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DIE KULTUR DER GEGENWART

IHRE ENTWICKLUNG UND IHRE ZIELE

HERAUSGEGEBEN VON

PAUL HINNEBERG

DIE KULTUR DER GEGENWART

TEIL I ABTEILUNG IX

DIE OSTEUROPÄISCHEN

LITERATUREN

UND

DIE SLAWISCHEN SPRACHEN

A. BEZZENBERGER A. BRÜCKNER V. v. JAGIC

J. MÄCHAL M. MURKO F. RIEDL E. SETÄLÄ

G. SUITS A. THUMB A.WESSELOVSKY E.WOLTER

1908

BERLIN UND LEIPZIG

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER

SOI

768672,

PUBLISHED SEPTEMBER 24, 1908

PRIVILEGE OF COPYRIGHT IN THE UNITED STATES

RESERVED UNDER THE ACT APPROVED MAKCH 3, 1905, BY B. G. TEUBNER LEIPZIG

ALLE RECHTE,

EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN

INHALTSVERZEICHNIS.

I. DIE SLAWISCHEN SPRACHEN

Von VATROSLAV VON JAGIC.

Einleitung

A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen

1.

Vorgeschichtliches

II. Anfänge der Geschichte

III. Slawische Sprachen in der neuen Heimat

IV. Die Bekehrung der Slawen zum Christentum, die kirchenslawische

Sprache

B. Die slawischen Einzelsprachen

1-39

i

2 13

2

4

6

8 13

1339

I.

Russische Sprache

1318

II.

Ruthenische Sprache

1819

III.

Bulgarische Sprache

1922

IV.

Serbokroatische Sprache

2226

V. Slowenische Sprache

2627

VI. Böhmische Sprache

VII. Slowakische Sprache

27 30 30 31

VIII. Ober- und Niederlausitz-Sorbische Sprache

IX. Polnische Sprache

Schlußbetrachtung

Literatur

II. DIE SLAWISCHEN LITEFL\TUREN I. DIE RUSSISCHE LITERATUR

Einleitung

Von ALEXIS WESSELOVSKY.

A. Von den ältesten Zeiten bis zum

Ausgang des 18. Jahrhunderts

I. Von den Anfängen bis zu Peter dem Großen

II. Von Peter dem Großen bis zu Alexander 1

31

32 35 35 36

3739

40-245

40-152

4042

42—51

42 47 47 51

VI

Inhaltsverzeichnis.

Seite

 

B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts

51 88

I.

Alexandrinische Periode

51 58

II. Das Zeitalter Nikolaus' 1

5888

 

C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts

88146

I.

Epoche der Reformen

88122

II.

Die achtziger und neunziger Jahre

122136

III.

Neues Jahrhundert

136 146

Literatur

147 152

n. DIE POLNISCHE LITERATUR

Einleitung

\'0N ALEX.A.NDER BRÜCKNER.

I. Die Literatur des 16.18. Jahrhunderts

II. Die Literatur des 19. Jahrhunderts bis zum Aufstand von 1863

III. Die Literatur seit dem .\uf5tand von 1863 Literatur

m. DIE BÖHMISCHE LITERATUR

Einleitung

I. Die altböhmische Literatur

II.

Die böhmische Reformation

III. Das goldene Zeitalter (1527 1620)

IV. Der Verfall der Literatur

V.

Das 19. Jahrhundert

Literatur

\'0N JAN MÄCHAL.

IV. DIE SÜDSLAWISCHEN LITERATUREN

Einleitung

Von M.A.TTHIAS MURKO.

A. Die Literatur in der kirchenslawischen Sprache

und unter dem überwiegenden Einfluß von Byzanz

I.

Die altkirchenslawische Periode

II. Das kirchenslawische Schrifttum seit dem 12. Jahrhundert

B. Die Literatur in den Nationalsprachen

und unter dem Einfluß des Abendlandes

153-175

153 154

154 157

157 165

165 174

175

176-193

176 179

179 180

180184

184 187

187188

188192

193

194-245

194 197

197 210

197 204

204210

210—243

I.

Ältere Periode (bis zum Aufklärungszeitalter)

210220

II.

Moderne Periode

220243

Schlußbemerkung

243 244

Literatur

245

Inhaltsverzeichnis.

VII

III. DIE NEUGRIECHISCHE LITERATLiR

Von albert THUMB.

246-264

Einleitung

 

246—247

I.

Die ältere gelehrte Literatur und die Wissenschaft .

247249

II.

Die Volkssprache und die

-

249252

III.

Die schöne Literatur bis zur Begründung des griechischen Staates

252 255

IV.

Die Literatur unter der Herrschaft der Schriftsprache

255259

V.

Die Literatur im Zeichen des Sprachkampfes

259261

Schluß

Literatur

262

263—264

IV. DIE FINNISCH-UGRISCHEN LITERATUREN 265-353 L DIE UNGARISCHE LITERATUR

265-308

Einleitung

I. Das Mittelalter

II.

Das

Renaissance-Zeitalter

III.

Das Zeitalter der Reformation

IV. Das Zeitalter der Gegenreformation

V.

Das

18. Jahrhundert

VI. Das

19. Jahrhundert

Literatur

IL DIE FINNISCHE LITERATUR

Einleitung

Von FRIEDRICH RIEDL.

 

265—266

266—269

269272

273278

278281

282—284

284—307

308

309-332

Von EMIL SETÄLÄ.

 

309—310

I.

Die mittelalterliche \'olkspoesie

II.

Begründung und erste Schicksale der finnischen Schriftsprache (1542

1642)

III.

Erwachen des Heimatgefühls (die Zeit der sogenannten Fennophilen,

1642 1809J

IV. Die erste nationale Erweckung, der Kampf der Dialekte (18091835)

310 314

314—315

316—318

318 320

V. Die Zeit der großen geschlossenen Werke der Volkspoesie und der

neuen nationalen Erweckung (1835 1860)

VI. Die Neuzeit (1860 bis zur Gegenwart)

Literatur

320 323

323—33'

33-

in. DIE ESTNISCHE LITERATUR

.

.'

333-353

\-0N GUST.W SUITS.

Einleitung

I. Das katholische Zeitalter (13. bis 16. Jahrhundert)

II. Das protestantische Zeitalter (16. bis 18. Jahrhundert)

333 334

334337

337—341

III. Das Emporkommen der genuin-estnischen Literatur (19. Jahrhundert) . 341350

IV. Die neueste Zeit

350—352

Vni

Inhaltsverzeichnis,

Seite

Y. DIE LITAUISCH-LETTISCHEN LITERATUREN 354-378

I. DIE LITAUISCHE LITERx\TUR

Einleitung

Von ADALBERT BEZZENBERGER.

I. Die litauische Literatur bis zum Anfang des 1 8. Jahrhunderts

II. Die Literatur des 1 8. Jahrhunderts

III. Die Literatur des 19. Jahrhunderts

Literatur

IL DIE LETTISCHE LITERATUR

Einleitung

Von EDUARD WOLTER.

1. Die lettische Literatur bis zum Jahre 1850

II. Von 1850 bis zur Gegenwart

354-371

354 357

357—302

362—364

364—368

369—371

372-378

372—373

373—375

375 377

Schluß

377

Literatur

378

Register

379—396

DIE SLAWISCHEN SPRACHEN.

Von

Vatroslav von Jagic.

Einleitung:. Seit voreeschichtlichen Zeiten waren östliche Nachbarn Die Slawen öst-

*

°

.

,

,^^

liehe Nachbarn

_

Europas der Deutschen.

.

Ihre geofjra-

der Deutschen die Slawen. Einst nicht weiter gegen den Westen

als bis in das Weichselgebiet, an die Karpaten und die pannonische phische Grup-

pierung.

Ebene, gegen den Süden bis an die untere Donau reichend, drangen sie

in den letzten Jahrhunderten der sogenannten Völkerwanderung viel

weiter vor. Im Westen über die ganze östliche Hälfte Deutschlands bis

gegen Hamburg an der Elbe, im Hannoverschen bis über die Elbe, in

Mitteldeutschland bis an die Saale. Im Süden über den größeren Teil

der Balkanhalbinsel bis an die nordadriatische Küstenstrecke und Inseln

sowie an die alpinen Hinterländer. Der ungestörte Besitz in dieser Aus-

dehnung dauerte jedoch nicht lange. Schon seit den Zeiten Karls des

Großen begann die Verdrängung der politisch und wirtschaftlich schwachen

slawischen Ansiedlung aus den den Deutschen nächst gelegenen Gebieten;

mit der politischen Unterwerfung und der energisch betriebenen deutschen

Kolonisation ging die Entnationalisierung der zahlreichen slawischen Volks-

stämme Hand in Hand. Jetzt trifft man in Deutschland nur noch ganz

geringe Überreste der einst weit verbreitet gewesenen slawischen Be-

völkerung, so in Pommern, in Westpreußen, in der Ober- und Niederlausitz.

Von diesen Oasen mitten unter der deutschen Bevölkerung sind allerdings

zu unterscheiden jene durch die Machtentfaltung Deutschlands an dieses

angegliederten Slawen, deren unmittelbare ethnische Fortsetzung außer-

halb des deutschen Machtgebietes liegt, so die Polen und Cechen im Norden, die Slowenen im Süden. Wenn man heute von den Nordwest-

slawen spricht, versteht man darunter zunächst alle Überreste der Slawen

in Deutschland (die Sorben der Ober- und Niederlausitz, die Kaschuben und Slowinzen Westpreußens und Pommerns), ferner die Polen (auch Ma-

suren genannt) und die Cechen (nebst den Slowaken Nordungams). Unter

der Benennung Ostslawen sind immer die Russen gemeint, deren süd-

russische Abzweigung, zumal in Galizien, Bukowina und Ungarn den

2 Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen.

Namen Ruthenen führt. Zu den Südslawen rechnet man Slowenen,

Kroaten - Serben und Bulgaren. Die heutige Gesamtzahl aller Slawen

dürfte rund 125 Millionen betragen.

Der Gesamt-

name Wenden

oder Slawen,

A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen.

Die fremdsprachigen Einwohner auf dem

jetzt deutschen Boden führen, soweit sie slawischer Zunge sind, in dem

I.

Vo r ßf 6 s chi ch 1 1 1 ch 6 s.

*

die Geschichte deutschen Munde, wenn man von den zur individuellen Geltung gekom-

hmde^rt n. Chr. meuen Cechen und Polen absieht, die Benennung Wenden oder Winden.

ersten Form

(als Wenden), unten in den innerösterreichischen Ländern (Steiermark,

Kärnten, Krain) in der zweiten Form (als Winden) gebräuchlich. Die Be-

nennung selbst ist uralt, sie reicht bis in die Zeiten eines Tacitus, Plinius

und Ptolemäus zurück. Als „Venetae" oder „Venedae" tauchen die Slawen

als östliche Nachbarn der Deutschen ungefähr zur gleichen Zeit in der

Geschichte auf wie die Germanen, d. i. zu Beginn unserer Zeitrechnung.

Doch kein Tacitus fand sich für sie. Sie vermochten nicht den Römern

so zu imponieren wie die alten Germanen. Erst um mehrere Jahrhunderte später, seitdem auch sie begannen, die Grenzen des oströmischen Reiches durch Einfälle ernstlich zu beunruhigen, gedachten ihrer etwas eingehender

zwei mittelmäßige Geschichtschreiber des 6. Jahrhunderts, ein lateinisch ge-

bildeter Gote (Jordanes) und ein griechisch gebildeter Byzantiner (Prokopios).

Bis zu dieser Zeit beschränkte sich die Kenntnis der griechisch-römischen

Kulturwelt bezüglich der Slawen auf die Nennung einiger Namen; nichts

von ihrem Leben, nichts von ihrer Stammesgliederung, nichts von ihren

Einrichtungen. Das lange Stillschweigen erklärt sich zum Teil aus ihrer

dem Gesichtskreis der antiken Welt entrückten geographischen Lage, zum

Teil aber auch aus einigen wohlbekannten Zügen ihres Nationalcharakters:

aus der Schwerfälligkeit, infolge deren sie statt des selbständigen Auf-

tretens meist erwarteten, von anderen geschoben zu werden; aus ihrem

Mangel an Initiative, der vieles durch ihre Massen aber unter fremdem

Namen vollführt sein ließ.

Oben in Sachsen

und Preußen

ist

der Name

in

der

Seit den frühesten Zeiten bis auf unsere Tage fiel das Gemeinsame

im Wesen der slawischen Völker stärker den fremden Beobachtern in die

Augen, als es bei ihnen selbst zum Bewußtsein kam. Daher die Vorherr-

schaft der Gesamtbenennung unter dem Namen „Venetae", wozu später

der einheimische Name „Sclaveni" oder „Sclavi" (slawisch „Slovene") hin-

zutrat. Beide Namen bleiben bei den byzantinischen und fränkischen

Chronisten auch dann sehr geläufig, als die Einzclbenennungen nach den

Stämmen (seit dem 8. und g. Jahrhundert) schon aufgekommen waren.

Wenn im 6. Jahrhundert bei den Byzantinern abermals zwei Namen

parallel nebeneinander genannt werden, Slawen und Anten, so liegt der

A. Die slawische Sprachen im allgemeinen.

I. VorgeschichtHches.

7

Gedanke nahe, daß darin möglicherweise durch ein besonderes Medium

übermittelt dieselben früher erwähnten Slowenen und Wenden wiederkehren. Jedenfalls ist auch diese Hervorkehrung zweier Namen nicht so zu ver-

stehen, als ob nicht damals schon eine große Anzahl von Einzelstämmen unter ihren besonderen Benennungen vorhanden gewesen wäre, die sich teils aus geographischen oder physischen Verhältnissen ableiteten, teils gene- tischen Ursprungs waren. Doch in einer gewissen Entfernung konnten sie von den fremden Schriftstellern nicht gehört und nicht wahrgenommen

werden. Daß das richtig ist, beweist ein wenige Jahrhunderte nachher niedergeschriebener geographischer Bericht über die Slawen, der von

einem süddeutschen (bayerischen) Anonymus herrührt; in diesem wimmelt

es geradezu von Stammes- und Gaubenennungen (zum Teil schwer er-

klärlich).

Versetzt man den Verlauf der Völkerwanderung, soweit es sich dabei inJividuaiisie-

um die Slawen handelt, in das 4., 5. und 6. Jahrhundert n. Chr., so gewinnt gen slawischen

man den ungefähren Zeitpunkt der zustande gekommenen Individualisierung um die Zeit der o

der Slawen nach den Stämmen. Auch die

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*

T^

Trennung der einst mehr ein-

1

1

Völkerwande-

rung.

T

Hauptsprachen

heitlichen Sprache in größere Dialekte, aus denen später die jetzigen

Hauptsprachen hervorgingen, mag spätestens in den ersten Jahrhunderten

unserer Zeitrechnung sich vollzogen haben, jedenfalls vor dem Eintritt in

die Völkerwanderungsepoche. Schon damals nämlich, als die Slawen noch

in ihrer vorgeschichtlichen Heimat hinter den Karpaten und dem rechten

Ufer der Weichsel per immensa spatia verbreitet waren, müssen sich in

ihrer Sprache verschiedene Abweichungen, gleichsam die ersten Risse

in dem einheitlichen Sprachbau, gezeigt haben. Wenn es auch damals

noch keine ausgesprochenen nationalen und sprachlichen Individualitäten

gab, die man heute unter den Namen Polen, Cechen, Serben, Kroaten,

Russen, Bulgaren usw. versteht einige von diesen Benennungen sind bekanntlich späten, fremden Ursprungs, andre lu-alt, vorgeschichtlich, be-

gegnend an verschiedenen Orten so ist man dennoch berechtigt zu

glauben, daß die späteren slawischen Hauptsprachen schon damals, in

der vorgeschichtlichen Urheimat, angefangen hatten, sich zu individuali-

sieren. Charakteristische Eigentümlichkeiten des slawischen Sprachtypus im allgemeinen bildet die Vorliebe für die breiteren {c, s, s) und die

engeren (c, s, z) Zischlaute, für die Zusammenziehung der Diphthonge in

einfache Vokale

{ni-oi in ^, ei in /, au-oii in u, eu in y), für den vokalischen

Auslaut (Abfall der Konsonanten

s,

r,

f,

teilweise m-n).

Durch diese

Kennzeichen hebt sich die slawische Sprachgruppe aus der baltoslawischen

vorausgegangenen Gemeinsamkeit ab. Unmittelbar vor der Wanderungs-

periode müssen aber innerhalb dieser gemeinsamen Züge sich jene indi- vidualisierenden Merkmale entwickelt haben, die den heutigen Einzel-

sprachen zugrunde liegen. Diese kamen freilich nicht alle auf einmal,

nicht alle zur selben Zeit und in gleichem Umfang auf.

Lange Daaer

Viele Jahrhunderte dauerte die slawische gemeinsame Vorgeschichte, """^KinS.

*"

A Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen.

innerhalb deren die Absonderung des slawischen Sprachtypus aus der baltoslawischen Gemeinsamkeit und durch das allmählige Anwachsen der Differenzen die Trennung in die slawischen Hauptsprachen zustande kam.

Im Verlaufe dieser Zeit machte alles Gemeinsame den natürlichen Weg

der Evolution durch, die sich auch in der Sprache abspiegelt. Der ge-

meinsame Wortvorrat aller slawischen Sprachen ist noch heute so um-

fangreich, so tief eingreifend in alle Sphären des Volkslebens, daß das

trennende Einzelsprachige dagegen fast ganz in den Hintergrund tritt. Ein

sprechender Beweis für die lange Dauer des gemeinsamen Lebens aller

Slawen, der engen Beziehungen der Gesamtheit zu ihren Teilen und der

gemeinsamen Arbeit an der fortschreitenden Kultur. Einen stark bemerk-

baren Einschlag in den gemeinsamen Wortschatz aller Slawen bilden die

zahlreichen Entlehnungen aus den germanischen Sprachen, hauptsächlich wohl dem Gotischen, wodurch ein bedeutender uralter Kultureinfluß der Deutschen auf die Slawen konstatiert werden kann. Ausdrücke wie kniiczi

(König) für die Bezeichnung der Fürstenwürde, lassen auf die Bekanntschaft

der Slawen mit diesem Worte wahrscheinlich als Folge der politischen

Abhängigkeit schließen, während in pcnczi (Pfennig) und stlezi-sklczi

(Schilling) die Beeinflussung im Handelsverkehr, in user^gii oder iiser£zi

(Ohrring) die Bekanntschaft mit fremden Schmuckgegenständen, in slcmü (Helm) mit fremder Bewaffnung, in clilcbü (Laib) mit der Nahrung, in chysi'i (Haus) mit dem Hausbau sich kundgibt. In Viehzucht und Ackerbau,

in Waldwirtschaft, Bienenzucht und Fischfang erscheinen sie viel selb-

ständiger, gaben auch einiges an die Nachbarn ab (z. B. skoft'i, plugü).

Ticnnungdurcii

II. Anfänge der Geschichte. Als für die Slawen die Zeit der Aus-

äußere Erweitc-

rung ohne innere breitung aus ihrer osteuropäischen Urheimat in der Richtung nach dem

Gesamtbildes. Westeu (in das Oder- und Elbegebiet), nach dem Südwesten (nach Böhmen,

Mähren und in das Flußgebiet der oberen Donau) und nach dem Süden

(über Pannonien in die norischen und dinarischen Alpen, in die Hämus-

länder hinter der unteren Donau) anbrach die Ursachen dieser Bewe- gfung bleiben unaufgeklärt; es kann Übervölkerung, Hungersnot, es kann

aber auch ein im Rücken auf sie ausgeübter Druck gewesen sein

zuerst wahrscheinlich in jener Rich-

tung, wo man ihnen keinen oder nur geringen Widerstand entgeg'en-

setzte. Das war im Westen der Fall, wo sie öde, von den germanischen

Stämmen verlassene Gebiete vorfanden. Etwas später, und zwar nachdem

die südlicher gelegenen Teile derselben durch die Berührung mit den asiatischen Völkern (Hunnen, Avaren, Bulgaren) und mit einigen euro-

päischen (Daken, Geten, Langobarden) verschiedene Erfahrungen gemacht

und 'für die wirksame Offensive sich kampfbereit gefühlt hatten, eröfi'neten sie ihre Einfälle auch über die Grenzen des oströmischen Reiches. Doch selbst aus dieser verhältnismäßig .späten Zeit sind uns irgendwelche Nach-

richten von ihrem Auftreten unter hervorragenden Anführern oder von

ergossen sie sich

in Massen,

A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen.

II. Anfänge der Geschichte.

c

den Oberhäuptern einzelner Stämme nicht überliefert. Das ganze gleicht

mehr einer Massenbewegung, vollzieht sich in der Art eines Elementar-

ereignisses. Man darf dabei die Vermutung aussprechen, daß neben den ortsnachbarschaftlichen und vielleicht auch sakralen Verbänden hauptsäch-

lich die Sprachverwandtschaft, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, für die Wahl des Anschlusses in der eingeschlagenen Richtung maßgebend

war. Was sich durch größere Sprachverständlichkeit aneinander gebunden

fühlte, zog nach einer Richtung zusammen aus, z. B. die ganze Masse der

nordwestslawischen Stämme. Von gewaltsamen Durchbrüchen einzelner

Stämme durch die Mitte anderer, wodurch die uralte Nachbarschaft und

Angliederung zerstört worden wäre, erzählt die Geschichte der slawischen

Völkerwanderung wenig oder gar nichts. Die bei einem byzantinischen

Geschichtschreiber (dem Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos) aus dem

10. Jahrhundert überlieferte Sage von dem angeblichen Zug der Kroaten

und Serben aus der nördlichen Heimat (von jenseits der Karpaten her) nach dem Süden in ihre heutigen Wohnsitze , erregt in dieser Form bei

den kritischen Geschichtsforschern unserer Tage ebenso starke Bedenken

wie bei den slawischen Sprachforschem. Eine zweite Überlieferung ähn-

licher Art, die von dem Zug zweier Stämme in Rußland, aus dem an die

polnische Grenze anstoßenden Westen bis gegen Wolga, von den Radi-

micen und Vjaticen, berichtet, hat sich in der ältesten russischen Chronik

erhalten, und viele glauben, daß sie auf Tatsachen beruht. Das ist aber

auch alles. Im ganzen und großen darf man doch sagen, daß die zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert erfolgte Ausbreitung der Slawen über ihre

früheren Grenzen hinaus dem alten ethnischen Bilde nur eine räumliche Ausdehnung verliehen hat, ohne die einzelnen Figuren des alten Bildes zu verwischen. Für diese Annahme einer nur räumlichen Verschiebung Verschiedene

ohne gewaltsame Umwälzungen im Innern spricht die noch jetzt wahr- diaiekte.

nehmbare Harmonie zwischen der geographischen Gruppierung und den

sprachlichen Verwandtschaftsverhältnissen der einzelnen slawischen Volks-

stämme. Je zwei slawische Nachbargebiete befinden sich regelmäßig zu-

gleich in den Beziehungen der nächsten Sprachverwandtschaft, wobei die Übergänge von der Sprache des einen zu der des anderen durch das

Zusammentreffen beiderseitiger Züge vermittelt werden, so daß man in

solchen Fällen mit Recht von den Übergangsdialekten sprechen darf.

In dieser Weise wird das ganze nordwestslawische Sprachgebiet, von jetzt

und einst, durch die charakteristische Aussprache c-dz{z) für die ursprüng-

liche Lautgruppe ij-dj wie durch ein einigendes Band zusammengehalten, zum Unterschied von der Aussprache c-di{z) für dieselbe Lautgruppe bei

den Ostslawen (Russen) und von c(c)-d'(J) oder sf-zd bei den Südslawen. In derselben Weise, nur durch ein anderes Merkmal, nämlich durch die

Lautgruppe oro-olo-ere wird die ganze Masse der Ostslawen (Russen) ab-

gesondert von den übrigen Slawen, die dafür bald ra-la, re-le sprechen

(die südlichen und der böhmisch -slowakische Sprachstamm), bald ro-lo,

XTbergangs-

Die Kette durch-

Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen.

re-lc (die Polen, Sorben und andere Slawen Deutschlands). Ein drittes Merkmal, die Anwendung der Konjunktion da (daß) zur Verbindung der

Objektivsätze (wofür sonst cto, ze, i'z verwendet wird) charakterisiert alle

südslawischen Dialekte. Man kann darnach, in den gröbsten Umrissen,

von den slawischen d'ö-Sprachen (polnisch, böhmisch, sorbisch), von den slawischen Orö-Sprachen (russisch) und von den slawischen Z),?-Sprachen

(südslawisch) reden. Was aber die Übergangsdialekte betrifft, so läßt sich schön konstatieren, daß innerhalb der russischen Sprachgruppe der am

weitesten gegen Westen vorgeschobene weißrussische Dialekt schon

einige Züge unverkennbarer Beziehung zur nächstbenachbarten polnischen

Sprachgruppe aufweist; oder daß das Wendische (Sorbische) der Ober-

lausitz Anlehnungen an das Cechische, das der Niederlausitz an das Polnische zeigt; oder daß das Slowakische Nordungams (und Ostmährens) schon den Übergang zur südslawischen Gruppe vermittelt; oder daß innerhalb der südslawischen Sprachgruppe der A'^^y-Dialekt (nach knj-quid

so benannt) Nordkroatiens (Murinsel-Warasdin-Agram bis gegen Karlstadt)

einen Übergang vom Slowenischen zum Serbokroatischen herstellt; daß in

Mazedonien die Sprache der dortigen Slawen sowohl zum Serbischen als noch mehr zum Bulgarischen Beziehungen hat. Die Zahl solcher Über-

gänge wäre noch größer, wenn nicht die vormals ununterbrochene Kette

der slawischen Besiedelung durch fremde Einwanderung und die infolge

davon eingetretene Entnationalisierung mehrere Verbindungsglieder ein- gebüßt hätte. Durch die allmähliche Rumänisierung der dakischen Slawen,

die in Siebenbürgen, Bukowina und Walachei ansässig waren, war das

Band zerrissen, das einst die östlichen Südslawen, nach heutiger Benennung

Bulgaren, mit den südlichen Ostslawen (den Stämmen wie Tiverci, Ulici) verknüpfte. Die zu Ende des 9. Jahrhunderts erfolgte Einwanderung der

Magyaren in die pannonische Ebene hob den Zusammenhang auf, der vormals zwischen den zu den Südslawen gerechneten parmonischen Slo-

wenen und den Vorfahren der heutigen Slowaken, die noch jetzt ihre

Sprache ebenfalls slowenisch nennen, bestand. Der gänzliche Untergang mehrerer slawischer Volksstämme in Deutschland verdunkelte einiger- maßen die verwandtschaftlichen Beziehungen der übrig gebliebenen zu- einander, so daß über das Verwandtschaftsverhältnis der Kaschuben zu-

den Polen und der polabischen Slawen zu den Kaschuben und Polen noch

jetzt unter den Gelehrten Meinungsverschiedenheit herrscht. Auch auf

der Hämushalbinsel hat das Zurückweichen des slawischen Elementes teils

vor dem griechischen, teils vor dem türkischen und albanesischen die

Lockerung der Beziehungen hervorgerufen, die allerlei Streitfragen nach

sich zieht, unter anderem auch die Lösung des Problems von der Heimat

der kirchenslawischen Sprache fast unmöglich macht.

Dio sprachliclu-n

Vorgänge inner,

halb der neuen

Heimat lange

Zeit dvmltel.

in. Slawische Sprachen in der neuen Heimat, Zwischen dem

Zeitpunkt der ersten Niederlassungen der Slawen in den neuokkupierten

A. Die slawischen Sprachen im allgcnieinen. III. Slawische Sprachen in der neuen Heimat.

y

Ländern im zentralen und südöstlichen Europa und der ersten Verwendung

ihrer Sprache für welche immer Aufzeichnung liegt ein Abstand von

mehreren Jahrhunderten, der für die Geschichte der slawischen Sprachen

fast nichts als unausfüllbare Lücken hinterlassen hat.

Es entzieht sich

nämlich unsrer Kenntnis ganz und gar, welche Entwicklungsphasen die einzelnen slawischen Sprachen während dieser Zeit bis zum Beginn des

Schrifttums (frühestens

im 9. Jahrhundert, zum Teil erst im 11., 12., 13.

Jahrhundert) durchgemacht haben. Man tappt im Finstem herum. Es

wurde sogar die Vermutung ausgesprochen, daß die heutigen Unterschiede zwischen den slawischen Sprachen, ihr Heraustreten aus dem Zustand der

ursprünglichen Einheit, erst auf dem Boden der neu bezogenen Ansied- lungen vor sich gegangen sei. Allein sehr gewichtige Gründe sprechen

gegen die Aimahme einer so späten Entstehung der slawischen Haupt- sprachen nach ihrem individuellen Typus. Anderseits liegt der Gedanke

nahe, daß neu entstandene Lebensverhältnisse, ein andrer Boden, ein

anderes Klima, die seitens der vorgefundenen früheren Bevölkerung aus-

geübte Beeinflussung daß alles das doch auch auf den Organismus der Sprache einwirken mußte. Aber wie, in welcher Richtung? Sichere

Tatsachen liegen nicht vor. Man ist auf Vermutungen angewiesen, die mehr oder minder scharfsinnig lauten, aber nicht bewiesen werden können.

Nach der Theorie, die den geringsten Abstand von der Ursprünglichkeit bei denjenigen slawischen Sprachen voraussetzen läßt, die bis auf diesen

Tag auf ihrer uralten Scholle oder nicht weit davon ansässig sind, sollte

man diejenige Entwicklungsphase für die ursprünglichste oder