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Die Ohrfeige der Tollkühnen

Von Ülkem Zeremya

Ich war im verlaufe der Operationen aus der Luft, vor den Landoperationen, die
ganze Zeit dort. Jetzt hingegen bin ich Tausend von Kilometern entfernt.

Sie schauten vom dünnen Faden zwischen Leben und Tod zu. In der Luft Tod
bringende Erfindungen - es hätte jeden Moment jemand mit dem kalten Gesicht
des Todes von Angesicht zu Angesicht kommen können. Das interessierte sie aber
überhaupt nicht. Ich wunderte mich über die ruhige Haltung gegenüber der
Tatsache, dass über uns Kriegsflugzeuge flogen, die jeden Moment bereit dazu
waren den Tod von sich zu geben. Mit der langjährigen Erfahrung spüren sie das
Kommen der Flugzeuge und rennen zu ihren Positionen. Obwohl es um Leben und
Überleben geht, hat man in ihren Gesichert weder Angst, noch Panik, noch
Beunruhigung und Verwunderung gesehen. Sie nehmen das Leben und den Krieg
so ernst, dass sie sich psychologisch, denkend, militärisch und seelisch voll
ausstatten. Ich wundere mich darüber, “warum sie den Tod so verhöhnen, als so
einfach annehmen”. Mit der Zeit verstehe ich, dass keiner von ihnen den
einfachen und billigen Tod sich zu Eigen macht. Aber für ihr Ziel, für das setzen
sie ihr Leben ein ohne die kleinste Besorgtheit oder Kummer. Vielleicht ist der
Grund für ihre Unbekümmertheit gegenüber dem Tod auch die Realität, dass ihre
unbeschreibliche Liebe gegenüber dem Leben, den Menschen und der Natur, die
Realität, dass sie die Freiheit bis ins letzte Detail genießen. Vielleicht ist es auch
so, dass sie den kurzen Momenten der Freiheit eine große unendliche Liebe
geweiht haben... Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß und auch Zeuge geworden
bin ist eine Realität. Diese ist, dass das Herz der Guerilla mit der Hoffnung der
Freiheit schlägt, sie sind aber gegen die, die diese Hoffnungen mit Schüssen
entweihen wollen, mit ihren lächelnden Gesichtern und ihre auf opferischen
Geistern immer auf der Hut. Hinzukommt, dass keiner hierzu Befehle verteilen
und Gewalt anwenden muss. Es kommt aus tiefstem Herzen und sie sind bereit
dazu, auch ihr Leben dafür zu geben.

Ich bin mitten in einem richtigen Krieg. Das beruhigt mich ein ganz klein Wenig.
Es ist nämlich schwieriger in der Position des Zuschauers, mit was wäre wenn
Fragezeigen, besorgt wartet und die Ergebnisse hinnimmt, zu sein. Auf dieser
Insel der Gewissheit habe ich nur eine Sorge. Diese Sorge ist die Frage, wie viel
Menschenleben diesem Krieg noch zum Opfer fallen werden. Der türkische
Generalstab hatte dem entgegen mit großer Begeisterung in der Regierung die
Entscheidung um die grenzüberschreitenden Operationen getroffen, und hat
ohne ein richtiges Ziel leere Felder bombardiert. Blut und Tod müssen den
türkischen Generalstab trunken gemacht haben, denn sie haben vor Kriegsbeginn
sich als Sieger des Krieges ausgerufen.

Die Guerilla hingegeben, ist bei den letzten professionellen Vorbereitungen, ohne
Platz für Aufregung und leere Siegessprüche zu lassen. Die Kriegstaktiken der
Guerilla werden noch einmal durchdacht, alle Grenzübergänge, strategische
Hügel und Stellungen werden aufgeführt. Bei allen ist der Ernst der Lage, die
Aufregung und auch die Moral auf höchster Stufe. Alle verlangen bei der HPG auf
vorderster Front zu sein und setzen sich dafür ein, weil sie jahrelange angestaute
Rache und Wut in sich verspüren. Ein letztes mal werden die Kalaschnikow, die
sie seit Jahren bei sich tragen, gereinigt.

Ich frage mich und finde es auch sehr interessant, dass die weiblichen Guerilla,
die so menschlich und hütend sind, dass sie nicht mal das kleinste Lebewesen
zertreten könnten, mit einer solch grossen Entschlossenheit, Aufregung und
Glauben sich auf den Krieg vorbereiten. Wieso sollten sie sich nicht vorbereiten?
Ist es denn nicht ihr Land gewesen, dass Hunderte von Jahren ausgeraubt worden
ist, ist es nicht ihr Volk gewesen, dessen Anteil immer der Tod war? Und ist es
nicht ihre Sprache und ihr Bestehen, dass momentan verleugnet wird, ist es nicht
ihre Freiheit, die ihnen aus den Händen genommen werden will? Sie Hunderte
von Kindern, die auf den Strassen unter Beschuss standen und als
„Vaterlandsverräter“ deklariert worden sind, nicht Mitglieder ihres Volkes? Und
waren es nicht wieder sie selbst, die den neusten Foltererfindungen ausgesetzt
waren?

Man muss Zweifel an der Menschlichkeit und an dem Gewissen der Personen
haben, die nicht ‘Êdî Bes e’ (es reicht) zu denen sagen, die nicht mal die Leichen
der Guerilla ertragen können, diese zerteilen, die Leichen der weiblichen Guerilla
vergewaltigen – die nicht Hass, Wut und Rachegefühle hegen. Ich werde von den
Vorbereitungsarbeiten der Landstreitmächte zum Krieg „entfernt“. Leider werde
ich zum Zuschauer dieses Krieges. Mein einziger Trost ist, dass ich in den Augen
der Guerilla und in ihren Herzen den Glauben an den Sieg, die Entschlossenheit,
die Sehnsucht nach einer freien Zukunft, gespürt habe. Dies bestärkt mich.

Die türkische Armee, die mit dem Ausruf “grenzenlose Sauberkeit” in die Medya
Verteidigungsgebiete einmarschiert sind, musste mit großen dreckigen und
obsiegten Flecken, von den Freiheitsverliebten aufopfernden Helden geohrfeigt,
mit runter hängenden Köpfen zurück kehren. Sie wollten eigentlich den Kreis um
die HPG einengen, haben sich aber nur mit Müh und Not von dem eingeengten
Kreis der HPG retten.

Der Generalstab der Türkei muss wohl für einen Moment vergessen, wer die
Löwen sind, die seit Jahren in den Bergen leben und diese wie ihre Westentasche
kennen. Aber die HPG hat sie wieder daran erinnert. Die Soldaten, die mit einer
Einfall-Taktik die HPG sorglos jagen wollten, sind selbst gejagt worden.

Ja, die Geschichte hat wieder gezeigt, dass Krieg ein nicht so einfaches Spiel ist,
wie man sich das vorstellt. Die ganze Welt konnte in den Gesichtern der
türkischen Soldaten erkennen, dass sie nicht für diesen Krieg waren. Aber, man
sieht, dass die „Götter des Krieges“ die Entscheidung dafür gefällt haben – sie
hatten die Aufgabe der Verwirklichung. Wenn die türkischen Soldaten, die
Familien der Soldaten ein wenig Stolz haben, müssen sie der Sympathie zum
Krieg einhalt gebieten. Ansonsten werden sie noch größeren Leid ertragen
müssen. Ich hoffe, dass die USA auch ihren Anteil von diesem zermürbenden
Ergebnis erhalten hat. Denn diese ganze dreckige Besetzungskoalition ist durch
ihre Unterstützung und Einverständnis zustande gekommen. Die Erlaubnis zum
Einmarsch, wie auch der Befehl zum Rückzug wurde durch niemandem anderen
als durch Amerika erteilt. Die Türkei wird noch mehrere Male verlieren, weil sie
sich so an jemand anderen angenabelt hat. Auch naht das Ende von Talabani, der
seine Vorteile aus diesem Krieg ziehen will, einen geeigneten Markt sucht, um die
Kurden zu verkaufen und die Bestrebungen unseres Volkes als nichtig betrachtet
und dabei seinen Wanzt vergrössert. Von Tag zu Tag vermehrt sich die Sympathie
unseres Volkes im Süden für die PKK, weil sie die Gesichter der Personen wie
Talabani erkennen können. Das hat man auch in dem letzten Krieg gesehen, in
dem unser Volk im Süden daran geglaubt hat, dass die PKK die einzige
Widerstandsquelle unseres Volkes ist und haben sich für sie eingesetzt.

Die kurdischen Frauen haben am 8. März mit der Euphorie des Zap-Aufstandes im
Volksaufstandssinne gefeiert und den Widerstand der Guerilla begrüßt. Sie haben
zum System, der durch die Männer patentiert ist, der Gewalt, dem Mord und dem
Militarismus, die die Quellen des Systems sind ‘Êdî Bes e’ (es reicht) gesagt. Und
jetzt bereiten wir uns als kurdisches Volk, auf das diesjährige Freiheitsfest Newroz
vor, darauf zu sterben, zum “Êdî Bes e“ sagen, zum Ausrufen des Friedens, um
Millionen von Herzen auf dem Weg nach İmralı einzufliessen. Ich glaube daran,
dass wir auch zu diesem Newroz der Nachricht „wir kämpfen für das Leben, und
sterben für die Freiheit“ gerecht werden. Die kurdische Jugend, die sich mit ihrem
aufopfernden Geist an ihr Volk gehängt hat und die kurdischen Frauen mit ihren
Aufständen müssen die Vorgänger sein.

Ich grüße meine Genossen aus der HPG, die sich für die Freiheit und den Frieden
des kurdischen Volkes opfern, das seit Tausenden von Jahren unter Besetzung
und Fremdherrschaft steht.