Sie sind auf Seite 1von 4

Göttliche Klänge erobern um die Welt

Von Miriam Saha

Kirtan als eine musikalische Form von Yoga wird immer populärer

Kirtan“ und „Kirtan-Yoga“ gehören zu den neuen Zauberwörtern unserer pluralistischen Gesellschaft, in der persönliche Erfahrung und Bedeutsamkeit groß geschrieben werden. Wer sein Heil nicht in post-modernem philosophischem Subjektivismus sucht und in den Ritualen manch traditioneller Religionen nicht genügend Raum zur eigenen Verwirklichung sieht, kann im Erlebnis des in Indien beheimateten gemeinsamen spirituellen Gesangs eine wertvolle Bereicherung finden. Kirtan-yoga hat es bereits mehrfach in die Schlagzeilen der New York Times und anderer großer Presseorgane geschafft - als eine außergewöhnliche Erfahrung, die selbst für einen unerschrockenen Kosmopoliten eine besondere Herausforderung an sich selbst darstellt.

Der Begriff „Kirtan“ geht auf das Sanskrit-Stammwort “kirt” zurück, was soviel wie „benennen, anrufen, kommunizieren, feiern oder preisen“ bedeutet. Er hält bereits seinen Einzug in die englische Sprache, die sich viel schneller als das Deutsche Veränderungen anpasst. Aber auch im Deutschen wird das Wort immer bekannter und wird wohl bald keine Erklärung mehr brauchen. Ganz so, wie sich der Begriff „Yoga“ innerhalb der letzten 50 Jahre im Westen verbreitet hat und inzwischen in jedem deutschen Wörterbuch zu finden ist.

Kirtan ist eine eigene religionsübergreifende Musikgattung, die sich in der Regel in Form eines Wechselgesangs zwischen Vorsänger und Gemeinde abspielt. Dazu werden meist traditionelle indische Instrumente wie eine Mrdanga-Trommel, Handzimbeln und später das Harmonium verwendet, das britische Missionare ursprünglich in Indien einführten. Im zeitgenössischen westlichen Kirtan kommen noch verschiedene elektronische Begleitinstrumente hinzu. Der Phantasie und Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die Gesänge, oder Chants, sind in der Regel Sanskrit-Mantren, die sich aus verschiedenen Namen Gottes zusammensetzen und in unterschiedlichen Melodien wiederholt werden. Kirtan gibt es in schier unbegrenzt vielen Stilen, Rhythmen und Tempi, von getragen meditativ über mystisch versunken bis hin zu leidenschaftlich ekstatisch - je nach Stimmung der Beteiligten. Auch nach orthodoxer Hindu- Auffassung gibt es dafür keine festen Regeln.

Populäre Chant-Meister geben den Ton an

Vor 15 Jahren hierzulande nur Insidern bekannt, ist Kirtan nun auf dem besten Weg, in der westlichen Gesellschaft breite Akzeptanz zu finden. Das verdankt er nicht zuletzt solch populären Interpreten wie Krishna Das, den die New York Times als „Chant-Meister des Amerkanischen Yoga“ bezeichnet, Jai Uttal, Ragani, Karnamrita Dasi und anderen. Kirtan, so die New York Times, ist eine Form des uralten yogischen Chantens“ und ein „melodischer Weg zu spiritueller Glückseligkeit, der immer mehr an Popularität gewinnt. Organisierte Chant sessions, genannt

Kirtans, gibt es mittlerweile jede Woche in ganz New York.Ist dies nur eine vorübergehende Mode-Erscheinung, so mögen wir uns fragen, oder handelt es sich dabei tatsächlich um einen authentischen Ausdruck von universaler Spiritualität?

In nahezu allen spirituellen Traditionen haben religiöse Gesänge einen hohen Stellenwert. Sie sind ein natürliches Mittel, nicht nur weltliche, sondern auch spirituelle Emotionen auszudrücken. In den devotionalen Bhakti-Schulen Indiens ist Kirtan eine besondere Form von Yoga, also der Vereinigung mit dem Höchsten. Das Bhagavat-Purana, das wichtigste literarische und kulturelle Fundament des Hinduismus im Allgemeinen und die theologische Grundlage der Vaishnava- Traditionen im Besonderen, versteht unter Kirtan die Rezitation heiliger Namen, Texte, Gedichte und Lieder. Eine der am Häufigsten wiederholten Anweisungen in diesem klassischen Werk ist das Hören und Rezitieren der heiligen Namen, Aktivitäten und Eigenschaften des höchsten Herrn, sowie die meditative Erinnerung daran. Oft findet dies in der Form von Mantras statt.

Gesungene Mantras haben ihren festen Platz in den unterschiedlichen philosophischen Schulen Indiens. Selbst Patanjali, der Meister des Yoga, erklärt in seinen berühmten Yoga-Sutras (1.28), dass die Versenkung in Gott, also die Stufe des Samadhi, durch das wiederholte Chanten der Namen Gottes erreicht werden kann.

Verschiedene Namen für die höchste Person

In der ältesten bekannten Schrift der Menschheit, dem Rg Veda, wird der höchste Gott zum ersten Mal erwähnt. Sein Name lautet dort Vishnu, was soviel heißt wie „alldurchdringend“. Ein weiterer Begriff, der für ihn gebraucht wird, ist puru-huta” – derjenige, den man mit einer Vielzahl von Opfern verehrt. Aus dem Wortstamm hut(Opfer) leitet sich das deutsche Wort Gott ab. Desweiteren heißt es in den Hymnen des Rg Veda, dass Er einer ist, auch wenn Er mit unterschiedlichen Namen verehrt wird. Schon hier zeigt sich die breite, nicht-sektiererische Perspektive der Veden, die weder nur ein einziges Gottesbild noch einen einzigen gültigen Weg propagieren. In den Schriften der unterschiedlichen philosophischen Schulen Indiens gibt es noch eine Fülle weiterer Namen des höchsten Gottes, denen unterschiedliches Gewicht beigemessen wird.

In der monotheistischen Vaishnava-Tradition wird Vishnu - oder Krishna als eine andere Form desselben Gottes - als höchste transzendentale Persönlichkeit verehrt. Da er absolut und vollkommen ist, muss auch alles, was in direkter Beziehung zu ihm steht, absolut sein. Der heilige Name, eine rein spirituelle Klangschwingung, gilt daher ebenso absolut wie Gott selbst. Die Vaishnava-Schriften machen sehr deutlich, dass es keinen ontologischen Unterschied zwischen Gott selbst und seinem Namen gibt. Besonders eindringlich wird dies im Padma Purana erklärt, wo es heißt, dass Krishnas heiliger Name alle spirituellen Segnungen erteilt, da er Krishna selbst ist, die Verkörperung aller transzendentalen Freude. Er ist niemals durch materielle Qualitäten verunreinigt, sondern ewig spirituell und befreiend. Das Brhad-Visnu Purana versichert darüber hinaus, dass ein sündhafter Mensch einfach durch das Chanten eines der Heiligen Namen Gottes (Haris) die Reaktionen auf mehr Sünden aufhebt, als er in der Lage ist, zu begehen.

Chanten als das Ziel von Yoga

Im Brhan-naradiya Purana erklärt ein weiterer vielzitierter Vers, dass in unserem heutigen Zeitalter, das sich vorrangig durch Streit und der Heuchelei hervorhebt, der heilige Name des höchsten Herrn Hari der einzige Weg zur Selbstverwirklichung ist.

harer nama harer nama harer namaiva kevalam kalau nasty eva nasty eva nasty eva gatir anyath

Diese heiligen Namen können entweder individuell von dem Adepten für sich selbst rezitiert werden, was man als japa bezeichnet, oder aber in der Gemeinschaft anderer, was man als Kirtan oder Sankirtan (gemeinsames Chanten) bezeichnet. Durch das Rezitieren und Hören der heiligen Namen verbindet sich der Praktizierende also direkt und unmittelbar mit Gott und erreicht dadurch sehr leicht das Ziel von Yoga (wörtlich „verbinden“). Sri Krishna bestätigt dies in der Bhagavad-gita, indem er erklärt, dass er selbst von allen Opfern die Disziplin des japa verkörpert.

Über lange Zeit hinweg war in Indien das Rezitieren die heiligen Namen mit wenigen Ausnahmen nur der Klasse der Brahmanen vorbehalten, die Zugang zu den vedischen Schriften hatte. Dies änderte sich schlagartig im 16. Jahrhundert, als Sri Chaitanya Mahaprabhu - den Vaishnavas als Inkarnation Krishnas anerkennen - durch Indien reiste und den Krishna-Kirtan popularisierte. Er bewegte alle Menschen um sich herum, die heiligen Namen zu singen, allen voran den Hare-Krishna-Mantra: Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare. Daher gilt Sri Chaitanya als Namavatara, Inkarnation des heiligen Namens. Seitdem breitete sich Kirtan mehr und mehr aus, wurde mit anderen Formen von Yoga kombiniert und begleitete sie.

Kirtan goes West

Paramahansa Yogananda war 1923 einer der ersten Inder, die Kirtan in den Westen gebracht haben. Zu großer Popularität verhalf ihm jedoch erst A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, der 1966 in New York die Internatiale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISKCON) gründete, um Bhakti Yoga auf der ganzen Welt zu verbreiten.

In der Vaishnava Tradition ist das Rezitieren des Hare-Krishna-Mantras in Form des gemeinsamen Singens (Sankirtan) ein zentraler Bestandteil der spirituellen Praktik. Doch auch andere religiöse Gruppierungen haben die transformierende Kraft des Kirtans für sich entdeckt:

So gibt es Sikh- und Sufi-Kirtan, aber auch jüdischen und selbst buddhistischen Kirtan.

Kirtan ist keine Frage des intellektuellen Verständnisses sondern der Erfahrung. Das Ego mit seinen falschen Identifikationen, der Geist mit seinen Verhaftungen und Aversionen und der Intellekt, der durch Zeit, Raum und Kausalität beschränkt ist, können im Kirtan transzendiert werden. Durch das Eintauchen in die Klangschwingung richtet sich das Bewusstsein ganz von allein und natürlich auf den Höchsten.

Viele Menschen haben ihre Erfahrungen im Kirtan und die Kraft der heiligen Namen beschrieben, der sie sich öffnen. Die einen finden darin Ruhe, um neue Inspiration zu schöpfen. Andere erleben eine ekstatische Begegnung mit der Gottheit ihres Herzens.

Wohl kaum jemand hat diese Kraft schöner und treffender beschrieben als Bhaktivinode Thakur, einer der großen Vaishnava-Lehrer des 19 Jahrhunderts: „Es gibt kein Wissen, das so rein ist wie der Heilige Name, und es gibt kein Gelübde, das so mächtig ist wie der Heilige Name. Es gibt keine Meditation, die so wirkungsvoll ist wie der Heilige Name, und es gibt nichts zu erreichen, das besser wäre, als das, was man durch den heiligen Namen erhält. Es gibt keine größere Entsagung, als das Chanten des Heiligen Namens, und es gibt keinen größeren Frieden als den, den man durch den Heiligen Namen erfährt. In dieser Welt gibt es keine frommere Handlung, als den Heiligen Namen anzunehmen, und es gibt kein erstrebenswerteres Ziel, als dasjenige, das man durch den heiligen Namen erreicht, denn durch ihn erlangt man die höchste Befreiung, den höchsten Bestimmungsort und den höchsten Frieden.