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Josef Teichmueller, 06/20/07

JUDITH BUTLERS RE-LEKTÜRE PSYCHOANALYTISCHER THEORIEN IN IHRER


„GENEALOGY OF GENDER ONTOLOGIES“: GENDER TROUBLE, KAPITEL 2.

1. BUTLERS THEORETISCHE AUSGANGSPUNKTE UND/ALS FRAGESTELLUNG.

In Judith Butlers Gesamtprojekt einer „political genealogy of gender ontologies“ (Butler


2006, 45) figuriert das zweite Kapitel aus ihrer ersten wichtigen Publikation Gender
Trouble als Re-Lektüre und Entschleierung jener Bedingungen, die nach ihrer Ansicht für
die machtdiskursive Produktion der binären Geschlechteropposition und einer
heterosexuellen Zwangsmatrix verantwortlich sind:

The following rereading of the . . . law and the narrative that accounts for the production of
sexual difference within its terms centers on the presumed fixity and universality of that law
and, through a genealogical critique, seeks to expose that law’s powers of inadvertent and
self-defeating generativity (Butler 2006, 56).

Sie arbeitet sich in diesem Sinne an Theorien verschiedener Diskurse ab und überprüft
deren Rolle in der Verwicklung sich ständig wiederholender, performativ kultureller
Konstruktionen von Geschlechteridentitäten, anatomischem Geschlecht und sexueller
Orientierung (Begehren). Die Argumente positionieren dabei auch Demarkationslinien
gegen die feministische Utopie eines Urzustands vor und nach dem Patriarchat, denn
Butler zufolge ist

the imaginary “before“ . . . inevitably figured within the terms of a prehistorical narrative
that serves to legitimate the present state of the law or, alternatively, the imaginary future
beyond the law, then this “before“ is always already imbued with the self-justificatory
fabrications of present and future interests, whether feminist or anti-feminist (Butler 2006,
49).

Dem hypothetischen Paradigma einer „original and genuin feminity“ (ebenda) wird im
Folgenden unterstellt, daß sich dieses aus historischen und ideellen Scheinvoraussetzungen
herleitet und wissenschaftlich durch verschiedene Diskurse und deren Schnittmengen –
feministische und lesbische Theorie, Diskurs- und Machttheorie, strukturalistische
Anthropologie, sowie Psychoanalyse – abgesichert wird. Diese „presuppositional fictions“
(ebenda) begründen vor allem in der Übernahme strukturalistischer Annahmen und
Begriffsfelder, die aus genau jenen binären Oppositionen herrühren, die Butler für ihre
eigene Theorie ablehnt. In Dichotomien wie „nature/culture“ oder „sex/gender“ ist der
erste Term meist „raw material“ (Butler 2006, 50) eines kulturellen Prozesses, der zum
hegemonialen zweiten als dessen Ergebnis führt. Geht man mit Butler im Folgenden davon
aus, daß Geschlechtsidentität (gender) das Ergebnis von komplizierten
Produktionsprozessen ist, läßt sich mitunter einsehen, inwieweit ihre Ablehnung einer
„sexed nature“ (Butler 2006, 51) nachvollzogen werden kann; sie fragt dabei nach den
„mechanisms of gender constructions“ (ebenda) und deren Gesetzmäßigkeiten: “What is its
ontological status – is it juridical, oppressive and reductive . . . ?” (Butler 2006, 52).
Der Einblick in ihre Lesart des Strukturalismus offenbart Butlers These, nach der
das etablierte heterosexuelle System von Mann/Frau, männlich/weiblich eigentlich ein
System der Wechselseitigkeit von Männern ist, das hegemonial abgesichert und kodifiziert
ist. An dieser Stelle erschließt sich im zweiten Kapitel von Gender Trouble auch der
Zusammenhang zur Psychoanalyse: Butler beschreibt Lévi-Strauss’ Ansicht, daß „incest
taboo establishes the significant nexus between structuralist anthropology and
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psychoanalysis“ (Butler 2006, 57). Im Ausgang dieser Kernthese von Lévi-Strauss liest
Butler Lacans Aufzeichnung des „paternal law as the inevitable and unknowable authority“
(Butler 2006, 77); jene Autorität die als „slave morality“ (ebenda) die Freiheit des Subjekts
vernichtet und ihre sexuelle und Identitätsbestimmung immer schon festschreibt, bevor sich
das Subjekt der Konstruiertheit dieser Gesetze bewußt werden kann. Freuds Beitrag zu
diesem Kraft- und Machtdiskurs (ebenda) wird im dritten Teil des zweiten Kapitels von
Butler untersucht: „As this chapter . . . proceeds, however, it is not only ’character’ that is
being described [by Freud, J.T.], but the acquisition of gender identity as well“ (Butler
2006, 79).

2. BUTLER LIEST FREUD & CO.

Butler erinnert an Freuds These, nach der in der Melancholie ein abhanden gekommenes
Objekt oder Subjekt im Ich durch Identifizierung mit demselben verinnerlicht wird. Dieser
Prozeß läßt sich in Analogie zum Inzesttabu – als jenem Traum, der ständig von der
Kultur unterdrückt wird – für die Ausbildung von ’gender’ adaptieren:
This process of internalizing lost love becomes pertinent to gender formation when we
realize that the incest taboo, among other functions, initiate a loss of a love-object for the
ego and that this ego recuperates from this loss through the internalization of the taboo
object of desire (Butler 2006, 79).

Die Ausbildung einer Geschlechtsidentität, die Freud versucht mit einer Verwicklung
subjektbezogener Anlagen und dem Wirken des Ödipuskomplexes zu erklären, wird
jedoch von Butler verworfen; sie fragt nach den Bedingungen der Möglichkeiten in
diesem Zusammenhang von Anlagen überhaupt zu sprechen und stellt fest, daß die
Freudschen Annahmen von grundlegenden Dispositionen (Bisexualität, anatomisches
Geschlecht, sexuelles Begehren) bereits kulturelle Effekte sind, die das Ich in idealen
Sprechakten formen:

As a consequence, dispositions are not the primary sexual facts of the psyche, but produced
effects of a law imposed by culture and by the complicitious and transvaluating acts of the
ego ideal. . . . the dispositions that Freud assumed to be primary or constitutive facts of
sexual life are effects of a law which, internalized, produces and regulates discrete gender
identity and heterosexuality. . . . these dispositions are the result of a process (Butler 2006,
86-7).

Dieses “psychoanalytical narrative” (ebenda) verstellt in der Genealogie einer


Geschlechtsidentiät die Anlagen mit den Gesetzen, die sie hervorbringen und postuliert
erstere als ontologisch gegeben; Butler kehrt diese Hypothese Freuds um und liest
„primary dispositions as effects of the law“ (Butler 2006, 88). Das grundlegend im
Subjekt angelegte Begehren, das noch frei von jeglicher Orientierung existiert, unterliegt
nach Butler (im Sinne Foucaults und gegen Freud) einer durch künstliche Diskurse
generierten Verschiebung hin zu einer „legitimate form“ (Butler 2006, 89) von Sexualität
„through the exclusion of a sexuality“ (ebenda), die diese Diskurse und deren
Identifizierungsstrategien in Frage stellet.

Butler zufolge entsteht also die Differenz zwischen den Geschlechtern bzw. den
Geschlechtsidentitäten aus dem Inzesttabu, dem Tabu der Homosexualität und der daraus
resultierenden Inkaufnahme einer heterosexuellen Melancholie durch den (imaginären)
Verlust eines geliebten Objekts (Vater/Mutter/Penis):

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If the heterosexual denial of homosexuality results in melancholia, and if melancholia
operates through incorporation, then the disavowed homosexual love is preserved through
the cultivation of an oppositional defined gender identity. . . . heterosexual melancholy is
culturally instituted and maintained as the price of stable gender identities related through
oppositional desires (Butler 2006, 95).

Der schon immer durch Identität gestiftete Körper ist in diesem Werden, im „’becoming’ a
gender“ (ebenda), a priori der Raum (metaphorisch und buchstäblich), auf dem sich diese
kulturellen und juridischen Prozesse materialisieren bzw. naturalisieren:

If gender differentiation follows upon the incest taboo and the prior taboo on
homosexuality, then “becoming” a gender is a laborious process of becoming naturalized,
which requires a differentiation of bodily pleasures and parts on the basis of gender
meanings. . . . some parts of the body become conceivable foci for pleasure precisely
because they correspond to a normative ideal of a gender-specific body. Pleasures are in
some sense determined by the melancholic structure of gender whereby some organs are
deadened to pleasure, and others brought to life (Butler 2006, 95-6).

Pointiert zusammengefaßt kommt in Butlers System dem Körper eine tropische


Bedeutung als Zeichen innerhalb eines grand narratives der Herausbildung von
Geschlechtsidentität zu; er ist ein „imaginary . . . literal . . . and real“ (ebenda) pars pro
toto im Zirkel von Entstehung bzw. Begrenzung von Geschlechtsidentität sowie sexueller
Orientierung und folgt strukturell dem Prinzip des Syndroms der heterosexuellen
Melancholie als intrinsische (freilich unbewußte) Identifizierung mit dem abhanden
gekommenem, verdrängtem Anderen. Dadurch entsteht eine „ostensible anatomical
facticity of sex“ (Butler 2006, 97), die ihrerseits im unentscheidbaren Kreislauf von
Anlagen und Gesetzen die kulturelle (heterosexuelle) Norm immer wieder neu speist,
sowie gleichzeitig eine eventuelle vor-heterosexuelle Geschichte sublimiert und
verschleiert.

In einem Versuch aus der durch die psychoanalytisch und strukturanthropologisch


hervorgebrachte heterosexuelle Matrix „an even more precise understanding“ (ebenda) zu
gewinnen, unternimmt es Butler im letzten Teil des zweiten Kapitels die Fäden des
Freudschen Erbes in ihre Argumentation einzuweben. Die Verwerfung der
Sublimierungsthese (Foucault) sowie die Umdichtung Freudschen Vokabulars in eine
funktionalistische Theorie des gesellschaftlichen Strebens nach Reproduktion (Rubin)
berufen sich Butler zufolge jedoch wiederum auf eine dialektische Annahme von Anlagen
und Gesetzen, die in ihrem sprachlichen Status der Hervorbringung und Zeitlichkeit
zumindest fragwürdig bleiben:

This narrative of gender acquisition requires a certain temporal ordering of events which
assumes that the narrator is in some position to “know” both what is before and what is
after the law. And yet the narration takes place within a language which, strictly speaking,
is after the law, the consequence of the law, and so proceeds from a belated and
retrospective point of view. . . . the description, the narration, not only cannot know what is
outside itself – that is, prior to the law, but its description of that “before” will always be in
the service of that after (Butler 2006, 100).

An dieser Stelle bezieht sich die Problematisierung des Verhältnisses von Sprache zu
Erkenntnis auf jene alt bekannte Aporie, nach der kein System durch die Sprache
desselben Systems, die aus dessen ur-eigentümlichen Gesetzmäßigkeiten hervorgebracht
ist, wahrheitserweiternd analysiert werden kann. Aus diesem Grund würde ein
erfolgreicher Versuch den „compulsory character“ (Butler 2006, 101-02) einer
Gesellschaft der heterosexuellen Repression aus/und/als heterosexuellen/m

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Zwangsbegehren(s) durch eine genealogische Kritik des Geschlechtsbegriffes als solchen
zum „breakdown of gender“ (ebenda) und damit zum Zusammenbruch basaler kultureller
Vorstellungen (und der Kultur) selbst führen.
Da ein solches Projekt bereits in seinem ontologischen Ansatz zum Scheitern
verurteilt ist, schlägt Butler vor, den Macht- und Gesetzesapparat von Diskursen als Folie
einer möglichen Genderkritik zu benutzen:

The object of Repression is not the desire it takes to be its ostensible object, but the multiple
configurations of power itself, the very plurality of which would displace the seeming
universality and necessity of the juridical and repressive law. . . . desire and its repression
are an occasion for the consolidation of juridical structures; desire is manufactured and
forbidden as a ritual symbolic gesture whereby the juridical model exercises and
consolidates its own power (Butler 2006, 103).

Diese so bezeichneten “multiple configurations of power” (ebenda) sind es, die durch ihre
eigene generative Kraft intelligible1 Kodizes der Gesellschaft gleichzeitig begründen und
bewahren, Verbote aussprechen aber synchron durch den zugehörigen Sprechakt zum
Bruch derselben Verbote einladen. Folglich kommt dem Machtsystem eine „productive
function“ (Butler 2006, 104) zu, wie das Beispiel der Wirkungsmacht des Inzestverbots
deutlich zeigt; erst dessen Wirkungsmechanismus „is what creates heterosexual desire and
discrete gender identity“ (ebenda).
Die sich so konstituierende „dominant culture“ (Butler 2006, 105) etabliert auf
diese Weise ein System, das sich durch die Annahme einer in Machtstrukturen
eingeschriebenen Repression der primären Libido-Anlagen, einen heterosexuellen
(Wunsch)Raum (gesellschaftlicher, ideeller, körperlicher Art) konstruiert, indem alle
folgenden Subjekte der „construction within the term of that constitutive discourse“
(ebenda) unterliegen; zu „intelligible“ (ebenda) Geschlechts(Identitäten) werden.

6. BIBLIOGRAPHIE

Butler, Judith. Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1991.


-----. Gender Trouble. New York: Routledge, 2006.

-----. Körper von Gewicht. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2000.


-----. Bodies That Matter: On the Discursive Limits of Sex. New York: Routledge, 1993.
-----. “Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität“. Sabine Hark (Hg.).
Grenzen lesbischer Identiät: Aufsätze. Berlin, Querverlag, 1996, 15-37.

Bublitz. Hannelore. Judith Butler zur Einführung. Hamburg: Junis, 2002.

Hauskeller, Christine. Das Paradoxe Subjekt: Unterwerfung und Widerstand bei Judith
Butler und Michel Foucault. Tübingen: edition discord, 2000.

Villa, Paula-Irene. Sexy Bodies: Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper.
Opladen: Leseke+Budrich, 2001.

Villa, Paula-Irene. Judith Butler. Frankfurt/M: Campus, 2003.

1
Butler verwendet „intelligible“ in einem konstruktivistischen Sinn und versteht dies als in etwa synonym
für: sozial etabliert, verstehbar, lebenstüchtig. Dies darf keinesfalls mit der Besetzung des Wortes im
Kontext des transzendentalen Idealismus oder der Romantik verwechselt werden, da es dann dessen
Bezugssystem unverhältnismäßig verschiebt.
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