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nzz 04.03.04 Nr.

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Wo man in der Not darf


Zürichs 93 öffentliche Toiletten
Noch vor gut 100 Jahren war es in der Stadt Zürich üblich, sein Geschäft im Freien zu
verrichten. Heute gibt es 93 öffentliche Toiletten, vom muffigen Pissoir über helle, be-
diente Anlagen bis zu futuristischen WC-Automaten. Die Stadt lässt sich die Toiletten
jährlich 4,35 Millionen Franken kosten. Ein Streifzug durch Zürichs stille Örtchen.
luc. Als Herr Erzinger von den Plänen der neu sanierten Anlage am Bellevue dazu verleitet,
Stadt Zürich erfuhr, direkt vor seinem Schloss am ihr Geschäft demonstrativ im Freien an der Wand
Utoquai eine öffentliche Toilette zu errichten, des Häuschens zu verrichten, erzählt Stamberger.
hatte er keine Freude. Er ersuchte die Stadt, auf Durch die Sanierung einiger Anlagen wurde die
den Bau zu verzichten: «Es existiert gewiss kein Anzahl der Vandalenakte in den letzten Jahren
Grund, vor der Hauptfacade dieses Schlosses gesenkt. Gemäss dem Masterplan von Züri-WC
alles abzulagern, was man gewöhnlich im hinters- soll ein Grossteil der Toiletten bis 2010 renoviert
ten Winkel versteckt», schrieb er. Die Stadt hatte werden. Bei Züri-WC, das im Gesundheits- und
wenig Verständnis für das Gesuch des Hauseigen- Umweltdepartement der Stadt angesiedelt ist,
tümers. «Wenn Erzinger ein Automobildepot im arbeiten 43 Personen. Die meisten von ihnen
Hause hat, so macht das die Umgebung viel un- kümmern sich um die ständige Reinigung und Be-
angenehmer als eine Bedürfnisanstalt», befand treuung der Anlagen. Im letzten Jahr verursachten
Gesundheitsvorstand Dr.Erismann. Damit war die öffentlichen Toiletten Kosten von 4,35 Millio-
die Sache erledigt, der Gemeinderat lehnte Erzin- nen Franken. Auf der anderen Seite konnten
gers Gesuch ab. Dies berichtete die NZZ in ihrer durch Gebühren und Werbung 400000 Franken
Ausgabe vom 19.Juni 1905. erwirtschaftet werden. Trotz diesem Verhältnis
soll die Mehrzahl der Toiletten in Zukunft kosten-
Bürkliplatz: das Charmante los benutzt werden, sagt Stamberger. Die Gebüh-
Nebst dem erwähnten Häuschen am Utoquai, renordnung schreibt dies vor.
das gegen Erzingers Willen erbaut wurde, gibt es
heute noch 92 weitere öffentliche Toiletten auf Milchbuck: das Futuristische
dem Gebiet der Stadt Zürich. Laut Schätzung von Gebühren werden nur dort erhoben, wo ein zu-
Matthias Stamberger, stellvertretender Leiter der sätzlicher Komfort besteht. Nebst den bedienten
Amtsstelle Züri-WC, benutzen jährlich ein bis Toiletten gilt dies für die vollautomatischen WC-
zwei Millionen Personen die stillen Örtchen. Weil Häuschen wie jenes am Milchbuck. Nach Einwurf
die meisten Toiletten gebührenfrei und nicht be- des entsprechenden Kleingeldes öffnet sich die
dient sind, könne man keine genauen Angaben Schiebetür mit einem schmatzenden Geräusch.
machen. Die Benutzung lasse sich nur über den Weil die Kabine nach jeder Benutzung von oben
Verbrauch an Toilettenpapier abschätzen. bis unten gereinigt wird, herrscht im Innern ein
Öffentliche Aborte entstanden Ende des feuchtwarmes Klima wie in der Masoala-Halle.
19.Jahrhunderts im Zuge eines neuen Hygiene- Maximal 15 Minuten hat man Zeit, dann öffnet
bewusstseins. Vorher war es üblich gewesen, seine sich die Türe; für behinderte Menschen verlängert
Geschäfte im Freien zu erledigen. Ab 1894 jedoch sich die Zeit automatisch auf 30 Minuten. Ein im
wachte die Sittenpolizei in Zürich darüber, dass Spiegel eingelassenes Display zeigt unerbittlich
das Verrichten der Notdurft das Stadtbild nicht den Countdown an.
beeinträchtigte. Eine der ältesten Anlagen befin-
det sich am Bürkliplatz. Das 1893 erbaute Riegel-
häuschen, damals die erste öffentliche Toilette für
Frauen, steht inzwischen unter Denkmalschutz.
Es versprüht mit seinen weissen Kacheln und den
grasgrün gestrichenen Türen heute noch einen ge-
wissen Charme.
Die öffentlichen Toiletten schufen neue Pro-
bleme. Die Anlagen würden heute, so Stam-
berger, immer wieder zweckentfremdet: als Refu-
gium für Obdachlose, Ausgangspunkt amouröser
Abenteuer und zur Verrichtung eindeutig illegaler
Geschäfte. Auch Vandalismus ist an der Tages-
ordnung. In den Toiletten am Limmatplatz und
am Bucheggplatz sind die Einrichtungen durch-
wegs mit Schmierereien überzogen, am Boden lie-
gen WC-Papier und Zigarettenstummel. Der
durchdringende Geruch deutet auf mangelnde
Treffsicherheit der vorhergehenden Benutzer hin.
Paradeplatz und Shop-Ville: die Edlen
Ein völlig anderes Bild bietet sich in den frisch
sanierten Anlagen am Paradeplatz und im Shop-
Ville: Das Personal hinter Schaltern sorgt für
Sicherheit, der Chromstahl blitzt vor Sauberkeit.
Am Paradeplatz sind die Wände in strahlendem
Weiss, im Shop-Ville in grün schimmerndem
Milchglas gehalten, das dem Interieur jeder
Trend-Bar Konkurrenz macht. Die Luxus-Aborte
haben ihren Preis: Ein Franken ist für die Benut-
zung zu entrichten, auch für die Pissoirs. Dieser
Umstand habe einige Männer bei der ebenfalls