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Kants Philosophie der Natur

Ihre Entwicklung im Opus postumum


und ihre Wirkung

Herausgegeben von
Ernst-Otto Onnasch

Sonderdruck

Walter de Gruyter · Berlin · New York

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
1
2
3
4 Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum
5 gegen den transzendentalen Idealismus
6
7 Schellings und Spinozas
8
9
Ernst-Otto Onnasch
10
11
Abstract: This paper analyzes, first, the reception of Schelling’s philosophy in
the environment of Kant in Königsberg, and second in Kantian writings pub-
12 lished by his students Jäsche and Rink. – The only two passages Kant mentions
13 Schelling are to be found in the latest leaves of the Opus postumum. Here Schel-
14 ling’s philosophy is characterized as transcendental idealism. In current research
15 it became rather common to interpret these passages as a positive account of
16
Schelling’s philosophy, moreover, that Kant recognized Schelling’s transcen-
dental idealism as an improvement of his own philosophy. However, in the lat-
17 est leaves of the Opus postumum the term transcendental idealism is – remarkably
18 – strongly linked with Spinozism. In this paper I argue, thirdly, that Kant in the
19 Opus postumum employs transcendental idealism in a negative way in order to
20 distinguish his own transcendental philosophy clearly from the wrong philo-
21
sophical account transcendental idealism brings forward.
22 Neuerdings mehren sich in der Forschung die Stimmen, daß der alte
23 Kant die Philosophie Schellings für eine angemessene Fortsetzung seiner
24 eigenen Transzendentalphilosophie gehalten haben soll.1 Im Rahmen
25 der Philosophie Kants muß man jedoch Transzendentalphilosophie und
26 transzendentalen Idealismus als zwei systematisch verschiedene philo-
27 sophische Unternehmungen genau unterscheiden; vor diesem Hinter-
28 grund wird verständlich, daß sich Kant auch im hohen Alter noch
29 zureichende Informationen aneignen konnte, seine eigene Philosophie
30 von der Schellings zu unterscheiden und abzugrenzen, selbst wenn er ja
31 bekanntlich seit etwa 1800 kaum mehr zu größeren geistigen An-
32 strengungen in der Lage war, die tatsächlich erforderlich wären, die
33
Schriften Schellings zu lesen und noch dazu angemessen zu verstehen.2
34
Ich will hier und im Verfolg also die gegenteilige Behauptung aufstellen,
35
36
37
1 Vgl. dazu etwa Tuschling 1991 und 2002, Edwards 2000a und Förster 1990.
38
2 Den geistigen Zustand Kants beschreibt Kühn 2003, 478 ff., sehr einfühlsam,
39 obwohl ich seinen Bemerkungen zur Arbeit am sogenannten Opus postumum
40 nicht immer zustimmen kann.

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1 daß Kant die Philosophie Schellings keineswegs für eine angemessene


2 Fortsetzung seiner eigenen gehalten hat.
3 Nun will ich gleich vorausschicken, daß ich Kants späte und späteste
4 Aufzeichnungen im Übergangswerk oder sogenannten Opus postumum
5 nicht, wie etwa Benno Erdmann, für ein Produkt „gedanklicher Seni-
6 lität“ halte.3 Von solchen und ähnlichen Auffassungen hat sich die
7 Vorhut der modernen Forschung zum Opus postumum längst verab-
8 schiedet. So schreibt etwa Michael Friedman, daß die Idee dieses be-
9 absichtigten Werks „can[not] be dismissed as a product of senility or
10 hopeless confusion […] On the contrary, Kant’s work must rather been
11 seen as a natural organic development within Kantian philosophy it-
12 self“.4 Tatsächlich enthalten Kants späteste Aufzeichnungen m. E.
13 grundsätzliche Einsichten in die Grundprobleme der kritischen Philo-
14
sophie. Sie sind deshalb auch eine nicht zu überschätzende Quelle für
15
Kants Verständnis seiner eigenen Philosophie.
16
Der überwiegende Teil der im Opus postumum zusammengetrage-
17
nen Papiere liegt eindeutig einem neuen Werk zugrunde, das Kant seit
18
frühestens 1788 geplant hat.5 Dafür lassen sich viele Belege anführen,
19
insbesondere die von Kant selbst autorisierte Biographie von Ludwig
20
Ernst Borowski, wo die Rede ist von einem „lange projectirte[n] Werk
21
,Uebergang der Physik zur Metaphysik‘, welches der Schlußstein seiner
22
23
[d. h. Kants, e.-o.o.] philosophischen Arbeiten seyn sollte“.6 Offenbar
24
mißt Kant seinen letzten Aufzeichnungen eine Schlüsselrolle für das
25
Verständnis seiner ganzen Philosophie zu. Damit ist allerdings sogleich
26
eine Schwierigkeit verbunden. Die nachgelassenen Papiere zum Opus
27 postumum sind nämlich insbesondere wegen des Zustands des Materials
28 nicht gerade leicht zu interpretieren. Schuld daran ist freilich auch ihre
29 unzulängliche Edition in der Akademie-Ausgabe. Deshalb kann und sollte
30 man nicht dem sich seit 1798 langsam verschlechternden Geisteszustand
31
32
3 Vgl. Stark 1993, 101. – Ich bin mir bewußt, daß der Titel „Opus postumum“
33
Anlaß zu Mißverständnissen geben könnte. Hier und im Verfolg meine ich mit
34 diesem Titel immer dasjenige Werk, das Kant in seinen letzten Lebensjahren
35 unter der Feder hatte und den Übergang von der Metaphysik zur Physik, bzw.
36 – wie Kant sein Projekt zuletzt bestimmt – den höchsten Standpunkt der
37 Transzendentalphilosophie beschreiben sollte.
4 Friedman 2003, 215.
38
5 Vgl. Förster 2000.
39 6 Borowski 1804, 183. Augenscheinlich liegt hier eine Verschreibung vor, sofern
40 der Übergang von der Metaphysik aus- und zur Physik hinübergeht.

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Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 309

1 Kants die alleinige Schuld dafür geben, daß die Papiere des Opus pos-
2 tumum zuweilen sehr undurchdringlich sind.7
3 Nun wird von der Forschung zum Opus postumum immer wieder
4 behauptet, daß Kant seine ursprüngliche (kritische) Philosophie modi-
5 fiziert oder gar entscheidend verändert hätte. Zwangsläufig – zumindest
6 implizit – behaupten das jene, die in der Schellingschen Philosophie
7 einen von Kant wie auch immer anerkannten Fortschritt über die
8 Kantische Transzendentalphilosophie hinaus zu erkennen meinen. Nun
9 hat Kant seine Philosophie immer Transzendentalphilosophie genannt.
10 Den Ausdruck „transzendentaler Idealismus“ hat er in der Kritik der
11 reinen Vernunft von 1781 nur sehr zögerlich zur Charakterisierung der
12 eigenen Philosophie verwendet, und nach den Prolegomena (1783)
13 kommt er in seinen publizierten Schriften überhaupt nicht mehr vor.
14 Daß Kants Philosophie heute offenbar bedenkenlos als transzendentaler
15 Idealismus bezeichnet wird, ist somit ein Anachronismus; allerdings
16 auch ein folgenschwerer, sofern nämlich die spätesten Blätter des Opus
17 postumum, in denen der Ausdruck nach langer Abwesenheit im Zu-
18 sammenhang mit der Philosophie Spinozas und Schellings plötzlich
19 wieder auftritt, als eine positive Bezugnahme auf den transzendentalen
20 Idealismus dieser Philosophen gedeutet wird. Daß Schelling im Opus
21 postumum als transzendentaler Idealist bezeichnet wird, kann man ohne
22 weiteres verstehen, daß aber auch Spinoza mit diesem Label belegt wird,
23 ist dagegen überraschend und auch ungewöhnlich. Aus Kants philoso-
24 phischer Perspektive gibt es allerdings gute Gründe, auch Spinoza als
25 einen transzendentalen Idealisten darzustellen, denn damit wird dieser
26 Idealismus – den ja im übrigen auch Fichte vertritt – überhaupt als
27 Spinozismus umgedeutet, dem Kant zeitlebens in allen seinen Schriften
28 durchaus ablehnend gegenüberstand. Daß der Königsberger gerade in
29 den spätesten Konvoluten des Opus postumum den transzendentalen
30 Idealismus wieder einführt, hat zum Zweck, die eigene Transzenden-
31 talphilosophie scharf hiervon abzugrenzen. Nötig wird diese Abgren-
32 zung wegen der hier entwickelten Selbstsetzungslehre, die allein schon
33 terminologisch, aber auch systematisch gewisse Ähnlichkeiten mit der
34 produktiven Intelligenz bei Schelling (und auch bei Fichte) 8 hat. Frei-
35
36
37 7 Zur Alzheimer-Erkrankung Kants vgl. Fellin und Blè 1997.
8 Daß Fichte in diesem Zusammenhang in den späten Blättern des Opus postu-
38
mum nicht zusammen mit Spinoza und Schelling auftaucht, hat vermutlich mit
39 der bei ihm fehlenden Naturphilosophie zu tun, um die es ja in dem Nachlaß
40 bzw. Übergangswerk eigentlich geht. Ferner hatte Kant mit Fichte schon in

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1 lich hat die von Kant entwickelte Selbstsetzungslehre im Opus postumum


2 eine völlig andere Pointe als bei Schelling, sie konstruiert nämlich nicht
3 das Objekt der Erfahrung, sondern garantiert lediglich konstitutiv die
4 Einheit der Erfahrung, die für das eine System der Erfahrung und mithin
5 auch für das eine System der Physik notwendig unterstellt ist.
6 Auch in den spätesten Blättern des Opus postumum distanziert sich
7 Kant von der Position des transzendentalen Idealismus; von einer po-
8 sitiven Bezugnahme ist somit keine Rede, was im folgenden näher
9 dargetan wird. Zunächst wird dargelegt, was Schelling von Kants spä-
10 tester Arbeit wußte. Anschließend wird das Umfeld Kants daraufhin
11 abgeleuchtet, wie in diesem Schellings neue Philosophie rezipiert wurde
12 und wie hierdurch Kants Auffassungen über Schelling beeinflußt sein
13 könnten. Anhand von Kants eigener Schelling-Rezeption im Über-
14
gangswerk soll dann dargelegt werden, daß Kant auch in seinem
15
Übergangswerk eine wohldurchdachte, als transzendentalphilosophisch
16
zu bezeichnende Position entwickelt, die er in den spätesten Blättern
17
durchaus kritisch jenem transzendentalen Idealismus entgegenstellt, den
18
er gleicherweise bei Schelling wie Spinoza vorfindet. Die Untersuchung
19
des Ausdrucks „transzendentaler Idealismus“ im Opus postumum zeigt,
20
daß der alte Kant Schellings transzendentalem Idealismus kaum wird
21
zugestimmt, geschweige denn darin eine angemessene Fortsetzung der
22
23
eigenen Philosophie wird erkannt haben können.
24
25
26
1. Kants Spätwerk bei Schelling
27
28
Wenig bekannt ist die Tatsache, daß Schelling tatsächlich nähere In-
29
formationen über Kants späteste philosophische Arbeit besaß. In seinem
30
Nachruf für Kant in der Frnkischen Staats- und Gelehrtenzeitung vom
31 März 1804 weiß er nämlich Näheres über dieses Unternehmen zu be-
32 richten:
33 Noch im Jahre 1801 arbeitete er in den wenigen Stunden freier Denkkraft
34 an einem Werk: Uebergang von der Metaphysik zur Physik, welches, hätte
35 das Alter ihm die Vollendung gegönnt, ohne Zweifel von dem höchsten
36 Interesse hätte seyn müssen. Seine Ansichten über organische Natur waren
ihm von der allgemeinen Naturwissenschaft getrennt, und sind in seiner
37
38
seiner Erklärung vom 7. August 1799 in der Allgemeinen Literatur-Zeitung in
39 dem Sinne abgerechnet, daß dessen Wissenschaftslehre bloße Logik sei, von der
40 kein Weg zum Materialen der Erkenntnis führt, vgl. AA 12.370 f.

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Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 311

1 Kritik der teleologischen Urtheilskraft, ohne Verbindung mit jener, nie-


2 dergelegt.9
3 Ungeklärt ist immer noch die Quelle für dieses Wissen Schellings. Es ist
4 aber sehr wahrscheinlich, daß er dabei auf eine Stelle in der Physischen
5
Geographie rekurriert, wo der Herausgeber Friedrich Theodor Rink im
6
Vorbeigehen bemerkt, daß Kant noch ein Buchprojekt unter der Feder
7
habe:
8
9 Gelänge es doch dem ehrwürdigen Urheber dieser phys. Geographie noch
10 seinen bergang von der Metaphysik der Natur zur Physik bekannt zu machen!
Auch über diesen Gegenstand würde man dort, wie ich bestimmt weiß,
11
manche scharfsinnige Bemerkung vorfinden.10
12
13 Daß Schelling Rinks Ausgabe der Physischen Geographie kannte und
14 offenbar auch gelesen hat, belegt eine Fußnote zur Villers-Notiz aus
15 dem 1. Band, 3. Stück, des Kritischen Journals der Philosophie. 11 Jedenfalls
16 verfügte Schelling bekanntlich über keinen heißen Draht nach Kö-
17 nigsberg, genausowenig konnte er sein Wissen aus den Biographien von
18 Borowski oder Wasianski haben, weil diese erst frühestens im Sommer
19 1804 erscheinen.
20 Die Pointe des obigen Schelling-Zitats ist nun offenbar die, daß in
21 der Kantischen Naturphilosophie die Organik oder, wie man heute
22 sagen würde, die Biologie keine Naturwissenschaft sei, und daß es auch
23 mit der teleologischen Urteilskraft der dritten Kritik nicht gelungen sei,
24 darin Veränderung zu bringen. Diese Feststellung ist sicherlich richtig,
25 obwohl man sich auch fragen muß, ob Kant die Biologie aus system-
26 immanenten Gründen überhaupt als eine Naturwissenschaft verstehen
27 kann. Jedenfalls, so interpretiere ich den Zusammenhang des zweiten
28 mit dem ersten Satz des Zitats, soll das Übergangswerk nach Schelling
29 augenscheinlich zum Zweck haben, die Biologie nach dem aus Schel-
30
lings Sicht Fehlschlag der teleologischen Urteilskraft trotzdem noch als
31
eine Naturwissenschaft auszuweisen. Eine solche oder auch nur ähnli-
32
33
9 Immanuel Kant, SW I/6.8.
34 10 Phys. Geogr., AA 9.221.
35 11 GW 4.309 Anm. Die Notiz ist mit Sicherheit von Schelling, d. h. nicht von
36 Hegel verfaßt, wie Schellings Korrespondenz mit Villers zeigt. Das 3. St. liegt
37 bereits im Herbst 1802 gedruckt vor, kommt jedoch erst im Dezember zu-
sammen mit dem 1. St. des 2. Bds. zur Auslieferung, d. h. Schelling muß sich
38
bald nach ihrem Erscheinen im Frühjahr 1802 die Physische Geographie besorgt
39 haben. Die vor kurzem bekannt gewordene Bibliothek Schellings verzeichnet
40 das Buch übrigens nicht, vgl. Müller-Bergen 2007.

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1 che Feststellung über den Zweck des Übergangswerkes findet sich


2 meines Wissens in der zeitgenössischen Literatur über Kant nirgends,
3 weshalb man sie auch nur Schelling selbst zuschreiben kann. Und auch
4 sonst kann man dem Opus postumum vieles bescheinigen, aber sicherlich
5 nicht die Absicht, die Organik in den Rang einer Naturwissenschaft zu
6 heben. Schelling scheint also bestimmte Versäumnisse der Kantischen
7 Naturphilosophie – insbesondere die Ausformulierung metaphysischer
8 Prinzipien (a priori) zur Begründung der Biologie (und damit sicherlich
9 auch der Chemie) – in dem Nachruf zur Rechtfertigung seines eigenen
10 naturphilosophischen Begründungsprogramms umzumünzen.12 Damit
11 setzt Schelling seine eigene Philosophie nicht ganz ungeschickt in einen
12 Zusammenhang mit der kritischen Philosophie Kants, indem sie deren
13 Probleme nicht nur beerbt, sondern auch, zumindest dem eigenen
14 Anspruch nach, löst.
15 Für die spätere Rezeptionsgeschichte des Opus postumum hat
16 Schelling allerdings insofern einen Punkt getroffen, als er die systema-
17 tische Ausgangslage für die Notwendigkeit des Übergangswerkes in
18 ungelösten Problemen der dritten Kritik lokalisiert. Interessanterweise
19 teilt nämlich insbesondere die ältere Forschung zum Opus postumum
20 eine ähnliche Auffassung.13 Die neuere Forschung hat dieses Interpre-
21 tationsschema im großen und ganzen aufgegeben. Obwohl ein direkter
22 Einfluß von Schellings Nachruf auf jene älteren Interpretationsansätze
23 eher unwahrscheinlich ist, könnte dennoch seine kritische Sichtweise
24 der dritten Kritik, die ja dem Schellingschen naturphilosophischen Werk
25 mit zugrunde liegt, diese älteren Interpretationsansätze auf vermittelte
26 Weise veranlaßt haben.
27
28
29
30
31 12 Allerdings hat die moderne Forschung gute Gründe dafür angeführt, daß Kant
32 im Opus postumum – was klar über seine Behauptungen in den Metaphysischen
Anfangsgrnden der Naturwissenschaft (1786) hinausgeht – beabsichtige, die
33
Chemie als eine Naturwissenschaft auszuweisen. Dies ist eine der zentralen
34 Thesen des Buchs von Friedman 1992. – Bekanntlich beabsichtigt Schelling
35 schon seit den Ideen zu einer Philosophie der Natur von 1797 der Chemie den
36 Status einer Naturwissenschaft zu geben, vgl. etwa den Titel des 7. Kapitels des
37 2. Buches: „Philosophie als Chemie überhaupt“, HKA I/5.237 – 251. Zu
Schellings Begründung der ersten Grundsätze der Chemie vgl. Durner 1997.
38
Im Grunde genommen kann man sogar sagen, daß Schellings spekulative
39 Physik eine Art von Metachemie ist.
40 13 Vgl. besonders die Studien von Lehmann 1939 und teilweise Mathieu 1989.

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Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 313

1 2. Schelling in der Königsberger Diskussion und bei Kant


2
3 Wie steht es aber mit Kants eigenem Wissen um Schellings Philosophie?
4 Wir haben einen ziemlich genauen Überblick über Kants Bibliothek, in
5 der sich mit Sicherheit Schellings Ich-Schrift von 1795 befand und auch
6 einige Jahrgänge des Philosophischen Journals einer Gesellschaft Teutscher
7 Gelehrten, in denen auch Schellings „Allgemeine Uebersicht der neu-
8 esten philosophischen Litteratur“ (1796/97) erschien, seit 1809 „Ab-
9 handlungen zur Erläuterung des Idealismus der Wissenschaftslehre“.14
10 Ob Kant diese Schriften wirklich gelesen hat, dafür gibt es leider
11 höchstens Indizien mit recht geringer Beweiskraft. Insbesondere
12 Burkhard Tuschling hat sich bemüht, Kants mögliche Lektüre von
13 zumindest einigen Schriften Schellings, wenngleich mit einem eher
14 enttäuschenden Resultat, plausibel zu machen.15
15 Bevor im nächsten Kapitel die beiden einzigen Stellen im Schriftgut
16 Kants – nämlich im Opus postumum – besprochen werden, an denen
17 Schelling namentlich erwähnt ist, soll zunächst eine bislang kaum be-
18 achtete Stelle in der Physischen Geographie referiert werden, die auf
19 Schelling Bezug nimmt. Anschließend wollen wir sehen, welche all-
20 gemeine Meinung über Schelling in der unmittelbaren Umgebung
21 Kants kursierte.
22 In dem Abschnitt „Mathematische Vorbegriffe“ der Physischen
23 Geographie, die bekanntlich nicht von Kant selbst, sondern von Friedrich
24 Theodor Rink herausgegeben wurde, wird in einer Fußnote zu § 9
25 Schelling nicht nur erwähnt, sondern wird ebenfalls eine naturphilo-
26 sophische Auffassung Schellings im Zusammenhang mit Kants eigener
27 Auffassung dazu referiert:
28
29
Magnetism und Elektricität sind vielleicht nur als Producte der Länge und
Breite verschieden. Die Gründe für diese Meinung an einem andern Orte.
30
Neuerdings finde ich auch in den Ideen Schellings etwas mit dieser Meinung
31 Übereinstimmendes.16
32
33
Wichtig ist zunächst einmal die Frage, ob mit dem Wort „Ideen“ auf
34 Schellings Schrift Ideen zu einer Philosophie der Natur als Einleitung in das
35 Studium dieser Wissenschaft von 1797 rekurriert wird oder ob das Wort
36
37 14 Vgl. Warda 1919, S. 50 und 54. – Wardas Übersicht gibt bekanntlich nicht den
ganzen Bestand von Kants Bibliothek wieder, was sich etwa an Buchsendungen
38
mit erhalten gebliebenen Begleitbriefen nachweisen läßt.
39 15 Vgl. oben Anm. 1.
40 16 Phys, Geogr., AA 9.175 Anm.

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1 anders, d. h. nicht im Sinne einer Titelangabe verwendet wird. Tat-


2 sächlich kennt die erste Ausgabe der Ideen die Rede von Länge und
3 Breite hinsichtlich Elektrizität bzw. Magnetismus nicht, diese Passagen
4 wird Schelling erst in der zweiten, stark erweiterten Auflage nachtragen,
5 und zwar im Rückgriff auf Texte aus den Jahren 1800 bis 1802.17 Diese
6 Ausgabe erscheint allerdings erst ein Jahr nach der Physischen Geographie,
7 d. h. Anfang 1803, weshalb sich weder Rink noch Kant auf diese
8 Ausgabe beziehen können und mithin mit dem Ausdruck „Ideen“ nicht
9 das gleichnamige Werk Schellings gemeint sein kann. Nun findet sich in
10 der zweiten Ausgabe der Ideen ein verblüffend ähnliches Zitat wie in der
11 Physischen Geographie:
12
Es ist in dem Vorhergehenden bewiesen worden, daß der Magnetismus als
13 Prozeß, als Form der Thätigkeit, der Prozeß der Länge, die Elektricität der
14 Prozeß der Breite […] ist.18
15
16
Dieses Zitat könnte wiederum Anlaß zu der Vermutung geben,
17
Schelling habe sich bei der Neubearbeitung seiner Ideen von dem
18
Wortlaut in der Physischen Geographie beeinflussen lassen. Möglich wäre
19
es, doch scheint eher anderes der Fall. Die Erweiterungen in der
20
Neuauflage der Ideen gehen nämlich vermutlich auch mit zurück auf
21
eine im übrigen sehr positive Rezension des ersten Hefts der Zeitschrift
22
fr spekulative Physik, in dem auch der erste Teil der „Allgemeinen
23
Deduction des dynamischen Proceßes oder der Categorieen der Physik“
24
enthalten ist. Hier fordert der Rezensent Schelling auf, sich genauer
25
über die beiden Prozesse von Länge und Breite zu erklären.19 Tat-
26
sächlich finden sich in der „Allgemeinen Deduction“ zu diesen Pro-
27
zessen einige Erläuterungen,20 die dem Rezensenten aber offenbar nicht
28
klar genug waren. Sicherlich ist hinsichtlich der Prozesse von Länge und
29
Breite auch eine eigene Fortentwicklung Schellings zu sehen, denn
30
schon im System des transscendentalen Idealismus – also vor Erscheinen der
31
Rezension – unternimmt Schelling ihre Ableitung.21 Aber das eine muß
32
33
17 Vgl. etwa Ideen2, SW I/2.83, 150 und 176.
34 18 Ideen2, SW I/2.176.
35 19 Erlanger Litteratur-Zeitung, Nr. 226 vom 17. November 1800, Sp. 1801 – 1808,
36 bes. Sp. 1806; das zweite Heft wird rezensiert ebd. am 18. und 19. März 1801,
37 Nr. 54 und 55, Sp. 425 – 432 und S. 433 – 434. Der Rezensent ist unbekannt.
20 Vgl. §§ 21 f., SW I/4.15 ff.
38
21 Vgl. HKA I/9,1.144: „Daß nun dieser Moment der Construction in der Natur
39 durch Electricitt repräsentirt werde, erhellt daraus, daß sie nicht wie der Ma-
40 gnetismus, blos in der Länge wirkt, […] sondern zu der reinen Länge des

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Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 315

1 ja das andere nicht ausschließen. Es ist ja auch nicht unwahrscheinlich,


2 daß Schelling mit dem Erlanger Rezensenten in Kontakt stand und in
3 der Rezension nur zum Ausdruck kommt, was sowieso schon diskutiert
4 wurde. Jedenfalls kommt Schelling in der zweiten Ausgabe der Ideen
5 sicher am ausführlichsten auf den von seinem Rezensenten bemängelten
6 fehlenden Beweis für seine Auffassung über Länge und Breite zurück.
7 Sofern die Physische Geographie nun behauptet, daß Schelling ähn-
8 liche Bemerkungen wie Kant über die Prozesse von Länge und Breite
9 gemacht habe, kann sie sich nur entweder auf die „Allgemeinen De-
10 duction“ oder auf die Systemschrift beziehen. Diese beiden Schriften
11 sind nämlich bis 1802 die einzigen, in denen sich nähere Erklärungen
12 zum Thema finden. Möglich wäre ferner noch, daß die Rezension der
13 Zeitschrift fr spekulative Physik in der Erlanger Litteratur-Zeitung eine
14 Rolle für die Physische Geographie spielt; ist das der Fall, tut sich der
15 interessante Gedanke auf, ob vielleicht die Physische Geographie Schelling
16 gegen die Rezension in Schutz nimmt, sofern ja Schelling in der Sys-
17 temschrift tatsächlich eingehender auf jene beide Prozesse zu sprechen
18 kommt. Klar ist jedenfalls, daß die Verfasser der Physischen Geographie,
19 d. h. Rink oder Kant, mehr als nur oberflächlich über Schellings Na-
20 turphilosophie informiert sein müssen, zumal es sich bei den beiden
21 Prozessen zwar um ein für Schelling systematisch höchst bedeutsames
22 Thema handelt, das allerdings weder in der „Allgemeinen Deduction“
23 noch in der Systemschrift an besonders prominenter Stelle zur Dar-
24 stellung käme.
25 Ferner müssen die Verfasser der Physischen Geographie mit dem Inhalt
26 der „Allgemeinen Deduction“ bekannt gewesen sein. In der Physischen
27 Geographie findet sich nämlich noch eine weitere, in den laufenden Text
28 eingeschobene Anmerkung, wo Bezug genommen wird auf „Schellings
29 Journal der Physik“, also seine Zeitschrift fr spekulative Physik, im Zu-
30 sammenhang mit einem Hinweis auf die seit 1799 in Heften erschei-
31 nende Encyklopaedie der gesammten Chemie des Chemikers und Arztes
32 Georg Friedrich Hildebrandt (1764 – 1816).22 Sofern dies die einzige
33
34
35 Magnetismus die Dimension der Breite hinzubringt“. Vgl. hierzu auch Ziche
36 2005.
37 22 Vgl. Phys. Geogr., AA 9.251. Kant weist übrigens im 11. Konvolut des OP auch
selbst auf Hildebrandts Hylozoismus hin, den er freilich abweist, vgl. OP, AA
38
22.481. – Hildebrandt ist seit 1793 Professor für Medizin in Erlangen; seit 1796
39 lehrt er auch Chemie und seit 1799 außerdem Physik. 1793 wurde er Mitglied
40 der Leopoldina, der deutschen Akademie für Naturforscher. Seine Encyclopaedie

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1 Stelle in der Zeitschrift fr spekulative Physik und – soweit ich sehe – auch
2 im gesamten Werk Schellings ist, an der Hildebrandts Encyklopaedie
3 überhaupt erwähnt wird, kann sich die Physische Geographie nur auf
4 diese, nämlich den 2. Zusatz zu § 51 der „Allgemeinen Deduction“
5 beziehen.23 Die genauen inhaltlichen Zusammenhänge zwischen dieser
6 Stelle und der der Physischen Geographie sind allerdings nicht ganz klar. In
7 der „Allgemeinen Deduction“ weist nämlich Schelling die Kritik Hil-
8 debrandts zurück, daß sich die Größe der Materie nicht durch dyna-
9 mische Konstruktion verstehen lasse, während es in der Physischen
10 Geographie um die Relativität von Wärme und Kälte eines Körpers geht.
11 Resümierend ist festzustellen, daß mindestens der Herausgeber der
12 Physischen Geographie, Rink, sowohl mit dem Inhalt der „Allgemeinen
13 Deduction“ als auch mit dem des Systems des transscendentalen Idealismus
14 besser bekannt gewesen sein muß, zumal die Hildebrandt-Kritik in der
15 „Allgemeinen Deduction“ ein sekundärer Punkt ist und die Ableitung
16 der Prozesse von Länge und Breite zwar für Schelling besonders be-
17 deutsam war und auch von der allgemeinen Diskussion aufgegriffen
18 wurde, sich jedoch in Schellings Schriften bis 1800 noch in Entwick-
19 lung befindet.
20 Damit tut sich die Frage auf, ob die Bemerkungen zu Schelling in
21 der Physischen Geographie auf Kant selbst oder auf ihren Herausgeber
22 Rink zurückgehen. Obwohl sich diese Frage nicht eindeutig beant-
23 worten läßt, bieten die folgenden Überlegungen, trotz der insgesamt
24 spärlichen Dokumente zu Kants Schelling-Rezeption, immerhin plau-
25 sible Anhaltspunkte für Kants Schelling-Kenntnisse und deren Ver-
26 mittlung. Kant hält bekanntlich seine letzte Vorlesung über physische
27 Geographie im Sommersemester 1796. Weil alle in Frage kommenden
28 Schellingschen Schriften, wo von Länge und Breite im Zusammenhang
29 mit Elektrizität und Magnetismus die Rede ist, von späterem Datum
30 sind, kann die Fußnote in der Physischen Geographie nicht Teil des
31 Vortrags gewesen sein; sie könnte aber auf eine Glosse zurückgehen, die
32 sich Kant nach 1796 ins Manuskript geschrieben hat. In seiner „Vor-
33 rede“ weist Rink nämlich darauf hin, daß einige seiner Anmerkungen
34 auf von Kant „kurz hingeworfenen neuern Marginalien“ zurückge-
35 hen.24 Ist das für unsere Fußnote in der Physischen Geographie der Fall,
36 kann diese Kenntnis nur auf der „Allgemeinen Deduction“ beruhen.
37
der gesammten Chemie erscheint in 16 Heften und 8 Bdn. in Erlangen 1799 –
38
1810, 2. Aufl. ebd., 1802 – 1814.
39 23 Vgl. SW I/4.57 f.
40 24 Vgl. Phys. Geogr., AA 9.154 f.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 317

1 Geht sie dagegen auf eine Eigenmächtigkeit Rinks zurück, muß dieser,
2 wie gesagt, ziemlich gut über Schellings Philosophie informiert gewesen
3 sein. Sind in der Tat die philosophischen Studien Rinks die Quelle für
4 die Bemerkungen in der Physischen Geographie, liegt es auf der Hand, daß
5 er über diese Einschübe mit Kant gesprochen hat. Solche Arbeitsge-
6 spräche hat es nämlich mit Sicherheit zwischen beiden gegeben – zu-
7 mindest bis zu Rinks Umzug nach Danzig Anfang September 1801 –,
8 wie ich an anderer Stelle nachgewiesen habe.25 Ferner geht aus ver-
9 schiedenen Bemerkungen Kants hervor, daß er ein großes Interesse am
10 baldigen Zustandekommen der Edition der Physischen Geographie hatte,
11 weshalb er Rink sicherlich auch mit inhaltlichen Erläuterungen unter-
12 stützt haben wird. Letzteres ist auch allein schon deshalb wahrscheinlich,
13 weil Rink als Orientalist auf dem Gebiete der physischen Geographie
14 kaum ausgewiesen war (allerdings hatte er schon einige orientalische
15 Quellen zur Geographie herausgegeben und ein französisches Buch
16 über die Mineralogie Homers ins Deutsche übersetzt).
17 Die These, daß es Arbeitsgespräche zwischen Kant und Rink ge-
18 geben hat, findet eine weitere Unterstützung in der Tatsache, daß der
19 zweite Teil der Physischen Geographie weitgehend auf kommentierende
20 Zusätze und Anmerkungen verzichtet. Dieser Teil ist erst in Danzig
21 fertiggestellt, wohin Rink im September 1801 seinen Wohnort wech-
22 selt. Das Fehlen von Zusätzen und Anmerkungen ist somit offensicht-
23 lich auf den Abbruch des regelmäßigen mündlichen Verkehrs mit Kant
24 zurückzuführen. Jedenfalls ist Rinks eigene Motivierung für das Fehlen
25 der Kommentierung des zweiten Teils allem Anschein nach ein bloßes
26 Schönreden seiner fehlenden Kompetenz. Er schiebt nämlich die Re-
27 zensionen der 1800 veröffentlichten Jsche-Logik als Grund für dieses
28 Fehlen vor, die dieser Logik-Ausgabe vorwürfen, Kants Gedankengänge
29 nicht konzise wiederzugeben.26 Wegen des abrupten Abbruchs der
30
31
32 25 Nämlich im Zusammenhang mit dem Briefwechsel mit dem Kurator der
Universität Leiden, Jeronimo de Bosch, sowie den Vorbereitungen zur Her-
33
ausgabe des Buches Mancherley zur Geschichte der metacritischen Invasion in 1800,
34 vgl. vom Verf.: „Der Briefwechsel zwischen Immanuel Kant und Jeronimo de
35 Bosch“, erscheint in Kant-Studien. Ferner gehörte Rink seit 1799 zu Kants
36 regelmäßigen Tischgästen, vgl. Rink 1805, 120.
37 26 Vgl. Rinks „Vorrede“ zur Phys. Geogr., AA 9.154: „Als ich nun aber aus
öffentlichen Urtheilen über die von meinem Freunde Jsche besorgte Ausgabe
38
der Kantischen Logik abnahm, daß man die Schriften unsers Lehrers lieber in
39 ihrer ganzen Eigenthümlichkeit zu erhalten wünsche […]: so glaubte ich
40 meinen Antheil, in so weit sich dieses noch thun ließ, bei diesem Werke ganz

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
318 Ernst-Otto Onnasch

1 Kommentierung im zweiten Teil der Physischen Geographie liegt es au-


2 ßerdem auf der Hand, daß ihr erster schon gedruckt vorgelegen hat, als
3 die Kritiken der Jsche-Logik erscheinen, was ungefähr zu dem Zeit-
4 punkt gewesen sein wird, als sich Rink nach Danzig aufmacht. Offenbar
5 hat er also jene Kritiken als willkommenen Anlaß dafür genommen, von
6 der weiteren Kommentierung abzusehen. Denn in Danzig auf sich allein
7 gestellt, ohne den regelmäßigen Kontakt zu Kant, muß er bald einge-
8 sehen haben, daß seine Kompetenzen für die angemessene Kommen-
9 tierung der Physischen Geographie einfach nicht ausreichen. Im Rück-
10 kehrschluß hieße das dann, daß die Kommentarstücke des ersten Teils
11 der Physischen Geographie zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf Kant
12 selbst bzw. auf Gespräche zwischen Rink und ihm zurückgehen
13 könnten. Jedenfalls dürfte es sehr wahrscheinlich sein, daß sie mit Kant
14 durchgesprochen wurden. Diese Gespräche könnten dann die vielleicht
15 entscheidende Quelle für Kants Schelling-Kenntnisse gewesen sein.
16 Hat sich Rink tatsächlich mit Kant über die Anmerkungen zu seiner
17 Ausgabe der Physischen Geographie verständigt, fällt die positive, zu-
18 mindest jedoch neutrale Beurteilung der Schellingschen Philosophie
19 auf. Eine ähnlich freundliche Tendenz findet sich schon in der von
20 Gottlieb Benjamin Jäsche besorgten Ausgabe der Kantischen Logik.27
21 Auch Jäsche kennt Schellings System des transscendentalen Idealismus, und
22 zwar so gut, daß er behaupten kann, daß dieser sich „in seinem System
23 des transscendentalen Idealismus gegen die Voraussetzung der logischen
24 Grundsätze als unbedingter, d. h. von keinen höhern, abzuleitender“
25 Grundsätze erkläre, weshalb die Logik immer schon die „höchsten
26 Grundsätze des Wissens“ voraussetzt, weil sie ihre Sätze aus diesen
27 entstehen läßt.28 Diese Charakterisierung verlangt tatsächlich, daß man
28
Schellings Philosophie in ihren wesentlichen Zügen beurteilen kann.
29
Jäsche traute sich das offenbar zu. Und sofern eine solche Beurteilung in
30
einer „Vorrede“ zu einer Kantischen Schrift geschieht, wird man davon
31
ausgehen dürfen, daß auch Kant näher über die Philosophie Schellings
32
informiert war und sie für bedeutsam genug hielt, daß auf sie Bezug
33
genommen werde. Das sagt allerdings noch nichts darüber aus, ob er
34
Schellings Philosophie bzw. ihre philosophischen Pointen auch für
35
36 zurücknehmen zu müssen, daher die letzte Hälfte desselben, außer einigen
37 höchst nöthigen Litterarnotizen, ohne meine Anmerkungen erscheint und
sonach ganz ihrem Verfasser ausschließlich zugehört.“
38
27 Übrigens nennt Rink in der „Vorrede“ zur Physischen Geographie Jäsche seinen
39 Freund, vgl. AA 9.154.
40 28 Vgl. Jsche-Logik, „Vorrede“, AA 9.7.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 319

1 richtig hielt. Genausowenig sind – leider – eindeutige Rückschlüsse


2 darüber möglich, ob Kant Schelling aus eigener Lektüre kannte oder ob
3 die beiden Herausgeber seiner Schriften ihm einige Aufklärung über die
4 Schellingsche Philosophie verschafft haben, was allerdings wahrschein-
5 lich sein dürfte. Klar ist aber auf jeden Fall, daß insbesondere Schellings
6 System des transscendentalen Idealismus im unmittelbaren Umkreis Kants
7 wahrgenommen und teilweise auch geschätzt wurde; denn sonst wären
8 die wenig kritischen und zudem inhaltlich gut informierten Hinweise
9 bei Rink und Jäsche auf Schelling nicht gut zu verstehen.
10 Dieser eher positiven Haltung gegenüber Schelling widerspricht
11 eine briefliche Äußerung, die der reformierte Theologe und Rektor der
12 Königsberger Burgschule Stephan Wannowski (1749 – 1812) dem Kö-
13 nigsberger Professor für Griechisch, Theologie und Eloquentia und
14 Dekan der philosophischen Fakultät Samuel Gottlieb Wald (1762 –
15 1828) auf seine Nachfrage hin macht, wer unter den Bearbeitern des
16 Kantischen Systems „die falschesten Jünger seien“; hieraufhin berichtet
17 ihm nämlich Wannowski: „Unter die falschesten Jünger Kant’s ist wohl
18 Herr Schelling zu rechnen, der sich zum Gegner von Kant aufwirft, im
19 Grunde aber nur dessen philosophische Sätze – ich weiß nicht wie ich
20 sagen soll: vermystificirt [sic], oder verpansophistisirt“29. In die Gedächt-
21 nisrede, die Wald am 23. April 1804 auf Kant hält, gehen dann folgende
22 Worte ein: „Natürlich […] daß ihn [nämlich Kant, e.-o.o.] viele seiner
23 Schüler nicht einmal verstanden und wie Beck [ Jacob Sigismund, e.-
24 o.o.] die ganze Sache zu einem leeren Gedankenspiele herabwürdigten
25 oder wie Fichte und Schelling Idealisten und pansophistische Mystiker
26 wurden“.30
27 Von allen erhaltenen Berichten, die sich Wald von Freunden und
28 Bekannten Kants für seine Gedächtnisrede erbeten hat, ist der Wan-
29 nowskis bemerkenswerterweise der einzige, der Schelling überhaupt
30 erwähnt. Als Wald sein Manuskript der Gedächtnisrede dem Königs-
31 berger Theologieprofessor Johann Christoph Gräf und dem Freund
32 Kants, Christan Jacob Kraus, zur Durchsicht gibt, bemerkt ersterer nur:
33
„Würde diese namentliche Nennung dieser Herren, wenn die Rede
34
etwa gedruckt werden sollte, nicht zu bitter sein?“31 Letzterer hat an der
35
Bemerkung über Schelling und Fichte nichts auszusetzen, lediglich an
36
einer anderen Stelle möchte er eine Bemerkung über Fichte korrigiert
37
38
29 Reicke 1860, 40.
39 30 Ebd. S. 23.
40 31 Ebd. S. 23 Anm. 34.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
320 Ernst-Otto Onnasch

1 haben, sofern sich Kant nämlich nicht „bitter über Fichte’s Undank“,
2 sondern „ernst“ ausgelassen habe.32
3 Soweit ich sehe, ist Wannowski die einzige Quelle aus Kants
4 Umgebung, die durchweg negativ über Schelling urteilt. Dieses Urteil
5 übernimmt der damalige Königsberger Dekan Wald. In den 90er Jahren
6 scheint Wannowski allerdings kaum Umgang mit Kant gehabt zu
7 haben, was freilich den Wert dieser Quelle schmälert. Allerdings könnte
8 man auch vermuten, daß die unterstellte kritische Haltung Kants ge-
9 genüber Schelling auf Kants energische und in Königsberg auch
10 wohlbekannte Herder-Kritik zurückzuführen ist. Es gibt eine starke
11 Rezeption Herders durch Schelling, die allerdings nicht unmittelbar an
12 der Oberfläche liegt; dennoch ist es gut denkbar, daß in einer für eine
13 Kritik an Herder und seinen Spinozismus sensibilisierte Diskussions-
14 landschaft die Verbindung zwischen Herder einerseits und Schelling
15 und Spinoza anderseits vor der Hand lag. Kants zuweilen bittere For-
16 men annehmendes Anti-Herder-Sentiment kann keinem seiner
17 Freunde und Bekannten entgangen sein, auch Wannowski nicht, dessen
18 vernichtendes Urteil über Schelling Wald daher auch mehr oder we-
19 niger bedenkenlos übernehmen kann. Herders Spinozismus,33 Schellings
20 mindestens latenter Spinozismus und Kants zeitlebens energische Ab-
21 lehnung des Spinozismus bilden dann den Hintergrund, vor dem
22 Wannowskis Diktum gegen Schelling jedem, der Kant auch nur ein
23 wenig besser kennt, einen guten Sinn machen mußte. Aber auch wenn
24 es wahr ist, daß Kant Schelling tatsächlich für seinen „falschesten Jün-
25 ger“ gehalten habe, unterstellt diese Aussage bei Kant inhaltlich infor-
26 mierte Kenntnisse der Schellingschen Philosophie.
27 Die angeführten Belege zeigen somit, daß die Philosophie Schellings
28 im unmittelbaren Umkreis Kants wahrgenommen und diskutiert wurde.
29 Ferner wird man wegen der teilweise recht detaillierten Kenntnisse über
30 Schellings Philosophie bei Rink und Jäsche sowie der Tatsache, daß sie
31 in Schriften Kantischen Gedankenguts eingefädelt sind, kaum umhin
32 können, auch Kant eine gewisse Bekanntheit mit der neuen Schel-
33 lingschen Philosophie zu unterstellen. Wie sich der Königsberger selbst
34 darüber verbreitet, wollen wir im folgenden anhand der einzigen zwei
35 direkten Schelling-Belege im Opus postumum untersuchen.
36
37
38
39 32 Ebd. S. 23 Anm. 35.
40 33 Vgl. dazu Bell 1984, 38 – 70 und 97 – 146.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 321

1 3. Schelling im Opus postumum


2
3 In dem spätesten 1. Konvolut des Opus postumum – abgefaßt zwischen
4 Dezember 1800 und Ende 1803 – finden sich in enger zeitlicher Nähe
5 die einzigen zwei Stellen im Schriftgut Kants, an denen Schelling na-
6 mentlich erwähnt, seine Philosophie außerdem als „transzendentaler
7 Idealismus“ bezeichnet und mit Blick auf Kants eigene Transzenden-
8 talphilosophie somit auch systematisch positioniert wird.34 Eine solche
9 systematische Positionsbestimmung der Philosophie Schellings läßt sich
10 allerdings nur dann vornehmen, wenn eine genauere Kenntnis von ihr
11 vorliegt. Deshalb überzeugt das mögliche Gegenargument nicht, Kant
12 rekurriere an beiden Stellen im Opus postumum lediglich auf den Titel
13 des Schellingschen Hauptwerks von 1800.35
14 In diesem Zusammenhang ist zunächst noch eine allgemeine Be-
15
merkung am Platz. Bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es
16
Stimmen, die behaupten, Kant sei in seinem Nachlaßwerk auf irgend-
17
eine Weise von Schelling inspiriert. Am weitesten dabei geht sicherlich
18
Friedrich Heman, der in den Kant-Studien von 1904 die absurde Be-
19
hauptung aufstellt, die Ideen hätten Kant zur Abfassung des Opus pos-
20
tumum getrieben (was allein schon der Daten wegen unmöglich ist).36
21
Adickes hat sich bemüht, diesen und ähnlichen Unsinn anderer Inter-
22
preten aus der Welt zu schaffen.37 Mit wenig Erfolg, denn 1924 wie-
23
24
derholt Karl Vorländer denselben Unsinn in seinem großen Kant-Buch,
25
– obwohl versehen mit dem Epitheton „wahrscheinlich“.38 An anderen
26
Stellen spielt Adickes allerdings auch mit dem Gedanken, der späte Kant
27
28
29
30 34 Vgl. OP, AA 21.87 und 97.
31 35 Freilich konnte Kant schon dem Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur-Zei-
32 tung von 1798 entnommen haben, daß Schelling einen transzendentalen
Idealismus vertritt, sofern er dort für das WS 1798/99 in Jena eine Vorlesung
33
„Die allgemeinen Elemente des transcendentalen Idealismus“ ankündigt. –
34 Ferner ist zu bemerken, daß auch Fichte sein System bzw. seine Wissen-
35 schaftslehre als transzendentalen Idealismus bezeichnet, vgl. Fichtes Wissen-
36 schaftslehre 1794/95, GA I/2.363 und „Versuch einer neuen Darstellung der
37 Wissenschaftslehre“, GA I/4.263.
36 Heman 1904, 177 f. – Die Ideen erscheinen 1797, also zu einem Zeitpunkt, wo
38
Kant sein Übergangswerk bereits in Angriff genommen hat.
39 37 Vgl. Adickes 1920, 32 f. und 833.
40 38 Vorländer 1924, 2.288.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
322 Ernst-Otto Onnasch

1 könne eventuell von Schellings Weltseele beeinflußt sein.39 Denn be-


2 sonders was die Auffassungen über Äther, Licht, Wärme, Elektrizität
3 und Magnetismus betrifft, gäbe es große inhaltliche Ähnlichkeiten.
4 Anschließend geht auch er so weit, den späten Kant mit Schellings
5 „prophetischem Blick“ auszustatten, „zukunftsferne Resultate vor-
6 weg[zu]nehmen […] mögen auch für die Erfahrungswissenschaft da-
7 zwischen noch Abgründe gähnen.“40 Eckart Förster meint im Kom-
8 mentar zur Cambridge-Ausgabe des Opus postumum, daß die Rede von
9 der Weltseele in den spätesten Blättern „seems to be occasioned by
10 F.W.J. Schelling’s Von der Weltseele […].“41 In diesem Zusammenhang
11 weist er nicht hin auf den gleichnamigen Aufsatz von Salomon Mai-
12 mon, den dieser am 9. Mai 1790 Kant zugeschickt hatte,42 und der allein
13 schon aus inhaltlichen Gründen viel eher als Quelle für Kants Rede von
14
der Weltseele in Frage kommt als die Schellingsche Schrift. In jüngster
15
Zeit hat sich Burkhard Tuschling in verschiedenen Schriften immer
16
wieder für die These eingesetzt, daß Kant, hätte er Schelling gelesen,
17
sich in ihm wiedererkannt hätte.43 Wie gesagt, einen unumstößlichen
18
Hinweis dafür, daß Kant Schellings Schriften in der Tat gelesen habe,
19
hat auch er bislang nicht geben können. Mindestens aber soll Kant, so
20
Tuschling, in den späten Manuskripten des Opus postumum „ein System
21
des transzendentalen Idealismus vorbereitet [haben, e.-o.o.], das Kant
22
23
unter anderem zu der Anerkennung Schellings als Repräsentanten des
24
transzendentalen Idealismus motiviert.“44 Ähnlich meinen auch die
25
Herausgeber des jüngst in der historisch-kritischen Schelling-Ausgabe
26
erschienenen Systems des transzendentalen Idealismus, Schelling hätte nach
27 Kant „durchaus den Status der Transzendentalphilosophie um 1800
28
29 39 Vgl. Adickes 1920, 225 Anm. und 414 Anm. Ferner auch die Stelle, wonach
30 Kant nicht „als Naturwissenschaftler, sondern als Naturphilosoph nach der Art
31 Schellings“ (591) bezeichnet wird.
32 40 Ebd., 473.
41 Kant 1993, 274 Anm. 89, obwohl Förster auch meint; „A detailed study of the
33
extent of Kant’s familiarity with Schelling’s work is still a desideratum.“ – Klar
34 hat allerdings schon Bonsiepen 1997, 273, gezeigt, daß die Schellingsche
35 Weltseele eine „Umbildung des Kantischen Ansatzes“, nämlich des Ansatzes bei
36 Repulsion und Attraktion vollziehe, weshalb es zunächst nicht auf der Hand
37 liegt, irgendwelche Übereinstimmungen zwischen Schellings Buch und dem
Opus postumum anzunehmen.
38
42 Briefe, AA 10.171.
39 43 Vgl. Tuschling 1991, 130 f. und passim.
40 44 Tuschling 2002, 153.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 323

1 bestimmt.“45 Besonders letztere Aussage ist vorsichtig formuliert, den-


2 noch kann ich mich dieser und den davor referierten Sichtweisen nicht
3 anschließen. Kant setzt sich nämlich im Opus postumum durchaus von
4 Schellings transzendentalem Idealismus ab und will seine Transzen-
5 dentalphilosophie nicht mit dieser identifiziert wissen. Diese These soll
6 im folgenden weiter entwickelt werden.
7 Wie gesagt liegen die beiden Erwähnungen Schellings im 1. Kon-
8 volut zeitlich nahe beieinander, wobei eher an Wochen oder Tage als an
9 Monate zu denken ist. Das Datum post quem ist frühestens Anfang Mai
10 1801, denn Ende April erscheint die Rezension von Schellings System
11 des transscendentalen Idealismus in der Erlanger Litteratur-Zeitung,46 auf die
12 sich Kant ausdrücklich bezieht. Ferner vermerkt Kant auf dem Blatt mit
13 dem Hinweis auf Schelling, er habe „gestern d.i. Montag den 27sten
14 July“ eine „Bouteille cacavello“ geöffnet (die Flasche hatte er von
15 Friedrich Heinrich Jacobi erhalten), womit das vermutliche Datum ante
16 quem ermittelt wäre. Weil beide Bemerkungen zu Schelling zwar auf
17 demselben Papierbogen, doch auf verschiedenen Seiten stehen, die alle
18 vier mit den Worten „Transzendentalphilosophie ist […]“ einsetzen,
19 läßt sich nicht zweifelsfrei feststellen, welcher der beiden Hinweise der
20 frühere bzw. spätere ist.
21 In der einen der beiden Erwähnungen Schellings bemerkt Kant in
22 der Marge der Seite (zur Hervor- oder Abhebung ist jeder der beiden
23 nachfolgenden Sätze außerdem umklammert):
24
25
System des transsc: Idealism von Schelling
vide Litteratur-Zeitung, Erlangen No. 82. 83.
26
27 In der Akademie-Ausgabe ist die Bemerkung in den laufenden Text
28 eingegliedert und der Apparat macht nicht klar, daß es sich hierbei um
29 eine Randglosse handelt, die sich Kant im Sommer 1801 in die Marge
30 der Seite geschrieben hat. Tatsächlich steht die Randglosse auf den
31 ersten Blick in keinem Zusammenhang zum Haupttext der Seite, d. h.
32 gibt es einen solchen Zusammenhang, muß er erst rekonstruiert wer-
33 den. Zunächst ist also unklar, weshalb Kant die Lektüre der Rezension
34
35 45 HKA I/9,2.5. Es geht um die Passage OP, AA 21.97: „Trans. Phil. ist das
36 formale Princip sich selbst als Object der Erkentnis systematisch zu constitu-
37 iren“. Mit der folgenden Kritik soll übrigens die hervorragende Arbeit der
Hrsg. dieses Bandes in keiner Weise geschmälert werden.
38
46 Erlanger Litteratur-Zeitung vom 28. und 29. April 1801, Nr. 82 und 82,
39 Sp. 649 – 663. – Die Rezension ist sehr wahrscheinlich von Henrik Steffens
40 verfaßt, vgl. HKA I/9,2.25 Anm. 72.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
324 Ernst-Otto Onnasch

1
2
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4
5
6
7
8
9
10
Abb. 1: Ausschnitt der Seite 27 (neue Zählung) des 1. Konvoluts
11
12 ausgerechnet an dieser Stelle vermerkt. Festzustellen ist jedoch, daß
13 Kant die Erlanger Litteratur-Zeitung nicht nur gekannt, sondern offenbar
14 auch regelmäßig gelesen hat. Tatsächlich lassen sich seit seiner be-
15 rühmten Erklärung gegen Fichte von 1799, die durch eine Rezension in
16 der Litteratur-Zeitung veranlaßt ist, mehrere Stellen identifizieren, die
17 Kants Lektüre dieser Zeitschrift belegen.47 Ferner ist oben schon die
18 Möglichkeit angedeutet, daß sich die Physische Geographie auf eine
19 Rezension der Zeitschrift fr spekulative Physik in der Erlanger Litteratur-
20 Zeitung bezieht.48 Sicherlich wird Kant aber auch die Rezension seiner
21 Anthropologie zur Kenntnis genommen haben, die in einem der ersten
22 Blätter der Litteratur-Zeitung erschienen war.49 Aus diesen Gründen
23 dürfte sich die von Fichte brieflich gegenüber Schelling geäußerte
24 Ansicht wohl auch eher opportunistischen Motiven verdanken, daß „in
25 Königsberg, wie ich von meinem dortigen Aufenthalte her noch weiß,
26 die litterarischen Neuigkeiten oft spät […] die Erlanger L. Z. vielleicht
27 gar nicht bis dorthin kommt.“50
28
29 47 Für die Erklärung gegen Fichte vgl. Briefe, AA 12.370; andere Stellen, die die
30 Lektüre der Litteratur-Zeitung belegen sind Refl. Med., AA 15.967 und OP, AA
31 21.88.
32 48 Vielleicht hat Kant deshalb auch die Rezension von Johann Baptist Schad in der
Litteratur-Zeitung des Ersten Entwurfs und der Einleitung zum ersten Entwurf ge-
33
kannt, vgl. Erlanger Litteratur-Zeitung vom 7. und 8. April 1801, Nr. 67 und 68,
34 Sp. 529 – 536 und 537 – 540.
35 49 Erlanger Litteratur-Zeitung vom 16. Januar 1799, Nr. 11, Sp. 81 – 88.
36 50 Vgl. Fichtes Brief an Schelling vom 20. Sept. 1799, GA III/4.86; n. B.: die
37 Litteratur-Zeitung erscheint freilich erst seit Anfang 1799 und wird erst 1801 zum
Publikationsorgan für die Schellingsche Philosophie. – Mit dem in der Ver-
38
gangenheit immer wieder vorgebrachten Vorurteil, in Königsberg sei man über
39 die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen schlecht informiert, hat
40 Dietzsch 2003 hoffentlich endgültig aufgeräumt.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 325

1 Hat aber Kant die sehr positive Rezension von Schellings System des
2 transscendentalen Idealismus in der Erlanger Litteratur-Zeitung tatsächlich
3 gelesen? Wie gesehen, wurde Schellings Hauptwerk in der unmittel-
4 baren Umgebung Kants wahrgenommen und sogar in Kantischen
5 Schriften rezipiert. Obwohl es m. E. keinen Grund zu der Annahme
6 gibt, daß Kant jenes Buch wirklich gelesen hat, auch seine Bibliothek
7 verzeichnet es nicht,51 legt die Randglosse im 1. Konvolut allerdings
8 nahe, daß er die ausführliche, von Henrik Steffens verfaßte Rezension
9 der Systemschrift aller Wahrscheinlichkeit nach gelesen hat, mindestens
10 aber, daß er sie sich deshalb notiert hat, weil er über irgendwelche
11 inhaltlichen Informationen über Schellings Systemschrift im Zusam-
12 menhang mit dieser Rezension verfügte, etwa aus Gesprächen mit
13 Rink. Zentral für diese inhaltlichen Informationen ist, wie wir anläßlich
14 der zweiten Passage im Opus postumum noch sehen werden, der Spi-
15
nozismus Schellings.
16
Nun thematisiert die Rezension diesen Spinozismus nicht, weshalb
17
sich Kant diesen Spinozismus nur selbst aus dem Inhalt der Rezension
18
hergeleitet haben kann, wie er dann auch später von Kant vertreten sein
19
könnte, um so – freilich in extremerer und entfremdeter Weise – in die
20
Gedächtnisrede von Wald eingegangen zu sein. In der Rezension wird
21
Schelling nun nicht als Spinozist, sondern als der neue Leibniz gefeiert.52
22
Dem Rezensenten zufolge sei es Leibniz’ Verdienst gewesen, die Phi-
23
losophie Spinozas, die die erste „Philosophie der Anschauung“53 war, mit
24
25
der Reflexionsphilosophie Newtons vermittelt zu haben. Philosophie-
26
historisch parallel kommt Schelling dann das Verdienst zu, die Philo-
27
sophie Kants, die den „Reflexions-Standpunkt bis auf das Höchste
28
getrieben(e)“ habe,54 mit der Fichtes vermittelt zu haben, die dem
29 Rezensenten zufolge ebenfalls eine Philosophie der Anschauung ist.
30 Daß Schelling eine Philosophie der Anschauung vertreten hätte, be-
31
32 51 Nach Adickes 1920, 33 Anm., sei es sogar „ausgeschlossen, daß Kant Schellings
Werk gelesen, und daß dieses auf seinen Plan eines Systems der Tr.ph ir-
33
gendwelchen Einfluß ausgeübt habe.“
34 52 Erlanger Litteratur-Zeitung, 663. Übrigens ist auch Schelling selbst in seiner
35 „Einleitung“ zu den Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797) der Meinung, es
36 sei die „Zeit […] gekommen, da man seine [Leibniz’, e.-o.o.] Philosophie
37 wieder herstellen kann“, HKA I/5.77; siehe ähnlich, jedoch mit Bezug auf
Fichte Abh. zur Erl. des Idealismus der WL, SW I/1.443. Zu Schellings Aus-
38
einandersetzung mit Leibniz vgl. ferner Hecht 2000 und Holz 1984.
39 53 Erlanger Litteratur-Zeitung, 662.
40 54 Ebd., 662 f.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
326 Ernst-Otto Onnasch

1 hauptet die Rezension freilich nicht, ein unbefangener Leser kann das
2 jedoch aus der Aussage des Rezensenten ableiten: der „ganze tran-
3 scendentale Idealismus besteht in einem fortgesetzten Potenziren der
4 Anschauung“55. Tatsächlich scheint es diese Bemerkung zu sein, in die
5 Kant Schellings Spinozismus hineinliest. Auch Eckart Förster nimmt
6 diese Passage der Rezension zum Anlaß für seine Interpretation der
7 anderen Schelling-Stelle im Opus postumum, wo es um die drei Zeit-
8 dimensionen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft geht, zieht aber
9 daraus keine Rückschlüsse auf die Bedeutung dieser Passage für
10 Schellings Spinozismus.56
11 In der Rezension wird gleich im Anschluß an die soeben referierte
12 Stelle die Frage gestellt: „Wie schaut sich das Ich als producirend an?“57
13 Es geht dabei, wie die Rezension im Vorhergehenden darlegt, um
14 Schellings transzendentalidealistische Überbietung und damit zugleich
15 auch Überwindung der Fichteschen Wissenschaftslehre von 1794/95,
16 d. h. „das Ich selbst in dem ersten Moment seiner Entstehung zu ver-
17 setzen, und von diesem aus, für das Ich entstehen zu lassen.“58 So
18 entsteht erst durch den Schellingschen „transcendentalen Idealismus“, so
19 fährt der Rezensent fort, „eine wahre Theorie, weil sie eine reine
20 (theoretische) Konstruktion erst möglich macht, eine Konstruktion
21 nämlich, in welcher nicht das Konstruirende (wie in der Wissen-
22 schaftslehre) mit begriffen ist, und die bis zu der reinen Selbstkon-
23 struktion aufsteigt, von welcher die Wissenschaftslehre ausgeht“. Die
24 „Selbstkonstruktion“ wird möglich, „indem die Anschauung als eine
25 solche angeschaut wird, d. h. indem das in den Objekten verlohrene
26 Subjektive als rein Subjektives hervortritt.“59 Auf diese Weise wird „in
27 der bewußtlosen Thätigkeit, d. h. in der objektiven Welt, die Spur der
28
bewußten Thätigkeit aufgezeigt“.60
29
Was nun Kant an dieser Auffassung interessiert haben mag, ist die
30
Ähnlichkeit mit seiner eigenen Selbstsetzungslehre, die er in seinen
31
Papieren um 1799 zu entwickeln beginnt.61 Dennoch ist die Pointe der
32
33
55 Ebd., 654.
34 56 Kant 1993, 285 f.
35 57 Erlanger Litteratur-Zeitung, 654 (ohne Hvh. des Originals).
36 58 Ebd., 651.
37 59 Ebd.
60 Ebd., 652.
38
61 Eingeführt ist dieser Ausdruck von der für das Opus postumum immer noch
39 bedeutsamen Studie von Adickes 1920. Ob und inwiefern es sich hierbei
40 wirklich um eine neue „Lehre“ handelt, sei dahingestellt.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 327

1 Selbstsetzungslehre eine ganz andere als die des transzendentalen Idea-


2 lismus Schellings. Bei Kant bedeutet die Selbstkonstitution des Subjekts
3 in einem System der Ideen der reinen Vernunft, daß das Subjekt sich
4 „synthetisch u. a priori zum Gegenstande des Denkens constituirt“ und
5 so „seines eigenen Daseyns Urheber wird“.62 Im Zusammenhang mit
6 dieser Passage wird dann Spinoza auf den Plan gerufen, dem Kant
7 hinsichtlich der „intus sußception eines Systems der Ideen“ – und zwar
8 im Gegensatz zu seinem eigenen transzendentalphilosophischen Erfah-
9 rungsprinzip – vorwirft, ein „System(s) der Wesen“ zu formulieren,
10 „die als in einem System in mir und dadurch ausser mir gedacht wer-
11 den“, bzw. „Gott[,] der keinen äußern Gegenstand ja gar keinen der
12 Warnehmung enthält.“ Dies sind Positionen, die im Grunde genom-
13 men auch von Schelling vertreten werden, sofern es ihm um eine Er-
14 klärung der „Realität der Objekte“ geht, d. h. „aus dem Idealismus den
15 Realismus“ hervorzubringen.63 Die Selbstsetzung Kants will allerdings
16 dartun, wie das Subjekt sein eigenes Dasein im System der Ideen her-
17 stellt, wobei der Gedanke von entscheidender Bedeutung ist, daß die
18 Transzendentalphilosophie „vor den Erscheinungen in Raum u. Zeit
19 vorher[geht]“64. Schelling geht es dagegen um den Nachweis, daß die
20 Natur in ihren Produktionen denen des menschlichen Geistes ent-
21 sprechend verfährt, mithin darum, „in der bewußtlosen Thätigkeit, d. h.
22 in der objektiven Welt, die Spur der bewußten Thätigkeit“ aufzuzeigen
23 und so bewußtlose und bewußte Tätigkeit als „homogen“ darzustel-
24 len,65 weshalb die Anschauung der ursprünglichen Tätigkeit letzten
25 Endes nichts anderes ist als die Selbstkonstruktion des Ichs. Folglich sind
26 auch Raum und Zeit Produkte – in der transzendentalen Geschichte
27 sogar die frühesten Produkte – dieser Selbstkonstruktion; und das ist
28
genau, was der Rezensent in Bezug auf Zeit und Raum für Schellings
29
transzendentalen Idealismus herausarbeitet.66
30
Auch für den Kant des Opus postumum ist Konstruktion, wie schon
31
seit der ersten Kritik, immer mathematische Konstruktion, die grund-
32
33
62 OP, AA 21.100, vgl. auch 128: „Die Transscend. Philos. ist die Wissenschaft[,]
34 welche vor aller synthetischen Erkentnis a priori aus Begriffen vorhergehend[,]
35 folglich vor allem empirischen Erkentnis (Philosophemen) vorhergehend[,] sich
36 selbst zu einem absoluten Ganzen in Anschauungs- und Gefühls-Vorstellungen
37 vereinigt in Einem System darstellt.“
63 Erlanger Litteratur-Zeitung, 651.
38
64 OP, AA 21.88.
39 65 Erlanger Litteratur-Zeitung, 652.
40 66 Vgl. Erlanger Litteratur-Zeitung, 654 f.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
328 Ernst-Otto Onnasch

1 sätzlich nicht von den reinen Anschauungsformen absehen kann,67


2 weshalb alle Gegenstände der Erfahrung immer Einschränkungen von
3 Raum und Zeit sind, während sie nach Schelling Einschränkungen der
4 selbstkonstruierenden Tätigkeit selbst sind. Im gesamten Opus postumum
5 gibt es keine Stelle, die sich so interpretieren ließe, daß Kant den Er-
6 fahrungsstandpunkt verlasse. Sein System der reinen Vernunft konsti-
7 tuiert sich vor aller Wahrnehmung zum Gegenstand der reinen An-
8 schauung und ist deshalb in aller Anschauung als „Autonomie der
9 Möglichkeit der Erfahrung überhaupt“, d. h. „als absoluter Einheit“
10 immer schon enthalten.68
11 Nur kurz erwähnt sei noch, daß Kant die Transzendentalphiloso-
12 phie an verschiedenen, sehr späten Stellen im 1. Konvolut des Opus
13 postumum einen Galvanismus nennt.69 Welche Kenntnisse Kant über den
14
Galvanismus hatte, ist bislang noch kaum untersucht; daß er sich für das
15
Thema interessierte, ist jedoch sicher.70 So berichtet z. B. Wasianski:
16
Kant konnte „[d]ie Theorie des Galvanismus und die Beschreibung der
17
Phänomene desselben […], aller darauf verwandten Mühe ungeachtet,
18
nicht mehr ganz fassen. Augustins Schrift über diesen Gegenstand war
19
eine der letzten, die er las“.71 Eine kurze Bemerkung Kants deutet
20
darauf hin, daß der Königsberger Mediziner Karl Reusch ebenfalls eine
21
Identifikation von Galvanismus und Transzendentalphilosophie vorge-
22
23
nommen habe, was Kant in diesem Zusammenhang vielleicht vor-
24
schwebte.72 Bedeutsam ist diese Verbindung von Transzendentalphilo-
25
sophie und Galvanismus besonders deshalb, weil der Physiker Johann
26
Wilhelm Ritter im Galvanismus das Grundschema aller Tätigkeit so-
27 wohl in der belebten als unbelebten Natur zu erkennen meinte.73
28 Obwohl Schelling schon bald zentrale Auffassungen Ritters kritisiert,
29 etwa indem er den Galvanismus ganz dem chemischen Prozeß unter-
30
31 67 Vgl. KrV A 713/B 741.
32 68 OP, AA 21.100.
69 OP, AA 21.133, 135, 138. Vgl. hierzu auch den Aufsatz von Steffen Dietzsch in
33
diesem Band.
34 70 Vgl. dazu die Einträge von Anfang 1802 in den Memorienheften, Refl. Med.,
35 Nr. 1556, AA 15.977 f.
36 71 Vgl. Wasianski 1804, 44. Gemeint ist hier vermutlich die Schrift Augustin
37 1801.
72 Vgl. OP, AA 21.133.
38
73 Ritter 1800, 173. Auch nach Schelling ist der Galvanismus „der allgemeine
39 Ausdruck für alle in’s Product übergehende Processe“, System des tr. Id., SW I/
40 3.449 f., 496, vgl. auch fast identisch ebd. 193.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 329

1 ordnet, ist es durchaus denkbar, daß Kant sowohl dem als Schellingianer
2 geltenden Ritter als auch Schelling selbst die Reuschsche Position ge-
3 genüberstellt. Denn hinsichtlich des Galvanismus steht Kant eindeutig
4 auf einem transzendentalphilosophischen Standpunkt, sofern er ihn
5 nämlich als bewegende Kraft, d. h. nicht im Sinne einer allgemeinen
6 Bildungskraft, eines allbeseelenden Prinzips oder einer materiekon-
7 struierenden Fundamentalkraft verstanden wissen will. Hinsichtlich der
8 Sinnesgegenstände hält Kant ausdrücklich fest, sie seien „1mo als Er-
9 scheinungen[,] 2do als Producte meines eigenen Denkens und Ideen der
10 Transsc. Philosophie der Formen[,] gleichsam nach dem Galvanismus
11 der Electricität[,] Beziehung auf mögliche Erfahrung[,] aber nur asym-
12 ptotisch als absoluten Ganzem dem absoluten Ganzen derselben“ zu
13 verstehen.74 Der Galvanismus ist in diesem Zusammenhang nicht zu-
14 ständig für die Produktion von Naturphänomenen, sondern bleibt
15 ausdrücklich bezogen auf mögliche Erfahrung. Interessant ist in diesem
16 Zusammenhang Kants Bemerkung, daß der Galvanismus für die Emp-
17 findlichkeit der Nerven unterstellt ist, ohne welche „der Mensch nicht
18 einmal sich selbst im Vniversum anschaulich setzen“ könnte.75 Zur
19 Erklärung des Galvanismus als gebietübergreifenden Phänomens hat
20 man vielfach ein galvanisches Fluidum angenommen. Hierin könnte der
21 Hintergrund für die Parallele liegen, die Kant zwischen Galvanismus
22 und Äthertheorie herzustellen scheint, insofern nämlich die bewegen-
23 den Kräfte des Galvanismus eine Bedingung der Möglichkeit der
24 Nervenempfindlichkeit und damit der empirischen Wahrnehmung
25 herstellen (ähnlich ist der Kantische Äther Bedingung der Möglichkeit
26 der Gegenstände der empirischen Wahrnehmung).
27 Klar ist jedenfalls, daß Kant die systematische Verschränkung von
28 Geist und Natur oder Welt nicht objektiv-idealistisch, sondern tran-
29 szendentalphilosophisch denkt, wobei Erfahrung maßgeblich bleibt,
30 mithin die Totalität aller Erfahrung nur asymptotisch zu erreichen ist.
31 Kurz, kraft der Selbstsetzung wird die Idee oder das System der Ideen als
32 das eine System der Erfahrung und damit auch der Physik fr die Er-
33 fahrung gesetzt. Herstellen läßt sich dieses System allerdings nur durch
34 Erfahrung, mithin durch Erfahrungserkenntnis in einem asymptotischen
35 Erkenntnisprozeß. Die Idee oder die Transzendentalphilosophie verliert
36 auch im Opus postumum nicht ihren bloß regulativen Status für Meta-
37 physik und Physik; und die Selbstsetzung kann durchaus so interpretiert
38
39 74 OP, AA 21.136 f. und 125.
40 75 OP, AA 21.137.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
330 Ernst-Otto Onnasch

1 werden, daß sich das Subjekt für alle reale Möglichkeit potentiellen
2 Seins als ein erstes, noch präreflexives Dasein immer schon gesetzt
3 haben muß.
4
5
6 4. Rekonstruktion einer Passage
7 über Schelling im Opus postumum
8
9 Die andere Erwähnung Schellings im Opus postumum ist mit einer in-
10 haltlich informierten Angabe über seine Philosophie verbunden. Im 1.
11 Konvolut auf Seite 27 (neue Zählung), die mit einer Definition der
12 Transzendentalphilosophie einsetzt, findet sich im laufenden Haupttext
13 auf etwa drei Fünfteln von oben folgende Bemerkung:
14
15 System des transsc. Idealisms durch Schelling, Spinoza, Lichtenberg etc.
<G>leichsam 3 Dimensionen: Die Gegenwart, Vergangenheit u. Zu-
16
kunft.76
17
18 Alle mir bekannten Interpretationen dieser Stelle unterstellen, es handle
19 sich hier um einen zusammenhängenden Satz.77 Das Schriftbild läßt je-
20 doch auch eine andere Lesung zu, die sehr viel plausibler ist. Die Worte
21 nach „etc.“ stehen nämlich in zwei Zeilen etwas über bzw. unter dem
22 Vorhergehenden, weshalb man sie durchaus als einen eigenen Satz bzw.
23 Zusatz lesen kann. Zur Bekräftigung dieser Leseweise ist außerdem
24 anzuführen, daß, obwohl das „G“ in „Gleichsam“ teilweise von einem
25 Tintenfleck bedeckt ist, sich am Ms. feststellen läßt, daß hier im Ge-
26 gensatz zum Text der Akademie-Ausgabe Groß- und nicht Kleinschrei-
27 bung vorliegt. Editorisch liegt es deshalb auf der Hand, hier zwei
28 Mitteilungen zu lesen: Erstens: „System des transsc. Idealisms durch
29 Schelling, Spinoza, Lichtenberg etc.“ und zweitens: „Gleichsam 3 Di-
30 mensionen: Die Gegenwart, Vergangenheit u. Zukunft.“
31 Diese Lesart ergibt einen besseren Sinn für das unmittelbar über
32 „Gleichsam 3 Dimensionen:“ stehende Verweiszeichen „o+++o“.
33
34 76 Ebd., 87, Zeile 29 – 31.
35 77 Vgl. etwa Adickes 1920, 840, die Hrsg. des Opus postumum in den Anm. AA
36 22.796, die Hrsg. von Schellings System des transzendentalen Idealismus in der
37 Einleitung zum Text, HKA I/9,2.27 Anm. 76, Tuschling 1991, 1995, 2001,
151 und 2003, 76 ff., Brandt 1987, 24, Förster 1990, 167 f., Edwards 2000b,
38
251 Anm. 62. Die Cambridge Edition des Opus postumum schlägt eine leicht
39 andere Leseweise vor, die allerdings auf einer falschen Textlesung beruht, vgl.
40 Kant, 1993, 285 f. Anm. 155.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 331

1 Zunächst ist dies Zeichen nämlich einem Absatz angeschlossen, den


2 Kant vermutlich anders gelesen haben wollte als ihn die Herausgeber
3 der Akademie-Ausgabe gelesen haben. Ungefähr in der Mitte dieses Satzes
4 ist nämlich eine eckige Klammer „[„ eingefügt, um das Folgende vom
5 Vorhergehenden abzutrennen; diesem Hinweis wollen wir folgen und
6 streichen, was nach der eckigen Klammer und vor dem Verweiszeichen
7 steht. Mit dem Verweiszeichen wird nun auf folgende Passage rück-
8 verwiesen:
9
o+++o Spinozens Gott[,] in welchem wir H [Sigle für Gott, e.-o.o.] in
10 der reinen Anschauung vorstellen. NB der Raum ist auch Object der
11 reinen Anschauung, aber keine Idee.
12
Über diesen zwei Zeilen stehen zwei Zeilen, die inhaltlich zusam-
13
menhängen mit den soeben erwähnten Zeitdimensionen:
14
15 Das Daseyn, gewesen seyn und seyn werden gehört zur Natur mithin der
16 Welt. Was nur lediglich im Begriffe gedacht wird[,] gehört zu den Er-
17
scheinungen. Daher die Idealität der Objecte und der transsc. Idealism.
18 Weil diese Zeilen das gleiche Schriftbild aufweisen wie die darunter und
19 die Unterlängen in zwei Fällen eindeutig ber die Oberlängen der Zeile
20 darunter geschrieben sind, hat es allen Anschein, daß sie dem nach dem
21 mit dem Verweiszeichen beginnenden Satz angeschlossen sein sollten.
22 Deshalb schlagen wir folgende, gegenüber der Akademie-Ausgabe (Zeile
23 26 bis 31) abweichende Lesart vor:
24
Transsc. Phil. ist das System der Ideen des denkenden Subjects[,] welches
25
(System) das Formale der Erkentnis a priori aus Begriffen (also abgesondert
26 von allem Empirischen) zu Einem Princip der Möglichkeit der Erfahrung
27 vereinigt. [so wenig wie es philosoph. Anf. Gr. der Mathematik giebt eben
28 so wenig kann es mathematische der Philosophie geben obgleich Newton
29 diese 2 Felder vereinigt Spinozens Gott[,] in welchem wir H in der reinen
Anschauung vorstellen. NB der Raum ist auch Object der reinen An-
30
schauung, aber keine Idee. Das Daseyn, gewesen seyn und seyn werden
31 gehört zur Natur mithin der Welt. Was nur lediglich im Begriffe gedacht
32 wird[,] gehört zu den Erscheinungen. Daher die Idealität der Objecte und
33 der transsc. Idealism. <G>leichsam 3 Dimensionen: Die Gegenwart,
34 Vergangenheit u. Zukunft.
System des transsc. Idealisms durch Schelling, Spinoza, Lichtenberg etc.
35
36 Was läßt sich nun aus dieser Rekonstruktion für das Textverständnis
37 erschließen? Die Passage beginnt mit einer der vielen Definitionen der
38 Transzendentalphilosophie, wie sie im spätesten 1. Konvolut verstärkt
39 auftauchen. Sie ist das System der Ideen des denkenden Subjekts, in
40 dem das Formale der Erkenntnis a priori aus Begriffen zu dem einen

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
332 Ernst-Otto Onnasch

1
2
3
4
5
6
7
8 Abb. 2: Ausschnitt der Seite 27 (neue Zählung) des 1. Konvoluts
9
10 Prinzip der Möglichkeit der Erfahrung gemacht ist. Dieses eine Prinzip
11 wird abgesetzt von Spinozas Prinzip, Gott in der reinen Anschauung
12 vorzustellen, was nach Kant keine Transzendentalphilosophie, sondern
13 transzendentaler Idealismus ist. Und diesen Idealismus oder Spinozismus
14 verwirft Kant ausdrücklich.
15 Philosophiehistorisch bemerkenswert ist zunächst sicherlich Kants
16 systematische Charakterisierung der Philosophie Spinozas als transzen-
17 dentalen Idealismus,78 was viele Interpreten tatsächlich verwirrt hat,
18 sofern Kants eigene Transzendentalphilosophie von vielen mit einem
19 solchen transzendentalen Idealismus zumindest im Ansatz identifiziert
20 wird. In Wahrheit introduziert Kant die Rede vom transzendentalen
21 Idealismus in den zwei spätesten Konvoluten des Opus postumum, um
22 seine eigene Transzendentalphilosophie davon klarer abzugrenzen, –
23 was ihm allerdings wegen der textuellen Schwierigkeit dieser Konvolute
24 auf den ersten Blick nicht – so muß man zugeben – sehr überzeugend
25 gelungen ist. Obwohl heute die Philosophie Kants ganz allgemein als
26 transzendentaler Idealismus bezeichnet wird, ist es historisch wichtig zu
27 beachten, daß Kant seine eigene Philosophie ausschließlich im ersten
28 Druck der Kritik der reinen Vernunft von 1781 und das auch nur tentativ
29 als transzendentalen Idealismus bezeichnet. Tatsächlich gibt es hier im
30 Ganzen lediglich vier Textabschnitte, wo der Ausdruck neunmal auf-
31 taucht (in der 2. Aufl. fallen zwei dieser Passagen dem Rotstift anheim,
32 so daß nur zwei Textabschnitte mit im Ganzen vier Vorkommnisse des
33 Ausdrucks übrigbleiben). In den Prolegomena von 1783 kommt der
34
Begriff bloß zweimal vor und das an einer Stelle, die ausschließlich zum
35
Zweck hat, die kritische Philosophie oder den „kritischen Idealism“, wie
36
Kant sie nun nennen möchte, von der Philosophie Descartes’ und
37
38
78 Über Spinoza als transzendentalen Idealisten vgl. z .B. OP, AA 22.64 u.
39 21.12 ff., 22, 48, 98, 101. – Zur Thematik sind ferner zu beachten Edwards
40 2000a, Guyer 2005, bes. 305 ff., Mason 2001 und Tuschling 2002.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 333

1 Berkeleys abzugrenzen.79 Wie die erhalten gebliebene Vorarbeit zu


2 dieser Passage zeigt, ist sie zweifelsfrei mit dem Zweck der Distan-
3 zierung von der Kant gar nicht gefälligen Garve/Feder-Rezension in
4 den Gçttingischen Gelehrten Anzeigen verfaßt.80 Wie sehr sich Kant im
5 Nachhinein geärgert hat über die Charakterisierung seiner Philosophie,
6 wie er sie in der ersten Kritik vorgelegt hatte, zeigt allein schon, wie er
7 den Ausdruck in den Prolegomena einführt: „Denn daß ich selbst dieser
8 meiner Theorie den Namen eines transscendentalen Idealisms gegeben
9 habe, kann keinen berechtigen […]“.81 Jedenfalls ist der Ausdruck seit
10 1783 dermaßen belastet, daß Kant ihn in keiner späteren Schrift mehr
11 verwendet, erst recht nicht, um damit das eigene philosophische Pro-
12 gramm zu charakterisieren. Siebzehn Jahre später ist der Ausdruck dann
13 im Opus postumum freigeworden, um damit andere philosophische
14
Systeme und Einsichten zu charakterisieren, und zwar insbesondere die
15
aus Kants Sicht von Grund auf falschen des Spinoza, Lichtenberg und
16
Schelling. Allerdings bezeichnet Kant diese Systeme nicht deshalb als
17
transzendental-idealistisch, weil hier die Formen der Anschauung nicht
18
den Dingen-an-sich zukommen – was ja Kants eigene grundlegende
19
Position ist, sofern man diese als transzendentalen Idealismus bezeichnen
20
will –82, sondern vielmehr genau umgekehrt, weil diese Formen sehr
21
wohl den Dingen-an-sich zukommen. Der transzendentale Idealismus
22
23
steht für die Position, die Subjekt und Objekt in demselben Prinzip
24
begründet, wohingegen der Transzendentalphilosophie in den spätesten
25
Blättern des Opus postumum die Auffassung zugrunde liegt, daß sich das
26
Subjekt das Mannigfaltige der Sinnengegenstände formal nach einem
27 Prinzip selbst macht.
28
29 79 Prol., AA 4.293 f.
30 80 Vgl. AA 23.54. – Die Garve-Feder-Rezension erscheint in der 1. Zugabe der
31 Gçttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen vom 19. Januar 1782, 40 – 48, wo
32 Kants System gleich auf der ersten Seite „transcendentelle(n)[r] Idealismus“
genannt wird.
33
81 Prol., AA 4.293.
34 82 Kant definiert den transzendentalen Idealismus in der Kritik der reinen Vernunft
35 als „Lehrbegriff“, wonach alle Vorstellungen in Raum und Zeit „außer unseren
36 Gedanken keine an sich gegründete Existenz haben“; Raum und Zeit sind mit
37 anderen Worten „nur sinnliche Formen unserer Anschauung, nicht aber für
sich gegebene Bestimmungen oder Bedingungen der Objecte als Dinge an
38
sich“, KrV A 491/B 519 bzw. A 369. – Vgl. dazu auch Willaschek 1997,
39 allerdings verwendet dieser den transzendentalen Idealismus auch synonym für
40 das Kantische Programm überhaupt.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
334 Ernst-Otto Onnasch

1 Die eigentliche Spitze gegen den transzendentalen Idealismus und


2 insbesondere gegen Spinoza in den beiden spätesten Konvoluten 7 und
3 1 ist immer wieder, dieser habe sein Prinzip in Gott, in dem wir alle
4 Dinge anschauen.83 Ob mit diesem Diktum wirklich Spinoza getroffen
5 werden soll, ist im Grunde genommen nicht wichtig. Schon Adickes hat
6 nicht ganz unzutreffend bemerkt, der späte Kant werfe die Philosophie
7 von Spinoza und von Nicolas Malebranche zusammen.84 Denn in seiner
8 Inauguraldissertation De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis
9 (1770) schreibt Kant den Grundgedanken „nempe nos omnia intueri in
10 Deo“ nicht Spinoza, sondern dem Okkasionalisten Malebranche zu.85
11 Für Kants Identifikation der Philosophie Spinozas mit dem transzen-
12 dentalen Idealismus wird sicherlich mitgespielt haben, daß man Male-
13 branche zu Kants Zeit allgemein als Idealisten bezeichnet hatte.86
14 Allerdings hat Kants späte Auslegung Spinozas im Opus postumum
15
Vorläufer in den Reflexionen zur Metaphysik und den Metaphysik-
16
Vorlesungen der 80er Jahre.87 All diese Passagen deuten jedoch nicht
17
18
83 Vgl. z. B. OP, AA 21.12, 15, 19, 43, 48, 50, 98, 101 und OP, AA 22.54 f., 56,
19 59, 61, 64, 61, 64. – Kant könnte für diese Auffassung denken an Stellen aus
20 Spinozas Ethica wie I,15 prop. oder I,18 dem.: „Quicquid est, in Deo est, et
21 nihil sine Deo esse, neque concipi potest“, bzw. „Omnia, quae sunt, in Deo
22 sunt, et per Deum concipi debent“.
84 Vgl. Adickes 1920, 762.
23
85 Vgl. De mundi sensibilis, AA 2.410. Anderer Ansicht ist Edwards 2000b, chap. 9.
24 – Bemerkenswerterweise findet man auch in Schellings System des transscen-
25 dentalen Idealismus eine Bezugnahme auf diesen Grundgedanken des Male-
26 branche, HKA I/9,1.228. Hier ist Schelling auf den ersten Blick kritisch,
27 scheint aber in einem veränderten Zeitalter diesem Grundgedanken etwas
Positives abgewinnen zu können.
28
86 Vgl. etwa den 1. Bd., 2. Abth., des Encyclopdischen Wçrterbuchs der kritischen
29 Philosophie, hrsg. von Georg Samuel Albert Mellin, Züllichau und Leipzig,
30 1797, 543 f. Hier geht es um den „mystischen und schwärmerischen Idealismus
31 des Malebranche. Dieser behauptet nehmlich, wir shen alle Dinge in Gott. Er
32 nahm es nehmlich als einen Grundsatz an, daß die unkörperliche Seele sich
nicht mit körperlichen Dingen vereinigen und folglich diese nicht selbst
33
empfinden könne. Die Seele erkenne allein Gott mit dem Verstande, weil
34 dieser nur ein unmittelbarer Gegenstand der Gedanken sei. Gott fasse aber alle
35 die Vollkommenheiten in sich, die mit denen, so jedes erschaffene Ding besitzt,
36 übereinkommen, und folglich geschickt sind, diese Dinge so darzustellen, daß
37 sie die menschliche Seele durch Erkenntniß der Vollkommenheiten Gottes
empfinden könne.“
38
87 Vgl. etwa die Refl. Met., AA 18.425, 436 f. 438, bzw. die Metaphysik Dohna
39 von 1782/83, AA 28/2,1.692: „denn ich sage entweder alles ist in Gott – das
40 wäre Spinosism“, vgl. auch Metaphysik K2, AA 28/2.794.

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Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 335

1 darauf hin, daß sich Kant jemals intensiver mit Spinozas Philosophie
2 beschäftigt hat. Johann Georg Hamann beschreibt in einem Brief vom
3 20. November 1785 an Jacobi Kants Spinoza-Kenntnisse als sehr be-
4 schränkt: „Kant hat mir gestanden, den Spinoza niemals recht studirt zu
5 haben“.88 Wegen der durch die Jahre hindurch gleichbleibenden Be-
6 urteilung Spinozas kann man getrost davon ausgehen, daß ein ernst-
7 haftes Studium der Philosophie Spinozas auch nach 1785 nicht statt-
8 gefunden hat.
9 Kommen wir zurück zur Interpretation der oben rekonstruierten
10 Textstelle. Gegen die dort erörterte spinozistische Anschauung in Gott
11 führt Kant an anderer Stelle an:
12
13
Nicht daß wir[,] wie Spinoza wähnt[,] in der Gottheit anschauen[,] sondern
umgekehrt[,] daß wir unsern Begriff von Gott in die Gegenstände der
14
reinen Anschauung[,] in unseren Begriff der transsc[endental]. Philosophie
15 hinein tragen.89
16
17 Entscheidend ist hier der Unterschied zwischen einem Anschauen in
18 Gott – d. h. Spinozismus bzw. transzendentaler Idealismus – und „den
19 Begriff von Gott in die Gegenstände der reinen Anschauung hinein-
20 tragen“, was die Position der Kantischen Transzendentalphilosophie ist.
21 Nach der ersten Position müßten Raum und Zeit konsequenterweise
22 Objekte der reinen Anschauung sein (in unserer Passage heißt es: „NB
23 der Raum ist auch Object der reinen Anschauung“), nach der zweiten
24 ist dagegen die reine Anschauung selbst Raum bzw. Zeit,90 oder, wie
25 Kant an anderer Stelle bemerkt, Raum und Zeit ist das unendliche
26 „Object der reinen Anschauung[,] vermittelst welcher das Subject sich
27 selbst setzt“91. Kraft dieser Selbstsetzung konstituiert sich die Tran-
28 szendentalphilosophie selbst „in einem System der Ideen […] vor aller
29
30 88 Vgl. Friedrich Heinrich Jacobi’s Werke, hrsg. von Friedrich Köppen, Bd. 4, 1. Abt.,
31 Leipzig 1819, 114. Auch Allison 1980, 201, meint, Kants Spinoza-Kenntnisse
32 seien „not particulary well-informed“. Yovel 1989, 272, argumentiert für
Moses Mendelssohn als wichtigste Quelle für Kants Spinoza-Kenntnisse. –
33
Bislang kaum genauer untersucht ist der Zusammenhang zwischen der Spinoza-
34 Kritik Kants und der von Ralph Cudworth in seinem True Intellectual System of
35 the Universe, welches Buch Kant in der lateinischen Übersetzung von Johannes
36 Laurentius Mosheim, Systema Intellectuale, Jena 1733, besaß, sowie Christoph
37 Meiners, Historia doctrinae de vero Deo omnium rerum, Lemgo 1780, das Kants
Bibliothek ebenfalls verzeichnet.
38
89 Vgl. OP, AA 22.59.
39 90 Vgl. Ebd., 12, 25, 39, 71 und 80, aber auch schon KrV A 25 f./B 39.
40 91 OP, AA 22.96.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
336 Ernst-Otto Onnasch

1 Warnehmung zum Gegenstande der reinen Anschauung“, was not-


2 wendig ist, um so die „Autonomie der Möglichkeit der Erfahrung
3 überhaupt als absoluter Einheit“ zu erweisen.92 In den späten Blättern
4 des Opus postumum schlägt Kant den Weg ein, die Transzendentalphi-
5 losophie selbst zum Gegenstande der reinen Anschauung zu machen;
6 und zwar jene Transzendentalphilosophie, kraft der sich – obzwar in-
7 nerhalb eines Systems der Ideen – die Erfahrung als eine, bzw. als eine
8 einheitliche Erfahrung bestimmen läßt, um so zu garantieren, daß sich
9 der Inhalt des Systems der Transzendentalphilosophie im unendlichen
10 Raum und in der unendlichen Zeit – obzwar asymptotisch – tatsächlich
11 realisieren läßt.
12 Der von Kant kritisierte transzendentale Idealismus kennt diese
13 asymptotische Annäherung nicht. Wer nämlich Gott in der reinen
14 Anschauung bzw. spinozistisch in seinem Attribut der Ausdehnung
15 vorstellt, muß „den Raum als real“ nehmen, was nach Kant gleichbe-
16 deutend damit ist, „Spinoza’s System“ anzunehmen.93 Kant verwirft
17 diese Position mindestens deshalb, weil sie letztendlich auf einen Pan-
18 theismus hinausläuft. Mit Blick auf die oben rekonstruierte Passage
19 leuchtet ein, daß ein „realer Raum“ nicht als Idee verstanden werden
20 kann, sondern, wie die Passage in der Tat bestätigt, nur als Objekt. Und
21 damit hat das spinozistische System alle Autonomie seitens der endli-
22 chen Vernunftwesen verspielt; und der Sache nach auch genau das,
23 worauf es der Kantischen Transzendentalphilosophie eigentlich an-
24 kommt. Sie verteidigt ja einerseits die Idealität des Raumes, ohne
25 deshalb Gott anderseits mit diesem zu identifizieren, – was nebenbei
26 gesagt der eigentliche Witz der Transzendentalphilosophie ist, denn zur
27 sogenannten kopernikanischen Wende gehört ja nachgerade, daß die
28 reinen Anschauungen Raum und Zeit „nichts an sich selbst und kein
29 Ding als göttliches Werk“ sind, sondern in uns liegen und „nur in uns
30 statt finden.“94 Nun stellt diese Auffassung im Grunde genommen schon
31 den Kant der ersten Kritik vor das Problem der Widerlegung des
32 Idealismus. Sind nämlich die Gegenstände selbst nicht raum-zeitlich,
33
sondern werden sie von uns in der Anschauung als raum-zeitlich her-
34
gestellt, sind sie ideal und gehören sie nicht zur Welt. Unserer Passage
35
zufolge sind allerdings auch nach dem transzendentalen Idealismus die
36
Objekte ideal, sie werden nämlich in Gott angeschaut. Diese Position
37
38
92 OP, AA 21.100.
39 93 Vgl. Metaphysik Dohna, AA 28/2,1.666.
40 94 Refl. Met., Nr. 6057, AA 18.440.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 337

1 unterscheidet sich von der Transzendentalphilosophie, sofern hier die


2 Objekte nicht in Gott, sondern unter den subjektiven Bedingungen von
3 Raum und Zeit angeschaut werden. Dem Vorwurf des Idealismus be-
4 gegnet Kant nun im Opus postumum damit, daß er dartut, daß in der
5 Anschauung selbst schon die gesamte Erfahrungstotalität beschlossen
6 liegt. In den früheren Blättern des Opus postumum hatte Kant zu diesem
7 Behuf den Äther oder „allverbreiteten alldurchdringenden Weltstoff“,
8 bzw. den „Wrmestoff“ eingeführt. Der „erste Anfang der Erfahrung
9 vom Daseyn eines solchen Stoffs“ garantiert, so Kant,
10
die erste und unmittelbare Gemeinschaft des Sinnes eines Subjects mit den
11
Sinnen des Anderen [Subjekts, e.-o.o.] deren Form respectiv gegen ein-
12 ander die Form des Raums in einer Anschauung a priori[,] mithin blos in
13 sich selbst enthält und (in Ansehung der Zeit) die Vorstellung der Agitation
14 der Sinnenvorstellung in ihrer Succession[,] so daß die Erfahrung selbst blos
15 Ideal in Ansehung der Objecte[,] in Ansehung des Subjects selber aber reale
16 Vorstellung[,] aber nicht Erkentnis der Gegenstände ausser mir ist[,] außer
nur der Form nach.95
17
18 Kant legt hier dar, daß der Wärmestoff einerseits eine inter-subjektiv
19 einheitliche Sinnenwelt stiftet, deren Form (Raum und Zeit) zwar
20 subjektiv bleibt, doch anderseits auch, daß die Erfahrung selbst hin-
21 sichtlich der Subjekte real, hinsichtlich der Objekte aber ideal ist. Kraft
22 des Äthers vermögen die Subjekte unter den subjektiven Bedingungen
23 von Raum und Zeit jene Erfahrung herzustellen, die, obschon sie als
24 objektive Wirklichkeit als solche immer ideal bleibt, dennoch real
25 möglich ist, so daß vermittels der Erfahrungserkenntnisse eine asymp-
26 ACHTUNGREtotische Annäherung an die objektive Erfahrungseinheit möglich wird.
27 Was in den früheren Papieren des Opus postumum der Äther leistet,
28 wird systematisch seit etwa Mitte 1799 durch die sogenannte Selbst-
29
setzungslehre übernommen. Die Gründe für diese Umdisponierung
30
können uns hier nicht beschäftigen. Der Selbstsetzungslehre liegt der
31
Gedanke zugrunde, daß noch bevor Gott, Raum und Zeit usw. für uns
32
irgendeine Bedeutung haben können, wir zunächst selbst denkend sind. Es
33
gibt also „ein reines rationales“ Erkenntnis, „womit die Vernunft an-
34
hebt[,] um sich selbst vor dem Raum u. Zeit zu constituiren.“96 Den
35
vielfältigen Definitionen zufolge ist die Selbstsetzung ausdrücklich keine
36
37
95 OP, AA 21.560.
38
96 OP, AA 22.64. Auch der „reinen Mathematik in Ansehung der reinen An-
39 schauung in Raum u. Zeit“ und damit der Konstruktion von Raum und Zeit
40 geht die Transzendentalphilosophie vorher, vgl. OP, AA 21.118.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
338 Ernst-Otto Onnasch

1 transzendental-idealistische Lehre, sondern eine transzendentalphiloso-


2 phische; und zwar deshalb, weil sie nicht in Raum und Zeit, sondern vor
3 Raum und Zeit die Bedingungen der Erfahrungseinheit konstituiert.
4 Mit diesem Gedanken geht freilich notwendig eine gewisse Umdispo-
5 nierung der Erkenntnistheorie der ersten Kritik einher, sofern die
6 transzendentale Ästhetik ihre eigentliche Begründung erst vom den-
7 kenden Subjekt bzw. Verstand her erhält. Es sei hier nur kurz bemerkt,
8 daß Kant in seinem Briefwechsel Jakob Sigismund Beck zwischen 1791
9 und 1792 in der Tat implizit Vorbehalte hinsichtlich der transzenden-
10 talen Ästhetik der ersten Kritik eingesteht, der Beck entgegenhielt, daß
11 die Anschauung eine sich aufs Objekt beziehende Vorstellung sei, ob-
12 wohl die Objektivität einer Vorstellung erst durch die Subsumierung
13 unter Kategorien, also nach der Analyse des Verstandes einsichtig ge-
14 macht werden kann. Becks Kritik verunsichert Kant offenbar, denn er
15 schlägt ihm vor, die transzendentale Ästhetik in seinem erläuternden
16 Auszug der ersten Kritik „so kurz wie möglich“ abzuhandeln, woraufhin
17 er angibt, die transzendentale Ästhetik auch in seinen Vorlesungen mit
18 einem sehr kurzen Argument darzustellen.97 Im Zuge der Selbstset-
19 zungslehre gibt Kant nun tatsächlich die Auffassung der ersten Kritik auf,
20 daß „die Anschauung […] der Functionen des Denkens auf keine
21 Weise“98 bedürfe. Denn die Einheit des transzendentalen Subjekts muß
22 nicht nur alle meine Vorstellungen begleiten können, sondern auch die
23 Form der vorgestellten Dinge bestimmen, und zwar noch bevor diese
24 durch Raum und Zeit zur Vorstellung werden. Mit anderen Worten
25 muß die Einheit der vorgestellten Welt hinsichtlich ihrer Form vor aller
26 konkreten Erfahrung immer schon a priori bestimmt sein. Andernfalls
27 gäbe es nämlich keine Garantie dafür, daß alle Wahrnehmungen dem-
28 selben unendlichen Objekt, d. h. der einen zusammenhngenden Welt
29 angehörten. Denn es ist diese unsere Welt, die – vermittelt durch Raum
30 und Zeit – der Erfahrung zugrundeliegt, und deshalb, genau wie diese
31 Erfahrung selbst, unter einem Prinzip stehen muß; und zwar einem
32 Prinzip, das sowohl Prinzip dieser Welt als Prinzip der Erfahrbarkeit
33 dieser Welt ist.
34
35
36
37
97 Vgl. Kants Brief vom 20. Januar 1792 an Beck, Briefe, AA 11.315, siehe dazu
38
auch das Brieffragment an Tieftrunk vom 11. Dezember 1797, bes. Briefe, AA
39 13.468. Zur Auseinandersetzung zwischen Kant und Beck vgl. Heller 1993.
40 98 KrV § 13, A 91/B123.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 339

1 In gewisser Weise geht es bei diesem Prinzip um eine ähnliche Idee


2 wie im transzendentalen Idealismus spinozistischen Zuschnitt,99 aller-
3 dings mit dem entscheidenden Unterschied, daß Kant die Einheit der
4 Welt nicht in einer Gottesanschauung, sondern transzendentalphiloso-
5 phisch begründet. Es liegt auf der Hand, daß sich Kant genau wegen
6 dieser Ähnlichkeit – die im Opus postumum erst im Zuge der Ent-
7 wicklung der Selbstsetzungslehre auftritt – plötzlich so wortstark darum
8 bemüht, seine Transzendentalphilosophie vom spinozistischen tran-
9 szendentalen Idealismus scharf abzugrenzen.
10 Wie Kant in den spätesten Papieren immer wieder erklärt, wird
11 nach einer an Spinoza orientierten Systemauffassung alles in Gott an-
12 geschaut, wodurch wir die formalen Erkenntnisbedingungen unter ein
13 Prinzip fassen:
14
Spinozens Idee[,] alle Gegenstände in Gott anschauen[,] heißt so viel als[,]
15 alle Begriffe[,] welche das Formale der Erkentnis in einem System[,] d.i. die
16 Elementarbegriffe ausmachen[,] unter Einem Princip fassen.100
17
Transzendentalphilosophie und transzendentaler Idealismus unterschei-
18
den sich darin voneinander, daß die Systemeinheit dort im denkenden
19
Subjekt lokalisiert und aus ihm entwickelt wird, während sie hier ein
20
System des göttlichen Wissens ist. Und letzteres System hat Kant – auch
21
im Opus postumum – immer als schwärmerisch abgelehnt.101 Um es noch
22
23
24 99 Kants Ablehnung des transzendentalen Idealismus als Spinozismus hat eine
25 bemerkenswerte gegenläufige Parallele bei Schelling, sofern dieser seinen ei-
26 genen transzendentalen Idealismus nach 1800 immer stärker in Verbindung
27 bringt mit grundlegenden Einsichten der Philosophie Spinozas. Genau wie bei
Kant liegt so gesehen auch bei Schelling eine immer enger werdende Ver-
28
bindung zwischen transzendentalem Idealismus und Spinozismus vor, allerdings
29 im Gegensatz zu Kant mit einer positiven Pointe. Wegen dieser historischen
30 Parallelentwicklung ist ein sehr viel stärkerer Zusammenhang zwischen
31 Schellings System des transscendentalen Idealismus und der Darstellung meines Sys-
32 tems der Philosophie (1801) anzunehmen als vielfach von der Literatur behauptet
wird, vgl. dazu auch den editorischen Bericht zum System des tr. Id., HKA I/
33
9,2.
34 100 OP, AA 21.121.
35 101 Vgl. z. B. OP, AA 21.19: „Spinoza’s Begrif von Gott u. Mensch nach welchem
36 der Philosoph alle Dinge in Gott anschaut ist schwärmerisch (conceptus fana-
37 ticus)“ und ebd. 48 und 64. Siehe ferner Im Denken orientiren, AA 8.143 Anm.,
Danziger Rationaltheol., AA 28.1269 und Refl. Met., AA 18.435, wo der Spi-
38
nozismus als eine „Theosophie durch Anschauen“ desavouiert wird. Ferner
39 Refl. Met., AA 18.438, wo Spinoza „der hochste Grad der Schwärmerey“
40 vorgeworfen wird. Im 1. Konvolut des Opus postumum, AA 21.26, definiert

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
340 Ernst-Otto Onnasch

1 einmal klar zu sagen: Positive Aussagen im Werk Kants über die Phi-
2 losophie Spinozas gibt es nicht, obwohl das Gegenteil von der mo-
3 dernen Forschung zum Opus postumum immer wieder – und zwar ohne
4 jeden Grund – behauptet wird.102 Der Sache nach richtig bemerkt Paul
5 Guyer: „Kant’s numerous references to Spinoza in his final writings are
6 only meant to emphasize the difference between his own theory […] and
7 what he took to be the dogmatic monistic metaphysics of Spinoza as
8 revived by Schelling and his followers.“103
9 Eine andere Spinozismus-Kritik in unserer oben rekonstruierten
10 Stelle liegt in der Rede von den drei Zeitdimensionen „Daseyn, ge-
11 wesen seyn und seyn werden“ bzw. „Gegenwart, Vergangenheit und
12 Zukunft“ begründet. Kant zufolge gehören sie nach dem spinozisti-
13 schen Paradigma zur „Natur mithin der Welt“. Wird nun die Natur
14
oder Welt in Gott angeschaut, finden auch diese Zeitdimensionen in
15
Gott statt. Die Folge einer solchen Konzeption ist freilich Spinozas
16
vollständig durch Gott determinierte Welt, welche Konzeption Kant
17
scharf abweist. Tatsächlich formuliert Kant im 1. Konvolut hinsichtlich
18
der drei Zeitdimensionen die direkt entgegengesetzte Auffassung: „Das
19
praesens, praeteritum u. futurum findet in Gott nicht statt[,] weil er
20
nicht in der Zeit ist“.104 Der Begriff von Gott kann folglich nicht nach
21
Raum- und Zeitverhältnissen bestimmt werden; damit wäre – zumin-
22
23
dest in dieser Hinsicht – dem spinozistischen Determinismus das Wasser
24
abgegraben.105 Der transzendentale Idealismus Spinozas formuliert also
25
die nach Kant grundsätzlich falsche Ansicht, daß Raum und Zeit Mo-
26
mente Gottes seien, weshalb auch nicht – wie nach der Transzenden-
27 talphilosophie –, was im Begriff gedacht wird, zu den Erscheinungen,
28 sondern vielmehr zu Gott selbst gehört. Nach Spinoza und dem tran-
29 szendentalen Idealismus werden somit die Dinge in Gott als Welt raum-
30 zeitlich angeschaut und so unter ein Prinzip, nämlich Gott gefaßt.
31
32 Kant folgendermaßen: „Schwärmerisch ist der Begriff[,] wenn das[,] was im
Menschen ist[,] als etwas[,] was ausser ihm ist[,] u. sein Gedankenwerk für
33
Sache an sich (substantz) vorgestellt wird.“ – Über „Schwärmerei“ bei Kant vgl.
34 auch Allison 1980, 223 f.
35 102 Vgl. etwa Tuschling 2001, 151, Tuschling 2002, 165 und ders. passim, Edwards
36 2000a, 54 und 71 Anm. 4, Mason 2001, bes. 232, oder vor kurzem noch
37 ausdrücklich Tanaka 2004, 311 f.
103 Guyer 2005, 278 f.
38
104 OP, AA 21.113; vgl. auch 118 und 145; ähnlich bereits De mundi sensibilis,
39 AA 2.413 f.
40 105 Vgl. OP, AA 22.108.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 341

1 Nun hebt Kant an vielen Stellen seines Werkes hervor, daß die Zeit
2 nur eine „Dimension“ habe.106 Den Ausdruck Dimension verwendet
3 Kant in der Regel, um damit eine (selbst noch unbestimmte) Größe
4 anzudeuten, er spricht auch von „Abmessung“ von Raum und Zeit
5 (d. h., einer Prinzipienbestimmung für dasjenige, worin raum-zeitliche
6 Größenbestimmung möglich ist).107 Die Rede von drei Zeitdimensio-
7 nen tritt in den spätesten Konvoluten des Opus postumum verstärkt auf,
8 obwohl sie auch schon in einer Reflektion der späteren 60er Jahre
9 auftaucht, wo die drei Zeitdimensionen auf die „Kraft der Vorstellung“
10 bezogen sind.108 In dem losen Blatt Leningrad 1 (um 1790) werden sie
11 einer kosmologischen Apperzeption zugeschrieben, „welche mein
12 Daseyn als Große in der Zeit betrachtet“ und „mich in Verheltnis gegen
13 andre Dinge[,] die da sind, waren und seyn werden“ setzt.109 Die Pointe
14
dieser Bemerkung ist die, daß das Zugleichsein keine Bestimmung des
15
Daseins des Wahrnehmenden (percipientis) sein kann, sondern „nur an
16
dem vorgestellt wird[,] was rükwerts eben so wohl als Vorwerts percipirt
17
werden kann[,] welches nicht das Daseyn des percipientis seyn kann, die
18
nur successiv[,] d. i. vorwerts geschehen kann“. Mit anderen Worten bin
19
ich mir selbst nur dann ein Gegenstand, wenn ich einen Gegenstand
20
wahrnehme, was unter der Bedingung der drei Zeitdimensionen ge-
21
schieht. Nun hängt dieses Blatt unmittelbar mit Kants Anfang der 90er
22
23
Jahre verfaßten Blättern zur Widerlegung des Idealismus zusammen. Für
24
unseren Zweck ist es besonders deshalb so interessant, weil es die drei
25
Zeitdimensionen ausdrücklich dem Wahrgenommenen zum Behufe des
26
Daseins des (in Sukzession stehenden) Wahrnehmenden zuschreibt. Die
27 aus der kosmologischen Apperzeption folgende Existenz ist mithin „nur
28 die Existenz eines Dings in der Erscheinung“. Das Blatt Leningrad 1
29 macht somit in jeder Hinsicht klar, daß die drei Zeitdimensionen weder
30 in Gott sind, noch einer wie auch immer verstandenen spinozistischen
31 Bedingung der Schau der Dinge in Gott angehören können.
32 Nun umfaßt nach der ersten Kritik die transzendentale Apperzeption
33 alle Zeit, weil sie „vor allen Datis der Anschauungen vorhergeht“ und
34
35
36 106 Vgl. z. B. KrV A 31/B 47, MAN „Vorrede“, AA 4.471 und die Blätter der 90er
37 Jahre wider den Idealismus Refl. Met., AA 18.618 und 621.
107 Vgl. z. B. Eine Entdeckung, AA 8.220. Ferner die aus den 90er Jahren stam-
38
mende Vorlesungsnachschrift Metaphysik K3, AA 29.994.
39 108 Vgl. Refl. Anthr., AA 15.145.
40 109 Brandt 1987, 19.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
342 Ernst-Otto Onnasch

1 so auch a priori der „Mannigfaltigkeit des Raumes und der Zeit“.110 Im


2 Rahmen der Lehre der Selbstsetzung des Opus postumum kann Kant
3 deshalb auch in Übereinstimmung mit der ersten Kritik argumentieren,
4 daß das Subjekt diese umfassende Zeit als präreflexive Erfahrungseinheit
5 setzt, von der wir allerdings immer nur einen Ausschnitt erkennen,
6 denn jene Einheit tritt ja nicht als solche in die Erscheinung, allerdings
7 bestimmt sie das Dasein des Dinges sowie mein Bewußtsein in der
8 Erscheinung vermittels der drei Zeitdimensionen. So besehen werden
9 die Zeitdimensionen nicht unter dem Aspekt der Zeit beschrieben,
10 sondern von der selbst zeitlosen Instanz der transzendentalen Apper-
11 zeption aus. Die Transzendentalphilosophie Kants vereinigt die ganze
12 Zeit und alle in ihr möglichen Dinge unter ein Prinzip; dasselbe tut auch
13 der transzendentale Idealismus, doch mit dem entscheidenden Unter-
14 schied, daß die Dinge in diesem Prinzip (Gott) angeschaut werden,
15 womit dieses Prinzip oder Gott selbst unter den Bedingungen der Zeit
16 steht (was letztendlich auch zu einer innerlich inkonsistenten Zeit-
17 theorie führen muß). Im transzendentalen Idealismus ist die ganze Zeit
18 und damit die Welt in Gott wirklich, während unserer oben rekon-
19 struierten Passage zufolge nur was „im Begriffe gedacht wird […] zu den
20 Erscheinungen“ gehört, und mithin der „Existenz der Gegenstände“,
21 wie es im 7. Konvolut heißt, „das Princip der Idealität der Objecte als
22 Erscheinungen zum Grunde“ liegt.111 Der Sinnenvorstellung „corre-
23 spondirt (entspricht)“ nämlich „die Idee des vorgestellten Objects, und
24 die Idealität der gegebenen Vorstellung als Erscheinung enthält den
25 Grund der Möglichkeit[,] dasselbe a priori im Raume und der Zeit
26 vorstellig zu machen.“112 Werden allerdings die Dinge in Gott ange-
27 schaut und stehen sie damit unter den Zeitformen des Daseins, Ge-
28 wesenseins und Seinwerdens, dann ist, wie unsere Passage behauptet,
29 der „transsc. Idealism“ unvermeidlich. Zur Vollständigkeit sei hervor-
30 gehoben, daß es im Opus postumum oder anderswo im Werk Kants keine
31 Stelle gibt, wo die drei Zeitdimensionen der Welt oder Natur zuge-
32 sprochen werden. Dieser Standpunkt ist dem von Kant verworfenen
33 transzendentalen Idealismus zuzuordnen, bzw. der Philosophie Spino-
34
zas, Lichtenbergs und Schellings.
35
Nun findet sich in der Erlanger Rezension des Systems des tran-
36
szendentalen Idealismus ebenfalls eine Reflexion über diese drei Zeit-
37
38
110 KrV A 107. Vgl. auch Paimann 2002, 201 f.
39 111 OP, AA 22.94.
40 112 Ebd., 31.

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Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 343

1 formen und zwar in Bezug auf die Frage „Wie schaut sich das Ich als
2 producirend an“. Der Gedanke ist hier der, daß sich das Ich nur selbst
3 anschauen und mithin „etwas anders als producirend werden kann“,
4 wenn es „in seiner Production begränzt“ wird. Und diese Grenze ist die
5 „Gegenwart, durch welche die innere Anschauung als Zeit, die äußere
6 als Raum entsteht“, welche das Ich aber nur anzuschauen vermag, wenn
7 „die Gegenwart mit der Zukunft und Vergangenheit in Verbindung
8 gebracht“ wird, „d. h. die Zeit als ausgedehnte Größe, also mit dem
9 Raume synthetisch vereinigt, angeschaut“ wird.113 Damit wird der
10 Raum „das Beharrende (in der Anschauung, im Produkte die Substanz;)“
11 und die Zeit „das Verfließende (in der Anschauung, im Produkte das
12 Accidentelle)“, woraus dann die Deduktion des Kausalitätsverhältnisses
13 folgt. Die drei Zeitdimensionen gehören nach Schelling also zur Natur
14 und Welt. Genau das aber kennzeichnet Kant als spinozistisch. Im
15 System des transscendentalen Idealismus findet sich außerdem noch die
16 Bemerkung, daß Gott oder „die absolute Intelligenz […] durch Zeit
17 überhaupt bestimm(en)[t]“, alles ist, „was ist, was war, und was seyn
18 wird.“114 Doch, wie gesagt, wird Kant diese Stelle nicht aus eigener
19 Lektüre kennen, weshalb wir auch nicht weiter auf sie eingehen wollen.
20 Der dritte transzendentale Idealist im Bunde ist Lichtenberg. Mit
21 ihm hat sich Kant während der Abfassungszeit des 1. Konvoluts nach-
22 weislich intensiv befaßt, und zwar in Gestalt des 1801 erschienenen
23 zweiten Bandes von dessen Vermischten Schriften, der insbesondere von
24 Kants kritischer Philosophie handelt.115 Kant konnte Lichtenbergs kei-
25 neswegs nur latenten Spinozismus, der sich im Laufe der 80er Jahren
26 stärker profilierte, zunächst aus Berichten seiner Zeitgenossen ken-
27 nen,116 aber vielleicht aus Lichtenbergs Bekenntnis zum Spinozismus in
28 Amintors Morgenandacht (1791). Im zweiten Band der Vermischten
29
30 113 Erlanger Litteratur-Zeitung, 654 f.
31 114 HKA I/9,1.184.
32 115 Kants Notizen zu diesem Band finden sich in Refl. Met., Nr. 6369, AA 18.693 –
695. Vgl. dazu Adickes 1920, 833 ff. – Georg Christoph Lichtenbergs Ver-
33
mischte Schriften wurden nach seinem Tode in 1799 von seinem Bruder Ludwig
34 Christian Lichtenberg und Friedrich Kries in Göttingen zwischen 1800 und
35 1806 herausgegeben. Der Inhalt des zweiten, 1801 in Göttingen erschienenen
36 Bandes wurde Kant von den Herausgebern mit der Bitte um Kommentar Mitte
37 1800 zugeschickt, vgl. dazu den Bericht von Minden 1871. – Über Lichtenberg
und Kant vgl. ferner Zöller 1992, allerdings klammert der Aufsatz Kants Re-
38
zeption von Lichtenberg im Opus postumum aus undeutlichen Gründen aus.
39 116 Zu Lichtenbergs Spinozismus vgl. Mautner 1968, 445 – 450; Beutel 1995, 231 –
40 235 und Zöller 1992, 431 f.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
344 Ernst-Otto Onnasch

1 Schriften finden sich nur vereinzelte Hinweise auf Lichtenbergs Spino-


2 zismus. Nirgends wird dort jener Spinozismus referiert, wie er in den
3 spätesten Blättern des Opus postumum auftaucht, demnach wir die Dinge
4 in Gott anschauen, welche Position Kant Lichtenberg expressis verbis
5 unterstellt.117 Die Gründe für diese Unterstellung lassen sich somit nicht
6 unvermittelt am Text der Vermischten Schriften erhellen. Allerdings wird
7 man Lichtenbergs Diktum, „[w]enn die Welt noch eine unzählbare
8 Zahl von Jahren steht, so wird die Universal-Religion geläuterter Spi-
9 nozismus seyn“118, nur so lesen können, daß irgendwann Philosophie als
10 Religion auftreten werde, und zwar als eine philosophische Religion,
11 die Erfahrung des einen Prinzips aller Erfahrung hat. Der Gedanke einer
12 durch Erfahrung einholbaren Erfahrungseinheit ist freilich transzen-
13 dental-idealistisch, sofern damit die Auffassung einhergeht, daß die
14 Erfahrungstotalität in Gott beschlossen liegt und eine bestimmte Größe
15 in der Zeit hat. Auch spiegelt sich unsere Vernunft nach Lichtenberg in
16 der Welt und müssen wir kraft „der Einrichtung unserer Denkkraft“ in
17 ihr „Ordnung und weise Regierung“119 erkennen. Somit ergibt sich
18 irgendwann eine Erkenntnis der Zweckverbindungen in der Welt,
19 welche Auffassung Kant schon in seiner Kritik der Urteilskraft als einen
20 falschen bzw. spinozistischen Idealismus abweist.120 Kant spricht in
21
diesem Zusammenhang auch von einem „Idealism der Endursachen“,
22
den er mit dem Spinozismus verbindet.121 Daß Kant diese Auffassung
23
Lichtenberg tatsächlich zuschreiben muß, erhellt aus einer weiteren
24
Stelle der Vermischten Schriften: „Der Spinozismus und der Deismus
25
führen beide einen verständigen Geist so gewiß auf Eins hinaus, daß
26
man, um zu sehen, ob man in dem erstern richtig ist, sich des letztern
27
bedienen kann, so wie man sich des Augenmaßes oft zur Probe der
28
genauesten Messungen bedient.“122 Sofern nämlich der Deismus ausgeht
29
von einem rein transzendenten Gott und folglich von allem Intuitiven
30
absieht, das der Spinozismus dagegen gerade bei der Schau der Dinge in
31
32
117 Vgl. OP, AA 21.96, 98, 69 und 22.55.
33
118 Vgl. Vermischte Schriften, 2.55.
34 119 Ebd., 41.
35 120 Vgl. KdU § 72, AA 5.392 f. und § 84, AA 5.434 f.
36 121 KdU § 85, AA 5.439 im Zusammenhang mit 440: „Die physische Teleologie
37 treibt uns zwar an, eine Theologie zu suchen, aber kann keine hervorbringen,
so weit wir auch der Natur durch Erfahrung nachspüren und der in ihr ent-
38
deckten Zweckverbindung durch Vernunftideen (die zu physischen Aufgaben
39 theoretisch sein müssen) zu Hülfe kommen mögen.“
40 122 Vermischte Schriften, 2.32.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 345

1 Gott wieder einführt, kann der eine zur Bestätigung des anderen her-
2 angezogen werden. Lichtenberg bringt somit jenen „Syncretism des
3 Spinozismus mit dem Deism“ wieder ins Spiel, mit dem Jacobi, wie
4 Kant an Jacobi schreibt, in Bezug auf Herders Gott so überzeugend
5 aufgeräumt habe.123 Als idealistisch können ferner auch solche Stellen in
6 den Vermischten Schriften interpretiert werden, an denen Lichtenberg
7 dartut, daß die „Gegenstände praeter nos […] eine bloß menschliche
8 Erfindung“ sind,124 weshalb unsere Empfindungen auch „bloß Modi-
9 fication unserer selbst“ sein müssen.125
10
11
12 5. Die Idee der Transzendentalphilosophie und der
13 transzendentale Idealismus im Opus postumum
14
15 Zugleich mit der Entwicklung der Selbstsetzungslehre in den spätesten
16 Konvoluten 7 und 1 introduziert Kant hier den transzendentalen
17 Idealismus, und zwar oft im Zusammenhang mit Spinoza und dem
18 Hauptgedanken seiner Philosophie, alles in Gott anzuschauen. Er in-
19 terpretiert diese Anschauung in Gott als ein Prinzip, das die formale
20 Einheit der Erkenntnis stiftet, jedenfalls aber steht es in einem genauer
21 auszuarbeitenden Zusammenhang hiermit. Einiges gemein hat diese
22
Sichtweise freilich mit der in unserer Passage (siehe oben S. 333) an-
23
geführten Definition der Transzendentalphilosophie als ein System der
24
Ideen des denkenden Subjekts, wodurch das Formale der Erkenntnis zu
25
dem einen Prinzip der Möglichkeit der Erfahrung gemacht wird. Hierbei
26
geht es darum, einerseits die höchste Bedingung der Möglichkeit der
27
Erfahrung auch als höchste Bedingung der Möglichkeit der Gegenstnde
28
der Erfahrung auszuweisen und anderseits um das Problem, wie sich aus
29
dieser Bedingung der Zusammenhang der einen Natur oder des einen
30
Systems der einen Welt herleiten läßt. Dieser Nachweis war der ersten
31
Kritik zufolge noch nicht nötig, mußte jedoch nachgeschoben werden,
32
nachdem Kant 1788, spätestens jedoch 1790 eine Lücke in der Tran-
33
szendentalphilosophie entdeckt hatte.126 In der ersten Kritik hat sich
34
Kant diesbezüglich noch mit dem Ideal der durchgängigen Bestimmung
35
behelfen können, das dann aber im Opus postumum einen immer reel-
36
37
123 Brief an Jacobi vom 30. August 1789, Briefe, AA 11.76.
38
124 Vermischte Schriften, 2.64.
39 125 Ebd., 67 und 72.
40 126 Zur Datierung der Lücke vgl. Förster 1987.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
346 Ernst-Otto Onnasch

1 leren Rang erlangt, etwa in dem apriorischen, den ganzen Raum er-
2 füllenden Äther oder Wärmestoff. Dieser Äther „stopft“ zuzusagen die
3 Lücke, welche zwischen den apriorischen Prinzipien der Natur und der
4 immer nur a posteriori einholbaren Naturerkenntnis und ihren empi-
5 rischen Prinzipien klafft. Die systematische Pointe ist die, daß für den
6 Nachweis der möglichen Vollständigkeit unserer Erfahrungserkenntnis
7 das, was ihre Prinzipien bedingt, auch die objektive Einheit der Er-
8 fahrung bedingen muß, von der es freilich keine Erkenntnis gibt und die
9 folglich auch nicht durch Erfahrung einholbar, sondern – wie Kant sich
10 immer wieder ausdrückt – nur fr die Erfahrung sein kann. Im Verlaufe
11 seiner Arbeiten muß nun Kant eingesehen haben, daß der transzen-
12 dentale Ätherbeweis nicht zureicht für diese Aufgabe. Der Äther kann
13 nämlich nicht als eine empirische Bedingung fungieren, weshalb der
14 transzendental geführte Beweis seiner Möglichkeit letztendlich eine
15 leere Hülse ist. Aus diesem Grunde wird die systematische Bedeutung
16 der Ätherlehre in den spätesten Blättern des Opus postumum abgelöst
17 durch die Selbstsetzungslehre.127
18 Nach dieser Lehre ist es das Subjekt selbst, das sich zum Gegenstand
19 der Welt, und zwar in Raum und Zeit, als Prinzip der Möglichkeit von
20 Erfahrung setzt. Raum und Zeit sind dann nicht mehr bloß die Formen
21
der Anschauung, sondern ebenfalls Phänomen der allgemeinen Einheit
22
der Dinge, d. h. ihrer gewissermaßen präreflexiven Verknüpfung. Kant
23
spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Existenzbeweis,
24
insofern nämlich das „All der Dinge“ zur absoluten synthetische Einheit
25
wird, worin „durchgängige Bestimmung a priori möglich“ ist, „und
26
diese ist die Existenz der Welt.“128 Es geht Kant darum, das All der
27
Gegenstände der empirischen Erfahrung – von dem die erste Kritik
28
freilich noch abstrahierte – selbst zu einem Erfahrungsgegenstand zu
29
machen, denn nur so läßt sich dartun, wie die einzelnen, vom Verstande
30
erst noch zu verknüpfenden Erscheinungsgegenstände immer schon in
31
32
127 Der Zusammenhang zwischen Ätherbeweis und Selbstsetzungslehre wird in der
33
Literatur immer noch kontrovers diskutiert. Mathieu 1989 z. B. ist der Ansicht,
34 daß der Ätherbeweis seinen systematischen Stellenwert auch noch in den
35 späteren Blättern beibehält. Dagegen argumentiert Hoppe 1969 m. E. über-
36 zeugend, daß ab Konvolut 10/11 nicht mehr der Äther die Einheit der Er-
37 fahrung stiftet, sondern ein formales subjektives Prinzip, vgl. auch Hoppe 1991,
bes. 61 f. – Friedman 1992, 327 f. und 339 gibt andere Gründe für den
38
Fehlschlag der Ätherdeduktion an, die zusammenhängen mit der Inkompati-
39 bilität von Wärmestoff und Lichtäther.
40 128 OP, AA 22.96.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 347

1 einem Erfahrungsganzen eingebettet sind und folglich Physik als ein


2 einheitliches System der Erfahrung, mithin Wissenschaft systematisch
3 überhaupt erst möglich ist. Aus diesem Grunde muß „die Zusammen-
4 setzung […] und der Begriff von dieser Handlung“129 vorausgehen, um
5 das Zusammengesetzte überhaupt unter einen Begriff fassen zu können.
6 Nun ist die Zusammensetzung nicht in der Erfahrung gegeben, sondern
7 im Denken, weshalb sie auch nicht gegeben, sondern nur gedacht
8 werden kann. Wie aber kann – innerhalb der Kantischen Philosophie –
9 existieren, was nicht gegeben ist? Anders formuliert: wie läßt sich durch
10 das bloße Denken ein Existenzbeweis geben? Dies ist sowohl die
11 Problemstellung der Ätherbeweise als der Selbstsetzungslehre im Opus
12 postumum.
13 In Bezug auf den Äther oder Wärmestoff spricht Kant von einer
14 „Idee vom Wärmestoff, welcher darum kein blos hypothetischer[,]
15 sondern der allein alle Körper in allen Räumen Erfahrungsmäßig lei-
16 tende und continuirlich verbreitete in Einer Erfahrung zusammenhngende
17 Stoff seyn muß.“130 Über die Existenz eines solchen Stoffes, bzw. des
18 Beweises a priori einer solchen Materie, lassen sich allerdings „nur
19 subjective Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis derselben, d. i.
20 die der Möglichkeit einer Erfahrung von einem solchen Gegenstande
21 erwarten.“131 Wie aber wäre ein solcher Beweis innerhalb der Grenzen
22 der Kantischen Transzendentalphilosophie genau zu führen? Wie oben
23 schon dargetan wurde, konnte Kant diesbezüglich mit den Ätherbe-
24 weisen aus prinzipiellen Gründen nicht weiterkommen. Das letzte Zitat
25
zeigt allerdings schon die Richtung an, in welche Kant denkt, sofern
26
nämlich subjektive Bedingungen angeführt werden müssen. Dabei ist
27
ferner die immer wiederholte These wichtig, daß Erfahrung nicht ge-
28
geben, sondern gemacht werden muß. Der Schlüssel zur Lösung des
29
Problems ist eine präreflexive „Anschauung eines Objects ohne Gren-
30
zen Raum u. Zeit“, wodurch erst im eigentlichen Sinne „durchgängige
31
Bestimmung seiner Selbst als Subjects in der durchgängigen Bestim-
32
mung im Raum und der Zeit als Princip der Möglichkeit der Erfahrung
33
(äußerer und innerer) als Erkentnis eines Lehr-Systems Physik“ auf-
34
treten kann.132 Raum und Zeit sind dann nicht mehr bloß Formen der
35
Anschauung, sondern werden zu Phänomenen der allgemeinen Einheit
36
37
129 OP, AA 21.633 Anm.
38
130 Ebd., 571.
39 131 Ebd.
40 132 OP, AA 22.451.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
348 Ernst-Otto Onnasch

1 der Dinge, mithin ihrer präreflexiven Verknüpfung. Es ist jedoch dabei


2 wichtig, daß diese Verknüpfung, die nach dem subjektiven Prinzip der
3 Form aller Erfahrungserkenntnis vorhergeht, nicht „direct in Beziehung
4 auf das Object“ zu verstehen ist, sondern vielmehr „indirect in der Be-
5 ziehung auf das den Sinnen gegebene Subject und die Warnehmungen
6 zum Behuf der Möglichkeit der Erfahrung“.133 Das Objekt bleibt somit
7 ideal, obwohl a priori gewußt wird, daß es als Erfahrungseinheit seine
8 durchgängige Bestimmtheit dem Subjekt verdankt, das Erfahrung
9 macht. Das ganze Argument der Kantischen Transzendentalphilosophie
10 ruht somit auf der Erfahrungsevidenz, mit der die erste Kritik anhebt
11 und wofür sie die Bedingungen der Möglichkeit herstellt, wohingegen
12 das Übergangsprojekt dartut, daß dieses bloße Daß der Erfahrung hin-
13 sichtlich seines Daseins a priori nicht über dasjenige hinausgeht, was
14 hinsichtlich der formalen Bedingungen der Erfahrungsmöglichkeit
15 immer schon in die präreflexive und durchgängig bestimmte Einheit
16 aller Erfahrungsgegenstände durch das Subjekt gesetzt ist, sofern es
17 Erfahrung macht. Dieses Argument hat etwas Zirkuläres an sich; gibt es
18 nämlich Erfahrung und lassen sich für dieselbe transzendentalphiloso-
19 phisch die Bedingungen angeben, unter der sie möglich ist, kann ihre
20 Wirklichkeit nur sein, was ihre Möglichkeit unter diesen Bedingungen
21 ist. Freilich liegt hier auch ein Schritt von der Möglichkeit zur Wirk-
22 lichkeit vor, den Kant an verschiedenen Stellen zugibt und auch für
23 befremdlich hält, doch ist dieser Schritt selbst ein Gegenstand der einen
24 Erfahrungsmöglichkeit. Der Übergang ist zwar nicht selbst in der Er-
25 fahrung gegeben, aber – wie Kant sich auszudrücken pflegt – fr die
26 Erfahrung oder zum Behufe von Erfahrung notwendig immer schon
27 gesetzt. Sofern hier also ein Zirkel vorliegt, ist es ein notwendiger Zirkel
28 für jeden, der mit Kant die Existenz von Erfahrung und mithin von
29 Erfahrungserkenntnissen als gehörend zu einer Erfahrung, d. h. einer und
30 derselben physischen Welt zugibt. Es ist klar, daß jeder, der eine solche
31 Erfahrungseinheit nicht zugibt, sich von vornherein außerhalb des
32 Gebietes der empirischen Physik oder empirischen Wissenschaft stellt.
33 Im Vorhergehenden ist gezeigt, daß Kant immer wieder hervorhebt,
34 ihm ginge es nicht, wie Spinoza, darum, die Dinge in Gott anzu-
35 schauen, sondern vielmehr darum, wie (im Ausgang von der Selbst-
36 setzung) die höchste Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung über-
37 haupt auch als die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände der
38 Erfahrung in einem System der einen Welt gedacht werden kann. Sofern
39
40 133 Ebd., 458.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 349

1 der Mensch nämlich an zwei Welten teilhat, der noumenalen und


2 phänomenalen, muß sich das Prinzip der ersten auch als das Prinzip der
3 zweiten ausweisen lassen, um die Verbindung beider Welten, die in uns
4 als lebendige Vernunftwesen ja faktisch immer schon vollzogen ist, auch
5 philosophisch zu denken. Kraft dieser Selbstsetzung, die als ein von der
6 menschlichen Existenz a priori immer schon vollzogener Akt vorzu-
7 stellen ist, den die Philosophie allerdings zur Aufstellung des Systems der
8 Transzendentalphilosophie denkend nachvollziehen muß, schauen wir
9 die Dinge und mithin auch unser phänomenales Dasein nicht in Gott,
10 sondern machen wir selbst die höchste Bedingung der Möglichkeit der
11 Erfahrung überhaupt zur höchsten Bedingung der Gegenstnde der Er-
12 fahrung. Mithin tragen wir kraft der Selbstsetzung unseren Begriff vom
13 höchsten Wesen in die Gegenstände der reinen Anschauung hinein. Das
14
ist, was Kant im Opus postumum unter Transzendentalphilosophie ver-
15
steht. Sie liefert nämlich das „formale Princip[,] sich selbst als Object der
16
Erkentnis systematisch zu constituiren“.134 Anders, der Sache nach
17
ACHTUNGREjedoch ähnlich formuliert: „Tr. Philos. ist diejenige synthetische
18
Erkentnis[,] aus Begriffen a priori bestimmt[,] welche die Objekte des
19
Denkens als Principien [des Denkens, e.-o.o.] vollständig in Einem[,]
20
sowohl in einem theoretisch speculativen als moralisch practischen
21
System darstellt“.135
22
23
Wichtig ist nun die diese Definitionen präzisierende Bemerkung,
24
daß die Transzendentalphilosophie „nicht Object einer Wissenschaft[,]
25
sondern die Wissenschaft selbst[,] das subjective Vermögen zu philoso-
26
phieren“136 sei. Denn in diesem Zusammenhang erwähnt Kant die
27 Erlanger Rezension von Schellings System des transscendentalen Idealismus.
28 Die Bemerkung, daß die Transzendentalphilosophie nicht Objekt einer
29 Wissenschaft, sondern die Wissenschaft selbst sei, wird man daher auch
30 als eine Abgrenzung gegen die konkurrierenden philosophischen Un-
31 ternehmen auffassen dürfen, welche in Schellings transzendentalem
32 Idealismus, aber auch in Fichtes Wissenschaftslehre vorliegen. Wie ist
33 das zu verstehen? Hinsichtlich der Wissenschaftslehre macht der Er-
34
35 134 OP, AA 21.97.
36 135 Ebd., 94, mit dem Ms. lese ich „Principien“ statt „Princip“.
37 136 Ebd. [mit meinen Hvh.], aus unerklärlichen Gründen ist diese Stelle in AA in
den Apparat verbannt, obwohl sie die Präzisierung der vorhergehenden Defi-
38
nition ist. Überhaupt ist die AA in diesem Zusammenhang unverläßlich, denn
39 alle soeben zitierten Stellen stehen in unmittelbarer Nähe voneinander auf
40 derselben Manuskriptseite 29 (1. Konv.).

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
350 Ernst-Otto Onnasch

1 langer Rezensent klar, sie sei eine zur „Begründung aller Wissen-
2 schaften aufgestellte Wissenschaft“137; sie ist folglich eine Meta-Wis-
3 senschaft aller Wissenschaften, weshalb es auch einen qualitativen Un-
4 terschied zwischen Wissenschaftslehre und den verschiedenen (Ein-
5 ACHTUNGREzel-)Wissenschaften gibt, und jene folglich auch nicht die Wissenschaft
6 selbst sein kann. Überhaupt deduziert die Grundlage der gesammten
7 Wissenschaftslehre gewissermaßen more geometrico die Grundbestim-
8 mungen des Bewußtseins aus dem absoluten Subjekt. Ähnliches gilt für
9 den transzendentalen Idealismus Schellings. Dieser nimmt ja die
10 Fichtesche Wissenschaftslehre, welche „uns die göttliche Anschauung in
11 unserm Geiste nachwieß“138, zum Ausgangspunkt, indem „von dem
12 Bewußten im Selbstbewußtseyn abstrahirt“ wird und hierdurch dann nur
13 noch das im „Objekt verlohrne Subjektive […] nicht fr sich selbst,
14 sondern nur fr den Philosophen, also als ein rein Objektives“ zurück-
15 bleibt.139 Dieses rein Objektive hat der transzendentale Idealismus zum
16 Gegenstand, um so das Ich durch die Natur hindurch „für das Ich
17 entstehen zu lassen“140 und somit letztendlich auch die Resultate der
18
Wissenschaftslehre gewissermaßen hinter dem Rücken des philoso-
19
phierenden Subjekts more geometrico aus sich hervorzubringen.
20
Was nun Kant mit der Rede von der Einheit von Transzenden-
21
talphilosophie und Wissenschaft meint, ist, daß die Form aller mögli-
22
chen Objekte, von denen (wissenschaftliche) Erkenntnisse möglich
23
sind, systematisch von der Transzendentalphilosophie konstituiert
24
werden muß. Dies ist nicht im Sinne einer Konstruktion zu verstehen,
25
wobei – wie bei Schelling – das Objekt selbst kraft eines im Objekt
26
verlorenen Subjektiven hergestellt wird; denn dann wird – wie Kant auch
27
dem transzendentalen Idealismus Spinozas vorwirft – „das Subjective als
28
objectiv“ vorgestellt, weshalb diese Idealismen „nach dem Buchstaben
29
30
genommen transscendent“ sind, denn sie stellen „ein Object ohne
31
Begriff“ auf.141 Eine solche durch das Absolute oder Gott selbst geleitete
32
Herstellung der Objekte weist Kant grundsätzlich ab. Die Kantische
33
Transzendentalphilosophie hat – auch im Opus postumum – den viel
34
bescheideneren Anspruch, obwohl die Einzelheiten der konkreten
35 Durchführung dieses Gedankens alles andere als klar sind, darzulegen,
36
37 137 Erlanger Litteratur-Zeitung, 649.
138 Ebd., 662.
38
139 Ebd., 650.
39 140 Ebd., 651.
40 141 OP, AA 21.22.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 351

1 wie sich das sich selbst bestimmende Subjekt „als in der Anschauung
2 gegeben […] constituir(en)[t]“ und damit [g]leichsam sich selbst ma-
3 ch(en)[t]“; d. h. die Transzendentalphilosophie ist „ein Idealismus als
4 bloßes Princip der Formen in einem System aller Verhältnisse“.142 Sie
5 leistet keine Konstruktion der Objekte, sondern konstituiert in der Ge-
6 stalt des sich selbst bestimmenden Subjekts lediglich die formalen Be-
7 stimmungen des durchgängig bestimmten Objekts, von dem allerdings
8 immer nur Teilerkenntnisse möglich sind. Die ursprüngliche Frage-
9 stellung nach den transzendentalen Bedingungen der Möglichkeit der
10 Erfahrungsgegenstände wird im Opus postumum nun in der Hinsicht
11 erweitert, daß auch gefragt wird, ob jener Möglichkeit ein Objekt
12 korrespondiert, dessen Existenz a priori erschlossen werden kann, und
13 zwar in dem Sinne, daß das transzendentale Prinzip der Einheit der
14 Erfahrung selbst zum Grund aller Objektexistenz gemacht wird, und
15 somit den Dingen das Dasein a priori und nicht erst in Folge von
16 Erfahrung zugesprochen wird. Um einen solchen Existenzbeweis ist es
17 dem Opus postumum in der Hauptsache zu tun, erst vermittels des
18 Ätherbeweises und dann vermittels der Selbstsetzungslehre. Seit dem 10.
19 Konvolut (Mitte 1799) führt Kant diesen Beweis mithilfe der Prinzips
20 der durchgängigen Bestimmung (die in der ersten Kritik als regulatives
21 Ideal dem Objekt aller Erfahrung noch keine Existenz zubilligte). Die
22 Bedingung für ein System der Erfahrung ist nun den späteren Blättern
23 des Opus postumum zufolge ein durchgängig bestimmtes Objekt, sofern
24 im System der Erfahrung die Wahrnehmung notwendig Bestandteil
25
dieses einen durchgängig bestimmten Objekts sein muß (es gibt ja, wie
26
Kant immer wieder einschärft, nur eine Erfahrung; außerdem würden
27
ohne eine solche Erfahrungseinheit alle unsere Erkenntnisse bloß Ag-
28
gregate, ohne Zusammenhang sein). Die Einheit der Möglichkeit der
29
Erfahrung in Raum und Zeit stiftet die durchgängige Bestimmung nach
30
dem Satz „omnimoda determinatio est existentia“.143 Von aller Erfah-
31
rung wird diese „durchgängige Zusammenstimmung präsumirt“144 ;
32
denn ist die Erfahrung eine und mithin nur ein System der Erfahrung, das
33
das „All der Dinge als absoluter synthetischer Einheit“ befaßt, dann ist in
34
diesem All der Dinge „durchgängige Bestimmung a priori möglich und
35
diese ist die Existenz der Welt.“145
36
37
142 Ebd., 93.
38
143 OP, AA 22.89 f.
39 144 Ebd., 92 Anm.
40 145 Ebd., 96.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
352 Ernst-Otto Onnasch

1 Im Gegensatz zum transzendentalen Idealismus wird die Transzen-


2 dentalphilosophie als „das subjective Vermögen zu philosophieren“146
3 somit auch nicht „überschwenglich“, denn anders als der transzenden-
4 tale Idealismus beansprucht sie nicht, „der Schlüssel zur Eröffnung aller
5 Geheimnisse des ganzen Weltsystems“ zu sein, weil, wie Kant hervor-
6 hebt, „Gott u. die Welt nicht [wie bei Spinoza und Schelling, e.-o.o.] in
7 die Idee Eines Systems (vniversum) [zu, e.-o.o.] bringen“ sind, und
8 zwar deshalb nicht, weil Gott und Welt „im höchsten Grade hetero-
9 gen“147 sind.148
10
11
12
Literatur
13
Adickes, Erich, (1920), Kants Opus postumum dargestellt und beurteilt, Berlin.
14
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16 227.
17 Augustin, Friedrich Ludwig, (1801), Vom Galvanismus und dessen medicini-
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19
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21 Bonsiepen, Wolfgang, (1997), Die Begründung einer Naturphilosophie bei
22 Kant, Schelling, Fries und Hegel. Mathematische versus spekulative Na-
23 turphilosophie,
24 Borowski, Ludwig Ernst von, (1804), Darstellung des Lebens und Charakters
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25
berg.
26 Brandt, Reinhard, (1987), „Eine neu aufgefundene Reflexion Kants ,Vom
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29 Reinhard Brandt und Werner Stark, Hamburg, 1 – 30.
30 Dietzsch, Steffen, (2003), Immanuel Kant. Eine Biographie, Leipzig
31
32 146 Ebd., 94 Apparat.
147 Ebd., 38.
33
148 Diese Untersuchung ist zustande gekommen dank der Unterstützung des Verf.
34 durch die „Niederländische Organisation für wissenschaftliche Forschung“
35 (nwo). – Besonders herzlich danken möchte ich meinem Kollegen Paul Ziche
36 für die Durchsicht des Manuskripts und für seine nützlichen Hinweise und
37 Verbesserungsvorschläge. – Ich danke dem Direktor der Handschriftenabtei-
lung der Staatsbibliothek zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Herrn
38
Prof. Dr. Eef Overgaauw, für die freundliche Erlaubnis des Abdrucks der
39 beiden Abb. aus dem Manuskript des Opus postumum, sbb Handschr.abt., Ms.
40 germ. fol. 1702.

Ernst-Otto Onnasch (Hg.), Kants Philosophie der Natur, ihre Entwicklung im Opus postumum und ihre Wirkung, Berlin/New York 2009.
Kants Transzendentalphilosophie des Opus postumum 353

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3
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