Ullstein

ÜBER DAS BUCH: Gurdjieff (1877-1949) war einer der bedeutendsten Mystiker und spirituellen Lehrer dieses Jahrhunderts - und einer der geheimnisvollsten. Er stammte aus dem Kaukasus und unter­ nahm in seiner Jugend ausgedehnte Reisen zu den Wahr­ heitssuchern Zentralasiens und des Himalaya. Als die russi­ sche Revolution ihn aus seiner Heimat vertrieb, ging er nach Frankreich und gründete bei Paris sein legendäres »Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen«. Seine Lehre der Erweckung aus dem trancegleichen Zustand unseres All­ tagsbewußtseins zum wahren Menschen zog zahlreiche Schüler an und ist noch heute eine der wichtigsten Quellen der Verbindung zwischen westlicher und östlicher Spirituali­ tät. »Die Sufi-Lehrer Gurdjieffs ist eines der wichtigsten Doku­ mente der authentischen Sufi-Tradition im Westen des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen einer farbigen und faszinierenden Reiseschilderung macht es den Leser vertraut mit den grund­ legenden Voraussetzungen einer erfolgreichen Suche nach dem Sinn unserer menschlichen Existenz.«

Rafael Lefort

Die Sufi-Lehrer Gurdjieffs
Aus dem Englischen von Christine Spieth

Ullstein

Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, Berlin Taschenbuchnummer: 35788 Titel der Originalausgabe: The Teachers of Gurdieff Aus dem Englischen von Christine Spieth Ungekürzte Ausgabe Juli 1998 Umschlagentwurf: Vera Bauer Unter Verwendung einer Abbildung von FPG/Bavaria Alle Rechte Vorbehalten © 1966 by Rafael Lefort First published by Victor Gollancz Ltd., London Printed in Germany 1998 Gesamtherstellung: Clausen & Bosse, Leck ISBN 3 548 35788 1

Die deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Lefort, Rafael: Die Sufi-Lehrer Gurdjieffs / Rafael Lefort. Aus dem Engl, von Christine Spieth. Ungekürzte Ausg. - Berlin: Ullstein, 1998 (Ullstein-Buch; 35788) Einheitssacht.: The teachers of Gurdieff <dt.> ISBN 3-548-35788-1 Scan & OCR von Shiva2012

Inhalt

Einführung I. Hakim Abdu Qader II. Hashim Mohamed Khattat III. IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XI. XII. XIII. XIV. XV. Scheich Daud Yusuf Ataullah Qarmani Scheich Hassan Effendi Mohamed Mohsin, der Händler Qazi Haider Gul PirDaud Daggash Rustam Scheich Abdul Muhi Scheich Shah Naz Hussan Kerbali Scheich Mohamed Daud Ahmad Mustafa Sarmouni Der Scheich ul Mashaikh. Schlußwort

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Einführung

Kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs kehrte ein weitgerei­ ster Mystiker und Esoteriker armenisch-griechischer Abstam­ mung nach Rußland zurück und brachte eine mystische Lehre mit. Der Mann war Georg Ivanovitch Gurdjieff. Seine Lehre war dazu bestimmt, dem Menschen zu helfen, ihn darin zu be­ stärken oder ihn zu zwingen, sich trotz seiner selbst zu ent­ wickeln. Nach Experimenten mit dem »Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen« in Tiflis, Studienzentren in Kon­ stantinopel, Berlin, London und gelegentlichen Bühnenvor­ führungen geheimnisvoller Tänze, ließ er sich 1922 im Cha­ teau du Prieuré in Avon bei Fontainebleau nieder. In diesem Chateau lebten die Schüler und Anhänger dieses Mannes, der verschiedentlich als der »Cagliostro des 20. Jahrhunderts« und »Meister« bezeichnet wurde. Seine Me­ thoden zogen große Aufmerksamkeit und das Interesse der Öffentlichkeit auf sich. Aber unbeschadet der Angriffe auf ihn, zogen die »Waldphilosophen«, wie sie benannt wurden, mehr und mehr Anhänger an. Es gab kein festgesetztes »Ritual« oder »Übungskurs«. Es wurde von den Schülern erwartet, Anweisungen buchstäblich zu befolgen, Gurdjieffs Schriften zu lesen und die komplizier­ ten Tanz- und Haltungs-»Übungen« (»Movements«) zu ler­ nen. Gurdjieff konnte unter seine Anhänger Dr. Maurice Nicol zählen, der unter C. G. Jung studiert hatte, P. D. Ouspensky, Kenneth Walker, Orage, Herausgeber des ein­ flußreichen New Age, Frank Lloyd Wright und ein ganzes Heer anderer, die ihn segneten, verdammten oder vergaßen. Mit Fortschreiten der Lehre wurde es immer klarer, daß ein großer Teil der Philosopie Gurdjieffs auf östlichen Ritualen 7

beruhte, und er selbst bezog sich laufend auf Derwischprak­ tiken und Namen, die Schülern der Sufi-Gedankenwelt be­ kannt sind. Eines der heiligsten Musikstücke, nach denen die »Movements« getanzt wurden, war nach den Syeds oder Nachkommen Mohammeds benannt. Ouspensky, der Gruppen gegründet hatte, um das, was er von Gurdjieff gelernt hatte, zu vertiefen und fortzuführen, brach 1924 mit ihm. Dieser Bruch verursachte Verwirrung und viele Vermutungen. Von den in diesem Buch beschriebe­ nen Quellen war es jedoch möglich, die wahren Gründe da­ für zu erfahren. Gurdjieff wollte Ouspensky nahebringen, die Lehre durch die Herstellung einer inneren Verbindung mit ihm sozusagen »aufzulesen«, eine der üblichen östlichen Übertragungen eines Lehrers an seinen Schüler; aber Ouspensky, immer der korrekte, klassische Intellektuelle, wollte »Prinzipien«, nach denen sich die »wirkungsvollste« Methode ableiten ließe. Da das System und die Methode der Weitergabe ein- und dasselbe sind, hatte dieser intellektuelle Prozeß keinen Erfolg. Ouspensky revoltierte gegen den »rätselhaften« Charakter von Gurdjieffs Lehre. Er verstand nicht, daß Gurdjieff seine Botschaft nur an jene weitergeben konnte, die seine Rätsel »entschlüsseln« konnten. Dies ist die übliche Lehrmethode, aber Ouspensky wollte durch Denken auf den Grund der Lehre kommen und nicht durch die erprobte traditionelle und wirkungsvollste Art. Bis zu Gurdjieffs Tod 1949 erfuhr die Lehre alle möglichen Höhen und Tiefen; sie verbreitete sich bis nach Nord- und Südamerika, aber es schien immer etwas zu fehlen. Nach seinem Tod trat sie auf der Stelle und verlor ihre positive Kraft, da die Hauptantriebsfeder fehlte. War es der mangelnde Kontakt mit der Quelle? Sei dem, wie es will, jedenfalls bewegte sie sich ab 1950 nur noch durch die Schwungkraft voran, die ihr Gurdjieff gegeben hatte. Move­ ments, Vorlesungen und Vorträge gingen weiter, und von Zeit zu Zeit suchten Expeditionen Kontakt mit den Meistern. Sie suchten die Takamour und die Hudakar-Klöster; Yangi Hissar in Kashmir und Kizil Jan in Turkestan entzogen sich ihnen. Sie 8

hätten sich vielleicht viel Mühe ersparen können, wenn sie verstanden hätten, daß wir auf die Weitergabe der Lehre kein Recht haben, sondern daß dies ein Privileg ist, das denjeni­ gen gewährt wird, die es verdienen, brauchen und in der richtigen Beziehung zum Zeitelement stehen. Wenn sie das Wissen gehabt hätten, um einige der Namen zu entschlüs­ seln, die Gurdjieff ihnen gegeben hatte, wären sie möglicher­ weise auf Ashuk ul Haq, Hakim Beg, Bedar Karabeg, Bahauddin Evlia, Ahl Saz und andere gestoßen. Aus Jahren wurden Jahrzehnte, und die Schüler Gurdjieffs und seiner Nachfolger waren ihrem Ziel noch nicht näher. Jenen, die beanspruchten, Gurdjieffs Lehrauftrag geerbt zu haben, wurde keine Anerkennung zuteil. Seine Schüler waren ruhelos; sie fürchteten sich, ihr Schicksal jenen anzu­ vertrauen, denen sie nur wenig Vertrauen schenken konnten. »Wie kann man«, argumentierten sie, »jenen trauen, die er­ klären: ›Wenn ich Fragen beantworte, habe ich das Gefühl, derjenige zu sein, der Fragen stellen sollte‹ und: ›Es dauert wohl hunderttausend Jahre, bis ein Mensch perfekt wird.‹« Das also ist der Hintergrund, vor dem meine Suche begann. Sie hat insoweit geendet, was die Quelle der Lehre betrifft, jedoch hat die Suche nach mir selbst erst begonnen. Sie hat jedoch mit Vertrauen, Leitung und Disziplin begonnen. R. L.

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Hakim Abdul Quader zog versonnen an seiner Wasserpfeife, stieß eine beißende Wolke Rauch aus und warf einen schrä­ gen Blick unter schweren Lidern auf mich, bevor er meine Frage beantwortete. »Ja«, sagte er gedehnt, »ja, ich kannte Jurjizada oder Georg Gurdjieff, wie Sie ihn nennen. Er war mein Schüler. Aber warum möchten Sie dies wissen?« Das Warum und Weshalb war leicht genug zu_beantwor­ ten. Ich hatte Ouspensky, Nicoll und schließlich Gurdjieff studiert; ich hatte versucht, dem bedeutungslosen Muster der sich wiederholenden Aktivitäten der Erben Gurdjieffs in Paris zu folgen und hatte mich schließlich desiIlusioniert ent­ schlossen, die Quelle der Quellen, Schule oder Lehrer zu su­ chen, die ihm einen flüchtigen Blick darauf gestattet hatten, was das Schicksal des Menschen wirklich ist, wirklich sein kann. Ich reiste von einem Sonderling zum anderen, von Gruppe zu Gruppe, las immer weitere Bücher und fand immer Leute, die in einem Gedankenmuster und einer Art »Verstehen« fest­ gefahren waren, die ich unproduktiv fand. Hatte Gurdjieff, fragte ich mich, die Botschaft verfälscht, sie selbst erfunden oder hatten die Fragmente der Wahrheit seinen Tod nicht überlebt? Versuchten seine Nachfolger lediglich die Vergan­ genheit wiederherzustellen und auf eine sterile Art zu leben, weil sie das, was Gurdjieff versucht hatte ihnen zu sagen, auf diese Weise interpretierten? Ich glaubte nicht, daß Gurdjieff alles, was er lehrte, erfun­ den hatte. Ich glaubte, daß es irgendwo Menschen gab, die ihn gelehrt hatten, und diese suchte ich. Mein Ziel war, die Quelle einer sich entwickelnden, organisch-harmonischen Aktivität zu finden. Durch die recht monolithische Art der »Aktivitäten« in Paris und den USA war es leicht, davon abge11

Menkt oder von ihren Behauptungen geblendet zu werden; dabei hatten die »Movements« (Bewegungsübungen und Tänze) die Wirkung einer Gehirnwäsche. Ja, sie sprachen im Namen von Gurdjieff und den »verborgenen Meistern«, aber konnte etwas derart Unfruchtbares Gültigkeit haben? Ich dachte nicht. All und Alles und Begegnungen mit bemerkenswerten Men­ schen hatten mir sichere Anhaltspunkte dafür gegeben, daß die Lehre aus dem Osten kam. Ich hatte oberflächliche Kenntnisse des Persischen und Türkischen, und es war offen­ sichtlich, daß der Kontinent »Aschark«, den Gurdjieff er­ wähnte, von dem Arabischen »As Sharq« oder »Der Osten« abgeleitet war. Zusammen mit dem Wissen um seine Reisen in den Nahen Osten war es klar, daß man dort mit der Suche beginnen mußte. Ich verkaufte mein Geschäft und fuhr in die Türkei mit sehr wenig Ahnung, wo ich beginnen sollte. Welche Enttäuschung! »Haben Sie schon einmal von Gurdjieff oder Jurjizada gehört?«* Kennen Sie jemanden, der ihn kannte? Kann sich irgend jemand an einen Mann erin­ nern, der so und so aussah? Nein! Immer nein! Bis Adana!

* Sohn des Georg in persisch.

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I. Hakim Abdul Qader

Adana, in der Südosttürkei gelegen, war und ist heute noch ein bedeutendes Handelszentrum für Waren aus Syrien, Liba­ non, Irak und Persien. Man hatte mich in Konia, dem Zen­ trum der Mevlewi-Derwische, deren Begründer Jelaluddin Rumi dort begraben ist, auf diese Stadt hingewiesen. Die Ver­ bindung zwischen Gurdjieff und den Derwischen wird in al­ len seinen Schriften angedeutet. Einige seiner Tänze sind Derwischrituale, während andere Bewegungen aus dem Ge­ bet der Moslems sind. Konia war eine wunderschöne Stadt, aber ich fühlte eine offenkundige Barriere zwischen den Menschen und mir. Obwohl die Mönchsorden in den zwan­ ziger Jahren unterdrückt wurden, gibt es eine sehr starke Un­ tergrundaktivität der Sufis, und ein Fremder kann diesen Vor­ hang nicht durchdringen. Ich suchte in allen Gassen, bis ein Teppichhändler in der Nähe von Rumis Grabstätte mir riet, nach Adana zu gehen. Er gab mir keinen Namen oder Adresse und versuchte mich vielleicht nur loszuwerden, aber ich ging trotzdem. Mehrere Tage lang streifte ich durch Adana. Schließlich fragte ich einen alten Weber im Teppichviertel, ob ich mich zu ihm setzen und ihm zuschauen könne, um die Anfänge seiner Kunst zu lernen. Er wehrte ab: Hadschi Abdul Qader war der Meister, nicht er. Obwohl er sich zurückgezogen hatte, nahm der Hadschi manchmal Schüler an. Ich suchte den Hadschi auf und brachte nach unzähligen Tassen Kaffee das Gespräch auf den Anlaß meines Besuches. Ich sagte, daß ich nach den Spuren jener Männer suchte, die Gurdjieffs Lehrer waren. Ob er wohl jemanden kenne? Seine Antwort beschleunigte meinen Herzschlag, und ich erklärte hastig die Gründe für meine Suche. »Mein Freund«, erwiderte er, »ich bin kein Sufi in dem 13

Sinne, wie Sie das Wort im Westen verstehen. Sie würden mich einen Laienbruder nennen, und manchmal werden Leute zu mir geschickt, die ich im Weben unterrichte. Sie werden vom Oberhaupt eines Ordens gesandt, um sich be­ stimmtes Wissen oder Techniken anzueignen, die keine di­ rekte Beziehung zum esoterischen Studium zu haben schei­ nen. Es ist nicht meine Aufgabe, herauszufinden, wer meine Schüler sind oder welchen Grad der Erleuchtung sie erreicht haben. Ich lehre sie Teppichweben, und dann ziehen sie wieder ihres Weges. Gurdjieff war einer von ihnen. Er blieb ein Jahr und einen Tag bei mir und wurde dann, obwohl er die Kunst noch nicht ganz beherrschte, an einen anderen Ort geschickt. Er war ein aufmerksamer Schüler, der den Farben und Mustern der Teppiche mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem eigentlichen Weben, aber er war ein guter Schüler.« »Was lehrten Sie ihn noch außer Weben?« fragte ich. Der Hadschi machte eine Handbewegung. »Sonst nichts. Ich kann nichts lehren, was ich nicht weiß. Er lernte die Kunst des Teppichwebens bei mir, die Techniken und den Verkauf. Sein inneres Leben unterstand nicht meiner Obhut, dafür wa­ ren andere verantwortlich. Sie sagten zu mir: ›Lehre Jurjizada‹, und das habe ich getan.« »Wer waren ›sie‹, die ihn geschickt hätten?« bohrte ich weiter. »Das ist kein Geheimnis«, erwiderte er. »Die Bruderschaft in der Nähe des Kap Karatas, Richtung Süden. Sie waren die Schüler von Bahaddin, bekannt als die Naq'schbandis oder Maler. Sie sind nicht mehr dort, aber er wurde auf jeden Fall von einem anderen Ort aus dorthin geschickt, weil ich früher dort oft auf Besuch war und ihn niemals sah.« »Woher könnte er dorthin geschickt worden sein?« Er lachte. »Aus dem Norden oder Süden, Osten oder We­ sten, aus irgendeinem von Tausenden Orten. Von einem an­ deren Schulungszentrum, von einem anderen Lehrer. Wer weiß, was er studierte, bevor er zu mir kam? Vielleicht Falk­ nerei, Musik, Tanz, Zimmerhandwerk. Es gibt keinen festge­ 14

legten »Kursus«, mit dem man die ›Karriere‹ eines Menschen planen kann.« »Wohin könnte die Gruppe gegangen sein ...?« begann ich, aber er unterbrach mich. »Die Orden ›vvandern‹ nicht. Wenn sie ihre Aufgabe an ei­ nem bestimmten Platz erfüllt haben, werden sie aufgelöst, ihr Oberhaupt bekommt eine neue Aufgabe zugewiesen, wenn Sie so wollen, und die Schüler werden auf andere Zentren verteilt. Wenn Sie wirklich herausfinden wollen, wer der Scheich war, kann ich Ihnen helfen. Es war Mulla Ali Jamal aus Kerbala im Irak. Wo er jetzt ist, weiß ich nicht, vielleicht ist er schon tot, vielleicht lebt er sonstwo in der Welt.« Mit Bedauern nahm ich von diesem guten Manne Ab­ schied, da ich gerne bei ihm gelernt hätte, wenn ich nicht auf der Suche nach etwas anderem gewesen wäre. Aber die tote Spur war lebendig geworden, und ich mußte ihr folgen. Als ich mein Hotel verließ, um nach Diyarbekir und zur irakischen Grenze zu fahren, gab mir der Portier eine ver­ schlüsselte Notiz. »Erinnern Sie sich an Abdul Qadir« lautete sie. Verwundert machte ich mich auf den Weg. Ich würde mich sicher an ihn erinnern, aber warum diese Notiz? Es konnte bedeuten, daß er für seine Information eine Beloh­ nung wünschte. Vielleicht bedeutete es, daß ich für ihn beten sollte oder seinen Namen bei künftigen Kontakten erwähnen sollte oder...? Bagdad ist nicht die Perle der Wüste, wie es der arabische Geograph Muqadassi in seinem Buch, das ich gelesen hatte, beschreibt. Er schrieb es allerdings im 13. Jahrhundert, vor dem Einfall des Dschingis Khan, von dem sich die Stadt nie­ mals erholte. Sie hätte zwar genug Zeit dazu gehabt, aber an­ scheinend mangelte es ihr an Kraft. Der Mittelpunkt von Bagdad ist die Raschid Straße. Von der früheren Feisal Brücke kommend, fand ich am anderen Ende ein riesiges Gebäude mit Kuppeln, Gittern und Türmchen. Der Reiseführer beschrieb es als Grabmal des Heiligen Sufi Abdul Qadir Gilani. Abdul Qadir! - War dies der Abdul Qa­ dir, an den ich mich erinnern sollte? Ich eilte zum Semiramis 15

Hotel, buchte ein Zimmer und engagierte einen Führer, um das Grabmal zu besuchen. Kein Nicht-Moslem darf durch die massiven Portale des Heiligtums treten, da das Grab, die Moschee, eine Schule und Bücherei beherbergt. Wie mein Führer sagte, wird Gilani, der Begründer des Qadiri-Ordens, von allen Sufis als Großer Meister verehrt, und sein Grad der Erleuchtung machte ihn zum Lehrer aller Sufis, einerlei, welchen Ordens. Ich streifte umher, konnte aber wenig erfahren. Ich merkte mir den Laden eines Kalligraphen (Schönschreibkünstlers) in der Nähe, den ich am nächsten Tag besuchen wollte, um ei­ nige der bemalten Schriftblätter zu kaufen, die er in seinem Fenster ausgestellt hatte. Am Morgen war der Laden leer bis auf einen Knirps, der da­ mit beschäftigt war, Tinte zu mischen, und nur arabisch sprach. Er gestikulierte mit Händen und Füßen, um mir zu sa­ gen, daß sein Meister in der Moschee sei, aber bald zurück­ kehren werde. Ich wartete und traf so Hashim Mohamed Khattat, einen anderen Lehrer Gurdjieffs.

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II. Hashim Mohamed Khattat

Khattat war ein freundlicher, irakischer Araber, dessen stäh­ lerner Blick und aufrechte Haltung sein Alter von 89 Jahren nicht verriet. Er begrüßte mich mit altmodischer Höflichkeit und erklärte in gebrochenem Persisch, daß die Muster der kufischen Schönschrift nicht zum Verkauf bestimmt waren. Er würde mir andere anfertigen und sie mir nachschicken, wenn ich keine Zeit hätte, daraufzu warten. Das Gespräch kam auf das Heiligtum in Kerbala, wo der Enkel des Propheten Moha­ med begraben ist, und ein anderes Mosaiksteinchen war ge­ funden. Hussein hieß der Enkel in All und Alles (Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel). Kerbala, Heim des Scheichs der Tekke, des Versammlungsortes der Sufis in Karatas, ein ande­ rer Name! Diese schnellen Gedankenfolgen machten mich schwindlig. »Kennen Sie Scheich Ali Jamal, der früher in Karatas gelebt hat?« fragte ich. »Ich kannte ihn, er ist lange tot. Waren Sie ein Freund von ihm?« »Nein, aber ich möchte etwas über einen seiner Schüler, Gurdjieff, wissen.« »Warum wollen Sie das wissen?« Die übliche Frage. Ich erklärte und - Pause »Jurjizada war mein Schüler.« »Wirklich! Bitte sagen Sie mir, was Sie ihn lehrten und wie und ...« Hashim hob seine Hand. »Halt ein! Ich habe ihn nur in meinem unbedeutenden Handwerk unterrichtet. Er folgte den Anweisungen des Scheichs Muslihuddin von Oudh, der damals in Bagdad wohnte. Donnerstags abends kamen die Sucher zu ihm.« »Die Sucher?« 17

»Die Wahrheitssucher, unsere Gruppe, die zum Qadiri-Orden gehörte. Jeden Donnerstagabend verbrachten wir mit Meditation und Übungen unter der Leitung von Scheich Qalamuddin der Surkhani Bruderschaft.« »Was können Sie mir noch über Gurdjieff erzählen? Wo wohnte er, und wer waren seine Begleiter?« »Er wohnte bei der Witwe Bint Ahmad in der Nähe der klei­ nen Moschee. Er kam täglich zur Zeit des Morgengebets zu mir, und wir verbrachten den Tag mit Schreiben, Federschnei­ den aus Schilfrohr und dem Mischen von Tinte. Von Zeit zu Zeit gingen wir auch in den Gärten und Bazaren spazieren und hörten den Geschichtenerzählern zu. Gurdjieff sprach kein Arabisch und nur wenig Persisch. Wir sprachen wenig miteinander. Manchmal versuchten wir über die NasruddinGeschichte zu diskutieren, die uns unser Lehrer am vorange­ gangenen Donnerstag als Aufgabe gegeben hatte, manchmal erörterten wir die Worte des Zikr oder Wiederholung. Er blieb eine Woche weniger alsein Jahr und verließ mich dann. In die Türkei, so scheint es. Mehr weiß ich nicht«, fuhr Khattat fort, »ich lehrte Gurdjieff die Schreibkunst und weiß wenig über sein Leben hier. Ich hätte mir einen besseren Schüler erhoffen können, doch er war eifrig und arbeitete hart.« »Wie ist er zu Ihnen gekommen?« »Scheich Muslihuddin, den manche Saad nennen, nach seinem großen Vorgänger von Shiraz, sandte ihn zu mir. Er war schon einige Monate in Bagdad gewesen, bevor er zu mir gesandt wurde. Ich sah ihn oft die Büchereien besuchen und traf ihn bei den öffentlichen Vorträgen über den Koran und die Hadise (Überlieferungen von Aussagen des Propheten). Er skizzierte oft den Grundriß der Stadt, der bekanntlich auf dem Sechseck basiert und fragte mich mehr als einmal, warum das Grabmal des Gilani sich in dieser Lage und Bezie­ hung zum Ganzen befindet. Es war nicht meine Aufgabe, ihn darüber aufzuklären.« »Hätten Sie dies gekonnt?« fragte ich. »Zu welchem Zweck, außer dem, meine eigene Stimme zu hören? Falls er den Grund hätte wissen sollen, hätte man es 18

ihm gesagt, oder er hätte genug Informationen bekommen, um ihn selbst herauszufinden. Es stand mir nicht zu, mir die Aufgabe seines Meisters anzumaßen. Ich hätte ihm sagen können, daß Bagdad in Form eines Neunecks, mit dem Hei­ ligtum als neunten Punkt, gebaut ist. Aber dies hätte nur in­ formativen Wert für ihn gehabt. Es ist kein verborgenes Wis­ sen, aber unnötiges Wissen, wenn man nicht die Fähigkeit hat, es zu benutzen. Ein Esel mit einer Ladung von Rumis Bü­ chern ist in einer schlechteren Lage als ein ungebildeter Mann, der den Willen hat zu lernen und eine Seite aus dem Mathnavi besitzt.« »Wie schätzten Sie Gurdjieffs Entwicklungsstand ein?« »Raten war nicht meine Aufgabe. Wie ich versucht habe zu erklären, war ich beauftragt, ihn eine Sache zu lehren. Wie oder wann er darauf tiefer eindrang, lag nicht in meiner Zu­ ständigkeit. Er folgte einem bestimmten, festgelegten Ausbil­ dungsweg- auf dem ich nur ein Wegweiser war. Er bemühte sich zu lernen und war bestrebt, in die Traditionen meiner Kunst und die des Ordens einzutauchen, aber wie tief er ein­ drang, weiß ich nicht. Nur sein Lehrer auf dem Gebiet der in­ neren Verfeinerung könnte dies sagen. Vergessen Sie nicht, mein Freund, daß es bei den Sufis Bereiche der inneren und äußeren Arbeit gibt. Diese mögen unterschiedlich sein, doch beide sind wichtig. Gurdjieff verbrachte auf Anweisung des Ordens viele Monate damit, den Satz »Gott sei mir gnädig‹ zu schreiben. Dies war offenbar eine Verbindung beider Ar­ beitsbereiche, aber so wird es nicht immer gehandhabt!« Ich verabschiedete mich von Khattat und durchwanderte die Straßen. Offensichtlich war Gurdjieff von Lehrer zu Leh­ rer geschickt worden, und jeder hatte ihm etwas von seinem Wissen mitgegeben. Ich war sicher, daß er seine Schulung gemacht hatte, um für das Leben in der Welt genauso gerüstet zu sein wie im Bereich der Entwicklung des Menschen. Aber wie konnte ich diese verwirrten Fäden zusammenfügen, wenn ich nur die Handwerker und nicht die Lehrer fand? Konnte man von diesen Männern etwas Metaphysisches ler­ nen? Sollte ich auch bei ihnen studieren? Ich ließ diesen Ge­ 19

danken fallen, da es klar war, daß es ohne die zugrunde lie­ gende Leitung eines spirituellen Meisters nicht gut ist, skla­ visch dem Muster einer weltlichen Tätigkeit zu folgen. Untröstlich wiederholte ich in Gedanken alle Unterhaltun­ gen, die ich geführt hatte, aber es gab keinen Hinweis. Bag­ dad war ein Zentrum des Wissens der Derwische, selbst der Plan der Stadt wies darauf hin, aber es gelang mir hier kein Durchbruch. Ich suchte Tag für Tag nach Kontakten, aber ohne Erfolg. Darf ich an einem Sufi-Treffen teilnehmen? Nein! Wie konnte ich zugelassen werden? Wenn mich ein Lehrer schicken würde. Wie konnte ich einen finden? Durch Suchen. »Wo?« »In dir selbst.« »Wozu?« »Zur Anleitung.« »Könnte ich einen Meister treffen und fragen, ob er mich akzeptiert?« »Du hast schon einen getroffen, Hashim Mohamed.« »Aber er sagte, er wäre nur ein Schönschreibkünstler.« »Sufi-Meister sind nicht notwendigerweise geheimnisvolle Gestalten. Sie lehren nicht alle ›Sufismus‹ wie du ihn kennst und auf die Weise, in der du es erwartest. Sie können an einem Ort leben und als Schreiner, Automechaniker oder Fischer arbeiten. Sie gehen dorthin, wo sie hingeschickt wer­ den, und warten vielleicht Jahre, bevor ihnen ein Schüler ge­ sandt wird. Du hast keine Rechte auf sie, du hast keinen Anspruch auf ihre Lehre. Vielleicht können oder dürfen sie eine Person auf deiner Stufe nicht unterrichten.« Ich ging zu Hashim Khattat zurück und fragte ihn. »Ja«, antwortete er, »ich habe eine Aufgabe hier. Sie schließt nicht ein, zufällige Schüler anzunehmen. Ich kann Sie nicht annehmen. Wenn Sie Gurdjieffs Weg aus Neugier oder Heldenverehrung folgen wollen, dann geben Sie Ihre Suche auf, weil Sie außer Kummer nichts davon haben wer­ den. Es wird Ihnen deshalb nichts nützen, seiner Lehre zu fol­ 20

gen, da der Scheich ul Mashaikh erklärt hat, daß das, was an Baraka’ in Gurdjieffs Lehre verblieben war, zu Beginn des letzten Jahres der ersten Hälfte Ihres zwanzigsten Jahrhun­ derts verschwunden ist.« »Wer ist der Scheich ul Mashaikh und wo . . . « , begann ich. Hashim hob seine Hand. »Keine dieser Fragen wird Ihnen be­ antwortet werden. Fragen zu stellen allein bedeutet nichts! Suchen Sie, aber das Motiv Ihrer Suche sollte Entwicklung und Einklang mit dem Unendlichen sein, nicht das Nachäffen einer Lehre in einer ausgedienten und sterilen Form, wie dies heute geschieht. Besuchen Sie Ali Jamals Schüler in Kerbala, Scheich Daud Yusuf, und lassen Sie mich nun bitte wieder an meine Arbeit zurückgehen.« Ich stammelte meinen Dank und ging. Ich konnte nicht sa­ gen, daß die Dinge sich gut fügten, sie waren nur etwas durchschaubarer. Ich muß nach Kerbala.

Nicht faßbare Kraft, die nur die großen Sufi-Meister besitzen sollen, die an Menschen, Situationen, Orte und Gegenstände nur aus einem besonderen Grund weitergegeben wird.

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III.Scheich Daud Yusuf

Kerbala ist kein angenehmer Aufenthaltsort, da es das Zentrum des Schiiten-Fanatismus ist, und Nicht-Moslems, sogar NichtSchiiten wird davon abgeraten, diese Stadt zu besuchen. Das Heiligtum dort ist relativ neu, da das Original durch einen or­ thodoxen sunnitischen Kalifen von Irak zerstört wurde, der es als Brennpunkteines ketzerischen Glaubens ansah. Meine Be­ grüßung wurde kaum herzlicher, als ich durchblicken ließ, Scheich Daud Yusuf zu suchen, einen orthodoxen Kirchen­ mann, dessen Anwesenheit in Kerbala durch die schiitische Mehrheit nur toleriert wurde, weil er weithin bekannt war, so daß sie ihn nicht bedrohen oder belästigen konnten. Er emp­ fing keine Gelegenheitsbesucher, obwohl ich Hashim Khattat als Referenz erwähnte. Es schien, um seine Aufmerksamkeit zu verdienen, hätte mir Hashim einen bestimmten Schlüssel­ satz für den Scheich mitgeben müssen, mit dem mir ein Ge­ spräch sicher gewesen wäre. Einer seiner Schüler, mit dem ich sprach, fragte mich wiederholt »Womit hat Sie Hashim gesandt?‹ und immer wieder wiederholte ich seine Worte, denen in ihren Augen das Notwendige fehlte. Die Adresse des Scheichs war nicht herauszubekommen, sein Zeitplan undurchsichtig und die Möglichkeiten eines Empfangs zweifelhaft. Daß ich kein Moslem war, schien nicht gegen mich zu sprechen, aber kein Derwisch zu sein, war bestimmt ein Hindernis. Ich war nun sicher, daß viele meiner anscheinend harmlosen Unterhaltungen mit seinen Schülern inszeniert wurden, um mir Codeworte oder Sufi­ reaktionen zu entlocken, die meine Ehrlichkeit und/oder meine Entwicklungsstufe von einem esoterischen Standpunkt aus zeigten. Natürlich war ich nicht in der Lage, trefflich zu zitieren oder Sätze zu erkennen, die aus Schriften von Der­ wischmeistern stammten. 22

Nichtsdestotrotz bohrte ich weiter. Wer war der Scheich ul Mashaikh? Wer war Abdullah Jamavi? Von welchem Or­ den war der Scheich? Besaß er die Kräfte der Sufi-Meister? Auf all dies erhielt ich dunkle Antworten. Der Scheich ul Mashaikh stand in Beziehung zum Großen Scheich wie ein Planet zum Unendlichen. Der Große Scheich war mehr, viel mehr als das Oberhaupt der Sufis. War Abdullah Jamavi einer der ›Pole‹ (die vier Pole sind die vier Oberhäupter der Sufis, die die vier Viertel des Globus vertreten)? Die Pole sind un­ bekannt, mit Ausnahme wenn sie bekannt sind! War der Große Scheich dann der Große Meister aller Orden? Ja und der Hüter der Tradition. Der Moslem-Tradition? Nein, der ur­ sprünglich durch Musa, Isa und Mohammed offenbarten Tra­ dition. Würde der Scheich Jamavi mich empfangen? Geduld schult einen Menschen. Wenn ihm ihr Wert bewußt ist, bringt die Geduldsübung für ihn und andere Gewinn. Fast drei Wochen später, in denen ich mich selbst mit Zweifeln gequält hatte und immer wieder alle Antworten und Empfehlungen, die mir geeignet schienen, hin- und herge­ wälzt hatte, erhielt ich eine Aufforderung, einen der Schüler des Scheichs im Laden von Sulaiman Turki auf dem Kleider­ markt zu treffen. Ich eilte dorthin und fand den Laden vollgedrängt mit Käu­ fern und Freunden. Mit einer Tasse grünen Tee saß ich stumm auf einem Teppichhaufen und gab mir den äußeren Anschein von Geduld, die ich versucht hatte zu kultivieren. Das Ge­ spräch drehte sich um Teppiche, ihre Webeigenschaften und die Bedeutung von gewissen Farben und Mustern. Ich lauschte mit halbem Ohr, da mir eine Anzahl der Sprachen unverständlich waren und ich auf einen Hinweis wartete, wie oder wo ich den Scheich sehen konnte. Die Botschaft hatte zwar dieses Versprechen nicht enthalten, aber ich war über­ zeugt, daß er irgendwann da sein würde. In diesem aufge­ drehten Zustand bemerkte ich kaum, daß einer der Kunden mir eine Frage auf Persisch gestellt hatte. Ich erwachte aus meiner Träumerei und hörte ihn wiederholen: »Denken Sie, 23

daß diese Brücke gut für meine Meditationen geeignet wäre?« »Ja«, sagte ich, »ich sehe nichts, was dagegen spricht.« »Sie sehen keine Gründe dagegen!« kam die vernichtende Antwort. »Weil Sie nicht richtig hingeschaut haben. Die Far­ ben sind unharmonisch und würden stören. Das Muster läuft dem positiven Gedankenstrom entgegen und bringt den Geist aus dem Gleichgewicht. Mit solch einer primitiven Einschät­ zung so einer einfachen Sache beweisen Sie geringes Talent, und dennoch möchten Sie von einem Lehrer Jurjizadas etwas erfahren!« ich sprang auf. »Dann sind Sie-Scheich Daud.« »Das bin ich.« »Es tut mir leid, sehen Sie . . . « »Ich sehe sehr genau.« »Nun, ich meine . . . « »Was meinen Sie?« »Ich brauche Hilfe.« »Zu welchem Zweck?« »Um mich selbst zu finden.« »Und dann?« »Um mich selbst zu erkennen und zu wissen, ob ich mich entwickeln kann.« »Zu welchem Zweck?« »Um in Harmonie mit der organischen Entwicklung des Kosmos zu sein.« »Sie haben eine hohe Meinung von Ihrem Platz im Kos­ mos !« »Scheich, ich erkenne, daß ich unbedeutend bin, aber so­ lange ich nicht verstehe, wie unbedeutend, kann ich nichts Konstruktives tun, um meinen Zustand zu verändern.« »Woher wissen Sie das?« »Von den Leuten, die Gurdjieff beauftragten, ihre Botschaft in den Westen zu bringen.« »Gurdjieff ist tot.« »Aber seine Botschaft lebt durch jene weiter, auf die Gurd­ jieff seine Autorität übertragen hat.« 24

»Gurdjieff übertrug keinem seine Autorität. Seine Botschaft starb mit ihm.« »Dann hat das, was er sagte, keinen Wert?« »Es war wertvoll, als es übertragen wurde, an dem Ort, wo es übertragen wurde. Es war nur ein Schritt zur vollständige­ ren Verwirklichung der ganzen Botschaft. Ein Schritt, der ein bestimmtes geistiges Klima vorbereiten sollte. Er beauftragte niemanden, verglühte Holzscheite im Namen eines brennen­ den Feuers in die Zukunft zu tragen. Wenn einige dies taten, zeigten sie dadurch ihre eigene Unfähigkeit, zwischen ver­ kohltem Holz und brennendem Feuer zu unterscheiden. Holzkohle verdankt ihre Existenz der Flamme, und wenn diese verlöscht ist, bleibt unwirksame Kohle, die nur jenen nützt, die Kohle benutzen, und nicht jenen, die die Wärme und Energie der Flamme suchen.« »Scheich«, bat ich, »darf ich Sie über Gurdjieff befragen?« »Interessiert Sie der Mann oder die Lehre?« »Beides, aber auf verschiedene Art.« »Gurdjieff war mein Schüler, der mir von meinem eigenen Meister Abdullah Jamavi aus Damaskus gesandt wurde. Er kam zu mir, um die Lehre des Salman Farsi zu studieren. Ich lehrte ihn, was er verstehen konnte, nicht mehr, nicht weniger. Salman Farsi war der Schüler der großen Lehrer, und sein Auftrag kam über Bahaddin Nakshbend und Shah Gwath zu Scheich Abdullah Shattar. Es ist eine schnelle Technik zur Entwicklung, durch die der Schüler schneller Fortschritte macht als durch gewöhnliche Methoden, die aber nur dann benutzt wird, wenn ein bestimmter Grund und die Erlaubnis ihres Meisters vorliegt. Diese Methode wird nicht immer an­ gewandt, selbst wenn sie gemeistert werden kann, aber für einige Gebiete der Lehre ist es notwendig, sie zu kennen. Gurdjieff lernte sie von mir, aber er gebrauchte sie nicht ge­ nauso, wie er sie gelernt hatte. Sie besitzt große Flexibilität, und deshalb kann schon ein Teil von ihr, falls nötig, be­ stimmte Wirkungen erzielen.« »Würde es mir helfen, wenn ich sie kennen würde?« fragte ich hoffnungsvoll. 25

»Diese Frage stellt sich nicht, da ich Sie diese nicht lehren werde. Ob Sie darin später unterrichtet werden, wird davon abhängen, ob Sie dafür ausreichend vorbereitet sind und ob es dann für Sie notwendig ist, sie zu erlernen. Viele fortge­ schrittene Derwische kennen diese Übung nicht, da es für sie nicht notwendig gehalten wurde, sie zu erlernen.« »Wie war Gurdjieff als Mensch?« »Ein Mensch war er sicherlich, mit allen Schwächen und Unfähigkeiten der menschlichen Gattung. Ein entwickelter Mensch, nein, und ob er einer wurde, kann ich nicht sagen. Denn obwohl ich die Geschichte seiner Tätigkeit in Europa gut kenne, kann man daraus nicht viel lernen, wenn man den genauen Auftrag nicht kennt, den er hatte.« »Wer sollte den Auftrag gegeben haben?« »Das Zentrum.« »Welches?« »Versuchen Sie nicht weiter, aus mir Informationen heraus­ zulocken, die Ihnen nicht dienlich sein werden. Zum ersten Mal in ihrem Leben hören Sie von einem Zentrum, und bevor Sie noch über dessen Bedeutung nachdenken, möchten Sie wissen, wo es ist und wer es leitet. Sie haben keinen Anspruch auf mein Wissen oder ein Recht auf meine Antwort auf jede Frage, die Sie sich ausdenken. Horchen Sie mich zu Ihrem ei­ genen Nutzen nicht so tief aus, und Sie werden mehr lernen.« »Verzeihen Sie mir, Scheich, ich bin weit gereist und . . . « »Weit gereist!« Er lachte. »Einige hundert Meilen und das meiste davon mit dem Flugzeug, und Sie nennen das weit! Sie lesen Stücke zusammengewürfelter Informationen auf, wie ein Hund in einem Abfallhaufen nach Knochen sucht, und Sie nehmen diese große Reise als Entschuldigung für Ih­ ren Mangel an Feinheit und versuchen, aus mir Antworten auf Fragen herauszupressen, die Sie nichts angehen, über einen Mann, dessen Botschaft tot ist! Ich hätte Sie weniger streng beurteilt, wenn Sie mich gefragt hätten, ob die Origi­ nallehre den Westen erreicht hat oder wieder erreichen wird, anstatt zu versuchen, aus dem Schatten abgebrannten Holzes Feuer anzufachen.« 26

»Darf ich Sie danach fragen? Wo kann ich den neuen Ent­ wurf finden?« »Sie dürfen mich fragen! Ihre Unfähigkeit, diese Frage zu stellen, ist mir Beweis genug, daß Sie für die Antwort nicht bereit sind. Sie sind so mit schwierigen »kosmischen Gesetzen‹, verschiedenen Persönlichkeiten und unbegreiflichen Geheimlehren vollgestopft, die Sie wie ein Papagei gelernt haben, daß Ihr bruchstückhaftes Bewußtsein Ihnen nicht er­ lauben wird, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit zu stellen und von den Antworten zu profitieren. Sie sind »erzogen‹ oder konditioniert worden, in einem bestimmten Muster zu denken. Dieses Denken ist steril.« »Wie kann ich lernen, wenn ich nicht frage?« »Gerade diese Frage ist beispielhaft für Sie. Man lernt durch Tun und nicht durch Fragen. Es ist nicht die Frage, ob, wann oder wo Sie ein bestimmtes Buch lesen sollten, sondern wie Sie es lesen sollten, um die Erfahrung zu machen, die man mit seinem Inhalt machen kann. Sie sind mit der Vorstel­ lung erzogen worden, daß jede Frage eine Antwort hat. Das ist keineswegs richtig. Jede Frage kann beantwortet werden, aber ob die Antwort nützlich ist, ist eine andere Sache. Sie haben das Gefühl, daß Sie fragen müssen, daß Sie das Recht dazu haben und die Intelligenz, die Antwort zu verstehen, und Sie haben zweifellos auch eine Universitätsbildung. Hilft Ihnen Ihr »Intellekt« auf dem Gebiet der handwerklichen Ge­ schicklichkeit, wenn Sie ungeschickt sind? Wird Ihre Haut­ krankheit schneller geheilt, wenn Sie einen Titel haben? Kön­ nen Sie schneller rennen als ein dummer, aber muskulöser Athlet? Verleiht Ihr Intellekt Ihren Füßen Flügel? Lernen, Wis­ sen und Weisheit sind nur nützlich, wenn Sie die Fähigkeit haben, sie in der richtigen Qualität und im richtigen Zusam­ menhang anzuwenden.« »Darf ich dann fragen, ob es mir nützen wird, die Meister eines Mannes zu suchen, den ich niemals getroffen habe, für den ich aber einen tiefen Respekt empfinde?« »Ja, vorausgesetzt, daß dieser Respekt ein Respekt für die Qualität seiner Lehre und nicht hauptsächlich für den Mann 27

selbst ist. Sie können dem Personenkult so nahekommen, daß Sie nicht das Eigentliche sehen, das hinter dem Mann steckt. Wenn seine Persönlichkeit von großer Bedeutung für Sie ist, dann forschen Sie nach dem, was ihm zu dieser Persönlich­ keit verhalf, und Sie werden vielleicht auch einen Ge­ schmack davon bekommen. Verehren Sie nur die Erinnerung an einen Mann, werden Sie nur ein Geschöpf so schwach wie Sie selbst verehren. Besuchen Sie im Januar Qarmani im Kup­ ferbasar von Damaskus. Gehen Sie in der Zwischenzeit nach Jerusalem und denken Sie über Isa bin Yusuf nach. Leben Sie wohl!« Damit war er verschwunden. Der Laden war immer noch voll von Leuten, und man un­ terhielt sich, aber für mich war er leer, und ich war es auch. Aber es war gut, leer zu sein. Wie die Befreiung von einem Druck, nachdem ein Abszeß geschnitten wurde. Schockartig kam mir zu Bewußtsein, daß ich mich nicht daran erinnern konnte, wie der Scheich ausgesehen hatte. Seine Stimme hatte mich gefangengenommen, eine Stimme, die persisch mit einem afghanischen Akzent sprach. Ich versuchte, mir den Eindruck von seinem Alter ins Gedächtnis zu rufen, aber es gelang mir nicht. Hätte nicht der Teppich vor mir auf dem Boden gelegen, hätte ich alles für eine Einbildung halten kön­ nen. Jerusalem, immer wieder von Israel und seinen Nachbar­ staaten umkämpft, ist wirklich eine Stadt, der die Zeit nichts anhaben konnte. Ich meine natürlich das alte Jerusalem, nicht die neue Stadt. Die Zeit hatte still gestanden, um den engen Gassen, alten Steinmauern, Wachtürmen und Gebäuden einen Hauch le­ bendiger Geschichte zu geben. Als ich ankam, erschauerte ich vor Aufregung. Hier, innerhalb der Mauern dieser Stadt, hatten einige der größten Männer der christlichen, jüdischen und moslemischen Geschichte gelebt und gelehrt. Auf dem Berg Moriah, nahe beim Heiligen Grab, standen die beiden Heiligtümer des Islam, der Felsendom und die Moschee des Omar, der Mitstreiter und Nachfolger Moham­ meds. Dort sind auch die letzten Bruchstücke des Tempels 28

des Salomon. Geheiligt durch drei Religionen, mußte die Stadt wohl etwas für den wahren Sucher enthalten! Vielleicht war meine Erwartung noch durch die Anweisung, die ich er­ halten hatte, gesteigert worden. Es war der 1. Dezember, und ich hatte einen Monat Zeit, um die Stadt kennenzulernen und sie auf mich wirken zu lassen. Ich wußte, daß sie eine Wir­ kung hinterlassen würde. Es war mir klar, daß die Männer, durch deren Hände Gurdjieff gegangen war, keine leeren Versprechungen machten, und ich hatte das Gefühl, daß in dieser Stadt eine Botschaft für das wirkliche Wesen in mir lag. Dieses innere Wesen, das seine Nährstoffe und Hilfe aus dem Chaos aufnahm, das es umgab. Der Grund meiner Suche war, den Fußspuren eines Man­ nes zu folgen, den ich Meister nannte. Ich würde zwar diese Suche fortsetzen, doch mit einem feinen Unterschied. Der Unterschied lag darin, daß ich nun versuchen würde, zu ler­ nen, anzunehmen und aufnahmefähig zu werden. Ich suchte eine Lehre, der man im Zusammenhang der heutigen Zeit fol­ gen konnte, nicht eine sterile Pantomime ohne Wurzeln. Die Männer, in die ich jetzt mein Vertrauen setzen würde, waren die Männer, die Georg Gurdjieff geformt hatten, jedoch nicht die Pflicht hatten, mich zu formen. Dennoch war mir klar, daß sogar die Krümel von ihrem Tisch Teilchen der Wahrheit sein würden. Diese Teile konnte ich dazu benutzen, die rostige und verkratzte Oberfläche meines inneren Lebens zu reinigen, das, wie ich fühlte, in mir schlief. Ich wollte diese Oberfläche scheuern und polieren, so daß ich mein wirkliches Ich in seiner glänzenden Form se­ hen konnte, und ich wollte diese Oberfläche glänzend erhal­ ten, so daß keine falsche Spiegelung mich verzaubern oder mein Bewußtsein aufsplittern könnte. Isa bin Yusuf - Jesus, Sohn des Josef. Die Anweisung war, über seine Überlieferungen nachzudenken. Wo konnte dies besser geschehen als dort, wo er gelebt hatte und gestorben war? Welche Richtung sollten meine Gedanken nehmen? Sollte ich mir Gedanken über ihn machen oder mir eine Meinung 29

bilden innerhalb meiner Grenzen? Sollte ich ihn als Mensch, als Lehrer, als Heiler, als Mystiker oder alles zusammen se­ hen? Als einen vollkommenen Menschen, der alle Fähigkei­ ten besaß, die ich suchte, die mir aber in einem solchen Aus­ maß fehlten, daß sie nur Schatten für mich waren? Sollte ich die vorhandene Literatur benutzen oder einen eigenen Stand­ punkt entwickeln? Wenn, wie ein Scheich gesagt hatte, die Botschaft eines Mannes mit dessen Tod vergeht, dann würden die geheiligten Traditionen, die in All und Alles oder Begeg­ nungen mit bemerkenswerten Menschen bewahrt sind, mir si­ cherlich nicht weiterhelfen. Ich mußte noch einmal an die Lehre, wie ich sie aus Paris kannte, zurückdenken. War dies alles steril? War nichts da­ von eine nützliche Handlungsgrundlage? War es jetzt wirk­ lich nur noch eine mechanische Wiederholung einer Lehre und eines Tanzes, die einst brauchbar waren? Ich war tief berührt von den Erzählungen über Gurdjieffs letzte Monate und seine letzten Worte. Ganz offenkundig schien er während seiner letzten Lebensmonate das Interesse verloren zu haben. Ich rief mir die Worte von Hashim Khattat ins Gedächtnis, daß die Beziehung zwischen Gurdjieff und den Meistern mit Beginn des letzten Jahres der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geendet hatte - 1949, das Jahr, in dem Gurdjieff starb. Wußte er selbst, daß die Verbindung erlo­ schen war? Daß es keinen Zweck hatte, weiter zu lehren? Er muß sich voll bewußt gewesen sein, daß die Fortführung sei­ ner Lehre, wie sie seine Schüler kannten, ihnen nicht helfen würde, sondern sie verwirren mußte. Lauten deshalb seine letzten Worte angeblich »Ich lasse euch alle ganz schön in der Klemme«? Ich bin sicher, wenn er gewußt hätte, daß sie ihre Aktivitäten unter der Leitung der Quelle dieser Lehre fortsetzen würden, hätte er sie ermuntert, zu »sein« oder zu »tun«, wie er dies sooft während seines Lebens getan hatte. Nach quälenden Überlegungen konnte ich nicht glauben, daß Gurdjieffs Botschaft vollständig war. Ich zweifelte nicht daran, daß er gesandt worden war, um ein gewisses Gebiet für einen gewissen Zweck vorzubereiten. Ob die »Fortset­ 30

zung« der Hauptlehre kommen würde oder gekommen war, wußte ich nicht, noch konnte ich es erraten. Es war ganz of­ fensichtlich für mich, daß die Erben Gurdjieffs im Westen es auf ihre eigene Kappe genommen hatten, den Methoden Gurdjieffs zu folgen. Ich war sicher, daß sie dies ohne Gurd­ jieffs Vollmacht »weiterzumachen« taten und ohne die Voll­ macht der Meister. Was für ein Schicksal für eine Botschaft, wo Gurdjieff sein ganzes Leben »mechanisches Denken« verflucht hatte! Ich dachte über die derzeitige Situation im Westen nach. Schauderhafte Furcht regierte! Nicht Disziplin oder Respekt vor der Autorität, sondern blinde, unvernünftige Furcht. Furcht vor was? Furcht, daß man von einer der Autoritäten, die sich selbst ernannt hatten, im künftigen Leben verdammt würde? Furcht, daß Fragen oder gegenteilige Meinungen Ket­ zerei seien? Gurdjieff bestand auf fraglosem Gehorsam und äußerster Disziplin. Disziplin ist die sofortige Reaktion auf ei­ nen Befehl als Ergebnis eines Wunsches, der in ein Begehren und eine Identifikation kanalisiert wird. Gedankenloser Ge­ horsam ist eine durch Unterdrückung hervorgerufene Aktion, die wirkungslos und plump ist und die reagierende Maschine abstumpft. Entwicklung durch Furcht? Ich denke nicht, denn wenn das Gehirn vor Furcht erstarrt, kann man nicht denken, tun oder sein. Vielleicht zieht ein solches System jene an, die Furcht mit Autorität gleichsetzen oder eine solche Behand­ lung brauchen. Ich vermute, daß Gurdjieff Erschrecken benutzte, aber als Instrument, mit dem er vertraut war. Es wurde nicht als Art zu leben benutzt. Was noch da ist, ist ein Überbleibsel von Schrecken, Schwäche und ziemlich widerwärtiger Panto­ mime. Gurdjieff sprach gebrochen, weil er gewisse Sprachen nicht beherrschte, aber ist dies ein metaphysischer Auftrag, diesen Zug allen Ernstes zu imitieren? Geheime Magie? Überidentifikation? Oder weil es sonst nichts zu offenbaren gibt? Aber zurück zu meinem eigenen derzeitigen Problem. Sollte ich nach Derwisch-Literatur mit Überlieferungen zu 31

Jesus suchen? Sollte ich herausfinden, was sie aus diesem Mann machten, der für sich nie in Anspruch genommen hat, eine Ergänzung Gottes oder die Verkörperung der Göttlich­ keit zu sein? Sollte ich dem Konzil von Nicäa beipflichten, das das Wesen von Jesus ein für alle mal festlegte und somit nicht in der Lage sein, nach der Vollkommenheit, die Jesus war, zu streben? Wenn er gut und freundlich, gütig und edel, weise, genügsam und voll Mitleid war, was niemand abstrei­ ten wird, ist es keine große Überraschung, wenn er Teil der wahren Natur und Beschaffenheit Gottes war. Ohne leicht­ fertig zu sein kann man sagen, wenn sein göttlicher Status eine Tatsache ist und nicht, wie die Vernunft nahelegt, nur eine Fortsetzung des Anthropomorphismus vergangener Zei­ ten, dann hatte er einen höheren Ausgangspunkt. Seine Persönlichkeit ist in Mysterien und Legenden geklei­ det. Was wir im Neuen Testament haben, ist, milde gespro­ chen, nicht so genau wie man hoffen dürfte. Matthew Arnold hat überzeugende Beweise für die gänzliche Unzuverlässig­ keit der Aufzeichnungen des Neuen Testaments erbracht. Wenn man annimmt, daß die ungebildeten Massen einen engeren Kontakt mit einer allmächtigen Gottheit brauchten, was nicht die Aufgabe einer mystischen Lehre sein konnte, kann man vermuten, daß eine Form der Lehre auch auf einer niedrigeren Stufe notwendig war. Aber war es nötig, den Aus­ erwählten als Teilhaber göttlicher Eigenschaften zu propagie­ ren, um somit ein konkretes Glied zwischen Mensch und Gott herzustellen? Auch hier: wenn man wie ich glaubt, daß Passagen, die den frühen Kirchenvätern unangenehm waren, ausgelassen wurden, um ihren Anspruch als Mittler zu stär­ ken und nichts Esoterisches bestehen ließen, durch das der Mensch sich selbst und somit Gott finden kann, dann ist das Bild sehr klar. Das paulinische Christentum, aus ihrem Urbo­ den verpflanzt und auf eine verstümmelte und bearbeitete Lehre aufgepropft, verlor seinen strengen Realismus, seine esoterische Lehre wurde zu einer Gesetzessammlung und verlor dadurch jeglichen experimentellen Charakter, sie wurde für eine neue Welt schwankenden Heidentums zu­ 32

rechtgestutzt, anstatt ein Gerüst für einen direkten grundle­ genden Glauben zu sein, durch den der Mensch Gott finden konnte - vielleicht trotz seiner selbst. Mystische Schriftsteller der Moslems nennen Jesus einen Propheten, einen Lehrer, einen Verkünder und geben ihm den Rang eines Insan Kamil oder Vollkommenen Menschen. Viele ihrer Geschichtsschreiber beschäftigen sich mit seinem Leben und seiner Lehre und legen Nachdruck auf die esoteri­ sche Seite, ohne vieles von dem, was in späteren Evangelien erscheint, die eine Generation nach seinem Tod gesammelt wurden, zu erwähnen. Abdul Qarn aus Ramallah beschreibt ein Ereignis, wo Jesus und seine Jünger einen Kreistanz auf­ führen, der dem der »wirbelnden Derwische« äußerst ähn­ lich ist. Dies erscheint in einigen der Apokryphen, wie auch in Erzählungen mystischen Charakters. Keine dieser mysti­ schen Erzählungen erhielt das Siegel der kirchlichen Aner­ kennung und doch sind es lebendige Geschehnisse! Es sind deshalb neue Elemente, weil keine davon in den Legenden, die zu den Religionen oder Mythen vor Jesus Tod gehörten, erscheinen. Woher kamen sie dann, wenn sie nicht tatsäch­ lich stattgefunden hatten? Ich verbrachte meine Zeit in Jerusalem mit Studieren und Umherwandern. Ich suchte keine Kontakte, sondern berei­ tete mich auf die einzige mir sinnvolle Weise, der Meditation, auf den nächsten Schritt vor. Ich hielt mich häufig in dem öf­ fentlichen Garten beim Felsendom auf, der in achteckiger Form erbaut ist. Er steht nicht nur an der Stelle, von der Mo­ hammed während seiner berühmten Nachtreise von Mekka nach Jerusalem zum Paradies aufgestiegen sein soll, sondern es soll auch der Platz sein, zu dem die Juden einmal im Jahr kamen, um die Steine mit Öl zu salben, zu weinen und zu klagen. Archäologen sind geteilter Meinung, ob es sich hier wirklich um die Stelle des Feueropfers* handelt. Aus dem Grundriß ist ersichtlich, daß das äußere Achteck noch ein an­ deres Achteckt enthält, das aus acht Säulen besteht, die vier­
* The Bordeaux Pilgrim (Geiger, Itinera Heirosoiymitana)

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undzwanzig Bogen tragen. Jeder Abschnitt des äußeren Acht­ ecks ist von fünf Fenstern durchbrochen. Der Frieden in dem Garten war majestätisch. Große Pap­ peln, Brunnen und Steine entzückten das Auge, während der leise Gesang der Koranleser das Grundmotiv bildete. Don­ nerstag abends kamen eine Menge Leute herab und übten stille Meditation oder die Rezitationen aus dem Derwisch-Ri­ tual. Es gab keine Musik oder Klatschen, wie ich es in Nord­ afrika gesehen hatte, sondern ein gemessenes Murmeln der Litanei und manchmal das rituelle tiefe Einatmen und Ausat­ men, das, wie mir gesagt wurde, eine spezielle Zeremonie kennzeichnet. Ich hätte dort für immer sitzen und mich auf die Ausstrahlung dieser reinen Seelen einstimmen können, doch nagte in mir der Wunsch, die Lehre Jesus zu suchen, wenn auch nur (nur!), um die magnetische Atmosphäre die­ ses Kreuzwegs des Glaubens tief in mich aufzunehmen. Erst am 18. Dezember erhielt ich einen Anhaltspunkt, was ich studieren sollte. Ich hatte eigentlich etwas zu Lesen oder eine Tätigkeit erwartet und war mir nicht der atmosphäri­ schen Durchtränkung des Ortes bewußt. Vielleicht war der tatsächliche Aufenthalt dort ein lebendiges Studium von Je­ sus; vielleicht war der tägliche Kontakt mit denselben Stra­ ßen, in denen er gegangen war, meine Lektion. Dies hatte ich langsam angenommen, als ein Mann, dessen Bekanntschaft ich bei der jordanischen Touristenpolizei gemacht hatte, Mo­ hamed Ali, der ganz gut englisch sprach, eines Abends beim Kaffee so nebenbei zu mir sagte: »Haben Sie die manichäischen Evangelien des Leucies, eines der Gefährten des Johan­ nes, gelesen. Ich glaube, sie heißen die Johannes-Akten?« Ich antwortete, daß ich die Apokryphen in meiner Jugend gelesen hatte, allerdings nur die des Alten Testaments, und nicht viel Interesse an den anderen gehabt hätte. »Es ist interessant«, sagte er, »besonders was ein Ereignis zu Lebzeiten Jesus, kurz bevor er gekreuzigt wurde, betrifft. Es handelt sich um eine Tanzform.« Ich sah ihn scharf an, aber sein Gesicht zeigte nichts. War dies der Hinweis, den ich suchte? Oder war ich in einem 34

solch hypersensitiven Zustand, daß ich in allem eine Bedeu­ tung sah? Natürlich war es unvermeidlich in Jerusalem, daß das Gespräch auf Jesus kam und doch . . . Diesen Nachmittag lieh ich mir ein Buch aus, das die Jo­ hannes-Akten enthielt. Dort, ab Vers 94, ist eine unverkenn­ bare Beschreibung eines rituellen Tanzes der Jünger in einem Kreis um Jesus, mit dem sie Wechselgesänge singen. Es steht da, daß sie »betäubt« oder aus einem »Trancezustand« auf­ wachten und daß Jesus nach der Kreuzigung dem Johannes erschien und ihm gewisse Geheimnisse beschrieb, aber in ei­ ner ihm unbekannten Stimme. Ich füge die Stellen vollständig bei, da ich das, was ich für wichtig erachte, sicher nicht richtig wiedergeben kann. Sie machen Schluß mit der Theorie, jedenfalls was mich betrifft, daß das Neue Testament, wie wir es kennen, vollständig ist. Ich hatte überhaupt keine Zweifel, daß die Stellen Teil der esoterischen Lehren des Christentums bilden, die der erstreb­ ten Vollmacht der Oberpriester hinderlich waren und ausge­ lassen wurden. Wie sonst kann man die Halbwahrheiten und anscheinenden Widersprüche der Bibel erklären ? Man kann sagen, daß ich aufgeregt war, als ich dies ent­ deckte, und daß ich es glauben wollte. Dies konnte eine wertvolle Haltung sein. Doch kann man von einem Mann sa­ gen, er habe denn Glauben gefunden, wenn er Befriedigung in einer Glaubenslehre findet, die frei von den Fesseln des Vorurteils, der Abhängigkeit und hierarchischen Alleinherr­ schaft ist? Der tiefere Sinn dieser Stellen ist elektrisierend. Ich will nicht beweisen, daß Jesus ein Sufi-Derwisch war oder daß die Derwische die Lehre Jesus kopierten. Wie immer die Ver­ bindungen sind, wer was war oder wer wen kopiert hat, ist unwesentlich. Akademiker können Haare spalten und über Neuplatonismus diskutieren und was zuerst kam, das Huhn oder das Ei. Aber was mich angeht, so möchte ich meinem in­ neren Wesen Nahrung geben, wenn ich noch eines habe, und zwar dessenungeachtet, wer den Glauben zuerst inspirierte oder eine Lehre organisierte. Diese Stelle ist für mich der hin­ 35

reichende Beweis, daß Jesus eine Technik benutzte, die der heute von den Derwischen ausgeübten gleich ist und ähnlich der, die von Gurdjieff im Westen benutzt wurde. Sie sind da­ her wertvoll zur »Öffnung« oder Vorbereitung einer höheren Wahrnehmung. Immer wieder las ich die Stelle, und je mehr ich las, desto mehr Verwunderung erfüllte mich.*
94 Bevor er nun von den gesetzwidrigen Juden ergriffen wurde, die von der gesetzlosen Schlange regiert werden, versammelte er uns alle und sprach: »Ehe ich jenen überantwortet werde, wollen wir dem Vater lobsingen und dann zur Erfüllung dessen, was uns bevorsteht, hinausgehen.« Er befahl uns nun, einen Kreis zu bilden, und sagte, während wir uns einander an den Hän­ den faßten, selbst in der Mitte stehend: »Antwortet mir mit Amen!« So begann er einen Hymnus zu singen und zu sprechen: Ehre sei dir, Vater! Und wir bewegten uns im Kreise und antworteten ihm mit »Amen«. Ehre sei dir, Logos! Ehre sei dir, Gnade! Amen. Ehre sei dir, Geist! Ehre sei dir, Heiliger! Ehre sei deiner Ehre! Amen. Wir loben dich, Vater! Wir danken dir, Licht, in dem keine Finsternis wohnt! Amen. 95 Wir danken dir aber für dieses: Gerettet will ich werden und will retten. Amen. Gelöst will ich werden und will lösen. Amen. Verwundet will ich werden und will verwunden. Amen. Gezeugt will ich werden und will zeugen. Amen. Essen will ich und will gegessen werden. Amen. Hören will ich und will gehört werden. Amen. Gedacht will ich werden, der ich ganz Gedanke bin. Amen. Gereinigt will ich werden und reinigen will ich. Amen. Die Gnade führt den Reigentanz. Flöten will ich, auf daß ihr tanzet. Amen. Klagen will ich, wehklagt mit mir. Amen. Die heilige Achtzahl lobsingt mit uns. Amen. Die Zwölfzahl führt oben den Reigen an. Amen. Dem Kosmos zugehört der Tanzende. Amen. Wer nicht tanzt, begreift nicht, was geschieht. Amen. Fliehen will ich, und ich will bleiben. Amen. Schmücken will ich und will geschmückt werden. Amen. Geeinigt will ich werden und will einigen. Amen. Ein Haus habe ich nicht und habe Häuser. Amen. Einen Ort habe ich nicht und habe Orte. Amen. Einen Tempel habe ich nicht und habe Tempel. Amen. * The Apocryphal New Testament, translated by M. R. James (Englische Ausgabe) erschienen bei: The Clarendon Press, Oxford siehe auch: E. Hennecke, Neutestamentliche Apokryphen Band II. Tübingen 1971 (J. C. B. Mohr Verlag)

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Eine Leuchte bin ich bei dir, der du mich siehst. Amen. Ein Spiegel bin ich bei dir, der du mich anschaust. Amen. Eine Tür bin ich bei dir, der du an mir klopfest. Amen. Ein Weg bin ich bei dir, dem Pilgernden. Amen. 96 Schließe dich meinem Reigenchore an und schaue dich in mir, dem Re­ denden; und hast du gesehen, was ich vollziehe, so verschweige meine My­ sterien. Wenn du tanzest, so merke auf das, was ich tue. Denn es ist dein Leid, das Menschenleid, das ich leiden will! Nicht einzusehen vermagst du, was du lei­ dest, wenn der Vater mich nicht dir als Logos gesandt hätte. Da du es sahst, verharrtest du nicht unbewegt, sondern gerietest ganz in Bewegung. Nach Einsicht verlangt es dich, nun stütze dich auf mich. Ruhe dich aus bei mir. Wer ich bin, wirst du erkennen, wenn ich von dir gegangen sein werde. Denn als was ich jetzt erscheine, das bin ich nicht. Was ich aber bin, wirst du erkennen, wenn du zu mir gekommen bist. Verständest du das Leiden - das Nichtleiden wäre dein. Was du jetzt noch nicht erkennst, das werde ich dich darnach leh­ ren. Dein Gott bin ich, nicht des Verräters Gott. In völligem Einklang will ich vereint werden mit den heiligen Seelen. Erkenne in mir das Wort der Weisheit. Willst du aber mein Wesen erkennen, willst du wissen, was ich war: Durch das Wort habe ich alle getäuscht und bin niemals getäuscht worden. Ich froh­ lockte, du aber umfange im Geiste das Ganze, und wenn du es durchdrungen hast, so sprich; Ehre sei dir, Vater! Amen. Ehre sei dir, Logos. Ehre sei dir, Geist. Amen. 97 Nach diesem Reigen ging der Herr mit uns hinaus (seiner Passion entge­ gen). Und wir flohen hierhin und dorthin, wie Menschen, die sich verlaufen haben oder in Schlaf gefallen sind. Als ich ihn dann leiden sah, konnte ich es nicht aushalten und floh auf den Ölberg und weinte über das, was geschehen war. Und als er am Freitag gekreuzigt worden war, zur sechsten Stunde des Ta­ ges, kam die Dunkelheit über die Erde. Und mein Herr stand inmitten der Höhe und erleuchtete sie und sagte: Johannes, für die vielen unten in Jerusa­ lem bin ich gekreuzigt und von Lanzen und Schilfrohren durchstochen, und Galle und Essig wird mir zu trinken gegeben. Aber ich spreche mit dir, und was ich spreche, höre gut. Ich gab dir ein, auf diesen Berg zu kommen, damit du die Dinge hörst, die ein Schüler von seinem Lehrer lernen sollte und ein Mensch von seinem Gott. 98 Nachdem er so gesprochen hatte, zeigte er mir ein Lichtkreuz und um dieses Kreuz eine Volksmenge nicht aus einer Form und Gestalt: und im Kreuz war eine andere Menge, die eine Form hatte. Und den Herrn selbst konnte ich über dem Kreuz sehen, doch ohne Gestalt, nur mit einer Stimme: nicht eine Stimme, die uns bekannt war, sondern eine liebliche und ange­ nehme und wahrhaft Gottes, und sie sagte: Johannes, es ist notwendig, daß einer diese Dinge von mir hört, denn ich brauche jemanden, der es hören kann. Dieses Kreuz aus Licht wird euch zuliebe manchmal Wort genannt, manchmal Verstand, manchmal Jesus, manchmal Christus, manchmal Tür, manchmal Weg, manchmal Brot, manchmal Samen, manchmal Auferste­ hung, manchmal Sohn, manchmal Vater, manchmal Geist, manchmal Leben, manchmal Wahrheit, manchmal Glaube, manchmal Gnade. Mit diesen Namen wird es den Menschen vermittelt. Aber was es in Wirklichkeit ist, wie es in sich selbst begriffen wird, werde ich dir offenbaren. Es ist die Abgren­

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zung aller Dinge und das starke Erheben beständiger aus unbeständigen Din­ gen, und die Harmonie der Weisheit, aber auch die Weisheit in der Harmonie. Es gibt (Orte) zur Rechten und zur Linken, auch Mächte, Autoritäten, Herren und Dämonen, Wirkungen, Bedrohungen, Flüche, Teufel, Satan, und die nie­ dere Wurzel, wo das Wesen der Dinge, die ins Sein gelangen, herkommt. 99 Dieses Kreuz also ist es, das sich durch das Wort das All zusammenge­ fügt hat und das vom Werden Herkommende und darunter Befindliche be­ grenzt und dann alles in eine Einheit gebracht hat. Doch das ist nicht das Holzkreuz, welches Du sehen wirst, wenn Du dort hinunter gehst: auch bin ich nicht der, der am Kreuz hängt, den Du jetzt nicht siehst, aber dessen Stimme Du jetzt hörst. Ich mußte etwas annehmen, was ich nicht bin, und war auch nicht das, was ich für viele andere war: doch sie werden mich als etwas ausgeben, das niedrig ist und mir nicht angemessen. Wie der Ort der Ruhe weder gesehen noch ausgesprochen werden kann, wieviel mehr werde ich, der Herr, deshalb weder gesehen noch vermittelt werden können. 100 Die Menge, die sich jetzt beim Kreuz aufhält, ist ein Aspekt der niede­ ren Natur: und die, die Du im Kreuz siehst, hat noch keine einheitliche Form, weil noch nicht jeder Teil von ihm, der hinunterkam, begriffen w'urde. Wenn aber die Menschennatur und ein mir nahekommendes und meiner Stimme folgendes Geschlecht aufgenommen wird, wird der, der mich jetzt hört, damit vereinigt, und nicht mehr der sein, der er jetzt ist, sondern über ihnen sein, so wie ich es jetzt bin. Solange wie Du Dich nicht mein nennst, bin ich nicht das, was ich bin (oder war): aber wenn Du mich hörst, wirst Du als Hörender sein, wie ich bin, und ich werde das sein, was ich war, w'enn Du wie ich bei mir bist. Denn aus mir bist Du das (was ich bin). Kümmere Dich darum nicht um die Vielen und die außerhalb des Mysteriums sind, beachte nicht; denn wisse, daß ich ganz beim Vater bin, und der Vater bei mir. 101 Keines der Dinge, von denen sie sprechen werden, habe ich gelitten: nein, auch das Leiden, das ich Dir und den anderen im Tanz zeigte, soll ein Mysterium bleiben. Denn was Du bist, das siehst Du, denn ich habe es Dir ge­ zeigt. Aber was ich bin, weiß ich allein und sonst niemand. Laß mich das be­ halten, was mein ist, und das, was Dein ist, schaue durch mich, und schaue mich in Wahrheit, daß ich nicht das bin, was ich sagte, sondern das, was Du wissen kannst, weil Du damit verwandt bist. Du hörtest, daß ich gelitten habe, doch ich habe nicht gelitten; daß ich nicht gelitten habe und doch gelitten habe. Daß ich durchstochen wurde und doch nicht vernichtet, daß ich ge­ hängt wurde und doch nicht gehängt; daß Blut von mir floß und doch nicht floß; und, in einem Worte, was sie von mir reden, das stieß mir nicht zu, aber das, was sie nicht sagen, das litt ich. Nun deute ich Dir jene Dinge, denn ich weiß, Du w'irst sie verstehen. Sehe darum in mir die Quelle des Wortes (Lo­ gos), das Erstechen des Wortes, das Blut des Wortes, die Wunde des Wortes, das Nageln (befestigen) des Wortes, den Tod des Wortes. Und so rede ich un­ geachtet der Menschheit. Erkenne darum zuerst das Wort; dann wirst Du den Herrn erkennen und als Drittes den Menschen und was er gelitten hat.

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IV. Ataullah Qarmani

Weihnachten kam und dann das neue Jahr, und ich war be­ gierig, die nächste Etappe meiner Reise zu beginnen. Ich fuhr mit dem Taxi nach Damaskus, und nachdem ich ein Hotel ge­ nommen hatte, begann ich mit der Suche nach Ataullah Qar­ mani, dem Kupferschmied. Da Damaskus immer noch nach mittelalterlichen Zunftvierteln aufgeteilt ist, fand ich den Basar der Kupferschmiede ohne Schwierigkeiten. Auf Nach­ fragen kam ich zu einem prosperierenden Laden mit Spit­ zenvorhängen mit der Aufschrift »Ataullah Qarmani, Kupfer­ gestalter, Diener des Allerhöchsten«. Als ich auf der Schwelle zögerte, hörte ich eine Stimme aus dem Innern des Ladens. »Die Gewohnheit des Zögerns zer­ stört die Gewohnheit der Entscheidung. Treten Sie ein!« Auf einem Korbstuhl, der nicht so recht zu ihm paßte, saß ein älterer Mann mit fleckenloser weißer Kleidung und einem mit Fransen besetzten kurdischen Turban. Er war über einen Tisch gebeugt und ritzte mit unendlicher Sorgfalt Zeichen in eine Kupferscheibe, die vor ihm lag. Ich stand verlegen da, bis er seinen Kopf hob und mich bat, Platz zu nehmen. Ich setzte mich und stammelte halb-persisch, halb-arabisch die Frage: »Wo kann ich den Meister Ataullah finden?« Er hob mit gerunzelter Stirn den Kopf. »Wer nennt mich »Meisten?« Ich begann aufs neue: »Scheich Daud aus Kerbala.« »Stimmt nicht«, kam die Antwort, und er beugte sich wie­ der über seine Arbeit. Ich dachte schnell zurück. Hatte Scheich Daud diese Bezeichnung benutzt? War ein Mann, der Gurdjieff lehrte, kein Meister? Dann kamen die Erinne­ rungen an den Teppichzwischenfall zurück, und ich erklärte: »Nein, ich benutzte die Bezeichnung »Meisten, da Sie einen Mann lehrten, den ich mit Stolz »Meister« genannt hätte.« 39

Der alte Mann erhob sich und setzte sich auf einen Stoß Häute. »Sie können nicht wissen, ob ich ein Meister bin oder nicht. Wollen Sie mir schmeicheln, mir, dessen Bart länger ist als Ihrer, obwohl Sie ihn seit Ihrer Kindheit wachsen ließen? Wen soll ich gelehrt haben?« »Gurdjieff, Jurjizada aus Armenien. Scheich Daud sagte . . . « , und ich hielt an, da Scheich Daud nichts Derartiges ge­ sagt hatte. Er hatte mir gesagt, Qarmani aufzusuchen, und ich hatte es als selbstverständlich angenommen, daß er einer von Gurdjieffs Lehrern war. Ich begann nochmals. »Ich suche die Lehrer von Gurdjieff. Vielleicht können Sie mir helfen, wenn Sie nicht selbst einer sind.« Der alte Mann seufzte und machte einem Jungen Zeichen, Kaffee zu bringen. »Sie kamen hierher mit einer schon vorge­ faßten Meinung, voll nutzloser Vorstellungen, und sagen un­ besonnene Worte von wenig Wert. Ich lehrte Gurdjieff nicht, war aber sein Mitschüler unter der Vormundschaft von Abdul Hai Qalander, der nicht mehr unter uns weilt. Die Informa­ tion, die Ihnen nützlich sein wird, werde ich Ihnen geben, aber hören Sie auf, aus allem, was irgend jemand sagt, die Bedeutung, die Sie suchen oder gerne annehmen möchten, herauszulesen. Gurdjieff war vor einem Lebensalter ein Schüler in diesem Geschäft. Der Meister, ein Qalander des Qadiri-Ordens, arbeitete hier auf Anweisung des Ordens als Kupferschmied. Er lehrte uns Kupfer zu formen, während er uns formte. Gurdjieff blieb ein Vierteljahr hier und lebte mit den anderen Lehrlingen im Gemach über dem Laden. Er sprach kein Arabisch, aber Persisch und Türkisch und seine armenische Muttersprache. Er war von Muhsin Shah aus Quds (Jerusalem) hierhergeschickt worden, der ihn wie­ derum vom Scheich aus Haleb gesandt bekommen hatte. Er studierte das Kupfer, dessen Eigenschaften und Gebrauch und wurde unter gleichen Bedingungen auch ins Selbststu­ dium eingeführt.« »Wie war das Leben eines Lehrlings?« fragte ich. »Wir erhoben uns um fünf, um uns zu waschen, die Öfen und das Frühstück vorzubereiten, bevor der Laden um sieben 40

öffnete. Der Meister kam so um neun. Bis dahin hatten wir zwei Stunden damit verbracht, Rohgüsse herzustellen, Scha­ len, Becher und Vasen zu formen, die die erfahrenen Künstler gravieren und mit Silber verschönern würden. Wir studierten Entwurf und Gravur, und es wurde von uns erwartet, kompli­ zierte Muster aus dem Gedächtnis zeichnen zu können. Nach dem Mittagessen studierten und arbeiteten wir bis zum Abend, wo wir uns im Hof des Meisters mit anderen Schülern trafen, um ihn über Religion, Ethik oder Esoterik sprechen zu hören.« »Wie lehrte er«, fragte ich, »aus Büchern oder durch Frage und Antwort?« Qarmani lächelte bei der Erinnerung. »Er sprach meistens in Beispielen, erzählte Geschichten und erklärte die tiefere Bedeutung. Er stellte dem einen oder anderen Schüler eine unmögliche Frage und wartete geduldig und höflich auf die Antwort. Er war nicht zurückhaltend mit seiner Kritik an un­ seren handwerklichen und geistigen Leistungen, aber dies auf eine solche Weise, daß seine Kritik uns eher ermutigte als ein Gefühl von Groll oder tiefer Enttäuschung hinterließ. Er hatte eine sarkastische Zunge, die einen bloßstellen konnte, aber sein Sarkasmus enthielt immer eine Lehre.« »War Gurdjieff ein guter Schüler?« »Wir urteilten nicht über uns, da wir nicht wie die Meister unseren jeweiligen Entwicklungsstand unterscheiden konn­ ten. Ich kann sogar heute in dieser Hinsicht kein Urteil abge­ ben, da ich nicht weiß, für welchen Zweck Gurdjieff vorbe­ reitet wurde. Er war handwerklich geschickt und hatte einen beweglichen Geist, ob er aber für die vor ihm liegende Auf­ gabe gut oder schlecht war, konnte ich nicht wissen.« »Woher wußten Sie, daß er für eine Aufgabe vorbereitet wurde?« »Da er alle Zeichen derer trug, die geschickt werden, um zu lernen und geformt zu werden, und nach der Lehre ausge­ sandt werden, um selbst zu lehren. Und nebenbei war Muhsin Shah von Quds einer der Männer, die beauftragt waren, das Lehrprogramm für Nichtmoslems durchzuführen. Beauf­ tragt von wem, fragen Sie? Beauftragt vom Meister seines 41

Meisters und dieser wiederum von den ›Hütern der Tradi­ tion«.« »Wie kann ein Schüler in solch einen Kurs aufgenommen werden?« »Auf viele verschiedene Arten. Durch den Kontakt mit der Lehre, und wenn die Aufnahmeprüfungen erfüllt sind, wird er zu verschiedenen Lehrern geschickt, oder er wird in die Schulung aufgenommen, wenn es für irgendeinen Zweck günstig ist oder weil er die Lehre selbst braucht und die Kapa­ zität hat, sie zum Vorteil der Gemeinschaft, auch unbewußt, zu benutzen.« »Warum lernen die Schüler Teppichweben, das Zimmer­ handwerk, die Kalligraphie usw.?« »Es geht nicht um das Erlernen und Meistern bestimmter Fertigkeiten. Gewöhnlich lernen sie etwas von jedem Lehrer und zur selben Zeit eine Fertigkeit, die ihnen gut zustatten kommt, wenn sie irgendwohin gesandt werden, um einen Außenposten aufzubauen, durch den die Lehre weitergeht. Der Lehrer vermittelt dem Schüler die Baraka, die er selbst durch seinen eigenen Meister erhält. Diese Baraka wirkt in dem Schüler je nach der Zeit, dem Ort, Bedarf und den Um­ ständen, in welchen er sich befindet. Wenn die Baraka ein besonderes Ergebnis in der Person erzeugen soll, dann ist es möglich, daß dieses Ergebnis nur erreicht wird, wenn sich die Person in einem gewissen geographischen Gebiet aufhält und in einer gewissen Zeitbeziehung zu der Lehre steht.« »Machen alle Meister diese Ausbildung mit?« »Es gibt verschiedene Meister, die mit verschiedenen Auf­ gaben betraut sind. Ihre Ausbildung hängt von ihrer späteren Tätigkeit ab.« »Was lernte Gurdjieff von Ihrem Meister?« »Sie bitten mich um eine Meinung. Meinungen, die auf nichts basieren, sind nichts. Er studierte einen kleinen Teil von Attars Mantiq ut Tayiur (Parlament der Vögel) zusammen mit Sanais Hadiqa ul Haqiqa (Der umzäunte Garten der Wahr­ heit), das er mitgebracht hatte.« »Wie wurden die Texte studiert?« 42

»Durch fortwährendes Lesen, so daß die verschiedenen Grade der Bedeutung allmählich aufgenommen werden konnten. Sie wurden nicht gelesen, um »verstanden« zu wer­ den im Sinne, wie Sie dieses Wort gebrauchen, sondern um in die innere Struktur des bewußten Seins und in das innere Selbst aufgenommen zu werden. Im Westen lehren die Intel­ lektuellen, daß man ein Ding verstehen muß, um davon pro­ fitieren zu können. Die Lehre der Sufis setzt ihr Vertrauen nicht in ein plumpes Ding wie ihre oberflächliche Fähigkeit. Die Baraka filtert ein, auch wenn man es nicht will, und wird nicht gezwungen, auf der Schwelle zu warten, bis der »Intel­ lekt« ihr erlaubt, in geschwächter Form einzutreten.« »Gibt es spezielle Übungen, die das Lesen begleiten?« »Manchmal. Dies kann die Wiederholung von Sätzen aus dem Text sein, der studiert wird, oder von Sätzen, die der Meister gibt.« »Erinnern Sie sich, ob Gurdjieff solche hatte?« »Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, daß ihm ein Satz von Ghazzali gegeben wurde, um darüber zu meditieren. Es war ein Zitat des Propheten: »Die Menschen träumen, wenn sie sterben, erwachen sie.« Auch diesen Abschnitt: »Wer denkt, daß das Verständnis göttlicher Dinge auf strengen Be­ weisen beruht, hat in Gedanken Gottes große Barmherzigkeit eingeschränkt« (Ghazzali, Befreiung vom Irrtum). Und als Li­ tanei den Satz: »Herr, sei uns barmherzig.« Ob diese Wieder­ holungen mit anderen Übungen verbunden waren, kann ich . nicht sagen, denn wenn eine Person sich in der Kontempla­ tion befindet, wer kann außer dem Scheich sagen, welche Übungen er macht?« »Darf ich Sie fragen, ob Sie irgendeine Idee haben, warum Scheich Daud mir riet, in Quds zu bleiben und das Leben Je­ sus zu studieren? Ich konnte nur einen Monat dort bleiben, und dies scheint mir nicht lang genug, eine Lektion aufzu­ nehmen, obwohl ich eine für mich riesige Entdeckung machte.« Und ich berichtete meine Meinung über die Johan­ nes-Akten. Qarmani hörte mir gleichgültig zu. »Woher wissen Sie, wie 43

lange Sie mit etwas beschäftigt sein müssen, bevor man sagen kann, daß Sie davon profitiert haben? Haben Sie geheime Vorbehalte, die Ihnen sagen, daß man für die Aufnahme von Wissen eine gewisse Mindestzeit benötigt? Messen Sie Ba­ raka in Zeit oder Tiefe? Messen Sie Gewicht in Yards? Viel­ leicht genügte die Zeit, vielleicht nicht - Sie sollten Scheich Hassan Effendi in Quds fragen, und möge Liebe Sie beglei­ ten«, und er beugte sich wieder über seine Arbeit.

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V. Scheich Hassan Effendi

Als ich wieder in Jerusalem war, suchte ich meinen Freund bei der Touristenpolizei auf und fragte ihn, wo ich Scheich Hassan finden könnte. »Jeden Tag in der Omar-Moschee und jeden Abend in der Zawiyah Hindi beim Herodes-Tor. Aber ich sage Ihnen gleich, daß er nicht der Mann ist, eine lange Reihe Fragen zu beantworten. Er ist ein Schüler des großen Muhsin Shah, des Erben der Robe des Sultan Fatih. Suchen Sie ihn unbedingt auf, aber seien Sie vorsichtig!« Als Nichtmoslem konnte ich die Omar-Moschee nicht be­ treten, deshalb nahm ich mir das Zawiyah Hindi vor, ein Gasthaus für indische Pilger; alle möglichen Leute halten sich für kürzere oder längere Zeit dort auf. Ich hinterließ hier einen Brief, nachdem ich einer sehr zu­ vorkommenden indischen Dame, die Englisch sprach, meine Gründe erklärt hatte. Sie versicherte mir, daß der Scheich den Brief bekommen würde. Ich wartete einige Tage, bis mir ein Bote eine Antwort brachte. Sie lautete auf englisch: »Sie möchten mich sehen, aber was veranlaßt Sie zu der An­ nahme, daß ich Sie sehen möchte?« Inzwischen hatte ich entdeckt, daß dies eine klassische Su­ fi-Technik ist, durch die die Sufis zufällige Anfragen durch abwehrende Grobheit verhindern wollen. Ich antwortete: »Mein Wunsch, mein Wissen zu vermehren, veranlaßt mich dazu.« Als Antwort kam zurück: »Können Sie Wissen anwen­ den?« Ich antwortete: »Noch nicht, aber ich strebe danach.« Die Antwort: »Kommen Sie bei Sonnenuntergang zum Zawiyah.« Ich ging. 45

Hassan Effendi saß im Schatten eines Orangenbaums im Hof. Ein Schüler saß hinter ihm und einer zu seiner Linken. Der Scheich war offensichtlich ein Mann sehr fortgeschritte­ nen Alters, jedoch war sein Gesicht glatt und ohne Falten, seine Augen durchdringend und seine Hände fest und hart. Er trug ein weißes saudisches Gewand und die rosa-goldene Kopfbedeckung des Naq'schbandi-Ordens. Er fragte mich freundlich nach meinem Wohlergehen und schwieg. Ich brachte das Gespräch auf den Gegenstand meiner Su­ che. »Sie sollen wissen, mein Freund«, antwortete er, »daß ich ein Lehrer meines Ordens bin, kein Antrieb für Ihre Einbil­ dungskraft oder ein Orakel für den Leichtgläubigen. Sie durchkämmen die Welt nach den Lehrern von Jurjizada, und hier sitzt einer von ihnen; doch wird es Ihnen wenig nützen, mir die Fragen zu stellen, die Ihren Geist überfluten. Ich lehrte Gurdjieff zu atmen. Wenn ich dies sage, werden Sie mich mit vielen Wies, Warums und Wenns und Abers und ob ich Sie unterrichten kann, überschwemmen. Die Antwort ist, ich kann, aber ich will nicht.« »Darf ich fragen, Scheich, warum lehrten Sie nur Atmen?« »Nur! Nur! Dumme Frage! Dümmer noch als warum oder wie. Denken Sie, daß richtig atmen zu lernen leicht ist? Be­ wirkt Ihr flaches Keuchen mehr, als Ihr Blut mit dem Mini­ mum an Sauerstoff zu versorgen, der benötigt wird, um den Teil Ihres Gehirns, den Sie benutzen, am Leben zu erhalten? Eine der Funktionen richtigen Atmens ist, die Baraka in die entferntesten, verborgenen Winkel des tiefen Bewußtseins zu tragen. Unentwickelte Menschen versuchen, durch Gedan­ ken oder blinde Tätigkeit das Bewußtsein zu beeinflussen. Keines davon reicht aus, und die Richtung und Intensität sind diesen auch nicht bekannt. Nur atmen! Wissen Sie, wie lange es dauert, bevor Sie geschult werden können, Ihren ersten wirklichen Atemzug zu tun? Monate, sogar Jahre, und nur dann, wenn Sie wissen, was erreicht werden soll. Gurdjieff brachte eine bestimmte Fähigkeit zu atmen mit, 46

und ich lehrte ihn darin, wie er mit seinem Organismus, sei­ nem Bewußtsein und seinem ganzen Wesen atmen kann. Sie atmen, um Ihre Existenzebene aufrechtzuerhalten. Der hö­ here Mensch atmet, um den Durchbruch auf eine höhere Seinsstufe beizubehalten. Ihre Ignoranz, wenn sie auch nicht überraschend für mich ist, erschreckt mich. Gurdjieff blieb 20 Jahre bei mir. Ja, zwanzig Jahre! Fünf Monate in Erzurum und den Rest der Zeit in Verbindung mit mir, wo immer er lernte, seinen Atem zu benutzen. Wissen Sie, was durch Ih­ ren Atem in Ihr Bewußtsein getragen werden kann? Wissen Sie, warum ein Scheich einen Schüler anhaucht? Wissen Sie, warum ein Scheich in das Ohr eines neugeborenen Kindes bläst? Natürlich nicht! Sie erklären dies herabsetzend als ma­ gische, primitive Lebenssymbole, aber die praktischen Gründe, die überaus schwierige Arbeit, das innere Bewußt­ sein zu nähren, wird übersehen. Es huscht über Ihren Kopf hinweg, der über Physiologie, Psychologie, Kausalgesetze, theoretische Ekstase gebeugt ist. Sie täuschen sich selbst, das Leben täuscht Sie nicht. Sie rufen in Ihrer bedauernswerten Arroganz nach Erleuchtung, Sie beanspruchen dies als Ihr Geburtsrecht. Sie verdienen es, mein Freund, Sie verdienen es nur mit Hingabe, Mühe und Disziplin. Hundert Jahre muß ein Körper reisen, bevor er abgehärtet ist. Ein Suchender wird kein wirklicher Sufi, wenn er nicht bis ins Mark im Feuer der Realität gehärtet wurde! Reden Sie nicht so herablassend von ›nur atmen‹, und erkennen Sie, wie bedauernswert unvorbe­ reitet Sie sind, auch nur in den Begriff ›Existenz‹ einzudrin­ gen! Ihre Fähigkeit, von irgend etwas zu profitieren, steht di­ rekt in Beziehung zur Wirksamkeit Ihres Systems. Das ist sowohl in physiologischer als auch esoterischer Hinsicht wahr. Sie können von Ihrem Körper nicht erwarten, Zucker zu gewinnen und zu verarbeiten, wenn Sie keine Bauchspeicheldrüse haben, und doch denken Sie in Ihrer in­ tellektuellen, arroganten Art, daß es Ihnen möglich ist, vom Wissen anderer zu profitieren. Sie möchten das benutzen, was Sie den »Prozeß des Verstandes oder der Logik‹ nennen, um das Ganze zu übernehmen und die Teile zu essen, die Sie 47

als nahrhaft ansehen. Bestenfalls sind Ihre Gedankenabläufe oberflächliche Reaktionen, schlimmstenfalls können Sie keine Reaktion oder Gedanken aufnehmen, bevor er nicht den höllischen Prozeß, den Sie akademische Beweisführung nennen, durchlaufen hat und verdünnt, zerlegt und verformt wurde. Das bezeichnen Sie als Vernunft! Kann man das ver­ nünftig nennen, wenn Sie riesige Stücke Weisheit schlucken und wiedergekäut in Form von Theorie, Sprache und wirrer, ungeschliffener Faselei herausspucken? Das sogenannte Zeitalter der Vernunft in Europa brachte weniger Vernunft, weniger wirklichen intellektuellen Fortschritt hervor als die Tagesarbeit eines entwickelten Menschen. Sie streben, Sie träumen, aber Sie tun nicht! Zähigkeit wird durch Haarspalterei ersetzt, Mut durch Prahlerei und diszipli­ nierte Gedanken durch enge, pedantische Versuche der Ver­ nunft. Beobachten Sie einmal, wie wenig von Ihrem Intellekt für praktische Tätigkeit bleibt, wenn Sie Ihrer ernsten Mängel gewahr werden. Hören Sie auf mit Ihrer teuflischen »Selbst­ prüfung«. Wer bin ich? Wie viele Ichs habe ich? Sie können die Idee wirklicher Selbstprüfung überhaupt nicht verstehen. Folgen Sie einer wirksamen Philosophie, oder verdammen Sie sich dazu, den Generationen zu folgen, die sich selbst in den abgestandenen Schlammlöchern ertränkt haben, die sie als Reservoir der Vernunft und des Intellekts bezeichnen! Sie haben keine Vernunft, keinen Intellekt, verstehen Sie? Noch weniger haben Sie von der katalytischen Substanz, die es Ihnen ermöglichen würde, wenigstens die Vernunft und den Intellekt zu gebrauchen, die Ihre so herzlich begrüßte Konditionierung überlebt haben. Ja, ich lehrte Gurdjieff nur zu atmen! Nicht mehr, nicht we­ niger. Wenn Sie den flüchtigsten Eindruck davon bekommen können, was das wirklich bedeuten kann, dann haben Sie Hoffnung. Ich bin nicht geneigt, Ihnen noch weiter ihre Unfä­ higkeiten, die durch Ihr positives, negatives und neutrales Selbst entstanden sind, zu erklären, und die Kontrolle und Wirkung, die sie auf Ihr schon bruchstückhaftes Bewußtsein haben. Sie können ein Buch über Ihre Suche schreiben, aber 48

beschreiben Sie mich richtig. Zitieren Sie mich, wenn Sie wollen, aber interpretieren Sie mich nicht. Ich spreche in Ih­ rer Muttersprache mit Ihnen, so daß kein Raum bleibt für Ein­ drücke oder eine intellektuelle Interpretation dessen, was ich vielleicht Ihrer Meinung nach gesagt habe. Wenn Sie nicht davon profitieren können, versuchen Sie nicht, es anderen zu »erklären« oder Ihre »Gefühle und Empfindungen« und die Zustände, die unser Gespräch bei Ihnen hervorgerufen hat, aus­ zulegen. Das, was ich gesagt habe, enthält keine versteckte Bedeutung. Alle notwendigen Fakten sind vorhanden. Fügen Sie nichts hinzu, und stellen Sie nichts in Klammern oder be­ tonen etwas, wo ich es nicht getan habe. Der Fluch der westlichen Welt war immer der Gelehrte mit dem brennenden Drang, etwas zu interpretieren, zu kom­ mentieren und zu erklären. Die Übersetzung war für ihn ein Mittel, eine Gedankenrichtung zu erzeugen, die meistens im Originalmanuskript nicht existiert hatte. Wenn er, wie dies zu oft der Fall war, den ursprünglichen Gedankengang nicht auf­ nahm, führte er seinen eigenen oft absichtlich ein, um etwas zu beweisen oder es als Beweis für seine Lieblingstheorie zu benutzen. Aufgrund der geringen Anzahl zweisprachiger Gelehrter im Westen blieb dieser Mißstand oft jahrhundertelang unbe­ merkt, manchmal immer. Auf diese Weise gingen Theorien, Aussagen oder Abhandlungen von beträchtlichem Wert für den Westen verloren. Traurig? Unfair? Denken Sie? Wo liegt jedoch die Schuld, wenn eine Gesellschaft nicht genug aus­ gebildete Menschen hat? Bei ihr oder bei anderen? Es ist schiere Unverantwortlichkeit, wenn ganze Theorien und Überlieferungen sich aus den Hirngespinsten eines Experten entwickeln dürfen. Sie erdrosseln sich mit ihrer eigenen rech­ ten Hand selbst und protestieren, wenn niemand sie be­ schützt. Die westlichen Gelehrten haben sich ihre Heiligen selbst ernannt, eine Hierarchie von Oberpriestern, die sich selbst verewigt, hochgehoben, ohne die kritische Fähigkeit zu ha­ ben, deren Qualifikation prüfen zu können. Deshalb kleben 49

sie an ihnen fest. Wenn man sie jetzt stürzt, ein Programm veranstaltet und die Bücher verbrennt, durch wen will man sie ersetzen? Ganze Gedankenschulen wurden auf der Gei­ stesverwirrung eines Mannes aufgebaut. Sie können sagen, auf diese Weise wird Wissenschaft im Westen betrieben. Sie bezeichnen es als Theorie, die zu einer Grundlange des Ver­ stehens führt. Das ist wahr, doch spielt hier Unehrlichkeit mit, denn warum sollte der Übersetzer oder Dolmetscher nicht sein wirkliches Interesse erklären und den Text nicht als Verkörperung des wirklichen Manuskripts oder Schriftstücks ausgeben? Was hat dies mit Gurdjieff zu tun, denken Sie? Ziemlich viel. Die, die Augen haben zu sehen, werden die Verbindung sehen, die, die Ohren haben zu hören, werden die Wahrheit inmitten der Verwirrung vernehmen, aber laßt sie zuerst die Fähigkeit entwickeln, die Beschaffenheit der Wahrheit zu kennen, die Wahrheit zu fühlen, die Wahrheit zu sprechen und ein Klima zu schaffen, in dem Wahrheit die akzeptierte Norm und nicht etwas Außergewöhnliches ist. Gurdjieff sollte bestimmte Dinge für eine bestimmte Situa­ tion lehren. Daß seine Lehre verfälscht und fortgeführt wer­ den würde, lange nachdem ihre Wirksamkeit vorüber war und unter Gegebenheiten, die sich auf jeden Fall geändert hatten, war unvermeidlich und vorhersehbar. Seine Rolle war vorbereitender Art, aber das meiste des erzielten Fortschritts wurde durch die Aktivitäten nach seinem Tod übermäßig ver­ wässert. Sie mögen fragen, wie jene, die profitiert hatten, den Kontakt aufrechterhalten konnten, wenn sie nicht mit der Schule, die er begründet hatte, in Verbindung waren? Ganz leicht. Mit der Zeit mußte es auffallen, daß bei der Wiederho­ lung früherer Aktivitäten ein Gerüst fehlte. Zu jener Zeit wäre es leicht gewesen, sich davon abzusetzen und den Teilchen zu folgen, die man in sich aufgenommen hatte. Aktivitäten, wirkliche Aktivitäten im Westen verloren nie ihren Kontakt, obwohl es äußerlich so ausgesehen haben mag. Falsche Theorien tragen den Samen ihrer eigenen Zer50

Störung in sich. Dies ist ein unveränderliches Gesetz, das sich selbst beweist. Es gibt heute Aktivitäten für jene, die den Ge­ schmack für die wirkliche Realität noch nicht verloren ha­ ben.« »Meinen Sie, daß es heute in Europa Aktivitäten gibt?« »Ich meine genau, was ich sage. Wenn ich ›in Europa« hätte hinzufügen wollen, hätte ich es gesagt. Ich mache keine nachlässige Konversation. Sie haben die nationale Schwä­ che, wie verbissen an das Verstehen von Dingen heranzuge­ hen; das geht sogar so weit, daß Sie fremde Fakten oder Worte in Abschnitte einfügen, um diese sich selbst klarzuma­ chen. Dies ist ein abscheulicher Zug, und ich rate Ihnen sehr, ihn zu vermeiden. Es ist nicht schwierig und geht ohne he­ roische Anstrengung, Seelenforschung und Herzschmerzen. Tun Sie es einfach nicht. Wenn Sie irgendwelche Ansprüche hinsichtlich Disziplin haben, üben Sie diese bei sich. Wenn Sie sich selbst schmeicheln und bestechen müssen, um etwas zu tun, dann tun Sie es lieber nicht, weil Sie es nicht unter Leiden tun würden. Ich habe wenig oder keine Geduld mit je­ nen, die grundsätzlich nicht bereit sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und einen langen, kalten Blick auf sich selbst zu werfen. Entweder Sie können es, oder Sie können es nicht. Wenn Sie es nicht können, heißt dies gewöhnlich, daß Sie es nicht tun. Wenn Sie es können, warum tun Sie es nicht? Stellen Sie mir noch eine Frage, mein junger Freund, und nur eine. Ich werde sie beantworten, und dann müssen Sie gehen, und möge Wahrheit Ihr Führer sein!« »Scheich, wohin soll ich als nächstes gehen?« Ohne Zögern: »Haleb, wenn Sie möchten. Mohamed Mohsin, der Händler, wird Sie willkommen heißen - Ishk Bashad«, und er war verschwunden.

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VI. Mohamed Mohsin, der Händler

Krankheit zwang mich, 10 Tage in Jerusalem zu bleiben, ob­ wohl ich begierig darauf war, auf dem Weg nach Aleppo zu sein. Es waren die üblichen Beschwerden von Reisenden, die an die Nahrung des Mittleren Ostens nicht gewöhnt sind, und da ich über Land reisen wollte, wollte ich vor meiner Abreise wieder ganz in Ordnung sein. Mein erzwungener Aufenthalt ermöglichte mir, viel zu le­ sen. Meistens wählte ich persische Autoren aus, die ich lesen konnte oder von denen es eine gute englische Übersetzung gab. Ich wollte sehen, ob die gegen die Sufis erhobenen Vor­ würfe des Neuplatonismus, Gnostizismus und/oder Schama­ nismus durch Fakten unterstützt wurden. Ich gestehe, daß ich unter ungünstigen Bedingungen arbeitete, da ich mit den gro­ ßen Meistern der Sufi-Gedankenwelt nicht sehr vertraut war, um irgendein Urteil abgeben zu können. Würde mir die Si­ cherheit ausreichen, mir ein Urteil zu bilden, das mich allein befriedigte? Welchen Unterschied in der Wirkung würde es machen, wenn ich herausfände, daß der Sufismus durch neu­ platonisches Gedankengut beeinflußt worden war? Wenn ihre Theorien Gültigkeit hätten, wäre es dann von Bedeu­ tung, woher sie kamen oder nicht? Diese Fragen quälten mich, da ich mich gefährlich nahe daran fühlte, intellektuelle oder akademische Argumente in die Situation zu bringen. Das Quellenmaterial, das ich mit Hilfe eines freundlichen Buchverkäufers fand, bestand aus AI Ghazzali, Jelaluddin Rumi und Fariduddin Attar, dem Chemiker. Ghazzali wird in der moslemischen Welt als derjenige be­ trachtet, der den Glauben wiederbelebt hat, und er trägt auch diesen Titel. Als er Zweifel in seinem Geist entdeckt hatte, wanderte er 10 Jahre umher, bis sie behoben waren. Man glaubt, daß seine Bücher das Denken des heiligen Franziskus 52

und Thomas von Aquins beeinflußt haben, obgleich sie eine der Grundlagen der islamischen mystischen Philosophie wa­ ren. Seine Bekenntnisse eines verwirrten Gläubigen sind äu­ ßerst bewegend: »Mein Ausgangspunkt ist die Suche nach dem Wissen über die Wirklichkeit der Dinge; daher muß ich unzweifelhaft herausfinden, was Wissen wirklich ist.« Seine Forschung war auf kalte Analyse gerichtet ohne un­ nötige akademische Diktion oder intellektuelles Geschwätz. Er suchte, er prüfte, und vor allem machte er Erfahrungen. Um ihn zu zitieren: »Woher kommt das Vertrauen in die Sinneswahrnehmungen? sagt eine zweifelnde innere Stimme. Die mächtigsten Sinne sind die des Sehens. Wenn sie jedoch den Schatten auf einer Sonnenuhr wahrnehmen, steht dieser still, und sie urteilen, daß es keine Bewegung gibt. Durch Experiment und tiefere Beobachtung stellen sie dann nach einer Stunde fest, daß sich der Schatten bewegt und mehr noch, nicht ruckweise, sondern allmählich und ste­ tig in unendlich kleinen Abständen, so daß er niemals ruht. Wenn sie die Sonne wahrnehmen, sieht diese so klein wie ein Schilling aus, und doch zeigt die geometrische Berechnung, daß ihr Umfang größer als derjenige der Erde ist.« Ghazzali inspirierte mich beim Lesen, da er den Kampf mit seinen Zweifeln und seinem Intellekt beschrieben hatte, ebenso die Grundlagen jeder seiner Entscheidungen. Ich konnte seiner Argumentation und unfehlbaren Logik folgen und freute mich über seine Entdeckungen. Ich hätte diese Entdeckungen leicht ohne Beweise akzeptieren können, aber die ausführlichen Erklärungen erfrischten mein Bewußtsein und ermöglichten mir einen einfacheren Weg durch den Mo­ rast meiner eigenen unreifen Gedanken, Gefühle und halb­ geformten Meinungen, die auf konditioniertem Denken be­ ruhten. Rumi, der Mystiker des dreizehnten Jahrhunderts, schrieb das kolossale metaphysische Werk Mathnavi, ein dreibändiges Gedicht, das nur von den entwickeltsten Seelen voll geschätzt werden kann. Ich konnte nicht einmal damit beginnen, die eleganten Allegorien und die tiefe, pulsierende Wahrheit zu ergründen. Ich konnte es nur oberflächlich lesen 53

und versuchen, seine Realität einwirken zu lassen. Ich zitiere die Geschichte von den Griechen und den Chinesen, die den Unterschied zwischen theologischem und mystischem Den­ ken illustriert:
Wenn Ihr eine Parabel über das verborgene Wissen wünscht, erzählt die Ge­ schichte von den Griechen und Chinesen: »Wir sind bessere Künstler«, erklärten die Chinesen. ›Wir sind Euch gegenüber im Vorteil«, entgegneten die Griechen. »Ich werde Euch prüfen«, sagte der Sultan. »Dann werden wir sehen, wessen Behauptung stimmt.« »Gebe uns einen Raum und den Griechen einen anderen«, sagten die Chi­ nesen. Die zwei Räume lagen einander gegenüber, die Chinesen nahmen den ei­ nen und die Griechen den anderen. Die Chinesen baten den König um hun­ dert Farben, und der würdige Monarch öffnete seine Schatzkammer, und je­ den Morgen erhielten die Chinesen ihre Farbenration. »Wir brauchen keine Farben für unser Werk«, sagten die Griechen. »Alles, was wir wollen, ist, diesen Rost loszuwerden.‹ Und so machten sie sich ans Polieren. Es gibt einen Weg von der Vielfarbigkeit zur Farblosigkeit; Farbe ist wie die Wolken, Farblosigkeit ist der Mond. Welchen Glanz und welche Pracht Du auch in den Wolken siehst, sei sicher, daß dies von den Sternen, dem Mond und der Sonne herrührt. Als die Chinesen mit ihrer Arbeit fertig waren, begannen sie, vor Freude zu trommeln. Der König kam herein und sah die Bilder, ihr Anblick raubte ihm den Verstand. Dann ging er zu den Griechen, die den trennenden Vorhang beiseite schoben, so daß der Widerschein der chinesischen Meisterwerke auf die Wände fiel, die sie blank gescheuert hatten. Alles, was der König in dem chinesischen Raum gesehen hatte, sah hier noch lieblicher aus, so daß seine Augen aus den Höhlen sprangen. Die Griechen, mein Vater, sind die Sufis; ohne Wiederholungen und Bü­ cher und Lernen haben sie doch ihre Herzen von Gier und Habsucht, Geiz und Bosheit befreit. Die Reinheit des Spiegels ist ohne Zweifel das Herz, das unzählige Bilder empfängt. Der Widerschein jedes Bildes geht für immer vom Herzen aus, und jedes neue Bild, das ins Herz eintritt, zeigt sich dort ewig frei von aller Unvollkommenheit. Die ihr Herz poliert haben, haben Wohlgeruch und Farben hinter sich gelassen, jeden Augenblick, unmittelbar erblicken sie Schönheit.

Die Tiefe von Rumis Mystik ist ein kraftvolles Porträt eines er­ wachten Mannes »jenseits von Religion, jenseits von Ketze­ rei, jenseits von Atheismus, jenseits des Zweifels, jenseits von Sicherheit«. Letzteres ist die dritte Stufe von drei Zuständen, erklärt Rumi: »Zuerst verehrt der Mensch menschliche We­ sen, Steine, Geld oder die Elemente, als zweites verehrt er 54

Gott und als drittes sagt er weder ›ich verehre‹ noch ›ich ver­ ehre nicht‹.« Rumi gibt dem Menschen den Rat und ermahnt ihn ein­ dringlich, Wissen über sich selbst zu suchen und sein ungeläutertes Selbst mit einem Glauben oder einer Lehre zu unter­ stützen, die zu der Erfüllung seines Schicksals führen werden. Einer der ewigen Formkräfte des menschlichen Bewußtseins ist Liebe. An einer Stelle sagte er: »Die Menschheit ist uner­ füllt und hat ein Verlangen nach Erfüllung. Deshalb müht sie sich ab, dieses Ziel mit Hilfe verschiedener Unternehmungen und Ambitionen zu erreichen. Aber nur in der Liebe findet sie Erfüllung. Sie darf sie jedoch nicht auf achtlose Weise benut­ zen; das Feuer, das wärmt, kann auch verbrennen.« Einer der Hauptgrundsätze des Sufi-Weges ist, daß der ge­ wöhnliche Mensch sich selbst nicht erkennen und aus den formenden Einflüssen, die er braucht, Nutzen ziehen kann. Er muß notgedrungen einem Lehrer folgen, der weiß, wo diese Einflüsse gefunden werden können und wie und in welchem Ausmaß sie benutzt werden müssen. Rumi warnt fortwährend davor, sich an Äußerlichkeiten zu halten: »Liebe den Krug weniger und das Wasser mehr.« Er betont die versuchsweisen Aspekte der Entwicklung und die Notwendigkeit, daran zu arbeiten, die Fähigkeit zur weiteren Entwicklung zu fördern. Attar, der Chemiker, berühmt für sein Parlament der Vögel, steht ebenfalls in der ersten Reihe der Sufi-Großen. Sicherlich verdankt Bunyan sein Pilgrim's Progress dieser Fabel, in der sich dreißig Vögel, angeführt von einem Wiedehopf, aufmachen, ihren König zu suchen. Nach vielen Prüfungen und Lei­ den entdecken sie den ›König‹ in sich selbst. »Gebt Eure Schüchternheit auf, Eure Eitelkeit und Euren Unglauben, wer Licht aus seinem Leben macht, wird von sich selbst befreit; er ist befreit von Gut und Böse wie der Geliebte.« Diese Sufi-Gelehrten trinken tief aus den Quellen der Wahrheit und spiegeln des Menschen Durst nach Vereinigung mit dem Unendlichen wider. Ich war mitgerissen von ihrer durchdringenden Einsicht in die Hindernisse des Menschen 55

auf der Suche nach seinem wirklichen Selbst. Auch wenn er von allen möglichen Ängsten, Theorien und Konditionierun­ gen umgeben ist, steht der Mensch nackt und unvorbereitet der Verantwortung seiner Suche nach dem Unbekannten gegenüber. Es ist wahr, daß die westliche Gedankenwelt sol­ che Männer wie Kant und Schopenhauer und Mystiker wie Nicoll und Ouspensky hervorgebracht hat, aber jeder hat sich sehr bemüht, dem Bedürfnis nachzukommen, einen Weg der Entwicklung aufzuzeigen, doch hat es keiner geschafft, weil ihr verwickeltes und verschachteltes Denken im Weg stand. Sie waren selbst ein Ergebnis der westlichen Scholastik mit ihrem Zwang zu pragmatischem und schwerfälligem akade­ mischem Denken und geschliffener intellektueller Argumen­ tation, ohne die durchdringende Einsicht und Beziehung zu menschlichen Problemen und Schwächen, welches die SufiMeister charakterisiert. Man kann sagen, daß kein westlicher Denker sich selbst aus der Welt heraus und zum Unendlichen hin entwickelt hat, doch Rumi, Attar und andere zeigten nicht nur den Weg, sondern schritten den Weg zu ›Fana‹ oder das Erlöschen des Selbst in der Substanz der Wahrheit. Welch grö­ ßerer Beweis für die Wirksamkeit einer Lehre ist nötig? Mysti­ ker wieder hl. Franziskus, die heilige Teresa von Avila und der heilige Johannes vom Kreuz verdanken alle ihre Inspiration der Sufi-Gedankenwelt. Konnte ich diesen klaren Hinweis ignorieren? Sicherlich war Gurdjieff von diesen Leuten geschult worden. Konnte ich hoffen, den Faden der heute angewandten Lehre aufzuneh­ men? Konnte ich es mir leisten, die Chance nicht wahrzuneh­ men? Die Entscheidung war klar, und meine Suche nahm eine mehr persönliche Form an. Ich würde Gurdjieffs Weg folgen, aber nur, um die Botschaft und die Form zu finden, die heute brauchbar waren. Meine Reise nach Aleppo war reich an Verzögerungen und Schwierigkeiten in Gestalt von Pannen, und ich kam erst an einem Freitagmorgen an. Ich stieg in einem Hotel ab und fragte nach Mohamed Mohsin, dem Händler. Man sagte mir, daß er sich zurückgezogen habe und in dem Dorf El Bab, 56

einige Meilen entfernt, wohne. Ich fand einen jungen Mann, der sich anbot, mich zu führen, und sagte, daß er in diesem Dorf lebe und sich darüber freuen würde, mitgenommen zu werden. Während wir die staubige Straße entlangholperten, sprach er mit großer Ehrfurcht von dem Händler und gab ihm den Ti­ tel Gul Bashi oder Blumenpfleger. Ich fragte nach dem Grund und erfuhr, daß er schon immer so genannt wurde. Das Dorf war nahe und erfüllt von Leben. Mein Führer zeigte auf einen Weg außerhalb des Dorfes, auf dem das Auto nicht fahren konnte. Dieser führte zur Behausung des Händ­ lers, und er schlug vor, zu Fuß zu gehen und einen Schafhir­ tenjungen beim Auto zurückzulassen. Der Pfad war steil und staubig, er war eigentlich ein ausgetrocknetes Flußbett und führte in die Vorgebirge. Nach einer halben Stunde zeigte der Junge auf ein kaum erkennbares Haus in der Kluft eines Hü­ gels. »Dort drüben«, sagte er. Wir brauchten über eine Stunde, bis wir das hübsche Stein­ haus erreichten, das gegen die Klippe gebaut war. Die riesige Tür trug verschlungene Zeichen, und ein kleines Fenster wurde auf unser Klopfen hin geöffnet. Ich erklärte den Grund meiner Reise und fragte, ob ich den Händler sehen dürfte. Das Gesicht verschwand, und nach fünf Minuten wurde die Tür geöffnet, und wir wurden in den Innenhof geführt, wo Brunnen inmitten von Kieswegen und Blumenbeeten plät­ scherten. In einer Ecke, nahe einer Anzahl von Rosensträu­ chern, saß eine runzlige Gestalt in einem weiß-blauen Ge­ wand, umgeben von anderen in weißen Gewändern. Er deutete mir, mich zu setzen, nachdem mein Führer sich ver­ abschiedet hatte und gegangen war. Ich setzte mich auf den weichen Rasen und hoffte, mit ihm eine Sprache gemeinsam zu haben. Ich hätte mich nicht zu sorgen brauchen, da Mohsin sich wieder an seine Zuhörer wandte und seinen Vortrag in Englisch fortführte, mit Akzent natürlich, aber sehr flie­ ßend. »Und daher werden Sie leicht verstehen, daß Sie Ihre Infor­ 57

mation unweigerlich falsch bewerten, wenn sie nicht in der richtigen Weise und mit richtigem Maß interpretiert wird. Be­ trachten Sie diese Dinge, von denen ich gesprochen habe, nur, ich wiederhole, nur unter den Bezugspunkten, die ich Ih­ nen gegeben habe, und unter keinen Umständen unter ge­ fühlsmäßigen, sozialen, politischen oder anderen Gesichts­ punkten. Sie mögen diese Verbindungen haben, aber meiden Sie diese wie die Pest. Erlauben Sie sich niemals, in Gewohn­ heitshaltungen zu verfallen, die durch die gerade herrschen­ den Umstände oder zeitgenössische Atmosphäre in Ihnen hervorgerufen werden. Gehen Sie nun, und kommen Sie nächsten Donnerstag wieder, und ich werde Ihnen mehr er­ zählen.« Nachdem sie die Hand meines Gastgebers geküßt hatten und gegangen waren, wandte sich der alte Mann mir zu. »Ich bin froh, daß es Scheich Hassan gutgeht. Sie suchen Hilfe bei mir. Ich kann Ihnen einige Fakten und Hinweise geben, aber ob sie Ihnen helfen, liegt ganz bei Ihnen und an Ihrer Fähig­ keit, sie zu benutzen. Sie möchten mehr über Gurdjieff wissen. Was ich Ihnen sa­ gen kann, wird Ihnen wenig helfen, aber ich kann Ihnen so viel sagen, daß es Teil eines Bildes werden kann, wenn Sie es zusammensetzen können. Ich lehrte Gurdjieff die Pharmazie und Heilmittellehre, wie man wichtige Pflanzen züchtet und benutzt, wie man ihre Essenzen gewinnt und benutzt. Er lernte dies und verließ mich nach einem Jahr. Hilft Ihnen das?« Ich bekannte, daß es nicht viel half, soweit ich sehen konnte. Ich erinnerte mich, daß gesagt wurde, daß sich Gurd­ jieff für Kräuter und deren Anwendung interessierte, aber weiter wußte ich nichts. Ich erinnere mich, daß ich versuchte, Mohsins Alter her­ auszufinden, und daß es mir nicht gelang. Seine Züge waren runzlig, aber seine Zähne waren perfekt und seine Augen un­ getrübt. Seine Gestalt, obwohl hager, war nicht gebeugt, und seine Hände waren ruhig. Wenn er Gurdjieffs Lehrer gewe­ sen war - in welchem Alter - wann? Ich stellte diese Frage. 58

»Zuerst«, antwortete er, »müssen Sie es nicht als unbedingt erforderlich ansehen, daß die körperliche Anwesenheit nötig ist, um jemanden zu lehren. Man kann auf viele verschiedene Arten unterrichtet werden, jede gleich wirksam, vorausge­ setzt, daß der Lehrer und der Schüler eine Verbindung ge­ schaffen haben, die stark genug ist. Dann haben Zeit und Ent­ fernung keine Bedeutung. Zweitens, denken Sie nicht, daß ein Jahr eine Periode von 365 aufeinanderfolgenden Tagen bedeutet. Diese können über eine lange Periode verteilt sein. Sie im Westen wollen ›Kontinuität‹ für ein Studium, nur weil Ihr Verstand so unfähig ist, daß Sie eine Lektion vergessen können, wenn die zweite nicht ein paar Tage nach der ersten folgt. Sie sind unfähig, alle Ereignisse, Umstände und Fakten einer Lektion so lebendig in Ihrem Geist zu erhalten, daß Sie sie nach einem Jahr ohne Zögern wieder aufnehmen können. Gurdjieff erhielt meinen Unterricht vor dem Ende des neun­ zehnten Jahrhunderts, als ich in Erzurum war.« »Haben Sie damals dort unterrichtet?« »Ich baute einen Garten und verbreitete auf diese Art das Wissen, das für jene Zeit und Umstände nötig war. Denken Sie nicht, daß die einzige Sprache der Blumen die des visuel­ len Effekts oder ihres berauschenden Dufts ist. Blumen verän­ dern ihre Bedeutung und ihre Wirkung je nach ihrer Stellung zueinander, in welcher Menge sie angepflanzt werden, wel­ che Farben benutzt werden: all dies ist Teil der wirklichen Sprache der Blumen.« »Aber was zeigen sie an ? Können sie einem Vorübergehen­ den etwas sagen oder ihm Eindruck machen, wenn er nichts von ihrer wirklichen Bedeutung weiß?« »Sie wirken auf verschiedenen Ebenen. Einige, die Sie einsehen werden, sind die Muster ihrer verschiedenen Blüten, die die Sinne erfreuen. Ein weiterer Effekt kann die Herstel­ lung eines Mikroklimas an einem bestimmten Platz sein, wo sich »Reisende auf dem Weg‹ ausruhen und erfrischen kön­ nen, oder er kann es auf hundert andere Weisen nutzen. Die Blumen sagen ihm, wer in diesem Gebiet lebt und was sein Einweihungsgrad ist. Ihr Effekt ist nicht auf diejenigen be­ 59

grenzt, die ihrer Bedeutung bewußt sind - einiges ihrer Wir­ kung geht in ihr Bewußtsein über und erzeugt in ihnen ge­ wisse Ideen und Gedanken, die nutzlos sind, wenn sie diese nicht unter der Führung eines Lehrers in einem gewissen Zu­ sammenhang betrachten.« »Lernte auch Gurdjieff diese Wissenschaft?« »Nein. Es war für ihn nicht nötig, dies zu wissen. Es gibt eine bestimmte Bruderschaft, die die Verantwortung für den Bau dieser Gärten hat. Sie müssen jedoch nicht unbedingt in diese Technik einführen. Es gibt Orden, die nur arbeiten, um die Kommunikation ›in Gang zu setzen‹ oder zu erhalten oder den ›Reisenden‹ weiterzuhelfen.« »Darf ich fragen, ob die Pyramiden und andere Monu­ mente des Oberen Nils von derselben Qualität sind?« »Sie dürfen fragen, weil ich es Ihnen angeboten habe, aber ich bin sehr bestürzt über dieses weitere Beispiel westlichen Denkens. Ich spreche vom Himmel, und Sie sprechen von ei­ ner Raupe.* Was wollen Sie um Gottes willen tun? Wollen Sie Ihre Gedanken in unwesentliche Dinge hineinziehen, die Ih­ nen auf keinen Fall Weisheit geben können? Wenn Sie nur fragen, um Ihr zufälliges Wissen zu vermehren, dann bin ich über Ihre Ignoranz betrübt. Wenn Sie von Ihrer Heimat hier­ her gereist sind, um Fragen über tote Zivilisationen zu stellen, zeugt das von wenig Fähigkeit zu zusammenhängendem Denken. Möchten Sie in der Vergangenheit leben und sich selbst in den Aberglauben und die Märchen von gestern stür­ zen, oder möchten Sie von einer lebendigen, pulsierenden Kraft profitieren, die das Universum erleuchtet? Pyramiden, Sphinx, Turm von Babal, Arche von Niniveh! Ihr Platz ist nicht in der Zukunft, aber Ihrer ist es! Es sind verbrauchte Kunstwerke. Jagen Sie ihnen hinterher, wenn Sie möchten, doch Sie leben dann mit dem Staub der Vergangenheit. Ver­ mischen Sie diesen nicht mit der lebendigen Zukunft. Kochen Sie die Kartoffelschalen von gestern mit den Kar­
* Ein Wortspiel über die Ähnlichkeit zweier persischer Wörter: asman (Himmel) und reswan (Raupe).

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toffeln von heute? Wahrscheinlich tun Sie das, aber laden Sie mich nicht dazu ein, genießen Sie diesen widerwärtigen Mischmasch alleine. Disziplinieren Sie Ihre Gedanken, oder, wenn Sie keine haben, lassen Sie es andere für Sie tun. Geben Sie diesen betrüblichen Hang auf, alles in Beziehung zu al­ lem anderen sehen zu wollen. Ich habe so viele Ihrer westli­ chen »Denken gesehen, daß ich Schutz vor ihren Dummhei­ ten suche. »Wer war Maria Magdalena, und wie paßt sie mit dem Totenbuch und dem Charakter von Barabas und der Sage von Gilgamesch und Jeanne d'Arc und Noah und Klein-Trianon und dem Empire State Building und dem Grand Canyon zusammen?« Die Antwort ist, daß viele Dinge zusammenpas­ sen, aber in einer Dimension, die Sie in Ihrer jetzigen Lage nicht erfassen oder durch Ihr unwissendes Im-Dunkeln-Tappen begreifen können. In Wirklichkeit entfernen Sie sich durch die Methoden, die Sie benutzen, um das Puzzle zu­ sammenzusetzen, noch weiter vom Begreifen. Geben Sie diese Voreingenommenheit auf.« Nachdem er diese Breitseite abgefeuert hatte, setzte er sich zurück. Ich versuchte lahm zu erklären: »Sehen Sie, Gurdjieff er­ wähnt in seinem Buch die Sandkarte, und ich frage mich . . . « »Sie fragen sich«, sagte er verächtlich. »Sie fragen sich nicht genug! Sie lesen auch von wilden Kamelen und Scha­ fen und Stelzen und Klöstern und Wasserfällen, aber nichts davon erzeugt Fragen in Ihnen. Sie können es sich nicht als Allegorie vorstellen, Sie nehmen es wörtlich und profitieren überhaupt nicht davon, sondern halten sich an romantischen Dingen wie der Sandkarte und dem Zauber des Alten Ägyp­ ten fest. Warum fuhr Gurdjieff mit seiner Suche im Niltal nicht fort? Oder nach der Sarmoun-Bruderschaft? Hat er diese nur erwähnt, um Ihnen eine Allegorie zu geben, um Ihre verschlammten Köpfe von den Zeitaltern toten Denkens zu befreien ? Haben Sie jemals auf diese Weise darüber nach­ gedacht?« Ich sagte kühn: »Können Sie mir dann einige Erklärungen geben, die mir helfen zu verstehen?« 61

»Nein. Weil Sie eine Erklärung suchen, die Ihnen helfen soll, und keine Erfahrung. Im Grunde möchten Sie ein Buch mit dem Titel ›Geheimnisse des Unbekannten und wie man sie kennenlernen kann‹, das Sie Lektion für Lektion durch­ nehmen können, um so perfekt zu werden. Ein Buch, das Sie verstehen könnten, gibt es nicht; es gibt aber ein Buch, das leicht zu beschaffen ist, doch um es benutzen und davon pro­ fitieren zu können, müssen Sie fähig sein, bestimmte Erfah­ rungen zu machen, die Sie auf weiteres Verstehen vorberei­ ten. Diese Erfahrungen müssen gemacht werden, man kann nicht nur darüber nachdenken oder sie analysieren. Fragen Sie mich nun nicht nach dem Namen des Buches, Sie müssen es selbst finden. Mein eigener Meister, Mohamed Qadir, las es sein ganzes Leben und war nach Beendigung seiner Mis­ sion noch nicht damit fertig. Gehen Sie nun, und suchen Sie Qazi Haider Gul in Homs. Wenn Sie bis dahin Ihrer Stufe ent­ sprechend genug über die Rose nachgedacht haben, wird er Sie zu Meister Daud bringen. Baraka Bashad!« Und ich wurde von einem Diener hinausgeleitet. Bei meiner Rückkehr zum Dorf fand ich mein Auto poliert, und der Schafhirtenjunge hatte einen Blumenstrauß in der Hand. Er verweigerte die Bezahlung sogar in Form von Scho­ kolade. Er war auf seine Art auch ein Blumenarrangeur, da ich immer noch den Strauß getrockneter Blumen vor mir habe, während ich dies schreibe. Mein Treffen mit Mohamed Mohsin folgte einem Muster, das ich nur verschwommen wahrnahm. Diese Sufi-Lehrer waren überhaupt nicht an Schülern interessiert, oder wollten sie nicht auf die Bedingungen der Schüler eingehen? Ihre Aussprüche schienen das Denken zu provozieren und vorge­ faßtes »Wissen« zu zerstören. Keiner von ihnen besaß die äu­ ßeren Merkmale, die man von ihnen erwartet hätte. Es umgab sie zweifellos ein Hauch von Autorität und Weisheit, der durch ihre Ruhe und Anziehungskraft betont wurde; sie wa­ ren jedoch sehr wirklich und hatten nicht die flüchtige »himmlische« Art, die man unter den Beschreibungen in Be­ gegnungen mit bemerkenswerten Menschen findet. 62

Ihre Autorität oder grundlegende Wahrheit, die hinter ih­ ren Aussagen lag, konnte ich gewiß nicht in Frage stellen. Ich wußte nur zu gut, wie unvorbereitet ich war, trotz meiner Jahre mit Gurdjieffs Movements, um aus dem, was sie sagten, Nutzen zu ziehen. Ich wußte, daß ich kein Recht hatte, ihre freimütige Kritik an meiner Haltung und meinem westlichen Intellekt als Ganzes in Frage zu stellen. Was ich immer noch etwas verzweifelt suchte, war die Möglichkeit, mich selbst in diesen Hauptstrom des Wissens stürzen zu können, der, des­ sen war ich sicher, von der Quelle der Lehre kam, egal, ob dies nun ein geheimnisvolles Kloster, eine Höhle im Hindu­ kusch oder ein Planet im Weltraum war. Denken Sie an die Rose! Ich suchte fieberhaft in meinen Büchern, was dies bedeuten konnte. Ich fand die Rose in je­ dem Gedicht und jedem Werk. Natürlich war es eine Allego­ rie im Zusammenhang mit der Liebe. Die Rose von Bagdad war der Name, den man Abdul Qadir Gilani, dem Begründer des Qadiri-Derwisch-Ordens, gege­ ben hatte. Das arabische Wort für Rose ist nur eine Nuance entfernt von dem Wort mit der Bedeutung »wiederholte Übungen, Wiederholung des Göttlichen Namens« (WRD und WiRD). Es scheint, daß die Rose der Poesie und Fabel das Ziel der Wünsche der Sufis ist. Sie vergleichen sich selbst mit der Nachtigall, die sich traditionell an der Rose berauscht. Und so beschloß ich, die Sufi-Literatur so viel zu studieren, um wenigstens eine leise Ahnung vom Wissen zu bekom­ men, und dann würde ich Qazi Haider Gul in Homs aufsu­ chen. Ich wählte den Mathnavi-Texi. Nicht weil ich die Tollkühn­ heit besaß, mir vorzustellen, daß ich auf irgendeine Art genü­ gend entwickelt war, um diesen massiven Sufi-Text zu verste­ hen, sondern weil er in einer guten Übersetzung vorhanden war und ich die persische Version hatte, um bei etwaigen Schwierigkeiten vergleichen zu können. Es wäre eine Übertreibung, zu sagen, daß ich den Mathnavi in den drei Monaten, die ich damit verbrachte, ganz durchge­ lesen hätte. Seine Sprache ist so unübertrefflich, daß man ihn 63

nicht überfliegen kann. Die Tiefe seiner Lehre ging über meine Fähigkeit, auch nur verstehen zu beginnen. Es genügt, zu sagen, daß ich eine stetige und planmäßige Anstrengung machte, meinen Geist von seiner Konditionierung zu be­ freien, und daß ich in diesen wenigen Monaten mehr lernte als in Jahren zuvor. Ich versuchte, den Mathnavi »in mich ein­ fließen« zu lassen und ihn eher zu erfahren als zu »verste­ hen«. Es ist sehr leicht, viel Subjektives hineinzulesen, und es ist manchmal sehr schwer, dieser Versuchung zu widerste­ hen. Ich hatte mir jedoch zur Aufgabe gemacht, die Fallen, die ich mir selbst stellte, zu vermeiden. Ich wußte, daß ich in meinem inneren Leben so lange auf der Stelle getreten war, weil ich immer wieder in diese Fallen geraten war. Zugegebenermaßen könnte ich die Schuld dafür der »Gurdjieff-Arbeit«, wie sie heute existiert, geben und sagen, daß diese verkümmerte Lehre mich zurückgehalten hatte. Aber da ich mich angeschlossen hatte und aus freiem Willen dabei geblieben war, ohne die offensichtlichen Schwächen in Frage zu stellen, und immer in der Hoffnung, mit einem kurzen Blick auf die »Realität« belohnt zu werden, muß ich die Schuld daran mittragen. Ich hatte niemals, zusammen mit vielen anderen, daran gedacht, noch war es mir erlaubt wor­ den, zu denken, daß die Originallehre, in ihrer reinen Form, irgendwo existierte. Ich nehme an, es war logisch gewesen, zu glauben, daß die derzeitige Gurdjieff-Lehre für den We­ sten zugeschnitten war und daß jene, die ihre Richtung »ge­ erbt« hatten, durch die Meister in ihrem Standpunkt bestätigt worden waren. Als ich weiterlas, stieß ich auf mehr und mehr Worte, Sätze und Geschichten, die ich in Gurdjieffs Büchern wiederfand. In der Vergangenheit hatte ich sie wörtlich genommen, aber nun konnte ich zum Beispiel sehen, daß es beim Verstehen half, wenn man wußte, daß Karatas eine Derwisch-Schule war. Daß die Erklärungen uns nicht gegeben wurden, konnte bedeuten, daß unsere Führer dies selbst nicht wußten oder sie nicht sahen, wie das Wissen darüber uns nützen konnte. Sei dem wie es will, ich hatte angebissen und machte weiter, 64

nicht mit Zittern und Zagen wie in den vergangenen Jahren, mit Angst, bei den Gurdjieff ›Movements‹ einen falschen Schritt zu machen, nicht in einer an einen Nervenzusammen­ bruch grenzenden Verwirrung, weil ich die Lektion über den »Kosmischen Wasserstoff« nicht verstehen konnte, sondern voll Vertrauen, vielleicht nicht sosehr in mich selbst als in die Arbeit der Derwische.

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VII. Qazi Haider Gul

Qazi Haider Gul aus Homs war ein Dichter. Er war Usbeke, und so tat mein Persisch wieder seine Dienste. Er empfing mich in seinem Heim in der Altstadt von Homs. Nach den üb­ lichen Höflichkeitsfloskeln fragte er mich: »Wissen Sie, daß Pir Daud in Istanbul lebt und kaum Besucher empfängt? Müs­ sen Sie ihn so dringend sehen?« Ich erklärte mein Anliegen, und seine Stirn glättete sich. »Ich habe von dem Mann mit Namen Jurjizada gehört, und ich weiß, daß er in Pir Dauds Kreis in Mosul war. Ich denke aber nicht, daß der Pir irgendwelche Fragen über ihn beant­ worten wird. Warum sollte er auch?« Ich stimmte zu. Ich erklärte, daß ich versuchte, Gurdjieffs Lehrer »durchzuarbeiten«, um die Ausbildung, die formen­ den Einfluß auf Gurdjieff gehabt hatte, mir zu vergegenwärti­ gen und zu sehen, ob ich auch davon profitieren konnte. Er nickte. »Das ist natürlich möglich, aber es würde die Sa­ che vereinfachen, wenn Sie Pir Daud nur sagen, daß Sie von Mohamed Mohsin Kubravi kommen, und abwarten, was er sagt.«

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VIII. Pir Daud

So flog ich mit einem Empfehlungsbrief von Haider Gul nach Adana und Istanbul und suchte Pir Daud auf. Er war ein gro­ ßer Mann mit einem schwarzen, leicht grau durchsetzten Bart. Wenn er Gurdjieffs Lehrer gewesen war, mußte er nun mehr als 100 Jahre alt sein, aber er sah wie 60 aus. Er empfing mich in seinen Räumen in der Rustum Pasha Moschee, und wir unterhielten uns durch einen Dolmetscher. »Sie sind ein Schüler von Jurjizada?« »Ja, in dem Sinn, daß ich denen folge, die behaupten, sei­ nen Lehrauftrag geerbt zu haben.« Er machte eine verächtliche Geste. »Die Baraka eines Leh­ rers kann nicht vererbt werden, außer bei den Seyds, den Nachkommen des Propheten. Sind Sie ein Schüler von Gurd­ jieffs Botschaft?« »Ich weiß nicht«, antwortete ich, »da ich ihn niemals ge­ troffen habe und nicht sagen kann, was seine Originalbot­ schaft war. Auf jeden Fall bin ich mit dem, was in seinem Na­ men im Westen geschieht, nicht zufrieden, und ich suche den wirklichen Weg.« Er nickte. »Es geschieht nichts außer mechanischer Wie­ derholung. Die Botschaft eines Lehrers geht nicht auf seine Erben über, und so war es der Fall bei Gurdjieff. Wenn Sie Wissen suchen, müssen Sie mit der Entwicklungsarbeit, die die Umstände und die Bedürfnisse der Zeit in Betracht zie­ hen, in Einklang sein. Sie können Ihr Haus mit Öllampen er­ leuchten, wenn Sie möchten und wenn Sie in einem Gebiet ohne Elektrizität sind. Aber wenn elektrischer Strom zur Ver­ fügung steht, verwenden Sie diesen und kümmern sich nicht um traditionelle Beleuchtungsarten. Kennen Sie den Unter­ schied zwischen verschiedenen Arten von Wissen?« Er stellte mir ganz plötzlich diese Frage. 67

»Sechs Monate früher«, antwortete ich, »hätte ich gesagt, ich denke schon. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger weiß ich. Aber ich kann lernen.« Er nickte bestätigend. »Gut. Zu wissen, wie wenig man weiß, ist der erste Schritt von vielen. Für manche ist es der Be­ ginn von Verzweiflung oder Selbstanklage. Die Überzeu­ gung, daß man lernen kann, hilft aus dieser Sackgasse, aber Disziplin ist nötig. Haben Sie diese?« »Ich glaube, ich habe sie nun«, antwortete ich. »Und ich habe jetzt einen Geschmack davon und kenne den Unter­ schied zwischen ihr und der tiefen Furcht, die ich in der Gurdjieff-Arbeit hatte. Angst vor den »Höherstehenden«, Angst davor, aufgefordert zu werden, einen von ihnen zu sehen, Angst davor, andere könnten denken, man würde zu­ rückfallen. Disziplin, meine ich, ist ein Wunsch, der aus ganzem Herzen kommt und Übereinstimmung mit demjeni­ gen, dem man sich angeschlossen hat. Es ist ein Zustand, in dem man freiwillig seine Freiheit auf gewissen Gebieten aufgegeben hat, um denen zu folgen, die besser dazu aus­ gebildet sind, einen zu führen, als man selbst in der Lage ist.« Er schaute mich genau an. »Kommt diese Antwort aus dem Herzen oder dem Kopf? Rein mechanisch, um zu gefallen, oder aus dem Herzen und gefühlt?« Ich mußte nicht lange überlegen. »Aus dem Herzen und tiefer.« »Gut. Um einen schwierigen Weg zu gehen, brauchen Sie Disziplin. Disziplin, keine Pausen zu machen und zu versuchen, über den nächsten Schritt nachzudenken. Diszi­ plin, um das, was Sie gegensätzlich, irrational oder verwir­ rend finden, zu überwinden. Sie können es verkraften, Ihre vielgepriesenen »kritischen Fähigkeiten« zu unterdrücken, wenn Sie von jemandem Anweisungen bekommen, der wirklich weiß, was er tut, und dem nur wichtig ist, was er lehrt. Keiner, der nicht für den Unterricht dazu ausgebildet ist, darf diese Techniken benutzen, weil die Gefahr besteht, daß er den ohnehin schon ziemlich verwirrten Geist noch mehr 68

verwirren könnte. Es sind Techniken entwickelt worden über die Jahrhunderte, die Zeit, Ort und Umstände in Be­ tracht ziehen. Jede Tätigkeit oder Technik wird von der Per­ son, die für ein Tätigkeitsgebiet verantwortlich ist, gemäß der Zeit und den Bedürfnissen angewandt. Diese können sich fortwährend verändern, und deshalb muß der Leiter der Tätigkeit immer in Verbindung mit dem Hauptplan der Akti­ vität stehen. Nur eine Tätigkeit, die in Übereinstimmung mit dem Hauptplan durchgeführt wird, ist wertvoll. Aufs Gerate­ wohl verwendete, halb-gehörte oder halb-verstandene Wahrheiten führen sogar zum Rückschritt. Wissen Siet was es bedeutet, in der Welt und doch nicht von der Welt zu sein?« »Ich habe davon gehört, aber ich würde gern Ihre Erklä­ rung hören.« »Es bedeutet, daß Sie in der Welt leben müssen und sie nicht aufgeben wie ein Mönch oder Einsiedler. Es stimmt: Zu gewissen Zeiten, je nach Ihren Fähigkeiten, kann von Ihnen verlangt werden, eine gewisse Zeit an einem Ort oder mit ei­ ner Bruderschaft zu verbringen, aber nur für eine begrenzte Zeit. Sie müssen mit allen Mitteln versuchen, Ihre Arbeit oder Ihre Geschäfte hervorragend auszuführen und gewisse Tech­ niken eine Veränderung in Ihrem Denken in bezug auf welt­ liche Aktivitäten bewirken lassen. Weitaus zu viele westliche Menschen scheinen metaphysi­ schen Fortschritt mit einem Rückzug von den Verunreinigun­ gen der Welt gleichzusetzen. Sie werden von der Welt nicht beschmutzt, wenn Sie sich an gewisse Grundwerte und Über­ zeugungen halten. Sie können mit den schrecklichsten und verdorbensten Leuten Zusammensein und allen Einflüssen ausgesetzt sein und doch nicht darunter leiden. Sie haben einen Platz in Ihrer Familie und in der Gesell­ schaft, dem Sie nicht entfliehen können, um in einer Höhle zu sitzen und zu meditieren, Sie haben Verantwortungen, die Sie nicht abwerfen können. Meditation kann fünfundzwanzig Sekunden oder auch fünfundzwanzig Jahre dauern. Wenn Ihr System so unwirksam und uneffektiv ist, daß Sie fünfund­ 69

zwanzig Jahre meditieren müssen, dann stimmt etwas mit Ih­ nen oder dem System oder beidem nicht. Wenn Sie erleuchtet genug sind, um zu wissen, über was Sie meditieren sollen, dann können Sie gewisse Zentren in sich darauf einstellen und einige Sekunden darüber meditie­ ren unter totalem Ausschluß von allem anderen. In Lumpen gekleidet in einer Höhle zu sitzen, Nüsse und Beeren zu es­ sen, kann nur physiologische Veränderungen oder Wirkun­ gen erzeugen, aber recht wenige Effekte esoterischer Natur.« »Darf ich dann nach dem Zweck der klösterlichen Bruder­ schaften im Hindukusch fragen?« unterbrach ich. »Ihre Frage ist nicht nur unangebracht, sondern auch unge­ nau«, unterbrach er unsanft. »Die Existenz ändert nichts an dem, was ich gesagt habe. Die Menschen in diesen Zentren sind mit dem Schicksal der Welt beschäftigt, aber Sie können noch nicht einmal beginnen, irgend etwas ihrer Aktivitäten zu verstehen. Dies sind keine gewöhnlichen Menschen, noch nicht einmal Mönche. Sie kennen weder Rast noch Befriedi­ gung, da sie die Unzulänglichkeiten der Menschheit wieder­ gutmachen müssen. Sie sind die Wirklichen Menschen, die Sein und Nichtsein erfahren haben und schon lange in einen Entwicklungsstand eingetreten sind, wo keines der beiden ir­ gend etwas für sie bedeutet.« »Gurdjieff sagte, daß er eines der Zentren besucht hätte und sein Freund Prinz Lubovedski einer der Mitbewohner war. War er einer der Unsterblichen?« Pir Dauds Augen blitzten. »Ihre unaussprechliche Naivität entspricht nicht Ihrem Alter! Gurdjieff sagte dies, Gurdjieff sagte das. Kant sagte dies, Tschechow sagte das! Jeder hat et­ was zu sagen, und Sie können, und manchmal tun Sie das, Ihr ganzes Leben damit verbringen, sie zu lesen, und versuchen sie, dies und das herauszufinden und auf persönliche Erfah­ rungen anzuwenden oder sich durch die Ergebnisse von an­ derer Leute Erfahrungen hindurchzuwühlen. Nichts wird da­ bei herauskommen. Sie sollten jetzt verstanden haben, daß vieles von dem, was Gurdjieff schrieb, Allegorie war - seine Charaktere, Orte und 70

Situationen. Was bedeutet es für Sie, wenn solch ein Prinz existiert hätte? Und wenn er einer der Abdals war? Sie schar­ ren im Sand herum und werden vom Glimmer angezogen, um ihn zu einer Fensterscheibe zusammenzufügen, und erkennen nicht, daß der Sand selbst in das reinste Glas umge­ wandelt werden kann. Beschäftigen Sie sich nicht mit Persönlichkeiten oder Ge­ schehnissen aus einer Zeit, die zu Ihrer derzeitigen Situation keinen Bezug haben und die heute nicht verstanden oder ver­ wendet werden können. Gewisse Literatur basiert auf Erfah­ rung und Aktivitäten in der Vergangenheit und ist nur zu Leb­ zeiten des Lehrers lebendig, dessen Aufgabe es war, einen gewissen Einfluß auf einen begrenzten Teil dieser Mensch­ heit zu nehmen. Fragen Sie sich dann, wie diese Information irgendeinen Wert für die Entwicklung eines Menschen haben kann, wenn die Umstände, die Zeit und die Leute nicht mehr dieselben sind. Sie betrügen sich selbst, wenn Sie diesen Dingen ir­ gendeine Wichtigkeit beimessen, und die betrügen andere, wenn sie es populär machen. Sie können sich nicht damit entschuldigen: ›Es gab nichts anderes« oder ›Es gab keine an­ dere Quellen Es gab immer Literatur über das, was passiert, und es gab immer Anhaltspunkte, wo man die Quelle finden konnte. Es gab niemals ein Vakuum in der Projektion der Lehre. Das Vakuum existierte im westlichen Denken und Intellekt. Der Westen ermutigte den Kult der halbgebildeten Gurus, de­ ren einzige Berühmtheit darin lag, unter einem Baum zu sit­ zen und den Nabel als eine Art anatomische Kristallkugel zu benutzen. O ja, der Westen hat immer ›die Weisheit des Ostens‹ gesucht, aber niemals an den richtigen Plätzen. Im­ mer das Farbige, das leicht Erotische, aber niemals die harte Wirklichkeit. Das westliche Denken hat sich nie erholt von der toten Hand der organisierten Kirche, obwohl es das Mo­ nopol der Kirche unterstützt hatte, weil es deren Rechtmäßig­ keit nie in Frage stellte. Jedem Hinweis, die organisierte Kir­ che habe nicht den esoterischen Gehalt, den man von ihr 71

hätte erhoffen können, wurde energisch entgegengetreten. Ich bin genausoviel Christ wie Jesus es war, aber ich bin nicht der Typ eines Christen, den Sie in den heutigen Priestern der etablierten Kirche finden. Ihr eigener hl. Augustin selbst er­ klärte, daß die christliche Religion schon seit alten Zeiten existierte, aber man sagt von ihm, daß er bei all seiner Heilig­ keit und Ernsthaftigkeit von nichtchristlichen Lehren beein­ flußt worden war. Sie sind nun an den Punkt gekommen«, fuhr er fort, »wo Sie, durch das Bild eines Mannes ermutigt, seinen Lehren fol­ gen wollen. Sehr lobenswert, da jedoch diese Lehren, anders als die Grundlage, von der sie ausgehen, nicht mehr wirksam sind, müssen Sie die Art und Weise suchen, in der sie heute in die Welt gebracht werden. Wenn Sie das gefunden haben, folgen Sie - vergeuden Sie keine Zeit mit unnützer Spekula­ tion, wie es mit Gurdjieff oder Simon Petrus oder dem Pharao zu vereinbaren ist! Möchten Sie einer Lehre folgen, die ent­ wickelt und organisch ist, oder möchten Sie die Beziehungen zwischen 1001 unähnlichen, doch aufregenden Umständen, Tätigkeiten, Leuten oder Zivilisationen zusammenstückeln? Falls Sie Letzteres wünschen, dann studieren Sie Archäolo­ gie, Anthropologie oder Kulturformen und geben sich mit in­ teressanten Entdeckungen und aufregenden Ideen zufrieden. Suchen Sie geisterhafte ›Führer‹ in Form von indianischen Häuptlingen und eine übernatürliche Stimme, die zu Ihnen spricht? Dann beschäftigen Sie sich mit Spiritismus. Aber wenn Sie wirklichen Fortschritt mit disziplinierter harter Ar­ beit suchen, dann geben Sie Ihr voreingenommenes Denken und Ihren anmaßenden Stolz auf den »weiten Horizont« Ihres Intellekts auf und suchen die Erfahrung, die nur erfahren wer­ den kann. Gehen Sie nun nach Täbris und besuchen Sie dort Daggash Rustam, Meister der Trommel. Vielleicht will er Sie se­ hen, vielleicht nicht. Wenn ja, können Sie hoffen voranzu­ kommen. Falls nicht -« Er breitete seine Hände vielsagend aus. Dies ist kein Reisebericht, und obwohl die Fahrt nach Tä72

bris nicht ohne Interesse war, hatte ich ein Ziel und war nicht wegen der Sehenswürdigkeiten unterwegs. Es genügt, zu sa­ gen, daß niemand die Reise ohne zwingenden Grund unter­ nommen hätte!

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IX. Daggash Rustam

Täbris, von dem der geheimnisvolle Derwisch-Lehrer Schemsi-Täbris seinen Namen hat, ist keine beeindruckende Stadt. Nervös wie ich war, fand ich die Leute weniger hilfreich und sympathisch als ich gehofft hatte. Jeder kannte den Mei­ ster Trommler, aber keiner konnte sagen, wo er zu finden war. Ich verbrachte 10 Tage mit Suchen, bis eines Tages, als ich in einer Teestube saß, eine große Gestalt mit einem dicken Bart, gekleidet in ein zerlumptes, geflicktes Gewand, die Straße überquerte und meine Aufmerksamkeit anzog. Als er einen kleinen freien Platz erreichte, nahm er eine Trommel hervor und begann sie zu schlagen und rief dabei: »Schenkt Rustam Gehör.« Ich sprang auf, verschüttete meinen Tee und lief schnell hinüber. Der Derwisch saß auf einem Stein und um ihn hatte sich eine Menge versammelt. Er hob seinen Stock und bat so um Ruhe. »Ich werde euch eine Geschichte erzählen, obwohl ich nicht weiß, warum ich meine Zeit mit euch Tölpeln ver­ geude«, begann er. Ein anerkennendes Gemurmel zeigte, daß dies eine bekannte Eröffnungsfloskel war. Er erzählte die Ge­ schichte des Derwischs aus Saadis Gulistan mit großer Aus­ führlichkeit, indem er die verschiedenen Stimmen imitierte. Er war wirklich ein Meistererzähler. Verzaubert verfolgte die Menge jede seiner Gesten und Worte und brach in donnern­ den Applaus aus, als er geendet hatte. Er sammelte eine Handvoll Kupferstücke und schritt ohne Dank davon, gefolgt von einem bunten Gemisch Knirpse, die anscheinend wuß­ ten, daß er in einem nahegelegenen Laden Zuckerzeug kau­ fen und unter die Kinder verteilen würde. Nachdem er dies getan hatte, machte er sich davon. Ich folgte. Am Rande der Stadt verließ er die Straße, winkte mir zu fol­ 74

gen, überquerte ein Feld und setzte sich auf einen Felsen an einem Bach nieder. Er ließ mich niedersetzen und schaute nachdenklich ins Wasser. Einmal unterbrach ich die Stille, aber er bedeutete mir, still zu sein. Nach einer halben Stunde sprach e r . . . »Ishk Bashad.« »Ishk«, antwortete ich. Dann: »Auch wenn du Wissen be­ sitzt, diene wie die Unwissenden; denn es geziemt sich nicht, daß Chinesen die Pilgerfahrt machen und die Leute aus Mekka sich in der Nähe schlafen legen. Was begehren Sie von mir?« Ich antwortete: »Wissen, um die Komplexität des modernen Lebens durchdenken zu können und um die.Prinzipien der großen Lehrer zu erfassen.« Er stieß auf den Boden mit seinem Stock. »Solches Wissen kommt aus der Erfahrung und kann nicht aus einem Buch ge­ lernt werden. Sie können die Großen lesen, Rumi, Jami, Hafiz, Saadi, aber ihre Schriften sind nur das Salz im Brot. Um den Laib zu schmecken, muß man ihn essen, muß die Erfah­ rung machen vom Salz in seiner Beziehung zum Mehl, der Hefe und dem Wasser. Sie betrachten Ihre Beziehung zum derzeitigen Leben auf der Basis Ihres konditionierten Hinter­ grundes und was Sie gelehrt worden sind zu denken. Um Ihren Gaumen zu reinigen und einen neuen Ge­ schmack zu ermöglichen, müssen Sie die alten Formeln, die in der Vergangenheit so schmählich versagt haben, verlassen und die wirklichen Werte suchen. Können Sie die Welt ver­ lassen und, nur mit den Grundnahrungsmitteln ausgestattet, zurückgezogen in den Bergen leben?« Ich bejahte es. »Sehen Sie«, nickte er bedauernd, »Sie denken immer noch, daß man ein einsames Leben entfernt von unreinen Dingen führen muß, um Wissen zu finden. Das ist eine primi­ tive Einstellung und mag für Wilde befriedigend sein. Sehen Sie nicht, daß ein kluger Entwicklungsweg den Erfordernissen des Tages Schritt hält? Können Sie die Nutzlosigkeit begrei­ fen, der Welt zum Nutzen Ihrer eigensüchtigen Entwicklung zu entsagen?« Er fuhr fort: »Sie brauchen vielleicht einen Kurs in einem 75

Sarmoun-Zentrum, aber dies bedeutet keineswegs die totale Aufgabe Ihrer weltlichen Aktivitäten. Es gibt nichts »Unreines« in vernünftiger weltlicher Aktivität, vorausgesetzt, Sie erlau­ ben ihr nicht, Sie zu korrumpieren. Wenn Sie erfahren genug sind, können Sie sogar die negativen Kräfte dazu benutzen, Ihnen zu helfen ... aber Sie müssen geschickt genug sein. Vom Anbeginn der Zeit haben unsere Leute die Sprache der Menschen gesprochen und handelten gemäß dem Zeitzu­ stand des Planeten. Wir halten mit der Zeit Schritt und sind ihr sogar voraus - die jämmerlichen Überbleibsel einer alten Lehre, die ohne Wirkung ins 20. Jahrhundert projiziert wur­ den, sind nicht unsere Sache. Im Gegenteil, wir sind Men­ schen jeden Jahrhunderts, einschließlich des einundzwan­ zigsten. Sie haben viel über orientalisches Wissen gelesen? Was wissen Sie von der Wirkung unserer Musik auf den We­ sten ?« Ich antwortete, daß ich nicht viel mehr wüßte, als daß der Walzer und einige Morris-Tänze Sufi-Wurzeln haben. »Richtig«, antwortete er, »aber wie sind die westlichen Komponisten außer durch die Rhythmen dieser Musik noch beeinflußt worden, und durch wen haben unsere Melodien den Westen beeinflußt? Seit dem 9. Jahrhundert haben Spiel­ männer, Troubadoure und Barden Musik in den Westen mit­ genommen, um westliches Denken zu beeinflussen. Das­ selbe geschah mit der Lyra und der Flöte, und dasselbe ge­ schieht heute mit modernen Instrumenten. Wissen Sie von den Architekten des Mittelalters in Europa? Den Männern, deren Abteien, Kathedralen und Schlösser im­ mer noch stehen. Wissen Sie von den Gärten, die immer noch die Kraft enthalten, die sie hatten, und sich im Westen ausbreiteten? Dies sind nur Bruchstücke des ganzen riesigen Bildes. Kön­ nen Sie dies mit zahnlosen alten Männern in Verbindung bringen, die in ungesunden Höhlen in den Bergen sitzen? Glauben Sie, daß das Schicksal der Welt durch Männer be­ einflußt werden kann, deren einzige Technik und Berühmt­ heit in der Isolation von der Versuchung der Welt liegt? Eine 76

riesige amerikanische Industriefirma mit einem ausgedehn­ ten Kommunikationsnetz, Steuerungsinstrumenten und Ver­ tretungen existiert nicht, um nur ein Produkt auf den Markt zu bringen. Sollten wir, die mit dem Leben selbst zu tun haben, weniger Mittel haben? Möchten Sie uns absichtliche Ungerechtigkeit widerfahren lassen? Was wissen Sie von den Männern, deren Aufgabe es ist, Ihre traurigen Gestalten im Westen zu fördern? Können Sie nur für einen Augenblick das Ausmaß der Bürde begrei­ fen, ob Sie nun wachen oder schlafen? Die Bedeutung der Bürde, die sie für Sie tragen?« Ich antwortete, daß mir langsam ein Bruchteil des Bildes bewußt würde und daß mich Ehrfurcht und Respekt erfülle, aber daß mein Mangel an Vorstellungskraft nicht von Unge­ rechtigkeit, sondern von Unwissen kam, was mir erst jetzt be­ wußt wurde. Ich fügte hinzu, daß ich nach Täbris gekommen war auf der Suche nach Gurdjieffs Lehrern, aber daß mein In­ teresse nun persönlicher wurde. »Jurjizada«, sagte er, »ja, ein Schüler meines eigenen Mei­ sters Scheich Durgui, bei dem ich im Auftrag von Scheich Yussuf aus Kairo Musik studierte. Ich war ein junger Schüler, als Gurdjieff kam und die Musik und Tänze der Mewlewis lernte. Ich erinnere mich gut an ihn und seinen Begleiter Dan Muslimov aus Buchara. Er blieb in der Tekke mit uns. Es war ein Teil unserer Aufgaben, die Feuer anzuzünden und die Tekke zu reinigen. Er blieb nur kurze Zeit und ging dann nach Kairo zurück.« »War Scheich Yussuf ein Mewlewi?« fragte ich. »Nein, er warein Naq'schband, aber von hohem Rang und daher ein Meister der Geheimnisse aller Orden. Solch ein Meister konnte einen Schüler zu jeder Tekke oder jedem Or­ den senden, wo er etwas Spezielles erlernte, das er benutzen oder lehren sollte. In Gurdjieffs Fall nehme ich an, sollte er einige Aspekte der Mewlewi-Musik und des Tanzes in einem anderen Wirkungskreis benutzen. Sein Begleiter blieb länger bei uns und kehrte dann nach Kairo zurück. Ich hörte, daß er in der Wüste verdurstete, weil er nicht genug Wasser mitge­ 77

nommen hatte. Gurdjieff und einige andere waren auch da­ bei, sie wurden aber durch einen Sandsturm getrennt. Aber Sie, wohin gehen Sie nun?« Ich antwortete ehrlich: »Wo immer Sie mir raten hinzuge­ hen. Ich weiß nicht, wieviel Zeit mir noch bleibt, aber ich würde sie gerne nutzen, um mein inneres Bewußtsein zu stär­ ken.« Er überlegte. »Scheich Abdul Muhi ist in Kairo in Al Azhar. Gehen Sie zu ihm. Wir werden uns Wiedersehen, aber gehen Sie nun nach Kairo.«

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X. Scheich Abdul Muhi

Die Viertel der Professoren in Azhar waren fast so einfach wie die der Studenten, nur waren sie vollgestopft mit Büchern und fern vom Lärm und der Geschäftigkeit außerhalb der Mauern. Scheich Abdul Muhi hatte mich willkommen gehei­ ßen, und wir saßen in seinem Kabinett und tranken aromati­ schen Kaffee. Er war ein ziemlich junger Mann in dem strengen Anzug ei­ nes Azhar Scheichs. Wir sprachen französisch. »Scheich Yussuf, mein Lehrer, ist seit langem tot. Er war mein Vater und mein Führer, und von ihm lernte ich alles, was ich weiß. Er war der Scheich des Naq'schbandi-Ordens im Niltal. Er wurde in Kizil Jan in Turkestan ausgebildet und war ein Mann profunden Wissens und Größe, von unver­ gleichlicher Geduld und Zartheit. Ich erinnere mich an den Zwischenfall mit Gurdjieff, den Sie erwähnen. Sie reisten von Omdurman nach Aswan auf der Rückkehr von einem Besuch des Mahdi-Volkes, als ein Sturm sie trennte. Muslimov hatte nicht genug Wasser und verlor während des meh­ rere Tage andauernden Sturmes sein Kamel und kam um. Der Scheich ordnete an, seinen Leichnam zur Beerdigung seiner Familie zu übergeben, und verbot allen, sich ohne ge­ nügend Nahrung und richtig ausgebildete Kamele in die Wü­ ste zu wagen.« »Hatte seine Erziehung bei Ihrem Vater mit Musik zu tun?« fragte ich. »Nein, er studierte gewisse Übungen und Techniken. Er studierte Musik in Täbris, nachdem er hier fertig war, und kehrte für kurze Zeit hierher zurück, um von einem der Achaldaner, der von Jeddah gesandt war, geprüft zu werden. Ich erinnere mich, daß er hier die Stop-Übung und ›habsi-dum‹ oder die damit einhergehende Atemtechnik beherr79

sehen lernte.* Es gab auch einige indische Fakire, die die Atemtechniken lernten.« »Ist es wahr«, fragte ich, »daß das Wort ›Fakir« selbst eine gewisse Kraft besitzt?« »›Fakir‹ kommt von der arabischen Wurzel Fuqr, was »Ar­ mut« bedeutet. Diese Männer wurden so genannt, weil sie weltlichen Wohlstand mieden und nach dem Wort Moham­ meds des Propheten »Armut ist meine Zierde« lebten.« Ich fragte: »Wäre es nützlich, die Übungen zu machen, die Gurdjieff machte?« »Nein, diese besonderen Übungen waren für eine be­ stimmte Zeit und bestimmte Bedingungen. Sie müssen die befolgen, die besonders auf Sie und die vorherrschenden Umstände zugeschnitten sind. Diese müssen Ihnen von ei­ nem Lehrmeister gegeben werden, da sie sonst überhaupt nichts nützen.« »Wie bekomme ich sie?« »Sie »bekommen« sie nicht! Sie müssen sie erarbeiten oder sie verdienen. Sie werden Ihnen von einem Lehrmeister gege­ ben, nachdem Sie lange genug mit ihm gearbeitet haben und er erkennen kann, daß Sie davon profitieren können. Das be­ weisen Sie, wenn Sie die Lehre auf die richtige Weise aufge­ nommen haben und die Zeichen offenbaren, an denen er se­ hen kann, daß Sie einigen Gewinn daraus gezogen haben, so daß Sie nun anfangen können, an Ihrer Entwicklung zu arbei­ ten. Sie beginnen, wenn Sie die Fähigkeit erworben haben, lernen zu können. Im Moment ist Ihr Denken unreif und unausgebildet. Sie müssen einen Gedanken durch eine Menge unzusammen­ hängender und unnötiger Informationen, die Sie als Wissen betrachten, durchfiltern. Diese Information hat sich seit Ihrer Kindheit in Ihnen angehäuft. Sie haben sich daran erinnert, weil Sie es mit Wissen gleichsetzen, aber es sind nur Fakten
* Siehe zur Beschreibung der »Stop-Übung«: G. I. Gurdjieff, Begegnun­ gen mit bemerkenswerten Menschen, Freiburg 1978 (Aurum-Verlag), und Idries Shah, Die Sufis, Düsseldorf 1976 (Diedrichs-Verlag).

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und Zahlen und ein Widerhall von Dingen, die als wichtiger­ achtet werden; Fakten und Dinge, die durch konditioniertes Denken in einer konditionierten Gesellschaft gebilligt wer­ den. Sie glauben, daß Sie das Wissen vergangener Zeiten ge­ erbt hätten und fähig seien, selbständig zu denken. Tatsächlich tun Sie nichts anderes, als ein paar Dinge durch diese Konditionierung hindurchschlüpfen zu lassen, und wählen davon das aus, was Ihnen in einer bestimmten Si­ tuation nützlich erscheint. Die Auswahl ist üblicherweise zu­ fällig und basiert eher auf Gefühlen als auf einem positiven Bedürfnis oder wirklichem Wissen. So bauen Sie ganze Teilstücke Ihrer reagierenden Persönlichkeit und Ihres Denkens auf, die viel zu oft von falschen Voraussetzungen ausgehen, schwach, unwirksam und gefährlich sind.« »Was kann man tun, um diesem Muster zu entgehen?« »Denken Sie so, wie man Ihnen beibringt zu denken, und benutzen Sie nur die bestimmten Anhaltspunkte, an die Sie sich halten sollen, um damit zu navigieren. Nur mit An­ leitung in einer bestimmten Richtung könnten Sie Ihre Denk­ kapazitäten voll ausnutzen. Bei jedem anderen Vorgehen reagieren Sie nur und entwickeln nicht wirklich Ihre Denkfä­ higkeit. Dies bedeutet nicht, daß Sie in allen möglichen Situationen, wie unwichtig sie auch seien, auf vorgeschrie­ benem Weg denken und reagieren sollen, da dies in Ihrem täglichen Leben zum Chaos führen würde. Verbesserte Denk­ kapazität spiegelt sich im ganzen Organismus durch auto­ matisch richtige Reaktion in allem wider. Egal, ob man sich dessen bewußt ist, eine Reaktion durch­ dacht zu haben oder nicht, und wenn man nach den richtigen Regeln gedacht hat, wird die Reaktion richtig sein. Wenn die Reaktion nur oberflächlich ist, wird sie nicht tiefer als ein Re­ flex sein. Wenn sie tiefer in den trüben Teich des gewöhn­ lichen menschlichen Bewußtseins eindringt - zusammenge­ setzt aus Zerstreuungen, Verwirrung, Furcht und Unsicher­ heit dann wird die Reaktion so beschaffen sein, wie das, von dem sie zurückprallt, oder so, wie es gerade ausgewählt wird. Offensichtlich rufen ungenügende Klarheit, unvollstän­ 81

dige Ausbildung und unwirksame Denkprozesse Reaktionen hervor, die genau diese Dinge widerspiegeln. Sie denken in diesem Moment, daß Sie denken, aber Sie benutzen nicht einmal ein Fünftel Ihres wirklichen Denkpo­ tentials. Um von Ihren Gedanken profitieren zu können, müs­ sen Sie wissen, wie man denkt und was man denkt, und sich nicht selbst täuschen, daß Ihre intellektuellen Übungen wirk­ liche Gedanken wären. Sie sind in Wirklichkeit eine ab­ scheuliche Karikatur wirklichen Denkens, das vergiftet und verführt, und nichts, außer der Schwächung wirklicher Denk­ fähigkeit, bewirkt. Jedesmal, wo Sie einen dieser »Schattengedanken‹ akzeptieren, ermutigen Sie Ihr Bewußtsein, diese als wirklich anzusehen, und untergraben so allmählich den Wert wirklichen Denkens.« »Kann man«, so fragte ich, »noch kreativ und frei denken, trotz dieses Denkens in »neuen Mustern‹?« »Ihre Begriffsstutzigkeit überrascht mich«, gab der Scheich zurück. »Sie verlangen nach etwas, was Sie kreatives Denken nennen, aber es ist gerade diese »kreative Freiheit«, die Sie all diese Jahre im Stich gelassen hat. Kreatives Denken, kreative Kunst oder kreative Poesie sind alles Entschuldigungen, um die Welt den Verwirrungen auszusetzen, die in den trüben Köpfen der sogenannten intellektuellen Elite des Westens entstanden sind. Der wirklich kreative Künstler schreit seine Kreativität nicht in alle Welt. Der wirkliche Intellektuelle be­ ansprucht niemals, einer zu sein. Es sind die Unerfüllten, die nicht Erfolgreichen, die Faulen und Törichten, die alte Fahr­ räder zusammenschweißen und verkünden, sie seien kreativ. Sie sind umringt von der gleichen Sorte, die den Mist mit Lob überschütten, damit sie wiederum gelobt werden. Gemessen an den akzeptierten Maßstäben der Kunst Farbe, Form, Wahrnehmung und Tiefe - haben Sie nichts. Sie schreien »Diskriminierung« und werfen der großen Mehrheit der menschlichen Rasse »altmodischen Konzepte« und Eifer­ sucht vor, weil sie kein Verständnis für ihre Kunstschöpfun­ gen zeigen. Sie behaupten, eine neue Welle im Denken, eine Revolte gegen die stagnierende Vergangenheit zu sein. Aus­ 82

gezeichnet! Niemand kann erwarten, daß man das preist, was nach allgemeinem Verständnis veraltet ist. Aber eine wertvolle Sache ist selten veraltet. Wenn ein Gedanke oder eine Idee im Grunde gesund ist, wird sie sich entwickeln. Die sogenannten unmodernen Konventionen, welche die ju­ gendlichen »Besserwisser« im Westen umstoßen möchten, haben sich im Laufe der Jahrhunderte zu dem entwickelt, was sie sind. Ihrem Wesen nach schränken sie nicht ein, da Kon­ ventionen etwas von Wert nicht unterdrücken können. Wenn die Konventionen gewisse Fertigkeiten in der Kunst oder Lite­ ratur und ein gewisses Talent auf diesen Gebieten fordern, dann liegt es an Ihnen, die Eigenschaften derjenigen zu beur­ teilen, die diese Konventionen abschaffen möchten. Im heutigen Westen gibt es kaum eigenständiges oder krea­ tives Denken oder Denker. Sie wehren sich gegen diese Fest­ stellung, wie es ein gutkonditionierter westlicher Intellektu­ eller sollte, aber es ist eine Tatsache. Der Westen durchläuft eine Periode lähmender Selbstprüfung seiner Werte und Überzeugungen. Gott oder der Mammon? Wo und wie sucht man Gott? Welches ist der Platz des Menschen im Univer­ sum? Keine dieser Fragen kann von einer Gesellschaft beant­ wortet werden, die sich gerne an jedes Wort der sogenann­ ten, sich immer wiederholenden, modernen Denker hängt. Ihre Ergüsse sind eine Beleidigung für Generationen westli­ chen Denkens. Wenn das westliche Denken während der Jahrhunderte richtig orientiert gewesen wäre, dann hätte es auf einer esote­ rischen Stufe Frucht getragen, jedoch hat es das nicht einmal auf exoterischer Ebene vollbracht. Ich sage Ihnen, der westli­ che Mensch kennt seine Grenzen und läuft jedem hinterher, der eine neue Denkweise für sich beansprucht, besonders wenn er aus dem Orient kommt. Die Menschen begeisterten sich für einige Aspekte der Lehre Gurdjieffs, weil es für sie ein Mittel darstellte, aus der Falle herauszukommen, in die sie durch ihre eigene Konditionierung geführt worden waren. Sie sahen in ihm einen Mann, der ihnen helfen konnte, die alten Werte wieder zu erlangen, auf die sie, wie sie fühlten, An­ 83

spruch hatten, aber zu denen sie keinen Zugang fanden, weil sie in der intellektuellen Theorie versumpften, die ihre intel­ lektuellen Autoritäten hervorgebracht hatten. Gehen Sie, mein Freund, suchen Sie Ihre Bestimmung, in­ dem Sie das Richtige vom Falschen trennen, und behalten Sie das, was die Jahrhunderte überlebt hat und fortschrittlich und intakt daraus hervorgegangen ist. Nicht als alt-ehrwürdiger, zu verehrender Glaube, sondern als positiver Weg der Aktion und Reaktion. Dieser Weg existiert, er existiert überall und zu allen Zeiten, jedoch verbirgt er sich vor den Unfertigen, den Sensationshungrigen und den Zügellosen. Es ist ein harter Weg der totalen Verpflichtung und absoluter Disziplin. Seine Belohnung ist Auslöschung. Sie schrecken davor zurück? Vielleicht möchten Sie Ihre ›Identität‹ nicht verlieren, diese Chimäre, die dem westlichen Menschen so viel bedeutet? Sie haben keine Identität! Sie sind ein gesichtsloser Wanderer durch die Korridore der Zeit, ohne eigentlichen Wert und ohne Recht auf Fortschritt, nur weil Sie zufällig geboren wur­ den. Sie müssen Ihren Platz in der Sonne verdienen oder für immer im Schatten Ihrer ›Identität‹ sitzen! Lernen Sie sich durch Hingabe selbst kennen, und wenn Sie das geschafft ha­ ben, können und werden Sie sich gerne vom Mutterboden der Wahrheit aufsaugen lassen. Gehen Sie zu Scheich Shah Naz in Konia. Er ist der älteste Schüler des Qutub (Säule), der die Studien Gurdjieffs leitete. Er wird Sie empfangen!« Auf dem ganzen Weg nach Istanbul dachte ich nach. Alle Scheichs waren so kategorisch kritisch gewesen, daß ich mich fragte, ob ich mich selbst jemals von meiner westlichen Konditionierung befreien konnte und von neuem lernen konnte. Ich glaubte, daß ich dazu fähig sei, denn ich hatte einen Schimmer der Wahrheit, die hinter ihren Vorträgen lag, erhascht. Ich würde folgen, gelobte ich, so weit ich konnte.

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XI. Scheich Shah Naz

Konia, wo Rumi lebte, predigte und beerdigt ist, dreht sich um sein Grabmal. Der Scheich war dort und sprach sein Abendgebet, danach wollte er mich sehen. Ein Junge fun­ gierte als Dolmetscher. Wir trafen uns in seinem einfachen Quartier hinter .dem Grabmal. Der Raum war mit abgenutzten Teppichen ausge­ legt, und der Scheich in einem weißen Gewand mit einer schwarzen Kapuze, das Zeichen des Scheichs des MewlewiOrdens, saß auf einem weißen Schaffell auf einer niederen Couch. Vor ihm auf einem Tisch lag ein grünlicher Marmor­ stern mit zwölf Punkten. Ich hatte das Sufi-Ritual studiert, und ich wußte, daß dieser Stein - bekannt als der Taslim Taj oft benutzt wird, um die Anwesenheit des Großen Scheichs des Mewlewi-Ordens anzuzeigen; und mein Blick fiel auf ein anderes Gewand, weiß mit einer blau gefütterten Kapuze. Der Große Scheich war also in Konia. »Können Sie mir bei meiner Suche helfen?« fragte ich den Scheich beim Eintritt. Er lächelte. »Mein Sohn, Sie sehen einen Mann vor sich, der mehr als 80 Sommer hinter sich hat und dessen eigene Su­ che erst halb beendet ist, aber fragen Sie, und ich will versu­ chen, Ihnen zu raten.« »Ich suche nach den Männern, die Gurdjieff gelehrt haben, und würde gern als Schüler angenommen werden«, sagte ich kühn. »Ich weiß nicht, ob ich dafür tauglich bin, aber ich weiß, daß ich es versuchen möchte.« Der Scheich schaute mich für einige Sekunden mit durch­ dringenden blauen Augen an. »Haben Sie Jurjizadas Schrif­ ten studiert?« »Ja.« »Haben Sie aus ihnen gelernt?« 85

»Ich glaube nicht. Ich habe das Gefühl, daß zuviel verbor­ gen ist und daß ich keine Möglichkeit habe, ihr Geheimnis zu durchdringen.« »Es sind bestimmte Allegorien«, sagte er langsam. »Sie können in ihr Geheimnis nicht eindringen, da sie für eine an­ dere Zeit sind.« »Wie . . . ? « begann ich. Er unterbrach mich. »Kommen Sie«, und winkte mir, ihm zu folgen. Wir gingen einen Durchgang entlang und einige Steinstu­ fen hinunter in ein großes Zimmer, das unter dem Grabmal liegen mußte. Es war ein achteckiger Raum, ungefähr 20 Fuß hoch und gewölbt. Als ich umherschaute, fiel mein Blick auf etwas, das mein Herz schneller schlagen ließ, und ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Es war ein großer Pfosten aus El­ fenbein mit gegliederten Armen desselben Materials. Jeder Arm wurde von einem Mann in einem weißen, weiten Der­ wischgewand und einer konischen Kappe gehalten. Sie stan­ den in verschiedenen Haltungen, alle ganz still. Etwas weiter abseits saß eine Gestalt auf einem weißen Schaffell, in einem Mantel aus vielfarbigen Flicken gehüllt, der über ein weißes Gewand mit blau gefütterter Kapuze geschlagen war. Auf sei­ nem Kopf trug er einen konischen Hut mit auffallenden Farb­ tönen, der lose von einem mehrfarbigen Turban umschlungen war. Auf seiner linken Schulter trug er eine seltsame dreizüngige Schnalle aus Silber mit kleinen Türkisen, und in seiner Hand hatte er eine Schnur mit Gebetsperlen aus Elfenbein. Sein Gesicht lag im Schatten seiner Kapuze. Ich stand sprach­ los und verschlang die Szene mit meinen Augen, bis mich der Scheich am Ärmel zupfte und wir wieder gingen. Im Wohnzimmer fragte er mich: »Was sahen Sie?« Ich antwortete, daß es sicherlich ein Treffen von Derwi­ schen war und daß der ›Baum‹ der sein mußte, den Gurdjieff beschrieben hatte. »Wissen Sie, was es war?« fragte er. Ich gestand, daß ich es nicht wußte. »Es war ein Kommunikations-, Unterrichts- und Meßappa­ 86

rat. Die Männer, die die Arme hielten, waren in tiefer Verbin­ dung mit dem Meister und im ›Stop‹-Zustand. Hierdurch kann er sie auf einer tiefen Ebene unterrichten und ihre Reak­ tionen abschätzen. In jedem größeren Unterrichtszentrum gibt es einen. Durch ihn spricht der Meister zu uns.« »Darf ich fragen, wer er war und warum Sie mir dies zeig­ ten?« »Er war einer der Qutubs, und sie waren von den Abdals. Was Sie daraus lernen sollten, überlasse ich Ihnen.« »War er einer der Lehrer von Gurdjieff?« »Gurdjieff sah ihn niemals.« »Hat Gurdjieff den ›Baum‹ gesehen?« »Nein, er wird nie auf die Weise benutzt, in der er es be­ schrieben hat.« »Können Sie mir sagen, ob ich irgendeine Chance habe, in irgendeiner Schule als Schüler akzeptiert zu werden?« »Sie müssen verstehen, daß wir keine Rekruten ausbilden«, antwortete der alte Mann. »Wir wählen aus oder lehnen ab. Heute nacht werden Sie mit einigen unserer Freunde zusam­ mensitzen, und morgen werden Sie nach Meshed fahren und dort Ihre Erfahrungen von heute nacht Hassan Kerbali berich­ ten. Er wird Ihre Fragen beantworten. Gehen Sie mit unserem Freund und reisen Sie früh am Morgen ab.« Später am Abend, nach dem Essen, wurde ich in einen Raum geführt, wo vielleicht ein Dutzend Männer saßen. Sie hatten europäische Kleidung an und saßen auf kleinen Teppi­ chen. Jeder trug ein weißes Scheitelkäppchen, das mit weißer Seide bestickt war. Man gab mir ebenfalls ein Käppchen, und ich setzte mich auf einen freien Platz im Kreis. Nach einigen Minuten begann eine Trommel zu schlagen, und die klagenden Töne einer Flöte durchdrangen die Stille. Ich versuchte nichts zu denken und schloß meine Augen, um die Musik in mich eindringen zu lassen. Die Musik und die beharrlichen Trommelschläge hatten eine hypnotische Wir­ kung auf mich, und es schien mir, als würde ich durch den Raum auf einen hellen Stern zugetrieben, der verschiedenfar­ bige Strahlen aussandte. Der weiche, gemurmelte Gesang 87

von Hu, Hu drang in mein Bewußtsein, und ich sang mit, weil ich es machte und nicht, weil ich dachte, daß ich es sollte. Einige Minuten vergingen, der Stern wurde größer, und über der Musik und dem Gesang hörte ich eine Stimme in persisch. Ich hatte den Satz oft gelesen und kannte ihn, den Anfangsvers aus Rumis Mathnavi: »Bisnev zi nay chun hikayat mikundad« (Lausche der Erzählung des Schilfrohrs). Wiederholt sprach die Stimme denselben Satz, und dann kam ich auf die Erde zurück, und der Stern verschwand mit einem Aufleuchten. Es war Morgen. Meine Reise nach Meshed beeindruckte mich kaum. Ich war innerlich zu erfüllt. Meine »einige Minuten« Meditation hatten in Wirklichkeit einige Stunden gedauert. War dies Hypnotismus? Warum sollte es sein? Welchen Nutzen hätte es? Die Fragen jagten sich in meinem Gehirn. Dann ent­ spannte ich mich; meine Mission war es, mich zu erinnern und zu berichten und es nicht subjektiv zu untersuchen.

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XII. Hassan Kerbali

Hassan Kerbali war Emailleur im Tilla Shahi Bazar in Meshed. Ich erzählte ihm von meiner Erfahrung, und er hörte ernst zu. Als ich geendet hatte, schaute er auf. »Diese Worte sind Ihr Ausweis. Die verschiedenen Mitglie­ der der Gruppe hörten verschiedene Worte, je nach ihrer Fä­ higkeit, diese zu verstehen. Sie müssen unten beginnen, ohne Hast und Ungeduld. Sie müssen der Erzählung des Schilfrohrs lauschen. Wenn Sie dies tun können und nicht zurück­ schauen, wenn Sie sich vollkommen verpflichten können, dann können Sie am Verstehen arbeiten. Wenn Sie alte Ideen und intellektuelle Spielereien in Ihr erwachendes Bewußt­ sein hineinlassen, werden Sie die Stütze, die Sie in der Wirk­ lichkeit haben, verlieren.« »Ich bin bereit, es zu versuchen«, sagte ich. »Ich hoffe, daß ich den Mut dazu habe, da ich sosehr das Ergebnis meiner Konditionierung bin.« »Benutzen Sie die weltliche Konditionierung nicht immer wieder als Entschuldigung«, kam der freundliche Tadel. »Viel müssen Sie sich selbst zuschreiben. Sie hätten viel zurück­ weisen können, was Sie unkritisch übernommen haben. Der Mensch ist von Grund auf habgierig, faul, schont sich selbst und sucht jede Gelegenheit, um Aufgaben zu vermei­ den, die Anstrengung benötigen. Körperliche Anstrengung ist weniger schwierig als geistige Anstrengung und Anstrengung für eine innere Entwicklung sogar noch schwieriger. Geistige Schulung ist ein Ergebnis ganz entschiedener Disziplin. Es ist kein Zufall, daß einige sie haben und einige nicht. Wenn Sie bereit sind, mit sich selbst zu kämpfen, gut; wenn nicht, su­ chen Sie einen leichteren Weg, der Sie nirgendwohin führen wird, aber Sie zur Annahme verleitet, die Geheimnisse des Lebens würden offen vor Ihnen liegen. 89

Zen, Theosophie oder Yoga sind alles Zufluchtsstätten für die Unfähigen, die damit ihre Zeit ausfüllen möchten und meinen, etwas Übernatürliches und scheinbar Lohnendes dafür zu erhalten. Wenn sie für ihre geistige Entwicklung nur ein Viertel der Energie aufwenden würden, die sie für ver­ schiedene Verrenkungen oder andere seltsame Dinge ver­ geuden, würden sie weiterkommen. Gehen Sie nun zu Scheich Mohamed Daud in Qandahar. Sagen Sie ihm, Hassan Chainaki läßt ihn grüßen.« Und er be­ schäftigte sich wieder mit seiner Arbeit. Beim Überschreiten der afghanischen Grenze fühlte ich, daß ein wirklicher Fortschritt gemacht worden war. Gurdjieff hatte Afghanistan und Buchara, den Amu Darya, den Hindu­ kusch und Kafiristan in seinen Schriften für besonders bedeu­ tend gehalten, und ich fühlte, daß ich mich in der Heimat der Tradition befand.

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XIII. Scheich Mohamed Dand

Qandahar war heiß, staubig und gastfreundlich. Scheich Daud hatte ein Teehaus in der Nähe des Schreins des Mantels des Propheten. Er grüßte mich herzlich und traf Vorkehrun­ gen, damit ich bei seinem Sohn wohnen konnte. Ich gab ihm die Botschaft aus Meshed, und sein bärtiges Gesicht wurde ernst. Er sagte feierlich: »Bruder, der Weg, den Sie gewählt ha­ ben, ist lang und mühsam. Nichts als totaler Gehorsam ge­ genüber Ihrem Lehrer wird Ihnen über die Schwierigkeiten helfen, denen Sie begegnen werden. Vollkommener Glaube und Vertrauen in ihm ist Ihre einzige Richtschnur. Jedes Zö­ gern, jede negative Reaktion werden nicht nur stören, son­ dern werden Zweifel und Irrtümer erzeugen, die Ihr Verste­ hen trüben werden. Vergessen Sie nun alles über Gurdjieff. Diese Lehre ist nicht für Sie. Was jetzt veraltet ist, wird Ihnen nichts nützen. Eine Lehre, die dazu bestimmt ist, in einer bestimmten Zeit vermittelt zu werden, kann nur so lange bestehen, bis ein an­ derer Abschnitt auftaucht. Wenn die neue Phase in Gang kommt, wird die alte Lehre steril, und nur die organischen Überreste überleben und werden in die neue Entwicklungs­ phase übernommen. Sogar wenn Sie diese Fragmente festhalten könnten, würde Ihnen das nicht helfen, da sich das Grundgefüge geändert hat und die Beziehung zwischen den einzelnen Faktoren einer subtilen Neuordnung unterzogen wurde. Gurdjieff hatte verschiedene Dinge zu sagen, und er sagte sie. In dem Augenblick, als die Fragmente, die er hatte, in einen anderen Wirkungsbereich übergeführt wurden, hörte seine Lehre auf, irgendeinen Wert zu haben. Was im Westen existiert und darauf beruht, was er tat und sagte und nicht auf dem, was er wußte, ist ein Schatten subjektiver Ein­ 91

bildung. Es wurde eher eine Lebensweise als ein Weg zu ei­ nem Ziel.« »Kann jemand«, fragte ich, »der seiner Lehre folgte, etwas profitiert haben?« »Nur in dem Maße, wie es ihn ermutigte, ein höheres Be­ wußtsein zu suchen, und ihn daran erinnerte, daß es einen anderen Lebensbereich gibt. Die Lehre vermochte nicht, ihm zu helfen, in dieses Reich zu gelangen.« »Wenn es reine Allegorie war«, fragte ich, »ist es dann nützlich, nach den Erklärungen zu suchen?« »Sie erscheinen mir nicht unintelligent«, war die vernich­ tende Antwort, »doch zeigen Ihre Fragen eine seltsame Un­ reife der Gedanken. Was inspiriert Sie dazu, eine alte Lehre durchzuarbeiten? Nehmen wir z. B. an, Sie entdecken, daß der Alte Mann in All und Alles wirklich der Prophet Mohammed ist und sein Enkel Hussein, Imam Hussein, der Enkel des Mohammed. Wohin bringt Sie das? Wäre es nicht besser, damit anzufangen, diese Fakten zu kennen und sie als Anleitung zu benutzen, als Zeit und Energie daraufzu verwenden, vieles durchzuackern, um sie zu entdecken, und dann unfähig zu sein, sie im Kontext mit den früheren Aktivitäten Gurdjieffs zu benutzen? Möchten Sie auch wissen, daß das Organ Kundabuffer, auf das sich Gurdjieff bezieht, aus zwei persischen Wörtern zu­ sammengesetzt ist: kund, abstumpfen und farr Pomp oder Pracht. Das zusammengesetzte Wort ist daher ein techni­ scher Ausdruck, der bedeutet, die Wahrnehmung durch An­ maßung oder Selbstliebe abzustumpfen. Wieviel Zeit hätten Sie benötigt, um dies auszuarbeiten und zu begreifen, was es bedeutet und wie es verwendet wird? Sie möchten die Alle­ gorien und Schwierigkeiten vergessen, die vorher wichtig waren, und sich gründlich der Hauptlinie der Tradition, wie sie heute zur Verfügung steht, widmen. Sie dürfen keine Zeit mit akademischer Forschung oder intellektueller Untersu­ chung von Halbwahrheiten verschwenden. Wenn Sie sich um die Analogie von diesem und jenem kümmern, werden Sie nur Ihre eigenen Neurosen nähren. Wenn Sie dies befrie­ 92

digt, dann tun Sie es. Hoffentlich behalten Sie Ihre geistige Gesundheit! Mein eigener Meister, Dil Bar Khan Hululi, lehrte Gurd­ jieff. Ich weiß, was er ihn lehrte. Möchten Sie, daß ich Sie et­ was lehre, was Sie nicht mehr verwenden können? Oder wäre es nicht besser, einen Entwicklungsweg zu wählen, der sich auf organische Weise mit einer evolvierenden Welt deckt, in der ein Mensch seine Verwirklichung finden muß? Beide Wege stehen Ihnen offen, aber nur einem können Sie folgen. Ich werde Sie nach Peshawar senden, wenn Sie dazu bereit sind, und von dort aus werden Sie allein reisen.« »Scheich«, antwortete ich, »ich bin bereit, nach Peshawar zu reisen. Meine einzige Absicht ist es, eine Lehre zu finden, mit deren Hilfe ich mich aus der Klemme befreien und mich entwickeln kann. Ich folgte zuerst Gurdjieffs Weg, da ich kei­ nen anderen kannte, aber ich bin bereit, dem Weg zu folgen, der mir Hoffnung gibt, Bewußtsein zu erlangen.« »Sehr gut«, antwortete der Scheich. »Gehen Sie zu Ahmad Mustafa, dem Schmied in Peshawar. Sagen Sie ihm, daß Sie kamen, um dem Scheich ul Mashaikh die Ehre zu erweisen, und er wird Sie beraten. Denken Sie daran, daß der Weg hart sein wird, und wenn Sie straucheln, können Sie sich nur selbst helfen. Erwarten Sie keine Wunder, aber denken Sie daran, daß am Ende tiefes, dauerhaftes Bewußtsein steht. Ishk Bashad!« Ich wußte, daß ich recht hatte. Ich hatte mehr als nur ein Gefühl, daß ich den Weg zur Quelle gefunden hatte. Viel­ leicht rührte dies daher, daß ich schon auf eine neue Art dachte, ohne alles durch eine Menge konditionierter Reaktio­ nen zu filtern. Ich bemerkte, daß ich meine Motive nicht ana­ lysierte und nicht mehr mechanisch »Selbsterinnerung« übte. Ich nahm Wissen und Information auf und speicherte es be­ wußt bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich es benötigen würde. Ich wußte, daß einiges davon schon in mir wirkte und die Spinnweben lebenslanger Trägheit aus mir hinausfegte. Es wurde mir immer klarer, daß die Antwort auf meine Fra­ gen, die ich suchte, in den Sufi-Lehren lagen, aber daß sie 93

viel leichter verstanden wurden, wenn man sie von einem neuen, unkonditionierten Gesichtspunkt aus betrachtete. Ich begann zu sehen, daß wir selbst unser Leben verkomplizier­ ten und unser bestehendes Bewußtsein durch Faktoren trüb­ ten, die keinen wirklichen Platz hatten und Widerspiegelun­ gen eines Geisteszustands waren, der auf einem Mangel an diszipliniertem Denken beruhte. Ich wußte, daß ich mich vollständig in die Lehre versenken mußte. Das war der einzige Weg. Ich konnte keine oberfläch­ liche Beziehung dazu haben oder ein »intellektueller Sufi« werden, denn so etwas gibt es nicht. Entweder ist es vollstän­ dige Unterordnung und vollständige Identifikation mit dem Lehrer oder nichts. Halbherzige Ergebenheit kann nur den entferntesten Schatten dessen erzeugen, was eine solche Be­ ziehung wirklich sein kann. Der Mensch hat immer »intellektuelle Freiheit« bean­ sprucht, was das Recht bedeutet, zu jeder Zeit alles zu bemängeln, was ihn nicht mehr interessiert, um etwas Aufre­ genderes an dessen Stelle zu setzen. Die Loyalität der Men­ schen geht nicht weit, sogar wenn es um ihre eigene Zukunft geht. Es war mir ganz klar, daß akademisches oder intellektuel­ les Denken gegenüber einer tiefen Lehre wie dem Sufismus für die Lernfähigkeit einer Person schädlich war. Akademi­ sche oder intellektuelle Untersuchung kann ihre Begrenzung nicht übersteigen, auch nicht in ihrer abstraktesten Form.

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XIV. Ahmad Mustafa Sarmouni

Ahmad Mustafa der Schmied war ein Mann, dessen Alter weit über 80 hätte sein können, aber er hatte die Erscheinung ei­ nes Mannes von 50. Sein Gesicht war zerfurcht, aber ausge­ ruht, und sein ungetrübter Blick verriet inneren Frieden. Er grüßte mich würdig in gutem Englisch, obwohl er langsam sprach und seine Worte maß, bevor er sprach. Er fragte, ob ich verstand, was meine Suche motiviert hatte? Ich antwortete, daß ich begann, es zu verstehen. Zuerst war es die Suche nach bestimmten Männern, aber nun war es die Suche nach einer Lehre, um ein inneres Bedürfnis zu stil­ len. Er nickte ernst. »Man sollte nur der Lehre eines Mannes fol­ gen, wenn dies dazu führt, eine Verbindung mit dem Haupt­ strom einer gültigen Entwicklungstradition herzustellen. Wenn dies nicht der Fall ist, wird ein Personenkult daraus, und die Entwicklungsmöglichkeiten werden von der Leistung des Mannes begrenzt, dem man nachfolgt. Gurdjieff, der hier in diesem Haus war, lehrte, daß Fort­ schritt durch neue Gedanken und Aktion erzielt wird. Da er selbst Grenzen hatte, konnte er nur innerhalb seiner Grenzen und seines Auftrags lehren. Verbunden mit dem Zeitelement ist sein Lehrauftrag nicht vollendet worden. Der Mann, der Gurdjieff in die Lehre aufnahm, war mein eigener Meister Scheich ul Mashaikh. Der Scheich hatte ihn ausgewählt, um einige der Reaktionen des Westens auf die Einführung der Sufi-Gedankenwelt, die im Laufe von Jahr­ hunderten entwickelt worden war, zu testen. Gurdjieff be­ richtete regelmäßig über die Experimente, die er ausführte. Schon vor seinem Tod war diese Arbeit beendet und doch versuchen manche, das weiterzuschleppen, was sie als Lehre 95

ansehen, obwohl sie wenig über die Technik und noch weni­ ger über das Ziel wissen. Auch wenn dieser Arbeitsabschnitt noch gültig wäre, könnten sie nichts damit anfangen. Immer wieder ist ihr Recht und ihre Lehrbefähigung in Abrede ge­ stellt worden. Wir werden die Verbindung mit ihnen nicht öf­ fentlich dementieren, auch wenn sie geheimnisvoll von ›Zentren‹, ›Kontakten‹ und ›Klöstern‹ usw. sprechen. Dieje­ nigen, die diesem Zirkus folgen und ihn akzeptieren, sind da­ mit und mit dem Versprechen, das scheinbar erfüllt wird, zu­ frieden.« Er machte eine Pause, und ich fragte: »Ist das aber nicht unfair denen gegenüber, die ihr Vertrauen in die Lehre ge­ setzt haben?« Er machte eine gereizte Geste. »Nein, denn die wirkliche Lehre war immer verfügbar, und man konnte sie finden. Wenn sie an den fraglichen Kapriolen Gefallen finden, ist dies ihr Niveau. Diejenigen, die sich nicht von der äußerli­ chen Geheimniskrämerei und Exklusivität und dem An­ spruch auf direkte Verbindung mit uns verwirren lassen, ha­ ben immer einen Weg gefunden, in direkten Kontakt mit der wahren Lehre zu treten. Man kann uns immer finden - Sie selbst zeugen davon -, aber ob man aufgenommen wird oder nicht, das ist eine andere Frage. Sprechen Sie nicht in Begrif­ fen von fair und unfair. Sie wissen es nicht; Sie sind konditio­ niert und subjektiv. Sie sind nicht wirklich. Sie brüsten sich selbst mit der Freiheit der Wahl. Lassen Sie sich sagen, daß gerade diese Freiheit einer der Faktoren ist, der Sie am meisten verwirrt und schwächt. Es gibt Ihnen freie Fahrt für Ihre Neurosen, Ihre oberflächlichen Reaktionen und Ihre Geistesverwirrungen. Ihr Ziel sollte Frei­ heit von der Wahl sein! Vor zwei Möglichkeiten gestellt, ver­ bringen Sie Zeit und Kraft damit zu entscheiden, welche Sie akzeptieren sollten. Sie gehen das ganze Spektrum politi­ scher, emotionaler, sozialer, materieller, psychologischer und physiologischer Konditionierung durch, bevor Sie die Antwort haben, die Sie dann sogar meistens nicht befriedigt. Wissen Sie, können Sie begreifen, wie frei Sie sind, wenn Sie 96

keine Wahl haben? Wissen Sie, was es bedeutet, so schnell und sicher zu wählen, daß Sie überhaupt keine Wahl haben? Die Wahl, die Sie treffen, Ihre Entscheidung, basiert dann auf einem so positiven Wissen, daß es gar keine zweite Alterna­ tive gibt. Sie werden dieses Buch studieren, es ist in Englisch«, fuhr er fort. »Einiges wird Ihnen bekannt Vorkommen. Seien Sie nicht überrascht, Gurdjieff hat Tiefes daraus entnommen. Wenn der rechte Zeitpunkt da ist, werde ich Sie weitersen­ den. Sie werden als Motiv für Ihre Reise archäologische Stu­ dien angeben und niemandem gegenüber Ihre Verbindung mit der Tradition erwähnen, außer denen gegenüber, die die­ ses Zeichen benutzen oder das Losungswort, das man Ihnen geben wird. Lassen Sie sich nicht auf politische Dinge ein, die in Peshawar hin- und herschwanken. Sie sind ein Schrift­ steller ohne politische Verbindungen.« Ich blieb einen Monat in Peshawar. Während dieser Zeit las ich wiederholt Den umzäunten Garten der Wahrheit von Hakim Sanai. Es war eine Offenbarung. Hier standen in allen Einzelheiten die Grundlagen von Gurdjieffs Schriften. Wenn ich noch einen Beweis benötigt hätte, hier war er. Eines Abends kam die Aufforderung. »Nehmen Sie den Postbus nach Jelalabad. Bleiben Sie im Hotel und warten Sie dort auf Anweisungen. Ihr Führer wird Sie grüßen m i t . . . « Ich bemerkte kaum den Staub, das Rütteln und die Unbe­ quemlichkeit der Reise, so eifrig war ich damit beschäftigt, mich auf die erhoffte Erfahrung vorzubereiten.

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XV. Der Scheich ul Mashaikh

Ich sah mir Jelalabad kaum an. Die staubige Stadt interes­ sierte mich kaum, trotz ihrer Gärten und ihres interessanten Basars, da ich befürchtete, nicht im Hotel zu sein, wenn die Aufforderung kam. Sie kam auf ungewöhnlichem Wege; ich hatte ein Taxi genommen und ließ mich zum Grab des Amir Habibullah Khan fahren. Der Fahrer brachte mich tief in die Altstadt, hielt vor einer kleinen Moschee, stieg aus, öffnete meine Tür und führte mich mit einem gemurmelten ... in die Moschee. Im Hof saß ein jüngerer Mann in einem weißen Gewand und schwarzem Turban mit einem stattlichen, leicht grauen Spitzbart. Er bedeutete mir, mich niederzusetzen, und sah mich überlegend für einige Sekunden an, bevor er in perfek­ tem Englisch zu sprechen begann. »Sie sind hierhergekommen, um die Quelle der Lehre zu finden. Sie möchten als Schüler aufgenommen werden. Die Kraftzentren sind kaum einhundert Meilen von hier, aber Sie können sie nicht besuchen.« Er schwieg, und ein Gefühl der Mutlosigkeit überfiel mich, aber er sprach erneut. »Sie sind Europäer. Sie müssen im Westen leben, arbeiten, studieren und sich entfalten. Aus diesem Grunde gibt es Ar­ beitszentren im Westen. Sie haben diese Reise gemacht, eine Entdeckungsreise, um herauszufinden, wo die Lehre ist und wo man sie aufnehmen kann. Die Lehre ist hier, aber hier können Sie nicht daran teilnehmen. Sie werden nach Europa zurückkehren und einer Gruppe beitreten. Ihre Reise hat viel Geld und Zeit gekostet, Sie hätten beides besser verwenden können. Sie können ein Schüler werden. Sie können dem Weg fol­ gen. Sie werden vollkommen unter der Leitung von denjeni­ 98

gen sein, die im heutigen Zeitabschnitt für die Lehre verant­ wortlich sind. Lassen Sie Ihr früheres Selbst, konditioniert und befleckt durch jahrelange gierige Genußsucht, in den Abgrund fallen. Arbeiten Sie, um ein neues Äußeres zu be­ kommen, auf das die Wirklichkeit geschrieben werden kann. Fragen Sie nichts, gehorchen Sie. Fühlen Sie Ihren Weg mit Ihren neuen Händen und lassen Sie Ihre neuen Augen zu neuen Horizonten schauen. Sie haben viel zuviel Zeit damit verbracht, Ihre Selbstachtung zu polieren. Vermeiden Sie diesen bedeutungslosen Zeitvertreib und versuchen Sie zu le­ ben, nicht nur zu existieren. Kehren Sie nach Europa zurück, an den Ort, zu dem ich Sie schicken werde. Erzählen Sie niemandem, wo dieser Ort ist und wen Sie dort antreffen, sondern tauchen Sie in seine Ba­ raka ein.«

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Schlußwort

Ich kehrte nach Europa zurück und suchte das Zentrum auf, zu dem ich gesandt worden war. Es war 10 Meilen von mei­ nem Haus entfernt! Ich studiere und lerne und mache Erfah­ rungen, die ich mir früher nicht vorstellen konnte. Ich kann keine weiteren Einzelheiten verraten, da ich befürchte, daß die Zügellosen, die Sensationshungrigen und die Querulan­ ten eine große Sache aus diesem »neuen Orden« machen und den großen Entwicklungsplan stören werden. Andere mögen denselben Weg gehen wie ich oder versuchen, diesel­ ben Schlüsse zu ziehen, aber bevor sie in den »geheimnisvol­ len Osten« Vordringen, sollten sie eine Passage aus den Tradi­ tionen lesen, die ich hier wiedergeben darf: Die Parabel von dem Brotlaib oder den drei Bereichen Diejenigen, die verwirrt sind - und viele Leute sind unbe­ streitbar verwirrt worden - durch das anscheinende Kommen und Gehen verschiedener Abschnitte der Lehre vom Schick­ sal des Menschen und dem »inneren Leben«, sollten zuerst diese alte Parabel anhören. Lassen Sie uns bei der Darlegung der Parabel drei Dinge in Betracht ziehen; den Weizen in den Feldern, das Wasser im Fluß und das Salz im Bergwerk. Das ist die Beschaffenheit des natürl ichen Menschen, der Zustand des ersten Bereiches. Die drei Dinge befinden sich in einem Zustand der Potentialität, jedes ist auf seine eigene Weise gewachsen und hat sich ent­ wickelt. Im zweiten Bereich haben wir jedoch einen Zustand, wo etwas getan werden kann. Der Weizen wurde zu Mehl ge­ mahlen, das Wasser wurde gesammelt und aufbewahrt, das Salz gewonnen und raffiniert. Dies ist der Bereich der Aktivi100

tat, der Arbeit und der Anwendung bestimmten Fachwissens zur Erzeugung gewisser Ergebnisse. Dies ist auch die Phase des theoretischen Lehrers, in der gewisse Materialien für den dritten Bereich vorbereitet werden. Der dritte Bereich tritt in Kraft, wenn das Wasser, Salz und Mehl gemischt werden, um Teig zu machen. Wenn die Hefe hinzugefügt wird und der Ofen zum Backen des Laibes vor­ bereitetwird, wird auch das Wissen über das Brotbacken ein­ gebracht. Dieses hängt genausoviel vom Gefühl als auch vom theoretischen Wissen ab. Das ist die Stufe dessen, was wir als Schule bezeichnen. Wenn die Rohmaterialien verfügbar sind, aber nicht verar­ beitet werden, können sie nur ihre natürliche Wirkung entfal­ ten. Etwas geschieht - aber nur in ihrem eigenen Bereich dem ersten. Im zweiten Bereich, wenn die Materialien ent­ deckt, verarbeitet, systematisch geordnet und aufbewahrt werden, wäre es dumm, zu versuchen, sich mit dem dritten Bereich zu beschäftigen. Nur im dritten Bereich können die Endprozesse stattfinden, die einen speziellen »Bäcker« erfor­ derlich machen. Die derzeitige Situation ist die des dritten Bereiches. Men­ schen, die an den ersten und zweiten Bereich gebunden sind, können den Prozeß nicht klar sehen. Daher gehen die mei­ sten ihrer Fragen von der Annahme aus, daß sie in den ersten beiden Bereichen sind. Andere arbeiten im zweiten Bereich, ohne zu bemerken, daß das Brot fertig zum Backen ist. Bis dieses Konzept des geordneten Fortschritts des Großen Wer­ kes ganz klar angenommen wird, wird die Verwirrung anhalten, und es wird nicht möglich sein, sich den Leuten mitzutei­ len, deren Inkonsequenz teilweise von der Verwirrung der verschiedenen Bereiche und teilweise von ihrem Wunsch herrührt, sich etwas anzuschließen, ohne sich der tatsächli­ chen Stufen der »Arbeit« gewahr zu werden. Nichts kann durch Experimentieren, Versuch und Irrtum er­ reicht werden, auch nicht durch Arbeit in einem Bereich, der nicht für die heutige Zeit, diesen Ort oder diese Gemein­ schaft und ihre wirklichen Bedürfnisse nützlich ist. Ihre wirk101

liehen Bedürfnisse unterscheiden sich von den allgemeinen theoretischen Bedürfnissen der Menschheit als Ganzes, wie es in dem vorbereitenden Material umrissen wurde, das von vielen als wirkliches »Arbeitsmaterial« benutzt wird. Der Erfolg der »Arbeit« des dritten Bereiches hängt immer von der richtigen Formulierung zur rechten Zeit, am rechten Ort und bei den richtigen Leuten ab. Dies wird von den stän­ digen Hütern der Tradition versichert. Was ich so lange gesucht habe, habe ich nun endlich ge­ funden. Nicht in den grotesken Kapriolen eines veralteten Sy­ stems, nicht in den Dialogen der Intellektuellen, noch in den tiefen und geheimnisvollen Winkeln des Hindukusch, son­ dern hier in meinem eigenen Land. Ich habe herausgefunden, daß sich die wirkliche Tradition gemäß ihrem Auftrag und Zweck verbreitet hat, um der ganzen Menschheit den einzig wirklichen, tiefen und sinnvollen Weg zu zeigen, der den Menschen zu einer Verwirklichung seines Schicksals führen kann.

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Ganzheitlich wohnen und leben
Die jahrtausendealte chinesi­ sche Kunst des Feng Shui fin­ det mittlerweile auch in der westlichen Welt immer mehr Anhänger, da die Bedeutung von ökologischem Planen, Bauen und Wohnen für unsere Gesundheit bekannt ist. Dieses Standardwerk gibt einen umfassenden Einblick in die faszinierende Tradition des Feng Shui und bietet eine Fülle von Tips, Anleitungen und Verbesserungsvor­ schlägen für ein Leben mit den positiven Energien einer natürlichen Umgebung. Eva Wong Feng Shui
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Beweise für ein Leben nach dem Tod
Existiert der Himmel? Wie könnte er aussehen? Kommen wir dorthin, wenn wir in unse­ rem Leben Schlechtes getan haben? Werden wir unsere Freunde und Lieben Wieder­ sehen? Die Journalistin Mally CoxChapman erörtert diese und weitere Fragen, basierend auf über fünfzig Interviews mit Menschen, die ein NahtodErlebnis hatten. Mally Cox-Chapman Begegnungen im Himmel
Beweise für ein Leben nach dem Tod

240 Seiten Ullstein TB 35690

Ullstein Taschenbuch

»Was ich so lange gesucht habe, habe ich nun end­ lich gefunden... Nicht in den Dialogen der Intellek­ tuellen, noch in den tiefen und geheimnisvollen Winkeln des Hindukusch, sondern hier in meinem eigenen Land. Ich habe herausgefunden, daß sich die wirkliche Tradition gemäß ihrem Auftrag und Zweck verbreitet hat, um der ganzen Menschheit den einzig wirklichen, tiefen und sinnvollen Weg zu zeigen, der den Menschen zu einer Verwirk­ lichung seines Schicksals fuhren kann.« Gurdjieff war einer der bedeutendsten Mystiker und spirituellen Lehrer dieses Jahrhunderts - und einer der geheimnisvollsten. Zu seinen Anhängern zählten Namen wie Cocteau, Gide, Diaghilew, Huxley und Katherine Mansfield. Dieses Buch macht uns mit einem der wichtigsten Dokumente der authentischen Sufi-Tradition im Westen des 20. Jahrhunderts vertraut.

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