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nzz 02.11.05 Nr.

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Mehr Didaktik, weniger Technik


E-Learning an Universitäten noch in den Kinderschuhen
An den Schweizer Universitäten existieren unzählige E-Learning-Projekte, welche die
neuen Informationstechnologien in die Lehre integrieren wollen. Die Autonomie der
Universitäten erschwert jedoch die landesweite Kooperation. Gleichzeitig setzt sich die
Erkenntnis durch, dass die Didaktik im E-Learning bis jetzt vernachlässigt wurde.
Die Hoffnungen, welche die Universitäten an- punkt, die jeweilige technische Lösung müsse an-
fänglich in das E-Learning setzten, waren riesig: hand der inhaltlichen Bedürfnisse ausgewählt wer-
Mit dem Einsatz von Informationstechnologie den, wie Gudrun Bachmann von LearnTechNet,
könne man die überfüllten Hörsäle und den Man- der Basler E-Learning-Koordination, festhält.
gel an Betreuung beseitigen, glaubte man noch
vor wenigen Jahren. Inzwischen ist die Euphorie Keine Lust auf Harmonisierung
verflogen: «Diese Probleme haben vielfältige Ur- Trotz diesen sehr unterschiedlichen Stossrich-
sachen, E-Learning allein hilft hier nicht weiter», tungen ist Christian Hohnbaum überzeugt: «Die
sagt Eva Seiler, die Leiterin des E-Learning-Cen- Schweiz ist im E-Learning-Bereich unter den bes-
ters (ELC) der Universität Zürich. Auch die Vor- ten zehn der Welt.» Hohnbaum ist Koordinator
stellung, mit E-Learning lasse sich Geld sparen, des Programms Swiss Virtual Campus (SVC), das
ist für Seiler eine Illusion. Im Gegenteil, die On- der Bund im Jahr 2000 gestartet hat. Gut ausge-
line-Betreuung der Studenten sei vielfach aufwen- stattet mit Fördergeldern, hat der SVC bis jetzt
diger als die klassischen Formen. schweizweit knapp hundert E-Learning-Projekte
mitfinanziert. Dabei macht der SVC, so Hohn-
Pro Universität eine Strategie baum, einen «Spagat zwischen staatlicher Ver-
Trotz diesen ernüchternden Erkenntnissen be- pflichtung und der Autonomie der Universitä-
stehen an den Schweizer Hochschulen unzählige ten». Die grossen Hochschulen, die bereits viel
Projekte, die auf E-Learning setzen. Allein an der Geld in das eigene E-Learning investiert haben,
Universität Zürich entstanden in den letzten Jah- zeigen wenig Lust zu einer Harmonisierung ihres
ren 190 Projekte, an der Universität Basel waren E-Learning und reagieren zum Beispiel auf die
es 120. Da gibt es zum Beispiel spezialisierte On- nationale Lernplattform, welche der SVC aufge-
line-Lerneinheiten wie «Adfontes» der Universi- baut hat, eher zögerlich.
tät Zürich, in dem man den Umgang mit Quellen Diesen Umstand kritisiert Matthias Vatter von
erlernen kann, oder «Financial Markets» der Uni- der Firma Lernetz in Bern, die Inhalte für E-
versität Basel, das die Finanzmarkttheorie näher- Learning-Projekte entwickelt. Vatter spricht vom
bringt. Nebst diesen Einzelkursen investieren die «Gärtchendenken» der Universitäten und zitiert
Universitäten aber auch in Lernplattformen, die einen Fall an der Universität Bern, wo ein uni-
vor allem der Administration einzelner Veranstal- versitätsübergreifendes Projekt daran scheiterte,
tungen dienen. Auf den Plattformen lassen sich dass die verschiedenen Systeme nicht kompatibel
etwa Materialien abrufen, oder man kann in On- waren. «Die Technologie muss die zweite Geige
line-Foren diskutieren oder Gruppenarbeiten er- spielen», ist Vatter überzeugt und spricht damit
stellen. Dabei hat man sich längst von der Idee auch das zweite grosse Problem des E-Learning
des «distance learning», also rein virtueller Lehr- an. Man müsse viel mehr Wert auf die Lern-
gänge, verabschiedet. Einen Mehrwert verspricht inhalte legen, die in der Vergangenheit oftmals
man sich durch das Konzept des «blended lear- vernachlässigt wurden. «Die entscheidende Frage
ning», wo sich Präsenzveranstaltungen und On- ist: Wo können die Funktionalitäten eines Com-
line-Elemente ergänzen. puters bei der Vermittlung von Lerninhalten
Die vielfältigen Aktivitäten der Universitäten einen Mehrwert bringen?», sagt Vatter. Man
können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass müsse, wie bei jedem Lehrmittel, beim E-Lear-
noch Probleme zu bewältigen sind. Die grosse ning nicht nur Informationen zusammenbauen,
Autonomie der Schweizer Hochschulen hat auch sondern sich auch Gedanken über den didakti-
im E-Learning-Bereich dazu geführt, dass die Ko- schen Aufbau machen.
ordination zwischen den Universitäten nicht sehr
ausgeprägt ist – und ganz unterschiedliche Strate- Dozenten im E-Learning ausbilden
gien verfolgt werden. An der Universität St.Gal- Auch Eva Seiler von der Universität Zürich
len (HSG) hat man sich bei der Einführung der glaubt, dass der Einbezug der Didaktik ein
Bologna-Reform vor einigen Jahren das Ziel ge- wesentliches Qualitätskriterium für das E-Lear-
setzt, den Anteil des Selbststudiums auf 25 Pro- ning ist. Dass der Didaktik bis anhin zu wenig
zent zu erhöhen und so eine «neue Lernkultur zu Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ist für Mat-
etablieren», wie Dieter Euler, Professor für Wirt- thias Vatter systembedingt: Den Dozenten, wel-
schaftspädagogik, ausführt. In St.Gallen setzt che die Inhalte des E-Learning erstellten, fehle es
man dafür auf eine an der gesamten Universität meistens an didaktischer Kompetenz. Für Eva
einheitliche Lernplattform, entwickelt von der Seiler von der Universität Zürich ist es deshalb
Firma IBM. Mehrere Plattformen gleichzeitig zu klar, dass in Zukunft die Dozenten im E-Lear-
betreiben, sei sinnlos, sagt Euler. ning-Bereich verstärkt weitergebildet werden
Genau dies tut die Universität Zürich, die neben müssen. Denn im Moment hängt der Einsatz von
zahlreichen Einzelprojekten auch mehrere Lern- E-Learning meistens vom Willen und Können
plattform-Systeme nebeneinander führt. Dies sei der jeweiligen Dozenten ab. Nico Luchsinger
eigentlich nicht sinnvoll, gibt E-Learning-Koordi-
natorin Eva Seiler zu. Man wolle aber diese unter-
schiedlichen Angebote aufrechterhalten, um die
Akzeptanz von E-Learning an der Universität zu
erhöhen. Dozenten, die mit einer Plattform nicht
glücklich sind, können eine andere benutzen. Auch
die Universität Basel will sich nicht auf eine Platt-
form festlegen, sondern stellt sich auf den Stand-