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5. Oktober 2005, 02:03, NZZ Online

Freud im Visier

5. Oktober 2005, 02:03, NZZ Online Freud im Visier Ein französisches «Schwarzbuch der Psychoanalyse» Schwarzbücher

Ein französisches «Schwarzbuch der Psychoanalyse»

Schwarzbücher sind in Frankreich en vogue. Am meisten diskutiert wurde in den letzten Jahren das von Stéphane Courtois herausgegebene «Livre noir du communisme» (NZZ 26. 11. 97), während das unter der Leitung von Marc Ferro 2003 veröffentlichte «Livre noir du colonialisme» weniger Aufsehen erregte. Auch Schwarzbücher über die Reform der Universität, das «Europa von Brüssel», die Werbung, Serienkiller und fliegende Untertassen finden sich im Buchhandel.

Seit kurzem ist nun ein «Livre noir de la psychanalyse» greifbar (Ed. Les Arènes, Paris 2005. 830 S., Euro 29.80). Der von der Verlegerin Catherine Meyer herausgegebene Sammelband sorgt einmal mehr für ein Aufflackern der mit hierzulande üblicher Heftigkeit, aber ohne eigentlich neue Argumente geführten «Diskussion» über die Psychoanalyse. Ziel der 33 europäischen und amerikanischen Autoren ist es, dem Freudianismus den Prozess zu machen. Freud sei ein geldgieriger Scharlatan, viele seiner angeblichen Heilungen seien gar keine solchen gewesen. Die Psychoanalytiker hätten in Frankreich in der Universität, in den Medien und in der Kulturwelt eine dominante Position erlangt. Einst von der psychiatrischen Orthodoxie verfolgt, seien sie heute ihrerseits selbstherrliche Wächter eines überholten Dogmas. Was Autismus, Homosexualität und Drogenabhängigkeit betrifft, so habe die Psychoanalyse mit «realitätsfremden» Positionen immense Schäden angerichtet, wenn nicht gar «Tausende von Menschenleben» auf dem Gewissen.

Seine Kritiker kreiden dem Schwarzbuch einen aggressiven Tonfall, faktische Fehler, mangelnde argumentative Stringenz sowie das Fehlen wirklich neuer Aspekte an. Tatsächlich wurden etliche Beiträge bereits publiziert oder resümieren bloss Veröffentlichungen in den Vereinigten Staaten (die dem grossen Publikum freilich zuvor weder auf Französisch noch in gesammelter Form zugänglich gewesen sind). Wie auch immer man zu ihm stehen mag: Das Schwarzbuch stellt ein Kompendium aller (legitimen und weniger legitimen) Kritiken gegen die Psychoanalyse dar.

Interessanter als der - schon wieder abgeflaute - Sturm im Wasserglas ist der Kontext, in welchen sich dieses neue Scharmützel der «Guerre des psys» einschreibt. Der französische «Krieg der Psys» (Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten und Psychoanalytiker), bei dem sich Anhänger von Freud und Lacan auf der einen Seite und Adepten der aus den USA importierten Verhaltens- und kognitiven Therapien auf der anderen gegenüberstehen, hat seit Ende 2003 eine neue Dimension erhalten. Damals schlug der Abgeordnete Bernard Accoyer vor, den bis anhin freien Gebrauch des Titels «Psychotherapeut» zu reglementieren. Die traditionell aller staatlichen Kontrolle abholden Psychoanalytiker sahen darin den Versuch, ihren Berufszweig dem Urteil der Experten und Regulierer zu unterwerfen. Es sei, so ihr Haupteinwand, unmöglich, den Grad der Effizienz einer Psychoanalyse «objektiv» und quantifizierbar zu bestimmen. Mit diesem Argument erreichten sie dann im Februar dieses Jahres den Rückzug einer umstrittenen Studie von der Website des Institut national de la santé et de la recherche médicale, welche auf die Überlegenheit der Verhaltens- und kognitiven Therapien gegenüber der Psychoanalyse schloss.

Die Publikation des Schwarzbuchs, von dem in kurzer Zeit über 23 000 Exemplare verkauft worden sind, stellt in den Augen der Psychoanalytiker eine neue Offensive ihrer Gegner dar. - Der Kampf um den zukunfts- und gewinnträchtigen Markt der seelischen Leiden und ihrer Therapien scheint erst zu beginnen.

Marc Zitzmann

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