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3D-Drucker

Aus dem Maschinenraum

Die ersten Replikatoren

19.08.2011 · Alle reden über die Beschleunigung durchs Netz und die digitale Revolution. Augenfällig ist das Tempo der Kommunikation. Dabei findet nebenher ein zweiter Umsturz statt: die Beschleunigung der Produktionsprozesse.

Von CONSTANZE KURZ

Kolumne
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M an kennt sie aus jedem besseren Science-Fiction-Roman: Replikatoren,

universelle Produktionsmaschinen, die jedes gewünschte Teil schnell, effizient und günstig

erzeugen. Ist einmal das 3D-Modell eines Objektes entworfen und eingegeben, muss man die Maschine nur noch mit den richtigen Materialien und Energie füttern. Kurze Zeit später materialisiert sich das Ding mit einem zarten Piepen, das die Fertigstellung signalisiert.

einem zarten Piepen, das die Fertigstellung signalisiert. © DAPD Bald Alltag in deutschen Haushalten? Ein 3D-Drucker

© DAPD

Bald Alltag in deutschen Haushalten? Ein 3D-Drucker bei der Herstellung von Kunststoffmodellen

Programmierter Quellcode ist zu einem physischen Objekt geworden. Wir sind von dieser Utopie noch ein Weilchen entfernt, die Technologie entwickelt sich jedoch in großen Schritten weiter. Noch bevor Star Trek den Replikator populär machte, grübelten visionäre Wissenschaftler über Automaten, die sich selbst reproduzieren. Schon in den fünfziger Jahren entwickelte der Mathematiker und Computerpionier John von Neumann die Idee, dass Menschen rechnende Automaten, aber auch Maschinen bauen könnten, die sich selbst perfekt bis ins Detail replizieren können. Es war ein eher ausgefallener Gedanke in einer Zeit, da es weltweit einige wenige raumfüllende Rechner gab, die mathematische Formeln als Eingabe erhielten, die heute jedes Smartphone schneller verarbeitet. Doch von Neumann sponn seine Vision weiter:

Er plante gar, biologische Funktionen in die Computer einzubauen, um die Selbstreproduktion zu vereinfachen.

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Für Wissenschaftler zählt es zu den größten Verdiensten, in neue Richtungen zu denken. Ähnliches gilt für Hacker. Auf dem Chaos Communication Camp, dem Hacker- Open-Air in der letzten Woche in Finowfurt, waren sie an allen Ecken und Enden zu bestaunen: 3D-Drucker, die dreidimensionale Entwürfe aus dem Computer in harte, benutzbare Objekte verwandeln.

Plastik- und Silikonteile für den Hausgebrauch

Die Technik ist seit Jahren im industriellen Prototypenbau verfügbar, auf dem Camp jedoch waren es vor allen die kleinen, billigen Selbstbaumaschinchen und die

Bauanleitungen und druckbaren 3D-Modelle dafür aus dem Netz, die großes Interesse hervorriefen. Die Anwendungen reichen von künstlerisch-versponnenen Mobiles bis zu ganz praktischen Gegenständen wie Ersatzhülsen für gebrochene Zeltstangen, Stöpsel für die Luftmatratze, Knöpfe, Dübel oder - sehr beliebt - Löffel und Gabeln. Auch ein Hit: selbstausgedruckte Gehäuse für die Elektronikplatine, die den Camp-teilnehmern als digitale Namensschilder dienten.

Wird nun bald ein 3D-Drucker in jedem Copyshop stehen und irgendwann in jedem Haushalt ein Vervielfältigungsgerät für physische Objekte landen? Drucken wir demnächst unsere Schuhe und Bikinis zu Hause anhand von womöglich selbst erstellten oder irgendwoher kopierten digitalen Konstruktionsvorlagen aus? Erste Anzeichen dafür sind sicherlich vorhanden. Zum einen sind die einfachen Selbstbaugeräte schon für weniger als eintausend Euro zu haben - die professionellen Industriesysteme kosten mindestens das Zehnfache. Zum anderen fangen allmählich die etablierten Druckerhersteller an, sich für die Technologie zu interessieren und eigene Geräte für den Profimarkt anzubieten. Forscher aus Österreich haben zudem gezeigt, wie weit sich die Technik jetzt schon miniaturisieren lässt: Die kleinsten Modelle in Handtaschengröße sind mit nur anderthalb Kilogramm Gewicht sogar tragbar.

Mit von Neumans leicht verstörender Idee, die nicht nur in Science-Fiction-Romanen gern aufgegriffen wird, spielen etliche der Enthusiastengruppen, die an den 3D-Druckern arbeiten: der selbstreplizierende Replikator. Ein Roboter, der neue Roboter nach seinem eigenen Vorbild baut. Derzeit ist die Technik noch lange nicht so weit, die heutigen Drucker können wenig mehr als Plastik- oder Silikonteile für den Hausgebrauch fertigen, die enge Belastbarkeitsgrenzen haben. Aber immerhin lassen sich schon ein paar sonst eher umständlich zu beschaffende Teile für 3D-Drucker auf diese Art erzeugen.

Demokratisierung der Verarbeitung von Materialien

Doch nicht nur Plastikteile lassen sich mit den neuen Produktionstechniken ausdrucken, es gibt bereits Methoden, um Teile aus Metall, Keramik, Glas, Zement und sogar Käse, Eierkuchenteig und Marmelade zu erzeugen. Letztere fanden auf dem Camp regen Zuspruch, der Palatschinkenplotter des Wiener Metalabs war zu jeder Tages- und Nachtzeit eine der gefragtesten Installationen.

Ausgangspunkt jedes gedruckten Objektes ist ein 3D-Modell im Computer. Schicht für Schicht wird das geschmolzene Rohmaterial aufgetragen, jede Schicht nur ein Zwanzigstel eines Millimeters dick. Wie so oft liegt einer der größeren Hemmschuhe für den weiteren Fortschritt bei der Software. Es gibt eine kaum mehr überschaubare Menge an Konstruktionsprogrammen unterschiedlichster Anspruchsgrade, die nur bedingt miteinander kompatibel sind. Auch die Ansteuerung des Druckers selbst ist noch weit von einer Standardisierung entfernt. Übertragen auf die gewohnte Papierdruckwelt, kann man sich das derzeit so vorstellen, als müsste man ein Textverarbeitungsprogramm ganz speziell für einen bestimmten Drucker schreiben, der keine Vorstellung von Papiergröße, Schriftarten oder auch nur davon hat, wo eine zu bedruckende A4-Seite eigentlich anfängt. Die Do-it-yourself-Bastler versuchen nach und nach, zu so etwas wie einem gemeinsamen standardisierten Konzept der Formwandlungsmaschinen zu kommen - das, was man heute gemeinhin als Druckertreiber kennt.

Neil Gershenfeld, MIT-Forscher am Center for Bits and Atoms, der 2005 eines der ersten Bücher über die neuen Produktionstechniken schrieb, sagte nicht nur den Preisverfall der Ausdruckautomaten voraus, er prophezeite auch, dass 3D-Drucker so selbstverständlich wie Tintenstrahldrucker in jeden Haushalt einziehen werden. Er sieht eine Revolution auf uns zukommen: So wie der Einzug der Computer in unser alltägliches Leben unsere Fähigkeiten zur Verarbeitung von Informationen runderneuert und demokratisiert hat, so wird uns der 3D-Drucker für den Hausgebrauch erlauben, die Verarbeitung von Materialien zu demokratisieren und in die eigene Hand zu nehmen.

Quelle: F.A.Z. Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

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