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Fischer Weltgeschichte
 
Band 25
 
Das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung 1648–1779
 
Herausgegeben und verfaßt von Günter Barudio
 
Dieser Band der 
 Fischer Weltgeschichte
behandelt den historischen Werdegang Europas zwischen 1648 und 1779 – das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung. Der Verfasser, Günter Barudio, konzentrierte sich dabei vor allem auf das Verhältnis von Recht und Macht, Eigentum und Verfassung. Der Leser wird anhand von sechs repräsentativen Fällen, denen noch ein Exkurs beigegeben ist, in die Mechanismen einer  Machtstruktur eingeführt, aus deren Wirkungen das entstanden sein soll, was noch immer häufig der »moderne Staat« genannt wird. Dieser aber verdankt als »Verfassungsstaat« und Garant der »Menschenrechte« seine vertraglichen Grundlagen einem Zustand, den die absolutistisch gesinnten Fürsten während und nach dem Dreißigjährigen Krieg zugunsten ihrer Dynastien radikal und oft unter dramatischen Umständen verändern, bis sich die ständischen Kräfte unter dem Einfluß der Aufklärung wieder an eine besitzgebundene Freiheit erinnern, deren Sicherung gegen die »absoluten Herren« oft auf revolutionäre Weise erzwungen werden muß. Der Band ist in sich abgeschlossen und mit Abbildungen, Kartenskizzen und einem ergänzenden Literaturverzeichnis ausgestattet. Ein Personen- und Sachregister erleichtert dem Leser die rasche Orientierung.
 
Den Frankfurter Freunden
 
»Ich ziehe die gefährliche Freiheit der ruhigen Dienstbarkeit vor.«
 
Raphael Leszczyński
 
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»Das Recht muß nie der Politik, wohl aber die Politik jederzeit dem Recht angepaßt werden.«
 
Immanuel Kant
 
Der Verfasser dieses Bandes
 
Günter Barudio,
 geboren 1942 in der Pfalz, Ausbildung und Tätigkeit als Öltechniker; externes Abitur; Studium (Jura, Philosophie, Skandinavistik, Slavistik, Osteuropäische Geschichte). Historiker und freischaffender Autor. Publikationen: »Das Wohlproportionierte Regiment« (1973); »Absolutismus – Zerstörung der ›libertären Verfassung‹« (1976); »Deutscher Herbst 46« von Stig Dagerman (Übersetzung 1980/81); »Gustav Adolf – der Große« (1982); »Der teutsche Krieg. 1618-1648« (1985); »Paris im Rausch. Die Revolution in Frankreich 1789-1795« (1989); »Politik als Kultur. Ein Lexikon von Abendland bis Zukunft« (1994); »Madame de Staël und Benjamin Constant. Spiele mit dem Feuer« (1996); »Tränen des Teufels. Die Weltgeschichte des Erdöls« (2001). Mitarbeiter am »Handbuch der Geschichte Rußlands« (Zernack), am »Handbuch der Politischen Ideen« (Fetscher), am »Handbuch: Geschichte im Fernsehen« (Knopp/Quandt) und am »Schüler-Duden Geschichte«.
Vorwort
 Die Entscheidung, anhand der Geschichte von sechs großen Mächten die Phänomene
 Absolutismus
 und
 Aufklärung
 zu erörtern, hat es nötig erscheinen lassen, sich auf Schwerpunkte zu beschränken, aus deren Analyse die dichten Beziehungen von Personen, Ereignissen und Strukturen dort kenntlich werden, wo die historischen Entscheidungen wirklich gefallen sind. Das Anrufen kollektiver und damit auch anonymer Kräfte in der Geschichte, wie Feudalismus und Kapitalismus, hat im Zuge der rein strukturell ausgerichteten Methode oft dazu geführt, den Wert handelnder Personen zu verkennen. Darüber hinaus hat die verstärkte Ausrichtung auf die Sozialgeschichte und die Ökonometrie das Interesse von der Rechtsbezogenheit politischer Macht und wirtschaftlichen Gebarens in einer Weise abgelenkt, die dem Wesen und Wirken der beiden ambivalenten Phänomene widerspricht. Wer sich der Geschichte nähert, stellt gleichzeitig die Frage nach dem Menschen und damit auch nach der Moral der Macht. Dafür in der Vielgestaltigkeit des historischen Lebens die politischen Sinne zu schärfen, ist ein Anliegen dieses Bandes, der nicht nur handbuchartig
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informieren will, sondern auch zu einer neuen Diskussion über die historischen Grundlagen der Staatlichkeit in Europa auffordert. Der Herausgeber
Einleitung 
 In dem Bemühen, die Geschichte der Zeit zwischen der Reformation mit dem anschließenden »Zeitalter der Glaubenskämpfe« und dem »Zeitalter der europäischen Revolution« auf einen Begriff zu bringen, und damit das Wesen des vorrevolutionären Ancien Regime erkennbar werden zu lassen, sind immer wieder im Namen des linearen Fortschrittsdenkens Vorschläge gemacht worden, die fast alle auf eine einzige Erklärformel hindeuten: »Der absolute Staat in Europa – eine
notwendige
 Durchgangsstufe zwischen der Zeit des Feudalismus und der Moderne: Dies ist die allgemein übliche, ein wenig simple, aber überall und stets ohne viel Nachdenken anwendbare Rubrizierung dieser drei  Jahrhunderte.«1 In ihrem Verlauf soll sich im 16. Jhd. der »konfessionelle Absolutismus« unter Philipp II. in Spanien beispielgebend ausgebildet haben, um im 17. Jhd. in den »höfischen Absolutismus« Ludwigs XIV. von Frankreich überzugehen. Der »aufgeklärte Absolutismus« des 18. Jahrhunderts, personifiziert in Friedrich II. von Preußen, hat diese Entwicklung dann abgeschlossen und den Weg vom »absoluten« zum »modernen Staat« dergestalt bereitet, daß dieser sich zu einem »Rechtsstaat« ausbilden konnte, in dem ein stehendes Heer und ein loyales Beamtentum die Errungenschaften der Aufklärung nach innen und außen sicherten2. Im Zeichen solcher Zuordnungen war man vor allem im deutschen Umkreis nur selten bereit, das politische Ständewesen vor der Zeit des Absolutismus als
staatsfähig
 zu akzeptieren, glaubte man doch, in der Überwindung dieses geschichtswirksamen Faktors den Beginn all dessen sehen zu müssen, »was wir Staat nennen«. Es sei also die historische Leistung der »absoluten Herren« und des Absolutismus, den Fortschritt der Geschichte in einem Staat vollendet zu haben3, dem es gelungen ist, die »Unteilbarkeit der öffentlichen Macht« zu erringen, eine »allumfassende Zentralisation« zu betreiben, die »systematische Zerstörung allen individuellen, korporativen und regionalen Denkens« zu einem materiellen Erfolg zu führen und mit einer »inquisitorischen Polizei« dieses Machtsystem gegen alle revolutionären Veränderungen zu behaupten4. Die Kritik Proudhons an diesen Erscheinungsformen des europäischen Absolutismus trifft sich mit der Ansicht Goethes. Er hat im Rahmen einer Kritik am Pietismus eben diesen Absolutismus eine »politische Tendenz« genannt, deren Ziel vornehmlich im »Niederschlagen aller freieren Geistesregungen« besteht5. Das bedeutet gleichzeitig, daß sich dieses Machtsystem in einem langen Konzentrations- und Unterdrückungsprozeß von der ursprünglichen Basis des »inneren Staatsrechts« (Hegel) entfernen mußte, das sich nicht »dualistisch«
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