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ZWEITER TEIL NATURWISSENSCHAFTLICHE TECHNIK

KAPITEL VI

DIE ANFÄNGE DER NATURWISSENSCHAFT- LICHEN TECHNIK

Es läßt sich keine scharfe Trennungslinie zwischen natur- wissenschaftlicher Technik und dem überlieferten Hand- werk und Kunsthandwerk ziehen. Das wesentliche Kenn- zeichen der naturwissenschaftlichen Technik ist die Nutz- barmachung von Naturkräften auf eine dem gänzlich Un-

eingeweihten unverständliche

Art und Weise. Eine be-

stimmte Reihe von Wünschen bildet dabei die Voraus- setzung: Der Mensch braucht Nahrung, er will Nachkom- menschaft, Bekleidung, Wohnung, Vergnügen und Ruhm. Der Ungebildete kann sich diese Dinge nur zu einem klei- nen Teil verschaffen; Menschen, die über das wissenschaft- liche Rüstzeug verfügen, vermögen da viel mehr. Ver- gleichen wir etwa König Krösus mit einem modernen amerikanischen Milliardär. König Krösus war dem mo- dernen Magnaten vielleicht in zweierlei Hinsicht überlegen;

seine Gewänder waren kostbarer und seine Frauen zahl- reicher. Doch ist es wahrscheinlich, daß die Kleider seiner Frauen nicht so kostbar waren wie die der Gattin des modernen Magnaten. Ein Teil der Überlegenheit des

modernen Magnaten beruht darauf,

daß er sich nicht in

glitzernde Gewänder hüllen muß, damit seine Größe an- erkannt werde; dies besorgen schon die Zeitungen. Ich glaube, Krösus war zu seinen Lebzeiten nicht den hundert- sten Teil so bekannt wie etwa heute ein Hollywood-Star. Die erhöhte Möglichkeit, berühmt zu werden, verdanken wir der naturwissenschaftlichen Technik. Auch.in Hinblick auf all die anderen Objekte menschlichen Wünschens ist es ganz klar, daß sich durch die moderne Technik die Zahl

derer ungeheuer vermehrt hat, die sich eines

gewissen

Maßes von Zufriedenheit

erfreuen können.

Die Zahl der

Menschen, die jetzt ihr eigenes Auto besitzen, übersteigt bestimmt die Zahl derer, die vor 150 Jahren genug zu

  • 120 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

essen hatten. Durch sanitäre Einrichtungen

und Hygiene

haben die naturwissenschaftlichen

Nationen dem Typhus,

der Pest und einem Heer anderer

Seuchen ein Ende be-

reitet, die heute noch im Osten grassieren

und früher ein-

mal Westeuropa heimsuchten. Wenn man aus dem Ver- halten Schlüsse ziehen darf, dann war noch bis vor kurzem

eines der brennendsten

Verlangen

der Menschheit,

zu-

mindest

aber eines der energischeren

Teile

von ihr, ein

bloßes zahlenmäßiges

Wachstum.

In dieser

Hinsicht

er-

wiesen sich die Naturwissenschaften

als äußerst

erfolg-

reich. Vergleichen

wir

nun

die Zahl

der Menschen

in

Europa

um 1700 mit der Zahl der Menschen europäischer

Abstammung

von heute.

Die Bevölkerung

Englands be-

trug 1700 ungefähr

5 Millionen,

heute beträgt

sie etwa

 

40 Millionen. Die Bevölkerung der anderen europäischen

Länder

hat, wenn wir von Frankreich

absehen, vermutlich

im gleichen Verhältnis zugenommen. Die Bevölkerung europäischer Abstammung beträgt heute ungefähr 725 Mil-

lionen.

Andere

Rassen haben

sich aber

in der gleichen

Zeit viel weniger

rasch vermehrt. Allerdings vollzieht sich

in dieser

Hinsicht derzeit auf der ganzen Welt ein Wandel.

Die wissenschaftlich begabten Rassen vermehren sich nicht mehr sehr, und ein wirklich rasches W'achstum ist auf solche

.

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Länder beschränkt, deren Regierung" wissenschaftlich", de-l ren Bevölkerung aber "unwissenschaftlich" ist. Doch sind •

die Ursachen hiefür erst jungen

Datums und brauchen

uns augenblicklich nicht zu beschäftigen.

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Die frühesten Anfänge der naturwissenschaftlichen Tech-

nik fallen in prähistorische

Zeiten;

wir wissen zum Bei-

spiel

nichts über

den Ursprung

der Verwendung

des

Feuers;

daß es aber in jenen

frühen

Zeiten schwer war

sich Feuer zu verschaffen,

geht aus der Sorgfalt

hervor:

mit der in Rom und anderen

Städten einer frühen Zivilisa-

tion heilige

Feuer

gehütet

wurden.

Die Domestikation

von Tieren

vollzog sich auch in der Hauptsache

in prä-

historischen

Zeiten,

doch nicht ganz.

Das Pferd

eroberte

das westliche Asien in den Tagen der Sumerer und schenkte

 

ANFÄNGE DER TECHNIK

121

denen den militärischen

Sieg, die es dem Esel vorzogen.

In Ländern mit trockenem Klima fallen die Anfänge

des

Schreibens praktisch

mit

den Anfängen

der Geschichte

zusammen, da sich schriftliche Aufzeichnungen in Ägypten

und Babylonien viel länger erhalten

Ländern mit weniger ausgetrocknetem

konnten, als sie es in Boden getan hät-

ten. Der nächste bedeutende der naturwissenschaftlichen

Abschnitt in der Geschichte

Technik kam mit der Metall-

bearbeitung,

welche zur Gänze in historische Zeiten

fällt.

Zweifellos

nur deshalb, weil Eisen damals erst eine junge

Erfindung war, untersagen gewisse Bibelstellen seine Ver-

wendung bei der Errichtung

von Altären.

Straßen wur-

den von ihren Anfängen an bis zum Sturze Napoleons

vorwiegend

aus militärischen Gründen angelegt.

.Sie w~-

ren wesentlich für den Zusammenhalt

großer

Reiche; SIe

 

wurden

aus diesem Grunde

zum ersten Male unter

den

Persern

wichtig, im vollen Ausmaß

wurden

sie von den

Römern entwickelt. Das Mittelalter brachte Schießpulver

und den Schiffskompaß und an seinem Ausgang findung der Buchdruckerkunst.

die Er-

 

Jemandem, der an die verfeinerte Technik des modernen

Lebens gewöhnt

ist, mag all dies ziemlich bedeutungslos

erscheinen,

tatsächlich

aber machte

es den Unterschied

zwischen dem primitiven Menschen und der höchsten Stufe

geistiger und künstlerischer Zivilisation

aus.

Es ist heute

so üblich geworden, gegen das Maschinenzeitalter

zu pro-

testieren

und sich in bewegten Worten

nach der Rückkehr

einfacherer Tage zu sehnen.

Das ist aber gar nichts Neues.

Schon Lao Tse, der

Vorläufer

des Konfuzius,

der, falls es

ihn überhaupt

gab,

im 6. Jahrhundert

vor Christus lebte,

ist ebenso beredt wie Ruskin, wenn er die Vernichtung

altertümlicher

Schönheit durch moderne mechanische Er-

findungen beklagt. Straßen,

Brücken und Boote erfül~ten

ihn mit Entsetzen,

weil

sie unnatürlich waren.

Er spncht

von der Musik ebenso wie ein moderner

Intellektueller

vom Kino. Er findet das Hasten des modernen

Lebens

verderblich für die kontemplative

Betrachtung.

Als er es

  • 122 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

in China nicht länger

aushielt,

verließ

er es und tauchte

bei den westlichen Barbaren

unter.

Er glaubte,

daß die

Menschen ein naturgemäßes

Leben führen

sollten -

eine

Ansicht, die immer wieder im Laufe der Jahrhunderte

aufscheint, wenn auch mit wechselnden Vorzeichen. Auch

Rousseau glaubte

an die Rückkehr

zur Natur,

doch er-

hob er keine Einwände Boote. Das Hofleben, nierten Vergnügungen

mehr gegen Straßen, spätes Zubettgehen der Reichen waren

Brücken und und die raffi- es, die seinen

Zorn erweckten.

Den Typus

von Mensch,

der ihm als

erschien, hätte

Lao Tse für un-

unverbildetes Naturkind glaublich verschieden

von

denen

gehalten,

die er

"die

reinen Männer der Vergangenheit"

nannte.

Lao Tse ist

gegen

das Zähmen

von Pferden,

gegen die Künste

der

Töpfer

und Schreiner;

Rousseau hätte

einen Schreiner

für

den Prototyp

ehrsamer Arbeit gehalten.

"Rückkehr

zur Natur"

bedeutet

praktisch

Rückkehr

zu jenen

Zu-

ständen,

an die der Schreiber

in seiner

Jugend

gewöhnt

war.

Wollte man den Ruf nach Rückkehr zur Natur

ernst

nehmen,

würde 'dies den Tod oder das Verhungern

von

einigen 90 Prozent der Bevölkerung

der zivilisierten Län-

der bedeuten. Zweifellos bringt die Industrialisierung

von

heute, so wie sie ist, große Schwierigkeiten

mit sich, doch

kann man sie nicht durch eine Rückkehr

zu vergangenen

Zuständen

heilen, ebensowenig wie die Schwierigkeiten

Chinas

zur Zeit

des Lao Tse oder

die Frankreichs

zur

Zeit Rousseaus.

Die Naturwissenschaften

als Erkenntnisquelle nahmen

während

des 17. und 18. Jahrhunderts

einen raschen Auf-

schwung, aber erst gegen Ende

des 18. Jahrhunderts

be-

gannen sie auf die Produktionstechnik

Einfluß zu haben.

Es gab weniger Veränderungen

in den Arbeitsmethoden

von der Zeit der alten Agypter bis 1750 als von 1750 bis

heute. Gewisse grundlegende

Fortschritte vollzogen sich

langsam:

Sprache, Feuer, Schrift, Ackerbau, die Domesti-

kation von Tieren, die Metallbearbeitung,

Schießpulver,

Buchdruck, die Kunst, ein großes Reich von einem Mittel-

ANFÄNGE DER TECHNIK

123

punkt

aus zu regieren,

obwohl diese letztere

Kunst nicht

mit

jener Vervollkommnung

zu vergleichen

ist, die heute

seit der Erfindung der Telegraphie und der Dampf.lokom~-

tive erreicht ist. Jeder

dieser Fortschritte

paßte Sich, weil

er langsam erfolgte, dem Rahmen der überlieferten

Le-

bensformen ohne allzugroße Schwierigkeiten

an, und

zu

keinem Zeitpunkt

waren sich die Menschen einer Revolu-

tionierung ihrer alltäglichen Gewohnheiten

bewußt.

Fast

alles worüber der Mann als Erwachsener

war 'ihm schon von Kindheit

an vertraut,

gerne sprach,

und ebenso sei-

nem Vater und seinem Großvater vor ihm. Dies hatte be-

stimmt seine guten Wirkungen,

die uns durch ~en raschen

technischen Fortschritt

von heute verlorengmgen.

Der

Dichter konnte von seiner Gegenwart

in Worten

singen,

die langer Gebrauch an Gefühlen

bereichert hatte und die

von den darin eingebetteten Empfindungen

vergangener

Zeiten Farbe gewannen.

Heutz~ta&e I?uß er entw?der ~er

Gegenwart ausweichen oder seme ~ichtungen mit Wor-

tern füllen

die unschön und rauh wirken, Man kann wohl

in der Spr~che der Dichtkunst

einen Brief schreiben, kaum

jedoch am Telephon

sprechen;

es ist ~öglich,

lyrisch~n

Weisen zu lauschen, nicht aber dem Radio: man kan~ Wie

der Wind

auf einem feurigen

Hengst reiten,

doch ist es

schwierig, in irgendeinem Versmaß schnell.er als .~er W~.nd im Auto zu fahren. Der Dichter kann sich Flugel wun-

sehen, um zu seiner Liebsten

zu fliegen, doch wird ihm dies

wenn er daran

denkt, daß er

ziemlich töricht vorkommen,

sich zu diesem Zweck in Croydon

ein Flugzeug bestellen

kann.

Die ästhetische

Wirkung der Naturwissenschaften

war

daher

im großen

und ganzen

eine ungü~stige,.

doch hat

meiner Ansicht nach weniger eine wesentliche Eigenschaft

der

Naturwissenschaften

schuld dar an, sondern

vielmehr

Umwelt,

in der der moderne

die

rasch sich wandelnde

Mensch lebt.

In mancher anderen

Wirkungen der Naturwissenschaften

Hinsicht aber waren die viel seg.ensreic~ere.

 

Es ist eine merkwürdige

Tatsache,

daß die Zweifel

an

  • 124 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

dem letzten metaphysischen Wert der naturwissenschaft- lichen Erkenntnis überhaupt keinen Einfluß auf ihre Nütz- lichkeit in bezug auf die Produktionstechnik haben. Die naturwissenschaftliche Methode hängt eng mit der sozialen Tugend der Unparteilichkeit zusammen. Piaget behauptet in seinem Buche Judgment and Reasoning in the Child, daß die Fähigkeit vernünftig zu denken ein Produkt des Sozialgefühls sei. Jedes Kind, so sagt er, träumt zunächst von Allmacht, wobei sich die Tatsachen nach seinen Wün- schen zu richten haben. Allmählich zwingt es die Berüh- rung mit anderen zu der Einsicht, daß ihre Wünsche den seinen widersprechen können und daß seine Wünsche nicht unbedingt einen Maßstab für die Wahrheit bilden. Nach Piaget entwickelt sich das vernünftige Denken als eine Methode, eine soziale Wahrheit zu finden, welche die Zu- stimmung aller erhält. Diese Behauptung ist, wie ich glaube, in weitem Maße zutreffend und weist nachdrück- lich auf ein großes Verdienst der naturwissenschaftlichen Methode hin, daß sie nämlich jene unlösbaren Meinungs- verschiedenheiten zu meiden trachtet, die sich dann er- geben, wenn man das persönliche Gefühl als Prüfstein der Wahrheit betrachtet. Piaget berücksichtigt aber nicht eine andere Seite der naturwissenschaftlichen Methode, nämlich

die, daß sie Macht über die Umwelt verleiht und auch die Macht, sich ihr anzupassen. Es kann zum Beispiel ein Vor- teil sein, wenn man imstande ist, das Wetter vorherzu- sagen; wenn ein Mann dabei recht behält, während alle

seine Kameraden unrecht haben, bleibt der Vorteil

auf

seiner Seite, obwohl uns eine rein soziale Definition

der

Wahrheit zwingen würde, ihn als im Unrecht befindlich zu betrachten. Dieser Erfolg bei der praktischen Erprobung der Macht über die Umwelt oder der Anpassung an sie war es, welchem die Naturwissenschaften ihr hohes Ansehen verdanken. Die chinesischen Kaiser nahmen wiederholt davon Abstand, die Jesuiten zu verfolgen, weil diese das Datum von Sonnenfinsternissen richtig vorhersagen konn- ten, während die chinesischen Astronomen unrecht hatten.

ANFANGE DER TECHNIK

125

Das ganze moderne Leben baut auf dem praktischen Er- folg der Naturwissenschaften auf, jedenfalls soweit die unbeseeIte Natur in Betracht kommt. Bei der direkten Anwendung auf den Menschen hatten sie bisher geringeren

Erfolg, und sie haben dabei mit der Gegnerschaft der überlieferten Glaubensvorstellungen zu rechnen, doch ist nicht daran zu zweifeln, daß auch der Mensch in die wis- senschaftliche Betrachtungsweise einbezogen werden wird, falls unsere Zivilisation bestehenbleibt. Dies wird großen Einfluß auf die Erziehung und Strafrecht, vielleicht auch auf das Familienleben haben. Doch sind dies Entwick- lungsmöglichkeiten der Zukunft. Das wesentliche Neue an der naturwissenschaftlichen Technik ist die Nutzbarmachung von Naturkräften auf eine Weise, die dem uneingeweihten Beobachter nicht ein- leuchtet, sondern die das Ergebnis bewußten Forschens

ist. Die

Anwendung des. Dampfes,

einer der frühesten

Schritte auf dem Entwicklungsweg der modernen Technik, stellt einen Grenzfall dar, da jedermann die Dampfkraft in einem Kessel beobachten kann, so wie es angeblich Ja- mes Watt tat. Die Verwendung der Elektrizität ist viel deutlicher wissenschaftlich. Die Verwendung der Wasser- kraft in einer altmodischen Wassermühle ist verwissen- schaftlich, weil der ganze Mechanismus auch dem Laien klar ist; aber die moderne Nutzbarmachung der Wasser- kräfte mittels Turbinen ist wissenschaftlich, da der da- durch ausgelöste Vorgang einer Person ohne naturwissen- schaftliche Kenntnis völlig überraschend kommt. N atiir- lieh ist die Trennungslinie zwischen wissenschaftlicher und vorwissenschaftlicher Technik keine scharfe, und niemand kann gen au angeben, wo die eine aufhört und die andere anfängt. Primitive Ackerbauer verwendeten menschliche Körper zur Düngung und hielten ihre segensreiche Wir- kung für magisch. Dieses Stadium war deutlich verwissen- schaftlich. Die Verwendung von Naturdünger, die darauf folgte und sich bis heute erhalten hat, ist dann wissen- schaftlich, wenn sie durch ein sorgfältiges Studium der

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TECHNIK

anorganischen

Chemie reguliert

wird,

sie ist aber

un-

wissenschaftlich, wenn bloß über den Daumen gepeilt wird.

Die Anwendung

von Kunstdüngemitteln

ist klar

und

eindeutig wissenschaftlich, da sie auf chemischen Vorgän-

gen beruht,

die kluge Chemiker

erst nach langwieriger

Forscherarbeit entdeckten. Das wesentlichste Kennzeichen der naturwissenschaft-

lichen Technik ist, daß sie nicht ein Ergebnis der Tradition,

sondern des Experiments ist.

Die experimentelle

Denk-

weise sich anzueignen,

ist für die meisten

Menschen sehr

schwierig; ja die Wissenschaft einer Generation

ist für die

nächste schon zur Tradition

geworden,

und es gibt weite

Bereiche, z. B. den der Religion,

in die die experimentelle

Denkweise kaum noch eingedrungen ist. Trotzdem ist es

gerade diese Geisteshaltung,

welche die moderne

Zeit im

Gegensatz zu früheren Jahrhunderten

kennzeichnet, und

ihr ist es zuzuschreiben,

daß die Macht des Menschen über

seine Umwelt während der letzten 150 Jahre so unermeß-

lich größer war als in den Zivilisationen heit.

der Vergangen-

KAPITEL VII

DIE TECHNIK

IN DER UNBESEELTEN

NATUR

Die angewandten

Naturwissenschaften

feierten

bisher

ihre größten Triumphe auf dem Gebiete

der Physik und

Chemie. Wenn

die Menschen an

Technik denken, so den-

ken sie in erster

Linie an Maschinen. Es ist wahrscheinlich,

daß in naher

Zukunft

Biologie und Physiologie

ähnliche

Triumphe

feiern und endlich ebensoviel

Macht erlangen

werden, die Denkungsweise

des Menschen zu ändern,

wie

die Technik bereits dort besitzt, wo sie es mit der unbeseel-

ten Umwelt

zu tun hat.

Dieses Kapitel

wird sich jedoch

nicht mit den biologischen Anwendungen der Naturwis- senschaften beschäftigen, sondern mit dem vertrauteren,

aber auch abgedroscheneren Bereiche der Maschinen.

Thema ihrer Anwendung im

Die meisten Maschinen,

im engeren

Sinne des Wortes,

haben nichts mit dem zu tun, was den Namen Naturwissen-

schaften verdient. Die Maschinen waren ursprünglich

nur

ein Mittel,

die unbeseelte

Materie

dazu zu bringen,

eine

Reihe regelmäßiger Bewegungen auszuführen, die vordem von den Körpern, besonders von den Händen der Men-

schen geleistet wurden.

Dies wird vor allem augenfällig

beim Spinnen und Weben. Die Naturwissenschaften

spiel-

ten auch in den ersten Anfängen der Eisenbahn und der

Dampfschiffahrt

eine verhältnismäßig

bescheidene Rolle.

Die

Menschen machten sich hierbei Kräfte dienstbar,

die

gar nicht geheimnisvoll waren, und das Erstaunen,

das

diese Idee hervorrief, war ganz unberechtigt.

Im Falle der

Elektrizität

liegen

die Dinge

allerdings

wesentlich an-

ders. Ein Elektriker

muß eine ganz neue Art des gesunden

entwickeln,

die dem, der nichts von

Menschenverstandes

Elektrizität

versteht, völlig abgeht.

vernunftgemäßen

Denkens

besteht

Diese neue Art

des

ganz aus Wissen,

das

mit Hilfe der Naturwissenschaften

erworben

wurde.

Ein

Mensch, der seine Tage in ländlicher Abgeschiedenheit ver-

  • 128 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

 

TECHNIK UND NATUR

129

bringt, weiß etwa, wie sich wahrscheinlich ein wütender

von denen die Rundfunktechnik abhängt. Die bedeutungs-

matische Form brachte und auf Grund von rein theoreti-

Stier

benehmen wird, wie alt und weise er aber auch sein

volle naturwissenschaftliche Erkenntnis beginnt mit Fa-

mag,

er wird nicht wissen, wie sich der elektrische Strom

raday, der als erster experimentell den Zusammenhang

wahrscheinlich verhalten wird. Einer der Zwecke der industriellen

Technik ist es seit

des dazwischentretenden Mediums mit elektrischen Erschei- nungen untersuchte. Faraday war kein Mathematiker, und

je, die menschliche Muskelkraft durch andere Formen der Energie zu ersetzten. Die Tiere hängen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse ganz von ihren eigenen Muskeln ab, und der primitive Mensch vermutlich ebenso. Allmählich er- warb der Mensch mehr Wissen, er konnte in wachsendem

Ochsen und das Pferd zu zähmen als den elektrischen Strom

so war es Clerk-Maxwell, der seine Ergebnisse in mathe-

schen Konstruktionen entdeckte, daß das Licht aus elektro- magnetischen Wellen besteht. Den nächsten Schritt tat Hertz, der als erster elektromagnetische Wellen künstlich

Maße die Energiequellen beherrschen und seine eigenen

erzeugte.

Es blieb dann nur noch die Aufgabe

zu lösen,

Muskeln schonen. Irgendein Genie erfand in grauer Vor-

Apparate

zu erfinden, mit deren Hilfe Wellen zur kom-

zeit das Rad, und irgendein anderes Genie brachte den Ochsen und das Pferd dazu, das Rad sich drehen zu las- sen. Es muß eine schwierigere Aufgabe gewesen sein, den

zu bändigen, doch war sie doch mehr eine Frage der Ge- duld als der Intelligenz. Die Elektrizität dient wie einer der Dämonen in Tausendundeiner Nacht willig jedem, der

merziellen Auswertung erzeugt werden konnten. Dies tat, wie allgemein bekannt ist, Marconi. Soweit dies über-

haupt feststellbar ist, dachten weder Faraday, noch Hertz oder Marconi auch nur einen Augenblick lang an die prak- tische Anwendung ihrer Forschungsergebnisse. Ja es war erst dann möglich vorauszusehen, wozu sie verwendet wer- den konnten, als sie nahezu abgeschlossen waren.

die Formel kennt: die Entdeckung der Formel ist schwie- rig, alles weitere ist dagegen leicht. Im Falle des Ochsen und des Pferdes bedurfte es keiner besonderen Klugheit,

Sogar in solchen Fällen,

in denen der Zweck ein durch-

aus praktischer war, ergab sich die Lösung eines Problems sehr oft aus der Lösung eines anderen, mit dem es dem

träumen, daß er sich auch dafür eigne.

 

um zu erkennen,

daß ihre Muskeln die Arbeit wirksamer

Anschein nach gar keinen Zusammenhang hatte. Nehmen

leisten konnten als die der Menschen vorher, doch kostete es viel Mühe und Zeit, bis sich Ochse und Pferd dem Wil- len ihres Bezähmers unterwarfen. Manche behaupten, sie wurden nur deshalb gezähmt, weil sie Verehrung genossen und daß sie erst dann praktisch verwendet wurden, als sie die Priester ganz domestiziert hatten. Diese Theorie hat ihrem ganzen Wesen nach viel Wahrscheinlichkeit für sich weil fast jeder bedeutende Fortschritt desinteressierten Motiven entspringt. Wissenschaftliche Entdeckungen wur- den um ihrer selbst willen und nicht wegen ihrer prakti- schen Verwendbarkeit gemacht, und eine Menschheit ohne desinteressierte Liebe zur Erkenntnis hätte niemals unser derzeitiges technisches Wissen erlangen können. Betrach- ten wir z. B. die Theorie der elektromagnetischen Wellen,

wir als Beispiel das Problem des Fliegens. Dieses hat zu allen Zeiten die Phantasie des Menschen gereizt. Leonardo widmete ihm mehr Zeit als der Malerei. Aber bis in unsere Gegenwart herein wurde der Mensch durch den Gedanken irregeleitet, daß er einen Mechanismus finden müsse, der den Flügeln des Vogels entspräche. Erst die Entdeckung des Benzinmotors und seine Entwicklung für den Autobau führte zu einer Lösung des Flugproblems, doch ließe es sich in den Anfangsstadien des Benzinmotors niemand

Eines der schwierigsten Probleme der modernen Tech- nik ist das der Rohstoffe. Die Industrie verbraucht in immer stärkerem Maße Stoffe, die in früheren Perioden der Erdgeschichte in der Erdkruste aufgespeichert wurden

  • 130 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

und die auf dem natürlichen Wege nicht ersetzt werden. Eines der augenfälligsten Beispiele ist das Erdöl. Der

Weltvorrat an Erdöl

ist begrenzt, und der Verbrauch von

Erdöl nimmt ständig und immer rascher zu. Wahrschein- lich wird es nicht mehr lange dauern, bis die Vorräte prak- tisch erschöpft sein werden - ausgenommen den Fall daß es um ihren Besitz zu so verheerenden Kriegen kommt: daß die Zivilis<l;tion auf eine Stufe zurückgeworfen wird, auf

der man kein Erdöl braucht. Wir

können daher wohl an-

nehmen, daß ein Ersatz für Erdöl gefunden werden wird,

wenn es durch zunehmende Seltenheit immer teurer wird immer vorausgesetzt, daß es zu keiner Menschheitskata~ strophe kommt. Dieses Beispiel zeigt zugleich auch, daß die industrielle Technik niemals statisch werden kann, wie es die landwirtschaftliche Technik in früheren Zeiten war.

Es wird dauernd notwendig sein, neue Verfahrens weisen zu erfinden und neue Kraftquellen zu erschließen, und zwar wegen der außerordentlichen Schnelligkeit, mit der wir un-

ser irdisches Kapital aufzehren.

Es gibt natürlich einige

praktisch unerschöpfliche Energiequellen, vor allem Wind und Wasser; doch würde die letztere, auch wenn sie voll ausgenützt werden könne, nicht hinreichen, um den Welt- bedarf ~u be~riedigen. Die Ausnützung der Windenergie anderseits wurde wegen der Unregelmäßigkeit Akkumu- latoren erfordern, die verlustfreier arbeiten als irgend- welche, die bisher erzeugt wurden.

Die Abhängigkeit von Naturprodukten, die uns ein- fachere Zeitalter als Erbteil hinterließen, wird sich wahr- ~cheinlich mit dem Fortschritt der Chemie verringern. Und rn naher Zukunft wird vermutlich künstlicher Kautschuk den Gummibaum ebenso ersetzen, wie die Kunstseide be- reits an die Stelle der Naturseide trat. Auch künstliches Holz kann bereits hergestellt werden, allerdings noch nicht auf geschäftlich lukrativer Basis. Doch wird es der Raubbau an den Forsten der Welt mit dem fortschreitenden Wachs- tum der Zeitungen bald notwendig machen, zur Papier- erzeugung anderes Material als Pulpe zu verwenden _

TECHNIK UND NATUR

131

es wäre denn, daß das Abhören von Nachrichten im Rund-

funk dazu

führt, daß man sich vom geschriebenen Wort

als Quelle der täglichen Sensation abkehrt. Eine der naturwissenschaftlichen Zukunftsmöglichkeiten von großer Bedeutung ist die Kontrolle des Klimas durch künstliche Mittel. Es gibt Leute, die behaupten, daß der Bau eines Dammes an einer geeigneten Stelle der kana- dischen Ostküste das Klima Südostkanadas und Neueng- lands völlig umwandeln würde, weil er die kalten Strö- mungen, die jetzt dort entlang der Küste fließen, zwingen würde, zum Meeresgrund zu sinken, so daß die Oberfläche von warmem Wasser aus dem Süden aufgefüllt würde. Ich garantiere nicht für die Richtigkeit dieser Theorie, doch gibt sie einen Hinweis auf Möglichkeiten, die in Zukunft realisiert werden könnten. Oder um ein anderes Beispiel zu nehmen: Der größere Teil des Festlandes zwischen dem 30. und 40. Breitengrad trocknet allmahlich aus und er- nährt gegenwärtig in vielen Landstrichen eine wesentlich kleinere Bevölkerung als vor 2000 Jahren. In Südkalifor- nien verwandelte Bewässerung die Wüste in eines der fruchtbarsten Gebiete der Welt. Man kennt noch keinen Weg, um die Sahara oder die Wüste Gobi zu bewässern, aber vielleicht wird sich auch dieses Problem für die Natur- wissenschaften als lösbar erweisen. Die moderne Technik hat dem Menschen ein Macht- gefühl geschenkt, das rasch seine ganze Mentalität wan- delt. Bis vor kurzem war die physische Umwelt etwas, das man hinnehmen und mit dem man sich, so gut es eben ging, abfinden mußte. Wenn die Regenfälle nicht mehr hinreich- ten, um das Leben zu erhalten, dann gab es nur die Wahl zwischen den bei den Alternativen Tod oder Auswande- rung. Die Kriegsstarken wählten die erste, die schwachen die zweite Möglichkeit. Dem modernen Menschen ist seine Umwelt bloß das Rohmaterial, nur eine Betätigungsmög- lichkeit. Vielleicht hat Gott die Welt erschaffen, doch ist dies kein Grund für uns, sie nicht umzuformen. Diese Grund- einsteIlung erweist sich als religionsfeindlich, mehr als

  • 132 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

irgendwelche intellektuellen

Beweisführungen

es

sein

könnten. Die überlieferten Religionen sind Verkörperun- gen der Abhängigkeit des Menschen von Gott. Und ob- wohl dieser Gedanke nominell noch anerkannt wird, so beherrscht er doch nicht länger das Denken des modernen wissenschaftlichen Industriellen wie das des primitiven Bauern oder Fischers, dem Trockenheit oder Stürme den Tod bringen können. Den typischen modernen Geist inter-

essiert nichts auf Grund

dessen, was es ist, sondern

es

interessiert ihn nur die Frage, was man daraus machen

könnte. Von diesem Gesichtspunkt

aus ist das wichtige

Kennzeichen der Dinge nicht ihre inhärente Qualität, son-

dern ihre Verwendbarkeit. Alles wird zum Mittel. Wenn

man die Frage stellt, was ein Mittel sei, wird

die Antwort

sein, daß es ein Mittel sei, um andere Mittel

herzustellen

und so weiter ad infinitum. Psychologisch ausgedrückt heißt dies, daß die Machtliebe alle anderen Impulse verdrängt hat, die erst zusammen ein Menschenleben ausmachen. Liebe, Elternschaft, Vergnügen und Schönheit sind für den modernen Industriellen von geringerer Wichtigkeit als einst für den fürstlichen Magnaten der Vergangenheit. Bearbeitung und Ausbeutung sind die herrschenden Lei- denschaften des typischen wissenschaftlichen Industriellen. Der Durchschnittsmensch teilt vielleicht nicht diese Ein- seitigkeit, aber es mag gerade daher kommen, daß er nicht imstande ist, zu den Quellen der Macht vorzudringen und deshalb die Weltherrschaft den Fanatikern des Mechanis- mus überläßt. Die Macht, Veränderungen in der Welt her- vorzurufen, über die die großen Wirtschaftsführer unserer Zeit verfügen, übertrifft bei weitem die Macht, die jemals in der Vergangenheit einzelne Menschen besaßen. Es steht ihnen wohl nicht so frei wie Nero oder Dschingiskhan, Köpfe rollen zu lassen, sie können jedoch bestimmen, wer

hungern und wer reich werden soll, sie können den Lauf der Flüsse ändern und Regierungen stürzen. Die Geschichte lehrt, daß Macht berauscht. Glücklicherweise ist es den mo- dernen Machthabern noch nicht ganz zum Bewußtsein ge-

TECHNIK UND NATUR

133

kommen, wieviel sie tun könnten, wenn sie wollten; soba!d

dies aber einmal der Fall sein wird,

dann steht uns em

neues Zeitalter menschlicher Tyrannis bevor.

KAPITEL VIII

DIE TECHNIK

IN DER BIOLOGIE

Die wissenschaftliche Technik wird vom Menschen zur

Befriedigung eine Anzahl verschiedenartiger

Wunsche ver-

wendet. Zuerst

diente sie in der Hauptsache

der Herstel-

lung von Bekleidung und der Beförderung von Gütern und

Personen. Die Erfindung

des Telegraphen

schenkte ihr in

der raschen Übermittlung von Nachrichten eine neue wich-

tige Funktion und ermöglichte damit das moderne

Zei-

tu.ngswesen ~nd die Zen.tralisation der Verwaltung. Viel wissenschaftlicher Scharfsinn wirkte fördernd auf die Ent-

stehung.banaler

Unterhaltungen.

Aber das wichtigste aller

menschhch~n Bedürfnis~e, nä,?lich das nach Nahrung, wurde zunachst von der industriellen Revolution nicht son- derlich beeinflußt; die Erschließung des Mittleren Westens

der Vereinigten Staaten

war in dieser Hinsicht' der erste

große Wandel, den die wissenschaftliche Technik hervor-

rief. Se~t jener Zeit wurden auch Kanada, Argentinien ur: d Indlen.zu be?eu.tenden Kornkammern der europäischen

L~nder. 1?le Leichtigkeit der Beförderung

von Getreide,

die der Eisenbahn und dem Dampfschiff zu verdanken ist

beseitigte

das Gespenst

des Hungers,

das im Mittelalter

alle Staaten bed~ohte ~nd noch in jüngster Vergangenheit Rußland und China heimsuchte, Doch auch dieser Wandel

so wichtig e: ist, vollzog sich nicht durch eine Anwendung

der Naturwissenschaften

auf die Landwirtschaft.

Erst seit

ganz kur~er Zeit wuchs die ~edeutung

der Biologie für die

Lebensmittelversorgung.

Die Nationalökonomie

lehrte

daß

die m?d;rne

Technik

nur fabriks mäßig

erzeugt~

Waren verbilligen konne, während Lebensmittel

mit dem

W achstu~ der Bevölk~rung ständig im Preise steigen wür-

den. Erst In letzter Zeit wurde es wahrscheinlich

daß eine

Revolutionierung der Lebensmittelerzeugung durch An-

DIE TECHNIK IN DER BIOLOGIE

135

wendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ebenso in den Bereich des Möglichen gerückt werde wie eine Revolu- tionierung der Industrieproduktion. Heute erscheint uns dies durchaus nicht mehr unwahrscheinlich.

Es gibt zwar auf dem Gebiete der Landwirtschaft

keine

so folgenschwere und umwälzende Erfindung, die der revo- lutionierenden Erfindung der Dampfmaschine entspräche, doch leisteten verschiedene Forschungsgebiete Einzelbei- träge, deren Ergebnisse in ihrer Gesamtheit vermutlich

sehr weittragende sind. Nehmen wir zum Beispiel das Problem der Verwendung

von Stickstoff in der Landwirtschaft. Wie jedermann weiß,

enthalten

alle lebenden

Körper, tierische wie pflanzliche,

einen gewissen Prozentsatz

von Stickstoff. Die Tiere

be-

schaffen sich die notwendige

Stickstoffmenge durch

das

Verzehren von Pflanzen oder anderen Tieren. Aber wie

decken die Pflanzen ihren Stickstoffbedarf? Dies war lange

Zeit ein ungelöstes Geheimnis;

die Vermutung

lag nahe,

 

daß sie ihn aus der Luft befriedigten

(genauer gesagt, aus

den winzigen Mengen von Ammoniak, die diese enthält),

doch bewiesen Experimente,

daß dies nicht der

Fall

ist.

Dieser Beweis führte

dazu, daß man sich damit

beschäf-

tigte zu entdecken, wie die Pflanzen den Stickstoff aus dem

Boden entnehmen. Dieses Problem wurde von zwei Män-

nern studiert,

von Lawes und Gilbert,

die 60 Jahre

lang

eine Reihe von Versuchen in Rothamsted

bei Harpenden

durchführten.

Sie fanden,

daß

die große Mehrzahl

der

Pflanzen nicht die Fähigkeit

besaß, Stickstoff zu binden.

Im Jahre 1886 gelang jedoch Hellriegel

und Wilfrath

die

Entdeckung,

daß Klee und andere

Leguminosen

bei der

Bindung

des Stickstoffes eine besondere

Rolle zu spielen

hatten. Diese Bindung vollzog sich in Wurzelknötchen, oder

besser gesagt, war sie Bakterien

zu verdanken,

die in den

 

Wurzelknötchen leben. Fehlten die Bakterien, dann waren

diese Pflanzen für die Bindung des Stickstoffes nicht besser

daran

als andere;

das Wesentliche

waren

also die Bak-

terien.

  • 136 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

Im allgemeinen kann man sagen, daß, soweit wir derzeit

in der Lage sind, die Dinge zu beurteilen, einzig und allein

Bakterien die Fähigkeit besitzen, entweder Ammoniak in

Nitrate umzuwandeln oder den atmosphärischen Stickstoff

zu verwerten. Ammoniak besteht aus Stickstoff und Was-

serstoff, die Nitrate aus Stickstoff und Sauerstoff. Gewisse

B~kterien, die im Erdreich leben, besitzen nun die Fähig-

keit, den Wasserstoff des Ammoniaks durch Sauerstoff zu

ersetzen. Die so erzeugten Mittel dienen den Pflanzen zur

Nahrung. Zum Teil dadurch, zum Teil mit Hilfe der Bak-

terien, die den atmosphärischen Stickstoff nutzbar machen

wird der Stickstoff der unbeseelten Natur in den Lebens-

kreislauf einbezogen",

Vor der Ausbeutung des Chilesalpeters

war dies der

einzige Weg, auf dem die für das Leben nötigen Nitrate

entstanden. Alle Nitrate, die als Düngemittel in Verwen-

dung standen, waren organischen Ursprungs. Die Salpeter-

vorkommen in Chile und anderen

Teilen der Welt sind

quantitativ begrenzt, und hinge die Landwirtschaft nur von

ihnen ab, so müßte sie deren Erschöpfung in eine kritische

Lage bringen. Heute wird jedoch Salpeter künstlich aus

d~r Luft erzeugt - und diese ist praktisch unerschöpflich.

DI~ so ~ergestellte Salpetermenge

übersteigt heute bei

weitem die Erzeugung aus anderen Quellen. Mit Hilfe der

S~lpeterd~ngung kan.n nun die Lebensmittelerzeugung

emes bestimmten Gebietes ganz bedeutend gesteigert wer-

den. Man hat berechnet, daß eine Tonne Stickstoff in Form

von Ammoniumsulfat oder Natronsalpeter die Lebensmit-

telmenge schafft, die zur Ernährung von 34 Personen auf

die Dauer eines Jahres benötigt wird", Es ergibt sich aus

dieser Berechnung, daß eine Ausgabe von 3 Pfund für die

Erzeugung von Stickstoffdüngemitteln so viel zur Steige-

r~ng der Lebensmittelproduktion der Welt beiträgt wie

die Ausgabe von 25 Pfund zur Urbarmachung weiteren

  • --- Bodens. Daraus folgt, daß derzeit im allgemeinen die Er-

1 7he Materials

of Life, von T. R. Parsons, 1930, p. 263.

2 Nature,

11. Oktober 1930.

DIE TECHNIK IN DER BIOLOGIE

137

zeugung von Stickstoffdünger für die Welternährung .pro-

fitabler ist als die Erschließung neuen Bodens durch EIsen-

bahnen oder durch Bewässerung. Dieses Beispiel einer An-

wendung der Naturwissenschaften auf die Landv:irtschaft

ist deshalb so lehrreich, weil es sowohl anorganische als

auch organische Chemie und außerdem ein sorgfältiges

Studium des gesamten Lebenskreislaufs bei Tieren und

Pflanzen voraussetzt.

Ein sehr interessantes Betätigungsfeld eröffnete sich der

naturwissenschaftlichen Forschung in Zusammenhang mit

der Seuchenbekämpfung. Die meisten Seuchenträger sind

entweder Insekten oder Pilze, und für beide hat die jüngste

Vergangenheit wertvolle Erkenntnisse gebr~cht. F>ieW~ch-

tigkeit solcher Erkenntnisse kommt d~r breiten O~enthc~-

keit kaum zum Bewußtsein, und Regierungen schatzen SIe

nur dann, wenn sie sich mit nationalen Aspirationen in

Verbindung bringen lassen. Einige besonders bemerkens-

werte Fälle haben allerdings die Phantasie der Menschen

erregt. Die Bekämpfung der Malaria .und des .~~lbfie~ers

dadurch daß man den Stechmücken die Brutmöglichkeiten

entzieht: hat Gebiete, die einst tödlich waren, der Besied-

lung durch Weiße erschlossen und bildete eine Voraus-

setzung für den Bau des Panamakanals. Der Zusammen-

hang der Bubonenpest mit den Flöhen der Ratten u~d des

Flecktyphus mit Läusen gehört heute schon zum WIssens-

bestand des Gebildeten. Aber abgesehen von solchen ver-

einzelten Beispielen haben außer einigen Spezialisten und

Beamten erst wenige Menschen das Vorhandensein eines

weiten Forschungsgebietes zur Kenntnis genommen, das in

vieler Hinsicht, besonders aber für die Welternährung.

wichtig ist.

Was die Insekten anlangt, so kann ein Artikel, betitelt

Entomologie und das britische Weltreich", der in der Zeit-

;chrift Nature (10.1. 1931) erschien, eine Vorstellung davon

vermitteln. Er gibt einen Bericht über die Tätigkeit der

3. Entomologentagung des Weltreiches und des Imperial

Institute of Entomology. Es werden nicht viele meiner

  • 138 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

Leser von der Existenz dieser Körperschaften eine Ahnung

haben, obwohl es eine Tatsache ist, daß jährlich durch-

schnittlich 10 Prozent der landwirtschaftlichen Weltproduk-

tion von Insekten vernichtet werden. So stellt der genannte

Artikel

fest: "Man

schätzt, daß z. B. in Indien

die Ver-

luste an Feldfrüchten und Waldbestand

durch Schädlinge

im Jahre 1921 die ungeheure Summe von 136 Millionen

Pfund betrugen, während

ungefähr

1 600 000

Menschen

jährlich an Krankheiten sterben, die durch Insekten hervor-

gerufen werden. In Kanada verursachen Insekten Schäden

an Feldfrüchten und Wäldern

in der Höhe von etwa 30

Millionen Pfund. In Südafrika

Schädling, der Maiskolbenbohrer

verursachte ein einziger

(Busseola [usca) Verluste

von ungefähr 2 750000 Pfund in einem einzigen Jahr."

Es gibt zwei Arten der Insektenbekämpfung, die physi-

kalisch-chemische und die biologische Methode. Die erstere

besteht gewöhnlich in Ausräucherung.

Die letztere ist die

wissenschaftlich interessantere und geht auf die Entdeckung

von Parasiten aus, deren Wirkung

auf die Schädlinge auf

dem Grundsatze

beruht: "Große Flöhe haben kleine Flöhe,

die sie beißen, kleine haben kleinere

und so weiter ad infini-

turn." Im allgemeinen gibt es in

den Gebieten,

wo ein

 

Schädling

heimisch

ist, auch Parasiten,

die seine

unbe-

grenzte Vermehrung verhindern;

wenn jedoch ein Schäd-

ling zufällig

in ein anderes

Gebiet verschleppt

wird,

so

kann es geschehen, daß der Parasit

zurückbleibt,

und das

Ergebnis ist in einem solchen Falle, daß der Umfang der

angerichteten Verheerungen

im Verhältnis

weit größer

ist

als daheim. Die modernen Verbesserungen

des Verkehrs

begünstigen natürlich die Ausbreitung schädlicher Insekten

und machen das Problem ihrer Bekämpfung

zu einem um

so dringlicheren.

Auch dann, wenn es sich nicht um die übertragung

in

neue Wohnsitze handelt, kann oft durch die Begünstigung

nützlicher Parasiten

viel geleistet werden. Wählen

wir ein

Beispiel,

das jedem

vertraut

ist, der Glashaustomaten

züchtet, nämlich die Glashausfliege.

Einen Bericht

über

 
 

DIE TECHNIK IN DER BIOLOGIE

139

ihre Bekämpfung

gibt Mr. E. R. Speyer, in Nature

(~7. 12.

1930). Ein auf ihr

lebender ~arasit, genan?t Encarsia [or-

mosa wurde 1926 in Elstree in Hertfordshire

entdeckt und

seither in der Cheshunt Experimental

Station sorgsam ge-

züchtet von wo er auf Wunsch bezogen werden kann. In

der gesamten Grafschaft Hertfordshire,

wo sich etwa die

Hälfte sämtlicher Glashauskulturen

des ganzen Vereinigten

Königreiches befindet, reichten die Parasiten,

die

aus

Cheshunt entkamen, aus, um den Bestand an Glashaus-

fliegen auf einen Bruchteil dessen zurückzuschrauben, was

er noch 6 Jahre vorher war.

...

Die Entomologie ist eine ungeheuer Wlc~t~ge Wissen-

schaft in der die Vereinigten Staaten dem Britischen Welt-

reich 'weit voraus sind, obwohl

letztgenannte Gebiet mindestens

ihre Nützlichkeit

für das

ebenso g~oß wäre. Wa~r-

scheinlich wird es in naher Zukunft der Wissenschaft gelin-

gen, auch das Problem der Ausro-~tung der Heuschreck~n

und der Tsetsefliege

zu lösen.

(der Erregerirr der Schlafkrankheit)

Pilze sind kaum weniger schädlich als Insekten. In Eng-

land gibt sich mit ihrer Erforschung

haupt~äc~Iich das Im-

perial Mycological Institute

in Kew ab .,Em mtere.ssanter

Aufsatz

über

die Tätigkeit

dieses Instituts erschien ..am

2.2. 1931 in der Times. Eine der bekanntesten

und gefah~-

lichsten Pilzschädigungen

ist die "Brand"

genannte Wel-

zenkrankheit. Die kanadische

Regierung fängt die S~or~n

dieser

Pflanze mit Flugzeugen,

um zu entdecken,

wie sie

durch den W'ind verbreitet

werden.

Wie

wichtig diese

Frage für Kanada

ist, mag man aus der Tatsache ersehen,

daß allein im Jahre

1916, also zu einer Zeit, da de~ Erste

Weltkrieg

auf seinem Höhepunkt

war, der Brand. l~ den

drei Prärieprovinzen

Weizen

im W e~te ~on 35 Mllh~nen

Pfund vernichtete und im Durchschmtt

m Kan.ada em~n

jährlichen

Schaden von 5 Millionen

Pfund annchtet.

Die

Kartoffelkrankheit

(Phytophthora),

auch durch einen Pilz

hervorgerufen,

verursachte

die irische Hungers~o~

und

führte England zur Befolgung einer Freihandelspolitik

und

  • 140 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

schließlich Boston zur Achtung moderner Literatur. Dieser

Krankheit ist man nun Herr geworden und England ist

ge~ade dabei, ~eine Freihandelspolitik aufzugeben. Die

WIrkung des Pilzes auf Boston scheint allerdings dauer-

hafter zu sein.

Ein merkwürdiges Beispiel für Berührungspunkte zwi-

schen den verschiedenen Verfahrensweisen ergab sich in

Zusammenhang mit dem Flugzeugbau, bei dem das Holz

der Sitkafichte, die in Britisch Kolumbien wächst, weit-

gehend Verwendung

findet. Darüber

genannte Aufsatz der Times:

sagt

der

oben-

"Ein überraschend großer Prozentsatz von anscheinend

fehlerfreiem Holz versagte, wie man feststellen mußte.

Zunächst konnte auch.kein Anzeichen einer Pilzerkrankung

bemerkt werd~n; doch offenbarte eine mikroskopische Un-

te.:suchu~g, d~e vom Institut ausgeführt wurde, winzige

F~den eines Pilzes. Eine Kanadierin griff das Problem auf,

reiste durch die Wälder Britisch Kolumbiens und entdeckte

den Erreger am lebenden Holz. Zusammenarbeit zwischen

dem Forest Products Research Laboratory in Prince's Ris-

borough und der. entsprech~nden Stelle in Kanada zeigte

außerdem, daß die Krankheit durch die lange Seereise via

Panamakanal, die durch tropische Gebiete führte ver-

schlimmert wurde. Durch sorgfältige Prüfung der Bäume

vor dem Fällen und durch Überlandtransport

konnte das

Übel weitgehend eliminiert werden."

Diese fünf. Beispiele. mögen genügen, um die Bedeutung

der Mykologie, der .W'Issenschaft von den Pilzen, zu zeigen.

Auch noch auf emem anderen Gebiet wird sich wahr-

scheinlich in Hinkunft die Wichtigkeit der biologischen Ver-

fahrensweisen zeigen, nämlich auf dem der wissenschaft-

lichen Züchtung. Künstliche Zuchtwahl kennt der Mensch

schon.sei~}ahrhunderten bei Haustieren und Hauspflanzen,

un.d SIe~uhrte zu bemerkenswerten Ergebnissen. So gibt es

keme w~ldwachsende Spezies des Weizens. Das Rind, das

sc?on seit lange.m au~ seine Milchproduktion hin gezüchtet

wird, unterscheidet SIch ganz wesentlich von jedem nicht

DIE TECHNIK IN DER BIOLOGIE

141

domestizierten Tier,

das je lebte. Auch das Rennpferd ist

ein hochentwickeltes Zuchtprodukt. Doch wurden all diese

Ergebnisse, so bemerkenswert sie an sich auch sind, mit

Methoden erzielt, die man kaum als wissenschaftliche an-

sprechen kann. Heute besteht, vor allem mit Hilfe der Men-

delschen Erbgesetze, die berechtigte Hoffnung, neue Ab-

arten von Tieren und Pflanzen in einer viel weniger zu-

fälligen Art und Weise zu züchten. Was jedoch bisher auf

diesem Gebiete versucht wurde, stellt kaum mehr als eine

Andeutung dessen dar, was die neuen Entdeckungen auf

dem Gebiete der Vererbung und Embryologie ermöglichen

könnten.

Die Wichtigkeit der Tiere für das menschliche Dasein hat

seit der industriellen Revolution sehr abgenommen. Abra-

ham lebte inmitten seiner Herden, Attilas Heere waren

beritten. In der modernen Welt spielt aber das Tier nur

eine unbedeutende Rolle als Kraftquelle und noch unter-

geordneter ist seine Rolle als Transportmittel. Man braucht

es noch für Zwecke der Ernährung und Bekleidung, aber

auch hier wird es bald überholt sein. Die Seidenraupe wird

durch die Kunstseide bedroht; echtes Leder wird bald nur

noch ein Luxus für Reiche sein. Noch verwendet man Schaf-

wolle zur Herstellung warmer Bekleidung, wahrscheinlich

werden aber bald synthetische Stoffe an ihre Stelle treten.

Was das Fleisch betrifft, ist es kein unentbehrliches Nah-

rungsmittel, und wenn das Bevölkerungswachstum weiter

anhält, so könnte man sich vorstellen, daß man überall, die

Tafel von Millionären ausgenommen, synthetische Beef-

steaks servieren wird. Der Schellfischwird den Ochsen viel-

leicht länger überleben, und zwar wegen der Vitamine des

Lebertrans. Schon läßt man aber den menschlichen Körper

Vitamin D durch Bestrahlung mit künstlichem Sonnenlicht

bilden, so daß auch der Schellfisch möglicherweise nicht

mehr lange nötig sein wird. Tiere waren gute Freunde des

Menschen in seiner Reifezeit, aber gefährliche Feinde in

seiner frühen Kindheit. Jetzt ist der Mensch allmählich

erwachsen und die Rolle des Tieres im Leben des Menschen

  • 142 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

ist nahezu ausgespielt,

und in Zukunft

wird es auf Tier-

gärten beschränkt sein. Man muß dies wohl bedauern,

doch ist es auch bloß eine Erscheinungsform

der neuen

Rücksichtslosigkeit des von seiner wissenschaftlichen Macht

berauschten Menschen.

Der Bedarf an Pflanzen wird länger bestehen als der an

Tieren,

weil sie immer noch wesentlich für die chemischen

Vorgänge sind, von denen das menschliche Leben abhängt.

Der Verwendung

vegetabilischer

Produkte

für andere

als

Ernährungszwecke

kann man unschwer entraten.

So ist es

bereits möglich, Kunststoffe zu erzeugen,

die dem

Holz in

allen nützlichen Belangen

gleichen, allerdings

ist

ihre

Herstellung immer noch wesentlich teurer

als das Wachs-

tum des Naturholzes. Sobald

verbilligt, werden die Wälder

sich jedoch die Produktion

unbedingt ihren wirtschaft-

lichen Wert verlieren. Es ist kaum anzunehmen, daß man

für Bekleidungszwecke Baumwolle verwenden wird, eben-

sowenig Naturseide.

Synthetischer Kautschuk wird bald

den Naturgummi ersetzen. Fast alle derartigen Verwen-

dungen vegetabilischer Produkte

werden,

dies kann man

mit Sicherheit annehmen, noch vor Ablauf weiterer hundert

Jahre ihre Bedeutung eingebüßt haben.

Die Ernährung

ist ein ernsteres

Problem. Angeblich soll

es schon möglich

sein, Produkte

aus der Luft herzustellen,

die gegessen und verdaut werden können; allerdings lassen

sich zwei Einwände gegen sie erheben, daß

sie nämlich

ekelerregend und teuer sind. Beide Einwände

könnten im

Laufe der Zeit hinfällig werden. Denn die Erzeugung

synthetischer Nahrung

ist ein

rein chemisches Problem,

und nichts berechtigt

uns dazu,

es für unlösbar

zu halten.

Zweifellos wird natürliche Nahrung besser schmecken, und

reiche Leute werden

bei Hochzeiten und anderen

Festen

wirkliche Erbsen und Bohnen auftischen,

worüber

die

Zeitungen voll ehrfürchtigem

Staunen berichten werden.

In der Hauptsache jedoch wird die Nahrung

in gewaltigen

chemischen Fabriken erzeugt werden. Die Äcker werden

brachliegen

und an die Stelle der Landwirte werden Che-

DIE TECHNIK IN DER BIOLOGIE

143

miker als Fachleute treten.

In einer solchen Welt werden

nur noch die biologischen Vorgänge für den Menschen von

Interesse sein, die sich in ihm selbst abspielen.

Sie werden

 

aber so sehr aus dem gewohnten

Rahmen fallen,

daß er

sich immer stärker selbst als Kunstprodukt

betrachten und

den Anteil,

den die Natur

an Werden

und Wachsen

des

Menschen hat, immer mehr gering schätzen wird. Es wird

so weit kommen, daß er nur das schätzen wird, was bewußt

durch menschliche Betätigung geschaffen wird, und nichts,

was das Ergebnis eines unbeeinflußten

Waltens der Natur

ist. Der Mensch wird die Macht erlangen,

sich zu ändern,

und er wird auch unweigerlich von dieser Macht Gebrauch

machen. Was dabei aus der Spezies Mensch werden

mag,

das wage ich allerdings nicht vorherzusagen.

KAPITEL IX

DIE TECHNIK

IN DER PHYSIOLOGIE

DIE TECHNIK IN DER PHYSIOLOGIE

145

Prädetermination.

eine Eigenschaft sowohl der Ernährung

wie des Wachstums, besteht in der Tatsache, daß die Er-

nährung einen erwachsenen Körper in Bau und chemischer

Zusammensetzung nahezu unverändert erhält, während

beim jungen Menschen das Wachstum mit engbegrenzten

 

Abweichungen den Bau der Eltern reproduziert.

So defi-

Ein lebender Körper, als physikalisch-chemischer Mechanis-

niert, mnfaßt Prädetermination

Fortpflanzung

und Ver-

mus betrachtet, besitzt einige sehr bemerkenswerte Eigen-

schaften, die bis heute keine von Menschenhand konstruierte

erbung. Auf den ersten Blick scheint dies eine fast mystische

Eigenschaft der lebenden Materie zu sein, allmählich, wenn

Maschine nachahmen kann. Die physikalischen Teile

des

auch bisher bei weitem noch nicht vollständig,

lernt aber

Mechanismus, wie das Pumpen des Blutes durch die Tätig-

die Wissenschaft sie zu verstehen.

keit des Herzens oder das Funktionieren

von Muskeln und

Die Ernährung,

d. h.

die Umsetzung von Nahrung

in die

Knochen, sind weniger bemerkenswert als die chemischen,

verschiedenen Bestandteile

des Körpers,

ist ein Vorgang

dafür

besitzen

sie den Vorteil,

daß sie seltener

ernstlich

von erstaunlicher Komplexität.

Einiges daran,

z. B. das

in Unordnung

geraten. Das Herz muß während

der ganzen

Wirken der Vitamine, ist dabei

noch dunkel. Das wesent-

Dauer eines Menschenlebens

Tag und Nacht arbeiten

--

liche Merkmal der Ernährung ist jedoch verhältnismäßig

sagen wir siebzig Jahre lang. Wenn sich Reparaturen als

einfach. Vom Speichel angefangen

wirken eine Reihe che-

notwendig

erweisen,

müssen sie in der Arbeitszeit

durch-

mischer

Stoffe auf unsere Nahrung

ein, bis sie einen Zu-

geführt werden. Ein Mensch von normaler Gesundheit

stand

erreicht, in dem sie in die Blutbahn

gebracht werden

ist viel

weniger oft krank als das beste Auto, trotz der Tat-

kann,

aus der

die verschiedenen

Teile des Körpers das ent-

sache, daß seinem Motor nie ein Augenblick der Ruhe

nehmen, was

sie brauchen,

und auch hier wieder

mittels

gegönnt wird. Die physikalische Konstitution des mensch-

lichen Körpers ist ganz ausgezeichnet, sie ist aber trotzdem

viel weniger kompliziert und auch uninteressanter als seine

chemische.

verschiedener chemischer Wirkstoffe.

Das Wachstum in seiner bemerkenswertesten Form wird

am eben befruchteten

Ei sichtbar,

das sich sehr rasch in

zwei, dann in vier, acht und so weiter Zellen teilt, während

Die bemerkenswertesten

Eigenschaften

des lebenden

es gleichzeitig

ständig an Größe zunimmt. Das Wachstum

Körpers im Gegensatz zum leblosen sind Ernährung,

kann auch krankhafte Formen annehmen, wie zum Beispiel

Wachstum und Prädetermination.

Die Ernährung besteht

beim Krebs.

in der Tatsache,

daß ein lebender

Körper mit Hilfe eines

Die Prädetermination

zeigt sich nicht bloß in der Ver-

mannigfaltigen

physikalischen

Apparats

in chemischen

erbung, sondern auch im Ersetzen

des sich normal Abnüt-

Kontakt mit geeigneten Fremdkörpern

tritt und sie einer

zenden. Wenn man Haare

oder Nägel abschneidet,

so

Laboratoriumsbehandlung

unterwirft,

die soviel wie mög-

wachsen sie nach; wenn man ein Stück Haut

abschürft, so

lich von ihnen in chemische, ihm selbst ähnliche Substanzen

bildet sich eine neue Haut; wurde ein Körper durch Krank-

verwandelt

und den nutzlosen

Rest wieder

ausstößt. Das

heit geschwächt, so formt er sich nach eingetretener

Gene-

Wachstum besteht in der Tatsache,

daß sich der sichtbare

sung wieder

zu dem, was er vorher

war. Innerhalb

be-

Komplex eines lebenden Körpers mittels Zellteilung

und

stimmter

Grenzen

besitzt der Körper

die Fähigkeit,

seine

Ernährung zugleich mit seiner Masse vergrößern kann.

frühere Struktur wieder herzustellen,

wenn

die erlittene

146

NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

DIE TECHNIK IN DER PHYSIOLOGIE

147

Störung keine allzu heftige war. Die Vererbung ist ein

denen bedauert

werden,

die das Gefühl haben,

daß in

weiteres Beispiel für die gleiche Fähigkeit. Die Unter-

unserer sich so rasch wandelnden Welt wahrscheinlich die

schiede zwischen Spermatozoen der Menschen und Affen

Alten viel weniger Verständnis

für

neue Kräfte

auf-

müssen

den Unterschieden zwischen

diesen bei den Spezies

bringen, wohl aber alte, absterbende

Kräfte, die an Be-

entsprechen, obwohl die Mikroskope von heute noch nicht

stark genug sind, diesen Unterschied zu zeigen. Wh müssen

annehmen, daß eine schon vorher bestehende Komplexität

im Laufe des embryonalen Wachstums sichtbar wird, denn

sonst bliebe die Tatsache der Vererbung unverständlich.

Die Entwicklung des Embryo verläuft demnach genau ana-

log der selbsterhaltenden Eigenschaft des erwachsenen

Körpers. Dies gilt natürlich auch nur innerhalb ähnlicher

Grenzen.

In der Physiologie hat die Technik bisher die Gestalt der

Medizin im weitesten Sinne des Wortes angenommen, d. h.

ihre Aufgabe war Verhütung und Heilung von Krank-

heiten und Tod. Was in dieser Hinsicht geleistet wurde,

geht aus den Sterblichkeitsstatistiken hervor. Die Änderun-

gen der Sterblichkeitsziffern für England und Wales seit

1870 sind die folgenden:

  • 1870 22.9 pro Tausend

.

  • 1929 13.4 pro Tausend.

.

In anderen zivilisierten Ländern liegen die Verhältnisse

ähnlich. Gleichzeitig nahm auch, ebenfalls das Ergebnis

einer anderen Form der Technik in der Physiologie, die

Geburtenziffer ab, wie die folgenden Zahlen beweisen:

  • 1870 35.3 pro Tausend

.

  • 1929 16.3 pro Tausend.

.

Aus diesen Zahlen lassen sich verschiedene Schlüsse ziehen.

Einer davon ist, daß in zivilisierten Ländern jede Art der

natürlichen Bevölkerungszunahme aufhört, ja, daß binnen

kurzem eine tatsächliche Abnahme eintreten kann. Eine

andere Schlußfolgerung ist die, daß es weniger junge und

mehr alte Menschen gibt.

Wer der Ansicht ist, daß die

Alten klüger seien als die Jungen,

wird sich von dieser

Änderung im Verhältnis der Jungen zu den Alten heilsame

Ergebnisse erhoffen. Anderseits wird dies Tatsache von

deutung verlieren, eher überschätzen werden als die Jun-

gen. Dieser Nachteil mag jedoch durch eine Verlängerung

der physiologischen Jugend wieder aufgewogen werden.

Bis vor kurzem wirkte die Fortpflanzung

so blind wie

eine Naturkraft. Dies gilt jedenfalls für Europäer, denn

viele wilde und barbarische Völkerschaften wandten ver-

schiedene Methoden zur künstlichen Einschränkung der

Fortpflanzung an. Während der letzten fünfzig Jahre

wurde die Fortpflanzung der weißen Rasse in zunehmen-

dem Maße bewußt statt zufällig. Bisher hat diese Tatsache

noch nicht die politischen und sozialen Folgen gehabt, die

sich sicher über kurz oder lang ergeben müssen. Was diese

Folgen wahrscheinlich sein werden, wollen wir später er-

örtern.

Künstliche Schwangerschaftsverhütung ist nicht der ein-

zige Wandel, den die moderne Technik in dieser Hinsicht

bewirkt hat, obwohl es der wichtigste ist. Man kann

Schwangerschaft nunmehr auch künstlich hervorrufen. Bis-

her wurde von dieser Möglichkeit nur wenig Gebrauch

gemacht; sobald aber dieses Verfahren einmal vervoll-

kommnet ist, kann es zur Quelle äußerst wichtiger Verän-

derungen in bezug auf Eugenik und Familie werden.

Sollte es jemals möglich werden, das Geschlecht nach

Wunsch zu bestimmen, so würde dies unweigerlich zu einer

Neuanpassung der Beziehungen zwischen Mann und Frau

führen. Die erste Wirkung wäre vermutlich ein beträcht-

licher überschuß an männlichen Neugeborenen. Dies würde

im Laufe einer Generation der Frau Seltenheitswert ver-

leihen und zu offener oder versteckter Vielmännerei füh-

ren. Die Achtung vor der Frau würde durch ihre Selten-

heit erhöht, und das Ergebnis wäre ein überwiegen der

weiblichen Neugeborenen. Schließlich würde wahrschein-

lich der Staat die Angelegenheit regeln müssen, vielleicht

  • 148 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

durch einen

Bonus

auf das Geschlecht,

an

dem gerade

Mangel

herrscht.

Diese

sich ständig

wiederholenden

Schwankungen und administrativen

Maßnahmen würden

eine verwirrende

Wirkung auf das Gefühlsleben

und die

Moral ausüben.

Wahrscheinlich wird letzten Endes die bedeutsamste An-

wendung der physiologischen

Technik

in das Gebiet

der

Embryologie fallen. Bisher war die Gesundheit das einzige

Ziel der Medizin

und auch der Biochemie;

mit anderen

Worten, ihr Ziel war das reibungslose Funktionieren

eines

Körpers, der durch natürliche Ursachen geschaffen wurde.

Die einzige Methode,

die man zur Verbesserung

des Be-

standes an Menschen in Vorschlag gebracht hatte, war die

der Eugenik. Soweit es sich um höhere Tiere und den Men-

schen handelt,

ist die Vererbung

noch nicht der Gewalt

des Menschen unterworfen.

Ein gegebener

Embryo kann

sich zu einem gesunden oder kränklichen Individuum

ent-

wickeln, ist es aber ein gesundes,

dann kann es nur eine

Art von Individuum sein, jedenfalls soweit seine erblichen

Merkmale in Betracht kommen. Mutationen kommen vor,

man kann sie jedoch nicht willkürlich hervorrufen. Vermut-

lich wird

sich jedoch dieser Stand

der Dinge ändern.

Es

wird viel darüber diskutiert,

ob es eine Vererbung

erwor-

bener Eigenschaften

gäbe, und so viel scheint klar zu sein,

daß eine solche nicht in der Form vorkommt, wie Lamarck

meinte. Keine Änderung

in einem Organismus ist erblich;

außer sie berührt die Chromosomen, die Träger der erb-

lichen Merkmale; doch kann eine Änderung vererbt wer-

den, welche die Chromosomen berührt'. Wenn die Larven

der Obstfliege in einem frühen Entwicklungsstadium

der

Einwirkung von Röntgenstrahlen

ausgesetzt werden, ent-

wickeln sie sich zu ausgewachsenen Exemplaren,

die sich

erkennbar von den meisten gewöhnlichen Obstfliegen

unterscheiden. Es kann nun sein, daß die durch die Rönt-

genstrahlen hervorgerufenen

Veränderungen

die Chromo-

1 Vgl. Hogben, The Nature

of Living

Matter,

p. 186.

DIE TECHNIK IN DER PHYSIOLOGIE

149

somen ebenso wie den übrigen Körper berühren,

wenn

das

aber

der Fall

ist, dann

sind

sie vererblich.

Auch

Temperaturänderungen

oder geänderte Ernährung

kön-

nen möglicherweise Einfluß auf die Chromosomen haben.

Doch steckt unser Wissen

auf diesem Gebiet noch in den

Kinderschuhen. Da jedoch Mutationen

vorkommen,

ist es

klar, daß es Kräfte gibt, die den erblichen

Charakter eines

Organismus ändern.

Sobald diese Kräfte einmal entdeckt

sind, kann es möglich sein, sie künstlich so anzuwenden,

daß ein beabsichtigtes Resultat

daraus folgt. In einem sol-

chen Falle wird die Eugenik nicht mehr länger

der einzige

Weg sein, um eine

Rasse zu verbessern.

.

Bisher wurden noch keine Versuche unternommen,

die

W'irkungen der Röntgenstrahlen

auf den menschliche.n

Embryo zu studieren.

Ich stelle mir vor, daß solche Experi-

mente ebenso wie andere, die unsere Kenntnisse wesentlich

bereichern könnten, ungesetzlich -sind. Früher oder später

wird man aber wahrscheinlich

in Rußland, solche Experi-

mente anstellen, Wenn die Naturwissenschaften

auch wei-

terhin

so rasche Fortschritte

machen

wie bisher,

dann

dürfen

wir uns in der Hoffnung

wiegen, noch im Laufe

unseres Jahrhunderts

Wege zu entdecken, um den mensch-

lichen Embryo wohltätig beeinflussen zu können, nicht nur,

was solche erworbenen Eigenschaften betrifft, die nicht ver-

erbt werden

können, weil sie nicht die Chromosomen

be-

rühren, sondern auch, was die Chromosomen selbst anlangt.

Wahrscheinlich wird dieses Ergebnis nur auf dem Umweg

über eine Reihe mißglückter Experimente zu erlangen sein,

die zur Geburt

von Idioten

Wäre dies ein zu hoher Preis,

einer Methode zahlen müßte,

und Monstrositäten

führen.

den man für die Entdeckung

mit deren Hilfe die gesamte

Menschheit innerhalb einer Generation intelligent gemacht

werden könnte? Vielleicht könnte durch eine entsprechende

Auswahl der in die Gebärmutter

zu injizierenden

Chemi-

kalien

der Reihe nach ein Kind in einen Mathematiker,

einen Dichter, einen Biologen oder sogar in einen Politiker

verwandelt

werden,

und zwar mit der absoluten

Gewiß-

  • 150 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

heit, daß dies. au~h für alle seine Nachkommen gelten

wer.de, wenn SIe nicht durch chemische Gegenmittel dar an

gehindert :~,ve~den:D~e soziologischen Auswirkungen einer

solch~.nMoghchkeIt SInd ein zu weites Gebiet, um sie hier

~u erortern. Doch wäre es voreilig, zu leugnen, daß es schon

In naher Zukunft eine solche Möglichkeit geben könnte .

..Ob.wohl

es bestimmt voreilig wäre, Einzelheiten der zu-

künftigen .~nt~ick~ung vorhersagen zu wollen, so halte ich

es doch fur ziemlich sicher, daß man in Hinkunft einen

menschlic?en !<-örperni~t bloß als etwas betrachten wird,

daß ~an In EInklang mit den Naturkräften seinem Wachs-

tum u?erlassen müsse und nicht länger die Ansicht vertre-

ten wird, daß der Mensch nicht über das hinaus, was zur

E~haltung der Gesundheit

geboten ist, eingreifen dürfe.

~Ie Tendenz der wissenschaftlichen Technik geht dahin,

nichts bloß ~ls nackte Tatsache zu betrachten, sondern

als Roh.matenal zur Erfüllung eines menschliches Zweckes.

Da~ K~nd und auch der Embryo werden immer aus-

schlIe~hcher von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet wer-

den, J.e mehr

die Geisteshaltung,

die mit

der wissen-

schaftliehen Technik im Zusammenhang

steht,

zur vor-

~errschenden wird. Wie jede andere Form wissenschaft-

licher ~ec~nik ?irgt auch diese Möglichkeiten des Guten

UI;d MoglIc?keIten des Bösen in sich. Die Wissenschaft

wird aber nicht allein darüber zu entscheiden haben

che den Ausschlag geben sollen.

'

wel-

KAPITEL X

DIE TECHNIK IN DER PSYCHOLOGIE

In der Zeit, als ich das erhielt, was man seinerzeit Erzie-

hung nannte, bildete die Psychologie noch ihrem Wesen

und ihren Zielen nach einen Teil der Philosophie. Die gei-

stigen Vorgänge wurden in Erkennen, Wollen und Fühlen

eingeteilt. Man versuchte Perzeption und Sinneswahrneh-

mung zu definieren, und im allgemeinen bestand der Ge-

genstand aus Wortanalysen von Begriffen, welche die Phi-

losophie vertraut, wenn auch nicht verständlich gemacht

hatte. Zwar begann jedes Lehrbuch mit einer Darstellung

des Gehirns, doch wurde im weiteren Verlauf auf diesen

Körperteil nicht mehr angespielt. Es gab auch schon eine

Form der Psychologie, die sich des Laboratoriums bediente

und versuchte, sich wissenschaftlich zu geben. Sie wurde

besonders von Wundt und seiner Schule praktiziert. Man

zeigte jemandem das Bild eines Hundes und fragte: "Was

ist das?" Dann maß man genau, wie lange er brauchte, um

"Hund" zu sagen, und sammelte auf diese Weise eine

Unmenge wertvoller Erkenntnisse. Nur war es merk-

würdig, daß man trotz des ganzen Apparates für Messun-

gen mit den ganzen wertvollen Erkenntnissen nichts an-

deres anfangen konnte als sie vergessen. Jede junge Wis-

senschaft wird durch allzu sklavische Nachahmung der

Technik einer älteren Wissenschaft gehemmt. Zweifellos

sind Messungen das Kennzeichen einer exakten Wissen-

schaft, und aus diesem Grunde sahen sich Psychologen, die

Wissenschaftler sein wollten, nach etwas Meßbarem im

Bereiche

ihres Faches um. Sie irrten

sich aber, wenn sie

meinten,

daß Zeit intervalle das Gegebene für solche Mes-

sungen wären; später stellte sich heraus, daß der Speichel

des Hundes das geeignete Material war.

Die Psychologie, so wie sie einst überall betrieben wurde,

  • 152 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

kann keine praktische Herrschaft über geistige Vorgänge

verleihen, und dies war auch gar nicht das angestrebte Ziel.

Von dieser Verallgemeinerung gibt es jedoch eine wichtige

Ausnahme, nämlich die Psychologie, wie sie von der So-

cietas Jesu betrieben wurde. Viel von dem, was der Rest

der Menschheit erst in jüngster Zeit begriff,

war bereits

von Ignatius von Loyola erfaßt und seinem Orden ein-

geschärft worden. Die beiden Richtungen, welche die mo-

dernen Psychologen in zwei Lager spaltet, nämlich Psycho-

analyse und Behaviorismus, haben ihr Gegenstück in der

Praxis der Jesuiten. Im allgemeinen kann man meiner

Meinung nach sagen, verließen

sich die Jesuiten für ihre

eigene Schulung auf den Behaviorismus, auf die Psycho-

analyse aber, wenn es galt, Macht über die reuigen Sünder

zu erlangen. Es handelt sich dabei jedoch mehr um einen

graduellen Unterschied, denn die Lehren, die Loyola in

den Meditationen

über die Passion gab, fallen eher in die

Psychologie Freuds als die Watsons.

Alles moderne wissenschaftliche Denken ist, wie ich be-

reits Gelegenheit hatte zu bemerken, ein Machtdenken,

das heißt, der grundlegende menschliche Impuls, an den

es sich wendet, ist die Machtliebe oder, anders ausgedrückt,

das Verlangen, die Ursache von möglichst vielen und star-

ken Wirkungen zu sein. Das jesuitische Denken war natür-

lich ein Machtdenken in einem sehr groben und direkten

Sinne, während ein wahrhaft wissenschaftliches Denken den

Machtimpuls veredelt und sublimiert. Sobald die Jesuiten

einmal das Verfahren kannten, um eine gegebene Wir-

kung zu erzielen, dann interessierte sie der Mechanismus,

durch den die Wirkung zustande kam, nicht mehr länger,

wenn nur die richtigen Verhaltensweisen ausgebildet wur-

den; ob sie aber ihren Ursprung im Kehlkopf oder in inner-

sekretorischen Drüsen hatten, das war ihnen völlig gleich-

gültig. So bemerkenswert ihr praktisches Verständnis auch

war, so können sie doch nicht als wissenschaftliche Psycho-

logen in diesem Sinne bezeichnet werden. Ihre Kunst ähnelt

der eines Zureiters oder Löwenbändigers; sie waren zu-

DIE TECHNIK IN DER PSYCHOLOGIE

153

frieden, solange sie Erfolg hatten. Im Gegensatz dazu

wollen moderne Psychologen wie Hamlet von ihrer Auf-

gabe auch erbaut sein. Die Hypothese z. B., so wichtig und

einzigartig sie auch ist, wurde deshalb lange Zeit von

den

Psychologen ignoriert, weil sie nicht wußten, wie sie in ihr

Schema einzuordnen sei. Lange Zeit hindurch betrachteten

es die Psychologen nicht als ihre Aufgabe, sich mit geistigen

Phänomenen auseinander zusetzen, die nicht als vernünftig

angesehen werden konnten, wie z. B. mit Träumen, Hy-

sterie, Wahnsinn und Hypnose. Der Mensch war ein ver-

nunftbegabtes Tier, und Zweck der Psychologie war es, uns

eine gute Meinung von ihm zu vermitteln. Aber seltsam,

solange diese Ansicht vorherrschte, machte die Psychologie

keine Fortschritte. Ein Fortschritt auf dem Gebiete der

Erziehung stellte sich erst ein, als man versuchte, Schwach-

sinnige zu unterweisen, und auf dem der Psychologie, als

man den Versuch unternahm, Geisteskranke zu verstehen.

Man gab zu, daß der Schwachsinnige nicht unbedingt bös-

willig war, wenn er nicht zu lernen vermochte, und daß

man ihm Intelligenz nicht durch Prügel einbläuen könne.

Aus der Erfahrung mit den Schwachsinnigen gelangten be-

sonders erlauchte Geister zu der Schlußfolgerung, daß viel-

leicht auch im Falle normal Intelligenter Prügel nicht das

beste Aufmunterungsmittel darstellen. Ein ähnlicher Um-

schwung bahnte sich in den Glaubenssätzen der Psychologie

durch das Studium der Geisteskranken an. Man entdeckte,

daß die Verrückten nicht durch eine Reihe von Syllogismen

mit allgemeingültigen Obers ätzen zu ihren Ansichten ge-

langt waren; im 18. Jahrhundert nahm man aber tatsäch-

lich an, daß Menschen mit normaler Intelligenz auf diese

Weise zu ihren Ansichten kämen. Damit will ich nicht

sagen, daß Menschen von normaler Intelligenz dies von~in-

ander annahmen; ich meine damit nur, daß Theoretiker

der Psychologie diese Anschauung vertraten. Als sich Vol-

taires Cacambo einer Horde Kannibalen gegenübergestellt

sieht, die Vorbereitungen treffen, ihn aufzufressen, hält

er ihnen eine wohlgesetze Rede, die mit "Meine Herren"

  • 154 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

beginnt, und in der er ihnen syllogistisch aus den Grund-

sätzen des Naturrechtes deduziert,

fressen sollten, und daß es daher,

daß sie nur Jesuiten

weil er und Candide

keine Jesuiten seien, ein Unrecht wäre, sie zu braten. Die

Kannibalen finden seine Rede sehr vernünftig und lassen

ihn und Candide per Akklamation frei. Voltaire macht

sich natürlich hier über den Intellektualismus seines Zeit-

alters lustig, doch verdiente sein Zeitalter auch den Spott,

zumindest soweit es sich um Theoretiker der Psychologie

handelt. Heutzutage wissen auf Grund einer ganz jungen

Entwicklung auch Theoretiker der Psychologie so viel über

geistige Vorgänge, wie die Jesuiten und Männer von Welt

schon früher darüber wußten. Man fand

heraus, daß die

Ursachen von Vorstellungen im wachen Zustand in der

Hauptsache denen der Träume, des Irreseins und des Hyp-

notisiertseins entsprechen. Sie sind natürlich nicht ganz

analog: der einzige Unterschied liegt in ein wenig Sauer-

teig der Vernunft, doch ist Vernunft eher eine Ursache des

Unglaubens als des Glaubens. Das Positive stammt

aus

dem animalischen Bereich des Instinkts, die Vernunft lie-

fert nur das Negative. Bildlich ausgedrückt, die Wissen-

schaft ist ein Baum, der aus dem Boden des Tierisch-In-

stinkthaften sprießt,· beschnitten von den Scheren der Ver-

nunft, und die Rolle, die das erstere spielt, hat die moderne

Psychologie angefangen zu verstehen.

Die moderne Psychologie kennt zwei Verfahrensweisen,

die einander immer noch mehr oder weniger feindlich

gegenüberstehen, die Freuds und die Pawlows.

Freuds Ziele waren zunächst rein therapeutische. Er

befaßte sich mit der Heilung der weniger extremen Formen

geistiger Störungen. Im Laufe seiner Versuche gelangte er

zu einer Ansicht über die Ursachen solcher Beschwerden.

Freuds Theorie über diesen Gegenstand erwies sich als

wichtiger als sein Beitrag zu den Heilverfahren. Eine freie

Wiedergabe der allgemeinen Grundsätze, die sich aus der

Arbeit Freuds und seiner Schüler ergeben, würde etwa

folgendermaßen lauten: Die menschlichen Wesen besitzen

DIE TECHNIK IN DER PSYCHOLOGIE

155

gewisse grundlegende Triebe, die gewöhnlich mehr o~er

weniger unbewußt sind, und unser geistiges Leben Wird

nun so gestaltet, daß. diese Triebe die größtmögliche Be-

friedigung finden. W'o immer sich ihrer Realisierung

Hindernisse in den Weg stellen, sind die Mittel, die man

zu ihrer überwindung anwendet, etwas töricht, in dem

Sinne nämlich, daß sie nur im Bereich der Phantasie und

nicht in dem der Realität wirken. Ich glaube nicht, daß die

Psychoanalytiker sehr tief über die Unterscheidung von

Phantasie und Realität nachgedacht haben. Ich nehme aber

an, daß für praktische Zwecke "Phantasie" das ist, woran

der Patient

glaubt, und Realität das, woran der Psycho-

analytiker glaubt, Es darf jemand erst ein Analytiker :-ver-

den, bis er analysiert wurde, und man erwartet von ihm,

daß er bei diesem Verfahren

die offizielle Ansicht über

Realität akzeptieren werde. Wenn es ihm nun seinerseits

gelingt, diese Ansicht auf seine Pa1:ien.t~~zu ~ber.tragen,

dann wird diese Auffassung von Realität

schheßhch den

Sieg davontragen,

hoffen wir es zumindest. Ohne uns in

metaphysische Feinheiten zu verlieren, kann man sagen,

daß Realität das ist, was allgemein anerkannt wird, und

Phantasie das; woran bloß ein Individuum oder eine

Gruppe von Individuen glaubt. Diese Definition darf ~.an

natürlich

nicht allzu wörtlich nehmen, denn sonst ware

z. B. die Meinung

des Kopernikus zu seinen Lebzeiten

Phantasie

und zur Zeit Newtons Realität

gewesen. Nun

gibt es aber eine Reihe von Ansichten, die of~en~ar auf

den individuellen Wünschen derer beruhen, die Sie ver-

treten, und nicht auf allgemein anerkannten Grundlagen.

Mich besuchte einmal ein Mann, der den Wunsch hegte,

meine Philosophie zu studieren, doch gestand er, daß es in

dem einzigen meiner Bücher, das er gelesen hatte, nur eine

Behauptung gab, die er verstand, und gerade sie war eine

Behauptung, der er nicht zustimmen konnte. Ich fragte, um

welche Behauptung es sich handle, und er erwiderte: "Es

handelt

sich um die Behauptung, daß Julius Caesar tot

sei." Natürlich erkundigte ich mich, warum er diese Be-

  • 156 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

h.aup~ung ~icht ak~e~tieren könne, und er entgegnete

~lemhch .st~lf: "Weil Ich Julius Caesar bin." Da ich

mit

Ih~ ~lleIn In ~er Wohnung war, trachtete ich so rasch

wie

rnogbch auf die Straße zu gelangen, denn es erschien mir

wahrscheinlich, daß er zu seiner Ansicht nicht auf Grund

ei~es objektiven Studiums der Realität gelangt sein konnte.

DIeser Vorfall beleuchtet den Unterschied zwischen ver-

nünftigen und Wahnvorstellungen. Vernünftige Vorstel-

lungen werden von Wünschen ausgelöst, die mit den Wün-

schen anderer Menschen übereinstimmen, Wahnvorstellun-

g~n geraten mit den Wünschen anderer Menschen in Kon-

flikt. ~ir alle würden gerne Julius Caesar sein, wir sehen

a?er ein, daß,. wenn einer Julius Caesar ist, es nicht auch

ein anderer sem kann. Deshalb ärgert uns ein Mensch der

glaubt, er sei Julius Caesar, und wir halten ihn für 'ver-

rückt. Wir alle würden auch gerne unsterblich sein doch

gerät die Unsterblichkeit eines Menschen nicht in Wider-

streit mit der eines anderen, und deshalb ist ein Mensch

der sich für unsterblich hält, nicht verrückt. Wahnvorstel-

lungen sind demnach Ansichten, denen es an der nötigen

~ozialen ~npas~ung mangelt, und Zweck der Psychoanalyse

1~~es, die sozialen Anpassungen herzustellen, die dazu

fuhren, daß solche Ansichten aufgegeben werden.

Hoffentlic? wird der Leser gefühlt haben, daß obige

Darstellung m mancher Hinsicht unzureichend ist. Wie sehr

ich mich ~uch bemühte, so ist es doch fast unmöglich, dem

metaphysischen Begriff des "Faktums " zu entrinnen.

Freud selbst wurde z. B. mit der Art von Entsetzen be-

trachtet, die man gefährlichen Irren entgegenbringt, als er

zum e:sten Male seine Theorie vom alles durchdringen-

den Emfluß des Geschlechtlichen darlegte. Wenn soziale

A~passung tats.ächlich als Prüfstein für geistige Gesund-

h~lt anzuse~en 1St,dann war er danach verrückt; als jedoch

seme Theone so weit anerkannt war, daß sie zu einer Ein-

n~hm.equelle wurde, da wurde auch er geistig normal.

D~es ist aber

offenbar unsinnig. W'er mit Freud überein-

stimmt, muß behaupten, daß in seinen Theorien

eine ob-

DIE TECHNIK IN DER PSYCHOLOGIE

157

jektive Wahrheit steckt, und nicht, daß sie bloß so beschaf-

fen sind, daß man viele Menschen dazu bringen kann, sie

zu akzeptieren. Was von der Theorie der sozialen An-

passung als Prüfstein der Wahrheit übrigbleibt, ist, daß

solche Ansichten, die nur von persönlichen Wünschen in-

spiriert werden, selten

richtig sind, wobei ich unter rein

persönlichen Wünschen solche verstehe, die den Interessen

anderer zuwiderlaufen.

Nehmen

wir als Beispiel

den

Mann, der auf der Börse reich wird. Seine Betätigung ist

zwar von dem Wunsche inspiriert, reich zu werden, und

dies ist ein rein persönlicher Wunsch. Doch müssen seine

Ansichten von einer unparteiischen Einschätzung der Markt-

lage getragen sein. Wenn er sich von rein persönlichen

Ansichten leiten läßt, wird er sein Geld verlieren, und

seine Wünsche werden nicht in Erfüllung

gehen. Wie

dieses Beispiel zeigt, werden auch unsere persönlichsten

Wünsche mehr Aussicht haben, in. Erfüllung

zu gehen,

wenn unsere Ansichten unpersönlich sind, als wenn sie

persönlich sind. Dies ist auch der Grund, warum sich die

Wissenschaft und die wissenschaftliche Methode einer

solch hohen Wertschätzung erfreuen. Wenn ich von un-

persönlichen Ansichten spreche, so meine ich damit, daß

die Wünsche, die sie verursachen, allgemein menschliche

Wünsche sind und nicht solche, die bloß für die fragliche

Person kennzeichnend sind.

Als psychologische Theorie besteht die Psychoanalyse

in der Entdeckung von gewöhnlich unbewußten Wünschen,

die den Glauben besonders an Träume und Wahnvorstel-

lungen inspirieren, aber auch an die weniger vernünftigen

Bestandteile unseres sogenannten vernünftigen Alltags-

lebens. Vom therapeutischen Standpunkt aus betrachtet, ist

die Psychoanalyse eine Verfahrensweise, die darauf ab-

zielt, persönliche Wünsche durch unpersönliche als Quelle

von Anschauungen zu ersetzen, und zwar dann, wenn per-

sönliche Wünsche so vorherrschend wurden, daß sie mit

dem sozialen Verhalten in Widerspruch gerieten. Soweit

Erwachsene in Frage kommen, ist die Verfahrensweise der

  • 158 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

Psychoanalyse immer noch langsam, schwerfällig und teuer.

Das wichtigste Anwendungsgebiet der psychoanalytischen

Theorie ist das der Erziehung. Doch stecken wir hier in-

folge der feindseligen Einstellung der verantwortlichen

Behörden noch im Versuchsstadium-. Doch läßt sich be-

reits erkennen, daß die moralische Erziehung und die des

Gefühlslebens bisher nach falschen Grundsätzen erfolgte

und zu Fehlanpassungen führte, die zur Ursache von

Grausamkeit, Furchtsamkeit, Dummheit und anderen nach-

teiligen Charaktereigenschaften wurden. Ich halte es für

durchaus möglich, daß die psychoanalytische Theorie von

einer wissenschaftIicheren absorbiert werden könnte, doch

zweifle ich nicht daran, daß das, was die Psychoanalyse

über frühe Erziehung zu sagen hat, dauernden Wert und

ungeheure Bedeutung besitzt.

Der Behaviorismus, der seine experimentellen Grund-

lagen in der Arbeit Pawlows hat und durch Dr. John B.

Watson allgemein bekannt wurde, ist auf den ersten Blick

von der Psychoanalyse grundverschieden und kaum mit

ihr vereinbar.

Doch bin ich davon überzeugt, daß in bei-

DIE TECHNIK IN DER PSYCHOLOGIE

159

abrichten oder Soldaten drillen; er macht sich die Macht

der Gewohnheit dienstbar, deren Stärke man schon seit

jeher kannte; und wie wir bereits bei unserer Betrachtung

der Arbeit Pawlows gesehen haben, kann man mit seiner

Hilfe Neurasthenie und Hysterie sowohl hervorrufen als

auch heilen. Die Konflikte, die sich in der Psychoanalyse

als solche des Gefühls darstellen, tauchen im Behavioris-

mus wieder auf, und zwar als Konflikte zwischen Gewohn-

heiten oder zwischen einer Gewohnheit und einem Reflex.

Würde man ein Kind jedesmal prügeln, wenn es niest, so

würde sich wahrscheinlich im Laufe der Zeit in seinem

Geiste eine Phantasiewelt ausbilden, in deren Mittelpunkt

der Begriff des Niesens stünde. Es würde vom Himmel

als einem Ort träumen, in dem die Geister der Seligen

ununterbrochen niesen oder es könnte sich die Hölle als

einen Ort der Bestrafung für

alle ausmalen, die an Stock-

schnupfen leiden. Auf diese Weise. könnte

man, wie ich

glaube, nach behavioristischen Richtlinien die Probleme

behandeln, welche in der Psychoanalyse eine Rolle spie-

len. Zugleich sollte man auch zugeben, daß diese Pro-

den Wahres steckt und daß es wichtig

wäre, zu einer Syn-

bleme, deren Bedeutung groß ist, wahrscheinlich ohne die

th~se bei der z~ gelangen.

Freud geht

von grundlegenden

psychoanalytische Forschung nicht zur Diskussion gestellt

Tneben aus

WIe dem Geschlechtstrieb, die nach seiner An-

s~cht jetz~ in einer und dann in einer anderen Richtung

eIn. Ventil suchen. Der Behaviorismus geht von einer

Reihe von Reflexen und dem Vorgang des Bedingtmachens

aus. Vielleicht ist der Unterschied gar nicht so groß, wie

es den Anschein hat. Der Reflex entspricht im großen

und ganzen Freuds grundlegenden Trieben, und der Vor-

gang des Bedingtmachens der Suche nach verschiedenen

Ventilen. Als Verfahrensweise zur Erlangung von Macht

halte i.chden Behaviorismus der Psychoanalyse überlegen,

denn Jener stellt eine Verkörperung der Methoden dar

die schon immer von denen angewandt wurden, die Tiere

1 Vgl. Susan Isaacs, The Intellectual dren, 1930.

Growth in Young Chil-

worden wären. Für die praktischen Zwecke des Erziehungs-

vorganges wird man,

wie ich glaube, finden, daß sich der

Erzieher dort, wo es sich um mächtige Instinkte handelt,

als Psychoanalytiker, und in Fragen, denen das Kind ohne

Gefühlsbetontheit gegenübertritt, als Behaviorist verhal-

ten sollte. So sollte z.B. Elternliebe vom psychoanalytischen,

das Zähneputzen jedoch vom behavioristischen Standpunkt

aus betrachtet werden.

Bisher haben wir die Arten der Einflußnahme

auf das

Geistesleben betrachtet, die sich seelischer Mittel - wie

die Psychoanalyse - oder des bedingten Reflexes bedie-

nen - wie der Behaviorismus. Es gibt aber noch andere

Methoden, die im Laufe der Zeit ungeheure Bedeutung

gewinnen könnten. So gibt es Methoden, die durch physio-

logische Mittel, wie z. B. das Verabreichen von Arzneien,

  • 160 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

wirken. Das Heilen des Kretinismus durch Jod ist das be-

merkenswerteste Beispiel für solche Methoden.

In

der

Schweiz muß das gesamte für den menschlichen Konsum

bestimmte Salz jodiert werden, und diese Maßnahme hat

sich als Vorbeugungsmittel gegen Kretinismus bewährt.

Weithin bekannt wurde auch das Werk Cannons und

anderer über den Einfluß der innersekretorischen Drüsen

auf das Gefühlsleben,

und es ist klar,

daß eine tiefe

W'irkung auf Temperament und Charakter durch künst-

liche Verabreichung der Substanzen erzielt werden kann,

die normalerweise

die innersekretorischen Drüsen lie-

fern. Die Wirkungen

des Alkohols,

des Opiums

und

verschiedener anderer

Drogen

ist

schon

seit

langem

bekannt;

ihre Wirkung

ist durchwegs eine schädliche,

wenn

sie

nicht

mit

ungewöhnlicher

Mäßigung ein-

genommen werden. Doch besteht apriori

kein Grund zu

der Annahme, daß nicht auch Drogen entdeckt werden

könnten, die überhaupt nur eine wohltätige Wirkung aus-

üben. Einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart

führt, vielleicht nur scherzhaft, den Umstand, daß er seinen

Brüdern geistig überlegen ist, auf die Tatsache zurück, daß

sich seine Mutter kurz vor seiner Geburt in einem Waggon

befand, der bei einem Unfall den Simplon hinunterrollte.

Ich möchte diese Methode zwar nicht empfehlen, um uns

auf diese Weise alle zu Philosophen zu machen, vielleicht

wird man aber im Laufe der Zeit ein weniger riskantes Mit-

tel entdecken, um den Fötus mit Intelligenz auszustatten.

Früher setzte die Erziehung im Alter von acht Jahren mit

der Erlernung der lateinischen Deklinationen ein, heute be-

ginnt sie, unter dem Einfluß der Psychoanalyse, mit der

Geburt. Es steht zu erwarten, daß man mit dem Fortschritt

der Embryologie erkennen wird, daß der wichtigste Teil

der Erziehung in die

Zeit vor der Geburt fällt. Bei Fischen

und Molchen ist dies bereits der Fall, doch stellen sich hier

dem Wissenschaftler keine Erziehungsbehörden hindernd

in den W'eg.

Das Vermögen der psychologischen Verfahrensweisen,

DIE TECHNIK IN DER PSYCHOLOGIE

161

die Mentalität des Individuums zu formen, steckt noch in

den Kinderschuhen und man ist sich seiner noch nicht ganz

bewußt geworden. Doch besteht meiner Meinung nach kaum

ein Zweifel daran, daß es in naher Zukunft ungeheuer

wachsen wird. Die Naturwissenschaften schenken uns der

Reihe nach Herrschaft über die unbeseelte Natur, über die

Pflanzen und Tiere und schließlich über den Menschen.

Sie alle haben Gefahren ihrer eigenen Art im Gefolge"

vielleicht

die größte

Gefahr droht jedoch von der Macht

über die

Menschen,

doch werden wir dieses Thema erst

später zu behandeln haben.

KAPITEL XI

DIE TECHNIK IM SOZIALEN LEBEN

Die Anwendung der Naturwissenschaften auf soziale Fra-

gen ist noch jüngeren Datums als ihre Anwendung auf die

Psychologie des Einzelmenschen. Es gibt zwar schon zu Be-

ginn des 19. Jahrhunderts einige wenige Richtungen, die

eine

wissenschaftliche Haltung verraten; so ist die Be-

völkerungstheorie von Malthus, ob sie nun stimmt oder

nicht, sicher wissenschaftlich. Die Beweisgründe, durch die

er sie stützt, berufen sich nicht auf Vorurteile, sondern

auf Bevölkerungsstatistiken und die Ertragsgesetze der

Landwirtschaft. Auch Adam Smith und Ricardo sind in

ihrer Nationalökonomie wissenschaftlich. Auch in ihrem

Falle behaupte ich gar nicht, daß die von ihnen vertretenen

Theorien unweigerlich richtig seien, aber ihre ganze Ein-

stellung und die Art des Folgerns weisen die Merkmale

auf, die charakteristisch für die wissenschaftliche Methode

sind. Auf Malthus folgte Darwin, und auf Darwin der

Darwinismus, der in seiner Anwendung auf die Politik

weit davon entfernt ist, wissenschaftlich zu sein. Das

Schlagwort vom "Überleben des Tüchtigsten" erwies sich

als zu verlockend für den Intellekt derer, die über soziale

Fragen nachdenken. Der Ausdruck "Tüchtigste" scheint

zu ethischen Schlußfolgerungen zu verleiten und es scheint

daraus zu folgen, daß die Nation, Rasse und Klasse, der

ein Autor angehört, zwangsläufig die tüchtigste sein müsse.

So entwickeln sich unter der Ägide eines Pseudodarwinis-

mus Lehren, wie die von der Gelben Gefahr, "Australien

für die Australier" und von der Überlegenheit der nordi-

schen Rasse. Wegen ihrer ethischen Voreingenommenheit

müssen alle darwinistischen Beweisführungen über soziale

Fragen mit größter Vorsicht aufgenommen werden. Dies

gilt nicht nur für Rassenunterschiede, sondern auch für

DIE TECHNIK IM SOZIALEN LEBEN

163

solche der Klasse innerhalb derselben Nation.

Alle dar-

winistischen Autoren gehören den freien Berufen an, ~n.d

es ist daher eine selbstverständliche Maxime der darwini-

stischen Politik, daß die freien Berufe biologisch die wert-

vollsten seien. Es folgt weiter daraus, daß ihre Söhne auf

Kosten des Staates eine bessere Erziehung genießen soll-

ten als die Söhne der Lohnempfänger. Es ist unmöglich,

solche Argumente als Anwendung der wissenschaftlichen

Erkenntnisse auf praktische Fragen zu betrachten. Es han-

delt sich dabei bloß um das Entlehnen wissenschaftlicher

Ausdrucksweisen, um ein Vorurteil achtbar erscheinen zu

lassen.

Es wird aber doch auch in Fragen des Gesellschaftslebens

eine große Menge echter experimenteller wissenschaftlicher

Arbeit geleistet. Vielleicht die wichtigste Rei~e von Ex-

perimenten auf diesem Gebiet verdanken WIr den Re-

klamefachleuten. So wertvoll dieses Material auch ist, so

wird es doch von der Experimentalpsychologie nicht ge-

nützt weil die Hochschulen so erhaben darüber sind, daß sie

das

Gefühl hätten, sich etwas zu vergeben, wenn sie sich

mit so gemeinen Dingen beschäftigen würden. Wer aber

ernstlich die Psychologie des Glaubens studieren will, kann

nichts Besseres tun, als die großen Reklamefirmen .zu ~0t;t-

sultieren. Kein Test in dieser Hinsicht ist so beweiskräftig

wie der finanzielle. Wenn jemand bereit ist, für das, woran

er glaubt, Geld auszugeben, dann handelt ~s si.chbestimmt

um eine echte Überzeugung. Und gerade dies ist der Test,

den der Werbefachmann ständig anwendet. Die Seifen

verschiedener Erzeuger werden auf verschiedene Weise an-

gepriesen; einige davo~ haben das ~ew~nschte Res~ltat,

andere nicht oder

zumindest haben SIe mcht den gleichen

Grad von Erfolg. Es ist klar, daß eine Reklame, die dazu

verlockt die Seife eines bestimmten Erzeugers zu kaufen,

einen wirksameren Glauben schafft, als eine, die nicht

diese Wirkung hat. Ich glaube nicht, daß irgendein ge-

wiegter Reklamefachmann behaupten wird,. daß die Qual~-

tät der betreffenden Seifen an dem erzielten Ergebnis

  • 164 NATURWISSENSCHAFTLICHE

TECHNIK

irgend wie beteiligt

war.

Man zahlt große Geldsummen

denen, die gute Plakate und andere Werbemittel

erfinden

und zwar mit Recht, denn die Fähigkeit,

in einer großen

Zahl von Leuten den Glauben an das zu erwecken, was man

anpreist,

ist eine sehr wertvolle

Fähigkeit.

Bedenken Sie

bloß, welche Bedeutung ihr im Falle von Religionsstiftern

zukommt.

In früheren

Zeiten mußten

diese oft in recht

peinlicher

Art und Weise die öffentlichkeit

auf sich auf-

merksam machen. Was

hätten

sie aber für ein gutes Le-

ben geführt, wenn sie zu einem Agenten hätten

gehen

können,

der ihnen für einen bestimmten

Prozentsatz

der

kirchlichen Einnahmen die Achtung ihrer Schüler verschafft

hätte!

. Aus der Werbungstechnik

scheint sich zu ergeben,

daß

die Mehrzahl