Prims: Ein möglicher holozäner Meteoriteneinschlag (Impakt) bei Nalbach im Saarland, Westdeutschland

Neue Funde und Befunde ("Update", Oktober 2012)
von Werner Müller, edumueller@t-online.de
Seit der ersten Veröffentlichung zu dem vermuteten Impakt im Saarland (http://de.scribd.com/doc/51473614/Ein-moglicher-Meteoritenkrater-im-Saarland) sind anderthalb Jahre vergangen. Seitdem sind neue Befunde und Erkenntnisse hinzugekommen, die die Realität eines solchen Ereignisses weiter stützen. Dazu gehören zwei Beiträge des Autors (W.M.) zusammen mit zwei Wissenschaftlern aus Stuttgart zur Tagung der Meteoritical Society in Greenwich im August vergangenen Jahres. Die entsprechenden Kurzfassungen können im Internet angeklickt werden: A POSSIBLE NEW IMPACT SITE NEAR NALBACH (SAARLAND, GERMANY) E. Buchner, W. Müller and M. Schmieder www.lpi.usra.edu/meetings/metsoc2011/pdf/5048.pdf NALBACH (SAARLAND, GERMANY) AND WABAR (SAUDI ARABIA) GLASS – TWO OF A KIND? M. Schmieder, W. Müller and E. Buchner www.lpi.usra.edu/meetings/metsoc2011/pdf/5059.pdf Als Ergebnis der Untersuchungen wird insbesondere auf die Analyse von !-Cristobalit in sogenanntem Ballen-Gefüge in Schmelzpartikeln von Nalbach hingewiesen, der nach neuester Literatur als diagnostisch für Impakt gilt. Weiterhin ähneln diese Schmelzpartikel von Nalbach stark Impakt-Gläsern vom Meteoriten-Kraterstreufeld Wabar in Saudi-Arabien sowie Gläsern von anderen Impakt-Strukturen sowohl was Farbe, Gefüge, Zusammensetzung als auch den Gehalt an metallischen Partikeln anbetrifft. Letztere könnten als zerbrochene und geschmolzene Überreste eines Eisenmeteoriten gedeutet werden, zumal bis zu 10 Gew.-% Nickel sowie Zusammensetzungen nahe der der meteoritischen Minerale Taenit, Troilit und Schreibersit analysiert werden konnten. Auf die Ähnlichkeit der Nalbach/Prims-Befunde mit denen beim Chiemgau-Impakt, auf die im ersten Scribd-Artikel aufmerksam gemacht wurde, sowie auf die Abstract-Artikel der Greenwich-Tagung geht ferner ein Artikel auf der Webseite zum Chiemgau-Impakt ein: Der Chiemgau-Impakt - auch im Saarland? der hier angeklickt werden kann: http://www.chiemgau-impakt.de/2011/07/18/der-chiemgauimpakt-auch-im-saarland/. Die jüngst gemachten Funde in der Nähe von Nalbach stellen eine völlig neue Parallele zum Chiemgau-Impakt heraus. Es geht um das eigenartige Kohlenstoff-Material, dass verbreitet im Kraterstreufeld dieses sehr jungen Meteoriteneinschlags in Südost-Bayern (Abb. 1) auftritt und das im Labor für Diamant-Mineralogie, Geologisches Institut, KomiWissenschaftszentrum der Russischen Akademie der Wissenschaften in Syktyvkar untersucht

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wird. Über diese Untersuchungen existieren mittlerweile zwei Beiträge zu renommierten Tagungen -- 43. Lunar and Planetary Science Conference (LPSC), 19. – 23. März 2012, The Woodlands, Texas, USA -- First European Mineralogical Conference 2-6 September 2012 – Frankfurt, Germany deren Zusammenfassungen und Poster heruntergeladen werden können: LPSC The Woodlands ABSTRACT http://www.lpi.usra.edu/meetings/lpsc2012/pdf/1430.pdf, POSTER Poster LPSC

EMC Frankfurt ABSTRACT zum Herunterladen EMC2012-217. POSTER zum Herunterladen EMC-PDF

Das im wesentlichen aus glasartigem Kohlenstoff bestehende Material enthält besondere Modifikationen (Carbine, diamantähnlichen Kohlenstoff [DLC]) und wird nach den bisherigen Untersuchungen als ein ganz neues Impaktgestein angesehen, das im Chiemgau den Arbeitsnamen Chiemit erhalten hat. Für die Bildung werden extreme Temperaturen und Drücke angesetzt. Makroskopisch praktisch identisches Material hat der Autor (W.M.) nunmehr auch im Verbreitungsareal der mutmaßlichen Impaktgesteine und Impaktgläser von Nalbach identifiziert und aufgesammelt, wobei sehr ähnliche Formen und interne Gefüge auftreten (Abb. 2, 3).

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Abb. 1. Gehören sie zusammen? Der Chiemgau-Impakt und der vermutete Nalbach/Prims-Impakt.

Abb. 2. Der Chiemit aus dem Meteoritenkrater-Streufeld des Chiemgau-Impaktes.

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Abb. 3. Mutmaßlicher Chiemit aus dem Gebiet Nalbach/Prims.

Bemerkenswert ist, dass der mutmaßliche Chiemit bei Nalbach auch in Gläser und Schmelzbrekzien eingebunden ist (Abb. 4, Abb. 5).

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Abb. 4. Nalbach/Prims: Monomikte Brekzie mit Glasmatrix (c) im Verband mit Partikel aus mutmaßlichem Chiemit (a) und schwarzem Glas (b).

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1 cm

Abb. 5. Nalbach/Prims: Chiemit-Bruchstück, eingeschmolzen in ein graues feinkörniges, nicht rekristallisiertes Glas.

Anders als beim Chiemgau-Impakt haben die bisherigen Geländebegehungen noch keine Hinweise auf eindeutige Kraterstrukturen erbracht. Wie bereits im ersten Artikel angemerkt, mag dies durch eine junge (alluviale) Überprägung in der Senke des Prims-Tales erklärt werden, kann aber auch auf besondere Bedingungen im Ablauf des vorgeschlagenen Impaktereignisses zurückgeführt werden. Solche besonderen Bedingungen wären z.B. bei einer großen Explosion des Projektils dicht über der Erdoberfläche (engl.: air burst) gegeben. Selbst beim Chiemgau-Impakt wird davon ausgegangen, dass manche der Krater mit Anzeichen extremer Erhitzung nicht durch einen einschlagenden Impaktor sondern durch eine enorme Explosion nahe der Erdoberfläche entstanden.

Neue Bilder alter und neuer Funde
Es folgt eine Zusammenstellung von Bildern, die die erstaunlichen Parallelen zwischen den Befunden im Gebiet des Chiemgau-Impaktes und im vermuteten Impakt-Areal von Nalbach aufzeigen, und man ist überrascht festzustellen, dass zwischen den beiden Fundarealen immerhin rund 500 km Entfernung bestehen. Ein wichtiger Punkt soll noch angemerkt werden. Wenn nachfolgend jeweils Befunde aus den beiden Arealen mit den verblüffenden Übereinstimmungen zusammengestellt werden, so ist nicht beabsichtigt, daraus irgendwelche Beweise für irgendeine Genese abzuleiten. Es soll gezeigt werden, dass vermutlich sehr ähnliche Prozesse und - wegen der übereinstimmenden Erhaltungs-/Verwitterungszustände - in einem ähnlich weit zurückliegenden Zeitraum abgelaufen sind, der übereinstimmend ins Holozän gelegt wird. Ergänzend dazu wird 5

angemerkt, dass die geologischen Verhältnisse in beiden Arealen nicht unähnlich sind und dass bei Nalbach flächenmäßig quartäre Ablagerungen (Lehme, Terassensande/-kiese, Hangschutt) - neben Sedimenten des Rotliegend und des Buntsandstein - dominieren. Das macht die Verwandtschaft der Beobachtungen auch leichter erklärlich, da ähnliche Prozesse bei ähnlichem Ausgangsmaterial zu ähnlichen Produkten führen sollten. Auch in einer weiteren Hinsicht unterscheiden sich die Areale in Südostbayern und im Saarland nicht. Beide sind früh besiedelt worden und bereits seit langer Zeit Gebiete industrieller Standorte, so dass nach wie vor (im ersten Bericht zum vermuteten Impakt Nalbach wurde das bereits herausgestellt) eine gewisse Zurückhaltung in Bezug auf die Deutung von Schmelzprodukten aller Art angebracht ist, zumal bei einem Impakt äußerlich recht ähnliche Produkte, wie sie beim Verhütten und bei der Glasherstellung anfallen, entstehen können.

Aerodynamisch geformte Gläser bei Nalbach und im Chiemgau
Abb. 6 und 7 zeigen jeweils eine handvoll schwarzer Gläser, die sowohl hinsichtlich ihrer äußeren Form (Abb. 8, 9) als auch ihres inneren Gefüges (Abb. 10, 11) zum Verwechseln ähnlich ausschauen. Tektitartige Gläser dieser Art kennt man z.B. von der ZhamanshinImpaktstruktur (Irgizite) [1] [2] und von Meteoritenkrater-Streufeld von Wabar [3].

Ab. 6. Aerodynamisch geformte Gläser aus dem Areal Nalbach. Bildbreite 7 cm.

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Abb. 7. Zum Vergleich: aerodynamisch geformte Gläser vom Areal des ChiemgauImpaktes. Bildbreite 7 cm.

Abb. 8. Jeweils ein Einzelstück von den Abb. 6 und 7 mit sehr ähnlicher Skulptur beim Nalbach-Glas (oben) und beim Chiemgau-Glas. Solche Formen mit Fließstrukturen, möglicherweise als Ausdruck von Verdrehungen im noch plastischen Zustand, kennt man z.B. auch von den Zhamanshin-Irgiziten und von echten Tektiten. 7

Abb. 9. Die Endbrüche der beiden Gläser von Abb. 8 zeigen das identische interne Glasgefüge

Aggregate mit sphärulitischem Gefüge
Beim Anblick der beiden Proben von Abb. 10 ist man sofort geneigt zu sagen: Industrie, anthropogen: Blähton-Kügelchen oder ähnliches. Dennoch spricht sehr vieles für eine natürliche Bildung. Die Probe links in Abb. 10 stammt aus dem Areal Nalbach und wird, zwar selten, in dieser Form auf den Äckern aufgelesen. Die Kügelchen mit Durchmessern von ca. 0,5 - 2 mm bestehen aus einem feinstkörnigen schwarzen Material, das von einem weißen karbonatischen Häutchen umhüllt ist (Abb. 11, links). Eine Matrix ist nicht vorhanden; die Kügelchen haften mit dem karbonatischen Material zusammen. Unter dem Mikroskop ist das schwarze Material opak und vermutlich etwas Kohlenstoffartiges. Eine direkte Verwandtschaft der Kügelchen besteht zu den sogenannten Karbonkügelchen, die weitverbreitet im Areal der ChiemgauImpaktkrater auch in tieferen Bodenschichten und konzentriert in den kleineren Kratern angetroffen werden (Abb. 12, links). Diese Kügelchen sind den Forschern im Chiemgau schon frühzeitig aufgefallen, wurden bis nach Belgien in Böden nachgewiesen und werden als ein mögliches Fallout-Produkt des Chiemgau-Impaktes angesehen. Analysen des Materials haben u.a. Nanodiamanten erbracht (Yang et al. 2008). Inzwischen wurden auch bei Nalbach diese Kügelchen aus den Bodenschichten extrahiert, wobei vorerst eine Identität in der Zusammensetzung offen bleibt. Naheliegend bei der großen Ähnlichkeit ist aber, dass es sich bei dem Aggregat in Abb. 10, links, um solche karbonatisch verbackenen Karbonkügelchen handelt.

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Abb. 10. Aggregate mit sphärulitischem Gefüge. Bildbreite 4 cm.

Bims, Bimsstein
Ein Aggregat sphärulitischer Partikel aus dem Chiemgau-Areal ist dem zuvor besprochenen gegenübergestellt. Im Unterschied dazu besteht das Material aus Glas mit Bimsstein-Gefüge, und die reine Kugelform (Abb. 11, rechts) ist eher selten. Die Partikel sind in eine feinsandigkarbonatische Matrix eingebettet. Der generelle Zusammenhang ergibt sich aus dem Umstand, dass bimsartige Sphärulen, wie sie im Gestein der Abb. 10, rechts, eingebettet sind, wie die Karbonkügelchen ebenfalls isoliert auftreten (Abb. 11, rechts). Dabei ist die Übereinstimmung im Gefüge bemerkenswert und eine anthropogene Herkunft des Aggregats in Abb. 10 eher unwahrscheinlich, da die isolierte Sphärule aus einem Impakthorizont in 1 m Tiefe stammt.

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Abb. 11. Einzelne aufgebrochene Sphärulen in dem kohligen und dem glasigen Aggregat.

Abb. 12. Links: Karbon-Kügelchen, komplett, auf- und angebrochen, aus dem Chiemgau-Impaktareal; ca. 40 cm Bodentiefe. Rechts: einzelne Glas-Sphärule mit BimsGefüge (3 mm Durchmesser) aus dem Impakt-Katastrophenhorizont der Ausgrabung Chieming-Stöttham, Chiemgau-Impakt (Neumair et al. 2010). Eine weitere Verbindung zwischen Chiemgau- und Nalbach-Areal kann genau daran festgemacht werden, da es außer den bimsähnlichen Sphärulen im Chiemgau auch echte Bimsfunde gibt (Abb. 13), die wiederum Parallelfunde bei Nalbach haben (Abb.14). In Abb. 15 in der Nahaufnahme wird deutlich, wie ähnlich die Bims-Gefüge sind, und selbst im Streupräparat unter dem Mikroskop zeigt sich eine vergleichbare Zusammensetzung aus scherbigem Glas mit untergeordnet Gehalt an feinsten Mineralkörnern wie Quarz, Glimmer zusammen mit karbonatischen Aggregaten. Mehr zum Bims vom Chiemgau, insbesondere auch zu anthropogenen Bildungen und zu Importen aus Vulkangebieten (Italien, Eifel), steht unter [4]. Bims-Bildungen von Impaktstrukturen sind bekannt (Zitate in [4]).

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Abb. 13. Bims vom Chiemsee; Areal des Chiemgau-Impaktes.

Abb. 14. Bims von Nalbach. Im Vergleich zum Chiemgau-Bims ist er etwas inhomogener und großporiger.

Abb. 15. Nahaufnahmen vom Nalbach-Bims (links) und vom Chiemgau-Bims. Beide Proben zeigen sehr ähnliches Gefüge. 11

Verglaste Gerölle
Ein besonderes Merkmal im vermuteten Impakt-Areal von Nalbach sind meist quarzitische Gerölle, die von Glas überzogen sind und die absolute Gegenstücke im Areal des ChiemgauImpaktes haben (Abb. 16). Ausführlicheres zu den Chiemgau-Glasgeröllen steht unter [5].

Abb. 16. Verglaste Gerölle; Bilder links: Nalbach, Bilder rechts: Chiemgau-Impakt.

Abb. 17. Verglaste Gerölle (jeweils quarzitisches Gestein) von Nalbach (links) und vom Chiemgau-Impakt. 12

Die Ähnlichkeiten der Glasbildung in beiden Areale geht bis zu sehr ähnlichen Farbvarianten (Abb. 17), und beiden Vorkommen ist gemeinsam, dass die äußere Verglasung extrem dünn ist und vielfach nur Bruchteile eines Millimeters beträgt (Abb. 18). Das muss so interpretiert werden, dass die Erhitzung sehr hoch und extrem kurzzeitig war oder dass das Geröll mit dem Glasmaterial bedampft wurde, was eine Analyse zeigen kann.

Abb. 18. Nalbach: Der Bruch des Gerölls von Abb. 17 (links) zeigt, wie dünn die Glashaut ist, was gleichermaßen für die glasierten Gerölle vom Chiemgau-Impakt gilt. Auf den glasgefüllten Spaltriss wird im Text eingegangen. Das Glas in dem offenen Riss in Abb. 18 steht mit dem äußeren Glas in Verbindung und muss auch innerhalb sehr kurzer Zeit von außen als Schmelze oder Dampf zugeführt worden sein. Die zunehmende Verengung des Risses deutet darauf hin, dass sich der Spaltriss von rechts nach links geöffnet hat und dabei die Wegsamkeit für Schmelze bzw. Gesteinsdampf geschaffen hat.

Abb. 19. Chiemgau-Impakt: Glasgefüllte Risse in einem quarzitischen Geröll. Die passgenauen Ränder der offenen Risse (Pfeile) belegen den Zugcharakter der Brüche. Wie in Abb. 18 verengen sich die großen Risse. 13

Mittlerweile wenig überraschend zeigt das glasierte Geröll aus dem Areal des ChiemgauImpaktes dieselben Merkmale mit offenen glasgefüllten Rissen, und selbst die Verengung von mehreren der Spaltrisse tritt auf (Abb. 19). Diese Beobachtungen sind von Bedeutung, weil sie ein wichtiges Merkmal für eine Schockbeanspruchung in einem Impaktereignis darstellen können, was bereits für den Chiemgau-Impakt erörtert wurde [6]. Das Stichwort dazu heißt Spallation, und bereits im ersten Nalbach-Artikel wurde diese Besonderheit angesprochen. Spallation beschreibt den Effekt, dass die Druckwelle des Schocks an der freien Oberfläche eines Gerölls als nahezu gleichstarke Zugwelle reflektiert wird, die das Gestein unter sehr starke Zugkräfte setzt, was im Geröll dann zu den hier beobachteten offenen Spaltrissen führt. Der Zugimpuls muss extrem kurz gewesen sein, da der sich öffnende Riss im Geröll zum Stillstand gekommen ist und das Gestein nicht zertrennt hat. Dabei kann der plötzlich entstehende Unterdruck Gesteinsschmelze oder -dampf eingesaugt haben. Jegliche tektonische Anlage der Risse scheidet damit aus, wie auch eine Erhitzung in irgendeinem Ofenprozess praktisch ausgeschlossen werden kann.

Abb. 20. Nalbach: Mit Glas gefüllte Zugrisse in quarzitischen Geröllen. Man beachte auch hier die sich vielfach von der Oberfläche her verengenden Risse, die die Bruchrichtung und das Eindringen der Schmelze bzw. des Gesteinsdampfes dokumentieren.

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Dass der offene Riss in Abb. 18 keinen Einzelfall darstellt, zeigt Abb. 20 mit vier gesägten verglasten Geröllen aus dem Nalbach-Areal, die allesamt interne glasgefüllte Zugrisse aufweisen, wobei die systematische Verengung ebenfalls nicht zu übersehen ist. Das Auftreten dieser offensichtlichen Spallationsphänomene ist ein sehr gewichtiges Argument für eine sehr kurzeitige dynamische Beanspruchung von Geröllen aus dem Nalbach-Areal, für die sich momentan keine natürliche Alternative zu einem Schockereignis bei einem meteoritischen Impakt anbietet.

Abb. 21. Das glasierte Geröll von Abb. 17 und ein weiterer Vergleich mit einem glasierten Geröll vom Chiemgau-Impakt - jeweils Vorder- und Rückseite. Die Abfolge von mechanischer Beanspruchung durch vermutet Schock und Entlastung mit Bruch und anschließender Verglasung wird deutlich dadurch, dass auch die frischen Bruchflächen (die gezeigte Unterseite bei Geröll links, alle Bruchflächen bei Geröll rechts) vollkommen verglast sind. 15

Die vermutete Parallelität für Schockereignis und anschließende extreme Erhitzung mit Glasbildung in den Arealen von Nalbach und Chiemgau-Impakt findet weitere Stütze im Vergleich der zerbrochenen Gerölle von Abb. 21. Auch die Bruchflächen zeigen eine Verglasung, was eine Abfolge mechanischer und thermischer Beanspruchung nahelegt. Auch zwei aufeinanderfolgend Phasen unterschiedlicher Glasbildung lassen sich in beiden Arealen beobachten (Abb. 22).

Abb. 22. Zwei Phasen der Glasbildung: schwarzer, glasiger Schmelzbatzen aus Fremdmaterial auf grünlich-weißer Glashaut eines Gerölls. Links: Nalbach; rechts, Chiemgau-Impakt.

Schmelzbrekzien und andere Brekzien
Bereits im ersten Nalbach-Artikel wurden die verschiedenartigen monomikten und polymikten Brekzien, vielfach mit Glasmatrix, vorgestellt. Auch hier gibt es absolute Parallelen zum Chiemgau-Kraterstreufeld, was Abb. 23 vermittelt.

1 cm

1 cm

Abb. 23. Monomikte Schmelzbrekzien mit quarzitischen Fragmenten in Glasmatrix. Oben: Chiemgau-Impakt (frische Bruchfläche); unten: Nalbach (gesägte Fläche). 16

Abb. 24. Nalbach: Brekzie aus Gesteinsfragmenten und Glaspartikeln. Bei Nachweis von Schockeffekten (s. Abb. 25) hätte sie definitionsgemäß den Charakter eines Suevits. Bildbreite 5 cm.

Abb. 25. Quarzkorn im Streupräparat aus einem Sandsteinfragment der Brekzie in Abb. 24 mit zwei Richtungen planarer Deformationen, möglicherweise schockproduzierte planare Deformationsstrukturen (PDFs). Einfach polarisiertes Licht.

Bemerkenswert für das Nalbach-Areal ist die Brekzie in Abb. 24, die aus Gesteinsfragmenten und Glaspartikeln besteht. Aus Sandstein-Komponenten konnten Quarzkörner für ein Streupräparat und polarisationsmikroskopische Analyse entnommen werden, die weitere mineralogische Hinweise auf ein Schockereignis geben können. So zeigt das Korn in Abb. 25 17

zwei Richtungen gut ausgebildeter planarer Elemente. Ob es sich dabei um echte, sogenannte planare Deformationsstrukturen (engl. planar deformation features, PDFs) handelt, die als diagnostisch für Schock und Impakt angesehen werden, muss vorerst offen bleiben.

Schmelzbrekzien mit Gesteins- und metallischen Komponenten
Einen weiteren vergleichbaren Befund für das Nalbach-Areal und den Chiemgau-Impakt zeigt Abb. 26 mit einer Schmelzbrekzie mit Gesteinspartikeln und metallischen Einschlüssen in einer schwarzen Glasmatrix. Die Analyse dieser metallischen Partikel und eine mögliche Verwandtschaft zu den bisher analysierten vermutlich eisenmeteoritischen Komponenten (siehe die Ausführungen ganz zu Anfang des Artikels) steht noch aus. Inzwischen hat die Analyse eines metallischen Partikels aus einem anderen Nalbach-Glas Anzeichen von Eisensiliziden erbracht, was weiter untersucht wird. Eisensilizide spielen als vermutetes kosmisches Material eine sehr wichtige Rolle beim Chiemgau-Impakt (z.B. Hiltl et al. 2011).

Abb. 26 Glasmatrix mit Gesteinspartikeln (x) und metallischen Einschlüssen (Pfeile). Oben Nalbach; unten Chiemgau-Impakt.

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Diskussion und Schlussfolgerungen
Gemäß den Ausführungen des ersten Nalbach-Artikels und nach dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Einvernehmen gilt ein Meteoriten-Impaktkrater (oder eine Impaktstruktur) dann als anerkannt, wenn einige Bedingungen erfüllt sind, die hier wiederholt werden. Abgesehen von der direkten Beobachtung des Meteoritenfalls (wie es 2007 beim CarancasImpakt in Peru mit der Bildung eines 13 m-Kraters geschah), werden Funde von Meteoritenstücken, die die Verdampfung des Projektils beim Einschlag überlebt haben, sowie Schockmetamorphose und andere Schockeffekte (z.B. Shattercones) in Gesteinen und Mineralen als überzeugend angesehen. Als nicht ganz so zwingend gelten Funde anderer Hochdruck- und Hochtemperatur-Auswirkungen, auffällige Brekzien, ungewöhnliche Gesteinsdeformationen, geophysikalische Anomalien und eigenartige, besonders ins Auge stechende geologische Phänomene. Im vorliegenden Fall Nalbach kann ein meteoritischer Einschlag im strengen Sinne bisher immer noch nicht klar und eindeutig bewiesen werden, obgleich sich die Anzeichen sehr stark verdichtet haben, wobei die mineralogischen Befunde zu vermutetem Schock und die Beobachtungen zu einer Schockspallation an vielen Geröllen nicht mehr viele Zweifel lassen. Es wird noch einmal ausdrücklich betont, dass die zahlreichen verblüffenden identischen Befunde aus dem Areal des Chiemgau-Impaktes hier nicht als ein Beweis bemüht werden, wenngleich der Chiemgau-Impakt mittlerweile nur noch von wenigen Gegner in Zweifel gezogen wird und international als "salonfähig" gilt. Die gleichen Befunde sollen vermitteln, dass offenbar äußerst ähnliche Prozesse zu einer ähnlichen Zeitstellung abgelaufen sind. Sollte sich unabhängig für das Nalbach-Areal der Impakt endgültig bewahrheiten, dann könnte es interessant und wichtig werden, eine unmittelbare Gleichzeitigkeit mit einem weitaus ausgedehnteren Impaktereignis in Betracht zu ziehen. Vorerst gehen die Untersuchung bei Nalbach weiter, und mittlerweile weiter hinzugekommene neuartige Funde befinden sich im Stadium näherer Untersuchungen, worüber beizeiten berichtet wird.

Danksagung. Hier kann nur die Danksagung aus dem vorhergehenden Artikel über den
vermuteten Nalbach-Impakt wiederholt werden, dass ich als Heimatforscher ohne vertiefte Kenntnisse zu den Geowissenschaften die engagierte Unterstützung durch lokale und regionale Geologen und Mineralogen (Dr. Friedwalt Weber, Dr. Michael Morbe) ungemein zu würdigen weiß. Ich bedanke mich wiederum bei Prof. Dr. Kord Ernstson für gemeinsame Geländebegehung, anregende Diskussionen und die Hilfe bei der Abfassung des Artikels.

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Literatur
Der Einfachheit halber wird unten das Literaturverzeichnis aus dem ersten Artikel unverändert übernommen, auch wenn im Text nicht auf alle Zitate Bezug genommen wird. Nummerierte Zitate im Text, die im Internet angeklickt werden können, folgen zunächst.

URL
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http://www.chiemgau-impakt.de/2012/04/15/bilder-des-monats-chiemgauimpakt-bims-als-impaktgestein-impaktit/ [5]
http://www.chiemgau-impakt.de/wp-content/uploads/2011/07/Petrographie-undGeochemie.pdf [6] http://www.chiemgau-impakt.de/2011/08/25/schock-spallation-ein-typischer-impaktprozessim-chiemgauer-meteoritenkrater-streufeld/

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