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Aufruhr in Abydos - Eine historische Notiz

Neben der Bedeutung, die Abydos in der ägyptischen Frühzeit und während des Mittleren und Neuen Reiches einnahm, sind auch spätere Epochen durchaus von Interesse. So ist bekannt, daß z. B. in der ptolemäischen Zeit hier verhältnismäßig stürmische Ereignisse stattfanden. Im Herbst des Jahres 205 v.Chr. brach in Oberägypten eine zwanzig Jahre währende Rebellion aus 1 . In Theben wurde ¡r-wnn-nfr (Horos Onnophris) zum Gegenkönig ausgerufen und gekrönt 2 . Ptolemäische Truppen flohen aus ihren Garnisonen in den Süden 3 , vermutlich nach Elephantine. Der Herrschaftsbereich des ägyptischen Gegenkönigs erstreckte sich schon bald von Theben bis Abydos und sehr wahrscheinlich sogar noch weiter bis zum 35 km nördlich gelegenen Ptolemais. Am 27.09.204 ist Horos Onnophris im südlich von Theben gelegenen Pathyris belegt. 4 Anschließend - bis zum Ende des Jahres 201 - scheint die Rebellion bereits weite Teile der Thebais zu kontrollieren. 5

Ptolemais *

Abydos *

Pathyris *

Edfu *

* Koptos

* Theben

* Abydos * Pathyris * Edfu * * Koptos * Theben 1 Cf. A. Effland, Politische

1 Cf. A. Effland, Politische Opposition; ders., in: Kemet 7,1, 1998, 17-25.

2 Nach Informationen aus dem oKairo 38258.

3 UPZ II, 162, col. 5, Z. 24 ff.

4 pBM 10486.

5 Cf. Effland, in: Kemet 7,1, 1998, 20.

Spätestens 201/200 erreichte der Aufstand auch Abydos. Es ist nicht ganz sicher, ob der nach Ptolemaios (IV. oder V.) datierte pBerlin 13564 (ob 31.08.202 v.Chr.?) in die Aufstandszeit zu datieren ist, der Inhalt dieses Briefes läßt diese Möglichkeit allerdings verführerisch erscheinen. Der auf Elephantine gefundene - von einem unbekannten Absender geschriebene - Brief stammt aus Abydos. Der Adressat, Parates, Sohn des Inaros, wird darin gebeten, den Aufenthaltsort zweier Personen herauszufinden, die von Abydos aus als Inhaftierte in den Süden gebracht wurden. "Es gibt zwei Männer aus Pr-wrq (?) die man nach dem Süden

Wir kennen den Ort nicht, zu dem man sie bringt, (obwohl?) man ihnen

sagt: ´Bewacht die 2 Mann´! Möge man befehlen, den Ort zu erfragen, zu dem man sie bringen wird." Man möchte vermuten, daß diese zwei Leute in die Unruhen involviert gewesen sein können. Da es sich allerdings hier um ein bloßes Indiz handelt, dürfen keine allzu weitreichenden historischen Schlüsse daraus gezogen werden. Um 201/200 ist Horos Onnophris jedoch sicher in Abydos belegt. In der Osiriskapelle N des Tempels Sethos I. findet sich ein in griechischen Buchstaben geschriebener kurzer ägyptischer Text, der die Titulatur und den Namen des Gegenkönigs nennt sowie eine Datierung (Jahr 5 des Rebellenanführers) enthält.

gebracht hat [

].

(Jahr 5 des Rebellenanführers) enthält. gebracht hat [ ]. Graffito 74 = SB V, 7658. In

Graffito 74 = SB V, 7658.

In diesem Graffito ist zu lesen:

Πορω ´Υρ Γοναϕορ μηι Εσι νομ Ουσιρε μηι Εμουνλασοντηρ Πνοτω (= * pr-aA ¡r-wnn-

nfr mrj Act jrm Wcjr mrj Jmn-Ra-ncwt-nTrw pA nTr aA), Pharao Herwennefer, geliebt von Isis

und Osiris, geliebt von Amonrasonther, dem großen Gott.

Der Name dieses einheimischen Gegenkönigs wurde zunächst ¡r-Htp, Hor-hotep gelesen,

dann bis vor kurzer Zeit ¡r-m-Axt, Harmachis. Francoise de Cenival 6 schließlich war es, die

als neue Lesung den hieroglyphisch gut bekannten Namen ¡r-wnn-nfr, Haronnophris, enkodierte. Zauzich 7 übernahm diese Lesung und erkannte in dem lange Zeit als dritten Gegenkönig geltenden Pharao ´Υργοναϕορ die griechische Entsprechung des ägyptischen Namens. Jüngst hat Pestman jedoch die Lesung ¡r-wnn-nfr, Haronnophris, erneut angezweifelt, 8 denn der Schreiber des griechisch/ägyptischen Graffitos von Abydos trennte deutlich ¡r und Wnn-nfr, so daß Horos Onnophris anstelle von Haronnophris zu lesen ist. Pestmans These ist zweifellos beizupflichten, und der Grund dafür liegt in der Vokalisierung von ´Υρ für ¡r. Die gewöhnliche griechische Schreibung für ¡r-wnn-nfr ist

´Αροννοϕρις, ´Αροννωϕρις oder ´Εροννοϕρις, 9 mit der Vokalisierung Har- oder Her- als

Bestandteil des Namens Haronnophris. In der Schreibung ´Υρ Γοναϕορ ist jedoch Hur ein separater Name mit Gonaphor als Apposition. 10 Abydos war also in Aufruhr, die Rebellion breitete sich aus. Außen- wie innenpolitisch geriet der junge König Ptolemaios V. in Bedrängnis. Im Sommer 200 v.Chr. hatte der ptolemäische General Skopas während des 5. Syrischen Krieges die Schlacht bei Panion in Palästina verloren. Die außerägyptischen Besitzungen gingen verloren, aber die ägyptische Ostgrenze blieb sicher. Durch diese erzwungene "Frontverkürzung" - Ptolemaios V. verzichtete auf eine Gegenoffensive in Palästina - wurden Truppen frei, die mit den neu von Skopas in Griechenland angeworbenen Söldnern (199 v.Chr.) 11 offensichtlich eine Gegenoffensive in Innerägypten starten konnten, nachdem die alexandrinische Zentralregierung 6 Jahre lang nichts gegen den inneren Feind unternommen hatte. Vom 09.07./07.08.199 v.Chr. datieren die letzten namentlichen Belege für Horos Onnophris. 12 . Vom 05.08.199 v.Chr. existiert jedoch ein griechisches Graffito (SB I, 3776), welches "Philokles, Sohn des Hierokles, aus Troizen" geschrieben hat, und zwar "während der Belagerung der Stadt Abydos". D. h. ihm war es möglich, sich außerhalb der Stadt Abydos

6 F. de Cenival, in: Enchoria 7, 1977, 10.

7 Zauzich, in: GM 29, 1978, 157 - 158.

8 Pestman, in: P.L.Bat 27, 1995, 126, u.n. 76.

9 Cf. Lüddeckens, Demotisches Namenbuch, 794 f.; Ranke, Personennamen I, 246. 17, II, 378.

10 Cf. ausführlich Effland, Politische Opposition, 33 ff.

11 Livius XXXI, 43, 5-7.

12 Die aus Theben stammenden pBerlin 3142 und pBerlin 3144.

frei zu bewegen, während die Stadt belagert wurde. Möglicherweise gehörte der Grieche Philokles zu ebendiesem Aufgebot der ptolemäischen Entsatzarmee. Auch der abydenische Priester Petehorpachrates hat offensichtlich aktiv an dem Kampf gegen

die Feinde teilgenommen. Er sagt von sich: "Ich war einer, der für die Gaue kämpfte, der für

der sie nicht überließ den Feinden" (Stele Louvre C 232, Z.

10 f.). Durch die gute Kenntnis der Genealogie der Familie des Petehorpachrates ist es möglich, diese Stele etwa in die Zeit um 200 v.Chr. zu datieren. 13 Seine Biographie und die geschichtlichen Ereignisse in Abydos lassen die Annahme einer Involvierung dieses Priesters in genau diese Aufstandsphase sehr wahrscheinlich erscheinen. Was nach dieser Belagerung durch die Regierungstruppen und den Kämpfen um Abydos zwischen den Rebellen und der Ptolemäerarmee mit Horos Onnophris geschehen ist, entzieht sich unserer Kenntnis, möglicherweise kam er bei diesen militärischen Handlungen ums Leben. In Theben jedenfalls folgte Anch-wennefer (Chaonnophris) als nächster Gegenkönig auf den Thron nach. Nach wechselnden militärischen Erfolgen mußte er sich allerdings am 27.08.186 v.Chr. dem siegreichen ptolemäischen Feldherrn Komanos nach einer Schlacht im Süden der Thebais ergeben. 14

die Bewohner von Abydos [

];

Die innerägyptischen Garnisonen wurden durch neue griechische Söldner verstärkt. Ein Graffito aus dem Jahr 186/185 v.Chr. an der Wand zum Sanktuar des Sethos-Tempels in Abydos stammt von vier Soldaten, die nun als kriegerischsten Akt von der Gefangennahme eines Fuchses berichten konnten. 15

Andreas Effland

Literatur:

- Andreas Effland, Unruhen und Aufstände in der Ptolemäerzeit, in: Kemet, 7,1, 1998, 17-25

- ders., Politische Opposition in der Ptolemäerzeit, (unpubl. Mag.-Arbeit) Hamburg 1996 - Pieter Willem Pestman, Haronnophris and Chaonnophris. Two Indigenous Pharaohs in Ptolemaic Egypt (205-186 B.C.), in: P.L.Bat. 27, 1995, 101-137

13 Rößler-Köhler,Individuelle Haltungen zum ägyptischen Königtum der Spätzeit, GOF 21, 1991, 305.

14 Dazu siehe ausführlicher Effland, in: Kemet 7,1, 1998, 21 ff.

15 Cf. Winnicki, Ptolemäerarmee in Thebais, Archiwum Filologiczne XXXVIII, 1978, 43, n. 29.