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nzz 31.03.05 Nr.74 Seite47 zh Teil01 Scherr (al.) drastisch ausdrückte.

Die SVP hin-


gegen wetterte gegen Zürichs angeblich laxe Ein-
Sitzung des Zürcher Gemeinderats bürgerungspolitik und beklagte sich darüber, dass
das Bundesgericht Urnenentscheide über Einbür-
gerungen untersagt hat. Die FDP verweigerte bei-
Wer den Seiten die Unterstützung. Der erlösende
darf Schweizermacher sein? Kompromissvorschlag kam schliesslich von der
CVP: Die Motion der Grünen soll so ergänzt wer-
Zürcher Stadtrat soll einbürgern können den, dass der Stadtrat auf Empfehlung einer Be-
luc. Wer Schweizerin oder Schweizer werden gleitkommission die Einbürgerungen vornimmt.
will, muss zuerst Bürger einer Schweizer Ge- Mit den Stimmen der Linken und der CVP wurde
meinde werden. Um das Bürgerrecht der Stadt dieser Vorschlag überwiesen, während die SVP
Zürich zu erwerben, muss ein Antragssteller ver- mit ihrer Motion Schiffbruch erlitt. Nach dem
schiedene Hürden nehmen. Möchte ein Schweizer Entscheid verschwanden die Politiker schnur-
oder ein hier geborener Ausländer Bürger der stracks, um mit den Fussballern – ob eingebürgert
Stadt werden, kann der Stadtrat das Bürgerrecht oder Schweizer von Geburt – mitzufiebern.
in eigener Kompetenz erteilen. Über die Auf-
nahme ins Bürgerrecht von Ausländern, die nicht
hier geboren sind, entscheidet indes die Bürger-
liche Abteilung des Gemeinderats. Das sind sämt-
liche Ratsmitglieder, welche das Zürcher Bürger-
recht besitzen – 123 von insgesamt 125 Ge-
meinderäten. Die fehlenden zwei Ratsmitglieder
haben auf das Zürcher Bürgerrecht verzichtet.
Doch die Bürgerliche Abteilung ist ein Auslauf-
modell: Die neue Kantonsverfassung, die zu Be-
ginn des nächsten Jahres in Kraft tritt, überträgt
die Kompetenz zur Erteilung des Bürgerrechts
grundsätzlich den Gemeindeversammlungen.
Weil eine solche Versammlung in Zürich nicht
mehr existiert, hat fortan der gesamte Gemeinde-
rat zu entscheiden. Allerdings könnte diese Kom-
petenz auch an den Stadtrat delegiert werden. Ge-
nau dies wollten die Zürcher Gemeinderäte Chris-
toph Hug und Balthasar Glättli (beide gp.) mit
einer Motion erreichen. Sie argumentierten, es sei
ein Anachronismus, wenn praktisch der gesamte
Gemeinderat jedes einzelne Bürgerrechtsgesuch
behandeln müsse. Das Prozedere sei zudem für
die Gesuchsteller schikanös. Erwartungsgemäss
hatten die Ratsvertreter der SVP an diesem Vor-
schlag wenig Freude. Sie wollten vielmehr mit
einer Motion durchsetzen, dass zur Annahme
eines Gesuches ein qualifiziertes Mehr, also ein Ja
von mehr als der Hälfte der Mitglieder der Bür-
gerlichen Abteilung, nötig ist. Im Gemeinderat
benötigen bis jetzt nur gewisse Finanzgeschäfte
eine solche Zustimmung. Für Einbürgerungen
reicht es, wenn die Mehrheit der anwesenden Par-
lamentarier zustimmt. Weil der Gemeinderat
kaum je vollzählig tagt, würde diese Änderung
eine deutlich höhere Hürde für Einbürgerungen
darstellen. Mit dem Vorstoss wolle man errei-
chen, dass wenigstens die «krassesten Fälle» von
Einbürgerungsgesuchen abgelehnt würden, er-
klärte Motionär Martin Burger (svp.).
Ein dritter Vorschlag zur Organisation der Bür-
gerrechtserteilung kam von der CVP. Ihr Mitglied
Kurt Maeder verlangte in seiner Motion, dass
fortan nicht die Bürgerliche Abteilung über Ge-
suche entscheidet, sondern deren vorberatende
Kommission, die neun Mitglieder zählt. Der
Stadtrat hatte allerdings bereits in seiner Antwort
auf Maeders Motion klargemacht, dass die Über-
tragung solcher Kompetenzen an eine Kommis-
sion rechtlich unzulässig ist. Maeder versuchte,
dieses Hindernis zu umgehen, indem er während
der Sitzung eine abgeänderte Version der Motion
einreichte. Dieses Vorgehen, auch in Maeders
eigenen Worten etwas «überstürzt und abenteuer-
lich», rief wütenden Protest bei den anderen
Ratsfraktionen hervor, so dass Maeder seine
Motion kurz darauf zurückzog.
Die anschliessende Debatte fiel wegen der fort-
geschrittenen Zeit und des bevorstehenden Fuss-
ballspiels der Schweizer Nationalmannschaft
gegen Zypern ziemlich kurz aus. Die Ratslinke
bezeichnete die Einbürgerungspraxis als «men-
schenunwürdigen Leerlauf», wie es Niklaus