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Schrift und Schriftlichkeit

Writing and Its Use


HSK 10.1
Handbücher zur
Sprach- und Kommunikations-
wissenschaft
Handbooks of Linguistics
and Communication Science

Manuels de linguistique et
des sciences de communication

Mitbegründet von
Gerold Ungeheuer

Herausgegeben von / Edited by / Edités par


Hugo Steger
Herbert Ernst Wiegand

Band 10.1

Walter de Gruyter · Berlin · New York


1994
Schrift und Schriftlichkeit
Writing and Its Use
Ein interdisziplinäres Handbuch
internationaler Forschung
An Interdisciplinary Handbook
of International Research

Zusammen mit/Together with


Jürgen Baurmann · Florian Coulmas · Konrad Ehlich ·
Peter Eisenberg · Heinz W. Giese · Helmut Glück ·
Klaus B. Günther · Ulrich Knoop · Bernd Pompino-
Marschall · Eckart Scheerer · Rüdiger Weingarten

Herausgegeben von/Edited by
Hartmut Günther · Otto Ludwig

1. Halbband / Volume 1

Walter de Gruyter · Berlin · New York


1994
Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die
US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek — CIP-Einheitsaufnahme

Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft /


mitbegr. von Gerold Ungeheuer. Hrsg. von Hugo Steger;
Herbert Ernst Wiegand. — Berlin; New York: de Gruyter.
Früher hrsg. von Gerold Ungeheuer und Herbert Ernst Wiegand. —
Literaturangaben. — Teilw. mit Parallelt.: Handbooks of linguistics
and communication science. — Teilw. mit Nebent.: HSK
NE: Ungeheuer, Gerold [Begr.]; Steger, Hugo [Hrsg.]; Handbooks of
linguistics and communication science; HSK
Bd. 10. Schrift und Schriftlichkeit.
Halbbd. 1 (1994)
Schrift und Schriftlichkeit : ein interdisziplinäres Handbuch
internationaler Forschung = Writing and Its Use / in
Verbindung mit Jürgen Baurmann ... hrsg. von Hartmut
Günther; Otto Ludwig. — Berlin; New York: de Gruyter.
(Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft; Bd. 10)
NE: Günther, Hartmut [Hrsg.]; Writing and Its Use
Halbbd. 1 (1994)
ISBN 3-11-011129-2

© Copyright 1994 by Walter de Gruyter & Co., D-10785 Berlin.


Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das
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Printed in Germany
Satz und Druck: Arthur Collignon GmbH, Berlin
Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer, Berlin
V

Vorwort

1. Gegenstand
Wie selbstverständlich Schrift und Schriftlichkeit in unser tägliches Leben eingebunden
sind und welche Bedeutung man ihnen zu allen Zeiten zugemessen hat, das zeigt schon
ein Blick auf die vielen Redensarten, die dazu existieren. Scripta manent sagten die
Lateiner; was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen denkt
der Schüler im Faust. Bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste
Buchstabe noch ein Tüttel vom G esetz (Matth. 5,18), und des Büchermachens ist kein
Ende (Pred. 12,12), aber der Buchstabe tötet, und der Geist macht lebendig (2. Kor. 3,6).
Mit dem Schlachtruf sola scriptura zog Martin Luther gegen die herrschende Kirche
seiner Zeit zu Felde; f reilich schaute er den Zeitgenossen aufs Maul, wollte gerade
vermeiden, daß er redet wie ein Buch. Mancher aber lügt wie gedruckt, obgleich er das,
was er sagte, nicht unterschreiben würde — darauf könne er Brief und Siegel geben. Das
Alpha und das Omega sind Inbegriff von Anfang und Ende — und es gibt noch erheblich
mehr stehende Wendungen dazu, von A bis Z .
Schrift und Schriftlichkeit — das ist ein weites Feld. Schrif t, das ist Handschrif t,
Druckschrif t, Keilschrif t. Schrif t, das ist Wortschrif t, Silbenschrif t, Alphabetschrif t.
Schrif t, das ist Unziale, Antiqua, Fraktur. Schrif t, das ist lateinische, arabische, chi-
nesische Schrift. Schrift, das ist Garamond, Times, Futura. Schrift, das allein ist schon
ein weites Feld — und doch stellt dieser Begrif f nur sozusagen den kleinsten gemein-
samen Nenner dessen dar, was als Gegenstand dieses Handbuchs in Frage kommt.
Der umf assendere Begrif f heißt Schrif tlichkeit. Er begreif t alles in sich, was das
Attribut ‘schrif tlich’ tragen kann: durch Schrif t konstituiert, durch Schrif t bedingt,
durch Schrif t af f iziert, durch Schrif t bewirkt — Dinge, Begrif f e, Menschen, Gesell-
schaf ten, Kulturen. Wo Schrif t in Gebrauch ist, da können Botschaf ten, Nachrichten,
Einladungen, Vorträge, Reden schriftlich sein. Gesellschaften und Kulturen sind schrift-
lich, wenn sie über Schrif t verf ügen und zentrale gesellschaf tliche Transaktionen auf
schriftlichem Wege bewerkstelligt werden.
Das Ausmaß, in dem Individuen an Schrif tlichkeitsprozessen partizipieren können,
bestimmt vielf ach ihre gesellschaf tliche Stellung. Wo dies nicht bereits heute der Fall
ist, werden Schrif tlichkeitsprozesse künf tig noch stärker im Brennpunkt vielf ältiger
Auseinandersetzungen stehen. Durch weltweite Migrationen und die Internationalisie-
rung verschiedenster sozialer Prozesse und Organisationen verschieben sich die Rela-
tionen von Sprechen und Schreiben, Hören und Lesen. Zugang zur Schriftlichkeit wird
f ür viele Menschen immer schwieriger. Schließlich zeichnet sich in der Entwicklung
elektronischer Medien zwar keine Aufhebung, aber eine tiefgreifende Veränderung der
schriftlichen Kommunikation und ihrer Formen ab.
Den Zusammenhang von Schrift und Schriftlichkeit stif tet der schrif tliche Text.
Schrif tliche Texte umgeben uns tagtäglich, sie regeln unser Leben, greif en in seinen
Ablauf ein, schaffen uns Möglichkeiten des Ausdrucks, erschweren uns das Leben. Wir
richten unser Leben nach schrif tlichen Texten. Es geht dabei nicht nur um die Konsti-
tution, Form und Funktion schrif tlicher Texte, sondern auch um die Tätigkeit der
Menschen, die schriftliche Texte herstellen und verarbeiten, also um das Schreiben und
VI Vorwort

Lesen. Wir haben es auch zu tun mit dem Erwerb dieser Fähigkeiten im Unterricht;
wir haben es zu tun mit den Auswirkungen des Schreibens und Lesens auf das private
und das öffentliche Leben, mit dem Status schriftlicher Texte in Kultur, Sprache, Denken
und individuellem Handeln.
Der Gegenstand des Handbuchs ist in der Tat so weit gefaßt. Er begreift alle Völker
und Individuen ein, die sich der Schrift bedient haben und bedienen, alle Sprachen, die
neben der mündlichen eine schrif tliche Sprachf orm ausgebildet haben, alle Gruppen
und Individuen, deren Leben durch den Umgang mit Schrif t und schrif tlichen Texten
mit organisiert wurde oder ist, in welchem Ausmaß auch immer.

2. Stand der Forschung und Aufgabenstellung


Die Vielfalt und Heterogenität der Gegenstände bedingen, daß an ihrer Untersuchung
verschiedene Wissenschaf ten beteiligt sind: Philosophie und Anthropologie, Sprach-
und Literaturwissenschaf ten, Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Geschichtswissen-
schaf ten — um nur einige zu nennen. Die spezielle Kennzeichnung des Gegenstandes
Schrift und Schriftlichkeit aber wird je nach Disziplin unterschiedlich ausf allen. Für
den Historiker etwa ist das schrif tliche Zeugnis das historische Zeugnis schlechthin;
terminologisch bestimmt er die Vorgeschichte als die Zeit, aus der keine zeitgenössischen
Quellen in schriftlicher Form vorliegen. In der Kunstgeschichte interessiert speziell die
Form und Ästhetik der Schrif t in den Zeitaltern, in der Sozialgeschichte ihre gesell-
schaftliche Funktion. Dem Soziologen ist Schrift vielfach als eine soziale Gemeinschaf-
ten konstituierende Kraf t bedeutsam. Für den Psychologen ist der Anteil der Schrif t-
lichkeit an den kognitiven Prozessen ein wichtiger Untersuchungsgegenstand, den er
im Falle von schriftbezogenen Sprachstörungen mit dem Mediziner teilt.
Zudem werden die jeweils erarbeiteten Ergebnisse in den verschiedenen Wissenschaf-
ten keineswegs gleich gewichtet, auch nicht in gleicher Weise dem Forschungsstand der
gesamten Disziplin zugeordnet. Als spezielles Beispiel kann die Diskussion in der
Sprachwissenschaf t angef ührt werden. Lange sah man von einer Dif f erenzierung von
Schrift und Sprache ab. Als die Notwendigkeit ihrer Unterscheidung klar wurde, setzte
sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Vorstellung von der systematischen Priorität
der mündlichen Sprache durch; ‘die Schrif t’ erschien als zweitrangiges Phänomen und
wurde als Gegenstand sprachwissenschaf tlicher Forschung bestenf alls am Rande zu-
gelassen. Für viele Linguisten scheint es noch heute undenkbar, daß es in schrif tlicher
Sprache theoretisch bedeutsame Erscheinungen gibt, die nicht auf Aspekte der gespro-
chenen Sprache zurückgeführt werden können. Tatsächlich aber bezog und bezieht man
sich bei der Untersuchung von Sprache, selbst von mündlicher Sprache, auf schriftliche
oder verschrif tete Texte. So aber konnten Schrif tlichkeit und Mündlichkeit nicht zu-
f riedenstellend voneinander abgegrenzt, Schrif t und Schrif tlichkeit nicht f undiert be-
schrieben und ihre Beziehungen zur Mündlichkeit nicht hinreichend bestimmt werden.
Dieser Überblick kennzeichnet eine zentrale Problematik: Einzelne Aspekte von
Schrift und Schriftlichkeit werden aufgrund ihrer zentralen Rolle in der Herausbildung
und Strukturierung moderner Gesellschaf ten von sehr vielen unterschiedlichen Diszi-
plinen thematisiert. Die einzelnen Wissenschaftsrichtungen bringen dabei ihre fachspe-
zif ischen Theorien und Methoden ein; ihre Erkenntnisse sind an diese gebunden. Jede
erfaßt und erforscht einen eigenen Aspekt von Schrift und Schriftlichkeit, und erst alle
zusammen können ein einigermaßen vollständiges Bild ergeben. Schrift und Schriftlich-
keit ist ein interdisziplinärer Gegenstand und nur mit dieser Perspektive zu erforschen.
Dies ist bisher bestenf alls in Ansätzen geschehen. Es muß gesagt werden, daß die
einzelnen wissenschaf tlichen Diszplinen Schrift und Schriftlichkeit bislang unter Er-
kenntnisinteressen erforscht haben, die — vom Gesamtzusammenhang des Gegenstan-
Vorwort VII

des her gesehen — als eher partikulär zu bezeichnen sind. Zum genuinen Forschungs-
gegenstand konnte Schrift und Schriftlichkeit so nicht werden, weshalb es heute auch
weder eine einheitliche Theorie über diesen Gegenstand gibt noch eine Vermittlung
theoretischer Bezüge oder einen überf achlichen Austausch über Fragestellungen und
Untersuchungsmethoden. Die wenigen Kompendien oder Handbücher, die es auf diesem
Felde gibt, erf assen Einzelaspekte unter isolierten Fragestellungen. Das Handbuch ist
somit das erste seiner Art.
Ganz im Sinne der Zielsetzung der Reihe Handbücher zur Sprach- und Kommunika-
tionswissenschaft soll das vorliegende Handbuch f ür Studierende, Lehrende und For-
schende sowie f ür alle, die aus unterschiedlichen Gründen ein Interesse daran haben,
eine möglichst breit gefächerte, strukturierte Übersicht über Fragestellungen, Methoden
und Theorieansätze im Bereich von Schrift und Schriftlichkeit geben.
Das bedeutete konkret: Es war eine umf assende Bestandsauf nahme vorzunehmen,
um erst einmal einen Überblick über das Problemfeld gewinnen zu können. Dann war
durch Zusammenstellen, Zusammenführen und Zusammenfügen der Teile eine Ordnung
in dieses Feld zu bringen, die es erlaubt, jedem Teil einen Platz im Handbuch zuzuweisen
und Bezüge zwischen den Teilen auf zuzeigen: Der Stof f war zu gliedern. Schließlich
mußten die Teile gegeneinander austariert werden, um keine größeren Ungleichgewichte
auf kommen zu lassen. Gerade diese Auf gabe erwies sich als schwierig, weil einzelne
Bereiche schon lange und intensiv beforscht sind wie z. B. die Geschichte der Schrif t
bzw. der Schrif ten, andere nur wenig wie z. B. die Geschichte des Schreibens und
Lesens.
Darüber hinaus gibt ein systematisch angelegter Auf riß des gesamten Feldes Gele-
genheit, Mängel in der Forschung ausfindig zu machen und auf Lücken grundsätzlicher
Art hinzuweisen. Es kann nicht die Auf gabe eines Handbuches sein, sie zu beheben.
Wohl aber haben die Herausgeber dieses Handbuchs es als ihre Pf licht (und die aller
Autoren) angesehen, die erhebliche Heterogenität des Gegenstandes sichtbar zu machen,
die Unterschiedlichkeit der Zugangsweisen, die in den verschiedenen Wissenschaf ten
ausgebildet worden sind, deutlich werden zu lassen und auf die existierenden Theorie-
defizite hinzuweisen, um auf diese Weise einen Beitrag zu leisten zu einer einheitlicheren
und umfassenderen Bearbeitung des Gegenstandes.

3. Begrifflichkeit
Wie bei vielen so fundamentalen und von sehr verschiedenen Wissenschaften verwen-
deten Begriffen verwischt auch im Fall von Schrift und Schriftlichkeit ihre Omnipräsenz
die Klarheit der Wahrnehmung und Begriffsbildung, und so kann es nicht überraschen,
daß es keine einheitliche Begrifflichkeit und infolgedessen auch keine allgemein akzep-
tierte Terminologie im Bereich von Schrif t und Schrif tlichkeit gibt. Ein guter Teil der
im wissenschaf tlichen Diskurs gängigen Ausdrücke stammt aus der Umgangssprache,
und ihre Bedeutungen entfernen sich of t nur wenig von den allgemein gebräuchlichen.
Nur ein recht kleiner Teil der Begriffe ist als rein fachsprachlich zu charakterisieren.
Eine einheitliche Begrifflichkeit und eine allgemein akzeptierte Terminologie kann es
allerdings auch nur in dem Maße geben, als eine Theorie der Schrif tlichkeit oder eine
integrierte Theorie aller ihrer Aspekte zur Verf ügung steht; dies ist derzeit nur in
Teilbereichen der Fall. Es ist ja auch durchaus die Frage, wie denn eine „interdisziplinäre
Theorie” eigentlich zu konstituieren wäre. Es geht deshalb in den folgenden Abschnitten
nicht darum, Vorschläge f ür eine einheitliche Begrif f lichkeit zu machen oder gar die
Terminologie im Bereich von Schrift und Schriftlichkeit zu normieren. Es soll auch
nicht der Versuch unternommen werden, die in diesem Handbuch versammelten Artikel
einer einheitlichen Sprachregelung zu unterwerfen. Es soll vielmehr eine grobe Orien-
VIII Vorwort

tierung über die verschiedenen Bedeutungen gegeben werden, die mit bestimmten
Ausdrücken in der wissenschaftlichen Literatur verbunden werden. Beim gegenwärtigen
Stand der Schrif tlichkeitsf orschung ist es nicht zu vermeiden, daß in den einzelnen
Artikeln jeweils eigene Begrifflichkeiten verwendet werden, so daß der gleiche Ausdruck
in verschiedenen Artikeln auch verschiedene Bedeutung haben kann. Es werden hier
nur solche Begrif f e angesprochen, deren Kenntnis in den verschiedenen Artikeln als
bekannt vorausgesetzt wird. Die begrif f liche Fassung spezieller Aspekte wird in den
Artikeln selbst expliziert.
3.1. Schrift (Script; Writing)
Das Wort Schrift weist eine breite Palette verschiedener Bedeutungen auf . In der
Umgangssprache wie in der wissenschaf tlichen Literatur kann der Ausdruck sowohl
auf das gesamte Feld der Schrif tlichkeit als auch auf Teilbereiche bezogen werden —
den Duktus der Handschrift, die schriftliche Sprache, die Form der Schriftzeichen etwa,
wobei ohne Kontext prima facie meist nicht erkennbar ist, welche Lesart zugrundeliegt.
Im alltäglichen Sprachgebrauch lassen sich die f olgenden drei Grundbedeutungen des
Wortes Schrift feststellen:
(1) die Menge der graphischen Zeichen, mit denen die gesprochene Sprache festgehalten wird
(vgl. die chinesische, griechische Schrift)
(2) die Gestalt bzw. Form der Schriftzeichen (vgl. eine schöne, unordentliche, erhabene Schrift )
(3) das Produkt der Verwendung von Schriftzeichen, d. h. das Schriftstück oder der Text (vgl.
Luthers Schriften, eine wichtige Schrift Lessings, die (Heilige) Schrift)

Diese systematische Mehrdeutigkeit des Wortes Schrift f indet sich auch in der wis-
senschaftlichen Literatur. In vielen Fällen bezeichnet es einfach die Menge der Schrift-
zeichen, die zur Verschriftung einer bestimmten Sprache Verwendung finden. In visuell-
graphischen Kontexten ist dagegen die Formstruktur der verwendeten graphischen
Zeichen das bestimmende Kriterium. In diesem Sinne spricht man davon, daß die
Fraktur eine andere Schrift ist als die Antiqua. Ein Ausdruck wie ‘die deutsche Schrift’
ist also systematisch mehrdeutig: Es kann damit das zur Verschrif tung des Deutschen
verwendete Alphabet gemeint sein (linguistische Lesart) oder aber eine Schrift, mit der
deutsche Texte geschrieben werden, also die Fraktur oder die Sütterlin-Handschrif t
(visuell-formale Lesart).
3.2. Schriftlichkeit (Literacy)
Unter dem Oberbegriff Schriftlichkeit können alle Sachverhalte zusammengefaßt wer-
den, denen das Attribut schriftlich zukommt. Bezogen wird der Ausdruck dabei ins-
besondere auf:
(1) Texte, die entweder durch das schriftliche Medium bedingt sind oder durch eine spezifische
Weise, Texte zu konzipieren, zu komponieren oder zu formulieren, geprägt sind;
(2) Personen, die lesen und schreiben können und/oder über das in kanonischen Schriften
niedergelegte Wissen verfügen (so schon im lateinischen litteratus );
(3) gesellschaftliche Zustände, die dadurch gekennzeichnet sind, daß nicht nur repräsentative
Teile der Bevölkerung lesen und schreiben können, sondern daß auch das gesellschaftliche
Leben insgesamt durch Formen schriftlicher Kommunikation bestimmt ist;
(4) Kulturen, in denen wichtige Institutionen wie z. B. die Religion sich auf schriftliche Texte
berufen, der Erwerb von Lesen und Schreiben eines der Ziele von Unterricht ist oder das
Lesen und Schreiben von Menschen sich auf ihr Denken und Handeln auswirkt.
Die Verwendung von Schriftlichkeit als Oberbegriff scheint eine deutsche Eigentüm-
lichkeit zu sein. Seine Verwendung zur Kennzeichnung einer spezif ischen Verf aßtheit
von Individuen, Gesellschaf ten, Kulturen und Texten geht auf den englischen Begrif f
literacy zurück, der seinerseits entstanden ist im Zusammenhang mit dem Gegensatz
Vorwort IX

zu orality, ins Deutsche teilweise als „Mündlichkeit/Schrif tlichkeit”, of t auch als „Li-
teralität/Oralität” übersetzt. Dies f ührt bisweilen zu Unklarheiten, weil die deutschen
Ausdrücke Literalität und Schriftlichkeit nicht in jedem Kontext austauschbar sind.
3.3. Schriftliche Sprache, geschriebene Sprache (Written Language)
Wie Schriftlichkeit und Schrift wird auch der Ausdruck geschriebene oder schriftliche
Sprache häuf ig als Oberbegrif f f ür das gesamte Begrif f sfeld verwendet oder aber auf
einen Teilaspekt des Feldes bezogen. In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich fünf
Ansätze unterscheiden, den Begriff differenzierter zu verwenden.
(1) Schriftliche Sprache als sprachliche Gestaltung von Texten. In diesem Falle wird nicht
zwischen der Form einer schriftlichen Äußerung und der bei ihrer Herstellung verwendeten
sprachlichen Mittel unterschieden. Eine solche Verwendung des Ausdrucks ist in der sprach-
wissenschaftlichen Literatur heute nicht mehr anzutreffen, doch spielt sie in anderen Diszi-
plinen, vor allem in den Literaturwissenschaften, noch eine Rolle.
(2) Schriftliche Sprache als eine unter funktionalen Gesichtspunkten getroffene Auswahl sprach-
licher Mittel (stilistisches Konzept). Man spricht auch von Varietäten, Sprachstilen, Registern.
Hier geht es nicht um Eigenschaften von Texten, sondern um die in schriftlichen Äußerungen/
Texten verwendeten sprachlichen Mittel (morphologische, syntaktische, lexikalische, prag-
matische). In der neueren Sprachwissenschaft ist diese Konzeption weit verbreitet.
(3) Schriftliche Sprache als schriftliche Form einer Sprache (glossematisches Konzept). Man geht
von der Tatsache aus, daß viele Sprachen in zwei Ausdrucksformen vorliegen, einer münd-
lichen und einer schriftlichen, daß aber beide zusammen als eine Sprache angesehen werden.
(4) Schriftliche Sprache als die schriftliche Norm der Sprache (funktionalistisches Konzept). Die
Prager Strukturalisten, auf die dieses Konzept zurückgeht, unterschieden die Funktionen
schriftlicher und mündlicher Äußerungen und Texte und schlossen daraus auf zwei Normen
einer Sprache.
(5) Schriftliche Sprache als die Sprache, die beim Schreiben und Lesen Verwendung findet. Nicht
die Beziehung zwischen mündlicher (gesprochener) und schriftlicher (geschriebener) Sprache
liegt dieser Konzeption zugrunde, sondern die Beziehung, in der die Sprache zu den Menschen
steht, die sie benutzen. Man gebraucht zum Schreiben eine andere Sprache als zum Sprechen,
und genau sie ist es, die man als geschriebene oder schriftliche Sprache bezeichnet.
Es muß gerade bei diesem Ausdruck aber auf den Umstand verwiesen werden, daß
seine Bedeutung selbst in ein und demselben Text schwanken kann.
3.4. Schriftsystem, Orthographie (Writing System, Orthography)
Aufgrund der Vieldeutigkeit der Begriffe Schrift, Schriftlichkeit und schriftliche Sprache
sind in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere in den Sprachwissenschaf ten einige
Konzepte etwas strenger gef aßt worden, die weniger scharf teilweise auch in anderen
Wissenschaften und der Umgangssprache auftreten.
Die Art und Weise, wie Sprachen verschrif tet werden, ist von Sprache zu Sprache
unterschiedlich. In logographischen Schrif tsystemen beziehen sich die Schrif tzeichen
grosso modo auf Wörter bzw. Bedeutungsträger, in syllabographischen Systemen auf
Silben, in alphabetischen Systemen auf minimale Einheiten der Lautsprache. Der Begriff
Schrifttyp bezeichnet im sprachwissenschaf tlichen Kontext die Art der Verschrif tung
einer Sprache nach Maßgabe des vorherrschenden Verschrif tungsverf ahrens; zwischen
dem Sprachtyp (isolierend, agglutinierend, f lektierend) und dem Schrif ttyp bestehen
des öf teren systematische Beziehungen. (Ganz anders wird der Ausdruck Schrifttyp
verwendet, wenn wir uns im Bereich der Typographie befinden; hier bezieht er sich auf
visuelle Charakteristika; unterschieden werden z. B. im lateinschrif tlichen Bereich als
Schrif ttypen die Antiqua von den gebrochenen Schrif ttypen wie z. B. der deutschen
Fraktur).
X Vorwort

In den Einzelsprachen wird von den durch den Schrif ttyp bereitgestellten Mitteln in
unterschiedlicher Weise Gebrauch gemacht. Das Schriftsystem einer Sprache determi-
niert die Form schrif tlicher Äußerungen. Dazu gehören neben den Beziehungen zwi-
schen den Lautsegmenten und den Schriftzeichen die Interpunktion, die Unterscheidung
verschiedener Schrif tzeichentypen wie Groß- und Kleinbuchstaben sowie die Konven-
tionen für die Form schriftlicher Äußerungen und Texte (Briefe, Aufsätze etc.). Es gibt
eine engere Auf fassung, wonach der Terminus Schrif tsystem auf die untere Ebene der
doppelten Artikulation beschränkt wird; in der Vergangenheit hat sich die linguistische
Schrif tlichkeitsf orschung häuf ig auf diesen Bereich beschränkt. Von verschiedenen
Autoren wird dafür der Begriff Graphematik (oder Graphemik ) verwendet, den andere
f ür die Schrif tforschung insgesamt benutzen. Innerhalb bestimmter Theorien wird der
Begriff Schriftsystem sehr strikt gehandhabt; in anderen Ansätzen, u. a. in verschiedenen
Artikeln des Kapitels VIII dieses Handbuchs, wird darunter alles verstanden, was
linguistisch über Schrift und die geschriebene Sprache zu sagen ist.
Die meisten neueren Schriftsysteme weisen bestimmte Kodifikationen auf, d. h. prä-
skriptive Regelwerke, die die Norm der Schreibung vorschreiben. Eine solche Kodif i-
kation wird als Orthographie bezeichnet. Eine Orthographie ist eine Menge von Vor-
schriften, die bestimmen, ob eine schriftliche Äußerung korrekt ist oder nicht, d. h. eine
präskriptive Form der Beschreibung eines Schrif tsystems. Für Schreibregularitäten, zu
denen keine präskriptive Kodif ikation vorliegt, wird neuerdings vor allem im histori-
schen Bereich der Ausdruck Graphie verwendet.
Im wissenschaf tlichen Sprachgebrauch wird die Unterscheidung von Schrif tsystem,
Graphie und Orthographie in der Regel nur von Sprachwissenschaftlern und Philologen
gemacht; namentlich in der kognitionspsychologischen und pädagogischen Literatur
wird hier selten differenziert.
3.5. Schriftzeichen, Graphem (Character, Grapheme)
Die Konzepte Schrift, Schrifttyp, Schriftsystem etc. beruhen auf der Vorstellung, daß
schriftliche Sprache sich eines begrenzten Inventars von Elementen bedient, die theorie-
neutral als Schriftzeichen bezeichnet werden. Dieser Begriff hat den Vorteil, weiter als
Begriffe wie Buchstabe oder Graphem zu sein und auf unterschiedliche Schrifttypen und
-systeme anwendbar zu sein — lateinische oder griechische Buchstaben, japanische
Kana, chinesische Hanzi sind sämtlich Schriftzeichen in diesem Sinne.
Die Untermenge der Schriftzeichen, aus denen in Silben- oder Alphabetschriften die
Bedeutungsträger zusammengesetzt sind, werden als Grapheme bezeichnet. Wie der
Begriff Phonem, so ist auch der Begriff Graphem ein theoretisches Konstrukt, abhängig
von der jeweiligen Theorie. Dabei stehen sich zwei Konzeptionen gegenüber. In der
ersten, älteren Kennzeichnung versteht man unter Graphem diejenigen Schrif tzei-
chen(kombinationen), durch die Phoneme der Lautsprache schrif tlich wiedergegeben
werden. Die jüngere Konzeption def iniert das Graphem rein distributionell als die
kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der schrif tlichen Sprachf orm ohne Bezug
auf die Phonologie. — Außerhalb der Sprachwissenschaf t kann beim Gebrauch des
Ausdrucks Graphem nicht davon ausgegangen werden, daß eine bestimmte Lesart
intendiert ist; häufig genug bezeichnet man mit dem Begriff einfach ein Schriftzeichen
oder einen Buchstaben.
3.6. Schreiben, Lesen, Text (Writing, Reading, Text)
Diese Begriffe sind wohl am wenigsten terminologischen festgelegt; sie werden auch in
diesem Handbuch höchst unterschiedlich verwendet. Gerade deshalb scheint es sinnvoll,
die Hauptunterschiede der Verwendungsmöglichkeiten zu kennzeichnen.
Das Wort schreiben hat umgangssprachlich drei Bedeutungen:
Vorwort XI

(1) Schriftzeichen, insbes. Buchstaben und Zahlen zu Papier bringen, schriftlich niederlegen
(2) etwas Sinnvolles, einen Text zu Papier bringen
(3) schriftstellerisch tätig sein
Dabei besteht ein klares semantisches Verhältnis: Bedeutung (3) impliziert (2), (2)
impliziert (1). Da dennoch nicht immer klar ist, welche Bedeutung intendiert ist — was
heißt z. B. schreiben lernen ? —, wird in der wissenschaf tlichen Literatur zunehmend
der klarere f achsprachliche Ausdruck Produktion von schriftlichen Äußerungen oder
Texten für die Bedeutung (2) verwendet. Er bezeichnet alle Aktivitäten, deren gemein-
sames Ziel eine schrif tliche Äußerung bzw. ein Text ist — von der Idee über deren
thematische, kompositorische und sprachliche Entf altung bis zur Formulierung, Auf -
zeichnung, Korrektur und Veröffentlichung. In einigen Arbeiten wird auch von Schrei-
ben im engeren Sinne (1) und Schreiben im weiteren Sinne (2) gesprochen. Für die
Diskussion in vielen Bereichen, z. B. bei einer Def inition des Begrif f s funktionale
Literalität , ist die Frage von zentraler Bedeutung, welcher Schreibbegriff zugrundegelegt
wird.
Ähnlich wie beim Schreiben läßt sich beim Begriff Lesen eine enge und eine weitere
Bedeutung unterscheiden. Der engere Begrif f kennzeichnet die Menge derjenigen Pro-
zesse, die in jeder Form des Lesens involviert sind, also die Augenbewegungen sowie
die damit verbundenen kognitiven Prozesse der Buchstaben- und Worterkennung und
ihre Integration zu Sätzen, d. h. die Umsetzung schrif tlicher Äußerungen in mentale
sprachliche (Teil-)Repräsentationen. Lesen im weiteren Sinne läßt sich analog zu Schrei-
ben kennzeichnen als die Rezeption von Texten. Der Leseprozeß in diesem Sinne umfaßt
das Einordnen der Textinf ormationen in die eigenen Wissensbestände, ihre kritische
Wertung, das Verstehen unbekannter Tatbestände, die emotionale und kognitive Be-
wertung der verwendeten Sprache, die Beziehung zum Autor bzw. zum Gegenstand des
Textes, etc.
Beim Schreiben werden schrif tliche Äußerungen produziert, beim Lesen rezipiert.
Gelegentlich werden in der Sprachwissenschaf t alle sprachlichen Äußerungen als Text
bezeichnet. Eine solche Ausweitung des Begriffs ist der Umgangssprache fremd, in der
der Bezug des Begriffs zur Schrift konstitutiv ist (der Ausdruck ‘mündlicher Text’ wäre
hier zunächst ein Widerspruch in sich). In der Textlinguistik werden nur solche (i. d. R.
schriftliche) Äußerungen als Texte bezeichnet, die bestimmten Kriterien wie Kohärenz,
Intentionalität, Abgeschlossenheit, Kohäsion etc. genügen. In bestimmten pragmati-
schen Konzeptionen werden Texte als Ergebnisse einer zerdehnten Sprechsituation
bezeichnet; nicht ihre eventuelle Schrif tlichkeit macht solche Äußerungen zu Texten,
sondern ihre Isolierbarkeit. Überall dort, wo keine genaueren Bestimmungen intendiert
sind, ist der neutralere Ausdruck schriftliche Äußerung vorzuziehen.

4. Aufbau des Handbuchs


Bei der Gliederung des Stoffes haben sich die Herausgeber vornehmlich am Kriterium
des Sachbezugs orientiert, an unterscheidbaren Objektbereichen. So wird man kein
kulturwissenschaf tliches Kapitel f inden, wohl aber ein auf Schrif tkulturen und ein auf
kulturelle Einrichtungen bezogenes; man f indet ein sprachliches, aber kein sprachwis-
senschaf tliches Kapitel. Nur so lassen sich die systematischen Bezüge f ächerübergrei-
f ender Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit in angemessener Weise verdeutlichen.
Diese Orientierung hat sowohl das Profil als auch die Plazierung der einzelnen Kapitel
bestimmt. Globalen und allgemeinen Kennzeichnungen des Gegenstandes im Kapitel I
f olgt die Darstellung der Fragen, die sich auf die materiale Konstitution von Schrif t-
zeichen im weitesten Sinne beziehen (Kapitel II). Daß die Kennzeichnung der Geschichte
der Schrif t in ihren wichtigsten Ausprägungen (Kapitel III) den übrigen, sachbezogen
XII Vorwort

arrangierten Teilen voransteht, verdankt sich nicht zuletzt auch der Tatsache, daß die
Geschichte der Schrif ten die Auf merksamkeit seit langem auf sich gezogen hat und
damit von allen Teilgegenständen des Handbuchs wohl am besten erforscht ist. In den
Kapiteln IV und V werden dann wesentliche Aspekte der Schrif tkultur in kulturell-
arealem und gesellschaf tlich-f unktionalem Zusammenhang dargestellt. Ihnen f olgend
handelt Kapitel VI von den gesellschaf tlichen, Kapitel VII von den psychologischen
Aspekten. Kapitel VIII bef aßt sich mit Fragen des Erwerbs der Schrif tlichkeit und
ihren unterrichtlichen Aspekten, Kapitel IX schließlich mit den sprachlichen Aspekten
von Schrif t und Schrif tlichkeit. Diese wichtigsten Aspekte des Gegenstandes sind so-
zusagen von oben nach unten organisiert: beginnend bei der Kultur als dem globalsten
Aspekt und ausmündend in die speziell sprachlichen Erscheinungen. In diese Reihe
gehört in der Tendenz auch das X. Kapitel mit den Sonderschriften. In einem umfang-
reichen Register werden schließlich die f ächerübergreif enden Bezüge auch auf der
Mikroebene deutlich gemacht.
Im f olgenden soll die Anordnung der Artikel in den einzelnen Kapiteln knapp
erläutert werden.
4.1. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit
Im ersten Kapitel werden sachübergreif end Grundpositionen der wissenschaf tlichen
Bearbeitung des Gegenstandes Schrift und Schriftlichkeit dargestellt. Art. 1 Mündlichkeit
und Schriftlichkeit kennzeichnet moderne Ansätze zur Klärung des Verhältnisses von
Schrif tlichkeit und Mündlichkeit. Unter Bezug auf die Unterscheidung einer medialen
und einer konzeptionellen Dimension werden alte Fragen zum Verhältnis von geschrie-
bener und gesprochener Sprache, von Mündlichkeit und Schrif tlichkeit relativiert und
neue Perspektiven herausgearbeitet. Gegenstand von Art. 2 Funktion und Struktur
schriftlicher Kommunikation sind alle Formen sprachlichen Handelns, in denen die
Verständigung zwischen Kommunikationspartnern mit Hilf e von schrif tlichen Mitteln
angestrebt wird. Die schrif tliche Form sprachlicher Kommunikation wird in ihren
elementaren Strukturen beschrieben und in ihren sozialen Konsequenzen erörtert,
insbesondere im Hinblick auf expansive Anwendungen. Grundfragen einer semiotischen
Analyse von Schrift und schriftlicher Sprache, ihrer Beziehung zur gesprochenen Spra-
che und zu anderen Zeichen- und Notationssystemen werden in Art. 3 Semiotische
Aspekte der Schrift behandelt.
In den weiteren Artikeln des Kapitels I wird die historische Perspektive eingenommen.
Die beiden grundlegenden Prozesse schriftlicher Sprachtätigkeit behandeln Art. 4 Ge-
schichte des Schreibens und Art. 5 G eschichte des Lesens. Der Prozeß des Schreibens
f indet in einem schrif tlichen Text seinen Abschluß, und der Prozeß des Lesens setzt
immer einen Text voraus. Dabei haben schrif tliche Texte im Lauf e der Geschichte
verschiedene Formen gef unden. Art. 6 G eschichte des Buches charakterisiert die Ent-
wicklung schrif tlicher Texte zum Buch und seiner Produktions-, Vertriebs- und Ver-
wendungsweisen. Art. 7 Geschichte der Reflexion über Schrift und Schriftlichkeit schließ-
lich trägt in einer Skizze der Forschungsgeschichte dazu bei, die vielfältigen expliziten
und impliziten Voraussetzungen bei der wissenschaftlichen Behandlung des Verhältnisses
von Mündlichkeit und Schriftlichkeit aufzuhellen.
4.2. Materiale und formale Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit
Die Materialität von Schrift begründet ihren eigenständigen Charakter gegenüber der
Lautsprache: Mündliche Äußerungen werden durch daf ür entwickelte Organe in der
auditiven Dimension produziert, sie erstrecken sich in der Zeit und sind f lüchtig.
Schriftliche Äußerungen werden mit Werkzeugen für die visuelle Dimension produziert,
erstrecken sich im Raum und sind nicht f lüchtig. Diese grundsätzlichen Eigenschaf ten
Vorwort XIII

schrif tlicher Äußerungen und Texte sind die Ursache f ür vielf ältige strukturelle Unter-
schiede zwischen schriftlichen und mündlichen Äußerungen. Eine Übersicht über Tra-
ditionelle Schreibmaterialien und -techniken bietet Art. 8. Hier werden die wichtigsten
Schreibwerkzeuge, Beschreibstof fe und Schreibtechniken des vortypographischen Zeit-
alters erläutert. Es f olgt eine Kennzeichnung der neueren Elektronischen Lese- und
Schreibtechnologien (Art. 9), bezogen auf den damit umgehenden einzelnen Leser und
Schreiber.
Die Beständigkeit von schriftlichen Texten ermöglicht ihre dauernde Aufbewahrung;
verbunden damit sind entsprechende Probleme der Wiederf indbarkeit von Information.
Art. 10 Archivierung von Schriftgut kennzeichnet die traditionellen Verf ahren, Art. 11
Datenbanken die neueren computergestützten Möglichkeiten und ihre Beziehungen zur
Schriftlichkeit.
Aus der Organisation von Schrif t im Raum resultieren u. a. auch spezielle Form-
aspekte schrif tlicher Äußerungen. In Art. 12 Die Buchstabenformen westlicher Alpha-
betschriften in ihrer historischen Entwicklung wird die Genese der modernen latein-
schrif tlichen Antiqua von den semitisch-griechischen Ursprüngen her systematisch in
paläographischer und kognitiver Perspektive rekonstruiert, wobei die wichtigsten Pro-
totypen des abendländischen Bereichs wie Monumentalschrif t, Unziale, karolingische
Minuskel etc. detailliert behandelt werden. Die materialen Neuerungen und technischen
Veränderungen durch den Buchdruck auch in bezug auf die äußere Gestalt der Schrift-
zeichen und ihrer Organisation auf der Seite und im Buch thematisiert Art. 13 Typo-
graphie . Im Gegensatz dazu liegt in Art. 14 Kalligraphie der Akzent auf den ästhetischen
Möglichkeiten von Schrift, wie sie in verschiedenen Schrifttraditionen der Welt genutzt
worden sind.
4.3. Schriftgeschichte
Die Geschichte der Schrift ist der wohl am besten erforschte Bereich des Gegenstands
dieses Handbuchs. Gleichwohl sind die vielen Darstellungen zugrundeliegenden histo-
rischen und schrif tsystematischen Theorien in den letzten Jahren zunehmend kritisch
hinterfragt worden. Art. 15 Theorie der Schriftgeschichte diskutiert die Grundprobleme
moderner Schrif tgeschichtsschreibung im Zusammenhang mit Fragen nach dem Ur-
sprung der Schrift, der Abgrenzung von anderen visuellen Zeichen, dem Bezug auf die
Struktur der verschrif teten Sprache und den Prinzipien, die der Schrif tentwicklung
zugrundeliegen.
Die Frage nach dem Ursprung der Schrif t wird im jeweiligen Einzelf all anders zu
beantworten sein; in vielen Fällen bleibt die Antwort spekulativ. Im Falle der sumeri-
schen Schrif t aber, die cum grano salis als Ursprung aller abendländischen Schrif ten
gelten kann, haben Forschungen der letzten 20 Jahre diese Entwicklung recht
zuverlässig
rekonstruieren können; dies wird in Art. 16 Vorläufer der Schrift dargestellt. Art. 17
Der alteuropäisch-altmediterrane Schriftenkreis befaßt sich mit erst in den letzten Jahr-
zehnten zur Kenntnis genommenen Schriftzeichen möglicherweise noch älteren Datums.
Die f olgenden Artikel betrachten die Entwicklung einzelner Schrif ten bzw. Schrif t-
gruppen. Begonnen wird mit den beiden Schriftsystemen, die im Vorderen Orient zuerst
entstanden sind und von dort aus in andere Gebiete ausgestrahlt haben: Die sumerisch-
akkadische Keilschrift (Art. 18) und Die ägyptische Hieroglyphenschrift und ihre Weiter-
entwicklungen (Art. 19). Aus den mesopotamischen und ägyptischen Grundlagen ent-
wickeln sich Die nordwestsemitischen Schriften (Art. 20). Diese f rühen Silben- und
Konsonantenschrif ten sind ihrerseits Ausgangspunkt f ür die Entwicklung von unter-
schiedlichen Schrifttypen geworden, u. a. Die altsüdarabische, arabische, äthiopische und
Die indische Schrift (Art. 21—24). In Art. 25 Die Entstehung und Verbreitung von
XIV Vorwort

Alphabetschriften werden konzentriert die historisch-systematischen Aspekte der Aus-


breitung dieses nur einmal in der Schriftgeschichte erfundenen Schrifttyps behandelt.
In den f olgenden Artikeln werden die beiden anderen großen Schrif tentwicklungs-
bereiche der Erde dargestellt. Art. 26 behandelt Die chinesische Schrift in ihrer über
4000jährigen Geschichte in China, Art. 27 die Weiterentwicklungen der chinesischen
Schrift: Japan — Korea — Vietnam . Die historischen Schriften Mittelamerikas gehören
zu denjenigen, in denen ein eigenständiger Weg eingeschlagen wurde, der jedoch auf -
grund äußerer Umstände nicht weiter verf olgt werden konnte. Gerade auf grund der
Eigenständigkeit ihrer Entwicklung sind Mittelamerikanische Schriften (Art. 28) von
erheblichem komparatistischen Interesse, zumal in den letzten Jahren durch neue Funde
und Entzif ferungen der Zugang zu diesen Schrif ten leichter und ihr Verständnis klarer
geworden ist.
Der Zugang zu Schrif ten, die heute nicht mehr verwendet werden, ist schwierig.
Zeichen, deren Schriftcharakter man vermutet, die jedoch nicht ‘lesbar’ sind, übten seit
jeher auf die Wissenschaf t große Faszination aus. Art. 29 Entzifferungen kennzeichnet
einige besonders interessante Etappen aus der Geschichte der Entzif f erungen und die
systematischen Fragestellungen, die sich daraus ergeben.
4.4. Schriftkulturen
Schrif ten und Schrif tsysteme haben über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zur
Weitergabe und zur Erzeugung von Texten gef ührt; von diesen sind einige von f unda-
mentaler Bedeutung f ür die Gruppen, in denen sie entstanden. Schrif t hat damit zur
Entstehung, Entf altung, Kontinuität und Veränderung von Kultur in diesen Gruppen
beigetragen. Zusammenf assend kann f ür diesen Aspekt der Ausdruck Schriftkultur
verwendet werden. Der außerordentlich große Umf ang der schrif tlichen Traditionsbe-
stände bis in unsere Zeit bedeutet für die Artikel dieses Kapitels, daß hier nicht so sehr
einf ache Traditionsübersichten angestrebt werden; vielmehr wird versucht, die z. T.
recht gut bekannten und erschlossenen Fakten auf die Auswirkung und den Stellenwert
der Schrif tlichkeit in der jeweiligen Kultur hin zu bef ragen. Im Vordergrund stehen
dabei zwei Fragen: Welche spezif ischen Textarten haben sich als charakteristisch f ür
die jeweilige Schrif tkultur herausgebildet? Welche spezif ischen Traditionsbedürf nisse
und innovatorischen Prozesse sind in der jeweiligen Schriftkultur zu erkennen?
Voran stehen zwei allgemeinere Beiträge. Art. 30 Mündliche und schriftliche Kulturen
analysiert und relativiert die in den letzten Jahren vorgebrachten Thesen zum Verhältnis
von mündlichen und schriftlichen Kulturen. Als eine Art Gegenpol bemüht sich Art. 31
Die Schwelle der Literalität um eine Klärung der Frage, welche Kriterien bestimmen,
ab wann von einer Schriftkultur gesprochen werden kann.
Es werden dann zunächst nach geographischen Kriterien angeordnete wichtige
Schrif tkulturen behandelt: Der Kulturkreis der chinesischen Schriftzeichen ( hànzì )
(Art. 32), Der indische Schriftenkreis (Art. 33), anschließend die historischen Schrif t-
kulturen im Vorderen Orient und in Ägypten (Art. 34—36): Die ägyptische Schriftkultur,
Die Keilschriftkulturen im Vorderen Orient und Die nordwestsemitischen Schriftkulturen .
Es folgen Die griechische (Art. 37) und Die lateinische Schriftkultur der Antike (Art. 38)
sowie Die arabische Schriftkultur (Art. 39).
Drei Entwicklungsaspekte der westlichen Schrif tkultur werden in den f olgenden
Artikeln thematisiert. Art. 40 Das Mittelalter in Europa: Lateinische Schriftkultur un-
terstreicht den häufig vernachlässigten Umstand, daß die Schriftkultur des europäischen
Mittelalters praktisch ausschließlich lateinisch ist, und bespricht ihre wesentlichsten
Ausprägungen. Dennoch bedarf Die Entstehung volkssprachlicher Schriftkultur in West-
europa (Art. 41) einer ebenso umfassenden Darstellung, weil sich aus diesen Anfängen
die modernen westlichen Schriftkulturen entwickeln. Eine wesentliche Zäsur, wenn auch
Vorwort XV

nicht ohne Voraussetzungen, stellt schließlich Der Buchdruck und seine Folgen (Art. 42)
dar, durch den sich im Laufe der Zeit ganz andere, moderne Formen der Schrif tkultur
entwickeln. Da diese modernen Formen in verschiedenen Artikeln insbesondere der
beiden folgenden Kapitel vielfach thematisiert werden, wird das Kapitel mit dem Beitrag
Perspektiven der Schriftkultur (Art. 43) abgeschlossen.

4.5. Funktionale Aspekte der Schriftkultur


Schrift und Schriftlichkeit haben in einzelnen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens
unterschiedlichen Stellenwert. Ihre verschiedenen Funktionen entf alten sich in einem
beständigen Wechselverhältnis zur Mündlichkeit. Es kann konkurrierend-problema-
tisch, aber auch parallel-komplementär sein; dies wiederum mag unterschiedlich in
einzelnen Bereichen sein.
Gegenstand des Kapitels sind alle gesellschaf tlichen Bereiche, die von Schrif t und
Schriftlichkeit tangiert werden. Voran steht Art. 44 Schriftlichkeit und Sprache. Einflüsse
auf die Sprache auf den verschiedenen Ebenen (Konzeption, Diskurs, Varietäten,
Normierung) werden ebenso diskutiert wie Interaktionen mit der Mündlichkeit in
umgekehrter Richtung. In den Artikeln 45—50 zu Schriftlichkeit und Religion, Recht,
Handel, Technik, Industrialisierung und Erziehung werden diejenigen Bereiche bespro-
chen, in denen die Ausprägung einer Schrif tkultur von spezieller Bedeutung war und
ist. (Der vorgesehene Beitrag zur Rolle von Schrif tlichkeit in Verwaltung und Politik
kam leider nicht zustande.) Es folgen vier Beiträge (Art. 51—54) zur Rolle von Schrift-
lichkeit in kulturellen Wissensdomänen: Schriftlichkeit und Philosophie, Wissenschaft,
Literatur und Philologie . — Gegenstand des dieses Kapitels abschließenden Art. 55
Sekundäre Funktion der Schrift schließlich sind Beispiele für die Verwendung von Schrift
in Zusammenhängen, in denen sie nicht (direkt) sprachbezogen verwendet wird wie in
der Schriftmagie, in Anagrammen und Schriftbildern.
4.6. Gesellschaftliche Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit
Gesellschaftliche Fragen von Schrift und Schriftlichkeit betreffen u. a. die gesellschaft-
lich zugängliche Verschrif tung und Normierung der Sprache, den Grad der Verf ügung
über die geschriebene Sprachf orm, die Literalisierung von Gesellschaf ten und ihre
Entwicklung.
In den Artikeln 56—61 wird der Zusammenhang der Verschrif tung von Sprachen
mit sozialen und politischen Zielsetzungen dargestellt. In Art. 56 Orthographie als
Normierung des Schriftsystems wird die Bedeutung einer Norm der Schreibung in einer
altverschrif teten Sprache diskutiert. Die folgenden Beiträge befassen sich dagegen mit
der Verschrif tung einer Sprache entweder durch Übernahme/Übertragung einer vor-
gef undenen Schrif t f ür eine andere Sprache (Art. 57 Erstverschriftung durch fremde
Systeme ) oder durch Eigenentwicklung (Art. 58 Autochthone Erstverschriftung ). Ortho-
graphieentwicklung und Orthographieform mit Schwerpunkt auf den deutschen Verhält-
nissen thematisiert Art. 59. Als Kontrast zu diesen an einem einsprachigen Modell
orientierten Überlegungen werden in Art. 60 Schriftlichkeit und Diglossie und Art. 61
Schriften im Kontakt die in den Gesellschaften der Welt viel häufiger zu beobachtenden
Phänomene des Auseinanderf allens von geschriebener und gesprochener Sprachf orm
und der gesellschaftlichen Mehrschriftigkeit dargestellt.
Jeder nicht behinderte Mensch kann sprechen, aber nicht alle Menschen können lesen
und schreiben. Art. 62 Demographie der Literalität diskutiert das Problem, wie Litera-
lität ‘gemessen’ werden kann, und gibt eine Reihe von Daten über den Anteil an
Analphabeten in verschiedenen Teilen der Welt. Die f olgenden Art. 63—73 bef assen
sich mit Problemen der Massenalphabetisierung in neuerer Zeit. Nach dem systemati-
sche Probleme aufreißenden Art. 63 Alphabetisierung in der „Dritten Welt” wird auf die
XVI Vorwort

Tätigkeit zweier auf dem Gebiet der Massenalphabetisierung besonders wichtiger Or-
ganisationen eingegangen: Die Alphabetisierungsarbeit der UNESCO (Art. 64) und die
Muttersprachliche Alphabetisierung: Die Arbeit des Summer Institute of Linguistics
(S. I. L.) (Art. 65). Konkretisiert wird dies durch einige Fallstudien: Die sowjetischen
Erfahrungen und Modelle der Alphabetisierung (Art. 66), Alphabetisierung und Literalität
in Äthiopien (Art. 67), Alphabetisierung in Mittel- und Südamerika und der Karibik
(Art. 68), Die chinesischen Erfahrungen und Modelle der Alphabetisierung (Art. 69), sowie
Die Entwicklung von Literalität und Alphabetisierung in Ostasien am Beispiel der nicht
chinesisch sprechenden Völker Chinas (Art. 70). (Die außerdem vorgesehenen Beiträge
zum f rankophonen Af rika und zum Suaheli kamen leider nicht zustande.) Es f olgen
zwei historisch orientierte Beiträge zur Entwicklung von Literalität und Alphabetisierung
in Deutschland (Art. 71) und in England und Nordamerika (Art. 72). Abgeschlossen wird
der Problemkomplex durch Art. 73 Literalität und Analphabetismus in modernen Indu-
strieländern.
Zu den gesellschaftlichen Aspekten von Schrift und Schriftlichkeit gehören auch Das
System der Zensur und seine Auswirkungen auf die Literalität und Probleme des Copy-
right (Art. 75), die in den letzten beiden Artikeln des ersten Bandes thematisiert werden.

4.7. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit


Während in den vorangehenden Kapiteln Aspekte von Schrif t und Schrif tlichkeit
vorwiegend im überindividuellen und gesellschaf tlichen Bezug thematisiert wurden,
werden nun Fragen auf gegrif f en, die den Gebrauch von Schrif tlichkeit durch das
Individuum betref f en. Art. 76 Schriftlichkeit und psychologische Strukturen stellt in
ähnlicher Weise wie die Artikel des Kapitels V dar, welche Einflüsse das Verfügen über
Schrif tlichkeit auf die psychische Organisation hat — auf kognitive und emotionale
Prozesse, auf Lernfähigkeit und Vergessensvorgänge. Art. 77 Produktion und Perzeption
mündlicher und schriftlicher Äußerungen stellt grundsätzliche Eigenarten mündlicher und
schrif tlicher Sprachverarbeitung durch das Individuum gegenüber und arbeitet anhand
rezenter Modelle Unterschiede heraus.
Die nächsten Artikel befassen sich mit dem Leseprozeß. Zunächst wird ein Historisch-
systematischer Aufriß der psychologischen Leseforschung, die als eines der ältesten
Arbeitsgebiete der experimentellen Psychologie gelten kann, gegeben (Art. 78). Die
wichtigsten Forschungsmethoden dieses Gebiets kennzeichnet Art. 79 Methoden der
psychologischen Leseforschung. Eine spezielle Methode ist auf grund der neueren Fort-
schritte ausgegliedert, nämlich die Analyse der Augenbewegungen; Art. 80 Das Blick-
verhalten beim Lesen bietet auch eine Zusammenfassung der wichtigsten Bef unde mit
dieser Technik. Der folgende Art. 81 Buchstaben- und Worterkennung gilt dem Herzstück
der experimentellen Lesef orschung in den letzten 100 Jahren; im Mittelpunkt stehen
Fragen nach der Größe der Wahrnehmungseinheiten, dem Ausmaß phonologischen
Rekodierens und der Rolle lexikalischer Strukturen. Art. 82 Lesen als Textverarbeitung
bef aßt sich dann mit der Verarbeitung von Texten; neuere Forschungen zum f lüssigen
Lesen und zur Textverarbeitung werden referiert.
Weit weniger als das Lesen ist das Schreiben Gegenstand psychologischer Forschung
gewesen. Art. 83 Historisch-systematischer Aufriß der psychologischen Schreibforschung
gibt einen f undierten Überblick über die ältere Forschung. In Art. 84 Methoden der
Textproduktionsforschung werden die neueren Forschungsmethoden systematisch ref e-
riert. Daran anschließend werden die wichtigsten neueren Modelle des Schreibprozesses
dargestellt; Art. 86 Schreiben als mentaler und sprachlicher Prozeß ist dem Schreibprozeß
in seiner ganzen Komplexität vom Planen bzw. Konzipieren über den sprachlichen
Umsetzungsvorgang bis hin zum Redigieren und der Interaktion der verschiedenen
Einzelprozesse gewidmet.
Vorwort XVII

Ausgegliedert sind hier die exekutiv-motorischen Aspekte des Schreibvorgangs.


Art. 86 Schreiben mit der Hand behandelt die Handschrif t einschließlich der physiolo-
gischen Grundlagen und pathologischer Ausfälle. Der Rückschluß von der Handschrift
auf den Urheber für gerichtliche Zwecke wird in Art. 87 Forensische Handschriftunter-
suchung thematisiert, der Rückschluß auf persönliche Eigenschaften in Art. 88 Grapho-
logie. Auf grund der relativ spärlichen Literaturlage werden in Art. 89 das Maschine-
schreiben und seine forensische Analyse gemeinsam behandelt. Art. 90 Schreiben mit
Computer schließlich kennzeichnet grundsätzliche psychologische Aspekte des Schreib-
prozesses mit diesem neuen Medium.
Einen eigenen Problembereich des Schreibens bildet die Rechtschreibung, die später
in Kapitel VIII nochmals im Bezug auf Erwerbsprobleme thematisiert wird. Art. 91
Psychologische Aspekte des Rechtschreibens behandelt die Rolle der Orthographie beim
Schreiben des Erwachsenen mit einem besonderen Blick auf pathologische Erscheinun-
gen.
Die Artikel 76—91 stützen sich, teilweise durch die Forschungssituation bedingt, auf
Bef unde zu Einzelsprachen — in erster Linie zum Englischen, zum Teil auf Bef unde
zum Deutschen oder zu anderen Sprachen. In den beiden folgenden Artikeln wird diese
Forschungslage grundsätzlich problematisiert. Art. 92 Der Einfluß eines alphabetischen
Schriftsystems auf den Leseprozeß und Art. 93 Crosslinguistische Analysen basaler
Aspekte des Leseprozesses mit besonderer Berücksichtigung nicht-alphabetischer Systeme
diskutieren unterschiedliche Modellierungen anhand experimenteller Befunde. Von ähn-
lichem Interesse für die neuere psychologische Schriftlichkeitsforschung ist die Analyse
von Störungen der schriftlichen Sprachverarbeitung. Art. 94 Störungen der schriftlichen
Sprachtätigkeit behandelt nicht nur den Zusammenhang solcher Störungen mit anderen
Sprachstörungen, sondern auch ihre Analyse im Hinblick auf neuropsychologische
Modellierungen des mentalen Lexikons und der Sprachverarbeitungsprozesse.
4.8. Der Erwerb von Schriftlichkeit
Im achten Kapitel werden verschiedene Aspekte zusammengefaßt, die allesamt etwas
mit dem Erwerb der Schrif tlichkeit zu tun haben, die aber traditionell in sehr unter-
schiedlichen Zusammenhängen behandelt worden sind. Entwicklungspsychologische
Prozesse, sprachliche Lernprozesse sowie methodische und didaktische Überlegungen
zur Vermittlung, schließlich gestörte Erwerbsprozesse — sie werden hier in einen
Zusammenhang gestellt
Es besteht kein Zweif el, daß der Erwerb der basalen (laut)sprachlichen Fähigkeiten
in der f rühen Kindheit weitgehend spontan verläuf t, der Erwerb der Schrif tlichkeit
dagegen in der Regel durch didaktische Zielvorstellungen und methodische Anleitung
gesteuert wird. Dennoch wäre es f alsch anzunehmen, daß in der Schule die Phase
ungesteuerter Lernprozesse einfach durch eine Phase gesteuerter Lernprozesse abgelöst
würde. Tatsächlich werden die Lernprozesse in der Schule stets durch außerschulische
individuelle Lernprozesse begleitet. Aus diesem Grunde ist es notwendig, sowohl die
individuell-psychischen Aspekte des Erwerbs von Schrif tlichkeit von den didaktisch-
methodischen zu unterscheiden als auch ihren Zusammenhang zu sehen. Die das Kapitel
einleitenden Art. 95 Aspekte des Erwerbs von Schriftlichkeit und seine Reflexion und
Art. 96 Bedingungen der Aneignung und Vermittlung von Lesen und Schreiben diskutieren
solche grundsätzlichen Fragen.
Die Artikel 97—102 behandeln die psychischen Aspekte des Erwerbs der Schriftlich-
keit von den Anfängen bis zur komplexen Entfaltung. Frühes Lesen und Schreiben wird
in Art. 97 besprochen. Die drei folgenden Artikel behandeln die psychischen Prozesse
beim Erwerb der Schrif tlichkeit, die mit den methodisch und didaktisch gesteuerten
Prozessen in der Schule interagieren: Art. 98 Der Erwerb der basalen Lese- und Schreib-
XVIII Vorwort

fertigkeiten, Art. 99 Die Entfaltung der Fähigkeit des Lesens und Art. 100 Die Entfaltung
der Fähigkeit des Schreibens. In Art. 101 Schriftspracherwerb unter Bedingungen der
Mehrsprachigkeit wird die lange Zeit vernachlässigte, heute aber eher normale Situation
besprochen, daß der Erwerb der Lautsprache und der schrif tlichen Sprache sich in
unterschiedlichen Sprachen vollziehen. Schließlich werden in Art. 102 Schrift als Mittel
zum Verbalspracherwerb bei G ehörlosigkeit und einigen Fällen schwerer Spracherwerbs-
störungen Fälle besprochen, in denen der Primärspracherwerb in der schrif tlichen
Modalität erfolgt bzw. durch sie gefördert wird.
In den folgenden Artikeln werden die didaktisch-methodischen Aspekte des Schrif t-
lichkeitserwerbs entfaltet. Während im Rahmen didaktischer Reflexion ein Sachverhalt
als Gegenstand des Unterrichts konstituiert und legitimiert wird, ist es das Ziel metho-
discher Überlegungen, sach- und schülerangemessene Wege der Vermittlung zu ent-
wickeln. Zunächst wird in sechs Artikeln ein systematischer Auf riß des Gegenstandes
gegeben. Zuerst geht es um Aspekte und Probleme des Leseunterrichts, also Erstlesen
(Art. 103), Weiterführendes Lesen (Art. 104) und Literaturunterricht (Art. 105), dann
um Aspekte und Probleme des Schreibunterrichts, also um Erstschreiben (Art. 106),
Rechtschreiben (Art. 107) und um Aufsatzunterricht (Art. 108). Je nach historisch-ge-
sellschaftlichem Kontext, schulischer Tradition, Sprache und Schriftsystem werden sich
die konstituierenden Faktoren unterschiedlich darstellen. Nach zwei historisch orien-
tierenden Artikeln zu Geschichte der Didaktik und Methodik des Leseunterrichts und der
Lektüre (Art. 109) bzw. des Schreib- und Aufsatzunterrichts (Art. 110) werden drei
Beispiele aus anderen soziokulturellen Situationen gegeben (Art. 111—113): Lese- und
Schreibunterricht in englischsprachigen Ländern, im arabischen Sprachraum und in Ost-
asien. — Gegenstand von Art. 114 ist Der außerschulische Erwerb der Schriftlichkeit.
Hier geht es auch um Schreibwerkstätten, Autorenseminare, Lesezirkel, Lesegesellschaf-
ten und Literaturzirkel.
Schwierigkeiten und Störungen im Erwerbsprozeß f allen häuf ig erst im Lauf e der
Schulzeit auf . Die Ursache können sowohl individuelle Lernvoraussetzungen und Ver-
arbeitungsweisen als auch didaktische Entscheidungen und methodische Maßnahmen
sein. Art. 115 Störungen des Erwerbs der Schriftlichkeit enthält einen Überblick über
die wichtigsten entwicklungspsychologischen, pädagogischen und psycholinguistischen
Theorien. Das Kapitel wird abgeschlossen durch einen Beitrag zu Schriftspracherbsstö-
rungen und Lernbehinderungen (Art. 116). Diese Störungen werden gesondert dargestellt,
da sie eine völlig andersgeartete Ätiologie und Symptomatik auf weisen und andere
Therapien erfordern.
4.9. Sprachliche Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit
Nach den sozialen und den psychologischen Aspekten von Schrif t und Schrif tlichkeit
werden im Kapitel IX die sprachlichen Aspekte behandelt. Es handelt sich um Probleme,
die das Schrif tsystem (Art. 117—128), Besonderheiten schrif tlicher Sprache und ihres
Gebrauchs (Art. 129—135) und textuelle Aspekte von Schrif t und Schrif tlichkeit be-
treffen (Art. 136—139).
Das Verhältnis von Sprachsystem und Schriftsystem wird grundsätzlich in Art. 117
erörtert. Es wird diskutiert, ob der Bezug des Schrif tsystems auf die sog. Schreibprin-
zipien aufrechterhalten werden kann oder ob es nicht eher gerechtfertigt ist, die Schrift-
systemanalyse autonom vorzunehmen. In diesen Zusammenhang gehören auch grund-
sätzliche Fragen der Orthographie. In Art. 118 wird das Konzept der Schrifttypologie
systematisch und an einzelnen Beispielen expliziert. Die Frage, in welcher Weise Sprach-
wandel und Schriftlichkeit zusammenhängen, wird in Art. 119 behandelt. Die selten
näher begründete These, daß Schrif tlichkeit immer konservierenden Einf luß hat, wird
dabei ebenso untersucht wie die Frage, welche Konsequenzen voneinander unabhängige
Vorwort XIX

Veränderungen der mündlichen und schrif tlichen Sprache auf das Sprachsystem ins-
gesamt haben.
Gegenstand der folgenden Artikel sind eine Reihe derzeit im Gebrauch bef indlicher
Schrif tsysteme mit ihrem Bezug zu anderen Teilen des Sprachsystems (Phonologie,
Morphologie, Syntax etc.). Die Auswahl der behandelten Systeme folgt der Zielsetzung,
besonders deutliche Vertreter bestimmter Schrif ttypen mit großer Verbreitung darzu-
stellen. Als logographisches System wird Das chinesische (Art. 120), als wort-silbisches
System Das japanische Schriftsystem (Art. 121) vorgestellt. Von den drei Haupttypen
alphabetischer Systeme wird das indische Devanagari-Schriftsystem (Art. 122) als Ver-
treter der Silbenalphabete erläutert, Das arabische Schriftsystem (Art. 123) als Beispiel
eines Konsonantenalphabets. Das Spannungsf eld phonologisch f lacher und tief er al-
phabetischer Systeme im engeren Sinne wird umrissen durch Beschreibungen der ver-
breitetsten Systeme. Das spanische Schriftsystem (Art. 124), das als sehr flach angesehen
werden kann, und das englische (Art. 125) als ein stark morphologisiertes System
kennzeichnen dabei Extremfälle, zwischen denen das französische (Art. 126) und Das
deutsche Schriftsystem (Art. 127) anzusiedeln sind. (Vorgesehene Artikel zum russischen
Schriftsystem und zur schriftlichen Sprache im Russischen kamen leider nicht zustande.)
Alle diese Systeme sind jedoch auch in anderer Hinsicht unterschiedlich, z. B. in bezug
auf Groß- und Kleinschreibung, die Schreibung f remder Wörter etc. Bislang wenig
thematisiert sind Probleme der Interpunktion, die in Art. 128 mit Schwergewicht auf
dem Deutschen behandelt werden.
Der zweite Teil des Kapitels ist der Sprache gewidmet, die in schrif tlichen Texten
gebraucht wird, der sog. schrif tlichen Sprache. Die hier behandelten Ausdrucksformen
sind zwar nur selten ausschließlich auf schriftliche Texte beschränkt, doch zeichnen sie
sich dadurch aus, daß sie sich f ür den Gebrauch in schrif tlichen Texten besonders
anbieten und deshalb dort auch besonders häuf ig verwendet werden. Besonderheiten
des schriftlichen Sprachgebrauchs finden sich in der Morphologie, der Lexik, der Syntax
und der Semantik. Unter Berücksichtigung der jeweiligen kulturellen Gegebenheiten
werden in den Artikeln 129—134 Die schriftliche Sprache im Chinesischen, Japanischen,
Arabischen, Französischen, Englischen und im Deutschen beschrieben. Ein spezifisches
Merkmal schrif tlicher Sprache ist das Auf treten von Abkürzungen. Art. 135 behandelt
verschiedene Typen von Abkürzungskonventionen in einigen westeuropäischen Spra-
chen und ihre historische Entwicklung.
Den textuellen Aspekten von Schrif tlichkeit ist der dritte Teil des Kapitels IX
gewidmet. Fragt man nach den Bedingungen der Möglichkeit schrif tlicher Texte, so
sind konstitutive Eigenschaf ten ihrer Organisiertheit und deren Folgen wie Linearität,
Diskretheit der Zeichen, aber auch Intertextualität u. a. m. darzustellen (Art. 136 Die
Konstitution schriftlicher Texte ). Fragt man nach der Produktion (Art. 137) und Rezep-
tion sprachlicher Texte (Art. 138), so wird die Aufmerksamkeit auf die von der Schrift-
lichkeit des Textes determinierten Prozesse und Aktivitäten gelenkt, die bei der For-
mulierung und Gestaltung schrif tlicher Texte sowie ihrer Lektüre und Interpretation
beteiligt sind. Fragt man nach der Geformtheit schrif tlicher Texte, so sind Textmuster
oder Textsorten anzuf ühren, insofern sie schrif tlich gebraucht werden; sei es, daß ihre
Verwendung ausschließlich schriftlich erfolgt wie das etwa beim Brief, beim Telegramm
oder bei der wissenschaftlichen Abhandlung der Fall ist, sei es, daß sie sowohl schriftlich
als auch mündlich gebraucht werden wie etwa die Erzählung. (Der hier vorgesehene
Artikel zu den Formen schriftlicher Texte kam leider nicht zustande.)
Der Begriff des Stils wird vornehmlich auf schriftliche Texte, aber nie klar auf diese
allein bezogen. So werden in Stilistiken nicht nur Aspekte schriftlicher Texte behandelt,
sondern auch Fragen des mündlichen Sprachgebrauchs und der Kommunikation. Weil
aber die Stilistik seit jeher in einem engen Zusammenhang zum Schreiben und zur
Schriftlichkeit gesehen worden ist, wird sie in einem eigenen Artikel behandelt (Art. 139
Stilistik als Theorie des schriftlichen Sprachgebrauchs ).
XX Vorwort

4.10. Sonderschriften
Durchaus heterogen ist der Gegenstand des letzten Kapitels, das sich sowohl mit von
Schrif t abgeleiteten schrif tartigen Zeichensystemen wie Stenographien oder Geheim-
schrif ten bef aßt wie auch mit Übertragungen in andere Medien sowie dem modernen
Schrift„ersatz” durch Piktogramme.
Systematisch vergleicht Art. 140 Schrift und Notation zwei Konzeptionen, Schrift von
anderen Notationssystemen abzugrenzen. Den in f ast allen Schrif ten beobachtbaren
Sachverhalt der Verwendung von Schrif tzeichen für mathematische und für Ordnungs-
zwecke stellt Art. 141 Schrift als Zahlen- und Ordnungssystem in historisch-systemati-
schem Auf riß dar. Ein anderes, nicht als Schrif t zu bezeichnendes Notationssystem ist
die Phonetische Transkription, die in Art. 142 behandelt wird.
Durchweg systematisch anders gelagert sind die Gegenstände der folgenden Artikel,
in denen es um die Umsetzung von Schriftzeichenfolgen in andere Zeichenfolgen geht.
Art. 143 behandelt die Techniken der Transliteration, d. h. der Umsetzung von Schrift-
zeichen einer Schrift in Schriftzeichen einer anderen. Art. 144 Stenographie stellt deren
Grundprinzipien und die wichtigsten Systeme dar. Die Verwendung schriftlicher Zeichen
als Mittel geheimer bzw. verschlüsselter Kommunikation ist Gegenstand von Art. 145
Geheimschriften. Hier werden Techniken, Geschichte und Medien von Geheimschriften
erläutert. Die f olgenden Artikel behandeln weitere Transf ormationen, nämlich die
Blindenschrift Braille (Art. 146), d. h. die Überf ührung der Schrif tzeichen aus der vi-
suellen in die haptische Dimension, Fingeralphabete (Art. 147), d. h. die Überführung
der dauerhaf ten Schrif tzeichen in die f lüchtige Bewegung zur Verständigung bei Ge-
hörlosigkeit, sowie die Technische Kodierung (Art. 148), d. h. die Kodierung von Schrift-
zeichen für den Gebrauch im Computer.
Im letzten Artikel des Handbuchs schließlich wird auf Moderne Piktographie, diese
neue Form visueller Inf ormation, eingegangen und gef ragt, inwieweit es sich hierbei
um Schriftersatz handelt (Art. 149).

5. Zur Einrichtung der Artikel


Die Grundsätze, nach denen die einzelnen Artikel eingerichtet sind, unterscheiden sich
kaum von denen anderer Handbücher der Reihe. Jeder Artikel soll f ür sich allein
verständlich sein und darum alle Informationen enthalten, die notwendig sind, um das
jeweilige Phänomen zu erkennen und die bereits vorliegenden, aber auch weitere
mögliche Problemlösungen verständlich werden zu lassen. Überschneidungen zwischen
einzelnen Artikeln werden daher in Kauf genommen; Berührungspunkte werden durch
von den Herausgebern eingef ügte Querverweise angezeigt. Die Literaturangaben be-
rücksichtigen vornehmlich die neueren Arbeiten; von den älteren werden nur die
wichtigsten angeführt. Bibliographische Vollständigkeit wird also nicht angestrebt.
Es gibt jedoch einige Besonderheiten des Handbuchs, die sich primär aus der schon
in Zf . 2 genannten Perspektive der Interdisziplinarität ergeben. Ein großer Teil der
Beiträger ist nicht der Zunf t der Sprach- und Kommunikationswissenschaf tler zuzu-
rechnen, sondern wirkt in ganz anderen Arbeitszusammenhängen. Das sich daraus
ergebende Problem höchst unterschiedlicher Begrif f lichkeiten und Terminologien war
(zum gegenwärtigen Zeitpunkt) nicht durch eine Vorgabe zu lösen (s. o. Zf. 3). Deshalb
war es auch nicht zu vermeiden, daß in den einzelnen Kapiteln jeweils eigene Begriff-
lichkeiten und Terminologien verwendet werden; teilweise bestehen solche Unterschiede
sogar zwischen zwei Nachbarartikeln eines Kapitels. Soweit es möglich war, haben die
Herausgeber deshalb darauf geachtet, daß Begriffe, die in unterschiedlichen Disziplinen
Vorwort XXI

Verschiedenes bedeuten, jeweils quasi def initorisch eingef ührt werden, sofern sich die
intendierte Lesart nicht von selbst ergibt; im übrigen wird auf Zf. 3 oben verwiesen.
Der Versuch echter Interdisziplinarität strahlt aber auch auf die theoretischen Ansätze
aus, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen kann es nicht ausbleiben, daß in zwei
Beiträgen sich gegenseitig mehr oder weniger ausschließende Theorien vertreten werden.
Das gilt beispielsweise für die Position der Dependenz der Schrift von der Lautsprache
auf der einen Seite gegenüber der Autonomieposition auf der anderen. Dies entspricht
dem Stand der Forschung und dem Problem des bislang f ehlenden interdisziplinären
Austauschs. Die Herausgeber haben sich bemüht, in Bereichen, wo dies absehbar war,
möglichst jeweils alle in der Forschung vertretenen Positionen durch einen Artikel zu
besetzen.
Vielleicht noch gravierender ist die lückenhafte Kenntnis jeweils fachexterner Grund-
lagen. In vielen Beiträgen der Kapitel VII und VIII etwa sind die den psychologischen,
entwicklungspsychologischen und pädagogischen Ausf ührungen zugrundegelegten lin-
guistischen Konzepte sehr of t nur als naiv zu bezeichnen. Auch dies entspricht dem
Stand der Forschung. In eklatanten Fällen haben die Herausgeber Autoren auf solche
Punkte aufmerksam gemacht, nicht immer war die Reaktion wirklich zufriedenstellend.
Es kann aber auch nicht erwartet werden, daß ein gewünschtes Ergebnis des Handbuchs,
nämlich die Intensivierung interdisziplinären Austauschs, schon im Handbuch selbst
vollständig realisiert ist.
Weil den Herausgebern diese Problematik bewußt war, ist besonderes Augenmerk
auf das Register gelegt worden. Die Verweistechnik ist an Ort und Stelle erläutert. Es
empf iehlt sich, gerade in Fällen abweichender Theorie- und Begrif f sbildung dieses
Instrument intensiv zu nutzen.

6. Danksagungen
Wenn der erste Band dieses Handbuchs erscheint, wird es die Herausgeber mehr als 10
Jahre beschäf tigt haben. Nach f ünf jähriger Arbeit ist die Konzeption des Handbuchs
1988 veröffentlicht vorgestellt worden, worauf uns zahlreiche Anregungen und Hinweise
erreichten, die zu Verbesserungen und Ergänzungen bis hin zur Einrichtung weiterer
Artikel gef ührt haben. Die ersten Einladungen an Autoren wurden Anf ang 1990
verschickt; auch von ihnen kamen Vorschläge. Geplant und betreut wurde das Werk
von einer Gruppe von Wissenschaf tlern aus verschiedenen Disziplinen, der Studien-
gruppe Geschriebene Sprache . Die Gruppe hat sich 1981 konstituiert und tagt seitdem
zweimal jährlich in Bad Homburg in der Werner Reimers Stif tung. Die Stif tung hat
die Arbeit der Gruppe insgesamt und die Arbeit am Handbuch speziell durch all die
Jahre hindurch engagiert gef ördert. Der erste Dank der Herausgeber gilt deshalb den
Mitarbeitern der Stif tung und ihrem wissenschaf tlichen Beirat — ohne sie wäre das
Werk nicht zustandegekommen.
An der Idee zu diesem Handbuch, seiner f ormalen und inhaltlichen Ausgestaltung
sowie der Betreuung einzelner Artikel und ganzer Kapitel haben alle Mitglieder der
Studiengruppe mitgewirkt: Jürgen Baurmann (Wuppertal), Florian Coulmas (Tokyo),
Konrad Ehlich (München), Peter Eisenberg (Potsdam), Heinz W. Giese (Ludwigsburg),
Helmut Glück (Bamberg), Hartmut Günther (Innsbruck), Klaus B. Günther (Ham-
burg), Ulrich Knoop (Marburg), Otto Ludwig (Hannover), Bernd Pompino-Marschall
(Berlin), Eckart Scheerer (Oldenburg) und Rüdiger Weingarten (Bielefeld) sowie auch
Peter Rück (Marburg) und Claus Wallesch (Freiburg), die inzwischen ausgeschieden
sind. Die beiden Hauptherausgeber danken ihren Kollegen; ohne sie wäre es nicht
möglich gewesen, auf dem so weiten, heterogenen, unstrukturierten interdisziplinären
Feld Schrift und Schriftlichkeit ein Handbuch entstehen zu lassen.
XXII

Zu danken haben wir alle, Hauptherausgeber wie Mitherausgeber, den vielen Auto-
rinnen und Autoren der einzelnen Artikel f ür ihre Bereitschaf t, auf diesem dornigen
Feld überhaupt einen Artikel zu übernehmen, für die Mühe, die sie sich bei den Artikeln
gemacht haben, und f ür ihren Langmut, unsere Bedenken, Einwände und Änderungs-
vorschläge anzuhören und dort, wo sie es vermochten, diese in ihr Manuskript einzu-
arbeiten. Besonders zu danken haben wir denjenigen Autorinnen und Autoren, die im
letzten Moment kurzf ristig f ür andere eingesprungen sind, und den zahlreichen Kolle-
gen, die uns bei der Suche nach solchen last minute Autoren behilf lich waren.
Wir danken den Herausgebern der Handbuchreihe, den Kollegen Hugo Steger und
Herbert Ernst Wiegand, für ihre Unvoreingenommenheit gegenüber dem Plan, in dieser
Reihe ein Handbuch zu einem noch nicht endgültig etablierten Forschungsgebiet her-
auszugeben, und für ihre stets fürsorgliche Begleitung der Arbeit, sowie dem Verlag de
Gruyter und seinen Mitarbeiterinnen, vor allem Christiane Bowinkelmann, Christiane
Graefe, Angelika Hermann, Heike Plank, Susanne Rade, Dr. Brigitte Schöning, sowie
Prof essor Dr. Heinz Wenzel, f ür die sorgf ältige Vorbereitung und Durchf ührung des
Druckes.
Schließlich danken wir Frau Dr. Jutta Becher f ür ihren Einsatz bei der mühseligen
Arbeit, die Struktur dieses so heterogen wirkenden Feldes in den beiden umfangreichen
Registern deutlich werden zu lassen.

Hartmut Günther, Innsbruck (Österreich)


Otto Ludwig, Hannover (Deutschland)
XXVII

Preface
1. Subject
A mere glance at the many expressions pertaining to Writing and Its Use indicates how
ubiquitous writing is in our daily lives and the great significance that it has been given
throughout the ages. Latin scholars called it scripta manent . T he student in Goethe’s
Faust thought that ... anything we have in black and white is ours to take away and call
our own (T RANS . P. W AYNE ). Till heaven and earth pass, one jot or one tittle shall in no
wise pass from the law ... (Mt 5:18 KJV ) and ... of making many books there is no end ...
(Eccles 12:12 KJV ), yet ... the letter killeth, but the spirit giveth life. (2 Cor 3:6 KJV ).
With sola scriptura as a battle cry, Martin Luther crusaded against the ruling church;
of course he didn’t use the language of a man of letters, wanting to avoid sounding
like a walking encyclopedia. But sometimes you can’t judge a book by its cover and have
to read between the lines to set the record straight. In my book, it would be a red-letter
day if you could see the writing on the wall. The bottom line is that you can swear on
the Bible that people sometimes don’t go by the book. And then, alpha and omega are
the epitome of beginning and end — and there are countless other expressions one
could think of, from A to Z. It’s as easy as ABC .
Writing and Its Use is certainly a broad field. Script: that includes handwriting,
printing, cuneiform script; it is also characters representing words, syllables, and letters
of an alphabet; it is uncial, roman, and Gothic scripts; it is the Latin and Arabic
alphabets, and Chinese characters; it is Garamond, T imes, Futura typefaces. Scripts,
the total inventory of signs used in writing, is a broad field in itself, though it represents
the lowest common denominator, so to speak, of that which is the subject of this
handbook.
The more comprehensive expression is the German term Schriftlichkeit , which trans-
lates into English as a variety of concepts ranging from the rendering of linguistic
utterances in written form to literacy to the function and use of writing in society. This
includes anything and everything that can be modified by the words ‘written’ or ‘literate.’
It is anything comprised of writing; it is also the necessary outcome of writing; anything
influenced or brought into being by writing — things, concepts, human beings, societies,
cultures. Messages, news, invitations, lectures, and speeches can all exist in written
form anywhere that writing is used. Societies and cultures are literate ones provided
they have access to writing and central social transactions are carried out through
written means.
The extent to which individuals can participate in the processes of writing determines
their social status to a large extent. Wherever this is not already the case, literacy
processes will continue in the future to be the focus of encounters and conflicts of
many kinds. Migration of peoples throughout the world and the internationalization
of diverse social processes and organizations are causing a shift in the relationship
between speaking and writing, hearing and reading. Gaining access to Writing and Its
Use is becoming increasingly difficult for many people. And the development of
electronic media represents not the end of written communication, but a profound
change in its forms.
XXVIII Preface

T he main product of Writing and Its Use is the written text. Written texts surround
us day in and day out; they regulate our daily lives, intervening in the course of events,
offering us ways of expression, and making our lives more complex. We are guided by
written texts in planning our lives. T his concerns not only the composition, form, and
function of written texts, but the activities of people who produce and process them,
that is, writing and reading. We are involved with the acquisition of these skills in
schools. We deal with the impact of reading and writing on our private and public
lives, with the importance of written texts in culture, language, thought, and individual
behavior.
The subject of this handbook is indeed so broad. It includes all peoples and individuals
that use and have made use of writing; all languages that have developed not only a
spoken form, but a written one as well; all groups and individuals whose lives are or
have been organized by their use of writing or written texts, to whatever extent.

2. Research Developments and Objectives


Due to the diversity and heterogeneity of the subject areas, a number of different
scientific disciplines need to be involved in studying them: philosophy and anthropology,
linguistics and literary studies, sociology, psychology, education, history — to mention
merely a few. The subject Writing and Its Use is characterized differently according to
the respective discipline. For historians, for example, written documents are historical
documents per se. Prehistory is thus defined as the time from which no contemporary
sources exist in written form. Art history deals specifically with the form and aesthetics
of writing and script through the ages; social history, with its social function. For
sociologists, writing is significant in terms of the many ways it serves as a constitutive
force in social communities. T he part that writing plays in cognitive processes is an
important research area for psychologists, and researchers in the fields of both psy-
chology and medicine share interest in the case of language disorders related to writing.
The findings of each of the respective scientific disciplines are by no means all given
the same weight; nor do they all contribute to the same extent to the research
developments of a given discipline as a whole. The discussion in the field of linguistics
can serve as an example in this regard. A differentiation between writing, speech, and
language was avoided by research for a long time. In the early twentieth century, when
a distinction of this kind was recognized as necessary, the spoken language was given
systematic priority. Writing and written language was considered to represent a sec-
ondary and subordinate phenomenon, and at the most it remained on the periphery of
linguistic research. Many linguists still do not believe that there are theoretically
significant phenomena in written language that cannot be traced back to aspects of
spoken language. The fact is, however, in examining language — even spoken language
— reference has been and is made to written or transcribed texts. Oral language and
written language thus could not be satisfactorily distinguished from one another; there
has been no sufficiently thorough description of Writing and Its Use, and the relation-
ships to speech and spoken language have not yet been adequately determined.
T his survey brings a central problem to light: due to their central role in forming
and structuring modern societies, individual aspects of Writing and Its Use are dealt
with in many different disciplines. The form which research takes in a given discipline
reflects the theories and methods relevant to the respective field; the findings are thus
tied to these individual theories and methods. Each discipline studies a given aspect of
Writing and Its Use, and a relatively complete picture can only emerge when all of
them are combined in some way. In this sense, Writing and Its Use is an interdisciplinary
subject, and research needs to take this into account.
Preface XXIX

Up to now, research has only shown signs of such an interdisciplinary approach. It


can be said that the study of Writing and Its Use has been restricted to isolated research
interests of the individual scientific disciplines. Writing and Its Use has thus never
become a research subject in its own right, which is why as yet there is neither a unified
theory nor has there been an interdisciplinary exchange of theories, problems, and
research methods. T he few compendia or handbooks which do exist in this field deal
only with individual aspects and specific subtopics. This handbook is therefore the first
of its kind.
Very much in keeping with the aims of the entire HSK series of handbooks on
linguistics and communication sciences, the present handbook is intended for students,
teachers and researchers, as well as for anyone who, for any reason whatsoever, is
interested in a comprehensive, structured survey of hypotheses, methods and theoretical
approaches in the area of Writing and Its Use .
In concrete terms, that involved preparing a comprehensive inventory, first of all, to
gain an overview of the subject and the approaches to the problem. Furthermore, all
these individual parts had to be compiled and combined, to order the material in such
a way as to facilitate the assignment of each part to a particular section of the handbook
and to reveal the relationships between the respective parts. In other words, the material
had to be structured. Finally, the various parts had to be balanced out against each
other, in order to prevent any major imbalances from arising. T his task turned out to
be a particularly difficult one, as certain areas have been subjects of intense research
for quite some time already, such as the history of scripts and writing systems, and
others have not been studied much at all, such as the history of reading and writing as
processes.
A systematically structured outline of the entire field makes it possible to discover
existing research gaps and draw attention to fundamental deficiencies. It cannot be the
task of this handbook to close these gaps or eliminate these deficiencies. Nevertheless,
the editors have very much considered it their obligation, and that of all the authors,
to make the substantial heterogeneity of the subject visible, presenting the various
approaches that have developed in the different sciences, and pointing out existing
theoretical deficiencies. In this way, the editors hope to contribute toward a more
unified and comprehensive treatment of the subject.

3. Conceptuality
The ubiquity of Writing and Its Use tends to blur the perceptive and conceptual clarity,
as is the case with many fundamental concepts used by very different sciences. It is
therefore not surprising that a uniform conceptuality is lacking, and thus no generally
accepted terminology in the area of writing and literacy exists. A large number of
expressions commonly used in the scientific discourse concerning Writing and Its Use
have their roots in colloquial language and their meanings often differ only slightly
from the common usage. T here is only a very small percentage of expressions which
could be regarded as purely specialized terminology.
Uniform concepts and generally accepted terminology can of course only exist to
the extent that a theory of Writing and Its Use or an integrated theory of all its aspects
is available. T his is true only in certain areas. T he question also remains what would
comprise such an „interdisciplinary theory.” For this reason, suggestions are not made
in the following for uniform conceptualization, not to mention the standardization of
terminology in the field of Writing and Its Use. T he collection of articles in this
handbook are thus not to be subjected to any uniform language use. Rather, the
following notes aim to provide a general orientation with respect to the different
XXX Preface

connotations that are associated with certain expressions in the scientific literature. The
present state of research on Writing and Its Use makes it inevitable that each article
use its own set of concepts, so that the same expression can have different connotations,
depending on the article and context in which it appears. The only concepts mentioned
immediately following are those presupposed in the 149 articles of this handbook. The
conceptual interpretation of particular aspects will then be explicated in the articles
themselves.

3.1. Writing, Script (Schrift)


T he most general term with which to speak about the subject of this handbook is
writing . Many different ways of using the word as a noun may be distinguished, i. e.
expressions like Writing is the most important invention of mankind, Writing differs from
speech, Chinese writing looks beautiful, the writings of Plato . In common and scientific
usage alike, the expression can refer to the entire field of Writing and Its Use as well
as to particular aspects such as the written language, characteristics of written signs,
or written documents.
T his very general use of the English word writing is similar to that of the German
word Schrift (see the German VORWORT to this handbook p. VIII). However, the
basic meaning of German Schrift, i. e. „set of characters,” is usually rendered by script
in English; script, however, is also used for handwriting as opposed to print. Because
of these systematic ambiguities of writing and script and their German counterpart
Schrift, their precise meaning can be only determined by context.
In the English title of this handbook, we try to catch the very wide use of the noun
writing; by the addition of and its use we attempt to make clear that also the verbal
reading of the word is intended, i. e. the individual and social processing of writing.

3.2. Literacy (Schriftlichkeit; Literalität)


Literacy, like writing, is a term with very different applications; however, it relates
only
partially to the German term Schriftlichkeit. Schriftlichkeit includes everything that can
be modified by the word written or literate. T he expression is used to refer to the
following:
(1) Texts that either arise as a condition of the written medium or are marked by a certain way
of conceiving, composing or formulating a text
(2) Persons who can read and write and/or have access to knowledge passed down in canonical
writings (in Latin litteratus )
(3) Conditions of society which are not only characterized by the fact that representative segments
of the population can read and write; rather, that social life in general is influenced by forms
of written communication
(4) Cultures in which important institutions such as religion make reference to written texts, the
acquisition of the ability ro read and write is a goal of education, or reading and writing
influences the thought and behavior of the people.
T he choice of Schriftlichkeit as a major heading seems to be a German peculiarity.
As for literacy , its main application is in (2) and (3) above. Interestingly, it seems that,
on the one hand, the present use of German Schriftlichkeit can be traced back to the
English opposition of literacy vs orality in its general sense. On the other hand, the
English dichotomy is very often rendered in German by the rather artificial coinings
Literalität vs Oralität. T his leads quite often to a lack of clarity in German, as the
expressions Literalität and Schriftlichkeit , corresponding approximately to literacy and
writing , cannot always be used interchangeably. In English, again only the context can
determine if a more precise meaning of literacy is intended.
Preface XXXI

3.3. Written Language (Schriftliche Sprache)


In addition to writing, the expression written language is sometimes used either as a
major heading for the entire conceptual field or for a specific aspect of the field. Five
different approaches can be identified in scientific literature with respect to differentiated
use of the expression.
(1) Written language as a linguistic means of structuring texts. In this sense, no distinction is
made between the form of a written utterance and the linguistic means used in producing it.
The expression is no longer used in this way in linguistic literature, although it does appear
in other disciplines, above all in literary studies.
(2) Written language as a selection of linguistic means chosen under functional points of view
(stylistic concept). One also speaks of variation, styles of speech, and registers. This aspect
does not deal with specific qualities of texts, but with the linguistic means used in written
utterances/texts (i. e., morphological, lexical, syntactic, pragmatic). This concept is widely
used in recent linguistic research.
(3) Written language as the written form of a language (glossematic concept). This concept is
based on the fact that many languages exist in two forms of expression — a spoken one and
a written one — but that both together are seen as representing one language.
(4) Written language as the written norm of the language (functional concept). The structuralists
of the Prague School, who developed this concept, distinguished between the functions of
written and spoken utterances and texts, and based on this, inferred the existence of two sets
of norms for a specific language.
(5) Written language as the language used for reading and writing. This concept is not based on
the relationship between oral (spoken) and written language, but on the relationship between
a language and the individuals who use it. A different language is used for writing than the
one used for speaking. It is precisely this language that is referred to as written language.
Particularly with regard to this expression, it is important to mention that its meaning
can vary even within a single article.

3.4. Writing System, Orthography (Schriftsystem, Orthographie)


Because of the ambiguity of the expressions writing and written language, some concepts
have been defined more rigidly in the past few decades, particularly in the field of
linguistics; to some extent they are defined less rigidly in other sciences and in
colloquial
usage.
T he way in which languages are put into writing varies from language to language.
In logographic writing systems, the characters refer approximately to words or mor-
phemes; in syllabographic systems to syllables; in alphabetical systems to minimal units
of the sound system. In a linguistic context, the term script type or type of writing
system denotes the way a language is put in written form, according to the prevailing
size of linguistic units. A systematic relationship often exists between the language type
(isolating, agglutinative, inflectional) and the script type.
In individual languages, the signs belonging to a script type are then used in different
ways. The writing system (Schriftsystem) of a language determines the form of written
utterances. In addition to the relationship between the sound units and the written
signs, this includes punctuation, the differentiation between upper and lower case, and
conventions for the form of written utterances and texts (letters, essays), etc. T here is
a narrower interpretation, according to which the term writing system is limited to the
subordinate level of phoneme-grapheme correspondence. Linguistic research on written
language systems has been largely limited to this area in the past. Various authors call
this graphemics (Graphemik), a term used by others to refer to research on writing in
general. Within certain theories, the term writing system is used in a very strict sense;
in other approaches, the term is used for anything referring in a linguistic sense to
writing and written language.
XXXII Preface

Most modern writing systems include certain codifications, that is, a prescriptive set
of rules defining a norm for writing. Such a code is referred to as orthography. It
determines whether a written utterance is correct or not, i. e., it is a prescriptive form
of describing a writing system. Regarding regularities in writing for which no prescrip-
tive codification exists, the term sometimes used is spelling (Graphie).
The distinction among writing system, spelling and orthography in scientific language
use is normally only made by linguists and philologists. Cognitive psychology and
educational literature, for instance, rarely differentiate between these terms.

3.5. Character, Grapheme (Schriftzeichen, Graphem)


The concepts script, script type, and writing system are based on the notion that written
language is served by a limited inventory of elements which can be referred to in a
theoretically neutral sense as characters . T his concept has the advantage of being a
broader term than letter or grapheme, and it can be applied to different script types
and writing systems: letters of Latin or Greek alphabets, Japanese kana, and Chinese
hanzi are all characters in this sense.
T he subset of characters which are combined to form meaningful units in syllabo-
graphic or alphabetical systems are called graphemes . Similar to the term phoneme,
grapheme also refers to a theory-dependent theoretical construct. T his involves two
opposing conceptions: first, the older use of the term grapheme denotes those characters
or character combinations through which phonemes of the spoken language are ren-
dered in writing. The more recent concept defines grapheme in a purely distributional
sense as the smallest meaningful unit of the written form of a language, without regard
to phonology. Outside of the field of linguistics, use of the term grapheme cannot be
assumed to signify a specific connotation; it is often simply used to denote a character
or a letter.

3.6. Writing, Reading, Text (Schreiben, Lesen, Text)


These terms are defined most flexibly of all terminology related to this field. In this
handbook, they are used to denote a wide variety of concepts. For this reason it makes
sense to describe the main differences in the possible uses.
T he verbal reading of writing has three meanings in colloquial usage:
(1) The process of putting characters, particularly letters and numbers, on paper
(2) The process of putting something meaningful, as a text, on paper; to put in written form
(3) To be active as a writer
There is a definite semantic relationship among these meanings: No. 3 implies no. 2,
and no. 2 implies no. 1. It is not always clear which of these meanings is intended; it
is difficult to know what is meant by, for example, learning to write . For this reason,
an unambiguous expression is being used more and more in scientific literature to
express no. 2.: the production of written utterances or texts . This denotes all activities
with the common goal of creating a written utterance or text, from the notion of its
thematic, compositional and linguistic development up to the formulation, recording,
editing and publication of the work. One might also say that the term writing can be
used both in a more narrow sense (no. 1) and a broader sense (no. 2). It is of utmost
importance to determine which sense of writing is meant with respect to discussion in
many areas, for example, in defining the term functional literacy .
Similarly, there is a narrow and a broader meaning of reading . T he narrow sense
refers to all processes that are involved in reading in any form. T his includes eye
movements as well as the related cognitive processes of letter and word recognition
and their integration into sentences, i. e., the conversion of written utterances into
Preface XXXIII

mental, linguistic representations. Reading in the broader sense can be described


analogous to writing as the reception of texts. The reading process in this sense includes
the structuring of text information into individual knowledge inventories, the critical
evaluation of this information, comprehension of unknown information, affective and
cognitive assessment of the language used, the relationship to the author and/or the
subject matter of the text, etc.
In the process of writing, written utterances are produced; the process of reading
involves the reception of such utterances. Sometimes, all linguistic utterances are
referred to as text in linguistics research. Such an expansion of the concept is uncommon
in everyday usage, in which the reference of the term to written material is essential
(in this sense, the expression „oral text” would be a contradiction in terms). In text
linguistics, utterances (usually written) are considered texts only if they satisfy the
conditions of coherence, intention, isolation, cohesion, etc. Certain pragmatic concep-
tions refer to texts as the outcome of an extended („zerdehnte”) speaking situation; in
this sense it is not the written state that makes an utterance a text, but its isolability.
In the absence of any more specific conditions, the expression written utterance is
intended in a more neutral sense.

4. Structural Organization of the Handbook


In the organization of the handbook, the editors payed particular attention to the
criterion of establishing clearly discernible subject areas. As a result, there is no chapter
on cultural studies, yet there is one on literate cultures, and another relating to social
aspects. Similarly, there is a chapter that deals with language per se, but not linguistic
studies. T his is the only way to adequately define the systematic relations between
interdisciplinary aspects of Writing and Its Use (Schrift und Schriftlichkeit).
T his orientation influenced the form as well as the placement of each individual
chapter. T he global and general aspects of the subject matter presented in chapter I
are followed by the presentation of issues dealing with the material constitution of
writing in the broadest sense (chapter II). Chapter III covers the history of writing.
This chapter precedes the other appropriately arranged sections, to some extent due to
the fact that the history of writing has been a topic of interest for quite some time
already, therefore representing the section of the handbook that has been researched
most extensively.
Chapters IV and V present the major aspects of a literature culture in terms of
cultural regions and social functionality. Chapter VI then deals with social aspects, and
chapter VII with psychological ones. Issues relating to the acquisition of reading and
writing skills, including educational aspects are discussed in chapter VIII. Chapter IX
presents linguistic aspects of Writing and Its Use . Hence, the important aspects of the
subject are arranged from top to bottom, so to speak: it begins with culture as the
most global aspect and branches out to the specific linguistic manifestations. Chapter
X is also part of this development, including special writing systems. An extensive
index will show the interdisciplinary references on a micro level.
Following is a brief description of the arrangement of the articles in the individual
chapters.

4.1. General Aspects of Writing and Its Use


In the first chapter, interdisciplinary foundations of research on Writing and Its Use
are presented. Art. 1 Orality and Literacy discusses modern approaches to defining the
relationship between spoken and written language. With respect to the distinction
XXXIV Preface

between a medial and a conceptional dimension, long-standing issues of the relationship


between spoken and written language, between orality and literacy are relativized and
new perspectives are developed. The subject of art. 2 Function and Structure of Written
Communication is all forms of linguistic activity in which written means are used to aid
comprehension between communication partners. T he elementary structures of the
written form of linguistic communication are described and its social consequences are
discussed, particularly with regard to further applications. Basic aspects of a semiotic
analysis of writing and written language, the relationship to spoken language and to
other sign and notation systems are discussed in art. 3 Semiotic Aspects of Writing .
T he remaining articles of the first chapter take a historical perspective. Art. 4 The
History of Writing and art. 5 The History of Reading deal with the two fundamental
processes involved in written communication. T he writing process results in a written
text and the reading process always presupposes the existence of a text. T hese written
texts have taken various forms in the course of history. Art. 6 The History of the Book
characterizes the development from written texts to books and beyond. Art. 7 History
of the Reflection on Writing and Its Use provides an overview of historical developments,
helping to shed light on the diverse explicit and implicit prerequisites for the scientific
treatment of the relationship between orality and literacy.

4.2. Material and Formal Aspects of Writing and Its Use


What matters most in the difference between speech and writing is matter, i. e. different
materiality. Spoken utterances are produced auditively by organs developed for that
purpose. T hey extend for a duration, but last only for a temporary period of time.
Written utterances are produced with tools for the visual dimension. They extend over
space and are not temporary. T hese fundamental qualities of written utterances and
texts are the basis for the structural differences between written and oral utterances.
Art. 8 Traditional Writing Materials and Techniques presents a description of the most
important writing instruments, materials, and techniques in the pretypographical age.
Art. 9 then follows with a presentation of modern Electronic Reading and Writing
Technology, with reference to the individual reader and writer dealing with these
techniques.
T he lastingness of written texts makes it possible to preserve them over time. T his
also leads to corresponding problems in locating information. Art. 10 Archiving of
Written Texts deals with traditional methods and art. 11 Data Bases with modern
computer-aided techniques and their relationship to writing.
Special formal aspects of written utterances are among the results of the organization
of writing over space. In art. 12 The Development of Letter Forms in Western Alphabets,
the development of the modern roman script from its Semitic-Greek origins is syste-
matically reconstructed from paleographic and cognitive perspectives. T he most im-
portant prototypes from the occidental sphere such as monumental script, uncials,
Carolingian minuscules, etc. are discussed in detail. T he material innovations and
technical changes that came with the printing press, including the external form of the
characters themselves and their organization on a page and in a book are the subject
of art. 13 Typography. In contrast to that, art. 14 Calligraphy focusses on the aesthetic
potential of script and how this was used in various writing traditions throughout the
world.

4.3. The History of Writing


T he history of writing is the most extensively researched section in this handbook.
Nevertheless, there has been a growing amount of critical debate in recent years on
historical theories of the writing systems on which many presentations are based. Art.
Preface XXXV

15 Theory of the History of Writing considers the basic issues of modern theories of
the history of writing, within the context of efforts to find its origins, the boundary
between script and other visual signs, the reference to the structure of written language,
and the principles upon which the synchronic development of writing systems are based.
T he question as to the origin of writing must be answered case by case; and often,
the answer remains speculative. As regards Sumerian script, however, which can be
considered the origin of all occidental writing systems, research in the last twenty years
has succeeded in reconstructing the evolution rather reliably. T his is presented in art.
16 Forerunners of Writing. Art. 17 Old European-Old Mediterranean Scripts deals with
written signs that are possibly even older, though they have only been brought to
attention a few decades ago.
The next set of articles views the development of individual writing systems or groups
of writing systems. First, the many writing systems are discussed that developed in the
Near East and spread out from there: the Sumerian-Accadic Cuneiform Scripts (art. 18)
and Egyptian Hieroglyphics (art. 19). From the Mesopotamian and Egyptian founda-
tions, many syllabic and consonantal scripts developed (art. 20—24): The Northwest-
Semitic Scripts, The old South- Arabic Script, The Arabic Script, The Ethiopean Script,
and The Indian Script. Based on the Northwest-Semitic systems and being invented
just once in history, The Evolution and Spread of Alphabetic Writing is dealt with in
art. 25.
The next series of articles discusses the two other major regions of the world where
writing systems developed. Art. 26 deals with the Evolution of the Chinese Writing
System over more than 4000 years in China and art. 27 with Adaptations of the Chinese
Writing System in Japan, Korea and Vietnam. The historical writing systems of Central
America took a unique development path, though due to external circumstances, these
could not be continued. Because of this uniqueness regarding the development of
Central American Writing Systems (art. 28), they are of considerable interest from a
comparative point of view, especially since recent findings and decipherings have
facilitated access to and comprehension of these writing systems.
It is a difficult undertaking to gain access to writing systems that are no longer in
use. Signs which are assumed to be part of a writing system, but are not directly
decipherable have always been a source of fascination for science. Art. 29 Decipherment
outlines some particularly interesting stages in the history of deciphering and the
systematic hypotheses arising as a result.

4.4. Literate Cultures


Writing and writing systems have led to the tradition and production of texts for
hundreds and thousands of years. Some of these have had fundamental significance
for the societies in which they were produced. Writing has thus contributed to the
creation, development, continuity and changes of culture in these groups. The expression
literate culture (Schriftkultur) can be used to summarize this aspect. Because such an
exceptionally large volume of written material has been produced up to the present
day, the articles in this chapter do not strive simply to provide surveys of cultural
tradition. Much more, an attempt is made to examine to some extent very well-known
and well-documented facts on the impact and status of writing and literacy in a given
culture. The focus is placed on two questions: (1) What specific text types have evolved
as characteristic of a given literate culture? (2) What specific traditional needs and
innovative processes can be seen in each of these cultures?
Two general articles start off the chapter. Art. 30 Oral and Literate Cultures analyzes
and relativizes the theories of recent years on the relationship between oral and literate
cultures. Art. 31 On the Threshold to Literacy represents an antithesis of sorts, attempt-
XXXVI Preface

ing to define the criteria which determine when a culture can be regarded as a literate
one.
T he discussion of The Sphere of Chinese Characters (art. 32) and The Sphere of
Indian Writing (art. 33) is followed by six historical articles, dealing with The Literate
Culture of Ancient Egypt, Near Eastern Cuneiform Cultures, The Northwest- Semitic
Literate Cultures (art. 34—36), The Greek (art. 37) and The Roman Literate Culture of
Antiquity (art. 38), and finally The Arabian Literate Culture (art. 39).
Three developmental aspects of western literate cultures are dealt with in the following
articles. Art. 40 The Latin Literate Culture of Medieval Europe emphasizes a fact that
is often neglected, namely, that the literate culture in Medieval Europe was based
virtually only on Latin, and discusses the major examples. Art. 41 The Evolution of
Vernacular Literate Cultures in Europe nevertheless requires a comprehensive presen-
tation, since modern western literate cultures developed from these beginnings. The
Impact of the Printing Press (art. 42) represents a major break, which — along with
certain preconditions — paved the way for very different, modern forms of literate
culture to develop over time. Since these modern forms are discussed in various articles,
particularly in the next two chapters, this chapter closes with art. 43 on Perspectives
of Literate Culture.

4.5. Functional Aspects of Literacy


Writing and literacy are valued differently in specific areas of social life. Their different
functions develop in a continuous interrelationship with oral tradition. This relationship
can be competitive and problematic or it can be parallel and complementary, varying
to some extent according to the particular area under consideration.
T his chapter deals with the major areas of society that affect and are affected by
writing and literacy. The chapter starts with art. 44 Writing and Language . This includes
discussion of how writing affects language at a wide variety of levels (conception,
discourse, variation, standardization) as well as interactions with spoken language in
the other direction. T he articles in the next group each deal with a specific area in
which the particular expression of a literate culture was and is of great significance:
Writing and Religion (art. 45), Law (art. 46), Trade (art. 47), Technology (art. 48),
Industrialization (art. 49), and Education (art. 50). These are followed by four contri-
butions on the role of literacy in cultural spheres, namely, Writing and Philosophy (art.
51), Science (art. 52), Literature (art. 53) and Philology (art. 54). The subject matter of
the last article in this chapter, art. 55, is Secondary Functions of Writing. Examples are
provided for the use of writing in contexts which are not (directly) language-related,
such as in magical writings, anagrams and pictures incorporating script, etc.

4.6. Social Aspects of Literacy


Social issues of writing and literacy are concerned with such aspects as societal access
to the rules and standardization of a written language, the skill level with respect to
the written language form, the achievement of societal literacy and its promotion.
Articles 56—61 present the connection between the establishment of a written form
of a language and social and political objectives. Art. 46 Orthography as a Norm for
the Writing System discusses the significance of a standard form of writing in languages
with a long standing writing tradition. The next few articles deal with the establishment
of a written form of a language, either through the adaptation of an existing writing
system for another language (art. 57 Codification by Means of Foreign Systems) or
through an independent development (art. 58 Native Creation of Writing Systems). Art.
59 Development and Reform of Orthography focusses on the German language. In
contrast to these concepts, based on a single language model, art. 60 Writing and
Preface XXXVII

Diglossia and art. 61 Writing Systems in Contact present, respectively, the phenomena
of divergent written and spoken language forms and of multiple written languages in
a society, phenomena which can be increasingly observed throughout the world.
Every person who does not suffer from a disability can speak, yet not all people can
read and write. Art. 62 Demographics of Literacy discusses the problems with respect
to assessing literacy, providing data on the proportion of illiteracy in various parts of
the world. Articles 63—69 then deal with problems facing mass literacy campaigns in
modern times. Art. 63 The Promotion of Literacy in the „Third World” outlines the
issues systematically. T he work of the two most important non-governmental agencies
of literacy campaigns is presented in art. 64 UNESCO’s Efforts in the Field of Literacy
and art. 65 Mother Tongue Literacy — the Work of the S. I. L. , followed by a series of
case studies: The Soviet Experiences and Models of Promotion of Literacy, Literacy
Movements and Literacy in Ethiopia, Literacy Movements in Central and South America
and the Caribbean, The Chinese Experiences and Models of Promotion of Literacy, and
The Promotion of Literacy in East Asia: The Case of non- Chinese- Speaking People in
China (art. 66—70). (Planned articles on Swahili and French-speaking Black Africa
could not be realized.) These are followed by two historical articles on The Development
and Advancement of Literacy in Germany (art. 71) and in England and North America
(art. 72). Article 73 finally deals with the issue of Literacy and Illiteracy in Modern
Industrial Nations .
Problems of Censorship (art. 74) and Copyright (art. 75) are also social aspects of
writing and literacy; these two articles complete the first volume.

4.7. Psychological Aspects of Writing and Its Use


Whereas the previous chapters dealt with issues of Writing and Its Use that are of a
social, non-individual nature, this section focusses on issues concerning the use of
writing by the individual. Art. 76 Writing and Psychological Structures presents, similar
to the articles of Chapter V, the ways in which access to literacy influences mental
organization, that is, cognitive and emotional processes, the capacity to learn, and
processes of forgetting. Art. 77 Production and Perception of Spoken and Written
Utterances contrasts basic characteristics of oral versus written language processing by
the individual and, based on recent models, formulates differences.
T he next set of articles are concerned with the reading process. First, a Historical
Outline of Psychological Research on Reading is presented in art. 78. Reading can be
considered one of the longest standing research areas in the field of experimental
psychology. The most significant research methods in this area are explained in art. 79
Research Methods in the Psychology of Reading. Because one specific method has
experienced such tremendous progress, it has been extracted for special attention,
namely, eye movement analysis. Art. 80 Eye Movements During Reading offers a survey
of the findings in this area. The next article, The Perception of Words and Letters (art.
81), deals with the core of experimental research on reading over the last hundred
years, concentrating on questions as to the size of units of perception, the extent of
phonological recoding, and the role of lexical structures. Art. 82 Reading as a Means
of Text Processing then deals with text processing; recent research findings on fluent
reading and text comprehension are discussed.
Writing has been a subject of psychological research to a much lesser extent than
has reading. Art. 83 Historical Outline of Psychological Research on Writing provides
a thorough survey of older research. Art. 84 Research Methods in the Psychology of
Writing systematically reports on recent research methods in the field of text production.
T he most significant newer models of the writing process are presented in art. 85:
Writing as a Mental and Linguistic Process is devoted to the writing process in its entire
XXXVIII Preface

complexity, from planning or conception to the process of translation into language to


editing and the interaction of the various individual processes.
T he executive-motoric aspects of the process of writing are handled in separate
articles. Art. 86 Writing by Hand deals with handwriting, including physiological
foundations and pathological disorders of the process. T he process of determining the
writer on the basis of handwriting for forensic purposes is the subject of art. 87 Forensic
Handwriting Analysis; and attempts to trace the connection between handwritten signs
and individual personality traits is discussed in art. 88 Graphology. Because of the
relatively scarce amount of psychological literature on the subject, Typewriting and Its
Forensic Analysis are treated together in art. 89. Art. 90 Writing with a Computer
characterizes the fundamental psychological aspects of writing with this new medium.
Spelling forms a problem field of its own which will be discussed again in chapter
VIII with reference to acquisition problems. Art. 91 Psychological Aspects of Spelling
deals with the role of orthography in writing by adults, looking particularly at patho-
logical disabilities.
Articles 76—91 are based, partly due to the research situation, primarily on findings
relating to specific languages — most of all English, though to a certain extent German
or other languages. T he next two articles deal with fundamental problems of such a
research situation. Art. 92 The Influence of an Alphabetic Writing System on the Reading
Process and art. 93 Cross-Linguistic Analyses of Basic Reading Processes, with Emphasis
on Non- Alphabetic Writing Systems discusses different models on the basis of experi-
mental findings. T he analysis of Disorders of Written Language Processing (art. 94) is
also an interesting aspect of recent psychological research on writing. T he article not
only deals with the connection between such disorders and other language disabilities,
but also analyzes such disorders in view of neuropsychological models of the mental
lexicon and of language processing in general.

4.8. The Acquisition of Literacy


Chapter VIII combines different aspects of literacy acquisition which have traditionally
been treated within separate contexts. Processes of developmental psychology, language
learning processes, methodological and didactic considerations of teaching, and acqui-
sition process disorders are all discussed within the common context of acquisition.
T here is no question that the acquisition of speech takes place to a large degree
spontaneously in early childhood, whereas the acquisition of reading and writing skills
is normally directed by didactic objectives and methodological instruction. Nevertheless
it would be false to assume that the phase of undirected learning processes is simply
replaced by directed processes in school. In fact, the learning processes that take place
in school are always accompanied by individual learning processes outside of school.
For this reason it is necessary to distinguish between the individual psychological
aspects of the acquisition of literacy, on the one hand, and the didactic, methodological
aspects, on the other, as well as to trace the connections between the two. This chapter
is introduced by art. 95 Aspects of the Acquisition of Literacy and art. 96 Conditions of
Acquisition and Teaching of Reading and Writing, both of which discuss such funda-
mental issues.
Articles 97—102 deal with psychological aspects of the acquisition of literacy from
their beginnings through their complex development. In art. 97, Early Reading and
Writing is discussed. The next three articles are concerned with psychological processes
involved in acquiring literacy which interact with methodologically and didactically
directed processes at school: art. 98 The Acquisition of Basic Reading and Writing Skills,
art. 99 The Development of Reading Skills , and art. 100 The Development of Writing
Skills. In art. 101 Acquisition of Written Language under Conditions of Multilingualism,
Preface XXXIX

a subject is discussed which has long been neglected, though it represents what is
currently a relatively normal situation, namely, the acquisition of spoken and written
language in different languages. Finally, art. 102 Written Language as a Means of
Learning Spoken Language deals with the process from a perspective opposite to that
of the normal course of language learning. T he case of deaf people is discussed in
which the primary language acquisition takes place or is promoted in the written mode.
The didactic and methodological aspects of learning to read and write are developed
in the next set of articles. Whereas the subject of instruction is constituted and
legitimized within the context of didactic reflection, the goal of methodological consid-
erations is to develop teaching and learning methods more appropriate to subject and
student. A systematic outline of the subject follows in the next six articles on Aspects
and Problems of the Teaching of Reading resp. Writing: art. 103 Beginning Reading
Skills, art. 104 Advanced Reading Skills, art. 105 Instruction in Literature, art. 106
Beginning Writing Skills, art. 107 Spelling, art. 108 Instruction in Essay Writing. Relevant
factors differ according to the respective socio-historical context, educational tradition,
language, and writing system. There are two historically oriented articles on the didactics
and methodology of instruction in reading and literature, and in writing and essays:
art. 109 History of the Didactics and Methodology of Instruction in Reading and
Literature and art. 110 History of the Didactics and Methodology of Instruction in
Writing and Essay Writing. These are followed by three examples from other sociocul-
tural settings: The Teaching of Reading and Writing in English- Speaking Countries, in
the Arabic- Speaking World, and in East Asia (art. 111—113). Acquisition of Literacy
outside of School is the subject of art. 114. T his includes writing workshops, writers’
seminars, reading circles, book societies, and literary circles.
Difficulties and disorders in the acquisition process often first become apparent
during the school years. Such disorders can stem from individual learning aptitudes
and processing methods as well as didactic decisions and methodological measures.
Art. 115 Disorders in Written Language Acquisition contains a survey of the most
important developmental psychological, pedagogical, and psycholinguistic theories. The
chapter is rounded off with an article on Disorders in Written Language Acquisition
And Learning Disabilities (art. 116). T hese disorders are treated in a separate article
since they have very distinct causes and symptoms, and require a different type of
therapy.

4.9. Linguistic Aspects of Writing and Its Use


Following these social and psychological aspects of writing, linguistic aspects are
treated
in chapter IX. T his includes problems relating to the writing system (art. 117—128),
specific features of written language and written language usage (art. 129—135), and
textual aspects of Writing and Its Use (136—139).
The relationship between Language System and Writing System is discussed in detail
in art. 117. T he question arises whether the reference of the writing system to the so-
called writing principles can be maintained or whether it is not more justified to analyze
the writing system as an autonomous system. T his includes fundamental questions of
orthography. In art. 118, the concept of Typology of Writing Systems is explained
systematically, using individual cases as examples. T he question as to the connection
between Language Change and Writing is treated in art. 119. The hypothesis that written
language always exerts a conservative influence is investigated critically, although
research has not often examined this issue in detail. In addition, the question is posed
as to the consequences that independent changes in spoken and written language have
on the language system as a whole.
XL Preface

T he subjects of the following articles are several writing systems currently in use,
with special references to the relation of each writing system to other levels of the
respective language systems (phonology, morphology, syntax, etc.). The systems chosen
for discussion all represent especially clear examples of particular, widespread writing
systems. The Chinese Writing System (art. 120) is chosen as an example of a logographic
system and The Japanese Writing System (art. 121) as an example of a word-syllabary
one. Of the three main types of alphabetic systems, the Indian Devanagari (art. 122) is
described as an example of the alphabetic-syllabic systems and The Arabic Writing
System (art. 123) as a consonantic alphabetic system. T he opposition between phono-
logically shallow and deep alphabetic systems is outlined by means of descriptions of
some widespread systems. The Spanish Writing System (art. 124) which can be consid-
ered very shallow, and The English Writing System (art. 125), a strongly morphologi-
calized deep system, represent extreme cases, and the French (art. 126), and German
(art. 127) writing systems can be situated within this range. (Planned articles on the
Russian writing system and on written language in Russian could not be realized.)
These systems can also be distinguished from one another with respect to other features,
such as capitalization, foreign word usage, etc. Art. 128 deals with issues of Punctuation,
which have not been researched very extensively up to now, concentrating on the
German language.
T he second part of the chapter is devoted to language as used in written texts, so-
called written language. Only in rare cases are the phenomena treated here restricted
exclusively to written texts. T he forms of expression discussed, however, are generally
distinctive in that they are particularly suited for use in written texts and are thus used
especially frequently in that form. Special features of written language usage can be
found in morphology, lexicon, syntax, and semantics. T aking the respective cultural
conditions into consideration, the next set of articles describes the Written Language:
Chinese, Japanese, Arabic, French, English, and German (art. 129—134). A specific
feature of written language is the occurrence of Abbreviations (art. 135); the article
treats different types of abbreviation conventions in some western European languages
and their historical development.
Textual aspects of the use of writing form the subject of the third part of chapter
IX. Conditions on written texts include constitutive properties of organization and their
consequences, such as linearity, discreteness of signs, and intertextuality (art. 136 The
Constitution of Written Texts ). As regards The Production (art. 137) and The Reception
of Written Texts (art. 138), attention is directed to the processes and activities determined
by the written nature of the text that are involved in the formulation and organization
of written texts and the teaching and interpretation of them. T he structure of written
texts concerns text patterns or text types to the extent that they are used in writing,
that is, whether they are used exclusively in written form, such as in the case of letters,
telegrams, or scientific treatises, or whether they are used both orally and in writing,
as with stories. (Unfortunately, the planned article on the forms of written texts could
not be realized.)
The concept of style is usually associated with written texts but clearly does not refer
to these texts alone. In style manuals, therefore, not only aspects of written texts are
treated, but also questions of oral language usage and communication. Since stylistics
has always been seen in close connection with Writing and Its Use, it is discussed here
in a separate article (art. 139 Stylistics as a Theory of Written Language Usage ).

4.10. Special Writing Systems


The subject of this chapter is quite heterogeneous, dealing with scriptlike sign systems
derived from writing systems such as stenography and secret codes, as well as with
translation into other media and modern substitutes for writing by means of pictograms.
Preface XLI

Art. 140 Writing and Notation provides a systematic comparison of these two
concepts, in an effort to distinguish writing from other systems of notation. The notion
that written signs are used in almost all writing systems for mathematical and organi-
zational purposes is outlined historically and systematically in art. 141 Writing as a
Numbering and Ordering System, centered around the development and use of alpha-
betical order. Another notational system, which is not to be characterized as a script
type, is Phonetic Transcription, treated in art. 142.
T he next set of articles deal with topics of a different type, namely, the translation
of a sequence of written symbols into other sequences. Art. 143 deals with the techniques
of Transliteration, i. e., the translation of symbols of one writing system into those of
another. Art. 144 presents the basic principles and the most important systems of
Stenography. The use of written signs as a means of secret and coded communication
is the subject of art. 145 Secret Codes. The history, techniques, and channels of secret
codes are described. T he next few articles deal with additional transformations, such
as Braille (art. 146), the writing system for the blind. T his involves the transfer of
written signs from the visual to the haptic dimension. Art. 147 Hand Alphabets, deals
with the transformation of permanent written signs to temporary movements for
comprehension by the deaf, and Technical Codes (art. 148) with coding of written signs
for computer use.
Finally, in the last article of the handbook, art. 149 Modern Pictography, this modern
form of visual information is examined and the question is posed to what extent this
represents a writing substitute.

5. Preparing the Articles


The principles used in preparing the individual articles are very similar to those used
for other handbooks in the HSK series. Each article had to be comprehensible on its
own, thus containing all information necessary to recognize the phenomenon under
consideration and to facilitate understanding of existing solutions to the problem, as
well as other possible solutions. It was taken for granted that there would be some
degree of overlapping among the articles. Points of contact are indicated by cross-
references inserted by the editors. The bibliographic references are primarily for newer
works; older references are only included if they are particularly important. In other
words, no effort was made to include a comprehensive bibliography.
T here are, however, some features which are particular to this handbook, arising
primarily as a result of the interdisciplinary perspective already mentioned in section
2. Many of the articles are written by scientists who do not work within the field of
linguistics and communications sciences; rather, their sphere of influence is a very
different one. T he resulting problem of an extremely diverse set of concepts and
terminology could (at the present time) not be solved by offering a standard to be
complied with (see section 3 above). It could not be avoided, therefore, that the
individual chapters each use their own set of concepts and terms; in fact, such
differences
sometimes even appear in adjacent articles within a given chapter. Wherever possible,
therefore, the editors urged authors to introduce concepts that have different meanings
in different disciplines in a way that would define them, insofar as the intended
connotation was not already implied; see also section 3 above.
T he attempt to provide a truly interdisciplinary work is also reflected in the pres-
entation of theoretical approaches. First, it cannot be avoided that more or less mutually
exclusive theories are supported in two different articles. T his is true, for example, in
the case of the position that the writing system is dependent on the spoken language,
as opposed to the position that the written form of a language is autonomous. T his
XLII Preface

reflects the present state of research and the problem of insufficient or nonexistent
interdisciplinary exchange of information up to now. In areas where such a conflict of
positions was forseeable, the editors made every possible effort to represent each existing
research position.
A perhaps more serious problem is the lack of comprehensive knowledge of basic
principles of a given field, in articles from areas outside of that field. In many articles
in chapters VII and VIII, for example, the linguistic concepts which represent the basis
of certain psychological, developmental psychological, and educational interpretations
are very often expressed in a very naive manner. This, too, corresponds to the present
state of research. In very flagrant cases, the editors brought it to the attention of the
authors, though the result was not always satisfactory. It cannot be expected that the
desired goal of this handbook, that is, the intensification of interdisciplinary exchange,
be totally achieved through the existence of the handbook itself.
Because the editors were aware of this problem, however, particular attention was
paid to the preparation of the index. T he method of reference is explained there.
Particularly in the case of divergent theories or conceptuality, it is highly recommended
to make extensive use of the index.

6. Acknowledgements
When the first volume of this handbook becomes available, the editors will have already
spent more than ten years on the project. In 1988, after five years of preparatory work,
the concept for the handbook was publicly presented, which resulted in the editors
receiving much stimulus and numerous ideas, leading to improvements and
supplements,
as well as the inclusion of additional articles. The first invitations were sent to authors
in early 1990, and they also responded with further suggestions. T he Studiengruppe
Geschriebene Sprache, a group of scientists representing various disciplines, planned
and supervised the project. The group is sponsored by the Werner Reimers Foundation;
it was founded in 1981 and has been meeting semiannually since then in Bad Homburg,
Germany. T he Foundation has provided extensive support over all the years of the
work of the group in general, and the preparation of the handbook in particular. T his
is why the editors would like to thank first and foremost the scientific council of the
Werner Reimers Foundation and their staff, without whom this project would never
have been completed.
All of the members of the Studiengruppe, listed below, participated in the conception
of the handbook, in developing its structure, both in terms of formal aspects and the
contents, and in supervising individual articles and entire chapters: Jürgen Baurmann
(Wuppertal), Florian Coulmas (T okyo), Konrad Ehlich (Munich), Peter Eisenberg
(Potsdam), Heinz W. Giese (Ludwigsburg), Helmut Glück (Bamberg), Hartmut Günther
(Innsbruck), Klaus B. Günther (Hamburg), Ulrich Knoop (Marburg), Otto Ludwig
(Hannover), Bernd Pompino-Marschall (Berlin), Eckart Scheerer (Oldenburg), and
Rüdiger Weingarten (Bielefeld), as well as Peter Rück (Marburg) and Claus Wallesch
(Freiburg), who are no longer members of the group. The two main editors would like
to thank their collegues, without whom it would not have been possible to produce a
handbook on such a broad, heterogeneous, unstructured interdisciplinary field as
Writing and Its Use .
All of us, main and associate editors alike, would like to express our sincerest thanks
to the many authors of the individual articles for their willingness to take on articles
in this very difficult field; for the time and energy they invested in preparing the
manuscripts; and for their patience in listening to our reservations, objections and
suggestions, and in incorporating these ideas into their articles wherever possible. Our
XLIII

special thanks go to those authors who jumped in at the last minute for others, and to
our numerous colleagues who assisted us in the search for such last minute authors.
We would also like to express our appreciation and sincerest thanks to the editors
of the handbook series, Hugo Steger and Herbert Ernst Wiegand, for their openness
to the idea of publishing a handbook in this series in an area which has yet to become
firmly established as a research field, and for their unwavering presence and support
of the project; our thanks also go to the de Gruyter Publishing Company and their
staff, especially Christiane Bowinkelmann, Christiane Graefe, Angelika Hermann,
Heike Plank, Susanne Rade, Dr. Brigitte Schöning and Prof. Heinz Wenzel, for the
careful preparation and printing of the handbook.
Finally, we would like to thank Dr. Jutta Becher, for her efforts in the arduous task
of giving structure to this very heterogeneous field in two comprehensive indices.

Hartmut Günther, Innsbruck


Otto Ludwig, Hannover
XLI

Inhalt/Contents

1. Halbband/Volume 1

Vorwort V
Preface IX

I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit


General Aspects of Writing and Its Use
1. Wolfgang Raible, Orality and Literacy (Mündlichkeit und Schriftlich-
keit) .............................................................................................................. 1
2. Konrad Ehlich, Funktion und Struktur schriftlicher Kom m unikation
(Function and Structure of Written Communication) .................................. 18
3. Roy Harris, Sem iotic Aspects of Writing (Semiotische Aspekte der
Schrift) ......................................................................................................... 41
4. Otto Ludwig, Geschichte des Schreibens (The History of Writing) ............ 48
5. Hans-Martin Gauger, Geschichte des Lesens (The History of Reading) ..... 65
6. Claus Ahlzweig, Geschichte des Buches (The History of the Book) ........... 85
7. Brigitte Schlieben-Lange, Geschichte der Reflexion über Schrift und
Schriftlichkeit (History of the Reflection on Writing and Its Use) .............. 102

II. Materiale und formale Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit


Material and Formal Aspects of Writing and Its Use
8. Otto Mazal, Traditionelle Schreibm aterialien und -techniken (Tradi-
tional Writing Materials and Techniques) ................................................... 122
9. Eckart Hundt & Gerd Maderlechner, Elektronische Lese- und Schreib-
technologien (Electronic Reading and Writing Technology) ....................... 130
10. Axel Behne, Archivierung von Schriftgut (Archiving of Written Texts) ...... 146
11. Rüdiger Weingarten, Datenbanken (Data Bases) ........................................ 158
12. Herbert E. Brekle, Die Buchstabenform en westlicher Alphabetschrif-
ten in ihrer historischen Entwicklung (The Development of Letter
Forms in Western Alphabets) ....................................................................... 171
13. Herbert E. Brekle, Typographie (Typography) ............................................ 204
14. Christian Scheffler, Kalligraphie (Calligraphy) .......................................... 228

III. Schriftgeschichte
History of Writing
15. Florian Coulm as, Theorie der Schriftgeschichte (Theory of the History
of Writing) .................................................................................................... 256
XLII Inhalt/Contents

16. Denise Schm andt-Besserat, Forerunners of Writing (Vorläufer der


Schrift) ......................................................................................................... 264
17. Harald Haarm ann, Der alteuropäisch-altm editerrane Schriftenkreis
(Old European-Old Mediteranean Scripts) ................................................. 268
18. Manfred Krebernik & Hans J. Nissen, Die sum erisch-akkadische Keil-
schrift (Sumerian-Accadic Cuneiform Scripts) ............................................ 274
19. Wolfgang Schenkel, Die ägyptische Hieroglyphenschrift und ihre Wei-
terentwicklungen (Egyptian Hieroglyphs and Their Development) ............. 289
20. Josef Tropper, Die nordwestsem itischen Schriften (North-west Semitic
Scripts) ......................................................................................................... 297
21. Walter W. Müller, Die altsüdarabische Schrift (The Old Southern
Arabic Script) ............................................................................................... 307
22. Veronika Wilbertz, Die arabische Schrift (The Arabic Script) .................... 312
23. Ernst Hammerschmidt, Die äthiopische Schrift (The Ethiopean Script) ..... 317
24. William Bright, Evolution of the Indian Writing System (Die indische
Schrift) ......................................................................................................... 322
25. Harald Haarm ann, Entstehung und Verbreitung von Alphabetschriften
(Evolution and Spread of Alphabetic Scripts) .............................................. 329
26. Wolfram Müller-Yokota, Die chinesische Schrift (Evolution of the
Chinese Script) ............................................................................................. 347
27. Wolfram Müller-Yokota, Weiterentwicklungen der chinesischen
Schrift: Japan — Korea — Vietnam (Adaptations of the Chinese Script
in Japan, Korea and Vietnam) ..................................................................... 382
28. Nikolai Grube, Mittelam erikanische Schriften (Central American
Scripts) ......................................................................................................... 405
29. Stanislav Segert, Decipherment (Entzifferungen) ........................................ 416

V. Schriftkulturen
Literate Cultures
30. Nancy H. Hornberger, Oral and Literate Cultures (Mündliche und
schriftliche Kulturen) ................................................................................... 424
31. Jack Goody, On the Threshold to Literacy (Die Schwelle der Litera-
lität) .............................................................................................................. 432
32. Tetsuji Atsuji, Der Kulturkreis der chinesischen Schriftzeichen (hànzì)
(The Sphere of Chinese Characters) ............................................................ 436
33. Chander J. Daswani, The Sphere of Indian Writing (Der indische
Schriftenkreis) .............................................................................................. 451
34. Jan Assm ann, Die ägyptische Schriftkultur (The Literate Culture of
Ancient Egypt) ............................................................................................. 472
35. Claus Wilcke, Die Keilschriftkulturen des Vorderen Orients (Near
Eastern Cuneiform Cultures) ....................................................................... 491
36. Wolfgang Röllig, Die nordwestsem itischen Schriftkulturen (North-
west-Semitic Literate Cultures) .................................................................... 503
37. Wolfgang Rösler, Die griechische Schriftkultur der Antike (The Greek
Literate Culture of Antiquity) ....................................................................... 511
Inhalt/Contents XLIII

38. Gregor Vogt-Spira, Die lateinische Schriftkultur der Antike (The


Roman Literate Culture of Antiquity) .......................................................... 517
39. Annem arie Schim m el, Die arabische Schriftkultur (The Arabian
Literate Culture) .......................................................................................... 525
40. Matthias M. Tischler, Das Mittelalter in Europa: Lateinische Schrift-
kultur (The Latin Literate Culture of Medieval Europe) .............................. 536
41. Manfred Günter Scholz, Die Entstehung volkssprachlicher Schriftkul-
tur in Westeuropa (The Evolution of Vernacular Literate Cultures in
Western Europe) .......................................................................................... 555
42. Ernst Brem er, Der Buchdruck und seine Folgen (The Impact of the
Printing Press) ..................................................................................entfällt
43. Rüdiger Weingarten, Perspektiven der Schriftkultur (Perspectives of
Literate Culture) .......................................................................................... 573

V. Funktionale Aspekte der Schriftkultur


Functional Aspects of Literacy
44. Peter Koch & Wulf Oesterreicher, Schriftlichkeit und Sprache (Writing
and Language) ............................................................................................. 587
45. Philip C. Stine, Writing and Religion (Schriftlichkeit und Religion) ........... 604
46. Jürgen Weitzel, Schriftlichkeit und Recht (Writing and Law) ..................... 610
47. Annelies Häcki Buhofer, Schriftlichkeit im Handel (Writing and Trade) ... 619
48. Reiner Pogarell, Schriftlichkeit und Technik (Writing and Technology) ..... 628
49. David R. Olson, Writing and Industrialization (Schriftlichkeit und
Industrialisierung) ....................................................................................... 635
50. Keith Walters, Writing and Education (Schriftlichkeit und Erziehung) ....... 638
51. Manfred Geier, Schriftlichkeit und Philosophie (Writing and Philoso-
phy) .............................................................................................................. 646
52. David R. Olson, Writing and Science (Schriftlichkeit und Wissen-
schaft) .......................................................................................................... 654
53. Catherine Viollet, Schriftlichkeit und Literatur (Writing and Litera-
ture) .............................................................................................................. 658
54. Gustav Ineichen, Schriftlichkeit und Philologie (Writing and Philo-
logy) ............................................................................................................. 672
55. Manfred Geier, Sekundäre Funktionen der Schrift (Secondary Func-
tions of Writing) ........................................................................................... 678

VI. Gesellschaftliche Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit


Social Aspects of Literacy
56. Christian Stetter, Orthographie als Norm ierung des Schriftsystem s
(Orthography as a Norm for the Writing System) ........................................ 687
57. William A. Sm alley, Codification by Means of Foreign System s (Erst-
verschriftung durch fremde Systeme) ........................................................... 697
58. William A. Sm alley, Native Creation of Writing System s (Autochthone
Erstverschriftung) ........................................................................................ 708
59. Dieter Nerius, Orthographieentwicklung und Orthographiereform
(Development and Reform of Orthography) ................................................ 720
XLIV Inhalt/Contents

60. Florian Coulmas, Schriftlichkeit und Diglossie (Writing and Diglossia) .... 739
61. Helmut Glück, Schriften im Kontakt (Writing Systems in Contact) ............ 745
62. Ludo Verhoeven, Dem ographics of Literacy (Demog raphie der Lite-
ralität) .......................................................................................................... 767
63. Paul E. Fordham , The Prom otion of Literacy in the “Third World”
(Alphabetisierung in der „Dritten Welt“) .................................................... 779
64. Leslie J. Lim age, UNESCO’s Efforts in the Field of Literacy (Die
Alphabetisierungsarbeit der UNESCO) ....................................................... 790
65. Stephen L. Walter, Mother Tongue Literacy — the Work of the S. I. L.
(Muttersprachliche Alphabetisierung — die Arbeit des S. I. L.) .................. 798
66. Helm ut Jachnow, Die sowjetischen Erfahrungen und Modelle der
Alphabetisierung (The Soviet Experiences and Models of Promotion of
Literacy) ....................................................................................................... 803
67. Klaus Wedekind, Alphabetisierung und Literalität in Äthiopien
(Literacy Movements and Literacy in Ethiopia) .......................................... 814
68. Merieta Johnson, Literacy Movem ents in Central and South Am erica
and in the Carribean (Alphabetisierung in Mittel- und Südamerika und
in der Karibik) ............................................................................................. 824
69. Thom as Cream er, The Chinese Experiences and Models of Prom otion
of Literacy (Die chinesischen Erfahrung en und Modelle der Alphabeti-
sierung) ........................................................................................................ 835
70. Thom as Heberer, Entwicklung von Literalität und Alphabetisierung
bei den nicht chinesisch sprechenden Völkern Chinas (The Promotion
of Literacy in East Asia: The Case of Non-Chinese Speaking People in
China) .......................................................................................................... 855
71. Ulrich Knoop, Entwicklung von Literalität und Alphabetisierung in
Deutschland (The Development and Advancement of Literacy in Ger-
many) ........................................................................................................... 859
72. Ursula Giere, Entwicklung von Literalität und Alphabetisierung in
England und Nordam erika (The Development and Advancement of
Literacy in England and North America) ..................................................... 873
73. Heinz W. Giese, Literalität und Analphabetism us in m odernen Indu-
strieländern (Literacy and Illiteracy in Modern Industrial Nations) ........... 883
74. Czesław Karolak, Das System der Zensur und seine Auswirkungen auf
die Literalität (Censorship) .......................................................................... 893
75. Pirrko-Liisa Haarmann, Copyright (Copyright) .......................................... 898

Farbtafeln / Colour Plates


Inhalt/Contents XLV

2. Halbband (Überblick über den vorgesehenen Inhalt)


Volume 2 (Preview of Contents)

VII. Psychologische Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit


Psychological Aspects of Writing and Its Use
76. Eckart Scheerer, Schriftlichkeit und psychologische Strukturen
(Writing and Psychological Structures) .......................................................
77. Hartm ut Günther & Bernd Pom pino-Marschall, Produktion und Per-
zeption m ündlicher und schriftlicher Äußerungen (Production and
Perception of Spoken and Written Utterances) ............................................
78. Hartm ut Günther, Historisch-system atischer Aufriß der psychologi-
schen Leseforschung (Historical Outline of Psycholog ical Research on
Reading) .......................................................................................................
79. Philip T. Sm ith, Research Methods in the Psychology of Reading
(Methoden der psycholo
g ischen Leseforschun
g )
80. Albrecht Werner Inhoff & Keith Rayner, Das Blickverhalten beim
Lesen (Eye Movements gDurin gReadin )
81. Alexander Pollatsek & Mary Lesch, The Perception of Words and
Letters (Wort- und Buchstabenerkennun g )
82. Wolfgang Schnotz, Lesen als Textverarbeitung (Reading as a Means
of Text Processing)
83. Clem ens Knobloch, Historisch-system atischer Aufriß der psychologi-
schen Schreibforschung (Historical Outline of Psycholog ical Research
on Writing)
84. Gunther Eigler, Methoden der Textproduktionsforschung (Research
Methods in the Psychology of Writing)
85. Sylvie Molitor-Lübbert, Schreiben als m entaler und sprachlicher Pro-
zeß (Writin
g as a Mental and Lin
g uistic Process)
86. Arnold Thom assen, Writing by Hand (Schreiben mit der Hand)
87. Lothar Michel, Forensische Handschriftuntersuchung (Forensic
Handwriting Analysis)
88. Maria Paul-Mengelberg, Graphologie (Graphology)
89. Peter Baier, Maschineschreiben und seine forensische Analyse (Type-
writing and its Forensic Analysis)
90. Markus Pospischill, Schreiben m it dem Com puter (Writing with a
Computer)
91. Janice Kay, Psychological Aspects of Spelling (Psycholog ische Aspekte
des Rechtschreibens)
92. Leonhard Katz & Laurie B. Feldm an, The Influence of an Alphabetic
Writing System on the Reading Process (Der Einfluß eines alphabeti-
schen Schriftsystems auf den Leseprozeß)
93. Ovid Tzeng et al., Cross-Linguistic Analyses of Basic Reading Proces-
ses, with Em phasis on Non-Alphabetic Writing System s (Crossling ui-
stische Analysen basaler Aspekte des Leseprozesses, mit besonderer
Berücksichtigung nicht-alphabetischer Schriftsysteme)
XLVI Inhalt/Contents

94. Walter Huber, Störungen der Verarbeitung schriftlicher Sprache (Dis-


orders of Written Language Processing)

VIII. Der Erwerb von Schriftlichkeit


The Acquisition of Literacy
95. Jürgen Baurm ann, Aspekte des Erwerbs von Schriftlichkeit und seine
Reflektion (Aspects of the Acquisition of Literacy) .....................................
96. Hubert Ivo, Bedingungen der Aneignung und Verm ittlung von Lesen
und Schreiben (Conditions of the Acquisition and Teaching of Reading
and Writing) .................................................................................................
97. Mechthild Dehn & Am elie Sjölin, Frühes Lesen und Schreiben (Early
Reading and Writing) ...................................................................................
98. Gerheid Scheerer-Neum ann, Der Erwerb der basalen Lese- und
Schreibfertigkeiten (The Acquisition of Basic Reading and Writing
Skills) ...........................................................................................................
99. Hugo Aust, Die Entfaltung der Fähigkeit des Lesens (The Development
of Reading Skills) .........................................................................................
100. Helm ut Feilke, Die Entfaltung der Fähigkeit des Schreibens (The
Development of Writing Skills) ....................................................................
101. Edeltraud Karolij & Monika Nehr, Schriftspracherwerb unter Bedin-
gungen der Mehrsprachigkeit (Acquisition of Written Lang uag e under
Conditions of Multilingualism) ....................................................................
102. Klaus B. Günther, Schrift als Mittel zum Verbalspracherwerb bei Ge-
hörlosigkeit und einigen Fällen schwerer Spracherwerbsstörungen
(Written Language as a Means of Learning Spoken Language) ..................
103. Kurt Meiers, Aspekte und Problem e des Leseunterrichts: Erstlesen
(Aspects and Problems of the Teaching of Reading : Beg inning Reading
Skills) ...........................................................................................................
104. Peter Conrady, Aspekte und Problem e des Leseunterrichts: Weiterfüh-
rendes Lesen (Aspects and Problems of the Teaching of Reading : Ad-
vanced Reading Skills) .................................................................................
105. Gerhard Haas, Aspekte und Problem e des Leseunterrichts: Literatur-
unterricht (Aspects and Problems of the Teaching of Reading : Instruc-
tion in Literature) .........................................................................................
106. Elisabeth Neuhaus-Siem on, Aspekte und Problem e des Schreibunter-
richts: Erstschreiben (Aspects and Problems of the Teaching of Writing :
Beginning Writing Skills) .............................................................................
107. Bodo Friedrich, Aspekte und Problem e des Schreibunterrichts: Recht-
schreiben (Aspects and Problems of the Teaching of Writing: Spelling) .....
108. Eduard Haueis, Aspekte und Problem e des Schreibunterrichts: Auf-
satzunterricht (Aspects and Problems of the Teaching of Writing : In-
struction in Essay Writing) ..........................................................................
109. Harro Müller-Michaels, Geschichte der Didaktik und Methodik des
Leseunterrichts und der Lektüre (History of the Didactics and Method-
ology of Instruction in Reading and Literature) ..........................................
Inhalt/Contents XLVII

110. Bernhard Asm uth, Geschichte der Didaktik und Methodik des Schreib-
und Aufsatzunterrichts (History of the Didactics and Methodolog y of
Instruction in Writing and Essay Writing) ...................................................
111. Stephen Parker, The Teaching of Reading and Writing in English-
Speaking Countries (Lese- und Schreibunterricht in eng lischsprachig en
Ländern) ......................................................................................................
112. H. Biesterfeld, Lese- und Schreibunterricht im arabischen Sprachraum
(The Teaching of Reading and Writing in the Arabic-Speaking World) ......
113. Insup Taylor, The Teaching of Reading and Writing in East Asia
(Lese- und Schreibunterricht in Ostasien) ...................................................
114. Joachim Fritzsche, Der außerschulische Erwerb der Schriftlichkeit
(The Acquisition of Literacy Outside of School) ..........................................
115. Gerheid Scheerer-Neum ann, Störungen des Erwerbs der Schriftlichkeit
(Disorders in Written Language Acquisition) ..............................................
116. Gerhard Eberle, Schriftspracherwerbsstörungen und Lernbehinderung
(Disorders in Written Language Acquisition and Learning Disabilities) ....

IX. Sprachliche Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit


Linguistic Aspects of Writing and Its Use
117. Peter Eisenberg, Sprachsystem und Schriftsystem (Lang uag e System
and Writing System) .....................................................................................
118. Florian Coulmas, Typology of Writing Systems (Schrifttypologie) ............
119. Jürgen Erfurt, Sprachwandel und Schriftlichkeit (Lang uag e Chang e
and Writing) .................................................................................................
120. Ji Lie, Das chinesische Schriftsystem (The Chinese Writing System) .........
121. Jürgen Stalph, Das japanische Schriftsystem (The Japanese Writing
System) .........................................................................................................
122. Subhadra Kum er Sen, The Devanagari Writing System (Das Deva-
nagari-Schriftsystem) ...................................................................................
123. Thom as Bauer, Das arabische Schriftsystem (The Arabic Writing
System) .........................................................................................................
124. Trudel Meisenburg, Das spanische Schriftsystem (The Spanish Writing
System) .........................................................................................................
125. Michael Stubbs, The English Writing System (Das eng lische Schrift-
system) .........................................................................................................
126. Nina Catach, Das französische Schriftsystem (The French Writing
System) .........................................................................................................
127. Peter Eisenberg, Das deutsche Schriftsystem (The German Writing
System) .........................................................................................................
128. Peter Gallmann, Interpunktion (Punctuation) .............................................
129. W. Lippert, Die schriftliche Sprache im Chinesischen (Written Lan-
guage: Chinese) ...........................................................................................
130. Tatsuo Miyajim a, Written Language: Japanese (Die schriftliche Spra-
che im Japanischen) .....................................................................................
131. Thom as Bauer, Die schriftliche Sprache im Arabischen (Written Lan-
guage: Arabic) .............................................................................................
XLVIII Inhalt/Contents

132. Ralph Ludwig, Die schriftliche Sprache im Französischen (Written


Language: French) .......................................................................................
133. William Grabe & Douglas Biber, Written Language: English (Die
schriftliche Sprache im Englischen) .............................................................
134. Gerhard Augst & Karin Müller, Die schriftliche Sprache im Deutschen
(Written Language: German) ......................................................................
135. Jürgen Römer, Abkürzungen (Abbreviations) ..............................................
136. Klaus Brinker, Die Konstitution schriftlicher Texte (The Constitution
of Written Texts) ...........................................................................................
137. Gerd Antos, Die Produktion schriftlicher Texte (The Production of
Written Texts) ...............................................................................................
138. Ursula Christm ann & Norbert Groeben, Die Rezeption schriftlicher
Texte (The Reception of Written Texts) ........................................................
139. Gerhard Wolff, Stilistik als Theorie des schriftlichen Sprachgebrauchs
(Stilistics as a Theory of Written Language Usage) ....................................

X. Sonderschriften
Special Writing Systems
140. Roy Harris, Writing and Notation (Schrift und Notation) ............................
141. Hartm ut Günther, Schrift als Zahlen- und Ordnungssystem (Writing
as a Numbering and Ordering System) ........................................................
142. Lisa Schiefer & Bernd Pom pino-Marschall, Phonetische Transkription
(Phonetic Transcription) ..............................................................................
143. Hans Zikmund, Transliteration (Transliteration) .........................................
144. Helmut Jochems, Stenographie (Stenography) ............................................
145. P. Costamagna, Geheimschriften (Secret Codes) .........................................
146. Karl Britz, Blindenschrift (Braille) .............................................................
147. Siegfried Prillwitz, Fingeralphabete (Hand Alphabets) ...............................
148. Walter Am eling & Lothar Kreft, Technische Kodierung (Technical
Codes) ..........................................................................................................
149. Hans-Rolf Lutz, Moderne Piktographie (Modern Pictography) ..................
Namen- und Sachregister
Index of Names and Topics
1

I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit


General Aspects of Writing and Its Use

1. Orality and Literacy

1. Preliminaries During the same past decades a totally


2. Different meanings and types of ‘orality’ and different discipline — named evolutionäre Er-
‘literacy’ kenntnistheorie — has taken shape especially
3. The medial and the conceptual aspect of in Austrian and German ethology and zoo-
‘orality’ and ‘literacy’ logy. Its central thesis is that, as well as the
4. The possibilities and consequences of forms and the functions of our body are due
a two- to the “struggle for life” leading to successive
fold scalarity in the theoretical framework adaptations with respect to the environment
5. Transitional phenomena of our species and to the environment in
6. Multiform contexts, multicausal and multi- general, the capacities — and above all: the
form evolution processes shortcomings — of our mind and perception
7. References are to be explained as the result of the same
kind of processes (Lorenz 1941; Riedl 1982 ).
Whereas our brain works with multidimen-
1. Preliminaries sional matrices (every English verb form for
During the last decades an ever increasing instance is located in a six-dimensional space),
attention has been paid to l i t e r a c y as op- our visual perception is restricted just to the
posed to o r a l i t y (“l’oral et l’écrit”, “oralité three dimensions which had been sufficient to
et scripturalité”, “Mündlichkeit und Schrift- orientate ourselves in environmental space,
lichkeit”). the pure idea of a fourth dimension already
The central claims made on literacy’s behalf were
exceeding nearly everybody’s capabilities.
that writing had, historically, been responsible for
(Particle physics needs more than ten dimen-
the evolution of new forms of discourse, prose
sions to describe “reality”.) Another short-
fiction and essayist prose being two examples, that
coming is our permanent search for just one
reflected a new approach or understanding of lan-
agent or one cause. In each of our Indo-
guage and a new, more subjective and reflective
European sentences we are accustomed to
frame of mind. Literacy, too, it was argued, had
have a subject representing first and foremost
been responsible in part for new forms of social
this agent. (One needn’t explain why the ques-
organization, of states rather than tribes, and of
tion “who caused this?” following each noise
reading publics rather than oral contact groups.
and each perceived movement could — and
When these arguments were stated more expan-
can — be vital.) Compelled by the shortcom-
sively, literacy was seen as the route to ‘modernity’,
ings of our mind, we look for the Prime
a route that was exportable to developing countries
Mover, the First Origin, the Big Bang, Gen-
that also aspired to that modernity (Olson 1991,
esis, and so on. In the same context, we show
251).
an irresistible tendency to take something that
Other tenets in the discussion are for instance happened prior to some other event for the
the thesis that the distinction between a text cause of this later event. This is the well
and its interpretation, abstract inferring pro- known post hoc — propter hoc fallacy which
cesses and the evolution of self and individ- leads to the development of c a u s a l conjunc-
uality are due to literacy (Luria 1976; Ong tions from temporal ones (e. g. engl. since, fr.
1982 ). To simplify things even more: literacy puisque, germ. nachdem ).
was seen as the basis of Western civilization Knowing these shortcomings of our mind,
with its scientific and technological accom- no matter if literate or not, we might guess
plishments, whereas orality had, of necessity, that the cited accomplishments and changes
to be the form of cultures qualified as more
simple, primitive or even savage.
2 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

which — at first glance so convincingly ( post rice Halbwachs (192 5; 1950). Als Aleida and
hoc — propter hoc ) — seem to have been Jan Assmann (1988; cp. Assmann 1992 ) put
brought about by the one Prime Mover lit- it, collective memory can be divided into a
eracy, might have multiple (and perhaps even cultural and a communicative memory. Cul-
totally different) causes. tural memory guarantees the identity of a
community over time, whereas communica-
tive memory — comprising in general a time-
2. Different meanings and types of span of up to three generations — defines the
‘orality’ and ‘literacy’ identity of smaller subgroups of variable com-
As Aristotle taught us, the first question to position.
ask in a context like ours is: what do orality Irrespective of whether the community in
and literacy mean? Plato called notions which question is literate or oral, both kinds of
are mutually dependent ‘dialectical’. There is memory rely to a very large extent on those
no slave or servant without a master, no lei- complex signs we usually call texts. So both
sure time without work, no nature without oral and literate communities have at their
culture ; in the same way literacy cannot be disposal different genres of in part consider-
conceived of without orality, and orality not able complexity. In the case of cultural mem-
without literacy. Since dialectical notions pre- ory, these texts tend to be large and often
suppose one another, their respective mean- solemn, serious, sometimes boring (Köngäs
ings depend on the meaning of the opposed Maranda 1972 ). Very often their tradition is
notions. Nature is seen in a thoroughly neg- conveyed to specialists in the matter who per-
ative way as dangerous and threatening when form them on particular occasions and under
it is opposed to a culture which means pro- special ritual circumstances (festivals) needing
gress and which facilitates human existence. a large public. They may as well be commu-
Since in a certain sense nature is what is left nicated and interpreted as canonical texts in
by cultural evolution, it is seen in an abso- institutions existing for the purpose of initi-
lutely positive way by those for whom culture ating the young into full adult membership.
is tantamount to irrevocable destruction. Communicative memory accompanies every-
In the same sense Marshall McLuhan day life. Its genres tend to be less solemn and
(1962 ), relying largely on Eric A. Havelock less artful. There may be different kinds of
(Assmann & Assmann 1990), started from an narrative genres next to jokes, riddles and
oral society which was originally closed, gossip — jokes and gossip creating their iden-
which attached importance to the spoken tifying potential at the expense of those who
word, and in which social roles were relatively happen to be absent.
fixed. He opposed this idealized form of com- Now it is important to notice that as far
munity to Western literate societies which, as cultural memory is concerned there are at
having transformed oral language into a vis- least two types of oral societies. In one type
ible literate code, depreciate the spoken word, the texts have to be memorized verbatim, in
compelling us at the same time to cope with the other what is important is the transmis-
different social roles. In this context a partic- sion of the ‘message’. Old India is a well
ularly negative influence is attributed to the known example for the first type, Old Greece
invention of printing. Whereas Jack Goody for the other. The existence of these two types
and Ian Watt (1962 ) see the transition from has important consequences. Since language
orality to literacy more in the sense of a change is inevitable, the same text, transmit-
profit-and-loss account, Walter S. Ong (1982 ) ted ve r b a l ly from one generation to the next
underlines the positive aspects of literacy and for some hundred years, becomes unintelli-
thus suggests to us the positive kind of eval- gible to those who are not initiated. At the
uation McLuhan was only willing to attribute same time, it has to be explained to those
to the New Age of television which, in his who have to transmit and to interpret it. This
view, takes already the place of literacy is why, in India, oral commentaries — them-
(Goetsch 1991). selves transmitted orally from one generation
In order to show the difference between to the next — as well as the grammar of
types of oral societies and thus between dif- Panini, emerged alongside the oral tradition
ferent meanings of ‘orality’, we first have to of the Vedic texts, and why the recitation of
speak of collective memory. Each community these texts, of necessity unintelligible to the
has its collective memory in the sense of Mau- public at large, eventually acquired a purely
ritual function.
1.  Orality and Literacy 3

As to the other type of oral society where phenomenon we would be inclined to attrib-
it is the s a m e m e s s a ge that is to be trans- ute to literacy when we think that oral culture
mitted, the text changes from performance to is tantamount to oral culture. Under the dif-
performance (Paul Zumthor [1987] calls this ferent conditions of Old Greek oral culture,
“la mouvance du texte”) and, above all, it the concept of authorship did indeed only
tends to be constantly adapted to the prob- emerge with written texts (see e. g. Rösler
lems and to the needs of the present — a 1980, Nagy 1988, Stein 1990 for Antiquity;
phenomenon well described in the seminal cp. Minnis 1984 for the Middle Ages).
contribution written by Goody & Watt In a similar way scholars jump to conclu-
(1962 ). In Old Greece grammatical tradition sions concerning the interpretation of texts
began only with the edition of the w r i t t e n and our commenting on texts. There is no
Homeric texts — i. e. texts in a different dia- doubt that every social group has to have at
lect from a past epoch — during the Helle- its disposal rules governing social coexistence,
nistic Age. The grammar of Dionysios the and mechanisms which allow us to settle con-
Thracian (2 nd —1 st century B. C.) — it is a flicts. Thus there must be rules in the form
description of eight partes orationis, not to be of texts in the collective memory, be it in this
compared with the work attributed to Pāṇini case cultural or communicative. A very com-
— took shape in this context. Those who do mon means to this end is narrative; narrative
not see the different meanings and implica- texts always contain implicit rules (for posi-
tions of orality in Old Greek and in Old tive or negative social behaviour) which may
Indian culture tend to infer per analogiam that be made explicit for instance by application
the grammar of Pāṇini (5 th or 4 th century to analogous cases (Domhardt 1991). In lit-
B. C.) presupposes the basis of written texts erate societies this feature may evolve into a
(Goody 1987; 1988) — an assumption which Case Law system (Raible 1991 c). Another
proves to be devoid of any material basis possibility is the proverb — the role of these
(Falk 1990). in an oral society has been described for in-
Another factor which may be connected stance by Jean Paulhan (192 5) — as well as
with major differences between oral cultures explicit rules or bans. Be the respective society
is metre. Metre and rhythm are frequently literate or not, all these texts need interpre-
used in the domain of cultural memory. Nev- tation, discussion and commentary when they
ertheless there are differences between metri- are applied to special cases. So it is not only
cal systems and metrical prescriptions and in the oral culture of Old India that we en-
restrictions. The more difficult a metre is, the counter the activity of commenting on texts,
greater is its impact on the content to be but potentially in all oral societies (for excel-
communicated. Celtic metres are extremely lent examples see Feldman 1991). Comment-
intricate and thus for instance are apt to pro- ing on texts may thus be a very important
tect a text against later modifications (Tranter feature of literate societies (Raible 1983); nev-
1994; Pokorny & Tristram 1992 , 2 11). The ertheless it is by no means restricted to literacy
metrically bound texts resemble so much the in general.
artful, miniaturized products of Celtic crafts- We find the same kind of rash judgements
manship, that it is impossible to convey concerning the link postulated between liter-
“larger”, for instance epic contents in metri- acy and the evolution of self. The modern
cally bound texts. In order to give a simple conception of individuality is due, we are told,
example: the plan to write the Iliad in limer- above all to (written) autobiography (Illich &
icks would rather not be viable (Raible 1990). Sanders 1988). Now it is immediately plau-
As a consequence, in the tradition of Celtic sible that in writing our biography we select
cultural memory those narrative prose genres and reject information, creating thus, as did
exist which are generally seen as an offspring Michel de Montaigne, a highly idiosyncratic
of literacy. and subjective text of ourselves. But an au-
A similar result may be observed in Ice- tobiography need not be written, it may be
land, this time due to the extreme semantic told as well. Here language in general is most
difficulties created by the obligatory use of important. Between the second and the third
‘kenningar’ in certain genres. Not only do we year of their life children begin with autobio-
find there the prose sagas as a backbone of graphical comments (a marvellous example is
cultural memory (Jolies 1930, 62 —90), but in Nelson [ed.] 1989). The comments reflect
also the attribution of metrically bound the child’s understanding himself or herself
scaldic texts to known authors — another and the surrounding world. In the sense of
4 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

L. S. Vygotsky, self is created with the help From left to right — corresponding to the
of speech. Rendering events of one’s life into distinction of Wilhelm von Humboldt — we
an appropriate genre form is a requisite to find speech under its subjective aspect, then
making such event representations fully ame- under its intersubjective. This is what Bühler
nable to thought (Bruner & Weisser 1991, 140; calls “subjektsbezogene Phänomene” as op-
Bruner & Lucariello 1989; Nelson 1989). The posed to “subjektsentbundene, intersubjektiv
written autobiographical texts of adults are fixierte Phänomene”. From top to bottom of
simply particularly elaborate and, above all, his matrix, Bühler makes a distinction be-
fixed instances of this reflective activity. tween the material and the formal aspect of
language. The first one he calls “lower degree
of formalization”, the second one “higher de-
3. The medial and the conceptual gree of formalization”. (This actually trans-
aspect of ‘orality’ and ‘literacy’ forms the vertical dimension of his matrix
The rash judgements we can find in recent into a scale.) In the intersection between the
and even in current discussion suggest that subjective aspect and the low degree of for-
we must be more cautious. Not only do we malization, we have the term ‘Sprechhand-
have to differentiate between various kinds of lung’, speech activity (de Saussure’s parole ),
oral and scriptural communities and between in the intersection with the intersubjective as-
different kinds of orality and literacy; what pect (or von Humboldt’s érgon ), we find the
would be appropriate is also a conception term ‘Sprachwerk’, the text as a planned
which could serve as a theoretical framework product. In the line corresponding to the for-
for our problems. mal aspect, that is to say: to the higher degree
In this respect it is most important to dis- of formalization, we find the term ‘Sprechakt’
tinguish between a purely m e d i a l as against (speech act) in the intersection with the sub-
a c o n c e p t u a l aspect of orality and literacy jective aspect, and ‘Sprachgebilde’ in the
(Koch & Oesterreicher 1985, → art. 44). fourth field of the matrix, the one correspond-
While there is a clearcut medial difference ing to de Saussure’s langue.
between an orally delivered and a written text, The horizontal dimension of Bühler’s ma-
things are more intricate on the conceptual trix corresponds exactly to the c o n c e p t u a l
or c o g n i t i ve aspect of orality and literacy:
side. In the thirties of the 19 th century, Wil- Whereas texts produced in what Bühler
helm von Humboldt established a distinction would call ‘Sprechhandlungen’ — e. g. small-
between speech as an activity or as a process talk — lack planning, his ‘Sprachwerke’ are
(implying a subject), and speech as something highly elaborate, planned texts addressed to
created and produced, i. e. speech as a prod- a large and unspecific public. Since there are
uct. He called it the difference between enér- degrees of planning, it goes without saying
geia and érgon. Later on, Ferdinand de Saus- that, in contradistinction to the medial aspect
sure introduced the distinction between lan- of orality and literacy, there cannot be any
guage as a system of rules, his langue, and clearcut distinction on the conceptual level.
speech activity, his parole. In the third axiom Reading the text of Bühler with some atten-
of his Sprachtheorie, Karl Bühler (1934, 48 ff) tion, we see that it is fully compatible with
combines these two aspects into a matrix with the idea that ‘Sprechhandlung’ and ‘Sprach-
four places (figure 1.1). werk’ mark the extreme positions on a scale
(Raible 1989). Peter Koch and Wulf Oester-
Degree of intersubjectivity and reicher (1985; → art. 44) call this scale the
planning one between “Sprache der Nähe” and
lower higher “Sprache der Distanz”. Since the vertical di-
Lower degree Sprech- Sprachwerk mension of the Bühlerian matrix with its
of formaliza- handlung (text as a lower and higher degree of formalization is
tion (speech activity, planned already a scale, the whole matrix can actually
parole) product) be seen as a combination of two scales.
Higher degree Sprechakt Sprachgebilde Some examples will show the consequences
of formaliza- (speech act) (langue) of this conception: If somebody reads this
tion article to a listener, beyond any doubt it will
be delivered orally. Nevertheless it rests scrip-
Fig. 1.1: Karl Bühler’s ‘four place matrix’ tural by its conception because what passes
(“Vierfelderschema”) through the oral medium is a highly planned
1.  Orality and Literacy 5

text. Oral poetry might serve as another ex- need not) be brought about by literacy:
ample. Although the bard or the rhapsode 1. Literacy may increase the number of tex-
performing an oral epos may be illiterate, the tual genres used in a speech community.
texts they perform will be much more of a There will be neither essays nor editorials,
‘Sprachwerk’ in the Bühlerian sense than a patent specifications or testaments in an
‘Sprechhandlung’ — because it is planned, oral society (→ 5.3., 5.4., 5.6., 5.7.; →
premeditated, and conforms to a macrostruc- art. 44, 3.1. and 3.2. Koch & Oesterreicher
tural scheme. Conceptually speaking it is speak of ‘Diskurstraditionen’).
scriptural. As has been shown by Michael 2. In a literate society there may be a greater
Reichel (1990), the macrostructure of the Iliad number of genres in the conceptual dimen-
with its typical retardation technique is so sion extending between ‘Sprechhandlung’
planned that even the idea of written com- and ‘Sprachwerk’. At the same time, the
position might suggest itself. greater number of textual genres available
We tend to classify something heard or enlarges the conceptual space, shifting the
read as chatter, smalltalk, gossip, discussion, position of the ‘Sprachwerk’ considerably
as an essay, a sermon, an editorial, a novel, to the right (→ 5.4., 5.6., 5.7.) Literacy
a patent specification, a review, a judgement, allows for extremely complex texts which
a testament, and so on. This simply means have to be read and reread in order to be
that we assign texts heard or read to textual understood (cp. for examples e. g. Raible
genres. This allows us to take advantage of 1992, 215 ff).
the vertical scalarity implied by the Bühlerian 3. Having introduced an additional level of
matrix. The lower degree of formalization formalization into the Bühlerian scheme
concerns t ex t s a s t o ke n s , whereas, on the (→ 3.), we are confronted with three scales
higher degree of formalization, we are on the in the horizontal dimension: if there is a
s yst e m i c l eve l . Now one of the levels we scale on the first level between ‘Sprech-
may insert between the two levels of formal- handlung’ and ‘Sprachwerk’, and corre-
ization suggested by Bühler — i. e. the level spondingly another scale on the level of
of text tokens and the systemic level — is text types, we have to take into account a
exactly the level characterized by t y p e s (text scale on the highest, i. e. the systemic level,
genres) as opposed to t o ke n s . It corresponds too (figure 1.2):
to Klaus Heger’s (e. g. 1974, 151) Σ-parole
between the levels of parole and langue. This Degree of intersubjectivity
means that to all the genres which have been and planning
mentioned there corresponds an approximate low ↔ high
position on the c o n c e p t u a l scale which un- lower degree of Sprech- ↔ Sprach-
derlies the scale between ‘Sprechhandlung’ formalization handlung werk
and ‘Sprachwerk’. intermediate level of corresponding text
This holds all the more as the ascription degree types (genres)
of a text to a certain textual genre is tanta- higher degree of Sprech- ↔ Sprach-
mount to saying that it represents a certain formalization akt gebilde
form of thinking, a certain conceptual atti-
tude or framework (Raible 1988). Thus the Fig. 1.2 : Modified and enlarged version of the
genre ‘public lecture’, no matter if it is deliv- Bühlerian four place matrix. On the level of the
ered orally or read afterwards, should at any intermediate formalization degree the different
rate be closer to the pole of the Bühlerian genres have to be arranged according to the
‘Sprachwerk’ than gossip or chatter, genres degree of intersubjectivity and planning they
which generally are near to the pole called presuppose. At the left hand side would be
‘Sprechhandlung’. smalltalk, gossip, and the like; on the right hand
side we would encounter for instance the poetry
of Pindar, patent specifications or French
4. The possibilities and consequences judgements.
of a twofold scalarity in the
theoretical framework This explains why it is a priori impossible
to find, on the level of conceptual orality
These considerations suggest at least five con- and scripturality, the same clearcut dis-
clusions with respect to changes that may (but tinction we necessarily encounter on the
6 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

level of medial realization. Those who set Mount Rushmore, the Egyptian pyramids,
out to find such a distinction had to admit parts of Palestine); the memory of heroes like
afterwards that they — very convincingly Roland, El Cid, William Tell, Joan of Arc,
— had found scales (e. g. Biber 1986), con- Abraham Lincoln, the founders of religions
firming thus indirectly the theoretical (→ 5.3. [effects of canonical texts]). On the
achievements of scholars like Bühler (1934) smaller scale, identity is created by smalltalk,
or Koch & Oesterreicher (1985). gossip, jokes, letters, by a common familiar,
4. The augmentation of textual genres and local or tribal descendance, a common ado-
the extension of the conceptual scale by lescence, a common service in social institu-
the shift to the right already mentioned tions, and so on. Both oral and written texts
automatically means new demands on the thus play an important part in communicative
systemic side (e. g. Vachek 1939; for ex- as well as in cultural memory.
amples from the Romance languages see
Raible 1992 , 191—2 2 1; → art. 44, 2 .1.—
2.3. and 3.). 5. Transitional phenomena
5. A conceptual (or cognitive) scale does not A social community can dispense with liter-
only underlie the scales in the above acy, not with orality. Apart from entirely oral
scheme (4.3.). Two further scales may be cultures, we are thus always confronted with
postulated largely parallel to this concep- m o r e o r l e s s literate societies. Given the
tual scale, concerning this time not texts, dialectical relationship between orality and
genres and their systemic equivalents, but literacy, this means that in different social
the social effects of texts — and of other communities we will find different forms and
cultural symbols (Cassirer 1977) — ac- different assessments of literacy and orality.
cording to their positions in the above Herbert Grundmann (1958) gave an excellent
scheme. The first one is the scale consti- survey for the Middle Ages (cp. Thomas 1989
tuted by c o l l e c t i ve m e m o r y with its and Simondon 1982 for Old Greece). In view
two poles already mentioned (Assmann of the above mentioned fallacies, prudence
1992 , 55 dislikes the idea of a scale in the will thus be advisable concerning our ten-
case of Old Egypt); the second one con- dency to draw too general conclusions and to
cerns the radius of s o c i a l i d e n t i t y which transform observations of a maybe highly
may be created by the corresponding particular and idiosyncratic nature into gen-
manifestations of cultural symbols and eral tendencies. Nevertheless some points —
texts. In conjunction with the underlying mainly concerning alphabetic literacy — de-
scale we thus have another triad of scales serve to be mentioned and even to be com-
(figure 1.3): mented upon with some intensity.
conceptual conceptual
↔ 5.1. Slowness as a characteristic of
orality scripturality ‘invisible hand processes’
— the example of alphabetic writing
communicative cultural

Neogrammarians made us familiar with the
memory memory
“laws of sound change”. We learn for instance
that an unchecked and stressed Latin «a» re-
small radius ↔ large radius
sults in a French «è» (as in pater > père ).
of social of social
Usually such “laws” take into account the
identity identity
starting point and the end of a process, dis-
Fig. 1.3: Two further scales parallel to the one regarding as often thousands of years of in-
extending between conceptual orality and con- termediate states. Similar statements in the
ceptual scripturality. domain of cultural change brought about by
literacy were highlighted at the beginning of
Some examples might be appropriate to illus- this article.
trate the last point. The means contributing As has been shown by the representatives
to the identity of a group on the large scale of Mental History, processes in the domain
may be common habits, common gestures of cultural evolution tend to be just as slow
and rituals; a common language, writing sys- as language change (which is merely another
tem, orthography (→ 5.1.), religion, legal sys- aspect of cultural change). As in language,
tem (→ 5.6.); a ‘holy’ landscape (Mekka, the general slowness does not exclude the
1.  Orality and Literacy 7

possibility of phases characterized by accel- The consequences of this tendency to serve


erated change. the interests of the reader by ideographic ele-
A good example is the evolution of Western ments can be seen in all discussions on or-
alphabetic script. Apart from its very begin- thography. Typically, they are dominated by
ning — which may have been influenced by the perspective of elementary-school teachers
Semitic practice — Greek script shows a fea- who would like to reduce — for those learning
ture characteristic of early alphabetic writing: to write — the difficulties brought about by
it reflects essential aspects of spoken lan- the tendency under discussion (Raible 1991 a;
guage. Since we hear no pauses between Maas 1992 ; Strobel-Köhl 1994). It goes with-
words, scriptura continua is a quite natural out saying that all these achievements (punc-
outcome. It prevails in Western texts up to tuation rules, orthography, layout) increase
the eight century A. D. For reasons not to be the intellectual and the practical effort of the
explained here, a natural and necessary con- writer. Usually the positive side — the facil-
sequence of scriptio continua is reading aloud itation of reading — is not taken into account.
(Saenger 1982). Those who would like to “reform” German
At about 12 00 all the achievements of what orthography (which is fairly easy to handle
most of us would call the ‘modern layout’ are compared e. g. to English or French) wish
present in scholastic texts: spaces between above all to abolish the initial capitals of
words, punctuation, capitals at the beginning nouns. These are the result of a typical ‘in-
of a new sentence, paragraph indention, chap- visible hand process’ (Meisenburg 1990)
ter headings, short summaries in the margin, which facilitates reading, the major problem
footnotes, emphasis by means of different being the interventions made by linguists who
colours and different script, a table of con- formulated inadequate rules at the beginning
tents, alphabetic registers, and so on (Parkes of the 2 0 th century, complicating the handling
1976; 1992 ). The advantage of these aids is and thus obscuring the signification of the
enormous: the reader is not lost in an amor- feature (→ art. 128).
phous text. On the contrary he knows at every Once an orthography has become estab-
page of the book where he is. It is only at lished, it belongs to the deepest layers of
this time that the general practice of silent cultural memory and mentality. Those who
reading can begin. would like to reform it should possibly give
Nearly none of the achievements we find their sanction to the processes of the invisible
in scholastic texts is an exclusive invention of hand and to the logic inherent in them instead
this epoch — we find all of them scattered of trying to impose their will to those who
here and there in earlier texts. It is only their are not willing.
concentrated appearance in one and the same
text which is an ‘invention’ of scholasticism 5.2. The invention of printing — a cause or
(Frank 1994). a consequence?
When we ask for the reasons that might
possibly have brought about scholastic lay- Very convincingly at first glance, the inven-
out, we find a general tendency: in the course tion of the printing press is often seen as a
of their evolution, alphabetic systems depart major achievement with vast consequences.
more and more from the interest of writers; McLuhan (1962 ) even made it a pillar of his
instead, to an increasing degree they serve the general thesis. Paul Saenger (1982 ) wrote a
needs of readers by the introduction of ideo- significant contribution showing that in many
graphic elements. This also explains why these respects the view of McLuhan was erroneous.
phenomena can be observed at the end of the All the accomplishments in the domain of
12 th century: it was not until then that lay layout that we might be inclined to attribute
literacy developed to any significant extent. to printing had already been made by 12 00
We can observe the same interrelation be- (→ 5.1.). There are no major changes in book
tween layout and the potential reading public production during the 50 years before and
in Roman legal texts realized in the form of after the invention of printing (Eisenstein
public inscriptions. Since they were, of neces- 1979).
sity, intended for a l l Roman citizens, their The true revolution did not take place in
form and their legibility anticipates — apart the middle of the 15 th , but at the beginning
from punctuation — what might seem a scho- of the 13 th century. Historians of the Middle
lastic invention by about 12 00 years (Raible Ages know that up to about 12 00 the number
1991 a). of written documents is easily comprehensible
→ art. 40. With the beginning of the 13 th
8 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

century the number of written texts increases number of written texts. The medium was
in a way that makes it impossible for the Latin at the beginning. On the continent, the
historian to keep more than a very general 13 th century at the same time marks the true
perspective. To give just one example: in the onset of vernacular literacy.
Archivio dello S tato di S iena there are about Whereas the texts mentioned for the Ar-
500 documents from the 12 th century, but chivio dello S tato di S iena (→ 5.2 .) were
16,509 for the 13 th century. In the 14 th century “only” documents, more and more books
there is only a slight increase. The rate of were published. In order to give one further
increase is not constant during the course of example: with the help of the bibliography of
the 13 th century. There is an immense accel- Cioranescu we can find out that nearly 10,500
eration between 12 2 0 and 12 40, whereas the book titles were published in France between
annual output of written texts remains more 1650 and 1750. In about 2 00 different genres
or less the same later on (Hartmann 1994). they deal with a panoply of subject matters,
The spectacular acceleration in text pro- the most important being religion (whose
duction coincides historically with major overall share is 1/3, the production of relig-
changes in social, commercial and agricul- ious texts ascending until about 1680, thence
tural organization. Thanks to doings and rapidly descending; cp. Kalverkämper 1985).
dealings the near-democratic city states of Among the writers of this epoch there is a
Northern Italy had already a population sur- first Grand Master, Voltaire (1694—1778),
plus in these times. This compelled them to who dominated the field of literature with the
organize life and everyday supply very strictly 60 odd text genres he mastered. At the same
by written statutes, to include the surround- time he was a European institution (“an in-
ing areas by means of treaties, more and more tellectual superpower in Europe”) populariz-
also by the purchase of real estate. The pres- ing for instance the physics of Newton. He
ent-day landscape of Northern Italy is a prod- was the true head both of the European En-
uct of 13 th century agriculture and, to a large lightenment and of the famous Grande En-
extent, of 13 th century scripturality (Keller cyclopédie (Fontius 1989, xxxiii, xxxvii).
1991). The Encyclopédie itself was an enormous
In this view Gutenberg’s invention presents challenge at the time: to paper and book
itself much more as a necessary consequence, production, to book trade, to capital invest-
than as an ‘agent of change’ in the domain ment (by subscription) — and to censorship.
of literacy. (This holds also for the modern At the same time it was an excellent business.
writing servants we call computers.) It goes This enormous quantity of printed text, con-
without saying that printing had conse- taining in a systematically ordered way the
quences, too. One of them is the tendency to knowledge of the best scholars of the time,
standardize orthography, lexis, and grammar was sold in nearly 2 5,000 — very expensive
(→ art. 44, 4.3.). Another consequence is that, — copies before 1789 (about 11,500 of them
like the computer, it made superfluous certain in France). The major part of the first edition
occupations, at the same time creating new (1751—1772 ) had already to be produced
ones. Major preconditions for printing to un- abroad, mainly in Neuchâtel, then a part of
fold its true possibilities were a new increase Prussia (cp. Darnton 1979 who exploited the
in the potential reading public in conjunction archives of the S ociété typographique de Neu-
with other factors, among them Italian and châtel). The privilège du roi that printers of
French humanism as well as French and Ger- the 16 th century had asked for in order to
man protestantism — the great printers of protect their exclusive copyright for the titles
16 th century France were in general both hu- they sold had imperceptibly turned into a
manists and protestants (Catach 1968). If it highly efficient censorship in France which
were only the invention of printing that allowed both an underground market (Darn-
brought about later Western evolutions, sim- ton 1982 , 1991) and printers in Switzerland
ilar consequences should have been observed and in the Low Countries to flourish (cp. e. g.
in China where the same invention had been Eisenstein 1979). The existence of censorship
discovered earlier. shows that literacy may develop aspects that
are felt to be a ‘threat to the security of the
5.3. Cultural memory, the quantity of texts state’, or to other institutions (at that time
available, and censorship the Catholic Church had already had its index
librorum prohibitorum for centuries).
As explained above (→ 5.2 .), the revolution One of the disadvantages of oral cultures
of the 13 th century enormously increased the is what Roman Jakobson and Pëtr Bogatyrev
1.  Orality and Literacy 9

aptly called a “collective censorship” (“Prä- canon in effect, the majority being discarded.
ventivzensur der Gemeinschaft”, 1966 [192 9], We find this kind of institutional censor-
4). Texts the audience dislikes fall into obliv- ship in all kinds of societies (Assmann &
ion. In literate cultures all written texts can Assmann 1987). Apart from imparting
be preserved and rediscovered by future gen- knowledge which could (but need not neces-
erations, provided the material they are writ- sarily) be of practical importance, education
ten on subsists. This advantage changes into functions as a kind of initiation ritual which
a serious problem with mass media — this is transforms youth into fully-fledged members
above all a true consequence of printing. of society. Another function — and not the
Unless the literate public simply refrains least — is that thereby the young participate
from reading, there are at least three reac- in what is the collective memory of the com-
tions. The first one is already characteristic munity with its power of social identification.
of Antiquity (in the 1 st century B. C. the fa- Making texts as attractive as possible is a
mous Alexandrian Library is said to have third possible answer to unwilling potential
contained 700,000 volumes or pinakes). Since readers. Authors and printers improve text
it may be somewhat tiresome to read entire layout, they illustrate their products. They try
texts, shorter (and cheaper) versions are pro- new techniques, change genres and ‘invent’
duced. They are called epitomē, summarium, new ones; they introduce more — and more
argumentum or hypóthesis (of a play), later natural — dialogue parts into their texts (and
on catechismus, breviarium, compendium. dialect with dialogue — cp. Goetsch 1987),
Other genres make a new text out of parts of they discover new topics (historians of liter-
others. The genres flourishing already in An- ature distinguish them in retrospect with the
tiquity are called florilegium, anthología, ek- label of a new - ism : realism, naturalism, sym-
logía, miscellanea, stromatéus ‘patchwork’, di- bolism, futurism, being well known exam-
gests, pandektá, later on, in scholasticism, ples).
compilatio and encyclopaedia. Alongside with While in literature — thanks to mass media
these reductive forms new genres created in a — there is an increasing tendency to inter-
philological attitude of mind come into being: nationalize such achievements (in Spanish we
for instance the lexicon and the grammar. have the term literatura universal with its very
This tendency to create new texts and text special meaning), scientific writing seems to
genres by abbreviating or compiling other foster national traditions. French scientists
ones has not changed in more recent times. knew (Lepenies 1976, 131 ff) and know that
About 2 00 French titles published in the pe- they write in a way different from their Ger-
riod from 1650 to 1750 belong e. g. to the man colleagues; comprehensible scientific
genre abrégé. Modern forms are Valentino writing has a different standing in anglophone
Bompiani’s Dizionario delle Opere di tutti i science and in the corresponding German-
Tempi e di tutte le Letterature and its different speaking tradition (→ 5.7. [communicative
successors, as well as the primer, the intro- writing]).
duction, the textbook, Reader’s Digest, and so The most radical changes in writing can be
on. observed in the history of mass media, i. e. in
With the terms ‘philology’ and ‘philologist’ journalistic writing and in the corresponding
we come to the second reaction to the over- genres of television. Journalists know best
whelming production of written texts in lit- what they can expect of their readers. Reading
erate societies. These societies tend to create public means circulation and money. Jour-
institutions they call elementary school, col- nalists thus use every trick in the book to
lege, Gymnasium, lycée, university, Grande persuade the potential public by the layout
École, Academy of Science, and the like. The of the First Page, by headers, leads, photo-
graduates leaving such institutions (which graphs and cartoons, the amount of infor-
may be combined with religious instruction) mation to be conveyed being as drastically
are employed in the public and in the private reduced as the value the message has two
economic sector. Since the matters that could days later.
be taken into account during such processes
of education are potentially unlimited, 5.4. The two dimensions of written texts as a
choices have to be made. In this domain every starting point for further achievements
system of education has the function of cen- The evolution of text layout (→ 5.1., 5.3.) has
sorship — only some texts (literary and other) an aspect which merits some more attention.
shall belong to the curriculum, the Lehrplan, Spoken texts are one-dimensional. Utter-
the trivium and quadrivium, or simply to the
10 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

ances, words, sounds cannot but follow one process, too. A table (i. e. a particular instance
another. One of the great advantages of writ- of a two-dimensional matrix) is not made for
ten texts is the two-dimensional nature of the linear perception, but for simultaneous,
page. Layout makes use of the respective pos- global reading. Precise information may be
sibilities in marking chapters, paragraphs, found and interpreted in accordance with its
and so on. relative position in a well ordered whole.
There is one further possibility which ap- Contemporaries who are professional read-
pears most clearly in mathematics. When in ers will be familiar with the tendency to take
12 02 Leonardo da Pisa wrote his liber abaci, advantage of the ideographic elements that
he relied on an Arabic original. Problems we tend to develop in the orthographies of al-
would formulate in a few lines extend over phabetic writing systems, of good page layout
one or more pages of normal Latin text. and simultaneously accessible information, in
Mathematicians of the 13 th century are not order to overcome the tiresome process of
yet familiar with the system of notation their linear reading which proves to be too costly
successors use today. This system only devel- in terms of time (Richaudeau 1969; Günther
oped in a slow process between the 13 th and 1988).
the 17 th century. Most of the symbols are the Other — more indirect — consequences of
outcome of an intermediate stage which the two-dimensional page layout (for instance
would not have been possible without alpha- a decisive change in the conception and in the
betic literacy — phenomena of the same kind art of memory — cp. e. g. Yates (1966) — or
can be observed in India (e. g. Brahmagupta) the idea to create a universal language) can
and in Alexandrian mathematics (Diophan- only be mentioned (cp. for this paragraph
tos): this is the stage of abbreviation. To give Raible 1991 b, 1993 a).
some simple examples: abbreviation leads not
only to most familiar signs like & ( et ), but 5.5. The written text as a metaphor
also to the plus and minus (+, —), the sign The Presocratics knew that we have to use
for the square root (√4x 2 ), and so on. For visible models in order to understand things
Leonardo da Pisa the unknown is still res or we cannot see (cp. Anaxagoras, fragment 2 1a
radix, the square of the unknown is termed Diels-Kranz). The model Leucippus and De-
census, the name of its third power is cubus. mocritus used for their atomistic doctrine was
Nearly three centuries later, with Luca Pacioli the Greek alphabet. Matter, they said, is com-
(1494), we find the respective abbreviations posed of invisible atoms and void space be-
co. (for cosa, ‘thing’), ce., cu. (4x 3 is written tween them. The diversity and the variety of
cu. 4). It was Descartes, at the beginning of the visible world is due to the fact that atoms
the 17 th century, who introduced the modern are differently shaped: like an A differs in
conventions (x 0 for absolute numbers, x 1 , x 2 , shape from a N; that their order may be
x 3 , and so on for the powers of the unknown different: AN is different from NA; and that
— cp. e. g. Tropfke 1921). their relative position in space may differ: a
Today’s system of mathematical notation rotation of 90° makes a N out of a Z (cp.
was indeed shaped to a large extent by the Aristotle, Metaphysics A 4, 985 b 15 ff). The
great mathematicians of the 17 th century. It idea behind this conception is the reduction
facilitated the highly momentous discoveries of immense varieties to a restricted set of
of this century: analytic geometry and calcu- elements (the 2 0 odd letters of the Greek
lus, resulting in a new ideographic system. alphabet) we can observe in written texts.
Mathematical ideograms, consequently ex- Models of thinking leave deep imprints in
ploiting the two dimensions of the page, are the history of thought and science. When they
accessible to simultaneous rather than to lin- are used as a model, the works of the clock
ear perception — provided one knows the lead for instance to mechanistic explanations
system. This enormous progress made math- of systems (with God as the great watch-
ematics the most important complementary maker and the Prime Mover), whereas for
science to natural sciences, contributing in a example the model of networks favours the
decisive way to their role in modern science idea of dynamic systems admitting parallel
and technology. instead of linear processing. Now one of the
The two dimensions of the written page most powerful and effective models of think-
have been exploited in other ways, for in- ing in Western thought was the book. Hans
stance in the tables, matrices and graphs we Blumenberg (1981), a German philosopher,
find in our texts. They are the result of a long devoted an entire book to this topic. It is
1.  Orality and Literacy 11

perhaps the most important publication on ebenso gut darin ihren Ausdruck finden kön-
the consequences of literacy (although it has nen, als die Worte und Begriffe aller Sprachen
escaped the attention of most scholars in the in den 2 4 bis 30 Buchstaben des Alphabets”).
domain). The idea of envisaging the world as It was not until in 1943 that the same idea
a book originated in Jewish and Christian was put forward again — this time by the
Antiquity. Nevertheless the idea of the legible Austrian physicist Erwin Schrödinger — in a
world became truly productive only with series of conferences given in Dublin under
scholasticism, i. e. at the moment when for the heading “What is life?”. He suggested a
the first time books had the layout (and the genetic alphabet similar to Morse. Mutations
legibility) familiar to modern readers. would be due to mistakes in the process of
The idea of the two books of God — the copying and reading the code. When Oswald
Scriptures and the world (“the book of na- T. Avery, one year later, published the dis-
ture”) — dominated thinking for centuries. covery of what today would have been called
At the beginning the book of the world, fos- the succesful cloning of bacteria, one of his
tering edification, can be read by illiterates, rare readers, Erwin Chargaff, had at once the
too. It dictates “true philosophy” to its reader. idea of a “grammar of biology”.
But, more and more, special knowledge is Both Miescher and Schrödinger were con-
required in order to read it. Discrepancies firmed in 1953 by the discovery of Francis
between the two books are noticed and com- Crick and James Watson who showed that
mented upon. In the Criticón of Baltasar Gra- the long strands of deoxyribonucleic acid
cián (1601—1658) we need already a descifra- (DNA, Schrödingers punched Morse tapes)
dor in order to understand a human world had the structure of a double helix, and by
which is written in cipher, and the result of the series of momentous discoveries that fol-
our lecture will be desengaño. When the new lowed this breakthrough. The genetic code
ideographic language of mathematics be- underlying all forms of life has exactly the
comes fully available in the first decades of same ‘double articulation’ characteristic of
the 17 th century, Galileo Galilei tells us that human language: corresponding to the
the book of nature is written in cipher, too, sounds or phonemes of our languages there
and that those who intend to read it have to is a “genetic alphabet” consisting of four nu-
master the language of mathematics. He thus cleotides or “letters”, a triplet of letters form-
announces in a prophetic manner the defini- ing a genetic “word” or codon. Homonymy,
tive separation of humanities from natural rare in our languages, is frequent in the do-
sciences so characteristic of modern times. main of genetics since most of the 64 possible
The point in this evolution is that mathemat- three letter words correspond to (“mean”)
ics itself — which brought about these results one of the 2 0 odd amino acids which are the
— does not belong to the natural sciences. In elementary constituents of all forms of life.
the Platonic sense it is a pure science of ideas. The metaphor of language in the form of an
Although by the 17 th century at the latest alphabetic writing system is omnipresent in
we are told that in order to decipher nature molecular biology since 1953 (cp. Raible
we need to know a new language, there will 1993 b).
be one further offshoot of the central meta-
phor which likens nature to a text. It is even 5.6. Tendencies in legal systems.
the most important for modern times since it Some social and institutional
concerns molecular biology. In the 2 2 nd (and consequences of literacy
last) chapter of his book Blumenberg de- Literacy may — but need not — lead to
scribes the process that resulted in the deci- institutions and to institutional changes. Jan
phering of the genetic code. It began with the Assmann (e. g. 1983, 1992 ) described them for
discovery of nucleic acid by Friedrich Old Egypt, others have done it for Mesopo-
Miescher in 1869. In 1893, just before his tamia (→ art. 35). As to more recent times,
death, he put forward the idea that the rela- some of the social consequences of literacy
tion holding between the letters of our alpha- can be shown in areas where a legal system
bet and the enormous number of words their relying on written texts clashes with oral com-
combination results in could explain the re- mon law. This was for instance the case in
lationship between the information contained the Middle Ages. Lots of charters that have
in the nuclei of our cells and the variety of been left to us — many of them belonging to
life forms (“... daß aller Reichtum und alle the first texts written in vernacular languages
Mannigfaltigkeit erblicher Übertragungen — document lawsuits concerning real estate
12 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

affairs. Somebody had made a testament or quantities of written texts — these texts being
a gift in favour of the Church. The — illiterate in one case the judgements pronounced, in
— plaintiffs usually start from the assumption the other the law texts which by their sheer
that, in accordance with customary right, the quantity (→ 5.3.) tend to obscure the princi-
legal heir should be the family or the clan. ples of justness (Raible 1991 c, 441 f).
Since the defendant is able to produce written
legal titles, the suit is hopeless for the plain- 5.7. Cognitive demands and consequences
tiffs. To an illiterate plaintiff familiar with
oral common law, a written provision coming It has already been explained that the scale
into validity after the death of the party who between conceptual orality and scripturality
made it (as testaments are), is simply incom- is essentially a cognitive scale and that textual
prehensible (cp. Clanchy 1993 for England). genres — which may be arranged on such a
Still more recent observations of this kind scale — mean cognitive demands which as
often call for special knowledge (→ above 3.,
concern 17 th and 18 th century Hungary. Here 4.; this holds also for the genres of oral so-
a usually illiterate population clashed with an
administration using not only script, but cieties). Every genre automatically means a
Latin into the bargain. Since neither registers special patterning and a selection of possible
of birth, marriage and death, nor land regis- information because information is by defi-
ters were kept, personal evidence before the nition a ‘reduction of possibilities’. Western
court was most important. The existing re- institutions initiating the young have to spend
cords of the lawsuits show us that nobody a good deal of their time teaching pupils and
knew in which year she or he was born. The students how to write texts and how to excel
date of birth and the importance of people’s in certain textual genres, these genres being
ages seem to be one possible outcome of — like essay, panegyric speech, address to the
institutional literacy. At any rate illiterate jury, or aphorism — at the same time forms
communities fix the age of people in accor- of thinking. French, German, or Italian
dance with the social functions they are able judgements with their higly ritualized text
to fulfill. The people testifying in the Hun- forms demand not only an obligatory legal
garian suits have the age appropriate to the knowledge, but also an intensive and thor-
event to be witnessed. Thus in two different ough training with the aid of specialized text-
records the same witness can grow ten years books (cp. Krefeld 1985). The same thing
younger or older within a fortnight. holds for articles in certain reviews, for letters,
Another observation to be made in this applications, requests, but also for essays,
context concerns communicative and cultural short stories or novels. “Writing can be intel-
memory in conjunction with the correspond- lectually very demanding, requiring attention
ing social radius (→ 2 .). The records show to both rhetorical and substantive issues”
that the memory of a single party or a small (Scardamalia & Bereiter 1985, 327).
group of persons, for instance a family, does As has been said above (→ 2 .), speech has
not exceed 70 years. As soon as events con- an important role in the development of self.
cern a larger community, for instance a whole Since written texts allow us to exteriorize and
village, a fairly reliable memory going far to neatly elaborate problems, and since the
back in time (admittedly without dates) may appropriate abilities have to be acquired, the
be kept alive (Tóth 1991). writing of texts has important ontogenetic
Apart from common law — which for ex- aspects (cp. e. g. Scinto 1986 or Ferreiro 1985
ample was still valid in northern France in for elementary writing; → art. 98). Specialists
generally distinguish several levels to be ac-
the 17 th century — Western civilizations know quired one after the other. The level of “com-
two major legal systems: Case Law and the municative writing” shows what is at issue:
systems which have adopted so called Roman the writer should be able to anticipate the
Law. In both systems all charges, petitions, difficulties potential readers might have with
judgements, injunctions, and so on are in his text (Jechle 1992 ). At the same time the
written form. (Modern) Roman Law requires different drafts preceeding the final version
written laws, bans, prescriptions, stipulations, allow us to retrace the intellectual steps an
and the like (nulla poena sine lege), whereas author made in producing his text (cp. e. g.
Case Law generally deduces the rules leading Grésillon 1988, the contributions in Hay
to a particular judgement from the judge- 1989, and the so called critique génétique).
ments passed on analogous former cases. At least those who practise scientific writ-
B o t h systems have to strive against vast ing will be familiar with an effect called “epi-
1.  Orality and Literacy 13

stemic writing” in the school of Jean Piaget: work on.


after having written down, i. e. exteriorized, To a large extent the mental training one
a text on a certain topic in an often lengthy needs to answer the questions psychologists
process, the subject matter tends to be much like to ask (witness the famous IQ-tests) does
clearer to the author than it was before. He not presuppose literate candidates, although
may have the feeling that he “knows more” the questions themselves are products of lit-
than before, although he need not have used eracy. The same thing holds for the word
exterior knowledge (Eigler et al. 1990). This association tests psychologists have been ad-
is one other reason why undergraduates are ministering since the beginning of the 2 0 th
compelled for their own sake to write papers, century. They presuppose three levels of in-
master’s and doctoral theses. The exteriorized tellectual evolution which seem to be a side
text — something slowly and consciously pro- effect of literate education, too (Raible 1981).
duced and revised several times — among Literacy means demands on the intellect, but
other factors may increase the general effect intellectual evolution might to a large extent
speech has in the construction of self. do without reading and writing since many
In one of his important contributions Ivan intellectual faculties are really indirect or side
Illich (1991) pointed out that literacy creates effects of literacy (Scribner & Cole 1981).
a mentality (he speaks of a “symbolic fallout
form”) which moulds the literate as well as 5.8. The dialectics of literacy
the illiterate members of a community. With
respect to the illiterates he speaks of “lay It has been said that dialectical notions pre-
literacy” — his perspective is a certain kind suppose and define one another (→ 2 .). There
of Western mentality developing since the are not only different kinds of oral and lit-
Middle Ages. A modern example will show erate cultures, but also different degrees of
what is meant: a father goes for a walk with literacy and orality, every change in literacy
his four-year-old son. Somewhere they see a changing at the same time the role and the
dog and a cat and the father asks “what do assessment of orality. Since literacy is in com-
a dog and a cat make?” in order to hear “two petition with other media characterized by an
animals”. In this way he is trainig hierarchies indirect, mediated and unidirectional com-
of notions with an illiterate child. munication, the same holds for the relation
Children have no difficulty at all with this between television resp. broadcasting and the
kind of game. The same holds for the ele- print media. No doubt the abundancy of
mentary set theory underlying such games. At ‘shallow’ broadcast, televised and journalistic
this age children will have no problems when information may give a new value to the
they are asked to arrange objects according ‘deeper’ information a book may convey; no
to certain features (form, colour, number). doubt also the abundancy of mediated infor-
Curiously enough literate adults m ay have mation in general may give a new value to
difficulties with elementary set theory. Some direct (and per definitionem bidirectional)
time ago it was introduced in elementary clas- communication in face-to-face situations. The
ses in Germany. It had to be abolished very impression a good lecture or a dialogue makes
soon because most of the parents — who were on the participants may be much stronger
not acquainted with this subject — made fools than the long time effect conveyed by a good
of themselves. editorial, or even a good book: being s o c i a l
In 1930/31 A. R. Luria carried out field experiences they concern communicative,
studies with illiterate adults in Kasachastan sometimes even cultural memory, not only
and Usbekistan. They were asked for example the individual one.
which one of four objects — for instance a One possible effect of literacy was that the
saw, a hatchet, a hammer and a piece of wood scale between conceptual orality and scrip-
— did not belong to the others. Western psy- turality is enlarged, the pole of conceptual
chologists dislike the log among three tools scripturality being “shifted to the right” in
(Luria 1976, 55 ff). Scribner & Cole (1981) the above schema (→ 4.2 ., 4.3.). This may
made similar tests with — literate — Vai in not only be felt as progress — at the same
Liberia. Neither the peasants of Kasachstan time more and more complex and planned
and Usbekistan nor the Vai people were upset texts may be a disadvantage for comprehen-
by the piece of wood (or its equivalent in sion, they may even be felt as a danger: the
other tests) — on the contrary: it made sense difference between a “normal” speech and the
because the tools presuppose an object to artful speech delivered by a sophist orator,
14 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

for example, was clearly perceptible. Even in ments lead to rather different results? Why
Antiquity this had led, among other things, did the invention of paper money — discov-
to Plato’s critique of literacy or to Alkidamas’ ered by Italian merchants of the 13 th century
critique of the sophists (Kullmann 1990; Frie- as well as in 11 th century China — have so
mann 1990; Usener 1994). totally different consequences in the East and
Just as Culture may cause a new desire for in the West where it became a most important
Nature, Literacy makes us long for the (sup- root of capitalism? Why did (written) Case
posed) simplicity of Orality (→ 2 ., e. g. Law originate in Great Britain whereas most
McLuhan 1962 ), making us call out “write European countries patterned their laws on
the way you speak!” We have only to look at the Roman system? One answer is that the
the transcripts of authentic spoken language same achievements are equivalent only in an
to see that there is not the slightest chance of identical social, economic, institutional, and
this slogan’s being translated into action. cultural context. Like Vai, Cree Indians
The slogan allows us instead to observe the needed script for their communicative, not
dialectics of literacy for a last time. Once a for their cultural memory (→ 4.5., 2 .),
society has become literate, it can never return whereas the great monotheistic religions of
to ‘authentic’ orality. Instead orality will be Europe and the Near East are typical book
created a r t i f i c i a l ly with the means of liter- religions, a most important part of cultural
acy. A good example is ex improviso speech. memory having allegedly been revealed in the
The theoreticians of rhetoric — Aristotle, Ci- form of a written text (→ 5.5. for conse-
cero, Quintilian, modern representatives — quences). Whereas the great reformer Wang
agree on the subject: the more speech is to An Shi tried to impose paper money on an
seem ex improviso, the more it has to be unwilling Chinese population (Ronan 1978),
planned (Bader 1994). The same holds for the European paper money — in the form of
re-oralization of literature, e. g. the skaz fos- cheques and letters of credit — was the quite
tered by the Russian Formalist School. Thus natural outcome of an ever increasing money
ex improviso speech presupposes literacy not and stock exchange during the permanent
only in the dialectical sense, but also on the fairs which took place in the cities of Cham-
level of planning, Paradoxically, a good ex pagne between 1150 and 12 50. Beyond doubt
improviso speech is the incarnation of a there is an immense creative and changing
planned speech — just as 17 th century authors p o t e n t i a l in literacy — but it has to meet
conceive of nature — in literature and in the the appropriate (e. g. institutional) condi-
fine arts — as of “the negation of the negation tions. There are many factors contributing to
of nature”. social and cultural change, a factor of major
importance being what an education system
or a religion make out of literacy (Scribner
6. Multiform contexts, multicausal & Cole 1981; Street 1984).
and multiform evolution processes One thing should be clear: Culture — be
Both powder and printing were invented in it literate or not — is a permanent process.
China as well as in Europe. They had fairly All cultural transition processes concern men-
different effects in the West and in the East. tality, and all processes impinging on men-
By the 1850s nearly universal literacy was tality are extremely slow. If we accelerate
reported among the Cree Indians in a syllabic them artificially, for example by introducing
script. It had been invented for this language Western civilization everywhere, setbacks are
ten years beforehand by a Methodist minister to expected. Currently they are to be observed
and matched the communicative needs of a all over the world.
nomadic community with a scattered settle-
ment pattern. It was used for personal com-
munications (letters, notes), diaries, journals 7. References
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18 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

2. Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation

1. Sprachliches Handeln und Kommunikation mation des mental verarbeiteten partikularen


2. Mündliche Vertextung Erlebens bietet dafür eine elementare Grund-
3. Schrift: Verdauerung II lage. Die Wissensakquisition löst den Han-
4. Strukturale Konsequenzen der Verschriftli- delnden aus der Unmittelbarkeit der jeweili-
chung von Kommunikation für das sprachli- gen Situation. Dies gilt für selbstbewegungs-
che Handeln fähige Systeme insgesamt; es gilt in quanti-
5. Die Verdinglichung des Textes und ihre kom- tativ umfänglicher Weise für den Menschen
munikativen Folgen als ein solches System, das mehrfach quali-
6. Medienmanipulation tativ umschlägt und eine Reihe jeweils neuer
7. Die Transformation des Sprechers zum Autor Stufen der Wissensstrukturierung mit neuen
und ihre soziologischen Konsequenzen Funktionen des Wissens für das System kon-
8. Die Transformation des Hörers zum Leser stituiert. Die Sprache ist mit diesen Prozessen
und ihre soziologischen Konsequenzen auf das engste verbunden, indem sie in ihrer
9. Schriftliche Kommunikation und die Ent- Entwicklung einerseits davon abhängt, an-
wicklung wissenschaftlichen Wissens dererseits wesentliches Medium und so Vor-
10. Schriftlichkeit und das gesellschaftliche Ge- aussetzung für die qualitativen Umschläge ist.
samtwissen (Zur ontogenetischen Entwicklung und ihrer
11. Schriftliche Kommunikation und ihre Weiter- Differenz gegenüber den höchstorganisier-
entwicklung ten sonstigen Lebewesen s. Wygotski (1934)
12. Literatur und A. N. Leontjew (1973); zur Gattungsge-
schichte der Entwicklung des Wissens s. Hegel
1807 und seine Enzyklopädie.)
1. Sprachliches Handeln Die Überwindung der Flüchtigkeit der ein-
und Kommunikation zelnen Sprechhandlungen geschieht in der
Schrift ist (historisch wie systematisch) Mittel gattungsgeschichtlichen Herausbildung der
zur Verdauerung des in sich flüchtigen sprach- sprachlichen Handlungskategorie „Text„. Sie
lichen Grundgeschehens, der sprachlichen bildet das Mittel par excellence für die Er-
Handlung. möglichung von kommunikativ-sprachlicher
Die sprachliche Handlung ist ein — zen- Überlieferung. (Semiotisch entspricht dem
traler — Subtyp der kommunikativen Hand- das Denkmal in seinen verschiedenen For-
lung; diese ist ein Subtyp der interaktiven men.) Wesentlich für den Text in diesem Sinn
Handlung. Als Handlung ist sie eine spezifisch ist eine Strukturveränderung der sprachlichen
menschliche Form von Tätigkeit. Mittel, die sich insbesondere in der Heraus-
Die sprachliche Handlung hat zwei für sie bildung neuer Formen manifestiert. Diese
charakteristische Aktanten, S, den Sprecher, haben die Funktion, durch die Aktualisierung
und H, den Hörer, und eine ihr eigene Situa- besonderer Gedächtnisfähigkeiten Tradition
tion, die Sprechsituation. Die Flüchtigkeit der zu bewerkstelligen und so die Überwindung
sprachlichen Handlung ist die Bedingung der der Flüchtigkeit der unmittelbaren, situativ
Möglichkeit für ihre primäre Effizienz. Durch eingebundenen Sprechhandlung über deren
die sprachliche Handlung greift S in die Si- einfache Re-Instantiierung hinaus zu garan-
tuation von H ein. Die Eingriffe beziehen sich tieren. Diese Prozesse sollen ‘Vertextung’ hei-
auf Hs weitere Handlungen oder ihre Unter- ßen. Ein Heraustreten aus der Mündlichkeit
lassungen und/oder auf Hs Wissen. ist dafür nicht erforderlich, weil die Fälle von
Vertextung mit Blick auf die Gesamtheit der
sprachlichen Handlungen einer Gruppe als
2. Mündliche Vertextung selten zu qualifizieren sind. Zudem wird der
Erfolg der Vertextung durch vielfältige son-
In einigen Fällen tangiert die Flüchtigkeit je- stige begleitende und stützende Maßnahmen
doch die Effizienz der sprachlichen Hand- wie den Ritus oder den Situs erleichtert. Diese
lung. Das kommunikative Verfahren verkehrt Verfahren der Vertextung sind in sich noch
sich dadurch in sein Gegenteil bzw. wird wir- keine völlige Herauslösung aus der Sprech-
kungslos. Dies betrifft vor allem den Bereich situation. Diese geschieht hier vielmehr ledig-
der Wissensübertragung. lich tendenziell, in der Eröffnung einer Mög-
Ein Großteil des Wissens ist seinem Wesen lichkeit dazu, die sogleich durch erhebliche
nach auf Kontinuität angelegt. Die Transfor- Stützmaßnahmen wieder zurückgenommen
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 19

wird, indem gerade die situationellen Ele- schriftliche erhobenen ernsthaften und gra-
mente verstärkt werden. Die Dauerhaftigkeit vierenden Einwände weitgehend abzulösen
wird durch das Herstellen einer artifiziell re- und die „Traditionen des Sprechens“ (Schlie-
petierten Sprechsituation ermöglicht, deren ben-Lange 1983) durch die „Tradition durch
Artifizialität sich in der Herbeigeführtheit für Schrift“ zu ersetzen.
die Aktanten unmittelbar bemerkbar macht. Die Einbeziehung von Schrift für die Ver-
Gerade darin unterscheidet sie sich von der dauerung von flüchtigem sprachlichen Han-
einfachen Instantiierung einer sprachlichen deln führt zu einem systematisch anderen Er-
Handlung aus den Handlungserfordernissen gebnis als bei der mündlichen. Während die
heraus, also aus dem je erneuten Auftreten Textform-Verdauerung im wesentlichen durch
des Anlasses, eine sprachliche Handlung aus- Situationsstärkung gekennzeichnet ist, bedeu-
zuführen, d. h. das ausgearbeitete Handlungs- tet der Einsatz der Schrift, daß eine p r i n z i -
muster erneut zu aktualisieren. Die Herbei- p i e l l e Loslösung von der Sprechsituation er-
geführtheit der Vertextung bedeutet zugleich, folgt. Die in der Verdauerung durch mündli-
daß diese Verdauerung der tradiblen Hand- che Vertextung initiierte Entwicklung kommt
lung eine gewußte ist. damit zu sich selbst. Dies aber bedeutet eine
Revolutionierung des sprachlichen Handelns,
die (systematisch und historisch) nacheinan-
3. Schrift: Verdauerung II der alle seine Dimensionen erfaßt: Sie tangiert
Darüber hinausgehende Verfahren zur Her- (a) die sprachliche Handlung selbst; (b) die
stellung der Dauerhaftigkeit von sprachlichen an ihr beteiligten Aktanten; (c) die Sprech-
Handlungen entstehen demgegenüber auf un- situation und (d) ihre Umsetzung in un-
terschiedlichen Geneselinien, deren wichtigste terschiedliche Teilbereiche der sprachlichen
eine semiotisch-religiöse und eine ephemer- Handlungsformen; aber auch (e) den Tradi-
ökonomische sind. Erstere liegt weitgehend tionsprozeß als einen Prozeß zweiter Stufe, (f)
im Dunkeln (s. aber Art. 17) und wird syste- die Herausbildung neuer Text-Formen und
matisch je und dann reaktualisiert. Die zweite (g) das Verhältnis von Sprache und Wissen.
hingegen ist im einzelnen auf der Grundlage Im Ergebnis erweist sich dieser Prozeß als
von Dokumenten historisch vergleichsweise einer der wesentlichen Gattungsmechanis-
gut greifbar und hat sich sytematisch zu einem men, den die Weiterentwicklung der mensch-
zentralen Stellenwert hin entwickelt (vgl. im lichen Wissenssysteme ausbildet. In sich trägt
einzelnen Ehlich 1980, 1983; Nissen, Dame- er zugleich den Keim zu seiner eigenen Rela-
row & Englund 1991). Beide führen zur Her- tivierung und Entmächtigung, indem an ihm
ausbildung von Schrift. Die zweite erweist die Möglichkeit des Übergangs als Zeichen-
sich dabei als problemlösungsaktiv, obwohl Traduktionsprozeß ersichtlich wird, der —
ihre Fortschreibung keineswegs als Gerade zu erneut angewandt — zur elektronischen
konzeptualisieren ist. Transposition wird, die als solche besonders
Die Verdauerung der flüchtigen sprachli- die Funktionen schriftlicher Wissenstradie-
chen Handlung durch Schrift stellt ein zu den rung betrifft und möglicherweise zu einem
Text-Formen prinzipiell konkurrierendes Ver- erneuten qualitativen Sprung Anlaß gibt.
fahren dar, das — obwohl es in einer langen Im Ergebnis bedeutet die schriftliche Ver-
Koexistenz mit den Textformen als Formen textung die Dissoziierung der in sich homo-
der Verdauerung stand und aus dieser Koexi- genen Sprechsituation. Die Sprechsituation,
stenz erst vergleichsweise rezent herausgetre- die in der Vertextung ohnehin zerdehnt wird,
ten ist — seine empraktische Einbindung erst zerfällt in zwei Bereiche, in denen jeweils einer
allmählich verloren hat. Im Vollzug dieses der Aktanten im Mittelpunkt steht, bis auch
Lösungsprozesses schlug die bloße Parallelität diese Beziehung sich verliert. Während in der
und Koexistenz der beiden Verdauerungsfor- mündlichen Vertextung über die Situations-
men auch konkret zunehmend in eine Kon- stärkung dieser Prozeß überbrückt wird, zer-
kurrenz um, die sich vornehmlich als Kon- fällt die Sprechsituation als einheitliche in der
kurrenz der jeweiligen Trägergruppen äußerte schriftlichen Kommunikation vollends. Dies
und bis heute äußert. Erst die neuzeitlichen wirkt sich besonders hinsichtlich der — durch
Entwicklungen verschufen — insbesondere Kopräsenz der an der Sprechsituation betei-
durch materielle Innovation (Buchdruck, vgl. ligten Aktanten konstituierten — Gemein-
Giesecke 1991) — der Schrift die Möglichkeit, samkeit sinnlicher Wahrnehmung aus, die
die mündliche Tradition trotz aller gegen die dem sprachlichen Handeln und, sofern es die
Wissensvermittlung betrifft, auch dieser Un-
20 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

mittelbarkeit verleiht und sie so notwendig tionsentbindung durch Dissoziierung der ein-
lebensweltlich verankert. fachen Sprechsituation bedeutet zugleich die
Demgegenüber hat die Dissoziierung der Kombination von in sich Disparatem in einer
Sprechsituation durch den schriftlichen Text neuen, komplexeren Einheit. Während etwa
zur Folge, daß die sinnliche Zugänglichkeit im Institut des Boten (vgl. Ehlich 1983) diese
auf die Materialität der Zeichengestaltung Kombinatorik über die mentale mnemotech-
einerseits (Haptik), die bloße Konzentration nische Aktivität des Boten vermittelt ist, liegt
auf die Visualität andererseits zurückgenom- der wesentliche Beitrag der Verschriftung
men wird. Bereits dadurch wird der schrift- darin, daß die sprachliche Handlung selbst
liche Kommunikationsprozeß wesentlich ab- durch ihre mediale Transposition in einzelne
strakter als der mündliche; Abstraktion be- Momente dissoziiert und insbesondere deren
deutet hier Zurückführung von Sinnlichkeit Resultat sowohl gegen seine Produktion wie
durch Konzentration und durch Heraushe- gegen seine Rezeption isoliert wird. Dies be-
bung einer Dimension der Wahrnehmungs- deutet, daß sich im verschriftlichten sprach-
tätigkeit gegenüber anderen und gegenüber lichen Handeln selbst eine neue Substruktur
ihrer Kombinatorik. A. Assmann (1993) zur Deutlichkeit entfaltet, die vor allem die
spricht in diesem Zusammenhang von einer Grundlage für eine neue Konzeptualisierung
Exkarnation des Textes. von Sprache bildet. Der logos verliert seinen
Dies ist freilich bloß ein Aspekt des Ab- komplexen Charakter als Einheit von Ge-
straktionsprozesses. Dieser findet seine wei- schehen, Geschichte und Wort, der dābār (alt-
tere Auswirkung in der Struktur dessen, was hebräisch für „Wort“ wie für „Sache“) wird
durch die Verschriftung an Sprache selbst ge- in Richtung auf seine sprachlichen Anteile hin
schieht. Die sprachlichen Laute werden — vereindeutigt. Alle heutige Konzeptualisie-
sofern Schrift den Weg hin zur Laut-Fundie- rung von Sprache setzt diese Differenzierung
rung geht — einer sekundären S emiotisierung immer schon voraus, ist also in einem syste-
unterzogen. Die Leichtigkeit, Glätte und ent- matischen Sinn post-skriptoral. Dies macht
wicklungsbezogene Frühe des Erwerbs dieses sich nicht zuletzt in der langen Unfähigkeit
Verfahrens in Regionen mit entwickelten Al- der Wissenschaft bemerkbar, Mündlichkeit
phabetisierungsstrukturen (Elementarschul- theoretisch angemessen zu konzeptualisieren
systemen) täuscht nur allzu leicht über den (vgl. Ong 1987, Linell 1986).
Schwellenwert dieses Abstraktionsverfahrens Der Sprachbegriff, der sich — vorwissen-
hinweg. Sprache, eine in sich abstrakte, weil schaftlich und wissenschaftlich — auf der
Repräsentationen entwickelnde und unterhal- Grundlage der so kommunikativ entwickelten
tende Struktur, wird ein weiteres Mal abstra- Dissoziierung der sprachlichen Handlung und
hiert. Dadurch werden die Rekonstruktions- der Vergegenständlichung des Handlungspro-
prozesse, die der einzelne Aktant zu leisten duktes ausbilden konnte, neigt also aus seiner
hat, (a) länger und (b) aufwendiger. Selbst die inneren Systematik heraus einer Isolierung
erworbene Routine kann diese Grundkenn- sowohl gegenüber dem Verstehen wie gegen-
zeichen nicht überwinden und macht sich in über der Erzeugung dieses Produktes zu.
der Anstrengung des Schreibens, insbeson- Während dies einerseits Sprache als spezifi-
dere aber des Lesens bemerkbar, die offenbar sche menschliche Struktur überhaupt erst er-
dauerhaft sind. kennbar werden läßt, führt es andererseits
immer schon dazu, daß diese Erkenntnis we-
sentliche Aspekte des zu Konzeptualisieren-
4. Strukturale Konsequenzen der den — und zwar gerade aus systematischen
Verschriftlichung von Kommuni- Gründen — vernachlässigt. Damit hat die
kation für das sprachliche Handeln Einsicht in Funktionen und Strukturen
sprachlicher Kommunikation paradoxerweise
4.1. Allgemeines in diesen selbst nicht nur ihre Voraussetzun-
gen, sondern auch die Bedingungen ihres
Während Kommunikation im Medium der Scheiterns.
Mündlichkeit für den Fall der elementaren
sprachlichen Handlung sich als ein prinzipiell Eine Überwindung dieses Dilemmas ist nur
durch eine im strengen Sinn gefaßte Reflexion
synchrones Geschehen darstellt, sind bereits möglich, die eben diese strukturellen Gründe
die systematischen Übergangsformen hin zu für ihre eigene Problematik systematisch in
einer — noch mündlichen — interaktiven die Analyse von Sprache und sprachlichem
(d. h. nicht nur intramentalen) Überlieferung Handeln miteinbezieht.
komplexere Kommunikationsformen. Situa-
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 21

4.2. Veränderungen des sprachlichen melle Strukturbereiche, die Interjektionen,


Handelns durch die Verschriftlichung den Imperativ und den Vokativ. Imperative
der Kommunikation und Vokative treten in Kombination mit an-
deren Prozeduren, insbesondere solchen des
Die Dissoziierung des sprachlichen Handelns, Symbolfeldes, auf, Interjektionen gehören
das Auseinandertreten seiner verschiedenen dem Lenkfeld und nur ihm genuin zu. Die
Aspekte in seinem Vollzug und die Verselb- durch die Verwendung von Lenkfeldausdrük-
ständigung des Handlungsproduktes gegen ken gekennzeichneten sprachlichen Tätigkei-
seine Produktion und seine Produzenten wie ten, die expeditiven Prozeduren, sind Verfah-
gegen seine Rezeption und seine Rezipienten ren zur unmittelbaren Einflußnahme eines In-
tangiert und verändert die verschiedenen teraktanten innerhalb einer Kommunika-
Aspekte dieses sprachlichen Handelns selbst, tionssituation auf die aktionale, verbale und/
und zwar in jeweils unterschiedlicher und für oder mentale Aktivität eines anderen. Gerade
seine verschiedenen Dimensionen je spezifi- die Unmittelbarkeit dieser Einflußnahme
scher Weise. Einige dieser Veränderungen sol- macht die expeditiven Prozeduren in beson-
len im folgenden thematisiert werden, indem derer Weise durch die Dissoziierung der
zunächst das sprachliche Handeln selbst pro- Sprechsituation und des sprachlichen Han-
zedural (vgl. Ehlich 1991), illokutiv (vgl. delns durch die Verschriftlichung tangibel. In-
Searle 1969), propositional und hinsichtlich dem die Voraussetzung der Unmittelbarkeit
der Formentwicklung betrachtet wird. In den in der Verschriftlichung eo ipso aufgehoben
Abschnitten 5 und 6 werden dann mediale wird, entfällt die Bedingung der Möglichkeit
Aspekte und ihre Folgen, in den Abschnitten für die Anwendung expeditiver Prozeduren.
7 und 8 einige Konsequenzen der durch die Für einen Teil der Lenkfeldausdrücke, ins-
schriftliche Kommunikation bedingten Trans- besondere die Interjektionen, bedeutet dies,
formationen von Sprecher und Hörer erör- daß sie in schriftlicher Kommunikation keine
tert. Dabei werden besonders die prozedura- raison d’être mehr haben. (Dies hat innerhalb
len Konsequenzen (4.3.) vergleichsweise aus- der schriftzentrierten Linguistik zur Folge,
führlich behandelt, weil sie bisher wenig Auf- daß ihr sprachlicher Stellenwert selbst in
merksamkeit erfahren haben. Frage gestellt wurde.)
Diese Strategie, das Lenkfeld fallen zu las-
4.3. Prozedurale Konsequenzen sen, läßt sich freilich nicht in gleicher Weise
Die sprachlichen Handlungen konkretisieren auf alle Bereiche der Lenkfeldausdrücke aus-
sich in sehr vielen Fällen in einem Zusam- dehnen, denn eine wesentliche Teilgruppe der
mentreten der lediglich analytisch zu schei- Lenkfeldausdrücke dient der Realisierung
denden Akttypen Äußerungsakt, propositio- von expeditiven Prozeduren, deren Funktion
naler Akt und illokutiver Akt. In diese gehen in der Prozessierung des sprachlichen Han-
kleinere Handlungseinheiten, die Prozeduren, delns selbst als einer interaktiven Tätigkeit
ein, die zum Teil freilich auch in sich hinrei- ( hm, na, usw.) liegt.
chende Formen des sprachlichen Handelns Durch die Dissoziierung der unmittelbaren
sein können (selbstsuffiziente Prozeduren). Sprechsituation und die neue Zugänglichkeit
Fünf Typen von Prozeduren sind voneinander des Äußerungsproduktes stellen sich die Pro-
zu unterscheiden (vgl. Ehlich 1993); ihnen bleme der interaktiven Prozessierung von
gehören jeweils spezifische sprachliche Aus- sprachlichem Handeln prinzipiell neu. Für die
drucksmittel zu, soweit eine Sprachstruktur verständigungsbezogenen Teile des Lenkfel-
hier bis zur eigenen Formbildung vorange- des ist es entsprechend unumgänglich, daß
schritten ist: expeditive Prozeduren/Lenkfeld; kompensatorische Verfahren gefunden wer-
deiktische Prozeduren/Zeigfeld, nennende den, die deren kommunikative Funktion
Prozeduren/Symbolfeld; operative Prozedu- übernehmen. Hier ist der sprachstrukturell
ren/operatives Feld; malende Prozeduren/ wichtigste Innovationsbedarf bei der Heraus-
Malfeld. Diese Prozedurentypen und die dar- bildung von Schrift gegeben, ein Innovations-
auf bezogenen Felder werden von der Ver- bedarf, der in dem Maß besonders spürbar
schriftlichung in systematisch jeweils sehr un- wird, wie auch die empraktische Einbindung
terschiedlicher Weise betroffen. des schriftlichen Textes aufgelöst wird. Auf
Grund der Dissoziierung von Sprecher und
4.3.1. Die Eliminierung von Teilen Hörer und ihrer Transformation zu Autor
des Lenkfeldes und Leser gestaltet sich das Verständigungs-
geschehen zwischen beiden völlig neu. Ver-
Das Lenkfeld umfaßt insbesondere drei for- ständigung geschieht nicht mehr „on line„.
Dies bedeutet verstärkte Antizipation des
22 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Verstehensprozesses des Lesers als Anforde- drückt sich für den Vokativ in der Geschichte
rung an den Autor und Tentativität und Re- der Adressatenartikulation schriftlicher, be-
petitivität des Verstehensprozesses durch den sonders brieflicher Texte und der Einbindung
Leser. Der Autor modelliert sich einen „im- in schriftspezifische Grußformeln aus. Sol-
pliziten“ Leser (Iser 1976). Dieses Modell chen Vokativen und solchen Formen kommt
steuert den Explizitheitsgrad der Verbalisie- sozusagen die Funktion zu, jene Unmittel-
rung. Während in der unmittelbaren münd- barkeit der Sprechsituation artifiziell zu evo-
lichen Kommunikation Verständlichkeit un- zieren, die durch die Verschriftlichung eo ipso
mittelbar hergestellt werden kann, indem ver- verloren gegangen ist. Gerade im Fall des
ständigungsgefährdete interaktive Passagen primär diatopisch motivierten Textes mit nur
direkt bearbeitet werden, entfallen diese Mög- geringer Adressatenreichweite und wenig
lichkeiten in zunehmendem Maße im Prozeß differenzierter Adressatenstreuung ist diese
der Vertextung. Ist für den mündlichen Text Funktion des Vokativs zur Überbrückung des
eine sekundäre Empraxie — z. B. im Kultus dem Text eigenen Abstands charakteristisch.
— und eine Veräußerlichung bzw. Transposi- Eine Geschichte der Entwicklung und des
tion von Teilen des sprachlichen Handelns in mählichen Sich-Verlierens dieser expeditiven
semiotische Mittel ein praktisch hinreichen- Hilfskonstruktion würde eine mikroskopische
des Gegenmittel, so wird für den aus der Darstellung der prozeduralen Konsequenzen
Empraxie herausgelösten schriftlichen Text von Verschriftlichung ermöglichen.
eine textinterne Bearbeitung der Problematik Hinsichtlich des Imperativs bietet die zur
unumgänglich. Eine Fehlmodellierung des Formel erstarrte Terminologie des wissen-
Lesers wirkt sich fatal für das Verstehen aus. schaftlichen Verweiswesens ( s., vgl., l. usw.)
Diese Problematik verstärkt sich durch den ein anderes Beispiel der Probleme der Um-
beliebigen Akzeß, den der Text finden kann, setzung dieser Lenkfeldprozedur in das Me-
und die Vervielfältigung des Lesers zur Leser- dium des Textes.
gruppe. Der Text selbst hat also mit Blick auf
angezielte Leser eine mittlere Verständlich- 4.3.2. Veränderungen im Zeigfeld
keitsstruktur anzustreben. Die Problemlösun-
gen, die entwickelt werden, beziehen die Spe- Einigermaßen anders als beim Lenkfeld stel-
zifik der Schrift in charakteristischer Weise len sich die Konsequenzen der Verschriftli-
ein. Text in schriftlicher Form ist ein Verste- chung für das Zeigfeld dar, obwohl auch hier
henspotential, der Leseprozeß ist potentiell massive Folgen zu beobachten sind.
rekursiv. Die „on line“-Prozessierung kann Die deiktische Prozedur dient der Orientie-
entlastet werden, indem das Potential selbst rung der Höreraufmerksamkeit primär unter
möglichst reichhaltig ausgestaltet wird. Be- Bezug auf das Sprecher und Hörer gemeinsam
sonders die semiotischen Kennzeichen des zugängliche Wahrnehmungsfeld. Insofern ist
Textes werden genutzt, um Verstehenserleich- auch die deiktische Prozedur an die Münd-
terung zu betreiben. Dies beginnt mit der lichkeit der unmittelbaren Sprechsituation
Wort-Separation im schriftlichen Text (Spa- substantiell gebunden. Bereits bei der kom-
tium bzw. z. B. Kleinkeile im Ugaritischen) munikativen Funktionalisierung der Rede
und setzt sich bis zur komplexen graphischen wird diese Bindung gelöst, indem neben dem
Gestalt von gedruckten Texten fort. Die gra- Sprechraum der Rederaum zum Verweisraum
phisch-semiotische Struktur von schriftlichen wird. Dieser Prozeß der Ablösung verstärkt
Texten kann also als systematische Umset- sich im Falle des Textes und insbesondere des
zung von Funktionen der verständigungsbe- schriftlichen Textes. So, wie die Rede einen
zogenen Lenkfeldausdrücke in das Medium eigenen Verweisraum konstituiert, tut es der
der Schrift verstanden werden. Text. Anders als im Rederaum bietet sich im
Während die Interjektionen von der Ver- Falle des Textraums eine Erleichterung der
schriftlichung des sprachlichen Handelns viel- prozeduralen Transposition, und zwar da-
leicht am stärksten unter allen Sprachstruk- durch, daß der Text gerade als schriftlicher
turen tangiert werden, bleiben auch Vokativ in die haptische und visuelle Dimension
und Imperativ davon nicht unberührt, wenn der sinnlichen Wahrnehmung umgesetztes
sie auch nicht in gleicher Weise davon be- sprachliches Handlungsprodukt ist. Die Be-
troffen sind. Für beide Bereiche ergibt sich züge der deiktischen Prozedur auf sinnliche
als eigenartige Konsequenz der Verschrift- Gewißheit in der Fokussierung von Aufmerk-
lichung das funktional-kommunikative Pa- samkeit des Adressaten erhält einen neuen
radox einer „indirekten Direktheit„. Dies Objektbereich. Allerdings ergibt sich ein Pro-
blem in der Lokalisierung der Origo: Wel-
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 23

chem Teil der zerdehnten Sprechsituation ist 4.3.3. Transformationen und Expansionen


die Origo zuzuordnen, dem des Sprechers/ des operativen Feldes
Schreibers, dem des Hörers/Lesers oder dem
aus beiden ablösbaren Text selbst? Die Ant- Die erhebliche Komplexitätserweiterung des
worten auf diese Frage sind in der Geschichte sprachlichen Handelns durch die schriftliche
der deiktischen Prozeduren vielfältig und kei- Kommunikation verlangt eine Umstrukturie-
neswegs einheitlich. Eine Rekonstruktion rung und Erweiterung derjenigen sprachli-
etwa in einer kulturenübergreifenden Ge- chen Prozeduren, die unmittelbar der Prozes-
schichte des Briefes fehlt. sierung des sprachlichen Handelns dienen, der
Die neue Qualität des schriftlichen Textes operativen Prozeduren. Schriftliche Kommu-
als potentiellen Verweisobjektes wirkt sich nikation ermöglicht eine Konzentration auf
auch so aus, daß — zum Teil in idealisierter solche ontologischen Aspekte, die in der Ver-
Form — dieser zum Verweisobjekt für eine balisierung von Sachverhalten etwa innerhalb
neue Gruppe paradeiktischer Ausdrücke der indoeuropäischen Satzform zwar im Prin-
wird, die sich entweder auf das visuelle Objekt zip angelegt, aber doch nur in vergleichsweise
in einer idealisierten räumlichen Erstreckung geringem Umfang konkret verbalisiert wer-
(oben, unten) oder auf die schreibende Her- den. Besonders komplexere Strukturzusam-
stellung bzw. die lesende Verarbeitung des menhänge wie Temporalität oder Kausalität
textuellen Objektes beziehen (vorher, im fol- werden standardmäßig in Verbalisierungspro-
genden). Für diese paradeiktischen Prozedu- zesse einbezogen. Hierfür bildet sich unter
ren wird die jeweilige Schreib- bzw. Lese- dem Einfluß schriftlicher Kommunikation
(Teil-)-Zeile/-Spalte/-Seite bzw. der jeweilige das System sprachlicher Mittel um. Dieser
Abschnitt, das jeweilige Kapitel zum Origo- Prozeß ist — wenn er auch nicht als unilinear
Ort. zu sehen ist, wie etwa die Umstrukturierung
Die deiktischen Prozeduren werden in einer des altgriechischen zum neugriechischen Sy-
zweiten Hinsicht für den schriftlichen Text mit stems zeigt — an verschiedenen Sprachen
einer neuen Funktionalität versehen. Schrift- (durchaus auch unterschiedlichen Typs) zu
liche Texte enthalten in sich die Möglichkeit beobachten. Die frühere naiv-evolutionisti-
zu einer qualitativ neuen Stufe von Komple- sche Interpretation verfehlt zwar die ange-
xität (vgl. 4.4.). Diese erfordert mentale Ver- messene Konzeptualisierung (siehe zuletzt
arbeitungsverfahren neuer Art. In dichter Betten 1987); gleichwohl bedarf die allge-
Verarbeitungsfolge müssen die je erreichten meine Entwicklungstendenz einer theoretisch
mentalen Verarbeitungsresultate für den wei- angemessenen Darstellung, die die Sprach-
teren Verarbeitungsprozeß präsent gehalten transformation durch Schrift systematisch re-
und neuen Zugriffen zugänglich gemacht wer- konstruiert. An zwei Beispielen des operati-
den. Diese Zugriffsmöglichkeiten sind in einer ven Feldes lassen sich die Veränderungen illu-
Weise erfordert, die es vermeidet, eine einfa- strieren:
che Repetition der bereits durchgeführten (a) Die Entfaltung des Ausdrucksmittels
Verarbeitungsprozesse zu verlangen. Eine der- Hypotaxe zum Periodenbau. Hypotaxe ist ein
artige einfache Rekursion würde ja die gleiche Verfahren der Desententialisierung von Sät-
mentale Arbeit erfordern, die bereits ver- zen: Ein Satz wird zur Konstituente eines
braucht wurde. Um eine Fokussierung der anderen Satzes. Dieses in sich „trickreiche“
mentalen Verarbeitungsresultate zu ermögli- sprachliche Verfahren wird — allerdings kei-
chen, bietet die deiktische Prozedur sich an. neswegs notwendig — durch eigene operative
Ihr Objekt wird dafür freilich transformiert: Prozeduren kenntlich gemacht, um so die Ver-
nicht der schriftliche Text als sinnlich wahr- arbeitung des Rezipienten zu vereinfachen.
nehmbarer Gegenstand, sondern insbeson- Die Existenz komplexer Hypotaxenmarkie-
dere dessen propositionale (Teil-)Gehalte wer- rung erleichtert die Mehrfachanwendung des
den Verweisobjekt. Verbunden mit Verände- Verfahrens innerhalb des Einzelsatzes. So ent-
rungen im operativen Feld (vgl. 4.3.3.) ent- stehen komplexe Perioden. Die Verarbei-
stehen neue Verwendungsbereiche deiktischer tungskomplexität, die dem Rezipienten zu-
Ausdrücke. Teilweise ergibt sich so ein ganzer gemutet werden kann, erreicht auf Grund der
Bereich paraoperativer Verwendungen von Verarbeitungsrekursion beim schriftlichen
Deixeis (vgl. Redder 1990, Rehbein 1993). Text eine qualitativ neue Stufe.
Deiktische Ausdrücke werden so für die (b) Eng verbunden mit der Hypotaxenent-
Organisation komplexer schriftlicher Texte wicklung ist die Entfaltung des operativen
funktionalisiert. Teilfeldes der „Subjunktionen„. Während in
24 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

frühen Sprachstufen zum Teil eine vergleichs- von denen der größte Teil dem Symbolfeld
weise kleine und funktional undifferenzier- zugehört. Der bisher für keine Sprache er-
te Zahl von Subjunktionen für die Zwecke schöpfend erfaßte Gesamtwortschatz einer
der Kommunikation ausreichend war (siehe modernen Sprache dürfte wahrscheinlich mit
z. B. Althebräisch eine nota relationis, eine allen Fachausdrücken ein Vielfaches davon
polyfunktionale Konjunktion ki „so; dann, umfassen. Das Symbolfeld unterliegt also
ebenso; vielmehr, sondern, trotzdem; weil, einer mit der schriftlichen Kommunikation
denn; daß; als, da, wann, wenn; selbst wenn, und ihren Bedürfnissen einhergehenden per-
obschon; siehe!, da!“ (Fohrer 1989, 12 2 ), manenten Expansion. Diese bedeutet zu-
eine zweite dubitative Konjunktion ’im „ob, gleich, daß das Lexikon der Sprache für den
wenn“), so wächst parallel zur Entfaltung der Großteil ihrer Sprecher zu einer bloß virtuel-
Schriftlichkeit dieses operative Teilfeld zu len Struktur wird. Kein einzelner Sprecher
einer immer detaillierteren Bezeichnung ein- verfügt konkret über das gesamte Symbolfeld
zelner Relationen. Dabei werden z. T. Aus- der Sprache, dessen er sich bedient. Lediglich
drucksmittel anderer Felder, insbesondere in der Gestalt externalisierter schriftlicher
solche des Zeigfeldes ( denn, da, Redder 1990) oder nach-schriftlicher Speicherungsmedien
und des Symbolfeldes ( weil ) und Kombinatio- ist die Sprache als ganze noch existent. Hier
nen daraus ( trotzdem, Rehbein 1993) operativ zeigt sich ein weiterer Abstraktionsprozeß,
funktionalisiert. der durch die schriftliche Kommunikation an
Während diese Prozesse in verschiedenen den Sprechern zur Wirkung kommt. Sprache
Sprachen zu beobachten sind, entwickeln wird durch die schriftliche Kommunikation
einige speziellere Strategien. Ein Beispiel da- für die Interaktanten zu einer virtuellen, von
für ist die Entwicklung der Verbalklammer im ihnen losgelösten Größe.
Deutschen als operatives Strukturierungsmit-
tel (siehe Weinrich 1993, Betten 1987), wobei 4.3.5. Konsequenzen der schriftlichen
gerade dessen grammatisch-strukturelle Ver- Kommunikation für das Malfeld
festigung auf die Bedingungen und Möglich-
keiten schriftlicher Kommunikation in beson- Nahezu ohne Transformationsmöglichkeiten
derer Weise bezogen ist. in das Medium der Schrift erwiesen sich lange
die sprachlichen Prozeduren des Malfeldes.
4.3.4. Expansionsmöglichkeiten Dieses hat es mit der Kommunikation von
des Symbolfeldes emotionalen und situativ-atmosphärischen
Aspekten der Kommunikationssituation zu
Die schriftliche Kommunikation löst nicht tun. Die Ausdrucksformen für malende Pro-
nur den Bezug zur Sprechsituation auf. Sie zeduren nutzen in europäischen Sprachen vor
verobjektiviert Sprache auch gegenüber den allem paralinguistische Faktoren. Diese er-
Speicherungsmöglichkeiten der an ihr Betei- weisen sich als schwer in die Schriftform von
ligten. Dieser Aspekt betrifft vor allem den Texten überführbar. Die Aufgabe, die es dafür
Bereich des Symbolfeldes. Die individuellen zu bearbeiten galt, ist die Entwicklung von
Zugriffsmöglichkeiten auf Symbolfeldaus- Parallel-Strukturen zu den akustisch-intona-
drücke finden in den mnemotechnischen torischen Möglichkeiten innerhalb der hapti-
Möglichkeiten der Interaktanten in der schen und/oder visuellen Dimension des
mündlichen Kommunikation ihre Grenzen. schriftlichen Textes. Eher als eine solche Um-
Eine über diese Kapazitäten hinausgehende setzung hat sich historisch und systematisch
Existenz sprachlicher Ausdrücke ist nicht eine genuine ästhetische Dimension für die
möglich. Durch die Verschriftlichung hinge- Schrift entfaltet, die in der Formqualität der
gen wird eine Auslagerung von Ausdrücken Schriftzeichen ihren Ausgang nahm. Als frühe
jenseits der mnemotechnischen Kapazitäten Äquivalenzen von malenden Prozeduren für
gegeben. Diese Möglichkeit wird vor allem den schriftlichen Text sind Schriftumfeldfak-
realisiert in bezug auf die Vervielfältigung toren wie etwa die Schriftträger monumen-
der Menge von Symbolfeldausdrücken. Eine taler Texte (Königs-, religiöse Stelen usw.)
noch weitgehend mündlich geprägte Kom- anzusehen. Erst in der scripto- bzw. typogra-
munikationsstruktur wie die althebräische phischen Entfaltung des entwickelten Schrift-
umfaßt für einen Kommunikationszeitraum systems werden genuine Malfeldmittel für die
von mehr als 1000 Jahren einen Symbolfeld- schriftlichen Texte vorgehalten. Sie bedeuten
Type-Umfang von ca. 5500 Einheiten. Ein in den meisten Fällen eine Semiotisierung des
heutiges unspezialisiertes Wörterverzeichnis Malfeldes.
wie der Duden enthält über 110.000 Einträge,
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 25

4.4. Illokutive Konsequenzen gänglich bleibt. Aus dieser funktionalen Ver-


äußerlichung der Illokution entwickelt sich
4.4.1. Grundbestimmungen ein spezialisiertes System von Handlungsträ-
gern zweiter Stufe, ein bis heute expandieren-
In der Kategorie der Illokution wird die sy- der Teilbereich des „Rechts“ mit einem zu-
stematische Zweckhaftigkeit des sprachlichen nehmend erheblichen Bedarf an für diese
Handelns erfaßt. Dessen Verdauerung im Text Zwecke schriftlicher Kommunikation spezia-
und insbesondere im schriftlichen Text scheint lisiertem Personal.
zunächst von lediglich medialer Bedeutung zu
sein, also den Zweckcharakter des sprachli- 4.4.2. Ephemeridität
chen Handelns nicht zu betreffen. So wurde
auch in der Linguistik Schrift lange lediglich Anders, als es die heutige Allgegenwärtigkeit
als mediales Epiphänomen behandelt (vgl. schriftlicher Kommunikation nahelegt, sind
Coulmas 1981). Dieser Eindruck ist jedoch wesentliche Gründe für ihre Herausbildung in
eine durch die Schriftzentrierung der Lingui- alltäglichen, sozusagen banalen Überliefe-
stik bedingte Verkürzung. Die Herausbildung rungsanlässen zu sehen. Schriftliche Kom-
der Schrift als Verdauerungsform sprachli- munikation beruht zunächst und vor allem
chen Handelns verdankt sich selbst der Be- auf ephemeren Überlieferungszwecken. Erst
arbeitung eines Defizits bei der Erfüllung von in einem langen, konkurrentiellen und für
dessen Zwecken. Diese Verdauerung erweist Jahrhunderte unentschiedenen Prozeß wur-
sich überall dort als notwendig, wo sich den mündlich realisierte Zweckbereiche von
sprachliches Handeln nicht in der Unmittel- Überlieferung dem neuen Überlieferungsmit-
barkeit seines situs, seiner Situativität er- tel allmählich subsumiert (s. auch oben Zf.
schöpft. Innerhalb der Systematik illokutiver 1). Die Funktionalität schriftlicher Kommu-
Akte betrifft dies einerseits den Umstand, nikation erschöpft sich hier — besonders für
daß eine Sprechhandlung ausgeführt worden den dokumentarischen Zweckbereich — also
ist, also die Dimension der Vergangenheit. im „Daß“ des Geschehenseins des illokutiven
Schriftliche Kommunikation hat hier die Aktes. Im Zweckbereich der Überwindung
Funktion, das Ausgeführtwordensein einer Il- von Diatopie ist dieser ephemere Charakter
lokution als solches in einer neuen Gegenwart noch weiter verstärkt, indem der Überliefe-
präsent zu halten. (Dieser Fall ist zu unter- rungszweck auf die mediale Dimension zu-
scheiden von der Re-Instantiierung desselben rückgenommen ist. Solche Funktionen
illokutiven Typs in einem neuen Token.) Ins- schriftlicher Kommunikation sind ihr bis
besondere dieser Bereich steht historisch am heute inhärent. Sie haben einen bleibenden
Anfang der bis heute existierenden Schrift- systematischen Stellenwert. Dieser Bereich
systeme. von Funktionalität ist durch ein Minimum
Die zweite Gruppe von Illokutionen, die in von Form gekennzeichnet, die jenseits der
besonderer Weise des Übergriffs über die un- Formalität des Überlieferungsmittels Schrift
mittelbare Sprechsituation bedürfen, haben es läge.
mit der Dimension der Zukunft zu tun. Dies
betrifft Illokutionen, in deren propositionaler 4.4.3. Typologien
Bedingung es um zukünftige Ereignisse, ins-
besondere um zukünftige Handlungen von S Eine systematische Typologie der Funktionen
oder H geht. Schriftliche Kommunikation von schriftlicher Kommunikation unter dem
führt hier zu einer Ausweitung der sprachli- illokutiven Gesichtspunkt ist ein Desidera-
chen Handlungsmöglichkeiten. Dies ist ex- tum, das bisher um so weniger angegangen
emplarisch am Beispiel der Transformation werden konnte, als auch eine überzeugende
des illokutiven Typs des „Versprechens“ (vgl. illokutive Typologie insgesamt noch immer
Wonneberger & Hecht 1986) hin zum „Ver- fehlt. Zwar lassen sich relativ leicht Funk-
trag“ zu illustrieren. Die Schriftform entbin- tionsbereiche additiv versammeln, die dann
det das Versprechen aus der unmittelbaren zu einer „Textsorten“-Aufzählung umgearbei-
Sprechsituation. Sie objektiviert es und er- tet werden; doch eignet solchen Aufzählun-
leichtert so die Garantierung durch die Ein- gen, so dringend eine Typologie für zahlreiche
richtung einer externalisierten Appellinstanz. linguistische und applikative Zwecke benötigt
Das Erfolgtsein der sprachlichen Handlung wäre, sowohl systematisch wie empirisch im
wird in der Schriftform so dokumentiert, daß allgemeinen ein derartiges Maß an Zufällig-
die sprachliche Handlung bis zur Erfüllung keit, daß sie den an sie zu stellenden Anfor-
der nicht-sprachlichen Handlung jederzeit zu- derungen kaum genügen können.
26 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

4.5. Propositionale Konsequenzen 4.6. Die Formentwicklung schriftlicher


Tradition gegenüber der mündlichen
Zahlreiche sich in der Sprechsituation erfül-
lende sprachliche Handlungen sind durch ein Die Herausbildung der Schrift als eines eige-
Gleichgewicht von illokutiver und propositio- nen Überlieferungsmediums bedeutet gegen-
naler Dimension gekennzeichnet, ja im Fall über den hochentwickelten mündlichen Text-
empraktisch eingebundener sprachlicher formen als Traditionsmedium zunächst und
Handlungen kann die Verbalisierung propo- vor allem eine erhebliche Dekomplexivierung.
sitionaler Elemente geradezu minimiert sein. Die Veräußerlichung des zu Überliefernden
Die Erfordernisse der Überlieferung haben es gegenüber dem Überlieferungsprozeß selbst
hingegen bereits im Fall ihrer mündlichen Be- nimmt der Form ihre substantielle Qualität
arbeitung im allgemeinen mit erheblichen für den Überlieferungsprozeß. Die Struktur
Propositionsmengen zu tun, die es über die schriftlicher Kommunikation verlangt dem
jeweilige Sprechsituation hinaus zu erhalten Kommunikationsprozeß also weniger Form
gilt. Die Herausbildung von Überlieferungs- ab als die mündliche Vertextung. (Dies geht
verfahren ist insofern substantiell darauf be- gut zusammen mit dem ephemeren Charakter
zogen, der propositionalen Dimension des der Texte, für die und an denen Schrift sich
sprachlichen Handelns ein Übergewicht ge- zunächst entfaltete).
genüber der illokutiven zukommen zu lassen. Gegenüber der erreichten Strukturkomple-
Die Entwicklung von Form als wesent- xität von Vertextung ist schriftliche Kom-
lichem Überlieferungsverfahren im Medium munikation also zunächst durch eine struk-
der Mündlichkeit entspricht diesem Desiderat turelle Armut gekennzeichnet. Diese bildet die
nur zum Teil. Die Form vermittelt illokutiven Basis und den Ausgangspunkt dafür, daß sich
Zweck, Überlieferungszweck und propositio- im Medium der Schrift und für es eine neue
nalen Gehalt in jeweils spezifischer Weise. formale Vielfalt entwickeln konnte und daß
Diejenige Form, für die dies am wenigsten schließlich auch die bereits erreichten Text-
gilt, die Liste, ist zugleich das am geringsten Formen und Strukturen ins Medium der
ausgeprägte, das schwächste formale Mittel Schriftlichkeit übersetzt werden konnten. Das
für den Überlieferungszweck. Ergebnis ist eine scheinbar kommunikations-
Erst die aus den ephemeren Überliefe- unabhängige Vielfalt textueller Formen, die
rungszwecken resultierende Schriftform löst bis zur Beliebigkeit hin differenziert, spezia-
diesen Zusammenhang und ermöglicht so eine lisiert, ja zerfasert sein kann.
veräußerlichte beliebige Repräsentanz belie- Die Umsetzung des Überlieferungsprozes-
biger propositionaler Gehalte. Damit gewinnt ses in die Dimension der Visualität bedeutet
schriftliche Kommunikation eine gegenüber neben der Medialisierung zugleich seine Se-
der ihr systematisch und historisch vorauslie- miotisierung. Diese enthält in sich die Mög-
genden Form von Kommunikation potentiell lichkeit der Ästhetisierung, die sich auf alle
neue Qualität. Diese sollte sich so sehr ent- Dimensionen der schriftlichen Kommunika-
falten, daß es schließlich innerhalb der tion beziehen kann. Insbesondere die Schrift-
sprachbezogenen Theoriebildung zur völligen systeme selbst entfalten sich nicht zuletzt nach
Illokutionsvergessenheit kam. ästhetischen Gesichtspunkten, wobei dieser
Erst die Schrift stellt die Überlieferung für Aspekt in den verschiedenen Schriftsystemen
jedwede und beliebige sowie in beliebiger unterschiedlich relevant wird. Der schriftliche
Quantität auftretende Überlieferungsinhalte Kommunikationsprozeß erhält so eine An-
offen. Damit schafft sie die Voraussetzung für schlußmöglichkeit zu anderen semiotischen
die Herauslösung der propositionalen Dimen- Systemen — wie denn auch eine — freilich
sion aus dem sprachlichen Handeln und stellt nicht dominant gewordene — Entwicklungs-
so eine transindividuelle künstliche Mentali- linie aus der (religiös eingebundenen) Ästhe-
tät zweiter Stufe her. Die propositionalen Ge- tik heraus entfaltet wurde.
halte werden in der schriftlichen Kommuni-
kation anschaubar und so verallgemeinerbar. 4.7. Überlieferungszwecke und
Insofern ist schriftliche Kommunikation not- Textartenvielfalt
wendige Voraussetzung für eine ganze Gruppe
von Wissenschaften, ja für Wissenschaft über- 4.7.1. Ephemere Schriftlichkeit
haupt (→ Art. 51).
Durch das entfaltete Überlieferungsmittel
Schrift werden dem sprachlichen Handeln
Überlieferungsmöglichkeiten geboten, die
weit über die seine Entstehung bestimmende
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 27

hinausgehen. Große Teile sprachlicher Kom- „Funktionen“ und „Titel(n)“ (Hunger 1989,
munikation werden überlieferungsfähig. Ge- 12 0) sowie in den Suprapositionen und Kon-
rade die Ephemeridität macht dabei bleibend traktionen christlich-theologischer Namen
einen wesentlichen Teilbereich aus. Der Gat- insbesondere in der byzantinischen Schreib-
tungssektor des Briefes als Textart erhält diese tradition und Ikonographie (Hunger 1989,
Charakteristik als bleibende Möglichkeit. Ex- 12 2 f) gefunden. Diese auf 15 theologisch ge-
trem gesteigert wird die Ephemeridität im blo- wichtige Namen (Iesoys → IC) bzw. Qualifi-
ßen Merkzettel zum Zwecke der externalisier- kationen (z. B. theotokos, Gottesgebärerin)
ten Memorierleistung, bei der zudem der sowie ihre Ableitungen beschränkten Kürzel
Schreiber zugleich zum Adressaten und zu- führten zu schriftlichen Gesamtgestalten, die
künftigen Leser wird. Hier wird Schrift pri- gerade auf Grund ihrer zeitübergreifenden
mär in der Dimension der Diachronie genutzt. Identität aus dem üblichen Schriftsystem her-
Der Formverzicht, der als eine Möglichkeit ausfielen und eine neue semiotische, als Ge-
in der ephemeren Schriftlichkeit angelegt ist, samtgestalt leicht wiedererkennbare und
wird hier in besonderer Weise aktualisiert. leicht „lesbare“ Form gewannen, die in einen
Wie die Untersuchungen von Häcki-Buhofer systematischen Zusammenhang mit indivi-
(1985) zeigen, spielen derartige Formen der dual geprägten sekundären Schriftverwen-
Schriftlichkeit in der Schreibpraxis etwa eines dungen wie Signaturen, Unterschriften oder
Wirtschaftsunternehmens eine nicht unerheb- Logos gehört.
liche Rolle. Für solche ephemeren Formen
schriftlicher Kommunikation ist kennzeich- 4.7.3. Heilige Texte
nend, daß die äußeren formalen Strukturen
ganz der Schnelligkeit des Notats verpflichtet Die Subsumtion bereits mündlich überlieferter
sind. Davon kann die Schriftgestalt stark tan- sprachlicher Handlungen unter das Medium
giert werden. Dadurch, daß der Schreiber zu- der Schriftlichkeit und damit die Integration
gleich angestrebter Leser sein kann, kann die erreichter Formalität markiert den entgegen-
äußere Form idiosynkratisch werden, indem gesetzten Pol. Insbesondere die Schriftlichkeit
nicht nur die Individualität der einzelnen der drei sogenannten „Buch“-Religionen Ju-
Handschrift sich besonders deutlich zur dentum, Christentum, Islam bieten hierfür
Kenntnis bringt, sondern indem diese — in prominente Beispiele. Der „heilige Text“ er-
der Form von individuellen Abbreviaturen fährt eine geradezu hyperpräzise Verschriftli-
u. ä. — bis hin zu einer sekundären Schrift- chung. Diese wird für sakrosankt erklärt und
lichkeit modifiziert wird. so zusätzlich überlieferungs-gesichert. Die
Das Erfordernis der Schnelligkeit bei der Überlieferungstreue und -präzision ist dabei
Umsetzung gesprochener oder gar bloß ge- insbesondere den Zwecken der Re-Oralisie-
dachter Sprache in Schrift hat in verschiede- rung des heiligen Textes geschuldet (→ Art.
nen Epochen der Schriftentwicklung auch zu 45). Bis hin zum in der hebräischen und der
verallgemeinerten Spezialschriften, von der arabischen Schrift im Prinzip nicht bezeich-
antiken Tachygraphie (Boge 1973) (insbeson- neten Vokalismus soll Überlieferungstreue
dere den vom Cicero-Sekretär M. Tullius Tiro und -präzision für die liturgische mündliche
erfundenen notae Tironianae) bis hin zu den Reproduktion des Textes ermöglicht werden;
modernen Stenographien und Kurzschriften, darüber hinaus werden schriftliche Intona-
geführt (→ Art. 144). Derartige Formen von tionsfixierungen angestrebt (s. das System der
Schriftlichkeit haben im allgemeinen — wenn accentus distinctivi und servi im masoretischen
sie nicht reine individuelle Merkhilfen sind — Text und die Neumen in der griechisch-latei-
die Funktion einer Zwischenspeicherung des nischen Tradition).
in seiner Äußerungsgeschwindigkeit nicht be- Für die genannten drei Religionen ist cha-
einflußbaren mündlichen sprachlichen Han- rakteristisch, daß der Umschlag bzw. die Um-
delns, z. B. bei Predigten oder Vorträgen (vgl. setzung von der Mündlichkeit in die Schrift-
Hunger 1989, 120 ff). lichkeit in den Traditionen selbst noch präsent
gehalten wird. Genauer, es ist in ihnen ein
4.7.2. Signaturen mehrmaliger Übergang von Mündlichkeit zu
Schriftlichkeit zu Mündlichkeit zu Schriftlich-
In der Nachantike haben derartige Kürzun- keit usw. zu konstatieren, der freilich jeweils
gen auch einen Eingang in die allgemeinen andere Formen entwickelt und die vorgängi-
Schriften, insbesondere im Zusammenhang gen derartigen Umschlagprozesse in sich ent-
der Monokondylien (ineinander geschriebe- hält und spezifisch weiterverarbeitet. Die Her-
nen Subskriptionen von „Namensformen“, ausbildung eines Kanons stellt in diesem Zu-
28 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

sammenhang einen besonderen Kristallisa- spannt sich die Fülle der schriftlichen Text-
tionspunkt dar. Lediglich im Islam ist der arten auf, die sich im kaum zu klassifizieren-
Kanonisierungsprozeß innerhalb zweier Ge- den historischen und gegenwärtigen Schrift-
nerationen erfolgt und in eine schriftliche bestand vorfindet. Die immanenten Modifi-
Form gebracht worden (vgl. u. a. Graham kationen der schriftlichen Kommunikation in
1977). Innerhalb der christlichen Kirche hat ihren verschiedenen Dimensionen und Aspek-
die Kanonisierung sich in einem über mehr ten setzt sich in je neue und andere Text-
als 150 Jahre hinziehenden Prozeß abgespielt arten um. Zugleich werden — so wie die
(s. v. Campenhausen 1968, Karpp 1992 ). Die mündlichen Textarten der Schrift subsumiert
kanonisierten schriftlichen Grundtexte blie- und ihren Erfordernissen und Möglichkeiten
ben zudem an die mündlich und personal adaptiert werden — überkommene Formen
vermittelte, bischöflich garantierte Tradi- überformt, verändert und neuen kommuni-
tionskette gebunden. Erst mit der reformato- kativen Zwecken zugänglich gemacht. Ein-
rischen Bewegung wurde dieser Zusammen- zelne Umschlagpunkte haben dabei zu beson-
hang dissoziiert und die Schrift als norma ders gravierenden Konsequenzen geführt, ins-
normans aller mündlichen Tradition schroff besondere der Buchdruck (vgl. Giesecke 1991;
gegenübergestellt. Im Judentum ging dem Ka- → Art. 42 ). Ein dadurch beeinflußter, aber in
nonisierungsprozeß (Synode von Jamnia, ca. seiner Entwicklung sich wesentlich länger er-
90 n. Chr.) eine bereits jahrhundertelange streckender Prozeß ist die Verschriftlichung
auch schriftliche Tradition voraus. der Rhetorik, die von einer Anweisung zum
Der einmal erreichte und mit Schrift ver- richtigen und kommunikativ effizienten Re-
bundene kanonische Status hebt einzelne hei- den zu einer Kunst des richtigen Schreibens
lige Texte heraus und macht die weitere Text- und als solche besonders in der spätabsolu-
beschäftigung zu einer auslegenden Tätigkeit. tistischen Zeit eine rein literarisch bezogene
Diese kann wiederum quasi kanonischen Stel- sprachliche Theorie wurde (vgl. Lausberg
lenwert erhalten, wie insbesondere an der jü- 1960).
dischen Entwicklung zu greifen ist (Mischna
— Gemara), wie aber auch aus dem Stellen- 4.8. Geschriebene Sprache,
wert der patristischen Literatur im orthodo- schriftliche Sprache, Schriftsprache
xen und römischen Christentum erhellt.
Die schriftlich fixierte Kanonisierung des Die Situationsentbindung der schriftlichen
heiligen Textes wird in zweierlei Richtung Kommunikation verleiht nicht nur dem Pro-
reaktualisiert: einerseits durch die je neu vor- dukt des sprachlichen Handelns eine eigene
genommene Reoralisierung im Kultus in der Materialität. Sie trägt auch wesentlich zur
lauten Verlesung von Abschnitten (Periko- Herausbildung des Konzepts Sprache selbst
pen), wobei das schriftliche Wort auch in sei- bei. Schrift — in welcher typologischen Form
ner Materialität einen besonderen Stellenwert auch immer — ist verobjektivierte, visuell zu-
erhält (Thora-Rollen in der Synagoge, der gängliche Sprachgliederung, „Artikulation“
„Große Einzug“ ( megale eisodos ) des göttli- im wörtlichen Sinn des Ausdrucks. Im schrift-
chen Wortes im orthodoxen Gottesdienst); lichen Produkt, dem verschrifteten Text, wird
andererseits im Auslegungsgeschehen, indem Sprache als ersichtlich segmentierte zugäng-
eine spezifische Problematik des schriftlichen lich (Günther 1988, Kap. 1).
Wortes bearbeitet und überwunden werden Diese Beiträge zur Herausbildung eines an
soll, die Gefahr nämlich, daß der schriftliche schriftlichen Texten entwickelten Sprachkon-
Text zum sinn-leeren und damit zum sinn- zepts sind freilich erst der Anfang einer Ent-
losen, bloßen Zeichenprodukt verkommt. In wicklung, die sich in die Strukturkennzeichen
den Oppositionen von Buchstabe und Geist von Sprache selbst hinein fortsetzt. Durch die
( littera und spiritus ) wird diese Problematik oben beschriebenen systematischen Verände-
als ein permanenter Begleitdiskurs der Ver- rungen gewinnt Sprache im Medium der
schriftlichung gerade im religiösen Kontext Schrift und für es eine spezifische Formalität.
aktuell (vgl. u. Zf. 8). Die schulbezogene Basiertheit des Erwerbs
der Schreib- und Lesefähigkeit reglementiert
4.7.4. Textarten-Vielfalt schriftliche Kommunikation von vorneherein
institutionell. Für ihre Praxis ist die Natur-
Zwischen den rein ephemeren, häufig ver- wüchsigkeit des sprachlichen Handelns auf-
gleichsweise formlosen schriftlichen Texten gegeben. Das sprachliche Handeln in seinen
und den bis ins letzte Detail formierten und schriftlichen Formen unterliegt der Didakti-
in ihrer Form abgesicherten „heiligen“ Texten sierung und enthält so alle Voraussetzungen
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 29

für Standardisierungs- und Normierungspro- Sprache ein theoretischer Platz eingeräumt


zesse. Diese kommen zugleich substantiellen (insbesondere in den programmatischen Er-
Zweckbereichen der schriftlichen Kommuni- klärungen der Junggrammatiker, nicht jedoch
kation entgegen, insbesondere der extensiven in deren Praxis). In Vacheks Konzept von
Diatopisierung des schriftlichen sprachlichen „written language“ (Vachek 1939, 1973, 1989)
Handelns. Der schriftliche Text soll auch dem wird die geschriebene Sprache als besondere
fernen Adressaten zugänglich werden. Dieser Sprache zum besonderen linguistischen Ob-
hat die Möglichkeit des Lesens dann, wenn jekt erhoben. In neueren Entwicklungen
er in den gleichen Normierungskontext ein- (Feldbusch 1985, 1988) wird dann die ge-
gebunden ist wie der Schreibende. Erst ent- schriebene Sprache gegenüber der gesproche-
wickelte administrative Strukturen setzen nen vollends noch einmal theoretisch verselb-
Schrift in nennenswertem Umfang in Gang. ständigt (zur Kritik siehe Knoop 1989).
Sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Komple- Demgegenüber ist die Faktizität des gesell-
xität, die in der spezifisch schriftbezogenen schaftlich ausgearbeiteten und praktizierten
Varietät von Sprache bleibend erfordert ist. Sprachbegriffs von einer vielfältigen Wechsel-
Sprache als geschriebene wird also zu einer seitigkeit von Mündlichkeit und Schriftlich-
spezifisch schriftlichen Varietät, zur „schrift- keit geprägt. Die Maxime „Schreibe wie du
lichen Sprache“ (Günther 1983, 1988; Ludwig sprichst!“ (Müller 1990) illustriert in der Viel-
1983; Klein 1985). Diese gewinnt dann, wenn falt ihrer Auswirkungen exemplarisch die
Normierungsprozesse und dafür erforderliche Komplexität dieses Verhältnisses.
Agenturen in erheblichem Umfang realisiert Eine Dimension der Anordnung von
werden, die Qualität von Schriftsprache. Mündlichkeit und Schriftlichkeit ist die von
Dieses Konzept wirkt in bezug auf die „Nähe und Distanz“ (Koch & Oesterreicher
Sprachauffassung seinerseits normierend zu- 1985; → Art. 1; 44). Sie ergibt sich aus den
rück. Die als „Schriftsprache“ ausgezeichnete systematischen Bestimmungen des Verhältnis-
Varietät einer Sprache hat aufgrund ihrer ses von mündlicher und schriftlicher Kom-
normativen Qualitäten den Anspruch, diese munikation selbst.
Sprache allein zu repräsentieren, sie zu sein. Eine umfassende Systematik von geschrie-
Ein solches Konzept von Sprache, das sich bener Sprache, schriftlicher Sprache und
insbesondere für die buchdruckbasierten neu- Schriftsprache wäre wahrscheinlich nicht nur
zeitlichen europäischen Sprachen herausge- linguistisch, sondern auch gesellschaftlich von
bildet und im Zusammenhang der Nationa- großem Nutzen.
lisierung der Spachfrage im 18. und 19. Jahr-
hundert verallgemeinert hat, läßt die Rede-
weise von „dem Deutschen“, „dem Franzö- 5. Die Verdinglichung des Textes und
sischen“, „dem Italienischen“ als den Nor- ihre kommunikativen Folgen
malfall des Sprechens von Sprache erschei-
nen. Dieses Konstrukt, aus der oben bezeich- 5.1. Verdinglichung und Materialitätswandel
neten Entwicklung heraus als gesellschaftli-
ches Abstraktionsresultat auf der Grundlage Die schriftliche Vertextung als Sprachumset-
der Abstraktion des schriftlichen Textes aller- zung in die visuelle und haptische Dimension
erst hergestellt, wird wiederum überall dort verlangt ein in diesen Dimensionen zugäng-
normativ eingesetzt, wo die schriftsprachliche liches physisches Substrat. Schriftliche Kom-
Vereinheitlichung noch nicht gegriffen hat munikation ist also substratgebunden. Dabei
(„das Provenzalische“, „das Baskische“). ist zwischen zwei Aspekten zu unterscheiden,
Diese Abstraktionsprozesse kulminieren in der eigentlichen Grundlage und den Mitteln
der wissenschaftlich organisierten Form der der Manipulation dieser Grundlage. Je nach
Sprachkonzeptualisierung, der Linguistik. dem Charakter beider sind zwei- (z. B. be-
Ihre Entfaltung im vorigen und in diesem drucktes Papier) und dreidimensionale For-
Jahrhundert hat in den meisten Fällen die men (z. B. in Stein oder aus Stein (heraus-)
Gleichung Sprache = schriftliche Varietät = geschlagene Inschriften oder auch Keileinprä-
Schriftsprache immer schon vorausgesetzt, gungen in Tontäfelchen) schriftlicher Texte zu
was innerhalb der Linguistik zu einem „writ- differenzieren. (Andere Formen der Verdaue-
ten language bias“ geführt hat (Linell 1982 ; rung wie z. B. die Quipuschnüre (vgl. Haar-
Klein 1985), der das linguistische Geschäft mann 1990, 56 ff) haben sich demgegenüber
bis heute präsuppositionell bestimmt. Müh- nicht durchgesetzt.) Für die Visualisierung
sam wurde demgegenüber der gesprochenen von Sprache wird also jeweils eine Oberfläche
30 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

verwendet, die in sich kontinuierlich, glatt komobilität selbst. Die Substrate wurden in
und von einer gewissen zweidimensionalen ihrer Geschichte leichter. Dieses Erfordernis
Erstreckung sein muß. In den seltensten Fäl- erfährt seine Grenze durch den anderen zen-
len sind solche Oberflächen von Natur aus tralen Parameter, nämlich den der Material-
da. Ihre Herstellung bedarf also der Arbeit, dauerhaftigkeit, bezogen auf die jeweils an-
und diese bedarf einer gewissen Entwicklung gestrebte Traditionserstreckung. Steine und
von Werkzeugen. Das gleiche gilt für die Ma- Ton, dieser in eigens für die Vertextung ge-
nipulationsmittel dieser Oberfläche, durch die nutzter Form (Keilschrifttafeln) oder in für
diese entweder direkt verändert wird (Tonein- andere Zwecke bereits gehärteter oder ge-
druck durch Holzgriffel) oder durch deren brannter Form (Scherben, Ostraka) stehen
eines ein anderes Manipulationsmittel der am Anfang dieses Prozesses. Sie sind von
Oberfläche appliziert wird (Tusche/Pinsel; großer Dauerhaftigkeit, aber schwer. Holz
Farbband/Schreibmaschine etc.). hingegen ist leichter, aber auch weniger dau-
Je nach dem spezifischen Verdauerungser- erhaft. Tierhäute (Pergament), besonders
fordernis ist der Schriftträger selbst als fix aber Papyrus und Papier sind wesentlich
oder (in der Mehrzahl der Fälle) als trans- leichter und für viele Kommunikationszwecke
portabel ausgelegt. Die fixen Typen finden in hinreichend dauerhaft. Die aufzuwendende
der Gestalt etwa von Stelen, Grabmalen, Mei- Arbeit für die verschiedenen Substrate sowie
lensteinen, Teilen von Bauwerken usw. ihre je die Naturbedingungen, die ihrer Verwendbar-
spezifische Form. Für sie alle ist charakteri- keit zugrunde liegen (vgl. die Einsatzmöglich-
stisch, daß die rezeptive Teildimension der keiten des Tones im Vorderen Orient mit einer
sprachlichen Handlung dadurch initiiert wird, hinreichenden Dauerhaftigkeit durch Luft-
daß in sich lokomobile potentielle Leser in trocknung der Oberfläche vs. deren Nichtver-
den visuellen Horizont des schriftlichen Tex- wendbarkeit in Nordeuropa) gehen weiter in
tes treten und die Möglichkeit der Lektüre die Geschichte des Materialitätswandels be-
aktualisieren. (Einen elementaren und Über- stimmend ein. Während die lokostatischen
gangstyp dieser Klasse bilden nur geringfügig Substrate durch eine relative Beständigkeit
oder gar nicht bearbeitete Gesteinsplatten, die der für sie überhaupt in Frage kommenden
als Schreibgrund in Anspruch genommen Mittel, zugleich durch eine zunehmende Ver-
wurden und darin andere semiotische Verfah- lagerung ihrer kommunikativen Bedeutung
ren, insbesondere Felszeichnungen (vgl. an die Ränder der gesellschaftlichen Relevanz
Haarmann 1990, Kap. 1), zur Voraussetzung gekennzeichnet sind, ist die Geschichte der
hatten.) lokomobilen Substrate nach den jeweiligen
Nennen wir diesen Typ von Texten loko- hauptsächlichen Typen geradezu epochal zu
statisch. Dieser ist nicht nur auf den medialen gliedern: Die Tonphase (insbesondere vorder-
Bereich beschränkt, sondern er gewinnt zu- orientalisch-keilschriftlich) wird durch die Pa-
gleich eine eigene systematische Qualität. J. pyrus-, diese durch die Pergamentphase und
Assmann (1993) spricht hier von „Inschrift- diese wiederum durch die Phase des Papiers
lichkeit“, die den Leser geradezu einer über abgelöst (→ Art. 8). Die textkritische Arbeit
Flüche abgesicherten „inschriftliche(n) Ge- der Philologie macht von dieser Epochenein-
walt“ (1993, 225) unterstellt. teilung vielfältigen Gebrauch.
Vom lokostatischen ist der lokomobile Typ Innerhalb der einzelnen Epochen können
zu unterscheiden. Er erlaubt den Transport darüber hinaus die Manipulationsmittel für
des Textes in je neue rezeptive Teilsprech- die Oberflächen weitere wichtige Einschnitte
handlungen. Es ist dieser Typ des schriftlichen bedeuten wie insbesondere die Entwicklung
Textes, der die wesentlichen Expansionen und von Auftragungsmitteln (Naturfarben mit ge-
Veränderungen schriftlicher Kommunikation ringer Beständigkeit, Aschen, Tusche, Tinte
zur Folge gehabt hat. Die Transportabilität usw.).
des sprachlichen Handlungsproduktes ermög-
lichte und ermöglicht die Vervielfältigung von 5.2. Soziologische Konsequenzen:
Rezeptionshandlungen, indem der Text dia- Die Herausbildung von Schriftarbeitern
topisch beliebig zugänglich gemacht wird.
Gerade die lokomobilen Substrate erfuh- Der Umstand, daß bereits die Substrate des
ren in der Geschichte der schriftlichen Kom- mediatisierten Textes gesellschaftliche Arbeit
munikation permanente Veränderungen. erfordern, führt schon in frühen hochentwik-
Einer der für diese Entwicklung zentralen Pa- kelten Kulturen dazu, daß Spezialisten für die
rameter ergibt sich aus dem Zweck der Lo- Herstellung dieser Substrate eigene Berufs-
ausprägungen finden, die freilich lange mit
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 31

der eigentlichen professionellen Schreibfähig- 7—9; → Art. 7; 51). Erst der im Kontext
keit (vgl. unten Zf. 7) verbunden blieben. Erst der Druck-Medienrevolution aufkommende
mit der Entfaltung des Druckwesens nimmt Umwertungsprozeß der frühen Neuzeit (Re-
diese Entwicklung einen explosionsartigen formation) hat diese Suspektheit der Un-
Fortgang, der durch die Subsumtion unter zuverlässigkeit, ja Kontraproduktivität des
kapitalistische Einzelproduktion und -distri- schriftlichen Textes für den Überlieferungs-
bution — mit daran anschließenden Konzen- zweck allmählich aufgelöst und Schriftlichkeit
trationsprozessen — eine ihm geeignete öko- zur prinzipiellen Grundlage gesellschaftlicher
nomische Form findet. Überlieferungsprozesse gemacht. Damit ist
Schriftkommunikation zur primären Kom-
munikationsform geworden, die insbesondere
6. Medienmanipulation die translokalen, sich bis zum Weltmarkt ent-
faltenden kommunikativen Erfordernisse der
6.1. Die Falsifizierbarkeit des schriftlichen kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaftsfor-
Textes als Konsequenz seiner mation zu gewährleisten in der Lage war.
kommunikativen Entfremdung Neben der prinzipiell den schriftlichen Tra-
und die apotropäischen Maßnahmen ditionsprozeß diskreditierenden Skepsis und
zu ihrer Verhinderung als Reaktion auf sie ist die Herstellung und
Die Herauslösung des schriftlichen Textes aus Übermittlung schriftlicher Texte begleitet von
der Sprechsituation und seine Verselbständi- apotropäischen Maßnahmen, die die Gefähr-
gung gegen diese, die als kommunikative Ent- dungen des Überlieferungsprozesses im Me-
fremdung gekennzeichnet werden können, dium der Schrift bearbeiten und beseitigen
machen den schriftlichen Text zu einem äu- sollten.
ßerst gefährdeten Medium für die Zwecke der Im folgenden werden einige Aspekte der
Sprechhandlungsüberlieferung. Dadurch, daß Medienmanipulation und ihrer Bearbeitung
der schriftliche Text auch materiell durch die dargestellt.
Umsetzung in die haptisch-visuelle Dimen-
sion seine verdinglichte Verselbständigung er- 6.2. Traditionssichernde Flüche
fahren hat, wird der Transport der sprachli- Bereits sehr früh wird der schriftliche Text
chen Handlung selbst einer Reihe von — zum selbst in den fluchbewehrten Schutzbezirk
Teil fatalen — Problemen ausgesetzt. Bereits sonstiger der unmittelbaren Macht des Spre-
die Loslösung vom Sprecher hat eine End- chenden nicht zugänglicher Handlungssphä-
gültigkeit erreicht, die den schriftlichen Text ren einbezogen. So wie Verträge (vgl. Hillers
unwägbaren Einflüssen offenlegt. Neben den 1964) und Rechtssetzungen (vgl. u. a. Mercer
rein natürlichen materiellen Gefährdungen 1915, Assmann 1993) durch Flüche gesichert
sind es vor allem die Möglichkeiten der Ein- werden, so wird der schriftliche Text selbst
flußnahme anderer auf den schriftlichen Text, durch Fluch geschützt. Bereits auf einer Sta-
die das herausgehobene schriftliche Tradi- tue Gudeas von Lagasch (3. Jahrtausend vor
tionsmittel in sein Gegenteil umschlagen las- Chr.) findet sich die Formulierung „Wer im-
sen können. Die mangelnde Möglichkeit sinn- mer diese Statue aus dem E-ninnu entfernen
lich vermittelter personaler Vergewisserung oder ihre Inschrift auslöschen wird [...], des-
innerhalb der durch Sprecher- und Hörerko- sen Schicksal sollen Anu und Enlil wenden,
präsenz geprägten unmittelbaren Sprechsitua- dem sollen sie die Tage zerbrechen wie einem
tion hat diese Problematik frühzeitig eine be- Ochsen und seine Kraft zu Boden werfen wie
sondere Aufmerksamkeit der Kommunika- einem Wildstier, dem sollen sie den Thron zu
tionsteilnehmer finden lassen. Die konkurren- Boden stürzen, den er errichtet hat.“ (zitiert
tielle Auseinandersetzung zwischen mündli- nach Assmann 1993, 2 44). Diese fluchge-
cher und schriftlicher Vertextung, die die fak- schützte Garantie der Überlieferungsqualität
tische Koexistenz beider Traditionsverfahren setzt sich über die rechtssetzend-konstituie-
über mindestens 2 000 Jahre prägte, ist von rende Kraft, wie sie im Kodex Hammurabi
dem Mißtrauen gegenüber der Traditionsver- (Epilog, Rs. XXVI, 18 ff) in Anspruch genom-
läßlichkeit des schriftlichen Textes geprägt. men wird, und die Kolophone von Schreibern
Die platonische Ablehnung der Schrift etwa als Authentizitätsgarantie und in die (stark
ist Ausdruck der Befürchtung prinzipieller weisheitlich bestimmten) frühchristlichen
Unzuverlässigkeit des schriftlichen Vertex- Zeugnisse fort (exemplarisch Offbg. 2 2 , 18 f:
tungsverfahrens (Phaidros 2 74 c—2 78 b; s. „Ich bezeuge allen, die da hören die Worte
z. B. Assmann, Assmann & Hardmeier 1983, der Weissagung in diesem Buch: Wenn je-
32 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

mand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Formen der Kommunikation wie die militä-
Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrie- rische.
ben stehen. Und wenn jemand etwas weg- Wichtiger ist demgegenüber eine Absiche-
nimmt von den Worten des Buchs dieser Weis- rung des Texttransports, die vor allem durch
sagung, so wird Gott ihm seinen Anteil weg- dessen Professionalisierung bewerkstelligt
nehmen am Baum des Lebens und an der werden sollte. Die Herausbildung eines welt-
heiligen Stadt, von denen in diesem Buch weiten Postsystems hat hier ihren systemati-
geschrieben steht.“). schen Ort (vgl. Glaser & Werner 1990). Des-
Die Sicherung des veräußerlichten schrift- sen Geschichte freilich zeigt, etwa am Hause
lichen Textes gegen seine Fälschung mit Hilfe Thurn und Taxis, dem für Mitteleuropa das
des Fluches greift auf einen genuin mündli- Postprivileg zufiel (vgl. Dallmeier 1977), daß
chen illokutiven Typ sprachlichen Handelns insbesondere die parasitäre Nutzung der
zurück, in dem Wirkmächtigkeit des illokutiv Texte damit noch keineswegs ausgeschlossen,
realisierten Wortes unterstellt ist. Dieses wird diese vielmehr geradezu provoziert wurde.
im apotropäischen Textteil „beschworen“. Für das Gelingen gerade bürgerlicher schrift-
Seine illokutive Kraft wird einfach in An- licher Kommunikation wurde diesen Gefähr-
spruch genommen. Damit wird freilich eben dungen eine neue Form apotropäischer Be-
die Voraussetzung für die Notwendigkeit sol- arbeitung gegenübergestellt, nämlich die
cher Beschwörung, die Auflösung der perso- rechtliche des „Brief- und Postgeheimnisses“.
nal vermittelten Sprechsituation über ihre Dieses wurde als wesentliches bürgerliches
Zerdehnung hinaus hin zum veräußerlichten Freiheitsrecht im letzten und in diesem Jahr-
Sprechhandlungsprodukt, strukturell gerade hundert erkämpft und in bürgerlichen Verfas-
nicht ernst genommen. Insofern ist das Mittel sungen verallgemeinert. Damit wird schrift-
der Falsifikationssicherung selbst in den Ge- liche Kommunikation als direkt der per-
fährdungszusammenhang eingebunden, den sönlichen Integrität der Interaktanten zu-
zu überwinden es bemüht wird. Mit anderen gehörig interpretiert. Das sprachliche Han-
Worten: Es ist ein ungeeignetes Verfahren, das deln in seiner schriftlichen Form wird — wie
sich denn auch im Laufe des historischen Pro- andere Formen des sprachlichen Handelns
zesses verliert und durch andere Verfahren der (Bekenntnishandeln, Meinungsäußerung) —
Produktsicherung abgelöst wird. als Grundrecht geschützt, seine Einschrän-
kung an besondere rechtliche Bedingungen
6.3. Kommunikationsraub und geknüpft.
parasitäre Textaneignung
6.4. Bücherverbrennung und Zensur
Die Veräußerlichung des Sprechhandlungs-
produktes im schriftlichen Text bedeutet im Nachdem durch die Entwicklung des Druckes
lokomobilen Fall selbstverständlich die belie- die Vervielfältigung des schriftlichen Textes
bige Aneignungsmöglichkeit dieses Textes. quantitativ beliebig möglich wurde, geriet
Während der Bote als Träger des zu Überlie- schriftliche Kommunikation überall dort in
fernden nur durch List und Folter zur Preis- Konflikt mit gesellschaftlichen Strukturen,
gabe der Botschaft bewegt werden kann, wird wo die Verallgemeinerung von Wissen syste-
die Abzweigung des schriftlichen Textes für matisch eingeschränkt werden mußte oder
andere als die vorgesehenen Adressaten beim sollte. Durch die Dissoziierung der sprachli-
schriftlichen Text wesentlich leichter. Die Ver- chen Handlung in ihre für sich stehenden
äußerlichung des schriftlichen Textes gegen- Dimensionen und Aspekte wird die Eingriffs-
über der Kommunikationssituation kann also möglichkeit zur Verhinderung schriftlicher
den Kommunikationsprozeß substantiell ge- Kommunikation vielfältig. Sie kann an allen
fährden. Entsprechend ist die Geschichte der diesen Dimensionen ansetzen: Die Interak-
schriftlichen Kommunikation von einer Reihe tanten selbst können am Produzieren bzw.
von Schutzmaßnahmen begleitet, die dieses Rezipieren durch ihre Kasernierung oder Eli-
strukturelle Problem bearbeiten sollen. Diese minierung gehindert werden. Insbesondere
betreffen einerseits die Schriftform selbst, in- aber erweist sich die vervielfältigte Reproduk-
dem das Kommunikationsprodukt ein weite- tions- und Distributionsstruktur als für solche
res Mal umgesetzt, in eine Geheimschrift um- Eingriffe extrem anfällig. Das Institut des
kodiert wird (→ Art. 145). Dieses vergleichs- Zensors blockiert den Eintritt in den eigent-
weise aufwendige Verfahren steht freilich im lichen Reproduktionsprozeß. Die Beschlag-
Widerspruch zur Ökonomie der Schriftbe- nahme des Druckerzeugnisses unterbricht die
herrschung und beschränkt sich auf spezielle Distribution. Die Bücherverbrennung besei-
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 33

tigt mit dem veräußerlichten Kommunika- chen Text auf oder in sich enthält, als eines
tionsprodukt die Möglichkeit für seine Re- rein physischen Objektes — der Tontafel, des
zeption (→ Art. 6; 74). Nur allzu oft ist diese Steines, des Pergaments usw. — wird sekun-
nur der erste Schritt zur physischen Bedro- därer Lektüre zugänglich gemacht. Im Fall
hung des Autors und der potentiellen Rezi- der bis heute nicht oder kaum entschlüsselten
pienten. Texte ist die kommunikative Qualität völlig
in die Potentialität zurückgenommen. Erst
6.5. Der Zerfall der Textträger der Entzifferungsakt hebt diese re-physikali-
sierten Objekte erneut in den kommunikati-
Die Materialität des schriftlichen Textes ver- ven Zusammenhang hinein (→ Art. 29).
langt ein materielles Substrat. Dieses unter-
liegt der Gefahr des Zerfalls. Die Veräußer- 6.8. Die magische Inanspruchnahme
lichung der schriftlichen Kommunikation des Textes
kann so die Voraussetzung für ihre Unmög-
lichkeit, für das Verfehlen ihres Zweckes sein. Die Herauslösbarkeit des schriftlichen Textes
Gerade die Bearbeitung der Diachronie stellt in seiner Materialität aus der Sprechsituation
hohe Anforderungen an die materielle Dau- ermöglicht schließlich dessen Inanspruch-
erhaftigkeit des Substrats. Diese ist bei der nahme für magische Praktiken. Das veräu-
Entwicklung neuer Kommunikationsträger ßerlichte sprachliche Handeln in seiner phy-
keineswegs immer abschätzbar. Säurezerfall sischen Objektform macht das Objekt und
von Büchern, klimatische Zerstörungen, Ver- mit ihm und durch es nach magischem Ver-
witterung usw. bedrohen den Kommunika- ständnis das sprachliche Handeln selbst ma-
tionszweck. Die schriftliche Wissensspeiche- nipulierbar. Eine Herkunftslinie von Schrift
rung erfordert erhebliche gesellschaftliche ist diesem Zusammenhang geschuldet. Die
Aufwendungen, um diesem Substratzerfall zu zur Schriftlichkeit verdeutlichte sprachliche
wehren. Handlung wird als verobjektivierte Gegen-
stand vielfältiger weiterer Bearbeitung. Dabei
6.6. Texte sekundärer Entstehung ist immer unterstellt, daß diese Bearbeitungen
auf den Kommunikationsprozeß selbst durch-
Die Begründung des Textes im Überliefe- schlagen. Die magische Inanspruchnahme
rungszweck und die Veräußerlichung in der schriftlicher Kommunikation entfaltet sich in
Form des schriftlichen Dokuments ermög- den verschiedenen kommunikativen Dimen-
licht eine Verdauerung von Kommunikation, sionen. Sie intendiert den Umschlag aus phy-
wo diese weder vom Sprecher noch vom Hö- sischer Manipulation in illokutive Kraft.
rer beabsichtigt ist. Dies geschieht etwa bei Auch die Schrift selbst, ihre innere Struk-
geheimen schriftlichen Protokollierungen des tur, ihre ABC-darische Anordnung (→ Art.
gesprochenen Wortes und insbesondere bei 142 ) werden vielfältig für derartige Praktiken
den post-skriptoralen Formen der Vertextung funktionalisiert (Dornseiff 192 2 , Glück 1987),
z. B. durch Magnetaufnahmen. Hier wird insbesondere auch, um den wissensbezogenen
Kommunikation so „abgezweigt“, daß eine Nutzen von Schrift zur Gewinnung von Me-
hinsichtlich der primär beteiligten Personen tawissen und zur Wissensgewinnung aus dem
nicht-intentionale Verschriftung bzw. Überlie- Medium allein heraus einzusetzen: Wenn
ferung in anderer Form hergestellt wird. Die Schrift zur Speicherung beliebiger propositio-
Veräußerlichung der Kommunikation wird naler Gehalte genutzt wird, so sollen in sol-
also von außen induziert. Das Ergebnis sind chen Verfahren propositionale Gehalte aus
Texte sekundärer Entstehung. dem Medium selbst erzeugt werden. Dieses
Konzept setzt sich bis in bestimmte Tradi-
6.7. Der Kommunikationsverlust des Textes tionslinien einer ontologisch sorglosen Logik
Die Veräußerlichung des schriftlichen Textes fort.
gegenüber der Sprechsituation kann auch be-
deuten, daß die Texte letztlich als materielle
überdauern, ohne noch rezipiert zu werden. 7. Die Transformation des Sprechers
Auch hier wird eine genuine Möglichkeit der zum Autor und
Textherauslösung aus dem Kommunikations- ihre soziologischen Konsequenzen
zusammenhang objektiv realisiert. Nahezu all
unsere Kenntnis früherer Epochen schriftli- 7.1. Schreiber
cher Kommunikation verdankt sich solchem Schrift entsteht in Gesellschaften, die eine ge-
Überdauern von Dokumenten, die nicht für wisse Stufe arbeitsteiliger Komplexität er-
unsere Lektüre bestimmt waren. Die Konser- reicht haben. Insbesondere die Herausbildung
vierung des Textsubstrats, das den schriftli-
34 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

zentraler Verwaltungstätigkeiten, die als sol- 7.2. Autorschaft


che selbstverständlich auch religiös organi-
siert sind, setzt sich in der ephemeren Schrift- Die Notwendigkeit zu schreiben entfaltet sich
lichkeit um — wie die komplexe kultische im Lauf der letzten drei Jahrtausende derart,
Aktivität arbeitsteiliger Hierarchien sich der daß bis in dieses Jahrhundert hinein immer
Schrift früh bedient (vgl. insbes. Schenkel größere Bereiche der Schriftlichkeit subsu-
1983 am ägyptischen Beispiel). Insofern ist miert werden oder sie jedenfalls subsidiär nut-
Schrift auf ein spezialisiertes Personal von zen. Damit wird auch der Kreis der Schrei-
vorneherein bezogen, das freilich zunächst benden potentiell erweitert. Selbst bei „de-
Schriftfertigkeit nur als eines seiner spezifi- mokratisch“ strukturierten, d. h. potentiell
schen Qualifikationsmerkmale aufweist. Erst einer großen Zahl von Schreibern zugängli-
die weitere Differenzierung grenzt aus dieser chen Schriftsystemen erfordert der Umfang
Gruppe wiederum die „Schreiber“ aus. Deren der Schreibanlässe keineswegs auch die tat-
Stellung schwankt von der einer relativ un- sächliche Verallgemeinerung der Schreibfä-
tergeordneten, im wesentlichen medial defi- higkeit für die gesamte Sprechergruppe (vgl.
nierten Position bis hin zu einer Position, in Maas 1985) oder große Teile von ihr, wie z. B.
der dem Schreiber die Zuständigkeit für das die Situation des Äthiopischen durch die
Wissen prinzipiell zugeschrieben ist. Diese Jahrhunderte zeigt (→ Art. 23; 67).
Ambivalenz charakterisiert die Position von Erst eine komplexe Matrix ermöglicht eine
„Schreibern“ bis heute. Im ersten Fall sind Soziographie von Schreibenden, Schrift und
Schriftlichkeit (vgl. zur Problematik exempla-
sie lediglich auf den Äußerungsakt bezogene risch Haug 1983).
subsidiäre Kräfte für einen von ihnen unab-
hängigen sprachlichen Handlungszusammen- Die medial-funktionale Position des
hang. So wie der die Botschaft auswendig Schreibers läßt die Frage der Urheberschaft
lernende Typus des Boten durch sein Memo- prinzipiell noch ganz im weitestgehend insti-
rieren die Sprechhandlung vertextet, sich um tutionell-religiös geregelten Zusammenhang
ihren propositionalen Gehalt und ihre illo- mündlicher Kommunikation. Wie der Griot
kutive Qualität aber weder kümmern darf (vgl. Camara 1976) Sprachmittler zwischen
noch zu kümmern braucht, so leistet der dem Herrscher und dem Volk im Medium der
Schreiber lediglich die mediale Umsetzung der Mündlichkeit ist, so der Schreiber im schrift-
gesprochenen Handlung in eine erhaltungs- lichen Zusammenhang. Zwar werden bereits
fähige und transportable Form (vgl. Zf. 5.2 ). in den Kolophonen akkadischer Keilschrift-
Anders hingegen gestaltet sich seine Position, tafeln auch Schreibernamen mitgeteilt. Doch
wenn er selbst — wie etwa im diplomatischen erst mit der gesamtgesellschaftlichen Verselb-
oder klerikalen Kontext — die Sprechhand- ständigung der ägyptischen Beamtenschaft
lung erst im Sinne des autoritativen Spre- (vgl. J. Assmann 1992 ) entstehen eine Auto-
chers, etwa des Herrschenden oder im Sinne nomisierung und Individualisierung des Au-
des Tempels verfertigt. Der Stellenwert alt- tors, wie sie uns heute selbstverständlich
ägyptischer Beamter, chinesischer Manda- scheinen Im Griechentum wird dieser Prozeß
rine, karolingischer Geistlicher, wilhelmini- qualitativ umgesetzt und beschleunigt. Die
scher Politiker („Emser Depesche“), demo- antike Welt kennt eine Vielfalt von Autoren
kratischer „Ghost Writers“ zeigt die Vielfalt, — sie kennt aber auch das umstandslose Sub-
die Macht und die Ohnmacht dieser aus sumieren von Sprachprodukten unter auto-
dem medialen Kontext herausgewachsenen ritative Verfasserschaft, die von einer späte-
Schreibspezialisten. ren, an historischer Authentizität orientierten
In dem Maß, in dem das Schriftsystem Zeit mit dem negativen Stichwort der „Pseud-
selbst die Voraussetzungen für eine verallge- epigraphie“ belegt wurde. Die postantiken
meinerte Nutzung durch große Populationen Autorschaften bewegten sich in der kommen-
(auf Grund veränderter Verschriftungserfor- tierenden Reproduktion des Traditionsbe-
dernisse mittels Strukturveränderungen des standes. Autorschaft aktualisierte sich hier
Systems — Konsonanten- bzw. Alphabet- nahezu immer innerhalb textueller Räume,
schrift — und/oder durch verallgemeinerten die bereits vorlagen, und in der Verarbeitung
Unterricht in der Kunst des Schreibens) und dem Neuarrangement des bereits Be-
schafft, wird der Spezialistenstatus der Schrei- kannten. Eine angemessene Würdigung sol-
ber gesellschaftlich überflüssig — um sich bei cher Formen von Autorschaft war unter den
jeweiligen technischen Innovationen natur- Bedingungen der Philologie des vorigen und
wüchsig wiederherzustellen. dieses Jahrhunderts, die viele Quellen erst zu-
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 35

gänglich machte, kaum möglich, weil hier ein schaft, ihrer Verstehensmöglichkeiten und ih-
Autorkonzept präsuppositionell war, das rer Leseerwartungen werden zu zentralen
sachlich durch mehrere Innovationsschübe Aufgaben des Autors — bis dahin, daß diese
seit der Verbreitung des Buchdrucks und da- Zusammenhänge für das Bewußtsein von Le-
nach in einer ganz anderen Weise bestimmt sern und teilweise auch Autoren selbst als
war. spezifisch verschleierungswürdig erfahren
Der Bezug auf ein latentes Gesamtwissen werden, um im Modus der schriftlich vermit-
erleichterte noch dem mittelalterlichen Autor telten Indirektheit die Fiktion von Authenti-
die Verfertigung von Schriftlichkeit. Die Mo- zität und Direktheit möglichst aufrecht zu
dellierung des Lesers konnte so gleichsam erhalten.
prinzipiell nach seinem eigenen Bild gesche-
hen — d. h., sie konnte als explizite Tätigkeit
weithin unterbleiben, weil der gemeinsame 8. Die Transformationen vom Hörer
Wissenshintergrund der Sorge enthob, den zum Leser und ihre soziologischen
konkreten Leser zu verfehlen. Die kanoni- Konsequenzen
sierte Elementarbildung und die verallgemei-
nerte Sprache des gesellschaftlichen Wissens Hören geschieht ohne Mühe — Lesen nicht.
(Latein bzw. Griechisch bzw. Arabisch) ga- In der unmittelbaren Sprechsituation sind die
rantierten jene sprechsituationsübergreifende Voraussetzungen für das Gelingen des Verste-
Gemeinsamkeit, die die Bedingung der Mög- hens also ebenso unmittelbar gegeben, wenn
lichkeit für das Gelingen schriftlicher Kom- dieses dadurch freilich auch noch nicht ga-
munikation war. rantiert ist.
In dem Maße, in dem die Dissoziierung der
Sprechsituation zur Distanzierung des Hörers
7.3. Autorschaft unter den Bedingungen führt, verliert sich die auditive Sinnlichkeit
der Neuzeit wie die personale Vermittlung des Geschehens
Diese selbstverständlichen Rahmenbedingun- insgesamt. Im Fall der Schriftlichkeit wird der
gen zerfielen mit der Reetablierung eines Teil- Hörer zum Leser transformiert. Die schrift-
Wissenssystems, nämlich des klassischen in liche Kommunikation verlangt vom Leser die
der Renaissance, besonders aber mit der De- rezeptive Beherrschung der schriftlichen Ver-
valuierung der Tradition innerhalb der Re- fahren. Sie verlangt von ihm vor allem aber
formation und durch die Vervielfältigung von das Umgehen mit dem aus der Kommunika-
Autorschaft, die durch den Buchdruck er- tionssituation herausgehobenen Text und mit
möglicht wurde. all den Konsequenzen, die dieser Auflösungs-
Damit kommt das Konzept von Autor- prozeß für das sprachliche Handeln hat
schaft auf den ihm eigenen neuzeitlichen Be- (Zf. 4.).
griff, in dem die Dissoziierungs- und damit Die heutige Form des leisen Lesens, der
Entfaltungsmöglichkeiten der Kommunika- schweigenden „Sinnentnahme“ aus dem Text,
tionssituation realisiert sind. Das Gelingen setzt einen voll entwickelten Fertigkeitsfächer
der schriftlichen Kommunikation als einer voraus. Der Umstand, daß dieser zum didak-
Bewältigung der in sich paradoxen zerdehn- tischen Grundbaustein geworden ist, täuscht
ten Kommunikationssituation wird zu einem über Umfang und Schwierigkeit der dabei
wesentlichen Bereich der Autor-Tätigkeit. Sie beteiligten Verfahren hinweg. Offenbar ist es
wird zum Metier des Autors, der Autor wird selbst bei das Lesen erleichternden phonogra-
zunehmend professionalisiert. Dies betrifft phischen Schriftsystemen keineswegs selbst-
alle Bereiche der schriftlichen Textproduk- verständlich, daß die volle Nutzung des Fer-
tion. Am massivsten macht es sich bemerkbar tigkeitspotentiales trotz verallgemeinerter Al-
in der Herausbildung einer „Literatur“, die phabetisierung oder Literalität praktiziert
den Bezug auf die Schriftlichkeit bereits in werden kann (funktionaler Analphabetismus
ihrem Namen trägt. Diese entfaltet sich durch (→ Art. 73).
die Professionalisierung der Autoren, die mit Für lange Zeit gehörte es zu den Aufgaben
den kapitalistischen Produktions- und Distri- des „Schreibers“, zugleich auch Vorleser zu
butionsverfahren der schriftlichen Texte als sein (vgl. exemplarisch Jeremia 36). Das
gedruckten „Büchern“ auch die ökonomi- schriftliche Produkt wurde vorgelesen und so
schen Voraussetzungen für die Professionali- reoralisiert. Dafür bietet die Antike zahlreiche
tät ihres Schreibens finden. Zeugnisse. In diesem Sinn kann sich der Vor-
Die Modellierung der angezielten Leser- lesende auch selbst zu seinem eigenen Audi-
torium machen. Dies war bis mindestens in
36 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

die spätantike Zeit der Normalfall (vgl. Schee- gegenüber dem Autor. Der Text als heraus-
rer 1993). Die Abkürzung des Rezeptionspro- gelöster wird zum manipulierbaren Objekt,
zesses zu einer weitgehend mentalen, entsinn- zum Material, aus dem die philologische Tä-
lichten Tätigkeit ist zwar in der Dissoziierung tigkeit eine neue Sinnwirklichkeit formt. Ge-
der Sprechsituation von vorneherein angelegt, rade die Entwicklungen der literarisch-philo-
wird aber erst relativ spät zur historischen logischen Disziplinen in der zweiten Hälfte
und dann auch verallgemeinerten Realität. In des 2 0. Jahrhunderts zeigten eine Reihe von
diesem Prozeß vereinsamt der Leser zuneh- methodologisch abgeleiteten Konzepten wie
mend. Die gesellige Form der Lektüre, wie den Dekonstruktivismus, in denen der pro-
sie noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fessionalisierte Leser sich und sein Publikum
gebräuchlich war, erfuhr zu diesem Zeitpunkt von der eigenen Unabhängigkeit gegenüber
einen qualitativen Bruch, der von Schön dem Autor und von der eigenen Autonomie
(1987) als „Verlust von Sinnlichkeit“ treffend zu überzeugen trachtet. (Van Peer 1992
charakterisiert wird. Damit geschieht der spricht in einer glücklichen Metapher für die
sprachlichen Handlung eine weitere Dekom- philologische Tätigkeit von „the taming of the
munizierung. Diese geht mit einer anderen text“.)
Charakteristik einher, der potentiellen Repe-
titivität des Lesens. Dadurch wird Verstehen
zu einem lang anhaltenden, möglicherweise 9. Schriftliche Kommunikation
auch stochastischen, ja zu einem vieldimen- und die Entwicklung
sionalen, aber auch vielfach gebrochenen Pro- wissenschaftlichen Wissens
zeß. Der schriftliche Text kann weggelegt und
wieder aufgenommen werden. Der Verste- 9.1. Schrift und die Herausbildung
hensprozeß wird segmentiert — mit der Ge- von Wissenschaft
fahr seiner Zerstückelung und einer neuen
Form des Mißlingens. Wissenschaft, besonders in ihrer vorderorien-
Dies ruft professionelle Leser auf den Plan, talisch-europäischen Form, ist mit Schriftlich-
bedeutet also eine Professionalisierung ein- keit jedenfalls phänomenologisch auf das eng-
zelner Teile des rezipierenden Verstehenspro- ste verknüpft. Dies hat zur Überlegung Anlaß
zesses. So, wie sich eine Differenzierung in gegeben, daß Schriftlichkeit notwendige Vor-
der produktiven Dimension abspielt, entwik- aussetzung für das Auftreten von Wissen-
kelt sich eine ebensolche in der rezeptiven schaft ist (insbesondere Goody & Watt 1963
(Raible 1972 , 1983). Je nach dem Funktions- und öfter; Havelock 1976, 1982 ; Ong 1987;
bereich von Schrift unterscheidet sich das Ver- Logan 1986; → Art. 52 ). Diese These, die
stehenspersonal, von den antiken Hermeneu- auch erheblichen Widerspruch erfahren hat,
ten und textexplizierenden Philologen (vgl. benennt jedenfalls im Kern eine für die Ent-
Bruns 1992 ) über die christlichen Interpreten, wicklung bis hin zur neuzeitlichen Wissen-
Prediger und Theologen (vgl. Brinkmann schaft offensichtliche Konkomitanz von
1980) hin zu den professionalisierten Lesern Schrift und Wissenschaft. Allerdings steht sie
des Literaturbetriebes, den Kritikern, und den in der Gefahr, das Verhältnis zu einfach zu
zunächst am — sekundär mit Sinnstiftungs- modellieren, und zwar sowohl für die An-
autorität ausgestatteten — klassischen Text- fänge wie für die entfalteten Wissenschafts-
bestand arbeitenden Philologen des eigentli- systeme als Ensembles gesellschaftlicher In-
chen philologischen, des 19. Jahrhunderts, stitute und Institutionen in ihrem komplexen
und den Literaturwissenschaftlern des 2 0. Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlich-
(Die englische Bezeichnung für deren Ge- keit.
schäft, „literary criticism“, hält den Bezug Die Herausbildung der in der Form des
zwischen literarischer Kritik und philologi- Spruches für die mündliche Tradition hervor-
schem Textumgang im Terminus selbst prä- ragend zubereiteten abstrakten Zusammen-
sent). Gerade die starke institutionelle Posi- hangsbestimmungen in der altorientalischen
tion der Philologie mit ihren universitären Weisheit; die Liste als eine für die mündliche
und schulischen Betätigungsfeldern bietet eine Tradition von Wissen zubereitete Textform
Grundlage dafür, daß diese professionalisierte für die Erfassung und Tradierung auch kom-
Leseaktivität sich aus ihrem Vermittlungszu- plexer geographischer, kosmologischer, ge-
sammenhang herauslöst und verselbständigt, nealogischer Wissensbestände; der Mythos als
und zwar nicht nur gegenüber den Endadres- narrativ organisierte mündliche Wissenswei-
saten, den eigentlichen Lesern, sondern auch tergabeform ermöglichen eine Komplexität
der Wissensgewinnung, -organisation und
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 37

-tradierung, die erheblich ist und über die Dieses reflektierende Denken wurde in einer
Unmittelbarkeit des situativ eingebundenen raschen Entwicklungsfolge zu einem Nach-
sprachlichen Handelns weit hinausgeht. Ge- denken über die arché, die „Prinzipien“, die
rade die weisheitlichen Wissensstrukturen alles beherrschenden „Anfänge“ im vorsokra-
sind in ihrer Abstraktheit eher dem wissen- tischen philosophischen Denken der Ionier
schaftlichen als dem alltäglichen Wissen zu- entfaltet. Es ist wahrscheinlich, daß hierfür
zuordnen. eine andere abstrakte Kategorie, die in die
Die sich bis in die Gegenwart fortsetzende sinnliche Erscheinung trat, das Geld, eine zu-
Ambivalenz hinsichtlich von Mündlichkeit gleich befördernde Wirkung hatte. (Zur
und Schriftlichkeit, die Wissenschaft als ge- Nachgeschichte dieses Gedankens siehe jetzt
sellschaftliche Organisationsform kennzeich- Coulmas 1992, § I.)
net, genauer die Koexistenz und wechselsei-
tige Vermittlung beider, insbesondere in der 9.2. Die Entfaltung des Potentials
didaktisch organisierten Wissensweitergabe von Schrift zur Erhaltung
mit und in ihren Institutionen und in den wissenschaftlichen Wissens
kollektiv und diskursiv organisierten Formen
der Wissensgewinnung und -distribution von Von Anfang an liegt eine zentrale Bestim-
der Forschungsgruppe bis hin zu den auf face- mung schriftlicher Kommunikation in der
to-face-Kommunikation ausgerichteten wis- Entwicklung von Erhaltungsmöglichkeiten
senschaftlichen Kongressen zeigen bis heute, beliebiger propositionaler Gehalte, gerade
welche erhebliche Bedeutung für den Wissen- auch der ephemeren (vgl. Zf. 4.2 und Ass-
schaftsprozeß auch der mündlichen Kom- mann 1994). Die Schrift bietet dafür in all
munikation zukommt. Die weitgehend auf ihren Dimensionen — von der Materialität
Mündlichkeit verpflichteten Formen antiken des Substrats bis hin zu den inneren Schrift-
Philosophierens, die Mündlichkeit des mittel- strukturen — eine Reihe von Problemlösun-
alterlichen Universitätsbetriebes (vgl. Miethke gen an, von denen zwar keine ideal ist, die in
1991), die memorierende Praxis der Wissen- ihrer Gesamtheit aber äußerste Effizienz sol-
saneignung des Talmuds in der jüdischen Tra- cher Speicherung ermöglichen. Wissenschaft-
dition demonstrieren die Kontinuität der es- liches Wissen geht über die Unmittelbarkeit
sentiellen Mündlichkeit im Wissenschaftsall- des sinnlich Zugänglichen hinaus (— selbst
tag. Die systematische Vernachlässigung die- noch im empiristisch-sensualistischen Protest
ser Faktoren in der Konzeptualisierung von dagegen, indem dieser Protest seinerseits den-
Wissenschaft ist demgegenüber vor allem der kender Protest ist und als solcher kommuni-
Schriftzentrierung geschuldet, die sich mit der ziert werden will). Die Abstraktion von der
vollen Entfaltung des Buchdrucks herausbil- Mannigfaltigkeit und Beliebigkeit der sinnli-
dete. Diese wirkte sich also nicht nur hinsicht- chen Zugänglichkeit ebenso wie die dauernde
lich der Entwicklung des Sprachkonzeptes Re-Präsentivierung des einmaligen und ver-
(Zf. 4.8), sondern auch hinsichtlich der Kon- gangenen Ereignisses wie auch die Antizipa-
zeptualisierung von Wissenschaft aus. tion des noch nicht Zugänglichen, aber wahr-
Gleichwohl hat insbesondere die mit der scheinlich Zugänglich-Werdenden bedarf der
griechischen Alphabetschrift erreichte Form Herauslösung von Wissen aus jener Unmit-
von Schrift in ihrer leichten Zugänglichkeit, telbarkeit, der auch die sprechsituativ einge-
Lehrbarkeit und Nutzbarkeit, verbunden mit bundene Handlung zugehört. Schriftliche
einer entwickelten Schriftpraxis, zur Ermögli- Kommunikation als zeitüberbrückende, als
chung nicht nur der materialisiert verobjek- diachrone Kommunikation ist in diesem Sinn
tivierten Ablösung des sprachlichen Hand- für wissenschaftliches Wissen zentral. Die
lungsproduktes aus der Situation geführt, Speicherung des bereits ins Wissen Gehobe-
sondern dazu, daß Wissen in die Form — um nen und die Möglichkeit seiner distanzieren-
es paradox zu sagen — einer abstrakten An- den und distanzierten Betrachtung und Wei-
schaulichkeit überführt wurde. Dies macht terverarbeitung gehen als notwendige Vor-
sich hinsichtlich der Sprache und ihrer Ent- aussetzung in die Erzeugung neuen Wissens
faltung zur Ausbildung und Verwendung von ein. Die Wissensspeicher, die erst in der
zahlreichen Abstraktbildungen (Logan 1986, schriftlichen Form für beliebige propositio-
104) bemerkbar. Es macht sich vor allem aber nale Gehalte voll zugänglich werden, haben
in der Ermöglichung von Reflexion bemerk- insofern einen fundierenden Stellenwert für
bar, die die Isolation des Wissens und seine das wissenschaftliche Wissen, der im Gedan-
Betrachtbarkeit immer schon voraussetzt. ken des „archive“ bei Maingueneau (1991)
begrifflich umgesetzt wird.
38 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

9.3. Archivierungen des Wissens 9.4. Schriftlichkeit und die Wissenschaften


Das losgelöste, verselbständigte Wissen in Die Rolle der Schriftlichkeit für die Wissen-
schriftlicher Form hat die Beziehung zur ge- schaften differenziert sich nach der Typologie
sellschaftlichen Praxis nur noch indirekt. Es des Wissens, die für die einzelnen Wissen-
bietet sich aufgrund seiner Herauslösung für schaften kennzeichnend ist, nach dem Ver-
die Thesaurierung an. Diese erfolgt nicht hältnis zum sprachlichen Handeln als einem
mehr in den praxisnahen Zusammenhängen, — möglicherweise zentralen — Objektbereich
die für empraktisch bezogenes Wissen cha- der jeweiligen Wissenschaft, nach den didak-
rakteristisch, ja notwendig sind. Es entstehen tischen Erfordernissen, dem Verallgemeine-
Institutionen der Speicherung von Wissen. rungsgrad des erreichten Wissensstands und
Dies sind zunächst und vor allem Bibliothe- der Auslagerung einzelner Wissensbereiche in
ken (vgl. Kittler 1985, 1986). Sie sind zugleich die Propädeutik bzw. in die Wissenschaftsdi-
die Orte, an denen die Ordnung des Wissens daktik, d. h. mit Blick auf die Mentalisie-
systematisierend hergestellt wird. rungserfordernisse für die am Wissenschafts-
Die Zwecke solcher Institute sind unter- betrieb Partizipierenden. Ausführliche Wis-
schiedlich. Bereits aus der keilschriftlichen Pe- senschaftsgeschichten, die der Rolle der
riode gab es Sammlungsbemühungen, die ex- schriftlichen Kommunikation und ihren Fol-
plizit auch der Kanonbildung dienten. Gerade gen für die Disziplinbildung und -entwicklung
in den Situationen eines brüchig gewordenen detailliert nachgingen, sind weithin ein Desi-
Wissensuniversums, das sich nicht mehr über derat.
die Selbstverständlichkeit seiner eigenen Prä-
suppositionalität reproduzierte, wurde die
Sammlung, Ordnung und Systematisierung 10. Schriftlichkeit und das
des Wissens zu einer zentralen Aufgabe. Die gesellschaftliche Gesamtwissen
Zeit des Hellenismus ist dafür exemplarisch, Die Entfaltung des wissenschaftlichen Wis-
die alexandrinische Bibliothek der geradezu sens unter den Bedingungen der Schriftlich-
paradigmatische Fall des Resultats. keit und durch sie ist freilich nur ein — wenn
Je nach dem Stellenwert, den Mündlichkeit auch ein besonders herausgehobener — Fall
und Schriftlichkeit in der Organisation des der qualitativen Veränderungen, die Schrift-
Wissenschaftsbetriebes haben und der ihre lichkeit für das gesellschaftliche Wissen be-
Verhältnisbestimmung determiniert, verschie- deutet. In seiner Monographie über „das kul-
ben sich die Orte der Archivierung. Das west- turelle Gedächtnis“ hat Assmann 1992 an
europäische Kloster etwa wird für die mittel- einer Reihe von für den vorderorientalisch-
alterliche Struktur zum Ort, an dem die Co- europäischen Zusammenhang zentralen Be-
dices und Bücher gesammelt, die Kopien er- reichen die gesellschaftlichen Veränderungen
stellt und die Inhalte in der mündlichen An- rekonstruiert, die sich durch die Schriftlich-
eignung umgesetzt und reproduziert wurden. keit ergeben. Durch die Schrift entstehen
Die neuzeitliche, durch den Druck bestimmte Möglichkeiten einer neuen Kontinuitätsbil-
Struktur der Wissensorganisation verlangte dung innerhalb von Gesellschaften — die frei-
schnell qualitativ neue Lösungen, die wie- lich zugleich in größerem Maße gefährdet ist.
derum exemplarisch (Wolfenbüttel) entwik- Die gesellschaftliche Identitätsbildung gestal-
kelt wurden und sich nach Maßgabe der öko- tet sich bei entwickelter Schrift anders als
nomischen Möglichkeiten entfalteten. Das er- ohne sie. So hat Schriftlichkeit als wesent-
forderliche Personal professionalisierte sich liches Resultat schriftlicher Kommunikation
vom „homme de lettre“, der seine Fähigkeit, Konsequenzen, die die Gruppenmitglieder,
mit dem Buch umzugehen, als hinreichende die sich ihrer bedienen können, in einer tief-
Qualifikation einbrachte, zum fachausgebil- greifenden Weise beeinflußt.
deten Bibliothekar, das Bibliothekswesen von
einer dienenden Hilfsfunktion der (auch im
ökonomischen Sinn) Schatzverwaltung hin 11. Schriftliche Kommunikation und
zu den Informations-Wissenschaften unserer ihre Weiterentwicklung
Tage, denen es schwerfällt, die Notwendigkeit
der sammelnden und bereitstellenden Tätig-
keiten in bezug auf das vorhandene und je 11.1. Die synchron-diatopisch zerdehnte
neu erzeugte wissenschaftliche Wissen gesell- Sprechsituation
schaftlich noch hinreichend zu vermitteln. Trotz und bei aller Komplexitätserzeugung,
die durch die schriftliche Kommunikation er-
möglicht und realisiert wird, bleibt ihr immer
2.  Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation 39

der subsidiäre Charakter eingeschrieben, aus ler, Alois & Huber, Jörg (ed.), Raum und Verfah-
dem heraus sie entstanden ist. Die Schrift ist ren. Basel, 133—155.
e i n e Problemlösung — nicht jedoch die ein- Assmann, Jan. 1992 . Das kulturelle Gedächtnis.
zige. Die Suche nach anderen, möglicherweise Schrift, Erinnerung und politische Identität in frü-
weniger aufwendigen Lösungen setzte sich hen Hochkulturen. München.
kontinuierlich fort. Die Einbeziehung elektri- —. 1993. Altorientalische Fluchinschriften und das
scher und elektronischer Übertragungen und Problem performativer Schriftlichkeit. Vertrag und
Speicherungen hat hier zu den substantiellsten Monument als Allegorien des Lesens. In: Gum-
Veränderungen geführt. Die Entwicklung von brecht & Pfeiffer, 233—255.
Telephon und Telegraph im vorigen Jahrhun- —. 1994. Lesende und nichtlesende Gesellschaften.
dert hat die Überwindung der diatopischen Forschung und Lehre 1/2, 28—31.
Differenz in einer Weise ermöglicht, die eine Assmann, Aleida & Assmann, Jan. 1983. Schrift
— lebensweltlich gesehen — Synchronie auch und Gedächtnis. In: Assmann et al., 265—284.
bei großen Entfernungen gestattet. Freilich
Assmann, Aleida & Assmann, Jan. 1988. Schrift,
wird durch diesen Übertragungs -shortcut Tradition und Kultur. In: Raible, Wolfgang (ed.),
beim Telephon die Möglichkeit der Speiche-
Zwischen Festtag und Alltag: 10 Beiträge zum
rung zunächst aufgegeben — und damit ein
Thema „Mündlichkeit und Schriftlichkeit“. Tübin-
Nebeneffekt, der für die schriftliche Kom-
gen, 25—49.
munikation immer gegeben ist. Gegenüber
der schriftlichen Kommunikation ist die te- Assmann, Aleida, Assmann, Jan & Hardmeier,
lephonische eine Restituierung von Münd- Christof (ed.). 1983. Schrift und Gedächtnis. Mün-
lichkeit unter den Bedingungen der nur noch chen.
akustischen Kopräsenz der Interaktanten. Betten, Anne. 1987. Grundzüge der Prosasyntax.
Die verschiedenen sprachlichen Dimensionen Tübingen.
(vgl. Zf. 4.) werden hiervon jeweils wieder Boge, Herbert. 1973. Griechische Tachygraphie und
anders tangiert als im Fall der schriftlichen Tironische Noten. Berlin.
Kommunikation. Es kommt — systematisch Brinkmann, Henning. 1980. Mittelalterliche Her-
gesehen — zu einem Grenzfall zwischen Text meneutik. Tübingen.
und Diskurs. Ihm wird vor allem die ephe- Bruns, Gerald L. 1992 . Hermeneutics. Ancient and
mere Kommunikation zugewiesen. Modern. New Haven/London.
(Die Telegraphie erweist sich demgegen- Camara, Sory. 1976. Gens de la parol. Essai sur la
über als wesentlich weniger revolutionär, weil condition et le rôle des griots dans la société Ma-
die Umsetzung der sekundären Kodierung in linké. Paris/La Haye.
die schriftliche Form beschränkt ist auf ein Campenhausen, Hans von. 1968. Die Entstehung
codiertechnisch-mediales Problem.) der christlichen Bibel. Tübingen.
Coulmas, Florian. 1981. Über Schrift. Frankfurt.
11.2. Die elektronische Transposition
—. 1989. The writing systems of the world. Oxford.
Von wesentlich größerer Tragweite ist dage- —. 1992 . Die Wirtschaft mit der Sprache. Eine
gen die elektronische Transposition des Tex- sprachsoziologische Studie. Frankfurt am Main.
tes. Diese liegt primär auf der Linie der Spei- Dallmeier, Martin. 1977. Quellen zur Geschichte
cherungsfunktionen schriftlicher Kommuni- des Europäischen Postwesens. Kallmünz.
kation, kommt hier aber zu prinzipiell ande-
Dornseiff, Franz. 192 2 . Das Alphabet in Mystik
ren — zunächst medialen, dann und von dort
und Magie. Leipzig/Berlin.
aus aber viele andere Bereiche der Vertextung
betreffenden — Faktoren. Die Weiterungen Ehlich, Konrad. 1980. Schriftentwicklung als ge-
dieser Entwicklung geschehen unter der Be- sellschaftliches Problemlösen. Zeitschrift für Se-
teiligung der gegenwärtigen Generation. Ob miotik 2, 335—359.
die elektronische Transposition von ähnlichen —. 1983. Text und sprachliches Handeln. Die Ent-
Folgen wie etwa die typographische sein wird, stehung von Texten aus dem Bedürfnis nach Über-
wird sich zeigen müssen (vgl. Giesecke 1992 , lieferung. In: Assmann et al., 24—43.
Kittler 1993, Weingarten 1989; → Art. 9; 42). —. 1991. Funktional-pragmatische Kommunika-
tionsanalyse — Ziele und Verfahren. In: Flader,
Dieter (ed.), Verbale Interaktion. Studien zur Em-
12. Literatur pirie und Methodologie der Pragmatik. Stuttgart,
127—143.
Assmann, Aleida. 1993. Exkarnation. Gedanken
zur Grenze zwischen Körper und Schrift. In: Mül- —. 1993. Prozedur. In: Glück, Helmut (ed.), Metz-
ler-Lexikon Sprache. Stuttgart, 491.
40 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

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Fohrer, Georg (ed.) 2 1989. Hebräisches und ara- —. 1830. Enzyklopädie der philosophischen Wis-
mäisches Wörterbuch zum Alten Testament. Berlin. senschaften. Ed. 1959 von: Nicolin, Friedrich &
Giesecke, Michael. 1991. Der Buchdruck in der Pöggeler, Otto. Hamburg.
frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Hillers, D. R. 1964. Treaty-Curses and the Old
Durchsetzung neuer Informations- und Kommu- Testament Prophets. Rom.
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3.  Semiotic Aspects of Writing 41

im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Zeit- Schenkel, Wolfgang. 1983. Wozu die Ägypter eine
schrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 59, Schrift brauchten. In: Assmann et al., 45—63.
55—81. Schlieben-Lange, Brigitte. 1982 . Für eine Ge-
Maingueneau, Dominique. 1991. L’Analyse du dis- schichte von Schriftlichkeit und Mündlichkeit. In:
cours. Paris. Schlieben-Lange, Brigitte & Gessinger, Joachim
Mercer, A. A. B. 1915. The Malediction in Cunei- (ed.), Sprachgeschichte und Sozialgeschichte. Göt-
form Inscriptions. Journal of the Ancient Oriental tingen, 104—117.
Society 34, 282—309. —. 1983. Traditionen des Sprechens. Elemente
Miethke, Jürgen. 1991. Die mittelalterlichen Uni- einer pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung.
versitäten und das gesprochene Wort. Historische Stuttgart.
Zeitschrift 251/1, 1—44. Schön, Erich. 1987. Der Verlust der Sinnlichkeit
Müller, Karin. 1990. „Schreibe wie du sprichst“. oder die Verwandlung des Lesers. Mentalitätswan-
Frankfurt am Main. del um 1800. Stuttgart.
Nerius, Dieter & Augst, Gerhard (ed.). 1987. Pro- Searle, John R. 1969. Speech Acts. An Essay in the
bleme der geschriebenen Sprache. Beiträge der Philosophy of Language. Cambridge.
Schriftlinguistik auf dem XIV. Internationalen Lin- Vachek, Josef. 1939. Zum Problem der geschrie-
guistenkongreß 1987 in Berlin. Linguistische Stu- benen Sprache. In: Travaux du Cercle Linguistique
dien. Reihe A, 173. Berlin. de Prague 8, 94—104. Wieder abgedruckt in:
Nissen, Hans J., Damerow, Peter & Englund, Ro- Scharnhorst, Jürgen & Ising, Erika (ed.). 1976.
bert (ed.). 1991. Frühe Schrift und Techniken der Grundlagen der Sprachkultur. Beiträge der Prager
Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient. Linguistik zur Sprachtheorie und Sprachpflege.
Bad Salzdetfurth. Teil 1. Berlin, 229—239.
Ong, Walter J. 1987. Oralität und Literalität. Die —. 1973. Written Language. General Problems and
Technologisierung des Wortes. Opladen. Problems of English. The Hague.
Raible, Wolfgang. 1972 . Vom Autor als Kopist zum —. 1989. Written language revisited. Amsterdam.
Leser als Autor. Literaturtheorie in der literarischen Van Peer, Willie. 1992 . The taming of the text.
Praxis. Poetica 5, 133—151. London.
—. 1983. Vom Text und seinen vielen Vätern. In: Weingarten, Rüdiger. 1989. Die Verkabelung der
Assmann et al., 20—23. Sprache. Grenzen der Technisierung von Kommu-
Redder, Angelika. 1990. Grammatiktheorie und nikation. Frankfurt.
sprachliches Handeln: „denn“ und „da“. Tübingen. Weinrich, Harald. 1993. Textgrammatik der deut-
Rehbein, Jochen. 1993. Über zusammengesetzte schen Sprache. Mannheim.
Verweiswörter und ihre Rolle in argumentierender Wonneberger, Reinhard & Hecht, Hans P. 1986.
Rede. Hamburg. Verheißung und Versprechen. Eine theologische
Scheerer, Eckart. 1993. Mündlichkeit und Schrift- und sprachanalytische Klärung. Göttingen.
lichkeit — Implikationen für die Modellierung ko- Wygotski, Lew Semjonowitsch. 1964. Denken und
gnitiver Prozesse. In: Baurmann, J., Günther, H. Sprechen (Original 1934). Berlin.
& Knoop, U. (ed.), Homo Scribens — Perspektiven
der Schriftlichkeitsforschung. Tübingen, 141—176. Konrad Ehlich, München (Deutschland)

3. Semiotic Aspects of Writing

1. Introduction prisingly little has been published which at-


2. Written signs as metasigns tempts to apply sign theory in a principled
3. Writing and representation way to the analysis of written communica-
4. Writing and linearity tion. Apart from Harris 1994, no comprehen-
5. Conclusion sive study of this type has so far appeared.
6. References The reason for this neglect is not difficult
to ascertain. It stems from the unquestioned
acceptance of a view long dominant in West-
1. Introduction ern education, which relegates writing to the
Although it is commonly taken for granted status of a merely ancillary sign system, based
that writing systems are systems of signs, sur- on speech and to be interpreted solely by
reference to speech. This view has been rein-
3.  Semiotic Aspects of Writing 41

im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Zeit- Schenkel, Wolfgang. 1983. Wozu die Ägypter eine
schrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 59, Schrift brauchten. In: Assmann et al., 45—63.
55—81. Schlieben-Lange, Brigitte. 1982 . Für eine Ge-
Maingueneau, Dominique. 1991. L’Analyse du dis- schichte von Schriftlichkeit und Mündlichkeit. In:
cours. Paris. Schlieben-Lange, Brigitte & Gessinger, Joachim
Mercer, A. A. B. 1915. The Malediction in Cunei- (ed.), Sprachgeschichte und Sozialgeschichte. Göt-
form Inscriptions. Journal of the Ancient Oriental tingen, 104—117.
Society 34, 282—309. —. 1983. Traditionen des Sprechens. Elemente
Miethke, Jürgen. 1991. Die mittelalterlichen Uni- einer pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung.
versitäten und das gesprochene Wort. Historische Stuttgart.
Zeitschrift 251/1, 1—44. Schön, Erich. 1987. Der Verlust der Sinnlichkeit
Müller, Karin. 1990. „Schreibe wie du sprichst“. oder die Verwandlung des Lesers. Mentalitätswan-
Frankfurt am Main. del um 1800. Stuttgart.
Nerius, Dieter & Augst, Gerhard (ed.). 1987. Pro- Searle, John R. 1969. Speech Acts. An Essay in the
bleme der geschriebenen Sprache. Beiträge der Philosophy of Language. Cambridge.
Schriftlinguistik auf dem XIV. Internationalen Lin- Vachek, Josef. 1939. Zum Problem der geschrie-
guistenkongreß 1987 in Berlin. Linguistische Stu- benen Sprache. In: Travaux du Cercle Linguistique
dien. Reihe A, 173. Berlin. de Prague 8, 94—104. Wieder abgedruckt in:
Nissen, Hans J., Damerow, Peter & Englund, Ro- Scharnhorst, Jürgen & Ising, Erika (ed.). 1976.
bert (ed.). 1991. Frühe Schrift und Techniken der Grundlagen der Sprachkultur. Beiträge der Prager
Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient. Linguistik zur Sprachtheorie und Sprachpflege.
Bad Salzdetfurth. Teil 1. Berlin, 229—239.
Ong, Walter J. 1987. Oralität und Literalität. Die —. 1973. Written Language. General Problems and
Technologisierung des Wortes. Opladen. Problems of English. The Hague.
Raible, Wolfgang. 1972 . Vom Autor als Kopist zum —. 1989. Written language revisited. Amsterdam.
Leser als Autor. Literaturtheorie in der literarischen Van Peer, Willie. 1992 . The taming of the text.
Praxis. Poetica 5, 133—151. London.
—. 1983. Vom Text und seinen vielen Vätern. In: Weingarten, Rüdiger. 1989. Die Verkabelung der
Assmann et al., 20—23. Sprache. Grenzen der Technisierung von Kommu-
Redder, Angelika. 1990. Grammatiktheorie und nikation. Frankfurt.
sprachliches Handeln: „denn“ und „da“. Tübingen. Weinrich, Harald. 1993. Textgrammatik der deut-
Rehbein, Jochen. 1993. Über zusammengesetzte schen Sprache. Mannheim.
Verweiswörter und ihre Rolle in argumentierender Wonneberger, Reinhard & Hecht, Hans P. 1986.
Rede. Hamburg. Verheißung und Versprechen. Eine theologische
Scheerer, Eckart. 1993. Mündlichkeit und Schrift- und sprachanalytische Klärung. Göttingen.
lichkeit — Implikationen für die Modellierung ko- Wygotski, Lew Semjonowitsch. 1964. Denken und
gnitiver Prozesse. In: Baurmann, J., Günther, H. Sprechen (Original 1934). Berlin.
& Knoop, U. (ed.), Homo Scribens — Perspektiven
der Schriftlichkeitsforschung. Tübingen, 141—176. Konrad Ehlich, München (Deutschland)

3. Semiotic Aspects of Writing

1. Introduction prisingly little has been published which at-


2. Written signs as metasigns tempts to apply sign theory in a principled
3. Writing and representation way to the analysis of written communica-
4. Writing and linearity tion. Apart from Harris 1994, no comprehen-
5. Conclusion sive study of this type has so far appeared.
6. References The reason for this neglect is not difficult
to ascertain. It stems from the unquestioned
acceptance of a view long dominant in West-
1. Introduction ern education, which relegates writing to the
Although it is commonly taken for granted status of a merely ancillary sign system, based
that writing systems are systems of signs, sur- on speech and to be interpreted solely by
reference to speech. This view has been rein-
42 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

forced by the theoretical perspectives adopted ducible elements of speech.” (Saussure 192 2 ,
in modern linguistics, a notoriously phono- 47)
centric discipline. Saussure’s admiration for the Greek alpha-
In view of this situation, the present article bet is obvious: he describes it as a system of
focuses upon a limited number of issues which brilliant simplicity (Saussure 192 2 ,64). The
are among those most widely raised when reason for his admiration is also clear: the
writing is discussed within what might be Greek alphabet, in his view, approximates to
called — even loosely — a semiotic frame- a one-one correspondence between letter and
work. The issues are: (i) the written sign as sound ( phonème in Saussure’s terminology;
metasign, (ii) the notion that writing ‘repre- but not a phoneme in the sense of the Prague
sents’ speech and (iii) the alleged ‘linearity’ of school and later phonological theories). In
writing. other words, this approval of the Greek al-
phabet itself has a semiotic basis, inasmuch
as the virtue of the writing system is seen as
2. Written signs as metasigns residing jointly in the unambiguity of its signs,
The first explicitly formulated semiotic view and the identification of a minimal unit of
of writing in the Western tradition is that of speech as the basis for each written sign. But
Aristotle, who describes the semiotic status of it does not appear to have occurred to Saus-
the written word in the following terms: sure that it might be possible to give any other
“Words spoken are symbols or signs of affec- semiotic analysis of Greek writing than the
tions or impressions of the soul; written words one he assumes to be obviously correct. Nor
(γραϕόμενα) are the signs (σύμβολα) of does he attempt to justify his assumption by
words spoken.” ( De Interpretatione, 16A) a systematic application of his own semiotic
This doctrine of ‘double symbolism’ (Harris principles.
1986, 2 7, 81 f) was one particularly appropri- That Saussure’s analysis falls in direct line
ate to the kind of writing with which Aristotle of descent from Aristotle’s needs no empha-
was most familiar, i. e. Greek alphabetic writ- sizing. It is perhaps less obvious that Saus-
ing. Aristotle adds cryptically that, as in the sure’s view represents only one of at least two
case of speech, writing is not the same for all possible developments of the Aristotelian po-
peoples; but he does not further distinguish sition. The key features involved, in a semiotic
between different types of writing (γράμ- perspective are: (i) the implicit or explicit re-
ματα). striction of the concept ‘writing’ to visual
When we compare Aristotle’s position on signs that are directly connected in some way
writing with that taken by Saussure in the with speech, (ii) the assumption that the writ-
early 2 0th century, little at first sight seems ten sign is by nature a metasign, i. e. a sign
to have changed. The doctrine of double sym- for another sign, and is thus situated at a
bolism is still pre-eminent. According to Saus- second-order level of semiosis, and (iii) the
sure, the sole reason for the existence of writ- notion that the relationship between the writ-
ing is to represent the spoken language (Saus- ten sign and what it signifies is one of ‘rep-
sure 192 2 , 45). However, it does so — in many resentation’. These features will be discussed
cases — only imperfectly. Saussure’s main in more detail below.
advance on the rudimentary semiotic theory Aristotle’s definition seems either to ex-
advanced by Aristotle is to distinguish be- clude or to ignore non-glottic uses of writing,
tween two major types of writing system, i. e. the possibility of using writing for pur-
namely: poses other than the recording of speech.
“1. The ideographic system, in which a This exclusion has several possible expla-
word is represented by some uniquely dis- nations. Greek musical notation was itself an
tinctive sign which has nothing to do with the adaptation of the γράμματα. There were two
sounds involved. This sign represents the systems, one for singing and another for in-
word as a whole, and hence represents indi- struments (Torr 192 9). But both used signs
rectly the idea expressed. The classic example which were variants of the Greek alphabetic
of this system is Chinese. letters, and the system for voices was based
2 . The system often called ‘phonetic’, in- on conventional alphabetic order. Since any
tended to represent the sequence of sounds Greek acquainted with musical notation
as they occur in the word. Some phonetic would almost certainly have been acquainted
writing systems are syllabic. Others are al- with the use of the alphabet to transcribe
phabetic, that is to say based upon the irre- speech, it would doubtless have seemed nat-
3.  Semiotic Aspects of Writing 43

ural to treat the musical system as derivative, It is one of the ironies of history that
rather than as an independent system. among the spurs towards the development of
The history of Greek mathematical nota- a writing system which would overcome the
tion (Thomas 1939; → art. 141) also shows imperfections of speech was an imperfect se-
the letters of the alphabet pressed into service miotic analysis of ancient systems of writing.
from an early date. Here, however, there is Francis Bacon, for instance, supposed that
evidence of the survival of Phoenician char- both Chinese characters and Egyptian hiero-
acters which did not continue in use in glottic glyphs were writing systems which bypassed
script: so any Greek aware of this discrepancy speech (Large 1985, 11 f). Already in antiquity
could hardly have supposed that the γράμ- Diodorus Siculus had proposed this interpre-
ματα had no other function than to preserve tation of Egyptian hieroglyphs (Harris 1986,
legal decrees, the poetry of Homer, etc. 80 f). The first universal language scheme to
Nevertheless, the use of the alphabet for be published, by Lodwick in 1647, was pro-
musical and mathematical purposes might posed by its author as a language-neutral
have seemed, in the context of Greek culture, ‘common writing’; but in fact it turned out
marginal exceptions not important enough to to be a kind of basic English rendered into
undermine a generalization identifying writ- an arbitrary graphic system (Large 1985,
ing as glottic script. Aristotle, in any case, 2 2 ff). John Wilkins held that, linguistic dif-
was not concerned with the theoretical impli- ferences notwithstanding, all people used the
cations attaching to distinctions of this order. same concepts (an essentially Aristotelian po-
But the same cannot be said of Saussure, sition) and estimated that it needed no more
who was keenly aware of them. As the foun- than about 8,000 written signs to record this
der of modern semiology ( sémiologie ), he conceptual inventory.
could hardly have failed to realize that what Some of the advocates of ‘real character’
is at issue here is the choice of a set of semiotic systems, including Wilkins himself, supposed
criteria for defining writing. From Saussure’s that there would be no obstacle in the way of
point of view, the defect of Aristotle’s semiotic proposing a phonetic interpretation of the
definition is that it fails to specify the mech- characters, so that the system could be spoken
anism of the metasign; and this omission as well as written. The development of any
leaves an important theoretical gap. such form of speech would in effect reverse
For instance, what Aristotle says does not Saussurean assumptions concerning the se-
exclude the following possibility. Let ∼ be miological status of writing; i. e. produce a
the written sign for negation and P the written communication system in which the written
sign to indicate that parking is permitted. form is primary and the corresponding spo-
Then ∼ P can serve as a sign to indicate that ken form is a secondary derivative. The re-
parking is not allowed. However, under this lationship would still be that of sign to me-
system there is no exact verbal translation of tasign, but the written form would be basic
∼ P; or rather, there are various possible and the spoken form a metasign.
translations. They include ‘No Parking’, Once this possibility is envisaged, it leads
‘Parking Prohibited’, ‘Défense de stationner’, naturally to questioning the restriction of the
‘Stationnement interdit’, all of these differing concept ‘writing’ to cases of glottic script,
verbally one from another, whether interlin- and, more generally, the notion of semiotic
guistically or intralinguistically. ‘priority’.
Nothing in Aristotle’s definition rules out As regards the first of these two issues, the
cases like ∼ P as written signs; but this is fact has to be recognized that from a semiotic
precisely the possibility Saussure seeks to point of view the restriction is totally unwar-
exclude from the theoretical domain of writ- ranted. That is to say, there is nothing dis-
ing, i. e. that there might be language-neutral tinctive about glottic scriptorial signs which
forms of writing. That possibility, however, sets them apart, as a class or category, from
was one which had played an important role non-glottic signs. The recording of speech by
in European intellectual history. It is the pos- means of writing does not eo ipso impose any
sibility of a Begriffschrift or, as Wilkins called particular structure upon the signs to be em-
it in the 17th century, a real character. In ployed for that purpose.
other words, it is the notion that writing The second issue is more complex. Theo-
might bypass speech altogether, expressing rists who have discussed the relative priority
ideas directly and independently. of speech and writing as forms of communi-
cation distinguish four types of criteria that
44 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

may be employed. These have been termed municative functions. Without this, the con-
‘phylogenetic priority’, ‘ontogenetic priority’, cept that writing ‘substitutes for’ speech is
‘functional priority’ and ‘structural priority’ deprived of any objective basis. Speech might
(Lyons 1972). equally well be held to substitute for writing
Phylogenetic priority is usually presented (e. g. in such cases as making a telephone call
as a generalized form of historical precedence. in preference to writing a letter).
Lyons formulates it in the following terms: Structural priority is the notion which
“Every community of men of which we have comes closest to providing a basis for a se-
any direct knowledge, or any historical miotic relationship between speech and writ-
knowledge, has, or had, a spoken language. ing. As explained by Lyons, it involves a
It is reasonable to suppose that in all cases “correspondence” between the “basic units”
written language is based upon (i. e. derived of script and the spoken language. These lat-
from) speech; though in the case of written ter units may be either phonological or gram-
languages with a long literary or scribal tra- matical, and the correspondence involved is
dition, we may have to go back a long way not necessarily one-one. Nevertheless, it is
before arriving at the point of derivation.” such that the patterns of combination into
(Lyons 1972, 62) which the letters or characters enter, “though
But here the crucial notions ‘based upon’ arbitrary and inexplicable in terms of their
and ‘derived from’ are themselves left unex- shapes”, can be “accounted for” by relating
plicated. What the ‘point of derivation’ would them to the patterns of combination of the
look like — if it were accessible to observation corresponding spoken units.
— is equally obscure. The biological meta- But there are two major difficulties which
phor (‘phylogenesis’) seems out of place in the notion of structural priority encounters.
this context, for its use already presupposes One is the occurrence of so many cases where
a conclusion which has not yet been estab- the spelling of a word patently cannot be
lished; namely, that there is a ‘biological’ type ‘accounted for’ by reference to its pronunci-
of evolutionary connexion between speech ation. The abundance of such cases is the
and writing. And that is precisely what is far main reason for the existence of manuals of
from clear. orthography. But the second difficulty is more
Ontogenetic priority is held to depend on fundamental. If the correspondence on which
the invariant order of acquisition of skills. structural priority is said to be based is valid,
Children, it is claimed, acquire a spoken lan- then it is not clear why the priority in question
guage first and a written language, if at all, cannot be reversed. According to Saussure,
only later. According to some theorists, on- this reversal is in fact a conspicuous feature
tological priority also implies genetic pro- of lay conceptions of the relationship between
gramming (Lyons 1972 , 63). Again, the no- speech and writing. In other words, pronun-
tion is obscure: i. e. it is unclear what an ciation is commonly ‘explained’ by reference
acquisitional sequence is deemed to establish to spelling rather than vice versa (Saussure
about the relationship between the skills ac- 1922, 51 ff).
quired. Presumably most children can walk Thus it emerges that none of the four pri-
before they can tie their own shoelaces (if orities discussed above affords any sound ba-
they wear shoes). But this hardly proves that sis for explicating a semiotic priority of speech
the ability to do the latter is connected in any over writing. The only theoretically plausible
way with the ability to do the former. basis for establishing such a priority between
Phylogenetic and ontogenetic priority both any two systems of signs is in terms of their
appeal, albeit in different ways, to the notion relative scope. Thus system A and system B
of chronological precedence; but this is not may be said to be of equivalent scope if both
the case with functional and structural pri- can handle exactly the same set of messages.
ority. But A may be said to take priority over B if
Functional priority is held to depend on a A can handle all the messages that B can
difference in the range of communicative handle and if additionally there are some mes-
functions. Speech is held to serve a wider sages that A can handle which B can not.
range of functions than writing. In some of Judged by this criterion, speech as such
these, but not all, writing can be used as a would appear to have no priority over writ-
substitute. This claim would be more impres- ing. On the contrary, writing takes priority,
sive if it were backed by a well established since it is is able to exploit many more di-
method for identifying and counting com- mensions of contrast in the communication
3.  Semiotic Aspects of Writing 45

process. As a result, it is possible to formulate spoken discourse, or whether it represents the


written messages (exploiting contrasts of po- discourse itself. In Saussurean terms, is what
sition, direction, size, colour, fount etc.) which is represented langue or parole ?
cannot be rendered in the more restricted There is a long tradition which explains
channel of oral-aural communication. But it alphabetic letter-shapes as being phonetically
is difficult to imagine examples of spoken iconic. On this view, what is represented is
messages which could not, in principle, be ‘the spoken sound’. But this in turn lends
rendered by a graphic system. itself to two possible interpretations, depend-
ing on whether the iconicity is deemed to be
articulatory or acoustic. It is perfectly possi-
3. Writing and representation ble to devise systems of phonetic notation
The semiotic status of writing is often de- based on either principle, i. e. systems in
scribed in terms of ‘representation’: as e. g. which the letter forms indicate positions of
when it is said that ‘writing represents speech’. the organs of speech, or systems in which
(For a detailed discussion of this topic, see they indicate properties of the sound waves
Harris 1986, Ch. 4.) in question (Potter, Kopp & Green 1947). But
Representation in general is usually treated it is important to note that the difference
as an asymmetric relation: aRb is not taken between these two cases involves a different
to entail bRa, but does not preclude it either. notion of representation. In the first case, the
It is a relation which has tended to assume a representation is visually iconic (as when, for
rather crucial importance in discussions of instance, the letter O is said to represent the
writing, inasmuch as the difference between lip position appropriate for a rounded vowel).
scriptorial and pictorial communication is of- In the second case, however, it is doubtful
ten held to depend on the fact that two dif- whether the phenomenon can properly be de-
ferent classes of things are represented in the scribed as one of iconicity at all, inasmuch as
two cases. Furthermore, the origin of writing it is unclear what properties the letter would
is often described in terms which assume a have to display in order to make it an ‘image’
gradual transition from the (pictorial) repre- of the sound. (The system proposed in Potter
sentation of ideas, objects, etc. to the (scrip- et al. 1947 is based on sound spectrograms,
torial) representation of the words designat- but this does not answer the fundamental
ing them. This notion was already current in question being raised here, since in their sys-
Graeco-Roman antiquity and has remained tem the letter-shape is derived from a prior
popular ever since. It resurfaces in a number visual image, which is itself derived from one
of 2 0th-century accounts of the origin of writ- arbitrary set of correlations used in a sophis-
ing. ticated piece of electronic equipment.)
From a semiotic point of view, the first Shorthand systems of writing such as Pit-
point to note is that when we say that ‘ a man’s are sometimes described as ‘analogi-
represents b ’ it is unclear that we have said cally iconic’, but the term is quite misleading
anything more than that a is a sign and b is from a semiotic point of view. That a straight
what it signifies. And unless it can be shown line always indicates a stop consonant, a
that there is something more to it than this, curved line a fricative, etc. merely means that
then it is merely circular to deploy the relation a given sign provides certain physiological
of representation ( R ) as providing any clari- information about the articulation in ques-
fication of how the sign signifies. On the tion. But it does not in any other sense ‘rep-
contrary, all the problems that might be raised resent’ the information it provides.
concerning signification immediately resur- When we turn from deliberately con-
face as problems about representation. structed writing systems (such as shorthand
The second point is that in any case the and phonetic notation) to traditional systems,
relation R itself is obscure unless it can be these problems loom even larger. Does the
made clear, in any given instance, what rep- form of the letter P represent the outline of
resents what. It is here that claims such as the closed lips (as earlier theorists of phonetic
‘writing represents speech’ run into serious iconicity held)? And if it is not the fo r m of
difficulties. the letter which represents anything, what else
If we take English alphabetic writing as an does? Similarly, if it is not the shape of the
example, the first issue that calls for clarifi- closed lips that is represented, what other
cation is whether the claim is that the writing candidates are there? Is it the movement of
represents an abstract set of units underlying the lips towards closure, or the closure itself,
46 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

or the labial release from the closed position? since its configurations exploit the geometry
Or is it neither the articulatory movement nor of two- and three-dimensional objects (Harris
the articulatory posture but the characteristic 1994, Ch. 18).
concomitant disturbance of air? And if so, It is important to draw a semiotic distinc-
what features of this vibratory event are rep- tion between linearity and alignment. Failure
resented, and how? Or is what is represented to draw this distinction is at the root of most
neither an articulatory nor an acoustic event, of the confusions referred to above. Align-
but just the auditory impression of these ment is a matter of the orientation of the
events that the ear registers? And again, if so, written sign relative to the surface on which
how is this impression to be characterized and it is inscribed: it has no counterpart in the
how are its characteristics represented? case of speech. Furthermore, alignment obeys
No respite from these problems is gained a logic which p r e s u p p o s e s freedom of ar-
if the theorist espouses the alternative pro- rangement in at least two dimensions. This
posal that what the various written characters logic will be sketched briefly below. It is based
represent are not features of parole but fea- on a very simple fact: that a written message
tures of langue. It might be urged, for in- require a blank space, and somewhere in this
stance, that we should construe alphabetic space the written signs have to be arranged
writing as operating on a principle analogous in such a way that they can be read.
to the phonemic principle for speech. Thus, The first principle is equally simple: given
crudely speaking, the traditional P of the a blank space and a written message that
English alphabet would represent not a pro- requires a number of written signs, a start
nunciation but, more abstractly, a certain must be made somewhere. And the location
phoneme of English. of the starting point will limit the options for
The trouble with this move is that it is continuing. The maximum number of options
doubtful whether it leaves us with anything are those available if the written message
we can reasonably call ‘representation’ at all. starts in the middle of the blank space. If the
The particular shape of the letter P is now first sign is placed in the middle, then the
irrelevant. Or rather, it is the set of visual second can be written immediately above, be-
differences between P and the other letters low, to the left, to the right, at forty-five
which are claimed to correlate somehow with degrees, etc.
the differences between a certain phonemic This assumes a written message in which
abstraction and others. And it is not at all the signs have to be read as ordered in a
clear that this even makes sense as a construal recognizable sequence. If this is not a require-
of the relation aRb. ment, then the signs can be set down at ran-
dom. But if it is, random distribution of signs
throughout the space available would require
4. Writing and linearity the form of each sign itself to indicate the
Those theorists who claim that (glottic) writ- sequence a reader is expected to reconstruct.
ing ‘represents speech’ often draw attention No known glottic writing system operates on
to what is claimed to be a basic similarity of this principle.
semiotic structure; namely, that both systems One sequencing device used in all tradi-
are ‘linear’. This is another breeding-ground tional forms of glottic writing is what may be
for endless confusion. called concatenation or the beads-on-a-string
With regard to speech, the linearity is said model (the only device which, from a semiotic
to be derived from, or rather dictated by, the point of view, can be called ‘linear’). This
limitations of the human vocal organs, these ensures than any three adjacent signs are con-
limitations being such as to impose a one- nected either in the order abc or in the order
dimensional temporal sequence on spoken cba. In itself, that does not reveal which fol-
signs (Saussure 192 2 , 103). Writing is then lows which, but it cuts down the number of
said to be similarly linear, although the visual possibilities to two, depending on which di-
mechanism of writing allows for a variety of rection along the string is followed. Direction,
‘directions’ in which this linearity may be it should be noted, is not to be confused with
expressed. alignment, but the two are semiotically con-
In a semiotic perspective, this view is at nected (see below).
best the product of a dangerously strained One of the interesting things about the
analogy, and at worst downright nonsense. history of glottic scripts is that no major script
Writing by definition is not one-dimensional, was ever developed on the basis of putting
3.  Semiotic Aspects of Writing 47

the first sign in the middle of the blank space. torial arrangement. The convention underly-
The reason for this has to do with a principle ing what is thought of as a ‘line’ of writing is
which might be summarized in the injunction: that instead of continuing the string of signs
don’t waste space. In other words, if it is by looping it round, a break is introduced
desired to make as much use of the available and a fresh start made on an adjacent parallel
writing space as possible, leaving no areas of string which begins on a level with its pre-
it empty, then either the project of construct- decessor and is scanned in the same direction.
ing a single continuous string of signs has to This convention sacrifices strict continuity of
be abandoned, or else at some point the string the string of signs in favour of allowing all
must loop back upon itself. The reason why signs to face the same way and be scanned
no major script ever developed on the basis uni-directionally: i. e. directionality takes
of using a spiral configuration also has to do precedence over the ‘string of beads’ principle.
with the logic of alignment: it involves con- This same feature is characteristic of tradi-
tinually shifting the orientation relative to the tional Chinese writing too, although there it
surface. In other words, such a system would is a vertical column, not a horizontal row. (In
be very difficult to write and no less difficult this sense, Chinese writing is less different
to read. from European writing than at first sight ap-
The semiotic notion of direction (in glottic pears.)
writing) is more complex than it sounds. The main exception to the above prece-
Whether one writes horizontally in rows, as dence in favour of uni-directionality is bou-
in this book, or vertically in columns, as in strophedon writing, which is arranged in al-
traditional Chinese writing, there are actually ternating directions in successive lines. It is
two directions to take into account. One is interesting that this did not survive as the
the direction followed by signs within the row major form of writing in any civilization we
or the column, and the other is the direction know, which would seem to imply that, for
followed by the rows or columns in sequence. reasons as yet unknown, it is easier for the
These two directions are in principle inde- hand and the eye to proceed uni-directionally,
pendent of each other. Rows may follow from if the alternative is to follow a strict sequence,
top to bottom or bottom to top independently but one which changes direction intermit-
of whether the signs themselves are going tently.
from left to right or right to left. And mutatis The logic outlined above has also had its
mutandis for columns. (‘Top’, ‘bottom’, ‘left’ impact on the composition of the book and
and ‘right’ are concepts of alignment, not the newspaper: that is to say, on the organi-
direction. Direction is the result of applying zation of a text spaced out over consecutive
a sequencing principle to the possibilities af- surfaces of the same dimensions. From the
forded by alignment.) But the combination of Western viewpoint, Chinese books are printed
these two produces a third direction, which from back to front, as are Arabic newspapers.
is the direction obtained by drawing a straight This does not depend in the least on whether
line between the first sign on the surface and the writing is horizontal or vertical, but on
the last sign. European writing starts at the the ‘third’ direction of writing: i. e. whether a
top left and finishes at the bottom right. Tra- page starts at the top right and ends at the
ditional Chinese writing starts at the top right bottom left or begins at the top left and ends
and finishes at the bottom left. No major at the bottom right. In Europe, China and
glottic writing system goes from bottom right the Middle East, the principle adopted here
to top left, or from bottom left to top right. is that the composition of the book follows
The reason usually adduced for this is that the direction of the script (which may be
any bottom-up system will have the disad- regarded as an extension of the preference for
vantage (for the writer) of forcing the hand uni-directionality).
to conceal part of what has been written pre- Once this geometrical logic of writing is
viously; whereas with top-down systems the clearly understood, it becomes obvious that
writer can always inspect ambulando what has no equation at all can be made between the
just been written. (And if ink is being used, ‘linearity’ of speech and the basic principles
there is less risk of smudging.) But these are which govern the visual disposition of written
considerations which lie outside the semiotic signs. The alleged linearity of both reduces to
system as such. the fact that at some level or levels of corre-
European writing offers a very interesting spondence between speech and glottic script
solution to the geometrical problem of scrip- a sequencing requirement is introduced and
catered for by meaning of concatenation.
48 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

5. Conclusion chester.
Harris, Roy. 1986. The origin of writing. London.
The three issues examined briefly above pro-
—. 1994. Sémiologie de l’écriture. Paris.
vide clear illustrations of the extent to which
the analysis of writing has been hampered on Saussure, Ferdinand de. 192 2 . Cours de linguis-
the one hand by subservience to certain tra- tique générale, 2 me éd. Paris. Trans. R. Harris.
ditional dogmas and on the other by the fail- London.
ure to develop explicit semiotic criteria which Large, Andrew. 1985. The artificial language move-
do not prejudge the status and function of ment. Oxford.
the written sign. As a result, it is not difficult Lyons, John. 1972 . Human language. In: Robert
for a semiotician today to endorse the obser- A. Hinde (ed.), Non-verbal communication. Cam-
vation made a quarter of a century ago by bridge.
Haas that “the study of writing is still in its Potter, R. K., Kopp, G. A. & Green, H. C. 1947.
infancy” (Haas 1976, 132). Visible Speech. New York.
Thomas, Ivor. 1939. Greek mathematics. London.
Torr, Cecil. 192 9. Greek music. In: P. C. Buck (ed.).
6. References Oxford History of Music, Introductory Volume.
Aristotle. De Interpretatione. Trans. H. P. Cooke, Oxford.
Loeb Classical Library. London.
Roy Harris, Oxford (Great Britain)
Haas, William. 1976. Writing without letters. Man-

4. Geschichte des Schreibens

1. Einführung Eine Geschichte des Schreibens würde die


2. Die Anfänge des Schreibens Geschichte der Schrift ergänzen, indem sie
3. Der alte Orient aufzeigt, wie die Schriften jeweils verwendet
4. Das alte Ägypten worden sind. So die Einordnung, die man in
5. Die griechische und römische Antike der Literatur findet. Es wäre jedoch ange-
6. Das europäische Mittelalter messener festzustellen, daß die Verwendung
7. Neuzeit und Moderne der Schrift nur ein Moment im Prozeß des
8. Literatur Schreibens ist und insofern die Geschichte der
Schriften in der des Schreibens enthalten ist.
Einer Darstellung der Geschichte des
1. Einführung Schreibens stellen sich mehr Fragen, als hier
Eine Geschichte des Schreibens expliziert Er- angedeutet werden können. Gibt es über-
fahrungen, Einsichten, Erkenntnisse und Wis- haupt eine Geschichte des Schreibens oder
sen, die in unsere Schreibpraxis eingegangen handelt es sich nicht vielmehr um mehrere
und in ihr aufgehoben sind, derer wir uns wie Geschichten? Zweifellos ist auch in Mittel-
selbstverständlich bedienen, die in Wirklich- amerika und vor allem in Ostasien schon früh
keit aber das Ergebnis einer Entwicklung von geschrieben worden. Insofern gibt es mehrere
mehr als fünftausend Jahren sind. Eine Ge- Geschichten des Schreibens. Man kann die
schichte des Schreibens projiziert also das Frage aber auch enger fassen. Trifft es zu,
Wissen, das der gegenwärtigen Schreibpraxis daß, wie auch immer im alten Mesopotamien,
zugrundeliegt, in die Zeit, in der sie sich aus- Ägypten, Griechenland, Rom, später im Mit-
gebildet hat, und trägt damit zur Erhellung telalter geschrieben wurde und heute geschrie-
eben dieser Praxis bei. ben wird, ein roter Faden nachzuweisen ist,
Es gibt mehrere ausgezeichnete Darstellun- der es erlaubt, von einer einheitlichen Ent-
gen der Geschichte der Schrift (vgl. das ge- wicklung zu sprechen? Die folgenden Ausfüh-
samte Kap. 3 des Handbuches), aber noch rungen möchten belegen, daß dies der Fall
keine zusammenhängende Darstellung einer ist, und beschränken sich darum ausschließ-
Geschichte des Schreibens. Was vorliegt, sind lich auf diesen.
Detailstudien, meist auf eine Epoche der Wie ist eine Geschichte des Schreibens von
Schreibgeschichte beschränkt. anderen sie begleitenden oder mit ihr kon-
48 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

5. Conclusion chester.
Harris, Roy. 1986. The origin of writing. London.
The three issues examined briefly above pro-
—. 1994. Sémiologie de l’écriture. Paris.
vide clear illustrations of the extent to which
the analysis of writing has been hampered on Saussure, Ferdinand de. 192 2 . Cours de linguis-
the one hand by subservience to certain tra- tique générale, 2 me éd. Paris. Trans. R. Harris.
ditional dogmas and on the other by the fail- London.
ure to develop explicit semiotic criteria which Large, Andrew. 1985. The artificial language move-
do not prejudge the status and function of ment. Oxford.
the written sign. As a result, it is not difficult Lyons, John. 1972 . Human language. In: Robert
for a semiotician today to endorse the obser- A. Hinde (ed.), Non-verbal communication. Cam-
vation made a quarter of a century ago by bridge.
Haas that “the study of writing is still in its Potter, R. K., Kopp, G. A. & Green, H. C. 1947.
infancy” (Haas 1976, 132). Visible Speech. New York.
Thomas, Ivor. 1939. Greek mathematics. London.
Torr, Cecil. 192 9. Greek music. In: P. C. Buck (ed.).
6. References Oxford History of Music, Introductory Volume.
Aristotle. De Interpretatione. Trans. H. P. Cooke, Oxford.
Loeb Classical Library. London.
Roy Harris, Oxford (Great Britain)
Haas, William. 1976. Writing without letters. Man-

4. Geschichte des Schreibens

1. Einführung Eine Geschichte des Schreibens würde die


2. Die Anfänge des Schreibens Geschichte der Schrift ergänzen, indem sie
3. Der alte Orient aufzeigt, wie die Schriften jeweils verwendet
4. Das alte Ägypten worden sind. So die Einordnung, die man in
5. Die griechische und römische Antike der Literatur findet. Es wäre jedoch ange-
6. Das europäische Mittelalter messener festzustellen, daß die Verwendung
7. Neuzeit und Moderne der Schrift nur ein Moment im Prozeß des
8. Literatur Schreibens ist und insofern die Geschichte der
Schriften in der des Schreibens enthalten ist.
Einer Darstellung der Geschichte des
1. Einführung Schreibens stellen sich mehr Fragen, als hier
Eine Geschichte des Schreibens expliziert Er- angedeutet werden können. Gibt es über-
fahrungen, Einsichten, Erkenntnisse und Wis- haupt eine Geschichte des Schreibens oder
sen, die in unsere Schreibpraxis eingegangen handelt es sich nicht vielmehr um mehrere
und in ihr aufgehoben sind, derer wir uns wie Geschichten? Zweifellos ist auch in Mittel-
selbstverständlich bedienen, die in Wirklich- amerika und vor allem in Ostasien schon früh
keit aber das Ergebnis einer Entwicklung von geschrieben worden. Insofern gibt es mehrere
mehr als fünftausend Jahren sind. Eine Ge- Geschichten des Schreibens. Man kann die
schichte des Schreibens projiziert also das Frage aber auch enger fassen. Trifft es zu,
Wissen, das der gegenwärtigen Schreibpraxis daß, wie auch immer im alten Mesopotamien,
zugrundeliegt, in die Zeit, in der sie sich aus- Ägypten, Griechenland, Rom, später im Mit-
gebildet hat, und trägt damit zur Erhellung telalter geschrieben wurde und heute geschrie-
eben dieser Praxis bei. ben wird, ein roter Faden nachzuweisen ist,
Es gibt mehrere ausgezeichnete Darstellun- der es erlaubt, von einer einheitlichen Ent-
gen der Geschichte der Schrift (vgl. das ge- wicklung zu sprechen? Die folgenden Ausfüh-
samte Kap. 3 des Handbuches), aber noch rungen möchten belegen, daß dies der Fall
keine zusammenhängende Darstellung einer ist, und beschränken sich darum ausschließ-
Geschichte des Schreibens. Was vorliegt, sind lich auf diesen.
Detailstudien, meist auf eine Epoche der Wie ist eine Geschichte des Schreibens von
Schreibgeschichte beschränkt. anderen sie begleitenden oder mit ihr kon-
4.  Geschichte des Schreibens 49

kurrierenden Geschichten abzugrenzen? ter brachte den Text ins Reine (der Schreiber
Kann man von Schreiben sprechen, wenn im eigentlichen Sinne des Wortes), ein vierter
Schriftzeichen für Zahlen verwendet und zur korrigierte, ein fünfter edierte usw. Die Or-
Grundlage von mathematischen Operationen ganisation der Schreibarbeit — also ebenfalls
werden? Ist Drucken eine andere Art des ein Aspekt in einer Geschichte des Schreibens.
Schreibens, ein Moment im Prozeß des Schließlich gehören zu einer Geschichte des
Schreibens oder etwas ganz anderes? Haben Schreibens auch die Veränderungen der psy-
die ägyptischen und römischen Steinmetze ge- chischen Prozesse: der Rückgriff auf das vi-
schrieben, wenn sie nach Vorzeichnungen suelle Gedächtnis, die planmäßige Entwick-
Buchstaben für Buchstaben in den Stein lung eines Textes und eine rational-argumen-
schlugen? Wie ist überhaupt die Rolle des tative Weise, ihn zu konzipieren.
Schreibens bei der Produktion von Texten, Die folgenden Ausführungen stellen den
insbesondere von Kodices und Büchern, zu Versuch dar, erste Antworten zu geben und
bestimmen? Gehört die Bearbeitung der die Konturen einer noch zu schreibenden
Schreibmaterialien und der Schreibwerkzeuge Darstellung der Geschichte des Schreibens
dazu? Wie steht es mit dem Buchschmuck, vorzuzeichnen.
dem Einband, dem Binden überhaupt? Wann
ist die Handlung des Schreibens abgeschlos-
sen? Mit dem letzten Pinselstrich? Mit der 2. Die Anfänge des Schreibens
Veröffentlichung des Textes? Nachdem sich spätestens vor 40 000 Jahren
Welche Aspekte des Schreibprozesses soll- bei allen Hominiden eine voll artikulierte
ten in einer Darstellung der Geschichte des Lautsprache endgültig durchgesetzt hatte,
Schreibens Beachtung finden? Bisher hat man sind vor etwa 35 000 Jahren die ersten Ver-
sich allzu sehr auf die technischen Aspekte suche unternommen worden, Gegenstände in
des Schreibens beschränkt: das Schreibmate- bildhaften oder räumlichen Artefakten dar-
rial, die Schreibwerkzeuge, die Bearbeitung zustellen (White 1989). An die Seite sprach-
des Schreibmaterials usw. Zu den Schreib- lichen Denkens trat eine Art visuellen Den-
techniken kommen aber die Schreibkonven- kens, zur sprachlichen Kommunikation eine
tionen: eine geeignete Schrift, die Aufteilung Kommunikation mithilfe von Bildern.
der Schreibfläche in Kästen, Kolumnen oder Es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß beide
Zeilen; die Richtung, in der geschrieben wird; Systeme auf die Dauer nicht Einfluß aufein-
die Markierung von Wort- und Satzgrenzen ander genommen haben. Wann aber Men-
sowie von Absätzen. Mindestens so bedeut- schen entdeckten, daß visuelle Bedeutungen
sam wie die Schreibtechniken und Schreib- auch sprachlich und sprachliche Bedeutungen
konventionen sind die pragmatischen Aspekte visuell repräsentiert werden können, entzieht
des Schreibens: Wer hat geschrieben? Zu wel- sich unserer Kenntnis. Wir können lediglich
chem Zweck? Mit welchen Inhalten? Die feststellen, daß Teilsysteme ihrer Sprachen be-
Zwecke des Schreibens müssen von denen des reits eine visuelle Repräsentation erfahren
Geschriebenen unterschieden werden. Allge-
mein werden zwei Zwecke des Schreibens an- hatten, als die Ägypter um 3000 und die Su-
geführt: die Produktion und die Reproduk- merer gar um 3300 v. Chr. zu schreiben anfin-
tion von Texten. Damit sind die Funktionen gen. Zahlen wurden durch Kerbe, Striche
des Schreibens aber nur unvollständig erfaßt. oder Eindrücke (in Ton) zu Ziffern, bildhafte
Schreiben ist ein komplexer Prozeß. Er be- Darstellungen von konkreten Gegenständen
steht aus mehreren Teilaktivitäten. Deren zu Symbolen. Möglicherweise ist die Idee zu
Ausführung ist in der Geschichte des Schrei- schreiben mit dem Zählen entwickelt worden
bens unterschiedlich organisiert worden. Zu (→ Art. 16; 141).
allen Zeiten kam es vor, daß ein und dieselbe
Person alle Aktivitäten selber verrichtete. Es 3. Der alte Orient
hat aber auch Zeiten gegeben, in denen dies
eine Ausnahme war. Nicht eine, sondern meh- Es gibt heute niemanden, der noch die Schrift
rere Personen waren an der Schreibarbeit be- des alten Orients, die Schrift der Sumerer und
teiligt. Einer konzipierte, komponierte und Akkader (Babylonier und Assyrer), schreibt.
diktierte den Text (der Autor oder, wie man Das letzte Dokument in Keilschrift stammt
ihn tatsächlich genannt hat, der „Diktator“), aus der Zeit um 75 n. Chr. Doch die Praxis,
ein anderer notierte das Diktierte und fertigte in der diese Schrift Verwendung fand, hat sich
eine Schreibvorlage an (der Sekretär), ein drit- weitgehend erhalten. So haben die Völker des
50 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

alten Zweistromlandes, allen voran die Su- verändert. Mit einem spitzen Griffel lassen
merer, den Grund für eine Schreibpraxis ge- sich ohne weiteres gebogene oder gekrümmte
legt, die sich bis auf den heutigen Tag bewährt Linien ziehen, mit einem die Form eines drei-
hat. Vieles, was uns heute beim Schreiben so seitigen Prismas annehmenden Griffel ist dies
vertraut ist, daß wir es für selbstverständlich jedoch kaum mehr möglich. So mußte denn
halten, mußte damals erst einmal gefunden ein Kreis in eine Reihe gerader Linien, eine
werden und sich bewähren (→ Art. 18, 35). gebogene Linie in eine Folge kurzer Striche
aufgelöst werden. Die Folge war, daß die Zahl
3.1. Die Produktion der Schriftzeichen der Elemente, aus denen sich ein Schriftzei-
chen zusammensetzte, reduziert, die Ausfüh-
Die Geschichte des Schreibens beginnt in Me- rung der Schriftzeichen vereinfacht und die
sopotamien im Neolithikum (ab etwa 9000 Richtungen, in denen der Griffel geführt
v. Chr.). Am Anfang finden sich aus Ton ge- wurde, standardisiert werden konnten.
formte Zählsteine, sogenannte tokens, die für
gezählte Gegenstände stehen (→ Art. 16). 3.2. Die Organisation der Schreibfläche
Diese wurden dann, damit an ihrer Zahl keine
Veränderungen vorgenommen werden konn- Die Sumerer haben als erste die Möglichkeit
ten, in hohlen, etwa tennisballgroßen Ton- erforscht, die eine Schreibfläche zur Auf-
kugeln, sogenannten „Bullen“, verschlossen. nahme von Eintragungen bietet. „As long as
Diese hatten jedoch den Nachteil, daß sie a tablet records a brief memo containing only
zerbrochen werden mußten, um ihren Inhalt a few signs, their arrangement on the tablet
in Augenschein nehmen zu können. So verfiel seems to be of little importance. But greater
man auf die Idee, auf der Außenseite der detail or quantity of information needs some
Tonkugel einen Abdruck der Zählsteine zu coherent method of organisation“ (Green
nehmen. An die Stelle eines Abdruckes 1981, 349). Nacheinander sind drei Lösungen
konnte man auch das stumpfe Ende eines durchgespielt worden, deren letzte schließlich
Griffels so oft eindrücken, wie die Kugel an Bestand bis auf unsere Tage hat.
Zählsteinen enthielt. Man hatte so ein Ver- (1) Am Anfang steht ein Verfahren (Green
fahren, das geeignet war, Zahlen aufzuschrei- 1981), das man als sign clustering gekenn-
ben. Da die Zählsteine oft für verschiedene zeichnet hat. Kleinere ungeordnete Mengen
Arten von Gegenständen (etwa Kühe und von Schriftzeichen ( cluster ) wurden frei auf
Schafe) standen und sich darum auch in ihrer der Schreibfläche verteilt. Auf diese Weise
Form unterschieden, legte es sich nahe, neben ließen sich Teile von Texten voneinander tren-
den Mengenangaben Abbildungen in Form nen. Da aber kaum mehr als drei Cluster auf
von Zeichnungen der Gegenstände anzubrin- einem Täfelchen Platz fanden, war das Ver-
gen, die gezählt worden waren. So entstanden fahren recht unökonomisch.
Piktogramme. (2 ) Die Clusterbildung wurde schon recht
In der Tat weisen die ältesten Schriftstücke bald durch dividing-line patterns (Green 1981)
der Sumerer (ca. 3300 v. Chr.) die Anwendung abgelöst. Das heißt, die Schreibfläche wurde
beider Schreibtechniken auf: Zeichen für Zah- durch in den Ton gezogene Striche systema-
len wurden in den Ton eingedrückt, Zeichen tisch aufgeteilt. Waren nur zwei Einträge vor-
für Gegenstände mit einem spitzen Griffel gesehen, so genügte es, die Schreibfläche
eingeritzt. „Von diesem Versuch, die Bilder durch einen vertikalen oder einen horizontal
(...) mit einer Nadel in den weichen Ton zu geführten Strich in zwei Teile aufzuteilen.
ritzen, mußte man aber bald Abstand neh- Texte mit mehrfachen Einträgen konnten zu
men, da es nicht möglich ist, dabei scharfe einer Aufteilung in Kolumnen führen, die zu-
und befriedigende Zeichnungen zu erhalten. nächst horizontal, später vertikal angelegt
Denn der Ton wird beim Ritzen aufgerissen“ wurden. Die Kolumnen selbst ließen sich wie-
(Messerschmidt 1906, 194). So ist man dazu derum in „Fächer“ (Kästchen) zerlegen, unse-
übergegangen, die Technik, die sich bei der ren Abschnitten vergleichbar. „We would in-
Schreibung der Zahlen bewährt hatte, auch terpret the invention of columns and cases as
für die Schreibung von Wörtern zu verwen- an attempt to devise a system of text orga-
den. Von nun wurden alle Schriftzeichen mit nization which could encompass more, detai-
einem an der Spitze dreikantig zugeschnitte- led information within a single tablet record.
nen Schreibrohr in den Ton gedrückt. Mere spatial separation was found to be in-
Die neue Weise, in den Ton zu schreiben, sufficient, but the addition of linear separa-
hat die Produktion der Schriftzeichen radikal tors became a satisfactory solution“ (Green
1981, 351).
4.  Geschichte des Schreibens 51

Wenn die auf einer Tafel zur Verfügung Schreibung der Sumerer, wenn man einmal
stehende Fläche nicht ausreichte (die größte davon absieht, daß die Buchstaben sozusagen
aufgefundene Tafel hat einen Umfang von auf dem Bauch liegen. Die Sumerer haben die
36 × 33 cm), so ließ sich auch die Rückseite Tontafeln im Gegenuhrzeigersinn um 90° ge-
beschriften: „dabei wird jedoch nicht, wie bei dreht, dabei aber die Schriftzeichen in ihrer
unseren Büchern, der linke Rand als Achse ursprünglichen Lage belassen: „Alle Men-
genommen, sondern vielmehr die untere schen lagen mit einemmal auf dem Rücken
Kante. Der Vorteil dieser Methode besteht (...), die Formen der Vögel und übrigen Tiere
darin, daß man im Notfall außer der unteren waren kaum mehr zu erkennen“ (Chiera ohne
und oberen Kante auch den linken frei ge- Jahr, 53 f). Auf diese Weise konnten die alten
bliebenen Rand als Schriftträger verwenden Texte sowohl nach der neuen wie nach der
konnte, während der rechte Rand die Enden alten Manier gelesen werden. „Steinerne Ste-
längerer Zeilen aufzunehmen vermochte“ len, Weihgaben in Stein oder Metall und Sie-
(Kienast 1969, 46). Wenn schließlich Vorder- gel, deren Ober- und Unterkanten zweifelsfrei
und Rückseite einer Tafel nicht ausreichten, festliegen (...), zeigen bis zur Mitte des 2 .
konnte man weitere Tafeln hinzuziehen, so Jahrtausends v. Chr. die archaische Leserich-
daß ganze Serien von Tafeln entstanden. Eine tung“ (Wilke 1991, 2 72 ). Die Forschung ist
der längsten besteht aus insgesamt 42 Tafeln. sich „über den genauen chronologischen An-
(3) Das Prinzip der Einheit des Raumes satz jenes Prozesses wie auch über die
wurde von der Mitte des 3. Jahrtausends an Gründe, die hierzu führten, nach wie vor nicht
durch das Prinzip der „strikten Einhaltung vollkommen im klaren, auch nicht darüber,
der Sprech- bzw. Lesereihenfolge“ (Nissen, wann der Vorgang abgeschlossen war“ (Nis-
Damerow & Englund 1991, 163) abgelöst. sen et al. 1991, 162 ). Es werden verschiedene
War bis dahin die Reihenfolge der Schriftzei- Gründe angegeben: größere Tontafeln; die
chen innerhalb der Fächer oder Kolumnen Gefahr, daß bei linksläufiger Beschriftung der
nicht unbedingt festgelegt, so kann man seit Tafeln die Schriftzeichen mit der Hand ver-
der Mitte des 3. Jahrtausends beobachten, wie wischt werden können; eine bequemere Hand-
sie in die Reihenfolge gebracht werden, in der habung der Schrift u. a. m. Wie dem auch sei:
sie auch gesprochen, d. h. gelesen oder vor- die neue Schreibrichtung war erfolgreich und
gelesen werden können. Das Ergebnis dieser hat sich bis heute behaupten können.
Entwicklung ist die Strukturierung der
Schreibfläche in Schriftzeilen. Es fällt schwer, 3.3. Die Entwicklung der Schreibprodukte
eine solche Linearisierung der Schriftzeichen
nicht in einen Zusammenhang mit zeitglei- Es bedurfte mehrerer Jahrhunderte, um zu
chen Versuchen zu bringen, die geschriebene dem zu gelangen, was wir heute als „Texte“
der gesprochenen Sprache anzunähern. oder zumindest als „schriftliche Äußerungen“
Auf eine Erscheinung ist noch aufmerksam bezeichnen würden. Den Weg dazu haben
zu machen, von der nicht klar ist, ob sie mit wiederum als erste die Sumerer beschritten.
den bereits angeführten in Verbindung steht. „Mit den ältesten Elementen aus der
„Für die ältesten Texte mit ihren noch stark Gruppe der vorschriftlichen Verwaltungshil-
bildhaften Zeichen wird man davon ausge- fen, den Tonobjekten und den Siegeln, waren
hen, daß sie so gelesen wurden, daß die Bilder Möglichkeiten geschaffen worden, besonders
in ihrer natürlichen Lage zu erkennen waren. prägnante Einzelheiten wirtschaftlicher Vor-
Das bedeutet, daß die Spalten waagerecht gänge, Mengen bzw. die Identität der betei-
lagen und die darin abgeteilten Fächer von ligten Personen festzuhalten und für nach-
rechts nach links beschrieben wurden. Inner- trägliche Kontrollen aufzubewahren“ (Nissen
halb der Fächer wurden die Zeichen von oben et al. 1991, 158). Mit der Entwicklung der
nach unten angeordnet. Demgegenüber kann Schrift „konnten (...) alle Informationen fest-
man zeigen, daß in späterer Zeit so geschrie- gehalten werden, die man als nötig ansah:
ben wurde, daß die Zeichen im Verlauf ihrer Nicht nur Mengen und Informationen über
Entwicklung aus der am Sehbild orientierten die beteiligten Personen, sondern auch An-
Position um 90° nach links gedreht worden gaben zur Warenart, Zeit, Ort und Kategorie
sind“ (Nissen et al. 1991, 162 ). Man kann sich des Vorgangs“ (ebd.). In dem Maße, wie die
die Veränderung am besten vor Augen führen, Transaktionen umfangreicher und kompli-
wenn man ein beschriebenes Blatt Papier zur zierter, die administrativen Kontrollen dichter
Hand nimmt. Dreht man es um 90° im Uhr- wurden, nahm die Anzahl und die Art der
zeigersinn, dann hat man in etwa die alte Einträge auf den Tafeln zu: „Texts became
more specific about all aspects of the tran-
52 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

saction — who, what, how much, where and Die Texte wurden nicht nur expliziter, son-
why“ (Green 1981, 362 ). Dennoch blieb die dern mit der Explizitheit zugleich auch
Struktur, die Art der Texte und ihre Funktion sprachabhängiger. Die Zahl der lautlichen
über viele Jahrhunderte weitgehend gleich. Abstraktionen (die sog. phonetischen Schrei-
Diese archaischen Texte zeichnen sich bungen) nahm zu. Geschriebene und gespro-
durch einen hohen Grad von Implizitheit aus: chene Sprache waren nicht mehr durch die
„Alles, was in irgendeiner Weise bei dem Le- Menschen, die sie verwendeten, aufeinander
ser bzw. Kontrolleur als bekannt vorausge- bezogen, sondern nun auch durch ihre Form.
setzt werden konnte, wurde nicht notiert“ Schließlich wurde auch die genrespezifische
(Nissen et al. 1991, 56). Ein Bezug auf die Organisation der Tafeln aufgegeben zugun-
gesprochene Sprache oder gar die Übertra- sten einer einheitlichen Aufteilung der
gung gesprochener Äußerungen in das schrift- Schreibfläche in Kolumne und Zeilen (s. o.).
liche Medium lag nicht vor. Alle Texte ori- Die Linearisierung der Schriftzeichen folgt
entierten sich ausschließlich an räumlich-vi- einem Prinzip der gesprochenen Sprache. Nur
suellen Gegebenheiten. Nicht auf die For- in dieser Form konnten schriftliche Aufzeich-
mulierung kam es an, sondern auf die Plazie- nungen laut gelesen oder vorgelesen werden.
rung der Schriftzeichen auf der Schreibfläche. Man hat angenommen, daß es die Königs-
Und diese war genrespezifisch organisiert. Li- listen waren, an denen die Entwicklung an-
sten, etwa 10% der ältesten Texte, zeichneten setzte: „Die sumerischen Königsinschriften
sich dadurch aus, daß jede Eintragung mit haben dem altsumerischen Schreiber zum er-
einem Zeichen für „1“ versehen wurde (unse- sten Mal geregelt die Möglichkeit geboten,
rem Gedankenstrich vergleichbar), Verwal- ganze Sätze niederzuschreiben und aneinan-
tungstexte, 90% der Texte, waren nach fol- derzureihen“ (Kraus 1973, 36). Neben den
gendem Schema aufgebaut: Anzahl der Ob- Königsinschriften kommen aber auch noch
jekte einer Transaktion, ihre Art, Namen der die Briefe in Betracht, in denen die Könige
an der Transaktion beteiligten Personen, nä- untereinander verkehrten oder Anweisungen
here Bestimmungen der Personen, z. B. durch an ihre Beamte gaben. Königsinschriften und
Beruf, Herkunftsort oder andere Personen Briefe finden sich vereinzelt schon unter den
(Ulshöfer 1991, 153). So war das Layout ein ältesten Texten. In beiden Gattungen steht die
wichtiger Bedeutungsträger. Mitteilung im Vordergrund, so daß die An-
Diese Eigenschaften der ältesten Texte fin- nahme, daß die Bildung neuer Textformen bei
det ihre Erklärung in der Funktion der Texte. ihnen ihren Anfang nahm, recht plausibel ist.
Listen dienten der Organisation von Wissen. Nachdem die Begrenzung der Textbildung
Sie spielten in der Ausbildung der Schreiber auf Verwaltungstexte und Objektlisten auf-
eine Rolle. Verwaltungstexte waren nicht Mit- gehoben war, konnten neue Bereiche (Gesetz-
teilungen, sondern Gedächtnishilfen, „Mittel gebung, Handel, Religion, Wissenschaften,
zum Erinnern“ (Plato), und in dieser Funk- der diplomatische Verkehr u. a. m.) der Schrift
tion auch Instrumente der administrativen erschlossen und eine Fülle neuer Textsorten
Kontrolle. Was sich im Verlauf des 3. Jahr- gebildet werden. Für die Texte der altbaby-
tausends änderte und zu dem führte, was wir lonischen Zeit (2 000—1600 v. Chr.) gibt
als Texte bezeichnen können, war die Ent- Kraus (1973, 16 f) das folgende Bild: „Das
wicklung einer neuen Funktion des Schrei- Gebrauchsschrifttum (...) besteht fort, ver-
bens. mehrt um gleichartige akkadische Urkunden.
Neben die memorative Funktion, die ein Die nur noch sporadisch vorkommenden su-
Teil der Texte nach wie vor hatte, trat die merischen ‘letter-orders’ werden von der gro-
kommunikative Funktion von Texten. Schrei- ßen und artreichen akkadischen Briefliteratur
ben war nun dem Reden und Sprechen ver- abgelöst. Auf dem Gebiet der Inschriften sind
gleichbar. die vielen, jetzt oft ausführlichen Königsin-
Implizite Bedeutungen mußten expliziert schriften sumerisch, zweisprachig oder akka-
werden: „information which belonged to the disch abgefaßt. Neben sie treten sumerische
sphere of the scribe’s personal familarity with und akkadische Sammlungen sogenannter
language and writing system, information Gesetze und akkadische Edikte des Königs
which was used by him to supplement the (...). Geradezu verblüffend wirkt die Fülle
featural information of grapheme and text, und Vielfalt der sumerischen literarischen
became systematically incorporated into the Texte“. Mit der Aufzeichnung der aus der
writing system itself“ (Green 1981, 360). mündlichen Tradition stammenden literari-
schen Texte gewinnt Schreiben im alten Orient
4.  Geschichte des Schreibens 53

eine weitere, eine dritte Funktion. Schreiben vom ‘Malen’ “ (Weber 1969, 66 f) und konnte
wird zu einem Mittel, mündliche Äußerungen so mit demselben Wort wiedergegeben wer-
in eine schriftliche Form zu bringen — „a den. Man schrieb und malte auf denselben
tool for transferring speech to a more per- Materialien mit denselben Werkzeugen, und
manent storage medium“ (Green 1981, 366). auch die Schriftzeichen waren anfangs noch
Es sind hauptsächlich drei Errungenschaf- regelrechte Zeichnungen. So dürfte das
ten, die wir dem alten Vorderen Orient ver- Schreiben im alten Ägypten eher in einer iko-
danken: (1) eine Standardisierung der Schrift- nographischen denn in einer epigraphischen
zeichen; (2 ) eine Standardisierung in der Or- Tradition gestanden haben.
ganisation der Schreibseite und (3) eine erste
Differenzierung der Funktionen des Schrei- 4.2. Die Schreibprodukte (Texte)
bens.
Wieder brauchte man ein halbes Jahrtausend
zur Ausbildung zusammenhängender schrift-
4. Das alte Ägypten licher Äußerungen. Die Zäsur fällt in die Zeit
der dritten Dynastie (2 635—2 570 v. Chr.) und
Bei den alten Ägyptern war so ziemlich alles könnte durchaus in einem Zusammenhang
anders als bei den Sumerern und Babyloniern: mit den Reformen des Imhotep (um 2 62 0
eine andere Schrift, andere Schriftträger, an- v. Chr.) stehen, die sowohl der Architektur als
dere Schreibtechniken und Schreibkonventio- auch dem Verwaltungswesen galten (Baines
nen. Sie entwickelten andere Textformen. 1983). Vorher hat man kaum mehr als Na-
Und vor allem: die Voraussetzungen waren men, Listen und dergleichen aufgezeichnet:
andere. Anders als in Mesopotamien „ent- „Äußerungen, Überschriften vergleichbar,
wickelt sich die Schrift in Ägypten nicht im keine Texte“ (ebd., 576). Bis zum Ende des
Rahmen der Wirtschaft, sondern der politi- alten Reiches (2 135 v. Chr.) dominierten kür-
schen Organisation und Repräsentation“ zere Texte: Dekrete, Kontrakte, Briefe usw.
(Assmann 1992 , 169). Dennoch sind die Er- Dann aber entwickelte sich ein breites Spek-
gebnisse, zu denen die Entwicklung in Ägyp- trum an Texten, auch umfangreicheren: reli-
ten kam, nicht weit von dem entfernt, was im giöse, historische, juristische, wissenschaft-
Vorderen Orient erreicht wurde. Man kann liche und schließlich literarische.
also sagen, daß in unserem Kulturkreis das Texte dienten im alten Ägypten zwei Zwek-
Schreiben gleich zweimal entwickelt und aus- ken: der Administration und der Repräsen-
gebildet worden ist, einmal im Vorderen Ori- tation (Baines) bzw. der Gebrauchs- und der
ent und ziemlich gleichzeitig in Ägypten (→ Gedächtniskultur (Assmann). Die Zwecke
Art. 19; 34). finden in den Schreibprodukten ihren Aus-
druck: auf der einen Seite die in Stein gemei-
4.1. Die Herkunft ßelten Inschriften, die wir noch heute auf
Grab- und Tempelwänden sowie in den Mu-
Die Ägypter fingen um 3000 v. Chr., also 2 00 seen der Welt bewundern können, auf der
oder 300 Jahre nach den Sumerern, an zu anderen Seite die vielen auf Papyrus geschrie-
schreiben. Man sollte darum annehmen, daß benen Gebrauchstexte, die sich am ehesten
sie die neue Kunst von ihren Nachbarn über- mit denen des Vorderen Orients vergleichen
nommen haben. Doch genau dies scheint lassen. Assmann unterscheidet „Inschriftlich-
nicht der Fall gewesen zu sein. Was sie über- keit“ und „Handschriftlichkeit“ (Assmann
nommen haben könnten, ist allenfalls die Idee 1991).
des Schreibens. Doch auch das ist nicht ge-
wiß. 4.3. Die Inschriften
Man gebrauchte in Ägypten ein und das-
selbe Wort zur Bezeichnung sowohl des Man kann im Zweifel sein, ob das Einmeißeln
Schreibens als auch des Malens. „Sehr wahr- von Schriftzeichen in den Stein als Schreiben
scheinlich dürfte dabei die Bedeutung des gelten kann. Technisch ist der Unterschied
‘Malens’ die ältere von beiden sein. Unter den zwischen dem Einritzen, einer der ältesten
Zeugnissen aus der schriftlosen vordynasti- Weisen zu schreiben, und dem Einmeißeln
schen Zeit finden sich nämlich bereits viele nicht groß. Ausschlaggebend dürfte aber die
bemalte Gegenstände, so daß angenommen Bestimmung der Funktion sein. Assmann
werden darf, daß es in dieser Zeit nur den (1991, 143 f) bestimmt die Herstellung einer
Vorgang des ‘Malens’ bezeichnete. Das später Inschrift als „einen performativen Schreib-
aufkommende ‘Schreiben’ unterschied sich in akt“: „Im Modus der hieroglyphischen In-
der technischen Ausführung nur unwesentlich schriftlichkeit verläßt die Sprache die ihr ei-
54 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

gentümliche situative Eingebundenheit in den führenden Arbeiten saß man auf dem Boden
Zeit-Ort der Kommunikation (ihren ‘Sitz im im Schneidersitz, einen Schurz straff zwischen
Leben’) und geht über in die vollkommen die Knie gespannt, so daß darauf, gleichsam
andere situative Eingebundenheit des monu- wie auf einem Schreibtisch, der offene Ab-
mentalen Bildes. (...) Die Inschrift (...) gibt schnitt der Papyrusrolle gelegt und beschrie-
kein Sprechen wieder, sondern spricht selbst ben werden konnte. Tische wurden nicht be-
im Medium monumentaler Sichtbarkeit und nutzt.
Präsenz“. Anfangs folgten die Schriftzeichen von
Der andere Zweck kommt in einer Reihe oben nach unten: in Kolumnen. Um 2 000
von epigraphischen Besonderheiten zum Aus- v. Chr. entdeckte man, wie im Zweistromland,
druck. Den Inschriften war eine besondere die Vorteile der Zeilenschreibung. Solange
Schriftform vorbehalten: die Hieroglyphen- man in Kolumnen schrieb, „war die Auftei-
schrift. „Das Spezifikum der Hieroglyphen- lung der Rolle unproblematisch: Man schrieb
schrift ist ihre Bildhaftigkeit“. Sie ist „ein Teil einfach von rechts nach links Kolumne hinter
der Kunst, war Sache derselben Handwerker“ Kolumne. Sobald jedoch Zeilen vorkamen,
(Assmann 1991, 142 ). Auch galten hier andere hatte man die Wahl, wie lang man sie machen
Schreibkonventionen. Während die Schreib- wollte; theoretisch hätten sie so lang sein kön-
richtung in allen anderen Schriftstücken auf nen wie die ganze Papyrusrolle. Zum Schrei-
eine Richtung festgelegt war (s. unten), waren ben und Lesen wäre dies jedoch ein sehr un-
die Schreiber der Inschriften freier in ihrer praktisches Verfahren gewesen, da man ja
Handhabung: sie konnten von rechts nach dann den Papyrus für jede Zeile vollständig
links, von links nach rechts, aber auch von hätte aufrollen müssen. Deshalb teilten die
oben nach unten schreiben. Später zeichneten Schreiber die Papyrusrollen in einzelne ‘Sei-
sich Inschriften auch durch eine andere ten’ auf, die gerade so breit waren, daß man
Sprachform aus. „Bis zum Aussterben der sie bequem handhaben konnte” (Schlott 1989,
Hieroglyphenschrift“ (das letzte Zeugnis 68). Eine Aufteilung der Rolle war überflüs-
stammt aus dem Jahre 394 n. Chr.) behielt sig, wenn man die Zeilen quer zur Längsseite
man „die Sprachstufe des Ägyptischen bei, anlegte, und so die gesamte Schreibfläche
die im Mittleren Reich in Gebrauch war. Das Zeile für Zeile beschriftet werden konnte —
heißt, man schrieb Mittelägyptisch“ (Schlott ein Verfahren, das man bei der Anfertigung
1989, 207). von kurzen Schriftstücken, etwa bei Briefen,
bevorzugte.
4.4. Die Handschriften Das Schriftbild altägyptischer Handschrif-
ten zeichnet sich dadurch aus, daß so gut wie
Was die Kultur des alten Ägypten zu einer keine Untergliederungen vorgenommen wur-
Schriftkultur machte, war die Tatsache, daß den: Schriftzeichen reihte sich an Schriftzei-
die Verwaltung des Landes, wie bei den Su- chen, Satz an Satz. Lediglich der Beginn eines
merern auch, in den Händen der schreibenden neuen Abschnittes konnte dadurch markiert
Zunft lag: „der Stand der ‘Schreiber’ oder sein, daß das erste Wort mit roter Farbe aus-
‘Kanzlisten’ gab dem Lande seine Signatur“ gezeichnet war. Eine so wenig entwickelte Ge-
(Birt 1907, 8). Und so machen nicht Inschrif- staltung des Schriftbildes läßt darauf schlie-
ten, sondern Handschriften den größten Teil ßen, daß die Handschriften nicht für die Lek-
der ägyptischen Schriftstücke aus. türe über das Auge, als vielmehr zum Vortrag
Beamte benötigen eine flüssig zu schrei- vor Hörern bestimmt waren.
bende Schrift, ohne Schnörkel, von Hand zu In vielen, vielleicht sogar in den meisten
schreiben: eine Zweckschrift. Eine solche ent- Fällen wird der Schreiber den Text nicht nur
wickelte sich sehr bald aus der Hieroglyphen- niedergeschrieben, sondern auch selber auf-
schrift: die hieratische Schrift (→ Art. 19). gesetzt haben. Für Listen, Register, Urkun-
Wer schreiben lernte, schrieb in hieratischer den, Gerichtsentscheidungen usw. lagen
Schrift. Muster bereit, auf die jederzeit zurückgegrif-
Geschrieben wurde vornehmlich auf Strei- fen werden konnten. Es unterliegt aber kei-
fen von Papyrus (→ Art. 8), mit einem Pinsel, nem Zweifel, daß Texte auch diktiert worden
in schwarzer und roter Tinte. Die rote Tinte sind. Das Vorbild gaben die Herrschaften:
diente zu Hervorhebungen der verschieden- „The governor or executive dictated: the
sten Art. scribe translated his words into script“ (Ha-
Waren nur kurze Eintragungen vorzuneh- velock 1963, 117). Nach diesem Muster konn-
men, so konnte dies stehend vorgenommen ten sich auch zwei Schreiber die Arbeit teilen:
werden. Bei längeren oder sorgfältig auszu-
4.  Geschichte des Schreibens 55

der eine formulierte den Text, der andere sache, daß sie „sich auch die Schreibpraktiken
schrieb ihn auf. Oft genügte es, wenn der derjenigen zueigen gemacht haben, deren Vor-
Auftraggeber mit dem Schreiber die Haupt- bild sie die eigene Schriftlichkeit verdanken“
punkte seines Anliegens durchging. Im übri- (Heubeck 1979, 145). Sie haben — wie diese
gen können wir davon ausgehen, daß eine — mit Griffeln auf wachsbeschichtete Täfel-
solche Praxis auch den Nachbarn im Zwei- chen geschrieben oder mit Pinsel und Tusche
stromland nicht unbekannt war. Nur ist sie auf Papyrus, Leder oder Ostraka; anfangs
für Ägypten besser dokumentiert. auch in der im Orient üblichen Weise: von
Ein großer Teil der Tätigkeit von Schrei- rechts nach links; ohne Worttrenner, also
bern bestand in der Anfertigung von Ab- scriptura continua.
schriften. Abschriften von Dokumenten wur- Ob sie die Schrift auch zu denselben Zwek-
den zur Archivierung, Abschriften von lite- ken wie ihre phönikischen Nachbarn verwen-
rarischen Werken für die Verbreitung und det haben, ist in der Forschung kontrovers.
Überlieferung benötigt. Auch Abschriften Indizien könnten dafür sprechen, daß es ent-
wurden nach Diktat vorgenommen: „al- weder „griechische Händler und Kaufleute“
though dictation was certainly employed in waren, „die bei ihren phönikischen Partnern
Pharaonic Egypt for the writing of documents den täglichen Gebrauch der Schrift gesehen,
which were required in several copies, there als nützlich und notwendig erkannt und des-
is as yet no agreement among scholars as to halb auch in ihre eigene tägliche Praxis über-
the extent, if at all, it was used for the mul- nommen haben“ (Heubeck 1979, 151), oder
tiplication of literary texts“ (Skeat 1956, 183). „orientalische Handwerker“, die „in die grie-
Wie stets in alten Zeiten haben sich die Schrei- chischen Städte einwanderten und dort ihre
ber nicht gescheut, ihre eigenen Kommentare Fertigkeiten an Griechen weitergaben“ (Bur-
in den Text hineinzuschreiben und Moderni- kert 1984, 2 5). Sollten solche Annahmen der
sierung vorzunehmen. Wirklichkeit entsprechen, so hätten wir mit
einer Phase in der griechischen Schriftge-
schichte zu rechnen, die in starkem Maße von
5. Die griechische und der der Orientalen abhängig war und diese
römische Antike zunächst einmal fortsetzte. Es fehlen jedoch
die archäologischen Belege. Darum ist nicht
Die Griechen und Römer brauchten das auszuschließen, daß die griechische Schrift-
Schreiben nicht noch einmal zu erfinden. Sie geschichte von Anfang an einen anderen Ver-
fanden es vor. Dennoch ist ihre Weise zu lauf genommen hat.
schreiben nicht eine Fortsetzung der bei den
Sumerern und Ägyptern begonnenen Ge- 5.2. Die Entwicklung in Griechenland
schichte. Daß diese noch einmal neu ansetzt,
einen eigenen Verlauf nimmt und schließlich Daß die Geschichte des Schreibens in Grie-
eine Prägung erhält, die es erlaubt, von einer chenland anders verlaufen ist als bei den öst-
griechisch-römischen Schriftkultur zu spre- lichen Nachbarn, ist in erster Linie auf die
chen (→ Art. 37, 38), ist auf die Tatsache besonderen gesellschaftlichen und politischen
zurückzuführen, daß die Bedingungen für ihre Verhältnisse zurückzuführen. „Der Sonder-
Ausprägung in Griechenland ganz besondere weg griechischer Kulturentwicklung ist im
waren. engsten Verbund mit einer technologischen
Revolution, der Erfindung der Alphabet-
5.1. Das phönikische Erbe schrift, zu sehen. Jedoch ist es nicht allein eine
Sache des Schriftsystems, sondern eines viel
Bekanntlich haben die Griechen die Grund- komplexeren Befundes, in dem es auf die
züge ihres Schriftsystems von ihren östlichen Frage ankommt, wo die Instanzen der Wei-
Nachbarn, den Phönikern, übernommen, ver- sung konzentriert sind, wie Verbindlichkeit
mutlich in der ersten Hälfte des 8. Jahrhun- gesichert und durchgesetzt wird. Das Beson-
derts v. Chr. In Anpassung an die Besonder- dere der griechischen Situation liegt in der
heiten ihrer Lautsprache wurde sie zu einer soziopolitischen Verwendung der Schrift“ (A.
regelrechten Lautschrift ausgebaut (→ Art. und J. Assmann in Havelock 1990, 14).
2 5). Dieser Tatsache wird allgemein eine Schreiben war im alten Griechenland kein
große Bedeutung für die Alphabetisierung der Mittel, um administrative Kontrollen durch-
Griechen und für die spezifische Ausprägung zuführen oder die Macht eines Herrschers ins
ihrer Form von Literalität beigemessen. Was Bild zu setzen. Schreiben diente hier der Her-
weniger Beachtung gefunden hat, ist die Tat-
56 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

stellung von Öffentlichkeit in einer sich de- erste Komponenten der Schriftlichkeit inner-
mokratisch verfassenden Gesellschaft. halb einer immer noch vorwiegend mündli-
Dies erklärt zum einen, daß Schreiben chen Kultur“ (Andresen 1987, 37). Zwar meh-
nicht das Privileg einer bestimmten sozialen ren sich die Texte, die von vornherein zum
Gruppe war, weder der Beamten noch der Lesen eingerichtet waren. Doch die große
Priester. Auch gibt es keine Anzeichen für Masse war für den öffentlichen Vortrag be-
eine Professionalisierung des Schreibens. Der stimmt und wurde über das Ohr, auditiv, auf-
Weg zum Schreiben stand grundsätzlich allen genommen. Die Rezeption dieser Texte blieb
freien Bürgern offen. Das heißt aber nicht, also, was sie immer schon war: aural. Hier
daß auch jeder Bürger geschrieben hätte. Bis hat sich vorerst nichts geändert. Was sich
zum 6. Jahrhundert v. Chr. war die Kunst des änderte, war der Modus der Produktion. Ein
Schreibens auf ganz wenige Kreise der Be- Text entstand nicht mehr im Augenblick des
völkerung beschränkt. Im Verlauf des 5. Jahr- Vortrages und bei jedem Vortrag immer wie-
hunderts nahm die Zahl derer, die schreiben der neu, sondern wurde vor dem Vortrag und
konnten, rapide zu. Hier wird sich die Tat- unabhängig von ihm aufgeschrieben. Schrei-
sache ausgewirkt haben, daß spätestens im ben ersetzte die ephemere Produktionsweise
ausgehenden 6. Jahrhundert Schreiben zum der alten oralen Praxis. Das hatte Konse-
Gegenstand des Elementarunterrichtes wur- quenzen.
de. Man schätzt, daß im 4. Jahrhundert fast Texte brauchten nicht mehr von Mund zu
jeder Bürger von Athen die neue Kunst be- Mund weitergegeben zu werden, es genügte,
herrschte (Harvey 1966; vorsichtiger Thomas daß man sie aufschrieb. Die Veröffentlichung
1989). vollzog sich teils oral, teils literal. Sie blieb
Die Aufgabe, die dem Schreiben in Grie- oral, insoweit der Text zum Vortrag kam. Sie
chenland zufiel, erklärt zum anderen die wurde literal in dem Maße, wie sich der Vor-
Funktion der Texte, die nun geschrieben wur- tragende, der „Rhapsode“, auf einen schrift-
den. „The earliest Greek inscriptions are pu- lich ausgearbeiteten Text stützen konnte, sei
blic statements; they explain some object, or es daß er nach ihm memorierte, sei es daß er
intention, to a reading public“ (Jeffery 1982 , einfach aus ihm vorlas.
831). Bemerkenswert schnell drang die neue
Kunst in den Bereich ein, in dem das gesell- 5.3. Die Entwicklung im römischen Reich
schaftliche Wissen überliefert und der darum
schon seit eh und je öffentlich war: den Be- Während wir im alten Griechenland ziemlich
reich der Lieder und vor allem der großen genau den Übergang von einer oralen zu einer
Epen. Die homerischen Epen sind vielleicht literalen Praxis verfolgen können, zumindest
schon im 8. Jahrhundert schriftlich festgehal- genauer als dies für Ägypten und den Vor-
ten worden. Im 6. Jahrhundert wurden die deren Orient möglich ist, geben uns die latei-
Gesetze aufgezeichnet. Das 5. Jahrhundert nischen Quellen eine einigermaßen vollstän-
zeigt eine Fülle an schriftstellerischen Akti- dige Vorstellung von der Praxis des Schrei-
vitäten: philosophische, historische und wis- bens, die, wenn auch vermutlich nicht in dem
senschaftliche. Komödien und Tragödien wer- Maße ausgeprägt, so doch im Grundsatz
den geschrieben und vor allem Reden der schon in griechischer Zeit vorhanden gewesen
verschiedensten Art. „Le tribunale est (...) la sein dürfte.
grande forge où le discours écrit s’élabore et In technologischer, organisatorischer und
se perfectionne“ (Canfora 1988, 2 12 ). Im 4. funktionaler Hinsicht lassen sich die folgen-
Jahrhundert gab es schließlich kaum noch den Arten des Schreibens unterscheiden:
einen Vorgang von öffentlichem Interesse, der (1) Man schrieb eigenhändig, aber „nur in
nicht schriftlich zu erfolgen hatte: „for real Ausnahmefällen“ (Norden 1981, 954): flüch-
and striking proof one needed written docu- tige Notizen, persönliche Aufzeichnungen,
mentation“ (Thomas 1989, 286). vertrauliche Briefe und wohl auch Gedichte
Die Rolle, die das Schreiben bei der all- (Kleberg 1969).
mählichen Verschriftlichung der griechischen (2 ) In der Regel zog man das Diktat vor:
Kultur spielte, muß im Zusammenhang mit man ließ nach Diktat schreiben. Anders als
grundlegenden Veränderungen der sprachli- in den bürokratisch oder autoritär organi-
chen Kommunikation insgesamt gesehen wer- sierten Schriftkulturen des Nahen Ostens galt
den. „Was uns schriftlich aus dem achten, das Schreiben bei den Römern als eine min-
siebten, sechsten und teilweise auch noch aus derwertige Tätigkeit, die man lieber Ange-
dem fünften Jahrhundert begegnet (...), sind stellten oder Sklaven überließ (Dekkers 1952).
4.  Geschichte des Schreibens 57

(3) Dem Nach-Diktat-Schreiben nahe steht in Kursive und führte (übrigens schon in grie-
das Mitschreiben oder Mitstenographieren. chischer Zeit) Abkürzungen ein: ließ Teile von
Mitgeschrieben wurden Reden oder Predigten Wörtern oder Sätzen einfach weg, zog Wort-
bekannter Persönlichkeiten, Anklageschriften teile oder ganze Wörter zusammen und setzte
und Zeugenaussagen, Debatten aller Art. Pro- (in römischer Zeit) eine Art Kurzschrift ein,
tokollanten oder Stenographen ( notarii, ex- die sog. „tironischen Noten“.
ceptores ) nahmen die Aufzeichnungen auf Die Aufzeichnung mußte in eine Fassung
Wachstäfelchen vor, gleichzeitig oder sich ab- gebracht werden, die einem Schreiber diktiert
wechselnd, erstellten auf der Grundlage ihrer oder zur Abschrift vorgelegt werden konnte.
Aufzeichnungen ein Manuskript, das dann Ergänzungen wurden vorgenommen, wenn
zur Reinschrift auf Papyrus oder Pergament die Zeit nicht ausgereicht hatte, um alles auf-
gebracht werden konnte. zuzeichnen. Wenn eine Rede von mehreren
(4) Abschreiben: „In den frühesten Zeiten Sekretären mitstenographiert worden war,
der Buchgeschichte war es ohne Zweifel der mußte das Manuskript aus den verschiedenen
einzige (...) Weg, um sich ein Buch zu be- Mitschriften erstellt werden.
schaffen, das man besitzen wollte: man ließ Für die Reinschrift waren in der Regel
durch einen des Schreibens kundigen Sklaven Schreiber ( librarii, scriptores oder scribae ) zu-
ein verfügbares Exemplar (...) abschreiben ständig. Ihre Aufgabe bestand darin, ein Ex-
oder aber besorgte dies mit eigener Hand“ emplar des Textes herzustellen, das, wenn es
(Kleberg 1969, 5). Abgeschrieben wurde ent- sich um einen Brief handelte, verschickt oder,
weder von einer Vorlage oder nach Diktat. wenn es sich um ein Buch handelte, veröf-
„The scribe copying visually can range over fentlicht werden konnte. Da während der
the exemplar at will, he can gain a complete ganzen Antike scriptura continua üblich war,
image of a passage, and look either forwards diese Schreibkonvention aber das Lesen
or backwards in search of a clue to the mean- schwierig machte, hat man Vorlesehilfen ein-
ing; nor is he troubled by any need to keep geführt. Dazu zählt die Gliederung des Textes
up with the speed of the dictator. The scribe in Abschnitte. Raible (1991) führt weitere Hil-
writing from dictation, on the other hand, is fen an: Akzente oder ein kommaähnliches
in a fundamentally different predicament; he Zeichen über dem Raum zwischen zwei Buch-
depends entirely on a single, fleeting, auditory staben zur Kennzeichnung von Wortgrenzen;
image for the produktion of his text, and if Zeichen für Aspiration bzw. Nichtaspiration
he mishears the chances of his rectifying, or zur Kennzeichnung eines Wortanfanges;
ever realizing, the mistake are small. All he schließlich die ersten Interpunktionszeichen.
has before him at any one time is the small Korrekturarbeiten fielen in allen Stadien
section of text with which he is currently der Produktion eines Manuskriptes an. Als
concerned“ (Skeat 1956, 206). erstes mußten die Aufzeichnungen der Sekre-
(5) Die Anfertigung einer Reinschrift. täre korrigiert werden. Nicht selten wurden
Sieht man von dem eigenhändigen Schrei- sie erst auf andere Täfelchen übertragen,
ben einmal ab und berücksichtigt man, daß „puisque la hâte d’un tachygraphe et sa tech-
das Schreiben ins Reine nur ein Moment bei nique toujours très personelle rendent inutile
der Produktion von Manuskripten ist, so läßt un grande partie de sa correction“ (Arns 1953,
sich der Prozeß der Produktion für das Nach- 73). Eine weitere Korrektur wurde notwendig,
Diktat-Schreiben, das Mit- und Abschreiben sobald die Reinschrift vorlag. Diese wurde
ziemlich einheitlich beschreiben. mit der Vorlage verglichen und, falls nötig,
Da das Mit- und Nach-Diktat-Schreiben verbessert. Schließlich konnten am Manu-
erheblich mehr Zeit als das Sprechen bean- skript auch dann noch Korrekturen vorge-
sprucht, galt es, die unterschiedlichen Ge- nommen werden, wenn Abschriften schon im
schwindigkeiten aufeinander abzustimmen. Umlauf waren.
Wer diktiert, kann Rücksicht auf den Schrei-
benden nehmen: das Tempo verzögern, Pau-
sen einlegen oder Wiederholungen zulassen. 6. Das europäische Mittelalter
Einem Vortragenden bleibt dies jedoch ver- Die antike Schreibpraxis setzt sich im Mittel-
sagt. Man behalf sich auf verschiedene Weisen alter in vieler Hinsicht fort (Bischoff 1986;
(Arns 1953). Man verwendete für die Auf- Vezin 1989; → Art. 40). Nach wie vor werden
zeichnung Wachstafeln unter anderem auch Texte diktiert und Reden mitgeschrieben. Der
deswegen, weil sie ein höheres Schreibtempo Codex als die für das Mittelalter charakteri-
erlaubten als andere Materialien. Man schrieb stische Buchform war bereits in der späten
58 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Antike bekannt. Das gilt auch für das Abschrift bereit gehalten. Auch Bücher stam-
Schreibpult. Latein blieb noch lange die men aus dieser Zeit, vornehmlich historische
sprachliche Form, in der vornehmlich ge- Darstellungen: die Geschichte als Dokument
schrieben wurde. Und geschrieben wurde wie der Werke Gottes. Einige Autoren schrieben
eh und je auf Wachstäfelchen und Pergament. ihre Texte eigenhändig. Sie blieben jedoch die
Papier kam erst gegen Ende des Mittelalters Ausnahme. In der Regel wurde diktiert.
auf. In den Klöstern wurden jedoch mehr Bü-
Veränderungen in der Schreibpraxis sind cher abgeschrieben als verfaßt. Schreiben war
selten und eher periphär. Die Kenntnis der in dieser Zeit eine ausgesprochen reproduk-
tironischen Noten ist wohl nie ganz verloren tive Kunst, und so finden wir hier die be-
gegangen, doch hat man von ihnen nur recht deutsamsten Veränderungen in der Praxis des
sporadisch Gebrauch gemacht. Das Schreib- Schreibens. Die Einführung der Worttren-
rohr, der calamus der Römer, wurde durch nung (Saenger 1982 ) erlaubte es, gleich aus
die Feder, eine Vogel- oder Gänsefeder, er- der Vorlage abzuschreiben. Sie hatte zur
setzt. Das hatte Folgen für die Handhaltung, Folge, daß man sich nicht mehr an den ein-
zumindest bei kalligraphischem Schreiben. zelnen Buchstaben, sondern an ganzen Wör-
Die Feder wurde mit drei gestreckten Fingern tern orientierte: „So wie die Seite und die Zeile
gehalten. Mit Ring- und kleinem Finger sollte auch der Wortkörper einen Block bil-
stützte man die Hand ab. den. (...) Das Ziel war die Vernetzung der
Die Veränderungen, die das Schreiben er- Zeichen zu einem Körper, die optische Dar-
fahren hat, sind nicht so sehr in den Techni- stellung, nicht die schreibmotorische Herstel-
ken und Konventionen des Schreibens, als lung einer graphischen Einheit“ (Rück 1988,
vielmehr in den Zwecken zu suchen. Es war 12 7). — Mönche haben viel Zeit, und so kam
die Kirche, die sich des geschriebenen Wortes es ihnen nicht darauf an, schnell zu schreiben,
bemächtigte und damit das kulturelle Erbe sondern eine dem sakralen Inhalt der Texte
der Antike antrat (McKitterick 1989; zur by- angemessene Schrift zu finden. Das Ergebnis
zantinischen Schreibkultur vgl. Hunger 1989). war die karolingische Minuskel, keine Ge-
brauchs-, sondern eine Buchschrift (Bischoff
6.1. Monastisches Schreiben 1986). — In vielen Fällen beschränkte sich
die Abschrift nicht auf die Reproduktion der
Das ganze Mittelalter hindurch gab es Laien, sprachlichen Vorgaben, sondern umfaßte
die schreiben konnten, und notarii, die für auch die künstlerische Gestaltung sowohl je-
andere schrieben (vgl. dazu 5.3.). Die Schreib- der einzelnen Seite als auch des ganzen Bu-
kultur, die sich zwischen dem 7. und 12 . Jahr- ches (Jantzen 1940). Die Seite wird zum Bild,
hundert entwickelte, wurde durch Mönche das Buch zu einem heiligen Gegenstand, der
geprägt (Leclercq 1963; Clanchy 1979; Saen- Reliquie vergleichbar, und so Schreiben zu
ger 1982; McKitterick 1989). einer Kunst, die dem Malen und Zeichnen
Schreiben war wie Beten und Fasten, La- näher stand als dem Sprechen.
tein und Chorgesang ein wesentliches Element Angefertigt wurden die Abschriften von
der monastischen Lebensform: „Der Mönch Büchern fast ausschließlich in den Skriptorien
schreibt, weil er nicht spricht und um nicht der Klöster (Bischoff 1986, 63 f; Trost 1986;
zu sprechen“ (Leclercq 1963, 173). Die Mön- Bibliotheka Palatina 1986). Oft ist die Ab-
che haben in erster Linie für geistliche Zwecke schrift das Werk eines einzigen Schreibmei-
geschrieben: zur Versorgung der Kirchen mit sters. Er schrieb nicht nur den Text ab, son-
liturgischen Büchern, zur Tradierung vor al- dern bestimmte auch die Gesamtanlage der
lem des christlich-antiken Erbes, aber auch Handschrift, die Aufteilung der einzelnen
heidnischer Schriftsteller, zumindest soweit Seite, die Zuordnung von Text und Bild und
sie für das Verständnis der heiligen Schrift als nahm selbst die Rubrizierung, die Verzierung
nützlich erachtet wurden. Vor allem aber der Ränder sowie die Vorzeichnung der Bilder
diente ihr Schreiben dem Lobe Gottes: „Writ- und ihre Bemalung vor.
ing was aimed at God’s eye more often than
at communicating information to fellow hu- 6.2. Scholastisches Schreiben
man beings“ (Clanchy 1979, 226).
Mönche haben zwar in einem bescheidenen Um 1150 wird ein neues Kapitel in der mit-
Rahmen Texte verfaßt und Bücher geschrie- telalterlichen Geschichte des Schreibens auf-
ben. Zwischen den Klöstern bestand ein reger geschlagen (Saenger 1982 ; Illich 1991). Die
Briefverkehr. Predigten wurden mitgeschrie- ersten Universitäten wurden gegründet, und
ben, aufgearbeitet und in Sammlungen für die in ihnen entstand ein neues Denken, ein Den-
4.  Geschichte des Schreibens 59

ken, in dem Offenbarung und Vernunft ver- of editing and disseminating a text composed,
söhnt werden sollten: die Scholastik. at least in rough form, by his own hand“
In dem Bereich, in dem zuvor die größten (Saenger 1982, 387).
Veränderungen zu verzeichnen waren, dem (3) Die Behinderungen, die der Schreibpro-
Bereich der Reproduktion von Texten, trat zeß durch die Schrift erfuhr, wurden im 14.
nun eher ein Stillstand ein. Nach wie vor blieb Jahrhundert mit der Entwicklung der goti-
Schreiben in den Skriptorien der Klöster eine schen Kursive und eines Systems von Abkür-
Art Gottesdienst. Doch jenseits der Kloster- zungen aus dem Weg geräumt. Das Diktat
mauern verlor die Abschrift ihren geistlichen wurde überflüssig. Der Autor konnte selber
Glanz. An die Seite des monastischen Schrei- seine Texte niederschreiben.
bers trat der professionelle Schreiber, der für Solange Schreiben arbeitsteilig vollzogen
Lohn schrieb und, um möglichst rationell ar- wurde, hatten die einzelnen Aktivitäten einen
beiten zu können, sich auf bestimmte Tätig- hohen Grad an Eigenständigkeit. Die Korrek-
keiten (Ausführung der Schrift, der Initiale, turarbeiten hoben sich deutlich von den
der Seitenränder, der Illustrationen) speziali- Schreibarbeiten im engeren Sinne des Wortes
sierte. Der Markt bestimmte, was und wieviel ab: der Nieder- und Reinschrift. Und diese
abgeschrieben wurde. Worauf es ankam, war wiederum waren deutlich von den mentalen
nicht die Herstellung eines Manuskriptes, Vorgängen im Kopf des Autors abgesetzt.
sondern die Multiplikation eines Textes. Der Man hatte noch nicht einmal einen Begriff
Text löst sich aus seiner Bindung an das für den Schreibprozeß als ganzen und ver-
Manuskript (s. unten). mutlich auch nur wenig klare Vorstellungen
Was die Zeit nach 1150 auszeichnet, sind von der Zusammengehörigkeit der einzelnen
die Veränderungen im produktiven Bereich. Vorgänge. Die Selbständigkeit der verschie-
Der Autor wird zum Schreiber. Er verwandelt denen Aktivitäten dürfte verhindert haben,
sich von einem „Diktator“ zu einer frühen daß die eine auf die andere einen nachhaltigen
Form des Schriftstellers. Saenger hat auf die- Einfluß nahm. Das mußte sich mit dem Au-
sem Weg drei Stadien unterschieden: genblick ändern, in dem alle diese Aktivitäten
(1) Die Theologen des 12 . Jahrhunderts von ein und derselben Person ausgeführt wur-
waren Kommentatoren. Sie folgten dem Text den. Nun war es möglich, daß sprachliche
Satz für Satz, schrieben ihre Glossen auf Korrekturen, selbst kompositorische oder gar
kleine Wachstafeln und überließen diese konzeptionelle Veränderungen noch während
einem Schreiber zur Abschrift. der Niederschrift vorgenommen werden
(2 ) Die Autoren des 13. Jahrhunderts, konnten und — was sich als noch bedeutsa-
Scholastiker wie Albertus Magnus und Tho- mer erwies — daß der Vollzug der Nieder-
mas von Aquin, begnügten sich nicht mehr schrift sich auf Formulierungen, die Kom-
mit Glossen und Kommentaren: „Der Autor position und sogar auf die Konzeption des
wählt selbst ein Thema und bringt seine Textes auswirken konnte. Kurz: die Integra-
eigene Ordnung in die Reihenfolge, in der er tion der verschiedenen Schreibarbeiten in
sich mit dem Thema befassen wird. Die sicht- einer einheitlichen, kontinuierlich sich entwik-
bare Seite ist nicht mehr die Aufzeichnung kelnden Schreibhandlung führte zu einer In-
von Äußerungen, sondern die visuelle Dar- teraktion unter diesen und veränderte so den
stellung einer durchdachten Beweisführung“ Schreibprozeß grundlegend.
(Illich 1991, 106). Da Wachstäfelchen für
die Aufzeichnung komplexer und darum um- 6.3. Säkulares Schreiben
fangreicher Gedankengänge wenig geeignet
waren, gingen die Scholastiker dazu über, Auch außerhalb der Klöster und Universitä-
gleich auf Pergament zu schreiben. Diese ten ist im Mittelalter viel geschrieben worden
Autographenmanuskripte waren aber für (Clanchy 1979; Saenger 1982 ; McKitterick
Außenstehende kaum zu lesen, da weder eine 1989). Hier ging es nicht um geistliche, son-
flüssig zu schreibende Kursive noch ein stan- dern ausschließlich um weltliche Dinge. Juri-
dardisiertes System von Abkürzungen zur stische und verwaltungstechnische Intelligenz,
Verfügung stand. Die schriftlichen Aufzeich- kaufmännische Rationalität und diplomati-
nungen mußten also nach wie vor einem Se- sche Klugheit bestimmten nicht nur, was und
kretär diktiert werden. Doch das Diktat hatte wieviel, sondern auch wie geschrieben wurde.
seine Funktion geändert: „Saint Bernhard Dies erklärt, weshalb von allen Weisen mit-
had used dictation to compose his works; telalterlichen Schreibens diese der Praxis
Saint Thomas used dictation in the process heute am nächsten kommt.
60 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Die Integration des Schreibens in die viele Jahrhunderte die literale Kultur des Mit-
Rechtsgeschäfte hatte lange vor dem Mittel- telalters von der oralen Welt der großen
alter begonnen: „Writing shifted the emphasis Mehrheit der Bevölkerung trennte, eingeeb-
in testing truth from speech to document“ net. Schreiben war nicht länger mehr eine
(Clanchy 1979, 2 0). Mit den Rechtsgeschäften Kunst, wie Zeichnen und Malen, sondern ein
zog Schreiben zugleich in den Bereich der Analogon oder besser eine Alternative zum
Ausübung von Herrschaft ein. Hier gewinnt Sprechen, genau so, wie wir es heute für
es zunehmend an Bedeutung, bis sich schließ- selbstverständlich halten.
lich, seit dem 13. Jahrhundert, „Herrschaft
mit Hilfe von Schrift zu ‘Verwaltung’ “ (Patze
1970, 9) wandelte. Urkunden und Briefe 7. Neuzeit und Moderne
waren die häufigsten Schriftstücke. Es kamen Es gibt kein Ereignis, das erlauben würde, in
hinzu: Verträge, Gesetze, Erlasse, Listen, Be- der Geschichte des Schreibens eine Zäsur zwi-
richte, Register, aber auch Protokolle, Stadt- schen Mittelalter und Neuzeit zu setzen. Auch
bücher und Chroniken. Die im Spätmittelal- die Einführung des Buchdruckes im 15. Jahr-
ter entstehende Kommunalverwaltung ist hundert ist nur ein Moment, gleichwohl ein
ohne Schreiben nicht denkbar. sehr augenfälliges, in einem kontinuierlich
Die Integration des Schreibens in die Han-
delsgeschäfte, zunächst in die des Fernhandels sich vollziehenden Übergang.
(Pitz 1989), hatte „die Trennung der leitenden
von der ausführenden Arbeit“ (ebd., 381) zur 7.1. Fortsetzungen
Voraussetzung, d. h. die Tatsache, daß die Einige Entwicklungen, die noch im Mittelal-
Kaufleute in zunehmendem Maße die risiko- ter eingesetzt haben, fanden in der Neuzeit
reichen Seefahrten ihren Agenten überließen, eine Fortsetzung. So hat sich der Autor, der
um von den Kontoren aus ihre Unterneh- selber schreibt, bereits im späten Mittelalter
mungen zu leiten. Das geschah etwa im 13. etabliert, aber durchgesetzt hat er sich erst in
Jahrhundert, also ziemlich gleichzeitig mit der Neuzeit. Es waren Kaufleute, die bereits
den Reformen in der Administration. Mit im ausgehenden Mittelalter für private
Hilfe schriftlicher Aufzeichnungen konnte Zwecke schrieben: Briefe, aber auch Tagebü-
präziser kalkuliert, rationeller organisiert und cher, Lebenserinnerungen und Chroniken. In
verläßlicher verwaltet werden. Geschäftskor- der Neuzeit erfaßte die Privatisierung des
respondenzen, Buchungen, Ausstellung von Schreibens weitere Kreise der Bevölkerung,
Verträgen und Rechnungen waren täglich zu im 17. und 18. Jahrhundert das Bürgertum
verrichtende Arbeiten. „Les écrits des hom- (Engelsing 1973), im 19. Jahrhundert auch die
mes d’affaires se distinguent par leur appa- unteren Schichten, die Handwerker und Bau-
rance même de ceux des notaires ou des lettres ern (Schikorsky 1991; → Art. 70).
de profession. Tant dans leur expression que Das Schreiben expandierte aber auch in
dans leur graphie ils sont claire, nets, précis, den Bereichen, in denen es bereits im Mittel-
ordonné“ (Bec 1967, 49). alter und vorher Fuß gefaßt hatte: in der
Schließlich hielt Schreiben auch Einzug in Administration, im Handel und in der Diplo-
den diplomatischen Verkehr (Queller 1967, matie. Neue Bereiche kamen und kommen
10): „While babarian rulers at the dawn of hinzu: im 19. Jahrhundert die Industrie, im
the Middle Ages sent envoys without letters 2 0. Jahrhundert die Bedürfnisse der moder-
merely to mouth memorized messages, civi- nen Informations- und Kommunikationsge-
lized states such as those of the High Middle sellschaft (Beniger 1986). In allen diesen Be-
Ages conducted their relations by means of reichen wird die Notwendigkeit der Kontrolle
envoys whose powers depended upon the let- dringlicher und damit der Bedarf an der
ters entrusted to them“. Dazu kamen die Be- Sammlung, Speicherung, Verarbeitung und
richte, die die Gesandten regelmäßig abzulie- Verbreitung von Informationen größer.
fern hatten. Nirgendwo ist die Expansion des Schrei-
Spätestens seit dem 14. und 15. Jahrhun- bens deutlicher erkennbar als in den Schulen.
dert drang Schreiben in alle Kreise der Laien- In den Schreibschulen des Mittelalters lernten
schaft. Damit verlor die lateinische Sprache die Söhne der Kaufleute und Handwerker
das Monopol, das sie so viele Jahrhunderte neben Rechnen und Lesen auch Schreiben,
hindurch hatte behaupten können (→ Art. doch nur soviel, wie ihnen später nützlich zu
40; 41). An ihre Stelle trat eine sich nun aus- werden versprach: das Alphabet, die Recht-
bildende geschriebene Form der jeweiligen schreibung, vor allem die Kalligraphie und
Landessprache. Damit war der Graben, der
4.  Geschichte des Schreibens 61

das Aufsetzen geschäftlicher Texte nach vor- schehen war, nur auf eine neue und rationel-
gegebenen Mustern. In den Lateinschulen des lere Weise. Er hat (...) der in weiten Kreisen
ausgehenden Mittelalters und der beginnen- seit langem bestehenden Hinwendung zum
den Neuzeit fertigten die Söhne des begüter- Buch durch seinen codex impressus eine Dy-
ten Bürgertums Reden, Briefe und Gedichte namik verliehen, die der codex manuscriptus
im Rahmen des Lateinunterrichtes an. Die nie besitzen konnte. Denn bei diesem entstand
Anfertigung erfolgte schriftlich, doch vorge- durch den Arbeitsvorgang des Abschreibens
tragen wurden die Texte mündlich. Erst in der jeweils nur ein neues Exemplar, beim codex
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand impressus dagegen durch den vergleichbaren
in Deutschland an den Gymnasien der schrift- einen Arbeitsvorgang des Druckens eine Auf-
liche Aufsatz (Ludwig 1988), eine Übungs- lage, d. h. eine Anzahl identischer Exemplare“
form, die nicht auf den Vortrag abzielte, son- (Schmidt 1973, 32 5). So läßt sich feststellen,
dern ausschließlich das Schreibvermögen daß das Drucken das Schreiben weder ersetzt
schulen sollte. Erst im Verlauf des 19. Jahr- noch in seiner Bedeutung beeinträchtigt hat.
hunderts setzte sich der schriftliche Aufsatz Es hat lediglich eine Funktion der Reproduk-
auch in den Elementarschulen durch, so daß tion: die massenhafte Vervielfältigung von
man davon ausgehen kann, daß am Ende des Texten übernommen. Nach wie vor mußte
Jahrhunderts so gut wie jeder Bürger zumin- aber alles, was gedruckt werden sollte, erst
dest einmal in seinem Leben mit der Schrift einmal aufgeschrieben werden. Und bei wei-
in Berührung gekommen war. tem nicht alles, was geschrieben wurde, wurde
Im folgenden sollen drei neuere Entwick- auch gedruckt: nicht die vielen Akten und
lungen in der Praxis des Schreibens dargestellt Urkunden, die in den Kanzleien angefertigt
werden. Man könnte weitere anführen, so die wurden. Nicht die vielen persönlichen Auf-
Ausbildung einer Schriftsprache seit dem 15. zeichnungen. Selbst Abschriften wurden viel-
Jahrhundert (Giesecke 1992 ); die Entwick- fach noch mit der Hand vorgenommen, bis
lung von Stenographien (Segelken 1991; → dann der Kopierer das Abschreiben weitge-
Art. 144); die Normierungen der Schriftspra- hend überflüssig machte.
che, also der Sprache, die beim Schreiben
verwendet wird, durch die Stilistiken des 19. 7.3. Andere Vorstellung vom Schreiben
Jahrhunderts (→ Art. 139); der Einsatz von
Diktiergeräten; die wissenschaftliche Erfor- „Im Westen war bis über die Renaissance
schung des Schreibprozesses (→ Art. 83—86). hinaus die förmliche Rede die meistgelehrte
Die Beschränkung auf drei Entwicklungen ist aller verbalen Produktionen. Implizit blieb sie
damit zu rechtfertigen, daß wir über die Ver- das Basis-Paradigma für jeden Diskurs, den
änderungen, die die Schreibpraxis in der Neu- schriftlichen wie den mündlichen“ (Ong 1987,
zeit erfahren hat, kaum etwas wissen, und es 119 f). Autoren waren Redner, nicht Schrift-
erst einmal darauf ankommt, einige Gesichts- steller, und die Rede war definiert durch die
punkte für ihre Darstellung ausfindig zu ma- Wirkung, die sie auf die Zuhörer ausübte.
chen und zu explizieren. Schreiben spielte nur eine untergeordnete
Rolle, diente der Herstellung eines Manu-
skriptes, auf das man sich während des Vor-
7.2. Die Auswirkungen des Buchdruckes trages stützen konnte. Auch viele Texte, die
Um die Auswirkungen des Buchdruckes auf nicht vorgetragen wurden, waren wie Reden
die Praxis des Schreibens (Giesecke 1991) ins angelegt.
rechte Licht zu rücken, muß man sie in einen Eine ganz andere Vorstellung von Schrei-
größeren Rahmen stellen. Bis zur Einführung ben kam während des 18. Jahrhunderts auf
des Buchdruckes hatte Schreiben zwei Haupt- (Geitner 1992 ). Aufgeklärte Menschen reden
funktionen zu erfüllen: die Produktion und und schreiben nicht, um Einfluß auf andere
die Reproduktion von Texten. Das eine ge- Menschen zu nehmen oder gar um diese zu
schah durch Aufschreiben, das andere durch überreden, sie reden und schreiben, um ihre
Abschreiben. Seit etwa dem 3. Jahrhundert Gedanken, Ansichten und Meinungen zum
wurden Bücher abgeschrieben, um sie zu ver- Ausdruck zu bringen. Nicht die Wirkungen,
vielfältigen. Genau diese Aufgabe hat im 15. die ein Text auf Zuhörer oder Leser ausübt,
Jahrhundert der Druck übernommen. Mehr standen im Mittelpunkt ihrer Vorstellungen,
nicht. „Gutenberg blieb in der Tradition und sondern die Gedanken, die in ihm zum Aus-
zielte auch seinerseits auf nichts anderes ab, druck kommen. Damit haben sich die Vor-
als literarische Texte zu vermitteln und zu stellungen vom Schreiben ziemlich grundle-
vervielfältigen, so wie es seit langer Zeit ge- gend geändert. Im Schreiben entdeckte man
62 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

die Möglichkeit, nicht nur Gedanken zum züge empfahlen die Schreibmaschine vor al-
Ausdruck zu bringen (das leistete das Reden lem für den Einsatz in Büros. Der Hauptvor-
auch), sondern darüberhinaus Gedanken zu zug der Schreibmaschine ist aber ihre leichte
ordnen, sich Klarheit über Gedanken zu ver- Handhabbarkeit. Aus der übersichtlichen
schaffen, Gedanken zu verarbeiten und — Menge von Tasten einer klar strukturierten
überhaupt erst einmal auf Gedanken zu kom- Tastatur ist nur jeweils die Taste zu wählen
men. „Der Griffel, d. i. bey uns die Schreib- und anzuschlagen, die das gewünschte
feder“, so Herder, „schärft den Verstand, sie Schriftzeichen trägt. So eignet sich die
entwickelt Ideen, sie macht die Seele auf eine Schreibmaschine für alle Arten von Abschrif-
wundersame Weise thätig“ (182 0, 170). Einst ten, insbesondere für das Schreiben nach Ste-
„die Magd der Rede“ (Giesecke) wird Schrei- nogramm, findet aber auch Verwendung beim
ben nun zur Herrin. Der Schriftsteller ver- Aufsetzen von Texten. Für den modernen
drängt als Leitfigur den Redner. Das „Basis- Schriftsteller wurde sie oft zu einem unent-
Paradigma für jeden Diskurs, den schriftli- behrlichen Werkzeug.
chen wie den mündlichen“ (Ong) ist nun der
Text, der schriftliche Text, das Buch, und 7.4.2. Der Telegraph
nicht mehr die förmliche Rede.
Nirgends kommen die Veränderungen in Der Telegraph, in demselben Jahr erfunden
den Vorstellungen vom Schreiben emphati- wie der Morseapparat (1837), hat zwar nicht
scher zum Ausdruck als in dem Begriff, den den Schreibakt als solchen, wohl aber den
die Schriftsteller von ihrer Tätigkeit entwik- Produktionsprozeß von Texten verändert.
kelt haben. „Aus der traditionellen Gleichset- Man schreibt wie auf einer Schreibmaschine,
zung von Stil und Mensch ist im 19. Jahr- doch der Text erscheint nicht unmittelbar vor
hundert die Gleichsetzung von Kunst und Augen auf einem Bogen Papier, sondern wird
Mensch geworden. Daraus ging die moderne in einem Sendegerät in elektrische Impulse
Vorstellung hervor, daß sich der Dichter oder Impulsfolgen umgewandelt (kodiert).
durch seine sprachkünstlerische Arbeit in Diese können von einem Aufnahmegerät
einem ‘Transformationsprozeß’ in das Kunst- empfangen, in Buchstaben oder Buchstaben-
werk umsetzt und dieses ein objektives Äqui- folgen zurückverwandelt (dekodiert) und
valent der Künstlerseele oder eines Seelenzu- dann aufgezeichnet und gelesen werden.
standes (...) des Künstlers ist“ (Müller 1981, Durch die Einschaltung von Geräten wird der
156). unmittelbare Zusammenhang zwischen der
Erstellung eines Textes in seiner abstrakten
Bedeutung (dem sog. Textkorpus oder der
7.4. Die Technisierung des Schreibens Textbasis) und seiner konkreten Darstellung
„Während die Technik in allen anderen Ge- auf einem Schriftträger aufgelöst. Man
bieten der menschlichen Arbeit Neuerungen brauchte nun nicht mehr einen Boten oder
brachte, ging sie bis über die Mitte des 18. die Post auf den Weg zu schicken, um einem
Jahrhunderts an den Büros vorbei“ (Segelken Empfänger eine Nachricht zukommen zu las-
1991, 14), und nicht nur an den Büros, wie sen. Den Transport der elektrischen Signale
zu ergänzen ist, sondern überall, wo geschrie- besorgte ein Kabel bei der drahtgebundenen
ben wurde. Nachhaltigen Einfluß auf die Pra- oder der Funk bei der drahtlosen Telegraphie.
xis des Schreibens konnte die Technik erst Die Folgen waren immens. Fast ohne Zeit-
gegen Ende des 19. Jahrhunderts nehmen. verlust konnten so Nachrichten auch über
Der Einsatz der Schreibmaschine, des Tele- große Distanzen hinweg übermittelt werden,
graphen und des Computers haben sie radikal eine wichtige Voraussetzung für die um die
verändert. Mitte des vorigen Jahrhunderts einsetzende
Industrialisierung (Beniger 1986).
7.4.1. Die Schreibmaschine Die Ausgliederung der Textdarstellung und
die Übermittlung des Textkorpus auf ener-
Die Schreibmaschine (Segelken 1991; → Art. getischem Wege haben zu einer Variante in
89) führte das Prinzip des Druckens, das bis- der Organisation der Textproduktion geführt.
her ausschließlich bei der Multiplikation von Bis zur Erfindung der Telegraphie konnten
Texten genutzt worden war, in die Praxis des Texte erst distribuiert werden, nachdem sie
Schreibens generell ein. Im Vergleich zum eine Darstellung gefunden hatten. Ein Brief
Schreiben mit der Hand läßt sich das Schrei- muß geschrieben sein, um verschickt werden
ben mit der Maschine erheblich schneller be- zu können. Mit der Telegraphie tritt die Dis-
werkstelligen. Die Typoskripte sind leichter tribution zwischen die Erstellung des Text-
und vor allem eindeutiger lesbar. Diese Vor-
4.  Geschichte des Schreibens 63

korpus und seine Darstellung. Die Nachricht (3) Bei der Herstellung des Textkorpus
wird kodiert, auf den Weg geschickt und können Programme einbezogen werden, Pro-
kommt dann erst zur Darstellung. Die Dis- gramme etwa zur Unterstützung der Wort-
tribution ist zu einem Teil der Produktion trennung am Zeilenende. Ist in dem Compu-
geworden. ter ein Wörterbuch gespeichert, so kann dem
Schreibenden signalisiert werden, ob ein Wort
7.4.3. Der Computer richtig oder falsch geschrieben worden ist. Die
Maschine braucht nur nach dem geschriebe-
Die Computertechnik hat sich die Einsichten, nen Wort zu suchen und zu prüfen, wie es zu
die man bei der Entwicklung des Telegraphen schreiben ist. Man spricht von einem „Recht-
gewonnen hatte, zunutze gemacht. Der Text schreibprüfer“ ( spelling checker ). Es gibt auch
wird einer Maschine eingegeben, kodiert, da- schon stylecheckers, sozusagen „stilistische
mit er in Zahlen ausdrückbar wird, doch dann Kontrolleure“, allerdings bisher nur für das
werden die Zahlen nicht auf die Reise ge- Englische: Programme, die den Schreibenden
schickt, sondern in Form elektromagnetischer darauf aufmerksam machen, wenn er Wörter
Signale auf einer Datenbank gespeichert. Der wiederholt, die Sätze unvollständig sind oder
Text ist zwar noch beständig, da „elektro- ungewöhnliche Ausdrücke verwendet werden.
magnetisch gebunden“, aber nicht mehr sicht- Die Einschaltung solcher Programme bei der
bar. Damit ein solcher Text wahrgenommen Herstellung der Textbasis geht über die bisher
und gelesen werden kann, muß er sichtbar dargestellten Möglichkeiten insofern hinaus,
gemacht werden. Sichtbar wird er durch seine als in ihnen Wissen zur Anwendung kommt,
Darstellung auf einem Bildschirm oder auf über das der Schreiber nur unzureichend oder
einem Ausdruck. Also ist auch hier der Zu- überhaupt nicht verfügt. Der Computer ver-
sammenhang zwischen der Erstellung des doppelt in diesem Fall nicht das Wissen des
Textkorpus und seiner Darstellung aufgelöst. Schreibenden, sondern er ergänzt es.
Auf der Trennung der Funktionen beruhen (4) Mindestens ebenso folgenreich wie die
alle Veränderungen, die der Computer für das Einbeziehung von zusätzlichen Programmen
Schreiben mit sich gebracht hat. Es handelt in die Herstellung von Texten dürfte eine Ver-
sich um die folgenden (→ Art. 9; 90). änderung in der Struktur der Textbasis sein:
(1) Wer schreibt, verändert oft das Ge- der „determinierte Charakter, der einen ein-
schriebene. Veränderungen werden zwar am mal erstellten Text für immer in der Wortfolge
Computer über den Bildschirm vorgenom- festlegt, ist prinzipiell auflösbar, indem man
men, doch verändert wird nicht, wie beim statt der starren Fixierung eines Textes auf
herkömmlichen Schreiben, die Textdarstel- dem Papier eine Rechenvorschrift zur Erstel-
lung, sondern die Textbasis. Und weil das so lung des Textes angibt und dadurch dem ‘Le-
ist, können solche Veränderungen in Bruch- ser’ die Möglichkeit zur interaktiven Nutzung
teilen von Sekunden durchgeführt werden, solcher rekombinierenden Algorithmen bie-
ohne größeren Aufwand, genauso schnell und tet. (...) Für den Leser am Bildschirm löst
mühelos wie die Veränderungen, die wir im sich damit die lineare Textfolge auf (...) und
Kopfe vornehmen. der Autor kann nicht mehr eindeutig festle-
(2 ) Wenn wir in Gedanken einen Text kon- gen, wie der Text zu lesen ist. (...) Mit dem
zipiert haben, müssen wir uns entscheiden, Computer steht so ein technisches Potential
wie er dargestellt werden soll: gesprochen zur Erzeugung nichtlinearer und nicht mehr
oder geschrieben; geschrieben mit der Hand vollständig determinierter Texte zur Verfü-
oder mit der Schreibmaschine; nur flüchtig gung“ (Coy 1989, 53 f). Für eine nichtlineare
hingeschrieben oder gleich ins Reine usw. Nutzung der Textbasis werden die folgenden
Schreiben wir mit dem Computer, so bleibt Beispiele angeführt: „die Kombination von im
uns diese Entscheidung nicht erspart, sie ist linearen Raum des Buches entfernt liegenden
nun aber an der Maschine durchzuführen. Textteilen“ (ebd., 55); „das Guide-System, das
Durch eine einfache Schaltung entscheidet der für einzelne Worte den Verweis auf tiefer lie-
Schreiber darüber, wie der ausgedruckte Text gende Texte zuläßt, die die Worte erläutern
aussehen soll: er kann die Schrifttypen, die oder andere Verbindungen zulassen“ (ebd.,
Schriftgrößen, die Formatierung der Text- 60) sowie das System der Hypercard, „das
seite, die Gestaltung der Fußnoten, kurz das eine eigene Programmiersprache (HyperTalk)
gesamte Layout bestimmen. So läßt sich jeder zu vieldimensionalen Verknüpfungen von
Text im Computer druckreif machen und Texten, Graphiken, Bildern und Dateien zu-
ohne Zwischenschaltung von Lektoren, Druk- läßt“ (ebd.). Der traditionell eindimensionale
kern usw. abdrucken.
64 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Text wird zu einem multidimensionalen Text türe. Zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutsch-
und die Produktion von Texten, also das, was land zwischen feudaler und industrieller Gesell-
früher „Schreiben“ genannt wurde, zu einer schaft. Stuttgart.
Angelegenheit, die sich nicht mehr aus einer Geitner, Ursula. 1992 . Die Sprache der Verstellung.
einzelnen Schreibhandlung ergibt. Studien zum rhetorischen und anthropologischen
Wissen im 17. und 18. Jahrhundert. Tübingen.
Giesecke, Michael. 1991. Der Buchdruck in der
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5.  Geschichte des Lesens 65

Müller, Wolfgang. 1981. Topik des Stilbegriffs. Zur Schikorski, Isa. 1990. Private Schriftlichkeit im 19.
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bis zur Gegenwart. Darmstadt. Schlott, Adelheid. 1989. Schrift und Schreiber im
Nissen, Hans J., Damerow, Peter & Englund, Ro- alten Ägypten. München.
berg. 1991. Frühe Schrift und Techniken der Wirt- Schmidt, Wieland. 1973. Vom Lesen und Schreiben
schaftsverwaltung im alten Vorderen Orient. Infor- im Mittelalter. Beiträge zur Geschichte der deut-
mationsspeicherung und -verarbeitung vor 5000 schen Sprache und Literatur 95, 309—327.
Jahren. 2. Aufl. Berlin. Segelken, Sabine. 1991. Stenographie und Schreib-
Norden, Eduard. 1981. Die antike Kunstprosa vom maschine. Bad Salzdetfurth.
VI. Jahrhundert v. Chr. bis in die Zeit der Renais- Skeat, T.-C. 1956. The Use of Dictation in Ancient
sance. Bd. 2, 8. Aufl. Darmstadt. Book Produktion. Proceedings of the British Aca-
Ong, Walter S. 1987. Oralität und Literalität. Die demy 42, 179—208.
Technologisierung des Wortes. Opladen. Thomas, Rosalin. 1989. Oral Tradition and written
Patze, Hans. 1970. Neue Typen des Geschäfts- Record in Classical Athens. Cambridge.
schriftgutes im 14. Jahrhundert. In: ders. (ed.), Der Trost, Vera. 1986. Scriptorium. Die Buchherstel-
deutsche Territorialstaat im 14. Jahrhundert. Bd. 1. lung im Mittelalter. Heidelberg (Heidelberger
Sigmaringen, 9—64. Bibliotheksschriften 25).
Pitz, E. 1898. Fernhandel. In: Lexikon des Mittel- Ulshöfer, Andrea. 1991. Überlegungen zu den me-
alters 4, München/Zürich, 378—382. sopotamischen Listen als Phänomene früher Ver-
Queller, D. 1967. The Office of the Ambassador in schriftlichung. In: Raible, W. (ed.), Symbolische
the Middle Ages. Princeton. Formen, Medien, Identität. Tübingen, 147—169.
Raible, Wolfgang. 1991. Zur Entwicklung von Al- Vezin, J. 1989. La fabrication du manuscrit. In:
phabetschrift-Systemen. Heidelberg (Sitzungsber. Martin, J. & Chartier, R. (ed.). Histoire de l’édition
der Heidelberger Ak. d. Wiss., Philos.-hist. Klasse). francaise. Bd. 1. Paris, 21—51.
Rück, Peter. 1988. Ligatur und Isolierung: Bemer- Weber, Manfred. 1969. Beiträge zur Kenntnis des
kungen zum kursiven Schreiben im Mittelalter. Schrift- und Buchwesens der alten Ägypter. Köln.
Germanistische Linguistik 93/94, 111—138. White, Randall. 1989. Visual Thinking in the Ice
—. 1988/1989. Schreiben als Askese und Gottes- Age. Scientific American 261 (1), 74—81.
dienst. Zum Evangeliar Heinrichs des Löwen (um Wilcke, Claus. 1991. Schrift und Literatur. In:
1175). In: alma mater philippina, Marburger Uni- Hrouda, Barthel (ed.), Der alte Orient. Geschichte
versitätsbund, 21—25. und Kultur des alten Vorderasiens. Gütersloh,
Saenger, Paul. 1982 . Silent Reading: Its Impact on 271—297.
Late Medieval Script and Society. Viator 13, 367—
414. Otto Ludwig, Hannover (Deutschland)

5. Geschichte des Lesens

1. Lesen und Verstehen wir, nach und nach zu bestimmen. Lesen ist
2. Fragen, die zu stellen sind eine Tätigkeit. Freilich gilt dies kaum, wenn
3. Materielle Voraussetzungen „lesen“ nur etwas wie ein kurzes Zurkennt-
4. Sechs Lesekulturen nisnehmen ist: man liest auf einem Wegweiser
5. Vorhellenistische Lesekultur „Hauptbahnhof“ oder „Frankfurt“. In „Bud-
6. Hellenistisch-römische Lesekultur denbrooks“, dritter Teil, findet sich eingangs
7. Frühmittelalterliche Lesekultur eine Beschreibung. Die Familie sitzt im Gar-
8. Hochmittelalterliche Lesekultur ten; da heißt es: „Und Klothilde, die mager
9. Frühneuzeitliche Lesekultur und ältlich in ihrem geblümten Kattunkleide
10. Moderne Lesekultur dasaß, las eine Erzählung, welche den Titel
11. Fragen und Schwierigkeiten trug: ‘Blind, taub, stumm und dennoch glück-
12. Literatur selig’ “. Hier ist Lesen zweifellos eine Tätig-
keit. Anders jedoch wenige Zeilen später: An-
ton, der Diener, kommt über den Hof, auf
1. Lesen und Verstehen dem Teebrett eine Visitenkarte; man sieht ihm
Was ist das — lesen? Die Frage ist nicht so erwartungsvoll entgegen. „‘Grünlich, Agent’,
leicht zu beantworten, wie es scheint. Suchen las der Konsul. ‘Aus Hamburg. Ein angeneh-
5.  Geschichte des Lesens 65

Müller, Wolfgang. 1981. Topik des Stilbegriffs. Zur Schikorski, Isa. 1990. Private Schriftlichkeit im 19.
Geschichte des Stilverständnisses von der Antike Jahrhundert. Tübingen.
bis zur Gegenwart. Darmstadt. Schlott, Adelheid. 1989. Schrift und Schreiber im
Nissen, Hans J., Damerow, Peter & Englund, Ro- alten Ägypten. München.
berg. 1991. Frühe Schrift und Techniken der Wirt- Schmidt, Wieland. 1973. Vom Lesen und Schreiben
schaftsverwaltung im alten Vorderen Orient. Infor- im Mittelalter. Beiträge zur Geschichte der deut-
mationsspeicherung und -verarbeitung vor 5000 schen Sprache und Literatur 95, 309—327.
Jahren. 2. Aufl. Berlin. Segelken, Sabine. 1991. Stenographie und Schreib-
Norden, Eduard. 1981. Die antike Kunstprosa vom maschine. Bad Salzdetfurth.
VI. Jahrhundert v. Chr. bis in die Zeit der Renais- Skeat, T.-C. 1956. The Use of Dictation in Ancient
sance. Bd. 2, 8. Aufl. Darmstadt. Book Produktion. Proceedings of the British Aca-
Ong, Walter S. 1987. Oralität und Literalität. Die demy 42, 179—208.
Technologisierung des Wortes. Opladen. Thomas, Rosalin. 1989. Oral Tradition and written
Patze, Hans. 1970. Neue Typen des Geschäfts- Record in Classical Athens. Cambridge.
schriftgutes im 14. Jahrhundert. In: ders. (ed.), Der Trost, Vera. 1986. Scriptorium. Die Buchherstel-
deutsche Territorialstaat im 14. Jahrhundert. Bd. 1. lung im Mittelalter. Heidelberg (Heidelberger
Sigmaringen, 9—64. Bibliotheksschriften 25).
Pitz, E. 1898. Fernhandel. In: Lexikon des Mittel- Ulshöfer, Andrea. 1991. Überlegungen zu den me-
alters 4, München/Zürich, 378—382. sopotamischen Listen als Phänomene früher Ver-
Queller, D. 1967. The Office of the Ambassador in schriftlichung. In: Raible, W. (ed.), Symbolische
the Middle Ages. Princeton. Formen, Medien, Identität. Tübingen, 147—169.
Raible, Wolfgang. 1991. Zur Entwicklung von Al- Vezin, J. 1989. La fabrication du manuscrit. In:
phabetschrift-Systemen. Heidelberg (Sitzungsber. Martin, J. & Chartier, R. (ed.). Histoire de l’édition
der Heidelberger Ak. d. Wiss., Philos.-hist. Klasse). francaise. Bd. 1. Paris, 21—51.
Rück, Peter. 1988. Ligatur und Isolierung: Bemer- Weber, Manfred. 1969. Beiträge zur Kenntnis des
kungen zum kursiven Schreiben im Mittelalter. Schrift- und Buchwesens der alten Ägypter. Köln.
Germanistische Linguistik 93/94, 111—138. White, Randall. 1989. Visual Thinking in the Ice
—. 1988/1989. Schreiben als Askese und Gottes- Age. Scientific American 261 (1), 74—81.
dienst. Zum Evangeliar Heinrichs des Löwen (um Wilcke, Claus. 1991. Schrift und Literatur. In:
1175). In: alma mater philippina, Marburger Uni- Hrouda, Barthel (ed.), Der alte Orient. Geschichte
versitätsbund, 21—25. und Kultur des alten Vorderasiens. Gütersloh,
Saenger, Paul. 1982 . Silent Reading: Its Impact on 271—297.
Late Medieval Script and Society. Viator 13, 367—
414. Otto Ludwig, Hannover (Deutschland)

5. Geschichte des Lesens

1. Lesen und Verstehen wir, nach und nach zu bestimmen. Lesen ist
2. Fragen, die zu stellen sind eine Tätigkeit. Freilich gilt dies kaum, wenn
3. Materielle Voraussetzungen „lesen“ nur etwas wie ein kurzes Zurkennt-
4. Sechs Lesekulturen nisnehmen ist: man liest auf einem Wegweiser
5. Vorhellenistische Lesekultur „Hauptbahnhof“ oder „Frankfurt“. In „Bud-
6. Hellenistisch-römische Lesekultur denbrooks“, dritter Teil, findet sich eingangs
7. Frühmittelalterliche Lesekultur eine Beschreibung. Die Familie sitzt im Gar-
8. Hochmittelalterliche Lesekultur ten; da heißt es: „Und Klothilde, die mager
9. Frühneuzeitliche Lesekultur und ältlich in ihrem geblümten Kattunkleide
10. Moderne Lesekultur dasaß, las eine Erzählung, welche den Titel
11. Fragen und Schwierigkeiten trug: ‘Blind, taub, stumm und dennoch glück-
12. Literatur selig’ “. Hier ist Lesen zweifellos eine Tätig-
keit. Anders jedoch wenige Zeilen später: An-
ton, der Diener, kommt über den Hof, auf
1. Lesen und Verstehen dem Teebrett eine Visitenkarte; man sieht ihm
Was ist das — lesen? Die Frage ist nicht so erwartungsvoll entgegen. „‘Grünlich, Agent’,
leicht zu beantworten, wie es scheint. Suchen las der Konsul. ‘Aus Hamburg. Ein angeneh-
66 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

mer, gut empfohlener Mann, ein Pastorssohn blitzte drin von Lieb’ und Glück ein Schein
... Sage dem Herrn ... er möge sich hierher ...“ (Victor von Scheffel). Oder dann die
bemühen’“. Bei diesem Lesen mag man von große, rekurrente Metapher vom „Lesen im
„Tätigkeit“ kaum reden; trotzdem geht es um Buch der Natur“, die eigentlich der Renais-
Lesen. Was uns jedoch, wenn von der Ge- sance zugehört, sich aber schon im Mittelalter
schichte des Lesens die Rede ist, interessieren findet: „omnis mundi creatura / quasi liber,
muß, ist Lesen als Tätigkeit: ein Vorgang von et pictura — nobis est et speculum“ (Alain
einiger Dauer und Konzentration; das Inter- de Lille, zit. bei Illich, 1991, 132 ; dann etwa
esse wendet sich dem Geschriebenen zu, Descartes, Discours de la méthode, Ende 1.
gleichzeitig vom Umgebenden ab. Teil: „étudier dans le livre du monde“, Des-
Ferner: lesen ist eine menschliche, schärfer: cartes sagt also „studieren“, nicht „lesen“,
eine dem Menschen s p e z i f i s ch e Tätigkeit; und er sagt „Welt“, nicht „Natur“). Hier geht
kein Tier liest, und nicht allein deshalb nicht, es überall um Übertragung. Auch etwa in dem
weil kein Tier schreibt (denkbar wäre ja, weil witzigen Carlo Schmid zugeschriebenen Satz
eine gewisse Getrenntheit hier vorliegt, daß über die Beschäftigung mit Illustrierten:
ein Tier zwar lesen, nicht aber schreiben „Man liest die Bilder und sieht den Text an“.
könnte). Mag man zögern, ob man bestimm- Lesen kann man ja Bilder gerade nicht, und
ten Tiergattungen Sprache in jeder Hinsicht Texte kann man nicht ansehen; auch „anse-
absprechen soll (es ist dies auch eine Frage hen“ ist hier metaphorisch und zwar für
der Definition), wenn es aber um Lesen geht, „flüchtig lesen“. Somit: „lesen“ bezieht sich
ist die Antwort klar. stets auf etwas Geschriebenes; alle anderen
Sodann: es geht beim Lesen um eine ge i - Verwendungen sind von daher analogisch
st i ge Tätigkeit, obwohl sie auf das engste an übertragen.
Materielles gebunden und auf Materielles ge- Schließlich und vor allem setzt „Lesen“
richtet ist. Weiter: es ist eine k u l t u r e l l e Tä- einen Nachvollzug voraus und zwar zumin-
tigkeit; das heißt: es ist historisch. Es ist nicht dest einen a n s a t z we i s e n . Denn dies ist
nur historisch überformt (in-formiert), wie wichtig: einerseits wird ein solcher Nachvoll-
dies wohl für alles Menschliche gilt, sogar zug durch den Begriff „lesen“ selbst voraus-
zum Beispiel für ein zunächst so eminent „na- gesetzt, andererseits reicht es bereits, wenn
türlich“ erscheinendes Phänomen wie das des dieser nur ansatzweise vorhanden ist. Man
Sexuellen. Das Lesen ist also nicht nur kul- kann dies natürlich auch „Informationsverar-
turell überformt, es ist kulturell durch und beitung“ nennen. „Lesen“ impliziert also Ver-
durch, und zwar in einer noch radikaleren stehen, weshalb neuerdings, nicht allein im
Weise als das Sprechen. Dies impliziert: das Deutschen, dieses Verb einfach synonym zu
Lesen vollzieht sich in einer spezifischen „Verstehen“ verwendet wird, zum Beispiel,
Form, die historisch geworden und dem wenn jemand sagt: „man kann diesen Text
Wechsel unterworfen ist und die man als Ein- auch sozialkritisch lesen“ oder einfach „man
zelner gelernt haben muß. Dieses Lernen ist kann das Buch auch so lesen“ (was übrigens
dabei in einem doppelten Sinne zu nehmen: irreal ist — in Wirklichkeit laufen beim Lesen
einmal geht es um die schiere Technik des mehrere „Verständnisse“ nebeneinander her).
Entzifferns, die man mehr oder weniger früh Auch würde man die Frage „Lesen Sie Rus-
erwirbt (in Deutschland später, in aller Regel, sisch?“ schwerlich als in dem Sinne gemeint
als in den romanischen Ländern), dann um verstehen, daß es hier lediglich um die laut-
das Lernen des Lesens in einem inhaltlicheren, liche Entzifferung der kyrillischen Alphabet-
quantitativ und qualitativ spezifizierten Sinn. Zeichen ginge. Ein bemerkenswertes bibli-
Goethe: „Die guten Leutchen wissen nicht, sches Beispiel: die Erzählung von jenem
was es einem für Zeit und Mühe gekostet, um Äthiopier, einem hohen Beamten, dem „Käm-
lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu merer aus dem Mohrenland“, wie er bei Lu-
gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, ther heißt, den der Apostel Philippus lesend
daß ich am Ziel wäre“ (Gedenkausgabe der antrifft (Apostelgeschichte 8, 2 8—35): „Er
Werke, Briefe und Gespräche, ed. Beutler, saß auf seinem Wagen und las den Propheten
Zürich, 1949, 24, 709). Jesaja. Und der Geist sagte zu Philippus: Geh
Gegenstand des Lesens, sodann, ist etwas und folge diesem Wagen! Philippus lief hin
Geschriebenes. Man verwendet „lesen“ zwar und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da
auch im Blick auf anderes als Geschriebenes; sagte er: Verstehst du auch, was du liest? Jener
aber diese Verwendung ist nur metaphorisch: antwortete: Wie könnte ich es, wenn mich
„In deinen Augen hab ich einst gelesen, / Es niemand anleitet?“. Und nun erklärt Philip-
5.  Geschichte des Lesens 67

pus die fragliche Stelle, legt sie aus, sagt dem mit nicht genug. Die Situation zeigt sich
Äthiopier, wer hier gemeint ist. Wichtig schließlich als noch komplexer: das „Meinen“
hieran ist für uns dies: einerseits liest der eines Texts und sein „Verstehen“ können ja
Äthiopier bereits, er versteht irgendetwas, auch in einem weiteren und nun gleichsam
versteht insoweit den Text. Er muß aber noch o b j e k t i ve n Sinne genommen werden: ein
zum r i ch t i ge n Verstehen gebracht werden. Text kann objektiv, t a t s ä ch l i ch etwas sagen,
Prinzipiell ist das Verstehen unabschließbar. das in der Intention (in deren bewußten und
Das heißt: es gibt natürlich Äußerungen, die unbewußten Elementen) beim Autor mitnich-
abschließbar, ohne irgendeine Offenheit ver- ten war. „Objektiv“ kann hier aber nur mei-
stehbar sind, aber prinzipiell ist bei jeder nen „unabhängig vom Autor“, denn jedes
Äußerung mit solcher Unabschließbarkeit zu Meinen und Verstehen ist an ein Subjekt ge-
rechnen. bunden: es gibt beide nur innerhalb von Sub-
Wir stoßen also hier auf das äußerst jektivität.
schwierige Problem des Verstehens, das sich All dies kann und muß Lesen involvieren.
bei Geschriebenem sehr anders als beim Ge- Also wirklich nichts Einfaches ... Karl Vossler
sprochenen stellt, schon weil man in aller Re- sagt einmal pathetisch: „Ein ähnliches Gefühl
gel nicht zurückfragen kann „Wie meinst du beschleicht uns, wenn von den Galerien einer
das?“ (nämlich dann, wenn der Autor nicht großen Bibliothek vieltausend Bände auf uns
oder — als Verstorbener — definitiv nicht niederblicken, von denen jeder doch ein Ge-
mehr greifbar ist). Verstehen heißt hier: Re- schöpf eines ringenden, sich abarbeitenden
konstruktion dessen, was dem Autor als Mei- Menschen ist, der angehört und verstanden
nung vorschwebte, bevor und während er und durch uns, die wir lebendig sind, erlöst
schrieb. Es geht um seine Intention. Verstehen sein möchte aus seinen toten Papieren und
ist hier wirklich ein Zwischen-Lesen, inter- Buchstaben und wieder aufleben mit s e i n e r
legere , bildlich geredet: die zu ermittelnde In- in m e i n e r Seele“ (Die Universität als Bil-
tention ist hier gerade nicht im materiell Er- dungsstätte, Vortrag, 15. 12 . 192 2 , München
scheinenden, sondern in dem, was z w i s ch e n 192 3, 3). Wer liest, in der Tat, bietet sein
ihm ist. Sie ist gleichsam im Leeren; man liest lebendes Bewußtsein (es gibt nur lebendes Be-
immer „zwischen den Zeilen“. Jene Intention wußtsein) dem toten Geschriebenen an, auf
kann in eine Reihe von Elementen auseinan- daß es sich in ihm erneut realisiere. Was ist
dergefaltet werden, denn sie ist in der Tat ein Text, den niemand liest? Er ist doch ei-
zusammengesetzt: da ist einmal die Intention gentlich bloß etwas Materielles. Lesen ist im-
im Sinne der Bühlerschen Aufteilung in „Dar- mer Rekonstruktion, geradezu: Wiederaufer-
stellung“, „Ausdruck“ und „Appell“. Hinzu- stehung — und durchaus von Totem.
kommen aber zumindest zwei weitere Inten- Wichtig ist demnach, daß Lesen einerseits
tionselemente: der Text fügt sich ein (oder Verstehen impliziert, andererseits aber ein an-
w i l l dies) in eine bestimmte Diskurstradition, satzweises Verstehen schon genügt. Man kann
er will, formal und inhaltlich, einen bestimm- etwa sagen: ich habe es gelesen, aber nicht
ten vorgegebenen Texttyp realisieren oder ab- richtig, nicht ganz, gar nicht verstanden. Selbst
wandeln (was auch eine Realisierung ist). So- aber wenn wir sagen gar nicht meinen wir,
dann kann der Text bestimmte andere Texte daß wir doch etwas verstanden haben, etwa
als Vorbild haben: das Phänomen, also, das — ungefähr — worum es geht. Dies entspricht
man mit dem von Kristeva eingeführten Ter- dem alltagssprachlichen Gebrauch von „le-
minus „Intertextualität“ zu fassen sucht; be- sen“. Für die wissenschaftliche Verwendung,
stimmte Texte können als Vorbilder fungie- jedenfalls für unseren Zweck, haben wir je-
ren, als positive oder „negative“ Vorbilder doch ein Interesse, zwei Arten von Lesen zu
(mein Text soll so sein wie der Text A ..., unterscheiden: erstens ein Lesen mit Verständ-
oder: so wie der Text A soll meiner gerade nis zumindest in jenem ansatzweisen Sinne,
auf keinen Fall sein), und es gibt natürlich also ein gleichsam s e m a n t i s c h e s Lesen (Le-
noch andere intertextuelle Gegebenheiten. sen 1), zweitens ein Lesen im Sinne der puren
Dies alles, die drei Bühlerschen und die beiden Fähigkeit zu vokalisieren, der Fähigkeit, das
anderen Intentionen, läßt sich unter „Inten- Geschriebene zu Gehör zu bringen, ein bloß
tion“ insgesamt subsumieren. Intention ist, l a u t l i c h e s Lesen (Lesen 2). Wenn es um eine
was ein Text „meint“. Die Komplexität ver- Fremdsprache geht, ist das Lesen im letzteren
größert sich nun aber dadurch erheblich, daß Sinne bereits eine nicht unbeträchtliche Fer-
zu den bewußten Elementen unbewußte Ele- tigkeit: jemand kann etwas mehr oder weniger
mente in aller Regel hinzukommen. Aber da- lautkorrekt vorlesen; er kann es lesen in einem
68 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

phonetischen Sinne, wenn er es unter Um- buchs herauszuheben: ein Buch dient zur Ein-
ständen auch gar nicht — nicht einmal in führung in eine wissenschaftliche Disziplin.
dem zuvor vorausgesetzten ansatzweisen Wissenschaftliche Lektüre hat den Charakter
Sinne — versteht. Was wir „Lesen 1“ nennen, der Arbeit, obgleich auch hier das Element
kann sich ausbilden zu einer regelrechten Unterhaltung keineswegs zu fehlen braucht;
Kunst im Sinne literarischen oder wissen- die Elemente Vergnügen und geistige Berei-
schaftlichen oder lebenstechnischen Umgangs cherung fehlen ohnehin nicht. Bei den soge-
mit Geschriebenem. „Umgang“ — in der Tat nannten Sachbüchern geht es um die Ver-
kann man mit Geschriebenem, mit Büchern mittlung von Wissen nach außen, wobei —
„umgehen“ beinahe wie mit einem Menschen sehr oft übersehen — zu beachten ist, daß
... Und das g u t e Lesen hat einen quantita- auch gerade der Wissenschaftler zu diesem
tiven, vor allem aber auch einen qualitativen „außen“ gehört, wenn nämlich die entspre-
Aspekt: der gute Leser liest erstens nicht we- chende Materie nicht die seines Faches ist: so
nig, zweitens (in verschiedener Weise) Gutes, dienen auch solche Bücher für „Außenste-
drittens liest er Gutes gut, in angemessener hende“ nicht selten wissenschaftlichem Aus-
Weise, und viertens bedarf er, besonders beim tausch. Austausch ist übrigens auch für die
wissenschaftlichen Lesen, eines gesunden, „schöne“ Literatur von Bedeutung, freilich in
streng auswählenden Egoismus, um zu dem ganz anderer Weise (der genannte Begriff der
zu kommen, was er in den jeweiligen Zusam- „Intertextualität“ gehört hierher). Dann kann
menhängen, die ihn beschäftigen, braucht es um Schriften gehen, die eine Fertigkeit
(hierüber Weinrich 1984). Eine schöne Be- wissenschaftlicher oder außerwissenschaftli-
stimmung des Lesens — im Sinne eines Ge- cher Art zu vermitteln suchen, also nicht ein
sprächs — findet sich bei Descartes: „la lec- Wissen theoretischer Art, sondern ein Kön-
ture de tous les bon livres est comme une nen, ein knowing how, nicht ein knowing that.
conversation avec les plus honnêtes gens des Schließlich gibt es Schriften, die der religiösen
siècles passés, qui en ont été les auteurs, et Erbauung oder Erweckung oder — allgemei-
même une conversation étudiée, en laquelle ner — spirituell religiöser Anleitung dienen.
ils ne nous découvrent que les meilleures de Sie sind, wie immer geartet, gegenüber der
leurs pensées“ (Discours de la méthode, Er- „schönen“ und der wissenschaftlichen Lite-
ster Teil). ratur eindeutig etwas verschiedenes Drittes,
obwohl sie sich oft wissenschaftlich oder ge-
radezu a l s Wissenschaft geben.
2. Fragen, die zu stellen sind Dem Kriterium “ wo ?“ mag hier geringere
Die Geschichte des Lesens kann verfolgt wer- Bedeutung zukommen; es spielt aber seine
den nach dem bekannten, als Hexameter Rolle: lesen zu Hause, auf Reisen, im Freien,
skandierten Frageraster: quis? quid? ubi? qui- in einer Bibliothek. Immerhin setzt intensives
bus auxiliis? cur? quomodo? quando? Lesen Stille voraus, wird jedenfalls durch
Also zunächst: we r liest? Was sind dies Stille stark gefördert, weil diese jene Abkehr
jeweils für Menschen, die lesen? Zwei äußer- von der Außenwelt und den Rückzug auf das
liche Voraussetzungen müssen ja zusammen- eigentümliche Gespräch mit dem zugleich re-
kommen: man muß lesen können (lesen 1) denden und doch stummen Autor — ein Ge-
und muß über Geschriebenes verfügen. Bei- spräch im Lesenden selbst — erleichtert.
des, besonders das letztere, hängt auch mit Diese Abkehr gehört zum Lesen, weshalb es
Wohlstand zusammen; es gilt weit mehr als eine Unhöflichkeit ist oder sein kann zu lesen,
für heute für frühere Zeiten. wenn ein Anwesender mit einem reden will.
Dann: wa s wird gelesen? Hier nun sind die Stille, also, als fördernde, wenngleich keines-
Arten des Geschriebenen zu unterscheiden. Es wegs notwendige Voraussetzung des Lesens.
gibt „schöne“ Literatur, die gelesen wird zur Bei der Frage “ m i t we l ch e n M i t t e l n ?“
Unterhaltung und zur (wie immer gearteten) geht es um die Art der Vervielfältigung und
geistigen Bereicherung, dann wissenschaft- der Verbreitung (Verlage, Vertrieb, Bibliothe-
liche Literatur, die dem Austausch der Wis- ken).
senschaftler und Gelehrten untereinander Die Frage “ wa r u m ?“ hängt mit den Arten
dient (und der geistigen Bereicherung natür- des Geschriebenen zusammen. Bereits Francis
lich auch). Da Wissenschaft ein kollektiv Bacon unterscheidet, einigermaßen vollstän-
kommunikatives Unternehmen ist, ist Aus- dig, drei Gründe, die einen zum Lesen brin-
tausch hier essentiell — geradezu condicio sine gen: die Suche nach delight, nach ornament
qua non. Hier ist der besondere Fall des Lehr- und nach ability, wobei die „innere Bereiche-
5.  Geschichte des Lesens 69

rung“ unter ornament subsumiert werden scheint. Auch dies gehört zu den materiellen
kann. Man liest also, weil es Vergnügen be- Bedingungen (→ Art. 8). Schicken wir, was
reitet, dann um sich geistig zu bereichern, hier zu sagen ist, voraus! Was wir zunächst
oder endlich um eine Fertigkeit zu erwerben. antreffen, sind Papyrusrollen. Sie wurden ge-
Bemerkenswert, daß hier die für unsere Le- fertigt aus dem Mark der Stengel der Papy-
sekultur so kennzeichnende Aufspaltung in russtaude, Cyperus Papyrus, und bestanden
„schöne Literatur“ einerseits, „wissenschaft- aus zusammengeklebten Blättern. Die Rollen
liche Literatur“ und „Sachbücher“ anderer- waren in der Regel fünf bis zehn Meter lang
seits noch kaum angelegt ist. und fünfundzwanzig bis dreißig Zentimeter
Was nun das “ W i e “ des Lesens angeht, so breit; sie wurden abgewickelt von rechts nach
ist zu unterscheiden einmal das individuelle links, und der Text war in Kolumnen ge-
Lesen und das kollektive, welch letzteres in schrieben. Eine solche Rolle konnte man also
der Weise geschieht, daß einer einem anderen schon rein materiell nicht so lesen wie ein
oder vielen anderen vorliest, wobei unter Buch: „Unsere Haltung, auf einem Stuhl vor
Umständen das Lesen zu zweit wiederum einem Tisch zu sitzen und darauf zu lesen,
spezifisch ist. Sodann ist zu unterscheiden war der Antike unbekannt“ (Schön 1987, 31).
ein lautes Lesen, das vom Lauten bis zum Der Papyrus blieb bis ins 9. Jahrhundert
gerade noch Vernehmbaren, schließlich zur n. Chr. im Gebrauch, wurde aber ab 2 00
stummen, aber sichtbaren Bewegung der Ar- n. Chr. mehr und mehr durch das Pergament
tikulationsorgane gehen kann (entscheidend verdrängt. Hier handelte es sich um Blätter
ist also die Artikulation) und ein stummes, aus ungegerbter, geglätteter Tierhaut. Natür-
nicht mehr artikuliertes, „subvokales“ Lesen. lich waren sie ungleich dauerhafter als der
Schließlich ein langsames und ein schnelles, Papyrus, und vor allem wurde nun das Buch,
sich unter Zeitdruck setzendes, ein „diago- der Kodex, ermöglicht, wenngleich es hier
nales“, nämlich Einschlägiges oder in anderer meist — durchaus nicht immer — um ein
Weise Wichtiges s u ch e n d e s Lesen, welch großes, also relativ unhandliches Format
letzteres eine spezifische Fertigkeit darstellt ging; es gab nämlich früh auch kleinere For-
(hierüber Weinrich 1984). Verfolgen wir das mate, so daß sich hier, wiederum rein vom
Lesen mit diesen Kriterien durch die Ge- Materiellen her, das Lesen veränderte.
schichte! Zwischen dem 12 . und dem 14. Jahrhun-
Seit wa n n wird gelesen? Auch diese Frage dert endlich breitete das Papier sich aus. Die
ist nicht so leicht zu beantworten, wie es zu- Erfindung geht auf China zurück (100
nächst scheint. Natürlich koinzidiert der Be- n. Chr.), sie gelangte von dort in den arabi-
ginn eigentlichen Lesens mit dem Beginn ei- schen Kulturkreis und auf diesem Weg nach
gentlichen Schreibens. Hier haben wir nun Spanien; von dort aus breitete sie sich über-
zwei Einsätze: Sumer 3300 v. Chr. und Ägyp- allhin aus. Papier wurde aus Lumpen herge-
ten 3000 v. Chr. (→ Art. 4). Es ist jedoch zu stellt, erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts
beachten, daß es bildartige Darstellungen von gelang die Herstellung aus Holz. Das leere,
Gegenständen und Sachverhalten schon viel, dem Schreiben dienende, dann das beschrie-
viel früher gab. Wir müssen da bis 35 000 bene oder bedruckte Papier wurde zu dem,
v. Chr. zurückgehen. Hier ist in der Tat eine was es bis heute, wenngleich mit Einbrüchen,
Art von „visuellem Denken“ vorauszusetzen ist: das grundlegende Kulturmittel. Man muß
(Ludwig), das j a übrigens auch die „archai- sich die materiellen Bedingungen des Lesens
sche Ausdrucksweise“ (Freud) des „manife- insgesamt klarmachen, weil sie das Wie des
sten“ Traums bestimmt. Auch diese Darstel- Lesens mitbedingen (hoher Preis, Unhand-
lungen mußten in gewissem Sinn durchaus lichkeit, Lesestäbe, Lesepulte, Vorrichtungen
„gelesen“ werden. Doch steht an dieser Stelle anderer Art).
nur das Lesen zur Debatte, das dem eigent- Hinzu kam um 1400 der Holzschnitt, um
lichen Schreiben entspricht, wenngleich die 1450 der Kupferstich, also zeitgleich mit der
Koppelung keineswegs so eng ist, wie man Erfindung des Buchdrucks (Vervielfältigung
von heute aus schließen möchte. mit Hilfe beweglicher Lettern aus Metall)
durch Johann Gutenberg oder Gensfleisch.
Mit Recht hebt Schön hervor, daß diese Er-
3. Materielle Voraussetzungen findung „im historischen Moment nicht jenes
umwälzende technische Faktum war, welches
Die Art des Lesens ist auch mitbedingt durch revolutionäre Veränderungen des Buchwesens
das Material (und seine Aufbereitung), auf verursachte und mit einem Schlage eine Buch-
dem das Geschriebene (oder Gedruckte) er-
70 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

und Lesekultur erschuf, als das sie von geläu- schen diesen Kulturen und der sogenannten
figen Vorstellungen gern gesehen wird“. Al- abendländischen. Doch bereitet es bei jenen
lerdings: „Möglich wurden nun gleichförmige Kulturen noch ungleich größere Schwierig-
Editionen nach den Bedürfnissen der Gelehr- keiten, sie von außen her nachzuvollziehen,
ten, ohne die bisherige Unzuverlässigkeit der sich in sie einzuleben, weil hierfür — für uns
Abschreiber, schnellere, zahlreichere und da- — entscheidende Voraussetzungen fehlen. Es
mit bald auch billigere Ausgaben ...“ (Schön ist für die früheren Zeiten abendländischer
1987, 35 f). Daß die Erfindung des Buch- Lesekultur schon schwer genug. Im übrigen
drucks so bedeutsam nicht war, ist nunmehr gibt es hier keine Kontinuität; für Amerika
so oft gesagt worden, daß es wichtig wird zu gilt es ohnehin, es gilt aber auch für Ostasien;
betonen, daß sie trotz allem keineswegs un- im Falle Ägyptens mag es sich anders ver-
erheblich war. Nur muß man dies sehen: halten. Für Europa darf und muß gesagt wer-
große geistige Erneuerungen machten zu frü- den, daß auch hier das Neue in Griechenland
heren Zeiten auch ohne dieses Mittel rasch beginnt. Wobei freilich dies Neue aus dem
ihren Weg. Es ist also verfehlt, etwa den „Er- Vorderen Orient stammt. Schreiben und Le-
folg“ der Reformation durch den Buchdruck sen kamen im 8. Jahrhundert v. Chr. nach
mitzuerklären, ganz abgesehen davon, daß Griechenland aus Phönizien; die Buchstaben
dies Mittel ja auch der anderen Seite zur Ver- hießen einige Zeit hindurch, in Griechenland,
fügung stand und auch von dieser bald ge- „die phönikischen“ (Zeichen). Unsere Skizze
braucht wurde. Weitere wichtige Stationen ist zudem, auch innerhalb Europas, auf die
sind: Flachdruck (Lithographie), um 1800, „großen“ Sprachräume hin orientiert; anders
die mechanische Papierherstellung, ebenfalls sieht es vielfach bei den „kleineren“ Sprachen
um 1800, nur wenig später die Zylinder- aus, dem Rumänischen etwa oder auch, wie-
druckmaschine („Schnellpresse“), die Setz- der nur als Beispiel, dem Galegischen in
maschine (1872 ), die es ermöglichte, sieben- Nordwestspanien.
tausend Buchstaben pro Stunde zu setzen (mit Wir unterscheiden, im Raum der Zeit, ins-
der Hand bis dahin ungefähr zweitausend), gesamt sechs verschiedene Lesekulturen. Er-
dann, ebenfalls 1872 , die Rotationsmaschine, stens die vorhellenistische Lesekultur, die bis
die bis zu vierundzwanzigtausend Abdrucke 400 v. Chr. dauerte. Zweitens die hellenistisch-
pro Stunde ermöglichte (in den Vereinigten römische Lesekultur von 400 v. Chr. bis 500
Staaten gab es sie schon zehn Jahre früher), n. Chr.; sie ist die längste und dauerte über
schließlich die Falzmaschine (1890, alle diese tausend Jahre. Drittens die frühmittelalterli-
Angaben nach Schön 1987, 51 f). Insgesamt: che Lesekultur von 800—1150; es ist da also,
das Materielle ist auch hier wichtig, es sollte zwischen der zweiten und dritten Lesekultur,
aber, auch hier, in seiner Bedeutung, seinem eine undeutliche Lücke von rund dreihundert
Gewicht für das Geistige nicht überschätzt Jahren. Der frühmittelalterlichen schließt sich
werden. Man kann ja in gewissem Sinne auch viertens die kurze hoch- und spätmittelalter-
jeweils umgekehrt sagen: diese Erfindungen liche Lesekultur an, die um 1300 endet. Fünf-
wurden gemacht und ins Werk gesetzt, weil tens die frühneuzeitliche Lesekultur von 1300
sie „geistig“ gebraucht wurden. bis 1800. Schließlich, sechstens, die moderne
Lesekultur, die im 18. Jahrhundert beginnt
und sich von da an nur noch ausweitet und
4. Sechs Lesekulturen intensiviert mit einem Einbruch oder sich ab-
Wenn wir die komplexe Geschichte des Lesens zeichnenden oder zu vermutenden Umbruch
durchlaufen, ist es sinnvoll, zumindest sechs in unseren Jahrzehnten. Dies gilt es nun, im
verschiedene Lesekulturen zu unterscheiden. Einzelnen, wenngleich skizzenhaft, auszufüh-
Sie gehören in verschiedene Kulturwelten, ren.
verschiedene kulturelle Zusammenhänge, die
sich in vieler Hinsicht voneinander unter-
scheiden, wobei aber ein jeweils spezifischer 5. Vorhellenistische Lesekultur
Stellenwert d e s L e s e n s gerade konstituie- Die vorhellenistische Lesekultur umfaßt die
rend beiträgt zur Verschiedenheit jener Kul- hohe Zeit des Griechentums. Insofern ist die
turwelten. Gewiß ist übrigens unsere Skizze relative und gleichsam negative Kennzeich-
eurozentrisch. Eine Geschichte des Lesens nung „vorhellenistisch“ leicht irreführend.
müßte auch Altamerika und Ostasien, auch Doch gilt es, sich zu verständigen. Erst die
etwa Ägypten, miteinbeziehen (→ Kap. IV). hellenistische Kultur brachte nämlich eine
Es gibt sicher auch Gemeinsamkeiten zwi- wirkliche Entfaltung des Lesens. Für die vor-
5.  Geschichte des Lesens 71

hellenistische Zeit war die Bedeutung des Le- aus. Schrift- und Sprachskepsis treten im Ju-
sens gering. Das eigentliche Mittel der Bil- dentum wie auch im Christentum erst nach-
dung war da keineswegs das Lesen, sondern biblisch, etwa in der jüdischen und christli-
der Vortrag, öffentlich oder nicht, vor einem chen Mystik, auf. Das Vertrauen in das Auf-
mehr oder weniger großen (oder kleinen) geschriebene erscheint besonders eindrucks-
Kreis; auch das Einzelgespräch spielte eine voll in einer im Alten Testament im 2 . Buch
erhebliche Rolle. Funktion des Lesens war Könige 2 2 berichteten Episode: hier wird er-
vorwiegend, dem Memorieren Hilfe zu bieten. zählt von der Auffindung des Gesetzbuches
Der aufgeschriebene Text war Hilfsmittel für unter König Joschija anläßlich von Repara-
das Memorieren, dem größte Bedeutung zu- turen am Tempel. Der Hohepriester Hilkija
kam. Zwar veränderte sich die Kultur grund- findet das Gesetzbuch, übergibt es dem
legend durch die Anwesenheit der Schrift, sie Staatsschreiber Schafan, der es dem König
blieb jedoch wesentlich mündlich. Hierzu ge- vorliest. Dieser zerreißt, nachdem er es gehört
hört, daß die Literatur jener Welt keineswegs hat, seine Kleider und weint: „Der Zorn des
zum Lesen gedacht, sondern zum freien, nicht Herrn muß heftig gegen uns entbrannt sein,
manuskriptgestützten Vortrag. weil unsere Väter auf die Worte dieses Buches
Überaus bemerkenswert ist in diesem Zu- nicht gehört und weil sie nicht getan haben,
sammenhang auch die Schrift- und also Lese- was in ihm niedergeschrieben ist“. Gerade
skepsis des klassischen Griechentums, wie sie wenn, wie zu vermuten, diese Episode spätere
insbesondere bei Platon hervortritt. Im „Phai- Konstruktion ist, ist sie für unseren Zusam-
dros“ läßt Platon den Sokrates seine Ein- menhang lehrreich: sie zeigt die außerordent-
wände gegen die Schriftlichkeit darlegen liche Bedeutsamkeit, die der schriftlichen Auf-
(2 74 c—2 77 a): Schrift führe zu einer Schwä- bewahrung und der durch diese gewährleiste-
chung des Gedächtnisses, und zwar eben weil ten genauen Reproduzierbarkeit zugemessen
sie das Gedächtnis „stütze“; gerade die wird. Ein aufgeschriebenes Gesetz ist ein stän-
Stützung des Gedächtnisses führe zu seiner dig bereitliegender Maßstab für das Verhalten
Schwächung; wirkliche Belehrung sei nur und seine Beurteilung (→ Art. 46). Zu erin-
dialogisch möglich, wenn also der Belehrte nern ist hier namentlich auch daran, daß es
und der Lehrende zurückfragen können, bis Jahwe selbst ist, der den Dekalog auf die
der Belehrte weiß, daß er richtig verstanden beiden doppelseitig beschriebenen Tafeln
hat, und der Lehrende, daß er richtig ver- schreibt: „Die Tafeln hatte Gott selbst ge-
standen wurde; das Geschriebene hingegen macht, und die Schrift, die auf den Tafeln
zeichne sich durch irritierende, dialogfremde eingegraben war, war Gottes Schrift“ (Exodus
„Stummheit“ aus, es wiederhole gleichsam 32 ). Die weitergehenden Weisungen schreibt
nur immer sich selbst; zudem gerate das Ge- dann Mose auf, übergibt das Aufgeschriebene
schriebene — dies ist für Platon überaus wich- zur sicheren Verwahrung den Leviten, ordnet
tig — leicht in Hände, für die es nicht gedacht zusätzlich an, daß das Aufgeschriebene alle
war, in die Hände von Köpfen, die es nicht sieben Jahre bei der Zusammenkunft im
verstehen können oder es falsch verstehen Laubhüttenfest „laut vorgetragen“ werde,
müssen, was auf dasselbe hinausläuft; auf schließlich soll die Weisung auswendig gelernt
diese Weise komme kein wirkliches, „philo- werden. Also: eine Sicherung erstens durch
sophisches“ Wissen, sondern bloßes Schein- schriftliche Niederlegung, zweitens durch si-
wissen und Blendwerk zustande. Alle diese chere Aufbewahrung des Geschriebenen, drit-
Einwände gegen das Geschriebene gelten ei- tens durch lauten mündlichen Vortrag — das
gentlich d e m L e s e n, denn man schreibt für Geschriebene muß immer wieder vermünd-
das Lesen; sie meinen es immer mit. Im übri- licht werden —, schließlich, viertens, die Si-
gen verbindet sich bei Platon Schriftskepsis cherung durch Auswendiglernen (Deutero-
mit Sprachskepsis überhaupt; was für die nomium 31). Interessant ist hier das Neben-
Sprache überhaupt gilt, ein unzuverlässiges, einander, die Verschränkung von Mündlich-
vielfach trügerisches Mittel, gilt für das Ge- keit und Schriftlichkeit. Es geht um Münd-
schriebene erst recht (→ Art. 51). lichkeit, aber um eine schriftgestützte, immer
Hier ist nun hinzuweisen auf einen bemer- wieder auf die Schrift rekurrierende, eine le-
kenswerten Unterschied zur biblischen Welt. sende Mündlichkeit. Die griechische Welt
Altes und Neues Testament zeichnen sich ge- kennt solchen Buchrekurs nicht. Natürlich
genüber der griechischen Welt in gleicher hängt dieser Buchrekurs der biblischen Welt
Weise durch ein ungebrochenes Vertrauen so- mit der außerordentlichen Bedeutung des Ge-
wohl in die Sprache als auch in die Schrift schichtlichen zusammen, die dem Griechen-
72 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

tum ebenfalls fremd ist: der „eminente Ge- Mund aufgenommen und vom Leser für das
schichtsbezug“ (Gerhard Ebeling, vgl. Rudolf eigene Ohr wiedergegeben wird. Die Seite
Smend, Zur ältesten Geschichte Israels, Ge- wird durch das Lesen buchstäblich einver-
sammelte Studien, Band 2 ), der dem Juden- leibt“ (Illich 1987). Gerade die berühmte
tum eignet und den das Christentum fortsetzt Stelle Augustins über Ambrosius (Confessio-
in anderer, radikalisierter Weise. Noch auf der nes VI, 3), in der mit Erstaunen hervorgeho-
letzten Seite des Neuen Testaments definiert ben wird, daß Ambrosius las, ohne daß man
sich Gott selbst alphabetisch: „ich bin das irgendetwas vernahm und ohne daß er auch
Alpha und das Omega, der Erste und der nur die Zunge bewegte ( vox autem et lingua
letzte, der Anfang und das Ende“ (Offenba- quiescebant ) zeigt, daß dies eine Ausnahme
rung 2 2 , 13), was heißt: alles, ohne Ausnahme war. Gleichwohl mag man sich fragen, ob
alles, kann gesagt und a u f ge s ch r i e b e n wer- solche Ausnahmen nicht doch häufiger und
den. „normaler“ waren. Es ist für uns kaum nach-
vollziehbar, daß diese Mitartikulation so sel-
ten unterblieben sein soll. Illich erklärt den
6. Hellenistisch-römische Lesekultur Sachverhalt so: „Auf Wachstäfelchen, Papy-
Die hellenistisch-römische Lesekultur, die 400 rus und Pergament war jede Zeile eine un-
v. Chr. beginnt, ist gekennzeichnet durch eine unterbrochene Folge von Buchstaben. Es gab
erhebliche Zunahme individuellen Lesens, das kaum eine andere Möglichkeit zu lesen, als
zunächst kaum anderes als bloßer Ersatz war die Zeilen laut aufzusagen und zu horchen,
für fehlende Mündlichkeit, also einen nicht ob sie einen Sinn ergaben“ (Illich 1992 , 119).
möglichen Vortrag. Das individuelle Lesen Natürlich stellt sich da die Frage: warum aber
wird nun zum eigentlichen Bildungsmittel. hat man dann gerade so geschrieben? Unbe-
Wir gelangen zu einer „Lesekultur des einzel- streitbar ist jedoch, daß individuelles Lesen
nen Lesers“ (Schön 1987, 31), doch behält in aller Regel und wesentlich artikuliertes Le-
das Vorlesen außerordentliche Bedeutung; sen war. Hinzukommt die klassische Vorle-
dasselbe gilt für den Vortrag von Memorier- sesituation: „Selig, wer diese prophetischen
tem. Gerade dieses individuelle Lesen wird Worte vorliest (das heißt: auch sich selbst)
nun auch zum Gegenstand von Kritik und und wer sie hört“, „Μακάριος ὁ άναγινώσ-
expliziter Anleitung. Das Problem freien Le- κον καὶ οἱ άκούοντες τους λόγους τῆς προ-
sens und die Notwendigkeit, dieses zu regeln, ϕητείς“, Offenbarung, 1,3). Was für den Hel-
zu disziplinieren, werden gesehen. Erst vom lenismus gilt, gilt für das republikanische und
5. vorchristlichen Jahrhundert an gibt es auch insbesondere kaiserliche Rom, weil es sich
vermehrt Bücher. Eines ist aber hervorzuhe- hier um eine Fortsetzung, wenngleich mit Ab-
ben: das Lesen erfolgte mehr oder weniger wandlungen, des Hellenismus handelte. Wer
hörbar l a u t , man artikulierte mit. In der zu- las in der römischen Welt? Voraussetzungen
vor herangezogenen Stelle aus der Apostel- waren für Lektüre als Mußetätigkeit Wohl-
geschichte, die etwa in die zeitliche Mitte die- stand und Bildung. Es lasen somit gebildete
ser Lesekultur fällt, tritt dies klar hervor: Phi- Adlige oder andere Gebildete, die auf ande-
rem Weg am Wohlstand partizipierten. So-
lippus h ö r t e , wie der Äthiopier den Jesaja gleich ist hier auf die bedeutsame Rolle der
las („ἤκουσεν αὐτοῦ άναγινώσκοντος ’Ἠσαίαν Frauen hinzuweisen. Leser sind von früh an
τον προϕήτην“, “ audivit eum legentem Isaiam und durch die Jahrhunderte hindurch we-
prophetam “). Die Rede ist hier traditionell
von den „Stimmen der Buchseiten“, „voces sentlich Leserinnen. Es lasen aber auch Skla-
paginarum“. Illich hat den Tatbestand gera- ven und Freigelassene, die auf spezifisch ver-
dezu sinnlich (vielleicht ein wenig überzogen, mittelte Weise am Wohlstand teilhatten.
aber gewiß eindrucksvoll und in die richtige Schön geht so weit, im Blick auf die römische
Richtung gehend) dargelegt: „In einer an- Kaiserzeit, was das Lesen angeht, von einer
derthalb Jahrtausende langen Tradition geben „Alltagskompetenz“ zu reden (Schön 1987,
die sich bewegenden Lippen und die Zunge 32 ). Was das quibus auxiliis? betrifft, ist hin-
die klingenden Seiten als Echo wieder. Die zuweisen auf die Verbreitung von Geschrie-
Ohren des Lesers sind aufmerksam und mü- benem durch Schreibstuben, auch auf eine
hen sich ab, das aufzufangen, was sein Mund Art von Buchhandel: Werke, die als interes-
äußert. So wird die Buchstabenfolge unmit- sant galten, fanden auf diesem Weg eine den
telbar in Körperbewegungen umgewandelt, damaligen Gegebenheiten entsprechend r a -
und sie strukturiert die Nervenimpulse. Die s ch e Verbreitung im Imperium. Es gab auch
Zeilen sind wie eine Tonspur, die mit dem öffentliche Bibliotheken, zum Teil von den
5.  Geschichte des Lesens 73

Kaisern eingerichtet, zum Teil auch durch Pri- sprache in Schriftlichkeit zu verzeichnen, na-
vatpersonen. Natürlich blieb aber Geschrie- mentlich im altenglischen Bereich, wo sie sich
benes in dieser ganzen Zeit eine erhebliche erheblich früher finden als anderswo; im ro-
Kostbarkeit. Auch dies ein materieller Beitrag manischen Bereich liegen sie im Französi-
zur Wertschätzung gerade auch des I n h a l t - schen früher als etwa im Italienischen. Illich
l i ch e n am Buch. Die hellenistisch-römische spricht von einer „Alleinherrschaft des La-
Lesekultur endete im 5. und 6. Jahrhundert. teins über die Buchstaben“. Beredt macht er
deutlich, was uns hieran überaus fremd ist:
„Wenn wir das Alphabet betrachten, sehen
7. Frühmittelalterliche Lesekultur wir in ihm ein Werkzeug, das der Aufzeich-
Die frühmittelalterliche Lesekultur ist gegen- nung sprachlicher Laute dient. Anderthalb
über der vorhergehenden stark reduziert, Jahrtausende lang war das einfach nicht so
nämlich auf die Klöster, auf die Mönche in ... Das Monopol des Lateinischen über sein
ihnen. Es handelt sich hier um das „monasti- Alphabet war so absolut, daß es nie als Er-
sche Lesen“ (Illich). Dieses Lesen kennzeich- gebnis eines ‘Tabus’ betrachtet und nie als
net die Zeit zwischen 800 und 1150; in der überraschende historische Anomalie einge-
Mitte des 12 . Jahrhunderts kam es zu einem schätzt worden ist. Diese Vernachlässigung
Umbruch, wobei dieser Umbruch — dies ist einer verfügbaren Technik ist genauso auffäl-
wichtig und kennzeichnend — keineswegs al- lig wie die Vernachlässigung des Rads in prä-
leine steht, sondern mit anderen Umbrüchen kolumbianischen Kulturen, in denen nur Göt-
im Sozialen und Geistigen zusammenhängt. ter und Spielsachen jemals auf einen Wagen
Gegenüber der vorhergehenden Lesekultur gesetzt wurden ... Im ausgedehnten und po-
haben wir in der frühmittelalterlichen eine litisch differenzierten Gebiet zwischen dem
Reduzierung sowohl der Lesenden als auch Schwarzen Meer und Spanien wurde das la-
des Lesestoffs, Reduktion also im quis? und teinische Alphabet nie dazu verwendet, das
im quid?. Eigentlich lesen nur Kleriker; sie niederzuschreiben, was die Leute redeten“ (Il-
haben ein Lesemonopol. Nur sie also lesen lich 1991). Also gab es davon, vom tatsächlich
(das französische clerc ist bis heute ein ele- dort Geredeten, auch so gut wie nichts zu
gantes Synonym zu intellectuel, so in dem lesen. Nur wenige, nämlich die Kleriker, sag-
berühmten Titel Julien Bendas La trahison ten wir, konnten lesen. Dies heißt nun aber
des clercs, 192 7), aber nicht einmal für alle — unter Voraussetzung jener Bindung ans
Geistlichen ist andererseits Lesefähigkeit ge- Lateinische — umgekehrt: wer lesen konnte,
sichert. Sodann reduziert sich der Lesestoff konnte auch Latein. So ist die berühmte
enorm: biblische Schriften, natürlich nur in Selbstkennzeichnung des alemannischen Rit-
enger Auswahl, insbesondere, von herausra- ters Hartmann von Aue zu verstehen: „ein
gender Bedeutung, die 150 Psalmen, also der ritter sô gelêret was / daz er an den buochen
„Psalter“ oder „Psalterium“, dann Heiligen- las / swaz er dar an geschriben vant ...“ Das
heißt: der Mann konnte Lateinisches lesen
legenden und Ähnliches. Freilich wird von der und zwar, offenbar, was immer er an in dieser
römischen Literatur doch einiges mitgenom- Sprache Geschriebenem antraf. Auch sehr
men: Ovid etwa oder das späte „De conso- hochgestellte Persönlichkeiten waren somit
latione philosophiae“ des Boethius (6. Jahr- Analphabeten, ko n n t e n es jedenfalls sein:
hundert), ein Werk, das für das Mittelalter zum Lesen und Schreiben (dies war die Auf-
und darüber hinaus besonders bedeutsam fassung) hatte man Leute, „Personal“. Wie-
war. derum eine gewisse Ausnahme bilden hier die
Etwas Spezifisches und für unsere Begriffe Frauen: „Den lateinischen Psalter lesen und
überaus Merkwürdiges ist die Bindung der beten zu können, war für sie Bildungsnorm“
Literalität an das Lateinische, also an eine (Schön 1987, 33). Natürlich handelte es sich
Sprache, die nicht oder kaum alltagssprach- da um a d l i ge Leserinnen.
lich (und dann in räumlich auch jeweils sehr Illich hält sich bei seiner Schilderung des
besonderer Weise) gesprochen wurde. Aber „monastischen Lesens“ exemplarisch an das
mehr noch: nicht nur wurden die Volksspra- „Didascalicon“ von Hugo von St. Victor, das
chen nicht oder kaum durch die Buchstaben gegen Ende der dritten Lesekultur, um 1130,
reproduziert, sondern nicht einmal das tat- geschrieben wurde. Zunächst wird hier deut-
sächlich gesprochene Latein: die Schriftlich- lich, daß es sich um ein intensives Lesen han-
keit blieb verbunden mit einer Form des La- delte, intensiv freilich nur in einem bestimm-
teinischen, die nicht mehr gesprochen wurde. ten Sinn: in dem einer spezifischen Aneig-
Gewiß sind einzelne Einbrüche der Volks-
74 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

nung. Hugo fordert ein eigentliches und stren- endend um 1300. Aus der „Partitur für
ges studium legendi. Das Lesen ist ihm der fromme Murmler wurde der optisch plan-
Anfang des Lernens, principium doctrinae. mäßig gebaute Text für logisch Denkende
Zunächst wieder das Memorieren, dann die ...“, wie Illich etwas weitgehend formuliert.
Klarlegung der historia, also wohl der Fabel, Ob nun „logisch denkend“ oder nicht, das
des plot ; die historia wird interpretiert nach Lesen wandelt sich: „Die Buchseite wurde von
dem Verfahren der analogia : Analoges ist zwi- einer Partitur zum Textträger umgestaltet“.
schen den berichteten oder erzählten Ereig- Dem „monastischen“ Lesen folgt das „scho-
nissen aufzudecken; dann geht es weiter zu lastische“. Dies heißt: es ergibt sich jetzt, was
anagogia, welche so etwas ist wie die „Ein- etwas Neues ist, einerseits ein gelehrtes Lesen,
verleibung“ des Lesers in die historia. Es folgt mit spezifischer Zielsetzung und Technik, an-
die cogitatio, von Illich als „konzeptuelle dererseits ein ungelehrtes Lesen, ein anderen
Analyse“ herausgestellt, schließlich die medi- Zwecken dienendes Lesen a u ß e r h a l b der
tatio, die eine gleichsam gesteigerte, intensi- Gelehrsamkeit. Es entstehen nunmehr zwei
vierte cogitatio ist. Hugo definiert die medi- verschiedene Lesekulturen innerhalb des Le-
tatio als eine cogitatio frequens cum consilio, sens, man könnte auch sagen: die neue Le-
also, wie Illich zutreffend übersetzt, „wohl- sekultur zeichnet sich durch solche Aufspal-
überlegtes und anhaltendes Nachdenken“. tung aus. Nun nämlich (es hängt mit der
Die meditatio, Ziel geistlichen Lebens, hebt Aufspaltung zusammen) geschieht dies Neue,
somit an, letzten Endes, mit dem Lesen. Dies daß die „Volkssprachen“ eintreten in die
zeigt dessen wahrhaft grundlegenden Charak- Schriftlichkeit, wobei „Volkssprache“ ein ir-
ter für diese Kultur. Wobei in der meditatio reführender Ausdruck ist, denn nun wird eben
das Lesen eine eigentümliche Freiheit ge- in breiter Front die Sprache geschrieben, die
winnt; es ist dann nur noch etwas wie ein tatsächlich — nicht allein vom „Volk“ — ge-
Anstoß, eine textgebundene, gleichsam, mit sprochen wird (bei allen Abstrichen, die hier
Freud zu sprechen, „freischwebende Auf- zu machen sind, weil das Geschriebene nie
merksamkeit“. genau dem Gesprochenen entspricht: das me-
Das Lesen erscheint monastisch in zwei- dial Differente hat „konzeptionelle“ Konse-
erlei Gestalt: einmal als ein sibi legere, „für quenzen, und das „Konzeptionelle“ ist ein
sich selbst lesen“, dann aber, im Unterschied Stück weit auch unabhängig vom Medialen;
dazu, als clara lectio, als lautes Lesen also für hierzu Koch & Oesterreicher 1985; → Art. 1;
die Ohren anderer. Zudem ist d i e s wichtig: 44). „Volkssprache“, vulgaris elocutio (Dantes
nach abgeschlossenem Lesen, sei dies nun in- Ausdruck in De vulgari eloquentia, „Über
dividuell oder kollektiv, setzt es sich fort Dichtung in der Volkssprache“, 1303/1304),
durch ein Murmeln, eine Art von Wieder- meint hier den Unterschied zum Latein, da-
käuen, wie es mehrfach beschrieben wird, und mals schlicht grammatica genannt. Die Lage
ruminatio ist auch das übliche Wort: „Wäh- war ja vorher die, daß überhaupt nur eine
rend der dunklen Stunden zwischen Mitter- Sprache geschrieben wurde, die man n i ch t
nachtsgebet und Morgendämmerung summt (jedenfalls nicht spontan, alltagssprachlich)
Johannes von Gorze (976 gest.) ‘wie eine sprach. Latein wird nun (freilich nur in die-
Biene die Psalmen, leise und ohne Unterbre- sem Sinn) eine Sprache neben anderen; sie
chung’ ( in morem apis psalmos tacito murmure bleibt in anderer Hinsicht gewiß privilegiert.
continuo revolvens ) (Illich 1991, 58); offenbar In Deutschland lernt man aber doch erst im
war er keine Ausnahme. Ein Text war für jene 16. Jahrhundert m i t dem Deutschen und i n
Lesekultur, wie Illich drastisch formuliert, ihm lesen; bis dahin erfolgte der Einstieg in
eine „Partitur für fromme Murmler“, und die Literalität noch immer übers Lateinische.
Klöster sind ihm für jene Zeit geradezu „Auf- Hervorzuheben ist auch, was uns ebenfalls
enthaltsorte für Murmler“. Man sieht: dies fremd erscheint, daß man zuerst lesen lernte
Lesen ist Einverleibung; es setzt sich fort und dann erst, in einem gewissen Abstand,
o h n e das Geschriebene; das Einverleibte wird schreiben. Also eine eigentümliche Trennung
wieder ins Murmeln, in den Raum der Arti- von Lese- und Schreibkompetenz. Diese di-
kulation, zurückgeholt. daktische Praxis wurde bis ins 19. Jahrhun-
dert fortgesetzt. Nunmehr ergibt sich also ein
gewisser Bruch mit der Mündlichkeit („kon-
8. Hochmittelalterliche Lesekultur zeptionelle“ Schriftlichkeit entsteht in der
Nunmehr die vierte Lesekultur, die des Hoch- Volkssprache, die dann rückwirkt auf das
und Spätmittelalters, um 1150 beginnend und Mündliche). Andererseits ist die Verschriftung
der gesprochenen Sprache auch wieder als
5.  Geschichte des Lesens 75

Gewinn an Mündlichkeit zu verbuchen (An- zifischer Weise hilft: Paragraphen, Angabe


sätze zu „konzeptioneller“ Mündlichkeit im des Inhalts am Rand, den Inhalt aufschlie-
Geschriebenen). Es entsteht nun eigentliche ßende Überschriften, Indices, auch dann gra-
Schrift- und Lesekultur, wobei dem freien phische Darstellungen, kurz, was Raible
oder dem lesegestützten Vortrag, dann auch (1991) mit einem glücklichen Ausdruck „Se-
dem Vorlesen, weiterhin größte Bedeutung miotik der Textgestalt“ nennt. Raible kann
zukommt. Dies gilt natürlich weit bis in die aber auch zeigen, daß sich in diese Richtung
Neuzeit, ja, in die moderne Zeit hinein. Im Gehendes schon weit früher findet, daß da
„Don Quijote“ (1605—1616) lautet eine Ka- eher ein Kontinuum ist. Daß Bücher Vorteile
pitelüberschrift witzig: „Handelt von dem, haben können, gegenüber dem Unterricht
welches der sehen wird, der es liest, oder der durch Personen, wird — im Unterschied zu
hören, der es sich vorlesen läßt“ ( Que trata Plato, aber ohne Bezugnahme auf ihn — von
de lo que verá el que lo leyere, o lo oirá el que R. de Bury („Philobiblon“, 1345) bemerkens-
lo escuchare leer, 1. Kap. des 11. Buchs). Nach wert hervorgehoben: Bücher „sind Lehrer, die
wie vor findet sich auch das laute individuelle uns ohne Ruten und Gerten unterrichten,
Lesen. Und wiederum sind es vor allem die ohne zornige Worte, ohne Kleider und Geld.
Frauen, die sich auszeichnen durch Lesekom- Wenn du zu ihnen kommst, schlafen sie nicht.
petenz. Die individuelle Leserin, die dann na- Wenn du sie befragst und ausforschst, halten
türlich auch vorliest, wird zu einem wichtigen sie nicht zurück. Sie fahren dich nicht an,
Adressaten der Literatur. Ritter und andere wenn du etwas nicht weißt“ (zit. bei Müller
hochgestellte Männer lesen in dieser Zeit in 1988).
aller Regel noch nicht. Was die verschiedenen
Rezeptionssituationen angeht, verweist Schön
mit Recht auf die große Schwierigkeit, Typen 9. Frühneuzeitliche Lesekultur
von Texten nach der Art der Rezeption zu
unterscheiden, wie dies häufig versucht Die fünfte Lesekultur beginnt um 1300. Hier
wurde: „ein rezeptionsästhetischer Holzweg“. haben wir zunächst eine beträchtliche Zu-
Vermutlich ist es in der Tat, wie er andeutet, nahme individuellen Lesens zu verzeichnen.
so, daß damals keine entscheidende Differenz Neben den Adel treten nun zunehmend die
erlebt wurde zwischen e i ge n e m Lesen und Bürger; das quis? des Lesens also weitet sich
dem Zuhören des Vorlesens eines anderen. aus. Zum Feudaladel kommt ein städtisches
Wirklich ist ja generell die Stimme dessen, der Patriziat, kommen Kaufleute, dann auch
redet, völlig anders, wenn er vo r l i e s t, als Handwerker hinzu. Letztere lesen (und schrei-
wenn er redet, o h n e vorzulesen (Jean-Paul ben) natürlich auch vielfach und nun zuneh-
Sartre hat dies überaus plastisch in „Les mend aus praktischen Gründen: es gehört zu
mots“, 1964, S. 35, beschrieben; übrigens eine ihrer — ganz außerliterarischen — Tätigkeit.
auch unter diesem Gesichtspunkt äußerst be- Die zwei Lesekulturen bestehen weiter fort,
merkenswerte Schriftlichkeit-Autobiographie: formieren sich stärker und setzen sich da-
„Lesen“ und „Schreiben“ lauten, nicht zufäl- durch stärker voneinander ab. Auf der einen
lig, die Titel der beiden, nahezu gleichlangen Seite die Gelehrten, deren Sprache weiterhin
Teile). Es ist bis heute ein gewaltiger Unter- das Lateinische ist. Auch sind die Schriftstel-
schied, ob man jemandem zuhört, während ler, für die sie sich interessieren, natürlich die
er redet oder während er vorliest. So war wohl antiken Schriftsteller. Daneben die Bürger
damals der Unterschied zwischen einem Sich- und die Adligen. Sie lesen religiöse Literatur
selbst-Vorlesen und einem Vorlesen für einen (Biblisches, erbauliche Schriften, Katechis-
oder mehrere andere nicht groß. men), auch praktisch weltlich Orientiertes
Was nun das spezifisch gelehrte, das „scho- (Recht, Medizin), dann aber auch, in Frank-
lastische“ Lesen angeht, so geht es da gar reich früher als in Deutschland, Literarisches.
nicht mehr um Murmeln, sondern um geord- Schön hat aber Recht, wenn er hervorhebt,
nete Anhäufung von Wissen, um gedankliche daß es damals „noch kein literarisches Lese-
Durchdringung, verstehendes, intelligentes publikum im heutigen Sinne“ gab. Immerhin
Gedächtnis. Man liest nun nicht mehr einen war nun das Lesemonopol der „Kleriker“, vor
Text, wie eine „Partitur“, von vorne bis hin- allem im Zusammenhang mit der Gründung
ten, sondern wählt aus ihm aus, was man in der Universitäten, von der Mitte des 14. Jahr-
den jeweiligen gedanklichen Zusammenhän- hunderts an, gebrochen. Andererseits kehren
gen braucht. Dem kommt dann eine neue in der Lektüre dieselben Bücher immer wie-
Textgestalt entgegen, die diesem Lesen in spe- der: Biblisches, wiederum besonders die Psal-
men, Andachtsbücher. Und noch immer hieß
76 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Lesen einen Text laut werden lassen: „Das auf Angaben von Welke 1981 stützt). Was die
Schreiben blieb, wie das Lesen, eine mur- Buchproduktion angeht, ist zu betonen, daß
melnde Tätigkeit“ (Illich 1991). hier weiterhin Gelehrte für Gelehrte, Leser
Was die Zahlen derer, die überhaupt lesen für Leser, produzieren, und an der Spitze der
können, angeht, so werden für die Zeit um Fächer steht hier mit großem Abstand die
1500 für Deutschland 5% der Stadtbevölke- Theologie. Die Dichtung war im 17. Jahrhun-
rung genannt, und dies heißt weniger als 1% dert noch durchaus Randproduktion. Ihr
der Gesamtbevölkerung. Eine andere Schät- Adressatenkreis war außerordentlich gering,
zung kommt auf 3% bis 4% Leser (→ Art. es handelte sich um die „literarische Kultur
70). Zu Recht weist aber Schön, der diese einer kleinen Oberschicht“, wiederum mit
Angaben referiert, auf die Problematik sol- Frauendominanz, die aus dem Adel und Pa-
cher Schätzungen hin: „Zwischen Lesefähig- triziern bestand. Die übrige Bevölkerung, in-
keit und tatsächlicher regelmäßiger Lektüre sofern sie überhaupt las, las Zeitungen, Ka-
besteht eine große Kluft, die nur in Ausnah- lender, Flugschriften und natürlich religiöses
mefällen geschlossen wird“ (Schön 1987, 37). Schrifttum, all das, was vom Adel und von
Es lesen (im Sinne von lesen 1) also weit den Patriziern noch zusätzlich gelesen wurde.
weniger als lesen könnten (lesen 2 ). Schön Mit Recht weist Schön, wie andere vor ihm,
selbst nennt schließlich als „regelmäßig Le- darauf hin, daß es sich bei der Buchlektüre
sende“ für die Zeit um 1500 1% bis 2 %, für weithin um Wiederholungslektüre handelt
die Zeit um 1600 2 % bis 4%. Hier handle es (dasselbe Buch, vererbt durch die Generatio-
sich aber vor allem um „Leser von berufsbe- nen, wird wieder und wieder gelesen) und daß,
zogener Lektüre“, dann von religiösen Texten inhaltlich gesehen, die moralische Nutzan-
und von Sachliteratur. Das literarische Publi- wendung im Vordergrund stand: man suchte
kum bildete hiervon nur „einen kleinen Belehrung und Erbauung, Lebenshilfe.
Bruchteil“. Bekannt ist, daß unter Protestan-
ten mehr gelesen wird als unter Katholiken.
Für Deutschland speziell ist bemerkenswert, 10. Moderne Lesekultur
aber kaum überraschend, der enorme Rück- Die sechste Lesekultur hebt, wie gesagt, mit
gang des Lesens (auch der Buchproduktion) dem 18. Jahrhundert an, wobei diese Zeitan-
im Dreißigjährigen Krieg. gabe natürlich nur ungefähren Charakter hat.
In die Zeit dieser Lesekultur fällt, wie ge- Es entstand nun, nach und nach, ein wirkli-
sagt, die Erfindung des Buchdrucks: sie ver- ches Lesepublikum, und zwar eines, das sich
änderte für den Augenblick nichts oder wenig, vom heutigen nicht grundlegend unterschei-
aber auf Dauer wurde sie natürlich doch zu det. Im Verein damit entstand ein neuer Be-
einem wichtigen Markstein in der Geschichte griff von Literatur. Träger dieses neuen Lite-
des Lesens. Man kann hier zweierlei beobach- raturbegriffs war eine Bildungsschicht, die
ten: einmal, daß eine solche Erfindung, wie sich in England und in Frankreich im reicher
die Technik bekanntlich überhaupt, eine Ei- werdenden Bürgertum herausbildete, sich in
gendynamik entwickelt, zum anderen, daß sie Deutschland hingegen eher auf die Beamten-
Bedürfnisse weckt oder verstärkt, die dann schaft stützte. Das „Merkmal“ der Schicht,
ihrerseits die technische Entwicklung weiter- welche die Literaturrezeption nun trägt, „ist
treiben. Der Buchdruck entlastete das Schrei- vornehmlich Bildung, zunächst instrumentell
ben (das Abschreiben); er belastete anderer- zur Erlangung eines Amtes, dann auch als
seits, auf Dauer, das Lesen ... Einige Zahlen Wert an sich in Profilierung gegenüber dem
für den deutschen Sprachraum: während des Adel“ (Schön 1987, 42 , der hier speziell
15. Jahrhunderts wurden sechshundert bis Deutschland meint). Die soziale Grundlage
achthundert Titel produziert, während des 16. dieses entscheidenden Wandels im Lesever-
Jahrhunderts hunderttausend, im 17. hun- halten, gerade im Blick auf „schöne“ Litera-
dertfünfzigtausend bis zweihunderttausend. tur, ist klar greifbar. Andererseits steht dieser
Von erheblicher Bedeutung war das Entstehen Wandel natürlich auch mit der Tatsache in
einer neuen Kommunikationsform: um 1700 Zusammenhang, daß das 18. Jahrhundert
gab es im deutschen Sprachraum zwischen überhaupt die Moderne vorbereitet, ja, in ge-
fünfzig und sechzig Zeitungen, um 1800 be- wissem Sinn schon die Moderne i st . Dies gilt
reits zweihundert; die Gesamtauflage all die- insbesondere für den Umbruch zwischen dem
ser Blätter betrug dreihunderttausend, und ausgehenden 18. und dem beginnenden 19.
die Zahl der Rezipienten wird auf drei Millio- Jahrhundert, von Kosellek nicht zu Unrecht,
nen geschätzt (Schön 1987, 38, der sich hier wenngleich vielleicht überpointiert, als „Sat-
5.  Geschichte des Lesens 77

telzeit“ herausgestellt. Weniger einleuchtend sich auch das Bürgertum und der Adel be-
erscheint es, wenn Schön, unter Hinweis auf dienten, denn noch immer war ein Buch ein
Foucault, einen Zusammenhang jener neuen relativ teurer Gegenstand. Schließlich ist be-
Lesekultur mit der „Verzeitlichung“ herzu- merkenswert die Etablierung des „freien“
stellen sucht, wie sie als Kategorie für die Schriftstellers: es gibt nun Autoren, die von
Analysen Foucaults wichtig ist. Treffender als den Erträgen ihrer literarischen Produktion
„Verzeitlichung“ wäre übrigens „Vergeschicht- leben. Dies gilt in Frankreich insbesondere
lichung“ (hierzu Walter Schulz, Philosophie für Jean-Jacques Rousseau, dessen „Nouvelle
in der veränderten Welt, 1972 , 469—62 8). Héloïse“ ein enormer Bucherfolg gewesen ist.
Bereits Theodor Litt sprach, mit klarer Wer- Für die große Zunahme des Lesens in
tung, von der „Befreiung des geschichtlichen quantitativer Hinsicht spricht auch eine spe-
Bewußtseins“ (durch Johann Gottfried Her- zifische Diskussion, die nun anhebt und die
der). Doch ist ein Zusammenhang zwischen sogenannte „Lesesucht“ oder „Lesewut“ zum
„Vergeschichtlichung“ und neuer Lesekultur Gegenstand hat. Die Motivation dieser Kritik
schwer dingfest zu machen. Die These ist ist einerseits religiös und kommt hier beson-
nicht plausibel. Es ist eben nur wieder so, daß ders von calvinistischer und pietistischer
die neue Lesekultur in ihrem zeitlichen Zu- Seite, andererseits sind die Gründe auch
sammenhang zu sehen ist mit einer allgemei- gleichsam ökonomischer Art (die auf das Le-
neren, in diesem Falle sehr tiefgreifenden und sen verwendete Zeit werde, wird argumen-
vielleicht irreversiblen geistesgeschichtlichen tiert, gewinnbringender Arbeit, der Arbeit
Veränderung: der Konstituierung eines histo- überhaupt, entzogen). Natürlich spielt hier
rischen Bewußtseins. auch, im Zusammenhang mit der religiösen
Zunächst einmal machen jedoch die sozia- Motivation, der inhaltliche Gedanke eine
len Veränderungen für sich allein diese neue Rolle, daß Bücher zu Zuchtlosigkeit verfüh-
Lesekultur hinreichend plausibel. Auch hier ren können, was bereits Dante im fünften
ist wiederum hinzuweisen auf die spezifische Höllengesang zum Thema macht ( Galeotto fu
Dominanz der Frauen. Die Delegierung häus- il libro e chi lo scrisse — der Verführer Lan-
licher Arbeiten an Dienstpersonal gibt auch celots und Guenievres wird an dem fatalen
den Frauen des Bürgertums mehr Muße. Tag, an dem sie „nicht weiterlasen“ — quel
Überhaupt entsteht nun ein neues Phänomen, giorno più non vi leggemmo avante —, zum
das frühere Zeiten in dieser Form nicht kann- Verführer von Francesca und Paolo). Das
ten, nämlich „die heute geläufige kategoriale Buch als Verführer, Lektüre als Quelle von
Trennung von Arbeit und Freizeit“ (Schön). Wirklichkeitsverlust und falschem Bewußt-
Dies führt nun dazu, daß nun auch die Män- sein ist im übrigen ein wichtiges Thema der
ner sich mehr und mehr zu Lesern emanzi- Literatur selbst („Don Quijote“, „Madame
pieren. Überhaupt ist für das 18. Jahrhundert Bovary“).
eine enorme quantitative Steigerung des Le- Es ist wohl zutreffend, wenn Schön für das
sens zu verzeichnen, wenngleich, was den 19. Jahrhundert, gegenüber dem 18., lediglich
Anteil der regelmäßig Lesenden an der Ge- noch quantitative Veränderungen der Lese-
samtbevölkerung angeht, die Zahl möglicher- kultur verzeichnet: Massenproduktion. Hin-
weise nur von einem auf zwei Prozent gestie- zukommt aber gewiß auch, wie er ebenfalls
gen ist (es bleibt dies aber eine Verdopplung). hervorhebt, eine Verstärkung in der Differen-
Die absolute Steigerung liegt auch in der zierung des Publikums. Die beiden Lesekul-
Bevölkerungszunahme. Starken Aufschwung turen, die der Bildung verpflichtete und eine
nimmt in dieser Zeit namentlich die belletri- eher volkstümliche, treten stärker und defi-
stische Produktion: zwischen 1740 und 1800 nitiv auseinander: E-Literatur und U-Litera-
ergibt sich bei der Dichtung ein Zunahme- tur. Auf der einen Seite das später sogenannte
verhältnis von 1 : 13, beim Roman speziell ist „Bildungsbürgertum“, auf der anderen das
das Zunahmeverhältnis zwischen 1750 und übrige Leserpublikum, wobei das erstere of-
1805 1 : 32 (Angaben wiederum nach Schön fen gewesen sein dürfte — relativ zumindest
1987, 44). — für den Lesestoff des letzteren; in die um-
Auch im quibus auxiliis? finden sich nun gekehrte Richtung ging die Offenheit kaum.
wichtige Veränderungen: zu nennen sind hier Eine wichtige Veränderung, die sich seit un-
die Lesegesellschaften, Diskussionszirkel, in gefähr 1870 ergab, war die Ermöglichung der
denen über gemeinsame Lektüre gesprochen Produktion für Einzelne, das heißt: es wurden
und zu gemeinsamer Lektüre angeregt wurde, nun Bücher massenhaft produziert für ein-
dann vor allem die Leihbibliotheken, deren zelne Käufer. Es ergaben sich — eben durch
78 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Massenproduktion — wirklich niedrigere objekte und vielfach eben bloß aufstellt, weil
Preise, während bisher Bücher weiterhin teuer dies eben dazugehört, und kaum liest: das
waren (im Lauf des 18. Jahrhunderts waren Buch als Möbel. Schön glaubt, von 1900 an
die Preise sogar kräftig angestiegen). Zuvor ungefähr, etwas zu erkennen wie eine Auflö-
bediente sich, wie gesagt, auch das reiche Bür- sung dieser schichtspezifischen Literatur, was
gertum und gar der Adel der Leihbibliothe- sich dann gesteigert zeige ab 192 0, nach dem
ken. Das „Volk“ im übrigen wurde versorgt, Ersten Weltkrieg, „mit dessen Beginn so vieles
insbesondere natürlich auf dem breiten Land, begann, was zu beginnen wohl kaum schon
durch den sogenannten „Kolporteur“, den aufgehört hat“, wie Thomas Manns ominöse
fahrenden Händler. Der Kolporteur war eine Formulierung im „Vorsatz“ zum „Zauber-
Erscheinung des 18. und frühen 19. Jahrhun- berg“ (192 4) lautet. Das naturalistische Werk
derts. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Hauptmanns wäre hier zu nennen oder, be-
kommen nun Zeitschriften, dann, speziell für sonders entschieden in diese Richtung ge-
das Proletariat, Kalender und Heftchen hin- hend, Döblins „Berlin Alexanderplatz“
zu, in denen oft Romane in Fortsetzung er- (192 9). Richtig ist hieran gewiß, daß sich da
scheinen. Auch dies ist eine neue Form des in der Literatur selbst etwas öffnete. Die li-
Lesens. Was die Lesefähigkeit angeht, die na- terarische Moderne ist ja, von ihrem Anbe-
türlich im Lauf des 19. Jahrhunderts enorm ginn in Frankreich an, gerade auch ein Sich-
zunahm, nennt Schenda für Deutschland die absetzen von der überkommenen „bürgerli-
folgenden Zahlen: um 1800 2 5% der Ge- chen“ Bildungswelt, auch von ihrer Sprache,
samtbevölkerung, um 1830 40%, um 1870 eben der Bildungssprache, der Sprache, die
75%, um 1900 90% (zit. bei Schön 1987, 45; das Bürgertum als für Dichtung kennzeich-
→ Art. 70). Neu ist jetzt auch, daß Lesen und nend zu betrachten gewohnt war („gute Auto-
Schreiben nunmehr zu e i n e r Fähigkeit wer- ren“). Andererseits ist aber dann doch zu
den: wer l e s e n kann, kann auch s ch r e i b e n . sagen, daß sich gerade die moderne Dichtung
Freilich wird sich dies wieder ändern in unse- durch Elitarismus kennzeichnet: sie richtet
ren Jahrzehnten. sich an wenige, wird nur von wenigen, eben
Was ist hervorzuheben an Veränderungen Hochgebildeten, rezipiert. Es gilt für Mal-
in unserem zu Ende gehenden Jahrhundert? larmé und Valéry, aber auch für Eliot und
Es bleibt zunächst die starke Verbindung des Pound, dann für Rilke und Benn; es gilt auch
Lesens „guter“ Literatur mit dem gebildeten für die großen Romanciers: für Kafka und
Bürgertum, das sich eben Bildung als Privileg Joyce und Proust, auch für Thomas Mann,
und Auszeichnung anrechnet. Bildung als der am „Bildungsbürgertum“, wenngleich iro-
Ausweis und als Besitz: „und bringt ein Ge- nisch parodistisch, partizipiert. Kaum je fin-
spräch über Stellen aus guten Autoren in den wir hier Werke, welche einerseits die Kri-
Lauf“, wie es — bereits ironisch — in dem terien von E-Literatur erfüllten und trotzdem
Studentenlied heißt („Es wär’ der studieren- viel gelesen würde, wirklich p o p u l ä r wären
den Jugend die herrlichste Zukunft gewiß (es gibt Ausnahmen: in Spanien gilt es für
...“). Hierher gehört auch das Empfinden die- den Lyriker Antonio Machado und für den
ser Literatur, wie auch der Musik und der Lyriker und Dramatiker Federico García
bildenden Künste, als Reservat, als Ausgleich, Lorca). Auch für Brecht, so zugänglich er als
als geschützten und schützenden Bereich für Lyriker und Dramatiker ist, läßt sich Volks-
die Erholung von Geschäften und Arbeits- tümlichkeit — weder bürgerliche noch gar
welt. Der Schwund des Religiösen erhebt die proletarische — nicht behaupten. Kein Ver-
Kunst, nicht nur für die Künstler selbst, son- gleich zu Heines „Buch der Lieder“, einem
dern auch für jenes Bürgertum, zu einer Art lyrischen Großerfolg. So bleibt es bis heute
Religionsersatz. Sie befriedigt ja auch, rein bei der Fortexistenz jener zweier Kulturen
psychologisch gesehen, dieselben Bedürfnisse. innerhalb der Lesewelt, das heißt: wir haben
Diese oft ganz implizite Auffassung und die- zwei Lesewelten, die der Bildung und die an-
ses Erleben von Literatur können gehen bis dere, die der Unbildung, die von „Bild“, einer
zur regelrechten Verdinglichung des Buchs, Zeitung für Nicht-Leser, und Konsalik und
die in ganz anderer Weise auch schon zu frü- Simmel, um im deutschsprachigen Raum zu
heren Zeiten, etwa im Mittelalter, während bleiben; aber die beiden letztgenannten Auto-
der „monastischen“ Lesekultur (und darüber ren hatten und haben auch über diesen hinaus
hinaus), gegeben war: Lesebildung als Aus- größten Erfolg.
weis der Zugehörigkeit: also Prachtausgaben Sodann finden wir die offenkundige Redu-
der Klassiker, die man aufstellt wie Kunst- zierung des Lesens in den vergangenen Jahr-
5.  Geschichte des Lesens 79

zehnten, so daß Beobachter bereits von einer um Konkurrenzunternehmen. Sie erfüllen die-
„postliteralen Kultur“, auch von „Post“- und selben Funktionen: Unterhaltung, durchaus
„Semi-Literalität“ sprechen. Illich gebraucht auch Belehrung, zum Teil (Film!) erheben sie
diese Ausdrücke und legt dar, in unseren Ta- auch — sehr zu Recht — hohen Kunstan-
gen gehe ein „Kulturverhalten“ zu Ende, das spruch, oft auch literarisch abgestützt (der
vor achthundert Jahren begonnen habe und Film zum Buch), dann gibt es auch hier etwas
das er mit George Steiner als bookish bezeich- wie soziale Verpflichtung („das muß man ge-
net: „Die universale Liebe zum Buch wurde sehen haben“); kurz: diese Konkurrenzunter-
zum Kern der westlichen säkularen Religion, nehmen halten vom Lesen ab. Alles, was beim
Unterricht wurde zu ihrer Kirche. Heute ist Lesen von Literatur purer „Zeitvertreib“ ist
die westliche Gesellschaft diesem Glauben an — und dies ist ja ein legitimes, keineswegs
das Buch entwachsen, vielleicht so, wie sie unkulturelles Bedürfnis —, wird nun von die-
auch dem Christentum entwachsen ist. In- sen Konkurrenzunternehmen e h e r erfüllt,
zwischen ist das Buch längst nicht mehr die ganz besonders vom Fernsehen, das so be-
wichtigste Grundlage des Bildungswesens. quem zuhanden ist. Diesen Konkurrenzun-
Wir haben die Kontrolle über sein Wachstum ternehmen gegenüber hat das Lesen den Cha-
verloren. Medien und Kommunikation, der rakter von Arbeit. Es ist aber festzustellen,
Bildschirm haben die Buchstaben, die Buch- daß es keineswegs nur jene Konkurrenz ist,
seite und das Buchlesen verdrängt“ (Illich die das Lesen reduziert. Zunächst ist da die
1991). Arbeit selbst, die viele so anstrengt und mit-
Ist dies so? Die Schwierigkeit liegt darin, nimmt, daß trotz vermehrter Freizeit kein
daß wir hier auf viele Fragen nicht die nöti- Raum für ausgedehntes Lesen, für Lesen als
gen, ausreichend präzisen und ausreichend wirkliche Tätigkeit, bleibt. Man könnte und
verläßlichen Antworten bekommen. Ganz müßte wohl aber auch sagen: ausgedehntes
ohne Zweifel ist aber an den Feststellungen, Lesen wird nicht mehr als Bedürfnis empfun-
die in diese Richtung zielen, etwas daran. Das den, so daß es auch dann unterbleibt, wenn
Schreiben, zunächst — dies hat mit dem Le- es ohne weiteres stattfinden könnte. Eine der
sen zu schaffen — ging enorm zurück: viele häufigsten Auskünfte ist: ‘Ich habe leider zum
schreiben so gut wie gar nicht mehr; mit der Lesen kaum noch Zeit’. Dies ist aber wohl
Hand, von der Leistung der Unterschrift ab- immer so interpretierbar: das Lesen ist mir
gesehen, noch weniger. Aber auch das Lesen nicht so wichtig; es ist mir kein elementares
ging zurück, obwohl andererseits immer mehr Bedürfnis. Und wirklich ist es ja so: wer tat-
Bücher — von der Zahl und den Titeln her sächlich und dringend lesen w i l l , findet im-
— verkauft und also produziert werden. Es mer Zeit (er stiehlt sie dann seiner Arbeit,
wird immer noch viel gelesen: in den Schulen seiner Familie, seiner Nachtruhe ...). Wir fü-
aller Art, in der Ausbildung überhaupt. Zu- gen an dieser Stelle eine Übersicht des B. A. T.
rück ging aber das Lesen belletristischer Lite- Freizeit-Forschungsinstituts ein, die uns Gun-
ratur im Sinne wirklicher und anhaltender ther Eigler vermittelte und die für sich selbst
Tätigkeit. Und dieser Rückgang betrifft nicht spricht (Abb. 5.1).
allein die klassische Literatur (im weiten Sinne Im Mai 192 4 hielt Viscount Grey of Fal-
dieses Begriffs, für das Deutsche etwa von lodon, britischer Außenminister zwischen
Lessing bis Fontane), sondern auch die Lek- 1905 und 1916, vor der Royal Society of Li-
türe der modernen. Das Bürgertum ist heute terature in London einen Vortrag über das
nicht mehr in der Weise „literat“, wie es dies Thema „The Pleasure of Reading“. Er nennt
vor achtzig Jahren war. Auch gelten Lesen die folgenden Hindernisse: zunächst, eigen-
und Besitz von Büchern weniger als früher tümlicherweise, die Post: man verliere viel
als Merkmal der Zugehörigkeit — wenngleich Zeit mit unnötiger, belangloser, lästiger Kor-
dieser Literaturbezug keineswegs geschwun- respondenz. Danach die Mobilität, das ver-
den ist. mehrte Herumreisen. Zwar sei die Eisenbahn
Natürlich sind hier zunächst andere Me- zum Lesen vorzüglich geeignet, werde aber
dien, dann speziell die neuen Medien zu nen- dafür nicht ausreichend benutzt, nun aber das
nen. An erster Stelle, oft übersehen, die Illu- Auto, das in dieser Hinsicht nur Nachteile
strierten, Zeitschriften mit Bildern, die es ja bringe: „even for people with good eyes“ (ein
nicht erst in unseren Jahrzehnten gibt. Dann Chauffeur wird also mit Selbstverständlich-
das Kino, das Radio, das Fernsehen und die keit vorausgesetzt). Das Telefon schließlich sei
Videokassette als dessen Verlängerung und „a deadly disadvantage; it minces time into
Verstärkung. Hier handelt es sich durchweg fragments and frays the spirit“. Zerstücke-
80 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Abb. 5.1.
5.  Geschichte des Lesens 81

lung, also, der Zeit und Zermürbung des Gei- 44%, im Jahre 1981 41%. Im Jahr 1967 lasen
stes. Radio und Kino wirkten sich, trotz un- ein Buch, das ‘zur Weiterbildung beiträgt’,
bestreitbar positiver Elemente, weiterhin un- 2 3% und im Jahr 1981 2 5%“. Insgesamt stellt
günstig aus (hierüber, sehr interessant, auch Schön fest, auf dessen Gewährsleute wir hier
Sartre in seiner Autobiographie: Kino, ge- rekurrieren, daß der „Leseumfang fast kon-
heim frequentiertes Laster, als Gegenwelt zum stant“ sei, „daß das Lesen der Männer ‘zur
Buch). Schließlich wird das Vordringen der Unterhaltung’ in seiner Häufigkeit deutlich
„picture papers“ als äußerst negativ heraus- abnimmt, obwohl sie ohnehin seit je geringer
gestellt: „picture papers are tending to divert war als bei den Frauen“. Und „daß das Lesen
people not only from reading, but from der Frauen ‘zur Weiterbildung’ stark zu-
thought“. Und Viscount Grey ist in der Lage, nimmt“. Insgesamt habe „die Zahl der pro
ein Sonett von Wordsworth aus dem Jahr Kopf gelesenen Bücher in den letzten fünf-
1846 zu zitieren, welches diese Gefahr schon zehn bis zwanzig Jahren eher abgenommen,
herausstellt und im übrigen viele bemerkens- obwohl sich der Buch-Stückumsatz verviel-
werte Bildungstopoi enthält: fachte“ (Schön 1987, 59).
„A backward movement surely have we here, Wird der Computer zu einer weiteren Re-
From manhood — back to childhood; for the age — duzierung des Lesens führen? Muß er einge-
Back towards caverned life’s first rude career. reiht werden in die Reihe der Faktoren, die
Avaunt this vile abuse of pictured page!“ zu jener Reduzierung beitragen? So ohne wei-
Und lange vor Fernsehen und Video und teres wird man dies nicht tun wollen, allein
Computer, welch letzterer nicht ohne weiteres deshalb nicht, weil mit dem Computer sowohl
auf dieser Linie einzuordnen ist, stellt Vis- geschrieben als auch gelesen wird (→ Art. 43).
count Grey fest: „All these things must make Er gehört auch nicht zu den Konkurrenzun-
it more difficult for successive generations to ternehmen wie etwa das Fernsehen, das —
acquire the habit of reading, and, if that habit ohne Arbeitscharakter — dieselben Bedürf-
be acquired, to maintain it. Even before all nisse wie das Lesen befriedigt, es sei denn, er
these changes it was not easy to maintain the würde genutzt, was ja eine propagierte Mög-
habit, but it could be done“. Es ist dies alles lichkeit ist, als Spielzeug: für Computerspiele,
vielleicht nicht gerade kritische, aber doch ohne Zweifel, gilt unsere Einschränkung
britische Vernunft. Und was Grey hier beob- nicht. Insgesamt ist es doch wohl verfrüht
achtet, ist, fernab von Zahlen, Repräsentativ- oder vielleicht überhaupt verfehlt, von einem
befragungen und soziologischen Analysen, Ende des Buchs als Kulturmittel zu sprechen:
schlicht richtig. Das Wichtigste und Notwen- „man kann nur das sehen, was schon ist“
digste für die Freude am Lesen sei es, daß ( videri nisi quod est non potest, Augustin). Was
die Gewohnheit des Lesens f r ü h erworben eindeutig zurückgegangen ist, im „Bürger-
werde, „when people are young“. Gerade dies tum“, das es ja in d e r Weise auch nicht mehr
werde aber zunehmend schwieriger ... gibt, ist die von Viscount Grey apostrophierte
Es ist, was den letzteren Punkt angeht, in „Freude am Lesen“. „In old days I think it
unseren Bereichen wohl so, daß Kinder, na- must have been easy to acquire the habit of
mentlich in der ausgehenden Kindheit, fast reading. People stayed for months in the same
alle viel, zum Teil gar sehr viel lesen, auch house without stirring from it even for a
wenn es da vielfach bloß um „Comics“ geht. night. The opportunities for reading were so
Da ist noch immer, für kurze Zeit, „Lese- many, and the opportunities for doing other
sucht“. Dann aber bricht sie ab. Das Lesen, things were comparatively so few, that the
das nun als Forderung herantritt und den habit of reading must almost have been forced
Charakter der Arbeit gewinnt, wird aufgege- upon them“. Natürlich sieht der Viscount dies
ben. Die Schule hindert dies offensichtlich aus seiner Sicht oder Schicht: was er meint,
nicht — im Gegenteil, muß man wohl sagen. galt für Menschen, die der Arbeitsfron nicht
So sind die Leser, also die, die aus Vergnügen oder kaum oder doch nur in sehr vertretba-
weiterlesen, eigentlich die, die so betrachtet, rem Maß unterworfen waren. Heute jedoch
infantil geblieben sind. Bei Umfragen zeigt ist es so, daß gerade in der Freizeit, die für
sich: „Eine niedrigere Altersgrenze erhöht diejenigen, die jener Fron unterworfen sind,
stets den Anteil und die Lesehäufigkeit der erheblich zugenommen hat, die Faktoren, die
Buchleser“ (Schön 1987, 58). Im Jahre 1967 vom Lesen abhalten und früher gar nicht da
lasen in der Bundesrepublik „mindestens ein- waren, so zahlreich und übermächtig gewor-
mal pro Woche ‘ein Buch zur Unterhaltung’ den sind, daß sich das Lesen von Büchern,
82 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

das Lesen aus purer Freude, aus früh erwor- ganz anderen Bedingungen unterlagen als die-
bener und gefestigter Gewohnheit und aus jenigen, die wir überblicken. Da ist zunächst
gefühlter Notwendigkeit, reduzierte. die Schwierigkeit, sich hineinzudenken in ein
„Jenseits der Schrift“ (Illich). Kaum leichter
ist es, sich hineinzudenken in ein „Jenseits“
11. Fragen und Schwierigkeiten der Buchkultur oder dann, weiter zurück, in
Stellen wir abschließend einige Punkte zusam- ein „Jenseits“ der Manuskriptkultur ... Die
men. Von erheblichem Interesse wäre eine Aussagekraft, sodann, der Zeugnisse wäre
Untersuchung, in systematischem Durchgang hier genau zu überprüfen. Was dringend fehlt,
durch die Geschichte, der Thematisierung des ist eine möglichst vollständige Zusammen-
Lesens überhaupt und dann auch bestimmter, stellung dieser Zeugnisse und eine sorgfältige
positiv oder negativ eingeschätzter Lektüren Interpretation, die sich vor allem zum Ziel
in der Literatur selbst. Hierzu gibt es bisher setzen müßte zu klären, was diese Zeugnisse
nur punktuelle Ansätze. Untersuchenswert tatsächlich hergeben und was sie, genau ge-
wäre auch die Kritik des Lesens unter mora- nommen, offen lassen. Konkret, zum Beispiel:
lischen oder philosophischen Aspekten (ein was folgt tatsächlich aus dem immer wieder
überaus eindrucksvolles Beispiel hierfür fin- zitierten Zeugnis Augustins in Bezug auf Am-
det sich bei Descartes an der genannten Stelle brosius? Wir haben dieses Problem aber nicht
im „Discours de la méthode“, vielleicht die nur bei den frühen Zeugnissen. Bei dem
erste, jedenfalls eine frühe gleichsam antihu- Thema „Lesen“ und „Geschichte des Lesens“
manistische Stellungnahme; aber in Shake- stoßen wir vielfach auf Daten, die unvollstän-
speares „Love’s labour’s lost“, I, 1, äußert dig, ungenau und unzuverlässig sind. Infol-
eine Figur, Berowne, auch schon Bedenken: gedessen gibt es hier viel empirisch unabge-
“... painfully to pore — „brüten“ — upon a stützte Spekulation. Dies trifft gerade auch
book / To seek the light of truth; while truth für die Gegenwart zu. Eine Arbeit wie die von
the while / Doth falsely blind the eyesight of Steiner After the book? ist dafür, gerade weil
his look“, und dann: „S mall have continual sie geistvoll ist, ein Beleg, aber wirklich nur
plodders — „Büffler“ — ever won , / Save base einer unter vielen.
authority from others’ books ...“). Sodann: es Eine andere Schwierigkeit besteht darin,
gibt ohne Zweifel große Leser, Männer und daß es in der Geschichte des Lesens sowohl
Frauen, die nicht nur literarisch groß sind für Brüche als auch Kontinua gibt und daß es
sich selbst, sondern gerade auch als Leser, schwer ist, sie beide in ihrem jeweils korrekten
denen es also gelungen ist, ihre Lektüre in Nebeneinander zu sehen. Oft ist Unterschied-
besonderer Weise für ihr eigenes Werk frucht- liches, ja Gegensätzliches, gleichzeitig da, oft
bar zu machen. Natürlich heißt dies gerade verschieben sich im Wandel lediglich die
nicht, daß sie besonders viel gelesen haben. Akzente. Natürlich gibt es hier überall auch
Zu denken wäre hier an Figuren wie Mon- die häufig apostrophierte „Gleichzeitigkeit
taigne, Goethe, Nietzsche (letzterer ein klas- des Ungleichzeitigen“, was ja oft eine allzu
sischer Wenig-Leser, aber ein guter gleich- bequeme Formel ist, denn: inwiefern kann das
wohl, und er konnte sich gründen auf eine Gleichzeitige als ungleichzeitig bezeichnet
überaus solide Schulbildung). In gewissem werden, wenn es faktisch doch gleichzeitig
erscheint? Wer entscheidet über die Ungleich-
Sinn, weiterer Punkt, gehört auch das Über- zeitigkeit? Ist das Ungleichzeitige nur darum
setzen zu unserem Thema, denn der Überset- ungleichzeitig, weil es — im Rückblick —
zer ist ein spezifischer Leser: ein Leser, der schon früher da war und später nicht mehr?
s ch r e i b t und zwar auf Grund vorhergehen- Es bestehen hier zwei konträre Gefahren: die
der, möglichst genauer Lektüre. Er schreibt Gefahr, daß nur Kontinua, also keine Brüche
sein Lesen, und sein Ziel ist es, das Gelesene gesehen werden, und die Gefahr, daß nur
undeformiert, soweit es seine Bedingungen, Brüche gesehen oder daß sie überakzentuiert
also seine Sprache, dies erlauben, wiederzu- werden und das Kontinuum, das Beharrende,
geben. Das Thema „Übersetzung“, speziell aus dem Blick gerät. Zu beachten ist auch,
dann die „literarische Übersetzung“, wäre was die erste Gefahr angeht, daß dasselbe
auch unter diesem Aspekt anzugehen — der a n d e r s sein kann in einem a n d e r e n Kon-
Übersetzer als Leser. text.
Eine konstante Schwierigkeit, die sich auch Schließlich liegt überall, nicht nur im Blick
bei der Geschichte des Lesens stellt, besteht auf das Thema „Lesen“, sondern im Bereich
darin, daß es kaum möglich ist, sich zurück- Schriftlichkeit/Mündlichkeit überhaupt, die
zuversetzen in Zeiten, die in dieser Hinsicht
5.  Geschichte des Lesens 83

Gefahr einer Überschätzung des Medialen. Es 12. Literatur


ist nicht leicht, die Bedeutung des medialen
Alarcos Lllorach, Emilio. 1968. Les représentations
richtig einzuschätzen. Natürlich, zum Bei-
graphiques du langage. In: Martinet, Andre (ed.),
spiel, spielt die mediale Differenz — gespro-
Le langage. Paris.
chen/geschrieben — eine Rolle. Aber sie ist
doch nicht alles. Gerade darum ist die Unter- Althaus, Hans Peter. 1980. Graphetik. In: Lexikon
scheidung zwischen den beiden Unterschei- der Germanistischen Linguistik. 2 . Aufl. Tübingen,
dungen — phonisch/graphisch — mündlich/ 138—142.
schriftlich —, auf die Koch & Oesterreicher —. 1980. Graphemik. In: Lexikon der Germanisti-
1985 im Anschluß an Söll so großen Wert schen Linguistik. 2. Aufl. Tübingen, 142—151.
legen, von Gewicht. Sie zeigt, daß die Diffe- Assmann, Aleida, Assmann, Jan & Hardmeier,
renz mündlich/schriftlich in gewissem Sinn Christian (ed.). 1983. Schrift und Gedächtnis. Bei-
unabhängig ist vom Medialen. Nur darf, an- träge zur Archäologie der literarischen Kommuni-
dererseits, hier auch wieder die Bedeutung der kation. München.
medialen Differenz nicht verkürzt werden, Aust, Hugo. 1983. Lesen. Überlegungen zum
weil Schriftlichkeit, zum Beispiel, doch wieder sprachlichen Verstehen. Tübingen.
viel zu tun hat mit dem Medium des Graphi- Bäuml, Franz H. 1968. Der Übergang mündlicher
schen, des bloß Optischen. Nun aber wieder zur artesbestimmten Literatur des Mittelalters. Ge-
umgekehrt: das Mediale spielt in der Ge- danken und Bedenken. In: Voorwinden & de Haan
schichte des Lesens eine bedeutsame Rolle, (ed.), 238—250.
immer wieder ist aber doch auch festzustellen, Balogh, Josef. 192 7. „Voces paginarum“, Beiträge
daß dies Mediale ge i st i g gleichsam über- zur Geschichte des lauten Lesens und Schreibens.
spielt werden kann. So haben wir, bereits bei Philologus 82, 84—240.
Plato, eine Überschätzung der Veränderun- Baumgärtner, Alfred C. (ed.). 1973. Lesen — ein
gen, die die Schrift bewirkte, eine Überschät- Handbuch. Hamburg.
zung dann auch der Veränderungen, die der Beinlich, Alexander. 1973. Die Entwicklung des
Buchdruck bewirkte, eine Überschätzung si- Lesers. In: Baumgärtner, 172—210.
cher auch der Veränderungen, die der Com-
puter bewirkt hat und weiter bewirkt. Dies —. 1973. Zu einer Typologie des Lesers. In: Baum-
zeigt sich auch vielfach im Einzelnen. Zum gärtner, 211—227.
Beispiel ist die Behauptung schwer haltbar, Blumenberg, Hans. 1981. Die Lesbarkeit der Welt.
daß erst die Schrift ein Wortbewußtsein ver- Frankfurt a. M.
mittelt habe, so als hätten die Sprechenden in Bumke, Joachim. 1987. Höfische Kultur. Literatur
jenem „Jenseits der Schrift“ nicht über ein und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 2 Bde. Mün-
intuitives Wissen darüber verfügt, was ein chen.
Wort ist. Als ob dazu die Schrift notwendig Chartier, Roger. 1981. La circulation de l’écrit. In:
gewesen wäre! Als ob das Wort ein Produkt Chartier, Roger (ed.), Histoire de la France ur-
wäre der Schrift! Es ist doch unzweifelhaft so, baine, Bd. III, La ville classique. De la Renaissance
daß die Logographie nur denkbar ist unter aux révolutions. Paris.
Voraussetzung eines Wortbegriffs im Sinne —. 1982 . Lectures et lecteurs dans la France d’An-
von Dingbezeichnungen (Wort als Name cien Régime, Paris.
eines Dings, einer Eigenschaft, eines Vorgangs —. 1985. Ist eine Geschichte des Lesens möglich?
und Zustands ...). Daß daneben, gramma- Vom Buch zum Lesen: einige Hypothesen. Zeit-
tisch betrachtet, das Wort von Sprache zu schrift für Linguistik und Literaturwissenschaft 57/
Sprache, „einzelsprachlich“, variieren kann, 58, 250—273.
steht auf einem anderen Blatt. Ein intuitives Disch, Robert. (ed.). 1973. The Future of Literacy.
Wissen über das, was ein Wort ist, gab und Englewood Cliffs, N. J.
gibt es also vo r und unabhängig von jeder
Engelsing, Rolf. 1970. Die Perioden der Leserge-
Schrift. Wobei wir wiederum sehen müssen,
schichte in der Neuzeit. Das statistische Ausmaß
daß die Schrift, dann speziell die Einführung
und die soziokulturelle Bedeutung der Lektüre. Ar-
der spatia in der Schrift zwischen den Wör-
chiv für Geschichte des Buchwesens 10, 945—1002.
tern, die Wortbewußtheit bereits zur Voraus-
setzung hat, dies Bewußtsein weiter verstärk- —. 1973. Analphabetentum und Lektüre. Zur So-
ten. Es geht also um die richtige Einschätzung zialgeschichte des Lesens in Deutschland zwischen
des Medialen und der Veränderungen im Me- feudaler und industrieller Gesellschaft. Stuttgart.
dialen, die sich in der langen Geschichte des —. 1974. Der Bürger als Leser. Lesergeschichte in
Lesens (und Schreibens) ergaben und jetzt Deutschland 1500—1800. Stuttgart.
und künftig weiter ergeben. Fritz, Adolf. 1989. Lesen in der Mediengesellschaft.
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84 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

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6.  Geschichte des Buches 85

6. Geschichte des Buches

1. Allgemeines sich auf kulturelle gesellschaftliche Erfah-


2. Der alte Orient und die Antike rung, oder es handelt sich um ein Fach-,
3. Das Mittelalter und die frühe Neuzeit Sach-, Schul- oder Lehrbuch.
4. Das 17. und 18. Jahrhundert Das Buch ist eine Ware; es wird von einem
5. Das 19. Jahrhundert Verlag produziert, bei dem das Copyright liegt
6. Das 20. Jahrhundert und der das Buch von einer Druckerei und
7. Literatur einer Buchbinderei herstellen läßt; er wirbt
für das Buch und distribuiert es über Groß-
händler und Sortiment, teilweise auch über
1. Allgemeines andere Geschäftsformen. Der Verlag be-
Nach der Geschichte des Lesens und der Ge- stimmt die Ausstattung des Buches, schreibt
schichte des Schreibens wäre an dieser Stelle dem Handel den Endverkaufspreis (gebun-
des Handbuchs eine Geschichte des Textes dene Preise) vor, bezahlt aus den Einnahmen
bzw. der Texte zu erwarten. Eine solche Ge- das Autorenhonorar, die Verlags- und Druck-
schichte würde freilich den Rahmen eines kosten und räumt dem Großhandel und dem
Handbuchartikels sprengen. Es soll stattdes- Sortimentsbuchhandel einen bestimmten An-
sen die Entwicklung des Buches als einer pro- teil am Endverkaufspreis ein.
totypischen Form schriftlicher Texte gekenn- Im Sortimentsbuchhandel erscheint das
zeichnet werden. Das ist selbstverständlich Buch in einer bestimmten Ausstattung mit
eine Einengung. So ist das Buch in seiner einem festgelegten Titel, der über Verlags-
heutigen Form primär ein Träger westlicher oder Buchhandelsverzeichnisse erschließbar
Schriftkultur: die Entwicklungen in Fernost ist. Für dieses Buch wird Werbung betrieben,
oder z. B. auch in der jüdischen oder arabi- damit es Käufer findet, die es dem potentiel-
schen Geschichte sind durchaus anders ver- len Leser zuführen. Es wird Bestandteil einer
laufen (→ Kap. IV). Darüberhinaus wird in privaten oder öffentlichen Bibliothek, die die
diesem Beitrag, insbesondere bezüglich der Literaturversorgung der Bevölkerung sicher-
neuzeitlichen Geschichte, die Kennzeichnung stellen und so — gemeinsam mit anderen
exemplarisch am Beispiel der Entwicklung in Presseerzeugnissen und den elektronischen
Deutschland vorgenommen. Medien — eine Öffentlichkeit schaffen, die
Was ein Buch ist, wird in unterschiedli- durch den freien Zugang zu allen Informatio-
chen Zusammenhängen sehr verschieden be- nen konstituiert wird.
stimmt. Für die Mehrwertsteuerermäßigung Diese Bestimmungen charakterisieren das
sind ganz andere Kriterien maßgebend als Buch und den Buchmarkt in Westeuropa seit
etwa für die juristische Regelung des Copy- dem 18. Jahrhundert, denn erst seit dieser Zeit
rights oder für die Bestimmung der kulturel- bilden die einzelnen Merkmale eine Einheit.
len Bedeutung des Buches. Deshalb soll hier Aber jede dieser Bestimmungen hat eine zum
der „Normalfall“, der Prototyp Buch, be- Teil Jahrtausende alte eigene Geschichte.
schrieben werden, der die durchschnittliche
gesellschaftliche Erfahrung von „Buch“ in
den westeuropäischen Ländern der Gegen- 2. Der alte Orient und die Antike
wart prägt. Diesen Prototyp „Buch“ formen
dann Merkmale und Bedingungen, die in 2.1. Tontafeln
einem konkreten Einzelfall „Buch“ nicht alle Eine wichtige Funktion des Buches, die Über-
verwirklicht sein müssen, und so entstehen lieferung längerer zusammenhängender Texte,
Übergänge zu anderen Formen von kulturel- wird sehr bald nach der Erfindung von Auf-
len Äußerungen. schreibsystemen in allen Schriftkulturen mit
Ein Buch ist ein von Menschen hergestell- Hilfe der jeweils verbreitetsten Schreibmate-
ter Gegenstand, der aus einer Menge von rialien vorgenommen. So finden sich die äl-
bedruckten Papierseiten in einem Einband be- testen Vorläufer des Buches auch in den äl-
steht. Die Papierseiten sind mit einem Text testen Schriftkulturen. In Mesopotamien als
bedruckt, der von einem oder mehreren Auto- der Wiege der Schreibkunst enthalten ca. 3000
ren oder Herausgebern verfaßt oder zusam- der bisher gefundenen 300 000 Keilschriftton-
mengestellt ist. Dieser Text besteht aus Un- tafeln der Sumerer literarische Texte. Ein
terhaltungs- oder Bildungsliteratur, er bezieht „Buch“ besteht oft aus mehreren Tafeln, die
86 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

numeriert sind und auf jeder Tafel die Anzahl ter, die großen Prosawerke etwa eines Perikles
der zusammengehörigen Tafeln und die An- wurden von vornherein schriftlich konzipiert.
fangsworte des Textes verzeichnen. Diese Diese Entwicklungen vollzogen sich öffent-
Tontafeln stammen meist aus dem späten 3. lich, „demokratisch“ kontrolliert, und hatten
und frühen 2 . Jahrtausend v. u. Z., gehen aber so für das Literaturverständnis eine unerhörte
sicher auf ältere Vorlagen zurück (→ Art. 35). Bedeutung (→ Art. 37): Während in der ora-
Die Texte wurden in Tempelbibliotheken ge- len Kultur Dichtung durch ihre formalen Ei-
sammelt und in Schreibschulen, die den Tem- genschaften gekennzeichnet war und im übri-
peln angegliedert waren, tradiert. Spätestens gen der Selbstvergewisserung der kulturellen
in babylonischer Zeit (ca. 18.—17. Jahrhun- Gruppe diente, ihr also von vornherein Wahr-
dert v. u. Z.) hat es einen Austausch zwischen heitswert zukam, wurden bei der schriftlichen
den verschiedenen Tempelbibliotheken gege- Aufzeichnung von Literatur „unwahre“, der
ben. eigenen Erkenntnis widersprechende Aussa-
gen fixiert und für die Rezipienten erfahrbar.
2.2. Papyrusrollen So erhielt Dichtung fiktionalen Charakter
(Rösler 1980).
Wichtiger für die Geschichte des Buches Über die schriftliche Überlieferung einer
wurde Ägypten. Hier begann die schriftliche Dichtung entschieden im klassischen Grie-
Überlieferung etwa 3000 v. u. Z. Überliefert chenland die Zeitgenossen der Dichter, die
sind ähnliche Texte wie in Mesopotamien sich die Manuskripte der erfolgreichen Werke
(Lieder, Mythen, epische und hymnische abschrieben und so deren Tradierung sicher-
Dichtung, Reiseschilderungen und Romane ten. Daneben ist ein professioneller Ab-
etc.; → Art. 34). Entscheidend ist aber der schreibbetrieb und ein Handschriftenhandel
Gebrauch eines neuen Beschreibstoffes, des für griechische Städte seit dem 5. Jahrhundert
Papyrus. bezeugt. In dieser Zeit bekommen Bücher eine
Der Papyrus ist eine Pflanze, die im Nil- neue Funktion, sie sind nicht mehr nur Auf-
delta in großen Mengen wuchs. Sie wurde zeichnung erfolgreicher Texte, sondern bereits
von den Ägyptern vielseitig verwendet, und das Medium, in dem die Konzeption der
ihre schreibtechnischen Vorteile wurden früh Werke erfolgt, und auch die Verbreitung die-
entdeckt: Bereits in Steininschriften, die 5000 ser Werke erfolgt nicht mehr primär münd-
Jahre alt sind, ist eine Hieroglyphe für eine lich, sondern mündlich und schriftlich. Dies
Papyrusrolle überliefert, die ältesten gefun- beweist nicht nur der Bücherhandel, sondern
denen Papyri stammen aus dem 3. vorchrist- auch die Entstehung einer Vielzahl von Bi-
lichen Jahrtausend. Das Material des Papyrus bliotheken.
führte zur Rollenform schriftlicher Texte. Mit den Bibliotheken von Alexandria und
Diese Form wurde der „Normalfall“, und so Pergamon wurde eine neue Qualität der
wurden auch Tierhäute zu einer Rolle zusam- schriftlichen Überlieferung entwickelt: Da
mengenäht. aufgrund der klimatischen Verhältnisse au-
Eine neue gesellschaftliche Qualität erhielt ßerhalb Ägyptens Papyrusrollen nach zwei-
das Buch, als Texte in Alphabetschrift verfer- oder dreihundert Jahren unbrauchbar wur-
tigt werden konnten. Zwar stellten die su- den, mußten ältere Texte immer wieder ab-
merischen und ägyptischen Texte bereits das geschrieben werden. Bei diesem Abschreiben
„gesellschaftliche Gedächtnis“ dar, aber die- ergaben sich notwendigerweise Abweichun-
ses war nur einer kleinen Gruppe zugänglich gen von der Vorlage, so daß der Wortlaut
und wurde nur zu bestimmten Anlässen ak- eines Textes größeren Schwankungen unter-
tiviert, konnte also gesellschaftliche Kom- worfen war. Da sich gleichzeitig die Sprache
munikationsbeziehungen noch nicht durch- verändert hatte, entwickelten die Bibliothe-
greifend umstrukturieren. Dies änderte sich kare Alexandrias eine philologisch-hermeneu-
mit der Übernahme der Buchrolle durch die tische Methode, die den „Urzustand“ der
Griechen, die nicht nur ihr Alphabet, sondern Texte wiederherstellte bzw. ihre unveränderte
auch ihren Beschreibstoff von den Phöniziern Tradierung gewährleistete. Die damals ent-
übernahmen: Schon der Name biblos verweist wickelten Methoden prägen die Philologien
auf den phönizischen Hafen Gubla, aus dem bis heute (→ Art. 54).
die Griechen ihre Papyrusrollen importierten. In dieser alexandrinischen Philologen-
Spätestens seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. schule wurde erstmals ein Unterschied zwi-
wurde griechische Dichtung schriftlich tra- schen Text und Buch relevant: Während bei
diert, seit ca. 550 v. u. Z. gab es in Athen handschriftlicher Buchproduktion normaler-
Staatshandschriften der „klassischen“ Dich-
6.  Geschichte des Buches 87

weise Text und Handschrift als Einheit erfah- Ausgaben eines Werkes sprechen kann. Die
ren wurden, wurde nun ein „Originaltext“ aus Vervielfältigungen wurden in Schreibmanu-
unterschiedlichen Handschriften rekonstru- fakturen in der Regel von Schreibsklaven
iert, und so der Text als sprachlich-literarische kommerziell hergestellt (im allgemeinen wohl
Größe von dem materiellen Träger unterschie- nach Diktat). Sie wurden von einem das ganze
den. Damit entstand eine Buchproduktion, Imperium Romanum umspannenden Netz
die sich auf Bücher bezog: Kataloge, Inhalts- von Buchhändlern vertrieben und zumindest
angaben, Kommentare und methodische Ab- in Einzelfällen von Verlegern betreut. Bücher
handlungen, die das Buch selbst zum Gegen- unterlagen bereits damals der Zensur. Der
stand hatten (Erbse in Hunger et al. 1975, Autor wurde durch „Mäzene“ gefördert, über
221 ff). Autorenhonorare ist nichts bekannt. Wichtig
Die beiden größten Bibliotheken des Al- für den Autor war der literarische Ruhm, die
tertums initiierten zur Bestandssicherung gesellschaftliche Anerkennung, die sein sozia-
einen das ganze Mittelmeer umspannenden les Fortkommen bestimmte, nicht das Ho-
Handschriftenhandel und entwickelten so die norar. In der Spätantike begann das Buch-
Kommerzialisierung der Handschriftenpro- wesen so unübersichtlich zu werden, daß
duktion entscheidend weiter. Die Bibliothek Kurzfassungen der wichtigsten Werke für ei-
von Alexandria soll ca. 400 000 Rollen ent- lige Leser erstellt werden mußten (Erbse in
halten haben, da aber wohl nur von 2 0 000 Hunger et al. 1975, 234 ff).
verschiedenen Texten für das ganze griechi- In den ersten Jahrhunderten n. Chr. scheint
sche Altertum auszugehen ist, zeigt diese Pro- sich die Buchform je nach Inhalt des Buches
portion die in dieser Bibliothek geleistete Ar- unterschieden zu haben. Juristische, philoso-
beit an (Hunger 1975 et al., 63 f; Canfora phische, historische und literarische Texte
1990, passim). wurden sowohl als Rolle wie als Codex ver-
Pergament ist ein Beschreibstoff, der durch breitet, christliche Texte, vor allem die Bibel
Gerbung aus Tierhäuten hergestellt wurde. bzw. das NT, erschienen fast ausschließlich
Auch die Herstellung dieses Beschreibstoffes als Pergament- oder Papyruscodex. Die Be-
war sehr aufwendig, denn für zwei Folioseiten vorzugung des Codex im christlichen Schrift-
mußte jeweils ein Tier geschlachtet werden, tum mag ein Grund für die Durchsetzung
aber Pergament hatte vor dem Papyrus den dieser Buchform in den ersten 5 Jahrhunder-
Vorzug, daß Texte gelöscht und es wiederbe- ten n. Chr. gewesen sein. Daneben hat aber
schriftet werden konnte (sog. Palimpseste). sicherlich die Veränderung in der Versorgung
mit Beschreibstoff eine Rolle gespielt, da der
2.3. Der Codex Papyrusanbau in Ägypten einen Niedergang
erlebte und zugleich die Handelsverbindun-
Auch das Pergament wurde in der Antike in gen nach dem Ende des weströmischen Rei-
Rollenform verwandt, doch entsteht in Rom ches erschwert waren. Vom 4.—6. Jahrhun-
daneben der Codex. Er wurde entwickelt aus dert jedenfalls erfolgte der Umwandlungspro-
der Form zusammengebundener Wachstäfel- zeß der Papyrusrolle zum Pergamentkodex
chen, die an einer Seite durch Lederriemen auch für Literaturwerke.
verbunden waren. Diese Technik wurde zum
Zusammenheften von Einzelblättern über-
nommen, und daraus entwickelte sich die Bin- 2.4. Büchervernichtung
dung des Codex an der linken Seite. Diese Die Geschichte der christlichen Literatur ist
Form hatte gegenüber der Rolle einige Vor- eine Geschichte der Zensur, der Verfolgung
teile: Man konnte den Codex aufschlagen, auf und der Bücherverbrennung. Zwar gibt es den
einen Tisch legen, Vorder- und Rückseiten der Versuch, durch Zensur und Verbot das kol-
Blätter beschreiben. Der Leser konnte vor- lektive Gedächtnis und die „öffentliche Mei-
und zurückblättern und damit erst wörtlich nung“ zu steuern, seitdem wir schriftliche
zitieren. Durch die Bindung wurden Reihen- Überlieferungen kennen (z. B. ließ der ägyp-
folge und Gesamtumfang einer Werksamm- tische Pharao Thutmosis III. nach seinem Re-
lung „kodifiziert“, Codices waren praktischer. gierungsantritt den Namen seiner Vorgänge-
Rolle und Codex (sowohl aus Pergament rin Hatschepsut aus allen öffentlichen In-
wie aus Papyrus) existierten in römischer Zeit schriften entfernen, und auch das klassische
nebeneinander, wobei der Codex als geringer- Griechenland kannte Bücherverbrennungen).
wertig galt. Literarische Werke konnten in Dennoch hat es erst die spätrömische Kaiser-
beiden Formen vertrieben werden, so daß zeit zu einer organisierten Verfolgung und
man in römischer Zeit von verschiedenen Vernichtung von Büchern, Bücherbesitzern
88 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

und den Anhängern der in diesen Büchern Buchbindern und Lesern (Wittmann 1991,
vertretenen Lehren gebracht. Objekt dieser 13).
Verfolgungen waren alle religiösen Gruppen, Das kirchliche Interesse galt der Sicherung
die sich der Staatsreligion widersetzten, am der Überlieferung der religiösen Texte, die im
heftigsten traf sie die Christen und die christ- Vordergrund aller schreibsprachlichen Be-
liche Literatur. Einen durchschlagenden Er- mühungen stand. Als Staatskirche hatte die
folg konnten Zensurmaßnahmen allerdings christliche Kirche jedoch auch ein genuines
aufgrund der Abschreibpraxis und der damit Interesse an der Überlieferung juristischer
verbundenen individuellen Vervielfältigung Texte, denn diese schrieben auch die Privile-
von Manuskripten nicht haben. gien der Kirche fest bzw. waren für ihre
Die Zensur christlicher Literatur endete Zwecke auch umzuschreiben. S o war durch
mit dem Mailänder Edikt von 313, in dem den Charakter der tradierenden Institution
Kaiser Konstantin den Christen Schutz ge- die Überlieferung zweier entscheidender lite-
währte. Nach der Anerkennung begann das rarischer Bereiche gesichert. Die Überliefe-
Christentum seinerseits mit dem Verbrennen rung des dritten literarischen Bereiches, Phi-
von Büchern und Menschen. „Die Bücher- losophie, Geschichte, Medizin und Literatur,
verbrennung ist ein Teil der Christianisie- ergab sich aus der Notwendigkeit, das Ver-
rung“ (Canfora 1990, 184). Diesem Vorgehen ständnis der biblischen Texte zu sichern. Wie
fielen nicht nur die antichristlichen heidni- bei Gründung der Bibliothek von Alexandria
schen Schriften und die christlich-häretischen ergab sich aufgrund der sprachlichen Ent-
Werke zum Opfer, die Christianisierung be- wicklung die Notwendigkeit, Grammatik und
deutete auch das Ende für die berühmteste Lexik der zu untersuchenden Texte zu erläu-
Bibliothek der Antike, der Bibliothek von tern, und dies war nur mit Hilfe der profanen
Alexandria. Nachdem eine kleinere Biblio- Literatur möglich. Die Überlieferung der an-
thek in Alexandria wohl bei der Eroberung tiken Literatur in Europa verdankt sich also
der Stadt durch Julius Caesar vernichtet im wesentlichen pädagogisch-philologischen
wurde und die zweite bedeutende Bibliothek Interessen. Dies erklärt auch, daß viele Per-
der Antike in Pergamon als römische Kriegs- gamenthandschriften, die profane Literatur
beute zerstreut worden war, haben die ver- enthielten, im Laufe der Zeit neu geglättet
schiedenen Christianisierungen Ägyptens im und mit christlichen Texten beschrieben wur-
4. Jahrhundert das Ende der großen alexan- den, während der umgekehrte Vorgang sehr
drinischen Bibliothek bedeutet (Canfora selten ist. Immerhin ist das, was an klassischer
1990). Die christliche Bücherverbrennungs- Literatur bis 1500 in Europa bekannt war,
praxis erfaßte seit dem 5. Jahrhundert auch entweder durch die Abschreibetätigkeit
zunehmend die religiösen Schriften des Ju- christlicher Mönche überliefert worden oder
dentums, vor allem den Talmud, der bis in durch die Vermittlung der spanischen Araber
die Neuzeit immer wieder dem Feuer über- auf uns gekommen.
geben wurde. Die mittelalterlichen Klöster und ihre Bi-
bliotheken im deutschsprachigen Raum sind
Produkte der angloirischen Mission, und die
3. Das Mittelalter und Missionare brachten auch ihre Bücher von
die frühe Neuzeit den Inseln mit. Diese waren in einer neuen
Schreibkonvention verfaßt: Die irischen
3.1. Handschriften Mönche setzten nicht Buchstaben neben
Nach dem Zerfall des römischen Weltreiches Buchstaben, wie es während der gesamten
entfielen die Voraussetzungen für die antike Antike der Fall war, sondern setzten die ein-
Schriftkultur in weiten Teilen Europas. Dies zelnen Wörter durch Zwischenräume, Spa-
zwang die christliche Kirche, die Tradierung tien, voneinander ab. In diesen Handschriften
der Basistexte und deren Verständlichkeit zu vergegenständlicht also bereits der Schreiber
sichern. Diese Aufgabe fiel den im 6. Jahr- eine Analyse des Satzes, der Leser muß die
hundert neugeschaffenen Mönchsorden zu. syntaktische Gliederung nicht mehr durch
So entstanden anstelle der antiken Bibliothe- lautes Lesen selbst vornehmen. Diese neue
ken die mittelalterlichen Klosterbibliotheken. Schreibtechnik war eine der Voraussetzungen
An die Stelle des relativ offenen antiken Li- für das „stille“ Lesen und damit für eine re-
teraturmarktes trat ein „geschlossener Kreis- volutionär veränderte Einstellung zum Buch:
lauf“ von Autoren, Herausgebern, Schrei- das Buch wurde zu einem Objekt für das Auge
bern, Korrektoren, Illustratoren, Kopisten, (Illich 1991, 91 ff).
6.  Geschichte des Buches 89

Karl der Große wollte sein Reich religiös Herstellung einer Handschrift, dennoch
und politisch vereinheitlichen, und dies war machten die Beschreibstoffkosten immer
bei der Größe des Gebietes nur durch eine noch die Hälfte des Endpreises eines Buches
Vereinheitlichung des Schriftwesens zu errei- aus. Da das Papier nicht nur für die Buch-
chen. Nach dem Vorbild der karolingischen produktion benötigt wurde, war es zweitens
Hofschule wurde die Schrift reformiert (ka- immer in ausreichenden Mengen erhältlich.
rolingische Minuskel), in den Kloster- und Zum dritten war das Papier erheblich leichter
Bischofsbibliotheken wurden revidierte Texte und damit einfacher zu transportieren, und
abgeschrieben und dazu Schreibschulen ein- dies galt auch für das Endprodukt. Endlich
gerichtet. Der Bücherbestand der ostfränki- garantierte der maschinelle Herstellungspro-
schen Bibliotheken ist weitgehend auf die zeß eine gleichbleibende Qualität und gleich-
Kulturpolitik Karls zurückzuführen (Schmitz bleibende Maße. Papier konnte darüber hin-
1984, 19 ff). Die Mönche vermehrten ihre aus mit anderen Tinten und anderen Schreib-
Bibliotheksbestände vor allem dadurch, daß werkzeugen beschrieben werden als Perga-
sie sich Bücher aus anderen Bibliotheken aus- ment. Diese Möglichkeiten trugen ebenso wie
liehen und diese abschrieben. Daneben hat es neuentwickelte Techniken der Buchbinder, die
in geringem Maße auch den Kauf von Hand- erheblich leichtere Einbände produzierten,
schriften gegeben, und neben der Produktion dazu bei, daß sich im 14. Jahrhundert ein
für den im engeren Sinne kirchlichen Bedarf neuer Buchtyp entwickelte, der neue Möglich-
sind auch Prachtkodices für weltliche Herr- keiten des Gebrauchs bot, unter anderem das
scher angefertigt worden, die schon wegen individuelle Lesen ermöglichte.
ihrer Größe und ihres Gewichtes nur Reprä- Ivan Illich (1991 passim) hat darauf hin-
sentationszwecken dienen konnten. Aber gewiesen, daß mit der Entstehung der Scho-
auch die „Gebrauchshandschriften“ des Mit- lastik im 13. Jahrhundert eine radikal neue
telalters waren so gewichtig, daß sie nur in Einstellung zum Buch verbunden war: Seit
den seltensten Fällen die ganze Bibel enthiel- dieser Zeit muß auch im christlichen Europa
ten. Für den kirchlichen Gebrauch bestand zwischen Text und Buch unterschieden wer-
die Bibel aus einer Sammlung separater, vo- den. Bis zu dieser Zeit waren Text und Buch
luminöser Bände, denn die zur Verfügung ste- eine Einheit, die Lektüre eines Buches verwies
henden Blätter aus Pergament waren zu auf die Welt, auf die das Buch bezogen war.
schwer und zu sperrig, als daß eine vollstän- Jetzt wurde der Text zu einer Einheit der
dige Bibel hätte problemlos gebunden werden Kommunikation, er verwies auf einen argu-
können, und die verwendeten Buchstaben mentativen Diskurs. An die Stelle des dicta-
waren zu groß, um viel Text auf einer Seite tors des Buches trat der auctor des Textes, der
unterzubringen. Auch eine Bibel des 13. Jahr- als Individuum für das Geschriebene verant-
hunderts, die in kleinen Buchstaben und mit wortlich war. Eine der Voraussetzungen für
vielen Abkürzungen geschrieben war, wog diese Entwicklung war die Wiederentdeckung
noch 5 kg. So war das Buch bis ins 13. Jahr- der antiken Philosophie, eine der Folgen, daß
hundert Kult- und Repräsentationsgegen- jetzt nicht mehr das Buch von der Hörerge-
stand, der Text der Bibel wurde auswendig meinde kollektiv nachvollzogen wurde, son-
gelernt. Auch die seit der Antike bekannten dern daß die Inhalte vom Leser erschlossen
Handschriftenillustrationen dienten der Re- werden mußten. Dies geschah u. a. durch
präsentation und als Memorierhilfe. Dieser nach dem Alphabet gegliederte Register, Kon-
Funktionsbestimmung und der Anzahl der kordanzen, Bibliotheksinventare; Wörterbü-
verfügbaren Handschriften genügte ein Ka- cher wurden seit dem 12 .—13. Jahrhundert
talogisier- und Zitierverfahren, das die An- nach dem Alphabet gegliedert (→ Art. 141)
fangs- und Schlußworte der Handschrift an- und folgten nicht mehr der Reihenfolge eines
führte, das Incipit und das Excipit, wie päpst- vorgegebenen Textes oder einem Sachzusam-
liche Enzykliken ja auch heute noch nach menhang, die geschriebene Sprache löste sich
ihrem Incipit benannt werden. von ihrem materiellen Träger wie die Buch-
staben von der lateinischen Sprache, seit die-
3.2. Das Papier ser Zeit wurde das lateinische Alphabet all-
gemein für volkssprachliche Aufzeichnungen
Von kaum zu überschätzender Bedeutung war verwandt. Diese Entwicklungen waren not-
die Übernahme des Papiers im christlichen wendige Voraussetzungen für die Erfindung
Europa. Es veränderte das Buchwesen in we- des Buchdrucks, in dem dann der Text seine
sentlichen Punkten. Es verbilligte erstens die Materialisierung erfuhr.
90 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Eine andere wesentliche Voraussetzung für Eine wesentlich breitere Öffentlichkeit


die Erfindung des Buchdrucks war die Ent- wurde mit holzgeschnittenen Bildern und Tex-
stehung eines allgemeinen gesellschaftlichen ten erreicht. Etwa seit 1380 wurden Heiligen-
Bedürfnisses nach Büchern. Dazu trugen die bilder und Spielkarten „massenhaft“ dadurch
Veränderungen im Bildungsbereich wesent- produziert, daß Holzschnitte auf Papier ab-
lich bei, vom 13. bis zum 15. Jahrhundert gezogen wurden. Zum Holzschnittbild trat
erfolgte eine enorme quantitative Ausweitung dann bald der Text, der seitenverkehrt in die
des Schulwesens durch die Einrichtung neuer Holztafel eingeschnitten wurde und dann auf
Dom- und Ratsschulen. Eine qualitative Aus- dem Papier als normal lesbare Schrift er-
weitung läßt sich darin erblicken, daß die schien. Diese Technik war von der Stempel-
Juristen in den neu entstehenden Verwaltun- herstellung und der Münzprägung bekannt
gen auf dieses Medium angewiesen waren, und wurde erst für Einblattdrucke, dann auch
daß in diesen Jahrhunderten das Beherrschen für Bücher genutzt. Diese „Blockbücher“ ent-
des Lesens und Schreibens für das städtische hielten nur einseitig bedruckte Blätter, da der
Patriziat und die Fernhandelskaufleute zur hier angewandte Reiberdruck durch das Blatt
Selbstverständlichkeit wurde und auch die durchschien. Die bekanntesten Blockbücher
verschiedenen Schichten des Adels in unter- stellen die sogenannten Armenbibeln dar, die
schiedlicher Form literarisiert wurden. Mit Teile der biblischen Geschichte als Bilderfolge
der Entstehung dieser literaten Schichten ist darstellen. Daneben gab es Blockbücher, die
wiederum eine Verlagerung der literarischen reinen Text enthielten. Diese Blockbücher
Interessen verbunden. Neben die theologische wandten sich nicht an das „einfache Volk“,
und erbauliche Literatur treten juristische, sondern an den niederen Klerus, der des Le-
aber auch poetische und sachgebundene sens und Schreibens wie des Lateins nur un-
Texte. Wichtig gerade für die neu literarisier- vollkommen mächtig war.
ten Schichten wurde die Ende des 13. Jahr- So entstand in den Jahrhunderten vor der
hunderts erfolgte Übernahme des von den Erfindung des Buchdrucks ein neues Lese-
Arabern entwickelten Lesesteins, der wie eine publikum mit einem neuen Textverständnis
Lupe auf den Text gelegt wurde und diesen und differenzierten literarischen Neigungen,
vergrößerte. Dieser Lesestein wurde in dessen Bedürfnisse aber noch durch die hand-
Europa bald zur Niet- und Bügelbrille wei- werksmäßige Vervielfältigung von Hand-
terentwickelt. Erst mit dieser Erfindung schriften oder Blockbüchern befriedigt wer-
wurde die Lesefähigkeit nicht mehr durch die den konnten, da durch die Entwicklung der
Alterssichtigkeit begrenzt (Wittmann 1991, Papiermanufaktur ein relativ preiswerter Be-
14 ff). schreibstoff zur Verfügung stand und die
Der Bedarf an Literatur führte in Italien handwerkliche Arbeitsteilung hinreichend ef-
und Frankreich schon früh zur Massenpro- fektiv war. Diese Verhältnisse wurden durch
duktion von Handschriften durch Verleger. die Erfindung des Buchdruckes mit Hilfe be-
Der bedeutendste Handschriftenhändler des weglicher Metallettern durch Johannes Gens-
15. Jahrhunderts, Vespasiano da Bisticci, be- fleisch zum Gutenberg in wenigen Jahrzehn-
schäftigte zeitweise 45 Lohnschreiber und ten revolutioniert.
konnte so für Cosimo de Medici innerhalb
von 2 2 Monaten über 2 00 Prachthandschrif- 3.3. Der Buchdruck
ten liefern. Der bekannteste deutsche Hand-
schriftenproduzent und -verleger, Diebold Johannes Gutenberg entstammte dem main-
Lauber, betrieb im elsässischen Hagenau eine zischen Patriziat und wurde zwischen 1394
rege deutschsprachige Bücherproduktion auf und 1404 in Mainz geboren, wuchs in Mainz
Vorrat, nicht mehr auf Bestellung, er entwik- und Eltville auf und hat wahrscheinlich stu-
kelte die ersten überlieferten Verlagsanzeigen diert, wohl in Erfurt, und das Goldschmie-
und belieferte mit den Erzeugnissen seiner dehandwerk erlernt. Zwischen 1434 und 1444
Schreiberwerkstatt zwischen 142 5 und 1467 hielt er sich in Straßburg auf und experimen-
vor allem die Rheinlande, Franken und die tierte mit metallenen Druckvorlagen. Dabei
Schweiz. Zu seinen Kunden gehörten Ange- dürfte es sich um Pilgerzeichen und Wall-
hörige des Hochadels, vermögende Stadtpa- fahrtsandenken gehandelt haben, also um
trizier, Angehörige des hohen Klerus und Massenartikel, die in hoher Stückzahl pro-
auch Klöster, insgesamt ein sozial sehr ge- duziert werden mußten. Diese Erfahrungen
schlossener Kreis, der aber nicht mehr nur machte Gutenberg sich für den Buchdruck
kirchlich bestimmt war. zunutze. 1449 gründete er zusammen mit sei-
nem Geldgeber Johann Fust in Mainz eine
6.  Geschichte des Buches 91

Druckerei, aus der 1454 das erste gedruckte Druckereieinrichtung in den alleinigen Besitz
Buch, die berühmte 42 zeilige lateinische Bibel, Johann Fusts überging, der die Druckerei mit
hervorging (Kapr 1988; → Art. 13; → Abb. seinem Schwiegersohn Peter Schöffer weiter-
14.7 auf Tafel XVI). betrieb und in der Folgezeit öfter als Erfinder
Die einzelnen Techniken des Druckens mit der Buchdruckerkunst bezeichnet wurde. Un-
beweglichen Metallettern waren zu Guten- abhängig von diesen Streitereien um das gei-
bergs Zeit bereits bekannt, so daß als sein stige Eigentum an der Erfindung war jedoch
eigener Beitrag „nur“ die Erfindung des die Existenz zweier Druckereien und der da-
Handgießinstrumentes gilt, das die industri- mit verbundene Loyalitätskonflikt der be-
elle Herstellung von Lettern ermöglichte, und troffenen Mitarbeiter in diesen Druckereien
die Herstellung einer Druckerschwärze, die an eine der Voraussetzungen für die ungeheuer
den Metalltypen haften und deshalb ganz an- schnelle Verbreitung der Druckkunst, die
dere chemische Eigenschaften haben mußte trotz versuchter Geheimhaltung des Produk-
als diejenige, welche beim Abdruck von Holz- tionsprozesses, die j a auch durchaus den da-
stöcken gebraucht worden war. „Seine eigent- maligen Gepflogenheiten entsprach, erfolgte.
liche Leistung beruhte also vor allem in der Von 1455 bis 1500 wurde in 2 55 Orten, die
wissenschaftlichen Synthese der zu seiner Zeit sich über ganz Mittel- und Westeuropa er-
bekannten Verfahren der Vervielfältigung von streckten, ca. 2 7 000 verschiedene Bücher in
Schrift“ (Steinberg 1988, 2 7). Michael Gie- einer Gesamtauflage von etwa 2 0 Millionen
secke (1991, 77 ff) hat jedoch zu Recht darauf Exemplaren gedruckt. „Unter den aus der
hingewiesen, daß schon die Wahl des Metalls Frühdruckzeit erhaltenen Druckwerken neh-
als materiellem Träger der Schrift keineswegs men, soweit sich das Material überblicken
selbstverständlich war, daß eine Linearisie- läßt, die in lateinischer Sprache gedruckten
rung des Produktionsverfahrens eine Vielzahl mit 77,5% mit Abstand den Vorrang ein;
von neuartigen Abstimmungen der beteiligten deutlich treten demgegenüber die Titel zu-
Einzelteile erforderte und daß das Prinzip der rück, die in Landessprachen gehalten waren
Wiederverwendbarkeit des Typenvorrats den (2 2 %), und ganz gering (0,5%) ist der Anteil
Druck zum Prototyp eines industriellen Ver- der auf uns gekommenen Drucke in Hebrä-
fahrens machte. Gutenbergs Erfindung ist isch, Griechisch und Kirchenslawisch.“ (Wid-
eine geniale Entdeckung gewesen und nicht mann 1975, 48)
auf ein Einzelmoment reduzierbar. Wie fort- Durch den Buchdruck ergab sich ein völlig
schrittlich seine Erfindung war, zeigt die An- verändertes Verhältnis zur schriftlichen Über-
ekdote, daß 1485 alle Exemplare der ersten lieferung: Kam es vor der Erfindung des
Druckausgabe des Regensburger Meßbuches Buchdrucks darauf an, eine möglichst gute
von mehreren Geistlichen einzeln mit der Handschrift als Vorlage für seine Abschrift
Druckvorlage verglichen wurden und diese zu erhalten, so konnte nun für den Druck ein
dabei feststellten, daß die Druckexemplare kritischer Text erstellt werden, der auf der
übereinstimmten. M. Giesecke zeigt auch, daß Vergleichung vieler Handschriften und der
Gutenberg nicht die einfache Vervielfältigung Anwendung textkritischer Methoden beruhte.
von Handschriften beabsichtigte, sondern die Dadurch wurde der Text endgültig vom Buch
künstlerische Vollendung des Buches. Indem unterschieden, die Handschrift als Form der
er den Schreibvorgang mechanisierte, machte mittelalterlichen Überlieferung und Veröf-
er ihn von menschlichen Unzulänglichkeiten fentlichung eines Werkes wurde entscheidend
unabhängig. S o läßt sich die immer wieder abgewertet, eine Handschrift bot von jetzt an
bestaunte ästhetische Vollendung gerade der den verderbteren Text gegenüber der gedruck-
frühesten Drucke erklären, und so erklärt sich ten kritischen Edition und stellte keine Form
der Qualitätsverlust der gedruckten Bücher in der Veröffentlichung mehr da, sondern eine
den folgenden Jahrzehnten auch nicht einfach Form der Privatisierung (Giesecke 1991,
als durch die Kommerzialisierung bedingte 319 ff). Dem entsprach eine neue Form der
„Verwilderung“, sondern dadurch, daß Bü- Distribution des Buches. Mit der Durchbre-
cher von dieser Zeit an nicht mehr vollende- chung der geschlossenen Kreisläufe des Buch-
tere Handschriften sein sollten, sondern ge- vertriebs in Kirche und Verwaltung war ein
rade gewollt Druckerzeugnisse. neues Wirtschaften verbunden. Der Schreiber
In den Jahren 1454 und 1455 kam es zu kannte seinen Auftraggeber, Handschriften-
gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen händler wie Diebold Lauber hatten eine gute
Gutenberg und seinem Geldgeber Fust, die Vorstellung von ihrem Kundenkreis. Ein
damit endeten, daß die (oder besser eine) Drucker mußte seine Absatzmöglichkeiten
92 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

frei kalkulieren. Dabei zwang die Größe des führend, entstanden ihnen bald in Lyon und
in die Druckerei investierten Kapitals zu einer Paris wichtige Konkurrenten. Zur dominie-
möglichst großen Ausnutzung der Maschi- renden Buchdruck- und Buchhandelsstadt
nen. So mußte der Drucker einerseits über entwickelte sich aber für das 15. und 16. Jahr-
genügend Manuskripte verfügen, um etwas hundert Venedig, ehe es von Paris abgelöst
drucken zu können, andererseits mußten seine wurde. In Venedig, dem Zentrum des euro-
Waren Käufer finden. Daraus ergaben sich päischen Handschriftenhandels, wurde die
die Notwendigkeiten, neue Leserschichten zu wirtschaftliche Bedeutung des Verlagswesens
erschließen bzw. den Menschen den Nutzen früh erkannt und die Buchdruckerkunst ent-
des Lesens zu demonstrieren, ein Verteilungs- schieden gefördert, hier entstanden die wich-
system für Bücher aufzubauen und genügend tigsten Ausgaben antiker Autoren (und der
Autoren zu gewinnen. Darüber hinaus muß- erste Druck des hebräischen Alten Testa-
ten genügend Rohstoffe für die Bücherpro- ments), hier wurden neue Drucktypen, neue
duktion bereit gestellt werden. So entstanden Formen der Buchillustration und des Buch-
neue Berufsgruppen, von den Lumpensamm- einbands entwickelt (→ Art. 13).
lern, die den Rohstoff für die Papierherstel- Der Vertrieb von Büchern war unterschied-
lung heranschafften, über die Papiermacher, lich organisiert. Bei Auftragsproduktionen
die meist für Handelskapitalisten die Produk- übernahm der Auftraggeber den Vertrieb,
tionsstätten betrieben, über die akademisch sonst verkauften sowohl der Drucker-Verle-
gebildeten Drucker (Lateinkenntnisse waren ger selbst als auch von ihm beauftragte Ver-
für die Bücherproduktion unabdingbare Vor- treter. In den großen Städten gab es sehr rasch
aussetzung), die Stempelschneider und Gra- stationäre Bücherlager, in den anderen Ge-
veure, die oft Künstler bzw. Kunsthandwer- bieten wurden Bücher durch Handlungsrei-
ker waren, die ungelernten Druckereiarbeiter, sende vertrieben. Feste Preise gab es nicht.
die humanistisch gebildeten Editoren und Mit der Entwicklung der Handschrift zum
Korrektoren, die Verleger und Buchführer, gedruckten Buch wurden neue Gestaltungs-
die alle nicht mehr in Formen des mittelalter- formen notwendig, Bücher konnten nicht
lichen Zunfthandwerks organisierbar waren, mehr nach dem Incipit unterschieden werden.
sondern bereits Kapitalverwertungsbedingun- So setzte sich um 1480 das Titelblatt durch,
gen unterlagen. das Foliantenformat der Handschriften wur-
Die ersten Buchdrucker-Verleger gingen de durch kleinere, leichter zu transportie-
noch von den Erfahrungen der Handschriften- rende Formate ersetzt, die ursprüngliche Ty-
produktion aus, viele volkssprachige Drucke penvielfalt der Drucker wurde vereinheitlicht,
zielten noch auf einen regional begrenzten aus den Bilderklärungen von Kupferstich-
Kommunikationsraum, der als Absatzgebiet oder Holzschnittillustrationen wurden Kapi-
anvisiert wurde, und wenn der Text auch in telüberschriften. Hinzu kamen dann im 16.
anderen Gebieten von Interesse war, wurde er Jahrhundert wegen der Zensur Vorschriften
in einer den dortigen kulturellen und sprach- für die Buchgestaltung: ab 1530 mußte jedes
lichen Gegebenheiten angepaßten Form nach- gedruckte Buch den Namen des Druckers und
gedruckt. So entstanden überregionale Aus- den Druckort enthalten (Wittmann 1991,
gleichssprachen, die sich um bekannte Druk- 25 ff).
korte gruppieren.
Große wissenschaftliche Editionsvorhaben 3.4. Zensur
wurden überregional geplant, zumal man an
die Erfahrungen des internationalen Hand- Zu einem ökonomischen Problem wurde bald
schriftenhandels anknüpfen konnte. So ent- der Nachdruck erfolgreicher Werke. Zu Zei-
standen gespaltene Märkte, auf der einen ten der Handschriftenproduktion war das
Seite etwa Auftragsproduktionen für eine be- Abschreiben, also das Vervielfältigen einer
stimmte Kirchenprovinz, auf der anderen Vorlage, die einzige Möglichkeit, an den Text
Seite eine Buchproduktion, die mit dem Fern- zu gelangen. Jetzt stellten Nachdrucke eine
handel verbunden war. Vor allem diese Fern- Konkurrenz für den Erstdrucker dar. Gegen
handels-Drucker-Verleger konnten ihre An- diese Nachdruckpraxis entwickelten die Ver-
lagen kontinuierlich auslasten, sodaß die be- leger unterschiedliche Strategien. Die verbrei-
deutenden Verlage nicht in den Universitäts- tetste Maßnahme war der Versuch, Privilegien
oder Bischofsstädten angesiedelt waren, son- für den alleinigen Vertrieb eines Titels zu er-
dern in den Zentren des europäischen Fern- langen. Diese Privilegien galten jedoch immer
handels. Waren hier anfangs deutsche Städte nur für begrenzte Gebiete, selbst ein kaiser-
liches Privileg wurde durch Territorialhohei-
6.  Geschichte des Buches 93

ten begrenzt und galt außerhalb des Reiches 3.5. Luther und die Reformation
natürlich nicht. Dennoch waren kaiserliche
oder landesherrliche Privilegien der wirksam- Die Zensurmaßnahmen zeigen, daß die Re-
ste Schutz gegen Nachdrucke. formation nicht nur religiös und politisch
Diese Privilegien wurden aber nur für Bü- einer der entscheidenden Vorgänge des 16.
cher erteilt, die zuvor der Privilegien erteilen- Jahrhunderts war, sondern auch buchge-
den Stelle vorgelegt worden waren, sie wurden schichtlich eine herausragende Stellung ein-
so zu einem Mittel der Vorzensur. Staatlichen nimmt. Im Verlauf der Reformation nahm die
und vor allem kirchlichen Stellen war der Bücherproduktion in Deutschland ein neues
Buchdruck nicht nur ein „Geschenk Gottes“, Gesicht an: theologische, wissenschaftliche
sondern die durch ihn ermöglichte öffentliche und politische Fragen wurden mit Hilfe des
Diskussion, die neue und allgemeine, unge- Buchdrucks zum ersten Male öffentlich dis-
steuerte Kommunikation, wurde auch als Ge- kutiert, dementsprechend stieg die Produk-
fahr für bestehende Zustände begriffen. Be- tion deutschsprachiger Bücher und die Zahl
reits 1485 verbot der Erzbischof von Mainz der Lesekundigen. Volkssprachige reformato-
rische Schriften erreichten Auflagenhöhen,
(!) den Verkauf von deutschen Übersetzungen die vorher undenkbar gewesen waren. Dies
aus dem Lateinischen oder Griechischen, betraf erst einmal die Schriften Luthers. Seine
wenn diese Übersetzungen nicht zuvor von Flugschriften erschienen jeweils in Erstaufla-
Theologen eine Unbedenklichkeitsbescheini- gen, die bis zu 4000 Exemplare betrugen, und
gung erhalten hatten, 1479 wurde vom Papst wurden zu seinen Lebzeiten bis zu 2 5mal
die Zensur für gedruckte Bücher gefordert, nachgedruckt. Dennoch nehmen sich diese
1512 verbot Kaiser Maximilian 1. die „juden- Auflagen bescheiden aus gegen den Erfolg
freundlichen“ Bücher des Johannes Reuchlin. seiner Bibelübersetzung. Von 152 2 bis zu Lu-
Zur institutionellen Macht wurde die Zensur thers Tod 1546 erschienen etwa 2 00 000 Teil-
aber erst mit den reformatorischen Ausein- drucke und Gesamtausgaben der „Luther-
andersetzungen. Nachdem Luther 152 0 vom bibel“, bis zur Jahrhundertwende rechnen
Papst durch die Bulle „exsurge domine“ öf- manche Forscher gar mit 1 Million Bibel- und
fentlich als Ketzer verdammt worden war, Bibelteildrucken. Auch für die Sprachge-
verbot Kaiser Karl V. 152 1 die Schriften Lu- schichte ist die Bibelübersetzung von gar nicht
thers, ohne die Reichsstände zu hören. In der zu überschätzender Bedeutung, nicht nur we-
Folge des „kaiserlichen Mandates“ entstand gen ihres Vorbildcharakters, sondern auch
ein System der Aufsicht über das Buchwesen. deshalb, weil Luthers Korrektoren nach sei-
Das Recht und die Pflicht, eine Vorzensur nem Tode verlangten, daß die Nachdrucker
über sämtliche in den Druck gehenden Schrif- den Graphembestand seiner Bibel nicht an-
ten auszuüben, stand den „landesherrlichen tasteten. Hier wurde aus der theologischen
Ortsobrigkeiten“ unter der Aufsicht des Lan- Autorität Luthers die Unveränderlichkeit sei-
desherrn zu. Seit Beginn der Reformation war ner Orthographie abgeleitet und damit ein
es das Hauptziel der Zensurmaßnahmen, die neues Sprachnormbewußtsein formuliert. Mit
publizistischen Angriffe auf die katholische der reformatorischen Literatur kehrte sich das
Kirche und den Papst abzuwehren, nach dem Verhältnis von lateinischen und deutschen
Augsburger Religionsfrieden wurde die Wah- Drucken um: waren im 15. Jahrhundert 74%
rung von dessen Bestimmungen zum Haupt- der Drucke in Latein erfolgt, so waren 152 2
zweck der Zensur. Der Augsburger Religions- 72 % der Drucke deutschsprachig. Mit der
friede verbot, die zugelassenen Religionen Konsolidierung der Reformation steigt der
und deren Anhänger zu schmähen und zu Anteil des lateinischsprachigen Buchangebots
beleidigen. Die Zensur wurde jedoch jeweils allerdings wieder stark an, erst 1692 überwie-
von den Landesherren parteiisch im Sinne gen volkssprachige Drucke endgültig (Witt-
ihrer Konfession ausgeübt, und so entstan- mann 1991, 47—77).
den katholische und evangelische Bücher- Außer durch reformatorische Schriften
märkte und Kommunikationsräume (Eisen- wurde der Buchmarkt durch Sachliteratur
hardt 1985). vergrößert, durch „beschreibende Fach-
Im 16. Jahrhundert wird dann in allen prosa“, die praktische Nutzanwendungen für
europäischen Ländern versucht, den Buch- Menschen bot, die anders nicht an diese In-
markt unter die Kontrolle der in den jeweili- formationen gelangen konnten. Diese Bücher
gen Ländern Herrschenden zu bringen (Wey- wandten sich an verschiedene Interessengrup-
rauch 1985). pen und schufen so zum erstenmal einen in-
94 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

homogenen Büchermarkt, machten gerade men viel rascher. Einer früheren Zentralisie-
dadurch für viele Menschen das Lesenlernen rung des Verlagswesens entsprach eine ra-
erst interessant. schere Entwicklung des Marktes. Bereits 1709
Eine weitere Folge der Reformation war wurde in England das Eigentumsrecht eines
ein schwerer Eingriff in das Bibliothekswesen Autoren an seinem Werk gesetzlich verankert,
Deutschlands. In den evangelischen Ländern damit konnte sich eine „freie“ Schriftsteller-
wurden die Orden und Klöster und damit ihre existenz entwickeln. Der Nachdruck wurde
Bibliotheken aufgehoben. Die Anhänger der illegal.
Reformation hatten oft kein Interesse an den Deutschland verlor durch den 30jährigen
„alten pfäffischen Schriften“, und so sind Krieg in vielen Bereichen den Anschluß an
zahlreiche wertvolle Klosterbibliotheken in diese Entwicklung ganz. Eine entscheidende
den evangelischen Gebieten zugrunde gegan- Voraussetzung für die westeuropäische Ent-
gen. Die Reformation führte demgegenüber wicklung, die Existenz eines einheitlichen na-
zur Gründung von Schul- und Stadtbiblio- tionalen Büchermarktes, fehlte in Deutsch-
theken, deren Bestand sich jedoch von dem land von Anfang an. Hier wurde der nationale
der herkömmlichen katholischen Bibliothe- Buchaustausch durch die Buchmessen ge-
ken unterschied (Schmitz 1984, 70 ff). währleistet, die in Frankfurt und Leipzig
stattfanden, wobei die Frankfurter Messe an-
fangs, besonders für den Fernhandel, bedeu-
4. Das 17. und 18. Jahrhundert tender war. Der internationale Buchhandel
wurde gegen Bezahlung abgewickelt und war
4.1. Der Buchmarkt von daher organisatorisch problemlos, über-
forderte aber die Finanzkraft vieler Buch-
Reformation und Gegenreformation hatten händler und verlor auch stetig an Gewicht
die Bücherflut so anschwellen lassen, daß gegenüber dem deutschsprachigen Buchhan-
schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhun- del. Da die Verleger meist auch Buchhändler
derts erste Versuche gemacht wurden, Kata- waren, tauschten sie ihre Erzeugnisse gegen
loge aller gedruckten Bücher und Verzeich- die Produkte anderer Verleger, und zwar
nisse der Neuerscheinungen zu erstellen. Menge bedruckten Papiers gegen Menge be-
Diese Bibliographien mußten bald durch in- druckten Papiers, Tauschwert gegen Tausch-
haltliche Zusammenfassungen, durch Rezen- wert unabhängig vom Gebrauchswert. Auf
sionen, Inhaltsangaben etc. ergänzt werden, diese Weise war gewährleistet, daß die Ver-
so daß seit dem 17. Jahrhundert eine Gattung lagsprodukte überall im deutschsprachigen
von Druckwerken existiert, die sich vor allem Raum erhältlich waren. Jeder Buchhändler
mit Büchern beschäftigt. Derartige Unter- war aber auch gezwungen, selbst Verleger zu
nehmungen waren vor allem in den Wissen- werden, um Ware zum Tausch zu haben.
schaften notwendig, die Gelehrten entwickel- Durch diese Organisationsform wurde eine
ten Zusammenfassungen des Bücherwissens, schon in Ansätzen vorhandene Arbeitsteilung
Polyhistorien. Daneben entwickelte sich ein und die Differenzierung von Drucker, Verle-
wissenschaftliches Zeitschriftenwesen, das für ger und Buchhändler wieder zurückgenom-
eine schnellere wissenschaftliche Kommuni- men und eine weitere Spezialisierung und Pro-
kation sorgen sollte. Auch im nichtwissen- fessionalisierung verhindert. Dennoch war
schaftlichen Bereich etablierten sich bereits im diese Organisationsform den politischen und
17. Jahrhundert Periodika, die Nachrichten wirtschaftlichen Verhältnissen in den deut-
allgemein interessierenden Inhalts verbreite- schen Staaten angemessen und funktionierte
ten, Vorläufer des Zeitungswesens. fast zweihundert Jahre gut.
In all diesen Bereichen entwickelte sich das Die Messeplätze Frankfurt und Leipzig
westeuropäische Buchwesen erheblich schnel- waren von Zensurbestimmungen unterschied-
ler. Auch wenn auf dem deutschen Buchmarkt lich betroffen: Zwar war der Frankfurter Ma-
einzelne Erscheinungen früher als im übrigen gistrat bestrebt, den eigenen Buchhandels-
Europa auftraten (etwa Einblattdrucke etc.), platz zu schützen und zu fördern, als freie
blieben diese vereinzelt, während sich in West- Reichsstadt war Frankfurt jedoch dem Zu-
europa bereits im 17. Jahrhundert eine lite- griff der kaiserlichen Zensurbehörde, die im
rarisch-politische Öffentlichkeit bildete. Dort 17. Jahrhundert aus päpstlichen Beauftragten
veränderten sich das Verhältnis von Autor bestand, viel unmittelbarer ausgesetzt als
und Werk, von Werk und Publikum und die Leipzig. Hinzu kam durch den 30jährigen
damit verbundenen Distributionsmechanis- Krieg ein Rückgang des Fernhandels mit Bü-
6.  Geschichte des Buches 95

chern. All diese Faktoren begünstigten die lich Themen, die in nichtkatholischen Gebie-
Leipziger Buchmesse (Widmann 1975, 87 ff). ten niemanden interessierten. Dadurch wurde
Der 30jährige Krieg bedeutete für das die Tauschfähigkeit des süddeutschen Buch-
Buchwesen einen ähnlichen Einschnitt wie das handels sehr eingeschränkt, und dies war eine
Reformationszeitalter. Zwar sind die Orga- der Ursachen für die Veränderung der Buch-
nisationsformen des Buchhandels vor und handelsstrukturen.
nach diesem Krieg gleich, dennoch haben sich
wesentliche Bedingungen verändert. Während 4.3. „Nettohandel“ und Nachdruck
zwischen 1610 und 1619 jährlich etwa 1500
neue Buchtitel erschienen, wurden im letzten Zwischen 1740 und 1770 stieß der vorherr-
Jahrzehnt des Krieges auf den Messen nur schende Tauschhandel zwischen den Verle-
noch 660 neue Titel angeboten, der nationale gern an seine Grenzen. Der Tausch von be-
Bücheraustausch war zusammengebrochen. drucktem Papier gegen bedrucktes Papier
Erst 1768 erreichte er wieder den Stand von ohne Berücksichtigung des Inhaltes hatte bei
1618. vielen Verlegerbuchhändlern zu riesigen La-
gern mit unverkäuflichen Produkten geführt,
4.2. Bibliotheken und dies zwang sowohl zu einer Verände-
rung der Ware Buch (um 1750 verschwinden
Im dreißigjährigen Krieg wurden viele bedeu- schlagartig die barocken Titel, die Literatur
tende Bibliotheken zerstört oder geplündert. erschließt sich neue Inhalte und Gattungen)
Die bekanntesten Verluste sind wohl die Plün- wie zu einer Veränderung der Austauschbe-
derung der Heidelberger Bibliothek, die im dingungen: die Leipziger Buchhändler unter
Vatikan landete, und der Prager Bibliothek, Führung des Buchhändlers Philipp Erasmus
aus der wichtige Bestände nach Schweden Reich ersetzten den Tauschverkehr durch den
verschleppt wurden. Aber auch andere Biblio- Nettohandel. Buchhändler, die die Produkte
theken, wie Bremen, München, Hohentübin- Leipziger Verleger erwerben wollten, mußten
gen oder Mainz sind um ganze Schiffsladun- diese bar bezahlen, ohne Rückgaberecht. Die
gen von Büchern erleichtert worden. In der modernere Form der Geldwirtschaft war vom
Folge des 30jährigen Krieges verlieren die süddeutschen Buchhandel nicht zu verkraf-
Stadtbibliotheken an Bedeutung, da sie finan- ten, zumal das Geschäftsrisiko allein beim
ziell kaum noch unterstützt werden können, Buchhändler lag.
und wichtig für das deutsche Bibliothekswe- Leipzig aber war das Zentrum nicht nur
sen werden die Fürstenbibliotheken in den des deutschen Buchhandels (nach 1764 boy-
absolutistisch regierten Flächenstaaten. Da- kottierten die Leipziger Buchhändler die
neben entwickeln sich bedeutende Privatbi- Frankfurter Buchmesse, die zur völligen Be-
bliotheken von Gelehrten und gebildeten Bür- deutungslosigkeit herabsank), sondern auch
gern. des deutschen Verlagswesen. Leipzig war das
Bedeutender als der dreißigjährige Krieg entscheidende Zentrum der deutschen Früh-
selbst waren jedoch die Folgen des Friedens- aufklärung, die Leipziger Verleger verlegten
schlusses. Die vielen quasi-autonomen abso- so auch den interessantesten Teil der deut-
lutistischen Territorien versuchten, ihre jewei- schen Literatur, Leipzig erlangte durch die
ligen Einzelinteressen durchzusetzten, und Konzentration der Buchmarktfunktionen
dazu gehörte u. a. eine Religions- und Bil- auch noch ein Übersetzungsmonopol für
dungspolitik, die auf innere Homogenisierung fremdsprachige Werke. Hinzu kam, daß die
abzielte. Dazu wurden Einfuhrverbote für Leipziger Verleger gerade um die Mitte des
Bücher erlassen, die die jeweils falsche Kon- 18. Jahrhunderts ihre Bücher enorm verteu-
fession unterstützten. Dies führte etwa für erten. Auf diese neue Situation antworteten
Bayern und Österreich zu einem weitgehen- sowohl die nord- wie die süddeutschen Ver-
den Einfuhrverbot für nord- und mitteldeut- leger mit einer Intensivierung und Systema-
sche Bücher, während spanische und italie- tisierung des Nachdruckwesens, das gezielt
nische sogar ohne Vorzensur eingeführt wer- eingesetzt wurde, um die Leipziger Buch-
den durften. Diese Ablehnung protestanti- händler zu schädigen, zumal die süddeutschen
scher Bücher ging soweit, daß die Sprachform „Reichsbuchhändler“ nicht Gefahr liefen,
der norddeutschen Literatur verpönt war. Für selbst zu Opfern des Nachdrucks zu werden,
das süddeutsche Buchwesen hatte diese Ab- da nach ihren Originalproduktionen keine
schottung zwar keine Abschwächung der überregionale Nachfrage bestand. Nach eini-
Druckproduktion zur Folge, aber die volks- gen Veränderungen der Leipziger Bedingun-
sprachliche Buchproduktion umfaßte wesent- gen ging der Nachdruck in Norddeutschland
96 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

wesentlich zurück, hörte allerdings nicht völ- die Voraussetzung für die Entstehung eines
lig auf. In den süddeutschen Gebieten domi- leistungsfähigen literarischen Marktes, der die
nierte er für einige Jahrzehnte den Buchhan- Existenz des Autoren materiell sichern
del, es kam sogar zur Privilegierung von konnte, die Anonymität dieses Marktes war
Nachdrucken, denn diese Nachdruckpraxis aber für die Autoren anfangs eher abschrek-
befand sich in Übereinstimmung mit der kam- kend. Für den Autor stellte sich der Verleger
meralistischen Wirtschaftspolitik der absolu- zwischen ihn und sein Publikum, der Verleger
tistischen Kleinstaaten. Diese Nachdruckpo- erwarb ja auch alle Rechte an dem Werk, er
litik behinderte die Entfaltung eines moder- hatte den materiellen Nutzen von einem lite-
nen Buchwesens und die Etablierung kapita- rarischen Erfolg. Um diesem „Diktat“ der
listischer Buchmarktstrukturen, denn der Verleger zu entgehen, wurden in der zweiten
Nachdruck schädigte ja nicht nur die Leip- Hälfte des 18. Jahrhunderts Autorenverlage
ziger Verleger, sondern durch das entgangene gegründet, die den Verfasser auch zum Nutz-
Honorar auch die Autoren. Leipziger Verleger niesser seines Werkes machen und den Kon-
hatten nämlich begonnen, ihre Marktposition takt zum individuellen Leser herstellen soll-
auch dadurch zu festigen, daß sie vielverspre- ten. Noch deutlicher diente das Pränumera-
chende Autoren durch höhere Honorare an tionswesen und die Subskription von Büchern
sich banden. Hier wurden in Deutschland zö- sowohl ökonomischen Zwecken wie der Kon-
gernd Entwicklungen zur Etablierung eines stitution einer Gesellschaft von literarisch Ge-
freien Schriftstellerdaseins vollzogen, die in bildeten (Wittmann 1991). Aber auch die Ent-
Westeuropa 100 Jahre früher begonnen hat- stehung von Lesegesellschaften und Litera-
ten, und die in Deutschland auch nur bedingt turzirkeln hatte sowohl den Sinn, die Kauf-
erfolgreich waren. Die ersten „freien Schrift- preise zu minimieren, wie für eine gebildete
steller“, die von ihren Werken bedingt existie- Gesellschaft zu sorgen und einen Gruppen-
ren konnten, waren Wieland und Goethe, diskurs zu ermöglichen. Gerade wegen des
während Lessing bekanntermaßen bei diesem aufkommenden anonymen Büchermarktes
Versuch scheiterte. vollzog sich so die Stabilisierung einer bil-
Auch bei den Leipziger Verlegern war die dungsbürgerlichen Gesellschaft, die durch die
Einführung des Geldverkehrs nicht in der Kenntnis schöngeistiger Literatur charakte-
Fürsorge für die Autoren begründet, denn risiert war. Dies wiederum verallgemeinerte
weder erkannten sie das Recht auf die Ver- die Sprachformen dieser Literatur. Die ab-
fügung der Autoren über ihre Werke an, noch geschlossenen Literaturzirkel wurden dann
hielten sie sich an ihre eigenen Verträge: der oft zu Gruppen, die durch die Zeitungs- und
Nachdruckpraxis der süddeutschen Verleger Zeitschriftenlektüre eine Art bürgerlicher Öf-
entsprach bei ihnen eine Doppeldruckpraxis, fentlichkeit herstellten. Diese war jedoch auch
d. h., wenn die durch das Honorar bezahlte weiterhin durch die Zensur eingeschränkt, alle
Erstauflage eines Werkes vergriffen und die klassischen deutschen Dichter von Lessing
Nachfrage noch nicht befriedigt war, legten über Wieland bis Schiller und Goethe waren
sie das Buch mit dem Originaltitelblatt noch von Zensurmaßnahmen ebenso betroffen wie
ein- oder mehreremal auf und ersparten sich viele heute vergessene Autoren. Dabei schufen
damit weitere Honorarzahlungen. Für einige gerade aufgeklärte Herrscher, die die Zensur
Werke Wielands sind zahlreichere Doppel- auch als Mittel der Modernisierung ihrer
drucke seines Originalverlegers Göschen be- Staaten nutzen wollten, indem sie traditio-
legt als süddeutsche Nachdrucke (Wittmann nalistische Propaganda unterdrückten, mo-
1982). derne und effektive Zensurinstitutionen, die
dann unter veränderten politischen Bedingun-
4.4. Das Lesepublikum gen auch wieder gegen aufklärerische Litera-
tur eingesetzt wurden, zumal gegen Ende des
Die süddeutschen Verleger setzten mit ihrer 18. Jahrhunderts, als die Verbreitung der Ge-
Nachdruckpraxis eine einheitliche deutsche danken der französischen Revolution unter-
Nationalliteratur auch in den katholischen bunden werden sollte. Einer besonders stren-
Gebieten durch, sie sorgten damit für die gen Kontrolle unterlagen dabei das Theater,
Durchsetzung einer einheitlichen schrift- Zeitungen und Zeitschriften. Insgesamt wird
sprachlichen Norm. Durch die Verbilligung im 18. Jahrhundert die religiöse Zensur ersetzt
der Bücher erschlossen sie neue Käufer- und durch offen politische Unterdrückung und
Leserschichten und trugen damit indirekt zur diese ergänzt durch eine Zensur aus ästheti-
Herstellung eines Massenpublikums bei. schen Gründen.
Dieses Massenpublikum war zwar objektiv
6.  Geschichte des Buches 97

5. Das 19. Jahrhundert die dem Informationsbedürfnis neuer Auf-


steigerschichten entsprachen. Während von
Die napoleonischen Kriege veränderten die der ersten Auflage des „Brockhaus“ von 1809
Bedingungen für das Buch weiter, vor allem nur 2 000 Exemplare abgesetzt werden konn-
in den katholischen Gebieten. Dort waren ten, wurden bis zur Jahrhundertmitte etwa
nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 150 000 Exemplare der Neuauflagen verkauft
dessen Bibliotheken in Staatsbesitz gelangt und von den Nachahmungen und Konkur-
und erweiterten staatliche Bibliotheken be- renzunternehmungen noch einmal soviel
trächtlich, doch erst die Aufhebung der geist- (Wittmann 1991, 211 ff).
lichen Territorien und vor allem der Klöster Neben diesen sozialen Bedingungen präg-
1803 ließen die reichen Bestände etwa der ten jedoch staatliche Maßnahmen und Un-
Wiener oder Münchener Bibliotheken entste- terlassungen den Buchmarkt: Die Zensur (→
hen. Bei dieser Auflösung der Klosterbiblio- Art. 74) und die fehlende Regelung des Copy-
theken ging jedoch der größte Teil der Buch- rights (→ Art. 75).
bestände, der für die Hofbibliotheken nicht Der deutsche Buchhandel versuchte auf
von Interesse war, verloren (Schmitz 1984, dem Wiener Kongreß, ein einheitliches Gesetz
107 ff). gegen den Nachdruck in allen Bundesstaaten
Die Zeit von 1770 bis 1830 war für das durchzusetzen. Da der Büchernachdruck in
deutsche Buchwesen von entscheidender Be-
deutung. In dieser Zeit trennte sich allmählich Österreich und in Württemberg aber immer
noch ein florierender Wirtschaftszweig war,
der Verleger vom Sortimentsbuchhändler, das enthielt die Bundesakte von 1815 in ihrem
literarische Publikum erweiterte sich auf ca. letzten Artikel nur eine unverbindliche Ab-
300 000 Leser, deren Interessen sich immer sichtserklärung. Es dauerte noch bis 1835, bis
mehr ausdifferenzierten. So entstanden neue ein generelles Nachdruckverbot für alle Län-
literarische Teilmärkte, aber gleichzeitig wur- der des Deutschen Bundes beschlossen wurde.
de die Sprache der schönen Literatur zur Die Rechte an einem Text lagen von nun an
(natürlich nicht immer erreichten) Norm der beim Verfasser und erloschen 30 Jahre nach
Publikationen, die sich an einen Berufsstand seinem Tode. Erst 1856 wurde bestimmt, daß
richteten, etwa an die Juristen. Erst seit dieser die Werke aller vor 1837 verstorbenen Auto-
Zeit gab es Fachsprachen und damit Klagen ren von 1867 an frei seien. Ein umfassendes
über das „Amtsdeutsch“. Die schöne Litera- reichseinheitliches Urheberrecht erlangte erst
tur wurde quantitativ und für das gesell- 1871 Gültigkeit.
schaftliche Bewußtsein zum führenden Seg- Eine einheitliche Regelung der Zensur
ment des Buchmarktes vor der Theologie und wurde viel schneller erreicht. Die absolutisti-
der übrigen Fachliteratur. Die schöne Lite- sche Reaktion setzte alles daran, die in der
ratur begriff sich erstmals als Erscheinung des napoleonischen Aera entstandene bürgerliche
Druckmediums, die Autoren fingierten nicht
mehr selbstverständlich „mündliche Erzäh- politische Öffentlichkeit unter ihre Kontrolle
lung“, sondern bedienten sich auch der Mög- zu bekommen und nahm den Mord an Au-
lichkeiten eines Druckwerkes, wie es etwa gust von Kotzebue zum Vorwand, um 1819
in den Verweisstrukturen der Fachliteratur die Karlsbader Beschlüsse zu fassen, die eine
längst üblich war. Damit veränderte sich auch umfassende Vorzensur für sämtliche Zeitun-
der Autor, der nicht nur von seiner Arbeit gen, Zeitschriften und Bücher bis zu einem
leben zu können beanspruchte, sondern durch Umfang von 2 0 Bogen, d. h. 32 0 Seiten Ok-
die Anerkennung der medialen Gebundenheit tav, vorschrieben. Umfangreichere Bücher
seiner Arbeit auch auf den Journalismus und unterlagen nur der Nachzensur, hier sorgte
die entstehende periodische Presse verwiesen das finanzielle Risiko des Verlegers für die
wurde. Die Romanproduktion, die bis 1805 Einhaltung der Zensurvorschriften.
stetig zunahm, wurde zahlenmäßig bald von Auf technischem Gebiet wurde das Druck-
ökonomischen und politischen Schriften er- wesen und seine Voraussetzungen revolutio-
reicht. Zum anderen erwuchs der Unterhal- niert. Diese Veränderungen betrafen sowohl
tungsliteratur in den Zeitungen und Zeit- die Papierherstellung (seit 1844 konnte Papier
schriften eine bedeutende Konkurrenz. Cha- aus Holz hergestellt werden) wie die Typen-
rakteristisch für die sozialen Folgen des ge- herstellung (vollautomatische Typengießma-
sellschaftlichen Umbruchs der napoleoni- schine seit 1883), den Setzvorgang durch die
schen Zeit ist darüber hinaus die Verbreitung Erfindung von Matern (Stereotypie seit 182 0)
der neu entstehenden Conversationslexika, und durch die automatische Zeilensetz- und
Gießmaschine Linotype 1886, die Illustra-
98 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

tionsverfahren wie das Buchbinden (Draht- verlage und Verlage für Belletristik. Anderer-
und Fadenheftmaschine). Am bedeutsamsten seits wuchs die lesefähige Bevölkerung rapide
aber war die erste große Neuerung auf dem an, am Ende des 19. Jahrhunderts ist in etwa
Gebiet des Buchdrucks seit Gutenberg: die der heutige Alphabetisierungsgrad der Bevöl-
von Friedrich König konstruierte Schnell- kerung erreicht.
presse, die die flache Druckform durch ro- Dieser Parzellierung des Buchmarktes
tierende Zylinder ersetzte. 1865 wurde die stand das Prestige der klassischen deutschen
Schnellpresse zur Rollenrotationsmaschine Literatur gegenüber, das für alle Leserschich-
weiterentwickelt, die für Bücher wie für Zei- ten galt und sich vor allem im Kauf der Werke
tungen Verwendung fand. Schillers und Goethes äußerte, nicht unbe-
Gegen die staatliche Bevormundung und dingt auch in der Lektüre dieser Schriften,
die „unseriöse“ Konkurrenz organisierten deren Kenntnis vielmehr durch die Schule ver-
sich die Buchhändler ab 182 5 im Börsenverein mittelt wurde. Der Erwerb dieser Schriften
der deutschen Buchhändler. Um 1835 war war nach 1867 auch durch die Freigabe der
eine relativ einheitliche Organisation des Urheberrechte ermöglicht worden, die eine
deutschen Buchhandels entwickelt worden, Flut preiswerter Klassikereditionen nach sich
die auch für eine schnelle und umfassende zog, die unter anderem das Programm der
Distribution der Produktion sorgte und die jetzt entstehenden Reihen wie Reclams Uni-
finanziellen Beziehungen zwischen den Ver- versalbibliothek prägten. Bedeutsam für die
lagen, den Groß-, Mittel- und Einzelhändlern Geschichte der deutschen Sprache wurde aber
regelte. vor allem, daß die Trivialliteratur, die von
Die gescheiterte bürgerliche Revolution allen Schichten der Bevölkerung massenhaft
von 1848 stellt für das deutsche Buchwesen gelesen wurde, in der „Sprache Schillers und
in vielerlei Hinsicht einen Einschnitt dar. Die Goethes“ verfaßt wurde, d. h. sich an den
Aufhebung der Zensur 1848 war nur ein vor- Stilnormen der deutschen Klassik orientierte
übergehendes Zwischenspiel, denn 1849 wur- und dadurch zur allgemeinen Durchsetzung
den wieder rigorose Maßnahmen zur Mei- der Standardsprache beitrug. Die Geltung
nungskontrolle eingeführt, allerdings nicht dieser Standardsprache war so allgemein, daß
mehr als Präventivzensur, sondern durch ju- im 19. Jahrhundert die Verfasser von Litera-
ristische Maßnahmen, die nicht mehr vor al- tur sich unbedenklich der Dialekte (Hebel,
lem das Buch, sondern die mit seiner Her- Reuter, Groth) und Soziolekte (Hauptmann)
stellung und Verbreitung befaßten Menschen bedienen konnten, während es noch im 18.
betrafen. Diese Kontrolle richtete sich aber Jahrhundert eine Aufgabe der Literatur war,
nun gegen eine Öffentlichkeit, die nicht mehr die Hochsprache zu entwickeln. Im Ausland
primär durch die Rezeption literarischer bestand ein großes Interesse an der deutsch-
Werke geprägt war, sondern in der Meinungs- sprachigen Literatur, sodaß der Buchexport
bildung als Massenprozeß vor allem durch einträglich wurde. Besonders auf dem Fach-
die sich rasant entwickelnde Zeitung und die buchmarkt und auf dem Fachzeitschriften-
Zeitschriften erfolgte. Das Publikum für fort- markt wurde die deutsche Sprache wichtige
schrittliche, ästhetisch anspruchsvolle Litera- internationale Publikationssprache und deut-
tur war in der zweiten Hälfte des 19. Jahr- sche wissenschaftliche Bücher und Zeitschrif-
hunderts sicher nicht zahlreicher als um 1800. ten führend auch in den westeuropäischen
Das Bürgertum, das sich politisch mit den und amerikanischen Staaten.
herrschenden Zuständen arrangierte, miß- Der Differenzierung des Buchangebotes
traute einer Literatur, die auf Veränderung und des Publikums entsprach in der zweiten
drängte, und kanonisierte die Klassiker, bil- Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die Diffe-
dete sich seine politische Meinung durch Ta- renzierung des Buchhandels und der buch-
gespresse und Zeitschriften wie die „Garten- händlerischen Gewohnheiten. Nach der Ab-
laube“ und las eskapistische oder affirmative satzkrise von 1843 erreichte der Buchmarkt
Trivialliteratur. Dieser Funktionsverlust der erst 1879 wieder den vorherigen Stand. Diese
anspruchsvollen Literatur führte zu einer Bücher wurden durch eine stetig wachsende
Funktionsaufsplitterung des Buchmarktes. In Zahl von kleinen und kapitalschwachen
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ent- Buchhandlungen vertrieben, die sich große
standen Richtungsverlage, die konfessionell Lager gar nicht leisten konnten. Dies führte
oder politisch gebunden waren, Fachbuch- in den Gründerjahren zu neuen Buchhandels-
verlage, die sich an die Spezialisten bestimm- usancen, die Sortimenter hielten nur noch ein
ter Fächer wandten, es entstanden Sachbuch- kleines Lager an gefragten Werken vorrätig
6.  Geschichte des Buches 99

und bestellten die anderen gewünschten Bü- wurde und trotz einiger kartellrechtlicher Be-
cher fest mit günstigeren Rabatten bei den denken staatlicherseits abgesegnet wurde und
Kommissionären (Zwischenhändlern) oder bis heute den Buchmarkt in Deutschland
beim Verlag. Durch die verbesserten Trans- prägt.
portwege wurde dies ebenso begünstigt wie Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist
durch die Praxis der Zwischenhändler, die ebenso durch die Einrichtung von Volksbi-
etwa seit 1852 die broschierten Bücher der bliotheken gekennzeichnet. In der Gründung
Verlage kauften und sie industriell binden lie- von Volksbüchereien schlugen sich volksauf-
ßen. Da die industrielle Bindemethode sehr klärerische Gedanken, Erfahrungen mit dem
viel billiger war, erlangten die Kommissionäre ein halbes Jahrhundert älteren angelsächsi-
einen erheblichen Handelsvorteil, bis gegen schen öffentlichen Bibliothekswesen und ka-
1870 das Innungsprivileg der Buchbinder, das ritative Vorstellungen (besonders von seiten
nur sie zum Verkauf von gebundenen Büchern der Kirchen) nieder. Vor allem aber dienten
berechtigte, abgeschafft wurde und sich der diese Büchereien der Untertanentreue; wäh-
Verlegereinband durchsetzte. Dieser wurde rend die Zensur unerwünschte Publikationen
bald darauf durch Schutzumschläge ergänzt, verhinderte, lenkten die Volksbibliotheken
mit denen der Buchhandel werben konnte, durch ihr Bücherangebot die Lektüre der Un-
nachdem sich das Schaufensterglas durchge- terschichten. Bis heute wechselten nur die Be-
setzt hatte und Straßenbeleuchtung üblich ge- gründungen für die Lektüresteuerung, es folg-
worden war. Gleichzeitig veränderte das elek- ten pädagogische, moralische, ästhetische und
trische Licht auch die Lesegewohnheiten des offen politische (im Nationalsozialismus) Be-
Publikums. gründungen. Die Volksbüchereien haben im
Viele der traditionellen Sortimenter wur- wesentlichen zur Erschließung neuer Leser-
den finanziell vom Zwischen- und Großhan- schichten und zur Alphabetisierung der deut-
del abhängig, vor allem, weil sie der neuen schen Bevölkerung beigetragen. Dies wurde
Konkurrenz der „Ramscher“ und des Kol- vor allem durch die quantitative Ausweitung
portagebuchhandels nicht gewachsen waren. dieses Zweigs des Bibliothekswesens möglich.
Die Ramscher waren zu einer übermächtigen Seit der ersten Hälfte des 2 0. Jahrhunderts
Konkurrenz geworden, weil die technischen erreichen öffentliche Bibliotheken im Prinzip
Möglichkeiten und die Form des Sortiments- die gesamte Bevölkerung.
verkehrs zu einer Überproduktion von Bü-
chern geführt hatten, die die Verleger über
das „moderne Antiquariat“ absetzen wollten. 6. Das 20. Jahrhundert
Zwischen 1850 und 1870 wurden Bücher häu-
fig schon nach wenigen Monaten im moder- 6.1. Das Buch in der Weimarer Republik
nen Antiquariat zu einem Bruchteil des Der erste Weltkrieg stellte auch für das deut-
Originalpreises angeboten. Gegen die Prakti- sche Buchwesen einen Einschnitt dar. Nach
ken des „Ramschens“ und „Verschleuderns“ dem Grauen des ersten Weltkrieges schwand
wehrte sich der traditionelle Buchhandel das internationale Interesse an deutscher Lite-
durch „genossenschaftliche Selbsthilfe“. Auf ratur und damit auch nach Literatur in deut-
Initiative des Stuttgarter Großverlegers Adolf scher Sprache, zum anderen waren deutsche
Kröner beschloß eine außerordentliche Wissenschaftler durch den Versailler Vertrag
Hauptversammlung des deutschen Börsenver- von der internationalen wissenschaftlichen
eins in Frankfurt (nicht in Leipzig, da die Kommunikation weitgehend ausgeschlossen.
dortigen Kommissionäre an der Schleuder- Deutsch war nur noch in seltenen Fällen
praxis gut verdienten) 1887 die sog. Kröner- Konferenzsprache, die neue wissenschaftliche
sche Reform. „Sie erklärte bei Verkäufen an Literatur des Auslandes selbst fehlte in
das Publikum den vom Verleger festgesetzten Deutschland, da sie während des Krieges
Ladenpreis als verbindlich für alle Mitglieder nicht erworben werden konnte und nach dem
in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Krieg wegen der Inflation nicht zu bezahlen
Zuwiderhandelnde wurden von sämtlichen war. Diese Lücke in der Literaturversorgung
Verlagslieferungen und allen Einrichtungen konnte durch die Einrichtung zentraler Ko-
der Standesorganisation ausgeschlossen.“ pierstellen und durch ausländische Hilfe be-
(Wittmann 1991, 2 44). Dieser monopolisti- helfsweise geschlossen werden, und nach der
sche Grundsatz wurde 1888 zum wichtigsten Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund
Punkt der Buchhändlerischen Verkehrsord- 192 6 wurden die Beschränkungen für die wis-
nung, die vom Börsenverein durchgesetzt senschaftliche Kommunikation aufgehoben.
100 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Nun errang die wissenschaftliche deutsche dest mit den Verhältnissen; hinhaltender Wi-
Literatur auch in den westlichen Ländern eine derstand gegen die NS-Kulturpolitik, wie ihn
Stellung, die der Bedeutung der deutschen etwa Peter Suhrkamp übte, blieb die Aus-
Wissenschaft im internationalen Vergleich zu- nahme. Eine der Folgen war die totale Pro-
kam. Im Bereich der wissenschaftlichen Zeit- vinzialisierung der im Reich erscheinenden
schriften wurden die deutschen Publikationen Literatur, denn auch die internationale Lite-
sogar — auch gegen die immer stärker wer- ratur, die in Übersetzungen erschien, wurde
dende US-amerikanische Konkurrenz — füh- nach den üblichen politischen Grundsätzen
rend, so daß Deutsch als Wissenschaftsspra- ausgewählt.
che sich behauptete, allerdings ohne die un- Demgegenüber entwickelte sich im Exil un-
umschränkte Geltung von vor dem ersten ter schwierigsten materiellen und politischen
Weltkrieg wieder zu erlangen. Bedingungen eine Exilliteratur. Sie wurde ge-
Nach dem ersten Weltkrieg erfolgte eben- tragen von den renommiertesten und ästhe-
falls eine radikale Umwälzung des Buch- tisch anspruchvollsten deutschen Autoren
marktes. Verleger und Buchhändler hatten und in Exilverlagen publiziert, bis 1938 noch
mit der Inflation zu kämpfen, die Honorare in Österreich und der Schweiz, aber auch
der Autoren, die ja nachträglich gezahlt wur- schon seit 1933 in deutschsprachigen Verlagen
den, wurden durch die Inflation fast bis auf in der ganzen Welt. Trotz der enormen indi-
Null reduziert, vor allem aber waren die tra- viduellen Leistungen wurde diese Literatur in
ditionellen Bücherkäufer, Bildungsbürger und Deutschland jedoch kaum noch rezipiert.
intellektueller Mittelstand, durch Krieg und
Kriegsfolgen ruiniert und fielen als Käufer- 6.3. Das Buch im Nachkriegsdeutschland
schichten auf Dauer aus. „Aus der tiefgreifen-
den sozialen Umschichtung ging der neue Ty- Auch nach der Niederlage des Nationalsozia-
pus des kleinen Angestellten hervor, der in lismus konnte diese bessere deutsche Literatur
einer hektisch und schnellebig gewordenen nicht traditionsbildend wirken. Das gesamte
Zeit nach aktueller unterhaltsamer Lektüre Publikationswesen wurde von den vier Besat-
verlangte“ (Meyer 1987, 2 52 ). In Konkurrenz zungsmächten kontrolliert und bald durch
zu dieser Unterhaltungslektüre traten zuneh- neulizensierte Verleger dominiert. Wegen des
mend die neuen Medien Radio, Film und sich entwickelnden kalten Krieges kam es zu
Massensportveranstaltungen. So werden als unterschiedlichen Buchmärkten im Osten und
neue Verkaufsstrategien einerseits Buchge- in Westen Deutschlands sowie Österreichs. Im
meinschaften gegründet, auf der anderen Seite Osten Deutschlands wurde eine umfassende
billige Großauflagen über Kaufhäuser abge- Säuberung von NS-Literatur versucht und
setzt. Auf der organisatorischen Ebene ent- bald eine Verstaatlichung der lizensierten Ver-
spricht dieser Phase der Kapitalverwertung lage vorgenommen. Die Verleger übersiedel-
die Entstehung von Druckimperien, Ullstein ten daraufhin in den Westen. Daraus entstan-
und Hugenberg werden zu großen Konzer- den Rechtsstreitigkeiten, die während der Exi-
nen. stenz der DDR den freien Bücheraustausch
in ganz Deutschland ebenso behinderten wie
6.2. Das Buch im Dritten Reich die Zensurpolitik der DDR.
Die im Osten angesiedelten Verlage arbei-
Diese Konzentrationsprozesse wurden poli- teten wesentlich arbeitsteilig nach politischen
tisch im Dritten Reich vollendet. Mit der Ver- Vorgaben der Staatsführung. Trotz massiver
brennung des „schädlichen und unerwünsch- Indoktrination entwickelte sich in der DDR
ten Schrifttums“ am 10. Mai 1933, der „Säu- eine Lesekultur, die dem Buch eine außer-
berung“ der öffentlichen und sogar privaten ordentliche Bedeutung verlieh. In den ost-
Bibliotheken, der Volks- und Leihbüchereien, deutschen Verlagen fanden auch viele Exilau-
der „Arisierung“ und Gleichschaltung der toren ihre verlegerische Heimat, da für ihre
Verlage, der Vertreibung unerwünschter Literatur in der Restaurationsphase der BRD
Autoren und der Organisation der Reichs- kein großes Interesse bestand, hier bestimm-
schrifttumskammer betrieben die National- ten eher die Literaten der „inneren Emigra-
sozialisten eine konsequente Kulturpolitik. tion“ das kulturelle Klima.
Dem entsprach eine Förderung „deutscher“ In der BRD entwickelte sich nach der Zeit
Literatur und Kunst, die in der deutschen der von den Alliierten lizensierten Verlage eine
Geschichte ohne Beispiel ist. So machte die auf den ersten Blick unübersehbare Verlags-
Mehrzahl der verbliebenen „Kulturschaffen- landschaft und ein vielfältiges Bücherange-
den“ willig mit oder arrangierte sich zumin- bot. Die auffälligste Veränderung des Bücher-
6.  Geschichte des Buches 101

marktes war das Erscheinen des Taschen- Eisenhardt, Ulrich. 1985. Staatliche und kirchliche
buchs, das heute ein Drittel der Buchhandels- Einflußnahmen auf den deutschen Buchhandel im
umsätze trägt. Nicht so offensichtlich ist der 16. Jahrhundert. In: Göpfert, G. et al., 295—313.
stetige Konzentrationsprozess, der auf dem Engelsing, Rolf. 1973. Analphabetentum und Lek-
Büchermarkt wie in allen übrigen Wirt- türe: zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutsch-
schaftsbereichen vor sich geht, und die Tat- land zwischen feudaler und industrieller Gesell-
sache, daß sich hinter der Vielfalt des Buch- schaft. Stuttgart.
angebotes vielfach eine Konformität des An- —. 1974. Der Bürger als Leser. Lesergeschichte in
gebotenen verbirgt. So waren etwa in den Deutschland 1500—1800. Stuttgart.
sechziger Jahren „linke“ Autoren im Buch- Funke, Fritz. 1959. Buchkunde. Ein Überblick über
handel nicht erhältlich und mußten durch die Geschichte des Buch- und Schriftwesens. Leip-
„Raubdrucker“ der interessierten Öffentlich- zig.
keit zur Verfügung gestellt werden. Genette, Gerard. 1989. Paratexte: das Buch vom
Die Spaltung Deutschlands führte zu zwei Beiwerk des Buches. Frankfurt a. M./New York.
Buchmarktorganisationen, die sich in Leipzig
und Frankfurt ihre Buchmessen schufen. Giesecke, Michael. 1991. Der Buchdruck in der
Heute ist die Frankfurter Buchmesse die frühen Neuzeit: eine historische Fallstudie über die
wichtigste Buchhandelsmesse der Welt (ge- Durchsetzung neuer Informations- und Kommu-
handelt werden natürlich Verwertungsrechte), nikationstechnologien. Frankfurt a. M.
der deutsche Buchmarkt ist der zweit- oder Göpfert, G. et al. (ed.). 1985. Beiträge zur Ge-
drittgrößte Buchmarkt der Welt (über den schichte des Buchwesens im konfessionellen Zeit-
Buchmarkt der ehemaligen Sowjetunion ist alter. Wiesbaden.
derzeit keine genaue Aussage zu machen), er Hunger, Herbert & Stegmüller, Otto et al. 1975.
wird durch jährlich ca. 100 000 Neuerschei- Die Textüberlieferung der antiken Literatur und
nungen geprägt. Durch diese enorme Über- der Bibel. München.
produktion ergeben sich seit einigen Jahren Illich, Ivan. 1991. Im Weinberg des Textes. Als das
die gleichen Probleme wie zur Zeit der „Krö- Schriftbild der Moderne entstand. Frankfurt a. M.
nerschen Reform“, das Ramschen und das Jäger, Georg. 1987. Historische Lese(r)forschung.
„moderne Antiquariat“ bedrohen die Buch- In: Arnold et al. 485—507.
handelsstrukturen wie damals. Hinzu kom- Kapr, Albert. 1988. Johannes Gutenberg. Persön-
men aber heute die Konkurrenz durch neue lichkeit und Leistung. 2 München.
Medien, die Bedrohung des festen Laden- Kautzsch, Rudolf. 1895. Diebolt Lauber und seine
preises durch die europäische Integration und Werkstatt in Hagenau. ZfB 12, 1—32, 57—113.
Konzentrationsprozesse auf der Ebene der
Verlage und des Zwischenbuchhandels (hier Kiesel, Helmuth & Münch, Paul. 1977. Gesellschaft
dürften nur zwei oder drei Zwischenbuch- und Literatur im 18. Jahrhundert: Voraussetzungen
handlungen, die zudem Teile internationaler und Entstehung des literarischen Markts in
Konzerne bilden werden, überleben), wäh- Deutschland. München.
rend der Sortimentsbuchhandel noch nicht Kleberg, Tönnes. 1967. Buchhandel und Verlags-
wie in den USA durch Ladenketten bestimmt wesen in der Antike. Darmstadt.
wird. Meyer, Horst. 1987. Buchhandel. In: Arnold et al.,
188—260.
Ong, Walter J. 1987. Oralität und Literalität. Die
7. Literatur Technologisierung des Wortes. Opladen. (Engl. Ori-
ginal 1982).
Arnold, Werner, Dittrich W. & Zeller, B. (ed.). 1987.
Die Erforschung der Buch- und Bibliotheksge- Rösler, Wolfgang. 1980. Die Entdeckung der Fik-
schichte in Deutschland. Wiesbaden. tionalität in der Antike. Poetica 12, 283—319.
Arnold, Werner & Vodosek, Peter (ed.). 1988. Bi- Rothe, Arnold. 1986. Der literarische Titel: Funk-
bliotheken und Aufklärung. Wiesbaden. tionen, Formen, Geschichte. Frankfurt a. M.
Breuer, Dieter. 1982 . Geschichte der literarischen Schmitz, Wolfgang. 1984. Deutsche Bibliotheksge-
Zensur in Deutschland. Heidelberg. schichte. Bern/Frankfurt a. M.
Canfora, Luciano. 1990. Die verschwundene Bi- Schönstedt, Eduard. 1991. Der Buchverlag. Ge-
bliothek. Berlin. (Ital. Original 1988). schichte, Aufbau, Wirtschaftsprinzipien, Kalkula-
tion und Marketing. Stuttgart.
Corsten, Severin et al. (ed.). 1987. Lexikon des ge-
Schubart, Wilhelm. 192 1. Das Buch bei den Grie-
samten Buchwesens (LGB), 2 Stuttgart 1987 ff.
Dahl, Svend. 1928. Geschichte des Buches. Leipzig. chen und Römern. 2 Berlin und Leipzig.
102 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Steinberg, S. H. 1988. Die schwarze Kunst: 500 dels vom Altertum bis zur Gegenwart, Teil 1 bis
Jahre Buchwesen. 3 München. zur Erfindung des Buchdrucks sowie Geschichte
Vogel, Martin. 1987. Deutsche Urheber- und Ver- des deutschen Buchhandels. 2 Wiesbaden.
lagsrechtsgeschichte zwischen 1450 und 1850. LGB —. 1967. Herstellung und Vertrieb des Buches in
XlX, Sp. 1—190. der griechisch-römischen Welt. LGB VIII, Sp.
Weyrauch, Erdmann. 1985. Leges librorum. Kir- 546—640.
chen- und profanrechtliche Reglementierungen des Wittmann, Reinhard. 1982 . Buchmarkt und Lek-
Buchhandels in Europa. In: Göpfert et al., türe im 18. und 19. Jahrhundert. Beiträge zum
315—335. literarischen Leben 1750—1880. Tübingen.
—. 1987. Zensur-Forschung. In: Arnold et al., —. 1991. Geschichte des deutschen Buchhandels:
475—484. ein Überblick. München.
Widmann, Hans. 1975. Geschichte des Buchhan-
Claus Ahlzweig, Hannover (Deutschland)

7. Geschichte der Reflexion über Schrift und Schriftlichkeit

1. Vorüberlegungen gen, ohne daß sie expliziert würden. So wird


2. Antike häufig gesagt, daß die Alphabetschriften eine
3. Mittelalter Phonemtheorie oder zumindest eine Phone-
4. Renaissance manalyse implizit enthalten (so vor allem
5. Das 17. Jahrhundert Lüdtke 1969). Solange diese impliziten An-
6. Das 18. Jahrhundert nahmen nicht ausformuliert werden, können
7. Das 19. Jahrhundert sie nicht als Beitrag zu der Geschichte der
8. Das 20. Jahrhundert Schriftreflexion behandelt werden, sondern
9. Literatur nur als Bedingung für die Entwicklung der
Schriftreflexion in die eine oder andere Rich-
tung. Weiterhin muß ich auch einschränkend
1. Vorüberlegungen vorausschicken, daß es in diesem Beitrag auf-
Wenn ich im folgenden versuche, die Ge- grund meiner eingeschränkten Kompetenz für
schichte der Schriftreflexion zu skizzieren, so andere Kulturkreise und die dort entwickelte
geschieht dies unter bestimmten Vorausset- Sprach- und Schriftreflexion nur um die Re-
zungen und Einschränkungen, die vorweg er- konstruktion der europäischen Tradition ge-
läutert werden sollen. Diese Skizze trägt die hen wird, die selbstverständlich in hohem
Maße alphabetzentriert ist und für die andere
Überschrift „Geschichte der Reflexion über Schriftsysteme nur am Rande relativierend in
Schrift und Schriftlichkeit“. Sie könnte auch den Blick kommen.
heißen „Geschichte der Schrift- und Schrift- Wie immer, wenn die Geschichte komple-
lichkeitstheorien“ oder „Geschichte der Wis- xer Sachverhalte geschrieben werden soll,
senschaft von Schrift und Schriftlichkeit“. stellt sich das Problem, ob die systematische
Damit ist gemeint, daß die zu den jeweiligen Verschränkung verschiedener Aspekte wäh-
historischen Zeiten üblichen systematischen rend einer Epoche oder aber die Kontinuität
und expliziten Bearbeitungen der Schriftpro- und Transformation einzelner Traditionen
blematik rekonstruiert werden sollen. Dies über die Epochen hinweg die Darstellung do-
impliziert zweierlei. Einmal verwende ich miniert, ob also Querschnitte oder Längs-
einen weiten Begriff von Wissenschaft und schnitte die Materialien strukturieren sollen.
Theorie, der keine strikte Trennung zwischen Vor- und Nachteile beider Optionen liegen
einer „vor“ wissenschaftlichen und einer wis- auf der Hand: wenn man sich für die Dar-
senschaftlichen Periode der Schriftreflexion stellung der synchronischen Verschränkungen
macht. Wissenschaft und Theorie werden als strukturierendes Prinzip entscheidet, so
selbst als historische Ausdrücke verstanden. geht leicht der Blick für durchgehende Tra-
Zum anderen kann es nur um explizite Äuße- ditionen verloren; im anderen Fall, wenn
rungen gehen, nicht etwa um implizite Schrift- nämlich die Längsschnitte nacheinander ab-
„theorien“, die bestimmten Schriftsystemen gearbeitet werden, fällt dieser Darstellungs-
oder Schriftlichkeitspraktiken zugrundelie- weise die Verflochtenheit verschiedener
102 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Steinberg, S. H. 1988. Die schwarze Kunst: 500 dels vom Altertum bis zur Gegenwart, Teil 1 bis
Jahre Buchwesen. 3 München. zur Erfindung des Buchdrucks sowie Geschichte
Vogel, Martin. 1987. Deutsche Urheber- und Ver- des deutschen Buchhandels. 2 Wiesbaden.
lagsrechtsgeschichte zwischen 1450 und 1850. LGB —. 1967. Herstellung und Vertrieb des Buches in
XlX, Sp. 1—190. der griechisch-römischen Welt. LGB VIII, Sp.
Weyrauch, Erdmann. 1985. Leges librorum. Kir- 546—640.
chen- und profanrechtliche Reglementierungen des Wittmann, Reinhard. 1982 . Buchmarkt und Lek-
Buchhandels in Europa. In: Göpfert et al., türe im 18. und 19. Jahrhundert. Beiträge zum
315—335. literarischen Leben 1750—1880. Tübingen.
—. 1987. Zensur-Forschung. In: Arnold et al., —. 1991. Geschichte des deutschen Buchhandels:
475—484. ein Überblick. München.
Widmann, Hans. 1975. Geschichte des Buchhan-
Claus Ahlzweig, Hannover (Deutschland)

7. Geschichte der Reflexion über Schrift und Schriftlichkeit

1. Vorüberlegungen gen, ohne daß sie expliziert würden. So wird


2. Antike häufig gesagt, daß die Alphabetschriften eine
3. Mittelalter Phonemtheorie oder zumindest eine Phone-
4. Renaissance manalyse implizit enthalten (so vor allem
5. Das 17. Jahrhundert Lüdtke 1969). Solange diese impliziten An-
6. Das 18. Jahrhundert nahmen nicht ausformuliert werden, können
7. Das 19. Jahrhundert sie nicht als Beitrag zu der Geschichte der
8. Das 20. Jahrhundert Schriftreflexion behandelt werden, sondern
9. Literatur nur als Bedingung für die Entwicklung der
Schriftreflexion in die eine oder andere Rich-
tung. Weiterhin muß ich auch einschränkend
1. Vorüberlegungen vorausschicken, daß es in diesem Beitrag auf-
Wenn ich im folgenden versuche, die Ge- grund meiner eingeschränkten Kompetenz für
schichte der Schriftreflexion zu skizzieren, so andere Kulturkreise und die dort entwickelte
geschieht dies unter bestimmten Vorausset- Sprach- und Schriftreflexion nur um die Re-
zungen und Einschränkungen, die vorweg er- konstruktion der europäischen Tradition ge-
läutert werden sollen. Diese Skizze trägt die hen wird, die selbstverständlich in hohem
Maße alphabetzentriert ist und für die andere
Überschrift „Geschichte der Reflexion über Schriftsysteme nur am Rande relativierend in
Schrift und Schriftlichkeit“. Sie könnte auch den Blick kommen.
heißen „Geschichte der Schrift- und Schrift- Wie immer, wenn die Geschichte komple-
lichkeitstheorien“ oder „Geschichte der Wis- xer Sachverhalte geschrieben werden soll,
senschaft von Schrift und Schriftlichkeit“. stellt sich das Problem, ob die systematische
Damit ist gemeint, daß die zu den jeweiligen Verschränkung verschiedener Aspekte wäh-
historischen Zeiten üblichen systematischen rend einer Epoche oder aber die Kontinuität
und expliziten Bearbeitungen der Schriftpro- und Transformation einzelner Traditionen
blematik rekonstruiert werden sollen. Dies über die Epochen hinweg die Darstellung do-
impliziert zweierlei. Einmal verwende ich miniert, ob also Querschnitte oder Längs-
einen weiten Begriff von Wissenschaft und schnitte die Materialien strukturieren sollen.
Theorie, der keine strikte Trennung zwischen Vor- und Nachteile beider Optionen liegen
einer „vor“ wissenschaftlichen und einer wis- auf der Hand: wenn man sich für die Dar-
senschaftlichen Periode der Schriftreflexion stellung der synchronischen Verschränkungen
macht. Wissenschaft und Theorie werden als strukturierendes Prinzip entscheidet, so
selbst als historische Ausdrücke verstanden. geht leicht der Blick für durchgehende Tra-
Zum anderen kann es nur um explizite Äuße- ditionen verloren; im anderen Fall, wenn
rungen gehen, nicht etwa um implizite Schrift- nämlich die Längsschnitte nacheinander ab-
„theorien“, die bestimmten Schriftsystemen gearbeitet werden, fällt dieser Darstellungs-
oder Schriftlichkeitspraktiken zugrundelie- weise die Verflochtenheit verschiedener
7.  Geschichte der Reflexion über Schrift und Schriftlichkeit 103

Aspekte im gleichen Zeitraum zum Opfer. gendes System. In diesem Falle wäre also der
Gerade im Bereich der Schriftreflexion gäbe Autonomie die Integration, nicht die Abhän-
es eine Reihe von Einzeltraditionen, die über gigkeit entgegengesetzt. Zwischen diesen drei
große Zeiträume hinweg strukturierend wir- Positionen lassen sich selbstverständlich auch
ken, etwa die Idee der untrennbaren Zusam- Zwischenpositionen ausmachen, die von der
mengehörigkeit von Laut und Schrift, die sich Dominanz des einen oder anderen Prinzips
auch in einer jahrhundertelang gültigen Ter- ausgehen, dessen Gültigkeit aber durch An-
minologie ( littera als Überbegriff, dazu Vogt- teile des jeweils anderen Prinzips relativiert
Spira 1991) widerspiegelt, oder die Konkur- wird.
renz phonographischer und morphologischer 2 . Wird ein Unterschied zwischen medialer
Interpretationen der Abbildfunktion von und konzeptioneller Schriftlichkeit gemacht?
Schrift in der aristotelischen Tradition (vgl. Damit beziehe ich mich auf die im Freiburger
Maas 1986). Trotz der Bedeutsamkeit dieser Projekt „Übergänge und Spannungsfelder
durchgehenden Stränge entscheide ich mich von Mündlichkeit und Schriftlichkeit“, be-
für die Darstellung der Schrift- und Schrift- sonders von Koch & Oesterreicher (1985) in
lichkeitsreflexion im Epochenzusammenhang. Anschluß an Ludwig Söll entwickelte Unter-
So ist es möglich, die Verflechtung der unter- scheidung von Sprache der Distanz und Spra-
schiedlichen Aspekte von Schrift und Schrift- che der Nähe, in denen unterschiedliche Ver-
lichkeit (Schrift vs. Laut, medial vs. konzep- fahren der Versprachlichung verwendet wer-
tuell, Folgen der Schriftlichkeit), die Beto- den. Hier wäre zu denken an unterschiedliche
nung oder das Fehlen des einen oder anderen Verfahren der Referentialisierung, eine unter-
Gesichtspunkts zu einem bestimmten Zeit- schiedliche Beteiligung der verschiedenen
punkt sowie die Einbettung der Schriftrefle- Umfelder (z. B. Situation und Kontext) am
xion in kulturelle Zusammenhänge und wis- Sprechen, an dialoggebundene Praktiken, an
senschaftliche Entwicklungen im Blick zu be- Verfahren des Ausdrucks emotionaler Betei-
halten. ligung usw. Betrifft also die Schriftreflexion
Für jede Epoche soll also zunächst ganz zu einer bestimmten Zeit nicht oder nicht nur
kurz die kulturelle und wissenschaftliche Si- die unterschiedlichen Materialitäten, sondern
tuation umrissen werden, auf deren Hinter- auch diese unterschiedlichen Verfahren der
grund die jeweiligen Überlegungen zur Schrift Versprachlichung?
entwickelt werden. Die schrifttheoretischen 3. Betrifft die Schriftreflexion über die me-
Äußerungen (die selbstverständlich meist in dialen und konzeptionellen Unterschiede von
direktem Kontrast zum Bereich des Lautli- Rede und Schrift hinaus auch die kulturellen
chen, der Rede und der Mündlichkeit im all- Erscheinungsformen und Implikationen der
gemeinen ausformuliert werden) sollen dann Schriftlichkeit? Wie wird das Verhältnis von
unter drei Gesichtspunkten vorgestellt werden Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu einer be-
(wobei die Reihenfolge der Behandlung dieser stimmten Zeit interpretiert (autonom vs. an-
drei Fragestellungen je nach den Gegeben- zillar; umfassend vs. sektorial usw.)? Spielen
heiten der Epochen variieren kann): die Folgen der Einführung von Schrift in einer
1. Wie wird das Verhältnis zwischen Schrift Kultur eine Rolle in der Schriftreflexion, also
und Laut interpretiert? Wird die Schrift als zum Beispiel die Veränderungen des kulturel-
völlig abhängig vom Lautsystem gesehen? len Gedächtnisses, die Problematik der Wahr-
Oder werden Lautsystem und Schriftsystem heit der Dichtung, die Übermittlung und
als (relativ) selbständige Systeme gesehen, die Konzeptualisierung von Wissen, die Verän-
weitgehend unterschiedlichen Prinzipien fol- derung religiöser und administrativer Prakti-
gen? Diese beiden Möglichkeiten der Konzep- ken? Wird die fundierende Rolle der Schrift
tualisierung des Verhältnisses von Schrift und bei der Entwicklung sprachtheoretischer und
Laut (Abhängigkeit vs. Autonomie) werden historiographischer Arbeit thematisiert?
gelegentlich zur Strukturierung der gesamten Es gibt bislang keine umfassende Darstel-
Schriftdiskussion herangezogen (vgl. Feld- lung der Geschichte der Schriftreflexion.
busch 1985, Müller 1990). Die strenge Dicho- Zwar sind einzelne Traditionsstränge bear-
tomisierung darf aber nicht den Blick dafür beitet worden (vgl. Maas 1986 zur Aristoteles-
verstellen, daß im Laufe der Geschichte der Interpretation, Vogt-Spira 1991 zur Termi-
Schriftreflexion auch andere Möglichkeiten nologie im Umkreis von vox und littera ; Gie-
der Konzeptualisierung eine Rolle gespielt secke 1991 zur Schriftreflexion im Umkreis
haben, z. B. die Zurückführung beider Mo- des Buchdrucks, David 1965 zur europä-
dalitäten auf ein gemeinsames zugrundelie- ischen Hieroglyphen-Rezeption, Couturat &
104 I. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit

Léau 1907 zur Geschichte der Universalspra- andersetzungen mit Schrift und Schriftlichkeit
chen, die ja weithin Universalschriften sind, entstanden sind.
Müller 1990 zur Geschichte der Maxime Die griechische Schriftreflexion setzt ein
„Schreibe, wie du sprichst“, Kohrt 1985 zur mit Platos Schriftkritik, die er vor allem im
Geschichte des Graphembegriffs vor allem im Phaidros ausformuliert. Sie ist im Zusammen-
europäischen Strukturalismus), und die hang des neu erwachten Interesses für Schrift
schrifttheoretischen Äußerungen einzelner und Schriftlichkeit in den letzten Jahren wie-
Autoren sind interpretiert worden (z. B. Set- derholt ausführlich zitiert und interpretiert
tekorn 1979 zu Tory, Derrida 1967 zu Plato, worden (Derrida 1967, der Plato in die Reihe
Rousseau und Hegel, Labarrière 1986 und der von ihm kritisierten logozentrischen
Schlieben-Lange 1986 zu Destutt de Tracy Autoren einordnet, dazu Assmann 1983, Ga-
und den anderen Idéologues, Trabant 1986/ damer 1983, Raible 1983, Knoop 1983, Ehlich
1990, 1988/1990 und 1993 und Stetter 1989 1983, Schlieben-Lange 1983, Illich 1984, Feld-
zu Humboldt). Darüber hinaus findet man busch 1985, Borsche 1986; eine kurze Zusam-
zahlreiche Hinweise in den umfassenden Dar- menfassung dieser Diskussion bei Müller
stellungen der Schriftproblematik und der 1990). Wichtig sind aber vor allem auch die
Schriftgeschichte. Weitere Hinweise erhält Interpretationen der Schriftkritik im Zusam-
man in den Kommentaren zu den einschlä- menhang des platonischen Gesamtwerks
gigen Autoren. Man kann aber für die uns (dazu besonders Sinaiko 1965, Laborderie
hier interessierende wissenschaftsgeschichtli- 1971, Derbolav 1972 , Wieland 1982 , Erler
che Fragestellung ohne Übertreibung be- 1987, Szlezák 1985, Wyller 1991).
haupten, daß noch sehr viel zu tun bleibt. So Im Phaidros lobt der ägyptische Gott
ist sicher auch die hier vorgelegte Skizze nach Theuth (in der Tradition später mit Hermes
der Erschließung weiterer Quellen und nach und Merkur identifiziert) seine Erfindungen,
Vorlage weiterer Interpretationen und Rekon- darunter besonders die Schrift. Der König
struktionen revisionsbedürftig. Thamus ist skeptisch: statt Erinnern wird die
Schrift Vergessen mit sich bringen. Ohne An-
wesenheit des „Vaters“ der Gedanken bleibt
2. Antike der schriftverfaßte Text stumm. Plato führt
also zwei Argumente zusammen, einmal, daß
Die griechische Antike ist sicher, wie vor al- schriftlich Erinnertes immer den Subjekten
lem Havelock (z. B. 1963) betont hat, sehr äußerlich bleibt, während nur die von einem
stark dadurch gekennzeichnet, daß sich hier lebendigen Subjekt im Dialog entwickelten
unter Entfaltung der Möglichkeiten der Al- Gedanken erinnerungsfähig sind. Komple-
phabetschrift eine differenzierte Schriftkultur mentär dazu stellt er fest, daß der Text keine
mit allen zugehörigen Institutionen (Buch, über sich selbst hinausgehende Antwort geben
Verleger, Buchhandel, Bibliotheken usw.) ent- kann, während im Dialog gerade neue Ge-
wickelt ha