Merit Order

Asynchrone Kriegsführung mit dem Deckungsbeitrag auf dem Schlachtfeld Stromnetz
Es ist das Paradoxon, dass trotz fallender Börsenstrompreise die Verbraucherstrompreise steigen lassen. Gerade erst konnte man lesen, dass die Einkaufspreise an der Strombörse um 16,6% in den ersten 11 Monaten 2012 gesunken ist [1]. Ursache hierfür ist die senkende Wirkung von Strom aus regenerativen Energieträgern. Spätestens bei der Erhöhung der Abschlagszahlungen des Energieversorgers – oder der Senkung der Einspeisevergütung, wird es Zeit die Mechanismen hinter dem Strompreis einmal genauer zu betrachten. Die Antwort liegt zwischen Merit-Order, Deckungsbeitragsrechnung und statischen Strompreisen.

Merit-Order beschreibt die Reihenfolge, nach der bei steigender Nachfrage und steigendem Preis die einzelnen Kraftwerkstypen aktiviert werden. Bei geringer Nachfrage, wie sie meist innerhalb der Nachtstunden besteht, ist die Nachfrage gering. Der Preis sollte daher geringer sein. Für die Betreiber von Kraftwerken rentiert es sich daher nicht teures Gas in Strom umzuwandeln. Wasserkraft oder auch Atomstrom ist da deutlich günstiger. Im Verlaufe des Tages steigt der Stromverbrauch an – damit auch der Preis. Kraftwerkstypen, die vorher zu teuer waren, werden nun rentabler und können zur Stromerzeugung genutzt werden. Für ein Stromnetz ohne Wind und Sonne, entsteht so ein von Menschenhand geschaffener Fahrplan der Kraftwerke, welches auf lange Zeiträume hinweg konstant ermittelt werden kann. Je nach Studie der man traut, wurden in der Vergangenheit große Investitionsentscheidungen auf Basis dieser Fahrpläne (Einsatzzeiten der Kraftwerke) getroffen.

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In den Medien wird Merit-Order häufig in einem anderen Zusammenhang erklärt, wenn es um die Erschließung von Ölquellen geht. Die Gewinnung von Öl aus Schiefer, wie dem sogenannten Fracking lohnt sich zum Beispiel erst ab einem Ölpreis von mehr als 100 USD/Barrel. Es wird erkennbar, dass der Preis und Nachfrage nicht immer zu einer umweltverträglichen Reihenfolge führen müssen. Der Absatzpreis, der vorhanden sein muss, damit ein Kraftwerk aktiviert wird, bestimmt der Betreiber selbst. Aus der Betriebswirtschaftslehre kennt man den Deckungsbeitrag und die Deckungsbeitragsrechnung. In wenigen Worten etwas vereinfacht erklärt: Stellt man ein Produkt her, so hat man variable Kosten (zum Beispiel Rohstoffe), die direkt der produzierten Menge zugeordnet werden können. Des weiteren existieren fixe Kosten wie Miete oder auch Abschreibungen. Möchte man nun den minimalen Verkaufspreis eines Produktes ermitteln, so ist dies der Preis bei dem die variablen Kosten gedeckt werden und somit einen Teil zur Deckung der Fixkosten mit dem Produkt beigetragen werden kann. Aus verschiedenen Quellen wird ersichtlich, dass viele Kraftwerksbetreiber ihr Angebot auf Basis der variablen Kosten abgeben, damit eine Aktivierung des Kraftwerks wahrscheinlicher wird und die Zeit in der Strom erzeugt wird steigt. Stellt man sich ein Unternehmen vor, welches lediglich ein Produkt anbietet und dieses dauerhaft zum Deckungsbeitrag verkauft, dann wird verständlich, dass die Fixkosten zu keinem Zeitpunkt gedeckt werden. Durch Rationalisierung können diese zwar gesenkt werden, aber eben nicht auf Null. Diese langfristig unwirtschaftliche Praxis verschärft sich, wenn mehr Akteure sich am Markt beteiligen und mit ähnlichen Kostenstrukturen arbeiten. Gibt es insgesamt eine Überproduktion, so sorgt allein diese Situation zu einer Reduktion der Anbieter. Dieser natürliche Bereinigungsprozess hatte in der Stromwirtschaft bereits in den 1990er Jahren eingesetzt und ist bis heute nicht abgeschlossen. Am 14. Juni 2000 wurde der erste Atomausstieg in Deutschland beschlossen. Auf Basis der Merit Order kann man die unmittelbare Auswirkung auf den Strompreis erahnen. Fallen die Atomkraftwerke in der Zukunft weg, so entsteht in diesem Kostenbereich bereits eine Versorgungslücke welche einen Preisanstieg zur Folge hat und die Laufzeiten deutlich erhöht. Ich denke, dass im Jahre 2000 noch kein Kraftwerksbetreiber damit gerechnet hat, welchen Mut die Deutschen beim Ausbau der Stromerzeugung aus Sonne und Wind aufbringen. Geht man davon aus, dass ein neues Kraftwerk nicht über Nacht gebaut werden kann, so kann man auf Basis der Daten der Bundesnetzagentur die Auswirkungen des ersten Atomausstieges im Jahr 2004 und 2005 ablesen. Die entstehende Lücke wurde geplant Merit Order im Zeichen der Energiewende – blog.stromhaltig.de

Merit Order (Konventionell)

Merit Order nach erstem Atomausstieg

mit Gas und Kohlekraftwerken zu schließen, wahrscheinlich mit einem Fahrplan im Kopf, bei dem die Merit-Order diese Kraftwerke begünstigten. Im Vergleich des Zubaus von Kraftwerken in Deutschland sind lediglich Anlagen mit mehr als 10MW geführt. Der Ausbau der privaten Photovoltaikanlagen und der Bürgerwindparks fehlen in dieser Statistik, dürften aber einen entscheidenden Hebelwirkung in der Verschärfung der Fehlprognosen für die Kraftwerksinvestitionen haben. Eine Forderung, die man in den letzten Monaten wiederholt hört, ist der Wunsch nicht nur für die tatsächlich produzierte Strommenge einen Betrag zu bekommen, sondern auch für die Vorhaltung von Kapazitäten. Ob dies tatsächlich Sinn macht, ist schwer zu sagen, da der bereits erwähnte Bereinigungsprozess der konventionellen Kraftwerke noch nicht abgeschlossen ist. Der zweite Atomausstieg und die damit verbundene Energiewende hat die Aufmerksamkeit auf die Stromproduktion aus Wind und Sonne gelenkt. Interessant ist, dass die die Zubauten in diesem Bereich nun von den Betreibern der konventionellen Kraftwerke kommt. Zunächst durch den Einspeisevorrang verursacht hatten die PV und Windanlagen einen Teil der Nachfrage befriedigt. Unabhängig vom Preis hatte dies nach der Merit-Order die Auswirkung, dass eine deutlich höhere Nachfrage bestehen musste um die konventionelle Kraftwerksflotte zu aktivieren. Der Börsenpreis ging zurück, da zum Beispiel Erdgaskraftwerke seltener zur Stromerzeugung eingesetzt wurden. Die Mehrkosten durch die garantierte Vergütung für Wind und Sonnenstrom hat auf den Börsenpreis keine Auswirkung, da sie durch die EEG-Umlage an den Verbraucher weiter gereicht wird. Kein Wunder, dass der Blog die Nachdenkseiten zu dem Ergebnis kommt: Der preissenkende Effekt (der „Merit-Order-Regelung*) wird mit zunehmender Einspeisung erneuerbarer Energien größer als der preiserhöhende Umlage-Effekt (durch die Einspeisevergütungen) , wird aber von den Versorgern nicht an die Verbraucher weitergegeben, sondern in die eigene Tasche gesteckt. [2] Folgt man der Spur des Geldes, so wird der Ursprung des Dilemmas sichtbar. Wird der Strom aus Sonne und Wind zu jedem Preis verkauft, mit dem ein positiver Deckungsbeitrag erzielt werden kann, so ist auch ohne gesetzlichem Einspeisevorrang eine Bevorzugung gegeben. Ein Stromhändler, der isoliert die Kapazitäten aus allen Anlagen eines Gebietes verkaufen kann, macht einen Gewinn bei jedem Preis über Null.

Kraftwerksneubauten in Deutschland (BnetzA)

Merit Order im Zeichen der Energiewende – blog.stromhaltig.de

Gerade der PV-Strom ist zu Spitzenlastzeiten in größeren Mengen verfügbar. Dies sorgt dafür, dass Kraftwerke die nur bei Spitzenlast rentabel sind, seltener benötigt werden. Die Rolle und damit die Betriebsführung dieser Anlagen ändert sich zu Reservekraftwerken. Ein leistungsbasiertes Verrechnungsmodell bietet für einen solchen Einsatz aber keinen Ansatz. Jetzt könnte man durch politischen Druck eine Gelddruckmaschine bauen, indem man den Aufbau/Erhalt von Reservekraftwerken mit Steuergeld oder Umlagen fördert. Dieser Beitrag würde aber nicht in der Rubrik Eigenstrom stehen, wenn es nicht auch einen anderen Lösungsansatz gäbe. Als Quell des Übels wurde in diesem Beitrag die Reihenfolge der Aktivierung von Kraftwerken ausgemacht (Merit-Order). Ein Markt, wie der Strommarkt, stellt auch immer ein Ausgleich von Interessen her. Eine Idee hinter Eigenstrom[3] besteht darin den Interessenausgleich innerhalb der gleichen Eigentümerschaft herzustellen. Auf der einen Seite einen Stromverbrauch, der über den Tag schwankt. Auf der anderen Seite eine Stromerzeugung die diesem Verbrauch folgt. (Bürger-)Kombikraftwerke könnten dabei ein wichtiges Element sein. Weitere Informationen [1] Quelle: http://h3o.de/eozwei [2] Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=14101 [3] Referenz : http://eigenstrom.stromhaltig.de/

Thorsten Zoerner
Autor des Buches „Strom: Nachhaltigkeit durch Eigentum von der Erzeugung bis zum Verbrauch“ (Verlagsgruppe Holtzbrinck 2013, ISBN 3844243895) Kontakt: me@thorsten-zoerner.com

Impressum
Copyright: © 2013 Thorsten Zoerner Dieses Werk von Thorsten Zoerner steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Unported Lizenz. Weitere Informationen zur Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/.

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