Sie sind auf Seite 1von 1
ZEIT ONLINE 16/1973 S. 48 [ http://www.zeit.de/1973/16/Kapitalismus−ohne−Arbeitslosigkeit ] Kapitalismus ohne

ZEIT ONLINE

16/1973 S. 48

Kapitalismus ohne Arbeitslosigkeit

Nur wenige Thesen von Marx sind in dem Jahrhundert nach ihrer Veröffentlichung so unangefochten geblieben wie diese Deklaration der industriellen Reservearmee" als absolutes, allgemeines Gesetz der kapitalistischen Akkumulation". Die Umgangssprache wählte dafür den Begriff der Arbeitslosen", und niemand konnte ableugnen, daß die Arbeitslosigkeit in geringerem oder größerem Umfange unablässige Begleiterscheinung der kapitalistischen Wirtschaftsgesellschaft war, allerdings als negatives Merkmal der Prosperität, nicht als positives Zeichen der wachsenden Potenzen des Reichtums".

Der Begriff der industriellen Reservearmee, der überschüssigen Arbeiterbevölkerung, blieb fester Bestandteil der sozialistischen Programmatik. Im Erfurter Programm der Sozialdemokratischen Partei heißt es 1891:

Immer größer wird die Zahl der Proletarier, immer massenhafter die Armee der überschüssigen Arbeiter." Und Karl Kautsky sagt noch 1908:

Die Arbeitslosigkeit ist also eine ständige Erscheinung der kapitalistischen Großindustrie, die mit ihr

untrennbar verknüpft ist. Auch in den besten Zeiten

Tätigkeit zu setzen,

diese Reservearmee unschätzbar. Sie bildet für ihn eine wichtige Waffe, um die Armee der Arbeitenden im Zaum zu halten und sie fügsam zu machen."

ist die Industrie nicht im Stande, alle Arbeitslosen in

die industrielle Reservearmee, wie Marx sie genannt

Für den Kapitalisten ist

Das Phänomen der industriellen Reservearmee war für die ».Marxisten" ein tragender Baustein auch, im Gebäude des proletarischen Klassenkampfes, so daß selbst der Plan einer Arbeitslosenunterstützung 1891 durch Friedrich Engels schroff abgewiesen wurde:

Es kann doch nicht Aufgabe der Sozialdemokratie sein, das Simulantentum systematisch zu fördern und die Großziehung des Lumpenproletariats auf Kosten der arbeitenden Teile der Bevölkerung zu verlangen?

diese Arbeitslosigkeit

Aber sie ist zugleich der Sporn, der ihn antreibt, für die Beseitigung einer Gesellschaftsordnung zu wirken, in

der der Arbeiter

steht wie ein drohendes Gespenst hinter dem Rücken des Proletariers von heute

doch nur ein Sklave ist."

Karl Kautsky nennt 1908 noch einmal die Quellen, auf die Marx im Kommunistischen Manifest und im Kapital" die industrielle Reservearmee zurückführt: die Expropriierung von Kleinbauern und Kleinbürgern", die Herbeischaffung von Arbeitermassen aus fernen Ländern", den Zuzug der Landarbeiter in die Städte", und besonders betont er: Und von immer weiter her ziehen die bedürfnislosen, ausdauernden und widerstandslosen Scharen herbei. Slawen, Schweden und Italiener kommen als Lohndrücker nach Und gleichzeitig wirkt die Maschine dahin, Arbeitskräfte überflüssig zu machen."

Bis nach dem Ersten Weltkrieg gab es keine Feststellung der Arbeitslosenzahl, die ein wahres Bild von der Größe jener Reservearmee geben könnte. Für die Zeit von 1918 bis 1933 ist bekannt, daß die Arbeitslosigkeit in jeweils entgegengesetzter Tendenz die Konjunkturschwankungen begleitete, bis sie 1932 ihren Höhepunkt erreichte, der nur durch eine politisch geführte Arbeitsschlacht" abgebaut wurde, also nicht auf normalem ökonomischem Wege. Nach 1945 dauerte es wieder geraume Zeit, ehe klare Statistiken gewonnen werden konnten:

DIE ZEIT, 13.04.1973 Nr. 16