Sie sind auf Seite 1von 21

NIET DOORGEVEN AAN ANDEREN OP DIT BOEK RUST NOG COPYRIGHT!

NIKOLAI BELOZWETOFF

DIE ANTHROPOSOPHIE

ALS PHÄNOMEN

und Rudolf Steiners wiederholte Erdenleben

Eine esoterische Betrachtung

ACHAMOTH VERLAG STUTTGART

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck - auch auszugsweise - nicht gestattet.

Achamoth Verlag, Stuttgart, 1981.

Printed in Germany

Vorrede des Herausgebers.

ISBN 3-923302-00-2

Die vorliegende Betrachtung von Nikolai Belozwetoff aus ein Jahr 1938 setzt beim Leser die Kenntnis vielfältiger zusammenhänge aus der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners zu ihrem Verständnis voraus, wie vom Kenner der Anthroposophie für ihre Aufnahme die Fähigkeit der Unbefangenheit erworben sein sollte.

Über die Individualität Rudolf Steiners wurden und werden bis in die Gegenwart Vermutungen angestellt oder versuche unternommen, aus persönlichen Mitteilungen Lebensläufe zu statuieren. Allen diesen Versuchen liegen Teilwahrheiten zugrunde - sie berücksichtigen jedoch nicht, daß sich diese Individualität meist nur partiell und für begrenzte Zeiten inkorporierte und deshalb mit der jeweils in Frage stehenden Persönlichkeit nicht identifiziert werden kann. Dieser Tatbestand wäre längst bekannt, wenn die wenigen aus eigenen geistigen Fähigkeiten Forschenden damit hätten

rechnen können, daß ihren Einsichten und Erkenntnissen wenigstens die erwähnte Unbefangenheit entgegengebracht worden wäre.

[5]

Aber es ist an der Zeit, daß aus solchen Zusammenhängen einiges bekannt wird. Nikolai Belozwetoff ist- neben seinem mit ihm tief verbundenen Freund Valentin Tomberg einer dieser ganz Wenigen, die Rudolf Steiner als den, der er ist, erkannten. Er erinnerte sich wieder an ihn als seinen Lehrer, der er bereits in früherer Zeit für ihn gewesen ist und den er auch damals erkannte.

29. September 1981

[6]

Willi Seiß

Kurzbiographie über den Verfasser.

Der Dichterphilosoph Nikolai Belozwetoff ist am 3. Mai 1892 in St. Petersburg (Leningrad) in Rußland geboren.

Sein Vater, Nikolai Belozwetoff, dessen ältester Sohn er war, stammte aus einer alten orthodoxen Priesterfamilie und war dem Blute nach ein reiner Russe.

Seine Mutter, Barbara geb. Theakston, stammte väterlicherseits von einem alten englischen Geschlecht ab. Ihre Vorfahren verließen im 18. Jahrhundert England und zogen nach Rußland an den Hof der Kaiserin Katharinader 11. Seitdem sind sie in Rußland geblieben.

Zu seiner russisch-englischen Herkunft, die bei emdic ter auch in seiner Sprache zum Ausdruck kam, gesellte sich eine deutsche Erziehung hinzu.

Sein Vater, der damals General-Direktor der russisch deutschen Versicherungsgesellschaft «Salamander» war, ließ seinen ältesten Sohn auf die deutsche Schule der Reformierten Gemeinden in Petersburg gehen, welche er im Jahre 1909 abgeschlossen hatte. Daraufhin besuchte er die philosophische Abteilung der Petersburger Universi- [7] tät, da er schon seit seiner Kindheit eine große Neigung zur Philosophie und Poesie zeigte.

Nikolai Belozwetoff, der in einem sehr reichen Hause aufgewachsen ist, fühlte sich schon seit frühester Jugend zur Geistigkeit hingezogen. Deshalb war er auch für die Anthroposophie aufgeschlossen. Die materiellen Werte bedeuteten ihm recht wenig. Früh befaßte er sich mit ernsten geistigen und religiösen Fragen. Sehr tief berührte ihn auch das menschliche Leid und die sozialen Mißstände im russischen Volke, mit dem er sich sein ganzes Leben sehr verbunden fühlte.

Seine besondere Liebe galt der gesamten Natur und der russischen Erde, die er so lebendig erlebte.

Oft ritt er in den weißen Nächten allein durch den väterlichen Birkenwald und philosophierte. So entstanden auch seine ersten Gedichte.

Die Musik bedeutete ihm sehr viel. Wie ein Pianist beherrschte er das Klavier. Die Komposition interessierte ihn am meisten. So stand er in seiner Jugend vor der Wahl, entweder den Weg eines Komponisten oder den eines Schriftstellers und Philosophen zu gehen. Er hat sich für das Wort entschieden.

[8]

In seiner jugend war Belozwetoff ein begeisterter und vielseitiger Sportler und besaß recht viel Humor.

Im Jahre 1911 erschien seine erste philosophische Abhandlung «Das Problem des fremden Beseeltseins».

Danach wurde im Jahre 1915 sein philosophisches Credo «Die Religion des schöpferischen Willens» veröffentlicht.

Zu dieser Zeit trat er als Freiwilliger in die Michäel-Artillerieschule ein, die er 1916 beendete. Dies tat er, um anderen gegenüber kein Privileg zu haben.

«Welt und Mythos» schrieb er in allen möglichen und unmöglichen augenblicken als artillerie offizier des Ersten Weltkrieges. Wegen einer Gasvergiftung bei Dünaburg kehrte er im November 191 7 nach Petersburg zurück.

Die folgenden drei schicksalsschweren Jahre, die er zeitweise auch in Moskau verbrachte, hinderten ihn an der weiteren Veröffentlichung seiner literarischen Arbeit. Erst später im Jahre 1921 konnte er, nachdem er in Berlin seinen Wohnsitz als Emigrant gewählt hatte, einzelne Kapitel aus seinem großen Roman «Michael» veröffentlichen.

[9]

Wie in Rußland so auch später im Auslande verkehrte Nikolai Belozwetoff in literarischen und künstlerischen Kreisen.

Schon in Rußland hielt er seine ersten anthroposophischen Vorträge.

Mit großer Verehrung und Liebe begegnete er seinem Lehrer Rudolf Steiner, dem er sich stets auf das tiefste verbunden fühlte. So hat er auch Schriften Rudolf Steiners ins Russische übersetzt, u.a. auch seine Mysteriendramen.

1920 flüchtete Nikolai Belozwetoff in einem Ruderboot über den Finnischen Meerbusen ins Ausland. Es folgten Wanderjahre und auch zahlreiche Reisen, bei denen er Vorträge hielt.

Die ersten 12 Jjahre nach seine Flucht verbrachte er in Berlin. Dort konnte er seine literarische Arbeit fortsetzen. In diesen Jahren hielt er sehr viele Vorträge und trug auch bei öffentlichen Veranstaltungen und in intimen Kreisen seine Gedichte und dramatischen Werke vor. Nie benötigte er ein Konzept, wenn er über historische, philosophische, geisteswissenschaftliche, theologische sowie zeitnahe Themen sprach. Seine lebendigen Gedanken waren aus den Tiefen des Geistes geboren und stellten nie eine Im- [10] provisation dar. Seine Zuhörer wurden dadurch tief bewegt.

Meistens bildete sich um ihn ein Kreis von Freunden, die verschiedenen Nationalitäten, Weltanschauungen und Konfessionen angehörten.

lm jahre 1925 ist seine russische Übersetzung von Angelus Silesius erschienen «Der cherubinische Wandersmann».

Es folgte 1930 im Slowo Verlag die Herausgabe seines ersten selbständigen russischen Gedichtbandes «Wilder Honig».

Im Frühjahr 1933 verließ Nikolai Belozwetoff Berlin und verbrachte die folgenden acht Jahre in Riga.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit widmete er sich in diesen Jahren ganz besonders der anthroposophischen Arbeit.

Eine gemeinsame Tätigkeit auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft vertiefte noch mehr seine Freundschaft zu Valentin Tomberg, mit dem er sich in jenen Jahren oft in Riga und Reval getroffen hatte.

[11]

In Riga, im Didkowsky Verlag, erschien dann 1936 sein zweiter russischer Gedichtband «Das Rauschen».

Sein Drama «Ich sah das Licht», welches in der letzten Schaffensperiode des Dichters entstanden ist, beinhaltet das tragische Schicksal seines Freundeskreises in Riga.

Zu seinem großen Schmerz mußte er sich 1941 fast von allen Werken seiner früheren Arbeitsperioden trennen. Vor seiner Rettung aus Riga hat er über hundert seiner Manuskripte eigenhändig verbrannt, um seine zurückgebliebenen Freunde durch das Aufbewahren seiner Schriften nicht zu gefährden.

Das Manuskript seines einzigen großen Romans «Michael», in dem er die Tragik der russischen Intelligenz während der bolschewistischen Revolution schilderte, wurde ebenfalls ein Opfer der Flammen.

Seine nächste Station war Stuttgart. Dort lebte Belozwetoff fünf Jahre. Er wurde während des Krieges in Stuttgart ausgebombt.

Die letzten dreieinhalb Jahre seines Lebens verbrachte er in Mülheim-Ruhr, wo er im Jahre 1947 von der orthodoxen Kirche in die röm.-kath. Kirche übergetreten ist.

[12]

Nikolai Belozwetoff starb am 12. Mai 1950 in Mülheim/Ruhr. Hier fand der russische Dichterphilosoph seine letzte Ruhestätte.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit hatte er in seinem Leben unzählige Vorträge gehalten, und zwar in Rußland und danach in Berlin, Paris, Riga, Reval, Stuttgart und zuletzt auch noch in Mülheim/Ruhr.

In Stuttgart erschien im Jahre 1942 sein einziger deutscher Gedichtband «Fremdlingslieder» als Manuskript im Selbstverlag.

Zu seinem schriftstellerischen Nachlaß gehören noch einige Bühnenstücke, ein Mysterienspiel «Adams Wiederkunft», drei Erzählungen, jesuslegenden, philosophische Aufsätze, zu welchen seine kleine Schrift «Neoidealismus» gehört, die als Antwort an Stalin auf sein kleines Buch «Materialismus» (1946) gedacht war, und noch mehrere Gedichte und Sprüche, sowie seine unvollendeten Arbeiten.

Aus der Vielzahl seiner geisteswissenschaftlichen Betrachtungen und Manuskripte sind u.a. folgende Schriften des Verfassers erhalten geblieben:

1. Die leidtragenden Wesenheiten der geistigen Welt.

3.

Die Ritterschaft des Heiligen Gral.

4. Die drei Versuchungen in der Wüste der Gegenwart.

5. Das Mysterium von Golgatha.

6. Christus als Richter.

7. Der tragische Optimismus des Christentums.

8. Die Christuswirkung in den drei Kulturströmungen.

9. Über eine Dreigliederung der freien anthroposophischen Gruppen.

10. Pfingsten als eine Initiation der Zwölf.

11. Pfingsten als eine gemeinsame lnitiation der Zwölf.

12. Die Menschheit auf dem Weg nach Damaskus.

13. Achamoth - die Weltenpilgerin.

14. Was uns das Erdenschicksalsbuch heute erzählen kann. (Eine esoterische

Betrachtung zu Michaeli 1945.)

15. Ostergedanken. (Karfreitag 1946.)

16. Ausblicke. (Betrachtungen über den Antichristen und das Ende des XX.

Jahrhunderts.)

Der russische Dichterphilosoph Nikolai Belozwetoff hat stets das ganze Weltgeschehen aus der okkulten Sicht der Geisteswissenschaft betrachtet und den Sinn dieses Erdenlebens in der Nachfolge Christi gesehen.

[14]

DIE ANTHROPOSOPHIE ALS PHÄNOMEN

und Rudolf Steiners wiederholte Erdenleben

(Eine esoterische Betrachtung)

Auf zwei Arten kann man sich mit Anthroposophie - wie diese durch Rudolf Steiner gegeben wurde- beschäftigen.

Man kann sich zur Anthroposophie so verhalten, wie man sich sonst zu einer Wissenschaft verhält, doch kann man die Anthroposophie auch wie ein gewaltiges Kunstwerk auffassen.

Bei der ersten, bei der wissenschaftlichen Betrachtung der Anthroposophie wird man sich mit der Anthroposophie so beschäftigen müssen, daß dabei nur ihr Ideengehalt in Betracht gezogen wird, während der Verfasser im Schatten bleibt. Denn gleich den wissenschaftlichen Wahrheiten besitzen die anthroposophischen Lehren einen unpersönlichen objektiven Wert und brauchen deshalb nicht sofort auf ihren Schöpfer

zurück geführt zu werden. Ja, man kann sogar sagen, daß es viel gesünder ist, den Gegenstand der Anthroposophie auf sich selbst beruhen zu lassen und in den anthroposophischen Ideen unmittelbar ihre Beweiskraft zu suchen, ohne daß man sich dabei auf die Autorität ihres Verfassers beruft.

[15]

Anders aber verhalten sich die Dinge, wenn man die anthroposophische Lehre nicht als eine Wissenschaft, sondern als ein Kunstwerk zu betrachten versucht. Dann darf die Anthroposophie nicht mehr getrennt von ihrem Schöpfer betrachtet werden; vielmehr muß sie zu einem Mittel werden, um ein intimeres Wissen von ihrem Schöpfer zu gewinnen.

Für einen wahren Anthroposophen sind ja beide Arten des Studiums gleichberechtigt. Denn durch die erste, wissenschaftliche Art, lernt man die anthroposophische Lehre kennen, während man durch die zweite, künstlerische Art, ein Wissen vom anthroposohischen Lehrer erhält. Und ist denn das Wissen vom Lehrer, dem man folgen möchte, nicht eine Pflicht des wahren anthroposophischen Strebens?

Den großen Lehrer wiederzuerkennen, wie man sonst einen Freund der Kinderjahre wiedererkennt, dies ist die große Aufgabe, die eigentlich ein jeder von uns sich stellen sollte.

Jedoch darf dieses intimere Wissen vom Lehrer nicht etwa mit Hilfe der Spekulation gewonnen werden, sondern es muß als Folge einer Vertiefung in das wahre Wesen des Lehrers entstehen.

[16]

Es wurde ja schon recht viel über die wahre Individualität Rudolf Steiners spekuliert. Doch diese Spekulationen können nur zu den allergefährlichsten Irrtümern führen. Aufgrund solcher Spekulationen bilden sich nämlich die Leute ein, daß Rudolf Steiner eine Inkarnation dieser oder jener historisch bekannten Persönlichkeit sei, was aber nicht zutrifft und nur dazu führen muß, daß man nicht der wahren Wesenheit Rudolf Steiners, sondern irgend einer anderen ganz fremden Wesenheit folgt.

Doch wie man nicht zu spekulieren braucht, um einen alten Schullehrer in reifen Jahren wiederzuerkennen, sondern nur ordentlich hinblicken muß, so braucht man ebenfalls nicht zu spekulieren, um die wahre Wesenheit Rudolf Steiners wiederzuerkennen, sondern man braucht dazu nur einen klaren geistigen Blick zu haben.

In der allergünstigsten Lage waren ja gewiß diejenigen anthroposophischen Freunde, die ihren großen Lehrer persönlich kennen und mit ihm verkehren durften, auch wenn sie diese Vorzüge nicht immer in einer richtigen Weise ausgenutzt haben. Den meisten

von uns war dieses hohe Glück nicht gewährt und man mußte sich daher andere Wege suchen, um dem geliebten Lehren näher zu treten.

[17]

Nun ist ja der große Lehrer physisch nicht mehr mit uns. Sein Werk aber - die Anthroposophie - ist geblieben.

Und wie wir uns vor Jahren in die Züge unseres geliebten Lehrers vertiefen durften, so dürfen wir jetzt uns in die Züge seiner Lehre vertiefen, indem wir diese Lehre wie eine Art geistiger Biographie aufzufassen versuchen.

Denn wie das Weltall eine künstlerische Offenbarung seines Schöpfers ist, so ist die Anthroposophie eine künstlerische Offenbarung desjenigen Geistes, der sie aus seiner persönlichen Erfahrung heraus geschaffen hat, nämlich Rudolf Steiners.

Um den Schöpfer der Welt zu ergründen, muß man auf sein Werk eingehen, sich in die Geheimnisse dieses Werkes vertiefen wollen.

Um Rudolf Steiner zu ergründen, muß man die Grundwahrheiten der Anthroposophie als Erfahrung seiner geistigen Autobiographie künstlerisch erfassen.

Dazu muß aber die Anthroposophie als ein Phänomen betrachtet werden; im Sinne einer Phänomenologie Goethes muß sie von uns betrachtet werden.

[18]

Wenn man nun die Anthroposophie als ein Phänomen betrachten will, muß man als erste Beobachtung feststellen, daß sie sich - wie von der Wissenschaft so auch von der Kunst - mächtig unterscheidet.

Bei einem Studium der Wissenschaft braucht man nicht mit dem Gelehrten als einer Persönlichkeit sich zu beschäftigen. Die Euklid'sche Geometrie sagt uns nichts von ihrem Schöpfer. Dieser Schöpfer braucht uns Oberhaupt nicht zu interessieren. Wesentlich für uns sind nur die Gesetze, die er entdeckt hat. Und so ist es mit einer jeden Wissenschaft. Völlig unpersönlich, völlig selbstlos muß die wissenschaftliche Objektivität sein.

Wesentlich anders verhalten sich die Dinge in der Kunst. Maßgebend ist in diesem Gebiete der Kunst das Persönliche, denn die Kunst ist immer eine Selbst-Offenbarung des Künstlers und in diesem Sinne immer persönlich. Daher haben ja auch Kunstwerke ohne einen ausgesprochen individuellen Stil keinen künstlerischen Wert. Das, worauf

es hier ankommt, ist die Forderung, aus dem Persönlichen heraus möglichst viel von dem Inhalte der Welt zu offenbaren. Das ldeal wäre ein Künstler, der alle Angelegenheiten der Menschheit zu seinen eigenen gemacht hätte.

Nun ist ja wichtig zu ersehen, daß die Anthroposophie [19] ebenso selbstlos wie die Wissenschaft und ebenso persönlich wie die Kunst ist.

Eine solche Behauptung muß man eigentlich als einen Widerspruch empfinden, denn wie könnte ein Selbstloses persönlich und ein Persönliches selbstlos sein?

Dennoch wird dieser innere Widerspruch in der Anthroposophie tatsächlich durch die Anthroposophie aufgehoben. Denn die Anthroposophie ist selbstlos, selbstlos wie die allerstrengste Wissenschaft und dennoch ist sie als eine Schöpfung Rudolf Steiners inniglich nur mit ihm verbunden und darf nicht von seinem Namen getrennt werden.

Dieser scheinbare Widerspruch zwischen dem Selbstlosen und dem Persönlichen in der Anthroposophie ist eben ihre Grundeigenschaft, wenn man sie als Phänomen betrachtet. Und eben durch ein tieferes Verständnis dieses scheinbaren Widerspruches kann man in das verborgene Wesen dieses Phänomens eindringen.

Ist die Anthroposophie eine Schöpfung Rudolf Steiners, so muß dieser scheinbare innere Widerspruch auch bei ihm erscheinen, auf ihn selbst bezogen werden - tun wir dies, so werden wir uns sagen müssen: in dem Schöpfer der An- [20] throposophie war ein Persönliches wirksam, genau so, wie es sonst in jedem Künstler wirksam ist, jedoch konnte dieses Persönliche so in ihm wirksam sein, daß es vollkommen selbstlos, vollkommen allmenschlich sich auslebte, wie es sonst nur in einer wahren Wissenschaft geschieht.

Und gerade dieser scheinbare Widerspruch, in den wir uns vertiefen müssen, offenbart uns die Grundeigenschaft der wahren Individualität unseres Lehrers, eine Grundeigenschaft, durch die er sich von allen übrigen Menschen unterscheidet.

Denn zwar gibt es viele Menschen, die selbstlos wirken möchten, jedoch müssen sie, um dies zu können, auf eine schöpferische Selbstoffenbarung verzichten wollen und als gewöhnliche Wissenschaftler auftreten.

Andererseits gibt es viele Menschen, die die Fähigkeit besitzen, ihr Persönliches künstlerisch zum Ausdruck zu bringen, jedoch schließt diese Selbstoffenbarung das Selbstlos-Objektive aus ihrem Schaffen aus.

Wie von dem einen, so von dem anderen unterscheidet sich Rudolf Steiner. Genau so, wie sich seine Lehre - die Anthroposophie - von der Wissenschaft und von der Kunst unterscheidet.

[21]

Wie die Anthroposophie eine höhere Synthese der Wissenschaft und der Kunst ist, so ist Rudolf Steiner eine Wesenheit, in weicher das Allmenschliche mit dem Persönlichen zusammenfällt.

Dies sagt aber, daß Rudolf Steiner eine Wesenheit ist, die das Allmenschliche als eine Persönlichkeit vertritt, und zwar nicht in einem abstrakten Sinne - in dem jeder Mensch ein Allmenschliches in sich trägt als etwas Potentielles - sondern aktuell, wesentlich.

Nicht ein Strahl der Allmenschlichkeit ruht auf Rudolf Steiner, wie er sonst auf jedem Menschen ruht, vielmehr war er die Sonne der Allmenschlichkeit selbst, die ihre Strahlen allen anderen Menschen sendet.

Dies ist dadurch bestätigt, daß Rudolf Steiner der Schöpfer der Anthroposophie wurde.

Bruchteile der anthroposophischen Weisheit kann jeder von uns besitzen, doch sind es eben nur Bruchteile und dabei noch stark vom Persönlichen gefärbt.

Die Anthroposophie als ein Ganzes und dabei so, daß in [22] ihr die Persönlichkeit ihres Schöpfers als ein Selbstloses zum Ausdruck kam, konnte nur ein Einziger, konnte nur Rudolf Steiner hervorbringen.

Hat man die Anthroposophie als ein Phänomen richtig erfaßt, so hat man zugleich das Wesen dieses Einzigen ergründet, dem Einzigen, der ihr Schöpfer werden sollte.

Nun ist aber - wie wir es wissen - die Riesenpflanze der Anthroposophie, die wir jetzt als ein Phänomen mit dem geistigen Auge betrachten wollen, aus der «Philosophie der Freiheit» als ihrem Samenkorn herausgewachsen.

Falls man die «Philosophie der Freiheit» mit dem geistigen Auge zu betrachten vermag, wird man diejenigen großen ideenlinien schauen können, die sich nachher in der Anthroposophie verwirklichten.

Denn die Anthroposophie ist nichts anderes als eine aufgeblühte «Philosophie der Freiheit» - und die «Philosophie der Freiheit» ist nichts anderes als eine bis zu einem Samenkorn zusammengezogene Anthroposophie.

Hat man daher den Grundgedanken der «Philosophie der Freiheit» erfaßt, so hat man zugleich das Wesen der Anthroposophie ergründet.

[23]

Welche Idee nun liegt der «Philosophie der Freiheit» zugrunde?

Die «Philosophie der Freiheit» ist aus einem Bedürfnis entstanden, dasjenige aktiv durch die Tätigkeit des Denkens nachzuschaffen, was durch die Organisation des Erkennenden ausgelöscht ist.

Daraus ist zu ersehen, daß die «Philosophie der Freiheit» auf drei Gedanken beruht:

1. auf dem Gedanken, daß man von vornherein die Wahrheit besitzt, doch nicht in einer bewußten, sondern in einer ausgelöschten, verhallten Form und daß der Erkennende durch seine Organisation dieses Auslöschen der Wahrheit bewirkt;

2. auf dem Gedanken, daß die so ausgelöschte Wahrheit als ein Erkenntnisstreben sich im Erkennenden auslebt und ihn dazu drängt, die ausgelöschte Wahrheit wieder auferstehen zu lassen;

3. auf dem Gedanken, daß durch das Denken die ausgelöschte Wahrheit wieder auferweckt werden kann.

[24]

In diesen drei Gedanken der «Philosophie der Freiheit» können wir einen philosophischen Ausdruck für die drei rosenkreuzerischen Sprüche wiedererkennen. Zugleich sind sie auch ein Abglanz der göttlichen Dreieinigkeit, sofern diese göttliche Dreieinigkeit eine wesenhafte, eine zur Einheit gebrachte Synthese der drei rosenkreuzerischen Sprüche ist, eine auf sich selbst beruhende Erfahrung, die diesen drei Sprüchen zugrunde liegt - während andererseits die drei rosenkreuzerischen Sprüche eine dreifache Offenbarung dieser göttlichen Erfahrung in der Zeit darstellen.

So wird im alten Testament das «ex Deo nascimur» für alle Urbilder der Welt, für alle Urbilder der Wesen, die im VATER ruhen, verwirklicht.

An der Testamenten-Wende wird ein alles umfassendes Leben für die Urbilder aller Wesen, das in CHRISTO auf Golgatha ebenfalls den Tod erleiden mußte, durch das «in Christo morimur» verwirklicht.

Im Neuen Testament soll das «per Spiritum Sanctum reviviscimus» in Erfüllung kommen.

Nun wird aber das «ex Deo nascimur» von Luzifer ausgelöscht, indem er die Menschen ihre ewigen Namen - so- [25] wie auch die ewigen Namen aller Dinge - vergessen läßt.

Von Ahriman wird das «per Spiritum Sanctum reviviscimus» verhindert, indem er dem Erwachen des Menschen im Geiste entgegenwirkt.

Nur durch ein wahres Sterben in CHRISTO, durch das «in Christo morimur», kann Luzifer - wie der erste Räuber erlöst und Ahriman - wie der andere Räuber - verbannt werden. Denn nur durch ein wahres Sterben in CHRISTO kann sich der Mensch an seinen eigenen ewigen Namen erinnern und im HEILIGEN GEIST erwachen.

Dies sind die drei Gedanken-Urformen, die in einer zunächst verborgenen Form in der «Philosophie der Freiheit» enthalten sind.

Fragen wir uns, worin diese Art der Erkenntnis ruht, wie sie in der «Philosophie der Freiheit» dargestellt ist, so müssen wir uns sagen, daß es unserer Freiheit wegen so sein muß. Es muß der Mensch die Möglichkeit haben, den gesamten Ideengehalt der Welt am Anfang seiner Erkenntnis auszulöschen, damit er diesen Ideengehalt in Form eines Erkenntnisstrebens erleben kann, in Form eines Erkenntnisimpulses, der ihn frei danach streben läßt, den ausgelöschten Ideengehalt durch die eigene Erkenntnistätigkeit nachzuschaffen.

[26]

Durch solches Erkenntnisstreben erfährt die Erbsünde ihre Rechtfertigung. Sie ermöglichte das Erstehen der Freiheit; zugleich muß auf die Notwendigkeit gewiesen werden, die Erbsünde zu sühnen.

Diese in der «Philosophie der Freiheit» wie in einem Samenkorn ruhenden Gedanken waren es, die später von Rudolf Steiner in seinen anthroposophischen Vorträgen und Schriften entwickelt wurden.

Dieselben drei Gedanken liegen auch der Anthroposophie zugrunde.

Nach dem ersten Gedanken ist der Sündenfall Voraussetzung für die Möglichkeit der Freiheit als positive Frucht. Es mußte die Wahrheit vor dem Menschen zunächst

verschleiert werden, damit er eine freie Erkenntnis-Initiative in der Suche nach der Wahrheit entfalten konnte.

Nach dem zweiten Gedanken kann der Mensch nicht mit dem ihm bloß gegebenen, die Wahrheit verhüllenden Weltbilde zufrieden sein. Die verborgene Wahrheit bleibt in ihm als eine Sehnsucht, als eine Frage le- [27] ben. Und diese Sehnsucht ist Beweis dafür, daß hinter der Wahrnehmungswelt eine höhere Welt, die Welt der Ideen, verborgen liegt.

Nach dem dritten Gedanken ist der Mensch befähigt, aus seiner Erkenntnis- Sehnsucht heraus den Weg, der zur Wahrheit zurückführt, zu suchen. Er ist imstande, die für ihn ausgelöschte, abgetötete Wahrheit in sich wieder auferstehen zu lassen. In dem Buch: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» wird dieser Weg für die Menschheit von Rudolf Steiner gewiesen.

Diese drei Wahrheiten der Anthroposophie können von uns auch als drei Bewußtseinszustände des Allmenschen, dessen Selbstoffenbarung die Anthroposophie ist, angesehen werden, und zwar:

1. als Bewußtseinszustand, in dem die Wahrheit ausgelöscht wird;

2. als Bewußtseinszustand, in dem die Wahrheit als eine Frage, als eine Sehnsucht erlebt wird;

3. als Bewußtseinszustand, in dem der Erkennende in der Wahrheit erwacht.

Man könnte auch sagen, daß der erste Bewußtseinszu- [28] stand der des alttestamentlichen Sündenfalls ist, der zweite Bewußtseinszustand den der Testamenten-Wende darstellt, während der dritte Bewußtseinszustand als ein Ziel der neutestamentlichen Entwickelung angesehen werden kann.

Da nun die Anthroposophie eine selbstlose Selbstoffenbarung ihres Schöpfers, eine Art unpersönlicher Autobiographie ist, können die drei gekennzeichneten Bewußtseinszustände auch als drei Bewußtseinsschichten, als drei Ablagerungen im Geiste ihres Verfassers gesehen werden.

Da Rudolf Steiner im wahren Sinne des Wortes ein Allmensch ist, ein Allmensch, der das Allmenschliche persönlich durchlebt und für alle Menschen vertritt, so sind auch die drei gekennzeichneten Erfahrungsschichten etwas, was Rudolf Steiner für alle Menschen durchgemacht hat.

Nun ist bekannt, daß, je tiefer eine Erfahrungsschicht im Wesen eines Menschen abgelagert ist, desto entfernter liegt das entsprechende Ereignis in der Vergangenheit.

Will man daher die den drei gekennzeichneten Erfahrungsschichten entsprechenden Ereignisse in der Zeit aufsuchen, wird man feststellen müssen, daß am entfernte- [29] sten in der Vergangenheit die Erfahrung der Trennung des Menschen von der Wahrheit liegt, daß das am nächsten liegende Ereignis die Erfahrung des Erwachens in der Wahrheit ist, während die Sehnsucht nach der Wahrheit zwischen den beiden Ereignissen liegt.

Nun sind diese drei Erfahrungen, die den drei Bewußtseinsschichten entsprechen, nichts anderes, als drei bestimmte miteinander verbundene Inkarnationen des Allmenschen, der die Anthroposophie geschaffen hat; und die Aufgabe, die sich hier stellt, besteht darin, an Hand der drei Grundgedanken der Anthroposophie die drei ihnen entsprechenden Inkarnationen dieses Allmenschen aufzusuchen.

In der ersten dieser drei lnkarnationen erschien diese allmenschliche Wesenheit, die wir als den Schöpfer der Anthroposophie kennen, als diejenige allmenschliche Persönlichkeit, die der gesamten Menschheit den Impuls zu geben hatte, die Erkenntnis der Wahrheit zu opfern, um dadurch die Fähigkeit der Freiheit zu erwerben. Dank dieses Impulses vermochte der Mensch fortan, sich von der Wahrheit unabhängig zu erleben, wodurch die erste Bedingung zum Erfahren der Freiheit gegeben war.

Wer war diese Persönlichkeit, die dies ermöglichte?

[30]

Wir können sie jetzt mit Namen nennen, es ist der Urmensch Adam - der Urheber des Menschheitskarmas, der den Kampf mit den Mächten des Bösen aufgenommen hat, damit der Evolutionsplan des VATERS erfüllt würde. Die große Mission, die der VATER Adam erfüllen ließ, bestand darin, die Menschheit aus der himmlischen in die irdische Wirklichkeit herunterzuführen, die Menschen so weit zu bringen, daß sie ihren ewigen Namen und den der Dinge vergaßen, um ein Neues aus sich heraus schaffen zu können.

Nun ist, wie wir sehen, die Mission Adams derjenigen Mission genau entgegengesetzt, die Rudolf Steiner zu erfüllen hatte. Denn die Aufgabe Rudolf Steiners bestand darin, eine Sprache zu schaffen, mit deren Hilfe die Menschen mit der geistigen Welt und die geistige Welt mit den Menschen sich verständigen und die die Möglichkeit geben sollte, die ewigen Namen der Dinge wieder aufleben zu lassen. Rudolf Steiner sollte der Menschheit den Impuls geben, den Weg in die geistige Weit zurückzufinden.

Während Adam von der Eva, -der Seele der Menschheit, zur Erde herunter geführt wurde, sollte Rudolf Steiner die Seele der Menschheit -Eva - in Sophia verwandeln und in die geistige Welt hinaufführen.

[31]

Nun könnte jemand fragen: wie kann ein- und dieselbe Wesenheit in zwei verschiedenen lnkarnationen so ganz entgegengesetzte Missionen erfüllen?

Daß es dennoch geschehen ist, hängt durchaus mit dem Sinn der Weltentwicklung zusammen. Wie einst der Weg nach unten von der Menschheit gegangen werden mußte, um die menschliche Freiheit zu ermöglichen, so muß dieser Weg jetzt nach oben gegangen werden, um die menschliche Freiheit zu vollenden.

Und so wurde denn Adam, der als Rudolf Steiner wiedererschienen ist, karmisch dazu geführt, dasjenige auszugleichen, was er einst in seiner ersten Inkarnation tat, so, wie ein jeder Mensch dazu aufgerufen wird, dasjenige am Ende seines Erkenntnisweges wieder wachzurufen, was ihm am Anfang des Erkenntnisweges der Freiheit wegen entzogen und ausgelöscht wurde.

Haben wir diesen Zusammenhang zwischen Adam und Rudolf Steiner durchschaut, so bekommen wir die Möglichkeit, ein viel tieferes Verständnis für das Wesen unseres Lehrers zu gewinnen, denn dann wissen wir, daß er das Karma Adams zu erfüllen hatte und daß sein Karma es war, der Menschheit die Wege zu weisen, sich von der Erkenntnisschuld freizumachen.

[32]

Darin lag die Pflicht dieser Individualität, die große Pflicht Adams, der den Impuls zur Verselbständigung in die Entwickelung der Menschheit gebracht hat. Darin besteht die eigene Erlösung, Adams, die Menschheit in die göttliche Welt, aus der er sie heruntergeführt hat, wieder zurück zu führen; denn nur mit der Menschheit und in der Menschheit kann Adam erlöst werden.

Erst die Wahrheit in der Menschheit auszulöschen, um die Freiheit für sie zu ermöglichen, um nachher diese ausgelöste Wahrheit wieder in der Menschheit auferstehen zu lassen, darin besteht das Karma derjenigen allmenschlichen Individualität, die erst in Adam und dann in Rudolf Steiner wirkte. Niemand aber kann eine solche Tat vollbringen, wenn nicht die göttliche Welt - wenn nicht CHRISTUS ihn darin führen würde.

Zwar kann der Mensch die Sehnsucht nach der Wahrheit als eine Frage erleben - aber die Erfüllung dieser Sehnsucht, die Antwort auf diese Frage, muß von GOTT kommen.

So ist es in der Erkenntnis eines jeden Menschen, so war es ebenfalls auf dem Erkenntnisweg des Allmenschen Adam.

Wie ein jeder Mensch, so war auch Adam auf die Gnade [33] der geistigen Welt angewiesen. Nur CHRISTUS konnte ihm die Kraft verleihen, die Entwicklung, die nach unten führte, so zu ändern, daß sie seitdem wieder aufwärts gehen konnte.

Dies konnte nur in einer lnkarnation des Allmenschen geschehen, die zwischen der Inkarnation von Adam und der von Rudolf Steiner lag.

Nun entspricht diese Inkarnation dem zweiten Bewußtseinszustand, der zweiten Bewußtseinsschicht, der zweiten großen Wahrheit der «Philosophie der Freiheit» nämlich der Wahrheit vom Unbefriedigtsein mit dem gegebenen Weltbild - der Wahrheit von der großen Sehnsucht, von der großen Frage.

Wenn auch Adam nach dem Sündenfalle die ewigen Namen aller Dinge vergessen hatte, blieben diese Namen dennoch in ihm leben, und zwar in einer verborgenen Form; in der Form einer Sehnsucht nach der Wahrheit, in der Form eines Schuldbewußtseins der geistigen Welt gegenüber, in der Form eines Strebens nach dem himmlischen Teil seiner Wesenheit, die von den Göttern in der geistigen Welt aufbewahrt wurde.

Daher muß es verständlich erscheinen, daß das Karma [34] Adams ihn dazu führen mußte, zunächst die ganze Welt und sich selbst als eine Frage zu erleben.

Was war nun die Antwort auf diese Sehnsucht, auf diese große Frage Adams in der gekennzeichneten Inkarnation?

Die Antwort war das Niedersteigen des CHRISTUS, des LOGOS, der die ewigen Namen aller Dinge in sich trug und sich jetzt mit der brennenden Frage Adams verband.

So erkennen wir Adam im Leibe des Jesus von Nazareth, wie er zur Taufe im Jordan schreitet, der jetzt die Folgen der einst von ihm ausgelöschten Wahrheit in sich erleben muß.

Durch das, was wir jetzt gefunden haben, wird uns auch das tiefe Geheimnis der beiden Jesusknaben verständlicher. Die Vereinigung der beiden Jesusknaben wird uns dadurch begreiflicher, da sie die zwei Hälften der einheitlichen Adam-Wesenheit sind. So ist der niedergestiegene Teil der Adam-Wesenheit der salomonische Jesus und der im Himmel aufbewahrte der nathanische Jesus; denn der salomonische Jesus verhält sich zum nathanischen Jesus genau so, wie ein irdisches Bewußtsein sich zu seinem höheren Ich verhält. Das sind eben zwei Hälften ein- und derseIben Wesenheit, zwei Hälften des Adams, die da- [35] mals in Palästina einander wiedergefunden haben.

Noch tiefer ist aber das andere Geheimnis im Schicksal des Jesus - das Geheimnis der Jordantaufe; ist doch dieses Geheimnis mit dem Wesen der Intuition verbunden, eines intuitiven Eins-Werdens des salomonischen Jesus mit CHRISTUS - eine Folge der vom Himmel beantworteten Frage.

Nun besteht aber die Intuition in einem gegenseitigem Geben und Nehmen, in einem gegenseitigem Erkennen zweier oder mehrerer Wesen. Und eben ein solches gegenseitiges Durchdrungensein fand bei der Jordantaufe statt.

Worin bestand nun diese Intuition bei der Jordantaufe?

Wie wir wissen, hat das Ich des salomonischen Jesus vor der Jordantaufe seine irdischen Hüllen verlassen. Es wurde dieses Ich von der geistigen Welt beherbergt in derzeit, in der CHRISTUS seinen Wohnsitz auf der Sonne und in der geistigen Welt verließ.

Was aber ist dadurch geschehen? Wie in der irdischen, so in der himmlischen Welt ist dadurch ein leerer Raum entstanden. Der leere Raum - die verlassene irdische Hülle [36] des Jesus - wurde von CHRISTUS ausgefüllt, indem er in diese Hülle einzog; der leere Raum, der, nach dem Weggang des CHRISTUS von der Sonne auf der Sonne entstanden ist, wurde vom Ich des salomonischen Jesus ausgefüllt. Dieses Jesus-Ich wurde von der Sonne beherbergt, von der Sonne, nach der es sich noch in der Zarathustra-Inkarnation so sehnte, und durfte so von der Sonne aus das Mysterium von Golgatha schauen.

Während also der nathanische Jesus durch CHRISTUS zu einem Sonnen-Träger geworden ist, wurde die Sonne Träger des salomonischen Jesus.

Man könnte auch sagen, daß durch die Aufnahme des Ich des salomonischen jesus der Himmel die edelste Frucht der Erde genossen hat, während durch die Aufnahme der CHRISTUS-Wesenheit die Erde den Himmel empfing. In diesem gegenseitigem Austausch von Wesenheiten, in dieser gegenseitigem Befruchtung bestand das Ergebnis der erwähnten Intuition bei der Taufe im Jordan. In diesem Sinne war diese Intuition wesentlich, denn nicht die Idee des CHRISTUS wurde von Jesus erkannt, sondern CHRISTUS selbst - so wie nicht nur allein die Erfahrung des salomonischen jesus von der geistigen Welt aufgenommen wurde, sondern er selbst.

[37]

Nun hat diese Intuition zudem eine Eigentümlichkeit, die darin besteht, daß der Verschmelzungsprozeß der beiden Wesenheiten, der bei einer Intuition eintreten muß, in dieser Inkarnation überhaupt nicht gegeben ist. CHRISTUS weilt auf Erden, Jesus auf der Sonne.

Dennoch erlebt CHRISTUS in den Hüllen des Jesus die Nachwirkungen der Jesus- Individualität, während Jesus auf der Sonne die Nachwirkungen der CHRISTUS- Wesenheit erleben darf.

Nun entsteht aber die Frage; kann man überhaupt von einer Intuition in diesem Falle reden, da ja doch die beiden Wesenheiten an zwei verschiedenen Orten weilen?

Darauf muß geantwortet werden, daß der erwähnte Prozeß der Verschmelzung, dieser Brennpunkt, wo beide einander durchdringen sollen, dennoch existiert. Jedoch darf er nicht in der Gegenwart, sondern in einer Zukunft gesucht werden, in derjenigen Zukunft, wo die Sonne mit der Erde wieder eine Einheit bilden wird. Zwar sind Erde und Sonne in der Gegenwart getrennt, in der Zukunft jedoch werden sie eine Einheit bilden. Dieses Getrenntsein der Sonne von der Erde in der Gegenwart fand seinen Ausdruck darin, daß bei der CHRISTUS-JESUS-Intuition der Punkt ihres gegenseitigem Durchdrungenseins in die Zu- [38] kunft versetzt werden mußte. Und aus diesem fernen Punkte, der sich in der Zukunft befindet, entströmt die Kraft, die der Menschheit helfen soll, das große Ideal der Vereinigung der Erde mit der Sonne anzustreben.

Zugleich beinhaltet dieser Zukunftspunkt eine Erfüllung des zweiten rosenkreuzerischen Spruches «In Christo morimur».

Und da der salomonische Jesus der Allmensch ist, ist die ganze Menschheit durch sein Vorbild mit ihm zusammen auf Golgatha durch den Tod gegangen.

Und eben dadurch erlangte Jesus die Kraft, die Menschheit im Geiste wiederzuerwecken, daß durch die gekennzeichnete Intuition Jesus für alle Zeiten mit CHRISTUS verbunden bleibt.

So, wie in der Adam-Inkarnation das «ex Deo nascimur» verwirklicht wurde und in der Jesus-Inkarnation das «in Christo morimur», so wurde in der letzten Inkarnation des Allmenschen, in der lnkarnation als Rudolf Steiner, das «per Spiritum Sanctum reviviscimus» erfüllt.

Ergebnisse

Anthroposophie abgelagert.

dieser

drei

[40]

gewaltigen

Erfahrungen

sind

als

Schichten

in

der

Alles, was in der Anthroposophie mit dem Wesen des Sündenfalls zusammenhängt, ist aus der Erinnerung an die Adam-Inkarnation entstanden.

Alles, was in ihr über CHRISTUS gesagt wird, ist aus der Erinnerung an die Jesus- Inkarnation geboren.

Die edle Frucht dieser beiden Inkarnationen, dasjenige, was Rudolf Steiner von sich aus hinzuzufügen hatte, ist der Weg der geistigen Entwicklung, der zum Seelenerwachen führt.

So wird für unseren Geistesblick die Anthroposophie, falls man sie als ein Phänomen betrachtet, zu einer persönlich-unpersönlichen Autobiographie des Allmenschen, -der allmenschlichen Adam-Zarathustra-Steiner-Individualität. Und diese gewaltige Wahrheit, daß die in Rudolf Steiner wirkende Individualität einst in Adam, Zarathustra und Jesus lebte, läßt diese Individualität auf der Höhe einer platonischen Idee erscheinen. Denn mit der inneren logischen Notwendigkeit, mit weicher eine platonische Idee sich unter anderen Ideen behauptet, behauptet Rudolf Steiner seinen Platz in der geistigen Welt und in der Weltgeschichte, indem er die Idee des Allmenschen «ante rem», «in re» und «post rem» vertritt.

[40]

Doch diese ideelle Notwendigkeit seines Daseins in der Welt und in der Geschichte, ist auf eine wunderbare Weise mit der Freiheit und Lebendigkeit, die ihm als einer konkreten Persönlichkeit eigen ist, verbunden.

Und wie ein Wunder muß es auf uns wirken, daß wir eine notwendige Idee als eine Persönlichkeit erleben durften und daß andererseits eine Persönlichkeit, ein freies, konkretes, lebendiges Wesen zu der Höhe einer platonischen Idee erhoben wird.

Wunderbar ist es, daß man einer Idee die Hand drücken kann, wie einem geliebten Lehrer, wie einem Freunde, und daß andererseits dieser geliebte Lehrer als eine allgemeine Idee erkannt und gedacht werden kann.

Und hat man dieses große Geheimnis mit einer heiligen Scheu ergründet, so gewinnt man ein viel tieferes, ein viel intimeres Verhältnis zu Rudolf Steiner. Denn dann weiß man, daß Rudolf Steiner als der Allmensch Adam-Zarathustra-Jesus in jedem Menschen tätig ist, der nach seinem verborgenen Namen sucht. So ist Rudolf Steiner als der große esoterische Lehrer, als Meister-Jesus in allen Schülern des christlichen Okkultismus tätig, als Meister-Jesus, der seinen Schülern den Weg zum nathanischen Jesus und zu CHRISTUS, den er selbst gefunden hat, weist.

[41]

Denn das Wort des Meister-Jesus wirkt genau so auf die Seele der Menschheit, auf Eva, wie das Wort des Jesus von Nazareth auf die Seele der Maria wirkte, als sie durch sein Wort zu Sophia wurde.

Es wirkt der Geist Rudolf Steiners als der Bringer der Sophia-Wesenheit. Er ist es, der die Seelen zu Sophia führt und sie fähig macht, den nathanischen Jesus zu gebären.

Er ist es auch, der die Seelen zum nathanischen Jesus führt und von ihm hinauf zu CHRISTUS.

So wie einst Goethe die verborgene Urpflanze mit dem entstammen der Geistesauge schauen konnte, indem er sich in das Phänomen des Pflanzenreiches vertiefte, so schauen wir heute hinter dem Phänomen der Anthroposophie den großen Allmenschen Adam-Zarathustra-Jesus-Steiner.

Und je tiefer wir in dieses Phänomen eindringen, desto

den ldeenzügen der Anthroposophie das Antlitz des geliebten Lehrers wahrnehmen dürfen.

Denn die Anthroposophie ist nur ein Schleier, der das Antlitz des Lehrers zunächst verhüllt; denn die Anthroposophie ist nur ein Weg, der zum esoterischen Lehrer führt.

deutlicher werden wir hinter