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Medium für Zwischenfragen der Zeppelin Universität
Medium für Zwischenfragen
der Zeppelin Universität

Traumfabrik Staatsrecht

Gesellschaft in Quarantäne

Post-asoziales Management

Bürger.Macht.Staat?

DeutschlanD 6 euR schweiz 8 chF euRopa 8 euR AusgAbe #03 ISSN 2192-7979
DeutschlanD 6 euR
schweiz 8 chF
euRopa 8 euR
AusgAbe #03
ISSN 2192-7979

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Bürger. Macht. Staat?

06-09

Demokratie 2.0: resolut, rational, responsiv

Dirk Heckmann

10-15

Gesellschaft im Quarantänezustand

Dirk baecker

16-23

„ Der Kulturinfarkt“ und die Sarrazinisierung von Debatten

karen van Den berg & Peter kenning

24-27

Nicht immer sind die Medien schuld

cHristian WütscHner & markus rHomberg

28-33

Auf dem Weg zur Unterhaltungsöffentlichkeit

uDo göttlicH

34-40

Die Traumfabrik des Staatsrechts

georg jocHum

42-47

Wider die Symmetrie von Wissen und Macht

nico steHr

49-53

Das post-asoziale Management

ste PH an a. j ansen

54-58

Macht der Staat Elektromobilität zukunftsfähig?

a lexan D er e isenko P f

60-63

Die Rebellen-Rentner

r ainer b ö H me

64-69

Wirtschaft, demokratisch. Neue Soziale Marktwirtschaft 2.0

birger P. PriDDat

70-75

Transparenz und Bürgerbeteiligung durch Open Budget 2.0

jörn von lucke

76-79

Der Bürger als Kunde?

cHristian brock & julia meik

80-81

„Die sozialen Medien haben etwas Neues geschaffen“

intervieW mit aleksanDra rHomberg

82-85

Impulse, Impressionen, Innovationen

HöHePunkte Des früHjaHrssemesters

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Zur künstlerischen Intervention von Ruediger John

Wie werden aus einem Wissenschaftsma- gazin ein Megafon, eine Krone oder eine Lunte? Die Handlungsanweisungen – als Aufforderung in Aktion zu treten – gibt der österreichische Künstler direkt auf der Umschlagrückseite.

Auch die dritte Ausgabe des von Ruediger John (*1971 in Wien, in USA und D lebend) konzipierten Magazins ist ein Experi- ment mit dem Medium und eine visuelle Untersuchung, diesmal des Themas „Bür- ger. Macht. Staat?“. Seine Materialien sind typografische Zeichen, Fotografien, Slogans und Symbole aus Protestbewe- gungen, Situationen der Machtausübung und des Aufbegehrens. Aktuelle und his- torische Elemente der Zeitgeschichte, kul- turgeschichtliche Zitate und Parolen, aber auch harte Fakten finden Eingang in seine visuellen Interventionen. Aus der Reflektion typografischer Traditionen in politischen Bewegungen und durch ei- nen experimentellen Umgang mit Zei- chen und Bildern lässt er ornamentale Schriftzüge inhaltliche Verbindungen mit fotografischem Bildmaterial einge- hen oder aber sprengt mit einem lautma- lerischen KABOOM in Comic-Ästhetik explosionsartig die formale Ordnung der Textspalten.

Darüber hinaus bricht der Künstler in ra- dikaler Geste die immanente Logik des Printmediums, indem er in die Herstel- lung der Publikation eingreift. Über die gesteuerte Zufälligkeit der Farbmischung wird jedes gedruckte Exemplar zum Uni- kat und das Verfahren zum ergebnisoffe- nen Prozess: Aus den anfänglich schillern- den Regenbogenfarben, welche an die Pace-Bewegung erinnern, entwickelt sich mit zunehmender Entropie ein gemeinsa- mer Mischton, der sich über Texte, Fotogra- fien und die drei unterschiedlich gestalte- ten Umschlagabbildungen verbreitet.

Ulrike Shepherd, Kuratorin am artsprogram der ZU

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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser, verehrte Bürger,

es ist eines der dominanten Themen dieses Sommers: „Wenn Sie der Bank hunderttausend Dollar schulden, gehören Sie der Bank. Wenn Sie der Bank hundert Millionen Dollar schulden, gehört die Bank Ihnen.“ Der Wissenschaftler David Graeber, Professor an unserer Partneruniversität, dem Londoner Gold- smiths College, und einer der Vordenker der Occupy-Bewegung, zitiert damit in seinem Buch „Schulden – die ersten 5000 Jahre“ ein amerikanisches Sprichwort und illustriert zugleich, wie Fi- nanzmärkte, Bürger, staatliche Institutionen und die Frage der Macht auf das Engste miteinander verknüpft sind. Diese nun- mehr dritte Ausgabe von auf beschäftigt sich mit den neuen Bürgerrollen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Sie stellt die Frage nach den Ursprüngen, Ausprägungen und Folgen ei- ner neuen Bürgerschaftlichkeit. Und sie widmet sich jenseits der letztjährigen und vielleicht kurzlebigen Effekte schwäbi- scher Wutbürger vor allem den sich am weiteren Horizont ab- zeichnenden Formen einer Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert im erweiterten Sinne der Occupy-Bewegung: Es geht um Pro- test, Partizipation, Organisation und Kommunikation sozialer Innovationen zwischen Bürgern und Staat – dem Jahresthema der ZU in 2011. Den dazugehörigen Herausgeberband „Bürger. Macht.Staat?“ erhalten Sie ab Anfang September im Buchhan- del, siehe Seite 85.

Eines ist klar: Die Grenzen zwischen den vielfältigen zivilgesell- schaftlichen Akteuren verschwimmen, und gänzlich neue Rol- lenverteilungen werden erkennbar. Auszumachen sind sozial verantwortliche UnternehmerInnen, engagierte Vereinsmit- glieder im Ehrenamt, kunstfördernde KulturbürgerInnen und kritische KonsumentInnen, aber eben auch die eher staatsfer- nen Gemeinde- oder auch die entgrenzten Welt- und Europa- BürgerInnen. Gefragt wäre eine kritische Einschätzung von

Macht und Ohnmacht dieser und anderer neuer (bzw. wieder- kehrender) zivilgesellschaftlicher Akteure – und um die Frage, wie Politik und Staat im 21. Jahrhundert darauf reagieren.

Insgesamt 14 Beiträge erwarten Sie im vorliegenden Magazin, das sich zukünftig noch stärker als bisher auf den jeweiligen Themenschwerpunkt fokussieren wird. Informationen über die aktuellen Entwicklungen der Zeppelin Universität werden fortan ins Virtuelle verlagert und sind über unsere diversen mediale Kanäle empfangbar. Dort können Sie auch jeweils wei- terführende Informationen mittels der überall im Magazin ver- teilten „Tokens“ zu den einzelnen Beiträgen finden – einfach eingeben und online weiterlesen.

Künstlerisch konzipiert hat auch diese Ausgabe der seit vielen Jahren dem ZU-artsprogram verbundene österreichische Künst- ler Ruediger John. Aus Bildeelementen und typografischen Kommentierungen schafft er im Magazin eine visuelle Assozia- tionsebene. Seine künstlerische Intervention dehnt er hierbei auch auf den Druckprozess selbst aus, der so zu einem „gesteuer- ten Zufall“ wie bei einer Massenbewegung wird – und damit je- des einzelne Heft zu einem Unikat macht. Das Magazin erscheint in drei variierten Umschlagabbildungen, die unterschiedliche Perspektiven auf das Titelthema einnehmen.

Nun wünschen wir Ihnen viel aufregung bei der Lektüre und viel Zeit für Debatten zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik im Herbst.

Ihr Stephan A. Jansen Präsident der Zeppelin Universität

Debatten zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik im Herbst. Ihr Stephan A. Jansen Präsident der Zeppelin Universität

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Demokratie 2.0:

resolut, rational, responsiv

Professor Dr. Dirk Heckmann, Zentrum für Recht, Sicherheit und Vertrauen in elektronischen Prozessen am „Deutsche Telekom Institute for Connected Cities | TICC“

Das Internet eröffnet die Möglich- keit, repräsentative Demokratie als Herrschafts-form eines souve- ränen Volkes zu verwirklichen. Die

Interaktionsformen des Web 2.0, Transparenz und Partizipation füh- ren zu einer responsiven Demo- kratie, die dem Bürger im Sinne einer empathischen Kooperation zugewandt ist. Damit entstehen neue Legitimationsmöglichkeiten, aber auch gewisse Zwänge der Po-

Die Piraten entern die deutschen Par- lamente. Mit ihnen halten Forderun- gen nach bedingungsloser Transpa- renz (für den Staat) und permanenter Partizipation („Liquid Democracy“)

Einzug in die Systeme politischer Wil- lensbildung und Entscheidungsfin- dung. Das Publikum ist zumeist fasziniert, der eine oder andere reagiert mit Grauen. Was bedeutet diese Entwicklung, die durch die internetaffine Piratenpar- tei nicht einmal angestoßen, aber zumindest geför- dert und allemal symbolisiert wird, für den (Fort-) Bestand der Demokratie im Internetzeitalter? Man spricht – in Anlehnung an das Web 2.0 – gerne von Demokratie 2.0 so, als ließe sich Demokratie versio- nieren wie eine Software.

litikgestaltung.

Zwar verlief auch die Entwicklung demokratischer Systeme in Entwicklungsstufen. Man kann sich un- terdessen fragen, ob die „Version“ des demokratischen Rechtsstaats im Sinne des Grundgesetzes mehr oder weniger ist als ein „Update“ ihrer Vorgängerversio- nen seit der Attischen Demokratie. Das mag hier da- hinstehen. Zweifellos nährt die aktuelle Diskussion um das politische Konzept der Piratenpartei mit ih- ren neuen, internetbasierten Instrumenten die Suche nach einem ersehnten Ausgleich viel beschworener Demokratiedefizite des überkommenen politischen Systems. So brachte es der Politikwissenschaftler Hans Vorländer in einem Beitrag für die F.A.Z. am 11. Juli 2011 („Spiel ohne Bürger“) auf den Punkt:

„Die Legitimität der Demokratie ist in existentieller Weise gefährdet. Denn sie beruht nicht allein auf dem korrekten Vollzug von Entscheidungen. Eine de- mokratische Ordnung kann nur dann als legitim bezeichnet werden, wenn die Bürger den Eindruck und den Glauben haben, am demokratischen Leben hinreichend beteiligt zu sein, und gute und gerechte politische Entscheidungen getroffen werden. Daran fehlt es zurzeit.“ In aller Kürze lassen sich drei Attribute darstellen, die so etwas wie Demokratie 2.0 charakterisieren kön- nen: Resolutheit, Rationalität und Responsivität.

Das Internet: eine „demokratische Waffe“?

Politische Willensbildung und Einflussnahme durch die Bürger sind im Internetzeitalter resolut, nämlich entschlossen und zielstrebig. Wenn noch vor zehn Jahren eine zunehmende Politikverdrossenheit (die oftmals eher als Politikerverdrossenheit gemeint war) beklagt wurde, so kann man in letzter Zeit eher das Gegenteil konstatieren: ein zunehmendes Politik- interesse, und mehr: die Einmischung des „einfachen Bürgers“ in politische Diskussionen. Und das mit Er- folg. Das Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten zur Meinungsäußerung, erleichtert und getrieben durch seine „Plug and Play“-Funktionalität. Die entspre- chenden Foren, Kommentarfunktionen der Online- Medien und vor allem Facebook und Twitter sind immer verfügbar und leicht bedienbar. Die Menschen werden dort angesprochen, wo sie sich heutzutage

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vielfach ohnehin aufhalten. Nicht in der Bürgerver- sammlung, sondern im Internet. Nicht auf der Suche nach Briefpapier, sondern mit Hilfe des Smartphones oder Laptops, zeit- und ortsunabhängig. Es sind aber nicht nur die erleichterten „Eingabemöglichkeiten“, sondern auch die Netzwerkeffekte der sozialen (bes- ser: gesellschaftlichen) Medien wie Facebook, Xing oder Twitter, die zusätzliche Anreize bieten, das ei- gene Engagement und die persönliche Meinung im erweiterten Freundeskreis zu präsentieren und dort wiederum schnelle Resonanz zu erfahren. Aber es geht weiter: Das, was etwa getwittert wird (und zu- weilen zu einem Shitstorm ausartet), wird in Blogs aufgegriffen, dann in den Online-Portalen der etab- lierten Medien (wie spiegel.de oder zeit.de) verarbei- tet, um nicht selten die Printmedien, den klassischen Rundfunk bis hin zu den Primetime- Nachrichten des Fernsehens zu erreichen. Das hat sich bei Themen wie der Plagiatsaffäre von zu Guttenberg oder den Affä- ren um den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff gezeigt, betrifft aber auch politische Themen wie die Vorratsdatenspeicherung oder Stuttgart 21. Gerade die Erfahrung, dass Crowd Sourcing wie im Gutten- plag Wiki oder medialer Druck auf den Bundespräsi- denten sogar zu Rücktritten und damit verbundenen (personalen) Veränderungen des politischen Systems führen können, stärkt die Motivation des Einzelnen, sich einzubringen. Die genannten Beispiele belegen zugleich die Resolutheit der „demokratischen Waffe“ Internet.

_Zwischenfrage an Dirk Heckmann: Stimmen und Stimmungen werden im Web 2.0 inzwischen nicht nur von partizipationswilligen Bürgern eingebracht, sondern längst gezielt von Lobbyisten und PR-Agenturen, und dies gern auch verdeckt. Wie verträgt sich dies mit Ihrer These der neuen responsiven Demokratie? „Verdeckter Lobbyismus ist auch in der responsiven Demokratie nicht zu verhindern. Er wird aber schneller entlarvt. Außerdem sieht er sich kritischen Fragen und kontroversen Diskussionen ausgesetzt. Das schmälert seinen Einfluss.“

Das Internet: Motor einer vernunftgetriebenen Politik?

Das Internet als Waffe? Wenn dieses Bild auch inhalt- lich tragen soll, dann eher als Verteidigungs- und weniger als Angriffsinstrument. Zur Verteidigung der Volkssouveränität, die in der Parteiendemokratie zuweilen gelitten hat. Transparenz und Partizipation,

_Literatur _v. alemann, Responsive Demokratie – ein Lob dem Mit- telmaß?, ZParl 3/1981, S. 438 ff. _Heckmann, Herausforderungen für das Gemeinwesen 2.0, digma 1/2011, S. 4 ff. _Heckmann, in: Grundgesetz 2.0: Staat und IT in guter Verfassung?, K&R 1/2009, S. 1 ff. _Heckmann, Web based planning: Der Einfluss der Infor- mations- und Kommunikationstechnologie auf Pla- nungsverfahren der öffentlichen Verwaltung, in: ZiekoW (Hrsg.), Bewertung von Fluglärm – Regionalplanung - Planfeststellungsverfahren, 2003, S. 287 ff. _uPPenDaHl, Responsive Demokratie – ein neuer Ansatz, ZParl 3/1981, S. 440 ff. _Prantl, Die Apfelbaum-Demokratie, ZRP 2011, S. 24 ff. _sHirvani, Das Parteienrecht und der Strukturwandel im Parteiensystem, 1. Auflage 2010 _ZiPPelius, Der Weg der Demokratie – ein Lernprozeß, NJW 1998, 1528 ff. _csu-netZrat, In Freiheit und Fairness, 2. Positionspapier,

CSU-Netzrat Positionspapier _favre, Seminar „Demokratie und Oligarchie in sozialen Systemen“, uPPenDaHl, Herbert: resPonsive Demokra- tie, Favre Oligarchie _Heckmann, ACTA-Aktionstage: Ein Lehrstück für res- ponsive Demokratie, Zeppelin Universität,

Heckmann ACTA _Heckmann, Aufstand der Unverstandenen, Legal Tribu- ne Online, Heckmann Aufstand _Heckmann, Hass-Tweets vom Stammtisch, The Euro- pean, Heckmann Hass-Tweet _klose, Ein neues Steuerungsmodell aus dem Internet?

Klose Steuerungsmodell _kremPl, Experten sehen Chancen der Online-Demokra- tie nüchtern, Heise, Krempl Demokratie _viola, Public Sector kann das Social Web als Stimmungs- barometer nutzen, eGovernment computing,

Viola Public Sector _vorlänDer, Spiel ohne Bürger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Vorländer Bürger

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denen das Internet zu neuer Realisierungschance verhilft, sind nämlich nicht Selbstzweck, sondern dienen einem übergeordneten Ziel, das gelegentlich übersehen wird: Qualität. Beklagt werden nämlich nicht nur die Prozesse der Willensbildung und Ent- scheidungsfindung, sondern auch die Ergebnisse, in denen sich die Bürger vielfach nicht wiederfinden. Demokratie 2.0 kann zu mehr Rationalität beitragen. Eine offene Politikgestaltung lässt falsche Sachver- halte, schlechte Argumente und verschleierte Parti- kularinteressen zu Tage treten, schafft eine realisti- sche Tatsachenbasis und forciert Güter- und Interes- senabwägungen.

Das erhöht auch den Rechtfertigungsbedarf für po- litische Weichenstellungen, gleichzeitig schafft dies Akzeptanz und Legitimation. Ob die Instrumente hierzu „Liquid Democracy“ oder anders heißen, wird sich herausstellen. Auch diese Leitideen gehören auf den Prüfstand der Qualitätskontrolle.

Der Fortschritt liegt bereits darin, Missstände, die allenfalls von zahnlosen Rechnungshöfen, dem Bund der Steuerzahler oder der auch nicht besser agierenden politischen Opposition angeprangert wurden, nunmehr ernsthaft, zielstrebig und nach- haltig beseitigen zu können. Die digitale Revolution wird Opfer mit sich bringen: am ehesten aber unter denjenigen, denen ein intransparentes politisches System ungerechtfertigte Vorteile brachte. Rationa- lität ist ein Kennzeichen digitaler Systeme. Es taugt auch für politische Systeme, wenn man die Unvoll- kommenheit politischer Abwägungsprozesse gleich- sam mit „einbaut“ und vermittelt. Es geht nicht um maximale Qualität als Illusion, sondern um die Op- tion, Optimierungspotentiale überhaupt erst einmal zu nutzen.

Das Internet: Nicht nur digital, sondern auch emotional?

Wenn das Internet also dem Bürger neue Macht ver- leiht (Resolutheit) und seine Anliegen im Sinne von Qualitätssteigerung legitim erscheinen (Rationalität), dann gibt es nur einen Weg, die Veränderungen, die das Internet für die politische Willensbildung und Entscheidungsfindung mit sich bringt, im Rahmen der verfassungskonformen repräsentativen Demo- kratie zu verwirklichen: Responsivität. Der Bürger möchte mit seinen berechtigten Anliegen gehört und berücksichtigt werden. Und das muss keineswegs in blindem Populismus enden, wie das Beispiel ACTA zeigt. Der hiergegen vorgebrachte internationale Pro- test richtete sich – neben inhaltlichen Bedenken im Detail – vor allem gegen die Art und Weise, wie ein

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gesellschaftlich brisantes Thema (die Produktpirate- rie vor dem Hintergrund der Urheberrechtsreform- debatte) von den politisch Verantwortlichen behan- delt wurde. „Hinterzimmerpolitik“ war da noch eines der harmlosen Attribute. Das Gegenargument, wo- nach völkerrechtliche Verträge typischerweise nicht offen verhandelt werden, verfängt in diesem Zusam- menhang nicht. Zwar mag es im internationalen Kontext durchaus Bedarf für diskrete Verhandlungen geben. Dies kann und sollte aber auch verständlich gemacht werden. Auch in Momenten der Intranspa- renz kann es also Transparenz geben: als Verständi- gung mit den Bürgern, welche Abwägungen und Überlegungen derlei Entscheidungen erst nötig ma- chen. Das wurde bei ACTA versäumt. Die Aussetzung des Ratifizierungsverfahrens ist deshalb nur eine Notbremse. Der politische Prozess muss neu aufge- rollt werden. Etwas anderes lässt der netzaffine „Wut- bürger“ ohnehin nicht gelten. Er hat die Macht, das eine oder andere über die „digitalen Banden“ zu spie- len, wie die zahlreichen „Treffer“ und „Versenkungen“ gezeigt haben.

Der Bürger: Vom Störenfried zum Fan der öffentlichen Verwaltung?

Der Bürger hat aber auch kein Interesse daran, die Aufgabe der Politik und der gewählten Repräsentan- ten ganz zu übernehmen. Eine direkte Demokratie (nicht zu verwechseln mit einzelnen plebiszitären Elementen) wäre nicht nur verfassungswidrig, son- dern auch ineffizient und letztlich unerwünscht. Es geht nicht um die Abschaffung, sondern die Verwirk- lichung der repräsentativen Demokratie unter neuen Vorzeichen. Diese hatte schon immer die Chance zur Responsivität, zur Rückkoppelung an das souveräne Volk, mit dem Ohr am Puls der Zeit und an den Her- zen der Bürger. Das Internet bietet aber erstmals die Instrumente, dies strukturiert, differenzierend und nachhaltig in die politischen Prozesse einzuspeisen. Daraus schöpfen Konzepte wie Open Government und Open Data oder die zahlreichen Beteiligungs- plattformen ihre Überzeugungs- und Wirkkraft.

Was früher schnell an mangelnden Ressourcen schei- terte, findet heute Widerstand allenfalls am politi- schen Willen mancher Entscheidungsträger, die sich im überkommenen System gemütlich eingerichtet haben. Weil der Druck auf solche Widerständler aber wächst (Resolutheit) und dem Qualitätsargument wenig entgegen gebracht werden kann (Rationalität), wird sich die Politik den Bürgern zuwenden müssen. Und das geschieht bereits.

_Mehr vom Autor unter Dirk Heckmann auf www.zu.de/mehr

So ist der einflussreichste (politische) Twitterer (ge- messen an seinen Tweets, Retweets, Followern und Antworten) nicht etwa ein Blogger wie Sascha Lobo oder eine populäre Netzaktivistin wie Anke Dom- scheit-Berg oder die prominente und beliebte Piratin Marina Weisband, sondern der Sprecher der Bundes- regierung, Steffen Seibert. Facebook wird – allen da- tenschutzrechtlichen Bedenken und börsennotierter Halbwertszeit zum Trotz – zur Informations-, Diskus- sions- und Werbeplattform des Staates (mit „Fanpa- ges“ für Behörden und Verwaltungsprodukte), You- tube zum offenen, redaktionsfreien Bürgerkanal. Nicht jedem wird dies gefallen, und in der Tat bedarf die Frage der Trägermedien in der Hand amerikani- scher Konzerne einer kritischen Betrachtung.

_Zwischenfrage an Dirk Heckmann: Inwieweit üben Sie selbst politische Partizipation über das Web 2.0 aus? „Ich gehöre wohl zu den eher seltenen Wissenschaftlern, die sowohl einen eigenen Blog (www.for-net.info/) und einen Twitteraccount (@elawprof) als auch Facebook-Fanseiten und einen Youtube- Channel besitzen und intensiv für Information, Kommunikation und Interaktion nutzen. Als sachverständiges Mitglied des CSU-Netzrates, aber auch als Leiter der Forschungsstelle für IT-Recht und Netzpolitik habe ich so die Chance, mit meinen politischen Ideen auf breite Resonanz zu stoßen.“

Das Phänomen ist aber gesetzt, Demokratie 2.0 nicht mehr „rückführbar“. Staat, Wirtschaft und Gesell- schaft werden lernen, damit verantwortungsvoll umzugehen. Die Beteiligung der Bürger als „18. Sach- verständiger“ der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft ist ein guter erster Schritt, eben- so der Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin. Im Üb- rigen genügt es vielleicht einfach, zuzuhören und hinzuschauen. Das Internet bietet der Politik ein Spiegelbild der Gesellschaft, das plastischer nicht sein könnte. So beginnt Gerald Viola seine Analyse zum Social Web als Stimmungsbarometer für den Öffentlichen Sektor, die am 31. Mai 2012 auf www. egovernment-computing.de veröffentlicht wurde, mit den Worten:

„Es war noch nie so einfach wie heute, Einsichten zu Stimmungen und Meinungen der Bürger zu erhalten und mit ihnen in Kontakt zu treten – auch für den Öffentlichen Sektor. Angesichts der Social-Media- Aktivitäten eines Großteils der Bevölkerung und des Mitteilungsbedürfnisses der Bürger müsste die Öf- fentliche Verwaltung lediglich mitlesen.“

Dass solche „Social Media Analytics“ ihrerseits recht- lich diskussionswürdig sind, sei eingestanden. Einst- weilen wünsche ich eine gute Lektüre!

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Gesellschaft im Quarantänezustand

Professor Dr. Dirk Baecker, Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse

Die Zivilgesellschaft ist ein Zustand der Gesellschaft unter anderen. Der Beitrag greift auf eine Erkenntnis der Arbeitssoziologie zurück, um die Funk- tion dieses Zustands in Relation zu al- len anderen zu beschreiben. Die Illusionen der Zivilgesellschaft er- weisen sich als strukturell ebenso wie semantisch funktional, um gesell- schaftliche Aktivitäten ermutigen zu können, denen es an politischer Auto- rität, kommerziellem Gewinn und technischer Effizienz mangelt, ohne dass sie deswegen überflüssig wären.

In jeder Gesellschaft gibt es Wi- dersprüche zwischen Arbeit und Geselligkeit. Diese Widersprüche ergeben sich daraus, dass die Ver- haltensanforderungen jeweils untereinander inkonsistent sind. Mit einem Arbeitsgegenstand, ei- nem Werkzeug, einem Mitarbei- ter und einem Kunden geht man anders um als mit einem Gegen- über im geselligen Verkehr eines Vereins, einer Abendgesellschaft,

einer Kneipenunterhaltung oder eines Theaterbesuchs. Die technologischen Anforde- rungen an Arbeit sind direkter, kausaler, in gewisser Weise taktloser, rücksichtsloser und unhöflicher als die sozialen Anforderungen an Geselligkeit. Deswe- gen fallen Taktlosigkeit und Unhöflichkeit auch nur in der Geselligkeit, selten jedoch bei der Arbeit auf. Geselligkeit erfordert Offenheit, Freundlichkeit, Ab- wartenkönnen, Entgegenkommen, gleichsam eine Art des einladenden Verhaltens, die man allesamt bei der Arbeit nicht gebrauchen kann.

Das schließt nicht aus, dass Empfehlungen zur Mit- arbeiterführung, zum Verhalten in Teams oder zur Gestaltung von Gremiensitzungen sich immer wie- der bemühen, etwas von den andernorts durchsetz- baren sozialen Anforderungen auch in diesen Ar- beitszusammenhängen zur Geltung zu bringen. Grundsätzlich kann diese Art der Geselligkeit bei der Arbeit jedoch nur imitiert werden und fällt auch dementsprechend auf. Alle Beteiligten warten dar- auf, dass man wieder zur Sache kommt und tut, was zu tun ist.

Inkonsistenzen zwischen Arbeit und Geselligkeit?

Es geht bei der Arbeit wie bei der Geselligkeit um kommunikative Abstimmung. Doch diese Abstim- mung tendiert im einen Fall zur Inanspruchnahme von kausaler Eindeutigkeit und im anderen Fall von taktvoller Offenheit. Je nachdem, an welche Formen der Arbeit man denkt, etwa an die Jagd, den Acker- bau, das Fischen, das Handwerk, auch das Kriegs- handwerk, die Büroarbeit, die industrielle Arbeit oder die künstlerische und literarische Arbeit, sind die Widersprüche zu Anforderungen an Geselligkeit mal größer und mal kleiner. Und je nachdem, welche Ge- selligkeit in der jeweiligen Gesellschaft parallel ge- führt wird, etwa die in den Hütten der Ältesten, beim Schwatz am Brunnen, bei Hofe, im Club oder beim Dinner unter Freunden, ist der Kontrast zwischen diesen Anforderungen zu jenen der Arbeit mal größer und mal kleiner. Inkonsistenzen jedoch gibt es immer. Und es gibt sie weder aus Versehen noch aus Unfä- higkeit. Sie können auch nicht durch eine Revolution, die auf „Entfremdung“ reagiert, überwunden werden. Sie sind systematisch erforderlich, weil Gesellschaf- ten differenzierte Einheiten sind und weil sowohl die Arbeit als auch die Geselligkeit ihre funktionale Not- wendigkeit besitzen.

Stanley H. Udy, ein früherer Soziologieprofessor am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, USA, entwickelte in mehreren Büchern und Aufsätzen eine Gesellschaftstheorie der Arbeit, die diesen Ge- danken der Inkonsistenz der Verhaltensanforderun- gen ernst nimmt und zu einem Panorama derver- schiedenen Lösungen entfaltet, die traditionelle, in- dustrielle und bürokratisierte Gesellschaften sich für

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dieses nicht zu lösende, aber immer zu behandelnde Problem haben einfallen lassen.

Was ist der Kategorienfehler?

Eine diese Lösungen soll uns hier interessieren, weil sie bis heute im Mikro- und im Makrobereich gesell- schaftlichen Handelns Geltung hat und weil sie mög- licherweise geeignet ist, ein Licht auf die Frage zu werfen, was man sich unter einer „Zivilgesellschaft“ vorstellen kann, jener eigentümlichen Form von Ge- sellschaft, die seit Adam Ferguson keine staatlichen Bürokratien, industriellen Konzerne, organisierte Forschung, verkirchlichte Religion, geschweige denn gestresste Familien und betrügerische Absichten pri- vater Individuen kennt, sondern im friedlichen Han- del auf dem Markt und beim geselligen Austausch in Kneipe und Café nichts als das Wohl aller im Auge hat. Man ahnt schon, worauf wir hier hinauswollen. Könnte es sein, dass sich der Begriff der Zivilgesell- schaft einem Kategorienfehler verdankt? Dass hier eine Verwechslung vorliegt? Dass man so tut, als könne auch der Arbeitsbereich einer Gesellschaft so- zial so geordnet werden, wie es nur der Geselligkeits- bereich kennt?

Die Zivilgesellschaft ist die Gesellschaft, die sich selbst genügt, Aristoteles̒ politiké koinonia, Politik der Gemeinschaft, und dafür voraussetzen muss, dass die privaten Haushalte (oikoi) sich um die nötige Erziehung und die Befriedigung der Grundbedürfnis- se kümmern und die Aristokraten die Polis gegen Angriffe verteidigen und den einen oder anderen Raubzug veranstalten, um den Nachschub an Skla- ven, Ländereien und Luxusgütern zu sichern. Es ist die Gesellschaft, die immer wieder jene demokrati- schen Impulse freisetzt, dank derer die Hierarchien von Kirche, Armee, Gutshof, Handwerk und Industrie einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden kön- nen. Es ist die Gesellschaft, die so tut, als fände die wahre Gesellschaft außerhalb der Familie und der Organisation statt. Dabei waren sich bereits Platon und Aristoteles darüber im Klaren, dass es kaum ei- nen Grund gäbe, über die „gerechte“ und „herrliche“ Gesellschaft nachzudenken, gäbe es nicht Haushalte, die an ihren Erziehungsaufgaben scheitern und ihre Mitglieder streunen lassen, und Kaufleute, die ihre Möglichkeiten im Fernhandel dazu nutzen, reicher zu werden, als es der sozialen Balance der Polis gut tun kann.

Wir vermuten, dass unter dem Titel der Zivilgesell- schaft seit den Griechen eine Illusion nicht nur ge- pflegt wird, sondern ihren eigenen funktionalen Stellenwert und damit auch ihre Wirklichkeit erfährt, die sich daraus ergibt, dass die Inkonsistenz der Ver- haltensanforderungen an Arbeit und Geselligkeit

entweder nicht bekannt sind oder, falls sie doch be- kannt sind, nicht ernst genommen werden, oder, falls sie doch ernst genommen werden, als zu überwin- dende verstanden werden. Die Zivilgesellschaft tut so, als könne man den Arbeitsbereich der Gesellschaft in Wirtschaft und Politik, Religion und Wissenschaft, Kunst und Militär mithilfe von Geselligkeitsanfor- derungen ordnen und gleichzeitig die Geselligkeits- bereich der Gesellschaft, das offene Gespräch der Individuen in privaten und öffentlichen Räumen mit der Frage konfrontieren, wie welche Arbeit zu orga- nisieren ist.

Zivilgesellschaft als Phänomen der Vernetzung?

Diese Überblendung, darauf kommt es uns hier an, ist ebenso illusionär wie funktional. Sie ist zum einen rein „akademisch“, wie Niklas Luhmann sie einmal unter Verweis auf die von Jürgen Habermas gepfleg- te „Reflexionsform eines sittlichen Lebenszusam- menhangs“ genannt hat, hat jedoch andererseits als dieser Akademismus mittlerweile innerhalb des so genannten dritten Sektors der Gesellschaft eine au- ßerordentlich starke Wirksamkeit entfaltet. Sie nährt sich von alten Vorstellungen der Caritas, schöpft Be- reitschaften zur Übernahme sozialer Verantwortung in der Form ehrenamtlicher Tätigkeiten und großzü- giger Geldspenden ab und reagiert auf Probleme der Gesellschaft, die als Markt- und Staatsversagen be- schrieben werden. So gesehen ist die Zivilgesellschaft ein Phänomen der Vernetzung hochgradig heteroge- ner Ingredienzien aus religiösen, fürsorglichen, aka- demischen und wohlfahrtsstaatlichen Tätigkeitsfel- dern und dazu gehörenden Beschreibungen der Ge- sellschaft. Nichts spricht dagegen, dass dieses Netzwerk hinreichend robust wird, um sich nachhal- tig zu etablieren. Doch spricht auch nichts dagegen, diese durchaus heterogene Zusammensetzung mit ihrer inhärenten Fragilität im Blick zu behalten.

Blenden wir wieder zurück in die Arbeitssoziologie von Udy, so finden wir dort ein Phänomen, in dem schon seit Jahrhunderten eine ähnliche Überblen- dung von inkonsistenten Verhaltensanforderungen praktiziert wird. Interessanterweise handelt es sich dabei um ein temporäres und ritualisiertes Phäno- men, das man auch als eine Form des Übergangs von den einen zu den anderen Verhaltensanforderungen beschreiben kann. Formen des Übergangs sind immer beides, Überblendungen und Trennungen des Über- blendeten. Für einen Moment bewegt man sich in einem Raum des Sowohl-als-auch, der zugleich ein Raum des Weder-noch ist und deswegen nur als Raum einer eigenen, vielleicht sogar „akademischen“, sicherlich aber auch „theatralen“ und „pädagogi- schen“ Wirklichkeit ausdifferenziert werden kann.

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Gibt es Quarantänerituale?

Udy hat in einfachen Stammesgesellschaften ent- deckt, dass diese Gesellschaften sowohl besondere Vorkehrungen treffen, um ihre Männer auf die Jagd zu schicken, als auch besondere Vorkehrungen, bevor sie wieder Zugang zum Dorf bekommen. Die Arbeits- teilung zwischen Mann und Frau, die Übung der Stär- ke des Mannes im Wettkampf und die Inszenierung seiner überlegenen Risikobereitschaft sind erforder- lich, damit die Männer sich überhaupt in die Wildnis trauen, um dort ihrem gefährlichen und blutigen Geschäft der Jagd nachzugehen. Eine ganze Gesell- schaft inszeniert sich schon im Dorf im Hinblick da- rauf, welchen Gefahren man in der Wildnis begegnen kann. Und umgekehrt, und das interessiert uns hier besonders, werden die Männer, wenn sie von der Jagd zurückkommen, nicht einfach wieder im Dorf aufge- nommen, sondern sie beziehen einige Wochen ihr Lager vor dem Dorf und werden dort im präzisen Sin- ne des Wortes abgekühlt. Sie waschen das Blut aus ihren Kleidern, befleißigen sich wieder einer zivilen, geselligen, höflich abwartenden, nicht aggressiv auf-

fordernden und zupackenden Sprache, versorgen ihre Waffen und entspannen ihre Körper. Sie werden, so würden wir heute sagen, in Quarantäne gehalten. Erst dann, wenn sie hinreichend abgekühlt sind, dür- fen sie wieder zurück ins Dorf und dort Kindern, Frau- en und Alten begegnen, die sie mit ihren noch von der Jagd stammenden rauen Sitten verstört, wenn nicht sogar angesteckt und auf schlechte Ideen ge- bracht hätten.

Mehrere Wochen in „Quarantäne“ (von „quarantina di giorni“, „quarantaine de jours“, jenen 40 Tagen Auf- enthalt in einem Lazarett, die die Stadt Dubrovnik im 14. Jahrhundert Reisenden und Kaufleuten aufer- legte, die während der Pestepidemie die Stadt besu- chen wollten) sind eine extreme Form der Abfede- rung des Unterschieds zwischen der sozialen Ord- nung der Jagd einerseits und der sozialen Ordnung des Dorfes andererseits, aber diese extreme Form steht beispielhaft für viele Sitten, die es in vielen an- deren Gesellschaften gab und immer noch gibt. So hatten und haben der Gang in die Kneipe beziehungs- weise in die Bar zum Bier oder Aperitif nach getaner

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Arbeit, um sich dort die Heldengeschichten zu erzäh- len, die man tagsüber leider nicht erlebt hat, genau diesen Sinn, die Leute abzuregen, bevor sie zuhause ihrer Familie unter die Augen kommen.

Wenn heute so gerne über die Schwierigkeit gespro- chen wird, eine work/life-balance aufrechtzuerhal- ten, die dem erwartbaren burn-out entgegenzuwir- ken vermag, so hat das auch damit zu tun, dass wir nicht nur das Gefühl für den Sinn von Übergangsri- ten verloren haben, sondern auch keine Zeit mehr haben, sie zu praktizieren. Dann bringen wir unseren privaten Stress mit zum Arbeitsplatz und unseren Stress am Fließband und im Büro mit nach Hause. Würden wir die Kunst noch beherrschen, das eine gegen das andere abzufedern, gäbe es vermutlich sehr viel weniger Anlass, überhaupt von einem Stress zu reden, weil man sehr viel schneller und besser sähe, wie unterschiedlich die Verhaltensanforderun- gen hier und dort sind und daher auch geschickter

mit ihnen umgehen könnte. Ein burn-out, die nach- trägliche Wiedereinführung ex negativo einer Diffe- renz, die man zu lange nicht hat sehen wollen, könn- te man sich dann sparen.

Im Mikrobereich der Gesellschaft sind der Kneipen- gang, das gemeinsame Essen, der Apéro (in der Schweiz), die Zigarettenpause (einst mit einem be- rühmten Aufsatz von Donald F. Roy „banana time“ genannt, weil sie zwischen Vorarbeitern und Arbei- tern genau ausgehandelt wurde, aber in keinem Ar- beitsvertrag stand) entscheidende und unverzicht- bare Quarantänerituale, die es erlauben, aus der Ar- beit und ihren Zumutungen auszusteigen, um gleich anschließend gestärkt und auch beruhigt wieder einzusteigen. Im Makrobereich jedoch erfüllt die Vor- stellung einer Zivilgesellschaft diese Funktion. In der Zivilgesellschaft geht es symmetrisch, demokratisch, konsensorientiert und verständnisvoll zu, weil und während, so würden wir behaupten, dies überall

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sonst nicht der Fall ist. In der Zivilgesellschaft ruht man sich aus, rechnet man mit keiner Übervortei- lung, kennt man keinen Wettbewerb (es sei denn das freundliche Kräftemessen), sucht man das Gespräch, begegnet man sich taktvoll und zuvorkommend, weil und während man sehr genau weiß, dass dasselbe Verhalten in der Familie, in der Schule, im Betrieb, in der Behörde, im Krankenhaus, in der Armee und im Theater fehl am Platze wäre. Denn hier geht es darum, in der Auseinandersetzung mit den Anforderungen des Tages, der politischen Ordnung von Abhängigkei- ten und dem wirtschaftenden Umgang mit einer unbekannten Zukunft (um von religiösen Rücksich- ten, pädagogischen Herausforderungen und ästheti- schen Empfindlichkeiten zu schweigen) Entscheidun- gen nicht nur zu treffen, sondern auch durchzusetzen.

Eine produktive Illusion?

Die semantischen Überschüsse, die die Vorstellung der Zivilgesellschaft bis in die Sozialphilosophie herr- schaftsfrei möglicher Diskurse hinein zeitigt, muss man dabei in Kauf nehmen. Sie sind kein zu hoher Preis, wenn es darum geht, eine Gesellschaft mit ei- ner Sprache der Selbstbeschreibung zu versorgen, die die Verwechslung nahelegt, um sie korrigieren und damit an der Differenz arbeiten zu können. Im Schat- ten der Illusion der Zivilgesellschaft gedeiht die viel gefährlichere Illusion der durchgängig strategischen Gestaltbarkeit von Gesellschaft. Sie vor allem gilt es im Blick und damit auch auf Abstand zu halten. Und auch deswegen leistet man sich eine Semantik der Selbstbeschreibung von Gesellschaft, in der die strukturellen Asymmetrien der Gesellschaft ausge- blendet, vor allem in ihrer Unverzichtbarkeit schon fast systematisch unterbelichtet werden. Denn hier kann man sich darauf verlassen, dass die Praxis der gesellschaftlichen Praxis sich selbst genügend Moti- ve und Anhaltspunkte liefert, um diese Asymmetri- en gleichsam aus dem Stand immer wieder neu zu bestätigen und in Anspruch zu nehmen.

_Mehr vom Autor unter Dirk Baecker auf www.zu.de/mehr

Der Status der Zivilgesellschaft als Form einer Diffe- renz im gleichen Ausmaß, in dem auch die Arbeit und das Geschäft, auch die Familie und das Private nur als Form einer Differenz vorkommen und zugelasse- nen werden, ändert nichts daran, dass Praktiken, Techniken und Organisationen ausdifferenziert wer- den können, in denen diese Zivilgesellschaft einen Status als dritter Sektor der Gesellschaft behaupten kann, in dem zivil, sozial, karitativ und innovativ an der Formatierung und Befriedigung von Bedürfnis- sen gearbeitet wird, die von den jeweils aktuellen Kalkülen der Macht, des Kommerzes, der Kirche und der Massenmedien eher vernachlässigt werden, weil sie keine Lobby haben, nicht hinreichend zahlungs- fähig sind, nicht mit Erlösungserwartungen zu be- ruhigen sind oder nicht unterhaltsam genug sind. Dann entstehen ehrenamtliche Tätigkeiten, werden Gemeinschaften entdeckt, finden sich Protestbewe- gungen und werden nichtstaatliche und nichtgewin- norientierte Organisationen gegründet, die alle Mühe haben, Asymmetrien, die ihnen ihre Arbeit erleichtern würden, draußen zu halten, und Symme- trien, die sie unkalkulierbar machen, als Nachweis ihrer geselligen Implementation offener Prozesse dennoch zu pflegen.

_Zwischenfragen an Dirk Baecker: Wie könnte man dieses Verständnis eines Quarantänezustands nutzen, um gesamtgesellschaftlich relevant zu agieren? „Die Philosophie galt Hegel als Sonntag des Lebens, eine Auszeit, die man sich nimmt, um über dessen Bedrängnisse und Verlockungen noch einmal aus anderer Perspektive nachzudenken. Genau das kann die Zivilgesellschaft, verstanden als Quarantänezustand der Gesellschaft, im Verhältnis zu dieser ebenfalls leisten.“ Welche Quarantänezustände schaffen Sie sich selber? „Ich gehe ihnen aus dem Weg. Mir genügt das Verhältnis von Arbeit und Freizeit.“

Gerade wegen dieser Funktionalität einer produkti- ven Illusion ist es hilfreich, sich die Zivilgesellschaft als Quarantänezustand der Gesellschaft vorzustellen. Denn nur so ist man davor geschützt, neben der Zi- vilgesellschaft die anderen Zustände der Gesellschaft aus den Augen zu verlieren. So wichtig das Korrektiv der Zivilgesellschaft sein mag, so notwendig bleiben die Verhältnisse der Arbeit auf der einen Seite und der ungebundenen und offenen Geselligkeit auf der anderen Seite.

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_1 Vgl. marcuse (1965). _2 Vgl. etwa glaser (2012).

„Der Kulturinfarkt“ und die Sarrazinisierung von Debatten

Professorin Dr. Karen van den Berg, Lehrstuhl für Kunsttheorie & inszenatorische Praxis, und Professor Dr. Peter Kenning, Lehrstuhl für Marketing

Anfang Mai schlug der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmer- mann, den Begriff „Kulturinfarkt“ als Un- wort des Jahres 2012 vor. Damit hat die Aufmerksamkeit für das gleichnamige Buch der vier Autoren, allesamt selbst er- fahrene Kulturbetriebler und -manager, wohl vorläufig ihren Zenit erreicht. Dies sei nun wirklich zu viel der Ehre, heißt es denn auch unter Kulturschaffenden. Das mag sein. Dennoch möchte man zugleich einwenden, dass, wenn etwas im wahrs- ten Sinne des Wortes „einschlägig“ ist an besagtem Buch, so ist es wohl sein Titel:

„Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubventi- on“. Dieser hat ähnlich wie Frank Schirr- machers „Das Methusalem-Komplott“ offenbar einen Nerv getroffen und eine Debatte entzündet, mit der nicht unbe- dingt zu rechnen war. Fragt sich nur:

Warum eigentlich nicht?

Ein Grund dafür ist wohl nicht zuletzt darin zu se- hen, dass weder die hier formulierten Thesen noch deren polemische Äuße- rungsform in Fachkreisen ganz neu waren. Einige der Kernthesen des Buchs könnte man sogar als Grün- de dafür bezeichnen, war- um das Fach Kulturma- nagement in den 1980er Jahren überhaupt ins Le- ben gerufen wurde. So ist es keineswegs revolutionär zu behaupten – und dies wäre eine der entscheiden- den Thesen –, dass eine Neuorganisation der Kul-

turfinanzierung ansteht und überkommene Institutionsformen reformiert werden müssen. Auch die These, dass die Praxis der Publikumsorientierung vollkommen neu entwickelt werden muss und dabei die Schließung von Kultur- einrichtungen und die Abschaffung von nicht mehr nachgefragten Formaten nicht tabuisiert werden

dürfen, wird schon länger diskutiert – hierfür steht der Begriff Audiencedevelopment. Gleiches gilt für die Feststellung einer kulturellen Überproduktion und gegenseitigen Kannibalisierung von Angeboten; auch diese im „Kulturinfarkt“ aufgeworfene Thema- tik wird ventiliert, seit mit Gerhard Schulze von der Erlebnisgesellschaft gesprochen wird (vertieft wurde dies z.B. auf der Jahrestagung des Fachverbandes für Kulturmanagement in Friedrichshafen 2009). Und noch viel älter ist die von den vier Autoren Dieter Ha- selbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz geäußerte Polemik gegenüber einem affirmativen, selbstgefälligen Kulturbetrieb, der an einem teilwei- se bedenklich exkludierenden Kanon festhält; diese Diagnose reicht sogar zurück bis in das Jahr 1937 und ist schon bei Herbert Marcuse nachzulesen. 1 Neu sei das alles nicht, hieß es denn auch in vielen Kritiken. 2 Auch die im Kulturinfarkt gebotenen Antworten sind alles andere als überraschend: Der nicht sonderlich überzeugend vorgetragene Ruf nach mehr Wettbe- werb, mehr Markt und nach der Konzentration auf wenige, exzellente Kulturbetriebe statt „Gießkan- neprinzip“ und „Kultur für alle“ hat das Fach Kultur- management bereits in den 1980er Jahren den frag- würdigen Ruf eingebracht, im Dienste einer Kom- merzialisierung und Mainstreamisierung der Kultur

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_3 Vgl. klein (2007). _4 ebD. S. 143.

_5 ebD

_6 ebD. S. 16. _7 ebD.S. 27. _8 ebD. S. 153. _9 Vgl. knoblicH (2008). _10 Vgl. HaselbacH et al. (2012), S. 30. _11 ebD. S. 32 ff. und 70. _12 ebD.S. 49. _13 ebD. S. 54. _14 ebD. S. 55. _15 ebD. S. 64.

S. 28.

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zu agieren. So hatten die Autoren des „Kulturinfarkts“ selbst bereits vor einigen Jahren nahezu identische Thesen publiziert. Armin Klein, der Ludwigsburger Professor für Kulturwissenschaft und Kulturma- nagement und frühere Dramaturg beispielsweise, war schon in seinem 2007 erschienen Band „Der ex- zellente Kulturbetrieb“ hart ins Gericht gegangen mit dem Zustand der Kultureinrichtungen und der Kul- turpolitik in Deutschland. 3

Dort äußerte sich Klein unverblümt über „patholo- gische Organisationskulturen“ 4 und „tickende Zeit- bomben“ 5 und sprach von einem Tod, der „auf leisen Sohlen“ 6 daherkomme. Auch vom „Sparen als Poli- tikersatz“ 7 und einem kaum überlebensfähigen Kul- turbetrieb war hier die Rede. 8 Damit zeichnete Klein vor Jahren schon ein ähnlich finsteres Bild, wie es nun mit dem Band „ Der Kulturinfarkt“ in die Mas- senmedien Eingang fand – und zwar beinahe im identischen Wortlaut.

Wozu also jetzt die Aufregung? Ein Grund für den unverhofften Trubel sind wohl die Diskursarrange- ments im Feld der Kulturpolitik. Die wissenschaftli- che Auseinandersetzung mit kulturorganisationalen und kulturpolitischen Fragestellungen fristet immer noch eine Art Nischendasein. Am unteren Ende des Rankings der Scientific Community gleich neben den Sportwissenschaften angesiedelt, misst außerhalb des Fachs Kulturmanagement kaum jemand einem der zahlreichen, praxisbezogenen Handbücher große Bedeutung bei – oft nicht einmal die Peers selbst. Des- halb fiel es auch nicht auf, als Klein in seinem Band „Der exzellente Kulturbetrieb“ ganz ähnliche Thesen publizierte. Hier waren seine Diagnosen zudem etwas kleinteiliger und mit Handlungsanweisungen ver- knüpft. Es wurden marktbezogene, besucherorien- tierte Strategien als Gegenmittel vorgeschlagen und beispielhaft an Museumsshops, Firmenevents, Fort- bildungsangeboten für die Mitarbeiter und Methoden der Personalführung durchdekliniert. Damit wurde sein Band scheinbar unter der Rubrik (harmlose) kul- turmanageriale Ratgeberliteratur für Sachbearbeiter verbucht und nicht als empirisch gesättigte Gegen- wartsdiagnose von gesellschaftlicher Relevanz. Ge- nau mit diesem Anspruch aber, endlich einmal Licht ins Dunkel eines versumpften und verblendeten Kul- turbetriebs zu bringen, tritt nun die Polemik „Der Kulturinfakt“ auf und schlägt damit höhere Wellen als gewohnt. 9

Ein ominöser Markt und Publikumsbashing?

Jetzt könnte man meinen, dass Kulturmanager und Kulturpolitiker über diese Aufmerksamkeit froh sein sollten. Freude – soviel ist wohl nach den Feuilleton- Debatten der letzten Wochen und Monate sicher – kam jedoch keineswegs auf. Obgleich sich in der Fach- welt viele vehemente Kritiker der im Kultursektor verbreiteten Besitzstandswahrung finden, so waren Solidaritätsbekundungen eher die Ausnahme. Woran liegt das?

_Zwischenfrage an Karen van den Berg und Peter Kenning: Sie verweisen darauf, dass viele Problematiken des Kulturbetriebes teils seit Jahrzehnten bekannt sind. Wie erklären Sie sich dessen Beharrungsvermögen? „Einerseits ist Kultur höchst repräsentativ, stiftet Traditionen und genau ein solches Beharrungsver- mögen; andererseits – und das macht die Sache kompliziert – verstehen wir unter Kultur ein Arsenal selbstreflexiver, widerständiger und emanzipatorischer Praktiken, welche alles Bestehende hinterfragen. Beide Seiten bedingen aber einander und widersetzen sich mit guten Gründen gegen unausgegorene Managerialisierungs- und Fusionswellen.“

Jeder, der das Buch „Der Kulturinfakt“ von vorne bis hinten liest, wird feststellen, dass es einen wilden Cocktail liefert aus Polemik, nicht sonderlich ausge- feilten theoretischen Überlegungen, pauschalen Ge- genwartsdiagnosen und Handlungsvorschlägen; ein wilder Cocktail deshalb, weil sich die Argumente, Ansätze und Beobachtungen an vielen Stellen so grundlegend widersprechen, dass sich die Lektüre der 282 Seiten zunehmend unerfreulich ausnimmt und den Leser am Ende ratlos zurücklässt. Die Sym- ptome des nahenden Zusammenbruchs, die auf den ersten knapp 70 Seiten entfaltet werden, beispiels- weise schwanken zwischen einer Kritik der Sozio- und Massenkultur, die als Einstiegsdroge 10 lächerlich gemacht wird, der Forderung nach einem Kanon und mehr Exzellenz 11 , der Klage über groteske Experten- systeme 12 und einen „übermäßigen Kulturstaat“ 13 und schließlich der Feststellung einer „zwielichtigen Kulturhoheit der Länder“ 14 . Dem werden die Innova- tionskraft und das „Existenzrisiko“ privater Kultur- betriebe entgegen gehalten, aus dem durch Wettbe- werblichkeit mehr Innovation resultiere. 15 Der Markt wird dabei als letztlich nicht weiter definierter Be- griff ständig mitgeführt und als Lösungsformel an- geboten: „Kulturpolitik muss Kulturbetriebe aus der Umarmung entlassen. Misserfolge wie Erfolge im

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Markt müssen sich für Kultureinrichtungen im Bud- get abbilden“ 16 , heißt es hier etwa. Was aber mit „dem Markt“ gemeint ist, bleibt im Dunkeln. Welche Rolle hier der eingeforderte Kanon spielen soll und wie er sich mit dem Markt verträgt, wer daran betei- ligt sein soll, ihn zu formulieren, auch diese Antwort

_Zwischenfragen an Karen van den Berg und Peter Kenning: Welchen Beitrag könnte die Wissenschaft leisten zu einer innovativen Kulturpolitik der Zukunft? „Es ist notwendig, im Dialog mit den Akteuren diesen ,Markt‘ besser zu verstehen und seine Besonderheiten theoretisch zu erfassen. Die hierfür vorhandenen Ansätze in den Wirtschaftswissenschaften gilt es weiter zu entwickeln.“

bleibt die Polemik schuldig. Aus einem verkürzten ökonomischen Verständnis heraus, das sich auch an der infomationsökonomisch orientierten Definition der Kultur als meritorisches Gut 17 festmachen lässt, hofft man auf den Wettbewerb als Entdeckungsver- fahren, wie wenn es den Begriff des Marktversagens in der ökonomischen Theorie noch niemals gegeben hätte. Von externen Effekten und etwaigen Konzen- trationsentwicklungen ganz zu schweigen.

Auch unklar bleibt, wie neuere verhaltensökonomi- sche Erkenntnisse mit dieser Theorie überhaupt in

Verbindung gebracht werden können. So lange dieser Aspekt aber fehlt, sind die Ansätze unvollständig und provozieren eine fehlgeleitete Politik. Deutlich wird diese Problematik, wenn von den immerhin 750.000 Documenta-Besuchern die Rede ist, die angeblich ebenso ratlos Kassel verlassen, wie sie gekommen sind. Wer, wenn nicht diese Besucher, sind denn jener von den Autoren beschworene Markt? Was ist denn gemeint, wenn die Autoren in der Einleitung eine „Nachfrageorientierung durch höhere Wertschöpfung am Konsumentenmarkt“ 18 fordern? Wie unterschei- den sich solche Formulierungen von einem plumpen Marktdarwinismus? Wie passt das zusammen mit dem gleichzeitigen Lamento über einen um sich grei- fenden „Autoritätsverlust“ 19 im „postmodernen Durcheinander“ 20 , wie mit dem im Buch wiederholt auftauchenden Bashing des grauhaarigen Bildungs- bürgertums 21 und der Kritik an Adornos Vorbehalten gegenüber dem Massenpublikum 22 ? Wie verträgt es sich mit der Verhöhnung von Hilma Hoffmanns Slo- gan „Kultur für alle“ 23 ?

Lust an der Polemik?

Wenn am Ende den zahlreichen Besuchern erfolgrei- cher Festivals von den Autoren attestiert wird, allein um des Prestigegewinns willen die Veranstaltung zu

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besuchen, und die Autoren meinen zu wissen, dass dies mit „Fragen kultureller Qualität, mit Differen-

ziertheit und Tiefe

wenige Seiten später für Vergnügen und Unterhal- tung geworben wird, oder der „Käufer als schärfster Kritiker“ eingeführt wird, so ist wohl spätestens hier deutlich, dass die Autoren vor lauter Lust an der Po- lemik jede Argumentationslogik und begriffliche Exaktheit aus den Augen verloren haben. Die Bereit- schaft, diesem polemischen Mix am Ende die Stellen, an denen man mit den Autoren übereinstimmen mag, noch zugute zu halten, sinkt deshalb am Ende des Buches gehörig. Dies, zumal die gegen Schluss eingestreuten Handlungsvorschläge weder so recht in das Genre einer Polemik passen, noch ganz klar wird, wie ernst sie gemeint sind. Der am Schluss ge- machte Vorschlag zum Umbau der Kulturförderung in fünf Fünftel (1. Eliteinstitutionen, 2. Laienkultur, 3. Kulturindustrie, 4. marktorientierte Kunsthochschu- len und 5. kulturelle Bildung) kann auch deshalb nurmehr verwirren, weil die Frage ungeklärt bleibt, wie diese Logik in ein föderales und regionales Kul- turfördersystem passen sollte. Wenn am Ende Mig- ranten-Kindern das humanistische Gymnasium ans

Herz gelegt wird 25 und im nächsten Kapitel vorge- schlagen wird, jedem „Kind ein Tablet-Computer“ 26 zu überlassen, und damit die Kampagne „Jedem Kind

nicht viel zu tun“ habe, während

_16 ebD. S. 66. _17 ebD. S. 53. _18 ebD. S. 13. _19 ebD. S. 74. _20 ebD. S. 79. _21 ebD. S. 80f. _22 ebD. S. 103f. _23 ebD. S. 108f. _24 ebD. S. 181. _25 ebD. S. 276. _26 ebD. S. 278.

ein Instrument“ ironisiert wird, so werden spätes- tens hier zwei Aspekte deutlich: erstens, dass nicht alle beteiligten Autoren über das gleiche Maß an Iro- nie und Witz verfügen und zweitens, dass die Lust an der Polemik keineswegs aus einer Schlagrichtung kommt und deshalb auch schlicht nicht überzeugt. Vor allem ist die wiederholte Klage eines fehlenden Wertekanons (wird hier eine Leitkultur eingefordert?) mit der Schelte gegen staatliche Regulierung und dem Ruf nach mehr Markt schwer in Einklang zu bringen, denn die entscheidende Frage bleibt offen:

Wo würde dieser Kanon denn ausgehandelt und wer wird daran beteiligt? Dies bleibt auch deshalb im Dunkeln, weil alles am Markt offenbar heute schon Erfolgreiche – wie die MoMA-Ausstellung in Berlin – zugleich als hohler Mainstream verunglimpft wird, zu dem ein naives Publikum geht.

So scheint man immer noch besser beraten, wenn man in der hier ebenfalls gedissten negativen Dia- lektik von Adorno nochmals nachliest, wie man sich wenigstens in seiner Polemik treu bleibt und einen Begriff von Kulturpolitik gewinnt, der mehr meint als „Ordnungspolitik“ und eine krude Neureglung der Mittelvergabe, wie sie der Fünf-Punkte-Plan der vier Autoren vorsieht.

22

_27 Vgl. ranciére (2002).

_Literatur:

_glaser, Hermann (2012): Wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Replik zum Kulturinfarkt; 17. April 2012, Glaser Replik _HaselbacH, Dieter; armin klein, Pius knüsel, stePHan oPitZ (2012): Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kul- turstaat, Kultursubvention. München: Albrecht Knaus Verlag, 2012. _knoblicH, tobias j. (2008): Fragen für eine aktivierende Kulturpolitik, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Heft 122 III/2008, S. 40-45. _klein, armin (2007): Der exzellente Kulturbetrieb. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007. _marcuse, Herbert (1965): Über den affirmativen Cha- rakter der Kultur, in: Ders.: Kultur und Gesellschaft I. Frankfurt /M.: Suhrkamp 1965, S. 56–101. _ranciere, jacques (2002): Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002.

_Mehr von den Autoren unter Karen van den Berg und › Peter Kenning auf › auf www.zu.de/mehr

23

Eine Streitkultur statt Kulturpolizei?

Gerade dann, wenn man sich mit der jüngeren Debat- te um den Politikbegriff befasst, wird deutlich, dass eine Kulturpolitik, die sich auf die Mittelverteilung beschränkt, die womöglich nach einem zuvor – von wem auch immer festgelegten Kanon vergeben wird – genau das Gegenteil von dem ist, was man zeitge- mäß und zielführend nennen könnte. Der Polemik im Kulturinfarkt mangelt es paradoxerweise einerseits an Durchschlagskraft, weil ihr die genaue Richtung fehlt, und sie führt sich doch zugleich auf wie eine neue Kulturpolizei, weil sie sich darum drückt zu be- nennen, wie kulturpolitische Entscheidungen künftig ausgehandelt werden sollen. Wer wird bei diesen Fra- gen berücksichtigt? Wer kann und darf hier (mit)ent- scheiden? Wie und von wem sollen die verkrusteten Strukturen, die angeblich alles Innovative hemmen, aufgebrochen werden? Dabei stellt sich auch die Frage neu, ob Kultur tatsächlich prinzipiell eine überpartei- liche Angelegenheit ist, wie dies in Deutschland land- läufig unterstellt wird. Wie hängen Kultur und Kon- sens zusammen? Wie unterscheidet sich eine staats- tragende, repräsentative Kultur von jenen expressiven, zerbrechlichen, experimentell tastenden künstleri- schen Äußerungen, die eine gängige Politik infrage stellen? Was muss geschützt werden, was als elitäres Experimentierfeld erhalten bleiben und was nicht ‒ und noch einmal, wie werden diese Entscheidungen ausgehandelt? Und: Woher wissen wir, ob die Elite von heute auch morgen noch trägt?

Um diese Fragen zu erhellen, hilft es, eine Unterschei- dung der französischen Philosophen Jacques Ranci- ère in Erinnerung zu rufen. Dieser unterscheidet in seinem Buch „Das Unvernehmen“ 27 zwischen Politik und Polizei, wobei er mit dem Begriff „Polizei“ jene durch Institutionen und Vertreter verkörperte und verwaltete festgeschriebene Ordnung bezeichnet, die man hinlänglich als Sphäre der Politik bezeichnet, während er unter Politik das versteht, was eintritt, wenn diese Ordnung ins Wanken gerät, weil sie ge- sellschaftliche Verteilungsprinzipien nicht mehr angemessen reguliert. Unter Politik fällt für Rancière nur der Streit, der einsetzt, wenn die Ordnung infra- ge gestellt wird und eine Neuverteilung von Zugän- gen ausgehandelt wird. Politik bedeutet insofern der Bruch mit dem bestehenden System. Sie beinhaltet eine Absage an jenen existierenden Konsens und den Streit um eine Neuorganisation des Öffentlichen, um das, was als Gemeinsames angesehen wird und eine Neuaushandlung dessen, wem an welcher Stelle eine Stimme gegeben wird und wem nicht.

Nimmt man diesen Politikbegriff ernst, so wird auch deutlicher, wo zumindest in der deutschen Kultur- politik das Problem liegt. Anders als im Kulturinfarkt nahegelegt, geht es nämlich nicht um die Neuvertei- lung der Mittel nach bestimmten, neuen Gesichts- punkten – mithin um eine neue Kulturpolizei. Es geht um Kulturpolitik im Rancièreschen Sinne. Denn dass Kulturpolitik in Deutschland als überparteiliche Angelegenheit verstanden wird, deutet auf einen überaus fragwürdigen Konsens. Eine Kulturpolitik, die sich stützt auf die Behauptung künstlerischer Autonomie bzw. auf Traditionserhaltung und Über- parteilichkeit, hat sich gegen einen emphatischen Begriff von Politik als Möglichkeit, eine Ordnung neu auszuhandeln, längst immunisiert. Dies ist vermut- lich auch der Grund, warum man sich in einem Feld voller Tabuisierungen bewegt. Die entscheidende Frage ist aber, ob wir mit einer Kultur im Singular heute überhaupt noch etwas anfangen können? Mit einer Kultur, die so gesehen Politik ausklammert.

Um welche Fragen muss man streiten?

Ist Kultur nicht längst schon als Sphäre beschrieben, in der Unterschiede und Distinktionen performativ beobachtbar werden? Wird Kultur nicht nur noch im Plural verwendet und als Praxis heterogener gesell- schaftlicher Selbstdarstellung und Selbstreflexion verstanden? Welche Bedeutung kommt aber dann jenem Betriebssystem von Kunstinstitutionen zu? Wozu dienen dann noch repräsentative Institutionen, die noch meinen, irgendwie für das Ganze zu stehen? Dies wären die Fragen, um die man streiten muss. Und zwar nicht, um hier ein für alle mal zu einer Ant- wort zu kommen, sondern weil genau dieser Streit wesentlich zur Kultur demokratischer Gesellschaf- ten gehört. Sicher gilt es dabei, weder die Monumen- te und Schaufenster von Staaten, Kommunen oder auch Minderheiten einfach abzuschaffen oder von einem unregulierten Markt hervorbringen zu lassen. Auch würde es vermutlich nicht dazu kommen, dass man tastende Klangforscher und fragile Tänzer am Ende nur am Hofe von Oligarchen fände. Aber es gilt offen darum zu streiten, wofür wir sie behalten wol- len, und wer mitreden darf, wenn gefragt wird, wer dafür zahlt. Eine Debattenkultur à la Sarrazin ist da- bei jedoch kaum zielführend.

24

Nicht immer sind die Medien schuld

Christian Wütschner B. A. und Juniorprofessor Dr. Markus Rhomberg, Lehrstuhl für Politische Kommunikation

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Die „Affäre Wulff“ beherrschte die deut- schen Innenpolitik und Medienlandschaft von den ersten Presseberichten im De-

zember 2011 bis hin zur Wahl von Joachim Gauck als Nachfolger des zurückgetrete- nen Bundespräsidenten Christian Wulff am 18. März 2012. Dieser enormen öffent- lichen Aufmerksamkeit widmet sich eine an der ZU entstandene Forschungsarbeit, die in einer empirischen Studie das Han- deln der Medien im Diskurs um Christian

Wulff analysiert.

Ganze 67 Tage hielt sich Christian Wulff nach den ersten Meldungen über di- verse tatsächliche und ver- meintliche Verfehlungen

in seiner bisherigen politi- schen Karriere im Amt des Bundespräsidenten. Am 17. Februar 2012 zog der ehe- malige Ministerpräsident Niedersachsens einen Schlussstrich und trat als Bundespräsident zurück. Diese 67 Tage waren gekennzeichnet durch eine in der deutschen Öffentlichkeit seltene Debatte um das Amt des Bundespräsidenten, die Würde und Reputa- tion dieses Amtes und die Frage, wie weit Politik und Wirtschaft miteinander verknüpft sein dürfen. Diese mehr als zwei Monate andauernde Debatte brachte aber auch zu Tage, dass nicht nur die Politik selbst in einer funktional-differenzierten Gesellschaft für po- litisches Handeln verantwortlich ist, sondern auch vielfältige Akteurkonstellationen außerhalb des po- litischen Systems Einfluss auf „die Politik“ im wei- testen Sinne nahmen.

Die Systemtheorie Niklas Luhmanns spricht insbe- sondere der Politik das Medium „Macht“ zu, mit dem Entscheidungen getroffen werden, die für die Gesell- schaft verbindlich sind. Die gemeinhin als „Affäre Wulff“ bezeichnete öffentliche Debatte zeigte aber auch, dass das mediale System in seiner ganzen Viel- falt – von klassischen Massenmedien wie Zeitungen, Fernsehen und Online-Nachrichtenportalen bis hin zu neuen sozialen Netzwerken – eine tragende Rolle spielen. Gemeinhin wird diesen Medien ja insbeson- dere die Funktion zugeschrieben, Informationen und Nachrichten zu vermitteln und zu verbreiten. Die Affäre Wulff zeigt aber augenscheinlich, wie Medien selbst Macht akkumulieren und damit zu eigenstän- digen politischen Akteuren werden, die Themen auf die politische Agenda und die Politik unter Zugzwang setzen.

Welche Aufgaben für die Medien?

Dabei nehmen die Medien hier doch eigentlich die ihnen normativ zugewiesene Funktion der „vierten Gewalt“ wahr. Neben den Aufgaben der informatio- nellen Ausleuchtung des politischen Systems und der Bildungs- und Sozialisationsfunktion sticht in nor- mativer Perspektive die Kritik- und Kontrollfunktion der Medien heraus. Besonders liberale politische Tra- ditionen verweisen auf die mediale Funktion der Kontrolle staatlichen Handelns, Belege dafür finden sich zum Beispiel bei John Stuart Mill (1861), Thomas Paine (1791) oder Alexis de Tocqueville (1835/1840). In parlamentarischen Regierungssystemen wird zwar grundsätzlich der Opposition diese Rolle zugeschrie- ben, doch auch der Journalismus soll diese Aufgabe wahrnehmen. Themen wie Korruption oder der Miss- brauch von staatlichen Ämtern stehen auch bei den medialen Nachrichtwerten Konflikt, Negativismus und Prominenz weit oben. In einer Untersuchung über die Aufdeckung von politischen Skandalen in Österreich beschreiben Langenbucher und Staudach- er (1989), dass der Journalismus diese Kontrollfunk- tionen in der Regel erst in letzter Instanz ausübt, Me- dien also erst dann auf den Plan treten, wenn alle zuständigen Kontrollorgane versagt haben. Mit der Aktivierung des Journalismus beginne dann aber ein Kreislauf, dem sich die anderen Kontrollinstanzen sehr rasch anschließen.

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Auch in der „Affäre Wulff“ hat erst das Medienhan-

Auch in der „Affäre Wulff“ hat erst das Medienhan-

deln zur Aufdeckung und zur beginnenden Untersu-

deln zur Aufdeckung und zur beginnenden Untersu-

chung der Vorwürfe gegen den ehemaligen Bundes-

chung der Vorwürfe gegen den ehemaligen Bundes-

präsidenten geführt. Nach dem ersten Bericht der

präsidenten geführt. Nach dem ersten Bericht der

Bild-Zeitung über Wulffs Privatkredit zeigt er sich

Bild-Zeitung über Wulffs Privatkredit zeigt er sich

zwei Tage später zwar persönlich reuig. Postwendend

zwei Tage später zwar persönlich reuig. Postwendend

veröffentlichen jedoch diverse andere Medien weite-

veröffentlichen jedoch diverse andere Medien weite-

re Vorwürfe und weisen auf Widersprüchlichkeiten

re Vorwürfe und weisen auf Widersprüchlichkeiten

in seinen Aussagen hin.

in seinen Aussagen hin.

_Zwischenfrage an Markus Rhomberg: Bei der „Affäre Wulff“ entstand schnell

_Zwischenfrage an Markus Rhomberg: Bei der „Affäre Wulff“ entstand schnell

das Bild einer kollektiven Medienhatz – trotz des in den Medien enorm

das Bild einer kollektiven Medienhatz – trotz des in den Medien enorm

unterschiedlichen Umgangs mit dem Thema. Wie erklären Sie sich das? „Dafür

unterschiedlichen Umgangs mit dem Thema. Wie erklären Sie sich das? „Dafür

gibt es zwei Gründe: Einerseits haben jene, die Christian Wulff verteidigt haben,

gibt es zwei Gründe: Einerseits haben jene, die Christian Wulff verteidigt haben,

immer wieder auf eine kollektive Medienhatz verwiesen und somit den Eindruck

immer wieder auf eine kollektive Medienhatz verwiesen und somit den Eindruck

einer solchen verstärkt. Andererseits fällt es dem durchschnittlich interessierten

einer solchen verstärkt. Andererseits fällt es dem durchschnittlich interessierten

Bürger natürlich nicht so leicht, mehrere unterschiedliche Medien täglich

Bürger natürlich nicht so leicht, mehrere unterschiedliche Medien täglich

gleichzeitig zu nutzen, um sich ein breites Bild zu machen.“

gleichzeitig zu nutzen, um sich ein breites Bild zu machen.“

Im Verlauf der Affäre wird nahezu jedes Handeln des

Im Verlauf der Affäre wird nahezu jedes Handeln des

Bundespräsidenten medial auf Fehler untersucht und

Bundespräsidenten medial auf Fehler untersucht und

bewertet. Parallel werden weitere mögliche Verfeh-

bewertet. Parallel werden weitere mögliche Verfeh-

lungen aus der Vergangenheit Wulffs thematisiert.

lungen aus der Vergangenheit Wulffs thematisiert.

Als mit Beginn der letzten Januarwoche nur noch

Als mit Beginn der letzten Januarwoche nur noch

spärlich neue Informationen auftauchen und sich

spärlich neue Informationen auftauchen und sich

auch in der Affäre selbst nichts weiter ereignet, be-

auch in der Affäre selbst nichts weiter ereignet, be-

halten die Medien das Thema trotzdem 24 Tage lang

halten die Medien das Thema trotzdem 24 Tage lang

mit nahezu täglicher, zwangsweise redundanter Be-

mit nahezu täglicher, zwangsweise redundanter Be-

richterstattung auf ihrer Agenda, bis schließlich das

richterstattung auf ihrer Agenda, bis schließlich das

„Kontrollorgan“ Staatsanwaltschaft nach zuvor häu-

„Kontrollorgan“ Staatsanwaltschaft nach zuvor häu-

figer Ablehnung doch einen Anfangsverdacht gegen

figer Ablehnung doch einen Anfangsverdacht gegen

Wulff hegt und die Aufhebung seiner Immunität

Wulff hegt und die Aufhebung seiner Immunität

beantragt.

beantragt.

_Zwischenfrage an Markus Rhomberg: _Warum haben sich so außergewöhnlich

_Zwischenfrage an Markus Rhomberg: _Warum haben sich so außergewöhnlich

viele politische Akteure in die Vorgänge eingeschaltet und zu Wort gemeldet?

viele politische Akteure in die Vorgänge eingeschaltet und zu Wort gemeldet?

„Die Affäre Wulff setzt sich über einen längeren Zeitraum aus einer Fülle

„Die Affäre Wulff setzt sich über einen längeren Zeitraum aus einer Fülle

unterschiedlicher Episoden zusammen. Zudem hat sie sowohl eine landespoliti-

unterschiedlicher Episoden zusammen. Zudem hat sie sowohl eine landespoliti-

sche als auch eine bundespolitische Komponente und ist außerdem noch qua

sche als auch eine bundespolitische Komponente und ist außerdem noch qua

Amt moralisch hoch aufgeladen. Da ist es klar, dass sich eine Fülle politischer

Amt moralisch hoch aufgeladen. Da ist es klar, dass sich eine Fülle politischer

aber auch gesellschaftlicher Akteure in die Debatte einschalten.“

aber auch gesellschaftlicher Akteure in die Debatte einschalten.“

Doch wie kann eine Zeitung, ein Radio- oder ein Fern-

Doch wie kann eine Zeitung, ein Radio- oder ein Fern-

sehsender überhaupt eine derartige Macht ausüben?

sehsender überhaupt eine derartige Macht ausüben?

Medien sind dann mächtig, wenn sie durch Thema-

Medien sind dann mächtig, wenn sie durch Thema-

tisierung Publizität schaffen. Thematisierung meint

tisierung Publizität schaffen. Thematisierung meint

hier, dass die Medien gegenüber ihrem Publikum

hier, dass die Medien gegenüber ihrem Publikum

einen politischen und gesellschaftlichen Diskurs

einen politischen und gesellschaftlichen Diskurs

konstruieren. So kommt es beispielsweise im Fall

konstruieren. So kommt es beispielsweise im Fall

Wulff nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe

Wulff nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe

zwangsläufig zu einer gesellschaftlich-politischen

zwangsläufig zu einer gesellschaftlich-politischen

Diskussion mit Äußerungen für und gegen den Bun-

Diskussion mit Äußerungen für und gegen den Bun-

despräsidenten. Medial muss eine solche Auseinan-

despräsidenten. Medial muss eine solche Auseinan-

dersetzung in Artikeln beziehungsweise Sendungen

dersetzung in Artikeln beziehungsweise Sendungen

nacherzählt und weitergeführt werden.

nacherzählt und weitergeführt werden.

Dafür haben die Medien genau zwei Wege: Einerseits

Dafür haben die Medien genau zwei Wege: Einerseits

können sie Politiker und andere Akteure direkt oder

können sie Politiker und andere Akteure direkt oder

indirekt zitieren, indem sie Äußerungen von ihnen

indirekt zitieren, indem sie Äußerungen von ihnen

auswählen – oder bewusst weglassen – oder provo-

auswählen – oder bewusst weglassen – oder provo-

zieren. Andererseits kann ein Medium selbst Mei-

zieren. Andererseits kann ein Medium selbst Mei-

nungen äußern.

nungen äußern.

Vergleicht man exemplarisch die derartige Konstruk-

Vergleicht man exemplarisch die derartige Konstruk-

tion des Diskurses um die Person Wulff in verschie-

tion des Diskurses um die Person Wulff in verschie-

denen deutschen Tageszeitungen, fallen vor allem

denen deutschen Tageszeitungen, fallen vor allem

zwei Dinge auf: Zunächst werden in den in der hier

zwei Dinge auf: Zunächst werden in den in der hier

vorgestellten Diskursanalyse untersuchten Medien

vorgestellten Diskursanalyse untersuchten Medien

exzessiv Akteure zitiert: Bis zu 126 verschiedene Ak-

exzessiv Akteure zitiert: Bis zu 126 verschiedene Ak-

teure kommen in einer Zeitung bis zu 269 Mal zu

teure kommen in einer Zeitung bis zu 269 Mal zu

Wort. Verhältnismäßig oft sprechen dabei die medie-

Wort. Verhältnismäßig oft sprechen dabei die medie-

neigenen Kommentatoren, die damit – insbesondere

neigenen Kommentatoren, die damit – insbesondere

während der „Überbrückung“ der inhaltsschwachen

während der „Überbrückung“ der inhaltsschwachen

letzten 24 Diskurstage – gleichrangig zu politischen

letzten 24 Diskurstage – gleichrangig zu politischen

Akteuren betrachtet werden können.

Akteuren betrachtet werden können.

Dann aber stechen die enormen Unterschiede zwi-

Dann aber stechen die enormen Unterschiede zwi-

schen den einzelnen Tageszeitungen ins Auge. So gibt

schen den einzelnen Tageszeitungen ins Auge. So gibt

es Medien mit klar artikulierter eigener Haltung und

es Medien mit klar artikulierter eigener Haltung und

Medien ohne eine solche. Manche Blätter wählen

Medien ohne eine solche. Manche Blätter wählen

ihre Akteure so, dass klare Wulff-stützende „Koaliti-

ihre Akteure so, dass klare Wulff-stützende „Koaliti-

onen“ sichtbar werden, während andere den Diskurs

onen“ sichtbar werden, während andere den Diskurs

hochkomplex und unstrukturiert erzählen. Nur ver-

hochkomplex und unstrukturiert erzählen. Nur ver-

einzelt werden Macht und Handeln der Medien

einzelt werden Macht und Handeln der Medien

selbstkritisch betrachtet.

selbstkritisch betrachtet.

Welches Bild des Diskurses entsteht?

Welches Bild des Diskurses entsteht?

Gründe für diesen ausgeprägten Binnenpluralismus

Gründe für diesen ausgeprägten Binnenpluralismus

können unter anderem in den unterschiedlichen

können unter anderem in den unterschiedlichen

ideologischen Hintergründen der einzelnen Zeitun-

ideologischen Hintergründen der einzelnen Zeitun-

gen gesehen werden, wie sie beispielsweise Wolfgang

gen gesehen werden, wie sie beispielsweise Wolfgang

Donsbach (2000) ausgemacht hat. Eine ebenso große

Donsbach (2000) ausgemacht hat. Eine ebenso große

Rolle scheint der eigene Anspruch des jeweiligen

Rolle scheint der eigene Anspruch des jeweiligen

Blattes zwischen Region und Republik, aber auch zwi-

Blattes zwischen Region und Republik, aber auch zwi-

schen Aufklärungsgeschwindigkeit und Recher-

schen Aufklärungsgeschwindigkeit und Recher-

chequalität zu spielen.

chequalität zu spielen.

Beim Leser entsteht durch den unvermeidbaren Kon-

Beim Leser entsteht durch den unvermeidbaren Kon-

sum einer Kombination unterschiedlichster Medien

sum einer Kombination unterschiedlichster Medien

allerdings ein individuelles Bild des Diskurses. Öf-

allerdings ein individuelles Bild des Diskurses. Öf-

fentlicher Druck kann – gerade auf der Ebene der ge-

fentlicher Druck kann – gerade auf der Ebene der ge-

samten Bundesrepublik – also nur gemeinschaftlich

samten Bundesrepublik – also nur gemeinschaftlich

durch viele Medien erzeugt werden. Die oben vermu-

durch viele Medien erzeugt werden. Die oben vermu-

tete Machtposition eines einzelnen Mediums durch

tete Machtposition eines einzelnen Mediums durch

die Konstruktion eines Diskurses existiert also nur

die Konstruktion eines Diskurses existiert also nur

sehr abgeschwächt.

sehr abgeschwächt.

Gemein hatten die Medien in der „Affäre Wulff“ le-

Gemein hatten die Medien in der „Affäre Wulff“ le-

diglich das Oberthema und dessen andauernde Prä-

diglich das Oberthema und dessen andauernde Prä-

senz. Ihrer Kontrollfunktion im Sinne von Langen-

senz. Ihrer Kontrollfunktion im Sinne von Langen-

bucher und Staudacher sind sie damit ausführlich

bucher und Staudacher sind sie damit ausführlich

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nachgekommen. Sicher wäre Christian Wulff ohne

nachgekommen. Sicher wäre Christian Wulff ohne

die hohe Publizität nach nur 597 Tagen im Amt wohl

die hohe Publizität nach nur 597 Tagen im Amt wohl

nicht zurückgetreten. Eine konzertierte Aktion zum

nicht zurückgetreten. Eine konzertierte Aktion zum

Sturz des Bundespräsidenten wird man den Medien

Sturz des Bundespräsidenten wird man den Medien

mangels ihrer inhaltlichen Singularität jedoch kaum

mangels ihrer inhaltlichen Singularität jedoch kaum

vorwerfen können.

vorwerfen können.

_Literatur:

_Literatur:

_Donsbach, Wolfgang (2000): Sieg der Illusion. Wirt-

_Donsbach, Wolfgang (2000): Sieg der Illusion. Wirt-

schaft und Arbeitsmarkt in der Wirklichkeit und in den

schaft und Arbeitsmarkt in der Wirklichkeit und in den

Medien. In: noelle-neumann, elisabeth; Kepplinger,

Medien. In: noelle-neumann, elisabeth; Kepplinger,

hans

hans

mathias;

mathias;

Meinungsklima

Meinungsklima

Donsbach,

Donsbach,

Wolfgang

Wolfgang

(hg.):

(hg.):

Kampa.

Kampa.

und

und

Medienwirkung

Medienwirkung

im

im

Bundestags-

Bundestags-

wahlkampf 1998. 2. Aufl. Freiburg: Alber (Alber-Reihe

wahlkampf 1998. 2. Aufl. Freiburg: Alber (Alber-Reihe

Kommunikation, 25), S. 40–77.

Kommunikation, 25), S. 40–77.

_langenbucher,

_langenbucher,

Wolfgang;

Wolfgang;

stauDacher,

stauDacher,

irmgarD

irmgarD

(1989): Journalismus als Komplementärinstitution poli-

(1989): Journalismus als Komplementärinstitution poli-

tischer Kontrolle. Studien zu makrosozialen Wirkungen

tischer Kontrolle. Studien zu makrosozialen Wirkungen

der medienvermittelten Kommunikation in Österreich,

der medienvermittelten Kommunikation in Österreich,

In: Kaase, max; schulz, WinfrieD (hg.): Massenkommu-

In: Kaase, max; schulz, WinfrieD (hg.): Massenkommu-

nikation. Theorien, Methoden, Befunde. Sonderheft 30

nikation. Theorien, Methoden, Befunde. Sonderheft 30

der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsycho-

der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsycho-

logie". Opladen: Westdeutscher Verlag.

logie". Opladen: Westdeutscher Verlag.

_mill, John stuart (1991 [1861]): Considerations on Re-

_mill, John stuart (1991 [1861]): Considerations on Re-

presentative Government, Buffalo/New York, Promet-

presentative Government, Buffalo/New York, Promet-

heus Books.

heus Books.

_paine, thomas (1791): The Rights of Man, The Thomas

_paine, thomas (1791): The Rights of Man, The Thomas

Paine Reader. London: Penguin Books.

Paine Reader. London: Penguin Books.

_tocqueville, alexis De (2000 [1835/1840]): Democracy

_tocqueville, alexis De (2000 [1835/1840]): Democracy

in America, Chicago, University of Chicago Press.

in America, Chicago, University of Chicago Press.

_Mehr vom Autor unter › Markus Rhomberg

_Mehr vom Autor unter Markus Rhomberg

auf www.zu.de/mehr

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Auf dem Weg zur Unterhaltungsöffentlichkeit

Professor Dr. Udo Göttlich, Lehrstuhl für Allgemeine Medien- & Kommunikationswissenschaft

Der Zusammenhang von Öffentlichkeits- wandel und Medienentwicklung steht einmal mehr im Widerstreit. Im letzten Jahrzehnt haben sich zahlreiche Untersu- chungen auf die Folgen der Entertainisie- rung der Politik durch Talk-Shows kon-zentriert, als deren Ergebnis vielfach Verfallsthesen der Öffentlichkeit bekräf- tigt wurden. Allgemein betrachtet erweist sich der neue Strukturwandel der Öffent- lichkeit durch eine Reihe an widersprüch- lichen Prozessen gekennzeichnet, die mit dazu beitragen, dass neue Ambivalenzen und Zweideutigkeiten entstehen, die zu einer Überprüfung der Öffentlichkeitsmo- delle auffordern. Der vorliegende Beitrag möchte im Rahmen des Themas „Bürger. Macht.Staat.?“ mit einem Blick auf die veränderte Beziehung von „Populärkultur“ und „öffentlicher Kommunikation“ die Vorstellungen sowie den Befund des Ver- falls der Öffentlichkeit hinterfragen.

Zwar stellt „Öffentlichkeit“ schon dem Begriff nach einen besonderen sozialen Raum dar, der durch eine Kommuni- kation mit spezifischen Qua- litäten konstituiert wird, die Angelegenheiten von allge- meinem Interesse betrifft. Das schließt aber nicht aus, so die in diesem Beitrag vertretene These, dass der Unterhal- tungskommunikation, die bis hinein in die politische Kom- munikation reicht, vor allem aufgrund des medienkultu-

rellen Wandels mehr denn je eine über die bislang immer noch unterstellte eska- pistische Funktion hinausgehende Bedeutung für die öffentliche Kommunikation und Wahrnehmung zukommt.

Diese Perspektive muss dazu noch nicht einmal in grundsätzlichen Widerspruch zu Verfallsthesen in der aktuellen Öffentlichkeitstheorie treten. Das gelingt, wenn man an die medienkulturelle Entwicklungs-

perspektive von Habermas’ Öffentlichkeitstheorie selber anschließt und dadurch der aktuellen Öffent- lichkeitskritik eine neue Perspektive mit eröffnet.

Die Position von Habermas stützt sich im wesentli- chen auf zwei Argumentationslinien: Der erste Strang umfasst und betrachtet empirisch-histo- risch-institutionelle Entwicklungen der Öffentlich- keit seit dem 18. Jahrhundert, der zweite behandelt ideologisch-kritische beziehungsweise ideal-norma- tive Fragen. In beiden Strängen wurde die Öffent- lichkeit als Schnittpunkt einer von allen Staatsbür- gern gemeinsam geteilten Kommunikationsarena konzeptualisiert. Mit der Ausbildung einer von öko- nomischen Interessen getriebenen Massenpresse am Ende des 19. Jahrhunderts sah Habermas jedoch bereits eine Vermachtung dieser Arenen gegeben, was ihn zu der bekannten Verfallsthese der Öffent- lichkeit führte. Angesichts der seitdem erfolgten medienkulturellen Entwicklung scheint hingegen auch eine entgegengesetzte These möglich. Schlägt man nämlich für eine Veranschaulichung des Wan- dels von der Entstehung der bürgerlichen Öffentlich- keit im 18. Jahrhundert einen Bogen bis in unsere Gegenwart, so lässt sich alternativ auch folgendes

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zum unterhaltungsbezogenen Strukturwandel der Öffentlichkeit herausstreichen:

Ein Strukturwandel der Öffentlichkeit?

Während die Einübung in die Regeln des „öffentli- chen Verkehrs“ zu Zeiten der bürgerlich-literarischen Öffentlichkeit mit der Rezeption von Dramen und Tragödien – d.h. anhand fiktionaler unterhaltender Texte von der Literatur bis zum Theater – zunächst allmählich erfolgte, bis dass es schließlich im Salon zur Ausbildung einer dazu gehörenden Diskursord- nung kam, die überhaupt erst den Keim für die poli- tische Öffentlichkeit legte (und dies keineswegs wi- derspruchslos und schon gar nicht ohne politische Durchsetzungskämpfe), geschieht die Einübung in Normen und Diskurse in der gegenwärtigen Medien- kultur anhand der Darstellung konkreter Alltags- und Lebenssituationen beziehungsweise durch deren inszenatorischen und symbolischen Verdichtung in den unterschiedlichsten Unterhaltungsgenres von Filmen, Serien oder Infotainment-Angeboten über Boulevard-Magazinen bis hin zu jüngeren Factual- Entertainment-Formaten.

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Für welche Öffentlichkeitsform diese aktuelle Ent- wicklung den Keim bildet, darauf zielen vor allem jüngere sozial- und politikwissenschaftliche Unter- suchungen von Autoren wie Peters oder Dörner in Deutschland sowie Harley, McGuigan und Couldry im anglo-amerikanischen Kontext, die erstmals mit Begriffen einer „kulturellen Öffentlichkeit“ oder „Un- terhaltungsöffentlichkeit“ operieren und die an der gewachsenen Rolle von Unterhaltungsangeboten herausstreichen, dass sie sich einer Zone zwischen Kultur und Politik zuordnen, die zwar keine Gegen- öffentlichkeit im traditionellen Sinne darstellt oder stützt, die nichts desto weniger aber Arenen präsen- tiert, in denen kulturelle und politische Werte, Ein- stellungen und Orientierungen diskursiv sowie non- diskursiv verhandelt und präsentiert werden.

_Zwischenfrage an Udo Göttlich: Welche Konsequenzen hat der Strukturwandel der Öffentlichkeit für die Forschung? „Da öffentliche Themen zunehmend in verschiedenen Arenen ausgetragen werden, werden die wissenschaftlichen Analysen stärker prozessorientiert ausfallen müssen. Erst die Prozessanalyse kann die Verschränkung unterschiedlicher Arenen oder Themen aufweisen helfen und die Frage klären helfen, wie sich Themenkarieren darstellen, um so der spezifi- schen Form, aber auch der Qualität öffentlicher Kommunikation nachzuspüren.“

Welches sind die Entwicklungspfade?

Aus welchen Anlässen heraus diese Arenen entste- hen, ist dabei eine genauso offene Frage wie die nach den typischen Themen, mit denen die Herstellung von Öffentlichkeit durch Unterhaltung gelingt. Der auf unterschiedlichen Ebenen und Dimensionen er- sichtlich werdende Wandel öffentlicher Kommuni- kation durch Unterhaltung führt, soviel lässt sich jedenfalls festhalten, zur Herausbildung einer Sphä- re, die zwischen Kultur und Politik angesiedelt ist und die aus einer Vermischung unterschiedlicher Medien und Medienangeboten hervorgeht. Diese

Sphäre eröffnet zunächst nur einen populärkulturel- len Zeichenraum, der unter bestimmten Bedingun- gen – und vielfach auch nur situativ – zu einem Dis- kursraum im Sinne einer öffentlichen Arena gerin- nen kann.

Erinnert sei an dieser Stelle für die USA – mit Blick auf den Beginn der hier verfolgten Entwicklung – an Fernsehfilme wie „The Day After“ oder aber an die Fernsehserien „Roots“ und „Holocaust“, die auch in- ternational Verbreitung fanden und gerade auch in West-Deutschland ihre politische Wirksamkeit in den achtziger Jahren zeigten. Für das deutsche Fernsehen der neunziger Jahre lassen sich als Beispiele für diese Entwicklung etwa die als Doku-Drama bezeichneten Fernsefilme Heinrich Breloers anführen: unter ande- rem. über Wehner, über die Schleyer-Entführung („Todesspiel“) sowie über Albert Speer, aber auch über die Ge-schichte der Familie Mann. Vorläufer in den siebziger Jahren waren etwa Sendungen Wolfgang Menges, die bis heute in der Erinnerung geblieben sind; etwa „Das Millionspiel“.

Für den Wandel zur Unterhaltungsöffentlichkeit in- teressant ist aber nun vor allem jene Neuerung aus dem letzten Jahrzehnt, bei der im Rahmen der großen Talkshow-Welle semi-dokumentarische Filme oder Serien im engen Verbund mit Fernseh-Talk-Shows ausgestrahlt wurden.

Auch diese semi-dokumentarischen Sendungsfor- men gab es vereinzelt bereits seit den siebziger Jah- ren, wenn man sich an die Fernsehsendung „Smog“ und deren umweltpolitische Nachwehen erinnert. Der Unterschied gegenüber der aktuellen Entwick- lung besteht aber darin, dass zu dieser Zeit die Talk- Shows noch nicht zu einem nach ihrer eigenen Me- dienlogik aufbereitenden Genre etabliert waren, die sich den Themen dieser Sendungen – mitunter im Sendungsverbund – annehmen.

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Gibt es ein aktuelles Beispiel?

Prototypisch für diese Entwicklung möchte ich an die- ser Stelle den zweiteiligen ARD Fernsehfilm „Eine ein- zige Tablette“ anführen, mit dem an den Contergan- Skandal zu dem Zeitpunkt erinnert wurde, an dem die Stiftungsgelder für die Opferunterstützung ausgelau- fen waren und sowohl Grünenthal – als die für den damaligen Medikamenten-Skandal verantwortliche Pharmafirma – als auch die Bundesregierung keine Verlängerung des Hilfsfonds vorgesehen hatten.

Gegen die Ausstrahlung des Films protestierte Grü- nenthal fast anderthalb Jahre erfolglos. Am 7. und 8. November 2007 strahlte die ARD den Film dann mit leichten Änderungen aus. Der Sender nutzte die Prozess-PR und behandelte das Thema zusätzlich im Rahmen von zwei ARD-Talk-Shows, wodurch sich die hier thematisierte öffentliche Rolle der Unterhaltung auf spezifische Art für ein größeres Fernsehpubli- kum zeigte.

Noch vor Beginn der Fernsehfilm-Ausstrahlung des ersten Teils der Geschichte diskutierte bereits die Sendung „Menschen bei Maischberger“ – u.a. mit der Beteiligung eines Contergan-Opfers – über den Phar- maskandal. Nach der Ausstrahlung des ersten Film- teils bat dann Frank Plasberg in der Sendung „Hart aber Fair“ um Meinungen zum Thema „Restrisiko auf Rezept: Geht Profit vor Gesundheit?“, ebenfalls mit Opferbeteiligung.

Allerdings war bei beiden Talk-Runden kein Vertreter der Firma Grünenthal vor Ort, und erst die Zeitungs- berichterstattung in der überregionalen Presse, vor allem der Süddeutschen Zeitung, brachte erstmals einen der heutigen Firmenmanager dazu, sich öf- fentlich zu dem damaligen Verhalten der Familie Wirtz als Eigentümer von Grünenthal in einem In- terview zu äußern, wobei erstmals auch ein Treffen

_Mehr vom Autor unter Udo Göttlich auf www.zu.de/mehr

von Firmenvertretern mit Contergan-Opfern in Aus- sicht gestellt wurde, das 2008 stattfand.

Das für meine These zentrale Moment zum Beleg des jüngeren Öffentlichkeitswandels in der Medienkul- tur besteht darin, dass neben der Entstehung einer spezifischen textuellen Form, die sich aus der Ver- mischung sowie der Verbindung von Wirklichkeits- darstellung und Fiktionalität ergibt, öffentliche Kommu-nikation verstärkt aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Medien und Gattungen erwächst, die unterschiedliche Zugangsweisen für Publika be- sitzen und verschiedene Zuschauergruppen auch unterschiedlich adressieren.

_Zwischenfrage an Udo Göttlich: Wie begegnen Sie persönlich den neuen Formaten der Unterhaltungsöffentlichkeit? „Aus der Überraschung erwächst die Neugierde. Wie beispielsweise am Sonntag, 10.06.2012, „when Tatort meets Jauch“. Es zeigte sich, dass auch ein Verteidigungsminister keine Scheu hat, zu einem im „Tatort“ aufbereiteten fiktionalen Fall Stellung zu beziehen, der sich den Folgen des Afghanistaneinsatzes für traumatisierte Soldaten widmete. Ob die Bevölkerung über die Folgen der Einsätze nun anders nachdenkt, wäre die öffentlichkeitstheoretische Gretchenfrage, der genauer nachzugehen wäre.“

Werden Teilöffentlichkeiten verbunden?

Der Zeitungsleser trifft auf den Hinweis zum Spiel- film. Der Spielfilm spiegelt sich in den Talk-Shows, die wiederum ein anderes Publikum als den Zeitungsle- ser adressieren usw. Im Grunde genommen werden zunächst einmal Teilöffentlichkeiten auf themati- sche Art miteinander verbunden, so dass sie sich wechselseitig wahrnehmen und dann auch potenti- ell miteinander verbinden können, wodurch die mit der Fragmentierung von Öffentlichkeit aufgeworfe- nen Fragen bereits von Sender- und Programmseite bzw. dem „flow of television“ eine spezifische Beant- wortung finden.

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Dabei ist es meines Erachtens kein Zufall, wenn, wie in dem angeführten Beispiel zu sehen ist, vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit den genann- ten Sendungen als Pionier dieser Entwicklung ange- führt werden kann.

Die Verbindung von Realität und Fiktion kann sich jenseits eines solchen Sendungskalküls in der Medien- kultur aber immer auch situativ, also ungeplant und damit zufällig entfalten, worin eine weitere Wahr- scheinlichkeit für die Entstehung öffentlicher Kom- munikation durch Unterhaltung besteht. Hieran knüpfen auch meine Ausgangsüberlegungen zur Ent- stehung einer Unterhaltungsöffentlichkeit an. Fikti- onen scheinen in diesem Prozess nützlich, wenn sie mit ihren Mitteln sozusagen Themen aus Teilöffent- lichkeiten aufgreifen und behandeln und dadurch in der breiteren Fernsehöffentlichkeit präsentieren.

Inwiefern diese Entwicklung zur Entstehung neuer öffentlicher Arenen beiträgt, kann aber nur die weite- re Analyse zeigen. Wegen der geringen Zahl an bislang

(auch international) gesicherten Beispielen, die für die Entwicklung einer Unterhaltungsöffentlichkeit spre- chen, wird es zunächst um die besondere, Öffentlich- keit situativ konstituierende Konstellation gehen müssen, deren Gestalt sich nur in Kombination von textueller Analyse und Rezeptionsanalyse genauer erschließen lässt. Eine solche integrierte Perspektive ist in der kommunikationswissenschaftlichen Öffent- lichkeitsforschung bislang jedoch nicht etabliert.

Was wäre ein Ausblick?

Die vorliegende Diskussion diente der Beschreibung und Erfassung eines seit zwei Jahrzehnten ablaufen- den Metaprozesses des (medien-)kulturellen Wandels, in dessen Rahmen Unterhaltungsangebote nicht nur einfach eine Ressource kulturindustrieller Reproduk- tion bilden, sondern eine entscheidende Facette des Öffentlichkeitswandels darstellen.

Für die Öffentlichkeitstheorie erweist sich angesichts dieses Wandels, dass die mit der normativ-kritischen

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Perspektive formulierte und vertretene Grundan- nahme zum „emanzipatorischen Charakter“ öffent- licher Kommunikation ihre Bedeutung für die Veror- tung von Individuen gegenüber neu entstehenden Prozessen der kulturellen Vergesellschaftung nicht verloren hat. Sie sind aber stärker als bislang gesche- hen im Licht der Lösungswege zu reflektieren, die „kulturelle Öffentlichkeiten“ mit ihrem besonderen medienkommunikativen Rahmen für sie bereithalten.

Das heißt, dass erst aus der integrativen Behandlung solcher und vergleichbarer Prozesse beantwortet werden kann, in welchem Ausmaß sich die Bedin- gungen öffentlicher Partizipation in der Medienkul- tur verändert haben.

Für die Forschung ergibt sich mit Blick auf den hier angesprochenen Wandel selbst dann eine Herausfor- derung, wenn von der Herausbildung einer Unter- haltungsöffentlichkeit in dem hier dargelegten Sinn noch gar nicht gesprochen werden kann. Denn es existieren auch ohne eine solche Form ausreichend

Hinweise zum Durchlässigwerden bisheriger Gren- zen der Öffentlichkeit und der Verwischung spezifi- scher Merkmale von Information und Unterhaltung, dass der daraus resultierende Einfluss auf die gesell- schaftliche Kommunikation nicht einfach ignoriert werden kann.

Meine Ausführungen sollten verdeutlichen, dass eine Annäherung an den aktuellen Strukturwandel der Öffentlichkeit den Spannungspol von normati- vem Konzept und aktueller empirischer Gestalt öf- fentlicher Kommunikation nicht zum unüberwind- baren Graben stilisieren muss. Vielmehr gilt es, sich auf die jeweiligen Konstellationen einzulassen, aus denen öffentliche Kommunikation hervorgeht und wovon sie mit beeinflusst wird. Das jedenfalls ist die Hoffnung auf eine Auseinandersetzung mit dem Strukturwandel von Öffentlichkeit durch Unterhal- tung in der Medienkultur, die den Namen Kritik zu Recht verdient.

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Die Traumfabrik des Staatsrechts

Professor Dr. Georg Jochum, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Steuer- und Europarecht und Recht der Regulierung

Vom ehemaligen Präsident des Bundes- verfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier stammt der Satz, dass die Versuche, die Eindämmung des Superfiskalismus, das heißt des wachsenden Anteils des Staates am Bruttosozialprodukt, nicht als politi- sche Forderung, sondern als rechtliches Gebot zu formulieren, in die Traumfabrik des Staatsrechts gehörten1. Diese Aussa- ge stimmt skeptisch, wenn man sich nun der Frage widmet, ob die im Grundgesetz eingeführte sogenannte Schuldenbremse, die nun auch mittels des sogenannten

„Fiskalpaktes“ in die Verfassungen der üb- rigen europäischen Staaten implemen- tiert werden soll, das was sie verspricht,

auch erfüllt.

Denn exzessive öffentliche Schulden sind nichts Neues. Schon im alten Rom waren sie ein Problem. So forderte im Jahr 55 v. Chr. Cicero in einer seiner Reden, dass das Budget ausgeglichen sein sollte und die öffentlichen Schulden re-

duziert werden müssten 2 . 2000 Jahre sind seitdem ver- gangen und die öffentlichen Schulden sind nicht verschwunden. Diese Erfahrung stimmt nicht gera- de optimistisch, was den jüngsten Versuch betrifft, öffentliche Schulden durch verfassungsrechtliche Maßnahmen einzugrenzen.

Wie entwickelte sich die öffentliche Verschuldung in Deutschland in Beziehung zum verfassungsrechtlichen Rahmen?

Wenn wir die Entwicklung der öffentlichen Verschul- dung der Bundesrepublik Deutschland betrachten, so können zwei Perioden festgestellt werden, welche

mit verfassungsrechtlichen Maßnahmen korrespon- dieren, die durch den volkswirtschaftlichen Zeitgeist inspiriert wurden. Die erste Periode reicht bis 1969. In dieser Zeit wuchs die Staatsverschuldung nicht sonderlich stark. Zwar beträgt die Steigerung prozen- tual 600 Prozent, wenn man auf die absoluten Zah- len schaut. Betrachtet man die Zahlen allerdings in Relation zum Bruttosozialprodukt, so ist der Anstieg nur sehr langsam von 19 Prozent auf 21 Prozent des Bruttosozialprodukts. Die zweite Periode beginnt 1969 und ist durch ein starkes Wachstum der Schul- den geprägt. Von 1969 bis 2009 stieg die Staatsver- schuldung von 21 auf 73 Prozent des Bruttosozialpro- dukts; in absoluten Zahlen beträgt die Steigerung 27.952 Prozent. Dabei ist festzustellen, dass diese Entwicklung mit einem Wechsel des verfassungs- rechtlichen Rahmens korrespondiert.

Die erste Periode reicht vom Ende des Krieges und endet mit der ersten Wirtschaftskrise nach dem Krieg im Jahr 1964. In dieser Zeit des Wirtschafts- wunders waren die Regierungen sehr restriktiv im Hinblick auf schuldenfinanzierte Haushalte. Der

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Anstieg der Staatsverschuldung in den fünfziger Jah- ren war vor allem durch die Übernahme der Schulden des Deutschen Reiches durch die Bundesrepublik im Rahmen des Londoner Schuldenabkommens verur- sacht 3 . Auch die verfassungsrechtlichen Regelungen des Grundgesetzes im Hinblick auf die Kreditaufnah- me waren sehr streng. Der ursprüngliche Art. 115 GG erlaubte die Kreditfinanzierung des Haushaltes nur in Ausnahmefällen und nur für wirtschaftliche Ak- tivitäten des Staates. Eine weitere Begrenzung be- stand darin, dass Kredite oder Sicherheiten, die finan- zielle Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutsch- land für mehr als ein Jahr bedeuteten, nur aufgrund eines formellen Bundesgesetzes erlaubt werden konnten. Dieses Gesetz hatte die Summe des Kredits oder der Verpflichtung zu bestimmen, für die der Bund die Sicherheit übernehmen sollte 4 .

Diese Regeln waren auch Ausdruck eines ökonomi- schen Standpunkts. Denn der parlamentarische Rat wollte bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes keine klaren Entscheidungen der Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik treffen. 5 Dementsprechend war es

_1 H.j. PaPier, Steuerberatung 1999, 49,53. _2 Zitiert nach WenDt, in: von mangolDt/klein/starck, gg, 6. Aufl. Art 115, Rdnr. 1 _3 Vgl. WenDt, in: von mangolDt/klein/starck, GG, 6. Aufl. Art 115, Rdnr. 8 _4 Vgl. Henneke, in: Schmidt-Bleibtreu/Hofmann/Hopfauf, GG, Art 115, Rdnr. 1 _5 Vgl. von mangolDt, Das bonner grunDgesetZ, S. 34, 95

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auch nicht möglich, aus den verfassungsrechtlichen Regelungen Leitlinien für die Finanz oder Wirt- schaftspolitik der deutschen Regierung abzuleiten. 6 Insofern waren die Gründe für die sehr restriktive Verschuldungspolitik im wesentlichen einer wirt- schaftspolitischen Auffassung und der Tatsache ge- schuldet, dass das rasante Wachstum der Volkswirt- schaft der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren eine Finanzierung der durchaus wachsenden Staats- ausgaben auch ohne Schulden ermöglichte.

Die Regelung des Artikels 115 GG selbst war durchaus inspiriert von der klassischen liberalen Idee des Staatshaushaltes. Der Haushalt hatte eine Finanzie- rungsfunktion, die den Staat in die Lage versetzen sollte, seine Aufgaben zu erfüllen, eine politische Funktion, nämlich die Kontrolle des Parlaments über die Regierung sicherzustellen, und eine rechtliche Funktion, nämlich eine effektive Finanzkontrolle zu ermöglichen. 7

Der Staat als Stimulator der Wirtschaft?

In den sechziger Jahren änderten sich die Dinge, als die erste Wirtschaftskrise nach dem Krieg Deutsch- land traf. In dieser Zeit wurde auch die ökonomische Theorie von John Meynard Keynes 8 über die Rolle der Staatsverschuldung in Wirtschaftskrisen politisch wirkungsmächtig. 9 Der Staatshaushalt spielte nun eine aktive Rolle, um schwere Rezessionen zu vermei- den. Während eines Abschwungs sollte der Staats- haushalt als Instrument zur Stimulierung der Wirt- schaft genutzt werden. Dann sollten insbesondere

öffentliche Investitionen in Straßen, Universitäten Schulen oder Infrastruktur vorgenommen werden. Um diese so genannte antizyklische Haushaltspolitik verfassungsrechtlich zu ermöglichen, wurden die Vorstellungen von Keynes 1969 in das Grundgesetz geschrieben. 10 Die Defizite, die während der Rezessi- on aufgelaufen waren, sollten während der Zeiten eines wirtschaftlichen Aufschwungs abgebaut wer- den. Art. 115 GG sah nun eine neue Begrenzung der Staatsverschuldung vor. Die Begrenzung war nun die Summe der Investitionen des Haushalts. Außerdem erlaubte Art. 115 GG eine Ausnahme dieser Regel. Eine Verschuldung über diese Grenze hinaus sollte mög- lich sein, um Störungen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts entgegenzuwirken. Damit waren kreditfinanzierte Haushalte das moderne Instrument einer modernen Wirtschaftspolitik.

In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die volkswirtschaftlichen Theorien von Keynes zu einer Zeit in das Grundgesetz eingeführt wurden, als diese Theorien bereits nicht mehr dem Stand der Wissenschaft der Volkswirtschaftslehre entsprachen. Der Mainstream der deutschen Politik wollte den verfassungsrechtlichen Rahmen für eine antizykli- sche Finanzpolitik schaffen und hinkte damit der volkswirtschaftlichen Theorie hinterher. Die Politik verkündete, dass die Defizite, die während der Rezes- sion aufgelaufen waren, während der Zeiten eines wirtschaftlichen Aufschwungs abgebaut würden. Doch diese antizyklische Politik, für die 1969 das Grundgesetz geändert wurde, wurde bereits im ers- ten Aufschwung, 1970, aufgegeben. 11

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Seit 1970 hat keine deutsche Regierung einen ausge- glichenen Haushalt erreicht. 12 Jahr für Jahr wächst die öffentliche Verschuldung und während der meis- ten Zeit wurde auch die Begrenzung des Artikels 115 GG missachtet. Die verfassungsrechtlichen Maßnah- men, übermäßige Haushaltsdefizite zu vermeiden, scheiterten auf ganzer Linie. Die Idee einer aktiven, antizyklischen Haushaltspolitik konnte durch die verfassungsrechtlichen Bestimmungen nicht durch- gesetzt werden. Das Problem bestand vor allem dar- in, dass sich die Haushalte der modernen westeuro- päischen Wohlfahrtstaaten für eine solche antizyk- lische Haushaltspolitik nicht eigneten. Denn die meisten Ausgaben des Haushalts waren bereits durch gesetzliche Verpflichtungen außerhalb des Haushaltsplans festgelegt. Daher bestand nur ein sehr kleiner Spielraum für eine aktive Haushaltspo- litik. Auch waren die Prozesse der Haushaltserstel- lung zu langsam, um auf eine volkswirtschaftliche Entwicklung angemessen reagieren zu können. 13 Die Ausdehnung des Wohlfahrtstaates kombiniert mit einer wachsenden Arbeitslosigkeit verursachte ein strukturelles Haushaltsdefizit, welches zum stetigen Ansteigen der Staatsverschuldung führte.

In den achtziger Jahren war Keynes Theorie als wirt- schaftspolitische Leitlinie „out“. Es war offensicht- lich geworden, dass die Theorie von Keynes und sei- nen Nachfolgern in der Praxis nicht wirksam war. Der politische Mainstream folgte nun einer neuen wirtschaftlichen Theorie. 14 Die nun herrschende The- orie, die sogenannte „neue Klassische Theorie“ be- tonte, dass der Staat keine aktive Rolle spielen sollte.

_6 Vgl. BVerfGE 50,290,336 ff. _7 Vgl. neumark, Theorie und Praxis der Budgetgestal- tung, in Handbuch der Finanzwissenschaft, 2. Aufl. 1952, 554, 558 _8 vor allem: keynes, tHe general tHeory of emPloy- ment, interest anD money, London 1936 _9 Vgl. WenDt, in: von mangolDt/klein/starck, GG, 6. Aufl., Art 115, Rdnr. 8 _10 Vgl. laPPin, Kreditäre Finanzierung des Staates unter dem Grundgesetz, 1994, S. 72 ff. _1 1 Vgl. zum ganzen: WenDt, in: von mangolDt/klein/ starck, GG, 6. Aufl., Art 115, Rdnr. 8 _12 Sondereffekte, wie die Versteigerung der UMTS-Li- zenzen, bleiben unberücksichtigt. _13 kircHHof NVwZ 1983, 505,506; v. mutius, VVdStRL 42 (1984), 147, 159. _14 Vgl. im Überblick, franZ, Makroökonomische Kont- roversen, in: bertHolD, Allgemeine Wirtschaftstheo-

rie,131,136.

_15 Vgl. statt vieler: lucas, Journal of Politcal Economy Vol. 83 (1975), 1113,(1139).

Die Aufgabe des Staates wurde darin gesehen, Stabi- lität durch stabile Preise und ausgeglichene Haushal- te zu organisieren. 15

_Zwischenfrage an Georg Jochum: Warum sind eigentlich Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes zum staatlichen Finanzgebaren so wirkungslos? „Der Haushalt wird jährlich aufgestellt und verabschiedet. Das Bundesverfas- sungsgericht entscheidet oftmals erst, wenn der Haushalt längst vollzogen ist. Aber selbst wenn ein Haushalt durch das Bundesverfassungsgericht gestoppt würde, so müssten gesetzliche Verpflichtungen weiter erfüllt werden, so dass auch dieser Effekt nur sehr gering ist. Schließlich bleibt das Ganze auch ohne unmittelbare Konsequenzen für die handelnden Personen.“

Ähnlich wie Ende der sechziger Jahre die Doktrin von J.M.Keynes fand der nun herrschende neo-klassische Zeitgeist Eingang in juristische Grundsatzdokumen- te. Diesmal war es der EGV. Ähnlich wie das Grund- gesetz war auch der EGV anfangs wirtschaftspoli- tisch neutral. Eine eindeutige volkswirtschaftliche Zielvorgabe fehlte. Durch den Maastrichter Vertrag änderte sich dies. Im Zuge der Einführung der Wirt- schafts- und Währungsunion wurden volkswirt- schaftlich eindeutigere Zielvorgaben aufgenommen. Durch diesen Vertrag wurde die Haushaltspolitik der Mitgliedstaaten verpflichtet „übermäßige Defizite zu vermeiden“ (Art 126 Abs. 1 AEU [104 c EGV Maastrich- ter Fassung]). Außerdem wurde die Tätigkeit der Ge- meinschaft im Rahmen dieser Wirtschafts- und Währungsunion auf folgende „richtungweisende Grundsätze“ festgelegt: „stabile Preise, gesunde öf- fentliche Finanzen und monetäre Rahmenbedingun-

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gen sowie eine dauerhaft finanzierbare Zahlungsbi- lanz“ (Art 119 Abs. 3 AEU [Art. 3a EGV Maastrichter Fassung]).

Es ist hier nicht die Aufgabe, die volkswirtschaftliche Konzeption dieser Regelungen punktgenau zu be- stimmen. Es genügt festzuhalten, dass die Haushalts- politik in der Vorstellung des Maastrichter Vertrages konjunkturpolitisch eine andere Funktion hatte als im GG von 1969. Sie wird einseitig auf Ausgabenbe- grenzung festgelegt und vor allem im Zusammen- hang mit der Geldpolitik gesehen. Dies wird beson- ders deutlich an den im 5. Protokoll zum Maastrichter Vertrag festgelegten Defizitkriterien. Das jährliche Defizit darf nicht mehr als drei Prozent, das Gesamt- defizit nicht mehr als 60 Prozent des BIP zu Markt- preisen betragen.

Auch diese Defizitregel erwies sich, wie die Euro- Krise zeigt, als nicht sehr wirksam. Auch die Bundes- republik Deutschland verletzte regelmäßig diese Regeln.

Welche neuen rechtliche Rahmen hat die Schulden- bremse?

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts war es Konsens un- ter allen politischen Parteien in Deutschland, dass der existierende verfassungsrechtliche Rahmen

nicht in der Lage war, ausgeglichene Haushalte durchzusetzen und eine wachsende Staatsverschul- dung zu verhindern. Das Problem der wachsenden Staatsverschuldung, welches durch den EG-Vertrag nun auch eine europäische Dimension bekommen hatte, war daher eins der Hauptthemen der soge- nannten Föderalismuskommission II, die sich aus Vertretern des Bundes und der Bundesländer zusam- mensetzte und deren Ziel die Reform der Finanzver- fassung der Bundesrepublik Deutschland war. 16 Das Ergebnis dieser Föderalismuskommission war eine Änderung des Grundgesetzes, mit der die sogenann- te Schuldenbremse in das Grundgesetz eingefügt wurde. Die Verfassungsänderungen traten am 1. Au- gust 2009 in Kraft und sollen nun eine neue effekti- ve verfassungsrechtliche Regelung zur Vermeidung wachsender Staatsverschuldung bilden.

Der Hauptteil der Änderung ist die Einführung eines generellen Verbots, Haushalte mit neuen Schulden auszugleichen. Dies ist sowohl in Art. 109 Abs. 3 GG für den Gesamtstaat als auch in Art. 115 Abs. 2 GG für den Bund ausgesprochen. Doch dieses allgemeine Verbot defizitfinanzierter Haushalte hat drei Ausnah- men. Die wichtigste Ausnahme ist die allgemeine Krediterlaubnis für den Bundeshaushalt. Der Bund darf Kredite bis zu einer Höhe von 0,35 % des Brutto- inlandsprodukts aufnehmen. Es handelt sich somit um eine verfassungsrechtliche Erlaubnis einer mo-

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deraten jährlichen Verschuldung des Bundes, die derzeit bei knapp 10 Milliarden Euro liegen würde. Diese allgemeine Krediterlaubnis ist allerdings nur für den Bundeshaushalt vorgesehen. Die Haushalte der Länder haben eine solche Ausnahme nicht. Die beiden anderen Ausnahmen sind Optionen des Ge- setzgebers. Gemäß Art. 109 Abs. 3 GG können Landes- und Bundesgesetzgeber Regelungen schaffen, um eine in bezug auf Auf- und Abschwung symmetri- sche Berücksichtigung der Auswirkungen einer von der Normallage abweichenden konjunkturellen Ent- wicklung zu ermöglichen. Die zweite Möglichkeit ist eine Ausnahmeregelung für Naturkatastrophen oder außergewöhnlichen Notsituationen, die sich der Kon- trolle des Staates entziehen und die staatliche Finanz- lage erheblich beeinträchtigen.

Für die Bundesebene ist dies in Art. 115 Abs. 2 GG näher definiert. Für den Fall einer von der Normallage ab- weichenden realen Entwicklung sind die Abweichun- gen der tatsächlichen Kreditaufnahme auf einem Kontrollkonto zu erfassen. Steigen die Belastungen auf mehr als 1,5 Prozent des nominalen Bruttoinlands- produkts, so müssen die diese Grenze überschreiten- den Belastungen konjunkturgerecht zurückgeführt werden. Das heißt die Schulden müssen in der nächs- ten Aufschwungsphase aus dem soweit ausgegliche- nen Budget zurückgeführt werden. Alles weitere ist in einem Bundesgesetz zu regeln. Für den Fall von Naturkatastrophen oder außergewöhnlichen Situati- onen, die sich der Kontrolle des Staates entziehen und die staatliche Finanzlage erheblich beeinträchtigen, können die Kreditobergrenzen aufgrund eines Be- schlusses der Mehrheit der Mitglieder des Bundesta- ges überschritten werden, wobei dieser Beschluss mit einem Tilgungsplan zu verbinden ist. Die Rückfüh- rung dieser Schulden hat binnen eines angemessenen Zeitraums zu erfolgen.

Die neuen verfassungsrechtlichen Bestimmungen erlauben demnach auch eine antizyklische Finanz- politik. Aber im Gegensatz zur früheren Regelung sind Bund und Länder nun verpflichtet, die Staats- verschuldung während der Aufschwungsperiode abzubauen. Damit ist es nicht mehr ausreichend, im Aufschwung lediglich das jährliche Defizit zu redu- zieren, sondern nunmehr notwendig, im Auf- schwung einen Haushaltsüberschuss zu produzieren. Das Hauptproblem dieser antizyklischen Finanzpo- litik ist die Frage, was unter dem verfassungsrecht- lichen Ausdruck „Normallage“ zu verstehen ist. Dies wird im Ausführungsgesetz zu Art. 115 GG näher de-

_16 Vgl. BT-Drs. 16/3885 _17 Vgl. zum Ganzen WenDt, in: von mangolDt/klein/ starck, GG, 6. Aufl., Art 115, Rdnr. 43 m.w.N.

finiert. Gemäß § 5 Abs. 1 des Ausführungsgesetzes sollen aus der Abweichung der erwarteten wirt- schaftlichen Entwicklung von der konjunkturellen Normallage Maß und Umfang der zu veranschlagen- den konjunkturell bedingten Kreditaufnahmen oder Kredittilgungen abgeleitet werden. Eine Abweichung der wirtschaftlichen Entwicklung von der konjunk- turellen Normallage liegt gemäß § 5 Abs. 2 des Geset- zes vor, wenn eine Unter- oder Überauslastung der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten (Produktionslücke) zu erwarten ist. Die Produktions- lücke ist gesetzlich definiert als Abweichung des auf Grundlage eines Konjunkturbereinigungsverfahren zu schätzenden Produktionspotenzials vom erwar- teten Bruttoinlandsprodukt für das Haushaltsjahr, für das der Haushalt aufgestellt wird. Diese Definiti- on begegnet rechtsstaatlichen Bedenken. 17 Denn nach dieser Definition dürfte eine Normallage der Volkswirtschaft eine absolute Ausnahme sein. Denn es ist kaum vorstellbar, dass die Produktionskapazi- täten üblicherweise ausgeglichen sind.

Hinsichtlich dieser neuen Schuldenbremse gibt es Übergangsregelungen. Diese finden sich in Art. 143d GG. Demnach wurden die Regelungen mit Beginn des Jahres 2011 wirksam. Während einer Übergangs- zeit sind Abweichungen erlaubt. Die Länder dürfen bis zum Haushaltsjahr 2019 Kredite aufnehmen. Für den Bundeshaushalt sind Abweichungen bis zum Haushaltsjahr 2016 zulässig. Außerdem wird die Ein- führung der Schuldenbremse mit einer verfassungs- rechtlichen Zusage für fünf Länder abgefedert. So erhalten Berlin, Bremen, Saarland, Sachsen Anhalt und in Schleswig Holstein und 18 Millionen Euro.

_Zwischenfrage an Georg Jochum: Welche Wirksamkeit räumen Sie aus den bishe- rigen rechtlichen Erfahrungen der Schuldenbremse ein? „Um ehrlich zu sein nur eine sehr geringe. Die Schuldenbremse ist in Kraft. Die Übergangsphase ist zwar noch nicht abgeschlossen, doch die Übergangsphase erlaubt nur Ausnahmen von der Regel. Die Politik könnte die Schuldenbremse derzeit so leicht einhalten wie selten. Es herrscht ein Boom. Die Bundesrepublik verschuldet sich trotzdem weiter, obwohl zurzeit eigentlich Überschüsse produziert und die Schulden abgebaut werden müssten. Stattdessen schafft man mit dem Betreuungsgeld neue Ausgaben, die künftige Haushalte binden. Wenn es aber bereits in guten Zeiten an einem Willen fehlt, wird das Recht allein nicht viel ausrichten können.“

Wie ist die Schuldenbremse zu bewerten?

Wegen der erwähnten Übergangszeit kann derzeit noch nichts darüber ausgesagt werden, ob die Schul- denbremse tatsächlich wirkt. Insofern können die

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_18 Vgl. zum schweizer Fall: Danninger, a New Rule “ The Swiss Debt Brake”, IMF working paper WP/02/18; felD/kircHgässner, on tHe effectivness of Debt bra- kes; tHe sWiss exPerience, 2005, boDmer, The Swiss Debt Brake: How it Works and What Can Go Wrong, Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik vol 142 (2006), 307

_Mehr vom Autor unter Georg Jochum auf www.zu.de/mehr

Regeln nur im Rahmen einer ersten Betrachtung be- wertet werden. Zunächst ist festzustellen, dass eine effektive Kontrolle der Haushaltspolitik durch das Bundesverfassungsgericht nicht erwartet werden kann. Dies ist eine Aussage, die sich auf Basis der bis- herigen Erfahrungen verfassungsgerichtlicher Kon- trolle der Staatsverschuldungsregelungen sicher treffen lässt. Ein verfassungswidriger Haushalt war in den letzten Jahren der Normalfall. Die Entschei- dungen des Verfassungsgerichts haben niemals be- wirkt, dass die Aufstellung eines verfassungswidri- gen Haushalts gestoppt werden konnte.

Die Hoffnung, dass dies für die Schuldenbremse an- ders sein soll, beruht auf Beispielen anderer Staaten, insbesondere der Schweizer Schuldenbremse. 18 Doch der vielfach gelobte Schweizer Fall unterscheidet sich vom deutschen nicht unerheblich. Insbesondere eine Bedingung, die für die Funktionsfähigkeit der Schul- denbremse sehr wichtig zu sein scheint, fehlt in Deutschland. Denn anders als in der Schweiz besit- zen die Länder und Gemeinden nur eine sehr einge- schränkte Steuerhoheit. In der Schweiz haben die Kantone und die Gemeinden ihre eigene breite Steu- erbasis und haben Möglichkeit, selbstständig die Steuersätze zu bestimmen. Insofern können die Kan- tone und Gemeinden in der Schweiz auf Änderungen der Ausgaben mit entsprechender Änderung der Einnahmen reagieren. In Deutschland ist dies nicht möglich. Länder und Gemeinden sind in der Regel zu Ausgaben verpflichtet, die ihre Ursache in Bundesge- setzen haben. Es bedeutet, dass ein großer Teil ihres Haushalts nicht unter der Kontrolle des Landeshaus- haltsgesetzgebers liegt. Auf Änderungen, insbeson- dere Erhöhungen der Ausgaben in Folge bundesge- setzlicher Verpflichtung können die Länder aber nicht mit einer Ausweitung ihrer Einkünfte durch Erhebung von Steuern reagieren.

Wie steht es um die Durchsetzbarkeit?

Es ist also durchaus denkbar, dass die Einhaltung der Schuldenbremse insbesondere die Länder überfor- dern könnte. Wenn dieser Fall einträte, würde die

Schuldenbremse ein ähnliches Schicksal erleiden wie die bisherigen Versuche der verfassungsrechtlichen Beherrschung des staatlichen Finanzgebarens.

Auf Basis der bisherigen Erfahrungen kann festge- halten werden, dass jede verfassungsrechtliche Regel hinsichtlich des Staatshaushaltes von dem Willen der Politiker abhängig ist, die verfassungsrechtlichen Forderungen zu erfüllen. Auf diesem hochpolitischen Gebiet hat Recht, insbesondere Verfassungsrecht, von Natur aus nur einem begrenzten Effekt, da es an einer effektiven gerichtlichen Durchsetzbarkeit fehlt. Denn wie sollen Verfassungsgerichtsurteile geahn- det werden, die oftmals erst verkündet werden, nach- dem der betreffende Haushalt längst Geschichte ist. Selbst in Eilverfahren stellt sich die Frage nach der Vollstreckbarkeit solche Entscheidungen. Soll etwa infolge einer einstweiligen Anordnung des Bundes- verfassungsgerichts der Haushalt gestoppt werden, mit der Folge, dass wichtige Ausgaben nicht mehr getätigt werden können? Es kommt demnach ganz entscheidend darauf an, welche politischen Zwänge auf die handelnden Personen ausgeübt werden. Denkbar ist etwa ein entsprechendes Verhalten der Wähler, welches Verletzungen der verfassungsrecht- lichen Regelungen über die Staatsverschuldung ne- gativ sanktioniert. Eine andere Möglichkeit ist der Druck von Kapitalmärkten, die eine Verletzung der verfassungsrechtlich verankerten Schuldenbremse zum Anlass nehmen, die Kreditwürdigkeit des ent- sprechenden Landes infrage zu stellen. Die Einhal- tung der Schuldenbremse demnach nur mit Hilfe verfassungsrechtlicher Gebote sicherzustellen, ist wohl eher eine Illusion als eine Realität. Die gehört in der Tat in die Traumfabrik des Staatsrechts.

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Wider die Symmetrie von Macht und Wissen

Professor Nico Stehr PhD, Karl-Mannheim-Lehrstuhl für Kulturwissenschaften

Der Sozialphilosoph und Ökonom Fried- rich August von Hayek äußert sich in der Einleitung seines 1960 erschienen Buches „Die Verfassung der Freiheit“ sehr skep- tisch über die Struktur von Machtbezie- hungen in modernen Gesellschaften. Im Verlauf der Arbeit sei er zu der Einsicht ge- langt, dass „unsere Freiheit auf vielen Ge- bieten gerade dadurch bedroht ist, dass wir viel zu sehr bereit sind, die Entschei- dungen den Spezialisten zu überlassen“. Zwar mag diese Feststellung bereits mehr als 50 Jahre alt sein, sie ist aber aktueller denn je, betrachtet man insbesondere die Debatte zum Klimawandel.

Da spricht der Klimaforscher und Kanzlerberater Hans Joa- chim Schellnhuber davon, dass seine „Selbst- und All- tagserfahrung zeigt, dass Be- quemlichkeit und Ignoranz die größten Charaktermängel

des Menschen sind“. Schelln- huber zweifelt also nicht daran, dass es für die Ge- sellschaft hoch an der Zeit ist, den Anweisungen von Experten zu folgen. Nur durch von Experten formu- lierte Politikmaßnahmen könnten wir den tödlichen Gefahren der Klimaveränderung entgehen. Leisten wir den Experten aber widerspruchslos Folge, verlie- ren wir als Individuen unsere Freiheit. Unsere demo- kratische Struktur verändert sich, Wissen und Macht konvergieren, auch wenn das schon Francis Bacon vor Jahrhunderten behauptet hat.

Ich möchte diesen einleitenden Bemerkungen folgen- de Thesen entgegenstellen:

Erstens ist die These, dass wissenschaftliche Erkennt- nisse mehr oder weniger von gewählten politischen

Akteuren kontrolliert und daher leicht von ihnen monopolisiert werden können, falsch. Zweitens ist die These von der Konvergenz von Macht und Wissen insofern irreführend, als sie die Erwartung eines un- mittelbaren und direkten Einflusses wissenschaftli- cher Erkenntnisse auf den politischen Prozess enthält. Es ist nicht möglich, aus der Wissenschaft direkte Handlungsanweisungen abzuleiten. Denn Erkennt- nisse sind immer nur vorläufige Aussagen, die schon gar nicht vor politischen Kompromissen gefeit sind. Ebenso kann die Wahl zwischen unterschiedlichen Handlungsoptionen nie eine rein wissenschaftliche Angelegenheit sein. So ist denn auch der wissen- schaftliche Zugang zum Klimawandel lediglich eine mögliche Perspektive. Hinzu kommen unterschied- liche andere Blickwinkel, etwa politische, kulturelle oder auch ökonomische. Im öffentlichen Diskurs wer- den diese unterschiedlichen Perspektiven gegenein- ander gesetzt. Im Diskurs selbst soll eine gemeinsa- me Position erstritten werden.

Drittens wird der Einfluss von aus wissenschaftli- chen Erkenntnissen abgeleiteten „rationalen“ Erwä-

43

gungen auf politische Entscheidungsprozesse in der Tat überschätzt. Schließlich, und viertens, führen die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse nicht wirklich zu einer Entpolitisierung demokratischer Prozesse. Insbesondere die Möglichkeiten der neuen Medien können zu einer besseren Integration der Zivilgesell- schaft in politische Debatten führen. Unterschiedli- che zivilgesellschaftliche Gruppen verfügen über ihre eigenen intellektuellen Fähigkeiten. Um Exper- tenwissen herauszufordern, muss man nicht soviel „wissen“ wie Experten. Öffentliche Fragen müssen politisch bleiben und sind dies in den allermeisten Fällen auch.

Warum gibt es ein Schweigen der Lämmer?

Insbesondere für den letzten Punkt mutet es interes- sant an, dass zwar die Zahl der Sozial- und Geistes- wissenschaftler, die auf die angeblich überwältigen- de Macht des Marktes aufmerksam machen und zum Widerstand aufrufen, Legion ist; die Zahl jener Geis- tes- und Sozialwissenschaftler, die gegen die angeb- lich ebenso außerordentliche gesellschaftliche Macht wissenschaftlicher Erkenntnisse mobilisieren, ist aber eher bescheiden. Im Gegenteil, prominente So- zialwissenschaftler wie Immanuel Wallerstein stel- len fest, dass angesichts der zunehmenden Speziali- sierung der Produktion von wissenschaftlichen Er- kenntnissen außer einigen wenigen Individuen „niemand mehr über das Vermögen verfügt, sich ein eigenes, rationales Urteil über die Qualität der vorge- legten Beweise oder die Schlüssigkeit des theoreti- schen Denkens zu bilden. Das gilt umso mehr, je ,härter̒ die Wissenschaft ist.“ Der Wissenschaftshis- toriker Gerald Holton formuliert es noch drastischer:

Für ihn sind die Bürger moderner Gesellschaften Sklaven. Sie sind unfähig, selbstbestimmt zu handeln. Diese neuen Analphabeten, in einer grotesken Um- kehr des Traums des Zeitalters der Aufklärung, sind willenlose Opfer der Symbiose von Macht und Er- kenntnis. Die prominenten englischen Wissenschaft- ler Michael Polanyi und C.P. Snow waren der Mei- nung, dass es eine gefährliche Kluft zwischen Wis- senschaft und dem Rest der Kultur gibt. Der bekannte Umwelttheoretiker James Lovelock, der Erfinder der Gaia-These, ist maßlos pessimistisch und entmutigt, weil er davon überzeugt ist, dass die Menschheit einfach zu dumm sei, um beispielsweise die mit dem Klimawandel verbundenen Gefahren zu vermeiden. Der schwedische Medienforscher Peter

Dahlgren spricht in diesem Zusammenhang von der „psychischen Verwüstung der Ära der späten Moder- ne“, in der die Bürger jedes Gefühl, politisch mitzu- wirken, verloren haben, da sie sich einfach nicht kom- petent fühlen. Verstärkt werde dieser Trend angeblich noch durch die Kräfte der modernen Globalisierung und der Dominanz rationalen Markthandelns.

_Zwischenfrage an Nico Stehr: Wie könnten konkret die Grenzen zwischen Experten- und Laienöffentlichkeit stärker überwunden und besser in politische Prozesse integriert werden? „Es geht vorrangig um eine Bewusstseinsveränderung – beziehungsweise -erweiterung: Die Öffentlichkeit muss die Scheu, von Experten im Eigeninteresse gestützt, überwinden, Expertenansichten zu hinterfragen.“

Es sind aber nicht nur einzelne Wissenschaftler, die das Nichtwissen der Bevölkerung als ein kritisches Problem moderner Gesellschaften ausgemacht ha- ben, sondern es ist die Gemeinschaft der Wissen- schaftler insgesamt: nach einer Umfrage aus dem Jahr 2009 als kritisches Problem. Es ist durchaus ein- leuchtend, dass das Wohl demokratischer Gesell- schaften nicht zuletzt eine Funktion ihrer Fähigkeit ist, eine fast unendliche Anzahl von vom Menschen verursachten Gefahren und Naturrisiken abzuwen- den oder wenigstens zu mildern. Diese Gefahren reichen von Naturkatastrophen, die oft durch den Menschen selbst verstärkt werden, über ökonomi- sche Konjunktureinbrüche, bis hin zu den Gefahren des Terrorismus oder von Seuchen.

_Zwischenfrage an Nico Stehr: Welchen Beitrag könnte die Wissenschaft selbst dazu leisten? „Die empirische und theoretische Analyse der Vielfalt und essentiellen Strittigkeit von Expertenansichten durch die Wissenschaftsfor- schung tragen ein Gutteil dazu bei, die gesellschaftliche Distanz zu Expertenurteilen zu verringern.“

Wie aber kann man mit diesen Risiken und Gefahren rational umgehen, ohne gleichzeitig eine der funda- mentalen Voraussetzungen demokratischer Gesell- schaften in Frage zu stellen? Wie ist es möglich, die politische Kultur der Partizipation hochzuhalten, die von vielen Seiten betonte Haupteigenschaft der Po- litik moderner demokratischer im Gegensatz zu tra- ditionalen Gesellschaften? Wir müssen uns aber

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fragen, ob diese Kennzeichnung auf unsere Gesell- schaft überhaupt noch zutrifft. Und zwar insbeson-

selten problembefriedend wirkt, also brennende Fra- gen nachhaltig löst.

der Probleme und

dere angesichts der Komplexität

zur Verfügung stehenden

Lassen sich Demokratie und Expertenwissen miteinan-

der Art der ihr zur Lösung

hoch spezialisierten intellektuellen Ressourcen.

der vereinbaren?

davon

Wie wir gesehen haben, sind viele Beobachter

Wider die Furcht der Entmachtung?

überzeugt, dass sich der Graben zwischen den mäch-

tigen, über Expertenkompetenzen verfügenden Ak-

Individuum würde

moderne

Zu behaupten, das

Zeit deutlich gewei-

durch die Sachzwänge wissenschaftlicher Erkennt- nisse unweigerlich versklavt, ist eine unwahrschein-

teuren und den Laien in jüngster

dass diese Entfremdung

tet hat. Das heißt aber nicht,

dieser These

nur als Fehlentwicklung interpretiert wird. Im Ge-

liche These. Eine erste Einschränkung

trotz des

Stimmen, die von einer

liegt darin begründet, dass die „Mächtigen“

genteil, es gibt zunehmend

„lästigen Demokratie“ sprechen. Damit meinen sie,

privilegierten Zugangs zu den Erkenntnissen der Ex-

Gesellschaf-

„wissen“, was sie tun,

dass zum Beispiel demokratisch regierte

perten oftmals selbst nicht

ihre Entscheidungen nicht

demokratischen Strukturen

beziehungsweise dass

ten aufgrund ihrer

auch dann, wenn man

scheinbar nicht in der Lage seien, angemessen, ener-

zielführend sind. Dies gilt

ganz unterschiedliche Kriterien als Messlatte der Ef-

der Wissen-

gisch und zeitnah auf die Warnungen

schaft etwa vor drohenden Folgen des Verhaltens der

der Zielführung von politi-

oder des Grads

fizienz

es keine

Zwar gibt

schen Entscheidungen anlegt.

Menschen zu reagieren.

perfekte experimentelle Anordnung, die es erlauben würde, festzustellen, wie die politischen Verhältnis-

der französischen Auf-

Dagegen war der Philosoph

de Condorcet, der Überzeugung,

se ohne das Einwirken und Mitwirken von Beratern,

klärung, Marquis

aussehen würde. Aber auf

dass das Argument, der Bürger könne nicht an der

Experten und Ratgebern

die Politik nur

gesamten Diskussion teilnehmen und die Meinung

jeden Fall können wir feststellen, dass

45

Scheitern verurteilt, weil der durchschnittliche Bür-

eines jeden Bürgers könne nicht von einem jeden an-

ger gar nicht fähig sei,

sich an öffentlichen Beratun-

gehört werden, keine Gültigkeit Für Condorcet war Partizipation

beanspruchen kann.“

gen über solche

Formen des Wissens

zu beteiligen.

keine Frage der Kom-

Diese Defizitannahme ist falsch. Sie ist schon deshalb

petenz in Bezug auf das jeweilige

Problem, sondern Kontexte, in deren

falsch, weil es unzutreffend

ist, dass die Erfolge oder

der guten Regeln und geeigneten

die Überzeugungskraft der Kommunikation wissen-

Rahmen die Einzelnen

gemeinsam beratschlagen

schaftlicher

Erkenntnisse ausschließlich

von den

könnten. Abgesehen von dem normativ oder sogar

Attributen der Wissenschaftlichkeit

(zum Beispiel

verfassungsmäßig festgeschriebenen

Anspruch des

ihrer Objektivität und Unbefangenheit) dieser Aus-

Bürgers, in politischen Angelegenheiten

auch dann

sagen bestimmt werden. Tatsache

ist, dass die Rezep-

gehört zu werden, wenn diese mit hoch spezialisier- ten Wissensbehauptungen einhergehen, erinnert

tion und

öffentliche Zertifizierung von

wissenschaft-

lichem Wissen stark von kulturellen

Vorstellungen

uns Condorcet daran, dass kollektives Nachdenken und kollektives Engagement von Regeln, Kontexten und Gelegenheiten, die einem solchen Nachdenken

der Rezipienten mitbeeinflusst wird, wie

das Beispiel

Informationen aus wieder zeigen.

der Medizinforschung immer

förderlich sind, nur profitieren

können.

Schon Paul

Lazarsfeld und Kollegen haben in ihren Wahlstudien

Die Entwicklung der modernen Gesellschaften zur

in den 1970er Jahren gezeigt,

dass Wähler in ihren

Wissensgesellschaft erstreckt sich zunehmend auch auf die Demokratisierung und Aushandlung von Wis-

Entscheidungen eine breite Palette von einfachen

Hinweisen als Ersatz für komplexe Informationen nutzen. Das ist die eine Seite des Verhältnisses von Demokratie und Expertenwissen.

sensbehauptungen. Wir bewegen uns

allmählich

weg von dem,

was ein Fall

von Expertenherrschaft

wäre, und hin zu einer

viel breiteren, gemeinsamen

Governance der Wissensbehauptungen sozialen Folgen.

und ihrer

Die andere Seite der Medaille hat

mit Behauptungen

zu tun, das öffentliche Nachdenken über

spezialisier-

te Wissensbehauptungen sei von Anfang

an zum

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_Mehr vom Autor unter Nico Stehr auf www.zu.de/mehr

Wissen wir zuviel?

Schließlich ist es eine der Stärken liberaler Demokra- tien, dass die Bürger in die politischen Entscheidungen einbezogen werden. Ein solches Einbeziehen, auf wel- cher formalen Grundlage auch immer, setzt nicht vo- raus, dass die Bürger über einen außergewöhnlichen Grad an sachlicher oder intellektueller Kompetenz verfügen. Außerdem gehen wir davon aus, dass wis- senschaftliches und technisches Wissen in der Praxis nicht nur zugänglicher ist, als es die klassische Sicht- weise von Wissenschaft und Gesellschaft nahe legt, sondern auch, dass die Produktion von wissenschaft- lichen Erkenntnissen ganz ähnlich abläuft wie ande- re soziale Praktiken. Die Mauer zwischen Wissen- schaft und Gesellschaft ist zwar nicht verschwunden, sie ist aber doch niedriger als oft angenommen wird.

Hinzu kommt, dass in modernen Gesellschaften das hervorstechende Problem zunehmend nicht mehr darin gesehen wird, dass wir nicht genug, sondern dass wir zu viel wissen. Die gesellschaftliche Aus- handlung und Behandlung neuer von der Wissen- schaft und Technologie generierten Handlungsmög- lichkeiten ist dabei weniger auf naturwissenschaft- lich-technisches Fachwissen angewiesen als vielmehr auf die ermöglichenden oder befähigenden Kenntnisse der Sozial- und Geisteswissenschaften. Der allgemeine Zugang der Zivilgesellschaft zu den von den Sozialwissenschaften produzierten Erkennt- nissen ist zweifellos weniger hürdenreich als bei den Naturwissenschaften. Die wachsende Wissenheit (Knowledgeability) vieler Akteure der Zivilgesell- schaft impliziert den Wunsch nach einer stärker par- tizipatorischen Demokratie oder Staatsbürgerschaft.

47

All das schafft besondere Herausforderungen nicht nur in Bezug auf den Zugang zu den sozialwissen- schaftlichen Erkenntnissen, sondern auch in Gestalt neuer Formen der Teilnahme. An diesem Punkt wer- den die zivilgesellschaftlichen Organisationen zu- nehmend gefordert.

Brauchen wir einen neuen Diskurs von Experten und Laien?

Der soziale Raum für die Kommunikation zwischen der Wissenschaft und den Bürgern ist bereits vorhan- den. Die Möglichkeit von demokratischer Aushand- lung und wissenschaftlicher Praxis muss als Teil eines größeren sozialen Unternehmens und sozialen Kontextes begriffen werden, in dem die professionel- len Wissenschaftler als Experten wie auch die Laien-

öffentlichkeit in einen öffentlichen Diskurs eintreten können. Wissenschaft ist eine wirksame gesell- schaftliche Kraft, weil sie sich ihrerseits in zivilge- sellschaftlichen Organisationen engagieren und sich auf sie stützen kann. Aktivismus in Sachen Klima- wandel und Aids sind anschauliche Beispiele für so- ziale Prozesse, in denen sich die Grenzen zwischen Experten- und Laienöffentlichkeit beweglich zeigen. Und schließlich sollten wir mit der Tatsache der man- gelnden wissenschaftlichen Kenntnisse eines Gut- teils dessen, was wir im Alltag als Wissen behandeln, nicht allzu streng ins Gericht gehen, denn zumindest die meiste Zeit leben wir mit diesem Wissen im all- gemeinen ganz gut. Beschwichtigend, ja geradezu zurückhaltend bemerkte dazu schon Ludwig Witt- genstein: „Mein Leben besteht darin, dass ich mich mit manchem zufrieden gebe“.

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_1 Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Fassung von:

jansen, stePHan a. (2012): Post-asoziales Management, Theorie-Kolumne: Merkwürdigkeiten aus den Manegen des Managements, brand eins, 04/12, S. 34-35.

Das post-asoziale Management 1

Professor Dr. Stephan A. Jansen, Lehrstuhl für Strategische Organisation & Finanzierung und Leiter des „Civil Society Center | CiSoC“

Das 20. Jahrhundert war eines der hocher- regenden und hochtechnologischen Inno- vationen. Das 21. Jahrhundert könnte eines der noch erregenderen Sozialen Innovatio- nen werden. Dabei geht es weniger um das Karitative, sondern um das Kreative des nächsten Kapitalismus.

Lösungen von Problemen sind zumeist die nächsten Probleme. Die Erfindung einer Technologie ist im- mer auch die Erfindung der

gesellschaftlichen Proble- me der Technologie und letztlich des Unfalls, wie auch der französische Geschwindigkeits- und Unfall- forscher Paul Virilio pointiert. Das Flugzeug erfand den Absturz, das Kreuzfahrtschiff den Untergang, das Atomkraftwerk die Kernschmelze. Unfälle und deren gesellschaftliche Folgen sind zu einer eigenen Schwerindustrie geworden.

Ähnlich geht es uns mit den aktuellen Herausforde- rungen wie der Energie, Gesundheit, Mobilität oder der Sicherheit. Hier laufen technologische Lösungs- versuche – gesellschaftliche wie wirtschaftliche Er- folge werden jedoch eher sozial entschieden, vermut- lich durch kommunikative und operative Inklusion, Hybridisierung und Systemisierung.

Soziale Innovationen gegen Techno- und Kapitalismus- Jetlag?

Das Neue geht schon mal vor. Die Zeit zwischen der raschen und überraschenden Lösungen bzw. den wirklich pressierenden Krisen und den nachlaufen- den Anpassungen von sozialen, d.h. wirtschaftlichen, politisch-regulatorischen und kulturellen Praxen wird als Problem gesehen und als „cultural lag“ be- zeichnet. Darauf hat in den krisenerprobten 1930er Jahren der Soziologe William F. Ogburn hingewiesen. Diese Anpassungen können institutionelle, interak- tionistische oder instrumentelle Innovationen sein

wie z.B. neue Berufsbilder, Dienstleistungen, Regulie- rungen, Partizipationsarenen oder Austauschmodi.

Ogburn sprach hier noch unscharf von der Notwen- digkeit des „Sozialingenieurs“. Auch der mitunter vergessene „Politische Unternehmer“ Schumpeters erlaubt eine Vorahnung, was ein Paradigmenwechsel von überschuldeten Sozialstaaten und kapitulieren- den Märkten hin zu einer Gesellschaft der Sozialen Innovationen herausfordert. Die internationale Wett- bewerbsfähigkeit wird sich vermutlich nicht mehr länger in der Technologie- und Produktinnovation entscheiden, sondern an der Reduzierung des „cultu- ral lags“ durch Soziale Innovationen.

Soziale Innovationen: Vielströmigkeit ohne Main- stream?

Die Forschung zu Sozialen Innovation ist vielfältig und vieldeutig: In Deutschland 1989 mit Wolfgang Zapf eingeführt, blieb sie, wie auch jüngste Veröffent- lichungen von Jürgen Howaldt und Kollegen bele-gen, unpräzis. Von der Nachhaltigkeitsforschung, der Ar- beitsorganisations- und Managementtheorie, der Sozialen Ökonomie und Zivilgesellschaftsforschung über die Forschung zu regionalen und lokalen Ent- wicklungsprozessen, den NGOs, Protestbewegungen, der Bürgergesellschaft bis hin zu der Kreativitäts- und Dienstleistungsforschung sind viele Strömungen erkennbar; alles nur kein Mainstream.

Ogburn startete damals mit 50 Beispielen Sozialer Innovation. Viele Bespiele folgten: Geld wie Leasing, Universitäten wie Duale Hochschulen, Autovermie- tungen wie Mitfahrzentralen für Omnibusse, politi-

50

sche Regulierungen wie ihre gesellschaftliche Re- Regulierung, (Sozial-)Versicherungen und deren Absicherungen, Währungsunionen und deren Auflö- sungen, Umweltbewegungen und Lobbygruppen dagegen, Gruppentherapien und Social Media sind Beispiele, die zumindest stofflich den Unterschied zu technologischen Innovationen zeigen. Sie funktio- nieren nur im und für das Kollektiv.

_Zwischenfrage an Stephan A. Jansen: Die Forschung zu Sozialen Innovationen währt in Deutschland bereits seit fast einem Vierteljahrhundert. Warum blieb sie – Ihren Worten nach – bisher so „unpräzis“? „Deutsche lieben Technik und scharfe Definitionen. Soziale Innovationen sind aber unscharfe Scharniere, kommunikative Brücken und Hybridisierungen von Gegensätzen. Es braucht also die Präzisierung des systematisch Unpräzisen. Und daran arbeiten wir.“

Infektiöse Ideen durch Inklusion, Hybridisierung und Systemisierung?

Soziale Innovationen können als resonante, kommu- nikativ- und operativ-infektiöse Ideen für einen ge- sellschaftlichen Wandel verstanden werden, die aufgrund von technologischen, ökologischen, poli- tischen und Veränderungen der Gesellschaft - z.B. durch erlebbare Krisen – als nachlaufende Lösungen bzw. Anpassungen der bisherigen sozialer und kul- tureller Praxen wirken. Nachhaltige gesellschaftli- che Änderungen erfolgen durch die Entwicklung neuer Formen der Interaktion, der Institutionalisie- rung und der Instrumente. Soziale Innovationen ba- sieren dabei besonders auf den Prinzipien der Inklu- sion, der Hybridisierung und der Systemisierung.

Soziale Innovationen entstehen – wie andere Inno- vationen auch – erst dann, wenn eine Idee einen ei- genen „gesellschaftlichen Markt“, d.h. Käufer, An- wender oder Gesetze und Regulierungen, gefunden haben – und damit Nachahmer. Die schöpferische Änderung sozialer und kultureller Praxen kann im Schumpeterschen Sinne „zerstörend“ wirken – aber auch alternativ oder ergänzend. Wesentlich ist ledig- lich das Kriterium der angenommenen Neuheit der Gesellschaft, nicht der normativen, d.h. positiven oder negativen Bewertung. Diese erfolgt beobachter- abhängig im Nachgang.

Vom technologischem Fetisch zur kollektiven Fantasie?

Der Trend wird klarer: Wir stellen um vom Fetisch der (technologischen) Lösungsproduktion auf Fan- tasien der (gesellschaftlichen) Problemorientierung:

Ob Energie-, Mobilitäts-, Wasser- oder Demographie- Wenden, ob Wandel der Urbanität, des Klimas, des Verschuldungskapitalismus oder des Terrorismus: Der

Übergang von einem wirtschafts- und ingenieurwis- senschaftlichen Management des Industrie- und Finanzkapitalismus zu einem gesellschaftstheoreti- schen Management eines empathischen Kapitalis- mus wird spürbar – in Kapitalgesellschaften, Minis- terien und Universitäten.

Die gute Nachricht: Unsere gesellschaftlichen Her- ausforderungen und Krisen von heute sind die Ge- schäftsmodelle und Exportschlager von morgen. Die These: Soziale Innovationen sind produktive Parasi- ten der Probleme – und damit Kassenschlager des Übermorgen.

Die schlechte Nachricht: Das Krankheitsbild des un- ternehmerischen bzw. managerialen Autismus wird aussterben – entweder gesellschaftlich gesundet oder eben tatsächlich marktlich unverbesserlich aus- sortiert. Die jetzige Management-Generation wird post-asozial und beziehungsfähiger.

Was sind die Logiken der Sozialen Innovationen?

(1) Logik der Inklusion: Soziologen sprechen in moder- nen Gesellschaften von dem Primat der funktio- nalen Ausdifferenzierung – ohne Spitze, aber vielen Randgruppen. Dies erklärt den dringlichen Bedarf:

Inklusion. Akteursbezogene Inklusionsstrategien machen Soziale Innovationen durch neue Arenen der Interaktionen wahrscheinlicher – zwischen Bürger und Staat, Migranten und Einheimischen, Unterneh- men und Mitarbeitern, Behinderten und Nicht-Be- hinderten, Hauptschülern und Studierenden, Senio- ren und Kleinkindern, Eliten und anderen Randgrup- pen. Inklusion – bei Nutzung der Unterschiedlichkeit – ist die unheimliche Geheimwaffe. Beispiele: Social Media, Open Innovation, integrierte und intergene- rative Betreuungskonzepte, Neo-Korporatismus, Open Government, Bürgerhaushalt.

(2) Logik der Hybridisierung: Organisationen und Sektoren brauchen zur Reproduktion ihre Grenzen zur Umwelt. Die Abgegrenztheit zwischen Staat, Markt, Familie und Zivilgesellschaft kommt nun selbst an ihre Grenzen: Es geht nun um kluge, d.h. wiederum abgegrenzte Hybridisierungen – einerseits durch neue transsektorale Institutionen, anderer- seits durch soziale Problemlösungen für wirtschaft- liche Wertschöpfungsketten. Lösung sozialer Proble- me zur Eröffnung neuer wirtschaftlicher Märkte ist die Antwort auf unterkomplexe „Corporate Social Responsibilty“ (vgl. Kolumne Brand eins 2/2010). Nike kümmert sich um Gender-Forschung in muslimi- schen Ländern, wohl auch, um irgendwann Women Sportswear zu verkaufen, kleinste Sozialunterneh- men und größte Multis sorgen für Bildungs- und Fi-

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nanzkonzepte zum Vertrieb von komplexer Bewäs- serungs- und Energiesystemtechnik in Äthiopien, Indien oder Pakistan. Das Hybrid durch Kooperatio- nen zwischen Unverwandten: Public Private Part- nerships, Wohlfahrtsverbände mit Sozialunterneh- men und Konzernen, Stiftungen mit ehrenamtlichen Senioren, Parteien mit NGOs, Universitäten mit Ent- wicklungshilfeorganisationen und vieles mehr.

(3) Logik der Systemisierung: Innovationen finden an oder auf der Grenze statt. So sagt man. Die Wettbe- werbsfähigkeit Deutschlands wird sich nicht mehr in der Technologie- oder Dienstleistungsinnovation allein entscheiden, sondern in dem Management zu komplexen integrativen Systemen von Technologie-, Dienstleistungs- und Sozialinnovationen. Intermo- dale Verkehrssysteme, dezentrale Energiesysteme mit intelligenten Netzen, multiinfrastrukturelle Stadtentwicklung, vor- und mitsorgende Gesund- heitssysteme durch Sozialität statt bloßer Medizin oder empathischer Robotik.

_Zwischenfrage an Stephan A. Jansen: Wo sehen Sie für „soziales Unternehmer- tum“ Grenzen in der Wirtschaft? „Sozialunternehmen sind vermutlich weniger in der Unterscheidung „for profit vs. not for profit“ abgegrenzt zu bekommen, also wirtschaftlich, sondern eher als Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Gesellschaft mit dem Anspruch auf Prototyping zur Lösung sozialer Probleme, dessen Skalierung wiederum in Wirtschaft erfolgen kann, oder bei Marktversa- gen durch Staat oder Wohlfahrtsverbände zu organisieren wäre.“

Das deutsche Forschungsministerium wie auch die EU haben mit dem Umstieg der Förderlogik von Tech- nologie auf gesellschaftliche Problembewältigung begonnen. US-Präsident Obama hat ein „Büro für Soziale Innovationen und Bürgerbeteiligung“ und einen „Fonds für Soziale Innovationen“ für Bildung und Erziehung, Gesundheit sowie wirtschaftliche Fragen eingerichtet. Die EU-Kommission zieht nun nach. In Deutschland gibt es Vergleichbares noch nicht.

Die Anforderungen für Entscheider im post-asozialen Management – jenseits der Moralisierung – sind sim- pel: Beziehungsfähigkeit und Grenzsensitivität, trans- sektorale Mehrsprachigkeit sowie Komplexitäts- und Ambiguitätsbewusstsein mit rekursiven Regulatio- nen – also dem Wechselspiel von Lösungen und deren Problemen. Dann machen wir auch übermorgen Ge- schäfte – durch das Lösen sozialer Probleme.

_Literatur:

_HoWalDt, jürgen/jacobsen, Heike (Hrsg.) (2010): Sozi- ale Innovation. Auf dem Weg zu einem postindustriel- len Innovationsparadigma. Wiesbaden: VS-Verlag. _HoWalDt, jürgen/scHWarZ, micHael (2010): Soziale Innovation im Fokus. Bielefeld: Transcript. _ogburn, William f. (1937): Foreword, in: Subcommit- tee on Technology to the National Resources Commit- tee (Hrsg.): Technological Trends and National Policy, Including the Social Implications of New Inventions, Washington D.C.: US Government Print Office. _scHumPeter, josePH (2006 [1912]): Theorie der wirt- schaftlichen Entwicklung. Nachdruck 1. Auflage, Berlin:

Duncker und Humblot _ZaPf, Wolfgang (1989): Über soziale Innovationen. In:

Soziale Welt, 40 (1/2), S. 170-183.

_Mehr vom Autor unter Stephan A. Jansen auf www.zu.de/mehr

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Macht der Staat die Elektromobilität zukunftsfähig?

Professor Dr. Alexander Eisenkopf, Lehrstuhl für Allgemeine BWL & Mobility Management

Die Förderung der Elektromobilität ist ei- nes der zentralen Vorhaben der Bundesre- gierung zur Umsetzung der Energiewende im Verkehrssektor. So sollen bereits im Jahre 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein. Die industriepolitischen Ziele der Elektro- mobilität dürften sich allerdings nur mittels gravierender marktinkonformer Eingriffe und hoher Subventionen errei- chen lassen. Ob damit die Elektromobilität zukunftsfähig gemacht wird, ist mit einem Fragezeichen zu versehen.

Die Elektromobilität ist einer der Zielmärkte für die indus- triepolitische Leitmarktstra- tegie der Bundesregierung. Im Kontext des Nationalen Ent- wicklungsplans Elektromobi- lität vom August 2009, der Ziele und erste Handlungs- empfehlungen für die Ent-

wicklung dieses Leitmarktes beinhaltet, wird unter Elektromobilität die Nutzung von elektrischen Antrieben für Straßenfahrzeuge (Pkw, leichte Nutzfahrzeuge, gegebenenfalls auch Zweiräder und Stadtbusse) verstanden. Aus verkehrs- politischer Sicht ist diese Begriffsbildung verzerrt, denn bedeutende Anteile des schienengebundenen Verkehrs stellen bereits heute einen Markt funktio- nierender Elektromobilität dar, werden aber komplett ausgeklammert.

Diese so verstandene Elektromobilität wird von der Bundesregierung im Nationalen Entwicklungsplan als Leitmarkt definiert. Das Leitmarktkonzept inkor- poriert die Idee, über die Erhöhung der Innovationsfä- higkeit die internationale Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Industrien zu steigern und damit Ab- satzerfolge auf den Weltmärkten zu generieren. Ent- scheidend ist, dass im Gegensatz zu älteren industrie- politischen Ansätzen aus einer Nachfrageorientierung heraus argumentiert wird, das heißt, die Industriepo- litik versucht, Märkte mit dynamischen Wachstum- sperspektiven zu identifizieren und zu fördern.

Was sind die industriepolitischen Ziele der Elektromo- bilität?

Als griffiges Ziel für den Leitmarkt Elektromobilität hat die Politik die Zahl von einer Million Elektrofahr- zeugen auf Deutschlands Straßen im Jahre 2020 pos- tuliert. Als langfristige Vision wird die Zahl von fünf Millionen Elektrofahrzeugen im Jahre 2030 und ein weitgehend von fossilen Energieträgern unabhängi- ger Stadtverkehr im Jahr 2050 erwähnt. Zur Beschleu- nigung dieser Entwicklung hat die Bundesregierung eine Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) ins- titutionalisiert, welche die Anstrengungen von Poli- tik, Industrie und Forschung zur Förderung der Elek- tromobilität bündeln und koordinieren soll; diese hat im Mai 2012 bereits den dritten Fortschrittsbericht vorgelegt.

Offensichtlich hat die deutsche Automobilindustrie der Elektromobilität in der Vergangenheit nur gerin- ge Aufmerksamkeit geschenkt und ihre Forschungs- budgets auf andere Felder konzentriert, die ihr aus einzelwirtschaftlicher Sicht ertragreicher erscheinen. Dies ist gut nachvollziehbar, da Entwicklung und Pro- duktion insbesondere reiner Elektrofahrzeuge unter den derzeit herrschenden Rahmenbedingungen kei- nen „business case“ darstellen. Hier setzt nun die Po- litik an und setzt Elektromobilität als den Leitmarkt für die Zukunft der Automobilindustrie. Sie verspricht sich von der Elektromobilität eine vielfache Dividen- de: Zuerst genannt werden Beiträge zum Klimaschutz und eine geringere Abhängigkeit von fossilen Ener-

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gieträgern. Zugleich soll aber ein Innovationsschub für den Technologie- und Industriestandort Deutsch- land ausgelöst werden. Weiterhin relevant sind die Verringerung lokaler Schad-stoffemissionen, die bes- sere Effizienz der Stromnetze sowie die Förderung neuer, nachhaltigerer Mobilitätskonzepte.

Leitmarkt Elektromobilität – die Politik in der „lock in“- Position?

Zur Erreichung dieser Ziele bedarf es nicht unbedingt der Elektromobilität. So ließe sich z.B. das Klima- schutzziel oder auch die Reduzierung der Abhängig- keit von fossilen Energieträgern durchaus mit ande- ren wirtschaftspolitischen Maßnahmen erreichen, z.B. verschärften Emissionsgrenzwerten für konven- tionelle Fahrzeuge, Teilnahme am allgemeinen Emis- sionshandel oder der gezielten Förderung des Schie- nenverkehrs. Auch hierdurch würden FuE-Anstren- gungen der Industrie angestoßen, möglicherweise sogar in Richtung Elektromobilität. Das häufig ge- nannte Ziel multimodaler und intelligenter Mobili- tätskonzepte (konkret z.B. Car-Sharing im Stadtver- kehr) steht in keiner direkten logischen Beziehung zur Elektromobilität und lässt sich bei entsprechen- dem politischem Willen auch bereits heute verfolgen. Durch die Kopplung der Leitmarktvision an die von der Politik stringent verfolgten energie- und klima- politischen Ziele begibt sich die Politik allerdings in eine fatale „lock in“-Position. Den Vertretern der be- troffenen Industrien – versammelt in der Nationalen Plattform Elektromobilität – fällt es umso leichter, Subventionen zu fordern und zu erlangen, wenn die Bundesregierung die Förderung der Elektromobilität mit übergeordneten Politikzielen wie dem Klima- schutz verknüpft.

Leitmarkt Elektromobilität: Wo stehen wir heute?

Die Definition des Leitmarktes Elektromobilität in den energie- und klimapolitischen Strategiepapieren der Bundesregierung hat eine sehr dynamische Ent- wicklung angestoßen, die u.a. zur Etablierung der Nationalen Plattform Elektromobilität geführt hat, welche die zukünftige industriepolitische Strategie in diesem Sektor maßgeblich mitbestimmt. Außer- dem wurden aus Mitteln des Konjunkturpakets II bis 2011 rund 500 Millionen Euro für Forschungs- und Entwicklungsprojekte zur Verfügung gestellt; bis zum Ende der Legislaturperiode wird eine weitere Milliarde Euro öffentlicher Mittel in die Fahrzeug- und Batterieforschung fließen.

Diese Anstrengungen nehmen sich im weltweiten Maßstab eher bescheiden aus. So wurde in den USA im Rahmen des American Recovery and Reinvest- ment Act (ARRA) ein Förderprogramm für Forschung und Produktion von Elektrofahrzeugen im Umfang von 2,4 Milliarden USD aufgelegt; zusätzlich wurden 25 Milliarden USD für vergünstigte Kredite bereitge- stellt. China will umgerechnet allein 10 Milliarden Euro zur Förderung der Elektromobilität ausgeben. Auch in Japan und Frankreich gehen hohe Summen in die Forschungsförderung; zusätzlich wird in vielen Ländern auch die Anschaffung von Elektrofahrzeu- gen mit Prämien subventioniert.

Wie der Bericht der Nationalen Plattform aus dem Vorjahr zu Recht moniert, fehlen derzeit noch die Leuchtturm- oder Schaufensterprojekte der Elektro- mobilität, die aber mittlerweile mit einer Bundesför- derung von 180 MillionenEuro auf den Weg gebracht wurden. Nicht nur die Nationale Plattform verlangt

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aber weitergehende Fördermittel, um insbesondere

das Ziel von einer Million Elektrofahrzeugen im Jahr

2020 zu erreichen – angesichts von gerade 4.541 zu-

gelassenen Elektro-Pkw zum Jahresanfang 2012 eine durchaus nachvollziehbare Forderung.

Brauchen wir Kaufanreize für Elektrofahrzeuge?

Das industriepolitische Ziel der Förderung des Tech- nologie- und Innovationsstandortes Deutschland durch Elektromobilität erfordert staatliche Eingriffe bzw. gezielte Fördermaßnahmen, denn bei nüchter- ner Analyse ist es derzeit fraglich, ob Elektromobilität ohne zusätzliche Anreize als breite Anwendung eta- bliert werden kann, um die angestrebten klima- und umweltpolitischen Ziele zu erreichen – abgesehen davon, dass beim derzeitigen Energiemix Elektromo- bilität ein ökologisches Eigentor darstellt.

_Zwischenfrage an Alexander Eisenkopf: Warum konzentriert sich der Staat beim Thema Elektromobilität so stark auf den Individualverkehr und klammert andere Bereiche wie etwa Straßengüter- und Flugverkehr aus? „Technologisch realistische und sinnvolle Anwendungen der Elektromobilität erscheinen im Straßengüterver- kehr und insbesondere im Luftverkehr derzeit kaum vorstellbar. Außerdem ist der Pkw quantitativ der größte Emittent von CO2 im Verkehrssektor.“

Ziel dieser Eingriffe ist die Stimulierung der Nachfra- ge nach Elektrofahrzeugen, um den sogenannten „Markthochlauf“ anzustoßen. Als monetäre Anreiz- instrumente werden alternativ Mittel für die Förde- rung der industriellen Forschung und Kaufanreizpro- gramme für die Endkunden diskutiert. Für beide Maßnahmen werden Referenzbeispiele aus dem Ausland angeführt. Aus wirtschaftspolitischer Sicht sind Kaufanreizprogramme in Form von Kaufprämi- en, Steuererleichterungen oder zinsgünstigen Kredi- ten für Kunden extrem problematisch. Je nach Mo- dellannahmen und Fahrzeugkategorie liegen die Lebenszykluskosten (Total Cost of Ownership, nicht Anschaffungskosten) eines Elektrofahrzeugs um ca. 4.000 bis 10.000 Euro über den Kosten eines ver- gleichbaren herkömmlichen Fahrzeugs. Das bedeutet, dass lediglich bestimmte Nutzergruppen („early ad- opters“) ohne zusätzliche Kaufanreize den Einstieg in die Elektromobilität vornehmen. Die jüngste Mo- dellrechnung der Nationalen Plattform geht davon aus, dass bei gegebenem Förderinstrumentarium bis

2020 maximal 600.000 Fahrzeuge zugelassen sein

werden.

Rein aus fiskalischer Sicht erscheinen Käufersubven- tionen insbesondere zur Erreichung der längerfristi- gen Marktdurchdringungsziele (fünf Millionen Fahr- zeuge) nicht darstellbar, zumal auch bei Szenarien mit starken Ölpreissteigerungen und drastisch sin- kenden Batteriekosten dauerhaft Kostennachteile der Elektromobilität verbleiben dürften. Kaufanreizpro- gramme bewirken zudem erhebliche volkswirt- schaftliche Ineffizienzen, da die volkswirtschaftliche Nutzen/Kosten-Bilanz der durch die Kaufanreize gewonnenen zusätzlichen Nutzer negativ ausfällt. Es stellt sich zudem die Frage, ob die gewünschten um- welt- und klimapolitischen Ziele nicht durch andere Instrumente mit einem wesentlichen kleineren Mit- teleinsatz erreicht werden könnten.

Lässt sich Forschungsförderung für Elektromobilität begründen?

Dagegen ist die staatliche Förderung von Forschungs- aktivitäten im Bereich der Elektromobilität nicht in jedem Fall abzulehnen. Traditionell herrscht in der Wirtschafts- und Innovationspolitik Einvernehmen darüber, dass der Staat im Wesentlichen die Grund- lagenforschung unterstützen soll, angewandte For- schung und die Begleitung der Vermarktung dagegen in den Zuständigkeitsbereich industrieller oder in- dustrienaher Forschungseinrichtungen fällt. Dieses Paradigma wird bei der milliardenschweren staatli- chen Forschungsförderung, z.B. für die Entwicklung der Batterietechnologie, zumindest teilweise durch- brochen.

Dies ist durchaus zu problematisieren, denn die For- schungsförderung der Elektromobilität hat trotz der hohen Bedeutung der Automobilindustrie in Deutschland nicht automatisch den Charakter eines „nationalen öffentlichen Gutes“. Zudem unterstellt die Leitmarktstrategie, dass die Politik „auf das richtige Pferd“ setzt. Dies ist aber im Feld der Elektromobilität durchaus offen, da mit der Konzentration auf rein batteriegetriebene Fahrzeuge z.B. die Option Wasser- stoffbetrieb weitgehend ausgeklammert wird. Es besteht weiterhin die Gefahr von Mitnahmeeffekten seitens der Industrie und erheblicher Ineffizienzen bei der Definition der Forschungsschwerpunkte.

Insgesamt sollte sich die öffentliche Forschungs- und Technologieförderung daher von kurzfristigen Zielen (etwa eine Million Fahrzeuge in 2020) verabschieden, die zu stark von den beteiligten Interessensgruppen

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bestimmt werden, und eine längerfristige Perspek- tive einnehmen. Am Beispiel des jüngsten Berichts der Nationalen Plattform Elektromobilität zeigt sich deutlich, wie sich die Politik mit diesem Ziel in die oben beschriebene „lock in“-Position manövriert hat und nun Abwehrkämpfe gegen vielfältige Forderun- gen aus dem in der Nationalen Plattform zusammen- gefassten Kartelle der Anspruchsgruppen führen muss.

Wenn es beim Thema Elektromobilität darum geht, die Voraussetzungen für eine langfristig positive Ent- wicklung bei der Transmission des gesamten Straßen- verkehrssystems weg von fossilen Energieträgern zu gestalten, muss es primäre Aufgabe der Politik sein, in einer längerfristigen Perspektive die Forschungs- tätigkeit auf universitärer und außeruniversitärer Ebene zu stärken und so systematisch Grundlagen- wissen aufzubauen (Konzentration auf Grundlagen- forschung, z.B. in der Elektrochemie). Diese Anstren- gungen können durch eine Ausweitung gezielter Förderung von industrieller Forschung flankiert wer- den, wobei eine weitere Logik für die längerfristige

_Literatur:

_nationale Plattform elektromobilität: Zweiter Be- richt der Nationalen Plattform Elektromobilität, Berlin 2011, NPE Elektromobilität _DuDenHöffer, ferDinanD / bussmann, leoni / DuDen- Höffer. katHrin: Elektromobilität braucht intelligente Förderung, in: Wirtschaftsdienst, Volume 92, Number 4 (2012), 274-279.

Förderung von Forschung und Entwicklung zur Elek- tromobilität sich aus der Erwartung ergibt, auf diese Weise die Grundlagen für neue technische Lösungen auf anderen Gebieten zu legen. Kurzfristige ad-hoc- Zielsetzungen für die Marktdurchdringung von Elek- troautos erscheinen dagegen kontraproduktiv.

_Zwischenfrage an Alexander Eisenkopf: Welche Zukunftschancen räumen Sie persönlich den Elektroautos ein? „Ich glaube, dass das Elektroauto zunächst einmal floppen wird – trotz des ganzen Hypes, in dem die involvierten Interessengruppen vor allem eine Chance zur Erlangung von Subventionen sehen.“

Neben der Forschungsförderung sowie monetären Anreizen, welche die Kostennachteile von Elektro- fahrzeugen verringern, werden auch nicht-monetäre Anreize zur Verbreitung der Elektromobilität disku- tiert. Es geht insbesondere um ordnungs- und ver- kehrspolitische Maßnahmen, die bestimmte Vor- rechte für Elektrofahrzeuge insbesondere im Stadt- verkehr festschreiben. So wird z.B. die Freigabe von

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_Mehr vom Autor unter Alexander Eisenkopf auf www.zu.de/mehr

Bus/Taxi-Spuren und die Vorhaltung exklusiver Park- plätze für Elektrofahrzeuge diskutiert, letzteres na- türlich auch im Kontext des Aufbaus der erforderli- chen Ladeinfrastrukturen. Außerdem wäre eine Verschärfung der Abgasnormen in Umweltzonen denkbar, welche die Anschaffung von Elektrofahr- zeugen für die Nutzer attraktiver machen sollte.

All diese Maßnamen dürften grundsätzlich die Ver- breitung von Elektrofahrzeugen insbesondere im Stadtverkehr fördern, da sie finanzielle Nachteile der Elektromobilität durch nicht-monetäre Nutzen aus- gleichen helfen. Bei der Umsetzung ist allerdings zu beachten, dass keine Zielkonflikte mit originären verkehrspolitischen Zielen auftreten. So haben Bus- spuren den Zweck, die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs gegenüber dem Motorisierten Individual- verkehr zu steigern; dies würde durch eine Freigabe für Elektrofahrzeuge konterkariert. Ähnlich wäre auch gegenüber Sonderparkrechten für Elektrofahr- zeuge zu argumentieren. Auch bei einer Verschär- fung des Zugangs zu Umweltzonen sind allfällige trade offs zu beachten. Insgesamt erscheinen die kurzfristig durch solche Maßnahmen erreichbaren Kaufimpulse zu gering, um die langfristig zu befürch- tenden Nachteile zu kompensieren.

Was wird aus der Elektromobilität in Deutschland?

Offensichtlich gibt es nicht „den“ richtigen Ansatz zur Förderung der Elektromobilität in Deutschland. Bei ihrer Marktdurchsetzung handelt es sich um oftmals dezentrale Entscheidungen sowohl auf der Anbieter- als auch auf der Nachfrageseite. Ein gewisser institu- tioneller Wettbewerb bei Politikmaßnahmen sowie Überschneidungen sind daher sinnvoll. Aus Sicht der evolutorischen Ökonomik werden diese Wettbewerbs- und Wissensgenerierungsprozesse durch die Einrich- tung einer zentralen Nationalen Plattform Elektro- mobilität als kollektivistisch geprägtem Beratungs- organ eher behindert denn gefördert.

Derzeit herrscht noch großer Optimismus, dass Elek- tromobilität einen großen Wachstumsmarkt dar- stellt. Dies muss jedoch nicht zwangsläufig so sein. Elektromobilität kann nicht sinnvoll zu einem Leit- markt werden, wenn auf Dauer Subventionen und Eingriffe der Politik erforderlich sind, um Kunden zum Kauf von Elektrofahrzeugen zu bewegen. Ein Konstruktionsfehler ist auch die Konzentration auf die individuelle Straßenverkehrsmobilität. Zwar ist auf lange Sicht klar, dass der Pkw von fossilen Ener- gieträgern weitgehend unabhängig werden muss – für den Luftverkehr oder den stark wachsenden Stra- ßengüterverkehr eröffnet der Leitmarkt Elektromo- bilität jedoch keine alternativen Optionen.

Die aktuelle Diskussion sollte nicht zum kurzfristi- gen, hektischen Forcieren einer bestimmten techno- logischen Option führen. So werden z.B. in der Nati- onalen Plattform Elektromobilität Festlegungen von erheblichem Gewicht getroffen. Hier besteht die Gefahr, dass das Verfahren nicht mehr ergebnisoffen ist, und es ist nicht auszuschließen, dass nur die Lö- sungen präsentiert werden, die unter den bereits geschaffenen Bedingungen und wirtschaftlichen Interessen der Beteiligten am besten konsensfähig sind. Dies ist wahrscheinlich nicht zielführend im Sinne einer zukunftsfähigen Elektromobilität.

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Die Rebellen-Rentner

Rainer Böhme, Lehrbeauftragter für Journalistik und Buchautor („Die Altersrevolution“ 1 )

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Ausgerechnet ein Rentner wurde zur Symbolfigur des Bürgerprotestes gegen „Stuttgart 21“: der inzwischen 68-jährige Dietrich Wagner. Im Strahl der Wasser- werfer eines brutalen Polizeieinsatzes verlor er ein Auge – das Bild ging durch die gesamte Republik. Aber: ausgerech- net ein Rentner? Eher: typischerweise ein Rentner. Längst ist der Protest hierzulan- de nicht mehr allein ein Privileg der Jugend. Vielmehr entwickelt sich eine neue Generation von Alten, die sich aktiv wie keine zuvor in Politik und Gesell- schaft einmischt. Und es ist zugleich eine Generation, die das Älterwerden in unserer Gesellschaft massiv verändert.

Gesellschaftlich ten- dierten ältere Men- schen in Deutschland bisher dazu, sich mög- lichst „unsichtbar“ zu machen und alle Posi- tionen ihres Lebens nach und nach aufzu- geben – ob nun beruf- lich, als Vereinsvorsit- zender oder Präsident des örtlichen Lions-

Clubs. Sie begnügten sich bestenfalls mit der Rolle der Großmutter oder des Großvaters. Das heißt: Sie akzeptierten neben dem biologischen auch das entsprechende soziale Alter. In einer Gesellschaft, die großen Wert auf Jugend und Vitalität legt, neigten bisher ältere Menschen zum Rückzug in das Private. Diese Zeiten sind passé.

In Deutschland geht in diesen Jahren eine Generati- on in Rente, die sich nicht in Schrebergärten und Se- niorenheime zurückzieht, die weder sparsam noch angepasst die verbleibenden Jahre ihres Lebens ver- bringen. Stattdessen macht sich eine zahlenmäßig große – rechnet man allein die Jahrgänge bis 1950, so sind dies acht Millionen Bundesbürger – anspruchs- volle und protesterfahrene Generation daran, den letzten Teil ihres Lebenszyklus, ja Elemente der Ge- sellschaft umzugestalten.

Dieser Generation wird nicht zuletzt der gesellschaft- liche Aufbruch der späten 60er Jahre zugeschrieben. Nun, gut 40 Jahre später, soll diese Generation eigent- lich die Institutionen verlassen, durch die zu mar- schieren sie angetreten war und in denen sie gewirkt hat: Politik, Wirtschaft, Justiz, Bildung, Kultur. Sie hat es dabei geschafft, gegenüber anderen Generationen eine Führungsrolle zu übernehmen und das kultu- relle, politische und soziale Deutschland mehr ver- ändert als andere Altersgruppen. Stets wollte sie „die Gesellschaft“ verändern – wer geglaubt hatte, dies würde sich im Alter ändern, hat sich einer Illusion hingegeben.

Den Altersrekord bei der Besteigung des Mount Eve- rest hält inzwischen mit 76 Jahren der Nepalese Min Bahadur Sherchan, den bei den Weltumseglern der 77-jährige Japaner Minoru Saito. Flugschüler im Ren- tenalter sind längst keine Seltenheit mehr. Und wer zu einem Harley-Davidson-Treffen fährt, hat den 60.

_1 rainer böHme, Petra unD Werner bruns: Die Alters- revolution. Wie wir in Zukunft alt werden, Aufbau- Verlag, Berlin 2007

Geburtstag meist längst hinter sich. Mehr als 30.000 Senioren sind mittlerweile an deutschen Universitä- ten als Spät-Studierende eingeschrieben. Und sie sor- gen selbst noch einmal für Nachwuchs. Allein in Baden-Württemberg ist die Zahl derjenigen, die im Alter zwischen 55 und 70 Jahren erstmals oder noch einmal Vater geworden sind, binnen der vergange- nen zehn Jahre um mehr als 40 Prozent gestiegen – die der 20- bis 25-jährigen Väter hingegen hat sich halbiert. Selbst bis ins kriminelle Milieu spielt der Wandel hinein: Mitte des vergangenen Jahrzehnts sorgte eine Rentner-Gang in Nordrhein-Westfalen für Schlagzeilen, die bei sechs Bahnüberfällen, bewaff- net mit Pistolen, Vorschlaghammer und Handgrana- ten rund 400.000 Euro erbeuteten – die Missetäter waren zur Tatzeit 63, 72 und 74 Jahre alt.

Wächst das Machtpotential der Alten?

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundesta- ges „Demographischer Wandel – Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzel- nen und die Politik“ kommt zu dem Schluss: „Im Zuge des demographischen Wandels bilden die Älteren in der Gesellschaft ein immer größeres Machtpotential. Sie repräsentieren einen steigenden Anteil der Wahl- berechtigten, stellen eine wachsende Minderheit in Großverbänden wie den Gewerkschaften, gründen zunehmend eigene Organisationen und sind in Par- teien und Seniorenbeiräten präsent.“ Inwieweit die- ses Potential zu einem tatsächlichen Machtfaktor werde, hänge jedoch davon ab, ob die Älteren bzw. Teilgruppen unter ihnen sich als eine Gesellschafts- gruppe mit eigenem Interesse begriffen. „Sie verfü- gen aber in zunehmendem Maße sowohl über die körperlichen und kognitiven als auch über die mate- riellen Voraussetzungen eines politischen Engage- ments. Dies zeigt sich etwa an dem stark ausgepräg- ten politischen Interesse sowie an dem steigenden Anteil der in der Gesellschaft oder Politik aktiven, neuen Alten‘“ heißt es weiter in dem Bericht.

Entgegen kommt diesen neuen Alten dabei, dass in den Parteien, Gewerkschaften, aber auch Nichtre- gierungsorganisationen der Anteil älterer Menschen wächst und dadurch ein Druck der Partizipation der Alten entsteht. Zugleich haben sie es mit einer Ge- neration von Nachwachsenden zu tun, die ihnen kaum entgegentritt. Wer sich heute auf einem Par- teitag der „Piraten“ umschaut, trifft dort auch auf tiefgrau melierte Netzaktivisten, deren vorheriger

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politischer Werdegang über Jahrzehnte die Stationen SPD, Grüne und Linkspartei einschließt. Kaum eine Bürger-Initiative – sei es gegen Fluglärm um Frank- furt oder den neuen Flughafen Berlin/Brandenburg, gegen neue Starkstromtrassen, gegen Windkraftan- lagen oder Mobilfunkmasten, gegen Versuchsfelder für genmanipulierte Pflanzen, gegen Umgehungs- straßen – kommt ohne sie aus oder wird gar von ih- rem Engagement getragen. Auf den öffentlichen Dis- kurs üben sie ohnehin nach wie vor einen starken Einfluss aus: Die Cicero-Intellektuellenliste der ein- flussreichsten deutschen Meinungsführer, Denker und Visionäre liest sich deshalb wie ein „Who ist Who“ dieser Generation (und sie prägender Personen) mit Namen wie Papst Benedikt XVI., die Schriftsteller Martin Walser und Günter Grass, Peter Handke, Hans Magnus Enzensberger und Elfriede Jelinek, der Lite- raturkritiker Marcel Reich-Ranicki, die Publizistin Elke Heidenreich, die Journalistin Alice Schwarzer, der Philosoph Jürgen Habermas und Liedermacher Wolf Biermann. Gerade ein einziger Vertreter der jün- geren Generation schaffte es in die Top 12: der Satiri- ker Harald Schmidt.

_Zwischenfrage an Rainer Böhme: Inwieweit könnte die massive Präsenz der Älteren zu einem Machtkampf zwischen Rebellen-Rentnern und ihren zeitgeist-konformen Kindern führen? „Alle bisherigen Versuche der jüngeren Generation sind bisher gescheitert. Die Alten stellen die größeren Bataillone, sie verfügen über das Geld, die Netzwerke, die Erfahrungswerte. Daran wird sich so rasch nichts ändern.“

Die neuen Alten verfügen jedoch nicht nur über den Willen zum bürgerschaftlichen und/oder politischen Engagement, sondern auch über die Mittel. Sie haben das notwendige ökonomische Kapital wie Eigentum aus Bar- und Sachvermögen, Erbschaften, Einkünften aus Abfindungen und Personen. Laut der Studie von Margot Berghaus „Die 68er-Generation: Zwischen Cola und Corega-Tabs“ im Auftrag der Zeitungsgrup- pe BILD zeigt sich folgende Situation: 87 Prozent von ihnen werden eine Rente oder Pension beziehen, hin- zu kommen zu 36 Prozent Zinseinnahmen, zu 33 Pro- zent Einnahmen aus einer Lebensversicherungsren- te, zu 22 Prozent Einnahmen aus einer betrieblichen Altersversorgung und zu 18 Prozent Einnahmen aus Häusern, Wohnungen und Grundstücken. Das Erb- schaftspotential, das auf diese Generation überge- gangen ist oder übergehen wird, beziffern Experten des Statistischen Bundesamtes auf rund eine Billion Euro. Das entspricht dem Dreifachen des Bruttosozi- alproduktes der Schweiz oder dem jährlichen Brutto- sozialprodukt von Dubai.

Neben dem ökonomischen Kapital verfügen die neu- en Alten auch über das notwenige kulturelle Kapital wie Gruppen- und Protesterfahrungen aus Studen- tengremien, Versammlungen, Vorständen und Auf- sichtsräten; Konflikterfahrungen aus Parteien, Bür- gerbewegungen, Demonstrationen, Hausbesetzun- gen, Elternbeiräten, Psychotherapien, Parlamenten, Behörden und Synoden. Und schließlich verfügen sie über soziales Kapital wie die Netzwerke von alten Weggefährten, Selbsterfahrungsgruppen, Verbands- und Parteizugehörigkeiten, Medienzirkeln, Rotary- und Lions-Clubs.

Was unterschiedet die neuen von den alten Alten?

Trotzdem wird das Potential, das viele von ihnen im Alter zwischen 55 und 75 Jahren aufweisen, immer noch teils grob unterschätzt. Es gebe heute „ein lan- ges Leben nach 65 Jahren, das nach sinnvoller Be- schäftigung schreit“, stellt der Journalist und ZEIT- Mitherausgeber Josef Joffe fest. Ähnlich sieht es schon der 5. Altenbericht der Bundesregierung: „Weil der Anteil der Menschen im höheren Lebensalter steigt, der Anteil jüngerer Menschen hingegen rück- läufig ist, werden es die Älteren sein, die die gesell- schaftlichen und wirtschaftlichen Zukunftsaufga- ben maßgeblich mitschultern müssen.“

Die Umwälzungen vom „alten“ Rentner zum „neuen“ Rentner sind in vollem Gange. Das tatsächliche Alt- sein ist längst nicht mehr abhängig vom Eintritt in den Ruhestand. Die Definitionskriterien der Sozial- systeme (was ist das Renteneintrittsalter?) werden der tatsächlichen Leistungsfähigkeit und Leistungs- bereitschaft der Menschen nicht mehr gerecht. Des- halb werden die neuen Alten schon bald nicht nur bis 67 Jahre arbeiten (müssen und so manche auch wol- len), sondern bis 70 und selbst darüber hinaus, und sie werden sich im Ruhestand neue Formen von (selbstständiger) Arbeit oder anderer Aktivitäten su- chen. Es ist schließlich auch eine Generation, die nicht per Gesetz „alt“ sein und von der Gesellschaft mit einem Stigma bedacht werden möchte, dessen Ausprägungen nicht mit der Realität übereinstim- men. Und sie hat es gelernt, ihre Rechte einzufordern – für sich selbst und „die Gesellschaft“.

Die neuen Alten legen großen Wert auf Selbststän- digkeit, Selbstbestimmtheit, Sinnhaftigkeit und Un- abhängigkeit. Ihre Lebensweise ist geprägt von Vita- lität („70 ist das neue 50“), Konsum- und Lebensfreu- de. Inzwischen hat dies auch die Werbebranche entdeckt. Nur ein Beispiel: Wie die Forschungsge- meinschaft Urlaub und Reisen ermittelt hat, liegt die Reiselust der heute 60-Jährigen um 85 Prozent höher

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als noch vor 40 Jahren, die der über 70-Jährigen sogar um 91 Prozent. Etwa mit der Konsequenz, dass der Reiseveranstalter „Studiosus“, in den 50er Jahren ur- sprünglich für Studenten gegründet, heute zu 80 Prozent von „Best-Agern“ gebucht wird. Es ist eine wesentlich aktivere und agilere Generation als noch die ihrer Väter, ohne sie verlören Zeitungsverlage die wichtigsten Abonnenten, Konzerthäuser, Theater und Museen den Großteil der Besucher, Gartencenter, Tier- handlungen, Drogerien und Apotheker müssten um ihre Existenz bangen, und Vereine hätten schlicht- weg keine Zukunft mehr.

_Zwischenfrage an Rainer Böhme: Welche Themen könnten für Sie in späteren Jahren Anlass für rebellisches Engagement sein? „Zwei solcher Themen zeichnen sich bereits ab. Das erste ist Sex im Alter – die Enttabuisierung des Themas bahnt sich längst ihren Weg in Talk-Shows, Kino- und Fernsehproduktio- nen. Und das zweite Thema wird die Frage nach einem selbstbestimmten Lebensende sein und eine Debatte um eine – straffreie – Sterbehilfe.“

Man sieht: Dietrich Wagner ist keineswegs nur Sym- bolfigur für „Stuttgart 21“, sondern vielmehr auch so etwas wie ein Archetyp der neuen Alten – dass „aus- gerechnet“ er, ein Rentner, zu bundesweiter Be- rühmtheit gelangte, ist alles andere als eine Laune der Geschichte oder gar Zufall. Seine Generation wird den sozialen Wandel der nächsten Jahrzehnte aktiv mitbestimmen, sie wird zum Umgestalter und Manager des Alters. Sie werden einen ganzen Lebens- abschnitt neu definieren, so wie es der frühere Bre- mer Bürgermeister Henning Scherf in seinem Buch- titel zum Ausdruck gebracht hat: „Grau ist bunt“.

_Mehr vom Autor unter Rainer Böhme auf www.zu.de/mehr

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Wirtschaft, demokratisch. Neue soziale Marktwirtschaft 5.0

Professor Dr. Birger P. Priddat, Gastprofessur für Politische Ökonomie

Die Politik ist verunsichert; viele Politiker verstehen die Prozesse nicht mehr, die sie entscheiden (EU, Geldpolitik, Demogra- phie etc.). Die Bürger hingegen wollen vom „Staat“ Lösungen, die ihre Zukunft sichern. Können wir aber noch auf die Po- litik bauen, die sich mit der Wirtschaft in Allianz befindet, weil sie ihre Schulden fi- nanzieren muss? Ist die Demokratie nicht an einen Punkt gelangt, in dem sie nicht mehr über den Staat, sondern direkt mit der Wirtschaft ‚verhandelt?’ Weil die Wirtschaft ja selber bereits eine Art di- rekter Demokratie ausübt, auf die Regie- rungen. Wie sähe diese neue Wirtschaftdemokratie aus?

Die Staatsverschuldungen überfordern die Demokratien. Es gibt schon Sorgen, ob und wie die Demokratien das in Form wie Inhalt aushalten. Die Politik wird von techno-

kratischen, nicht gewählten Regimen (EU, aber auch jetzt Italien, Griechenland) durchgeführt. „Wenn sogar beim vermeintlichen Klassenprimus Deutschland die Notverordnungen aus Brüssel über Nacht im Finanzministerium ein- trudeln, um dann samt Billiardenhaftungen mor- gens besinnungslos von einem überrumpelten Par- lament abgesegnet zu werden, dann kann man das beim besten Willen nicht mehr demokratische Ent- scheidungsfindung nennen“ (D. Schümer, Europa schafft sich ab, in: FAZ Nr. 25/2012: 25, Sp. 2). Man be- fürchtet nationale Ressentiments, Politikverdrossen- heit, das Aufkommen rechtspopulistischer Parteien etc. (Florian Hartleb in: Vorgänge Nr. 196, H. 4 Dez. 2011). Niemand traut der Politik noch: generell und nicht in guten Lösungen. Allmählich wird den Bür- gern deutlich, dass die Politik gefangen ist von der Wirtschaft. Was bedeutet das für den Fortbestand der Demokratien? Welche Formen brauchen wir?

Operieren politische Prozesse im Nichtwissensraum?

Die Abgeordneten der Parlamente müssen über Sach- verhalte abstimmen, die ihnen nicht nur nicht be- kannt sind, die sie kaum – oder gar nicht – verstehen, und das auch noch unter Zeitdruck, da die Entschei- dungen, die in Brüssel vorbereitet werden, schnell generiert werden müssen, um den Finanzmärkten Paroli zu bieten. Ansonsten bewerten diese die Hand- lungs- und Politikfähigkeit durch Verteuerung der Staatsverschuldungen in einem Maße, das die Hand- lungsfreiheit der Politik zumindest einschränkt, weil mehr Zinsen auf das geliehene Geld gezahlt werden müssen. De facto erhöhen sich die Staatsschulden noch mehr, ohne dass ein Quent mehr Ausgabenleis- tung erfolgen kann.

Die Politik, wenn wir diese Prozesse einmal so sum- marisch nennen dürfen, erfährt etwas, was sie bisher nicht kannte: dass nicht nur die Wähler sie bewerten (indem sie sie wählen oder abwählen), sondern eben- so die Märkte, genauer: die Finanzmärkte. Die Politik bekommt in den Finanzmärkten ein zweites Evalu- ationssystem. Führend erweisen sich darin die Ra- tingagenturen, die gerade einige europäische Länder

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abgewertet haben. Die Politik beginnt, darüber nach- zudenken, die Ratingagenturen zu regeln. Aber da- durch wird die Tatsache nicht nivelliert: Die Politik steht unter Beobachtung. Gegen Italien, Griechen- land, Portugal etc. bleiben die Finanzmärkte vorsich- tig bis skeptisch, ob die neuen Regierungen tatsäch- lich reformieren und die Staatshaushalte in Ordnung bringen. Ankündigungen reichen nicht mehr; Taten werden bewertet. Hier nützt politische Rhetorik, an- ders als bei den Wählern, nichts. Das ist neu.

Darin verbergen sich zwei Probleme: 1. dass die Poli- tik zu langsam entscheidet (falls überhaupt) und 2. dass sie, als demokratische Politik, heterogenen An- sichten über Lösungen ausgesetzt ist, so dass weder die Regierungen noch aber die Abgeordneten wissen, was zu tun sei. Die Abgeordneten fügen sich den Di- rektiven der Regierungen, weil sie meinen, deren Entschiedenheit nicht stören zu sollen, ohne aber darum dennoch zu wissen, was sie genau entschei- den. Die Regierungen fügen sich den Direktiven aus Brüssel, einer nicht demokratisch eingesetzten Ins- tanz (der Struktur nach dem Zentralkommitee der Partei in China ähnlich (Schümer Sp. 2)).

Diese Form des Nichtwissens, aus der heraus ständig Entscheidungen gefällt werden, ist neuartig und zu- gleich problematisch: Denn wir gehen klassischer- weise davon aus, dass die gewählten Repräsentanten der parlamentarischen Demokratien entscheiden, was für das Wohl der Nation am besten geeignet sei.

Dabei wird schlicht unterstellt, dass sie zwar diffe- rente Meinungen dazu haben, aber in ihren Meinun- gen und Interessen wissen, was sie wollen bzw. wol- len können. Das erweist sich nun als Illusion.

Hat die Wirtschaft die direkte Demokratie nicht schon eingeführt?

Einige Kommentatoren sehen bereits eine Rückkehr vordemokratischer Herrschaftsformen (für die USA Francis Fukuyama: Wo bleibt der Aufstand von links? In: Spiegel Nr. 5 / 2012, 86 – 88; speziell 87 f.; auch Schümer). Formell entscheiden die Angeordneten, informell aber die Regierungen (und ihre sie vorbe- reitenden Administrationen), was zu entscheiden sei. Die Regierungen und ihre Administrationen hängen ihrerseits wiederum am Beratertropf (der zum gros- sen Teil lobbygenährt ist (vgl. Fukuyama 87 f.)), weil es nicht ihre hervorragende Kompetenz ist, Wählern und Märkten gleichzeitig Rechnung zu tragen. Dieses mehrdimensionale Spiel ist die Politik nicht gewohnt, zumal die Märkte wie eine direkte Demokratie ope- rieren: Sie fordern unmittelbare Lösungen und re- agieren unmittelbar (als ob jeder Tag Wahltag wäre). Die klassischen Relationen zwischen Politik (Regie- rungen, Abgeordnete), Gesellschaft (Bürger, Wähler) und Wirtschaft (Ratingagenturen, Finanzmärkte) arbeiten unkoordinierbar bis konträr. De facto haben wir für die Finanzwirtschaft eine Form direkter De- mokratie eingeführt, die den Bürgern jedoch noch verwehrt wird (mit dem Hauptargument, sie wären

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nicht in der Lage, komplexe Probleme optimal lösen zu können. Aber die Regierungen auch nicht). Die Fi- nanzmärkte nehmen sich einfach die direkte Ein- flussnahme auf die Politik heraus, obwohl sie ein Teil des Problems darstellen, nicht die Lösung.

Darin werden die Abgeordneten, obwohl formell das Herz des Politikprozesses, in die Rolle unmündiger Bürger gedrängt, die eher nur noch akklamatorisch abstimmen, für längst in Brüssel vorbeschlossene Entscheidungsvorlagen. „Jahrelang mag ein wackerer Volksvertreter für Ökostrom oder Milchsubvention, Pendlerpauschale oder Krippenplätze gestritten und dicke Bretter gebohrt haben, um dann zuzusehen, wie ein Vieltausendfaches der fraglichen Summen im Handstreich aus der Kasse gegriffen wird. Müss- ten sich nicht alle Abgeordneten von diesem ökono- mischen Putsch entwürdigt fühlen?“ (Schümer Sp. 2). Sie werden, wie die Bürger, als nicht fähig einge- schätzt, komplexe Probleme zu lösen. Sie sind es de facto auch nicht. Also gehen die Regierungen eher mit der Wirtschaft (ihren Vertretern, ihrer Lobby) in die Beratung, so dass wir eine Ersatzdemokratie be- kommen, die mit einer Untermenge der Bürger (Wirt- schaft) verhandelt, was angemessen sein wird. Die Gesellschaft/Politik-Relation wird durch eine Wirt- schaft/Politik-Relation – jedenfalls teilweise – er- setzt: eine oligarchische Tendenz.

Wer glaubt noch an die Regulierungsfähigkeit der Politik?

Die Abgeordneten, vor allem aber der Bürger, reagie- ren in ihrer Unverständigkeit apathisch bis wütend. Occupy zum Beispiel ist nur eine kleine Gruppierung, die noch kein wirkliches Thema gefunden hat. In ih- rem Nichtwissen erfinden sie Forderungen nach star- ker Regulierung des Bankensektors etc. – sie glauben noch der älteren Form demokratischer Politik: der Staatsintervention (zumal sie sie, in neuerer Form, die sie nicht verstehen, vorexerziert bekommen: bei den Staatsgarantien für die Banken und bei den Län- dersubventionen (Griechenland etc.)).

Die aktiven Bürger holen die alten Ideen hervor und wollen die Bürger/Politik-Relation verstärkt sehen, während längst eine demokratieneutrale Politik/ Wirtschaft-Relation arbeitet, um einigermaßen handlungsfähig zu bleiben in dem neuen Spiel ,wirt- schaftliche Politikbewertung̒/,politische Reaktions- fähigkeit̒. Die demokratische Relation Bürger/Wirt- schaft bleibt seltsamerweise unterbeschäftigt. Die Bürger wenden sich andererseits lieber im Rahmen der alten institutionellen Gepflogenheiten an den

Staat, an die Regierung. Die Regierung/Staat soll al- les regeln. Dass sich aber die Institutionen längst geändert haben, ist mental noch nicht registriert:

dass nämlich die Regierungen keine absolute politi- sche Souveränität mehr haben, sondern nur mehr noch eine relationale, und selber längst Mitspieler im Finanzmarktprozess sind (allein schon durch ihre politischen Entscheidungen, die Ausgaben wesent- lich durch Staatschulden zu finanzieren statt über (ausgeglichene) Haushalte. Der Markt ist nicht ‚über die Staaten hergefallen̒, sondern von ihr eingeladen worden. Die Regierungen sind ein Teil des Finanz- marktes).

Sollten wir, anstatt den Staat zu bitten, nicht lieber die Wirtschaft selber drängen?

Wenn aber die Relation Politik/Wirtschaft dominiert, wäre es nur folgerichtig, auf der Bürgerseite mit einer neuen Relation Gesellschaft/Wirtschaft zu antwor- ten, d.h. die Märkte selber unter Druck zu setzen, in- dem man z.B. in ihren Anlagestrategien nicht mehr mitspielt. Natürlich ist das, in einem globalen Finanz- markt, nur ein nationales Teilspiel, aber nur so kann eine neue Regulation entstehen: dass die Finanz- märkte in ihrer Evaluation der Politik die Bürger mit evaluieren müssen und sich anpassen an deren Ver- halten und so einen Druck von der Regierungspolitik nehmen. Das erst hieße, sich als Bürger so souverän zu verhalten, wie es eine Demokratie im Grundsatz vorsieht – nunmehr aber nicht der Politik gegenüber, sondern der Wirtschaft.

_Zwischenfrage an Birger P. Priddat: Folgt man Ihren Thesen: Entwickelt sich das Wirken der Finanzmärkte zu einer Gefahr für unseren demokratischen Grundgedanken? „Eher umgekehrt: Indem klarer wird, wie abhängig die Politik von den Finanzmärkten geworden ist durch ihre Verschuldungsstrategien, werden Fragen der Budgetkontrolle, neuer Parteien etc. auf die Tagesordnung kommen. Die Frage ,Wozu Wirtschaft?‘ kommt auf die politische Agenda. Die aktuell laufende Abkopplung der politischen Ökonomie von der Zivilgesellschaft kann das demokratische Moment wieder stärken.“

Denn die Wirtschaft hängt von den Evaluationen (der Nachfragen) der Bürger als Konsumenten und Inves- toren ab. Konsum ist ein Wahlakt, nicht nur der Güter, die man kaufen will, sondern zugleich der Unterneh- men, die die Güter verkaufen. Wir wählen, indem wir konsumieren, ständig über die Wirtschaft. Nur ver- stehen wir das nicht politisch, sondern – privatistisch bescheiden – ökonomisch. Obwohl hier ein gesell- schaftliches Machtpotential liegt. Die Bürgergesell- schaft, die wir so unendlich politisch diskutieren,

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beginnt unter den neuen Umständen bereits dann, wenn wir mit der Wirtschaft Politik machen. Und nicht über den Umweg der Politik, sondern bürger- gesellschaftlich unmittelbar: als Kunden und Inves- toren. Das wäre die heute angemessene Form der direkten Demokratie ‒ als Wirtschaftsdemokratie (nun aber nicht als alternative Form der Repräsenta- tion und Delegation der Politik, sondern – wahr- scheinlich netzbasiert – unmittelbar).

_Zwischenfrage an Birger P. Priddat: Wie haben Sie selbst zuletzt „die Ökonomie politischer“ gemacht, sprich: mit Ihrem persönlichen Handeln versucht, zu einer „Neuen Sozialen Marktwirtschaft 5.0“ beizutragen? „Indem ich Artikel über Verbrauchertransparenz schreibe, über Geschmackskulturen, über Netzwerkeinflüsse auf Märkte etc. und indem ich junge Firmen unterstütze - beratend wie finanziell -, die Plattformen für die 5.0-Variante aufbauen.“

Die alte Formel: Bürger wählen Politik, diese reguliert die Wirtschaft, ist durch die neuen Verschiebungen nicht mehr vollständig zu halten. Bürger, so hieße die neuen Formel, ‚wählen̒ die Wirtschaft, die sie haben wollen, durch Marktverhalten (das schöne deutsche Wort Verhalten hat ja zwei Konnotationen: Handeln und Nichthandeln, d.h. sich verhalten verhalten). Der Umweg über die Politik wird ausgelassen, denn die Politik muss sich mit der Wirtschaft arrangieren, al- lein um staatschuldenfähig zu bleiben. Die Politik kann sich erst daraus befreien, wenn die Haushalte konsolidiert wären (was wiederum illusorisch ist, denn die anstehenden Staatsausgaben wie Infra- strukturen, Klima, Wasser, Energie, Bildung etc. las- sen sich nicht durch die Steuereinnahmen allein begleichen). Man kann den Regierungen kaum vor- halten, dass sie sich darin bewegen. Aber man kann deshalb auch nicht mehr erwarten, dass sie zu demo- kratischen Relationen Bürger/Politik zurückkehren. Deshalb muss die Form der Politik sich ändern: Die Bürger wählen nicht mehr nur ,ihre Politik̒, sondern ,ihre Wirtschaft̒. Dadurch ändert sich auch mögli- cherweise das Verhältnis von Wirtschaft/Politik. Wir reformieren nicht die Politik – ein unendliches, im- mer wieder scheiterndes Unterfangen –, sondern die Gesellschaft, indem wir das, was wir täglich – ein- kaufen ‒, politisch tun.

Die Bürger sollen ihr Nichtwissen über die komplexe Politik/Wirtschaft-Relation nicht durch Lernen und Wissen beheben (das scheitert eben an der Komple- xität), sondern durch Erhöhung der Komplexität für die Wirtschaft, die dann lernen wird, damit umzu- gehen (so würde der Gedanke, die ‚ökonomische Bildung̒ zu verbessern (Lisa Becker, FAZ Nr. 26 / 2012, S. 9), einen ganz anderen Sinn bekommen: dass wir verstehen lernen, ökonomisch gebildet, die Wirt- schaft als Nachfrager ‚zu regeln̒).

Wenn die Bürger die Wirtschaft ‚wählen̒, d.h. das abwählen, was ihnen dort als zu einseitig die Politik beeinflussend erscheint, entsteht ein neues Gesell- schaft/Wirtschaft-Verhältnis, das die Wirtschaft nicht ignorieren kann. Wenn die Umsätze sinken, weil Bürger bestimmte Teile der Wirtschaft nicht mehr nachfragen, ändern sich dort sehr bald die Stra- tegien: Die Wirtschaft ist der lernfähigste Teil der Gesellschaft, wenn es um ihre unmittelbaren Inter- essen geht. Es wäre eine neue, sehr wirksame Form von politischer Ökonomie.

Wäre eine neue bürgerschaftliche Wirtschaftspolitik nicht politisch effektiver?

Niemand kann ein komplexes System überschauen oder vollständig verstehen. Aber man muss nicht passiv die Folgen hinnehmen, sondern kann aktiv andere zu Anpassungen zwingen. Eine starre Entge- gensetzung von Markt und Staat ist unproduktiv; wir reden längst von einer triangulären Struktur: Markt, Politik und Bürger/Kunden (die Unternehmen haben das, indem sei CSR forcieren, halb schon verstanden). Das Spiel, das die Märkte mit der Politik treiben (und erfolgreich, viel erfolgreicher, als wenn Bürger die Politik evaluieren durch Wählen), spielen wir dem- nächst mit den Märkten, und zwar erfolgreich, weil die Märkte sich kaum erlauben können, die Zah- lungsverschiebungen und -rückgänge ihrer Kunden zu ignorieren.

Hier wäre übrigens der überall geforderte Inhalt für Occupy, aber auch für die Piraten: statt erfolglos ge- gen ,die Banken̒ zu protestieren, lieber die Bürger zu animieren, bei Banken, die man als inakzeptabel identifiziert, alle Konten aufzulösen, alle Vermögen

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abzuheben. Und bei anderen Firmen den Konsum abzubrechen etc. Das muss man nicht moralisch se- hen, sondern als Interessenpolitik. Wenn die Regie- rungen die Bürger übergehen, wenden sich die Bürger an die Adresse, die die Regierungen beeinflusst: an die Wirtschaft direkt. Diese Form der direkten (Wirt- schafts-) Demokratie ist garantiert die erfolgreichere. Und wir kommen aus den Protesten und Appellatio- nen heraus, dieser eher vergeblichen Spielart der Auf- rüttelung der Politik, die damit eigentlich nichts anfangen kann.

Erweitern wir das Handlungsfeld, das die Politik zwi- schen Bürgern/Wählern und Märkten längst einge- gangen ist, auf die Relationen Bürger/Politik und Bürger/Wirtschaft. Eröffnen wir ein neues Interface:

Machen wir die Ökonomie politischer. Glauben wir nicht mehr, dass die Wirtschaft nur Wirtschaft sei. Wahrscheinlich wird diese Bürgerwirtschaft erfolg- reicher sein als die bereits überforderte Bürgergesell- schaft. Dazu brauchen wir auch keine Parteien, mög- licherweise auch keine Piraten – wohl aber die social networks, die das thematisieren und organisieren können. Denn die Abstimmungen dieser ökonomi- schen Demokratie laufen täglich, über unsere ge- wöhnlichen Käufe. Man muss sich nicht mehr poli- tisch, und gar dann noch ideologisch engagieren, sondern wirtschaftlich – um politisch zu sein. Das alte Wort Wirtschaftsdemokratie bekäme endlich einen Sinn: als Neue Soziale Marktwirtschaft 5.0, als eine Wirtschafts-Politik in einem neuen bürger- schaftlichen Sinne.

_Mehr vom Autor unter Birger Priddat auf www.zu.de/mehr

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Transparenz und Bürgerbeteiligung durch Open Budget 2.0

Professor Dr. Jörn von Lucke, „Deutsche Telekom Institute for Connected Cities | TICC“

Im Zeitalter sozialer Medien reicht es nicht mehr aus, ein offenes und transpa- rentes Haushaltswesen ohne Web- 2.0-Dienste bereitzustellen. Die Ansprüche der Bürger und deren Wün- sche nach zeitnaher maschinenlesbarer Information zum Umgang mit den Steu- ermitteln verlangen nach echten offenen Haushaltsdaten und ein neuartiges offe- nes Haushaltswesen 2.0. Schließlich gilt weiterhin, dass jede Form von Haushalts- intransparenz mindestens verfassungs- widrig und somit inakzeptabel ist!

Im Rahmen der T- City Friedrichsha- fen hat sich das Deutsche Telekom Institute for Con- nected Cities (TICC) die Frage gestellt, welche Verände- rungen sich durch sozia le Medien

und frei zugängli- che Haushaltsdaten für Bund, Länder, Kreise, Städte und Gemeinden ergeben. Insbesondere die intelligen- te Verknüpfung der neuen Steuerungsmodelle (New Public Management) mit der Öffnung von Staat und Verwaltung (Open Government) und frei zugängli- chen Daten (Open Data) bietet neue Perspektiven für Transparenz und Bürgerbeteiligung. Bürger können auf Knopfdruck tagesaktuell erfahren, wofür der Staat die Steuern und Gebühren verwendet. Über das Internet können sie sich auch aktiv in Haushaltspla- nung, Haushaltsbewirtschaftung und deren Kont- rolle einbringen. Dieser Beitrag fasst wesentliche Erkenntnisse eines Gutachtens (von Lucke et al. (2011)) zusammen, das im Rahmen der T-City Friedrichsha- fen als konzeptioneller Beitrag im Sinne von „Bürger. Macht.Staat?“ erarbeitet wurde.

Welche neuen Impulse tragen zur weiteren Öffnung des Haushaltswesens bei?

Das Internet und soziale Medien verändern den Um- gang der Bürger mit dem Staat und seinem Ausgabe- verhalten. Durch die Impulse zu Open Government

(von Lucke (2010)) erfahren Transparenz, Offenheit und Öffentlichkeit eine nachhaltige Stärkung. Dar- unter zu bündelnde Aspekte wie etwa ein offenes Staatshandeln, offene Daten, Transparenz 2.0 und offene Innovationsfindung revitalisieren bestehende Berichtsinstrumente und ermöglichen eine intensi- vere Bürgerbeteiligung. Dies entspricht einer mobi- lisierenden Grundhaltung, nach der sich informierte Bürger aktiver in das öffentliche Gemeinwesen ein- bringen und als Betroffene auch eingebunden wer- den wollen. Zahlreiche über das Internet verfügbare soziale Medien tragen heute zu einer nachhaltigen Öffnung von Staat und Verwaltung bei. In vielen Be- reichen lassen sich spontan neue Gemeinschaften bilden. Die proaktive und zeitnahe Bereitstellung von Informationen und frei zugänglichen Daten verbes- sern die Transparenz und Nachvollziehbarkeit staat- lichen Handelns. Kollaborative Werkzeuge eröffnen Gruppen ein gleichzeitiges Editieren von Texten und ein gemeinsames Gestalten von Konzepten und Wer- ken. Kommunikative Werkzeuge fördern den Gedan- kenaustausch, tragen zur Ideengenerierung und Meinungsbildung bei und ermöglichen das ergebnis- offene Diskutieren in größeren Gruppen. Bereits ver- fügbar sind Werkzeuge zum gemeinsamen Entschei- den in Großgruppen, zum gemeinsamen Handeln in verteilten Umgebungen und zum gemeinsamen Programmieren. Bürger könnten so Impulse geben, Vorschläge einbringen sowie mit Diskussionsbeiträ- gen zur Meinungsbildung beitragen. Ein konstrukti- ves Feedback aus der Bevölkerung lässt sich über Werkzeuge zum gemeinsamen Kommentieren und Bewerten einholen (von Lucke (2012)). Daher wird es künftig für Bund, Länder und Kommunen nicht mehr

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ausreichend sein, die tradierten Haushaltsprinzipien von Vollständigkeit, Klarheit, Wahrheit und Öffent- lichkeit nur papierbasiert mit Leben zu füllen und sich auf die jährliche öffentliche Haushaltsdebatte im Parlament oder im Rat zu verlassen. Die Ansprü- che der Bürger, ihr Verlangen nach zeitnaher maschi- nenlesbarer Information und Visualisierung über Umfang und Verwendung mit den anvertrauten Steuergeldern wachsen durch die neuartigen tech- nischen Möglichkeiten dieser zweiten Generation an Webtechnologien (Web 2.0).

Das öffentliche Haushaltswesen ist auch als Steue- rungsinstrument konzipiert, mit dem die finanzielle Grundlage für das nach innen und außen gerichtete Verwaltungshandeln sichergestellt werden soll. Es gibt den Rahmen zur Planung, Bewirtschaftung und Rechnungsprüfung der Budgets von Gebietskörper- schaften und ihrer Behörden vor. So wird die Bevöl- kerung über die Pläne, Bewirtschaftung, Rechnungs- legung und Prüfung informiert. Der Begriff „Open Budget“ wird klassisch für offene und transparente Haushalte und Haushaltssysteme verwendet, die Haushaltstransparenz, Budgetöffentlichkeit und of- fene Haushaltsdebatten sicherstellen (IBP (2010)). Mit Blick auf die Potentiale sozialer Medien soll von ei- nem offenen Haushaltswesen im Sinne von „Open Budget 2.0“ dann gesprochen werden, wenn darüber hinaus eine Öffnung des Haushaltswesens mit Un- terstützung sozialer Medien auch von Gebietskörper- schaften und Behörden gelebt wird, Transparenz durch die elektronische Veröffentlichung von offenen Haushaltsdaten unterstützt wird und Bürger aktiv in die Haushaltsprozesse eingebunden werden (von Lucke et al. (2011): 1-5).

_Zwischenfrage an Jörn von Lucke: Warum sträuben sich Politik und Verwaltung eigentlich vielerorts gegen ein „Haushaltswesen 2.0“? „Mit der Öffnung des Haushaltswesens und der zugehörigen Prozesse durch neue Web 2.0-Technologi- en begeben sich Politik und Verwaltung sinnbildlich in vollkommen neue Fahrwasser. Damit verbunden sind zahlreiche Strömungen, Untiefen und Klippen, die umschifft werden wollen – und bisher nicht bekannt waren oder thematisiert wurden. Zusätzliche Akteure in diesen unbekannten Gewässern, wie beispielsweise ,Piraten‘, schüren zudem die Sorge, Schiffbruch zu erleiden.“

Lohnt sich eine Vernetzung offener Haushaltsdaten? Offene Haushaltsdaten (Open Budget Data) sind jene Datenbestände des Haushaltswesens des öffentli- chen Sektors, die von Staat und Verwaltung im In- teresse der Allgemeinheit ohne jedwede Einschrän- kung zur freien Nutzung, zur Weiterverbreitung und zur freien Weiterverwendung frei zugänglich ge- macht werden. Hierbei handelt es sich in erster Linie um Haushaltsplandaten, Haushaltsbewirtschaf- tungsdaten, Haushaltsbelege und Haushaltsberich-

te von Gebietskörperschaften und Behörden ohne Personenbezug. Werden diese Haushaltsdatenbe- stände strukturiert und leicht maschinenlesbar in einem offenen Format von den zuständigen Behör- den proaktiv bereit gestellt, lassen sie sich durchse- hen, durchsuchen, filtern, aufbereiten, überwachen und weiterverarbeiten. Eine Vernetzung offener Haushaltsdaten über Internet und World Wide Web im Sinne von Linked Open Budget Data eröffnet die Möglichkeit, Haushaltsdaten über Domänen und Or- ganisationsgrenzen hinweg, etwa für Statistiken, Auswertungen, Vergleiche, Karten und Publikatio- nen, direkt zu nutzen (von Lucke/Geiger (2010): 3; von Lucke et al. (2011): 6-7).

Welche Anknüpfungspunkte gibt es um den Haushalts- kreislauf?

Im Sinne des Haushaltskreislaufs wird sichergestellt, dass im Vorjahr über die voraussichtlichen Einnah- men und Ausgaben in öffentlichen Gremien debat- tiert und der Haushalt in Form eines Gesetzes oder einer Satzung beschlossen wird, dass dann der Haus- haltsplan von der Verwaltung bewirtschaftet wird und dass die Rechenschaftslegung zum Haushalts- abschluss mit anschließender Entlastung erfolgt. Aus den Überlegungen zu Web 2.0-Technologien er- geben sich für Haushaltstransparenz und Bürgerbe- teiligung folgende Anknüpfungspunkte: Die Bürger- schaft kann über Beteiligungshaushalte im Rahmen der Haushaltsplanerstellung beratend mitwirken. Eine proaktive Bereitstellung von Haushaltsplänen in offenen Formaten ermöglicht der öffentlichen Haushaltsdiskussion neue Perspektiven. Über das Internet kann die Öffentlichkeit zeitnah sowohl über Beschlüsse von Haushaltsgesetzen und Satzungen wie über das Abstimmungsverhalten informiert wer- den. Haushaltsbewirtschaftungssysteme erlauben tagesaktuelle Berichte und Analysen zur Bewirt- schaftung, die in einer verständlichen Aufbereitung auch externen Akteuren frei zugänglich gemacht werden. Publizieren lassen sich auch Zuschläge bei Ausschreibungen und Vergaben sowie vom Staat ab- geschlossene Verträge. Auch eine stärkere Einbin- dung der Bevölkerung in den Haushaltsabschluss und in die wirkungsorientierte Prüfung der Mittel- verwendung wäre denkbar (von Lucke et al. (2011): 3).

Welche neuartigen Formen von Haushaltstransparenz gibt es?

Konkrete Anknüpfungspunkte für mehr Transparenz ergeben sich so beim Haushaltsplanentwurf, in der Haushaltsdebatte, beim Beschluss, bei der Haushalts- bewirtschaftung, bei der Vergabe öffentlicher Aufträ- ge sowie beim Zugang zu unterzeichneten Verträgen.

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Zwar wird jeder Haushaltsplanentwurf mit der Ein- bringungsrede öffentlich. Jedoch haben es Bürger bisher eher schwer, direkt einen elektronischen Zu- griff zu bekommen. Zudem sind Zusammenhänge, Entscheidungsspielräume und Wechselwirkungen aus der herkömmlichen Aufbereitung kaum erkenn- bar und oft nicht nachvollziehbar. Interaktive Visu- alisierungen auf Basis offener Haushaltsplandaten helfen, Tabellen- und Zahlensammlungen besser zu verstehen und zu nutzen. Zusatzfunktionen eröffnen neue Möglichkeiten der Transparenz, Visualisierung, Vernetzung, Kommentierung und Meinungsbildung. Interessierte Entwickler, Datenjournalisten, Politiker und Bürger werden sich diese Datenbestände herun- terladen und mit ihnen arbeiten. Weitere Impulse liefern die Haushaltsreden und Präsentationen, die von der Presse, Funk und Fernsehen aufbereitet und kommentiert veröffentlicht werden. Der jederzeitige Abruf dieser Beiträge über das Internet verbessert die Transparenz insgesamt und eröffnet so eine neuar- tige politisch gepflegte Haushaltsdiskussionskultur (von Lucke et al. (2011): 15-17).

Zum Abschluss der öffentlichen Haushaltsdebatte und -beratung stimmen die gewählten Vertreter in öffentlicher Sitzung über das Haushaltsgesetz bezie- hungsweise die Haushaltssatzung mit Mehrheit ab. Mit der anschließenden Bekanntmachung ist der Haushaltsplan öffentlich auszulegen. Dies kann per Aushang, über öffentlich zugängliche Informations- systeme oder mit Hilfe offener Haushaltsdaten erfol- gen. Mit der transparenten Darstellung des Abstim- mungsverhaltens werden zugleich nachvollziehbare und ehrliche Entscheidungen forciert sowie das An- sehen des Entscheidungsgremiums gestärkt (von Lucke et al., 2011: 24-26).

Die Haushalts-, Kassen- und Rechnungssysteme bie- ten tagesaktuelle Auswertungen. Vielfach nutzen die Verwaltungsmitarbeiter für Abfragen, Analysen und Berichte ein eigenes Data Warehouse, welches nachts mit den Buchungsdaten des vergangenen Arbeitsta- ges aktualisiert wird und zahlreiche Auswertungs- möglichkeiten bietet. Eine offene und transparente Haushaltsbewirtschaftung bedeutet, dass auch Po- litikern, der Presse und der Bevölkerung ein Direkt- zugriff auf diese Berichtssysteme und die Haushalts- bewirtschaftungsdaten eröffnet wird. Vorhandene Haushaltsdaten können so proaktiv, im vollen Um- fang und zeitnah veröffentlicht werden. Ein Einblick wäre jedermann für jegliche Zwecke ohne Einschrän- kungen kostenfrei erlaubt. Dies umschließt das Recht auf Weiterverarbeitung und Weiterverbreitung der Daten und Berichte. Das birgt zahlreiche Potentiale für den Aufbau von Transparenz- und Haushaltspor- talen, zur Haushaltsanalyse sowie zur ergebnis- und

wirkungsorientierten Steuerung. Orientiert am Mot- to „Wofür werden die Steuern verwendet?“ lässt sich der Umgang mit öffentlichen Mitteln tagesaktuell transparent machen und auswerten (von Lucke et al. (2011): 27-29).

_Zwischenfrage an Jörn von Lucke: Wie würden Sie sich selbst konkret und zu welchen Themen aktiv in Haushaltsprozesse Ihrer Heimatstadt einbringen? „Als besonders zukunftsweisend und nachhaltig erscheinen mir vor allem gezielte Investitionen zur Stärkung der Kompetenzen im Bereich der Informa- tions- und Kommunikationstechnologien von Stadt und Region.“

Die proaktive Veröffentlichung von Zuschlagsverga- ben bei Ausschreibungen ist ein wichtiger Schritt zu einem transparenten Vergabeverfahren. Die Bereit- stellung dieser Daten in einem offenen Datenformat erlaubt es nach Ablauf der Ausschreibung jedem, die Praxis der Vergabe öffentlicher Mittel zu analysieren. Bürger und Unternehmen sollen sehen, wer welches Angebot in welcher Höhe gemacht hat und wie der Zuschlag begründet wurde, um das öffentliche Inte- resse an fairen Zuschlägen, Wettbewerb im Vergabe- verfahren und öffentlicher Kontrolle zu unterstrei- chen (von Lucke et al., 2011: 30).

Die vorbehaltlose Offenlegung aller geschlossenen Verträge, Beschlüsse und Nebenabreden zwischen einer Gebietskörperschaft und privaten Akteuren nach Vertragsunterzeichnung ist ein weiterer Schritt. Das Prinzip offener Verträge bedeutet, dass alle nicht offen gelegten Verträge, Beschlüsse und Nebenabre- den mit Zahlungsverpflichtungen für die öffentliche Hand unwirksam sind. Zur Veröffentlichung eignen sich öffentliche Vertragsportale, über die man auf alle Verträge tagesaktuell zugreifen kann. Der trans- parente Umgang mit Verträgen trägt zur Haus- haltstransparenz, zur öffentlichen Kontrolle und zur Korruptionsbekämpfung bei. Jede dadurch ausgelös- te öffentliche Diskussion kann zu Einsparungen, zum zielgerechten Abruf bereit gestellter Mittel und zu nachhaltigeren Entscheidungen führen (von Lucke et al., 2011: 31).

Wie kann die Bürgerbeteiligung am Haushaltsverfah- ren erhöht werden?

Konkrete Anknüpfungspunkte für eine intensivere Bürgerbeteiligung eröffnen sich durch Beteiligungs- haushalte sowie in einer offenen Kommentierung von Haushaltsbewirtschaftung und Haushaltsab- schluss. Die Aufstellung des Haushaltsplans vor der Haus- haltsdebatte in den zuständigen Gremien kann unter

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_Literatur:

_ibP (international buDget PartnersHiP) (2010): Open Budget Survey 2010. Washington 2010. _von lucke, jörn (2010): Open Government – Öffnung von Staat und Verwaltung. Friedrichshafen 2010 _von lucke, jörn et al. (2011): Open Budget 2.0 & Open Budget Data – Öffnung von Haushaltswesen und Haus- haltsdaten. Friedrichshafen 2011. _von lucke, jörn (2012): Open Budget 2.0 und Open Budget Data sichern Haushaltstransparenz und Bürger- beteiligung, in Hilgers, Dennis (Hrsg.): Public Manage- ment im Paradigmenwechsel – Staat und Verwaltung im Spannungsfeld von New Public Management, Open Government und bürokratischer Restauration, Trauner Verlag, Linz 2012, in Veröffentlichung. _von lucke, jörn unD geiger, cHristian (2010): Open Government Data – Frei verfügbare Daten des öffentli- chen Sektors. Friedrichshafen 2010

_Weil es uns selbst betrifft – Gelebte Haushaltstrans- parenz im Umgang mit unseren Steuern

_Mehr vom Autor unter Jörn von Lucke auf www.zu.de/mehr

Einbindung der Bevölkerung erfolgen. Bei Beteili- gungshaushalten handelt es sich um ein nichtreprä- sentatives Mitberatungsinstrument. Zunächst wird die Bürgerschaft über einen vorgelegten Haushalts- vorentwurf mit Zielen und Wirkungen informiert. Im Sinne einer öffentlichen Konsultation äußern sich interessierte Bürger dann mit Impulsen, eigenen Aus- arbeitungen und Bedenken und tragen so zur Mei- nungsbildung bei. Diese Anregungen werden gesam- melt, bewertet, unterstützt oder abgelehnt und damit priorisiert sowie an die zuständigen Gremien weiter- geleitet. Haushaltsrelevante Entscheidungen treffen nach öffentlicher Debatte weiterhin die vom Volk gewählten Politiker im Parlament oder Rat mit ihrem Haushaltsbeschluss. Die verständliche Darstellung ermöglicht es, Politiker und Bürgerschaft für eine engagierte Haushaltsdiskussion zu gewinnen und die Debatte zu beleben. Die Bürger wirken als Impuls- geber und sehen konkrete Ergebnisse ihrer Vorschlä- ge (von Lucke et al., 2011: 12-14).

Eine intensivere Bürgerbeteiligung lässt sich auch über eine offene Kommentierung von Haushaltsbe- wirtschaftung und Haushaltsabschluss realisieren. Werden die Haushaltsbewirtschaftung tagesaktuell frei zugänglich gemacht, ein Zugang zu den Abrech- nungsbelegen eröffnet sowie Abschlussberichte zur Rechnungs- und Rechenschaftslegung offen bereit- gestellt, so können diese zeitnah analysiert werden. Bürger, Interessensgruppen und die Presse werden dort aktiv, wo Unregelmäßigkeiten entdeckt oder Entscheidungen nicht nachvollziehbar sind.

Das Internet und soziale Medien eröffnen den Raum für eine eigenständige öffentliche Kontrolle durch die Bürger und zivilgesellschaftliche Organisationen, auf deren Eigendynamik kaum noch Einfluss genommen werden kann. Potentiale für ein gemeinsames und ergebnisoffenes Diskutieren, Handeln, Kommentie- ren und Bewerten eröffnen sich für viele Bürger durch ihre tägliche Nutzung von Diensten wie etwa Face- book, Twitter oder Co. (von Lucke et al., 2011: 33-35).

Was konnte denn bei Stadt, Kreis und Land bereits er- reicht werden?

Die Gestaltungspotentiale der Web 2.0-Technologien für den Umgang mit öffentlichen Mitteln beginnen, sich gerade erst zu entwickeln. Diese Öffnung passt gut in die gepflegte deutsche Haushaltstradition von Transparenz, Vollständigkeit, Klarheit, Wahrheit, Öf- fentlichkeit und öffentlicher Haushaltsdebatte. Im Zeitalter sozialer Medien, die der Bevölkerung zur Verfügung stehen, sollten Staat und Verwaltung nicht warten, bis Vorschläge, Umsetzungen und Ur- teile aus Wissenschaft, Bürgerschaft, Parteien, Pres- se und Gerichten Veränderungen einfordern. Viel- mehr muss es eine demokratisch gepflegte Selbstver- ständlichkeit sein, die gelebte Haushaltstradition zeitgemäß zu interpretieren und gemeinsam diese Öffnung aktiv zu gestalten (von Lucke (2012)).

Das Land Baden-Württemberg, der Bodenseekreis und die Stadt Friedrichshafen haben bereits wichtige Schritte in Richtung Open Budget 2.0 genommen. Gedeckt durch den Koalitionsvertrag der neuen Grün-Roten Landesregierung und unterstützt durch das T-City Gutachten zu Open Budget 2.0 wurde bis zum März 2012 ein Open Data Portal im Rahmen von Service-bw (http://opendata.service-bw.de) einge- richtet. Darin sind ausgewählte Haushaltsdaten des Landes und der Stadt Ulm nicht nur als PDF-Doku- mente, sondern auch in einem offenen Datenformat veröffentlicht und über verschiedene Visualisie- rungsdienste erschlossen worden. Der Bodenseekreis hat mittlerweile die Haushaltssatzung und den Haushaltsplan für 2011 und 2012 als PDF-Dokumente elektronisch veröffentlicht. Die Stadt Friedrichshafen publizierte zur Haushaltsdebatte 2011 bereits die ei- genen Entwürfe elektronisch im Internet. Allerdings bemängelte Oberbürgermeister Brand zum Ab- schluss das geringe Interesse und Engagement der Häfler Bürger an dem Thema, die vermutlich aus Unwissenheit von dieser Offenheit noch keinen brei- ten Gebrauch vom Angebot gemacht haben. Es bleibt spannend zu verfolgen, welche Entwicklungen in den kommenden Jahren folgen.

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Der Bürger als Kunde?

Juniorprofessor Dr. Christian Brock, Otto Group-Lehrstuhl für Service Marketing und Distanzhandel, Julia Meik M. A. sowie die Studierenden Janine Kaiser, Sadi Al-Dari und Bernd Handke

Das Interesse an der Partizipation des Bürgers, speziell auf kommunaler Ebene, rückt im öffentlichen Sektor deutlich in den Vordergrund. Städte und Kreise er- kennen die Bedeutung des artikulierten Bürgeranliegens und die Möglichkeiten, die es bietet. Untersuchungen aus dem privaten Sektor haben gezeigt, dass das professionelle Management von Kun- denbeschwerden zu einer Wiederherstel- lung der Kundenzufriedenheit – einer wesentlichen Einflusskomponente auf die Kundenloyalität – führen kann. Auch im öffentlichen Sektor wird die positive Wahrnehmung der Dienstleistungsquali- tät und damit nicht zuletzt deren Legiti- mität angestrebt. Was also kann der öffentliche Sektor vom privaten lernen?

Nur wenige Bürger beschweren sich und adressieren ihre Anlie- gen an Einrichtungen des öf- fentlichen Sektors. Wo soll und kann man sich beschweren, welcher ist der richtige An- sprechpartner, was „bringt“ eine Beschwerde überhaupt? Diese und andere Barrieren hal- ten Bürger davon ab, ihre Anlie- gen vorzubringen. Eine wichti- ge Möglichkeit der Bürger, sich aktiv einzubringen und Anlie- gen vorzutragen, geht somit verloren. Dabei zählt die aktive

Bürgerpartizipation zu den we- sentlichen Bestandteilen einer modernen Staatstruk- tur, die ihre Aufgaben nicht mehr in einseitig-hoheit- licher Tätigkeit erfüllt. Der Begriff der „Bürgergesell- schaft“ drückt dieses Verständnis aus, dessen Bemühung es ist, Möglichkeiten der Bürger-Mitge- staltung und Mitbestimmung zu stärken. 1 Damit

sind das bürgerschaftliche Engagement genauso wie die Zunahme politischer Beteiligung und Mitsprache der Bürger gemeint.

Im Rahmen der heutigen Verwaltungsmodernisie- rung ändern sich Herangehens- und Handlungswei-

sen des öffentlichen Sektors. Informationstechnolo- gien und eine wachsende Kommunikationsgesell- schaft stellen die öffentliche Verwaltung vor neue Herausforderungen. Das Bestreben des öffentlichen Sektors, die Bürger zur Partizipation zu motivieren und auf die Anliegen derselben einzugehen, wird immer deutlicher. Dabei stehen nicht zuletzt die Er- höhung der Bürgerzufriedenheit durch verbesserte Dienstleistungen und Erhöhung der Legitimation im Vordergrund. Erfahren in dem Bereich des Beschwer- demanagements ist besonders der private Sektor, der die Bedeutung von Kundenzufriedenheit und Kun- denpartizipation schon seit langem erkannt und Maßnahmen hierfür geschaffen hat.

Wie geht der private Sektor mit Beschwerden um?

Der Kunde wird in dem privaten Sektor längst nicht mehr nur als der „Endabnehmer“ eines Produktes oder einer Dienstleistung verstanden, sondern seine Meinung, besonders auch in Form von Beschwerden, ist für Unternehmen eine relevante Information. Das Beschwerdemanagement wird hier als Teil des Cus- tomer Relationship Managements angesehen und umfasst nicht nur die Beschwerdeerfassung, sondern besonders auch den Umgang mit der Beschwerde, ihre Analyse und Kontrolle. Kunden werden angeregt, ihr Feedback oder ihre Beschwerden vorzubringen,

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_1 beck & ZiekoW, 2011.

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Unternehmen nutzen diese Daten und gewinnen hieraus neue Erkenntnisse. Entscheidend ist aber, dass Konsumenten den Umgang mit ihrer Beschwer- de wahrnehmen und nachverfolgen. Untersuchun- gen zeigen, dass Kunden die Bearbeitung ihres Anlie- gens anhand von drei Gerechtigkeitsebenen beurtei- len. Zum einen spielt die sogenannte „procedual justice“ eine wichtige Rolle, in der Kunden den Pro- zess der Beschwerdebearbeitung beurteilen. Hin- sichtlich der „interactional justice“ bewerten Kunden, wie sie sich von Mitarbeitern der Beschwerdestelle behandelt fühlen und „distributive justice“ spiegelt die Zufriedenheit mit der Entschädigungsleistung wider. Ist der Kunde mit der Bearbeitung seiner Be- schwerde insgesamt zufrieden, wird seine Zufrieden- heit wieder hergestellt und seine Loyalität gestärkt. 2

_Zwischenfrage an Julia Meik: Wie könnte der öffentliche Sektor konkret „Beschwerdebarrieren“ abbauen? „Um Beschwerdebarrieren abzubauen, sollte der öffentliche Sektor den Zugang zur Abgabe eines Anliegens erleichtern, Transparenz bezüglich des Beschwerdeprozesses schaffen, Ergebnisse beziehungsweise Lösungen klar kommunizieren und die Anonymität seiner Bürger gewährleisten.“

Für den öffentlichen Sektor lassen sich hieraus wich- tige Implikationen ableiten, unter welchen Umstän- den Bürger zur Meinungsäußerung motiviert und aus reiner Beschwerdeerfassung aktives öffentliches Anliegenmanagement als Teil des CRM werden kann.

Die grundsätzlich hohe Hemmnis zur Beschwerde wird besonders im öffentlichen Sektor als stark emp- funden. Unterschiedliche Barrieren führen dazu, dass Bürger trotz eines negativen Vorfalls von einer Beschwerde absehen. Unter anderem halten Resig- nation, komplizierte Beschwerdeverfahren und Angst vor den Konsequenzen einer Beschwerde Bür- ger schließlich davon ab, ein Anliegen vorzubringen. Nur durch die Minimierung empfundener Beschwer- debarrieren wird Feedback jedoch wahrscheinlich und somit nutzbar. Ziel des öffentlichen Sektors muss es deswegen sein, zum einen unkomplizierte Be- schwerdeverfahren zur Verfügung zu stellen, durch die Beschwerdebarrieren abgebaut und nicht ver- stärkt werden. Zum anderen muss im Sinne der „pro- cudural justice“ auch eine zügige und kompetente Beschwerdebearbeitung garantiert werden.

Das Potential eines professionellen Anliegenmana- gements im öffentlichen Sektor hängt darüber hin- aus stark von der Bereitstellung finanzieller Mittel ab, die im Rahmen der Anliegenbearbeitung nötig sind. Nicht nur die Anliegeninfrastruktur muss fi- nanziert werden, auch die Anliegenanalyse und das Controlling sowie Veränderungen und Antworten auf Bürgeranliegen spielen eine wichtige Rolle. Be- sonders der Umgang von Mitarbeitern mit Beschwer- den trägt wesentlich zu dem Informationsgehalt einer Beschwerde und der Chance auf wiederholtes Beschwerdeverhalten bei. Für die Wiederherstellung der Zufriedenheit nach einer Beschwerde ist nicht

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zuletzt die „interactional justice“ entscheidend, die der Kunde bzw. Bürger empfindet, wenn er eine Be- schwerde beziehungsweise ein Anliegen vorbringt. Die Schulung des Personals, das mit Bürgeranliegen umgeht, spielt demnach auch in dem öffentlichen Sektor eine wesentliche Rolle und ist Teil eines pro- fessionellen Anliegenmanagements.

Welche Herausforderungen ergeben sich für den öf- fentlichen Sektor?

Besonders problematisch für den öffentlichen Sektor ist die empfundene „distributive justice“, wenn Bür- ger das öffentliche Anliegenmanagement beurteilen. In vielen Fällen gelten Bürgerbeschwerden nicht den Problemen des individuellen, sondern des allgemei- nen Interesses. Lösungen stiften demnach nicht zwangsläufig einen individuell erfahrbaren Nutzen für den Bürger. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Veränderungen und Lösungen, hervorgerufen oder angestoßen durch Bürgeranliegen, deutlich kommu- niziert werden und somit die Sinnhaftigkeit von Bürgerbeschwerden betont wird.

Damit steht der öffentliche Sektor einigen Herausfor- derungen gegenüber, wenn er sich mit CRM und sei- nen Maßnahmen, wie beispielsweise dem Beschwer- de- beziehungsweise Anliegenmanagement, ausei- nandersetzt. Wichtige Kenntnisse lassen sich bereits aus dem privaten Sektor auf den öffentlichen Sektor übertragen. Entscheidende Unterschiede beider Sek-

_2 Vgl. bspw. tax et al. 1998.

_Literatur:

_beck, k & ZiekoW, j. (2011): Mehr Bürgerbeteiligung wa- gen: Wege zur Vitalisierung der Demokratie, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. _tax, s. s., broWn, s. W. & cHanDrasHekaran, m. (1998):

Customer Evaluations of Service Complaint Experiences:

Implications for Relationship Marketing, Journal of Mar- keting, 62 (2), S. 60-76.

_Mehr vom Autor unter Christian Brock auf www.zu.de/mehr

toren bleiben jedoch bestehen und bestimmen das Potenzial, mit dem sich Instrumente und ihre Wir- kungsweisen übertragen lassen. Besonders das Ver- hältnis zwischen öffentlichem Sektor und seinen „Kunden“, nämlich den Bürgern, ist komplex und un- terscheidet sich wesentlich von der Beziehung zwi- schen Unternehmen und seinen Kunden. Es handelt sich bei dem Verhältnis von öffentlichem Sektor und Bürger nicht um schlichte Transaktionen zwischen Angebot und Nachfrage, vielmehr bestehen beidsei- tige Abhängigkeiten und Angebot- und Nachfragesei- te können wechseln. Während sich Strategien des privaten Sektors auf den öffentlichen Sektor übertra- gen lassen mögen, muss besonders die Operationali- sierung derselben differenziert betrachtet werden. Dass jedoch strategische Überlegungen des privaten Sektors in den öffentlichen Sektor übersetzt werden, scheint vor dem Hintergrund der Verwaltungsmo- dernisierung nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

_Zwischenfrage an Julia Meik: Wann und worüber haben Sie sich selbst zuletzt als Bürger oder als Kunde beschwert? „Meine letzte Beschwerde ging erst kürzlich an einen Fluganbieter und galt der Verspätung meines gebuchten Hin- und Rückfluges, wodurch sich meine Reisezeit um insgesamt acht Stunden verlängert hat.“

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Die sozialen Medien haben etwas Neues geschaffen

Interview mit Aleksandra Rhomberg, Master-Absolventin in Politik- und Verwaltungswissenschaften

Geboren ist sie in Warschau, aufgewach- sen in Berlin und nach einem PMG-Mas- ter-Studium am Bodensee hat es Aleksandra Rhomberg wieder in die Bun- deshauptstadt gezogen. Vor ihrem Studi- um an der ZU hat sie Jura mit Völkerrechtschwerpunkt an der Europa Universität Viadrina studiert und bei den Wissenschaftlichen Diensten des Deut- schen Bundestags gearbeitet. Nach ihrem Abschluss an der ZU im Sommer 2009 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin des außenpolitischen Sprechers der FDP- Bundestagsfraktion und ist seit Herbst 2011 Referentin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe in der FDP-Bundestags- fraktion. Ehrenamtlich ist Aleksandra Rhomberg als Vorsitzende der Jungen DGAP tätig, der Nachwuchsorganisation der renommierten Deutschen Gesell- schaft für Auswärtige Politik.

Frau Rhomberg, wir haben im Winter und Frühjahr 2011 ge- bannt den arabischen Früh- ling vor den Fernsehschirmen verfolgt. Viele haben insbe- sondere für Ägypten das ge- flügelte Wort von der „Face- book-“ oder der „Twitter-Revo- lution“ geschaffen. Stimmen Sie solchen Begriffen zu? Keine Revolution ist wie die andere. Doch die sozialen

Netzwerke in Tunesien und Ägypten haben in der Tat neue Formen der Organisa- tion von zivilgesellschaftlichen Akteuren ermöglicht, in einem Maße, das vorher nicht denkbar war. Die neuen sozialen Medien waren nicht mehr bloß ein Mittel der Kommunikation, sie haben etwas ganz Neues geschaffen.

Erkennen wir also eine neue Form von Revolutionen? So weit würde ich nicht gehen. Die Präsidentschafts- wahlen im Iran zeigen, dass soziale Medien alleine nicht genügen. Es muss auch die entsprechende Res- ponsivität auf Seiten der staatlichen Ordnung geben, die sich dem Protest öffnet und diesem schließlich nachgibt. Im Iran hat das Regime mit voller Wucht zurückgeschlagen. Allerdings muss man sagen, dass

die Proteste dort auf wenige Städte begrenzt waren, im Gegensatz zu den Ländern der Arabellion.

Warum hat es dann in Ägypten funktioniert? Das hat vielschichtige Gründe. Zum einen ist der Re- volution in Ägypten die in Tunesien vorangegangen. Zum anderen hat sich eine Sklerose des politischen Systems in Ägypten manifestiert, das System Muba- rak war ja seit mehr als drei Jahrzehnten an der Macht. Zudem hat die schlechte wirtschaftliche Si- tuation der Ägypter den Druck erhöht.

Hat sich dieses Phänomen zivilgesellschaftlicher Organisation mit sozialen Netzwerken in Ägypten ein Jahr später stabilisiert? Mittlerweile reagiert die Zivilgesellschaft, nicht nur in Ägypten sondern auch in allen anderen vergleich- baren Fällen, deutlich vorsichtiger, weil auch politi- sche Autoritäten die Möglichkeiten des Internets erkannt haben. Die Zivilgesellschaft hat Angst vor gefälschten Profilen und einer Unterwanderung. Dennoch bin ich tief beeindruckt von den zivilgesell- schaftlichen Entwicklungen in den arabischen Län- dern. Viele hatten ja Befürchtungen, dass sich die Iranische Revolution von 1979 dort wiederholt. Statt dessen gibt es viele zivilgesellschaftliche Kräfte, die sich vehement gegen jede Art von Extremismus, ins- besondere religiöse Fundamentalismen, stemmen.

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Welche Aufgaben haben Sie als Referentin für Men- schenrechte und humanitäre Hilfe? Ich analysiere Menschenrechtsfragen und gieße die- se dann in politisches Handeln. Und ich berate alle Abgeordneten zu diesem Thema. Die Analyse erfolgt durch Gespräche mit deutschen und ausländischen Diplomaten. Zudem scanne ich täglich die internati- onale Medienlage. Natürlich ist aber auch die Stim- mung der Straße wichtig. Dafür stehe ich in engem Kontakt mit den Außenstellen der politischen Stif- tungen und Think Tanks sowie mit den NGOs vor Ort wie Human Rights Watch, Ärzte ohne Grenzen oder Amnesty International. Und aus all diesen Puzzletei- len setze ich dann ein möglichst vielschichtiges Bild zusammen.

Wie kommunizieren Sie mit diesen Organisationen? Der direkte Kontakt ist da sehr wichtig: Wir treffen regelmäßig Mitarbeiter dieser Organisationen in Ber- lin, halten aber auch Kontakt über alte und neue Me- dien.

Welche Regionen stehen denn gerade ganz oben auf der Agenda? Medial bedingt Ukraine, Weißrussland, Aserbaid- schan und Usbekistan. Da haben wir gerade die not- wendigen Aufhänger für die öffentliche Aufmerk- samkeit.

Nun sind Sie ja auch Vorsitzende der Jungen DGAP, einem renommierten Netzwerk für Internationale Politik. Sind Sie dort auch eine Brücke zwischen Po- litik, Zivilgesellschaft und Bürgern? Die junge DGAP erfüllt eine doppelte Scharnierfunk- tion: Wir bieten jungen Menschen, die Interesse an internationaler Politik haben, die seltene Chance, mit hochrangigen politischen Entscheidungsträgern ins Gespräch zu kommen. Wenn man nicht im Politbe- trieb arbeitet, hat man ja kaum Möglichkeiten dazu. Für politische Entscheidungsträger wiederum ist es wichtig, Einschätzungen auch abseits des offiziellen Politbetriebs zu erhalten. Diesen Austausch mit un- seren Mitgliedern empfinden die Entscheidungsträ- ger als sehr anregend.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

_Mehr von der Autorin unter Aleksandra Rhomberg auf www.zu.de/mehr

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Impulse, Impressionen, Innovationen

Was waren die Höhepunkte des Frühjahrssemesters?

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Was gab es an Impulsen für die Forschung?

Im Januar wurde offiziell das neue Hugo- Eckener-Labor für Experimentalpsycholo- gie und Hirnforschung eröffnet. Betreut wird es von Professor Dr. Bruno Preilows- ki, Gastprofessor für Methoden in Verhal- tens- und Hirnforschung. Die decode Mar- ketingberatung GmbH ermöglicht das Labor durch ihre Förderung. Zum 1. Juli hat das neue Forschungszentrum Verbrau- cher, Markt und Politik an der ZU seine Arbeit aufgenommen. Finanziert wird es vom Verbraucherministerium Baden- Württemberg. Die wissenschaftliche Lei- tung hat Professorin Dr. Lucia Reisch, ständige Gastprofessorin für Konsumver-

halten und Verbraucherpolitik. Welche psychologischen Prozesse hinter ökono- mischen Entscheidungen stecken, dieser Frage geht ein interdisziplinärer Verbund von sechs Teilprojekten unter Beteiligung der ZU in einem dreijährigen Forschungs- projekt nach, das von der DFG mit 1,7 Mil- lionen Euro gefördert wird. Anja Achtzi- ger, Professorin für Strategische Kommu- nikation an der ZU, befasst sich dabei mit dem Thema „Ökonomische Rationalität und konkurrierende Verhaltensregeln“. Professor Dr. Stephan A. Jansen arbeitet seit drei Jahren zu Innovationen in Ge- schäftsmodellen im Kontext der For- schungsunion der Bundesregierung. Em- pirische Analysen von DAX-Firmen für

die Themen Mobilität, Energie, Gesund- heit, Sicherheit und Kommunikation ste- hen hier im Fokus. Dafür erhielt er nun eine dreijährige Förderung des BMBF. Hel- mut Willke, Professor für Global Gover- nance, hat ein mit 321000 Euro geförder- tes DFG-Forschungsprojekt gestartet zu „Policy responses to systemic risk. Natio- nal policies and the idea of global gover- nance“. Und unter ZU-Koordination des Gesamtprojektes hat ZU-Dozent Dr. Peer Ederer die Arbeit an dem mit 2,96 Millio- nen Euro geförderten EU-Forschungspro- jekt „LLLIGHT'in'Europe /Lifelong Lear- ning, Innovation, Growth and Human capital Tracks in Europe“ aufgenommen.

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Welche prominenten Gäste sprachen über welche Themen?

Prominente Gäste gehören seit jeher zu jedem Semester an der ZU – und tausende von interessierten Zuhörern, die erfahren wollen, was sie zu sagen haben. In der Rei- he der Bürger-Universität berichtete im Januar ZDF-Moderator Claus Kleber über sich und seine Arbeit als Anchorman des „heute journals“ wie auch BILD-Chefre- dakteur Kai Diekmann zur Frage der BILD- Zeitung als deutsches Leitmedium, im März der Intendant der Berliner Philhar- moniker Martin Hoffmann über die Be- deutung klassischer Musik in der Gesell- schaft und die Zukunft des Konzerts so- wie im April der Neurologe, Neurophilo- soph und Buchautor Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth darüber, wie Lernen gelingt. Einer Einladung des studentischen „Club of in- ternational Politics“ folgte im Mai Bun- desfinanzminister a. D. und stellvertre- tender SPD-Bundesvorsitzender Peer Steinbrück und sprach über die „Auswir- kungen der globalen Machtverschiebun- gen und des globalen Wandels auf zu- künftige Generationen“.

Wie engagierten sich Förderer?

Die ZF Friedrichshafen AG gehört gleich- sam seit Gründung zu den Großförderern der ZU. Im Frühsommer verstärkte sie ihre Förderung noch einmal erheblich – und nachhaltig. Das Stiftungsunterneh- men spendet der Zeppelin Universitäts- Stiftung in diesem und in den nächsten Jahren insgesamt 20 Millionen Euro.

Mit diesen Mitteln wird die Universitäts- stiftung in die Lage versetzt, die geplan- ten Um- und Neubauten für den künfti- gen Hauptcampus auf dem Areal „Fallen- brunnen 3“ in Friedrichshafen zu finan- zieren. „Wir sehen die Hochschulförde- rung als langfristiges strategisches Enga- gement“, erläuterte der ZF-Vorstandsvor- sitzende Dr. Stefan Sommer die Millionen- spende. Als weitere Großförderer konnten die Karl Schlecht gemeinnützige Stiftung, der Architekt Josef Wund sowie die Ama- deus Germany GmbH gewonnen werden.

Was tat sich in der ZU-Stiftung?

Die ZU-Stiftung als Trägerstiftung der ZU hat einen neuen Vorstandsvorsitzenden:

Der Ende Juli nach neunjähriger Amtszeit auf seinen Wunsch aus diesem Amt schei- dende Ernst Susanek übergab an den frü- heren Personalvorstand der Deutschen Telekom AG, Thomas Sattelberger. Ernst Susanek wird in Gremien der Universität weiterhin tätig sein und der zukünftigen Entwicklung der Universität auf das Engs- te verbunden bleiben. In Anerkennung seiner großen Verdienste um den Auf- und Ausbau der Universität verlieh die ZU auf Beschluss des Senats Ernst Susan- ek anlässlich der Verabschiedung die Ehren-Doktorwürde.

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_01 Peer Steinbrück sprach auf Einladung von Studierenden über den globalen Wandel

_02 Claus Kleber gab bei der BürgerUni Einblicke in seine Arbeit als ZDF-Anchorman

_03 Dr. Stefan Sommer, Dr. Ernst Susanek und Prof. Dr. Stephan A. Jansen freuen sich über die Großspende zur Realisierung des neuen HauptCampus

_Mehr Höhepunkte finden Sie unter Wegmarken auf www.zu.de/mehr:

_Feierliche Eröffnung der Zeppelin University Graduate School Graduate School

_Neuer Bachelor-Studiengang Sociology, Politics & Economics gestartet Bachelor SPE

_Erstes Symposium des European Centers for Sustainability Research zum Thema Steuern sind zum Steuern da“

_Vierter Friedrichshafener FamilienFrühling über Entscheidungen in Familienunternehmen

_Deutschlandweit erster universitären Masterstudiengang für den Handel Executive Master of Retailing“ aufgelegt

_Kongress des „Mercator Forscherverbund innovatives soziales Handeln – Social Entrepreneurship“ an der ZU

Mefose

_Baubeginn für die Container-Universität

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Welche Innovation kommen künftig den Studierenden zugute?

Die ZU fördert seit dem vergangenen Semes- ter studentische Unternehmensgründer nicht mehr nur ideell, sondern auch finanzi- ell. Dafür wurde die „ZU Micro Equity GmbH & Co. KG | ZUME“ gegründet. Sie stellt Eigen- kapital für die erste Phase der Gründung bereit. Mit der Einrichtung des Fonds reagiert die Universität auf den hohen Anteil von Gründern unter den ZU-Studierenden: Jeder Fünfte ist spätestens nach dem Abschluss selbstständig. Als erste profitieren nun das Cookie-Start-up „knusperreich“ sowie die Technologiegründung „Spontaneous Order“ von dem neuen Finanzierungsangebot.

Was gab es an Auszeichnungen?

Professor PhD Nico Stehr, Inhaber des Karl-Mannheim-Lehrstuhls für Kultur- wissenschaften und Gründungsdirektor des Europäischen Zentrums für Nachhal- tigkeitsforschung an der ZU, ist im Mai mit der renommierten „Säule des Wissens“

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(Knowledge Management Award) ausge- zeichnet worden. Bei der Feierstunde im Palais Festetics in Wien wurde sein her- ausragendes Lebenswerk gewürdigt. Pro- fessor Dr. Alexander Eisenkopf ist im Juni für weitere sechs Jahre zum Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bun- desminister für Verkehr, Bau und Stadt- entwicklung Dr. Peter Ramsauer berufen worden. Der Verkehrsexperte und Inha- ber des Phoenix-Lehrstuhls für Allgemei- ne BWL & Mobility Management der ZU wird dabei insbesondere das Themenfeld der Verkehrsinfrastrukturen bearbeiten. Professor Dr. Alfred Kieser, Vize-Präsident Forschung und Dean der Zeppelin Uni- versity Graduate School sowie Inhaber des Lehrstuhls für Managementtheorie, wurde im Juli in Helsinki zum Ehrenmit- glied der European Group of Organization Studies ernannt. Und auch Studierende heimsten Ehrungen ein: So wurde im März ZU-Absolvent Hanning von Spiegel in Frankfurt/Main mit dem „Leonardo & Co. Award“ ausgezeichnet.

So wurde im März ZU-Absolvent Hanning von Spiegel in Frankfurt/Main mit dem „Leonardo & Co. Award“
So wurde im März ZU-Absolvent Hanning von Spiegel in Frankfurt/Main mit dem „Leonardo & Co. Award“
So wurde im März ZU-Absolvent Hanning von Spiegel in Frankfurt/Main mit dem „Leonardo & Co. Award“

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85 _05 Neuerscheinungen in der Reihe zu|schriften Bürger. Macht. Staat? Neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe,
85 _05 Neuerscheinungen in der Reihe zu|schriften Bürger. Macht. Staat? Neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe,

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Neuerscheinungen in der Reihe zu|schriften

Bürger. Macht. Staat? Neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe, Teilnahme und Arbeitsteilung Herausgegeben von Stephan A. Jansen, Eckhard Schröter und Nico Stehr 2012. ca. 250 S. mit 10 Abb. Br. EUR 39,95 ISBN 978-3-531-19346-5

Stephan A. Jansen Eckhard Schröter Nico Stehr (Hrsg.) Bürger. Macht. Staat? Neue Formen gesellschaft- licher
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Positive Distanz? Multidisziplinäre Annäherungen an den wahren Abstand und das Abstandwahren in Theorie und Praxis Herausgegeben von Stephan A. Jansen, Nico Stehr und Eckhard Schröter 2012. ca. 350 S. Br. EUR 39,95 ISBN 978-3-531-19207-9

Stephan A. Jansen · Nico Stehr Eckhard Schröter (Hrsg.) Positive Distanz? Multidisziplinäre Annäherungen an den
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_04 Kai Diekmann diskutierte bei der BürgerUni über die Bild-Zeitung als Leitmedium

_05 Prof. Phd Nico Stehr wurde mit der „Säule des Wis- sens“ ausgezeichnet

_Mehrwertige mediale Angebote der Zeppelin Univer- sität

Die Zeppelin Universität versteht sich als Universität in der Gesellschaft, die als Präsenzuniversität auch für diejenigen erreichbar sein möchte, die sich gerade nicht auf dem Bodensee-Campus aufhalten können.

Folgende mediale Angebote stehen Ihnen kostenfrei rund um die Uhr zur Verfügung:

_ZU Daily – digitale Delikatessen der ZU, täglich. Daily ist das neue tagesaktuelle digitale Schaufenster zur intelligenten Trivialisierung von Forschung und forschungsbasierten Projekten der ZU. Schauen Sie einmal herein.

_ZU on iTUnes U Auf www.zuonitunesu.de sind Audio- und Videopod-

casts unserer wichtigsten Aktivitäten zum Download erhältlich. Schauen und hören Sie einmal herein!

_ZU App Laden Sie sich die App der ZU im Appstore herunter. Die App umfasst den Veranstaltungskalender der Universi- tät, die neuesten Podcasts sowie alle News aus der ZU.

_auf – das digitale Archiv Unter www.zu.de/auf können Sie auf alle bisherigen Ausgaben der auf zugreifen.

_welle20.de

Hier können Sie das studentische Radio der ZU rund um die Uhr erreichen. Hören Sie hinein!

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Token-System im auf-Magazin

Bei allen Beiträgen in diesem Magazin finden Sie Verweise auf weitere Informationen zum jeweiligen Thema. Wir haben Inhalte, welche sich vor allem für eine digitale Darstellung eignen, eine Recherche zum Thema ermöglichen oder aus Gründen der Aktualität besser online abrufbar sind, für unsere Leserinnen und Leser auf der Portalwebsite zusammengestellt.

Beispiel: Nico Stehr

Sie können ganz einfach auf die Medien- datenbank der Zeppelin Universität mittels der angegebenen Token, einer Art Suchbe- griff, zugreifen. Mehr dazu unter www.zu.de/mehr

Sämtliche Forschungsprojekte aller Wissen- schaftler der Universität finden Sie unter:

der Universität finden Sie unter: › Forschungsdatenbank Impressum Herausgeber Professor Dr. Stephan A. Jansen,

Impressum

Herausgeber

Professor Dr. Stephan A. Jansen, Präsident ZU Tim Göbel, Vizepräsident ZU

Chefredaktion

Rainer Böhme

Anschrift der Redaktion

Zeppelin Universität Universitätskommunikation Am Seemooser Horn 20 D-88045 Friedrichhafen

Konzeption & Creative Direction

Ruediger John

Projektleitung & Art Direction

Philipp N. Hertel

Ansprechpartner für Anzeigen

Peter Aulmann | peter.aulmann@zu.de

Fotos

Rainer Böhme, Bertram Rusch

Künstlerische Intervention, S. 03-81 und Umschlagabbildungen:

Ruediger John (Quellen: Ruediger John,

ausgenommen Ausschnitte auf S. 4 nach Guy Debord,

S.

27 John Carpenter, S. 29 Mohamed Elshahed,

S.

35 Getty, S. 36 AFP, S. 38 NN, S. 40 AFP,

S.

47 dpa, S. 52/53 US Dep. of the Army, S. 57 DHM,

S.

63 o: AP m: Gauls/Die Fotografen u: John Filo,

S.

65 nach Joseph Beuys,

S.

66/69 Electronic Arts Games,

S.

78 Atelier Populaire, S. 79 public domain)

Auflage

4.000 Exemplare

Nächste Ausgabe

Januar 2013

Druck

Bodensee Medienzentrum GmbH & Co. KG Lindauer Straße 11 D-88069 Tettnang

Gedruckt auf Munken Polar 120 g/m 2 Gebunden durch partiell UV-lackiertes Munken Polar 300 g/m 2

Fonts

The Sans, The Mix, The Serif | Lucasfonts Minion Pro | Linotype

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