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KLEINE

PHILOLOGISCHE SCHRIFTEN

VON

JOH. NIKOLAI MADVIG,

PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT IN KOPENHAGEN.

VOM VERFASSER DEUTSCH BEARBEITET.

^m^?^

L MQTr.r>

LEIPZIG,

DRUCK UNI) VERLAG VON B. G. TEUBNKR.

1875.

Vorrede.

Eiu Titel wie derjenige, den dieses Buch trägt, pflegt

eine Sammlung von Arbeiten zu bezeichnen, die schon früher

einzelweise demselben Publikum, ob auch vielleicht in einer der Verbreitung minder günstigen Form, vorgelegt worden

sind.

Dies verhält sich hier anders.

Die hier gesammelten

Abhandhmgen, in einer andern Sprache, die nur einen eng

begränzten Leserkreis umfasst, als akademische Gelegeuheits- schrit'ten oder in den Mittheilungen einer gelehrten Gesell-

schaft oder in einer wenig verbreiteten Zeitschrift heraus- gegeben, dazu grösstentheils in einer Zeit, wo die Stimmung

in Deutschland demjenigen, was von jener Seite kam, wenig

Aufmerksamkeit und Gunst zuwendete, sind, indem der Ver-

fasser selbst damals nicht das Geringste that, um ihnen für

den Augenblick ausserhalb seines Vaterlandes Eingang zu öff'nen, dem deutschen und überhaupt dem nicht skandinavischen

])hilologischen Publikum so unbekannt geblieben, dass sie in-

(Nur von den kleinen

sofern als ganz neu gelten können.

Abhandlungen VII u. VIII ist von einigen wenigen Gelehrten

auch an sich alle

Notiz genommen.)

Es

fragt sich,

ob

sie

frisch und wichtig genug sind, um jetzt unter Fremde her- vorzutreten und in der Wissenschaft einen Platz und einigen

Einfluss zu beanspruchen.

Dass ich selbst dieser Meinung

bin, zeigt der ausgeführte Entschluss sie deutsch zu bearbeiten, ein Entschluss, der nicht am wenigsten auf dem Interesse

beruht, das ich eben für die frühesten Abhandlungen hege,

und dem Gewicht, das ich ihrem Inhalt beilege. Diese kleinen

Schriften theilen sich nämlich in zwei Reihen, wovon die an Umfang bedeutendere und, mit Ausnahme einer Abhandlung

(IV), frühere allgemeine sprachliche Untersuchungen enthält, die andere Gegenstände aus der speciellen klassischen Philo- logie behandelt. Die Abhandlungen der ei'sten Reihe, aus Studien hervorgegangen, diemeine specialphilologischen Studien

ununterbrochen begleitet, ihnen für den sprachlichen Theil die

allgemeine Grundlage und Methode gegeben und geregelt und

dabei einen Platz in meiner akademischen Lehrthätigkeit gehabt haben, behandeln Hauptpunkte und bezeichnen die weiteren

Grundzüge einer Sprachbetraehtung (Sprachphilosophie), die die

Sprache als Produkt des menschlichen Geistes und der mensch-

lichen Entwickelung nach der allgemeinen Aufgabe, den ge-

meinschaftlichen Motiven und Mitteln und nach der freien und zufälligen Durchführung in Sprachgeschlechtern und

Sprachen aufi'asst und daraus Regeln für die Darstellung und

Beurtheilung sprachlicher Phänomene ableitet.

Dieser Be-

IV

VOKREDK.

traclitiiii^, unter Zuiückdriiiij^'en unklarer und abenteuerlich

schwankender Vorslellun^'en, Anerkennunf(, Geltung und den

gebührenden Eintluss uui die iMetliode der speciellen, besonders

der klassischen Sprachstudien zu verschaffen, liegt mir sehr am Herzen und ist mir eine llau])taufgabe, indem ich zugleich

denjenigen, die mich aus lateinisch geschriebenen Werken

und einen paar Lehrbüchern kennen, ein vollständigeres

Hild meines wissenschaftlichen [»hilologischen Strebeus geben

ich nicht vorge-

mikhte.

JNlühe, die die deutsche Be-

arbeitung dieser Abhandlungen gekostet hat, auf eine Aus- arbeitung des ganzen, mehrmals in Vorlesungen vorgetragenen

Abb. III S. 100 ange-

Systems, dessen Artikulation in der

deutet ist, für den Druck zu verwenden.

Ich wünschte und

Es liegt nahe zu fragen, warum

Zeit und

die

zogen

habe, die

hoffte eine solche Darstellung zu vollenden, und eben darum war ich bisher so wenig darauf bedacht, den einzelnen Abhandlungen

eine grössere Verbreitung zu geben, und ich hoffe es noch;

da aber die Ausführung dieses Vorsatzes sich in die Länge

gezogen hat, möchte ich zuerst den schon ausgearbeiteten Theilen eine wirksamere Existenz, als sie bisher gehabt haben,

verschaffen und sichern; dann wird auch eine Darstellung des Ganzen kürzer, übersichtlicher und leichter gefasst werden

und besonders die weitläufige Polemik übergehen müssen; diese Polemik ist aber, wie die Sache liegt, nothwendig und

unerlässlich um aufzuräumen, um das Bedürfniss einerneuen

und festen Grundlage fühlbar zu machen und dem Hervor-

tauchen alter Verkehrtheiten unter etwas geänderten Formen,

ihrer unklaren Einmischung in das Richtigere, so weit mög-

lich, vorzubeugen. Dann aber niusste ich die Abhandlungen schon darum im Wesentlichen in ihrer ursprünglichen Gestalt deutsch herausgeben, damit ich mich nicht, wenn ich in

anderer Form der Darstellung auf diesen Gegenstand zurück-

käme, dem Verdachte aussetzte, als ob ich mir fremdes Eigen-

thum aneigne.

Es sfiud nämlich später,

als

ich

diese Ab-

handlungen (I Uli dänisch herausgab, zwei AVerke heraus-

gekommen, in denen nicht bloss Ansichten über das Wesen

und die Entwickelung der Sprache vorgetragen, die vielfache

Berührung mit den meinigen haben oder ganz mit ihnen

übereinstimmen, sondern sogar einzelne Hauptsätze fast mit denselben Worten ausgesprochen sind. So ist in dem tüch-

tigen Werke des Anglo-Amerikauers Whitney aus 1867,

Ltxhircs on languaye, der von mir 1842 als Ausgangspunkt

aufgestellte, hier S. 59 mit gesperrter Schrift gedruckte Satz über das Verhältniss des Lauts und der Bedeutung in fast

identischer Fassung an die Spitze der Entwickelung gestellt

und auch sonst vieles so ähnlich ausgedrückt, dass einige

meiner Zuhörer^ als sie Whitneys Buch kennen lernten, mir

VORREDE.

V

die bestimmte Vermutlning mittheilten, er habe Kenutniss

von meinen drei Programmen (Abb. II u. III) gehabt, eine

Vermuthung, welche der sonstige selbstständige Charakter des Werkes und die übrigen Verhältnisse und Umstände ganz

zu widerlegen scheinen. Whitney behandelt seinen Gegen-

stand mit grosser Gelehrsamkeit, nüchterner Klarheit und

offenem Blicke für die Thatsachen; das Gespimist falscher

Theorien dialektisch aufzulösen und zu vernichten ist minder seine Sache; er geht an den mctapliysks vorbei und dringt nicht

immer tief genug. Das andere Werk, welches ich hier nennen

muss, ist, was mir sehr lieb ist, ein deutsches.

schnitte von Lotze's Mikrokosmos (1858), in welchem von

der Sprache die Rede ist (2. Bd. S. 210 ff.), finde ich mit

grosser Freude bei dem tief und scharf denkenden Philo-

sophen eine fast durchgängige Uebereiustimmung mit meiner

Betrachtungsweise und selbst in der Form einzelner Aus- sprüche nicht geringe Aehnlichkeit (ich verweise beispiels- halber auf das , was bei Lotze S. 225 ff., besonders 226,

und Gedanken, S. 227 über das Ausgehen der

über Laut

Bedeutung vom Sinnlichen, S. 236 über das Aufgeben über-

flüssiger Formen, sogar sijeciell über die Geschlechts- bezeichnung als einen Luxus, S. 244 ff., besonders 251, über das Verhältniss der Sprache zum Gedanken, S. 253 über Ur-

sprung und historisches Dasein der Sprache gesagt ist); na-

türlich geht Lotze, seiner Aufgabe zufolge, weder auf philo-

logische Einzelheiten noch auf Polemik ein. Ich konnte meine

Abhandlungen so wenig geändert übersetzen, als dieser ihr

Nebencharakter als Documente meines unabhängigen Eigen-

thumsrechts erheischte, weil meine Ansichten seit der ersten

langsamen und mit freier Skepsis zu Stande gebrachten Ge-

staltung sich in allem Wesentlichen gleich geblieben sind.

,]üi\G für den Inhalt irgend erhebliche Aenderung ist ange-

merkt worden, gewöhnlich mit Angabe des Jahres der deut-

schen Redaktion, 1874.

Die Form einzelner, mit nicht kurzen Zwischenräumen

herausgegebener Abhandlungen, wo die Leser aufs neue orien-

tirt werden müssten, hat einige Wiederholungen herbei-

geführt, die sich nicht, ohne die Textur zu stören, ganz ent-

fernen Hessen und die als Zeugnisse des Gewichts dienen

mögen, welches der Verfasser auf das sichere Feststellen ge-

wisser Hauptpunkte und auf die gründliche Entfernung ge-

wisser Verkehrtheiten legt.

Uebereifrige und einseitige vergleichende Sjjrachforscher, die es mir verargen, dass ich, bei der vollsten und innigsten

Anerkennung der hohen Bedeutung des comparativen Sprach-

studiums, diese Bedeutung richtig zu bestimmen und zu be- gräuzen gesucht und falsche Versprechungen ujkI Uebergriffe

In dem Ab-

VI

VOKRKDi:.

ge-

niiiflit, class ausgezeichuetes histori^jches Wissen uml scliarl- siiiiiiges Vergleichen uicJit immer mit Klarheit über das Griiud-

iilt'^i'wic'.seii habe, iiiul tlaljci zu^^'lt'icli darauf aufmerksiim

wesen der ^Sprache verbunden ist

werden daraus, dass ich für bekannte und sichere Facta das

Zeugniss älterer Büdier liabe stehen lassen und überhaupt

nicht genaue und detaillirte Kenntniss der neuesten Littera- tur auf diesem (jebiete zeige, den Beweis führen können, dass icli nicht auf der jetzigen Höhe der Wissenschaft stehe, noch sie kenne; auch nicht ungünstige und billige Beurtheiler wer- den mir vielleicht den einen oder den andern üetailfehler nachweisen. Ich habe die sicliern und umfassenden Resultate

der comi»arativen Forschung (innerhalb eines für den Zweck hinlänglichen Gebietes) in Verbindung mit dem lebendigen

Bilde der mir zugänglichen Sprachen für die allgemeine Be-

trachtung zu verwerthen gestrebt; das Detail hatte hier unter-

geordnete Bedeutung; Meues und Unbekanntes konnte und

wollte ich nicht geben.

(Abb. 1\' , 4 S. 310 tf.),

Wie weit die Mehrzahl meiner speciellen Fachgenossen,

die klassischen Philologen für den bisweilen scharfen Ernst,

womit ich die sprachliche Seite unserer Wissenschaft von

V^orurtheilen und inhaltlosem Gerede zu befreien gesucht und

eine einfache und natürliche Auffassung und Beurtheilung

empfohlen habe, mir Dank wissen werden, mag dahingestellt

sein; nicht wenige wenigstens,

hoffe ich,

und die besten

werden es thun; sie werden mit mir eine wahrhaft rationelle,

auf richtiger Grundansicht der Sprache beruhende, und wahr- haft praktische, durch Wahrnehmung des Sprachgebrauchs,

des lexikalischen und des syntaktischen, zum lebendigen Takt

sich ausbildende, für das sichere Verstehen der alten Litte-

raturwerke fruchtbare Aneiijnunf' fordern und fördern. Mir

war neben der allgemeinen Betrachtung eine stete Berück-

sichtigung der Phänomene der klassischen Sprachen und der

hier gangbaren Auffassung eine Hauptsache.

Finde ich Leser,

die

sich in meine Ansichten

über

Sprache und sprachliche Phänomene in Zusammenhang hinein-

arbeiten wollen, möchte ich ihnen vorschlagen mit der Abb.

IV anzufangen und dann II, 111, I zu lesen.

Zur zweiten Reihe der Abhandlungen bildet No. V den

Uebergang,

indem

sie allgemeinen Betrachtungen die

\'erfolguug eines bestimmten u]id individuellen lateinischen

Phänomens von seinem Ursprung an durch seine Wendungen

anschliesst. Ueber die übrirjeu Abhandlungen habe ich nichts

besonderes zu sagen. Die Art und Methode der Untersuchung ist dieselbe wie in meinen lateinischen Abhandlungen über

ähnliche Gegenstände

ich hoffe, dass ^die Darstellung im

modernen Gewand etwas leichter und freier geworden ist.

VORREDE,

Vir

Von den zwei Abhandlungen über griechische Gegenstände

beschäftigt die grössere sich nur mit den äusseren Bedin- gungen eines hochwichtigen Theils der griechischen Litte-

ratur; aber die Feststelkmg des von aussen her Gegebenen

und Conventionellen ist für die vorurtheilsfreie Auffassung

des freien poetischen Inhalts wichtig. Die zehnte Abhand-

lung enthält für den ganzen aristokratisch - timokratischen Charakter des römischen Staats nicht unwichtige Resultate;

von vielen Einzelheiten empfehle ich die richtige Auffassung

der socialen Stellung des C. Marius der Aufmerksamkeit.

Die Polemik hat in einigen dieser Abhandlungen, be-

sonders in den der ersten Reihe, einen nicht kleinen Raum,

weil, wie ich oben bemerkte, der Gegenstand sie noth wendig

machte. Sie ist überwiegend, aber gar nicht allein, gegen

Deutsche gerichtet.

Darin liegt die Anerkennung, die ich

in ganz ähnlicher Verbindung (in der Vor-

vor 41 Jahren

rede zum ersten Bande meiner ojniscula academica) aus-

sprach, dass Deutschland sine diihio praecipua huius stndiorum

(jeneris sedes sei, und die Folge davon.

Meine Stellung der

deutschen Philologie und den deutschen Philologen gegenüber

ist in der langen Zeit im Ganzen dieselbe geblieben. Als Däne,

aber von Jugend an mit der deutschen Litteratur, nicht bloss der philologischen, und der deutschen Wissenschaft vertraut,

obschon ich nie eine deutsche Vorlesung hörte und 42 Jahre alt das erste Mal auf wenige Wochen den deutscheu Boden betrat, habe ich den mir natürlich angewiesenen Platz als

ausserhalb aller

mitarbeitender, unabhängiger,

couventiouelleu und persönlichen Verhältnisse

ruhiger,

gestellter

Beobachter behalten, die deutschen Grössen unserer Wissen-

schaft verehrend, die Tüchtigkeit hochachtend, die betrieb-

same Mittelmässigkeit nicht allzusehr schonend, das völlig

Verkehrte und Verfehlte scharf abweisend, den tiefen und kräftigen Forschungsgeist bewundernd, den phrasenge-

schmückten Zerrbildern des Tiefsinns sehr abhold.

Es bleibt mir übrig, die Mängel meines deutschen Aus-

drucks zu entschuldigen-, er bedarf ohne Zweifel der Ent-

schuldigung in nicht geringem Grade, Es ward mir aber

nach einem Versuche klar, dass ich, wie schwerfällig und

unsicher ich die deutsche Sprache auch handhabe, doch meinen

wahren Gedanken mit der richtigen Färbung besser wieder-

geben werde als ein fremder Uebersetzer.

übersehene Schreibfehler und Missverständnisse bei der Cor-

rectur Unverständliches hervorgebracht haben! Eine gleich-

förmige Schreibung der Wörter habe ich leider dem Cor-

rector unmöglich gemacht herzustellen.

Mögen nur nicht

Kopenhagen, den 18. Juni 1875".

J. N. ^ladvig:.

I.

Inhalt

Ueber das Geschlecht in den Sprachen. (1835.)

Seite

1

II. Ueber Wesen, Entwickelnng und Leben der Sprache.

1. Stück.

(1842.)

48

III. Vom Entstehen und Wesen der grammatischen Bezeich-

98

Nachschrift (über die alten Sprachen in den Schulen). 285

IV. Zerstreute sprachwissenschaftliche Bemerkungen. (1871.) . 291

nuncren.

(1856, 1857. J

Darig: Einige Voraussetzungen der Etymologie und

 

ihre Aufgabe

319

 

V. Bemerkungen über die Eutwickeluug der syntaktischen

 

Mittel der Sprache, mit besonderer Anwendung auf einige Phänomene im Latein, namentlich bei Livius, (186ß )

356

^»

VI. Eine Bemerkung über die Gränze der Competenz des Vol-

 

kes und der Gerichte bei den Athenäern. (Fgacp^ nuga-

vo^cav.) (1864.)

378

 

VII.

Ueber den Granius Licinianus. (1857.)

391

„^—~ VIII. Exegetische Bemerkungen (zu Piaton, Vergil, Horaz). (1859.)

408

IX. Bemerkungen über die Fruchtbarkeit der dramatischen Poesie bei den Athenäern und ihre Bedingungen. (1863.) . 421

X. Die Befehlshaber und das Avancement in dem römischen

Heer, in ihrem Zusammenhang mit den römischen Standes-

verhältnissen im Ganzen betrachtet. (18G4.)

480

I.

lieber das Geschlecht in den Sprachen').

Als ich daran dachte das erste Mal die Verpflichtung

zu erfüllen, die mir aufgelegt ward, als ich die Ehre genoss

in diese Gesellschaft aufgenommen zu werden, nach Vermögen

zu ihreu Verhandlungen beizutragen, wünschte ich ihr einige

Resultate geschichtlicher Forschungen über Staatseinrichtun-

gen des römischen Alterthums vorzulegen. Da indessen die

Darstellung davon nicht sobald beendigt werden konnte und

ich nicht gern die ßethätigung meiner Anerkennung jeuer

Verpflichtung zu lange verschieben möchte, beschloss ich

einen Gegenstand zu behandeln, dessen Bearbeitung kürzere

Zeit fordere, und wählte dazu einige Sprachphänomene, deren

Wesen ich neulich Veranlassung gehabt hatte durchzudenken

wie es mir schien, in einem klareren Licht

zu sehen, als in welchem sie gewöhnlich gesehen und dar-

und dadurch,

gestellt werden.

Die Wahl eines grammatischen Stoöes

brauche ich in einer Gesellschaft, die die wissenschaftliche

Forschung in ihrer ganzen Ausdehnung umfasst, nicht zu

entschuldigen.

Auch ist es nicht das Detail einer einzelneu

Sprache, auf welches ich versuchen werde die Aufmerksamkeit

1) Aus ,,det kongelige danske Vidanskabernes Selskabs historiske

og philosophiske Afbandlinger" (den histor. u. philosophischen Abhand-

hingeu d. köuigl. dän. Gesellsch. d. Wissenschaften), 5. Th., Kopenhagen

1836. (Der Gesellschaft vorgelegt d. IG Januar 1885.)

Mad V i g , kl. Schrilteu.

^

2 l'KHER PAS GESCHLECHT IN DEN SPRACHEN.

oinijjfe Au<,'f'iil)licke hinzulenken, sondern auf das Wesentliche und auf die llauptmoditikationen eines Phänomens, das fast

in allen den uns nahe liegenden Sprachen in solcher Weise

/um Vorschein kommt, dass die allermeisten, die die Sprache

nicht ganz gedankenlos brauchen, die Gelegenheit gehabt haben, eine und die andere KeÜexiou über einzelne jener

Aeusserungen zu machen. Die Analyse solcher Phänomene

und ihre Zurückführung auf eine feste Grundauffassung, die

für das Sprachstudium selbst so wichtig ist,

wenn es sich

nicht bloss um die Darstellung des Faktischen in der einzelnen

Sprache handelt, scheint auch nicht ohne ein unmittelbares

nicht

Interesse für denjenigen zu sein, der,

ob

er gleich

Sprachforscher von Fach ist, sich doch einer, mehr activen

als passiven, Theilnahme an Raisonnements über sprachliche Gegenstände nicht entziehen noch den Wunsch aufgeben

kann, seine Vorstellungen über die Bedeutung der unend- lichen Modifikationen des gemeinschaftlichen menschlichen

Mittheilungsmittels zu läutern und zu ordnen.

Die ziemlich

umfassende Litteratur, womit von den letzten Decennien des

vorigen Jahrhunderts an die sogenannte allgemeine Gram- matik ausgestattet worden ist, scheint den angedeuteten For-

derungen und Wünschen nicht sonderlich Genüge zu leisten

noch überhaupt eine verhältnissmässige Ausbeute gegeben zu

haben , eine natürliche Folge des Misskennens der Aufgabe,

das häufig stattfand. Diejenigen, die, besonders in Deutsch- land, gemeint haben die Sache am gründlichsten anzugreifen

und die sich nicht mit der Reihe von Definitionen von Rede-

theilen und Formen begnügten, welche nach dem Vorgänge

des Engländers Harris Andere, von den klassischen Sprachen abstrahirt, unter dem Namen Allgemeiner Grammatik gaben,

waren meistens in ebenso falschen als unklaren Meinungen

befangen von der Art und Weise, wie das Wesen und die

Verhältnisse der Dinge" oder „die Beschaffenheit des Geistes"

der Vorstellungen" sich in der

oder „die logische Natur

Sprache , abprägen" oder „die Weltanschauungen der einzelnen Völker" - so wurde es mit einem sehr unbestimmten Worte

UEBER DAS GESCHLECHT IN DEN SPRACHEN.

3

genannt, sich in den einzelnen Sprachen offenbaren soll-

ten, Meinungen, auf deren ernste Prüfung man sich nicht

einmal einzulassen wagte, um nicht die Würde des Sprach-

studiums untergraben zu scheinen.

Denn wenn auch das,

was mau aus der Betrachtung der Sprachformen vom Wesen

der Dinge und des Geistes lernte,

nur wenig oder nichts

war, so hatten doch die Worte einen hübschen Klang. Ihnen

Region, in welcher die

vertrauend verliess man also die

Sprache lebt und wohnt, indem sie der allen Menschen ge-

meinschaftlichen und in ihrer Grundform unveränderlichen

Bewegung im Verknüpfen der Einzelvorstellungen zu aus- sprechbaren Total Vorstellungen folgt und sich nur in den Bezeichnungen der Eiuzelvorstellungen und in der Art und

den Mitteln die Verknüpfungsweise dem Zuhörer deutlich zu

Mit erborgten und gröb-

machen trennt und unterscheidet.

lich missverstandeneu Bruchstücken philosophischer Systeme, früher aus der Kantischen Kategorienlehre, später anderswoher,

Bedeutung der

Sprachformen zu erforschen. Indem man nun entweder, wie

Bernhardi, in den Modis der Verben die Dreiheit der Mo-

dalitätskategorie nachwies, als ob die Bezeichnung des In-

halts eines ürtheils als wirklich, nothwendig oder möglich

nicht eine eigene und selbstständige Prädicirung wäre, oder

die uothweudige Zahl der Casus aus der Kategorie der Rela-

tion deducirte, wie selbst der scharfsinnige W. Humboldt

(Adelungs Mithrid. IV S. 317), als ob Ursache, Wirkung und

Wechselwirkung durch die Casus bezeichnet und nicht in dem

die Grammatik nichts angehenden Inhalt des Satzes ange-

geben würden, oder wohl gar, wie Schmidthenner, auf

eigener Hand Tafelnder „möglichen Verhältnisse eines Dinges'^ mit zum Theil drolliger Begriffsverwirrung zu construireu versuchte, kam man zu Resultaten, die sich um die wirk-

lichen Spracherscheinungen zu fassen unbrauchbar zeigten und sich einem besonnenen und nüchternen Nachdenken nur

als eine verkehrte Ueberführung von Begriffen, die einer

ganz andern Sphäre gehörten, auf die grammatische Form

ausgerüstet zog

man

hinaus um

die tiefe

1*

4 1 1 r.l i; l>AS fiESCHLEClIT IX

DKN SPRACIIKX.

der Kede tl.irstellteii.

Wiewohl nun keine Sprache dem, was

die .Spraclie diesen Meinungen nach ausdrücken sollte, ganz

oder, um die Wahrheit zu sagen, im mindesten entsprach

(obgleich man erwartet liaben sollte, dass der menschliche

(Jeist in diesem unmittelbaren Produkt sich selbst treuer uml gleichmässiger abgespiegelt hätte als in den Resultaten der Wissenschaft), wurden doch häufig gewisse Sprachen dafür angesehen sich mehr als andere der richtigen Form zu nähern,

wobei mau sich nicht sonderlich darum bekümmerte, dass

andere Völker ebenso wahre Gedanken ausdrückten und ge-

genseitiges Verständniss erreichten in Sprachen, die der Theorie zufolge nicht im Ganzen oder Einzelnen minder be-

(juem, leicht oder wohllautend, sondern minder richtig und

naturgemäss gebaut wären, die also die Verhältnisse der Dinge, die Natur der Begriffe verkehren und verdunkeln müssten. Jene vollkoramneren Sprachen waren dann die-

jenigen, aus welchen die anscheinend a priori deducirten

Formen in der That stückweise genommen waren , diejenigen,

die am längsten Gegenstand einer wissenschaftlichen Behand-

lung gewesen waren und die auch sonst wegen der geschicht-

lichen Stellung der Völker und ihrer Litteraturerr einen Nim-

bus an sich hatten, zum Theil auch weil sie nicht länger das triviale Schicksal hatten alltäglich von Gebildeten und

Ungebildeten gesprochen zu werden. Es war nicht schwer

zu merken, dass das Merkmal imd Insiegel dieser einigen Sprachen beigelegten Vollkommenheit und wahren, natur-

gemässen Gestalt kein anderes war als ihr anscheinend künst-

licher Bau und ihr Reichthum an Biegungsformen, wobei

man mit einer merkwürdigen Unkenntniss oder Vergesslich-

keit oder Verläugnen besserer Einsicht übersah, dass noch

künstlichere und reichere Formsysteme bei Völkern gefunden

würden, die auf einer niedrigen Stufe von Geistesentwicke-

lung ständen und stets gestanden hätten, und ebensowenig

sich klar machte, was man denn eigentlich in den neuern,

aus jenen Xormalspracheu hervorgegangenen einfacheren Cul-

tursprachen mit Rücksicht auf Otfenbarunj; des Geistes oder

UEBER DAS GESCHLECHT IX DEN SPKACHEX.

O

der Natur und der Verhältnisse der Diuge vermisse.

Bei

dieser Verkehrtheit war es von geringem Einfluss auf die

Brauchbarkeit des endlichen Resultats, obschon von grossem

auf das Aussehen der Theorie, ob die Sprache als ein mit

Bewusstsein über die Begriffe und nach abstrakter Betrach-

tung der Verhältnisse, die bezeichnet werden sollten, zuwege

gebrachter Kunstbau aufgefasst oder ob sie, durch eine Ver- wechslung des Zusammenhanges und Ineinandergreifeus der Sprachtheile sowohl in der Ausbildung als in der Anwendung

und der Uuabhäugigkeit der Sprache von der Willkür der

Einzelnen durch ihre Stellung als Gemeineigenthum Aller

mit einem selbstständigen Organismus, als ein Wesen (ein

Naturprodukt) betrachtet würde, das sich mit wunderbarer

Schöpferkraft aus, man sieht nicht, woher stammenden, Wörter-

wurzeln in Wortklassen, Formen, Endungen nach logischen

Begriffsdifierenzen entwickelt habe (wie in K. F. Becker 's Buche ,, Organismus der Sprache'^), oder ob eine ebenso un-

klare Vorstellung von einer gewissen Völkern und Zeiten besonders verliehenen Gabe der ,, organischen Sprachbildung" eingemischt würde, durch welchen nicht weiter als durch

Hinweisung auf die vielen Formen und Biegungen erklärten

Namen gewisse Sprachen geadelt wurden, wie die indoeuro- päischen, vor allen das Sanskrit, von Fr. Schlegel, eine

Vorstellung, die sich gut mit gewissen unhistorischen Auf-

fassungen der Entwickelung des Menschengeschlechts in der

Welt vertrug. Eine nothwendige Folge war es dagegen, dass

man gemeinschaftlich zu einem ganz anderen Ziele gelangte,

als demjenigen, das anfangs aufgestellt war. Denn statt die

mannigfachen Ent Wickelungen der Sprache, die mit oft schwer

abzuschätzenden Abstufungen der Biegsamkeit imd Leichtig-

keit Geistern dienen, für welche dieselben Gesetze des Den-

kens gelten, verstehen zu lernen, musste man ei