute Voraussetzungen für eine
angestrebte wissenschafliche Karriere
zu schanen. Der Studentische Soziolo-
giekongress hat unserer Ansicht nach
die (Nachwuchs-)Wissenschaf belebt.
Das umfangreiche, selbstorganisierte
Rahmenprogramm schuf eine lebendi-
ge Atmosphäre zum Austausch und reg-
te zum Mitmachen an. lnnerhalb dieses
Rahmens begegneten sich Referierende
und Teilnehmende auf Augenhöhe. lür
viele war es der erste wissenschafliche
Kongress und bot somit vielen Studie-
renden die einmalige Gelegenheit, sich
mit Temen von Kommiliton¸innen an-
derer Universitäten auseinanderzuset-
zen und zu sehen, woran und wie sie ar-
beiten.
Angesichts der Temenvielfalt kann die
Feststellung, nach der die heutige Sozio-
logie sehr breit aufgestellt ist, auch auf
studentischer Ebene nur bestätigt wer-
den. Dennoch möchten wir rückbli-
ckend auf drei Schwerpunkte hinwei-
sen, die unserer Aunassung nach beson-
ders viele bzw. besonders hochwertige
Beiträge enthielten haben. Hierzu zähl-
ten insbesondere die Panels „Geschlecht
und Sexualität¯ und ,Wissen, Gedächt-
nis, lrfahrung¯. Dort wurde mit gro-
ßem Publikumsinteresse eine intensive
und theoretisch hochwertige Debaue
geführt. Die dort besonders konzent-
rierte Behandlung diskurstheoreti-
scher und diskursanalytischer Ansätze
setzte sich aber auch in anderen Panels
fort. Die Auswahl der Artikel in diesem
Sonderhef spiegelt das wider. Weiter-
hin möchten wir auf die vielfältige Aus-
einandersetzung mit dem Tema lnter-
net und Gesellschaf hinweisen, wel-
ches in mehreren Panels, einem Work-
shop sowie in Podiums- bzw.
Fokusgruppendiskussionen diskutiert
wurde. Zusätzlich wurde der weite Te-
menbereich Migrationssoziologie bei-
spielsweise in den Panels zu „Stadt und
Raum¯ und vor allem ,Ausgrenzungs-
prozesse in luropa¯intensiv behandelt.
Unser im Call for Papers und im Titel
KOMPLlXl NlUl WlLT geäußerter
Anspruch, mit dem Kongress eine Art
Zeitdiagnose abbilden zu können, war
sehr hoch und konnte nicht in Gänze
eingelöst werden. Allerdings wurden
wir mit einer beeindruckenden Te-
menvielfalt und vielen hochwertigen
Beiträgen belohnt! Dieses Hef ist nun
eine Art Krönung dessen, was wir auf
Sonderheft 2 | 2012 Seite 7
dem Kongress erlebt haben.
Nach Abschluss der drei Kongresstage
wollen wir nun die Beiträge nachhaltig
greimar machen und diese aus ihrer
raum-zeitlichen Verortung heraushe-
ben. Neben Audio- und Videomitschnit-
ten der einzelnen Panels, die auf der
Kongress-Website (www.soziologieko-
ngress.de) einsehbar sind, entstand die
Idee, den Beitragenden eine eigenstän-
dige Publikation ihrer Arbeiten in Zu-
sammenarbeit mit dem Studentischen
Soziologiemagazin zu ermöglichen. Die
für dieses Hef ausgewählten neun Bei-
träge werden dem gesamten Temen-
umfang des Kongresses selbstverständ-
lich nicht gerecht. Zudem stehen die Ar-
tikel an dieser Stelle eher losgelöst und
nur schwach verbunden durch das Kon-
gressthema nebeneinander. Die Aus-
wahl der Artikel spiegelt keine Drama-
turgie des Kongresses wider, sondern ist
vielmehr eine Art Stichprobe, eine Tie-
fenbohrung in spannende und aktuelle
Temen studentischer Arbeiten, die im
Folgenden kurz vorgestellt werden.
Der erste Artikel mit dem Titel „Entfa-
chen Funken ein Feuer?¯ setzt an der-
Schniustelle von Bildung und Wissen-
schaf an. Die Autor¸innen Leopold Rin-
gel, Georg Reischauer, Daniela Suchy und
Eva Wimmer des Panels ,Wissenschaf,
Bildung, Professionalisierung¯ untersu-
chen im Rahmen einer qualitativen
lallstudie die Bedingungen zur lntfa-
chung von Leidenschaf für die Wissen-
schaf. Sie stellen fest, dass solch ein lo-
derndes leuer der Leidenschaf für die
Wissenschaf nur sehr bedingt konsta-
tiert werden kann. Vielmehr zeigt sich,
wie nicht-intendierte lnekte des zweck-
gerichteten Handelns formale Absich-
ten untergraben und zur Bildung von hi-
erarchischen quasi-organisationalen
Strukturen beitragen.
Weiter geht es mit Benjamin Lipp aus
dem Panel ,Wissen, Gedächtnis, lrfah-
rung¯. ln dem Artikel ,Amok und Orga-
nisation¯ beschäfigt er sich mit der brei-
ten önentlichen Diskussion im Gefolge
des Amoklaufes von Winnenden 2009.
Um diese Diskussion als einen Diskurs
auf unterschiedlichen gesellschafli-
chen lbenen im Artikel beispielhaf in
Tageszeitung und Schule – beobachten
zu können, nahm der Autor eine origi-
nelle Kopplung von llementen der Sys-
temtheorie mit dem diskurstheoreti-
schen Ansatz Foucaults vor, und zwar
auf der Grundlage der Konzepte von
,Operativität¯ und ,lreignis¯, welche
beide Ansätze enthalten. Diese organi-
sationssoziologisch orientierte Erwei-
terung der Diskursanalyse ermöglicht
es dem Autor, die Reaktion der Organi-
sation Schule als Teil eines gesellschaf-
lichen Diskurses zu analysieren.
Die Autorin Kristin Neumann aus dem
Panel ,Leben, Lieben, Sterben¯ widmet
sich in ihrem Artikel „ … es ist ein Hardli-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 8
nerkurs, Familie und Promovieren“ der
Frage, mit welchen Handlungsstrategi-
en junge, männliche Nachwuchswis-
senschafler den konfigierendenden
Ansprüchen von Arbeits- und Lebens-
welt begegnen. Die zunehmende Flexi-
bilisierung und Entgrenzung stellt die
Arbeitnehmer¸innen vor neue Anfor-
derungen. Zugleich erfährt aktive ll-
ternschaf bei Männern in jüngerer Zeit
eine Aufwertung. Arbeits- und Lebens-
welt können nicht länger als zwei vonei-
nander getrennte Sphären betrachtet
werden. Das somit erforderliche
,Grenzmanagement¯ der Sphären Le-
bens- und Arbeitswelt wurde von der
Autorin auf der Basis qualitativer lnter-
views mit Vätern im wissenschaflichen
Miuelbau untersucht.
Der Beitrag von Daniel Drewski mit dem
Titel „Hugo Chávez' ‚Bolivarianische Re-
\o|vìion' als postkoloniale Identitätspo-
litik`¯ ist ein Beispiel für den interdiszi-
plinären Aspekt des 3. Studentischen
Soziologiekongresses. Der Autor, der in
dem Panel ,Politik und Staat¯ vorgetra-
gen hat, untersucht in einem eher kul-
turwissenschaflich orientierten Arti-
kel die Identitätspolitik des venezolani-
schen Präsidenten Hugo Chavez. Die
,Bolivarianische Revolution¯ in Venezu-
ela beruf sich in spezihscher Weise auf
den politischen Mythos des National-
helden Simón Bolívar. Dadurch wird ein
politisches Identitätsangebot gemacht,
das sich als emanzipatorische Reaktion
auf kolonialistische und neokolonialis-
tische Bestandteile im westlichen Dis-
kurs der Moderne versteht oder ver-
kürzt· als Reaktion auf den westlichen
Diskurs der Moderne. Letztendlich
mündet diese postkoloniale Identitäts-
politik in eine bedenkliche Selbstdar-
stellung als „antagonistischer Anderer“
zum euro-amerikanischen Westen.
Die Autorin Sophie Maria Ruby, die auf
dem Panel ,Geschlecht und Sexualität¯
referierte, widmet sich in ihrem Artikel
„Prostitution im feministischen Diskurs¯
der Frage, wie Prostitution diskursiv
verhandelt wird. Anhand von Ergebnis-
sen einer Diskursanalyse deutscher
und englischsprachiger Debauen zur
Beziehung von Prostitution und der pat-
riarchalen Ordnung in der Gesellschaf
wird deutlich, wie viele und vor allem
welche unterschiedlichen Deutungsan-
gebote vorhanden sind. Kann Prostitu-
tion das Patriarchat aumrechen oder
wird es dadurch verfestigt` lst Prostitu-
tion ein normaler, freiwillig ausgeübter
Beruf oder basiert sie auf Zwang` Die
teils konträren Deutungen werfen ab-
schließend die lrage auf· ,Was ist femi-
nistisch`¯
Wahlverhalten und Wahlforschung
sind Gegenstand des Artikels „Psycholo-
gische Widersprüche und Wählerverhal-
ten. Eine Anwendung des mikrosoziologi-
schen Ansatzes und des Retrospective-Vo-
ting-Modells¯. Die Autorinnen Jasmin
Sonderheft 2 | 2012 Seite 9
mit dem von Judith Butler und beleuch-
tet anhand dessen die Ambivalenzen
derartiger Bestrebungen.
Der englischsprachige Artikel „Obvi-
ously I’m Not a Dick, Right?¯ von Linus
Westheuser geht ebenfalls aus dem Panel
,Geschlecht und Sexualität¯ hervor und
beschäfigt sich mit Männlichkeit und
der Positionierung männlicher Identi-
täten beim kollektiven Schauen der bri-
tischen Datingshow ,Take Me Out¯. lm
Zusammenspiel von Fernsehshow als
mediatisierter Kommunikationsebene
und dem parallel stauhndenden Ge-
spräch wird deutlich, wie ganz unbe-
merkt gender im Alltag reproduziert
wird. Anhand ausgewählter Beispiele
der transkribierten Unterhaltung zeigt
der Autor Techniken auf, die die Teil-
nehmenden nutzen, um sich selbst zu
gegenderten Identitäten zu positionie-
ren.
Der abschließende Artikel stammt aus
dem Panel ,lamilie und Arbeit¯. ln
„Neuro-Romantik? Der Liebesdiskurs un-
ìer Finµvss Jer Hirn{orscívng¯ legt Caro-
la Klinkert dar, dass mit dem medialen
lrfolg der Neurowissenschafen die
Leitsemantiken der romantischen und
der sachlich-partnerschaflichen Liebe
neu verhandelt werden. Basierend auf
einer wissenssoziologischen Diskurs-
analyse, erweitert um die Methode der
Metaphernanalyse und das Konzept des
Interdiskurses, zeigt sich, dass in popu-
Fitzpatrick, Gloria Remlein und Regina
Renner des Panels ,Politik und Staat¯ be-
schäfigen sich mit zwei Ansätzen der
Wahlforschung, die auf unterschiedli-
che Weise die Auswirkungen psycholo-
gischer Widersprüche, sogenannter
cross pressures, auf die Konstanz von
Wahlverhalten erklären. Hierfür wird
eine Variante des in der Wahlforschung
etablierten mikrosoziologischen An-
satzes der Columbia School vorgeschla-
gen und das eher selten benutzte Retros-
pective-Voting-Modell von Morris P. li-
orina angewendet. Die Ergebnisse be-
stätigen liorinas Modell, zeigen aber
auch, dass kein linfuss der cross pres-
sures in den politischen Einstellungen
des sozialen Netzwerkes festgestellt
werden kann.
Der folgende Artikel mit dem Titel ,Über
das Sprechen der ‚Einen‘ und das Schwei-
gen der ‚Anderen‘. Ein queer/feministi-
scher Beitrag zur Emanzipation durch
FrauenMenschenrechte¯ beschäfigt sich
mit Geschlechternormen und Emanzi-
pation und wurde auf dem Panel ,Ge-
schlecht und Sexualität¯ vorgetragen.
Der Autor Stefan Wendermann wirf die
lrage auf, wie Gleichstellungsinitiati-
ven (am Beispiel ,lrauenrecht ist Men-
schenrecht¯) in ihren lmanzipations-
bemühungen Homosexuelle ausschlie-
ßen und somit erneut regulative Ge-
schlechternormen reproduzieren. Die
theoretische Arbeit verbindet Ansätze
von lrnesto Laclau und Chantal Moune
Sonderheft 2 | 2012 Seite 10
lärwissenschaflichen Publikationen
neben theoretischen vor allem auf sym-
bolische Mechanismen der Wissensin-
tegration zurückgegrinen wird. Ver-
schiedenste Wissensfragmente fügen
sich zu einer allgemein verständlichen
Erzählstruktur. Diese Perspektive er-
möglicht der Autorin einen kritischen
Blick auf die dem Diskurs zu Grunde lie-
genden kulturellen Legitimationsmus-
ter und deren unausgesprochene Impli-
kationen.
Im Namen des gesamten Organisati-
onsteams des 3. Studentischen Soziolo-
giekongresses wünschen wir euch nun
eine anregende Lektüre und viele erhel-
lende Momente beim Lesen!
Mirka Brüggemann, Hans-Heinrich
Klauß und Georg Krajewsky
Sonderheft 2 | 2012 Seite 11
Verursachen Funken ein Feuer?
Eine qualitative Fallstudie an der Gren-
ze von Bildung und Wissenschaft
von Leopold Ringel, Georg Reischauer, Daniela Suchy und Eva
Wimmer
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Der U|erìriu \on Jer Scív|e on Jie Uni\er-
sität ist ein zentraler Angelpunkt der mo-
Jernen Gese||scíoµ. Dos Forscívngs¡ro-
gramm „Sparkling Science“ des österrei-
cíiscíen BvnJes»inisìeriv»s [vr Vissen-
scíoµ vnJ Forscívng, Jos Scív|erInnen in
reale Forschungsprojekte einbindet, will
Jie |eìro¡enen A|ìevrInnen |ei Jieser Fnì-
scheidung unterstützen. Der vorliegende
Beitrag untersucht im Rahmen einer quali-
tativen Fallstudie ein Projekt dieses Pro-
gramms hinsichtlich der Modi zur Entfa-
cívng \on LeiJenscíoµ [vr Jie Vissen-
scíoµ. Av{grvnJ Jer F»ergen: einer íier-
archischen Struktur, die jener des
Orgonisoìionsìy¡s Unìerneí»ens öíne|ì,
vnJ Jer U»|eírvng Jer inìenJierìen
Z+ec|Miue|Kon[gvroìion |össì sicí je-
doch nur bedingt ein loderndes Feuer der
LeiJenscíoµ [vr Jie Vissenscíoµ |onsìo-
tieren. Vielmehr zeigt sich, wie nicht-inten-
Jierìe F¡e|ìe \on :+ec|gericíìeìe» Hon-
deln formale Absichten unterwandern
und zur Bildung von hierarchischen quasi-
organisationalen Strukturen beitragen.
1. Die Grenze von Bildung und Wis-
senschaR aIs ein SchaupIatz der
kompIexen Moderne
Es stellt eine weithin geteilte Ansicht in-
nerhalb der Soziologie dar, dass unsere
Welt in vielerlei Hinsicht komplexer ge-
worden ist. BeobachterInnen wie Ulrich
Beck (198õ) sprechen davon, dass wir in
den vergangenen Jahrzehnten Zeugln-
nen einer tiefgreifenden sozialstruktu-
rellen Veränderung geworden sind, die
durch einen starken lnuraditionalisie-
rungsschub gekennzeichnet ist. Daran
anschließend wird häuhg die Tese ver-
treten, dass diese lnuraditionalisierung
auf der lbene von Lebensstilen eine Plu-
ralität an Entscheidungsmöglichkeiten
geschanen hat, die uns vor die Aufgabe
stellt, ja uns nahezu normativ mit ihr
konfrontiert, die Schöpferlnnen unseres
eigenen individuellen Selbstbildes zu
sein (Schulze 2000). Schließlich gibt es
auch jene Autorlnnen, die einen spezih-
schen Aspekt unserer modernen Gesell-
schaf hervorheben und diesen zur Ursa-
che für die uns umgebende Komplexität
erklären. So vertriu Hartmut Rosa (200¯)
die Tese, dass wir heute in einem Re-
gime sich immer schneller ändernder
Zeithorizonte leben.
Gemeinsam ist diesen mehrheitlich ge-
sellschafstheoretisch argumentieren-
den AutorInnen die Überzeugung, dass
soziale Routinen und Traditionen nicht
mehr als Problemlösung geeignet sind
Sonderheft 2 | 2012 Seite 13
2. Entfachung von LeidenschaR für
die WissenschaR aIs ProbIem der
kompIexen Moderne
Die Frage „Was nun?“ nach dem Klang
der letzten Pausenglocke stellt nicht nur
ein Problem der subjektiven Handlungs-
praxis sowie des bildungspolitischen
Diskurses dar, sondern hndet unter dem
Begrin ,Statuspassage¨ (lriebertshäuser
2008) auch in der Soziologie Aufmerk-
samkeit. Die Forschungsarbeiten zu die-
ser Tematik lassen sich grob in zwei
Stränge einteilen.
Einerseits existieren Beiträge, die bio-
graphische Aspekte des Übergangs von
Schule zu Studium fokussieren (z.B.
Knauf/Rosowski 2009; Oechsle 2009;
Konietzka 2010). Unter dieser Perspekti-
ve ist die lntscheidung für oder gegen
ein Studium primär von den biographi-
schen Merkmalen der lndividuen (wie
z.B. Ausbildung der Eltern) abhängig.
Organisationen spielen dabei eine eher
untergeordnete Rolle, sie werden als
eine Variable unter anderen konzipiert.
lhre Bedeutung für die Statuspassage
bleibt weitgehend unbeachtet.
Andererseits rücken die gesellschafli-
chen Konsequenzen und Implikationen
von Studienerfolg sowie die Revision
dieser Entscheidung in Form eines Stu-
dienabbruchs in den Miuelpunkt (z.B. in
Schröder-Gronostay/Daniel 1999; Kol-
land 2002; OlCD 2011). Beiträge dieser
und der Mensch in der Moderne mit ge-
steigerter Häuhgkeit mehr lreiheiten
hat, gleichzeitig aber auch mehr Unsi-
cherheiten ausgesetzt ist. Besonders
deutlich zeigt sich diese Analyse an der
Schwelle vom Bildungs- zum Wissen-
schafssystem und der lntscheidung, in
eine Universität einzutreten. Dies stellt
eine zentrale Gabelung des individuel-
len Lebens dar, die auch auf gesamtge-
sellschaflicher lbene mit profunden
Konsequenzen verbunden ist.
Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, den
Übergang von der Schule zur Universität
unter der Perspektive eines Forschungs-
projekts, das an der Grenze von Bildung
und Wissenschaf angesetzt ist, zu un-
tersuchen. Die empirische Grundlage
hierfür ist eine qualitative lallstudie, die
auf den Prinzipien der interpretativen
Sozialforschung beruht. Der Beitrag be-
ginnt mit einem kurzen Überblick über
die theoretische Auseinandersetzung
mit dem Problem der komplexen Grenze
von Wissenschaf und Bildung und der
Statuspassage (Kapitel 2). Dem folgen
eine Beschreibung des Forschungspro-
gramms „Sparkling Science“ (Kapitel 3)
sowie eine Zusammenfassung der me-
thodologischen Prämissen und des De-
signs dieser Fallstudie (Kapitel 4). Der
Folgeteil widmet sich der Darstellung
der Ergebnisse (Kapitel 5). Der Artikel
endet mit einer kritischen Refexion und
weiterführenden Uberlegungen (Kapitel
6).
Sonderheft 2 | 2012 Seite 14
ckeln, was an Universitäten „eigentlich“
passiert, und ob ihnen die am Projekt
teilnehmenden lachbereiche zusagen;
andererseits den Wissenschaflerlnnen,
weil sich ihnen durch die fachfremde
Perspektive der SchülerInnen und deren
kreative Potentiale neue, bisher unent-
deckte Blickwinkel auf ihren lor-
schungsgegenstand onenbaren (vgl.
Sparkling Science 2012).
Grundlegend für das lorschungspro-
gramm ist die Kooperation von Wissen-
schaf (universitären oder außeruniver-
sitären Forschungseinrichtungen) und
Schule (Gruppen von SchülerInnen, ein-
zelnen oder mehreren Schulklassen, bis
hin zu ganzen Schulen). Eine solche Ko-
operation sieht vor, dass Schule und
Wissenschaf als zumindest annähernd
gleichberechtigte Partnerinnen aufein-
ander trenen, gemeinsam an lor-
schungsprojekten arbeiten und auf die-
se Weise voneinander lernen und proh-
tieren. Dabei triu das Bundesministeri-
um für Wissenschaf und lorschung im
gesamten Forschungsprogramm in un-
terschiedlichen Rollen auf. So ist das Mi-
nisterium einerseits in der Rolle des Fi-
nanziers, der über die Vergabe und die
Verteilung der Projektgelder entscheidet
und andererseits in der Rolle des ent-
scheidungsverantwortlichen Generalis-
ten aktiv, der standardisierte Projekt-
rahmenbedingungen festgelegt und de-
ren Einhaltung bei allen „Sparkling
Science¨-Projekten überprüf. Das be-
Art verweisen mitunter auf die Relevanz
von universitärem Wissen für die Ge-
samtgesellschaf. lm Miuelpunkt stehen
somit die gesellschaflichen Konsequen-
zen der individuellen lntscheidung für
oder gegen ein Studium. An diesem
Punkt entfaltet sich die angedeutete Pro-
blematik an der Grenze von Bildung und
Wissenschaf· Wie können Schülerln-
nen motiviert werden, in die Rolle von
Studierenden zu schlüpfen und wie
kann die Statuspassage möglichst frikti-
onslos überschriuen werden` Oder an-
ders formuliert· Wie kann, in Anleh-
nung an den Titel von Chalmers (2006),
bei Schülerlnnen Leidenschaf für ,this
thing called science¨ entfacht werden`
3. ¸SparkIing Science" aIs zündende
Idee zur Lösung des ProbIems'
Das vom österreichischen Bundesminis-
terium für Wissenschaf und lorschung
ins Leben gerufene lorschungspro-
gramm „Sparkling Science“ ist der Idee
nach als Antwort auf das Problem der
Statuspassage von der Schule zur Uni-
versität gedacht. Gegenstand dieses Vor-
habens ist die gemeinsame Forschung
von Wissenschaflerlnnen und Schüle-
rInnen im Rahmen von ein- bis zweijäh-
rigen Projekten. Diese Zusammenarbeit
soll für beide Personengruppen ent-
scheidende Vorteile bringen: einerseits
den SchülerInnen, weil diese durch den
Kontakt mit wissenschaflicher lor-
schungsarbeit eine Idee davon entwi-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 15
pierenden Organisationen erzeugt. Die-
se Unterscheidung ist insofern wichtig,
da in Projekten Aushandlungsprozesse
einen noch sehr viel größeren Stellen-
wert einnehmen als in Organisationen.
Letztere werden durch eine (mehr oder
weniger standardisierte) Formalstruk-
tur gerahmt, die einen starken linfuss
auf Aushandlungsprozesse hat (für die
Eigenart von Organisationen im Unter-
schied zu anderen sozialen Phänomenen
siehe Luhmann 1999). Das Projekt hin-
gegen ist in gesteigertem Ausmaß unter-
determiniert, da – mit Ausnahme der
trim auch den Zeit- und Projektplan, der
vorab mit den verantwortlichen Ent-
scheidungsträgerInnen abgesprochen
wird und zur Einhaltung der Arbeitspa-
kete und Abgabefristen verpfichtet.
Hinzu kommt, dass am Ende eines jeden
Projektes die Ergebnisse in die Form ei-
nes Forschungsendberichts gebracht
werden müssen, der aus Sicht des Minis-
teriums einen wertvollen Beitrag zur
Scientihc Community darstellt und zu
einem besseren Verständnis des unter-
suchten Gegenstandes dienen soll.
Da es sich bei dem untersuch-
ten „Sparkling Science“-Pro-
jekt um eine Kooperation
zweier voneinander zu un-
terscheidender Organisatio-
nen (außeruniversitäres For-
schungsinstitut und Schule)
mit je eigenen formalen und
informalen Regeln handelt,
kann das Projekt selbst keine
formal ausgeprägte Organi-
sation im Sinne Renate
Mayntz` (19õ3) bilden, da die
Partizipierenden immer
noch in erster Linie Mitglie-
der des Forschungsinstituts
bzw. der Schule sind, und als
Mitglieder eben jener Orga-
nisationen am Projekt teil-
nehmen. Daher wird auch
die Motivation, am Projekt
mitzuwirken, nicht im Pro-
jekt, sondern von den partizi-
Abbildung 1: Intendierte Struktur von Projekten des
Programms „Sparkling Science“ (Eigene Darstellung,
nach Dokumentation des Ministeriums)
Sonderheft 2 | 2012 Seite 16
4. Parameter der quaIitativen FaII-
studie
Die lorschung beruht auf den Prämissen
der qualitativen Sozialforschung.
Grundlegend für qualitative Analysen
ist, dass sie von der sinnhafen Konst-
ruktion der empirischen Wirklichkeit
durch die Akteurlnnen ausgehen. Sie fo-
kussieren die Wirklichkeitskonstrukti-
onen und Ordnungsvorstellungen der
AkteurInnen und rekonstruieren die Re-
geln, die in sozialen Prozessen wirksam
werden (lroschauer/Lueger 2009). lür
Rekonstruktionen dieser Art eignet sich
die Durchführung von lallstudien im
Sinne der hermeneutischen Fallrekonst-
ruktion (Kraimer 2000; Simons 2009).
Dabei wird angenommen, dass ein jeder
Fall in der Auseinandersetzung mit den
spezihschen Kontextbedingungen seine
Eigenlogik entwickelt.
Die Wahl des zu rekonstruierenden Fal-
les, d.h. des Projekts innerhalb des For-
schungsprogramms „Sparkling Sci-
ence¨, beruhte auf drei grundlegenden
Überlegungen. Erstens: Um in-vivo-Er-
hebungen zu ermöglichen, sollte es sich
um ein noch laufendes Projekt handeln.
Zweitens sollte der Inhalt des Projekts
den Einsatz von multiplen Erhebungs-
techniken erlauben. Driuens sollte der
Zugang zu allen in einem Projekt invol-
vierten Parteien gewährleistet sein.
oben genannten Vorgaben – keinerlei
Regeln bezüglich der Abläufe, Hierar-
chien und dergleichen existieren. Abbil-
dung 1 fasst die formale Vorstellung dar-
über, wie Projekte innerhalb des For-
schungsprogramms strukturiert sein
sollten, zusammen.
ForscherInnen, LehrerInnen und Schü-
lerInnen stehen sich demnach als gleich-
berechtigte PartnerInnen gegenüber. In
der formalen Projektbeschreibung ist
die Position der LehrerInnen nicht vor-
gesehen. Sie stellen jedoch in der Schule
einen wichtigen Verknüpfungspunkt
zwischen den SchülerInnen und der Or-
ganisation Schule auf der einen und der
Projektleitung auf der anderen Seite dar.
Eine solche Projektstrukturierung setzt
voraus, dass die Beiträge der drei teilneh-
menden Gruppen gleichermaßen von
Belang für das lndergebnis sind. Daher
ist anzunehmen, dass die Kommunikati-
onsstruktur – auch wenn es eine Pro-
jektleitung gibt – in erster Linie diskur-
siv (und nicht direktiv) angelegt ist· Man
trim sich auf Augenhöhe und legt die
Kompetenzen aller TeilnehmerInnen
zusammen, um so etwas Neues entste-
hen zu lassen. Oder, mit Verweis auf den
Programmnamen: Es soll zwischen Bil-
dungs- und Wissenschafssystem einer
Funkenschlag institutionalisiert wer-
den, der für letzteres Leidenschaf ent-
faltet.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 17
teilung und Anschlussoptionen. Über
eine extensive Auslegung kleinster Ge-
sprächsausschniue (Sinneinheiten)
wurden im ForscherInnenteam unter
Ausschluss des Kontextes unterschiedli-
che Schlussfolgerungen (Lesarten) ge-
bildet, die an den nachfolgenden Sin-
neinheiten überprüf wurden. Auf diese
Weise wurde entschieden, welche
Schlussfolgerungen beibehalten wer-
den (weil sie sich im fortlaufenden lnter-
pretationsprozess als schlüssig erwie-
sen haben) oder gegebenenfalls geän-
dert oder verworfen werden müssen.
Diese Schlussfolgerungen wurden an-
schließend zu Regeln zusammengefasst,
die die Fallstruktur darstellen (Lueger
2010).
Zusätzlichen wurden teilnehmende Be-
obachtungen durchgeführt. Diese Me-
thode dient der lrhebung füchtiger Da-
ten, die sich durch das Erzeugen unmit-
telbarer sinnlicher Eindrücke auszeich-
nen. Der Fokus in den Erhebungs-
situationen lag auf den Beobachtungen
der Aktivitätenzyklen der Schülerlnnen
in Situationen, die die Umsetzung von
Projektaufgaben zum lnhalt hauen. Die
Auswertung dieser Daten erfolgte mit-
tels einer Beobachtungsanalyse, die auf
die Erschließung des Sinnkontexts des
Beobachteten abzielte (Lueger 2010).
Als primäre Qelle der lallrekonstrukti-
on diente Sprachmaterial (Hildenbrand
1991; lroschauer/Lueger 2003). lnsge-
samt wurden zwei qualitative Einzelin-
terviews und ein Gruppeninterview ge-
führt. ln beiden lällen wurde auf eine of-
fene Gesprächsführung geachtet, in der
die Temen der Befragten im Vorder-
grund standen. Dies ist besonders für die
anschließende hermeneutische Inter-
pretation grundlegend. Dabei wurden
im Gesprächsverlauf die Temen der Be-
fragten expliziert und durch eigene lr-
fahrungen ergänzt. lm linklang mit den
Grundprinzipien wurden von den For-
scherInnen erst gegen Gesprächsende
relevante Temen für die lallstudie ein-
gebracht, die sich auf typische Charakte-
ristika der zentrierten sozialen Einhei-
ten sowie Herausforderungen der Ko-
operation und deren Folgen bezogen.
Das Gesprächsmaterial wurde transkri-
biert und einer sequenziellen Analyse
unterworfen, um die zugrunde liegen-
den Regeln zu rekonstruieren (Oever-
mann 2002). Für die Interpretation wur-
de die leinstrukturanalyse gewählt, die
sich durch ihre Analysegenauigkeit aus-
zeichnet. Bei dieser Analysemethode
sind weniger der lnhalt und die Motive
der Befragten ausschlaggebend als die
Logik der Auswahl und ihre Bedeutung
für die Rekonstruktion sozialer Prozesse.
Die Analyse erfolgte in fünf Schriuen·
manifeste Bedeutung, lunktion und ln-
tention, latente Bedeutung, Rollenver-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 18
pekte aufgegliedert werden· (Abschniu
5.1) die Beschreibung der Hierarchie
(Wie sieht diese Hierarchie konkret
aus`); (Abschniu ¯.2) die Genese der Hi-
erarchie (Wie kam es zu dieser Hierar-
chiebildung`); (Abschniu ¯.3) die lolgen
der Hierarchie (Welche Folgen hat dies
für die Zusammenarbeit von Wissen-
schaflerlnnen und Schülerlnnen`).
5.1 Beschreibung der Hierarchie
Zunächst fällt auf, dass die lntschei-
dungskommunikation reibungslos ge-
lingt. Dies ist insofern erstaunlich, da es
sich bei dem Projekt eben nicht um eine
ö. Dimensionen des FunkenschIags
Die im Rahmen der Fallstudie erhobenen
und analysierten Daten zeichnen ein
Bild, dass von der Selbstbeschreibung
der Projektstruktur deutlich abweicht:
Es lässt sich eine eindeutig hierarchische
Über- bzw. Unterordnung der partizipie-
renden Gruppen rekonstruieren (siehe
Abbildung 2). An der Spitze stehen die
ForscherInnen des Forschungsinstituts,
gefolgt von den Lehrerlnnen und den
SchülerInnen.
Diese grundlegende Analyse der Pro-
jektstruktur kann in drei zentrale As-
Abbildung 2: Nichtintendierte Struktur des beforschten Projekts innerhalb des For-
schungsprogramms „Sparkling Science“ (Eigene Darstellung, nach Analysen der erho-
benen Daten)
Sonderheft 2 | 2012 Seite 19
anführen· ,Also die Projektanträge sind
vom [Name Forschungsinstitut] und wir
sind einfach eingeweiht worden, sind
gebeten worden, Anregungen zu geben,
Wünsche zu äußern, so so [sic!] den
schulischen Rahmen auszuloten.“ An-
ders formuliert meint dies· Auf der einen
Seite gibt man lmpulse, dehniert Aufga-
ben, verteilt Kompetenzen, auf der ande-
ren Seite empfängt man diese lntschei-
dungen.
Diese lorm der Stratihzierung des Pro-
jekts entspricht den Hierarchien in stark
formalisierten Unternehmen. Die Ge-
meinsamkeiten dieser beiden sozialen
Einheiten werden besonders deutlich,
wenn die idealtypischen ligenheiten
von Bürokratien beobachtet werden. In
bürokratisch organisierten Unterneh-
men scham die hierarchische Dineren-
zierung eine klare Kommunikations-
struktur und Verantwortungsbereiche
zwischen den lbenen, die nach Tomp-
son (19õ¯) in die Bereiche Topmanage-
ment und miuleres Management auf der
einen und in den produktiven Kern auf
der anderen Seite eingeteilt werden kön-
nen. Dabei kommt dem miuleren Ma-
nagement eine besondere Bedeutung zu.
Dessen Kernaufgabe ist unter anderem,
die vom Topmanagement getronenen
Entscheidungen nach unten zu kommu-
nizieren bzw. diese in konkrete, auszu-
führende Handlungsanweisungen um-
zusetzen. Daraus ergibt sich für das miu-
lere Management eine eigentümliche Si-
Organisation handelt und keine stan-
dardisierten formalen Regeln vorliegen.
Die Entscheidungskommunikation
wird in diesem Fall über eine hierarchi-
sche Ordnung der Zusammenarbeit er-
leichtert, die eine klare Entscheidungs-
struktur vorgibt. Von den Personen an
der Spitze der Hierarchieordnung wird
erwartet, lntscheidungen zu trenen,
während die Personen am unteren Ende
diese lntscheidungen unhinterfragt an-
nehmen, jedoch über ihr Handeln nicht
selbst entscheiden. Auf diese Weise kön-
nen Entscheidungen problemlos durch-
gesetzt und Entscheidungsprobleme
vermieden werden. Allerdings steht eine
hierarchisch geregelte Entscheidungs-
kommunikation klar im Widerspruch
zur intendierten diskursiven Entschei-
dungshndung.
Diese semantische Vernatürlichung, die
sprachliche Verankerung und Legiti-
mierung von Kompetenzzuweisungen
ist ein besonders starkes lndiz für die
Stabilität der Asymmetrie zwischen den
drei (klar voneinander getrennten) Per-
sonengruppen. Unterschiede zwischen
den Personengruppen zeigen sich deut-
lich im Sprachstil und der Wortwahl.
Während die ForscherInnen einen eher
aktiven Sprachstil (,wir haben¯, ,wir
tun¯, ,wir wollen¨) vertreten, ist der
Sprachstil der Klassenlehrerin bzw. der
SchülerInnen eher passiv („uns wurde
gesagt¨, ,wir haben erfahren¨). Paradig-
matisch lässt sich hierfür folgendes Zitat
Sonderheft 2 | 2012 Seite 20
den SchülerInnen den Umstieg von der
Schule an die Universität zu erleichtern,
andererseits ist es unabdingbar, im Rah-
men der Projekte auch wissenschaflich
nutzbare Ergebnisse zu erzielen und die-
se in Form von Forschungsendberichten
in die Scientihc Community einzubrin-
gen. Von Seiten der hnanzierenden lns-
tanz, d.h. dem Wissenschafsministeri-
um, wird Letzteres Ersterem nachge-
stellt wichtig seien vor allem die lrfah-
rungen der SchülerInnen. In dieser
Konzeption ist das Ergebnis der For-
schung also Miuel zum Zweck und läuf
darauf hinaus, den Schülerlnnen Wis-
senschaf nahe zu bringen.
Reformuliert man diese Zielsetzung mit-
hilfe soziologischer Kategorien, so kann
gesagt werden, dass vor allem auf die so-
zialisationstechnische Wirkung des
Kontakts mit Wissenschaflerlnnen ver-
traut wird. Durch diesen wird implizites
Wissen (Polanyi 19õõ) von der einen Per-
sonengruppe (den Wissenschaflerln-
nen) auf die andere (die Schülerlnnen)
übertragen. Es geht demnach nicht so
sehr um den Inhalt der Forschung, also
um die explizite Seite, sondern um unbe-
wusstes, verkörperlichtes Wissen, oder
anders formuliert um den feldspezih-
schen Habitus (Krais/Gebauer 2002) als
das Nebenprodukt wissenschaflichen
Handelns. Dem impliziten Wissen ist in-
härent, dass es routinisiert abläuf und
der Onentlichkeit gegenüber nur schwer
darstellbar ist. Gleichzeitig wird nicht
tuation: es bildet eine Schanierstelle
zwischen oben und unten und behndet
sich somit – eingekeilt zwischen den
zwei äußeren Ebenen – in einer Sand-
wich-Situation; es kennt die Sorgen,
Wünsche und Denkweisen beider Hier-
archieebenen. Diese Stelle hat im unter-
suchten Projekt insbesondere die Klas-
senlehrerin inne, auf der somit beson-
ders viel struktureller Ballast abgeladen
wird, da sie einerseits die SchülerInnen
durch Anreizsetzungen (wie z.B. entfal-
lene Unterrichtsstunden) „bei Laune
halten¨ und andererseits auf die Bedürf-
nisse der ForscherInnen eingehen muss.
Für die SchülerInnen bedeutet dies, dass
die Entscheidungen nun nicht mehr wie
im Schulalltag üblich von den LehrerIn-
nen, sondern von den ForscherInnen ge-
tronen werden.
5.2 Bildung der Hierarchie
Dass in einem solchen Projekt derart
starke, an Weber`sche Bürokratien (We-
ber 19¯õ) erinnernde Hierarchien ent-
stehen, hat mehrere Gründe. Der für die-
se Entwicklung entscheidende Faktor ist
aber nicht unmiuelbar im Projekt selbst
oder der beteiligten Schule bzw. dem be-
teiligten Forschungsinstitut verankert,
sondern auf einer abstrakteren lbene.
Verantwortlich für die lntstehung die-
ser hierarchischen Strukturen ist in ers-
ter Linie die widersprüchliche Zweckde-
hnition des gesamten lorschungspro-
gramms. linerseits zielt diese darauf ab,
Sonderheft 2 | 2012 Seite 21
dingte Asymmetrie vor Beginn des Pro-
jektes nachteilig auswirkt. Diese bleibt
auch dann noch bestehen, wenn die Ziel-
setzung, wissenschafliche lrgebnisse
zu produzieren und zu publizieren,
gänzlich aufgehoben wird. Der Wis-
sensunterschied zwischen Schule und
Wissenschaf in Kooperationen bleibt
erhalten, die Wissenschaflerlnnen sind
lachexpertlnnen auf ihren Gebieten,
wohingegen die SchülerInnen und Leh-
rerInnen in jeder Hinsicht als Laien be-
zeichnet werden können. Dies alleine
würde die Herausbildung starker Hier-
archien zwischen den am Projekt teil-
nehmenden Gruppen sehr wahrschein-
lich machen.
5.3 Folgen der Hierarchie
Werden die Aktivitäten der SchülerIn-
nen mehr und mehr als Miuel zum
Zweck gesehen, dann hat dies nicht nur
unmiuelbare Auswirkungen auf die Ak-
tivitätsstruktur, sondern auch auf den
Brennpunkt des gesamten „Sparkling
Science“-Programms, denn die Schüle-
rInnen werden unter diesen Bedingun-
gen zu passiven Befehlsempfängerln-
nen, während die Begeisterung für die
Wissenschaf ausbleibt. Die Schülerln-
nen erlernen im Kontakt mit den Wis-
senschaflerlnnen also nicht jene Struk-
tur impliziten Wissens, die den Über-
gang von der Schule zur Universität er-
leichtert. Vielmehr erlernen sie, Befehle
passiv zu empfangen, sich an starre Hie-
nur jenes Handeln, sondern auch das Er-
gebnis desselben betont. Eine solche
Projektkonzeption ist daher wider-
sprüchlich: Es wird zwar beides – Weg
und Ziel für wichtig erachtet, dabei je-
doch eine Präferenz nämlich für den
Weg – geäußert.
Die Analysen zeigen, dass sich im Ver-
lauf des Projekts die Prioritätensetzung
jedoch ändert. Die Ergebnisse werden in
den Miuelpunkt gerückt und so zum
Zweck umgemünzt, da die Wissen-
schaflerlnnen nicht nur vor dem Pro-
jekueam, sondern auch vor der Scienti-
hc Community mit ihrem Namen und ih-
rer Reputation für die lrgebnisse einste-
hen. Dementsprechend geraten die
Aktivitäten der SchülerInnen in den
Hintergrund und werden zum Miuel,
das der Erreichung dieses Zwecks die-
nen soll. Das hat linfuss auf die Arbeits-
teilung im Projekt: während die Schüle-
rlnnen vorwiegend für die Recherche
und die Erhebung der Daten verant-
wortlich sind, obliegt es den Wissen-
schaflerlnnen, die lrgebnisse zu analy-
sieren und aufzubereiten.
Auf diese Weise begünstigt die lorde-
rung, wissenschaflich haltbare lrgeb-
nisse zu liefern und zu verönentlichen,
nicht nur die Genese jener Zweck-Mit-
tel-Verschiebung, sondern macht diese
sogar extrem wahrscheinlich. Zudem
hat sich gezeigt, dass sich die durch die
unterschiedlichen Ausgangslagen be-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 22
und dessen Struktur als Qasi-Organi-
sation identihziert. ls wurde gezeigt,
dass die Struktur des untersuchten Pro-
jekts stark hierarchisiert ist und in die
vom Unternehmenstypus Organisation
bekannte Triade Top-Management,
miuleres Management und produktiver
Kern zerfällt.
Grundlage dieser Strukturierung ist die
Umkehr der formal angedachten
Zweck-Miuel-Relation. lst gemäß der
Selbstbeschreibung des Projekts die For-
schung ein Miuel zum Zweck, der darin
besteht, dass durch den basalen Kontakt
von Schülerlnnen und Wissenschafle-
rInnen implizites Wissen weitergege-
ben wird, so wird im Verlauf der lor-
schung ein Primat der Forschungsergeb-
nisse sichtbar, wodurch die Arbeit mit
den SchülerInnen mehr und mehr zum
Miuel für die Wissenschaflerlnnen
wird. Zentrale intendierte Konsequenz
dieser Verschiebung ist eine Abkehr
vom formalen Ziel der Begeisterung der
Schülerlnnen für Wissenschaf. Den
SchülerInnen wurde als nicht intendier-
ter lnekt zweckgerichteten Handelns
(Merton 193õ) die Rolle von Befehlsemp-
fängerlnnen zugeteilt, die von Passivität
und einem starken Anreiz-Beitrags-
Denken geprägt ist. Die Ergebnisse zei-
gen, dass über diese Strukturen des For-
schungsprogramms, das als Antwort auf
das Problem des institutionellen Über-
gangs von Schule zu Universität konzi-
piert wurde, das gesteckte Ziel der Be-
rarchien zu gewöhnen und an klare Auf-
gabenteilungen (die mit Unverständnis
für das, was andere tun, einhergehen).
lxemplarisch hierfür ist folgendes Zitat
aus dem Gruppeninterview· ,Ja also ein
paar gibt es immer die schwarze Schafe
sind [alle SchülerInnen lachen] die ein-
fach auch nichts machen wollen und die
anderen diskutieren und wollen es ma-
chen weil wir müssen ja sowieso ein Pro-
jekt machen weil wir immer Projekte
machen.“ Es stellt sich somit das genaue
Gegenteil jener Tugenden ein, die im
universitären Rahmen eine Rolle spielen
(sollen): selbstbestimmtes Arbeiten in
Projekten, die Entwicklung eigener Ge-
danken, diskussionsgesteuertes Vorge-
hen etc.
Diese lntwicklung ist höchst dyna-
misch und wird im Verlauf des Projekts
zu einem selbstverstärkenden Prozess.
Um die SchülerInnen zu motivieren,
setzt die Klassenlehrerin Anreize. Auf
diese Situation reagieren die Forsche-
rInnen wiederum mit noch mehr Impul-
sen. Das führt jedoch unter den Schüle-
rlnnen zu mehr Passivität, woraumin die
Klassenlehrerin wiederum mit zusätzli-
chen Anreizen arbeiten muss.
õ. Die brennende LeidenschaR für
WissenschaR bIeibt (noch) aus
Im Rahmen einer qualitativen Fallstudie
wurde ein Projekt des Forschungspro-
gramms ,Sparkling Science¨ analysiert
Sonderheft 2 | 2012 Seite 23
schungs-)Projekt bleibt davon nicht un-
berührt.
All dies lässt den Schluss zu, dass für die
Bewältigung der Komplexität an der
Grenze von Bildung und Wissenschaf
Funkenschläge anderer Art notwendig
sind, um das leuer der Leidenschaf für
die Wissenschaf zu entfachen. Hierbei
müsste vor allem berücksichtigt werden,
dass Wissenschaflerlnnen strukturell
bedingt mit anderen Relevanzstruktu-
ren operieren als SchülerInnen und Leh-
rerlnnen. lnsofern ist bei einer solchen
Kooperation nahezu zwangsläuhg mit
Wissens- und Machtasymmetrien zu
rechnen, die in ihren Auswirkungen die
ursprünglichen (gut gemeinten) Intenti-
onen konterkarieren können. Ein erster
Schriu kann darin bestehen, diese
Asymmetrien sozial (d. h. für die han-
delnden AkteurInnen) sichtbar zu ma-
chen und zu refektieren. Dabei wäre al-
lerdings zu beachten, dass jegliche For-
men der Zurechnung auf linzelperso-
nen vermieden und der strukturelle
Hintergrund der Dynamik betont wer-
den.
geisterung für wissenschafliches Ar-
beiten nur bedingt erreicht werden
konnte.
Diese Ergebnisse tragen zumindest drei
Implikationen in sich. Erstens weisen sie
auf die lmergenz von hierarchischen
Organisationsstrukturen hin. Selbst in-
nerhalb einer Konstellation, die formal
auf lgalität abzielt, entwickeln sich
ohne bewusstes Zutun der AkteurInnen
hierarchische Strukturen, die nach dem
Vorbild des Organisationstypus Unter-
nehmen modelliert sind. lnsofern ist
dem soziologischen Neo-Institutiona-
lismus (Meyer/Rowan 19¯¯) und dessen
Teilanalyse der Organisation als lnstitu-
tion der modernen Gesellschaf (Zucker
19¯¯, 198¯) beizupfichten. Zweitens
konnte gezeigt werden, dass die Kombi-
nation der organisationalen Struktur-
prinzipien ,tiefe Hierarchie` und ,fache
Hierarchie` weitaus komplexer ist, als es
auf Papier den Anschein erweckt. ls ist
weniger von einer friedlichen Koexis-
tenz, sondern vielmehr von einem (Deu-
tungs-)Kampf und einer anschließenden
Assimilation des Verlierers (hier· der fa-
chen Hierarchie) zu sprechen. Driuens
scheinen die Binnenlogiken der beiden
Systeme (oder, um die Kampfmetapher
fortzuführen· der lelder im Sinne von
Bourdieu [1993]) Bildung und Wissen-
schaf erheblichen linfuss auf die Ge-
stalt der Organisationen, die an ihren
Grenzen operieren, zu nehmen. Selbst
eine Organisation auf Zeit wie ein (lor-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 24
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 26
Zu den AutorInnen
Leopold Ringel (2¯), MA, ist Doktorand
und Stipendiat an der philosophischen
Fakultät der Heinrich-Heine-Universi-
tät Düsseldorf. lr promoviert derzeit
zum Tema Organisierung politischen
Protests via Web 2.0 im historischen Ver-
gleich mit der ,omine`-Organisierung
von Protesten. Seine Forschungs-
schwerpunkte liegen in den Gebieten
der Organisationsforschung, politi-
schen Soziologie und qualitativ-inter-
pretativen Sozialforschung.
den Soziologie. Tübingen· Mohr, ¯. Auf-
lage.
Zucker, Lynne G. (19¯¯)· Te role of insti-
tutionalization in cultural persistence.
In: American Sociological Review, 42.
Jg., Nr. ¯, S. ¯2õ-¯43.
Zucker, Lynne G. (198¯)· lnstitutional
theories of organizations. ln· Annual
Review of Sociology, 13. Jg., S. 443-4õ4.
Georg Reischauer (2¯), Mag., MA, MA,
studiert(e) mit Aufenthalten in Chica-
go, Graz, München, Zürich und War-
schau Politikwissenschaf, Soziologie,
Philosophie und Betriebswirtschaf an
der Universität Wien, Wirtschafs- und
Sozialwissenschafen an der Wirt-
schafsuniversität Wien sowie Wirt-
schafsberatung an der lachhochschule
Wiener Neustadt. Seine Forschungs-
schwerpunkte sind Organisation, Wirt-
schaf und politische Okonomie sowie
Management.
Daniela Suchy (30), MA, ist Doktorandin
am lnstitut für Soziologie der Universi-
tät Wien. Sie promoviert derzeit im Rah-
men einer kumulativen Dissertation
zum Tema Konfiktdynamik und lnt-
scheidungshndung in lamilienunter-
nehmen. Ihre Interessensgebiete liegen
vor allem in der Organisationsforschung
und der interpretativen Sozialforschung.
Eva Wimmer (31), MA, ist Projektmitar-
beiterin am lnstitut für Soziologie an der
Universität Wien. Ihre Schwerpunkte
und Interessen liegen im Bereich der Or-
ganisationsforschung, der ethnischen
Ökonomien und der qualitativen Sozial-
forschung.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 27
Amok und Organisation
Empirische und theoretische Fährten
auf dem Weg zu einer operativen
Diskursanalyse
von Benjamin Lipp
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 28
!. Diskurstheorie organisationsso-
zioIogisch beobachtet
Organisationen spielen in der Diskurs-
theorie nach Michel loucault eine her-
ausragende Rolle. Sie sind stets Teil dis-
kursiver Felder, sichtbare objektivierte
Anlagen diskursiver Strategien und
Schauplatz komplexer Macht-Bezie-
hungen. So beschreibt Foucault in
,Uberwachen und Strafen¨, wie im 18.
Jahrhundert gleichzeitig mit einer neu-
en disziplinarischen Machtform eine
Unzahl an zurichtenden, kontrollieren-
den und unterwerfenden Organisatio-
nen einhergeht· Gefängnisse, labriken,
Kasernen und Schulen stellen „objekti-
vierte“ Formen einer „panoptischen Ge-
sellschaf¨ dar (loucault 1981· 388n.). ln
„La Naissance de la Clinique“ konstitu-
iert die Klinik im 19. Jahrhundert einen
medizinischen Blick, welcher nicht län-
ger nur feststellen, sondern vielmehr
entdecken und lehren kann (Foucault
1988· õ8). Und in ,Die Macht der Psychia-
trie¨ entsteht die psychiatrische Anstalt
zunächst als organisationaler Kontext
der Anleitung von Individuen (Foucault
2005: 251). Trotz dieses ausgeprägten
empirischen Interesses an organisatio-
nalen Machtformen oder lnstitutionen
spart Foucault die theoretischen Impli-
kationen dieses massenhafen Aufau-
chens von Organisationen in der Mo-
derne praktisch kompleu aus. Vielmehr
führt er dieses Phänomen nebenher mit,
ohne es jedoch genau zu refektieren.
Ein Amoklauf wie der am 11.03.2009 in
VinnenJen v|erroscíì Jie Gese||scíoµ, in
Jer er sìou[nJeì. Fr {vngierì ge+isser»o-
{en o|s Be:vgs¡vn|ì [vr Jie »eJio|e Avs-
leuchtung beteiligter Organisationen, Mi-
lieus, Personen und schließlich des Täters
selbst. Fragen werden gestellt, Erklärungen
gesucht und Prognosen abgegeben, wie in
Zv|vnµ ein so|cíes Freignis \eríinJerì
werden kann. Diese Dynamik ist jedoch
nicht nur auf der Ebene des medialen Dis-
kurses, sondern auch in der Organisation
Schule beobachtbar, namentlich in einem
\o» A»o||ov{ nicíì (Jire|ì) |eìro¡enen
oberbayerischen Gymnasium. Der Dis-
kurs – so lässt sich empirisch sehen – setzt
sich auf mehr als einer Ebene fort.
U» Jies Jis|vrsono|yìiscí |eo|ocíìen :v
können, bedarf es einer organisationsso-
ziologisch fundierten Erweiterung dis-
kursanalytischer Werkzeuge. Im Rahmen
dieses Beitrages soll dies anhand einer Syn-
these von Niklas Luhmanns Systemtheorie
und Michel Foucaults Diskurstheorie ge-
leistet werden. Zentraler Anknüpfungs-
punkt ist die operative Ausrichtung beider
Teorien.
Ziel ist es, erste Überlegungen zu einer ope-
rativ erweiterten Diskursanalyse anzu-
stellen, um damit den Amoklauf-Diskurs
nach Winnenden als Beispiel einer komple-
xen neuen Welt beschreiben zu können.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 29
loucault konkretisiert keinen Begrin
von Organisation und lässt insbesonde-
re lragen hinsichtlich deren Spezihk für
die Reproduktion von Diskursen unge-
klärt. Kurz: Will man Foucaults Dis-
kurstheorie auch organisationssoziolo-
gisch fruchtbar machen, bedarf es eines
fundierten Begrines von Organisation.
Um diesem Dehzit beizukommen, wird
in diesem Beitrag eine Synthese von Ni-
klas Luhmanns Teorie sozialer Syste-
me und Michel loucaults Diskurstheo-
rie vorgeschlagen. Ausgangspunkt für
dieses Vorhaben ist die systemtheoreti-
sche Idee der Operativität (2.1). Dabei
soll gezeigt werden, dass hinsichtlich
der lrage nach der Möglichkeit sozialer
Ordnung sowohl Luhmann als auch
Foucault ähnliche Antworten geben
(wenn auch mit unterschiedlichem kon-
zeptionellen Anspruch). Hieran an-
schließend soll dann ein systemtheore-
tischer Organisationsbegrin als Dis-
kursebene etabliert werden (2.2). Ausge-
hend von diesen theoretischen Vor-
überlegungen soll schließlich empi-
risch gezeigt werden, wie eine Diskurs-
analyse von systemtheoretischen Anre-
gungen prohtieren kann (3). Ausgehend
vom Amoklauf in Winnenden aus dem
Jahr 2009 werden anhand von Beispie-
len sowohl der mediale Diskurs in „Süd-
deutsche Zeitung¨ und auf ,sueddeut-
sche.de“, als auch die organisationale
Praxis einer nicht betronenen Schule in
Oberbayern untersucht.
2. Teoretische Fährten einer opera-
tiven DiskursanaIyse
line operative lrweiterung von Michel
Foucaults Diskurstheorie verlangt nach
theoretischer Explikation. Diese soll zu-
nächst über die linführung der ldee von
Operativität und schließlich über die
Etablierung eines diskurstheoretischen
Organisationsbegrines in Anlehnung
an die systemtheoretische Unterschei-
dung Interaktion, Organisation und Ge-
sellschaf geleistet werden.
2.1 Operativität und operative Praxis bei
Luhmann und Foucault
line der zentralen lragen der System-
theorie besteht darin, wie soziale Ord-
nung überhaupt möglich ist, also wie es
dazu kommt, dass ein sozialer Zustand
für mehr als nur eine Situation Bestand
haben kann (vgl. Luhmann 199¯· 318).
Aus einer systemtheoretischen Beob-
achtungsperspektive heraus erscheint
dies als höchst unwahrscheinlich, denn
nach Luhmann können Ereignisse aus
sich heraus keine Permanenz erzeugen
können. Gleichzeitig mit lhrem Aufau-
chen sind sie bereits im Verschwinden
begrinen. Systeme reproduzieren sich
deshalb ausschließlich im aktuellen
Anschluss und sind bei der Konstitution
von Zeit (also der Beobachtung anhand
der Unterscheidung vorher/nachher)
auf die Dinerenz jener einzelnen ephe-
meren Ereignisse angewiesen (Luh-
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mann 1990· 114n.). Jedes System repro-
duziert sich also in einer operativen Ge-
genwart ohne Zeit (ebd.: 113).
Aus diesem Grund muss der Aumau be-
ziehungsweise der Erhalt sozialer Ord-
nung in Echtzeit geleistet werden. Sie
wird gewissermaßen nicht aus sich
selbst heraus, sondern nur durch Aktu-
alisierung, als Praxis sichtbar (vgl.
Wagner 2008: 434). Soziale Ordnung ver-
dankt sich demnach permanenter Lö-
sung praktischer Probleme, welche die-
se gerade noch bis zum nächsten Mo-
ment erhalten kann (ebd.). Der Begrin
des Ereignisses nimmt deshalb eine
zentrale Stellung ein (Kneer/Nassehi
2000· 92f.).
Darüber hinaus ist das Fortbestehen
von Systemen zweifach abhängig a) von
der lxklusion von Möglichkeiten durch
Struktur und b) von der Anschlusssu-
che in Prozessen (ebd.· 94). Während ers-
teres Gedächtnis voraussetzt (vgl. Luh-
mann 199õ), wird letzteres von symbo-
lisch generalisierten Kommunikations-
medien geleistet (vgl. Luhmann 199¯·
31õn.). Soziale Ordnung ist demnach nie
a priori gegeben, sondern vielmehr lf-
fekt gesellschaflicher lvolution. lmpi-
risch betrachtet stellt sie sich immer als
performativ dar.
ln Bezug auf die systemtheoretische
Konzeption von Operativität kommt ein
weiterer Aspekt hinzu· Systeme sind
nicht nur kontinuierlich mit ihrer Re-
produktion belastet, sondern dieser
Prozess ist ein „kontextbedingt beob-
achtbarer Zusammenhang“ (Wagner
2008: 434). So ist zum Beispiel die wis-
senschafliche Kommunikation nur
eine unter vielen möglichen Beobach-
tungsmöglichkeiten. Sie verweist auf
die durch die Beobachtung eingeführte
Dinerenz. lür die diskurstheoretische
Diskussion ist hier von Interesse, dass
die Systemtheorie ein Angebot macht,
die vielfältigen Kontexte in modernen
Gesellschafen zu beschreiben und auf-
einander zu beziehen (vgl. Nassehi 200õ;
Wagner 2008: 435). Zum einen existieren
in modernen Gesellschafen gleichzei-
tig Kontexte mit jeweils unterschiedli-
chen Logiken. Zum anderen ist all die-
sen Kontexten gemein, dass sie mit dem
praktischen Problem des Sich-Fortset-
zens belastet sind. Mit jedem kommuni-
kativen Ereignis vollzieht sich also eine
Dinerenz, welche je nach Kontext un-
terschiedlich ist.
Dieses praxeologische Argument exis-
tiert auch in der Diskurstheorie nach
Foucault (bzw. in der an ihn anschlie-
ßenden diskurstheoretischen Diskussi-
on). So zeigt Hannelore Bublitz (2005:
111f.) am Beispiel der Massenkultur,
dass sich diese nicht einfach einer
künstlich-medialen Struktur per se ver-
dankt, sondern dass hierfür Praxen wie
,Körper- und Subjektformen . ebenso
wie Bewegungsmuster, Mimiken und
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Körperhaltungen [als] materiale Funk-
tionsweisen und lormen von Performa-
tivität“ (ebd.: 111) nötig sind. Auch dis-
kurstheoretische Refexionen über das
Problem sozialer Ordnung stellen das
lreignis in den Miuelpunkt· Selbst
wenn das Ereignis durch die sich stän-
dig vollziehende Wiederholung von
Praxen scheinbar unwichtig wird (da es
für sich an Bedeutung verliert), so ist es
gerade dann unabdingbar, wenn es dar-
um geht diese Wiederholung aufrecht-
zuerhalten (da dadurch der Prozess bzw.
der Anschluss gewährleistet wird) (ebd.:
112).
Dieses Argument hndet seinen diskurs-
theoretischen Ursprung bei Foucault
selbst· Mit seinem Umschalten von einer
archäologischen zu einer genealogi-
schen Methode führt loucault eine er-
eignishafe Konzeption von Diskurs ein
(loucault 1991· 11, 33; vgl. hierzu auch
Hanke 1998· 113f.). Hier wird das bereits
in der ,Archäologie des Wissens¨ for-
mulierte Anliegen umgesetzt, den „Dis-
kurs selbst als Praxis¨ (loucault 200¯· ¯0)
zu beschreiben.
Praktiken sind demnach nicht nur habi-
tualisierte Formen des Diskurses, son-
dern auch selbst wirklichkeitserzeu-
gend; in dieser lunktion gehen sie über
die (mediale) Einschreibung von Reali-
tät hinaus, indem sie Dinge nicht nur
konstituieren und konstruieren, son-
dern sie „in Erscheinung“ treten lassen
(Bublitz 2005: 115). Wie Bublitz bereits
implizit ausgeführt hat, spielt es eigent-
lich keine Rolle ob es sich dabei um dis-
kursive oder nicht-diskursive Praxen
handelt. Diskurstheoretisch impliziert
dies lediglich ein Umschalten von einer
Diskurs- hin zu einer Dispositivanalyse,
welche den Begrin der Macht ins Zent-
rum rückt (vgl. Seier 1998· 80). lmpi-
risch bedeutet dies zunächst, dass Dis-
kurse sich nicht nur als Literatur und
über Sprechen reproduzieren, sondern
auch in der Gestalt von Architektur,
Praktiken und Körpern.
lür die in dieser Arbeit angestrebte Syn-
these von Niklas Luhmanns Systemthe-
orie und Michel loucaults Diskurstheo-
rie ermöglicht jenes Umschalten einen
Vergleich der beiden funktional äquiva-
lenten Begrine ,Kommunikation¨ (Luh-
mann) und ,Macht¨ (loucault). Diese
Analogie soll hier kurz ausgeführt wer-
den: Foucaults Anstrengungen zur
Konzeption eines Macht-Begrins haben
sich stets auf produktive Aspekte von
Macht konzentriert. lr kritisiert damit
eine ,juridische Konzeption der Macht¨
(loucault 1983· 8¯), welche Macht nur als
repressiven und hemmenden Mecha-
nismus beschreiben kann. Foucault
stellt dem entgegen, dass „in einer Ge-
sellschaf ., in der die Apparate der
Macht so zahlreich, ihre Rituale so
sichtbar und ihre Institutionen letzten
Endes so sicher sind“ (ebd.), eine rein ju-
ridische Beschreibung unvollständig
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sei. Unter dem Gesichtspunkt einer ope-
rativen Erweiterung von Foucaults Dis-
kursanalyse scheint Macht eine ähnli-
che Funktion zu übernehmen wie Kom-
munikation bei Luhmann. Besteht de-
ren Funktion vor allem in der
„Ermöglichung weiterer Kommunikati-
on¨ (Luhmann 2000· õ0), stehen für lou-
cault Instanzen der Produktion (von
Diskursen, von Macht und von Wissen)
im Miuelpunkt (loucault 1983· 20). ln
diesem Sinne konzipiert Foucault sei-
nen Machtbegrin operativ, weil er sich
vor allem für das Sich-lortsetzen des
Diskurses interessiert, nicht für Macht
als Zustand, fester Struktur oder gar
Ding. Machtbeziehungen sind für lou-
cault also jene elementaren Operatio-
nen welche durch ihr Aufauchen einen
Diskurs in Erscheinung treten lassen,
diesen jedoch nie hxieren können, son-
dern beim Fortsetzen des Diskurses
stets auf ein ,Spiel ungleicher und be-
weglicher Beziehungen¨ (evd.· 94) ange-
wiesen sind. Der Diskurs setzt sich von
Macht-Operation zu Macht-Operation
gerade über den nächsten Moment fort.
2.2 Organisation als Diskursebene
Wie oben bereits erwähnt fehlt lou-
caults Diskurstheorie ein expliziter Or-
ganisations-Begrin. Zwar wurden be-
reits Versuche unternommen, Foucault
für die Organisationssoziologie frucht-
bar zu machen (vgl. McKinlay/Starkey
1998; Knights 2002), die tiefgreifenden
theoretischen Mängel wurden bis dato
jedoch nicht angegangen. Im Folgenden
soll nun versucht werden, dies anhand
der linführung der systemtheoreti-
schen Unterscheidung von Interaktion,
Organisation und Gesellschaf zu leis-
ten (vgl. Luhmann 200¯· 9-24)· Bei dieser
Unterscheidung handelt es sich um un-
terschiedliche Niveaus der Strukturbil-
dung. Während sich Interaktion über
wechselseitige vis-à-vis Wahrnehmung
konstituiert, reproduzieren sich Orga-
nisationen über Entscheidungen. Ge-
sellschaf ist dann das umfassende Sozi-
alsystem aller kommunikativ füreinan-
der erreichbaren Handlungen. An-
schlussfähigkeit wird hier über Codes
der einzelnen lunktionssysteme orga-
nisiert. Die Ermöglichung weiterer
Kommunikation folgt demnach auf den
unterschiedlichen Ebenen der Struk-
turbildung nach unterschiedlichen,
praktischen Anschlusslogiken.
Im Rahmen des Vorhabens dieses Bei-
trages soll nun die Ebene der Organisati-
on fokussiert werden· Wie bereits er-
wähnt prozessieren Organisationssys-
teme ihre Autopoiesis über Entschei-
dungen (Luhmann 2000: 123-151). Eine
Entscheidung besteht dabei so lange, bis
an sie mit einer weiteren Entscheidung
angeschlossen wird. Eine Änderung
des Sicherheitskonzeptes einer Schule
kann zum Beispiel erst dann als solche
kommuniziert werden, wenn auf eine
(dokumentierte) Entscheidung und ver-
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antwortliche Personen verwiesen wer-
den kann. Entscheidungen sind Beob-
achtungen, welche mindestens zwei
Unterscheidungen implizieren. Dabei
wird das Unterschiedene (System Um-
welt) nochmals unterschieden (z. B. Än-
derung des Sicherheitskonzepts – Keine
Änderung des Sicherheitskonzepts).
Das Paradoxe an Entscheidungen ist
deshalb, dass sie eigentlich unent-
scheidbar sind, weil beide Seiten der
zweiten Unterscheidung bezeichnet
werden können. Luhmann nennt solche
Unterscheidungen deshalb „Alternati-
ven“ (Luhmann 2000: 134). Gleichzeitig
ist aber eben diese Paradoxie des Ent-
scheidens Voraussetzung dafür, dass
überhaupt entschieden werden kann.
Die erste Unterscheidung (System
Umwelt) ist konstitutiv, während weite-
re Unterscheidungen (Entscheidungen)
gewissermaßen operativen Charakter
haben, d. h. sie stellen sicher, dass ent-
schieden wird (vgl. Luhmann 2005: 133).
Wie entschieden wird, ist aber onen.
Mitunter regeln Organisationen ihre
Zugangskontrolle durch Personalent-
scheidungen, indem sie Mitgliedschaf
an formale lrwartungen koppeln· Sie
„gehen von Exklusionen aus, um eine
lntscheidungskontrolle über Mitglied-
schaf und damit ihre eigene Autono-
mie einrichten zu können“ (Luhmann
2000· 392). Organisationen machen Ge-
sellschaf also in ihren lunktionssyste-
men diskriminierungsfähig, sie funkti-
onieren über lxklusion. Dieser Mecha-
nismus ist eine Modalität der Reproduk-
tion von Organisation. Sie muss sich
reproduzieren, dadurch dass sie ent-
scheidet und sie diskriminiert, weil sie
entscheiden muss.
Was in Luhmanns Organisationstheo-
rie als Problem der Personalentschei-
dung aufaucht, könnte man in lou-
caults Diskursanalyse als ,Verknap-
pung [.] der sprechenden Subjekte¨
(loucault 1991· 2õ) identihzieren, wobei
es bei dieser Form der Kontrolle von Dis-
kursen darum geht, „den sprechenden
lndividuen gewisse Regeln aufzuerle-
gen und so zu verhindern, dass jeder-
mann Zugang zu den Diskursen hat“
(ebd.· 2¯f.). Sprechende Subjekte zu ver-
knappen bedeutet also zunächst einmal,
einen Diskriminierungs-Mechanismus
einzubauen, welcher Subjekte ein- und
ausschließt.
Foucault unterscheidet hier vier ver-
schiedene Prozeduren, die derart funk-
tionieren: a) das „Ritual“, b) „Diskursge-
sellschafen¨, c) ,Doktrinen¨ sowie d)
die „Aneignung von Wissen“.
Im Rahmen dieses Beitrages soll nun le-
diglich das „Ritual“ als ein möglicher
Verknappungsmechanismus auf der
Diskursebene „Organisation“ behan-
delt werden. Hierbei handelt es sich ein-
fach um im Diskurs dehnierte ligen-
schafen, welche die Zugangskontrolle
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von Subjekten zum Diskurs regeln (vgl.
loucault 1991· 2¯). Das können bei-
spielsweise Zertihkate, Ausbildungen
oder sonstige Umstände sein, welche
bestimmte Subjekte als „geeigneter“,
andere als „weniger geeignet“ markie-
ren. lerner umfassen Rituale ,die Ges-
ten, die Verhaltensweisen, die Umstän-
de und alle Zeichen, welche den Diskurs
begleiten müssen; es hxiert schließlich
die vorausgesetzte oder erzwungene
Wirksamkeit der Worte, ihre Wirkung
auf ihre Adressaten und die Grenzen ih-
rer zwingenden Kräfe¨ (ebd.). Sie deh-
nieren also – allgemein gesprochen –
die Praxis, die im Diskurs erwartbar ist.
ln diesem Sinne könnte man das asym-
metrische Verhältnis von Schülern und
Lehrern (Autorität, Hausrecht, Respekt)
oder aber die Verwendung von Fachvo-
kabular in den Wissenschafen als ein
solches Ritual beschreiben. Diskursi-
ven Einrichtungen wie das Ritual er-
leichtern insofern das ,Weiter¨ des Dis-
kurses, als dass bestimmte praktische
Vorgehensweisen und Rollenverteilun-
gen relativ klar geregelt sind und des-
halb nicht aufs Neue ausgehandelt wer-
den müssen. Rituale regeln also zum ei-
nen den lintriu in einen Diskurs (oder
eine Organisation) und zum anderen
die Kommunikation sowie das Verhal-
ten innerhalb des Diskurses (der Orga-
nisation).
Mit Luhmann lässt sich nun diskursthe-
oretisch sagen, dass die Verknappung
sprechender Subjekte vor allem in Orga-
nisationen über (Personal-)Entschei-
dungen gelingen kann. Im Rahmen der
empirischen Studie kann dies nun an
dem Aufauchen von lxperten gezeigt
werden, welche im Rahmen einer orga-
nisationalen Beobachtungspraxis pri-
vilegierte Sprecherpositionen im Dis-
kurs einnehmen.
3. Empirische Fährten: Das Täterdis-
positiv nach dem AmokIauf von
Winnenden
Diese Synthese soll im lolgenden dazu
benutzt werden, das Täterdispositiv
nach dem Amoklauf von Winnenden
auch hinsichtlich einer organisationa-
len Ebene zu beobachten, welche neben
der medialen Berichterstauung den
konstitutiven Bestandteil dieses Dispo-
sitivs darstellt.
Um beide lbenen erfassen zu können,
untersucht die hier durchgeführte Dis-
positivanalyse ihren Gegenstand in
zweierlei Hinsicht. Zum einen soll der
mediale Diskurs nach dem Amoklauf in
Winnenden am 11.03.2009 in der ,Süd-
deutschen Zeitung¨ und auf ,sueddeut-
sche.de¨ analysiert werden. Zum ande-
ren soll mit der Erhebung zweier Expert_
inneninterviews hieran angeknüpf
werden: Ausgehend von dem im media-
len Amoklauf-Diskurs gezeichneten
Täterbild soll ein Täterdispositiv an-
hand von Beschreibungen des schuli-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 35
schen Sicherheitsbeaufragten (lP l) so-
wie der Vertrauenslehrerin (lP ll) auf or-
ganisationaler lbene weiterverfolgt
werden. Konkret interessiert hier die
Konstitution einer speziellen Beobach-
tungspraxis, welche explizit und impli-
zit Ressourcen der medialen Täterkons-
truktion aufgreif und organisational
verarbeitet. Dabei fällt insbesondere ein
durch lxperten gestütztes informelles
Meldesystem auf, welches sowohl Leh-
rer, als auch Schüler zu Beobachtern von
Aufälligkeiten im Schulalltag macht.
3.1 Mediales Täterbild und schulische
Beobachtungspraxis· ,.eine ganz be-
stimmte Richtung“
Im medialen Diskurs nach Winnenden
tauchen verschiedene lxperten auf· Pä-
dagogen, Lehrer, Psychiater oder Si-
cherheitsexperten aus Politik und Poli-
zei trenen Aussagen über die Typik ei-
nes Amokläufers (vgl. Käppner
12.03.2009; Pfauth 12.03.2009; Crone,
Riedel 13.03.2009; Widmann 22.09.2009)
und sind damit an der Konstruktion ei-
nes Täterbildes beteiligt. Was entsteht,
ist eine Amokläufer-Typologie, welche
ihre Grenzen über eine Unzahl an Ei-
genschafen dehniert·
„Es sind junge Männer, fast nie Mädchen,
und interessanterweise sind es nicht die
Schläger vom Schulhof und die aggressi-
ven Typen, sondern meist stille, zurückge-
:ogene, seír e»¡[nJ|icíe }vngs, Jie Pro|-
leme mit Gleichaltrigen und mit Mädchen
ío|en. Sie [ví|en sicí nicíì o|:e¡ìierì, se-
hen sich als Versager“ (Käppner
12.03.2009).
Der typische Amokläufer wird dem-
nach als männlich, sozial schlecht inte-
griert, introvertiert und psychisch in-
stabil diskursiv hervorgebracht. Neben
solchen „inneren“ Charakteristika
kommen weitere „äußere“ hinzu: Kon-
takt mit Wanen, Konsum von Compu-
terspielen, Gewalthlmen und -bildern
(vgl. Dörries, Beck 13.03.2009). Diese Ty-
pologie erzeugt Amokläufer als Perso-
nen mit bestimmten inneren und äuße-
ren ligenschafen, welche jeweils mehr
oder weniger sichtbar sind. Ferner wird
der Personenkreis auf Schüler¸innen
eingegrenzt. ls sind also Mitglieder der
Organisation Schule selbst, welche als
potentielle Täter in Betracht gezogen
werden. Diese Selektivität wird über
zwei Mechanismen ermöglicht· Zum ei-
nen wird Unbestimmtheit durch die Ex-
klusion von weniger wahrscheinlichen
Merkmalen reduziert (,. fast nie Mäd-
chen. nicht die Schläger .¨). Die Wirk-
kraf eines solchen Täterbildes ver-
dankt sich zum anderen dem Rekurs auf
bisher geschehene Amokläufe. Dies
funktioniert natürlich wiederum selek-
tiv, d. h. es werden nur bestimmte Merk-
male aufgegrinen, welche sich quasi
„bewährt“ haben zur Beschreibung von
Amokläufern. Belässt man es bei der Be-
trachtung des medialen Diskurses,
Sonderheft 2 | 2012 Seite 36
kann man diesen durchaus als „die Kon-
zentration des Diskurses auf die linord-
nung des Falls durch Kategorien der De-
vianz¨ (Beyer 2004· õ¯) beschreiben.
Allerdings lässt sich neben diesem me-
dialen Täterbild eine Art Beobach-
tungspraxis auf der lbene der Organi-
sation hier in einem oberbayerischen
Gymnasium ausmachen, die den
Schüler oder die Schülerin nicht als zu
Unterrichtende(n), sondern als aufälli-
gen, zu beobachtenden Problem- oder
Risikofall konstruiert. Diese Praxis-
form schließt in gewissem Maße an die
im medialen Diskurs produzierte Täter-
konstruktion an und kann demnach als
lnekt des Diskurses beschrieben wer-
den· Sie ist zunächst auf die Dehnition
bestimmter (zu erkennender) Warnsig-
nale oder Symptome angewiesen·
„Filme spielen eine Riesen-Rolle. (…) Also
wir haben bestimmte Filme, bestimmte Li-
teratur: Stephen King „Rage“. Ja gut, was
ist Rage? Ist ein Amoklauf. Die kommen
auch sehr gerne. Na gut, dann tun wir noch
Nietzsche und Platon dazu. Es ist schon
eine ganz bestimmte Richtung.“ (IP I, Teil 2:
00:58:03-4)
Der Interviewpartner nennt solche An-
zeichen vor allem unter Rekursion auf
in Medien publizierte Beschreibungen
von Amokläufern. Hier fällt auf, dass
die lülle an Merkmalen eigentlich ein
sehr unbestimmtes Täterbild zeichnet.
Horrorromane von Stephen King wer-
den in einem Atemzug mit Werken von
Platon oder Nietzsche genannt. Trotz-
dem verweist der Interviewpartner mit
dem Zusatz, es sei „schon eine ganz be-
stimmte Richtung¨ (ebd.), auf die Kohä-
renz der Zusammenstellung. Somit
wird die Unbestimmtheit eines mögli-
chen Amokläufers kaschiert und in ein
uneindeutig eindeutiges Täterbild
transformiert. Dieser Konstruktions-
prozess verweist dabei auf die Position
des Interviewpartners als Sicherheits-
beaufragten der Schule· Hier geht es
nun nicht mehr um eine mediale Aume-
reitung vergangener Amokläufe, son-
dern vielmehr um die Nutzung media-
len Wissens für das ,lrkennen¨ von zu-
künfigen Amokläufern. Dies vollzieht
sich auf der lbene der schulischen Or-
ganisation vor allem in der Form der Be-
obachtung aufälliger Schüler, für de-
ren Erkennen ein medial erzeugtes Tä-
terbild als Ressource dient. Im Rahmen
dieser Beobachtungspraxis lässt sich
eine Art organisationales ,Meldesys-
tems¨ beobachten, welches eine infor-
melle Meldepficht von aufälligen
Schüler_innen und Vorkommnissen
vorsieht. Hierbei werden sowohl Leh-
rer_innen, als auch Schüler_innen dazu
angehalten Aufälligkeiten zu melden·
„… das haben wir wiederholt in unserem
[Schul-Magazin] … immer wieder klar ge-
macht, wenn ihr euch um einen Mitschüler
sorgen »ocíì, +enn iír Jos Ge[ví| ío|ì Jo
Sonderheft 2 | 2012 Seite 37
|övµ eì+os scíie{, +enJeì evcí on. UnJ
das können sich die Schüler aussuchen an
wen. (…) Der ein oder andere sagt ›Ich habe
den besten Draht zu meiner Deutschlehre-
rin‹, dann soll er zu der gehen. Aber dann
ist aber eben auch wichtig, dass die
Deutschlehrerin dann nicht das mit sich
ausmacht, sondern weiß, sagen wir es ein-
»o| in An[vírvngs:eicíen, ,»e|Je¡µicí-
tig“.“ (IP I, Teil 2: 00:32:44-0)
lnformell ist dieses System deshalb, weil
für die Schüler¸innen nicht festgelegt
ist, an wen eine Meldung adressiert wer-
den soll. Hierfür kommen der Lieblings-
lehrer, die Vertrauenslehrerin oder
auch irgendeine andere Person des
Schulpersonals in Frage. Um die Schü-
ler¸innen weiter in das Meldesystem zu
integrieren, werden teilweise Schüler_
innen zu Konfiktmanger¸innen ausge-
bildet, was ,von einer professionellen
Kraf, also einer Diplompädagogin, Ma-
nagement-Beraterin, die auch in Betrie-
ben Konfikt-Management betreibt¨ (lP
ll· 00·32·¯¯-3) geleistet wird. Somit wer-
den auch Schüler¸innen als ,Konfikt-
Experten“ sichtbar. Als solche zeigen sie
,Modellfunktion¨ (ebd.) an und werden
als Sprecher hervorgebracht, „die sich
auch reden trauen, sozial sich engagie-
ren wollen und können“ (ebd.). Die di-
rekte Beobachtung von Schüler_innen
wird also weniger von Lehrer_innen
praktiziert, sondern sie hndet vor allem
unter Schüler¸innen stau. Wichtigster
Bestandteil des Meldesystems inner-
halb jener Beobachtungspraxis ist dabei
das Melden von Aufälligkeiten an ver-
trauenswürdige Lehrer_innen, welche
gewissermaßen durch die gleichwohl
,aufmerksameren¨ Blicke der Mitschü-
ler_innen versorgt werden.
Es sollte anhand dieses kurzen Aus-
schniues der empirischen Studie ge-
zeigt werden, dass sich das Täterdispo-
sitiv auf der lbene der Schule in lorm ei-
ner Beobachtungspraxis fortsetzt. Hier-
durch sollte klar geworden sein, dass es
nicht ausreicht den medialen Amok-
laufdiskurs allein zu untersuchen. Das
Täterdispositiv zeichnet sich vielmehr
dadurch aus, dass es sich auch auf einer
organisationalen Diskursebene voll-
zieht, und dass dabei andere praktische,
bzw. Bezugsprobleme gelöst werden als
im Rahmen medialer Berichterstauung·
nämlich das lrkennen von Aufällig-
keiten im Schulalltag.
4. Ich sehe was, was du nicht siehst
An den bisherigen Beschreibungen sol-
len nun abschließend zwei Aspekte hin-
sichtlich der Konstitution von Täterbil-
dern nach Amokläufen hervorgehoben
und damit gezeigt werden, was man mit
einer operativen Diskursanalyse empi-
risch sehen kann: a) die Gleichzeitigkeit
\on Mo»enìen Jer Besìi»»ìíeiì vnJ Un-
bestimmtheit und b) die Gleichzeitigkeit
von Momenten des Wandels und des Beste-
henden.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 38
medialen Diskursebene unterscheiden
und somit die oben beschriebenen Pro-
zesse in ihrer Gleichzeitigkeit sowie in
ihrer spezihschen ligenlogik erfassen.
Mit den aufgezeigten theoretischen
Fährten wird so eine Ambivalenz von
Wandel und Struktur sichtbar. Die Be-
stimmbarkeit von Vergangenheit stauet
Organisation und medialen Diskurs mit
Gedächtnis aus, welches ständig durch
Anzeichen in der Gegenwart aktuali-
siert werden kann. Dabei wirkt die Un-
bestimmbarkeit der Zukunf produktiv·
lben weil der nächste Amoklauf nicht
vorhersehbar ist, muss darüber in Zei-
tungsartikeln spekuliert werden. Eben
weil der nächste Amokläufer unbe-
kannt ist, muss er anhand von Merkma-
len und Gewohnheiten erst noch er-
kannt werden.
Die empirische Studie hat gezeigt, dass
eine Diskursanalyse, welche in der Lage
sein will, moderne Gesellschafen ad-
äquat beschreiben zu können, deren
Komplexität auch theoretisch, d. h.
durch begrimiche lxplikation, gerecht
werden muss. Eine zentrale Rolle spie-
len dabei Organisationen, welche in der
diskurstheoretischen Diskussion bis-
her unterbelichtet geblieben sind. Mit
dem hier vorgebrachten Vorschlag einer
operativen Diskursanalyse wird nichts
Geringeres versucht, als Foucaults „Ge-
nealogie der Gegenwart“ zu einer sozi-
alwissenschaflichen Praxistheorie um-
zuformen. Die Anlagen hierfür liefert
Fasst man soziale Wirklichkeit als eine
operative Wirklichkeit auf, so beobach-
tet man diese als einen ständigen Pro-
zess des Lösens praktischer Probleme.
lm lalle des Amoklauf-Diskurses nach
Winnenden wird permanent das Prob-
lem bearbeitet, die plötzliche Eskalation
von Gewalt an Schulen durch die Beob-
achtung der Gesellschaf, der Organisa-
tion und nicht zuletzt des Täters selbst
zu bestimmen. Um diesen ranken sich
eine Unzahl an Aussagen, Bildern und
Narrativen, so dass paradoxerweise sei-
ne Unbestimmtheit unsichtbar gemacht
wird und schließlich in ein uneindeutig
eindeutiges Täterbild gegossen wird.
Gleichzeitig muss dieses Täterdisposi-
tiv auf der lbene der Organisation pro-
zessiert werden: Politische Entschei-
dungen und Agenden wollen umgesetzt,
mediale Aufmerksamkeit und Unruhe
im Schulalltag verarbeitet werden. Die
Schule muss gegenüber einer bestimm-
baren Vergangenheit (Winnenden) und
einer unbestimmbaren Zukunf (nächs-
ter Amoklauf) in Gegenwart reagieren.
In der Folge entstehen neue Sicherheits-
techniken und -praxen, Sicherheitstü-
ren werden gebaut und Schulpsycholo-
gen eingestellt, Sicherheitsbeaufragte
ernannt sowie Krisenteams einberu-
fen.
Im Gegensatz zur herkömmlichen dis-
kursanalytischen Beobachtung lässt-
sich nun eine organisationale von einer
Sonderheft 2 | 2012 Seite 39
bereits die genealogische Methode
selbst. Deren Ausarbeitung wird noch
zu leisten sein und sollte mit diesem Bei-
trag in einem ersten Schriu angestoßen
werden.
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Zum Autor
Benjamin Lipp, 24, studiert im 9. lachse-
mester Soziologie am lnstitut für Sozio-
logie der Ludwig-Maximilians-Univer-
sität in München sowie an der laculté
des sciences humaines et sociales (Sor-
bonne) der Universität Descartes in Pa-
ris. Seine lnteressensgebiete umfassen
unter anderem System- und Diskurs-
theorie, Französische Soziologie, Orga-
nisationssoziologie, Kriminologie,
Disability Studies sowie Science and
Techology Studies.
hup·//lmu-munich.academia.edu/Ben-
jaminLipp
Sonderheft 2 | 2012 Seite 42
„... es ist ein Hardlinerkurs, Familie
und Promovieren“
Zum Grenzmanagement zwischen
Universität, Familie und dem eigenen Selbst
von Vätern im wissenschaftlichen Mittelbau
von Kristin Neumann
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 43
¸|.¡ ein wiIder Hazard |.¡"
Max Weber beschreibt 191¯ das ,akade-
mische Leben [als] ein[en] wilde[n] Ha-
zard“ (Weber 2002: 481). Seitdem hat sich
das Universitäts- und Wissenschafs-
system in seinen Grundzügen gewan-
delt. Dennoch werfen aktuelle Debauen
in Wissenschaf und Politik die Unsi-
cherheit der Karrierewege junger Wis-
senschafler¸innen auf (Borgwart 2011,
Deutscher Bundestag 2009, Dörre/Neis
2008b; Burkhardt 2008, Klecha/Krum-
bein 2008, BMBl 2008). Dabei liegt der
lokus ofmals auf der Vereinbarkeit von
lamilie und Wissenschaf (Jaksztat et
al.· 2010). Die llternschaf junger Wis-
senschafler¸innen wird im Zusam-
menhang aktueller Studien jedoch vor-
wiegend durch ihre Abwesenheit cha-
rakterisiert (Metz-Göckel et al. 2009)
oder diese Tematik wird, im Rahmen
der lörderung junger Wissenschafle-
rinnen, bevorzugt aus der weiblichen
Perspektive betrachtet (Hess/ Pfahl 2011,
Biller-Andorno et al. 2005). Des Weite-
ren hndet der Zugang zum Gegenstand
tendenziell miuels quantitativer Me-
thoden stau (vgl. Jaksztat et al.· 2010).
In diesem Beitrag soll es aber nun darum
gehen, die tatsächliche llternschaf
junger Wissenschafler miuels qualita-
tiven Zugangs aus einer männlichen
Perspektive zu untersuchen. Wie neh-
men Väter im wissenschaflichen Mit-
telbau die Rahmenbedingungen inner-
Die zunehmende Abkehr von der fordis-
tisch-tayloristischen Organisation der Ar-
beit und die damit verbundene Flexibilisie-
rung, Subjektivierung und Entgrenzung
dieser, stellt die Arbeitnehmer_innen vor
neue Anforderungen. Arbeits- und Lebens-
welt können nicht länger als zwei vonein-
ander getrennte Sphären betrachtet wer-
Jen, sìouJessen \er|ongen Jiese VerönJe-
rungen vom Subjekt zunehmend ein akti-
ves Grenzmanagement zwischen den
Lebensbereichen. In diesem Beitrag soll
dies am Beispiel von Vätern, die im wissen-
scíoµ|icíen Miue||ov ìöìig sinJ, vnìer-
sucht werden. Bereits Max Weber (2002)
|escírei|ì Jie »iì Jer +issenscíoµ|icíen
Ar|eiì \er|vnJene Unge+issíeiì v|er :v-
|vnµige Pers¡e|ìi\en vnJ Jie +ocísenJe
Bedeutung kapitalistischer Strukturen im
Vissenscíoµs|eìrie|. Beìrocíìeì »on :v-
dem die Veränderungen innerhalb der Dis-
|vrse Gescí|ecíì vnJ F|ìernscíoµ, +irJ
diese Gruppe zu einem besonders interes-
santen Forschungsgegenstand. Im Rahmen
Jer GrovnJeJ Teory +vrJen qvo|iìoìi\e
Inìer\ie+s Jvrcíge[vírì. Die Frge|nisse
zeigen auf, dass sich die Akteure unter-
schiedlichen Wertsphären gegenüberge-
stellt sehen, deren Inhalte sich gegenseitig
+iJers¡recíen |onnen. Avs Jiese» U»-
stand heraus werden verschiedene Hand-
lungsstrategien entwickelt, um aktiv mit
diesen Antagonismen umzugehen.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 44
halb wissenschaflicher Karrierewege
und der Familie wahr und welche Hand-
lungsstrategien leiten sie daraus ab? Zu-
nächst sollen die aktuellen Debauen der
mit diesem Phänomen angeschniuenen
Temenbereiche Wandel der lrwerbs-
arbeit, Wissenschaf als Beruf und
Wandel von Vaterschaf nachgezeich-
net werden. Im Rahmen der Grounded
Teory Methodologie sollen somit sen-
sibilisierende Konzepte geschanen wer-
den (vgl. Strauss/Glaser 1990· 4õ). Nach-
dem die Methode und der Zugang zum
Material beschrieben wurden, sollen
die Ergebnisse der Studie präsentiert
werden.
Arbeit außer Rand und Band'
Dass Erwerbsarbeit vornehmlich Spaß
machen und interessant sein soll oder
als Möglichkeit die eigenen Potenziale
auszunutzen betrachtet wird, ist eine
lrfahrung der Postmoderne und eine
Begleiterscheinung der Abkehr von ei-
ner fordistisch-tayloristischen Organi-
sation von Arbeit (vgl. Kratzer 2003).
Prozesse wie llexibilisierung (Senneu
1998), lntgrenzung (Kratzer 2003) und
Subjektivierung (Moldaschl/Voß 2002,
vgl. auch Bröckling 200¯) von Arbeit
führen zu einer zunehmenden gesell-
schaflichen Abwendung vom Normal-
arbeitsverhältnis. „Normalarbeit“ als
Ausgangspunkt und Referenzfolie ak-
tueller lntwicklungen ist ein ,ldealty-
pus“ (Kratzer 2003: 44), der vor allem
durch spezihsche dichotome Grenzlini-
en gekennzeichnet ist (vgl. Voß 1991·
22f.). ls wird zwischen Arbeit und Le-
benswelt unterschieden; diese Tren-
nung hndet auf räumlicher und zeitli-
cher lbene stau, sowie zwischen den
Geschlechtern (Jürgens/Voß 200¯· ¯).
Dabei ließ sich die vornehmlich männli-
che Erwerbsarbeit in der Vergangenheit
vor allem durch unbefristete Beschäfi-
gung und langfristige Bindung an einen
Betrieb beschreiben (vgl. Kratzer 2003:
45). Diese objektiven Begrenzungen
zwischen Leben und Arbeit korrespon-
dieren mit den subjektiven Grenzen
zwischen der Person und ihrer Arbeits-
kraf als ein weiteres Charakteristikum
des Taylorismus. Die Grenzen sind ge-
prägt durch eine „eher instrumentelle
Motivation¨, die ,mehr dem Reich des
Zwangs als dem der Selbstverwirkli-
chung angehört¨, und klar dehnierte
Leistungsanforderungen und Hierar-
chien als feste Bezugspunkte für Rechte
und Pfichten der Arbeitnehmer¸innen
bietet (ebd.: 45). Diese Strukturen gelten
aktuell nicht als verschwunden, jedoch
wird eine Erosion dieser und somit eine
lrosion der Normalbeschäfigung at-
testiert (vgl. Minssen 200õ· 22).
Als Hauptdimensionen der Entgren-
zung lassen sich Selbstorganisation und
llexibilisierung von Arbeit identihzie-
ren. Selbstorganisation beschreibt da-
bei die Veränderung der Erwerbsarbeit
Sonderheft 2 | 2012 Seite 45
durch einen Verantwortungstransfer
nach unten (Kratzer 2003: 46). Die Flexi-
bilisierung, vor allem durch die Aume-
bung zeitlicher und räumlicher Gren-
zen, kann zwei Seiten annehmen. Zum
einen könnte die „Erosion institutionel-
ler Grenzen von Beschäfigung und Ar-
beit“ (ebd.: 46) eine bessere Vereinbar-
keit von Arbeit und Leben durch die Be-
rücksichtigung individueller Interes-
sen und die Aumebung der strikten
Trennung von Familie und Arbeit zur
lolge haben (Bosch 2001· 223f.), zum an-
deren kann dies jedoch auch zur Unter-
ordnung dieser lebensweltlichen Be-
dürfnisse und lnteressen gegenüber den
Anforderungen der lrwerbsarbeit füh-
ren (Senneu 1998). Richard Senneu be-
schreibt ,Drif¨ das unsichere Dahin-
treiben der Individuen – als ein mögli-
ches Resultat der Flexibilisierungsten-
denzen (ebd.· 22). lür Ulrich Beck (198õ·
222) verlieren die Subjekte durch diese
Entwicklung ihr „inneres Rückgrat der
Lebensführung¨. lve Chiapello und Luc
Boltanski heben in ihren Arbeiten zum
„Geist des neuen Kapitalismus“ (2003)
die Schwierigkeiten längerfristiger Pro-
jekte – wie Familie – hervor, denn „wer
nach einer höheren Wertigkeit strebt,
klammert sich nicht an einen Beruf oder
an eine Qalihkation, sondern zeigt
sich anpassungsfähig, fexibel¨ (ebd.·
1¯9). Diskontinuitäten der projektba-
sierten Arbeitswelt ersetzen die Konti-
nuität der lrwerbsbiographie des for-
distisch organisierten Arbeitsmarktes.
Subjektivierung von Arbeit, als ein wei-
teres Phänomen, beschreibt die Erosion
der Grenze zwischen Person und Ar-
beitskraf. Während es das Ziel inner-
halb des Taylorismus war, durch inner-
betriebliche Rationalisierungsprozesse,
also die ,Verwissenschaflichung von
lrfahrungswissen¨ und die ,Dequalih-
zierung durch fortschreitende Arbeits-
teilung“, Subjektivität auszuschalten
und somit eine Grenzlinie zwischen
Person und Arbeitskraf zu ziehen, set-
zen neue lntwicklungen auf ein gegen-
teiliges Programm (Moldaschl 1998·
198). Subjektivierung meint somit, dass
die Subjekte zunehmend dazu angehal-
ten werden, selbst im Unternehmen mit-
zugestalten. Durch „Re-Subjektivie-
rung soll[en] [.] verschüuete subjekti-
ve Potentiale freigelegt werden¨ (Molda-
schl 2000· õ; zitiert nach Kratzer 2003·
60) – Kreativität, Selbstkontrolle, Be-
geisterung und Engagement werden zu
neuen Größen innerhalb der Erwerbs-
arbeit. Dieser Überschuss an Gestal-
tungsmöglichkeiten fordert vom Ak-
teur einen erhöhten Mehraufwand bei
der Ausformung der Beziehung von Ar-
beit und Leben. Ulrich Bröckling (200¯)
fasst diese lntwicklungen in der Gestalt
des „unternehmerischen Selbst“ zusam-
men ,ein hegemoniales Anforde-
rungsprohl zeitgenössischer Subjekti-
vierung“ (Bröckling 2012: 131). Subjekti-
vierung wird dabei verstanden als „ein
lnsemble der Kräfe, die auf die linzel-
nen einwirken und ihnen nahelegen,
Sonderheft 2 | 2012 Seite 46
sich in einer spezihschen Weise selbst
zu begreifen, ein spezihsches Verhält-
nis zu sich selbst zu pfegen und sich in
spezihscher Weise selbst zu modellie-
ren und zu optimieren“ (ebd.: 131). Pri-
mär beschreibt dies die Orientierung an
ökonomischen lmzienzkriterien im
Gesamtbereich des Sozialen – zum ei-
nen aus sozialpolitischer Sicht, aber
auch als Selbst- und Fremdanspruch an
das Individuum (vgl. Bührmann 2005: 1).
Neben den bereits genannten Aspekten
moderner lrwerbsarbeit, hndet sich
auch jener der verstärkten „Selbst-Öko-
nomisierung“ in Günter Voß und Hans
Pongratz Konzept des ,Arbeitskrafun-
ternehmers¨ (1998) wieder. Durch die
zunehmende Autonomisierung sind
Akteure gefordert, ihre Leistungen kos-
tenbewusst und zweckgerichtet aktiv
zu gestalten – sie betreiben „eine Art
systematische Produktionsökonomie
ihrer Arbeitskraf¨ (ebd.· 9f.). Durch jene
Veränderung ergeben sich vermehrt
neue Widersprüche zwischen der „Selb-
storganisation“ und der „Fremdorgani-
sation¨ der lrwerbsarbeit, die es für die
Akteure aktiv zu überbrücken gilt (Mol-
daschl 1998· 199).
WissenschaR aIs Beruf - Prototyp
des ArbeitskraRunternehmers und
des unternehmerischen SeIbst'
Max Webers (2002) Ausführungen zu
,Wissenschaf als Beruf¨ lassen schnell
mutmaßen, dass Entgrenzung von Ar-
beit und Leben bzw. Person und Arbeits-
kraf schon sehr früh innerhalb des wis-
senschaflichen Arbeitsfeldes ein hoch-
aktuelles Tema ist. So lassen sich eini-
ge Gemeinsamkeiten mit dem Arbeits-
krafunternehmer (Voß/Pongratz· 1998)
oder dem unternehmerischen Selbst
(Bröckling 200¯) der postmodernen Ge-
sellschaf feststellen.
Weber beschreibt die Laumahn des jun-
gen Wissenschaflers als besonders ris-
kant. Sein eigener lrfolg ist abhängig
von der Gunst seiner Gönner und der
Sachlage vorhandener Strukturen. Die
drei wichtigsten Antriebsmiuel des
Akademikers sind dabei linfall, Arbeit
und Leidenschaf, somit wird auch ein
innerer Kern der Wissenschaf bzw. ein
spezieller wissenschaflicher lthos
hervorgehoben (Weber 2002.: 482). Das
Subjekt spielt demnach in seiner Ganz-
heit eine entscheidende Rolle bei der
Ausführung seines Berufes. Die Gren-
zen zwischen Person und Arbeitskraf
verschwimmen.
Lorraine Daston unterstellt der „wis-
senschaflichen Persona¨ eine Art der
kollektiven Identität, und spitzt somit
die Ausführungen Webers stärker zu.
Sie meint eine Identität, die „nicht unbe-
dingt mit der eines Individuums über-
einstimmen muß, die aber dennoch die
Aspirationen, Eigenarten, Lebenswei-
sen [.] einer Gruppe formt, die sich zu
Sonderheft 2 | 2012 Seite 47
dieser ldentität bekennt und von der Of-
fentlichkeit auch so wahrgenommen
wird“ (Daston 2003: 110). So ließe sich
von einem wissenschaflichen Habitus
sprechen, der vor allem durch Passion
und harte Arbeit gekennzeichnet ist
(vgl. Metz-Göckel 2009· 2; vgl. Krais
2008).
Diese Rahmenbedingungen eines spe-
zihschen wissenschaflichen lthos` las-
sen Schwierigkeiten vermuten bezüg-
lich der Vereinbarkeit von wissen-
schaflicher Arbeit und häuslichem Le-
ben (Daston 2003: 112). Andere Arbeiten
zeigen auf, dass in der Wissenschaf
„eine nahezu vollständige Verschmel-
zung von Arbeit und privatem Leben“
angestrebt wird; jede Tätigkeit dient da-
bei dem wissenschaflichen lrkennt-
nisgewinn (Beaufaÿs 200¯· ¯). Bezug-
nehmend auf diese Konzeption eines
spezihschen Berufsethos`, ließe sich die
Tese ableiten, dass Normalbeschäfi-
gung nicht als Referenzgröße für den
Beruf des Wissenschaflers oder der
Wissenschaflerin gelten könne die
Diskussion um atypische Beschäfi-
gungsformen in der Wissenschaf
bräuchte folglich einen neuen Referenz-
rahmen. lnwiefern dieses ldeal oder
kollektive Bewusstsein bzw. Subjekti-
vierungsangebot in der Realität anzu-
trenen ist, gilt es zu untersuchen.
Doch nicht nur der ,innere Beruf¨ der
Wissenschaf grenzt sich von anderen
lormen der lrwerbsarbeit ab, auch auf
struktureller Ebene lässt sich der wis-
senschafliche Betrieb als ,besonderer
Arbeitsmarkt¨ identihzieren (Klecha/
Reimer: 2008). Dreiviertel der wissen-
schaflichen Mitarbeiter¸innen sind be-
fristet beschäfigt (Vergleich Gesamtar-
beitsmarkt 9,¯¯); zudem behnden sie
sich deutlich häuhger in Teilzeitbe-
schäfigung (Wissenschafsrat 200¯).
Bei sinkenden Miueln für die Grund-
ausstauung und dem Wachstum des
Driumiuelvolumens, der Stagnation
der Anzahl der Professuren bei gleich-
zeitigem Anstieg der Studierendenzah-
len, wächst schnell der Verdacht, zu
wessen Nachteil die Mehrbelastung an
deutschen Universitäten geht: des wis-
senschaflichen Miuelbaus (Klecha/
Reimer 2008· 20n.).
¸Doing FamiIy" und ¸Fathering" im
Postfordismus
Der Wandel der gesellschaflichen Or-
ganisation von Arbeit und der Bedeu-
tungsverlust der Normalbeschäfigung
haben nicht nur einen fundamentalen
linfuss auf das Subjekt in seiner Rolle
als Arbeitnehmer_in, sondern auch in
seinem Verständnis von Privatem und
Familie.
Durch die zunehmende Abkehr von der
geschlechterspezihschen Konnotation
sozialer Räume – Erwerbsarbeit als
männlich und Familienarbeit als weib-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 48
lich konnotiert – lässt sich zudem auch
von einer Entgrenzung der Geschlech-
terrollen sprechen (vgl. Meuser 2011,
Jürgens/Voß 200¯, Schier/Jurczyk 200¯).
Durch die steigende Frauenerwerbs-
quote und die zunehmende Abwendung
von einem klassischen Ernährermodell
bedarf es einer Neuorganisation des la-
milienarrangements. Familie lässt sich
unter anderem als Netzwerk besonderer
Art beschreiben, das „um verlässliche
persönliche Fürsorgebeziehungen zent-
riert ist¨; dabei ist ein wichtiges Merk-
mal ihre Beiläuhgkeit, weil sie nicht auf
lineare Zweckerfüllung zielt, sondern
auf lmotionalität und Körpergebun-
denheit (Schier/Jurczyk 200¯· 11). Durch
die zunehmende Flexibilisierung und
Entgrenzung moderner Erwerbsarbeit
erfährt auch die lamilie als gesell-
schafliche lnstitution einen Wandel
von einer mehr oder weniger feststehen-
den gesellschaflichen Konstante hin zu
einer Form der „Herstellungsleistung“
oder ,doing family¨ (ebd.· 13).
Der Wandel innerhalb der Geschlech-
terdiskurse, und damit auch einherge-
hend die Entdeckung der „neuen Väter“
(Meuser 2011), verändert gängige gesell-
schafliche Wertearrangements; die al-
ten Geschlechterbilder erodieren. Un-
geachtet dessen wird in der Literatur
häuhg auestiert, dass sich zwar ,the cul-
ture of fatherhood¨ modernisiert, je-
doch „the conduct“ nicht zeitgleich an-
passt. Dies führt zu deutlichen Asyn-
chronitäten zwischen Wertinhalten
und gelebtem Vatersein (vgl. LaRossa
1988, Wall/Arnold 200¯, Meuser 2011)
,einer verbalen Aufgeschlossenheit bei
[.] weitgehende[r] Verhaltensstarre¨
(Beck 198õ· 1õ9). Auch wenn die linstel-
lung dem tatsächlichen Verhalten vor-
auseilt, verlangt die fortschreitende Ab-
kehr von alten Mustern und Werten ein
stärkeres Bedürfnis innerfamiliärer
Aushandlungen.
FIexibiIität nach Rezept - Die
Grounded -Teory-MethodoIogie
Unter Verwendung der Literatur zu den
aktuellen Debauen im Bereich Wissen-
schaf als Beruf, Wandel der lrwerbsar-
beit und lamilien im Postfordismus als
sensibilisierende Konzepte (vgl.
Strauss/Corbin 1990· ¯¯, Mey/Mruck
2009· 108), wurden qualitative lnter-
views im Rahmen der Grounded-Teo-
ry-Methodologie (GTM) durchgeführt
und ausgewertet. GTM gilt als ,compre-
hensive, integrated and highly structu-
red, yet eminently fexible process that
takes a researcher from the held to a hni-
shed wriuen theory from the hrst day.¨
(Glaser/Holton 2004: 14). Die Arbeit be-
zieht sich vorwiegend auf die Ausarbei-
tung der GTM nach Amseln Strauss und
Juliet Corbin, deren deutlich onenerer
Umgang mit vorhandenem Vorwissen
und der Recherche relevanter Literatur
im Kontrast zu Barney Glasers empiris-
tischem Ansatz steht (vgl. Strauss/Cor-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 49
bin 1990, Glaser/Strauss 19õ¯, Strübling
2004: 8).
Das Studium themenspezihscher Veröf-
fentlichungen gilt als wichtige Qelle
„theoretischer Sensibilität“. Diese be-
zeichnet die persönliche ,Metakompe-
tenz¨ des lorschenden das Gefühl für
die Aussagekraf der gesammelten Da-
ten (Strauss/Corbin 1990· 4õ, Mey/
Mruck 2009· 109). Die Auseinanderset-
zung mit schon bestehenden Teorien
während des gesamten Forschungspro-
zesses ist somit Voraussetzung, ebenso
die ständige Refexion der gesammelten
lnformationen und der Vergleich zwi-
schen gängigen Konzepten und jenen
Kategorien die sich aus dem Datenmate-
rial ableiten lassen. Die Analyse der Da-
ten und das Lesen wissenschaflicher
Texte hndet dabei abwechselnd, bzw.
parallel stau. ln erster Linie geht es
nicht um die Bestätigung gängiger Kon-
zepte und Teorien, sondern um das
lntdecken von Neuem durch die Metho-
de des ständigen Vergleichens (vgl. Mey/
Mruck 2009· 10õ).
Auch wenn die Grounded Teory in der
Literatur beinahe lehrbuchartig er-
scheint (vgl. Strauss/Corbin 1990; vgl.
Truschkat et al. 200¯), ist keinesfalls von
einer Linearität des Forschungsprozes-
ses zu sprechen. Staudessen hebt die
GTM ,die zeitliche Parallelität und
wechselseitige funktionale Abhängig-
keit der Prozesse“ hervor (Strübling
2004· 14; vgl. Strauss 1991· 4õ). Jörg Strü-
bing (2002: 336) spricht in diesem Zu-
sammenhang von ,Mikrozyklen¨ aus
Datenerhebung, Interpretation und er-
neuter empirischer Uberprüfung. Die-
ser Kreisförmigkeit des lorschen inner-
halb der GTM ist auch die Besonderheit
der Fallauswahl – dem theoretical sam-
pling – geschuldet: „sampling on the ba-
sis of the evolving theoretical relevance
of concepts¨ (Glaser/Strauss 1990· 1¯9).
Somit kann auch von einer „rollenden
und absichtsvollen Stichprobenzie-
hung¨ gesprochen werden (Mey/Mruck
2009· 110). Nach Strauss` lmpfehlung
soll bereits nach dem Sammeln erster
Daten mit der Auswertung dieser be-
gonnen werden, um somit richtungs-
weisend bei der Auswahl der nächsten
Interviewpartner zu wirken – ein
hamsterhafes Datensammeln am An-
fang des lorschungsprojektes soll somit
vermieden werden (vgl. Strauss im In-
terview mit Legewie/Schervier-Lege-
wie 2004· ¯9)
Im Falle der vorliegenden Arbeit stand
zu Beginn die noch sehr onene lrage
nach der Vereinbarkeit von Familie und
Beruf innerhalb des wissenschaflichen
Miuelbaus von jungen Vätern. Der erste
Interviewte musste lediglich, den in der
Fragestellung enthaltenen Kategorien
entsprechen. Interviewpartner I ist ein
promovierender Soziologe an einem
noch sehr jungen Lehrstuhl in den alten
Bundesländern, die Partnerin ist be-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 50
rufstätig. Aus dem gewonnenen Materi-
al ließen sich im Laufe der ersten Analy-
se verschiedene Kategorien ableiten,
das heißt inhaltliche Merkmale, die das
,infrage stehende Phänomen am besten
verstehen und erklären helfen¨ (Mruck/
Mey 2009· 111) in diesem lall die Bin-
dung und das Alter des Lehrstuhls, die
Selbstdehnition als Vater und Partner,
sowie die Berufstätigkeit der lrau. Die-
se Kategorien bestimmten die Auswahl
des nächsten Interviewpartners – So-
ziologe an einem kurz vor der Emeritie-
rung stehenden Lehrstuhl in den neuen
Bundesländern, dessen Partnerin nicht
erwerbstätig ist. lm weiteren Verlauf der
Datengenerierung und -auswertung
wurden neue Kategorien identihziert.
Dabei wurden entwickelte Konzepte
zur Erklärung des Phänomens immer
wieder mit den neuen Daten verglichen
und somit modihziert, bestätigt oder
verworfen. Unter anderem wurde eben-
falls nach dem linfuss der Disziplin ge-
fragt, folglich fand eine lrweiterung
des Samples mit Geistes- und Naturwis-
senschaflern stau. lnsgesamt wurden
fünf lnterviews mit einer Dauer von
eineinhalb bis zwei Stunden durchge-
führt. Die genaue Auswahl der lälle
durch die leitenden Kategorien kann an
dieser Stelle jedoch nur angeschniuen
werden. lrst im Laufe der lorschung
und unter Einbezug der während des
Prozesses gewonnenen Daten konnte
die zunächst noch sehr onene lragestel-
lung stärker zugespitzt werden (vgl.
Truschkat et al. 200¯· 9).
Das konkrete Auswerten der Inter-
wiedaten innerhalb der GTM erfolgt
über das Kodieren und damit das Entwi-
ckeln theoretischer Konzepte, die das
untersuchte Phänomen zu erklären ver-
suchen (Strauss/Glaser 1990· ¯4). lrgeb-
nis der Analysearbeit ist eine Liste von
Begrinen und Kategorien, sowie deren
lrläuterung (Böhm 2009· 4¯õ). ls lassen
sich drei Phasen des Codierens unter-
scheiden onenes, axiales und selekti-
ves Codieren. Das onene Codieren dient
dem erstmaligen Aumrechen des Da-
tenmaterials in dem dieses mit theori-
engenerierenden Fragen bearbeitet
wird. lm Schriu des axialen Codierens
werden die gewonnenen Konzepte und
Kategorien verfeinert. line Kategorie
wird in den Miuelpunkt gerückt und
das bestehende Beziehungsnetz darum
herausgearbeitet. Das selektive Codie-
ren dient zur ldentihkation der Kernka-
tegorien. So wird zunächst das Arbeits-
umfeld analysiert und die Beziehung zu
den Kollegen und dem Lehrstuhl aus-
führlich beschrieben, um erste Konzep-
te und Kategorien zu bilden (onenes Co-
dieren). lm weiteren Schriu wird die Ka-
tegorie ,wissenschafliche lamilie¨
identihziert (axiales Codieren), dies
meint eine besonders enge Bindung
zum Lehrstuhl und Kollegium, durch
bspw. Lehrstuhlausfüge oder gemein-
samen nicht nur berufich begründeten
Aktivitäten. Mögliche Konsequenzen
Sonderheft 2 | 2012 Seite 51
können sein, dass sich der Akteur sei-
nem/seiner Arbeitgeber_in stärker ver-
pfichtet fühlt, da es nun auch um sozia-
le Anerkennung innerhalb der „Familie“
geht (vgl. Interview I). Die daraus abzu-
leitende Kernkategorie ist dann die
„Bindung zum Lehrstuhl“, die unter-
schiedliche Dimensionen annehmen
kann (selektives Codieren). Alle drei
Analyseschriue können parallel stau-
hnden oder auch am selben Material
wiederholt werden; eine strenge Abfol-
ge ist nicht gefordert (Strauss/Glaser
1990). Unter linhaltung des GTM-Regel-
werkes lässt sich aus dem empirischen
Material, unter Bezugnahme sensibili-
sierender Konzepte, somit eine gegen-
standsbegründete Teorie entwickeln.
Meine FamiIie, die WissenschaR
und Ich
Die Ergebnisse zeigen, dass sich alle Be-
fragten mit unterschiedlichen, jedoch
typischen Anforderungen innerhalb
der drei Teilbereiche Familie, Arbeit
und Selbstsorge konfrontiert sehen. Die
unterschiedlichen Logiken bzw. An-
sprüche zeichnen sich vor allem durch
ihre Unvereinbarkeit untereinander
aus. Während in der gängigen Literatur
vor allem im Bezug auf das Konzept der
Work/Life Balance auf eine bipolare
Ausprägung – Leben und Arbeit – re-
kurriert wird (vgl. Voß 1991), zeigt die
Analyse des lnterviewmaterials, dass es
sich nicht nur um zwei durch den Ak-
teur zu vereinende Bereiche handelt,
sondern ebenso um einen driuen der
,Selbstpfege¨ bzw. des ,Selbst¨, der
ebenfalls eine eigenständige Logik auf-
weist. Das Fehlen des „Selbst“ in den ak-
tuellen Diskussionen könnte auf die
stärker strukturell orientierte Perspek-
tive des aktuellen Diskurses zurückzu-
führen sein; so hndet ,Work/Life Balan-
ce“ vor allem starke Beachtung inner-
halb politischer Debauen rund um ,Pro-
duktivität [.], Geburtenrate, lrwerbs-
potential [und den] Ausgaben der
Gesetzlichen Krankenversicherung“
(BSlSJ 200¯· 33). lin handlungstheoreti-
scher Zugang, bzw. eine stärkere Orien-
tierung am Subjekt scheint dabei jedoch
deutlich zu kurz zu kommen.
Während der Bereich der Erwerbsarbeit
bzw. Wissenschaf als Beruf vor allem
Flexibilität und Selbstorganisation un-
ter den Bedingungen unsicherer Be-
schäfigungsperspektiven verlangt,
stützt sich der Bereich der lamilie auf
die Prinzipien der Sicherheit, Stabilität
und der ,Beiläuhgkeit der lamilie¨
(Schier/Jurczyk 200¯· 11). Beide Bereiche
stellen externe Anforderungen an das
lndividuum. Der driue Bereich der
Selbstsorge kann dagegen als verant-
wortungsfreier Raum, bzw. als Raum
der Verantwortung gegenüber sich
selbst dehniert werden. Hier ist der Ak-
teur auf sich gestellt und muss lediglich
den eigenen Wünschen und Selbstan-
sprüchen gerecht werden (siehe Abb. 1).
Sonderheft 2 | 2012 Seite 52
,[.]ein Freirov» íei{ì [vr »icí ein{ocí
mal nur machen, wo man sich nicht kon-
zentrieren muss, wo man weiß, man kann
keine Fehler machen, kann sich mal zu-
rvc||eínen, o|so Jos [Jie Nocí»iuogso|-
tivität mit dem Kind allein] ist kein typi-
scher Freiraum, also im Gegenteil, das ist
was, was nicht mit Arbeit zu tun hat, das ist
eine Auszeit, Auszeit ist vielleicht auch der
{o|scíe Begri¡, Jos isì eine Frei:eiìo|ìi\i-
tät, aber kein Freiraum […]“ (Interview I)
lin distinktives Merkmal des Bereiches
Selbstsorge stellt somit den Teil für das
lndividuum dar, der ihm unfehlbar er-
scheint. Die Bereiche Arbeit und Fami-
lie stellen das Risiko, dass der Akteur
den von außen gestellten Ansprüchen
nicht gerecht werden könnte. Es handelt
sich somit um einen Bereich der perso-
nellen Selbstpfege, in dem kreatives
und freies, nicht nur auf Konformität ge-
richtetes Handeln ermöglicht wird.
Bindung und Anforderungen durch
den LehrstuhI
Bezugnehmend auf das empirische Ma-
terial und dem Bereich der Wissen-
schaf als lrwerbsarbeit lassen sich
zwei wichtige Hauptkategorien identi-
hzieren. Zum einen die Anforderungen,
die an den Mitarbeiter durch den Lehr-
stuhl gestellt werden und zum anderen
die Bindung an den Lehrstuhl bzw. den
Vorgesetzten und das Kollegium. In den
jeweiligen Kategorien lassen sich zwei
Pole ausmachen. Die Bindung des Wis-
senschaflers lässt sich zwischen ,wis-
senschaflicher lamilie¨ und ,Vorge-
setzter/Kollegium“ beschreiben. Die
Anforderungen, die durch den Lehr-
stuhl in lorm von zu erledigenden Auf-
gaben an den Wissenschafler gestellt
werden, können ebenfalls sehr stark va-
riieren. line wichtige linfusskompo-
nente ist dabei das „Alter“ des Lehr-
Abb. 1: Konkurrierende Logiken der unterschiedlichen Sphären
Sonderheft 2 | 2012 Seite 53
stuhls. Behndet sich der Professor oder
die Professorin kurz vor der lmeritie-
rung, ist der Druck bezüglich der Ar-
beitsperformance der Mitarbeiter deut-
lich geringer. So kann sich nahezu aus-
schließlich auf das Schreiben der Dok-
torarbeit konzentriert werden, und die
lrfüllung der vertraglich festgeschrie-
benen Lehrverpfichtung. Die Motivati-
on, über die geforderten Aufgaben hin-
aus zu arbeiten, wird als intrinsisches
und eigenes Vorankommen beschrie-
ben. Da der Akteur die lntscheidung für
bestimmte Arbeiten als selbst getronen
wahrnimmt, wird sie nur bedingt als
von außen wirkender Druck angesehen.
Durch die Übersichtlichkeit und gerin-
ge Spliuung der Teilaufgaben wird die
Organisation des Arbeitsalltags erleich-
tert (Interview III).
Ist der Lehrstuhlinhaber oder die Lehr-
stuhlinhaberin jedoch noch nicht vor
allzu langer Zeit berufen worden, unter-
scheidet sich der Arbeitsalltag des Mit-
telbaus signihkant in den gestellten An-
forderungen. Durch die unterschiedli-
chen Aufgaben ist die Organisation mit
einem höheren Koordinationsaufwand
verbunden. ls hndet eine aktive Struk-
turierung im Bereich der Erwerbsarbeit
stau, die über unterschiedliche Hilfs-
miuel realisiert wird. Durch die Wahr-
nehmung der Aufgaben als lremdan-
sprüche des Lehrstuhls wächst der
Druck auf das lndividuum. Verstärkt
wird dies durch eine mögliche enge Bin-
dung (,Wissenschafliche lamilie¨)
zum Lehrstuhl (Interview I & V). Diese
zeichnet sich dadurch aus, dass sie über
ein formelles Arbeitsverhältnis hinaus-
geht. So gibt es gemeinsame Freizeitak-
tivitäten oder ,Lehrstuhlausfüge¨ (ln-
terview V) – dabei verschwimmen die
berufichen und freundschaflichen
Verhältnisse unter den Kollegen_innen,
aber auch die zum/r Vorgesetzte/n (In-
terview I). Die Angst vor sozialem Aus-
schluss wird als mögliche Sanktion
wahrgenommen und die Verpfichtung
zum Lehrstuhl wird nicht länger als
rein berufich betrachtet. Sind diese bei-
den Kategorien ,Bindung¨ und ,Anfor-
derungen“ stark ausgeprägt, lässt sich
von einer deutlichen Entgrenzung (vgl.
Kratzer 2003) der Arbeit sprechen. Diese
geschieht nicht nur auf personeller lbe-
ne, sondern auch durch eine räumliche
und zeitliche Entgrenzung. Während
bei einer geringeren Spliuung und Viel-
falt der Anforderungen die Grenzzie-
hung zwischen Arbeit, Familie und
Selbst deutlich erleichtert wird (Inter-
view III), erodieren diese Grenzen im ge-
genteiligen Fall (Interview I & V). So
werden auch noch nachts, neben der
schlafenden Partnerin, mit dem Smart-
phone berufiche l-Mails beantwortet
oder eigene lreiräume, wie Miuagspau-
sen, auf Grund der Mehrbelastung ge-
kürzt (Interview I). Insgesamt lässt sich
bei dem Typus ,enge Bindung und hohe
Anforderungen¨ die Tendenz zur Ratio-
nalisierung eigener Freiräume erken-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 54
nen. Das eigene Bedürfnis nach Selbst-
pfege der eigenen ldentität hndet auf-
grund der wahrgenommenen Rahmen-
bedingungen kaum bis keine Berück-
sichtigung mehr.
EIternzeit und WissenschaR - WoI-
Ien und nicht können'
Im Bereich Familie kennzeichnen sich
die markanten Kategorien zum einen
durch die Berufstätigkeit der lrau und
der eigenen Dehnition der Vaterrolle.
Wird ein eher klassisches Familienbild
gelebt, das durch eine geschlechterspe-
zihsche Konnotation der Räume lr-
werbsarbeit und Familienarbeit geprägt
ist, ist es dem Akteur in erleichterter
Weise möglich, die Grenzen zwischen
den Bereichen Familie, Arbeit/Wissen-
schaf und Selbst zu ziehen. Dies ge-
schieht auch in Abhängigkeit der Aus-
gestaltung des Arbeitsalltags.
ls zeigt sich in der Analyse des Daten-
materials eine Dominanz der Kategor--
ien „Anspruch durch den Lehrstuhl“
und ,Dehnition der Rolle als Vater¨, folg-
lich lassen sich vier Handlungstypen
generieren. Diese sind als idealtypisch
zu betrachten (vgl. Weber 19õ8· 190n.), so
können sich in einem Interview Aspek-
te unterschiedlicher Typen wiederhn-
den.
Da an dieser Stelle eine ausführliche
Darstellung der Ergebnisse nicht mög-
lich ist, soll exemplarisch der Typus des
„Zerrissenen“ näher beleuchtet werden.
Dieser Typus (besonders lnterview l)
schätzt die berufichen Anforderungen
als sehr hoch ein, gleichzeitig dehniert
er seine Rolle innerhalb der Familie im
Sinne Meusers (2011) als ,neuer Vater¨.
Dies führt zu Spannungen zwischen la-
milie, Arbeit und Selbst. Wissenschaf
im Sinne der Erwerbsarbeit zeigt sich
A||. 2: Finµvss Jes Leírsìví|s ov{ Jos Gren:»onoge»enì
Sonderheft 2 | 2012 Seite 55
räumlich und zeitlich entgrenzt (vgl.
Kratzer 2003). Diesem Mehranspruch
wird durch gezielte Strukturierung des
Arbeitsalltags entgegengewirkt. Ist der
Druck innerhalb des Bereiches Arbeit
zu hoch, wird dessen Logik auf den Be-
reich der Familie übertragen. Es gilt
auch hier, den Anspruch „Flexibilität“
zu erhalten. Zudem wird die Familien-
arbeit ,professionalisiert¨ durch die
Auslagerung dieser an externe Betreu-
ungskräfe (vgl. Burkhart 2008· 314) und
ebenso durch die akribische Organisati-
on des Familienalltags, wodurch die Fa-
milie zunehmend ihre ,Beiläuhgkeit¨
verliert. Vor allem die eventuelle Be-
rufstätigkeit der Partnerin kann zur
möglichen Herausforderung der Orga-
nisation der lamilienarbeit werden. Auf
Grund des berufichen lremdan-
spruchs wird tendenziell auf die Mög-
lichkeit der Elternzeit und das damit
verbundene längere Fernbleiben vom
wissenschaflichen Betrieb verzichtet.
Jedoch wird dies als Dissonanz zwi-
schen berufichen Zwängen und elterli-
chen Werten wahrgenommen.
„[…]also ich kann jetzt auch nicht, ich kann
jetzt diese Arbeit nicht mal kurz abgeben,
also die ganze Idee Elternzeit funktioniert
¡ri»o [vr Jen BonJor|eiìer |ei Vo||s+o-
gen den ich wirklich austauschen kann, als
so wie es jetzt ist […]“ (Interview V)
Besonders die Anstellung innerhalb ei-
nes Projektes wird als unvereinbar mit
dem Konzept der Elternzeit betrachtet,
da auf Grund des spezialisierten Wis-
sensvorrates eine personelle Abhängig-
keit gegeben ist. Als alternative Strate-
gie zum Verzicht kann jedoch die El-
Abb. 3: Typengenerierung
Sonderheft 2 | 2012 Seite 56
ternzeit auf halbtags beschränkt wer-
den, wobei auch hier die Betreu-
ungsmehrbelastung entweder bei der
Partnerin liegt oder bei externen Be-
treuungskräfen (lnterview V).
Neben dem „Zerrissenen“ lassen sich
auch der Typus des ,9to¯-Wissenschaf-
lers“, des „Familienernährers“ und des
,Unbekümmerten¨ identihzieren.
Ich bin dann maI weg'
Die Entscheidung zur Promotion wird
von den Akteuren mit dem Wunsch
nach eigener Weiterbildung begründet.
In der Retrospektive geht es ihnen somit
nicht darum, Wissenschaf vorwiegend
als Form der Erwerbsarbeit zu betrach-
ten, sondern auch als Möglichkeit der
Selbstverwirklichung. Die Motivation
zur Promotion bedient sich also einer
ldealvorstellung von Wissenschaf als
Beruf, so wie sie auch Weber (2002) be-
schreibt:
„„[…] während dessen ich ja früher noch die
roJi|o|e Ansicíì íoue, icí or|eiìe o|so i»-
mer, aber ich habe früher gar nicht von Ar-
beiten gesprochen, weil wir sind halt Sozio-
logen und wir lieben die Soziologie […],
aber wenn man es schnell feststellt in wel-
chen Produktionszwängen wir eigentlich
stecken und wie schnell man Texte produ-
zieren muss und wie der Zwang ist und
wenn man einen Antrag schreibt, den
kriegt man um die Ohren geklatscht, ir-
gendwann schnell realisiert man, dass
»on enì+eJer es scío¡ì es ovcí »o| o|s
Arbeit zu betrachten oder sich davon zu di-
stanzieren […] man muss es irgendwie
scío¡en sicí ovcí »o| Jo\on |osen :v |on-
nen […]“ (Interview I)
Ist der Lehrstuhl stark Output-orien-
tiert, das heißt, dass die Anforderungen
an den Mitarbeiter hoch sind, werden
die Arbeitsbedingungen tendenziell als
negativ bewertet. Vor allem die fehlende
Planbarkeit aufgrund des befristeten
Anstellungsverhältnis wird als Unsi-
cherheit bis hin zu einem „radikal pre-
kären Arbeitsverhältnis“ (Interview I)
gewertet. Diese Perzeption der Rah-
menbedingungen durch die Akteure
hat unterschiedliche, aber dennoch in
ihrem Kern ähnliche Strategien zur Fol-
ge. Zunächst hndet eine innere Distan-
zierung zum Beruf (Interview I & III)
stau, aufgrund der Desillusionierung
ursprünglicher Vorstellungen durch die
realen Arbeitsbedingungen. So wird
von längerfristigen Zukunfsplanun-
gen abgesehen und kleinteiliger geplant.
Diese Step-by-Step-Strategie (Interview I
& V) wird durch unterschiedliche Kno-
tenpunkte markiert. So wird zumeist
bis zur Promotion gedacht und nicht
weiter. line Professur als längerfristi-
ges Ziel wird nicht von vornherein in
Betracht gezogen, sondern lediglich als
entfernte Möglichkeit wahrgenommen.
Eine weitere Strategie ist das bewusste
Evaluieren von Ausstiegsmöglichkei-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 57
gesprächen ja, also der geringste Zweifel
daran, dass ich im akademischen Bereich
nicíì ||ei|en +i|| +vrJe Jo:v [víren, Joss
ich diese Postdocstelle nicht kriege, weil
Postdocstellen, denke ich, sind schon daran
ge|nv¡µ, Joss »on Jen Levìen ||or »ocíì,
ich will jetzt einfach aufarbeiten […] ja sag
icí o¡en, isì jo onony»isierì o» FnJe, Jo
»vss »on Jonn µvn|ern, icí |in »ir o|so-
lut unsicher, ob ich nach der Zeit des Post-
Joc, in Jer Vissenscíoµ ||ei|en +i|| [.]¨
(Interview III)
Resümee
Die lrgebnisse zeigen auf, dass junge
Väter im wissenschaflichen Miuelbau
mit unterschiedlichen Anforderungen
konfrontiert sind. Dabei müssen sie
nicht nur die Fremdansprüche der Fa-
milie und der Erwerbsarbeit vereinen,
sondern auch dem driuen Bereich der
,Selbstpfege¨ gerecht werden. Je nach-
dem, wie hoch die Anforderungen
durch den Lehrstuhl gegenüber dem
Akteur sind und wie dieser seine Rolle
als Vater dehniert, gestaltet sich die Be-
ziehung der drei Sphären zueinander.
Wird der Druck im wissenschaflichen
Bereich als zu stark wahrgenommen,
werden als erstes die eigenen Freiräume
rationalisiert oder sogar die Funktions-
logik des Bereiches Arbeit auf den der
Familie übertragen. Vor allem die unsi-
cheren Beschäfigungsverhältnisse
werden als prekär wahrgenommen.
Eine mögliche Folge ist, dass die Akteu-
ten aus der Wissenschaf. So wird im
Umfeld geschaut, welche Exit-Strategien
Kollegen verfolgen, um diese dann für
die eigene Biographie auf ihre Verwert-
barkeit hin zu überprüfen.
„[…] also ich verfolge eigentlich immer ganz
interessiert, was andere Kollegen so ma-
chen, wo die so unterkommen, in Ministeri-
en, in der Verwaltung oder Kulturbetrieb,
oder sozusagen nicht universitären Wis-
senscíoµs|eìrie| [.]¨ (Inìer\ie+ IV)
Vor allem die Angst vor der „Sackgasse“
(Interview IV) hindert die Akteure an
einer selbstbewussten Planung der ei-
genen wissenschaflichen Karriere.
Dennoch sind sich die Akteure bewusst
darüber, dass die Überlegung eines
möglichen Ausstiegs nicht dem Ideal
der Liebe zur Wissenschaf gerecht
wird, in diesem lall verfolgen sie eine
Imitations-Strategie, um zwar äußerlich
dem ,leidenschaflichen¨ Wissen-
schafler (vgl. Weber 2002) und damit ei-
ner, wie von Daston (2003: 110) propa-
gierten, „kollektiven Identität“ zu ent-
sprechen, ohne diese jedoch verinner-
licht zu haben. Das Ideal vom
Wissenschafler scheint somit gemein-
sam geteilter Wissensvorrat, allerdings
nur im Sinne der Äußerlichkeit und
nicht der Verinnerlichung.
,[.]||ei| icí Jer Vissenscíoµ jeì:ì ìrev,
oJer nicíì, Jos ge[öír|icíe on Jieser Fin-
stellung ist, dass ich die so in Einstellungs-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 58
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ler lbene betrachtet, bedeutet dies für
das Universitäts- und Wissenschafs-
system den drohenden Mangel an ge-
eigneten Nachwuchskräfen nach der
Promotionsphase. Um dieser möglichen
Entwicklung entgegenzuwirken, müs-
sen mehr Optionen der Planbarkeit der
Karriere geschanen werden (vgl. Jaksz-
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 63
Wissenschafsrat (200¯)· lmpfehlung zu
einer lehrorientierten Reform der Per-
sonalstruktur an Universitäten, Drs.
¯¯21-0¯, Berlin.
Zur Autorin
Kristin Neumann, 26, schloss 2010 an
der TU Dresden das Bachelorstudium
der Soziologie und Politikwissenschaf-
ten ab. Derzeit studiert sie, nach einem
Studienaufenthalt an der University of
Kent, an der Universität Hamburg im
Masterprogramm Soziologie. Zu ihren
wissenschaflichen lnteressengebieten
gehören· Methoden und Methodologie
der empirischen Sozialforschung und
der gesellschafliche Wandel der Orga-
nisation von Arbeit.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 64
Graphical Recording
Protokolle mal anders...
von Ansgar Lorenz und Parastu Karimi
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 65
Graphical Recording
Diese neue lorm der Wissensvermiu-
lung begleitete auf dem Kongress die
größten Veranstaltungen und einige Pa-
nels. Graphical Recording besteht in der
Anwesenheit einer Illustratorin oder ei-
nes Illustrators, die während eines Vor-
trags aufmerksam zuhören und auf ei-
ner Leinwand oder einem Flipchart die
wichtigsten Ergebnisse zeichnerisch
festhalten. line Methode, die als ,Pow-
er-Point-Alternative¨ bereits häuhg in
großen kommerziellen Unternehmen
angewendet wird, haben wir versucht
als Aufockerung und neue lorm der
wissenschaflichen Dokumentation
auch auf dem Soziologiekongress um-
zusetzen. Voraussetzung war natürlich,
dass sich die Zeichner_innen in soziolo-
gisch komplexe Temen eindenken und
hierfür anschauliche lllustrationen
entwickeln konnten.
Vielen Dank an unsere Zeichner_innen
Ansgar Lorenz und Parastu Karimi!
© Zeichnungen von Ansgar Lorenz und Parastu Karimi
Sonderheft 2 | 2012 Seite 66
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 67
Zu den Zeichner_innen:
Ansgar Lorenz, geb. 19¯9 in Hannover,
lebt und arbeitet in Berlin. Neben Kin-
der- und Jugendbuchillustration, betä-
tigt er sich zeichnerisch im Bereich Poli-
tik, Philosophie und Karikatur.
Auszüge seiner Arbeit sind auf www.
ansgarlorenz.de und www.karikatur.
ansgarlorenz.de zu sehen.
Seine jüngsten Publikationen· M. lou-
cault Philosophie für linsteiger, T. W.
Adorno Philosophie für linsteiger, l.
Nietzsche Philosophie für linsteiger
(alle Fink Verlag, 2012)
Parastu Karimi lebt und arbeitet als frei-
berufiche lllustratorin in Berlin. Neben
Aufrägen für Kinderbücher zeichnet
sie in ihrer Freizeit gerne Comics und
malt Murals.
Auszüge ihrer Arbeit sind auf ihrem
Blog //parastuillustration.blogspot.com
zu sehen
Gro¡íico| RecorJing :vr Fro¡nvngs\eronsìo|ìvng „KOMPLFXF NFUF VFLT“ mit Prof.
Dr. Martin Füllsack (Zeichnung von Ansgar Lorenz und Parastu Karimi)
Sonderheft 2 | 2012 Seite 68
Hugo Chávez' „Bolivarianische
Revolution“ als postkoloniale
Identitätspolitik?
von Daniel Drewski
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 69
!. Eine ¸BoIivarianische Identitäts-
poIitik"'
Comandante Hugo Chavez lrias, 1998
demokratisch zum Präsidenten Venezu-
elas gewählt – im Oktober 2012 stellt er
sich einmal wieder zur Wahl - initiierte
vor etwa dreißig Jahren eine zivil-mili-
tärische Bewegung, die nach dem Nati-
onalhelden des Landes benannt ist: die
Bolivarianische Revolution. Damit greif
er den Mythos eines Mannes auf, der das
kollektive Gedächtnis Venezuelas und
Lateinamerikas stark geprägt hat. Der
Venezolaner Simón Bolívar ist als Ver-
fassungsgeber, Präsident, Diktator und
General einer der größten Held_innen
der lateinamerikanischen Unabhän-
gigkeitskämpfe von 1810 bis 182¯ gegen
das Königreich Spanien. ln den darauf-
folgenden zwei Jahrhunderten personi-
hzierte er den politischen Gestaltungs-
willen vieler Regierungen, Bewegun-
gen und Revolutionen vor allem in sei-
nem Geburtsland: In seinem Namen
konnte Politik gemacht, legitimiert und
herausgefordert werden. Die ligur
Simón Bolívar ist deshalb das Parade-
beispiel eines politischen Mythos, also ei-
ner Erzählung, durch die das politische
Feld diskursiv strukturiert ist.
Chávez gibt nun vor, mit seiner Bolivari-
anischen Revolution einen neuen natio-
nalen und lateinamerikanischen
lmanzipationskampf zu führen (vgl.
Gou 200¯). lr stilisiert Bolivar anhand
In diesem Essay wird Hugo Chávez' Boliva-
rianische Revolution als eine postkoloniale
Identitätspolitik untersucht. Der amtie-
renJe PrösiJenì Vene:ve|os |ervµ sicí ov{
den politischen Mythos des venezolani-
schen Nationalhelden Simón Bolívar, der
zu Beginn des 19. Jahrhunderts zahlreiche
|oìeino»eri|oniscíe LönJer in Jie Uno|-
íöngig|eiì ge[vírì íoì. DoJvrcí »ocíì
Chávez seinen Anhänger_innen ein politi-
sches Identitätsangebot, das sich als eman-
zipatorische Reaktion auf kolonialistische
und neokolonialistische Bestandteile im
westlichen Diskurs der Moderne versteht.
A||erJings |o»¡ro»iuierì Jos onìogonis-
tische Verständnis von Politik, welches die-
ser „Bolivarianischen Identitätspolitik“
zugrunde liegt, die positiven Aspekte der
Revolution. Letztendlich, so das Fazit die-
ses Essays, mündet die Bolivarianische Re-
volution in einer bedenklichen Selbstdar-
stellung als „antagonistischer Anderer“
zum euro-amerikanischen Westen.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 70
dessen gelegentlichen egalitaristischen,
pan-amerikanischen und anti-imperia-
listischen Außerungen zu einem frühen
Sozialrevolutionär (vgl. Chavez 2009).
Chavez begreif sich dabei als lrbe Boli-
vars, der bestrebt ist, sein Land von einer
„repressiven“ nationalen Oligarchie und
den „imperialistischen“ Ansprüchen
der USA zu befreien. Basisdemokratie
soll gegen eine „korrupte“ repräsentati-
ve Demokratie in Anschlag gebracht
werden und die Erneuerung des „Sozia-
lismus für das XXl. Jahrhundert¨ einen
„ausbeuterischen“ Neoliberalismus ab-
lösen.
lch möchte in diesem lssay die Bolivari-
anische Revolution als eine postkolonia-
le Identitätspolitik untersuchen. Ich glau-
be, dass man in ihr eine politische Mobi-
lisierung symbolischer Ressourcen se-
hen kann, die ein politisches
„Identitätsangebot“ macht, indem sie ver-
sucht, das Gefühl eines ,Wir¨ zu vermit-
teln (was natürlich nicht voraussetzt,
dass sie multiple andere Identitäten, die
Menschen ausbilden, verdrängt). Post-
kolonial nenne ich diesen Versuch des-
halb, weil er vorgibt, sich gegen die sym-
bolische Gewalt kolonialistischer Be-
standteile im Diskurs der westlichen
Moderne zu richten.
lch werde in meinem lssay keinen Be-
zug nehmen auf weitere Aspekte, für die
man Chávez und den Chavismo ganz zu
Recht kritisieren kann, zum Beispiel die
extreme lixierung auf seine Person
(nach seiner langen Amtszeit natürlich
ein großes Problem für die Onenheit der
politischen lnstitutionen), die Militari-
sierung von Gesellschaf und Politik,
eine weiterhin große Abhängigkeit der
Wirtschaf vom Ol, dubiose Bündnispo-
litiken mit Diktaturen wie dem Iran
usw. lm lokus steht hier die symboli-
sche Dimension seiner Politik, die aller-
dings, wie wir sehen werden, fast eben-
so problematisch sein kann. Trotzdem
ergeben sich dadurch vielleicht andere
Einsichten in das politische und soziale
Geschehen auf einem Kontinent, der
eben nicht nur Chávez allein gehört. La-
teinamerika ist eine äußerst dynami-
sche Region, die sich in einer globali-
sierten und multipolaren komplexen
neuen Welt nicht nur wirtschaflich
und politisch, sondern auch kulturell
neu zu orientieren und zu positionieren
versucht.
2. Der poIitische Mythos BoIívar
Natürlich scheint es fragwürdig, von ei-
ner post-kolonialen Identitätspolitik zu
sprechen, wenn die meisten lateiname-
rikanischen Länder bereits ihre
200-jährige Unabhängigkeit vom spani-
schen Königreich gefeiert haben (dem
sogenannten Bicentenario 2010/2011).
lin junger philippinischer Schrifstel-
ler, Miguel Syjuco, hat die Bedenken in
Bezug auf die Verwendung des Begrins
,postkolonial¨ vergangenes Jahr auf
Sonderheft 2 | 2012 Seite 71
dem lnternationalen Literaturfestival
Berlin trenend auf den Punkt gebracht·
„Bedeutet das Festhalten am Postkoloni-
alismus nicht auch, dass wir noch im-
mer die letzten Reste des Kolonialismus
in uns tragen`¨ (Syjuco 2011). Diese rhe-
torische Frage sollten sich vor allem die
stellen, die aus westeuropäischer oder
US-amerikanischer Perspektive über
„postkoloniale“ Phänomene und Kons-
tellationen schreiben.
Allerdings zeigt gerade die große Be-
deutung, die den Feierlichkeiten zum
Bicentenario beigemessen werden, dass
der historische Kampf gegen Kolonia-
lismus auch heute noch wichtig für das
politische Selbstverständnis vieler poli-
tischer und sozialer Akteur_innen in
Lateinamerika ist. Besondere Vitalität
haben diese nationalen „Gründungs-
mythen¨ vor allem, wenn sie im (rhetori-
schen oder materiellen) Kampf gegen
(wirkliche oder vermeintliche) neokolo-
niale Formen von Ausbeutung und Ab-
hängigkeit mobilisiert werden können.
Bestes Beispiel hierfür ist der Mythos
um den venezolanischen Nationalhel-
den Bolívar.
Bolivar ist 1¯83 in Caracas, als Sohn ei-
ner der reichsten Familien Venezuelas
geboren (zur Biographie vgl. Lynch
2006). Bald nach der Unabhängigkeits-
erklärung seines Geburtslandes im Jahr
1811 wurde er Präsident der neugegrün-
deten Republik und befehligte die vene-
zolanischen Befreiungsarmeen, die
auch für die Unabhängigkeit anderer
Kolonien in Südamerika kämpfen. Zeit
seines Lebens visierte er die Schanung
und Konsolidierung eines großkolum-
bianischen Staates an (die Vereinigung
der ehemaligen Kolonien Venezuela,
Kolumbien und lcuador) sowie die fö-
derale Integration Lateinamerikas. Die-
se Träume platzten aufgrund der
machtpolitischen und wirtschaflichen
Interessen der lokalen Oligarchien.
Bolívar starb 1830, von seinen Landsleu-
ten wahlweise als Jakobiner oder Caesa-
rist geächtet, im kolumbianischen Exil.
Kurz vor seinem Tod stellte er ent-
täuscht fest· ,1. Amerika ist für uns un-
regierbar, 2. wer einer Revolution dient,
pfügt das Meer¨ (König 198¯· 12¯). Mit
diesem tragischen Ende war dem Konti-
nent ein mythischer Held geboren. Vor
allem in Venezuela dehnierte sich fort-
an das neu geschanene Nationalbe-
wusstsein über die Treue zu Bolívar, der
den Venezolaner¸innen als Befreier
(„Libertador“) und Vater der Vaterlandes
(„Padre de la Patria“) die Nation zum Ge-
schenk gemacht habe (vgl. Carrera Da-
mas 19¯3).
ln politischen Verbänden wird häuhg
auf das identitätsstifende und gemein-
schafsbildende Potential von Mythen
zurückgegrinen zum Beispiel in
lrankreich dem Revolutionsmythos
vom Sturm auf die Bastille (vgl. Münkler
2009). lntellektuelle und politische lli-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 72
ten versuchen of, in der Bevölkerung
Gefühle der Gemeinsamkeit und Zuge-
hörigkeit zu produzieren und zu intensi-
vieren, indem durch mythische lrzäh-
lungen von einem geteilten Ursprung,
einer gemeinsamen Vergangenheit oder
dem künfigen Kommen einer solidari-
schen Gemeinschaf berichtet wird. Da-
mit bilden Mythen Teil des symbolischen
Kapitals politischer Verbände: Sie sind
die emotionalen, spirituellen und kog-
nitiven Ressourcen von politischer
Herrschaf. Unterschiedliche Deutun-
gen dieser mythischen lrzählungen
können in politischen Verbänden so-
wohl dabei helfen, Reformen zu beglei-
ten und voranzutreiben, indem sie von
einem Zustand berichten, den es zu er-
reichen gilt; sie können aber auch inno-
vationshemmend wirken, indem sie ei-
nen ursprünglichen Zustand hervorhe-
ben, der zu bewahren ist. In Venezuela
behalfen sich über zwei Jahrhunderte
hinweg sowohl progressive als auch
konservative Regierungen, demokrati-
sche als auch diktatoriale Regime der
symbolischen Legitimität des Mythos
Bolivars (vgl. Zeuske 2009). lr personih-
zierte meist die uneingelösten Verspre-
chen einer westlichen Moderne, die mit
der Unabhängigkeit Lateinamerikas
häuen einhergehen sollen· nationale
Identität, politische Freiheit, wirt-
schaflicher lortschriu und soziale
Emanzipation.
Weil politische Mythen sowohl dabei
helfen können, Herrschaf zu legitimie-
ren, als auch dabei, sie herauszufordern,
sind ihre normativen Implikationen
mithin nicht pauschal zu beurteilen. Sie
müssen von lall zu lall auf ihre Absich-
ten, Inhalte und Folgen untersucht wer-
den. Klar ist, dass Mythen in der Politik
eine mindestens ambivalente Rolle
spielen.
3. Hugo Chávez' BoIivarianische Re-
voIution
Mit Chavez' Präsidentschaf vertiefe
sich die Qalität des nationalstaatli-
chen Heldenkults in Venezuela. Die Bo-
livarianische Revolution machte Bolívars
Namen im önentlichen Leben allgegen-
wärtig. Die neue, plebiszitär legitimier-
te Verfassung (1999) bindet die Republik,
die sich fortan ,Bolivarianische Repub-
lik Venezuela“ nennt, an die „Bolivaria-
nische Doktrin“. In „Bolivarianischen
Zirkeln“ soll beispielsweise die kommu-
nale Selbstverwaltung gestärkt werden
und Sozialprogramme heißen „Boliva-
rianische Missionen¨. Chavez beabsich-
tigt, durch diese politische Rhetorik das
„Bolivarianische Volk“ („pueblo bolivari-
ano“) gegen Oligarchie und Imperialis-
mus in Bewegung zu setzen.
Um zu verstehen, wie es dazu kommen
konnte, dass ein (wenn auch aufgeklär-
ter) Oligarch wie Bolivar zur Symbolh-
gur einer politischen Bewegung avan-
cierte, die den ,Sozialismus des XXl.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 73
Jahrhunderts¨ im Visier hat, müssen wir
einen Blick auf die Rezeptionsgeschich-
te des Mythos werfen.
Befremdlich wirkt zunächst Chavez'
Versuch, Bolivar mit Karl Marx zu ver-
söhnen. Marx selber stand Bolivar näm-
lich äußerst skeptisch gegenüber. Er be-
schrieb Bolivar einmal als einen feigen,
lügnerischen, verräterischen und oben-
drein reichen Großgrundbesitzer (vgl.
Marx/lngels 19õ1· 21¯-231) also als je-
manden, der mit Sicherheit der Idee ei-
ner sozialistischen Revolution auf das
Äußerste abgeneigt gewesen wäre.
Doch durch die Rezeption der marxis-
tisch-leninistischen Imperialismusthe-
orie konnte sich die lateinamerikani-
sche Linke langsam mit der Idee an-
freunden, in Bolivar ihren eigenen ,an-
ti-imperialistischen“ Volkshelden zu
sehen (vgl. Qintero 2002· 8õ-91). Schon
nach der lnuäuschung des Spanischen
Bürgerkriegs prophezeite der chileni-
sche Literaturnobelpreisträger und
Kommunist Pablo Neruda, dass Bolívar
wieder auferstehen würde, wenn sich
das Volk zur sozialistischen Revolution
erhebe· ,lch erwache alle hundert Jahre,
wenn das Volk erwacht“, verspricht
Bolívar in einem dem Vaterunser nach-
empfundenen Gedicht. Sein Geist be-
seelt darin die Geographie, die Natur
und die Bevölkerung des lateinameri-
kanischen Kontinents und vereint sie in
seinem Namen zum revolutionären Kol-
lektiv:
,Vater unser, der du bist auf lrden, im
Wasser, in der Luf
all unserer weiten schweigenden Breite,
alles trägt deinen Namen, Vater, in un-
serm Gebiet“
(Neruda 19¯9· 44-4¯)
Direkte politische Relevanz erlangte
diese linke Erzählung vom Volkshelden
Bolivar in den 19õ0er Jahren, als sich
Teile der venezolanischen Guerilla von
dem revolutionären Universalismus der
Kommunistischen Partei loslösten. Sie
formulierten im Gegenzug den ,revolu-
tionären Bolivarianismus“ als emanzi-
patorische Ideologie der venezolani-
schen und lateinamerikanischen Be-
völkerung (vgl. Garrido 2000). Der Boli-
varianismus sei, so drückt sich Chávez
im Anschluss an diese Aunassung recht
schablonenhaf aus, ,ein autochthones
ideologisches Modell, dass in unseren
tiefsten Ursprüngen und im histori-
schen Unterbewusstsein des nationalen
Seins verwurzelt ist“ (Chávez 2002: 102).
lreilich geht ihr systematischer Gehalt
nicht weiter als bis zur plakativen Fest-
stellung eines in Bolívar verkörperten
(wie auch immer gearteten) „Wesens“
und verharrt bei der Utopie einer parti-
zipativen, solidarischen und souverä-
nen Gemeinschaf. Dennoch ließ sich in
den 80er Jahren der damalige Omzier
Chávez von dieser politischen Ideologie
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dazu inspirieren, im Namen Bolívars
eine militärische Verschwörung gegen
die venezolanische Demokratie zu pla-
nen: die „Bolivarianische Revolution“ (vgl.
Gou 200¯· 3¯ 40).
lm Jahr 1992 wagten Chavez und seine
militärischen Mitstreiter einen Putsch-
versuch gegen den damaligen Präsiden-
ten. Dieser scheiterte zwar, machte den
Omzier aber schlagartig einer breiten
Onentlichkeit bekannt. lr ließ eine Ver-
trauenskrise der Bevölkerung zu ihrer
politischen Elite durchschlagen, die
schon in den 80er Jahren mit einer tiefen
Wirtschafskrise, einer lntfremdung
der politischen Klasse sowie einer weit
verbreiteten Korruption bzw. hohen
Korruptionswahrnehmung eingesetzt
haue (vgl. Hawkins 2010· 93 98).
Nach seiner Entlassung aus dem Ge-
fängnis suchte Chavez mit dem Verspre-
chen einer Neuschreibung der Verfas-
sung den demokratischen Weg zur
Macht. lr gewann, nicht zuletzt in lolge
der Legitimitäts- und Repräsentations-
krise der venezolanischen Parteiende-
mokratie, in Koalition mit linken Partei-
en und sozialen Bewegungen die Präsi-
dentschafswahlen im Jahr 1998 mit
deutlicher Mehrheit. Gewählt wurde er
hauptsächlich von Wähler_innen aus
dem während der Wirtschafskrise
stark gewachsenen informellen Sektor
Venezuelas (vgl. Roberts 2003).
4. Das Identitätsangebot der BoIiva-
rianischen RevoIution
Uber den Mythos des venezolanischen
Nationalhelden macht Chávez seinen
Anhänger_innen ein politisches Identi-
tätsangebot: nämlich ein Teil des „Boli-
varianischen Volkes“ zu sein. Wer ist da-
mit gemeint?
Interessant ist zunächst die Beobach-
tung, dass das Identitätsangebot der Bo-
livarianischen Revolution nicht natio-
nalistisch gemeint ist. lm Miuelpunkt
steht nämlich der Traum einer politi-
schen und sozialen Integration der Staa-
ten Lateinamerikas, um ein Gegenge-
wicht zum Imperialismus der USA bil-
den zu können (vgl. Carrera Damas
200¯· 42 48). Diese ldee wird auf Pläne
Bolivars zurückgeführt, der 182õ einen
(in der Folge allerdings ergebnislosen)
Kongress in Panama einberief, um über
eine lateinamerikanische Konföderati-
on unter Ausschluss der USA zu verhan-
deln. Mit dieser symbolischen Legitimi-
tät im Rücken lancierte Chávez seiner-
seits ein sozio-ökonomisches Bündnis
lateinamerikanischer Staaten, das sich
ursprünglich als Gegenentwurf zum
Freihandelsabkommen mit den USA
verstand: Die „Bolivarianische Alterna-
tive/Allianz der Völker Unseres Ameri-
kas“ („Alternativa/Alianza Bolivariana
para los pueblos de Nuestra América“) (vgl.
Ellner 2008: 204-206).
Sonderheft 2 | 2012 Seite 75
Im Zeichen Bolívars sollen sich die Völ-
ker „Unseres Amerikas“ emanzipieren.
Mit diesem Begrin greif Chavez auf
eine geo-politische Kategorie zurück,
die der kubanische Dichter José Marti
lnde des 19. Jahrhunderts formulierte.
Mit seiner Vorstellung von ,Unserem
ethnisch-gemischten Amerika“ („Nues-
tra América mestiza“) grenzte er die sub-
alterne europäische, die indigene und
die afroamerikanische Bevölkerung
vom „Río Bravo bis nach Patagonien“
vom hegemonialen Nordamerika ab
(vgl. lernandez Retamar 1988· 120 123).
Marti ging es darum, sich einem rassis-
tischen Zivilisationsdiskurs entgegen-
zustellen, der in der kulturellen und
ethnischen Heterogenität der latein-
amerikanischen Bevölkerung ein
Merkmal der Barbarei und des Rück-
stands sah.
Als Volksheld „Unseres ethnisch-ge-
mischten Amerikas“ kann die Figur
Bolivars selber zum symbolischen lin-
satz gegen eine „weiße“ Identitätspolitik
werden, die ihn zunächst für sich in An-
spruch nahm. Der kolumbianische Lite-
raturnobelpreisträger Gabriel García
Marquez bemerkte dazu in seinem be-
rühmten Buch über Bolívar: „Aber als
sein Ruhm wuchs, begannen die Maler,
ihn zu idealisieren, sie wuschen sein
Blut, erhoben ihn in mythische Höhen,
bis er mit dem römischen Prohl seiner
Statuen ins önentliche Andenken ein-
ging" (Garcia Marquez 2004· 23¯).
Diesem in der venezolanischen Gesell-
schaf immer noch latenten Rassismus
versucht Chavez symbolisch entgegen-
zutreten, indem er manchmal an lokale
Mythen und Legenden der venezola-
nisch-karibischen Landbevölkerung
anknüpf. Deren mündliche lrzähltra-
dition entreißt den weißen Großgrund-
besitzer Bolivar der omziellen Ge-
schichtsschreibung und verwandelt ihn
in einen der ihren: einen dunkelhäuti-
gen Volkshelden. In einigen ländlichen
Regionen Venezuelas erzählt man sich
beispielsweise, dass Bolívar eigentlich
afroamerikanische Vorfahren habe. ln
einem weit verbreiteten religiösen Kult
(dem María Lionza Kult) wird dement-
sprechend die Büste Bolívars, der um
Beistand für die Armen und Unter-
drückten gebeten werden kann, häuhg
mit dunkler Hautfarbe dargestellt (vgl.
Salas Lecuna 198¯· 93-133).
Durch diese Bebilderung des Bolívar-
Mythos wird der Rassismus der venezo-
lanischen Eliten (der auch Chávez selber
entgegenschlägt; Herrera Salas 200¯)
herausgefordert. Die dunkle Hautfarbe
der Mehrheit der venezolanischen Be-
völkerung wird zu einem emanzipatori-
schen Merkmal, weil der Volksheld
Bolívar selbst die ,hybride¨ venenzola-
nische Bevölkerung verkörpert (z.B.
Chavez 200¯b· ¯; 200õ· 22).
Wie versucht Chávez nun all diese un-
terschiedlichen Akteur_innen – die in-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 76
digenen und afro-amerikanischen
Gruppen, die ethnisch, sozial und kul-
turell heterogene Bevölkerung aus ganz
Lateinamerika – in eine politische Iden-
titätskonstruktion wie die des „Boliva-
rianischen Volkes¨ einzufügen` Wie
macht es Chávez seinen Anhänger_in-
nen glaubhaf, dass auch sie Teil des Bo-
livarianischen Volkes sein können,
ohne ihre jeweilige Besonderheiten auf-
geben zu müssen` Die ldentihzierung
über eine gemeinsam geteilte Eigen-
schaf scheint politisch weder möglich
noch gewollt. Tatsächlich hndet sich in
der Präambel der von Chávez initiierten
Verfassung der Anspruch, eine ,multi-
ethnische“ und „plurikulturelle“ Ge-
sellschaf zu begründen. lch vermute
deshalb, dass die vorherrschende Stra-
tegie staudessen ein populistischer An-
tagonismus ist (vgl. dazu Laclau 2005).
Die ldentihzierung untereinander er-
folgt nämlich nicht über eine positive
Bestimmung dessen, was allen eigen ist,
sondern über die gemeinsame Abgren-
zung von einer nationalen und transna-
tionalen Oligarchie und von einem (an-
genommenen oder realen) US-amerika-
nischen Imperialismus.
Diesen populistischen Antagonismus
versucht Chávez unter anderem über
den Mythos vom Tode Bolivars zu illust-
rieren. Denn im Jahr 1830 beging laut
Chavez' lnterpretation die konservative
venezolanische Oligarchie ihren „Ver-
rat“ an Bolívars großkolumbianischer,
pan-amerikanischer und sozialrevolu-
tionärer Vision (vgl. z.B. Chávez 2005a:
284). Sie intrigierte gegen ihn, vereitelte
seine Pläne und verbannte ihn ins ko-
lumbianische lxil. Sein früher Tod
führte schließlich den endgültigen Zer-
fall Großkolumbiens und das Scheitern
der Integration Lateinamerikas herbei.
Damit habe die „Balkanisierung“ La-
teinamerikas eingesetzt, wodurch der
geschwächte Kontinent auch nach sei-
ner Unabhängigkeit zur Zielscheibe des
westlichen Imperialismus werden
konnte (eine gängige Interpretation, vgl.
Pividal 19¯¯· 12f.). Aus dieser lntfrem-
dung von Bolivar, von seinen Kämpfen
und seiner Vision, sei ein oligarchisches,
autoritäres und neo-koloniales System
geboren, gebildet von unter sich zerstrit-
tenen Nationalstaaten.
ö. Die postkoIoniaIe Dimension der
BoIivarianischen RevoIution
Ich glaube, dass man diese politische
Rhetorik in den Kontext lateinamerika-
nischer Kritik am Projekt der westli-
chen Moderne stellen kann, das seit
lnde der 19¯0er Jahre von lateinameri-
kanische Intellektuellen, vor allem
Okonomen, für seine linseitigkeit kriti-
siert wurde. Denn was in Europa und
den Vereinigten Staaten lortschriu und
Demokratie bedeutete, zeitigte in Süd-
amerika teilweise katastrophale Konse-
quenzen: Unterdrückung, Ausbeutung
und Genozid – ein kurzer Blick in die
Sonderheft 2 | 2012 Seite 77
,Onenen Adern Lateinamerikas¨ von
lduardo Galeano (2009) genügt. Die
dauerhafe Unterentwicklung und Ab-
hängigkeit der Peripherie als Rohston-
lieferant und billige Reserve von Ar-
beitskräfen für den kapitalistischen
Weltmarkt wurde von der sogenannten
Dependenztheorie als die Kehrseite der
Moderne erkannt und eben nicht bloß
als eine Rückständigkeit, die durch Mo-
dernisierung überwunden werden
kann. Aufgrund dieser linsicht wurde
das Projekt der Modernisierung als
westliche Ideologie angeprangert (vgl.
Grosfoguel 2000).
Allerdings unterschätzten sie – eine
klassisch marxistische Fehleinschät-
zung – die symbolische Gewalt des kolo-
nialistischen (spanischen und portu-
giesischen) und neo-kolonialistischen
(englischen, französischen und US-
Amerikanischen) Diskurses. Um diese
Perspektive konnten die im Common-
wealth-Raum formulierten postkoloni-
alen Studien das kritische lateinameri-
kanische Denken zu Beginn der 90er
Jahre bereichern (vgl. Mignolo 1998).
Durch die viel früher beginnende kolo-
niale Geschichte Lateinamerikas (die
Amerikas wurden ab 1492 von Chris-
toph Kolumbus „entdeckt“) steht hier
aber nicht nur die Frage im Vorder-
grund, wie die Alterität zum Westen,
also das „kulturell“ Andere, diskursiv
produziert wurde – ein Problem, das Ed-
ward Said in „Orientalism“ behandelt
haue. Denn Lateinamerika wurde vom
Westen nicht so sehr als sein „Anderes“,
sondern vielmehr als sein noch rück-
ständiger „Anhang“ verstanden. Damit
ließen sich z.B. die gewaltsame Christi-
anisierung und „Zivilisierung“ der
Amerikas (damals „Westindien“) durch
die Spanier als auch die US-Amerikani-
schen Interventionen in ihrem karibi-
schen und lateinamerikanischen „Hin-
terhof¨ symbolisch legitimieren. Wegen
dieser lrfahrung geht es aus lateiname-
rikanischer Perspektive vor allem um
die Bekämpfung eines lurozentrismus,
der alternative Epistemologien und
Wissensformen marginalisierte. Die zi-
vilisatorische Mission des Westens
brachte sie zum Schweigen, indem ih-
nen überhaupt die Legitimität zu Spre-
chen entzogen wurde, weil sie rückstän-
dig oder partikularistisch seien (vgl.
Castro-Gómez 2008).
Meiner Ansicht nach versteht sich die
Bolivarianische Ideologie als eine Reak-
tion auf diese symbolische Gewalt. Sie
entspringt dem legitimen Versuch, die
Dinerenz ,Unseres Amerikas¨ gegen-
über einer Moderne nach westlichem
Maßstab zu betonen, welche die Bevöl-
kerung der Peripherie systematisch aus
ihrem Diskurs ausgeschlossen und un-
terdrückt hat. Chávez hat allerdings,
das ist meine fundamentale Kritik, die-
sen Wunsch nach Dinerenz kurzerhand
ausgenutzt, um ein antagonistisch be-
gründetes Identitätsangebot zu machen.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 78
Der politische Kurzschluss, Zusam-
menhalt über den gemeinsamen Gegner
zu konstruieren, birgt nämlich die Ge-
fahr, sich in einem Ausnahmezustand
einzurichten und eine permanente Be-
drohung zu inszenieren. Genau dies ge-
schieht derzeit in Venezuela, denn Chá-
vez versucht unermüdlich, die Großer-
zählung vom historischen Antagonis-
mus zwischen Bolivarianischem Volk
und der imperialistischen Oligarchie
weiterzuspinnen.
Der letzte große symbolpolitische Akt
mit dieser Absicht war die önentlich-
keitswirksame Onnung des Sarges von
Simon Bolivar. Obwohl unstriuig
scheint, dass er an Tuberkulose starb,
wollte Chávez doch untersuchen lassen,
ob er nicht vielleicht von seinen politi-
schen Gegnern vergifet worden ist (vgl.
ll Universal 1¯.12.200¯). Denn dann lie-
ße sich ein weiterer Beweis für den Ver-
rat der venezolanischen und transnatio-
nalen Oligarchien an Bolivar hnden.
Auch wenn laut der im letzten Jahr ver-
önentlichten forensischen Untersu-
chung keine genauen Angaben zur To-
desursache mehr möglich sind, besteht
Chavez weiterhin auf seiner lingebung·
,lch glaube man hat Bolivar getötet, [.]
ich sage es und nehme meine Verant-
wortung vor dem Volk und der Ge-
schichte auf mich¨ (ll Universal
2õ.0¯.2011). lmmerhin habe aber die me-
diale Ausstrahlung der Onnung des
Sarges die Prophezeiung von Neruda
bewiesen· ,Bolivar lebt, Donnerweuer!¨
sagt Chávez im Angesicht der blanken
Knochen und zitiert: „Bolívar erwacht
alle hundert Jahre, wenn das Volk er-
wacht¨ (Ministerio del Poder Popular
para la Comunicacion y la lnformacion
(MlNCl) 1õ.0¯.2010, Ubersetzung des
Autors).
õ. FaIIstricke der IdentitätspoIitik
ln seiner 1982 gehaltenen Rede zur Ver-
leihung des Literaturnobelpreises
sprach Gabriel Garcia Marquez von der
„Einsamkeit“ des südamerikanischen
Kontinents und seiner Bewohner_in-
nen. Gleich zu Beginn erinnerte der
Preisträger an die bizarren Versuche ei-
nes Seemannes aus dem 1õ. Jahrhundert,
die Flora und Fauna des erst kürzlich
„entdeckten“ Kontinents zu beschreiben:
„Er sprach davon, eine scheußliche Krea-
tur gesehen zu haben, mit dem Kopf und
den Ohren eines Esels, dem Körper ei-
nes Kamels, den Beinen eines Hirsches
und dem Wiehern eines Pferdes¨ (Garcia
Marquez 1982, Ubersetzung des Autors).
Der ahnungslose Europäer meinte na-
türlich eine in Südamerika einheimi-
sche Kamelidenart, das Lama. Was ha-
ben aber dieses und ähnliche Beispiele
von der (angeblichen) Unmöglichkeit,
die lateinamerikanische Realität aus
westlicher Perspektive richtig zu be-
greifen, mit dem Titel der Rede, der lin-
samkeit Lateinamerikas, zu tun? „Dich-
ter und Beuler, Musiker und Propheten,
Sonderheft 2 | 2012 Seite 79
westlichen Moderne zu verweisen. Aber
als Identitätspolitik gibt sich die Boliva-
rianische Revolution viel radikaler. Sie
versucht gewissermaßen eine Selbstkon-
struktion der eigenen Alterität gegenüber
der euro-amerikanischen Hegemonie
mit ihren kolonialen, neoliberalen, im-
perialistischen und anderen Schrecken.
Ziel ist eine multipolare Weltordnung,
die die Hegemonie der Vereinigten Staa-
ten von Amerika ablösen soll.
Allerdings birgt es erhebliche Gefahren,
sich auf diese Weise zum antagonisti-
schen Anderen zu stilisieren. Viel zu
leicht leistet diese Rhetorik einem fata-
len Verständnis internationaler Politik
Vorschub, das auf der anderen Seite des
politischen Spektrums vom konservati-
ven amerikanischen Politikwissen-
schafler Samuel Huntington als ,Clash
of Civilizations“ ausbuchstabiert wurde
(Huntington 1993). lch bin mir bewusst,
dass das eine polemische Tese ist. Den-
noch sollte man stets die Fallstricke vor
Augen haben, die jeder Identitätspolitik
innewohnen, die sich obendrein politi-
scher Mythen bedient.
Krieger und Halunken, Kreaturen einer
ungezügelten Realität, wir mussten
nicht viel von unserer linbildungskraf
verlangen, denn die größte Herausfor-
derung war das Fehlen konventioneller
Miuel, um unser Leben glaubhaf zu ma-
chen. Das, meine Freunde, ist die Krux
unserer Einsamkeit“ (ebd., Übersetzung
des Autors) Garcia Marquez` literari-
sches Programm eines ,Magischen Rea-
lismus“ ist der Versuch, diesen eigent-
lich unfassbaren Zustand in Worte zu
kleiden. In seinem berühmten Roman
,Hundert Jahre linsamkeit¨ hat er dem
Ort dieser linsamkeit mit dem mythi-
schen Dorf Macondo, das in seinem pa-
radiesischen Urzustand nach und nach
von der Außenwelt „kolonisiert“ wird,
ein weltweit bekanntes Denkmal ge-
schanen.
Vielleicht ist die Bolivarianische Revo-
lution der politische Nachhall dieses li-
terarischen Projekts, einen Ausdruck
der eigenen Identität vor allem in Ab-
grenzung zur dominanten westlichen
Symbolsprache zu hnden. lür Chavez
ist Bolívar die authentische Verkörpe-
rung Venezuelas und Lateinamerikas.
Der mythische Held repräsentiert die
gepeinigte Vergangenheit des Konti-
nents mit seinen fehlgeschlagenen poli-
tischen und sozialen Experimenten,
aber auch die bisher unerfüllten Hon-
nungen und Träume seiner Bewohner_
innen. Natürlich ist es richtig und legi-
tim, dabei auf die ambivalente Rolle der
Sonderheft 2 | 2012 Seite 80
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Zum Autor
Daniel Drewski, 23, studiert an der Frei-
en Universität Berlin im Master Soziolo-
gie. Zu seinen Interessengebieten zäh-
len vor allem politische und soziologi-
sche Teorie.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 83
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 84
Prostitution im feministischen
Diskurs
von Sophie Maria Ruby
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 85
DeutschIand testet gern.
Man will ja schließlich wissen, was man
kauf. So haben nicht nur Stifung Wa-
rentext und Ökotest Konjunktur, auch
bei einem ersten Blick auf das derzeitige
Fernsehprogramm zeigt sich: Produkt-
tests sind nicht nur lnformationsquelle,
sie dienen desgleichen der Unterhal-
tung. Mit dem Auto fängt es an, mit Ho-
tels geht es weiter und mit einem weite-
ren Knopfdruck ist man angekommen·
Der Bordelltester. Wie Rach, der Restau-
ranuester, in schlecht laufende Gast-
stäuen geholt wird, bringt RTL2 soge-
nannte ,Rotlichtexperten` in ,bedrohte`
Bordelle. Rach betrachtet das Menü und
verkostet einige Speisen, Testfreier wer-
den in den ,Puf` bestellt und machen
ihren ,Job`. lrauen als testbare Ware wie
Autos und Speisen – ohne einen kriti-
schen Unterton. Schließlich ist Prostitu-
tion seit 2002 in Deutschland legaler Be-
ruf, das ,älteste Gewerbe` befreit vom
Makel der Siuenwidrigkeit. Das ,Milieu`
ist zur ,Sexindustrie` geworden.
Wie in einer Gesellschaf kollektiv ge-
sprochen wird, ist eine für die Soziolo-
gie interessante Frage. Denn kollektives
Sprechen, im Sinne von diskursivem
Verhandeln, ist nicht nur Abbild sozialer
Wirklichkeit, es ist auch ein Prozess, in
dem eben diese Wirklichkeit gedeutet
und konstruiert wird; es hat damit
Rückwirkungen auf nichtsprachliche
Sozialität. Nun sind Darstellungen ei-
Wie wird Prostitution im feministischen
Diskurs verhandelt? Welche Interpretatio-
nen des sozialen Phänomens Prostitution
werden in diesem Diskurs gegeben? Der
Artikel gibt Einblicke in die Ergebnisse ei-
ner Diskursanalyse zu diesen Forschungs-
fragen. Methodisch wird mit dem Diskurs-
|egri¡ Micíe| Fovcov|ìs, »iì Je» Kon:e¡ì
Deutungsangebote von Michael Schwab-
Trapp sowie mit dem Rahmenkonzept von
Jürgen Gerhards et al. gearbeitet. Fokus
des Artikels sind insbesondere die diskursi-
ven Verhandlungen zur Beziehung von
Prostitution und der patriarchalen Ord-
nvng Jer Gese||scíoµ in Jevìscí vnJ eng-
|iscís¡rocíigen Vero¡enì|icívngen seiì
den 1960er Jahren. Dabei zeigen sich Deu-
tungsangebote zur Frage, ob Prostitution
diese Ordnung aufbrechen kann oder sie
\er{esìigì so+ie Ji¡erenìe Sicíì+eisen ov{
Freiwilligkeit und Zwang. Es wird deutlich,
wie vielschichtig und heterogen die Deu-
tungen im betrachteten Diskurs sind. Der
Beitrag schließt mit Überlegungen zu der
Froge ,Vos isì {e»inisìiscí'' vnJ »iì Reµe-
xionen zu individueller und kollektiver
Verantwortung.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 86
nes Fernsehsenders nur ein Teil dieses
kollektiven Sprechens, ein Strang des
gesellschaflichen Diskurses. An hiesi-
ger Stelle interessiert ein anderer: Ein
Diskurs, der das soziale Phänomen Pro-
stitution mit Blick auf das Geschlech-
terverhältnis verhandelt und von dem
eine kritische Perspektive zu erwarten
ist. Meine lragen lauten daher· Wie
wird Prostitution im feministischen
Diskurs der verhandelt? Und welche In-
terpretationen des sozialen Phänomens
werden in diesem Diskurs gegeben?
Meine Diskursanalyse, die ich zur Be-
antwortung dieser lragen im Jahr 2010
durchführte, fundiere ich methodisch
auf ein dreiteiliges lnstrumentarium
(vgl. Ruby 2010). Mit diesem wurden
deutsch- und englischsprachige Veröf-
fentlichungen seit den 19õ0er Jahren
analysiert.
DiskursanaIyse: eine ,pragmatische'
Form
Diskursives Verhandeln wird in An-
schluss an Michel loucault nicht
schlicht als Abbild sozialer Wirklich-
keit verstanden. Diskurse als
„Gruppe[n] von Aussagen“ (Foucault
1994· 11õ) sind vielmehr ,Praktiken [.],
die systematisch die Gegenstände bil-
den, von denen sie sprechen¨ (ebd.· ¯4)
und haben als solche Rückwirkungen
auf nichtsprachliche Sozialität. lou-
cault verdeutlicht die Regulierung von
Diskursen durch sowohl in ihnen als
auch von außen auf sie wirkende Me-
chanismen, die bestimmen, was sagbar
ist – im doppelten Sinne von möglich
und erlaubt –, was gesagt werden muss,
was als wahr oder falsch gilt und wer
sich innerhalb des Diskurses in welcher
Form legitimerweise äußern kann. Dar-
über hinaus zeigen Foucaults theoreti-
sche Ausführungen zu Diskursen wie
auch seine empirischen Analysen die
Verknüpfung von Diskurs und Macht.
Der Diskurs kann ,gleichzeitig Macht-
instrument und -enekt sein¨ (loucault
1983· 122), er ist ,dasjenige, worum und
womit man kämpf; er ist die Macht, de-
ren man sich zu bemächtigen sucht“
(loucault 1993· 11).
line zweite Komponente meines analy-
tischen Instrumentariums ist das Rah-
menkonzept, wie es von Jürgen Ger-
hards et al. (2008) vorgestellt wird. Dis-
kursbeiträge können ihr Tema
in unterschiedlichen Interpretations-
schemata – Rahmen – verhandeln. Die-
se Rahmen werden induktiv aus dem
Material entwickelt. lnnerhalb dieser
Rahmen können in der Diskursanalyse
wiederum verschiedene Deutungsan-
gebote identihziert werden (vgl.
Schwab-Trapp 200õ). Meine Analyse
zielt dabei auf eine vielmehr ideal- denn
realtypische Darstellung dieser, d.h. die
Analyse ,zerreißt` gleichsam die linhei-
ten ,Autor¸in` und ,Werk`. ln einem wei-
teren Schriu wird dann danach ge-
schaut, mit welchen Miueln die Akteur¸
Sonderheft 2 | 2012 Seite 87
innen im Diskurs um die Institutionali-
sierung von Deutungsangeboten
,kämpfen`.
Mit diesem lnstrumentarium Diskurs,
Rahmen, Deutungsangebot – lässt sich
ein zuvor ,unübersichtliches` leld von
Aussagen sowohl inhaltlich strukturie-
ren als auch mit Blick auf das Bezie-
hungsgefecht und die ,Kämpfe` inner-
halb des Diskurses analysieren.
Bevor ich zur Darstellung einiger Er-
gebnisse der Analyse komme, möchte
ich ansprechen, dass es „den Feminis-
mus“ nicht gibt, sondern vielmehr im
Plural von Feminismen zu sprechen ist
(vgl. Delmar 198õ, Lenz/Adler 2010). Die
Heterogenität zeigt sich beispielsweise
in den Temen, die behandelt werden,
bei den Träger_innengruppen, wie auch
der Ideengeschichte, den Perspektiven
und dinerenzierten politischen Positio-
nierungen; darüber hinaus ist eine Län-
derspezihk festzustellen (vgl. u.a. Ger-
hard 1999, Tiessen 2008, Hark 2001).
Dennoch lässt sich nach Hennessy als
gemeinsames Ziel der leminismen for-
mulieren, „die patriarchalen Ge-
schlechterverhältnisse, die alle Men-
schen beschädigen, und die unterdrü-
ckerischen und ausbeuterischen gesell-
schaflichen Mächte, die insbesondere
lrauenleben formen, [zu] begreifen und
[zu] verändern¨ (Hennessy zitiert nach
Tiessen 2008· 3¯f.). Konstitutiv für den
Feminismus ist eine enge Verbindung
von Teorie und Praxis, von akademi-
schen Auseinandersetzungen und sozi-
aler Bewegung.
Aufgrund dessen wurden in das Sample
sowohl sozialwissenschafliche Texte
als auch Texte aus der Prostituiertenbe-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 88
wegung einbezogen, die das Tema Pro-
stitution in ihr Zentrum stellen. Weite-
res Kriterium war die ligendehnition
der Autorin oder des Autors als Femi-
nist_in. Es wird nur der Diskurs der
,zweiten Welle` der lrauenbewegung
betrachtet. Meine Analyse des feminis-
tischen Diskurses zu Prostitution ergab,
dass die Akteur¸innen das Tema ins-
besondere in drei Rahmen verhandeln.
In einem Rahmen wird besprochen, in-
wieweit Prostitution als Beruf gelten
kann oder sollte. Ein weiterer verhan-
delt zu Gesetzgebungen. Da an dieser
Stelle die lrgebnisse nur ausschniuhaf
dargestellt werden können, konzent-
riert sich vorliegender Beitrag auf dieje-
nigen Deutungsangebote, die im driuen
Rahmen gegeben werden: Prostitution in
ihrer Beziehung zur patriarchalen Ord-
nung. Innerhalb dieses Rahmens zeigen
sich Deutungsangebote, die zwei Fel-
dern zugeordnet werden können: Auf-
brechen oder Verfestigung des Patriar-
chats und Freiwilligkeit und Zwang.
Zunächst wird das erste Feld genauer
betrachtet. Hier hnden sich vier Deu-
tungsangebote: Zwei stellen heraus,
dass Prostitution die patriarchale Ord-
nung verfestigt, zwei, dass sie sie auf-
brechen könne.
Kann Prostitution das Patriarchat
aufbrechen'
Im ersten Deutungsangebot wird Pros-
titution als eine Möglichkeit für lrauen
gesehen, materielle Unabhängigkeit er-
langen zu können, als ,fight to freedom¨
(labian 199¯· 48). Die ,Sexarbeiterin`
wird als in ihrer Arbeit selbstbestimmt
beurteilt; sie habe auch die Kontrolle
über die Interaktion mit dem Freier. In
Sonderheft 2 | 2012 Seite 89
dieser Weise äußert auch Carla Corso:
die lrauen ,haben [.] die Hosen an, so-
gar wenn der Typ sie verprügelt¨ (Corso
1993· 111). Darüber hinaus nähere sie
sich der männlichen Rolle an, beispiels-
weise indem sie Sexualität und Liebe
trennt und Macht ausübt über einen
Mann. Zuhälter oder Partner werden
als von der ,Unternehmerin` hnanziell
abhängig konstruiert. Die Sexarbeite-
rin könne, so diese Perspektive, durch
die Prostitution sogar sexuelle Befrei-
ung erfahren. Ob sie ihre Lust ausleben
kann und respektvoll behandelt wird,
hänge jedoch – so eine besonders exal-
tierte Spielart dieses Deutungsangebots
von ihrer eigenen ,Sex-Positivität` und
ihrem Selbstrespekt ab, für eventuelle
Ausbeutung trage sie selbst die Verant-
wortung (vgl. bspw. Qeen 199¯; Sprink-
le zitiert in Jenreys 2008).
Das zweite Deutungsangebot betrach-
tet im Unterschied dazu die makrosozi-
ale Ebene und bezeichnet die Gruppe
der prostituierten Frauen als „die
Avantgarde der Frauenbewegung“ (Ko-
mitee der Prostituierten von Paris zitiert
in Giesen/Schumann 1980· 149). Denn
sie repräsentierten nicht nur weibliche
Macht und haben besonders klare lin-
sichten in das Geschlechterverhältnis,
sie institutionalisierten auch ein neues
lrauenbild. Die Kunden könnten aufge-
klärt und belehrt werden, beispielswei-
se über die weibliche Sexualität, und da-
rüber trage die Prostitution zur sexuel-
len Befreiung aller lrauen bei.
Zwei weitere Deutungsangebote formu-
lieren die perpetuierende Wirkung der
Institution Prostitution. So wird die
Kontrolle der Interaktion mit dem Freier
durch die Prostituierte im driuen Deu-
tungsangebot infrage gestellt. Hierbei
wird vor allem auf die Gewalt und die
Machtausübung durch Zuhälter und
Freier verwiesen. Eine sich prostituie-
rende Frau äußert beispielsweise: „Wer
auf den Strich geht, braucht einen Be-
schützer· einen Mann, der einen vor den
anderen Männern schützt¨ (J in Millet
19¯3· 103). ls wird argumentiert, dass
die sich prostituierende Frau als Frau
zum Objekt gemacht wird und in ihrer
Autonomie – ökonomisch wie auch die
Arbeitsbedingungen betrenend einge-
schränkt ist. Da die sich prostituierende
lrau von der Nachfrage des von ihr ,Ge-
handelten` abhängt, dominiert der
,Kunde` ökonomisch, ebenso setzt er fest,
was er ,nachfragt`. Unterdrückung und
Ausbeutung der betronenen lrauen
sind in dieser Interpretation hochrele-
vante Verweise; folglich wird formu-
liert, dass in und mit der Prostitution die
patriarchale Gesellschafsordnung ge-
stützt, verfestigt und vertief wird. (Vgl.
u.a. Baldwin 2006, Giesen/Schumann
1980, Pateman 1988)
Im vierten Deutungsangebot wird dar-
auf hingewiesen, dass Prostitution be-
reits ihren Ursprung im Patriarchat hat.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 90
Historisch entstand sie mit dem Aumau
der Sklaverei und ist aus dem politi-
schen System der Unterdrückung der
lrau konstruiert (vgl. u.a. Jenreys 2008,
Overall 1992, HYDRA zitiert in
Schmackpfener 1989). Nachfrage nach
Prostitution entsteht in und durch patri-
archale Strukturen (vgl. u.a. Günter
1994, Stark/Whisnant 2004) womit der
Institution Prostitution inhärent ist,
dass sie es nicht vermag patriarchale
Strukturen aufzubrechen. Als gesamt-
gesellschafliche lolge der Prostitution
wird gesehen, dass durch sie der Blick
auf lrauen als sexuelle Objekte genera-
lisiert wird. Prostitution ist in dieser Li-
nie Kommerzialisierung sexueller Ge-
walt gegen Frauen und sexuelle Verskla-
vung (vgl. insb. Dworkin 2004).
FreiwiIIigkeit und Zwang
Verhandlungen zu Freiwilligkeit und
Zwang bilden das zweite Feld im Rah-
men Patriarchat. Hier lassen sich ideal-
typisch vier Deutungsangebote identi-
hzieren.
Das erste Deutungsangebot nimmt eine
klare Betonung der Freiwilligkeit vor,
sowohl bzgl. des lintrius in die Prostitu-
tion als auch der angebotenen Prakti-
ken. Dies stützend wird argumentiert,
prostituierte Frauen arbeiteten entwe-
der ganz ohne Zuhälter oder aber sie
suchten sich diesen selbstbestimmt und
frei aus. Darüber hinaus könnten die
lrauen frei über ihren Lohn verfügen,
Abgaben an Zuhälter werden als Ge-
schenke an einen hnanziell abhängigen
Partner konstruiert. (Vgl. u.a. Corso
1993, Biermann 1993, Monét 199¯) Das
zweite Deutungsangebot stellt ganz im
Gegensatz dazu Mechanismen direkten
Zwangs in den Miuelpunkt. Die Nöti-
gung oder der Zwang kann sich auf un-
terschiedliche Aspekte beziehen· auf
die ,Ausübung` der Prostitution an sich,
auf die Annahme unerwünschter lreier
oder auf die Ausführung unerwünsch-
ter sexueller Praktiken. Dabei sind so-
wohl physische wie auch psychische
Gewaltausübung durch Zuhälter und
Freier hoch relevant. Eine junge Frau be-
schreibt die Reaktion ihres Zuhälters,
als sie aus der Prostitution aussteigen
wollte, wie folgt· ,Also zuerst trat er mir
mit dem Fuß ins Gesicht, wodurch er mir
die Nase brach und mich k.o. schlug [.]
und dann gab es nur noch Faustschläge
ins Gesicht, und er haue lange lingernä-
gel, die meinen Körper ziemlich übel zu-
richteten, und lußtriue, weil ich von
den Schlägen auf den Kopf dauernd hin-
hel¨ (zitiert in Barry 1983· 108). Nur mit
Mühe gelang ihr schließlich die llucht
aus der Wohnung auf die Straße.
Neben diesem direkten Zwang wird
auch der indirekte Zwang im hier ana-
lysierten Diskurs thematisiert, wobei
die oben angesprochene Tese der
,Wahl` gleichsam re-kontextualisiert,
also die Eingebundenheit der Individu-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 91
en in ihre je spezihschen gesellschafli-
chen Zusammenhänge argumentativ
aufgegrinen wird. ln diesem driuen
Deutungsangebot wird darauf verwie-
sen, dass Frauen auch heute in einem
komplexen System der Unterdrückung
leben. Limitationen auf dem Ausbil-
dungs- und Beschäfigungsmarkt, wie
auch ein durch Sozialisationserfahrun-
gen bestimmtes Selbstbild sind Aspekte,
die unter anderen herangezogen wer-
den, um dieses System zu beschreiben.
(Vgl. u.a. Hoigard/linstad 198¯, Maraini
1993, Raymond 1998) line lntscheidung
zwischen stark limitierten Alternati-
ven, die darüber hinaus von der/dem
Akteur_in möglicherweise alle nicht als
positiv bewertet werden (können), als
,freie Wahl¨ zu titulieren verkennt die
Situationen. Was als freiwillige lnt-
scheidung erscheinen mag, ist vielmehr
als Zwangssituation zu klassihzieren.
An der Darstellung des lintrius in die
Prostitution als ,feminin agency` wird
vor allem als Problem gesehen, dass sich
Agency für den leminismus nicht darin
ausdrücken kann, dass Frauen sich an
Institutionen angleichen, die sie unter-
drücken, sondern vielmehr in ihrem
Widerstand gegen diese ,lf we want to
stress women's agency, let's look in the
right places¨ so formuliert es Janice Ray-
mond (zitiert in Jenreys 2008· 144f.). Mit
Verweis auf Außerungen ehemaliger
prostituierter Frauen wird beleuchtet,
dass vielmehr der Ausstieg aus als der
lintriu in die Prostitution als ,Wahl`,
,lntscheidung`, ,Kontrolle` oder ,Agen-
cy` zu fassen ist (vgl. ebd.).
Im vierten Deutungsangebot wird die
Dichotomisierung von Zwang versus
Freiwilligkeit als solche abgelehnt.
Denn zum einen ist sie unterkomplex,
um das soziale Phänomen Prostitution
zu verstehen (vgl. Sauer 2006). Zum an-
deren kann bei Prostitution als Verlet-
zung der Menschenrechte nicht zwi-
schen ,good and bad¨ (Raymond 1998· 4)
unterschieden werden – so wie nicht
von ,erzwungener` versus ,freiwilliger`
Sklaverei oder ,erzwungener` versus
,freiwilliger` Apartheid gesprochen
werden kann. Die Gegenüberstellung
verschleiert zudem das Leid und die
Ausbeutung in der Prostitution, indivi-
dualisiert Prostitution und macht es so
prostituierten Frauen nahezu unmög-
lich, zu zeigen, dass sie direkt oder indi-
rekt gezwungen wurden bzw. werden.
Bei einer solchen Unterscheidung wird
die prostituierte Frau als „die andere
lrau¨ konstruiert, für die angeblich Ge-
walt, Unterdrückung, Leid in Ordnung
sei stau Prostitution als Problem von
Gender und Machtrelationen zu ver-
handeln (vgl. u.a. ebd., Jenreys 2008).
Auch schreibt die strikte Unterschei-
dung von Zwang und Freiwilligkeit Un-
gleichheit fort und macht die Beteili-
gung von Männern unsichtbar. Sie
schützt Privilegierte davor, Handlun-
gen als ungerecht wahrzunehmen. Ja-
nice Raymond macht darauf aufmerk-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 92
sam, dass die Blickrichtung eine andere
sein sollte als die, den lintriu von lrau-
en in die Prostitution über die Dichoto-
mie von Freiwilligkeit versus Zwang zu
thematisieren. Sie stellt die lrage· ,Why
do men choose to buy the bodies of milli-
ons of woman and children, call it sex,
and seemingly get tremendous pleasure
literally over their bought bodies`"
(Raymond 1998· 4).
Von Argument bis AngriB: Strateg-
ien des koIIektiven Sprechens
Die oben angesprochene Heterogenität
der leminismen zeigt sich folglich auch
im feministischen Diskurs zu Prostitu-
tion: Er ist ein Feld heterogener Deutun-
gen des gesellschaflichen Phänomens
Prostitution und divergenter politischer
Positionen, ein ,Kampf der lnterpretati-
onen¨ (Schwab-Trapp 200õ· 2¯¯), in dem
miuels dinerenzierter Strategien um
die lnstitutionalisierung und Margina-
lisierung von Deutungsangeboten oder
auch um den Ausschluss von Sprecher_
innen gerungen wird. Grundlegend
wird mit unterschiedlichen Bezeich-
nungen gearbeitet, so wird von ,lreiern`
oder ,Kunden` gesprochen, von ,Zuhäl-
tern` oder ,Managern` und von ,prosti-
tuierten lrauen` oder von ,Sexarbeite-
rinnen`. Als eine lorm des
loucault`schen Kommentars ist die
noch relativ ,friedliche` lorm der sachli-
chen Argumentation für oder gegen in
anderen Diskursbeiträgen gegebenen
lnterpretationen einzustufen. Hoch re-
levant ist zudem der Bezug auf Untersu-
chungsergebnisse, insbesondere auf ln-
terviews mit prostituierten Frauen. Ba-
sis der Relevanz ist nicht nur die ‚Orga-
nisation der Disziplin` (vgl. loucault
1993) Sozialwissenschaf. Der Bezug auf
Interviews ist vor allem wichtig, um
Stimmen von Frauen hörbar zu machen –
dies ist konstitutives Ziel feministischer
Teorie, lorschung und Praxis und ver-
weist meines lrachtens auf eine basale
Diskursregel der Feminismen im Allge-
meinen. In dieser Linie sind auch die
Vorwürfe, lrauenstimmen zum Schwei-
gen bringen zu wollen oder der Frauen-
feindlichkeit schlagkräfige Argumen-
te. Da letzterer auf unterschiedlichen
Dehnitionen beruht, was als ,feminis-
tisch` zu bezeichnen ist, kann er von al-
len Sprecher_innen genutzt werden. Für
einige Akteur¸innen ist es feministisch,
lrauen nicht als Opfer zu bezeichnen.
Für andere schadet die Verschleierung
und Negierung der Gewalt den davon
Betronenen und sie problematisieren
das Victim-blaming.
Auch Sprecher_innen mit negativ kon-
notierten Auributen zu belegen ist viel
genutztes Miuel, beispielsweise, wenn
Kritiker_innen der Institution Prostitu-
tion als ,frigide` bezeichnet werden oder
geäußert wird, sie häuen einen ,kleine-
ren Hypothalamus`. line weitere dis-
kursive Strategie ist, Äußerungen in ih-
rer Bedeutung zu mindern, indem diese
Sonderheft 2 | 2012 Seite 93
in ihrer Reichweite beschränkt werden,
die Spezihzierung. Das auch im mas-
senmedial-önentlichen Diskurs gern
genutzte Argument ‚Es gibt auch Frau-
en, die das freiwillig machen` ist ein Bei-
spiel hierfür. Dem gegenüber steht die
Generalisierung, beispielsweise wenn
darauf aufmerksam gemacht wird, dass
sich die lrfahrungen prostituierter
Frauen nur graduell unterscheiden,
nicht jedoch grundlegend· ,Te severety
of other human rights may vary too,
such as a distinction between being a
political prisoner who is tortured and
one who is not, but they remain violat-
ions¨ (Jenreys 2008· 34¯). Klassisch ist
das Miuel, abgelehnte lnterpretationen
in Anführungszeichen zu setzen (etwa
,`harmed by prostitution`¨ bei Alexander
199¯ oder ,`victimless crimes`¨ bei Par-
ker 2004). Nicht zuletzt werden auch
Charakterisierungen von Prostituier-
tenorganisationen eingesetzt. Sabine
Grenz merkt zum Beispiel an, dass „nie-
mand weiß, für welche und wie viele
Sex-Arbeiterinnen die Hurenbewegung
tatsächlich spricht¨ (Grenz 200¯· 242).
Bei Qeen ist die Beschreibung ,the
,poor abused whore` lobby¨ (199¯· 134) zu
hnden.
Verantwortung - für Veränderung
Die Heterogenität des Diskurses liegt,
über die oben genannten Punkte zur He-
terogenität des Feminismus hinaus, an
der Wurzel des Feminismus (ein Bild,
das sich Baldwins Formulierung „Split
at the root“ (2006) entlehnt). Denn es
geht um die lrage· ,Was ist feminis-
tisch?“.
lst es feministisch, auf individueller
Ebene nach scheinbarer Freiheit zu su-
chen, auch wenn dies ein Angleichen an
die bestehende Geschlechterhierarchie
bedeutet?
Ist dies dann noch als Emanzipation zu
sehen?
Wird damit nicht perpetuiert, was ei-
gentlich Gegenstand der Kritik ist?
Ist individuelle Emanzipation über-
haupt ohne den Umbruch des gesamtge-
sellschaflichen Geschlechterverhält-
nisses möglich?
Diese Fragen stellen sich umso mehr, be-
trachtet man aktuelle Entwicklungen.
Seit der Legalisierung 2002 können sich
Freier bei ihren Forderungen und ihrem
Aufreten prostituierenden lrauen ge-
genüber das Argument zu Nutze ma-
chen· ,lst doch schließlich dein Job!`. ln
Berlin kann ein Bordell jetzt ganz legi-
tim auf zahlreichen Taxis werben mit
dem Slogan ,Pascha sein ist fein!¨. Mei-
nes lrachtens besteht kein Zweifel, dass
sich dies auf das gesamtgesellschafli-
che Geschlechterverhältnis auswirkt,
wie auch auf je individuelles Leben. ,So-
mething has to change and what has to
Sonderheft 2 | 2012 Seite 94
change is not individual¨, so formuliert
Andrea Dworkin (2004: 140). Bei der Ver-
änderung dieses ,Nicht-lndividuellen`
tragen die Akteur_innen abhängig von
ihrer spezihschen Position im gesell-
schaflichen Machtgefüge Verantwor-
tung. Diese Position ist zunächst von der
Betronenheit abhängig, vom Ge-
schlecht und von der Verknüpfung von
Geschlecht und Merkmalen wie Race,
Klasse, sexueller Orientierung, Ge-
sundheitszustand u.a.
In diesem Sinne möchte ich mich aus-
sprechen für eine Soziologie, die im Be-
wusstsein um ihre gesellschafliche und
gesellschafspolitische Verantwortung
handelt, und für eine feministisch-
queere Bewegung, die sich auf ihr ge-
meinsames Ziel zurückbesinnt. Stau
sich entlang von ,Nebenschauplätzen`
spalten zu lassen, sehe ich es als wichtig
an, dass sie sich an eine ihrer grundle-
genden Diskursregeln erinnert: Solida-
rität mit den Betronenen. Denn es geht
zu allererst um Menschenleben und
schließlich auch um die Gesellschaf, in
der wir leben (möchten).
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forschung. Teorie, Methoden, lmpirie.
Wiesbaden· VS, S. 3¯-44.
Zur Autorin
Sophie Maria Ruby studiert seit 200¯ So-
ziologie mit dem Schwerpunkt Frauen-
und Geschlechterforschung an der
Technischen Universität Dresden. Ihre
hier vorgestellte Bachelorarbeit wurde
mit dem Marianne-Menzzer-Preis aus-
gezeichnet. Neben ihrem Masterstudi-
um ist sie derzeit als studentische Hilfs-
kraf am SlB 804 ,Transzendenz und
Gemeinsinn“ tätig und außeruniversi-
tär feministisch engagiert.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 98
Psychologische Widersprüche und
Wählerverhalten
Eine Anwendung des
mikrosoziologischen Ansatzes und
des Retrospective-Voting-Modells
von Jasmin Fitzpatrick, Gloria Remlein und Regina Renner
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 99
!. WahIverhaIten in seiner KompIe-
xität
Die Einschätzung des Wahlverhaltens
von Bürger¸innen ist eine der Kernfra-
gen der politischen Soziologie. Doch ne-
ben der ansteigenden Zahl der demo-
kratischen Systeme nach dem Zweiten
Weltkrieg ist auch die Komplexität der
Umstände, unter denen eine Wahlent-
scheidung zu Stande kommt, gestiegen.
So haben wir einerseits ein breiteres
Spektrum an Untersuchungseinheiten,
da mehr Länder Wahlen zur Bestim-
mung der Staatsführung durchführen,
auf der anderen Seite führen Verände-
rungen auf der System- und lndividual-
ebene (vgl. lnglehart 19¯¯· ¯n.) und lndi-
vidualisierungsprozesse (vgl. u.a. Beck
1983· 34n.) zu einem komplexeren Gefü-
ge. Die moderne Wahlforschung ver-
fügt über eine Reihe ausgeklügelter lns-
trumente und Verfahren um Wähler-
verhalten möglichst gut zu erklären.
Dennoch ist hinreichend bekannt, dass
das von Experten prognostizierte Er-
gebnis meistens um einiges von der
Hochrechnung am Wahlabend ab-
weicht. So fangen einige Buchtitel unse-
re Aufmerksamkeit, indem sie provo-
kant vom „unbekannte[n] Wähler“
sprechen (Bytzek/Roßteutscher 2011).
Besonders interessant ist in diesem Zu-
sammenhang das Wählerverhalten un-
ter sogenannten psychologischen Wi-
dersprüchen oder cross pressures. Was
Die Erklärung des Wahlverhaltens gehört
zu den meist beschriebenen Feldern in den
So:io|+issenscíoµen. Voí|\erío|ìen isì
durch seinen ständigen Wandel und seine
Komplexität immer von aktuellem Interes-
se. Der {o|genJe Beiìrog |escíöµigì sicí
mit zwei Ansätzen der Wahlforschung, die
auf unterschiedliche Weise die Auswir-
kungen psychologischer Widersprüche,
sogenannter cross pressures, auf die Kons-
tanz von Wahlverhalten erklären. Hierbei
wird eine Variante des in der Wahlfor-
schung etablierten mikrosoziologischen
Ansatzes der Columbia School vorgeschla-
gen. Mit den Daten des Bayernbarometers
2011 werden die cross pressures des sozia-
|en U»{e|Js nicíì v|er so:io|e Sìroìi[|oìo-
ren, sondern über die ideologische Veror-
tung des Netzwerkes erfasst. Zudem wird
anhand eines eher seltener angewandten
Modells, dem Retrospective-Voting-Modell
von Morris P. Fiorina, untersucht, inwie-
fern Inkonsistenzen bei Einstellungen zu
politischen Streitfragen (issues) im Ver-
hältnis zur vergangenen Parteiwahl, die
Cíonce :vr Vecíse|+oí| |eeinµvssen.
Auf Basis der vorliegenden Analysen wer-
den die Hypothesen Fiorinas bestätigt, wo-
|ei |ein Finµvss Jer cross ¡ressvres in Jen
politischen Einstellungen des sozialen
Netzwerkes festgestellt werden kann.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 100
unter cross pressures verstanden wird,
variiert je nach theoretischer Ausrich-
tung. Am bekanntesten sind cross pres-
sures im mikrosoziologischen Ansatz,
in dem das Umfeld der Wählenden die
Wahlabsicht beeinfusst (vgl. Schoen
200¯· 3¯õ). lm sozialpsychologischen
Ansatz entstehen cross pressures dage-
gen, wenn Parteiidentihkation, Kandi-
datenorientierung und Issueorientie-
rung nicht gleichgerichtet sind (vgl. Ca-
ballero 200¯· 34¯). Bestehen solche psy-
chologischen Widersprüche, so geht
man davon aus, dass Nicht- oder Wech-
selwahl die Konsequenz an der Wahlur-
ne sind (vgl. Schoen 200¯· 3¯õ; Caballero
200¯· 34¯).
Im Folgenden sollen diese cross pressu-
res auf zwei Arten untersucht werden.
Einerseits schlagen wir eine Variante
des Ansatzes der Columbia-School vor.
Hierbei werden die cross pressures
durch das soziale Netzwerk nicht an-
hand sozialer laktoren ermiuelt, son-
dern auf Basis der ideologischen Positi-
onierungen der Personen im Netzwerk
des/der Befragten. Die zweite Betrach-
tung der cross pressures erfolgt jedoch
aus einem eher seltener eingenomme-
nen Blickwinkel. Hier greifen wir auf
das Retrospective-Voting von Fiorina
(1981) zurück. Untersucht wird für beide
cross pressure-Varianten, ob Befragte,
die unter diesen psychologischen Wi-
dersprüchen stehen, wirklich stärker
zur Wechselwahl neigen.
2. Teoretische Fundierung
2.1 Retrospective-Voting und Wechsel-
wahl
Der Retrospective-Voting-Ansatz von
Morris P. liorina hat es zwar bisher nicht
gescham zu den klassischen Ansätzen
der Wahlforschung gezählt zu werden,
wohl auch deshalb, weil er sich am bes-
ten auf Längsschniustudien anwenden
lässt und er eine Mischung aus llemen-
ten der bekannten Ansätzen bildet.
Dennoch scheint der theoretische Aus-
gangspunkt vielversprechend. Eine der
zentralen Fragen, die den „unbekannten
Wähler“ ausmachen, ist die, ob er sich an
der (ökonomischen) Performanz der
vergangenen Regierung orientiert oder
an den Aussichten der Zukunf (vgl. Le-
wis-Beck/Stegmaier 2009· ¯19). liorina
misst dieser Issue-Komponente der Er-
klärung des Wählerverhaltens einen
großen Stellenwert bei. Er bedient sich
des Teoriekonstrukts der ,Reward-Pu-
nishment-Teory¨ von V. O. Key und
geht davon aus, dass Wähler_innen vor
dem Urnengang refektieren, wie es ih-
nen unter der scheidenden Regierung
ergangen ist und machen daran aus, ob
sie diese Partei wieder wählen oder eine
andere bevorzugen (vgl. liorina 1981· õ).
Dabei mag ihnen die Arbeitsmarktpoli-
tik oder die Fiskalspolitik der Regierung
nicht bekannt sein, jedoch spüren sie
die Wirkung dieser Policies, wenn in ih-
rem Umfeld viele arbeitslos geworden
Sonderheft 2 | 2012 Seite 101
sind oder die Steuern gestiegen sind
(ebd.). lnsofern können die Wähler als
informiert gelten.
liorina kombiniert in seinem Modell der
retrospektiven Wahl die Teorie von
Key mit llementen der rationalen Wahl
nach Anthony Downs und kommt so zu
einem Ansatz, der das Bewusstsein über
die Performanz der scheidenden Regie-
rung mit Zukunfsüberlegungen ver-
bindet (vgl. ebd.: 65). Da die generelle
Parteiamnität eines lndividuums als
Anfangsbias mit in sein Modell einfießt
(vgl. ebd.· ¯õ), hndet liorina auch An-
knüpfungspunkte im sozialpsychologi-
schen Ansatz. lr entwickelt daraus fol-
gende Gleichungen:
Zunächst beschreibt er die Bewertung
(B) eines/einer Kandidaten/Kandidatin
bzw. einer Partei (O bzw. 1) als Summe
der politischen lrfahrung (Pl) und der
Zukunfserwartung (Zl) an den/die
Kandidaten/Kandidatin.
B(O)÷ PE(O) ¹ ZE(O) (1)
B(1)÷ PE(1) ¹ ZE(1) (2)
(liorina 1981· ¯¯)
Ausgehend von dieser Bilanz formuliert
er die Parteiidentihkation (PlD) in fol-
gendem Term.
PID(O)÷ PE(O) PE(1) ¹ ¸ (3)
PID(1) ÷ -PID(O) (4)
(liorina 1981· ¯¯
Die Parteiidentihkation ist also die Dif-
ferenz der politischen lrfahrung mit
den einzelnen Parteien. Um der politi-
schen Sozialisation Rechnung zu tragen,
wird dazu ein Anfangsbias ¸ addiert. Jo-
achim Behnke plädiert dafür, diesen
Anfangsbias auch in den Gleichungen
(1) und (2) zu berücksichtigen (Behnke
2001· ¯29f.). Das ist durchaus sinnvoll,
spielt aber für den hier angestrebten
Zweck keine weitere Rolle, da Behnke
bei der Wahlabsicht selbst den gleichen
Term wie liorina formuliert (ebd.). Aus
diesen nun ermiuelten Größen lässt
sich die Ungleichung aufstellen, aus der
hervorgeht, ob ein Wähler O gegenüber
1 bei der Wahl bevorzugt.
PID(O) ¹ ZE(O) ZE(1) _ 0 (5)
(liorina 1981· ¯õ)
An dieser Stelle möchten wir anknüp-
fen. Die Zukunfserwartungen werden
wohl am sichtbarsten in den Einstellun-
gen der Befragten zu bestimmten lssues.
ls sollte also über die lssues eine Präfe-
renz für eine bestimmte Partei bestehen.
Weichen diese von der alten Parteiiden-
tihkation, die über die letzte Wahlent-
scheidung bestimmt werden kann, ab,
Sonderheft 2 | 2012 Seite 102
so kann man davon ausgehen, dass eine
Art psychologischer Widerspruch ent-
steht: Der Wähler bzw. die Wählerin
muss sich gegen seine/ihre alte Präfe-
renz entscheiden. Da in der wissen-
schaflichen Debaue immer wieder die
lrage aufgeworfen worden ist, ob die
Parteiidentihkation, die für die US-
amerikanische Situation formuliert
worden ist, auch für Deutschland gilt
(vgl. Heath 2009· õ11), schließen wir an
die Arbeit von Klingemann an und be-
rücksichtigen die Links-Rechts-Selbst-
einstufung (vgl. Klingemann 19¯2· 98)
als Proxyindikator für die Parteiidenti-
hkation.
Issues – oder themenorientierte Streit-
fragen stellen somit also das Haup-
tent-scheidungskriterium für die Wahl-
entscheidung dar. Diese Annahme wird
auch in anderen Zusammenhängen als
gültig erachtet. So baut zum Beispiel der
seit 200¯ durch die Bundeszentrale für
Politische Bildung etablierte Wahl-o-
mat auf dieses Verständnis (vgl. Klein
200õ· ¯9¯). lssues werden anhand von
Statements gemessen, für die sich die
befragten Personen aussprechen kön-
nen oder nicht, wobei auch eine neutrale
Haltung möglich ist. Die Statements
werden dabei inhaltlich an den Wahl-
programmen der Parteien ausgerichtet,
sodass die vorgeschlagene Wahlpräfe-
renz aus einer Übereinstimmung von
Wahlprogrammen und persönlichen
Haltungen des/der Befragten generiert
wird.
Für den deutschen Fall birgt der Ansatz
von Fiorina eine kleine Schwierigkeit:
Da die Bundesrepublik in der Regel von
Koalitionsregierungen geführt wird, ist
die Frage der „Schuldzuweisung“ an der
politischen Situation nicht ganz eindeu-
tig (vgl. Lewis-Beck/Stegmaier 2009·
528).
2.2 Politische Topographie des sozialen
Netzwerkes und Wechselwahl
line zweite Uberprüfung über den lin-
fuss von cross pressures soll über das
ideologische Netzwerk vorgenommen
werden. Hierzu greifen wir auf ein lnst-
rument zurück, was unseres Wissens so
noch nicht angewendet worden ist: eine
Haushaltsmatrix, die um eine Links-
Rechts-Skala für das Umfeld der befrag-
ten Personen erweitert worden ist. Da-
mit erfassen wir das unmiuelbare sozia-
le Netzwerk, in dem der Befragte einge-
beuet ist. Dieses Netzwerk kann
homogen sein, wenn alle Personen im
Netzwerk ähnliche Ansichten vertre-
ten, oder heterogen, wenn die Personen
unterschiedliche Aunassungen haben.
Mit der Haushaltsmatrix, die um eine
Links-Rechts-Selbsteinstufung erwei-
tert ist, werden die ideologischen Auf-
fassungen im Netzwerk erfasst. Die lin-
teilung des Politischen innerhalb einer
räumlichen, eindimensionalen Sphäre
geht – ebenso wie der „Ansatz des ratio-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 103
nalen Wählers¨ - auf das Werk von An-
thony Downs zurück (19¯¯), der seiner
Überlegung die Frage nach dem Verhält-
nis von Regierung und Wirtschaf zu
Grunde legt· wie weit darf die Regie-
rung in den Markt eingreifen (vgl.
Downs 19¯¯· 11õ)` Damit kann er als
Wegbereiter dieses Verständnisses gel-
ten (vgl. Mair 2009· 20õ), wobei diese
Aufeilung in ähnlicher Weise seit der
französischen Revolution und der in
diesem Zusammenhang entstandenen
Nationalversammlung kursiert (vgl.
ebd.: 212).
Den Begrin der politischen Topogra-
phie prägte Jean A. Laponce mit seiner
Monographie ,Lef and Right Te to-
pography of political perceptions¨(1981).
Er betont dabei die Vorteile, die eine
räumliche Konzeption des Politischen
mit sich bringt:
„Space – with its height, its depth, its rela-
tions of distance and proximity, its back,
iìs {ronì, iìs |eµ, onJ iìs rigíì ¡ro\iJes vs
with a mental multidimensional lands-
cape or at least with a two-dimensional
blackboard where we locate and write our
moral, our religious, our political, our me-
dical, our philosophical, our day-to-day
explanations and prescriptions.“ (Laponce
1981: 3)
Diese Vereinfachung macht es den Men-
schen möglich, sich in der komplexen
Welt des Politischen zurecht zu hnden
(vgl. u.a. luchs/Klingemann 1990· 203;
Knutsen 1998· ¯f.). Dieter luchs und
Hans-Dieter Klingemann sehen daher
gerade in der räumlichen Darstellung
das lrfolgsrezept der Links-Rechts-
Skala (vgl. luchs/Klingemann 1990·
206). Sie erläutern außerdem drei ver-
schiedene Level auf denen das Links-
Rechts-Schema verstanden werden
kann· Menschen, die willens und in der
Lage sind, das Instrument richtig anzu-
wenden, diejenigen, die in der Lage sind,
entweder „links“ oder „rechts“ richtig
zu und jenen, die Wissen über beide Ka-
tegorien verfügen (vgl. ebd.· 208). ln die-
ser wie auch in anderen Studien wird
der Beweis erbracht, dass vor allem in
Westeuropa eine überragende Mehrheit
in der Lage ist, sich selbst auf der Links-
Rechts-Skala zu verorten. Für West-
deutschland waren dies 19¯3 bereits 93¯
der Bevölkerung (Mair 2009· 209). Die
Mehrheit der Bürger¸innen Westeuro-
pas ist außerdem in der Lage, die Partei-
en des eigenen Systems auf der Links-
Rechts-Dimension einzusortieren (Ing-
lehart und Klingemann 19¯õ· 248). Der
Code „Links/Rechts“ wird dabei sowohl
von lliten als auch von der breiten Mas-
se der Bürger gleichgerichtet verwendet
(vgl. Knutsen 1998· ¯).
Seit Miue der 19¯0er Jahre und der Ar-
beit von Ronald Inglehart und Hans-
Dieter Klingemann (19¯õ) gilt die Auf-
fassung, dass sich die Links-Rechts-Di-
mension aus drei Komponenten zusam-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 104
mensetzt· sozialer Lage, Wertesystem
und Parteineigung (vgl. u.a. Freire 2008:
190). Der Parteineigung sprechen lngle-
hart und Klingemann ein besonderes
Gewicht zu, da sie die Parteisympathie
spiegelt (vgl. luchs/Klingemann 19¯õ·
2¯¯, 2õ9). Die Parteiorientierung misst
dabei die ideologische Distanz zwi-
schen Parteien (Knutsen 1998· õ).
Die Verwendung dieser Haushaltsmat-
rix, die die Links-Rechts-Positionierung
des Umfelds des/der Befragten beinhal-
tet, weicht von dem verbreiteten Ver-
ständnis der cross pressures im mikro-
soziologischen Ansatz ab. Im üblichen
Sinne werden Maße der sozialen Lage,
Konfession und Wohngegend einer be-
fragten Person zur Untersuchung von
cross pressures herangezogen (vgl. Roth
2008· 30; Hadler 2002· õõ). Wir sehen in
der Verwendung des ideologischen Um-
felds einen Vorteil, da die Links-Rechts-
Skala neben der sozialen Lage auch Auf-
schluss über Wertorientierungen und
Parteineigung gibt.
3. Hypothesen
H1· Je größer die Abweichungen
einer Person bei themenorientierten
Streitfragen von der Partei sind, die sie
zuletzt gewählt hat, desto höher ist die
Chance der Wechselwahl.
H2· Je inhomogener das soziale Um-
feld einer Person bezüglich der politi-
schen Einstellungen ist, desto größer ist
die Chance zur Wechselwahl.
H3· Mit steigender Dinerenz zwi-
schen der politischen Einstellung des/
der Befragten zur miuleren politischen
Einstellung des sozialen Netzwerkes,
steigt die Chance zur Wechselwahl.
H4· Je stärker eine ldentihkation
mit einer Partei ist, desto geringer ist die
Chance zur Wechselwahl.
4. Daten und Methodik
lür die hier durchgeführten Studien
wurde das Bayernbarometer 2011 des
lnstituts für Politikwissenschaf und
Sozialforschung (lPS) der Universität
Würzburg herangezogen. Dabei handelt
es sich um eine Mixed-Mode-Umfrage
die orientiert am Total-Method-Design
(Dillman 19¯8) von Mai bis September
2011 durchgeführt worden ist. Die
Grundgesamtheit bilden alle volljähri-
gen Bürger_innen mit Hauptwohnsitz
im lreistaat Bayern. Miuels des Gabler-
Häder-Designs wurde eine Telefonzu-
fallsstichprobe generiert, über die der
Kaltzugang zu den Haushalten erfolgt
ist. Innerhalb der Haushalte wurde ba-
sierend auf den Geburtstagen der Haus-
haltsmitglieder wiederum zufällig eine
Person für die Befragung ermiuelt. Die
Befragten konnten wählen, ob sie am
Telefon, postalisch oder online an der
Umfrage teilnehmen möchten. Auf die-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 105
se Weise konnten 1048 Interviews reali-
siert werden.
Neben den spezihschen Hinweisen über
das ideologische Umfeld der befragten
Personen, die Gegenstand dieses Beitra-
ges sind, werden auch lnformationen
gesammelt, die es ermöglichen, die gro-
ßen Ansätze der Wahlforschung mit
den Daten abzubilden.
ö. OperationaIisierung
Die dichotome abhängige Variable
„Wechselwahl“ wurde aus der Recall-
lrage zur Bundestagswahl 2009 und der
Sonntagsfrage zur Bundestagswahl ge-
bildet. Zur Operationalisierung der Hy-
pothese von liorina, der zufolge die
Wahrscheinlichkeit einer Wechselwahl
mit der Abweichung der politischen Po-
sitionen (Issues) von der von ihnen zu-
letzt gewählten Partei steigt, wurden
die Dinerenzen der Positionen der bei
der Recall-Frage angegebenen gewähl-
ten Partei auf Bundesebene und der lin-
stellung zu acht konkreten politischen
Issues berechnet. Die Issues wurden je-
weils im Format des Wahl-o-mats mit
den Antwortoptionen ,dafür¨, ,neut-
ral¨, ,dagegen¨ erfasst, wobei eine maxi-
male Abweichung der Parteiposition
von der Position der Befragungsperson
mit 2 und eine Übereinstimmung mit 0
operationalisiert wurden. Die verwen-
deten Hypothesen sind dem Wahl-o-
mat zur Bundestagswahl 2009 entnom-
men, womit folglich die Parteipositio-
nen zu den jeweiligen Issues validiert
sind.
Bei der Variable ,Parteiidentihkation¨
wurde allen Personen, die keine Parteii-
dentihkation angegeben haben, der
Wert 0 vergeben, allen anderen, der
Wert der selbst eingestufen stärke der
Parteibindung, die von 1 bis 5 reicht.
Zur Berechnung der cross pressures im
sozialen Umfeld wurde die ltembauerie
der Links-Rechts-linstufung des Um-
feldes durch die/den Befragte/n heran-
gezogen. lm Bayernbarometer 2011
wird die Links-Rechts-Selbsteinstufung
in lorm einer 11-stuhgen Skala abge-
fragt. Dieses lormat wurde aufgrund
der Studie von Martin Kroh gewählt, der
die verschiedenen lrhebungsformate
vergleicht und hinsichtlich der Validität
zur Verwendung des 11-stuhgen lor-
mats rät (vgl. Kroh 200¯· 21õ). Die Be-
fragten wurden nicht nur gebeten, sich
selbst in das Spektrum einzuordnen,
sondern selbiges auch für eine Auswahl
der politischen Parteien und ihr persön-
liches Umfeld zu tun.
Die cross pressures wurden miuels des
Variationskoemzienten über die lin-
schätzungen der politischen Einstel-
lungen des Netzwerkes durch die Be-
fragten berechnet. Zudem bildet eine
Variable die Dinerenz zwischen der
miuleren politischen linstellung des
Sonderheft 2 | 2012 Seite 106
Netzwerkes und der der befragten Per-
son ab.
Die katholische und die protestantische
Konfession (ohne lreikirchen), sowie
die Atheisten bilden jeweils eine eigene
Kategorie. Alle anderen Angaben wur-
den mit den fehlenden Angaben in einer
weiteren Kategorie zusammengefasst.
Auf Basis einer Reliabilitätsanalyse
wurde das Institutio-
nenvertrauen anhand
der Items des Vertrau-
ens in das Gesund-
heitswesen, das Bun-
des ver f as s ungs ge-
richt, den Bundestag,
die Stadt- und Gemein-
deverwaltung, die Jus-
tiz, die Hochschulen
und Universitäten, die
Bundesregierung, die
politischen Parteien,
die Europäischen
Kommission, das Eu-
ropäische Parlament,
die Kirchen und den
Bayerischen Landtag
gebildet.
Als weitere Kontroll-
variablen werden Wer-
te nach Inglehart, wie
Institutionenvertrau-
en, Religiosität, Stärke
der Kirchenbindung,
Berufsgruppe, Geschlecht, Alter, Schul-
abschluss und Einkommen in die Ana-
lyse miteinbezogen. lehlende Werte bei
metrischen Variablen sind ab einer An-
zahl von 20 bei den jeweiligen Variablen
durch den Miulerwert ersetzt worden.
In diesem Fall wurde eine zusätzliche
Kontrollvariable erstellt, die in der Ana-
lyse die entsprechenden lälle kenn-
zeichnet.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 107
bungsteams bisher der erste Datensatz
vor, der eine umfassende Haushaltsma-
trix unter Einbeziehung der Links-
Rechts-Skala erfasst. Ausgehend von
den oben genannten theoretischen
Überlegungen wurde eine Variation des
mikrosoziologischen Ansatzes der Co-
lumbia School vorgenommen, indem
cross pressures des sozialen Netzwer-
kes anhand ideologischer Verortungen
der Personen im sozialen Netzwerke
operationalisiert wurden. Die vorlie-
genden Ergebnisse zeigen jedoch kei-
nen signihkanten linfuss der Hetero-
genität des Netzwerkes in ideologischer
Hinsicht auf die Chance zur Wechsel-
wahl. Es wäre zu überlegen, ob dies nicht
auf Operationalisierungsprobleme zu-
rückzuführen ist. So wurden die poten-
tiellen cross pressures in diesem Falle
über das gesamte Umfeld der Befra-
gungsperson gebildet und dabei Eltern,
Arbeitskollegen, Kinder und Freunde
gleichwertig miteinbezogen. Im An-
schluss an sozialisationstheoretische
Überlegungen wäre zu vermuten, dass
eine Heterogenität in den politischen
linstellungen der llternteile der Befra-
gungsperson im Vergleich zum restli-
chen sozialen Netzwerk einen deutlich
stärkeren linfuss auf die Chance zur
Wechselwahl ausüben sollte, da für die
politische Sozialisation vor allem die
Primärsozialisation des Elternhauses
ausschlaggebend ist. Somit wäre über
eine Gewichtung der linfüsse der ein-
zelnen Personen des sozialen Netzwer-
õ. Befunde
Die Ergebnisse der logistischen Regres-
sion werden in Tabelle 1 dargestellt. Das
Modell liefert eine Varianzaunlärung
von 1õ,õ¯. ls legt nahe, dass die Hypo-
thesen von Fiorina bestätigt werden
können. So besitzen Personen, die von
den Positionen der zuletzt von ihr ge-
wählten Partei abweichen, eine höhere
Chance zur Wechselwahl. Ebenso sinkt
mit zunehmender Stärke der generellen
Parteiidentihkation die Chance zur
Wechselwahl.
Während sich die Hypothesen von lio-
rina bestätigen ließen, müssen den vor-
liegenden Analysen zufolge die Hypo-
thesen zum linfuss von cross pressures
durch Heterogenität des sozialen Netz-
werkes hinsichtlich politischer Ideolo-
gien verworfen werden. So konnte kein
linfuss der Netzwerkhomogenität/-he-
terogenität auf die Chance zur Wechsel-
wahl festgestellt werden. Auch stellt die
Dinerenz der politischen linstellung
der Befragungsperson zum miuleren
Wert der politischen Einstellungen des
Netzwerkes keinen signihkanten Prä-
diktor zur Erklärung von Wechselwahl
dar.
7. Diskussion
Mit den Daten des Bayernbarometers
2011 liegt nach Kenntnisstand des Erhe-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 108
kes nachzudenken.
Des Weiteren legen die vorliegenden Er-
gebnisse nahe, dass neben einer Partei-
bindung vor allem rationale Motivatio-
nen im Sinne von Fiorinas Retrospecti-
ve-Voting-Ansatz dem Phänomen
Wechselwahl zugrunde liegen. Dieser
Ansatz bleibt auch unter Kontrolle der
Homogenität bzw. Heterogenität bezüg-
lich der politischen Einstellungen des
Netzwerkes signihkant. Nicht über-
prüf werden konnte jedoch der in der
Wahlforschung bedeutsame sozialpsy-
chologische Ansatz der Michigan-
School. Nachfolgende Studien sollten
diesen Ansatz in ihren Analysen zu-
sätzlich berücksichtigen, beinhaltet er
doch neben der rationalen (Issue-)Ori-
entierung und der ebenfalls überprüf-
ten Parteikompetenz mit der Kandida-
tenorientierung eine zusätzliche Kom-
ponente einer unterschiedlichen sozial-
psychologischen Kategorie.
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Auf. Wiesbaden· VS, S. 3õ¯-38¯.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 111
Zu den Autorinnen
Jasmin litzpatrick, B.A, 2¯, ist Master-
studentin im 4. Fachsemester im Studi-
engang Political and Social Sciences an
der Universität Würzburg. Zu Ihren In-
teressensgebieten zählen Wahlfor-
schung, Politische Kulturforschung,
Religionssoziologie.
Gloria Remlein, 22, ist Bachelorstuden-
tin im 6. Fachsemester im Studiengang
Political and Social Studies an der Uni-
versität Würzburg. Zu ihren Interes-
sensgebieten zählen Wahlforschung;
Politische Kulturforschung.
Regina Renner, 2õ, ist Magisterstuden-
tin im 11. Fachsemester mit der Fächer-
kombination Politikwissenschaf, So-
ziologie und Katholische Teologie an
der Universität Würzburg. Zu ihren In-
teressengebieten zählen Wahlfor-
schung, Politische Kulturforschung, So-
zialisationsforschung.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 112
Über das Sprechen der „Einen“ und
das Schweigen der „Anderen“
Ein queer/feministischer Beitrag zur
Emanzipation durch FrauenMenschenrechte
von Stefan Wedermann
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 113
!. Hinführung
Die Selbstverbrennung von Tarek al-
Tayeb Mohamed Bouazizi am 1¯. De-
zember 2010 in Tunesien wird als das
Schlüsselereignis für gewaltige Protest-
und Revolutionswelle in ganz Nordafri-
ka und den angrenzenden Arabischen
lmiraten gesehen. Menschen gehen
seitdem für ihre Rechte auf die Straße.
Auch lrauen kämpfen für ihre Rechte
als Frauen, einige von den Aktivist_in-
nen beziehen sich dabei stark auf die
lrauenMenschenrechte. Das Ziel von
vielen sei es, sich mit Bezug auf die Men-
schenrechte gegen Unterdrückung, vor
allem durch die patriarchale Gesell-
schafsstruktur zu befreien (lltunsi
2011). Diese lrauen knüpfen somit an
die Forderungen der Bewegung „Frau-
enrecht ist Menschenrecht¨ an. Sie for-
dern geschlechtsspezihsche Rechte, die
ihnen im Kampf gegen Gewalt an lrau-
en zur Seite stehen sollen.
Doch welche Konsequenzen hat die
Strategie geschlechtsspezihsche Rechte
einzufordern` Hoda Salah gibt einen
ersten wichtigen Hinweis auf die Kon-
sequenzen einer solchen Emanzipati-
onsstrategie. Sie erklärt auf die lrage, ob
,die Minderheitenrechte in Agypten
[jetzt] verstärkt auf der Agenda stehen¨
würden, dass die Rechte von Homose-
xuellen immer noch ein Tabuthema sei-
en und sich enuäuscht zeigt, dass ,Men-
schenrechtsaktivistlnnen für politi-
Ein homosexueller Aktivist aus Kairo
macht nach der Revolution 2011 deutlich,
dass die „soziale und politische Revolution
noch bevor steht“. Er verweist auf die an-
dauernden Repressionen gegenüber Ho-
mosexuellen in Ägypten. Frauenrechtsak-
tivist_innen forderten Gleichheit zwi-
schen den Geschlechtern und bezogen sich
auf die Bewegung „Frauenrecht ist Men-
schenrecht“. Auf einer theoretischen Ebene
nähere ich mich in diesem Text der Frage
der Exklusion von Homosexuellen in der
Bewegung und thematisiere die Aus-
schlüsse, die eine Politik, die sich gegen
Ausschlüsse wendet, selbst (re-)produziert.
Aus einer hegemonietheoretischen Pers-
¡e|ìi\e +erJe icí Jen Teorieonsoì: \on
Frnesìo Loc|ov vnJ Cíonìo| Mov¡e »iì
dem von Judith Butler verbinden und ver-
suchen eine Antwort auf die Frage zu ge-
ben, wie regulative Geschlechternormen
in Emanzipationsbemühungen reprodu-
:ierì +erJen (|onnen) vnJ +os Jies [vr
Konseqven:en [vr Jie F»on:i¡oìion ío-
ben kann.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 114
sche Gefangene kämpfen, nicht aber
für die Rechte von homosexuellen Män-
nern, die im Gefängnis sitzen und dort
gedemütigt werden“ – auch die Revolu-
tion häue daran nichts geändert (Salah
2011: 11). Diese Einschätzung teilt ein
anonymer homosexueller Aktivist aus
Kairo, der erklärt: „[D]ie Revolution ist
ja nicht vorbei, die wahre soziale und
politische Revolution steht uns ja noch
bevor¨ (Jetz 2011· 21). Die Aussage des
Aktivisten rekurriert auf ein zentrales
Konzept von sozialen Bewegungen: das
der lmanzipation. Der anonyme Akti-
vist hinterfragt mit seiner Bewertung
der Revolution den emanzipatorischen
Gehalt der Bewegung, für ihn ist die
,wahre Revolution¨ onenbar nur unter
Einbeziehung der homosexuellen
Emanzipation denkbar.
Dieses Beispiel zeigt sehr plastisch, wo-
ran sich queer/feministische Kritik am
Recht und dessen Reproduktion von re-
gulativen Geschlechternormen abar-
beitet. Im Folgenden werde ich versu-
chen eine mögliche Antwort auf meine
Frage, wie regulative Geschlechternor-
men in der linforderung geschlechts-
spezihscher Rechte reproduziert wer-
den, anzubieten. Hierzu werde ich ver-
suchen, queer/feministische Kritik und
die „demokratische Revolution“ zusam-
menzuführen. lch werde meinen Text
wie folgt aumauen· lch werde mit einer
linführung in die queer/feministische
Kritik am Recht beginnen und diese auf
die Forderungen von Frauenrechtler_
innen beziehen. Anschließen werde ich
zentrale Momente der demokratischen
Revolution herausstellen. In der Kon-
klusion werde ich diese beiden Ansätze
zusammenführen und eine Antwort auf
meine Fragestellung anbieten. Ich wer-
de mich hier, und da möchte ich nicht
falsch verstanden werden, explizit hin-
ter die Aktivist_innen stellen und nicht
gegen eine lrauenMenschenrechtspoli-
tik weuern. lch sehe die normative Kraf
sich auf Menschenrechte in sozialen Be-
wegungen zu beziehen, aber dieser Be-
zug birgt selbst wieder Probleme, wie
das „Inklusion-Exklusion-Paradox“
(vgl. Brown 2011).
2. Qeer/feministische Kritik am
Recht
Mit dem Aunommen der Qeer Teory
lnde der 1980er Jahre, insbesondere
nach der Verönentlichung von Dos Un-
behagen der Geschlechter von Judith But-
ler, entbrannte eine leidenschafliche
Diskussion zwischen Vertreter_innen
poststrukturalistischer Ansätze und
deren Kritiker_innen. Fredericke Ha-
bermann formuliert einen Teilaspekt
des Problems, welches die Qeer Teory
ausdinerenziert hat, in Anlehnung an
Jaques Derrida als ,ldentitätsschlie-
ßung“. Diese „Identitätsschließung“
kommt insbesondere „im Fall einer un-
terdrückten Gruppe, die nach Emanzi-
pation strebt“ zum Tragen, doch diese
Sonderheft 2 | 2012 Seite 115
müssten überwunden werden (Haber-
mann 2011· 1¯). Damit erönnet sich eine
entscheidende Perspektive für den
lmanzipationsbegrin, vor allem im
Kontext der linforderung geschlechts-
spezihscher Rechte. ldentitätsschlie-
ßungen verstehe ich hier als Konstruk-
tion einer Gruppe, welche sich auf eine
Gemeinsamkeit, welche ldentität stifet,
bezieht. In meinem Beispiel handelt es
sich um die Kategorie „Frau“. Diese Iden-
titätsschließung ist für die Bewegung
,lrauenrecht ist Menschenrecht¨ kons-
titutiv. Jene Aktivist¸innen weisen auf
die Geschlechterdinerenzen bzw. ge-
schlechterdiskriminierenden Momen-
te hin und wollen diese verändern bzw.
abschanen. lch möchte mich an dieser
Stelle hinter diese Aktivist_innen stel-
len und ihre Analyse der Diskriminie-
rung von Frauen unterstreichen. Auch
wenn die Diskriminierungsmomente
inter- und intragesellschaflich dinerie-
ren, halte ich es für geboten, sich zusam-
men zu schließen und gegen die patriar-
chalen Strukturen zu kämpfen. Durch
ihre Kämpfe, gerade auch im Hinblick
auf geschlechtsspezihsche Rechte, hat
sich in vielen Gesellschafen viel be-
wegt und verändert. Im Kontext der
Menschenrechte kann man bzw. muss
man die lrfolge der lrauenbewegung
erkennen und auch anerkennen. Auch
wenn sich diese Bewegung auf verge-
schlechtlichte Subjekte bezieht, sollte
man die lrrungenschafen nicht negie-
ren, welche lrauen durch Rechtseinfor-
derungen erzielten. Hieran kann man
das positive Element von Recht sehen.
Recht im juridischen Sinne ermöglicht
es, gewisse Rechtsansprüche in einem
Rechtsstaat auch durchzusetzen. Je-
doch, und dies zeigt das Eingangsbei-
spiel, produziert diese Emanzipations-
strategie auch Ausschlüsse. In Anleh-
nung an Wendy Brown ist erkennbar,
dass diese Strategie hinter ihre eigenen
Ansprüche zurück fällt bzw. jene unter-
miniert (siehe unten, Brown 2011: 462).
Die Identitätsschließung „Wir Frauen“
hndet hier auf verschiedenen lbenen
stau. ln der Artikulation des Gesetzes
wird die Kategorie „Frau“ als Identitäts-
kategorie immer wieder neu hergestellt
und ldentität gestifet (vgl. ebd.· 4¯8).
Darüber hinaus werden „Frauen“, die
das Recht in Anspruch nehmen auch als
,lrauen angerufen¨. Dies geschieht nicht
nur durch das Gesetzt, sondern auch
„durch all die Behörden, Klinken, Ar-
beitgeber, politischen Diskurse, Mas-
senmedien usw., die durch [die] Inan-
spruchnahme, solcher Rechte in Bewe-
gung gesetzt werden“ (eig. Herv., ebd.:
4¯¯). Durch die linforderung von lrau-
enMenschenrechten werden lrauen da-
her auch als lrauen angerufen. Den sich
daraus ergebenden Konsequenzen für
die Frage nach der Emanzipation werde
ich mich im Folgenden widmen.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 116
2.1 Subjektivation bei Judith Butler
Das Moment der Anrufung ist inner-
halb der Subjekuheorie zentral, wenn
man Louis Althusser oder auch Judith
Butler folgt. lür Althusser ist die Anru-
fung das konstitutive Moment der Sub-
jektwerdung. An seinem Beispiel der An-
rufung durch einen Polizisten ,He, Sie
da!¨ (Althusser 19¯¯· 142) erklärt er, dass
das lndividuum durch die Anrufung
und der ,physischen Wendung um 180
Grad“ zum Subjekt wird (ebd.· 143). Ju-
dith Butler nimmt diese beschriebene
Situation von Althusser zum Ausgangs-
punkt ihrer Überlegungen von Subjek-
tivation. Sie beschreibt die Subjektwer-
dung bei Althusser durch das „‚Anspre-
chen` oder ,Anrufen` als einen einseiti-
gen Akt¨ (Butler 199¯· 1¯3), woraumin
sie eine eigene Konzeption von Subjekti-
vation entwickelt. Sie erklärt, dass „[e]
ine kritische Bewertung der Subjektbil-
dung [.] zum besseren Verständnis der
Doublebinds beitragen [kann], zu denen
unsere Emanzipationsbemühungen ge-
legentlich führen, ohne dass damit das
Politische außer Betracht bleibt“ (Butler
2001: 33). In Dos Un|eíogen Jer Ge-
schlechter entwirf sie ihre Teorie der
Subjektivation. Diese Teorie verarbei-
tet sie in Bezug auf Geschlechtszugehö-
rigkeiten. Sie versteht Geschlechtszu-
gehörigkeit als eine performative Pra-
xis, die „nicht durch Handlungen, Ges-
ten oder Sprache ,ausgedrückt` wird,
sondern dass die Performanz der Ge-
schlechtszugehörigkeit rückwirkend
die Illusion erzeugt, dass es einen inne-
ren Geschlechterkern gibt¨ (ebd.· 13¯f.).
Das heißt, dass sich das Subjekt nicht
einzig durch die Anrufung wie bei Alt-
husser konstituiert, sondern die Anru-
fung muss auch angenommen werden
und benötigt eine Performanz; dadurch
unterwirf sich das lndividuum unter
die Macht der Normen. Dies hat zur
Konsequenz, dass dadurch auch die
Macht der Normen durch die Perfor-
manz zugleich reproduziert wird. Butler
erklärt weiter, dass die Macht ständig
wiederholt werden muss, um bestehen
zu bleiben, d.h. das Subjekt ist dauerhaf
einer Wiederholung (Iteration) unter-
worfen (ebd.· 81n.). Diese lteration sei
zwar gegeben, aber sie wird nie voll-
ständig und ,richtig` vollzogen, wo-
durch sich ein Raum des Widerstand er-
önnet. Diese ,Unvollständigkeit¨ birgt
das Potenzial, „einer Neuverkörperung
der Subjektivationsnormen, die die
Richtung ihrer Normativität ändern
kann¨ (ebd.· 9¯).
Hier wird der Bruch mit Althussers Te-
orie der Subjektwerdung am deutlichs-
ten, da für sie die lrage, ,wie eine oppo-
sitionelle Beziehung zur Macht ausse-
hen kann, die zugestandenermaßen
schon in ebender Macht angelegt ist, ge-
gen die man sich wendet“ (ebd.: 21) im
Miuelpunkt ihrer Teorie steht. Wider-
stand ist in der Teorie von Althusser
nicht vorgesehen bzw. nicht möglich.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 117
Die Möglichkeit wird dadurch begrenzt,
da das Subjekt von außen durch den
ideologischen Staatsapparat angerufen
wird und selbst keine Handlungsmacht
innehat (Althusser 19¯¯· 121). Diese nor-
mativen Anrufungen, gegen die Wider-
stand geleistet werden kann, beschreibt
Butler als ,heterosexuelle Matrix¨ (But-
ler 1991· 38n.). Zentral hierbei ist die ln-
telligibilität von Geschlechteridentitä-
ten, diese sind solche, „die in bestimm-
tem Sinne Beziehungen der Kohärenz
und Kontinuität zwischen dem anato-
mischen Geschlecht (sex), der Ge-
schlechtsidentität (gender), der sexuel-
len Praxis und dem Begehren stifet und
aufrechterhalten¨ (ebd.· 38). Dieses Be-
gehren ist für Butler ebenfalls entschei-
dend in der Subjekuheorie, da sich selbst
das Begehren, also die sexuelle Identität,
der Macht unterwirf und die Macht der
heterosexuellen Normen reproduziert
und stabilisiert.
Im Anschluss daran verdeutlicht sie,
dass die angesprochene Regulierung
durch den Diskurs vollzogen wird. In
Körper von Gewicht erklärt sie, dass die
Kraf der regulierenden Gesetze durch
Artikulationen stabilisiert wird und so
die hegemoniale Kraf des Gesetzes fort-
besteht (Butler 199¯· 21f.). ln ihrer Ausei-
nandersetzung macht sie diesen eher
sperrigen Begrin der ,heterosexuellen
Matrix¨ für die Politische Teorie
fruchtbar, indem sie ,heterosexuelle
Matrix¨ als ,Hegemonie der Heterose-
xualität“ übersetzt (ebd.: 41). In Ergän-
zung dazu stellt Gudula Ludwig heraus,
dass schon Gramsci die Konstitution
des Subjekts als einen lnekt von Hege-
monie begrin und diese lrkenntnis zum
Ausgangspunkt emanzipatorischen
Handelns für gesellschafliche Verän-
derung wurde (vgl. Ludwig 2011· ¯¯).
Damit wird Subjektivation zu einem
Herrschafsenekt. Dieser kann jedoch
durch den Raum der „Unvollständig-
keit¨, durch die fehlerhafe lteration, an-
gegrinen werden oder wie Butler es an
anderer Stelle sagt, durch die fehlerhaf-
te Wiederholung sich eine „subversive
Matrix der Geschlechter-Unordnung¨
erönnet (Butler 1991· 41). Auch durch
eine Neukonzeptualisierung von Desi-
dentihzierungen können die ,regulie-
renden Normen¨ aufgeweicht werden
(vgl. Butler 199¯· 24). Doch warum ist
dies nun relevant für die lrage nach ei-
ner emanzipatorischen Politik und was
hat dies mit dem eingangs genannten
Beispiel zu tun` Auch hier gibt Judith
Butler eine erste Antwort, indem sie er-
klärt, dass ,[d]ie feministische Kritik
[.] auch begreifen [muss], wie die Kate-
gorie ,lrau(en)`, das Subjekt des lemi-
nismus, grade durch jene Machtstruk-
turen hervorgebracht und einge-
schränkt wird, miuels derer das Ziel der
Emanzipation erreicht werden soll“
(Butler 1991· 1¯). ln ihrem programmati-
schen ersten Kapitel von Dos Un|eíogen
der Geschlechter kommt sie dann zu der
Tese· ,Die ldentität des feministischen
Sonderheft 2 | 2012 Seite 118
Subjekts darf nicht die Grundlage femi-
nistischer Politik bilden, solange die
lormation des Subjekts in einem Macht-
feld verortet ist, das regelmäßig durch
die Setzung dieser Grundlage verschlei-
ert wird. Vielleicht stellt sich paradoxer-
weise heraus, dass die Repräsentation als
Ziel des Feminismus nur dann sinnvoll ist,
wenn das Subjekt ‚Frau(en)‘ nirgendwo vo-
rausgesetzt wird“ (eig. Herv., ebd.: 22).
2.2 Paradoxien des Rechts
Mit dieser analytischen lolie kann man
nun versuchen, die ambivalenten Mo-
mente in Bezug auf die Bewegung
,lrauenrecht ist Menschenrecht¨ zu ver-
stehen. Julia Schmidt-Häuer verweist
zunächst auf die Herausforderungen
der Bewegung. Auf der 4. Weltfrauen-
konferenz 199¯ in Peking sei zwar ,er-
neut die universale Geltung der Men-
schenrechte auch für lrauen und deren
Selbstbestimmung über Sexualität und
lortpfanzung [bestätigt worden] al-
lerdings ohne damit das Recht auf Ab-
treibung anzuerkennen oder Lesben
(und Schwulen) ein Recht auf ihre sexu-
elle Selbstbestimmung zuzugestehen“
(Schmidt-Häuer 1998· 14¯). An diesem
Beispiel wird sehr plastisch, was Judith
Butler Hegemonie der Heterosexualität
genannt hat. Die Forderungen und Er-
rungenschafen dieser Bewegungen
bleiben einem heteronormativen Sys-
tem verhafet und reproduzieren dieses
auf einer diskursiven lbene erneut.
Wendy Brown erklärt, dass ,Rechte, die
Frauen als Frauen haben und ausüben,
[.] die Tendenz [haben], regulative Ge-
schlechternormen zu verfestigen, und
widerstreiten so dem Versuch, diese
Normen in Frage zu stellen“ (Brown
2011: 462). Brown beschreibt die Strate-
gie der Emanzipation durch ge-
schlechtsspezihsche Rechte als Paradox
und unterstreicht dabei, dass es sich hier
nicht um „Widersprüche oder Span-
nungsverhältnisse“ handelt, sondern
um die ,Unaufösbarkeiten mehrere
miteinander unvereinbare[r] Wahrhei-
ten¨ (ebd.· 4¯0). Weiterhin, und das ma-
chen das lingangsbeispiel wie auch Ju-
dith Butler selbst deutlich, ruf diese
Strategie, die sich gegen Ausschlüsse
wendet, selber Ausschlüsse hervor.
Hier wird nun die Frage nach Emanzipa-
tion augenscheinlich. Welches Ver-
ständnis von Emanzipation könnte
man hier als Gegenentwurf anbieten`
lch möchte mich im nächsten Abschniu
mit der Arbeit von Ernesto Laclau und
Chantal Moune auseinandersetzen, de-
ren Emanzipationsverständnis vorstel-
len und die politische Praxis, die sich da-
ran anschließt, skizzenhaf wiederge-
ben.
3. LacIaus und MouBes ¸Demokrati-
sche RevoIution"
ln ihrer Gemeinschafsarbeit Hegemo-
nie und radikale Demokratie legen Ernes-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 119
to Laclau und Chantal Moune eine um-
fassende Analyse der Politik seit 1848
vor. lhre Tese, dass es seit 1848, also der
gescheiterten deutschen und europäi-
schen Revolution, keine Politik mehr
ohne Hegemonie gab, machen sie zum
Ausgangspunkt ihrer Analyse vom Po-
litischen in Europa (Laclau et al. 2006:
191). lm Zuge dessen entwickeln sie eine
Hegemonietheorie, die zwar an Grams-
ci anschließt, allerdings in einer dezi-
dierten Kritik am Marxismus über die
‚Ökonomie-Determinierung in letzter
lnstanz` hinausgeht und ,Das Soziale¨
in ihre Analyse einschließt. Zentrale
Konzepte sind hierbei Diskurs und Arti-
kulation. Weiterhin entwickeln sie An-
sätze für eine ,demokratische Revoluti-
on¨. Diese umfasst ein lmanzipations-
verständnis, welches sich als sehr an-
schlussfähig an die oben gestellte lrage
erweist. Emanzipation bedeutet zu-
nächst Befreiung von Unterordnungs-
verhältnissen – „eine Reihe von Unter-
ordnungsverhältnissen“ bezeichnen
Laclau/Moune als Herrschafsverhält-
nis (ebd.· 194). Herrschafsverhältnisse
sind dadurch gekennzeichnet, dass ge-
wisse Praxen, Normen etc. in einem Dis-
kurs etabliert wurden und als natürlich
gegeben erscheinen. Dieses Verhältnis
kann nur durch eine radikale lnfrage-
stellung destabilisiert werden und die
Etablierung einer neuen Erklärung oder
,Weltaunassung¨ im Diskurs einleiten.
linen weiteren hilfreichen Punkt, was
bei Laclau/Moune unter lmanzipation
zu verstehen sei, hndet sich in der Auf-
satzsammlung F»on:i¡oìion vnJ Di¡e-
renz von Ernesto Laclau. Dort weist er
darauf hin, dass es ,keine wahre lman-
zipation [geben kann], solange der für
Emanzipation konstitutive Akt nur das
Resultat der internen Dinerenzierung
des oppressiven Systems ist¨ (Laclau
199õ· 2õ). Das heißt zunächst nur, dass
uns gegenwärtige System keine lman-
zipation versprechen und es in einer ka-
pitalistischen Gesellschafsordnung
auch keine Emanzipation geben kann.
Laclau/Moune schlagen daher eine ra-
dikale Demokratie mit sozialistischen
Dimensionen vor (Laclau et al. 200õ· 194).
Gemünzt auf meine lragestellung kann
es daher auch keine „wahre Emanzipati-
on“ innerhalb einer binär-normierten
und heterosexuell strukturierten Ge-
sellschafsordnung geben.
lm lolgenden werde ich auf die Praxen
Diskurs und Artikulation eingehen und
zugleich Anknüpfungspunkte für ein
Bündnis von Butler, Laclau und Moune
kennzeichnen.
Artikulation stellt den beiden Postmar-
xist¸innen zufolge eine Praxis dar, ,die
eine Beziehung zwischen Elementen so
etabliert, dass ihre Identität als Resultat
einer artikulatorischen Praxis modih-
ziert wird. Die aus der artikulatorischen
Praxis hervorgehende strukturierte To-
talität nennen [.][die beiden] Diskurs¨
(ebd.· 194). lin Diskurs ist für Laclau/
Sonderheft 2 | 2012 Seite 120
Moune ein komplexes Dinerenz- und
Sinnsystem, das durch Artikulation an-
geordnet und immer wieder neu struk-
turiert wird (ebd.: 141). Diskurse sind
also Praxen, durch die sozialer Sinn ge-
neriert wird, wie z.B. wann etwas einen
Sinn ergibt, etwa vergleichbar mit Intel-
ligibilität bei Judith Butler. Durch Arti-
kulation werden llemente temporär h-
xiert, d.h., ihnen wird eine Bedeutung
gegeben. ,Jedweder Diskurs konstitu-
iert sich als Versuch, das Feld der Dis-
kursivität zu beherrschen, das Fließen
der Dinerenzen aufzuhalten, ein Zent-
rum zu konstituieren. Wir werden die
privilegierten diskursiven Punkte die-
ser partiellen Fixierung Knotenpunkte
nennen“ (ebd.: 150).
Politische Diskurse sind Orte, an denen
sich der lrfolg von Artikulationen zeigt,
ob ein Element einen hegemonialen
Knotenpunkt bildet oder nicht. Martin
Nonhon erklärt dazu, dass Artikulatio-
nen bei Ernesto Laclau und Chantal
Moune als ,Relationierungen von lle-
menten, die im Zuge dieser Relationie-
rung erst als dinerente, sinnhafe lle-
mente entstehen¨ (Nonhon 200¯· 9). Ar-
tikulationen sind also iterative Praxen
im Diskurs, die (neu-)strukturieren und
die hegemoniale Struktur der Gesell-
schaf stabilisieren. Dieser Ansatz erön-
net aber auch einen Raum für Wider-
stand. Weiterhin können durch Kritik
gegenhegemoniale Bewegungen ent-
stehen. Durch das Eindringen des Neu-
en bleibt für Laclau/Moune die Struktur
von Diskursen immer unvollständig
und kann nie dauerhaf geschlossen
werden. Auch hier hnden wir wieder
eine Parallelität zwischen Butler und
Laclau/Moune, die Gesellschaf bzw.
das Subjekt ist nicht determiniert.
Durch Gegenhegemonien kann bspw.
,Zwangsheterosexualität¨ (Butler 1991·
41) infrage gestellt und so überwunden
werden.
Die „radikale und plurale Demokratie“
soll unter anderem zum Kern haben,
dass der ,Verzicht auf die Kategorie des
Subjekts als einer einheitlichen, trans-
parenten und genähten Entität“ konsti-
tutiv sei (Laclau et al. 2006: 208). Daher
sprechen sich Laclau/Moune gegen eine
Politik von Partikularinteressen in der
Etablierung „linker Gegenhegemonien“
aus, um die Bildung von restriktiven
Identitätsnormen zu überwinden. La-
clau/Moune sprechen sich hier für die
Bildung von Koalitionen von sozialen
Bewegungen aus, um gemeinsam linke
Gegenhegemonien zu etablieren. Die-
sen Prozess nennen die beiden demokra-
tische Revolution, also einen demokrati-
schen prozesshafen Wandel der gesell-
schaflichen Verhältnisse (ebd.· 19¯).
4. Uber das Sprechen der ,Einen' und
das Schweigen der ,Anderen'
Inspiriert durch die Kritik eines homo-
sexuellen Aktivisten aus Kairo an den
Sonderheft 2 | 2012 Seite 121
Emanzipationsbestrebungen, habe ich
mich gefragt, was für Ausschlüsse eine
Politik, die sich im Namen von Frauen-
Menschenrechten gegen geschlechts-
spezihsche Ausschlüsse wendet, selbst
für Ausschlüsse produziert.
Mit Judith Butlers Subjektivationstheo-
rie habe ich versucht die Momente her-
auszustellen, die mir in dieser Fragestel-
lung als fruchtbar erscheinen, um nach-
zuvollziehen, wie diese Ausschlüsse
hergestellt werden. Butler weist darauf-
hin, dass sich die heterosexuelle Hege-
monie durch ständige Wiederholung
oder Iteration immer wieder neu konsti-
tuiert. Diese Wiederholung, so Butler,
sei aber immer fehlerbehafet und er-
möglicht, Widerstand gegen diese He-
gemonie zu üben. Sie macht deutlich,
dass Heterosexismus kein natürliches
laktum ist, sondern ein gesellschafli-
ches Phänomen, welches hegemoniali-
siert wird. Damit erönnet sie eine Pers-
pektive, die für die politische Teorie ei-
nen fruchtbaren Ansatz darstellt.
Um die Politik der Hegemonie besser
verstehen zu können und zu erkennen,
welche Praxen dabei relevant sind, habe
ich im Anschluss daran die Hegemonie-
theorie von Ernesto Laclau und Chantal
Moune dargestellt. Sie zeigen auf, dass
Hegemonie selbst ein umkämpfes Ter-
rain ist, welches Sinn stifet und ver-
sucht Partikularinteressen zu naturali-
sieren. Die beiden Postmarxist_innen
schlagen mit ihrem Konzept der radika-
len Demokratie eine Möglichkeit vor,
wie diese regulativen Hegemonien
durch linke Gegenhegemonien angrif-
fen werden können. Dabei setzen sie auf
ein breites Bündnis, neue sogenannte
Kontenpunkte innerhalb des Diskurses
zu etablieren. Zentral hierbei ist die Zu-
rückweisen von eingrenzenden und ho-
mogenen Identitäten, was die Partizipa-
tion im Emanzipationsprozess auswei-
tet. Ziel sei es, durch einen demokrati-
schen prozesshafen Wandel der
gesellschaflichen Verhältnisse zur
Emanzipation zu gelangen – dies nen-
nen sie demokratische Revolution.
Die Zusammenführung der Teorien
ermöglicht es, die Frage, wie regulative
Geschlechternormen in der linforde-
rung geschlechtsspezihscher Rechte re-
produziert werden, zu beantworten. Die
Artikulation von geschlechtsspezih-
schen Rechtseinforderungen verweist
auf die binäre Geschlechterordnung,
wodurch die Hegemonie der Geschlech-
ter reproduziert wird. Die binäre Ge-
schlechterordnung selbst reproduziert
dabei auch die Hegemonie der Heterose-
xualität, wie Butler erklärt. Das heißt,
dass Geschlechtsidentitäten, die sich
jenseits der Heterosexualität bewegen,
durch die Bewegung „Frauenrecht ist
Menschenrecht¨ ausgeschlossen wer-
den. Dies wird auch am Eingangsbei-
spiel deutlich. Nicht nur, dass nicht-he-
terosexuelle Identitäten ausgeschlos-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 122
sen werden, sondern die geschlechts-
spezihsche Rechte reproduzieren auch
regulative Normen, so Butler und
Brown. Dies verhindere auch die Eman-
zipation der Frauen.
Rückgebunden an den Titel des Textes,
der an den Aufsatz von Gayatri Chakra-
vorty Spivak Can the Subaltern speak?
(Spivak 2008) erinnern soll, zeigt sich,
dass durch den Ausschluss von Homo-
sexuellen jene zum Schweigen gebracht
werden und jene, die sich in die hetero-
sexuelle Matrix zumindest nach außen
hin einordnen, sprechen. Das Sprechen
der linen fordert Spivak zufolge ein
Schweigen der Anderen und reprodu-
ziert so das hegemoniale heterosexuelle
Regime. Die Einbindung von Positionen
homosexueller Aktivist_innen wäre
daher zielführender und wünschens-
wert.
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Chantal Moune. Bielefeld· transcript, S.
¯-23.
Zum Autor
Stefan Wedermann, 25, studiert Polito-
logie (Diplom), Sozialpschychologie,
Soziologie und Philosophie an der Goe-
the-Universität lrankfurt am Main so-
wie Gender Studies am Cornelia -Goe-
the-Centrum. Zu seinen Interessenge-
bieten zählen Politische Teorie, lemi-
nistische Teorie, Postkoloniale
Teorie, poststrukturalistische Ansät-
ze sowie Diskurstheorie.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 124
„Obviously I'm not a dick, right?“
Positioning masculine identities
on the mediated conversational
ñoor of a teíevísíon game show
von Linus Westheuser
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 125
In this essay I will look at a group of four
male students watching the dating and
game show “Take Me Out” and in this con-
text analyse the construction of masculini-
ìies ìírovgí con\ersoìiono| ¡rocìice. Te
theoretical background of this study is pro-
vided by the analysis of media consumpti-
on as interaction on a ‘mediated conversa-
ìiono| µoor' ¡vì {or+orJ |y He|en VooJ,
and the positioning approach to gendered
identities as developed by Neill Korobov
and Micheal Bamberg.
Synthesizing both perspectives I will ap-
proach the collected data to ask how the
participants use the conversational frame
of communal TV watching for positioning
themselves; and in what way the recourse
to masculinity, in relation to other features,
|eco»es o signi[conì o|jecì o{ ìíese ¡osiìi-
onings. Aµer sìorìing +iìí o {vrìíer e|o|o-
ration of this research question in the light
of the mentioned theories, I will introduce
the context and realisation of the study. I
will then go on to analyse selected sequen-
ces from the obtained data. Concludingly I
+i|| sv»»ori:e ìíe resv|ìs onJ |rieµy Jis-
cuss their implications.
"Men taIk" - but how do we know'
One of the most acclaimed contribution
to the sociolinguistic study of masculi-
nities has been Jennifer Coates ¨Men
Talk” in which she gives a detailed ac-
count of the construction of masculini-
ties by analysing the structure of narra-
tives in all-male conversations and con-
trasting them with others recorded in
all-female groups (Coates 2004). Her ge-
neral hndings men tend to competi-
tively tell stories about achievement, tri-
umph and other men, are hardly prone
to emotional self-disclosure and rein-
state their sense of masculine identity
by a strict observance of the taboo
against homosexuality constitute
what one might call a `readily recognisa-
ble` pauern. lt seems justihed, however,
to ask with Deborah Cameron, whether
that is, ¨because we have actually wit-
nessed these scenarios occurring in real
life, or [.] because we can so readily
supply the cultural script that makes
them meaningful and `typical`" (Came-
ron 2004· 2¯0f.)`
Te issue this question highlights is the
fact that gender distinctions rest on a
cultural logic so pervasive in Western
thinking, that its enects include the very
categories through which we auempt to
investigate it. Amongst others, the dis-
coveries made by a feminist critique of
science suggest that through instru-
ments like the binary oppositions of
Sonderheft 2 | 2012 Seite 126
`male vs. female` or `culture vs. nature`
gendered structures are implicated in
the seemingly neutral logic of scientihc
enquiry (Haraway 1991). Consequently
there has been a call in Gender Studies
for turning its category of research into
an object of research itself.
ln the study of masculinity this problem
was met by Raewyn Connell in her para-
digmatic work ¨Masculinities". She con-
ceptualises masculinities as non-onto-
logical `conhgurations of practice`
(Connell 199¯) not only related to femi-
ninity or broader ensembles of gender,
but also internally dinerentiated into a
multiplicity of forms and positions
(hence the plural). Tese varieties are
enacted practices subtly complying to
and subverting hegemonic norms. Simi-
larly and in opposition to the quasi-on-
tological categorisations underlying
Coates`s research, Deborah Cameron
proposes to focus the study of language
and gender on the performative acts by
which the lauer is continuously const-
ructed in subtle, contextualised ways
(Cameron 2004). Te question then be-
comes, as Andrea Cornwall and Nancy
Lindisfarne put it, ¨to what extent the fa-
miliar oppositions (`male-female`, `men-
women` and `masculinity-femininity`)
are everywhere belied by a much more
complex social reality. [including] the
enactment of hegemonic and subordi-
nate masculinities in a single seuing
(Cornwall/Lindisfarne 1994· 10).
lt is this need for a (sociolinguistic) study
of masculinities as conhgurations of
performative practice that makes the
positioning approach developed in dis-
cursive psychology auractive for this
study. As Korobov und Bamberg exp-
lain, masculinities are here seen as an
“empirical phenomenon occurring in
talk" constituent of an ¨interactional
identity" (Korobov/Bamberg 200¯· 3).
Tis identity is constantly reconstruc-
ted through positionings, or the high-
lighting of certain features of the self
that become procedurally consequenti-
al in interaction. Te resulting positions
are drawn up endogenically, meaning
in the same conversational frame as the
(actively cited) contexts that give them
the force of being identity-relevant. Ac-
cording to Bamberg (199¯) these positio-
nings are to be found in the ordering of
conversation and discourse devices,
again with a view to their co-construc-
tion of the context (or `aboutness`) of talk
and the relative location of the speaker
within it.
ln a study that is exemplary for the ap-
proach taken here, Bamberg and Koro-
bov (200¯) analyse the way a group of
adolescent males draw up positionings
in the talk about nudity in a television
show. Tey identify a confuence of posi-
tionings along the lines of `masculinity`,
`heterosexuality`, `childishness` and
`consumer criticism`. What is particular-
ly interesting about their observations
Sonderheft 2 | 2012 Seite 127
is that all four positionings are enacted
in a highly ambivalent manner, as in ex-
pressing, for example, male heterosexu-
al desire, while also hedging against
features of this position likely to be in-
terpreted as chauvinist or shallow. Te
auention drawn to the contradictory,
negotiating side of identities seems to be
of great value for this study.
Te second employed theory, Helen
Wood`s interactive approach to media
consumption analysis, focuses on the
way the specihc situation of TV wat-
ching can be understood as conversatio-
nal social action in a `mediated conver-
sational foor` (Wood 200¯). Taking up
the concept of media consumption as
`para-social interaction` (Horton/Wohl
19¯õ), she argues that viewers of TV pro-
grammes are not the passive recipients
or powerless `de-coders` of mediated
messages, but “respond to the conversa-
tional imperatives and sociability invi-
ted by these programmes", and ¨engage
with the text dynamically" (Wood 200¯·
80). Te text thereby becomes a `text-in-
action`, a dialogic event she locates, with
lrving Gonman, in a `participation
framework` opened up by the uueran-
ces of the speakers (Gonman 1981). Te
parallels of this notion to the endogenic
framework for the construction of iden-
tity-relevant positions, as outlined abo-
ve, are at hand.
ln the development of her theory Wood
uses data collected from women wat-
ching and `talking with` television at
their homes to distinguish three levels
of engagement (primary, secondary,
tertiary) in the negotiation of TV view-
ing (Wood 2009). Primary responses are
uuerances mostly using second-person
pronouns directed at a participant in the
show (¨Oh, shut up, you"), minimal res-
ponses, or the completion of a turn ta-
ken by a participant. Secondary respon-
ses involve (re-)formulations and inter-
rogations of mediated statements (like
¨how could he anord paying her, if."). ln
tertiary responses viewers take
prompts from the interaction with the
show to invoke their own personal ex-
perience and thereby diverge from the
line of thought pursued by the program-
me (¨Tat`s like Richard last summer,
."). ln all three levels of engagement
Wood proposes to trace the ways in
which ¨the opening up of a mediated
conversational foor allows the challen-
ging of the wisdoms discussed in the
text" (Wood 200¯· 8¯).
l will take up the concept of the media-
ted conversational foor and distinguish
the three levels in the following analy-
sis, adding heuristically a fourth one
(preceding them) of engaging with a TV
show while not watching it. Te hypo-
theses derived from the theories presen-
ted so far could be summarized as· Te
participants will engage in interactions
on the mediated conversational foor of
Sonderheft 2 | 2012 Seite 128
gle women and has to impress them in
order to be able to go on a date with one
of them. lach woman has a light which
she can turn on if she is not impressed by
the man`s peformance in a series of
rounds involving dinerent rules. lf some
of the lights are still on in the last round,
the man gets to choose whom to date
from the remaining women. Without
inferring too much it can be said, that
the show is intensely charged with ne-
gotiations of gendered behaviour and
presents them in a manner refecting a
diversihcation of available gender
scripts while at the same time being ste-
reotypically heteronormative and sanc-
tioning against deviance.
ObviousIy I`m not a dick, right'
Te preliminary phase identihed as en-
gaging with a TV show while not wat-
ching it hgures quite prominently in the
recording, as for a considerable time
there is debate between the participants
(especially Amid and Chris) about whe-
ther to watch ¨Take Me Out". Tis sets
the ground for the subsequent positio-
nings of Amid, Bojan and Chris·
(F:cer¡ì {ro» Sec. 1, ||. 112, Te co»¡|eìe
transcript can be obtained from the author.
Te secìions onJ |ine nv»|ers in ìíe
transcript are indicated as: (Sec: Line Num-
ber))
the TV show (1), responding to its con-
tents and cues on all the three levels (2).
Te negotiation of masculinity will fea-
ture prominently in these interactions
(3) and will emerge in positionings also
relating to other identity-relevant fea-
tures (4). Tese positionings will emerge
from the sequential ordering of conver-
sational devices in the interaction both
among the participants and with the TV
show (5).
Te study
Te present study uses data recorded at
the participants shared fat in London.
All the excerpts analysed are from the
second of two recordings, lasting for
about 90 minutes, and document the dis-
cussion about which TV programme to
watch and the conversations while wat-
ching the show ¨Take Me Out". l was
present during the recording without
contributing much to the conversations
and most likely also without having
much of a distorting enect on the parti-
cipants` talk, since l was known to them
before and none of the statements refer
to my presence as being something unu-
sual. Te participants, Amid, Bojan and
Chris (all names changed), are under-
graduate students between the age of 21
and 22 of mixed ethnic descent.
Te TV show ¨Take Me Out" is a game
show produced by lTV in which a single
man is presented to a round of thirty sin- Amid· [.] Take Me Out is what we 1
Sonderheft 2 | 2012 Seite 129
he adds ¨obviously l don`t watch these
kinds of shows" while actively endor-
sing it in the conversation – which he
solves by changing the subject to a video
running on the computer.
Te gender subtext of this controversy is
indexed by Amid`s identihcation of the
show with `being a dick`. He thereby
most probably refers to the character of
the show as being a quite overt display of
hegemonic and heteronormative gender
conceptions, where the ¨dick" hgures as
the `other` of a shared identihcation he
invokes. Te debate continues and is re-
solved by Amid overriding Chris`s re-
peated vetoing and turning on the show
(1: 12-32), which prompts Bojan to join
the conversation:
(Excerpt from Sec. 1, ll. 32-41)
Amid advocates the show, with Chris
viewing it as “shit” and proposing to
watch (the more `socio-critical`) series
"Te Wire¯. Amid, rejecting this propo-
sal and interrupting Chris when he au-
empts to make another one, performs a
positioning paradigmatic for the fol-
lowing sequences when stating “obvi-
ously l`m not a dick, right`", seeking to
consolidate the position of his proposal.
Tis he does, however, at the cost of the
statement becoming contradictory, as
should watch
Bojan· yeah, let`s watch Take Me
Out
Chris: can we not watch a shit TV
show? Can we (.) sho- (.)
watch a good TV°- how
about we watch Te Wire
Bojan· yeah yeah l love Te Wire
Amid· no, let`s not watch Te
Wire
Chris: how about we watch:::
Amid· Chris you gonna love Take
Me Out l`m not lying (.) ob
viously l`m not a dick, right`
obviously l don`t watch
these kinds of shows (.) but
(.) (inaudible) (.) there`s a
certain::: um. ((seeing a
video on the computer))
THIS GUY WAS SO AWE
l`Vl SllN THlS ALRlAD
MAN (1.4) ·let me know if
you wanna watch Take Me
Out<
2
3
4
5
6
¯
8
9
10
11
12
Amid· [.] l say you`re gonna love
this Chris
Chris· NO··· l`m not gonna love
it
Bojan· it`s good man
Amid· it`s really [good
Chris: [(inaudible) is
good
Amid· you`ve never seen this
[don`t be prejudgemental
Bojan: [it`s really degrading to
women
(1.5)
Amid: just go with it ((starts
clapping with the show
32
33
34
35
36

38
39
40
Sonderheft 2 | 2012 Seite 130
Bojan`s remark again makes it clear that
gender is the most salient feature of the
show. Although we will see in the conti-
nuation of this sequence that he posi-
tions himself as critical of both the show
and it`s gender implications he here
(with what could be `innocently` read as
an auempt at irony) links the show`s
being ¨good" with it`s being ¨really de-
grading to women". Tis contradictory
referencing to the enjoyment of so-
mething one disapproves of (as in
Amid`s statement above) is a recurring
theme of the conversation`s negotiation
of hegemonic masculinity as indexed by
both `being a dick` and `being degrading
to women`.
On another part, Amid`s joining the em-
phatic clapping that marks the begin-
ning of the show, can be seen as the hrst
interaction on the mediated conversati-
onal foor. Amid seems eager to build
this discursive space by admonishing
the reluctant Chris to “clap, man, clap”,
then pointing to the fact that the (enjo-
yable) interaction with the show needs
his participation.
ln the following stages the participants
interact with the mediated conversatio-
nal foor of the show on all three levels
enumerated above. As it is to be expec-
ted there is an abundance of primary re-
sponses in the data. Besides (near-)mini-
mal responses like ¨god" (¯· 9), or ¨oh,
that`s stupid" (3· 22), we hnd a number of
incidents where one of the participants
directly interacts with a speaker on the
show, as in the presenter asking· ¨Tey
make a lovely couple, don`t they` lh`",
with Chris replying· ¨No" (3· 2¯); or a fe-
male contestant saying that in order to
keep the male candidate home she
would “let the candles do the talking,
open a boule of champagne [.] and see
where the night goes”, to which Bojan
remarks· ¨My god, he`d get a heart at-
tack” (5: 45).
Like in these examples, the responses
are virtually all negative and work to
(playfully) contradict the messages sug-
gested by the programme. An interes-
ting exception is the following sequence
prompted by a male contestant showing
his strength by pulling strings on a ht-
ness bench:
(Excerpt from Sec. 3, ll. 10-17)
Amid: woo:h is that his special
trick` (.) he pulled a fucking
stri·ng for like (.) thirty
seconds
Chris· he`s a limited ma··n[.]
((one of the women says she was im-
pressed by seeing the hair on the
10
11
14
audience)) clap man clap (.)
you('re) obviously not
gonna enjoy (it) if you don`t
take part in it
41
Sonderheft 2 | 2012 Seite 131
Tis quote is interesting in that Bojan
obviously takes part in and exaggerates
the sexist logic of the presenter's state-
ment. Te chauvinist connotations of
the talk are mitigated as they are sugge-
sted to be performed by the presenter, in
what, borrowing from J.L. Austin might
be called a `parasitic` positioning (see
Austin 19¯õ· 22). Te fact that the laug-
hing is suppressed, but continues for ele-
ven seconds afer Bojan has delivered
the statement hints at the ambivalence
of such an interactional move as it both
stimulates the participants (maybe as a
cathartic expression of the underlying
discourse of the situation) while also
breaching the `progressive` consensus
of the group.
Tese contradictory dynamics become
more evident in the following sequence
in which both Amid and Bojan engage in
a short and indirect conversation invol-
ving secondary responses (`interroga-
ting the text`)·
(Excerpt from Sec. 2, ll. 1-4)
Amid· ((claps and cheers)) they`re
basically just desperate
girls that keep coming back
Bojan: basically (.) it`s probably
gonna pretend it`s about
1
2
((presenter to a male candidate, re-
ferring to one of the female contes-
tants· [.] and you went for this
liule hrecracker))
Bojan· yeah yea··h she`s great l
slapped her arse earlier
((silent laughing from the
others)) (1.0) just the right
1
2
3
4
lt is clear that the extremely rare positi-
ve reaction to a character in the show (“I
like her”) is linked to expressing a rejec-
tion of the masculinity presented by the
sporty man on the htness machine, who
is also referred to as ¨a limited man".
Amid and Chris on a very small scale of
primary responses cooperatively in-
teract with the interviewed women in
taking apart this masculinity.
Another example of a primary response,
hnishing the turn of a speaker in the
studio, is seen in the following example·
(Excerpt from Section 6, ll. 1-4)
chest of the contestant))
Amid· you could see the hair on
the chest when he hrst
came in
((other woman says she didn`t un-
derstand what he was doing))
Chris: true (.) nor did I (.) I like her
15
16

(.) f a· t-t o-muscl e-r at i o
((others laughing quietly
for 11s))
Sonderheft 2 | 2012 Seite 132
ln this excerpt Bojan implicitly replies
to Amid`s formulation of the show`s con-
tent. Starting his statement, as Amid
does, with the word ¨basically", he oners
an alternative account of what the show
is about and positions himself as being
critical and understanding about it`s un-
derlying gender ideology. Tis is repea-
ted when in another sequence Amid, Bo-
jan and Chris jointly position themsel-
ves in a similar manner by agreeing that
you have to ¨have no respect for yourself
and woman to be on this show" (¯· 28-39).
Secondary responses like this one (or
Amid`s question ¨is that his special
trick?” as quoted earlier), interrogating
and questioning the `text` of the show,
are the dominant hgures of reaction, as
the participants construct their respon-
ses in opposition to the show and its can-
didates. However, in accordance with
Wood`s concept we also hnd responses
distinct from and drawing on associa-
tions with personal experience to diver-
ge from the show`s topic altogether (ter-
tiary responses). One example is the fol-
lowing sequence taking as a point of de-
parture the already quoted statement
about `leuing the candles do the talking`
and relating it to a story about the parti-
cipants` fat mate Jen·
(Excerpt from Sec. 5, ll. 46-50)
Amid `let the candles do the
talking` (.) and then Jen
went to the bank right (.)
and like they ((laughing
voice)) tried to persuade
him to take one of those
hfy pounds a month
contracts (.)um the bank
accountants were like
speaking banters like
((imitates voice)) `but don`t
you want your money to
work hard for you` ((Bojan
laughs)) and Jen was like
·`it`s an inanimate object
it can`t work· ((the others
laugh))
Tis is a quite remarkable example of
using the mediated conversational foor
for personal narrative, as it relates the
show`s hollow anthropomorphism of
`leuing the candles do the talking` to the
similarly hollow `leuing your money
work for you`, although the phrases have
their origin in altogether dinerent set-
tings. On the other hand this as well can
be read as a gender-relevant positioning
in that it associates the rejection of the
programme's "romantic¯ idiom with a
more general auitude of critical thin-
46

48
49
50
the women`s choice (.) and
like women have the power
and then (.) it`s not (.) they`re
reduced to animals who`re
chosen (.) by an idiot (.) by a
fucking idiot (.) goade-
goaded by the other idiots
3
4
Sonderheft 2 | 2012 Seite 133
red practice, `these shows` create for the
viewers a discursive space for the
enactment and appraisal of their own
positionings, or in other words, set the
stage for a more concise (and also less
dangerous) exposure to gendered `conh-
gurations of practice`, than is possible in
everyday life.
Tis tells us something both about me-
dia consumption and the making of ma-
sculinities. As far as the former is con-
cerned it seems clear that a critical theo-
ry of mass media cannot content itself
with `one-way` models of medialised
communication, as implied in the talk of
indoctrination that has become the uns-
poken background of so much of folk so-
ciology. lnstead what needs to be high-
lighted are the diverse and localised
communicative practices involving
mass media, as well the relational space
in which mediated and unmediated ne-
gotiations of a medialised event are situ-
ated. Both can contribute to an interac-
tional perspective which – without as-
suming the receiving side as the sole or
primary locus of control appreciates
its continuous and constructive activity
as a constituent of whatever signih-
cance the medium and its messages may
hold.
In a similar sense the example given in
this study illustrates the making of mas-
culinities as cultural practice. In a posi-
tioning approach, as introduced here,
king.
MascuIinities on the mediated con-
versationaI Boor
lt has become evident in the analysis
that the participants extensively use the
conversational cues provided by the TV
show. lurther, the way they do so sug-
gests that a mediated conversational
foor, in the sense of a discursive space
encompassing both the television pro-
gramme and its viewers, is constructed
through response practices on all the
three levels identihed. Tese are presup-
posed in interactional performances
like the `parasitic` speaking through a
mediated other, as well as (jointly) inter-
rogating statements made in the studio.
We have further seen that these perfor-
mances and the specihc conversational
opportunities onered by a mediated
foor become relevant for positionings of
masculinity, somewhere on a scale bet-
ween ¨just an idiot goaded by the other
idiots" and ¨you won`t enjoy if you don`t
take part”.
ln the light of this analysis the contra-
dictory evaluation of the show by the
participants should become more trans-
parent: What – as one might still wonder
is the appropriate hnishing part of
Amid`s statement, ¨l`m not a dick, right`
l don`t watch these kinds of shows, but
¨` lt might be that exactly through their
blatantly normalising display of gende-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 134
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Haraway, Donna (1991)· Simians, Cy-
masculinities are objects of practical ex-
change contributing to a relational
identity. Although this implies dineren-
tial values of positions and strategic ac-
tion for their auainment, it is neither a
case of optimising behaviour, nor of ad-
aption to a uniform norm or role pauern,
as the value and desirability of dinerent
masculinities remains uncertain to a
degree and may be contested at any time.
As objects of positionings they obtain
their form and become socially power-
ful only insofar they are endowed with
meaning in discursive practice. Te vie-
wing of a heavily gendered TV show,
then, is an example of the relationality
of this process, as the gender statements
of the show are rejected personally and
nonetheless joyfully received and made
relevant in vicarious positionings, be-
cause they oner an intersubjectively re-
cognisable `participation framework`
for discursive practice around gender.
However, although the data presented
here gives us some insight of how gende-
red identihcation takes place in media-
ted conversation, the question remains
open of why it is that the gendered
scripts of the TV show are of such imme-
diate relevance to a group of viewers di-
stancing themselves from them, or in
other words, how the relative uniformi-
ty of the gender scripts regulating the
mediated and the immediate conversa-
tional foor comes about in the hrst place.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 135
Transcription Conventions
(.) Short pause of less than
1 second
(1.5) Timed pause in
seconds
[overlap] Overlapping speech
°quieter° Encloses talk that is
quieter than the
surrounding talk
LOUD Talk that is louder than
the surrounding talk
Bold Words emphasized by
the transcriber for
analytic purposes
Emphasis Emphasis
·faster· lncloses talk that is
faster than the
surrounding talk
·slower· lncloses talk that is
slower than the
surrounding talk
(brackets) Encloses words the
transcriber is unsure
about
((comments)) Encloses comments
from the transcriber
borgs and Women. Te Reinvention of
Nature. London: Free Association
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 136
Zum Autor
Linus Westheuser, geb. 1989 in Berlin,
beendet gerade seinen BA Sozialwis-
senschafen an der HU Berlin. Seine ln-
teressensgebiete sind Kultursoziologie,
Teorie der Praxis und Gender Studies.
Rea···ly llongation of the prior
sound
. Stop in intonation
lmmediate latching of
successive talk
Sonderheft 2 | 2012 Seite 137
Pubíízíeren statt archívíeren
(Wozu) brauchen wir (ein) Geschlecht7
Sex, Gender, Diversity und Reifikation
Spätestens, seit angloamerikanische leministinnen in den 19õ0er Jahren
Geschlecht separat in ,gender¨ und ,sex¨ dachten, wurde das Tema ,Gender¨
über den Umweg der ,lrauenforschung¨ auch in den Sozialwissenschafen
besprochen. Seither sind lragestellungen zu Geschlechterverhältnissen und zur
Zuschreibung von Geschlecht bzw. den daraus resultierenden lolgen zu einem
jener seltenen Problemkomplexe avanciert, die kaum eine Subdisziplin der
Sozialwissenschafen unberührt lassen.
Darunter fällt die schon klassische Beschäfigung mit den leminismen
verschiedener Dekaden mit all ihren lrrungenschafen und lallstricken ebenso,
wie Diskussionen über die ,heteronormative Matrix¨ und Geschlechterstereo-
type in der Sprache, im Recht, in lamilienbildern, in der Reproduktionsmedizin,
Arbeitsverhältnissen, Diskriminierungsformen, Gleichstellungsstrategien dein
Beitrag kann diese und andere Probleme auf so vielfältige Weise in den Blick
nehmen, wie es Zugänge in der soziologischen Geschlechter-/Gender-/Qeer-
lorschung gibt. Mögliche lragen könnten sein·
Wie äußern sich Verdinglichungstendenzen von Geschlecht, und wie kann
ihnen begegnet werden` Welche lntwicklungen nehmen die verschiedenen
Geschlechterrollen und -identitäten` Lässt sich ein Wandel beobachten` Welche
Rolle kann die Dekonstruktion auf dem Weg zur lnklusion spielen` Wie inter-
agieren Geschlechtszuschreibungen und -identihkationen mit anderen Klassih-
kationen, wie z.B. ,race¨, ,Klasse¨, ,lthnie¨ oder ,Kultur¨`
Uber deinen wissenschaflichen Artikel, der diese oder andere lragen aus dem
skizzierten lorschungsfeld aufgreif, freuen wir uns sehr. Vielleicht hast du
sogar im Rahmen einer Abschluss- oder Seminararbeit ein eigenes lorschung-
sprojekt durchgeführt` Darüber hinaus sind wir stets an themenunabhängigen
Rezensionen, Tagungsberichten und lnterviews interessiert. Deinen Beitrag
kannst du bis zum !.!2.20!2 an einsendungenQsozioIogiemagazin.de
schicken. lür beide Arten von Beiträgen wissenschafliche Artikel und Texte
für unsere Rubrik ,Teilnehmende Beobachtungen¨ biuen wir, im Vorfeld
unsere aktuellen ,Hinweise für Autor¸innen¨ zu beachten, die du auf unserer
Website hndest· www.sozioIogiemagazin.de.
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 138
Neuro-Romantik?
Der Líebesdískurs unter Eínñuss
der Hirnforschung
von Carola Klinkert
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 139
Im folgenden Beitrag wird versucht, die
Liebe als ein diskursives Phänomen zu be-
grei{en, Jos o|s so|cíes ov{ gese||scíoµ|i-
chen Wissensvorräten basiert und sich his-
torisch wandelt. Die gegenwärtigen Leitse-
mantiken der romantischen und der sach-
|icí¡orìnerscíoµ|icíen Lie|e +vrJen »iì
dem medialen Erfolg der Neurowissen-
scíoµen |on{ronìierì vnJ nev \eríonJe|ì.
In diesem interdiskursiven Zusammen-
hang zeigt sich die Notwendigkeit der Inte-
gration verschiedenster Wissensfragmen-
te zu einer allgemein verständlichen Er-
zählstruktur. Basierend auf einer wissens-
soziologischen Diskursanalyse, erweitert
um die Methode der Metaphernanalyse
und das Konzept des Interdiskurses, zeigt
die folgende Analyse, dass in populärwis-
senscíoµ|icíen Pv||i|oìionen ov{ ìíeore-
tische, vor allem aber auf symbolische Me-
chanismen der Wissensintegration zu-
rvc|gegri¡en +irJ. Diese Pers¡e|ìi\e er-
möglicht einen kritischen Blick auf die dem
Diskurs zu Grunde liegenden kulturellen
Legitimationsmuster und deren unausge-
sprochene Implikationen.
!. Einführung und UberbIick
ln den letzten zehn Jahren konnte man
sich des Eindrucks nicht erwehren, die
Hirnforschung würde zur Leitwissen-
schaf avancieren. Ob es um die mensch-
liche Willensfreiheit, Unterschiede zwi-
schen den Geschlechtern, Empathie
oder gar Religiosität ging – sämtliche
Phänomene menschlichen Zusammen-
lebens wurden unter neurowissen-
schaflichem Vorzeichen neu verhan-
delt. Diese Tendenz weitet sich bis in die
privaten Lebensformen aus, so dass
heutzutage kein Liebes- oder Partner-
schafsratgeber auf die ,neuesten lr-
kenntnisse der Hirnforschung` verzich-
tet. Der vorliegende Beitrag themati-
siert die önentliche Diskussion des Lie-
besbegrins unter den Bedingungen einer
veränderten Wissensgrundlage und ba-
siert auf der gleichnamigen Diplomar-
beit (Klinkert 2012). Darin wurden po-
pulärwissenschafliche Publikationen
zu Paarbeziehungen untersucht, die sich
dezidiert mit Liebesbeziehungen und
deren neurowissenschaflichen lrklä-
rungen beschäfigen. Die wissenssozio-
logische Diskursanalyse in Anschluss
an Reiner Keller (2006, 2008), erweitert
um den Begrin des lnterdiskurses (Link
200õ) und die Methode der Metaphern-
analyse (Kruse/Biesel/Schmieder 2011),
stellten dabei das Forschungsprogramm
dar. Die empirische Analyse erfolgte
nach den Codier-Richtlinien der ground-
ed theory (Strauss/Corbin 2010 [199õ])
Sonderheft 2 | 2012 Seite 140
stand aunassen zu können, bedarf es zu-
nächst einiger Eingrenzungen. Für eine
Wissenschaf des Sozialen sind es weni-
ger die subjektiven Gefühlslagen als die
interaktiven und kommunikativen As-
pekte der Liebesbeziehung, die unter-
sucht werden. Des Weiteren siedeln sich
die hier vorgestellten Ansätze auf der
Ebene der kulturellen Programme und
Diskurse und nicht der sozialen All-
tagspraxis an (vgl. Lenz 200õ· 2õ¯n.). lm
Anschluss an die Klassiker des Fachs
Max Weber und Georg Simmel (vgl. Bur-
kardt 1998· 30n.) hat Niklas Luhmann in
seiner Studie „Liebe als Passion“ (2010
[1982]) diese Wendung am konsequen-
testen vollzogen, indem er Liebe als
kommunikativen Code bzw. als symbo-
lisch generiertes Kommunikationsme-
dium konzipierte. ,Das Medium Liebe ist
selbst kein Gefühl, sondern ein Kommu-
nikationscode, nach dessen Regeln man
Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren,
anderen unterstellen, leugnen und sich
mit all dem auf Konsequenzen einstellen
kann, die es hat, wenn entsprechende
Kommunikation realisiert wird“ (ebd.:
23). Die gesellschafliche Liebesseman-
tik leitet also die Ausgestaltung von In-
timbeziehungen an, indem sie einen spe-
zihschen, sich historisch wandelbaren
Deutungsraum erönnet. Wiederum in
Anschluss an Luhmann etablierte sich in
der Soziologie und Literaturwissen-
schaf ein breiter lorschungsansatz zum
romantischen Liebesideal, das im Laufe
des 20. Jahrhunderts zu einem kulturel-
und widmete sich der zunächst onenen
lorschungsfrage, welcher Liebesbegrin
in diesen Medien etabliert wird und wie
neurowissenschafliche Wissensbe-
stände mit traditionellen Semantiken
verknüpf werden.
Es stellt sich also erstens die Frage, wie
Liebe als diskursives Phänomen begrif-
fen werden kann und welche histori-
schen Semantiken dazu erforscht wur-
den. Des Weiteren ist der diskursanaly-
tische Rahmen zu entfalten, innerhalb
dessen zweitens die Neurowissenschaf-
ten als Wissensreferenzen des medialen
Liebesdiskurses fungieren. Was sind
Gründe für den ,Neuro-Boom` seit den
1990er Jahren und was macht die Hirn-
forschung so interessant für die önentli-
che Wahrnehmung` lhr linfuss auf
Konzepte von Liebe, Paarbeziehung und
Geschlecht wird im Jriuen Punkt näher
beleuchtet, bevor viertens auf die meta-
phorischen Mechanismen der lntegrati-
on von Wissensbeständen eingegangen
wird. Die Tese lautet, dass die Hirnfor-
schung weniger aufgrund ihrer empiri-
schen lrklärungskraf konsultiert wird,
als dass sie vielmehr aufgrund ihrer
symbolisch-metaphorischen An-
schlussfähigkeit so auraktiv für popu-
lärwissenschafliche Abhandlungen ist.
2.! Liebe aIs diskursive Konstrukti-
on
Um die Liebe als soziologischen Gegen-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 141
einherging (vgl. Leupold 1983, Kop-
petsch 1998). Auch dieses Modell wur-
zelte im literarischen Diskurs der „Neu-
en Sachlichkeit“, realisierte sich aber un-
gleich schneller auf der lbene des Bezie-
hungsalltags, so dass es gegenwärtig
neben der romantischen Konzeption
„eine gleichwertige Rolle im semanti-
schen Apparat des Liebessystems¨ spielt
(Reinhardt-Becker 200¯· 311). Anthony
Giddens postuliert nach einem „Wandel
der lntimität¨ (1993) sogar das lnde des
romantischen Liebesideals. Festzuhal-
ten bleibt, dass es sich bei der kollektiven
Vorstellung von Liebe um ein historisch
wandelbares Konzept handelt, das eng
mit gesamtgesellschaflichen Struktu-
ren und Prozessen zusammenhängt und
sich aus verschiedenen Wissensquellen
speist. Ähnlich dem Geschlecht kann
auch die Liebe als eine Wissenskategorie
begrinen werden (vgl. Braun/Stephan
2009).
ln der Analyse von Liebes-, lhe- und Be-
ziehungsratgebern seit den 19¯0er Jah-
ren, wie sie im Teilprojekt O „Transzen-
denz und Gemeinsinn in privaten Le-
bensformen¨ des Dresdner Sonderfor-
schungsbereichs 804 durchgeführt
werden (vgl. Scholz 2011), zeigt sich
deutlich eine Tendenz der zunehmen-
den Verwissenschaflichung der Liebes-
konzepte. Der Trend der Ausdinerenzie-
rung und zunehmenden Spezialisierung
von ExpertInnenwissen in einer „Wis-
sens- und Wissenschafsgesellschaf¨
len Leitmotiv der bürgerlichen Gesell-
schaf avancierte. Nach Lenz (200õ·
218n.) zeichnet sich diese Vorstellung
durch die Einheit von sexueller Leiden-
schaf und anektiver Zuneigung aus und
ist gekoppelt an die sozialen Formen der
lhe und der llternschaf. Die Umwelt
verliert gegenüber der grenzenlos stei-
gerbaren Individualität der Liebenden
an Bedeutung und Werte der Dauerhaf-
tigkeit und Aufrichtigkeit dominieren
die Beziehung. Zudem kommt ein and-
rogynes ldealbild auf; die lndividuen ste-
hen sich nicht als Mann und lrau, son-
dern als Menschen gegenüber. Nach sei-
ner idealisierenden Ausformulierung
im literarischen Diskurs des 18. Jahr-
hunderts erfolgte die praktische Reali-
sierung des romantischen Liebesideals
in einem diskontinuierlichen Prozess
mit „Tendenzen der romantischen Stei-
gerung [.] und des Verlusts romanti-
scher Sinngehalte¨ (Lenz 200¯· 2¯3f.).
Die Durchsetzung der Norm der Liebes-
heirat ist ein deutliches Zeichen dafür,
dass kulturelle Semantiken sich auch auf
die Ebene des gelebten Beziehungs-
alltags auswirken, während die starke
Polarisierung der Geschlechtscharakte-
re im bürgerlichen Zeitalter gegen die
Realisierung des literarischen Androgy-
nitätsideals in der Liebe spricht (vgl.
Lenz 200õ· 280f.). lnde des 20. Jahrhun-
derts etablierte sich die Vorstellung ei-
ner partnerschaflichen Liebe, die mit
Normen der Gleichberechtigung, Ge-
rechtigkeit und einer Tauschrationalität
Sonderheft 2 | 2012 Seite 142
sensgenerierung diskursiv erzeugt. Dies
kann Aufschluss darüber geben, wie sich
hegemoniale Diskurspositionen zum
Beispiel innerhalb des wissenschafli-
chen Sektors ergeben, wie sich diese äu-
ßern und welche Aspekte dabei im Ver-
borgenen bleiben. Allerdings bleibt Fou-
cault in seinen Analysen auf historische
Spezialdiskurse beschränkt, womit er
gegenwärtige Aushandlungsprozesse
und den viel umfangreicheren, alltags-
sprachlichen Diskurs vernachlässigt
(vgl. Link 200õ· 409). Aus der Gegenüber-
stellung von Spezial- und Elementardis-
kursen entwirf Jürgen Link das Konzept
des Interdiskurses. Damit sind jene Be-
reiche gemeint, in denen ,interferieren-
de, koppelnde, integrierende Qer-Be-
ziehungen zwischen mehreren Spezial-
diskursen¨ (Link/Link-Heer 1990· 92)
hergestellt werden. Die Funktion des In-
terdiskurses liegt also in den „selektiv-
symbolischen, exemplarisch-symboli-
schen, also immer ganz fragmentari-
schen und stark imaginären Brücken-
schlägen über Spezialgrenzen hinweg
für die Subjekte¨ (Link 200õ· 412). Die
populärwissenschaflichen Medien sind
Teil dieses Interdiskurses und institutio-
nalisieren sich zunehmend (z.B. Zeit-
schrifen, Sachbücher, Professionalisie-
rung des Wissenschafsjournalismus).
Darin zirkuliert wissenschafliches
Fachwissen, wird an bestehende kollek-
tive Wissensbestände angepasst und in
eine allgemein verständliche Sprache
übersetzt. Bas Kast versuchte in seinem
(vgl. Knoblauch 200¯· 2õ¯n.) wird beglei-
tet von einer Marginalisierung literari-
schen Wissens in önentlichen Abhand-
lungen. Das Ideal der objektiven, quanti-
hzierenden Naturwissenschafen sorgt
des Weiteren für eine Verdrängung geis-
teswissenschaflicher Wissensbestände
in der Onentlichkeit. Nach einer Phase
der ,Psychologisierung des Alltagsbe-
wusstseins¨ (Mahlmann 1991) seit den
19¯0er Jahren lässt sich für die mediale
Verhandlung von Liebe, Gefühlen und
Geschlecht in der letzten Dekade ver-
stärkt eine Verschiebung der Deutungs-
macht in Richtung der Bio- und Neuro-
wissenschafen feststellen. Zudem dine-
renziert sich besonders in den 2000er
Jahren ein populärwissenschaflicher
Publikationssektor aus, in dem neben
klassischen Ratgebern vor allem Sach-
bücher, of mit ähnlich normativem Un-
terton, zirkulieren.
2.2 Die NeurowissenschaRen und
die Metaphorik des Wissens
Im Überschneidungsgebiet zwischen
liebessemantischem und neurowissen-
schaflichem Diskurs in der medialen
Onentlichkeit sind begrimiche Präzisie-
rungen im Programm der wissenssozio-
logischen Diskursanalyse Kellers vorzu-
nehmen. ln Anschluss an loucault (200¯
[19¯4]) lässt sich der Gegenstand als eine
diskursive Formation beschreiben, die
sich als Macht-Wissens-Konhguration
historisch wandelt und Regeln der Wis-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 143
ufernde Dehnition im lorschungspro-
zess relativiert werden, sonst gäbe es
keinen nicht-metaphorischen Bereich
der Sprache, und der Begrin wäre obso-
let (vgl. auch Schmiu 2004). Dennoch er-
schließen sich mit dieser Forschungs-
perspektive die sprachliche Eigenlogik
und damit konkrete Mechanismen der
symbolischen Diskursvernetzung.
Im empirischen Teil der Arbeit werden
die Verknüpfungen zwischen dem Lie-
besdiskurs und den wissenschaflichen
Spezialdiskursen der Hirnforschung un-
tersucht. Die zunehmende Wissensspe-
zialisierung führt nicht nur in der önent-
lichen Kommunikation der Forschungs-
ergebnisse zu Verständigungsproblem
zwischen Expert_innen und Lai_innen,
auch innerhalb des Wissenschafssys-
tems herrscht babylonische Sprachver-
wirrung, wie Vogd (2010· 243) für die in-
terdisziplinäre Hirnforschung konsta-
tiert. Wie alle Wissensbestände sind
auch die Neurowissenschafen auf sym-
bolische Vermiulungsprozesse und
„eine entsprechende theoretische Figur
[angewiesen], um die Disziplin als Gan-
zes zu integrieren¨ (ebd.· 1¯9). Die Neu-
rowissenschafen bieten eine beeindru-
ckende Menge an einzelnen lor-
schungsergebnissen für den populär-
wissenschaflichen lnterdiskurs, das
Problem besteht jedoch in der Syntheti-
sierung dieser Versatzstücke mit bereits
etablierten Wissensbeständen zu einer
allgemein verständlichen Erzählung.
Buch über die Liebe beispielsweise, „die
Ergebnisse aus den Labors der Leiden-
schaf so zusammenzufügen, dass sie
sich möglichst auch für unser eigenes
Liebesleben nutzen lassen“ (Kast 2006:
22).
Die interdiskursive Vernetzung des
Wissens erfolgt dabei vor allem auf sym-
bolische Art und Weise und die in den
Sozialwissenschafen noch verhältnis-
mäßig junge Metaphernanalyse (vgl.
Schmiu 199¯, Kruse/Biesel/Schmieder
2011) bietet eine fundierte Methodik
zum Verständnis. Die Analyse zeigt,
dass Metaphern keineswegs rhetori-
sches Schmuckwerk, sondern unver-
meidlich Bestandteil jedes Redens über
die Liebe sind. In der Philosophie gibt es
eine traditionsreiche Auseinanderset-
zung mit der Metaphorik (vgl. Haver-
kamp 199õ), die Basis einer soziologi-
schen Metaphernanalyse stellt jedoch
meist die kognitive Linguistik dar. Nach
ihren Begründern George Lakon und
Mark Johnson (2008 [1980]) kommt Me-
taphern eine fundamentale, wirklich-
keitskonstituierende ligenschaf zu·
Das gesamte menschliche Denken ist
metaphorisch strukturiert, neue Sach-
verhalte erschließen sich erst in Analo-
gie zu bereits bekannten Sachverhalten.
lin alltägliches Beispiel dafür ist die Me-
taphorisierung des Körpers als Maschi-
ne, mit dem Herz als Pumpe, den Nieren
als Filter und dem Gehirn als Zentral-
computer. Freilich muss eine derart aus-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 144
truktion eines Zwei-Phasen-Modells der
Liebe zu nennen, an die sich die Zu-
schreibung von lxpertisen knüpf. Auf
eine anfängliche und temporäre Phase
der leidenschaflichen Verliebtheit, mit
der sich vor allem Bio- und Neurowis-
senschafler¸innen beschäfigen, folgt
die dauerhafe Liebe, die mit ,Bezie-
hungsarbeit‘ einhergeht und darum vor
allem die Psychologie auf den Plan ruf.
Diese widersprüchliche Konzeption be-
herbergt beide vorgestellte Liebesse-
mantiken, wobei Aspekte der romanti-
schen Liebe tendenziell abgewertet wer-
den. Romantische Verschmelzungsfan-
tasien werden als FeindInnen einer
dauerhafen Liebe entlarvt, müsse doch
stets eine Balance zwischen Einzel- und
Paarinteressen – eine weitere bipolare
Konstruktion – gewahrt bleiben. Die
Vorstellung einer blinden, absoluten
Hingabe steht der Konzeption eines rati-
onal handelnden, sich selbst und die Be-
ziehung optimierenden Individuums
entgegen, auf die ein partnerschafli-
ches Liebesmodell angewiesen ist:
,Partnerschaf ist durch und durch auf
Reziprozität und Gegenseitigkeit ausge-
richtet¨ (Koppetsch 1998· 112). So zeigen
sich die normierenden lnekte des Dis-
kurses, indem kollektive Semantiken bis
in die private Lebensführung einwirken.
Auch die Unterscheidung von Intimität
und Sexualität in den Texten entspricht
dem zweipoligen Muster. Zwar stellt Sex
ein biochemisch hochwirksames Binde-
miuel dar (vgl. Kast 200õ· 9¯), im Laufe
2.3 Der popuIärwissenschaRIiche
Interdiskurs zur Liebe
Das untersuchte Material, darunter ein
Sachbuch (Kast 2006) und zwei themati-
sche Sammelhefe populärwissen-
schaflicher Zeitungen (G&G 2009, PH
2006), weist einige sprachliche und argu-
mentative Besonderheiten auf. Seine
Plausibilität ergibt sich nicht allein aus
der (vorgeblichen) Wissenschaflichkeit
der Qellen, sondern basiert auf Verein-
fachungen, Ubertreibungen und syste-
matischer Dekontextualisierung von
Studienergebnissen. So wird suggeriert,
dass sich Aufälligkeiten in lxperimen-
ten eins zu eins von der künstlichen La-
borsituation auf die Realität übertragen
lassen, was nicht möglich ist und von
Forschern und Forscherinnen sicher
auch nicht intendiert ist. Weiterhin nut-
zen Wissenschafsjournalist¸innen und
andere Mediator¸innen häuhg eine sehr
deterministische Sprache, in der sich
eindeutige Kausalzusammenhänge for-
mulieren lassen, während in der Wis-
senschaf eher probabilistisch formu-
liert wird. (Vgl. Schmitz/Schmieder
2006)
ln der empirischen Analyse des Materi-
als zeigte sich diese Tendenz beispiels-
weise in einer Neigung zur Dichotomie:
Auf allen Untersuchungsdimensionen
(Liebe, Beziehungsführung, Sexualität
und Geschlecht) wurden Zweiteilungen
vorgenommen. Zunächst wäre die Kons-
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nicht für sich selbst sprechen und auf
übergreifende lntegrationshguren an-
gewiesen sind. Nach Werner Vogd
(2010) gibt es drei Angebote zur theoreti-
schen Integration von Hirnwissen: die
Psychoanalyse, die lvolutionstheorie
und die Systemtheorie. ln ihrer populär-
wissenschaflichen Trivialisierungs-
form ,geben [sie] der unübersichtlichen
Hirnforschung eine lrzählstruktur¨, mit
der sich soziale Phänomene scheinbar
,erklären` lassen (ebd.· 2¯2). Die zentrale
Rolle des Evolutionsgedankens wurde
bereits ersichtlich und auch systemtheo-
retische Gedanken ließen sich aushndig
machen. ln der Analyse stellte sich aller-
dings eine andere Teorie als zentral he-
raus, die sich in Anschluss an die Psy-
choanalyse entwickelte· die Bindungs-
theorie. Die primäre Bindung zwischen
Muuer und Kind prägt demnach das Bin-
dungs- und Nähebedürfnis und damit
auch den Liebesstil der Erwachsenen.
Das Neurohormon Oxytocin, das vor al-
lem in Momenten körperlicher Nähe
ausgeschüuet wird, ist das biologische
Korrelat dieses tiefenpsychologischen
Mechanismus und somit Grundlage für
eine Neurochemie der Liebe. Die Formu-
lierung ,ausschüuen¨ ist zugleich ein
Stichwort für die Mechanismen der me-
taphorisch-symbolischen lntegration
von Hirnwissen im populärwissen-
schaflichen lnterdiskurs zur Liebe.
einer langjährigen Beziehung werden
aber andere, eher kommunikative Me-
chanismen zur Förderung der Intimität
wichtig. Wird auf diese nicht zurückge-
grinen und leidet die persönliche Zufrie-
denheit unter solch einer ,schlechten`
Beziehung, sind Trennung und die Su-
che nach neuem Liebesglück legitim.
Diese soziale Norm der seriellen Mono-
gamie wird schließlich evolutionstheo-
retisch begründet und naturalisiert; die
romantische Vorstellung der einen, gro-
ßen Liebe weicht dem Modell mehrerer
biographischer Episoden der Verliebt-
heit im Leben.
Eine letzte Dichotomie lässt sich bezüg-
lich des Geschlechts feststellen und
drückt sich in einer konsequenten Un-
terscheidung zwischen Mann und lrau
sowie männlich und weiblich konno-
tierten Aspekten der Liebesbeziehung
aus. Der Rückgrin auf die Hirnfor-
schung mit Vorstellungen von ge-
schlechtertypischen Gehirnen und Neu-
rotransmiuerhaushalten legitimiert
diese Sichtweise dabei ebenso wie der
evolutionstheoretische lortpfanzungs-
gedanke, so dass angesichts der biologi-
schen Fundierung des Geschlechterdua-
lismus von einer ,Geschlechterdine-
renzforschung¨ (Schmitz 200õ· 224) oder
von ,Neurosexismus` (vgl. line 2010) ge-
sprochen werden kann. Anhand dieser
kurzen Zusammenfassung wurde be-
reits deutlich, dass neurowissenschafli-
che Argumente bezüglich der Liebe
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dohormon Testosteron, Serotonin als
Glücksbote usw. – wirkt sich die jeweili-
ge Konzentration des Stones bzw. dessen
Pegelstand auf bestimmte Denk- und
Handlungsmuster aus. Mit dieser De-
kontextualisierung und simplen Funkti-
onalisierung wird die Komplexität der
neuronalen Mechanismen missachtet.
Das Liebesglück erscheint als eine Frage
des chemischen Gleichgewichts, der
Liebesdiskurs wird metaphorisch mit
der Hirnforschung verwoben.
Die Flüssigkeitsmetaphorik ist gleich-
zeitig anschlussfähig an die philoso-
phiegeschichtlich traditionsreiche Me-
tapher des Meeres (vgl. Makropolus
2011), in die sich das Bild der Ehe bzw.
Liebesbeziehung als Seereise einfügt.
Darin erscheint die Liebe als ein uner-
gründlicher Ozean, auf dem die Bezie-
ívngsscíi¡e treiben und von der Besat-
zung gesteuert werden müssen. Die Lie-
besbeziehung erscheint als ein gemein-
sames Wagnis und permanenter Prozess
des Reisens, psychologische und thera-
peutische Ratschläge erscheinen in die-
sem Zusammenhang als Bergungsmaß-
nahmen havarierender Beziehungen.
Um in der Ehe keinen ,Scíi¡|rvcí¨ zu er-
leiden (vgl. Kast 2006: 20) und dem Streit
den „Wind aus den Segeln zu nehmen“
(ebd.· 140), knüpfen an dieser Stelle Me-
taphern der Beziehungsarbeit und -pfe-
ge an, denn ein Schin ist auf ständige
Wartungsarbeiten angewiesen.
2.4 Metaphorische Vernetzungen
und symboIische Integration von
Wissen im Interdiskurs
lm Material wird die Liebe, wie Gefühle
und lmotionen insgesamt, häuhg als
Flüssigkeit metaphorisiert: Zorn und
Ärger können in jemandem hochsteigen,
bis man schließlich vor Wut kocht, ängst-
liche Menschen versinken in ihrer
lurcht und ,gewöhnliche ligenschafen
fangen, in Liebe getaucht, vor unserem
Geist an zu glänzen¨ (Kast 200õ· ¯¯). Auf
diese Weise erfolgt eine Substanzialisie-
rung der Liebe als wasserförmiger Ston,
sie wird aus ihrem komplexen, interakti-
ven Entstehungskontext herausgelöst
und ist so den messenden, experimentel-
len Neurowissenschafen zugänglich.
Diese Analogie funktioniert, weil paral-
lel dazu auch neurobiologische Prozesse
als Flüssigkeiten beschrieben und in
Verbindung zur Behältnis- bzw. „Contai-
nermetapher“ (vgl. Goschler 2010:
1õ2n.) gebracht werden. Das Gehirn er-
scheint als ein abgeschlossenes Behält-
nis, in dem die Hormon- und Neuro-
transmiuer-llüssigkeiten als ein „Lie-
bescocktail“ (Kast 2006: 15) zirkulieren:
Oxytocin wird ovsgescívueì (ebd.· 9¯),
Gehirne werden von Dopamin v|erµv-
tet (ebd.· 99) oder der Serotoninspiegel
sinkt auf ein niedriges Niveau (ebd.· 1¯).
Da jeder Neurotransmiuer eine relativ
eindeutige Funktion zugewiesen be-
kommt das Bindungshormon Oxyto-
cin, das Lustmolekül Dopamin, das Libi-
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risch sei hier auf das Oszillieren zwi-
schen organischer und mechanischer
Metaphorik bei der Beschreibung des
Gehirns verwiesen. Einerseits wird es
mit der Rede von einer „Hirnrinde“ (vgl.
G&G 2009· 19) oder von im ,Gehirn wur-
zelnden Prozessen¨ (ebd.· 4¯) mit Pfan-
zen in Verbindung gebracht, anderer-
seits dominiert die Metapher des Ge-
hirns als Maschine oder Computer, der
„heruntergefahren wird“ (ebd.: 58), „auf
Hochtouren laufen“ kann (ebd.: 52) und in
dem „Signale weitergeleitet“ werden
(ebd.· õ3). ln diesen inkongruenten Me-
taphern drückt sich eine Ambivalenz
aus, die selbst konstitutiver Bestandteil
des metaphorisierten Gegenstands ist
und sich durch die metaphorische Ver-
netzung verschiedener gesellschafli-
cher Diskurse ergibt. So hat nicht erst die
Debaue um die Willensfreiheit die lrage
nach dem „Akteur Gehirn“ (vgl. Rei-
chertz/Zaboura 200õ) aufgeworfen. Die
Geschichte der Hirnforschung ist schon
von Beginn an eine Geschichte der Meta-
phern ihres Gegenstandes (vgl. Hagner
1999). ,ls ist weniger die Hirnforschung,
die die Gesellschaf nach ihrem Bilde
formt vielmehr ist die Hirnforschung
die Wissenschaf dieser (neoliberalen,
neosozialen) Gesellschaf, die zuneh-
mend auf die Selbststeuerungskompe-
tenz ihrer Mitglieder setzt.¨ (Maasen
200õ· 299)
Die Gestaltung einer langfristigen Lie-
besbeziehung geht also mit mühevoller
Arbeit und Lernprozessen einher, deren
Anleitungen dem psychologisch-thera-
peutischen Diskurs entnommen und mit
ökonomischer Metaphorik umschrie-
ben werden. Ein dominantes Sprachbild
ist das des Ge[ví|s vnJ Be:ieívngs|on-
tos, auf das Beiträge in Form von Zärt-
lichkeit o.ä. eingezahlt, ein Beziehungs-
kapital angespart und Ge[ví|sge|J bei
Bedarf ausgezahlt werden kann (vgl.
ebd.· 1¯õ). line kontinuierliche Investiti-
on in ein sicheres Liebesvermögen be-
wahrt vor dem Be:ieívngs|on|rou und
den Zwang, wieder als Single „auf dem
Markt zu sein“ (ebd.: 105). Auch hier wer-
den Liebe und Gefühle substanzialisiert
und als Modell des sozialen Austauschs
konzipiert. Der oder die Liebende wird
im Sinne eines homo oeconomicus nach
dem Kosten-Nutzen-Kalkül handelnd
beschrieben; im Hintergrund steht der
kapitalistische Gedanke der Rentabilität
und Prohtmaximierung. Dieser ,Kon-
sum der Romantik“ wurde von Eva Ill-
ouz (2003) eingehend untersucht; an die-
ser Stelle genügt der Verweis auf die me-
taphorische Verknüpfung der psycholo-
gisch-therapeutischen Diskurse mit
dem Liebesdiskurs.
Wie die beiden Beispiele zeigen, müssen
metaphorische Konzepte nicht über den
gesamten Text hinweg miteinander
kompatibel sein; sie schließen sich häu-
hger sogar gegenseitig aus. lxempla-
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genlogik der Sprache ernst nimmt. Die
jeweils vorherrschenden Sprachbilder
von Liebe und Gehirn in der medialen
Auseinandersetzung geben somit auch
Aufschluss über das darunter liegende
Welt- und Menschenbild einer Diskurs-
gemeinschaf.
lür weiterführende Arbeiten kann die
Medialität des Diskursiven verstärkt Be-
rücksichtigung hnden, indem die Ansät-
ze einer visuellen (Wissens-)Soziologie
integriert werden. Denn zur Klärung der
lrage nach der symbolischen Wirkungs-
kraf der Hirnforschung im lnterdiskurs
haben die bildgebenden Verfahren der
Hirnforschung einen maßgeblichen An-
teil. Außerdem wäre zu klären, welche
Rolle andere Medienprodukte, wie lilm
und Fernsehen, im gegenwärtigen Lie-
besdiskurs spielen.
4. UntersuchungsmateriaI
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PH (2006): Liebesleben. Paare – Proble-
me Lösungen. Psychologie Heute
Compact, Nr. 15.
3. Fazit
Die Untersuchung hat gezeigt, dass die
Liebe – als diskursives Phänomen ver-
standen nicht nur einem übergreifen-
den, historisch-semantischen Wand-
lungsprozess unterliegt, sondern dass
sie auch Gegenstand zahlreicher gegen-
wärtiger Aushandlungen ist. Das aktuel-
le Liebesverständnis speist sich aus ver-
schiedenen traditionellen Konzepten,
wird aber in Hinblick auf veränderte
Wissensbestände einer Gesellschaf ak-
tualisiert und neu arrangiert. Exempla-
risch wurde hier der linfuss der Neuro-
wissenschafen in einem Ausschniu des
populärwissenschaflichen lnterdiskur-
ses und seiner medialen Präsentation
untersucht. Die Analyse bekräfigte den
lntwurf einer partiellen und vor allem
symbolischen lntegration diskursiven
Spezialwissens, wie es in Links (2006) In-
terdiskurs-Konzept angedacht ist. Die
Hirnforschung stellt selbst keinen um-
fassenden lrklärungsansatz für die Lie-
be dar und ist deshalb auf bereits etab-
lierte Ansätze wie die Evolutions- oder
die Bindungstheorie angewiesen, die der
,unübersichtlichen Hirnforschung eine
lrzählstruktur¨ (Vogd 2010· 2¯2) geben.
Der linbezug der Metaphernanalyse als
ergänzendes Instrument im Werkzeug-
kasten der Diskursanalyse (vgl. Keller
200õ· 9¯) ist dahingehend lohnend, als
dass sie einen Blick auf die symbolischen
Mechanismen der lntegration von Dis-
kursen erlaubt und gleichzeitig die Ei-
Sonderheft 2 | 2012 Seite 149
schaf.
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Zur Autorin
Carola Klinkert schloss im Februar 2012
ihr Soziologiestudium an der TU Dres-
den mit einer kultursoziologischen Ver-
tiefung und dem Nebenfach Psycholo-
gie ab. Die Diplomarbeit ist Grundlage
dieses Aufsatzes und zeugt vom lnteres-
se an der Wissenssoziologie, diskurs-
analytischen Ansätzen sowie Metho-
den der qualitativen Sozialforschung.
Seit 2008 war sie als Tutorin am Institut
für Soziologie tätig, im Zeitraum von
2009 bis 2012 arbeitete sie als studenti-
sche Hilfskraf im Teilprojekt O ,Trans-
zendenz und Gemeinsinn in privaten
Lebensformen¨ des Dresdner Sonder-
forschungsbereichs 804.
Sonderheft 2 | 2012 Seite 152
Grußwort aus Bamberg
Der 4. Studentische
Soziologiekongress steht bevor!
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 153
Auf ein Neues
Nocí Ho||e, Mvncíen vnJ Ber|in isì [vr
den Studentischen Soziologiekongress na-
türlich noch nicht Schluss. Bereits seit eini-
gen Monoìen |ov{en Jie Vor|ereiìvngen [vr
die nächste Runde. Der Termin steht auch
schon fest: Der 4. Studentische Soziologie-
kongress wird vom 04. bis 06. Oktober 2013
in Bo»|erg sìou[nJen.
Die Organisation des Bamberger Sozio-
logiekongresses wird von den Mitglie-
dern des Arbeitskreises Soziologie
übernommen. Als unabhängige Hoch-
schulgruppe hat sich der Arbeitskreis
Soziologie das Ziel gesetzt, die Studie-
renden des Fachs stärker miteinander
zu vernetzen, die Studienbedingungen
zu verbessern und einen Blick über den
Tellerrand des Lehrangebots zu ermög-
lichen. Dazu wurden bisher Projekte
wie Podiumsdiskussionen, Werkstau-
trenen, Studienfahrten und Vorträge zu
verschiedenen Temen durchgeführt,
aber auch regelmäßig Veranstaltungen
wie die S-Party und der Soziologen-
stammtisch organisiert. Abgerundet
wird der Tätigkeitsbereich durch ein Be-
ratungsangebot für die Mitglieder des
Fachbereichs Soziologie und redaktio-
nelle Arbeiten.
Wie bereits bei den vorigen Kongressen
soll auch in Bamberg über drei Tage eine
Diskussionsplauform für den wissen-
schaflichen Nachwuchs geboten sowie
der Austausch und die Vernetzung zwi-
schen Studierenden verschiedener Stu-
dienorte und -fächer gefördert werden.
Der Kongress wird die Möglichkeit bie-
ten Neues zu lernen, an eigenes Wissen
und lrfahrungen anzuknüpfen und
durch den Austausch mit anderen Teil-
nehmerlnnen neue Perspektiven auf die
Soziologie zu erhalten.
Vor allem der letzte Kongress in Berlin
hat große lußstapfen hinterlassen, die
es auszufüllen gilt. Bestes Beispiel dafür
sind dieses Sonderhef und die vorbildli-
che Dokumentation der Vorträge auf
der Webseite. Wir wollen versuchen,
auch weiterhin ein so transparentes
und partizipatives Vorgehen für alle
TeilnehmerInnen zu bieten. So haben
wir lnde Mai um Temenideen gebeten
und hauen am lnde über dreißig Vor-
schläge beisammen, aus denen wir ver-
suchten, eine Auswahl zu trenen.
Schnell ist uns dabei jedoch aufgefallen,
dass sich viele Ideen überschneiden und
wir letztlich keine Auswahl, sondern
eine Syntheseleistung zu erbringen hat-
ten. Dabei haben sich vier Temenkom-
plexe herauskristallisiert, über die wir
önentlich haben abstimmen lassen.
Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwi-
schen den beiden Temenkomplexen
„Pluralisierte Leben“ und „Krisen, Pro-
zesse, Potentiale“ lautet eure Wahl, mit
einem hauchdünnen Vorsprung von
zwei Stimmen: „Krisen, Prozesse, Potenti-
ale“. Dieser Temenblock behandelt
Gründe, Vorgänge und Möglichkeiten
Sonderheft 2 | 2012 Seite 154
gesellschaflicher Veränderungen und
fokussiert dabei eher die Makroebene.
Sie ist es, die eine Rahmenperspektive
für Handlungen und individuelle Ver-
änderungen bereitstellt. Dabei werden
die Bereiche Kommunikation und Tech-
nik, Individualbilder, Politik, Bildung
und Kultur mit einbezogen.
Aus diesem Votum werden wir in nächs-
ter Zeit zurück zu den Ideen gehen und
versuchen, einen möglichst onenen,
aber mit deutlichem roten Faden ge-
sponnenen Call for Papers stricken. Wir
honen, dass wir diesen Miue Oktober
versenden können und sind schon sehr
gespannt eure Beiträge.
Darüber hinaus soll auf dem Bamberger
SSK die Soziologie auch denen näher ge-
bracht werden, die eher wenig damit zu
tun haben. Deshalb wird neben dem in-
haltlichen Programm ein größerer Rah-
men geplant, der sowohl den Teilneh-
merInnen einen Einblick in das Leben
und Arbeiten in der Weltkulturerbe-
stadt Bamberg gewährt, als auch die Of-
fentlichkeit über Soziologie als Diszip-
lin informieren soll. Auch hier freuen
wir uns jederzeit über Ideen oder Ange-
bote von eurer Seite.
Das ist das, was bisher sichtbar ist. Doch
große Teile der Organisation spielen
sich, wie so of, in den ,dunklen Hinter-
zimmern des llfenbeinturms¨ ab. linen
kleinen Einblick wollen wir aber den-
noch geben· Unser Team besteht im Mo-
ment aus rund zehn Personen und hat
sich auf mehrere Arbeitsbereiche wie
„Inhalt und Programm“, „Finanzen und
Recht¨, ,Werbung und Medienarbeit¨
oder „Nachbereitung“ verteilt, wobei
die meisten von uns am liebsten in allen
Bereichen mitwirken würden. Wir ha-
ben bereits mehrere ganztägige Work-
shops zu Projekt- und Zeitmanagement
für den Kongress organisiert und so
(honentlich) viele Hindernisse schon im
Vorfeld erkannt. lm Moment sind wir
dabei, einen Verein zu gründen, um
nicht als linzelpersonen hafbar ge-
macht zu werden oder auch die Einnah-
men zu verwalten, aber nicht zuletzt
ebenso deshalb, damit nach dem Ende
des Kongresses das breite Engagement
nicht wieder abfaut.
Die nächsten Schriue der Organisation
bestehen in der Ausschreibung des Call
for Papers, in der Gestaltung von lnfo-
material, der Webseite und im Aumau
von Kontakten. Apropos· Auf dem Bo-
chumer Soziologiekongress der Deut-
schen Gesellschaf für Soziologie (DGS)
im Oktober 2012 werden wir mit zwei
Veranstaltungen präsent sein; Diens-
tagabend in einer freien Runde zum
Kennenlernen von interessierten Stu-
dierenden und studentischen Initiati-
ven sowie Donnerstagnachmiuag mit
der ad-hoc-Gruppe „Soziologische Viel-
falt und interdisziplinäre Zusammen-
hänge“. Wir würden uns über ein rege
Sonderheft 2 | 2012 Seite 155
Beteiligung freuen, honen auf viele
neue Bekanntschafen und Perspekti-
ven in Bochum, und schließlich auf ein
Wiedersehen in Bamberg 2013!
Viele Grüße,
euer Arbeitskreis Soziologie
hup·//www.ak-soziologie.de
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Sonderheft 2 | 2012 Seite 156
Danksagung
lür die Realisierung dieses Sonderhefes möchten wir zunächst allen
Teilnehmenden und Beitragenden des 3. Studentischen Soziologiekongresses
danken. Ohne die großartige lrfahrung der drei Tage im Oktober 2011 wäre dieses
Hef nicht möglich gewesen. Des Weiteren möchten wir all den übrigen
Organisator¸innen des Kongresses für den Rückhalt und das Vertrauen danken,
durch die wir dieses Projekt schließlich realisieren konnten.
Zudem möchten wir uns beim gesamten Team des Studentischen
Soziologiemagazins für die Unterstützung und den Rat bei der lrstellung des
Sonderhefes bedanken. Darüber hinaus geht ein großes Dankeschön an Richard
Bretzger für die Gestaltung des Covers und an Ansgar Lorenz für die Unterstützung
beim Satz.
lin ganz besonderer Dank gilt auch dem Wissenschaflichen Beirat, der uns bei der
Sicherung der wissenschaflichen Qalität mit kritischen Anmerkungen und
Hinweisen stetig unterstützt.
Nicht zuletzt sind wir natürlich all unseren Autor_innen und Leser_innen zu
großem Dank verpfichtet!
Mitmachen und Unterstützen
Wir freuen uns in unserem Redaktionsteam immer auch über neue Gesichter und
kreative Ideen, die uns in der täglichen Arbeit unterstützen. Aktuell suchen wir
insbesondere Unterstützung in den Bereichen Layout/ Satz sowie in der
technischen Betreuung. Mehr lnformationen hndet ihr unter· hup·//www.
soziologiemagazin.de/blog/mitmachen/
Darüber hinaus sind wir immer für hnanzielle Unterstützung in lorm von Spenden
oder lördermitgliedschafen dankbar. Mehr lnformationen hiezu hndet ihr unter
hup·//www.soziologiemagazin.de
Sonderheft 2 | 2012 Seite 157
Impressum
Herausgeber: soziologiemagazin e.V., lnstitut für Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-
Wiuenberg, Adam-Kuckhon-Straße 41, 0õ108 Halle (Saale)
Gerichtsstand: Halle (Saale)
Vereinsvorstand: Benjamin Köhler (Vorsitzender), Maik Krüger (stellvertretender Vorsitzender)/
vorstand@soziologiemagazin.de
Redaktion: Mirka Brüggemann, Hans-Heinrich Klauß, Benjamin Köhler, Georg Krajewsky, René
Wolfsteller/redaktion¡soziologiemagazin.de
Wissenschaflicher Beirat· Prof. Dr. Brigiue Aulenbacher, Prof. Dr. Birgit Bläuel-Mink, Prof. Dr.
Ulrich Bröckling, Prof. Dr. Aldo Haesler, Prof. Dr. em. Reinhard Kreckel, Oliver Neumann, Dipl.
Sozialwirt Michael Ney, Dr. Yvonne Niekrenz, Dipl. Sozialwirt Harald Ritzau, Prof. Dr. Paula-lrene
Villa, Prof. Dr. Georg Vobruba
Covergestaltung: Richard Bretzger
Layout/Satz/Bildbearbeitung· Georg Krajewsky
Anzeigenschaltung: Nadja Boufeljah, Benjamin Köhler/ marketing¡soziologiemagazin.de
Ausgabe: soziologiemagazin e.V., Sonderausgabe
Sonderhef 2 ¦ 2012 ¦ Printausgabe lrstaufage· 1¯0 Stück ¦ Anerkennungspreis 3,00 luro oder als
kostenloses eJournal, erhältlich über unsere Homepage· www.soziologiemagazin.de
lSSN· 2190-9¯õ8
Sonderhef 2 ··· Jahrgang ¯ ··· August 2012 ··· Berlin / Halle (Saale)