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Kultur. | Freitag, 8. Februar 2013 | Seite 23 Beflügelter Aussenseiter Minimal Music. Bevor er als

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Beflügelter Aussenseiter

Minimal Music. Bevor er als Obdachloser in New York starb, schuf der fast vergessene amerikanische Komponist und Rebell Julius Eastman ein kompositorisches Œuvre, das jetzt in der Kunsthalle zur Aufführung kommt. Seite 25

Alte Sorten neu entdeckt

Saisonküche. Mit der Wiederentdeckung alter Gemüsesorten, kommt auch die Blattzichorie Zuckerhut zu neuen kulinarischen Ehren. Das typische Lagergemüse von einst lässt sich vielfältig verwenden. Seite 29

lässt sich vielfältig verwenden. S e i t e 2 9 Das sympathische Monster Claude Cuenis

Das sympathische Monster

Claude Cuenis Roman «Der Henker von Paris» über einen unglücklichen Menschen aus dem 18. Jahrhundert

Von Christoph Heim

Charles Sanson ist kein Held. Sein Leben ist ein einziger Kampf. Sein stärkster Gegner ist das Schicksal. Charles wird 1739 in die Familie der Sansons geboren. Das ist die berühmte Pariser Henkersdynastie, die der Mon­ archie so treu diente wie der Revoluti­ on. Charles wollte ursprünglich Arzt werden. Sein Schicksal will, dass er Henker wird. Für Sanson gibt es nichts anderes, als dieses Schicksal anzuneh­ men. «Pläne sind gut», sagt ihm einmal sein Vater, «doch wenn die Menschen Pläne machen, lacht Gott. Der ganze Himmel lacht.» Der 1956 geborene Claude Cueni lässt seinen neuen Roman «Der Henker von Paris» in der gleichen Epoche spielen wie seinen in zwölf Sprachen übersetzten Bestseller «Das grosse Spiel»: im Paris des 18. Jahrhunderts.

Der Basler Schriftsteller stützt sich für seinen Henkersroman auf die gut doku­ mentierte Geschichte der Familie San­ son. Er reichert die Lebensgeschichte des Maître exécuteur, wie er von den Zeitgenossen genannt wird, mit viel his­ torischem Kolorit an und lässt von Louis

XV bis zu Robespierre so ziemlich alles

auftreten, was damals Rang und Namen hatte. Wo die Dokumente nicht reichen, versetzt sich Cueni in die Vorstellungs­ welt der Hauptfigur Charles, denn letzt­ lich geht es ihm um eine Charakter­ studie dieser historischen Persönlich­ keit, deren Lebensentwurf scheiterte. Der Roman beginnt mit Charles’

Vater Jean­Baptiste, der sich als Offizier

im Solde eines französischen Adligen in

Amerika verdingt hat, nur um seiner Familie und dem Schicksal des Henker­ berufs zu entfliehen. Auch er! Vergeb­ lich. Er kommt zurück und wird Henker in Paris. Nachdem er einen Herzinfarkt erlitten hat, ist er halbseitig gelähmt. Jetzt muss Charles in die Fussstapfen seines Vaters treten. Sein erster Fall ist

die extrem grausame Verstümmelung des berühmt gewordenen Königsatten­ täters Robert François Damiens.

Foltern für den König Damiens versuchte Louis XV zu er­ morden, was ihm misslang. Umso dras­ tischer war die Strafe, die Charles im Jahre 1757 im Auftrag der Monarchie zu exekutieren hatte. Der damals 18­jährige Charles assistierte seinem Onkel Nicolas Sanson bei diesem Jahrhundertfall. Damiens wurden die Knochen gebrochen, seine Beine mit Nägeln zerstört, der Leib mit Zangen zerfetzt und gebrandmarkt, dass die halbe Stadt von verbranntem Fleisch stank. Schliesslich wurde er von vier Pferden, die an seine Arme und Beine befestigt wurden, auf grausamste Weise zerrissen. Im Roman nimmt diese über mehre­

re Seiten ausgebreitete Folterpassage

eine besondere Stellung ein. Hier wird der Stoff gewissermassen erhitzt, hier erreicht das Buch, das ziemlich ge­

mächlich begonnen hat, seinen Siede­ punkt. Die Beschreibung des Grauens

ist so unerträglich, dass die Folter­

szenen in Kathryn Bigelows viel disku­

tiertem «Zero Dark Thirty» wie ein Sonntagsspaziergang erscheinen. Ver­ gleichbar sind höchstens die Folterer

erscheinen. Ver­ gleichbar sind höchstens die Folterer Scharf hingeschaut. Der Autor Claude Cueni auf den Spuren

Scharf hingeschaut. Der Autor Claude Cueni auf den Spuren von Charles Sanson, dem Henker von Paris.

selbst. Sie gehen früher wie heute ihrer Arbeit mit derselben Professionalität nach. Für Charles ist diese an Grausamkeit nicht zu überbietende Hinrichtung auch die Initiation in seinen Beruf. Von jetzt an ist er der Henker von Paris. Charles wollte ursprünglich das Wissen über das Funktionieren des menschli­ chen Körpers, das sich die Henker

seiner Familie angeeignet hatten, zum Nutzen der Menschheit einsetzen. Er ging in Rouen zur Schule und hatte im holländischen Leyden Medizin studiert, bis er seinem Vater als Henker nach­ folgen musste. Cuenis Henker ist ein sympathisches Monster, eine Art Hulk der Monarchie und später der Revolution. Der Henker wider Willen sorgt sich geradezu zärt­

lich um seine Söhne. Beim abendlichen Klavierspiel schafft er den Ausgleich zu seinem blutigen Brotberuf, dem er mit Abscheu nachgeht, und der ihn zum ge­ sellschaftlich geächteten Aussenseiter macht. Charles durchlebt als Henker eine Zeit, in der sich seine Arbeit radikal wandelt. Er wird sozusagen aus dem Mittelalter mit seinen grausamen Fol­

termethoden direkt in die Neuzeit kata­ pultiert. Die martialische Arbeit, die ihm die Monarchie abverlangte, wech­ selte zur industriellen Tötung mit der Guillotine, die er im Auftrag der Revo­ lutionäre vollzieht. Charles befürwortet das «Rasiermesser der Revolution» aus humanitären Gründen. Er schätzt die Distanz, die durch die Maschine zwi­ schen Henker und Opfer entsteht. Er schätzt die Zuverlässigkeit des Tötungs­ apparats und die Schnelligkeit des Tötungsvorgangs. Er steht dem gebürti­ gen Deutschen Tobias Schmidt, einem Klavierbauer und technischen Tüftler, der nebenbei auch noch die Konserven­ dose erfand, bei der Konstruktion der Guillotine mit Rat und Tat zur Seite.

Das kleine Glück Cueni baut in seinen Roman Perso­ nen ein wie die Wachsbildnerin Marie Tussaud oder den Chefankläger der Re­ volution, Antoine Fouquier de Tinville. Fouquier wird von Cueni gar zum Schulfreund von Charles gemacht, was historisch nicht belegt ist. Aber so lernt der spätere Henker bereits als Jüngling den arroganten, zynischen und sadisti­ schen Kerl kennen, der später sein Vor­ gesetzter wird. Fouquier schaffte trotz seiner adligen Herkunft den Karriere­ sprung zum Accusateur public der Revolution. Er lieferte Charles Sanson die beinahe 3000 Unglücklichen, die durch die Guillotine zu Tode kamen. Doch trotz allen Widerwärtigkeiten, Sanson behauptet sich in dieser Zeit, in der das Unterste nach oben gekehrt wird. Sein Glück bleibt freilich beschei­ den. Am meisten Freude hat er an seinen Söhnen. Aber sein Lieblingssohn Gabriel verunglückt tödlich, als er ein­ mal auf dem Schafott assistiert. Später übernimmt der ältere Sohn Henri die Stelle des Vaters. Er guillotiniert Marie Antoinette. Sehr wenig Glück hat Charles mit den Frauen. So hart und unnahbar seine Mutter war, so fremd bleibt ihm seine Ehefrau, die Mutter seiner beiden Söhne. Kein Wunder, verliebt sich Charles in eine hübsche Siamesin, was freilich historisch nicht verbürgt ist, wie Cueni im Nachwort erklärt. Diese zierli­ che Siamesin, die von einem Jesuiten­ pater nach Frankreich geholt wurde, dem sie als Magd dient, hat es dem grossen Sanson angetan. In sie proji­ ziert er all seine Träume, die sich nicht realisieren lassen. Cuenis «Henker» erzählt Geschichte von unten. Sein Charles Sanson ist ein Handlanger der grossen Politik, der ohne rechte Begeisterung seinen Job macht, und dem jederzeit das Familien­ leben wichtiger ist als das Politisieren. Sein Amt verabscheut er. In seinen Träumen baut er sich eine regelrechte Parallelwelt zu einem ziemlich frustrie­ renden Alltag. Er schafft sich private Residuen, wo er zu sich selbst kommen kann. Er versucht so, sich als Mensch zu behaupten und sich Würde und Stolz zu bewahren. Der «Henker» ist eine bewe­ gende Annäherung an einen Maschinis­ ten des Todes, der mit seinem Schicksal das Leben lang hadert.

Claude Cueni: «Der Henker von Paris», Lenos Verlag 2013. 391 S., ca. Fr. 29.–. «Leukämie & Kreativität», erschienen in der Basler Zeitung am 10. 11. 2012.

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