Sie sind auf Seite 1von 1

10

Internet World BUSINESS

TRENDS & STRATEGIEN

2. Februar 2009

3/09

NUTZERFORSCHUNG

Gegruschelt statt gemailt?

Social Communities: Studie zeigt erste Anzeichen für einen einsetzenden Wandel in der E-Mail-Nutzung

V or fünf Jahren schrieb Mark Zucker- berg Facebook, ein Programm, das

den Schülern an seiner Highschool den Kontakt miteinander erleichtern sollte. Heute hat die größte Social Community im Internet 140 Millionen Nutzer weltweit und ist in 30 Sprachen verfügbar. Auch in Deutschland vermelden Netzwerke wie Xing, StudiVZ und Lokalisten Millionen von Nutzern. Woher nehmen die Men- schen die Zeit, die sie in diesen Netzwer- ken verbringen? Und: Geht diese Auf- merksamkeit zulasten anderer Kommuni- kationsangebote im Internet? Antworten auf diese Fragen gibt eine Studie, die vom Portalbetreiber Web.de Ende 2008 in Auftrag gegeben wurde. Die Uni Augsburg und das Systemhaus Con- vios untersuchten das Kommunikations- verhalten der deutschen Internetnutzer. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Bei der Mehrzahl der Surfer verringert die Teil- nahme an Social Communities offenbar nicht die Nutzung von E-Mails. Auch zehn Jahre nach seiner Gründung kann Web.de daher immer noch jeden Monat mehrere Tausend Neuanmeldungen verzeichnen, wie Jan Oetjen, der neue Chef des Portals sagte. Allerdings gibt es auch einen neuen Trend: Bei Surfern unter 20 stehen Social Communities besonders hoch im Kurs – und deren Nutzungsintensität lässt bei E- Mails spürbar nach (siehe Interview).

Trend zur Zweitadresse

Obwohl eine persönliche E-Mail-Adresse von den meisten Menschen als etwas Wert- volles betrachtet wird, das man nicht kün- digt, haben mindestens 57 Prozent aller Internetnutzer zwei oder mehr Adressen. Dahinter steht offenbar der Wunsch, die eigene Kommunikation je nach Relevanz in verschiedene Kanäle zu leiten: Guten Freunden nennt man eine andere Adresse als Onlineshops oder Facebook-Kontak- ten. Ein Viertel aller Nutzer möchte zudem gelegentlich anonym bleiben und nutzt dafür eine entsprechende Mail-Adresse.

bleiben und nutzt dafür eine entsprechende Mail-Adresse. Bei Surfern unter 20 stoßen Social Communities auf die

Bei Surfern unter 20 stoßen Social Communities auf die größte Resonanz

Vergleicht man zwischen Mail- und Com- munity-Portalen die Themen und die Empfänger der Nachrichten, so zeigt sich deutlich, dass E-Mail eher für „ernsthafte“ Kommunikation genutzt wird: Nachrich- ten an enge Freunde und Familienmitglie- der, Kommunikation mit Firmen, Behör- den und Ämtern. Der Anteil der Surfer, die den offiziellen Schriftverkehr per E-Mail abwickeln, ist mit 45,2 Prozent viermal so hoch wie bei den Social Communities.

Schweres Terrain für E-Commerce

Noch deutlicher wird der Abstand, wenn man die Nutzung durch die Brille eines E-Commerce-Anbieters betrachtet: Zum Bestellen eines E-Mail-Newsletters verwen- den 51 Prozent das E-Mail-Postfach und nur 14,9 Prozent die Kommunikations- möglichkeit einer Social Community. Geht es gar um den reinen E-Commerce, also das Beziehen von Waren und Dienstleistun- gen, liegt die E-Mail mit über 60 Prozent uneinholbar vorn – nur 15 Prozent aller Nutzer nutzen Social Communities zum Einkaufen. Außerdem, so fanden die For- scher heraus, sind User von Social Com- munities im Schnitt jünger und einkom- mensschwächer als der Durchschnitt.

Ihre Daseinsberechtigung haben Face- book & Co., wenn es um die Kommunika- tion über allgemeine Themen geht – hier erreichen sie schon jetzt fast dieselben Werte wie Mail-Portale. Und beim Anban- deln schlägt endgültig die Stunde des Gruppengruschelns: Auf StudiVZ, Stay- friends und anderen Plattformen wird doppelt so viel geflirtet wie per E-Mail. Die Kommunikation in Facebook & Co. ersetzt also nicht die Beschäftigung mit privaten E-Mails. Aber sie verschärft das Problem, den Überblick zu behalten. Befragt, was sie sich für die Zukunft wün- schen, nannte die Mehrzahl der Studien- teilnehmer einen Service, der sie auf dem Laufenden hält: über die Nachrichten, die au ihren verschiedenen Mailboxen einlau- fen, die Aktivitäten in ihren bevorzugten Communitys sowie Kanäle wie Instant Messaging und den Kurztextdienst Twit- ter. Natürlich immer und überall verfüg- bar, also auch auf dem Handy. „Einer der wichtigsten Trends wird sicherlich der Single Communication Point“, glaubt auch Web.de-Chef Oetjen. Die Herausfor- derung für alle Portalbetreiber lautet, die- sen zentralen Kommunikationspunkt zu schaffen – und zu vermarkten. fk

Bei E-Commerce liegt die E-Mail vorn

Worüber die Surfer auf welchem Kanal bevorzugt kommunizieren 81,7 % Persönliche Themen 62,9 % 59,0
Worüber die Surfer auf welchem Kanal bevorzugt kommunizieren
81,7 %
Persönliche Themen
62,9 %
59,0 %
Allgemeine Themen
55,6 %
60,8 %
Offizielle Anlässe
50,3 %
45,2 %
Offizieller Schriftverkehr
11,9 %
55,7 %
Versand von Fotos und Daten
27,1 %
51,0 %
Abo von Newslettern
14,9 %
60,4 %
E-Commerce
15,0 %
12,6 %
Flirten
Mail
24,9 %
Social Community

Trotz massiven Zuwachses der Mitgliederzahl in Social Communities ist die E-Mail in vielen Bereichen immer noch der führende Kommunikationskanal im Internet

© INTERNET WORLD Business 3/09

Social Community für größeren Bekanntenkreis

Mit wem die Surfer über welchen Kanal bevorzugt kommunizieren 81,7 % Bekannte 62,9 % 73,4
Mit wem die Surfer über welchen Kanal bevorzugt kommunizieren
81,7 %
Bekannte
62,9 %
73,4 %
Enge Freunde
51,6 %
72,7 %
Familie
34,9 %
66,5 %
Bekanntenkreis
61,5 %
64,6 %
Unternehmen/Firmen
8,1 %
51,4 %
Kollegen/Schulfreunde
52,3 %
46,9 %
Ämter/Behörden
2,1 %
26,2 %
Lebenspartner
11,9 %
25,3 %
Vereine
Mail
6,2 %
Social Community

Für den Umgang mit engen Freunden und Behörden sowie Geschäftskontakte ist die E-Mail nach wie vor führend. Facebook & Co. halten das Netzwerk zusammen

Quelle: Web.de

Interview

 
Jan Oetjen, Geschäftsführer der Web.de GmbH in Karlsruhe ❚ www.web.de

Jan Oetjen, Geschäftsführer der Web.de GmbH in Karlsruhe www.web.de

„Bruch in der Zielgruppe“

Die Zugriffszahlen auf Social Commu- nities wie Facebook steigen rapide. Geht diese Aufmerksamkeit zulasten der Zeit, die Nutzer auf Mail-Portalen wie Web.de verbringen? Jan Oetjen: Wir konnten da erstaunli- cherweise keinen Rückgang, sondern einen Zuwachs feststellen. Wir wach- sen kontinuierlich im niedrigen zwei- stelligen Bereich. Auch wenn man sich die Nutzungsintensität und die Zahl der versandten E-Mails ansieht, ist über die letzten vier, fünf Jahre eine kontinuierlich steigende Kurve zu sehen. Einzig in der Gruppe der unter 20-Jährigen verzeichnen wir eine Stagnation, hier und da sogar einen Rückgang um zehn Prozent.

Aus dieser Gruppe nutzen also weniger Menschen Web.de? Oetjen: Nein, auch hier haben wir eine kontinuierliche Steigerung der Nut- zerzahlen, auch wenn diese Alters- gruppe bei uns nicht den Löwenanteil ausmacht. Es ist die Nutzungsinten- sität, die nachlässt. Das war auch An- lass für die Studie, die wir in Auftrag gegeben haben. Wir wollten in aller Tiefe herausfinden, wie sich die Nutzergruppen von E-Mail vonein- ander unterscheiden und wie sie mit dem Medium umgehen.

Was ist dabei herausgekommen? Oetjen: Es gibt einen Bruch zwischen der Nutzergruppe der über 25-Jähri- gen und der Jüngeren. Das macht sich nicht nur bei der E-Mail-Nutzung be- merkbar. Da ändern sich dann auch die Marken. Zum Beispiel ist Stay- friends eine Marke, die stark von den über 25-Jährigen genutzt wird, wäh- rend das bei StudiVZ zum Beispiel ganz anders aussieht.

Und wie kommunizieren die jungen Nutzer in StudiVZ & Co.? Oetjen: Wir haben deutliche Unter- schiede herausgefunden in der Kom- munikation mit engen Freunden und Verwandten sowie mit Behörden und Firmen. Bei dieser Kommunikation

ist – auch bei den Heavy Usern – die

E-Mail fast um den Faktor zwei stär- ker, während die Social Community dazu genutzt wird, Kontakt zu seinem erweiterten Bekanntenkreis zu halten.