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Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung

Robin Bauer

Zu Forschung und Lehre gehört in den sozial-, geistes- und kulturwis- senschaftlichen Disziplinen die Reflektion des eigenen wissenschaftlichen Tuns. In diesem Zusammenhang spielen Theorien über die Methoden des Fachs, über den Status des Wissens, das produziert wird, sowie über die grundlegenden Begriffe und Konzepte, mit denen die jeweilige Dis- ziplin arbeitet, eine zentrale Rolle. In den Naturwissenschaften hingegen werden solche Überlegungen in der Regel nicht als Teil der eigenen Fachkultur betrachtet, sondern in andere Disziplinen verlagert. In diesem Kapitel werden daher für das Unternehmen einer kriti- schen (Selbst-)Reflektion der Naturwissenschaften mit dem Schwerpunkt auf Geschlecht als Analysekategorie relevante theoretische Konzepte vorgestellt, die hauptsächlich in den Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelt wurden. Ein Ergebnis der interdisziplinären, feministisch und anders moti- vierten Forschung über die Naturwissenschaften ist, dass auch naturwis- senschaftliche Forschung eine soziale Aktivität darstellt. Somit sind be- stimmte Fragestellungen aus den Sozialwissenschaften und insbesondere der Geschlechterforschung, wie etwa die Frage der Macht oder des Sub- jektbegriffs ebenfalls für die Naturwissenschaften von Bedeutung.

1 Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Die Erkenntnistheorie ist eine Teildisziplin der Philosophie, die die Be- dingungen von Erkenntnis, besonders deren Möglichkeiten und Grenzen erforscht. 1 Grundlegend ist die Fragestellung nach dem Verhältnis von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt und deren jeweiliger Be- schaffenheit. Zentral sind vor allem zwei Fragen: Worin besteht die Quel-

1 Die Erkenntnistheorie wird auch Epistemologie genannt.

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le der Erkenntnis? Ist die Welt als unabhängig von einem erkennenden Subjekt zu denken oder entsteht sie erst durch das Denken? Durch die Versuche, Antworten auf diese Fragen zu finden, entstan- den verschiedene Strömungen in der Erkenntnistheorie. Rationalismus, Empirismus und Kritizismus versuchen, die Frage nach dem Ursprung jeglicher Erkenntnis zu beantworten. Der Rationalismus räumt der Ver- nunft den Vorrang vor der Erfahrung ein. Daher ist für die Vertre- ter/innen des Rationalismus die Deduktion die wissenschaftliche Metho- de. Bei der Deduktion wird eine Aussage (Konklusion) aus anderen, all- gemeinen Aussagen (Prämissen) abgeleitet, d. h. vom Allgemeinen auf das Besondere geschlossen. Die Gültigkeit dieser Methode beruht auf der logischen Beziehung zwischen den Prämissen und der Konklusion. Zum Beispiel: Alle Menschen sind sterblich (Prämisse). Rutherford ist ein Mensch. Rutherford ist sterblich (Konklusion). Im Gegensatz dazu geht der Empirismus davon aus, dass alles Wissen seinen Ursprung allein in der Erfahrung hat. Die wesentliche wissenschaftliche Methode, die vom Empirismus vertreten wird, ist die der Induktion. Bei der Induktion wird aus einer Reihe von Einzelaussagen (Prämissen) eine allgemeine Aussage (Konklusion) abgeleitet, ohne dass sich diese Folgerung logisch notwen- dig ergäbe. Die induktive Verallgemeinerung ist ein Schluss von einer Teilmenge auf eine Gesamtmenge. Ein Beispiel wäre: Alle Schwäne, die in Hamburg beobachtet wurden, sind weiß. Also sind Schwäne weiß. Der Induktivismus setzt daher implizit die Gleichförmigkeit der Natur vor- aus. Der Logische Empirismus des Wiener Kreises 2 , auch Positivismus ge- nannt, ist als die einflussreichste Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhun- derts zu bezeichnen. Für den Begriff der Erfahrung, der für diese Strö- mung zentral ist, ist die Annahme wichtig, dass das Erkenntnissubjekt dem Objekt passiv gegenübersteht. Mit anderen Worten, für den Positi- vismus spielt die Frage, wer erkennt, keine Rolle. Darüber hinaus impli- ziert der Begriff der Erfahrung, dass das sinnliche Empfinden eines Indi- viduums als Grundlage aller Wissensbildung fungiert. Der Positivismus ist bis heute zugleich eine der einflussreichsten und eine der umstrittensten Strömungen der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts. Einerseits bezieht sich die Mehrheit der Naturwissen- schaftler/innen implizit oder explizit auf diese Richtung. Andererseits stößt der Positivismus auf heftige Ablehnung von Seiten diverser wissen-

2 Der Wiener Kreis bildete sich als Gesprächskreis Wiener Philosophen in den 1920er Jahren und entwickelte sich zu einer philosophischen Schule.

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schaftskritischer Unternehmen, wie beispielsweise der Feministischen Naturwissenschaftskritik. Darüber hinaus ist nicht nur diese Polarisierung der verschiedenen Lager problematisch, sondern ebenfalls die Unschärfe des Begriffs. Während im engeren philosophischen Sinne der Begriff vor allem mit dem Philosophen Auguste Comte (1966) verbunden wird, ist allgemeiner in der Regel der Logische Empirismus damit gemeint. Comte stellte ein Programm für eine Erkenntnistheorie auf, die sich einzig am Faktischen und Nützlichen orientieren sollte. Alle Erkenntnis müsse auf empirischen Daten, d. h. auf Beobachtung und Erfahrung basieren. Der Positivismus stellt in diesem Sinne eine Extremform des Empirismus dar. Der Wiener Kreis als wichtigste Schule des Logischen Empirismus ver- trat die These, dass Hypothesen anhand empirischer Beobachtungen verifizierbar, d. h. zu bewahrheiten oder zu belegen sein müssten. Einer ihrer Hauptvertreter, Rudolf Carnap, entwarf ein neues Programm zur Begründung einer induktiven Logik (Carnap 1999). Im Gegensatz zum Naturphilosophen des 17. Jahrhunderts Francis Bacon liegt bei Carnap die Rolle der Induktion nicht darin, Gesetze zu entdecken, sondern Hypothesen empirisch zu überprüfen. Der Philosoph Karl Popper (1994) hielt diese induktive Methode für ungeeignet. In seinem Kritischen Rationalismus schlägt er stattdessen vor, dass eine empirische Hypothese oder Theorie falsifizierbar, also grund- sätzlich widerlegbar sein muss. Eine allgemeine Aussage wie Alle Frö- sche sind grünlasse sich niemals induktiv beweisen, weil man niemals alle Frösche untersuchen könne. Aber sie lasse sich falsifizieren, wenn ein einziger nicht-grüner Frosch beobachtet werde. Sein Prinzip des Fallibi- lismus besagt daher konsequenterweise, dass es keine absolut gesicherte Erkenntnis geben könne. Dennoch vertrat Popper eine Theorie des Er- kenntnisfortschritts: Durch die Methode der Falsifikation komme man der Wahrheit immer näher, da in der Wissenschaftsgeschichte immer mehr Irrtümer als solche entlarvt würden. Der Positivismus vertritt also ein akkumulatives Modell hinsichtlich der Wissenschaftsgeschichte: His- torisch aufeinander folgende Theorien in einem Gebiet unterscheiden sich lediglich darin, dass sie ein breiteres Spektrum von Phänomenen berücksichtigen. Sie sind konsistent mit früheren Theorien, die sich auf dieselben Daten beziehen. Obwohl der Positivismus als eine Strömung des Empirismus von der Feministischen Naturwissenschaftskritik heftig kritisiert wird, halten einige Feministinnen an empiristischen Positionen fest. Dieser feministische Em-

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pirismus führt androzentrische und sexistische Inhalte von Naturwissen- schaften auf schlecht durchgeführte Wissenschaftzurück, deren Ergeb- nisse aufgrund von Vorurteilen der Wissenschaftler und Wissenschaftle- rinnen zustande kommen. Diese Verzerrungen könnten durch strengere Befolgung der existierenden methodologischen wissenschaftlichen Nor- men eliminiert werden. Dabei weist die feministische Variante dieses ansonsten eher konservativen Ansatzes die Vertreter/innen des traditio- nellen Empirismus auch auf Grenzen dieses Konzepts hin. Denn sie betont die Notwendigkeit einer Kritik am Wissenschaftsbetrieb von außen, bei- spielsweise durch die Frauenbewegung, um auf den Einfluss (sexisti- scher) Vorurteile in der Wissenschaft hinzuweisen. Die naturwissen- schaftliche Methode an sich konnte historisch solche Verzerrungen nicht verhindern. Diese Tatsache wirft weitergehende Fragen hinsichtlich der Methoden auf (Harding 1991). 3 Der Kritizismus, der auf den Philosophen Immanuel Kant zurück- geht, stellt einen Kompromiss zwischen Rationalismus und Empirismus dar: Kant nahm an, dass es apriorische Erkenntnis der Welt gibt, also Erkenntnis, die allein auf der Vernunft, vollkommen unabhängig von jeglicher Erfahrung basiert. Kant stellte somit die Bedeutung von Erfah- rung, die für den Empirismus so grundlegend ist, radikal in Frage, was seine Erkenntnistheorie in die Nähe des Rationalismus rückt. Er vertrat auch die Meinung, dass die Voraussetzungen für den Erkenntnisvorgang im erkennenden Subjekt angesiedelt sein müssten. Somit steht das Er- kenntnissubjekt bei Kant dem Objekt nicht passiv gegenüber, wie der Empirismus postuliert. Dennoch vermittelte Kant zwischen Rationalismus und Empirismus, indem er die Annahme apriorischer Erkenntnis auf die Welt der Erscheinungen beschränkte. Es sei nur möglich, apriorische Aussagen auf Gegenstände, die für den Menschen prinzipiell in Raum und Zeit erfahrbar sind, zu treffen. Aussagen hingegen, die durch Erfah- rung grundsätzlich weder bestätigt noch widerlegt werden können, wie z. B. die Existenz Gottes, können nach Kant niemals den Status von Er- kenntnis erlangen (Kant 1966). Im weiteren Sinne steht der Kritizismus für eine allgemein prüfende Haltung gegenüber vermeintlich selbstverständ- lichen Wissensbeständen menschlicher Erfahrung.

3 Zum feministischen Empirismus siehe den Beitrag Methodenauswahl der geschlechter- perspektivischen Naturwissenschaftsanalysevon Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II, vgl. auch den Beitrag Frau- en- und Männergehirnevon Sigrid Schmitz in Teil I.

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Realismus, Konstruktivismus, Idealismus und Materialismus sind Versu- che, die Frage nach dem Status von Wirklichkeit zu beantworten. Der Realismus vertritt dabei die Auffassung, dass die Wirklichkeit von subjek- tiven und geistigen Fähigkeiten wie Denken, Wahrnehmung oder Spra- che unabhängig ist. Der Begriff Essentialismus steht philosophisch betrachtet in der Regel für eine bestimmte realistische Position. Diese besagt, dass jede Sache eine wahre Essenz, ein wahres Wesen besitzt, die erfahrbar oder erkenn- bar ist. Jede Sache bildet darüber hinaus eine Einheit mit ihrer Essenz. Nach Popper (1977) geht der methodologische Essentialismus auf Aristo- teles zurück, der die Aufgabe der Wissenschaft darin sah, zum Wesen der Dinge vorzudringen. Diese Essenz werde dabei als unveränderlich aufge- fasst. Der Begriff des Essentialismus wird bereits in der Philosophie nicht einheitlich verwendet. In der Geschlechterforschung erfährt er eine wei- tere Bedeutungsverschiebung bzw. Unschärfe. Häufig wird er hier mit BIOLOGISCHEM DETERMINISMUS 4 gleichgesetzt und findet somit praktisch nur als abwertender Begriff, nicht aber als Selbstbezeichnung Verwen- dung. Als essentialistisch werden vor allem solche Positionen bezeichnet, die beispielsweise in der Frauein allgemeines, historisch und kulturell übergreifendes, unveränderliches Wesen sehen, oder die Annahme, Frauen seien per se fürsorglicher als Männer, unabhängig von der Sozialisation. Popper setzt dem Essentialismus einen methodischen Nominalismus entgegen, für den die Aufgabe der Wissenschaft in der Beschreibung des Verhaltens der Dinge liegt. Allgemeiner wird unter dem Begriff des No- minalismus die philosophische Auffassung verstanden, dass nur Einzel- dinge existieren und jede Annahme einer allgemeinen Natur, die auf einer realen Basis in den Dingen beruht, unbegründet ist (Hinzen 1996). Eine besondere Variante des Nominalismus ist der Konstruktivismus. All- gemein sind darunter diejenigen erkenntnistheoretischen Positionen zu- sammengefasst, die die konstruierenden Leistungen der Beobachtenden im Erkenntnisprozess betonen. Die traditionelle Frage nach dem Was der Erkenntnis wird durch die Frage nach dem Wie des Erkenntnisvorgangs ersetzt. Jede Form der Erkenntnis wird dabei als eigenständige Konstruk- tion eines Beobachters/einer Beobachterin und nicht einfach als passive Abbildung des Gegenstands aufgefasst. D. h., auch die Frage, wer er- kennt, spielt eine Rolle.

4 Zum Begriff des BIOLOGISCHEN DETERMINISMUS siehe vertiefend den Beitrag Tierisch menschlichvon Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II.

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Der Radikale Konstruktivismus betrachtet auch das Erkannte selbst als Konstruktion. Die Existenz einer äußeren Welt wird dabei nicht unbe- dingt in Frage gestellt, wohl aber die erkenntnistheoretische Relevanz einer Darstellung der Welt an sich. Denn die reale Welt ist als solche nicht erfahrbar, sondern ist immer schon eine wahrgenommene, erfun- dene, eben konstruierte Wirklichkeit. Ausgangspunkt dieser Überlegun- gen ist die neurophysiologische Auffassung, dass das Gehirn als selbstre- ferentiell-geschlossenes System arbeitet, d. h., dass es alle Deutungsmus- ter mittels eigener Operationen aus sich selbst schöpfen muss (Schmidt 1987). 5 Der Idealismus räumt dem Denken oder den Ideen den Vorrang vor der materiellen Welt ein. Der Philosoph René Descartes ist mit seinem berühmten Cogito ergo sum6 einer der Hauptvertreter der idealisti- schen Position. Das denkende Ich, die menschliche Vernunft, ist die ein- zige Gewissheit und wird im deutschen Idealismus zum höchsten Prinzip der Philosophie (Descartes 1956). Damit einher geht bei Descartes eine fundamentale Trennung von erkennendem Subjekt und erkanntem Ob- jekt: Eine dualistische Denkweise, die u. a. von Feministinnen problema- tisiert wird. Kritisiert wurde der Idealismus von den Vertretern des Dialek- tischen Materialismus Karl Marx und Friedrich Engels, die zwar der mate- riellen Welt mehr Gewicht zumessen als dem Bewusstsein, aber beide in einer Wechselwirkung begreifen.

2 Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie der Naturwissenschaften

Die Anwendung der Erkenntnistheorie auf die (Natur-)Wissenschaften führte zur Etablierung eines eigenständigen philosophischen Feldes, der Wissenschaftstheorie. Die Wissenschaftstheorie konzentrierte sich dabei vor allem auf die Untersuchung der logischen Struktur wissenschaftli- cher Theorien. Diese Fragestellung gilt vielen Wissenschaftsphilosophen und Wissenschaftsphilosophinnen als zu eng, daher wird seit den 1990er Jahren der Begriff Wissenschaftsphilosophie häufig bevorzugt. Er steht

5 Diese Vorstellung des Gehirns als geschlossenes System wird heute durch die Theorien der Hirnplastizität relativiert, nach der das Gehirn zwar die Deutungsmuster selber kon- struiert, allerdings offen ist gegenüber Einflüssen aus der äußeren Welt, vgl. hierzu den Beitrag Frauen- und Männergehirnevon Sigrid Schmitz in Teil I.

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für eine Beschäftigung mit den Wissenschaften, die die Bedingungen des Entstehens von Wissen, wie etwa soziale Faktoren, mit einbezieht, also gewissermaßen über die Grenzen der Philosophie im engeren Sinne hin- aus zu einem interdisziplinären Projekt wird (Gadenne & Visintin 1999). Allgemein gilt Bacon als der Begründer der neuzeitlichen Naturwis- senschaft, wie wir sie kennen. Er forderte 1620 eine wissenschaftliche Methode, die auf experimenteller Beobachtung und Induktion basiert (Bacon 1962). 7 Die von Bacon aufgestellten Prinzipien finden sich in den heutigen Vorstellungen der naturwissenschaftlichen Methodik wieder, die verallgemeinert so umrissen werden können: In der Regel wird zu- nächst ausgehend von bestehenden Theorien eine Hypothese formuliert, was meist durch Induktion oder Abduktion 8 erfolgt. Im zweiten Schritt wird diese Hypothese empirisch überprüft. Dies geschieht in der Regel im Experiment. Die Resultate des Experiments werden interpretiert – entweder das Experiment falsifiziert die Hypothese, oder es verifiziert sie. Im Falle einer Falsifikation muss entweder die Hypothese verworfen werden, oder das Experiment wird modifiziert. Im Falle der Verifikation ist von größter Bedeutung, dass das Ergebnis reproduzierbar ist; im Ide- alfall sollte das Experiment von jedem anderen qualifizierten Wissen- schaftler nachgestellt werden können. Ist dies der Fall, wird die Hypo- these (vorläufig) akzeptiert und im Sinne der Induktion in der Regel ge- neralisiert, z. B. in der Formulierung eines Naturgesetzes. Die Frage nach der richtigen Methode ist bis heute eine der zentralen Fragestellungen der Wissenschaftsphilosophie und wurde immer wieder unterschiedlich beantwortet. Mit Bacon begann die normative Zielset- zung der Wissenschaftstheorie, also der Versuch, Regeln des richtigen naturwissenschaftlichen Vorgehens zu entwickeln. Seit dem Physiker und Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn (1967) spielt die deskriptive Zielsetzung eine immer größere Rolle, deren Hauptanliegen in der Be- schreibung und historischen Rekonstruktion der Tätigkeiten der Natur- wissenschaften besteht. Die zentrale Fragestellung lautet: Was tun Na- turwissenschaftler/innen wirklich?

7 Zur feministischen Kritik an Bacon vgl. beispielsweise Keller (1986: 43-53).

8 Die Abduktion ist neben der Induktion und Deduktion eine dritte Art logischen Schlie- ßens, die auf den Philosophen Charles Peirce zurückgeht (Klawitter 1996). Sie besitzt an sich keinen Wahrheitsgehalt, sondern bietet die Möglichkeit neuer Aussagen, die dann überprüft werden müssen. Beispiel: Alle Frösche sind grün. Kermit ist grün. Kermit ist ein Frosch.

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3 Von der Wissenschaftstheorie zur Wissenschaftsforschung (Science Studies)

Die Wissenschaftsforschung, die im Englischen Science Studies genannt wird, ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das vor allem soziologi- sche, historische und philosophische Perspektiven auf Naturwissenschaft und Technik verbindet. Der Bereich, der Geschlechterforschung mit Wis- senschaftsforschung verbindet, wird international häufig als Gender & Science Studies (z. B. Lederman & Bartsch 2001) bezeichnet und kann als ein Teilgebiet der Science Studies verstanden werden. 9 Dabei ist er histo- risch allerdings nicht unbedingt nach den Science Studies entstanden und hat sich auch nicht aus den Science Studies heraus entwickelt, sondern ist teilweise parallel aus feministischer Theoriebildung und der Frauen- und Geschlechterforschung hervorgegangen und wird daher auch häufig als Feministische Naturwissenschaftskritik bezeichnet (Götschel 2001: 164-220). Die folgenden Ausführungen geben den Versuch des Wissenschafts- soziologen Harry Collins wieder, Nicht-Soziologen und Nicht-Soziolog- innen in die Wissenschaftssoziologie einzuführen (Collins 2005). Im Un- terscheid zur Psychologie, die soziale Gruppen eher als die Summe der Interaktionen der Individuen betrachtet, sieht die Soziologie Individuen als die Summe der sozialen Gruppen und Verhältnisse, in denen sie auf- gewachsen sind und leben. Wissenschaftssoziologie interessiert sich da- her mehr für gesellschaftliche Muster als für die Wahrheitnaturwissen- schaftlicher Aussagen. Auch Lügensagen etwas über die gesellschaftli- che Wirklichkeit aus, denn auch aus ihnen geht hervor wie Menschen ihre Situation einschätzen, und damit deuten sie auf Handlungsmöglich- keiten und -grenzen. Daher arbeitet die Wissenschaftssoziologie (und die Wissenschaftsforschung ebenso) mit einem methodologischen Relativis- mus: sie ignoriert, ob etwas naturwissenschaftlich als wahr oder falsch gilt. Wissenschaftsforscher/innen stehen also in einer wissenschaftlichen Kontroverse auf keiner Seite; vielmehr versuchen sie, den Sinnzusam- menhang jeder Sichtweise zu rekonstruieren und zu beschreiben. Eine besonders geeignete Methode ist daher das Suchen nach Krisen: Immer wenn etwas anders läuft als erwartet, treten gesellschaftliche Normen und Regeln zutage, die sonst als allzu selbstverständlich gar nicht wahr-

9 Zur Bezeichnung dieses Forschungsgebietes siehe auch Geschlechterforschung und Naturwissenschaftenvon Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling.

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genommen werden. 10 Daher interessieren sich Wissenschaftsforscher/ innen, insbesondere Wissenschaftssoziologen und Wissenschaftssoziolo- ginnen sowie Wissenschaftshistoriker/innen, vor allem für wissenschaft- liche Kontroversen, da sie solche Momente der Krisedarstellen, in de- nen die Regeln wissenschaftlichen Handelns und der Aushandlungscha- rakter dieser Regeln besonders deutlich zutage treten. Eine weitere er- tragreiche Methode besteht in der teilnehmenden Beobachtung 11 wissen- schaftlichen Alltags, z. B. im Labor, die als LABORSTUDIEN bezeichnet werden (s. u.). Da sich die Wissenschaftsforscher/innen nicht in erster Linie für die Wahrheitnaturwissenschaftlicher Behauptungen interes- sieren, brauchen sie auch keine naturwissenschaftlichen Experten/ Expertinnen zu sein. Ein solides Grundwissen über das Feld, das sie un- tersuchen, reicht in der Regel aus. Zuletzt ist zu betonen, dass Wissen- schaftsforschung ein notwendig interdisziplinäres Unterfangen sein muss. Denn die Handlungen von Individuen sind trotz aller gesellschaft- lichen Beeinflussung niemals vollkommen von gesellschaftlichen Regeln und Normen determiniert. Daher sind immer mehrere disziplinäre Per- spektiven nötig, um ein Phänomen zu untersuchen. Ein Vorläufer späterer zentraler Ansätze in der Wissenschaftsfor- schung war der Biologe Ludwik Fleck (1999). Mit seinem Begriff des Denkstils nahm er bereits 1935 Kuhns Begriff des Paradigmas vorweg, und sein Begriff des Denkkollektivs entspricht der heutigen Vorstellung der Scientific Community. Fleck beschrieb anhand der Geschichte des Syphilis-Begriffs in der Medizin die Rolle der Denkstile von Forschenden:

Aufgrund von Vorannahmen würden von verschiedenen Wissenschaft- lern und Wissenschaftlerinnen unterschiedliche Dinge wahrgenommen, bzw. übersehen. Wissenschaft ist bereits bei Fleck stark von sozialen Fak- toren beeinflusst. Ein Faktor, der Wissenschaft zu einem sozialen Unter- fangen macht, ist die Tatsache, dass nicht nur einzelne Wissenschaft- ler/innen ihre Vorannahmen in die Forschung mitbringen, sondern dass die Gemeinschaft der Wissenschaftler/innen an sich ein Denkkollektiv

10 So gab der US-amerikanische Soziologe Harold Garfinkel seinen Studierenden als Hausaufgabe, sich beim nächsten Besuch bei den Eltern nicht wie normaleKinder zu verhalten, sondern sich wie ein förmlicher, ausgesprochen höflicher Gast zu benehmen. Dieses Verhalten sorgte regelmäßig für Irritation und Ärger bei den Eltern (Collins

2005).

11 Zur teilnehmenden Beobachtung siehe vertiefend den Beitrag Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalysevon Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.

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darstellt, das viele solcher Vorannahmen teilt. Ende der 1960er Jahre be- gannen dann Wissenschaftsforscher/innen wie Kuhn (1967) oder die Philosophin Mary Hesse (1980) und der Philosoph Paul Feyerabend (1976) parallel, zentrale Thesen der Science Studies zu entwickeln. Der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war eine Kritik am Positivismus als akkumulativem Modell der Wissenschaftsgeschichte (s. o.). Die Wissen- schaftsgeschichte zeigte wiederholt, dass offensichtlich inkonsistente Theorien nichtsdestotrotz adäquat von den Daten untermauert zu sein scheinen, die sie erklären wollen. 12 Daraus folgt, dass das akkumulative Modell wissenschaftlichen Wachstums wissenschaftliche Veränderungen nicht angemessen erklären kann. Die positivistische Annahme der Unabhängigkeit experimenteller Beobachtung von der Theoriebildung wird daher kritisiert. Stattdessen postulierten Kuhn, Feyerabend und andere die Theoriegeladenheit jegli- cher Beobachtung und die Inkommensurabilität von Theorien. Mit Theo- riegeladenheit ist gemeint, dass die Elemente einer Theorie, inklusive der sie stützenden Daten, nur im Gesamtkontext verstanden werden können. Die Konsequenz der Theoriegeladenheit ist die Inkommensurabilität:

Zwei oder mehr konkurrierende Theorien, die sich auf dieselben Phäno- mene beziehen, können in Bezug auf die Faktennicht so miteinander verglichen werden, dass wir über ihren Wahrheitsgehalt entscheiden könnten. Weil Beobachtung und Bedeutung theoriegeleitet sind, gibt es einerseits keine neutrale oder unabhängige Sammlung von Daten, die als Bezugspunkt für beide Theorien gelten kann. Andererseits werden Theo- rien auf eine Weise formuliert, dass die jeweils verwendeten Sprachen nicht ineinander übersetzbar sind. Eine Theorie wird demnach nicht auf- grund rationaler Überlegungen akzeptiert oder abgelehnt, sondern wird zu einer Glaubensfrage. Hinzu kommt die Unterdeterminiertheitsthese. Sie besagt, dass The- orien im Hinblick auf ihre empirischen Grundlagen immer unterdeter- miniert sind. Mit anderen Worten: Es gibt immer mehr als eine Möglich- keit, aus bestimmten erhobenen Daten eine Theorie zu entwickeln. Die- selben Daten können unterschiedlich interpretiert werden (Felt et al.

1995).

Betrachtet man dazu noch die Tatsache, dass jegliche Beobachtung (und damit Daten-Generierung) theoriegeladen ist, so erscheint es un- wahrscheinlich, dass Theorien allein aufgrund widersprüchlicher empiri-

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scher Tatsachen abgelehnt werden. Tatsächlich zeigen Studien aus der Wissenschaftsgeschichte, dass sich Theorien häufig trotz ungeklärter wi- dersprüchlicher Daten durchsetzen konnten. Den Grund dafür sehen Wissenschaftsforscher/innen in der Bedeutung sozialer Faktoren. Da immer mehrere Theorien für bestimmte naturwissenschaftliche Phäno- mene eine hinreichend angemessene Erklärung bieten können, entschei- den letztendlich nicht (allein) naturwissenschaftliche Daten, sondern so- ziale Faktoren, die häufig unbemerkt die Entscheidungen von Forschern und Forscherinnen beeinflussen, welche Theorien allgemein als die rich- tige akzeptiert wird. Diese Erkenntnis machte das so genannte Strong Programme zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen (Felt et al. 1995).

3.1 Strong Programme

In den 1970er Jahren begann eine Gruppe von britischen Wissenschafts- soziologen/Wissenschaftssoziologinnen und Historikern und Historike- rinnen, die Edinburgh School, in Fallstudien systematisch die Beziehung zwischen wissenschaftlichem Wissen und seinem historisch- gesellschaftlichen Kontext zu untersuchen. Der Wissenschaftssoziologe

David Bloor, einer der Vertreter der Edinburgh School, stellte vier Grund- sätze für empirische Studien auf, die er als Strong Programme bezeichnete (Bloor 1976, Felt et al. 1995):

1. Kausalität: Naturwissenschaftliche Wissensbestände müssen kausal aus den gesellschaftlichen Bedingungen erklärt werden.

2. Unparteilichkeit: Wahrheit oder Falschheit sind nicht absolut, sondern werden nur als solche wahrgenommen. Daher sollten Wissenschafts- forscher/innen nicht vorab entscheiden, ob etwas wahr oder falsch ist.

3. Symmetrie: Wahresund falschesWissen muss nach denselben Methoden untersucht werden und durch die dieselben Ursachen er- klärt werden. Die dahinter stehende Grundannahme ist, dass sowohl wahresals auch falschesWissen gesellschaftlich beeinflusst ist. Der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour (1995) weist in diesem Zusam- menhang darauf hin, dass auch das Soziale konstruiert ist, und daher soziale Ursachen nicht als einzige Erklärung in der Wissensprodukti- on gelten können.

4. Reflexivität: Die Erklärungsmuster des Strong Programme sind auch auf sich selbst anzuwenden.

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3.2 Laborstudien und Empirischer Konstruktivismus

Die LABORSTUDIEN sind ein mikrosoziologischer Ansatz der Science Stu- dies. Sie untersuchen mit Methoden der ethnologischen Feldforschung wie teilnehmender Beobachtung und Interviews 13 die Fabrikation wis- senschaftlicher Erkenntnisse vor Ort im Labor, also Naturwissenschaften im Prozess, was als Science in the Making bezeichnet wird. Die zentralen Ergebnisse dieses Forschungsfeldes werden im Folgenden zusammenfas- send dargestellt. Naturwissenschaftliches Wissen erscheint als ein Pro- dukt komplexer sozialer Interaktionsprozesse. Der Prozess, in dem Labo- re die Struktur der Beziehungen zwischen den Forschenden und der na- türlichenUmwelt verändern, wird als Rekonfiguration bezeichnet. Mit der Rekonfiguration geht eine Simplifikation der im Labor beobachteten Prozesse einher. Dass eine solche Veränderung der Forschungsgegen-

stände möglich ist, deutet daraufhin, dass sie formbar sind. Die Soziolo- gin Karin Knorr-Cetina (1981) unterscheidet drei parallele Rekonfigura- tionsprozesse:

1. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, mit tatsächlichen Gegenstän- den der Natur zu hantieren, sondern mit leicht(er) bearbeitbaren Er- satzobjekten. Beispielsweise kann statt mit ganzen Organismen mit Zellkulturen gearbeitet werden.

2. Es findet keine Beschäftigung mehr mit den Forschungsobjekten am angestammten Ort, sondern im Labor statt.

3. Eine Anpassung an die zeitliche Struktur der Objekte ist nicht mehr nötig.

Dies hat zur Folge, dass Naturin eine ideale Umgebung enkulturiert wird, um günstige erkenntnisgenerierende Effekte zu erzielen. Ein Un- terschied zwischen alltäglicher und wissenschaftlicher Logik ist dabei nicht beobachtbar, d. h. die naturwissenschaftlichen Methoden bedienen sich keiner besonderen Form von Rationalität und unterscheiden sich nicht von Vorgehensweisen anderer Bereiche menschlichen Lebens. Auf- grund der Flexibilität in der Interpretation von Beobachtungen, d. h. der Unterdeterminiertheit von Theorien, hat der Prozess der Wissensproduk- tion im Labor einen starken Verhandlungscharakter. Der Prozess der

13 Zu Interviews siehe vertiefend den Beitrag Methodenauswahl der geschlechterperspek- tivischen Naturwissenschaftsanalysevon Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.

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Objektivierung, also der Umwandlung von interpretationswürdigen Da- ten in so genannte Fakten, erfolgt durch einen Prozess der Konsensbil- dung unter den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen (Knorr- Cetina 1981, 1994, Felt et al. 1995). Knorr-Cetina sowie Latour und der Soziologe Steve Woolgar unter-

scheiden drei Arten von Konstruktionen im Prozess der Erkenntnisgewin- nung:

1. Die Verhandlungen im Labor, bei der Einschreibegeräte (s. S. 261) eine bedeutende Rolle hinsichtlich der Objektivierung spielen.

2. Die Prozesse der Verengung wissenschaftlicher Behauptungen in Fakten.

3. Die Konstruiertheit des Labors selbst: Natur liegt nicht einfach vor, und kann somit nicht beschrieben, sondern höchstens weiterkon- struiert werden.

Daraus folgt, dass es keinen Zugang zur Naturaußerhalb wissenschaft- licher Erzeugungspraktiken gibt. In diesem Sinne bringt die Wissenschaft die Naturerst hervor (Knorr-Cetina 1994, Latour & Woolgar 1979). Die- se von den LABORSTUDIEN generierte Sichtweise auf die Herstellung na- turwissenschaftlichen Wissens wird daher auch empirischer Konstrukti- vismus genannt. Seine Kernaussagen sind, dass wissenschaftliche Tatsa- chen in Laboratorien nicht einfach entdeckt werden und keine Beschrei- bungen der Naturdarstellen. Vielmehr konstruieren Laboratorien wis- senschaftliche Tatsachen in der künstlichen Umgebung des Labors. Zent- ral sind die (sozialen) Aushandlungsprozesse, die dort stattfinden.

3.3

Aktor-Netzwerk-Theorie

Die Aktor-Netzwerk-Theorie (ANT) von Latour und dem Wissenschaftsso- ziologen Michel Callon (Latour & Callon 1981) stellt eine Weiterentwick- lung der LABORSTUDIEN dar. Während letztere sich zunächst auf die Mik- ro-Ebene der Erzeugung wissenschaftlicher Tatsachen, nämlich die Inter- aktionen im Labor beschränkten, bezieht die ANT auch die Makro-Ebene, nämlich gesellschaftliche Strukturen außerhalb des Labors, mit ein. Un- gewöhnlich ist dabei für eine sozialwissenschaftliche Theorie, dass zwi- schen Mikro- und Makro-Ebene analytisch nicht unterschieden wird. Darüber hinaus wird analytisch nicht zwischen Menschen, Tieren und natürlich-technischen Artefakten unterschieden (s. u.).

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Die ANT beschreibt die Prozesse, durch die wissenschaftliche Kon- troversen entschieden und Hypothesen als Fakten akzeptiert werden. Wenn Forschungsergebnisse tatsächlich nie wieder in Frage gestellt und allgemein als gültig akzeptiert werden, bezeichnet man sie als Black Boxes. Das Ziel von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ist es daher, solche Black Boxes zu schaffen. Das Charakteristische an Black Bo- xes ist, dass ihre Entstehungsgeschichte nicht mehr sichtbar ist. Somit erscheinen sie als Fakten, und nicht mehr als die (Zwischen-)Ergebnisse sozialer Konsensbildung (s. o.), die sie eigentlich sind. Es findet also eine Schließung, eine Stabilisierung des sozialen Aushandlungsprozesses von Wissen statt. Diese kann nach der ANT nur erreicht werden, wenn Wis- senschaftler/innen als Akteure gemeinsam mit anderen Akteuren Netz- werke bilden. Andere Akteure werden zu Verbündeten, wenn die Wis- senschaftler/innen es schaffen, deren Interessen in die eigenen zu über- setzen (Latour 1987). Callon und Latour verstehen dabei Menschen nicht als die einzigen Akteure, also nicht als die Einzigen, die handeln können. Vielmehr be- handeln sie Menschen und Nicht-Menschen symmetrisch. Diese erlangen ihre Bedeutung als Teile der Netzwerke. Die Arbeit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen bestehe daher darin, sehr heterogene Elemente wie Zellen, Ratten, Reagenzgläser, Moleküle, Kollegen/Kolleginnen, Publikationen, usw. irgendwie zu verbinden und ein Netzwerk daraus zu bilden. Diese Elemente seien zugleich real, sozial hergestellt und dis- kursiv 14 . Zentral ist bei der Netzwerkbildung der Begriff der Übersetzung. Er bezeichnet einen komplexen Prozess, in dem Akteure gemeinsame Defi- nitionen und Bedeutungen konstruieren, um ihre Ziele, wie z. B. die An- erkennung einer wissenschaftlichen Hypothese als Fakt, zu erreichen. Diese hybriden Gebilde aus sich unähnlichen Akteuren werden als Akt- anten bezeichnet. Sie werden als funktionale Einheit betrachtet. Die Bio- login und Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway versteht den Ama- zonas-Regenwald als einen solchen Aktanten: Es handle sich um eine aus menschlichen und nichtmenschlichen Wesen bestehende kollektive Ein- heit(Haraway 1995b: 43). Diese umfassen u. a. Bäume, die Kayapó und ihre Technologien, den Amazonas, den Jaguar, Menschen unterschiedli-

14 Zum Begriff des Diskurses siehe den Beitrag Methodenauswahl der geschlechterper- spektivischen Naturwissenschaftsanalysevon Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.

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cher Herkunft, die Gold schürfen, Nüsse ernten oder Kautschuk zapfen, die Forest People’s Alliance, usw. Haraway betont, dass gewisse Akteure, z. B. Menschen versuchen (können), andere für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Gelingt dieses Übersetzen der Interessen anderer Akteure in die eigenen, so spricht die ANT von Enrollment, d. h. der Akteur hat es ge- schafft, andere Akteure oder ganze Aktanten für sich arbeiten zu lassen. So kann ein Wissenschaftler, der die Welt von seinen Forschungsergeb- nissen überzeugen will, Kollegen und Kolleginnen von seinen Thesen oder die Industrie von der Nützlichkeit seiner Arbeit überzeugen und kann Moleküle oder Aufzeichnungen von Experimenten für sich arbeiten lassen, indem sie seine Thesen bestätigen (Latour 1987). Anders als die neutrale Formulierung in der ANT beschreibt Haraway im Falle des amazonischen Regenwaldes dieses Enrollment in erster Linie als Geschich- te der Ausbeutung der nicht-menschlichen Akteure und der Menschen, die in der Region lebten und leben. Sie betont allerdings auch, dass die nicht- menschlichen und menschlichen Akteure, die enrolltwerden sollen, in der Regel dieser Vereinnahmung auch Widerstand entgegensetzen. Einschreibungen (Inscriptions), wie beispielsweise der Ausdruck ei- nes Messgerätes, ein Laborbuch oder ein wissenschaftlicher Artikel, er- möglichen dabei die Bildung von Netzwerken über größere räumliche Distanzen. Sie dienen somit der Stabilisierung des Netzwerks. So wie die Black Boxes eingefrorene Prozesse der Wissensproduktion darstellen, sind technische Artefakte, vom Schlüssel und Bügeleisen bis zum Elektronenmikroskop und zur Rakete, für Latour erhärtete gesell- schaftliche Prozesse; er bezeichnet Technologie als dauerhaft/beständig (durable) gemachte Gesellschaft(Latour 1991). Das methodische Vorgehen der ANT besteht darin, den Akteuren in den Netzwerken zu folgen. Das Ziel dabei ist, die Black Boxes wieder zu öffnen und ihre Entstehungsgeschichte möglichst genau zu beschreiben. Dies erfolgt in vier Schritten: Das zu untersuchende Netzwerk wird defi- niert, die beteiligten Aktanten werden identifiziert, die Übersetzungen werden nachvollzogen und die Beobachtungsperspektive wird idealer- weise mehrfach variiert, um möglichst viele Akteure, Aktanten und Über- setzungen zu beobachten (Latour 1987). Zentrum der Analyse bilden dabei Rekonstruktionen von Prozessen und Akteuren, bzw. Aktanten. Der Fokus ist also handlungsorientiert, und liegt nicht auf sozialen Gruppen. Daher können aber strukturelle Machtverhältnisse, wie der Ausschluss von Frauen in den Naturwissen-

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schaften, aus dem Blick geraten (vgl. Degele 2002: 140, Wiesner 2002). Latour beispielsweise diskutiert lediglich die Macht von Institutionen wie Fachverbänden, die neutral in Bezug auf Kategorien sozialer Un- gleichheit erscheinen. Haraway, die zeitgleich mit Latour ähnliche Theo- rien entwickelt hat, arbeitet daher mit einem anderen Begriff von Macht, und entwickelt die ANT somit weiter (s. u.).

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Standpunkttheorien

Eine weitere erkenntnistheoretische Richtung, die aus der Tradition mar- xistischer Philosophie stammt, hat ebenfalls Bedeutung in der feministi- schen Forschung und der Geschlechterforschung erlangt, und soll daher hier besprochen werden: die Standpunkttheorien.

4.1 Marxistische Standpunkttheorie

Die Basis, auf der die marxistische Erkenntnistheorie beruht, ist die An- nahme, dass es zwei grundsätzliche Klassen-Positionen in der Gesell- schaft gibt, von denen nur eine die adäquate Sichtweise auf das Klassen-

verhältnis bietet. Denn die herrschende Klasse hat ein materielles Interes- se daran, die wahren Verhältnisse zu verschleiern. Marx macht folgende epistemologische Annahmen:

1. Das materielle Leben strukturiert und begrenzt das Verständnis ge- sellschaftlicher Verhältnisse.

2. Wenn das materielle Leben für zwei Gruppen auf grundlegend ent- gegengesetzte Weise strukturiert ist, dann ist die Sichtweise der ei- nen eine Umkehrung der anderen; sind diese hierarchisch angeord- net, so ist die Sichtweise der herrschenden Gruppe zugleich partiell und pervertiert.

3. Die Sichtweise und Vorstellung der herrschenden Klasse strukturiert die materiellen Beziehungen an denen alle gezwungen sind teilzuha- ben, und kann daher nicht gänzlich als falsch abgetan werden.

4. Daraus folgt, dass der Blick aus Sicht der unterdrückten Klasse er- kämpft werden muss und eine Leistung darstellt, die wissenschaftli- cher Erkenntnisse und politischer Kämpfe bedarf.

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hältnisse zwischen den Menschen als unmenschlich und spielt eine emanzipatorische Rolle.

Marx geht also von einer Dualität von Realitäten aus. Seine erkenntnis- theoretische Position leitet sich auf komplexe Weise aus materiellem Le- ben ab. Die Betonung liegt dabei auf menschlicher Aktivität und Praxis, denn Marx betrachtet Produkte als materialisierte Form menschlichen Handelns. Aus Sicht des Kapitals ist das Kaufen und Verkaufen von Ar- beitskraft lediglich ein Vertrag zwischen frei Handelnden. Auf der Ebene der Produktion dagegen ergibt sich ein ganz anderes Bild: Durch Arbeit wird ein Mehrwert hergestellt, der vom Kapitalisten angeeignet wird, so dass der Arbeiter systematisch benachteiligt wird (Hartsock 1983).

4.2 Feministische Standpunkttheorien

Die Grundannahme, die Feministinnen von der Marxschen Standpunktthe- orie übernahmen, lautet: Was wir tun, formt und begrenzt, was wir wis- sen können. Allen feministischen Standpunkttheorien ist gemeinsam, dass sie Frauen gewissermaßen als Klasse verstehen. Umstritten ist, was das genauer bedeutet. Wird von Erfahrungen von individuellen Frauen, von Frauen allgemein als homogenisierter Gruppe, oder von der geschlechtli- chen Arbeitsteilung ausgegangen? Ist eine feministische Standpunkttheorie

per se essentialistisch, oder ist sie auch mit konstruktivistischen oder post- strukturalistischen Theorien vereinbar? Argumente, die Feministinnen für den epistemologischen Vorteil ei- ner Standpunkttheorie angeführt haben, sind zahlreich. Drei zentrale wer- den im Folgenden kurz wiedergegeben.

1. Die Perspektive von Frauen beginnt im Alltagsleben. 15 Männer, die sich nicht um die Aufrechterhaltung ihrer alltäglichen Umgebung, ih- rer eigenen Körper usw. kümmern müssen, sehen nur das als real an, was zu ihrer abstrakten mentalen Welt Bezug hat. Bei der Alltäglich- keit von Frauenleben zu beginnen, führt zu Verständnissen der Leben von Frauen und auch von Männern, die sich sehr unterscheiden von den Darstellungen, die in konventionellen Gesellschaftstheorien be- vorzugt werden.

15 Alltag ist hier als Gegensatz zum professionellenLeben von Männern zu verstehen. Dieses stellt für Männer selbstverständlich ihren Alltag dar (Harding 1991).

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2. Frauen sind epistemologisch gesehen wertvolle Fremdein der ge- sellschaftlichen Ordnung. Die Fremde bringt in die Forschung gerade die Kombination von Nähe und Distanz, Besorgnis und Gleichgül- tigkeit ein, die zentral ist, um Objektivität zu maximieren. Männer sind die Eingeborenen, deren Lebensstrukturen und Denkweisen zu gut in die dominanten Institutionen und Konzepte passen, um be- stimmte Phänomene noch wahrnehmen zu können. Der Feminismus dagegen lehrt Frauen (und Männer), wie die gesellschaftliche Ord- nung aus der Perspektive einer Außenseiterin zu sehen ist. Die Un- terdrückung, die Frauen erfahren, sorgt dafür, dass sie weniger Inte- resse an ignorantem Verhalten haben als Männer, da für sie hieraus weniger Vorteile resultieren. 16 Dabei ist zu bedenken, dass ein femi- nistischer Standpunkt auch erkämpft werden muss, und nicht ein- fach Frauen gegeben ist, weil sie eben Frauen sind.

3. Frauen, besonders Forscherinnen, sind Outsiders Within. Es reicht nicht aus, einfach Außenseiterin zu sein, denn die Beziehungen zwi- schen marginalisierten und hegemonialen 17 Tätigkeiten werden nur von einer Seite aus betrachtet nicht deutlich (Harding 1991).

Die Feministin Nancy Hartsock (1983), die als erste Standpunkttheorien für den Feminismus fruchtbar machte, nahm als Ausgangspunkt für ihre Überlegungen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Aufgrund der Erkenntnis durch den Black Feminism 18 , dass sexisti- sche Machtstrukturen nicht die einzigen gesellschaftlichen Hierarchien sind, und Frauen unterschiedlich innerhalb von Machtverhältnissen posi- tioniert sind, wurde das Ausgehen von der Perspektive von Frauen in das Ausgehen von den Perspektiven aller gesellschaftlich unterprivile- gierten Gruppen erweitert. Eine der bekanntesten Vertreterinnen einer Schwarzen Feministischen Standpunkttheorie ist Patricia Hill Collins, die Direktorin der African-American Studies an der Brandeis University ist. Ihre Variante sieht im kritischen Dialog zwischen verschiedenen gesell-

16 Hier wird bereits deutlich, dass privilegierte Frauen höchstwahrscheinlich mehr Interes- se an ignorantem Verhalten haben als weniger privilegierte Frauen. Daher ist dieses Ar- gument so pauschal nicht zu halten. Auch der Bezug von Frauen zum Alltagsleben ist klassen- und race-spezifisch unterschiedlich.

17 Hegemonial bedeutet gesellschaftliche Vormacht innehabend.

18 Der Black Feminism ist eine Strömung innerhalb des US-amerikanischen bzw. internatio- nalen Feminismus, der in der Regel die Kritik von schwarzen Feministinnen am weiß und westlich dominierten Feminismus ausdrückt. Wichtige Vertreterinnen sind z. B. die Literaturwissenschaftlerinnen Bell Hooks und Audre Lorde (Hooks 1990)).

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schaftlich marginalisierten Standpunkten den größten Erkenntnisgewinn. Im Sinne des Outsiders Withinsind dabei diejenigen Standpunkte er- kenntnistheoretisch am wertvollsten, die am Rande der Gesellschaft, des DISKURSES, angesiedelt sind, doch gleichzeitig mittendrin, da es kein ab- solutes Außen geben kann (Collins 1990). Standpunkttheorien sind im Rahmen der poststrukturalistischen Theorie- bildung häufig mit einem Essentialismus-Vorwurf konfrontiert worden. Dieser wird denjenigen Varianten, die Standpunkte von Unterdrückten nicht als naturgegeben, sondern als Möglichkeit zum Erkenntnisgewinn unter bestimmten Bedingungen ansehen, nicht gerecht. Wie bereits be- schrieben, betont Hartsock, dass ein Standpunkt durch einen politischen Kampf erstritten werden muss und Frauen nicht qua ihres Frauseins zukommt. Und Collins insistiert auf einem kritischen Dialog zwischen verschiedenen Standpunkten, auch innerhalb einer Subjektposition.

5 Feministische Objektivitätskritik

Ein Schwerpunkt in der feministischen Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften ist die Kritik am vorherrschenden Objektivitäts- konzept, das stark positivistische Züge trägt. Insbesondere die Annahme, es könne Objektivität im Sinne wertneutraler Erkenntnis geben, wurde hinterfragt. Doch es blieb nicht bei kritischen Bemerkungen stehen. Di- verse Feministinnen entwickelten eigene alternative epistemologische Konzepte von Objektivität, wie die Feministische Standpunkttheorie. Im Folgenden werden beispielhaft die Objektivitätskonzepte von drei femi- nistischen Theoretikerinnen skizziert.

5.1 Objektivität als gesellschaftlich ausgehandeltes Wissen bei Helen Longino

Die Philosophin Helen Longino vertritt eine erkenntnistheoretische Posi- tion, die Prinzipien der Science Studies, besonders des Strong Programme mit empiristischen Positionen verbindet. Longino (1990) weist auf die Unterscheidung zwischen Objektivität als Charakteristik einer wissenschaftlichen Methode und als einer Eigen- schaft hin, die einer/einem individuellen Wissenschaftler/in zukommt. In der positivistischen Sichtweise wird Objektivität den praktizierenden

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Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen in dem Maß zugestanden, indem sie der vorgeschriebenen Methode gefolgt sind; dabei werden naturwissenschaftliche Methoden offensichtlich als etwas betrachtet, das von einem einzelnen Individuum ausgeübt werden kann (Longino 1990). Longino hingegen betrachtet Naturwissenschaft als eine gesellschaftliche Praxis. Die naturwissenschaftlichen Methoden würden nicht in erster Linie von Individuen, sondern von gesellschaftlichen Gruppen ausgeübt. Denn die individuellen Praktizierenden der Naturwissenschaften brau- chen einander, das Erlernen naturwissenschaftlicher Untersuchungen bedarf einer Ausbildung, die eine Interaktion zwischen verschiedenen Individuen darstellt, und die Naturwissenschaften sind abhängig von der Bestätigung ihrer Tätigkeit durch die Gesellschaft. 19 Naturwissenschaftli- ches Wissen ist das Ergebnis sozialer Aushandlungen. Es wird in einem Prozess kritischer Berichtigung und Modifikation der jeweiligen Produk- te durch die Scientific Community hergestellt. Indem Forschung so ver- standen würde, dass kritische Diskussion sie formten, die unter einer Vielzahl von Individuen stattfinden, könnten wir erkennen, wie Wissen statt Meinungen entstehe. Objektivität dürfe daher nicht mit Wahrheit verwechselt werden; Objektivität gäbe vielmehr den kritisch erreichten Konsens der naturwissenschaftlichen Gemeinschaft wieder. Objektivität sei dann ein Merkmal der Praxis von Naturwissenschaft in einer Gemein- schaft, nicht die eines Individuums, und eine gesellschaftliche Aktivität. Den Aspekt, hinsichtlich der Naturwissenschaft objektiv ist, teilt sie da- her mit anderen Wissenschaften wie Literaturwissenschaft oder Philoso- phie. Dass die Hypothesen der Naturwissenschaft auf der Grundlage von beobachteten, experimentellen Daten akzeptiert oder abgelehnt werden, sei ein Merkmal, das naturwissenschaftliche Untersuchungen empirisch macht, nicht objektiv. Die Initiierung und Fortsetzung eines Dialogs sei selbst ein gesell- schaftlicher Prozess und könne mehr oder weniger vollständig realisiert werden. Daher entpuppt sich Objektivität bei Longino als eine relative Angelegenheit: Eine Untersuchungsmethode ist in dem Maß objektiv, in dem sie transformative Kritik zulässt. Mit transformativer Kritik meint Longino hier, dass nicht nur Kritik an den Daten geübt wird, sondern dass auch eventuelle Modifikationen von Begleitannahmen als Teil des Prozesses verstanden und vollzogen werden. Longino (1990) führt vier

19 Zum Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Gesellschaft siehe auch den Beitrag Popularisierungenvon Sigrid Schmitz und Christian Schmieder in Teil II.

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Kriterien an, die notwendig sind, um die transformative Dimension kriti- scher DISKURSE zu erreichen:

1. Es muss anerkannte Wege für Kritik geben: Zeitschriften, Fachver- bände, Konferenzen, usw.

2. Es müssen allgemein akzeptierte Standards existieren, auf die Kriti- ker/innen sich beziehen können.

3. Die gesamte naturwissenschaftliche Gemeinschaft muss empfänglich für Kritik sein und sie ihrerseits äußern. 20

4. Die intellektuelle Autorität muss gleichermaßen unter allen qualifi- zierten Praktizierenden verteilt sein. Der Ausschluss (offen oder sub- til) von Frauen und Minderheiten aus der naturwissenschaftlichen Bildung und aus naturwissenschaftlichen Berufen habe dieses Krite- rium empfindlich verletzt.

Da derzeit die Punkte 2 - 4 nicht erfüllt sind, ist Longinos Konzept sinn- voller Weise nicht als Beschreibung des Ist-Zustandes, sondern als anzu- strebendes Ideal zu verstehen (Longino 1990).

5.2 Sandra Hardings Konzept einer Starken Objektivität: Die systematische Untersuchung gesellschaftlicher Werte als Teil der Naturwissenschaften

Die Philosophin Sandra Harding ist Vertreterin einer Variante Feministi- scher Standpunkttheorie, die sie in kritischer Anlehnung an das Strong Programme als Starke Objektivität (englisch: Strong Objectivity) bezeichnet. Unsere Kulturen haben historisch entwickelte Konzepte und machen Annahmen, die wir als Individuen nicht ohne Weiteres aufdecken könn- ten. Harding fordert daher, die Aufgaben wissenschaftlicher Forschung so auszuweiten, dass sie die systematische Untersuchung solcher Hinter- grundüberzeugungen mit einbeziehen. Im Gegensatz zum Strong Pro- gramme erfordern die Standpunkttheorien kausale Analysen nicht nur der Mikroprozesse im Labor, sondern auch der Makrostrukturen in der ge- sellschaftlichen Ordnung, die die wissenschaftlichen Praktiken beeinflus- sen. Daher ist das Moment der Reflexivität von größter Bedeutung (Har- ding 1991).

20 Longinos Definition, wer zur naturwissenschaftlichen Gemeinschaft gehört, behält die herkömmliche Unterscheidung in Experten/Expertinnen und Laien und Lainnen bei und bestätigt somit die institutionelle Macht der Naturwissenschaften, statt sie zu hin- terfragen.

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Der Direktive der Starken Objektivität zu folgen, bedeute, die Per- spektive des Anderen wertzuschätzen und sich gedanklich in den gesell- schaftlichen Zustand zu bewegen, der sie herstellt. Nicht, um dort zu bleiben oder das Selbst mit dem Anderen zu verschmelzen, sondern um zurück auf das Selbst in all seiner kulturellen Partialität von einem dis- tanzierteren, kritischen und damit objektifizierenden Ort aus zu blicken. Reflexivität sei ebenfalls in den Naturwissenschaften relevant, da die kulturellen Werte und Interessen der Forschenden einen Teil der Beweise für die Ergebnisse der Forschung bilden. Analog zum Konzept der Star- ken Objektivität fordert Harding daher auch ein Konzept einer Starken Reflexivität (Harding 1991). Die Standpunkttheorie bestehe darauf, die Beobachtenden und die In- stitutionen der Beobachtung, wie die Wissenschaft, derselben kritischen Betrachtung auszusetzen wie das Beobachtete: Dieselben Arten von ge- sellschaftlichen Kräften, die den Rest der Welt formen, formten auch unsere eigenen Erklärungen, inklusive wissenschaftliche Erklärungen. Das sei ein Grund, warum unsere Forschungsprozesse und Institutionen in solche gesellschaftlichen Kontexte eingebettet sein sollten, die dazu tendieren, weniger falsche Ergebnisse zu liefern. Harding verspricht sich den größten Erkenntnisgewinn, wenn mög- lichst viele verschiedene marginalisierte Standpunkte in der Forschung berücksichtigt werden, was bei ihr durchaus additiv zu verstehen ist. Daher sieht sie in einer möglichst heterogen zusammengesetzten Scienti- fic Community die größte Chance, objektives Wissen hervorzubringen (Harding 1991).

5.3 Partialität und Verortung als Voraussetzung für Objektivität Haraways Konzept Situierter Wissen21

Haraway greift für ihr Objektivitätskonzept der Situierten Wissen Elemen- te der Standpunkttheorie, der Aktor-Netzwerk-Theorie, des DISKURS-Begriffs nach dem Philosophen und Historiker Michel Foucault und der De- konstruktion auf und entwickelt diese weiter. Sie benutzt dabei die Me- tapher der Vision. Der hegemoniale Blick schreibe sich auf mythische

21 Haraway spricht von Situierten Wissen im Plural, da es aufgrund ihrer erkenntnistheore- tischen Position der Verortung von Wissen nicht mehr ein Wissen über einen Gegen- stand, sondern mehrere Wissen von verschiedenen Verortungen, Situierungen, aus gibt.

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Weise in alle als andersmarkierten Körper ein und verleihe der unmar- kierten Kategorie die Macht zu sehen, ohne gesehen zu werden, sowie zu repräsentieren und zugleich der Repräsentation zu entgehen. Dieser Blick bezeichne die unmarkierte Position des weißen Mannes. Aber diese Sicht einer unendlichen Vision sei selbstverständlich eine Illusion und ein Got- testrick (god’s trick). Denn jegliche Vision sei zugleich auch körperlich verankert. Bei traditioneller Objektivität wissen wir nicht, wo wir sind und wo nicht, weil diese Körperlichkeit der Vision vernachlässigt werde (Haraway 1991). Haraway plädiert dagegen für eine Lehre verkörperter Objektivität. Feministische Objektivität bedeute dann ganz einfach Situ- ierte Wissen; Objektivität habe mit partikularer und spezifischer Verkör- perung zu tun. Die Moral sei einfach: Nur eine partiale Perspektive ver- spreche einen objektiven Blick (Haraway 1991). Haraway argumentiert im standpunkttheoretischen Sinne für die Verortung und Verkörperung von Wissen und gegen verschiedene For- men nicht lokalisierbarer und damit verantwortungsloser Erkenntnisan- sprüche. Verantwortungslos bedeute in diesem Zusammenhang, nicht zur Rechenschaft gezogen werden zu können. Im Anspruch, eine Per- spektive aus der Position der weniger Mächtigen einzunehmen, liege allerdings auch die Gefahr einer Romantisierung und/oder Aneignung dieser Sichtweise. Die Standpunkte der Unterworfenen seien keine un- schuldigenPositionen. Sie würden gerade im Gegenteil deswegen be- vorzugt, weil sie prinzipiell weniger anfällig für eine Leugnung des kriti- schen und interpretativen Kerns allen Wissens seien (Haraway 1991). Haraway betont die Bedeutung und die Notwendigkeit von Inter- pretation, Übersetzung, Stottern und des partiell Verstandenen in der Wissensproduktion. Übersetzung sei immer interpretativ, kritisch und partial. Das sei die Basis für Konversation, Rationalität und Objektivität – eine Konversation, die sensibel für Machtverhältnisse und nicht pluralis- tisch ist. Verortung hat also etwas mit Verwundbarkeit zu tun; Verortung widerstehe einer Politik der Abgeschlossenheit, der Endgültigkeit. Es könne keinen einzigen feministischen Standpunkt geben, weil unsere Landkarten zu viele Dimensionen benötigen, als dass diese Metapher die Grundlage für unsere Visionen darstellen könnte. Das Ziel sind für Ha- raway bessere Darstellungen der Welt, also eine bessere Wissenschaft. So werde Wissen zum paradigmatischen Modell nicht für Abgeschlos- senheit, sondern für das, was bestreitbar ist und bestritten wird. Partiali- tät werde nicht um ihrer selbst willen begehrt, sondern um der Verbin-

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dungen und unerwarteten Öffnungen wegen, die Situierte Wissen mög- lich machten. Objektivität könnte in der Verknüpfung partialer Sichtwei- sen und innehaltender Stimmen zu einer kollektiven Subjektposition bestehen. Diese Verknüpfung verspreche eine Vision der Möglichkeiten einer fortgesetzten, endlichen Verkörperung und von einem Leben in- nerhalb von Grenzen und in Widersprüchen, d. h. von Sichtweisen, die einen Ort haben (Haraway 1991).

5.3.1 Objekte als Akteure und Akteurinnen in der Wissensproduktion

Haraway warnt davor, den Körper nur als ein leeres Blatt für gesell- schaftliche Einschreibungen zu verstehen, einschließlich derjenigen des biologischen DISKURSES. 22 Dem Körper als Objekt werde hierbei jeglicher Status als Akteur in der Produktion von Wissen abgesprochen. Situierte Wissen dagegen erfordern, dass das Wissensobjekt als Akteur/in und Agent/in und nicht als Leinwand oder Ressource vorgestellt wird. Die Anerkennung der Handlungsfähigkeit der untersuchten Objektesei in allen Wissenschaften der einzige Weg, um grobe Irrtümer und ein in vielerlei Hinsicht falsches Wissenzu vermeiden. Darstellungen einer wirklichenWelt hängen nicht von einer Logik der Entdeckungab, sondern von einer machtvollen sozialen Beziehung, der Konversation:

Die Welt spreche weder selbst, noch verschwinde sie zugunsten eines Meister-Dekodierers. Die Kodierungen der Welt stünden nicht still, sie warteten nicht etwa darauf, gelesen zu werden. Haraway plädiert daher für eine feministische Sichtweise der Welt als gewitzte Agentin als Trickster 23 (Haraway 1991). Sie versteht Körper als materiell-semiotische Erzeugungsknoten. Ihre Grenzen materialisierten sich in sozialen Inter- aktionen. Objekteseien nicht als solche präexistent, sondern sie seien Grenzprojekte. Aber Grenzen verschieben sich von selbst, Grenzen sind äußerst trickreich. Grenzen ziehen oder sichten – die Aufgabe der Wis- senschaften – ist daher eine riskante Praktik. Mit dem Bild der materiell-

22 Zur Frage der gesellschaftlichen Einschreibungen in die Körperlichkeit siehe die Diskus- sion um EMBODIMENT im Beitrag Entweder – Oder?von Sigrid Schmitz in Teil II.

23 Der Trickster ist eine Figur aus der Native American Mythologie, der meist in der Ges- talt des Coyoten auftritt. Er hat die Welt geschaffen, und besitzt gewisse Kräfte, die er stets zu seinem eigenen Vorteil einzusetzen versucht, wie das Stehlen von Essen oder das Erschleichen von sexuellen Gefälligkeiten, was ihm aufgrund seiner Trotteligkeit zumeist misslingt (Swann 1996).

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semiotischen Akteurin drückt Haraway ein gewisses Unbehagen gegen- über der Metapher des DISKURSES aus, weil diese die Sprache als Zentrum aller möglichen Instanzen privilegiere. Haraway möchte dagegen versu- chen, die Werkzeugkiste offener zu halten:

Organismen sind biologische Verkörperungen; als natürlich-technische Wesen sind es keine je schon existierenden Pflanzen, Tiere, Einzeller usw., deren Grenzen bereits festgelegt sind und die nur auf die richtigen Instrumente zur korrekten Kategorisie- rung warten. Organismen gehen aus einem diskursiven Prozess hervor. Die Biologie ist ein Diskurs, nicht aber die lebendige Welt selbst.(Haraway 1995b: 17).

Aus Haraways Sicht sind Objekte Ablagerungen von Interaktionen und Beziehungen:

Die Zelle wartet nicht einfach auf ihre angemessene Beschreibung. Sie ist extrem kon- tingent [d. h. nicht-notwendig, zufällig; Anmerkung R. B.] und auf besondere Weise eingelassen in die spezifischen Beziehungen zwischen Instrumenten, sozialen, mate- riellen und literarischen Technologien. Und das sehr real. Die Zellehat eine unbe- streitbare Wirksamkeit. Das ist kein Relativismus. Es heißt nur, dass die Dinge anders hätten sein können, aber sie sind es nicht. Ich denke, das ist eine wichtige, subtile Un- terscheidung. Zu sagen, die Dinge hätten anders sein können, ist nicht dasselbe wie zu sagen, sie seien beliebig.(Haraway 1995: 109).

6 Was wird aus dem Subjekt?

Diejenigen erkenntnistheoretischen Positionen, die den Strömungen Em- pirismus und Positivismus, Realismus, Kritizismus, Rationalismus und Idea- lismus zugerechnet werden können, gehen in der Regel implizit oder explizit vom autonomen, sich selbst durchschauenden, rational handeln- den Subjekt der Neuzeit aus. Materialismus und Konstruktivismus, sowie die hier vorgestellten Theorien aus dem Bereich der Wissenschaftsfor- schung, der Standpunkttheorien und der Geschlechterforschung bzw. der Feministischen Naturwissenschaftskritik hingegen arbeiten mit anderen Subjektvorstellungen. 24 Im Folgenden werden daher einige zentrale west- liche Subjektkonzepte der Neuzeit dargestellt. Der Begriff des Subjekts stammt ab vom lateinischen subiectum, was wörtlich übersetzt das Daruntergeworfenebedeutet. Bei Descartes wird das Ich als Bewusstsein seiner selbst bestimmt; es ist also mit Selbstbe-

24 Siehe hierzu auch den Beitrag De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualitätvon Smilla Ebeling in Teil II.

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wusstsein ausgestattet. Durch das Cogito, ergo sum, das als einzige Gewissheit bleibt, nachdem Descartes alles angezweifelt hat, was er als sicher ansehen könnte, wird das Ich zum erkennenden Ich als Grundlage aller Wissenschaft. Durch die Trennung der Welt in die res cogitans und die res extensa, die denkenden und die ausgedehnten Dinge, wird explizit eine Spaltung in Subjekt und Objekt eingeführt (Descartes 1956). Bei Kant entsteht die Ich-Struktur des Bewusstseins dadurch, dass das Subjekt sich auf sich selbst als Objekt bezieht. Das Ich entsteht als spontaner Akt des Bewusstseins, in dem sich das Subjekt als die Einheit aller Bewusstseins- vorgänge erkennt. Im Selbstbewusstsein dieser Art vollzieht sich das Ich als Identität der Subjektivität und Objektivität (Riedel 1989). Obwohl das Bild des eigenständig-aktiven, autonomen Subjekts von Anfang an umstritten war, konnte es sich bis heute im philosophischen DISKURS und Alltagsverständnis als grundlegendes Prinzip halten. Den- noch wurde und wird aktuell von verschiedenen Perspektiven Kritik an diesem Subjektbegriff geübt:

Marx und Engels als Vertreter des Materialismus weisen daraufhin, dass das Subjekt von seiner materiellen Umgebung beeinflusst wird und wenden sich somit vor allem gegen den deutschen Idealismus, der uns die Geschichte vom Sich und seine Welt erschaffenden Menschen erzählt (Helferich 1998, Marx & Engels 1953). Sigmund Freud kommt aufgrund seiner Erfahrungen in der psycho- analytischen Arbeit mit Patienten und Patientinnen zu dem Schluss, dass das Ich (das Subjekt) vom Unbewussten, Verdrängten regiert wird und formuliert das Modell des in Es, Ich und Über-Ich gespaltenen Bewusst- seins (Freud 1975). Im Anschluss an Freud und den Psychoanalytiker Jacques Lacan spricht die Psychoanalytikerin und Sprachwissenschaftlerin Julia Kriste- va von dem Subjekt im Prozess, das nie mit sich selbst identisch sein kann, sondern sprachlich konstituiert und stets im Wandel begriffen ist. Wäre bei Freud noch eine Überwindung der Nicht-Identität mit sich selbst denkbar gewesen, scheidet diese Möglichkeit bei Kristeva prinzi- piell aus (Weedon 1990). Der Subjektbegriff von Foucault ist durch zwei Aspekte gekenn- zeichnet: zum einen durch das Verhaftetsein mit der eigenen Identität mittels Bewusstsein und Selbsterkenntnis, zum anderen dadurch, jeman- dem durch Kontrolle und Abhängigkeit unterworfen zu sein. Das Indivi- duum wird durch bestimmte diskursive Praktiken konstituiert und kon-

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stituiert sich gleichzeitig selbst, wobei Foucault sich nicht eindeutig dazu äußert, ob es ein prädiskursives Individuum gibt. Das Individuum ist in komplexe Macht- oder Zwangsmechanismen eingebunden, in denen es aber auch selbst produktiv wirkt (Foucault 1987, 1989). Auch aus feministischer Perspektive hat es viel Kritik am hegemoni- alen Subjektbegriff gegeben, aus unterschiedlichem theoretischen Hin- tergrund heraus. So wurde gezeigt, dass mit dem westlichen Subjekt tatsächlich nur der (weiße) Mann gemeint ist, und die Frau das Andere darstellt (Meyer 1997). Dabei wurde vor allem von weißen, europäischen oder euroamerikanischen Feministinnen am Subjektbegriff festgehalten, der so modifiziert werden sollte, dass Frauen auch einen Subjektstatus erhalten. Der Black Feminism kritisierte diese Haltung, indem er darauf hinwies, dass sich der angestrebte Subjektstatus nur auf weiße Frauen beziehe (Hooks 1990). Zunehmend fand auch die poststrukturalistische Theorie Eingang in der feministischen Debatte um das Subjekt, so dass das Denken in Identitäten grundlegend in Frage gestellt wurde (Butler 1991, dies. 2001, Haraway 1991). Exemplarisch soll hier der Subjektbegriff von Haraway (1991) vorge- stellt werden, der als Synthese und Weiterentwicklung der bereits ge- nannten Subjektkonzepte aufgefasst werden kann. Haraways Konzept von Situierten Wissen (s. o.) ist untrennbar mit einer Rekonzeptualisierung des Subjekts verbunden. Nur ein gespaltenes und widersprüchliches Selbst könne Positionierungen in Frage stellen und zur Rechenschaft gezogen werden. Das gelte innerhalb einzelner Subjekte und für Bezie- hungen zwischen Subjekten: Das erkennende Selbst ist bei Haraway im- mer partial, niemals abgeschlossen, ganz, einfach da oder ursprünglich. Es ist immer unvollkommen zusammengebaut und gerade deshalb in der Lage, sich mit anderen Akteuren und Akteurinnen im Erkenntnisprozess zu verbinden. Das Versprechen der Objektivität liege darin, dass wissen- schaftlich Erkennende nicht die Subjektposition der Identität suchen, also der Einheit mit sich selbst, sondern die der Objektivität, d. h. der partia- len Verbindung. Als Ausgangspunkt erlaubtist dabei entweder die Sicht von einem Körper aus, der immer ein komplexer, widersprüchli- cher, strukturierender und strukturierter Körper ist, oder der Blick von oben, von nirgendwo, von Einfältigkeit aus; nur der Gottestrick ist verbo- ten (Haraway 1991). Haraway benutzte die Metapher der Cyborg, um ihren Subjektbegriff zu veranschaulichen. Die Cyborg eigne sich für einen Bruch mit dem au-

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tonomen Subjekt, weil sie keine Ursprungsgeschichte im westlichen Ver- ständnis besitze. Sie sei überzeugte Anhänger/in von Partialität, Ironie, Intimität und Perversität, oppositionell, utopisch und ohne jede Un- schuld. Durch ihre bloße Existenz an der Schnittstelle von Organismus und Maschine erzwinge sie eine Neudefinition von Naturund Kultur. Das große Problem mit den Cyborgs sei zwar, dass sie Abkömmlinge des Militarismus und patriarchalen Kapitalismus oder gar Staatssozialismus sind. Aber illegitime Abkömmlinge seien ihrer Herkunft gegenüber häu- fig nicht allzu loyal. Die Cyborg als feministische Identität ist bei Haraway eine Art zerlegtes und neu zusammengesetztes, postmodernes kollekti- ves und individuelles Selbst. Haraway hoffte, dass man auf ironische Weise aus den Verschmelzungen mit Maschinen lernen könne, etwas Anderes als der Mensch, die Verkörperung der westlichen Rationalität, zu sein (Haraway 1991).

7 Zum Macht-Verständnis in sozialwissenschaftlichen Theorien

Der Begriff der Macht stammt von vermögenab. In sozialwissenschaft- lichen Theorien besitzt der Begriff allerdings eine Reihe unterschiedli- cher, spezifischer Bedeutungen. In der Regel geht es um verschiedene Arten der Einflussnahme von Einzelpersonen oder Gruppen auf andere. Nach dem Soziologen Max Weber liegt Macht in der Fähigkeit, den eige- nen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, wird also eher in Bezug auf Einzelpersonen gedacht (Weber 1980). Für die Philosophin Hanna Arendt besteht Macht hingegen im Zusammenwirken von Men- schen. Macht kann bei Arendt im Gegensatz zu Weber nicht gespeichert werden, sondern hat einen kurzlebigen Charakter. Damit unterscheidet sie Macht von Ressourcen und Gewalt, während andere Ansätze Macht damit stark verknüpfen (Arendt 1960). Weiterhin gibt es das Konzept der strukturellen Macht nach der Politikwissenschaftlerin Susan Strange. In diesem Konzept besitzen gesellschaftliche Strukturen wie Wissenschaft als Institution selbst Macht, sowie all diejenigen, die auf diese Strukturen einwirken können (Strange 1997). Von zentraler Bedeutung für die Geschlechterforschung ist der Machtbegriff von Foucault, der Macht sowohl einen repressiven als auch einen produktiven Aspekt zuspricht. Eine zentrale Rolle bei Foucault spielt dabei der Begriff des DISKURSES. DISKURSE haben Wirkung auf das

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Handeln von Menschen und seien insofern als Institutionen zu verstehen, die Macht besitzen. Beispielsweise bestimme ein DISKURS, was zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt gesagt werden kann und was nicht. Somit lege er Handlungsspielräume fest und verwerfe diejenigen Prakti- ken, die nicht denkbar und gesellschaftlich und kulturell nicht verständ- lich bzw. nicht intelligibel seien. Insofern ist bei Foucault Macht auch immer mit Sprache verbunden, und dadurch ebenso mit Wahrheit, denn DISKURSE produzieren Inhalte, die einen Geltungsanspruch als Wissen und Wahrheitenerheben. Gerade darin liege ihre Macht, da mit Wissen und Wahrheit Handlungsanleitungen verbunden seien. DISKURSE produ- zieren nach Foucault Subjekte und somit gesellschaftliche Wirklichkeiten. Daher habe die Macht (vermittelt durch DISKURSE) nicht nur einen repres- siven Charakter, sondern auch einen produktiven, indem sie das Subjekt und seine Praktiken erst hervorbringe (Foucault 1983). Der Begriff der Biomacht geht ebenfalls auf Foucault zurück. Foucault stellt die Entwicklung einer neuen Art von Macht im 17. Jahrhundert fest. Vorher sei die Quelle von Macht vor allem die Kontrolle über den Tod, das Sterben machen oder Leben lassen eines Souveräns gewesen. Mit der Biomacht wechsle dieser Fokus auf die Verwaltung des Lebens im Interes- se des Nationalstaats. Das Ziel dieses Macht-Typus sei die Regulierung der Bevölkerung. Dies geschehe anhand von Technologien, die Fort- pflanzung, Gesundheit, Lebensdauer, etc. zu kontrollieren suchten. Die Biomacht richte sich dabei einerseits auf den individuellen Körper und andererseits auf den Körper der Bevölkerung als Ganzes (Foucault 1983). Die logische Konsequenz der Biomacht bei Foucault ist eine Normalisie- rungsgesellschaft: Da Leben verwaltet und organisiert werden soll, wür- den Subjekte an Normen gemessen, denen sie entsprechen müssen (Fou- cault 1983). Sexualität spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Staat und Gesundheitswesen nutzten sie als Interventionspunkt zur Regulie- rung der Bevölkerung. Aufgrund dieser Konzentration auf den Körper, seine Gesundheit und seine Funktionen spricht Foucault von der Ent- wicklung eines Sexualitätsdispositivs: Das Bürgertum sähe in der Sexua- lität den Zugang zum Selbst und zum Körper; in der Sexualität scheine eine Wahrheit zu liegen, die erkannt werden müsse. Damit einher gehe eine Aufwertung der Gesundheit, die sich in dem Wunsch ausdrücke, die eigene Gesundheit zu erhalten und vor all dem zu schützen, was als be- drohlich, fremd oder anders empfunden wird (Foucault 1983).

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8 Dekonstruktion & Différance

Der Begriff der Dekonstruktion geht auf den Philosophen Jacques Derri- da (Derrida 1974, ders. 2003, Kimmerle 1997) zurück. 25 Im Gegensatz zum Konstruktivismus, der das Entstehen und Reproduzieren von sozia- len Ungleichheiten vor allem auf der Mikro-Ebene, also auf der Ebene der Interaktionen zwischen Individuen, analysiert, zeigt der Dekonstruk- tivismus auf der Ebene der hegemonialen gesellschaftlichen Machtver- hältnisse, wie Subjekte durch Ein- und Ausschlussverfahren konstruiert werden (Wartenpfuhl 1996). Die Dekonstruktion stelle keine Methode im üblichen Sinne dar. Sie erfordere eine dem Kontext angepasste Perspektive und damit einen ständigen Perspektivenwechsel. Wichtig sei daher auch die Verortung:

Von wo aus spreche und schreibe ich (Kimmerle 1997)? Die Dekonstruk- tion sei eine philosophische Strategie mit einer verschobenen und ver- schiebenden Geste. Sie sei ein doppeltes Spiel, ein Vorgehen mit einem Hintergedanken. Dies sei möglich, weil die Sprache der Wissenschaft bereits selbst doppelzüngig sei, d. h. dass sie bereits schon immer mehr als eine Interpretation zulässt (Derrida 1974, Kimmerle 1997). Praktisch lässt sich die Dekonstruktion auch als Lesen zwischen den Zeilen vorstel- len: Es wird der Frage nachgegangen, was der Text nicht aussagt und somit ausschließt oder verwirft. Dabei ist zu beachten, dass Derrida nicht nur die geschriebene und gesprochene Sprache als Text versteht, sondern praktisch alle materiellen Gegenstände und Handlungen, wie z. B. Ge- bäude. Jeder Text sei ein doppelter Text: Der eine entspreche der Inter- pretation im Sinne der herrschenden Machtverhältnisse, der andere ent- halte Spuren und Risse des ersten und sei eine leicht verschobene Versi- on. In dieser Lesart finde sich das sonst Ausgeschlossene. Damit gibt es bei Derrida aber auch kein Außerhalb des Textes, jedoch die Möglichkeit einer Verschiebung, die zugleich winzig klein und radikal sei. Derrida kritisiert das westliche Denken als identifizierendes und somit immer ausschließendes Denken. Es gründe sich auf alle möglichen Gegensatzpaare (DICHOTOMIEN/DUALISMEN) 26 . Mit dem Begriff der diffé- rance (statt différence, dem französischen Begriff für Differenz) versucht

25 In Anschluss an Derrida hat sich der Dekonstruktivismus zu einem Forschungsansatz entwickelt, wobei der Begriff der Dekonstruktion mittlerweile unterschiedlich verwen- det wird.

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er solch hierarchisches oder binäres Denken zu vermeiden. Der Begriff geht zurück auf das Verb différer, das zwei unterschiedliche Bedeutungen hat: erstens, etwas auf später zu verschieben; zweitens, nicht identisch sein, anders sein. Das ain différance stammt vom Partizip Präsens (diffé- rant) und ist somit näher an der Aktivität des différer (als différence). Die différance ist bei Derrida die Bewegung, durch die sich die Sprache und jedes andere Verweisungssystem als Gewebe von Differenzen konstitu- iert. Differenzen werden somit produzierte Effekte, aber Effekte ohne Ursache. Derrida spricht daher auch von der Spur, die von einem Ver- weis auf den nächsten deutet (Derrida 1990). Ein Begriff der vormals als DICHOTOMIE gedachten Begriffspaare er- scheint bei Derrida als différance des anderen. Obwohl im westlichen Kul- turkreis Gegensätze nicht zusammengedacht werden können, geht die différance über ein dialektisches Verständnis hinaus: Es finden Verschie- bungen statt, so dass ein Bündel oder Gewebe von Differenzen entsteht. Die différance ist weder das Eine noch das Andere, weder Begriff noch Nicht-Begriff, weder Kultur noch Natur. Sich auf die différance einzulas- sen, bedeutet, bei diesen Schwierigkeiten und Widersprüchen zu verwei- len und sie auszuhalten (Derrida 1990).

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Schluss

Die traditionelle Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften, wie sie mit Bacon begann, sah ihre Aufgabe in erster Linie in dem theoretischen Optimieren der naturwissenschaftlichen Methode. Sie hing dem Ideal einer wertneutralen Objektivität der Naturwissenschaften an und erhob die Naturwissenschaften so in eine Sonderstellung. Seit dem Aufkommen der Wissenschaftsforschung als neuer Diszip- lin liegt der Fokus stärker auf der Deskription, der Erforschung und Be- schreibung dessen, was Naturwissenschaftler/innen eigentlich wirklich bei ihrer täglichen Arbeit tun. Dieser Perspektivwechsel führte zu einer anderen Sicht auf die Naturwissenschaften: Sie verloren ihre Sonderstel- lung, da sich herausstellte, dass auch in den Naturwissenschaften gesell- schaftliche Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen eine Rolle spielen. Somit haben sie sich prinzipiell denselben methodischen und erkenntnis- theoretischen Reflektionen über das eigene Tun zu stellen, wie Geistes- und Sozialwissenschaften.

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Feministinnen sowie Frauen- und Geschlechterforscher/innen ent- wickelten ihre eigene Kritik an den Naturwissenschaften und der traditi- onellen Wissenschaftstheorie. Teilweise griffen sie hierzu Elemente aus der Wissenschaftsforschung sowie aus der poststrukturalistischen Theorie- bildung auf und entwickelten diese unter Einbezug der Geschlechterver- hältnisse weiter. Auch aus dieser Perspektive wurde die Möglichkeit einer wertneutralen Objektivität und der damit verbundenen Sonderstel- lung der Naturwissenschaften in Frage gestellt, und alternative, macht- sensitive Objektivitätskonzepte entwickelt. Während im anglo-amerikanischen Raum die Science Studies bereits einen gewissen Institutionalisierungsgrad erreicht haben, steht eine Etab- lierung dieser Disziplin in der BRD bisher noch aus. Das gleiche gilt für die feministische Naturwissenschaftskritik. Allerdings führte die stärkere Wahrnehmung der Ergebnisse der Science Studies in den USA bisher lei- der nicht zu einer konstruktiven Diskussion zwischen Naturwissenschaf- ten und Wissenschaftsforschung. Stattdessen wurden im Verlauf einer heftigen Kontroverse, den so genannten Science Wars, aus den beiden Wissenschaftskulturen eher zwei feindliche Lager. Eine konstruktive, für beide Seiten fruchtbare Zusammenarbeit steht somit noch aus. Das glei- che gilt für die Feministische Naturwissenschaftskritik, obwohl eine Umset- zung der alternativen Objektivitätskonzepte in die naturwissenschaftli- che Praxis wünschenswert wäre. Am vielversprechendsten erscheint mir hierfür das Konzept der Situierten Wissen von Haraway, das mittlerweile wenn auch am Rande, beispielsweise in Diskussionen um die Fachdidak- tik der Naturwissenschaften, Eingang gefunden hat (Weinstein 2001).

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