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Ich meine, wenn du die Möglichkeit hast, zu sprechen,

wenn man dich fragt, ein Plakat, ein Buch oder eine Zeitung zu
machen, dann ist das eine große Verantwortung.
Es gibt sehr viele Leute, denen das Wort versagt bleibt,
die niemals reden, die man niemals nach ihrer Meinung
fragt. In der Öffentlichkeit zu Worte kommen, bedeutet also
eine große Verantwortung, die man würdigen muss. In einer
Welt, wo wir von Zeichen bombardiert werden, ist es viel-
leicht auch die Rolle von Gestaltenden, Antworten auf dieses
Bombardement zu geben, mit Bildern, die einen Sinn haben,
die das Auge reinigen, wie Roman Cieslewicz sagte.

(Siehe Seite 59)


Inhalt

5 Warum dieses Projekt

20 Grafik und Politik

25 Malte Martin

33 Les Graphistes Associés

43 fabrication maison


49 Salon de l’Ephémère

55 la fabrique d’images

59 Pascal Colrat

65 Nous Travaillons Ensemble

79 Le bar Floréal

85 Ne pas plier

97 Manfred Butzmann

103 Klaus Staeck

113 Linke Hände

121 Büro für Ungewöhnliche Maßnahmen

128 Impressum

3

Warum dieses Projekt

Engagement und Grafik - was soll das? heissen: linkes politisch und sozial engagiertes Gra-
fik- und Kommunikationsdesign, bzw. Gestaltung«
»Können wir nochmal über den Titel unseres Pro- – uff!!!
jektes reden?« ... »-Ja – aber Engagement ist doch
fast alles, ist doch auch die Callcenterfrau, die Abtei- Warum dieses Projekt?
lungsleiterin werden will, ist doch auch der Hacker,
der Sicherheitsmängel für e-commerce aufzeigt, Weil wir einen Ort schaffen wollen, wo wir unsere
der Verkäufer, der die letzten schimmligen Bananen Fragen und unser Interesse zum Verhältnis von Gra-
noch vor Feierabend lostreten will und nicht zuletzt fikdesign und Politik zum Austausch bringen kön-
die Einheit 23 der Berliner Bereitschaftspolizei, die nen.
mit viel Engagement den DemonstrantInnen die Unsere Projektgruppe spiegelt unterschiedlichste
Köpfe massiert«-... »Dann setzen wir halt vor Enga- Zugänge zum Thema wider: einige, die eher aus der
gement linken Polit-Szene kommen und mit Grafikdesign
einfach noch politisches, damit ist die Richtung bislang kaum Berührung hatten, sind ebenso Teil
doch klar!« ... »Hhhmm, naja – aber einige von den dieses NGBK-Projektes, wie GrafikerInnen oder sol-
Sachen, die wir in der Ausstellung haben, sind doch che, die beides schon seit Jahren verbinden. Uns
eher als soziales Engagement zu begreifen, oder?« gemeinsam ist das Interesse an der »Politik der Bil-
... »Dann wären wir also bei politisch/soziales Enga- der«, bzw. dem Verhältnis von visueller und politi-
gement und Grafik« ... »Politisch engagiert scher Praxis im Zusammenhang mit gesellschaft-
sind auch die Rechten!« – »Und wie ist das jetzt mit lichen Auseinandersetzungen. Wir machen das
Design, das ist doch auch total schwammig, oder?« Projekt also, weil es uns selbst betrifft, und weil
... »-Ja, Design ist auch wieder alles und nichts: vom wir Lust darauf haben. Resultierend aus unseren
Bauhaus über die Zahnbürste und die Kaffeema- eigenen Erfahrungen an der Schnittstelle zwischen
schine, die Sonnenbrillen hin zum Auto, mal abge- gestalterischer und politischer Arbeit, haben wir
sehen von Gentech-Designern oder so!«-... »Design es deshalb für nötig und sinnvoll erachtet, die Dis-
sells!« ... »Und Grafik – das trifft es doch auch wieder kussionen darum für uns und andere Interessierte
nicht ganz, uns interessiert doch primär das Sozia- zugänglich zu machen, sie zu organisieren.
le, Kommunikative an den Sachen?« ... »Ja – keine
Verpackung, kein Anstreichen oder Schönmachen In der deutschen Linken, in den politischen Szenen
und dass Grafik nicht Selbstzweck sein sollte, dass (seien es nun autonome Gruppen, Initiativen, Kam-
es sowas wie Verantwortung gibt, die Leute haben, pagnen, Basisgruppen, etc.) stellt sich die Situation
die Gestaltung betreiben, die Bilder in diese Welt für uns so dar, dass es auf der einen Seite in den
setzen« ... »Und wie nennen wir nun das Projekt?« letzten Jahren eine verstärktes Interesse an Kul-
... »Hhhhmm, naja, jetzt müsste es dann eigentlich tur, bzw. kultureller Produktion gibt und sich dazu

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Warum dieses Projekt

analog auch der visuelle Ausdruck dieser Szenen Weise sozialkritischer Themen. Die Verschmelzung diese Bilder gesellschaftliche Verhältnisse in Frage
gewandelt hat. Auf der anderen Seite gibt es in von alltäglicher Praxis, von öffentlichkeit und Markt stellen. Mit diesem Projekt wollen wir einen
Bezug auf »linke Gestaltung« eine gewisse Orien- hat zur Folge, dass Werbung stärker politisch oder Bezugspunkt für Leute, die sich für diese hier kurz
tierungs- und vor allem Sprachlosigkeit, die sich in sozial erscheint – Benetton ist da sicherlich nur die skizzierte Fragestellung interessieren und mit ande-
einem Verständnis von Grafik ausdrückt, welches exponierteste Erscheinung – und Politik in zuneh- ren in einen Austausch treten möchten, schaffen. Es
sich als »Schönmachen« oder schlimmer noch als mendem Maße zu Werbung wird. geht uns darum, einen Gestaltungsbegriff zu fin-
Verkaufen im Sinne von Marketing für linke Inhalte Eine kontinuierliche politische Kritik an Werbung, den, der sich als gesellschaftlich verantwortlich ver-
begreift. Das Kopieren von Werbestrategien ist lei- Mediendesign oder auch Informationsdesign steht, der sich gegen das derzeitige, in Trend und
der keine Ausnahme. scheint den »Kreativen« in Fachzeitschriften, Gra- Markt eingebettete Designverständnis stellt.
fik Design Festivals, Konferenzen oder Symposien
Es wird bei der Produktion von Zeitschriften, Bro- und Wettbewerben selbst überlassen zu sein, fin- Unser Projekt
schüren, Magazinen und Plakaten mehr Wert auf det jedoch nur peripher statt, da es zum groflen Teil Atelier Populair während der Studentenrevolte, Mai 1968
Grafikdesign gelegt, um so mehr man glaubt, dass um Selbstinszenierung und Selbstvergewisserung Um unser gesammeltes Material einem grösseren
man durch Inhalt allein kein Land gewinnen kann, geht. Interessant wäre es, sich vorzustellen, dass es Kreis von Leuten zur Verfügung zu stellen, um auf
dass man die »Leute nicht erreicht«. Die Anliegen neben der Kunst- und Kulturkritik in den Zeitungen der einen Seite einige sozial und politisch enga-
und die dahinterstehenden Gruppierungen müs- und Magazinen auch eine feste Rubrik der Kritik an gierte Grafikateliers aus Frankreich und ihre Arbeit
sen sich anscheinend zunehmend verkaufen und der »angewandten Kunst« (Design) geben könnte. vorzustellen und auf der anderen Seite konkrete
scheinen auch weniger vermitteln oder erklären zu Intervention zu initiieren und um einen kontinuier-
wollen, sondern eher der Verkaufslogik hinterher Was tun, wenn man also nicht gerade aufs »Gipfel- lichen Diskussionsrahmen zu ermöglichen, haben
zu rennen. Grafikdesign wird nach einem solchen treffen der europäischen Designszene«, die »Typo- wir das Projekt in vier Teile gegliedert:
Verständnis zu einer Anstreicher-, Einpacker- und Konferenz« von Fontshop gehen möchte und über
Schönmacherveranstaltung, die die Oberf läche 1000,– DM (!) Eintritt zahlen will, ohne einen politi- 1. dieses Buch
und den Reiz bedient. schen Nutzen davon zu haben und einen die übri- 2. eine Ausstellung
gen Designveranstaltungen, Festivals und Wettbe- 3. eine Plakataktion
Die Welt der Werbung ist sicherlich die prägen- werbe als Nabelschau-Events eher langweilen? Es 4. eine Veranstaltungsreihe
de Gröfle für den Mainstream-Designbegriff, bzw. ist für Design-Interessierte schwer, den Ort des Dis-
die Vorstellungen darüber. Bei Grafikdesign wird kurses zu finden, der gesellschaftliche Verhältnisse Warum der Bezug auf Frankreich?
schnell an Werbung gedacht, was sicherlich auch und Gestaltung in ein Verhältnis setzt.
nicht verwunderlich ist, weil die meisten Grafike- Frankreich erschien uns interessant, da dort die Stu-
rInnen in der Werbung im weitesten Sinne tätig Soweit so schlecht – aber wie kann eine visuelle dentInnenrevolten von 68 und die daraus entstan-
sind. Und dass in der Werbung auch sehr gute Gra- Praxis aussehen, die sich in einer positiven Abhäng- dene Gruppe Grapus bis heute einen starken Ein-
fikerInnen und BildproduzentInnen am Werk sind, igkeit, sprich Engagement, zu politischen Kämpfen fluß auf das französische Grafikdesign haben. Wenn
merkt man an sich selbst, wenn man blättert, die versteht? Wie sehen Bilder aus, die die dominanten auch diese »Grapustradition« heute eine recht klei-
Straße langgeht, fern sieht oder sich gerade neue gesellschaftlichen Diskurse und seine Wertigkeiten ne Szene im gesamten Feld des Grafikdesigns in
Unterwäsche kauft. Gerade deswegen mufl man die in Frage stellen? Frankreich ausmacht, ist das Verständnis um Grafik-
Frage aufwerfen, warum ein grofler Teil der »Kre- design historisch an ein linkes Projekt gekoppelt.
ativszene«, die aus Grafik-, Kommunikations- und Wir denken, dass sich die Mühe lohnt, immer wieder Die von uns Interviewten »repräsentieren« eine
MediendesignerInnen besteht, täglich soviel visu- Bilder zu entwerfen, die »alte Gewissheiten« in Fra- kleine Gruppe französischer Grafikateliers und
elle Scheifle produziert, dass man gar nicht soviel ge stellen oder in eine neue Lesbarkeit bringen, deutscher GrafikerInnen, denen gemein ist, dass
kotzen kann, wie man kaufen sollte. die versuchen, das Soziale wie das Kulturelle ein solches Selbstverständnis die Grundlage ihrer Grapus Austellungsplakat 1982
gleichermaflen politisch zu beleuchten und politi- Arbeiten ist. Dieses Buch als Teil des Projektes ver-
Werbung ist schon lange mehr als Reklame im Sin- sche Inhalte visuell zu stärken. Es gibt keine linke sucht, Erfahrungen, Niederlagen, Konzepte und
ne von Produktanpreisung, Imageproduktion und ästhetik, es gibt nur unterschiedliche Kontexte, in Arbeitsmodelle aus erster Hand weiterzugeben. Die dazu geeignet sind, in Deutschland und anderswo
Lifestyle. Sicherlich sind klassische, z.B. reaktionäre, denen man mit visuell gestalteten Inhalten kritisch hier zu Wort kommenden Gestaltenden sind nur diskutiert, korrigiert, weiterentwickelt und umge-
sexistische Bilder nach wie vor ein gewichtiger Teil. intervenieren kann. eine kleine Auswahl all jener, die sich auf die eine setzt zu werden. Denn all die Theorie scheint uns
Aber Bilder, die vermeintliche Progressivität simu- oder andere Weise mit dem Themenkomplex Grafik letztendlich überflüssig, wenn sie nicht aufgegriffen
lieren, die sich also durch Unkonventionalität, Diffe- Uns geht es demzufolge nicht um »schön« und die und Politik auseinandersetzen. und in der Praxis gestaltet wird.
renz und Kreativität auszeichnen, stellen eine neue Definition einer linken Ästethik und schon gar nicht Die entstandenen Texte und Interviews, wie auch Wir hoffen mit dem vorgelegten Material einen
Qualität dar. Unserem Verständnis nach sind dies um »neu«. Vielmehr interessiert uns die Frage das gesamte Projekt, sind Ergebnisse langjähriger Katalysator dafür zu liefern.
keine sozialen Bilder, gerade weil sie in unser alltäg- nach dem Verhältnis von Grafik und Politik unter Diskussionen, vieler Treffen und daraus entstande- So wie die hier versammelten Interviews Material in
liches Leben eingreifen und es damit zwangsläufig Aspekten ihres sozialen und kommunikativen ner Freundschaften. Bei der Auswahl des Materi- Textform darstellen, will die Ausstellung Beispiele
immer wieder an Marktinteressen rückkoppeln. Sie Gehaltes. Uns interessiert der gesellschaftliche Kon- als setzten wir den Schwerpunkt auf modellhafte aus der Praxis dieser Grafikateliers zeigen. Da die
bedienen sich lediglich in kokettierender Art und text, in dem Bilder stehen und wirken und wann Erfahrungen der Grafikgruppen, die hoffentlich Ausstellung zum Redaktionsschluss noch nicht

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Warum dieses Projekt
»Verteidigt die Plakate«

Unser Ausstellungsmodell für die Räumlichkeiten in der NGBK

realisiert ist und dementsprechend nicht fototech- aufzuzeigen, erlebbar zu machen und die Flächen
nisch dokumentiert werden kann, haben wir uns für kurze Zeit politisch zu besetzen.
entschlossen, die ausgestellten Projekte so gut wie
möglich vorzustellen. Offiziell zu mietende Hintergleisflächen in der U-
und S-Bahn und »City-Lights« (beleuchtete Glaskäs-
Ausreichend Platz und Gelegenheit zum Austausch ten in U-Bahnhöfen), sowie »wilde« Plakatflächen
und zur Diskussion soll durch Ausstellungsrund- sollen parallel beklebt werden. Während erstere
gänge mit den französischen GrafikerInnen, einer primär aus Kosten, aber auch aus politischen und
Veranstaltung zum Thema Arbeit – Macht und Poli- ideologischen Gründen vorwiegend der
tik, Arbeitsverhältnisse im Wandel sowie einer Dis- Produktwerbung vorbehalten sind, gehören poli-
kussionsveranstaltung mit Grafikkollektiven über tisch engagierte Plakate auf »wilden« Plakatflächen
den Kampf um die Arbeit mit Bildern gewährleistet in einigen Bezirken von Berlin (noch) zum Stadt-
sein. bild. Da die Rezeption und Bedeutung von Plaka-
ten und Bildern stark durch die jeweiligen Kontexte
Die Plakataktion bestimmt werden und gleichzeitig Bilder Wahrneh-
mungenverändern, stellt sich die Frage nach den
Es ist offensichtlich, dass die überwiegende Mehr- wechselseitigen Abhängigkeiten.
zahl der Bilder im öffentlichen Raum marktorien-
tierte und produktbewerbende sind. Diese Bilder Thema Arbeit
sind insofern politisch, als dass sie ein Gesellschafts-
modell vehement suggerieren, das zumeist auf Sau- Der Kontext des 1. Mai, um den herum die Plakatak-
berkeit, Perfektionismus, Konsum und Konkurrenz tion stattfand, war Anlaß, das Thema Arbeit in den
basiert, selbst wenn es sich progressiver Aussagen Vordergrund der Aktion zu stellen. Die Gründe dafür
bedient. Dem stehen Bilder gegenüber, die mit sind natürlich weitreichender: Arbeit stellt eine ent-
kulturellem, sozialem und politischem Anspruch scheidende politisch-soziale Kategorie dar, die zur
gesellschaftliche Verhältnisse anders darzustellen Zeit einen grundlegenden Wandel durchläuft. Die-
versuchen. ses Terrain ist heiß umkämpft,und die Antworten
darauf sind eine Mischung aus alten Rezepten und
Da der öffentliche Raum und die darin stattfindende neoliberalen Zukunftsvorstellungen. Forderungen
Kommunikation ein zentraler Punkt in der politi- nach gesicherten Arbeitsplätzen, Renten und Tarif-
schen Gestaltung ist, soll dieser Teil des Projektes löhnen wirken anachronistisch gegenüber dem
auf der Straße stattfinden. sich immer stärker durchsetzenden Modell des fle-
xiblen Jobs für junge, dynamische und erfolgreiche
Im Hinblick auf Schlagworte, wie »Privatisierung AufsteigerInnen, das Erfolgschancen für alle sugge-
von öffentlichem Raum«, »Sauberkeit«, »innere riert.
Sicherheit«, »Ausgrenzung« ist es unser zentrales
Anliegen mit dieser Plakataktion zu fragen, wem Während traditionelle Arbeitsformen und -plätze
der öffentliche Raum und die visuelle öffentlich- zunehmend abgebaut werden, entsteht ein immer
keit gehört – und die Frage einfach mit einem klaren größer werdender Dienstleistungssektor, der zu
»uns« zu beantworten. Auch geht uns dabei darum, einem großen Teil aus prekären, nicht arbeitsver-
verschiedene Distributionsverfahren politischer traglich abgesicherten Arbeitsplätzen besteht.
Grafik und deren Wirkung im öffentlichen Raum Massive Bereitschaft zur Selbstausbeutung und die

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Warum dieses Projekt
Tagesspiegel vom 15.4.1999

11.3.2000 Treffen aller an der Plakataktion Beteiligten in Berlin

Auflösung der Trennung zwischen Arbeit und Frei- Fabrique d’images, Nous Travaillons Ensemble, le
zeit sind Folgen davon. bar Floréal, Pascal Colrat, Les Graphistes Associés,
Dieser Wandel zeigt sich auch in der zunehmenden Linke Hände, Klaus Staeck, Marely Stroux, Man-
Erwerbslosigkeit, die u.a. Folge der Effektivierung fred Butzmann, Druck machen!, Martin Klintworth,
von Produktionsverhältnissen, Monopolbildung, Umbruch Bildarchiv, Virginie Legrand, Kerstin, Jana
aber auch der zunehmenden Selbstverständlich- und Peter Beyer, Thomas Finke, Che Guevara, Asi-
keit von Frauenerwerbstätigkeit ist. an Dub Foundation, Samira, Alex und Robert Jor-
Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung nun dan, Matthias Gubig, Solarpraxis Supernova AG,
für politische Artikulation und Widerstand? Wäre es Patricia Couderc, Michael Schramm, Odile Kennel,
z.B. sinnvoll, für eine Neubewertung des Verständ- Pierre Bernard, François Miehe, Dorothée Billard,
nisses von »Arbeit« zu kämpfen, d.h. vor allem im Maïté Vissault, Ana Marcos, den großen Bedur-
Hinblick auf gesellschaftlich nicht anerkannte, unbe- ke (Schnuggi), der großen Herbstaktion, Günter
zahlte Arbeit wie Beziehungsarbeit und Hausarbeit und Qamar Kaltenborn, Metrogap, www.claravis-
oder »Arbeit« insgesamt in frage zu stellen und das ta.de, Sybille Schubert, Sebastian Haunnss, Imma
Recht auf Faulheit neu einzufordern? Harms, Axel den Hausmeister vom Mehringhof und
Das alles sind nur Stichpunkte aus diesem immer Harald von der FFM, den PlakatiererInnen, face it!,
stärker alle Lebensbereiche tangierenden Diskurs. WG Yorck Dritte (früher Links, jetzt hinten), Squat
Jedoch wird diese Auseinandersetzung nicht nur Marachais (Paris), Geschäftsstelle NGBK, den Polit-
diskursiv, sondern auch visuell geführt, und an die- combos, die die Kohle auftreiben für die Plakate
sem Punkt wollten wir mit unserem Projekt inter- die wir gestalten dürfen (müssen), alle Ex-Zusam-
venieren. Politisch und sozial engagierte Grafike- men Gestalten, Fabian, Sonja, Claire, Tanja, Skalit-
rInnen und Grafikgruppen – Klaus Staeck, Manfred zer WG, Hannah, Hartmut, Nadja, Mama und Papa,
Butzmann, Druck Machen!, Umbruch Bildarchiv, Huni, Rebbi+Evy+Susi, Raulito, Peter und Kerstin
Martin Klintworth, Linke Hände, Marily Stroux und und Jana Beyer, Samira, Minu, Richard, Ina, Hae Lin,
– gestalteten Plakate, an denen die Komplexität Rebbecca, Holger, Sandy, Ralf, Silke, Jörn, Anja, Stef,
des Themas durch die teilweise sowohl Matti, Hannah, Katrin, Knut, Kerstin, Tanja, Jochen,
formal als auch inhaltlich sehr unterschiedlichen Udo, Romin, Vivien, Stefan, Ale, Lucia + Werner,
Zugänge deutlich wurde. Tony Creadland, Rainer Ernst und alle anderen…
Die Illegalisierung von Flüchtlingen und die oft
damit zusammenhängende Mittellosigkeit, das
gesellschaftlich vermittelte Konzept des »Traum-
jobs« oder der Arbeitsbegriff überhaupt sind nur
einige der Aspekte, anhand derer versucht wurde,
gestalterische Kritik, bzw. Gegenbilder zum herr-
schenden Diskurs zu entwickeln. Auf den folgenden
Seiten werden diese acht Plakate dokumentiert.

Projektgruppe »engagement & grafik« –


Frühling 2000
Danksagungen:

Philippe Chat, Fabrication Maison, Malte Martin,

11
Plakataktion
Martin Klintworth Marily Stroux & Peter Bisping

12 13
Plakataktion
Klaus Staeck Umbruch Bildarchiv

14 15
Plakataktion
Druck machen! Manfred Butzmann

16 17
Plakataktion
Druck machen! Linke Hände

18 19
Grafik und Politik

Grafik und Politik betrachtet und respektiert wird. Der Grafiker ist ein Da wir in unserer Gesellschaft momentan eine nen, ist es wichtig, sich die Gesamtheit der existie-
Intellektueller und als solcher ein Handwerker mit Zunahme der Diskurse beobachten (Okkupation renden Bilder vor Augen zu führen.
Überlegungen über die Welt und die Gesellschaft. der Fläche als Träger von Werbeinformationen, Da die Bilder der Produktwerbung und der Massen-
Was sind GrafikdesignerInnen? Sein Werkzeug ist die Beherrschung des Sinns, den Fernsehgeräte in Empfangs-, Wartehallen und Bars, medien in Produktionsqualität und Sendefrequenz
Obwohl der Designberuf im Allgemeinen in den er seinen Bildern und Zeichen gibt.« (M.-Loyau in: Radiobegleitung in Supermärkten, Metrostationen alle anderen visuellen Äußerungen übertrumpfen,
letzten Jahren für viele an Sozialprestige gewon- »parce que« les cahiers du SNG Nr.1.) und Hoteltoiletten-…) ist es nur konsequent, den kann man bei ihnen von dominanten Bildern spre-
nen hat und es als außerordentlich hip gilt, zu den Dialog zu fördern, da er ein geeignetes Mittel ist, chen. Diese bedienen vorrangig diskursive Kommu-
»Kreativen« zu gehören, ist nicht vielen Menschen Dialog als Gestaltungsprinzip Menschen zusammen zu bringen. Dieses Bemühen nikation und sind Ausdruck von Machtbeziehungen
klar, was Grafikdesign eigentlich ist. Die in den folgenden Interviews näher betrach- beobachten wir bei den meisten Grafikateliers in in der Gesellschaft.
Für GrafikdesignerInnen ist diese Begriffsbe- teten Ateliers verwenden einen großen Teil ihrer Frankreich, die Dialoge in ihre Arbeit einbeziehen »Macht« wird hierbei nicht als Regierungsmacht,
stimmung nicht nur dann von Bedeutung, wenn es Arbeit darauf, in gesellschaftliche Prozesse einzu- oder diese provozieren. So werden z.B. die Bilder die die Ordnung im Staat garantiert, verstanden.
um Akzeptanz und Honorierung geht, sondern vor wirken und diese mitzubestimmen. der Gruppe les graphistes associés in sehr kleinen Sie ist keine Unterwerfungsart, kein allgemeines
allem, wenn sie von den Auftraggebenden erwar- Ein wesentliches Mittel dazu ist bei fast allen der Auflagen produziert, danach mit den Betroffe- Herrschaftssystem einer Gruppe gegen die Ande-
ten, dass diese die spezielle Kompetenz der als poli- bewusste Umgang mit der Kommunikation, wel- nen diskutiert und eventuell korrigiert, bevor sie ren, sondern eine Vielfalt von Kräfteverhältnissen.
tisch bewussten und konzeptionell arbeitenden ches als bindendes Element zwischen den Men- in höherer Auflage gedruckt werden. Ateliers wie Insofern soll sie nicht als unerschütterliche Einheit
Gestaltenden anerkennen und sich dementspre- schen eingesetzt wird. Das diese Ausdrucksweise Nous Travaillons Ensemble und la fabrique d’images gesehen werden, sondern als der Gesamteffekt
chend die Zusammenarbeit gestaltet. nicht selbstverständlich ist, liegt auf der Hand, begnügen sich nicht damit, hübsche Logos oder aller Machtzustände und Verkettungen, als »etwas,
F.-Seitz liefert uns zur Bedeutung des relativ jungen wenn man sich die Kommunikationsstrukturen Plakate zu machen, wenn sie Aufträge von Stadt- das sich von unzähligen Punkten aus im Spiel unglei-
Begriffs des Grafikdesigners folgende Definition: gängiger Medien genauer ansieht. verwaltungen erhalten. Sie sehen ihre Aufgabe vor cher und beweglicher Beziehungen vollzieht.« (Ver-
»Grafik-Designer planen, entwerfen und realisieren Vilém Flusser hat dazu eine praktikable Theorie allem darin, die BewohnerInnen anzusprechen und gl. M.-Foucault »Sexualität und Wahrheit-1: Der Wil-
Mitteilungen. Sie nutzen dabei pragmatisch-ästhe- über die Modelle menschlicher Kommunikation zum Sprechen zu bewegen, die sozialen Probleme le zum Wissen«, Suhrkamp, Frankfurt-/-M, 1983)
tische Spielräume, die über das bildnerische Vorge- erarbeitet. Er unterteilt die Kommunikation in zwei aufzudecken und den Menschen Mittel in die Hand Unternehmen wie die Walt Disney Company, Time
hen und – für die Empfänger ausschließlich – über prinzipiell verschiedene Funktionsmuster, die sich zu geben, diese zu kommunizieren und zu bewäl- Warner oder Microsoft sind heute viel mächtiger
das Sehen erfahren werden. Es handelt sich dabei aus dem Informationsfluss zwischen Sender und tigen. Oft wird das Mittel der Reportage genutzt, und einflussreicher als früher Ford und Rockefell-
um organisierbare Eindrucksqualitäten, die als Zei- Empfänger ergeben. wie in den Fotoarbeiten der Gruppe le bar Floréal. er, da sie nicht die materiellen Güter, sondern die
chen aufgefasst werden und so zur Realisierung Demzufolge beschreibt er diskursive Kommunikati- Interviews werden geführt, Schreibateliers eröffnet, Informationen, Bilder, Symbole und Ideen dieser
von Mitteilungen führen. Sie bilden Darstellungen on als jene, die der einseitigen Verteilung von Infor- Grafikerinnen arbeiten mit Schriftstellern, Arbeits- Welt kontrollieren. Und das sie diese Machtinstru-
und Appelle, die auf unterschiedlichen Ebenen der mationen dient. Klassische Beispiele diskursiver losen und Soziologen zusammen. Fotografinnen mente nicht wie selbstverständlich in den Dienst
bewussten Zuwendung wahrgenommen, verstan- Kommunikation sind Fernsehen, Radio, Zeitungen, mit Lehrern mit Philosophinnen, Kindern, Gewerk- eines wie auch immer gearteten Allgemeinwohls
den und gedeutet werden. Besonders die visuellen hierarchische Betriebsstrukturen und Diktaturen. schaftlern-… stellen, versteht sich von selbst, da sie nach der
Eindrücke eröffnen ausgedehnte Möglichkeiten der Demgegenüber stellt Flusser das Modell der dia- Ohne das Resultat zu schmälern, tritt oft der Logik des Marktes funktionieren.
Einwirkung auf das kognitive und affektive Verhal- logischen Kommunikation. Diese dient dem Aus- Arbeitsprozess in den Vordergrund und damit der In Anbetracht der gigantischen Umsätze (Jah-
ten der Empfänger. Deren Eindrucksempfänglich- tausch und der Synthese von Informationen. Medi- Dialog. So gehört vielleicht zu den konsequentes- resumsatz 1996 der Walt Disney Company: ca. 19
keit, Interesse und Neigung können so zielstrebig en dialogischer Kommunikation sind: Kaffestuben, ten Blühten dieser Dialogkultur der Verein ne pas Mrd Dollar, geschätzter Wert des Unternehmens:
zu bestimmten Verhaltensreaktionen gelenkt wer- Marktplätze, Parlamente oder runde Tische. plier, der in seinen Strukturen fachübergreifende ca. 50 Mrd Dollar) und den weitverzweigten Kom-
den. Die pragmatisch-ästhetischen Spielräume sind Durch ihren eindimensionalen Charakter ist dis- Diskussionsrunden zu sozialen, ökonomischen und munikationsnetzen, die sich in den Händen weni-
also für unterschiedliche Einwirkungsmöglichkei- kursive Kommunikation also tendenziell konstitu- politischen Problemen ebenso ermöglicht, wie ger Konzerne befinden, wird klar, dass es bei den
ten erschließbar.« Wenngleich die Mehrzahl der ierend, da sie die Verbreitung der Informationen, direkte Arbeit in politischen Gruppen oder die mas- Medien nicht allein um Informationsverteilung zur
Aufgaben und Aufträge im Bereich der Wirtschafts- nicht aber die wechselseitige Auseinandersetzung senhafte Verteilung politischer Bilder und Texte auf Berichterstattung und Unterhaltung geht, sondern
werbung liegen, »sind für die generelle Kennzeich- mit ihnen vorsieht. Sender und Empfänger sind Demonstrationen durch die Mitglieder des Vereins. vor allem um die Förderung der eigenen Unterneh-
nung des Berufsbildes gerade die verbleibenden zwei Pole eines Machtverhältnisses, wobei alle men.
Prozentanteile des genannten Aufgabenfeldes von wichtigen quantitativen und qualitativen Entschei- Bilder und Macht In den Gesprächen mit Vincent Perrottet von les
Belang«. (F.-Seitz im »Rahmenplan zum Hochschul- dungen vom Sender gefällt werden. Der Empfän- Die Arbeit der GrafikerInnen unterscheidet sich graphistes associés und Gérard Paris-Clavel von ne
studium Grafik-Design«, herausgegeben vom BDG ger steht der empfangenen Botschaft insofern ver- also von der der klassischen HandwerkerIn darin, pas plier wird klar, dass sich die GrafikerInnen dieses
1974) antwortungslos gegenüber, als dass er über keine dass ihre Produkte vorrangig informell sind. Sie Problems bewusst sind. Sie sehen, dass die Medien-
Ein weiterer, zur KünstlerIn hin vermittelnder Defi- direkte Antwortmöglichkeit innerhalb desselben sind beteiligt an einem Prozess, der eine zentrale und Werbebilder ein Bild von der Gesellschaft prä-
nitionsversuch sei hier von M.-Loyau zitiert: »Der Mediums verfügt. Diese Situation finden wir ins- Stelle in Kultur, Bildung und Politik einnimmt. Sie gen, das auf Konsum und Konkurrenz beruht und
Grafiker ist ein Künstler, ein Autor und Urheber von besondere den Werbebildern gegenüber wieder, selektieren, modifizieren und produzieren Infor- die Menschen isoliert. Eben daraus aber wächst
Bildern und Kommunikationsträgern und nicht ein- die sich uns an den unerwartetsten Orten auf- mationen, die geeignet sind, das gesellschaftliche ihr Antrieb, alternative Bilder zu produzieren und
fach nur Mitteilungen. Seine Vermittlung erlaubt drängen, uns Ihr Weltbild verkaufen wollen, ohne Bewusstsein zu beeinflussen. Damit nehmen sie anders zu kommunizieren. Wenn sich die Beiträge
die Identifizierung des Senders und seiner Persön- dass wir wirklich etwas gegen diese oft unbeliebte aktiv an Machtprozessen teil. in diesem Sampler mit Formen dieses alternativen
lichkeit und also einen Kontakt mit dem finalen Geschwätzigkeit unternehmen oder gar inhaltlich Um die Arbeiten der politisch engagierten Grafiker- Gestaltens, im visuellen und gesellschaftlichen Sin-
Empfänger, der als verantwortliches Individuum auf sie antworten können. Innen im gesellschaftlichen Kontext werten zu kön- ne, befassen, sollte den LeserInnen bewusst sein,

20 21
Grafik und Politik

dass es sich hierbei um Ausnahmen des Grafik- Der öffentliche Raum aus diesem Grund, weil es sich um ernstzuneh- Zeit ein Vetorecht genießen, andererseits werden
designs handelt, die im gesamtgesellschaftlichen Wie bereits erwähnt, ist eine der zentralen Fragen, mende Probleme handelt, müssen sie bewältigt nicht bezahlte, nicht offizielle, individuelle Bilder
Kontext leider nur kleine Tropfen auf dem heißen die sich GrafikerInnen immer wieder stellen, die werden. Die Antworten aus der Logik des Privatei- ausgegrenzt, entfernt und kriminalisiert. (Tags,
Stein sind. Frage nach der Wirksamkeit bestimmter Kommu- gentums sind aber keine Lösungsansätze, sondern »wilde« Plakate, Graffitis)
nikationsformen. Warum scheint es seit Jahrzehn- schlichte Verdrängungen der Probleme. Die Ver- Der öffentliche Raum ist also jener Bereich, in denen
Verantwortung ten unter den politisch engagierten GrafikerInnen fahrensweisen sind in in den europäischen Städten Meinungen zu Interessen verdichten. Er ist unver-
»Sich vor gesellschaftlicher Verantwortung zu drü- das Dogma zu geben, auf der Straße agieren zu etwa gleich. Es geht darum, die Attraktivität der zichtbar für die Meinungsbildung und schließlich
cken halte ich für sehr unkünstlerisch, weil jede Art müssen? Diese Prägung geht bei den meisten, mit Innenstädte zu heben, erwünscht ist nur, was zum für die Ausübung von Demokratie im Staate. »Diese
von Distanz eigentlich gegen den Künstler spricht, denen ich mich unterhalten durfte, soweit, dass sie Konsum führt oder diesen unterstützt. Dies geht Öffentlichkeit ist gebunden an die Medien, an die
der sich ja mutig den Tatsachen stellen sollte.« Galerien und Museen extrem skeptisch gegenü- soweit, dass die Unternehmer nur jene als Bürger Informations-, Kommunikations- und (Selbst)-Dar-
(Milan Kunk, in: »Ansatzpunkte kritischer Kunst«, berstehen, da sie nicht glauben, ihre Botschaften ansehen, die konsumieren. Verdächtige Personen, stellungsmöglichkeiten von Individuen, Gruppen
Bonner Kunstverein, 1983) könnten sich auf sinnvolle Weise fortpflanzen kann. wie Hütchenspieler, Obdachlose, Bettler, Straßen- oder sozialer Systeme.« (M.-Faßler »Was ist Kommu-
Zusammenfassend kann man sagen, dass in der »Ein politisches Plakat gehört auf die Straße!« händler und Drogenkonsumenten werden mit nikation«, Wilhelm Fink Verlag, München, 1997)
Möglichkeit, Informationen zu produzieren und zu Der öffentliche Raum, um den es hierbei geht, Platzverweisen und Hausverboten verfolgt. Eine Die Frage, wer welche Informationen auf welche
verteilen, ein entscheidendes Machtpotential liegt, dient zunächst erstmal als Treffpunkt für die Bürger. gängige Praxis dabei ist das Abtransportieren in Weise weiterleiten darf, ist auch hier eine entschei-
das in verschiedenster Weise, bewusst oder unbe- Er ist Raum für außerfamiliäre soziale Kontakte in entlegene Vorstädte. dende. Medien und Öffentlichkeit sind also freie
wusst, genutzt wird. Dabei sind GrafikerInnen nicht dem man frei aufeinander zugehen kann. Er ist ein Die Folgen sind klar absehbar. Der privatwirt- Machtbereiche. Die schrittweise Privatisierung von
immer am Ursprung dieser Prozesse, da sie nicht politischer Raum und stellt die Möglichkeit für Bür- schaftliche Einf lussbereich in gesellschaftliche Medien, also die Auflösung des staatlichen Nach-
immer in der sinngebenden, oft aber in der sinnil- ger dar, Meinungen zu verbreiten, Anhänger und Belange wird zunehmend größer. Die sozialen Pro- richtenmonopols (Telekom, Post, Fernsehen und
lustrierenden Funktion sind. In ihrer Funktion als Gleichgesinnte zu suchen. Dadurch ist er unerläss- bleme werden immer weniger von den zuständi- Radio) ist insofern gefährlich, als der Staat sich
GrafikerInnen fungieren sie jedoch innerhalb des lich für die Ausübung der Demokratie. Der Markt- gen Instanzen des Staates bewältigt, sondern von seinem sozialen Auftrag entzieht, Minderheiten
Sender–Empfänger–Paares immer auf der Seite des platz und die Straße, Symbol für den öffentlichen Vertretern des Privateigentums »geregelt«, und zu integrieren. Er gibt dadurch die Mittel aus der
Senders, woraus ihr Privileg und ihre spezifische Raum, sind also traditionelle Medien der Demo- zwar in ihrem Sinne und mit ihren Methoden. Pri- Hand, jene Minderheiten angemessen zu unter-
Verantwortung erwächst. kratie. Daher scheint zunächst einmal verständlich, vate Wachschutzfirmen greifen immer stärker in stützen, in dem er ihnen Zugang zu dem öffentli-
Wenn GrafikerInnen einen Auftrag übernehmen, dass sich die politische Arbeit auf den öffentlichen den Zuständigkeitsbereich der Polizei ein. Ge- und chen Bewusstsein verschafft. Die Konsequenz ist
übernehmen sie selbstverständlich auch Verant- Raum fixiert. Die Bedeutung dieses Raumes wird Verbote, ein breites Netz von Gesetzlichkeiten wer- auch hier wieder, »das der vertreten wird, der zahlt,
wortung. Zunächst einmal die Verantwortung, den vor allem immer dann offenkundig, wenn er dem den zunehmend von privater Seite aufgestellt. Im zahlreich ist oder ein interessantes Objekt abgibt«
Auftrag zur Zufriedenheit der Kunden auszuführen. privaten Raum weichen soll. Klartext heißt das, dass die Möglichkeiten der kriti- (M.-Faßler »Was ist Kommunikation«, Wilhelm Fink
Sie setzen aber ein Produkt in die Welt, welches die Innerhalb der Innenstadt-Aktionstage vom 2. bis schen Meinungsäußerung immer stärker eingeengt Verlag, München, 1997), und das immer im Sinne
Seh-, Denk- und Verhaltensweisen der Menschen 8. Juni 1997 in verschiedenen Städten der BRD, werden. des Vertreters, der Medien.
beeinflusst. Damit übernehmen sie auch denjeni- Österreich und der Schweiz wurde versucht, auf Somit ist der öffentliche Raum das umkämpfte Ter- Insofern scheint es heute wichtiger denn je, die
gen Verantwortung gegenüber, die mit ihren Pro- Privatisierung und Ausgrenzung aufmerksam zu rain um die Ressourcen und Möglichkeiten in der Straße in die politischen Aktionen einzubeziehen
dukten in Berührung kommen. machen. Es zeigt sich an der Umstukturierung von Stadt. Der Rückzug der Demokratie zugunsten des und den öffentlichen Raum für die Ausübung von
Der BDG formulierte dies 1962 so: »Mit der Ausübung Berlin, wie z.B. am Potzdamer Platz-–-»Symbol des Privateigentums ist daher momentan eine gesell- Demokratie zu verteidigen.
seines Berufes übernimmt der Gebrauchsgraphiker Durchbruchs privatwirtschaftlicher Stadtentwick- schaftliche Realität.
die Verpflichtung, den ihm zufallenden Aufgaben lung« und auf der Friedrichstraße, wie die Stadt »Es ist die Logik des globalen Marktes, die das Holger Bedurke
unter vollem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit auf die Urbanitätsvorstellungen privater Inves- Selbstbestimmungsrecht der Bürger unterhöhlt.
die ihr wesensgerechte und künstlerisch zu verant- toren zugerichtet wird, wie die Privatisierung des In seiner Logik hat der Profit Vorrang vor dem All-
wortende Form zu geben, denn mehr noch als jeder öffentlichen Raumes voranschreitet. Der Schein- gemeinwohl, das Private Vorrang vor dem Öffent-
andere künstlerische Beruf, wirkt der Gebrauchs- schlag (kostenlose berliner Stadtzeitung) schreibt lichen. In dieser Logik sind die Menschen Ein-
graphiker mit seinen Werken in voller Breite in dazu: »Die Tendenzen in den Innenstädten ähneln zelwesen, die in erster Linie durch kommerzielle
das öffentliche Leben hinein und hat somit eine sich: Die Aufwertung zu privatisierten Konsummei- Transaktionen miteinander verbunden sind, nicht
erzieherische und kulturell bedeutsame Aufga- len; zunehmende Kontrollen privater Sicherheits- durch übergreifende öffentliche Interessen. Demo-
be zu erfüllen.« (»Der Gebrauchsgraphiker – Beruf dienste; Versuche (wie in Hamburg), ein Bettelver- kratie jedoch lebt von Öffentlichkeit«-(B.-R.-Barber,
und Aufgabe«, veröffentlicht vom Bund Deutscher bot durchzusetzen; Erklärung von innerstädtischen Berliner Zeitung vom 12.-/-13. Juli 1997)
Gebrauchsgrafiker (BDG). Januar 1962.) Zonen zu Bannmeilen einerseits, zu »gefährlichen Dieser urbane Kampf findet auch visuell statt und
Das Dilemma aber ist, dass offenbar viele Bilderpro- Orten« andererseits, wo sich die Polizei Sonderrech- äußert sich in der Möglichkeit, durch die Verbrei-
duzierende sich ihrer spezifischen Verantwortung te wie verdachtsunabhängige Personenkontrollen tung von Bildern und Symbolen visuell präsent zu
nicht bewusst sind oder sein wollen und sozusagen einräumt, Image- und »Säuberungs«-Kampagnen.« sein. Auf der einen Seite kann man sich den Raum
blind in das Wertesystem der Gesellschaft eingreifen. (Scheinschlag Nr.12-/-97) kaufen, um seine Bilder zu publizieren, was zumeist
Der Unmut der Bürger in Anbetracht der stetig durch Werbung erfolgt, die nachdem sie ihren Platz
wachsenden Sichtbarkeit sozialer Probleme ist erkauft hat, keinerlei Rücksicht auf das ästhetische
durchaus verständlich und nachvollziehbar. Eben Empfinden der Bürger nimmt, da diese zu keiner

22 23

Malte Martin

M.M.: Grafiker in Paris lebend. Arbeiten im Bereich das mal um und spitze es zu: In Deutschland gibt
des Zeitungsdesign, des Theaters, des zeitgenössi- es eine größere und breitere Tradition von politi-
schen Tanzes, der Ausstellungskonzeption und der scher Grafik, global gesehen. Um mal ein paar
Gestaltung von Künstlerbüchern als Autorengrafi- Namen zu nennen: Es fängt mit Heartfield an – das
ker und freier Künstler sowie Edition. Professor an ist der Klassiker, auf den sich dann auch Leute wie
der »École de Communication Visuelle«, Paris und Grapus in Frankreich berufen, der vor allen ande-
Herausgeber der experimentellen Grafkzeitschrift ren existiert hat, das geht dann weiter bis Staeck
AGRAF und andere Bekannte aus dieser Ära und findet
sich heute in einer anderen Form wieder, nämlich
Im Grafikatelier »graphique Malte Martin«, das durch die Geschichte, die gerade in Berlin entstan-
heute 3 Mitarbeiter umfaßt arbeiten heute: Bruno den ist. Nach dem Mauerfall haben sich ostberliner
Bernard, Cecile Attagnant, Fathia Souali und Kerstin Gruppen, Grappa und andere in alternativer Grafik
Heitmann als Praktikantin. engagiert, auch oft verbunden mit dem, was man
Alternativkultur in Deutschland nennt, die ein spe-
zifisch deutsches Phänomen ist, oder zumindest
Interview mit Malte Martin kein französisches. Alternativkultur gibt es in Frank-
reich so nicht. Durch diese Alternativkultur gibt es
Bei den Grafikgruppen, die wir hier in Paris zum Beispiel in Deutschland sehr viel breiter ange-
besucht haben, haben wir den Eindruck gewon- legte grafische Themen, die vielleicht nicht immer
nen, dass resultierend aus der 68er Tradition, ein ganz so hochpolitisch sind wie in Frankreich, die
Grafikdesign Verständnis vorherrscht welches sich aber ein Gebiet alternativer, ökologischer und sozi-
gesellschaftlich und sozial engagiert versteht. In okultureller Projekte, sowie alternativer Produkte
Deutschland hat man den Eindruck, dass es wenig betreten. Da herum existiert eine ganze Grafiksze-
Gruppen der Art gibt und das dort Grafikdesign ne, die es in dieser Breite in Frankreich überhaupt
sehr eng mit Werbung verknüpft ist, also eher nicht gibt. Aber was es für mich wirklich an Charak-
Dienstleistung im Vordergrund steht. Wo siehst du teristik der Grafik in Frankreich gibt, ist folgendes:
die Unterschiede? Die Geschichte der Grafik im Ganzen hat sich völlig
anders abgespielt. Das heißt, in allen anderen Län-
M.-M.: Es stimmt, dass es Unterschiede gibt und dern, vor allem in angelsächsischen und nordischen
spezielle Eigenarten, auf die man in Frankreich Ländern, ist Grafikdesign 1900 bis 1920 entstanden,
auch immer sehr stolz ist, dass es sie nur in Frank- als Folge der industriellen Revolution. Man hat die
reich gibt. Aber man kann auch nicht sagen, enga- neuen Technologien von damals ausgenutzt, um
gierte Grafik findet man hauptsächlich in Frank- Qualität für die Masse zu machen: In England Arts
reich und in Deutschland praktisch nicht. Ich drehe and Crafts Movement, De-Stil in Holland, Bauhaus

25
Malte Martin

ich daran sehr schade finde, ist, dass in einem Land


wie Frankreich dieser Designbereich zum großen
Teil von Leuten abgehandelt wird, die kaum wis-
sen, was Design ist oder ein Designverständnis
haben, was für mich nur kommerziell ist. Und ich
denke, dass Design etwas anderes ist. Dieser Zwan-
ziger-Jahre-Ansatz der anderen Länder ist viel-
leicht eine Illusion, aber ich denke, dass es schon
ein interessanter Ansatz ist zu sagen: Design ist
nicht Werbung und kann nicht denselben Regeln
unterworfen werden. Die einzige Regel, die für die
Plakate für die MRAP (Bewegung gegen Rassismus und für Völkerfreund- Werbung gilt, ist, wenn mehr verkauft wird, dann
schaft) für die Verteidigung des Asylrechts und das Recht der ausländi-
schen Arbeiter mit ihrer Familie leben zu dürfen. war die Werbung gut, auch wenn es mit einem
Scheiß-Bild geschieht. Natürlich gibt es auch
hältnis zum Gesamtgebiet französischer Grafik ist irgendwann einmal eine Qualitätsgrenze, aber im
das jedoch nur ein kleiner Bereich. Mit der Ausnah- Allgemeinen sind es Zahlen, die zählen. Design ist
Das »Axtplakat« in den Protestdemonstrationen nach der Erstürmung
der Kirche. me, dass in den achtziger Jahren dieser Bereich sehr aber normalwerweise nicht dazu da. Wenn ich ein
großen Einfluss bekommen konnte. Mit der ersten Erscheinungsbild mache oder ein Leitsystem für
in Deutschland, die Schweizer Schule und so wei- linken Regierung und in der Tradition, sehr große ein Krankenhaus gestalte, dann ist nicht die Frage:
ter, die die reformistische Vorstellung hatten: Wir öffentliche Projekte in der Kulturpolitik Frankreichs Verkauft der Doktor mehr Krankenscheine damit,
benutzen diese neuen Möglichkeiten der industri- zu zentralisieren, haben diese ganz kleinen Grup- sondern, ob die siebzig jährige Frau die Toilette
ellen Revolution, des aufstrebenden Kapitalismus, pen plötzlich Riesenaufträge bekommen und CI für findet oder nicht. Und das hat nichts mit Markt-
um Vorteile daraus zu ziehen, etwas für die breite den La Villette oder Louvre gemacht und damit rie- anteilen zu tun. Von daher denke ich, dass Design
Masse zu machen. Und das gab es in Frankreich sige öffentliche Erscheinungsbilder geprägt. Nach – richtig verstanden – getrennt werden muß von
bzw. in allen südlichen Ländern nicht. In Frankreich meiner Meinung ist es schade, dass das nicht aus- dieser Werbegrafik-Logik und das hat in Frankreich
ist dieser Prozess erst viel später abgelaufen. Die Titelseite der Tageszeitung »Libération« zeigt die CRS-Polizisten beim gebaut werden konnte. Meine Hoffnung war zum noch nicht stattgefunden – außer in einigen öffent-
aufbrechen der Kirchentür, in der Illegalisierte Asyl gesucht haben.
Nach dem 2. Weltkrieg war hier wie in allen ande- Die Tür wurde letztendlich mittels einer Axt eingeschlagen Die Titelzeile Beispiel, dass diese Großprojekte dazu führen, dass lichen, sozialen und kulturellen Bereichen, aber
ren Ländern die Notwendigkeit da, Reklame zu erinnert an den Ausspruch des damaligen Innenministers Debré: stärkere Design-Gruppen entstehen, die auch wie- nicht in der Gesamtgesellschaft. Um wieder auf die
Wir werden das Problem »mit Menschlichkeit und Herz(lichkeit?)« regeln.
machen für Produkte. Da eine Grafik- und Design- der auf dem privaten Sektor den Werbegruppen ihr Grapus-Geschichte zurückzukommen, für mich ist
tradition in Verbindung mit einer Schule wie dem Terrain streitig machen und das, was die Werbe- es Pierre Bernard, der es geschafft hat, Brücken zu
Bauhaus nicht existierte, wurden eigentlich nur die Jahren wichtig geworden. Wo um 1968 eine Bewe- gruppen an Designgeschichte in der Zwischenzeit schlagen zwischen der spezifischen politischen Tra-
angelsächsischen Modelle eingeführt. Es gab dann gung von französischen Grafikern ihr Studium z.B. für sich vereinnahmt haben, wieder zurückgewin- dition der französischen Autorengrafik und einem
Werbeagenturen, die nach dem angelsächsischen in Polen bei Tomasczewski gemacht hat und sag- nen. Das strukturelle Problem in Frankreich ist, dass Ansatz von »Latin-Corporate-Identity«. Und um
Modell Werbung gemacht haben, aber praktisch te: Wir wollen eine andere Grafikrichtung gründen es keine größeren Designgruppen wie Metadesign wieder mit Deutschland zu vergleichen: Ich finde
keine Design-Agenturen zum Beispiel hatten. und eine andere Grafik machen als Werbegrafik in Berlin, wie Totaldesign in Amsterdam, wie Pen- es gut, dass ein Unternehmen wie Metadesign ein
– das war von Anfang an eine Gründung der Gra- tagramm in London entstanden sind, sondern die Logo von Volkswagen neu strukturiert. Natürlich
Das waren doch Einzelkünstler im Bauhaus… fik gegen die Werbegrafik, was in Deutschland und Grafiker haben sich auf diesen öffentlichen, sozia- kann man sagen: Ach, es ist schade, Metadesign
England so nicht stattgefunden hat. Wenn man in len und kulturellen Bereich beschränkt, der natür- hat am Anfang mit fünf oder zehn Leuten noch ide-
M.-M.: Natürlich, aber sie haben eine starke Frankreich zu jemandem »Graphiste« sagt, dann ist lich relativ marginal in der Gesellschaft bleibt. Die alistischeres Design gemacht, und jetzt machen sie
gemeinsame Prägung und eine gemeinsame Her- klar, dass dieser nicht in einer Werbeagentur arbei- Designbedürfnisse des Restes der Gesellschaft im Großdesign. Okay. Dafür gibt es jetzt aber andere
angehensweise geschaffen. In Frankreich sind eher tet. Das ändert sich im Moment ein bißchen. Aber privaten Bereich oder der Großunternehmen – auch Kleingruppen, die unheimlich gute Sachen auf die-
Künstler wie Toulouse-Lautrec die Großväter der nach der 70er/80er-Jahre-Tradition war der »Gra- staatliche – wurden dadurch von den Werbeunter- sem Sektor entwickeln, wo kleine Gruppen eingrei-
Grafik, der z.B. den damals innovativen Lithodruck phiste« dieser kleine unabhängige Grafiker, der im nehmen gekascht. fen können. Aber vom gesellschaftlichen Nutzen
nutzte, um Plakate für die Kultur, wie das »Mou- öffentlichen, kulturellen und sozialen Bereich arbei- her finde ich es wichtig, dass es auch Großdesign-
lin Rouge« zu machen. Das also, was bei ande- tet und alles andere den Agenturen überlässt. Und War die Hoffnung, dass diese Grafiker sich da eine gruppen gibt, die eine bessere visuelle Qualität für
ren Design-Schulen waren, die mit der Industrie in den Agenturen heißt man dann »Art Directeur« Ecke abschneiden, bzw. in diesem Bereich, weni- die Gesellschaft schaffen in Bereichen, in welche
zusammengekoppelt arbeiteten, waren in Frank- und nicht Grafiker. Das ist die Zeit gewesen, in der ger im Sinne von Marktanteilen gedacht, sondern die Kleingruppen gar nicht hineinkommen und
reich Künstler, die zu Plakatgrafikern wurden, und Grapus zu einer Art Schule wurde, gewollt oder eher im Sinne von gesellschaftlichem kulturellen auch nicht wollen. Die Studenten, die ich unterrich-
von daher spielt auch diese Plakatgrafik in Frank- ungewollt, die viele junge Grafiker beeinflusst hat Design-Begriff sich einzubringen...? te sagen manchmal: Ach toll, sie machen Theater-
reich bis heute eine große Rolle. Aber es sind keine und so entstand eine Strömung, die bis heute noch plakate und nicht langweilige Firmenlogos! Dann
Designer im deutschen oder angelsächsischen Sin- wirkt. Daher kommt sowohl in Frankreich als auch M.-M.: Also was mich natürlich nicht interes- sag ich: Okay, das ist eine persönliche Frage, macht
ne. Diese andere Entwicklung der Grafikgeschichte im Ausland das Gefühl, in Frankreich sei die Strö- siert, sind die Marktanteile, davon habe ich keine auch Theaterplakate, wenn ihr wollt! Ein gutes The-
ist dann wieder für die Grafiker in den 60er/70er mung politisch engagierter Grafik stärker. Im Ver- Ahnung von, was das in Millionen bedeutet. Was aterplakat zu machen, ist eine schöne Geschichte,

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Malte Martin

det hat, der über 20 Jahre mehr Berufserfahrung Farben, Symbolik oder Geschichte Bilder auswählt,
hat, der alle Kundenkontakte hat und der einzige begründet und zur Diskussion stellt. Sinnzusam-
Kopf ist, der von der Gruppe bekannt ist im Land. menhänge werden natürlich schon erläutert, aber
Es kann mir keiner weiß machen, dass alle auf glei- du kannst das Bild im Grundsatz nicht diskutieren.
cher Ebene arbeiten. Wenn Du in dieser Position Es gibt auch nur ein Bild und keine zwei oder drei
bist, hast du einen Informations- und Autoritäts- Lösungsvorschläge zu einem Thema, wie es die Pra-
vorsprung. Natürlich gibt’s eine Hierarchie, das ist xis bei den meisten angelsächsischen und nordeu-
auch völlig klar und normal für mich. Eine andere ropäischen Design-Agenturen ist. Auf diese Ansät-
Geschichte ist es, wie organisierst du die Entschei- ze kann der Kunde in der Diskussion reagieren,
dungsprozesse? Wo räumst Du den Leuten, die dann wird der Ansatz vertieft, der am meisten den
neu dazu kommen mehr Spielraum ein? Versuchst Erwartungen und einfach der Notwendigkeit ent-
Du, die Informationen immer so gleichmäßig wie spricht. Das ist eine Sache, die z.B. völlig von Grapus
möglich zu verteilen? Das ist das Interessante; und negiert wird und es gibt eben nur einen Ansatz und
deshalb bin ich nichtsdestotrotz überzeugt, dass der ist praktisch nicht verhandelbar. Das führte in
z.B. die Gruppe »Nous Travallions Ensemble« viel der Praxis dazu, dass natürlich am Ende mit 80%
besser Entscheidungsprozesse organisiert, als »Dra- der Kunden Zoff da war. Das wurde aber sozusagen
gon Rouge«, die hier so’ne »Möchte-Gern-Design- schon zu einer Kultur ausgebaut. Für mich mit dem
Agentur« ist. Die zweite Frage ist das Verhältnis Hintergrund einer anderen Kultur, Ausbildung und
zum Kunden. Um auch da nochmal auf die Grapus- Design-Philosophie, gehört es in gewisser Weise
Geschichte zu kommen: Das war eher ein Verhält- zum Design-Prozess dazu, dass es ein Ping-Pong-
nis von absoluter Komplizenschaft, d.h. die Kunden Spiel gibt zwischen Designer und Auftraggeber. Es
waren Leute,mit denen man eng verbunden war. muß ein paar Mal hin und her gespielt werden, ehe
Es war eine politische Verwandtschaft, ja, politische man wirklich die Lösung gefunden hat. Ich denke,
Freunde. Auf der Basis dieser Connection und Sympa- dass ich kein Genie bin, der das Bild macht und das
thie war ein Vertrauensverhältnis da, ein sehr interes-
Kampangenplakat gegen die FN/F-HAINE (»die Front des Hasses«)
Plakat der Anti-FN-Kampagne, dass auf den Ausspruch Le Pen’s reagiert, die Gaskammern und der Holcost wären nur ein »Detail der Geschichte santer Aspekt, weil dadurch wahrscheinlich mutigere Das Logo persifliert das ofizielle FN Logo der Flamme in Blau-Weiß-Rot:
des zweiten Weltkrieges«. Dieses Bild wurde in den Regionalswahlen 1998 neben die offiziellen FN-Plakate geklebt.
Projekte zustande kamen, als in einem normalen »Löscht den Brand bevor es zu spät ist!«
distanzierten beruflichen Verhältnis. Es war nicht nur
aber ich versuche Euch, auch zu erklären, warum ker geben, die Produktwerbung betreiben. die Frage nach dem Bedarf eines Erscheinungsbildes,
ich die Designer respektiere, die nicht im kulturel- sondern wirklich eine gemeinsame Mission. Diese
len Bereich arbeiten: Wenn ich ein schlechtes Pla- Nochmal zu den Arbeitsweisen: Du hast vorhin Komplizenschaft ist eine sehr wichtige Geschichte bei
kat geschaffen habe, ist das nicht schlimm, denn zwischen unterschiedlichen Grafik-, Design-, Grapus gewesen und ohne die Komplizenschaft zu
nach zwei Wochen ist es wieder weg, ist es aus der Werbewelten unterschieden bezüglich ihrer ihren Auftraggebern wäre die Grapus-Grafik wohl
Metro raus. Wenn einer aber ein schlechtes Logo Herangehensweise. Was wir von den Projekten der undenkbar gewesen. Eine zweite Geschichte, die bei
für Renault kreiert hat, ist die visuelle Landschaft Grapus-Tradition kennen, ist erstmal sehr teamhaft, Grapus dauernd aufgetaucht ist, was ich nennen
für Tausende, Hunderttausende von Leuten über projekthaft gearbeitet worden, oder zumindest würde, sich als enfant terrible zu geben. Enfant ter-
zehn oder zwanzig Jahre lang versaut. Das ist wirk- hatte es nach außen den Anschein, rible ist ein typischer französischer Begriff für ein
lich visuelle Umweltverschmutzung für große Teile im Gegensatz zu einem klassischen Dienst- wildes, unartiges Kind. Dieses unartige Kind macht
der Gesellschaft. Denn viele werden denken, weil leistungsverhältnis mit einer entsprechenden Sachen, die verboten sind, Sachen, die man nicht
Renault großes Ansehen hat, das ist also scheinbar Arbeitsorganisation nach innen und außen-… machen soll, sagt Wörter, die man nicht sagen darf.
Design. Und die Konsequenzen für die visuellen Eine Art Provokation,die zum Spiel oder zu einer
Gewohnheiten in der Gesellschaft sind viel schlim- M.-M.: Als ich bei Grapus war, gab es zwar immer Art Künstler Attitüde wird.
mer als die, die wir durch ein schlechtes Theater- noch die offizielle Doktrin: Es gibt keinen Art-Direk-
plakat provozieren können. Und von daher denke tor und keinen Junior-Art-Direktor, alle arbeiten auf Eine »Verkaufsstrategie«?
ich, dass man nicht, wie es Grapus meiner Meinung gleicher Ebene. Das stimmt nicht, das ist Quark. Ich
nach oft in der Vergangenheit gemacht hat, dem glaube, dass wissen sie auch ganz genau. dass es M.-M.: Ja, auch, und eine Methode seinen künst-
Informationsdesign die pure Lehre der engagier- nicht dieselbe hierarchische Struktur wie in einer lerischen Freiraum zu verteidigen. Aber Grapus
ten Grafik entgegensetzen kann. Wir brauchen die Werbeagentur oder in Design-Agenturen gab, bzw. diese Art von Autoren-Grafik in Frankreich,
engagierte Grafik, wo man sehr weit gehen kann stimmt. Es war eine andere Arbeitsweise. Aber kei- sieht sich auch aus der Geschichte heraus mehr im
und sehr wenig Kompromisse macht. Wir brauchen ner kann mir weißmachen, dass es in einer Gruppe künstlerischen Bereich. Das konditioniert auch das
einen Design-Bereich, der im großen Stil eingreifen keinen Gesamtverantwortlichen gibt. Es gibt eine Verhalten der Grafiker, d.h., es existiert das künstle-
kann und visuelle Qualität in die Gesellschaft bringt, ganz einfache natürliche Autorität, ausgehend rische Bild, was nicht diskutiert werden kann und
und ob wir es wollen oder nicht, wird es auch Grafi- von dem, der die Gruppe aufgebaut und gegrün- nicht ein Design-Anspruch, wo man rational nach

28 29
Malte Martin

wäre, was universell anwendbar ist und auch in all


seinen Aspekten das beste Modell wäre. Ich denke,
dass man da wirklich kritischer hinterfragen muss.
Aus den Universitäten kommen immer noch junge,
engagierte Grafiker, die auf diesem Gebiet arbeiten
wollen und sich zugleich nicht auf die engagier-
te Marginalität beschränken wollen. Sie erkennen
nicht mehr die alten Dogmen an, dass ein Grafiker
nicht für eine Agentur, nicht für den privaten und
kommerziellen Bereich arbeiten darf. Sie wollen
ein Plakat gegen Le Pen machen, träumen von CD-
Covern und fühlen sich auch wohl, wenn sie eine
Web-Site für L’OREAL bauen können-…

Interview: Sandy K. und Holger Bedurke,


Paris 30.-09.-1998

Plakatreihe für Amnesty International zur Verteidigung der Rechte der »Spiel aus! Für tausende von Kindern ist Krieg kein Spiel.« Bild zur Frage der Schuldenkrise der Dritte-Welt Länder.
Kinder. »Spiel aus! Für tausende von Kindern spielt sich ihre Zukunft im
Gefängnis ab.«

nicht anders sein kann. Das ist für mich eben der fentlichen, das provozierend ist oder ganz einfach
Unterschied zum Künstler. in ihren Kreisen ungewohnte Reaktionen hervorru-
fen wird. Und insofern ist das schon richtig, wenn
Aber Gruppen wie »Nous travaillons ensemble« sie sagen, diese Prozeßsache interessiert uns-…
oder die »les graphistes associés« betonen doch, Die Frage dabei ist natürlich aber auch das Problem
dass für sie gerade der Prozess wichtig ist. der Instrumentalisierung! Inwieweit bringe ich ein
Anliegen und einen Auftraggeber voran, indem ich
M.-M.: Der intensive Austausch findet statt, absolut. ihn ein bisschen weiterschubse, als er wollte, und
Absolut und vielmehr wahrscheinlich als in der inwieweit habe ich ein »Piraten-Verhältnis« zum
traditionellen Agentur. Und in dieser ersten Pha- Auftraggeber, d.h., ich benutze den Auftrag, um
se intensiven Austausches haben wir keine ver- mein Plakat zu machen, auch wenn der Auftragge-
schiedenen Anschauungsweisen. Die Sache ist die ber mit seinem Anliegen sich nicht damit identifi-
danach. Diese intensive Austauschphase und die- zieren kann. (»Hauptsache ich habe mein Plakat für
ses Akzentsetzen auf den Prozess stimmt natürlich die nächste Grafikbiennale kreiert.«) Mit welchem
auch in der Weise, dass Leute aus Grapus-Schulen, Anspruch kreiere ich: Produziere ich Bilder, die zum
und da beziehe ich mich auch mit ein, ihren Spaß Selbstläufer werden, weil sich die Aktivisten – gera-
dran haben, jemanden, der eine visuelle Kultur hat, de die ohne Grafikstudium – sich damit identfizie-
die wahrscheinlich sehr entfernt ist von dem, was ren können, oder habe ich den Anspruch Kunstbil-
sie praktizieren, dahin zu bringen, wirklich etwas der zu produzieren, die in sozialen Bewegungen in
Erstaunliches zu machen für seine Struktur. Das Szene gesetzt werden.
Erfolgsergebnis, den dahin gebracht zu haben, Diese ganze Grapusgeschichte ist schon sehr exis-
dahin geschubst zu haben, wohin sie überhaupt tenziell für die französische Grafik, es gibt keine Stempel und Aufkleber für die Mrap »Quoi, ma geule«: »Was ist mit mei-
ner Fresse? (gefällt sie dir nicht ?)« Refrain eines bekannten Chansons
nicht wollten oder zu einer völlig erstaunlichen neue französische Grafik ohne Grapus. Und zugleich von Johnny Haliday, im Rahmen einer Kampagne gegen willkürliche
Geschichte gebracht zu haben, bei der sie vielleicht sage ich, dass man absolut nicht reinkommen darf Identitätskontrollen.
Kopf und Kragen riskieren, indem sie ein Bild veröf- in diese Modellgeschichte, als wenn es das Modell
»Spiel aus! Für tausende von Kindern gibt es niemals Pause.« Gestaltung
von Malte Martin mit Costanza Matteucci, Fotos: Xavier Lefevre
31
Plakat für das Théater de Rungis zu »l’argent« (Geld), 1995 (wie für alle
Plakate dieses Theaters, gibt es eine Fassung mit und eine ohne Text)


Les Graphistes Associés

Gegründet wurden Les Graphistes Associés 1989 guter Stimmung umgesetzt werden müssen. »Das
von Vincent Perrottet und Gérard Paris-Clavel nach war unsere Utopie.« (elle ne s’est réalisée que le
der Auflösung von Grapus. Zuletzt gehörten Anne- temps de pouvoir la regretter.)
Marie Latrémolière, Odile José, Sylvain Enguehard,
Mathias Schweizer und Vincent Perrottet zu der
Gruppe. Sie arbeiteten für alle, die ihnen die Mög- Interview mit Vincent Perrottet
lichkeit gaben, die Öffentlichkeit zum Nachdenken
anzuregen, anstatt sie zum Konsum zu überreden.
Das sind vor allem Arbeiten für Kunst und Kultur, Gibt es soziale Bilder?
den Frieden, gegen AIDS und jeden Angriff auf die
menschliche Würde. Grafik war für sie politisches V.-P.: Ich habe den Eindruck, jedes Bild ist sozial.
und künstlerisches Ausdrucksmittel. Jedes Bild wurde dafür gemacht, die Menschen zu
In ihrem Atelier arbeiteten drei kulturelle Genera- sozialisieren. Interessanterweise könnte man aber
tionen zusammen. Diese Milieu- und Kulturunter- sagen, dass es nicht-soziale Bilder in der Hinsicht
schiede »führten zu einem reichhaltigen Resultat, gibt, dass sie eher die Tendenz haben, eine Dis-
wenn sie fusionierten«. tanz zwischen den Menschen zu schaffen. Und es
gibt Bilder, die schaffen eine Annäherung, die Lust
Es war wichtig für Les Graphistes Associés, Zeit zu machen auf Diskussionen, auf Brüderlichkeit, im
haben, um ein Thema richtig studieren und von besten Fall auf Liebe. Man darf nicht zu viel erwar-
allen Seiten beleuchten zu können. Zu eilige Aufträ- ten, aber es ist möglich. Wenn zwei Leute sich tref-
ge wurden meist abgelehnt oder der Termin wurde fen und sich dann in dasselbe Bild verlieben...
verschoben. Die Bilder für das Theater de Rungis Es gibt somit Bilder, die dazu da sind, Menschen zu
entstanden teilweise sechs Monate im Voraus. Die trennen und andere, die dazu dienen, Menschen
Produktion erfolgte gemeinschaftlich. Jeder mach- zusammenzubringen. Wenn wir also soziale oder
te seinen Vorschlag und man diskutierte darüber. auch kulturelle Bilder machen, dann deshalb, um
Anschließend übernahm einer die Verantwortung Beziehungen und Diskussionen zu schaffen. Haben
für die Realisation und den Kontakt mit dem Auf- wir dieses verfehlt, sind das immer noch Bilder, die
traggeber. dem Individuum Fragen stellen. Und diese Fragen
Heute, im Mai 2000, löst sich die Gruppe auf. Anne- stehen immer in Beziehung zu seinem Platz in der
Marie und Odile sagen, dass einige von ihnen Frei- Gesellschaft. »Warum bin ich derart entfernt von
heit und Liberalismus (liberté et libéralisme) ver- der Kultur und ihrer Repräsentation«, ist so eine
wechselten. Das Teilen des Geldes, der Kreativ- und soziale Frage. Wenn jemand diese Bilder hier nicht
der Produktionszeit, die tägliche Atelierorganisati- versteht, dann stellt das seine Beziehung zur heuti-
on und die Schulungen hätte gerecht sein, und mit gen Kultur in Frage. Wenn wir Bilder machen, selbst

33
Les Graphistes Associés
Briefmarken, 1990

Plakat für den Verein droits Devant, 1995 »Ich habe Angst vor einer Anne mit dem Plakatentwurf »Septième Ciel« (der siebte Himmel)
Gesellschaft, die derart auf den Wettbewerb ausgerichtet ist-… eine für das Théatre du Chaudron
Gesellschaft, die uns zu sagen wagt-: ›Sie müssen Gewinner sein‹. Aber
was sind denn Gewinner, als Fabrikanten von Verlierern. Ich habe nicht
das Recht, Verlierer herzustellen-…« (Albert Jacquard)
Um Geld zu verdienen, muss man arbeiten. Um
politische, dann versuchen wir, sie nicht zu exklu- zu arbeiten... heutzutage ist das Konkurrenz. Man
siv zu machen. Wir machen keine Bilder, um Leute spricht leider sehr wenig von Arbeitsteilung. Man
auszuschließen, sondern eher, um Fragen zu stel- vergleicht nicht seine Einkünfte mit denen der
len. anderen. Das ist übrigens ein echtes Tabu. Das alles
führt natürlich nicht dazu, dass man aufeinander
Es gibt aber ebenso die Bilder, die keine Fragen zugeht. Aber es ist ja ganz klar, die meisten Bilder
stellen, die keinen Dialog wollen, sondern schlicht sagen es ja ganz deutlich: Man muss konkurrenzfä-
Bedürfnisse wecken und verkaufen... hig sein, man muss Gewinner sein, man muss eine
schöne Frau und ein schönes neues Auto haben.
V.-P.: Das ist meiner Meinung nach das ganze Das sind also auch Bilder, die auf ihre Weise ein
Gegenteil. Das einzige Angebot der Werbebilder Gesellschaftsbild vormitteln. Sie schlagen einen
ist zu kaufen. Die funktionieren zumeist über Fan- ganz bestimmten sozialen Kontext vor. Alles ist
tasien und Darstellungen von Standards. Manch- schön, alles ist toll, alles ist sauber, alles ist gerei-
mal wollen sie glaubhaft machen, dass sie in Rich- nigt. Wovon? Ich glaube sie sind gereinigt von der
tung Solidarität funktionieren. Aber das geht an Armut. Ich frage mich nur, was sie mit den Armen
der Realität des Kaufes vorbei. Der Kauf hat die Ten- machen werden.
denz, Personen zu isolieren. Wir waren nie stärker
isoliert, als seit dem Moment, da wir Konsumenten Die sind schwer zu recyceln.
wurden. Der Individualismus entwickelt sich auf
dieser Basis. Konsumieren oder Besitzergreifen ist V.-P.: Die Deutschen haben ja schon die Lösung
etwas, wodurch wir unaufmerksamer dem Anderen gefunden. Sie haben daraus Haarbürsten gemacht,
gegenüber werden. Für viele, die nicht viel nach- Lampenschirme, Seife...
denken, ist das aber leider ein Ziel geworden. (...) Man sieht die Armen nicht mehr in ihren Bildern.
Aber um zu kaufen, muss man Geld verdienen. Man sieht nichts Schmutziges mehr, alles ist sauber.

34 35
Les Graphistes Associés

»Le Pen-Hitler«, 1990, Plakat von Demonstanten auf einer antirassistischen Demo getragen Plakat für »L’Observatoire International des Prisons«, 1992 »Die Welt hat die Schnauze voll vom Krieg«, Plakat getragen auf einer
Demo gegen den Krieg, 1989

Oder falsch schmutzig, wenn einige junge Grafiker kate oder kleben sie mit Scotchband fest. Es gibt da die Bilder existieren auch nach den Informationen, stehen? Die meisten Bilder, die für das Fernsehen
dort eintauchen und ihre Kodes mitbringen. Das vielleicht 10- bis 100-tausend Leute und wenn wir die sie geben. Sie schreiben sich in die Geschichte produziert sind, haben nicht viel Sinn oder es sind
gibt eine kleine ikonografische Dynamik. Aber der mit tausend Bildern losgehen, kommen wir mit Null ein. Ich vermute, man könnte diese Bilder genau- Wiederholungen schon existierender Bilder. Das ist
Rest ist eine durch Geld befreite Welt ohne Armut. wieder. Und man sieht keines auf dem Boden, d.h. er analysieren, aber das kostet etwas Geld. Dazu eine Art permanente Clownerie. Es gibt recht wenig
Die Lösung ist politisch nicht bildnerisch, das ist sie sind gut aufgenommen worden. Das ist nicht müsste man sich neben ein solches Bild stellen und Nachwirkung für die meisten dieser Sendungen.
klar. Das wäre zu schön. Aber man kann schon erstaunlich, weil wir mit solidem Material arbeiten. die Leute fragen,was sie dazu denken, man müss- Selbst wenn man sich vorstellt, jemand macht eine
mal damit beginnen, Bilder zu vermeiden, die auf Wir bieten Bilder an, die sehr offen sind, die zum te herausfinden, wie sie schauen, man müsste sie Sendung, die etwas durchdachter ist, findet sie sich
diesen Abgrund hinsteuern. Die soziale Kluft ist Nachdenken anregen. Das Bild von Le Pen-Hitler beobachten. doch in einer Rahmenbedingung wieder, die prak-
zwangsläufig begleitet von der Ausgrenzung eines ist eine Reaktion auf die Brutalität der Äußerun- Interessanterweise hatten wir nie eine gewaltsa- tisch den ganzen Sinn frisst. Das Fernsehen ist ein
Teils der Menschen. gen von Le Pen. Und warum funktioniert so etwas me Reaktion auf unsere Bilder. Man kann ein Bild Kontext. Die Produzenten haben beschlossen, dass
Wenn die vorherrschenden Bilder das anbieten, immer? Weil die Leute es sich aneignen können. sehr negativ aufnehmen, aber niemals wurde eines es ein Behälter ist, mit einem bestimmten Volumen
dann heißt andere Bilder machen schon Wieder- Wenn sie uns die Bilder abnehmen, sagen sie, das ganz abgelehnt. Das ist aber normal. Wenn wir sehr – für das Fernsehen 24 Stunden, für ein Magazin
stand leisten (résister), wie es auch sei. Damit wird sei für das Büro oder den Klassenraum oder für aufmerksam den Sinn der Bilder studieren, können 96 Seiten – und ob sie etwas zu sagen haben oder
schon ein anderer Typus Gesellschaft vorgeschlagen. Freunde. Im Allgemeinen haben wir für die politi- wir uns nicht so leicht irren. Außer, wenn eine gan- nicht: sie müssen es füllen.
Und da sind wir mitten im Sozialen. schen Bilder eine sofortige Reaktion, wir drucken ze Gruppe von Menschen durch unsere Bilder in
ständig nach und die Leute verteilen sie. Die Bilder Frage gestellt wird, wenn wir sie denunzieren, dann Nun hat man aber nicht immer etwas zu sagen.
Erreichst du die Meinungen der Leute auf der Stra- werden sehr bekannt. Das ist wahrscheinlich auch werden jene das nicht gut finden, aber dafür ist es
ße, wenn du Plakate machst? Gibt es einen Rück- der Grund, warum wir etwas bekannt geworden ja gemacht. Das ist dann auch ein Erfolg. V.-P.: Es gibt immer wieder Leute, die sagen: »Wir
lauf, eine Antwort? sind. Die anderen Bilder, die wir machen, die kul- sind unglücklich.« (Ich rede nicht von den Armen,
turellen, existieren eher am Rande. Ein Plakat wie Dann gibt es aber das Problem, dass vielen Produ- sondern von Leuten in ähnlicher Situation wie wir.)
V.-P.: Ja. Wir haben ganz verschiedene Arten von dieses, für das Haus der Märchen, ist in einer Aufla- zenten von Bildern, z.B. den Fernsehleuten nicht »Ich weiß nicht, was ich machen soll«, sagen sie.
Rücklauf. Das hängt von den Bildern ab. Auf die ge von 150 Exemplaren gedruckt. In einer Region recht bewusst zu sein scheint, was sie in den Köp- »Na dann macht doch einfach nichts. Ist doch toll,
politischen Plakate haben wir sofort die Antwort, von 16 Mill. Einwohnern ist das nichts, ein feuchter fen auslösen können. nichts zu machen.« Das ist manchmal fantastisch,
weil wir es sind, die sie in die Straße tragen. Wir Knallkörper. Darauf haben wir also nur Reaktionen nichts zu sagen, nur die Dinge betrachten, umher
gehen runter zur Demonstration, halten unsere Pla- von Leuten, die ganz dicht am Thema sind. Doch V.-P.: Ist es denn so interessant, diese Bilder zu ver- zu spazieren oder jemandem zuzuhören. Es ist

36 37
Les Graphistes Associés

1998 stellten die deutschen Grafiker Sandy K. und abnutzt, teil.


Holger Bedurke eine Reihe Fragen an Gestalter wie
Les Graphistes Associés, dank derer wir etwas darü- Gibt es politisch-soziale Grafik?
ber nachdachten, was wir machen. Wie würdet Ihr sie definieren?
Jeder kann und sollte sich für das Leben in den
Wie definiert ihr euch? Städten interessieren. Das ist der Sinn einer poli-
tisch-sozialen Grafik.
Was ist ein Grafiker? Es gibt eine Vielzahl von Vereinen und Gruppen,
Jemand der hört, schreibt und, wenn er kann, gra- denen der Grafiker beitreten kann, indem er mitar-
fische Formen, Zeichen und deren Kombinationen beitet und einigen Ideen Form gibt.
erfindet. Es gibt auch jene Grafiker, die Politik machen, ohne
Was bedeutet Grafik? es zu merken. Das sind jene der Werbung, die Bilder
Grafik ist ein Bereich der Ausdrucksweise im Dienst liberaler und kapitalistischer Ideologie verbreiten.
der Gemeinschaft – oder nicht, der die Beherr- Ein Grafiker sollte nicht zögern, eigene Ideen in sei-
schung der Sprache und den Sinn der Formen, ne Kunst zu übersetzen und diese mit eigenen Mit-
ihren Gebrauch und ihre Verteilung vorraussetzt. teln zu verbreiten.

Wie definiert ihr die Rolle des Grafikers in der


Gesellschaft? Themen-/Aufträge
Das ist dieselbe wie jene eines Mediziners, eines
Bäckers, einer Schauspielerin, eines Arbeiters-… Welche Themen-/Aufträge bearbeitet ihr am meis-
– der durch seine Praxis oder Arbeitsweise, ten oder bevorzugt ihr zu bearbeiten?
die Beziehungen und Verhältnisse zwischen Alle Themen, die uns die Lust und die Möglichkeit
den Menschen verbessert, geben, nachzudenken, zu erfinden (créer), uns zu
– der die Qualität des Sehens-/des Blickes amüsieren, eine Komplizenschaft mit dem Auftrag-
Atelierfoto, les Graphistes Associés tragen Plakate für die Kunstgalerie verbessert, geber zu entwickeln, der seiner Natur nach uns und
Françoise Courtiade, 1987 und 1995
– der Dinge lesbar macht, wenn es notwendig ist, die Öffentlichkeit respektiert.
was ja nicht immer unbedingt der Fall ist, Die Wahl heutzutage ist ziemlich einfach: Ein/e The-
schlimm zu sprechen, wenn man nichts zu sagen Sie schauen doch nicht mehr bewusst hin. – der unablässig sein formales Vokabular und seine aterregisseur/in, ein/e Ausstellungsmacher/in, ein/e
hat. Weil man damit einen Raum besetzt. Oder man Grammatik neu erfindet. Verantwortliche/r für die öffentliche Gesundheit,
sprichst mit sich selbst, aber dann wird man als ver- V.-P.: Du wirst mir vielleicht noch sagen, es sei natür- ein/e Architekt/in von Talent bieten uns in unseren
rückt erklärt (obwohl es oft interessant ist, was jene lich, nicht mehr acht zu geben, was man macht. Wir Augen mehr, als ein Marketingdirektor, der den mil-
so erzählen)... Aber es ist unglaublich, wieviel Raum atmen, ohne darauf zu achten, dass man die Luft Verantwortung lionsten Einwegrasierer verkaufen möchte.
besetzt wird durch Wiederholung oder durch Dinge, nicht mehr atemen kann. Wir schauen, ohne darauf
die unnütz oder uninteressant sind. zu achten, dass das, was wir sehen, nicht ansehnlich Hat der Grafiker eine spezifische Verantwortung?
ist. Wir sind in der Straße und beachten nicht, dass Wie jeder Mensch, der eine für die Organisation Arbeitsmethoden
Das ist natürlich eine Inflation von Bildern und Tex- der Lärm zu stark ist, dass die Architektur immer zwischen den Menschen nützliche Technik oder
ten, die zu Lasten interessanter Äußerungen geht. hässlicher wird... Also sind wir in einem Zustand, in Sprache beherrscht, ist der Grafiker verantwortlich Habt ihr bevorzugte Arbeitsmethoden? Welche?
dem wir unsere Aufmerksamkeit verloren haben. für seine Bilder und Akte. Weder Chef noch Stechuhr.
V.-P.: Ja, so etwas nimmt Platz weg. Das ist schade. Das ist gefährlich. Doch man muss nicht verzwei- Eine Großzahl der Grafiker produziert visuelle Ein Ort, wo es sich gut arbeiten und nachdenken
Aber es ist nicht allein die Verantwortung der Pro- feln. Es gibt ja noch Hoffnung. Gestern arbeitete Botschaften, an die sie nicht glauben, ohne einen lässt, mit Freunden und immer etwas zu trinken.
duzenten dieser Nicht-Relevanz, auch nicht nur die ich mit Lehrern, die später mal in Gymnasien lehren künstlerischen Anspruch daran zu haben, indem
der Besitzer von Fernsehstationen, Magazinen oder werden. Man muss beginnen, wieder aufmerksam sie die Ideologien und Methoden ihrer Auftragge- Arbeitet ihr allein-/-im Kollektiv-/-
der Werbeflächen. Es ist auch die Verantwortung zu sein. Man muss lesen lernen, die Zeichen und ber kopieren. Das ist der Bereich der Werbung, der in Zusammenarbeit mit anderen?
der Leute, die hinsehen. Sie sind nicht ohne Verant- Informationen decodieren lernen. Sonst wird alles voll ist von visuell Unverantwortlichem. Les Graphistes Associé(e)s sind ein Kollektiv von
wortung. in einem enormen Brei untergehen und es bleibt Bestochen/verführt vom Geld, von kleinbürgerli- fünf Leuten mit unterschiedlichen Altersstufen, Per-
nur noch eine Art Karikatur. chem Komfort und der Illusion, der Macht zu folgen. sönlichkeiten und Ansichten. Alle sind (associés),
Viele nehmen das Fernsehen doch nur als Heutzutage gibt es in den entwickelten Ländern also verantwortlich, im günstigsten und schlech-
elektronische Tapete wahr, weil es lustig flimmert. Interview: Holger Bedurke, Paris, 23.6.1997 visuelle Verschmutzung und Übersättigung des testen Fall, für die Arbeitsmittel und Bilder.
öffentlichen Raumes durch Bilder des Massenkon-
Auszug aus dem Katalog von Les Graphistes sums ohne Fantasie und Einfallsreichtum. Die große Wie gestaltet ihr eure Beziehung zu den
Associés (Edition Dumerchez, März 2000) Mehrheit der Grafiker nimmt an dieser Bewegung, Auftraggebern?
die den Blick und die Intelligenz seiner Mitbürger Mit den Auftraggebern muss man das Thema tei-

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Les Graphistes Associés

len, damit man dann die Bilder teilen kann. Sie inte- menschliche Intelligenz nützlich wie ein gutes
ressieren sich für unser Gebiet. Wir interessieren Buch, ein guter Film, eine gute Malerei, eine gute
uns für ihr Gebiet. Inszenierung--…
Ein Plakat, damit es andere berührt, muss nicht ver-
Haltet ihr den Arbeitsprozess oder das Resultat für suchen zu kommunizieren (ein durch die Werbung
wichtiger? verdrehter-/-irregeführter Begriff), sondern den
Wenn die Beziehung zu einem Auftraggeber gut Blick unterwandern.
ist, ist auch das Resultat gut. Ist diese Beziehung Die Plakate, die wir gerne machen, haben kaum
nicht gut, gibt es auch kein Resultat, da sie vorher noch eine Zukunft. Offizielle Plakatanschläge sind
endet. Niemand wird uns zwingen, schlechte Bilder zu teuer und Wildplakatieren ist gesetzlich verbo-
zu machen. ten. Es gibt keine öffentlichen Plakatflächen mehr.
Es gibt nur noch bezahlte Messages.
Habt ihr Reaktionen auf eure Projekte? Welche?
Plakat zum Tag der Vorbeugung Die öffentlichen Reaktionen und die unserer Kolle-
gegen den Selbstmord, 1997
gen auf unsere Bilder ermutigen uns, in unserer Art Finanzen
zu arbeiten, und weiter zu machen.
Wie finanziert ihr eure nicht-kommerziellen
Projekte?
Die Medien Wir sind selbst ein No-Prof it-Betrieb mit
beschränkter Finanzkraft. Mit viel Energie und eige-
Welche sind eure bevorzugten Medien oder nem Geld schaffen wir es, ein paar Bilder für uns
Ausdrucksmittel? und die Umwelt zu machen.
Lässt man uns gut sein, sind für uns sind alle Bild- Geld ist heutzutage gleichbedeutend mit Massen-
träger gut, welche nicht die Umwelt verschmutzen. konsum, Ungerechtigkeit und sozialer Frustration.
(eine 3m x 4m Werbefläche nutzt aber oft den städ- Geld ist kein Tauschmittel sondern eine Waffe zum
tischen Raum ab) Unterwerfen, Versklaven, Töten.
Das Plakat ist ein Bildträger, den wir sehr schätzen. Es lebe das Kostenlose und das Teilen!
Es ist schön, wenn man es schafft, den Sinn einer
Plakat für das Téatre de Rungis Forderung oder einer Theaterinszenierung auf ein Akzeptiert ihr öffentliche oder private
»La Fausse Suivante« von Marivaux,
1996 Bild zu konzentrieren. Subventionen?
Ein gelungenes Plakat, das schön, gut gedruckt Wir akzeptiren jede echte Hilfe, d.h. eine Hilfe, die
oder wirklich subversiv ist, kann über die Informa- uns nicht zu Gegenleistungen oder zum Akzeptie-
tion hinaus noch Auge und Geist von Generationen ren von Allgemeinplätzen verpflichtet oder zum
von Betrachtern bereichern. Aufgeben unseres eigenen Standpunktes. Es gibt
keine wahren privaten Mäzene mehr. Ihre Erben
sind von der Marktwitschaft vergiftet.
Was haltet ihr von den Massenmedien? Es bleiben aber noch ein paar wenige Personen,
Die Massenmedien sind zu einem enormen Welt- die im öffentlichen Dienst arbeiten und die nicht
markt verkommen und lassen sich, vom Staat der Meinung sind, dass man Steuergeld vergeudet,
geduldet, durch Werbespots, die alle Informationen wenn man Autoren hilft, den Garten der Kunst zu
zerhacken, bezahlen. beackern.

Atelierbild gehalten von Anne- Findet ihr es interessant, euch der Übersetzung H.B.
Marie
Massenmedien zu bedienen?
Um sich ihrer zu bedienen, müsste man sie befrei-
en und neu erfinden. Man bräuchte die Kraft eines
Genet oder eines Mandela, um sich aus einem
Gefängnis heraus ausdrücken zu können.

Meint ihr, das Plakat ist ein effizientes


Plakat für das Téatre de Rungis
Kommunikationsmittel?
»Les Marrons du feu-/-Le Dernier Ist es gut, dann ist es auch effizient und für die
Sursaut«, plakatiert mit und ohne
Text, 1993

40 41

fabrication maison

Fabrication maison ist ein Zusammenschluss unter- »Workshop-Worte«


schiedlicher KünstlerInnen, die in erster Linie Bil- Der Andere, Dasein, begegnen, teilen, gemeinsam...
der diskutiert, produziert und zirkulieren lässt. Sie Diese Worte stehen am Anfang der im Workshop
bedienen aber ebenso andere Kunstformen, wie: ausgetauschten Bilder und Worte:
Fotografie, Design, Theater und Literatur. Bilder »man sucht es sich nicht immer aus, mit jemandem
müssen für sie Träger von sozialen und kulturellen zusammenzuleben«, »wenn es mich nicht gäbe,
Bedeutungen und Fragen sein. Die Bestimmungs- wärest du nicht gerade dabei, mit mir zu reden«,
orte ihrer Arbeiten sind der öffentliche Raum, die »manchmal ja, manchmal nein«...
Stadtbezirke, denn sie transportieren Botschaften Sie ermöglichen es, sich Fragen über sich selbst zu
kollektiven Interesses und sollen Instrumente für stellen, über die Beziehung, die Verbindung zwi-
den Dialog sein. In diesem Sinne versuchen sie schen mehreren Personen. Anschließend werden
beständig Netzwerke zu schaffen und fachübergrei- Skizzen entworfen. Die Bilder entstehen im Laufe
fend zu arbeiten. So nimmt es nicht Wunder, dass eines langen Prozesses: eine Idee wird ausgewählt,
der größte und wichtigste Teil ihrer Arbeit nicht Zeichen und Symbole entworfen, unterschiedliche
direkt sichtbar ist, wenn sie Monate damit verbrin- Techniken umgewandelt und benutzt. Das Bild wird
gen, mit Stadtbezirksverordneten, Schuldirektoren, als Schrift aufgefasst. Die fertigen Bilder werden
Lehrern und Kindern Projekte zu organisieren. wiederum gemeinsam in der Klasse besprochen
und können somit der Ursprung neuer Ideen sein.

S’OUV’-rire (Sich auf(m-/-l)achen)


mit den Kindern von Elsau im Elsass
Katalog »S’OUV’rire«

Diese Workshops zum Thema »Graf ik und


Staats-/-Bürgersein« fanden von September 1997
bis Dezember 1998 in Straßburg in der Léonardo-
da- Vinci-Grundschule sowie der Grundschule Mar-
tin Schongauer im Rahmen der Programms für die
Neuregelung der Schulzeiten statt. Sie wurden von
der Stadt Straßburg mit Unterstützung des Sozio-
kulturellen Zentrums des Elsau-Viertels und der
DRAC (Direction Regionale des Affaires Culturelles,
die auf die Regionen Frankreichs dezentralisierte
Vertretung des französischen Kulturministeriums),
Alsace organisiert.

43
fabrication maison

Dezember 1998:
Anlässlich des 50. Geburtstages der Menschenrechte
werden Begegnungen zwischen fabrication maison
und aller am Projekt beteiligten Kinder organisiert.
Die Idee für die Plakate und Veröffentlichungen
entstanden im Zuge dieser Begegnungen.
29. Januar 1999:
Ausstellung in der Galerie L’En-Verre (Hinter
Glas-/-Verkehrtherum) in Straßburg, die Plakate
werden an den städtischen Plakatwänden ange-
bracht.
Seit 1999 wird die Ausstellung S’OUV’rire an neun Guten Tag mein Freund
Orten in drei Regionen gezeigt und von Workshops
begleitet, die die Teilnehmer mit den Themen ver-
Die unterschiedlichen Schritte des Projektes traut machen sollen. Marguerite Kempf, Aline Meckes, Stéphanie Klug- von fabrication maison
September 1997: hertz, Christelle Kleinmann, Elodie Kohler, Julien
Vorstellung der Workshops an der Léonardo-da-Vin- Die Kinder, die am Projekt mitgemacht haben: Maag, Manuela Meckes, Vanessa Minck, Soumeya Thierry Lesage, Grundschullehrer an der
ci-Grundschule und der Grundschule Martin Schon- Fatima Aamara, Nabil Aberkane, Aasiya Ammi, Aylin Mortier, Naima Nesrat, N’Guyen Nathalie, Marie-Isa- Martin-Schongauer-Schule:
gauer im Rahmen der Programms für die Neurege- Altun, Marlon Andrianarisoa, Jasmina Azirovic, Sana belle Nicolle, Natacha Nicolle, Steve Perrin, Shand- Mit meinen Erstklässlern haben wir uns mit dem
lung der Schulzeiten. Belkacemi, Mouna Bendiab, Aurore Bodin, Yami- ra Poussin, Rabie Sbaa, Michael Siegler, Victorien Thema »Annäherung an das Staats-/-Bürgersein«
Dezember 1997: Die hergestellten Bilder werden an na Boukhriss, Jemal Bulut, Michael Cardet, Ercan Simon, Hatice Sogut, Bao Vang, Willy Vos, Julien auseinandergesetzt. Wir wollten dazu Plakate ent-
vor den Schulen aufgestellten Plakatwänden ange- Cicekci, Cindy Collignon, Samia Djerdir, Elodie Die- Waechel, Tou Wang, Géraldine Wendling, Amin werfen. Sehr schnell haben die Kinder sich Fragen
bracht. bolt, Mehtap Dikme, Meltem Dikme, Jessica Dujol, Zeghad, Amar Zerig. gestellt:
Januar 1998: Nourdine El Ouallali, Sébastien Festin, Narimane Konzeption und D u rc h f ü h r u n g : f a b- Wie können wir in der Klasse miteinander auskom-
Fünf Lehrer der Martin Schongauer Schule schlie- Hedli, Adrian Jacquier, Serge Kamara, Resul Kaplan, rication maison, Bilder werkstatt, men? Dem anderen aufmerksam zuhören, ihm ins
ßen sich dem Projekt an. Künstlerische Leitung: Jean-Marc Bretegnier Wort fallen, ihn in seinem Andersein respektieren?
Juni 1998: Der Andere Produktion: Magali Ohlmann Kann man mit jemandem spielen, dessen Vorstel-
Ende der Workshops. Grafiker:-Emmanuel Clabecq, Gilles Dupuis, lungen von den eigenen abweichen?
Die Projektgruppe beteiligt sich am Festival der Virginie Legrand et Véfa Lucas Von diesen Fragen sind die Kinder ausgegangen
Straßenkünste. Architekt: Laurent Kohler und haben in den Sitzungen mit den Grafikern, die
Siebdruck-Workshop im Aquatinte-Bus, der von der Fotograf: Jean-Louis Hess regelmäßig in meine Klasse kamen, eine »Vorstel-
Stadt Straßburg bereitgestellt wird. lung« mit schwarzem Filzstift oder mit schwarzer
Alle hergestellten Bilder werden auf Plaktwänden Farbe gemalt.
am Nicols-Foussin-Platz ausgestellt. aus dem Heft »S’OUV’rire« Die Kinder fühlten sich betroffen, sie waren sich
Ausgehend von den Bildern findet durch die Kom- bewusst darüber, das es nicht einfach ist, in einer
pagnie ici-même die Inszenierung »Stadtüberra- Klasse miteinander auszukommen, dass man dafür
schungen« im öffentlichen Raum statt. den Anderen in seinem Anderssein respektieren,
die Bedürfnisse des Anderen wahrnehmen muss.
Während der Erstellung der Bilder waren die Kin-

44 45
fabrication maison

der aktiv und mit voller Konzentration dabei. Voller Dichte des öffentlichen Raums das Wort ergriffen Himmel, hoch aufgerichtet auf den Bordsteinen.
Ungeduld und Jubel erwarteten sie Jean-Marc und hatten. Der öffentliche Raum ist kein unberührtes »Es gibt mich.« Die Aneignung des Raumes erhielt
seine Helfer, weil es ihnen grundlegend erschien, Feld. Wir waren bestürzt über die eingeschlosse- seine volle Bedeutung.
den Sinn eines Satzes oder einer Vorstellung über ne Lage von Elsau: zum Osten hin vom restlichen
das Zusammenleben zu hinterfragen, bevor man Straßburg durch eine von Schrotthändlern gesäum-
diese Sätze in Ideen umsetzt. te Autobahn abgetrennt, nach Norden hin überragt Jean-Louis Hess, Fotograf:
Parallel dazu haben sich die Kinder mit dem Lesen durch eine Gleisstrecke und von Süden nach Westen Ich bin nicht hingegangen und habe die Kinder
von Bildern und ihres Sinns beschäftigt, um schließ- durch einen Kanal begrenzt. fotografiert, als ob ich einen anderen Planeten
lich die Botschaft herauszuarbeiten. Wir wollten, dass unsere Aktionen auf eine Begeg- besichtigen würde. Ich habe sie fotografiert wie ich
Dies ist äußerst wichtig, wenn man mit Erstklässlern nung zwischen den unterschiedlichen Bevölke- die Stars oder meinen Flurnachbarn fotografiere. Es
zu tun hat, die gerade die Welt der Schrift betreten rungsgruppen des Viertels mit der Öffentlichkeit ist das gleiche: ein Hintergrund und eine Installa-
und beginnen, den Sinn dessen zu verstehen, was des Stadtzentrums hinausläuft. tion im Licht. Und sie sind es, die das Foto machen;
man ihnen vorsetzt. sie sind einfach da, stolz auf ihre Plakate. Das ist
Die Herangehensweise der Grafiker hat mir sehr Vier Tage lang plakatierten wir nachts die Überra- das Geheimnis: Es sind nicht die Kinder dieses oder
gut gefallen: ihre Suche nach dem Sinn und ihren schungen, die am Tage hergestellt worden waren: jenen Viertels, es sind die Kinder unserer Welt. Und
Wunsch, Kinder dazu zu bringen, sich Fragen zu viele Einwohner kannten bereits diese Bilder, die auf der ganzen Welt ist es so: wenn man Kinder mit
stellen und so ihren kritischen Geist zu fördern. in Workshops erarbeitet wurden und die man auf Liebe betrachtet, wenn man ihnen vertraut, von
Die Arbeit endete im Juni mit einem Siebdruck- Plakatwänden vor den Schulen hatte entdecken ihnen erwartet, dass sie gut sind, sind sie noch bes-
Workshop, wo die Kinder etwas über die Technik können. ser als man erwartet hat. Nicht das Viertel macht
gelernt und Bilder und Plakate hergestellt haben. Für das Festival der Straßenkünste hatten wir uns die Leute aus, sondern der Blick, mit dem man sie
nach und nach im gesamten Watteau-Viertel aus- betrachtet.
gebreitet: in einigen wenigen Nächten war alles
Kompagnie ici même: Plakatfläche geworden, öffentliche Einrichtungen, Text: fabrication maison
(Ici même ist eine Bühnenbildnergruppe, die »Stadt- Briefkästen, Schaufenster, die Böden der Busse, Übersetzung: Odile Kennel
überraschungen« inszeniert) die Elsau mit der Stadtmitte verbinden, selbst die
Einige Bemerkungen zu L’-île était une fois (Es-/-die Lichtschalter in den Hochhäusern, es wimmelte
Insel war einmal): von Details. Aber es handelte sich nicht nur um
Wir sollten in Elsau im Watteau-Viertel die Aktionen eine große Metapher der Stadt als Plakatierfläche;
gezielt an die Öffentlichkeit bringen, die das gan- wir wollten deutlich machen, dass die Sichtweisen,
ze Jahr über vom Grafikerteam fabrication maison die Ideen, die in den Bildern der Einwohner zum
mit ihren Partnern aus dem sozialen und pädago- Ausdruck kamen, im Verhältnis zum Alltag standen,
gischen Bereich in Workshops erarbeitet wurden. dass sie Lebensgröße im Maßstab der Hochhäuser,
Wir hatten uns sofort darauf festgelegt, mit dem der Umgebung annehmen konnten.
Material zu arbeiten, das die Einwohner hergestellt Wie ist ein Zusammenleben möglich, wie kann man
hatten. sich nach und nach den öffentlichen Raum der
großen Wohnkomplexe aneignen? Allabendlich
Wir waren also in Elsau angekommen und sind den beobachteten wir, wie sich türkische Frauen am
Spuren nachgegangen, die die Bewohner mittels Fuße der Hochhäuser trafen und sich auf die Bord-
Schrift und Bild hinterlassen, mit denen sie in der steinen des Viertels setzten. Es ist üblich gewor-
den, keine Sitzbänke mehr in Wohngebieten auf-
zustellen, um Zusammenkünfte zu verhindern, die
Ursache von Lärmbelästigung sein könnten. Also
machen die jungen Männer und die türkischen
Frauen deutlich, »es gibt mich«, indem sie sich auf
ihren Steinpfosten setzen. Sie unterhalten sich so
über mehrere Meter Abstand hinweg. Vier Tage
später versuchten wir, Bilder zu plakatieren, auf
denen die zum Himmel weisenden Arme und Bei-
ne einer Person zu sehen waren. Es schien, als sage
sie: »hallo, da bin ich, es gibt mich«. Wir haben sie
auf die Steinpfosten der türkischen Frauen geklebt.
Am nächsten Tag spielten die Kinder Gangsterboss,
maßen sich aneinander, reckten die Arme zum

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Plakat für den achten Salon de l’Ephémère von P. Colrat, 1995


Salon de l’Ephémère

Interview mit Philippe Chat, wie: Grafiker, Illustratoren, Pressezeichner und


Organisator des Salon de l’Ephémère Fotografen. Und den Malern boten wir andere Orte
(Ausstellung des Vergänglichen) an, wie von Privatleuten zur Verfügung gestellte
alte Mauern. Außerdem öffneten wir uns auch den
Installationen, die im Park Platz fanden. Dies war
Wann begann der Salon? ein ziemlich offenes Laboratorium.

C: Es begann vor ungefähr 11 Jahren, dass es in den In einem Jahr organisierten wir mit der Hilfe von
Städten Verantwortliche für die Kommunikation Gérard Paris-Clavel eine Plakatausstellung, die
gab. In Fontenay wurde eine Person eingestellt und »Qualitäts-Plakatkünstler« (Affichistes de Qualité)
diese errichtete in der Stadt ein Netz von Plakatta- hieß. Vielleicht hast du ja den Katalog gesehen, mit
feln, die 1,2m x 1,6m groß sind. Sie wurden in den der Titelseite von Cieslewicz. Und so haben wir die
Wohnorten aufgestellt, dadurch gibt es wirklich Creme der Plakatmacher eingeladen. Dabei waren:
eine Nähe zu den Leuten. Claude Baillargeon, Cieslewicz, Les Graphistes Asso-
ciés mit Gérard und Vincent Perrottet, die Grafiker
Wurden diese Tafeln extra dafür errichtet? Jupin, Allain le Quernec und Jean Widmer. Jeder
Grafiker hatte im Katalog eine Doppelseite, die er
C: Die Plakattafeln sind für die Stadt, für die inter- mit seinen Texten und Bildern gestaltete.
nen Bedürfnisse der Stadt, welche vorrangig kul- Mir und besonders Didier Nicolini, den Verantwort-
turellen Plakaten dienen oder Initiativen und Ver- lichen der Kommunikation, wurden im Anschluss
anstaltungen. Es gab also 120 Tafeln, 100 davon daran Vorwürfe gemacht.
für die Stadtverwaltung und ca. 20 für Vereine und Die Grafiker, vor allem Gérard, beanstandeten, dass
freie Plakate. wir die Grafiker nicht während des ganzen Jahres
Der Verantwortliche dafür hatte mich gefragt, ob miteinbeziehen. Daraus ist die Idee entstanden,
wir eine Initiative beginnen wollen, Künstler mit jedes Jahr ein Grafiker einzuladen zum Thema
diesen Flächen arbeiten zu lassen, weil im August »Stadt – urbane Zivilisation« zu arbeiten und 4 oder
die Tafeln frei wären. Zuerst waren wir ziemlich 5 Bilder zu machen, die im Juni während zwei bis
skeptisch, dann haben wir uns dem aber angenom- drei Wochen auf den ganzen verfügbaren Flächen
men und ca. 15 Künstler eingeladen. Außerdem geklebt werden. Das ist beim Salon de l’Ephémère
habe ich gefordert, dass es wenigstens einen Kata- nicht der Fall, wo wir nur ca. 30 Tafeln benutzen.
log gibt, der an die Künstler verteilt wurde. Daraus So haben wir also im ersten Jahr Gérard eingela-
ist dann ein Salon der Straße geworden, der sich den, der uns auch geholfen hat, das alles zu orga-
Salon de l’Ephémère nannte. nisieren. Von ihm ist auch die Idee, dies unter dem
Wir luden alle ein, die wirklich pures Bild machen, Etikett der Künstler- und Ausdrucksfreiheit und zu

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Le Salon de l’Ephémère

Bruno Souêtre 1995 Jean Hin 1995 Muzanhière 1997 Xavier Cohen 1995 Muriel Paris Michel Quarez 1991

veranstalten. Aber auch einen Auftag zu geben, das Paris-Clavel aus den Straßenschildern von Fontenay ausstellte, sagte mir kürzlich in einem Gespräch, Aber es ist wahr, wir haben nur sehr wenig Reaktio-
wir als Stadt ihnen nicht nur die Freiheit lassen, son- entwickelt wurde und »Straße« heißt. man könne mit Plakaten in der Straße nichts mehr nen von den Leuten. Es sei den, die Bilder provozie-
dern uns auch einbringen, den Prozess der Recher- Das ist also im Groben die Geschichte dieser beiden bewegen. Deshalb sollte man eher den Reichen ren und schocken sie. In diesem Sommer während
che mitgestalten, dass wir uns treffen, um über die Ausstellungen, die sich mit vor allem mit Grafik in helfen, ihre Ansichten, ihr Verhalten zu ändern, da des Salon de l’Ephémère riefen Leute an, weil einige
Themen zu reden. der Stadt beschäftigen. sie es sind, die die Welt lenken. Was passiert also Bilder sie so schockierten, dass sie Lust hatten, sie
Gérard hat so mit 5 Bildern begonnen. Anschlie- Es ist noch wichtig zu sagen, dass es einen Unter- heute noch auf der Staße? Was können die Bilder runterzureißen. Das haben sie dann letztlich nicht
ßend gab es Claude Baillargeon, der Probleme der schied gibt zwischen Graphistes dans la rue und in der Straße bewirken? Was waren die Reaktionen getan, sondern sie riefen mich an und setzten sich
Gesellschaft, der Umweltverschmutzung und die dem Salon de l’Ephémère. Graphistes dans la rue ist auf die Plakate? auf diese Art mit uns auseinander. Daher müsste
Welt des Geldes hinterfragte. Danach haben wir die in dem Sinne ein Auftrag, dass die Grafiker entlohnt man noch viel weitergehen und Diskussions- oder
jungen Grafiker aus Toulouse Les Arpêtre eingela- werden. Zusätzlich werden die Plakate in einer Auf- C: Die erste Schlacht, die man meines Erachtens Konfliktorte schaffen, wo man über die aufgewor-
den. Ich fand, es ist auch interessant, einen Kontakt lage von 150 bis 200 Exemplaren gedruckt, wobei führen muss, ist zunächst einmal die Städte zu fenen Fragen reden kann.
zu den jungen Grafikern aus der Province zu haben. sie einen Teil davon behalten. Und da diese Plaka- überzeugen, ein soches Netz öffentlicher Plakatflä-
Ferner haben wir Michel Quarez eingeladen, der te nicht von der Stadt unterzeichnet sind, können chen zu schaffen. Ansonsten gibt es keine feien Flä- Interview: Holger Bedurke, in Fontenay sous Bois,
nochmal eine ganz andere Richtung aufmacht, der diese weiter benutzt werden, weiter leben. So war chen; weder für freie Plakatierung noch für Auto- 07.10.98
wirklich ein Maler-Plakatgestalter ist. es der Fall bei den Bildern von Gérard Paris-Clavel, renplakate. Im Moment gehen die Autorengrafiker
Im Jahr danach wählten wir 4 junge Grafiker, die die in die Vereine gegeben und auf Demonstrati- entweder in die Galerien oder in die Plakatfestivals, Gérard Paris-Clavel über den Salon
jeder ein Plakat machten. Das waren dann Pascal onen getragen wurden. Auch die Plakate »je veux in Orte wie Chaumont oder Echirolles. Aber sie sind
Colrat, Stephan Dethy, la fabrique d’image und Bru- ottchose« von dem Atelier Les Arpêtre wurden von nicht einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Die Ausstellung ist in erster Linie ein Raum, der
no Souêtre. Dieses Jahr haben wir ein etwas ande- Studenten auf einer Demonstration in Toulouse Deshalb glaube ich, dass es sehr wichtig ist, diese
res Programm, wir haben Marc Pataut eingeladen, getragen. Möglichkeit den Grafikern zu geben. In bezug auf
der viel mit Gérard Paris-Clavel und dem Verein ne Im Gegensatz dazu gibt es bedauerlicherweise die Überfülle von Werbebildern, die das Hirn zer-
pas plier arbeitet. Es ist eine Arbeit über ein Foto beim Salon de l’Ephémère weder Entlohnung noch mürben, ist es wichtig, Bilder zu zeigen, die einfach
von einem Transparent, welches auf einer Demons- wirkliche Hilfe dieser Art. Wir geben den Raum für nachdenklich machen und auch schön sind. Diese
tration getragen wurde und das Wort »RÉSISTANCE« Freiheit, jedoch nicht die Mittel für die Umsetzung Bilder, die einerseits eine Freude für das Auge sind
trägt. Und das mit einer Schrift, die von Gérard Der Galerist Pierre Staudenmeyer der Pascal Colrat und andererseits Fragen Stellen, sind essentiell.

René Mulas 1992 Thomas Hirschhorn 1990 Brigitte Olivier 1995 Tsuneko Taniuchi Gianpaolo Pagni 1995 Marc Pataut 1991 casa factory 1995

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Le Salon de l’Ephémère
»Ich hab’s satt zu warten«, Pascal Colrat 1996

versucht, das übliche an Kunst interressierte Publi- viel besichtigt, habe Leute getroffen und aus die-
kum zu erweitern, und zwar mittels der Fragen, die ser Erfahrung heraus mehrere Themen gestellt: die
sich durch die unterschiedlichen Werke stellen. Es Stadt denken; die Dringlichkeit, sich Zeit zu neh-
handelt sich hier nicht um Propaganda. Die Bilder men; Sie sind hier; das Gedächtnis; die glückliche
werden nicht an den üblichen kommerziellen oder Stadt... Ich habe Konzepte um die Themen herum
instititutionalisierten Orten aufgestellt, wo zumeist entwickelt, ich habe einen Bericht verfasst, den sie
die Realität der künstlerischen Praxis ausgeblen- angenommen haben. Die Stadt mit ihrem Zentrum
det und Kunst als Religion gefeiert wird, sondern und ihren Randbezirken (aus)denken hat ergeben:
in einer Straße, die vom Elend der reißerischen und Meine Stadt ist eine Welt... Die glückliche Stadt,
sterilen Zeichen des Handels, der Kultur und der welch eine Freude das Glück, usw.
Politik überschwemmt wird-... Das Spannungsverhältnis zwischen Künstler und
Auftraggeber rührt vom Unterschied zwischen pro-
Das Werk des Salon de l’Èphémère besteht nicht duktiver und symbolischer Arbeit. Ich denke, man
nur im Ausgestellten, und die Künstler, die daran muss von einem Künstler verlangen, die Spielregeln
teilnehmen, halten sich nicht für Städteverschöne- einzuhalten; man lässt ihm freie Ausdruckmög-
rer oder Illustratoren des Elends der Welt; sie sind lichkeit, aber er lässt sich auf das gestellte Thema
kein unbeschriebenes Blatt, was Politik angeht. Die- ein und bringt nicht sein eigenes mit: schließlich
se Künstler schreiben die Leichtigkeit in die Zeit der handelt es sich um einen öffentlichen Auftrag,
Ausstellung ein, aber sie schreiben sie auch ein in der bezahlt wird, es existiert also ein Tauschwert.
die Dauer. Die Ausstellung vermag Gewaltverhält- Gesellschaftspolitische Kunst ist notwendig. Gesell-
nisse auf die symbolische Ebene zu übertragen, schaftspolitische Kunst heißt, am gesellschaftli-
indem sie die Straße als Hervorbringerin eines kol- chen Geschehen in der Form teilzunehmen, die dir
lektiven Gedächtnisses (be)nutzt; damit stellt sie liegt. Das ist das Beste, was man tun kann: das Wort
meiner Meinung nach die Realität in Frage. Darü- ergreifen, indem man die Bilder benutzt.
berhinaus schafft sie eine lebendige Dynamik, die
die Künstler aus ihrer Vereinzelung herauslockt. Das Übersetzung: Odile Kennel
wiederentdeckte Vergnügen, gemeinsam zu essen,
Bilder und Nahrung zu teilen... Irgendetwas in der
Art von Glück. Den Organisatoren ist es gelungen,
ein Vertrauensverhältnis zu den Künstlern herzu-
stellen, die auf der Verwaltungseben oft hereinge-
legt wurden. Sie sind glaubwürdig, und deshalb
kommen die Leute. Auf freundschaftlicher Ebene,
ohne Anmaßung. Und es ist diese Art Bescheiden-
heit, die nach und nach Früchte trägt.

Zu »Grafik auf der Straße«


Ich kannte bereits die Ausstellung, als mir die Stadt-
verwaltung von Fontenay-sous-Bois 1993 freie
Hand gewährte, fünf öffentliche Plakatflächen zu
gestalten. Diese einfachen Flächen besitzen den
Vorteil, nicht bereits durch sich selbst einen Wer-
bevirus zu verbreiten. Sie entziehen sich noch den
Fängen des Kommerzes. Das ist sehr wichtig.
Was mich interessierte war, eine Beziehung des
aktiven Hörens mit der Stadt herzustellen, um die
Themen, die erklingen, zu bestimmen; ich woll-
te gleichzeitig auch frei sein in der Wahl des Aus-
drucks und der Umsetzung des Gehörten. Wie
einem Wissenschaftler haben sie mir die Mittel zur
Verfügung gestellt, mit meiner Kritik herumzuex-
perimentieren. Es ist extrem selten, dass Kritik von
einer Stadt als konstruktiv aufgefasst wird. Ich habe

53
Kampf gegen das Leiden


la fabrique d’images

Was la fabrique d’images betrifft... sern, mal eher diesen , mal eher jenen, wir bleiben
auf der Suche nach der richtigen Frage...
Wir erinnern uns nicht mehr sehr gut, welches Wet- Jener, die den Blick schärft für die Überraschung,
ter gerade war, als alles anfing vor ungefähr fünf die Tatkraft, den Einfallsreichtum, das Gefühl, die
Jahren, auf einem Hinterhof in Saint-Denis, nörd- Zuwendung.
lich von Paris. Andererseits sind unsere Bilder nicht immer Früchte
Noch heute dient uns das, was wir Die Bilderfabrik von Bestellungen. Da es uns eben wichtig scheint,
getauft haben, als Werkstatt der grafischen Fanta- bestimmten Bildern unbedingt zum Leben zu ver-
sie, und bereitet uns Vergnügen. helfen, ohne einem göttlichen Ratschlag zu folgen,
Hier kommen wir in der Woche zusammen um zu stellt das Atelier selbst Bilder auf seiner poetisch-
reden, uns auszutauschen und Lösungen für eige- politischen Suche her.
ne und kollektive Probleme zu finden. Heutzutage ist unser Atelier zu einem Ort gewor-
Unsere Arbeit besteht darin, Bildern, städtischen den, an dem Fragen heraufziehen.
Einrichtungen, Bühnenbildern und Freizeitateliers Wir lassen sie hernieder regnen auf die Straßen,
Leben und Stimme zu verleihen, die um zudem Ohren, Augen und Sinne...
unseren Durst nach Begegnungen und Experimen-
ten stillen, und versuchen, auf unserem Spiel- und
Schlachtfeld Stadt von Nutzen zu sein. Was Aufträge betrifft
Die Teilnahme an der Herstellung unserer Land-
Landschaf t war einer der ausschlaggebenden Ach... der Auftrag! Auf ihm beruht das ökonomische
Gründe für die Entstehung unserer Werkstatt. Eine Gleichgewicht des Ateliers. Er gestattet uns eben-
Landschaft, die man eher mitzutragen als zu ertra- falls, selbst produzierten Bildern Gestalt zu geben.
gen geneigt ist, eine Hinwendung zum Abscheu Ihm ist es auch zu verdanken, dass wir uns erlau-
gegen das Alles zu Haben-… all diese Länder, wo ben können, dass wir unsere Bilder und unsere Zeit
das Leben billiger ist-… um sie zu ersetzen durch Vereinen zur Verfügung stellen können, die unsere
eine Landschaft des Alles bleibt zu tun-… ganze Wertschätzung genießen, die aber nicht die
Das Ergebnis und die Qualität unserer Arbeit, sicher- Mittel haben, unsere Arbeit zu vergüten...
lich mit politischem Anstrich im weitesten Sinne, So ein Auftrag kommt uns auf verschiedensten
hängt besonders vom Einvernehmen und der Moti- Wegen zu, oft durch Weiterempfehlung von Per-
vation bei der Begegnung mit unseren Gönnern ab sonen, die unsere Arbeit gesehen haben und die
und vom notwendigen gegenseitigen Vertrauen. unsere Überlegungen zu einem Problem sehen
Unsere Arbeiten sind im Grunde genommen das möchten. Es bleibt uns immer die Möglichkeit, eine
Ergebnis des Verhältnisses zwischen Leuten ,die Arbeit abzulehnen, sei es, weil wir sie auf Grund
agieren und reagieren, den Zugpferden und Brem- auseinander gehender Vorstellungen nicht machen

55
la fabrique d’images

am grafischen Experiment. Im Vorfeld, ohne ferti- einer Klangexplosion zu jeder Stunde des Tages.
ges Bild, ermutigte uns die einfache Vorstellung Als Ausgangspunkt in Richtung Liebe, Traum oder
nicht besonders, Riesiges und Unwiderrufliches in woandershin...
einer bereits ausreichend verdichteten Stadtland- Die Stadtverwaltung hat diesen Gegenvorschlag
schaft anzubringen. akzeptiert, der ihr zwar gewagter, aber auch auf-
Folglich verlagerten wir die Diskussion auf eine regender erschien, mit dem vorrangigen Interesse,
andere Ebene. Jenseits eines vordergründigen visu- dies als ein Projekt mit Nähe zum Leben der Bewoh-
ellen Überraschungseffekts, und um Abwehrreakti- ner gelten zu lassen. Man ließ uns also mehrere
onen der Bevölkerung zu vermeiden, um ihr mehr Monate, um in die Stadt einzutauchen und in ver-
Platz einzuräumen, als dem unbedarften Betrach- schieden Vierteln, Räumen und Lebensbereichen
ter, entschlossen wir uns, der Stadt Noisy-Le-Sec Klänge zu erfassen.
einen gewagteren Vorschlag zu machen. Später wurden sieben Wegweis-Steine von vier
Wir haben bereits erwähnt, dass tönenden Bildern Metern Höhe und 700 Kilo Gewicht über das Stadt-
können, sei es, weil man uns nicht die Zeit gewährt, oder jede gestellte Frage beinhaltet die vorverdaute eine Vorstellungskraft innewohnt und diese die gebiet verteilt, die das Thema Stadt unter folgenden
sie unter vernünftigen Bedingungen zu realisieren. Antwort, die man von uns hören möchte: geklonte, Fantasie beflügeln, mehr als dies Bilder dem »vor- sieben verschiedenen Gesichtspunkten darstellten:
Im Vorfeld tauschen wir uns lieber aus und bereden abgestimmte, gehorsame, anrechenbare Standar- überziehenden Betrachter« vermitteln können, Richtung Heimat, Richtung Jetzt, Richtung Gestern,
die Dinge, um dann erst über den Auftrag selbst dantworten... der potenziell zu betreuenden Kon- in Bezug auf die inhaltliche und emotionale Aus- Richtung Schule, Richtung Bahnhof, der Natur ent-
zu sprechen. Das Aufgabenfeld abstecken, den sumenten. legung. Somit gestattet es der Ton, über die Spra- gegen...
Rahmen, bevor man zu dem kommt, was man im Was uns betrifft, in unserer Eigenschaft als Bild- che des Bildes hinauszublicken. Die Erfahrung ist Einmal auf der Straße, konnten die Geräusche aus
Mittelpunkt glaubt; das ganze zu umreißen, bevor schöpfer und Veränderer von Landschaf ten, persönlicher und gestattet dem Zuhörer, eigene den Inneren von Noisy auf der Straße Platz finden.
man zu den rein grafischen Einzelheiten kommt. betrachten wir die Erfüllung eines Auftrags als bedeutsame Erfahrungen bei seiner Deutung ein- Vom Zähneputzen zum Geschirrklappern, über die
Wir weigern uns, Dienstleister zu sein und ziehen Frucht gegenseitigen Vertrauens, die logische Fol- zubringen. Es ist an ihm, dem ein Bild hinzuzufü- abendlichen Verrichtungen, die Geständnisse der
es vor, eher Lösungen anzubieten, als Aufträge ge des Einvernehmens zwischen Personen. gen... sein eigenes. Alten über ihr Gefühlsleben, die Kriegszeiten, eine
zu erfüllen. So haben wir ebenfalls bemerkt, dass Also lassen wir lieber die Stadt für sich sprechen Chorprobe im Konservatorium, das Mahl in der
die Frage durch den Auftraggeber manchmal vor- und dies auf der Straße, als in autoritärer Manier ein Kantine, breiteten sich die Geräusche im öffentli-
schnell gestellt wurde, damit hatte sich das Pro- Wegweis-Steine überdimensioniertes Selbstbildnis auf sie zu proji- chen Raum aus. Noisy hatte Null Kilometer Entfer-
blem schon erledigt. Wir suchen die Möglichkeit, zieren. nung sich selbst. Jeder konnte also ein Ziel ansteu-
mit ihm gemeinsam die Fragestellung zu erarbeiten 1999 gab uns die Stadt Noisy-Le-Sec freie Hand, in Eben auf diese Weise kann man jene überraschen, ern, das er bereits vorher erreicht hatte.
und versuchen systematisch, uns in ihn hineinzuver- ihrem Auftrag eine Bilderserie zu fertigen. die vermeinen, ihre Stadt zu kennen. Gleich einem
setzen. Nicht, um eine Frage zu formulieren, die wir Es handelte sich einfach um eine Serie von Großbil- Löffel in der Salatschüssel, gehen wir daran, die Text: la fabrique d’images
gerne gestellt bekämen, sondern, um sicherzuge- dern zum Verhüllen einiger Giebel in der Stadt. tönenden Landschaften von einem Viertel in das Übersetzung: Michael Schramm
hen, dass die gestellte Frage die richtige ist. Es kann Für uns stellte sich die Frage, darin kulturelle, sozi- nächste zu umziehen zu lassen. So kann man also (Anmerkung zur Übersetzung: In Frankreich dienen
vorkommen, dass wir einen Auftrag verändern, eher ale und geschichtliche Eigenheiten einzuflechten auf der Straße des hiesigen Viertels Geräusche des die Kilometersteine mit Ortsangaben mehr der Ori-
eine Klanginstallation als ein Plakat oder eher einen um der Stadt und ihren Einwohnern eine Reflexion weiter entfernten hören, indem man die Geräusch- entierung, als Schilder. Deswegen wurde als Gegen-
Workshop als eine Broschüre vorschlagen... ihrer selbst zu ermöglichen. kulisse einer Schule in ein Altstadtquartier ver- begriff für Hin-weisen Weg-weisen verwendet.)
Häufig beinhalten stereotype, vorgefertigte und Im Laufe dieses Projekts, erregte uns die spektaku- pflanzt, die intime Landschaft des »Zuhause« in
sichere Lösungen nur schon existierende Formen läre Aussicht auf Bilder von mehreren hundert Qua- den öffentlichen Raum...gleich neben einem Weg-
bewährter Praktiken, reine Werbekampagnen... dratmetern nicht sonderlich, abgesehen vom Spaß weis-Schild mit gigantischer Kilometerangabe mit

Aufwachs-Erlaubnis, 1995 Plakat und »Wandjournal«, Das Gewöhnliche ist das Besondere - Franzosen aller Länder, 1996 . Attac, 1999, Tract pour information et manifestation. Das ist nur der Anfang, 1997, Selbstauftrag
Begleitende Workshops zum Abriss eines großen Wohnhauses 1997, Selbstauftrag

56 57

Pascal Colrat

Pascal Colrat lebt und arbeitet als Grafiker in Paris. ner Nähe, die dir eine größere Freiheit lassen. Da
gibt es vielleicht etwas zu finden. Deshalb arbeiten
Welche Rolle hat Grafik in der Gesellschaft? sehr wenige Grafiker in Frankreich mit großen poli-
tischen Parteien. Normalerweise machen das die
P.-C.: Ich meine, wenn du die Möglichkeit hast, zu Agenturen, weil die politischen Parteien oft selbst
sprechen, wenn man dich fragt, ein Plakat, ein Buch Schwierigkeiten haben, zu definieren, was sie öffent-
oder eine Zeitung zu machen, dann ist das eine gro- lich sagen wollen.
ße Verantwortung. Es gibt sehr viele Leute, denen
das Wort versagt bleibt, die niemals reden, die man Das ist ein schwerfälliger Apparat.
niemals nach ihrer Meinung fragt. In der Öffentlich-
keit zu Worte kommen, bedeutet also eine große P.-C.: Sehr schwerfällig. Für einen einzelnen Grafiker
Verantwortung, die man würdigen muss. Das ist, ist das ein Gebirge.
wenn du so willst, die Rolle des Grafikers. In einer
Welt, wo wir von Zeichen bombardiert werden, ist Hast du einen bevorzugten Arbeitsmodus?
es vielleicht auch die Rolle des Grafikers, Antworten
auf dieses Bombardement zu geben, mit Bildern, P.-C.: Ich arbeite mit zwei Assistentinnen. Selten
die einen Sinn haben, die das Auge reinigen, wie mit mehr. Weil ich keine Lust habe, eine Agentur zu
Roman Cieslewicz sagte. werden. Und ich glaube, dass dieses Verhältnis der
STELLVERTRETER Nähe bedeutend ist.
Gibt es politisch-soziales Grafikdesign?
Wer ist das im Moment?
P.-C.: Ja, politisch-soziales Grafikdesign existiert.
Wie ich es definieren würde? Vielleicht über die Also, da ist Marie, die du ja kennst, und die seit
Ablehnung bestimmter Zwänge. Wenn du für zwei Jahren mit mir arbeitet. Außerdem gibt es Stu-
bedeutende politische Parteien arbeitest, für die denten. Ich organisiere gerne Teams, die in Bezug
Grünen, Le PC (Parti Communiste), erträgst du star- auf die zu erarbeitenden Aufträge genügend flexi-
ke Zwänge. Es gibt den Auftrag, deine Antwort dar- bel sind. Wenn man z.B. für eine Kampagne arbei-
auf und dann die Reaktion des Auftraggebers. Und tet, die eine Buchveröffentlichung, eine Zeitung
ich glaube, dafür gibt es zwei Lösungen: Entweder erfordert, dann versuche ich junge Studenten zu
akzeptierst du die Bedingungen und änderst den finden, die daran mehr interessiert sind. Ich bilde
Inhalt deines Bildes oder du lehnst diesen Kompro- also eine kleine flexible Gruppe, die effektiver ant-
miss und im Extremfall sogar die Arbeit mit solchen worten kann.
großen Strukturen ab. Dann wirst du eher mit klei-
nen Bezirksstrukturen arbeiten, mit Leuten aus dei- Du glaubst also mit solchen Teams effizienter

59
Pascal Colrat

zu sein, als mit einer festen Gruppe? machst, dann präsentierst du ein Bild, vervielfältigt
zwar, aber es ist immer dasselbe. In der Galerie ist
P.-C.: Ich glaube, es bedarf da der Aufrichtigkeit. Du es umgekehrt. Du stellst Unikate aus, aber in Serie.
kannst nicht alles kennen. Ich mache viel Theater- So erzählst du also viel mehr, und hast auch viel
und Tanzplakate. Den zeitgenössischen Tanz ken- mehr Reaktionen.
ne ich sehr gut. Da habe ich keine Bedenken. Aber
die Rap-, Rock- und Technoszene benutzt eine ganz An wen richtest du dich mit der Ausstellung
besondere Ikonografie. Die Kultur, die ich diesbe- in Galerien?
züglich habe, beschränkt sich darauf, Fleyer und
Magazine gesehen zu haben. In diesem Universum P.-C.: Es ist sicher, dass die Pariser Galerien sich nach
habe ich keine tiefergehende Kultur. Und es ist sehr einer kleinen Öffentlichkeit ausgerichtet haben.
gefährlich, dafür künstlich und von außen Bilder Dahingehend braucht man sich keine Illusionen zu
produzieren zu wollen. So ziehe ich es also vor, mit machen. Es ist nicht die große Öffentlichkeit, die die
jungen Grafikern zu arbeiten, die selbst Musiker Pariser Kunstgalerien frequentiert. Die Leute aus
sind, die mir Dinge zeigen, Typografien z.B., die ich den Vorstädten gehen nicht in die Kunstgalerien.
nicht verstehe. Da gibt es einen sehr interessanten
Austausch. Deshalb glaube ich, dass der Kontakt Bist du einverstanden, mit dem, was Pierre
mit jungen Grafikern unentbehrlich ist. Das bedeu- Staudenmeyer sagt: »Man kann auf der Straße
tet für mich Atelier: ein Ort des Austausches. nichts mehr ausrichten. Aber man muss den
Reichen helfen?«
Mir fiel die Tendenz bei dir auf,
die Ideen frei leben zu lassen, die sich aus den von P.-C.: Er sagt es ja nicht so. Er sagt: »Die Armen brau-
dir gestellten Fragen entwickeln können. chen keine Kunst. Nicht auf sie muss man zugehen.
Macht dir das keine Sorgen? Diese Leute brauchen Waffen, um Revolution zu
machen. Die, die Kunst und Kultur brauchen, das
P.-C.: Nein, Ich versuche zwischen Bild und Text sind jene, die die Macht in den Händen halten. Die-
ICH ATME MIT EUCH eine freie Zone zu schaffen, die der Betrachter sich se Leute muss man berühren, verunsichern, sensibi-
völlig aneignen kann, die er verändern und in eine lisieren.« Und ich glaube, darin liegt etwas Wahres.
Richtung treiben kann, die ich mir nicht unbedingt Jahrelang sagte man uns, die Künstler sollen mit
vorstellte. Es interessiert mich sehr, in diesem alltäg- dem Volk zusammenarbeiten. Und das haben wir
lichen Bilderbombardement, Bilder zu machen, die gemacht, alle, wie hypnotisiert. Während langer
nicht fassbar, nicht zu verdauen sind, die Probleme Jahre haben wir uns alle daran gemacht, für Vereine
und manchmal Absurditäten darstellen, Bilder zu in den Bezirken und Vorstädten Kunst zu machen.
schaffen, die scheinbar Offensichtliches annulieren. Aber nach all dem fragt man sich, »Ist das wirklich
So habe ich ein Bild von einem Mann gemacht, der die richtige Richtung? Sollten wir uns nicht einfach
dich mit einem Jagdgewehr anvisiert. Darauf steht: mal umdrehen und sehen, dass es hinter uns Leute
»Angst vor wem?« Jedesmal, wenn ich dieses Bild gibt, die die Marionetten halten, die entscheiden«.
zeige, sagen mir die Leute, dass es von der Front Und ich glaube, Pierre will genau das sagen. Wenn
National handelt. Jeder sieht darin die Angst des er allerdings »helfen« sagt, meint er »verstehen hel-
anderen, aber auch die tiefe Angst von(vor?) sich fen«. Damit hat er nicht völlig unrecht.
selbst. Um dieses Bild setzen sich viele Interpretati-
onen in Gang, die mich überraschen, weil ich es fast In der provokanten Ausschließlichkeit-…
intuitiv gemacht habe.
P.-C.: Ja, ich würde es nicht so ausdrücken wie er.
Hast du darauf Antworten bekommen? Man muss die Straße nicht zugunsten einer Elite
vernachlässigen oder andersherum. Ich glaube, der
P.-C.: Sicher, wenn du eine Ausstellung machst, hast Kampf muss in alle Richtungen geführt werden.
du immer Rücklauf. In der Straße, wenn du ein Pla-
kat machst, ist das schwierig. Aber wenn du in einer Was ich an deiner Arbeit erstaunlich finde,
Galerie ausstellst, kommen die Leute, um dich zu ist das Fragenstellen, ohne Antworten darauf zu
sehen, sie rufen bei dir zu Hause an oder versuchen haben. Viele andere Grafiker hingegen machen
dich zu treffen. Und diese Reaktionen sind viel prä- Plakate in Form einer Fragestellung,
ziser. Außerdem, wenn du ein Plakat für die Straße um eine bestimmte Antworte zu verpacken.

61
Pascal Colrat

akzeptieren können, etwas zu sehen, was sie nicht


P.-C.: Ich halte absolut nichts davon, eine Antwort unbedingt verstehen. Und dann gibt es jene, die
zu verpacken. unbedingt einen klaren und verständlichen Sinn
sehen wollen. Diese sind selbstverständlich etwas
Schockiert dich der Gedanke nicht, dass dein Bild aufgebracht und denken, das sei überhaupt nicht
für das Gegenteil deiner Position benutzt werden mehr Grafik, das ist etwas anderes, das ist elitär. Ja
kann? Mir würde das Angst machen. ok., aber das stört mich nicht sonderlich. Ich habe
wirklich Lust diese Erfahrung zu wagen, das weiter
P.-C.: Nein, das stört mich nicht. Ich denke, die Din- zu verfolgen.
ge sind sehr komplex. Nehmen wir das Beispiel Mich interessiert an meiner Arbeit, von Dingen zu
der Front National. Aus der Vorstadt kommend, sprechen, die alle betreffen und tue dies mit einem
habe ich sehr viele Bilder gegen die Front National sehr persönlichen Vokabular. Wenn du also von der
gemacht, indem ich sagte: »Die Front National ist Front National redest, ein Problem, das alle angeht,
widerlich«, »Nein zur Front National«, »Stop FN!« und das mit deinem eigenen Vokabular tust, mit
Und eines Tages wurde ich mir bewusst, dass das deinen eigenen Ängsten, dann wirst du vielleicht
Problem viel komplexer ist. Damit etwas verschwin- auf eine intensivere Art darüber reden. Auf tausend
det, reicht es nicht aus, nein zu sagen. Man muss Personen berührst du vielleicht zehn wirklich. Aber
eine komplexe Reaktion hervorrufen. Und in diesem diese zehn Leute sind viel stärker berührt als von
Fall machst du Bilder, die auch viel komplexer sind. den Kampagnen anderer politischer Parteien.
Eine Frage zu stellen, ohne eine Antwort zu geben,
den anderen in Gefahr zu belassen, ihm die Mög- Interview: Holger Bedurke, Paris, 10.10.1998
lichkeit zu geben, sich zu verlieren, sich in bezug
auf das Bild zu irren, scheint mir sehr interessant zu
sein. Und selbstverständlich kann man meine Bilder
auf eine Art interpretieren, die meiner Ursprungsi-
dee gegenüber sehr verschieden ist.
Aber das Leben besteht auch aus einer solchen
Komplexität. Das nicht sehen zu wollen, ist Propa-
ganda. Zu sagen, »Ich habe um jeden Preis recht.
Ich bin mir in dem, was ich sage, sicher. Ich will
unbedingt, dass ihr versteht, was ich sage-…« Ich
glaube, das wird Propaganda. In der Kunst gibt es
diesen Raum des Risikos. Wie im Leben. Du kannst
an den Dingen vorbei zielen, dich irren, nicht ver-
stehen oder falsch interpretieren. Auch das ist
im Schaffensprozess enthalten. Ich würde selbst
behaupten, dass diese Zone der fehlenden Defini-
tion die interessanteste ist.

Bei einem Bild oder Theaterstück, hat man meist


erst dann den Eindruck, verstanden zu haben,
wenn man zu wissen glaubt, was der Autor sagen
wollte. Weiß man das nicht, ist man verloren,
frustriert. Ist deine Arbeit nicht etwas elitär oder
schwierig?

P.-C.: Ja, es gibt zwei Arten von Reaktionen auf mei-


ne Bilder. Es gibt jene, die verstehen, dass es nichts
zu verstehen gibt, dass es eine mystischere, poe-
tischere Dimension gibt. Und diese suchen dann
darin ein bisschen, was sie wollen und sie konstru-
ieren selbst etwas mit den gegebenen Elementen.
Diese Leute sind sehr zufrieden. Das sind Leute, die

63

KAPITALISATION
Ankündigungsplakat der Ausstellung »et toi, ça va?« (und du, alles klar?)


Nous Travaillons Ensemble

Nous Travaillons Ensemble (Wir arbeiten zusam- sondern versuchen nützlich zu sein.
men) ist 1989 im Montreuiller Atelier Grapus von Wir sind keine nützlichen Idioten.
Alex Jordan und Ronit Meirovitz mit der Absicht 6 Wir arbeiten nicht für die Gegenöffentlichkeit,
gegründet worden, auch nach dem Ende von sondern an der Gesellschaft.
Grapus über das für eine sinnvolle soziale, kultu- 7 Die Kunst ist nicht unser Problem;
relle, politische Arbeit nötige menschliche und Spaß ist menschlich.
technische Potential zu verfügen. Nous Travaillons 8 Politik ist (über)lebenswichtig.
Ensemble hat seitdem zahlreiche Informations-
kampagnen für Städte, Aktionen für humanitäre
Organisationen, Szenografien für thematische Aus- Interview mit Alex Jordan
stellungen französischer Museen u.s.w. konzipiert
und gestaltet. Die Gruppe besteht heute aus Valé- Was ist ein/e GrafikerIn oder ein/e DesignerIn?
rie Debure, Isabelle Jégo, Alex Jordan und Ronit
Meirovitz und zeitweise aus freien Mitarbeitern. A.-J.: Früher waren wir Grafiker, danach Grafikdesi-
Nous Travaillons Ensemble ist mit der Fotografen- gner, heute Kommunikationsdesigner oder einfach
gruppe le bar Floréal verschwistert und arbeitet Designer. Ich glaube aber nicht, dass es danach
oft im Verbund mit anderen gegen den politischen wieder zum Grafiker zurück geht. Ein Designer ist
Mainstream schwimmenden politischen Initiativen jemand, der die Aufgabe hat, für andere etwas zu
wie Faut Voir und la Forge-… vermitteln oder mit anderen zusammen etwas aus-
zuarbeiten, was zur Vermittlung von Inhalten führt.
Ihre Philosophie: Wenn ich mir so meine Kollegen angucke, würde
ich sagen, es gibt drei Spielarten: die Kollegen,
1 Visuelle Kommunikation ist nur eine mögliche die sich auf die gute Umsetzung, die gute formale
Kommunikationsform von vielen. Umsetzung von Messages, Produkten und so weiter
Hunde wedeln z.B. mit dem Schwanz. beschränken, andere, die über den Inhalt der Mes-
2 Wir reden ungern über Grafikdesign, sages und der Produkte nachdenken, aber deren
wir benutzen es. Formgestaltung nicht in den Griff bekommen, und
3 Unser Stil ist, problemgerechte Antworten auf es gibt diejenigen, die beides erfolgreich miteinan-
soziale, kulturelle, allgemein politisch relevante der verbinden können.
Fragestellungen zu suchen.
4 Wir halten uns an Konventionen, Was kann du zu den Unterschieden zwischen
wenn sie uns vernünftig erscheinen. Frankreich und Deutschland sagen?
5 Wir arbeiten mit unseren Auftraggebern.
Wir leisten keinen Dienst, A.-J.: In Deutschland redet man z.B. nicht von Auto-

65
Nous Travaillons Ensemble

hervorragendes Design, hervorragende Formge- gewesen. Metadesign hat sich darauf eingelassen.
staltung. Die Werbeagenturen arbeiten – genauso Punkt.
wie die Designfabriken – mit den besten Leuten
aus dem Bereich der Fotografie, der Schriftgestal- Was denkst du dazu, dass die Entwicklung
tung, des Films und so weiter und so fort, und zwar der Werbung in den letzten zehn Jahren
nicht nur wegen der Namen, sondern, weil es ja um von der ausschließlichen Produktwerbung
Geld, um Millionenbeträge geht. Um Absatz oder weggeht hin zu Werbung, die eher Identifi-
Pleite. Entsprechend sind Werbung und Design eine kation auf einer kulturellen allgemeinen und
enorme Industrie. Einerseits. Andererseits werden gesellschaftlichen Ebene ansiedelt-…?
Tag für Tag von Millionen Grafikern kleine Brötchen
gebacken. Zum Beispiel hier auf der Tüte auf dem A.-J.: Stimmt. Man hat schon kapiert, dass man ein
Tisch: »Gutes vom Backbär«. Man kann natürlich Produkt durchaus verkaufen kann, wenn man zum
hinterher die Grafik, die grafische Leistung bewer- Beispiel über das Wetter spricht oder über die Farbe,
ten. Lassen wir‘s mal sein, lassen wir den Back- über den Wind, der über die Berge und Täler und die
bär also Backbär sein. Auch die Backbärtüte ist ein Gletscher und so weiter weht-... Die Werbung ist da
Designprodukt. sehr weit nach vorne geprescht . Nur es geht immer
Was hier auf einer ganz kleinen, geringen Ebene nur und ausschließlich um das Verkaufen. Werbung
passiert, passiert auch bei Mercedes, passiert auch und Verkaufen kann man nicht auseinanderdivi-
bei der BVG. Und so weiter und so fort. Da kom- dieren. Es geht darum, dass Umsatz gemacht wird,
me ich wieder auf den Anfang zurück: Das, was die es geht darum, dass konsumiert wird. Werber sind
nicht machen, das ist, über den Auftrag hinaus zu nicht dumm, ausserdem sind sie ebenfalls Konsu-
gehen und Aufträge zum Beispiel in einen gesell- menten. Aber es gibt mittlerweile den Trend in den
schaftkritischen Kontext zu stellen. Metadesign großen Agenturen, sehr genau zu gucken, für was
stellt nicht das »System« BVG in Frage, Metadesign und für wen sie bereit sind, Werbung zu machen
Ausstellungsplakat »Plakatierte Frauen«, Chaumont 1998 versucht, ein für die Benutzer der öffentlichen Ver- und für was und wen sie nicht mehr bereit sind,
kehrsmittel gut benutzbares Kommunikationssys- Werbung zu machen.
tem im Auftrag der BVG zu entwickeln. Dazu gehören Agenturen, die keine Werbung für
rengrafik. Da ist man Freier Grafiker, und wenn man diesem Buchprojekt vorkommen, die gehören eben Das Berlin-Zeichen, das neue Berlin-Signet ist Zigaretten machen, oder für Joghurts, die nur auf
Freier Grafiker ist, dann macht man Lithographien dieser kleinen verschwindenden Minderheit an. ebenfalls von Metadesign entworfen worden. Und chemischer Basis bestehen, mehr oder weniger. Es
und Kupferstiche und ich weiß nicht was, Sieb- Man muss das aber in ein Verhältnis bringen. Gra- da gab es ja vorher einen Wettbewerb, den hatte geht auch hier immer wieder nur um das Verkaufen.
drucke und meinetwegen auch Computergrafik, fiker gibt es wie Sand am Meer, in Frankreich wie das Pariser Studio Visuel Design Jean Widmer mit Es gibt jedoch einen Bereich, in dem nichts verkauft
freie, nicht an Auftrag gebundene und so weiter. In in Deutschland. Gute Werbegrafiker gibt es sehr der logotypischen Darstellung eines Lindenblatts werden kann, in dem nur menschliche Beziehun-
Frankreich ist man auteur, Autor. wenige. Sie prägen natürlich das Bild der Werbung. gewonnen. Ich bin der Meinung, dass weder Meta gen, zum Beispiel, verbessert werden können, in
Was ein interessanter Unterschied sein könnte: es Denn eines kann man nicht behaupten: dass in der noch Visuel den richtigen Vorschlag gemacht dem Gesundheit verbessert werden kann, in dem
gibt in Frankreich eine ganz, ganz kleine verschwin- Werbung nur schlechte Grafik gemacht wird. In haben. Sie hätten den Berliner Bär, der ja auch das Verständnis für den Gegenüber und die Umwelt
dende Minderheit von Grafikern, die aus der ide- der Werbung wird hervorragende Grafik gemacht, Stadtwappen ist und der in der Bevölkerung nach ganz allgemein verbessert werden kann. Und auf
ologischen Ecke kommen, das heißt aus der sozial in der Kinowerbung genauso wie im Fernsehen, wie vor immer noch genauso populär ist wie vor diesem Bereich arbeiten viel zu wenige Leute.
und politisch implizierten Ecke. Die Gruppen, die in genauso wie auf dem 3 x 4-Meter-Plakat. Da gibt’s hundert Jahren, einbauen können. Das hängt natürlich damit zusammen, dass da kein
Profit zu holen ist und dass man da mit zwangsläu-
Barbarei oder Algerien?, Graffiti auf Staatsflagge, Eigenproduktion 1997 Ausstellungsplakat »51 Jahre Arbeitnehmervertretung« Aber das Logo von Berlin ist doch auch eine fig bescheidenen Mitteln arbeiten muss. Und man
(Comitiés d’entreprise) politische, eine ideologische Frage. kann in diesem Bereich nicht arbeiten, wenn man
Das Brandenburger Tor ist ein nationales Denkmal, sich nicht ganz konkret der Gesellschaft mit allen
ob man das nimmt und-... ihren Widersprüchlichkeiten stellt.

A.-J.: Darauf wollte ich doch hinaus! Dem Berliner Wie spiegelt sich denn so ein Ansatz im Verhältnis
Senat war das Lindenblatt – ich sage immer das zum Kunden wieder. Wie sieht das bei euch aus,
Feigenblatt – von Visuel zu harmlos. Die wollten oder wie war das bei Grapus?
ein knallhartes, aus der Kalte-Kriegszeit stammen-
des Symbol benutzen, ein Symbol des Kampfes A.-J.: Als irgendwann mal, 1976 glaub ich, irgend-
gegen den Kommunismus, das Tor der westlichen wer von Grapus in einer öffentlichen Versammlung
Freiheit sozusagen, das Brandenburger Tor. Das ist gesagt hat: »Bei uns wollen die Kunden ein Unter-
eine ganz, ganz knallhart ideologische Geschichte hemd und die gehen bei uns mit einer Unterhose

66 67
Nous Travaillons Ensemble

wieder raus« – oder so ähnlich, das heißt, wir schaf- Was dann aber doch oft kommt, ist die Sache mit Wo zieht man denn da die Grenze?
fen es, die Wünsche der Kunden radikal zu verän- dem Geschmack, dass dem Kunden das Bild nicht
dern. Da war das ein Bild, eine Übertreibung war gefällt-… oder dass er lieber was nettes buntes A.-J.: Wenn man Werbung für sogenannte »gute«
das. Tatsache ist, dass oft Kunden, wenn sie zum abstraktes will-… Produkte machen will, muss man sich zwangsläufig
Grafiker kommen, selbst nicht genau wissen, was »gesellschaftlich« positionieren. Man macht dann
sie wollen, dass sie relativ diffuse Vorstellungen A.-J.: Es gibt auch gute Gründe dafür, dass Kun- keine Werbung für benzinfressende Autos mehr.
haben von dem, was vielleicht nötig wäre. den von bestimmten visuellen Ideen nichts wissen Damit sind natürlich ziemlich viele Budgets, sprich
Wir gehen davon aus, dass, wenn die Leute kom- wollen. Entweder sie haben die ganze Bilderflut Profitmöglichkeiten, weg.
men, wir erst mal versuchen, dass alles auf den satt, oder sie haben eben Angst vor Bildern. Bilder
Tisch gelegt wird, inklusive unserer eigenen Unklar- machen in gewisser Weise, was sie wollen. Sie for- Konkreter: Die BVG ist ja ein gutes Produkt?
heit und inklusive der Unklarheit der Kunden. Der dern heraus, lösen nicht vorhersehbare Reaktionen
zweite Schritt ist der, dass man erst, wenn alles auf aus. Sie können Ärger bereiten-… A.-J.: Ich würde niemandem einen Vorwurf daraus
dem Tisch liegt, anfangen kann, zu überlegen. Diese machen, für die BVG zu werben-… Man muss nur
Überlegungen müssen mit dem Kunden stattfinden Du hast mal gesagt: »Wir gehen eher eine Kom- prüfen, ob marktschreierisch, lügnerisch aus der
und nicht gegen den Kunden, aber kompromisslos. plizenschaft mit den Kunden, den Auftraggebern BVG ein Familienauto gemacht oder die Staats-
Da wird herauskommen, ob man überhaupt zusam- ein--– das ist unser Anliegen.« In Werbeagenturen, karosse sozusagen, oder, ob benutzerfreundliche
menarbeiten kann oder nicht. Und es ist uns schon Designagenturen, wo es um Produktwerbung geht, Kommunikation betrieben wird.
passiert, dass dann klar war, wir konnten nicht da wird aber doch auch so etwas versucht, wird in Ganz schlimm wird es, wenn die Idee aufkommt,
zusammenarbeiten. Damit war die Sache erledigt. Teams gearbeitet, wird auch sehr projekthaft in den S-Bahn-Waggons TV-Monitore zu plazieren.
Dann ist es so, dass man selber arbeiten muss. Und mittlerweile gearbeitet. Wo ist der Unterschied? Dann gucken die Leute in der Straßenbahn nicht
im Gegensatz zu anderen bin ich immer noch der mal mehr aus der Straßenbahn raus oder aus der
Meinung, dass, wenn man einen Vorschlag ausge- A.-J.: Na, was die Werbung betrifft, habe ich schon S-Bahn, und starren nur noch auf die Glotze! Es
arbeitet hat, es ab einem bestimmten Punkt doch gesagt: »Die Werbung hat eine ganz konkrete, ist schon eine Zumutung, dass der BVG-Strassen-
darum geht, seinen Standpunkt möglichst klar knallhart definierte Aufgabe, das ist das Verkaufen. bahnBenutzer die Außenwelt nur noch durch den
rüberzubringen. Bei Design-Büros ist das wieder eine andere Sache: schleierigen Raster der auf die Fenster aufgeklebten
Und dann darf es keinen Katalog von: Ja, wir können das Büro von Otl Aicher-/-Rolf Mueller hat vor Jah- Reklamen betrachten darf. Kongressplakat für den Secours Popoulair Français 1997
das und das und vielleicht auch das und das, geben. ren das Erscheinungsbild der Stadt Leverkusen
Am Ende muss man selbst schon eine bestimmte entworfen-… Die Arbeit ist angegangen worden, Aber das, was Du eben gesagt hast, ist doch im
Radikalität an den Tag legen, sonst ist man jemand, da waren von Seiten der Stadt Leverkusen ein paar Prinzip ein Plädoyer dafür, dass politisch oder gefährdenden Ochsenfleisches.
der im Grunde genommen was diktiert bekommt: Leute, die haben sich darauf eingelassen, mit dem sozial bewusste oder engagierte Grafik auch in der Das gleiche trifft auch für Corporatedesign zu. Ein
»Also da liegen drei Apfelsinenschalen auf dem Tisch Büro von Otl Aicher an der konkreten Umsetzung Werbung plötzlich Platz hat. Weil die Frage unter Grafiker, der sein Handwerk beherrscht, kann durch-
in der Mitte. Die finden Sie zwar gut, aber ich finde des Erscheinungsbildes wirklich zusammenzuar- anderem bei uns ist: Gibt es überhaupt politische, aus mit gutem Gewissen das Hakenkreuz des drit-
doch das Rosa in der Apfelsinenschale von rechts viel beiten. Das hat auch am Anfang sehr gut geklappt. sozial engagierte Grafik, und wenn ja, was ist das, ten Jahrtausends entwerfen, wenn er seine Arbeit
schöner. Also ich würde jetzt das hier nehmen, also Ab dem Moment, wo diese paar Leute, out off Ent- was könnte das sein? Die französische Standar- als-… eben als Handwerk und nicht als politischen
die Apfelsinenschale rechts.« Dann geht der Grafiker scheidung waren, fiel das ganze mehr oder weni- dantwort aus dem, was man so sieht, an den hier Akt betrachtet. Er kann es auch als Überzeugungs-
nach Hause, weint bitterlich und verbessert die vom ger in sich zusammen. Das Ganze wurde abgelöst vorgestellten Grafikgruppen ist eigentlich, jenseits täter tun. Oder sich verweigern, selbst, wenn ihm
Kunden ausgewählte Apfelsinenschale. durch Werbekampagnen in purem Stil des Verkau- der Produktwerbung für kulturelle, soziale Sachen fette Bezahlung versprochen wird-…
fens. zu kämpfen. Ist das denn nach dem, was Du jetzt
Eine Stadt kann man zum Beispiel verkaufen, kann gesagt hast, genausogut auch möglich, so wie es Nochmal zurück zu Messer und Gabel: Diesen Ent-
man vermarkten, indem man sagt, wir sind in der die Deutschen wahrscheinlich eher auffassen, auch scheidungsspielraum hast Du, aber Du bist trotz-
»Todesstrafe Abschaffen«, Mumia Abu-Jamal, Nähe von einem Eisenbahnschnittpunkt, wir haben für Produktwerbung im Designbereich bewusste dem knallhart in diesem Kontext drin. Du hattest ja
Maske für Solidaritätsaktionen drei Flughäfen und eine Großwasserstraße, insofern Grafikarbeiten mit unterzubringen? mal erzählt, dass ihr überlegt hattet, was für Nike
sind wir gut geeignet, um sagen wir mal, Toyota, zu machen und es dann aber abgelehnt habt, weil
Mercedes, Chrysler und ich weiß nicht was noch A.-J.: Man muss einem Werber zugestehen, dass er sie euch eigendlich nur zum »Anstreichen« haben
alles auf einen Fleck zu bringen. Es geht einfach sich Gedanken zur Gesellschaft macht wie du und wollten und nicht, weil ihr prinzipiell ein Problem
darum, dass Großindustrie, Mittelbetriebe und so ich. Ich sag’ es nochmal: Es gibt Werber, die durch- mit Nilke habt. Wie Du weißt, lässt Nike in Südko-
weiter sich niederlassen. Damit wird natürlich dazu aus versuchen, sich gesellschaftlich zu positionie- rea produzieren unter menschenunwürdigsten
beigetragen, die Arbeitslosigkeit zu verringern, ren. Das kann in der Werbung, weil es nunmal um Bedingungen-… und ihr hattet da überlegt ob
heute immer weniger, aber immerhin. Insofern ist das Verkaufen von Produkten geht, nur darin beste- es nicht okay sein könnte, für die was zu machen,
das eine Sache, die im Prinzip auch Hand und Fuß hen, dass man Werbung für das menschenfreund- wenn »der neue Schuh« super ist-… Da pickt Ihr
hat, nicht? Aber damit allein kann man keine Stadt liche Messer und die menschenfreundliche Gabel euch doch wirklich einen sehr kleinen Bereich raus
am Leben erhalten. macht und für das tierfreundliche Futter, für die und geht den Weg von Kompromissen. Da seid ihr
Herstellung des die menschliche Gesundheit nicht eigentlich sehr reduziert, reformistisch-… oder?

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Nous Travaillons Ensemble
Abb. links oben: »Fick deine Mutter« (auch Worte können töten) links unten: »sexuelle Belästigung« (das Gesetz des Schweigens) –
zwei Motive einer Plakatserie zur Problematik der Gewalt gegen Frauen

ber tragen sollen, wenn sie untereinander in einen solche Fragen: Wir haben dich in dem NGBK Pro-
A.-J.: Naja gut, das sind ja alles große Worte. Aber Wettbewerb treten sollen, wenn sie wie Unterneh- jektantrag als »Kopf von NTE« in Anführungsstri-
das ist ja genauso, wie die Welt überhaupt, sehr men geführt und von Unternehmen kofinanziert chen beschrieben
kompliziert und sehr gemischt. Man muss sich ja werden sollen,wenn sie danach gemessen werden,
auch immer überlegen, wieso denn die ganzen was sie an direkt Verwertbarem produzieren, dann A.-J.: Das kannst Du doch drin lassen. Ich rede jetzt
Jugendlichen in Sportschuhen herumlaufen. Die ist für alles kein Platz mehr, was nicht profitabel im aber nur von der Gegenwart und nicht von der Ver-
laufen zum Beispiel auch in Sportschuhen herum, marktwirtschaftlichen Sinn ist. Dann werden sie zu gangenheit. Die Gruppe besteht heute aus vier Leu-
weil die billiger sind als die Lederschuhe. Das ist ja schnellen Brütern für die Weltwirtschaft. Und dann ten, aus einem zweiundfünfzigjährigen Mann und
nicht nur Nike, die in Korea und so weiter Schuhe würde ich sagen, bin ich auch fehl am Platz, denn drei Frauen. Die eine ist fünfundvierzig, die andere
fabrizieren. Die französische Schuhindustrie exis- ich produziere keine profitablen Sachen. Arbeit an fünfunddreißig und die letzte ist siebenundzwanzig.
tiert einfach deswegen nicht mehr, weil man in der und für die Gesellschaft ist im kapitalistischen Wir haben heute eine relativ gute Geschlossenheit »50. Jahrestag des missglückten *1
Invasionsversuches der Alliierten
Marokko eben Schuhe billiger herstellt. Aber das Sinn nur rentabel, wenn sie den Betriebsfrieden und auch eine gewisse Spezialisierung. Die kommt in Dieppe, Normandie«, 1993
ist im Grunde genommen ein Urproblem des Kapi- sichert. einfach daher, dass es Leute gibt, die gut zeichnen
talismus, und wenn man ganz konsequent wäre, können, und andere, die etwas weniger gut zeich- leicht nicht der, der das Plakat schließlich macht.
dann dürfte man auch die ganze Werbung, die hier Gibt es einen Unterschied im Verhalten der nen können, dass es Leute gibt, die sehr gut mit Wir akzeptieren natürlich manchmal gute Ideen
stattfindet, nicht mehr akzeptieren. Dann müsste Deutschen und der Franzosen in Bezug auf das Computern umgehen können und andere, die es ohne lange Diskussionen. Es gibt ja so ganz lapidare
man auch ablehnen, bezahlt zu werden, dann muss politische Umfeld, wie sozial engagierte Werbung weniger können, Leute, die sehr gut texten können und schlüssige Sachen, wie zum Beispiel diese von
man im Grunde genommen Banken überfallen und oder Grafik akzeptiert, gefördert oder auch benutzt und andere, die es weniger gut können und so wei- Isabelle gezeichnete Hand*1 mit dem blutabschnü-
sich das Geld nehmen und das Geld verteilen. So wird, was Sponsorengelder betrifft? ter und so fort, und Leute, die kommerziell wirklich renden Ehering. Anlass war die Aufforderung an
lange, bis es alle ist. Man kann auch aufs Land zie- relativ top sind und andere, die es nicht sind oder uns, für ein öffentliches, von allen linken und anti-
hen und Schafe züchten und sie nicht auf den Vieh- A.-J.: Der Riesenunterschied besteht darin, dass in die noch dabei sind zu lernen und welche, die Poli- faschistischen politischen Gruppierungen getrage-
markt bringen-… Frankreich mehr oder weniger alle Politik machen. tik mehr interressiert als die Kollegen. Valerie und nes öffentliches Meeting. ein als Plakat, Aufkleber
Wenn die gewählten Politiker sich hier nicht um ich können gut zeichnen. Wenn es um Plakate geht, usw. benutzbares Zeichen zu schaffen. Das Meeting
Nee, das ist eine sehr grundsätzliche ideologi- Stadtviertel und so weiter kümmern, wenn die Par- sind wir häufiger dran als die beiden anderen. Isa- richtete sich gegen Kollaboration von Rechten mit
sche antikapitalistische Fragestellung und sehr teien keine Basisarbeit mehr machen (wie früher die belle kann sehr gut mit dem Computer umgehen,
moralisch, die ich nicht stellte. Na ja, aber schon kommunistischen Stadtteilgruppen), dann kümmern ist ein Typofreak und kann auch, genau wie Ronit, »die lange Nacht«, Plakat für eine Fotoausstellung zum Thema
Nachtarbeit 1993
die Frage nach Wertigkeiten und wo man sich mit sich die Einwohner selber darum. Das läuft auch sehr gut organisieren: Bücher, Ausstellungen, Sze-
seiner Profession einbringen will bzw. die Frage ist, manchmal so, dass zum Beispiel islamische Integ- nografien und so weiter und so fort. Isabelle und
wie und wo man diesen Diskurs um Verantwortung risten in einer Wohnsiedlung die Rolle der Polizei ich texten viel, wir praktizieren auch eine Art von
ansetzt. Wir reden ja über Verantwortung und übernehmen und dafür sorgen, dass die Dealer das kollektiver Schreibweise, das heißt die Autoren-
Moral und Gesellschaft. Jetzt mal strategisch Feld räumen. schaft von vielen Sachen müsste eigentlich doppelt
gedacht. Zugespitzt: Es geht darum, zwischen sozi- unterschrieben werden. Das fängt mit der Begrün-
alen Gruppierungen, progressiven Gruppierungen So, wie sich hier beispielsweise die Neonazis um dung eines Antrags auf Unterstützung an. Wenn es
und Design-Profis, Grafikdesignprofis die Lücke zu Kultur und Politik kümmern. um die »Geschäftsbeziehungen« geht, würde ich
schließen, die Leute aufzufordern sich explizit mit sagen, dass Ronit und ich das am besten können
Linken Gruppierungen in Verbindung zu setzen A.-J.: Zum Beispiel! Das ist natürlich kein Ruhmes- – so ungefähr sieht’s aus. Man sieht daran, dass die
und nicht schwammig zu sagen: Verantwortung ist blatt für die offizielle Politik. Daran wird sich aber Gruppenarbeit davon geprägt ist, dass damit erst-
relativ-… in den nächsten Jahren viel entscheiden. Aber wie mal eine bestimmte Strukturierung da ist, dass ver-
gesagt: Die Franzosen sind kulturgeschichtlich schiedene Leute Verschiedenes können. Das muss
A.-J.: Diese Lücke ist das riesige Loch der gesell- bedingt politischer. Politisch argumentieren gehört eben zusammenspielen. Bei Plakaten ist es meistens
schaftlichen Ungereimtheiten. Die Schwierigkeit, in Frankreich zur Alltagskultur. In Deutschland ist es so, dass einer eine Idee hat beim Straßenbahnfah-
die ich immer sehe, ist, dass man sofort sehr genau sehr schwer, über den Biertisch hinaus ausserpar- ren oder im Flugzeug oder in der U-Bahn oder ich
werden muss und vom Hundertstel zum Tausend- lamentarische Politik zu betreiben und dabei von weiß nicht wo, und die kommt dann auf den Tisch.
stel gehen muss. Man kann von der Lücke, die der Bevölkerung ernst genommen zu werden. Und Daraufhin gibt es entweder sofort Reaktionen, die
geschlossen werden sollte, von dem riesigen Loch wenn eine Gruppierung den Sprung in die Parla- nicht nur auf eine Verbesserung des Plakatvor-
gar nicht reden, wenn man nicht auch zur Sprache mentssessel schafft, versinkt sie drin. Die Geschich- schlags hinauslaufen, sondern vielleicht kommen
bringt, dass sich der Staat, die öffentliche Hand ent- te der Grünen ist ein gutes Beispiel. ganz andere Ideen. In dem Moment, wo eine Sache
gegen ihrem Auftrag immer mehr aus der gesell- auf dem Tisch liegt, fallen einem auch andere Ideen
schaf tlichen Verantwortung zurückziehen. Ein Um auf einen anderen Fragenkomplex zu kom- ein. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Plakat
eindrucksvolles Beispiel liefern die Hochschulen, men, nämlich in Bezug auf die Arbeitsweise und von einem Tisch auf den anderen gerät, das heißt,
über die ich kaum noch anders reden kann, als in das Arbeiten in der Gruppe, im Kollektiv, Vorteile, der Urheber der Idee ist vielleicht nicht der, der sie
folgender Form: Wenn die Hochschulen sich sel- Nachteile, Hierarchien, Autoritäten, Organisation, auf den Punkt bringt. Wer die erste Idee hat, ist viel-

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Nous Travaillons Ensemble

extrem Rechten nach den französischen Landtags- anderer Teil dreht sich um die damit verbundenen
wahlen. Vorstellungen. Es wertet einen Jungen auf, wenn
Zur Zeichnung rechts: da hab’ ich mich mal so über er innerhalb eines Jahres mit drei Mädchen geht.
das manierierte, Mainstream-Logo von Ruedi Baur Das Gegenteil davon ist die Hure, und das Schild
für die Mission 2-000 geärgert, so eine Art Spirale mit dem »heißen Hasen« ermöglicht es, darüber zu
mit der alle offiziellen Veranstaltungen des Jahres sprechen. Wenn ich auf der Seite der Jungs »play-
2-000 belabbelt werden. Ich hab da ein bisschen boy« sage und hinzufüge, jetzt versuchen wir mal,
herumgefrozzelt und dabei kam diese Zeichnung uns ein Mädchen vorzustellen, selbst wenn man
raus*2, also 2-000 und ein Fragezeichen. Wir haben betont, dass das Mädchen nicht mit mehreren Jungs
es bei der heute auch als Buch vorliegenden Umfra- gleichzeitig geht, höre ich augenblicklich »Schlam-
geaktion »le dire pour agir« (Es sagen, um zu han- *2 »Hat Frankreich mich verdient?«, Ankündigungsplakat von pädagogischen Aktionen für Kinder im Rah- pe«. Ein Mädchen hat in der Küche zu bleiben, mit
Plakat gegen Ausländergesetze, men von »et toi, ça va«, 1998
deln) des Secours populaire français eingesetzt. 1993 einem Jungen auszugehen und diesen auch zu
heiraten. Ein anderes Bild, wenn sie ein schönes
Gibt es eine letztendliche Entscheidungskom- te, eine Ausstellung zu betreuen, die ganz einfach Probleme haben, besetzen einen Ort und blei- Mädchen sehen, sagen die Jungs, »die ist gut«. Wir
petenz, wenn etwas unklar ist, es mehrere Ideen von der Liebe sprechen sollte. Die Ausstellung ist ben da. Die Jugendlichen sind aufgeschmissen in haben dafür ein Bild von einem Stück Fleisch mit
gibt oder sich eien Idee nicht sofort herauskristalli- ein Instrument, das mit Nous Travaillons Ensemble Bezug auf ihr Viertel, ihre Kultur, ihre Zukunft. Sie dem Kopf einer Frau und einem Preisschild, wie
siert? Übernimmst du dann die Führung? zusammen entworfen und erneuert wurde. Seit zehn wissen nicht, nach welchem kulturellen Muster Metzgerware. Ich frage sie, ob »die ist gut«, ein
Jahren wird sie für Jugendliche und Kinder beider sie leben sollen, und vor allem machen sie sich Kompliment sein soll. Sie antworten ja. Wenn ich
A.-J.: Ich muss ganz ehrlich sagen, es gibt nur einen Geschlechter in allen Stadtvierteln gezeigt; inzwi- untereinander systematisch fertig. Es gibt auch die gleiche Frage den Mädchen stelle, antworten
Leader, wenn es um Erfahrungswerte geht. Manch- schen ist aus »Liebe, kenn’ ich nicht, lass’ uns darü- diese scheußlichen Geschichten, wo Erwachsene sie, wir sind kein Stück Fleisch, wir sind mensch-
mal gibt es schon heftige Auseinandersetzungen. ber reden« »Und du, alles klar?« geworden, ergänzt ins Viertel kamen und den Jugendlichen Geld für liche Wesen. Also, kennt ihr Wörter um zu sagen,
Das geht bis zum Türenzuschlagen. Eine ist schon durch einen Teil für die Kinder. sexuelle Dienstleistungen anboten. Da es zu all dass das Mädchen ziemlich schön ist? Die Mädchen
kaputtgegangen. Vor allem bei Plakaten und logo- B.: Die erste Ausstellung entstand bereits in den dem nichts auf dem Markt gab, haben wir uns an antworten, sie ist nett, sie ist charmant, angenehm.
typischen Zeichen. Plakate, genau wie die Logos, 90er Jahren, zu Beginn der Aufklärungskampagnen. Nous Travaillons Ensemble gewandt, damit sie in Warum diese Bezeichnungen nicht anwenden? Ja,
müssen auf den Punkt gebracht werden, sind Ein guter Teil der Jugendlichen hatte keine Ahnung Bilder umsetzen, was an Themen überdeutlich prä- aber das sind doch die Weichlinge, die Schickimi-
immer Zuspitzungen-… oder schlecht. von Verhütung; junge Frauen waren schwanger, es sent war, Drogenssucht, Machos, leichte Mädchen, ckis, die Papasöhnchen, die sowas sagen! Uns geht
Wir sind natürlich ständig gefärdet. Das Gleichge- gab immer mehr sexuell übertragbare Krankheiten Homosexualität, all das war beim Gesundheitsamt es um all diese Bilder, die die Mann-Frau-Beziehung
wicht in einer kleinen Gruppe ist immer labil. Das und in bestimmten Stadtvierteln waren die Jugend- noch nicht angekommen. Das Ergebnis ist: Wir verzerren, wir wollen eine gemeinsame Ebene fin-
kann nur funktionieren, wenn Gruppenmitglie- lichen in dieser Hinsicht ziemlich heftig drauf. Von haben nun ein Instrument, das dem angemessen den. Im Grunde provoziert die Ausstellung die Dis-
der selbständig und eigenverantwortlich handeln Dr. Ginot und einem anderen Beauftragten wurden ist, was die Jugendlichen beschäftigt. »Liebe, kenn’ kussion zwischen Jungs und Mädchen. Eine Plane
und sich gleichzeitig der Gruppe gegenüber ver- in der ganzen Stadt Diskussionsrunden über Sexu- ich nicht«, hat es uns ermöglicht, in den Schulen die zeigt ein Mädchen, das sich wehrt, da sagen sie:
antwortlich fühlen. Liebe muss auch im Spiel sein. alität mit zahlreichen Jugendlichen und mit Betreu- Schüler zu treffen und mit anderen Jugendlichen »Aber Moment, wenn ein Mädchen uns geküsst
Wenn es darüber hinaus zu Liebesdramen kommt, ern organisiert. Sie wurden von der Presseabtei- in den Stadtvierteln in Zusammenarbeit mit den hat, uns gestreichelt hat, kann sie nicht mehr dahin-
steht die Gruppe schnell vor dem Aus. Schneller als lung der Stadt gefilmt, was den Ausschlag gab für Jugendhäusern Aufklärungsarbeit zu betreiben. Als ter zurück, es ist zu spät.« Wir sprechen dann über
Vereine und Betriebe, in denen eine klare Hierar- eine Ausstellung mit Lerncharakter zum Thema. Im wir begonnen haben, mit den Jugendlichen über Vergewaltigung, über Einwilligung. Einwilligung ist
chie besteht-… Grunde geht es dabei um Stadtviertel-Arbeit. Die Sexualität, AIDS und andere sexuell übertragbare etwas Wichtiges! Im Liebesleben darf ein Mädchen
Jungs führen ihr Gruppenleben, spielen sich unter- Krankheiten zu reden, haben wir erfahren, dass sie stop sagen; und selbst ein Junge hat das Recht zu
Interview: Sandy K., Berlin 1999 einander auf und erzählen anschließend Legenden ohne Präservative zu den Prostituierten gehen, weil sagen, nein, ich will nicht weiter gehen. Bei dieser
über die Mädchen. Für den Macho ist die Frau dem »das passiert nur den Schwuchteln!« Gelegenheit erinnern wir auch an das Gesetz, vor
Mann unterworfen. Zu den sexuellen Angriffen allem an den Berufsschulen, wo die Jungs viel älter
Über das Projekt »et toi ça va?« kommen Vergewaltigungen; es gibt Jugendliche, Das heißt, die Ausstellung nach den Filmen hat sind und Schulprobleme haben. Wir sagen, dass
von Nous Travaillons Ensemble die gehen zu den Prostituierten auf den Ausfallstra- noch weitere Erkenntnisse gebracht? Vergewaltigung ein Verbrechen ist, das mit Gefäng-
ßen am Stadtrand, um sie zusammenzuschlagen nis bestraft wird. Wenn ich höre, ich kenne einen
Bobeker ist dreißig Jahre alt. Sein Vater, Kabyle aus und ihnen eine Lehre zu erteilen! Die Jugendlichen B.: Die Ausstellung, das sind schockierende Bilder, Typ, der wegen Vergewaltigungssachen im Gefäng-
Algerien, Facharbeiter bei den Renault-Fabriken von spazieren einerseits an der Seite von Transvestiten die zur Diskussion provozieren. Ich bin dazugesto- nis sitzt, aber das Mädchen hatte ihn gestreichelt,
Billancourt, hat drei Jungen und drei Mädchen von herum, wohl wissend, dass es sich dabei um als ßen, als »Liebe, lass’ uns darüber reden« ein Jahr ist ja normal, dass er sich nicht mehr zurückhalten
der Frau bekommen, die er im Dorf geheiratet hat. Frauen verkleidetete Männer handelt, und bespu- unterwegs war. Die Veranstaltungen dazu dauerten konnte, sage ich, nein, es ist nicht normal, dass er
Bobaker ist in Aubersvilliers geboren. Seit seiner frü- cken und beschimpfen anderseits Schwule auf der zwei Stunden. In der ersten Stunde geht es um die sie zwingt, es ist wichtig, aufhören zu können. Das
hesten Kindheit kehrt er regelmäßig in die »Heimat« Straße. Ausstellung, in der zweiten Stunde um Gedanken Bild des leichten Mädchens verweist auf die Porno-
zurück. Er studierte Chemie und Physik und arbeite- In den gefilmten Diskussionen war zu hören: und Ideen dazu. Ausgehend von Fragen über Sexu- filme. Ein schon älterer Junge hat mir gesagt, ich
te für die städtische Hausaufgabenhilfe, als Dr. Ginot, »Schwuchteln muss man verbrennen!« Viele Jugend- alität, schneiden wir die Themen sexuell übertrag- verstehe das nicht, wenn ich meine Freundin pene-
der Leiter des Gesundheitsamtes, ihn beauftrag- liche, die nicht mehr zur Schule gehen oder große bare Krankheiten, Verhütung und AIDS an, aber ein triere, tut es ihr immer weh, warum? – Hast du was

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Nous Travaillons Ensemble

dagegen, mir zu erzählen, wie du es tust? leichten Mädchen, zu Vergewaltigung, zur Einwilli- Veranstaltung machen, gibt es ein Danach, aber es sagte sich, dass sie sowieso abhauen würde, sobald
– Ich ziehe sie aus, und auf geht’s. In den Pornos ist gung waren in der ersten Fassung viel schwächer. ist kein Hinterherschnüffeln. In der Regel bleiben ihre Tage wiederkämen. Sie hatte alles ihren Eltern
es auch so. Et toi ça va sind aufgrund der Erfahrung überarbei- wir einen Monat in einer Schule. In drei bis vier verheimlicht, war mit weiten Klamotten weiterhin
– Wenn du dir einbildest, die Pornos seien Realität, tete Bilder. Ein Bild ist zum Platzen des Preservatifs Wochen nehmen die Krankenschwestern an fünf zur Schule gegangen. Ich habe dem Team von ihr
hast du dich geirrt. Da hängen Gefühle mit dran, dazugekommen; viele Jugendliche kamen mit die- oder sechs Sitzungen teil. erzählt, wir haben die verantwortlichen Behörden
Vorbedingungen. ser Frage zu uns. In der neuen Fassung haben wir Wir beginnen mit der neunten Klasse, wenn sie benachrichtigt und dafür gesorgt, dass sie unter-
– Aber ein Mädchen ist doch ein Loch! 22 Bilder auf Vorder- und Rückseite von elf Tüchern dreizehn bis fünzehn Jahre alt sind, und kommen in gebracht wurde. Meine Arbeit ist es, dieses Mäd-
Es gibt keine gemeinsame Lust, Hauptsache, es ist auf Notenständern angebracht. Wir müssen drin- der zehnten wieder. Es dauert zwei Jahre, wenn wir chen mit den Einrichtungen in Kontakt zu bringen,
für einen selbst etwas dabei herausgesprungen. gend das Schweigen brechen. Diesen Sommer einmal im Jahr Klasse für Klasse jede Schuleinrich- die ihr helfen werden, unter guten Bedingungen
Zum »Fertig sein« gibt es ein Bild, das ist eine in haben wir in den Stadvierteln draußen und auch tung besuchen. Wenn wir alle auf einmal hätten, zu entbinden und aus einer für sie und das Kind
tausend Stücke zerrissene Silhouette und danach drinnen mit Filmen wie wie La vie révée des anges wäre die Diskussion unmöglich und sinnlos. Das gefährlichen Situation herauszukommen. Danach
ein Mädchen, das weint. Und wir reden von Gefüh- oder Jeanne et le garcon formidable gearbeitet, da sind siebzehn Veranstaltungen pro Schuleinrich- ist es Sache der Institutionen, die Eltern zu benach-
len-… Eine zerissene Person, eine Person, der es haben jede Woche das Stadtviertel gewechselt. Es tung, wenn wir eine pro Tag machen. richtigen. Wenn wir eingreifen, wird dies mit den
schlecht geht, ermöglicht es, Themen wie Familie, waren allgemeine Begegnungen in einem Viertel Jugendlichen verhandelt, in meinem Fall zumin-
Freunde, Beziehungen anzusprechen: Wenn ich und Freitag abends baute ich die Ausstellung im Wenn Sie »wir« sagen, wer ist damit gemeint? dest erkläre ich es ihnen, wir handeln gemeinsam.
das sage, werde ich umgebracht. Wir reden darü- nächsten Viertel auf. Die Bewohner entdeckten sie Manchmal ist es ein harter Brocken Arbeit, bis
ber. Und wir wissen nur zu gut, dass wir sie in zwei nach und nach. Wir installierten sie auch in alko- B.: Ich bin für die Begleitveranstaltungen verant- einer einwilligt, aber bisher haben wir noch keinen
Stunden nicht verändern werden, aber trotzdem, holfreien Cafés und in den Jugendzentren. Inner- wortlich, aber das Team für die Themen. Ich kom- getroffen, der gar nichts davon wissen wollte. Wir
wir vermitteln eine Botschaft. Wir öffnen etwas. halb einer Woche lassen wir die Ausstellung zwei me allein, bin aber Teil eines Teams, das aus einem richten uns an die Jugendlichen zwischen dreizehn
Vielleicht macht es klick. Angesichts all dieser Vor- bis drei Tage aufgebaut, nicht mehr, und dann Leiter besteht, der Arzt im Bereich des öffentlichen und zwanzig Jahren. Für Familien existieren Struk-
stellungen ist Liebe ein fast unmögliches Gefühl. machen wir Veranstaltungen dazu. In den Schulen Gesundheitswesens, einer Koordinatorin für den turen wie Sozialarbeiter oder Sozialhilfe. In Auber-
haben wir weniger Zeit. Von den zwei Stunden las- Bereich »Jugend und Gesundheit«, einer Kranken- villiers sind wir vernetzt; alle kennen sich, wir ver-
Es bedurfte einer zweiten Ausstellung. War das, se ich die Schüler eine Viertel Stunde die Ausstel- schwester vom Gesundheitsamt, zwei Leuten, die trauen einander.
weil es nicht weiterging? lung anschauen. Danach kommen Fragen. Die Leh- speziell für dieses Projekt eingestellt wurden, zwei
rer sind nicht dabei. Wir haben bemerkt, dass ihre Erzieher im Bereich der Alkoholverhütung, zwei Keine Probleme in Bezug auf Religionen?
B.: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, die erste Anwesenheit die Schüler stört. Wir arbeiten weder Erzieher, die auf Drogensucht spezialisiert sind,
Ausstellung hat uns große Dienste erwiesen. Die in Anwesenheit der Eltern noch der Lehrer; für so ein weiterer Arzt aus dem Bereich des öffentlichen B.: In der Regel sind es die jungen Frauen, die dies-
zweite Ausstellung kommt aus der Notwendigkeit etwas gibt es Biologieunterricht, Sexualkunde. Man Gesundheitswesen, der sich um Wiedereinglie- bezüglich Andeutungen machen, indem sie ant-
heraus, sich weiter zu entwickeln. In der ersten Fas- nimmt uns als Vertreter der Gesundheitsberufe derung und um Interventionen im Suchtbereich worten: »Was du sagst, geht mich nichts an, ich
sung besteht die Ausstellung aus acht Planen zu wahr, die an das Berufsgeheimnis gebunden sind. kümmert und eine Sekretärin. Alle vierzehn Tage werde erst sexuelle Beziehungen haben, wenn ich
je fünf Metern. Wir benutzten nie alles auf einmal. Wenn sie uns Sachen sagen, werden sie uns nicht haben wir ein Teamtreffen und alle vierzehn Tage verheiratet bin. Ich bin ein ernstes Mädchen.« Ich
Acht Planen, acht Themen, einige gingen unter, morgen wiedersehen, wir schreiben sie weder auf, eine Supervisionssitzung, was eine Sitzung pro werfe dagegen ein, dein Freund hat aber vielleicht
das war zu viel. Und zu den riesigen Planen gab noch beurteilen wir sie. Allerdings ist eine Kranken- Woche macht, in der wir besprechen, was wäh- vorher schon mal, und vor allem erkläre ich, dass
es noch zwei große Statuen-… Wir wollten keine schwester dabei, wenn sie Zeit hat. Sie sind oft sehr rend der Veranstaltungen vorgefallen ist. Zu mir meine Informationen dazu nützen sollen, sich weh-
Techniker benötigen müssen; alles sollte ebenso beschäftigt, aber es ist eine gute Gelegenheit zu ist einmal ein Mädchen gekommen und hat mir ren zu können. Ich ermuntere sie nicht, sexuelle
gut in ein Klassenzimmer passen wie auf die Stra- erwähnen, dass die Krankenstation nicht nur dafür gesagt, dass sie im sechsten Monat schwanger Beziehungen zu haben. Wir gehen vom Respekt
ße. Nach sechs Jahren in den Schulen haben wir da ist, ein Wehwehchen zu heilen. Wenn man Kum- ist, sie hatte niemals einen Arzt gesehen. Sie hat- vor dem Körper aus, dem Respekt vor der Einwilli-
bestimmte Fragen nochmals überarbeitet und die mer hat, Probleme, dort kann man darüber reden. te vorgehabt, im Treppenhaus zu entbinden und gung. Niemand kann euch etwas aufzwingen, was
Themen genauer eingekreist. Die Bilder zu den Wir stehen ständig in Verbindung. Wenn wir eine einen kleinen Keller als Schlafplatz zu finden. Sie ihr nicht wollt. Ihr entscheidet in Kenntnis der Sach-

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Nous Travaillons Ensemble

Die Bilder zeigen einige der in der »Ausstellung« »et toi, ça va?« gezeigten Motive

lage. Danach entpannen sich die Jugendlichen. Es lichkeit und einen Verweis auf die entsprechenden Verhalten entwickeln, das für sie selbst und ande-
gab bisher keine Einmischung seitens der Kirchen Strukturen in der Stadt. Wir haben unsere Themen re gefährlich ist. Wir öffnen Türen. Wir sagen, wir B.: Letztlich ist es nicht kompliziert. Man muss nur
oder religiösen Gruppen. In Aubervilliers haben wir und Texte zu Nous Travaillons Ensemble gebracht, sind hier: Wenn ihr Kummer habt, zögert nicht, zu auf die Füße fallen und einfache Worte benutzen,
eine Synagoge, eine Kirche und ganz in der Nähe in Nous Travaillons Ensemble hat sich davon inspirie- uns zu kommen. Und viele kommen in unser Büro man muß ehrlich, überzeugt und respektvoll sein
Courneuve gibt es eine Moschee. Vielleicht könnte ren lassen für Bilder, die wir Stück für Stück ausge- und fragen nach Präservativen, nach Aidstests und und vor allem zuhören können, Dafür sorgen, dass
das alles Teil des Netzwerkes sein, aber wir haben sucht haben. Für jedes Thema gibt es ein Bild. Bald Schwangerschaftstests, wollen einen Ratschlag sie sich wohlfühlen. Die Beziehung beruht auf
uns niemals um Kontakt bemüht, weder sie noch werden wir mit den sechsten Klassen zu Drogenab- oder einfach nur reden. Wir bewirken keine Wunder. Gegenseitigkeit. Ich glaube nicht, dass es eine Fra-
wir. hängigkeit arbeiten. Aber wenn wir Jugendliche dazu bringen, über ihr ge des Alters ist; es ist eine Frage des Feelings. Was
Verhalten nachzudenken, wenn sie wissen, sie kön- ich tue, tue ich mit dem Herzen. Wenn die Jugendli-
Und mit den Jüngeren? Welche Lehre zieht ihr aus diesen Erfahrungen? nen zu uns kommen, ist das schon viel für uns. Heu- chen mir die Hand schütteln, mit mir reden, bin ich
te arbeiten wir mit den kleinen Brüdern derer, die glücklich. Sie vertrauen mir. Es geht mir nicht dar-
B.: Für die fünften Klassen kommt eine Kranken- B.: Einfach nur zu reden käme einer Dampfwal- wir 1992-/-93 angesprochen hatten. Wir haben jetzt um, den großen Star heraushängen zu lassen. Ich
schwester und eine andere Beauftragte. Diese füh- ze gleich. Ohne die Ausstellung wäre es schwie- Verbindungen in den Vierteln. Wenn sie sehen, wie weiß, dass es eines politischen Willens bedarf, um
ren Verantstaltugen über Gesundheit und das all- rig, weil die Veranstaltung an sich nichts ist, was wir mit ihren kleinen Brüdern sprechen, brauchen das alles umzusetzen. Mein Ziel ist dies nicht; ich
gemeine Wohlsein durch, immer ausgehend vom die Jugendlichen erwarten. In keinem anderen sie sich keine Sorgen machen. Manche sind jetzt will sie damit nicht zu Staatsbürgern erziehen. Auch
Thema »Und du, alles klar?«. Für sie haben wir bei Lehrmaterial findet sich ein Bild über Selbstbefrie- selbst Betreuer und laden uns in ihre Jugenzent- wenn ich weiß, im Falle eines politischen Wechsels
der Cité des Sciences eine Ausstellung gekauft, die digung. In einigen Familien ist Sexualität tabu. In ren ein. Allmählich setzt der Schneeballeffekt ein, sind wir die ersten, die über die Klinge springen.
sehr gut passt. Es sind Sachen wie »le mal dedans« bestimmten Religionen und Kulturen braucht man so dass wir es uns erlauben können, am Aidstag Was ich tue, ist Dienstleistung. Es gibt einen Bedarf
(Zahnschmerzen-/-Schmerzen innendrin) und erst gar nicht davon anzufangen, man sagt sich, die schwerpunktmäßige Aktionen in den Vierteln zu und wir treffen den Kern dieses Bedarfes.
andere witzige Wortspiele. Ein Leitfaden, der an Jugendlichen sollen selbst damit zurechtkommen. starten, wir verteilen Broschüren, Präservative. Zum
die Schüler verteilt wird, bereitet sie auf die Folge- Aber sie entdecken die Sexualität auf der Straße mit Glück ist Liebe nicht nur AIDS. Interview: Hélène Amblard
veranstaltung in der siebten Klasse vor. Er wurde anderen, die bereits ein frustriertes, entwertendes, Übersetzung: Odile Kennel
gemeinsam mit Nous Travaillons Ensemble entwi- schockierendes gewalttätiges, beschmutztes, ver- Wie ergeht es Ihnen bei Ihren Veranstaltungen?
ckelt. Man findet da »S« wie Schwangerschaft, »D« marktetes Bild davon haben. Wenn man die Din-
wie Drogenabhängigkeit, »F« wie Fremdenfeind- ge dabei belässt, können einige Jugendliche ein

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B.-Baudin, Fotoreportage über Arbeitslose in Südfrankreich,
Asstellung während des Fotofestivals in Arles 1998


Le bar Floréal

Le bar Floréal? ville zu verstecken. Kollektivismus? Falsche Beschei-


denheit? Vermarktungsfehler? In der Tat hatten
Vielleicht waren Sie vor einigen Jahren während die Gründer nichts geringeres im Sinn als Partei
der »Rencontres Internationales de la Photografie zu ergreifen für eine bessere Welt, sich für soziale
d’Arles« (Internationale Begegnung der Fotografie Belange einzusetzen und sich nicht von irgendwem
von Arles) an der Bourse de Travail in einer Austel- kaufen zu lassen... Vom ökonomischen Standpunkt
lung über die Grenze USA - Mexiko oder in einer aus betrachtet, verhieß dies keinen guten Start.
anderen über La grande nuit ( Die große Nacht) Was die Vermarktung anbelangt – kann man soziale
oder auch in l’Europe de l’autre côte des étoiles Einmischung »verkaufen«? Kann man den Kopf vol-
(Europa auf der anderen Seite der Sterne). Oder sie ler kommerzieller Überlegungen haben, wenn man
haben im Rahmen des Mois de la Foto (Monat der nur eines will: sehen, aufnehmen, zeigen, Bezie-
Fotografie) in Paris das Viertel Belleville in Beglei- hungen herstellen zum Menschen von nebenan?
tung des Fotografen Willy Ronis durchquert. Anstatt von »Verkauf« zu reden, versuchen wir viel-
Möglicherweise haben sie aber auch das Dieppe mehr, die finanziellen Bedingungen zu schaffen
de Georges Marchand in einer Galerie am Fuße und die menschlichen und ideellen Netzwerke zu
des Parks von Belleville entdeckt. In jüngerer Zeit knüpfen, die Voraussetzung sind für Aktionen im
haben sie vielleicht für die Ausstellung Serge, Deni- öffentlichen Interesse. Wir haben auch die Erfah-
se, Françoise... von Olivier Pasquiers einen merk- rung gemacht, dass spektakuläre Aktionen und ihre
würdigen Ort namens »La Moquette« zu betreten Vermarktung durch die Medien (welche als unab-
gewagt... Oder aber Sie haben als Bewohner eines dingbar für Erfolg betrachtet wird) oft schmerzliche
sanierten Sozialviertels ihre Straße oder ihr Gesicht Frustrationen zur Folge haben (Wieviele gaben sich
in einem Buch gesehen, ganz genauso wie die Leu- schon im Lichte der Scheinwerfer und auf der Büh-
te von Belfort und der Cité Verte in Verdun oder wie ne der geschriebenen oder audiovisuellen Presse
die Jugendlichen von Blanc Mesnil-... ihren Illusionen hin. Wieviele sind anschließend
Immer nannten diese Bilder le bar Floréal als ihren von weit oben in das schwarze Loch des Vergessens
Urheber und dies dürfte die Erklärung für zahlrei- gefallen?)
che Missverständnisse, Unklarheiten und auch für Die Welt der Fotografie »stellt« den Blick gerne so
Schweigen sein. »hin« wie andere ihre Tasche abstellen. (Le monde
Eine Gruppe von Fotografen (Bernard Baudin, Jean- photographique aime à «poser son regard» com-
Luc Cormier, Sabine Delcour, Nicolas Fremiot, Alex me d’autre pose leur sac.) Aber die Welt im allge-
Jordan, André Lejarre, Noak, Olivier Pasquiers und meinen fühlt sich durch dieses »Hinstellen«, das
Jean-Pierre Vallorani) besteht darauf, sich im wahrs- allzuoft zu ihren Ungunsten ausfällt, zunehmend
ten Sinne des Wortes hinter dem Namen einer gestört, ja sogar bedroht. Und das fotografische
früheren Kneipe des Pariser Arbeiterviertels Belle- Auge wird endgültig ins Abseits gedrängt werden,

79
Le bar Floréal

ten entwickeln und wie sie sich schlecht entwickeln


können.
Was wir immer versucht haben und nicht immer
einfach ist, ist zuerst einmal genug Zeit zu haben,
um nicht nur einfache Journalisten zu sein, die in
drei Tagen ein Thema abhandeln und das ergibt
dann Fotos, die in die Presse kommen können.
Denn es ist leider so, dass die Presse, die wir ken-
nen, mit der wir arbeiten, nicht genügend Mittel
hat, um die Fotografen eine Woche, 14 Tage, drei
Wochen zu einem Ort zu schicken. Auf jeden Fall
ist es schwierig einen Presseauftrag zu bekommen,
um an einem sozial oder politisch relevanten Ort
einige Wochen in einem Stadtbezirk zu arbeiten
und es danach in der Presse zu veröffentlichen.
Ich kenne jedenfalls wenige, die das machen kön-
nen. Was wir andererseits auch immer suchen, ist
genug Platz, um mehr als drei Fotos unterzubrin-
gen. Denn leider gibt es nicht mehr viele Zeitungen
in Frankreich, die drei, fünf, zehn Seiten für ein Thema
bereitstellen, um zehn Fotos und genug Text unter-
zubringen, die also genug Platz schaffen, um sich
ausdrücken zu können.
Wir haben in unseren Projekten stets versucht eine
Ausstellung anzuvisieren, die genug Platz bietet,
»Pauvre France«, Ausstellung und Bildband, 1988, Reportage über Maler von Banlieue-Banlieue (Vorstadt-Vorstadt) realiesieren drei Fresken um 30 Fotos zu zeigen. Im besten Fall wurden sie Fotografische Arbeit von Bernard Baudin in der Cité Verte von Verdun für
Armut in Frankreich, initiirt von le bar Floréal, produziert von le Secours auf der Fassade von le bar Floréal, 1987 ein Buch und eine Ausstellung produziert von der Agentur Faut Voir im
Populaire, Fotografen: Marie-Paule Nègre, André Lejarre gedruckt; in einem Buch, einer Zeitung, einer Beila- Musée de la Princerie de Verdun
ge, um Text und Fotos den nötigen Raum zu lassen.
wenn seine Besitzer nicht die richtige Entgegnung entsprechen. Sei es ein Auftrag für eine Stadt, eine Die Ausstellungen, die wir machen, wollen wir
finden. Hier wird sich der Fortgang unseres Aben- Einweihung, die Presse. So können wir auf fast alle zuerst den Leuten zeigen, die fotografiert wurden. O.-P.: Wir haben ganz selten Anfragen, die wir nicht
teuers entscheiden und nicht etwa (zum Beispiel) Aufträge eines klassischen Fotografen antworten. Sie werden also vor Ort gemacht oder in der Fab- beantworten können. Sei es wegen der fehlenden
im Streit mit den digitalen Spielzeugen der Zukunft. Die Gruppe ist gegründet worden, um Fotografie im rik oder es wird dafür gesorgt, dass die Leute offizi- technischen Mittel oder wegen des Know-how(s).
Der klare Blick hat nichts zu tun mit technischer Aus- sozialen Bereich und zum öffentlichen Nutzen zu ell eingeladen werden, wenn sie im Stadtzentrum Denn die Auftraggeber kennen uns. Ob es Aufträge
stattung: Er beherrscht oder umgeht sie. machen (la photographie d'utilité publique) und stattfindet, damit die Menschen aus den Bezirken gibt, die wir ablehnen? Ich glaube wir würden alle
aus dem Interesse der Fotografen für die Welt, die ins Stadtzentrum kommen und die Abgeordne- Aufträge ablehnen, die aus der Sicht der Berufse-
Das besaß gestern Gültigkeit und wird auch morgen sie umgibt, mit Hilfe der Fotografie zu reagieren, ten treffen können, damit es eine gewisse Durch- thik nicht akzeptabel sind. Ich habe keine Lust, für
noch so sein. über die Welt zu reden. mischung gibt. Und wenn es dann Bücher oder eine rechtsextreme Partei zu arbeiten. Und ich den-
Viele Projekte wurden in den Stadtbezirken Gedrucktes gibt, muss dafür gesorgt werden, dass ke, kein Mitglied der Gruppe würde einen berufse-
Text: Alex Jordan, Übersetzung: Odile Kennel gemacht, in der Arbeitswelt, in den Betrieben, mit sie auch kostenlos oder kostengünstig an diejeni- thisch inakzeptablen Auftrag annehmen. Wir sind
den Betriebsräten. Und manche Reportagen sind gen verteilt werden, die teilgenommen haben. Das eine Gruppe mit einem Engagement für die Welt,
auch im Ausland entstanden. Es gab z.B. eine Arbeit ist sehr wichtig. Es geht darum, nicht nur ein Buch mit einem politischen Engagement im weitesten
Interview mit-Olivier Pasquiers von le bar Floréal über die amerikanisch-mexikanische Grenze, um zu machen, was man dann in zwei bis drei Buchlä- Sinne, die natürlich nicht jeden Auftrag akzeptieren
über den Nord-Süd Bruch zu reden, dort wo er den der Stadt kaufen kann. Man muss dafür sorgen, kann.
Wie ist die Entstehungsgeschichte Eurer Gruppe? stattfindet, wo es physisch beinahe ein Äquivalent dass diese Worte, die Bilder der Leute, ihr Engage- Anschließend würde ich sagen, nehmen wir jeden
zur damaligen Berliner Mauer ist. Denn Amerikaner ment und die Zeit die sie sich genommen haben, Auftrag an, der professionell akzeptabel ist. Er muss
O.-P.: le bar Floréal besteht seit 1985, also schon können die Sperre ohne Probleme passieren, wie um die Schriftsteller und Fotografen zu empfan- korrekt bezahlt sein. Und selbst, wenn wir manch-
länger als 12 Jahre. Anfangs gab es drei Fotografen die Westberliner auch. Mexikaner können passie- gen, eine Spur hinterlässt, dass sie davon eine Erin- mal Zugeständnisse machen, weil es sich um einen
Alex Jordan (Kopf der Grafikgruppe Nous Travail- ren, wenn sie reich sind. Jene Mexikaner aber, die nerung zurückbehalten. Wir müssen eine Qualität kleinen Verein handelt oder das Thema uns interes-
lons Ensemble), Noak Carrau und dann André Lejar- Arbeit suchen, haben die schlimmsten Schwierig- erreichen, bei der die Leute stolz sein können, an siert, können wir nur unter Schwierigkeiten unbe-
re. Danach kamen dann andere dazu... Das Kon- keiten. Das war also einerseits eine fotografische den Projekten teilgenommen zu haben. zahlt arbeiten. Aber auch das kommt vor. So haben
zept der Gruppe ist es, als Fotografen zu arbeiten Arbeit, eine Reportage, darüber hinaus aber, um wir beispielsweise für einen Arbeitslosenverband
– das ist heutzutage nicht leicht – also alle Aufträ- mehr als nur eine Bestandsaufnahme zu machen, Welche Aufträge nehmt ihr an und welche würdet gearbeitet. Ich habe während drei bis vier Jahren,
ge bearbeiten zu können, die unseren Fähigkeiten ein Mittel, über diesen Ort der Welt zu reden, um zu ihr ablehnen? seit ihrem Bestehen, für die Straßenzeitschrift »la
sehen, wie sich die Verhältnisse auf unserem Plane-
80 81
Le bar Floréal

rue« gearbeitet. Es war zwar bezahlt, aber nicht in bei denen der Kunde gerne mit Olivier Pasquiers Blanc-Mesnil ist eine Arbeit wo alle Fotografen, die
dem Maße, indem man normalerweise von einer arbeiten würde. Wenn Olivier Pasquiers verfügbar Lust haben, mitmachen können. Gibt es einen Unterschied in der Arbeitsweise,
Zeitung bezahlt werden sollte. Das ist eben Teil der ist, versuchen wir, dem Kunden gerecht zu werden. Die Entscheidung, welcher Fotograf was macht, in der Art des Sehens zwischen dem Journalisten,
engagierten Arbeit. Wenn nicht, wenn ich fort bin, versucht Cécile einen hängt von seinen Interessen und seinen Möglich- der gezwungen ist sich zu beeilen und jenem, der
Ich arbeitete auch eine Zeit lang für ein ande- anderen vorzuschlagen. keiten ab. Und manchmal wird gezankt, wird disku- sich Zeit nehmen, Kontakte knüpfen kann?
res Straßenjournal, »le reverbère«. Doch ich hör- Und dann gibt es noch die spannenden, persönli- tiert oder man wirft eine Münze. Es ist auch mög-
te sofort wieder auf, da mir das, was ich dort las, chen, interessanten Projekte. Auch hierbei gibt es lich, dass es zu einem Thema nur Arbeit für einen O.-P.: Nein, das ist gleich.
überhaupt nicht gefiel. Ich habe keine Lust für eine wieder zwei Arten: Entweder sind es Projekte mit Fotografen gibt, es aber zwei machen wollen. Wenn
Zeitung zu arbeiten, wo mir die Artikel den einen einem Fotografen. Ich habe also z.B. die Idee, mit es also keinen objektiven Entscheidungsfaktor gibt, Ist der Fotograf, der fast im Vorbeigehen
Tag politisch gefallen und mich am nächsten Tag alten Leuten zusammenzuarbeiten. Dann stelle wird eine Münze geworfen. fotografiert, nicht sichtbarer in seinem Foto?
rasend machen, weil es an der Grenze zum Faschis- ich die Arbeitsmappe zusammen, mache Termine,
mus oder Rassismus ist. Das ist nicht möglich. Wir und versuche Geld zu finden, also jemanden, der Es gibt doch sicher Aufträge, die besser bezahlt O.-P.: Nein, ich glaube, dass ist eine Frage der Sensi-
müssen lesen, selbst wenn wir nur Fotografen sind. fähig ist den fotografischen Auftrag zu bezahlen. sind als andere. Wie wird das organisiert? bilität. André macht klassische Reportagen wie die
Die Artikel begleiten schließlich unsere Fotos. In diesem Falle bin ich es also, der die Arbeit entwi- Wird das in der Gruppe ausgeglichen? Leute von »VIVA«, Cartier Brésson, in dieser Tradi-
Wenn wir z.B. mit den Leuten vom »Figaro« zusam- ckelt und ausführt. Das wäre also eine persönliche tion, wo er sehr wenig sichtbar ist in seinen Fotos.
menarbeiten, was selten vorkommt, dann achten Arbeit, die aber am besten umgesetzt wird, wenn O.-P.: Wir versammeln uns regelmäßig, um zu ent- Wenn er einen Monat an einem Ort bleibt, ist er
wir genau darauf, welche Artikel unsere Fotos sie mit den anderen besprochen wird. Das kann scheiden, wieviel wir uns für die kommenden sechs wenig präsent in seinen Bildern. Und wenn er einen
begleiten, um nicht in eine Falle der Journalisten zu soweit gehen, dass ich zu Alex gehe, um die Grafi- oder zwölf Monate zahlen werden. Die Fotografen Nachmittag bleibt, ist er nicht mehr präsent. Das ist
geraten, die in der klassischen Rechten sind. So gibt ker seiner Gruppe zu treffen. werden nach dem Prinzip bezahlt, dass alle das eine Art zu fotografieren.
es Journalisten, wie z.B. Pauwels, die für Zeitungen Und dann gibt es kollektive Arbeiten: vor einigen gleiche bekommen.
der klassischen Rechten, wie »Figaro«, arbeiten, Jahren wurde in Blanc-Mesnil ein Kulturforum mit Wir wissen, wieviel die Struktur kostet, wieviel also Ich stelle mir vor, dass man angesichts einer Reali-
aber eigentlich Rechtsextreme sind. Man darf also einer Bibliothek, einem Konzertsaal, einem The- jeder Fotograf dazusteuern muss, um die Mieten, das tät, die man nur sehr wenig kennt, eher gezwun-
nicht in die Falle tappen, indem man z.B. ein Foto atersaal etc. eröffnet. Der Leiter des städtischen Telefon und unsere beiden Angestellten Cécile und gen ist, seine eigenen Gedanken auf das Thema zu
von Immigranten macht, das sich dann in einem Informationsbüros suchte nach Mitteln und Wegen, Claudine zu bezahlen. Wir versuchen also, dass jeder, projizieren.
Artikel wieder findet, der fordert, dass alle Immig- die Bevölkerung zum Besuch des am Stadtrand selbst wenn er eine persönliche Arbeit betreibt, die
ranten zurückgeschickt werden sollten. Man muss liegenden Kulturzentrums zu bringen. So ent- wenig Geld bringt, auch durch alltägliche Arbeit O.-P.: Ja, aber wenn es eine Realität ist, die man
also wachsam zu sein. stand in einer gemeinsamen Diskussion zwischen dazusteuert, die Struktur unterhält. gut kennt-… Die Fotografie ist weit davon ent-
dem Informationsamt, Nous Travaillons Ensemble Die Fotografen brauchen also Geld um zu leben. fernt, eine Wiedergabe der Realität zu sein. Das ist
Arbeitet ihr wirklich im Kollektiv zusammen oder, und den Fotografen die Idee der 1001 Porträts der Wenn man mich morgen anrufen würde und mich die Repräsentation der Realität aus der Sicht des
je nach Auftrag, jeder für sich? Bevölkerung von Blanc-Mesnil. fragt, eine Werbung für einen Salathändler zu Fotografen. Ich glaube, ein Fotograf, der sich Zeit
Wie kommen die Aufträge zu le bar Floréal? Wir stellten uns an einer Kreuzung, auf dem Markt, machen, und wenn das mit 200--000 Francs bezahlt nimmt, kann die Realität auf genauso schöne Wei-
Und wie werden die Aufträge verteilt? vor der Kirche mit einem festgelegten Fotoprozess werden wird, was mir erlaubt, mit drei Monaten se verzerren wie ein Journalist, der für ein rechtes
Diskutiert das Kollektiv die Arbeiten? auf. Wir arbeiteten in schwarz-/-weiß, im Format Arbeit den Rest des Jahres etwas für das Arbeits- oder linkes Blatt arbeitet und die Dinge auf rechte
24x36 und mit der open-flash-Technik. Wir kauften losenkommité zu machen-… warum also nicht? oder linke Weise zeigen will.
O.-P.: Wir versuchen uns einmal pro Woche zu tref- uns einen großen Marktschirm und sprachen die Das wäre keine Werbung für eine politische Partei, Alex und seine Gruppe machten dazu eine Ausstel-
fen. Normalerweise kommt Alex auch, obwohl er Leute an, ob sie sich nicht fotografieren lassen wol- gegen die ich was habe. Die Grenze ist da. Wenn es lung, über die Titelseiten der Zeitungen während
in der Woche selten da ist. Und da diskutieren wir len. Danach gingen wir viermal im Monat dort hin, keine Werbung ist, wo sich mir die Haare sträuben. des Streiks 1995. Da siehst du, das ist klar, wenn
ein bisschen über alles, auch über Materialprob- während fast sechs Monaten. Aber alle fünf oder Warum nicht Werbung für Coca Cola machen? Aber du Lust hast, einem Politiker, einem Gewerkschaf-
leme. Wir bereden die Projekte von le bar Floréal, sechs Fotografen, die daran teilnahmen, machten da habe ich keine Sorgen, mich würde man nicht ter, einer Demo das Genick zu brechen-… Macht
also Projekte, die jeden Fotografen oder nur einen ungefähr dieselbe Art Fotos. Es gab eine gestalte- fragen. So kann ich behaupten, dass ich es täte. Wo man ein Foto eines Politikers, der lächelt, dann ist
betreffen können. Wir zeigen uns aber nicht häu- rische Vorlage für die Fotografien. Jeder, der daran ist also die Grenze? Das ist schwer zu sagen. Sicher das angenehm zu sehen, macht man eines, wo er
fig unsere eigenen Arbeiten. Denn die Alltagsfra- teilnahm, musste sich danach richten. In diesem sollte man nicht die Seele verkaufen. schreit, den Finger in der Nase-…, dann geschieht
gen, die Miete bezahlen zu müssen etc., nehmen Extremfall war es der Grafiker, der zwischen Auf- das, um sein Image zu zerstören. Auf jeden Fall legt
in der Diskussion viel Platz ein. Um zum ersten Teil traggeber und Fotograf stand. Er war es, der die Art Gibt es einen Unterschied zwischen den Zeitungs- man in das Foto, was man dort hineinlegen will. Ich
der Frage zurückzukommen: Bei uns gibt es zwei der Fotografie bestimmte. reportagen, die vielleicht auf die Schnelle für die glaube überhaupt nicht an eine Objektivität in der
Arten von Aufträgen. Zum einen die Alltäglichen: Im darauffolgenden Jahr waren wir nur noch zwei, Massenmedien produziert werden, im Vergleich zu Fotografie.
»Ich brauche ein Foto von einer Schuleinweihung André und ich. Wir haben diese Aktion wiederholt, den Arbeiten, wofür man sich mehr Zeit nimmt, wo
oder eine Reportage«. Cécile ist es, die alle Aufträge aber diesmal verteilten wir Fotoapparate an junge man versucht, den bestmöglichen Kontakt herzu- Interview: Sandy k und H. Bedurke,
entgegennimmt. Sie verteilt sie dann in Abhängig- Leute und baten sie, ihr Leben in der Stadt zu foto- stellen? Paris, 02.10.98, Übersetzung: H.-B.
keit der Verfügbarkeit eines jeden. Das ermöglicht grafieren. Das ergab dann noch einmal eine Aus- O.-P.: Auf jeden Fall finde ich, dass die Presse sehr
uns eine flexible Zeiteinteilung. stellung und ein kleines Buch mit einem »Lexikon«, interessant ist für die Fotografen. Weil sie es ermög-
Aber das ist nur Broterwerb. Das erhält die Struktur in dem z.B. Adressen von professionellen Schulen licht, vielen Themen, vielen Leuten in kurzer Zeit zu
am Leben und uns selbst. Dann gibt es Aufträge, für interessierte Jugendliche aufgelistet waren. begegnen. Dadurch lernt man viel kennen.

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Demonstration des Arbeitslosenverbandes »APEIS« Paris, März 1994,
Foto: Marc Patau


Ne pas plier

(Ne pas plier: »nicht falten« z.B. für amtliche Doku- Goarnisson, Brian Holmes, Bruno Lavaux, Gérard
mente und »nicht umfallen«, »sich nicht beugen« Paris-Clavel und Gilles Paté.
für den menschlichen Willen) Der Verein ist offen für jeden, der an dem Aben-
teuer teilhaben will und er begreift sich als nicht
Der Verein profitabel. »Der Verein wird unterhalten von Bilder-
produzenten und Freunden der visuellen Expressi-
»Immer mehr Frauen und Männer werden an on. Sein Ziel ist es, Bilder zu produzieren und zu ver-
den Rand der Gesellschaft gedrängt. Sie sind dem teilen, die eine Bedeutung haben und Themen der
Schweigen unterworfen, beraubt der Ausdrucksmit- humanistischen Dringlichkeit auf nationaler und
tel für ihr Elend, für ihre Revolte. Aus dieser Feststel- internationaler Ebene behandeln. Das Original des
lung wurde 1991 der Verein Ne pas plier geboren. Bildes ist die Kopie. Sein Entstehungsmodus ist das
[…] Basierend auf der Energie der Sehnsucht im Ver- Teilen von Ideen und die Zusammenarbeit.« (Artikel
bund mit Künstlern, Arbeitern, Wissenschaftlern, Ver- 2 des Statutes des Vereins von 22.-Mai 1990.)
einsverantwortlichen und Studenten-… agiert der Die flexiblen Strukturen des Vereins erlauben den
Verein mit Strukturen, die er sich selbst gegeben hat: Menschen aus ihren »Ghettos« auszubrechen
»das Laboratorium«, »der Laden frischer Kunst«, »die und fachübergreifend zusammenzuarbeiten. Das
pädagogische Werkstadt«, »das Observatorium der haupsächliche Instrument dieser Zusammenar-
Stadt«. Ne pas plier vereint all jene, die, dem domi- beit ist »Das Laboratorium«, welches die Mitglieder
nanten Diskurs widerstehend, ihr Recht zu existieren organisiert und die Ergebnisse ihrer Recherchen in
ausdrücken wollen.« (aus einer Selbstveröffentli- Form bringt: Text, Bild, Debatten und Aktionen.
chung des Vereins) »Der Laden frischer Kunst« erlaubt dem Verein
durch seine rund sechshundert Mitglieder Bilder
Während seiner Zeit bei Grapus begann Gérard auszustellen, zu verteilen oder in Aktionen wie auf
Paris-Clavel über neue Strukturen nachzudenken, Demonstrationen auf die Straße zu tragen.
da er die Zunahme »kommerzieller« Aufträge in der »Das pädagogische Atelier« organisiert Kurse und
Gruppe mit Skepsis betrachtete und darin ein Rück- Debatten.
gang der Bedeutung und der Freiheit des künstle- »Das Observatorium der Stadt« dient als Treffpunkt
rischen Schaffens sah. Zunächst gründete er 1990 für Debatten und Workshops. Es ist ein enormes
mit Vincent Perrottet die Gruppe les graphistes Atelier im höchsten Gebäude von Yvry--sur-Seine,
associés. am Stadtrand von Paris, mit einer großen Dachter-
Ne pas plier wurde von Gérard Paris-–-Clavel, Marc rasse, das ein idealer Ort ist, um über die Stadt und
Pataut und Vincent Perrottet gegründet. das menschliche Zusammenleben nachzudenken.
Zu den ständigen Mitgliedern gehören derzeit Die offenen Strukturen, das fachübergreifende
Isabelle de Bary, Jean Bayle, Philippe Bissière, Gérald Zusammenarbeiten und das Fehlen von Hierarchie

85
Ne pas plier

deuten darauf hin, dass ein kreativer Schwerpunkt Wie entstand das Projekt »Garçon-/-fille«? Fragen teilten.
der Arbeit in der Zusammenarbeit selbst liegt. Der (aus einem Gespräch zwischen Gérard Paris-Clavel
Verein ist also vor allem ein Zusammenleben, ein (P.-C.): Mich konsultierte ein Kulturzentrum in und Studenten der HdK)
ständiger Dialog, ein sich gegenseitig stützen, Mut Frankreich, um eine Ausstellung gegen AIDS, für
machen und anleiten, ein Bündeln von Energien, die Jugend, zu machen. Sie haben eine Studie (P.-C.): Ich werde dir einige lose Elemente zu deinem
um diese Welt zu verstehen und mitzugestalten. bezahlt, um eine Ausstellung mit großen Contai- Problem geben. Das sind Sinnelemente. Du wirst
»Ich habe einen Beruf, der keine Namen hat. Meine nern zu machen, eine richtige Inszenierung. Ich dir das dann organisieren. Ich bin nämlich gerade
Leidenschaft bezieht sich auf alles, was zwischen übergab die Studie mit den Worten: »Aber nein, das dabei einen Text auszuarbeiten für eine Konferenz
Individuen passiert.« (Isabelle de Bary interviewt kann ich nicht machen. Das ist ein sich Entfernen in Argentinien in 15 Tagen über die Ausbildung, die
von Catherine Nisak 1994.) vom Problem, das ist ein Spektakel, das hat nichts Grafik und die Gesellschaft.
Die Aufmerksamkeit von Ne pas plier dient allen mit dem Thema zu tun. Es wäre besser, das Thema Grundsätzlich beginnt man zu lernen, wenn man
Problemen des menschlichen Zusammenlebens. richtig zu studieren.« Man kann das nicht auf die- versteht, dass man nicht versteht, weil man dann
»Sie machen ihre Arbeit mit jenen, die ihre Hoffnun- se spektakuläre Weise behandeln. Die Leute, die kritisieren kann. Wenn du die Werbeplakate siehst,
gen nur schwer festmachen können: Arbeitslose, mich bezahlten, sollten also akzeptieren, dass ich für viele Leute gibt es da keine Kritik, weil sie glau-
Obdachlose, Schulmädchen und -Jungen aus dem das Geld behalte und eine Studie abgebe, die sagt: ben, alles zu verstehen. Und so kritisieren sie nichts
Norden von Paris, Krankenschwestern, die einfach »Ihr Thema ist blöd.« Das ist eine professionelle Erfah- und ertragen nur. Wenn du ein kulturelles Bild
nur versuchen, Betten für jene zu retten, die nicht rung: das Geld behalten und den Auftrag nicht aus- siehst, das du nicht verstehst oder das dir eine Fra-
zahlen können.« (John Berger, Katalog zur Ausstel- führen. ge stellt, dann kann das dein Verlangen wecken zu
lung im Stedelijk Museum Amsterdam, 1995.) Weil es ein Kulturzentrum ist, sollten sie nicht mit lernen, zu kritisieren, voranzukommen.
spektakulären- oder Werbemethoden arbeiten. Unsere Arbeit ist Wissensdurst zu produzieren.
Man muss wissenschaftlich arbeiten, mit wissen- Kunst oder Grafik vermittelt kein Wissen, aber sie
schaftlichen Kompetenzen, d.h. mit Psychologen, können die Begierde wecken, zu lernen.
Interview mit Gérard Paris-Clavel Semiologen, Epedimologen und Leuten aus den
AIDS-Zentren. Wir werden eine Arbeitsgruppe Gibt es deiner Meinung nach eine a priori-
zusammenstellen und anderthalb Jahre arbei- Verantwortung für den Grafiker?
Beispielprojekt: Arbeit realisiert durch Gérard Paris-Clavel mit dem Verein ten und bezahlt werden. Das ist eine richtige For-
für Kultur und Wissenschaft Fondation 93 und Antonio Ugidos, schung, das ist teuer. Also ersteinmal akzeptieren (P.-C.): Aber natürlich. Das ist doch klar. Aber man
Psychologe bei GRIPS
sie das, was rar ist hier, und dann (zeigt das kleine muss auch lernen nicht verantwortlich zu sein,
Heft: »Garçons-/-Filles«) ist das das Ergebnis, anstel- während man die Verantwortlichkeit praktiziert. nur politische Plakate macht. Man muss es ja auch
le einer großen Ausstellung mit den Containern. Man muss sich nicht durch eine Hyperverantwort- nicht karikieren. Ich will einen politischen Umgang
Und dann, sobald wir das Thema vorantrieben, lichkeit limitieren. Sonst wird man schnell zum mit der Kunst. Ich will keine politische Kunst. Poli-
wurde uns klar, dass AIDS für die Jugend das fal- Fanatiker. Doch sollte man sich der Verantwortung tische Kunst ist dumm. Meinen künstlerischen Akt
sche Thema ist. Das wahre Thema heißt Sexualität. bewusst sein. kann ich zu einem Thema machen, was mit der
Also muss man Fragen zur Sexualität stellen. Aber Dringlichkeit nichts zu tun hat aber mein Umgang
das ist sehr schwierig in Frankreich. Man braucht In Gesprächen mit Bekannten wurden diese damit versucht politisch zu sein. Wenn man diesen
beinahe den Vorwand AIDS, um über die Sexualität Frage oft rigoros abgelehnt. Dahinter verbirgt Unterschied nicht sieht, wird man schnell Fanatiker
der Jugend zu reden. Des weiteren, um über Sex sich vielleicht die Ablehnung, sich wodurch auch oder fällt zu dem zurück, was wir vorher hatten,
zu reden, darf man nicht an ihrer Stelle reden. Man immer einschränken zu lassen. mit einer Art Kunst der Arbeiter im Kampf und so’n
muss ihnen zuhören. Also haben wir das Gehör- Quatsch.
te aufgenommen, bearbeitet und klassifiziert. Wir (P.-C.): Aber das ist doch dumm. Es ist zu einfach an Das Problem ist, dass die meisten Leute glauben,
Mädchen-: Ist der Orgasmus einer Frau dergleiche haben Typologien des Themas angelegt. Unter einer widerlichen Sache mitzuwirken, und dann zu man müsse die Konflikte in den Städten lösen. Aber
wie der des Mannes-?
3000 – wieviele gab es zum Thema Masturbation, sagen: »Ich habe ja nur illustriert.« Der Typ, der die man muss sie führen. Die Rolle der Bürgermeis-
wieviele zur Droge, wieviele zur Regel...(ich erkläre Zeichen für die Konzentrationslager machte hat ter und all derer, die die Macht haben, ist es eine
das, um meine Vorgehensweise zu beschreiben.) sich ebenso mitschuldig gemacht. Er hat eine schö- Gegenmacht zu installieren, die die Konflikte auf-
Diese gelben Seiten, das ist eine enorme Schreib- ne Arbeit gemacht – die Dreiecke in gelb, rosa und spürt, damit man sie lösen kann. Wenn Obdachlose
arbeit. und das, was wir ausgewählt haben ist wirk- schwarz, die Judensterne und all diese Zeichen. Der auf den Bänken schlafen, wird der soziale Konflikt
lich relativ wesentlich. Wir haben die Fragen von Mensch ist mitschuldig, weil er das unterstützt hat. geregelt, indem man die Bänke entfernt. Dabei
50 Jungen und 50 Mädchen als Durchschnitt der Der Typ, der die Eisenbahnen für die Deportation müsste man aber noch mehr Bänke hinstellen,
Sache veröffentlicht. Das kann man abreißen, d.h. reguliert hat ebenso. Man muss aufhören zu glau- damit dieses Elend sichtbarer wird, damit die Leute
das ist Teil eines Spiels. ben, dass man seine Arbeit vom sozialen Sinn tren- sich dafür interessieren, sich einsetzen und das Pro-
Und jetzt merken wir, wenn das ganz gut funkti- nen kann. Das ist nicht möglich. Für mich persön- blem hinterfragen. Aber sie haben Angst die Reali-
oniert, dann deshalb, weil wir den jungen Leuten lich ist der Grafiker-Bürger jemand, der am sozialen tät zu zeigen. Also verstecken sie sie.
keine Antworten angeboten haben, sondern ihre Konflikt teil hat. Das heißt nicht, dass er immerzu Der Designer, der den Auftrag der RATP (pariser

86 87
Ne pas plier

welchem Fall? Welcher Teil des Auftrages ist an den


Markt gebunden? Was ist der Teil der Nachfrage?
Gibt es eine soziale Nachfrage für Grafik? Es gibt
keine soziale Nachfrage.
Es gibt aber Aufträge und diese Aufträge sind nicht
im Herzen der Demokratie wie die gesellschaftli-
chen Nachfragen, die der Grafiker aufdecken oder
ausdrücken würde. Sie sind an den Markt gebun-
Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit, Kostenloser Transport für Arbeits-
den, d.h. an Leute, die eine Vorstellung der Ware
lose haben, die Ideen wie Produkte behandeln. Dieser
Grafiker steht im Dienste des Sinn-Produzenten. Er
Metrogesellschaft), Bänke zu bauen, wo die Armen hat keine Sinn-Autonomie. Er ist dazu da, den ihm
nicht mehr darauf schlafen können, akzeptiert, ist gegebenen Sinn zu illustrieren. Also, wenn der Gra-
ein großes Arschloch. Ich verachte ihn. Das ist ein fiker nicht die Möglichkeit hat auf dem Sinn-Niveau
faschistoides Denken. Er sollte besser sagen: »Aber zu handeln, dann sind wir schon mal in einer sehr
nein. Tut mir leid. Ich glaube ganz im Gegenteil, merkwürdigen Situation. Ein Künstler hat die Fähig-
man müsste ein System finden, wo die Leute von keit, den Sinn zu produzieren. Und er kann sich
der bis der Stunde im Warmen schlafen können. Ich die Zeit seiner Produktion einteilen. Das ist eine
werde ein System finden, wo sie etwas isoliert sein fundamentale Grundlage. Ein Künstler kann seine
können. Ich erfinde eine provisorische Aufnahme, Zeit einteilen und Sinn produzieren. Hingegen ist
wodurch sie es bequemer haben. Weil das Problem ein Grafiker oft gezwungen, die Probleme extrem
existiert, ob sie es wollen oder nicht. schnell zu lösen, weil er an die Zeit der Ware gebun-
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist zu wissen, wie den ist. Zeit ist Geld. Er ist nicht an eine menschliche
jeder arbeiten will. Ist der Grafiker wirklich beschlos- Zeit gebunden. Es gibt eine sehr große Phasenver-
senermaßen an einen Auftrag gebunden? Und in schiebung zwischen der menschlichen-, ökonomi-
schen- und sozialen Zeit. Ne Pas Plier – die Internationale in ihrer Nähe

Der Grafiker, der eine handwerkliche Herangehens-


weise an den Auftrag hat, ist den Gesetzen des
Marktes unterworfen, die Zeit und Mittel bestim- Weges. Diese enthält die schönsten Gedanken und kopiert man das Genre, was uns dann wie Virtuose
men. Also wenn man jetzt von einem Grafiker redet, den künstlerischen Austausch. Dort tritt der Körper erscheinen lässt, als gehörten wir zur Familie derer,
der Künstler-Grafiker ist, also jemand, der sein Den- des Künstlers in Beziehung mit den Anderen. Die- die schöne Bilder machen. Man wird die Kodes
ken von der Ökonomie und allen anderen Sachen se Phase ist zutiefst menschlich. Die Händler haben kopieren, womit man riskiert, die Realität zu verra-
befreit, der nur seine eigene Kritik behält und sich aber auch schon den Begriff des künstlerischen ten, die dargestellt werden soll. Wir nehmen damit
wie ein Künstler verhält-… der ist besessen von der Weges durch den des Resultates ersetzt. Dieser nicht das Risiko auf uns, unsere eigenen Schwächen
Notwendigkeit seiner Produktion. Davon gibt es aber ist einer, der an Macht angelehnt ist. darzustellen, um die Anderen auszudrücken. D.h.
nicht viele. Die meisten sind besessen von der Not- Und dann gibt es noch ein Problem bezüglich wir benutzen nicht unsere Intimität in der Arbeit,
wendigkeit, den Auftrag gut zu machen, den man des Grafikers. Ist der Grafiker da, um eine Realität wie es Künstler tun. Wir benutzen die Virtuosität
ihnen gibt, um ihr Geld zu verdienen. Und weil es im zu ästhetisieren oder um dazu beizutragen, sie zu und das Know-how. Weil wir dadurch unsere sym-
Moment kein Geld mehr gibt, kommt etwas Perver- politisieren? Leider wird die Realität immer mehr bolische Anerkennung erhalten. Es muss also Hoch-
ses hinzu: das symbolische Kapital. Weil man kein ästhetisiert. Ästhetik dient letzten Endes der Unter- schulen geben, in denen man lernt, wie man seine
Geld verdienen kann, ist jeder daran interessiert, haltung. So ist Kultur eigentlich ein Mittel Solida- Schwächen nutzbar macht und nicht wie man das
so viel wie möglich symbolisches Kapital zu haben. rität auszutauschen. Doch sie wird zunehmend als Know-how kultiviert.
Es gibt also das Bestreben, dass jede Arbeit ein Freizeitbeschäftigung angesehen. Sie wird also zum Unsere Fähigkeit als Grafiker, selbst in einem Auf-
Kunstwerk und ein Erfolg wird. Aber eine künstle- Spektakel. Doch Kultur kann viel mehr. Der ganze trag, ist zunächst herauszufinden, welche Frage uns
rische Arbeitsweise ist nicht aufs Resultat, sondern Diskurs über die Kultur übernimmt keine Verant- die Fragestellung mitbringt. Wir sollten unsere kri-
auf den Prozess ausgerichtet. Der Grafiker betreibt wortung für soziale Konflikte. Er negiert die sozia- tische Fähigkeit fordern. Denn wir sind nicht dafür
aber im Gegenteil den Kult des Resultats, des Pos- len Konflikte. Das heißt, die Kultur versucht außer- da, Antworten zu illustrieren, sondern, um Fragen
Denk’ an den Gummi – danke
ters, des schönen Bildes, des schicken Layouts auf halb der soziale Konflikte zu sein. Obwohl sie dort heraus zu arbeiten. Das ist wichtig.
Kosten des Prozesses. Der Grafiker ist also jemand, ihre Wahrheit, ihre Kraft hat. Dort ist das Leben. Mich hatte anfänglich so verwirrt, dass in Frank-
der sehr schnell auf der Ebene des Resultats arbei- Wir müssen also darauf achten, dass wir mit unse- reich, was die Begriffsbestimmung betrifft, eine
tet. Damit kommt man fast zum Kunsthandwerk. rer Arbeit einen sozialen Sinn einbringen. Aber wir strikte Trennung zwischen Grafik und Werbung
Man kann also sagen, schön an einem Werk ist sei- müssen es mit unserer aufrichtigen Intimität tun. betrieben wird, obgleich Werbung ebenso als Teil
ne Jugend und die Geschichte des künstlerischen Man muss nicht künstlich danach suchen, sonst der Grafik begriffen werden könnte. Was meinst du

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Ne pas plier

dazu? noch Kommunikation geben. Jemand hat einmal wenn wir darauf angewiesen sind, unsere Werte
etwas sehr schönes gesagt: »da wo es nur Kommu- durch die Werbung zu vermitteln, ist das schon- (P.-C.): Nein, heutzutage nicht mehr. Nicht in der
(P.-C.): Die Werbung an sich ist etwas total negatives nikation gibt, gibt es keine Dialoge mehr.« Und die mal negativ. Und wenn die Debatte spektakulär Weise, wie sie in Frankreich, was ich kenne, benutzt
geworden, weil sie wesensmäßig mit der Ökono- Werbung ist ein Mittel der Kommunikation. ist, dann ist schon alles zu spät. Und dann wird werden. In dem Moment, wo du da mitmachst,
mie verbunden ist und alle Scham verloren hat. Sie Aber ich rede lieber von einem Grafiker, der ver- die Debatte nicht in den Straßen und Stadtbezir- wirst du total benutzt. Wenn du im Fernsehen auf-
ist pornografisch in dem Maße geworden, als sie sucht den Dialog zu initiieren. Das ist ein anderes ken weiter geführt, sondern im Fernsehen und in trittst, unter ihren Bedingungen, dann hast du sehr
eine Obszönität der Ware hat und jeden Gedanken Terrain, eine Andere Welt, als die der Massenmedien. der Zeitung. Diese sind aber auch an die ökonomi- wenig Aussichten deine Person und deine Ideen
zum Vorteil des Verkaufs verrät. Es gab sicher mal Die Rolle des Künstlers ist u.a. sich die Gewalt in sche Macht gebunden. Nicht sie selbst entscheiden darzustellen. Weil das Medium Television schon
einen Moment, in der Werbung für kleine Produkte der Gesellschaft vorzunehmen und sie in symbo- über das Programm, sondern die Finanziers, die derart kodifiziert ist, dass der Filter, durch den du
eine gewisse Qualität des handwerklichen Austau- lische Form zu bringen, damit wir sie untersuchen dahinter stehen. Und dort ist wieder die Werbung. musst, deine Worte schon transformiert haben,

»La galère du chômage« (Galere/Elend der Arbeitslosigkeit) bewegliche Ausstellung mit dem Arbeitslosenverband APEIS zur Globalisierung des Kapi-
tals, Paris 1996

sches hatte. Aber das ist praktisch vorbei. Heute ist können. Damit hat er eine politische und philo- Warum zeigen sie zum Beispiel erst eine Werbesei- wenn die Anderen dich sehen. Obwohl man sich
die Werbung total dem Medialen hingegeben. Das sophische Aufgabe. Die Werbung hingegen trägt te, um dann zu sagen, es sei scheußlich? Weil sie ein alternatives Fernsehen vorstellen könnte, eben-
Mediale hat das Politische ersetzt. Und die medi- dazu bei, Gewalt zu schaffen. Sie zeigt keine sym- sonst Geld verlieren. Die Perversion besteht darin, so wie alternative Plakatflächen. Aber die, die im
ale Unterhaltung ersetzt die Politik. Die Werbung bolische Gewalt, sondern die bringt reelle Gewalt Geld zu nehmen von Leuten wie Toscani, und sie Moment existieren, sind total verschlüsselt.
schließt sich dem an, weil sie ein Modell des Glücks hervor. Sie illustriert nur die Gewalt und macht kei- dann zu kritisieren. Das ist, als wenn man LePen im Das Problem ist, man muss Verteilungsarten neu
zu geben versucht, damit man sich daran orientiert ne Metapher. Das sieht man am Beispiel von Tos- Fernsehen zeigt, um ihn dann zu kritisieren. Das ist erfinden. Man muss aus dem Rahmen, der uns ein
und schließlich kauft. cani-/Benetton. Er nimmt eine vergangene Gewalt, totale Heuchelei. Ein französischer Historiker sagte Verteilungssystem aufzwingt ausbrechen. Wie auch
verpackt sie in spektakuläre Form und verstärkt sie mal: »Man redet nicht mit Kannibalen über Küchen- deine Idee aussieht, wenn du es in 4--x--3 klebst, ist
Sie kreieren ja auch massenhaft Bedürfnisse, die dadurch nur noch mehr. Wir erleiden sie dadurch rezepte.« Das trifft auf die Werbung von Toscani sie dem Kontext einverleibt.
nicht unbedingt sinnvoll sind. nur noch einmal mehr, ohne sie besser zu verste- ebenso wie auf Sendungen mit dem Faschisten
hen. Toscani illustriert uns eine Gewalt, die wir LePen zu. Das sind keine Demokraten. Siehst du ein Problem im Plakat als Medium?
(P.-C.): Selbstverständlich. Aber sie stützen sich schon längst kennen und will uns dabei glauben Das Widersprüchliche an der Benettonwerbung ist,
immer auf Dinge, die schon existieren und wol- machen, dass er uns etwas lehrt. Das ist stark. Aber dass er nicht sagt, wo seine Kleidung fabriziert wur- (P.-C.): Die Großformate 4x3 dienen ein bisschen als
len uns weismachen, dass sie neu sind. Und damit er nimmt nicht das Risiko in Kauf, uns etwas zu zei- de. Er sagt nicht, dass es das 14. größte Vermögen Dekor für die kapitalistische Idee von der Ware. Und
transportieren sie eine reaktionäre Idee als eine gen, was wir noch nicht wissen. Wenn er uns das in der Welt ist. Er sagt nicht, worin er investiert hat, sie sind omnipräsent. Nicht als Plakat selbst sind sie
revolutionäre. François Barré sprach einmal sehr Finanzkapital sichtbar machen würde, könnte ich was die globalen Folgen sind, was die Bank mit sei- obzessionell aber in ihrer Quantität. Wenn du dir
schön vom »kapitalistischen Realismus« und mein- den Hut vor ihm ziehen. Aber das würde er nicht nem Geld macht. Toscani macht die große Debat- egal welchen Mist von Toscani (Benetton) nimmst
te damit die figurative Vision der Welt des Marktes. tun. Damit würde er an der Metapher arbeiten, an te aber währenddessen redet man nicht über den und es als kleine Illustration in der Zeitung zeigst,
Und das ist sehr schön, weil wenn du die Perversi- den Bildern, wobei man verstehen würde, dass man Rest. dann ist das sehr dumm. Du würdest nicht einmal
onen des sozialistischen Realismus siehst, mit ihrer sie nicht versteht. Das könnte unseren Sinn für Kri- Was verdienen die Arbeiter in den Fabriken von sagen, das ist lustig. Wenn du aber denselben Mist
populistischen Vorstellung von der Welt durch die tik herausfordern. Aber Toscani kritisiert man nicht. Benetton? Hat er seinen humanistischen Diskurs in 4x3 zeigst und es überall hinknallst, dann wird es
Illustration des Arbeiterdaseins u.s.w. dann wird Du verstehst alles. Aber es treibt nicht zur Kritik. auf das Terrain angewendet, wo er die Macht als sehr bedeutend.
dir klar, dass es hier ganz ähnlich funktioniert, dass Kapitalist hat? Oder hält er nur Anderen eine Moral-
es auch eine populistische Vision von der Welt ist, Manchmal löst das zusätzliche Debatten aus-… vorlesung, um Sympathie für seine Produkte zu Wenn man sich mit dem Kleben von Plakaten
gebunden an den Markt und den Konsum. bekommen? Er hat die Macht, zu verändern. Benet- begnügt, wird es dann nicht ebenso ein Medium
Das heißt, das einzige was die Werbung interes- (P.-C.): Ja aber das sind falsche Debatten. Diese ton kann die Leute an seinem Gewinn besser betei- ohne direkte Antwortmöglichkeit?
siert, ist dass der Bürger durch den Konsumen- Debatten existieren schon. Und er löst sie in einem ligen. Er hat die Mittel dazu. Das ist das eigentliche
ten ersetzt wird. Und damit wird die Werbung spektakulären Modus aus, der den Dialog verrät. Problem. Und Toscani spielt dazu den Künstler. Das (P.-C.): Nein, weil ich glaube, dass die Antwort nicht
ein ideologisches Werkzeug. Und später wird das Diese Debatten müssten in der Schule stattfinden. ist doch totale Scheiße. mechanisch ist. Es ist keine Interaktivität um jeden
eine bestimmte Sensibilität für die Welt herausbil- Preis. Die Antwort unterliegt nicht unbedingt einem
den, die in der Werbung gezeigt wird. Anstelle der Würdest du Massenmedien akzeptieren, könntest
demokratischen Debatte, des Dialogs wird es nur du sie benutzen, ohne benutzt zu werden?

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Ne pas plier

Gedanken brauchen Zeit. Sie müssen spazieren


gehen können, sie brauchen Sackgassen, sie müs-
sen umdrehen können, zurückkommen. Und je
dringender etwas ist, desto mehr braucht es Zeit
– paradoxerweise. Ich habe eine Theorie, die sagt:
Es ist extrem dringlich, sich Zeit zu nehmen. Und
Andererseits: Wenn man wirklich in der Dringlich-
keit arbeiten will, muss man sie in die Beständig-
keit (Dauerhaftigkeit) einscheiben. Wenn du sie
nicht in die Beständigkeit einschreibst, kannst du
die Dringlichkeit nicht lösen. Und in der Tat ist die
Rolle der Werbeleute nicht, die Dringlichkeit zu
meistern, sondern sie künstlich zu provozieren.
Und je weniger Kaufkraft da ist, desto mehr bewirkt
die Ideologie der Werbung eine Frustration. Daraus
entsteht das Unbehagen. Das verdunkelt das Poli-
tische durch die Omnipräsenz des Quantitativen.
Außerdem besetzt das Plakat 4x3 das Territorium
für gesellschaftliche Plakate und Botschaften der
Nachbarschaft und der menschlichen Nähe. Darin
sieht man, wie das massenmediale Plakat allein
durch seine Präsenz negativ ist, was den sozialen
Austausch und die Bewusstseinsbildung betrifft.
Selbst wenn es keine Dummheiten von sich gibt,
verbirgt es doch immernoch die intelligenten Aus-
sagen.

Und Fernsehen?

(P.-C.): Fernsehen könnte ein emanzipatorisches


Element sein, wenn es sich vom Kommerz befrei-
en würde. So wie es ist, ist es ein Mittel, um das
Gedächtnis auszuradieren. Es belebt nicht die
Intelligenz, sondern löscht das Gedächtnis durch
Beschleunigung der Geschwindigkeit. Die wirkliche
demokratische Macht ist die Zeit. Der Weltkapitalis-
mus hat ein sehr wirksames Instrument: Entweder
Foto: Marc Patau »Wer hat Angst vor einer Frau«, diese Frage wurde von Taslima Nasreen,
zwingt er dich sehr schnell vorzutragen, was du zu einer Schriftstellerin aus Bangladesh, gestellt. Taslima Nasreen riskiert,
sagen hast – du nutzt also ab, du kannst niemals wie ihre algerischen Schwestern, durch ihren Mut ihr Leben.

ein Argument in so kurzer Zeit entwickeln – oder


direkten Austausch wie im Dialog. Die Antwort dass mir das Plakat erlaubte, eine Debatte zu eröff- er bewirkt eine Untersuchung, die derart lang ist, er sie zuvor beseitigt. Das ist eine Einrichtung, um
kann in allen möglichen Formen erfolgen. Aber das nen. Mit meinen Mitteln kann ich also eine recht dass es entmutigend ist und dich alle Welt schon Autobahnen zu bauen. Aber Autobahnen für das
ist nicht unbedingt das Problem. Es ist ein Problem starke Agitation machen. wieder vergessen hat. Entweder musst du in dreißig Denken sind nicht von Interesse. Das Denken ist
der Qualität der Aussage. Quantität ist in unserer Das hat aber nichts mit den massenmedialen Pla- Sekunden reden oder eine Sache machen, die drei ein Pfad und keine Autobahn. Grafiker machen
Gesellschaft aber wichtiger geworden als Qualität. katen zu tun. Wir müssen endlich aufhören, sie wie Jahre dauert. Du wartest drei Jahre und sprichst aber immer mehr Verkehrsschilder für die Auto-
(einzufügene Auslassung) Das Plakat bleibt also die Besessenen, nämlich inflationär, in den Städten dann dreißig Sekunden. Das ist der Maßstab des bahn. Und wenn du dir dessen nicht bewusst bist,
noch ein wunderbares Mittel, weil es im Sinne der zu kleben. Man muss vielleicht andere Orte finden. mediativen Kapitalismus. ist es das, was man dir als Auftrag gibt: Zeichen zu
Produktion ökonomisch ist. Es ist praktisch, um Sie müssten vielleicht eher an öffentlichen Orten Wenn du zum Beispiel ein Buch ließt, kannst du machen, die sehr direkt sind, die stärker sind als die
kleine Auflagen zu machen. Alle engagierten Grup- angebracht werden, als in obzessioneller Weise an zurück gehen. Beim Fernsehen kannst du nicht Anderen in diesem Konkurrenzsystem. Wichtig ist
pen, die wenig Geld haben, arbeiten noch mit dem den Autobahnen. Das führt dazu, noch schneller zurück. Das Fernsehen ist eine Maschine, um den dann, was schön ist und virtuos. Der Inhalt inter-
Plakat. Es bleibt also ein bedeutendes Werkzeug voranzukommen und noch mehr zu konsumieren, Verstand zu zersetzen. Der kapitalistische Realis- essiert niemanden mehr. Aber das ist es, was wir
und hat noch Zukunft. Für mich kann ich sagen, als damit es eine Rotation der Lager gibt. Man kann mus hat nur ein Interesse, die Gedanken zu unifor- teilen müssen, den Sinn. Wir müssen zusammen
ich jetzt für die algerischen Frauen gearbeitet habe, die Gedanken nicht wie eine Ware behandeln. Die mieren und zu globalisieren. Und dies tut er, indem gegen den Sinnverlust ankämpfen.

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Ne pas plier

tes ist es , Begegnungen zwischen den Menschen Wie finanzierst du die Projekte von Ne Pas Plier?
zu ermöglichen, Gelder aus öffentlichen Mitteln
aufzuwenden, um bestimmte Aktionen zu unter- (P.-C.): Das sind größtenteils Selbstfinanzierungen.
stützen, die notwendigerweise gratis sein müs- Meistens ist das Gratisarbeit, die wir tun. Und mit-
sen und die kein Gewinn machen, wie Kunst und tlerweile haben wir auch Subventionen aus öffent-
Kultur. Dazu muss eine intelligente Wahl getroffen lichen Mitteln. Die Éducation Nationale hat uns
werden. Doch leider entwickeln sich die dafür Ver- Geld gegeben. Und für das Projekt des Observato-
antwortlichen – die großen Komiker, wie man sagt riums der Stadt haben wir von einer Stiftung Geld
– immer mehr zu Mäzenen. Anstatt wissenschaft- bekommen. Das ist eine öffentliche Stiftung. Und
liche Kommissionen für die Verteilung einzusetzen, zusätzlich bitten wir jedes unserer Mitglieder drei-
sind sie es, die wie die Prinzen über Subventionen hundert Franc zuzusteuern, wenn es möchte.
aus öffentlichen Mitteln entscheiden. Das ist schon- Mir hat man oft vorgeworfen, dass ich mich vom
mal eine Perversion. Die Verteilung muss auf demo- Ministerium unterstützen lasse und es gleichzeitig
kratischer Basis erfolgen. Das Mäzenatentum aber kritisiere. Ich glaube, dass mir das Geld nicht das
basiert auf der Vernachlässigung des Staates. Das Recht auf Kritik nimmt.
Mäzenatentum folgt auf dessen Rückzug. Das sind Ich finde es aber besser, wenn man den Kommerz
im Grunde Parasiten. Es gibt natürlich wohltätige seiner Kunst organisiert, um sie zu bezahlen, wie
Geber ohne Forderungen aber das sind die Aus- Christo zum Beispiel, als zu den Banken zu gehen.
nahmen. Heute ist das Mäzenatentum an Marketin-
Wie Klaus Staeck auch.

(P.-C.): Ja. Es ist gut, humanistische Postkarten zu


machen aber die engagierten Gruppen müssten sie
haben. Wenn die Postkarten nur noch für den Gra-
fiker und die Klienten in der Boutique sind, dann
ist das nicht mehr so interessant. Es ist interessan-
ter, wenn es mit den Vereinen und Gewerkschaften
zusammen gemacht wird. Danach kann man sie
Die Medien Wachen – Schlaft – Bürger verkaufen.

Interview und Übersetzung: H.-B.


Der Grafiker, der sich all dessen Bewusst ist, muss schon gute Ansätze, um Wunderbares zu konstruie- grepräsentationen gebunden. Wenn eine Firma ein
sich also fragen, wie er sich zwischen seiner Kreati- ren. Man braucht als junger Mensch nicht Angst zu Plakat für einen guten Zweck spendiert, gibt das
vität und seinem Gewissen als Bürger einteilt, wie er haben. Er ist ja nicht vor der Leere. Er hat die gan- dieser Firma Kredit. In dieser Medien konsumieren-
die Notwendigkeit der Nichtverantwortlichkeit, was ze Weltgeschichte hinter sich. Aber die mediative den Gesellschaft braucht man zunehmend symbo-
seine Suche nach der Form betrifft, und der Not- Gesellschaft reinigt uns von diesem Gedächtnis, lisches Kapital. Man kauft Benetton nicht vorrangig
wendigkeit eines gesellschaftlichen Bewusstseins sie leert uns den Kopf. Man muss dem widerstehen wegen der speziellen Art zu nähen, sondern weil
harmonisiert. Und wie er sich darin organisiert. Ent- und lernen. Dabei reicht es nicht aus, die Ästhetik man dann Humanist ist, wie man jung und modisch
weder durch verschiedene Rollen oder gleichzeitig. zu erlernen, weil wir ohne dieses Gedächtnis von ist, wenn man Coca Cola kauft.
Dafür gibt es ja kein Rezept. Alles ist erlaubt. unserer Geschichte getrennt sind. Das Erlernen die- Im Grunde bin ich gegen das Mäzenatentum als
Man muss den Studenten erklären, dass sie nicht ser Geschichte kann uns das Bedürfnis geben, zu System aber es liegt letztlich an der Strategie
dazu da sind Modelle zu reproduzieren. denn selbst kämpfen, weil wir gestärkt werden durch die Ande- eines jeden Künstlers, wie er damit umgeht. Wenn
wenn es kein passendes Modell gibt, kann man ren. Wenn es aber heißt: »Was werde ich machen? du zum Beispiel beschließt, mir tausend Franc zu
sich eins erfinden. Man muss sich seinen Platz in Ich weiß nicht wohin mit mir-…« Na klar, das ist geben – warum nicht? Das muss jeder selbst sehen.
der Gesellschaft erfinden. Das ist das Mindeste für eine Katastrophe für einen jungen Menschen. Er ist Ich werde Niemanden sagen, dass man das Mäze-
einen Kreativen, sich seinen Platz erfinden, sein ratlos. Und er wird sich egal welchem Modell wider- natentum nicht akzeptieren soll. Doch man muss
Leben kreieren. setzen, außer dem des Konsums. Das ist dann sehr es mit dem Bewusstsein tun, dass man es aus einer
Der französische Philosoph Paul Ricœur sagte mal: anziehend. Da gibt es alles. bestimmten Notwendigkeit macht und das es eine
»Die Utopie basiert nicht auf nichts. Sie basiert auf Machtbeziehung ist. Aber man muss deshalb nicht
dem Gedächtnis der Dinge, die wir noch nicht reali- Was hältst du von Sponsoring? seine Ideen verraten. Die Länder, wo es am meisten
sieren konnten.« Wenn wir all die schönen Dinge aus Mäzenatentum gibt, sind jene, die am wenigsten
diesem Gedächtnis nehmen, die wir nicht beenden (P.-C.): Ich glaube es braucht mehr Staat. (Anderer- demokratisch sind.
konnten, die wir nicht erreichten, dann haben wir seits aber weniger Polizeistaat.) Die Rolle des Staa-

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Plakat, 1985. Dieses Plakat war 1987 Auslöser für ein über einjähriges
Druckverbot für Butzmann und seine Berliner Kollegen.


Manfred Butzmann

Manfred Butzmann schärft den Blick für die Natur, und fördern einander.
die Heimat und die Traditionen. Mit seinen Bildern Durch sein beharrliches Einmischen, Hinterfragen
tritt er für Erhaltenswertes ein, das oft unbeachtet und Aufklären ist Manfred Butzmann in der DDR
bleibt, vernachlässigt wird und verwahrlost. zu einer wichtigen Instanz geworden. An Druck-
Dabei sind es nicht selten »unscheinbare« Moti- verboten und politischen Prozessen vorbei hatte
ve, wie Berliner Giebelwände, Mauern und Steine, er es geschafft, Fragezeichen in die Öffentlich-
die zum Nachdenken über Landschaft und deren keit zu bringen und Kritik zu üben, die viele nicht
»menschliches Maß« anregen. Sein Interesse gilt wagten und nicht für möglich hielten. »Butzmann
meist seiner nächsten Umgebung. »Butzmann war Künstler in einer Diktatur, die die Klaviatur der
begann seine Ein-Mann-Bürgerbewegung im engs- Unterdrückung beherrschte und ihn als Störenfried
ten heimischen Umfeld, der Pankower Parkstraße. kennzeichnete. Was im Westen als harmlos erschien-–
Anstelle der durch Abgase oder Vernachlässigung was für Geschütze musste Staeck auffahren, immer
sterbenden Alleebäume bepflanzte er Laternen- schwerere, je mehr die Gewöhnung, die Abstump-
masten mit rankendem Efeu. Es mussten nicht Ben fung voranschreitet – war im Osten bereits Vater-
Wargins Gingkos oder Beuy’s Eichen sein, um Land- landsverrat.« (Eugen Blume, in-: »Parallel«,
art zu betreiben. Den Missbrauch ruinierter Villen- Ausstellungskatalog, Berlin, 1997)
grundstücke als Garagenbauplatz wehrte er ab mit Damit gehörte Manfred Butzmann zu den künstle-
der Spielplatzeinrichtung und dem Hasenfahnen- rischen Repräsentanten der Bürgerbewegung, die
fest für Kinder und Nachbarn; so wurde Happening sich gegen bürokratische Gängelung, Unmündig-
sinnerfüllt, Fluxus aktiviert. Durch seine Arbeit wird keit und Verlogenheit wandte.
man sich bewusst, dass jegliches Sinnieren über die Die Zeiten haben sich geändert. An die Stelle der
großen politischen Zusammenhänge fremd und einen Bürokratie trat eine Andere. An die Stelle
inhaltlos wirken, wenn man aufhört, sich für seine von Zensur und Publikationsverbot trat eine alles
Ursprünge, für seinen Bezirk oder seinen Nachbarn betäubende Schwämme von Banalitäten. Aus der
zu interessieren. Aus diesem Interesse am Regio- Hoffnung auf Reisefreihet ist für viele die Hoffnung
nalen kommt Manfred Butzmann scheinbar selbst- auf das Geld für die Reise geworden. Aus der Ver-
verständlich zum politischen Engagement. In ihm wahrlosung der Städte durch Misswirtschaft wurde
leben der poetische Künstler mit seiner »heimlichen die Zurichtung der Städte auf private Nutzungsin-
Liebe zum Aquarell«, mit seinen Radierungen und teressen mit dem Abriss von Kultur und Tradition.
Abreibungen und der kritische Grafiker, der sich
gegen Verwahrlosung und Ungerechtigkeit immer Interview mit Manfred Butzmann
wieder in die Politik einmischt, harmonisch zusam-
men. Er ist nicht nur der Eine oder der Andere. Bei-
de Seiten seines künstlerischen Wirkens bedingen

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Manfred Butzmann

gedrungen ist, das der Computer mit dem Foto


Meinen sie, dass es von vornherein eine Verantwor- mehr Fälschung ermöglicht als mit jedem anderen mehr passiert, als dass da zwanzig Leute einfach
tung für den Grafiker, den künstlerisch arbeitenden Mittel, wird man vielleicht irgendwann der Zeich- nur einen Kranz niederlegen, die das Bewusstsein
Menschen gibt? nung mehr glauben. Doch im Moment glauben die haben, dass das eine Sache in der Geschichte war,
Leute dem Foto noch relativ viel. Ja, und dann ist es auf die man stolz sein kann. Da könnte man zum
M.-B.: Ich weiß nicht, »Verantwortung« klingt mir zum Plakat ein ganz logischer Schritt, um auf so’ne Beispiel den Platz vor dem Brandenburger Tor in
einfach schon zu gewollt. Ich glaube, das mit dem Missstände hinzuweisen. Mir selbst ist klar, dass ein den »Platz des 18.--März« umbenennen. Und alle
Einmischen hat damit zu tun, dass ich mich wohl Plakat gar nicht mehr die Funktion haben kann, kaufen mir so’n Plakat ab und hängen es in ihr Büro.
fühlen will. Also wenn vor meiner Tür hier so’n wie vor hundert Jahren. Weil jetzt ganz viele ande- Und da gehe ich davon aus, dass dieses Plakat
Betonmast steht, den ich hässlich finde, den ich re Medien viel schneller und viel direkter reagie- immer mal einen Blick kriegt und die Leute doch
aber jeden Tag angucken muss, weil ich den ja nicht ren. Wenn in der Abendschau eine Sendung über dazu bringt, dass vielleicht wirklich am 18.--März
absägen kann, dann fällt mir irgendwann ein, den ein akutes Problem läuft, werden das mehr Leute ein bisschen mehr passiert als bisher.
zu begrünen, und das finde ich dann schöner. Aber sofort begreifen. Aber Plakate bekommen soetwas,
das ist eigentlich nur, damit ich mich selber darüber wie eine moralische Kategorie. Plakate kann man Um jetzt nochmal auf die anderen Medien zurück-
nicht ärgere. Also wenn die Sorge nicht automa- Jahre nachher immer noch zeigen. Sie gelten als zukommen: haben sie Erfahrungen mit Massenme-
tisch bei der Wohnungstür aufhört, sondern auch Beweismittel. dien wie Zeitung, Fernsehen und trauen sie sich,
das einbezieht, wohin man von der Wohnung aus Ich merke zum Beispiel, dass mein Plakat, mit der diese Medien zu benutzen?
noch gucken kann, dann ist das manchmal schon realistischen Darstellung einer MP als Kinderspiel-
viel. Das kann bis zum Nachbargrundstück sein und zeug im Papierkorb für viele ein Beweis ist, dass M.-B.: Ich hab Angst, dass man da zu schnell miss-
auf einmal gibt es statt der Garagen einen Kinder- man in der DDR etwas gegen die Wiederaufrüstung braucht wird. Denn man hat sie ja nicht allein in
spielplatz, weil man sich sonst ewig über die Gara- machen konnte. Das war ein Plakat, was hier mög- der Hand, sondern wird ständig benutzt von Leu-
gen ärgern würde. Oder wenn da wieder auf dem lich war, was hier gedruckt wurde. Und wenn ich ten, die damit was machen wollen. Ein Redakteur
Nachbargrundstück ein historisches Haus aus der das nicht gemacht hätte, dann wäre jetzt nachträg- gibt dir zum Beispiel drei Minuten. Das wird nie
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, so’ne Kapel- lich der Beweis gar nicht so leicht, dass man mit ein reichen, um ein Problem darzustellen. Das ist ein
le abgerissen werden soll-…-naja, dann versucht bisschen mehr Courage mehr hätte machen kön- bisschen so wie das Runterbrüllen von Überschrif-
man sich da einzumischen, dass sie nicht abge- nen. Das ist vielleicht auch ein Vorwurf an meine Plakat und Postkarte, 1981 ten. Und man wird dazu benutzt. Da traue ich im
rissen wird. Und auf einmal merkt man, dass man Kollegen, die sich immer sagten: »Naja, wer ist denn Grunde genommen dem Rundfunk mehr zu als
nicht allein ist, dass man nur anzufangen braucht, da der Auftraggeber? Auch das musst du alleine dem Fernsehen. Rundfunk hat zu manchen Tages-
dann gibt es eine ganze Menge Leute, die da mit- Verantworten. Na, dann mach ich das nicht.« Klar, Möglichkeit ist, das Fernsehen kann kommen, die zeiten und vor allem auch in bestimmten Sendern
machen. Also »Verantwortung« ist mir zu sehr von man musste das alleine verantworten. Man musste Zeitung kann kommen, aber das Plakat bleibt. Es eine halbe Stunde Zeit für ein Problem und das gibt
dem moralischen Aspekt aus gesehen, das ist mir es alleine bezahlen und man musste letzten Endes bleibt als Dokument eines Aufbegehrens erhalten. dann auch die Möglichkeit, das ziemlich deutlich
zu sehr »muss«. Nee, ich will-! Und ich will auch das die Konsequenzen auch noch tragen, was ja damals Das ist ein Moment von Zukunftssicherheit, das darzustellen. Außerdem kann eine aufgezeichnete
Gefühl haben: an mir liegt es nicht, wenn irgend- noch ein bisschen schwieriger war, weil man die man sich sagt, was ich jetzt mache wird in fünf Jah- Stimme kaum verändert werden. Sie bleibt in ihrer
was schlechter wird. Vielleicht ist das egoistisch. Gesetze in ihrer Auslegbarkeit nicht so genau kann- ren noch seine Bedeutung haben. Es wird jetzt im Nachdenklichkeit, wenn einer nach einem Wort
te – wo die Verleumdung anfängt zum Beispiel. Moment nicht alles verändern können, aber es bün- sucht, durchaus erhalten. Wenn es geschrieben ist,
Wie kommen sie eigentlich zu Ihren Themen, wenn delt die Energien. Ich denke einfach, diese Ballung steht es absoluter da. Im Rundfunk, eine Original-
sie Plakate machen? Und warum greifen sie immer Der historische Aspekt ist ein wichtiger. Wenn man von Namen – und jeder Name steht für was (Volker stimme führt manchmal dazu, wenn der Sprecher
wieder auf das Plakat zurück? aber in der Dringlichkeit etwas bewirken will, kann Braun, Christa Wolf, Jens Reich-…), da sind Kunst- nach einem Wort sucht, dass der Hörer mitsucht.
man das mit einem Plakat? historiker dabei, Journalisten-… und ich denke das Und diese Nachdenklichkeit geht bei den Printme-
M.-B.: Ja aber wenn z.B. die Bäume in der Schön- schüchtert mehr ein, als ein schnelles Medium. Im dien verloren. Das spricht auch dafür, dass ich dem
hauser Allee keine Blätter hatten – das war ein M.-B.: Ich glaube, das Plakat hat im Zusammenklang Fernsehen werden zwei Namen genannt, weil die Plakat noch traue, Tageszeitungen und dem Fern-
Plakat, was ich vor zwölf Jahren gemacht habe, da mit anderen Medien eine Funktion. Jetzt nochmal Sendung für zwanzig nicht reicht. Auf dem Plakat sehen aber weniger traue.
kann ich nicht eine Radierung machen und darstel- ganz konkret zu dem Grundstück, wo dieses his- sind alle dreißig Namen drauf. Also im Zusammen-
len, das die Bäume im August keine Blätter haben. torische Bauwerk abgerissen werden soll und wo klang mit anderen Sachen hat ein Plakat noch eine Ich bekomme den Eindruck, dass bei dem
Wenn ich aber ein Foto benutze, wo jeder sieht, alle die Bäume nicht auf der Naturschutzliste stehen, ganz wichtige Funktion. Ich werde wahrscheinlich Sich-in-die-Geschichte-Einschreiben das »Jetzt«
anderen Bäume haben Blätter aber dazwischen obwohl die da eigentlich hingehören. Ich sag’ vielen keine Sofortreaktionen erreichen, wenn ich mein etwas außen vor bleibt.
stehen welche, die haben kein einziges, dann wird Leuten: »Ich mach daraus ein Plakat und euer Name Plakat an die Häuserwände klebe oder an die Bäu-
das Foto zum Dokument und dann geht es even- kommt da mit rauf, ihr gebt mir das Geld dafür und me mache. Das werde ich wohl nicht schaffen. M.-B.: Na, das stimmt ja nicht ganz. Diese schein-
tuell auch unter die Haut. Und da muss ich also dann ist das unser gemeinsamer Protest.« Und allein Aber ich habe jetzt ein anderes Plakat gemacht, bare Aufklärungsaktion der Zigarettenindustrie,
das Medium der freien Grafik verlassen und zu die Tatsache, dass die vielen Namen auf dem Plakat im Hinblick auf die 1848-iger Revolution in Berlin. wo da stand, dass coole Kids warten können, war
einem Foto greifen, weil dem Foto eine gewisse sind, bestätigt sie in ihrem Protest. Dann heißt das: Da hab ich einfach nur so’ne Barrikade drauf und ja eigentlich ein Versuch, ganz geschickt zu sein.
Glaubwürdigkeit zugestanden wird. Noch immer. »WIR haben etwas gemeinsam getan gegen die- darüber steht: »Nicht Vergessen! 18.--März 1848 Darunter stand natürlich verräterisch: deutsche
Ich meine, wenn das ins allgemeine Bewusstsein se Veränderung, die wir nicht wollen.« Die andere – 18.--März 1998«. Es gibt viele, die wollen, dass da Zigarettenindustrie, und daraufhin kann man das

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Manfred Butzmann

künstlerische Verpflichtung so gut wie möglich zu Interview: H. Berdurke, Berlin, 1996


sein, weil daraus meine Freiheit erwuchs, anderen
gegenüber, die keiner kannte. Wenn ein Unbekann-
ter ein solches Plakat gemacht hatte, hatte er es
natürlich viel schwerer als ich, da ich jedes Jahr bei
den hundert besten Plakaten dabei war. Da fällt es
dann auf, wenn einer weg ist. Und da achtete man
im Westen auch drauf. Also ich hatte ein bisschen
die Illusion, Klaus Staeck würde mir helfen, wenn
ich verhaftet werden würde. Und verrückterweise
kann man heute meine und die Plakate von Klaus
Plakatüberklebung, 1997 Staeck nebeneinander hängen und es stört über-
haupt nicht, ob die vor zwanzig Jahren in der DDR
oder vor zwanzig Jahren in der Bundesrepublik
eventuell anders angucken. Jedenfalls haben wir M.-B.: Ich hab es noch nie versucht, weil ich ein entstanden sind. Da denke ich, da brauche ich mich Plakat, 1999, Unter Verwendung der »BZ« vom 26.-März,
dann ein Plakat gemacht, wo dann richtig deutlich komisches Gefühl dabei hätte. Wenn ich den Staat nicht mehr zu schämen. Und wenn wir in der Aus- Herausgegeben von Ossietzky-Kreis Pankow
drauf stand: »Junge Freunde, bitte fangt erst spä- kritisiere, muss ich es doch mit eigenen Mitteln stellung Deutschlandbilder vertreten sind, dann
ter an zu rauchen, damit ihr länger rauchen könnt.« machen. Dann muss ich eben mit dem Geld, was macht mir das Spaß.
Und die zwei Zeilen, dass der spätere Beginn eine ich durch freie Grafik verdiene, das Plakat bezahlen.
längere Raucherzeit garantiert und damit Pro- Wir haben vorhin etwas ausgelassen: ich mache die Bei manchen Plakaten sieht man aber den gesell-
fit sichert für die Industrie. Denn ein Raucher, der Plakate auch, damit ich meine Aquarelle machen schaftlichen Kontext durchschimmern, wie man
nach sieben oder acht Jahren schon ausfällt, ist kann, wo ich das alles nicht reinpacken muss, wo ich den Fabeln zu Königszeiten ansieht, dass da
ja ein Jammer. Wenn er aber ein bisschen später mich ganz naiv am Licht freuen kann, was abends eigentlich eine propagandistische Rede dahinter
anfängt und genau bis 65 seine Rauchzeit hat und scheint. Das kann ich viel andächtiger angucken, steht, die nicht möglich war. In dem Sinne sind
dadurch die Rente gespart wird, ist es natürlich wenn ich meine Wut losgeworden bin auf dem einige ihrer Plakate doch etwas fabelhaft-…
günstiger. Und das hatten wir als Plakat gemacht anderen Stück Papier, was sich Plakat nennt. Ich
– es war verrückterweise bei den hundert besten nehme das als Einheit. Das ist ein Programm, was M.-B.: Ja, die Leute wussten, was damit angerissen
Plakaten dabei – und wir haben genau diese Schrift zusammen gehört. wurde, aber andererseits durfte man das nicht so
auch übernommen. Wir haben in so’ner Aktion mal deutlich sagen, da man damit ein Verbot provo-
die sogenannten Aufklärungsplakate mit unseren Staatliche Gelder haben sie nicht angenommen. ziert hätte. Ich hatte ja auch fast nie eine so konkre-
grau gedruckten überklebt. Verrückterweise habe Würden sie Sponsoring akzeptieren? te Meinung, ich hatte ja eher eine konkrete Frage.
ich jetzt ein Plakat gesehen, da stand dann wirk- Also ich wusste über manche Sachen auch nicht so
lich einfach drauf: »Ich weiß was ich will. Ich will M.-B.: Nein. Deshalb frage ich ja einzelne Leute. genau Bescheid. Es waren dann Fragen, die ich laut
nicht rauchen.« Das hatte eine Alibifunktion. Also Wenn da fünfundzwanzig Namen darunter stehen, gestellt hatte. Das reicht ja schon. Dann sind andere
nachdem sie erwischt wurden, mit ihrer scheinba- ist mir das viel lieber, weil ich das als Art von Bür- auch bereit, die gleiche Frage zu stellen oder über
ren Aufklärungsaktion und wir sie dabei aufgestört gerinitiative begreife. die Antwort nachzudenken. Es wäre ja lächerlich,
haben, machen sie jetzt wirklich ein Plakat, ganz immer belehrend aufzutreten.
selten geklebt, mit dieser Aussage. Es ist natürlich Im Gegensatz zu Klaus Staeck, mit dem sie eine
schizophren, wenn da der Herausgeber die Ziga- Ausstellung zusammen hatten oder jemand wie Gibt es einen Unterschied in der Art, wie die Plakate
rettenindustrie ist. Und ich bilde mir jetzt einfach Rambow oder die Grapus-Gruppe haben sie einen aufgenommen wurden, früher und heute?
ein, dass unser Plakat dazu geführt hat, dass sie den Großteil ihrer Arbeit unter DDR-Verhältnissen
Werbegedanken weglassen und wenigstens einmal gemacht. Gibt es da ganz grobe Unterschiede im M.-B.: Ja. Da alles lauter geworden ist, hat natürlich
so tun mussten, als ob sie wirklich aufklären woll- Kontext, was ihre Arbeit betrifft zwischen damals ein Plakat, wie ich es mache, nicht mehr die Funkti-
ten. Das ist doch ein direkter Eingriff. Was will man und heute? on. Früher war das so. Wenn man das im Büro oder
eigentlich mehr. an der Wandzeitung angemacht hat und damit ein
M.-B.: Na ich musste immer eine Art Selbstdisziplin Thema anriß, was brisant war, dann wurde darüber
Da schließt sich meine Frage an, wie sie solche Pro- haben. Klaus Staeck konnte seine Prozesse gewin- gesprochen. Es war eine Provokation. Und wenn
jekte finanzieren, die keinen Auftraggeber haben nen, wenn er welche bekam. Ich durfte nie einen man wusste, der Chef kommt vorbei und dem wird
und eine Kritik an gesellschaftlichen Verhältnis- kriegen, den hätte ich sowieso verloren. Ich muss- das nicht gefallen und die Parteileitung nimmt
sen sind. Haben sie schon mal staatliche Hilfe in te immer versuchen, soweit wie es ging, mit ein- es ab-… Also, es war eine Möglichkeit, etwas
Anspruch genommen? Sind sie der Meinung, dass zukalkulieren, was passiert, wenn ich zuweit gehe. herauszubekommen über die Gesellschaft. Diese
der Staat solche Kritik innerhalb der Demokratie Wenn ich zuweit gehe, werde ich rausgeschmissen. direkte Reaktion fällt heute weg.
unterstützen sollte? Das wollte ich nicht. Und andererseits hatte ich die

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Plakat und Postkarte, 1981


Klaus Staeck

Klaus Staeck ist als scharfsinniger Enthüller von chen und Sprachlosen zu sein. Er strebt also nicht
sozialen und politischen Konflikten eine verläss- das Elitäre an, sondern versucht, Kunst für alle zu
liche Instanz der Kritik, mit der man rechnen kann machen.
in Deutschland. Ein Partisan der Aufklärung, wie Die Litfaßsäulen, Bretterwände und Schaukästen
Manfred Butzmann, tritt er mit seinen Plakaten dienten ihm dazu, aus dem zu eng empfundenen
immer dann in die Öffentlichkeit, wenn die Würde Kunstrahmen auszubrechen, ohne den Anspruch
des Menschen angetastet wird. Seine Themen sind auf Kunst aufzugeben. Er betreibt die Gratwande-
Meinungsfreiheit, Friedenssicherung, Schutz der rung zwischen Kunst und Politik. Beides muss ihm
Umwelt, soziale Probleme, Kampf gegen Heuche- aber wichtig bleiben. Zum einen braucht er die
lei und Reaktion. Es geht ihm darum, Denkanstö- Anerkennung als Künstler, um zum Beispiel aus-
ße zu liefern und ein Problembewusstsein bei den stellen zu können, zum anderen darf seine Arbeit
Betrachtern zu fördern. nicht gänzlich im Kunstkontext aufgehen, da »es
Seine Bildsprache kann man als moderne Weiter- in der Regel mit der politischen Wirksamkeit vor-
führung der Fotomontagetechnik von Heardfield bei ist, wenn etwas nur noch als Kunst gesehen
auffassen. Er verwendet bewusst die brilliante Ver- wird«. Dabei hat er mit der Litfaßsäule ein geeig-
führungsästhetik der heutigen Werbebilder, um sie netes Medium gefunden. »Ich habe die Erfahrung
durch ironisierende Texte zu brechen. Somit haben gemacht, dass beim Plakat an der Litfaßsäule der
seine Plakate eine zweifache Wirkung. Zum einen Vorbeigehende eben gerade nicht fragt, ist das
wird der Betrachter durch die scheinbare Vertraut- Kunst oder ist das keine Kunst, sondern er setzt
heit der Bilder angezogen, und durch den dazu sich unmittelbar mit dem Inhalt auseinander.«
im Widerspruch stehenden Text zum Nachdenken (K.-Staeck, »Die Reichen-…«, aaO)
über den Sinn der Aussage animiert, zum anderen Obgleich seine Plakate oft von politischen Gremien
vollzieht der Betrachter bei jedem Bild den Prozess genutzt werden, hat er sich jedoch stets gegen Ver-
des Misstrauen-Lernens. einnahmung und Bevormundung verwahrt. Neben
Staeck selbst betrachtet seine Arbeiten immer seinem Druckerfreund Steidl, lastet daher alle Ver-
als Aufklärung. Beharrlich schult er somit das kri- antwortung auf ihm. Seine Plakate haben ihm nicht
tische Denken, das hinter die bunten Bilder der nur Anerkennung, sondern bisher auch einundvier-
Werbung zu sehen fähig ist. Damit tritt er für den zig Prozesse eingebracht, die er stets, als ausgebil-
mündigen Bürger ein, indem er ihm ein Mittel in deter Rechtsanwalt, selbst vertrat.
die Hand gibt, »die psychologisch ausgefeilten Bil-
derlügen« der Massenmedien zu durchschauen. Interview mit Klaus Staeck
Er versucht mit seinen Plakaten immer auch eine
Gegenöffentlichkeit zu den Meinungsmonopolen
zu schaffen und dadurch ein Sprachrohr der Schwa-

103
Klaus Staeck

fünf Plakate machen und ist dann pleite. Nur Bedarf


reicht allerdings auch nicht. Das Thema muss mich wer kennt den schon?«
Sie haben prinzipiell keine Auftraggeber, sind aber interessieren und ich muss einen Zugang dazu Dann beharre ich doch darauf, dass es sich bei
offen für eine Zusammenarbeit mit Gruppen. Wie haben, vor allem gut informiert sein. Meine Plakate meinen Arbeiten um Kunst handelt, während die
kann diese Zusammenarbeit aussehen? sind ja fast immer in juristischem Grenzland ange- Außenstehenden in der Regel rein politisch oder
siedelt. Da braucht man im Streitfall auch Argu- tagesaktuell argumentieren. Daraus ergibt sich
K.S.: Die Art wie ich arbeite verträgt keine Auftrag- mente und Material und muss von der Richtigkeit ein Konflikt. Jedes Mal, wenn ich doch mal wieder
geber, weil Auftraggeber in der Regel auch Gre- dessen, was man macht, überzeugt sein. einen Ansatz machte, Aufträge zu übernehmen,
mien sind. Aber Satire durch ein Gremium zu brin- Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen von der Regel habe ich das sehr schnell bereut, weil am Ende doch
gen, ist fast unmöglich. Mindestens einer ist immer »keine Auftragsarbeiten«. So kam es 1990 zu einer alle Beteiligten unzufrieden waren. Schließlich geht
dabei, der sagt, »das verstehen die Leute nicht« und Zusammenarbeit mit Greenpeace bei dem Groß- es um den Unterschied zwischen der demokratisch
dadurch alles blockiert. Anders ist es, wenn Anre- flächenplakat: »Alle reden vom Klima, wir ruinieren organisierten Politik und der Kunst. In der Politik ist
gungen von außen kommen, zum Beispiel von es«. Ein sehr hartes Plakat mit einem persönlichen der gute Kompromiss, der möglichst viele Seiten
einer Bürgerinitiative. Dann mache ich auch nicht Angriff auf zwei Personen, die für die FCKW-Her- zufrieden stellt, höchste Staatskunst. In der Kunst ist
unmittelbar etwas – sonst müsste ich jede Woche stellung und damit für die Klimaverschlechterung der Kompromiss meist ein Schuss daneben. Das ist
zwei Plakate entwerfen – sondern überlege, ob ich verantwortlich waren. Da brauchte ich mich einmal für mich auch immer ein Signal gewesen, zwischen
nicht schon etwas ähnliches habe. Meistens wollen um nichts kümmern. Greenpeace hat die Druckkos- Kunst und Politik zu trennen. Ich bin ja jemand, der
aber die Leute etwas für ihren ganz speziellen Fall. ten und die Plakatierung in vielen Städten über- eine Gratwanderung zwischen Kunst und Politik
Also die Bürgerinitiative »X« hat Probleme mit der nommen. Das hätte ich mir nie leisten können. Es versucht. Dennoch sollten beide autonom bleiben.
Müllverbrennungsanlage »Y« in der unmittelbaren war insofern auch hilfreich, als die Prozesse, die in Aus der produktiven Reibung kann sich jedoch eine
Umgebung und sie wollen ein Plakat, das sich auf großer Zahl kamen, gegen Greenpeace liefen. Die neue Qualität ergeben. Auch deshalb sollten beide
dieses ganz konkrete Projekt bezieht. Das kann ich sich beleidigt Fühlenden hätten genau so gut auch Bereiche nicht miteinander vermanscht werden.
nicht leisten. Denn es kommt dazu, dass ich ja alles mich verklagen können.
selbst finanziere. Wenn das Motiv nicht für eine Es kommt immer wieder vor, dass Leute ein schon
größere Öffentlichkeit interessant ist, kann man vorhandenes Plakat sehen und fragen: »Wie kön- Wurden die Plakate für die SPD, »Die Reichen müs-
nen wir uns das zu Eigen machen? Indem wir zum sen noch reicher werden...« zum Beispiel, mit der Sozialfall, 1970
Beispiel einen Aufdruck hinzufügen oder es noch Partei zusammen erarbeitet oder ihnen sozusagen
mal neu drucken, mit einer kleinen Textleiste unten, nur angeboten? Gab es da eine richtige Zusam-
woraus erkennbar wird, von wem es stammt.« Aber menarbeit? Kost. Sie braucht immer den zweiten Blick.
auch das sind Ausnahmen. Meine Sachen funktionieren meist wie ein Drei-
Meistens mache ich Arbeiten zu Problemen, von K.S.: Das ist ein klassischer Fall, an dem man mein Komponenten-Kleber: Da ist ein Textelement und
denen ich annehme, dass es nicht nur meine eige- Verhältnis zur SPD gut erläutern kann. Ich habe ein Bildelement, die nicht deckungsgleich sind, was
nen sind, die auch eine größere Zahl von Menschen für meine Partei, zu der ich stehe – in allen Höhen dem Betrachter zunächst ganz widersprüchlich
interessieren. Und dann warte ich, ob die Leu- und Tiefen und mit allen Schwächen und Stärken erscheint. Die dritte Komponente ist schließlich die
te etwas damit anfangen können oder nicht. Das – nie direkt ein Plakat gemacht, keinen Auftrag aus- Montage im Kopf des Betrachters. Das Bild schafft
heißt immer volles Risiko. geführt. Bei einer Partei, die ein paar hunderttau- er sich selbst. Er sieht in Wahrheit nur zwei Elemen-
send Mitglieder hat, ist es noch komplizierter, weil te. Das Neue entsteht erst, wenn der dialektische
jeder, der Verantwortung trägt, meint, er müsse im Widerspruch, den fast alle meine Plakate enthalten,
Wäre es nicht entlastend, mehr mit größeren Grup- Namen aller den Geschmack oder das Einsichtsver- aufgelöst wird. Diese Leistung muss jeder aber in der
pen zusammen zu arbeiten, damit sie dann gerade mögen möglichst vieler treffen.
Verantwortung und Kosten übernehmen und vor Nein, ich wollte auch nie ein Parteigrafiker wer-
allem die Verteilung sichern, indem die Arbeiten den. Das hat mich jedoch nicht davor bewahrt, Die Reichen,1972,

dann in die Kanäle der Organisation einfließen und dann doch gelegentlich als ein solcher denunziert
direkte Aktion beliefern? zu werden. Das hat mich allerdings nicht weiter
gestört.
K.S.: Na klar wäre das besser und es wäre sicher Das Plakat »Die Reichen müssen noch reicher wer-
effektiver, keine Frage. Aber meine Erfahrung ging, den...« war ja der erste Test überhaupt. Nachdem
wenn es auch nur ansatzweise eine Zusammenar- ich das Dürer-Mutter-Plakat in Nürnberg 1971 im
beit war, immer in die Richtung, dass irgendjemand Kunstkontext in die Öffentlichkeit gebracht habe,
Widerspruch anmeldete. Wie gegenüber einer Wer- war anschließend das zweite Experiment, ob der
beagentur wurde dann argumentiert: »Ja, aber das flüchtig schauende Passant auf der Straße so eine
musst du noch zurücknehmen. Da musst du die Botschaft überhaupt wahrnimmt, ob er sie auch
Farbe ändern. Das versteht keiner. Dieser Slogan, durchschauen kann. Denn Satire ist ja nie leichte
Greenpeace-Demonstration gegen die HOECHST AG
in Darmstadt, 1981
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Klaus Staeck

hat er geantwortet: »Wir wollten auch nichts tun. Trotzdem ist es das Plakat mit der bisher höchsten
Aber wir mussten etwas unternehmen, als unsere Auflage geworden und ist bis heute mein Erken-
eigenen Leute reihenweise in unser Büro kamen nungsmerkmal geblieben.
und schimpften: So etwas können wir doch nicht Im gleichen Jahr 1972 kamen noch »Die Mie-
plakatieren!« Die hatten tatsächlich gedacht, es ten müssen steigen. Wählt christdemokratisch«,
käme von ihrer eigenen Partei, haben es also falsch »Alle Wege führen nach Moskau« und »Juso beißt
verstanden, die Satire nicht durchschaut. Hätten wehrloses Kind« dazu. Es war gerade Wahlkampf
sie die Satire erkannt, dann wären sie vielleicht zor- und es hatten sich sehr viele Wählerinitiativen zur
nig gewesen, hätten aber nie vermutet, das Plakat Unterstützung der sozialliberalen Koalition gebil-
könnte von der eigenen Partei kommen. det. Das hatte es vorher so nicht gegeben. Sie alle
Das ist die Chance der Satire. Sie erweckt zunächst brauchten auch Bilder. Also habe ich kleine Ange-
einen Irrtum. Man verstrickt sich darin, um hinter bots-Zettel gedruckt, die ich überall rumgeschickt
des Rätsels Lösung zu kommen. Das ist der aufklä- habe. Irgendwann habe ich mir die Adressen der
rerische Weg. Deshalb muss jede Satire auf Wahr- SPD-Gliederungen besorgt und auch sie alle ange-
heit beruhen. Man kann nicht eine offensichtliche schrieben. Darauf kamen sehr, sehr viele Bestellun-
Schweinerei als Satire ausgeben. Es gehört immer gen, weil ich besonders mit den beiden Motiven
dazu, dass man sich des Fundaments sicher ist, »Die Reichen...« und »Deutsche Arbeiter!« einen
das satirisch überhöht, übertrieben, verstärkt wird. Nerv getroffen hatte und ein Bedürfnis nach Plaka-
Deshalb muss die Behauptung, dass sich die Ver- ten bestand, die außerhalb der üblichen Parteien-
mögensverhältnisse unter einer CDU-Regierung werbung angesiedelt waren.
dramatisch zugunsten der Reichen und zu Lasten
der Armen verändert haben, belegt werden kön-
nen, wenn es hart auf hart kommt. Natürlich bekam War das ein Bestandteil der offiziellen
ich am Anfang erst einmal einen Schreck – vier Pro- Wahlkampagne?
zesse, Streitwert je 20--000 Mark.
K.S.: Nein. Nicht von der Partei selbst, allenfalls von
den einzelnen Untergliederungen. Die mussten ja
Ging es denn im Prozess um Inhalte? alles bei mir kaufen. Anderes Material bekamen
sie weitgehend umsonst. Wer seinen Wahlkampf
K.S.: Nein. Es geht fast nie um Inhalte, weil die Klä- anders führen wollte und sagte, diese Bilder spre-
ger die inhaltliche Auseinandersetzung naturge- chen uns mehr an und möglicherweise auch die
mäß scheuen. Weil ich zu meinen Plakaten relativ potentiellen Wähler, mit denen kann man mehr
schnell den Wahrheitsbeweis antreten kann, geht politische Auseinandersetzungen führen, der kauf-
es immer nur um Formalien, im konkreten Fall um te dann meine Plakate, teilweise bis zu 100-Stück-
das Namensrecht. weise. Der SPD-Landesverband in Baden-Württem-
Als ich damals merkte, dass durch den Prozess berg kaufte sofort 5-000 »Arbeiter«-Plakate und
immerhin ein großer Zuspruch da war, haben wir plakatierte sie. Das hat es so kaum wieder gege-
die Plakate sofort nachgedruckt. Schließlich habe ben. Ein erfreuliches Comeback hatte ich im Febru-
Deutsche Arbeiter, 1972 ich als Reaktion auf die Prozesse für ein weite- ar 2-000 mit meinem »Schwarzgeld«-Plakat. Allein Juso beißt wehrloses Kind, 1972
res Plakat eine Formulierung gesucht, bei der der die SPD Hessen erwarb auf Anhieb 10--000 Plakate
Name »CDU« nicht mehr auftaucht, das Plakat aber und 40--000 Postkarten.
Regel selbst erbringen. Deshalb war nicht klar, ob so dennoch in die gleiche Richtung zielt, ohne noch Gefahr bestanden, dass ich meine gewollte künst-
eine satirische Botschaft für den flüchtigen Betrach- einmal in eine mögliche juristische Falle zu laufen. lerische Position mit dem einen Fuß in der Kunst
ter überhaupt zu erschließen ist. Sprich: Namensrecht. Daraufhin habe ich mir mein Warum hat das nicht Schule gemacht? Gab es da und dem anderen in der Politik eingebüßt hätte.
Ich habe von dem »Reichen«-Plakat zunächst nur bis heute bekanntestes Plakat einfallen lassen: Rückkopplungen mit den SPD-Vorständen? Ich hatte schon sehr früh die Sorge, diese Balance
zweihundert Stück drucken und in der Heidel- »Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im könnte verloren gehen und ich mich nur noch in
berger Umgebung wild plakatieren lassen. Sofort Tessin wegnehmen«. Das war nun noch mal ein Sal- K.S.: Nein. Ehrlich gesagt wollte ich ja nicht, dass ich der Politik bewege und damit die Chance vergebe,
bekam ich von der CDU meine ersten vier Prozesse to mortale rückwärts und in Wahrheit noch schwe- in die offizielle SPD-Wahlkampfstrategie so einge- mich in einem nicht genau definierten Zwischen-
in zwei Tagen. Ein Fernsehteam befragte darauf- rer zu verstehen. Professor Imdahl, ein angesehe- baut werde, dass ich eben doch zum Schluss der raum, im Niemandsland aufzuhalten, was immer
hin den CDU-Geschäftsführer: »Warum gehen sie ner Kunsthistoriker an der Universität Bochum ist SPD-Grafiker geworden wäre mit der Folge, dass sie spannender ist als die Eindeutigkeit. Weil aber fast
denn mit dieser juristischen Brachialgewalt gegen während eines Podiumsgesprächs auf sechs ganz angefangen hätten zu sagen: »Jetzt mach uns doch alle die Eindeutigkeit wollen, sind sie sehr misstrau-
einen Referendar (der ich damals war) vor?« Darauf verschiedene legitime Deutungen gekommen. mal dazu etwas und dazu etwas«. Dann hätte die isch gegenüber den nicht eindeutigen Positionen.

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Klaus Staeck

Bereuen sie das Vertriebssystem in der Hinsicht auf dann, wenn das Plakat da ist, größere Stückzahlen
die Möglichkeit ein großes Verteilungssystem auf- übernehmen und etwas damit machen.
recht zu erhalten, oder funktioniert es so gut, dass Es kommt aber nicht nur auf die große Zahl an. Bei
sie damit zufrieden sind? Sie verteilen ja letztlich gut durchdachten Plätzen, die stark frequentiert
weniger, als über große Strukturen. werden, reichen in einer Stadt oft wenige Plakate.
Alles wild zukleben erweckt häufig nur das Miss-
trauen und den Zorn der Leute.
K.S.: Natürlich wäre es besser, wenn man ein perfek-
tes Vertriebssystem einer großen Organisation hät- Wer sind denn die Abnehmer der Plakate? Sind das
te, wie das z.B. bei der Greenpeace-Aktion der Fall Gruppen oder eher Privatpersonen? Gehen sie in
war. Das war eine fantastische Sache. Der Vertrieb die politischen Aktionen ein oder enden sie eher in
ist bis heute mein größtes Problem geblieben: Wie den Büros oder bei den Leuten zu Hause?
stellt man immer wieder Öffentlichkeit her, schließ-
lich hängt auch die Finanzierung davon ab. Großen K.S.: Ja, das ist eine spannende Frage. Früher ließ sie
Einfluss hat auch das jeweilige politische Klima, ob sich einfacher beantworten. Die oft großen Stück-
die Leute bereit sind, für ihr künstlerisch- politisches zahlen wurden fast immer von Gruppen abgenom-
Arbeitsmaterial Geld auszugeben. men. Die haben dann entweder selbst plakatiert,
Bei größeren Bestellungen kann man natürlich das kam sehr oft vor, oder sie haben es ganz gezielt
über den Preis reden. Vor kurzem hat der Präsident an ihre Untergruppen verteilt. Allgemein gesagt:
der FU Berlin hundert Plakate »Ein Volk, das solche Abnehmer sind meist jene politisch engagierten
Boxer-/-Fußballer-/-Tennisspieler-/-und Rennfahrer Leute, die sich ohne Auftrag einmischen, unabhän-
hat-/-kann auf seine Uniwersitäten ruhig verzich- gig von Alter und Beruf, Leute, die etwas verändern
ten« bestellt. Er hat selbstverständlich die Plakate wollen, sich nicht abfinden wollen mit dem Status
billiger bekommen. Und wenn eine Juso-Gruppe quo. Die Materialien werden auch relativ häufig
einige Motive plakatieren will, dann verlange ich erworben, um damit Geld zu verdienen. Die Bürger-
Uniwersitäten, 1997 nur den Druckpreis. Auch die 10--000 Plakate mit initiative kauft also Plakate in größeren Stückzahlen Frieden, 1982

dem Schwarzgeld-Motiv hat der hessische SPD- ein, um sie dann am Infostand wieder zu verkaufen
Landesverband fast zum Druckpreis bekommen. und mit dem erwirtschafteten Geld etwas Neues zu
Darin liegt aber gleichzeitig eine Chance, weil die Aber 'bereuen' kann ich nicht sagen. Ich habe ja die machen. dann Ärger mit dem Bürgermeister, der sagte: »Bit-
Neugierde gefördert wird. Wenn zum Beispiel das Gefahren am Anfang geschildert, die immer darin te nehmen sie das weg, wir sind eine öffentliche
»Die Reichen«-Plakat den »SPD-Parteivorstand« als bestehen, dass fremde Einflussnahme auf das, was Behörde, da können sie nicht ihre privaten poli-
Absender gehabt hätte, wäre die Wirkung nicht so ich künstlerisch-politisch tue, irgendwann nicht Stört sie das? tischen Meinungen kundtun.«. Es kam zum Streit
groß gewesen. mehr zu stoppen ist. Denn oft herrscht der Irrtum, bis vor das Arbeitsgericht. Der Beamte hat schließ-
Schon aus diesem Grunde habe ich immer meinen man könne über künstlerische Entscheidungen K.S.: Nein, das stört mich überhaupt nicht. Wenn lich die Auseinandersetzung mit der Begründung
Ein-Mann-Wahlkampf geführt, parallel zu den Akti- demokratisch abstimmen. Es geht immer nur um das jemand für seine Arbeit verwenden will, ist das gewonnen, »die Lufthoheit über seinem Schreib-
vitäten großer Organisationen. Das hat sich auch den demokratischen Zugang zur Kunst. Die Kunst legitim. Es sind auch viele Einzelpersonen. Das mer- tisch gehöre ihm«. Das ist eine schöne Geschichte
bewährt. Wer etwas anderes wollte, der fragte bei selber kann man nicht demokratisieren, soweit es ken wir an dem STAECKBRIEF-Versand. Unser größ- aus einem schwierigen Bereich des Arbeitsrech-
mir an. So bin ich auf das Vertriebssystem mit dem um den Entstehungsprozess geht. Das bleibt die ter Gegner ist derzeit die Post, weil sie ständig das tes. Da hat jemand über eine Postkarte ein Stück
STAECKBRIEF gekommen, eine Art Versandkatalog. einsame Entscheidung desjenigen, der sie macht, Porto erhöht. Wenn jemand ein Plakat bestellt und Freiheit am Arbeitsplatz auch für andere erkämpft.
Jeder kann nach dem Katalog seine Entscheidung im Unterschied zur Werbeagentur, bei der in der man das Porto dazurechnet, könnte man es ihm Das sind dann Sternstunden der Arbeit. Ein Konf-
treffen. Manche fragen auch, warum es nicht alles Regel ein ganzes Team daran arbeitet. Die Agentu- in Wahrheit gleich schenken. Aber man weiß nie, likt wurde positiv entschieden und damit ein Stück
umsonst gibt und ich muss dann sagen: »Tut mir ren erheben keinen künstlerischen Anspruch. Für manchmal kann auch ein einzelnes Plakat für etwas Meinungsfreiheit erkämpft.
leid, ich muss das selbst finanzieren«. Das verste- die ist es ein Handwerk, machen oft auch mehrere wichtig sein. In der Heidelberger Kopfklinik hängt Ich bin jemand, der sich die im Artikel 3 des Grund-
hen die Leute dann auch. Entwürfe. Ein Künstler macht nicht zehn Angebote seit längerer Zeit mein Boxer-Plakat an einer wich- gesetzes geschützte Meinungsfreiheit zum Beruf
und sagt: »So nun sucht euch eins aus. Die anderen tigen Durchgangstür. Tausende von Leuten hätten gemacht hat. Denn ich bin der Meinung, dass die
werfen wir dann weg.« Das kommt sicher auch vor, es im Laufe der Zeit nicht gesehen, wenn man das Grenzen immer wieder neu vermessen werden
ist jedoch nicht die Regel. eine Plakat da nicht hingegeben hätte. müssen und man auch bis an die Grenze gehen
Aber es gibt nichts ohne Nachteile. Unabhängig- Es gibt nicht nur den Streit, der um meine Person muss, wenn sie nicht verkümmern soll. Nicht unbe-
keit hat ihren Preis. Wenn man sich die bewahren ausgetragen wird, sondern auch die Schwierigkei- dingt die Grenze überschreiten, denn unser Mei-
will, muss man eben bestimmte Risiken in Kauf ten, die andere mit meinen Plakaten haben. Da gab nungsfreiheitsrecht geht sehr weit. Wer das Gegen-
nehmen. Leider auch in der Hinsicht, dass sich es den interessanten Streit, um nur eine Postkarte. teil behauptet, ist nicht informiert. Man kann sehr,
manchmal die Verbreitung in Grenzen hält. Ich bin Ein Beamter hatte sie in einem Bürgermeisteramt sehr viel sagen, was sich gelegentlich auch gegen
natürlich immer auf der Suche nach Partnern, die über seinem Schreibtisch angebracht. Er bekam mich wendet. Wenn ich mich einmal verteidigen

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Klaus Staeck

werden, weil die Post als Hindernis auftritt. Gibt es Aber die war auch notwenig.
noch andere Hindernisse oder Gegner? Es war insofern auch wieder eine Ausnahme, als noch das haben, dann lässt sich leicht sagen: »Die
es ein Plakat zu einem aktuellen Thema war. In der Leute sehen ja nur noch so etwas«. Ich nehme übri-
K.S.: Das größte Hindernis bleiben nach wie vor die Regel müssen meine Plakate eine größere Halb- gens alle in die Pflicht, nicht nur die Veranstalter.
alles in allem mangelhaften Vertriebswege. In letz- wertzeit haben, als ein halbes Jahr. Anderes kann Wer sich fünf Stunden lang das Lady-Di-Begräbnis
ter Zeit ist es auch schwierig geworden, Öffentlich- ich mir gar nicht leisten. Ich muss immer Themen anschaut, dann ist das seine Entscheidung. Das hat
keit herzustellen, weil sie nach dem Motto funktio- aufgreifen, von denen ich annehme, dass sie län- ihm niemand aufgezwungen. Eine Kultursendung
niert: »Das hatten wir doch schon.« Es muss dann ger virulent sind. Das Deprimierende dabei ist, dass kann es nie auf eine solche Quote bringen. Die
schon ein Jubiläum, der fünfzigste oder hundertste im Augenblick die ältesten Plakate die aktuellsten Zuschauer sind dort aktiv beteiligt. Ich halte nichts
Prozess sein, mit dem man noch einmal Aufmerk- sind. Zum Beispiel das 1972 entstandene »Reichen«- davon, außer ein paar anonymen Verantwortlichen,
samkeit erregen kann. Es wird stets eine Steigerung Plakat oder diverse Kohl-Motive. Das spricht nicht alle frei zu sprechen. Beteiligt sind in der Regel alle,
erwartet. Die Abstumpfung wird dabei immer grö- unbedingt für die Politik, die in unserem Lande wenn es kulturell und politisch bergab geht.
ßer. Das erlebe ich oft. gemacht wird. Aber alles in allem hatte ich nie die Sorge, dass
Die Frage bleibt: Wie kann man die Sachen unter Das Dilemma für die ganze Branche, die so arbei- etwas vom Inhalt verloren gehen könnte, wenn der
die Leute bringen, ohne zu viel Zeit darauf zu ver- tet, besteht darin, dass selbst die Buchhandlungen, Inhalt stimmt, wenn der Inhalt diese Sperrigkeit
wenden. Leider gibt es für meine Plakate außer die bis vor kurzem noch kritische Literatur anboten, besitzt, die ich versuche, in meinen Plakaten unter-
dem eigenen kaum Vertriebssysteme. Für Verlage auch Opfer der Entpolitisierung wurden. Da greift zubringen. Bisher habe ich immer einen Weg in die
gibt es Buchhandlungen – auch immer weniger eins ins andere. Das ganze ist ein Netz. Wenn das Öffentlichkeit gefunden.
übrigens. Aber die Postershops führen nur selten an einer Stelle reißt, sind viel mehr davon betrof-
diese Art Plakate. fen, als nur eine Buchhandlung. Wenn nur noch Interview: H. Bedurke, Berlin, 6.9.1997
»Schmuse«-Karten verlangt werden, nur noch
Seichtes begehrt wird, dann überlegt sich der
Die wollen nur Dekoratives, nichts Inhaltliches... Buchhändler, ob er anderes überhaupt noch ins
Programm nimmt, weil er sich sagt: »Die Mehrheit
K.S.: Jedenfalls nichts, was inhaltlich Anstoß erre- meiner Kunden wird möglicherweise dadurch nur
gen könnte. Das Gleiche gilt für Buchhandlungen. abgeschreckt und ich muss schließlich auch über-
Eine Zeitlang haben wir eine ganze Menge Postkar- leben.« Das ist ein Teufelskreis, gegen den wir uns
ten über Buchhandlungen vertrieben. Das hat bald mit unserem Direktvertrieb gewappnet haben. Er
aufgehört. Wenn irgendein Kunde sich darüber ist immer noch die sicherste Bank.
aufregte und es kam der zweite Kunde, der Anstoß
nahm, dann flogen wir wieder aus dem Programm.
Deshalb sind wir ja zum Direktvertrieb übergegan- Wie stehen sie zu den Massenmedien? Gibt es die
gen. Das ist zwar mühselig, aber es ist wenigstens Möglichkeit, sie zu nutzen, haben sie damit Erfah-
ein verlässlicher Vertriebsweg. Wenn ich nur darauf rungen?
warten würde, dass Buchhandlungen doch mal ein
paar Karten bestellen oder besagte Postershops K.S.: Es war früher einfacher. Wenn ich etwas Neu-
einige Plakate in ihr Programm aufnehmen, dann es hatte, habe ich das Motiv an ein paar Zeitungen
wäre ich schon längst am Ende. Dieser Direktver- geschickt, an Journalisten, die ich mehr oder weni-
trieb ist aus der Not geboren und macht mich nun ger kannte und es wurde in aller Regel in ihr Blatt
Coca-Cola, 1994 allerdings sehr unabhängig. Wenn ich heute eine gehievt, als Illustration, als Kommentar, als Abbil-
Idee habe, kann sie von meinem Freund Gerhard dung. Das kam sehr häufig vor. Heute ist so etwas
Steidl in Göttingen noch in dieser Woche gedruckt selten geworden. Weil die Medien, die dafür in
möchte gegen all zu ungerechte Angriffe, dann und per STAECKBRIEF den etwa 15--000 Empfän- Frage kommen, auch eher unpolitischer geworden
sagen die Richter: »Na, sie sind doch jemand, der gern angeboten werden. Das schafft kein Großver- sind.
einen sehr intensiven Gebrauch von diesem Recht lag, weil der zu schwerfällig ist.
macht. Dann müssen sie sich auch eine intensive Das Reich-Ranicki-Plakat, das wir gemacht haben,
Kritik gefallen lassen.« war eine Sache von drei Tagen. Ich war unterwegs, Die Medien werden ja auch unpolitischer, weil sie
habe die Idee entwickelt, am Telefon nach Göttingen »Rücksicht« nehmen. Das ist ein klarer Fall von
durchgegeben. Steidl hat einen Entwurf gemacht, Ursache und Wirkung.
Was sind denn die größten Hindernisse für ihre den ich abends im Faxgerät vorfand. Dann wurde
Arbeit, von den finanziell und zeitlich am nächsten Morgen mit dem Druck begonnen K.S.: Ja, das ist ein Wechselspiel. Wenn nur noch
aufwendigen Prozessen abgesehen? Sie sagten, und am dritten Tage wurden die Plakate verschickt. unverbindliche Fernsehsendungen angeboten
bei der Verteilung müssten Alternativen gefunden Das war wirklich eine einmalig schnelle Aktion. werden, weil man glaubt, die Leute wollen nur

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Ausstellungsplakat und Flyer/1999


Linke Hände

Die Linken Hände sind ein Grafik-Büro in Hamburg, auch momentan keine politische Arbeit mehr. Ich
bestehend aus vier GrafikerInnen und zwei Foto- fotografiere zum Großteil Häuser und mache ande-
grafen (Marcus Spiegel, Tanja van de Loo, Ute Zim- re fotografische Projekte, die nicht bezahlt sind.
mermann, Ulrike Sommer, Markus Dorfmüller und Insgesamt erkenne ich da einen Mangel, dem ich
Markus Kröger). In dieser Form gibt es sie seit 1997. aber im Moment nicht abhelfen kann. Ich habe das
Sie gestalten für Initiativen, Dienstleister, Einzelper- Gefühl, man ist im Moment auf dieser Schiene, die
sonen und Gruppen im Bereich Kultur, Politik und heißt Geld verdienen und sich in dem, was man
Soziales. macht, sicherer werden. Das hat ganz viel damit zu
tun, sich in diesem kapitalistischen Markt zu orien-
tieren.
Interview Linke Hände Für mich ist die Perspektive, sicherer auf den Bei-
nen zu werden, um auch wieder etwas anderes
Seid ihr ein Kollektiv? machen zu können. Die Gefahr an diesem Vorha-
ben ist natürlich, viel - oder auch nicht so viel – Geld
L.-H.: Ich finde, die Frage ist ganz einfach mit zu verdienen und trotzdem nichts anderes mehr zu
»nein« zu beantworten. Wir haben eine gemeinsa- machen. Ich komme aber im Moment aus diesem
me Geschichte, wir arbeiten zusammen in einem Dilemma nicht heraus. Es läßt sich nicht theore-
Büro und das nicht weil wir müssen, sondern weil tisch lösen. Es löst sich Tag für Tag – oder auch nicht
wir wollen, aber wir sind kein klassisches Kollek- jedenfalls nur dann, wenn man es immer wieder
tiv. Wir haben keine gemeinsamen Treffen und hinterfragt.
viele Entscheidungen treffen wir jeder für sich.
Die die wir gemeinsam treffen, ergeben sich aus Und ganz praktisch gesprochen sind wir ja eine
Zusammenarbeit oder weil man gerade zusammen Bürogemeinschaft, also jede/r ist FreiberuflerIn.
Kaffee getrunken hat. Es gibt diesen Kollektivan- Zusammen sind wir eben die Bürogemeinschaft
spruch also so nicht. Es gibt eher so Subansprüche, Linke Hände.
die unterschwellig sind, aber nicht ausgesprochen Wenn wir Aufträge kriegen oder Gruppen an uns
werden. herantreten sind wir nicht nur an der Gestaltug
Wichtig an der Entstehung ist, dass wir alle in der interessiert, sondern eigentlich auch an Diskussi-
alten Druckgruppe der Roten Flora gearbeitet on…
haben. Aber wir machen überhaupt nicht mehr Viele müssten erstmal einen internen Klärungspro-
das, was wir damals gemacht haben. Es gibt da zess führen, damit sie wissen, was für eine Form sie
einen ganz klaren Schnitt. Ich persönlich mache eigentlich haben wollen. Es passiert uns oft, dass
heute z.B. keine politischen Plakate mehr, obwohl wir verschiedene Entwürfe für ein Briefpapier hinle-
ich mal ziemlich viele gemacht habe. Ich mache gen und die Gruppen das für ihren Selbstfindungs-

113
Linke Hände

Plakat zur Kriminalisierung der Zeitschrift radikal, Druck&Propaganda Monatsplakat Rote Flora, Druck&Propaganda Monatsplakat Rote Flora, Druck&Propaganda

prozess nutzen, also die Form als Anlass nehmen, Ich finde den Begriff des Kunden als Komplizen der anderen Seite nicht gewünscht ist. Die Gestal- sitzt, am Bildschirm hin- und herschiebt und dann
Inhalte zu klären. super, weil er eine gute Umschreibung ist für das, ter sollen doch bitte beim Gestalten bleiben und Sachen produziert, die einem selber nicht so zusa-
Diese Form, bzw. Außenwirkung ist natürlich sehr was ich mir wünsche, weil es mein eigenes Dilem- nicht über Texte reden. gen. Wo geht man da über seine Grenzen?
eng mit den Inhalten verknüpft, d.h. mit dem was ma klären würde, mit jemandem zusammenzuar-
die Gruppe transportieren und wen sie erreichen beiten und dafür Geld zu bekommen. Angesichts Wie wird eure Kompetenz wahrgenommen? Ich denke, das ist schon der letzte Schritt, wenn
will. der Erfahrungen, die wir im letzten halben Jahr Bezeichnest du dich als Grafikerin und machst Grafik nach einigen gescheiterten Lösungsversuchen nur
Es ist eine Gratwanderung: die Leute kommen zu mit Gruppen oder Kunden gemacht haben, wür- oder bezeichnest du dich als Gestalterin und sagst noch diese letzte Möglichkeit besteht.
uns, um eine Form geregelt zu bekommen und um de ich sagen, dass es unglaublich schwierig ist, damit vielleicht aber auch etwas anderes?
etwas für ihren Außeneindruck zu tun und man ist mit Leuten eine Komplizenschaft einzugehen, z.B. Viele Gruppen, mit denen wir arbeiten, wollen
auf einmal Teil des Projekts und muß sich reinden- rein praktisch, weil man sich nicht kennt, sich also Ich nehme es so wahr, dass es sehr darauf ankommt, Selbstverwirklichungsgeschichten. Manchmal soll-
ken… kennenlernt und in der selben Zeit sehr effizient was die Leute erwarten und ob man sie in ihrer te man sie auffordern, es selbst zu machen. Das
Zu uns kommen oft kleine Grüppchen, die sich zusammenarbeiten muss – nicht zuletzt, weil es um Erwartung dann bestätigt oder ob man ihnen wäre viel besser, denn eigentlich wollen sie nichts
richtiggehend durchgerungen haben, sich etwas bezahlte Zeit/Aufträge geht. sagen kann, wir machen auch andere Sachen und anderes, als das, was in ihrem Kopf ist oder wollen
anfertigen zu lassen, weil sie es einfach nicht sel- Unser Klientel gehört oft auch zum linken bis link- sie das akzeptieren. es nur deshalb, weil bspw. der Markt ihnen sagt, die
ber machen können. Diese Gruppen haben dann salternativen Spektrum. Der erste Schritt ist bei Zeitung ist mit diesem Layout nicht zu verkaufen.
auch meistens kaum Geld. Wenn wir ihnen anbie- vielen, hierherzukommen und eine Dienstleistung Unser Part soll sein zu gestalten, ich muß dann
ten, noch viel mehr zu machen, dann steckt für in Anspruch zu nehmen. Dann besteht schon mal aber erstmal zurückfragen »was denn?« Zur Debat- Für Extrembeispiele gilt das sicher. Aber ich würde
uns immer die Frage dahinter, ob wir das umsonst eine Ebene, wo man vorschlagen kann, eine andere te steht dann, mische ich mich ein oder mache ich schon sagen, es ist unser Job, mit den Leuten das
tun, weil wir ihre Arbeit gut finden, eben nicht, weil Variante zu wählen und »richtig« zusammenzuar- den Kunden glücklich, indem ich tatsächlich das zu unklare Geröll, das in ihrem Kopf sitzt, herauszukit-
die finanzielle Seite eine Schwierigkeit darstellt. Es beiten, bzw. eine Art Komplizenschaft einzugehen. Papier bringe, was er möchte und evtl. im Beisein zeln und dafür eine visuelle Umsetzung zu finden.
geht dabei auch um die Bereitschaft der Gruppe, in Das heißt aber, wir wollen Einfluß nehmen und mit- von vier Leuten Sachen auf dem Bildschirm hin-
eine Diskussion einzusteigen. Es gab schon einige reden. Die Gruppe partizipiert an unserem Know- und herschiebe. Was wollt ihr mit eurer Arbeit erreichen oder kom-
Komplikationen, Fälle, bei denen es nervig wurde, How, und uns interessiert deren Projekt. Das ist teil-
wo du dir dann aber sagst, ich verdiene damit auch weise schwierig, hat aber auch seinen Reiz.
mein Geld. Oft stellt sich heraus, dass die Zusammenarbeit von Was passiert, wenn man mit Kunden am Computer

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Linke Hände

die wir sinnvoll finden. mehr ist. Insofern haben sich da die Ausgangsbe-
Auf der anderen Seite steht die Frage, in welche dingungen geändert. Und das wiederum hat auch
Richtung wir wollen und ob wir jeden Mist machen, Auswirkung auf die Gestaltung. Wir machen z.B.
der hier ankommt oder ob es für uns eine Grenze keine trendy Gestaltung und in dieser linksalterna-
gibt, wo wir sagen, das machen wir auf keinen Fall. tiven Nische, in der wir uns befinden, kommt das
Wir kennen uns zwar alle schon lange, aber die kon- auch ganz gut an – weil wir deswegen auch güns-
krete Zusammenarbeit im Büro ist zwischen den tiger produzieren können. Wir haben immer noch
einzelnen unterschiedlich lang. Manche haben z.B. diese Siebdruck-Ästhetik drauf und machen keine
schon früh davon gelebt, andere erst seit kurzem. super aufwendige Grafik. Trotzdem ist es so, dass
Viel ist einfach so entstanden und jetzt geht es dar- viele Sachen, die wir machen, gefälliger geworden
um, das ganze klarer zu fassen, dem eine Form zu sind, weil wir natürlich auch Kompromisse einge-
geben. hen müssen. Der Grund dafür ist nicht, dass die
Kunden so soft sind, sondern das wir es mit einem
Es existiert keine Selbstdarstellung in diesem Sinne anderen Gegenüber zu tun haben. In der Druck-
von uns, die über direkte Anfragen, die hier ankom- gruppe der Flora war das so, dass wir uns nur grup-
men, hinausgehen. penintern einigen mußten, d.h. die Gestaltung war
viel kompromißloser.
Bisher war es auch nicht »nötig«, eine komplette
Außendarstellung von uns zu machen. Das ändert In der Druckgruppe der Flora ging es mir darum,
sich natürlich dann, wenn wir uns fragen, ob wir das politische Arbeit mit einer Praxis zu verbinden.
weiterhin so handhaben wollen oder ob wir selbst Siebdruck war diese Praxis, die damals nichts mit
auch an Projekte herantreten, weil wir die gut fin- Geld verdienen zu tun hatte.
den. Dann mußt du natürlich auch klar haben, was Das andere ist, wie Linke Hände angefangen hat.
Plakat: Benefiz für eine lesbisch-schwule Gehörlosen Gruppe du kannst, und warum du dir einbildest, an die her- Anfangs ging es darum, irgendwie gemeinsam Schaufenster Dekoelement
der Roten Flora für die Kaffee-Kampange El-Salvador
antreten zu können. einen Raum zu bekommen, in dem wir arbeiten
konnten. Dann kam für mich die Idee, mit Linke
Was hat sich durch eure Entscheidung, vom poli- Hände, d.h. mit Leuten, die ich mochte, zusammen
munizieren? Habt ihr klar zu sagen, wir wollen tischen Engagement hin zur Professionalisierung, Geld zu verdienen. Klar war auch, dass ich das mög- einsteigen zu können, natürlich auch ein großes
nicht nur reine Dienstleistung betreiben, sondern an eurem Verhältnis zu Grafik verändert? lichst in einem Bereich machen will, den ich inte- Glück.
wir wollen mehr, und das bieten wir an? ressant finde und das ist eher der kulturpolitische
In der Roten Flora haben wir ja mit dem Konzept der Bereich. Es gibt ja jetzt seit zwei Jahren eine neue Druck-
Großes Stichwor t: Kommunikationsdesign. offenen Werkstatt gearbeitet. Die Ausgangsüberle- Der Unterschied ist, dass ich das eine wegen der gruppe in der Flora. Wie fühlt sich das für euch
Kommunikation(sdesign) beinhaltet auch Grafik- gung war, dass wir als Siebdruckkollektiv »Druck Politik angefangen habe und das andere wegen des an, wenn andere Leute jetzt das machen, was ihr
design. Das heißt, es geht um Kommunikation, es und Propaganda« Teil eines solchen Projekts sein Geldes. Natürlich suche ich mir die Bedingungen früher jahrelang gemacht habt, auch vor dem
muss etwas kommuniziert werden. Wir müssen wollen, weil dort etwas passiert. Gerade als Grup- hier weitgehend aus, unter denen ich das tue, aber Hintergrund eurer eigenen Unsicherheit bezüglich
von unseren Kunden wissen, was sie kommunizie- pe, die Plakate macht, bekommst du dort natürlich trotzdem sind das zwei völlig verschiedene Ansätze. politisch/sozial engagierter Grafik?
ren wollen, was wir also grafisch umsetzen sollen. permanent Input, bzw. es kommen Sachen rein,
Das beinhaltet natürlich auch Differenzen, was die weil du eben in diesem Projekt drin bist. Ich hatte nach meinem Studium auf so einer Pri- Man muss das auch geschichtlich sehen. Wir hat-
einzelnen Arbeitsbereiche angeht, aber ich würde Das hat sich jetzt formal verschoben. Wir sitzen vatschule überhaupt keine Lust auf das, wofür ich ten uns irgendwann totgelaufen. In der Flora und
sagen, das ist erstmal das Arbeitsfeld – also nicht hier als Büro im »Werkhof«, was so ein alternativer da ausgebildet wurde, nämlich als Praktikantin in in der linken Szene allgemein hatten wir einen
Grafik, sondern visuelle Kommunikation. Gewerbehof ist. Man könnte auch hier sagen, dass irgendeiner Agentur anzufangen. Gleichzeitig hatte ziemlich guten Ruf, aber waren mit unserer eige-
wir Teil eines Projekts sind, wo auch erwartet wird, ich auch anfangs eine starke Kritik an diesem Büro nen Arbeit nicht mehr zufrieden. Wir wollten raus
Ich denke, dass wir als Gruppe da gerade an einem dass man sich an Nutzerversammlungen beteiligt. hier. Ich fand es absurd, sich so abzuarbeiten für so aus der Flora, aber auch, dass die Druckerei weiter
Knackpunkt sind, es gibt bestimmte Differenzen, Aber natürlich ist das nicht mit der Flora vergleich- wenig Geld, sich sozusagen selbst auszubeuten. betrieben wird, d.h. wir mussten Leute suchen, die
wo sich die Frage stellt, ob wir sie zusammen lösen bar, es laufen keine projektinternen Diskurse. Es Dann dachte ich eher in so eine Richtung, dass das machen wollen. Während unserer Suche haben
können oder nicht. geht hier eher um technische Fragen. das auf der einen Seite meine Freunde sind, und wir uns praktisch aufgelöst. Irgendwann war dann
Wie schätzt man z.B. die Arbeit ein, die wir hier im Abgesehen von wenigen Ausnahmen, macht nie- wir uns auf der anderen Seite, gerade was Gestal- diese neue Gruppe da, und wir haben das ganze
Büro machen? Wo können wir Kompromisse schlie- mand hier noch politische Projekte, so wie damals tung angeht, schon so lange und so viel zusammen einfach übergeben.
ßen und wo nicht? Wo sagen wir z.B. das machen in der Flora. Dafür gibt es natürlich viele Grün- erarbeitet haben. Dazu kam, dass ich nach meiner Im Nachhinein betrachtet, ist das alles super gelau-
wir, weil es gut bezahlt ist, uns eine finanzielle de: die Situation der Linken im allgemeinen und Ausbildung an einem Punkt war, wo viele Leute aus fen. Man könnte sagen, wir haben da was angefan-
Grundlage schafft? Damit können wir uns andere besonderen, das Alter, aber nicht zuletzt auch, dass meinem Umfeld aufgehört haben, aktiv Politik zu gen, was die neue Gruppe als ihr eigenes Ding fort-
Freiräume erarbeiten, sei es dass wir hier weniger man heutzutage ziemlich viel arbeiten muß, um ein machen, d.h. viele soziale Bezüge fielen auseinander. setzt. Das ist eine große Gruppe und sie gehen total
arbeiten, sei es, dass wir Projekte machen können, Auskommen zu haben, wenn man keine Studentin Vor diesem Hintergrund war diese Chance, hier in ihrer Arbeit auf. Das finde ich echt klasse.

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Linke Hände

Plakat für den Studiengang Schauspiel Teather und Regie

Plakat für das Frauenmusikzentrum in Hamburg

echt Scheiße. z.B. alle auf eine Demo gehen wollen, ist hier dicht,
Etwas anderes wäre es natürlich gewesen, wenn und das geht nicht.
nach einem Jahr oder so, niemand in der Flo- Ein »Problem« dieses Büros ist natürlich, dass es auf
ra gedruckt hätte. Jetzt ist es so, dass obwohl wir Erwerbsarbeit basiert und dann steht man u.U. vor Worüber ich häufig nachdenke ist, was es im
uns aufgelöst haben, die Idee sozusagen weiter- dem Problem, nicht mehr das zu drucken, was man Gegensatz dazu heißt, im Angestelltenverhältnis zu
lebt. Andernfalls wäre der Bruch noch viel härter eigentlich selbst sagen will. arbeiten. Die ketzerische Frage wäre, ob die eigene
gewesen, wenn neben dem Scherbenhaufen der politische Identität, die sich stark über diese Druck-
alten Druckgruppe auch die Druckerei in der Flora Als der Kosovo-Krieg angefangen hat, dachten wir gruppe definierte, es zugelassen hätte, sich auf so
draufgegangen wäre. Nun passiert da aber noch alle, dass wir was dazu machen müssen. Nur waren ein Angestelltenverhältnis einzulassen-– eben auch
ganz viel und insgesamt bleibt jetzt ein ganz gutes wir eben gerade dabei, einen Hundefutterkatalog mit dieser Freiheit, mal blau machen zu können.
Gefühl, so als ob etwas weiterlebt, was Teil von zu machen. Der mußte fertig werden und es wurde Hier arbeiten wir zwar bis zu 60 Stunden die Woche
einem selbst ist. zum totalen Albtraum: plötzlich Verpflichtungen, und haben keine geregelte Arbeitszeit in dem Sin-
die uns zwangen den Job an die erste Stelle zu set- ne. Auf der anderen Seite sind wir aber nur uns
Etwas anderes ist das mit dem politischen Ort, bzw. zen. Das Ergebnis war ein Flyer zum Krieg in Nacht- selbst verantwortlich.
dass man selbst keinen mehr hat. Das fühlt sich schicht zwischen Hundefutterkatalogseiten… Die Frage ist, inwieweit bestimmt das »Sein das
total beschissen an. Gerade in der letzten Zeit hat Wenn, dann würde ich mit den Leuten aus dem Bewusstsein«, d.h. macht das was mit uns, wie und
es mich total gestört, dass wir keine eindeutigen Büro Politik machen – nicht zuletzt wegen unserer was wir hier arbeiten. Dazu habe ich noch keine
Positionen haben. Wenn ich z.B. diese Plakataktion langen gemeinsamen Geschichte. befriedigende Antwort gefunden.
der NGBK nehme, fällt mir auf, dass wir zwar den Insofern begreife ich uns schon als kontinuierliche
ganzen Tag arbeiten, aber was sollen wir zu Arbeit Gruppe, nur die Gewichtung hat sich geändert. Interview: Birgit Krug, Ralf Mueller v.d. Haegen
sagen? Welche Positionen soll ich denn vertre- Hier tut das natürlich noch mal mehr weh. Wenn und Sandy K., Hamburg 19.1.2000
ten, wenn ich mich nicht auf sozialdemokratische ich im Angestelltenverhältnis arbeiten würde, fiele
oder neoliberale Argumentationen einlassen will? es mir wahrscheinlich auch mal leichter, ein, zwei
Das heißt jetzt nicht, dass wir keine Diskussionen Tage sausen zu lassen. Aber hier bin ich in einer
haben, aber die Härte fehlt irgendwie. Das finde ich ganz anderen Verantwortung für das Büro. Wenn

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Anti-Haider-Aktion, Workshop, Salzburg 1991


FDGÖ/Büro für ungewöhnliche
Maßnamen

FDGÖ (Foto Design, Grafik, Öffentlichkeitsarbeit) Maßnahmen mit konzeptionellem Schwerpunkt


wurde 1977 in Berlin von KünstlerInnen, GrafikerIn- auf politischer Aktionskunst und »Realmontage« im
nen, Autodidakten und Professionellen gegründet. öffentlichen Raum. »Das Büro für ungewöhnliche
Zu den ständigen Mitgliedern gehörten Kurt Jotter Maßnahmen versteht sich als überparteiliche Ver-
(Grafiker, Publizist, Theaterwissenschaftler), Barba- einigung, die im Zusammenwirken verschiedener
ra Petersen (Politik- und Kunstwissenschaftlerin). Kunstdisziplinen wichtige soziale Themen aufgreift
Neben Babara Petersen und Kurt Jotter waren lang- und Aspekte beleuchtet, die sonst in der gesell-
jährige MitarbeiterInnen des »Büro«: Josef Krafczyk, schaftlichen Diskussion untergehen würden.«
Elke Hollmann, Trixi Frings, Romi Morana, Marion Deutlich wird in ihrer Arbeit, dass der inhaltli-
Ibrahini, Rainer Sauter, und Rolf Lorenz. »Die Grup- che Gegenstand immer die künstlerischen Mittel
pe erstellte in wechselnder Besetzung und jeweils bestimte. Das bedeutet oft eine Auseinanderset-
themenabhängiger Zusammenarbeit mit sich »asso- zung mit wechselnden und neu zu erprobenden
ziierenden« KünstlerInnen politische Plakate, Foto- Medien. Das Spektrum reicht hierbei von Plakaten
montagen, Postkarten, Sticker, gestaltete Transpa- und Transparenten bis hin zu Video-Theater-Instal-
rente, Objekte, etc.« lationen und Medien-Skulpturen, Aktionskunst im
Dabei kamen ihre Aufträge vorrangig aus der links- öffentlichen Raum.
alternativen Szene. Ihre Arbeiten siedelten sich in Das zentrale Werkzeug und (gleichzeitig) das ange-
der Grauzone von Kunst und Politik an. Aus dem strebte Ziel ist bei dieser »Vermittlung« von Politik
Unbehagen an der »Phantasielosigkeit, ja Verbis- der Dialog. Die offene und öffentliche Auseinander-
senheit, mit der politische Inhalte nur zu oft letzt- setzung mit der jeweiligen Problematik durchzieht
lich der Wirkungslosigkeit übereignet werden« (taz sich von der kollektiven Erarbeitung über gezielte
21.10.1987) sollte diese Vermittlung zuerst durch Aufrufe an die Bevölkerung und Pressemitteilun-
Ironie und Kreativität, vor allem aber mit einem gen über die bewusste Einbeziehung von Passan-
kräftigen Lachen entstehen. »Wer eine Gesellschaft ten oder gar Repräsentanten der Staatsgewalt bis
will, die geprägt ist von Phantasie, Kreativität und hin zur Provokation/Erzwingung einer Resonanz
Lebenslust, der sollte sie auch genau damit erkämp- bei den angesprochenen/kritisierten Verantwortli-
fen.« (taz 21.10.1987) »Phantasie als Motor für Kri- chen des jeweiligen Übels – oft ganz bewusst auf
tik und Veränderung, das ist der Kern des Büro für der unmittelbaren Grenzlinie des juristisch noch
ungewöhnliche Maßnahmen.« (zur künstlerischen »Erlaubten«. Nicht zuletzt wird durch die spekta-
Konzeption des BfM, Jotter, 8/87) kuläre Aktion ein hoher »Nachrichtenwert« ange-
Aus der positiven Erfahrung der FDGÖ-Arbeit strebt, so dass sich der Dialog über zahlreiche
(besonders »Berlin wird helle« und »Errichtung Medienbeiträge aus dem relativ begrenzten Kreis
des Antikreuzberger Schutzwalls«) gründete sich der direkt Beteiligten in eine breitere Öffentlichkeit
im September 1987 das Büro für ungewöhnliche weiterverpflanzt.
Damit bedient sich das Büro erfolgreich der grund-
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FDGÖ/Büro für ungewöhnliche Maßnamen
FDGÖ Plakat-/-1983

Was bedeutet Grafikdesign, bzw. Gestaltung oder


Kommunikationsdesign?

K.-J.: Design ist mir ein zu schwammiger Begriff, es


geht mir mehr um den Begriff der »Brennpunktge-
staltung«, d.h. wie arbeite ich das Wesen der Din-
ge heraus und alles andere ordnet sich dem dann
unter.
Ausgehend vom Grundbegriff Grafik, ist es eine star-
ke Vereinfachung von komplexen Verhältnissen, d.h.
z.B. auch die rein empirische, statistische Grafik ist ja
HausbesetzerInnen Großdemonstration mit FDGÖ Transparent eine Reduzierung von gesellschaftlichen Phänome-
nen auf ein paar Punkte oder Kurven.
Dieses, transformiert auf die Grafik im Kunstbe-
legenden Strategien zur Herstellung von Gegen- reich, bedeutet, dass man versucht, die Dinge auf
öffentlichkeit. einen Punkt hin zuzuspitzen, die Aussage heraus-
Dass die Zusammenarbeit Schwerpunkt der Arbeit zuarbeiten, die einem essentiell erscheint. Also
des Büros ist, geht u.a. aus der Erklärung zur künst- ein konzentrierter Ausschnitt aus der Realität, der
lerischen Konzeption des Büros für ungewöhnliche aber trotzdem alle Merkmale der Realität in sich
Maßnahmen hervor. Sie wollen »keinen elitären birgt. Insofern ist eine Grafik eine Überhöhung im
Kunstbegriff pflegen, sondern bewusst mit der Kre- Gegensatz zur Realität oder z.B. der Fotorealität.
ativität, die in allen Menschen steckt, operieren. Es Aber in dem Moment, wo ich dann die Fotoreali-
(das Büro) will einen Anlaufpunkt bilden für Ideen tät auseinanderschneide und in einer Fotomonta-
und Erfahrungen, eigenständig Aktionen entwer- ge zusammensetze, mache ich auch wieder einen
fen und mit Anderen zusammen realisieren; sowie gestalterischen Eingriff und versuche, das Bild so zu
Andere bei der Realisierung ihrer Ideen unterstüt- gestalten, dass die Verhältnisse deutlicher werden,
zen«. (Jotter, 8/87, zur künstlerischen Konzeption bzw. meine Interpretation klarer wird. Aber natür-
des Büro für ungewöhnliche Maßnahmen) lich kann auch ein Foto einen hohen grafischen
Dabei wird die Arbeit von einem kleinen Kreis gelei- Brennpunkt-Wert als eigenständige Kraft besitzen
tet und in »Maßnahmen-Plenas« unter Mitgestal- – vermittelt über den Ausschnitt, die Bildaufteilung
tung aller Interessierten realisiert. Die bewusste Ein- und vor allem auch über das ungeheure Potential
beziehung der Kreativität aller zielt u.a. darauf ab, der Moment-Fixierung.
dass die vom Büro gestalteten oder unterstützten
Aktionen außerhalb der Gruppe, in anderen Situa- Und Kunst, das ist doch auch ein sehr
tionen nachgeahmt oder weiterentwickelt werden, schwammiger Begriff?
auf dass sich eine »phantasievolle Militanz« in der
politischen Kultur durchsetzt. »Diese darf nicht nur K.-J.: Ja, das ist so. Deshalb sage ich auch immer:
einigen Spezialisten vorbehalten sein.« (Das Lachen Politik ist in erster Linie die Kunst ihrer Vermittlung.
im Halse/siehe Faksimile am Ende des Beitrages) Kunst ist ein sehr weites Feld. Kunst heißt immer,
Die Arbeit des Büros liegt also zur Zeit auf Eis. dass man in der Lage ist, über eingefahrene Wege
Wir denken, dass eine Beschäftigung mit dem hinaus zu gehen, neue Wege zu beschreiten, kreativ
»Büro«, seinen Aktivitäten und Ansätzen, auch heu- oder spielerisch zu sein, der Phantasie einen großen
te noch von großem Interesse ist, gerade auch die Stellenwert einzuräumen, das Leben zu bereichern
Entwicklung von der Grafik kommend, hin zu einer und Aha-Erlebnisse zu organisieren. Das ist dann im
multimedialen Praxis im öffentlichen Raum. weitesten Sinne natürlich alles »eine ganz schöne
Kunst«. Ich halte es für falsch, den Kunstbegriff auf
den Marktwert zu reduzieren, den Kunstverwalter
aus den Maschen einzelner Künstler zu stricken.

Interview mit Kurt Jotter Hältst du denn heute noch das Plakat für ein geeig-
netes Medium, um dieses zu erreichen?

122 123
FDGÖ/Büro für ungewöhnliche Maßnamen

Plakate waren Auftragsarbeiten, manche haben


wir selber produziert, und die waren dann für den
Verkauf. Diese hatten kein Ereignis zum Anlass,
sondern ein Thema. Ich habe viele Plakate entwi-
ckelt, für Initiativen, die z.B. gegen die Berufsver-
bote, Atomkraft, Polizeiübergriffe aktiv waren. Spä-
ter in der Häuserkampfzeit war auch das Medium
des Aufklebers sehr gefragt, der Aufkleber als ein
Miniplakat, was alle besser verbreiten konnten.

Wie sind die Plakate verteilt worden, sind sie z.B.


auch auf Demonstrationen getragen worden? Berlin 1997 – Die Mauer wird geöffnet Der Senator und die Polizei

K.-J.: Zum Teil ja, aber eigentlich immer weniger, weil


wir Transparente so professionell wie möglich mit- Initiativen klar zu machen, wie hoch der Aufwand toren als Bühnenelementen – als Pervertierung der
tels Episcope gemacht, also die Aufkleber einfach und der Stellenwert dieser Arbeit überhaupt war. Mediengesellschaft.
vergrößert haben. Natürlich kann man auch Plakate Auf der einen Seite zahlten sie den Drucker, da fragt Allerdings konnte es aus technischen Gründen nur
auf Demonstrationen tragen, als Sandwich oder so, nämlich niemand »kannst mir das umsonst machen, in der Zurückgezogenheit eines Veranstaltungsrau-
das ist aber dann doch meist recht hinderlich und weil ich so wichtig bin«, der Drucker ist also klar, der mes stattfinden.
nicht mediumgerecht. Man muß immer zu dem Setzer kostet Geld, der Buchbinder kostet Geld und Im öffentlichen Raum fing dies erst mit einem grö-
jeweiligen Ereignis das richtige Medium finden. Ein warum soll gerade der Künstler, der Gestalter kein ßeren Auftrag für den Berliner Mieterverein an.
Bildtransparent macht einfach einen anderen Ein- Geld dafür bekommen? Wir hatten schon vorher Plakate für den Verein
druck als ein Sandwich auf einer Demonstration. Auch ökonomisch gesehen: man gibt viel Geld für gemacht, gegen die Aufhebung der Mietpreisbin-
den Druck eines Plakates aus, warum soll man an dung. Dann machten wir eine Kampagne zum wei-
Du sagtest vorhin, dass du auch Plakate ver- der Gestaltung sparen, man hat alles bezahlt, den ßen Kreis mit der Idee, über Diaprojektoren Bilder
kauft hast. War das irgendwann eine Frage, ob Druck, das Papier, die Farbe, aber das Teil sieht dann an die Hauswände und Brandmauern zu projizieren
»Plakat Nr.3 Markenzeichen 1977 Herausgegeben von FDGÖ…« das legitim ist, über die politischen Inhalte Geld vielleicht so schlimm aus, dass es sich niemand (»Berlin wird helle«). Einige Dias waren natürlich
zu verdienen, oder war das eher eine Selbst- anschauen will, weil es nur ein blöder Fleck in der auch wie Großplakate, die Grundidee war aber in
K.-J.: Das würde ich in jedem Fall sagen. Es ist ja verständlichkeit? Straße ist. Dann hat man auch eine Fehlinvestition dem Fall, die Häuser zu verändern. Da hatten wir
immer so, dass einfachere oder alte Medien wegen gemacht. z.B. auf ein Haus, vor dem ein Gerüst stand, ein Dia
der neuen Medien totgesagt werden. Diese Verla- K.-J.: Das war schon eigentlich eine Selbstverständ- Das Verständnis, dass Künstler eben nicht nur von projiziert, wo nur Schatten- Menschen mit Transpa-
gerung hat nicht stattgefunden. Wenn man sich lichkeit. Und die Plakate waren ja auch nicht teuer, Luft und den Musen leben können, war bei den Initi- renten drauf waren. Das sah so aus, als ob total vie-
das Stadtbild anschaut, da sind ja im wesentlichen ich habe die schwarz/weißen am Anfang für zwei ativen schwer durchzusetzen. Aber für mich hat das le Leute auf dem Gerüst stehen und transparente
mehr Plakatflächen entstanden, die genutzt werden. Mark und die Vierfarb-Plakate für vier Mark fünfzig dann später nicht mehr eine so große Rolle gespielt, halten – eine ganz einfache Simulation. Oder Leu-
Genauso, wie man die Zeitungen oft totgesagt hat verkauft. So war das alles in einem portmonee- ich wollte ja auch nicht Grafiker und Plakatkünstler te gucken aus Fenstern, die nicht wirklich da sind,
und diese aber nach wie vor gekauft werden, als freundlichen Bereich, so dass die Leute oft mehr als wie Staeck und andere werden. Für mich war die sondern nur als Lichtbild. Das war der Anfang von
Ergänzung zum Fernsehen oder anderen Medien. nur eins gekauft haben. Die haben auch manchmal Kunst immer nur ein Mittel zum Zweck, gesellschaft- dem, was wir dann auch Realmontage, im Gegen-
Das Plakat wird weiterhin seinen Stellenwert haben, gefragt wohin das Geld geht, woraufhin ich dann liches Bewusstsein und Veränderungen schaffen zu satz zur Fotomontage, genannt haben.
man sieht es ja auch in der Parteienwerbung wäh- sagte, »na zu mir!« – »Ja, und was machst du mit helfen. Die Reduzierung der Kunst auf das Berufsbild Dann ging es weiter damit, dass das auch eine zeit-
rend des Wahlkampfes, da wird großen Wert darauf dem Geld?« – »ja ich mach damit natürlich auch eines Künstlers, der sich auf eine künstlerische Tech- liche Dynamik bekommen sollte, also nicht nur die
gelegt, mit möglichst wirksamen Plakaten in der andere Plakate für Veranstaltungen, die nichts nik spezialisiert, wäre meinem Anspruch auf umfas- dreidimensionale. So sind wir dann zur Aktion auf
Öffentlichkeit präsent zu sein. Von daher gehe ich kosten.« Mit der Zeit war ich ja auch als jemand sende Veränderungen in wichtigen gesellschaftli- der Straße gekommen. Aktionskunst oder Aktions-
eigentlich davon aus, dass das Plakat als die redu- bekannt, der dazu gehörte, und so tauchte die Fra- chen Bereichen nicht gerecht geworden. theater im öffentlichen Raum sozusagen, wo es
zierteste und klarste Form einer Botschaft nach wie ge immer weniger auf. dann mit der Zeit immer mehr darauf ankam, die
vor einen hohen Stellenwert haben wird. Die Finanzierung war damit klar: Eigenfinanzierung Wie hat sich das dann entwickelt, also weg von Leute auf der Straße zu konfrontieren und mit ein-
und Finanzierung der Arbeit, die man für Initiativen der Plakatgestaltung hin zu diesen multimedialen zubeziehen.
Wie hat sich bei Euch die »Auftragslage« macht, die kein Budget haben. Geschichten, von dem Zweidimensionalen hin zum
hierfür entwickelt? Später nach der Gründung von FDGÖ war’s schon Mehrdimensionalen?
ein Problem, weil es natürlich schwieriger ist, mit
K.-J.: Das war immer bewegungsabhängig. Wenn vielen davon leben zu können. Wir haben zwar mehr K.-J.: Bereits 1984 haben wir mit Unterstützung der Dann habt ihr diese »4 Punkte zum Gelingen einer
viel los war, die Bewegungen stark waren, gab es Plakate machen können, aber wir hatten auch eine Internationalen Bauaustellung das Videotheater Aktion« entwickelt…
auch immer eine starke Nachfrage. Wir sind dann Fabriketage, die einiges kostete, und das Geld wurde »Relation Chips« realisiert. Das war eine 75 minütige
eigentlich immer mehrgleisig gefahren: manche immer weniger und weniger. Es war schwierig, den Collage auf zwei Videokanälen auf mehreren Moni- K.-J.: Na ja , diese vier Punkte haben sich eigent-

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FDGÖ/Büro für ungewöhnliche Maßnamen

lich erst im nachhinein ergeben, das war erst ein-


mal keine strategische Form, mit der wir im Vorfeld
agiert haben. Die sind in der Bewältigung der Pro-
bleme entstanden. Wir hatten diese Aktionen, z.B.
die Mauer anlässlich der Kreuzberger Abriegelung
beim Reagan Besuch, ja nie geprobt. Die Aktionen
waren immer Übung, Generalprobe und Auffüh-
rung in einem. Und dann stellte sich in der Kritik
heraus, was man gut gemacht, was man falsch
gemacht hatte, bzw. was man hätte besser machen
können; welcher Aspekt ist unter die Räder gekom-
men, oder welcher ist zuviel beachtet worden.
Daraus haben sich Kriterien ergeben, die wir dann
zu diesen »vier Punkte« erklärt haben: die Aktion
selbst und ihre Planung im Vorfeld, dann als nächs-
tes, sagen wir mal das gute Gefühl, dass die Leute
sich in ihrer Rolle gut fühlen, die sie bei der Aktion
einnehmen. Das Gefühl, was bewirkt zu haben, ist
ja enorm wichtig für die Entwicklung des Selbst-
wertgefühles.
Dann war eine wichtige Frage, wie es bei den Pas-
santen ankommt. Wird es missverstanden, wird es
richtig verstanden, klappt die Irritation, die vielleicht
beabsichtigt war, z.B. bei der ersten antimilitaristi-
schen Jubelparade, wo ein Militarist zunächst mit-
jubelnd am Rande steht und erst später merkt, hier Mitte der 90iger Jahre: Aktion im Rahmen eines Bundesweiten
Arbeitslosen-Workshops, die in vielen Städten wiederholt wurde
werde ich ja verarscht. Und der vierte Punkt, der bei
uns recht umstritten war, war die ganze Pressearbeit,
die Dimension der Medien. alle »Nebenwirkungen« waren im Vorfeld nicht
absehbar. Entscheidend ist aber, dass es allen Spaß
Warum war die Pressearbeit umstritten? gemacht hat und für viele wichtige Impulse von
dieser Arbeit ausgegangen sind. Das hat sich über
K.-J.: Die Aktionen waren ja so konzipiert, dass sie die langjährige praktische Arbeit hier in Berlin reali-
auch die verschiedenen Medien bedienen soll- siert – aber auch durch viele Work shops
ten: die Fotografen mussten gute Fotos kriegen, in anderen Städten, die wir immer noch anbieten,
der Rundfunkjournalist musste einen guten O-Ton zusammen mit unserer äußerst unterhaltsamen
haben, der mehr war als eine einfache Rede, die Video-Werkschau etc.
Filmleute mussten ihre bewegten Bilder bekom-
men, und der Zeitungsjournalist musste sein Mate- Das Interview führten Sandy K. und Holger Bedurke
rial haben, diverse Dokumente, etc. in Berlin am 3.9.1998
Umstritten war das manchmal, weil wir auch Aktio-
nen gemacht haben, die extrem presselastig waren
und die Aktion an sich dadurch ein wenig vernach-
lässigt haben. Beim nächsten Mal haben wir den
Schwerpunkt auf die Aktion gelegt, und die Presse
kam dann ein wenig zu kurz. So haben wir langsam
gelernt und die vier Punkte entwickelt, die ausge-
wogen sein müssen, um eine Aktion zum Gelingen
zu bringen. Das heißt natürlich auch nicht, dass
dann alles immer klappt. Wie unser Name ja schon
sagt »Büro für ungewöhnlich Maßnahmen«, – es
war immer etwas Neues und im Prozess Befindli-
ches, das gezielte Experiment war Programm, und

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Impressum:

Herausgeber:
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst
Oranienstr. 25, 10999 Berlin
Tel: 030/615 30 31
Fax: 030/615 22 90

NGBK / Arbeitsgruppe »engagement & grafik«:


Holger Bedurke, Ina Beyer, Hae-Lin Choi,
Birgit Krug, Ralf Mueller v.d. Haegen, Sandy K.,
Rebecca Forner, Silke Veth

Konzeption, Redaktion und Gestaltung:


Sandy K., Holger Bedurke

Übersetzungen:
Odile Kennel, Michael Schramm, Holger Bedurke

ISBN 3-926796-62-6

© NGBK / für die Texte / Interviews bei den AutorIn-


nen, für die Abbildungen
und Fotos bei den UrheberInnen / Abdruck nach
Absprache erwünscht
© (Cover Bild/Heartfield) The Community of Heirs /
VG Bild-Kunst, Bonn 2000

Präsidium:
Bianca Bon, Albert Eckert, Karin Nottmeyer
Geschäftsführung: Leonie Baumann
Geschäftsstelle: Gisela Gnoss-Yavuz
Matthias Reichelt, Hartmut Reith, Maria Wegner

Belichtungen: Satzart
Druck: Druckhaus am Treptower Park
Auflage: 1000
Berlin, April 2000

Vertrieb für den Buchhandel


vice versa, Gabriela Wachter Berlin

Die NGBK, Berlin, dankt der Senatsverwaltung für


Wissenschaft, Forschung und Kultur für die För-
derung und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie
Berlin für die Finanzierung des Projektes

Mit freundlicher Unterstützung


des Institut Français de Berlin
und der Kunsthochschule Berlin Weissensee