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IM FEUER DER VERFOLGUNG GELÄUTERT

[361] Der allmächtige Gott läßt die [Zahl der] Feinde seiner Erwählten für eine gewisse
Zeit anwachsen, um so durch das Wüten der Bösen das Leben der Guten zu läutern.
Denn niemals würde Gott diese den Guten entgegentreten lassen, wenn er nicht sähe,
wie sehr sie ihnen auch von Nutzen sind. Denn durch das Wüten der Frevler werden die
Gerechten geläutert. Zum Nutzen der Schuldlosen streitet das Leben der Sünder, indem
sie diese durch Bedrängnis zur Demut und durch die Demut zu stets größerer
Vollkommenheit führen.

[362) Keiner ist vollkommen, der in einem ihm von Mitmenschen zugefügten Unrecht
keine Geduld zeigt.

Wer fremdes Unrecht nicht mit Gleichmut erträgt, überzeugt sich durch diese Ungeduld
selber, daß er von der Vollkommenheit noch weit entfernt ist.

Er weigert sich, ein Abel zu sein, den die Bosheit eines Kain nicht anficht.

So liegt beim Dreschen die Spreu auf der Tenne lastend auf dem Weizen, so kommen die
Blüten mit den Dornen hervor und die duftende Rose wächst mit dem stechenden Dorn.
Zwei Söhne hatte der erste Mensch, der eine war erwählt, der andere verworfen. Drei
Söhne barg auch die Arche, aber nur zwei verharrten in der Demut, einer fiel, weil er
den Vater verhöhnte. Zwei Söhne hatte Abraham, der eine war unschuldig, der andere
war der Verfolger seines Bruders. Auch Isaak hatte zwei Söhne, einer wurde in der
Demut bewahrt, der andere noch vor seiner Geburt verworfen. Zwölf Söhne zeugte
Jakob, und einer von ihnen wurde um seiner Unschuld willen verkauft, die Übrigen aber
wurden durch ihre Bosheit zu Verkäufern ihres eigenen Bruders. Zwölf Apostel waren
auch in der heiligen Kirche, doch um nicht ungeprüft zu bleiben, war einer ihnen
zugesellt, der sie durch Nachstellung erprobte.
In dieser Weise wird der boshafte Sünder mit dem Gerechten verbunden, wie mit dem
Gold im Ofen das brennende Stroh, auf daß das Gold geläutert werde, wenn das Stroh
verbrennt.

Diejenigen also sind wahrhaft gut, die auch unter den Bösen gut bleiben.

So sagt die Stimme des Bräutigams zur heiligen Kirche: Wie eine Lilie unter Dornen, so
ist meine Freundin unter den Töchtern (Hld 2,2). So auch der Herr zu Ezechiel:
Menschensohn, Ungläubige und Verderber sind mit dir, du wohnst unter Skorpionen (Ez
2,6). Daher rühmt Petrus das Leben des seligen Lot mit den Worten: Den Gerechten Lot,
vom Unrecht der Gottesverächter bedrängt, hat er gerettet (2 Petr 2,7). Seine Gerechtigkeit
war zu sehen und zu hören, obwohl er unter denen wohnte, die tagtäglich die Seele des
Gerechten mit bösen Werken quälten. Daher rühmt auch Paulus das Leben der Jünger
und bestärkt es durch sein Rühmen mit den Worten: Inmitten eines verkehrten und
verworfenen Geschlechts leuchtet ihr wie das Licht der Welt und bewahrt das Wort des
Lebens (Phil 2,15f). So bezeugt auch der Engel der Kirche von Pergamon durch
Johannes: Ich weiß, wo du wohnst, dort, wo der Thron Satans steht; und doch hältst du an
meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet (Offb 2,13).

[363] Wenn durch den Propheten gesprochen wird: Ungläubige und Verderber sind mit
dir, du wohnst unter Skorpionen (Ez 2,6), dann wird uns das Heilmittel des Trostes
gereicht, denn das Leben ist uns oft zuwider, weil wir nicht mit schlechten Menschen
zusammenleben wollen.

Wir klagen, warum denn nicht alle, die mit uns leben, gut sind, wollen die üblen Taten
der Nächsten nicht ertragen und bestimmen, alle sollten schon Heilige sein, weil wir
ablehnen, was wir von den Mitmenschen ertragen sollen.

Weigern wir uns aber, die Schlechten zu ertragen, dann zeigt sich ganz klar, wie weit wir

selber noch vom Guten entfernt sind.


Denn vollkommen gut ist nur einer, der auch mit den Schlechten gut gewesen wäre. ..

Oft nämlich, wenn wir uns über das Leben der Nächsten beklagen, sind wir darauf aus,
den Ort zu wechseln oder die Abgeschiedenheit eines zurückgezogenen Lebens zu
wählen, wobei wir freilich verkennen, daß ein Ort keine Hilfe bietet, wenn der Geist
fehlt.. So war auch Lot in Sodom heilig, sündigte aber auf dem Berg (vgl. Gen 19,1-2.30-
36). Daß es nicht bestimmte Orte sind, die dem Geist Sicherheit verleihen, zeigt der
Urvater der Menschheit, der sogar im Paradies zu Fall kam. Doch all das besagt nicht
viel, solange wir von der Erde sprechen. Könnte nämlich ein bestimmter Ort Sicherheit
geben, dann wäre Satan nicht vom Himmel gefallen.... Also sind die Nächsten an jedem
Ort zu ertragen, denn keiner kann ein Abel werden, wenn ihn nicht die Bosheit eines
Kain erprobt

Doch gibt es einen Grund, weshalb die Gemeinschaft mit den Schlechten zu meiden ist:
sofern diese, weil sie sich nicht bessern lassen, zur Nachahmung verleiten. Falls sie
selber von ihrer Bosheit nicht ablassen, sollen sie die mit ihnen Zusammenlebenden
nicht auf falsche Wege führen ...

Wie also Vollkommene die Sünder in ihrer Nähe nicht meiden sollen, weil sie diese oft
auf den rechten Weg zurückführen können und sich selber nie auf Abwege locken
lassen, so sollen Schwache die Gemeinschaft der Bösen meiden, damit sie nicht Lust
bekommen, die oft beobachteten Sünden, die sie nicht zu bessern vermögen,
nachzuahmen. Denn täglich nehmen wir die Reden der Nächsten im Geiste auf, so wie
wir mit dem Leibe ein- und ausatmen.

[364] Schon durch die Verhaltensweisen der Gäste wird deutlich, daß diese
Königshochzeit (vgl. Mt 22,1-13) auf die gegenwärtige Kirche hinweist, in der mit den
Guten auch Böse zusammenkommen. Sie ist durch die Verschiedenheit ihrer Kinder
bunt gemischt, denn sie gebiert zwar alle zum Glauben, doch sie vermag aufgrund der
Schuld nicht alle durch ein gewandeltes Leben zur Freiheit der Geistesgnade zu führen.

Solange wir hier leben, können wir nicht anders als in Vermischung auf dem Weg durch
diese Welt wandern.
Erst wenn wir ans Ziel gelangt sind, werden wir getrennt. Die Guten sind nie für sich
allein außer im Himmel; und die Bösen sind nie für sich allein außer in der Hölle. Doch
dieses Leben, das gleichsam mitten zwischen Himmel und Hölle liegt, nimmt mitein-
ander die Bürger beider Seiten auf; diese werden aber von der Kirche zunächst
ungesondert aufgenommen, um sie später beim Tod zu unterscheiden.

Falls ihr also gut seid, ertragt, solange ihr in diesem Leben weilt, die Bösen mit
Gleichmut. Wer nämlich die Bösen nicht erträgt, bezeugt sich durch seine
Unduldsamkeit selbst, daß er noch nicht zu den Guten gehört.

[365] Das Himmelreich gleicht einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und alle Arten
von Fischen enthält (Mt 13,47). Die Kirche wird Himmelreich genannt, denn indem der
Herr sie in ihrer Lebensweise zum Himmlischen emporhebt, herrscht sie durch ihren
himmlischen Wandel bereits im Herrn. Zu Recht wird sie auch mit einem ins Meer
geworfenen Fischernetz verglichen, das alle Arten von Fischen enthält, denn sie weist, in
diese heidnische Welt gesandt, niemanden zurück. Sie umfängt vielmehr Böse und Gute,
Hochmütige und Demütige, Jähzornige und Sanftmütige, Törichte und Weise.

[366] Da nun Gute und Böse miteinander in diesem Leben stehen, ist die Kirche in
dieser Zeit auf sichtbare Weise aus der Zahl beider zusammengefügt. Doch Gottes Urteil
unterscheidet sie auf unsichtbare Weise, so daß sie an ihrem Ende von der Gesellschaft
der Verworfenen getrennt wird.

Jetzt aber können in ihr weder die Guten ohne die Bösen noch die Bösen ohne die Guten
leben. Denn in dieser Zeit sind beide Teile füreinander notwendig, damit die Bösen
durch das Beispiel der Guten gewandelt und die Guten durch die Versuchungen der
Bösen geläutert werden.

[367] Ich bezweifle, daß einer ein Abel sein kann, der nicht einen Kain erleben mußte.
Wenn die Guten ohne die Bösen wären, könnten sie nicht vollkommen gut sein, da sie
kaum geläutert würden. Das Zusammenleben mit den Bösen dient zur Läuterung der
Guten.
[368] Gute Erde bringt ihre Frucht in Geduld (vgl. Lk 8,15), denn das Gute, das wir tun,
ist wertlos, sofern wir nicht auch das Böse im Nächsten gleichmütig ertragen.

Je weiter einer vorangeschritten ist, desto Härteres wird er in dieser Welt zu ertragen

haben.

Wenn sich nämlich die Liebe unseres Herzens von der gegenwärtigen Welt abkehrt,
wächst der Widerstand in dieser Welt. Daher sehen wir nicht wenige, die Gutes wirken
und sich dennoch unter der schweren Last der Drangsale abmühen. Sie fliehen die
irdischen Begierden und werden dennoch mit noch härteren Schlägen heimgesucht.

Doch sie bringen, gemäß dem Wort des Herrn, Frucht in Geduld, und weil sie demütig
die Schläge empfangen haben, werden sie nach den Schlägen in die himmlische Ruhe
aufgenommen:

so wie die Traube mit den Füßen zertreten und zu wohlschmeckendem Wein geklärt
wird, wie die Olive, zerstoßen und gepreßt, ihren Schaum absondert und sich zu fettern
Öl verflüssigt, wie auf der Tenne die Körner durch das Dreschen von der Spreu
geschieden werden und gereinigt in die Vorratskammer gelangen.

Wer also danach strebt, die Fehler völlig zu überwinden, muß die Schläge seiner

Läuterung demütig zu erdulden suchen, damit er später umso reiner vor den Richter

treten kann, je gründlicher ihn jetzt das Feuer der Drangsal vom Rost reinigt.

[369] Sinnvoll wird hinzugefügt: Und für Gold gibt es einen Ort, wo man es läutert (Ijob
28,1), als sollte damit deutlich werden: Die wahre Weisheit der Gläubigen, die ihren Ort
in der universalen Kirche haben, erleidet zwar unter ihrer Verfolgung Bedrängnis, wird
aber durch das Feuer der Verfolgung von allem Schmutz der Sünden gereinigt.
[370] Als man das Haus erbaute, wurde es mit behauenen und vollkommenen Steinen
erbaut. Man hörte also keinen Hammer, keinen Meißel und sonstiges Eisenwerkzeug beim
Bau des Hauses (1 Kön 6,7). Was bedeutet denn dieses Haus anderes als die heilige
Kirche, in der Gott im Himmel wohnt? Zu ihrem Aufbau werden die Seelen der
Erwählten wie behauene Steine herbeigebracht. Da sie im Himmel erbaut wird, ertönt
dort kein formender Hammerschlag, denn man bringt uns als behauene und
vollkommene Steine dorthin, um uns nach Verdienst an der richtigen Stelle einzufügen.
Hier draußen aber werden wir behauen, um ohne Makel dorthin zu gelangen.

[371] Das himmlische Jerusalem wird wie eine Stadt erbaut. Wenn es in dieser irdischen
Pilgerschaft von Heimsuchungen getroffen, mit Drangsalen geschlagen wird, so werden
die Steine dieser Stadt täglich zum rechten Maß geformt. Es ist die Stadt, das heißt die
heilige Kirche, die einmal im Himmel herrschen wird, jetzt aber sich auf Erden noch
abmüht.

[372] Alle, die der heiligen Kirche nachstellen, tun sie denn etwas anderes, als die Kelter
treten? Was durch die göttliche Vorsehung zugelassen wird, erlaubt, daß die Trauben
der Seelen zu geistlichem Wein werden und, die vergängliche Leibeshülle zurücklassend,
ins himmlische Reich wie in ein Weinlager strömen. Denn wenn die Ungerechten die
Gerechten bedrängen, dann zertreten sie die Trauben mit den Füßen. Doch die
zerstampften Trauben, die vorher in der Freiheit dieser Weltzeit hingen, strömen
reichlich zur Fülle des himmlischen Festmahles.

[373] So versteht es die heilige Kirche, im Leiden heranzureifen ... [und] ihren Sinn
gegen die Widrigkeiten voller Hoffnung auf das Himmlische zu richten.

[374] Denn zunächst wird die heilige Kirche durch die Geißel schwerer Heimsuchung
gezüchtigt, um so zum vollkommenen Leben zu erstarken.

[375] Sie möchte hier Widriges auf sich nehmen, um geläutert zum Lohn ewiger
Vergeltung zu gelangen .... Durch Widerstand schreitet sie voran.
[376] Jetzt bin ich ihnen zum Spottlied geworden und muß ihnen zum Gerede dienen (Ijob
30,9). Diese Worte bringen jene Zeit der Kirche zum Ausdruck, da sie von den Ab-
trünnigen öffentlich verspottet wird, da die Gottlosen überhand nehmen, der Glaube als
Schande gilt und alle Wahrheit in Frage gestellt wird

Je gerechte und untadeliger einer lebt, umso verachteter und verhaßter ist er ..

Die heilige Kirche der Erwählten wird in der Zeit der Drangsal zum Gerede der Sünder,
die im Anblick der qualvoll sterbenden Guten den Anlaß für ihre Verwünschungen
finden. Sie sehen nur den augenblicklichen Tod, das unvergängliche Leben aber
erkennen sie nicht. Je weniger sie durch die innere Einsicht zu den beständigen Gütern
gelangen, umso mehr fliehen sie voller Hohn die gegenwärtigen Übel.

[377] Dem Lehm bin ich gleichgemacht, Staub und Asche ähnlich geworden (Ijob 30,19).
Im Urteil der Gottlosen wird die Kirche dem Lehm gleichgesetzt, weil sie in dieser Zeit
mit Füßen getreten und verachtet wird. Als Staub und Asche wird sie betrachtet, denn
weil die Gottlosen ihre inneren Güter nicht sehen, meinen sie, es gäbe in ihr nur die
Übel, die sie mit dem leiblichen Auge an ihr wahrnehmen.

[378] Die Seelen der Erwählten übertreffen mit dem Glanz ihrer Schönheit die ganze
Menschheit, die nur nach menschlichen Maßstäben lebt. ...

Deshalb wird auch zur heiligen Kirche, die mit der Schönheit der Erwählten
geschmückt ist, vom Psalmisten gesagt: Der König begehrt deine Schönheit (Ps 45,12).
Und wenig später heißt es von ihr: Alle Herrlichkeit der Königstochter ist innerlich (Ps
45,14). Würde sie nämlich äußeren Glanz anstreben, dann besäße sie die innere, vom
König begehrte Schönheit nicht.

[379] Bevor die Braut das Hochzeitsgemach betritt, entfernt sie alles Häßliche aus ihrem
Leben und, sich für die Liebe des Bräutigams bereitend, schmückt sie sich mit dem
Glanz der Tugenden. Sie möchte dem Urteil des inneren Richters gefallen und, von
innerster Sehnsucht emporgetragen, alle Makel menschlichen Lebens hinter sich lassen.
Aus: Gregor der Große – Von der Sehnsucht der Kirche -