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Jacques Lacan

Seminar XVII

DIE KEHRSEITE DER PSYCHOANALYSE

(1969-1970)

[3. FASSUNG, NOVEMBER 2007]

INHALT

I (I/1) 1

(A)

[26.11.1969] 5

I Production des 4 discours

Impromptu 1 [03.12.1969] 17

: Analyticon

 

II (I/2)

[10.12.1969]

27

Complement II Le maître et l'hysterique III Savoir moyen de jouissance IV Vérité, soeur de jouissance V Le champ Lacanienne

III (II)

[17.12.1969]

30

IV (III)

[14.01.1970]

39

V (IV)

[21.01.1970] 52

VI

(V)

[11.02.1970] 65

AU-DELA DU COMPLEXE D'OEDIPE

VII (VI)

VIII (VII) [11.03.1970] 89 VII Oedipe et Moise et le père de la horde

IX (VIII/1)

X (VIII/2) [08.04.1970] 114 Complement : Radiophonie

XI (IX)

[18.02.1970]

77 VI Le maître chatré

[18.03.1970] 103 VIII Du mythe à la structure

[15.04.1970] 116 IX La féroce ignorance de yahvé

L'ENVERS DE LA VIE CONTEMPORAINE

XII (X)

[13.05.1970] 132 X Pantheon

XIII (XI)

[20.05.1970] 139 XI Les sillons de l'alèthosphère

(–)

Impromptu 2 [03.06.1970] 151

XIV (XII)

[10.06.1970] 159

XII L'impuissance de la vérité

XV (XIII)

[17.06.1970] 173

XIII Le pouvoir des impossibles

Anhang 1 (B) Anhang 2 (–)

Exposé von A. Caquot 185 (gehört zum 15.04.1970) Radiophonie — Versionenvergleich 189

(Diese PDF enthält die beiden markierten Sitzungen)

1 Die eingeklammerten Ziffern bzw. Buchstaben geben die Zählung der Version Seuil wieder.

I

26. NOVEMBER 1969

[9] Erlauben Sie mir, meine lieben Freunde, ein weiteres Mal diese Assistenz 2 zu befragen – und zwar in allen Bedeutungen des Wortes –, die Sie mir leisten, und ganz besonders heute, indem Sie, d. h. einige unter Ihnen, mir in eine dritte meiner Verschiebungen folgen. Ehe ich diese Befragung wiederaufnehme, kann ich – um dem, dem es gebührt, dafür zu danken – nicht weniger tun, als deutlich zu machen, wie ich hier bin. Nämlich in der Eigenschaft einer Leihgabe, die die Fakultät der Rechte freundlicherweise mehreren meiner Kollegen von den Hautes Études 3 zukommen läßt, zu denen sie mich freundlicherweise hat zählen wollen. Die Fakultät der Rechte, und insbesondere ihre höchsten Autoritäten, namentlich der Herr Dekan, seien hier, durch mich und, denke ich, mit Ihrer Zustimmung, dafür bedankt. Wie der Aushang Sie vielleicht unterrichtet hat, werde ich hier – nicht daß mir der Ort nicht jeden Mittwoch angeboten würde – nur am zweiten und dritten Mittwoch jeden Monats sprechen, wo- durch ich mir, zweifellos zum Zwecke anderer Verpflichtungen, die anderen Mittwoche freihalte. Und insbesondere glaube ich ankündigen zu können, daß ich am ersten dieser Mittwoche im Monat, zumindest zu einem Teil, d.h. jeden zweiten [Monat], <was ich also im nächsten Monat, dem Monat Dezember, beginnen werde,> also an den ersten Mittwochen im Dezember, Februar, April und Juni, nicht, wie es irrigerweise angekündigt worden war, mein Seminar nach Vincennes tragen werde, sondern das, was ich in Kontrast dazu und um zu betonen, daß es sich um etwas anderes handelt, mit Vorbedacht Vier Impromptus genannt habe, denen ich einen humoristischen Titel gegeben habe, den Sie erfahren werden an den Orten, an denen er bereits ausgehängt ist. [10] Weil es mir, wie Sie sehen, gefällt, diesen Hinweis in der Schwebe zu lassen, nutze ich das ganz schnell dazu aus, mich hier von einem Gewissensbiß zu befreien, der mir von einer Art von Aufnahme zurückgeblieben ist, die ich einer Person bereitet habe, denn beim Drübernachdenken war sie wenig liebenswürdig – nicht daß ich es so gewollt hätte, aber faktisch ergab es sich so. Eines Tages kam auf der Straße eine Person – vielleicht ist sie hier, und zweifellos wird sie sich nicht zu erkennen geben – auf mich zu, gerade als ich ein Taxi besteigen wollte. Sie hielt dafür ihr kleines Moped an und sagt zu mir: »Sind Sie das, der Doktor Lacan?« – »Ja doch«, sage ich zu ihr, »und warum?« – »Werden Sie Ihr Seminar wieder halten?« – »Aber ja, bald.« – »Und wo?« Und da, zweifellos hatte ich meine Gründe dafür, sie wird es mir sicher glauben wollen, antwortete ich ihr: »Das werden Sie sehen.« Worauf sie auf ihrem kleinen Moped davonfuhr, das sie derart fix gestartet hatte, daß ich verdutzt und mit schlechtem Gewissen zugleich zurückblieb. Diesen Gewissensbiß habe ich heute aussprechen wollen, indem ich ihr meine Entschuldigung anbiete, falls sie da ist, damit sie mir verzeihe. Offen gesagt, das ist ganz sicher eine Gelegenheit zu bemerken, daß, wenn man sich, zumindest dem Anschein nach, auf die Palme gebracht [excédé] zeigt, man dies nie, egal auf welche Weise, durch das Übermaß [excès] eines andern wird. Man wird es immer deshalb, weil dieses Übermaß mit einem Übermaß bei Ihnen zusammenfällt. Weil ich wegen dieses Punktes bereits in einem gewissen Zustand war, der ein Übermaß an intensiver Beschäftigung darstellte, habe ich mich zweifellos auf eine Weise gezeigt, die ich dann sehr schnell unpassend fand. Treten wir darüber in das ein, was es mit dem, was wir dieses Jahr bringen, auf sich haben wird.

1

Die Psychoanalyse verkehrt herum [à l'envers], so habe ich geglaubt dieses Seminar betiteln zu

2 Im Orig. assistance = »Anwesenheit, Zuhörerschaft, Beistand, Mitwirkung, Hilfe«.

3 Gemeint ist die École Pratique des Hautes Études, als deren Lehrbeauftragter Lacan seit 1964 fungierte.

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DIE KEHRSEITE DER PSYCHOANALYSE · SITZUNG I (26.11.1969)

sollen. Glauben Sie nicht, dieser Titel schulde irgend etwas dem Tagesereignis, das glaubt, es sei auf dem besten Wege dazu, eine gewisse Anzahl von Orten zu verkehren. Ich werde dafür nur folgendes als Beweis bringen. In einem Text, der vom Jahr 1966 datiert, und insbesondere in einer jener Einlei- tungen, die ich zum Zeitpunkt der Sammlung meiner Écrits verfaßt habe und die sie skandieren, in einem Text, der sich betitelt De nos antécédents 4 , charakterisiere ich auf der Seite 68 5 , was es mit meinem Diskurs, einer Wiederaufnahme, sage [11] ich, des Freudschen Projektes über die Kehrseite auf sich gehabt hat. Das ist also lange vor den Ereignissen geschrieben worden – eine Wieder- aufnahme über die Kehrseite [par l’envers]. Was heißt das? Letztes Jahr ist mir, mit viel Beharrlichkeit, widerfahren, daß ich das, was es mit dem Diskurs auf sich hat, als eine notwendige Struktur unterschied, die das, stets mehr oder weniger gelegenheitsabhängige, Sprechen um vieles übersteigt. Was ich vorziehe, so habe ich gesagt und eines Tages sogar ausgehängt, das ist ein Diskurs ohne Worte. Denn in Wahrheit kann er sehr gut ohne Worte bestehen. Er besteht in bestimmten fundamentalen Beziehungen. Diese könnten sich, buchstäblich, ohne die Sprache nicht aufrechterhalten. Vermittels des Instrumentes der Sprache richtet sich eine bestimmte Anzahl von stabilen Beziehungen ein, in denen sich ganz sicher etwas schreiben kann, das sehr viel umfassender ist, sehr viel weiter reicht als das, was tatsächlich gesagt wird [les énonciations effectives]. Dazu, daß unser Verhalten, unsere Akte sich gegebenenfalls vom Rahmen gewisser uranfänglicher Aussagen [énoncés] her ein- schreiben, bedarf es dessen nicht. Wäre dem nicht so, was wäre dann mit dem, was wir in der Erfah- rung, und zwar speziell der analytischen, wiederfinden – wobei diese sich an dieser Stelle nur des- halb in Erinnerung bringt, weil sie es genau bezeichnet hat –, was wäre dann mit dem, was sich für uns wiederfindet unter dem Aspekt des Überich? Es gibt Strukturen – anders wüßten wir sie nicht zu bezeichnen –, um 6 das zu charakterisieren, was ablösbar ist von jenem in Form von, das ich mir letztes Jahr zu akzentuieren erlaubt habe, indem ich einen besonderen Gebrauch davon machte –, das heißt, das, was namens der fundamentalen Bezie- hung geschieht, die ich definiere als die eines Signifikanten zu einem andern Signifikanten. Woraus das Auftauchen dessen resultiert, was wir das Subjekt nennen – namens des Signifikanten, der, in diesem Fall, so fungiert, daß er es, dieses Subjekt, bei [auprès] einem anderen Signifikanten reprä- sentiert. Wie ist diese fundamentale Form zu situieren? Diese Form – wenn Sie möchten, schreiben wir sie, ohne noch länger zu warten, dieses Jahr auf eine neue Weise. Letztes Jahr hatte ich es von der Exteriorität des Signifikanten S 1 her getan – desjenigen, von dem unsere Definition des Diskurses ausgeht, so wie wir ihn in diesem ersten Schritt akzentuieren werden –, seiner Exteriorität zu einem Kreis, der gekennzeichnet ist durch die Sigle A, das heißt das Feld des großen Anderen. Verein- fachend aber betrachten wir S 1 und, bezeichnet durch das Zeichen S 2 , die Batterie der Signifikanten. Es handelt sich um die, die bereits da sind, wohingegen am Ursprungspunkt, an den wir uns stellen, um zu bestimmen, was es mit dem Diskurs auf sich hat, mit dem als Statut der Aussage [énoncé] aufgefaßten Diskurs, S 1 derjenige ist, den man als intervenierend anzusehen hat. Er interveniert in [12] eine Signifikantenbatterie, bezüglich deren wir niemals irgendein Recht zu der Auffassung haben, sie sei verstreut und bilde nicht bereits das Netz dessen, was sich ein Wissen nennt. Es setzt sich zunächst von jenem Moment an, wo S 1 etwas repräsentiert durch seine Intervention in das Feld, das, an dem Punkt, wo wir sind, definiert ist als das bereits strukturierte Feld eines Wissens. Und das, was sein Darunterliegendes ist, hypokeimenon, das ist das Subjekt, das, insofern es diesen spezifischen Zug repräsentiert, vom lebenden Individuum zu unterscheiden ist. Ganz sicher ist letzteres der Ort des ersteren, sein Markierungspunkt, es gehört aber nicht zur Ordnung dessen, was das Subjekt hereinbringt namens des Statuts des Wissens.

4 Deutsch unter dem Titel »Von dem, was uns vorausging« in Schriften III, S. 7-14.

5 Vgl. Schriften III, S. 11.

6 Transkript: bezeichnen, um

6

DIE KEHRSEITE DER PSYCHOANALYSE · SITZUNG I (26.11.1969)

S 1

S 1 S 2

S

2

$

a

Zweifellos liegt da, um das Wort Wissen herum, der Punkt der Zweideutigkeit, wegen dem wir heute das zu akzentuieren haben, wofür ich Ihre Ohren bereits auf mehrerlei Wegen, Pfaden, mittels Beleuchtungen, blitzlichthaften Zügen sensibilisiert habe. Soll ich es für die ansprechen, die davon Notiz genommen haben, für die, denen das vielleicht noch immer im Kopf herumgeht? Es ist mir letztes Jahr widerfahren, Wissen das Genießen des Andern zu nennen. Eine komische Geschichte. Das ist eine Formulierung, die, offen gesagt, noch nie vorgebracht wor- den war. Sie ist nicht mehr neu, denn ich habe ihr schon letztes Jahr vor Ihnen ausreichende Wahr- scheinlichkeit verleihen, über sie sprechen können, ohne besondere Einsprüche dagegen zu erwec- ken. Das ist einer der Treffpunkte, die ich für dieses Jahr ankündigte. Komplettieren wir zunächst, was zuerst auf zwei Füßen stand und dann auf dreien, geben wir ihm seinen vierten – diesen da. Ich habe darauf schon recht lange insistiert, und besonders im letzten Jahr, denn das Seminar war schon lange genug dafür gehalten worden – D’un Autre à l’autre 7 habe ich es betitelt. Dieser andere, der kleine, mit dem der seiner allgemeinen Bekanntheit, war das, was wir auf dieser Ebene, der der Algebra, der Signifikantenstruktur, als das Objekt a bezeichnen. Auf dieser Ebene der Signifikantenstruktur müssen wir nur die Art und Weise kennen, auf die das arbeitet. So haben wir die Freiheit, zu sehen, was es bewirkt, wenn wir die Dinge so schreiben, daß wir das ganze System um eine Vierteldrehung verschieben. [13] Diese berühmte Vierteldrehung, ich spreche von ihr lange genug und bei anderen Gelegen- heiten – insbesondere seit dem Erscheinen dessen, was ich unter dem Titel Kant avec Sade 8 geschrieben habe –, damit man sich hat denken können, daß man vielleicht eines Tages sehen würde, daß sich das nicht auf die Tatsache des sogenannten Schema Z beschränkt und daß es für diese Vierteldrehung andere Gründe gibt als die reine Zufälligkeit bildlicher Darstellung.

$

$ S 1

S

1

a

S

2

Hier ein Beispiel. Wenn es begründet scheint, daß die Kette, die Abfolge der Buchstaben dieser Algebra, nicht durcheinandergebracht werden darf, dann werden wir dadurch, daß wir uns dieser Operation der Vierteldrehung widmen, vier Strukturen erhalten – mehr nicht –, deren erste Ihnen gewissermaßen den Ausgangspunkt zeigt. Es ist sehr leicht, auf dem Papier rasch die übrigen drei zu erzeugen. Dies soll nur einen Apparat spezifizieren, der absolut nichts Aufgezwungenes hat, wie man aus einer gewissen Perspektive heraus meinen könnte, nichts, was von irgendeiner Realität abstrahiert wäre. Ganz im Gegenteil, es ist bereits eingeschrieben in das, was als diese Realität funktioniert, von der ich gerade gesprochen habe, der des Diskurses, der bereits in der Welt ist und sie stützt, zuallermindest die, die wir kennen. Nicht nur ist es bereits eingeschrieben, sondern es ist Teil ihrer Grundfesten. Wenig von Bedeutung ist ganz sicher die Form der Buchstaben, mit denen wir diese symbolische Kette schreiben, sofern sie sich nur unterscheidet – das genügt, damit sich etwas von konstanten Beziehungen zeigt. Soviel zur Beschaffenheit dieser Formel. Was [be]sagt sie? Sie situiert ein Moment. Es ist die Folge dessen, was unser Diskurs hier entwic- keln wird, der uns sagen wird, welchen Sinn man diesem Moment geben sollte. Sie sagt, daß in

7 Séminaire XVI, D´un Autre à l´autre (1968/69).

8 Dt. unter dem Titel »Kant mit Sade« in Schriften II, S. 133-163.

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DIE KEHRSEITE DER PSYCHOANALYSE · SITZUNG I (26.11.1969)

ebendem Augenblick, in dem der S 1 in das bereits konstituierte Feld der anderen Signifikanten inter- veniert, insofern sie sich bereits als solche untereinander verketten, dadurch, daß er bei einem andern aus <diesem> System interveniert, dies erscheint: $, das wir das Subjekt als gespaltenes genannt haben. Dessen gesamtes Statut haben wir dieses Jahr wiederaufzunehmen, in seiner besonderen Betonung. Schließlich, wir haben von jeher betont, daß aus diesem Trajekt etwas hervorgeht, das als ein Ver- lust definiert ist. Ebendas bezeichnet der Buchstabe, der sich liest als das Objekt a. [14] Wir haben auch den Punkt bezeichnet, aus dem wir diese Funktion des verlorenen Objekts extrahieren. Nämlich aus dem Diskurs Freuds über den spezifischen Sinn der Wiederholung beim sprechenden Sein. In der Tat geht es bei der Wiederholung keineswegs um irgendeinen beliebigen Gedächtniseffekt im biologischen Sinne. Die Wiederholung hat einen bestimmten Bezug zu dem, was die Grenze dieses Wissens ist und was sich das Genießen nennt. Deshalb handelt es sich bei der Formel, daß das Wissen das Genießen des Anderen ist, um eine logische Artikulation. Des Andern wohlverstanden insofern, als – denn es gibt keinen Andern – die Intervention des Signifikanten ihn als Feld erscheinen läßt. Zweifellos werden Sie mir sagen, daß wir uns da alles in allem weiterhin im Kreise drehen – der Signifikant, der Andere, das Wissen, der Signifikant, der Andere, das Wissen usw. Genau da aber erlaubt der Term Genießen uns, den Einsetzungspunkt des Apparats zu zeigen. Indem wir das tun, kommen wir zweifellos aus dem heraus, was es authentisch mit dem Wissen auf sich hat, aus dem, was als Wissen erkennbar ist, um uns auf die Grenzen zu beziehen, auf ihr Feld als solches, jenes, mit dem das Sprechen Freuds sich auseinanderzusetzen wagt. Aus all dem, was dieses [Sprechen] artikuliert, ergibt sich was? Nicht das Wissen, sondern die Ver- wirrung. Nun, über die Verwirrung selbst müssen wir nachdenken, denn es geht um die Grenzen und darum, aus dem System herauszukommen. Aus ihm herauszukommen vermöge wessen? Ver- möge eines Dursts nach Sinn, so als ob das System seiner bedürfte. Es hat keinerlei Bedürfnis, das System. Wir aber, wir schwachen Wesen, so wie wir uns im Laufe dieses Jahres an allen Wende- punkten wiederfinden werden, wir bedürfen des Sinnes. Nun, da ist einer. Vielleicht ist es nicht der wahre. Gleichviel aber, sicher ist, daß wir sehen werden, daß es viel von diesem Vielleicht ist er nicht der wahre gibt, dessen Insistenz uns im eigentlichen Sinne die Dimen- sion der Wahrheit nahelegt. Bemerken wir die Zweideutigkeit, die in der psychoanalytischen Dummheit das Wort Trieb* ange- nommen hat, statt daß man sich zu erfassen befleißigt, wie sich diese Kategorie artikuliert. Diese ist nicht ohne Vorläufer, will sagen: das Wort hat bereits einen Gebrauch erfahren, und der reicht weit zurück, bis hin zu Kant. Das aber, wozu er im analytischen Diskurs dient, verdiente wirklich, daß man sich nicht überstürze, ihn allzuschnell durch instinct zu übersetzen. Schließlich aber kommt es zu diesen Ausrutschern nicht ohne Grund, und auch wenn wir seit langem auf dem aberranten Charakter dieser Übersetzung insistiert haben, haben wir doch das Recht, Nutzen aus ihr zu ziehen. Sicher nicht – und [15] schon gar nicht bei diesem Anlaß –, um den Begriff Instinkt zu bestätigen, sondern um in Erinnerung zu rufen, was vom Diskurs Freuds ihn [= den Begriff] bewohnbar macht – und um einfach zu versuchen, ihn, diesen Diskurs, anders bewohnt werden zu machen. Populärerweise ist die Vorstellung vom Instinkt durchaus die von einem Wissen – einem Wissen, von dem man nicht fähig ist zu sagen, was das bedeutet, von dem man jedoch, und nicht ohne Berechtigung, meint, es habe zum Ergebnis, daß das Leben fortbesteht. Wenn wir dagegen dem einen Sinn verleihen, was Freud über das Lustprinzip sagt: daß es für das Funktionieren des Lebens wesentlich ist, weil es das ist, worin sich die niedrigste Spannung aufrechterhält –, ist damit nicht bereits das gesagt, wovon die Folge seines Diskurses erweist, daß es ihm aufgedrängt wird? Näm- lich der Todestrieb. Dieser Begriff ist ihm aufgedrängt worden durch die Entwicklung einer Erfahrung, der analytischen Erfahrung, insofern sie Diskursstruktur ist. Denn vergessen wir nicht, daß man den Todestrieb nicht erfindet, indem man das Verhalten der Leute betrachtet.

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DIE KEHRSEITE DER PSYCHOANALYSE · SITZUNG I (26.11.1969)

Der Todestrieb, wir haben ihn hier. Wir haben ihn da, wo etwas geschieht zwischen Ihnen und dem, was ich sage.

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Ich habe gesagt: dem, was ich sage, ich spreche nicht von dem, was ich bin. Wozu auch, da man das, alles in allem, dank Ihrer Assistenz sieht. Es ist nicht so, daß für mich spricht. Manchmal – und meistens – spricht sie an meiner Statt. Wie auch immer – das, was rechtfertigt, daß ich hier etwas sage, ist das, was ich die Essenz dieser Manifestation nennen würde, nämlich die verschiedenen aufeinander folgenden Assistenzen, die ich auf angezogen habe je nach den Orten, an denen ich sprach. Es lag mir viel daran, irgendwo die folgende Bemerkung einzuflechten, denn heute, wo ich an einem neuen Ort bin, schien mir der Tag dafür gekommen. Am Stil dessen, was ich diese Mani- festation genannt habe, hat der Ort stets seinen gewichtigen Anteil gehabt, und ich will die Gele- genheit nicht verstreichen lassen, zu sagen, daß sie einen Bezug zum geläufigen Sinn des Begriffs Deutung hat. Was ich gesagt habe durch Ihre, für Ihre und in Ihrer Assistenz, ist, zu jedem dieser Zeitpunkte – definiert man sie als geographische Orte – immer schon gedeutet. Das wird in den kleinen sich drehenden Quadripoden Platz finden müssen, von denen ich heute an- fange Gebrauch zu machen, und ich werde darauf zurückkommen. Um Sie aber nicht [16] völlig im Leeren zu lassen, werde ich Ihnen davon sofort etwas zeigen. Hätte ich zu deuten, was ich zwischen 1953 und 1963 in Sainte-Anne gesagt habe, will sagen, in- dem ich dessen Deutung festmache – Deutung in einem Sinne, der dem der analytischen Deutung entgegengesetzt ist und der wirklich spürbar macht, wie sehr die analytische Deutung selbst der allgemeinen Bedeutung des Wortes zuwiderläuft –, dann würde ich sagen, das Merklichste, die Saite, die wirklich schwang, das war der Jux. Die exemplarischste Figur dieser Hörerschaft, die zweifellos eine medizinische war – schließlich gab es aber auch einige Zuhörer, die nicht Mediziner waren –, war die, die meinen Diskurs als eine Art fortgesetzten Ausstoß von Gags abheftete. Genau das wird für mich das Charakteristischste an dem sein, was zehn Jahre lang die Essenz meiner Manifestation war. Zusätzlicher Beweis: Die Dinge haben erst an dem Tag angefangen sauer zu werden, als ich ein Trimester der Analyse des Witzes widmete. 9 Das ist eine große Parenthese, und lange kann ich in diese Richtung nicht gehen. Hinzufügen muß ich aber doch, was das Charakteristische an der Deutung des Ortes war, wo Sie mich letztesmal verlassen haben, die École normale supérieure. E.N.S. – als Initialen ist das absolut großartig. Das dreht sich ums Seiende. Man muß von den Buchstaben-Äquivoken stets zu profitieren wissen, vor allem, weil es die drei ersten Buchstaben des Wortes enseigner [unterrichten] sind. Nun, in der rue d’Ulm 10 hat man bemerkt, daß das, was ich sagte, ein Unterricht war. Vorher war das nicht so offensichtlich. Man nahm es nicht einmal an. Die Professoren, und ins- besondere die Mediziner, waren sehr beunruhigt. Die Tatsache, daß es überhaupt nicht medizinisch war, hinterließ einen starken Zweifel daran, ob es die Bezeichnung Unterricht verdiente, und zwar bis zu dem Tage, an dem man hat Bürschchen kommen sehen – die von den Cahiers pour l’analyse 11 , die in jener Ecke ausgebildet worden waren, in der man – wie ich schon vor sehr lan- ger Zeit gesagt hatte, und zwar eben zur Zeit der Gags – aufgrund des Ausbildungseffekts nichts weiß, es aber auf bewundernswerte Weise unterrichtet. Daß sie das, was ich sagte, so gedeutet haben – ich spreche heute von einer anderen Deutung als der analytischen –, hat durchaus einen Sinn.

9 Im Séminaire V, Les formations de l´inconscient (1957/58).

10 Sitz der E.N.S. 11 Gegründet 1966 auf Initiative des Cercle d´Épistémologie an der E.N.S., u.a. von J.-A. Miller.

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Natürlich weiß man nicht, was hier passieren wird. Ich weiß nicht, ob Jurastudenten kommen wer- den, ehrlich gesagt aber, für [17] die Deutung wäre das entscheidend. Wahrscheinlich wird es die bei weitem wichtigste Zeit von den dreien sein, da es dieses Jahr darum geht, die Psychoanalyse verkehrt herum zu nehmen, und ihr vielleicht, genau das, ihr Statut zuzuweisen, in dem Sinne des Begriffs, den man den juristischen nennt. Jedenfalls hat das ganz sicher stets, und in letzter Konse- quenz, mit der Struktur des Diskurses zu tun gehabt. Wenn das Recht – wenn’s nicht das ist, wenn man da nicht spürt, wie der Diskurs die reale Welt strukturiert, wo dann? Ebendeshalb sind wir hier an keinem schlechteren Platz als anderswo. Nicht also einfach nur aus Gründen der Bequemlichkeit habe ich diesen Glücksfall akzeptiert. Sondern es ist auch das, was Ihnen auf Ihrer Rundreise die geringste Störung bereitet, zumindest denen, die an die andere Seite gewöhnt waren. Ich bin nicht ganz sicher, ob es wegen der Parkplätze sehr bequem ist, aber schließlich haben Sie dafür ja trotzdem noch die rue d’Ulm. 12

3

Machen wir weiter. Wir waren bis zu unserem Instinkt und zu unserem Wissen gekommen, die, alles in allem, durch das situiert sind, was Bichat vom Leben definiert. »Das Leben«, so sagt er – und das ist die tiefgrün- digste Definition, sie ist überhaupt nicht prudhommesk, wenn Sie genau hinsehen –, »ist die Gesamtheit der Kräfte, die dem Tod widerstehen.« Lesen Sie, was Freud über den Widerstand des Lebens gegen die Neigung zum Nirwana schreibt, wie man auf andere Weise den Todestrieb bezeichnet hat in dem Moment, als er ihn eingeführt hat. Zweifellos vergegenwärtigt er sich, im Zentrum der analytischen Erfahrung – die eine Diskurs- Erfahrung ist –, diese Neigung zur Rückkehr zum Unbelebten. Bis dahin geht Freud. Was aber, so sagt er, die Beständigkeit dieser Blase ausmacht – in der Tat drängt sich das Bild bei eingehender Lektüre dieser Seiten auf –, das ist, daß das Leben dorthin nur auf Wegen zurückkehrt, die immer dieselben sind und die es einmal gut gebahnt hat. Was ist das – wenn nicht der wahre Sinn, der dem verliehen ist, was wir im Begriff Instinkt an Implikation eines Wissens finden? Jenen Pfad, jenen Weg, man kennt ihn, es ist das Wissen der Vorfahren. Und dieses Wissen, was ist das? – wenn wir nicht vergessen, daß Freud das einführt, was er selbst das Jenseits des Lustprinzips nennt, welch letzteres dadurch jedoch nicht umgekehrt wird. Das Wissen, das ist das, was bewirkt, daß das Leben an einer bestimmten Grenze zum Genießen hin innehält. Denn der Weg zum Tode – darum geht’s, es ist ein Diskurs über den Masochismus –, [18] der Weg zum Tode ist nichts anderes als das, was sich Genießen nennt. Es gibt ein uranfängliches Verhältnis des Wissens zum Genießen, und genau da wird das eingesetzt, was in dem Moment auftaucht, in dem der Apparat dessen erscheint, was es mit dem Signifikanten auf sich hat. Infolgedessen ist es vorstellbar, daß wir die Funktion jenes Auftauchens des Signifi- kanten damit [mit dem Genießen] in Zusammenhang bringen. Das reicht, so wird man sagen, müssen wir denn alles erklären? Und der Ursprung der Sprache, warum nicht? Jeder weiß, daß es, um ein Wissen korrekt zu strukturieren, nötig ist, auf die Frage nach den Ursprüngen zu verzichten. Was wir tun, indem wir dies hier artikulieren, ist im Hinblick auf das, was wir dieses Jahr zu entwickeln haben und was sich auf der Ebene der Strukturen pla- ziert, überflüssig. Es ist eine vergebliche Suche nach Sinn. Aber, wie ich bereits gesagt habe: tragen wir dem Rechnung, was wir sind. Ich fahre also fort. Im Verbund mit einem Genießen – und nicht mit irgendeinem x-beliebigen, zweifelsohne muß es opak bleiben 13 –, im Verbund mit einem Genießen, das unter allen andern privilegiert ist – nicht dadurch, daß es das sexuelle Genießen ist, denn das, was dieses Genießen bezeichnet dadurch, daß es im Verbund steht, das ist der Verlust des sexuellen Genießens, das ist die

12 Die Fakultät der Rechte, gelegen an der Place du Panthéon, ist nur wenige hundert Meter von der E.N.S. entfernt. 13 Transkript: auch wenn es opak bleiben muß

1

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Kastration – in bezug auf das, im Verbund mit dem sexuellen Genießen taucht in der Freudschen Fabel von der Wiederholung die Erzeugung von folgendem auf, das grundlegend ist und einem Schema Gestalt verleiht, das buchstäblich artikuliert ist: daß, insofern als S 1 , nachdem es erschienen ist – erstes Zeitmetrum –, sich bei S 2 wiederholt, woher im In-Bezug-treten das Subjekt auftaucht, etwas einen gewissen Verlust repräsentiert 14 , der jene Anstrengung wert ist, die man auf den Sinn hin gemacht hat, um seine Zweideutigkeit zu verstehen. Aus gutem Grund habe ich dieses selbe Objekt, das ich andererseits als das bezeichnet hatte, um das sich in der Analyse die gesamte Dialektik der Frustration organisiert, letztes Jahr die Mehrlust [plus-de-jouir] genannt. Das bedeutet, daß der Verlust des Objektes auch die Kluft ist, das Loch, das offensteht für etwas, von dem man nicht weiß, ob es die Repräsentation des Genieß-Mangels [manque à jouir] ist, der sich durch den Prozeß 15 des Wissens situiert, insofern es dort einen ganz anderen Akzent gewinnt dadurch, daß es von da an vom Signifikanten skandiertes Wissen ist. Ist es gar dasselbe? Der Bezug zum Genießen akzentuiert sich plötzlich 16 durch jene noch virtuelle Funktion, die sich die des Begehrens nennt. Aus diesem Grunde auch nenne ich Mehrlust das, was hier erscheint, und artikuliere es nicht mittels einer Durchbrechung oder einer Übertretung. [19] Man höre doch bitte mal ein klein wenig mit diesem Gestammel auf. Was die Analyse zeigt, falls sie etwas zeigt – ich rufe hier die, die da eine etwas andere Seele haben als die, von der man, so wie Barrès es vom Leichnam sagt, sagen könnte, daß sie stammelt –, ist ganz genau, daß man nichts übertritt. Sich einschleichen ist nicht übertreten. Eine angelehnte Tür sehen heißt nicht, durch sie hindurchzugehen. Wir werden die Gelegenheit haben, das, was ich gerade einführe, wiederzufinden – hier ist es nicht Übertretung, sondern viel eher Einbruch, Sturz ins Feld, von etwas, das zur Ordnung des Genießens gehört – ein Überschuß. Nun, selbst das, vielleicht ist es das, wofür man bezahlen muß. Aus ebendiesem Grund habe ich Ihnen letztes Jahr gesagt, daß bei Marx erkannt wird, daß das a, das da ist, auf der Ebene funk- tioniert, die sich – durch den analytischen Diskurs, nicht durch einen andern – als Mehrlust artiku- liert. Genau das entdeckt Marx als das, was auf der Ebene des Mehrwerts wirklich geschieht. Natürlich hat nicht Marx den Mehrwert erfunden. Nur kannte vor ihm niemand dessen Platz. Es war derselbe zweideutige Platz wie der, den ich gerade genannt habe, der der Zuviel-Arbeit, der Mehrarbeit. Wofür wird bezahlt? sagt er – wenn nicht genau für Genießen, das irgendwo hin muß. Das Störende daran ist, daß man, wenn man für es bezahlt, es hat, und dann, sobald man es hat, ist es sehr dringlich, daß man es verschwendet. Verschwendet man es nicht, dann hat das alle mögli- chen Konsequenzen. Lassen wir die Sache für den Augenblick in der Schwebe.

4

Was tue ich gerade? Ich beginne, Sie – einfach dadurch, daß ich ihn situiert habe – davon zu überzeugen, daß dieser vierfüßige Apparat mit vier Positionen dazu dienen kann, vier grundlegende Diskurse zu definieren. Nicht aus Zufall habe ich Ihnen gerade diese Form als erste gegeben. Nichts besagt, daß ich nicht auch von jeder andern hätte ausgehen können, beispielsweise von der zweiten. Es ist jedoch eine durch historische Gründe determinierte Tatsache, daß diese erste Form, die, die ausgehend von diesem Signifikanten gelesen wird, der ein Subjekt bei einem anderen Signifikanten repräsentiert, eine ganz besondere Bedeutung hat, und zwar insofern, als sie sich in dem, was wir [20] dieses Jahr darlegen werden, unter den vieren festmachen lassen wird als die Artikulation des Diskurses des Herrn. Der Diskurs des Herrn – ich denke, es ist überflüssig, Ihnen etwas über seine historische Bedeutung

14 Textetablierung nach dem Transkript.

15 Transkript: Progreß

16 Dieses Wort nur in der Version Seuil.

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DIE KEHRSEITE DER PSYCHOANALYSE · SITZUNG I (26.11.1969)

zu berichten, denn im großen ganzen sind Sie ja doch mittels jenes Siebes rekrutiert, das man das universitäre nennt, und von daher nicht ohne Wissen darüber, daß die Philosophie von nichts anderem spricht als davon. Noch ehe sie davon spricht, das heißt, noch ehe sie ihn bei seinem Namen nennt – zumindest bei Hegel, und von ihm auf ganz spezielle Weise illustriert, springt einem das in die Augen –, war es bereits offensichtlich, daß auf der Ebene des Diskurses des Herrn etwas erschienen war, das uns, was den Diskurs – so zweideutig er auch sein mag – angeht, betrifft und das sich die Philosophie nennt. Ich weiß nicht, bis wohin ich das das treiben könnte, was ich heute für Sie zu pointieren habe, denn wir dürfen nicht trödeln, wenn wir die vier Diskurse, um die es geht, alle durchgehen wollen. Wie heißen die andern? Ich werde es Ihnen sofort sagen, warum auch nicht – und wäre es nur, um Sie zu heiß zu machen. Der da, der zweite auf der Tafel, das ist der Diskurs der Hysterika. Das ist nicht sofort zu sehen, ich werde es Ihnen aber erklären. Und dann die zwei andern. Einer davon ist der Diskurs des Analytikers. Der andere – nein, ich werde Ihnen ganz bestimmt nicht sagen, was das ist. Wenn das heute einfach so gesagt wird, dann würde das zu zu vielen Mißverständnissen Anlaß geben. Sie werden sehen – es ist ein ganz und gar aktueller Diskurs. Machen wir also mit dem ersten weiter. Ich muß begründen, was es auf sich hat mit der Bezeichnung des algebraischen Apparats hier als dem, der die Struktur des Diskurses des Herrn lie- fert. S 1 , das ist, sagen wir, um schnell zu machen, der Signifikant, die Signifikantenfunktion, auf den bzw. die sich das Wesen des Herrn stützt. Andererseits erinnern Sie sich vielleicht an das, worauf ich letztes Jahr mehrmals den Akzent gesetzt habe – das dem Sklaven eigene Feld, das ist das Wissen, S 2 . Liest man die Zeugnisse, die wir vom antiken Leben besitzen, jedenfalls von dem Diskurs, der über dieses Leben gehalten wurde – lesen Sie dazu die Politik des Aristoteles –, dann läßt das, was ich vom Sklaven sage, nämlich daß er dadurch gekennzeichnet ist, daß er der Träger des Wissens ist, keinen Zweifel zu. In der Antike ist er nicht, wie unser moderner Sklave, einfach eine Klasse: er ist eine der Familie einbeschriebene Funktion. Der Sklave, von dem Aristoteles spricht, ist ebensosehr in der Familie wie im Staat, und [21] in der einen noch mehr als im anderen. Er ist es deshalb, weil er der ist, der über ein Gewußt-wie [savoir-faire] verfügt. Bevor man danach fragt, ob das Wissen sich weiß, ob man auf der Perspektive eines Wissens, das sich selbst völlig transparent ist, ein Subjekt gründen kann, ist es wichtig zu wissen, wie man das Register dessen ausquetscht, was, ursprünglich, Ge- wußt-wie ist. Was also ist das, was unter unseren Augen geschieht und der Philosophie ihren Sinn, einen ersten Sinn verleiht? – Sie werden noch andere geliefert bekommen. Dank Platon verfügen wir glückli- cherweise über Spuren davon, und es ist sehr wesentlich, sich daran zu erinnern, um richtig einord- nen zu können, worum es geht, und überhaupt, wenn etwas von dem, was uns umtreibt, einen Sinn hat, dann kann das nur der sein, die Dinge richtig einzuordnen. Was bestimmt die Philosophie in ihrer gesamten Evolution? Dies: der Diebstahl, der Raub, der Entzug des Wissens, die am Skla- ventum begangen werden durch die Operation des Herrn. Um das zu bemerken, genügt es, in Platons Dialogen ein wenig geübt zu sein, und Gott weiß, daß ich mich seit sechzehn Jahren darum bemühe, sie denen, die mir zuhören, zu vermitteln, diese Geübtheit. Unterscheiden wir zunächst das, was ich in diesem Fall die zwei Seiten des Wissens nennen möchte: die artikulierte Seite und jenes Gewußt-wie, das dem tierischen Wissen so verwandt ist, beim Sklaven aber absolut nicht jenes Apparates entbehrt, der daraus ein Sprachnetz macht, und zwar ein sehr gut artikuliertes. Es geht darum, zu bemerken, daß das, die zweite Schicht, der arti- kulierte Apparat, sich übermitteln läßt, was bedeutet: sich übermitteln läßt aus der Tasche des Sklaven in die des Herrn – vorausgesetzt, man hatte zu dieser Zeit Taschen.

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Genau da liegt die ganze Anstrengung, das freizulegen, was sich die episteme nennt. Das ist ein ulkiges Wort, ich weiß nicht, ob Sie je ernsthaft darüber nachgedacht haben – sich in eine gute Stel- lung bringen, alles in allem ist das dasselbe Wort wie verstehen*. Es geht darum, die Stellung zu finden, die erlaubt, daß das Wissen Herrenwissen wird. Die Funktion der episteme, spezifiziert als übermittelbares Wissen – lesen Sie Platons Dialoge –, ist, zur Gänze, stets den handwerklichen, das heißt den dienenden Techniken entlehnt. Worum es geht, das ist, aus ihnen die Essenz herauszuziehen, damit dieses Wissen Herrenwissen wird. Und dann verdoppelt sich das natürlich durch einen kleinen Rückstoß [choc en retour], der ganz das ist, was man einen Versprecher nennt, eine Wiederkehr [retour] des Verdrängten. Ja, aber, sagt der oder der, Karl Marx oder ein anderer 17 . Lesen Sie im Menon nach, den Moment, in dem es um die Wurzel aus 2 geht und darum, [22] daß sie nicht meßbar ist. 18 Es gibt da einen, der sagt: Schauen wir mal, der Sklave, er möge kommen, der liebe Kleine, ihr werdet schon sehen, er weiß. Man stellt ihm Fragen, Herrenfragen natürlich, und der Sklave antwortet auf die Fragen natürlich das, was diese Fragen bereits als Antworten diktieren. Man findet da eine Form von Spötterei. Es ist eine Weise, die Figur zu verhöhnen, die da schon wieder an den Herd zurückgekehrt ist. Man zeigt, daß der Ernst, die Absicht dabei darin liegt, sehen zu lassen, daß der Sklave weiß, jedoch nur, indem man es über diesen höhnenden Umweg eingesteht. Was man verbirgt, ist, daß es nur darum geht, dem Sklaven seine Funktion auf der Ebene des Wissens zu rauben. Um dem, was ich gerade gesagt habe, seinen Sinn zu geben, müßte man sehen – und diesen Schritt werden wir nächstesmal tun –, wie sich die Stellung des Sklaven in Hinsicht auf das Genießen arti- kuliert. Ebendies habe ich letztes Jahr bereits umrißhaft gesagt, und zwar in der Form eines pittoresken hint. Was man für gewöhnlich sagt, ist, daß das Genießen das Privileg des Herrn ist. Das Interessante dagegen ist – jeder weiß es – das, was, darin, es dementiert. Kurz, worum es hier geht, das ist das Statut des Herrn. Als Einführung heute wollte ich Ihnen bloß sagen, in welchem Maße uns dieses Statut, das auszusprechen sich für einen nächsten Schritt aufzuheben lohnt, zutiefst angeht. Es geht uns an, wenn das, was sich enthüllt und sich zugleich auf einen Winkel in der Landschaft reduziert, die Funktion der Philosophie ist. Angesichts des Raums, den ich mir gegeben habe und der dieses Jahr kürzer ist als in anderen, kann ich es zweifellos nicht entwickeln. Das hat aber keine Bedeutung; möge jemand dieses Thema wiederaufgreifen und daraus machen, was er will. Die Philosophie in ihrer historischen Funktion ist dieses Entziehen, fast würde ich sagen: dieser Verrat, am Wissen des Sklaven, um daraus die Transmutation in Herrenwissen zu erhalten. Heißt das, was wir auftauchen sehen als Wissenschaft, die uns beherrscht, sei die Frucht der Ope- ration? Auch da wieder stellen wir – und man muß sich wirklich nicht überstürzen – im Gegenteil fest, daß dem nicht so ist. Jene Weisheit, jene episteme, die aus allen möglichen Zuflüchten zu allen möglichen Dichotomien gemacht ist, hat nur zu einem Wissen geführt, das sich mit dem Wort bezeichnen läßt, das Aristoteles selbst dazu diente, das Wissen des Herrn zu charakterisieren – ein theoretisches Wissen. Nicht in der schwachen Bedeutung, die wir diesem Wort verleihen, sondern in der akzentuierten Bedeutung, die das Wort theoría bei Aristoteles hat. Eine eigenartige Sache. 19 Ich komme darauf zurück, denn für meinen Diskurs ist es der zentrale Punkt, ein Angelpunkt – erst an dem Tag, an dem, durch eine Bewegung des Verzichts auf dieses, wenn ich so sagen darf, unrecht erworbene Wissen, [23] jemand aus dem strikten Verhältnis von S 1 zu S 2 zum erstenmal die Funktion des Subjekts als solche extrahiert hat – ich habe Descartes genannt, Descartes, so wie ich glaube, ihn, nicht ohne Übereinstimmung mit zumindest einem bedeutenden Teil derer, die sich mit ihm beschäftigt haben, artikulieren zu können –, erst an diesem Tag wird die Wissenschaft geboren.

17 Transkript: ob nun Kallimachos oder ein anderer, kurz: Was bin ich da?

18 Dieses Beispiel bringt Lacan bereits im Séminaire II, Le moi dans la théorie de Freud

(1954/55); vgl. in der dt.

Ausgabe S.27 ff.; hier wie dort wird irrtümlich »Wurzel aus 2« für das korrekte »Wurzel aus 8« angegeben. 19 So im Transkript. Seuil: faute singulière / Transkript: chose singulière

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Es empfiehlt sich, den Zeitpunkt, zu dem die Kehrtwendung dieses Versuchs der Weitergabe [passation] des Wissen des Sklaven an den Herrn erscheint, von dem seines Neubeginns zu unter- scheiden, den nur eine bestimmte Art und Weise motiviert, in der Struktur jede mögliche Funktion der Aussage zu behaupten, insofern allein die Artikulation des Signifikanten sie [die Funktion] stützt. Dies als kleines Beispiel für die Aperçus, die Blitze 20 , die die Arbeitsweise, die ich Ihnen dieses Jahr vorschlage, Ihnen bringen kann. Glauben Sie nicht, dabei bliebe es. Was ich hier vorgebracht habe, stellt von dem Moment an, wo man es zeigt, zumindest jenen Cha- rakter des Augenöffnens für eine Evidenz dar: Wer kann leugnen, daß die Philosophie je etwas anderes gewesen ist als eine faszinierende Unternehmung zugunsten des Herrn? Am andern Ende haben wir den Diskurs Hegels und seine Ungeheuerlichkeit, genannt das absolute Wissen. Was kann das absolute Wissen eigentlich besagen, wenn wir von der Definition ausgehen, bezüglich deren ich mir daran zu erinnern erlaubt habe, daß sie grundlegend ist für das, was es mit unserem Vorgehen betreffend das Wissen auf sich hat? Von da werden wir nächstes Mal vielleicht ausgehen. Zumindest wird das einer unserer Ausgangs- punkte sein, denn es gibt noch einen anderen, der nicht geringer ist und der ganz besonders heilsam ist aufgrund der wahrhaft erdrückenden Ungeheuerlichkeiten, die man von den Psychoanalytikern hört betreffend das Begehren zu wissen. Wenn es etwas gibt, das die Psychoanalyse uns hartnäckig aufrechtzuerhalten zwingen müßte, dann, daß das Begehren zu wissen keinerlei Bezug zum Wissen hat – außer natürlich, wir begnügen uns mit dem schlüpfrigen Wort Übertretung. Eine grundlegende Unterscheidung, die aus Sicht der Pädagogik die äußersten Konsequenzen hat: Das Begehren zu wissen ist nicht das, was zum Wissen führt. Was zum Wissen führt, das ist – man wird mir gestatten, es mit mehr oder weniger Aufschub zu begründen – der Diskurs der Hysterika. Tatsächlich gibt es eine Frage, die man sich stellen muß. Der Herr, der jene Operation der Verschie- bung, der Kontenbewegung mit dem Wissen des Sklaven durchführt – hat er Lust zu wissen? Hat er das Begehren zu wissen? Ein wahrer Herr, wir haben es im allgemeinen gesehen bis in eine erst kurz zurückliegende Zeit, und man sieht das immer weniger, ein wahrer Herr begehrt überhaupt nichts zu wissen – er begehrt, daß es läuft. Und warum sollte er wissen wollen? Es gibt amüsantere Dinge. Wie ist es dem Philosophen gelungen, dem Herrn das Begehren zu wissen einzuflößen? Damit verlasse ich Sie. Das ist eine kleine Provokation. Wenn jemand das bis zum nächsten Mal herausbekommt, soll er es mir sagen.

20 Seuil: déjà perçu des éclairs / Transkript: des aperçus, des éclairs]

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IMPROMPTU 2 21 3. JUNI 1970

Ich bedauere, daß die – richtig gesagt: Vincennesche – Zuhörerschaft nicht zahlreicher ist, denn beim ersten Mal hatte sie mir einen Empfang bereitet, den ich warm nennen würde, und zwar in dem Sinne, daß es heiß hergegangen war. Ich habe das sehr gut gefunden. Ich war aufgewärmt von dort weggegangen Genau danach würde ich Sie gerne fragen. Ich erzähle Dinge, die, speziell dieses Jahr, die Kehr- seite der Psychoanalyse betreffen

Was ist da eigentlich los?

oder ich trete rein! Machen Sie Ihr Ding da aus, sofort, und verschwinden Sie!

Frage ist, wegen der ich zweimal nicht wiedergekommen bin, nämlich weil das Département de Psychanalyse sich erlaubt hat, in einem Text, von dem ich hier einen Abzug habe, auf dem Um- schlag zu reproduzieren: Département de Philosophie 22 . Nun bin ich, was meine Beziehungen zum Département de Philosophie anging, der Ansicht, daß diese Veröffentlichungs-Operation – denn auch die Sache, die hier passiert ist, hatte einen gewissen Wert, auf jeden Fall den, zu illustrieren, wovon ich spreche, wenn ich vom Dialog spreche, nämlich, wohl verstanden, daß der Dialog, daß es keinen gibt, daß das aber trotzdem etwas Lebendiges hatte: es ging heiß her! Das im Namen des Département de Philosophie 23 zu reproduzieren, das nenne ich Denunziation, denn als man es las, war es natürlich ein absoluter Blödsinn! Ich spreche von denen, die sich zu Wort gemeldet haben, denn ich, ich habe getan, was ich konnte, damit das so wenig blöd wie möglich sein sollte! Also, wo ist der Kerl, der das veröffentlicht hat und der heute wieder damit anfangen wollte? Wo ist dieser gewisse Bernard Nérigot, ich will ihn sehen! Sind Sie das? Sind Sie das? Na, Sie haben genau die Fresse, die ich mir vorgestellt hatte. Wieso ist das nicht im Namen des Département de Psychanalyse gemacht worden? Das ist obendrauf gedruckt worden! Das ist Denunziation! Genau damit versucht man Sie zu kriegen! Denn da kann man lesen: Das passiert tatsächlich am Département de Philosophie! Und heute haben Sie wieder damit angefangen, wie? Jeder macht’s in der Tat, wie’s ihm beliebt, und ich weiß, daß es im Moment ein Zeitvertreib in Paris ist, abends kleine Zusammenkünfte zu veranstalten mit »Es wird ein [Ton-]Band von Lacan geben«. Jedenfalls bedeutet das absolut nicht, daß das Département de Psychanalyse, das mit meinem Kommen zum Département de Philosophie nicht das geringste zu tun hatte, diese Veröffentlichung machen mußte. Und auch wenn in der Tat jeder das Recht hat, Tonbandaufnahmen zu machen, so hat doch nicht jeder das Recht, das, was ich hier sagen möchte, zu veröffentlichen. Nun, genau darum ging es hier einmal mehr! Es gab heute ein paar Dinge, die ich den Leuten von Vincennes zu sagen hoffte. Ich wollte mich zu- sammen mit ihnen danach fragen, was sie von den Dingen, die ich erzähle, verstehen können, ich spreche aus ihrer Position heraus, ihrer Position von Leuten, die am Centre Expérimental de Vin- cennes sind. Wie können sie diese Erfahrung nachempfinden? Was können sie [sich] davon erhof-

Nun, mein Bester, genau darum geht´s! Sie werden mir das ausmachen,

Weil das genau die

21 Das nachfolgende Protokoll ist nur im Transkript überliefert. Die Datumsangabe (3. Juni 1970) begünstigt den Schluß, daß es sich hier um ein von Miller entweder unterdrücktes oder ihm unbekanntes weiteres Impromptu am Centre Expérimental in Vincennes handelt, da der 3. Juni der erste Mittwoch in diesem Monat war. Von den angesprochenen Sujets her fügt sich der Text gut in die zeitliche Lücke zwischen den Sitzungen vom 20. Mai und 10. Juni 1970 ein. Auch E. Roudinesco verzeichnet (in: Jacques Lacan. Esquisse d´une vie, histoire d´un système de pensée, Paris 1993, S. 644; deutsche Ausg. S. 747) ein 2. Impromptu (betitelt »Des unités de valeur«, was inhaltlich zu dem hier wiedergegebenen Protokoll passen würde), jedoch unter dem 14. März 1970, was wenig wahrscheinlich ist, da dieses Datum nicht auf einen Mittwoch fiel. Ausgefallen wären demnach nicht, wie Roudinesco angibt, die »beiden letzten«, sondern die beiden mittleren Impromptus, die auf den 4. Februar bzw. 1. April 1970 gefallen wären.

22 Das Transkript hat hier Département de Psychanalyse, was jedoch nicht plausibel ist, wie Lacans weitere Ausführun- gen zeigen.

23 Siehe Anm. 2.

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fen? Denn was die Hoffnungen betrifft, so gibt es ganz sicher noch andere als Sie, die [sich] etwas erhoffen von den Resultaten des Centre Expérimental de Vincennes, und sogar innerhalb von Vincennes gibt es Leute, die [sich] etwas erhoffen, da gibt es eine große Vielfalt. Sehen wir mal, ich werde die Sache nicht ohne Anhaltspunkt machen. Heute morgen habe ich einen kleinen Text erhalten, der gestern zusammengehauen worden ist. Jemand war so freundlich, ihn mir zu bringen, mir diese Sache zu bringen, die sich nennt La Loi d´Orientation [etwa: Gesetz zur Richtungsbestimmung] 24 , das im Bulletin Officiel de l'Education Nationale steht. Hier der letzte Ab- satz des ersten Artikels: »Auf allgemeine Weise wirkt der Hochschulunterricht, die Gesamtheit des Unterrichts, der auf die Gymnasialzeit folgt, an der kulturellen Beförderung der Gesellschaft mit und ebendadurch an ihrer Entwicklung – Entwicklung zur Gesellschaft – zu einer größeren Ver- antwortlichkeit eines jeden Menschen für sein eigenes Schicksal.« Wie? Sehen Sie das? Ich, ich gestehe, daß ich mich nicht sicher fühlen würde, stünde ich an Ihrer Stelle. Die Entwicklung der Gesellschaft hin zu einer größeren Verantwortlichkeit, die also jedem Menschen für sein eigenes Schicksal hinzugefügt wird, denn es ist doch ziemlich merkwürdig, wenn man sieht, wie im selben Satz abgegangen wird von der Gesellschaft, die sich entwickelt dank der kulturellen Beförderung, von der wir schließlich zu sagen versuchen, wo sich das situieren kann. Sie werden also mehr und mehr verantwortlich sein für Ihr eigenes Schicksal, das genau ist die Bestimmung der Gesamtheit des Unterrichts, der auf die Gymnasialzeit folgt. Weil es eine derartige Mehrheit von Leuten gibt, die an mein Seminar gewöhnt sind, erlaube ich mir, hier ohne weiteren Kommentar einfach dieses kleine Schema hergesetzt zu haben, von dem ich meine, ich habe es als spezifisch für das hervorgehoben, was ich dieses Jahr vom Diskurs der Universität artikuliert habe.

S 2 a S 1 $
S
2
a
S
1 $

Dieses Schema bedeutet, daß das Wissen hier repräsentiert ist, durch dieses S 2 , das den Sinn hat, zu präzisieren, daß es Wissen nur als artikuliertes gibt. Selbst das intuitive Wissen muß dies sein, damit es die Konsistenz von Wissen hat, damit es verifiziert werden kann. Was es mit dem S 1 auf sich hat – genau das werden wir versuchen müssen zu sagen, und danach das, was es mit dem kleinen a auf sich hat, das auf derselben Zeile steht wie das S 2 . Das kleine a, das ist das, was, in diesem Diskurs der Universität, sich spezifiziert durch ein Objekt, von dem ich seit kurzem zu zeigen versuche, welche wesentliche Funktion es in jeder Diskurswirkung hat. Bezüglich dieses kleinen a stelle ich die Verbindung her zwischen dem, was im analytischen Dis- kurs zu artikulieren erlaubt, was man das Begehren nennt, und etwas, das als seine Ursache gesetzt ist, abgesehen davon, daß diese Ursache eigentlich nur dadurch gefunden werden könnte, daß man sich am Ort des Andern situierte, nämlich daß das, was die Psychoanalyse aufdeckt, ist, daß unser Begehren, das, was uns, obgleich nur wenig greifbar, so erscheint, als sei es trotzdem unser Al- lereigenstes, daß wir deswegen an das angehängt sind, was ich den Ort des Andern nenne, insofern sich dort, durch Bestimmung und weil es nur dort einschreibbar ist, all das einschreibt, was sich artikuliert. Damit will ich sagen, daß es ausgeschlossen ist, daß irgend etwas eine geschriebene Form anneh- men könne außerhalb dieses Ortes, der nicht neutral ist, der bewohnt ist, der nicht von jemand x- Beliebigem bewohnt ist, der vor allem bewohnt ist von dem, was man sich am Horizont der Zeiten dessen vorstellen muß, was ein erstes Wissen ist, jenes erste Wissen, bei dem man Einbruch [irrup-

24 La Loi d´Orientation vom 12. November 1968, das die Reorganisation des Hochschulwesens einleitete, beinhaltete die Auflösung der alten Strukturen (Fakultäten, denen ein Dekan vorstand) durch die Bildung sogenannter UER (Unités d’enseignement et de recherche = Lehr- und Forschungseinheiten), zu denen sich die Lehrenden zusammenschließen sollten. Aus den UER entstanden neue Universitäten, u.a. die Aufteilung der alten »Sorbonne« in die Université de Paris I-XIII, mit formeller Autonomie und Mitbestimmung durch die Studierenden und das technische Personal.

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tion] macht, Biß, ich behaupte: indem man aus ihm Nutzen zieht, es ausbeutet

vom Mann mit dem Tonbandgerät 25 ). Ich werde Ihnen noch ein weiteres Mal zusammenfassen, was Ihnen zu sagen ich die Absicht hatte. Es tut mir leid, daß ich die anderen Auszüge aus dem Gesetz zur Orientierung, die ich hervorgehoben habe, übergehen muß, gleichwohl aber bleibt es nicht aus, daß es gesammelt werden muß: »Lehrende und Forschende genießen volle Unabhängigkeit, vollständige Freiheit des Ausdrucks in Ausübung ihrer Lehrfunktion und ihrer Forschungstätigkeit, unter dem Vorbehalt, den ihnen, entsprechend den universitären Traditionen und den Bestimmungen des vorliegenden Gesetzes, die Prinzipien der Objektivität und der Toleranz auferlegen.« Was ich Ihnen heute sagen wollte, war eine erste Anmerkung zu dem, was die Objektivität aus- macht, da wo Sie sind, denn das, was Sie hier in diesem Tableau vorstellen, das, was, eigentlich gesagt, die Stütze ist, das ist das Objekt a. Das Objekt a – wenn die Analyse die Praxis ist, die er- laubt hat, seinen Charakter des irreduziblen Residuums hervorspringen zu lassen in allem, was durch die Sprachwirkung gefangen ist, dann wirklich, um zu zeigen, daß es keine kleine Sache ist und daß es überhaupt nicht zufällig ist, daß Sie sich ganz genau als diejenigen [wieder]finden, die in das Feld des Diskurses der Universität eintreten, hier wesentlich eintreten in der Eigenschaft von so vielen Objekten a, wie Sie sind, weil Sie nichts dafür können, daß Sie nicht diejenigen sind, durch die eine Geschlechterlinie von Erzeugern Sie ganz oben einpflanzt, sondern von der Sie zum Glück nur die zwei oder drei letzten Generationen kennen müssen. Gerade aufgrund dessen, daß Sie alle miteinander, wie Sie da sind, dazu verurteilt worden sind, das Loch zu stopfen, sind Sie, die zwei oder drei letzten Generationen, die Ursache ihres Begehrens. Genau in dieser Eigenschaft werden Sie als Gegenstände der Hoffnung projiziert, weil man anders nicht definieren kann, daß Sie die Fortsetzung der Gymnasialzeit sind, wobei die Gymnasialzeit selbst die Vorbereitung für diese Fortsetzung ist, anders gesagt die Periode, in der man versucht hat, Sie zu formen, um Sie zugänglich zu machen für die Funktion, die Sie hier einnehmen werden auf der Ebene des Hochschulunterrichts. Im Moment hat die Objektivität, um die’s hier geht, Gestalt angenommen. Objektiv sind Sie, jeder von Ihnen auf individuelle Weise, eine Werteinheit [unité de valeur]. Kleines va-va, kleines leur- leur, jeder von Ihnen ist eine Werteinheit. Sie sind gewertet [valeurés]. Vor so vielen Werteinheiten geziemt es sich, sich zu verbeugen! Das Besondere an dieser Reform der Universität ist, daß sie klarmacht, worum es geht. In der Uni- versität gab es, wie man sagt, ein Unbehagen, ein Unbehagen, das sich etwas schuldete, das in der Ordnung einer eigenartigen sozialen Schaukel steht. Zum Beispiel – ich rede Klartext – sagt sie, daß das, worum es geht betreffend diese Bande [troupe], mit deren Formung man sich im Hochschulun- terricht befaßt, daß es also zehnmal zu spät ist. Sie verstehen: Wenn man im Hochschulunterricht ist, dann muß man nicht mehr geformt werden, dann ist man mehr als ober-geformt! Als Objekte sind Sie Werteinheiten, und als Objekte klein a – wie man Ihnen in Erinnerung ruft: die Prinzipien der Objektivität und der Toleranz, so sagt man –, als Objekte a toleriert man Sie! Genau über diesen Punkt hätte ich Ihnen heute gern einiges gesagt. Mit anderen Worten, ich hätte gern versucht, Sie zu desorientieren. Ganz sicher werde ich gezwungen sein, zum ersten Ansatz dessen zurückzukehren, was zu sagen ich fortfahren werde an der Fakultät der Rechte. Ich werde Ihnen das Gerüst dessen liefern, was in meiner nächsten Aussage wiederholt werden wird. Ich werde es kommentieren mit Unterstützung dessen, was ich heute ein wenig für Sie vorbereitet hatte. Es gibt etwas, das die Funktion definiert, die oben links nacheinander durch einen der vier Buch-

(folgt die Episode

25 Im Frühjahr 1969 war einem der Herausgeber von Les Temps modernes anonym ein Manuskript zugesandt worden mit dem Titel Dialogue psychanalytique (in: Les Temps modernes, Nr. 274, April 1969, S.1824-1840; dt. in: Kursbuch 29, 1972, S.27-34). Es stellt die (bearbeitete) Transkription des Mitschnitts einer Analyse-Sitzung vom November 1967 dar, in deren Verlauf der Analysant den Diskurs seines Analytikers als repressiven Herrschaftsdiskurs zu entlarven versucht. Gegen den Widerstand der Redaktion, der auch J.-B. Pontalis angehörte, beschloß Sartre, das Dokument, versehen mit einem eigenhändigen Vorwort und Entgegnungen von Pontalis u. Bernard Pingaud, zu veröffentlichen.

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staben unserer Algebra besetzt wird. Diese Funktion führt uns grundlegend in das ein, was es mit

dem Diskurs des Herrn auf sich hat. Der Diskurs des Herrn, das ist ein komisches Ding. Es ist sehr merkwürdig, daß man sich nicht mehr bei der Tatsache aufhält, daß das, was den Diskurs des Herrn einrichtet, installiert, unterhält – daß ganz und gar ausgeschlossen ist, daß das die Gewalt ist, weil diejenigen, auf die dieser Diskurs angewandt wird, trotz allem die übergroße Mehrheit bilden. Es ist absolut nicht zu sehen, warum der Diskurs des Herrn dem standhalten sollte. Der Diskurs des Herrn, das ist ein diskursives Faktum. Und zwar deshalb, weil der Signifikant als Herrensignifikant fungieren kann. Ebendas wird vor uns mehr und mehr getarnt aus dem Grund, daß, weit davon entfernt, daß dieser Diskurs durch all die Versuche, die glauben, sie seien subversiver Natur, auch nur im allermindesten erschüttert würde, ermessen Sie gleichwohl, was Sie mit Händen greifen können: in welchem Ausmaß – in bezug auf das, was Sie sich von der Vergangenheit vorstellen können – gerade die Gewalt stets da ist, also manifest und immer überwältigender, um jetzt effektiv den Diskurs des Herrn zu stützen. Schon während ich heute hierher gekommen bin, um Sie zu sehen, bin ich 36 Wagen begegnet, die

ganz allein schon von der Masse der Gewalt zeugen

Das ist ein falscher Anschein. Darauf gekommen ist man nur aufgrund der Tatsache, daß das mit etwas ganz anderem angefangen hat, etwas, das wirklich der Signifikant des Herrn war, der Signifi- kant S 1 , insofern als er es ist, der all das beschleunigt, integriert, polarisiert, was sich in der Welt an so Kostbarem finden läßt, nämlich dieses immense menschliche Wissen, das sich gefangen, einge- zwängt findet in dieser Bewegung, die inauguriert worden ist durch die Einrichtung des Diskurses des Herrn. Man darf sich von diesen Entfaltungen der Gewalt nicht beeindrucken lassen. Natürlich ist das eine Konsequenz aus der Tatsache, daß der Herr, daß ihm ein paar Sachen passiert sind. Insbesondere ist ihm passiert, daß der Apparat des Wissens ganz langsam auf ihn zugeglitten ist. Ebendas nennt man die Wissenschaft, die Wissenschaft, die überhaupt keine Angelegenheit des Fortschritts der Erkenntnis ist, sondern etwas, das funktioniert, das insbesondere zum Vorteil des Diskurses des Herrn funktioniert. Genau das ist das Ansehen, das bewirkt, daß das, was es mit der Universität auf sich hat, immer noch standhält; denn das, was die Universität, historisch gesehen, stützen soll, ist etwas, das unter den gegenwärtigen Bedingungen unfähig ist standzuhalten. Die Vorstellung von dem Wissen, das die Summe all dessen wäre, was sich ernten läßt aus den verstreuten Erinnerungen, das Treibgut, die Dinge, die umhertreiben, die gerade passiert sind, die man kulturelle nennt, das hätte schon vor langer Zeit ausgedient, würde sich jetzt nicht herausstellen, daß es durch diesen funktionierenden Apparat gestützt wird, der dort alles hineinbringt, was an Wissenschaftlichem er zu stützen vermag – ich spreche von jenem alten menschlichen Diskurs. Das, was an Wissenschaftlichem er zu stützen vermag, das sind die Methoden des Katalogisierens, des Klassifizierens. Und im Namen dessen wahrt dieses alte Wissen einfach so den Anschein, es hielte stand. Und aus Gründen, die nichts mit der Stärke dieses Diskurses zu tun haben – einige Leute sind als Studenten hier, das heißt, sie beeilen sich anerkannt zu werden in dieser Gesellschaft, die im Begriff ist, mit Riesenschritten davonzurennen, nämlich ganz schnell ihre Grundfesten abzuwerfen –, gehen die Werteinheiten dort fortschreitend von einem Gebrauchs- in einen Tauschwert über. Was auch immer Sie wollen mögen, Sie sind prädestiniert dazu, in dieser kleinen Mechanik dieselbe Rolle zu spielen wie alles, was es in der kapitalistischen Gesellschaft mit dem Objekt a auf sich hat, nämlich als Mehrwert zu funktionieren. Sie sind wahre Werte in dem Sinne, daß Sie Teil dieser Bewegung sind, der Zahlenbewegung, die den Tauschmodus stützt, den Modus des Marktes, der die kapitalistische Gesellschaft bildet. Nur, ein inkarnierter Mehrwert zu sein ist etwas anderes, als ein zählbarer Mehrwert zu sein. Wenn man ein inkarnierter Mehrwert ist, dann addiert sich diese Sammlung. Die Werteinheit, das erzeugt ganz sicher Dinge, nämlich ein Unbehagen, von dem Sie Unrecht hätten zu glauben, ich würde seine Reichweite auf einige Schreiereien begrenzen, die ich hier höre. Denn offen gestanden sind

!

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die Dinge, die ich Ihnen gerade sage, sehr ernste Dinge, und sie sind – natürlich auf einer anderen Ebene als dieses Gekreische – so geartet, daß sie die Gesellschaft, um die es geht, nämlich die kapitalistische Gesellschaft, ganz ernsthaft in Frage stellen. Wenn ich die Zeit hätte, dann würde ich zeigen, daß das, was passiert, etwas Wichtiges hervorhebt, nämlich das, was Sie ausdrücklich zu beweisen beauftragt sind, was Sie tatsächlich zu beweisen beginnen – natürlich auf andere Weise als durch Gekreische: nämlich, daß Sie, was die Massen an- geht, auf rein gar nichts zählen können, so wie der gesamte Fortschritt der Geschichte es Ihnen zeigen kann, denn stellen Sie sich vor, daß, wenn es tatsächlich so ist, daß sich in der Masse bis- weilen Revolutionäre finden, daß man sie dann eher findet, wenn die Massen als Massen organisiert sind. Bis zu diesem Augenblick sind die, die die Revolution gemacht haben, Rebellen. Es sind die Matrosen von Kronstadt. Nun, vielleicht gibt es im Augenblick tatsächlich welche, die gewissermaßen den Auftrag haben, das zu beweisen. Nichts besagt, daß ihnen nicht auch irgend etwas glücken wird – was, weiß man nicht. Womit sie im Augenblick zu tun haben, ist, daß das, was Freud in Massenpsychologie und Ich-Analyse zeigt, nämlich daß das, was die Masse produziert, die Idealisierung ist, die imaginäre Idealisierung. Sie reproduziert ganz genau das Wiedererscheinen des Diskurses des Herrn. Ebendeswegen werde ich, wenn man versucht, Freud mit Marx in Verbindung zu setzen – ich bin aber nicht der einzige, der diese Haltung einnimmt, die ich äußere –, dazu gebracht, daß ich frot- zele. Denn wenn es in der Tat etwas gibt, das Freud beiträgt, dann ist das etwas über Marx hinaus, und insbesondere etwas, das zu sehen erlaubt, warum, nach der Wirkung, der von Marx' Diskurs getragenen Wirkung sich, was die Stabilität des Diskurses des Herrn angeht, nichts geändert hat. Nun, es geht darum zu sehen, was Ihnen von der Ebene des Objekts klein a, das Sie bilden, nämlich von der Seite her, wo das seine Inzidenz in einen Diskurs hat, angeboten wird. Genau das werde ich heute nicht weitertreiben können, ich werde es aber in meiner nächsten Sitzung fortsetzen mittels zweier Begriffe, die ich bisher noch nicht vorgebracht habe. Diese beiden Begriffe heißen das Unmögliche und das Unvermögen. Das ist nicht das gleiche. Wie durch Zufall wird das Un- mögliche, stellen Sie sich das vor, im Diskurs Freuds in den Vordergrund gestellt, herausgehoben, ins Licht gerückt, und zwar ganz genau bezüglich des Analysierens*. Es ist einer dieser unmöglichen Berufe*, zu denen er das Regieren* gesellt sowie das, was uns interessiert, die Formung der Menschen, das Erziehen. Das Unmögliche, so habe ich geäußert, ich, Lacan, das Unmögliche, das ist das Reale. Falls Sie finden, das sei nicht ausreichend bewiesen durch die Tatsache des Regierens, Großziehens, Erzie- hens, des Analysierens auch – warum nicht? Man läßt nicht ab davon – das ist das Reale. Das, worum es geht, das Gelenk, mittels dessen die Wissenschaft sich mit etwas verbinden kann, das Sie betrifft, ist genau das: daß dieses Unmögliche als solches bewiesen werde, ich sage: bewiesen. Damit meine ich, daß das, was uns die Befragung der Sprache einbringt, folgendes ist: Daß wir merken, daß die Mathematik, daß die Logik, die aus ihr hervorgeht, uns hier einmal mehr nicht im Stich lassen. Genau das beweisen sie, daß, gerade indem sie uns nicht fehlgehen läßt dabei – denn man sollte nicht fehlgehen –, die Wahrheit zu suchen, sie in das Gestell der Sprache zu bringen, sie zu formalisieren, die mathematische Logik uns lehrt, uns diesen Schritt tun läßt, daß etwas Un- mögliches darin liegt, in einem beliebigen System und selbst auf einem bestimmten gehobenen Niveau – man kann nicht sagen, daß die Arithmetik zu gehoben wäre –, als wahr zu beweisen, daß etwas Unmögliches darin liegt, das Wahre zu beweisen. Da genau haben wir das Reale. Die Wahrheit, vertrauen Sie nicht auf sie, sie hat Bezug zu was? Sicher nicht zum Wissen, sondern gerade zu diesem Realen. Sie war die Art und Weise, sich auf dieses Reale hin zu orientieren, so- lange man keine andern Mittel hatte. Ebendeshalb läßt sie sich nur durch ein Halb-Sagen überset- zen. Ganz sicher, es ist da, an ihrem Platz, dieses Ding, das die Rolle der Wahrheit spielt in dem, was ein Wissen sein könnte, ein an seinen Platz gesetztes Wissen. Dieses Ding ist der S 1 des Dis- kurses des Herrn. Jeder kann die Probe darauf machen, daß genau da all das liegt, was mittels eines bestimmten Wis-

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sens das Reale stützt, und genau damit habe ich angefangen, indem ich sagte, daß die Wissenschaft das ist, was den Diskurs des Herrn konstituiert, ihn an der Macht hält. Und genau da liegt die Falle, die Ihnen gestellt ist, wenn Sie sich faszinieren lassen durch diese Wahrheit, denn das ist eben nur die Hälfte davon. Es ist eine Seite, es ist das, was das Halb-Sagen der Wahrheit notwendig macht. Und das, was Sie zu prüfen haben, ist folgendes: Es steht nicht auf der Seite dessen, was verborgen ist unter diesem satzungsgemäßen, a-cephalen Wissen – schreiben Sie das, wie Sie wollen –, dem Wissen, in dem sich – und sie ist nicht im Begriff, am Boden zu liegen – die Universität darstellt. Unter diesem Apparat, dieser Satzung, dieser Übertragung [collation], dieser Imagination eines instituierten Wissens spürt man, ganz sicher, daß es ein wenig knirscht. Man läßt die Leine locker auf der Seite des Humanismus, ja, sogar der Menschlichkeit. Glauben Sie mir, dem Apparat wird’s deshalb nicht schlechter gehen, zumindest noch eine ganze Weile lang. Was von Ihnen verlangt wird, von Ihnen, die Sie in der Tat an einem Platz stehen, der der des Andern ist, das ist, zu produ- zieren, etwas zu produzieren, das dieser Angelegenheit zu Hilfe kommt. Das, was Sie produzieren müssen, das steht da, unten rechts, es nennt sich: die Kultur. Man hat es Ihnen gesagt: kulturelle Beförderung des Gesellschaft. In dem ganzen Maße, in dem Sie irgendwelche angenehmen Schwafeleien zu produzieren wissen werden, werden Sie das System ernähren. Denn genau dahinter verschanzt sich die Unmöglichkeit:

daß sie ein Unvermögen zeigt in dem ganzen Maße, in dem Sie dieser Verhaftung nachgeben, in dem Sie wie junge Hunde herumspringen. Ich staune darüber, daß es so jemanden, wie es ihn früher mal gegeben hat, heute nicht mehr gibt. Es gibt bereits einen gewissen Goethe, der davon ge- sprochen hat bezüglich eines Hundes, den er Studenten-Scholar* nennt 26 , das wahre Tier, geformt durch die Studien, von denen er sprach, wie Sie sich zuweilen vielleicht erinnern. Nun, es gibt kei- nen Hund, aber bilden Sie sich nicht ein, Sie würden, indem Sie sich einfach so auf die Jagd nach all dem machen, was Ihnen Ihre Empörung nahelegt, nicht dem System dienen. Im Gegenteil, Sie ernähren es! Was Sie möglicherweise tun müssen, das ist, sich ganz eng an die Unmöglichkeit zu halten. Genau so kann der eine oder andere – um nicht zu sagen: alle, denn sicherlich sind nicht alle für diese Funktion bereit –, genau so kann der eine oder andere das vollenden, was wirklich die Bezeichnung Revolution verdient hinsichtlich des Diskurses des Herrn. Es ist die Vollendung der Drehung. Will sagen, daß, anar oder nicht, es besser für Sie wäre, ana zu sein, ohne r, anders gesagt, Analytiker zu sein, anders gesagt, in der Stellung zu sein, danach zu fragen, was es mit der Kultur auf sich hat, wenn sie in der Herrenposition ist. Sie haben Ihre Zeit nicht zu verlieren, während Sie hier sind, am Centre Expérimental oder an- derswo. Sie haben nicht Kultur zu produzieren, Sie haben eine Stufe niedriger zu suchen, das Weniger eher als das Mehr, nicht die Wahrheit, [sondern] das Unmögliche des Realen. Genau daran heften sich die Besten unter Ihnen, die, die gerade deshalb nicht da sind, weil sie im Knast sitzen, genau daran heften sie sich. Es geht darum, wahrhaftig dem ins Gesicht zu sehen, was es mit einem Apparat auf sich hat, einem Funktionieren und einem Realen. Dieser Weg ist, eigentlich gesagt, eben nur hierdurch zu bewerkstelligen, nämlich als Ursache des Begehrens, Ursache dessen, was sogar namens des Amtes [de par l’office] dessen fehlgeht, was in der menschlichen Tätigkeit als das höchste erscheinen kann, nämlich diese Funktion der Sprache in jenem Apparat der Wissenschaft dessen, womit Sie zu tun haben, hier und jetzt. Was tue ich anderes als das, aber auch nicht mehr als das, wenn nicht, daß ich versuche, daß Leute entstehen, die sich zu halten wissen in dieser Stellung des Analytikers, aus der heraus tatsächlich und allein das vollendet, das zurückgedreht werden kann, was ich die Drehung des Diskurses des Herrn genannt habe. Denn schließlich, wenn Sie hier mein kleines Schema modifizieren, um es durch das des analyti- schen Diskurses zu ersetzen, dann ist das, was Sie sehen werden, wenn das kleine a in die Position oben links übergegangen ist, was? Etwas, das sich, unten rechts, produzieren wird: Es ist der S 1 , den Sie da wiederfinden werden, nämlich ein neuer Herrensignifikant.

26 Nämlich den als Pudel auftretenden Mephisto in Faust, 1. Teil, V 1174-77.

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Ich bin verdammt kein Progressist, da das, was ich Ihnen erkläre, ist, daß man sich im Kreis dreht. Man dreht sich zwar im Kreis, aber man wechselt die Stufe. Wenn der Schritt dessen getan sein wird, was es tatsächlich mit der Inzidenz eines analytischen Diskurses auf sich haben kann, wird ein neuer Kreis beginnen können, der zweifellos nicht so, wie wir vielleicht vermuten, den ganzen Apparat zum Verschwinden bringt, auf den wir uns in dieser Demonstration gründen, der aber, nach einer Drehung, vielleicht wirklich eine Entriegelung, eine Umstellung durchsetzt. Der Her- rensignifikant wird dann vielleicht ein bißchen weniger blöde sein. Seien sie sicher, daß er, wenn er ein bißchen weniger blöde ist, ein bißchen unvermögender [impuissant] sein wird. Das wird, absolut gesprochen, kein Fortschritt sein. Es wird bewirken, daß das, was Sie getan haben werden, einen Sinn haben wird, und um Ihnen zu sagen, woher das rührt, der Sinn, nun, werden Sie erwarten, daß ich ein bißchen weitergekommen bin in meinem Diskurs.

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