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Kolbenwerkstoffe

Entwicklung von Kolbenwerkstoffen für moderne Hochleistungsdieselmotoren

S. Reichstein, L. Hofmann, S. Kenningley

Kurzfassung

Die maximale spezifische Leistung aufgeladener PKW-Dieselmotoren hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. Deshalb sind Temperatur und Beanspruchung der eingesetzten Kolben dramatisch gestiegen. Durch eine Reihe von Neuentwicklungen bei Kolbenwerk- stoffen ist es jedoch gelungen, diese hohen Anforderungen zu beherr- schen. Ein Schlüssel hierzu war und ist das Verständnis der komplexen in Kolben wirkenden Betriebsbean- spruchung und die Berücksichti- gung dieser Zusammenhänge bei der Werkstoffentwicklung. Anhand beispielhafter Werkstoffentwicklun- gen werden diese Zusammenhänge aufgezeigt sowie Perspektiven und Konzepte für die Zukunft abgeleitet.

Einleitung

Im Automobilbau ist das Streben nach einer besseren Ausnutzung der eingesetzten Ressourcen sowohl bei der Herstellung als auch beim Betrieb von Automobilen eine starke Triebfeder von Entwicklungen. Bei der Entwicklung aufgeladener PKW-Dieselmotoren (abgekürzt:

LVD=light vehicle diesel) hat sich dies in einer Absenkung des Ver- brauches und der Emissionen sowie in immer höheren spezifischen Lei- stungen niedergeschlagen.

Dr. S. Reichstein, L. Hofmann, S. Kenningley, Federal-Mogul Nürnberg GmbH, Nürnberg Vorgetragen anlässlich der VDI-Tagung „Gieß- technik im Motorenbau“ vom 01. bis 02. Febru- ar 2005 in Magdeburg. Erstveröffentlicht im VDI Bericht 1830. Der komplette Tagungsband „Gießtechnik im Motorenbau – VDI Berichte 1830“ kann bei folgender Adresse erworben werden: VDI Verlag GmbH, Heinrichstr. 24, 40239 Düsseldorf, Tel. 0211-6188-445 oder www.vdi-nachrichten.com/onlineshop

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Als Beispiel dieser Entwicklung ist in Bild 1 die Darstellung der höchsten spezifischen Leistung in Serien-LVD-Motoren des jeweiligen Jahres wiedergegeben. Es ist zu er- kennen, dass sich die spezifische Leistung der LVD-Motoren in den letzten zehn Jahren nahezu verdop- pelt hat. Dies wurde in erster Linie durch eine Steigerung der Drücke und Temperaturen im Verbren- nungsraum möglich, was sich aber in einer höheren thermischen und mechanischen Beanspruchung aller Komponenten des Verbrennungs- und Abgasbereiches niedergeschla- gen hat. Der maximale Verbren- nungsdruck ist in den letzten zehn Jahren von 130 bar auf 180 bar angestiegen, die maximale Kolben- temperatur von 330 °C auf etwa 400 °C. Für die LVD-Motoren der nächsten Generation werden sogar Drücke von über 200 bar und Kol- bentemperaturen von bis zu 430 °C erwartet. Deshalb gelten LVD-Kol- ben als die Anwendung mit der höchsten Anforderung an Kolben-

werkstoffe und bestimmen weitge- hend die Ziele der Werkstoffent- wicklung. Vor allem am Rand der Brennraummulde von LVD-Kolben, wo die höchsten Kolbentemperatu- ren auftreten, werden Kolbenwerk- stoffe bis an die Grenze ihrer Lei- stungsfähigkeit gefordert. Deshalb haben derzeitige Legierungsent- wicklungen das Ziel, insbesondere den Anforderungen am Muldenrand von LVD-Kolben gerecht zu werden. Entsprechend beziehen sich viele der folgenden Darstellungen auf die Situation am Muldenrand von LVD- Kolben. Neben der Möglichkeit, zukünfti- gen Anforderungen an Kolben durch verbesserte Werkstoffe zu be- gegnen, gibt es einen weiteren aus- sichtsreichen Weg, dem höheren Wärmeeintrag in LVD-Kolben ge- recht zu werden. So wird derzeit in- tensiv an verbesserten Systemen zur Kühlung von Kolben gearbeitet, um trotz höherer spezifischer Leistun- gen Temperaturen von über 400 °C in Kolben zu verhindern.

gen Temperaturen von über 400 °C in Kolben zu verhindern. Bild 1. Entwicklung der spezifischen Leistung

Bild 1. Entwicklung der spezifischen Leistung von LVD-Motoren in den letzten zehn Jahren mit Abschätzung von Druck und Temperatur für die nächste Kolbengeneration.

GIESSEREI-PRAXIS 10/2005

letzten zehn Jahren mit Abschätzung von Druck und Temperatur für die nächste Kolbengeneration. GIESSEREI-PRAXIS 10/2005

Kolbenwerkstoffe

Kolbenwerkstoffe Bild 2. Typisches Gefüge einer modernen LVD-Kolbenlegierung. Aufbau von Kolbenwerkstoffen

Bild 2. Typisches Gefüge einer modernen LVD-Kolbenlegierung.

Aufbau von Kolbenwerkstoffen

Verbindung mit Mn-Konzentratio-

gierungen für Dieselkolben geringe

Aufgrund einer Reihe spezifischer Vorteile haben sich für Otto- wie Dieselkolben Aluminiumwerkstoffe durchgesetzt. Vor allem die geringe Dichte, der hohe spezifische E-Mo- dul, die ausgezeichnete Wärmeleit- fähigkeit und die Möglichkeit einer kostengünstigen Verarbeitung im Schwerkraftkokillenguss verhelfen

gravierend von marktüblichen Al-

nen von bis zu 0,5 % zu guten me- chanischen Eigenschaften bei ho- hen Temperaturen beiträgt. Außer- dem enthalten die modernsten Le-

Konzentrationen an Zr und V, was die Alterungsbeständigkeit der Werkstoffe verbessert. Zugaben an Ti von bis zu 0,2 % bewirken eine Kornfeinung und eine Modifizierung

Aluminiumkolben zu überlegenen

mit 10

150

ppm Phosphor dient

technischen und wirtschaftlichen Eigenschaften. Allerdings weichen die Anforderungen an Kolben (T > 400 °C) erheblich von den Bedingungen ab, unter denen übli- cherweise Aluminiumwerkstoffe eingesetzt werden (T < 200 °C). Deshalb sind alle modernen Kolben- legierungen spezielle Entwicklun- gen der Kolbenhersteller, die sich

Werkstoffen unterscheiden. Es werden überwiegend naheu- tektische und übereutektische Al-Si- Legierungen mit hohen Konzentra- tionen an Elementen eingesetzt, welche die Warmfestigkeit steigern. So enthalten moderne Kolbenlegie-

der feineren Ausbildung primärer Siliziumausscheidungen. In Bild 2 ist mit der Legierung FM-B2 ein typischer moderner Kol- benwerkstoff zu sehen. Aufgrund der hohen Gehalte an Si, Ni, Cu, Mg und Fe hat sich eine Vielzahl primä- rer und sekundärer Phasen gebil- det, welche für die außerordent- lichen mechanischen Eigenschaften dieser Aluminiumlegierung bei hohen Temperaturen verantwort- lich sind. Insbesondere die hohen Anteile primären und eutektischen Silizi- ums sowie diverser intermetalli- scher Phasen, die zusammen einen Volumenanteil von 20 % einneh-

rungen 10

18

%

Si, bis zu 5

%

men können, geben modernen Kol-

Cu, bis zu 3 % Ni und bis zu 1

%

benlegierungen den Charakter eines

Mg. Außerdem wird ein Gehalt an

gießbaren Al-Matrix-Verbundwerk-

Fe von 0,3

1

% zugelassen, der in

stoffes.

Mg. Außerdem wird ein Gehalt an gießbaren Al-Matrix-Verbundwerk- Fe von 0,3 1 % zugelassen, der in

Bild 3. FE-Simulation der Dehnung eines LVD-Kolbens aufgrund der mechanischen Wirkung des Zündvorgangs; a: ohne Zünddruck; b: mit Zünddruck.

des Zündvorgangs; a: ohne Zünddruck; b: mit Zünddruck. GIESSEREI-PRAXIS 10/2005 Betriebsbeanspruchung von

GIESSEREI-PRAXIS 10/2005

Betriebsbeanspruchung von Kolbenwerkstoffen

Kolben sind im Betrieb einer kom- plexen thermisch-mechanischen Beanspruchung ausgesetzt. Zu- nächst bewirkt jeder Zündvorgang eine mechanische Belastung des Kolbens. Durch die Einwirkung des Zünddrucks kommt es zu einer Bie- gung des Kolbens über den Kolben- bolzen, wie sie in Bild 3 in einer FE- Simulation (a) ohne und (b) mit Zünddruck dargestellt ist. Dabei stellen sich am Rand der Brenn- raummulde über der Bolzenboh- rung tangential wirkende Zugspan- nungen ein, die für das Bauteil be- sonders kritisch sind. Jeder Zünd- vorgang bewirkt also im Kolben eine zeit- und ortsabhängige zyklische Schwankung der Spannung, wo- durch der Kolbenwerkstoff einer hochfrequenten Ermüdungsbean- spruchung (HCF = high cycle fati- gue) ausgesetzt ist. Neben dieser HCF-Beanspru- chung hat jeder Zündvorgang eine Schwankung der Oberflächentem-

peratur zur Folge. Schließlich ist der Verbrennungsraum abwechselnd mit verbranntem Gemisch (T = ca. 2000 °C) und frisch zugeführter

Luft (T

je nach aktueller Brennraumtempe- ratur steigt oder sinkt die Bau- teiloberflächentemperatur. Diese Os- zillation der Werkstofftemperatur nimmt mit steigendem Abstand von der Oberfläche schnell ab, bewirkt aber in den oberflächennahen Be- reichen thermisch bedingte Span- nungen, die sich dort den mecha- nisch bedingten Spannungen über- lagern. Neben der hochfrequenten HCF-Beanspruchung wirkt in Kol- ben also aufgrund des Zündvor- gangs eine hochfrequente TMF- Beanspruchung, die ebenfalls zur Schädigung des Bauteils beitragen kann. Des weiteren führen auch nieder- frequente Schwankungen der Tem- peratur zu einer Ermüdungsbean- spruchung des Werkstoffes. So kön- nen Kolben in Motortestprogram- men, in denen viele Gaswechsel ent- halten sind (insbesondere Wechsel zwischen Volllast und Leerlauf), er- heblich früher versagen als in rei- nen Volllastläufen. Dies erscheint zunächst verwunderlich, da sowohl die zündbedingte HCF- als auch die

°C) gefüllt, und

=

50

150

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Kolbenwerkstoffe

Kolbenwerkstoffe Bild 4. TMF-Beanspruchung eines LVD-Kolbens aufgrund von Gaswechseln; a und b: stationäre Aufnahmen des

Bild 4. TMF-Beanspruchung eines LVD-Kolbens aufgrund von Gaswechseln; a und b: stationäre Aufnahmen des Temperaturfeldes bei Leerlauf (a) und Volllast (b) aus transienter FE-Simulation; c, d, e: berechnete Verläufe der Temperatur (c), der Spannung (d) und der plastischen Dehnung (e) an Muldenrand/Bolzenbohrung über der Zeit für die verschiedenen Lastfälle.

zündbedingte TMF-Beanspruchung je stärker wirkt, desto höher die Lei- stung ist, also der Fall einer Dauer- beanspruchung unter Volllast für Kolben am kritischsten sein sollte. Langsame Wechsel der Kolbentem- peratur mit großen Temperatur- unterschieden in Folge von Gas- wechseln aktivieren jedoch einen weiteren Schädigungsmechanis- mus, der in Bild 4 erklärt ist. Durch die inhomogene Verteilung der Temperatur im Kolben (z. B. bei Volllast, Bild 4 b) entstehen ther- mische Spannungen, die bei ausrei- chend hohen Temperaturunter- schieden zu einer zyklischen plasti- schen Verformung und damit zu einer Schädigung führen. Dieser Zusammenhang ist in den

Bildern 4 c

für eine besonders

kritische Stelle gezeigt, den Bereich des Muldenrands über der Bolzen- bohrung. Alle Gaswechsel führen zu zyklischen Schwankungen der Tem- peratur (Bild 4 c) und zu thermi-

schen Spannungen (Bild 4 d), doch nur der rot eingezeichnete Fall eines Wechsels zwischen Leerlauf und Volllast führt auch zu einer zyk-

d

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lischen Plastizität (Bild 4 e). In LVD-Kolben tritt also neben der hochfrequenten HCF- und TMF-Be- anspruchung durch den Zündvor-

s) eine nie-

derfrequente TMF-Beanspruchung aufgrund von Gaswechseln auf, deren Zykluszeit typischerweise in der Größenordnung von mehr als 100 s liegt. Diese niederfrequente TMF-Beanspruchung trägt ebenfalls zur Schädigung der Kolben bei.

gang (Zykluszeit 0,1

1

Konzepte und Beispiele für die Entwicklung von Kolbenwerk- stoffen

Bild 5 versucht, die Bedeutung der Wechselwirkung zwischen Betriebs- beanspruchung, messbaren Werk- stoffkennwerten und Werkstoffauf- bau für die Entwicklung von Kol- benwerkstoffen zu verdeutlichen. Dabei liegt der Schlüssel in der Aus- wahl messbarer Kriterien, nach denen Werkstoffe beurteilt und ver- glichen werden. Schließlich kann man eine Vielzahl von Werkstoff- eigenschaften messen, doch gibt keine dieser Größen das Verhalten

eines Werkstoffes unter der realen Betriebsbeanspruchung wieder, sondern immer nur einen Aspekt des Werkstoffverhaltens unter stark vereinfachten Bedingungen. Metallographische Untersuchun- gen intakter und geschädigter Bau- teile liefern weitere Informationen über Aufbau und Versagensmecha- nismen in Kolbenwerkstoffen, doch auch diese Informationen helfen nur in soweit bei der Entwicklung neuer Kolbenwerkstoffe, wie ihre Wechselwirkung mit dem Bean- spruchungskollektiv und messbaren Werkstoffeigenschaften verstanden ist. Für die Entwicklung von Kolben- werkstoffen muss man also messba- re Ziele der mechanischen und strukturellen Werkstoffeigenschaf- ten definieren, deren Erreichen zu höheren Lebensdauern unter der realen Betriebsbeanspruchung führt. Im folgenden wird anhand ei- niger Beispiele aus vergangenen und aktuellen Entwicklungen ge- zeigt, wie dort vorgegangen wurde und welcher Erfolg den einzelnen Vorgehensweisen beschieden war.

HCF-basierte Entwicklung von Kolbenwerkstoffen

Als der in Bild 1 beschriebene An- stieg der spezifischen Leistung von LVD-Motoren begann, herrsch- ten mit Spitzentemperaturen von 330 °C und -drücken von 130 bar in LVD-Kolben verhältnismäßig mo- derate Bedingungen. Deshalb ging man berechtigterweise davon aus, dass im wesentlichen die HCF-Ei-

°C ver-

bessert werden müssen, um Kolben mit höheren Laufzeiten zu erhalten. Diese Überlegung hat die Ent- wicklung von Kolbenwerkstoffen in den letzten zehn Jahren bestimmt und zu einer Reihe deutlich verbes- serter Kolbenwerkstoffe geführt. In dieser Zeit ist es gelungen, die HCF- Festigkeit von Kolbenwerkstoffen bei 350 °C um fast 50 % zu stei- gern, was eine Steigerung der Le- bensdauer von Kolben um einen Faktor von 1250 entspricht (Bild 6). Diese Entwicklung hat in erheb- lichem Maße dazu beigetragen, dass die vorne gezeigte Steigerung der spezifischen Leistungen von LVD-Motoren technisch umgesetzt werden konnte.

genschaften bei 300

350

GIESSEREI-PRAXIS 10/2005

Leistungen von LVD-Motoren technisch umgesetzt werden konnte. genschaften bei 300 350 GIESSEREI-PRAXIS 10/2005

Defektorientierte Optimierung des Herstellungsprozesses von Kolben

Diese neu entwickelten Kolben- werkstoffe haben neben guten Hochtemperatureigenschaften auch

Kolbenwerkstoffe

eine Reihe von Problemen mit sich gebracht. Sie sind erheblich schlechter gießbar als die bis dato üblichen Standardlegierungen, wes- halb jede Umstellung auf eine neue Kolbenlegierung auch eine Anpas- sung und Weiterentwicklung der

auch eine Anpas- sung und Weiterentwicklung der Bild 5. Schematische Darstellung der Wechselwirkung zwischen

Bild 5. Schematische Darstellung der Wechselwirkung zwischen Aufbau, Eigenschaften und Betriebsbeanspruchung von Kolbenwerkstoffen.

und Betriebsbeanspruchung von Kolbenwerkstoffen. Bild 6. Relativer Anstieg der HCF-Festigkeit bei 350 °C der

Bild 6. Relativer Anstieg der HCF-Festigkeit bei 350 °C der Legierungen S2, B1, S2N, S2N+, B2 und B2+ aus dem Hause Federal Mogul, bezogen auf die Festigkeit der bis 1994 überwiegend eingesetzten Legierung FM120.

der bis 1994 überwiegend eingesetzten Legierung FM120. Bild 7. Vergleich a) des Standard- und b) des

Bild 7. Vergleich a) des Standard- und b) des optimierten Gießsystems von Federal Mogul anhand einer Füllsimulation.

Gießsystems von Federal Mogul anhand einer Füllsimulation. GIESSEREI-PRAXIS 10/2005 Gießtechnik erforderlich machte.

GIESSEREI-PRAXIS 10/2005

Gießtechnik erforderlich machte. Außerdem sind diese Werkstoffe bei niedrigen Temperaturen von bis zu 200 °C verhältnismäßig spröde und entsprechend kerbempfindlich, so dass sich Defekte des Gusswerkstof- fes wie Oxide und Poren erheblich kritischer auswirken können. Insbe- sondere Oxide haben sich in den neu entwickelten Kolbenwerkstof- fen häufig als Ursache von Schäden erwiesen. Deshalb wurden in der Folge Ent- wicklungen mit dem Ziel betrieben, Zahl und Größe der Oxide in Kolben- werkstoffen zu verringern. Das Prin- zip einer solchen Entwicklung ist in Bild 7 wiedergegeben. Durch die Verlegung des Angusses von der Seite (Bild 7 a) nach unten (Bild 7 b) ist es gelungen, die Fließgeschwindigkeit der Schmelze während der Befüllung der Gießform deutlich herabzusetzen und Turbulenzen, wie sie in Bild 7 a zu erkennen sind, ganz zu unterbin- den. Der Erfolg dieser Maßnahme ist in Bild 8 anhand einer vergleichen- den Darstellung der Summenhäufig- keiten aus HCF-Versuchen gezeigt. Die Kurven stammen von Probestä- ben aus Kolben, die einmal nach der alten und einmal nach der optimier- ten Gießtechnik hergestellt wurden. Zwar unterscheiden sich die Lebens- dauern im Mittel (Ausfallwahr- scheinlichkeit = 50 %) nur um einen Faktor von etwa 2, doch ist man bei der Auslegung von Bauteilen in aller Regel nicht an einer mittleren, son- dern einer möglichst geringen Aus- fallwahrscheinlichkeit interessiert. Bei einer Ausfallwahrscheinlichkeit von 5 %, einem für die Bauteilausle- gung üblichen Kriterium, weisen die nach der optimierten Gießtechnik ge- gossenen Probestäbe jedoch eine mehr als 10 mal längere Lebensdau- er auf als die nach Standardtechnik gegossenen Stäbe. Durch die opti- mierte Gießtechnik ist es also gelun- gen, das Potenzial des Werkstoffes besser auszunutzen und man erhält trotz gleicher Zusammensetzung ei- nen effektiv besseren Werkstoff.

TMF- und gefügebasierte Entwicklung

Unter dem Eindruck immer höherer Kolbentemperaturen und eines ge- wachsenen Verständnisses für die Wirkung der einzelnen Werkstoff- bestandteile unter Temperatur-

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Kolbenwerkstoffe

Kolbenwerkstoffe Bild 8. Ausfallwahrscheinlichkeit von Probestäben aus Kolben, die nach der Standard- bzw. der

Bild 8. Ausfallwahrscheinlichkeit von Probestäben aus Kolben, die nach der Standard- bzw. der optimierten Gießtechnik hergestellt wurden; HCF-Versuche bei 200 °C und konstanter Spannungsamplitude.

HCF-Versuche bei 200 °C und konstanter Spannungsamplitude. Bild 9. Schematische Darstellung der Risseinleitung bei

Bild 9. Schematische Darstellung der Risseinleitung bei TMF-Beanspruchung von Kolbenwerkstoffen

wechselbeanspruchung wurde schließlich klar, dass die Berück- sichtigung von TMF-Eigenschaften ein erhebliches Potential für die Ver- besserung von Kolbenwerkstoffen bietet. Insbesondere die Wirkung des primären Siliziums ist unter TMF Beanspruchung gänzlich an- ders als unter HCF-Beanspruchung. So verursacht der stark unterschied- liche thermische Ausdehnungskoef- fizient von Silizium und Aluminium lokale thermische Spannungen während des Aufheizens und Ab- kühlens, die an den Grenzflächen zu einer lokalen plastischen Verfor- mung und Risseinleitung führen können (Bild 9). Diese Art der Schä- digung tritt insbesondere an Mul- denrändern von LVD-Kolben auf. Sie ist um so kritischer, je größer die Temperaturintervalle und -gradien- ten sind, denen das Material ausge- setzt ist. Außerdem wirkt dieser Me- chanismus um so stärker, je größer die Si-Partikel sind. Deshalb wurde ein Verfahren entwickelt, durch das sich am Muldenrand ein sehr feines Gefüge einstellen lässt (Bilder 10 a und b). Diese Gefügefeinung wirkt sich äußerst positiv auf das Verhal- ten von Kolbenwerkstoffen bei TMF- Beanspruchung und im Motor aus. Wie die Bilder 10 c und d zeigen, erträgt derart gefeintes Material bei einer reinen TMF-Beanspruchung doppelt so viele Lastwechsel wie der gleiche Werkstoff in ungefeintem Zustand. Kolben mit einer Gefüge- feinung des Muldenrands weisen in Temperaturwechsel-Motorläufen

sogar eine 3

mal höhere Lebens-

dauer auf als solche ohne Gefügefei- nung.

4

Ausblick

In Kolben für die nächsten Genera- tionen der LVD-Motoren ist ein wei- terer Anstieg der mechanischen und thermischen Beanspruchung zu erwarten. Deshalb werden zukünf- tig Kolbenwerkstoffe mit besseren Eigenschaften insbesondere bei hohen Temperaturen benötigt. Dabei spielt der Beitrag der TMF- Beanspruchung zur Schädigung eine immer größere Rolle und muss in der Entwicklung neuer Kolben- werkstoffe berücksichtigt werden. Umgekehrt liegt jedoch in Werk- stoffen, deren Eigenschaften für

eine TMF-Beanspruchung optimiert sind, auch ein erhebliches Potenzial für die Verbesserung des Verhaltens von Kolben in höchstbelasteten LVD-Motoren. Außerdem ist abzu- sehen, dass ein Teil des erhöhten Wärmeeintrags in Kolben durch ef- fizientere Kühlsysteme kompensiert werden kann. Kolben aus Alumini- umwerkstoffen werden also auch in Zukunft voraussichtlich den Markt für LVD-Kolben dominieren, unter Umständen kombiniert mit Verfah- ren zur lokalen Verbesserung der Bauteileigenschaften wie beispiels- weise der vorn beschriebenen Gefü- gefeinung.

beispiels- weise der vorn beschriebenen Gefü- gefeinung. Bild 10. Gefüge der Kolbenlegierung B2 a) ohne und

Bild 10. Gefüge der Kolbenlegierung B2 a) ohne und b) mit Gefügefeinung; c) Wirkung der Ge- fügefeinung auf die TMF-Lebensdauer; d) Steigerung der Lebensdauer von Kolben in Temperatur- wechsel-Motorläufen durch Gefügefeinung am Muldenrand.

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GIESSEREI-PRAXIS 10/2005

von Kolben in Temperatur- wechsel-Motorläufen durch Gefügefeinung am Muldenrand. 3 8 4 GIESSEREI-PRAXIS 10/2005

GP 10/05

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