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Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Is la m und Chri sten tum - Verb in de nd es und


Tr en ne ndes

Inhalt:
1. Die Heiligen Schriften S. 2
2. Gottes Schöpfung S.12
3. Der Sündenfall S.15
4. Wurzeln des Urchristentums und Entstehung der Kirche S.17
4.1. Entwicklung der Trinitätslehre S.20
5. Gottesdarstellung im Koran und in der Bibel S.22
5.1. Gottes Barmherzigkeit in Verbindung mit Hoffnung S.24
6. Jesus S.25
6.1. Maria S.31
7. Muhammad S.32
8. Menschenbild im Islam und im Christentum S.39
9. Der Mensch in seiner Gesellschaft S.43
10. Die Religionen im Mittelalter S.47
11. Religion und Wissenschaft S.58
12. Deutschland und der Islam S.60
13. Die Religionen heute S.66
Anhang S.70

Was hat mich dazu bewogen, Folgendes zu schreiben?


In meinem ehemaligen Bekanntenkreis wurde abfällig über den Islam gesprochen. Als
ich fragte, warum sie so reden, konnten sie anfangs keine Antwort geben, sie
schämten sich auch. Dann wurde mir erklärt, dass sie ja nichts anderes in den
Zeitungen und Fernsehen lasen oder hörten. Es war nur die Wiedergabe der
öffentlichen Meinung. Damals wusste ich selbst zu wenig, um mich mit ihnen
auseinanderzusetzen.
Ich konnte diese Situation die ganzen Jahre über nicht vergessen und nehme es
jetzt zum Anlass, mich mit der religiösen Geschichte auseinander zu setzen.
Ich erarbeitete diese Schrift gerade für diejenigen, die mehr über den Islam erfahren
möchten wie auch für junge Muslime auf ihrem Weg in den Islam.
Was vertreten beide Religionen, wie sind sie entstanden, was trennt das Christentum
vom Islam, was sind ihre Gemeinsamkeiten und was kann beide Religionen

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verbinden? Sind es wirklich zwei Religionen oder nur eine mit zwei Richtungen,
genau wie ein einziger Gott und eine einzige Menschheit?

Sure 2:19: „Die Religion bei Gott ist der Islam.“

Islam bedeutet die völlige Ergebenheit zu Gott. Dadurch erringt der Mensch Friede
mit seinem Schöpfer, mit seinen Mitmenschen und mit sich selbst. Islam ist das
Eintreten in Gottes Frieden.
Das Christentum ist auf dem Boden des Judentums entstanden. Nachdem die
Anhänger des Judentums von ihrer Lehre abgewichen waren, wurde ein neuer
Prophet, Jesus, von Gott an die Menschen gesandt, um sie wieder auf den rechten
Weg zu führen.

1. Die Heiligen Schriften

Sure 3:3-4: „ Er hat das Buch mit der Wahrheit auf dich herab gesandt als
Bestätigung dessen, als vor ihm war. Und Er hat die Thora und das Evangelium herab
gesandt vordem als Rechtleitung für die Menschen, und Er hat (das Buch zur)
Unterscheidung herab gesandt“.
Sure 4:163: „Wahrlich, Wir haben dir offenbart, wie wir Noah und den Propheten nach
ihm offenbart haben. Und Wir offenbarten Abraham, Ismael, Isaak, Jakob, den
Stämmen Ismails, Jesus, Hiob, Jonas, Aaron und Salomon; und Wir haben David
einen Zabur (Psalmen) gegeben.
2. Petrus 1,21: „Denn niemals haben sich die Propheten selbst ausgedacht, was sie
verkündigten. Immer war es der Heilige Geist, der sie beauftragte und dazu trieb, das
auszusprechen, was Gott ihnen eingab.“
5. Buch Mose 4,2: „Und ihr sollt nichts dazu tun zu dem, was ich euch gebiete, und
sollt auch nichts davon tun, auf dass ihr bewahren möget die Gebote des Herrn,
eures Gottes, die ich euch gebiete...“
Gott kommuniziert mit dem Menschen seit seinem Dasein auf Erden bis heute. Es gibt
kein religiöser Glaube, der ohne Gottes Kommunikation bestehen kann. Es sind
Mitteilungen an den Menschen zu seiner Leitung und Schutz. Die Grundlagen sind
die Heiligen Schriften.

Juden, Christen und Muslime werden als die ‚Leute der Schrift‘ bezeichnet. Damit
klingen viele Gemeinsamkeiten dieser drei Religionen an. In diesem Buch möchte ich
mich mit der christlichen und islamischen Religion befassen, worauf sie sich beide
beziehen, was sie trennt und besonders was sie verbindet.

Muslime und Christen glauben, dass Gottes unverfälschtes Wort in seinen


Büchern niedergeschrieben ist. Sie berichten von Gott und Seiner Schöpfung

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und von der Geschichte der Menschheit. Sie unterrichten den Menschen im
Glauben an Gott und bieten eine Stütze im Lebensalltag.
Im Koran sowie in der Bibel offenbart sich Gott als der Alleinige, Ewigliche,
Vollkommene, der Allmächtige, der Allwissende und Barmherzige.

2. Buch Mose 15,11: „Herr, wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist so dir gleich,
der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig sei?“
Sure 2:163: „Und euer Gott ist ein Einziger Gott. Kein Gott ist da außer Ihm, dem
Sich-Erbarmenden, dem Barmherzigen.“
Sure 112: “Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Sprich: „Er ist
Gott, ein Einziger, Gott, der Absolute, (Ewigliche, Unabhängige, von Dem alles
abhängt). Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden, und Ihm ebenbürtig ist keiner.“
Gott ist nicht geschaffen, hat keinen Anfang und kein Ende.
Beide Religionen besagen, dass Gott der Schöpfer des Himmels, der Erde und
alles, was dazwischen liegt ist. Er hat den Menschen, die Tierwelt und die
Pflanzen geschaffen, damit der Mensch als Sein Vertreter auf Erden sich dieses
zunutze machen kann. Am Ende aller Zeiten, dem Jüngsten Tag werden die
Menschen vor Ihm über ihre Taten Rechenschaft ablegen müssen.
Seinen Willen hat Er den Menschen durch Propheten und durch Seine Bücher
verkündet.
Beide Religionen achten die vorangegangenen von Gott herab gesandten Schriften
und ihre Propheten. In Seinen Büchern, der Bibel und dem Koran, wurden die Gebote
und Verbote festgeschrieben und nur derjenige Mensch kann Vergebung und
Barmherzigkeit von Gott erlangen, der zum Wohlgefallen Gottes lebt.
Beide Religionen glauben an die Auferstehung von den Toten, an das Gericht, in dem
die guten und schlechten Taten des Menschen gewogen werden, an das Paradies
und an die Hölle.

Um welche Schriften handelt es sich?


Die Bibel ist eine Sammlung von Büchern, unterteilt in die Hebräisch-Jüdische Bibel,
von Christen als das Alte Testament benannt, und das Neue Testament. Die
hebräische Bibel umfasst die Thora, das sind die Fünf Bücher Mose, die
Geschichtsbücher wie das Buch Josua, der Richter, der Könige usw.; die
Prophetenbücher und Weisheitsbücher wie z.B. die Psalmen oder Sprüche Salomos.
Diese Bücher wurden zum großen Teil in hebräischer und teilweise in aramäischer
Sprache aufgeschrieben. Die ältesten erhaltenen Handschriften gehen bis in das 11.
Jahrhundert vor Christi zurück und sind in einem Zeitraum von ca. 1000 Jahren
entstanden und zusammengestellt worden. Die Bibelübersetzung in die griechische
Sprache begann im 4. oder 3. Jahrhundert vor Christi Geburt und endete ungefähr
um 100 nach Christi.
Der zweite Teil der Bibel ist das Neue Testament und enthält die vier Evangelien, die
Apostelgeschichte, die Briefe und die Johannesapokalypse. Sie stammen aus den

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ersten nachchristlichen Jahrhunderten und sind in griechischer Sprache geschrieben.
Zum Vergleich: die Sprache Jesus war Aramäisch.
Die ersten Schriftblätter wurden Mose durch Gott offenbart. Diese sind aber nicht
komplett vorhanden und auch nicht mehr rekonstruierbar.
Bis dahin wurden die Geschichten mündlich von einer Generation zur nächsten
weitergegeben als eine Art volkstümliche Überlieferung, die gesungen wurde, weil es
die einfachste Methode zum Auswendiglernen ist. Noch heute wird der Koran am
leichtesten durch Vor-und Nachsingen auswendig gelernt.

Das Alte Testament ist aus einer Vielzahl von Quellen zusammengesetzt. Dabei sind
die Biografien verschiedener Propheten wie z.B. Mose, ihre Lehren und Handlungen,
historische Begleitumstände und Kommentare miteinander zu einem Geschichtsbild
verschmolzen wurden. Das Bild zeigt die Geschichte der Beziehungen zwischen Gott
und dem israelitischen Volk und ihrem Werdegang auf.
Die ersten fünf Geschichten des Alten Testaments, die Bücher von Mose - man
bezeichnet sie auch mit dem griechischen Begriff „Pentateuch“ - behandeln den
Zeitraum von der Erschaffung der Welt bis zum Einzug des jüdischen Volkes in
Kanaan nach der Flucht aus ägyptischer Gefangenschaft, also bis zum Tode Moses.
Es ist die Geschichte des jüdischen Volkes. Durch mündliches Weitergeben,
menschliches Hinzufügen und Weglassen, durch Übersetzungen von einer Sprache
in die andere wie auch nicht exakte Abschriften wurden die Schriften verändert und
verfälscht. Sie sind deshalb nicht authentisch. In ihnen sind Gesänge, prophetische
Orakel und die Zehn Gebote, die Mose von Gott erhalten hat enthalten, also
Gesetzestexte, die die Grundlage einer religiösen Tradition darstellten und das
damalige Leben organisierten.
In den Prophetenbüchern stehen die Propheten im Mittelpunkt. Das sind besondere
Menschen, die von Gott mit der Aufgabe betraut wurden, ihre Mitmenschen zum
Guten hinzuführen, sie an Gott zu erinnern und vor frevelhaftem Tun zu warnen.
Die Psalmen und Sprüche gehörten wahrscheinlich zum kultischen Leben.

Das Alte Testament berichtet von den Propheten. Wir erfahren aus ihnen von Adam,
Noah, Abraham, Moses, Hiob, David und Jonas, denen wir auch im Koran begegnen.
Alle Offenbarungsschriften wurden als Gottes Rechtleitung offenbart, die durch die
Gesandten unverfälscht übermittelt wurden.
Adam war der erste Prophet der Menschheit seit Beginn ihres Wohnens auf der Erde.
Gott versprach ihm und seiner Nachkommenschaft, also den Menschen bis heute
Rechtleitung.
Die Botschafter nach ihm kamen alle mit der gleichen Botschaft, wenngleich die
Situation, die Gesellschaft und die speziellen Anweisungen der Propheten jeweils eine
andere war. Sie waren immer auf die Rahmenbedingungen der einzelnen Gesellschaft
bezogen. Neue Situationen und veränderte Umstände machten neue Offenbarungen
durch neue Propheten notwendig.

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Der zweite Teil der Bibel - das Neue Testament - befasst sich mit den Evangelien. Im
Neuen Testament erzählen die Evangelisten Jahrzehnte später vom Leben Jesus
Christi in griechischer Sprache, die aber wie schon geschrieben, nicht Jesus
Muttersprache war. Die ersten wurden erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts
schriftlich fixiert. Die Evangelisten waren also alle keine Gefährten von Jesus und
niemand kann bezeugen, ob der exakte Wortlaut von Jesus wahrheitsgemäß
aufgeschrieben wurde. Es gab eine Vielzahl von Schriften, die nach dem Tode Jesus
geschrieben wurden. Im 3. Jahrhundert nach Christi wurden sie nach dem 1. Konzil
von Nicäa alle geächtet bis auf die vier bekannten Evangelien von Markus, Matthäus,
Lukas und Johannes. Auch wenn diese Evangelien bestimmten Namen zugeordnet
wurden, so weiß man nicht, wer die die wirklichen Urheber waren.
Im Gegensatz zur hebräischen Bibel, dem Alten Testament, steht hier eine reichhaltige
Literatur zur Verfügung, die Einblicke in die griechische Begriffs- und Gedankenwelt
der beiden Jahrhunderte nach Christi ermöglicht.
Auch diese Evangelien sind nicht mehr in den Originalen erhalten geblieben. Die
Evangelien und die darin enthaltenen Botschaften konnten, bevor sie kanonisiert
wurden - das heißt: als echt angesehene Schriften - von den führenden
Kirchenmännern verändert, den gegebenen Situationen und Interessen angepasst
werden, so wie sie es gebraucht hatten.
Zum Neuen Testament gehören auch die Briefe des Paulus, die als Lehrbriefe für die
Gemeinden gedacht waren. Auch Paulus kannte Jesus nicht von Angesicht. Der
älteste Brief Paulus an die Thessaloniker, geschrieben um das Jahr 50 gilt als das
älteste schriftlich erhalten gebliebene Dokument des Christentums.
Als ein gebildeter Jude und gesetzestreuer Pharisäer verfolgte Paulus zunächst mit
großem Eifer die Anhänger Jesus. Doch dann hatte er auf dem Weg nach Damaskus,
wo er die treuen Anhänger von Jesus gefangen nehmen wollte eine Vision, in der er
ein Licht sah und die Stimme von Jesus hörte. Es ist aber eigenartig, nur er hörte eine
Stimme, seine Begleiter aber nicht, er sah ein Licht, aber keine weitere Person. Und
auf der Stelle und ohne nachzudenken wurde er zu einem selbst ernannten Jünger
Jesus?
In judenchristlichen Schriften wird Paulus mit dämonischen Mächten in Verbindung
gebracht. Er schreibt selber darüber im 2. Brief an die Korinther 12,7: “ Und damit ich
mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins
Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll...”
War er krank, fantasierte er, dass er sich einbildete, ein Licht zu sehen? Die
Judenchristen hielten ihn für einen Lügen-Apostel. Zu dem Begriff Judenchristen
komme ich später.
Paulus machte seine eigene neue Religion im Namen Christi: Abschaffung der
jüdischen Relikte der Beschneidung und des Sabbats und aller Speisevorschriften. Er
ebnete auch den Weg für die kirchliche Lehre der Erbsünde. Er sagte, dass der
Mensch niemals Erlösung erlangen kann nur durch das Einhalten der religiösen

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Gesetze. Deshalb hat Gott seinen Sohn als den Erlöser am Kreuz sterben lassen als
Sühneopfer und Erlöser für die Menschheit.
Er glaubte plötzlich, dass er ein von Gott berufener Apostel sei, der das Evangelium
den Völkern nahe bringen soll. Er berichtet darüber in Gal 1,15f: „Da es aber Gott
wohl gefiel, der mich von meiner Mutter Leibe an hat ausgesondert und berufen durch
seine Gnade, dass er seinen Sohn offenbarte in mir, dass ich ihn durchs Evangelium
verkündigen sollte unter den Heiden; alsbald fuhr ich zu und besprach mich nicht mit
Fleisch und Blut, kam auch nicht gen Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren,
sondern zog hin nach Arabien und kam wiederum nach Damaskus.“
Er bereiste vorwiegend größere Städte und gründete dort einige christliche
Gemeinden, den sogenannten Heiden-Christen. Ihnen schickte er seine Lehrbriefe.
Er vertrat in den Briefen seine neue Erkenntnis von Jesu Christi als Sohn Gottes. Er
meinte, das von ihm verkündete Evangelium sei nicht menschlicher Art, weil es eine
von Gott an ihn gerichtete Botschaft sei. Er stellte nicht Gott zum Mittelpunkt seiner
Offenbarung, sondern den auferstandenen Jesus Christus als Mittler zu Gott.
Er predigte nicht das Einhalten der Gebote, nicht das Befolgen der Jüdischen Thora
für die Heiden-Christen, sondern einzig der Glaube an Jesus Christus öffnet die Tür
zu Gott und zu seiner Liebe. Das ist auch das Hauptthema von Paulus, die Erwartung
der Endzeit, in der derjenige Gläubige von Gott gerettet wird, der an das Sühneopfer
und an die Auferstehung Jesus Christi glaubt.

Das Neue Testament ist weniger eine Geschichtsbeschreibung, sondern beinhaltet


mehr Glaubenszeugnisse, wie auch Wundergeschichten und Übersinnliches, mit
denen wahrscheinlich ein heutiger Mensch wenig anfangen kann.

Wer hat jemals von einem Jesus-Evangelium gehört? Alle Propheten sind mit einer
Botschaft gesandt worden. Logisch wäre es, dass Jesus seine Sendung schriftlich
niedergelegt hätte. Der Koran berichtet von einem Jesus-Evangelium in Sure 5:46:
„Und Wir ließen ihnen Jesus, den Sohn der Maria, folgen, zur Bestätigung dessen,
was vor ihm in der Thora war, und Wir gaben ihm das Evangelium, worin Rechtleitung
und Licht war, zur Bestätigung dessen, was vor ihm in der Thora war und Rechtleitung
und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.“
Bis heute ist aber nichts Authentisches von Jesus gefunden worden.

Zusammengefasst: Die Bibel ist eine Sammlung von mindestens 66 Schriften, die wie
schon geschrieben, im Laufe der Zeit Veränderungen unterlag. Die Ursache für viele
Ungereimtheiten und Widersprüchen sind entstanden durch Überarbeitungen der
einzelnen Texte, durch Übersetzungen in andere Sprachen, durch verschiedene
Autoren desselben Berichtes. Die Entscheidung, welche Teile zur Bibel gehören, was
verändert werden muss, wurde dem menschlichen Urteil überlassen. Im Verlauf der
Jahrhunderte wurden immer wieder die Texte der Zeit zugeschnitten. Sie spiegeln das
jeweilige Gottes- und Menschenbild wider. Ich werde darauf noch näher eingehen.

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Der Koran ist das reine unverfälschte Wort Gottes. Nach dem Glauben der Muslime
ist diese Schrift der Offenbarung eine Wiedergabe der im Himmel befindlichen
Urschrift.

Das Wort Koran bedeutet in der arabischen Sprache Rezitation, Lesung. Die
grundlegende Botschaft des Korans ist dieselbe wie die grundlegenden Botschaften
der vorhergegangenen Bücher. Die darin enthaltenen Anweisungen, die den
Menschen Rechtleitung geben, sind universell, für die gesamte Menschheit und für
alle Zeiten.
Der 3. Kalif Uthman hat es in der uns heute überlieferten Schrift zusammengestellt,
wie weiter unten erläutert wird.

Der Koran ist direkt von Gott durch den Engel Dschibril (Gabriel) an den Propheten
Muhammad im siebenten Jahrhundert, also in einer historisch greifbaren Zeit,
innerhalb von zwei Jahrzehnten herab gesandt worden. Die Schrift des Korans ist
authentisch und hat sich bis heute nicht verändert, die Sure 5:48 bestätigt es: „Wir
haben das Buch mit der Wahrheit zu dir herab gesandt, das bestätigt, was von der
Schrift vor ihm da war und darüber Gewissheit gibt…“

Die Religion, die im Koran verkündet und durch den Propheten Muhammad verbreitet
wurde, ist der Islam. Es bedeutet, sich bewusst in den Willen Gottes zu ergeben, in
den Frieden Gottes einzutreten. Man tritt in den Islam ein wie ein Neugeborener. Es
ist, als wenn man durch ein dunkles Tor geht in helles Licht und alles, was vorher an
Schlechtem war, lässt man vor dem dunklen Tor, fällt ab, als wenn man ein Kleid
auszieht. Es ist ein neuer Beginn des Lebens.

Zum besseren Verständnis des Korans ist die Kenntnis der vorislamischen
Geschichte und Kultur wichtig. Die meisten Araber hingen noch dem Vielgötterglauben
an. Väter begruben zum Beispiel ihre kleinen Töchter lebendigen Leibes, Frauen
hatten wenig Rechte. Sklaven konnte man brutal misshandeln.

Diese Situation machte unter anderem eine neue Offenbarung notwendig.


Muhammad, der letzte Prophet Gottes, wurde dieses Mal an die gesamte Menschheit
gesandt. Deshalb ist der Koran auch die letzte Schrift, die die Rede von Gott enthält.
Die grundlegende Botschaft ist dieselbe geblieben wie die Botschaften der
vorangegangenen Offenbarungen. Sie beinhaltet Richtlinien und Anweisungen an
alle Menschen und Rechtleitung für sie. Sie verkündet die Einheit und Einzigartigkeit
Gottes: „Es gibt keine Gottheit außer Gott.“

Der Koran wurde in der Sprache des Propheten Muhammad, in Arabisch nieder
gesandt und auch sofort auf Gegenständen wie Pergament, Knochen, Rinde
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aufgezeichnet und nicht mehr verändert. Die Kenntnis der Offenbarungsanlässe wie
auch der historischen Begleitumstände einzelner Abschnitte ist eine wesentliche
Voraussetzung für ihr Verständnis. Viele der christlichen ‚Koranexperten’ nehmen
einzelne Teile der Suren und Verse aus ihrem Zusammenhang heraus und
kommentieren diese, meist mit einem negativen Ergebnis, zur Irreführung der Leser.
Der Koran ist die einzige Schrift, zu deren Verwahrung sich Gott selbst verpflichtet hat
und er stellt fest, dass er an alle Menschen und an die Dschinn (Wesen aus Feuer,
für uns unsichtbar) gesendet wurde, also nicht nur an die Araber. Er ist unnachahmlich
und es gibt keine ähnliche Schrift, die sich mit ihm vergleichen und messen kann. Die
Araber waren herausragend in Dichtungen, aber keiner konnte sich mit dem Koran
messen. Er ist bis zum heutigen Tag im Original erhalten geblieben.
In Sure 17: 90 heißt es: Wahrlich, wenn sich auch Menschen und Dschinnen
zusammentäten, um einen Koran wie diesen hervorzubringen, sie brächten keinen
gleichen hervor, auch wenn die einen den anderen beistünden.
Außerdem wurde den Muslimen angeraten, die einzelnen Herabsendungen sogleich
auswendig zu lernen als eine doppelte Methode der Aufbewahrung des Korans.
Die Menschen werden im Koran aufgefordert, über die Schöpfung Gottes
nachzudenken, sich dem Guten zuzuwenden, gute Taten zu verrichten und auf die
Gnade und Barmherzigkeit Gottes zu bauen.
Wichtige Hilfsmittel zum besseren Verstehen des Korans sind die Hadithliteratur, die
die Aussprüche und Handlungen des Propheten Muhammad beinhaltet, die
Koranwissenschaft und die Sira (die Lebensgeschichte des Propheten Muhammad)
und die den historischen Hintergrund der Herabsendungen der einzelnen Verse
ausleuchten. Oft hört man, dass der Prophet Muhammad von der Bibel abgeschrieben
hat. Sicher hat er von der christlichen Religion gehört, auf seinen Reisen als
Kaufmann vor seinem Prophetentum ist er ja mit vielen Menschen zusammen
gekommen. Aber studiert hat er die Bibel gewiss nicht, denn er konnte nicht lesen.
Außerdem gab es zu seiner Zeit noch keine arabische Übersetzung der Bibel. Er hatte
auch keinen intensiven Kontakt mit Christen. Das wäre den Bewohnern von Mekka
und später Medina aufgefallen, besonders während der ersten Zeit seines
Prophetentums, als die Männer, die dem Vielgötterglauben noch anhingen, ihn
argwöhnisch beobachteten. Nur von Gott konnte er bestimmtes Wissen haben, was
erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch Wissenschaftler erforscht wurde. Gott erklärt
zum Beispiel in Sure 16:4: Er hat den Menschen aus einem Spermatropfen
geschaffen. Ich werde später über die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Aussagen
aus dem Koran berichten.
Noch zu Lebzeiten des Propheten Muhammad liegen die einzelnen Suren und Verse
in der richtigen Reihenfolge in schriftlicher Form auf unterschiedlichem, losem
Material fest. Nach seinem Tode wurde der Muslim Zaid vom 1. Kalif Abu Bakr
beauftragt, die einzelnen Schriften zu sammeln, die später vom 2. Kalif Umar und
dann von dessen Tochter Hafsa verwahrt wurden. Ebenso waren einige andere
Schriften von Privatpersonen vorhanden. Der 3. Kalif Uthman ließ mit Absprache der

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Prophetengefährten aus der Sammlung von Hafsa unter genauester Kontrolle ein
Standartexemplar verfassen. Von diesem Exemplar hatte er 5 Kopien anfertigen
lassen, die er dann zu den damals bedeutendsten Städten Kufa, Damaskus, Basra,
Medina und Mekka gesandt hat. 2 Originalkopien davon sind in Damaskus und
Taschkent erhalten geblieben. Heute noch liegt der Koran in dieser Verfassung vor,
aus dem die Muslime in aller Welt rezitieren.

Die Religion Gottes hat sich in ihrem Kerninhalt seit Anbeginn nie geändert, alle
Gesandten haben die Menschen immer eingeladen, allein Gott anzubeten und Ihm
gehorsam zu sein, zu akzeptieren, dass es ein Jenseits, das Paradies und die Hölle
gibt und Gutes tun. Lediglich die äußeren Gesetze änderten sich im Laufe der Zeit,
weil die Situation der Menschheit sich geändert hat.

Das Alte Testament sowie der Koran enthalten Berichte über die Entstehung,
Sinn und Zweck der Schöpfung. Beide betonen, dass es der Wille von Gott ist,
dass die Menschen an Ihn glauben und nach Seinen Geboten und Verboten
leben sollen. Die Gesandten verkündeten den Willen Gottes, der am Ende der
Zeit über Strafe und Vergebung richtet.

Im Alten Testament und im Koran kommt zum Ausdruck, wer Gott und wer Seine
Schöpfung, der Mensch ist, welche Inhalte beide Religionen für sich in Anspruch
nehmen, und daraus abgeleitet, wie der Mensch sein sollte, aber auch Gottes
Verhältnis zu den Menschen in Seiner Barmherzigkeit und Größe.
An vielen Stellen betont der Koran die Übereinstimmung zwischen Bibel und Koran,
die Offenbarung ist ja immer dieselbe geblieben und letztendlich ist es auch nur eine
auf verschiedene Art und Weise sich ausdrückende Religion.

An dieser Stelle möchte ich eine Geschichte besonderer Art erzählen über den Kaiser
von Äthiopien und sein erstes Kennenlernen einiger Verse des Korans:
Zu ihm kam eine Gruppe Muslime, die aus Mekka geflohen waren wegen zu starker
Repressalien und um bei ihm Schutz zu suchen. Es war noch in der Zeit vor der
Auswanderung des Propheten Muhammad aus Mekka. Aber lassen wir Umm Salama,
die spätere Frau des Propheten Muhammad erzählen:
„Als wir in Abessinien ankamen, nahm uns der Negus, der abessinische Kaiser, sehr
freundlich auf. Wir konnten in Sicherheit unsere Religion ausüben und Gott dienen,
ohne deswegen verfolgt oder beschimpft zu werden. Als aber die Quraish, der Stamm
des Propheten Muhammad in Mekka dies erfuhren, beschlossen sie, unseretwegen
zwei bewährte Männer zum Negus zu schicken und ihnen Geschenke für ihn
mitzugeben, und zwar von den besten Waren, die Mekka zu bieten hatte. Unter den
Waren, die aus Mekka eingeführt wurden, war in Abessinien Leder am meisten
geschätzt. Man brachte also für den Negus eine große Menge davon zusammen und
bereitete auch Geschenke für seine Feldherren vor. Dann schickten sie Abdullah und

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Amr, die beiden ausgewählten Männer, damit nach Abessinien und wiesen sie an,
zuerst den Feldherren und erst dann dem Negus selbst die Geschenke zu
überreichen und diesen dann zu bitten, ihnen die Auswanderer auszuliefern, ohne
zuvor selbst mit ihnen gesprochen zu haben. Die beiden brachen auf und gelangten
zum Negus, unter dessen Schutz wir lebten. Sie brachten zuerst den Feldherren ihre
Geschenke und sagten zu jedem von ihnen: ,In das Land eures Herrschers sind
einige törichte Leute von uns geflohen, die die Religion ihres Volkes verlassen, aber
auch nicht eure Religion angenommen haben. Sie haben eine neue Religion
erfunden, die wir genauso wenig kennen wie ihr. Die Führer unseres Volkes haben
uns deshalb zu eurem Herrscher geschickt, damit er sie zu uns zurückschickt. Wenn
wir nun mit dem Herrscher darüber sprechen, dann gebt ihm den Rat, sie an uns
auszuliefern, ohne zuvor selbst mit ihnen zu sprechen, denn wir kennen ihre
Schandtaten am besten.‘ Das versprachen ihnen die Feldherren.
Danach brachten die beiden auch dem Negus ihre Geschenke, und dieser nahm sie
an. Sie brachten vor ihm dieselben Anschuldigungen gegen die Auswanderer vor wie
vor den Feldherren, die dem Negus rieten, die Bitte der Mekkaner zu erfüllen. Aber da
wurde der Negus zornig und rief: ,Nein, bei Gott, ich werde sie den beiden nicht
ausliefern. Niemanden, der in meinem Land Schutz sucht und mich anderen vorzieht,
werde ich preisgeben, ohne ihn vorzuladen und darüber zu befragen, was die beiden
von ihnen behaupten. Wenn es dann so ist, wie sie sagen, dann werde ich sie ihnen
ausliefern und zu ihrem Volk zurückschicken. Wenn es aber nicht so ist, dann werde
ich sie vor den beiden schützen und ihnen meine Gastfreundschaft gewähren,
solange sie mich darum bitten.‘ Darauf schickte er einen Boten zu den
Prophetengefährten, um sie zu sich zu holen. Als dieser zu ihnen kam, versammelten
sie sich und überlegten gemeinsam, was sie dem Negus sagen sollten, wenn sie bei
ihm waren. ,Was immer auch geschieht,‘ so sagten sie schließlich, ,wir werden ihm
sagen, was wir wissen und was uns unser Prophet befohlen hat.‘ Der Negus hatte
aber auch seine Bischöfe holen lassen, die nun um ihn herum ihre heiligen Schriften
aufschlugen. Als die Muslime angekommen waren, fragte sie der Negus: ,Was ist das
für eine Religion, um derentwillen ihr euer Volk verlassen habt, ohne dass ihr dafür
meine oder eine andere bekannte Religion angenommen habt?‘ Darauf antwortete
Ja'far bin Abi Talib, der Vetter des Propheten: ,Majestät, wir waren ein unwissendes
Volk. Wir dienten den Götzen, aßen unreines Fleisch, begingen Unzucht, verletzten
die Verwandtschaftsbande, missachteten das Gastrecht, und die Mächtigen von uns
beuteten die Schwachen aus. So lebten wir also, bis Gott unter uns einen Propheten
erweckte, dessen Abstammung, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Anstand wir kennen.
Er forderte uns auf, Gottes Einheit zu bekennen und Ihm allein zu dienen und die
Steine und Götzen aufzugeben, denen wir und unsere Vorfahren gedient hatten. Er
forderte uns auf, immer die Wahrheit zu sprechen, unsere Versprechen zu halten, die
Verwandtschaftsbande zu achten, den Gast zu schützen und Verbrechen und
Blutvergießen zu meiden. Er verbot uns, Unzucht zu begehen, den Waisen ihr
Eigentum zu nehmen und anständige Frauen zu verleumden. Er gebot uns, Gott allein

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zu dienen und Ihm nichts zur Seite zu setzen, zu beten, Spenden zu geben und zu
fasten. Und wir haben ihm geglaubt, sind seiner Offenbarung gefolgt, haben Gott
allein gedient, ohne Ihm etwas beizugesellen, haben gemieden, was er für verboten
erklärte, und getan, was er uns erlaubte. Da fiel unser Volk über uns her, quälte uns
und versuchte, uns von unserem Glauben abzubringen, damit wir den Gottesdienst
aufgeben, zum Götzendienst zurückkehren und wieder wie früher Böses für erlaubt
halten sollten. Als sie dann Gewalt gegen uns anwendeten, uns unterdrückten und
einschränkten und daran hinderten, unsere Religion auszuüben, wanderten wir in dein
Land aus und wollten lieber bei dir als bei irgend jemand anderem bleiben. Wir
schätzen deine Gastfreundschaft und deinen Schutz und hoffen, dass uns bei dir kein
Unrecht geschieht.‘
,Hast du etwas von der Offenbarung bei dir, die euer Prophet euch gebracht hat?‘
fragte darauf der Negus. ,Ja,‘ antwortete Ja'far. ,Dann lies es mir vor,‘ forderte ihn der
Negus auf. Da trug ihm Ja'far einen Abschnitt aus der Sure Maryam (16:21) vor, und
der Negus weinte, bis ihm der Bart nass wurde. (Und erwähne im Buch Maria. Als sie
sich von ihrer Familie nach einem östlichen Ort zurückzog und von ihr abschirmte, da
sandten Wir Unseren Engel Gabriel zu ihr, und er erschien in der Gestalt eines
vollkommenen Menschen; und sie sagte: „Ich nehme meine Zuflucht vor dir beim
Allerbarmer, lass ab von mir, wenn du Gottesfurcht hast.“ Er sprach: „Ich bin der Bote
deines Herrn. Er hat mich zu dir geschickt, auf dass ich dir einen reinen Sohn
beschere.“ Sie sagte: „Wie soll mir ein Sohn geschenkt werden, wo mich doch kein
Mann je berührt hat und ich auch keine Hure bin?“ Er sprach: „So ist es; dein Herr
aber spricht: ,Es ist mir ein leichtes, und Wir machen ihn zu einem Zeichen für die
Menschen und zu Unserer Barmherzigkeit, und dies ist eine beschlossene Sache.“)
Auch seine Bischöfe weinten, so dass Tränen auf ihre heiligen Schriften fielen. Dann
wandte sich der Negus an die beiden Gesandten der Mekkaner und sagte zu ihnen:
,Diese Offenbarung und die Offenbarung Jesu kommen aus derselben Quelle. Geht
weg! Bei Gott, ich werde sie euch nicht ausliefern und sie nicht hintergehen!‘
Als die beiden den Negus verlassen hatten, sagte Amr zu Abdullah: ,Morgen werde
ich ihm etwas erzählen, womit ich sie von Grund auf vernichte.‘ Abdullah, der
gottesfürchtigere der beiden, wandte ein: ,Tu es nicht! Auch wenn sie etwas gegen
uns getan haben, so bleiben sie doch unsere Stammesbrüder.‘ Amr aber bestand
darauf und sagte: ,Ich werde ihm mitteilen, dass sie behaupten, Jesus, der Sohn der
Maria, sei nur ein Mensch.‘ Und so ging Amr am nächsten Morgen zum Negus und
sagte: ,Majestät, jene Leute behaupten von Jesus Ungeheuerliches. Lass sie doch
holen und frage sie einmal danach.‘
Der Negus kam seiner Aufforderung nach. So etwas war uns noch nie geschehen. Die
Auswanderer versammelten sich wiederum und berieten, was sie über Jesus
antworten sollten, wenn sie danach gefragt wurden. Dann beschlossen sie: ,Mag
kommen, was will, wir sagen das, was Gott uns mitgeteilt und unserem Propheten
offenbart hat.‘

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Als sie also beim Negus angekommen waren und er sie nach ihrer Ansicht über Jesus
fragte, antwortete ihm Ja'far: ,Wir sagen von ihm, was unser Prophet uns mitgeteilt
hat, nämlich dass er ein Diener Gottes, Sein Gesandter, Sein Geist und Sein Wort ist,
das Er der Jungfrau Maria beschert hat.‘ Da hob der Negus einen Stock vom Boden
auf und sagte: ,Wahrhaftig, Jesus ist nicht um die Länge dieses Stockes mehr als das,
was du gesagt hast.‘ Ein Raunen ging durch die Menge der versammelten
Würdenträger. Aber der Negus fuhr fort: ,Und wenn ihr auch raunt.‘ Und zu den
Muslimen sagte er: ,Geht. Ihr seid in meinem Land sicher. Wer euch beschimpft, der
wird bestraft. Nicht einmal für einen Berg Gold würde ich einem von euch unrecht tun.
Gebt den beiden Männern ihre Geschenke zurück. Ich brauche sie nicht. Gott hat
keine Bestechung angenommen, als Er mir meine Herrschaft gab; warum sollte ich
nun gegen Ihn Bestechung annehmen? Er hat damals nicht den Leuten gegen mich
beigestanden; warum sollte ich ihnen jetzt gegen Ihn beistehen?‘
Da verließen die beiden den Negus, beschämt und mit den mitgebrachten
Geschenken. Wir aber blieben dort in seinem Schutz.“1

2. Gottes Schöpfung

Wenn man in die Schöpfung wie die Himmelskörper oder die Natur schaut und sieht,
wie alles harmonisch seinen Lauf nimmt, und alles seine bestimmte Aufgabe hat, so
kann man nur auf die Existenz eines allwissenden und allmächtigen Schöpfers
schließen, Der alle diese harmonisch verlaufenden Dinge erschaffen hat und sie ihre
Aufgabe tun lässt. Man schließt also von der Auswirkung, das heißt vom
ausgeglichenen Ablauf in der Natur, auf die Ursache, die Existenz eines Einzigen
Allwissenden Gottes. Und so müsste jedem Menschen auch klar sein, dass nicht
diese Dinge, die jeweils eine bestimmte, beschränkte Aufgabe haben, anzubeten sind,
sondern Derjenige, der sie lenkt. 2

Die Bibel wie auch der Koran erzählen von der Schöpfung durch Gott in sieben
Tagen. Aber da beginnt schon die Unterscheidung. Im Koran folgt die Einteilung der
einzelnen Schöpfungen ohne genaue Einteilung, aber in logischer Reihenfolge. In der
Bibel stehen die Tage fest, aber es gibt keine logische Reihenfolge der einzelnen
Schöpfungen.
Hier einiges aus dem Schöpfungsbericht der Bibel. 1.Buch Mose, Vers 1-4: Am
Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und leer, Finsternis lag über
der Urflut, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Da sprach Gott: „Es
werde Licht!“ Und es ward Licht. Und Gott sah, dass Licht gut war. Da trennte Gott
Licht von Finsternis, Gott nannte das Licht Tag, die Finsternis aber Nacht. Es ward
Abend und es ward Morgen: ein Tag.

1 www.geocites.com - Um Salama
2 Islamische Geschichte Islamischer Informationsdienst e.V. Samir Mourad S.111
12
Aber wie kann schon Licht sein, denn das Licht der Sterne war noch nicht geschaffen,
das Firmament wird erst am vierten Tag erwähnt, um Tag und Nacht zu scheiden.
Denn im Vers 14 heißt es: Dann sprach Gott:“ Es sollen Leuchten werden am
Gewölbe des Himmels, um zu scheiden zwischen dem Tag und der Nacht...“
Genau so ist es unsinnig die Schaffung von Pflanzen und ihrer Fortpflanzung am
dritten Tag, bevor die Sonne am vierten Tag geschaffen wird.
Der Schöpfungsbericht klingt darum fast wie ein Fantasieprodukt, er ist wahrscheinlich
durch die vielen Überlieferungen entstellt worden.
Die hebräische Schöpfung der Welt legt diese in das 37. Jahrhundert vor Christus fest
und so müsste man das Auftreten von Adam ebenfalls vor höchstens rund 40
Jahrhunderten festlegen. Aber wir wissen heute, dass der erste Mensch schon
Jahrtausende früher da war.
Im Koran gibt es keine Mitteilung über die Schöpfung, die die einzelnen Tage oder
Zeitabschnitte nacheinander aufzählt. Es steht nicht da, was am ersten Tag erschaffen
wurde, was am zweiten Tag. Aber es gibt viele Stellen, die die Ereignisse in logischer
Reihenfolge präzisieren.
In Sure 7:54 steht: Seht, euer Herr ist Gott, der die Himmel und die Erde in sechs
Tagen erschuf, (und) Sich alsdann (Seinem) Reich hoheitsvoll zuwandte: Er lässt die
Nacht den Tag verhüllen, der ihr eilends folgt. Und (Er erschuf) die Sonne und den
Mond und die Sterne, Seinem Befehl dienstbar...
...Oder Sure 79:27-33: Seid ihr (die Menschen) denn schwerer zu erschaffen oder der
Himmel, den Er gebaut hat? Er hat seine Höhe gehoben und ihn dann vollkommen
gemacht. Und Er machte seine Nacht finster und ließ sein Tageslicht hervorgehen.
Und Er breitete hernach die Erde aus. Aus ihr brachte Er ihr Wasser und ihr
Weideland hervor Und Er festigte die Berge; (dies alles) als eine Versorgung für euch
und euer Vieh.

Es wird zuerst hier der Himmel genannt, also das Universum, dann die Sterne und mit
ihr das Licht der Sonne, Entstehung der Erde und alles, was darauf ist alles in
logischer Reihenfolge.
Seine Schöpfung hat kein Ende, wenn Er will, kann Er alles vernichten und Neues
schaffen, die Sure 36:82 bestätigt es: Wenn Er ein Ding will, lautet Sein Befehl nur
„Sei!“ – und es wird.
Beim Lesen der Bibel kann ich nicht sagen, dass irgend eine Mitteilung
wissenschaftlich belegbar wäre, aber an vielen Stellen im Koran: Sure 21:30: Haben
denn diejenigen, die ungläubig sind, nicht gesehen, dass die Himmel und die Erde
eine Einheit waren, die Wir dann zerteilten? Und Wir machten aus dem Wasseralles
Lebendige.
Sure 41:11-12: Dann wandte Er sich zum Himmel, welcher noch Nebel war, und
sprach zu ihm und zur Erde: „Kommt ihr beide, willig oder unwillig.“ Sie sprachen: „Wir
kommen freiwillig.“ So vollendete Er sie als sieben Himmel in zwei Tagen, und jedem
Himmel wies Er seine Aufgaben zu. Und Wir schmückten den untersten Himmel mit

13
Leuchten, (welche auch) zum Schutz (dienen). Das ist die Schöpfung des Erhabenen,
des Allwissenden.
Der Koran gibt Mitteilung, wie Gott den Menschen entstehen lässt, sogar heute
wissenschaftlich untermauert: Sure 23:12-14: „Und Wir haben fürwahr den Menschen
in seinem Ursprung aus den Bestandteilen des Lehms erschaffen, dann setzten Wir
ihn als Samentropfen an eine geschützte Stätte, dann erschufen Wir aus dem
Samentropfen ein Anhängsel (wörtlich: etwas, das sich festhält; eine Beschreibung,
die sehr gut auf die sich einnistende Eizelle passt) und erschufen aus dem Anhängsel
ein kleines Gebilde, und hernach formten Wir in dem kleinen Gebilde Knochen und
bekleideten die Knochen mit Fleisch. Dann ließen Wir daraus ein anderes Geschöpf
entstehen. Gepriesen sei Gott, Der Vortreffliche Schöpfer!“ Ich komme später noch auf
diese Verse und ihre wissenschaftliche Untermauerung zu sprechen.

Der Koran, Sure 37:102 -113 berichtet über die Geschichte des Opfers Abrahams:
„Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sagte er: O mein Sohn, ich habe im
Traum gesehen, dass ich dich opfere; was meinst du dazu? Er sprach. O mein Vater,
tu, wie dir befohlen wird, du sollst mich, so Gott will, unter den Geduldigen finden. Als
sie sich beide gefügt hatten und er ihn mit der Stirn auf die Erde legte, riefen Wir ihm
zu: „O Abraham, du hast den Traum bereits erfüllt“- So belohnen Wir die, die Gutes
tun. Wahrlich, das ist offenkundig eine schwere Prüfung. Und Wir lösten ihn durch ein
großes Schlachttier aus. Und Wir bewahrten seinen Namen unter den künftigen
Geschlechtern. Friede sei auf Abraham! Und Wir gaben ihm die frohe Botschaft von
Isaak, einem Propheten, der zu den Rechtschaffenen. Gehörte. Und Wir segneten ihn
und Isaak. Und unter ihren Nachkommen sind 8manche). Die Gutes tun, und
8andere), die offenkundig gegen sich selbst freveln.
Die Bibel dagegen erzählt nur von der Opferung Isaaks. Wie dem aus sei, Abraham
hatte zwei Söhne, Ismael, der erstgeborene Sohn und Isaak, sein zweiter Sohn. Alle
nach ihm kommenden Propheten entstammen seinen beiden Söhnen. Ismael ist der
Stammvater der Araber, denn er ließ sich im Tal von Mekka nieder, der letzte Prophet
Mohammad entstammt dieser Richtung und die Propheten des Hauses Israel sind die
Nachkommen Isaaks, zu der auch Jesus gehört.

3. Der Sündenfall

In beiden Religionen gibt es die Berichte über den Sündenfall und über den Auszug
aus dem Paradies, aber mit unterschiedlichem Ausgang.
Ich möchte das 1. Buch Mose 3,1-24 zitieren: Aber die Schlange war listiger als alle
Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja,
sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da
sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht
davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur

14
Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da
ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen,
was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und
dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie
nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er
aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie
nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und
sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war.
Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN
unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo
bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin
nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt
bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht
davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem
Baum und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die
Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. Da sprach Gott der HERR zu
der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh
und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde
fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau
und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf
zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel
Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären.
Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum
Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von
dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen - , verflucht
sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben
lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde
essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu
Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und
Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und
weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und
breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott
der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen
war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die
Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem
Baum des Lebens.
Der Mensch vermag nun das Böse vom Guten zu unterscheiden, gute Taten von
schlechten Taten. Es besagt aber auch, dass für die Christen bis zum Ende aller Tage
die Menschen für diese Übertretung bestraft werden, später wird es zur Last der

15
Erbsünde. Am meisten hat die Frau darunter zu leiden, ihr wird die Hauptschuld
angelastet, sie ist rechtlos.
Und der einfache Mann wird ständig von der Kanzel daran erinnert, dass er von Gott
verdammt wurde, sich auf seinem Acker zu plagen, dass er doch hinnehmen solle
seine Armut und gleichzeitig demütig und dankbar seinem Herrn, Gott und die ihn auf
Erden vertreten, sein muss.

Auch im Koran steht, dass Adam und Eva aus dem Paradies gewiesen wurden, aber
ihnen wurde zuvor vergeben. Satan ließ sie beide straucheln, beide haben
gleichermaßen Schuld.
Nach dem Koran ist Adams und Evas Sünde kein Fehltritt, kein Bruch mit Gott und
nicht so schwerwiegend, wie es in der Bibel heißt. In der Sure 2:36/37 heißt es: Doch
Satan ließ sie dort straucheln und brachte sie aus dem Zustand heraus, in dem sie
waren. Da sprachen Wir: „Geht (vom Paradies) hinunter! Der eine von euch sei des
anderen Feind. Und ihr sollt auf der Erde Wohnstätten und Versorgung auf
beschränkte Dauer haben“. Gott verzeiht beiden und versorgt sie sogar mit allem, was
sie benötigen zum Leben. Er hatte im Koran den Menschen vor Satan gewarnt: "
Sure20: 117: Sodann sprachen Wir: „O Adam, dieser ist dir und deiner Frau ein Feind;
(achtet drauf,) dass er euch beide nicht aus dem Garten vertreibt, sonst würdest du
unglücklich sein“. Adam und Eva werden zwar aus dem Paradies vertrieben, aber Gott
verzeiht ihnen mit den Worten: Sure 2: 38: Und wenn dann zu euch Meine
Rechtleitung kommt, brauchen diejenigen, die Meiner Rechtleitung folgen, weder
Angst zu haben, noch werden sie traurig sein. Im Islam gibt es keinen Sündenfall und
keine „Erbsünde“ wie im Christentum.
Der Mensch ist stets in der Lage, sich zwischen dem Guten und dem Bösen zu
entscheiden. Er kann gute Werke tun und durch das Einhalten der Gebote Gottes
Gunst erhoffen. Wenn er jedoch gegen seine Gebote verstößt und sündigt, schadet er
Gott damit nicht. Er sündigt in erster Linie gegen sich selbst: Sure7: 23: Unser Herr,
wir haben uns selbst Unrecht getan.

Im Islam ist Gott allwissend. Er wusste also schon vorher, wie Adam und Eva sich im
Paradies verhalten werden. Und Er plante auch schon vorher, als Er Adam erschaffen
hatte, dass dieser Sein Stellvertreter auf Erden werden würde. Warum sollte Er sie
dann bei ihrem Auszug aus dem Paradies bestrafen? Gott hat uns doch so
geschaffen, unvollkommen, mit Fehlern behaftet, damit wir Ihn immer wieder um
Vergebung bitten können.
Gott brauchte nicht, wie in der Bibel beschrieben, Adam zu fragen, ob er von den
verbotenen Früchten gegessen hatte. Wusste der Gott der Bibel das nicht? Bezichtigt
sie hier indirekt Gott, dass Er nicht allwissend sei?

4. Die Wurzeln des Urchristentums und Entstehung der Kirche

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Christentum und Kirche ist nicht eins. Die Kirche ist nur eine kommerzielle Institution;
ein leeres Haus wäre sie ohne die christliche Religion. Sie hat sich nur des
Christentums nach und nach bemächtigt und daraus das Gebilde gebaut, wie sie es
brauchte. Die Kirche ist wie eine Hülle, die ihren Inhalt umgekrempelt und teilweise
mit ganz anderem Inhalt gefüllt hat. Das Wort Kirche ist sozusagen gleichgesetzt,
verschmolzen mit dem Wort Christentum Wenn man Christentum heute sagt, meint
man die Kirche.
Das eigentliche Urchristentum ist das ursprüngliche Christliche des Jesus, das heißt
das, was er gelehrt hat ohne späteres Hinzufügen oder Verfälschen. Aber welchen
Maßstab kann man anlegen, um zu wissen, was das Christliche des Jesus war, denn
selbst die Berichte der Evangelisten sind heute ja auch verfälscht.
Gehen wir zurück auf die Schriften der vorangegangenen Propheten, auf das, was sie
den Menschen gebracht hatten, denn auch wenn sie sich mit der Zeit verändert
haben, so ist doch der Kern der Aussagen der früheren Propheten geblieben. Jesus
bezog sich in seinen Reden auf die Lehren dieser Propheten und erneuerte sie. Er
erklärte den Menschen, dass in jedem von ihnen der Geist Gottes ist, da sie ja von
Adam abstammen und er durch den Atem von Gott sein Leben erhielt. Sie brauchen
keine Helfer oder eine äußere Ordnung, um Gott nahe zu sein. Sie brauchen nur auf
ihre innere Ordnung zu hören und sie zu befolgen, nämlich die Gebote, die Moses
von Gott erhielt und die immer weiter von Prophet zu Prophet getragen wurden. Das,
was Jesus verkündete, war eigentlich nur eine Vertiefung und Auslegung der Thora.
Er wollte gewiss nicht eine neue Religion, sondern eine Erneuerung der erstarrten
mosaischen Gesetze. Er war der Meinung, der Sabbat ist für den Menschen da und
nicht der Mensch für den Sabbat, oder nicht das ist unrein, was in den Menschen
hineingeht, sondern aus ihm herauskommt wie zum Beispiel schlechtes Reden über
andere, aber nicht das Essen. In seinen Predigten sagte er: „Alles, was ihr euch
wünscht, das wünscht zuerst eurem Bruder“. Sagt das nicht auch die islamische
Religion? Was wäre passiert, wenn die Kirche nicht diese schöne Urreligion für sich
vereinnahmt hätte?
Das Urchristentum war eine innere Religion. Die äußere Religion, die Religion der
Kirche hat Dogmen, Kulte und ist zu einer kommerziellen Institution geworden, die
predigt, dass der Mensch, der nicht kirchengemäß handelt, auf ewig verdammt ist. In
der Religion Christi gibt es keine ewige Verdammnis. Sie zeigt den Menschen, dass
es möglich ist, sich selbst zu erkennen, seine Fehler zu bereuen, bei Gott um
Vergebung zu bitten und auch selbst zu vergeben. Seine Predigten sind eine konkrete
Lebensanweisung nach den Gesetzen Gottes im Alltag.
Die Grundlage des Urchristentum sind die 10 Gebote, die Moses von Gott erhalten
hatte.
Viele frühere und spätere Gelehrte meinen, dass der Inhalt der im Alten Testament der
Bibel angeführten „Zehn Gebote” durch folgende Koranverse belegt wird:3 Sure
6:151-153: „Sprich: ‚Kommt her, ich will verlesen, was euer Herr euch verboten hat: Ihr

3 Islamische Geschichte . Deutscher Informationsdienst über den Islam e.V. Samir Mourad. S.228
17
sollt Ihm nichts zur Seite stellen und den Eltern Güte erweisen; und ihr sollt eure
Kinder nicht aus Armut töten, Wir sorgen ja für euch und für sie. Ihr sollt euch nicht
den Schändlichkeiten nähern, seien sie offenkundig oder verborgen; und ihr sollt
niemanden töten, dessen Leben Allah unverletzlich gemacht hat, außer wenn dies
gemäß dem Recht geschieht. Das ist es, was Er euch geboten hat, auf dass ihr es
begreifen möget. Und kommt dem Besitz der Waise nicht nahe, es sei denn zu ihrem
Besten, bis sie ihre Volljährigkeit erreicht hat. Und gebt volles Maß und Gewicht in
Billigkeit. Wir fordern von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten
vermag. Und wenn ihr eine Aussage macht, so übt Gerechtigkeit, auch wenn es einen
nahen Verwandten (betrifft); und haltet den Bund Allahs ein.’ Das ist es, was Er euch
gebietet, auf dass ihr ermahnt sein möget. Und dies ist mein gerader Weg. So folgt
ihm; und folgt nicht den (verschiedenen) Wegen, damit sie euch nicht weitab von
Seinem Weg führen. Das ist es, was Er euch gebietet, auf dass ihr gottesfürchtig sein
möget.”

In Jerusalem bildeten sich nach dem Tod Jesus kleine Gemeinden um Petrus und
Jakobus. Sie fühlten sich aber noch als ein besonderer Teil des Judentums, als
Judenchristen, dem Judentum verpflichtet. Sie hofften auf eine Rückkehr Jesus, mit
ihm das Reich Gottes auf Erden und mit ihm auch das Jüngste Gericht. Jesus hatte ja
selbst dieses Reich angekündigt, noch zu Lebzeiten einiger Gläubiger würde es
kommen. In Markus 9,1: Und er sagte zu ihnen: „Wahrlich, ich sage euch: Es sind
einige unter euch, die hier stehen, die den Tod nicht kosten werden, bis sie das
Gottesreich kommen sehen in Kraft.“
In ihren Gemeinden gab es keine Priester oder gar Bischöfe, jeder arbeitete nach
seinen Möglichkeiten, alle waren gleichgestellt, ob Mann oder Frau.
Wie schon beschrieben, sind besonders durch Paulus unter den „Heiden“ viele neue
christliche Gemeinden entstanden. Die erste Gemeinde, die auch Nichtjuden
aufnahm, war Antiochia, von dort aus um das Jahr 40 tauchte auch die Bezeichnung
„Christen“ auf.
Im ersten bis Mitte des zweiten Jahrhunderts tobte zwischen dem Judeo-Christentum
und dem paulinischen Christentum ein Kampf, bis ins Jahr 70 stellt das Judeo-
Christentum die Mehrheit der Kirche. Erst mit dem jüdischen Krieg und dem Fall
Jerusalems im Jahr 70 kehrte sich die Lage um. Kardinal Danielou erklärt. „Nachdem
die Juden im Imperium diskreditiert waren, neigten die Christen dazu, sich mit ihnen
nicht mehr zu solidarisieren. Den paulinischen Christen verhilft dies zum Durchbruch:
Paulus erringt einen nachträglichen Sieg; das Christentum trennt sich endgültig vom
Judentum.“ 4

Es kamen immer mehr Menschen in die neun Gemeinden, die vorher Aberglauben
und anderen Kulten anhingen. Sie brachten ihre alten Vorstellungen mit, vieles davon
floss in den neuen Glauben mit ein. Die Vorsteher der Gemeinden, die Verwalter der

4 Maurice Bucaille. Bibel, Koran und Wissenschaft. Bavaria Verlag, 1994, S.65
18
Kassen erhielten immer mehr Macht und Einfluss. Sie begannen die Lehre zu
verändern, indem sie Jesus mit Gott gleichstellten, eine Hierarchie entwickelten.
Die Juden erwarteten ihren Messias immer als einen Mensch, der die Wahrheit von
Gott übermittelt und ihre Propheten waren nur Menschen. Der Prophet Jesus war für
seine Anhänger auch nur ein Mensch, erst Paulus und seine Gemeinden machten aus
Jesus einen Gott.
Man muss bedenken, die ersten Christen wurden so bedrängt durch die römische
Besatzung, dass die Lehre nur im Geheimen weitergegeben und nur im Verborgenen
praktiziert werden konnte. Es gab im Wesentlichen keine Gelehrten, die die Dinge
erklärten. Dadurch konnte es möglich werden, dass sich solche Irrlehren wie z.B. dass
Jesus Gottes Sohn ist, leicht unter den Christen ausbreiteten.
Durch die Verbreitung der Lehre von Paulus wurde das Bild Jesus entstellt. Es
entstand später daraus die Lehre von der Dreifaltigkeit, propagiert durch eine neue
Kirche mit neuen Ritualen. Im 4. Jahrhundert wurde die Kirche zur Staatsreligion, die
danach strebte, auch die weltliche Macht auszuüben.
Trotzdem gab es immer wieder urchristlich geprägte Strömungen, eine der wichtigsten
davon war die der Arianer. Die beiden frühchristlichen Theologen Origenes (184-254)
und Arius (ca. 260-336), die beide aus Alexandria stammten und dort wegen ihren
Ansichten vertrieben wurden, kämpften gegen die Athanasius-Lehre an, die auf
Paulus beruht, dass Gott und Christus in ihrem Wesen der Einfachheit halber
gleichgesetzt wurden, weil man auch leichter von den Sünden erlöst werden konnte.
Für Origenus war Jesus der erstgeborene Sohn Gottes, jedoch nicht Gott selbst, der
nicht gezeugt und ohne Ursprung ist.
Origenes Lehre war die Wiederverkörperung des Menschen, das heißt, alle Seelen
werden zu Gott zurückkehren. Er vertrat die Ansicht, dass es keine Verdammnis gibt,
dass man sich durch Befolgen der Gebote Gottes reinigen kann, um Gottes Ebenbild
zu werden. Arius übernahm die Lehre von Origenus. Es kam zum theologischen Streit
mit dem paulinischen Athanasius. Die Kirche sah durch diese Streitigkeiten um Arius
ihre „Einheit“ gefährdet. Die arianische Lehre wurde schließlich 325 auf dem Konzil
von Nicäa auf Geheiß Kaiser Konstantins verurteilt bis auf 2-3 Gegenstimmen, aber
Jahrhunderte lang tobte noch der theologische Streit weiter. Auf dem Konzil wurde
das Bekenntnis verfasst, dass der Sohn Gottes „empfangen, aber nicht erschaffen“
worden sei, doch von gleicher Substanz wie der Vater ist. Aber einige Jahre später
wurde Arius durch den nächsten Kaiser Konstantin II. und durch den Patriarch von
Konstantinopel unterstützt, so dass der Arianismus wieder Aufschwung bekam und um
359 wurde seine Lehre die offizielle Glaubenslehre des Römischen Reiches für einige
Zeit. Aber auf der Synode von Konstantinopel im Jahre 381 wurde dann die Lehre von
der Wesensgleichheit von Gottvater, Gottessohn und Heiliger Geist und damit das
Dogma von der Dreieinigkeit (Trinität) zur verbindlichen Kirchenlehre. Darüber
spreche ich noch detaillierter.

19
Der Gote Wulfilas übersetzte um das Jahr 350 die griechische Bibel ins Gotische. Und
mit den Goten übernahmen die meisten Germanenstämme, wie die Vandalen,
Sueben, Thüringer, Alemannen, Bajuwaren, die Langobarden das origenisch geprägte
christliche Glaubensverständnis des Wulfilas. Es gab bei ihnen keinen Papst, die
Priester arbeiteten in einem Beruf und sie konnten auch heiraten. Es gab keine
Beichte, keine Taufe, kein rituelles Abendmahl, sondern ein Brudermahl nach
urchristlichem Brauch. Sie übten Toleranz mit Andersdenkenden. Zu Beginn des 6.
Jahrhunderts beherrschten die arianisierten Germanen große Teile von Europa, vor
allem durch eine geschickte Heiratspolitik des Ostgotenherrschers Theoderich (471-
526). Das Zentrum des arianischen Christentums war Würzburg.
Ende des 5. Jahrhunderts, im Jahr 495, trat der fränkische König Chlodwig als erster
Germane zum katholischen Glauben über. Im 6. Jahrhundert zerschlug der
byzantinische Kaiser Justinian das nordafrikanische Reich der Vandalen, kurz darauf
besiegte er die Ostgoten in Italien und nach und nach wurden die anderen
germanischen Stämme unterworfen. Die arianisch-origenische „Ketzerei“ war damit
ausgelöscht, aber dennoch wurde sie zum Nährboden für die bogumilische und
katharische Bewegungen, die später durch die katholische Kirche blutig endeten.

4.1. Trinitätslehre der Christen

Fest steht: es gibt keine in den Schriften offenbarte Wahrheit über eine Dreieinigkeit.
Nirgends ist diese Lehre in der Bibel enthalten, aber trotzdem ist sie zum Grundpfeiler
der christlichen Lehre geworden. Heute wird darüber argumentiert, dass die
Trinitätslehre in den frühen Jahrhunderten n.Chr. aus der Notwendigkeit erstand,
Irrlehren bzgl. der Person Jesu Christi zu begegnen und diese zu korrigieren.
Wie schon festgestellt, brachten bis in das 3. Jahrhundert die neuen Christen ihre
alten religiösen Gedanken in die gerade gebildeten Gemeinden mit ein. Es
entwickelten sich aus einer Mixtur aus heidnischen, philosophischen und christlichen
Gedanken die unterschiedlichsten Ideen und Lehren über Gott und Jesus. Sie waren
nicht mehr konform mit den Schriften der Bibel, entfernten sich immer mehr von ihr. Zu
Beginn der 4. Jahrhunderts hatten sich zwei Strömungen entwickelt, die beide die
offenbarte Wahrheit der Schriften nicht mehr exakt enthielten. Ihre Vertreter waren die
oben genannten Arius und Athansius. Sie stritten darüber, wer Jesus war und wie Gott
die Menschen durch Seinen Sohn erlösen kann. Beide gingen davon aus, dass die
Person Jesus Christus einzigartig ist, weil nur ein Mensch ohne Sünde als Sündopfer
in Frage kommt. Jesus ist durch seine Geburt nicht mit der Erbsünde belastet. Sie
gehen beide davon aus, dass Jesus der Sohn des Gottes ist.
Athansius lehrte, dass Gott „Fleisch“ geworden ist in der Person Jesus. Kein Wort
deutet in der Bibel darauf hin. Es wird in der Bibel berichtet von der Empfängnis Maria
und von der Geburt Jesus und Gott als „physischen Vater“. Dadurch ist Jesus mit
einer Vollkommenheit ausgestattet als das beste Sündopfer.

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Jesus wurde durch die Lehre von Athansius zu der 2. Person eines „dreieinigen
Gottes“.

In den Diskussionen des Konzils von Nicäa 324 wurde schließlich durch Einfluss und
letztlich durch Machtbefugnis des Kaisers Konstantin diese Lehre zum Grundpfeiler
des christlichen Glaubens - weit gefehlt von den Grundsätzen der aller bis dahin
gesandten religiösen Schriften!
Der Kaiser hatte kein sonderliches theologisches oder religiös orientiertes Interesse
an diese Diskussionen. Er selbst war kein Christ, aber er brauchte eine einzige
„einigende Religion“, um sein Reich zu befrieden. Durch diesen Beschluss konnten
alle anderen religiösen Strömungen zerschlagen werden, auch wenn sie blutig
verfolgt werden mussten.
Das Glaubensbekenntnis von Nicäa war die „Gleichheit“ Gott und Jesus. Der
Beschluss des Konzils von Chalcedon 451 formulierte die vollständige „Trinitäslehre“
endgültig.
Die Lehre hatte nun nichts mehr mit den von Gott gesandten Schriften gemein,
sondern beruhte nur auf der Macht eines kaiserlichen Beschlusses. Damit hatte die
Kirche ihre Grundlagen, die Bibel und den darin aufgezeigten Glauben und Weg für
ein gottgefälliges Leben verlassen. Eigentlich ist nur durch eine kaiserliche
Anordnung der Weg des Christentums festgelegt worden.
Im März 1274 gelang es dem römischen Papst Gregor X in Lyon - nach der Trennung
der Kirche im 5.Jahrhundert in eine West- und Ostkirche - die Einheit beider Kirchen
wieder herzustellen und die griechisch-orthodoxe Kirche auf Rom einzuschwören. Von
nun an galt für alle Christen im alten Europa die Lehre vom Fegefeuer, den 7
Sakramenten, sowie die Lehre vom Heiligen Geist, der vom Gott-Vater und vom Gott-
Sohn ausgeht.

Zusammenfassung der Dreieinigkeitslehre:


Die Bibel besagt, dass der Mensch seit dem Sündenfall böse ist, er kann aber selber
nichts tun, um vor Gott seine Schuld wieder gut zu machen. Gottes Gerechtigkeit ist
unwandelbar, aus dem Grund muss er den sündigen Menschen bestrafen.
Die Christen glauben an den dreiteiligen Gott: Gottvater hat seinen Sohn Jesus, mit
dem er identisch ist, aus dem Grund zu den Menschen geschickt, um sie von der
Sünde zu erlösen, weil das die Menschen nicht aus eigener Kraft vermögen. Es
geschah durch die „Unbefleckte Empfängnis“ Marias durch den ‘Heiligen Geist’ als
den dritten Teil Gottes. Das Sterben Jesus am Kreuz als Sündopfer, diese Erlösung
und der Glaube der Menschen daran, ist die Voraussetzung für eine Vergebung und
ein späteres ewiges Leben im Himmel. Nur der, der sich auf Jesus Tod als Lösegeld
zur Vergebung der Sünden beruft, dem gibt Gott Vergebung und die Gewissheit des

21
ewigen Lebens. Für alle diejenigen, die nicht an den Sühnetod von Jesus glauben,
gibt es keine Vergebung und kein ewiges Leben, für sie steht die Hölle parat.

5. Gottesdarstellung im Koran und in der Bibel

Alle Propheten der Geschichte hatten immer wieder dieselbe Botschaft von dem Einen
Schöpfergott und dem drohenden Gericht verkündet.
Gott fordert von allen Christen und Muslimen Menschen die Ihm gebührende
Anbetung.
Der Gott offenbart sich für die Christen wie auch den Muslimen als der ewige, einzige,
unerschaffene, allmächtige, allwissende, barmherzige Gott. Er manifestiert das Leben,
die Wahrheit, Gerechtigkeit und Güte wie auch als Richter zum Ende der Welt.

Im Koran offenbart sich Gott Selbst in bester Weise, das Er durch Dschibril (Gabriel)
dem Propheten Muhammad gesandt hat. Im Koran 59:22-24: steht darüber: Er ist
Gott, außer dem es keinen Gott gibt; Er kennt das Verborgene und das Offenbarte; Er
ist der Erbarmer, der Barmherzige. Er ist Gott, außer dem es keinen Gottheit gibt, der
König, der Heilige, der Friede, der Gewährer der Sicherheit, der Überwacher, der
Allmächtige, der Zurechtrückende, der Majestätische. Gepriesen ist Gott und erhaben
über alles, was sie Ihm beigesellen, Er ist Gott, der planende, der durchführende
Schöpfer der Gestalter... Hier spricht Gott über sich als der Urheber der Schöpfung in
einer besonderen Formgebung, mit einem bestimmten Sinn und Ziel, und als
Gestalter bringt Er die Vervollkommnung der Schöpfung zum Ausdruck.
Und so besagt auch die Sure 112: Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des
Barmherzigen! Sprich: „Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Absolute, (Ewigliche,
Unabhängige, von Dem alles abhängt). Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden,
und Ihm ebenbürtig ist keiner“. Eigentlich steht schon in diesen kleinen Versen alles,
was Gott über sich sagt.
Diese Sure beinhaltet grundlegende Glaubenssätze des Islam und weist jegliches
Leugnen der Einheit und Unvergleichlichkeit Gottes zurück.
In der Sure 21:22 steht: Gäbe es in (Himmel und Erde) Götter außer Gott, dann
wären wahrlich beide dem Unheil verfallen. Gepriesen sei denn Gott, der Herr des
Thrones, Hoch Erhaben über das, was sie beschreiben. Gäbe es mehrere Gottheiten,
dann müsste jede ihre eigenen Gesetze haben mit ihren speziellen
Willenskundgebungen und Äußerungen. Man wüsste nicht, nach welchem Gesetz
man sich zu richten hat, es wäre ein heilloses Durcheinander, ein Chaos. Die
Planeten würden sich nicht mehr auf ihren Bahnen bewegen, weil sie hin und her
gerissen werden, die Erde würde nicht das sein, was sie heute ist, wir Menschen
würden dann gar nicht existieren. Aber das von dem Einen Gott gezeugte Universum
beruht auf eine absolute Ordnung, alles geschieht dort, wie und wo es sein müsste.
In der Sure 7:156 sagt Gott: „Ich treffe mit meiner Strafe, wen ich will; doch Meine
Barmherzigkeit umfasst alle Dinge...“. Im Islam hat Gott 99 Namen, die Seine Attribute

22
(Eigenschaften) aufzeigen: der Beschützer, der Barmherzige, der Gerechte. Er ist der
Frieden, der Verzeihende, der Versorger, der Großzügige, der Gütige, der die Reue
annehmende, der Absolute Richter usw. …
Er ist auch der Allwissende Gott, es gibt nichts, was Er nicht kennt oder weiß, selbst
das Fallen eines Blattes geschieht mit Seinem Wissen. Gott bleibt im Verborgenen,
auch wenn Er uns näher ist als unsere Schlagader.
Gott ist für uns nicht sichtbar, der Prophet Muhammad sagt dazu: „Sein Schleier ist
das Licht - wenn Er ihn heben würde, würde das Licht Seines Angesichts
alles von Seinen Geschöpfen verbrennen, wohin Sein Blick reicht."
Er bedeutet die Absolute Allmacht, auch hinsichtlich in Seiner Entscheidung beim
Letzten Gericht über die Taten des Menschen. Gottes Güte richtet sich auf die
Menschen, die Ihn lieben, an Ihn glauben und das Rechte tun.

In der Bibel offenbart Gott sich selbst, wird Mensch und Bruder des Menschen: Hebr.
2,11: Es stammen ja der Heiligende und die zu Heiligenden alle von einem. Darum
schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen…
Er ist ebenso der Richter: Matthäus 12,36: Ich sage euch aber: Über jedes unnütze
Wort, das die Menschen reden, haben sie Rechenschaft zu geben am Tag des
Gerichtes.
Gott erweist den Menschen nicht nur Liebe oder Erbarmen, sondern er ist selbst
„Liebe“: 1. Joh. 4,8: Wer nicht liebhat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.
Auch für die Muslime ist Gott der Liebende, wie die Sure 3, Vers 31 aussagt: Sprich:
„Wenn ihr Gott liebt, so folgt mir. Lieben wird euch Gott und euch eure Sünden
vergeben; denn Gott ist Allvergebend und Barmherzig“.
Gott ist die Gerechtigkeit. In 15. Mose 32,4 steht: Er ist ein Fels. Seine Werke sind
unsträflich; denn alles, was er tut, das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm;
gerecht und fromm ist er.
Gott als der Vergebende: Matthäus 6,12 ..und vergib uns unsere Schuld…
Gott ist ewig, allwissend, vollkommen, aber er ist auch für die Christen die Wahrheit,
das Leben, das Licht, Attribute, wie Gott sie auch in dem Koran für sich benennt.

5.1. Gottes Barmherzigkeit in Verbindung mit Hoffnung


Wie schon geschrieben: in der Sure 7:156 sagt Gott:“ ... Ich treffe mit meiner Strafe,
wen ich will; doch Meine Barmherzigkeit umfasst alle Dinge...“.
Gott verlangt von Sich selber barmherzig zu sein. Es ein Schwur, Barmherzigkeit mit
allen Dingen, auch mit dem Menschen, zu üben.
Der Koran-Kommentator Yusuf Ali sagt, dass Gottes Barmherzigkeit in allen Dingen
und für alle Dinge ist. Die gesamte Natur, geschaffen durch Gott, verfolgt eine
gemeinsame Zielsetzung zum Wohl all seiner Geschöpfe. Unsere Fähigkeiten und
Verständnismöglichkeiten sind alles Beispiele für Seine Gnade und Barmherzigkeit,
Seine Barmherzigkeit ist allumfassend und überall anwesend, während Seine
Gerechtigkeit und Strafe denen vorbehalten ist, die gegen Seinen Plan handeln.
23
In vielen Stellen des Korans sagt uns Gott, dass Er barmherzig mit den Gläubigen ist.
So beginnt auch jede Sure „Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen“, nur
nicht bei Sure 9.
Zur Barmherzigkeit Gottes gehört, dass Er uns verzeiht, beschützt, geduldig und
gütig ist. In Seiner Barmherzigkeit hilft Er uns, versorgt uns und leitet uns, aber Er
prüft uns auch. Es kommt nur auf uns an, ob wir auch von Ihm beschützt, geleitet,
versorgt werden wollen, ob wir uns nach Seinen Gesetzen richten wollen und Ihm
auch letztlich danken.
In guten Zeiten vergisst man schnell, wem man das alles zu verdanken hat. Man sagt
auch nicht „danke“. Wenn es einem aber dann schlecht ergeht, zum Beispiel keine
Arbeit findet oder krank ist, dann erinnert man sich an Gott mit der Hoffnung auf Seine
Vergebung. Die Muslime wissen nichts über ihr Schicksal, aber sie hoffen auf Gutes,
auf das Paradies. Wenn sie Schlechtes getan haben, ist die Hoffnung auf Vergebung.
Bei Krankheiten hoffen wir auf Gottes Hilfe zur Gesundung. Und auch wenn wir
wissen, dass die Medikamente, der Arzt uns hilft, so ist doch alles von Gott
gekommen, von Ihm so gewollt.
Islam heißt, sein Leben nach Gottes Geboten und Verboten zu richten, so zu leben,
als wenn Gott dich sieht, auch wenn du selber Ihn nicht siehst. Dabei ist immer die
Hoffnung, dass die Waagschale beim Jüngsten Gericht für den Gläubigen spricht. Und
letztendlich zählen alle guten Taten nicht, außer dass Gott mit uns barmherzig ist, aber
die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit zählt. Gott sagte den Menschen durch seinen
Gesandten Muhammad: „O Mensch, wenn auch deine Missetaten bis zu den
Wolken des Himmels reichten, und du Mich um Vergebung bittest, so
vergebe ich dir.“ Das ist ein Hadith Kudsi, das heißt, eine Anweisung direkt von
Gott kommend an Muhammad, die aber nicht Teil der koranischen Offenbarung ist;
aufgeschrieben vom Hadithgelehrten Thirmisi.
Es wird berichtet, dass der Prophet Muhammad gesagt hatte: “O Junge, ich bringe
dir einige Worte bei: Bewahre Allah, dann bewahrt Er dich, bewahre Allah,
dann findest du Ihn bei dir. Lerne Allah in leichten Zeiten kennen, dann
kennt Er dich in schweren Zeiten. Und wenn du um etwas bitten willst, dann
bitte Allah. Und wenn du bei jemandem Zuflucht suchen willst, dann suche
Zuflucht bei Allah...”
Aber nicht nur Gott ist barmherzig, auch wir Menschen sollten miteinander barmherzig
umgehen. In einem Hadith - das sind Aufzeichnungen über die Taten und Aussprüche
des Propheten, seine Anweisungen, seine praktische Haltung bei der Anwendung
bestimmter Richtlinien - steht, was der Prophet Muhammad einmal gesagt hat: „Ihr
werdet das Paradies nicht betreten, bevor ihr nicht barmherzig handelt.“
Seine Anhänger sagten: „Wir sind doch alle barmherzig.“ Er sagte: „Es ist
nicht (nur) die Barmherzigkeit unter Euresgleichen, sondern die

24
Barmherzigkeit gegenüber allen (Menschen); er wiederholte: die
Barmherzigkeit gegenüber allen.“

6. Jesus

Im Koran wird vom Prophet Jesus als „das Wort Gottes“ und als „der Messias“
berichtet. Aber gerade in der Beziehung zu Jesus gibt es die größten Unterschiede in
beiden Religionen.
Kolosser 1,15-18: Er ist das Bild Gottes, Erstgeborener aller Schöpfung; er ist der
Anfang der Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen, was im Himmel ist und auf
Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, ob Throne oder Herrschaften, oder
Mächte und Gewalten, alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen, er ist vor allem,
und alles hat durch ihn Bestand. Er ist das Haupt des Leibes der Kirche. Er ist der
Anfang, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe.
Die Lehre von der Menschwerdung und der Göttlichkeit Jesu Christi ist das Wichtigste
der christlichen Botschaft, ihr Herzstück.5

Der Name „Christus“ bedeutet bei den Christen „der mit dem Heiligen Geist Gesalbte“.
Am Ende der Tage wird der Gesalbte wiederkehren, um die Lebenden und Toten zu
richten.
Wer war Jesus?
Das Neue Testament beschreibt Jesus als eine menschliche wie auch eine göttliche
Person. 1.Thimotheus 2,5: Denn nur einen Gott gibt es und einen Mittler zwischen Gott
und den Menschen, den Menschen Christus Jesus, der sich selbst hingab als
Lösepreis für alle, das Zeugnis zur rechten Zeit. Hier kommt ganz klar zum Ausdruck,
dass Jesus nur ein Mensch war, ein menschlicher Mittler zwischen Gott und dem
Menschen.
Selbst in den Evangelien betreffs Jesus gibt es aber beträchtliche Unterschiede.
Die Matthäus-und Lukas-Evangelien berichten, dass Jesus ohne leiblichen Vater
geboren wurde, beide geben für ihn einen väterlichen Stammbaum aus und
behaupten, Josef wäre sein Vater, aber beide Stammbäume stimmen nicht überein. Bei
Matthäus stammt Josef von Salomo, Davids Sohn ab und die Genealogie geht auf
Abraham zurück und bei Lukas heißt der Vater Eli und stammt von Nathan, einem
anderen Sohn Davids ab und die Genealogie geht sogar zurück bis auf Adam. Beide
hatten unterschiedliche Motive: im Matthäus-Evangelium sollte nachgewiesen werden,
dass Jesus der von den Juden so heiß erwartete davidische Messias sei und im
Lukas- Evangelium ging es um den Beweis,
dass Jesus der Erlöser für alle Völker der Erde ist, darum wird die Genealogie bis auf
Adam, dem Urvater aller Menschen zurückgeführt. Auch die Geschichte über die
Geburt Jesus findet sich nur in beiden Evangelien wieder, jeweils in einer anderen

5 Robinson. John A.T. Gott ist anders S.78 Chr. Kaiser Verlag München ,1963
25
Version. Nach dem Matthäus-Evangelium wurde Jesus während der Herrschaft
Herodes geboren, der ihn sogleich verfolgen ließ, aber Herodes starb bereits im Jahre
4 vor Christi Geburt. Im Lukas-Evangelium ziehen Maria und Josef von Galiläa nach
Bethlehem wegen einer Zählung, wo auch Jesus geboren wurde. Aber die Zählung
fand erwiesenermaßen im Jahre 6 nach Christi Geburt in Judäa und Samaria statt,
nicht aber in Galiläa, wo damals Josef gelebt hatte. 6

Auch sehr unterschiedlich werden die Wunder von Jesus bewertet wie auch der
eigentliche Sendeauftrag. Nach dem Johannes-Evangelium kam Jesus in die Welt mit
dem Auftrag zu richten. Joh. 9,39: Und Jesus sprach. „Zum Gericht bin ich in diese
Welt gekommen, damit die Nichtsehenden sehen und die Sehenden blind werden.“
Aber an einer anderen Stelle steht auch: Joh. 12,47: „Wenn einer meine Worte hört
und nicht bewahrt, den richte ich nicht, denn ich bin nicht gekommen, die Welt zu
richten, sondern die Welt zu retten.“ Hier wird Jesus nicht zum Richter, sondern zum
Retter des Menschen.
Im Matthäus-Evangelium 9,6 steht einmal: „Damit ihr aber wisst, dass der
Menschensohn Vollmachten hat, auf Erde die Sünden zu vergeben.“
Also liegt es an ihm zu vergeben, aber im Kap. 23, 34 steht wiederum: „Vater vergib
ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Wer vergibt denn nun?
John Wren-Lewis beschreibt die religiösen Vorstellungen einfacher Menschen: Jesus -
in Wirklichkeit der Allmächtige Gott- wandelte auf Erden, in einem Menschen
verkleidet. Jesus war nicht Mensch, gezeugt und geboren, sondern er war Gott, der
aussah wie ein Mensch, redete wie ein Mensch und fühlte wie ein Mensch, aber
darunter war er Gott. Jesus war in Wirklichkeit keiner von ihnen, sondern durch das
Wunder der Jungfrauengeburt wollte Gott als Jesus in diese Welt hineingeboren
werden, als ob er einer von ihnen wäre.7

In der späteren Praxis und Lehre herrscht die übernatürliche Auffassung vor, die aber
nicht von den Evangelien abstammte. Man meint, dass Jesus wirklicher Gott war und
deshalb sind die Begriffe "Gott" und Jesus" austauschbar. Das ist doch nicht biblisch!
Kein Wort davon steht im Alten Testament.
Das Neue Testament besagt, dass Jesus das Wort Gottes war, dass Gott in Jesus war
und dass er der Sohn Gottes ist. Aber das bedeutet nicht, dass Jesus Gott war. Im
Johannes-Evangelium steht über Jesus in griechischer Sprache: „kai theos en ho
logo". Luthers Übersetzung der Bibel besagt darüber: „Und Gott war das Wort". Das
klingt, als ob „Jesus" und „Gott" identische und austauschbare Wörter seien. Aber

6 N. A. Salamah: Das Paulinische Christentum, S.125

7 Gott ist anders, S. 72,73


26
wenn das so übersetzt wurde, dann müsste das Wort „Gott" im Griechischen mit einem
Artikel versehen sein, es müsste heißen: „ho theos“ und nicht nur „theos.“ 8

Im Matthäus-Evangelium 19,19 sagt Jesus. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst.“ Auch Muhammad predigte seinen Mitstreitern stets, den Nachbarn zu ehren,
egal zu welcher Profession er gehöre. Zwei Propheten - das gleiche Bemühen um den
Menschen, geleitet von Gott!
Johannes beschrieb das Folgende: Als aber bereits die Mitte des Festes gekommen
war, ging Jesus in den Tempel hinauf und lehrte. Die Juden nun verwunderten sich und
sagten: „Wieso kennt dieser die Schriften, da er doch ein Ungelehrter ist?“ Da
antwortete ihnen Jesus und sprach: „Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der
mich gesandt hat; wenn jemand seinen Willen tun will, wird er erkennen, ob die Lehre
aus Gott ist, oder ob ich von mir aus rede. Wer von sich aus redet, sucht seine eigne
Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und
Ungerechtigkeit ist nicht in ihm.“ Mit diesen Worten wird ersichtlich, dass Jesus den
Juden von seiner Sendung als Prophet erzählt hatte. Aber sie glaubten ihm nicht, wie
die Geschichte es zeigt. Sie glaubten nicht an seine Prophetenschaft, vielleicht weil er
keiner von ihnen, den Gelehrten war, weil er gegen ihren Kult Stellung bezog und sie
an ihre Frevel erinnerte? Die Geschichten aller Propheten bis Jesus gleichen sich,
man will nicht wahrhaben und von seinen Irrtümern und Schlechtigkeiten nicht
abrücken. Sie wurden verhöhnt, verfolgt, getötet. Auch den Propheten Muhammad
wollte man töten, aber mit Hilfe Gottes konnte sich seine Sendung, der Islam, entfalten
und seine Widersacher hinwegfegen.
In seinen Predigten sagte Jesus Grundsätze, die auch im Koran Grundsätze sind und
auch Grundsätze aller vorherigen Propheten waren, er sagte zum Beispiel:. “Ihr sollt
euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und
wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie
weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn
wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.” Das bedeutet: hänge dein Herz nicht zu
sehr an das Diesseits, sondern strebe mit dem, was du im Diesseits bewirkst, dem
Jenseits zu. Richte dein Herz Gott zu, nicht dem irdischen Geld, Gut oder Macht als
Vergöttlichung. Gott hat uns die Erde gegeben, um auf ihr für eine gewisse Zeit darauf
zu leben und das Leben darauf auch zu genießen. Aber Gott sagt uns immer wieder,
dass das Jenseits besser ist als das Diesseits. Sehen wir unsere Zeit auf der Erde als
eine Etappe zu unserem ewigen Leben.

Ich bin der Meinung, wenn Jesus von sich aus spricht als den Sohn Gottes, sollte man
das nicht so wortwörtlich nehmen. Denn schon in früheren Schriften werden die
Propheten als Gott oder Gottessohn angeredet. Oder wenn Jesus Gott mit Vater

8 Gott ist anders J. A. T. Robinson S.77


27
anspricht, ist es nicht Tradition, jeden Priester mit Vater anzureden? Selbst Jesus
spricht zu seinen Jüngern und Brüdern über Gott als ihren Vater.
Im 2.Buch Mose 4,16 sagt Gott zu Mose über Aaron: „Und er soll für dich zum Volk
reden; er soll dein Mund sein und du sollst für ihn Gott sein.“ Mit Sicherheit wird Gott
sich keinen Partner suchen. Es ist nur eine Formulierung, die nicht wörtlich genommen
werden kann.
Im Psalm 89, 27-28 heißt es über David: „Er wird mich nennen: Du bist mein Vater,
mein Gott und Hort, der mir hilft. Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen,
zum Höchsten unter den Königen auf Erden.“
Noch ein Beweis, dass man im allgemeinen Gebrauch Gott als Vater anspricht: Jesaja
64,7: „Aber nun Herr, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und
wir alle sind deiner Hände Werk.“
Also ist es unsinnig, Jesus als den leiblichen Sohn Gottes anzusehen, sogar die
Evangelisten bezeichnen ihn öfter als „des Menschen Sohn“.
Selbst Matthäus 6,24 mahnt: „Niemand kann zwei Herren dienen.“
Jesus hat stets sein Menschsein und sein Prophetentum gelehrt, nicht aber seine
Göttlichkeit: In Johannes 5,30 sagt er: „Ich kann nichts von mir selber tun. Wie ich
höre, so richte ich, und mein Gericht ist recht, denn ich suche nicht meinen Willen,
sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“

Kritische Forscher der Bibel stellen immer wieder fest, dass Jesus in seinen Predigten
nicht die Dreieinigkeit gefordert hat, und es gibt keine Spur, dass im Namen der
Dreieinigkeit irgendetwas legitimiert werden kann.
Ganz deutlich steht im Galaterbrief 1,9, wie man darauf zu reagieren hat: Wenn
jemand euch ein anderes Evangelium predigt als das, welches ihr empfangen habt, so
sei er verflucht. Das ist ganz hart ausgedrückt.

Viele Kirchenmänner sind heute der Ansicht, dass der Glaube, Jesus sei am Kreuz
gestorben und Gott habe Seinen „Sohn“ zum Heil der sündigen Menschen geopfert,
infrage gestellt werden muss. Der Kreuzestod ist eine schmachvolle Sterbensart. In
Mose 21,22-23 steht die Anweisung: „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des
Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein
Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage
begraben, denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott…!
Gott wird doch nicht seine Propheten aussuchen, die eines Tages von ihm verflucht
werden! Also kann die Sache mit der Kreuzigung von Jesus nicht stimmen.
Und wenn sogar einige Kirchenmänner den Kreuzestod infrage stellen, so ist das ein
großer und schwerer Schlag gegen die Grundpfeiler der Kirche, gegen ihr Herzstück.

Im Koran, Sure 5 ab 116 heißt es: Es fragt Gott den Jesus, Sohn der Maria: "Hast du
zu den Menschen gesagt: ‚ Nehmt mich und meine Mutter als zwei Götter neben Gott?"

28
Das heißt, hier wird gefragt, ob Jesus sich und seine Mutter auf gleicher Stufe mit
seinem Gott stellen möchte.
Jesus antwortete: „Gepriesen seist Du. Nie könnte ich das sagen, wozu ich kein Recht
hatte. Hätte ich es gesagt, würdest du es sicherlich wissen. Du weißt, was in meiner
Seele ist, ich aber weiß nicht, was Du in Dir hegst. Du allein bist der Wisser des
Verborgenen. Nichts anderes sprach ich zu ihnen als das, was Du mich geheißen hast:
‚Betet Gott an, meinen Herrn und euren Herrn."
Hier steht klipp und klar: niemals hat sich Jesus auf die gleiche Stufe gestellt mit
seinem Gott, er sieht sich nur als einen Menschen, der seinen Gott als seinen Herrn
anbetet, so wie er die anderen Menschen darin auffordert, es ihm gleich zu tun. Jesus
sieht sich nicht als einen Gott neben Gott.

Der Koran bestätigt die Besonderheiten Jesus, seine hervorragende Stellung. Die
Sure 5: 46 sagt über ihn: "Und Wir ließen Jesus, den Sohn der Maria, folgen; zur
Bestätigung dessen, was vor ihm in der Thora war; und Wir gaben ihm das
Evangelium, worin Rechtleitung und Licht war, zur Bestätigung dessen, was vor ihm in
der Thora war und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen."
Die Sure 10:94 spricht Muhammad an: „Und falls du im Zweifel über das bist, was Wir
zu dir niedersandten, so frage nur diejenigen, die vor dir die Schrift gelesen haben."
Gemeint sind hier die Christen und Juden mit ihrer Bibel, die der Prophet Muhammad
zu befragen hat.

Gemeinsamkeiten über Jesus in der Bibel und Koran

Muslime und Christen glauben, dass Jesus von Gott gesandt wurde zum Volke der
Israeliten. Sie glauben, dass er das Evangelium erhalten und verkündet hat. Er hatte
keinen irdischen Vater und war frei von Sünden. Jesus vollbrachte mit Hilfe Gottes
Wunder. Er ist in den Himmel gestiegen und wird zum Ende der Welt wieder
erscheinen.

Unterschiede

Jesus ist nach dem Koran nicht der Sohn Gottes und es gibt keine Dreieinige Gottheit.
Für die Christen ist Jesus am Kreuz gestorben für die Sünden der Menschen.
Der Koran besagt, dass er in den Himmel gehoben, nicht gekreuzigt wurde.: Sure
4:156-158: ... und wegen ihrer Behauptung, die sie gegen Maria mit einer enormen
Lüge vorbrachten und wegen ihrer Rede: „Wir haben den Messias, Jesus, den Sohn
Maria, den Gesandten Gotts, getötet“, während sie ihn doch weder erschlagen noch
gekreuzigt hatten, besonders dies wurde ihnen nur vorgetäuscht. Jesus ist deshalb

29
nicht für die Sünden der Menschen gestorben, wie die Bibel es verlautet und ist nicht
auferstanden.
Im Koran wird verdeutlicht, dass er zum Ende der Zeit vom Himmel herabsteigen wird,
um gegen den falschen Gott gemeinsam mit den Muslimen zu kämpfen, um ihn zu
töten. Auch für die Christen wird Jesus am Ende aller Zeit wieder zurückkehren. Aber
für sie
steht die Kernaussage: Jesus starb für ihre Sünden. 1. Kor 15,3: denn ich übergab
euch vor allem, was ich auch empfangen habe; Christus starb für unsere Sünden, den
Schriften gemäß.
Alles andere ordnet sich dem unter. 1.Joh. 2,22 f.: Wer ist ein Lügner, wenn nicht der,
der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den
Sohn leugnet. Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht, wer den Sohn
bekennt, der hat auch den Vater.
Und da es ohne die Hilfe von Jesus keine Erlösung gibt, gibt es für alle Nichtchristen
keine Erlösung.
In der Bibel steht, dass der Mensch von Grund auf böse ist. Nur wenn er Jesus
Erlösung annimmt, kann er sich von der Schuld befreien und Vergebung erlangen. So
steht es in Joh. 1,12: Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes
Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben.

Vergleich: Was sagt der Koran und die Bibel über Jesus Abstammung

Die 3.und 19. Sure erzählen über die Familie von Jesu, von der Geburt seiner Mutter
Maria, deren Jugend und der Verkündung ihrer wunderbaren Mutterschaft. Jesus wird
immer mit „Sohn der Maria“ angesprochen, seine Vorfahren werden über die
mütterliche Linie geführt über Abraham bis Noah, da Jesus eigentlich keinen
natürlichen Vater hatte.
Im Matthäus-und Lukas-Evangelium geht es über die männliche Linie bis zur
Abstammung Abrahams bzw. bis zu Adam. Hatte er doch einen biologischen Vater mit
dem Namen Joseph oder ist er Gottes Sohn nach den Evangelien?9

6.1. Maria, Mutter des Jesus

Es mag verwundern, dass außer den Berichten von der wunderbaren Geburt Jesus im
Neuen Testament Maria kaum erwähnt wird, in den Briefen wird sie gar nicht und in der
Apostelgeschichte nur sehr wenig genannt. Nur in den ersten Kapiteln der Matthäus-
und Lukas-Evangelien wird über sie erzählt, aber eher in der Absicht der Verkündung
Jesus Christi.
In dem Evangelium von Johannes wird sie Zeuge der Kreuzigung Jesus. Die wenigen
Worte, die beide tauschen, zeugen von einer distanzierten Haltung Jesus ihr

9 N. A. Salmah. Das Paulinische Christentum. S.125

30
gegenüber. „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“ Selbst am Kreuz spricht er sie
nicht als Mutter an, sondern „Weib“.
Im Koran gibt es 28 Stellen, in denen Jesus genannt wird, davon geben 17 Auskunft
über seine Mutter während in der Bibel Maria nur einmal als seine Mutter genannt
wird. Für die Bibel gilt Jesus nur als den Sohn Gottes, als Teil der Dreifaltigkeit, da ist
wohl eine leibliche menschliche Mutter völlig unwichtig.

Maria wuchs im Tempel von Jerusalem auf. Sie wird dort von einem Engel besucht, der
ihr ankündigt, ohne ihren Verlobten beizuwohnen, den von den Juden als den
erwarteten Messias zu gebären.
Selbst selig zu sein, ließ Jesus für seine Mutter nicht gelten. In Lukas11,27/28 steht zu
lesen: Und während er dies redete, geschah es, da erhob eine Frau aus dem Volk ihre
Stimme und sagte zu ihm: „Selig der Leib, der dich getragen, und die Brüste, die dich
genährt haben.“ Er aber sprach: „Ja doch selig, die das Wort Gottes hören und es
bewahren.“ Aber gerade sie war dafür das beste Beispiel.
Maria war für die Evangelisten nur ein Mensch, an der Dreifaltigkeit hatte sie keinen
Anteil. Im Mittelalter bis heute wird sie aber als Gottesmutter angebetet, steht im Rang
einer Göttin. Wird ihre Gottesdemut, mit der sie sich in Gottes Plan fügt und ihr Glaube
später zum Grundmotiv für ihre Verehrung als Gottesmutter? Maria als Göttin!?

Im Koran finden wir ihren Namen als den einzigen einer Frau. Sie wird von allen
Muslimen hoch geachtet und geehrt. Ihr Sohn wird mit ihren Namen geführt: Jesus,
der Sohn Marias. Unter den islamischen Gelehrten herrscht Übereinstimmung
darüber, dass Imran, der Vater von Maria (a.s.), ein Nachfahre von David war.
Sure 3:42: Und damals sprachen die Engel: „O Maria, siehe, Gott hat dich auserwählt
und gereinigt und erwählt vor den Frauen der Welt.“ Sie ist die würdigste Frau aller
Frauen.
Jesus, ihr noch ungeborener Sohn wird als das Wort Gottes verkündet. Sure 3:45-46:
„O Maria, siehe, Gott verkündet dir ein Wort von Ihm, sein Name ist der Messias,
Jesus, der Sohn Maria, angesehen im Diesseits und im Jenseits, und einer von denen,
die Gott nahestehen.

7. Muhammad

Im 5.Buch Mose 18,18-19 wird ein Prophet angekündigt: „Ich will ihnen einen
Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund
geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde. Doch wer meine
Worte nicht hören wird, die er in meinem Namen redet, von dem will ich es fordern.“
Was bedeutet das: aus ihren Brüdern! Das kann nicht aus dem Hause Israels sein,
sondern die Brüder der Israeliten, die Nachkommenschaft von Ismael, denn sie sind
Brüder. Abraham hatte zwei Söhne, der Erstgeborene Ismael und dann Isaak. Von
Isaak stammen alle Propheten nach ihm bis zu Jesus ab, der Prophet Muhammad geht

31
auf Ismail ab, der sich im Tal von Mekka niederließ und dort gemeinsam mit seinem
Vater Abraham (Ibrahim) das Heiligtum, die Kaaba erbaute. Beide Brüder sind die
Stammväter beider Religionen. Also sind die Abkömmlinge von Ismail die Brüder der
Israeliten, der Abkömmlinge von Isaak. Und schon Mose sagt das Kommen des
Propheten Muhammad voraus. Er soll reden, was ihm von Gott befohlen wird mit
Worten, die er im Namen Gottes spricht: Die ersten Worte, die Muhammad übermittelt
wurden durch den Engel Gabriel waren: „Lies, lies im Namen deines Herrn!
Es soll ein Prophet sein wie Mose selber einer war. Jesus und die Propheten vor ihm
folgten den Gesetzen von Mose, doch sagte er selber in Matthäus 5,17 …“Ich bin nicht
gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Jesus hatte mit seiner Sendung alle
vorhergehenden nur bestätigt. Also muss damit Mohammad gemeint sein, denn er
brachte ein endgültiges, auf die vorherigen aufbauendes Gesetz wie Mose zuvor.
Aber auch Jesus sagte den Propheten Muhammad voraus, in Johannes 15,26-27
steht: „Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen ich euch senden werde vom
Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir. Und
auch ihr werdet meine Zeugen sein, denn ihr seid von Anfang bei mir gewesen.“

So wie viele Christen ihren Jesus lieben, so liebt eigentlich jeder Muslim seinen
Muhammad, aber es ist eine ganz andere Liebe. Für uns ist er der beste Freund,
Kamerad, Führer aus dem Dunklen ins Helle. Er ist uns wie ein Vater, dem man sich
anvertrauen kann, der uns liebt und er ist Gottes Liebling. Er sagte: „Wer mich liebt,
der liebt Gott“. Wir lieben und ehren ihn, aber wir beten ihn nicht an.
Muhammad ist der letzte in der langen Reihe der Propheten Gottes, begonnen mit
Adam und beendet mit Muhammad.
Er wurde von Jesus angekündigt. Auch die Juden erwarteten einen neuen Propheten
und waren sehr enttäuscht, als der neue Prophet nicht zu ihnen mit einer neuen
Botschaft kam, nicht ihren Reihen entstammte. Darum stritten sie ab, dass er ein
Prophet Gottes war und bekämpften ihn.
Die jüdischen Propheten predigten Auge um Auge, Zahn um Zahn, wenn zum Beispiel
jemand ermordet wurde. Jesus predigte: wenn jemand dich auf die eine Backe schlägt,
dann halte die andere hin: er predigte die Liebe untereinander. Muhammad sagte,
gleiches gegen gleichem, aber wenn du ein guter Muslim bist, dann sei barmherzig
und verzeihe! Er wurde zur Barmherzigkeit für uns alle, für die ganze Menschheit
gesandt.

Die Lebensgeschichte Muhammads ist sehr bekannt, einmal aus den Hadithen, das
sind seine von seinen Freunden und Zeitgenossen gesammelten und später
aufgeschriebenen Aussprüche und Handlungen. Auch wurde jede seiner Bewegung,
alles was er tat mit dem Blickwinkel anderer weiter gegeben. Ebenso sagt der Koran
über ihn aus. Bald nach seinem Tode begann man seine Biografie, man sagt dazu
auch „Sira“ zu schreiben.

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Hier ganz kurz einige Daten: Muhammad wurde im Jahre 569 in Mekka geboren, seine
Vorfahren gehörten zum herrschenden Stamm der Quraish. Er war schon als Kleinkind
Vollwaise, wuchs bei seinem Großvater und später bei seinem Onkel Abu Talib auf. Er
hütete die Schafe und zog später mit Handelskarawanen durch das Land. Mit 25
Jahren heiratete er die ältere Kaufmannsfrau Chadidscha. Sie gebar ihm vier Töchter
und zwei Jungen, die Jungen starben aber schon im Kindesalter. Die Ehe war sehr
glücklich.
Noch vor seinem vierzigsten Lebensjahr zog sich Muhammad immer öfter zu
Meditationen in die Höhle Hira, die sich in der Nähe von Mekka befindet zurück. Dort
erhielt er im Monat Ramadan seine erste Offenbarung, übermittelt durch Dschibril, die
ihn sehr erschütterten. Lies! war das erste Wort. Die folgenden Worte riefen ihn auf,
die Menschen zu einem reinen Glauben wachzurütteln. Sure 96:1-5: „Lies im Namen
deines Herrn, Der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem Anhängsel. Lies; denn
Dein Herr ist Allgütig. Der mit dem Stift lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste.“
Die Mekkaner wie auch die meisten anderen Araber verehrten noch eine Vielzahl von
Gottheiten, deren Bilder und Statuen sich teilweise auch in der Kaaba, dem Heiligtum
vieler Araber befanden. Durch Wallfahrten zur Kaaba und zu Märkten kamen viele
Araber nach Mekka, die Stadt wurde reich durch die vielen Pilger und Kaufleute.
Anfangs, nur für eine kleine Schar von Anhängern, predigte Muhammad von dem
Einen Gott als Schöpfer und Richter, vom Jüngsten Tag, von der Auferstehung.
Die Mekkaner waren diesseits orientiert, glaubten nicht an ein Jenseits, an die
Auferstehung, auch wenn sie in der Natur ihre immerwährende Erneuerung sahen. Mit
der Zeit wuchsen die Spannungen zwischen den Muslimen und den an die Vielgötterei
glaubenden Mekkanern immer stärker, bis eine kleine Gruppe von Anhängern
Muhammads nach Äthiopien auswanderte. Schließlich wurden die Quälereien für die
Muslime so stark, dass die meisten von ihnen nach Yathrib, das spätere Medina
gingen. Auch Muhammad, der mit dem Tode bedroht war, wanderte heimlich dorthin,
die Medinenser hatten ihm Schutz geschworen. Der Zeitpunkt dieser Auswanderung
(622), auch Hidschra genannt, wurde zum Beginn der islamischen Zeitrechnung.
In Medina wurde die erste Charta, eine Verfassung mit allen Bewohnern, ob es
Muslime, Polytheisten oder Juden waren beschlossen. Darin war verankert:
gegenseitige Hilfe und Beistand bei Auseinandersetzungen, Recht und Ordnung für
alle Einwohner Medinas, auch stammesübergreifend, Recht auf Sozialhilfe, guter
Umgang miteinander. Das heißt: es entstand die erste einheitliche islamische
Gemeinde (Ummah genannt), der erste islamische Staat. Aufgrund dieser Verfassung
konnten die Juden später bekämpft werden, weil sie diese gebrochen, nicht
eingehalten hatten und nicht weil sie Juden waren.
Dieser erste islamische Staat, dessen Gesellschaftsordnung auf den von Gott
festgesetzten Regeln und Gesetzen im Koran und den Aussagen des Propheten
Muhammad beruhte, war einzigartig in der Geschichte, da er auf zwei Prinzipien
beruhte, die man sonst nur in nichtreligiösen Staaten findet:
1. Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz

33
2. Gewährung von Religionsfreiheit und freier Religionsausübung.
Dies wurde durch Gewährung von Rechtsautonomie für Andersgläubige im religiösen
Bereich erreicht. Damit war ein Grundprinzip dieses Staates, welches auch in
vorbildlicher Weise umgesetzt wurde, die Unantastbarkeit der menschlichen Würde
und Meinungsfreiheit. 10

Es gab einige Schlachten mit den Mekkanern, der erste siegreiche Kampf bei Badr im
Jahr 624 war von entscheidender Bedeutung, denn nur wenige Muslime hatten gegen
eine große Armee gewonnen. Gott sagte durch eine herab gesandte Offenbarung
über den Sieg in Sure 8: 17. „Nicht ihr habt sie erschlagen, sondern Gott erschlug sie.
Und nicht du hast geschossen, sondern Gott gab den Schuss ab; und prüfen wollte Er
die Gläubigen mit einer schönen Prüfung von Ihm. Wahrlich, Gott ist Allhörend,
Allwissend.“
Geprüft hat Gott den neuen Staat mit anderen Schlachten, die nicht so gut ausgingen.
Aber immer mehr Araber stießen zu Muhammad und nahmen den Islam an. Der
Grabenkrieg brachte die Wende. 10000 Kämpfer aus Mekka und einigen
Beduinenstämmen zogen gegen Medina, Drahtzieher waren die Juden des aus
Medina vertriebenen Stammes Banu Nadir. Heimlich forderten sie den Anführer des
jüdischen Stammes Banu Quraza von Medina auf, mit ihnen gegen die Muslime zu
kämpfen, den Vertrag mit ihnen zu brechen. Angeregt durch den Perser Salman
gruben die Muslime einen Graben um die Stadt und durch geschicktes Täuschen
wurden die Juden des Banu Quraiza verunsichert und griffen nicht in die
Kampfhandlungen ein. 30 Tage dauerte der Kampf, auch gab es keine einheitliche
Führung. Schließlich zogen die Angreifer fluchtartig ab, als ein großer Sturm sie
überraschte und durcheinander wirbelte.
Im Jahre 8 nach der Auswanderung Muhammads wurde ein Vertrag mit Mekka
beschlossen, der aber bald darauf durch kleine Scharmützel vonseiten Mekkas
gebrochen wurde. Mit 10000 Kämpfern stand dann das muslimische Heer vor Mekka,
kampflos zogen sie in die Stadt ein. Muhammad hatte die Order an die Mekkaner
gegeben: wer nicht kämpft und zu Hause bleibt, ist sicher.
Es war ein Sieg ohne Bedingungen. Nach 21 Jahren der Unterdrückung des Islam in
Mekka verzeiht Muhammad allen, die ihn vorher bekämpft hatten, gibt ihnen die
Freiheit. Die Reaktion dieser Barmherzigkeit war, dass immer mehr Mekkaner und
Mitglieder anderer Stämme freiwillig in den Islam eintraten und das
Glaubensbekenntnis vor Muhammad ablegten: „Ich bezeuge, dass kein Gottheit da
ist außer Gott und ich bezeuge, dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist“.

Man kann Muhammad nicht mit Jesus vergleichen. Muhammad hatte nie von sich
behauptet, über irgendwelche übernatürlichen Fähigkeiten zu verfügen oder Wunder
zu vollbringen. Gott hat ihn immer wieder daran erinnert, dass er nur ein Mensch ist,
von Gott als Sein Botschafter zu allen Menschen gesandt. Sure 41:6 sagt darüber: „

10 Islamische Geshichte – eine analytische Einführung. Samir Mourad. S.408


34
Sprich. Ich bin nur ein Mensch wie ihr; geoffenbart ward mir, dass euer Gott ein
einziger Gott ist.“
Er betonte immer wieder, nur ein Warner für die Menschen zu sein, auch er wüsste
nicht den Zeitpunkt der Stunde des Gerichts. Er forderte die Menschen immer von
Neuem auf, im Einklang mit Gott zu leben, weder zu sehr an die diesseitige Welt zu
denken, noch sich zu sehr mit dem Jenseits zu beschäftigen. Die Wichtigkeit irdischen
Handelns kommt in seinen Worten zum Ausdruck: „Diese Welt ist das Saatfeld für
das Jenseits. Jede Handlung, ob gut oder schlecht, wird in der nächsten Welt
ihre Früchte tragen.“
Dennoch nimmt er eine besondere Rolle ein, die Sure 21:107 weist ihn als die
„Barmherzigkeit für die Welten“ aus. „Und wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit
für alle Welten“.
Der Koran nennt Muhammad „das schöne Beispiel“. Als einmal seine Frau Aischa
nach seinem Charakter gefragt wurde, sagte sie: „Sein Charakter war der Koran – ihm
gefiel, was dem Koran gefiel, und er zürnte, wo der Koran zürnte“. Sein Leben war
beispielhaft, was der Koran auch ausdrückte.
Der Koran und die Sunna – das ist die vorbildliche Lebensweise des Propheten
Muhammad, sie wird als Hadith überliefert - bilden zusammen die Richtschnur und
Quellen der islamischen Glaubenslehre.
Alles, was der Prophet getan oder gesagt hatte, wurde überliefert von seinen
Gefährten als Hadithe- arabisch Bericht - von einer Generation zur nächsten weiter
gegeben. Jede dieser Überlieferungen besteht aus zwei Teilen: die lange
Überliefererkette der Übermittler, mit Hilfe derer sie auf einen Zeugen des Propheten
zurückgeführt wird und als zweites der eigentliche Wortlaut, der unverändert und
verlässlich weitergegeben wurde. Die Kette dient als Stütze für die Authentizität einer
Aussage des Propheten Muhammad, sie muss vollständig und ohne Unterbrechung
sein, die Übermittlerer selbst müssen einen untadeligen Charakter und ein gutes
Erinnerungsvermögen haben, aufgrund dessen die Hadithe fehlerfrei wieder – und
weitergegeben werden können und sie müssen einen direkten Kontakt zu ihren
Lehrern und Schülern gehabt haben, um den genauen Wortlaut zu lernen und weiter
zu übermitteln.
Viele Hadithe wurden gesammelt, mit Kommentaren über die Überlieferer versehen
und als Bücher herausgegeben. Noch heute kennen viele Muslime neben dem Koran
auch die berühmtesten Hadithe auswendig.
Es entwickelte sich daraus die Wissenschaft vom Hadith. Und so wissen wir, wie der
Prophet gelebt hat, was er den Gefährten geraten hat, wie er gelitten hat, selbst wie er
ausgesehen hat und mit seinen Frauen Umgang pflegte.
Den Überlieferungen zufolge war Muhammad sehr gütig zu jedem Mensch, auch wenn
er ein Nichtmuslim war und auch mild zum Tier. Seine Familie war sehr arm, obwohl er
doch mit Reichtum überschüttet werden könnte. Die Mekkaner hatten ihm in den
ersten Jahren seiner Prophetenschaft Reichtum und Ehre angeboten, wenn er von
seinem Glauben abschwöre. Oftmals litt sein Familie Hunger. Er besaß von allen

35
Kleidungsstücken jeweils nur eins, bekam er etwas geschenkt, so schenkte er es bald
an Bedürftigere weiter.
Schon seit seiner Jugend ist er unter den Mekkanern als Al-Amin bekannt, der Treue,
der Zuverlässige. Man konnte ihm wertvolle Sachen anvertrauen, ohne jemals
Befürchtungen zu haben, diese nicht wieder zu bekommen. Selbst als er heimlich
Mekka verlassen musste, beauftragte er seinen Vetter Ali, die bei ihm aufbewahrten
Dinge den Besitzern zurückzugeben.

Wie steht es mit Wundern durch Muhammad?


Die Bibel steckt voller Berichte über zahlreiche Wunder. Doch der Koran selbst
berichtet von keinem einzigen Wunder. Auch Muhammad konnte keine Wunder
vollbringen, alles ist nur durch Gott geschehen. Der Koran verdeutlicht selber, dass
Muhammad nicht imstande war, Wunder zu bewirken und auch Muhammad sagte
stets: „Ich bin nur ein deutlicher Warner.“
Allah macht die Wunder, die die Gesandtschaft eines Propheten bestätigen, immer so,
dass sie klar für das jeweilige Volk erkennbar sind. Bei Moses kannten sich die
Zauberer gut mit Zauberei aus und konnten erkennen, dass die Schlange von Moses
keine Zauberei war. Die Leute zu der Zeit von Jesus kannten sich gut mit Medizin aus
und konnten so erkennen, dass es unmöglich für einen Menschen ist, Tote wieder
zum Leben zu erwecken. Die Araber zur Zeit von Muhammad kannten sich gut in der
arabischen Sprache und Rhetorik aus und konnten erkennen, dass der Koran keine
Dichtkunst sein kann und nicht von einem Menschen stammen kann – und heutzutage,
wo die Menschen recht weit sind in punkto Naturwissenschaften, können sie auch
erkennen, dass das sogenannte wissenschaftliche Wunder des Korans klar aufzeigt,
dass der Koran nicht von einem Menschen stammen kann.11
Der Prophet Muhammad sagte: „Jeder Prophet hat ein Wunder bekommen,
welches die Menschen dazu veranlasste, zu glauben. Das, was ich
bekommen habe, war eine Offenbarung, die Gott mir geoffenbart hat. Ich
hoffe, dass ich derjenige unter ihnen bin, der am meisten Gefolgschaft am
Tag der Auferstehung hat".
Regelmäßig in der Zeit des Ramadan kam Dschibril und verglich Muhammads
Rezitationen des Korans mit dem, was er ihm bis dahin überbracht hatte. So konnte
Muhammad gewiss sein über die Richtigkeit des Wortlautes des Korans. Im letzten
Jahr vor Muhammads Tod wurde die ganze Schrift sogar zweimal verglichen, er starb
im Jahr 632 in Medina.
Noch zu seinen Lebzeiten war die Offenbarung in Schriftform auf verschiedensten
Materialien wie Knochen, Pergament, Häute und alles, was man zum Schreiben
benutzen konnte schon vorhanden. Stets hatte er in seiner Umgebung einige
Schreiber, denen er die gerade herab gesandten Verse niederschreiben ließ. Auch
sorgte er für ihre richtige Anordnung.

11 Islamische Geschichte S.203


36
21 Jahre sind seit der ersten Offenbarung vergangen, als er zum letzten Mal während
seiner einzigen Hadsch am Berg Arafat, ungefähr 25 km von Mekka entfernt, eine
Predigt hielt. Später wurde sie „die Abschiedspredigt“ genannt. In seiner Predigt warnte
er nochmals sehr ausdrücklich die Menschen vor dem Verlassen Gottes Weges und
gab ihnen Richtlinien für ihr Leben im Islam.
Er sagte: „Bedenkt, eines Tages werdet ihr vor Gott erscheinen und nach
euren Taten befragt werden. Also hütet euch, verlasst den Weg der
Rechtschaffenheit nicht, wenn ich von euch gegangen bin.
O ihr Menschen, nach mir wird kein Prophet oder Gesandter mehr kommen,
und es wird kein neuer Glaube mehr geboren werden. Überlegt daher
vernünftig, o ihr Menschen, und versteht die Worte richtig, die ich euch
mitteile. Ich werde nach mir zwei Dinge hinterlassen: den Koran und mein
Beispiel, die Sunna, und wenn ihr diesen folgt, dann werdet ihr nie irregehen
…“
Nachdem der Prophet seine Predigt in der Nähe des Gipfels von Arafat beendet hatte,
kam die letzte Offenbarung, die letzten Worte Gottes:
“…Heute habe ich euch eure Religion vervollkommnet und Meine Gnade an euch
vollendet und euch den Islam zum Glauben erwählt...” (Sure 5:3)

Noch heute wird die Abschiedspredigt des Propheten Muhammad jedem Muslim in
jedem Winkel der Welt mit allen möglichen Mitteln der Verständigung ans Herz gelegt.
Muslime werden darüber in Vorträgen in Moscheen und in Schriften aufgeklärt. Die
Ermahnungen dieser Predigt berühren die wichtigsten Rechte und Pflichten, die Gott
der Menschheit auferlegt hat und die Menschheit miteinander verbindet. Obgleich die
Seele des Propheten diese Welt verlassen hat, leben seine Worte noch immer in
unseren Herzen weiter.

Der ganze Wortlaut dieser Predigt ist im Anhang zu lesen.

Hier möchte ich eine Geschichte einfügen, in der Abu Sufyan, der einst einer der
größten Feinde des Propheten in Mekka war berichtete: „Ich befand mich auf einer
Reise zu jener Zeit, als es zwischen mir und dem Propheten eine gewisse Spannung
gab. Während ich mich im Gebiet Syrien aufhielt, kam ein Bote mit einem Schreiben
vom Propheten, das an den römischen Kaiser Heraklios gerichtet war. Als das
Schreiben des Gesandten Gotts beim Kaiser Heraklios antraf, fragte der Kaiser
Heraklios nachdem er das Schreiben las: ,Gibt es in dieser Gegend jemanden, der zu
den Leuten dieses Mannes (Muhammad) gehört, der ein Prophet zu sein behauptet?‘
Die Leute sagten: ,Ja!‘ Daraufhin wurde ich mit einigen Leuten aus dem Stamm
Quraish gerufen; anschließend traten wir beim Kaiser Heraklios ein. Er ließ uns vor
sich sitzen und sagte zu uns: ,Wer von euch steht in der verwandtschaftlichen Linie

37
diesem Mann, der von sich behauptet, ein Prophet zu sein, am nächsten?‘ Ich sagte:
,Ich!‘ Da ließen sie mich vor ihm sitzen und meine Begleiter hinter mir. Er ließ seinen
Dolmetscher zu sich kommen und sagte zu ihm: ,Sage ihnen, dass ich ihm Fragen über
diesen Mann stellen will, der von sich behauptet, ein Prophet zu sein! Wenn er mir die
Wahrheit nicht sagt, so handelt es sich um eine Lüge!‘ Ich schwöre bei Gott, würden
die Menschen, (die die Ehrlichkeit Muhammads kennen,) mich der Lüge nicht
bezichtigen, so hätte ich bestimmt gelogen. Der Kaiser Heraklios sagte zu seinem
Dolmetscher: ,Frage ihn: Wie ist seine Abstammung unter euch?‘ Ich antwortete: ,Er
(Muhammad) ist unter uns von edler Abstammung‘. Der Kaiser Heraklios fragte: ,War
einer seiner Vorväter ein König?‘ Ich sagte: ,Nein!‘ Der Kaiser Heraklios fragte weiter:
,Habt ihr ihn der Lüge bezichtigt, bevor er das sagte, was er verkündet hat?‘ Ich sagte:
,Nein!‘ Der Kaiser Heraklios fragte: ,Folgt ihm die Elite der Menschen oder folgen ihm
die Schwachen?‘ Ich sagte: ,Ihm folgen doch die Schwachen!‘ Der Kaiser Heraklios
fragte: ,Nimmt deren Zahl zu oder ab?‘ Ich sagte: ,Nein! Sie nimmt doch ständig zu.‘
Der Kaiser Heraklios fragte: ,Trat einer von ihnen von seinem Glauben zurück,
nachdem er diesen angenommen hatte, auf Grund der Unzufriedenheit mit ihm?‘ Ich
sagte: ,Nein!‘ Der Kaiser Heraklios fragte: ,Habt ihr ihn bekämpft oder hat er euch
bekämpft?‘ Ich sagte: ‘Ja’ (beides). Der Kaiser Heraklios fragte: ,Wie war sein Kampf
gegen euch und euer Kampf gegen ihn?‘ Ich sagte: ,Der Kampferfolg war wechselhaft:
wir gewannen eine Runde, und die andere gewann er.‘ Der Kaiser Heraklios fragte:
,Bricht er seine Abmachung mit euch?‘ Ich sagte: ,Nein! Wir wissen aber nicht, was er
zurzeit macht.‘ Ich schwöre bei Gott, dass ich kein Wort mehr hinzufügen konnte als
dieses. Der Kaiser Heraklios fragte: ,Hat jemand vor ihm eine solche Behauptung
gemacht?‘ Ich sagte: ,Nein!‘ Der Kaiser Heraklios fragte: ,Was befiehlt er euch?‘ Ich
sagte zu ihm: ,Er ruft uns dazu auf, nur dem Einzigen Gott zu dienen und Ihm nichts bei
zugesellen, und verbietet uns das anzubeten, was unsere Vorfahren angebetet haben;
er befiehlt uns das Gebet zu verrichten, Zakah zu entrichten, die Keuschheit
(Enthaltsamkeit), das Pflegen der Verwandtschaftsbande, das Erfüllen von gegebenen
Versprechungen und das Aushändigen des Treuhandguts.‘ Nachdem ich dies gesagt
hatte, wandte sich der Kaiser Heraklios seinem Dolmetscher zu und sagte: ,Sage ihm:
Ich habe dich über seine Abstammung unter euch gefragt und du gabst an, dass er
unter euch von edler Abstammung ist. Genauso sind die Gesandten: Diese werden
gewöhnlich aus den edlen Völkern auserwählt. Ich fragte dich auch, ob es unter einen
der Vorväter einen König gab, und du hast dies verneint. Wäre unter seinen Vorvätern
ein König gewesen, so würde ich annehmen, dass er ein Mann wäre, der für die
Rückgewinnung des Königreiches seiner Vorväter kämpfen wolle. Ich fragte dich nach
seinen Anhängern, ob sie die Elite oder die Schwachen sind, und du sagtest, dass ihm
die Schwachen folgen. Diese sind doch stets die Anhänger der Gesandten. Ich fragte
dich, ob ihr ihn der Lüge bezichtigt habt, bevor er sagte, was er behauptete, und du
hast dies verneint. Ich hielt es nicht für möglich, dass er die Lüge vor den Menschen
unterlässt, um eine Lüge gegen Gott zu erdichten. Ich fragte dich, ob jemand von
seinen Anhängern aus seinem Glauben zurücktrat, nachdem er diesen angenommen

38
hatte, weil er mit ihm nicht zufrieden war, und du hast dies auch verneint. Dies ist doch
üblich für den Glauben, wenn er sich mit der Herzensfreude eines Menschen einnistet.
Ich fragte dich, ob die Zahl seiner Anhänger zunimmt oder abnimmt, und du gabst an,
dass diese zunimmt. Dies ist auch der Fall mit dem Glauben; denn dieser nimmt
ständig zu, bis er sein Ziel erreicht. Ich fragte dich ferner, ob ihr ihn bekämpft habt, und
du gabst an, dass der Kampf zwischen euch wechselhaft war, und dass ihr eine Runde
gewonnen habt und die andere er gewann. Dies ist genau der Fall mit den Gesandten:
Sie werden zunächst geprüft; das Endziel aber ist auf ihrer Seite. Ich fragte dich, ob er
seine Abmachung mit euch bricht und du gabst an, dass er dies nicht tue. Es ist
genauso mit den Gesandten: Sie brechen ihre Abmachung nicht. Ich fragte dich, ob
jemand vor ihm eine solche Behauptung machte, und du hast dies verneint. Ich sagte
zu mir: Hätte es vor ihm einen gegeben, der so etwas behauptet hätte, so hätte ich
angenommen, dass er es ihm nachmacht!‘ Der Kaiser Heraklios sagte: ,Wenn das, was
du über ihn sagtest die Wahrheit ist, so ist er ein Prophet. Ich wusste schon zuvor,
dass noch ein Prophet kommt, nahm aber nicht an, dass er von eurer Seite hervorgeht.
Wenn ich wüsste, dass ich ihm Folge leisten könnte, so hätte ich mich gern auf den
langen Weg zu ihm gemacht. Wenn ich mich bei ihm befände, so würde ich seine Füße
waschen. Wahrlich, sein Machtbereich wird den Boden erreichen, den ich hier unter
meinen Füssen habe.‘ Danach ließ er das Schreiben des Gesandten Gotts vorbringen
und verlesen. Da stand folgendes: “Im Namen Gotts, des Allerbarmers, des
Barmherzigen! Dieses Schreiben ist von Muhammad, dem Gesandten Gotts, an
Heraklios, Herrscher des (Ost )römischen Imperiums! Der Friede sei auf demjenigen,
der der Rechtleitung folgt. Sodann: Ich rufe dich auf, den Weg des Islam zu befolgen.
Werde Muslim, so rettest du dich, und wenn du Muslim geworden bist, so wird Gott
deinen Lohn verdoppeln. Wendest du dich aber davon ab, so trägst du die Sünde
doppelt. Sowohl wegen deiner Führerschaft, als auch wegen deiner Untergebenen.”

8. Menschenbild im Islam und im Christentum

Der Mensch steht im Koran wie auch in der Bibel immer in Beziehung zu seinem Gott.
Er ist ein Geschöpf Gottes und Ihm letztlich verantwortlich.
Aber die Kernaussagen beider Religionen sind grundverschieden. Es geht hier um den
Menschen in seiner Beziehung zu Gott, um sein Glauben an Gott und Leitung durch
Gott.
Gott hat den ersten Menschen aus geformter Tonmasse geschaffen und hauchte ihm
dann Seinen Atem ein. Sure 15: 28-29 „Ich bin im Begriff, den Menschen aus Lehm,
aus geformter Tonmasse, zu erschaffen. Wenn ich ihn nun vollkommen geformt und
ihm Meinen Geist eingehaucht habe, dann werft euch vor ihm nieder“.
Vom Propheten Muhammad ist überliefert, dass er sagte: “Allah erschuf Adam von
einer Handvoll Erde, die aus den Bestandteilen der gesamten Erde bestand.
Und so entstanden die Kinder Adams, d.h. die Menschen, entsprechend der

39
verschiedenen Bestandteile der Erde. So gibt es unter den Menschen rote
und weiße und schwarze und welche, deren Hautfarbe dazwischen liegt. Und
so gibt es sehr einfach umgängliche und raue Menschen und welche, deren
Charakter dazwischen liegt. Und so gibt es gute und schlechte Menschen
und welche, die dazwischen liegen.”
Alle Menschen auf der Erde stammen von einem Paar ab und sind deshalb alle gleich
vor Gott, haben den gleichen Anspruch und auch die gleiche Verantwortlichkeit. Sure
4,1: „O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, Der euch erschaffen hat aus einem
einzigen Wesen, und aus ihm erschuf Er seine Gattin, und aus den beiden ließ Er viele
Männer und Frauen entstehen...“
In der Bibel steht im 1.Buch Mose 1,27: Und Gott schuf den Menschen in seinem
Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
Das bedeutet aber nicht, dass nun der Mensch „nach dem Bilde Gottes“ geschaffen
wurde, wie die Bibel es meint. Hat jemand irgendwann einmal Gott ins Antlitz gesehen,
weiß man, wie er aussieht? Kann man sich ihn überhaupt vorstellen? Ich glaube nicht,
denn er ist außerhalb unserer Zeit und Ort. Alles, was man sich vorstellt, ist irrelevant.
Aber die Menschen in ihrer Entwicklung waren schon immer für das Bildliche, sie
brauchten einfach eine Vorstellung, ein Bild, dem Menschen ähnlich.
Gottesebenbildlichkeit ist ein zentraler Aspekt in der jüdisch/christlichen Lehre vom
Menschen. Das eben genannte 1.Buch Mose 1,27 sagt aus, dass die ganze
Menschheit nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde und das Neue Testament fährt
fort: Jakobus 3,9: Durch sie loben wir Gott, den Vater, und durch sie fluchen wir den
Menschen, die nach dem „Bilde Gottes“ gemacht sind. Für die Christen ist Jesus
Christus, der Sohn Gottes, das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, wer ihn sieht, der
sieht den Vater.
Aber das 1.Buch Mose 1,27 sagt nicht aus, dass der Mensch in irgendeiner Weise Gott
ähnlich oder gleich sei. Das hebräische Wort tsèlèm, welches für gewöhnlich mit „Bild“
oder „Ebenbild“ übersetzt wird, bedeutet viel eher „Kultbild“. Und das sind Personen,
die eine Gottheit repräsentieren. Es könnte bedeuten, dass der Mensch das Kultbild
von Gott ist, um Gott auf Erden zu repräsentieren.12
Im 3.Buch Mose 25,1 steht: „Ihr sollt euch keinen Götzen machen noch Bild und sollt
euch keine Säule aufrichten…, dass ihr davor anbetet; denn ich bin Euer Herr, euer
Gott.“
Das bedeutet, es besteht eigentlich in der jüdisch/christlichen Religion ein Verbot,
sich ein Bild von Gott zu machen und es vielleicht sogar anzubeten. Aber andererseits
wird der Mensch, von Gott geschaffen, als Abbild Gottes gesehen, also Ihm ähnlich.
Im Christentum wird heute Jesus als das Ebenbild Gottes angesehen als ein
Gottesbild der Barmherzigkeit, der bedingungslosen Liebe und der
Vergebungsbereitschaft. Jesus ist die Brücke zwischen Gott und Mensch: Joh. 14,6:
Jesus spricht zu ihm:“Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand

12 de.wikipedia.org/wiki/Gottesebenbildlichkeit
40
kommt zum Vater denn durch mich“. Ansonsten ist der Mensch durch die Erbsünde
getrennt von Gott. Versöhnung mit Gott ist nur durch Jesus Erlösungstod möglich: 2.
Kor 5,18: Das alles aber ist aus Gott, der uns mit sich durch Christus versöhnt und uns
den Dienst der Versöhnung übertragen hat.
Die Gottesvorstellungen in der Bibel zeigen sogar Gott in der Gestalt des Menschen,
wie das 2.Buch Samuel 22:9 verdeutlicht: Aus seiner Nase quoll Rauch,
verzehrendesFeuer aus seinem Mund, Kohlenglut flammte vor ihm her.
Gott, wie ihn sich die Christen vorstellen, ist sogar der Ruhe bedürftig, wie zum
Beispiel der 7. Tag der Schöpfung ein Ruhetag für Gott ist. Braucht er wirklich Ruhe,
muss er sich ausruhen von seiner Schöpfung? Ist das ein Bild eines Gottes? Lenkt Gott
nicht unermüdlich unser Geschick? Was wäre, wenn mal an einem Tag nichts
passieren würde oder ein großes Chaos entstehen würde, weil er sich ausruhen muss?
Sollte man sich eher vorstellen, dass der Mensch die guten Eigenschaften von Gott
übernehmen soll, seine Liebe, sein Verzeihen, seine Barmherzigkeit? Sollte der
Mensch nicht Vollkommenheit anzustreben, Freundlichkeit zu seinen Nachbarn, Friede
mit allen? Das wäre für mich nach dem Bilde Gottes zu streben!

Im Koran finden wir nirgends eine Aussage, der Mensch sei geschaffen „nach dem
Bild Gottes". Es gibt keinen Vers, in dem zum Ausdruck kommt, dass der Schöpfer
durch dieses Anhauchen mit Seinem Geist dem Menschen eine besondere Nähe zu
Ihm selber geschaffen hat oder dass es eine besondere persönliche Beziehung
zwischen Gott und Mensch gibt. Sein Wissen ist um uns, nichts entgeht Ihm. Und wenn
Er sagt im Koran, Er habe den Stein bei der Schlacht von Uhud geworfen, dann hat es
ein Engel mit Seinem Befehl getan.

Gott setzt den Mensch als Seinen Stellvertreter (Khalifa) auf Erden ein, der über die
Schöpfung an Stelle von Gott selber herrscht und sie pflegt, obwohl die Engel Ihn
fragten: Sure 2:30 : „Willst Du auf ihr jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet
und Blut vergießt, wo wir doch Dein Lob preisen und Deine Herrlichkeit rühmen?" Dann
befahl sogar Gott den Engeln, sich vor Adam niederzuwerfen, wie die Sure 2:34
beschreibt. Das ist etwas Ungeheuerliches, Großartiges: die Engel verbeugten sich,
außer dem Dschinn Iblis, vor Adam, vor dem Menschen. Das zeugt von der hohen
Stellung des Menschen in Gottes Schöpfung.
Iblis warf sich deswegen nicht vor Adam hin, weil er in seinem Hochmut meinte: Ich bin
besser als er, du hast mich aus Feuer erschaffen und ihn aus Lehm." wie in Sure 7:12
steht.

In der Bibel, im 1.Buch Mose 3,22 heißt es: „Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner
und weiß, was gut und böse ist.“ Bedeutet das, dass sich jetzt der Mensch Adam
neben Gott stellt, herrscht er wie Gott? Ist er nicht bloß ein Vertreter Gottes auf Erden?
Und dennoch ist er für die Christen erniedrigt, verdammt durch die Erbsünde.

41
Im Buch „Christliche Religion - Das Fischerlexikon“ steht folgende Definition: Bereits
Augustinius von Hippo (354-430) hatte eine wörtliche Auslegung des
Schöpfungsberichtes abgelehnt und die Schöpfung als stufenweise Entfaltung des
einmal Geschaffenen gedeutet. In jedem Fall wird der Mensch erst wirklich zum
Menschen durch die Geistseele, die unmittelbar von Gott herkommt. Die christliche
Lehre vom Menschen geht davon aus, dass das Wesen des Menschen an sich nicht
erkennbar ist, weil es nicht eigenständig existiert. Indem das Wesen des Menschen
durch Gottes Verhalten zu ihm und sein Verhalten zu Gott bestimmt wird, ist er als
Geschöpf und als Sünder zu sehen und anzusprechen. Gottes Freiheit für ihn macht
ihn frei für Gott. Die Freiheit für Gott hat aber der Mensch im Sündenfall verspielt. Er
kündigt damit den Gehorsam an Gott auf, um zu sein wie Gott. Und damit hat sich der
Mensch getrennt von Gott.13

Gott im Islam hat dem Menschen sein Selbstbewusstsein gegeben, seine freie
Entscheidung. Er kann bestimmen, wohin ihn sein Ziel bringen soll und wie er es
erreichen kann. Er bestimmt über richtig und gut und falsch und schlecht. Der Mensch
im Islam kann also sich stets zwischen dem Guten und dem Bösen entscheiden. Er
kann Gutes tun, besonders in den zwischenmenschlichen Beziehungen - selbst ein
Lächeln ist etwas Gutes und wird von Gott als Sadaqa (freiwilliges Almosen geben)
angenommen - und durch das Respektieren der Gebote Gottes Wohlwollen erhoffen.
Er ist aber stets für sein Verhalten verantwortlich. Und nur er wird sich für seine Taten,
ob eben gut oder böse, vor Gottes Gericht am Jüngsten Tag zu verantworten haben.
Niemand kann ihm seine Bürde abnehmen.
An vielen Stellen im Koran wird klar gestellt, dass der Mensch nur nach seinem
eigenen Verdienst oder Vergehen beurteilt wird. In Sure 10:41 heißt es darum: „Und
wenn sie dich der Lüge bezichtigen, so sprich: ,Für mich ist mein Werk und für euch ist
eurer Werk. Ihr seid nicht verantwortlich für das, was ich tue und ich bin nicht
verantwortlich für das, was ihr tut.“
Amir Zaidan schrieb in seiner Broschüre „Gottesbild und Menschenbild“: Der Mensch
ist nach dem Islam das ehrwürdigste Geschöpf Gottes. Er erschuf ihn in bester Form,
hat ihm Vernunft verliehen und stattete ihn aus mit Fähigkeiten, um die Erde zu
bevölkern und das Universum zu entdecken. Gott hat ihm eine Seele verliehen, die Er
auch mit Seinem Namen verbindet, um ihre Stellung zu betonen und Er hat selbst den
Engeln befohlen das Niederwerfen gegenüber ihr (der Seele) zu praktizieren. 14

In Sure 17:70 heißt es: „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über
Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet -
eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben“.
Er hat den Menschen zum Herrn auf der Erde gemacht und für ihn alles Notwendige für
seinen Unterhalt geschaffen. Gott hat ihn mit einem wundervollen Körper ausgestattet,

13 Buch :Christliche Religion- Das Fischerlexikon


14 Amir Zaidan: Gottesbild und Menschenbild, S.29
42
mit einer empfindsamen Seele; und das Besondere, der Mensch kann selbständig
denken, hat einen freien Willen. Er kann seine Geschicke selbst lenken, auch wenn
Gott als Allwissender schon vorher weiß, was der Mensch gerade denkt. Sollen wir da
nicht dankbar sein? Im Koran 32: 7-9 steht: Der alles gut gemacht hat, was Er erschuf.
Und Er begann die Schöpfung des Menschen aus Ton. Hierauf machte Er seine
Nachkommenschaft aus einer unbedeutend erscheinenden Flüssigkeit. Dann formte Er
ihn und hauchte ihm von Seinem Geist ein. Und Er hat euch Gehör und Augenlicht und
Herzen gegeben. Doch euer Dank ist recht gering.

9. Der Mensch in seiner Gesellschaft

„Wenn ihr Gutes tut, tut ihr Gutes für euch selbst; und wenn ihr Böses tut, ist es auch
für euch selbst." Sure: 17:7.
Der Mensch wird am Tag der Auferstehung für seine Taten zur Rechenschaft gezogen.
Und um im islamischen Sinne richtig zu handeln, ist Wissen über das richtige Verhalten
wichtig. Es begann sofort nach der Etablierung des Islam ein Streben nach Wissen.
Das erste Wort, was Gott Muhammad offenbarte, war: "Lies!" Der Prophet sagte zu den
Menschen: „Sucht Wissen von der Wiege bis zum Grabe, wer nach Wissen
strebt, betet Gott an.“
”Wer einen Weg beschreitet, um auf ihm Wissen zu erlangen, dem macht
Gott den Weg zum Paradies leicht. Und die Engel legen ihre Flügel nieder
aus Zufriedenheit über einen Studenten. Und für den Studenten bitten die
um Verzeihung, die im Himmel sind und die, die auf der Erde sind, sogar die
Fische im Wasser. Der Vorzug eines Gelehrten vor einem, der viel
Gottesdienst wie Beten, Koran lesen, usw. verrichtet, ist wie der Vorzug des
Mondes in einer Vollmondnachtgegen über allen anderen Planeten. Und die
Gelehrten sind die Erben der Propheten. Und die Propheten haben kein Geld
als Erbgut hinterlassen, sondern sie haben das Wissen hinterlassen...”
Gott schätzt die Wissenden sehr hoch ein. Schon zur Zeit des Propheten Muhammad
begann man mit der Errichtung von Schulen. Das islamische Bildungssystem erreichte
einen hohen Standard, dem das Abendland im Mittelalter tatsächlich um Jahrhunderte
hinterherhinkte. Bereits im 9. Jahrhundert blühten islamische Universitäten im ganzen
Einzugsgebiet des Islam und besonders die Universitäten in Spanien waren auch
Anziehungspunkt für die wenigen Europäer, die überhaupt des Lesens und Schreibens
kundig waren. Große Büchereien entstanden. Fast alle Grundlagen der heutigen
Wissensgebiete wie Mathematik, Chemie, Astronomie, Mechanik, Medizin sind im
arabischen Mittelalter begründet bzw. weiter entwickelt worden. Und das eigentlich
dank der arabischen Sprache, die überall im Orient bis hin nach Andalusien in Spanien
verstanden und geschrieben wurde, auch von Nichtmuslimen. Der Koran ist in der
Sprache des Propheten Muhammad herab gesandt worden. Er repräsentiert die Art der
arabischen Sprache des Stammes der Quraish, wie sie in Mekka gesprochen wurde.
Jeder Muslim versuchte einen Teil des Korans auswendig zu lernen, wenn nicht gar
43
den ganzen Wortlaut. So wurde die Sprache des Korans zur verbindenden Sprache.
Bis heute ist diese Sprache lebendig geblieben. In den Schulen wird heute das
Arabische der Quraish gelehrt, nur untereinander unterhalten sich die einfachen
Massen der einzelnen arabischen Länder in einem landesspeziellen Dialekt.
Ali, der vierte Kalif, soll gesagt haben: „Das Wissen ist besser als das Geld. Das
Wissen bewacht dich, wohingegen du das Geld bewachst.“
Wissen bedeutet auch zu glauben, und glauben bedeutet im Islam die vorbehaltlose
Annahme der Anweisungen und der Rechtleitung Gottes. Das Ziel eines Muslims ist so
zu handeln, dass Gott zufrieden mit ihm ist. Er befolgt die fünf Eckfeiler des Islam: das
Bekennen zu Gott, das fünfmalige tägliche Gebet, das Fasten im Monat Ramadan, das
Almosengeben und wenn es möglich ist die Pilgerfahrt nach Mekka. Glauben heißt
auch der Glaube an Gott, an die Engel, die geoffenbarten Bücher (damit ist auch die
unverfälschte Bibel gemeint, wie Gott sie den Propheten gegeben hat ), an die
Propheten, an die Vorherbestimmung, an das Gericht zum Jüngsten Tag und das
Leben nach dem Tod. Sure 2:177 : ..Frömmigkeit ist vielmehr, dass man an Gott
glaubt, den Jüngsten Tag, die Engel, das Buch, und die Propheten und vom Besitz
-obwohl man ihn liebt - den Verwandten gibt, den Waisen , den Armen, dem Sohn des
Weges, den Bettlern und (für den Freikauf ) von Sklaven, dass man das Gebet
verrichtet und die Zakah (sogenannte Armensteuer) entrichtet.
Die Stellung der Frau im Islam gegenüber der vorislamischen Zeit wurde
hervorgehoben, betont und erhöht. Der Islam regelt die Beziehungen von Mann und
Frau durch ausgewogene Zuordnung bestimmter Verantwortungs- und
Aufgabenbereiche, durch Benennung ihrer Rechte und Pflichten mit Betonung ihrer
Gleichwertigkeit. Im Koran werden die Männer und die Frauen angesprochen.
Die Frau hat im Islam die gleichen Rechte und auch Verantwortung in der Gesellschaft
wie der Mann, aber geschlechterbezogen. Erst in der späteren Zeit wurde sie immer
mehr entmündigt. Heute gelingt es der Frau aber mehr und mehr, ihre Rechte
einzufordern und durchzusetzen.
Das Christentum war der Frau stets feindlich gesonnen, angefangen vom Auszug aus
dem Paradies. Sie galt als Ursprung des Bösen, von Natur aus bösartig. Man
diskutierte sogar darüber, ob sie eine Seele besitzen würde. Sie litt unter der
Inquisition, der Hexenverfolgung. Bei einer Heirat ging ihr ganzes Vermögen auf den
Mann über, sie hatte keinerlei Rechte.
Es war eine kollektive Entmündigung und Entrechtung der Frau mit religiös verbrämten
Argumenten. 15

Es ist auch schön zu lesen, was im Matthäus-Evangelium 6,2-4 Jesus zu den Leuten
sagt : „Wenn du nun Almosen gibst, so posaune nicht vor dir her, wie die Heuchler in
den Synagogen und auf den Straßen, damit sie gepriesen werden von den Menschen.
Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn empfangen. Wenn du aber Almosen
gibst, so soll deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut, damit dein Almosen im

15 AmirZaidan: Gottesbild und Menschenbild, S.38


44
Verborgenen sei, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“Ein
wunderbarer Vergleich des Almosengebens mit dem Islam! Auch für die Muslime gilt
das freiwillige Geben, am besten im Verborgenen, ohne Erkennung von Namen, als
eine sehr hoch von Gott angesehene Tat.
Ferner schrieb Paulus den Römern: Röm. 12, 1: Vergeltet niemand Böses mit Bösem!
Seid auf das bedacht, was in den Augen aller Menschen gut ist. Weiter in 12,21: Lass
dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Was mich an den Islam angezogen hatte, bevor ich Muslima wurde, sind die hohen
Moralwerte im Islam. Das Streben nach diesen hohen Moralwerten ist eine ganz
menschliche Eigenschaft und müsste zur Persönlichkeit eines jeden Menschen
gehören. Sie hängen von der Gesellschaft ab, zu der der jeweilige Mensch gehört und
seiner Stellung darin. Sie unterliegen den Beziehungen der Menschen untereinander,
ihrer Pflege, der Erziehung in ihrer Gesellschaft. Werte wie Gastfreundlichkeit,
Verlässlichkeit, Ehre und Würde erfahren gerade im Islam einen sehr hohen
Stellenwert.
Jeder sollte eine ausgewogene Lebensweise finden, die Ideale zum Ziel hat, aber
nicht lebens - und realitätsfremd ist. Kein Mensch kann außerhalb einer Gesellschaft
stehen, er muss ständig mit ihr kommunizieren, mit den Menschen in Verbindung
treten, es ist nur die Frage nach dem „wie“.
Der Islam räumt der Erziehung der Einzelperson einen hohen Rang ein, eine
Erziehung, die alle Seiten des Lebens einschließt, das heißt: den Körper des
Menschen, seine Seele, seinen Verstand und seine Gefühle berücksichtigt. Jeder
Mensch ist gleich vor Gott und Gleichheit und Gerechtigkeit sind auch die Maßstäbe
der Gesellschaft, so wie jeder Einzelne der Gemeinschaft dem anderen gegenüber
verpflichtet ist, und die Gemeinschaft dem einzelnen gegenüber.

Leider gibt es im Islam, wie sicher auch in allen anderen Religionen Menschen, die
Gott vergessen haben, die nur um ihr irdisches Wohl bedacht sind, während es andere
gibt, die in ihrer Gedankenwelt nicht auf der Erde leben und dabei vergessen, warum
sie Gott zum Leben erweckt hat. Gott sagt dazu in Sure 28:77 : „Sondern suche in
dem, was Gott dir gegeben hat, die Wohnstatt des Jenseits; und vergiss deinen Teil
am Diesseits nicht; und tue Gutes, wie Gott dir Gutes getan hat; und begehre kein
Unheil auf Erden, denn Gott liebt die Unheilstifter nicht“.
Es ist Gottes Aufforderung an jeden Menschen in der Gesellschaft und es ist in ganz
knapper Form dargestellt, wie der Mensch zu leben hat.
Finde ich das auch ähnlich in der Bibel? Was sagt die Bibel zum Verhalten des
Menschen, zu seiner Stellung in der Gemeinschaft?

Für das Christentum ist der Mensch bestimmt, das Ebenbild Gottes und sein
Stellvertreter auf Erden zu sein. Er wird dadurch mit einer besonderen Stellung zu Gott
und der Welt ausgezeichnet. Der Mensch erhält das Sein durch die Welt und die Welt
erhält ihren Sinn und Zweck durch den Menschen. So steht der Mensch zwischen Gott

45
und der Welt. Gott macht den Menschen verantwortlich für die Geschicke auf der Erde,
für die Tier-und Pflanzenwelt. Er bleibt dadurch aber abhängig von Gott. 1. Kor 3, 21-
23: Frei in der Welt verantwortlich vor Gott zu sein - das ist die Anweisung zum Leben.
Nur die sich wandelnde Kirche sah das anders: frei sein, nur Verantwortung vor Gott,
Selbstbestimmung, das ist gefährlich für die Obrigkeit, der einfache Bürger kann ja
nachdenken und das muss verboten sein.
Sigrid Hunke schreibt in ihrem Buch „Gottes Sonne über dem Abendland“: „Hat nicht
Gott die Weisheit dieser Welt für Torheit erklärt?“ fragte Apostel Paulus. „Es stehet
geschrieben: ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen und den Verstand der
Verständigen will ich verwerfen.“ Einziger Quell göttlicher Wahrheit war für den
Christen die Offenbarung. Die Schöpfungsgeschichte gab alle notwendige Auskunft
über den Himmel, die Erde und das Menschengeschlecht. Antipoden (den
gegengesetzten Standpunkt vertretenden Mensch), so entschied Augustinius, konnten
darum gar nicht existieren, „weil die Heilige Schrift unter Adams Nachkommen ein
Geschlecht dieser Art nicht erwähnt hat.“16

Nach Wissen zu streben wird eine Sünde, der Mensch muss hinnehmen, was Gott
bestimmt hat für ihn. So kann die Kirche über den Menschen bestimmen. Gott ist nun
weit weg, man kann ihn nur über die Priester erreichen. Das Volk versinkt in
Unwissenheit. Es versteht nicht einmal, was auf der Kanzel geredet wird, sie kennen ja
nicht die lateinische Sprache. Krankheiten und andere Übel werden auf andere
Menschen abgewälzt, da sie j nicht die Ursache kennen. Und Sünden kann man sogar
jetzt schon im Diesseits tilgen lassen, indem man sich Ablässe kauft. Der Handel mit
der Sündentilgerei blüht. So ist es möglich, sich immer wieder neue Schuld
aufzuladen; ein bisschen Geld und schon ist man wieder sauber, es wird ja mit dem
Ablass garantiert, dass die Sünde zum Jüngsten Tag getilgt ist.
Kann ein Mensch überhaupt Sünden vergeben wie auch in der Beichte, außer Gott?
Nur der eigentlich Betroffene kann vergeben, verzeihen. Aber Schuld gegenüber Gott
kann nur Gott allein verzeihen. Die Kirche sagt: Nur wer Jesus Erlösung annimmt, kann
sich von der Schuld befreien und Vergebung erlangen.

Zwei Auffassungen und zwei unterschiedliche Welten! Sie bestimmten zur gleichen
Epoche, dem Mittelalter, die gegensätzlichen geistigen Wege des Morgen- und
Abendlandes. Auf der einen Seite entsteht eine Hochkultur, getragen von dem Glauben
an den Einen Gott, auf der anderen Seite: das geistige Erkennen der Wahrheit ist das
Erkennen Gottes, mehr braucht es nicht. Wissen, um das Leben zu erkennen, dafür ist
kein Verlangen notwendig.

10. Die Religionen im Mittelalter

16 Sigrid Hunke : Allahs Sonne über dem Abendland, S. 203


46
Unterschiedliche Gründe gab es für die Ausbreitung beider Religionen. Das christliche
Rom, anfangs nur ein unter mehreren Bischofssitzen, später als der Sitz des
christlichen Stellvertreters Gottes auf Erden, wollte nicht nur die religiöse Macht,
sondern strebte auch nach der weltlichen Macht während vieler Jahrhunderte,
eigentlich durch das ganze Mittelalter hindurch.
Der Islam breitete sich wegen seiner Einfachheit im Glauben aus. Er ruft zum Glauben
an den Einen Gott, zum Frieden und für ein menschenwürdiges Dasein auf. Es gibt
keinen Unterschied zwischen der Religion und dem täglichen Leben. Die Religion ist
Teil des Lebens.
Der Islam ist eigentlich keine neue Religion, denn er vertritt die gleiche Wahrheit, die
schon alle anderen Propheten von Gott überbracht hatten.

Christentum
Anfang des 4. Jahrhunderts wurde das Christentum unter Kaiser Konstantin zu einer
geduldeten, nicht mehr verfolgten Religion, um das Jahr 325 zur staatlich geförderten
Religion. 380 wurde sie unter Kaiser Theodosius zur alleinigen Staatsreligion im
Römischen Reich. Die meisten Riten und Lehren hatten sich schon ausgebildet. Es
spalteten sich aber einige Gruppen aufgrund von Lehrstreitigkeiten ab, unter anderem
die Koptische Kirche in Ägypten, die Armenische Kirche, die Nestorianer.
Anfang des 4. Jahrhunderts wurde eine hierarchische Einteilung mit klaren
Unterstellungsverhältnissen der Kirche notwendig. Es gab fünf Patriarchate, in Rom,
Alexandria, Jerusalem, Byzanz und Antiochien. Schon sehr zeitig streckte Rom die
Hand zur alleinigen Macht aus, Bischof der Bischöfe zu sein. Leo I. (440-461) ernannte
sich zum 1. Papst. Es entstand der Kirchenstaat um Rom. Aber erst unter Papst Leon
IX. (1049-1054) wurde das Kardinalskollegium ausgebaut. Seine Reformanhänger
sollten den "Primatus Dei", den Anspruch des römischen Bischofs als Oberhaupt der
gesamten Kirche zur Geltung bringen. Ziel aller Päpste in Rom war die Erlangung der
geistigen und besonders der weltlichen Macht, um die ganze Welt politisch zu
kontrollieren. Aber bisher war immer noch der römische Bischofsstuhl wie schon gesagt
nur einer von fünf Hochthronen.1054 kam es zum Bruch mit der Ostkirche.
Kirche und Staat, Religion und Politik waren eng miteinander verwoben, es gab ständig
Machtkämpfe zwischen der weltlichen und kirchlichen Herrschaft. Ein Beispiel dafür ist
der sogenannte Investiturstreit zwischen König Heinrich IV. und Papst Gregor VII. und
endete mit dem Aussprechen des Bannes über den König. Es ging um die
Laieninvestitur von Bischöfen und Äbten, das heißt die Art und Weise der
Amtseinsetzung von ihnen und um das Eigenkirchenrecht. Bis dahin hatte der König
das Recht, die Bischöfe einzusetzen, da sie dann politisch von ihm abhängig waren,
während der päpstliche Einfluss sich hauptsächlich um geistliche Fragen beschränkte.
Auf diese Art und Weise wurden geistliche und weltliche Herrschaft unter königlicher
Führung eng miteinander verbunden. Der König erreichte durch seinen Bußgang nach
Canossa 1077 die Aufhebung des Bannes. Das Wormser Konkordat 1122 beendete
später den Streit durch einen Kompromiss.

47
Um die griechische Kirche in ihre Machtbefugnis zu bringen, reifte in Rom der
Gedanke zum heiligen Krieg Richtung kaiserliches Byzanz, gleichzeitig wollte man
damit auch ein Ventil zur Beendigung von Fehden unter den Christen selbst schaffen.
Auf dem Konzil von Clermont im Jahr 1095 wurde zum Heiligen Krieg aufgerufen. Die
christlichen Brüder im Osten hatten angeblich um Hilfe gebeten um die Befreiung von
Jerusalem von den muslimischen Besatzern. Allen, die sich „der Last des Pilgerzuges
unterziehen“, verspricht Papst Urban II. die Vergebung der Sünden und das ewige
Leben.
Im Folgenden sind Ausschnitte aus der Rede von Martin von Pairis, eines Abtes des
Zisterzinserklosters Pairis in den Vogesen, wiedergegeben, die er vor Klerus und Volk
in der vielbesuchten Kirche der heiligen Jungfrau Maria hielt, wo eine große Menge
beiderlei Standes zusammengekommen war. In dieser Rede rief er im Auftrag von
Papst Innozenz III. zum 4. Kreuzzug auf: „Deshalb, ihr starken Krieger, kommt jetzt
Christus zu Hilfe, gebt eure Namen zur christlichen Heerfahrt, last euch freudig in ein
glückhaftes Lager einreihen!
Euch vertraue ich heute Christi Sache an, ihn selber gebe ich euch sozusagen in die
Hand, damit ihr euch müht, ihn in sein Erbe wieder einzusetzen, aus dem er grausam
vertrieben ist.“ 17

Nun folgte ein „Befreiungskrieg“ nach dem anderen mit unterschiedlichem Erfolg.
Sieben Kriege unter dem Kreuz gab es insgesamt im Mittelalter. Der Name Kreuzzug
wurde erst Jahrhunderte später eingeführt.
Im 1. Kreuzzug 1096-1099 wurde Jerusalem erobert. Die Kreuzritter waren eine Woche
lang nur mit Töten der jüdischen und muslimischen Bevölkerung beschäftigt und
machten auch nicht Halt vor Christen, die in der Stadt wohnten. Allein in der Al-Aqsa
Moschee töteten sie 70 000 Menschen, unter denen sich viele Gelehrte und Pilger
befanden. Nachdem für eine Zeit die Muslime die Stadt wieder besetzen konnten,
gelang es den christlichen Heeren, Jerusalem wieder zurück zu erobern.
Die größte Schmach des Papsttums war, als Kaiser Friedrich II. im 5. Kreuzzug
gänzlich ohne Blutvergießen mit nur 500 Rittern Jerusalem besetzen konnte aufgrund
eines Abkommens mit dem damaligen Kalifen Al-Kamil. Auf Kaiser Friedrich II. werde
ich noch später zu sprechen kommen.
Das Ergebnis der Kreuzzüge war: In Syrien und Palästina hatten sie nur einige
imposante Burgen hinterlassen, aber Hunderttausende Muslime, Juden und Christen
haben ihr Leben verloren. Die West- und Ostkirche blieben weiterhin getrennt. Das
einzige Gute war, dass der Westen einen großen kulturellen Aufschwung in Kunst,
Handel und Wissenschaft erfuhr.
Eine zweite Expansionsbewegung war die Reconquista in Spanien. Fast ganz Spanien
stand rund 800 Jahre unter arabisch-muslimischer Herrschaft. Begünstigt durch den
einsetzenden Zerfall des andalusischen Kalifats wurden ab dem 12. Jahrhundert immer
neue Ländereien von den katholischen Königen erobert. Das muslimische Königreich
Granada konnte sich noch bis 1492 halten. Mit der Eroberung von Spanien durch

17 Islamische Geschichte S.472


48
christliche Könige wurde eine hohe Zivilisation zerstört, die Muslime und Juden wurden
gezwungen, entweder das Land zu verlassen oder sich zwangstaufen zu lassen. Alles
Islamische wurde verboten und die hohe Kultur verkam wie auch eine hoch entwickelte
Landwirtschaft.
Ebenso wütete die Soldateska neben den Mönchen in den neu entdeckten Ländern
Amerikas unter der einheimischen Bevölkerung. Sie wurden zwangsbekehrt im Namen
eines Gottes, den sie nicht verstehen konnten. Anfangs machte das neu entdeckte
Land die Kleriker unsicher. Es gab dort Pflanzen und Tiere, die nicht in der Bibel
beschrieben wurden. Man erklärte sich dann das so: Gott hat die alte Welt geschaffen
und später eine neue Welt, damit die Christen sie verwalten können. Deshalb müssen
die Menschen darin im Namen Gottes bekehrt werden. Um 1400 gab es zeitweise zwei
Päpste. Erst nach zwei Konzilen konnten die Weichen für eine einheitliche Kirche
gestellt werden, ab Mitte des 15. Jahrhunderts war der Papst in Rom Alleinherrscher.

Unterdessen verfielen die kirchlichen Sitten immer mehr, wurden Gelder verschwendet
zum Nutzen der kirchlichen Vertreter Die Priester lebten oft im Konkubinat, in der
Zimmerischen Chronik wird das Kloster Oberdorf als des „Adels Hurenhaus“ genannt.
Es gab immer neue Versuche, gegen diese Sittenwidrigkeit anzukämpfen. In England
verlangte John Wiclif eine Kirche der Armut. Jan Hus wurde als Ketzer auf dem Konzil
in Konstanz 1415 verbrannt, in seinen Predigten prangerte er die Ablasspraktiken, das
Loskaufen von Sünden für das Seelenheil an und dass alle Menschen gleich seien.
Mitte des 14. Jh. veröffentlichte Marsilius von Padua vom Hofe Ludwigs des Bayern
aus sein Werk „ defensor pacis“ (Anwalt des Friedens). Darin sagte er, die Aufgabe der
Priester sei Unterweisung und Seelsorge. Er bestritt ihnen das Recht, Glaubenszwang
auszuüben und lehnte den Bann ab. Er forderte die Unterordnung der Kirche unter den
Staat. Das Primat des Papstes lehnte er ab.
In Martin Luther gipfelte das Aufbegehren. Luthers theologisches Interesse galt
besonders der Frage nach Gottes Gerechtigkeit und der Rechtleitung des Menschen
vor Gott, eines gnädigen und barmherzigen Gott, der mit den Menschen wegen seines
Glaubens an ihm gnädig ist.
Sein Konflikt mit dem Ablassprediger Tetzel, der im Auftrag des Erzbischofs von
Mainz 1517 durch ostdeutsche Länder zog und Ablässe gegen Geld verkaufte, gab den
Anlass für seine 95 Thesen, die er an die Schlosskirche in Wittenberg anschlug. Er
forderte zu einer akademischen Disputation.
Luther ging es darin vor allem darum, dass das Wort Gottes, wie es in der Bibel
bezeugt ist, allein Richtschnur aller kirchlichen Verkündigung und Bräuche sein soll;
kirchliche Traditionen dürften dagegen nicht verbindlich sein.
Luthers Thesen verbreiteten sich im ganzen Deutschen Reich rasch, nicht zuletzt
Dank der Erfindung des Buchdruckes.
1519 verfasste Luther ein grundlegendes Reformprogramm für die Kirche: Reform
des Papsttums und des kirchlichen Lebens insgesamt, wie das Klosterleben, das
Zölibat, die Messe, die Reform der Sakramente mit Beschränkung auf Taufe und

49
Abendmahl, besondere Betonung der Freiheit eines Christenmenschen gegen alle
Autoritäten.
Die Wirkung seiner Gedanken hält indes bis heute an. Die Thesen sind nichts anderes
als die Formulierung einer Kritik an den damals herrschenden Zuständen auf der
Grundlage der Bibel. Darin gründet sich ihre Wirkung.

Es kam zur Anklage gegen Luther. Er lehnte einen Widerruf ab, wurde mit dem Bann
belegt, versteckte sich auf der Wartburg, wo er 1522 das Neue Testament in die
deutsche Sprache übersetzte, das Alte Testament folgte 1534. Seine Schriften wurden
besonders von den Bauern und niederem Volk angenommen. Ein anfänglich friedlicher
Protest der Bauern 1525 wurde zunehmend gewalttätig, weitete sich zum
Bauernaufstand aus, so dass sich Luther von ihnen distanzierte. Aber dennoch führten
die Fürsten von Preußen, Kursachsen, Hessen und weitere kleine Fürsten in Nord-und
Mitteldeutschland sowie einige Reichsstädte 1525 offiziell die lutherische Reformation
ein.
Auf dem Reichstag von Augsburg 1530 wurde das von Philipp Melanchthon, einem
Schüler Luthers, verfasste und von Luther anerkannte „Confessio Augustana“, das
Augsburger Bekenntnis vorgetragen. Aber erst der 1555 geschlossene Augsburger
Religionsfriede sicherte den Anhängern der Confessio Augustana - und nur diesen -
Religionsfreiheit zu. Es hieß: wer das Land regiert, bestimmt, welche Religion dort
praktiziert wird.
Diese Regelung endete aber in eine Gegenreformation und die politischen Folgen
schließlich in den Dreißigjährigen Krieg 1618-1683.
Vor Beginn der Reformation legte die Kirche fest, was Wahrheit war und was nicht. Da
die Kirche diese Autorität auf Gott stützte, wurde neben der Bibel die Überlieferungen
der Kirche Grundlage des Glaubens.
Durch die Reformation gab es diese Obrigkeit nicht mehr, die unstrittige Fragen
entscheiden konnte. Eine Bereicherung hat dieses der reformatorischen und der
katholischen Christenheit sicher gebracht, verhinderte aber auch ein
Zusammenarbeiten beider Strömungen. So gilt es heute immer noch, die positiven
Möglichkeiten des Reformation anzunehmen, zu nutzen, mit Schwierigkeiten umgehen
zu lernen mit dem Ziel, einen Konsens für alle Christen zu finden.

Aber auch das muss gesagt werden, wenn man über Martin Luther spricht: In der
Zeitschrift „Der Morgenstern“ steht ein kurzer Artikel über ihn. Darin wird aus Luthers
Buch „Von den Juden und ihren Lügen“ aus dem Jahr 1543 zitiert: „Was wollen wir
Christen nun tun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden? Ich will meinen
treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagogen oder Schulen anstecke. Zum
anderen, dass man ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Zum dritten, dass
man ihnen die Betbücher nehme. Zum vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und
Leben verbiete, hinfort zu lehren.“18

18 Referat Protestantismus von Wolfgang Hutter, März 1987


50
Soviel er dem Christentum gegeben hat, er war damit auch Wegbereiter für den
christlichen Antisemitismus. An einer anderen Stelle verunglimpft er den Propheten
Muhammad.19

Islam
Schon bald nach der Verkündigung der neuen Religion durch den Propheten
Muhammad entstand ein islamisches Reich, dessen rasche Expansion erstaunlich
war. Kennzeichen dieses Staatswesens war nicht nur der Islam als Religion,
sondern auch die Übernahme der Kultur der unterworfenen Gebiete. Muhammad
einigte die zerstrittenen Stämme von Yathrib, wohin er mit seinen Muslimen aus Mekka
geflohen war und stellte die Stammesloyalität unter dem göttlichen Gesetz. Die
koranischen Offenbarungen wurden zur Richtschnur und zur Grundlage der
Rechtsordnung. Es entstand der erste islamische Staat, nachdem später nach
verschiedenen Kampfhandlungen 630 Mekka kampflos eingenommen wurde. Beim
Tod Muhammads 632 stand fast die gesamte arabische Halbinsel unter islamischer
Führung. Die nachfolgenden Kalifen führten die Expansionspolitik fort. Schon 642
besetzten sie Ägypten, Irak und Syrien, und 647 gelangten sie bis nach Tripolis. Die
arabischen Heere stießen ins Hochland von Iran vor, wo sie das sassanidische
Heer 641 bei Nihavand schlugen, erreichten bis 653 den Kaukasus im Norden und
kamen bis ins heutige Turkmenistan im Osten. Das byzantinische Reich stand nun
zur Hälfte unter muslimischer Herrschaft, das Perserreich der Sassaniden war
vollkommen zerstört. Die alte Zentralverwaltung hatte sich durch die harte
Besteuerung unbeliebt gemacht und die Bevölkerung sah in den Eroberern keine
völlig Fremden und nahmen schnell die neuen Herren an.
Ein christlicher Chronist beschrieb die frühen Muslime folgendermaßen: „Die frühen
mohammedanischen Missionare waren eine standhafte Menge. Sie kamen ohne
Schiffe, ohne Armeen und ohne eine Regierung, die ihnen den Rücken stützte. Man
muss sie zu jenen aufrichtigsten Religionsanhängern zählen, die je eine religiöse
Überzeugung hervorgebracht hat. Sie strebten nach nichts anderem, als die
Ungläubigen zu ihrer Religion zu bekehren. Sie wollten kein Gold. Ebenso war nicht
das Erschließen von Handelsrouten ihr Ziel. Die Priester Muhammads gehörten zu den
freundlichsten und friedvollsten Verbreitern von Zivilisationen, die die
Menschheitsgeschichte je gekannt hat. Ihre Religion riss nicht nieder und zerstörte, wie
es die Religion der frühen Christen tat. Die
Priester von Muhammad brachten Kultur, Schrift und Wissenschaften und fügten sie zu
der Kultur hinzu, die sie in ihren neuen Ländern vorfanden. Siewaren keine Zerstörer,
sondern zufrieden damit, die alte Kultur zu verbessern." 20

Die bestehenden Strukturen in der Zivil- und Finanzverwaltung des ehemaligen


Perserreiches und Byzanz wurden übernommen samt Personal. Auf den 2. Kalifen
Omar ist zurückzuführen die Aufgliederung Syriens in Militärbezirke, befestigte

19 Ingo Nietsche. Zeitschrift Der Morgenstern 2/1996, S.21


20 Islamische Geschichte S. 507
51
Heerlager, die Einrichtung eines Registers der Kämpfer zur Besoldung, die Ernennung
von Richtern und Einführung des islamischen Kalenders. Die Länder wurden von
Gouverneuren vertreten, die eingezogenen Steuern unterhielten das Heer. Die
Kämpfer erhielten einen Anteil der Beute.
Die ersten Machtkämpfe und Rivalitäten unter dem 4.Kalifen Ali spalteten die Ummah
(islamische Gemeinschaft). Es ging um die Frage des Kalifats und Rechtleitung. Es war
der erste Kampf Muslim gegen Muslim, eine Heimsuchung ersten Grades (arabisch
fitna). Die Anhänger Alis, die „Schi'at 'Ali", die Schiiten, trennten sich von der großen
Gruppe, Ali wurde ermordet und Muawiya setzte sich als Kalif durch. Damit begann die
Ummayaden-Herrschaft, die nicht mehr als „rechtgeleitet“ galt, das heißt gewählt.
Später wurden die Ummayaden von der Abbasiten-Herrschaft abgelöst. Es bildeten
sich allmählich Grundstrukturen islamischer Herrschaft, der Kultur und Gesellschaft
heraus.
Die Provinzen wahrten weitgehend ihren Charakter. Christen entrichteten eine geringe
Kopfsteuer und erhielten dafür Schutz. Es wurden also die Einheimischen nicht
gezwungen, den Islam anzunehmen, sie konnten nach wie vor ihre Religion
unbeschadet ausüben. Ein Araber zu sein war nicht zwingend identisch mit Muslim zu
sein. Es gab bald eine Untermischung zwischen Alteingesessenen und zugezogenen
arabischen Stammesfamilien.
Die Landung einer berberisch-arabischen Einheit unter Tariq ibn Ziyad in Spanien 711
hatte große Auswirkungen auf die Geschichte Spaniens und der von Europa. Im
Osten erreichte der Feldherr Muhammad ibn al-Qasim das Industal. 712
überquerte der Gouverneur von Khurasan den Oxus und legte mit seinen
Eroberungen in Zentralasien den Grund für die spätere Blüte der islamischen
Kulturzentren Samarkand und Buchara. Es entstand ein riesiges Reich, größer noch
als das untergegangene Römische Reich. Die Eroberungen und Konsolidierung der
neuen Herrschaft bewirkten große und weitreichende Veränderungen im Handel und
Landwirtschaft.
Der Islam tolerierte die anderen Glaubensrichtungen, Juden und Christen waren
gleichermaßen in die Gesellschaft einbezogen und leisteten einen großen Beitrag in
Kultur, Wissenschaft und in allen anderen Bereichen. Es hieß ja unmissverständlich im
Koran: kein Zwang in der Religion. Das ist noch nie da gewesen: die Christen konnten
in ihren Gotteshäusern weiterhin ihre Religion ausüben, keiner mischte sich in ihre
Angelegenheiten, die Klöster blieben bestehen, kein Bischof wurde weggejagt. Das ist
vonseiten der christlichen Kirche unverständlich, - keine wie in christlichen Ländern
praktizierende Judenverfolgung, keine Grausamkeiten! - Der Patriarch von Jerusalem
schrieb im 9. Jahrhundert an den Patriarchen von Konstantinopel: „Sie sind gerecht
und tun uns kein Unrecht oder irgendwelche Gewalttaten.“
Es waren nicht die brutalen Eroberungen und Unterdrückungen der Christen, dass der
Islam so schnell Fuß fasste, sondern es wurden nur die Herrschaften bekämpft, nicht
die Bevölkerung. Für sie änderte sich eigentlich wenig, sie konnten ihre Lebensweisen
weiter ausüben. In Spanien begrüßten sogar die Einwohner die neue Macht,

52
insbesondere die Juden. Das marode gewordene christliche Gotenreich wurde zur
Belastung der Bevölkerung. Es wurde sehr schnell zerschlagen.
Der von den Arabern getragene Islam und die vorher bestehenden Traditionen
beeinflussten sich gegenseitig. Die Religion fasste überall schnell Fuß, wurde als
Lebensweise gelebt und geformt. In Spanien setzte sich sehr schnell die arabische
Sprache durch, Arabisch wurde zur Umgangssprache. Dort konnten sich junge Christen
bald besser in Arabisch unterhalten als in Latein oder in der alten Landessprache. Im
ganzen Einzugsgebiet der muslimischen Herrscher ist Arabisch die Sprache der
Verwaltung, des Handels, der Gesellschaft. Koptisch wird kaum noch gesprochen, das
Aramäisch, die Sprache Jesus, verschwindet ganz. Aus der Stammessprache
Muhammads, dem Quraish, ist eine Weltsprache geworden. Latein wird in Andalusien
kaum noch verstanden und nach der christlichen Rückeroberung muss sogar die Bibel
ins Arabische übersetzt werden, da sie sonst kaum einer lesen konnte.
Es gab aber nicht nur die Einflussnahme des Islams durch militärische Besetzungen,
sonders auch der friedliche Handel machte andere Länder mit dem Islam bekannt. In
den Ortschaften der Handelsrouten Richtung Osten ließen sich arabische Händler
nieder, gründeten Handelsniederlassungen, übten auch dort ihre Religion aus und
machten die einheimische Bevölkerung mit ihr bekannt, bauten Moscheen und
allmählich nahm ein immer größer werdender Kulturraum diese Religion an.
So drang der Islam unter dem Schutz des Handels bis nach Indonesien. Sogar in China
gibt es heute noch eine muslimische Minderheit. Indonesien hat heute die größte
muslimische Population.
Fazit:
Da, wo das Christentum herrschte, regierten sie durch Machtbezeugungen, sie lagen
ständig mit der weltlichen Macht in Konflikt um die politische Herrschaft. Das Volk
wurde in Unwissenheit gehalten, religiöse Strömungen wurden verfolgt bzw. gänzlich
ausgelöscht. Sie veränderten die religiösen Praktiken, wie sie es brauchten, immer der
Situation zugeschnitten.
Ihre Eroberungen waren gekennzeichnet durch Gewalt und durch Aufzwingen ihrer
Religion. Es gab keine Tolerierung anderer Religionen und Strömungen.

Der Islam bezog die Bevölkerung der eroberten Länder in ihr geistiges, wirtschaftliches
und kulturelles Leben mit ein. Es gab keinen Zwang, die islamische Religion
anzunehmen, andere Religionen wurden geduldet. Gegenseitige Beeinflussung der
Kulturen befruchtete die Herausbildung einer großen islamischen Zivilisation auf einem
hohen wissenschaftlichen und geistigen Niveau. Der Islam ist eine offene Gesellschaft

Machen wir ein Exkurs in die Kultur der christlichen und muslimischen Länder, sehen
wir uns ihr Bildungsstand an.
Im 9.-13. Jahrhundert konnten im christlichen Europa nur 3% bis höchstens 5% der
Menschen lesen und schreiben, es war der Geistlichkeit vorbehalten. So konnte es

53
auch passieren, dass im ganzen Kapitel des Klosters St. Gallen um das Jahr 1291
kein einziger Mönch des Schreibens kundig war.
Selbst die Herrscher beherrschten es nur sehr selten. Mit dem Rechnen war es auch
nicht weit her, mit den römischen Ziffern zu umständlich. Erst später, Anfang des 13.
Jahrhunderts, macht das Abendland die Bekanntschaft mit den arabischen Ziffern und
mit der Null: „Denn dieses Teufelszeichen, die 0 war ein weiteres Hemmnis für das
Verständnis der Ziffernschrift. Musste diese ,Zyffer, die ,nichts‘ bedeutete und doch die
Macht besaß, Einfaches zu verzehnfachen, verhundertfachen, vertausendfachen, nicht
etwas Unheimliches, zumindest Unbegreifliches sein?“21
Schon einige Jahrhunderte früher schrieb der christliche Schriftsteller Tertullian,
gestorben um das Jahr 230, ein Gegner von Origenes: „Es ist nach Jesus Christus
nicht unsere Aufgabe neugierig zu sein, noch zu forschen, nachdem das Evangelium
verkündet ward.“22
Neben dem alleinselig machenden Weg der Seele zu Gott war es ein lästerlicher
Irrweg, Wahrheit zu suchen, über irdische Dinge nachzudenken. Im 6. Jahrhundert
verschwinden die hellenistischen Schulen, um 600 wird die große Palatinische
Bibliothek in Rom verbrannt, die Lektüre der Klassiker und der Mathematik verboten.
Fazit: Bildung ist im christlichen mittelalterlichen Europa nicht erwünscht.23
Die Bibliothek der Pariser Sorbonne (gegründet 1268) hatte einen Gesamtbestand von
6 Büchern, ihre medizinische Fakultät gerade mal 1 Buch, das von dem muslimischen
Gelehrten Abu Bakr Muhammad ben Sakeria, genannt ar-Rasi, stammte. Diese
Bibliothek war die kleinste der Welt seinerzeit.
Das Buch war so kostbar, dass König Ludwig XI. zwölf Mark in Silber und hundert Taler
in Gold hinterlegen musste, damals eine ungeheuere Summe, damit für seine Leibärzte
eine Kopie davon als Nachschalgewerk angefertigt werden konnte. Es umfasste das
gesamte Wissen seit den frühesten Griechen bis zum Jahr 925 n. Chr.24

In Deutschand wurde die erste Universität erst 1386 in Heidelberg gegründet.


Fast nur in den Klöstern wurden Werke griechischer Denker und Naturwissenschaftler
gelesen und auch teilweise ins Lateinische übersetzt. Auch versuchten die Mönche in
den Klöstern neben heilkundigen Frauen, die sich in einfacher medizinischer
Versorgung auskannten, mit Kräutern Krankheiten zu heilen. Ansonsten wurde die
Medizin durch Quacksalbereien und Besprechungen vertreten. Man glaubte immer
noch wie die alten Griechen daran, dass der menschliche Körper durch die 4 Säfte, die
gelbe und schwarze Galle, Blut und Schleim, im Gleichgewicht gehalten werden muss.
Wenn der Mensch krank ist, so besteht kein Gleichgewicht der Säfte, meist wird dann
ein Aderlass durchgeführt. Man hatte ja noch keine Kenntnis von der menschlichen
Anatomie, kannte nicht die Ursachen von Krankheiten, noch gab es einen Ansatz von

21 Sigrid Hunke. Allahs Sonne über dem Abendland. Fischer Taschenbuch-Verlag, 2002. S. 219
22 Sigrid Hunke: Allahs Sonne über dem Abendland S.65
23 Ebenda S.197
24 Ebenda S.127
54
Hygiene. Von ärztlichen Versorgungsstellen oder Hospitälern war das christliche
europäische Mittelalter noch weit entfernt.

Im Koran und in der Sunna wurden die Muslime aufgefordert, nach Wissen zu suchen.
Sie wurden angeregt, ihre Umwelt zu beobachten und zu studieren, um die eindeutigen
Zeichen der Schöpfung darin zu erkennen. Viele Verse aus dem Koran beschreiben
Vorgänge aus der Natur, die von der Schöpfung des Universums bis hin zur
Befruchtung der Eizelle durch das Spermium reichen.
Mit der Expansion nach Irak, Syrien, Ägypten waren dem arabischen Bereich große
geistige Zentren zugefallen, etwas später kamen die griechischen und indischen
Zentren hinzu. Dort sammelten sich Jahrtausende alte Erfahrungen alter Zivilisationen,
die jetzt durch Araber einen neuen Ausdruck erfuhren. Es begann eine regelrechte
Erstürmung der Bücher, die man dort fand, die auch sogleich übersetzt wurden. Es
entstanden überall riesige Büchereien. Sie nehmen das Wissen der alten Griechen,
der Perser, der Ägypter, der Inder und bauen darauf auf, erweitern es und erfinden
Neues.
Um die religiösen Pflichten richtig durchführen zu können, werden die Muslime
gezwungen, sich wissenschaftlich zu rüsten: die Bewegungen der Sterne müssen
berechnet werden, um sich auf der Reise zu orientieren. Es ist wichtig zu wissen, in
welche Richtung der Muslim sich zum Gebet zu verbeugen hat, die Zeit und der Ort
müssen genau bestimmt werden. In dem Buch: „Im Glanze Allahs” von Eberhard
Serauky wird über den Bau von Wasseruhren geschrieben. In gewisser Weise sind das
Wunderwerke der Technik, die technischen Erfindungen befinden sich auf einer
beachtlichen technologischen Entwicklungsstufe. Sie kennen den Bajonettverschluss,
die Pneumatik und Hydraulik, verwenden Korrosionsschutz.
Sie bauen Bewässerungsanlagen zur besseren Versorgung mit landwirtschaftlichen
Produkten, Krankenhäuser, um Säuchen zu verhindern, neue und bessere Heilmittel
werden ausprobiert. Die Krankenhäuser waren so gut mit Medizin und Pflegepersonal
ausgestattet, dass sie sogar den Vergleich mit heutigen Krankenhäusern nicht zu
scheuen brauchten. In den großen Städten des islamischen Reiches entstehen
Universitäten, so auch im spanischen Andalusien die Städte Cordoba, Sevilla,
Granada, Valencia und Toledo. Besonders diese wurden von vielen christlichen
Gelehrten besucht. Große christliche Denker diese Zeit wie Albertus Magnus, der
Mönch Gerhard von Cremosa, Thomas von Aquin, Gerbert von Aurillac, der spätere
Papst Silvester II., um nur einige zu nennen, sammelten hier ihr Wissen, entwickelten
ihre intellektuellen Fertigkeiten und ihre Argumentationskunst.
Das christliche Europa vertrat noch das geozentrische Weltbild, welches die Ede als
Weltmittelpunkt darstellt. Sie hielten daran fest, dass die Erde eine Scheibe war,
obwohl schon die alten Griechen die Lehre von der Erde als eine Kugel vertraten. Der
Kirchenvater Lactantius fragte: „Ist es möglich, dass Menschen so sinnlos sein können
zu glauben, dass Saaten und Bäume auf der anderen Seite der Erde herabhängen und
dass Menschen ihre Füße höher haben als den Kopf?“

55
Sure 6:96/97: Er ist es, Der die Morgendämmerung aufbrechen lässt, und Er macht die
Nacht zum Ausruhen und die Sonne und den Mond zur Berechnung (der Zeit). Dies
alles ist die Planung des Allmächtigen, Allwissenden. Und Er ist es, Der die Sterne für
euch gemacht hat, damit ihr den Weg in der Finsternis zu Lande und auf dem Meer
findet. So legen Wir die Zeichen dar für ein Volk, das zu erkennen vermag.“
Die Muslime wussten aufgrund der Aussage im Koran, dass jeder Planet seine
Laufbahn hat. Durch Beobachtung und exakte Forschung wurde die islamische
Himmelskunde für Jahrhunderte zur führenden Astronomie der Welt. Die Muslime
entwickelten die verschiedensten und zudem genauesten Beobachtungs- und
Messgeräte und Sternenkarten. Zu den berühmtesten Astronomen seiner Zeit gehörte
Muhammad Ibn Jabir Al-Battani, genannt Albatenius, (877-918). Er widerlegte das
ptolemäische Dogma des Heliozentrismus, lange vor Kopernikus. Er berechnete die
Planetenbahnen sehr genau. Sein größter Verdienst ist sein Werk über die sphärische
Trigonometrie, in der er als erster den Sinus gebrauchte.25
Auf dem Werk von Al-Hasan Ibn al-Haitam (965-1040) das „Opticea thesaurus“ gründet
alle Optik. Er experimentierte mit einer Art Lochkamera, dem Urmodell der Fotografie.
Fälschlicherweise gilt Leonardo da Vinci als Erfinder der Lochkamera, der Pumpe, der
ersten Flugmaschine und der Drehbank. Seine Konstruktionen sind jedoch
nachweislich vom Werk al-Hassans abhängig, der etwa fünf Jahrhunderte vor
Leonardo da Vinci gelebt hat.
Und es gab viele Wissensgebiete, in denen geforscht und erfunden wurde, ob das in
der Mathematik, Chemie oder Medizin ist. Dabei waren Wissenschaftler
unterschiedlicher Religionen und ethnischer Zugehörigkeit beteiligt, Christen, Juden
und Muslime.
Auch in der Kunst kam von islamischen Ländern Neues nach Europa. Mit der Rückkehr
der Kreuzritter aus dem Orient entsteht ein neues Zeitalter: das Hochmittelalter mit
ihrem Minnesang, den Troubadouren, der Ritterlichkeit, der Frauenverehrung in Lied
und Lyrik. Durch fahrende Sänger aus Andalusien wird im 11. Jahrhundert das
Abendland mit der arabischen Musik bekannt, eine sich über rhythmische Einheiten
zum Takt hin entwickelnde Musik und sie übernehmen die arabeskenhafte
Verzierungen der Melodie, die die Troubadoure ihren Frauen auf den neuen
Instrumenten aus Arabien, der Laute und Gitarre vorspielen und singen. Selbst die
Tonsilben, die Notenlinien und die Reimform haben ihren Ursprung in der arabischen
Musik. In Italien findet sich die arabische Liedform in geistlichen Liedern wieder, wie
z.B. in den Liedern des Franz von Assisi, dem Begründer des Franziskaner-Ordens.
Die Kreuzfahrer bringen auch für ihre Burgen wehrtechnische Errungenschaften der
Araber, z. B. der Wehrerker mit. Das Mauerwerk und seine Konstruktionen werden in
der neuen Kirchenbauweise durch kunstvoll durchbrochene Gipsbehänge und
Stalaktiten verkleidet, die Wandfläche durch Blendarkaden aufgelöst, der Spitzbogen
an Fenster und Tür wird nach persischem Muster gestaltet. Das Minarett wird Vorbild
für den christlichen Glockenturm.

25 Sigrid Hunke S. 203


56
Wer weiß von der heutigen Gesellschaft wirklich, was das christliche Abendland dem
Orient und der ganzen islamischen Zivilisation schuldet! Der Islam hat das christliche
Europa verändert, ob man es leugnet oder nicht.

Und noch heute nehmen hervorragende Wissenschaftler den islamischen Glauben an


durch ihre eigenen Beweisführungen bei der Untersuchung von Versen aus dem Koran.
Kommen wir damit zum nächsten Kapitel.

11. Religion und Wissenschaft

Vieles steht im Koran, was sich die früheren Muslime nicht erklären konnten. Erst heute
ist durch die Wissenschaft Unerklärliches aus dem Koran erklärbar geworden. Wer
kannte schon früher genau, wie ein neuer Mensch entsteht? Es gibt eine große Reihe
von Versen darüber.
An einer vorhergehenden Stelle hatte ich die Verse der Sure 23:12-14 schon einmal
erwähnt und es gibt viele ähnliche Verse, aber sie sind für die Entstehungsgeschichte
des Menschen sehr wichtig, so dass ich über diese Verse noch einige Worte darüber
schreiben möchte: „Und Wir haben fürwahr den Menschen in seinem Ursprung aus
besonderen Bestandteilen des Lehms erschaffen, dann setzten Wir ihn als
Samentropfen an eine geschützte Stätte, dann erschufen Wir aus dem Samentropfen
ein Anhängsel und erschufen aus dem Anhängsel ein kleines Gebilde, und hernach
formten Wir in dem kleinen Gebilde Knochen und bekleideten die Knochen mit Fleisch.
Dann ließen Wir daraus ein anderes Geschöpf entstehen. Gepriesen sei Gott, Der
Vortreffliche Schöpfer!“ Was hier als Anhängsel beschrieben wird, bedeutet wörtlich:
sich festhalten, anheften, etwas, das sich festhält, was das Einnisten der befruchteten
Eizelle in der Gebärmutterschleimhaut sehr gut beschreiben würde. Der ägyptische
Korankommentator Sayyid Qutb, gestorben1965, schreibt in „Die Bedeutung des
Korans“ Band 3: „Das menschliche Geschlecht wurde ursprünglich aus Erde
erschaffen. Doch seine weitere Erschaffung und Fortpflanzung geschieht gemäß den
von Gott gegebenen Gesetzmäßigkeiten aus einer einzigen Keimzelle, die sich im
Mutterleib einnistet und darin heranreift, (an einem befestigten, geschützten Ort). Der
koranische Ausdruck macht den Samen zu einer Phase des menschlichen Werdens.
Diese Wahrheit soll jedem zu denken geben, denn dieser Mensch wird mit all seinen
Bestandteilen und all seinen Eigenschaften in solch kleinem Samentropfen
zusammengefasst.“ 26

Ein weiterer Vers aus der Sure 22:5: „Oh ihr Menschen, wenn ihr im Zweifel seid über
die Wiederauferstehung, so haben Wir euch wahrlich aus Staub erschaffen, dann aus
einem Samentropfen, dann aus dem Embryo, dann aus einem Fötus, teils geformt und
teils ungeformt, um euch unsere Allmacht zu zeigen. Und Wir lassen in den
Mutterschößen ruhen, was Wir wollen, auf eine festgesetzte Frist. Dann bringen Wir
euch als Kindchen hervor. Dann lassen Wir euch eure volle Reife erreichen…“

26 Die Bedeutung des Korans“ Band 3, S. 1574


57
Schon vor rund tausendvierhundert Jahren wurde die Entstehung eines neuen, kleinen
Menschenkindes im Koran genau beschrieben, jeder konnte es lesen, auch wenn er es
noch nicht so richtig verstanden hatte, weil erst heute vor einigen Jahrzehnten dieser
Werdegang wissenschaftlich entdeckt und beschrieben wurde! Findet man so etwas
Ähnliches in der Bibel? Wer sagt da, dass der Koran eine Abschrift ist von der Bibel?
Wo stehen diese wissenschaftlichen Belege in der Bibel?
Der Islam fordert den Menschen dazu auf, seine Umwelt zu beobachten und zu
studieren, um die eindeutigen Zeichen der Schöpfung darin zu erkennen. Viele Verse
aus dem Koran beschreiben Vorgänge aus der Natur, die von der Schöpfung des
Universums bis hin zur Befruchtung der Eizelle durch das Spermium reichen, wie eben
beschrieben.
Was sagt uns der Koran über die Schöpfung? Ich zitiere aus dem Buch: „Bibel, Koran
und Wissenschaft“:
1. Existenz von sechs Perioden für die Schöpfung im Allgemeinen,
2. Verknüpfung der Schöpfungsphasen der Himmel und der Erde,
3. Schöpfung des Universums aus einer einzigen Urmasse oder Urnebel, die einen
Block bilden, der sich später spaltete,
4. Vielzahl von Himmeln und Vielzahl von Erden,
5. Existenz einer Zwischenschöpfung, zwischen Himmel und Erde.

Jeder kennt die Erkenntnisse der Wissenschaft über den Urnebel, der Kondensation
und Kontraktion einer rotierenden Gasmasse, der Aufteilung in Fragmente, dadurch
Entstehung der Sonne und Planeten, darunter die Erde mit ihrer Atmosphäre und
zwischen allem interstellarer Staub und Gas.27
Sind das nicht Zeichen für Gott? Niemals wurde von der Bibel abgeschrieben, weil
nichts davon darin steht.
Sure 79:32: „...und gab den Bergen festen Stand.“ Aus dem Phänomen der
Gebirgsfaltung ergibt sich die Stabilität der Erdrinde.
Sure 13:2: „Gott ist es, Der die Himmel, die ihr sehen könnt, ohne Stützfeiler
emporgehoben hat....und Er machte die Sonne und den Mond dienstbar, jedes Gestirn
läuft seine Bahn in einer vorgezeichneten Frist...“ Das ist wohl deutlich genug. Jeder
Mensch heute weiß von den Planetenbahnen und ihrer Umlaufzeit.
So sagt Gott im Koran Sure 21:30: „Sehen denn diejenigen, die ungläubig sind nicht,
dass die Himmel und die Erde eine zusammenhängende Masse waren, die Wir dann
teilten und dass Wir alles Lebendige aus Wasser gemacht haben? Wollen sie also nicht
glauben?“
In der gleichen Sure geht es weiter im Vers 33: „Und Er ist es, Der die Nacht und den
Tag erschaffen hat und die Sonne und den Mond. Jedes schwimmt in seiner
Umlaufbahn dahin.“ In diesen beiden Versen wird Bezug genommen auf die
Entstehung des Universums und dass in seiner Entwicklung alles aus einem einzigen
Element, dem Wasserstoff, entstanden ist, das durch die Schwerkraft

27 Maurice Bucaille : Bibel, Koran und Wissenschaft, S.150


58
zusammengepresst und dann in einzelne Nebel zerteilt wurde, aus denen dann die
Sterne und Planeten entstanden sind, die alle auf ihren eigenen Umlaufbahnen
dahintreiben oder schwimmen.
Alle Sterne und Planeten haben ihre eigene unumstößliche Umlaufbahn und -zeit. Es
ist kein Zufall, dass alles seinen Sinn und Ordnung hat, wie ein präzises Uhrwerk
abläuft. Es ist Gottes Wille, ein stetes Werden und Vergehen Seiner Schöpfung, ob es
die Sterne oder der Mensch ist. Alles hat seine Zeit, nur Gott ist Unendlich.
Der Koran enthält keine einzige Stelle, die nicht den Erkenntnissen unserer heutigen
Zeit widerspricht. In ihm stehen viele Fakten, die erst heute erklärbar geworden sind.
Nur Gott kann diese Fakten gekannt haben und nur Er konnte sie den Menschen durch
den Koran übermitteln. Es gab kein Wissenschaftler vor tausendvierhundert Jahren,
der dem Propheten Muhammad dieses Wissen ins Ohr geflüstert haben könnte, noch
weniger war Muhammad selbst in der Lage, es zu wissen und im Koran
niederzuschreiben. Nur Gott kann sich so exakt ausdrücken, der Koran selbst ist der
Beweis, dass er das Wort Gottes ist.

O. Lorentz schreibt 1972 in „Was ist die Wahrheit der Bibel“: „Das Zweite Vatikanische
Konzil“ (1962-65) hat es vermieden, Regeln für die Unterscheidung von Irrtum und
Richtigkeit in der Bibel aufzustellen. Grundsätzliche Überlegungen zeigen, dass dies
unmöglich ist, da die Kirche nicht über Richtigkeit und Unrichtigkeit wissenschaftlicher
Methoden dahingehend befinden kann, dass sie damit grundsätzlich und allgemein die
Frage nach der Wahrheit der Schrift lösen könnte.“

Es geht aber hier nicht um irgendwelche Theorien, sondern um feststehende Fakten.


Jeder Mensch weiß heute, dass die Erde und der Mensch nicht erst vor 38
Jahrhunderten entstanden sind, wie die Bibel es meint. Ist das so schwer
einzugestehen, dass es ein offensichtlicher Irrtum ist, warum geht man so wie die Katze
um den heißen Brei? Muss man da besondere Regeln aufstellen, um Irrtum und
Richtigkeit in der Bibel zu erkennen?
Im Konzildokument Nr.4, S. 53 wird von der Unvollkommenheit und Hinfälligkeit
gewisser Texte geschrieben: „In Anbetracht der Situation der Menschheit, bevor
Christus das Heil brachte, lassen die Bücher des Alten Testaments jeden erkennen,
wer Gott ist und wer der Mensch ist, aber auch wie Gott in seiner Gerechtigkeit und
seiner Barmherzigkeit mit den Menschen handelt. Wenngleich diese Bücher
Unvollkommenes und Hinfälliges enthalten, sind sie doch Zeugnis einer wahrhaft
göttlichen Erziehungslehre.“ Schon lange davor stellte der Heilige Augustinius (354-
430) fest, dass es undenkbar ist, dass Gott den Menschen etwas lehre, was der
Realität widerspricht, das Prinzip der Unmöglichkeit des göttlichen Ursprungs einer
Aussage, die der Wahrheit entgegengesetzt ist.

59
12. Deutschland und der Islam - Persönlichkeiten und ihre Stellungen zu den
Religionen

Die Geschichte der deutsch-islamischen Bewegung reicht zurück auf das Jahr 777, als
Karl der Große auf dem Reichstag zu Paderborn den vom Emir von Cordoba
vertriebenen Statthalter von Saragossa, Sulaiman al-Arabi, empfängt und mit ihm einen
Beistandspakt abschließt. Vierzehn Jahre später kommt es dann zu ersten intensiven
Beziehungen zwischen dem Frankenkaiser und dem Abbasidenkalifen Harun al-Rashid
zu Bagdad, dem „Herrscher aus Tausend und eine Nacht“.
Von da an brachten arabische Händler ihre Waren sogar über Deutsche Länder bis
nach Schweden, belegt durch Münzen.
Ich zitiere aus dem Artikel: „West-Östliche Begegnungen“ der Islamischen Zeitung:
„Im Süden Europas, dem staufisch-normannischen Sizilien, fand eine erstaunliche
Symbiose zwischen den normannischen Herrschern und den ansässigen Muslimen
statt, deren Krönung die Zeit Friedrichs des Zweiten von Hohenstaufen darstellte.
Dieser staufisch-normannische Fürst, Erbe des deutschen Reiches und Süditaliens,
verstand es, die Fesseln seiner christlichen Umgebung abzulegen und vorurteilslos mit
den Muslimen zu leben (seine Leibwache bestand aus in Sizilien lebenden Muslimen,
die er mit ihren Familien ins süditalienische Amalfi übersiedeln ließ), und er vertraute in
Fragen der Herrschaft seinen muslimischen Beratern. Seiner Freundschaft mit dem
Sultan Al-Kamil und seiner Diplomatie ist es zu verdanken, dass unnötiges
Blutvergießen in seinem Kreuzzug zur Erringung Jerusalems vorgebeugt werden
konnte. Das und die Querele mit dem Papst waren Ursache genug, um ihn als
Schänder der christlichen Religion, als Antichrist zu verdammen. Seine Persönlichkeit
und seine Politik erklären die Feindschaft der Kurie und ihren damaligen Verbündeten,
den Franzosen, die nach dem Tode Friedrichs seine Familie und die staufische
Herrschaft im Reich und in Sizilien auslöschten.“ Friedrich II. hat Zeit seines Lebens
sich für die islamische Toleranz und für ihre Wissenschaft begeistert, er diskutierte mit
islamischen Wissenschaftlern, seine Ratgeber waren Muslime und er führte eine
Hofhaltung nach arabischem Muster. Sein Leben und die Art, wie er bestattet wurde,
zeugen davon, dass er insgeheim ein Muslim war. Nie hätte er sich der Welt als Muslim
offenbaren können.
Wer weiß eigentlich, dass das alten Preußen ein Erbe des Stauffenkaisers und seinen
Ideen ist? Friedrich II. ermächtigte seinen Freund, den 4. Hochmeister des Deutschen
Ordens Sankt Marien zu Jerusalem, Hermann von Salza, über das pruzzische
Territorium für alle Zeiten zu herrschen (Goldbulle von Rimini- März 1226). Der Papst
bestätigte später in der Preußenbulle die Belehnung von erobertem Gebiet an den
Deutschen Orden. Von Salza kannte von Palästina her die Toleranz und Friedfertigkeit
der Muslime und so strahlte anfangs auf den Deutschen Orden in Preußen eine
islamfreundliche und ritterliche Tendenz aus. Ein Zitat aus einem Artikel über die
„Grundlage und Entwicklung des Preußischen Staatswesens“ dazu ist sehr interessant:
Friedrichs Gegengabe an den Islam bestand in der Entsendung des

60
Deutschritterordens, dieses zum Islam geneigten Ordens hinaus aus dem päpstlichen
Reichs-Gebiet, zuerst nach Siebenbürgen, dann nach Preußen. Preußen wurde also
zunächst als Ordensstaat gegründet infolge einer strategischen Absprache des
insgeheim muslimischen Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. mit dem Sultan von Kairo.
Preußen war somit seinem Wesen nach ein Außenfort des islam im Norden und sollte
zur Vormacht des deutschen Protestes gegen das imperiale Machtatreben des
Römischen Kirchenchristentums werden. Das Zusammenwirken dieser beiden
28

Staatsmänner stellt sozusagen die geistige Wiege des Ordensstaates dar, aus dem
das spätere preußische Königreich hervorging.
Während der Kreuzzüge lernten die deutschen Ritter die muslimische Ritterlichkeit
kennen und waren sehr beeindruckt davon. Wolfgang von Eschenbach hat mit der
Gestalt des „edlen Heiden“ Feirefix der muslimischen Ritterlichkeit ein Denkmal
gesetzt, der „Heide“ lehrt den Helden Parzival die letzte Stufe wahren Rittertums
erklimmen.
Als das Osmanische Reich die süddeutschen Länder angriffen und 1529 vor Wien
standen, im Jahr 1548 Österreich einen auf 7 Jahre begrenzten Friedensvertrag mit
dem Kalifen Sulaiman II. unterschrieb und die südöstlichen europäischen Länder vom
Osmanischen Reich verwaltet wurden, bestand die dringende Notwendigkeit, sich
offiziell mit dem Islam zu beschäftigen. In Frankfurt siedelte sich die erste ständige
osmanische Vertretung an, Reiseberichte über den Orient waren interessant geworden
wie auch die Modewelt, zu Gesellschaften bekleidete man sich orientalisch.
Der Handel Ost-West blühte. Ganze muslimische Truppenteile, Geschenke
osmanischer Herrscher, standen im Dienst deutscher Könige. Für sie baute der König
von Preußen, Friedrich der Große sogar eine Moschee, die erste auf deutschem
Boden.
Schon seit den Kreuzzügen gab es einzelne europäische Übersetzungen des Korans
durch Vertreter der Kirche, aber mehr mit dem Hintergedanken, den Islam damit zu
diffamieren.
Im Jahr 1647 wurde die erste einigermaßen neutrale Koran-Übersetzung von André
du Ruyer gedruckt, die auch Goethe für seine Studien nutzte und seinem West-Ost-
Divan zugute kam. Aber erst die Koranübersetzung von George Sale 1734 in die
englische Sprache, die auch bald in Deutsch erschien, setzte neue Maßstäbe durch
ihre enge Anbindung an das Original. Sie blieb lange für Europa eine der Hauptquellen
für die Kenntnis aller mit dem Koran zusammenhängenden Fragen.
Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der Aufklärung, in der man sich die Aufgabe
gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar
zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und
auseinander zu setzen.
Besonders hervorgetan hat sich darin Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein
Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

28 Der Morgenstern 2/1996, Artikel: Von Friedrich zu Friedrich oder islamisches Preußen(tum). Abdul Malik Konz
61
Aber wie ist es zu seiner außerordentlich positiven Einstellung gekommen, seiner
inneren Anteilnahme für die Religion, für die Muslime und besonders für den Propheten
Muhammad? Hier halte ich mich an das hervorragende Buch
„Goethe und die arabische Welt“ von Katharina Mommsen.
Goethe hatte ein tiefes persönliches Verhältnis zum Islam, darum gehen seine
Aussagen über diese Religion in ihrer provokatorischen Gewagtheit weit über alles
bisher in Deutschland Dagewesene hinaus. Seine innere Beziehung kam dadurch
zustande, weil ihm die Hauptlehren des Islam mit seinen eigenen Ideen und Glauben
übereinstimmend erschienen. Seine „Dichtung und Wahrheit“ gibt Bericht, dass Goethe
schon von Kindheit an nach einer ihm zusagenden Religion gesucht hatte, die er im
Islam fand. Diese Hauptlehren waren: die Lehre von der Einheit Gottes, die
Überzeugung, dass Gott sich in der Natur offenbare und dass Er durch verschiedene
Abgesandte spricht, das Abweisen von „Wundern“ und die Auffassung, dass
Religiosität sich in wohltätigem Wirken erweisen müsse. All diese innerlichen
Übereinstimmungen schufen ein Verwandtschaftsgefühl besonderer Art, zu der er sich
hingezogen fühlte.
Ich zitiere hier aus dem oben genannten Buch: „Besonders aufschlussreich für
Goethes religiöse Haltung absoluter Ergebenheit in den Willen Gottes ist der
autobiografische Aufsatz „Sankt Rochus-Fest zu Bingen“, der einen Bericht von der
Rheinreise 1814 enthält. Hier legt Goethe in allem, was er zum Lob des christlichen
Heiligen sagt, eigene religiöse Überzeugungen nieder, und diese eigene Religiosität
wiederum hat erstaunliche Ähnlichkeit mit islamischer Frömmigkeit. Er bringt das Lob
des heiligen Rochus in Verbindung mit einem Gedanken, der eine seiner
Hauptmaximen geworden ist. Es ist der islamische Gedanke von der unbedingten
Ergebenheit in den Willen Gottes, der auch Goethes Denken und Handeln bestimmte.“
Schon der junge Goethe brachte seine Bewunderung für den Propheten Muhammad in
den erhaltenen Fragmenten des „Mahomed“ zum Ausdruck. Er lehnt sich in seinen
Werken sogar an einzelne Suren des Korans an, zum Beispiel diente die 6.Sure als
Vorlage in der Anfangs-Hymne der Fragmente der „Mahomed- Tragödie“.
In dem Preislied „Mahomeds Gesang“ wird sein Wirken als eine geniale religiöse
Persönlichkeit dargestellt durch die Metapher des Stroms. Das Gleichnis dient zur
Schilderung der von kleinsten Anfängen ausgehenden, dann ins Riesenhafte
wachsenden geistigen Macht, ihrer Ausweitung und Entfaltung, mit dem glorreichen
Abschluss der Einmündung in den Ozean, der hier zum Symbol des Gottes wird.
Muhammad reißt seine „Bruderquellen“ mit sich fort und befruchtet somit Länder und
Städte. Nach Goethes Vorstellung ist dieser befruchtende Fluss als ein Symbol für das
Leben und Wirken des Propheten Muhammed zu sehen.
Im Anhang ist dieses Preislied zu lesen.
In seinem „Ost-West-Diwan“ ehrte er die muslimischen Dichter, stellte sie in
Augenhöhe mit den europäischen Dichtern.
Dort kommt auch in einem Gedicht zum Ausdruck, dass er das übliche Christusbild und
das Symbol des Kreuzes ablehnte.

62
1831 schrieb Goethe an Carl Friedrich Zelter: „... das leidige Marterholz, das
Widerwärtigste unter der Sonne, sollte kein vernünftiger Mensch auszugraben und
aufzupflanzen bemüht sein. Das war ein Geschäft für eine bigotte Kaiserin Mutter, wir
sollten uns schämen, ihre Schleppe zu tragen. Verzeih! aber wenn du gegenwärtig
wärst, müsstest du noch mehr erdulden. Mit 82 Jahren nimmt man es wirklich ernster in
sich und für sich selbst, indem man die liebe leidige Welt in ihrem vieltausendjährigen
Narrenleben in Gottesnamen fortwandeln lässt. Es ist schrecklich, wie sich das ein-
über das andere Mal wieder in seinen Irrtümern brüstet.“
Im West-Östlichen Diwan ist das Gedicht zu finden:
Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
Kränkte seinen heiligen Willen.
Und so muss das Rechte scheinen
Was auch Mahomed gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.

Goethe sagte zum Ende seines Lebens: „Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der
Kirche.“ (Eckermann, 11.3.1832)
Goethe hat viel Aufklärungsarbeit in seinen Gesellschaften getan. Aus Handschriften
im Weimarer Archiv kann man lesen, dass er sich ab 1771/72 intensiv mit Koran-
Studien beschäftigt hatte. Er las sogar der Herzogfamilie wie auch anderen
Gesellschaften aus dem Koran vor. Schiller berichtete darüber später. Er studierte
arabische Handbücher, Grammatiken, lernte sogar Arabisch schreiben, las Bücher über
die Lebensgeschichte des Propheten Muhammad. Unter Anderem besuchte er ein
Freitagsgebet von Muslimen der russischen Armee des Zaren Alexander, was im
Protestantischen Gymnasium in Weimar 1814 durchgeführt wurde. In einem Brief an
seine Sohn fügte er hinzu: „Mehrere unserer religiösen Damen haben sich die
Übersetzung des Korans von der Bibliothek erbeten.“
Am bekanntesten ist sicherlich Goethes „Ost-West-Divan“, der eine tiefe Einsicht in
Gott und Seinen Propheten Muhammad aufweist. Er war fasziniert von der Sprache
des Korans, bekannte sich mit seiner Überzeugung in seinen Gedichten, dass Gott sich
in der Natur, in Seiner Schöpfung offenbare und bestätigte in seinen Gedichten im
„Ost-West-Diwan.“ die Einheit Gotts. Damit geht Goethes positive Einstellung weit über
alles Bisherige in Deutschland hinaus.
Er schreibt 1816 über sich: „Der Dichter (Goethe selbst) lehnt den Verdacht nicht ab,
dass er selbst ein Muselmann sei.“ An vielen Stellen in seinem Ost-West-Diwan macht
er keinen Hehl daraus, dass er sich als Muslim sieht.
In zwei Gedichten des Diwans schreibt er:

Närrisch, dass jeder in seinem Falle

63
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
In Islam leben und sterben wir alle.

Ob der Koran von Ewigkeit sei?


Darnach frag´ ich nicht!
Dass er das Buch der Bücher sei
Glaub ich aus Mosleminen-Pflicht.

Es gab auch andere Dichter, die den Islam lobten, wie zum Beispiel Johann Gottfried
Herder, der Goethe erst eigentlich auf den Koran aufmerksam gemacht hatte. K.
Mommsen schreibt in ihrem Buch: „In seinen ‚Ideen zur Philosophie einer Geschichte
der Menschheit‘ (1791) würdigt er Muhammads ‚hohe Begeisterung für die Lehre vom
Einen Gott‘ und ‚die Weise, ihm durch Reinigkeit, Andacht und Guttätigkeit zu dienen‘.
Er rühmt den hohen Grad der Kultur, den die Muslime erreicht hätten, und der sie den
Pöbel der Christen in seinen groben Ausschweifungen und verwilderten Sitten tief
verachten lasse.“
Weiter bekundet Herder in seinen „Ideen“: „Wenn die germanischen Überwinder
Europas ein klassisches Buch ihrer Sprache, wie die Araber ihren Koran, gehabt
hätten; nie wäre die lateinische eine Oberherrin ihrer Sprache geworden, auch hätten
sich viele ihrer Stämme nicht so ganz in der Irre verloren“.
Gotthold Ephraim Lessing erstrebte mit den Mitteln der Dichtkunst die Läuterung der
christlichen Glaubenswelt und eine sittliche humane Erziehung der Menschen, er
profilierte sich mit seinem „Nathan der Weise“ zu einem Hauptvertreter der religiösen
Toleranz.
In der Züricher Zeitung vom 10.11.2001 war der Artikel „Vernunft als innigste
Ergebenheit in Gott“ von Friedrich Niewöhner zu lesen:
„Besonders ausführlich beschäftigt sich Lessing mit der Tatsache, dass der Islam
keine Wunder zu seiner Rechtfertigung braucht. Muhammad hatte es nicht nötig, durch
übernatürliche Wunder die Menschen von der Gültigkeit seiner Lehre zu überzeugen,
diese stimme nämlich mit der „allerstrengsten Vernunft“ überein. Das heißt: Jeder
Mensch als ein Vernunftwesen kann nicht anders als den Islam als vernünftige Religion
mit seiner Vernunft anzuerkennen. Der Islam enthalte nämlich nur Lehren, „deren
Probierstein ein jeder bei sich führet“ – die Vernunft. Der Islam braucht zu seiner
Rechtfertigung keine übernatürlichen Wunder, weil er eine natürliche Religion ist,
genauer: die einzige natürliche, der Vernunft angemessene Religion. Er zitiert später:
„Ich getraue mir, (. . .) das Vornehmste der natürlichen Religion aus dem Alkoran gar
deutlich und zum Teile gar schön ausgedruckt darzutun, und glaube, dass ich bei
Verständigen leicht darin Beifall finden werde, dass fast alles Wesentliche in Mahomets
Lehre auf natürliche Religion hinauslaufe.“

64
Die Geschichte des Islam in Deutschland beginnt nicht erst im 20. Jahrhundert,
sondern schon im 18. Jahrhundert, als der König von Preußen Friedrich Wilhelm I. in
Potsdam einen Saal am Langen Stall als Moschee für seine „Langen Kerls“ herrichten
ließ. Er legte großen Wert darauf, dass seine „Mohammedaner“ ihren religiösen
Pflichten nachgehen konnten, denn dann können sie auch ihren Soldatenpflichten gut
nachkommen. Unter Friedrich dem Großen kam es zur Aufstellung geschlossener
muslimischer Truppenteile in der preußischen Armee, die auch später in militärischen
Handlungen für Deutschland kämpften. Am 7. und 8. Februar 1807 erlitt Napoleons
Armee bei Preußisch-Eylau die einzige Niederlage im preußisch-französischen Krieg
durch diese muslimischen Einheiten. Die Tapferkeit der Truppe war nach den
vorliegenden Berichten aus jener Zeit schon aus dem Grund motiviert, weil die
muslimischen Soldaten „ihrem König für die Sicherung ihrer angestammten
Lebensformen und die ihnen gewährte Religions- und Glaubensfreiheit danken
wollten“.
Im Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland steht zu lesen:
„Im Jahre 1760 trat ein für die Geschichte des Islam in Deutschland folgenreiches
Ereignis ein. In der zaristischen Armee verbreitete sich das Gerücht, der Sultankalif
plane aus Freundschaft zu Preußen den „Heiligen Krieg“ gegen Russland auszurufen.
Dieses Gerücht hatte unter anderem zur Folge, dass zahlreiche in der russischen
Armee dienende muslimische Soldaten zu den Preußen überliefen. Auf Kabinettsorder
vom 20. Januar 1762 wurde aus den Überläufern ein selbständiges ,Bosniakenkorps‘
(9. Husarenregiment ,Bosniaken‘) zu 10 Eskadronen (1.000 Mann) errichtet. In den
Matrikeln dieser Truppe taucht zum ersten Mal der Name eines preußischen Heeres-
lmam auf. Es handelt sich um einen Leutnant Osman, Prediger der ,preußischen
Mohammedaner‘.“
Weiter heißt es: „ Kaiser Wilhelm II. hatte am 8. November 1898 am Grabe Saladin des
Großen in Damaskus gegenüber dem Sultankalifen erklärt: ,Möge seine Majestät der
Sultan und die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben und
in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der
Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird‘. Als dann im Jahre 19I4 in Wünsdorf bei Zossen,
nahe Berlin, ein „Mohammedanisches Gefangenenlager“ angelegt wurde, löste der
Kaiser sein Versprechen ein. Im Winter 1914 ließ er eine Moschee für die Gefangenen
bauen, die mit einem 23 Meter hohen Minarett versehen war. Für die in der
Gefangenschaft verstorbenen Muslime wurde eine Wegstunde von Zossen entfernt, in
Zehrendorf, ein Soldatenfriedhof angelegt, auf dem sich das einzige
Muhammaddenkmal der Welt befand.“
Ab dem 19. Jahrhundert kamen viele türkische Studenten nach Deutschland, während
deutsche Militärberater die Armeen des Sultans modernisierten. Deutsche Ingenieure
bauten die Baghdad-Bahn, die die Türkei mit Irak verbinden sollte. Auch in den zwei
Weltkriegen standen beide Länder auf einer Seite. Viele muslimische Kämpfer
starben für Deutschland.

65
13. Die Religionen heute
„O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern
und Stämmen gemacht, damit ihr euch untereinander kennt. Der Edelste von euch ist
vor Allah derjenige, der am gottesfürchtigsten ist.“ Sure 49, Vers 13.
Einander erkennen - nicht einander verachten, aufeinander zugehen - nicht dem
anderen den Rücken zudrehen, miteinander im Friedlichen streiten – nicht
gegeneinander kämpfen!
Alle drei Religionen, wenn wir die jüdische dazu nehmen, kommen von dem Einen Gott.
Und darum sollten alle Menschen, die eine dieser Religionen anhängen, versuchen
einander wieder näher zu kommen.
Im Jahr 1963 erschien in der englischen Zeitung „The Observer“ mit großen Lettern die
Überschrift „Unsere Vorstellungen von Gott müssen weg!“. Damit wurde auf ein Buch
„Honest to God“ hingewiesen. Das Büchlein begeisterte und entsetzte zugleich die
Kirchenleute. Der englische Bischof Robinson fragt nach: „ wie denn nun
,Verkündigung, öffentliches Gebet, Liturgie, Kultus, und dann privates Gebet,
persönliche Andachtsübungen, Frömmigkeit und das geistige Leben‘ zur Geltung
kommen.“
Robinsons Verdienst ist es, dass er die Debatte um das neue Wort und die neue
Gestalt der Kirche und ihrer Botschaft in den Vordergrund gerückt hat.
Er sagt: „Wenn ich hin und wieder im Radio oder Fernsehen eine Diskussion zwischen
einem Christen und einem Humanisten verfolge, dann entdecke ich häufig, dass meine
Sympathien dem Humanisten gelten. Der Grund dafür liegt bestimmt nicht darin, dass
mein Glaube ins Wanken geraten wäre, sondern ich sehe mich genau so wenig in der
Lage wie der Humanist, die Denkschemata und religiösen Begriffe zu akzeptieren, in
denen der christliche Glaube angeboten wird. Ich habe das Gefühl, dass er im Recht
ist, wenn er gegen sie rebelliert, und mir wird in zunehmendem Maße unwohl bei dem
Gedanken, dass derjenige ,rechtgläubig‘ sein soll, der sie anerkennt.“
Dietrich Bonhoeffer schrieb schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts: „Gott
fordert von uns gerade in diesem Jahrhundert, dass wir eine Form des christlichen
Glaubens finden, die die Religion nicht zur Voraussetzung hat,“ als er darüber
nachdachte, dass jeder Mensch tief in seiner Seele an etwas außerhalb seines Seins
glaubt, einen Gott, dem er sich hingeben kann und durch den er die Welt um sich
begreifen kann. Er fragte sich: „Aber braucht der Mensch dazu eine Religion?“
Dieses Denken bedeutet ein Bruch mit den traditionellen christlichen Denkweisen.

Mit dem Fall des Ostblockes glaubten die Amerikaner, der Gedanke einer homogenen
Welt unter ihrer Führung (sprich Herrschaft) könnte Wirklichkeit werden. Die
Globalisierung würde Realität werden und das amerikanische Vorbild würde in allen
Bereichen des Lebens nachgeahmt werden, ebenso die Wirtschaft, Wissenschaft und
Technik, ja sogar die Regierungsform der Amerikaner, da ja, wie die meisten
Amerikaner glauben, sie den besten Standard und den am weitesten fortgeschrittenen
Stand in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte haben.

66
Aber dieser Traum war schnell ausgeträumt, spätestens nach dem Golfkrieg im Jahr
1991, als sich die islamische Welt zu Wort meldete. Und von da an überschütteten
immer neue Horrorvisionen über islamischen Terror die Menschen und machte ihnen
Angst vor dem Islam.
In Bildern im Fernsehen, in öffentlichen Debatten überwiegt bis heute der Eindruck, der
Islam sei aggressiv und alle Muslime würden eine Gefahr für den europäischen
Rechtsstaat sein, was meist zu Reaktionen gegen den Islam führt. Das zeigt sich
besonders in den Diskussionen über den Neubau einer Moschee, über die Einrichtung
von islamischem Religionsunterricht an den Schulen oder gar der Anerkennung des
Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts im Sinne einer Gleichstellung des Islam
mit den christlichen Kirchen. Wie wäre der Gedanke von einer vertraglichen
Vereinbarung des Staates mit den Muslimen?
Vielen Menschen in Deutschland wie auch im übrigen Europa erscheint der Islam
fremd. Sie hatten entweder noch keine Gelegenheiten, ihn kennen zu lernen oder sich
mit ihm zu beschäftigen. Sie sehen höchstens die äußeren Erscheinungsformen wie
zum Beispiel eine verschleierte Frau auf der Straße oder Moscheen von außen.
Andererseits werden sie von den Medien nicht gerade aufgefordert, den Islam
kennenzulernen, sie lesen fast nur Negatives wie Bombenanschläge (und vergessen
dabei, dass es auch selbst im eigenen Land Terrorgruppen gab, die nicht islamisch
geprägt waren), hören von Beschneidungen der Frau, aber wissen nicht, dass der
Islam solche Praktiken ablehnt, dass sie in einigen Ländern traditionsgebunden sind.
Sie nehmen eine instinktiv abwehrende Haltung ein, wenn sie einer islamisch
gekleideten Frau oder Mann begegnen und viele wollen auch gar nicht mit Muslimen in
Berührung kommen. Sie haben Angst, dass eines Tages der Islam hier vorherrschend
sein wird.
Eine Begebenheit ist dafür typisch: Auf einer Reise in ein arabisches Land schimpfte
während eines Essens ein Mann, dass immer mehr arabische Ausländer Deutschland
bevölkern (aber er reist in ein arabisches Land). Er meinte, dass er sich schon als ein
Schuhputzer neben dem Dom in Köln sitzen und die Schuhe der Araber putzen sehe.
Wie viel Hass klang in seiner Stimme! Findet er es für richtig, dass Araber seine
Schuhe am Dom putzen müssen?
Andererseits grenzen sich viele Muslime selbst aus, sei es durch
Sprachschwierigkeiten oder aus persönlichen Hemmschwellen durch ständiges
Anpöpeln bei Frauen oder bedingt durch Arbeitslosigkeit bei den Männern. Sie fühlen
sich nur wohl in ihren Gemeinschaften, in denen sie ihre Sitten und Gebräuche pflegen
können. Aber sie leben nun mal hier, oft schon in der 2. oder 3. Generation, sie können
sich nicht immer in ihre Welt flüchten. Sie müssen lernen, auf andere Menschen
zuzugehen, selbstbewusster zu werden, einfach daran denken, dass es Menschen gibt,
die neugierig sind, neugierig auf andere Sitten, Länder. Sie müssen sich als einen Teil
dieses Landes betrachten, mit den gleichen Rechten, aber auch gleichen Pflichten wie
andere Deutsche.

67
Für die Behörden wird ein Muslim in eine Art Schubkasten gesteckt: ist er ein Problem
oder eine Bereicherung? Positive Bestrebungen gibt es schon, kleinen Kindern die
Kitas zu öffnen, damit sie für die Schule gewappnet sind mit der deutschen Sprache,
aber schafft man damit auch Arbeitsplätze für die Mutter mit ihrem Kopftuch?
Anfangs schrieb ich von einigen Bekannten, die eigentlich nichts vom Islam wussten,
nur das nachplapperten, was sie durch Radio oder Fernsehen hörten. Und das war
nicht immer Gutes, mehr Schlechtes. Ich kenne es aber auch anders: Als ich Muslima
wurde, erklärte ich diesen Schritt auch meinen Arbeitskolleginnen. Es gab
unterschiedliche Reaktionen, eine meinte, das werde ich wohl nicht lange bleiben,
andere waren interessiert über meinen Übertritt. Sie waren aber alle sehr neugierig,
stellten über die ganzen Jahre immer neue Fragen. Ich lud sie an islamischen
Feiertagen zum arabischen Essen ein, brachte öfter Leckereien mit. Sie nahmen mich
so, wie ich war, kein hässliches Wort ist jemals gefallen. Im Gegenteil, mein Direktor
fragte sogar nach islamischer Literatur. Ich bin in der Hoffnung, dass sie gelernt haben,
mit einer ihnen fremden Religion besser umzugehen, und dass der Islam mit den
Menschen darin ihnen nicht mehr so fremd ist.
Es liegt also viel an der Aufklärung jedes einzelnen Mitglieds unserer Gesellschaft an
das aufeinander Zugehen. Es ist die Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben, ein
„Dialog der Kulturen“.
So ist auch Folgendes einzuordnen: 1970 erschien die 3. Auflage einer Dokumentation
„Richtlinien für einen Dialog zwischen Christen und Muslimen“, welches das
vatikanische Sekretariat im Zusammenhang mit dem zweiten Vatikanischen Konzil
(1962-65) herausgegeben hat. Es wird darin ein tiefer Wandel der offiziellen
Einstellung bestätigt. Das Dokument regt an, das „überkommene, aus der
Vergangenheit ererbte oder durch Vorurteil und Verleumdung entstellte Bild“, was die
Christen vom Islam hatten, abzulegen, deren sich der christlich erzogene Westen
gegenüber den Muslimen schuldig gemacht hat. Kritisiert werden die falschen
christlichen Vorstellungen von der „Gesetzesreligion“ Islam. Das vatikanische
Dokument betont die Einheitlichkeit des Glaubens an Gott. Damit war der Grundstein
gelegt für eine Annäherung zwischen der Römischen Kurie und dem Islam. Aber kaum
jemand erfuhr davon, da die Presse wenig Raum diesem Ereignis widmete. Ebenso
wurde der Besuch des Kardinals Pighedoli, Präsident des vatikanischen Sekretariats
für Nichtchristen, beim saudi-arabischen König Faisal 1974, der dem König eine
Botschaft von Papst Paul VI. überbrachte, in der „getragen vom tiefen Glauben an die
Vereinigung der islamischen und christlichen Welt, die beide den einzigen Gott
anbeten, Seine Heiligkeit Ihre Wertschätzung für Seine Majestät Faisal als die oberste
Autorität der islamischen Welt, zum Ausdruck bringt.“
Und heute, ist da nicht eine Kehrtwendung des neuen Papstes in seinem Verhältnis
zum Islam zu erkennen, der in einer Rede den Propheten Muhammad und den Islam
diffamiert?
Gerade heute wirken sich die Ereignisse terroristischer Anschläge in den USA 2001
und in vielen anderen Ländern auch unmittelbar auf unser Land aus.

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Es ergeben sich neue Fragen, die in ihrer Schärfe vorher unvorhersehbar waren, die
aber ein verantwortliches Handeln fordern. Es gibt wohl kaum Menschen, die sich
darüber keine Gedanken und Sorgen machen. Gerade jetzt sind fundierte
Sachinformationen beider Religionen und Orientierungen für ein gutes
Zusammenleben wichtig. Beiträge zu öffentlichen Diskussionen, zu denen alle
aufgerufen werden sollten, können helfen, Hindernisse und Barrieren im Denken
abzubauen. Dazu ist es aber notwendig, dass aussagekräftige, mit einem tiefen
Wissen ausgestattete Personen aller Bekenntnisse miteinander im Guten streiten. Und
das Wichtigste ist an solchen Streitgesprächen, dass es ein tragbares Ergebnis für
alle Beteiligten gibt.
Bedenken wir: Gott sagt in der Sure 5, Vers 49 sinngemäß: Für jeden von uns hat Er
Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt und hätte Er es gewollt, so hätte Er uns zu
einer einzigen Gemeinde gemacht. Aber Er wollte uns prüfen, damit wir um die guten
Dinge wetteifern.
Ähnlich meint Gott in der Sure 21:92-93: „Wahrlich, diese eure Gemeinschaft ist eine
einzige Gemeinschaft, und Ich bin euer Herr, darum dient nur mir. Doch sie spalteten
sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit. Sie alle aber werden einst zu Uns
zurückkehren.“ Eine einzige Gemeinde - die Menschheit - und ein einziger Gott!
Wir alle sind sozusagen eine Familie, die in ihrem eigenen Interesse ihre Konflikte und
Streitereien miteinander auf vernünftiger Basis klären muss. Wir alle sind aufgefordert,
uns untereinander auf friedlicher Weise zu verständigen, uns gegenseitig tolerieren,
miteinander sprechen und nicht gegenseitig bekämpfen.
Wetteifern wir in den beiden Religionen also um gute Beziehungen, um Verständnis,
Toleranz und um gegenseitigem Respekt miteinander. Aber Respekt ist nur dort
möglich, wo man sich wirklich kennenlernt, von der Kultur des Nachbarn erfährt, wo es
keine Vorurteile gibt und wo der Respekt vor der Menschwürde nicht auf der Strecke
bleibt.
Im kleinen Maßstab ist schon eine Annäherung zu erkennen, wenn ich daran denke,
wie viele Nichtmuslime am Tag der offenen Moschee die islamischen Einrichtungen
besuchen. Überall kommen die Menschen unterschiedlicher Konfessionen ins
Gespräch, ein Anfang ist getan.

Anhang

Die Abschiedspredigt des Propheten Mohammads:

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“O ihr Menschen, leiht mir ein aufmerksames Ohr, denn ich weiß nicht, ob ich nach
diesem Jahr wieder unter euch sein werde. Deshalb hört dem, was ich euch sagen
werde, bedachtsam zu und berichtet diese Worte jenen, die heute nicht hier anwesend
sind.
O ihr Menschen, genau wie ihr diesen Monat, diesen Tag, diese Stadt als heilig
betrachtet, so betrachtet auch das Leben und den Besitz eines jeden Muslim als ein
heiliges, anvertrautes Gut. Gebt die Güter, die euch anvertraut wurden, ihren
rechtmäßigen Eigentümern zurück. Schadet niemandem, damit euch niemand
Schaden zufügen möge. Haltet euch stets vor Augen, dass ihr eurem Herrn begegnen
werdet und dass Er gewiss eure Taten berechnen wird. Gott hat euch verboten, dass
ihr Zinsen nehmt, daher sollen jegliche Verpflichtungen aus Zinsgeschäften nunmehr
erlassen werden. Euer Kapital steht euch allerdings zu. Ihr sollt weder
Ungerechtigkeit zufügen noch erleiden. Gott hat entschieden, dass es keine
Wuchergeschäfte geben soll und somit sollen alle Zinsen die Abbas ibn Abd´al Muttalib
zustehen, erlassen sein...
Nehmt euch vor dem Satan in acht – für die Sicherheit eurer Religion. Er hat alle
Hoffnung aufgegeben, dass er jemals in der Lage sein wird, euch in großen Dingen
irrezuführen, also hütet euch davor, ihn in Kleinigkeiten zu folgen.
O ihr Menschen, es ist wahr, dass ihr bestimmte Rechte in bezug auf eure Frauen
besitzt, aber sie besitzen auch Rechte an euch. Bedenkt doch, dass ihr sie von Gott
als Anvertrautes und mit Seiner Erlaubnis genommen habt. Wenn sie bei euch bleiben
und euch euer Recht gewähren, dann ist es ihr Recht, dass ihr sie in Güte versorgt und
bekleidet. Behandelt eure Frauen gut und seid liebenswürdig zu ihnen, denn sie sind
eure Partner und an euch gebunden. Und es steht euch zu, dass sie sich mit
niemandem befreunden, den ihr nicht billigt und dass sie sich nicht unzüchtig
verhalten.
O ihr Menschen, hört mir ernsthaft zu, betet Gott an, verrichtet eure fünf täglichen
Gebete, fastet im Monat Ramadan und spendet Zakat aus eurem Vermögen. Verrichtet
Hadsch, wenn ihr dazu die Mittel besitzt.
Die gesamte Menschheit stammt von Adam und Eva. Ein Araber hat weder einen
Vorrang vor einem Nicht-Araber, noch hat ein Nicht-Araber einen Vorrang vor einem
Araber; Weiß hat keinen Vorrang vor Schwarz, noch hat Schwarz irgendeinen Vorrang
vor Weiß; [niemand ist einem anderen überlegen] außer in der Gottesfurcht und in
guter Tat. Lernt, dass jeder Muslim der Bruder eines jeden Muslim ist und dass die
Muslime eine Bruderschaft darstellen. Nichts soll einem Muslim erlaubt sein, das
einem muslimischen Bruder gehört, es sei denn, er gibt es ihm aus freiem Willen.
Deshalb tut euch selbst kein Unrecht an.
Bedenkt, eines Tages werdet ihr vor Gott erscheinen und nach euren Taten befragt
werden. Also hütet euch, verlasst den Weg der Rechtschaffenheit nicht, wenn ich von
euch gegangen bin.
O ihr Menschen, nach mir wird kein Prophet oder Gesandter mehr kommen, und es
wird kein neuer Glaube mehr geboren werden. Überlegt daher vernünftig, o ihr

70
Menschen, und versteht die Worte richtig, die ich euch mitteile. Ich werde nach mir
zwei Dinge hinterlassen: den Koran und mein Beispiel, die Sunna, und wenn ihr diesen
folgt, dann werdet ihr nie irregehen.
All jene, die mir zuhören, sollen diese Worte den anderen mitteilen und jene sollen sie
wiederum anderen mitteilen, und es mag sein, dass die Letzten die Worte besser
verstehen, als jene, die mir zuerst zugehört haben. Sei mein Zeuge, o Gott, dass ich
Deinen Menschen Deine Botschaft überbracht habe.”
So beendete der geliebte Prophet seine letzte Predigt und daraufhin, in der Nähe des
Gipfels von Arafat, kam die Offenbarung:
“…Heute habe ich euch eure Religion vervollkommnet und Meine Gnade an euch
vollendet und euch den Islam zum Glauben erwählt...” (Quran 5:3)
Noch heute wird die Abschiedspredigt des Propheten Muhammad jedem Muslim in
jedem Winkel der Welt mit allen möglichen Mitteln der Verständigung mitgeteilt.
Muslime werden darüber in den Moscheen und in Schriften aufgeklärt. Tatsächlich
erstaunen die Ermahnungen dieser Predigt, berühren sie doch die wichtigsten Rechte,
die Gott über die Menschheit und die Menschheit gegenüber einander besitzt.
Obgleich die Seele des Propheten diese Welt verlassen hat, leben seine Worte noch
immer in unseren Herzen weiter.

Mahomets Gesang

Seht den Felsenquell


Freudehell
Wie ein Sternenblick!
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.

Jünglingfrisch
Tanzt er aus der Wolke
Auf die Marmorfelsen nieder
Jauchzet wieder
Nach dem Himmel

Durch die Gipfelgänge


Jagt er bunten Kieseln nach,
Und mit frühem Führertritt
Reißt er seine Bruderquellen
Mit sich fort.

Drunten werden in dem Tal


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Unter seinem Fußtritt Blumen
Und die Wiese
Lebt von seinem Hauch.

Doch ihn hält kein Schattental


Keine Blumen
Die ihm seine Knie umschlingen
Ihm mit Liebesaugen schmeicheln
Nach der Ebne dringt sein Lauf
Schlangewandelnd.

Bäche schmiegen
Sich gesellig an
Nun tritt er
In die Ebne silberprangend
Und die Ebne prangt mit ihm
Und die Flüsse von der Ebne
Und die Bäche von Gebürgen
Jauchzen ihm und rufen: Bruder!
Bruder nimm die Brüder mit!

Mit zu deinem Alten Vater


Zu dem ewgen Ozean
Der mit weitverbreiteten Armen
Unsrer wartet
Die sich ach vergebens öffnen
Seine Sehnenden zu fassen

Denn uns frißt in öder Wüste


Gier´ger Sand
Die Sonne droben
Saugt an unserm Blut
Ein Hügel
Hemmet uns zum Teiche!
Bruder!
Nimm die Brüder von der Ebne
Nimm die Brüder von Gebirgen
Mit zu deinem Vater mit.

Kommt ihr alle! –


Und nun schwillt er herrlicher,
Ein ganz Geschlechte

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Trägt den Fürsten hoch empor
Triumphiert durch Königreiche;
Gibt Provinzen seinen Namen,
Städte werden unter seinem Fuß.

Doch ihn halten keine Städte,


Nicht der Türme Flammengipfel,
MarmorhäuserMonumente
Seiner Güte, seiner Macht.

Zedernhäuser trägt der Atlas


Auf den Riesenschultern, sausend
Wehen über seinem Haupte
Tausend Segel auf zum Himmel
Seine Macht und Herrlichkeit.

Und so trägt er seine Brüder


Seine Schätze, seine Kinder
Dem erwartenden Erzeuger
Freudebrausend an das Herz.

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