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8 Internet World BUSINESS

TRENDS &STRATEGIEN

12. November 2012

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IRLAND

Die Start-up-Insel

Irland steht für mehr als graues Wetter, grüne Wiesen und Guinness: Der kleine Inselstaat präsentiert sich als neues Zentrum der Gründerszene. Zum Web Summit in Dublin kamen mehrere Hundert Start-ups aus aller Welt

E s herrscht Aufbruchstimmung in Irland. Während das Bild von der Insel

in der internationalen Presse in den letz- ten Jahren vor allem durch die Euro-Krise geprägt wurde, die das Land besonders hart getroffen hat, sprühen die vielen Jungunternehmer in Irland geradezu vor Optimismus. „Wir haben eine prosperie- rende Start-up-Szene“, sagt Lorcan O’Sullivan, Manager für Internationalisie- rung bei Enterprise Ireland. Die irische Regierung betreibt die Ge- sellschaft zur Wirtschaftsförderung, um einerseits die Exportchancen von Start- ups sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen aus Irland auf den Welt- märkten zu verbessern. Andererseits un- terstützt sie auch Existenzgründer aus aller Welt bei der Ansiedlung und Ver- wirklichung ihrer Geschäftsideen in Ir- land. Die Wirtschaftskrise spiele für die Start-ups eigentlich keine Rolle, meint O’Sullivan. Im Gegenteil, sie könne sogar hilfreich sein: „Zum Beispiel sind die Kos- ten für Immobilien und Mieten gefallen. So können sie leichter eine günstige Un- terkunft finden.“

Günstige Rahmenbedingungen

Dass sich neben einigen großen und mit- telständischen Unternehmen in Irland

Foto: Till Dziallas
Foto: Till Dziallas

Tradition und Innovation gehen in Irland Hand in Hand. Neue Geschäftsideen werden im Pub diskutiert

pektive haben“, erklärt O’Sullivan. Das hänge auch mit der geografischen Lage zu- sammen, am westlichen Ende von Europa:

„Wir Iren sind es gewöhnt, eine Brücke zu sein und fühlen uns wohl damit.“ Neben der Pharmabranche zählt der Software-Bereich zu den wichtigsten

Wirtschaftssektoren in Irland. So beschäf- tigen insgesamt 5.400

Unternehmen 75.000 Menschen und erzielen einen Umsatz von 20 Milliarden Euro. Der Sektor macht damit 25 Prozent des irischen Bruttoinlandsprodukts und etwa ein Drittel der

irischen Exporte aus. Zwischen 2008 und 2010 wuchs die irische Software-Branche um sieben Prozent pro Jahr. In den letzten Jahren hat das Who’s who der Internet-Unternehmen Nieder- lassungen in Irland aufgebaut: „Google, Linkedin, eBay, Zynga, Facebook, Twitter – alle haben hier ihre Niederlassungen mit Tausenden von Mitarbeitern“, zählt Paddy

Cosgrave auf, seines Zeichens Initiator des Branchen-Events Dublin Web Summit. Keine schlechten Voraussetzungen also für die Ansiedlung einer IT-Konferenz.

„Europas größte Tech-Konferenz“

Die „größte Tech-Konferenz Europas“, wie sie sich selbst nennt, fand vom 17. bis 18. Oktober 2012 zum dritten Mal statt. „Im Oktober 2010 hatten wir unseren ersten großen Summit in Dublin. Jack Dorsey und Niklas Zennström waren unter den 30 Sprechern und 500 Teilnehmern. 2011 wuchs die Veranstaltung auf beinahe 1.500 Teilnehmer, und zum ersten Mal stellten drei internationale Start-ups aus“, schil- dert Cosgrave den Werdegang des Web Summit: „Dieses Jahr stellen 260 Start-ups aus über 50 Ländern in unserem Start-up-

Village aus.“ Begleitet wurden die interna- tionalen Existenzgründer von Hunderten Investoren, Sprechern und Pressevertre- tern sowie über 3.000 Teilnehmern. Beim diesjährigen Web Sum-

punkt, so Cosgrave weiter. Denn auch wenn wieder zahlreiche Vorträge von hochkarätigen Sprechern wie Skype-Mitgründer Zennström oder Pinterest-Mit- gründer Paul Sciarra zu hören waren – den meisten ging es vor allem um das, was die Iren am besten können: ums Networking (siehe auch Info-Kasten unten). Beim „Speed-Networking“ am ersten Tag der Konferenz trafen nervöse Jungunternehmer auf zahlungskräftige Investoren, um diesen ihre Ideen schmackhaft zu machen. Cosgrave habe „eine tolle Gruppe von Leuten hierher- gebracht“, freute sich Wesley Chan, Investment-Partner bei Google Ventures, dem Kapital- anlage-Fonds der Suchmaschine. Dublin sei eine Stadt voller tech-

nischer Talente, was anhand der vertretenen Start-ups deutlich geworden sei. Megan Quinn, Partnerin bei dem im Silicon Valley angesiedelten Investment- haus Kleiner Perkins Caufield & Byers, hatte sich vorgenommen, Visitenkarten mit über 100 Start-ups während des zwei- tägigen Events auszutauschen, wie sie der „Irish Times“ sagte: „Dublin gewinnt zunehmend den Ruf eines Zentrums für Innovation und technisches Talent.“ Des- halb wolle das US-Investmenthaus in Dublin vor allem mehr über die hiesige technische Community erfahren.

Dublin lockt mit Technologie

Das große Angebot an Technologiefirmen hat auch das Start-up Sumup nach Dublin

gelockt, das ebenfalls mit einem Stand auf dem Web Summit vertreten war. Sumup unterhält neben Dublin auch Standorte in London und Berlin. Es wurde 2011 gegrün- det und bietet die mobile Annahme von Kartenzahlungen an. Mit einem kosten- losen Kartenleser und einer

„Die Unterstützung junger Start-ups ist ein integraler Bestandteil der irischen Politik.“ RICHARD BRUTON

„Die Unterstützung junger Start-ups ist ein integraler Bestandteil der irischen Politik.“

RICHARD BRUTON

Wirtschaftsminister von Irland

auch eine pulsierende Gründerszene etab- lieren konnte, ist nicht zuletzt eine Folge der wirtschaftlichen Rahmenbedingun- gen. Irland ist bekannt für seine unterneh- mensfreundliche Politik, geprägt durch geringen bürokratischen Aufwand und niedrige Steuern, besonders im Bereich Forschung und Entwicklung. Hinzu kommt das niedrige Durchschnittsalter der irischen Bevölkerung und die hohe Akademikerquote. Laut Enterprise Ire- land verfügt etwa die Hälfte der 25- bis 35-jährigen Iren über einen Hochschulab- schluss. Auch die demografische Entwick- lung sei günstig: Im Gegensatz zu den meisten europäischen Staaten werde die Bevölkerungszahl in Irland in den kom- menden Jahrzehnten deutlich steigen. Im Jahr 2020 soll das Durchschnittsalter auf der Insel bei 38 Jahren liegen. Und Irland ist inzwischen sehr interna- tional geworden. Wer zum ersten Mal durch die Straßen von Dublin läuft, dem erscheint die Stadt ein wenig wie die kleine Schwester von London. Das zeigt sich schon an der Menge und Vielfalt von Res- taurants und Imbissbuden aus aller Welt. „Wir haben keinen großen Binnenmarkt, deshalb muss alles eine internationale Pers-

mit stünden die Teil- nehmer im Mittel- Open Mic: Ungezwungener Austausch beim Ideen-Jam Irland ist
mit stünden die Teil-
nehmer im Mittel-
Open Mic: Ungezwungener Austausch beim Ideen-Jam
Irland ist weltweit bekannt für seine Pub-Kul-
tur. Und weil die Iren gerne das Angenehme
mit dem Nützlichen verbinden, erörtern sie im
Pub auch neue Geschäftsideen. Die Initiative
Inventorium veranstaltet gemeinsam mit CAST
und NDRC, einem Unternehmen, das die Ent-
Vortragende haben je-
weils drei Minuten Zeit
Full House: Die Zuhörer sind gespannt
wicklung neuer Ideen un-
terstützt, den „Open Mic
Idea Jam“. Junge Menschen
können dort ihre Geschäfts-
ideen vortragen, sie haben
dazu genau drei Minuten
Zeit. Anschließend müssen sie sich den Fragen
des Publikums stellen und bekommen ein un-
mittelbares Feedback. Wer eine gute Idee hat,
erhält die Chance, auf künftige Geschäfts-
partner oder Investoren zu treffen, die bei der
Entwicklung von der Idee zum eigenen Unter-
nehmen Unterstützung bieten.

Smartphone-AppkönnenKlein-

unternehmer wie zum Beispiel Flohmarkthändler, Taxifahrer oder Handwerker EC- und Kreditkarten als Zahlungsmit- tel akzeptieren. Sumup berech- net für die verschlüsselt abge- wickelten Transaktionen eine Gebühr von 2,75 Prozent des Umsatzes, weitere Kosten fal- len nicht an. Inzwischen be- schäftigt das Unternehmen mehr als 100 Mitarbeiter. Dublin sei vor allem aus zwei

Gründen ein attraktiver Stand- ort für das Unternehmen, führt Mitgrün- der und Chief Marketing Officer Stefan Jeschonnek aus. Zum einen gebe es einen großen Talentpool im Bereich Operations, zum anderen im Bereich Development. „Wenn wir expandieren, sind wir darauf

angewiesen, dass wir zum Beispiel ein Customer Service Team aufbauen können,

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Die Tech-Konferenz Dublin Web Summit versammelte Start-ups aus der ganzen Welt Paddy Cosgrave hat „eine
Die Tech-Konferenz Dublin Web Summit
versammelte Start-ups aus der ganzen Welt
Paddy Cosgrave hat „eine Konferenz aufgebaut, bei
der die Teilnehmer im Mittelpunkt stehen“

das mehrsprachig ist, aber auch Erfahrung hat. Es ist sehr schwierig, ein solches Team mit Leuten aufzubauen, die keine Erfahrung in dem Bereich haben“, erklärt Jeschonnek. Gerade in Dublin gebe es viele erfahrene Leute in dem Bereich, das Glei- che gelte für das Development Team. Einen Un- terschied zur Start-up-Metropole Berlin sieht er in der vergleichsweise stärkeren und jüngeren Szene in der deutschen Hauptstadt. Dublin ver- füge dagegen über ein großes Angebot etablierter Technologieunternehmen, während die Start-up- Szene erst im Kommen sei.

Labore für vielversprechende Ideen

Um die Start-up-Landschaft in Dublin weiter voranzubringen, hat beispielsweise die US-Ven- ture-Capital-Gesellschaft Polaris Venture Part- ners neben Cambridge, Palo Alto und New York auch in der irischen Hauptstadt einen Ableger ihrer Dogpatch Labs eröffnet: Das Start-up-Labor ist ein interessantes Beispiel dafür, wie Netzwer- ken funktionieren kann. Das „Verbindungshaus für Geeks“ (Eigenbezeichnung) stellt vielverspre- chenden Gründern, die noch am Anfang stehen, für eine gewisse Zeit einen Schreibtischplatz, Kaf- fee und Snacks zur Verfügung. Die Atmosphäre im Dogpatch Lab Dublin ist offen und kollegial. Anstatt die anderen Hoff- nungsträger als Konkurrenten zu betrachten, hilft man sich gegenseitig mit Ideen und Anregungen. Polaris-Partner Noel Ruane sucht nach gleich gesinnten Jungunternehmern, denen das Prinzip der „Open Source Entrepreneurship“ wichtig ist:

die Idee, dass besonders im Anfangsstadium alle davon profitieren sich gegenseitig zu empfehlen, Verbindungen aufzubauen und unter einem gemeinsamen Dach Ideen zu entwickeln. Deshalb wird das „Labor“ nicht nur als Arbeitsplatz, son- dern auch als Treffpunkt zum gemeinsamen Mit- tagessen, für Workshops und Konferenzen genutzt. Die Halle wirkt weniger wie ein Großraumbüro als vielmehr wie ein Spielplatz für Erwachsene. An einem Schreibtisch lehnt lässig eine Gitarre, signiert mit den „besten Wünschen“ vom nordirischen Song-

writer-Urgestein Van Morrison. Denn Irland ist auch bekannt für seine international erfolgrei- chen Musikstars, die es hervorgebracht hat. Nicht nur Irish-Folk-Gruppen wie die „Dubliners“, auch die Rockband „U2“, die Sängerin Sinéad O’Connor oder die „Cranberries“ kommen von der Insel. So überrascht es nicht, dass auch in den Dogpatch Labs eifrig an neuen Ideen gearbeitet wird, bei denen die Musik im Mittelpunkt steht. Balcony TV zum Beispiel, eine Website mit Youtube-Kanal, die Auftritte aufstrebender Nach- wuchsbands und Musiker auf Balkonen in der ganzen Welt zeigt. Das Unternehmen erhielt kürzlich Unterstützung von den US-Risikokapi- talgebern Lerer Ventures, Greycroft Partners und Polaris Venture Partners.

„Fans filmen das Konzert, wir übernehmen dann den Rest.“ CATHAL FUREY CEO, 45 Sound

„Fans filmen das Konzert, wir übernehmen dann den Rest.“

CATHAL FUREY

CEO, 45 Sound

Unterstützung erfährt auch das im August 2011 gegründete Dubliner Start-up 45 Sound, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Crowd-Source- Videos zu optimieren. Selbst gemachte Fan-Videos von Livekonzerten seien visuell interessanter als professionelle Mitschnitte, weil sie die Perspektive des Publikums zeigen, findet Cathal Furey, CEO von 45 Sound. Ein Problem sei nur die schlechte Audioqualität dieser Filme, auf denen meist nichts als ein übersteuertes Scheppern zu hören ist. 45 Sound hat eine Plattform erarbeitet, auf der Musikfans ihre Video-Mitschnitte hochladen können. Dort wird die Audioaufnahme durch eine professionelle Aufnahme desselben Konzerts ersetzt, die der Tontechniker der je- weiligen Band liefert. Anschließend kann das Video auf Youtube hochge- laden werden. „Wir überlassen den Künstlern die Entscheidung, welche

A irt-
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Wirtschaftsstandort Irland

Einer aktuellen Untersuchung der Welt-

bank zufolge gehört Irland zu den zehn wirt-

schaftsfreundlichsten Ländern weltweit. Das Land hat sich zu einem Anziehungspunkt für schnell wachsende US-Internet-Unternehmen entwickelt. Player wie Google, Facebook und Twitter unterhalten ihre Euro- pazentralen in Irland. Neun der zehn führenden IT- Unternehmen sind in Irland vertreten. Sie nutzen den Standort, um von dort aus ihr Europageschäft zu ent- wickeln. Günstige Voraussetzungen sind neben den vergleichsweise niedrigen Steuern das überdurch- schnittliche Bildungsniveau der Iren und die Position Irlands als einziges englischsprachiges Euroland. Das Land, das von der Eurokrise besonders hart getroffen wurde, setzt auf die Förderung von jungen Unterneh- men, vorwiegend aus den Bereichen Internet, Soft- ware, Biotechnologie und Medizintechnik.

Aufnahmen sie nehmen wollen“, erläu-

tert te Furey. Die Musiker würden keine

besonderen Kenntnisse benötigen: „Sie bitten einfach ihre Fans, die Show zu filmen, wir übernehmen dann den Rest.“ Von den optimier- ten Videos sollen nicht nur Fans und Bands pro- fitieren. Auch für Verbrauchermarken sei das Konzept interessant – sie können sich mit ange- sagten Bands präsentieren und die Videos als Imagefilme einsetzen. Bisher haben 70 Künstler die Plattform genutzt, sagt Furey. Jetzt wolle 45 Sound weitere internationale Bands, Marken und

Agenturen von seinem Konzept überzeugen. Irland mit seinen viereinhalb Millionen Ein- wohnern – nicht viel mehr als die Bevölkerung Berlins – ist darauf angewiesen, international zu denken. An seine Jungunternehmer knüpft das kleine Land große Erwartungen. tdz

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