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POLITIK & FREISINN Schwerpunkt: BITCOIN Ausgabe 04 Winter 2012/13  www.blink.li
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POLITIK & FREISINN Schwerpunkt: BITCOIN Ausgabe 04 Winter 2012/13  www.blink.li

POLITIK & FREISINN

Schwerpunkt: BITCOIN

Ausgabe 04

Winter 2012/13

www.blink.li

POLITIK & FREISINN Schwerpunkt: BITCOIN Ausgabe 04 Winter 2012/13  www.blink.li

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Daniel und Aaron essen ihre ersten mit Bitcoin bezahlten Burger 100.000 € für zwei Pizzas

Daniel und Aaron essen ihre ersten mit Bitcoin bezahlten Burger

100.000 € für zwei Pizzas

Am 22. Mai 2010 kaufte ein Nutzer des Bitcoin-Forums namens Laszlo aus Jack- sonville (Florida) zwei Pizzas für 10.000 Bitcoins – eine der ersten Transaktionen in der noch jungen Währung. Zum da- maligen Kurs waren das etwa 35 Euro, es müssen also recht üppig belegte Pizzas ge- wesen sein. Doch seitdem ist der Bitcoin rasant im Wert gestiegen: wenn der Piz- zalieferant seine Einnahmen behalten hat, sind sie heute über 100.000 Euro wert.

Bitcoin ist eine der erstaunlichsten Er- folgsgeschichte der letzten Jahre. Aus dem Hirngespinst eines öffentlichkeitsscheuen Hackers mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto ist eine weltweite Bewegung geworden. Man trifft sich in Foren und Chatrooms, sowie live auf Konferenzen wie der Bitcoin 2012 in London, bei der auch das BLINK-Team zu Gast war.

Schon in unserer Erstausgabe vom Okto- ber 2011 gibt es einen Artikel über die neue digitale Währung, die ohne Zentralbank und ohne Inflation auskommt. Seitdem ist so viel passiert, dass wir dem Thema Bitcoin einen eigenen Schwerpunkt wid- men. Dabei interessieren uns natürlich vorrangig die politischen und wirtschaft- lichen Aspekte des Bitcoins. Wir haben Mitglieder des Bitcoin-Entwicklerteams und zahlreiche andere Autoren gefunden, die sich mit Bitcoins gut auskennen.

Wie immer bei BLINK mögen wir die polarisierenden Artikel besonders, auch wenn sie nicht immer unsere persönliche Meinung wiedergeben.

Viel Spaß mit BLINK 04!

Daniel Fallenstein & Aaron Koenig

BLINK ist ein freisinniges politisches Magazin und steht für

unantastbare Menschenrechte

freie Marktwirtschaft

Begrenzung staatlicher Macht

direkte Demokratie

04 INHALT Schwerpunkt: Bitcoin SCHWERPUNKT POLITIK Sind Bitcoins das neue Gold? Einführung in Bitcoin für
04 INHALT Schwerpunkt: Bitcoin SCHWERPUNKT POLITIK Sind Bitcoins das neue Gold? Einführung in Bitcoin für

04

INHALT

Schwerpunkt: Bitcoin

SCHWERPUNKT

04 INHALT Schwerpunkt: Bitcoin SCHWERPUNKT POLITIK Sind Bitcoins das neue Gold? Einführung in Bitcoin für Libertäre
04 INHALT Schwerpunkt: Bitcoin SCHWERPUNKT POLITIK Sind Bitcoins das neue Gold? Einführung in Bitcoin für Libertäre
04 INHALT Schwerpunkt: Bitcoin SCHWERPUNKT POLITIK Sind Bitcoins das neue Gold? Einführung in Bitcoin für Libertäre
04 INHALT Schwerpunkt: Bitcoin SCHWERPUNKT POLITIK Sind Bitcoins das neue Gold? Einführung in Bitcoin für Libertäre
04 INHALT Schwerpunkt: Bitcoin SCHWERPUNKT POLITIK Sind Bitcoins das neue Gold? Einführung in Bitcoin für Libertäre

POLITIK

Sind Bitcoins das neue Gold?

Einführung in Bitcoin für Libertäre und „Austrians“ von Erik Voorhees

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Marktgeld

statt Monopoly

Thorsten Polleit über die Privatisierung des Geldwesens

20

Von Käsemessern und der Aufklärung

23

Joerg Platzer über die Vorteile von Bitcoin

Der Bitcoin-Kiez

26

Ein Bitcoin-Bummel durch Berlin-Kreuzberg

Satoshis

28

Geniestreich

Mike Hearn über Anfänge und Zukunft von Bitcoin

STIL

GESCHICHTE

über Anfänge und Zukunft von Bitcoin STIL GESCHICHTE „Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“
über Anfänge und Zukunft von Bitcoin STIL GESCHICHTE „Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“
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über Anfänge und Zukunft von Bitcoin STIL GESCHICHTE „Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“

„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“

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Interview mit Bitcoin- Entwickler Gavin Andresen

„And Zen Ve Vill Rule Ze Vorld!“

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Aaron Koenig über einen sehr deutschen Bitcoin- Animationsfilm

BitPop aus

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Österreich

Interview mit Max Min („Alpaca Socks“)

Unser Geldsystem

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und das „eine Prozent“

Dominic Frisby über die schädlichen Folgen des Scheingeldsystems

Deflation – na und? 45

Rick Falkvinge findet fallende Preise unproblematisch

La Revolución 47 Bitcoinista Oscar Fonseca Gómes kennt Mittel gegen die Finanztyrannei in Argentinien Frei
La Revolución 47 Bitcoinista Oscar Fonseca Gómes kennt Mittel gegen die Finanztyrannei in Argentinien Frei
La Revolución 47 Bitcoinista Oscar Fonseca Gómes kennt Mittel gegen die Finanztyrannei in Argentinien Frei
La Revolución 47 Bitcoinista Oscar Fonseca Gómes kennt Mittel gegen die Finanztyrannei in Argentinien Frei

La Revolución

47

Bitcoinista

Oscar Fonseca Gómes kennt Mittel gegen die Finanztyrannei in Argentinien

Frei wie ein Vogelschwarm

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Juraj Bednar über die Vorzüge freier Märkte

Keine Kompromisse!

58

Drei Thesen über den langfristigen Erfolg Bitcoins von Frank Braun

KUNSTPAUSE: 63 Love, Gold & Cryptocode

von David Nakamoto

In der Berliner Bitcoin-Bar Room 77

von David Nakamoto In der Berliner Bitcoin-Bar Room 77 „Ein Staatsbankrott ist unangenehm, aber keine
von David Nakamoto In der Berliner Bitcoin-Bar Room 77 „Ein Staatsbankrott ist unangenehm, aber keine
von David Nakamoto In der Berliner Bitcoin-Bar Room 77 „Ein Staatsbankrott ist unangenehm, aber keine
von David Nakamoto In der Berliner Bitcoin-Bar Room 77 „Ein Staatsbankrott ist unangenehm, aber keine

„Ein Staatsbankrott ist unangenehm, aber keine Katastrophe“

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Interview mit Bernd Lucke von der Wahlalternative 2013

Ist Anarchie machbar?

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Einführung in den Krypto- Anarchismus von Jonathan Logan

Heute das kleine Schwarze

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Zwei Privatsphäristen über ihre Maskierung

Aufstieg und Fall der Hamburger Mark Banco (Teil 2)

76

von Steffen Krug

Impressum

73

Bildnachweis

Sind Bitcoins das neue Gold? Eine Einführung für Libertäre, „Österreicher“ und andere Skeptiker – von

Sind Bitcoins das neue Gold?

Eine Einführung für Libertäre, „Österreicher“ und andere Skeptiker – von Erik Voorhees

In libertären Kreisen ist Bitcoin in letzter Zeit zu einem Buzzword geworden, über das viel geredet wird. Wie alle neuen Dinge, die über- raschend in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen, bleiben Aufregung, Spekulation, Gerüchte und Verwirrung nicht aus. Sicher, Bitcoin ist kompliziert. Es ist schließlich ein komplett neues globales Geldsystem. Man kann Bitcoin mit einem Fahrrad verglei-

Geldsystem. Man kann Bitcoin mit einem Fahrrad verglei- 6 chen: es ist relativ einfach und komfortabel

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chen: es ist relativ einfach und komfortabel zu benutzen, auch wenn man sich Jahre mit den physikalischen Grundlagen beschäftigen könnte, auf denen seine Funktion beruht. So tiefgehendes Wissen ist für den normalen Radfahrer jedoch gar nicht notwendig. Auch für den Einstieg in die Bitcoin-Welt reichen ein bisschen Neugier und Spaß am prak- tischen Ausprobieren vollkommen aus.

SCHWERPUNKT

Dieser Artikel ist eine Einführung in Bitcoin aus der Sicht eines Libertären, der sich mehr für die Auswirkungen des Bitcoins auf die menschliche Freiheit interessiert, als für die technischen Details und die wissenschaft- lichen Grundlagen.

Was ist Bitcoin?

Der Begriff Bitcoin bezeichnet eigentlich zwei Dinge: einerseits eine digitale Währungsein- heit, andererseits das weltweite Zahlungsnetz- werk, über das man diese Währung senden und empfangen kann.

Man kann Bitcoin zunächst als Währung sehen wie viele andere: die Welt kennt Euros, Dollars, Yen, Gold- und Silberunzen, und neuerdings auch Bitcoins. Die Bitcoin-Wäh- rung hat die folgenden Eigenschaften:

Es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoins geben, und sie werden im Lauf der Zeit mit abnehmender Geschwindigkeit erzeugt. Zur Zeit existieren etwa 10,5 Millionen Bitcoins.

Jeder Bitcoin ist durch Einhundert Millio- nen teilbar. Es ist also möglich, 0.00000001 Bitcoins zu besitzen.

Es ist theoretisch unmöglich, einen Bitcoin zu fälschen. Um das voll zu verstehen, müsste man sich allerdings ausgiebig mit Kryptogra- phie und recht forgeschrittener Mathematik beschäftigen.

Neue Bitcoins werden nach einem festen Zeitplan erzeugt und an diejenigen ausgege- ben, die Rechenleistung zur Verfügung stel- len, um die Zuverlässigkeit des Netzwerks zu sichern. Dieser Prozess wird Bitcoin Mining

genannt, doch wenn man es genau nimmt, müsste er eigentlich „Bitcoin-Buchprüfung“ heißen. Je mehr Rechenleistung man ein- bringt, desto höher sind die Chancen, neue Bitcoins zu erhalten.

Die Menge an neuen Bitcoins erhöht sich je- doch nie, im Gegenteil, sie wird immer klei- ner, bis alle 21 Millionen Bitcoins in der Welt sind. Das Geldmengenwachstum ist genau vorherbestimmt und konvergiert gegen Null, wie man an dieser Grafik sehen kann:

konvergiert gegen Null, wie man an dieser Grafik sehen kann: • Der Wert des Bitcoins wird

Der Wert des Bitcoins wird vom freien Markt bestimmt. Zur Zeit wird ein Bitcoin für ca. 10,50 Euro oder 13,50 US-Dollar ge- handelt. Natürlich gibt es Marktpreise in al- len denkbaren Währungen, vom japanischen Yen bis zum brasilianischen Real.

Bitcoins werden wie andere Währungen auf speziellen Tauschplattformen gehandelt, so kommt der Marktpreis zustande. Die be- kannteste dieser Plattformen ist Mtgox.com

Sehen wir uns nun den zweiten Aspekt von Bitcoin an: als Zahlungsnetzwerk ersetzt Bit- coin Zentralbanken, Geschäftsbanken, Inter- banken-Zahlungssysteme wie SWIFT oder

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an: als Zahlungsnetzwerk ersetzt Bit- coin Zentralbanken, Geschäftsbanken, Inter- banken-Zahlungssysteme wie SWIFT oder 7

SCHWERPUNKT

SEPA und Zahlungsdienstleister wie PayPal oder Western Union. Alle Funktionen dieser riesigen Wirtschaftszweige, die sich mit der Schöpfung, der Lagerung und der Versen- dung von Geld beschäftigen, würden von Bit- coin übernommen werden. Wenn sich Bitcoin durchsetzt, werden Unternehmen wie PayPal und Western Union vom Markt verschwin- den und alle Zentralbanken überflüssig. Das Potenzial von Bitcoin als weltverändernd zu bezeichnen, wäre also eine Untertreibung.

Wie funktioniert Bitcoin?

Doch wie funktioniert dies alles? Wieso ist Bitcoin in der Lage, all diese Dinge zu erset- zen, für die wir uns so lange auf Regierungen, Banken und Zahlungsdienstleister verlassen haben? Um Bitcoin zu nutzen, lädt man sich üblicherweise eine Wallet genannte Software auf seinen Computer. Diese Wallet-Software ist so etwas wie Ihr Bankkonto. Sobald

man eine Wallet hat, kann man Bitcoins an andere Wallet-Nutzer irgendwo auf der Welt schicken oder geschickt bekommen. Das geht so schnell und einfach wie das Schicken ei- ner E-Mail (sogar einfacher, weil man keinen Nachrichtentext schreiben muss).

Man muss keinen Namen, keine Adresse, keine Sozialversicherungsnummer oder sonst irgendetwas angeben. Niemand muss Ihr Konto „freischalten“ oder „genehmigen“. Die Software ist kostenlos und open-source, man erhält sie bei Bitcoin.org.

Überweisungen und Inhalt werden durch eine Technologie gesichert, die Public-Key-Kryp- tographie genannt wird. Jedes Bitcoin-Kon- to hat einen öffentlichen und einen privaten Schlüssel. Beide sind lange Zeichenketten, die aus Buchstaben und Zahlen bestehen. Ihre Wallet-Software kennt Ihren privaten Schüs- sel und kann daher Geld überweisen. Wenn Sie jemandem Geld überweisen möchten, müssen Sie nur seinen öffentlichen Schlüssel kennen, also seine Bitcoin-Kontonummer. Die Kombination aus Ihrem privaten Schüssel und dem öffentlichen Schlüssel des Empfän- gers genügt, um das Geld von Ihrem Konto abzubuchen und dem Konto des Empfängers gutzuschreiben, ohne das irgendwer sonst etwas mit diesem Prozess zu tun hat.

Wie schon erwähnt, ist Ihr „Konto“ ein- fach eine lange Zeichenfolge aus Buch- staben und Zahlen, die zum Beispiel so aussieht: 1PGFCtrJHUsc7fs4LGW- LmXUEwuKyDaHuRa

Es trägt also keinerlei persönliche In- formationen, und Sie brauchen auch keinerlei Informationen über sich preisgeben, um ein Bitcoin-Konto zu

In- formationen, und Sie brauchen auch keinerlei Informationen über sich preisgeben, um ein Bitcoin-Konto zu 8

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Auf der Bitcoin-Konferenz 2012 in London eröffnen. Das bedeutet, dass man Bitcoins er- halten, speichern

Auf der Bitcoin-Konferenz 2012 in London

eröffnen. Das bedeutet, dass man Bitcoins er- halten, speichern und ausgeben und dabei re- lativ anonym bleiben kann. Die Anonymität ist relativ, denn wenn Sie Ihre Bitcoin-Adresse an einem Ort veröffentlichen, den man mit Ihnen in Verbindung bringen kann (zum Bei- spiel Ihre Facebook-Seite), kann man natür- lich sehen, dass das Konto Ihnen gehört.

Warum sind Bitcoins wertvoll?

Dies ist wohl das wichtigste Thema überhaupt, denn wenn Bitcoin keinen Wert hätten, wä- ren alle anderen Vorteile hinfällig. Woher be- komen Bitcoins ihren Wert? Ist es nicht ein großer Fake? Eine herbeiphantasierte virtuelle Währung? Manche sagen: „Ich kann sie nicht anfassen, ich kann sie nicht sehen, Bitcoins sind künstlich und daher nicht wert, dass ich mich damit beschäftige.“ Eine solche Reak- tion ist verständlich, aber hält sie einer kri- tischen Überprüfung stand? Lassen Sie mich demonstrieren, warum Bitcoins sehr wohl wertvoll sind – und warum man sich sehr wohl mit ihnen beschäftigen sollte.

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Das berühmte „Schweizer Bankkonto“ ist ge- radezu ein Symbol für finanzielle Vertraulich- keit. Doch wer ein Konto bei einer Schweizer Bank eröffnet, muss dafür immer noch dieser Bank vertrauen, und wie wir in den letzten Jahren gesehen haben, ist das Bankgeheimnis auch in der Schweiz mittlerweile nur noch ein Mythos. Schweizer Banken sind vor den US- Behörden eingeknickt und geben vertrauliche Kundendaten an die US-Regierung weiter. Aber stellen Sie sich vor, Sie hätten ein ge- heimes Schweizer Nummernkonto, nur ohne störende Bank. Das ist Bitcoin. Statt einer staatlich regulierten Bank vertrauen zu müs- sen, die von fehlbaren Menschen geleitet wird, ermöglicht es Bitcoin, dass man sein Vertrau- en in die Kryptografie legt, die von den un- fehlbaren Gesetzen der Mathematik regiert wird. Zwei plus zwei wird immer vier sein, ganz egal wie viele Pistolen die Regierung auf die Gleichung richtet.

Bitcoin ist daher die einzige Währung und das einzige Geldsystem, in dem es keinerlei Gegenpartei-Risko gibt. Das heißt: Sie müs-

daher die einzige Währung und das einzige Geldsystem, in dem es keinerlei Gegenpartei-Risko gibt. Das heißt:

SCHWERPUNKT

sen sich dabei auf niemanden verlassen. Ver- fechter von Gold als Wertanlage werden sagen, dass es bei physischem Gold ebenfalls kein Gegenpartei-Risiko gibt, doch das stimmt nur, solange man es in seinem eigenen Haus aufbewahrt. Sobald man es im Tresor einer Bank aufbewahrt, gibt es ein Gegenpartei-Ri- siko. Und wenn man es verschickt, muss man vielen verschiedenen Menschen vertrauen, um sein Gold von einem Ort der Welt an einen anderen transportieren zu lassen.

Bitcoin bedeutet die vollständige Kontrolle über das eigene Geld, sowohl bei der Lage- rung als auch beim Transport. Niemand kann Sie daran hindern, es zu besitzen. Niemand kann Sie daran hindern, es auszugeben. Selbst wenn Einbrecher in ihr Haus kommen oder die Regierung einen Beschlagnahmungsbe- fehl ausstellt (so geschehen mit Gold in den USA 1933) sind die eigenen Bitcoins in Si- cherheit. Versuchen Sie einmal, mit Gold im Wert von einer Million Dollar aus dem Land zu fliehen, ohne dass die Regierung das he- rausfindet. Leichter gesagt als getan.

Mit Bitcoins ist es hingegen leichter getan als beschrieben: man kann eine Million Bitcoins auf einem USB-Stick speichern, sich den ei- genen privaten Schlüssel auf ein Stück Papier schreiben oder sich seine Wallet per E-Mail ins Ausland schicken.

Fängt der Nutzen von Bitcoins an, sich Ihnen zu erschließen? Niemals zuvor in der Weltge- schichte hatte ein Individuum derartige Mög- lichkeiten. Bitcoins sind beispiellos.

Aber was macht den Bitcoin nun tatsächlich wertvoll? Wieso hat er einen Preis? Das ist eine sehr gute Frage und selbst Ökonomen fällt es manchmal schwer, sie zu beantworten.

Aber die Antwort ist ganz einfach. Bitcoins haben deshalb einen Wert, weil sie a) nützlich und b) selten sind. Wenn man diese beiden Eigenschaften an einem Gegenstand findet, wird er stets seinen Preis haben.

Als das erste Bitcoin für etwas anderes auf dem Markt eingetauscht wurde, wurde ein Marktpreis etabliert. Die nachfolgenden Handelnden stimmten diesem Marktpreis zu – oder auch nicht, und änderten ihn entspre- chend. Der Bitcoin entwickelte seinen Marktpreis also auf spontane, natürliche Weise, so wie alle Dinge dies auf einem frei- en Markt tun, wenn sie nützlich und selten sind.

Man braucht sich nur Edelmetalle anzusehen, um zu verstehen, warum Bitcoins einen Wert haben. Edel- metalle werden in einem offenen Markt als allgemeines Tausch- mittel benutzt, weil sie bestimmte Eigenschaften haben, die sie dafür besonders qualifizieren. Gold und Silber eig- nen sich gut als Geld, weil sie selten, teilbar, gleichförmig, transportabel, haltbar und leicht zu identifizieren sind. Außerdem ist der Zuwachs an Gold und Silber relativ beständig und vorhersehbar.

Wenn man dies mit anderen Gütern wie zum Beispiel Hühnern, Muscheln oder Sand ver- gleicht, erkennt man, dass diese nicht über Eigenschaften verfügen, die sie zu gutem Geld

Muscheln oder Sand ver- gleicht, erkennt man, dass diese nicht über Eigenschaften verfügen, die sie zu

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SCHWERPUNKT

machen würden: Hühner kann man schlecht in zwei Hälften teilen und wieder zusam- mensetzen, Muscheln sind nicht gleichför- mig, Sand ist zu leicht verfügbar. Und warum nicht andere Metalle? Warum hat sich Eisen nicht als Geld durchgesetzt? Es ist nicht selten genug. Man müsste mit Wagenladungen da- von zum Einkaufen gehen.

Aus Sicht der Österreichischen Schule der Volkswirtschaft ist Geld nichts weiter als ein Gut, das in einem offenen Markt die besten Eigenschaften be- weist, um dem Austausch zu dienen. Das waren normalerweise Gold und Silber, solange keine Regierung dies mit Gewalt verhinderte. Aber das bedeutet nicht, das Gold und Silber das perfekte, unfehl- bare Geld wären. Denn sie bringen durchaus einige praktische Probleme mit sich. Man kann Gold- und Silbermünzen nicht einfach verkleinern, um Wechselgeld herauszugeben. Man kann nicht einfach große Werte an Gold über eine Distanz schicken, es entstehen Kosten für Sicherheitspersonal und lange Wartezeiten. Man muss entweder Lagergebühren zahlen oder riskiert, dass es bei einem Einbruch ins eigene Haus gestohlen wird. Und auch wenn es schwierig ist, so ist es doch nicht unmög- lich, Gold und Silber so gut zu fälschen, dass man damit einige Zeit auf dem Markt han- deln kann.

Auch wenn Gold und Silber zugegebenerma- ßen das beste Geld sind, das wir bisher hatten, kann die Menschheit durchaus etwas erfin- den, das sich sogar noch besser eignet. Darum geht es beim Bitcoin-Experiment: wird sich Bitcoin mit seinen speziellen Eigenschaften auf dem freien Markt als bessere Form des Geldes durchsetzen?

Wenn die „Österreicher“ recht haben und sich auf einem freien Markt das beste Geld durchsetzen wird, sollten die Eigenschaften des Bitcoins im Laufe der Zeit dafür sorgen, dass er ganz automatisch mehr und mehr als Zahlungsmittel verwendet wird.

Bitcoin ist noch ein Nischen-Produkt, das sich an Early Adopters wendet, doch es besetzt immer mehr dieser Nischen. Dies steigert den Marktpreis, was seine Besitzer darin bestätigt, dass sie ihren Wert behalten, was wiederum dazu führt, dass Bitcoins für immer mehr Anwendungen zum Zug kommen. Das ist ein organischer und manchmal chaotischer Prozess, voll von Trial and Error, Schlaglö- chern, brillianten Innovationen und grandios scheiternden Projekten – wie es sich für einen offenen Markt gehört. So entsteht Tag für Tag eine immer belastbarere Bitcoin-Wirtschaft – nicht per Zwang oder Dekret der Regierung oder Zentralbank, sondern durch eine spon- tane Ordnung, die auf Eigeninteresse und pri- vatem Unternehmertum basiert.

Oft hört man als Gegenargument, Bitcoin sei durch nichts gedeckt. Das stimmt. Bitcoins sind nicht an eine existierende Währung oder einen Sachwert gekoppelt. Doch das ist bei Gold auch nicht der Fall. Gold ist ebenfalls durch nichts „gedeckt“ – es ist wertvoll, weil es nützlich und knapp ist. Autos, Nahrungs- mittel oder Computer sind durch nichts „ge-

– es ist wertvoll, weil es nützlich und knapp ist. Autos, Nahrungs- mittel oder Computer sind
Wo kann man schon mit Bitcoins bezahlen? deckt“, sie erlangen ihren Wert dadurch, dass sie

Wo kann man schon mit Bitcoins bezahlen?

deckt“, sie erlangen ihren Wert dadurch, dass sie nützlich sind. Der Wert dieser Waren ergibt sich aus ihrem Nutzen und ihrer Sel- tenheit. Seine Nützlichkeit ist es, die Bitcoin einen Preis auf dem Markt gibt – ohne dass es durch eine Regierung oder ein Unternehmen „gedeckt“ sein müsste, ohne Koppelung an eine Staatswährung oder einen Sachwert.

Wie kann man Bitcoins erwerben?

Wenn man dies verstanden hat, möchte man vielleicht einige Bitcoins erwerben. Doch wie macht man das? Nun, nicht anders als bei an- deren Währungen auch. Es gibt zwei grundle- gende Arten, an Geld einer bestimmten Wäh- rung zu kommen: entweder man bietet Waren oder Dienstleistungen dafür an oder man tauscht es gegen eine andere Währung ein.

Für den Tausch von Bitcoins gegen anderes Geld gibt es im Internet spezielle Wechselbör-

anderes Geld gibt es im Internet spezielle Wechselbör- 4 sen. Dies sind Websites, auf denen sich

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sen. Dies sind Websites, auf denen sich Käu- fer und Verkäufer treffen, um eine Währung gegen eine andere zu tauschen. Man kann einfach ein Konto bei so einer Tauschbörse aufmachen, darauf staatliches Scheingeld wie Dollars oder Euros einzahlen, und schon kann man Bitcoins kaufen. Der Bitcoin-Markt ist voll liquide und 24 Stunden und sieben Tage in der Woche geöffnet, ohne Ferien. Die Tauschbörsen sind aus jedem Land der Welt erreichbar und akzeptieren alle wichtigen na- tionalen Währungen.

Man kann auch an Bitcoins kommen, in- dem man Waren oder Dienstleitungen ge- gen Bitcoins verkauft. Dafür ist nichts wei- ter nötig als eine Bitcoin-Adresse, die man automatisch bekommt, sobald man sich eine Bitcoin-Wallet heruntergeladen hat. Man muss dafür keinen „Antrag“ stellen, den irgendjemand „bewilligen“ müsste. Es ist egal, wie alt man ist oder in welchem Land man wohnt. Man braucht sich nur die Wal-

SCHWERPUNKT

let-Software kostenlos herunterzuladen (z.B. von bitcoin.org) oder man richtet sich eine e-Wallet im Netz ein, z.B. bei Paytunia.com instawallet.com oder easywallet.com. Jeder, der Ihre Bitcoin-Adresse kennt – weil er sie z.B. auf ihrer Website gesehen hat – kann Ih- nen sofort Bitcoins überweisen.

Für Unternehmen gibt es einige gute Software- Lösungen, mit denen man Bitcoin-Zahlungen empfangen und weiterverarbeiten kann. Die derzeit beste heißt Paysius.com. Man baut einfach das Paysius-Plug-In, das es für die meisten handelsüblichen Shopping-Lösungen gibt, in seine Website ein. Damit können die Kunden direkt im Shop die Zahlungsweise Bitcoin auwählen. Übliche Zahlungsweisen wie Kreditkarte, PayPal etc. werden jedoch nicht ersetzt, die Kunden erhalten einfach eine weitere Option. Paysius ermöglicht es au- ßerdem, die Bitcoin-Einnahmen automatisch in Euros oder Dollars umzutauschen und auf das eigene Bankkonto überweisen zu lassen – solange es noch nicht üblich ist, die Gehäl- ter seiner Angestellten und die Rechnungen seiner Lieferanten in Bitcoins zu zahlen, ist das praktisch. Die Gebühren sind sehr viel niedriger als bei Kreditkartenanbietern oder PayPal. Bei Bitcoin-Zahlungen gibt es keine Stornierungen oder „Chargebacks“, man kann also aus jedem Land Zahlungen entgegenneh- men, ohne betrügerische Zahlungsausfälle zu riskieren, die bei Kreditkarten oder PayPal schon viel Schaden angerichtet haben.

Was kann man mit Bitcoins tun?

Im Prinzip alles, aber es kann sein, dass man es selbst aufbauen muss. Bitcoin kann jede Art von Geschäft möglich machen, das man sich vorstellen kann, aber es ist so neu, dass vieles, was man sich vorstellen kann, noch

nicht realisiert ist. Unternehmer haben sich seit ein paar Jahren mit dem Bitcoin-System beschäftigt, aber nur ein winziger Teil seines Potenzials ist bisher erschlossen. Jeder Unter- nehmer mit einer freiheitlichen Einstellung sollte sich das also einmal näher ansehen.

Zur Zeit gibt es rund 2000 Waren und Dienstleistungen, die man für Bitcoins kau- fen kann, und täglich kommen neue hinzu. Eine nicht vollständige Liste findet sich hier:

https://de.bitcoin.it/wiki/Trade

Spenden können mit Bitcoin auf sehr effizi- ente Weise überwiesen werden. Von Wiki- leaks über unabhängige Filmproduktionen bis hin zu Tierheimen gibt es bereits viele Organisationen, die Spenden in Form von Bitcoins akzeptieren. Besonders interessant ist es, dass durch Bitcoin auch kleinste Spenden möglich sind. Es macht keinen Sinn, zehn Cent per PayPal zu spenden, weil bereits die Gebühren mehr als zehn Cent betragen, doch mit Bitcoin ist das kein Problem. Wenn Sie Spenden für ein nützliches Projekt sammeln wollen, veröffentlichen Sie einfach Ihre Bit- coin-Adresse auf Ihrer Homepage. Kosten:

keine.

Mögen Sie Glücksspiele? Sogar US-Bürger, denen das Pokerspielen verboten ist, können mit Bitcoin online Poker spielen. Wie sollte die Regierung auch die Zahlungen unterbin- den? Poker-Websites wie SealsWithClubs.eu werden immer beliebter, und noch größere Online-Casinos werden gerade gebaut.

Sie möchten Geld an Freunde oder Verwand- te in Übersee schicken? Nutzen Sie Bitcoins! Während Western Union für einen Geld- transfer ins Ausland rund 40 US-Dollar an Gebühren kassiert, kann man Bitcoins ko-

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Western Union für einen Geld- transfer ins Ausland rund 40 US-Dollar an Gebühren kassiert, kann man

SCHWERPUNKT

Für Bitcoins erhältlich: Alpaca-Socken
Für Bitcoins erhältlich: Alpaca-Socken

stenlos versenden. Bei den Überweisungen von Gastarbeitern in ihre Heimatländer hat Bitcoin seine wohl offensichtlichste Stärke, weil es Grenzen problemlos überschreiten kann – ohne die Möglichkeit, dagegen re- gulatorisch einzuschreiten. Dies ist auch ein Vorteil, wenn man in einem Land mit stren- gen Finanzkontrollen wie Weißrussland oder China lebt: mit Bitcoins kann man problem- los Geld ins Ausland überweisen und dann in andere Währungen umtauschen.

Sie möchten Gold oder Silber gegen Bitcoins tauschen? Probieren Sie Websites wie Coina- bul.com oder BitcoinCommodities.com.

Sie arbeiten mit Freelancern oder haben son- stige Mitarbeiter in anderen Ländern? Nutzen Sie Bitcoins! Einen Mitarbeiter in Indien zu bezahlen, ist jetzt so leicht wie das Versenden einer E-Mail.

ist jetzt so leicht wie das Versenden einer E-Mail. 6 Sie möchten Ihr Vermögen schützen oder

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Sie möchten Ihr Vermögen schützen oder es auf vertrauliche Weise bewegen? Bitcoins überwinden mühelos alle Grenzen. Man muss sein Geld nicht mehr auf ein Konto überwei- sen, das beschlagnahmt oder eingefroren wer- den könnte.

Wenn Sie eine Idee für ein neues Unterneh- men auf Bitcoin-Basis haben, gründen Sie es! Nur wenige haben in den frühen Neunziger- jahren die Macht des Internets vorausgesehen und ähnlich verhält es sich mit Bitcoin. Doch es werden mehr und mehr kreative Unterneh- mer, die sich mit Bitcoin beschäftigen.

Bitcoin und der Staat

Nun kommen wir zum interessantesten Teil, insbesondere für Libertäre. Sehen wir uns an, wie Bitcoin sich über jede staatliche Kontrolle

SCHWERPUNKT

hinwegsetzt. „Okay“, sagen manche, „Bitcoin ist noch neu und wird daher noch nicht vom Staat reguliert, aber früher oder später wird das passieren.“ Doch zum Leidwesen der Staatsmacht ist das ausgeschlossen. Niemand kann sich den Gesetzen der Mathematik wi- dersetzen, auf denen Bitcoin basiert.

Schauen wir uns an, wie der Staat versuchen könnte, in das Bitcoin-System einzugreifen. Websites, die auf Servern gehostet werden, können von Regierungen gesperrt werden. Dies wurde sehr deutlich im Fall von Mega Upload, deren Server gesperrt wurden, bevor es zu einer Gerichtsverhandlung kam oder den Betreibern irgendeine kriminelle Hand- lung nachgewiesen werden konnte.

Man kann annehmen, dass die Regierung jeden Webserver nach Belieben sperren kann, ob mit einem legalen Deckmantel wie SOPA oder PIPA oder ohne. Jede Website, die mit Bitcoins zu tun hat, könnte gesperrt werden, und die Tauschbörsen könnte es als erste tref- fen. Doch Websites können leicht gespiegelt, kopiert und versteckt werden. Bitcoin-Server zu sperren, käme dem Abschneiden der Köpfe der Hydra gleich: für jeden erfolgreichen ge- sperrenten Server würden viele neue auftau- chen. Zur Erinnerung: wie viele File-Sharing- Websites gibt es außer MegaUpload?

Einige Websites haben bereits bewiesen, dass es für die Regierungen unmöglich ist, sie zu sperren, denn sie existieren nur im so genann- ten Dark Web – auf Servern, die mittels Kryp- tografie versteckt werden. Wenn die „oberir- dischen“ Bitcoin-Websites gesperrt werden, dürften solche „unterirdischen“ um so mehr florieren. Jedesmal, wenn eine bekannte Web- site gesperrt würde, wäre das nichts weiter als kostenlose Werbung für Bitcoin.

Websites zu sperren ist also eine inadäquate Strategie, wenn eine Regierung etwas gegen Bitcoin unternehmen möchte. Was sonst könnte sie tun?

Innerhalb eines Landes könnte eine Regie- rung Individuen und Unternehmen verbieten, Bitcoins zu akzeptieren. Nehmen wir an, die US-Regierung würde dies tun. Das würde be- deuten, dass Bitcoin nur noch im Geheimen angenommen werden könnten. Dies würde der Bitcoin-Wirtschaft zwar sehr schaden, wäre aber weit davon entfernt, Bitcoin zu stoppen. Und wenn nicht jede Regierung der Welt dasselbe täte, würde dies zu einer Kapitalflucht in die Länder führen, in denen Bitcoins weiter offen gehandelt werden – was Regierungen dazu bewegen dürfte, auf solche Verbote besser zu verzichten.

Aber wie sieht es mit der wohl offensicht- lichsten Angriffsmethode aus? Kann die Regierung nicht einfach alle Bitcoin-Über- weisungen sperren? Erstaunlicherweise nein. Zentralisierte Systeme wie PayPal oder Visa sind durch einen wütenden Staat leicht an- greifbar. Die Gangster müssten einfach die Tür aufbrechen, die Server beschlagnahmen und die Eigentümer ins Gefängnis werfen.

Darum wird sich jedes Unternehmen, das ein zentralisiertes Zahlungssystem betreibt, un- weigerlich dem Willen der Regierung beugen. Es muss Geldwäsche- und Steuergesetze be- achten, private Informationen seiner Kunden herausgeben und Zahlungen verhindern, die die Regierung als problematisch ansieht. Tut es das nicht, wird es dichtgemacht.

Bitcoin ist jedoch gegen dieses Risiko gefeit, weil es keinen zentralen Angriffspunkt bie- tet. Es gibt kein Bitcoin-Büro. Es gibt keine

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gegen dieses Risiko gefeit, weil es keinen zentralen Angriffspunkt bie- tet. Es gibt kein Bitcoin-Büro. Es

SCHWERPUNKT

zentralen Bitcoin-Server. Es gibt keinen Ge- schäftsführer und keine Angestellten. Bitcoin hat kein Usprungsland und ist nirgendwo li- zensiert. Es ist ein verteiltes Netzwerk und ein Protokoll, das so lange funktioniert, wie es das Internet gibt. Transaktionen laufen nach dem Peer-to-Peer-Prinzip, es gibt keine zen- trale Organisation, die sie absegnen müsste. Bitcoin kann daher unmöglich abgestellt wer- den. Es ist wie ein gutartiger Virus, der sich endlos weiterverbreiten kann.

Technologie des Umbruchs

Wenn man begreift, dass Staaten gegen Bit- coin machtlos sind, werden einem auch ein paar mögliche Auswirkungen klar. Wenn Bitcoin erfolgreich ist, wird es einige der In- stitutionen ersetzen, die der Menschheit eine Menge Ärger eingebrockt haben.

Die ersten, die daran glauben müssen, sind Unternehmen, die mit Bitcoin im internatio- nalen Zahlungsverkehr konkurrieren. Riesige Konzerne wie PayPal oder Western Union werden feststellen, dass sie sich mit einem System im Wettbewerb befinden, das Geld praktisch kostenlos transferieren kann. Die „Dienstleistung“, die diese Firmen bisher an- geboten haben, wird dadurch überflüssig. So wie die meisten Hersteller von Pferdekut- schen nach der Erfindung des Automobils ihr Geschäft einstellen mussten, werden diese Unternehmen feststellen, dass sie nicht mehr gebraucht werden.

Die Menschheit wäre ein paar Milliarden im Jahr reicher, wenn eine Dienstleistung, die bisher von diesen Unternehmen für teures Geld angeboten wurde, nun kostenlos zur Verfügung steht. Autos haben die Menschheit

reicher gemacht, weil sie die Transportkosten gesenkt haben. E-Mail hat die Menschheit reicher gemacht, weil sie die Kommunikati- onskosten gesenkt hat. Auf die gleiche Weise macht Bitcoin die Welt reicher, weil es die Ko- sten für Finanztransfers senkt.

Die ganze Arbeit, Geld zu speichern und zu buchen und es zwischen Menschen und Unternehmen hin- und herzutransferieren, die zur Zeit noch von Banken erledigt wird, kann von Bitcoin übernommen werden. Der Bankensektor würde dann auf die Bereiche schrumpfen, in denen er tatsächlich noch nützliche Dienste leistet.

Auch in einer Bitcoin-Welt würde es noch Banken geben. Nicht jeder möchte zum Bei- spiel sein Geld auf seinem Heimcomputer speichern. Eine Bank mit Sicherheitspersonal und gut abgesicherten Servern könnte also für viele User nützlich sein, wäre aber nicht verpflichtend, sondern müsste sich auf einem freien Markt durchsetzen.

Außerdem wird es in einem marktwirtschaft- lichen System immer eine Nachfrage nach Krediten und Zinsen auf Einlagen geben. Banken könnten dies auch mit Bitcoin anbie- ten, wenn sie effizient arbeiten und in einem offenen Wettbewerb mithalten können.

Wenn sich Bitcoin weiter durchsetzt, werden staatliche Währungen ebenfalls überflüssig. Warum sollte irgendjemand noch ein Interesse daran haben, Euros zu besitzen, die ständig an Wert verlieren, wenn es eine alternative Wäh- rung gibt, deren Wert nicht von der Europä- ischen Zentralbank vermindert werden kann? Vielleicht ist man weiterhin verpflichtet, seine Steuern in Euros zu zahlen. Doch auch dann könnte man alle Geschäfte in Bitcoin tätigen

verpflichtet, seine Steuern in Euros zu zahlen. Doch auch dann könnte man alle Geschäfte in Bitcoin

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und erst kurz bevor die Steuern fällig werden, seine Bitcoins in Euros umtauschen. Der letzte

und erst kurz bevor die Steuern fällig werden, seine Bitcoins in Euros umtauschen.

Der letzte Dominostein, der fallen würde, wäre die Macht, die der Staat über die Bevölkerung durch die Schöpfung, Regulierung und Kon- trolle des Geldes ausübt. Pressekonferenzen von Zentralbankern wie Ben Bernanke oder Mario Draghi würden immer weniger wichtig werden, weil das Geld, das sie drucken, von immer weniger Menschen benutzt wird. Statt gegen die Regierungen zu kämpfen, macht Bitcoin es möglich, sie zu umgehen und wei- testgehend zu ignorieren.

Welchen Grund würde es noch in Griechen- land dafür geben, gegen die EZB zu rebellie- ren, wenn die Menschen den Euro einfach verlassen und auf Geld umsteigen würden, das jeder selbst unter Kontrolle hat? Wie wür- den die USA ihre Kriege und Wohlfahrtspro- gramme finanzieren, wenn sie nicht mehr die Möglichkeit hätten, Geld zu drucken und ihre Schulden mit einer immer weiter abge- wertenen Währung zu bezahlen?

Wie ein Goldstandard beschränkt Bitcoin die Macht der Regierungen und zwingt sie, sich ausschließlich über demokratisch legitimierte Steuern und freiwillige Anleihen zu finanzie- ren. Doch im Unterschied zum Goldstandard benötigt Bitcoin keinen offiziellen Status, um als Standard anerkannt zu werden. Der Markt kann sich auf diesen Standard einigen, ohne Absegnung durch eineRegierung.

Statt zu versuchen, Regierungen durch Wah- len zu verändern, schwächen wir einfach die Machtbasis der Regierungen – ihre Kontrolle über das Geld.

Erik Voorhees ist Unternehmer und Blogger. Zur Zeit arbeitet er für das Bitcoin-Start-Up BitInstant.

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das Geld.  Erik Voorhees ist Unternehmer und Blogger. Zur Zeit arbeitet er für das Bitcoin-Start-Up
Marktgeld statt Monopoly Eine Privatisierung des Geldwesens ist gut gegen Finanzkrisen – von Thorsten Polleit

Marktgeld statt Monopoly

Eine Privatisierung des Geldwesens ist gut gegen Finanzkrisen – von Thorsten Polleit

Die Österreichische Schule der National- ökonomie plädiert für eine Neuordnung des Geld- und Währungssystems nach markt- wirtschaftlichen Prinzipien. Aus den ökono- misch-ethischen Erkenntnissen ihres Wissen- schaftsprogramms folgern die „Österreicher“:

Das staatliche Geldangebotsmonopol soll durch eine privatisierte Geldproduktion – ein System des freien Marktgeldes – ersetzt wer- den. Wie erklärt sich die Empfehlung der Österreicher, die der herrschenden Lehre der Mainstream-Ökonomik diametral und un- vereinbar gegenübersteht?

diametral und un- vereinbar gegenübersteht? 20 Aus Sicht der Österreicher gibt es keine belast- bare

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Aus Sicht der Österreicher gibt es keine belast- bare wirtschaftliche, rechtliche und ethische Legitimierung für die staatliche Hoheit über die Geldproduktion. Sie zeigen zudem, dass solch ein Arrangement sich als Störfaktor im System freier Märkte erweist. Ein Staatsgeld- monopol steht nicht nur einem produktiven Währungswettbewerb entgegen, sondern es erlaubt, Geld durch Kreditvergabe zu pro- duzieren. Die Geldmenge wird aufgrund po- litischer Erwägungen ausgeweitet, ohne dass dabei echte Ersparnisse für zusätzliche Inves- titionen verfügbar wären. Die Geldprodukti-

SCHWERPUNKT

on durch Kreditvergabe senkt den Marktzins unter den, wie Knut Wicksell (1851 bis 1926) ihn nannte, ,,natürlichen Zins“ – also den Zins, der im Markt bestehen würde, wenn die Geldmenge nicht künstlich durch Kreditver- gabe ausgeweitet worden wäre. Die Zinssen- kung führt zu einem Scheinaufschwung. Die Geldmengenausweitung aus dem Nichts sorgt dafür, dass die Volkswirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes über ihre Verhältnisse lebt:

Der Konsum steigt zu Lasten der Ersparnis, und gleichzeitig nehmen die Investitionen zu.

Die Verminderung des Zinses verzerrt zudem die gesamtwirtschaftliche Produktionsstruk- tur. Die Umwegsproduktion, wie Eugen von Böhm-Bawerk sie bezeichnete, nimmt zu, die Produktionswege werden zeitlich aufwän- diger. Der wirtschaftliche Erfolg der Produk- tionsstruktur hängt nun davon ab, dass der Zins niedrig bleibt, und dazu ist es erforder- lich die Kredit- und Geldmengen noch mehr auszuweiten. Geschieht das nicht, steigt der Marktzins auf sein Ursprungsniveau an – den natürlichen Zins – und Investitionen und Ar- beitsplätze, die durch die Zinssenkung ange- regt wurden, erweisen sich als unrentabel.

Es kommt zur Rezession (,,Bust“ ). Angesichts eines drohenden Busts werden in der Öffent- lichkeit Rufe laut, die Krise zu ,,bekämpfen“. Im Bestreben, einen Produktionsrückgang abzuwenden, senkt die Zentralbank die Zin- sen und sorgt für eine Vermehrung von Kre- dit und Geld. Der neue Einschuss von Kredit und Geld, bereitgestellt zu noch niedrigeren Zinsen, kann zwar temporär dafür sorgen, dass der Abschwung in einen neuen (Schein)- Aufschwung umgemünzt wird. Doch auch dieser neue Boom bricht früher oder später aus denselben Gründen wie der vorangegan- gene in sich zusammen.

Die resultierenden Boom-Bust-Zyklen erlau- ben es nun den Schuldnern, fällig werdende Kredite, die für eigentlich unrentable Investi- tionen aufgenommen wurden, mit niedrigen Zinsen zu refinanzieren; zudem provozieren sie weitere kreditfinanzierte Ausgaben. Eine Liquidation von Fehlinvestitionen findet folg- lich nicht statt. Die Schu1denstände wachsen so über die Zyklen immer stärker an, als die Einkommen zunehmen – sodass die Politik des Bekämpfens der Boom-Bust-Zyklen mit mehr Kredit und Geld zu immer niedrigeren Zinsen die Volkswirtschaft in die Überschul- dung führt.

Ein politisch-ökonomischer Aspekt, den die Österreicher in diesem Zusammenhang he- rausarbeiten, ist, dass ein staatliches Geld- system – das sie auch als Papier-, Fiat- oder Schein-Geldsystem bezeichnen – das Auswei- ten der Staatsaktivität zu Lasten der Privat- wirtschaft befördert. Zum einen werden die Krisen, für die das Papiergeldsystem sorgt, in der Öffentlichkeit dem freien Marktsystem angelastet, und das leistet interventionis- tischen Politiken Vorschub (wie zum Beispiel Regulierung, Preiskontrollen etc.).

Zum anderen erlaubt die politisch induzierte Geldvermehrung dem Staat, seine Ausgaben- tätigkeit mitunter erheblich über seine regu- lären Steuereinnahmen hinaus auszuweiten. Beides untergräbt aus Sicht der Österreicher nach und nach die Fundamente des freien Marktgeschehens: Vor allem aber beschwören immer weiter steigende Schuldenstände rela- tiv zum Einkommen eine Belastungssituation herauf, aus der sich die Gesellschaften durch eine kostenträchtige Hyperinflation zu befrei- en suchen, weil sich in der Stunde der Not nur allzu leicht die Inflation als die Politik des kleinsten Übels erweist.

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en suchen, weil sich in der Stunde der Not nur allzu leicht die Inflation als die

SCHWERPUNKT

Um solch eine Entwicklung zu vermeiden und das Geldsystem auf eine wirtschaftlich- ethische Grundlage zurückzuführen, haben die Österreicher Lösungsvorschlage erarbeitet. Ludwig von Mises etwa empfahl bereits zu Beginn der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, das Ausweiten der US-Dollar- Ge1dmenge durch Kreditvergabe zu stoppen, den Goldmarkt von jedweder staatlichen Einflussnahme zu befreien und die US-Dollar-Geldmenge auf Basis des dann herrschenden Gold- marktpreises eintauschbar zu machen. In ähnlicher Weise argumentierte Murray N. Rothbard Anfang der Acht- zigerjahre. Er empfahl, den Dollar durch die Goldreser- ven, die noch in den Kellern der US-Zentralbank lagern, zu 100 Prozent zu decken. Dies sollte die Basis zur Privatisierung der Geldproduktion legen, wie es Friedrich August v. Hayek (siehe Bild) empfahl.

Verglichen mit der Verbreitung und Akzep- tanz der Mainstream-Ökonomik neoklas- sischer, keynesianischer und monetaristischer Prägung in Lehre und Po1itikberatung, führt die Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie ein Randdasein. Der zuse- hends staatsgeförderte und -bejahende (Wirt- schafts-)Wissenschaftsbetrieb ist nicht gerade förderlich für die Verbreitungsmöglichkeiten der österreichischen Lehre mit ihrer öko- nomisch-ethischen Legitimation des freien Marktes und ihrer Warnung vor sich immer weiter ausdehnenden Staatsinterventionen. Ökonomen, die sich dieser Lehre widmen, scheinen nur beschränkte Karrieremöglich- keiten offenzustehen.

Dies sollte jedoch nicht als Indiz für eine minderwertige Güte der Prognose und in- haltliche Konsistenz des österreichischen

Wissenschaftsprogramms

gewertet

werden.

Im Gegenteil: Zahlreiche Österreicher haben frühzeitig auf die jüngste Kreditmarktkrise hingewiesen, weil ihre Theorie – anders als das herrschende Lehrprogramm – eine um- fassende Erklärung für die Krisenursache be- reitstellt.

fassende Erklärung für die Krisenursache be- reitstellt. Skepsis oder gar Ablehnung gegenüber ihrer Empfeh- lung,

Skepsis oder gar Ablehnung gegenüber ihrer Empfeh- lung, die Geldproduktion zu privatisieren, also Geld über die freien Markt- kräfte zu organisieren, mag viele Gründe haben – einer überzeugenden ökonomisch-ethischen Her- kunft sind sie jedoch nicht.

Als Friedrich August von Hayek 1976 in seinem Buch The De-Nationalisation of Money die Privatisierung des Geldwesens for- derte, wusste er noch nichts vom Internet, von Kryptographie und Open-Source-Software. Bitcoin scheint viele der Forderungen zu erfül- len, die die Österreicher an gutes Geld stellen. Während viele Open-Source-Fans über die Beschäftigung mit Bitcoin zum ersten Mal auf die Schriften der großen Österreicher sto- ßen, verfolgen Vertreter der Österreichischen Schule die Entwicklung des neuen digitalen Marktgeldes mit kritischem Interesse und skeptischem Wohlwollen.

Thorsten Polleit ist Chef-Volkswirt der Degussa Goldhandel AG und Co-Autor des Buches Geldreform – vom schlech- ten Staatsgeld zum guten Marktgeld. (Lichtschlag, 2010)

AG und Co-Autor des Buches Geldreform – vom schlech- ten Staatsgeld zum guten Marktgeld . (Lichtschlag,

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Von Käsemessern und der Aufklärung Warum säkulares Geld wie Bitcoin für das Informati- onszeitalter gut

Von Käsemessern und der Aufklärung

Warum säkulares Geld wie Bitcoin für das Informati- onszeitalter gut geeignet ist – von Joerg Platzer

Wenn wir aufhören an Gott zu glauben, dann hört er auf zu existieren und wenn wir aufhö- ren an den Euro zu glauben, tut er dasselbe. Nicht nur von daher ist unser Schuld(!)geld eine zutiefst religiöse, auf Glauben beruhende Angelegenheit.

Die Akzeptanz eines jeden Geldes basiert auf Vertrauen. Vertrauen darauf, dass dieses Geld seinen Wert beibehalten wird und Vertrauen darauf, dass Andere das auch so sehen und des- halb dieses Geld wiederum von uns selbst im Tausch gegen Produkte oder Dienstleistungen akzeptieren werden: der Glaube daran, dass

sich in unserem Geld die quantifizierte mora- lische Schuld der Gesellschaft uns gegenüber manifestiert und dass die Gesellschaft diese Schuld einlösen wird.

Wir haben gelernt, dass der Bitcoin oder Kryptowährungen im Allgemeinen uns sehr viel weniger Vertrauen abverlangen als unser gewohntes Geld. Dem Euro kann ich nur glauben, wenn ich grundsätzlich Vertrauen in Zentralbanker, Regierungen, deren Rationali- tät und in die postulierten heilenden, unsicht- baren Hände hochgradig manipulierter Mär- kte habe. Das alles brauche ich nicht, um dem

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heilenden, unsicht- baren Hände hochgradig manipulierter Mär- kte habe. Das alles brauche ich nicht, um dem
Fiat Money : Wie Schrauben mit dem Käsemesser anziehen. Bitcoin zu vertrauen. Die Regeln, nach

Fiat Money: Wie Schrauben mit dem Käsemesser anziehen.

Bitcoin zu vertrauen. Die Regeln, nach denen dieses Geld funktioniert, sind in Quellcode gemeisselt, für jeden einsehbar und von nie- mandem manipulierbar. Woher aber kommt die grundsätzliche Glaubensbereitschaft, das Vertrauen darauf, dass Bitcoin zukünftig auch noch für andere einen Wert darstellt, sodass man es als Zahlungsmittel einsetzen können wird? Also das, was bei Regierungsgeld durch den mit Waffengewalt durchgesetzten Zwang entsteht, es zu akzeptieren?

Wer anfängt, Bitcoin als Zahlungsmittel zu verstehen und zu erleben, der macht eine erstaunliche Feststellung. Nämlich die, wie unglaublich untauglich unser bestehendes Fi- nanzsystem und Geld überhaupt für das ist, was wir Informationsgesellschaft und globali- sierte Ökonomie nennen.

Informationsgesellschaft

Man kann mit unserem Finanzsystem keinem Blogger auf einem anderen Kontinent 50 Eu- rocent schicken, weil einem sein Artikel gefal-

50 Eu- rocent schicken, weil einem sein Artikel gefal- len hat, oder einem Programmierer in Bangla-

len hat, oder einem Programmierer in Bangla- desh zehn Euro für seinen Bugfix, ohne ein Vielfaches davon an Transaktionsgebühren zu bezahlen. Bitcoin ermöglicht solche Transak- tionen, ohne die eine wirkliche Informations- gesellschaft nicht funktionieren kann.

Globalisierte Ökonomie

Man kann als billiger Lohnarbeiter aus der dritten Welt, der in Europa hart arbeitet, sei- nen Lohn nur nach Hause an seine Familie schicken, wenn man finsteren Geldinstituten bis zu zwanzig Prozent Gebühren abgibt, die Familie zuhause also zwanzig Prozent weniger zu essen bekommt. Das sind zwanzig Prozent Wegezoll an staatlich autorisierte Wegelagerer. Bitcoin beendet ein solches unverschämtes Abzocken der ärmsten Mitglieder unserer glo- balisierten Gesellschaft.

Macht man diese und andere Erfahrungen, bekommt man das Gefühl, als hätte man sein Leben lang versucht, Kreuzschlitz-Schrauben mit Käsemessern anzuziehen und zu lösen

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SCHWERPUNKT

und auf einmal präsentiert einem jemand einen Schraubenzieher. Oder vielmehr einen Akku-Schrauber mit auswechselbaren Edel- stahl-Bits. Erst jetzt merkt man, was für ein unbrauchbares Werkzeug man die ganze Zeit benutzt hat.

Unser gewohntes Fiat-Geld wurde gemacht im Zeitalter der industriellen Revolution und zwar für eine Industriegesellschaft. Es ist monopolistisch gesteuertes Geld von mono- polistischen Strukturen für monopolistische Strukturen. Bitcoin aber ist dezentralisiertes Geld, gemacht von Individuen für Individuen, entwickelt im Internet für das Internet.

In der Bitcoin-Community erlebt man, wie die Finanzwirtschaft in diesem Jahrhundert aussehen könnte.Gleichzeitig wird einem klar, wie absurd unfähig unsere Wirtschafts- und Finanzelite tatsächlich ist. Sie prügelt das Zentralbank-System mit der gleichen inbrün- stigen Verzweiflung und mit den gleichen Chancen auf Erfolg, wie ein verdurstender Cowboy in der Wüste sein totes Pferd prügelt, während hundert Meter weiter schon die Ei- senbahn fährt, was er aber nicht gemerkt hat – oder nicht merken wollte.

Bitcoin aber ist gemacht, um die Anforde- rungen an das Finanzsystem der Zukunft zu erfüllen. Und hier kommt die andere Ver- trauensebene ins Spiel, die es braucht, um ein Medium zum Zahlungsmittel werden zu las- sen, nämlich das Vertrauen, dass auch andere Menschen dieses Geld akzeptieren werden.

In der Zukunft Bitcoin den herkömmlichen Zahlungsmitteln gegenüber zu bevorzugen, ist nämlich so vernünftig, wie den Akku- schrauber dem Käsemesser vorzuziehen, um eine Schraube zu lösen.

Die österreichische Schule der Ökonomie sagt uns, dass jede Gesellschaft, in der ein freier Markt von Währungen herrscht, sich immer für das Medium entscheiden wird, welches die besten Eigenschaften hat, als Geld ein- gesetzt zu werden. Hier schlägt Bitcoin alle bekannten Optionen um Längen. Seinen freien Markt bringt Bitcoin ganz automatisch mit sich, da Regierungen oder sonstige Insti- tutionen auf ein Verbot nur ein kryptoanar- chistisches Lächeln der Bitcoin-Nutzer ernten werden. Die zugrundeliegende technologische Errungenschaft kann genausowenig kollektiv vergessen gemacht werden kann wie die der Druckerpresse, die Könige und Päpste damals genauso doof fanden wie Banker und Präsi- denten den Bitcoin heute.

Dem Bitcoin als Zahlungsmittel und Finanz- instrument der Zukunft zu vertrauen und davon auszugehen, dass andere dies genauso sehen, braucht also keinen Glauben an staat- liche Gewalt, sondern ist ganz einfach die na- heliegendste logische Schlussfolgerung.

Das für die Akzeptanz und Durchsetzung ei- ner Währung notwendige Vertrauen basiert bei Bitcoin also nicht auf Glaube, sondern auf Vernunft, nicht auf Zwang, sondern auf Freiwilligkeit und somit nicht auf religiösen, sondern auf Werten der Aufklärung. Bitcoin ist wirklich säkulares Geld. Und somit ist mit Bitcoin erst die Aufklärung in der Finanz- wirtschaft angekommen.

Es wurde auch höchste Zeit.

Joerg Platzer ist Mitgründer der Crypto Economics Consulting Group und be- treibt in Berlin die Bar Room 77, in der man mit Bitcoins bezahlen kann.

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Crypto Economics Consulting Group und be- treibt in Berlin die Bar Room 77 , in der
Der Bitcoin- Leckereien für Bitcoins Der Graefe-Kiez in Berlin-Kreuzberg hat vermutlich die Dichte an Orten,

Der Bitcoin-

Leckereien für Bitcoins

Der Bitcoin- Leckereien für Bitcoins Der Graefe-Kiez in Berlin-Kreuzberg hat vermutlich die Dichte an Orten, an
Der Graefe-Kiez in Berlin-Kreuzberg hat vermutlich die Dichte an Orten, an denen man reale Waren
Der Graefe-Kiez in Berlin-Kreuzberg hat vermutlich die
Dichte an Orten, an denen man reale Waren für Bitcoin
Es begann mit der Bar Room 77, die Bitcoin-Fans mit
versorgt. Mittlerweile sind ein Plattenladen, ein italienis
Cocktailbar und ein Hotel hinzugekommen – und das A
Also: auf nach Kreuzberg!
Plattenladen Longplayer

Ragtime Band im Room 77

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und ein Hotel hinzugekommen – und das A Also: auf nach Kreuzberg! Plattenladen Longplayer Ragtime Band
Kiez weltweit höchste s kaufen kann. Bier, Burgern und Burritos ches Restaurant, eine ngebot wächst

Kiez

weltweit höchste s kaufen kann. Bier, Burgern und Burritos ches Restaurant, eine ngebot wächst weiter.
weltweit höchste
s kaufen kann.
Bier, Burgern und Burritos
ches Restaurant, eine
ngebot wächst weiter.

Restaurant Primo Maggio

Burger im Room 77

Fabelhaft Bar

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Bitcoin-Stammtisch im Room 77

eine ngebot wächst weiter. Restaurant Primo Maggio Burger im Room 77 Fabelhaft Bar 27 Bitcoin-Stammtisch im
2 8 Wer ist Satoshi Nakamoto?
2 8 Wer ist Satoshi Nakamoto?

28 Wer ist Satoshi Nakamoto?

SCHWERPUNKT

Satoshis Geniestreich

Wie Bitcoin begann und was man damit in Zukunft noch alles machen kann – von Mike Hearn

Bitcoin, eines der faszinierendsten Software- Projekte der letzten Zeit, wurde zum Höhe- punkt der globalen Rezession veröffentlicht. Der Gründer des Projekts, der das Pseudo- nym Satoshi Nakamoto benutzt, hatte den Gedankenblitz, der alles ins Leben rief, im Jahr 2007. Dann gestaltete er das System für die nächsten zwei Jahre im Stillen.

Bitcoin wurde in fast vollendeter Form in den ersten Tagen des Jahres 2009 veröffentlicht, als sich die meisten Leute noch von ihrem Neujahrskater erholten. Um das Datum des Systemstarts belegen zu können, versteckte Satoshi im Programm-Code eine Nachricht:

„The Times 03/Jan/2009 Kanzler erwägt zweites Banken-Rettungspaket“, eine An- spielung auf den britischen Umgang mit der Finanzkrise. Er betreute das Projekt noch für etwas mehr als zwei Jahre, bevor er davon ab- ließ, mit der Begründung, er widme sich nun anderen Dingen.

Wie alle anderen aus dem aktuellen Bitcoin- Entwickler-Team habe auch ich Satoshi nie persönlich getroffen. Wir haben nur per E- Mail kommuniziert. Aber ich weiß, dass er ein erstaunliches Maß an Aufwand, Talent und Voraussicht in dieses Projekt investiert hat. Ich programmiere seit über zwanzig Jah- ren und bin immer wieder begeistert darüber, wie wohldurchdacht dieses Sytem ist. Lassen Sie mich versuchen zu erklären, warum ich das denke.

Was ist Bitcoin? Nun, eine internationale Währung, sicher. Außerdem eine Möglich- keit, Zahlungen so schnell und günstig zu ver- senden wie E-Mails. Aber auch ein radikales Neudenken der Makroökonomie. Anders als alle anderen Währungen der Welt behandelt Bitcoin die „willkürliche Inflation durch No- tenbanken“ (um es mit Satoshis Worten zu sagen) wie einen Softwarefehler, den es zu beheben gilt.

Neu geschaffene Bitcoins werden nach dem Zufallsprinzip an jeden ausgegeben, der hilft, die Sicherheit des Netzwerkes zu verstärken. Die Vermehrungsrate sinkt mit der Zeit, bis irgendwann keine neuen Bitcoins mehr ge- schaffen werden. Dieser Systemaufbau räumt mit dem gesamten Konzept der Geldpoli- tik auf und widerspricht den Gedanken der Mainstream-Ökonomie. Allerdings bewerten im Angesicht der Finanzkrise viele Menschen die traditionelle Ökonomie neu.

Aber die Antwort auf die Frage „Was ist Bit- coin?“ geht noch weiter. Bitcoin bietet eine Lösung für eines der schwierigsten Probleme der Informatik – das Erreichen einer Konsens- lösung trotz böswilliger Teilnehmer. Indem eine Einigung darüber erreicht wird, wem was gehört, ohne dass eine zentrale Autorität be- nötigt wird, können wir die Kernfunktionen von Banken ersetzen: die Überweisung von Zahlungen und die Verwahrung von Werten.

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wird, können wir die Kernfunktionen von Banken ersetzen: die Überweisung von Zahlungen und die Verwahrung von

SCHWERPUNKT

Trotz all diesen Potenzials fristete Bitcoin für weitere anderthalb Jahre ein Schattendasein. Es hatte keine richtigen Nutzer. Aus Spiele- rei schuf ich selbst ein paar Bitcoins durch die Teilnahme am Mining – dem Vorgang, der das System sicher macht. Am sechzehn- ten April 2009 erhielt ich 50 Bitcoins. Dann sendete ich 32,51 Bitcoins an Satoshi, der mir meine vielen Fragen beantwortet hatte. Er schickte sie mir mit 50 weiteren Bitcoins zu-

rück. Es war ein Tag vor meinem Geburtstag

wenn ich das Geld behalten hätte, wäre es

heute 1200 Dollar wert. Ein nettes Geschenk!

Habe ich aber nicht. Ich schickte Satoshi sei-

ne 50 Bitcoins wieder zurück und wir waren

quitt. Als meine Fragen beantwortet waren -

keine Nutzer, keine Märkte, keine Wirtschaft

verlor ich zunächst das Interesse an Bitcoin.

Der digitale Geldbeutel, in dem die Bitcoins

lagerten, entschwand, der Wert, den sie tru-

gen, war zerstört.

noch beim Projekt dabei war. Er sagte bloß, dass „wenn Bitcoin zur großen Nummer wird, sind dies Dinge, die wir in der Zukunft er- kunden wollen. Aber sie mussten alle zu Be- ginn eingebaut sein, um sicherzustellen, dass sie später umsetzbar sind.“

Eines der einfachsten und gleichzeitig wich- tigsten Zukunftsmodule von Bitcoin ist Streitschlichtung. In seiner Standardversion

ビット bietet Bitcoin unwiderrufliche Zahlungen

an. Man muss dem Verkäufer also vertrauen.

Doch nicht immer hat man es mit Verkäufern

zu tun, denen man vertrauen kann. Ohne je-

manden, den man zur Verantwortung ziehen

kann, gibt es auch niemanden, bei dem man

sich beschweren kann, wenn man vom Ver-

käufer betrogen wird. Das hat Satoshi erkannt

und eine Unterstützung für Mehrbenutzer-

Konten eingebaut. Das bedeutet: mehrere

Leute müssen zustimmen, damit Bitcoins

überwiesen werden. Die Muster der Verein-

Für die Zukunft gestaltet

Hinterher ist man immer schlauer, sagt man, und nichts macht das so deutlich wie der Auf- stieg von Bitcoin. Was heute unvermeidlich aussieht, schien vor drei Jahren lächerlich. Sa- toshis Voraussicht war phänomenal. Er nutzte eine vielschichtige Kryptografie um ein Pro- blem zu lösen, an das nur wenige überhaupt gedacht haben – und damit noch nicht genug. Schon 2009 spielte er die Weiterentwicklung des Systems für viele Jahre im Voraus durch.

barungen sind flexibel: Man kann zum Bei- spiel vereinbaren, dass zwei von drei Leuten zustimmen müssen. Wenn diese Leute du, der Verkäufer und ein Mittler sind, auf den sich beide Parteien vorher geeinigt haben, dann gibt es eine Möglichkeit, Konflikte zu lösen. Aber anders als bei üblichen Treuhandge- schäften kann der Mittler das Geld nicht sel- ber an sich nehmen. Das führt zu einem viel wettbewerbsfähigeren Markt. Unternehmen können zum Beispiel Fonds halten, die von jedem Vorstandsmitglied in gleichem Maße kontrolliert werden können.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Bitcoin- Quellcode birgt ruhende, ungenutzte Be- standteile, die von der aktuellen Version noch gar nicht gebraucht werden. Satoshi vermerk- te keines davon in seinen Gestaltungspapieren und erwähnte sie höchstens am Rande, als er

Bankgeschäfte ohne Banker

Um ein neues Finanzsystem aufzubauen, das keine Banken benötigt, brauchen wir noch et- was: Wir brauchen einen Weg, um Kredite zu

Finanzsystem aufzubauen, das keine Banken benötigt, brauchen wir noch et- was: Wir brauchen einen Weg, um

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SCHWERPUNKT

vergeben und zu handhaben. Dies ist tatsäch-

lich eines der wenigen Dinge, die Satoshi nicht bedacht hat. Doch wir haben Möglichkeiten gefunden, es dennoch zu tun. Sowohl mit Sicherheiten hinterlegte als auch nicht hin- terlegte Darlehen sind möglich. Anleihe- und Aktienmärkte können mit Peer-to-Peer-Netz- werken umgesetzt werden, die schnellen und günstigen Zugang zu Finanzinstrumenten er- möglichen, wie sie normalerweise nur großen Organisationen zur Verfügung stehen. Wa-

Internet für selbstverständlich halten. Wann hat man das letzte Mal von einer größeren Innovation im Finanzbereich gehört, die von einem Typen in seinem Schlafzimmer aus- ging? Dies ist wohl bisher nie dagewesen. In der Software-Industrie ist dies jedoch immer noch der gängige Gründungsmythos. Bitcoin überwindet Grenzen und macht die Gestal- tung von Finanzgeschäften jedem zugänglich, der einen Heimcomputer hat.

コイン Stellen Sie sich vor: eigenständige künstliche

rum sollte jemand für ein Darlehen zur Un-

ternehmensgründung zu einer örtlichen Bank

gehen, wenn man Kredite aus der gesamten

Welt aufnehmen könnte und das wahrschein-

lich auch noch zu besseren Zinssätzen?

Selbst Menschen, deren Kreditwürdigkeit

nicht als besonders hoch eingestuft wird,

haben Zugang zu einem ganzen Planeten

von Verleihern mit intelligentem Eigentum

– physische Objekte wie Autos oder gar Häu-

ser, die elektronisch verschließbar sind und deren System mit der Bitcoin-Software kom- munizieren kann. Solche Objekte können ohne Betrugsrisiko ge- und verkauft werden, oder auch als Sicherheiten für Kredite dienen. Wenn ein Darlehen nicht zurückgezahlt wird, startet einfach der Motor nicht mehr. Wenn das Darlehen zurückgezahlt wurde, braucht man nicht erst die Erlaubnis des Kreditgebers, um den Wagen wiederzubekommen; man kann einfach dem Bordcomputer nachweisen, dass die Zahlung erfolgt ist.

Intelligenzen, die ihre eigenen Geschäfte be-

treiben, bringen Kinder hervor, deren Über-

leben von dem von ihnen erwirtschafteten

Gewinn abhängt. Oder WLAN-Zugänge, die

dadurch geöffnet werden, dass es den Besit-

zern möglich ist, kleinste Zahlungen von ex-

ternen Nutzern zu erhalten. Oder Nutzer von

Websites, die kollektiv Geld beisteuern, um

die Übersetzung der Webseite zu finanzieren,

die sie sich angucken. Oder Videospiele, in de-

nen durch jede Bewegung deiner Figur kleine Zahlungen in einen gemeinsamen Geldtopf übermittelt werden, der an den Gewinner ausgeschüttet wird. Jede Idee wird umsetzbar, sobald Zahlungsanwendungen so einfach zu erstellen sind wie Internetanwendungen. All dies ermöglicht Bitcoin.

Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, was sich die Menschen mit Bitcoin alles einfallen las- sen und ich hoffe, Ihnen geht es genauso!

Eine Welt voller Möglichkeiten

Für mich ist das Spannendste an Bitcoin nicht eine besondere Idee oder Anwendung, son- dern, dass zum ersten Mal die Finanzwelt der Art von Innovation geöffnet wird, die wir im

Mike Hearn arbeitet hauptberuflich als Software-Entwickler bei Google und ist im Bitcoin-Entwickler-Team für die Java-Library bitcoinj verantwortlich.

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als Software-Entwickler bei Google und ist im Bitcoin-Entwickler-Team für die Java-Library bitcoinj verantwortlich. 3

The Future of Payments

Including:

Keynote Speaker Panel Discussions Hackathon

Presented by:

The Future of Payments Including: Keynote Speaker Panel Discussions Hackathon Presented by:

„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“ Interview mit Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen BLINK: Gavin,

„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“

„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“ Interview mit Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen BLINK: Gavin,
„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“ Interview mit Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen BLINK: Gavin,
„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“ Interview mit Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen BLINK: Gavin,
„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“ Interview mit Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen BLINK: Gavin,
„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“ Interview mit Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen BLINK: Gavin,
„Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung“ Interview mit Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen BLINK: Gavin,

Interview mit Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen

BLINK: Gavin, wie bist du mit Bitcoin in Verbindung gekommen?

Gavin Andresen: Ich habe das erste Mal im Mai 2010 darüber in einem Artikel in InfoWorld gelesen, der von innovativen Open- Source-Projekten handelte. Bitcoin war damals etwas mehr als ein Jahr alt.

Ich interessiere mich für Wirtschaft, Peer-to- Peer-Technologien und Kryptografie, daher weckte der Artikel meine Aufmerksamkeit. Ich war erst sehr skeptisch und habe dann alles darüber gelesen hatte, was ich konnte – damals gab es im Bitcoin-Forum nur rund 100 Beiträge, so dass ich mir alle durchgelesen

habe. Ich sah mir auch den Source Code genau an und kam zu dem Schluss, dass es sich bei Bitcoin weder um ein verrücktes Komplott noch um ein Forschungsprojekt für die Mülltonne handelt.

Das erste und einfachste Projekt, das ich umsetzen konnte, war eine Website, bei der man Bitcoins umsonst bekommen konnte. Ich habe 50 Dollar investiert, um dafür ca. 10 000 Bitcoins zu kaufen und gab jedem Besucher, der auf meine Website The Bitcoin Faucet („Der Bitcoin-Zapfhahn“) kam, fünf Bitcoins. Dann wurde ich mehr und mehr in das Projekt hineingezogen: ich habe am Kerncode mitgearbeitet, mitgeholfen,

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Bitcoins. Dann wurde ich mehr und mehr in das Projekt hineingezogen: ich habe am Kerncode mitgearbeitet,

SCHWERPUNKT

Fehler

mitentwickelt.

zu

beheben

und

neue

Funktionen

Was fasziniert dich so sehr an Bitcoin, dass du einen Großteil deiner Zeit damit verbringst?

Ich liebe es, an Projekten zu arbeiten, die einen Vorreitercharakter haben, und das Potenzial, die Welt zu verändern. Und ich liebe Technologien, die es Menschen überall auf der Welt ermöglichen, miteinander in Kontakt zu kommen, ohne dass dies von einer Regierung oder einer Firma kontrolliert werden kann. Man sieht diesen Trend weg von zentralisierter, kontrollierter Kommunikation hin zu schnelleren, günstigeren, dezentralen Lösungen zum Beispiel bei der Entwicklung von Briefpost und Telefonie mit ihren nationalen Monopolen hin zu E-Mail, Blogs und Social Media.

Bitcoin macht das Gleiche für den Geldverkehr. Es ist ebenso eine günstigere, schnellere und dezentralisierte Methode, mit der Menschen überall auf der Welt miteinander interagieren können, und es fasziniert mich mitzuerleben, welche Veränderungen das bringen wird.

Was sind die wichtigsten Aufgaben, an denen du zur Zeit arbeitest?

Ich arbeite an Protokollen für Transaktionen mit mehrfachen Bestätigungen. Das Bitcoin- System unterstützt solche Transaktionen, die durch mehr als eine Person oder durch mehr als ein Endgerät bestätigt werden müssen. Aber wir brauchen übergeordnete, nutzerfreundliche Protokolle, die es für die Menschen leicht machen, zum Beispiel eine Bitcoin-Wallet auf ihrem Computer aufzusetzen, bei der jeder Zahlungsvorgang

erst per Handy bestätigt werden muss. Dadurch wird es so gut wie unmöglich, dass Hacker die Inhalte von Wallets stehlen – denn sie müssten dafür ja sowohl den Rechner als auch das Handy ihres Opfers hacken.

Welches sind die nächsten großen Herausforderungen für den Bitcoin?

Ich bin ganz schlecht darin, die Zukunft vorauszusagen. Aber ich glaube, die wichtigste Herausforderung in naher und mittlerer Zukunft ist es, Bitcoin wirklich stabil zu machen. Nur eine stabile Währung ist eine gute Währung. Unser Geld soll langweilig und vorhersehbar sein.

Allerdings ist jede neue Technologie, die von neuen, unerfahrenen Start-Up-Firmen verwendet wird, in gewisser Weise instabil. Einige Unternehmen werden scheitern, es braucht mutige Early Adopters, die mit den Risiken leben können, bis sich die Technologie in etwas Stabiles, Reifes und Langweiliges entwickelt hat. Bitcoin ist so konzipiert, dass es langfristig sehr stabil sein kann, aber noch befinden wir uns in der riskanten Early- Adopter-Phase.

Du hast Bitcoin auf einer Konferenz der CIA präsentiert – wie war deren Reaktion darauf?

Insgesamt war die Reaktion recht positiv, auch wenn das keine besonders gesprächigen Leute sind. Einer der Teilnehmer war ein Wirtschaftswissenschaftler von der Federal Reserve, und ich war überrascht, wie aufgeschlossen er der Idee von Bitcoin gegenüberstand. Aus seinem Vortrag habe ich gelernt, dass die Zentralbanken überall auf der WeltanMachtüberdasGeldvolumenverlieren,

Aus seinem Vortrag habe ich gelernt, dass die Zentralbanken überall auf der WeltanMachtüberdasGeldvolumenverlieren, 34

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SCHWERPUNKT

SCHWERPUNKT weil eine Reihe von Geldersatzprodukten – wie die Finanzderivate des Schattenbankensystems – immer

weil eine Reihe von Geldersatzprodukten – wie die Finanzderivate des Schattenbankensystems – immer einflussreicher werden.

Du warst einer der Mitgründer der Bitcoin- Stiftung – welche Aufgaben hat sie?

Die Bitcoin-Stiftung soll dazu beitragen, dass Bitcoin standardisiert, geschützt und verbreitet wird. Dabei werden wir uns an anderen erfolgreichen Open-Source-Projekten wie Linux oder Apache orientieren, um diese Ziele zu erreichen.

Manche Leute sagen, dass Bitcoin gar nicht erst versuchen sollte, sich mit Regierungen und Banken zu arrangieren. Sie wollen Bitcoin für die Gegenwirtschaft nutzen und sicherstellen, dass es ein Verbot durch die Regierenden überlebt. Was hältst du davon?

Das

ist

sicher

ein

sinnvolles

Vorhaben

und

sie

sollten

es

tun.

Ich

glaube

aber,

dass

die

meisten

Regierungen einsehen

werden, dass ein weltweites Bargeld

Internet nicht zu verhindern ist, so wie

fürs

Verschlüsselungstechnologien nicht zu ver- hindern waren.

Es ergibt jedoch wenig Sinn für mich, Bitcoin auf eine Gegenwirtschaft im Untergrund beschränken, bevor wir überhaupt wissen, wie die Regierungen darauf reagieren. Warum sollten wir die Ziele so niedrig ansetzen? Durch die Netzwerkeffekte macht jede neue Person, die an der Bitcoin-Wirtschaft teilnimmt, diese wertvoller als die vorigen. Daher macht man Bitcoin am besten dadurch stark, in dem man dafür sorgt, dass es sicher, stabil und bequem für jedermann zu nutzen ist.

Was macht eigentlich Satoshi Nakamoto?

Keine Ahnung. Er sagte uns vor etwa einem Jahr, dass er erst einmal mit anderen nicht näher beschriebenen Projekten beschäftigt sei, seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.

Gavin Andresen ist Software-Entwick- ler, Princeton-Absolvent und Mitglied im Vorstand der Bitcoin Foundation.

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 Gavin Andresen ist Software-Entwick- ler, Princeton-Absolvent und Mitglied im Vorstand der Bitcoin Foundation. 35

vimeo.com/48742216

„And Zen Ve Vill Rule Ze Vorld!“

Ein sehr deutscher Animationsfilm über Bitcoin, made in India – von Aaron Koenig

Jeder in der Bitcoin-Welt kennt wohl den großartigen Animationsfilm What is Bitcoin?, der von einem Studenten der Filmakademie Ludwigsburg gemacht und allein bei YouTu- be rund 1,4 Millionen mal angesehen wurde. Die Messlatte lag also sehr hoch, als uns die Bitcoin Deutschland GmbH den Auftrag gab, ein Werbevideo für ihre Tauschplattform bitcoin.de zu produzieren. Auch dieser Film

bitcoin.de zu produzieren. Auch dieser Film musste natürlich zunächst einmal erklären, was Bitcoin

musste natürlich zunächst einmal erklären, was Bitcoin überhaupt ist, bevor man näher auf das Produkt bitcoin.de eingeht. Die Kunst lag also darin, den Bitcoin-Anfänger abzuho- len, ohne alte Bitcoin-Hasen zu langweilen oder gar What is Bitcoin? zu kopieren. So be- schlossen wir, die „Germanness“ des Kunden zum Thema zu machen und alle möglichen Klischees über Deutsche auf die Schippe zu

wir, die „Germanness“ des Kunden zum Thema zu machen und alle möglichen Klischees über Deutsche auf
Aus dem Storyboard
Aus dem Storyboard

nehmen. Die Protagonisten des Films, Dr. Münzmacher und sein Roboter Herrmann, erklären in dem Film die Vorzüge Bitcoins mit so starkem deutschen Akzent, dass selbst der typische deutsche Bahnschaffner dagegen wie ein Oxford-Absolvent wirkt. Herrmann hin- dert Dr. Münzmacher erfolgreich daran, mit deutscher Gründlichkeit sein Publikum zu Tode zu langweilen, sein Chef hält ihn dafür mit einem kräftigen Schlag auf den Blechkopf davon ab, wieder einmal die Weltherrschaft übernehmen zu wollen („And Zen Ve Vill Rule Ze Vorld!“).

Der Film ist allerdings nicht wirklich Made in Germany, sondern das Produkt einer

nicht wirklich Made in Germany, sondern das Produkt einer Erste Entwürfe für die Hauptfiguren. deutsch-indischen
Erste Entwürfe für die Hauptfiguren.
Erste Entwürfe für die Hauptfiguren.

deutsch-indischen Zusammenarbeit. Fleißige Animationsexperten in Bangalore erweckten die beiden teutonischen Gestalten zum Leben und ließen sogar das Berlin der Inflationszeit wiederentstehen. Ohne den Einsatz indischer Freelancer wäre die Realisierung eines zwei- minütigen Animationsfilms für ein recht be- scheidenes Budget gar nicht möglich gewesen. Und natürlich haben wir unsere indischen Animationskünstler in Bitcoins bezahlt, wie sonst?

BLINK-Chefredakteur Aaron Koenig ist im Hauptberuf Geschäftsführer der Filmproduktion Bitfilm www.bitfilm.com

 BLINK-Chefredakteur Aaron Koenig ist im Hauptberuf Geschäftsführer der Filmproduktion Bitfilm www.bitfilm.com
„We „We mine mine for for our our coins coins Deep Deep inside inside the

„We „We mine mine for for our our coins coins

Deep Deep inside inside the the blocks blocks

We‘re We‘re spending spending our our cash cash

On On Alpaca Alpaca socks“ socks“

blocks blocks We‘re We‘re spending spending our our cash cash On On Alpaca Alpaca socks“ socks“

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SCHWERPUNKT

BitPop aus Österreich

Alpaca Socks ist wohl der erste Popsong über Bit- coin. BLINK hat den Songwriter Max Min interviewt.

Was fasziniert dich so sehr an Bitcoin, dass du einen eigenen Song darüber ge- schrieben hast?

diesem Zeitpunkt sehr interessiert hat, habe ich die passenden Lyrics dazu geschrieben.

Wie oft wurde der Song bisher herun- tergeladen und wieviel Bitcoins wurden dafür gespendet?

Die Einfachheit des Systems und die Tatsache, dass man von keinem Mittelsmann abhängig ist, um Geld von A nach B zu transfe- rieren. Das Peer-to-Peer-Prin- zip ist es, was Bitcoin für mich so großartig macht.

Abgesehen davon ist Bitcoin in wirtschaftstheoretischer Hinsicht sehr interessant. Wie entwickeln sich z.B. Dinge wie Inflation in einem Bitcoin-Universum?

sich z.B. Dinge wie Inflation in einem Bitcoin-Universum? Offiziell von meiner Website wurde der Song bisher

Offiziell von meiner Website wurde der Song bisher 2965 Mal heruntergeladen. Nach- dem ich den Track auch auf zahlreichen Torrent-Trackern gefunden habe, ist die inofizi- elle Statistik aber wahrschein- lich höher

Die direkten Einnahmen via Bitcoin-Dona- tions liegen bisher bei ca. 25 Bitcoins.

Wie würdest du den Song jemandem be- schreiben, der ihn noch nicht kennt? Wie würdest du deine Art von Musik allgemein beschreiben?

Ich würde sagen, ich mache Minimal-Indie- Pop. Auf das Wesentliche reduzieren, das ist meine Devise.

Wie ist der Song entstanden?

Wovon handeln deine anderen Lieder?

Meistens geht es um aktuelle Themen die mich beschäftigen, „Anonymous“ z.B. handelt von den Angriffen der gleichnamigen Gruppe auf globale Institutionen. „When we‘re gone“ handelt von einer Welt ohne Menschen und davon, wie sich die Dinge dort entwickeln könnten.

Bei mir kommt der Text meistens erst als letztes Element dazu. Melodie und Arrange- ment sind oft schon da und ich versuche dann, eine Art Geschichte um den Song zu schrei- ben. Nachdem mich das Thema Bitcoin zu

Wann kann man dich mal live erleben?

2013 wird es mit Erscheinen meines neuen Albums eine kleine Tour geben. Die Details dazu gibt es dann auf hellomaxmin.com

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es mit Erscheinen meines neuen Albums eine kleine Tour geben. Die Details dazu gibt es dann
Unser Geldsystem und das „eine Prozent“ Warum Inflation die Armen ärmer und die Reichen reicher

Unser Geldsystem und das „eine Prozent“

Warum Inflation die Armen ärmer und die Reichen reicher macht – von Dominic Frisby

Ich stimme mit George Orwells Ansicht über- ein, dass „Menschen im Allgemeinen gut sein möchten, aber nicht zu gut und nicht die gan- ze Zeit“. Aber wenn die Menschen meistens gut sind, frage ich mich, wieso es so vieles auf der Welt gibt, das offensichtlich falsch läuft?

Kriege, Umweltverschmutzung, Hunger in der einen Hälfte der Welt, Fettsucht in der anderen, übermäßiger Konsum, ein Finanz- system, das außer Rand und Band geraten ist – und so weiter.

das außer Rand und Band geraten ist – und so weiter. Ein besonderer Dorn im Auge

Ein besonderer Dorn im Auge ist für mich die ungleiche Verteilung des Wohlstands, die sich auf ganz unterschiedliche Weise ausdrückt.

Wir sehen es zwischen Generationen: zum ersten Mal in der Geschichte ist meine und die nächste Generation ärmer als die unserer Eltern. Wie kann das sein, obwohl der tech- nische Fortschritt weitergeht? Die meisten Menschen in London unter 30 glauben, dass sie niemals im Leben ein Haus ihr Eigentum nennen werden – das ist entsetzlich.

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SCHWERPUNKT

Wir sehen es zwischen den Nationen: die reichsten 400 Menschen haben soviel Vermö- gen wie die ärmsten 140 Millionen.

Wir sehen es auch innerhalb der Nationen: das reichste Prozent der Amerikaner kassiert ein Viertel der Einkommen des Landes. Betrach- tet man sowohl Sachwerte und Bankkonten als auch Investments und Kunst, verfügen sie über rund die Hälfte aller Vermögenswerte in den USA. Dieser Anteil hat sich in den letzten vier Jahrzehnten verdoppelt.

Wir sehen es sogar innerhalb von Organisa- tionen, wo zum Beispiel der Vorstand einer Bank das Tausendfache von dem verdient, was einer seiner kleinen Angestellten erhält.

Wenn der Mensch, wie Orwell sagt, „überwie- gend gut“ ist, wieso gibt es bei der Verteilung des Wohlstands dann eine solche Schieflage? Ich bin der Auffassung, dass unsere Systeme daran Schuld sind. Und der größte Schurke von allen ist das Geldsystem.

Viele Menschen machen sich eine Menge Ge- danken darüber, wie sie mehr Geld verdienen können. Doch nur wenige machen sich Ge- danken darüber, wie unser Geldsystem über- haupt funktioniert.

Als Gold und Silber noch offiziell als Geld verwendet wurden, waren die Preise konstant. Wenn man den Index der Großhandelspreise betrachtet, fielen sie im 19. Jahrhundert sogar, in einer Zeit, in der die westliche Zivilisation ein hohes Wirtschaftswachstum und einen steigenden Wohlstand genoss. Die Preise blieben konstant bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, als die kriegführenden Staaten den Goldstandard aussetzten, um den Krieg mit ungedecktem Papiergeld zu finanzierten.

1971 wurde der Goldstandard dann von Pre- sident Nixon endgültig abgeschafft. Bis dahin war zumindest der Dollar als Leitwährung noch durch Gold gedeckt. Das aktuelle Sy- stem staatlichen Fiat-Geldes (nach lateinisch:

Fiat, „es werde“) wurde zur weltweiten Norm. Das war nicht unbedingt so geplant, es pas- sierte einfach aus politischer Zweckmäßigkeit. Die USA hatten, um den Vietnamkrieg zu finanzieren, mehr Dollars ausgegeben als sie Gold zur Deckung besaßen, und befürchteten einen Ansturm auf ihr Gold.

Wie haben sich die Preise seitdem verändert? Wenn ich 1971 mit meinem Sohn zum Fuß- ball-Pokalfinale gegangen wäre, hätte mich das zwei Pfund gekostet – heute sind es über 100 Pfund. Der Schokoriegel in der Halbzeit hätte mich zwei Pence gekostet – jetzt sind es 60 Pence. Ein Bier für mich selbst hätte da- mals elf Pence gekostet – heute verlangt man in Wembley für ein Bier fünf Pfund. Die Gal- lone Benzin, die ich gebraucht hätte, um hin- und zurückzufahren, hätte mich 33 Pence ge- kostet – heute: sieben Pfund. Und das Haus, in das wir zurückgekehrt wären, hätte etwa zwei Prozent seines heutigen Preises gekostet. Man vergisst leicht, in welchem Umfang man beraubt wird!

Die Durchschnittseinkommen sind seitdem zwar auch gestiegen, aber nicht im selben Maße. Sie haben sich von etwa 1.500 bis 2.000 Pfund pro Jahr auf etwa 25.000 Pfund erhöht. Die Differenz wird durch mehr Schul- den, längere Arbeitszeiten, mehr Frauenarbeit (also: zwei Verdiener pro Haushalt) gedeckt.

Warum wird alles – außer massenproduzierte Waren – auf so unerbittliche Weise teurer? Es liegt am System des Fiat-Geldes. Es gibt so gut wie keine Grenze, wieviel davon geschaf-

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unerbittliche Weise teurer? Es liegt am System des Fiat-Geldes. Es gibt so gut wie keine Grenze,

SCHWERPUNKT

fen werden kann. Und je mehr Geld es gibt, desto mehr wird seine Kaufkraft verwässert, desto mehr steigen die Preise.

Kosten der großen Mehrheit. Darum sind der Staat und der Finanzsektor so unverhältnis- mäßig stark gewachsen.

Einige wenige profitieren sehr stark von die- sem Geldsystem: diejenigen, die es kontrollie- ren, sich am Ausgabepunkt des Geldes oder sehr nah daran befinden. Mit anderen Worten:

Regierungen und Banken. Sie haben ein Mo- nopol darauf, Geld aus dem Nichts entstehen zu lassen – entweder durch das Drucken von Geld oder durch die Vergabe von Krediten, für die sie sogar Zinsen kassieren können. Sie können für ihr neu geschaffenes Geld Sach- werte kaufen, und zwar noch zu günstigen Preisen, bevor diese durch die verminderte Kaufkraft steigen, die wiederum durch das zusätzliche Geld verursacht wird.

Dies hat zu der horrenden Lücke zwischen den sogenannten „einen Prozent“ (den Super- reichen) und allen anderen geführt. Es ist ver- anwortlich für den abnehmenden Wohlstand in unserer Generation. Und es ist die Ursache für unsere Wirtschaftskultur, die auf Schul- den und Konsum setzt, statt auf Sparen und Investitionen. Und es wird immer schlimmer, je öfter sich dieser Teufelskreis von Umvertei- lung von Reichtum wiederholt. Weil dies so eklatant und doch unsichtbar ist, ist für mich der Prozess der Geldschöpfung die heimtü- ckischte Kraft in der heutigen Welt. Das ist ein starkes Statement, aber ich stehe dazu.

Welt. Das ist ein starkes Statement, aber ich stehe dazu. Währenddessen können wir Normalbürger uns für
Welt. Das ist ein starkes Statement, aber ich stehe dazu. Währenddessen können wir Normalbürger uns für

Währenddessen können wir Normalbürger uns für unsere Ersparnisse und Löhne im- mer weniger kaufen. Wir müssen Schulden aufnehmen und dafür Zinsen bezahlen, um die Dinge zu kaufen, die sich unsere Eltern einfach so leisten konnten.

So findet eine ständige Umverteilung von Reichtum statt, die sich mit der Zeit ver- schlimmert. Einige wenige profitieren auf

Es scheint, dass wir keine Wahl haben, dieses Geldsystem zu akzeptieren und davon ausge- raubt zu werden. Aber wie wäre es, wenn wir das ändern würden? Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Unabhängiges Geld.

Gold und Silber sind eine Form von unab- hängigem Geld – wenn auch bei weitem nicht die einzige. Einen Goldstandard (bei dem Papiergeld durch Gold gedeckt ist) kann man

– wenn auch bei weitem nicht die einzige. Einen Goldstandard (bei dem Papiergeld durch Gold gedeckt

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SCHWERPUNKT

als teilweise, aber doch nicht vollständig un- abhängig bezeichnen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: 1914, als Gold noch offizielles Geld war, hatten weder Groß- britannien noch Deutschland genug davon, um sich den Krieg leisten zu können. Der Krieg wäre vorbeigewesen, sobald sie alles Gold ausgegeben hätten. Beide Regierungen schafften den Goldstandard ab, türmten hohe Schulden auf und bezahlten diese mit Papier- geld. Doch damit reichten sie die Rechnung nur an ihre Bürger weiter. Dies war nichts an- deres eine betrügerische Handlung, die allein politischen Interessen diente.

Das Monopol der Regierungen und Banken auf Geld gibt ihnen zu viel Macht. Es ist unver- meidlich, dass diese Macht missbraucht wird, ob durch Inkompetenz oder noch schlimmere Gründe. Der beste Weg, um Machtmiss- brauch zu verhindern, ist es, Macht so breit und dünn wie möglich zu verteilen.

Regierungen und Banken sollten nach denselben Regeln spielen wie wir alle: keine „Bail-outs“ kein „Deficit spending“, sondern die Notwendigkeit, mit den eigenen Mitteln auszukommen, ein echtes Risiko zu scheitern, so dass man sich vorsichtig verhält – all diese eigentlich selbstverständlichen Dinge.

Über 16 Millionen Menschen wurden in die- sem Krieg getötet, weitere 20 Millionen ver-

In meiner „Schönen neuen Welt“ gibt es kein Monopol auf Geld. Wir kehren zu Wahlfrei-

gibt es kein Monopol auf Geld. Wir kehren zu Wahlfrei- wundet. Dann kam eine Welle von
gibt es kein Monopol auf Geld. Wir kehren zu Wahlfrei- wundet. Dann kam eine Welle von

wundet. Dann kam eine Welle von Folgewir- kungen: die deutschen Reparationszahlungen, die Hyperinflation der Weimarer Republik, der Aufstieg Hitlers, der zweite Weltkrieg.

Würden Regierungen nicht über ein Mono- pol über das Geld verfügen, wäre nichts von alledem passiert – und es war wirklich eine abscheuliche Fehlinvestition!

heit zurück. Und zu Transparenz. Wir nutzen das Geld unserer Wahl. Wir haben unabhän- giges Geld.

Was würden Sie gern nutzen, Sir? Gold, Sil- ber, Bitcoins, Wertpapiere, die ein Farmer durch Getreide in seiner Scheune deckt, Brix- ton Pounds, Dominic Frisby‘s Währung (ich glaube, ich werde sie Dominus nennen, falls es Sie interessiert), Pfunde, Dollars? Was im-

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Frisby‘s Währung (ich glaube, ich werde sie Dominus nennen, falls es Sie interessiert), Pfunde, Dollars? Was

SCHWERPUNKT

mer Sie möchten, nutzen Sie es einfach. Die Bezahlung in diesen alternativen Währungen ist nicht schwerer als den Button „Bezahlen“ auf einer Smartphone-App oder einer Website anzuklicken.

Regierungen können von mir aus gern wei- terhin Geld herausgeben und es abwerten. Sie können machen, was sie wollen, solange wir Normalsterblichen andere Optionen haben. In einem solchen befreiten Markt würde aber sehr bald eine Flucht in besser organisierte Währungen einsetzen. Der wahre Wert des staatlichen Scheingeldes würde zum Vor- schein kommen und bessere Lösungen wür- den sich durchsetzen.

Parallelwährungen können im täglichen Le- ben sehr gut funktionieren. Ich war gerade in Instanbul. Die Händler auf dem Großen Basar akzeptieren Dollars, Euros, Türkische Lira, Pfund, Russische Rubel – alles, was ih- nen ein Geschäft bringt. Kompliziert wird es erst, wenn es an die Bezahlung von Steuern geht – aber das ist ein anderes Thema.

Und wenn Sie bei Ihrem Ausflug in die Welt des freien Marktes merken, dass Sie Vermö- gen nicht so gern in Bitcoins, Domini oder Farmer Giles‘ Getreidegurscheine anlegen wollen, dann bleiben Sie einfach bei dem Staatsgeld, das sie gewohnt sind. Oder noch besser: legen Sie es in etwas reelles an, etwas, das tatsächlich da ist, so wie Gold oder Silber. Ich denke, die meisten Menschen werden sich für Letzteres entscheiden.

Es ist gar nicht so schwer, die Art und Wei- se, wie Geld funktioniert, zu verändern. Man könnte es dem Wähler leicht schmackhaft machen. Und es würde eine riesige Verbesse- rung des Lebens für uns alle bedeuten.

Inflation

(von lateinisch inflare: „aufblasen“) bedeutet im eigentlichen Sinne das Anwachsen der Geldmenge. Steigt die Geldmenge schneller als die Menge der Güter, so führt dies zum Absinken der Kaufkraft des Geldes und einer allge- meinen Preissteigerung. Umgangs- sprachlich wird als Inflation vor allem diese Preissteigerung bezeichnet.

Oft wird fälschlich der Preisindex eines „Warenkorbs“ mit der Inflationsrate gleichgesetzt. Dieses Messverfahren ist jedoch willkürlich und lässt wichtige Werte (z.B. Immobilien, Aktien) außer Acht. Es wird daher gern als Verschleie- rungsmethode eingesetzt, um die wirk- liche Inflation zu beschönigen.

Im Unterschied zu Fiat Money, das be- liebig vermehrt werden kann, ist das Anwachsen der Menge an Bitcoins durch die Software vorgeschrieben und kann nicht verändert werden. Das Tempo, in dem neue Bitcoins erzeugt werden können, nimmt mit der Zeit ab und konvergiert gegen Null. Der Bit- coin inflationiert also auf kontrollierte Weise. Eine Inflation im umgangs- sprachlichen Sinne, also eine galoppie- rende Preissteigerung, ist beim Bitcoin daher ausgeschlossen.

Dominic Frisby ist Autor, Schauspie- ler, Comedian und Filmemacher.Sein Buch Life after the State erscheint in Kürze bei Unbound: http://unbound. co.uk/books/life-after-the-state

Buch Life after the State erscheint in Kürze bei Unbound: http://unbound. co.uk/books/life-after-the-state 44

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Deflation – na und? Es ist kein Problem ist, dass Bitcoin ohne Inflation auskommt –

Deflation – na und?

Es ist kein Problem ist, dass Bitcoin ohne Inflation auskommt – von Rick Falkvinge

Wenn ich mit Journalisten und Wirtschafts- wissenschaftlern über Bitcoin diskutiere, wird mir regelmäßig die Frage gestellt, ob eine „deflationäre Währung“ denn wirklich überle- bensfähig sei.

Wir haben uns so daran gewöhnt, in einer in- flationären Wirtschaft zu leben, in der Geld ständig an Wert verliert, dass wir uns ein Wirtschaftssystem schwer vorstellen können, in der das Geld allmählich immer wertvoller wird und die Preise fallen.

Weil wir nur inflationäre (und hyperinflatio- näre) Wirtschaftssysteme erlebt haben, treffen wir allerlei Annahmen, warum eine deflatio- näre Wirtschaft nicht funktionieren kann. Am stärksten wird beanstandet, dass niemand heute mehr etwas kaufen würde, weil das glei- che Produkt morgen schon billiger zu haben wäre. Und dann würde man es ebenfalls nicht kaufen, sondern auf den nächsten Tag warten. Und so weiter: niemand würde je etwas kau- fen, wir würden alle bis in die Ewigkeit auf weiter fallende Preise warten.

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so weiter: niemand würde je etwas kau- fen, wir würden alle bis in die Ewigkeit auf

SCHWERPUNKT

Ja, tatsächlich: es gibt Leute, die dies als ab- solut ernst gemeintes Argument benutzen, als eine unstrittige Tatsache.

Im Umkehrschluss wäre der einzige Grund, irgendetwas zu kaufen, der, dass es morgen mehr kostet und übermorgen noch mehr. Wir müssten uns beeilen, unser Geld auszugeben. Offensichtlich ist dies aber nicht der einzige Grund, warum wir etwas kaufen. Wenn wir das Argument umdrehen, sehen wir seine – höflich gesagt – beschränkte Tauglichkeit.

ren geht sein Preis gegen Null. Dies ist nichts anderes als Deflation: die Preise sinken und die Kaufkraft unseres Geldes steigt. Und zwar so sehr, dass wir im Elektronik-Bereich von einer Hyperdeflation sprechen könnten.

Wäre das oben genannte Argument gültig so würde unter diesen Umständen niemand elektronische Geräte kaufen, weil sie kurz darauf billiger zu haben wären. Und, kaufen Sie elektronische Geräte? Womit haben Sie das PDF mit diesem Artikel heruntergeladen? In der Realität ist Apple eines der wertvollsten Unternehmen der Welt, obwohl es in einem deflationären Sektor der Wirt- schaft operiert.

Bitcoin mag seine Nachteile haben, aber sein deflationärer Charakter gehört definitiv nicht dazu. Das Argument gegen Deflation ist allerdings in einem Punkt korrekt: in einer deflationären Wirtschaft kaufen die Leute – wie man im Elektronikbereich fest- stellen kann – nicht mehr als das, was sie in diesem Moment benötigen. Sie wissen, dass im nächsten Jahr alles billiger wird, sodass sie die Bedürfnisse des nächsten Jahres erst dann be- friedigen.

Aber wenn die Leute nur das kaufen würden, was sie wirklich brauchen – wäre das wirklich so schlimm?

Rick Falkvinge ist IT-Experte, Gründer der Ur-Piratenpartei in Schweden und bloggt auf www.falkvinge.net.

in Schweden und bloggt auf www.falkvinge.net. Aber die Annahmen gehen schon an einem früheren Punkt fehl,

Aber die Annahmen gehen schon an einem früheren Punkt fehl, nämlich bei der Prämis- se, wir hätten noch nie in deflationären Zeiten gelebt. Auch wenn die Wirtschaft als Ganzes nicht deflationär ist, so trifft dies auf gewisse Unterbereiche seit Jahrzehnten zu. Sehen wir uns die Preisentwicklung bei elektronischen Geräten seit den 1970er Jahren an. Ein Gadget mit einer bestimmten Leistung kann bereits ein paar Monate später zu einem geringeren Preis gekauft werden, innerhalb von zwei Jah-

Leistung kann bereits ein paar Monate später zu einem geringeren Preis gekauft werden, innerhalb von zwei

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La Revolución Bitcoinista Fallstudie Argentinien: Wie man eine Finanztyrannei überwinden kann – von Oscar Fonseca

La Revolución Bitcoinista

Fallstudie Argentinien: Wie man eine Finanztyrannei überwinden kann – von Oscar Fonseca Gómes

Argentinien ist schon seit Langem ein Parade- beispiel für eine verfehlte Wirtschaftspolitik. Im 19. Jahrhundert war es eines der reichsten Länder der Welt, doch dann verschleuderte das „Silberland” (das bedeutet „Argentinien“ auf Spanisch) langsam aber sicher sein öko- nomisches und politisches Kapital. Zunächst geschah dies im frühen 20. Jahrhundert unter einem schleichenden Sozialismus, dann unter verschiedenen faschistischen Diktatoren von Juan Perón bis zum Falkland-Krieg, schließ- lich in den letzten 25 Jahren durch wechseln- de hyperinflationäre und deflationäre Krisen.

Als Argentinier möchte ich mit diesem Arti- kel freiheitsliebenden Menschen in anderen Ländern eine Ahnung davon geben, was für weitreichende finanzielle Repressionen Poli- tiker aushecken können. Gleichzeitig möchte ich Lösungen aufzeigen, wie man seine hart erarbeiteten Ersparnisse davor schützen kann, konfisziert zu werden. Für die Bewohner re- lativ stabiler Länder der „ersten Welt” mag es zunächst amüsant oder belanglos erscheinen, von den Possen solcher „Bananenrepubliken” wie Argentinien oder Venezuela zu hören. Doch es wäre ein Fehler, sich nicht damit zu

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solcher „Bananenrepubliken” wie Argentinien oder Venezuela zu hören. Doch es wäre ein Fehler, sich nicht damit

SCHWERPUNKT

Kultfiguren in Buenos Aires: Tango-Legende Carlos Gardel, Evita Perón, Diego Maradona

beschäftigen, wie Gesellschaften verwahrlo- sen können, wenn Politiker eine wirtschaft- liche Schreckensherrschaft einführen.

Die Menschen sind im Prinzip in allen Län- dern gleich und politische Maßnahmen in Krisenzeiten sind meistens ähnlich, unabhän- gig vom ethnischen oder kulturellen Hinter- grund. Wenn man etwas aus der Ge- schichte lernen kann, dann, dass Länder sich sehr schnell auf vorher undenkbaren Pfaden abwärts bewegen können. Die Gefahr restriktiver Finanzkontrollen in West- europa oder den USA ist meiner Ansicht nach sehr wahrscheinlich, wenn man sich die staatlichen Rentenver- sicherungen und Geldsysteme vieler Länder ansieht, die an Schnee- ballsysteme erinnern.

Auch wenn Argentiniens Verfassung sich ur- sprünglich an den Vereinigten Staaten orien- tierte, mit einer strengen Gewaltenteilung, re-

publikanischen Einschränkungen gegen eine Herrschaft des Pöbels und gut geschützten Eigentumsrechten, sind die meisten dieser Tugenden in den letzten zwei Jahrhunderten verlorengegangen. Parallel dazu ist ein wirt- schaftlicher Verfall zu beobachten, der ohne Zweifel zu einem Großteil durch den Verlust einer gesunden politischen Struktur ausge- löst wurde. Das derzeitige politische System kann man am besten als eine Präsidentialdiktatur ohne Checks und Balances beschrei- ben. Die Judikative und Le- gislative sind kastriert, der Präsident regiert per Ver- ordnung.

sind kastriert, der Präsident regiert per Ver- ordnung. Auch absolute Herrschaft kann in Ausnahmefällen funk-

Auch absolute Herrschaft kann in Ausnahmefällen funk- tionieren, manchmal wird sie auf intelligente Weise eingesetzt, um po- sitive wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, wie es Lee Kwan Yew in Singapur gezeigt hat. Doch zum Pech der Argentinier ist die aktuelle „gewählte Diktatorin” Cri- stina Fernández de Kirchner (Bild links) eine

Pech der Argentinier ist die aktuelle „gewählte Diktatorin” Cri- stina Fernández de Kirchner (Bild links) eine

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SCHWERPUNKT

Egomanin, die wild entschlossen scheint, den letzten Rest wirtschaftlichen Wohlstands in Argentinien zu zerstören. Sie sät eine Menge schlechter Samen, die für die nahe Zukunft eine erneute hyperinflationäre Krise unver- meidlich machen. Die meisten Aktivitäten der Regierung dienen dazu, Stimmen zu kaufen oder die persönliche Bereicherung von Spezis und Sponsoren zu sichern.

Gleichzeitig sorgt eine überregulierte Wirt- schaft mit Preiskontrollen und knallhartem Protektionismus dafür, dass die heimische Wirtschaft stagniert und nicht wettbewerbs- fähig ist. Dem einzigen erfolgreichen Export- sektor, der Agrarwirtschaft, wird ein Großteil seiner Erlöse durch willkürliche Zölle geraubt, die das immer stärker wachsende Haushalts- defizit der Regierung lindern sollen.

Die Bilanz der Regierung wird immer schlech- ter und insbesondere seit ihrer Wiederwahl 2011 nutzt Frau Kirchner finanzelle und po- litische Repressionen, um Argentiniens wirt- schaftlichen Niedergang zu verschleiern und unter Kontrolle zu halten. Zu diesem Zweck sind allein seit Oktober 2011 23 (verfassungs- widrige) politische Maßnahmen eingeführt worden, die die Kontrollen des Geldverkehrs im ohnehin schon überregulierten privaten Sektor noch weiter verschärfen.

Um diese Maßnahmen zu rechtfertigen, wird öffentlich gelogen, dass es um die Vermeidung von Spekulation ginge und um den Wunsch der Argentinier, in ihrer lokalen Währung zu zahlen. Doch das wirkliche Ziel ist es, die Kapitalflucht zu stoppen und die Menschen und Unternehmen daran zu hindern, ihre Er- sparnisse vor einer Inflation zu retten, die bei knapp dreißig Prozent im Jahr liegt.

In Argentinien sind Edelmetalle nicht leicht zu erwerben, sodass der US-Dollar und der Euro als vergleichsweise harte Währungen dienen, in die man in Inflationszeiten flieht.

Um eine Idee davon zu bekommen, wie die Politiker den Frosch so langsam kochen, dass er nicht aus dem Topf springt, hier ein Über- blick über nur einige der repressiven High- lights der letzten zwölf Monate:

3. Oktober 20

Alle privaten Währungsgeschäfte müssen von der argentinischen Steuerbehörde Agencia Fe- deral Impositiva (AFIP) genehmigt werden.

3. Dezember 20

Alle Banken müssen den Kauf von US-Dol- lars zehn Tage im Voraus ankündigen.

9. Februar 202

Alle Unternehmen brauchen eine Genehmi- gung von der Zentralbank, um US-Dollars für Auslandsüberweisungen zu erhalten.

3. April 202

Argentinier müssen ein in US-Dollar ge- führtes Bankkonto haben, um von Geldauto- maten im Ausland Geld abheben zu können.

9. Mai 202

Die AFIP reduziert die maximale Menge an US-Dollars, die man erwerben kann, auf 25% des versteuerten Einkommens.

29. Mai 202

Der Kauf von Fremdwährungen für Aus- landsreisen muss bei der AFIP beantragt und von ihr genehmigt werden.

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Mai 202 Der Kauf von Fremdwährungen für Aus- landsreisen muss bei der AFIP beantragt und von

SCHWERPUNKT

5. Juni 202

Die AFIP beseitigt die Option, US-Dollars zu Sparzwecken zu erwerben.

4. Juli 202

Ausländische Pensionszahlungen müssen in Argentinische Peso umgetauscht werden.

7. August 202

Supermärkte müssen alle Einkäufe über 1000 Pesos (ca. 150 US-Dollar) der AFIP melden.

30. August 202

US-Dollar für Auslandsreisen müssen sieben Tage im Voraus erworben werden, Reisende müssen durch das Vorzeigen eines Tickets beweisen, dass sie wirklich reisen, es gibt eine Höchstmenge pro Reisetag.

. September 202

Alle Zahlungen per Kreditkarte werden von der AFIP verfolgt und registriert. Käufe im

Ausland werden überprüft, um sicherzustel- len, dass sie mit dem versteuernden Einkom- men übereinstimmen.

Die Umwandlung der AFIP in eine Art Sta- si oder KGB ist schlimm genug, aber es gab noch eine Reihe anderer Repressionsmaß- nahmen in den letzten zwölf Monaten, die in einem kurzen Artikel wie diesem nicht alle abgehandelt werden können. Zu den un- geheuerlichsten gehören die Enteignung der größten Öl- und Luftfahrt-Unternehmen und die Vorschrift, dass kein Unternehmen mehr Güter ein- als ausführen darf – was den Teil der lokalen Wirtschaft zerstört hat, der Zulie- ferungen aus dem Ausland benötigt.

Und so kommen wir zum Kernpunkt: wenn man in einem Land lebt, das sich auf eine fi- nanzielle und politische Tyrannei zubewegt – was kann man tun, um sein Vermögen zu schützen, bevor es zu spät ist? Wie kann man

SCHWERPUNKT

sich ein diversifiziertes Portfolio zulegen, das Entwertungen und Eingriffen in die Privat- sphäre, wie sie derzeit in Argentinien ge- schehen, widersteht?

setzt, um Bargeld zu erschnüffeln. In Verbin- dung mit Röntgengeräten, die angeblich der Verhinderung von Terroranschlägen dienen, muss man sich darauf einstellen, dass es bald un- möglich sein wird, Bar- geld oder Edelmetalle aus seinem Land herauszubringen, falls von der Re- gierung eine Geldsperre ver- hängt wird – so wie in Argenti- nien im Jahr 2001, als alle Bankkonten über Nacht eingefro- ren und für rund zwölf Monate gesperrt wurden.

eingefro- ren und für rund zwölf Monate gesperrt wurden. Traditionell haben Argenti- nier in instabilen Zeiten

Traditionell haben Argenti- nier in instabilen Zeiten ihr Geld in US-Dollars oder europäi schen Währungen angelegt. Doch dies ist aus zweierlei Gründen heute riskant: erstens läuft man Gefahr, eingesperrt zu wer- den, denn der Erwerb von Auslandwährung auf dem Schwarzmarkt ist illegal; und zweitens kann die derzeitige politische und wirt- schaftliche Instabilität in den USA und der Eurozone den Wert ihrer Währungen ebenso in wenigen Jahren zerstören.

In Europa und den USA wurde historisch Gold als Schutz gegen Unsicherheit verwendet, was meistens gut funktioniert hat, um privates Vermögen zu schützen, doch auch nicht ohne Probleme. Die berüchtigte Executive Order 6102 die von Roosevelt 1933 verfügt wurde, verbot den Besitz von Gold in den USA für fast 50 Jahre. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es im Zug der Dollar- und Eurokrise wie- der zu solchen Goldverboten kommt.

Jetzt kommt Bitcoin ins Spiel. Auch wenn Goldfans wie ich grundsätzlich skep- tisch gegenüber jeder Währung sind, die nicht durch Sachwerte gedeckt ist, liegt der Fall hier anders als bei den experimentellen Währungen der Vergangenheit.

Bitcoin ist im Prinzip nichts weiter als ein dezentrales, verteiltes System von „Bankkon- ten”. Es ist durch die Gesetze der Mathematik gedeckt, die Geldmenge ist auf eine so todsi- chere Weise eingeschränkt, das nicht einmal Gold (das ja theoretisch eines Tages künstlich hergestellt werden könnte) an Knappheit da- bei mithalten kann.

In einem extremen Krisenszenario, wenn die Bedingungen so schlimm werden, dass man über eine Grenze fliehen muss, können große Mengen Edelmetall oder Papiergeld schwer transportiert und leicht aufgespürt werden. Auf argentinischen Flughäfen und an Grenz- stationen werden mittlerweile Hunde einge-

Bitcoins verhalten sich genau wie Gold, was ihre Teilbarkeit, Privatheit, Übertragbarkeit, beschränkte Inflation und Wertdichte be- trifft, doch sie sind frei von den Nachteilen des Goldes in einem Szenario der Durchsu- chung und Beschlagnahmung. Gerade die

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doch sie sind frei von den Nachteilen des Goldes in einem Szenario der Durchsu- chung und

SCHWERPUNKT

Tatsache, dass sie kein physisches Gut sind, ist ihr großer Vorteil, wenn wir Vermögen trans- ferieren oder verstecken wollen, ohne die Be- schlagnahmung oder Verhaftung zu riskieren. Bitcoins im Wert von Milliarden von Dollars können auf einer SD-Karte, einem USB- Stick oder einem Stück Papier gespeichert werden – und sogar im Kopf, wenn man sich eine “Eselsbrücke” baut, um seinen privaten Schlüssel auswendigzulernen.

Die Bitcoin-Technologie befindet sich natür- lich noch in einem frühen Experimentalsta- dium. Nur ein Spieler oder ein Narr würde all sein Gold oder Silber verkaufen, um alles in Bitcoins anzulegen. Doch wie die Erfah- rung Argentiniens zeigt, müsste man auch ein Spieler oder ein Narr sein, um sein Vermögen komplett in Gold oder gar Bargeld anzulegen

sein Vermögen komplett in Gold oder gar Bargeld anzulegen und keine Bitcoins zu besitzen. Bitcoins sind

und keine Bitcoins zu besitzen. Bitcoins sind praktisch im täglichen Leben, insbesondere bei internationalen Überweisungen, weil man mit ihnen sehr schnell und quasi anonym be- zahlen kann.

Doch darüber hinaus sind Bitcoins das Yin zum Yang des Goldes: sie ergänzen Gold als Wertanlage perfekt, wenn die Unaufspürbar- keit Vorrang hat. Gold und Bitcoins in Kom- bination sind die beste Versicherung gegen finanzelle Tyrannei. So wie man eine Versi- cherung gegen Feuer- und eine gegen Was- serschäden abschließt, schützen einen Gold und Bitcoins gegen verschiedene Risiken. Wo Gold versagt (Metalldetektoren, Tragbarkeit etc.) bewährt sich Bitcoin; und wo Bitcoin Schwächen hat (fehlender Internet-Zugang, Hacker etc.) kommt Gold, das sich seit über 6000 Jahren bewährt hat, zum Einsatz.

Viele Menschen in Argentinien leiden darun- ter, dass ihr Einkommen und ihre Ersparnisse von der Inflation aufgefressen werden. Sie sind unfähig, etwas dagegen zu unternehmen, weil sie sich nicht auf eine eigentlich voraus- sehbare Situation vorbereitet haben. Sie haben noch nicht realisiert, dass das Digitalzeitalter zwar viele neue Methoden der Überwachung und der Repression bietet, als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, aber auch die passenden Gegenmittel. Gold in seinem Garten zu ver- graben, mag in den letzen 6000 Jahren ausge- reicht haben, um sein Vermögen zu schützen, doch heute muss man neue Methoden anwen- den, um den Tyrannen immer einen Schritt voraus zu sein.

Seien Sie vorbereitet. Investieren Sie in Gold. Investieren Sie in Bitcoins!

Oscar Fonseca Gómes ist freier Journa- list und lebt in Buenos Aires.

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Frei wie ein Vogelschwarm Plädoyer für eine freie Wirtschaftsordnung auf Bitcoin-Basis – von Juraj Bednar

Frei wie ein Vogelschwarm

Plädoyer für eine freie Wirtschaftsordnung auf Bitcoin-Basis – von Juraj Bednar

Stellen wir uns einen Schwarm Vögel vor, eines der wohl schönsten Beispiele für Emer- gentes Verhalten. Darunter versteht man ein Verhalten eines Systems, das sich nicht einfach aus dem Verhalten jedes einzelnen Elements ableiten lässt. Jeder Vogel weiss genau, was er zu tun hat. Es sind die Entscheidungen jedes einzelnen Vogels, die die Form des Schwarms bestimmen. Doch es ist unmöglich, dieses Schwarmverhalten zentral zu planen. Eben- so unmöglich ist es, den Handel zwischen Millionen von Menschen zentral zu planen. Schauen wir auf den Schatten des Schwarms und versuchen wir, von ihm auf die Form des Schwarms zu schließen. Man kann schätzen,

wie hoch der Schwarm fliegt und wie groß die Vögel sind, um auf den Schwarm rück- zuschließen. Aber man weiß nichts über die individuellen Vögel, wie hoch sie fliegen oder wie schnell sie sind. Was man sieht, ist ledig- lich ein großer, sich verändernder Schatten:

ein Aggregat der einzelnen Handlungen.

Wir brauchen einen freiwilligen und freien Markt, weil es unmöglich ist, gute Entschei- dungen auf der Grundlage aggregierter Da- ten zu fällen. Die Regierung sieht lediglich den Schatten jeder Transaktion, nachdem sie stattgefunden hat. Sie arbeitet mit Aggregaten wie Bruttosozialprodukt, Arbeitslosenquote

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Transaktion, nachdem sie stattgefunden hat. Sie arbeitet mit Aggregaten wie Bruttosozialprodukt, Arbeitslosenquote 53

SCHWERPUNKT

und Durchschnittseinkommen. Sie hat Sta- tistiken. Aber sie hat keine Kenntnis darü- ber, wie Individuen handeln, was sie wollen, was sie sich kaufen würden, wenn sie genug Geld besäßen. Politiker wissen nicht, wofür Menschen sparen. Selbst wenn sie die größten Genies auf der ganzen Welt wären und versu- chen würden, „die Probleme des Marktes zu beheben“, es wäre ihnen nicht möglich. Sie se- hen einen Schatten unseres Schwarms, näm- lich ausschließlich die Dinge, die wir ihnen erzählen (also z.B. nichts über den riesigen Schwarzmarkt).

Auf der einen Seite haben wir Politiker mit unzureichenden Informationen, die versu- chen, Entscheidungen für alle zu fällen. Auf der anderen Seite haben wir unser derzeitiges System, das viele mit einem freien Markt ver- wechseln. Unsere Krankenversicherungen operieren zum Beispiel nicht auf einem freien Markt. Selbst in den USA, wo die Menschen angeblich zwischen Krankenversicherungen wählen können, ist das nicht der Fall: der Markt der Großunternehmen, die Kranken- versicherungen anbieten, ist vollständig vom Staat durchreguliert, was dazu führt, dass die Preise in die Höhe schießen und der Markt- eintritt neuer Unternehmen erschwert wird.

Das Bankensystem ist wahrscheinlich eines der am meisten regulierten (nur Polizei, Justiz und Gesundheitssystem sind noch stärker re- guliert). Diejenigen, die über die Schwächen des Marktes diskutieren und ihn für die der- zeitige Krise verantwortlich machen, überse- hen, dass die Geldmenge zentral geplant wird. Diese Planung führte zur Immobilienblase und setzt nun ihren Weg über die Staatsanlei- henkrise, Studentenkreditblase und eine wei- tere Immobilienblase in den USA fort.

Die Wirtschaft verhält sich wie ein Organis- mus. Wir sind Handelnde, die auf freiwilliger Basis Güter und Dienstleistungen tauschen. Die Wirtschaft fußt auf einer einfachen Idee: dass unsere Ressourcen (insbesondere Rohstoffe und unsere Zeit) knapp sind. Wir brauchen ein Verfahren, um diese Ressourcen entsprechend unserer Bedürfnisse und Wün- sche zu verteilen. Wenn die meisten unserer Bedürfnisse und Wünsche befriedigt sind, sind wir eher in der Lage, ein zufriedenes Leben zu führen.

Zwei wichtige Grundge- danken spielen hier eine Rolle. Erstens: Wenn der Tausch freiwil- lig erfolgt, dann werden beide Sei- ten einen Nut- zen davontragen. Wenn zwei Men- schen Eier und Milch tauschen, dann ist ihre Wa h r n e h m u n g vom jeweiligen Wert dieser Güter unter- schiedlich. Die eine Seite bewertet die Milch höher als die Menge von Eiern, die sie dafür hergeben muss. Für die andere Seite ist die Wertschätzung genau umgekehrt. Wenn ich hungrig bin, fünf Euro in meinem Portemonnaie habe und mir davon einenDö- ner kaufe, dann bedeutet das, dass ich den Döner in meinem Magen den fünf Euro in meinem Portemonnaie vorziehe.

Der zweite wichtige Aspekt findet auf einer Makroebene statt: Wenn die Ressourcen be- grenzt sind, dann ist das Beste, was man tun

wichtige Aspekt findet auf einer Makroebene statt: Wenn die Ressourcen be- grenzt sind, dann ist das

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SCHWERPUNKT

kann, die Menschen freiwillig wählen zu las- sen, welche Ressourcen sie hinsichtlich ihrer Verfügbarkeit (widergespiegelt in ihrem Preis) und der Wertschöpfung der jeweiligen Person für die Gesellschaft bevorzugen.

Stellen Sie sich vor, Ihre Großmutter würde gerne einen Suppenstand eröffnen. Sie würde eine Suppe pro Tag für sich selbst zum Verzehr kochen und den Rest an andere Leute verkau- fen. Das wäre eine vollkommen legitime Vorgehensweise, ein Einkommen zu schaffen und gleichzeitig anderen Menschen zu hel- fen, die keine Zeit ha- ben zu kochen.

Zumindest sieht es so aus, bevor man feststellt, dass Ihre Groß- mutter zunächst eine Gewerbe- anmeldung be- antragen müsste. Der Standort für ihr Gewerbe müsste genehmigt werden, so- wohl vom Gewerbe- als auch vom Hygieneamt. Sie müsste Buchhaltung lernen oder jemanden dafür bezahlen. Sie müsste eine elektronische Registrierkasse kaufen. Sie müsste die zahllosen Lebensmittelauflagen der EU einhalten, die niemand, der bei kla- ren Verstand ist, überhaupt nur lesen würde. Sollte sie erfolgreich sein und Hilfe brauchen, würde sie erfahren, wie schwierig es ist, je- manden einzustellen. Ihre Großmutter wird wahrscheinlich aufgeben, bevor sie ihren Sup- penstand eröffnet hat, denn die derzeitigen Gesetze bevorzugen größere Unternehmen.

Was wir hier sehen, nennt man Regulatory Capture – also die Vereinnahmung des Re- gulierungsakteurs durch die zu regulierende Branche. Regulatory Capture bedeutet, dass Lobbyisten behördliche Beschränkungen durchsetzen, die ihren eigenen Interesse die- nen. Üblicherweise werden diese Beschrän- kungen als Verbraucherschutz an die Öffent- lichkeit verkauft: Sicherheitsmaßnahmen, Energieeffizienz oder Preiskontrollen zur „Einschränkung der Gier“.

Es wurde nachgewiesen, dass amerikanische Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizi- enz bei Waschmaschinen von den Herstellern selbst gefordert wurden. Warum? Niemand kaufte ihre teuren energieeffizienten Maschi- nen. Auf diese Weise schlossen sie ausgerech- net diejenigen Produkte aus, die von den Kon- sumenten am meisten nachgefragt wurden – was bedeutet, dass Haushalte mit geringem Einkommen sich keine Waschmaschine mehr leisten können.

Dies ist ein noch größeres Problem in hoch- gradig organisierten Industrien wie Pharma, Automobile, Energie und Banken. Regulatory Capture bedeutet, dass die Markteintrittsbar- riere erhöht wird. Es wird zunehmend schwie- riger, die steigende Zahl behördlicher Aufla- gen zu erfüllen. Eigentlich ineffiziente große Organisationen wie Großunternehmen, Be- hörden oder Staatsbetriebe sind dadurch im Vorteil, da der Markteintritt für Neueinsteiger zu kostspielig ist: zunächst müssen die von Behörden geschaffenen Hürden überwunden werden, bevor sie ihre eigentlichen Produkte und Dienstleistungen anbieten können.

Keine Industrie in Europa operiert mehr auf einem freien Markt. Wenn man große, böse, gierige Unternehmen kritisiert, dann muss

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in Europa operiert mehr auf einem freien Markt. Wenn man große, böse, gierige Unternehmen kritisiert, dann

Korrelation zwischen wirtschaftlicher Freiheit

und Pro-Kopf-Einkommen

(Fraser Institute)

man gleichzeitig sehen, wie der Staat ihnen geholfen haben, so groß zu werden und ihre Macht zu erhalten. Bitcoin ist hingegen der Versuch, einen wirklich freien Markt im In- ternet zu etablieren – mit dezentralisiertem Geld und ohne behördliche Auflagen. Wir können endlich nachweisen, dass ein wahr- haft freier Markt besser funktioniert, indem wir ihn selbst etablieren und nutzen.

Das Fraser Institute untersuchte die Beziehung zwischen Lebensqualität und wirtschaftlicher Freiheit. Es fand heraus, dass in den Ländern, in denen die Wirtschaft am freiesten ist, die Menschen im Schnitt ein achtmal höheres reales Einkommen haben. Besonders interes- sant ist, dass die ärmsten zehn Prozent der Be- völkerung in diesen Ländern zehnmal mehr verdienen als Menschen in Ländern, deren Wirtschaft am wenigsten frei ist. Gemessen wurde dabei die internationale Kaufkraftpa- rität, also nicht das nominelle Einkommen, sondern das, was sich die Menschen dafür tatsächlich leisten können.

Der Life Satisfaction Index, der die Zufrieden- heit mit dem eigenen Leben ausdrückt, und

die Zufrieden- heit mit dem eigenen Leben ausdrückt, und 56 wirtschaftliche Freiheit sind ebenfalls stark positiv

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wirtschaftliche Freiheit sind ebenfalls stark positiv korreliert. Wir können daraus fol- gern: Wirtschaftliche Freiheit, also geringere behördliche Auflagen, niedrige Steuern und ein wirksames Rechtssystem, erzeugt höheres Einkommen und ein zufriedeneres Leben, auch und gerade bei den so genannten „sozial Schwächeren“.

Dies wird einige überraschen. Die allgemei- ne Annahme ist ja, dass Großunternehmen das Ergebnis unkontrollierten Kapitalismus sind und dass die Regierung dieses Problem mit ihren Gesetzen löst, zum Beispiel durch Kartellgesetze. Fakt ist jedoch, dass der Staat diese Unternehmen geschaffen oder ihnen zu- mindest erheblich geholfen hat, indem er die Markteintrittsbarriere für andere Unterneh- men erhöht hat. Dies zu erreichen ist der ei- gentliche Zweck aller Lobbyarbeit. Wenn Sie mir nicht glauben, dann versuchen Sie einmal, eine Bank, ein Krankenhaus oder einen Inter- net-Service-Provider zu gründen. Nachdem der Staat diese Großunternehmen hochge- züchtet hat, werden sie plötzlich zu groß, um bankrott gehen zu dürfen („too big to fail“ ).

SCHWERPUNKT

Zurück zum emergenten Verhalten unseren Vogelschwarms. Es ist sehr schwierig (selbst für Experten) zu erkennen, welches Verhalten aus einem System erwächst, das aus Millionen von Tauschhandlungen an jedem Tag besteht. Behörden versuchen, den Markt zu beeinflus- sen, indem sie bestimmte Handlungen für illegal erklären. Sie übersehen aber, dass die wirtschaftlich Handelnden diese Beschrän- kungen umgehen können. Wenn man Alkohol verbietet, wird das nicht dazu führen, dass die Menschen aufhören, ihn zu trinken. Es wird lediglich dazu führen, dass die Menschen ihn in einer Art und Weise trinken werden, dass sie nicht dabei erwischt werden.

Viele Dinge, die heute der Staat übernommen hat, würden auch auf einem freien Markt angeboten werden. Wenn Menschen ein Pro- blem haben, dann finden sie auch eine Lösung. Wenn sie sich nicht sicher fühlen, könnten sie zum Beispiel einen privaten Sicherheitsdienst beauftragen, um ihr Eigentum zu schützen. Auch Bitcoin wurde erfunden, weil einige Menschen die Probleme des Geldsystems er- kannten und etwas dagegen tun wollten.

Wie kann Bitcoin dazu beitragen, einen wirk- lich freien Markt zu schaffen? Nun, gerade der Markt der Zahlungen ist offensichtlich überreguliert. Es ist für neue Firmen schwer, Geld für ihre Leistungen zu erhalten. Um ein PayPal-Händlerkonto zu eröffnen, erfordert es eine Menge Papierkram, bei Kreditkar- tenfirmen ist es noch schwieriger. Gerade als Start-Up-Company, die noch keine hohen Umsätze macht, ist dieser Aufwand oft viel zu hoch. Zahlungen in Bitcoin zu empfangen ist hingegen einfach. Wenn man ein Unterneh- men gründet, braucht man nichts weiter als eine Bitcoin-Wallet. Man erzeugt mit einem Mausklick eine Bitcoin-Adresse und schon

kann man Geld für seine Dienstleistungen erhalten. Als Start-Up ist es oft wichtig, so schnell wie möglich am Markt zu sein, was oft im Widerspruch zu staatlichen Verpflich- tungen steht. Das Gesetz FACTA zum Bei- spiel dient hauptsächlich dazu, es US-Bür- gern zu erschweren, Steuern zu sparen. Doch selbst, wer damit nichts zu tun hat, ist von so einem Gesetz betroffen, denn wenn Banken Geschäfte mit US-Bürgern machen wollen, müssen sie sich daran halten und aufwändige Überprüfungen durchführen.

Bei Bitcoin stellt sich die Frage, ob man offi- ziellen Vorschriften entspricht, gar nicht erst, man kann einfach loslegen. Bitcoin kennt keine Grenzen, keine Vorschriften von außen und keine Beschränkungen. Man kann wei- tere Zahlungsverfahren hinzufügen, wenn das Geschäft wächst, doch gerade in der Anfangs- zeit, wenn man sein Unternehmen gründet, muss man sich darüber keine Sorgen machen.

Ich bin überzeugt davon, dass Bitcoin eine be- sondere Bedeutung bei der Befreiung unserer Märkte bekommen wird. Es wird anonyme Unternehmen geben, die von Offshore-Inseln aus operieren und ihre Zahlungen in Bitcoins erhalten. Sie brauchen keine Banken mehr und kommen ohne behördliche Auflagen aus.

Mehr und mehr Menschen sagen heute: Wir wollen nicht länger eingesperrt sein. Wir wis- sen selbst, was gut für uns ist. Danke, Appa- ratschiks und Bürokraten, ihr seid überflüssig. Tretet ab!

Juraj Bednar ist IT-Unternehmer und Mitgründer und Betreiber des Hacker- spaces Progressbar in Bratislava.

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ab!  Juraj Bednar ist IT-Unternehmer und Mitgründer und Betreiber des Hacker- spaces Progressbar in Bratislava.
Keine Kompromisse! Drei Thesen über den langfristigen Erfolg Bitcoins – von Frank Braun Welches sind

Keine Kompromisse!

Drei Thesen über den langfristigen Erfolg Bitcoins – von Frank Braun

Welches sind die Voraussetzungen, um Bit- coin langfristig zu einem Erfolg zu machen? Bevor wir dieser Frage nachgehen, sehen wir uns zunächst Bitcoin im Zusammenhang mit der Gegenwirtschaft an.

Bitcoin und die Gegenwirtschaft

Unter Gegenwirtschaft verstehen wir alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die nicht vom Staat reguliert, besteuert und kontrolliert werden. In ihrer einfachsten Form findet man sie bei einem Limonadenstand auf der Straße, der ohne Lizenz arbeitet; man kann sie bei einem Tante-Emma-Laden beobach- ten, der einen Teil seiner Umsätze außerhalb

beobach- ten, der einen Teil seiner Umsätze außerhalb der Bücher laufen lässt, um Steuern zu sparen;

der Bücher laufen lässt, um Steuern zu sparen; in ihrer dunklen Extremform besteht sie aus komplett abgeschotteten Marktplätzen im In- ternet, auf denen man illegale Dinge wie Dro- gen kaufen kann (etwa bei Silk Road ).

Die Größe der Gegenwirtschaft ist nicht zu unterschätzen: zählt man alle Schwarzmärkte der Welt zusammen, so kommt man auf ein Marktvolumen von rund 10 Billionen Dollar – nur die Wirtschaft der USA ist größer. In vielen Ländern umfasst sie große Teile der Volkswirtschaft, oft wächst sie schneller als das offizielle Bruttoinlandsprodukt.

Der Begriff Gegenwirtschaft in einer spezi- elleren Bedeutung wird auch vom Krypto-

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SCHWERPUNKT

Anarchismus (siehe Artikel auf Seite 69) und vom Agorismus verwendet. Der Agorismus ist ein revolutionärer Markt-Anarchismus. In ei- ner marktanarchistischen Gesellschaft wären auch für Justiz und Sicherheit Marktteilneh- mer und nicht staatliche Institutionen ver- antwortlich. Agoristen sind der Ansicht, dass eine solche Situation nicht durch politische Reformen entstehen kann, sehr wohl aber als das Resultat von Marktprozessen.

Welche Rolle spielt Bitcoin nun in diesem Zu- sammenhang? Eine freie Gesellschaft braucht freie Märkte und freie Märkte brauchen stabiles Geld. Bitcoin hat als Geld gute Ei- gentschaften: es ist pseudonym, es gibt keine „eingefrorenen Konten“ und keine Rückbu- chungen (ein großes Problem für Händler, die Kreditkarten akzeptieren), Überweisungen per Bitcoin sind schnell und kostengünstig. Bitcoin bietet gegenüber einer Tausch- oder Bargeldwirtschaft viele Vorteile, und Über- weisungen sind für entwickelte Wirtschafts- systeme unverzichtbar, zumindest für den Zahlungsverkehr zwischen Unternehmen.

Was benötigt Bitcoin, um auf Dauer erfolg- reich zu sein? In aller Kürze: keinen Staat, kei- ne Banken und ein funktionierendes Over-the- Counter-System. Hier meine drei Hypothesen in voll ausformulierter Form:

1. Die Bitcoin-Community sollte keinen lega-

len Status für Bitcoin anstreben und mögliche Konflikte nicht vom Staat regeln lassen.

2. Die Bitcoin-Community sollte nicht an- streben, dass Bitcoin mit dem traditionellen Bankensystem kompatibel wird.

3. Überall verfügbare Over-the-Counter-An-

bieter für Bitcoins sind ausschlaggebend für den langfristigen Erfolg von Bitcoin.

Lassen Sie mich diese Hypothesen erklären. Die Public-Choice-Theorie besagt, dass die

Menschen nach ihren Eigeninteressen handeln

– etwas, das der gesunde Menschenverstand

bestätigt. Dies schließt Politiker, Banker und Polizisten ein. Es ist sehr wichtig, sich diese einfache Wahrheit vor Augen zu halten: alle Menschen tun, was in ihrem eigenen Interesse liegt. Man kann nicht davon ausgehen, dass diese mit unseren Interessen übereinstimmen. In den meisten Fällen tun sie dies nicht.

Es gibt keine Menschen, die „für das Gemein- wohl arbeiten“. Selbst Menschen, die scheinbar selbstlos anderen helfen, tun dies tatsächlich, um in Übereinstimmung mit ihrem eigenen (oft religiösen) Wertesystem zu leben.

Bitcoin braucht keinen Staat

Der Staat ist ein regionales Gewaltmonopol, das Ressourcen (normalerweise Geld) aus sei- nen Bürgern presst. Diese nutzt er hauptsäch- lich, um sich selbst, seine Kriege und seinen Überwachungsapparat zu finanzieren. Den Rest nutzt er, um Dienstleistungen für seine Bürger bereitzustellen, die von einem freien Markt besser und billiger angeboten werden könnten. Diese Dienstleistungen werden be- nutzt, um die Existenz des Staates zu rechtfer- tigen, doch der wirkliche Grund dafür ist das leichte Geld, dass die Machthaber durch den Staat bekommen können.

Dieses Geld wird den produktiven Bürgern auf zweierlei Weise weggenommen: einerseits

durch direkte Besteuerung, andererseits durch das Staatsmonopol auf die Geldversorgung

– durch Inflation nimmt die Kaufkraft des

ungedecken Staatsgeldes ständig ab. Dabei ist die zweitgenannte Methode effektiver, weil sie

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nimmt die Kaufkraft des ungedecken Staatsgeldes ständig ab. Dabei ist die zweitgenannte Methode effektiver, weil sie

SCHWERPUNKT

von der unwissenden Masse viel schwerer zu durchschauen ist.

Die Eigeninteressen der vom Staat Profitie- renden, die Schlussfolgerungen aus der Pu- blic-Choice-Theorie und die Eigenschaften Bitcoins bilden zusammen das Potenzial für eine Menge Ärger. Bitcoin verhindert Infla- tion, denn es gibt keine Inflation im Bitcoin- System, sobald alle Münzen geschürft sind. Bitcoin erleichert Steuerumgehung, denn es ist kaum zu regulieren und zu kontrollieren. Bitcoin ist somit lebensbedrohlich für den Staat, denn es zielt direkt auf die Wurzel sei- ner Finanzierung.

Daraus folgt, dass der Staat Bitcoin mit allen Mitteln bekämpfen wird, sobald seine Ver- treter sich der Gefährdung ihrer Interessen durch Bitcoin bewusst werden.

Nach meiner Ansicht ist es absolut lächerlich zu glauben, dass der Staat Bitcoin begeistert annehmen wird. Das wahrscheinlichste Sze- nario ist es, dass der Staat versuchen wird, Bit- coin komplett außer Betrieb zu setzen. Wenn dies nicht möglich ist – und seine dezentrale Natur macht es in der Tat schwierig – wird er Bitcoin so verändern wollen, dass es Regulie- rungen zur Identifizierung der Nutzer („Know your Customer“) ermöglicht.

Warten wir mal die Diskussionen in der Bit- coin-Community ab, wenn der Staat mehr und mehr Bitcoin-Tauschbörsen und -Unter- nehmen in die Knie zwingt. Akteure wie die Bitcoin Foundation werden dann versuchen, die Situation in Ordnung zu bringen, indem sie mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten um Bitcoin an die Vorschriften anzupassen.

Die Gegenwirrschaft floriert
Die Gegenwirrschaft floriert
sie mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten um Bitcoin an die Vorschriften anzupassen. Die Gegenwirrschaft floriert 60

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SCHWERPUNKT

Die Bitcoin-Community sollte es daher gar nicht erst versuchen, einen legalen Status zu er- reichen und den Staat nicht nutzen, um Kon- flikte innerhalb der Community zu schlichten. Dies würde nur ungewollte Aufmerksamkeit auf das Bitcoin-Ökosystem lenken. Die Ei- geninteressen der Staatsvertreter stehen einer Legalität und Regulierung Bitcoins in seiner aktuellen Form diametral entgegen.

Bitcoin braucht keine Banken

Banken sind die Hauptprofiteure des Teilde- ckungssystems: sie können sich für geringe Zinsen Geld von der Zentralbank leihen und für jeden bei der Zentralbank geliehenen Euro 50 Euro an Krediten vergeben und dafür Zin- sen kassieren. Sie operieren in einer der am stärksten vom Staat regulierten Branche, was hohe Markteintrittsbarrieren und damit eine geringere Konkurrenz bedeutet. Dies führt zu hohen Profiten, zum Beispiel durch Transak- tions- und Kreditkartengebühren.

Finanzdienstleister wie PayPal, Western Uni- on oder Money Gram verlangen ebenfalls hohe Gebühren, weil die regulatorischen Hürden die Konkurrenz reduzieren und hohe Kosten verursachen. Ihre wichtigsten Kun- den sind Arbeitnehmer aus dem Ausland, die Geld nach Hause schicken und von denen sie horrende Gebühren verlangen, die wie eine Extrasteuer für Arme wirken.

Bitcoin bedroht ihr Geschäftsmodell und stellt für sie ein Risiko dar. Daher werden Bit- coin-Tauschbörsen von mit ihnen im Wettbe- werb stehenden Finanzinstituten angegriffen werden. Ein erfolgreiches Bitcoin-System läuft den Eigeninteressen der etablierten Fi- nanzbranche zuwider. Es ergibt für sie keinen

Aus der Geschichte lernen: der Fall E-Gold Der Fall E-Gold lehrt uns eine wichtige Lektion

Aus der Geschichte lernen:

der Fall E-Gold

Der Fall E-Gold lehrt uns eine wichtige Lektion der Kategorie „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist ver- dammt, sie zu wiederholen“ (George Santayana). E-Gold war eine digitale, goldgedeckte Währung, die von 1996 bis 2009 existierte und es ermöglichte, Eigentumsrechte an Gold elektronisch zu übertragen. 2008 verzeichnete das Unternehmen über fünf Millionen re- gistrierte Nutzer. Um E-Gold war ein florierendes Ökosystem entstanden.

Doch schließlich wurden die Händler attackiert und gezwungen, den Handel einzustellen, angeblich wegen Verstö- ßen gegen Regulierungsvorschriften. Die Firma E-Gold wurde wegen Geld- wäsche und Betrieb eines unlizensierten Finanzgeschäftes angeklagt. Dies ge- schah, obwohl E-Gold vorher versucht hatte, eine solche Lizenz zu erhalten und zur Antwort bekam, dies sei nicht notwendig. Klingt dies nicht sehr nach der Situation von Bitcoin heute?

Dieses Spiel wird manipuliert, Freunde! Man kann es nicht gewinnen, wenn man sich an die Regeln hält!

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Bitcoin heute? Dieses Spiel wird manipuliert, Freunde! Man kann es nicht gewinnen, wenn man sich an

SCHWERPUNKT

Sinn, sich langfristig mit den regulatorischen Herausforderungen auseinanderzusetzen, die durch Bitcoin entstehen.

Wenn die Bitcoin-Wirtschaft sich in Abhän- gigkeit vom traditionellen Bankensystem bringt, wird sie scheitern. Stellen Sie sich nur vor, was passiert, wenn die Tauschbörse Mt. Gox, über die zur Zeit rund 80 Prozent al- ler Bitcoin-Tauschgeschäfte laufen, plötzlich schließen müsste. Diese Überlegungen bestä- tigen meine zweite Hypothese: dass die Bit- coin-Community sich nicht darum bemühen sollte, Bitcoin mit dem herkömmlichen Ban- kensystem kompatibel zu machen.

Bitcoin braucht OTC-Händler

Wir haben nachgewiesen, dass wegen der differierenden Eigeninteressen sowohl der Staat als auch der traditionelle Finanzsektor natürliche Gegner für den Bitcoin sind. Um seine langfristige Stabilität und seinen dauer- haften Erfolg zu sichern, brauchen wir daher ein komplett eigenständiges Tauschnetzwerk, und zwar ein Netzwerk von Over-the-Coun- ter (OTC)-Händlern.

Von einem OTC-Tausch spricht man, wenn sich zwei Menschen an einem realen Ort tref- fen und Bitcoins gegen Bargeld, Gold oder Silber tauschen. OTC bedeutet, dass das Bar- geld nicht per Post oder per Banküberweisung geschickt wird. Ein weitverbreitetes Netzwerk von OTC-Händlern ist am widerstandsfä- higsten gegen staatliche Angriffe, weil es stark dezentralisiert ist und das klassische Banken- system komplett umgeht.

Meiner Ansicht nach ist eine möglichst umfas- sende Verfügbarkeit von OTC-Bitcoin-Händ- lern das A und O für den langfristigen Erfolg von Bitcoin und den dadurch möglichen Zu- gewinn an Freiheit.

Wer an praktischen Tipps interessiert ist, wie man Bitcoin-OTC-Handel betreibt, kann sich meinen Guide Secure and professional Bitcoin OTC exchanges (in englischer Sprache) auf www.blink.li kostenlos herunterladen.

Frank Braun ist Software-Entwickler und schreibt für das Online-Magazin shadowlife.cc.

herunterladen.  Frank Braun ist Software-Entwickler und schreibt für das Online-Magazin shadowlife.cc . 62

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KUNSTPAUSE

KUNSTPAUSE David Nakamoto (nicht verwandt mit Satoshi) malt digitale Bilder, die er für Bitcoins verkauft. Das

David Nakamoto

(nicht verwandt mit Satoshi) malt digitale Bilder, die er für Bitcoins verkauft. Das Werk Love, Gold & Cryptocode (siehe folgende Doppelseite) hat er extra für BLINK angefertigt. Goldsponsoren erhalten es als Teil ihres Pakets, alle anderen können es hier erwerben: www.blink.li/david_nakamoto/lgc

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erhalten es als Teil ihres Pakets, alle anderen können es hier erwerben: www.blink.li/david_nakamoto/lgc 63
Logo der Wahlalternative 2013 „Ein Staatsbankrott ist unange- nehm, aber keine Katastrophe“ Interview mit Prof.

Logo der Wahlalternative 2013

„Ein Staatsbankrott ist unange- nehm, aber keine Katastrophe“

Interview mit Prof. Bernd Lucke, dem Sprecher der Wahlalternative 2013

Herr Lucke, seit ein paar Wochen bieten Sie eine Alternative für die in einem Jahr anstehende Bundestagswahl. Die Wahlal- ternative 203 ist jedoch keine Partei. Wo soll der Wähler sein Kreuz machen?

wechseln sollte wie das tägliche Hemd. Viele fühlen sich ja auch den Grundsätzen ihrer al- ten Parteien noch verpflichtet, nur dass sie das Gefühl haben, die Partei habe diese Grund- sätze aufgegeben. Deshalb ist es sinnvoll, eine Initiative zu schaffen, in der man sich als Par- teiloser engagieren kann.

Sie sind also wirklich der Meinung, dass mit den Freien Wählern eine Alternative zu CDU, SPD, FDP & Co. existiert? Die

Bernd Lucke: Wir wollen mit einer Partei zusammenarbeiten, vermutlich mit den Frei- en Wählern. Viele von uns haben lange Bin- dungen an eine der etablierten Parteien hin- ter sich und finden, dass man Parteien nicht

von uns haben lange Bin- dungen an eine der etablierten Parteien hin- ter sich und finden,

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POLITIK

Freien Wähler gibt es ja nicht erst seit gestern, warum waren sie das also nicht schon früher?

Haben Sie jemals bei einer Bundestagswahl die Freien Wähler auf dem Wahlzettel gesehen? Die Freien Wähler gibt es zwar schon lange als lose zusammenhängende, kommunalpolitisch aktive Gruppen. Aber eine bundesweite Partei entsteht erst seit kurzem. Diese Partei wächst von den Graswurzeln her. Das geschieht ähn- lich wie bei den Grünen, die in den 1970er Jahren aus vielen kleinen Initiativen zusam- menwuchsen. Und angesichts des Versagens und der Gesichtslosigkeit der Regierungs- parteien ist es doch sehr erfreulich, dass eine Kraft mit bürgerlicher Prägung entsteht.

Auf Ihrer Webseite bieten Sie gezielt Argumente für Ex-SPD/Grünen-Wäh- ler sowie für Ex-Unions/FDP-Wähler an. Letzteren wollen Sie eine neue „politische Zuflucht“ bieten, für die ersteren die wahre „linke Politik“ machen. Wie soll das denn zusammenpassen?

Wir setzen uns nicht für rechte oder linke Politik ein, sondern schlicht für die sachlich richtige. Das mag abgedroschen klingen, des- halb hier die Konkretion: Wir sind für eine Entschuldung der insolventen Staaten. Das ist nicht links oder rechts, das ist die Aner- kennung des Faktischen: Wer pleite ist, kann nicht mehr zahlen.

Zweitens wollen wir, dass die Kosten der Ent- schuldung vorrangig von den Privatgläubigern getragen werden, die ja aus freien Stücken das Risiko eingegangen sind. Das ist auch weder links noch rechts, sondern schlicht die kor- rekte marktwirtschaftliche Lösung. Aber wer es gewohnt ist, in Klassengegensätzen zu den-

ken, kann das natürlich links interpretieren:

Der Klassenkampf zwischen armen Griechen und kapitalistischen Banken wird zugunsten der Griechen gelöst. Meinetwegen.

Mir geht es um die Sache, nicht um die In- terpretation. Aber ich habe mir erlaubt, da- rauf hinzuweisen, dass man die gegenwärtige Politik, die von SPD und Grünen unterstützt wird, definitiv nicht links interpretieren kann. Denn da dürfen die Banken ihre Risiken auf den Steuerzahler abwälzen und die Griechen verbleiben in der Schuldknechtschaft.

Inhaltlich distanziert sich die Wahlalter- native 203 von den im Bundestag vertre- tenen Parteien vor allem durch eine an- dere Euro-Politik: Statt ESM eine flexible Währungsunion ohne Schuldentransfer. Wie stellen Sie sich das vor?

Wollen Sie das nicht lieber Theo Waigel und Helmut Kohl fragen? Wir wollen genau das, was die uns damals versprochen haben: Kein Staat haftet für die Schulden anderer Staaten. Warum soll denn das nicht gehen? Staatsbank- rotte sind in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder vorgekommen, auch kürzlich und in Europa: In Russland z. B., in der Ukraine und in Moldawien. Das ist unangenehm, aber keine Katastrophe. Zumal es durchaus Wege gibt, das geordnet durchzuführen, also einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern.

Und was bedeutet das konkret für Deutschland? Zurück zur D-Mark?

Nein. Wenn es nur um die Staatsschuldenkri- se ginge, wäre es noch nicht einmal zwingend, dass der bankrotte Staat aus dem Euro aus- scheidet. Das eigentliche Euro-Problem liegt in der Wettbewerbsfähigkeit des Privatsektors

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Staat aus dem Euro aus- scheidet. Das eigentliche Euro-Problem liegt in der Wettbewerbsfähigkeit des Privatsektors 67
dieser Staaten begründet. Wenn die Privat- wirtschaft mit dem Euro klarkommt, wie das in Irland

dieser Staaten begründet. Wenn die Privat- wirtschaft mit dem Euro klarkommt, wie das in Irland vielleicht der Fall ist, dann braucht man keine neue Währung. Aber die meisten Mittelmehrstaaten kommen eben nicht mit dem Euro klar. Dann sollte man ihnen die Möglichkeit zum Ausscheiden geben.

Für uns ist die Euro-Rettungspolitik vordring- lich, Punkt. Dazu wird unser Parteipartner wahrscheinlich noch zwei oder drei Kernthe- men benennen, Bildung, Energie oder Wirt- schaft vielleicht. Aber das ist es dann auch.

Sie haben ja eine sehr beeindru- ckende Erstzeichner-Liste

Sie haben ja eine sehr beeindru- ckende Erstzeichner-Liste Bei welchen anderen The- men will die WA203

Bei welchen anderen The- men will die WA203 eine echte Alternative sein? Politische Bau- stellen gibt es ja genug…

zusammenbekom-

men. Wie soll sich die Wahlalterna- tive 203 bei

all diesen po- litischen und

wirtschaft-

lichen „Al- phatieren“ z u k ü n f t i g nach innen organisieren?

Wir sind keine Po- litiker, die auf alles eine Antwort zu haben glauben. Wir haben ein Thema, das wir für so wich- tig halten, dass wir uns dafür engagieren wollen – trotz meist hoher zeitlicher Belastung durch unsere Berufe.

Bislang ist mir bei uns noch kein Alphatier störend auf- gefallen. Aber wenn wir welche hätten, fände ich das ei- gentlich ganz erfrischend. In CDU, CSU und FDP scheint mir die Rasse nämlich ausgestor- ben zu sein.

Bernd Lucke ist Professor für Volks- wirtschaftslehre an der Universität Hamburg und einer der Gründer der Wahlalternative 2013. Das Interview führte Felix Strüning von Citizen Times (www.citizentimes.eu)

Wir müssen nicht gleichzeitig noch einen Kampf für eine schwachsinnige Mehrwert- steuerbefreiung für Hoteliers führen oder uns dafür ins Zeug legen, dass im Internet nur ja keine kinderpornographischen Seiten gesperrt werden oder dass die Daten von Steuerhinter- ziehern bei Schweizer Banken geschützt blei- ben oder was sonst unseren politischen Geg- nern eben am Herzen liegt.

ziehern bei Schweizer Banken geschützt blei- ben oder was sonst unseren politischen Geg- nern eben am

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Ist Anarchie machbar? Eine Einführung in die Krypto-Anarchie – von Jonathan Logan „Ein Gespenst geht

Ist Anarchie machbar?

Eine Einführung in die Krypto-Anarchie – von Jonathan Logan

„Ein Gespenst geht um in der modernen Welt, das Gespenst der Krypto-Anarchie!“ Mit diesen kühnen Worten beginnt das Kryp- to-Anarchistische-Manifest, einer der be- kannteren unter den Texten, die Cyberpunks, Krypto-Anarchisten und andere Bewohner unbekannter Ecken der digitalen Welt inspi- rierten. Als es vor über zwanzig Jahren von Timothy May geschrieben wurde, sagte dieser sehr präzise voraus, was tatsächlich kommen würde – auch wenn sich die Dinge nicht ganz so schnell und einfach entwickelten wie da- mals erwartet.

Heute ist die Krypto-Anarchie jedenfalls da, und sie könnte unsere Art zu leben für im-

mer verändern. Der Begriff Krypto-Anarchie steht für die Verwirklichung des Anarcho- Kapitalismus durch die Benutzung krypto- grafischer Verfahren. Deren Verwendung in digitalen Netzwerken wie dem Internet wird eine fundamentale Veränderung unserer sozi- alen, wirtschaftlichen und politischen Bezie- hungen bewirken.

Voraussetzung für Krypto-Anarchie ist eine Technologie, die echte Anonymität ermög- licht. Durch die Verwendung von Werkzeu- gen wie TOR, I2P oder eine Vielzahl von an- deren VPN-Anonymisierungsdiensten kann heute jeder seine wahre Identität vollständig von seinen Aktivitäten im Netz entkoppeln.

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kann heute jeder seine wahre Identität vollständig von seinen Aktivitäten im Netz entkoppeln. 69

POLITIK

Diese Anonymität ist einer der Eckpfeiler der Krypto-Anarchie. Ohne eine rückverfolgbare legalisierte Identität lösen sich Strafverfol- gung und Zwangsandrohungen in nichts auf. Die Androhung physischer Gewalt, auf die sich jede bekannte Regierung und eine Groß- zahl von Kriminellen stützen, verliert seine Macht. Mit der Anonymität ist kein Gesetz mehr verpflichtend und kein Vertrag mehr bindend, es sei denn, die beteiligten Parteien hätten sich selbstbestimmt und freiwillig auf andere Möglichkeiten geeinigt, wie man Ver- bindlichkeit gewährleisten möchte.

Es gibt verschiedene Methoden alternativer Verbindlichkeit, von denen die meisten auf digitalen Signaturen gründen. Mit ihrer Hilfe können Pseudonyme geschaffen werden die langfristige Reputation aufbauen können oder Treuhandsysteme, die Vertrauen bei kommerziellen Transaktionen vermitteln.

Digitale Netzwerke, Anonymisierung und digitale Signaturen – diese drei Technologien sind bereits ausreichend, um eine vollständig neue Welt zu erschaffen: Cipherspace, eine autonome Zone, in der Krypto-Anarchie ver- wirklicht ist und Regierungen nichts zu be- stimmen haben.

Normalerweise kommt man beim Surfen im Internet nicht in Kontakt mit dem Ci- pherspace, weil sich die Mehrheit der krypto- anarchistischen Aktivitäten auf die Nutzung sogenannter Darknets beschränkt. Das sind überlagerte Netzwerke, die das Internet als Träger und Transportmittel benutzen, zu de- nen man aber nur mit Hilfe spezieller Soft- ware Zugang bekommt, bei der alle Teilneh- mer anonym sind –wie zum Beispiel die schon erwähnten VPN-Werkzeuge.

Der Cipherspace ist der Raum in dem Kryp- to-Anarchisten kommunizieren und Ge- schäfte abwickeln, Bündnisse schmieden und Kontakte knüpfen. Hier kann man Plätze wie „#agora“ finden, die im Cipherspace das Äquivalent zur Eckkneipe sind. Dort treffen sich Krypto-Anarchisten, um zusammen an Projekten zu arbeiten, neues Großartiges zu ersinnen oder auch einfach nur abzuhängen.

Man wird auch eine Seidenstraße finden, die Silk Road, wo Leute aus aller Welt hauptsäch- lich illegale Dinge kaufen und verkaufen und um die ganze Welt versenden – mit einem geschätzten Monatsumsatz von mehreren Millionen Euro. Die angesagte Währung im Cipherspace ist natürlich nicht der Euro, son- dern der Bitcoin. Diese dezentralisierte, von Herausgabestellen unabhängige Währung mit täglichen Transaktionen im Wert von 12 Millionen Euro gründet ausschließlich auf Kryptografie – das heißt: auf Mathematik. Die angebliche Anonymität eines „Schweizer Nummernkontos“ ist durch den Bitcoin im Cipherspace real geworden. Wenn Sie über Bitcoins im Cipherspace verfügen, ist ihre Liquidität gesichert und ihre Identität ein- fach zu schützen. Transaktionen benötigen keinen Namen, der mit ihnen verbunden ist, oder eine Bank, die diese autorisiert, oder gar einen inflationshungrigen Staat, der das Geld herausgibt. Tausende Produkte und Dienstleistungen sind bereits gegen Bitcoins erhältlich: von Büchern bis zu Kaffee, von Bi- lanzierungs- und Internetdiensten, bis hin zu leckeren Hamburgern.

Die Gefahr des virtuellen Identitätsdiebstahls geht mit digitalen Währungen wie Bitcoins gegen Null, einfach weil diese gar keine Iden- titäten beinhalten, die zu stehlen wären.

Währungen wie Bitcoins gegen Null, einfach weil diese gar keine Iden- titäten beinhalten, die zu stehlen

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POLITIK

Aber die Krypto-Anarchie ist nicht allein auf den Cipherspace beschränkt. In den letzten Jahren begannen Krypto-Anarchisten Part- nerschaften mit Aktivisten der Counter-Eco- nomy einzugehen. Diese beziehen sich auf den Agorismus, ein libertäres Konzept der Unter- wanderung der Wirtschaft oder wenigstens ihrer Befreiung aus dem Griff des Staates. Geschäfte werden hier jenseits der überregu- lierten und ausgetrampelten Pfade getätigt, die an Wirtschaftsschulen gelehrt werden. Auch schufen sie zusammen mit Hackern und Tüftlern ein Netzwerk, wo es Orte gibt, an denen Menschen mit neuen Technologien experimentieren, lernen oder neue Produkte entwicklen können. Bis heute sind mehr als tausend solcher Orte von Downtown San Francisco bis in die Vororte Bratislavas ent- standen. Man kann hier mit Fug und Recht von einer Bewegung reden.

Einige werden Krypto-Anarchie als ein rein digitales Phänomen missverstehen, das keinen oder wenig Einfluss auf unser physisches Le- ben hat. Schließlich kann man Bits und Bytes nicht essen und auch unsere Körper befinden sich immer noch in einer physischen Welt. Doch das ist eine Welt, die auch Polizisten, Soldaten und Gefängnisse für uns bereithält.

Dies übersieht aber grundlegende technische Entwicklungen, die im 21. Jahrhundert lang- sam aber sicher Wirklichkeit wurden. Die Krypto-Anarchie verbindet sich rückwirkend mit ihrem Vorgänger, der Techno-Anarchie – der Gebrauch von Technik im Allgemeinen um Anarchie zu verwirklichen.

In den letzten Jahren begannen Aktivisten aus der ganzen Welt mit autonomen Drohnen zur physischen Warenzustellung zu experimentie- ren, die, unabhängig von staatlich kontrollier-

baren Mail-Systemen, die Verfolgung der Be- treiber verhindern. Zugleich haben 3D-Druck und die automatisierte Mikro-Landwirtschaft neue Möglichkeiten für kleine, mobile und unabhängige Produktionseinheiten geschaf- fen. Diese ebnen den Weg für tragfähige Gemeinschaften, die jede Verbindung zur herkömmlichen Wirtschaft kappen und sich zum ihre Schusswaffen zur Selbstverteidigung selbst per 3D-Drucker herstellen.

Anonymisierte Kommunikation, Pseudo- nyme auf der Grundlage digitaler Signaturen, anonymes Geld, der Cipherspace mit seinen autonomen Zonen – dies sind umwälzende Technologien die man nicht ungeschehen machen kann. Sie sind hier und werden hier bleiben. Und sie haben das Potential, unser Leben zu veränden.

Was passiert, wenn mehr Leute entdecken, dass es eine Wirtschaft gibt, in der sie eine realistische Chance haben, Geschäftsideen zu verwirklichen ohne den ganzen Papier- kram, der heute das Unternehmertum in ent- wickelten Ländern behindert? Was passiert, wenn Menschen ihre Geschäfte und ihr so- ziales Leben an Orten gestalten können, wo die einzigen Gesetze diejenigen sind, die sie für sich selbst gewählt haben? Wie verändert es die Art, uns politisch zu organisieren, wenn profitorientierte Steuern nicht mehr erhoben werden können?

Bedingt durch die Verfügbarkeit der Technik, angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Tur- bulenzen und der steigenden Unzufriedenheit mit den politischen Strukturen entdecken heute mehr und mehr Menschen die Kryp- to-Anarchie. Nicht als Ideologie, sondern als kluge Wahl für ihr eigenes Leben. Kryp- to-Anarchie ist weniger eine Zukunftsvision

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Nicht als Ideologie, sondern als kluge Wahl für ihr eigenes Leben. Kryp- to-Anarchie ist weniger eine

SCHWERPUNKT

denn reale Gegenwart geworden, ein Unruhe stiftender Game Changer, wie die Erfindung des Buchdrucks oder des Schießpulvers.

Es sei denn, Regierungen und andere Inte- ressengruppen versuchen, den Geist in die Flasche zurückzubekommen. In seinem Text Ciphernomicon, bezieht sich Timothy May (der auch das Krypto-Anarchistische Mani- fest verfasste) auf die „große Entscheidung“:

die Wahl, die Gesellschaften angesichts von Anonymisierungstechnologien treffen müs- sen: Entweder lassen sie solche Technologien in Ruhe (und riskieren damit eine unumkehr- bare Veränderung von Politik und Gesell- schaft) oder sie benutzen totalitäre Macht, um rückwirkend eine Technologie zu kontrollie- ren, die längst breit gestreut verfügbar ist.

Diese Richtungsentscheidungen sind in den letzten Jahren in der Internetpolitik klar zu Tage getreten. Gesetze mit bisher unvorstell- barer Reichweite wie die Vorratsdatenspei- cherung oder ACTA sind vorgeschlagen und sogar eingeführt worden. Internet-Kollektive wie Anonymous greifen VISA an, Hacker-Bri- gaden der CIA oder NSA greifen angeblich den Iran an, Exportbeschränkungen für Un- ruhe stiftende Technologien sind eingeführt, radikale Änderungen am Flugrecht sind vor- genommen worden. All dies sind kleine Wel- len, die einen großen Sturm ankündigen.

Zwei grundsätzlich mögliche Entwicklungen stehen uns bevor:

1. Die Technik wird die Institutionen und Re- geln der letzten Generation verstärken. Privat- sphäre, Anonymität, autonome Drohnen und unabhängiges Geld werden nur für diejenigen, die an den Schaltstellen der Macht sitzen, ver- fügbar sein.

an den Schaltstellen der Macht sitzen, ver- fügbar sein. 2. Die Technik wird alle diejenigen erstarken

2. Die Technik wird alle diejenigen erstarken lassen, die bereit sind zu lernen und sich diese zu erschließen, auch unter dem Risiko, dass die alten Insitutionen und Lebensweisen da- mit langsam zu Geschichte werden.

Die einzige Alternative zu diesen beiden Möglichkeiten scheint ein kontinuierlicher Kampf zwischen den alten Systemen und neuen Gruppen wie den Krypto-Anarchisten zu sein. Und dieser Kampf wird womöglich an Schärfe gewinnen. Letztlich hört sich das aber nicht nach einer akzeptablen Lösung an

– zu einer Zeit, in der die Technik den indivi- duellen Menschen mit so machtvollen Mög- lichkeiten ausstattet wie nie zuvor. Krypto- Anarchie mag eine gewisse Unwägbarkeit mit sich bringen, doch eine Welt, in der krypto- anarchistische Technologien für den Einzel- nen verboten sind und von totalitären Staaten aggressiv monopolisiert werden, ist genau die unterdrückende Herrschaft, der viele von uns vor gar nicht so vielen Jahren entkamen.

Die Bewohner des Cipherspace experimentie- ren mit neuen Wegen, Recht zu schaffen und durchzusetzen, sich gegenseitig zu helfen und sich miteinander zu entwicklen. Sie verbin- den sich aufgrund ihrer gemeinsamer Menta-

lität oder Spiritualität und ersetzen mit diesen „neuen Nationen“ die Zwangsgemeinschaften, die sich aufgrund zufälliger Gegebenheiten wie Geburt oder geografischer Herkunft ge- bildet haben. Sie nennen sich Nations of Mind oder Crypto Tribes, sind weder von „Blut und Boden“ noch von „Fleisch und Stahl“ geprägt

– und sie stehen für die Zukunft, in die wir uns bewegen.

Jonathan Logan ist Software-Entwickler und Mitinhaber der IT-Sicherheitsfirma Cryptohippie mit Sitz in Panama.

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Impressum Blink c/o Berlin Manhattan Institut Stubenrauchstraße 10, 12161 Berlin Herausgeber und Chefredakteure: Daniel
Impressum Blink c/o Berlin Manhattan Institut Stubenrauchstraße 10, 12161 Berlin Herausgeber und Chefredakteure: Daniel

Impressum

Blink c/o Berlin Manhattan Institut Stubenrauchstraße 10, 12161 Berlin

Herausgeber und Chefredakteure:

Daniel Fallenstein / Aaron Koenig (V.i.s.d.P.)

Redaktionelle Mitarbeit:

J.F. Gallas, Norbert Klinke, Andreas Pokladek, Alexander Mengden

Schlussredaktion:

Marie Helena Harder, Elisabeth Becker

Autoren dieser Ausgabe: Erik Voorhees, Torsten Polleit, Joerg Platzer, Mike Hearn, Dominic Frisby, Rick Falkvinge, Oscar Fon- seca Gomes, Juraj Bednar, Frank Braun, Jonathan Logan, Steffen Krug

Art Director: Jordi Palau

Bildnachweis

S.

5: Anke Peters

S.

6, 10: PcChip

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8: Casascius

S.

9: Bitcoin Conference

S.

12: Romero/Palacio/Walker

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16: ZX1Witch

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20: Bitfilm Festival

S.

23: Rosino

S.

26, 27: Anke Peters, J.F. Gallas

S.

36: Bitfilm Networks GmbH

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38: Max Min

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40-43: Dominic Frisby, Pola Gruszka

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48: Adam Jones

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56: Fraser Institute

alle anderen: Wiki Commons

Heute das kleine Schwarze! Zwei Privatsphäristen über ihre Maskierung Blink: Wir sind hier in London

Heute das kleine Schwarze!

Zwei Privatsphäristen über ihre Maskierung

Blink: Wir sind hier in London auf der Bitcoin-Konferenz, und ihr habt viel Auf- merksamkeit erregt, weil ihr maskiert he- rumlauft. Warum tragt ihr diese Masken?

Privatsphärist A: Aus Selbstschutz und als Statement. Selbstschutz gegen die immer stärker werdende Überwachung jedes Einzel- nen durch Kameras und Gesichtserkennung. Momentan werden weltweit Methoden ent- wickelt um große Netzwerke von Kameras für biometrisches Tracking zu benutzen und Verknüpfungen mit zusätzlichen Sensoren und Datenquellen zu erstellen. Für Gegner dieser Maßnahmen gibt es nur vier Möglich- keiten: Der demokratische Prozess, Sachbe- schädigung, Selbstaufgabe oder Selbstschutz.

Murray N. Rothbard:

Selbstaufgabe oder Selbstschutz. Murray N. Rothbard: Ohne „ Mascherl kaum vorstellbar 74 Da ich meinen Willen

Ohne „Mascherl kaum vorstellbar

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Da ich meinen Willen anderen Menschen nicht aufzwingen will, ist weder Politik noch Sachbeschädigung eine Option für mich. Als Privatsphären-Extremist ist Selbstaufgabe ausgeschlossen – Individualität, Freiheit und Selbstentfaltung, die auf Privatsphäe beruhen, sind zu wichtig. Daher bleibt nur der Selbst- schutz – in diesem Falle die Maskierung – um die Datensammlung zu behindern, zu verfäl- schen oder ihr sogar partiell zu entgehen. Es ist also eine selbst auferlegte Methode, um Datensparsamkeit zu fördern.

Privatsphärist B: Meiner Meinung nach ist Privatsphäre eine notwendige Vorraussetzung für Freiheit. Und genau wie Freiheit wird einem Privatsphäre nicht gegeben, sondern

STIL

man muss sie sich nehmen und immer vertei- digen. Zeiten extremer Überwachung erfor- dern leider extreme Gegenmaßnahmen. Des- wegen bin ich zum Privacy Exremist geworden und trage eine Maske in der Öffentlichkeit.

A: Privatheit bedeutet für mich daher auch wählen zu dürfen, unter wessen Beobachtung, Beurteilung und soziale Erinnerung ich mich stelle – und wen ich aus nicht-flüchtigen Be- gegnungen ausschließen möchte. Das ist kei- ne negative Ausgestaltung von Beziehungen – ganz im Gegenteil. Es eröffnet mir neue Möglichkeiten besondere Beziehungen, Wert- schätzung und Offenheit selektiv zu betonen und von der Masse zu trennen – und damit sowohl mich selbst als auch mein Gegenüber aus der Massengesellschaft herauszuheben. Auch wenn ich kein Anhänger von Ayn Rand bin, so zitiere ich sie gerne, wenn sie sagt: „Zi- vilisierung ist die Entwicklung zu einer Ge- sellschaft der Privatheit. Die gesamte Existenz des ‚Barbaren‘ ist öffentlich, beherrscht von den Gesetzen seines Stammes. Zivilisierung ist der Prozess der Befreiung des Menschen vom Menschen.“

Welche Arten von Masken bevorzugt ihr?

B: Bisher habe ich ganz gute Erfahrungen mit OP-Masken gemacht. Die sind sehr günstig, lassen sich lange bequem tragen und man kann auch mal eine an Interessierte verschen- ken.

A: Ich bevorzuge so genannte Schlauchtücher. Sie sind einfach zu benutzen, einfach zu wa- schen, man kann sehr gut durch sie atmen und man kann sie sehr schnell auf- und ab- setzen. Dazu noch eine gute Sonnenbrille und die Maskierung ist vollständig!

Worauf muss man bei Masken achten?

B: In erster Linie auf den Komfort und dass einem das Design gefällt.

A: Eine Maske mit Nasenbügel ist insbeson- dere für Brillenträger vorteilhaft, auch wenn man eine Sonnenbrille als zusätzlichen Schutz tragen möchte. Ansonsten sind Masken auch immer eine individualistische Aussage, also sollte man sich selbst Gedanken machen und einen eigenen Stil entwickeln.

Blink: Wo kauft ihr eure Masken?

A: Im Motorrad- oder Outdoorshop.

B: Meistens bestelle ich mir die Masken im Internet, dort gibt es die größte Auswahl an unterschiedlichen Modellen.

Was müsste geschehen, damit ihr die Masken abnehmt?

B: Die Kameraüberwachung des öffent- lichen Raums müsste abgeschafft werden. Auf Konferenzen wie der Bitcoin-Konferenz müsste eine No-Photo-Policy eingeführt und durchgesetzt werden. Aber da wir natürlich niemanden dazu zwingen können und wol- len, werden wir wohl noch eine Weile bei der selbstverantwortlichen Lösung des Masken- tragens bleiben.

A: Hier auf der Konferenz befinden sich viel zu viele Menschen, die mit Kameras bewaffnet sind, aber ich trage meine Maske z.B. nicht zu Hause oder in sicherer Gesellschaft. Bei den Masken geht es ja nicht darum, sie niemals abzunehmen, sondern die Datenmenge über sich selber zu reduzieren – also um Daten- sparsamkeit, nicht um Datengeiz.

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sondern die Datenmenge über sich selber zu reduzieren – also um Daten- sparsamkeit, nicht um Datengeiz.
Hamburger Speicherstadt ca. 1895 Aufstieg und Fall des „Ehrbaren Kaufmanns“ und der Hamburger Mark Banco

Hamburger Speicherstadt ca. 1895

Aufstieg und Fall des „Ehrbaren Kaufmanns“

und der Hamburger Mark Banco (Teil 2)* – von Steffen Krug

Hamburgs Aufstieg zur größten Stadt des deutschen Reichs

Obwohl durch den Wendischen Münzverein die Hamburgischen Münzen einen immer größer werdenden Geltungsbereich erlangten, stand Hamburg im 15. Jahrhundert immer noch deutlich im Schatten von Lübeck. Das änderte sich im 16. Jahrhundert mit dem Verfall der Hanse und der Verlagerung der Handelswege in Richtung Amerika. Vor allem aber bescherten die vor der spanischen Gegenreformation fliehendenden Nieder- länder und sephardischen Juden Hamburg einen bemerkenswerten Aufschwung. Unter

Juden Hamburg einen bemerkenswerten Aufschwung. Unter den Glaubensflüchtlingen waren nicht nur Handwerker,

den Glaubensflüchtlingen waren nicht nur Handwerker, sondern auch sehr viele reiche Kaufleute, die ihr Geld und ihre weltweiten Geschäftsverbindungen mitbrachten.

Die Hamburgische Kaufmannschaft gründe- te 1558 die Börse und 1567 wurde den eng- lischen Kaufleuten (den Merchant Adventu- rers) erstmalig genehmigt, eine Niederlassung einzurichten. Im Jahr 1583 wurde dann das von einem holländischen Baumeister entwor- fene Börsengebäude neben dem Rathaus fer- tiggestellt, wobei das Geld von der vornehm- lich aus Niederländern bestehenden Gilde der Gewandschneider kam.

76 *Teil 1 erschien in BLINK Nr. 02

GESCHICHTE

Bereits im Jahr 1600 war Hamburg mit mehr als 40.000 Einwohnern die größte Stadt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Immer mehr Kaufleute waren in der Lage, sich prunkvolle Häuser und Kontore zu bauen. Ab dem Jahr 1611 waren alle Straßen gepflastert und die Gelehrtenschule hatte 1.100 Schüler. 1613 wurde ein akademisches Gymnasium gegründet und ab 1616 das erste Nachrich- tenblatt in Hamburg verlegt - die „Wöchent- liche Zeitung“. Der Wohlstand war so groß, dass der Rat eine Verordnung gegen die über- triebene Kleiderpracht der Bürger und gegen unangemessen hohe Ausgaben bei Familien- festen und Begräbnissen erließ. Außerdem wurden für die Armen ein Waisen- und Pest- haus errichtet und für die Erwerbsunfähigen mehrere hundert „Gotteswohnungen“ gebaut. Das Geld für ein modernes Werk- und Zucht- haus wurde nach holländischem Muster über eine Lotterie aufgebracht.

Innovationen im Geldwesen

In den Anfangszeiten der Hanse war es noch der Kaufmann selbst, der sich um den Waren- umlauf kümmerte. Er kaufte und verkaufte, fuhr auf eigenes Risiko zur See und setzte ne- ben den Waren auch immer das eigene Leben aufs Spiel. Insbesondere war es für die Ham- burger Kaufleute bis ins 16. Jahrhundert au- ßerordentlich riskant, größere Geldmengen in Form von Gold- und Silbermünzen über er- hebliche Entfernungen zu transportieren. Erst die Entwicklung der doppelten Buchführung mit Soll und Haben schafften die Grundlagen für die Verschriftlichung und Entmaterialisie- rung des Geld- und Warenverkehrs.

Darauf basierend erfanden norditalienische Kaufleute zu Beginn des 15. Jahrhunderts den Wechsel und Anweisungen als bargeldlose

Zahlmittel (Wechsel- und Giroverkehr) und gründeten die ersten städtischen Girobanken. Die Hamburger Kaufmannschaft allerdings schloss erst im 16. Jahrhundert durch das Know-How der Einwanderer in den Tech- niken der doppelten Buchführung und des Rechnungswesens an den Stand der Italiener und Niederländer an.

Die Schrift wurde ein unerlässliches Hilfs- mittel und das Schreiben und Rechnen nahm im Tagesgeschäft des Hamburger Kaufmanns eine immer größere Rolle ein, sodass mehr und mehr Kaufleute im Kontor arbeiteten und den Warentransport durch Vertreter aus- führen ließen.

Gründung der Hamburger Bank

Erst eine weitere Phase der exzessiven Falsch- münzerei durch die Landesherren während der „Kipper- und Wipperzeit“ veranlasste den Hamburger Rat im Jahr 1619 zur Gründung einer Girobank – der Hamburger Bank. Das Ziel war die Etablierung einer stabilen Wäh- rung, um die Hamburger Kaufmannschaft gegen Schwankungen der Münzwerte und Münzverschlechterungen abzusichern.

Die Mark Banco, oder auch Banco-Mark, wur- de als wertstabile Verrechnungseinheit mit ei- ner vollständigen Silberdeckung geschaffen. In Gegensatz zur Courantmark wurde die Mark Banco nicht ausgeprägt. Die Kunden muss- ten bei der Hamburger Bank eine Einlage in vollgewichtigen Reichstalern (später in Silber- barren) leisten und bekamen pro 8,33 Gramm Silber eine Mark Banco gutgeschrieben. Die Rechnungseinheit Mark Banco wurde nun zu allen anderen Währungen in Beziehung gesetzt. In der Banco-Währung konnten im

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Mark Banco wurde nun zu allen anderen Währungen in Beziehung gesetzt. In der Banco-Währung konnten im

GESCHICHTE

Großhandel Zahlungen durch Anweisungen auf das Konto des entsprechenden Geschäfts- partners am Ort oder im internationalen Zah- lungsverkehr durch Wechsel erfolgen.

Damit entstand das erste deutsche Girosy- stem nach dem Vorbild der Girobanken in Italien und Amsterdam. Bei der Gründung waren noch zwei Drittel der Inhaber der größ- ten Bankkonten Niederländer (u.a. Amsinck, Berenberg, de Greve, Verpoorten). Die Ham- burger Bank entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert zum zentralen Ort des kaufmän- nischen Lebens in Hamburg. Ein Konto bei der Hamburger Bank stand für Solidität und Ansehen. Daher war es das Bestreben aller europäischen Kaufleute, die in Hamburg Ge- schäfte tätigten, ein solches zu eröffnen.

Aus Kaufleuten werden Banker

Bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts finan- zierten die großen hamburgischen Kaufleute ihre Unternehmungen aus Eigenkapital bzw. liehen sich das Geld untereinander. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kristalli- sierte sich aus der Kaufmannschaft verstärkt der sogenannte Merchant Banker heraus, der gleichzeitig Bankfunktionen für den Außen- handel wahrnahm. Das Hauptgeschäft des Merchant Bankers war die Finanzierung des Warenhandels durch Akzepte (Wechsel) auf Basis seines persönlichen Kredits. Der Ver- käufer zog einen Wechsel für die Rechnung des Käufers. Während der Laufzeit des Wech- sels, zumeist 90 Tage, gab der Merchant Ban- ker sein Akzept, das der Verkäufer verkaufen konnte.

Die Basis eines solchen Geschäftes war also das Vertrauen (und die Hoffnung) des Mer-

chant Bankers, dass der Käufer rechtzeitig Deckung in bar oder per Handelswechsel schaffen konnte. Den Handelswechsel wie- derum konnte der Merchant Banker absetzen. Solange der Käufer oder seine Abnehmer sol- vent blieben, war ein solches Transitgeschäft risikoarm und das Wechselgeschäft war in diesen Phasen profitabler als das reine Waren- geschäft. Stockte jedoch der Absatz, sodass sich kein Gegenwert für das Akzept ergab, ge- riet die Wirtschaft in erhebliche Turbulenzen, weil der Gegenwert des Wechselkredits rein auf dem Vertrauen in die Bonität des Akzep- tanten beruhte.

Die erste europäische Finanzkrise

Wie verheerend die Auswirkungen der unge- deckten Wechselkreditgewährung auf die re- ale Wirtschaftsstruktur bereits damals waren, zeigt die erste große europäische Finanzkrise im Jahr 1763. Nur wenige Monate nach Ende des Siebenjährigen Krieges begann Preußen neue Münzen zu prägen und setzte damit von einem Tag auf den anderen die alte Währung außer Kraft. Diese Währungsabwertung war das Epizentrum einer dann große Teile Eu- ropas erschütternden Wirtschaftskrise. Am wichtigsten Finanzplatz in Amsterdam ge- rieten einige Handelshäuser, die preußische Kriegskredite finanziert hatten, in große Schwierigkeiten. Die exzessive Wechselkre- ditgewährung und die daraus resultierenden Wechselketten hatten in Amsterdam zu einer ungedeckten Kreditgeldschöpfung geführt, die etwa das Fünfzehnfache des gedeckten Bargeldumlaufs ausmachte.

Die durch die preußische Währungsabwer- tung verursachte Vertrauenskrise in den Amsterdamer Finanzplatz ließ dann das dor-

die preußische Währungsabwer- tung verursachte Vertrauenskrise in den Amsterdamer Finanzplatz ließ dann das dor- 78

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GESCHICHTE

tige übermäßig aufgeblähte Kreditgebäude in sich zusammenfallen. An der Börse wurden die Kursnotierungen ausgesetzt und es fand sich niemand mehr, der bereit war, Wechsel- kredite gegen Bargeld einzulösen. All das riss nicht nur weitere holländische Banken und Handelshäuser in den Strudel, sondern sand- te Schockwellen über ganz Europa. Allein in Hamburg wurden 97 Handelshäuser in den Bankrott gerissen und der Hafen war voll von Schiffen, die vergebens auf Ladung warteten.

Die Hamburger Bank hingegen war von der Finanzkrise 1763 nicht betroffen, da sie sich auch knapp 150 Jahre nach der Gründung strikt an eine 100%ige Silberdeckung hielt und sich dementsprechend an den Geschäf- ten mit ungedeckten Wechselkrediten nicht beteiligt hatte. Da darüber hinaus die Mark- Banco-Währung ab 1770 auf reines Barren- silber – sprich auf das Gewicht von Silber – umgestellt wurde, hatte sich die Hamburger Bank gegen Ende des 18. Jahrhunderts den Ruf außerordentlicher und unwandelbarer Si- cherheit erworben und die Mark Banco war der Maßstab und Standard aller Währungen, Wechsel- und Edelmetallpreise.

Die napoleonische Katastrophe und der Aufstieg zum Welthafen

Das größte Unglück in der Geschichte der Hamburger Kaufmannsrepublik war der Ein- marsch der Truppen Napoleons im Herbst 1806. Hohe Steuern und Abgaben und die durch Napoleon verhängte Kontinentalsperre führten innerhalb kürzester Zeit zum voll- ständigen Kollaps der Hamburger Wirtschaft. Darüber hinaus wurden die kompletten Sil- berreserven der Hamburger Bank in Höhe von 7,5 Millionen Mark Banco nach Paris

transportiert. Während die Bevölkerung um 1800 noch bei etwa 130.000 gelegen hatte, war sie bis zum Sturz Napoleons auf 100.000 geschrumpft.

Die von den Franzosen gezahlten Entschädi- gungen in Höhe von 52 Millionen Franc für die Hamburger Bürger und zehn Millionen Franc für die Hamburger Bank standen in keinem Verhältnis zum angerichteten Scha- den. Erst ca. 1820 waren wieder normale wirt- schaftliche Verhältnisse eingekehrt.

Nach der Wiedereinsetzung des Hamburger Rates, der Wiedereröffnung der Hamburger Bank und dem Eintritt in den Deutschen Bund begann ab 1830 ein beispielloser wirt- schaftlicher Aufschwung in der Stadt, die sich seit 1819 „Freie und Hansestadt Ham- burg“ nannte. Dieser Aufschwung zeigte sich am deutlichsten am Aufstieg Hamburgs zum Welthafen. Es gab Mitte des 19. Jahrhunderts keinen Teil der Erde mehr, wohin Hambur- ger Schiffe nicht fuhren. Kurz vor Ausbruch der ersten Weltwirtschaftskrise im Jahr 1857 segelten oder dampften 468 Schiffe unter Hamburger Flagge und Hamburg unterhielt als souveräne Kaufmannsrepublik weltweit 172 Konsulate.

Die Weltwirtschaftskrise von 857

Mitte des 19. Jahrhundert blühte vor allem das Geschäft mit Nordamerika. Allerdings hielten sich im Gegensatz zur Hamburger Bank die angelsächsischen Banken zu dieser Zeit nicht im Geringsten an eine vollständige Deckung ihrer Buchgelder, was zu einer rie- sigen Spekulationsblase an der Wall Street und vor allem bei Eisenbahnaktien führte.

Buchgelder, was zu einer rie- sigen Spekulationsblase an der Wall Street und vor allem bei Eisenbahnaktien

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St. Pauli Landungsbrücken ca. 1900 Darüber hinaus blühte auch das Geschäft mit ungedeckten Wechselkrediten und

St. Pauli Landungsbrücken ca. 1900

Darüber hinaus blühte auch das Geschäft mit ungedeckten Wechselkrediten und im Zuge des globalen Booms spekulierten Banken und Handelshäuser überall auf der Welt mit immer risikoreicheren Wechselketten. Die darauffolgende amerikanische Krise riss so- mit zwangsläufig auch die europäischen Han- delspartner mit in den Abgrund. Die Welt erlebte die erste globale Wirtschaftskrise. In Hamburg dauerte diese Finanzkrise drei Mo- nate lang, kein einziges Handelsunternehmen blieb davon verschont. In den Speichern sta- pelten sich die Waren, in den Büchern stan- den großartige Gewinne auf Termin, ohne dass jedoch Geschäfte getätigt wurden, in den Schubladen der Kontore lagen die Wechsel in Bündeln.

Der Wechseldiskontsatz überstieg am 4. Dezember 1857 die Rekordhöhe von zehn Prozent. Danach wurde seine Notierung ausgesetzt. Wechsel in gedecktes Geld zu ver- wandeln, war unmöglich geworden. Am 10. Dezember kam es schließlich zum Banken- sturm auf die Sparkasse. Die Auszahlung der Guthaben in Höhe von 70.000 Courantmark musste unter Polizeischutz erfolgen.

Jeden Tag meldeten mehr Firmen ihren Ban- krott an. Der Präses eines Hamburger Bank- hauses sagte: „Die grauenvolle Brandzeit vor 15 Jahren war im Vergleich zu den letzten Tagen eine höchst gemütliche.“ In dieser Endzeit- stimmung wurde der Druck der Kaufmann- schaft auf den Hamburger Rat so immens, dass dieser nach mehrfachem Zögern erst- malig gegen jahrhundertealte Ordnungsprin- zipien verstieß und schließlich Österreich um Hilfe für seine Kaufmannschaft bat. Am 15. Dezember trafen 13 Eisenbahnwaggons mit Silber im Wert von 10 Millionen Mark Banco aus Wien ein. Der Ökonom Adolph Wagner kritisierte diesen Tabubruch des Hamburger Rates aufs Heftigste:. „Man mag im übrigen darüber denken wie man will, einen höchst gefährlichen Präcedenzfall wird dieses Einste- hen der Staatscasse für die Verluste und Sün- den der Einzelnen immer bleiben.“

Wie aber konnte es in Hamburg zu einer solch tiefgreifenden Finanzkrise kommen, obwohl es in der Hansestadt im Gegensatz zu den anderen Städten und Regionen kein Staats- papiergeld gab und die Kaufmannschaft mit der Hamburger Mark Banco über die stabilste

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und Regionen kein Staats- papiergeld gab und die Kaufmannschaft mit der Hamburger Mark Banco über die

GESCHICHTE

Währung der Welt verfügte? Entscheidend

war, dass mit Ausbruch der Krise für jede Art von Handelsgeschäft, wenn es nicht in Gold oder Silber abgewickelt werden konnte, plötz- lich jedwedes Vertrauen fehlte. Und genau wie bereits zu Zeiten der Finanzkrise von 1763 zirkulierten in den Hamburger Handelshäu- sern die ungedeckten Drei-Monats-Wechsel- kredite mit immer höherer Umlaufgeschwin- digkeit und zu immer höheren Summen. Betrug deren Umlauf im Jahre 1855 noch 162 Millionen Mark Banco, so stieg dieser Wert im ersten Quartal 1857 bereits auf 225 Milli- onen an und machte im Herbst desselben Jah- res mindestens 340 Millionen Mark Banco aus. Angesichts dieser massiven ungedeckten Wechselkreditexpansion war der Kollaps nur eine Frage der Zeit und bereits im Frühjahr

1857 gab es in Hamburg kritische Stimmen,

die - unabhängig von den Aktienmarktspeku- lationen an der Wall Street – vor dem Platzen dieser Wechselblase warnten.

Das Ende der Hamburger Kauf- mannsrepublik und des „Ehrbaren Kaufmanns“

Glücklicherweise lehnte der Hamburger Rat damals noch – außer der Haftung durch die Silbersicherheiten aus Wien – weitere wirt- schaftspolitische Interventionen ab und so konnte sich die Hamburger Wirtschaft in- nerhalb von nur wenigen Monaten erholen. Bereits Mitte 1858 konnte der Kredit an Ös- terreich zurückgezahlt werden. Der Wechsel-

diskontsatz, der im Jahr 1857 im Schnitt bei 6,5 Prozent lag, pendelte sich bis zum Jahr

1860 wieder auf knapp 2 Prozent ein. Trotz-

dem markierte die Krise von 1857 eine tiefe Zäsur. Von nun an waren es vor allem natio- nalistische und sozialistische Ideen, die die

allem natio- nalistische und sozialistische Ideen, die die klassisch-liberalen Tugenden des „Ehrbaren Kaufmanns“

klassisch-liberalen Tugenden des „Ehrbaren Kaufmanns“ mehr und mehr in Vergessenheit geraten ließen. Aus den traditionell „Ehr- baren Hamburger Kaufleuten“ wurden zum Ende des 19. Jahrhunderts Staatssozialisten, Nationalisten und Sozialdemokraten.

1867 wurde Hamburg Mitglied des von Otto von Bismarck initiierten Norddeutschen Bundes und war somit ab 1871 auch Teil des Deutschen Reiches. Otto von Bismarck begann in Hamburg mit dem Aufbau eines Militär- und Wohlfahrtsstaates, ließ Silber demonetisieren und die Konten der Ham- burger Bank zum 15. Februar 1873 schließen. Die seit 250 Jahren stabilste Währung Euro- pas wurde durch die zu lediglich 30 Prozent gedeckte Deutsche Reichsmark ersetzt. Mit dem Ende der Hamburger Kaufmannsrepu- blik und insbesondere seit der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs begann die politisch gewollte Transformation des ursprünglich klassisch-liberalen Hamburger Rechtsstaats mit freiem Marktgeld zu einem nationalen Sozialstaat mit ungedecktem Zwangsgeld. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird die Hamburger Kaufmannschaft mit der bereits dritten Währungsreform innerhalb von nicht einmal hundert Jahren konfrontiert.

Ohne eine Rückbesinnung auf die Erfolgsge- schichte des klassisch-liberalen Rechtsstaats der Hamburger Kaufmannsrepublik inklu- sive seiner vollgedeckten Mark-Banco-Wäh- rung wird sich auch zukünftig am weiteren zivilisatorischen Niedergang der westlichen Welt nichts ändern.

Steffen Krug ist Vermögensberater und Leiter des Institute for Austrian Asset Management (www.iaaf.de) mit Sitz in Hamburg.

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